Kapitel 16

 

16

 

Wenn Daphne auch sehr gleichgültig tat – in Wirklichkeit wäre sie Peter am liebsten um den Hals gefallen, als er sie unerwartet besuchte. Die Aussicht, den Abend ganz allein verbringen zu müssen, war fürchterlich für sie gewesen. Mit ihren Nerven war sie so am Ende, daß sie bereits Geräusche – Fensterklappen und Türenknarren – hörte, die gar nicht existierten. Sie hatte eben einen Entschluß gefaßt, als Peter kam. Er war überrascht, daß sie seine Einladung zum Abendessen sofort annahm; fast hatte er befürchtet, daß sie ablehnen würde.

 

Auf einem Stuhl stand ihr kleiner gepackter Koffer.

 

»Wollen Sie etwa verreisen?«

 

»Ja«, sagte sie. »Eine halbe Stunde später hätten Sie mich nicht mehr angetroffen – ich nehme für eine Woche ein Zimmer im Ridley-Hotel. Es liegt in Bloomsbury, in einer sehr ruhigen Gegend. Ich habe eine Bekannte, die dort wohnt.«

 

»Wie kommen Sie bloß auf diese Idee? Hat man Ihnen die Wohnung gekündigt?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich glaube, Sie haben Angst!«

 

Daphne errötete.

 

»Warum sollte ich Angst haben?« fragte sie abwehrend.

 

Peter sah sie nachdenklich an.

 

»Es ist ja eigentlich kein Grund dazu vorhanden – wahrscheinlich hat Sie aber der Mord so aus der Fassung gebracht. Daran habe ich gar nicht mehr gedacht!«

 

Sie versuchte, die Sache als belanglos hinzustellen, aber Peter ließ sich nicht so leicht täuschen.

 

»Ich weiß gar nicht, warum ich mich dazu entschlossen hatte«, sagte sie verlegen. »Es war so ein langweiliger Abend, und hier fiel mir alles auf die Nerven. Da rief ich das Hotel an. Sie denken wohl, ich sei sehr dumm?«

 

»Im Gegenteil, ich halte Sie für sehr klug«, sagte er ruhig. »Und obwohl ich nicht an eine Gefahr glaube …«

 

In diesem Augenblick läutete das Telefon.

 

»Bitte tun Sie mir den Gefallen, und antworten Sie«, bat sie ihn ängstlich. »Es ist sicher Miss Creed. Sie wollte mich unbedingt heute abend sprechen, aber ich habe ihr gesagt, daß ich bereits eine andere Verabredung hätte.«

 

Peter nahm den Hörer ab, aber es war nicht Ella Creed. Jemand sprach mit tiefer, anscheinend verstellter Stimme.

 

»Ist dort Miss Olroyd?«

 

Im Apparat knackte es, während Peter bejahte. Er verstellte dabei sehr geschickt seine Stimme.

 

»Denken Sie auch noch daran«, sagte der Fremde. »Sie dürfen niemand etwas von den Ereignissen der letzten Nacht erzählen.«

 

Peter hörte noch ein Knacken, dann war alles still. Er legte langsam den Hörer auf und ging zu Daphne zurück.

 

»Wer hat angerufen?«

 

»Was ist Ihnen letzte Nacht passiert?« fragte er statt einer Antwort. Sie merkte, daß er beunruhigt war.

 

»Ich – kann es Ihnen nicht sagen!«

 

»Sie müssen, Daphne. Es ist wirklich sehr wichtig, daß Sie mir alles anvertrauen«, drängte Peter beharrlich.

 

Sie schüttelte nur schwach den Kopf.

 

»Ich – ich mußte versprechen, daß ich nicht darüber rede!«

 

Er legte ihr die Hände auf die Schultern und schaute sie ernst an.

 

»Ich frage Sie nicht deshalb, weil ich für meine Zeitung eine gute Geschichte brauche«, sagte er leise. »Ich bitte Sie, mir alles zu sagen, weil – weil ich Sie liebe, Daphne.«

 

Sie wurde abwechselnd rot und blaß und brachte kein Wort heraus. Er streichelte sacht ihren Arm.

 

»Bitte, Daphne!«

 

»Ich darf nicht – ich habe es doch versprochen …«, stammelte sie. »Jemand holte mich vom Theater ab …«

 

Und dann erfuhr Peter nach und nach die ganze unheimliche Geschichte ihres nächtlichen Abenteuers. Sie war sichtlich erleichtert, endlich sprechen zu können.

 

»Niemand hat mir etwas getan – sie waren sehr anständig. Ach, Peter, Sie dürfen kein Wort weitererzählen hören Sie! Und Sie dürfen auch nicht versuchen, den Ort ausfindig zu machen!«

 

Er legte seinen Arm um sie, als sie plötzlich zu schluchzen begann. Es dauerte lange, bis er sie beruhigt hatte.

 

»Ich bin so nervös und aufgeregt, aber es ist einfach furchtbar, wenn man sich bei keinem Menschen einen Rat holen kann«, sagte sie und ging ins Nebenzimmer, um sich zu erfrischen. Als sie zurückkam, konnte man trotzdem noch deutlich die Spuren ihrer Tränen sehen.

 

»Es war so schrecklich – und ich habe doch niemand etwas getan!«

 

Er nahm sie wieder in die Arme und strich vorsichtig über ihr Haar.

 

»Nein, du hast bestimmt nichts verbrochen. Als deine Entführer das merkten, ließen sie dich ja auch gleich gehen.«

 

»Wie meinst du das?« fragte sie verstört.

 

»Sie haben dich ganz einfach mit Ella Creed verwechselt. Du trugst ihren roten Regenumhang und bist etwa gleich groß. Als sie ihren Irrtum bemerkten, wurdest du schnell nach Hause geschickt. Der Raum, in dem du eingesperrt warst, sah wohl wie eine Gefängniszelle aus?«

 

Sie nickte entsetzt.

 

»Dann ist ja alles klar«, meinte er zufrieden. »Es war geplant, Ella Creed in dies kleine Gefängnis zu stecken, das man eigens für sie eingerichtet hatte – und es war alles so gut vorbereitet, daß sie dort wohl niemand entdeckt hätte.«

 

»Aber warum denn das?«

 

»Ich bin mir noch nicht ganz klar, warum Gucumatz …«

 

»Wer ist Gucumatz?« fragte sie überrascht. »Den Namen habe ich noch nie gehört.«

 

»Ich weiß es noch nicht«, sagte er ablenkend. »Jedenfalls hat er mit Ella Creed zu tun. Ich habe die vergangene Nacht damit zugebracht, alle Einzelheiten des Falles William Lane nachzulesen. Die Creed erschien nicht vor Gericht, der einzige Zeuge der Bande, der auftrat, war Joe Farmer.«

 

»Du gibst mir immer mehr Rätsel zu lösen auf«, unterbrach sie ihn. »Ich weiß gar nicht, wovon du eigentlich sprichst. War Mr. Farmer denn mit dem Mann, der den komischen Namen hat, verfeindet?«

 

»Wir wollen jetzt essen gehen«, sagte Peter. Er küßte Daphne; dann nahm er ihren Koffer, und sie verließen das Haus.

 

»Findest du nicht, daß es dumm von mir ist, im Hotel zu schlafen?«

 

»Du hast ganz klug gehandelt; außer gefiederten Schlangen gibt es auch noch andere Gefahren.«

 

Als sie auf die Straße traten, sah Peter einen Mann vor dem Haus stehen, der ihm bekannt vorkam. Er rief nach einem Taxi, half Daphne beim Einsteigen und reichte ihr den Koffer hinein. Dann ging er auf den wartenden Mann zu.

 

»Wollen Sie mich sprechen, Hugg?« fragte er.

 

»Ja, Sir.« Huggs Stimme zitterte vor Erregung. »Heute abend habe ich ihn wieder gesehen.«

 

»William Lane?«

 

»Er war es ganz bestimmt!«

 

Dewin dachte einen Augenblick nach und fragte dann:

 

»Woher wußten Sie eigentlich, daß ich hier bin?«

 

»Ich ging zuerst in Ihre Wohnung und fand dort niemand vor. Von da ging ich zum Grosvenor Square, weil ich Mr. Crewe sprechen wollte. Aber auch der war nicht zu Hause. Ich fragte dann nach seiner Sekretärin und erfuhr, daß sie ihre Stellung gewechselt hätte. Man gab mir ihre Privatadresse, und so kam ich hierher und wollte mich nach Ihnen erkundigen …«

 

»Woher wußten Sie denn, daß Miss Olroyd über mich Auskunft geben kann?«

 

Aber plötzlich änderte Peter seinen Ton.

 

»Also gut, wo haben Sie William Lane getroffen?«

 

»In einer ärmlichen Pension – er ist sehr krank und wird wohl nicht mehr lange leben. Ich habe ihm fünf Shilling geborgt, damit er nach Birmingham fahren kann, wo er Verwandte hat.«

 

Hugg wurde immer nervöser, während er sprach. Er konnte keinen Augenblick stillstehen und drehte sich dauernd um. Peter hätte schwören mögen, daß seine Zähne klapperten.

 

»Gut«, sagte er. »Kommen Sie morgen früh Punkt elf zu mir ins Büro.«

 

»Ich komme bestimmt«, entgegnete Hugg immer unruhiger.

 

Peter ging zum Wagen zurück und stieg ein.

 

»Ein alter Freund von mir«, erklärte er leichthin, erzählte aber nichts von der Unterhaltung, die er soeben geführt hatte. Während des Essens entschuldigte er sich einen Moment bei Daphne und rief Leicester Crewe an.

 

»Kommen Sie doch heute abend zu mir, wenn Sie mich sprechen wollen«, entgegnete Crewe ärgerlich, als er erfuhr, wer anrief.

 

»Haben Sie sich mit dem Herrn in Verbindung gesetzt, den ich Ihnen als eventuellen Käufer für Ihre Aktien nannte?« fragte Peter.

 

Crewe antwortete in gezwungenem liebenswürdigem Ton, daß er es schon getan hätte.

 

»Ich hoffe, daß ich mit ihm einig werde. Bis jetzt habe ich allerdings nur mit ihm telefoniert – morgen abend werde ich zu ihm gehen.«

 

Peter war den ganzen Abend in bester Stimmung. Nach dem Essen brachte er Daphne nach Hause und fuhr dann zu seiner Redaktion, um nach eventuellen Neuigkeiten zu fragen. Unter seiner Post fand er eine Benachrichtigung, daß die Totenschau für den kommenden Dienstag festgesetzt worden war und ein Schreiben von Oberinspektor Clarke, der ihn bat, möglichst bald in Scotland Yard vorzusprechen.

 

Er setzte sich an die Schreibmaschine und klapperte einen Artikel von etwa einer Spalte Länge herunter; der Nachtredakteur las ihn ohne große Begeisterung.

 

»Eine Meisterleistung ist das nicht – ist Ihnen nichts Interessanteres eingefallen?«

 

»Mir gefällt der Artikel ausgezeichnet«, entgegnete er unbekümmert und verschwand möglichst schnell.

 

Wenn Peter Dewin mit der Aufklärung eines Verbrechens beschäftigt war, kannte er keine Müdigkeit. Um Mitternacht streifte er durch die Victoria Dock Road und hatte das Glück, hier einen ihm bekannten Polizeisergeanten zu treffen, der seit vielen Jahren in diesem Distrikt Dienst tat.

 

»Hinter wem sind Sie denn schon wieder her? Neulich sah ich Sie mit Mr. Hugg, einem alten Bekannten der Polizei«, begrüßte ihn der Beamte. »Suchen Sie etwas Besonderes in meinem Bezirk …? Etwa einer großen Sache auf der Spur?«

 

»Dem Mord an Farmer«, entgegnete Peter lakonisch.

 

Der andere nickte verständnisvoll.

 

»Er hatte hier früher das Lokal ›Rose und Krone‹, und ich bin fest davon überzeugt, daß er es nur für irgendwelche dunklen Geschäfte benutzte.«

 

»War er damals verheiratet?«

 

»Nein, bestimmt nicht.«

 

Peter erwähnte die Lewstons, aber der Sergeant zuckte die Schultern.

 

»Von denen habe ich nie was gehört.«

 

Sie schlenderten zusammen durch eine lange, dunkle Seitenstraße. Der Sergeant blieb stehen und zeigte auf ein Haus. »Das ist die ›Rose und Krone‹.«

 

Kein Fenster des kleinen, schmutzigen Gasthauses, das an der Ecke eines Gäßchens stand, war erleuchtet.

 

»In diesem Haus wurde die größte Razzia auf eine Falschmünzerbande durchgeführt, die ich jemals erlebt habe«, fügte der Beamte nachdenklich hinzu.

 

»Meinen Sie den Fall William Lane?«

 

»Ah, Sie erinnern sich daran – ja, es war Lane. Wir überraschten ihn in seiner Werkstatt – inmitten von Druckmaschinen, Photoapparaten und mehreren tausend Stück französischer Banknoten, die gerade fertig geworden waren. Irgend jemand hatte ihn verpfiffen, und es klappte alles wie am Schnürchen. Auf frischer Tat ertappt – er hat sieben Jahre bekommen. Farmer war übrigens der Hauptzeuge gegen ihn.«

 

»Können Sie mir sonst noch etwas von Lane erzählen?«

 

Der Sergeant schüttelte den Kopf, und sie gingen langsam auf das Haus zu.

 

»Nicht gerade viel, er war erst einige Wochen vor der Haussuchung dort eingezogen, und so kannte ihn keiner der Nachbarn näher. Wahrscheinlich hat er sein Handwerkszeug bei Nacht und Nebel in das Gebäude geschafft. Als er festgenommen wurde, legte er ein volles Geständnis ab. Er wollte sich auch keinen Anwalt nehmen, bis das Gericht ihm schließlich einen Pflichtverteidiger zuwies.«

 

Über Crewe konnte der Sergeant keine Auskunft geben.

 

»Es ist sehr schwierig, die Spur von solchen zweifelhaften Existenzen zu verfolgen. Dieses Haus war Absteigequartier von einigen berüchtigten Londoner Banden. Der Rauschgifthandel blühte, und die Polizei weiß heute noch nicht, wie viele gestohlene Waren hier gehandelt und weiterverkauft wurden.«

 

Von der gefiederten Schlange hatte der Beamte zum erstenmal in den Zeitungen gelesen, als sie über den Mord an Joe Farmer berichteten.

 

»Das ist ja ein merkwürdiger Fall. Ich glaube fast, daß der Mörder jemand war, der sich an Farmer rächen wollte.«

 

Plötzlich kam ihn ein Gedanke.

 

»Ob William Lane in diese Geschichte verwickelt ist? Soviel ich weiß, wurde er vor einigen Monaten entlassen, und ich glaube, daß er verschiedene Gründe hatte, um mit Joe abzurechnen!«

 

Seine Nachforschungen waren noch lange nicht beendet, als er sich von dem Beamten verabschiedete. Er kam erst um drei Uhr morgens nach Hause und ließ sich, ohne die Kleider auszuziehen, erschöpft auf das Bett fallen.

 

Kapitel 17

 

17

 

Peter Dewin hatte sich schon früher mit aufregenden Kriminalfällen beschäftigt, aber es war bis jetzt noch nie vorgekommen, daß er deshalb nicht einschlafen konnte. Er wälzte sich unruhig hin und her und fiel endlich in einen dumpfen Halbschlaf, als ihn ein Geräusch am Fenster hochfahren ließ.

 

Er sprang rasch aus dem Bett und zog vorsichtig den Rolladen ein wenig hoch, um hinauszuschauen. Es war eine sternklare, kalte Nacht. Sein Fenster lag auf der Rückseite des Hauses, und man konnte von da aus in den winzigen Garten sehen. Es war alles still, und er wollte sich gerade zurückziehen, als sich eine dunkle Gestalt aus dem Schatten der Mauer löste, über den kleinen Rasenplatz schlich und auf der andern Seite verschwand.

 

Er lehnte sich weiter zum Fenster hinaus und schaute angestrengt in die Dunkelheit. Als er sich dabei auf die Fensterbank stützen wollte, berührte er einen kalten Gegenstand. Es war ein Stahlhaken, der mit seiner Spitze in dem Holzbrett der Fensterbank steckte. Mit einem kräftigen Ruck riß er ihn los und entdeckte, daß eine Strickleiter daran befestigt: war. Sie war so lang, daß er eine ganze Weile brauchte, bis er sie ins Zimmer hereingezogen hatte.

 

Er tappte zum Kamin und holte seine große Taschenlampe, die für alle Fälle dort lag. Dann ging er schnell zum offenen Fenster zurück und leuchtete in den kleinen Hinterhof hinunter.

 

Er konnte nichts entdecken, aber es war natürlich möglich, daß sich der Eindringling hinter dem niedrigen. Fahrradschuppen versteckt hatte, der an der Mauer angebaut war. Wenigstens hatte er die Gestalt in diese Richtung verschwinden sehen.

 

Der Mann konnte auf verschiedene Weise in den Hinterhof gekommen sein. Entlang der kurzen Straße, in der die Pension lag, lief eine breite Mauer, die die Vorderhäuser von den Rückgebäuden trennte, und auf diesem Wege konnte ein Einbrecher leicht hereinkommen. Noch einfacher war es, über die Mauer zu klettern, von der auch der frühere Eindringling heruntergesprungen war.

 

Peter leuchtete sorgfältig diese Mauer und die Hauswand ab; dort entdeckte er noch eine zweite Strickleiter, die von einer anderen Fensterbank herunterhing.

 

»Die Sache wird immer geheimnisvoller!« murmelte er und schloß rasch das Fenster. Er spürte plötzlich keine Müdigkeit mehr.

 

Einige Minuten später war er aus dem Haus. Er schlenderte gemütlich wie ein nächtlicher Spaziergänger die Straße entlang. Als er zu der Ecke kam, sah er einen Mann von der Mauer springen und rief ihn an. Einen Moment schien der Unbekannte zu überlegen, dann rannte er plötzlich erstaunlich schnell quer über die Straße. Peter lief ihm nach, aber der andere hatte bereits einen zu großen Vorsprung. Schon wollte er die Verfolgung aufgeben, als aus einer der Seitenstraßen eine behelmte Gestalt auftauchte. Der Polizist hatte die Situation mit einem Blick erfaßt, und es gelang ihm nach kurzer Jagd, den Ausreißer zu packen.

 

»Alles in Ordnung«, sagte eine rauhe Stimme, als Peter dazukam. »Ich habe ihn!«

 

Der Polizist schien böse Erfahrungen mit nächtlichen Herumtreibern gemacht zu haben, denn er durchsuchte seinen Gefangenen sehr sorgfältig nach Waffen. Erst als er sich davon überzeugt hatte, daß der Mann außer einem kurzen Stemmeisen nichts bei sich, trug, brachte er ihn zur Wache. Peter ging nebenher, als er ihn abführte.

 

»Sind Sie der Herr, den ich besuchen sollte?« fragte der Festgenommene auf dem Weg zur Polizeiwache. »Heißen Sie vielleicht Dewin?«

 

»So heiße ich allerdings«, entgegnete Peter.

 

Die Stimme des Mannes klang unsicher.

 

»Ich habe doch gar keinen Krach gemacht! Diese gewöhnlichen Polypen da wissen ja nichts über mich, aber der Inspektor wird mich bestimmt erkennen«, flüsterte er Peter zu.

 

»Nun halten Sie aber den Mund!« rief der Polizist böse. »Leute wie Sie vergißt man nicht so leicht! Sie sind Lightfoot Jerry, ich habe Sie gleich erkannt.«

 

Der Gefangene schluckte verlegen.

 

»Habe nie geglaubt, daß ein Polyp so gute Ohren hat!«

 

»Ich war zufällig auf dem Polizeigericht von West London, als Sie das letztemal abgeurteilt wurden, und Ihr Gesicht ist mir sehr gut in Erinnerung geblieben«, sagte der Beamte sarkastisch.

 

Als sie auf der Wache ankamen, begrüßte der diensthabende Inspektor Jerry sofort als alten Bekannten, wenn auch seine Worte nicht sehr freundlich klangen.

 

»Was soll das heißen, Jerry – in Ihrem eigenen Stadtviertel ein Ding zu drehen?« fragte er vorwurfsvoll.

 

»Tut mir furchtbar leid, Mr. Brown«, entgegnete Jerry bescheiden. »Ich sollte hundert Pfund für die Sache kriegen, und da konnte ich nicht widerstehen. Leider habe ich keinen Erfolg gehabt …«

 

»Wer wird Ihnen schon hundert Pfund bieten«, fuhr ihn der Beamte an. »Keine faulen Ausreden!«

 

»Das ist keine Ausrede, Mr. Brown«, sagte Jerry ernst. »Obgleich ich zugeben muß, daß es wie eine fadenscheinige Entschuldigung aussieht …«

 

Und dann erzählte Lightfoot Jerry eine merkwürdige Geschichte. Am gestrigen Tag, gegen Mittag, hatte er einen mit Bleistift geschriebenen Brief erhalten, in dem jemand bei ihm anfragte, ob er sich hundert Pfund verdienen wolle. Er sollte sich mit dieser Nachricht um sechs Uhr abends an der Stelle einfinden, wo die Eisenbahnbrücke die Great West Road kreuzt. Sein Auftraggeber würde unter der Brücke auf ihn warten, um ihm seine Instruktionen zu geben.

 

Dem Brief waren zwei Einpfundnoten beigelegt, und obwohl Jerry eine Falle der Polizei vermutete, ging er doch zu der angegebenen Stelle.

 

Die Straße war völlig menschenleer und verlassen, als er an der Brücke ankam. Nach einiger Zeit tauchte ein Wagen auf, der bis dicht zu ihm heranfuhr und aus dem ein Mann ausstieg.

 

»Es war inzwischen dunkel geworden, und ich konnte sein Gesicht kaum erkennen«, erzählte Jerry. »Er erklärte mir, was ich zu tun hätte und sagte mir auch, daß Strickleitern da wären und daß alles für mich vorbereitet würde. Er gab mir einen Plan des Hauses, in dem das Zimmer dieses Herrn eingezeichnet war. Ich sollte nur ’nen Geldbeutel mit ’nem Schlüssel mitnehmen.«

 

»Sollte nicht auch noch eine Million Pfund drin sein?« erkundigte sich der Inspektor spöttisch.

