Kapitel 25

 

25

 

Downer kam auf dem Weg zu seinem Haus an der Polizeistation in Sea Beach vorbei und wurde auf ein Plakat aufmerksam, das draußen angeschlagen war.

 

Es war gut sichtbar unter anderen Bekanntmachungen über unaufgeklärte Leichenfunde, durchgebrannte Kassierer und steckbrieflich gesuchte Personen angebracht. Er hatte aber kaum die ersten Worte gelesen, als ihm einfiel, daß er diesen Anschlag schon in der Stadt gesehen hatte.

 

›Es werden genaue Angaben gesucht über Albert Selim (mit anderem Namen Jos. Wentworth). Der Betreffende wird gesucht in Verbindung mit den Morden an Darius Merrivan und John Albert Sweeny, die in der Nacht zum 24. Juni begangen wurden.

 

Selim ist ein Geldverleiher im Alter von etwa fünfundfünfzig Jahren. Er geht etwas gebückt, trägt eine goldgeränderte Brille und ist glattrasiert. Er wird wahrscheinlich versuchen, Schecks mit der Unterschrift »Jos. Wentworth« einzuwechseln. Vermutlich ist er im Besitz großer Barsummen. Jede Angabe, die zu seiner Ergreifung führt, wird belohnt. Alle Informationen sind zu richten an Dr. A. Macleod, Scotland Yard, oder an die nächste Polizeistation.‹

 

Downer war ärgerlich. Alles, was ihn an Beverley Green erinnerte, verstimmte ihn. Er hatte zuversichtlich geglaubt, die Lösung gefunden zu haben, als Artur Wilmot ihm damals im Vertrauen mitgeteilt hatte, daß Stella Nelson in der Mondnacht bei Merrivan gewesen war.

 

Wenn sich die Dinge so entwickelt hätten, wie Downer gehofft hatte, so wäre er restlos glücklich gewesen, soweit ihm das überhaupt möglich war. Er stand Stella nicht feindselig gegenüber, in gewisser Hinsicht bewunderte er sie sogar. Er wußte ebensogut, was man an Frauen wie an Architektur zu schätzen hatte. Es hätte ihm auch keinerlei persönliche Genugtuung bereitet, Andrew Macleod zu ruinieren, denn er achtete ihn wirklich. Nur kannte er in beruflichen Dingen keine Freunde. Wenn Downers Braut – vorausgesetzt, er hätte eine gehabt, von seinem besten Freund ermordet worden wäre, hätte er zuerst den Nachrichtenwert dieses Ereignisses abgeschätzt. Er wäre zwar sehr unglücklich gewesen, aber er hätte dennoch das Begräbnis des Opfers und die Hinrichtung des Mörders wirkungsvoll schildern können. Er war der ideale Berichterstatter und ein Vorbild für alle jüngeren Kollegen.

 

Sein Häuschen lag an der Küste und bestand aus einem Wohnzimmer, einem Schlafzimmer, Bad und Küche. Er hatte noch eine große Holzveranda mit Haken für eine Hängematte und einen winzigen ›Garten‹, in dem im Herbst wilde Chrysanthemen wuchsen.

 

Wenigstens wurde ihm so erzählt. Er selbst kam nur im Sommer her, also wußte er es nicht. Er öffnete die Fenster und entzündete eine Gasflamme unter einem Wasserkessel. Die Zimmer waren einfach und behaglich möbliert. Zweimal in der Woche kam die Witwe eines Fischers und brachte die Wohnung in Ordnung.

 

Mr. Downer nahm Papiere aus seiner Tasche, unter denen sich auch Fahnenabzüge befanden. Er war gerade dabei, sein neues Buch zu vollenden. ›Einige theoretische Lösungen unaufgeklärter Kriminalfälle‹ hatte er es genannt. Sein Verleger, der eine große Familie hatte und natürlich ängstlich darauf bedacht war, aus dem Buch Geld zu schlagen, hatte aber den Titel geändert in ›Enthüllung geheimnisvoller Morde‹.

 

Bei dem Manuskript lag ein Brief des Verlegers, den Downer am Morgen erhalten hatte.

 

›Wenn Sie die Beverley-Morde in Ihrem Buch noch behandeln könnten, würde es einen ungeheuren Erfolg haben. Wir brauchen etwas Sensationelles, Zugkräftiges. Das Publikum würde eine Stellungnahme zu diesen Verbrechen geradezu verschlingen.‹

 

»Diese verdammten Beverley-Morde!« brummte Downer ärgerlich.

 

Aber wenn er auch ärgerlich davon sprach, konnte er doch nicht verhindern, daß sich sein Geist fortwährend mit diesem Verbrechen beschäftigte. Wenn er auf seinem geflochtenen Stuhl saß und auf das Meer schaute, wenn er an der Küste entlangging und die Spitze seines Schirms bei jedem zweiten Schritt in den Boden bohrte, oder wenn er im Bett lag und auf den Spruch über der Tür starrte, den sein Vorgänger dort angebracht hatte, so durchbrach der Gedanke an die Morde in Beverley Green immer wieder alle anderen Betrachtungen.

 

Zwei Männer waren ermordet worden. Wahrscheinlich war Albert Selim der Täter, über den man so gut wie nichts wußte. Albert oder X – man konnte ihn nur als eine unbekannte Größe bezeichnen – konnte nicht gefunden werden, weil er praktisch nicht existierte. Downer hatte alle Gedanken an Stellas Schuld fahrenlassen. Er erkannte, daß der Verdacht nur auf sie gefallen war, weil Andy sie beschützen wollte.

 

Und hier war er nun und dachte wieder über diesen verteufelten Fall nach. Er legte sich auf die andere Seite, um noch eine Stunde zu schlafen, obwohl die Sonne schon am Himmel stand und die Wand mit leuchtenden Streifen vergoldete, die größer oder kleiner wurden, wenn die Brise die Jalousien bewegte. Schließlich erhob er sich, ging in die Küche und machte sich daran, sein Frühstück vorzubereiten. Nachdem er ein Bad genommen hatte, brodelte das Wasser, und der Schinken war knusperig geworden.

 

Er betrat das Wohnzimmer und zog die Jalousien hoch.

 

»Großer Gott!« entfuhr es Downer.

 

Im Korbstuhl auf der Veranda saß ein Mann, der ihm dem Rücken zukehrte. Er war gut gekleidet. Der eine Schuh, den Downer sehen konnte, war von einer weißen Gamasche bedeckt, eine behandschuhte Hand lag auf dem goldenen Knopf eines Malakkastocks. Downer zog den Riegel zurück, schloß die Tür auf und ging hinaus. Er hatte ziemlich strenge Begriffe über Eigentum und über widerrechtliches Betreten fremden Grund und Bodens.

 

»Entschuldigen Sie«, sagte er in einem Ton, der keinen Zweifel darüber zuließ, wer sich zu entschuldigen hatte. »Sie haben sich wohl geirrt … aber das ist ja Mr. Salter!«

 

Salter erhob sich mit liebenswürdigem Lächeln und streckte ihm die Hand hin.

 

»Werden Sie mir diesen Überfall vergeben, Mr. Downer? Er ist unverzeihlich, ich weiß. Aber ich erinnere mich, daß Sie mir bei Ihrem Besuch in Beverley Hall erzählten, Sie hätten ein Häuschen in Sea Beach. Ich fürchte, ich ließ Sie damals lange warten, aber es war einer meiner schlechten Tage.« Er folgte Downer ins Haus.

 

»Sie wissen nicht, wie ich mich freue, Sie zu sehen«, erwiderte der Journalist herzlich. »Ich muß mich nur wegen meiner Kleidung entschuldigen. Ich bin eben erst aufgestanden.«

 

»Aber ich bitte Sie!« Mr. Salter hob abwehrend die Hand. »Ich habe mich zu entschuldigen. Ihr grüner Pyjama harmoniert vollkommen mit diesem entzückenden kleinen Zimmer. Ich fürchtete, daß ich zu früh kommen würde, aber – es ist elf Uhr, und Sea Beach liegt nur eine Stunde von Beverley entfernt.«

 

Während sich Downer anzog, sah sich sein Gast im Raum um.

 

»Erst gestern dachte ich«, sagte Mr. Downer durch die halbgeöffnete Tür seines Schlafzimmers, »wie schade es sei, daß ich keinen Vorwand hatte, Sie noch einmal aufzusuchen. In meinem Beruf lerne ich viele Menschen kennen, aber nur wenige machen Eindruck auf mich. Das klingt, als ob ich Ihnen ein Kompliment machen möchte. Aber ich wäre nicht so töricht, einem Mann wie Ihnen, und, wenn ich so sagen darf, von Ihrem Alter, Schmeicheleien zu sagen.«

 

»Und ich versichere Ihnen, daß ich Sie in Ihrem reizenden Heim nicht gestört hätte …«

 

»Es ist ja eigentlich nur ein Kaninchenstall«, meinte Downer bescheiden. »Aber ich bin ein Freund des einfachen Lebensstils.«

 

»Ich wäre wirklich nicht gekommen, wenn mir nicht Ihre liebenswürdige Art bekannt wäre, Mr. Downer.«

 

Downer hatte in seinem Leben selten Schmeicheleien gehört. Das war etwas ganz Neues für ihn. Sein Beruf war es, in möglichst ausdrucksvollen Worten die Taten anderer zu beschreiben. Es war ihm fremd, daß sich nun jemand gewissermaßen um seine Gunst bewarb, und er war um so mehr interessiert, als dieser Besuch einen geschäftlichen Hintergrund hatte. Mr. Salter war trotz all seiner Liebenswürdigkeit nicht der Mann, der so früh am Tag nur zu seinem Vergnügen einen Besuch machte, um sich mit ihm unterhalten zu können.

 

»Sie sind sicher gespannt, warum ich gekommen bin?«

 

Mr. Downer nickte.

 

»In gewisser Weise ja. Hoffentlich kann ich Ihnen einen kleinen Dienst erweisen. Wenn das der Fall sein sollte, sind Sie mir doppelt willkommen.«

 

»Es ist kein Dienst, um den ich Sie bitten möchte, im Gegenteil. Ich fürchte nur, meine Bitte könnte Sie beleidigen.«

 

Mr. Downer lächelte verbindlich.

 

»Es dürfte Ihnen schwerfallen, mich zu kränken.«

 

Boyd Salter lehnte sich in den Stuhl zurück.

 

»Es handelt sich um folgendes«, sagte er schließlich. »Ich möchte Sie fragen, ob Sie einen Auftrag übernehmen würden, den man eigentlich einer Detektivagentur übertragen müßte. Nun habe ich Sie aber doch verletzt.«

 

»Nein, das haben Sie nicht. Bedenken Sie doch, daß meine berufliche Arbeit der Tätigkeit eines Privatdetektivs sehr ähnlich ist. Er berichtet seinem Auftraggeber, und ich berichte, vielleicht in etwas besserem Englisch und mit etwas mehr Ausführlichkeit der breiten Öffentlichkeit.«

 

»Und mit größerer Genauigkeit, möchte ich noch hinzufügen. Und deswegen habe ich Sie einem dieser vielen Detektive vorgezogen. Auch Sie waren seinerzeit damit beschäftigt, die Morde in Beverley Green aufzuklären. Aus beruflichen Gründen haben Sie Ihre Arbeit abgebrochen, als sich die Sache in die Länge zog. Wahrscheinlich hat sie sich nicht mehr genügend bezahlt gemacht. Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen derartig materielle Motive unterschiebe. Sie leben von Ihrer Arbeit, und ich nehme an, daß sich Ihr Aufenthalt und Ihre Tätigkeit nach den jeweiligen Wünschen Ihrer Auftraggeber richten.«

 

Mr. Downer nickte.

 

»Was würden Sie dazu sagen, wenn ich Sie bäte, wieder nach Beverley Green zu kommen und Ihre Nachforschungen fortzusetzen? Ich möchte gerne mehr erfahren, als ich augenblicklich weiß. Besonders möchte ich entdecken, was hinter dem Einbruch in Beverley Hall steckt. Was wollte der Mann in meinem Haus? War unser Freund, Doktor Macleod, eingeweiht in … in dieses … Verbrechen? Und was weiß Doktor Macleod? Hat er Anhaltspunkte über Albert Selim, die er seiner vorgesetzten Behörde noch nicht mitgeteilt hat? Wo ist Miss Stella Nelson geblieben?«

 

»Ich glaube, ich kann mit den Antworten gleich beginnen.«

 

Mr. Downer erzählte ihm von dem Haus in der Castle Street und von Stellas geheimnisvollem Besuch dort.

 

»Wer ist denn der Kranke?« fragte Boyd Salter, aber hierüber konnte Downer auch keine Auskunft geben.

 

»Ich glaube, Sie werden entdecken, daß es der Mann ist, der bei mir einbrach.«

 

Downer sah ihn erstaunt an.

 

»Natürlich! Warum habe ich nicht gleich daran gedacht?«

 

»Stellen Sie fest, ob es sich wirklich so verhält. Meine Vermutung könnte ja auch falsch sein, aber bei derlei Dingen habe ich gewöhnlich recht, Mr. Downer. Ich weiß, daß Miss Nelson und der Mann – ich glaube, er heißt Scottie – am selben Tag aus Beverley Green verschwanden. Wahrscheinlich ist Scottie der Einbrecher. Sollte er es gewesen sein, so ist er verwundet worden. Aber bitte, denken Sie daran: Doktor Macleod soll unter keinen Umständen erfahren, daß Sie Ihre Nachforschungen wieder aufgenommen haben. Ich weiß nicht, wie Sie das einrichten können, und ich kann Ihnen in dieser Beziehung auch keine Vorschläge machen.«

 

»Verlassen Sie sich da nur auf mich.«

 

Boyd Salter nahm eine Banknote aus der Brieftasche und legte sie auf den Tisch. Es war eine beträchtliche Summe.

 

»Sie werden Ausgaben haben. Bitte betrachten Sie das als eine Anzahlung.«

 

Mr. Downer stand auf seiner Veranda und beobachtete, wie sein Besucher den Wagen bestieg, der draußen auf ihn gewartet hatte. Dann ging er schmunzelnd in sein Zimmer zurück.

 

Ich werde sofort in die Stadt zurückfahren, dachte er und schaltete das Bügeleisen ein. Er bügelte sich seine Hosen immer selbst auf.

 

Kapitel 26

 

26

 

»Mit dem Handwerk mache ich Schluß!« sagte Scottie entschieden.

 

»Du bist doch nicht etwa plötzlich fromm geworden?« fragte Big Martin ängstlich.

 

Scottie saß auf seinem Bett in dem kleinen Haus in der Castle Street. Big Martin war derselbe, der damals nach oben geeilt war, als Andy an die Haustür geklopft hatte.

 

Er hieß Big Martin, weil er ungewöhnlich klein war. Es hatte eine Zeit gegeben, in der in ganz London kein geeigneterer Mann zu finden war, wenn es galt, durch ein unglaublich kleines Kellerfenster zu schlüpfen.

 

Aber später hatte er zu gut gelebt, immer mehr zugenommen und war nun durchaus nicht mehr in der Lage, seinen Spezialberuf irgendwie auszuüben.

 

Scottie war er schon in vielfacher Hinsicht nützlich gewesen. Er war ein unermüdlicher Zeitungsleser, wußte alles und ersetzte ihm ein ganzes Auskunftsbüro. Er hatte eine unglaubliche Fertigkeit, ein Haus auszukundschaften. Scottie hatte während seines abwechslungsreichen Daseins noch keinen Mann kennengelernt, der dazu geeigneter gewesen wäre.

 

Gewöhnlich erschien Big Martin als Hausierer an Küchentüren, unterhielt sich mit den Dienstboten und wußte ihnen so interessante Geschichten zu erzählen, daß er immer gern gesehen war. Auf diese Weise konnte er sich viele Informationen verschaffen, die für seine Auftraggeber wertvoll waren.

 

Scottie war über eine solche Tätigkeit erhaben. Sein Spezialgebiet waren Juwelen, denn um hier auf der Höhe zu sein, mußte man mehr Verstand und Erfahrung besitzen als Big Martin. Trotzdem war ihm der Kleine von großem Nutzen. Er hielt das Haus in der Castle Street während seiner Abwesenheit in Ordnung, erledigte kleine Aufträge, machte die Betten und konnte zur Not auch ein einfaches Essen kochen.

 

»Nein, fromm bin ich nicht geworden, aber vorsichtig«, brummte Scottie, hauchte seine Brillengläser an und wischte sie mit einem Bettuchzipfel ab. »Hast du schon einmal etwas von dem Wasserkrug und dem Brunnen gehört?«

 

»Nein«, sagte Big Martin argwöhnisch. »Was ist denn los?«

 

»Ich habe jetzt genug Geld gemacht, um ein anständiges Leben führen zu können.«

 

Big Martin legte die Stirn nachdenklich in Falten.

 

»Wenn du das Ding nicht drehen willst, macht es ein anderer. Sie fordert es ja direkt heraus, sie läuft herum wie ein geschmückter Christbaum.«

 

Es ist mein Schicksal, dachte Scottie. »Du brauchst mir nichts von ihr zu erzählen«, unterbrach er sein Nachrichtenbüro. »Ich habe sie bereits kennengelernt. Sie heißt Mrs. Crafton-Bonsor, ist aus Amerika und wohnt jetzt in Zimmer 907 im ›Great Metropolitan Hotel‹.«

 

»Eine Bank hätte nicht genug Geld, um ihre Perlen zu kaufen«, drängte Big Martin. »Sie sind so groß« – er zeigte die Größe mit Daumen und Zeigefinger. »Und Brillanten! So etwas hast du noch nie gesehen.«

 

»Ich weiß, aber sie hat sie im Hotel-Safe einschließen lassen«, meinte Scottie.

 

»Nein«, sagte Big Martin, »das hat sie nicht getan. Meine Kusine ist dort in der Küche beschäftigt, die weiß es. Sie schält dort nämlich Kartoffeln.«

 

»Wer? Mrs. Bonsor?«

 

»Nein, meine Kusine.«

 

Scottie war nachdenklich geworden. Er trommelte mit den Fingern einen Marsch auf seinen Knien und schaute abwesend ins Leere.

 

»Nein, ich glaube, es geht nicht, Martin«, sagte er schließlich. »Macleod würde doch gleich wissen, daß ich es war, und außerdem…« Er vollendete den Satz nicht.

 

Big Martin hätte es doch nicht verstanden, wenn er ihm erzählt hätte, daß er es Stella Nelsons wegen nicht tun könnte. Es wäre nicht richtig gewesen zu sagen, daß Scottie sich gebessert hätte und ein ganz neuer Mensch geworden wäre oder daß er seine früheren Missetaten bereut hätte. Der einzige Beweggrund, sich zu ändern, lag in seiner persönlichen Sicherheit. Er hatte auch wirklich keinen Grund mehr, seine Haut weiter zu Markte zu tragen. Es ging ihm gut; die große Beute aus der Regent Street hatte er gut untergebracht – einer der Käufer war obendrein ein Zeuge, der ihm bei seinem Alibi geholfen hatte. Außerdem hatte er noch größere Reserven versteckt, so daß er verhältnismäßig gut und bequem bis an sein Ende leben konnte.

