Kapitel 7

 

7

 

Daphne Olroyd hatte Peters scherzhafte Ankündigung, daß er sie besuchen wolle, ernst genommen und bis ein Uhr nachts auf ihn gewartet. Sie war schließlich in ihrem Sessel eingenickt und schreckte erst bei einem leichten Kältegefühl auf – ihr Feuer war ausgegangen, und sie begann sich selbst Vorwürfe zu machen, daß sie so dumm gewesen war, so lange zu warten.

 

Sie zog sich aus und schlüpfte gerade in ihren Schlafanzug, als die Türklingel schrillte. Hastig warf sie ihren Morgenrock über und ging zur Tür, da sie glaubte, daß es Peter sei. Als sie aber geöffnet hatte, starrte sie den späten Besucher verwundert an – es war Mr. Leicester Crewe. Sie erkannte ihn kaum, so bleich und verfallen war sein Gesicht.

 

»Kann ich Sie einen Augenblick sprechen?« fragte er ohne ein weiteres Wort der Entschuldigung.

 

Sie war so erstaunt, daß sie – eigentlich ganz gegen ihren Willen – nickte und ihn hereinließ. Er folgte ihr ins Wohnzimmer.

 

»Wo ist der Geldbeutel?« Er sprach so grob, daß sie erschrak. Sie sah, wie seine Hand zitterte, als er sich über das Gesicht fuhr.

 

»Der Geldbeutel?«

 

Sie wußte einen Augenblick lang wirklich nicht, was er meinte. Plötzlich erinnerte sie sich wieder an den Vorfall.

 

»Meinen Sie das Ding, das Mr. Farmer gehörte?«

 

Er nickte nervös.

 

»Ich habe jetzt keine Zeit, Ihnen die ganze Sache auseinanderzusetzen … Ich dachte, ich hätte ihn Mrs. Staines gegeben, erst später fiel mir ein, daß Sie hinter mir standen. Wo haben Sie den Geldbeutel?«

 

Sie zuckte hilflos die Schultern und sah die Enttäuschung auf seinem Gesicht.

 

»Haben Sie ihn etwa der Polizei gegeben?« fragte er mit heiserer Stimme.

 

»Ich gab ihn Mr. Dewin …«

 

»Dem Reporter? Warum haben Sie das gemacht?« fuhr er sie ärgerlich an.

 

»Ich bat ihn, den Geldbeutel der Polizei auszuhändigen«, erwiderte sie. »Sie hatten mich doch so schnell fortgeschickt – und ich traf ihn draußen vor dem Haus. Hat er ihn nicht abgegeben?« Sie war jetzt selbst so aufgeregt, daß ihr Gedächtnis sie im Stich ließ.

 

Ein tödliches Schweigen folgte. Leicester Crewe war sich völlig klar darüber, daß Oberinspektor Clarke den Geldbeutel nicht erhalten hatte, denn er hatte gesehen, wie der Inhalt der Taschen des Toten auf seinem Schreibtisch ausgebreitet und von einem Polizeibeamten einzeln registriert worden war.

 

»Haben Sie – den Geldbeutel geöffnet … hineingesehen?« fragte er plötzlich.

 

»Nein, ich habe ihn nur Mr. Dewin gegeben. Aber ich nehme an, daß ein Schlüssel drin war – ich fühlte es von außen. Auf keinen Fall hätte ich den Geldbeutel geöffnet, ich bin nicht neugierig! Außerdem hätte ich auch gar keine Zeit dazu gehabt.«

 

Sein hageres Gesicht verzerrte sich vor Wut.

 

»Wie kommen Sie denn dazu, den Geldbeutel dem Reporter zu geben? Ich finde es einfach unerhört … Natürlich – es war ja eigentlich nichts von Bedeutung, nur … Schließlich hätten Sie doch mich zuerst fragen sollen. Farmer wollte mir ihn zur Aufbewahrung übergeben. Können Sie sich eigentlich noch daran erinnern, was ich zu Ihnen sagte?«

 

Sie wollte ihm schon entgegnen, daß er ihr den Auftrag gegeben hatte, den Geldbeutel ins Feuer zu werfen – aber dann gehorchte sie einer inneren Stimme und schüttelte nur den Kopf. Die Lüge fiel ihr um so schwerer, weil er sie mit scharfen, mißtrauischen Blicken fixierte.