 

»Ein Schlüssel – das ist alles, was ich weiß. Hören Sie, Inspektor, Sie glauben, daß ich Ihnen ’nen Bären aufbinden will, aber was ich Ihnen jetzt sage, stimmt – es gibt in London einen Mann, der frühere Sträflinge manchmal mit irgendwelchen Aufgaben betraut.«

 

Bei dieser Behauptung blieb er hartnäckig. Schließlich nahm Peter den Inspektor beiseite, der noch immer ungläubig dreinschaute.

 

»Am besten, Sie teilen Clarke diese Sache mit«, meinte er ernst. »Ich bin fest davon überzeugt, daß die gefiederte Schlange dahintersteckt.«

 

Der Inspektor nickte zögernd.

 

»Ich kenne Lightfoot schon seit Jahren …«

 

Er überlegte. Oberinspektor Clarke war ein Mann, mit dem man rechnen mußte. Er war erst kürzlich zum Bezirksoberinspektor befördert worden und hatte ein beträchtliches Ansehen beim Polizeipräsidenten.

 

Schließlich ging er in sein kleines Büro, und Peter hörte, daß er telefonierte. Nach fünf Minuten kam er zurück.

 

»Mr. Clarke wird selbst herkommen, um den Mann zu vernehmen«, sagte er. »Er glaubt, daß Ihre Vermutung richtig ist …«

 

Peter kam plötzlich ein Gedanke, und er bat um die Erlaubnis, einige Fragen an Jerry stellen zu dürfen. Aber in diesem Punkt gab der Inspektor nicht nach. Jerry blieb in seiner Zelle, und erst als Clarke eine Stunde später ankam, konnte Peter seine Fragen anbringen.

 

Der Gefangene wurde wieder geholt; er war ziemlich ärgerlich, weil man ihn aus dem Schlaf gerissen hatte.

 

»Sie haben doch schon mal gesessen, Jerry?« fragte Peter. Der Mann stimmte widerwillig zu. »Lernten Sie damals einen Mann mit Namen William Lane kennen?«

 

Lightfoot Jerry überlegte.

 

»Ja – in Dartmoor. Er saß in der Abteilung D, ich gehörte zur Abteilung A. Er war verknackt worden, weil er falsche Banknoten gedruckt hatte.«

 

»Haben Sie sich mal mit ihm unterhalten?«

 

Jerry schüttelte den Kopf.

 

»Nie. Er arbeitete in der Schuhmacherwerkstatt, zusammen mit einem gewissen Harry und dem kleinen Hugg. Einmal lagen wir zwar gemeinsam in der Krankenabteilung, aber ich hatte auch da keine Möglichkeit, mit ihm zu sprechen.«

 

»Halten Sie es für möglich, daß er es war, der Ihnen unter der Eisenbahnbrücke den Auftrag gab?« forschte Peter weiter.

 

Jerry überlegte.

 

»Nein …, und doch könnte es möglich gewesen sein. Ich habe Lane ja niemals reden hören, soviel ich weiß, hat er überhaupt nicht viel geredet.«

 

Als Jerry wieder fortgebracht worden war, nahm Clarke, der während des ganzen Verhörs geschwiegen hatte, Dewin am Arm und zog ihn in eine Ecke.

 

»Los, bekennen Sie Farbe! Was wollte der Kerl aus Ihrem Zimmer holen?«

 

Peter sah ein, daß er sein Geheimnis unmöglich noch länger für sich behalten konnte.

 

»Er sollte mir dies hier abnehmen.« Kurz entschlossen zog er den Geldbeutel aus der Tasche. »Ich kann Ihnen jetzt nicht erzählen, wie er in meinen Besitz kam, weil sonst jemand anders belastet würde. Joe Farmer trug diesen Schlüssel stets bei sich; ich glaube aber nicht, daß Sie viel damit anfangen können.«

 

Clarke betrachtete das Stück Pappe, das an dem Schlüssel hing.

 

»Eine ziemlich primitive Geheimschrift«, erklärte Peter.

 

»Die Auflösung heißt Gucumatz – damit bezeichneten die alten Azteken die Gottheit der gefiederten Schlange. Was der Schlüssel zu bedeuten hat, weiß ich selbst nicht; ich glaube, daß er ein außerordentlich wichtiges Glied in der Kette ist, kann vorerst aber beim besten Willen des Rätsels Lösung nicht finden.«

 

Clarke betrachtete den Schlüssel von allen Seiten durch ein Vergrößerungsglas und untersuchte besonders die ausgefeilten Buchstaben. Schließlich zuckte er nur ratlos die Achseln.

 

»Haben Sie sich, denn nicht wenigstens eine Theorie zurechtgelegt?« fragte er dann.

 

Peter schüttelte den Kopf.

 

»Der Fall wird immer mysteriöser und so unwahrscheinlich, daß ich mir ganz gut vorstellen könnte, daß dies der Schlüssel zu einem Kasten mit wichtigen Dokumenten ist genau wie im Märchen.«

 

»Er sieht mir eigentlich mehr nach einem Türschlüssel aus.«

 

Clarke steckte den Schlüssel in den Geldbeutel und schob beides in die Tasche.

 

»Sie wissen viel mehr über den Fall, als Sie mir erzählt haben, Dewin. Aber ich hoffe, daß ich noch vor Ihnen die Tür entdecke, die durch diesen Schlüssel geöffnet wird!«

 

Um halb sechs in der Frühe kam Peter nach Hause, aber er konnte sich nicht entschließen, ins Bett zu gehen. Er nahm ein Bad und rasierte sich, machte dann aber den Fehler, sich halb angezogen einen Moment auf die Couch zu legen …

 

Er wachte erst wieder auf, als der Gong zum Mittagessen ertönte.

 

Kapitel 18

 

18

 

Das Geheimnis der gefiederten Schlange begann inzwischen ganz London zu beunruhigen. Daß irgendwo mitten in der Stadt eine Geheimorganisation existierte, die mit rücksichtslosen Methoden ihre Ziele verfolgte, war auch sensationell genug. Obwohl die Zeitungen nur zwischen den Zeilen darauf hingewiesen hatten, daß die gefiederte Schlange aus irgendeinem Grund an einigen wenigen Mitgliedern der Londoner oberen Zehntausend Rache nehmen wollte, war doch das Gerücht durchgesickert, daß eine bekannte Schauspielerin zu den Bedrohten gehörte. Dadurch wurde der Fall natürlich noch interessanter.

 

Peter Dewin ging in sein Büro, wo er den Nachrichtenredakteur im Gespräch mit Hugg vorfand. Der kleine Mann hatte sich erstaunlich verändert: Er trug einen modernen Anzug, Kragen und Krawatte waren sichtlich neu; außerdem hatte er sich den Luxus einer Rasur geleistet.

 

»Da sind Sie ja, Dewin! Dieser Herr hier wollte unbedingt mit Ihnen sprechen – es handelt sich um die gefiederte Schlange …«

 

»Ich habe heute den Mann wiedergesehen, den ich für Lane hielt, und ich habe ihn angehalten«, unterbrach ihn Hugg ungeduldig. »Er ist es gar nicht, Mr. Dewin! Ich habe mich damals einfach getäuscht, hatte in jener Nacht tatsächlich ein paar Gläschen zuviel getrunken! Als ich heute genauer hinsah, wußte ich, daß ich mich geirrt hatte.«

 

»Kommen Sie mal mit«, entgegnete Peter streng, nahm Hugg am Arm und schob ihn in ein kleines Nebenzimmer. »Was wollen Sie mir denn jetzt wieder für einen Bären aufbinden?« fuhr er dann fort.

 

»Es ist die reine Wahrheit – ich will sofort tot umfallen …!« begann Hugg.

 

»Hören Sie mal zu!« Peter zog nachdrücklich an der Krawatte des kleinen Gauners. »Als ich Sie gestern traf, da erzählten Sie mir, Sie hätten William Lane getroffen er wäre sehr krank und wollte nach Birmingham gehen. Sie gaben ihm fünf Shilling …«

 

»Ganz richtig, ganz richtig«, entgegnete Hugg eifrig. »So war es, William Lane hat London verlassen …«

 

Peter hob warnend die Hand.

 

»Daß Sie William Lane getroffen haben, daran zweifle ich durchaus nicht. Und er hat Sie auch beauftragt, der Polizei den Bären aufzubinden, daß er London verlassen will. Deswegen haben Sie mich aufgesucht; wahrscheinlich sagte er Ihnen, daß ich in der Nähe der Wohnung von Miss Olroyd zu finden wäre. Seien Sie ruhig, Hugg!« fuhr er fort, als der Landstreicher einige unzusammenhängende Erklärungen vorbringen wollte. »Sie erstatteten ihm dann Bericht, und dabei erfuhr er die Geschichte mit dem Taxi, in dem Sie ihn damals gesehen hatten. Daraufhin schickte er Sie sofort zurück, damit Sie mir weismachen sollten, Sie hätten sich geirrt. Wahrscheinlich hat er Sie für Ihre Dienste nicht schlecht bezahlt. Stimmt’s?«

 

Hugg antwortete nicht. Unruhig trat er von einem Fuß auf den andern.

 

»Ich will keinen Ärger haben«, sagte er unsicher. »Wenn jemand betrunken ist und einen Fehler macht, warum darf er dann nachher seinen Irrtum nicht eingestehen?«

 

»Wo haben Sie Lane das letztemal getroffen?« fragte Dewin, ohne auf Huggs Worte zu achten. Aber jetzt hatte Hugg anscheinend endgültig keine Lust mehr, sich noch weiter ausfragen zu lassen.

 

»Lassen Sie mich mit diesem Menschen doch endlich in Ruhe«, bat er flehentlich. »Und hören Sie auf mich, Mr. Dewin – er ist ein sehr gefährlicher Kerl …«

 

»Meinen Sie damit Lane?«

 

Hugg schüttelte den Kopf, dann schlich er nach einem unsicheren Blick in Peters Gesicht zur Tür und horchte.

 

»Man weiß niemals sicher, wo er sich gerade aufhält«, erklärte er ängstlich, als er zurückkam, und fügte dann im Flüsterton hinzu: »Ich habe ihn wirklich nicht richtig gesehen. Durch ’ne Nachricht wurde ich aufgefordert, mich an der Abzweigung einer kleinen Landstraße nördlich von Barnet einzufinden. Ich ging hin, und er kam in ’nem Wagen an. Er stieg nicht aus, sondern sprach durch das halb heruntergekurbelte Fenster mit mir. Sein Gesicht konnte ich nur ganz undeutlich sehen. Er sagte nur, daß ich sofort zu Ihnen gehen und sagen soll, daß ich mich getäuscht hätte. Er wolle nicht, daß man eine unschuldige Person verdächtige. Das waren seine Worte, Mr. Dewin – er wolle nicht, daß eine unschuldige Person verdächtigt würde.«

 

»War es denn Lanes Stimme?« fragte Peter.

 

Hugg schüttelte den Kopf.

 

»Ich kann es nicht beschwören. Am gleichen Abend traf ich ihn an ’ner andern Stelle und erstattete ihm Bericht. Es kann Lane gewesen sein – es gibt aber auch noch eine Menge anderer Leute, die Joe Farmer haßten. Ja, und dann sagte er noch, daß ich mir einen anständigen Anzug kaufen solle und jeden Augenblick für ihn erreichbar bleiben müsse – deswegen wohne ich jetzt in Lambeth.«

 

»Wieder einmal eine Lüge«, erwiderte Peter.

 

»Aber der Wahrheit so nahe, wie nur irgend möglich«, entgegnete Hugg merkwürdigerweise.

 

Mehr war aus dem kleinen Mann nicht herauszubringen, und Peter ließ ihn gehen. Der Portier erzählte später, daß er einen funkelnagelneuen Koffer bei sich gehabt habe und in einem Auto fortgefahren sei.

 

Peter saß noch lange an seinem Schreibtisch, um noch einmal alle Nachrichten, die von den verschiedenen Presseagenturen über den Fall Farmer eingelaufen waren, miteinander zu vergleichen. Schließlich machte er sich auf den Weg nach Scotland Yard.

 

*

 

Mr. Gregory Beales Haushalt war so geregelt und geordnet, daß der ganze Tag wie bei einem aufgezogenen Uhrwerk ablief. Sein Dienstpersonal bestand aus Leuten, die schon seit vielen Jahren bei ihm waren. Von dem schweigsamen Butler sah Daphne nur sehr wenig, die Köchin hatte ihr die Hausordnung auseinandergesetzt.

 

Mittwoch hatte das Personal Ausgang, und Mr. Beale speiste dann auswärts zu Abend.

 

Alle Hausangestellten verehrten Mr. Beale und hatten auch allen Grund zu, denn er war in jeder Beziehung ein wirklich großzügiger und freigebiger Hausherr.

 

Es war Mittwoch morgen, und Daphne steckte mitten in der Arbeit. Das große, nach der Straße zu gelegene Empfangszimmer hatte sich in ein Museum verwandelt. Alle Möbel waren entfernt worden, und an beiden Seiten des Raumes standen an den Wänden lange, hölzerne Tische. Sie waren bedeckt mit Kuriositäten, die noch geordnet werden sollten.

 

Mr. Beale hatte Daphne ein Werk über aztekische Kulturen gegeben, das es ihr möglich machte, ohne seine Hilfe die Grundlage zu einem vorläufigen Katalog fertigzustellen. Nur in den seltensten Fällen ging sie mit irgendeinem merkwürdigen Gegenstand in sein Studierzimmer, um sich von ihm Rat zu holen. Gelegentlich kam auch er an ihren Arbeitsplatz. Für gewöhnlich sah er ihr eine Zeitlang freundlich lächelnd zu, steckte dann die Hände in die Taschen, lehnte sich an die Wand und hielt ihr einen kleinen Vortrag. Sie hörte ihm begeistert zu. Manchmal berührte er moderne Probleme, aber wenn er über die Kultur der Azteken sprach, war es für sie am interessantesten.

 

»Fünfundsiebzig verschiedene Abarten der gefiederten Schlange hat man bis jetzt gefunden«, erklärte er ihr an diesem Morgen. »Und ich weiß nicht, wieviel Legenden über sie existieren. Sogar in Peru wird sie verehrt.«

 

In der Sammlung befanden sich ungefähr ein halbes Dutzend der seltsamen Gottheiten. Er nahm eine der kleinen Plastiken in die Hand und betrachtete sie mit einem sonderbaren Lächeln.

 

»Im ›Postkurier‹ steht heute ein von Ihrem Freund verfaßter längerer Artikel über die gefiederte Schlange. Ich bat ihn, meinen Namen nicht zu veröffentlichen, aber unglücklicherweise …«

 

»Er hat es doch nicht etwa trotzdem getan?« unterbrach ihn Daphne schnell.

 

Mr. Beale lachte.

 

»Nein, der Fehler ist ganz auf meiner Seite. Er brauchte die Abbildung der gefiederten Schlange, und ich gab ihm ein Photo. Leider war auf der Rückseite des Abzugs ›Copyright by Gregory Beale‹ aufgestempelt. Wahrscheinlich glaubte der Setzer, dieser Vermerk müßte auch unter der Abbildung in der Zeitung gebracht werden. Nun, der Irrtum ist geschehen… Schließlich ist es ja auch unwesentlich.«

 

Beinahe hätte sie ihm jetzt ihr Abenteuer in Epping Forest erzählt, aber sie dachte an die Warnung, die sie erhalten hatte, und schwieg.

 

»Ich nehme an, daß dieser Farmer irgend jemand schwer beleidigt hat«, fuhr er fort. »Ich habe den Bericht über den Fall genau gelesen and glaube bestimmt, daß er selbst ein Verbrecher war oder wenigstens viel mit Verbrechern zu tun hatte.«

 

»Warum glauben Sie das?« fragte sie überrascht.

 

Er zuckte nur die Schultern und murmelte einige undeutliche Worte.

 

Nach einiger Zeit sprach er davon, daß die beiden Diener heute Ausgang hätten.

 

»Von Ihrem Arbeitsplatz aus können Sie die Vorderfront des Hauses gut beobachten, Miss Olroyd. Dürfte ich Sie vielleicht darum bitten, zur Tür zu gehen, wenn jemand klingelt? Ich bin manchmal so in meine Arbeit vertieft, daß ich die Klingel überhöre.«

 

Er erzählte ihr noch, daß er augenblicklich an einem Buch über Sagen arbeite, die er in Zentralamerika gesammelt hatte. Offenbar waren Dinge darunter, die seine junge Sekretärin nicht lesen sollte, denn er hielt das Manuskript stets in seinem Safe verschlossen. Sie hatte sogar bemerkt, daß er jede fertiggestellte Seite sofort einschloß.

 

Ihre eigene Arbeit nahm sie so in Anspruch, daß sie nicht viel Zeit hatte, aus dem Fenster zu sehen; sie hörte, daß er nach dem Mittagessen dreimal zur Tür ging. Als es zum drittenmal klingelte, kam sie auch aus ihrem Zimmer.

 

»Entschuldigen Sie bitte, Mr. Beale. Ich werde von jetzt an besser aufpassen – Sie brauchen wirklich nicht mehr aufzumachen, wenn ich im Haus bin.«

 

Er lächelte nur.

 

»Ich halte es für ein gutes Zeichen, daß Sie sich so für Ihre Arbeit – besonders für gefiederte Schlangen – interessieren. Ich kann mir gut vorstellen, daß neugierige junge Zeitungsreporter Sie demnächst deshalb interviewen werden.«

 

Daphne stellte ihren Tisch ans Fenster, um besser den Eingang beobachten zu können. Nach einiger Zeit hielt vor der Tür ein kleiner Wagen, und Miss Creed stieg aus.

 

Ella Creed! Daphne erinnerte sich, daß sie ihr versprochen hatte, sie zu besuchen – war das eigentlich gestern oder vorgestern gewesen? Es schien schon eine Ewigkeit her zu sein. Sie lief an die Tür, um Miss Creed hereinzulassen – Mr. Beale wäre sicherlich nicht gern bei seiner Arbeit gestört worden.

 

Ella Creed begrüßte sie mit einem herablassenden Kopfnicken.

 

»Oh, da sind Sie ja! Es ist gar nicht einfach, Sie zu finden.«

 

Sie drehte sich um und gab ihrem Chauffeur eine Anweisung. Der Wagen fuhr ab.

 

»Er muß bei der Schneiderin einige Kleider für mich abholen. Ich nehme mir dann ein Taxi.«

 

Daphne führte den Gast in ihr Arbeitszimmer, nahm ein staubiges Blatt Papier von einem Stuhl und bot ihn Miss Creed an.

 

»Was machen Sie hier eigentlich?« fragte Ella Creed und sah sich stirnrunzelnd um. Es war charakteristisch für sie, daß sie alles auf seinen Geldwert abzuschätzen versuchte.

 

»Ihr Chef muß sehr viel Geld haben«, sagte sie und deutete auf ein Gemälde über dem Kamin. »Das ist ein Gainsborough.«

 

Daphne war über diese unerwarteten kunstgeschichtlichen Kenntnisse ein wenig erstaunt. Miss Creed erriet ihre Gedanken.

 

»Ich weiß sehr viel über Bilder – jedenfalls über ihren Verkaufswert. Ein früherer Freund von mir, ein gewisser Leckstein, war Kunsthändler und hat mir viel beigebracht. Was ist denn das für Zeug?« Sie deutete mit einer verächtlichen Handbewegung auf die vielen Tische.

 

Daphne erklärte es ihr, doch Miss Creed zuckte nur verständnislos die Achseln. Dann fragte sie:

 

»Wo waren Sie denn nun eigentlich an jenem Abend?«

 

Daphne fühlte sich in die Enge getrieben. Es gelang ihr auch jetzt nicht, eine glaubwürdige Erklärung zu geben.

 

»Das war doch alles Unsinn, was Sie mir da von einem falschen Wagen erzählt haben. Sie brauchen mir jetzt nicht wieder etwas anderes vorzulügen! Es hat Sie jemand mit mir verwechselt – stimmt das?«

 

Daphne nickte.

 

»Das dachte ich mir doch gleich! Und jetzt sagen Sie mir bitte, was Sie erlebt haben.«

 

»Leider kann ich das nicht – ich habe es versprochen…«

 

Ella Creed schaute sie scharf an.

 

»Haben Sie den Vorfall der Polizei gemeldet? Wahrscheinlich waren Sie dazu viel zu ängstlich – ich hätte denen nichts versprochen, darauf können Sie sich verlassen!«

 

Daphne mußte daran denken, daß es für Ella Creed nicht notwendig gewesen wäre, ein Versprechen abzugeben, wenn sie in die Hände der Unbekannten gefallen wäre.

 

»Diese ganze Angelegenheit macht mich nervös. Was meint denn Dewin dazu? Sie sind doch sehr befreundet? Meint er …, aber wahrscheinlich wird er über solche Dinge nicht mit Ihnen sprechen.«

 

Miss Creed stand auf, ging zu einem der Tische und nahm eine der kleinen Plastiken in die Hand.

 

»Dieser Beale ist wohl ganz verrückt mit diesen Sachen? Ich habe in der Zeitung gelesen, daß er alles weiß, was sich auf gefiederte Schlangen bezieht. Was haben sie denn eigentlich zu bedeuten?«

 

»Sie halten gerade eine in der Hand«, entgegnete Daphne.

 

Sie starrte erschrocken auf den Gegenstand und hätte ihn beinahe fallen lassen.

 

»Um Himmels willen – ist das nicht…?« Sie betrachtete die Plastik von allen Seiten. In diesem Augenblick sah Daphne zum Fenster hinaus und entdeckte einen Mann, der gerade die Treppe zur Haustür heraufkam. Er sah totenbleich aus und war ziemlich schäbig gekleidet. Sie wollte sich schon bei Miss Creed entschuldigen und zur Tür gehen, als sie in der Halle Mr. Beales schnelle Schritte hörte. Gleich darauf sprach er mit jemand; seine Stimme klang ungewöhnlich scharf.

 

»Gefiederte …«, begann Ella Creed wieder. Dann hörte Daphne plötzlich einen seltsamen Laut und wandte sich um. Die Schauspielerin starrte mit weitaufgerissenen entsetzten Augen auf die Tonfigur. Ihr Gesicht sah unter dem Make-up plötzlich grau aus.

 

Daphne konnte sie gerade noch auffangen, als sie zusammenbrach. In diesem Augenblick wurde die Haustür zugeschlagen, und sie lief in die Halle.

 

»Miss Creed … sie ist ohnmächtig«, stieß sie zusammenhanglos hervor.

 

»Miss Creed?« Er sah sie erstaunt an. »Ist das die Schauspielerin…?«

 

Er lief hinter ihr her, warf nur einen schnellen Blick auf die reglose Gestalt, bückte sich dann und hob sie auf.