 

»Ich werde Mrs. Bonsor einmal besuchen«, sagte er. Big Martin rieb sich vergnügt die Hände. »Ich glaube nicht, daß sie so dumm ist, wie du sie dir vorstellst. Sie kommt aus Santa Barbara – vielleicht kennt sie einige meiner Freunde an der Westküste. Da wir gerade von Freunden reden, Martin, ich habe dich gestern abend mit einem fein gekleideten Herrn aus Finnagins Lokal herauskommen sehen.«

 

Big Martin machte ein dummes Gesicht.

 

»Es war ein Zeitungsmensch.«

 

»Welch eine Neuigkeit«, sagte Scottie ironisch. »Als ob ich nicht wüßte, wer es war. Was wollte er denn von dir?«

 

»Er fragte mich über eine Sache aus, die schon vier Jahre zurückliegt«, erwiderte Big Martin. »Ich bekam damals achtzehn Monate, du weißt doch – die Geschichte mit Harry Weston.«

 

»Wenn er sich nicht mehr darauf besinnen konnte, hätte er es doch leicht herausbringen können. Jeder Polizist hätte es gewußt.«

 

»Er war sehr nett und wollte wissen, was aus Harry geworden ist.«

 

Scottie runzelte die Stirn.

 

»Als ob er das nicht wüßte, daß Harry seine sieben Jahre in Parkhurst absitzt! Na, du altes Klatschweib, was hast du denn wieder ausposaunt?«

 

Big Martin wurde unruhig. Was hatte er eigentlich alles gesagt?

 

»Und wenn ich auf der Stelle sterben sollte, ich habe nichts von dir erzählt. Er wußte, daß du hier bist und fragte, wie es deiner Hand ginge.« Scottie brummte böse. »Aber ich habe es ihm nicht gesagt. Er mag dich gut leiden, Scottie. Er sagte, wenn du jemals in der Patsche säßest, so sollten wir nur nach ihm schicken. Das hat er wirklich gesagt – genau mit den Worten!«

 

»Du hast ihm doch nicht etwa erzählt, daß Macleod von der Sache weiß?«

 

»Das brauchte ich gar nicht, das wußte er schon«; erwiderte Big Martin mit Genugtuung.

 

»Du kannst aber auch nichts für dich behalten«, sagte Scottie resigniert.

 

Er zog sich sorgfältig an, nahm aus einem Kästchen ein Päckchen Visitenkarten heraus, wählte eine davon aus und steckte sie in seine Brieftasche. Die Karte nannte ihn Professor Bellingham und als Adresse war Pantagalla, Alberta, angegeben. Eine solche Stadt gab es natürlich auf der Landkarte nicht, aber er hatte früher einmal in einer Vorstadt in einer kleinen Pension gewohnt, die diesen Namen führte. Er hatte ihm sehr kanadisch geklungen.

 

Im ›Great Metropolitan Hotel‹ erfuhr er, daß Mrs. Crafton-Bonsor auf ihrem Zimmer sei, und ein Boy brachte ihr seine Karte. Während Scottie es sich in einem Klubsessel in der Halle bequem machte und scheinbar in Gedanken vertieft war, beobachtete er genau alle Leute, die durch das Vestibül kamen. Den Hoteldetektiv hatte er sofort erkannt.

 

Der Boy kam zurück und führte ihn zu einer Flucht komfortabler Räume im dritten Stock. Scottie wußte, daß diese Wohnung täglich ein kleines Vermögen kostete.

 

Die Dame am Fenster drehte sich um, als Scottie eintrat.

 

»Guten Morgen«, sagte sie kurz, »Mr. …«

 

»Professor Bellingham«, erwiderte Scottie. »Ich hatte bereits das Vergnügen –. Sie entsinnen sich?«

 

»Gewiß – ich konnte nur Ihre Karte nicht lesen, weil ich meine Brille nicht zur Hand hatte. Nehmen Sie bitte Platz, Professor. Es ist sehr freundlich von Ihnen, mich zu besuchen.«

 

Scottie hatte die Erfahrung gemacht, daß die Menschen sich im allgemeinen bei einer zweiten Begegnung von einer anderen Seite zeigten als bei der ersten, und er war auf einen so liebenswürdigen Empfang nicht vorbereitet. Mrs. Crafton-Bonsor trug noch kostbareren Schmuck als damals. Diese Steine waren wirklich herrlich. Wenn sie die Hand hob, glitzerte es wie im Schaufenster eines Juwelierladens. Sie hatte an jedem Finger mindestens einen Ring und an jedem Handgelenk drei Brillantarmbänder, die allein ein Vermögen wert waren.

 

Scotties Instinkte erwachten wieder. Es war eine Schande, daß diese Frau all die wunderbaren Dinge besitzen sollte, während er sich verhältnismäßig mühselig durchs Leben schlagen mußte.

 

»Es ist mir ein Vergnügen, Sie zu besuchen. Ich bin aus Pantagalla, und da Sie aus Santa Barbara sind, dachte ich, es sei doch nett, einmal vorbeizukommen …«

 

»Es ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, Professor …«

 

»Bellingham«, ergänzte er.

 

»Es ist zu dumm, das Mädchen hat meine Brille verlegt, und ich kann absolut nichts lesen ohne sie. London ist eine trostlose Stadt. Ich war vor einigen Jahren schon hier, aber jetzt ist alles neu und fremd, und ich bin froh, wenn ich wieder nach Hause komme.«

 

»Halten Sie sich schon lange hier auf?«

 

»Vierzehn Tage. Aber ich habe noch keinen einzigen netten Menschen getroffen. Die Leute hier sind so hochmütig. Und dabei haben sie vermutlich trotz ihrer hochtrabenden Titel keinen Pfennig Geld. Ich besuchte eine Dame, die ich in San Franzisko kennengelernt hatte. Mein Mann, der Senator, war damals wirklich sehr liebenswürdig zu ihr. Und jetzt hat sie mich nicht einmal zum Tee eingeladen.«

 

Sie unterhielten sich über Santa Barbara und über Leute in San Franzisko, deren Namen Scottie glücklicherweise kannte, dann kehrte Mrs. Crafton-Bonsor wieder zu ihrem Lieblingsthema zurück, sprach über den ungastlichen und unfreundlichen Charakter der Menschen in fremden Ländern und klagte über die Dienstboten, die in der letzten Zeit so unzuverlässig geworden seien.

 

»In diesen Zimmern hätte doch zum Beispiel heute morgen abgestaubt werden müssen«, sagte sie und nahm ein Stäubchen von dem Stuhl, auf dem sie saß. »Sehen Sie her – nicht einmal einen Staublappen haben die Leute hier in Bewegung gesetzt!«

 

Scottie schwieg. Mrs. Crafton-Bonsor konnte seine Karte nicht lesen, weil sie ihre Brille nicht zur Hand hatte, aber sie konnte ohne Mühe ein winziges Stäubchen entdecken? Ein merkwürdiges Augenübel! Aber er dachte nicht weiter darüber nach.

 

Scottie zeigte sich als ein so angenehmer Gesellschafter, daß sie ihn zum Abendessen einlud.

 

»Ich speise gewöhnlich auf meinem Zimmer. Was in den Hotels gekocht wird, ist gerade gut genug für meine Katze.«

 

Als er, äußerst zufrieden mit dem Resultat seines ersten Besuches, das Hotel wieder verlassen wollte, klopfte ihm jemand auf den Arm, und er schaute in ein ihm bekanntes Gesicht.

 

»Andy würde Sie gern einmal sprechen«, sagte der Detektiv. »Ich soll Ihnen bestellen, daß Sie ihn im Büro aufsuchen möchten.«

 

Scottie war unangenehm berührt, nickte aber nur.

 

*

 

»Hallo, Scottie! Geht es Ihnen besser? Nehmen Sie Platz. Einer meiner Leute sagte, daß Sie Mrs. Crafton-Bonsor besuchten, die reiche Amerikanerin im ›Great Metropolitan Hotel‹. Was haben Sie denn da wieder vor?«

 

»Darf man sich denn nicht auch einmal ein wenig zerstreuen?« fragte Scottie gekränkt.

 

»Soviel Sie wollen«, erwiderte Andy vergnügt, »aber ich handle in Ihrem eigensten Interesse, wenn ich Sie ein wenig im Zaum halte. Diese Frau ist eine wandelnde Kimberley-Diamantmine. Und ich sehe es nicht gerne, daß Sie wieder in Versuchung geraten. Ich bin eben aus Beverley Green zurückgekommen«, fügte er scheinbar gleichgültig hinzu. »Miss Nelson hat sich sehr nach Ihnen erkundigt.«

 

Scottie schluckte.

 

»Das ist sehr liebenswürdig von Miss Nelson«, entgegnete er langsam. »Ich habe wirklich keine bösen Absichten mit den Brillanten dieser Frau, Macleod. Wenn Sie wüßten, was es für mich bedeutet, auch einmal mit so reichen Leuten zu verkehren, würden Sie mir diese kleine Abwechslung gönnen.«

 

»Ich gönne sie Ihnen ja. Wir haben diese Dame beobachtet, seit sie in London ist, und wir haben auch schon zwei Ihrer ehemaligen Freunde gewarnt, Harry Murton und John Dutch. Und es wäre nicht fair, wenn ich Ihnen nicht mitteilte, daß Ihre Schritte sozusagen von Schutzengeln überwacht werden.«

 

»Soll das heißen, daß ich sie nicht wieder besuchen darf?«

 

»Sie können die Dame besuchen, sooft Sie wollen. Aber wenn sie hierherkommt und sich darüber beklagt, daß ihr Brillantdiadem auf geheimnisvolle Weise verschwunden ist, das Sie einige Minuten vorher so sehr bewundert hatten, dann geht es Ihnen schlecht, Scottie!«

 

Scottie lächelte.

 

»Hat Ihnen denn nicht jemand gesagt, daß ich mit meinem früheren Leben gebrochen habe?« fragte er mit einem unschuldigen Grinsen.

 

»Ich habe davon gehört«, antwortete Andy lachend. »Aber, Scottie, ich meine es ernst. Ich möchte nicht, daß Sie wieder in Unannehmlichkeiten geraten, und ich glaube, daß diese Mrs. Bonsor eine gefährliche Bekanntschaft für Sie ist. Ich tue es doch nur Ihretwegen. Sicher, Sie können sie sehen, aber es ist doch etwas riskant, nicht wahr? Nehmen wir einmal an, ein anderer macht sich auch an sie heran, und plötzlich vermißt sie etwas von ihrem Schmuck …«

 

»Ich danke Ihnen, Macleod.« Scottie nahm seinen Hut und erhob sich. »Ich glaube, daß ich trotzdem wieder hingehen werde. Sie interessiert mich wirklich sehr, ganz abgesehen von ihren Brillanten. Kennen Sie sie schon?«

 

»Nein, ich habe nichts damit zu tun. Ich vertrete Steel nur, weil er augenblicklich auf Urlaub ist. Das ist ein Glück für Sie, denn Steel wäre Ihnen gegenüber nicht so rücksichtsvoll gewesen.«

 

»Also besten Dank. Wissen Sie übrigens, Macleod, daß dieser Downer wieder an der Arbeit ist?«

 

Das war keine Neuigkeit für Andy.

 

»Ja, er ist wieder in Beverley oder vielmehr in einem Dorf, das ein oder zwei Meilen davon entfernt liegt. Ist er hinter Ihnen hergewesen?«

 

Scottie nickte.

 

»Er hat einen meiner Freunde ausgeholt. Er wußte übrigens, daß Miss Nelson mich in der Castle Street besucht hatte. Auf Wiedersehen!«

 

Am Abend ging er wieder ins ›Great Metropolitan Hotel‹, obwohl er wußte, daß er beobachtet wurde. Es wurde ein vergnügter Abend, denn Mrs. Bonsor hatte sich vorgenommen, ihren Professor gut zu bewirten. Nebenbei erfuhr er, daß ihr verstorbener Mann, der ›Senator‹, überhaupt kein Senator gewesen war. Wahrscheinlich hatten ihm Mitbürger diesen Spitznamen gegeben. Nach diesem Geständnis verstanden sich die beiden noch viel besser. Scottie hatte sich auch schon gewundert, daß ein gebildeter Mann in so hoher Stellung eine solche Frau geheiratet haben sollte. Sie sprach von ihrem palastartigen Heim in Santa Barbara, von ihren Autos, ihren Dienstboten, ihren Gesellschaften. Und bei jeder Bewegung funkelte sie in allen Regenbogenfarben.

 

*

 

»Scottie hat diese Mrs. Bonsor nun schon zum drittenmal besucht«, berichtete ein Detektiv. »Er speist jeden Abend mit ihr, und heute nachmittag hat er sie auf einem Ausflug begleitet.«

 

»Lassen Sie auch Big Martin beobachten, damit wir herausbringen, ob die beiden tatsächlich etwas planen.«

 

Er hatte Scottie persönlich gern, aber als Beamter durfte er ihm nicht trauen. Eines Nachmittags erhielt Mrs. Bonsor Besuch von einem Polizeibeamten, und als Scottie im Glanz eines neuen Fracks zum Abendessen erschien, war sie sehr kühl und ablehnend gegen ihn.

 

»Ich hätte Sie beinahe überhaupt nicht heraufkommen lassen, mein Herr«, sagte sie. Diese Anrede war schon von böser Vorbedeutung. »Aber ich dachte, ich müßte Ihnen doch eine Erklärung geben. Die Polizei ist hinter Ihnen her.«

 

»Hinter mir?«

 

Er war verstimmt, aber nicht gekränkt. Es war ja die Pflicht dieser Leute, Mrs. Bonsor vor ihm zu warnen. Und er hatte sich schon gewundert, daß Andy ihn so lange frei gewähren ließ, ohne einzugreifen.

 

»Man hat mir mitgeteilt, daß Sie ein Verbrecher, ein gewisser Scottie sind.« Sie schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. »Ich kann Ihnen nur sagen, daß mich das sehr getroffen hat.«

 

»Warum?« fragte Scottie ruhig. »Ich habe Ihnen doch nichts gestohlen, und ich würde nicht einmal eine Haarnadel von Ihrem schönen Kopf nehmen.« Scottie meinte es ehrlich. »Ich gebe zu, daß ich Scottie genannt werde. Ich heiße eigentlich nicht so, aber unter diesem Namen kennt man mich in zwei oder drei verschiedenen Ländern. Ich gebe auch zu, daß meine Vergangenheit nicht ganz einwandfrei ist, aber wissen Sie, Mrs. Crafton-Bonsor« – seine Stimme zitterte ein wenig – »was es für einen Mann wie mich bedeutet, eine Frau wie Sie zu treffen, eine Dame von Welt, gleichsam in der Blüte ihrer Jahre, die Interesse an einem Abenteurer nimmt? Nicht Ihr Geld und Ihre Juwelen haben mich fasziniert. Ich hätte sie schon bei meinem ersten Besuch stehlen können«, fuhr er rücksichtslos fort. »Ich kam damals, um mir Ihre Steine genauer anzusehen, von denen alle Welt sprach. Und ich bin tatsächlich ein Spezialist in Juwelen. Aber als ich Sie gesehen und mit Ihnen gesprochen hatte – erschien mir alles wie ein Traum. Ein Mann in meiner Stellung trifft nicht oft eine Dame wie Sie.«

 

»Sie übertreiben«, warf Mrs. Crafton-Bonsor ein. Sie unterbrach nicht gern Scotties Redestrom, der so viele Liebenswürdigkeiten und Schmeicheleien enthielt, aber sie hatte doch das Gefühl, daß sie aus Bescheidenheit jetzt in irgendeiner Form etwas dagegen einwenden mußte.

 

»Ich hatte nicht vermutet, daß Sie Amerikanerin sind, als ich das erstemal mit Ihnen sprach. Leute mit einem gütigen Charakter wie Sie sind drüben sehr selten. Und als ich Sie erst einmal besucht hatte, wußte ich, daß ich Sie wiedersehen müßte. Ich machte mir wegen meiner Torheit Vorwürfe, aber jeden Tag bezauberten Sie mich aufs neue.«

 

»Das war nicht meine Absicht«, murmelte sie.

 

»Es wird mir sehr schwer werden, die Besuche bei Ihnen aufzugeben«, sagte Scottie traurig, als er sich erhob und ihr die Hand reichte. »Leben Sie wohl, Mrs. Bonsor – es war für mich wie ein Leben in einer anderen Welt.«

 

Sie nahm seine Hand, und es tat ihr eigentlich leid, daß diese Bekanntschaft, die ihr so angenehm gewesen war, schon enden sollte.

 

»Leben Sie wohl, Mr. Scottie. Ich würde mich freuen, Sie wiederzusehen, aber –«

 

»Ich verstehe vollkommen«, erwiderte Scottie höflich. »Was würde man von Ihnen denken, – was würden all diese feingeschniegelten Leute im Hotel dazu sagen.«

 

Mrs. Crafton-Bonsor warf den Kopf zurück.

 

»Wenn Sie glauben, daß ich mich im mindesten um die Meinung anderer Menschen kümmere«, entgegnete sie empört, »sind Sie im Irrtum. Sie kommen morgen zum Abendessen wieder zu mir.«

 

Ihre Worte klangen wie ein Befehl, und ihre Miene war ein wenig hoheitsvoll. Scottie sagte nichts, er verabschiedete sich nur durch eine Verbeugung und entfernte sich schnell. Am Ende hätte sie ihre Absicht wieder geändert, wenn er noch geblieben wäre.

 

Als er die Treppe hinunterging, versuchte er, sich die ganze Unterhaltung mit allen Einzelheiten ins Gedächtnis zurückzurufen.

 

Er kannte viele Bücher, die man Gefangenen zum Lesen gab und die geschrieben waren, um sie wieder einem besseren Leben zugänglich zu machen. In diesen Bänden wurde jedesmal davon erzählt, daß der ehemalige Sträfling der Dame, deren wohlwollender Einfluß ihn bekehrt hatte, eine Art Dankrede hielt. Also ging er in die nächste Buchhandlung.

 

»Haben Sie nicht irgendein Buch mit dem Titel ›Gerettet durch ein Kind‹ oder ›Nur ein Verbrecher‹?«

 

»Nein«, sagte der junge Mann, »wir führen keine Kinderbücher.«

 

»Das ist das richtige Wort«, erwiderte ›Vieraugen-Scottie‹.

 

Kapitel 27

 

27

 

Andy erzählte Stella bei seinem nächsten Besuch, was er mit Scottie und Mrs. Crafton-Bonsor erlebt hatte.

 

Er hatte seine Pflicht getan, Mrs. Crafton-Bonsor konnte jetzt nicht mehr im Zweifel, über den wahren Charakter ihres Freundes sein. Aber diese Warnung schien eine unerwartete Wirkung auf die Dame gehabt zu haben.