 

»Ich werde sie in meinem Studierzimmer auf die Couch legen. Holen Sie ein Glas Wasser – oder gehen Sie in mein Badezimmer… In der Hausapotheke steht eine Flasche Riechsalz, das bringen Sie mir bitte.«

 

Sie kam nach einigen Minuten wieder zurück und sah, wie er der ohnmächtigen Frau eine Arznei eingab.

 

»Ihre Apotheke …«, begann sie.

 

»Ich weiß, ich weiß.« Er war sonderbar kurz zu ihr. »Sie stand ja schon die ganze Zeit hier in meinem Studierzimmer. Das hatte ich ganz vergessen. Ich glaube, sie wird sich sehr bald wieder erholen. Solche Fälle sind nicht schlimm. Was ist denn eigentlich geschehen?«

 

Daphne erzählte ihm von der gefiederten Schlange. Sie schaute auf die kleine Plastik, die jetzt auf dem Tisch lag.

 

»Sie hielt die Figur noch krampfhaft in der Hand, als ich sie hierherbrachte.«

 

Daphne blickte ängstlich auf die Schauspielerin. Sie atmete wieder regelmäßig, war aber immer noch bewußtlos.

 

»Vermutlich war es eine plötzliche Herzschwäche«, sagte Mr. Beale nachdenklich.

 

»Meinen Sie nicht, daß ich einen Arzt rufen soll?« fragte Daphne aufgeregt.

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Es geht ihr schon wieder besser. Auf solche Anfälle folgt gewöhnlich ein Erschöpfungszustand. Das beste ist, wir lassen sie etwas schlafen. Wie war doch ihr Name… Ella Creed … Ich muß das schon irgendwo gelesen haben.«

 

Er sah die Schauspielerin an und schüttelte dann den Kopf.

 

»Sie muß einmal sehr schön gewesen sein«, sagte er.

 

»Ich finde, sie sieht auch jetzt noch gut aus«, entgegnete Daphne mit schwachem Lächeln.

 

In diesem Augenblick öffnete Miss Creed die Augen und schaute erstaunt von einem zum andern.

 

»Was ist denn mit mir los?« fragte sie und richtete sich mühsam auf.

 

»Sie sind ohnmächtig geworden. Soll ich Sie nach Hause bringen?« fragte Daphne.

 

Miss Creed schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich kann allein heimfahren. Würden Sie so liebenswürdig sein und meinem Chauffeur Bescheid sagen?«

 

Als sie aufstand, schwankte sie noch ein wenig, und Daphne mußte sie stützen.

 

»Sie haben doch Ihren Wagen fortgeschickt – soll ich ein Taxi besorgen?« fragte Daphne.

 

»Nein, ich möchte … ich will nicht …«

 

Miss Creeds schrille Stimme brach plötzlich ab, und sie ließ sich wieder auf das Sofa fallen.

 

»Ich glaube, es ist besser, wenn Miss Creed sich noch ein wenig ausruht. Wir wollen sie allein lassen«, sagte Mr. Beale und folgte Daphne ins Nebenzimmer. »Und nun erzählen Sie mir bitte einmal genau, warum sich die Dame so aufgeregt hat und weshalb sie hierherkam.«

 

Daphne versuchte verzweifelt, irgendeine Geschichte zu erfinden, denn sie durfte ihm ja nicht die Wahrheit sagen.

 

»Sie hatte mich neulich zum Essen eingeladen – ich verließ das Theater aber schon früher – und – und – so wurde eben nichts daraus.«

 

»Und sie kam nun, um den Grund zu erfahren?« fragte Mr. Beale. »Eine Schauspielerin – hm!«

 

Er ging im Zimmer auf und ab und hielt die Hände auf dem Rücken verschränkt.

 

»Eigentlich komisch, wie fest sie die gefiederte Schlange hielt, als sie ohnmächtig wurde.«

 

»Vielleicht hat sie irgend etwas Merkwürdiges au der kleinen Figur entdeckt«, meinte Daphne.

 

Gregory Beale schüttelte den Kopf.

 

»Ich glaube eher, daß sie unter einer starken Einbildungskraft leidet, die sie Gespenster sehen läßt«, meinte er und verließ das Zimmer.

 

Es wurde dunkler. Daphne machte sich wieder an ihre Arbeit. Einmal meinte sie, Ella Creeds Stimme zu hören und stand auf, um nachzusehen, aber in diesem Augenblick schloß sich Mr. Beales Tür, und sie nahm an, daß er sich um die Schauspielerin kümmerte. Ungefähr eine Viertelstunde später rief Gregory Beale nach ihr.

 

»Die Dame ist wieder wohlauf«, sagte er lachend. »Sie will jetzt nach Hause gehen. Vielleicht besorgen Sie ihr ein Taxi.«

 

Daphne ging hinunter und winkte einem eben vorbeifahrenden Wagen. Dabei entdeckte sie, daß jemand ein paar Schritte von dem Haus entfernt an einer Straßenlampe lehnte und sie beobachtete. Als sie genauer hinschaute, erkannte sie den bleichen Mann, der geklingelt hatte, während sie mit Ella Creed sprach. Er drehte sich jetzt rasch um, als ob er vermeiden wolle, daß sie sein Gesicht sah.

 

Miss Creed stand in der Halle und zog langsam ihre Handschuhe an, als Daphne zurückkam. Sie war sehr blaß, und ihre Stimme zitterte noch immer.

 

»Ich gehe jetzt … Es tut mir sehr leid, daß ich Ihnen solche Umstände gemacht habe, Mr. – nun weiß ich doch, tatsächlich Ihren Namen nicht mehr!«

 

Sie wandte sich ärgerlich an Daphne.

 

»Haben Sie ein Taxi bekommen?« Als Daphne bejahte, sagte sie nur kurz: »Wir sprechen uns ein andermal.« Dann verließ sie mit einem Kopfnicken das Haus und ging die Treppe hinab.

 

Mr. Beale wartete, bis das Auto verschwunden war.

 

»Du lieber Himmel!« sagte er plötzlich überrascht. »Der Bursche ist noch immer da!« Er deutete auf den Fremden, der Daphne vorher beobachtet hatte.

 

»Es gibt wirklich sonderbare Leute«, meinte er, als er die Tür schloß und Daphne in ihr Arbeitszimmer folgte. »Miss Creed gehört auch dazu. Kennen Sie übrigens jemand, der Lane heißt?«

 

Daphne schüttelte den Kopf.

 

»Sie murmelte die ganze Zeit diesen Namen. Er kommt mir irgendwie bekannt vor – soviel ich mich erinnern kann, hat ein Sträfling so geheißen.«

 

Er sah auf seine Uhr.

 

»Es ist Zeit, daß Sie nach Hause gehen. Übrigens – Ihr früherer Chef will mich heute abend besuchen. Was ist das eigentlich für ein Mann?«

 

Daphne gab eine vorsichtige Schilderung von Leicester Crewe.

 

»Ich soll ihm südamerikanische Aktien abkaufen – er hat angeblich vor, sich im Ausland niederzulassen. Es sind gute Papiere, aber zur Zeit nicht seht gefragt. Ist er ehrlich?«

 

Sie hatte keine Lust, über die Charaktereigenschaften ihres ehemaligen Chefs zu sprechen.

 

»Er ist so ehrlich, wie eben ein Geschäftsmann ehrlich ist«, sagte sie. Er lachte über ihre Zurückhaltung.

 

Daphne verließ das Haus mit einem unbehaglichen Gefühl. Vielleicht war es der Gedanke an Ella Creed und ihre sonderbare Ohnmacht, der sie bedrückte. An einer Untergrundbahnstation ging sie in eine Telefonzelle, um Miss Creeds Adresse zu suchen. Ein Bus brachte sie dann nach St. John’s Wood. Sie läutete, und ein Mädchen öffnete die Tür.

 

»Ja, Miss Creed kam vor einer halben Stunde zurück«, sagte sie. »Soll ich Sie anmelden?«

 

»Nein, nein«, erwiderte Daphne hastig. »Ich wollte nur wissen, ob sie gut nach Hause gekommen ist.«

 

»Es war nicht so schlimm«, entgegnete das Mädchen in einem Ton, der darauf schließen ließ, daß Ella Creed bei ihrem Personal nicht gerade beliebt war.

 

Daphne wollte gerade wieder gehen, als jemand vom Balkon her ihren Namen rief. Es war Miss Creed.

 

»Miss Olroyd! Was wünschen Sie?«

 

»Ich wollte nur fragen, wie es Ihnen geht!«

 

»Sie sind wirklich sehr besorgt um mich«, entgegnete Miss Creed spöttisch.

 

Daphne gab klugerweise gar keine Antwort, sondern drehte sich um und ging. Zu ihrer Überraschung folgte ihr das Dienstmädchen durch den Garten, bis sie außer Sicht waren, und sprach sie dann an.

 

»Sie hat am Telefon Streit mit jemand gehabt«, sagte sie leise. »Wir haben es gehört, obwohl sie uns alle in die Küche schickte. Wissen Sie, was eigentlich los ist, Miss?« »Nein«, entgegnete Daphne, die diese Vertraulichkeit ein wenig unangenehm berührte.

 

»Ihre Schneiderin ist hier und hilft ihr beim Packen. Sie rief sie sofort an, als sie nach Hause kam. Wissen Sie, ob Miss Creed verreisen will?«

 

»Keine Ahnung«, sagte Daphne, drehte sich brüsk um und beendete damit die Unterhaltung.

 

Miss Creeds Haus lag in einer ruhigen, vornehmen Straße. Es waren nur wenig Fußgänger zu sehen, ein Auto parkte ungefähr zwanzig Meter von dem Haus entfernt. Beim Vorübergehen betrachtete Daphne den Wagen irgend etwas daran kam ihr merkwürdig bekannt vor.

 

Und dann erinnerte sie sich plötzlich: In der Glasscheibe des linken Scheinwerfers entdeckte sie einen unregelmäßigen Sprung; sie hatte den gleichen Riß schon einmal gesehen – und zwar an dem Scheinwerfer jenes Wagens, der sie nach Epping Forest gebracht hatte. Einen Augenblick war sie vor Entsetzen gelähmt. Sie wagte nicht einmal, den Chauffeur anzusehen, als sie vorbeilief. Furchtsam blickte sie über die Schulter, aber es folgte ihr niemand. Atemlos und zitternd erreichte sie die Hauptstraße.

 

Dort wartete sie an der nächsten Haltestelle auf einen Bus, als sie plötzlich angesprochen wurde.

 

»Entschuldigen Sie …«

 

Sie fuhr nervös herum und sah in die Augen des Mannes, den sie vor dem Haus von Mr. Beale gesehen hatte. Sie erschrak noch mehr, aber dann machte sie sich klar, daß sie keinen Grund hatte, sich zu fürchten. Überall waren Leute, und in einiger Entfernung sah sie sogar einen Polizisten.

 

»Was wollen Sie von mir?« fragte sie ängstlich.

 

»Sie sind doch die Sekretärin von Mr. Beale? Ich bin Ihnen von seinem Haus aus bis hierher gefolgt – könnte ich einen Moment mit Ihnen sprechen?«

 

Ein schrecklicher Hustenanfall hinderte ihn am Weiterreden; keuchend lehnte er sich an eine Hauswand.

 

»Haben Sie keine Angst, Miss«, brachte er schließlich heraus. »Ich habe es auf der Lunge. Wenn ich nur ein wenig Vernunft besessen hätte, wäre ich in Argentinien geblieben, wo jeden Tag die Sonne scheint. Ich wollte eigentlich überhaupt nicht herkommen, aber meine Schwester überredete mich dazu – und nun versuche ich, Geld für die Heimfahrt zusammenzubringen.«

 

»Waren Sie deswegen heute nachmittag bei Mr. Beale?«

 

»Ja, Miss.« Er nickte. »Ich hätte nie gedacht, daß er so hart sein kann …, als ich das letztemal mit ihm sprach, hätte er seinen Rock ausgezogen und ihn dem nächsten Bettler geschenkt!«

 

Er sah mitleiderregend aus; bei jedem heftigen Windstoß zitterte er in seinem dünnen Mantel.

 

Daphne tat der arme Kerl sehr leid. Gleichzeitig war sie neugierig geworden – die sonderbare Beschreibung von Mr. Beales Charakter gab ihr zu denken.

 

»Mr. Beale ist immer sehr liebenswürdig. Vielleicht haben Sie etwas gesagt, was ihn verletzte«, meinte sie.

 

»Wirklich nicht!« Der Mann sah sie verzweifelt an. »Früher war er nicht so. Wenn Sie vielleicht ein gutes Wort für mich einlegen könnten …«

 

»Wie heißen Sie?« fragte sie.

 

»Harry Merstham, Miss – in früheren Tagen wurde ich Harry, der Barmann, genannt. Ich hatte eine Bar in Buenos Aires gepachtet. Billy Lewston hat sie mir vermittelt. Kennen Sie den?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich konnte ihn nicht besonders leiden. Er war ein Gauner, und seine Schwester war auch nicht viel besser. Ich dachte, Mr. Beale würde …«

 

Wieder wurde er durch einen bösen Hustenanfall unterbrochen. Als er sich erholt hatte, gestand er ihr, daß er keinen Pfennig mehr in der Tasche habe. Daphne gab ihm fünf Shilling und notierte sich seine Adresse. Sie versprach ihm, Mr. Beale am nächsten Morgen noch einmal seine Angelegenheit vorzutragen.

 

Nach ihrer Ankunft im Hotel rief sie sofort Peter an, aber er war weder in seiner Wohnung noch im Büro.

 

Sie hätte ihm gerne ihre letzten Erlebnisse erzählt, denn sie nahm an, daß er sich wie immer dafür interessieren würde.

 

Wahrscheinlich hätte sie auch von der Begegnung mit dem kranken Harry Merstham gesprochen, wenn ihr nicht plötzlich eingefallen wäre, daß diese Geschichte vielleicht ein falsches Bild vom Charakter ihres Chefs geben könnte. Sie ahnte nicht, daß Peter gerade durch diesen Mann die Lösung des Rätsels in wenigen Minuten gefunden hätte.

 

Im Hotelbüro wollte sie sich erkundigen, ob Post für sie gekommen sei. Sie mußte einen Augenblick warten, weil eine Dame den Geschäftsführer eben um Auskunft bat. Es war offensichtlich eine reiche Amerikanerin, die ihren Schmuck aufbewahren lassen wollte.

 

»Ich kann Ihre Wertsachen selbstverständlich hier im Geldschrank verwahren«, sagte der Geschäftsführer. »Aber im allgemeinen mieten unsere Gäste einen Safe bei der Bank, wenn sie länger bleiben, es ist weniger riskant.«

 

Die Dame schien sich dafür zu interessieren und stellte noch einige Fragen.

 

»Das Ganze ist sehr einfach.« Der Geschäftsführer erklärte ihr alle Einzelheiten.

 

Während Daphne zuhörte, kam ihr plötzlich ein Gedanke. Rasch ging sie in die Telefonzelle und versuchte zum viertenmal vergeblich, mit Peter Verbindung zu bekommen.

 

Kapitel 19

 

19

 

Peter Dewin machte die Erfahrung, daß es nicht immer leicht war, freundschaftliche Verbindungen mit Scotland Yard aufrechtzuerhalten. Er saß bescheiden im Büro von Oberinspektor Clarke, der ihm gerade einen Vortrag hielt.

 

»Es ist Ihnen doch bekannt, Dewin, daß Sie mir jede neue Einzelheit mitteilen müssen. Ich habe Ihnen eine der besten Geschichten zugeschoben, die es je gab, und Sie …«

 

»Ich habe Sie holen lassen, um Lightfoot zu verhören«, unterbrach ihn Peter höflich, »und Ihnen damit eine ganz neue Seite der Sache gezeigt.«

 

»Eine nicht besonders ergiebige«, brummte Clarke. Aber dann wurde er liebenswürdiger. »Nun, Dewin, Sie wissen doch noch einiges – was haben Sie mir vorenthalten?«

 

»Es gibt viele Dinge, von denen Sie keine Ahnung haben«, sagte Peter herausfordernd. »Da ist zum Beispiel die Geschichte mit dem einsamen Haus in Epping Forest, dann die Sache mit dem goldenen Siegelring, weiter dieser mysteriöse Harry – der Barmann, der bei Joe Farmer angestellt war und zwei Tage vor William Lanes Verhaftung unter eigenartigen Umständen aus England verschwand. Dann vor allem William Lane selbst, der in Thatcham bei einem Unfall ums Leben gekommen sein soll und plötzlich am Grosvenor Square wieder auftauchte – offenbar ein vollkommener Verbrecher, der jede Möglichkeit voraussieht und auf alles vorbereitet ist.«

 

»Da Sie gerade von William Lane sprechen«, sagte Clarke, »ich habe alle Angaben über ihn zusammenstellen lassen. Danach wurde er einige Tage nach seiner Entlassung aus Dartmoor von einem Auto überfahren und getötet.«

 

Peter Dewin schüttelte den Kopf.

 

»Er ist nicht tot. Harry, der Landstreicher, der nicht identisch mit Harry, dem Barmann ist, William Lane und der kleine Hugg hielten sehr eng zusammen. Lane versuchte aber bald, seine beiden Gefährten loszuwerden. Wahrscheinlich ist ihm das auch gelungen, und ich glaube, daß er jetzt irgendwo in London lebt. Er hat den Mann, der als Hauptzeuge gegen ihn auftrat, bereits erledigt.«

 

Clarke nickte zustimmend.

 

»Bis hierher kann ich Ihrer Theorie folgen, Dewin, aber was ist mit Harry, dem Barmann?«

 

Doch darüber konnte auch Peter keine Auskunft geben. Er verabschiedete sich rasch von Clarke und fuhr in sein Büro. Dort erfuhr er, daß Daphne ihn mehrmals angerufen hatte. Er wollte gerade den Hörer abheben, um ihre Nummer zu wählen, als sein Telefon läutete. Eine aufgeregte Stimme rief seinen Namen.

 

»Ist dort Mr. Dewin? – Hier Gregory Beale. Könnten Sie vielleicht heute abend gegen neun Uhr zu mir kommen? Ich bin sehr beunruhigt – es klingt unglaublich, aber ich habe auch eine von diesen seltsamen Karten bekommen!«

 

Einen Augenblick war Peter Dewin fassungslos.

 

»Doch nicht etwa eine Karte von der gefiederten Schlange?«

 

»Leider ja. Ich habe Oberinspektor Clarke schon Bescheid gesagt. Er wird ebenfalls heute abend bei mir sein. Soviel ich weiß, bearbeitet er ja den Fall Farmer.«

 

Nachdenklich legte Peter den Hörer auf und vergaß ganz, Daphne anzurufen.

 

Er setzte sich an seine Schreibmaschine, aber der Artikel, an dem er arbeitete, wollte ihm nicht gelingen. Als er die erste Seite durchgelesen hatte, fand er sie so schlecht, daß er sie wütend in den Papierkorb feuerte. Dann begann er von neuem, aber auch der zweite Versuch mißlang. Schließlich ging er zum Nachrichtenredakteur und erklärte ihm, daß er heute nichts zustande brächte.

 

»Vielleicht kann ich eine ordentliche Geschichte schreiben, wenn ich bei Mr. Beale gewesen bin«, sagte er. »Vorläufig bin ich viel zu nervös dazu.«

 

Als er die Treppen zu Mr. Beales Haus hinaufstieg, sah er einen untersetzten, kräftigen Mann, der eben auf die Türklingel drückte. Mr. Beale öffnete selbst.

 

»Darf ich Ihnen Mr. Holden, meinen Rechtsanwalt, vorstellen?« sagte Mr. Beale zu Dewin.

 

Dann führte er sie beide in das Zimmer, in dem Daphne tagsüber gearbeitet hatte.

 

»Wir warten am besten, bis Mr. Clarke kommt«, begann er gerade, als es wieder klingelte. Er ging zur Tür, um den Polizeibeamten hereinzulassen.

 

Der Reporter stellte fest, daß Mr. Gregory Beale ziemlich aufgeregt war. Seine Bewegungen wirkten fahrig, und auch seine Stimme klang nicht so sicher wie sonst.

 

»Die Angelegenheit gibt mir wirklich zu denken«, sagte der Gelehrte, als er die Karte mit dem Bild der gefiederten Schlange aus der Tasche zog, »So was Ähnliches haben Sie ja schon gesehen, Mr. Clarke, aber lesen Sie doch bitte einmal, was auf der Rückseite der Karte steht.«

 

Der Chefinspektor nahm die Karte und setzte seine Brille auf. Peter las gleich über seine Schulter hinweg mit: »Leicester Crewe – sein richtiger Name ist Lewston – wird um halb zehn zu Ihnen kommen, um Ihnen seine Straßenbahnaktien von Buenos Aires zu verkaufen. Sie laufen eine doppelte Gefahr, wenn Sie ihn empfangen: Ihnen selbst droht Unheil – und ihm der Tod.«

 

»Ich fand die Karte auf dem Fußabtreter in der Halle, sie war unter der Haustür durchgeschoben worden – wahrscheinlich zwischen sieben und acht Uhr abends. Zuerst wollte ich sie wegwerfen, aber dann fiel mir ein, daß außer Mr. Crewe und mir niemand etwas von dem beabsichtigten Geschäft wissen konnte. Nur meiner Sekretärin, die Ihnen ja nicht unbekannt ist« – er lächelte Peter zu –, »habe ich gesagt, daß ich ihn erwarte.«

 

»Vielleicht war es einer seiner eigenen Angestellten«, warf Clarke ein.

 

Mr. Beale nickte.

 

»Kann sein. Auf jeden Fall bin ich durch diese Geschichte nervös geworden und habe Sie deshalb gebeten herzukommen. Auch meinen Anwalt, Mr, Holden, habe ich herbestellt, damit er den Kaufvertrag durchsieht, wenn es zu einem Abschluß kommt.«

 

Der Anwalt lachte.

 

»Auf Ihre alten Tage werden Sie noch vorsichtig, Mr. Beale«, sagte er und zwinkerte seinem Klienten zu, der die Bemerkung lächelnd quittierte.

 

»Stimmt, früher war ich sorgloser – aber wenn man viel Geld hat, wird man eben mißtrauisch.« Dann fügte er ernst hinzu: »Es wäre mir lieb, wenn Sie sich alle hier aufhielten, während ich mit Mr. Crewe spreche. Ich werde die Tür zu meinem Arbeitszimmer offenlassen, und sobald ich irgend etwas Verdächtiges bemerke, rufe ich. An und für sich ist es ja kindisch – aber diese verflixte gefiederte Schlange fällt mir allmählich auch auf die Nerven.« Er drehte sich um und ging in sein Arbeitszimmer, um die Dokumente zu holen, die er seinem Anwalt zeigen wollte.

 

»Von dieser Seite habe ich Mr. Beale noch nicht kennengelernt«, sagte Mr. Holden kopfschüttelnd. »Früher ließ er sich durch nichts aus der Fassung bringen und war auch lange nicht so vorsichtig und gewissenhaft. Als er noch jünger war, bestand einer seiner Lieblingspläne in der Idee, sich im sozialen Wohnungsbau zu betätigen und mustergültige Heimstätten für arme Leute zu bauen.«

 

Peter unterdrückte mühsam einen Ausruf der Überraschung.

 

»Damals fragte er weder seinen Anwalt noch seinen Bankier um Rat. Er war in dieser Beziehung so empfindlich, daß er einmal wegen einer Warnung seines Bankiers die Bank wechselte. Übrigens war er es, der Lion House baute, und auch das Jungmädchenheim von East End beruht auf seiner Stiftung von sechzigtausend Pfund …«

 

»War er nicht mit einem Architekten befreundet?« fragte Peter.

 

Der Rechtsanwalt nickte.

 

»Ja, mit Mr. Walber. Auch ein ziemlich schrulliger Mensch – wobei ich Mr. Beale nicht gerade als schrullig bezeichnen will, aber in jenen Tagen verteilte er tatsächlich sein Geld wahllos unter den Leuten. Wenn er nicht nach Südamerika gegangen wäre, um dort Ausgrabungen vorzunehmen, hätte er sich in kürzester Frist ruiniert.«

 

Beale kam zurück, und das für Peter äußerst interessante Gespräch fand sein Ende.

 

Mr. Holden beugte sich über die vorbereiteten Verträge und prüfte sie genau. »Es scheint alles in Ordnung zu sein«, sagte er nach einiger Zeit.

 

In diesem Augenblick klingelte es. Peter Dewin lief ein kalter Schauer über den Rücken; er war über sich selbst verwundert und versuchte vergeblich, seine Aufregung zu unterdrücken.

 

Beale ging zur Tür, und gleich darauf hörten sie Crewes Stimme. Er begrüßte Beale außerordentlich höflich.

 

»… es tut mir sehr leid, daß ich Sie noch zu so später Stunde belästige, Mr. Beale, aber ich muß England plötzlich verlassen – es ist möglich, daß ich sehr lange Zeit fortbleibe …«

 

Die Stimmen wurden schwächer, Beale betrat mit seinem Gast das Arbeitszimmer.

 

»Crewe ist also tatsächlich gekommen«, flüsterte Clarke. »Wahrscheinlich ist … Um Himmels willen!« Aus dem Arbeitszimmer gellte ein schriller Angstschrei, der in einem langgezogenen Röcheln endete. Dann hörte man einen dumpfen Fall und Mr. Beales Stimme, der um Hilfe schrie. Clarke und Peter sprangen wie der Blitz auf und liefen in die Bibliothek hinüber.

 

Beale lehnte am Kamin und deutete mit entsetztem Gesichtsausdruck auf die reglose Gestalt Leicester Crewes, der vor der Wand gegenüber dem großen Fenster lag.

 

»Großer Gott, was ist passiert?« fragte Clarke und beugte sich über Crewe.

 

»Ich weiß es nicht … Er schrie plötzlich auf und fiel hin – ich sah und hörte sonst nichts … Es geschah im gleichen Augenblick, in dem wir ins Arbeitszimmer traten.«

 

»Machen Sie alle Lampen an«, sagte Clarke. Peter gehorchte.

 

Der Beamte drehte den stumm Daliegenden herum und untersuchte ihn.

 

»Erschossen.« Er hob seine Hand in die Höhe, die voll Blut war. »Mitten durchs Herz!«

 

»Tot?« fragte der Anwalt, der ebenfalls ins Zimmer gekommen war, mit bebender Stimme.

 

Clarke nickte.

 

»Ja, es gibt kaum einen Zweifel. Telefonieren Sie schnell nach einem Arzt.«

 

Peter rief einen Doktor in der Nachbarschaft an, den er kannte. Als er zurückkam, stand Clarke am Fenster und betrachtete die Scheibe. Er zeigte auf ein glattes, rundes Loch.

 

»Der Schuß ging durch das Fenster«, sagte er. »Die Scheibe ist aus splittersicherem Glas.«

 

Beale nickte.

 

»Ja, ich ließ es vor einiger Zeit einsetzen, weil ein paar Lausbuben von der Straße mit Steinen warfen und mich beinahe getroffen hätten.«

 

Er schaute wieder auf den Mann, der am Boden lag.

 

»Also tot«, sagte er dann langsam.

 

»Haben Sie keinen Schuß gehört?« fragte Clarke. Als Beale den Kopf schüttelte, öffnete der Beamte vorsichtig das große Fenster und kletterte in den Garten hinaus. Peter leuchtete ihm mit seiner Taschenlampe.

 

Ein gepflasterter Weg lief zu der Mauer im hinteren Hof. Von dem Mörder war nichts zu sehen. Der einzige Ort, wo sich jemand hätte verstecken können, war ein kleiner Schuppen, an dem außen ein Vorhängeschloß hing.

 

Auf einem kleinen Seitenweg sah Clarke etwas blitzen. Er bückte sich und hob es auf. Es war eine leere Patronenhülse. Mit einem Zweig machte er ein großes Kreuz an die Stelle, wo er sie entdeckt hatte.

 

»Das dürfte also stimmen«, sagte er mit Genugtuung. »Wir müssen aber wohl bis morgen früh warten, bevor wir die Mauer genauer untersuchen können. Dewin, rufen Sie doch mal bei Scotland Yard an, damit wir ein paar Leute zur Hilfe bekommen. Und dann – so leid es mir tut, alter Freund – müssen Sie verschwinden.«

 

»Wenn ich gehe, werden Sie wohl kaum den Mörder von Leicester Crewe schnappen!«

 

»Meinen Sie das im Ernst?« fragte Clarke nach einer Pause verblüfft. Er wußte, daß der Reporter diese Äußerung kaum ohne triftigen Grund gemacht hätte.

 

»Ich weiß nicht, welche Polizeibestimmungen in einem solchen Fall gelten«, sagte Peter. »Aber Sie tun gut daran, wenn Sie diesmal ein Auge zudrücken. Ich gehe jetzt, um noch ein bißchen herumzuschnüffeln, werde aber morgen früh wieder da sein, wenn Sie Ihre Untersuchungen beginnen.«

 

Der Oberinspektor zögerte.

 

»Also gut«, sagte er schließlich. »Telefonieren Sie jetzt aber erst mit Scotland Yard.«

 

Der Reporter ging durch das Arbeitszimmer zurück. Ein schneller Blick auf Leicester Crewes kalkweißes Gesicht sagte ihm, daß da jede Hilfe zu spät kam.

 

Er telefonierte gerade von der Halle aus, als die beiden Diener zurückkamen, die den ganzen Tag beurlaubt gewesen waren. Mr. Beale stand mit seinem Rechtsanwalt im Empfangszimmer und hatte seine Ruhe einigermaßen wiedergewonnen.

 

»Ich möchte nicht mehr darüber reden«, sagte er. »Bestimmt werden alle Zeitungen über den Mord berichten, und es scheint keine Möglichkeit zu geben, daß mein Name nicht erwähnt wird!«

 

»Haben Sie eigentlich mit Mr. Crewe gesprochen, Mr. Beale?«

 

Beale schüttelte den Kopf.

 

»Ich hatte gar keine Gelegenheit dazu. Er dankte mir, daß ich ihn noch so spät empfangen hatte, und fiel dann plötzlich um. Ich kann Ihnen nicht einmal sagen, was überhaupt geschah«, erklärte er erregt.

 

Tatsächlich hatte auch keiner der andern Anwesenden etwas wahrgenommen, bevor sie den lauten Schrei von Leicester Crewe und Mr. Beales Hilferuf hörten.

 

Peter Dewin eilte aus dem Haus, nahm ein Taxi und fuhr zu Daphnes Hotel. Sie war schon ins Bett gegangen, und Peter ließ ihr durch das Zimmermädchen ausrichten, daß er sie dringend sprechen müsse. Nach kurzer Zeit kam sie herunter und schaute ihn erschrocken an. Er erklärte ihr rasch, was heute abend in Beales Villa vorgefallen war.

 

»Es ist mir sehr unangenehm, dich so auszufragen, aber bitte denke doch einmal genau nach, ob du nicht irgend etwas Ungewöhnliches bemerkt hast. Jede kleinste Einzelheit kann uns dabei von Nutzen sein. Vielleicht erinnerst du dich an Besucher, die zu Mr. Beale kamen? Sind irgendwelche Handwerker dagewesen, die im Haus oder im Garten arbeiteten?«

 

Daphne dachte nach. Vom Garten wußte sie nur, daß Mr. Beale gewöhnlich dort seinen Morgenspaziergang machte und alle trockenen Blätter, die er fand, verbrannte.

 

»Ist Leicester Crewe früher schon einmal im Haus gewesen?«

 

»Nein, ich glaube nicht.«

 

»Auch niemand von seinen Bekannten?«

 

»Doch, Ella Creed hat mich besucht. Ich wollte dir das telefonisch mitteilen, aber du warst nicht zu erreichen.«

 

»Das ist ja interessant! Und was geschah, als sie kam?« fragte er, fiebernd vor Ungeduld.

 

Sie erzählte ihm alles, und er hörte gespannt zu.

 

»Miss Creed wurde also ohnmächtig, als sie die Plastik einer gefiederten Schlange betrachtete?«

 

Daphne nickte.

 

»Ja. Zur gleichen Zeit war auch ein Mann an der Tür, der mit Mr. Beale sprach.«

 

»Kannst du mir beschreiben, wie er aussah?«

 

Sie nickte wieder.

 

»Ich weiß sogar seinen Namen. Er ging mir nach bis zu Miss Creeds Wohnung. Anscheinend kannte er Mr. Beale von früher her – er sagte mir, daß er ihn um Geld für seine Rückreise nach Argentinien gebeten hätte.«

 

Peter starrte sie an.

 

»Merkwürdig – Miss Creed fiel in Ohnmacht, während Mr. Beale mit dem Fremden an der Haustür sprach. Wie heißt der Mann denn?«

 

»Harry Merstham.«

 

Peter schüttelte den Kopf.

 

»Der Name sagt mir gar nichts.«

 

»Er hatte früher eine Bar in Argentinien und wurde Harry, der Barmann, genannt.«

 

»Was sagst du da?«

 

Peter sprang auf.

 

»Harry, der Barmann! Weißt du auch, wo er wohnt?«

 

Der Zettel mit der Adresse war in ihrer Handtasche, und Daphne lief in ihr Zimmer, um sie zu holen. Nach wenigen Minuten kam sie wieder zurück.

 

»Ist der Mann so wichtig für dich?«

 

Peter nickte. Sein Gesicht glühte vor Erregung.

 

»Weißt du sonst noch etwas? – Es ist eigentlich unglaublich, was ich in der kurzen Zeit schon alles von dir erfahren habe!« Er steckte den Zettel mit der Adresse in seine Tasche. »Vielleicht kannst du mir noch weiter helfen?«

 

Sie erinnerte sich plötzlich wieder an einen merkwürdigen Umstand.

 

»Die Tür wird wohl kaum von Bedeutung sein«, meinte sie zögernd.

 

»Alles ist wichtig«, unterbrach er sie eifrig. »Von welcher Tür sprichst du denn?«

 

»Ich meine die Tür, die früher in der Gartenmauer war. Mr. Beale hatte sie in sein Arbeitszimmer gestellt und mit aztekischen Ornamenten bemalt. Es sah sehr seltsam aus.«

 

»Wo steht denn die Tür jetzt? Im Garten oder in seinem Arbeitszimmer? Im Haus roch es doch ziemlich aufdringlich nach frischer Farbe.«

 

»Sie stand im Arbeitszimmer«, erwiderte sie.

 

Er schaute sie nachdenklich an.

 

»Wann hast du die Tür zum letztenmal im Arbeitszimmer gesehen?«

 

Sie überlegte einen Augenblick.

 

»Heute nachmittag«, entgegnete sie dann. »Mr. Beale sagte, er wolle sie in den Schuppen stellen. Der Raum roch so stark nach Ölfarbe, daß es ihm selbst unangenehm wurde.«

 

Peter riß ein Blatt Papier aus seinem Notizbuch und zeichnete in groben Umrissen einen Plan des Zimmers darauf.

 

»Jetzt bezeichne mir bitte genau die Stelle, wo die Tür stand, als er daran malte.«

 

Sie zeigte ihm den Punkt, und er machte dort ein Kreuz. Dann faltete er das Papier zusammen und lächelte zufrieden.

 

»Ich muß dir noch etwas sagen.« Sie schob ihre Hand unter seinen Arm, als er sich erhob, und lehnte sich ein wenig an ihn. »Ich habe heute abend den Wagen mit dem Sprung im Scheinwerfer in der Nähe von Miss Creeds Haus gesehen. Ich habe ihn ganz genau erkannt.«

 

»Entschuldige einen Augenblick«, entgegnete Peter.

 

Er ging zum Telefon und wählte die Nummer des »Orpheums«.

 

»Nein, mein Herr«, beantwortete der Portier seine Frage. »Ich habe Miss Creed heute abend nicht gesehen. Soviel ich weiß, ist sie krank geworden und zur Erholung aufs Land gefahren.«

 

»War sie überhaupt nicht im Theater?« fragte Peter.

 

»Nein, sie hat nur angerufen.«

 

Ohne zu zögern läutete er bei Ella Creed an. Ihr Mädchen meldete sich.

 

»Ich kann das nicht verstehen, Sir. Man hat schon vom Theater aus angerufen und gefragt, wo Miss Creed bleibt. Meiner Meinung nach hat ihr nichts gefehlt, als sie fortging – außer daß sie vielleicht etwas nervöser war als sonst.«

 

»Hat sie das Haus zur üblichen Zeit verlassen, um ins Theater zu gehen?« erkundigte er sich noch.

 

»Ja, natürlich.«

 

Peter legte den Hörer mit einem düsteren Lächeln auf.

 

Die gefiederte Schlange war an diesem Abend nicht müßig gewesen.

 

Kapitel 11

 

11

 

Daphne Olroyd saß in der Küche ihrer kleinen Wohnung vor ihrem Frühstück, als es an der Tür läutete. Sie öffnete und sah draußen Peter stehen.

 

»Ist das ein offizieller Gegenbesuch?« fragte sie und bat ihn einzutreten.

 

»Je nachdem – ich weiß noch nicht recht … Mir ist etwas eingefallen, was ich Sie unbedingt noch fragen wollte.«

 

Was er dann aber vorbrachte, war so offenkundig an den Haaren herbeigezogen, daß sie gleich wußte, daß der eigentliche Grund seines Morgenbesuches ein ganz anderer war.

 

Tatsächlich hatte er eine ruhelose Nacht verbracht; um vier Uhr morgens war er bereits; so nervös gewesen, daß er sich am liebsten angezogen hätte, um nachzusehen, ob es ihr auch gut ginge. Er konnte ihr doch aber jetzt nicht sagen, daß er nur deshalb gekommen war, weil er sie dauernd von irgendwelchen Gefahren umgeben sah.

 

Warum er überhaupt auf so dumme Gedanken kam, war ihm unbegreiflich. Der sonst so schlaue Peter war nicht einmal mehr imstande, seinen eigenen Gemütszustand richtig zu beurteilen.

 

»Ich habe eine Einladung zum Abendessen von … Raten Sie mal von wem«, sagte Daphne, nachdem sie ihm einen Platz angeboten hatte.

 

»Doch nicht von Miss Creed?« fragte er auf gut Glück und war verblüfft, als sie bejahte.

 

Sie nickte, ging in ihr Schlafzimmer und holte das Schreiben, das er verwundert las:

 

»Meine liebe Miss Olroyd,

 

ich würde mich gerne über verschiedene Dinge mit Ihnen unterhalten. Wären Sie so liebenswürdig, mich heute abend am Theater abzuholen? Wir könnten dann irgendwo miteinander zu Abend essen. Wir sind uns nun schon so oft begegnet, ohne daß wir richtige Bekanntschaft geschlossen hätten. Vor allem möchte ich auch einige Fragen an Sie richten, die den Tod meines armen Freundes Mr. Farmer betreffen. Vielleicht wird es Sie bei dieser Gelegenheit interessieren, auch einmal einen Blick hinter die Kulissen eines Theaters zu werfen? Bitte rufen Sie mich doch in meiner Wohnung in St. John’s Wood an.

 

Mit freundlichen Grüßen

Ihre

Ella Creed«

 

Er faltete den Brief wieder zusammen und gab ihn Daphne zurück.

 

»Werden Sie hingehen?«

 

Sie sah ihn nachdenklich an.

 

»Ich weiß noch nicht recht. Eigentlich wäre es sehr unhöflich, wenn ich ablehnte, andererseits kenne ich sie ja kaum. Was würden Sie denn an meiner Stelle tun?«

 

»Ich wüßte keinen Grund, warum Sie nicht hingehen sollten«, entgegnete Peter. Dabei hatte er aber das unangenehme Gefühl, daß es besser sei, wenn sie diese unerwartete Einladung nicht annehmen würde.

 

»Ich werde es mir noch überlegen«, meinte Daphne und steckte den Brief wieder in ihre Handtasche. »Heute abend habe ich sowieso nichts vor – und eigentlich würde ich tatsächlich ganz gern einmal hinter die oft erwähnten Theaterkulissen schauen.«

 

An diesem Morgen hatten sie genügend Zeit, um zu Fuß zu Gregory Beales Haus zu gehen. Sorglos schlenderten sie durch den Park und fühlten sich ganz als zwei junge Leute, die momentan keine allzu großen Sorgen hatten.

 

»Wie wäre es denn, wenn ich Sie heute abend zum Essen einladen würde?« erkundigte er sich vorsichtig, als sie vor Mr. Beales Haus angelangt waren.

 

»Sie haben doch so viel zu tun«, erwiderte sie schnell. »Und ich möchte auch nicht, daß diese Einladungen zur Gewohnheit werden.«

 

»Es wäre die erste gute Gewohnheit, die ich jemals hatte!«

 

Sie lachte nicht, wie er erwartet hatte, und ihre Entgegnung war ziemlich zurückhaltend.

 

»Sie sollten nicht gar zu selbstsicher sein, Mr. Dewin noch nicht.«

 

Er glaubte, daß er sie durch irgendeine leichtsinnige Bemerkung beleidigt hätte, wußte aber beim besten Willen nicht, was er falsches gesagt oder getan hatte. Sie dagegen war über sich selbst verwundert, daß sie so unfreundlich zu ihm gewesen war.

 

Sie trennten sich etwas kühl, und während Peter Dewin weiterschlenderte, quälten ihn unangenehme Gedanken. Schließlich legte er sich die naheliegende Frage vor, ob er sich nicht bereits verliebt habe, brach diese nutzlosen Überlegungen aber mit einem tiefen Seufzer ab.

 

Mit dem Bus fuhr er nach Scotland Yard und ließ sich bei Oberinspektor Clarke melden. Er wurde sofort zu einem kleinen Kriegsrat zugezogen, der schon vor seiner Ankunft begonnen hatte.

 

»Kommen Sie herein, Dewin«, sagte Clarke. Der große, starke Mann mit dem grauen Schnurrbart war einer der fähigsten Männer von Scotland Yard. »Wir diskutieren gerade über die gefiederte Schlange. Vielleicht können Sie uns weiterhelfen.«

 

»Die Zusammenhänge sind mir auch noch nicht ganz klar«, erwiderte Peter prompt. »Ich kam eigentlich her, um mir bei Ihnen neue Informationen zu holen.«

 

»Hier können Sie wenig Neuigkeiten erfahren«, brummte Sweeney, ein Mitarbeiter von Clarke. »Wir sind auf einem toten Gleis festgefahren.«

 

»Worüber wollten Sie uns denn ausholen, Dewin?« fragte Clarke.

 

»Wissen Sie etwas über einen gewissen Hugg?«

 

Clarke nickte nach kurzem Nachdenken.

 

»Ich habe ihn einmal hinter schwedische Gardinen gebracht«, sagte er. »Er ist ein Einbrecher, der vor ein paar Monaten auf Bewährungsfrist entlassen wurde und sich regelmäßig bei der Polizeiwache von King’s Gross melden muß. Er hat mir das erzählt, als ich ihn vor einiger Zeit zufällig auf der Straße sah und ansprach. Was hat er denn jetzt wieder ausgefressen?«

 

»Er wollte mir nur Material für einen Artikel anbieten«, sagte Peter, »und das ist schließlich kein Verbrechen. Dann möchte ich noch gerne wissen, ob Sie mir Auskunft über die Ricks-Bande geben können?«

 

Sweeney, der sich gerade mit einem Kollegen unterhielt, schaute interessiert auf.

 

»Meinen Sie die Falschmünzerbande? Die habe ich seinerzeit ausgehoben – mit Ausnahme des Mädchens, das damals noch ein Kind war. Ist sie denn wieder in London aufgetaucht?«

 

»Sie hat doch eigentlich die Fälschungen gemacht, nicht wahr?« fragte Peter, indem er die Frage des andern überhörte. »Hatte sie denn so viel Talent?«

 

»Ja, sie war wirklich sehr geschickt«, antwortete Clarke. »Als sie zwölf Jahre alt war, erhielt sie einmal von der Chelsea-Gesellschaft eine Goldmedaille für ihre Zeichnungen.«

 

»Können Sie sich an ihren Namen erinnern?« fragte Peter.

 

Keiner wußte ihn mehr, aber er ließ sich ohne weiteres in den Akten feststellen.

 

»Sie hieß Paula.«

 

Peter bekam Herzklopfen vor Aufregung.

 

»Paula – Paula Ricks – sie hat also die Entwürfe für die falschen Banknoten gezeichnet?«

 

Clarke nickte langsam.