 

»Vielleicht versucht sie, ihn zu bekehren«, meinte Stella und zwinkerte mit den Augen. »Schlechte Leute haben immer eine unwiderstehliche Anziehungskraft für romantische Damen. Ich will damit nicht sagen, daß Scottie ein schlechter Mensch oder Mrs. Bonsor besonders phantasievoll ist. Ich kann mich an sie erinnern. Sie kam mit ihrem großen Wagen und fuhr hier zwei schöne Fliederbüsche um. Scottie hat mir später ihren Namen genannt. Es ist doch schließlich auch nichts dabei, wenn er einmal mit ihr zusammen speist.«

 

»Er ist mittags, zum Tee und zum Abendessen bei ihr«, protestierte Andy. »Soviel ich weiß, frühstückt er auch dort! Ich kümmere mich nicht um Scotties Abenteuer. Die Dame ist gewarnt, und damit ist meine Verantwortung zu Ende. Aber trotzdem …«

 

»Vielleicht liebt er sie«, sagte sie lächelnd. »Sei nicht böse, aber Scottie ist mir schon immer ein wenig romantisch vorgekommen.«

 

»Das kann ich nicht leugnen. Wenn ich nur an sein Alibi denke –«

 

»Aber Andy! Übrigens wirst du mit der Dame zusammenkommen.«

 

»Ich werde mit ihr zusammenkommen?« fragte Andy überrascht.

 

Stella nickte feierlich.

 

»Scottie hat mir geschrieben und angefragt, ob er sie einmal zum Essen mitbringen dürfe, und ich habe zugestimmt. Ich beschrieb sie meinem Vater, und er schüttelte sich vor Entsetzen. Ich glaube, er wird heute abend irgendeine Verabredung vorschützen. Deshalb ist es um so wichtiger, daß du hier bist.«

 

»Soll das heißen, daß Scottie die Frechheit hatte, sich mit seiner Juwelendame hier zum Abendessen einzuladen?« fragte er entsetzt.

 

Es mußte wohl so sein, denn am Abend machte Andrew Macleod die Bekanntschaft der Frau, die er vor Scottie hatte warnen lassen.

 

Mrs. Crafton-Bonsor trug ein enganliegendes, pflaumenfarbenes Samtkleid, das gefährlich tief ausgeschnitten war. Andy war sehr erstaunt bei ihrem Anblick.

 

Noch nie hatte er so viel kostbaren Schmuck an einer einzigen Frau gesehen. Von dem Diadem in ihren roten Haaren bis zu den Agraffen ihrer Schuhe war sie einfach überwältigend. Wenn ein Radscha in seiner vollen Staatskleidung mit all seinen Juwelen neben ihr gestanden hätte, wäre er von ihr ohne Schwierigkeiten in den Schatten gestellt worden.

 

Scottie war sehr guter Laune. Sein Stolz war so aufrichtig und echt, daß Andy lächeln mußte.

 

»Darf ich Sie meiner Freundin, Mrs. Crafton-Bonsor, vorstellen? Dies ist Doktor Macleod, Mirabel.« – ›Mirabel!‹ wiederholte Andy für sich. Er war sprachlos. – »Doktor Macleod und ich haben manchen Streit, ich möchte fast sagen – Kampf, miteinander ausgefochten. Auf seine Veranlassung hin wurden Sie vor mir gewarnt. Das war ja auch ganz in der Ordnung.«

 

Er nahm Andys Hand und schüttelte sie kräftig.

 

Mrs. Bonsor aber sah Andy nur kühl an.

 

»Darf ich Sie auch mit Miss Nelson bekannt machen, Mirabel?«

 

»Sehr erfreut«, sagte Mrs. Bonsor ohne große Begeisterung. »Jeder Freund des Professors ist auch mein Freund.« Dabei schaute sie Andy an.

 

Es war ein etwas steifer und förmlicher Anfang, und Stella hatte doch gehofft, daß es ein vergnügter Abend werden würde. Während des Essens kam ihr plötzlich zum Bewußtsein, daß Mrs. Crafton-Bonsor eifersüchtig auf sie war. Inzwischen hatte diese Dame ihren früheren Argwohn und Widerwillen gegen Andy überwunden und plauderte liebenswürdig mit ihm. Dadurch wiederum wurde Scottie von Eifersucht geplagt. Der sonst so nüchterne Mann, dessen Bescheidenheit sein größter Vorzug war, trug heute zwei große Brillantringe. Andy sah nicht zu genau hin, er wußte, daß Scottie keine gestohlenen Juwelen trug, die in der Presse genau beschrieben worden waren.

 

»Jawohl, nächste Woche werde ich wieder in meine Heimat zurückfahren«, sagte Mrs. Crafton-Bonsor und sah dabei Scottie an. »Es war netter, als ich vermuten konnte, aber ich muß mich doch auch einmal wieder in meinem Heim in Santa Barbara umsehen. Die Rasenflächen sind allein so groß wie der ganze Ort hier. Ich habe dem Professor eine Fotografie gezeigt, er war ganz begeistert davon. Wenn man ein so herrliches Besitztum hat, muß man es natürlich auch ausnützen.« Wieder schaute sie Scottie an, doch der betrachtete das Tischtuch und sah in dem Augenblick so bescheiden aus, daß Andy beinahe laut aufgelacht hätte.

 

»Ich hoffe, daß Ihnen die Reise nicht zu einsam wird«, meinte Andy. »Sie werden unseren Freund, den Professor, sicher sehr vermissen?«

 

»O ja.« Mrs. Bonsor räusperte sich.

 

Scottie sah auf.

 

»Ich habe eigentlich daran gedacht, auch einmal wieder nach Amerika zu gehen und mich dort umzusehen«, sagte er, und diesmal schaute Mrs. Bonsor bescheiden lächelnd vor sich hin.

 

»Stanhope und ich …« begann sie.

 

»Stanhope – wer ist denn Stanhope?« fragte Andy erstaunt. Aber es war nicht mehr nötig, auf Antwort zu warten, er begegnete den bittenden Blicken Scotties.

 

»Stanhope und ich sind sehr gute Freunde geworden. Ich dachte, Sie hätten den Ring schon gesehen.«

 

Bei diesen Worten hielt sie ihre dicke Hand hoch.

 

Andy zählte ungefähr zehn verschiedene Ringe daran.

 

»Darf ich Ihnen meine besten Glückwünsche aussprechen? Das ist eine große Überraschung, Mrs. Crafton-Bonsor.«

 

»Niemand war mehr überrascht als ich selbst«, erwiderte sie glücklich, »aber Sie werden eine Frau in meiner Lage verstehen. Außerdem soll Stanhope ein neues Leben beginnen. Es gibt eine Gegend in der Nähe, wo er … wie heißt doch gleich das Wort, Stan?«

 

»Geologie treiben kann«, murmelte Scottie.

 

»Ja, das meine ich.«

 

»Sie werden uns also verlassen?« fragte Andy lächelnd. »Und vermutlich haben Sie in einem Monat ganz Beverley Green und Wilmot und diesen fürchterlichen Albert Selim vergessen und –«

 

Plötzlich sank Mrs. Crafton-Bonsor ohnmächtig vom Stuhl.

 

*

 

»Es war die Hitze hier im Zimmer«, sagte sie matt, als sie wieder zu sich kam. Ihre Frisur war in Unordnung geraten, und ihre Brosche saß schief. »Ich glaube, es ist das Beste, daß ich jetzt zurückfahre. Stanhope« – es war rührend, zu sehen, wie sehr sie sich auf ihn verließ –, »würdest du bitte den Wagen bestellen?«

 

Sie sah alt aus, und ihre geschminkten Lippen bildeten einen sonderbaren Gegensatz zu ihrem Gesicht, Andy erwartete jeden Augenblick, daß sie wieder zusammenbrechen würde. Er war erleichtert, als sie sich mehr und mehr erholte, so daß sie mit seiner und Scotties Hilfe zum Wagen gehen konnte.

 

»Die Fahrt wird mir guttun«, meinte sie und sah sich mit einem nervösen Lachen um. »Es tut mir sehr leid, daß ich Sie so in Aufregung versetzte. Ich hätte ja gern noch etwas über den Mord erfahren. Wer wurde denn eigentlich getötet? Albert Selim?«

 

»Nein, ein gewisser Merrivan. Ich hätte diese schreckliche Geschichte überhaupt nicht erwähnen sollen!« sagte Andy.

 

»Ach, es hat mir nichts ausgemacht. Gute Nacht.«

 

Andy ging mit Stella ins Haus zurück.

 

»Albert Selim«, sagte er in Gedanken vor sich hin.

 

Sie sah ihn nachdenklich an.

 

»Glaubst du, daß die Erwähnung seines Namens an ihrer Ohnmacht schuld war?«

 

»Ich zweifle nicht im mindesten daran. Aber warum sollte der Name von Merrivans Mörder eine solche Wirkung auf sie haben?«

 

Er starrte, in Gedanken versunken, lange vor sich hin, und Stella störte ihn nicht.

 

»Ich werde Mrs. Crafton-Bonsor aufsuchen und mit ihr sprechen müssen. Wenn ich mich nicht sehr täusche, kann sie uns über den Mord und seine Vorgeschichte mehr erzählen, als der Mörder selbst.«

 

Kapitel 2

 

2

 

Nachdem man in Beverley angekommen war, mußte Andy erst noch einige Formalitäten erledigen, bevor der Gefangene nach London überführt werden konnte.

 

Es wurde ihm auf der Polizeistation mitgeteilt, daß die Überführung erst noch von einem lokalen Justizbeamten genehmigt und angeordnet werden müsse.

 

»Wo kann ich denn einen finden?« fragte Andy.

 

»Da ist zunächst Mr. Staining, Sir«, sagte der Polizeisergeant gemütlich, »aber der ist gerade krank. Dann Mr. James Bolter, aber der ist auf Urlaub. Mr. Carrol – gut, daß ich daran denke, der ist zur Pferdeschau gegangen. Er züchtet nämlich –«

 

»Es scheint hier etwas in der Luft zu liegen«, unterbrach ihn Andy, »das die Leute schwatzhaft macht, Sergeant. Aber vielleicht habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt. Ich wollte nicht die Leute wissen, die nicht zu sprechen sind. Gibt es hier in der Nähe denn niemand, der das Amt eines Friedensrichters verwaltet?«

 

»Ja, wir haben hier einen solchen Herrn«, erwiderte der Sergeant mit Nachdruck. »Mr. Boyd Salter. Der wird Ihnen den Schein ausstellen.« Er fügte aber vorsichtig hinzu: »Wenn er zu sprechen ist.«

 

Andy mußte lachen, machte sich aber doch auf, um sein Heil bei Mr. Boyd Salter zu versuchen.

 

Er fand, daß der nächste Weg zu dessen Haus nicht über Beverley Green führte. Mr. Salters Ländereien grenzten an Beverley, man konnte am Ende der Stadt durch ein großes Parktor zu seinem Besitz kommen. Andy hatte es schon vorher bemerkt und war neugierig gewesen, wer da wohnen mochte.

 

Beverley Hall, der Sitz Mr. Boyd Salters, war ein stattliches Gebäude, das im Stil des berühmten Iñido Jones erbaut war.

 

Hier herrschten Schweigen und Ruhe. Das Ticken einer Standuhr war das einzige Geräusch, das Andy vernahm, als er in die geräumige, mit Steinfliesen ausgelegte Halle geführt wurde. Der Diener, der Andys Karte hineintrug, ging völlig geräuschlos, und Andy bemerkte zu seinem Erstaunen, daß der Mann Gummischuhe trug. Als dieser nach einiger Zeit zurückkehrte, bat er den Detektiv, näher zu treten.

 

»Mr. Salter ist leidend. Wenn Sie in seiner Gegenwart recht leise und ruhig sprechen wollten, würde er Ihnen sicher sehr dankbar sein.«

 

Andy erwartete nun, einen schwerkranken, zitternden, alten Herrn zu finden, der in einem Sessel saß und von vielen Kissen gestützt wurde. Aber er trat einem gesund aussehenden Mann von etwa fünfzig Jahren gegenüber, der lebhaft aufschaute, als sein Besucher den Raum betrat.

 

»Guten Tag, Mr. Macleod. Was kann ich für Sie tun? Ich sehe, daß Sie Polizeibeamter sind«, sagte er und betrachtete die Karte noch einmal.

 

Andy erklärte ihm die Ursache seines Besuches.

 

»Es ist nicht nötig, daß Sie so leise sprechen«, meinte Mr. Salter lächelnd. »Tilling hat Sie wahrscheinlich darum gebeten? Manchmal bin ich allerdings sehr nervös, aber heute habe ich einen guten Tag.«

 

Er las das Schriftstück durch, das Andy ihm vorlegte, und unterschrieb es.

 

»Unser Freund ist der Diamantenräuber, nicht wahr? Wo hat er sich denn versteckt gehalten?«

 

»In Ihrer Gartenstadt«, erwiderte Andy.

 

Ein Schatten legte sich über Mr. Salters schöne Gesichtszüge.

 

»Sprechen Sie von Beverley Green? Er war natürlich im Gästehaus?«

 

Andy nickte.

 

»Haben Sie einen der Villenbesitzer getroffen?«

 

»Ja – Mr. Merrivan.«

 

»Es sind merkwürdige Leute!« sagte Mr. Salter nach einem kurzen Schweigen. »Wilmot, sein Neffe, ist ein sonderbarer Mensch. Ich weiß nicht, was ich aus ihm machen soll. Mir ist schon öfters der Gedanke gekommen, daß er ein Gentlemanverbrecher ist. Wirklich, ein merkwürdiger Kerl! Und dann dieser Nelson – ein heruntergekommener Bursche! Trinkt wie der Teufel!«

 

Andy erinnerte sich jetzt an die Geschichte, die er von dem Künstler gehört hatte.

 

»Er hat ja wohl eine Tochter«, warf Andy hin.

 

»Ja, ein hübsches Mädchen. Wilmot soll mit ihr verlobt sein. Mein Sohn erzählt mir alle diese Neuigkeiten, wenn er zu Hause ist. Der bringt alles heraus. Er müßte eigentlich Detektiv werden – er ist aber noch auf der Schule.«

 

Er schaute auf den Haftbefehl, löschte die Unterschrift ab und reichte Andy das Schriftstück über den Tisch.

 

»Mr. Merrivan scheint ein sehr liebenswürdiger Herr zu sein«, setzte Andy die Unterhaltung fort.

 

»Ich weiß nichts Genaueres über ihn. Ich habe noch nicht mehr als ›Guten Tag‹ zu ihm gesagt. Er scheint harmlos zu sein, ein wenig langweilig, aber harmlos, und er redet zuviel – wie alle Leute in Beverley.«

 

Um diese lokale Eigenart zu bestätigen, sprach er dauernd weiter und erzählte die Geschichte von Beverley und seinen Bewohnern. Plötzlich brachte er das Gespräch auf den Herrensitz.

 

»Es ist ein schöner, ruhiger Platz, aber es ist auch sehr teuer, ihn zu unterhalten. Ich wäre nicht imstande gewesen, für alles aufzukommen, wenn –«

 

Er sah schnell fort, als ob er fürchtete, der Besucher könnte seine Gedanken lesen. Erst nach einiger Zeit begann er wieder zu sprechen.

 

»Haben Sie jemals mit dem Teufel zu tun gehabt, Mr. Macleod?« Er scherzte nicht, sein Blick war ernst und fest.

 

»Ich bin schon einer ganzen Anzahl kleinerer Teufel begegnet«, erwiderte Andy lächelnd, »aber ich habe noch nicht das Vergnügen gehabt, ihr Oberhaupt in Person kennenzulernen.«

 

Mr. Salter schaute Andy mit abwesendem Ausdruck an, obwohl eine sonderbare Bestimmtheit in seinem Blick lag. »In London lebt ein gewisser Albert Selim«, sagte er dann langsam, »dieser Kerl ist ein Teufel. Ich erzähle Ihnen das nicht, weil Sie Polizeibeamter sind. Ich weiß überhaupt nicht, warum ich davon spreche. Ich habe schon so manchen Verhaftungsbefehl unterzeichnet, aber niemals habe ich die Feder aufs Papier gesetzt, ohne an diesen größten aller Verbrecher zu denken. Er ist ein Mörder – ein Mörder!« Andy war bestürzt.

 

»Er hat Menschen getötet, er hat ihre Herzen gebrochen und sie vorzeitig unter die Erde gebracht. Einen meiner Freunde hat er fast erdrosselt!« Bei diesen Worten preßte er seine Hände so krampfhaft zusammen, daß die Knöchel weiß wurden.

 

»Albert Selim?« Andy wußte nichts anderes zu sagen.

 

Mr. Salter nickte.

 

»Wenn er, wie ich hoffe, eines Tages doch einen Fehler macht und in Ihre Hände fällt, wollen Sie mir dann den Gefallen tun und mich benachrichtigen? Aber dazu wird es wohl nie kommen – der läßt sich nicht fangen!«

 

»Ist er arabischer Herkunft?«

 

Boyd Salter schüttelte den Kopf: »Ich habe ihn nie gesehen. Ich habe auch noch niemand getroffen, der persönlich mit ihm. zusammengekommen wäre«, sagte er zu Andys größtem Erstaunen. »Nun will ich Sie aber nicht länger aufhalten, Mr. Macleod. Was haben Sie eigentlich für einen Rang, wenn ich fragen darf?«

 

»Die Frage habe ich mir auch schon öfters vorgelegt. Ich habe Medizin studiert.«

 

»Sie sind Arzt?«

 

Andy nickte: »Ich führe viele Untersuchungen und Obduktionen aus. Ich bin eigentlich Pathologe.«

 

Boyd Salter lächelte: »Dann hätte ich Sie mit ›Doktor‹ anreden sollen. Sie haben sicher in Edinburgh studiert?«

 

Andy bejahte die Frage.

 

»Ich habe eine Vorliebe für Ärzte. Meine Nerven quälen mich entsetzlich. Gibt es dagegen nicht ein Heilmittel?«

 

»Psychoanalyse. Mit ihrer Hilfe kann man krankhafte Komplexe erkennen und aus dem Denken ausschalten. – Leben Sie wohl.«

 

Ein Gespräch über Medizin war das sicherste Mittel, Andy zum. Aufbruch zu veranlassen.

 

»Auf Wiedersehen, Herr Doktor. Sie sehen noch sehr jung aus für Ihre Stellung – Sie sind doch nicht älter als dreißig oder einunddreißig?«

 

»Sie haben es richtig getroffen,« erwiderte Andy lachend und verabschiedete sich.

 

Kapitel 20

 

20

 

Um diese Zeit hätte Scottie ausgegangen sein können, aber zufällig hatte er Stella geholfen, Kenneth Nelsons neues Gemälde einzupacken. Er habe das Haus den ganzen Abend nicht verlassen, erzählte Stella. Der Detektiv ging zu Wilmot zurück. Downer war inzwischen gegangen.

 

»Ich will das Geld an mich nehmen«, sagte Andy und hob die Brieftasche auf. »Und nun sagen Sie mir alles, was Sie von dem Trauschein noch wissen.«

 

»Glauben Sie wirklich, daß es Albert Selim war?«

 

»Ich bin sicher, daß es der Mann war, der Mr. Merrivan tötete«, erwiderte Andy kurz. »Er bedrohte uns mit derselben Waffe, mit der er den Mord beging.«

 

Mr. Wilmot schauderte.

 

»Der Trauschein beurkundete eine Heirat zwischen einem gewissen John Severn und einem Dienstmädchen namens Hilda Masters. Die Ehe wurde vor etwa dreißig Jahren geschlossen und in der St.-Pauls-Kirche, Kensington, eingesegnet.«

 

Andy notierte sich diese Einzelheiten.

 

»Erschien der Name Ihres Onkels in irgendeiner Weise auf der Urkunde?«

 

Wilmot schüttelte den Kopf.