 

»Daran ist nicht zu zweifeln. Mag sein, daß sie keine englischen Noten gemacht hat, aber bestimmt hat sie die französischen Tausendfrancscheine gefälscht. Der Sachverständige der Bank von Frankreich erklärte damals, die Fälschungen seien ganz raffiniert ausgeführt. Es waren keine Photographien, sondern Zeichnungen, die später geätzt wurden. Wir konnten damals allerdings nicht gegen das Mädchen vorgehen, weil es noch zu jung war. Ihr Vater betrieb die Falschmünzerei geradezu als Hobby und konnte nicht mehr davon lassen. Wenn er sich nicht erschossen hätte, wäre er für immer im Zuchthaus gelandet. – Glauben Sie, daß die Zeichnungen der gefiederten Schlange von ihr stammen?«

 

Peter schüttelte entschieden den Kopf.

 

»Gegen diese Vermutung möchte ich einiges wetten.«

 

»Nanu«, rief Clarke verdrießlich, als der Reporter ihnen lässig zuwinkte und zur Tür ging. »Was sind denn das für Manieren? Nichts als Fragen stellen und dann wieder verschwinden?«

 

Peter drehte sich um.

 

»Ich habe mir nun verschiedene Meinungen über die gefiederte Schlange und den Mord angehört und mir allerlei daraus zusammengereimt. Ich verspreche Ihnen das eine, Clarke, daß Sie alles Material meiner Geschichte bekommen, bevor sie in Druck geht. Zuerst muß ich aber noch ein Schloß finden, das sich mit einem bestimmten Schlüssel öffnen läßt. Und außerdem muß ich noch wissen, wozu Joe Farmer das verdammte Wort Gucumatz gebraucht hat.«

 

Dann ging er, ohne eine Antwort abzuwarten.

 

Kapitel 12

 

12

 

Dewin hatte eine Menge Besuche zu absolvieren. Darunter waren sowohl wichtige als auch nebensächliche, deren Ergebnis man jedoch nicht voraussehen konnte. Im obersten Stock eines Geschäftshauses in der Winchester Street trat er in das Büro einer alteingesessenen Baufirma und wollte sich bei dem ersten Architekten, dessen Name auf dem Firmenschild stand, anmelden. Der Mann in der Pförtnerloge schüttelte aber den Kopf.

 

»Mr. Walber lebt nicht mehr. Das Geschäft wird jetzt von Mr. Denny allein geführt. Wollen Sie ihn sprechen?«

 

Peter stand bald darauf einem hageren, kurzsichtigen Mann gegenüber, der nervös und ungeduldig wirkte. Man hatte den Eindruck, daß er das Gespräch so bald wie möglich zu beenden wünschte. Selbst das Zauberwort »Redaktion des Postkurier« zog bei ihm nicht. Er war ein so vielbeschäftigter Mann, daß er wahrscheinlich von der Existenz dieser großen Zeitung keine Ahnung hatte.

 

Peter zog den Plan aus der Tasche, den er in der Schublade von Joe Farmers Schreibtisch gefunden hatte, und auf dem der Name der Firma »Walber & Denny« stand. Er zeigte ihn dem Architekten.

 

»Das ist einer der Baupläne, die noch Mr. Walber entworfen hat«, sagte Denny sofort und zeigte auf eine schwer leserliche Unterschrift in der Ecke des Blattes. »Ich kann Ihnen darüber leider keine Auskunft geben. Mr. Walber liebte es, an solche große Projekte heranzugehen. Was es sein soll? Anscheinend ein riesiger Wohnblock – du lieber Himmel –, die Londoner Baupolizei würde sich gegen einen solchen Unsinn entschieden verwahren. Das Ganze hat nur in Mr. Walbers lebhafter Phantasie existiert.«

 

»Können Sie vielleicht feststellen, für wen dieser Plan gezeichnet wurde?«

 

Denny beteuerte nachdrücklich, daß er das nicht wisse.

 

»Mr. Walber war ein gutherziger, aber unpraktischer Mensch. Als er starb, hinterließ er keinen Pfennig. Als Junggeselle brauchte er auch sehr wenig Geld.«

 

An Mr. Dennys düsterem Tonfall ließ sich unschwer erkennen, daß er kein Junggeselle war.

 

»Mr. Walber zeichnete häufig nur zu seinem Vergnügen solche weitläufigen Pläne. Er war von dem Gedanken besessen, daß er eines Tages einen Geldgeber finden würde, der ihm die nötigen Mittel zur Verwirklichung seiner Ideen zur Verfügung stellte. Aber Millionäre sind bekanntlich dünn gesät und außerdem meist praktisch veranlagt, und so hatte er keine Gelegenheit, seine verrückten Pläne zu verwirklichen. Wollen Sie sonst noch etwas wissen?«

 

Peter faltete den Plan zusammen und steckte ihn wieder ein. Etwas an der kurzangebundenen Art des anderen belustigte ihn.

 

»Sind Sie sicher, daß dieser Plan in Ihrem Büro nicht weiter bearbeitet wurde?« fragte Peter.

 

»Ganz sicher. Es war eine private Spielerei von Mr. Walber; ein offizieller Auftrag, der in unseren Akten festgehalten sein müßte, war es keinesfalls – außerdem verwenden wir hier im Büro ein ganz anderes Papier.«

 

Peter hatte eine unbestimmte Ahnung, auf wen Mr. Walber bei der Verwirklichung seiner Pläne gezählt hatte; daß er aber hier nichts Näheres darüber erfahren konnte, war ihm klar. Er fragte dann noch, ob Walber vielleicht den kürzlich ermordeten Mr. Farmer gekannt habe. Mr. Denny schaute in seiner Kundenliste nach und schüttelte dann den Kopf.

 

»Unter unseren Kunden befindet sich kein Mr. Farmer.«

 

Gleich darauf machte sich Peter auf den Weg zur City. In der Queen Victoria Street liegt ein altmodisches Gebäude aus der Zeit der Königin Anna – das Heraldische Amt. Dort verbrachte er fast eine Stunde, und als er herauskam, sah er bedeutend vergnügter aus. Einen Zipfel des Vorhangs, der das Geheimnis der gefiederten Schlange verbarg, hatte er lüften können.

 

Die schwierigste Aufgabe erwartete ihn aber erst noch. Buckingham Gate Nr. 10 war ein vornehmes, großes Haus mit einzelnen Mietswohnungen. Der Portier sagte ihm, daß Mrs. Staines zu Hause sei, und öffnete ihm die Tür des Aufzugs.

 

Als Peter oben an der Wohnungstür geklingelt hatte, öffnete ihm ein Dienstmädchen und führte ihn in eine kleine, geschmackvolle Diele; besonders fielen ihm an den Wänden eine Reihe von eingerahmten Zeichnungen auf.

 

Das Mädchen kam bald zurück und führte ihn in einen Raum, der das Meisterstück eines Innenarchitekten hätte sein können. Ein Blick auf Mrs. Paula Staines genügte Peter, um zu wissen, daß er hier einen ganz anderen Typ vor sich hatte, als die eingebildete Schauspielerin vom »Orpheum«.

 

Mrs. Staines saß an einem Tischchen, einen weißen Zeichenkarton vor sich. Er konnte nicht umhin, sie bewundernd anzuschauen; in ihrem ganzen Wesen drückte sich das aus, was man eben nur bei einer Dame findet.

 

Sie lehnte sich in ihren Sessel zurück und begrüßte ihn mit einem etwas spöttischen Lächeln.

 

»Eine große Ehre für mich, Mr. Dewin«, sagte sie. »Wollen Sie mich etwa interviewen?«

 

Bevor er antworten konnte, nahm sie den vor ihr liegenden Zeichenkarton und hob ihn in die Höhe.

 

»Ich zeichne gefiederte Schlangen – sehen sie nicht phantastisch aus?«

 

Er erkannte einige Skizzen von gefiederten Schlangen auf dem Blatt – zusammengerollt, den Kopf zurückgebogen, um auf ein Opfer loszustoßen, in seltsamer Verschlingung. Daneben Einzelstudien von Köpfen und Versuche, besonders das eigenartige Gefieder herauszuarbeiten.

 

»Reizend von Ihnen, daß Sie mir meine Aufgabe so leicht machen«, meinte Peter begeistert. »Deshalb bin ich ja Zu Ihnen gekommen.«

 

Ihre Lippen preßten sich für einen Augenblick zu einem dünnen Strich zusammen.

 

»Das vermutete ich schon, als ich Ihre Karte las«, entgegnete sie. »Aber glauben Sie mir, Mr. Dewin, Sie haben sich nicht gerade an eine kompetente Expertin gewandt. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas von gefiederten Schlangen gehört – bis dieser fürchterliche Mord geschah.«

 

Sie sah ihn offen an, und er war sich fast sicher, daß sie ihn nicht belog.

 

»Vermutlich sind Sie auch wegen des Mordes gekommen.«

 

Sie wischte die Zeichnungen vom Tisch und schauderte zusammen. »Es ist furchtbar!«

 

Er wußte ganz genau, warum die Tat dieser sonst so gelassenen Frau besonders naheging. Wäre er ein brutaler Mensch gewesen, so hätte er ihr sofort einiges auf den Kopf zugesagt; so erkundigte er sich vorerst nur nach dem Vorleben Mr. Farmers. Anscheinend hatte sie ihn gut genug gekannt, um auch über seine verschiedenen Straftaten im Bilde zu sein; trotzdem berührte sie diese Dinge aber nicht.

 

»Und jetzt, Mr. Dewin« – bei diesen Worten legte sie ihre schönen schlanken Hände auf den Tisch und zog die Augenbrauen zusammen –, »sagen Sie mir bitte, was Sie wirklich von mir wollen.«

 

Das war eine Herausforderung, und er nahm sie an.

 

»Ich will ganz offen sein. Ich brauche Informationen über die gefiederte Schlange.« Sie machte eine abwehrende Bewegung. »Vielleicht sind Sie selbst überzeugt davon, daß Sie nichts über diese Angelegenheit wissen – ich vermute das Gegenteil. Nun, vor vielen Jahren erregte eine große Betrugsaffäre viel Aufsehen …«

 

»Ich war nicht daran beteiligt«, erwiderte sie ruhig und bestimmt. »Natürlich kann ich nicht verlangen, daß Sie mir glauben, aber deswegen ist es doch wahr. Ich will nicht behaupten, daß ich in gewissem Sinn von dieser Angelegenheit damals nicht profitiert hätte – aber bis zur letzten Minute, in der man mich einweihen mußte, wurde ich über die eigentlichen Zusammenhänge im unklaren gelassen. Übrigens werde ich Ihnen über die Sache nichts weiter erzählen.«

 

»Warum haben Sie denn überhaupt schon so viel angedeutet.«

 

Sie überlegte einen Augenblick, bevor sie antwortete.

 

»Weil ich annehme, daß Sie irgend etwas entdeckt haben, was mich angeht. Ich wußte es nicht, bis Sie hier hereinkamen – erst als ich Ihren Gesichtsausdruck sah.«

 

Er nickte.

 

»Ja – Sie sind Paula Ricks.«

 

Sie erwiderte nichts, und er wiederholte die Worte. Wieder verzog sie den Mund zu einem spöttischen Lächeln.

 

»Ganz richtig, ich bin Paula Ricks – aber was kann Ihnen diese Tatsache helfen?«

 

»Sie kennen William Lane«, entgegnete er ernst. Aber zu seiner größten Verwunderung schüttelte sie den Kopf.

 

»Ich habe ihn niemals gesehen – ich wußte kaum etwas über ihn, bis er festgenommen wurde. Später habe ich dann natürlich alles erfahren, was es überhaupt über ihn zu wissen gab.« Sie lehnte sich vor und sah ihn groß an. »Ist es denn ein Verbrechen, daß ich Paula Ricks bin? Sie können mir doch nicht den Aufenthalt in England verbieten – und die Polizei kann mir nichts anhaben!« Forschend sah sie ihn an. »Soll ich Ihnen erzählen, was die Polizei vermutet, was aber bisher niemand weiß? Ich habe alle Platten selbst gestochen, die mein Vater brauchte, um die falschen französischen Banknoten nachzudrucken. Allerdings, was mir kaum jemand glauben wird, ich dachte damals, daß es nur ein Scherz sei … Ja sogar als ich den Ernst der Lage übersah, machte ich mir nicht viel Gewissensbisse, ich hielt es immer noch für einen großen Spaß. Vielleicht fühlte ich auch eine gewisse Genugtuung dabei … Übrigens habe ich nachher nie wieder eine solche Platte gestochen.«

 

Er betrachtete vielsagend die luxuriöse Einrichtung des Zimmers.

 

»Nun, das hier muß doch etwas gekostet haben – und nicht zu wenig. Nehmen Sie mir diese Frage nicht übel wie bringen Sie es fertig, von Ihren sicher nicht sehr großen Einnahmen als Künstlerin in diesem Stil zu leben?«

 

Er war von dieser Frau schon vorher beeindruckt gewesen, aber das größte Rätsel gab sie ihm erst jetzt auf.

 

»Das Geld, das ich besitze, diese Wohnung, alles, was Sie hier sehen, habe ich nur deshalb, weil ich ehrlich war! Und ich würde genau dasselbe haben, wenn ich nicht ehrlich gewesen wäre. Merken Sie sich – ich kann sagen, daß mein Vermögen der Preis für meine Ehrlichkeit und meine energische Weigerung ist, das alte Leben weiterzuführen.«

 

Er war davon überzeugt, daß sie die Wahrheit sagte, wenn er sich vorerst auch durchaus noch keinen Reim darauf machen konnte.

 

»Man sagt, daß Sie eine Vorliebe für Rätsel haben, Mr. Dewin – lösen Sie dieses!« Sie stand auf und drückte auf einen Klingelknopf. »Ich werde jetzt Tee trinken. Wollen Sie mir dabei Gesellschaft leisten? Ich war wirklich im Unrecht, als ich Ihrem Besuch mit einem gewissen Unbehagen entgegensah.«

 

Das Mädchen kam herein, und sie sprach erst weiter, als es einen Auftrag entgegengenommen und die Tür wieder geschlossen hatte.

 

»Ich fürchtete, Sie würden herausbekommen, wer ich in Wirklichkeit bin, und das haben Sie in der Tat ja auch getan; nur daß es jetzt gar nicht so schlimm ist, wie ich mir einbildete. Eigentlich war es sehr dumm von mir, daß ich so unruhig war … Sie sind heute morgen bei Scotland Yard gewesen – haben Sie dort Ihre Entdeckung mitgeteilt?«

 

Er sah sie erstaunt an.

 

»Woher wissen Sie das?«

 

»Aus einem ganz einfachen Grund«, entgegnete sie gelassen. »Ich habe Sie während der letzten sechsunddreißig Stunden überwachen lassen – und habe dabei eine ganze Menge über Sie und Ihr Privatleben erfahren. Miss Olroyd ist wirklich ein sehr hübsches Mädchen, nicht wahr, Mr. Dewin?«

 

Er hörte den heiteren Unterton in ihrer Stimme und wurde rot.

 

»Sie haben doch nicht etwa Mr. Stebbings engagiert, um mich beobachten zu lassen?«

 

»Aber natürlich – Mr. Stebbings in Person«, sagte sie mit der größten Selbstverständlichkeit. »Sie haben ihn also erkannt? Ich habe ihm doch gleich gesagt, daß sein Bart viel zu sehr auffällt!«

 

Der Tee wurde hereingebracht, und sie goß ein.

 

»Entsetzlich, diese Sache mit Mr. Farmer«, sagte sie nach einer längeren Pause. »Nicht, daß ich ihn besonders leiden konnte … Ich könnte Ihnen viel von ihm erzählen, aber es ist besser, wenn ich es nicht tue. Außerdem sind Sie ja so klug, daß Sie alle diese Dinge selbst herausbekommen werden.«

 

»Soll das eine Beleidigung oder ein Kompliment sein?«

 

»Ich weiß nicht – nehmen Sie es, wie Sie wollen.«

 

Er starrte in seine Tasse, dann trank er einen Schluck und schaute ihr von unten herauf in die Augen.

 

»Wenn wir Wein hätten, würde ich einen Trinkspruch auf Sie ausbringen«, meinte er mit einem seltsamen Unterton. »Ich brauchte Ihnen dabei nur das schöne alte Wort Gucumatz zu sagen!«

 

Klirrend fiel ihr die Tasse aus der Hand, und sie wurde plötzlich totenblaß.

 

»Gucumatz!« stieß sie hervor und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Gucumatz …«

 

Sie atmete erregt. In der nächsten Sekunde würde sie zu reden beginnen …

 

Aber in diesem Augenblick klopfte es an die Tür, und das Mädchen kam herein. Mrs. Staines wurde am Telefon verlangt – die günstigste Gelegenheit für sie, um Zeit zu gewinnen.

 

Sie verließ schnell das Zimmer, war einige Minuten abwesend, und als sie wieder eintrat, hatte sie ihre alte, sichere Haltung bereits Zurückgewonnen.

 

»Ich glaube, wir müssen jetzt sehr vernünftig sein«, sagte Paula Staines mit einer Stimme, die ein wenig gezwungen fröhlich klang.

 

»Und aufrichtig!« fügte Peter hinzu.

 

»Auch aufrichtig!« wiederholte sie. »Und zwar gilt das für uns beide. Ich gestehe, daß Sie mich überrascht haben … Gleich darauf wurde mir klar, daß Sie das böse Wort bei Farmer gefunden haben, der es stets mit sich herumtrug. Sie erschreckten mich tatsächlich furchtbar! Solche unvermittelten Überraschungen gehören zu Ihrem Beruf, wie?«

 

»Das kann ich nicht abstreiten – und wenn ich von Gucumatz sprach …«

 

»Ein verrücktes Wort – ich schwöre Ihnen, daß ich es nicht gehört habe, bis ein Jahr nach …«, sie zögerte und suchte nach einem Ausdruck.

 

»Bis ein Jahr nach?« wiederholte Peter.

 

»… nach einem gewissen Ereignis«, vollendete sie den Satz. »Aber was bezwecken Sie eigentlich mit diesem Wort?«

 

Wußte sie es wirklich nicht, oder wollte sie ihn nur verblüffen? Es sah doch so aus, als ob sie dem Wort eine besondere Bedeutung zugrunde legte, und seine Vermutung wurde auf seinen nächsten Satz hin bestärkt.

 

»Gucumatz ist nur ein anderer Name für gefiederte Schlange«, sagte er langsam.

 

Sie schaute ihn lange an, dann ließ sie sich plötzlich in einen Sessel fallen und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Als sie wieder aufschaute, war sie so blaß wie vorher.

 

»Würden Sie mich morgen besuchen?« sagte sie und reichte ihm die Hand. »Nein, nein, ich will heute nicht mehr darüber sprechen, ich fühle mich nicht wohl – morgen …«

 

Sie begleitete ihn bis zur Tür und sah ihm nach, wie er die Treppe hinunterging. Dann klingelte sie ihrem Mädchen.

 

»Rufen Sie sofort bei Cooks Reisebüro an, und lassen Sie zwei Schlafwagenplätze im Orientexpreß belegen.«

 

Das Mädchen war anscheinend an derartige plötzliche Entschlüsse gewöhnt und antwortete nur mit einem zuvorkommenden Lächeln.

 

»Nita, niemand darf erfahren, daß wir morgen früh verreisen. Es wäre gut, wenn Sie sofort packen würden und die Koffer nachts zum Bahnhof brächten. Sagen Sie auch dem Portier erst im letzten Moment, daß wir fortfahren – für mindestens ein Jahr …«

 

Paula Staines ging zu ihrem Schreibtisch und verbrachte den ganzen Nachmittag damit, Briefe zu zerreißen und Schecks auszuschreiben. Sie hatte sich an einen Grundsatz erinnert, den ihr Vater ihr einmal eingeprägt hatte: »Gehe immer Verwicklungen aus dem Weg!« Und es waren böse Verwicklungen im Anzug, die schnell über die hereinbrechen würden, die dablieben.

 

Kapitel 13

 

13

 

Das Arbeitszimmer von Gregory Beale war ein großer Raum im Erdgeschoß mit hohen Bücherregalen an den Wänden. Das ganze Zimmer war bis zur Decke hinauf mit dunklem Eichenholz getäfelt. Hier hielt sich der Gelehrte die meiste Zeit des Tages auf.

 

Er hatte Daphne Olroyd ein kleines, freundliches Zimmer im ersten Stock angewiesen, aber die ersten Tage brachte sie hauptsächlich in seiner Bibliothek zu, die einen recht angenehmen Aufenthalt bot. Durch ein großes Fenster sah man in einen kleinen Garten, der von hohen roten Ziegelmauern eingefaßt wurde. Das Haus war ein Eckgrundstück, und eine Umfassungsmauer grenzte an die Straße. Die Mauern waren oben mit zerbrochenem Glas und Scherben versehen, um das Haus vor Einbrechern zu schützen.

 

Von einer Balkontür aus führten mehrere Stufen zu dem kleinen Kiesweg, der die Blumenbeete in zwei Hälften teilte. Späte Chrysanthemen blühten dort noch, und Mr. Beale machte sich ein Vergnügen daraus, täglich eine halbe Stunde lang in der kleinen Anlage umherzuwandeln.

 

Eigentümlicherweise duldete er in seinem Haus keinerlei Vorhänge. Auch die Rolläden an den Fenstern wurden nie heruntergelassen, sobald er daheim war. Ohne nähere Erklärung hatte er seine Sekretärin darauf gleich am ersten Tag ihres Eintritts aufmerksam gemacht. Soviel sie wußte, brauchte er einfach viel frische Luft und Sonne.

 

Er hatte auch noch andere kleine Eigenheiten. Kein Angehöriger des Hauspersonals betrat jemals sein Zimmer, wenn er nicht nach ihm geklingelt hatte. Wenn es notwendig war, benutzte der Butler ein Haustelefon, um sich mit seinem Herrn zu verständigen. Daphne wurde feierlich in alle diese Gebräuche eingeweiht.

 

»Nicht, daß ich etwas dagegen hätte, wenn Sie zu mir kommen«, sagte er lächelnd. »Dazu sehen Sie viel zu anziehend aus. Aber ich habe eine große Abneigung dagegen, bei der Arbeit unterbrochen zu wenden. Aus diesem Grund habe ich den Raum auch mit Doppeltüren versehen lassen.«

 

Als sie an diesem Morgen zu ihm kam, traf sie ihn bei seinem Spaziergang im Garten an. Die erste Frage, die er an sie richtete, betraf zu ihrer Verwunderung Peter Dewin, und obwohl sie sich mit Peter im Augenblick nicht so gut stand – ohne jeden Grund, wie sie genau wußte –, konnte sie ihn Mr. Beale gegenüber gar nicht genug loben. Frauen sind nun einmal unlogisch.