 

»Sie kennen John Severn nicht? Hat Ihr Onkel Ihnen gegenüber nie den Namen erwähnt?«

 

»Nein. Ich möchte Ihnen aber noch etwas wegen des Geldes sagen, Macleod. Ich will nicht in Ungelegenheiten kommen, wenn es sich vermeiden läßt. Ich habe es wirklich nur genommen, um es in Sicherheit zu bringen. Wie sind Sie denn dahintergekommen?«

 

»Sie kennen meine Methoden, Wilmot«, erwiderte Andy sarkastisch. »Die ganze Sache kann für Sie sehr übel werden. Ich gebe Ihnen den guten Rat, um Downer einen weiten Bogen zu machen. Der hat mit Ihnen kein Erbarmen und wird Sie ebenso verraten, wie er Albert Selim verraten würde, wenn er ihn fangen könnte.«

 

Ein ähnlicher Gedanke war Wilmot auch schon gekommen.

 

»Wegen der Verleumdungsklage ist auch Downer nicht ganz wohl«, meinte er. »Ich glaube, in seinem nächsten Artikel wird er zahmer sein. Außerdem wird ihm ja auch Selim genügend Stoff dafür geben.«

 

Andy war derselben Ansicht. Er sprach noch einmal bei Stella vor, ehe er ins Gästehaus ging. Scottie hatte sich schon zur Ruhe gelegt, er war direkt musterhaft geworden.

 

»Alle Leute in Beverley sind über den Artikel sehr aufgebracht und haben mir ihre Anteilnahme ausgedrückt«, sagte Stella. »Ich habe noch nie soviel Besuch gehabt wie heute. Sheppards waren hier, Masons, sogar die Gibbs, die doch so ruhige Leute sind. Alle sind sehr ungehalten über Artur Wilmot. Was wird die Zeitung wohl morgen bringen?«

 

»Sehr wenig. Downer wird über den Einbruch in Wilmots Wohnung berichten und den Besuch dieses geheimnisvollen Albert Selim mit allen Einzelheiten schildern. Er wird auch die Gelegenheit wahrnehmen, sich zu verteidigen. Man droht in ähnlichen Fällen den Zeitungen häufig mit Verleumdungsklagen. Downer wußte, daß er den Bogen überspannt hatte. Ich habe schon gemerkt, daß er etwas nervös war, als ich heute seinen Brief erhielt. Es gehört schon viel dazu, ihn nervös zu machen, aber wahrscheinlich waren ihm schon selbst Zweifel an der Glaubwürdigkeit Wilmots gekommen.«

 

Die Schleier, die über dem geheimnisvollen Mord von Beverley Green lagen, wurden immer dichter und undurchdringlicher. Auch Albert Selims Erscheinen brachte Andy der Lösung keinen Schritt näher. Warum hatte der Mann sich einer so großen Gefahr ausgesetzt, nur um einen offensichtlich wertlosen Trauschein in seinen Besitz zu bringen? Wer war dieser John Severn, und wer war das Dienstmädchen Hilda Masters?

 

Ins Gästehaus zurückgekommen, erhielt er von Zeit zu Zeit telefonische Berichte von den Polizeibeamten, die die Gegend nach dem Fremden absuchten. Die Polizei der Nachbarorte unterstützte sie. Die Hauptstraßen wurden abpatrouilliert und die Nebenwege überwacht. Mit der kleinen Mannschaft konnte man allerdings das offene Land nicht absperren, damit mußte bis zum Tagesanbruch gewartet werden.

 

Um ein Uhr nachts trat er kurz vor die Tür, um ein wenig frische Luft zu schöpfen. Das Zimmer bedrückte ihn, und er hatte Kopfschmerzen bekommen.

 

In Beverley Green war um diese Zeit jedes Haus dunkel, auch aus Stellas Zimmer drang kein Lichtschein.

 

Inspektor Dane kam eben mit dem Rad an, um ihm den letzten Bericht persönlich zu überbringen.

 

»Wir haben jedes Auto zwischen hier und Cranford Corner angehalten. Glauben Sie, daß es ratsam wäre, eine Durchsuchung sämtlicher Häuser von Beverley Green vorzunehmen?«

 

»Ich wüßte nicht, warum. Sollte Selim tatsächlich ein Bewohner des Ortes sein, so könnten wir das durch eine Haussuchung auch nicht feststellen. Außerdem wäre es gesetzwidrig, wenn wir nicht die nötigen Befehle aus London haben. Vielleicht …«

 

Andy wurde plötzlich unterbrochen, denn durch die Stille der Nacht tönte ein Schuß. Gleich darauf fielen ein zweiter, ein dritter und nach kurzer Zeit noch ein vierter. Sie kamen aus der Richtung der Hügel jenseits des Ortes.

 

»Wilddiebe können es nicht gut sein«, meinte Inspektor Dane.

 

»Wilddiebe benützen gewöhnlich keine Pistolen.«

 

Das Telefon im Gästehaus klingelte stürmisch. Die Haustür war offen geblieben, und sie hörten es schon, bevor Johnston herausgestürzt kam, um Andy zu rufen.

 

»Mr. Salter ist am Apparat. Er möchte Sie dringend sprechen!« Andy lief hinein und nahm den Hörer auf.

 

»Sind Sie es, Mr. Macleod? Haben Sie die Schüsse gehört?«

 

»Jawohl.«

 

»Ich habe geschossen. Es ist ein Raubüberfall auf Beverley Hall gemacht worden. Jemand versuchte einzubrechen. Er ist in Richtung Spring Covert entflohen. Können Sie herkommen?«

 

Andy holte seinen Wagen aus der Garage und fuhr mit Inspektor Dane in schnellstem Tempo die Hauptstraße entlang.

 

Mr. Salter sah blaß und angegriffen aus. Er trug einen Schlafrock über dem Pyjama und erwartete die Beamten in seiner Bibliothek.

 

»Es tut mir leid, daß ich Sie stören mußte, Macleod«, begann er.

 

»Haben Sie den Mann zu Gesicht bekommen?« fragte Andy schnell.

 

»Ich konnte ihn nur von hinten sehen. Er muß mindestens schon eine halbe Stunde im Haus gewesen sein, bevor ich ihn hörte. Ich hätte ihn wahrscheinlich gar nicht bemerkt, wenn er nicht die Frechheit besessen hätte, in mein Schlafzimmer zu kommen.«

 

Salter zeigte ihnen das Fenster, das aufgebrochen worden war. Es gehörte zu dem kleinen Arbeitszimmer neben der Bibliothek.

 

»Er war auch in der Bibliothek. Sehen Sie, diese Schubladen sind gewaltsam geöffnet worden.«

 

Die Fächer waren ganz herausgezogen, ihr Inhalt auf den Boden verstreut.

 

»Vielleicht glaubte er, hier Geld zu finden. Aber ich bewahre hier nichts Wertvolles auf.«

 

»Ist er auch in anderen Räumen gewesen?«

 

»Ich glaube, er war auch im Zimmer meines Sohnes – er ist augenblicklich nicht hier, er studiert in Cambridge –, aber das kann ich nicht genau sagen.«

 

Er führte sie ins obere Stockwerk, aber hier war alles in bester Ordnung, obgleich die Tür zum Zimmer des jungen Salter offenstand.

 

»Es ist sehr leicht möglich, daß er zuerst diesen Raum mit dem meinen verwechselte. Mein Schlafzimmer liegt direkt gegenüber. Ich weiß nicht, wovon ich aufwachte. Vielleicht quietschte die Tür, obwohl sie regelmäßig geölt wird. Ich setzte mich im Bett aufrecht und hörte noch das Geräusch seiner Schritte, dann war er fort. Als ich aus der Tür herauskam, sah ich ihn noch einen kurzen Augenblick am anderen Ende des Ganges. Ich lief die Treppe hinunter und rief nach Tilling. Ich habe ihn dann noch einmal gesehen, als er durch das Bibliotheksfenster stieg. Ich habe stets eine Pistole in meinem Zimmer, und ich schoß hinter ihm her, als er die Stufen der Terrasse hinunterlief und im Dunkeln verschwand.«

 

»Hörten Sie ihn nicht sprechen?«

 

Mr. Salter schüttelte den Kopf.

 

Es war das Werk eines erfahrenen Einbrechers, das erkannte Andy sofort. Und wenn er nicht absolut sicher gewesen wäre, daß Scottie in diesem Augenblick den Schlaf des Gerechten schlief, hätte er schwören mögen, daß er den Einbruch verübt hatte.

 

Aber dieser Einbrecher hatte offenbar keinen festen Plan gehabt. Scottie hätte auch keine Papiere aus den Schubladen herausgeworfen und obendrein noch Salter in seinem Schlafzimmer gestört. Man ging wieder in die Bibliothek zurück.

 

»Das ist der zweite Raubüberfall heute abend in Beverley Green«, sagte Andy und erzählte von dem Vorfall bei Wilmot.

 

»Albert Selim?« meinte Mr. Salter nachdenklich. »Ich möchte mich Ihrer Theorie fast anschließen, Mr. Macleod.«

 

»Vermissen Sie etwas?«

 

»Ich glaube kaum, es befand sich nichts in der Bibliothek, das sich zu stehlen lohnte, höchstens ein paar Pachtverträge, die ihn aber schwerlich interessiert haben können.«

 

»Was ist denn das?«

 

Andy ging zum Kamin. Er war leer, da das Wetter ungewöhnlich warm war, aber auf der Feuerstelle lag die Asche von verbranntem Papier! Wieder eine Parallele zu der Ermordung Merrivans!

 

»Haben Sie etwas verbrannt?«

 

»Nein. Ist die Schrift noch erkennbar – manchmal ist das ja der Fall.«

 

Andy kniete nieder und beleuchtete die Asche mit seiner Taschenlampe.

 

»Nein, es ist leider fast nichts mehr zu erkennen.« Vorsichtig nahm er ein größeres Stückchen verbrannten Papiers heraus und brachte es zum Tisch.

 

»Es sieht aus wie ›RYL‹, meinte er. »Eine sonderbare Kombination von Buchstaben.«

 

»Es könnte Orylbridge geheißen haben«, erwiderte Boyd Salter. »Ich habe dort Grundeigentum.«

 

Bei diesen Worten hob er einige Papiere vom Fußboden auf.

 

»Es ist mir jetzt unmöglich, alle Dokumente zu ordnen und zu sehen, was fehlt. Vielleicht kommen Sie morgen früh noch einmal, Doktor.«

 

Andy wartete noch, um den Bericht zweier Parkwächter entgegenzunehmen, die aufgestanden waren und die Gegend abgesucht hatten.

 

»Dieser Fall geht mir langsam auf die Nerven, Dane«, sagte er, als der Wagen den Hügel hinunter zum Parktor fuhr. »Eins ist sicher: In diesem Tal verbirgt sich irgendwo ein Mörder, mag er nun Albert Selim oder sonstwie heißen. Offenbar ist er von hier. Es gibt keine andere Erklärung für seine Schnelligkeit und Sicherheit. Er kennt hier jeden Zoll Boden, und er sucht nach irgend etwas. Er tötete Merrivan, um es zu finden, er tötete Sweeny, weil ihm der zufällig im Obstgarten über den Weg lief. Er brach in Beverley Hall ein, um auch dort zu suchen. Aber warum hat er in beiden Fällen Papiere im Kamin verbrannt?«

 

»Wo hätte er sie sonst verbrennen sollen?« fragte Inspektor Dane. »Der Kamin war doch in beiden Fällen ganz in der Nähe.«

 

Andy erwiderte nichts darauf.

 

Er erinnerte sich jetzt daran, daß er auch ein drittes Mal verbranntes Papier gesehen hatte. Stella hatte sich in derselben Weise der Dinge entledigt, die sie vernichten wollte.

 

Um halb drei verabschiedete er sich von dem Polizeiinspektor. Im Osten dämmerte schon der neue Tag, als er in sein Zimmer kam. Er warf noch einen Blick zu dem Haus Nelsons hinüber und blieb erschrocken stehen. Stella mußte wach sein, denn er sah Licht durch ihre Jalousien schimmern.

 

Er wartete fast eine volle Stunde. Erst als es ganz hell geworden war, wurde drüben das Licht ausgemacht.

 

Andrew seufzte und ging zu Bett.

 

Kapitel 13

 

13

 

Scottie ging selten bei Tag aus. Er tat es aber nicht aus Geheimniskrämerei, sondern er nahm Rücksicht auf Andys Wünsche. Er ließ sich im allgemeinen nur zwischen ein und zwei Uhr mittags sehen, und um diese Zeit speiste man in Beverley Green gewöhnlich zu Mittag.

 

Er verließ Nelsons Haus durch den Seitenausgang, um zum Gästehaus zu gehen und Andy zu sprechen. Ein Artikel in einer Morgenzeitung, die er unter dem Arm trug, war der Zweck seines Besuches. Er selbst wurde nämlich darin erwähnt, und ihm war unbehaglich. Irgendein Berichterstatter, der anscheinend nichts von der Beendigung des Verfahrens gegen Scottie gehört hatte, schrieb etwas von einer aufsehenerregenden Verhaftung in diesem kleinen Ort, die kurz vor dem Mord stattfand, und zog hieraus für Scottie wenig schmeichelhafte Schlüsse.

 

Er hatte kaum einen Schritt auf die Straße getan, als er schon wieder stehenblieb.

 

Ein großes Auto versperrte den Weg, es stand halb auf der Straße und war halb in die Sträucher hineingefahren, die sie begrenzten. Scottie wußte, daß die Anlagen der Stolz der Bewohner von Beverley Green waren.

 

Der Chauffeur hatte ein rotes Gesicht und machte verzweifelte Anstrengungen, den Wagen zu wenden, worunter natürlich die Sträucher litten. Aber Scotties Aufmerksamkeit richtete sich nicht auf den Chauffeur, auch nicht auf das prachtvolle Auto – er sah nur die Dame, die darin saß.

 

Ihr Alter war schwer zu schätzen, aber sie war eine majestätische und bis zu einem gewissen Grad sogar schöne Erscheinung. Unter dem Hut zeigte sich üppiges, rotes Haar, zu dem ihre schwarzen Augenbrauen einen eigentümlichen Gegensatz bildeten. Eine dicke Puderschicht bedeckte ihr von Natur rotes Gesicht. Die großen blauen Augen traten ein wenig hervor. All dies stellte Scottie fest, während er ihren Schmuck einer eingehenden Prüfung unterwarf.

 

In den Ohren trug sie Brillanten von der Größe zweier Erdnüsse. Eine dreifach geschlungene Kette großer Perlen lag um ihren Hals. Eine Brillantbrosche blitzte an ihrem Kleid, eine Smaragdspange an ihrem Gürtel. Scottie betrachtete ihre Hände und stellte fest, daß sie nur an den Daumen keine Ringe trug.

 

»Es tut mir entsetzlich leid, daß der Wagen hier soviel Schaden anrichtet, aber warum machen Sie Ihre Straßen nicht breiter?«

 

Sie mußte wohl einige Jahre in Amerika gelebt haben, denn sie hatte diesen eigentümlichen Akzent angenommen, den Engländer nach einem längeren Aufenthalt in den Vereinigten Staaten bekommen. Scottie war unbehaglich zumute.

 

Recht gewöhnlich, dachte er und fragte sich, wie sie zu dem Schmuck gekommen sein mochte.

 

»Ich bin seit vielen Jahren nicht in dieser Gegend gewesen«, sprach sie gleich weiter. Sie hielt ihn natürlich für einen Bewohner von Beverley Green. »Man hat mir soviel von diesem Ort erzählt. Hier ist doch jemand umgebracht worden?«

 

»Gewiß«, entgegnete Scottie höflich und reichte ihr die Zeitung. »Sie finden hier einen eingehenden Bericht darüber.«

 

»Ich habe leider meine Brille nicht bei mir«, sagte sie, nahm aber die Zeitung trotzdem an, »Es ist doch schrecklich, daß schon wieder ein Mensch getötet wurde. Man hat mir seinen Namen nicht genannt, und er ist ja auch ohne Bedeutung für mich. Es ist wirklich fürchterlich, daß in letzter Zeit wieder so viele Morde vorkommen. Vor einigen Jahren wurde auch ein solches Verbrechen ganz in unserer Nähe in Santa Barbara verübt, aber mein verstorbener Mann, der Senator, wollte mir nichts darüber erzählen, um mich nicht zu beunruhigen. Er war der Senator Crafton-Bonsor. Vielleicht haben Sie schon einmal von ihm gehört? Sein Name war häufig in den Zeitungen. Er hat sich allerdings nicht viel darum gekümmert, was sie schrieben.«

 

Scottie schloß daraus, daß die Zeitungen den Mann wahrscheinlich recht unfreundlich behandelt hatten, aber ein Senator der Vereinigten Staaten! Darüber kam er nicht so leicht hinweg. Er wußte zwar nicht viel von den Amerikanern, deren Namen in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen, seine Kenntnisse beschränkten sich auf einige Staatsanwälte. Aber er hatte die Vorstellung, daß amerikanische Senatoren hochgestellte Leute seien.

 

»Nun, ich muß jetzt weiterfahren. Es wäre mir entsetzlich, an einem Ort leben zu müssen; an dem ein Mord verübt wurde. Ich könnte nachts nicht mehr schlafen, Mr. –«

 

»Bellingham ist mein Name – Professor Bellingham.«

 

Seine Worte schienen großen Eindruck auf sie zu machen.

 

»Ach, wie interessant! Wissen Sie, ein Professor kam auch einmal zu uns in Santa Barbara. Die Rasenflächen in meinem Park sind so groß wie der ganze Ort hier. Ach ja, der Professor, der mich besuchte, war einfach wunderbar. Er holte lebendige Kaninchen aus seinem Zylinder, und vorher hatte er mir doch gezeigt, daß er nichts darin hatte. Nun muß ich aber wirklich weiterfahren, Herr Professor. Ich wohne im Great Metropolitan-Hotel. Mein Gott, die können einem aber Rechnungen schreiben! Und als ich nach einer Beutelmelone fragte, wußte kein Mensch, was ich meinte. Also, dann auf Wiedersehen.«

 

Der Wagen fuhr an und war bald außer Sicht. Scottie wurde nachdenklich.

 

»Haben Sie den Wagen gesehen?« war die erste Frage, die er an Andy richtete.

 

»Nein, gesehen nicht, aber gehört – ich dachte, es wäre ein Lastauto gewesen.«

 

»Ja, so könnte man es nennen«, gab Scottie zu. »Sie hätten nur die Fracht sehen sollen! Ungefähr – aber ich will Sie nicht langweilen. Es war einfach großartig – und was für eine Dame!«

 

Andy hatte etwas anderes zu tun, als sich um gelegentliche Besucher von Beverley Green zu kümmern.

 

»Wie geht es Miss Nelson?«

 

»Ausgezeichnet, sie macht heute nachmittag einen langen Spaziergang.«

 

Andy wurde rot.

 

»Wer hat Ihnen denn das verraten?«

 

»Sie selbst«, antwortete Scottie kühl. »Sie hat mir sogar aufgetragen, es Ihnen zu sagen. Dieses Mädchen ist recht intelligent.«

 

»Ich habe nicht die Absicht, mich mit Ihnen über die Intelligenz Miss Nelsons zu unterhalten«, entgegnete Andy ein wenig von oben herab. »Und ich weiß auch nicht, warum Sie irgendwelche Schlußfolgerungen aus ihren Worten ziehen. Wahrscheinlich hat sie gemeint, Sie möchten mir bestellen, daß sie sich wohl genug fühlt, allein einen längeren Spaziergang zu machen.«

 

»Vielleicht. Sie sagte nur, daß sie um drei Uhr am zweiten Golfloch sei und dort auf Sie warten werde.«

 

Andy wußte darauf nichts zu erwidern.

 

»Und da wir gerade von Liebe sprechen«, fuhr Scottie fort, »so möchte ich Sie doch bitten, einmal nachzusehen, was der Berichterstatter des ›Post Herald‹ über die Verhaftung eines gefährlichen Verbrechers schreibt – damit meint er nämlich mich. Er zieht allerhand Schlüsse aus der Tatsache, daß sich die Verhaftung kurz vor dem Mord ereignete.«

 

*

 

Andy hatte schon zehn Minuten am Golfloch gewartet, ehe Stella kam.

 

»Ich fürchtete schon, Sie könnten nicht abkommen«, sagte sie. »Hat Ihnen der Professor meinen Auftrag ausgerichtet?«

 

»O ja, er hat es mir bestellt«, entgegnete Andy trocken.

 

»Hat er Ihnen auch von der merkwürdigen Dame erzählt?« fragte sie ihn interessiert. »Scottie hatte eine lange Unterredung mit ihr. Ihr Auto hat zwei Fliederbüsche vollständig umgefahren. Der große Wagen wollte in der engen Straße wenden!«

 

»Was war denn das für eine merkwürdige Dame? Hat sie Beverley Green besucht?«

 

Stella nickte.

 

»Ich sah sie durchs Fenster, Es gibt nur eine Beschreibung für sie – sie glitzerte! Ich hatte leider noch keine Gelegenheit, Scottie über sie auszufragen.«

 

Sie gingen langsam weiter – Andy wußte nicht, welchen Weg sie eingeschlagen hatten. Ihm wurde nur so viel klar, daß sie zu den Grenzhecken von Beverley Hall kamen. Er war in einer ganz anderen Welt unendlich glücklich. Anziehend – hübsch – schön? Er hatte sich diese Frage schon einmal beantwortet. Er betrachtete Stella von der Seite. Ihr Profil war vollkommen, ihre Haut schimmerte in dem wenig schmeichelhaften, hellen Sonnenlicht ebenso zart wie in der Abendbeleuchtung.

 

»Artur Wilmot hat mich heute geschnitten«, sagte sie.

 

»Aber warum denn? Ich dachte doch – ich hatte gehört –«

 

Er vollendete den Satz nicht.

 

»Daß ich mit ihm verlobt sei?« sagte sie leise lachend. »Die Leute von Beverley verloben einen sehr leicht. Ich war nie mit ihm verlobt. Ich trug wohl früher einen Ring, weil – nun, weil er mir gefiel. Mein Vater hat ihn mir früher einmal geschenkt.«

 

Er seufzte erleichtert auf, sie hörte es und sah ihn schnell von der Seite an. Aber dann schaute sie rasch wieder fort.

 

»Was ist eigentlich der Beruf Artur Wilmots?«

 

»Ich weiß es nicht. Er hat immer in London zu tun. Über seine Geschäfte spricht er nie, und niemand weiß etwas davon. Das ist merkwürdig, denn die meisten jungen Leute erzählen sehr gern von ihrem Beruf – wenigstens die ich kenne. Sie sind stolz auf die eigene Tüchtigkeit und wissen eigentlich sonst nicht viel zu reden. Aber Sie habe ich noch nie über ihre Tüchtigkeit sprechen hören, Doktor Andrew.«

 

»Ich glaubte, daß ich schön außerordentlich gesprächig gewesen wäre – Miss Nelson.«

 

»Nun seien Sie doch nicht komisch – Sie haben mich schon Stella genannt und ein dummes Kind, als Sie neulich morgens kamen. Ist es nicht wunderschön?«

 

»Ich bin damals wohl sehr kühn gewesen«, gab er kleinlaut zu.

 

»Ich meinte, daß wir uns kennengelernt haben und daß ich Sie gerne mag. Im allgemeinen kann ich mich nämlich nur schwer an einen Menschen gewöhnen. Vielleicht war es auch eine Reaktion. Ich habe Sie so sehr gehaßt, weil ich mich immer schuldig fühlte, wenn Sie mich ansahen. Ich dachte immer, Sie müßten schrecklich sein, ein Bluthund, der arme, unglückliche Menschen hetzt.«

 

»Wahrscheinlich haben alle Leute diese Vorstellung von Polizeibeamten. Und wir schmeicheln uns mit dem Gedanken, daß der Anblick einer Polizeiuniform jeden guten Bürger erfreut.«

 

»Ich bin kein guter Bürger. Im Gegenteil, ein sehr schlechter – Sie wissen gar nicht, wie schlecht ich bin.«

 

»Ich kann es vermuten.«

 

Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her.

 

»Stella«, sagte er dann plötzlich, »hat Merrivan bei Ihrem letzten Zusammensein mit ihm irgendwelche Andeutungen über die Zukunft gemacht – wo er leben würde?«

 

»In Italien«, sagte sie. »Er erzählte mir, daß er viel Geld bekommen würde, und daß er einen herrlichen Palast am Corner See gekauft habe.«

 

»Hat er Ihnen nicht mitgeteilt, ob er das Geld bereits erhalten habe?«

 

»Nein, ich kann mich erinnern, daß er sagte, er werde es bekommen. Ich hatte den Eindruck, daß er es von irgendeiner Seite erhalten würde. Aber wir wollen bitte nicht mehr über diese Sache sprechen.«

 

Von wem erwartete Merrivan das Geld? Doch nicht von Albert Selim? Oder hatte er vielleicht die Summe schon erhalten und versteckt? Möglicherweise hatte der Wucherer entdeckt, daß Merrivan ins Ausland gehen wollte, und versucht, das Geld wieder zurückzubekommen. Selim klagte sein Geld nie vor Gericht ein – das war auch ein sonderbarer Umstand. Er verlieh offenbar nur Geld, wenn er sein Opfer irgendwie in der Hand hatte.

 

Als sie an eine steile Stelle kamen, nahm er Stellas Hand, um sie zu stützen, aber er ließ sie nicht los, als der Weg wieder eben wurde. Sie zog die Hand auch nicht fort. Sie war glücklich in seiner Gegenwart. Die Berührung dieser starken Hand, die die ihre so behutsam hielt, war wohltuend. Etwas von seiner Kraft und Ruhe war auf sie übergegangen, als er sie damals an den Schultern gepackt hatte.

 

»Sie sind sehr ernst geworden«, sagte sie auf dem Rückweg. »Ich wußte, daß unser Spaziergang so sein würde – so wunderschön. Ich wünsche mir jetzt nichts mehr – mein Glück ist vollkommen. Ein zweites Mal würde es nicht mehr so werden wie heute.«

 

Sie waren bei dem zweiten Golfloch angekommen. Es war niemand zu sehen.

 

Andy beugte sich zu ihr, und seine Lippen berührten die ihren.

 

Kapitel 14

 

14

 

Mr. Boyd Salter saß an einem kleinen Tisch in der Nähe des offenen Fensters seiner Bibliothek. Von hier aus konnte er das ganze Tal und auch einen Teil von Beverley Green überschauen. Er war damit beschäftigt, Patiencen zu legen, wurde aber doch nicht so davon in Anspruch genommen, daß er nicht von Zeit zu Zeit eine Pause gemacht und aus dem Fenster gesehen hätte. Einmal interessierte ihn eine Schafherde, die gerade des Weges kam, dann beobachtete er einen Habicht, der plötzlich herabstieß und sich mit seiner Beute wieder in die Lüfte erhob. Er wurde auf einen Mann in einem langen dunklen Mantel aufmerksam, der sich sehr merkwürdig benahm. Aber die Entfernung war zu groß, um feststellen zu können, was er eigentlich tat. Er ging an dem Rand einer Pflanzung entlang, aus der er vermutlich herausgekommen war.

 

Mr. Salter drückte den Knopf einer elektrischen Klingel.

 

»Bringen Sie mir meinen Feldstecher, Tilling. Wissen Sie, ob dort ein Parkwächter in der Gegend herumstreift?«

 

»Ich glaube nicht. Madding ist unten im Leutezimmer.«

 

»Schicken Sie ihn, bitte, herauf, aber bringen Sie erst mein Glas.«

 

Mr. Salter stellte den Feldstecher ein, aber er konnte den Fremden nicht erkennen, der etwas zu suchen schien. Der Mann kam nur langsam vorwärts und bewegte sich nicht in gerader Linie.

 

Boyd Salter wandte den Kopf. Ein untersetzter Mann mit rotem Gesicht, der einen Anzug aus Manchestersamt und Gamaschen trug, war eingetreten.

 

»Madding, wer geht dort bei Spring Covert?«

 

Der Wächter legte die Hand über seine Augen.

 

»Sieht mir so aus, als ob es einer von diesen Leuten aus Beverley Green wäre. Ich glaube, es ist Wilmot.«

 

Mr. Salter schaute wieder hinaus.

 

»Sie werden wohl recht haben. Gehen Sie hin, bestellen Sie einen schönen Gruß von mir und fragen Sie, ob Sie etwas für ihn tun können. Vielleicht hat er etwas verloren. Warum aber gerade auf meinem Grundstück etwas vermißt wird, ist mir ein Rätsel.«

 

Madding ging hinaus, und Mr. Salter wandte sich wieder seinen Karten zu. Als er nach einiger Zeit noch einmal hinaussah, eilte der Wächter mit großen Schritten durch das Gelände. Später konnte er nur Madding allein ins Glas bekommen, der Fremde war verschwunden.

 

Boyd Salter nahm die Karten zusammen, mischte sie und legte sie von neuem auf. Bald darauf kam Madding zurück.

 

»Ich danke Ihnen, ich habe schon gesehen, daß Sie ihn nicht mehr angetroffen haben.«

 

»Dieses Ding habe ich gefunden, Sir. Es lag etwas weiter entfernt von der Stelle, wo Mr. Wilmot suchte. Wahrscheinlich hat er danach gesucht.«

 

Er reichte Salter ein goldenes Zigarettenetui, von dem er den Lehm abgewischt hatte. Der Boden um Spring Covert war feucht und lehmig.

 

Mr. Salter nahm das Etui und öffnete es. Es enthielt zwei feuchte Zigaretten und ein abgerissenes Stück Zeitungspapier, auf dem mit Bleistift eine Adresse geschrieben war.

 

»Es ist gut, Madding. Ich werde dafür sorgen, daß es Mr. Wilmot zurückerhält. Es wird ihm gehören, hier ist sein Monogramm. Ich glaube, daß er Ihnen eine gute Belohnung geben wird. Ich habe gehört, Sie haben heute morgen ein Hermelin gefangen? Diese Tiere sind doch die größten Feinde der jungen Fasane. Sagten Sie nicht, daß es in diesem Jahr viele gibt? Nun, es ist gut, ich danke Ihnen, Madding.«

 

»Entschuldigen Sie bitte, Sir, ich möchte Ihnen noch etwas mitteilen.«

 

Der Parkwächter wartete einen Augenblick, bis Salter ihm zunickte weiterzusprechen.

 

»Es ist wegen des Mordes. Ich habe die Vermutung, daß der Täter durch den Park geflohen ist.«

 

»Wie kommen Sie darauf?«

 

»Ich war in jener Nacht draußen unterwegs. Die Leute von Beverly wildern schlimmer denn je. Mr. Goldings Oberwächter erzählte mir erst heute wieder, daß er einen Mann gefaßt hat, der sechs Fasanen in seinem Rucksack hatte. Als ich so herumstreifte, hörte ich unten bei Vally Bottom einen Schuß. Ich lief so schnell wie möglich hin, obgleich ich mir sagte, daß sich Wilddiebe im allgemeinen hier nicht mit Gewehren herumtreiben. Als ich eine Strecke weit gegangen war, hielt ich an und horchte. Ich kann einen Eid darauf leisten, daß ich hörte, wie jemand über den hartgetretenen Weg ging, der nach Spring Covert führt, wo eben auch Mr. Wilmot war. Ich rief ihn an, aber da hörte ich keine Schritte mehr. ›Bleiben Sie stehen, Sie sind erkannt!‹ rief ich, da ich dachte, es sei ein Wilddieb. Ich habe aber nichts mehr gehört und auch niemand gesehen.«

 

»Haben Sie der Polizei das alles mitgeteilt? Das hätten Sie tun sollen, Madding. Es könnte ein wichtiger Anhaltspunkt sein. Glücklicherweise besucht mich Mr. Macleod heute nachmittag.«

 

»Ich wußte nicht recht, was ich tun sollte. Ich habe den Schuß nämlich nicht mit dem Mord in Verbindung gebracht. Erst als ich es meiner Frau erzählte, sagte sie, daß ich Ihnen das mitteilen müsse.«

 

»Ihre Frau hat recht, Madding«, erwiderte Salter lächelnd. »Bleiben Sie in der Nähe, wenn Doktor Macleod kommt.«

 

Andy, der Mr. Salter wegen der Leichenschau verschiedenes zu fragen hatte, hörte die Geschichte des Parkwächters mit Interesse an und erkundigte sich nach der genauen Zeit, wann er den Schuß gehört hatte.

 

»Madding hat auch ein Zigarettenetui gefunden, das Mr. Wilmot gehört«, sagte Boyd Salter und erzählte, daß er Artur auf der Suche nach einem Gegenstand gesehen habe. »Ich danke Ihnen, Madding, Sie brauchen nicht zu warten, wenn nicht Doktor Macleod noch weitere Fragen an Sie hat. Nein? Dann können Sie gehen.«

 

Andy betrachtete das Etui.

 

»Wie kam er denn in die Nähe von Spring Covert? Führt dort ein öffentlicher Weg vorbei?«

 

»Nein, er hat unerlaubt fremdes Gebiet betreten, obgleich ich so harte Worte nicht gern von den Spaziergängen eines Nachbarn auf meinem Grund und Boden gebrauche. Unsere Freunde in Beverley Green haben die Erlaubnis, hier auf meinem Gelände Picknicks zu veranstalten. Sie müssen nur meinem Wächter davon Mitteilung machen. Aber sie kommen eigentlich nie nach Spring Covert – es ist nicht besonders schön dort.«

 

Andy öffnete das Etui und nahm das Stückchen Zeitungspapier heraus. »Es ist wohl eine Adresse«, meinte Mr. Salter.

 

»Ja – die Adresse des ermordeten Sweeny –, und Wilmot hat sie am selben Tag erhalten, an dem der Mord begangen wurde!«

 

Er drehte den kleinen Fetzen um. Er war von einer Sonntagszeitung abgerissen, oben war noch zu lesen … onntag, den 23. Juni…

 

Offenbar hatte diese Zeitung Sweeny gehört, dachte Andy. Wahrscheinlich hatten sich die beiden getroffen, miteinander gesprochen, Wilmot hatte sich währenddessen überlegt, daß ihm der Sekretär Albert Selims vielleicht noch irgendwie nützlich sein könnte, und hatte sich deshalb seine Adresse notiert. Diese Begegnung hatte aber schwerlich in Spring Covert stattgefunden, wo das Etui gefunden worden war. Sie mußten sich dort nach Einbruch der Dunkelheit noch einmal getroffen haben, oder Wilmot hatte nachts diesen Platz heimlich aufgesucht. Die erste Möglichkeit erschien Andy wahrscheinlicher.

 

Wilmot hatte also doch etwas mit der Sache zu tun.

 

»Worüber denken Sie nach?« fragte Boyd Salter.

 

»Es ist merkwürdig, ich weiß nicht, was ich aus diesem Fund machen soll. Ich werde Wilmot aufsuchen und ihm das Etui zurückgeben, wenn Sie gestatten.«

 

Als er nach Beverley Green zurückging, fiel es ihm plötzlich auf, daß fast alle wichtigen Ereignisse während seines Aufenthaltes doppelt eingetreten waren. Er hatte die Drohung Wilmots vor Merrivans Haus und die Wutausbrüche Nelsons vor dessen Tür gehört. Sowohl in Merrivans als auch in Nelsons Haus hatte er verbrannte Papiere entdeckt. Und nun war wieder etwas gefunden worden –

 

»Wir haben einen kostbaren Brillantring gefunden – vielmehr Mr. Nelson hat ihn auf dem Rasen entdeckt«, begrüßte ihn der Polizeiinspektor. »Ich habe nicht gehört, daß irgendwo ein Ring vermißt würde. Niemand im ganzen Dorf bekennt sich als Eigentümer des Schmuckstücks.«

 

Stella war doch wirklich zu achtlos! Sie streute verdächtigende Gegenstände wie der ›Fuchs‹ bei der Schnitzeljagd.

 

»Der Eigentümer wird sich schon noch melden«, meinte Andy gleichgültig.

 

Am Abend traf er Wilmot, der gerade nach Hause kam.

 

»Ich glaube, das gehört Ihnen«, sagte Andy und hielt ihm das Etui hin.

 

Wilmot wurde rot.

 

»Ich glaube kaum. Ich habe nichts verloren –«

 

»Aber Ihr Monogramm ist doch darauf, und zwei Leute haben es bereits als Ihr Eigentum erkannt.«

 

Das war zwar nicht die Wahrheit, aber Andy hatte Erfolg mit dieser Methode.

 

»Tatsächlich! Ich danke Ihnen, Doktor Macleod. Ich hatte es noch nicht vermißt.«

 

Andy lächelte.

 

»Dann haben Sie oben bei Spring Covert wohl nach etwas anderem gesucht?«

 

Wilmot wurde jetzt blaß.

 

»Wann haben Sie sich Sweenys Adresse notiert?«

 

Wilmot sah Andy haßerfüllt an. Entweder war Wilmot schuldig oder eifersüchtig. Wahrscheinlich war Eifersucht die Ursache – er wußte oder vermutete doch, wie Andy zu Stella Nelson stand.

 

»Ich traf ihn am Sonntagmorgen, er bat mich, ihn für eine neue Stellung zu empfehlen. Ich hatte ihn kennengelernt, als er in den Diensten meines Onkels stand. Ich traf ihn auf dem Golfplatz, und so schrieb ich seine Adresse auf ein Stück Zeitungspapier.«

 

»Sie haben aber weder mir noch Inspektor Dane gesagt, daß Sie ihm begegnet waren.«

 

»Das hatte ich ganz vergessen – nein, das stimmt nicht, aber ich wollte nicht in diesen Fall verwickelt werden.«

 

»Sie haben ihn dann nachts noch einmal gesehen – warum wählten Sie Spring Covert als Treffpunkt?«

 

Wilmot schwieg, und Andy mußte seine Frage wiederholen.

 

»Er war von Beverley Green fortgegangen und wollte mich noch einmal sprechen. Er dachte, daß es mir peinlich sei, wenn man uns zusammen sähe.«

 

»Wann dachte er denn das? Am Morgen, als die zweite Verabredung vereinbart wurde?«

 

»Ja«, entgegnete Wilmot zögernd. »Wollen Sie nicht hereinkommen, Macleod.«

 

»Sind Sie allein?«

 

»Ja, ich bin allein im Haus. Die Dienstboten haben heute alle Ausgang. Sie kommen auch sonst nur in mein Zimmer, wenn ich sie rufe.«

 

Artur Wilmots Haus war das kleinste von allen, aber es war mit hervorragendem Geschmack eingerichtet. Wenn es Andy trotzdem nicht vollständig befriedigte, so lag das wohl daran, daß ihm der Charakter der Einrichtung zuwenig männlich erschien.