 

»Zweifellos, ich bin auch davon überzeugt, daß er sehr intelligent ist«, unterbrach sie Mr. Beale schließlich belustigt. »Er ist ein recht netter junger Mann – von Journalistik verstehe ich allerdings nicht genug, um seine Begabung für diesen Beruf beurteilen zu können. Er ist wohl Ihr Verlobter, wenn ich fragen darf?«

 

Sie errötete tief.

 

»Aber Mr. Beale, kein Gedanke daran – ich kenne ihn ja kaum länger als eine Woche!«

 

Er schaute sie vergnügt von der Seite an.

 

»Gibt es nicht so etwas wie Liebe auf den ersten Blick? Ich für meinen Teil würde nichts von einer langen Verlobungszeit halten – in der Ehe sieht dann doch alles anders aus.«

 

Sie fand es sonderbar, daß er Betrachtungen über die Ehe anstellte und mußte lachen.

 

»Darüber haben Mr. Dewin und ich noch nicht gesprochen«, dann fügte sie ein wenig neugierig hinzu: »Sie sprechen, als ob Sie eine Autorität auf diesem Gebiet wären, Mr. Beale.«

 

»Beim Himmel, ich habe keine Ahnung«, entgegnete er. Er verzog einen Moment lang das Gesicht, als ob er sich an etwas Unangenehmes erinnerte. »Ich war einmal verheiratet – aber die Sache ging nicht glücklich aus.«

 

Im Verlauf ihrer kurzen Bekanntschaft hatte Daphne Olroyd schon erkannt, daß er ein Mann von wirklich umfassendem Wissen war. Es gab kaum ein Gebiet, auf dem er sich nicht schon betätigt hatte, und gleich am ersten Tag half sie ihm bei einem kleinen Experiment: In einem Mörser zerstieß er einen Stein und schmolz in einem elektrisch geheizten Tiegel ein kleines Stückchen Silber heraus. Beim Ordnen verschiedener Akten fand sie das halbvollendete Manuskript eines Buches. Sie las eine Seite; es war eine Abhandlung über die Wirtschaftlichkeit kleinster Haushaltungen und enthielt Tabellen über Löhne in ihrem Verhältnis zum Lebensunterhalt. Sehr erstaunt war sie, als er ihr gleichgültig den Auftrag gab, es zu verbrennen.

 

»Es ist ja doch längst überholt – zehn Jahre sind auf diesem Gebiet eine große Zeitspanne.«

 

Die archäologischen Kenntnisse Mr. Beales über Süd- und Mittelamerika waren ausgezeichnet. Er zeigte ihr Kopien wertvoller Handschriften, die teils in Maya, teils in Altspanisch abgefaßt waren und von Sitten und Gebräuchen in dem Königreich Quiche berichteten.

 

»Verstehen Sie Spanisch? – Schade … Sie könnten sonst hier eine Menge über gefiederte Schlangen lesen«, sagte er gut gelaunt. »Sie würden auch feststellen, daß sich die Menschen im Grande genommen gleichgeblieben sind. Die komplizierten Zeremonien, die bei den aztekischen Kulthandlungen zelebriert wurden, sind nicht verwickelter, als die Aufnahmegebräuche der modernen Geheimgesellschaften – nur haben die Götter ihre Namen geändert.«

 

Als sie diesen Morgen in der Bibliothek arbeitete, entdeckte sie dort etwas, das nicht gerade zur Verschönerung des Raumes beitrug. Eine alte eichene Tür mit rostigen Angeln lehnte an der Wand, dem Fenster gegenüber; ihre eine Seite war mit Stahlblech beschlagen. Er erzählte ihr, daß er sie draußen im Schuppen gefunden und hereingebracht habe. Früher hatte sie einen Zugang an der hinteren Gartenmauer verschlossen, der aber zugemauert worden war. Wie er ihr auseinandersetzte, wollte er auf der verwitterten Oberfläche der Tür irgendeine seltsame aztekische Zeichnung anbringen. Wieder so eine neue Laune von ihm, über die sie heimlich den Kopf schüttelte.

 

Bei ihrer interessanten Tätigkeit verging ihr die Zeit wie im Flug, und Mr. Beale mußte sie abends darauf aufmerksam machen, daß sie ihre Arbeitszeit schon längst überschritten hatte.

 

Peter Dewin hatte nichts von sich hören lassen. Sie ging nach Hause, fand aber auch dort keine Nachricht vor.

 

Etwas unlustig zog sie sich um; da sie nicht wußte, ob Miss Creed sie zum Abendessen in ein vornehmes Restaurant einladen würde, hatte sie ihr schwarzes Cocktailkleid aus dem Schrank geholt und dazu einen dunklen italienischen Seidenschal umgelegt, den sie von ihrer verstorbenen Mutter geerbt hatte.

 

Es fröstelte sie, als sie in das kalte Taxi stieg, und sie überlegte sich noch einmal, daß sie eigentlich nicht viel Lust hatte, den Abend ausgerechnet mit Miss Creed zu verbringen. Ihre früheren Unterhaltungen waren immer äußerst oberflächlich verlaufen, denn Ella Creed fühlte sich in ihrer gesellschaftlichen Position haushoch über jede Angestellte erhaben. Dafür hätte Daphne heute abend, auch wenn sie eine Prinzessin gewesen wäre, keinen großartigeren Empfang erwarten können. Bereits am Eingang empfing sie ein Portier und brachte sie persönlich zu Miss Creed.

 

Ella Creed schloß sie überschwenglich in die Arme.

 

»Wie nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind! Setzen Sie sich doch – hier, der Sessel ist besonders bequem. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich mich umziehe …? Ist dies wirklich Ihr erster Besuch hinter den Kulissen eines Theaters? Ich zeige Ihnen dann gleich nachher die Bühne und alles übrige.«

 

Daphne war in der Pause zwischen zwei Akten gekommen; derselben Pause, die Peter Dewin am vergangenen Abend zu seinen Nachforschungen benutzt hatte. Während sie sich umzog, redete Miss Creed wie ein Wasserfall.

 

»Nach der Vorstellung gehen wir in den Rapee-Club. Sie haben doch Lust dazu? – Da es mir gerade einfällt … Sie kennen doch Peter Dewin? Er hat mich gestern besucht ein netter Kerl! Aber ein wenig überheblich, ich hasse überhebliche Menschen – sie denken immer nur an sich!«

 

Die ganze Zeit über saß sie vor dem Spiegel, betupfte ihr Gesicht und starrte wie gebannt auf ihr eigenes Bild. Daphne konnte sie in aller Ruhe beobachten und sich dabei noch einmal überlegen, was wohl die eigentliche Ursache dieses freundlichen Empfangs war. Als Miss Creed noch weiter über Peter sprach, fand sie die Lösung.

 

»Wie gesagt, er ist ein netter Kerl – Sie kennen ihn doch sehr gut, nicht wahr? Finden Sie nicht auch, daß es ihm Spaß macht, jemandem einen Streich zu spielen? Bei mir hat er es wenigstens versucht. Stellen Sie sich vor, er hat einen Schlüssel, der mir gehört und den er einfach nicht herausgibt – erzählt mir eine Geschichte von einem Einbrecher, der ihn gestohlen haben soll. Aus seiner Jackentasche! Und ich weiß doch, daß er überhaupt nicht dort steckte. Vielleicht erinnern Sie sich an die ganze Angelegenheit …? Es war ein Schlüssel, den der arme Mr. Farmer bei sich trug. Billy – Mr. Crewe – gab ihn aus Versehen Ihnen.«

 

Das alles erwähnte sie nur ganz nebenbei, aber Daphne wußte jetzt, warum sie zu der ungewöhnlichen Ehre einer solchen Einladung gekommen war. Miss Creed hatte herausgebracht, daß Daphne mit Peter befreundet war – und vermutlich sollte sie jetzt Peter überreden, den Schlüssel herauszugeben. Daphne amüsierte sich im stillen über diesen Plan.

 

Als Miss Creed fertig war, ging sie mit ihr durch ein Labyrinth von Gängen in einen hohen Raum, dessen eine Seite von Kulissen ausgefüllt war. Durch einen Wald von Pfosten, Requisiten und Versatzstücken drängte sie Ella Creed zu dem Pult des Regisseurs, von wo aus man die Vorgänge auf der Bühne aus nächster Nähe verfolgen konnte. Der Regisseur stellte einen Stuhl für Daphne zurecht, die vergnügt aus diesem neuen Blickwinkel der Vorstellung zusah. So vergingen fast zwei Stunden.

 

Mit einem Seufzer des Bedauerns sah sie den Vorhang zum letztenmal fallen, und ließ sich dann von dem Regisseur zu Miss Creeds Garderobe zurückbringen. Ella Creed legte ihr liebenswürdig den Arm um die Schultern und führte sie zu einem Herrn, der lässig in einem der Sessel lehnte. Es war Leicester Crewe, ausgerechnet der Mann, den sie am liebsten nie mehr zu Gesicht bekommen hätte.

 

Die beiden letzten Tage hatten ihn sehr mitgenommen; er war auffallend gealtert. Das Lächeln, mit dem er seine frühere Sekretärin begrüßte, wirkte gezwungen.

 

»Hallo, Miss Olroyd, haben Sie nun Bekanntschaft mit der Bühne geschlossen? Vielleicht werden auch Sie eines Tages noch ein berühmter Star!«

 

»Bitte unterhalte Miss Olroyd so lange, bis ich mich umgezogen habe!« rief Miss Creed aus der Nische herüber, in der sie sich umzog. »Später darfst du uns dann zum Essen ausführen und die Rechnung bezahlen.«

 

Anscheinend sollte dies ein Scherz sein, denn Miss Creed ließ ihren Worten ein ziemlich schrilles Gelächter folgen.

 

Natürlich war es kein Zufall, daß Mr. Crewe hier war. Ella Creed hatte es so eingerichtet, daß er der dritte bei dem Abendessen sein würde, und Daphne war dies um so unangenehmer, weil sie sich noch sehr genau an seine unverfrorenen Anträge erinnerte.

 

Während die Garderobieren sich mit Miss Creeds Gesicht beschäftigten, unterhielten sich Daphne und Mr. Crewe zehn Minuten lang über alle möglichen Nebensächlichkeiten – dann kam das Gespräch wieder auf den Mord.

 

»Farmers Tod ist wirklich eine harte Prüfung für mich«, sagte Leicester Crewe. »Eine ganze Kompanie von Polizeibeamten ist in mein Haus gekommen und hat sich dort geradezu häuslich eingerichtet. Und ein Heer von Zeitungsreportern quält mich unentwegt mit Fragen.«

 

Er betrachtete Daphne von der Seite.

 

»Es wundert mich eigentlich, daß Ihr Freund mich seit jenem Abend nicht mehr besucht hat – er interessiert sich doch sonst so brennend für jeden Mord!«

 

»Welchen Freund meinen Sie?«

 

Die Frage verblüffte ihn.

 

»Natürlich Mr. Dewin. Er ist ein intelligenter Mensch aber ein wenig voreilig und sehr geneigt, unbesonnene Schlüsse zu ziehen. Dadurch hat er mich in ernstliche Schwierigkeiten gebracht. Sie erinnern sich doch an die Sache mit dem Schlüssel? Ich sagte es Ihnen damals nicht, daß er Ella – Miss Creed – gehört; sie erinnert mich seitdem dauernd daran.«

 

Nachdenklich betrachtete er seine Zigarre.

 

»Es wäre mir ein paar hundert Pfund wert, wenn ich den Schlüssel zurückbekommen könnte. Soviel ich weiß, werden Zeitungsreporter nicht gerade fürstlich bezahlt, und ein paar hundert Pfund kann man immer mitnehmen – wenn er sie nicht selbst haben will, kann er ja ein hübsches Geschenk für eine Freundin davon kaufen. Was meinen Sie dazu?«

 

Sie war entrüstet über diese plumpe Anspielung, ließ sich aber nichts anmerken.

 

»Es ist wirklich sehr unangenehm für mich«, fuhr Crewe fort. Er sah sich um, ob Ella noch in ihrer Nische beschäftigt war, und senkte dann seine Stimme zu einem theatralischen Flüstern. »Sie sind doch eine Dame von Welt.« Daphne wußte zwar nicht, was er darunter verstand, erhob aber vorerst keinen Widerspruch. »Wir müssen unbedingt einen Skandal vermeiden … Es ist nämlich der Schlüssel zu Ellas Haus – verstehen Sie mich?«

 

Daphne begriff durchaus, was er sagen wollte und sah ihn bestürzt an.

 

»Wir waren nämlich jahrelang miteinander befreundet … Begreifen Sie nun, warum wir den Schlüssel zurückhaben müssen?«

 

Die Erklärung schien glaubwürdig zu sein, und Daphne hatte sich schon halb dazu entschlossen, Peter zu veranlassen, das verfängliche Beweisstück herzugeben.

 

»Zweihundert oder dreihundert Pfund …«, fing Crewe wieder an, aber sie unterbrach ihn sofort.

 

»Ich glaube nicht, daß Mr. Dewin Wert auf Ihr Geld legen wird«, erklärte sie. »Im übrigen bin ich mir auch völlig sicher, daß er den Schlüssel nicht dazu benutzen wird, Miss Creed irgendwie in Verlegenheit zu bringen.«

 

»Würden Sie wenigstens einmal über die Sache mit ihm reden?« drängte er.

 

Sie nickte.

 

In diesem Augenblick kam Ella Creed aus dem Nebenraum zurück. Anscheinend um ihrem Gast ein Kompliment zu machen, trug auch sie ein schwarzes Kleid und außer den blitzenden Ringen an ihren Händen keinen Schmuck. Sie wandte sich an Daphne.

 

»Gehen wir? Bei Rapee können wir uns nach dem Essen gleich noch die Kabarettvorstellung ansehen.«

 

Crewe nickte zustimmend.

 

»Hast du dich auch anständig betragen, Billy, und Miss Olroyd nichts Schlechtes über mich gesagt?«

 

Er lächelte.

 

»Ich bin viel zu gut mit dir befreundet, um dir etwas Schlechtes nachzusagen, Ella.«

 

Das alles gehörte zu der Komödie, die sie Daphne vorspielten, und sie hatten ihre Rollen sehr gut einstudiert. Vielleicht ein wenig zu gut, denn Daphne kam das ganze Gerede plötzlich sehr unglaubwürdig vor.

 

Das Mädchen kam herein und sagte, daß es draußen heftig regne.

 

»Haben Sie einen Regenumhang?« Als Daphne den Kopf schüttelte, sagte Ella Creed besorgt: »Sie werden durch und durch naß, wenn Sie über den Hof gehen … Jessie, geben Sie Miss Olroyd meinen roten Umhang! Bitte, Sie müssen ihn anziehen. Es kann höchstens sein, daß Sie dann vor der Tür einige Mädchen um ein Autogramm bitten, weil sie glauben, meine Wenigkeit vor sich zu haben – das ist nun mal die Strafe der Berühmtheit.«

 

Als sie durch den Gang zur Bühnentür schritten, hielt Leicester Crewe Ella etwas zurück und sprach leise auf sie ein.

 

Die Schauspielerin blieb plötzlich stehen.

 

»Warum konnte sie denn nicht kommen?« fragte sie ärgerlich. »In letzter Zeit tut Paula viel zu vornehm.« Dann sagte sie laut zu Daphne: »Gehen Sie nur voraus, Miss Olroyd; mein Wagen wartet vor der Tür.«

 

»Sie ließ am Telefon sagen, daß sie Kopfschmerzen hätte«, erklärte Leicester. »Ich konnte nur mit ihrem Mädchen sprechen.«

 

Ella biß sich nachdenklich auf die Lippen.

 

»Das sieht Paula nicht ähnlich. Aber komm jetzt – diese blöde Stenotypistin bekommt sonst kalte Füße!«

 

Sie gingen zusammen auf den dunklen Hof und traten auf die Straße, die an der Rückseite des Theaters entlangführte – ein menschenleeres, schmutziges Seitengäßchen. Neben dem Eingang lehnte ein Bettler, um Schutz vor dem Wetter zu suchen, aber von Daphne Olroyd und dem Wagen war nichts zu sehen. Ella wandte sich an den Eckensteher.

 

»Haben Sie nicht eine Dame hier herauskommen sehen?« »Natürlich – sie trug einen roten Umhang, und der Wagen fuhr gleich ab, als sie eingestiegen war.«

 

Ella schimpfte.

 

»Ich werde den Chauffeur entlassen! Billy, telefoniere nach einem Taxi!«

 

*

 

Kurz vorher war Daphne Olroyd aus der Tür getreten. Sie lief schnell über das nasse Trottoir und stieg in den Wagen, dessen Schlag von innen aufgehalten wurde. Dann erschrak sie, als sie an jemand anstieß, der in der Ecke saß.

 

»Ach, entschuldigen Sie, ich dachte …«

 

In diesem Moment zog der Chauffeur die Wagentür zu und fuhr an. Sie lehnte sich vor, klopfte ihm auf die Schulter.

 

»Warten Sie doch, warten Sie! Es kommen noch mehr Leute …«

 

Dann wurde sie von der dunklen Gestalt, die neben ihr saß, auf den Sitz zurückgezogen.

 

»Seien Sie ruhig und schreien Sie nicht – oder es wird Ihnen schlecht bekommen«, sagte eine rauhe Stimme.

 

In diesem Augenblick fuhr der Wagen gerade an einer hellen Straßenlaterne vorbei, und sie konnte einen Blick auf ihren Begleiter werfen. Es waren nur seine Augen und seine Stirn zu sehen, denn er hatte sich ein buntes Taschentuch vor das Gesicht gebunden.

 

Kapitel 14

 

14

 

Lange Zeit war Daphne Olroyd nicht fähig, ein einziges Wort hervorzubringen. Der Wagen fuhr sehr schnell durch die Straßen des West End. In den Regen mischten sich große Schneeflocken, die bald die Außenseite der Fenster bedeckten, so daß es nicht möglich war, draußen irgend etwas zu erkennen. Die Straße mußte jedoch am Themseufer entlangführen, denn sie sah den trüben Schein der Straßenlampen, die sich im Wasser spiegelten. Jetzt konnte man auch die Lichter eines Schleppdampfers erblicken, der langsam den Fluß hinunterglitt, und sie hörte den tiefen Ton der Sirene, mit der ein Polizeiboot seine Fahrtrichtung anzeigte.

 

Sie bogen in Blackfriars ab, und der Wagen fuhr nun durch die belebte City. Einen Augenblick tauchte der Umriß des Towers auf, dann wurde das Auto durch Seitenstraßen gelenkt. In einer hellerleuchteten Straße, die sie kurz darauf entlangfuhren, erkannte Daphne eines der Gebäude – es war das Zentralkrankenhaus von London.

 

»Was haben Sie mit mir vor?« begann sie mit zitternder Stimme.

 

»Stellen Sie jetzt keine Fragen – Sie werden es bald erfahren.«

 

Sie hielt es für besser, still zu sein. Die geschlossenen Häuserreihen hörten allmählich auf, und sie erreichten eine Gegend, in der freie Felder mit Fabriken abwechselten. Einmal merkte sie am Geruch, daß eine chemische Fabrik in der Nähe sein mußte. Die Straße wurde jetzt schmaler, sie war zu beiden Seiten mit hohen Bäumen bewachsen. Dann strichen die Scheinwerfer des Autos über Gebüsch und Unterholz, das sich links und rechts ausbreitete.

 

Es wurde ihr plötzlich klar, daß das die Gegend von Epping Forest sein mußte.

 

Kaum hatte sie diese Entdeckung gemacht, als der Wagen langsamer fuhr und nach rechts einbog. Es ging einen ebenen, engen Weg entlang, der viele Kurven hatte. Sie glaubte, daß sie schließlich wieder zu einer Hauptstraße kommen würden, aber das Auto fuhr weiter und weiter, und als sie endlich ins Freie kamen, befanden sie sich in der Nähe eines kleinen Dorfes.

 

Nachdem sie noch ein gutes Stück gefahren waren, hielt der Wagen auf einem Feldweg. Es war jetzt so dunkel, daß man kaum mehr etwas unterscheiden konnte. Der Chauffeur öffnete die Tür, sprang hinauf und half ihr beim Aussteigen.

 

Sie sah ein großes, halbfertiges Gebäude, das einen verwahrlosten Eindruck machte. Gleich darauf wurde die Tür von einer Frau geöffnet, die sie beim Arm nahm und einen kurzen Gang entlangführte, der bald nach rechts abbog.

 

»Gehen Sie hier hinein und verhalten Sie sich ruhig«, sagte die Frau. Sie hatte eine harte, rauhe Stimme und roch ziemlich stark nach Alkohol.

 

Daphne stand im Dunkeln. Eine Tür schlug zu, und kurz danach wurde der Raum, in den sie sich befand, durch ein in die Betondecke eingelassenes Licht erhellt. Anscheinend war der elektrische Schalter draußen auf dem Gang.

 

Es war eine kleine Kammer mit Wänden, Decke und Fußboden aus Beton. Sie mochte etwas größer sein als das kleine Schlafzimmer in ihrer Wohnung. Eine eiserne Bettstelle mit frisch überzogenem Bettzeug stand da, außerdem gab es nur noch einen Tisch und einen Stuhl in dem Raum. Auf einem Wandbrett lagen eine Bürste mit Kamm und ein Buch. Unter dem Tisch entdeckte sie eine Strohmatte. In einem kleinen Nebenraum befand sich ein vollständig eingerichtetes Badezimmer.

 

Ganz verwirrt ging sie in das Zimmer zurück und griff mechanisch nach dem Buch auf dem Wandbrett. Es war eine Bibel! Alles war vollkommen neu und unbenutzt. Sie staunte. Das ganze Gebäude konnte noch nicht lange stehen, denn es roch nach Zement und frischem Putz. Sie drückte die Klinke herunter, aber die Tür war verschlossen. Ein kleines Beobachtungsfenster war darin eingelassen.

 

Daphne Olroyd setzte sich auf das Bett. Der Schrecken über den plötzlichen Überfall hatte sie völlig aus der Fassung gebracht, und sie zitterte vor Angst. Nur der Gedanke an Peter Dewin hielt sie aufrecht. Sie wußte allerdings nicht, wie er ihr zu Hilfe kommen könnte. Was würde mit ihr geschehen? Was beabsichtigte man mit dieser Entführung?