 

Auf dem Tisch des Zimmers, in das sie traten, lag ein halbfertiger Damenhut. Wilmot unterdrückte einen Ausruf. Es war eine mit prachtvoller, farbiger Seide überzogene Hutform.

 

Ihre Ankunft mußte irgend jemand gestört haben. Andy tat, als ob er nichts gesehen hätte, aber Wilmot war zu aufgeregt, um die Sache übergehen zu können, und versuchte, Andy eine Erklärung zu geben.

 

»Vermutlich hat wieder eins der Dienstmädchen hier gearbeitet!« Mit diesen Worten packte er den Hut und schleuderte ihn in eine Ecke.

 

Der Zwischenfall, der eigentlich Wilmots Verwirrung hätte vergrößern müssen, schien die entgegengesetzte Wirkung zu haben. Seine Stimme war klar und fest, als er jetzt sprach.

 

»Ich habe Sweeny zweimal getroffen, und es war töricht von mir, es nicht sofort zuzugeben. Sweeny haßte meinen Onkel. Er kam zu mir, um mir etwas zu erzählen – er deutete wenigstens an, daß er etwas wüßte, durch das ich Mr. Merrivan in meine Hand bekäme. Die zweite Zusammenkunft in Spring Covert diente dazu, über die Bedingungen zu verhandeln, unter denen Sweeny mir seine Informationen geben wollte. Ich wünschte, ich wäre nicht hingegangen, ich bin auch nicht lange dort gewesen. Ich versprach Sweeny, ihm zu schreiben, und damit hatte die Sache ein Ende.«

 

»Worin bestand denn Sweenys Geheimnis?«

 

Wilmot zögerte.

 

»Offen gestanden, ich weiß es nicht. Ich hatte nur den Eindruck, daß Mr. Merrivan irgendwie in Selims Schuld war – Selim war der Name von Sweenys Chef. Aber das kann ich nicht recht glauben, es kommt mir fast lächerlich vor. Mein Onkel war ein reicher Mann.«

 

Andy schwieg und überlegte, ob Wilmot die Wahrheit gesagt haben könnte.

 

»Haben Sie irgendeine Ahnung, wer Ihren Onkel getötet haben könnte?«

 

Wilmot runzelte die Stirn. »Haben Sie denn eine Vermutung?«

 

Andy wußte, wen Wilmot beschuldigen würde, wenn auch nur der geringste Verdacht auf ihn selbst fallen sollte.

 

»Ich habe mir viele Theorien zurechtgelegt«, erwiderte er kühl. »Aber es wäre übereilt, wenn ich mich jetzt schon endgültig für eine von ihnen entscheiden würde. Da fällt mir etwas ein, Mr. Wilmot. Als wir uns das letztemal sahen, sprachen Sie von einem nichtswürdigen Mädchen. Das interessiert mich. Sie beschwerten sich heftig über sie und sagten, daß Sie ihretwegen Streit mit Ihrem Onkel gehabt hätten. Das könnte ein wichtiger Anhaltspunkt sein. Wer war diese Dame?«

 

Das war ein meisterhafter Angriff, der wohlüberlegt im günstigsten Augenblick geführt wurde.

 

Auf eine so direkte Frage war Wilmot nicht vorbereitet. Es war ihm klar, daß Macleod genau wußte, wen er gemeint hatte. Er mußte jetzt mit der Sprache heraus oder –

 

»Die Antwort darauf muß ich schuldig bleiben.«

 

Aber Andy war schon zu weit gegangen und hatte zu viel gewagt, um seinem Gegner jetzt noch gestatten zu können, das Gefecht abzubrechen.

 

»Das kann ich nicht gelten lassen. Entweder kennen Sie eine solche Dame oder Sie kennen sie nicht. Entweder haben Sie sich mit Ihrem Onkel gestritten oder nicht. Ich spreche jetzt als der Polizeibeamte, der mit der Untersuchung dieses Falles beauftragt ist, und ich muß die Wahrheit erfahren.«

 

Seine Stimme klang hart und drohend.

 

»Ich war damals sehr verwirrt«, sagte Artur Wilmot mürrisch und widerwillig. »Ich wußte nicht, was ich sagte. Ich meinte keine bestimmte Dame, auch habe ich mich mit meinem Onkel nicht gestritten.«

 

Langsam zog Andy ein Notizbuch aus der Tasche und schrieb diese Worte Wilmots, der ihn wütend beobachtete, auf.

 

»Ich danke Ihnen. Ich werde Sie jetzt wohl nicht wieder in dieser Angelegenheit belästigen müssen.«

 

Ohne ein weiteres Wort entfernte er sich.

 

Wilmot blieb zurück und trug sich mit Mordgedanken.

 

»Mr. Macleod!«

 

Andy drehte sich an der Gartenpforte noch einmal um. Wilmot kam hinter ihm her.

 

»Es ist jetzt sicher kein Grund mehr vorhanden, warum ich das Haus meines Onkels nicht betreten dürfte. Ich bin der gesetzmäßige Erbe Mr. Merrivans, und ich habe einige Vorbereitungen für seine Beerdigung zu treffen.«

 

»Ich muß Ihnen im Augenblick nur noch die eine Beschränkung auferlegen, daß Sie nicht in sein Arbeitszimmer gehen. Dieser Raum kann erst nach der Leichenschau freigegeben werden.«

 

Andy ging über die Straße und sprach mit dem Polizeisergeanten, der das Haus bewachte.

 

»So, diese Sache habe ich in Ordnung gebracht, Mr. Wilmot. Der Beamte wird Sie einlassen.«

 

Andy war weder überrascht noch belustigt über den Damenhut in Wilmots Zimmer, der zu vielen Vermutungen Anlaß geben konnte. Wilmots Verlegenheit war zu deutlich und seine Erklärung vollständig unglaubwürdig gewesen. Ein Dienstmädchen sollte den Hut dort genäht haben? Das stimmte doch nicht mit seiner Angabe überein, daß kein Dienstbote in sein Zimmer kommen dürfe, wenn er nicht gerufen war. Wilmot war Junggeselle wahrscheinlich nicht besser und nicht schlechter als alle Junggesellen. Aber es war doch ein wenig überraschend, daß er seine Damen nach Beverley Green brachte, wo alle Dienstboten bekanntermaßen klatschten. Eine solche Unbesonnenheit sah Artur Wilmot gar nicht ähnlich.

 

Er ging zu Nelsons. Wenn er nach seinen Wünschen hätte handeln können, wäre er jeden Tag dort hingegangen und die ganze Zeit dort geblieben. Er richtete es jetzt immer so ein, daß er Scottie in den frühen Morgenstunden draußen im Freien traf, gewöhnlich in den Parkanlagen.

 

Stella empfing ihn. Ihr Vater war im Atelier und arbeitete. Sie war begeistert, denn Kenneth Nelson hatte ein neues Gemälde begonnen, ein Porträt Scotties.

 

»Das ist ja großartig, weil ich dann immer ein gutes Bild von Scottie zur Verfügung habe«, meinte Andy. »Wenn ich ihn in Zukunft wieder einmal verhaften lassen muß, schicke ich meine Leute einfach zur Akademie, damit sie ihn vorher genau studieren können.«

 

»Er wird in Zukunft aber nichts mehr anstellen«, sagte sie, denn sie war über seine Worte erschrocken. »Er erzählte mir, daß er sein altes Leben aufgeben und nicht mehr stehlen wolle.«

 

Andy lächelte.

 

»Ich würde ja nur zu froh sein, wenn es so wäre. Kennst du Artur Wilmot sehr gut, Stella?«

 

Sie wollte schon sagen, daß sie ihn nur allzugut kenne.

 

»Ich habe es einmal gedacht«, erwiderte sie. »Warum fragst du danach?«

 

»Weißt du, ob er irgendwelche Freundinnen oder weibliche Verwandte hat?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Seine einzigen Verwandten waren Mr. Merrivan und eine alte Tante. Er hat nie Besuch gehabt mit Ausnahme seiner Tante, die aber gestorben ist, soviel ich weiß. Er hat nicht einmal Junggesellenabende gegeben. Ich weiß nicht mehr, was vorgeht. Hast du neue Anhaltspunkte gefunden? Der ganze Ort wimmelt von Zeitungsreportern. Einer kam und fragte mich, ob ich ihm irgendwelche Einzelheiten aus Mr. Merrivans Privatleben erzählen könne. Er fragte mich zum Beispiel, ob er regelmäßig zur Kirche gegangen und sonst ein ruhiger, stiller Mensch gewesen sei. Ich gab zur Antwort, daß ich nicht viel über ihn wisse. Er war leicht zufriedenzustellen.«

 

Andy seufzte. »Ich bin nur froh, daß Downer nicht gekommen ist.«

 

»Wer ist Downer?«

 

»Ein Journalist, der tüchtigste und geschickteste Mann von der ganzen Gesellschaft. Der gibt sich nicht so leicht zufrieden wie der Reporter, der dich aufgesucht hat. Er hätte auch nicht so dumme Fragen gestellt. Er hätte mit deinem Vater über Kunst gesprochen, wäre ins Atelier gegangen, hätte den Pygmalion bewundert und mit deinem Vater über Farbwerte, den Einfluß der Atmosphäre, über Beleuchtungs- und Bewegungsmotive diskutiert. Wenn er aber gegangen wäre, hättest du das unangenehme Gefühl gehabt, mehr gesagt zu haben, als gut war. Und zwar nicht über alte Meister, sondern über Mr. Merrivans Privatleben.«

 

Sie wandte die Augen nicht von ihm, während er sprach. Aber er sah sie nicht lange an, denn er fürchtete, er würde sie an sich reißen und nicht wieder freigeben.

 

»Du mußt unheimlich viele Menschen kennenlernen, diesen Downer zum Beispiel, und Leute wie Scottie. Ich nannte ihn übrigens aus Versehen auch Scottie, es schien ihm sehr angenehm zu sein. Gibt es eigentlich etwas Neues?«

 

»Inspektor Dane hat deinen Ring gefunden. Streust du deine Brillantringe immer so aus?«

 

Sie war nicht im mindesten verwirrt.

 

»Ich habe ihn weggeworfen, ich weiß nicht mehr, wo. Willst du schon gehen? Du bist noch kaum eine Minute hier und hast weder meinen Vater noch sein Gemälde gesehen.«

 

»Ich bin schon lange genug hiergewesen, um die ganze Nachbarschaft in Aufruhr zu bringen. Verstehst du nicht, daß ich dich nur besuchen kann, wenn ich unter dem einen oder anderen Vorwand auch zu allen anderen gehe? Jeden Tag mache ich zehn bis zwölf verschiedene Besuche und falle den Leuten auf die Nerven – nur um dich einmal sehen zu können.«

 

Sie begleitete ihn zur Tür.

 

»Ich wünschte, du würdest kommen und wieder Staub wischen«, sagte sie zärtlich.

 

»Und ich – ich wünschte, wir wären wieder bei dem zweiten Golfloch«, erwiderte er leise.

 

Sie lachte, und er hörte sie noch auf dem Gartenweg.

 

Kapitel 15

 

15

 

Es war keine Übertreibung, wenn man sagte, daß Artur Wilmot seit dem Tod seines Onkels unter einem ständigen Druck lebte und manchmal glaubte, den Verstand zu verlieren. Weder sein Charakter noch seine Erziehung befähigten ihn, diesen schweren Schlag tapfer zu ertragen und zu überwinden. Er hatte von seiner Mutter, einer gescheiten, aber nervösen Frau, die Schwäche geerbt, sich seinen augenblicklichen Stimmungen und Launen zu überlassen, ohne ihnen irgendwelchen Widerstand entgegenzusetzen. Er kannte keine andere Hemmung als Furcht, gab sich wenig Mühe, sich im Zaum zu halten, und war launenhaft wie ein Kind. Daß Stella zum Beispiel seinen wahren Charakter nicht früher erkannt hatte, lag daran, daß er fest davon überzeugt war, ihre Freundschaft werde sich zu gegebener Zeit so entwickeln, wie er es wünschte. Es war ihr entgangen, daß er ihr immer näherzukommen suchte. Früher hatte er nicht die mindeste Andeutung gemacht, daß er in sie verliebt sei, weil er das Geheimnis seines Lebens nicht preisgeben wollte. Er dachte, daß er dadurch ihr gegenüber aufrichtig handelte, wenigstens versuchte er, sich das einzureden. Er glaubte, sie hätte ihm im Verlauf ihres freundschaftlichen Umganges Anlaß gegeben, ihr Verhältnis enger zu gestalten. Als er sich schließlich entschlossen hatte, ihr in sorgsam gewählten Worten seine Absichten zu erklären, kam ihre Weigerung für ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

 

Seine Eitelkeit gestattete ihm nicht, ihre Antwort als endgültig zu betrachten. Er überging ihre Ablehnung, indem er sich sagte, daß Frauen in solchen Augenblicken immer ein wenig sonderbar sind. Nachdem sie ihn auch ein zweites Mal abgewiesen hatte, gefiel er sich in der Rolle des Verzichtenden.

 

Ob er sie liebte oder haßte, war bedeutungslos. Er liebte sich selbst, und da er den Gegenstand seiner Begierde nicht in seinen Besitz bringen konnte, wurde er ihm so teuer, daß ihm das Leben mit all seinen Schönheiten dagegen wertlos erschien.

 

Die Ankunft Andy Macleods in Beverley Green, seine häufigen Besuche bei Nelsons und der Klatsch der Dienstboten trieben ihn zur Verzweiflung. Hinzu kamen noch die Aufregung über den Tod seines Onkels und die Gewißheit, daß der Verdacht auf ihn fallen könnte. Außerdem machte er sich Sorgen über seine eigene Zukunft. Sein Onkel hatte ihm Geldmittel gegeben, ein Geschäft in der Stadt zu gründen. Was mochte er in seinem Testament für ihn bestimmt haben? Hatte er überhaupt ein Testament gemacht? Er war sowohl von dem Rechtsanwalt Mr. Merrivans als auch von Polizeiinspektor Dane danach gefragt worden, denn niemand hatte ein solches Dokument entdecken können.

 

Wenn er Inspektor Dane oder Andy fragte, ob irgend etwas gefunden worden sei, dachte er hauptsächlich daran. Es war merkwürdig, daß Darius Merrivan ihm sein Geheimfach im Schlafzimmer überhaupt gezeigt hatte, denn sie standen nicht gerade auf sehr vertrautem Fuß miteinander. Artur hatte sich oft gewundert, warum sein Onkel ihm in so großzügiger Weise Geld zur Gründung eines Geschäftes zur Verfügung gestellt hatte, ohne nach Einzelheiten zu fragen. Nie hatte er Zinsen von ihm verlangt oder ihn an die Rückzahlung des Geldes gemahnt, und deshalb glaubte er, daß Mr. Merrivan beabsichtigte, ihn bei seinem Tod als Erben seines großen Vermögens einzusetzen.

 

Sein Onkel hatte ihn einmal gebeten, nicht darüber zu sprechen, daß er verheiratet sei. Aber er hatte ihm das Geld sicher nicht gegeben, um sich dadurch sein Schweigen zu erkaufen. Schon als naher Verwandter war Wilmot zum Schweigen verpflichtet, da die Ehe mit einem solchen Skandal geendet hatte.

 

Artur Wilmot wartete, bis Andy den Weg zu Nelsons Haus einschlug, dann ging er selbst zur Wohnung seines Onkels.

 

»Mr. Macleod sagte mir, daß Sie kommen würden«, erklärte der Polizeisergeant. »Er wird Ihnen mitgeteilt haben, daß Sie das Arbeitszimmer des Verstorbenen nicht betreten dürfen.«

 

Wilmot nickte und stieg die Treppe hinauf.

 

Drei von Mr. Merrivans Dienstboten waren entlassen worden. Sie waren alle aus Beverley und konnten leicht als Zeugen bei der Leichenschau verhört werden. Zwei der anderen Dienstboten hatte Artur bei sich aufgenommen. Sie wollten nicht in dem Haus schlafen, in dem der Mord geschehen war, obwohl sie tagsüber dort arbeiteten.

 

Artur ging direkt in Merrivans Schlafzimmer. Andy konnte ja jeden Augenblick erfahren, daß er sofort von der Erlaubnis Gebrauch gemacht hatte. Es war möglich, daß der Detektiv dann gleich zurückkam, um seine Nachforschungen zu überwachen. Er blieb in der offenen Tür stehen und lauschte, ob der Beamte ihm nicht nach oben gefolgt war. Dann ging er schnell durch das Zimmer, kniete am Fußende des Bettes nieder, ergriff die geschnitzte Rose über dem Wappen und drehte sie nach links. Es knackte, er zog an, und das unter der Rose befindliche Wappen ließ sich wie eine Schublade herausziehen. Verschiedene Papiere und ein Paket Banknoten, das mit einem Gummiring zusammengehalten war, lagen darin. Außerdem befand sich noch eine Mappe mit einem Dokument im Fach. Schnell steckte er alles in seine Seitentasche, schloß die Schublade hastig und drehte die geschnitzte Rose nach der entgegengesetzten Seite. Ob noch ein zweites Geheimfach hinter dem Wappen auf der rechten Seite war? Er ging wieder zur Tür und horchte. Der Sergeant nieste eben unten. Artur wandte sich um. Aber auf dieser Seite waren Rose und Wappen unbeweglich und bildeten einen Teil der massiven Schnitzerei. Er zitterte vor Erregung und wollte so schnell wie möglich in seine eigene Wohnung zurückkommen. Aber er fürchtete, daß seine Erregtheit dem aufmerksamen Polizeibeamten auffallen könnte. Um Zeit zu gewinnen und seine Fassung wiederzuerlangen, ging er auch noch in die anderen Räume. Schließlich stieg er die Treppe hinunter.

 

Der Polizist hatte sich in der Diele in einem bequemen Sessel niedergelassen und schaute von der Zeitung auf. »Haben Sie etwas gefunden, Sir?«

 

»Nichts Besonderes. Ich fürchte, es hat mich ein wenig mitgenommen –«

 

»Das kann ich gut verstehen«, sagte der Polizist wohlwollend. »Das ist auch der erste Mord, den ich in meiner zwanzigjährigen Dienstzeit erlebe. Mr. Macleod ist ja an. dergleichen gewöhnt außerdem ist er Arzt –, großer Gott, wie kaltblütig der über all die Sachen sprechen kann!«

 

Artur verschloß die Tür seines Zimmers, zog die Jalousien herunter und drehte das Licht an. Dann erst legte er den Inhalt seiner Tasche auf den Tisch. Auf den ersten Blick sah er, daß bei den Schriftstücken kein Testament war. Er zog das gefaltete Papier aus der Ledermappe, es war ein Trauschein. Zuerst dachte er, es sei die Heiratsurkunde seines Onkels, aber dann erkannte er, daß sie die Eheschließung einer gewissen Hilda Masters, von Beruf Dienstmädchen, mit John Severn, einem Studenten, bescheinigte. Die Ehe war vor dreißig Jahren geschlossen worden. Artur war erstaunt. Warum hatte sein Onkel die Trauungsurkunde eines Dienstmädchens aufbewahrt? Er las das Dokument sorgsam durch, um vielleicht einen Anhaltspunkt zu finden. Die Hochzeit hatte in der St.-Pauls-Kirche, Kensington, London, stattgefunden. Der Name seines Onkels erschien überhaupt nicht auf dem Schriftstück, er war nicht einmal einer der Trauzeugen. Und doch mußte dieser Schein eine ungewöhnliche Bedeutung für den Toten gehabt haben.

 

Als Artur die nächsten Papiere prüfte, vergaß er jeden Gedanken an das Testament.

 

Es waren zwei Wechsel, einer über siebenhundert, der andere über dreihundert Pfund. Sie waren auf Albert Selim ausgestellt und von Kenneth Nelson unterschrieben. Um die Unterschrift des Akzeptanten zu sehen, wandte Artur die Schriftstücke um und fand, wie er erwartet hatte, den Namen seines Onkels. Die beiden Wechsel waren mit einer Stecknadel zusammengeheftet. Außerdem war noch ein Papierstreifen mit der Schrift Merrivans daran befestigt: Diese beiden Wechsel sind Fälschungen. Fällig am 24. Juni.

 

Fälschungen! Wilmot stutzte. Wußte Stella um diese Sache? War sie deshalb am Abend des Dreiundzwanzigsten zu Merrivan gegangen? Sicher war sie eingeweiht. Das war auch die Handhabe Merrivans gegen sie, deswegen war er so sicher, daß sie ihn heiraten würde. In irgendeinem verrückten Augenblick der Betrunkenheit hatte Kenneth Nelson, der stets in Geldsorgen war, die beiden Wechsel mit den gefälschten Unterschriften Merrivan gegeben.

 

Artur pfiff leise vor sich hin. Im Augenblick konnte er die ganze Tragweite seiner Entdeckung noch nicht übersehen. Nachlässig prüfte er die Banknoten, es war eine große Summe, und er steckte sie in seine Brieftasche. Hier war wenigstens ein greifbarer Wert, ein nicht unbeträchtliches Legat. Die anderen Schriftstücke waren lange Listen von Sicherheiten. Er schloß die Listen und die Heiratsurkunde in einen kleinen Geldschrank, der in die Wand eingelassen war, und überließ sich seinen Gedanken.

 

Um halb elf ging er aus. Die Nacht war klar und schön. Aus einem Garten am Ende der Straße hörte er Stimmen herüberschallen.

 

In Stellas Halle brannte noch Licht. Wenn er zu ihr ging, lief er allerdings Gefahr, Andrew Macleod zu treffen, der ihn ausfragen würde, wenn er die Wechsel zeigte.

 

Aber Stella war allein.

 

»Kann ich dich einen Augenblick sprechen, Stella? Ich werde dich nicht lange aufhalten.«

 

»Ja – Sie können mich hier an der Tür sprechen, Mr. Wilmot. Ich hoffe, daß Sie sich kurz fassen.«

 

»Ich kann dir aber doch unmöglich alles hier sagen«, erwiderte er und unterdrückte seinen Ärger.

 

Sie blieb fest.

 

»Ich kann Sie nicht hereinbitten. Es ist schon sehr entgegenkommend von mir, wenn ich überhaupt noch mit Ihnen spreche.«

 

»Meinst du?« rief er aufgebracht. »Aber vielleicht wirst du sehr bald dahinterkommen, daß es außerordentlich liebenswürdig von mir ist, daß ich noch mit dir rede.«

 

Sie wollte ihm die Tür vor der Nase zuschlagen, doch er war schneller als sie und stellte den Fuß dazwischen.

 

Sie wurde zornig: »Ich werde meinen Vater rufen!«

 

»Bitte, tu es doch! Ich hätte gern eine Erklärung von ihm, wie die Unterschrift meines Onkels auf zwei Wechsel zugunsten Selims kommt.«

 

Er war zu aufgeregt, um zu hören, wie schwer sie atmete, aber der Druck gegen die Tür ließ plötzlich nach. Stella war an die Wand getaumelt, ihre Arme hingen schlaff herunter, ihr Köpf war auf die Brust gesunken.

 

»Kommen Sie herein«, sagte sie mit heiserer Stimme.

 

Artur Wilmot trat mit Siegermiene ein und hängte seinen Hut an den Garderobenständer. Dann folgte er ihr ins Wohnzimmer.

 

Sie setzte sich und schaute zu ihm hinüber. Eine Leselampe, deren Schirm ihre Augen verdeckte, stand zwischen ihnen. Aber er sah ihre zitternden Lippen und empfand höchste Genugtuung.

 

»Dein Vater hat den Namen des Akzeptanten gefälscht«, begann er ohne weitere Einleitung, obwohl er sich die Sache vorher anders überlegt hatte.

 

»Kann ich einmal – die – die Wechsel sehen?«

 

Er entfaltete sie und legte sie auf den Tisch.

 

»Ja, sie sahen ganz ähnlich aus«, sagte sie dann gebrochen. »Ich weiß mit solchen Dingen sehr wenig Bescheid. Aber sie sahen wirklich ganz ähnlich aus, Vermutlich waren die beiden Scheine, die ich fortnahm, Nachahmungen. Er wollte mich damit nur zum besten haben, und ich dachte, sie seien echt –«

 

»Dann warst du also am Sonntag abend in seiner Wohnung?« fragte er. »Ich habe dich nämlich hineingehen sehen, und ich beobachtete auch, wie du sein Haus wieder verließest. Du wolltest diese Wechsel von ihm haben, und er hat dir die falschen gegeben. Du hast die Wechsel also gestohlen, aber der Alte hat dich angeführt! Natürlich hat er dich hereingelegt! Was gedenkst du nun in dieser Angelegenheit zu tun?«

 

Sie antwortete nicht.

 

»Ich werde dir die einzige Lösung sagen, die dir übrigbleibt. Du wirst vernünftig sein und mich heiraten. Dieser verdammte Detektiv kann dir doch nichts bedeuten. Er ist doch nur ein besserer Polizist. Du mußt etwas auf dich halten! Es ist unter deiner Würde, mit einem solchen Menschen zu verkehren. Ich werde dir die beiden Wechsel als Hochzeitsgeschenk überreichen. Solltest du dich aber weigern, wird es böse werden. Dem Gesetz nach sind die Wechsel in meinen Besitz übergegangen. Ich bin der Erbe meines Onkels, auch alle seine Forderungen gehen auf mich über. Ich werde Mr. Nelson dahin bringen, wohin er gehört. Ich habe ihn jetzt ganz in meiner Gewalt! Sieh hier – mein Onkel hat auf dieses Papier geschrieben: ›Diese beiden Wechsel sind Fälschungen.‹ Dieses Zeugnis genügt, Stella!«

 

Er ging um den Tisch herum und streckte ihr die Hände entgegen, aber sie hatte sich erhoben und drehte ihm den Rücken zu.

 

»Nun gut, beschlafe die Sache erst noch einmal und überlege dir alles, ich werde morgen wiederkommen. Du kannst Macleod nichts von dieser Geschichte erzählen, ohne ihm zu gestehen, daß dein Vater ein Betrüger ist, und das würde doch etwas zuviel für ihn sein. Er hat sein Bestes getan, dich vor Unannehmlichkeiten zu bewahren, aber nun wäre es seine Pflicht, gegen deinen Vater vorzugehen. Also sei vernünftig, Stella!«

 

Er stand an der Tür und schaute noch einmal zurück. Als er sie schloß, lächelte er, und lächelnd öffnete er die Gartenpforte. Aber in diesem Augenblick legte sich plötzlich eine große Hand auf seinen Mund, und er wurde heftig zurückgerissen. Bevor er noch wußte, was geschehen war, hatte ihn jemand mit der einen Hand an der Kehle gepackt und mit der anderen seine Taschen durchsucht. Er schaute in das wütende Gesicht eines Mannes, der eine Brille trug.

 

»Sie wagen es, ihr zu drohen, und sitzen selbst in der Patsche? Erzählen Sie es doch Macleod! Er wird Ihre Wohnung noch heute abend durchsuchen lassen! Wo haben Sie denn diese Wechsel her?«

 

»Geben Sie mir die – Papiere zurück«, sagte Wilmot mit zitternder Stimme. ›Vieraugen-Scottie‹ grinste unangenehm.

 

»Gehen Sie doch hin und melden Sie die Sache der Polizei. Vielleicht kann die Ihnen die Papiere wieder beschaffen!«

 

Artur Wilmot schlich nach Hause, er war wirklich keine Kämpfernatur.

 

Kapitel 16

 

16

 

»Eine gute Tat«, sagte Scottie, »trägt ihre Belohnung in sich selbst. Und ich fühle, daß ich ganz so handle, wie es in diesen schönen Geschichten steht, die von gebesserten Sträflingen handeln. Als ich zum letztenmal im Gefängnis war, habe ich dort eine ganze Bibliothek von Büchern über die guten Taten ehemaliger Sträflinge gefunden. Oft wurden sie durch das Lächeln eines Kindes von weiterer Schande gerettet. Manchmal war es die Tochter des Gefängnisdirektors, manchmal die Schwester des Geistlichen. Ihr Alter schwankte zwischen neun und neunzehn Jahren. Und die Erinnerung an ihre blauen Augen bewog jeden, seine Verbrecherlaufbahn aufzugeben. Das war das Ende!«

 

»Sie reden nur soviel, damit ich nicht weinen muß«, sagte Stella leise.

 

Im Kamin rauchte wieder ein Haufen verbrannter Papiere.

 

»Die Stecknadel hätten Sie nicht verbrennen sollen,« Scottie hob sie sorgfältig auf, so heiß sie auch war, und steckte sie unter seinen Rockaufschlag. »Verbranntes Papier ist verbranntes Papier, aber nehmen Sie einmal an, Artur Wilmot rennt wirklich zur Polizei und erzählt die Geschichte von den beiden Wechseln, die mit einer Stecknadel zusammengeheftet waren, und man findet dann die Asche der Papiere und eine angebrannte Stecknadel? Das würde doch seine Aussagen bestätigen, und das wäre mir sehr peinlich.«

 

»Sie haben alles gehört?« fragte sie und trocknete ihre Augen.

 

»Das meiste«, gestand Scottie. »Ich stand gerade im Garten, als er mit Ihnen an der Haustür sprach. Die Tür blieb offen, und ich konnte fast alles hören. Der Mann ist noch lange kein richtiger Erpresser. Der müßte erst noch fünf Jahre in die Lehre gehen, bis er so etwas ordentlich anfängt. Er ist zu nervös, außerdem schwatzt er zuviel. Aber diese Eigenheit besitzen alle Bewohner von Beverley Green. Sie sehen mich so zweifelnd an, Miss Nelson – vielleicht denken Sie, daß ich auch zuviel rede? Das stimmt, aber was ich sage, hat Hand und Fuß. Ich weiß Bescheid. Wenn man, wie ich, die ganze Welt gesehen hat, durch Kanada, die Vereinigten Staaten, Australien, Südafrika und diese Inseln gekommen ist, erweitert man seine Kenntnisse. Und ein gelegentlicher Aufenthalt im Gefängnis vertieft das Wissen.«

 

»Ich gehe jetzt in mein Zimmer, Mr. – Scottie. Ich kann Ihnen nicht genug danken. Ich werde es Mr. Macleod sagen.«

 

Scottie schüttelte heftig den Kopf.

 

»Das dürfen Sie unter keinen Umständen tun, das bringt ihn nur in große Verlegenheit. Meine lange Erfahrung mit Polizeibeamten hat mich zwei Dinge gelehrt – ich weiß, was sie wissen wollen und was sie nicht wissen wollen. Und es ist ein Fehler, wenn man ihnen etwas erzählt, das sie nicht wissen wollen.«

 

Sicher hatte er recht. Sie war auch nicht in der Verfassung, mit ihm darüber zu streiten. Diese letzte Aufregung hatte sie vollständig die Nerven gekostet, und sie mußte jetzt allein sein, um sich zu beruhigen. An Artur Wilmot dachte sie gar nicht mehr. Er bedeutete für sie nicht mehr als die Asche, die dort im Kamin lag.

 

»Gute Nacht – und noch vielen herzlichen Dank.«

 

»Träumen Sie etwas Schönes«, sagte Scottie und schaute nicht eher von seinem Buch auf, als bis sie gegangen war.

 

Dann nahm er sorgfältig die ganze Asche aus dem Kamin, trug sie in die Küche und vermischte sie dort in einem Glas mit Wasser. Dieses goß er aus, wusch das Glas wieder ab und trocknete es.

 

*

 

Am nächsten Morgen kam ein klug aussehender Journalist mittleren Alters nach Beverley Green. Er war bei keiner bestimmten Zeitung angestellt, aber alle Blätter nahmen seine Artikel gerne, denn er war einer der tüchtigsten Reporter. Er war sehr gewissenhaft. Für ihn hatte sich alles der Wahrheit unterzuordnen. Wer auch immer beleidigt oder verletzt sein mochte und wessen Interessen gefährdet wurden, war ihm gleichgültig. Seine Methoden waren unnachsichtig und erbarmungslos. Er scheute vor nichts zurück, um die volle Wahrheit herauszubringen. Er brach jedes Versprechen mit derselben Leichtigkeit, mit der er sich ein Frühstück bestellte. Feierliche Gelöbnisse, die Quelle nicht zu verraten oder über gewisse Dinge nicht zu sprechen, gehörten bei ihm zum Handwerk. Die Mehrzahl seiner Kollegen, die in diesen Dingen ehrenhafter waren, verachteten ihn, und sie machten auch kein Geheimnis daraus. Aber sie mußten zugeben, daß er immer großen Erfolg hatte, und sie wünschten manchmal insgeheim, daß sie ebenso gewissenlos handeln könnten wie er.

 

Er war ein untersetzter Mann mit etwas derben Gesichtszügen, trug eine große Brille und rauchte von morgens bis abends Zigarren. Gewöhnlich sah er etwas verdrießlich und unzufrieden aus. Aber er konnte von bezaubernder Liebenswürdigkeit sein, wenn er jemanden aushorchen wollte. Darin lag seine Macht und für sein Opfer die große Gefahr.

 

Es ist eine Tatsache, daß er mit dem Bischof von Grinstead drei Stunden lang, ohne einen Fehler zu machen, über theologische Spitzfindigkeiten sprach, bis ihm der Bischof, um eine seiner Ansichten zu belegen, die bis dahin streng geheimgehaltene Geschichte des Geistlichen Stoner Jelph erzählte, der sich das Leben genommen hatte. Natürlich hatte der Bischof keinen Namen erwähnt, er nannte den Mann nur Mr. X. Aber Downer – so hieß nämlich dieser Journalist – hatte die Geschichte herausbekommen und veröffentlicht. Er nannte in seinem Bericht auch keinen Namen, aber jeder wußte, um wen es sich handelte.

 

Andy war der erste, der Downer in Beverley Green ankommen sah. Er hatte ihn schon seit dem Tag des Mordes erwartet. Der Zeitungsmann wandte sich direkt an ihn.

 

»Guten Morgen, Macleod. Ich hielt es für das beste, Sie aufzusuchen, bevor ich meine eigenen Nachforschungen anstelle. Ich finde immer, daß es nicht fair ist, den betreffenden Beamten nicht davon zu informieren, daß man sich selbst um die Aufdeckung des Verbrechens bemüht. Ein Berichterstatter kann auf diese Weise viel Schaden anrichten. Ich glaube, die wichtigsten Tatsachen weiß ich. Ist in den letzten Tagen noch irgend etwas Neues dazugekommen?«

 

Andy bot ihm eine Zigarre an.

 

»Ich freue mich, daß Sie gekommen sind, Downer, aber Sie kommen etwas spät. Neues kann ich Ihnen leider nicht mitteilen.«

 

»Haben Sie wirklich gar keine neuen Anhaltspunkte? Wer ist eigentlich dieser geheimnisvolle Albert Selim, hinter dem Sie her sind? Mir kommt der Name bekannt vor, ich weiß nur nicht, wo ich ihn unterbringen soll.«

 

»Das wäre eigentlich eine Geschichte für Sie, Downer.« Andy blies dicke Rauchwolken von sich und sah den Journalisten unter gesenkten Lidern hervor an. »Keiner der anderen Reporter hat die Wichtigkeit seiner Person erkannt. Es ist noch nicht geglückt, Selim zu fassen.«

 

»Gut, Macleod, Sie können sich auf mich verlassen. Ich werde Ihnen nicht in die Arbeit pfuschen.«

 

Es wäre falsch gewesen zu sagen, daß Downer sich vor Andy gefürchtet hätte. Er hatte vor nichts Angst. Er achtete Andy, aber wenn es möglich war, ging er ihm aus dem Weg. Macleod war der einzige Detektiv, der fähig und willens war, sich an ihm zu rächen, wenn er etwas gegen ihn unternahm. Downer respektierte diese Tatsache.

 

»Sie haben ›Vieraugen-Scottie‹ hier, wie ich erfahren habe? Er hat doch neulich ein Alibi gehabt und ist freigesprochen worden?«

 

»Ja, er ist hier in Beverley Green. Freunde von mir haben ihn aufgenommen.«

 

»Sie glauben, daß er etwas von der Geschichte weiß?« fragte Downer. »Das wäre möglich. Er ist ein verflucht gerissener Bursche. Ich will ihn in meinem Bericht nicht weiter erwähnen.«

 

Andy beobachtete ihn, wie er später langsam und scheinbar ziellos auf Merrivans Haus zuging. Er hatte ihm alles gesagt, was Scottie betraf, weil er wußte, daß Downer es früher oder später doch herausbekommen würde. Darin hatte er auch klug gehandelt, denn Downer war schon am vorigen Abend in Beverley Green gewesen, hatte Scottie gesehen und war ihm bis zu seiner Wohnung gefolgt.

 

Am Nachmittag war die Leichenschau. Der kleine Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Mr. Boyd Salter, der in der Nähe des Coroners saß, winkte Andy zu sich heran.

 

»Ich habe meinen Parkwächter mitgebracht. Vielleicht ist seine Aussage für die genaue Zeitbestimmung des Mordes wertvoll. Außerdem habe ich versucht, weitere Einzelheiten über Albert Selim ausfindig zu machen. Es scheint, daß er vor etwa fünfunddreißig Jahren mit seiner geschäftlichen Tätigkeit begonnen hat. Ein alter Freund von mir, der natürlich nicht genannt sein will, hatte einmal mit ihm zu tun, als er noch Student war. Er hat Selim aber nie gesehen und kannte auch niemand, der den Geldverleiher persönlich getroffen hätte. Vor etwa fünfundzwanzig Jahren ist er dann wohl nach London gekommen und hat glänzende Verbindungen zwischen Reedern, Exporteuren und Schiffsagenten angeknüpft, über deren finanzielle Lage er ungewöhnlich gut informiert war.«

 

Andy dankte ihm und ging zu seinem Platz zurück.