 

Während der ganzen Fahrt hatte sie das unangenehme Gefühl, daß Leicester Crewe seine Hand im Spiel hatte. Sie wagte nicht, diesen Gedanken ganz zu Ende zu denken … Immerhin hatte er ihr oft genug ziemlich unzweideutige Anträge gemacht.

 

Andererseits war er nicht der Mann, der ein solches Risiko auf sich nahm. Sie traute ihm zwar jede Niederträchtigkeit zu, aber diese Entführung schien doch viel raffinierter geplant zu sein, als es seine Art war.

 

Sie sah auf ihre Uhr – Viertel vor eins. Dann hörte sie, wie der Schlüssel umgedreht wurde und die Tür sich langsam öffnete. Im Korridor stand eine Gestalt, über die sie heftig erschrak. Von Kopf bis Fuß war der Mann in ein enganliegendes dunkles Gewand eingehüllt. Er hatte eine schwarze Kapuze über den Kopf gezogen, die auch das Gesicht vollständig bedeckte; in Augenhöhe waren zwei Schlitze hineingeschnitten. Der Unheimliche stand einige Zeit drohend an der Tür und starrte sie an, dann trat er plötzlich einen Schritt zur Seite, die Tür schloß sich, und der Schlüssel wurde wieder umgedreht. Alles blieb totenstill wie vorher. Zehn Minuten vergingen – die Tür öffnete sich von neuem. Daphne nahm allen Mut zusammen, um dem Unbekannten entgegenzutreten – aber diesmal stand ein anderer Mann vor ihr. An dem bunten Taschentuch vor seinem Gesicht erkannte sie ihren Entführer.

 

»Wissen Sie, weshalb Sie hierhergebracht wurden, Miss?« Die Stimme wurde durch das Tuch zu einem dumpfen Flüstern gedämpft.

 

Sie wollte sprechen, brachte aber keinen Ton heraus und konnte nur den Kopf schütteln.

 

»Weil Sie mit Leuten verkehren, die Feinde der gefiederten Schlange sind.«

 

Der Mann sprach langsam, als ob er eine auswendig gelernte Botschaft hersage.

 

»Wenn wir wollten, könnten wir Sie hier jahrzehntelang gefangenhalten, und niemand würde etwas davon erfahren.

 

Wenn Sie uns aber das feierliche Versprechen geben, niemand zu verraten, was sich heute abend zugetragen hat, wird Sie die gefiederte Schlange wieder gehen lassen ohne daß Ihnen irgend etwas passiert.«

 

Er wartete auf ihre Antwort. Endlich gelang es ihr, einige Worte zu sagen.

 

»Ich werde nichts verraten …, bestimmt nicht, ich verspreche es Ihnen!« rief sie atemlos.

 

»Werden Sie keinem Menschen was erzählen?«

 

»Nein, nein … Ich verspreche es!«

 

Der Mann verließ die Zelle, schloß ab und kam bald darauf wieder zurück. Er trug ein Tablett mit einer dampfenden Tasse Bouillon, einigen Brötchen und einem Glas Wein. Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, vielen Dank, ich möchte nur etwas Wasser haben.«

 

»Es wäre besser, wenn Sie sich etwas stärken würden.« Er ging hinaus, ließ diesmal die Tür offen und kam gleich darauf mit einem Glas Wasser zurück, das er ihr höflich reichte. Sie leerte es gierig in einem Zug.

 

»Sind Sie fertig?« fragte er.

 

»Ja«, entgegnete sie. Sie war so aufgeregt, daß ihr die eigene Stimme fremd vorkam.

 

Sie folgte ihm durch den Gang. Der Wagen wartete vor der Tür. Zu ihrer Erleichterung machte der Mann keinen Versuch, sie zu begleiten, sondern warnte sie nur noch einmal.

 

»Wenn Sie klug sind, dann verhalten Sie sich ruhig und versuchen nicht, die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu lenken. Die Polizei würde Ihnen die seltsame Geschichte, die Sie zu erzählen hätten, sowieso nicht glauben.«

 

Der Chauffeur fuhr sehr schnell. Sie kamen auf einer Straße nach London zurück, die sie nicht kannte. Nach und nach tauchten dann die bekannten Gebäude der Stadt auf, und es wurde ihr immer leichter ums Herz. Es war zwei, als der Wagen vor der Tür ihres Hauses hielt. Sie stieg aus – ringsum lag alles in tiefem Schlaf. Als sie sich wieder umdrehte, fuhr der Wagen schon an; sie versuchte noch das Nummernschild zu lesen, aber es war völlig mit Schmutz bedeckt.

 

Zitternd schloß Daphne die Haustür auf, schlug sie zu, rannte in ihr Zimmer und warf sich aufs Bett. Eine halbe Stunde lang lag sie dort und erholte sich nur langsam von dem Schrecken. Schließlich zog sie sich aus, hüllte sich so fest sie konnte in ihre Bettdecke, und fiel in einen tiefen Erschöpfungsschlaf. Es war elf Uhr am nächsten Morgen, als die Putzfrau an ihre Tür klopfte. Erschrocken fuhr sie in die Höhe, und der Gedanke, daß sie eine Stunde zu spät zur Arbeit kam, ließ sie für einen Augenblick fast die entsetzlichen Ereignisse der letzten Nacht vergessen.

 

Kapitel 1

 

1

 

Reporter Peter Dewin war unzufrieden. Schuld daran war der Fall Lane – besser gesagt eine Kette von rätselhaften Ereignissen, deren Begleitumstände geradezu ans Unwahrscheinliche grenzten.

 

Übrigens hätte sich auch kein anderer Zeitungsreporter, der etwas auf seinen Ruf hielt, gerne mit einer solchen Sache abgegeben. Gute Kriminalgeschichten ziehen im Zeitungsmetier zwar immer, aber jeder Redakteur lehnt schaudernd ab, wenn von mysteriösen Mördern und Unterweltbanden die Rede ist, an deren Existenz doch niemand glaubt – außer den Autoren von sehr guten oder sehr schlechten Romanen.

 

Als man Peter Dewin zum erstenmal von der gefiederten Schlange erzählte, lachte er laut; als er zum zweitenmal davon hörte, lächelte er nur noch höhnisch und war ganz und gar uninteressiert. Solche Märchen waren seiner Meinung nach typisch für die Welt des Theaters – denn es war ein Theater, in dem die außergewöhnliche Geschichte der gefiederten Schlange ihren Anfang nahm …

 

Der Beifallssturm schlug gegen die stuckverzierte Decke des Zuschauerraumes und brandete von dort zu dem dichtbesetzten Parkett zurück.

 

Ella Creed tänzelte wieder aus den Kulissen hervor. Ein enganliegendes Kleid brachte ihre Figur ausgezeichnet zur Geltung; sie warf ihren Bewunderern ein reizendes Lächeln zu und verschwand dann mit einer leichten Verneigung – nur um gleich wieder hervorgerufen zu werden.

 

Sie schaute aufmerksam zum Kapellmeister hinüber, der soeben noch einmal die Anfangstakte des großen Erfolgsschlagers der letzten Monate dirigierte. Das Orchester setzte ein, Miss Creed lief zur Mitte der Bühne, und die Girls der Revue gruppierten sich um sie, um den ungeduldigen Wunsch des Publikums nach einer Zugabe zu erfüllen. Das Solo von Ella Creed, ein Exzentrik-Tanz, war sehenswert, und ein Sturm von Applaus und Bravorufen, der besonders von den billigen Plätzen des Hauses ausging, belohnte sie.

 

Der Vorhang fiel, und Miss Creed trat atemlos an das kleine Pult des Regisseurs.

 

»Das dritte Mädel von rechts in der ersten Reihe können Sie entlassen; sie tanzt nicht besonders und versucht außerdem unentwegt, die Aufmerksamkeit der Zuschauer von mir abzulenken. Und dann möchte ich wissen, warum Sie eine Blondine in die zweite Reihe gestellt haben? Ich habe Ihnen doch bestimmt schon zwanzigmal erklärt, daß ich nur Brünette als Hintergrund brauchen kann!«

 

»Entschuldigen Sie vielmals, Miss Creed« – der Regisseur hatte eine Frau und drei Kinder zu Hause und war darum sehr gefügig –, »ich werde dafür sorgen, daß dem Mädchen noch heute gekündigt wird …«

 

»Unsinn, werfen Sie sie einfach hinaus. Meinetwegen können Sie ihr noch ein Monatsgehalt geben, aber dann fort mit ihr!«

 

Ella Creed war wirklich hübsch, besonders ihren Gang konnte man als sehr effektvoll bezeichnen. Doch als sie jetzt vor dem Pult stand, grell beleuchtet von der Lampe, wirkte sie in keiner Weise mehr so reizvoll wie vorher auf der Bühne. Wenigstens sahen ihre Lippen unter der schwungvollen grellroten Bemalung sehr dünn und hart aus.

 

An und für sich hätte sie jetzt warten müssen, bis die Kapelle mit ihrem letzten Musikstück zu Ende war, aber Ella Creed hatte eine Verabredung zum Abendessen – und schließlich war sie ja auch kein gewöhnlicher Revuestar, sondern die Besitzerin des Theaters, in dem sie auftrat.

 

Sie schritt an den Mitgliedern der Tanzgruppe vorbei, die ihr diensteifrig Platz machten. Einige wenige wagten einen Gruß, erhielten aber nur einen hochmütigen Blick ihrer Chefin.

 

Miss Creeds Garderobe war ein kleiner, luxuriös eingerichteter Raum; indirekte Beleuchtung und weiche Teppiche gaben ihm ein sehr intimes Aussehen. Eine Garderobiere half ihr beim Ablegen ihres Kostüms. Sie schlüpfte in einen seidenen Kimono, setzte sich in einen Sessel und ließ sich abschminken. Ihr Gesicht war gerade von einer dicken Schicht Cold Cream bedeckt, als jemand an die Tür klopfte.

 

»Sehen Sie nach, wer es ist!« rief Miss Creed ungeduldig. »Ich möchte jetzt niemand empfangen.«

 

Das Mädchen kam aus dem kleinen Vorraum zurück.

 

»Mr. Crewe wartet draußen«, berichtete sie leise.

 

Miss Creed runzelte die Stirn.

 

»Gut, von mir aus – lassen Sie ihn herein. Wenn Sie mich abgeschminkt haben, können Sie gehen.«

 

Mr. Crewe trat lächelnd ein. Er war ein großer, schlanker Mann mit harten Gesichtszügen und spärlichen, leicht ergrauten Haaren. Sein eleganter Frack ließ nichts zu wünschen übrig.

 

»Warte einen kleinen Moment«, bat sie. »Rauche inzwischen eine Zigarette. – Machen Sie schnell«, wandte sie sich wieder an die Garderobiere.

 

Mr. Crewe setzte sich nachlässig auf die Armlehne eines Sessels und sah gleichgültig zu, wie Ella sich abschminken ließ und dann ein neues Make-up auflegte. Endlich stand sie auf und verschwand hinter einem Seidenvorhang, um sich anzuziehen. Man hörte ihre scharfe Stimme, mit der sie der Garderobiere die Meinung über irgendeine kleine Nachlässigkeit sagte. In der besten Laune war sie heute abend wirklich nicht, aber Mr. Crewe ließ sich davon nicht im mindesten beunruhigen. Tatsächlich gab es nur wenige Dinge, die die stoische Ruhe dieses erfolgreichen Börsenspekulanten stören konnten. Und trotzdem war an diesem Morgen etwas vorgefallen, das ihn aus der Fassung gebracht hatte.

 

Ella kam in einem tief ausgeschnittenen Abendkleid wieder zum Vorschein. Die Perlenschnur, die mit fünf Smaragden besetzte kostbare Spange und die Ringe, die sie trug, sahen aus, als hätten sie ein kleines Vermögen gekostet.

 

»Ich habe alles wie ausgemacht erledigt«, begann Mr. Crewe liebenswürdig, als sich das Mädchen zurückgezogen hatte. »Bist du übrigens verrückt, dich mit diesem ganzen Schmuck zu behängen …?«

 

»Imitationen!« unterbrach sie ihn lässig. »Glaubst du vielleicht, daß ich mit einem Vermögen von zwanzigtausend Pfund herumlaufe, Billy? Und jetzt, was willst du von mir?«

 

Sie hatte die letzten Worte sehr brüsk gesagt, aber er schien gar nicht zugehört zu haben.

 

»Wer ist heute abend das unschuldige Opfer?« erkundigte er sich lächelnd.

 

»Ein junger Gentleman aus Mittelengland – sein Vater hat ungefähr zehn Millionen. Die Leute sind so reich, daß sie nicht wissen, was sie mit ihrem Geld anfangen sollen … Übrigens muß mein Kavalier jeden Augenblick kommen – warum bist du eigentlich hier?«

 

Mr. Leicester Crewe zog seine Brieftasche heraus und entnahm ihr ein Kärtchen; es hatte ungefähr die Größe einer kleinen Visitenkarte, ohne daß aber ein Name darauf stand. Dafür war in der Mitte eine merkwürdige Figur eingedruckt – das Bild einer gefiederten Schlange. Darunter standen die Worte:

 

 

 

Damit Sie es nicht vergessen.

 

»Was soll das sein? Ein Vexierbild? Blödsinn – eine Schlange mit Federn?«

 

Mr. Crewe nickte.

 

»Die erste Karte – sie sah genauso aus wie diese – wurde mir vor einer Woche mit der Post zugesandt; und diese hier fand ich heute morgen auf meinem Schreibtisch.«

 

Sie starrte ihn erstaunt an.

 

»Was soll das nur?« fragte sie neugierig. »Eine neuartige Werbung für irgendeinen Gebrauchsartikel?«

 

Leicester Crewe schüttelte den Kopf und las noch einmal laut die merkwürdigen Worte: »›Damit Sie es nicht vergessen.‹ Ich habe das dunkle Gefühl, daß es eine Warnung ist … Hast du dir vielleicht einen Spaß damit machen wollen?«

 

»Ich? Ich bin doch nicht verrückt! Glaubst du, daß ich nichts Besseres zu tun habe, als Dummheiten auszuhecken? – Weshalb sollte es denn eine Warnung sein?«

 

Mr. Crewe strich sich nachdenklich über die Stirn.

 

»Ich weiß nicht recht … Es gibt mir eben zu denken …«

 

Ella zuckte lachend die Schultern.

 

»Und deshalb kommst du zu mir? Da kannst du gleich wieder gehen – vergiß nicht, daß ich eine Verabredung mit einem netten jungen Mann habe …«

 

Plötzlich hielt sie mitten im Satz inne. Sie hatte ihr kleines Abendtäschchen geöffnet, um ihr Taschentuch herauszunehmen. Er schaute auf und sah, daß sich ihr Gesichtsausdruck veränderte. Als sie die Hand wieder aus der Tasche zog, hielt sie eine längliche Karte zwischen den Fingern – sie sah genauso aus wie die, die er ihr eben gezeigt hatte.

 

»Was soll das bedeuten …?« Sie warf ihm einen argwöhnischen Blick zu.

 

Crewe nahm ihr die Karte aus der Hand. In der Mitte war ebenfalls das Bild einer gefiederten Schlange und die gleiche Inschrift.

 

»Vor der Vorstellung war die Karte noch nicht in der Tasche«, sagte sie ärgerlich und drückte auf einen Klingelknopf. Die Garderobiere kam herein.

 

»Haben Sie das Ding hier in meine Tasche gesteckt? Los, antworten Sie – wenn Sie sich diesen Spaß mit mir erlaubt haben, fliegen Sie noch heute abend hinaus!«

 

Das Mädchen beteuerte erschrocken, von. nichts zu wissen, und lief schließlich heulend davon.

 

»Leider kann ich sie nicht auf die Straße setzen, gute Leute sind heute schwer zu bekommen«, meinte Ella. »Außerdem wird das Ganze doch nur irgendein Unsinn sein. Vermutlich Reklame für eine neue Zahnpasta – nächste Woche klebt das gleiche Bild an allen Plakatsäulen Londons. Billy, entschuldige mich jetzt bitte – mein Freund wartet.« Mit einem flüchtigen Kopfnicken verabschiedete sie sich.

 

Das Café de Reims, eines der teuersten Nachtlokale Londons, war neben anderen Attraktionen auch wegen seiner vorzüglichen Küche bekannt; Miss Creed speiste dort mit ihrem Begleiter zu Abend. Der langweilige junge Mann, der sie eingeladen hatte, zeichnete sich lediglich dadurch aus, daß er der Inhaber einer großen Wollfirma war. Trotzdem wurde es zwei Uhr morgens, bis sie aufbrachen. Der junge Herr hätte Ella Creed sehr gern nach Hause begleitet, aber sie lehnte in einer plötzlichen Anwandlung von Schicklichkeitsgefühl ab.

 

Ein Taxi brachte sie zu ihrem hübschen kleinen Haus in St. John’s Wood, 904 Acacia Road. Das Grundstück lag hinter einer hohen Mauer; eine Zufahrt führte durch ein schmiedeeisernes Tor bis zu einem mit Fliesen belegten, glasüberdachten Gang, auf dem man zur eigentlichen Haustür kam.

 

Nachdem sie den Taxichauffeur bezahlt hatte, klinkte sie das äußere Tor auf und schloß dann von innen zu. Ein Blick zu ihrem erleuchteten Zimmer sagte ihr, daß ihr Mädchen auf sie wartete. Sie ging die Zufahrt entlang …

 

»Wenn Sie schreien, drehe ich Ihnen den Hals um!«

 

Diese Worte wurden ihr direkt ins Ohr gezischt, und sie blieb starr vor Schrecken und Furcht stehen. Aus den dunklen Sträuchern, die die Zufahrt an dieser Stelle einsäumten, tauchte eine breitschultrige, drohende Gestalt auf. Das Gesicht konnte sie nicht erkennen, da es von einem schwarzen Taschentuch halb bedeckt war; weiter hinten sah sie zu ihrem Entsetzen eine zweite Gestalt. Ihre Knie wankten, und sie taumelte einen Schritt zurück.

 

Endlich holte sie keuchend Luft und öffnete den Mund, um zu schreien – aber eine große, schwere Hand legte sich sofort über ihr Gesicht.

 

»Hören Sie! Ich bringe Sie um, wenn Sie nur einen Laut von sich geben!«

 

Dann wurde es Ella Creed glücklicherweise schwarz vor den Augen, und sie, die schon oft eine Ohnmacht vorgetäuscht hatte, verlor zum erstenmal in ihrem Leben wirklich das Bewußtsein.

 

Als sie wieder zu sich kam, fand sie sich in halbsitzender Stellung gegen die Haustür gelehnt. Die beiden dunklen Gestalten waren verschwunden – und ebenso ihre Perlen und ihre Smaragdspange. Es wäre nichts weiter als ein gewöhnlicher Raubüberfall gewesen, wenn sie nicht an einer Schnur um ihren Hals eine Karte gefunden hätte, auf der das Bild einer gefiederten Schlange war.

 

Kapitel 10

 

10

 

Ganz in der Nähe des Zeitungsviertels liegt der Klub, in dem alle Journalisten verkehren. In dieser frühen Morgenstunde war die Bibliothek leer; Peter Dewin zog sich einen bequemen Sessel zum Kamin, nahm den Geldbeutel heraus und prüfte noch einmal seinen Inhalt.

 

Schon der Schlüssel gab ihm zu denken. Früher mußte auf seinem Griff eine gut leserliche Inschrift eingraviert gewesen sein; man konnte noch Spuren der ausgekratzten Buchstaben erkennen. Wahrscheinlich war es schon lange her, daß jemand daran herumgefeilt hatte, denn die angefeilten Stellen waren längst nicht mehr blank, sondern sahen genauso aus wie das übrige Metall.

 

Dann stopfte Peter seine Pfeife und untersuchte sorgfältig das Pappstück mit den beiden Buchstabenreihen:

 

 

F. T. B. T. L. Z. S. Y.

H. V. D. V. N. B. U. A.

Er brauchte nicht lange herumzutüfteln. Mit Geheimschriften hatte er sich schon oft beschäftigt, und so fand er bald die Lösung des Rätsels. Als er die übereinanderliegenden Buchstaben von oben nach unten las, entdeckte er, daß sie in alphabetischer Reihenfolge geschrieben waren – nur fehlte jedesmal der dazwischenliegende Buchstabe. Er nahm sein Notizbuch und schrieb das Ganze mit den fehlenden Buchstaben auf:

 

 

F. T. B. T. L. Z. S. Y.

G. U. C. U. M. A. T. Z.

H. V. D. V. N. T. U. A.

Die mittlere Reihe ergab jetzt das Wort »Gucumatz«, mit dem Peter nicht viel anfangen konnte.

 

Der Klub hatte eine kleine Bibliothek, in der auch ein gutes Konversationslexikon stand, Peter zog den betreffenden Band heraus und schlug nach – plötzlich hielt er freudig überrascht inne. »Gucumatz, auch Kukumats. Dieser Name wurde von den alten Azteken dem Schöpfer des Weltalls gegeben. In Mexiko war Gucumatz als Quetzalcoatl bekannt. Er wurde stets als eine gefiederte Schlange dargestellt, gleichgültig wie er bei den einzelnen Völkern genannt wurde. In gewissen Gegenden Zentralamerikas wird Gucumatz heute noch verehrt. Der Ursprung der Legende läßt sich auf das Auftauchen eines weißen Mannes mit langem Bart zurückführen, der eines Tages an der Küste Mexikos landete. Ob es sich dabei vielleicht um einen seefahrenden Wikinger gehandelt hat, kann nur vermutet werden …«

 

Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und fuhr sich durchs Haar. Wieder stieß er hier auf die gefiederte Schlange! Ob Joe Farmer etwas von ihrer Existenz gewußt hatte? Er konnte beim besten Willen noch keinen Zusammenhang zwischen dem seltsamen Wort aus Urzeiten und den sehr greifbaren Warnungen der gefiederten Schlange finden. Übrigens war das System, einen Buchstaben zwischen zwei anderen auszulassen, eine sehr primitive Form einer Geheimschrift.

 

Unbestreitbar lag über dem Ganzen etwas Unheimliches. Zum erstenmal, seitdem er mit der Geschichte zu tun hatte, fühlte er sich sehr unbehaglich. Er hatte den Eindruck; jeden Moment in ein Wespennest zu stechen – und das hatte dann möglicherweise sehr üble Folgen für ihn selbst.

 

Zum Mittagessen wollte er sich mit Paphne Olroyd in einem kleinen Restaurant in der Nähe des Soho Square treffen. Er war ihr gegenüber in einer schwierigen Lage. Sie war die Sekretärin Mr. Crewes gewesen und hatte auch Farmer gekannt – zweifellos konnte sie ihm viele nützliche Hinweise geben, auf der andern Seite wollte er ihre Freundschaft aber auch nicht für seine eigennützigen Zwecke in Anspruch nehmen.

 

Als er sie begrüßt hatte, setzte er ihr in aller Offenheit seine Bedenken auseinander.

 

»Fragen Sie nur, ich habe mich allmählich schon daran gewöhnt!«

 

Über Leicester Crewe konnte sie Dewin aber auch nicht viel Neues berichten – daß Mr. Crewe ein sehr erfolgreicher Börsenmakler war, war ihm sowieso bekannt.

 

Daphne war drei Jahre bei Crewe angestellt gewesen – seit dem Zeitpunkt, als er das Haus am Grosvenor Square gekauft hatte. Sie kannte auch Joe Farmer als einen häufigen, aber nicht gerade gern gesehenen Gast.

 

»Wer ist eigentlich diese Mrs. Staines?« erkundigte sich Peter. »Ich möchte möglichst den ganzen Bekanntenkreis Crewes kennenlernen.«

 

»Ich weiß es auch nicht genau. Sie ist eng mit Mr. Crewe befreundet und ist auch eine Freundin der Schauspielerin Ella Creed.«

 

»Alles reiche Leute, wie? Hat Mrs. Staines irgendeinen Beruf?«

 

»Sie ist eine vornehme Dame«, entgegnete Daphne lächelnd, »und vornehme Damen arbeiten bekanntlich nicht. Im übrigen war sie immer sehr liebenswürdig und ist mir eigentlich recht sympathisch. Mr. Crewe hat mir auch öfter erzählt, daß sie sehr klug ist. Als ich ihr einmal etwas bringen mußte, zeigte sie mir in ihrer Wohnung einige Zeichnungen, die sie selbst gemacht hatte. Sie haben mich außerordentlich beeindruckt.«

 

»Dann ist sie also Künstlerin? Malt sie auch?«

 

Daphne dachte nach.

 

»Nein, ich glaube nicht, wenigstens habe ich nur Schwarzweißzeichnungen bei ihr gesehen. Eine besondere Vorliebe scheint sie für mythologische Darstellungen zu haben. Einige hübsche Sachen, auf die sie sehr stolz ist, hängen gerahmt in ihrem Wohnzimmer. Darunter befindet sich eine Zeichnung, die halb so groß wie diese Tischplatte ist. Bestimmt fehlt es ihr nicht an Talent. Miss Creed kenne ich nicht so gut, ich habe sie nur einmal gesehen, und dabei benahm sie sich ziemlich hochmütig. Ist sie eigentlich eine gute Schauspielerin?«

 

»Sie ist erfolgreich«, entgegnete Peter vorsichtig. »Zur Zeit tritt sie in musikalischen Lustspielen auf, die ihr anscheinend keine Gelegenheit zur Entfaltung ihrer Talente geben.«

 

Er dachte einen Augenblick nach.

 

»Eigentlich kann man sie schon eine gute Schauspielerin nennen. Ich sah sie vor einigen Jahren in einem erfolgreichen Stück. Eine tragische Szene gelang ihr dabei wirklich großartig. Wenn man sie so auf der Bühne gesehen hat, kann man kaum glauben, daß sie ihren Angestellten und dem Regisseur das Leben zur Hölle macht. Nun erzählen Sie mir aber, was Sie heute in Ihrer neuen Stellung erlebt haben.«

 

»Ich habe eine Menge interessante Dinge katalogisiert – Speerklingen, kleine Figuren, Tongefäße und alte Waffen, die Mr. Beale in Zentralamerika ausgegraben hat. Darunter waren auch vier gefiederte Schlangen«, erzählte sie.

 

Peter lachte.

 

»Sie werden bald eine Kapazität auf diesem Gebiet sein! Aber wie schaffen Sie das nur – Sie hatten doch bis jetzt keine Ahnung von aztekischer Kultur?«

 

Sie sagte ihm, daß Mr. Beale ihr alles genau erkläre. Sie mußte kleine Namensschilder schreiben und sie an jedes Stück der Sammlung ankleben.

 

»Eine Anzahl der Gegenstände war schon beschriftet.«

 

Peter dachte erst wieder an diese Bemerkung, als sie später ihre Handtasche öffnete, um ihr Taschentuch herauszunehmen. Ein Stück rundes Papier fiel dabei auf den Tisch. Er betrachtete es neugierig. Es war ungefähr so groß wie ein Sixpence, und darauf stand in roter Schrift das Wort »Zimm«. Dahinter war eine Zahl.

 

»Das war an einer alten Aztekenlampe, die Mr. Beale in einer Stadt mit einem furchtbar komischen Namen fand.«

 

Er schwieg einen Augenblick.

 

»Wozu tragen Sie denn das Ding mit sich herum?«

 

Sie erklärte ihm auf seine Frage, daß sie einen Zipfel ihres Taschentuchs naß gemacht hatte, um das Papier zu entfernen. Dabei müsse es wohl an dem Taschentuch hängengeblieben sein.

 

Aber er hörte ihr gar nicht zu, sondern beobachtete einen Gast – einen Mann mit schwarzem Bart, der ihm irgendwie bekannt vorkam. Er saß in einer Ecke des Speisesaals und schien ganz in seine Zeitung vertieft zu sein.

 

Peter Dewin besaß ein phänomenales Gedächtnis. Er gehörte zu den Menschen, die spaltenlange Artikel lesen und sie fast Wort für Wort wiederholen können. Ohne sich zu irren, konnte er den Inhalt der Zeugenaussagen eines Falles angeben, der vor zehn Jahren verhandelt wurde, ebenso Bemerkungen der Richter und die Plädoyers der Verteidiger, wenn er den Bericht darüber gelesen hatte.

 

»Was haben Sie denn?« fragte sie besorgt, als sie seinen geistesabwesenden Gesichtsausdruck bemerkte.

 

»Ach so – bitte entschuldigen Sie!« Er wandte sich zerknirscht seiner Nachbarin zu. »Ich dachte gerade nach. Woher sagten Sie doch, daß dieses Etikett stammt?«

 

Sie erzählte ihm noch einmal, daß sie es von einer Lampe aus gebranntem Ton entfernt hätte.

 

»Merkwürdig, sie hatten auch Lampen, diese alten Azteken. Sie mag manchem heimgeleuchtet haben, will ich wetten! Ob es da auch Klubs und Vereine gab? Sie tranken doch so ein Zeug, das sie Tiki oder Miki nannten; es soll so ähnlich geschmeckt haben wie ein altes irisches Getränk. Und wenn sie dann eines; seligen Todes starben, krähte kein Hahn danach.«

 

»Wovon reden Sie denn, um Himmels willen?« fragte sie erstaunt.

 

»Von Lampen«, entgegnete er verwirrt. »Es ist komisch mit mir, Daphne, wenn ich mich mit irgendwelchen Problemen herumschlage, kann mich nichts davon ablenken. Habe ich Sie eben Daphne genannt? – Bitte entschuldigen Sie vielmals, ich hasse nichts mehr als zudringliche Leute. Aber wir wollen unsern Kaffee trinken.«

 

Er versuchte vergeblich, seine Erregung zu verbergen. Irgendeine Entdeckung schien alle seine Gedanken in Anspruch zu nehmen.

 

»Nun seien Sie nicht gar so schweigsam und erzählen Sie mir, was Sie so intensiv beschäftigt!«

 

Er sah sie abwesend an und lachte dann plötzlich.

 

»Sie sind wirklich ein netter Kerl«, sagte er übermütig. »Und es ist nicht recht von mir, daß ich mich so unhöflich benehme. Ich mag Sie nämlich sehr gern.«

 

Dann erzählte er ihr, daß sie seit Jahren das erste Mädchen sei, das er zum Essen eingeladen hätte. Sie war erstaunt zu erfahren, daß er schon einunddreißig Jahre alt war.

 

»Meine letzte Verabredung mit einer Dame hatte ich aus beruflichen Gründen. Sie war mit der Ricks-Bande bekannt, die Kreditbriefe gefälscht und über hunderttausend Pfund unterschlagen hatte. Ich war damals ein blutjunger Reporter.«

 

Um seine Aufregung zu verbergen, erzählte er Daphne die Geschichte. Er machte das so geschickt, daß sie seinem Bericht von dem genial angelegten Schwindel gespannt lauschte. Warum ihm ausgerechnet der Fall Ricks in den Sinn gekommen war, wußte er selbst nicht so recht – etwas in seinem Unterbewußtsein erinnerte ihn daran.

 

»… es war der jetzige Oberinspektor Clarke, der die Bande seinerzeit überführte. Er war damals noch Sergeant, und diesem Erfolg verdankte er seine Beförderung zum Inspektor. Ricks erschoß sich auf einem Schiff, als er über den Kanal fuhr. Zwei Mitglieder der Bande flohen nach Amerika. Einer wurde ausgeliefert, aber den eigentlichen Fälscher des Geldes haben sie nicht bekommen … Ricks selber war zwar ein hervorragender Zeichner, aber die Polizei war der Meinung, daß die gefälschten Platten von seiner sechzehnjährigen Tochter hergestellt waren. Man konnte aber nichts nachweisen, und es wurde nicht einmal ein Verfahren gegen sie eingeleitet. Sie war sehr hübsch – soviel ich weiß, fuhr sie schließlich zu Verwandten nach Frankreich …«

 

Plötzlich brach er ab.

 

»Heiliger Himmel«, murmelte er.

 

»Was ist los?«

 

Er versuchte ruhig zu sprechen.

 

»Tut mir leid – ich bin heute so nervös. Warum sprechen wir auch ausgerechnet über den Fall Ricks! Ich möchte nur wissen, wie ich darauf gekommen bin. Aber merkwürdig, wie alles stimmt – sogar das hier!«

 

Er nahm das kleine Etikett und schaute es noch einmal prüfend an.

 

»Darf ich das behalten? Vielleicht bringt es mir Glück«, sagte er und schob es einfach in die Tasche, ohne ihre Erlaubnis abzuwarten.

 

»Ich werde wirklich nicht schlau aus Ihnen«, meinte sie kopfschüttelnd.

 

»Eines Tages werde ich Ihnen alles erklären«, erwiderte er geradezu feierlich.

 

Als sie sich erhoben, stand auch der bärtige Mann auf und folgte ihnen zum Ausgang. Auf der Straße war er plötzlich nicht mehr zu sehen. Dewin winkte einem Taxi; sie stiegen ein, und er nannte dem Chauffeur ihre Wohnung.

 

Auf der Fahrt war er ziemlich schweigsam und schaute nur ab und zu durch das kleine Rückfenster des Wagens.

 

»Sie haben sich nun schon dreimal umgesehen, seitdem wir das Restaurant verlassen haben«, sagte sie schließlich. »Was gibt es denn hinter uns Interessantes?«

 

»Sieht so aus, als ob wir Nebel bekommen – wollte nur mal sehen …« Das übrige ging in einem halblauten Gemurmel unter.

 

Er wartete auf der Straße, bis er hörte, daß sie die Tür von innen zugeschlossen hatte. Dann schlenderte er langsam ein Stück zurück – der kleine Sportwagen, der ihrem Taxi vom Restaurant aus gefolgt war, hielt in einer Entfernung von fünfzig Metern mit abgeblendeten Scheinwerfern. Als er geradewegs auf das Auto zuging, gab der Fahrer plötzlich Gas, entfernte sich ein Stück im Rückwärtsgang, wendete dann und verschwand in der Dunkelheit.

 

Dewin zögerte. Wenn dies eine Gefahr für ihn bedeutete, konnte sie sich ebensogut auch auf Daphne erstrecken. Der Gedanke beunruhigte ihn, wenn die Bedrohung bis jetzt auch keine feste Form angenommen hatte. Immerhin war ihnen der Wagen vom Restaurant an gefolgt, und er war sich völlig sicher, daß der Schwarzbärtige, der in der Ecke gesessen hatte und sich anscheinend nur um seine Zeitung gekümmert hatte, mit ihrer Überwachung beauftragt war.

 

Sollte er umkehren und Daphne warnen? Diese Absicht gab er sofort wieder auf, denn er wollte sie auf keinen Fall beunruhigen. Was sollte er machen? Er konnte sich doch nicht bis morgen früh auf die Treppenstufen ihres Hauses setzen? Das Außergewöhnliche seiner Lage kam ihm zum Bewußtsein; er fühlte sich wie in einem schlechten Kriminalfilm. In seiner Phantasie tauchten nacheinander alle möglichen düsteren Gefahren auf, über die er sich dann gleich lustig zu machen versuchte. Wer sollte auch Interesse an einem jungen Mädchen haben, dessen einzige Schuld es war, daß sie als Sekretärin bei einem Gelehrten angestellt war und dieselbe Stellung vorher bei einem Geschäftsmann zweifelhaften Rufes innegehabt hatte.

 

Er ging zu seinem Taxi zurück und ließ sich wieder in das Restaurant fahren. Glücklicherweise kannte er den Besitzer sehr gut und konnte sich daher ohne weiteres einige Fragen erlauben. Zu seinem Erstaunen erhielt er volle Auskunft über den Fremden.

 

»Er ist Privatdetektiv bei der Firma Stebbings. Wie er heißt, weiß ich nicht – vielleicht ist es sogar Stebbings selber. Er war schon öfters hier; da er für gewöhnlich aber einen meiner Gäste beobachtet, freue ich mich nicht sehr über seine Besuche.«

 

Dewin fiel ein Stein vom Herzen. Privatdetektive sind im allgemeinen ziemlich harmlose Leute, die zumindest keine unmittelbare Lebensgefahr für die Leute darstellen, die sie beobachten. Besonders in England beschränkt sich ihre Tätigkeit meistens auf harmlose Ermittlungen.

 

Mit leichterem Herzen machte sich Peter auf den Weg zum »Orpheum«, dem Theater, das Miss Creed gehörte.

 

Ella Creed war eben auf der Bühne, als er ankam, und er mußte in einem zugigen Vorraum warten, bis eine Platzanweiserin kam und ihn aufforderte, in Miss Creeds Garderobe zu kommen. Miss Creed sah abgespannt aus.

 

»Zwei Vorstellungen am Tag und eine schlaflose Nacht wegen des armen Mr. Farmer – ich bin halbtot«, sagte sie. »Etwas zu trinken, Mr. Dewin?«

 

Sie erwähnte den Mord erst, als ihre Garderobiere den Raum verlassen hatte.

 

»Mr. Dewin, ich möchte Sie um einen Gefallen bitten.« Sie lehnte sich in ihrem Sessel vor und sah ihn mit einem bezaubernden Augenaufschlag an. »Der arme Joe trug einen Schlüssel bei sich, den er mir an jenem Abend geben wollte … Mr. Crewe erzählte mir, daß er zufällig in Ihre Hände geraten ist. Würden Sie ihn mir bitte zurückgeben?«

 

Dewin tat äußerst erstaunt.

 

»Meinen Sie etwa den Schlüssel in dem Geldbeutel? Ich habe mir schon überlegt, wem er gehören könnte. Ja, Miss Olroyd hat ihn mir gegeben. Ich wollte ihn gleich am andern Tag der Polizei abliefern, aber er ist mir in der Nacht von einem Einbrecher gestohlen worden«, log Peter seelenruhig. »Von einem Mann, der mein Jackett mitlaufen ließ. Wie Sie vermutlich wissen werden, war er in großer Eile, und der Schlüssel ist ihm wahrscheinlich dabei aus der Tasche gefallen.«

 

Sie blickte ihn einen Augenblick verdutzt an und fragte dann scharf: »Woher soll ich denn das wissen?«

 

»Vielleicht haben Sie es in der Zeitung gelesen«, antwortete Dewin gelassen.

 

Offensichtlich kam ihr diese Erklärung unerwartet, denn sie schwieg eine Weile.

 

»Aber es ist doch merkwürdig, daß Sie den Schlüssel in die Tasche Ihres Jacketts steckten«, begann sie dann wieder.

 

»Das ist allerdings seltsam«, sagte Dewin höflich. »Ich hätte ihn, eigentlich in meinen Schuh stecken sollen. Für gewöhnlich pflege ich Schlüssel auch dort aufzubewahren.«

 

Ella Creed sah ihn mißtrauisch und ärgerlich an, denn ihr Sinn für Humor war nicht sehr ausgeprägt.

 

»Es ist einfach furchtbar«, sagte sie dann. »Ich meine, daß der Schlüssel verlorengegangen ist …«

 

»Ach, es war wohl der Schlüssel zu Ihrem Schmuckkasten?« fragte er unschuldig. »Oder zu dem Schrank, in dem die gefiederte Schlange steckt?«

 

Sie sprang auf.

 

»Was wollen Sie damit sagen, zum Kuckuck?« fragte sie. »Gefiederte Schlange? Was soll das heißen, Dewin? Wissen Sie, was ich glaube? Das Ganze ist nur ein Trick, den ihr Zeitungsleute erfunden habt, um damit andere Leute zu erschrecken!«

 

Ella Creed war manchmal leicht zu durchschauen, und Dewin wußte, daß sie ihm jetzt nichts vormachte.

 

»Hören Sie mir einmal zu, Miss Creed«, sagte er ernst. »Die gefiederte Schlange ist keine Erfindung von Zeitungsleuten, die auf Sensation aus sind. Im allgemeinen pflegen Zeitungen auch nicht die Ermordung von Barbesitzern vorher anzukündigen. Haben Sie tatsächlich noch nie von der gefiederten Schlange gehört, bevor Sie die mysteriösen Karten erhielten?«

 

»Ganz bestimmt nicht!«

 

»Auch Farmer nichts?«

 

»Er hat sicher nichts davon gewußt! Gefiederte Schlangen, das ist doch Unsinn! Ich möchte nur wissen, wer hinter der ganzen Geschichte steckt. Die Leute sollten sich endlich klar darüber werden, daß sie mir keine Angst einjagen können. Falls sie etwa auf Geld aus sind, so ist bei mir nichts zu holen. Meine Wertsachen liegen alle sicher auf der Bank.«

 

»Man hat bei Ihnen eingebrochen, nicht wahr«, sagte er schnell. »Wurde eigentlich außer den unechten Schmuckstücken noch etwas gestohlen?«

 

Sie merkte, daß sie schon zuviel gesagt hatte und wollte das Thema wechseln, aber er blieb hartnäckig bei seiner Frage.

 

»Nun ja«, sagte sie zögernd, »es ist tatsächlich bei mir eingebrochen worden, aber die Diebe haben nichts Wertvolles mitgenommen.«

 

Ihm war klar, daß sie ihm nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte. Was mochte sie wohl verbergen?

 

»Es wurde Ihnen also doch etwas gestohlen?« bohrte er.

 

Draußen wurde an die Tür geklopft. Ihr Auftritt begann in wenigen Minuten.

 

»Ich muß mich schleunigst umziehen …«

 

»Was war es?« fragte er.

 

»Ein Ring«, erwiderte sie ärgerlich. »Ein Ding, das keine fünf Pfund wert ist.«

 

»Was für ein Ring – doch nicht ein Trauring?«

 

»Trauring …« Sie mußte erst Luft holen, bevor sie ihm antwortete. Er hätte nicht herausfordernder fragen können, wenn er die Wahrheit gewußt hätte! »Es war ein Siegelring, ein ganz altes Ding, das ich schon viele Jahre hatte. Aber nun verschwinden Sie!«

 

Peter Dewin wartete auf dem Gang vor der Garderobe. Dahinter steckte bestimmt etwas. Doch würde es schwierig sein, noch mehr aus Ella Creed herauszuholen. Sie erschien nach wenigen Minuten fertig angekleidet zum zweiten Akt. Als er auf sie zutrat, winkte sie nervös ab.

 

»Ich kann heute abend nicht mehr mit Ihnen sprechen, Mr. Dewin. Es hat keinen Zweck, wenn Sie warten.«

 

Als sie in Richtung Bühne verschwunden war, begann er, ihre Garderobieren auszuhorchen.

 

»Miss Creed scheint heute abend nicht in der besten Laune zu sein«, begann er kühn.

 

Die ältere der beiden lächelte verächtlich.

 

»Ich möchte nur wissen, wann sie überhaupt mal gute Laune hat! Heute war es wieder ganz besonders schlimm, Es ist wirklich kaum auszuhalten.«

 

»Hat Ihnen Miss Creed irgend etwas von dem Einbruch in ihrer Wohnung erzählt?«

 

»Soviel ich weiß, wurde ihr ein Ring gestohlen. Für gewöhnlich trug sie ihn bei ihren Auftritten. Ich hätte kein Pfund dafür gegeben.«

 

»Wie sah er denn ungefähr aus?«

 

Das jüngere Mädchen konnte ihm eine ziemlich genaue Beschreibung des Ringes geben.

 

»Es war so eine Art Wappen darauf, drei Weizengarben mit einem Adler in der Mitte. Mr. Crewe sagte, ihr immer, sie solle doch das alte Ding ins Feuer werfen, aber das brachte sie nicht übers Herz.«

 

Ella Creed galt allgemein als ziemlich geizig.

 

»Sind Sie schon lange hier beschäftigt?« fragte Dewin teilnahmsvoll.

 

»Schon viel zu lange«, kam die verärgerte Antwort. »Ich bin nun seit mehr als zwanzig Jahren in diesem Beruf, aber so etwas ist mir noch nicht vorgekommen. Es ist mir ganz gleich, wenn ich entlassen werde. Dabei habe ich Miss Creed schon gekannt, als sie noch ein kleines Chormädchen war, lange bevor sie zu Geld kam und das ›Orpheum‹ pachtete. Sie hat von Anfang an ein unwahrscheinliches Glück gehabt.«

 

Das Mädchen legte den Finger an die Lippen und lauschte auf die fernen Klänge der Kapelle.

 

»Ich glaube, es ist besser, wenn Sie jetzt gehen«, sagte sie dann. »Sie wird in einer Minute hier sein, um sich umzuziehen.«

 

Peter Dewin war klug genug, das Feld zu räumen; er hatte das Theater schon längst verlassen, als Ella Creed atemlos in ihren Ankleideraum kam.

 

»Bringen Sie mir sofort Schreibpapier und ein Kuvert«, befahl sie. »Rufen Sie dann Mr. Crewe an« und fragen Sie ihn nach der Adresse von Miss Daphne Olroyd – aber etwas schnell bitte!«