 

Reeder und Schiffsagenten! Er war doch neulich einmal in einem solchen Büro gewesen! Plötzlich erinnerte er sich an die Firma – Wentworth & Wentworth, deren Geschäfte nicht mehr gutgingen und deren Räume gleich neben denen Selims lagen. Es mochte Zufall sein, aber man konnte sich noch einmal nach diesen Leuten umsehen.

 

Als er diesen Entschluß gefaßt hatte, wurde er aufgerufen, um den Eid zu leisten.

 

Er machte seine Zeugenaussage nach Artur Wilmot, der angegeben hatte, daß der Tote, Mr. Darius Merrivan, sein Onkel sei, und daß er ihn am Abend vor der Tat noch gesehen habe.

 

Dann folgte der Hausmeister. Er erzählte seine Geschichte, die er schon mindestens einem Dutzend Zeitungsleuten berichtet hatte. Andy kannte sie schon auswendig.

 

Andy war gespannt, ob Artur Wilmot noch einmal zurückgerufen werden würde, um die Namen der Freundinnen seines Onkels zu nennen. Er war darüber nicht befragt worden, als er seine Aussage machte. Der Coroner, der die Leichenschau leitete, berührte die Tatsache nicht, daß man die Stimme einer Frau im Arbeitszimmer Mr. Merrivans gehört hatte. Er schien sich weit mehr für den aufgefundenen Drohbrief zu interessieren. Der Hausmeister zeigte an Hand einer Skizze genau die Stelle, wo er den Brief gefunden hatte.

 

»War der Brief zusammengefaltet, oder lag er offen da?«

 

Der Hausmeister war sich darüber nicht klar. Er glaubte, daß er halb offen war, als er ihn aufhob.

 

»Hat man einen Briefumschlag gefunden?«

 

Andy wurde zur Beantwortung dieser Frage wieder in den Zeugenstand gerufen, er konnte aber auch nur angeben, daß man nach einer sehr eingehenden und genauen Untersuchung keinen Briefumschlag entdeckt hatte. Das war Andy selbst schon recht sonderbar erschienen. Der Brief wies kein Datum auf und konnte auch schon früher am Tage Merrivan übergeben worden sein.

 

»Haben Sie einen Anhaltspunkt gefunden, der zu der Annahme führen könnte, Merrivan habe für sein Leben gefürchtet?«

 

»Ich fand einen geladenen Revolver«, antwortete Andy. »Er lag in einem Schrank hinter dem Schreibtisch, und Mr. Merrivan hätte ihn leicht mit der Hand erreichen können. Keine der Patronen war abgeschossen worden.«

 

Es wurden noch viele Zeugen vernommen, zunächst der Polizist, der den Toten zuerst gesehen hatte, dann Mr. Vetch, der Rechtsanwalt des Toten, der Parkwächter Madding, Merrivans Köchin und das hysterische Dienstmädchen, das wieder zu weinen begann und aus dem Gerichtssaal geführt werden mußte. Als letzter wurde Polizeiinspektor Dane aufgerufen. Die Verhandlung schien schon zu Ende zu sein, als der Coroner, ein nervöser, alter Herr, plötzlich noch einmal Dr. Macleod aufrief.

 

»Es muß noch die Sache mit der Frau geklärt werden, deren Stimme der Hausmeister hörte.«

 

Andy ging ruhig zum Zeugenstuhl.

 

»Ich habe hier einen Zeitungsbericht, der besagt, daß Sie um elf Uhr eine Frau Mr. Merrivans Haus verlassen sahen. Sie ging unter Ihrem Fenster am Gästehaus vorbei, scheinbar auf dem Weg nach Beverley. Im allgemeinen kümmere ich mich wenig um Zeitungsberichte, aber das hier ist ausdrücklich in einem Interview festgelegt, das Sie einem der Berichterstatter gewährten, und ich besinne mich nicht darauf, daß dieser Punkt während der Verhandlung erwähnt wurde.«

 

Kapitel 17

 

17

 

Es war neu für Andrew Macleod, vor einem Gericht zu stehen und mit vollem Bewußtsein einen Meineid zu leisten. Er konnte kaum glauben, daß er es selbst war, der so ruhig sprach.

 

»Ja«, sagte er, »es stimmt. Ich sah, wie sich die Tür von Merrivans Haus öffnete und kurz darauf eine Frau über den Rasen kam.«

 

»Wann war das?«

 

»Um elf Uhr. Die Kirchenuhr von Beverley schlug gerade, als sie vorüberging.«

 

»Haben Sie ihr Gesicht nicht erkennen können?«

 

»Nein – der Mond war durch Wolken verdeckt.«

 

Hiermit war die Verhandlung zu Ende, und die Geschworenen zogen sich zurück. Eine halbe Stunde später erschienen sie wieder, und ihr Spruch lautete auf Anklage gegen Albert Selim wegen vorsätzlichen Mordes.

 

Downer war nicht erschienen, Andy hatte sich vergeblich nach ihm umgesehen, der Journalist saß weder bei den Berichterstattern, noch war er unter den Zuschauern zu sehen.

 

Andy blieb noch einen Augenblick stehen, um sich mit Mr. Salter und einem Vertreter der Staatsanwaltschaft zu unterhalten, dann ging er zurück. Er ging so langsam, daß Mr. Vetch, der Rechtsanwalt Mr. Merrivans, ihn überholte.

 

»Es ist reiner Unsinn, daß Mr. Merrivan in den Klauen eines Geldverleihers gewesen sein soll«, erklärte er. »Ich weiß, daß er sehr vermögend war.«

 

»Hinterließ er ein Testament? Sie haben das in Ihrer Zeugenaussage leider nicht erwähnt«, entgegnete Andy.

 

»Bis jetzt hat man nichts finden können.« Mr. Vetch schüttelte den Kopf. »Das ganze Vermögen wird in den Besitz Mr. Wilmots übergehen, wenn sich kein näherer Verwandter meldet.«

 

Andy hätte zu gern erfahren, ob Merrivan wirklich verheiratet gewesen war. Man hatte die Trauungsregister durchsucht, aber man konnte keine Spur davon finden, daß er jemals eine Ehe geschlossen hatte.

 

»Sie haben Mr. Merrivan einen Kaufmann genannt. Welcher Art waren denn seine Geschäfte?«

 

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Über seine geschäftlichen Angelegenheiten sprach er nie. Ich habe seine Vertretung auch erst übernommen, nachdem er sich schon zurückgezogen hatte. Ich glaube aber, daß er früher im Teehandel tätig war.«

 

»Wie kommen Sie darauf?« fragte Andy schnell.

 

»Er kannte sich in Teesorten sehr gut aus. Das war wohl das einzige, wofür er sich in seinem Haushalt interessierte. Wenn ich ihn besuchte und mit ihm Tee trank, fragte er mich öfters, wie mir diese oder jene Sorte schmeckte. Er sprach darüber wie ein Weinkenner, der Sie nach Ihrer Meinung über einen alten Wein fragt.«

 

Sie waren in die Straße nach Beverley Green eingebogen, als sie einen Mann sahen, der in derselben Richtung wie sie ging.

 

»Ist das nicht der Zeitungsberichterstatter – ein gewisser Downer? Ich sah ihn heute morgen. Ein sehr kluger Kopf«, bemerkte Vetch. »Ich sprach mit ihm über das letzte Urteil des obersten Berufungsgerichtes. Er scheint in juristischen Dingen sehr beschlagen zu sein.«

 

»Er ist in allen Dingen beschlagen«, erwiderte Andy grimmig. »Hat er Sie nicht über Mr. Merrivans Privatangelegenheiten ausgefragt?«

 

»Er hätte keine Antwort bekommen. Dazu bin ich denn doch ein zu alter, ausgepichter Rechtsanwalt, um mit solchen Leuten über die Angelegenheiten meiner Klienten zu reden! Unser Thema war vollständig harmlos – wir sprachen davon, was heute ein Haushalt kostet.«

 

»Wie kamen Sie denn darauf?« fragte Andy neugierig.

 

»Er sagte, es müßte Merrivan doch viel Geld gekostet haben, das große Haus zu unterhalten. Bis jetzt hatte ich seine monatlichen Ausgaben nicht zusammengestellt, und ich machte mir nur eine kurze Aufstellung. Die Rechnungen habe ich ihm natürlich nicht gezeigt.«

 

»Es genügte, wenn sie auf dem Tisch lagen. War nicht vielleicht irgendeine ganz besondere Rechnung darunter, eine außergewöhnliche Ausgabe?«

 

»Ja, über hundertdreißig Pfund. Es war keine Rechnung, sondern nur eine Notiz Merrivans, die er selbst geschrieben hatte. ›Stelling Bros, hundertdreißig Pfund‹. Ich selbst weiß nicht, was für eine Ausgabe das gewesen sein kann. Kennen Sie eine Firma Stelling?« Andy klärte ihn darüber nicht auf.

 

Stelling war die größte Juwelierfirma in London, und die kurze Notiz, die der gewissenhafte Mr. Merrivan aufgeschrieben hatte, weil ihm wahrscheinlich die Rechnung verlorengegangen war, gab den Preis des großen Brillantringes an. Merrivan hatte ihn gekauft, weil er seiner Sache mit Stella schon sicher war.

 

Sie waren jetzt in Hörweite von Mr. Downer angekommen, und Andy wechselte deshalb das Thema der Unterhaltung.

 

»Ich bin nicht zur Leichenschau gegangen«, erklärte Downer. »Solche Verhandlungen langweilen mich. Ich hatte außerdem noch einiges zu erledigen. Es ist doch nichts Besonderes mehr zur Sprache gekommen?«

 

»Nichts, was nicht schon bekannt wäre«, entgegnete Andy.

 

Der Rechtsanwalt verabschiedete sich.

 

»Ist bei der Verhandlung etwas über einen Brillantring gesagt worden, den Merrivan vier oder fünf Tage vor seinem Tod gekauft hat?« fragte Downer, indem er mit einer Gerte ins Gras schlug und sich für nichts anderes als die Vernichtung von Gänseblümchen zu interessieren schien. »Das ist wahrscheinlich derselbe Ring, der auf dem Rasen gefunden wurde. Es ist doch merkwürdig, daß der alte Merrivan einen solchen Ring kauft und ihn dann fortwirft. Es scheint fast, daß er ihn einer Frau schenkte, die aber den alten Merrivan so haßte, daß sie ihn sofort wegwarf, als sie sein Haus verließ – wir wollen einmal sagen – um elf Uhr nachts. Sie zog ihn vom Finger und schleuderte ihn fort, so weit sie nur konnte.«

 

»Der Gedanke ist mir auch schon gekommen«, erwiderte Andy. »Die Frau, die unter meinem Fenster vorbeikam, könnte das getan haben.«

 

Ein Schweigen folgte.

 

»Aber es war doch ein Streifenbeamter am Ende der Beverley High Street«, meinte Downer nach einer Weile. »Er stand dort vor einem Haus. Ein Dienstmädchen hatte ihm eine Tasse Kaffee gebracht, und er plauderte gerade zwischen elf und halb zwölf mit ihr. Während dieser Zeit ist niemand vorbeigekommen.«

 

Er schlug noch immer mit der Gerte nach den Blumen und schaute Andy nicht an.

 

»Es ist ja möglich, da sie einen anderen Weg gegangen ist es gibt doch eine Abzweigung von der Straße.«

 

Wieder folgte eine Pause.

 

»Eine Fahrradstreife der Polizei fuhr zehn Minuten vor elf von Hylton Gross Road ab«, begann Downer wieder in seiner monotonen Art. »Das ist das andere Ende des Weges – sie fuhr nach Beverley. Sie hat niemand gesehen, bis sie zu dem Polizisten kam, der mit dem Dienstmädchen sprach.«

 

»Die ganze Sache ist sehr merkwürdig«, gab Andy zu. »Vielleicht ist sie auch wieder umgekehrt. Ich war gleich darauf zu Bett gegangen.«

 

»Sie glauben, sie sei wieder zu Merrivan zurückgegangen?« Downer sah ihm jetzt voll ins Gesicht. »Nachdem sie erst den Ring weggeworfen hatte?«

 

»Sie kann ihn doch auch verloren haben. Sie kann noch einmal die Straße abgegangen sein, um ihn zu suchen.«

 

»Der Ring wurde aber dicht neben der Straße gefunden«, erwiderte Downer hartnäckig. »Entweder hat sie ihn fortgeworfen, oder sie ist nicht quer über den Rasen gegangen, wie Sie gesagt haben. Der Mittelpunkt der Rasenfläche liegt ungefähr achtzig Meter von dem Platz entfernt, wo der Ring gefunden wurde.«

 

»Nein, einundachtzig Meter«, sagte Andy ernst, und Downer lachte.

 

»Ich gebe ja zu, daß an der ganzen Geschichte mit der Frau nicht viel ist. Diese älteren Herren haben gewöhnlich allerhand merkwürdige Freundschaften. Wahrscheinlich war es irgendein Frauenzimmer aus Beverley.«

 

Er sah den Detektiv scharf an, aber Andy zuckte nicht mit der Wimper. Dieser Mann wußte alles. Andy gab sich nicht die Mühe, darüber nachzudenken, woher er es wußte.

 

»Ich glaube nicht, daß wir schlecht über Mr. Merrivan sprechen sollten. Der Mann lebte sehr vernünftig, soweit man weiß.«

 

»Die Frau beging den Mord jedenfalls nicht«, sagte Downer überzeugt, »aber die Angelegenheit muß schließlich aufgeklärt werden. Ist Scottie wieder an der Arbeit?« fragte er plötzlich unvermittelt.

 

Andy mußte lachen.

 

»Ja, er ist sehr aktiv. Aber augenblicklich hat er sich gebessert. Soviel ich weiß, sitzt er Mr. Nelson zu einem Bild.«

 

»Ich habe auch so etwas gehört, daß Scottie sich bessern will, ich habe einige Erkundigungen darüber eingezogen. Diese Miss Nelson ist ein charmantes Mädchen.«

 

»O ja, sie ist wirklich entzückend.«

 

Downer nickte.

 

»Der Mord ist ihr sicher sehr nahegegangen. Sie war doch eine Freundin Mr. Merrivans? Er lieh ihr vor etwa neun Monaten dreihundert Pfund. Aber das geht uns natürlich nichts an. Es ist ja kein Unrecht, wenn eine Dame von einem Herrn Geld borgt, der dem Alter nach ohne weiteres ihr Vater sein könnte.«

 

Das war nun etwas Neues für Andy; er war überzeugt, daß Downer es nicht aufs Geratewohl sagte.

 

»Wie haben Sie das erfahren?«

 

»Ich habe vergessen, wer es mir erzählte«, erklärte Downer gähnend. »Also auf Wiedersehen, ich komme später einmal bei Ihnen vorbei.«

 

*

 

Ein Beamter von Scotland Yard war nach Beverley Green gekommen, um Andy bei der Abfassung eines Berichtes über das Verbrechen zu helfen. Diesem Mann gab er einen dringenden Auftrag.

 

»Gehen Sie nach Beverley und versuchen Sie herauszubringen, ob Downer gestern schon hier war und mit wem er gesprochen hat. Wahrscheinlich ist er im Beverley-Hotel abgestiegen.«

 

Andys Vermutung kam der Wirklichkeit sehr nahe. Mr. Downer war mit dem Abendzug angekommen, und er hatte sich zum Abendessen einen Angestellten der Michan Farmer’s Bank eingeladen.

 

»Er ist ein entfernter Verwandter von Downer«, berichtete der Beamte durch das Telefon. »Der junge Mann ist erst kurze Zeit in Beverley.«

 

»Und er wird auch nicht mehr lange dort bleiben«, sagte Andy.

 

Dieser Angestellte war offenbar Downers Informationsquelle. Die Tatsache, daß sein Verwandter seine Stellung verlieren würde, wenn er Bankgeheimnisse ausplauderte, bedeutete Mr. Downer nicht mehr, als ob es seinen schlimmsten Feind getroffen hätte.

 

*

 

Am Nachmittag unterhielt man sich bei Nelson über Geldangelegenheiten. Der Maler kam in seinem langen, weißen Arbeitskittel aus dem Atelier. Er war schon den ganzen Morgen auffallend ruhig gewesen, hatte beim Mittagessen kaum ein Wort gesprochen, und Stella war etwas beunruhigt, denn diese Anzeichen bedeuteten nichts Gutes.

 

Er schloß die Tür sorgfältig und vergewisserte sich, daß sie auch wirklich geschlossen war.

 

»Stella, ich bin heute morgen sehr früh aufgewacht und habe über allerhand nachdenken müssen. Erinnerst du dich noch an das Geld, das wir von dem armen Merrivan borgten, oder vielmehr, das du borgtest?«

 

Sie nickte.

 

»Haben wir das eigentlich zurückbezahlt?«

 

Sie nickte wieder.

 

»Woher hast du denn das Geld dafür genommen? Ich erinnere mich, daß ich damals in der größten Verlegenheit war, als ich dich bat, es zu besorgen.«

 

Sie antwortete nicht.

 

»Es waren doch dreihundert Pfund?«

 

»Ja, dreihundert«, erwiderte sie ruhig.

 

»Woher in aller Welt haben wir denn dreihundert Pfund genommen, um sie ihm zurückzugeben? Bist du auch sicher, daß du sie wirklich zurückgezahlt hast?«

 

»Ja, Vater, ich habe die Quittung.«

 

Er ließ sich am Tisch nieder und schien nachzudenken.

 

»Ich habe allerdings nur noch eine ganz unbestimmte Vorstellung von der Sache, ich besinne mich nur dunkel darauf – wie auf einen bösen Traum. Aber hast du das Geld damals« – er zögerte – »während jener schrecklichen Woche zurückgegeben?«

 

Er war während dieser schrecklichen Woche nicht einmal nüchtern nach Hause gekommen.

 

»Ich hatte doch damals eine Menge Geld – woher hatte ich das nur?«

 

»Ich weiß es nicht.«

 

Er trommelte nervös mit den Fingern auf die Tischplatte.

 

»Es ist doch zu merkwürdig. In dieser Zeit muß irgend etwas Schreckliches vorgefallen sein. Aber ich kann nicht sagen, was es war. Du kannst dich wirklich an nichts erinnern?« Er sah sie scharf an. »Ich hatte sogar damals Augenblicke der Zerknirschung und Reue, und wenn ich etwas getan hätte, würde ich es sicher gesagt haben. Ich möchte nur wissen, woher in aller Welt ich das Geld bekommen habe.«

 

Sie half ihm nicht, sie hatte die Folgen seines Vergehens tragen müssen und war fast darunter zusammengebrochen. Sie wollte ihm nicht auch noch diese Gewissenslast aufbürden.

 

In der Dämmerung goß Stella ein Blumenbeet, das bei der Hecke lag, die den vorderen Garten von der Straße trennte. Zwei Herren gingen vorbei, und sie hörte einen Teil ihrer Unterhaltung, die allerdings recht einseitig war, denn der eine gab dem anderen nur wenig Gelegenheit, auch einmal ein Wort einzuwerfen.

 

»Als ich Sie zum erstenmal sah, Mr. Wilmot, dachte ich, daß es schwer sei, Sie näher kennenzulernen. Ruhige, tief veranlagte Naturen wie Sie bleiben uns Zeitungsleuten immer ein Rätsel.«

 

Mr. Downer sprach mit Mr. Wilmot über ein Thema, das diesen sehr interessierte, nämlich Mr. Wilmot.