 

»Wo wohnt dieser Dewin?«

 

»Keine Ahnung – Sie können seine Adresse aber sicher im Telefonbuch finden.«

 

»Sie haben ihm doch nicht etwa gesagt, daß ich Ihnen aufgetragen hatte, die Börse zu verbrennen? Es stimmt doch auch, daß Sie sich auf meine Worte nicht mehr besinnen können, wie?«

 

Des Mann war vollständig fassungslos; er konnte nicht mehr logisch denken. Von neuem las sie in seinem Gesicht grauenhafte Furcht, die sich allmählich auch ihr mitteilte. Als er sah, wie ängstlich sie ihn beobachtete, gewann er allmählich seine Selbstbeherrschung zurück und sah sich flüchtig im Zimmer um.

 

»Hier wohnen Sie also? Nicht gerade sehr luxuriös!« meinte er in seinem alten arroganten Ton. »Nun, ich werde jetzt wieder gehen – tut mir leid, daß ich Sie gestört habe, Miss Olroyd.«

 

Bis zu diesem Augenblick schien er sich nicht bewußt zu sein, mit wem er eigentlich sprach.

 

»Sind Sie nicht doch noch zu der Überzeugung gekommen, daß es besser wäre, bei mir zu bleiben?« fuhr er fort. »Ich verreise bald – schon nächste Woche. Die Sache mit Farmer ist mir auf die Nerven gegangen, und ich werde voraussichtlich längere Zeit fortbleiben. Den Winter über werde ich wohl in Afrika sein …«

 

Sie ging aus dem Zimmer, öffnete die Haustür und machte damit der Unterredung ein Ende.

 

»Ich sehe Sie doch morgen wieder?« erkundigte er sich unverfroren. »Sicher wundern Sie sich, daß ich so viel Aufhebens um diesen alten Geldbeutel mache, aber es handelt sich um …«

 

Das Denken fiel ihm immer noch schwer, und er konnte im Augenblick beim besten Willen keinen glaubwürdigen Grund für seine Ängstlichkeit finden. Schließlich murmelte er noch etwas über wichtige Schlüssel und sensationshungrige Zeitungsreporter, bevor sie endgültig die Tür hinter ihm schloß.

 

Sein Wagen stand vor dem Haus; er stieg ein und fuhr zurück. Als er in sein Arbeitszimmer kam, fand er dort Paula Staines und Ella Creed, die von den Ereignissen der Nacht sehr mitgenommen waren. Paula lag halb schlafend auf dem Sofa; Ella stand vor dem Kamin und starrte düster in die Flammen. Sie drehte sich um, als er eintrat.

 

»Hast du den Schlüssel?« fragte sie schnell.

 

»Welchen Schlüssel?« knurrte er unwillig.

 

»Benimm dich nicht so idiotisch, Billy«, erwiderte die Schauspielerin ärgerlich. »Du bist doch schließlich nur deshalb fort gewesen, um den Geldbeutel mit dem Schlüssel zu holen! Hatte die Olroyd ihn noch?«

 

»Sie hat ihn Dewin gegeben – dem Reporter.«

 

Ella biß sich auf die Lippen.

 

»Was? Dewin, diesem Kerl, der seine Nase in alles stecken muß? Nun sitzen wir erst recht in der Tinte!«

 

»Was ist denn los?« fragte Paula, die aus ihrem Halbschlaf hochgefahren war. »Hast du den Schlüssel, Billy?«

 

Ella Creed lachte höhnisch.

 

»Miss Olroyd hat ihn Dewin gegeben! Ausgerechnet Dewin! Der arme alte Joe hat immer gesagt, daß er der hartnäckigste Spürhund in ganz London ist und vier richtige Kriminalbeamte aufwiegt – und ausgerechnet der muß den Schlüssel haben!«

 

»Sei ruhig!« fuhr Leicester sie böse an und schaute vom Telefonbuch auf, in dem er Dewins Adresse suchte. »Konnte ich vielleicht wissen, daß das Mädchen hinter mir stand? Ich dachte eben, es sei Paula.«

 

Ella warf ihm einen verächtlichen Blick zu.

 

»Hast du nie daran gedacht, daß es durchaus möglich ist, daß deine hübsche Miss Olroyd für die gefiederte Schlange arbeitet? Du hättest sie längst hinauswerfen sollen – schon vor Monaten, damals, als ich es dir sagte!«

 

Leicester Crewe gab ihr keine Antwort. Er fuhr mit dem Finger eine Namenspalte entlang. Plötzlich hielt er an.

 

»Hier steht es. Peter Dewin, Journalist, 49 Harcourt Gardens (Pension), Bayswater.«

 

Er kritzelte die Adresse auf ein Stück Papier und klappte das Buch zu.

 

»Was hast du vor?« fragte Paula.

 

»Ich werde den Schlüssel wieder besorgen – das ist momentan das wichtigste.«

 

»Meinst du nicht, daß es am besten ist, wenn du einfach zu ihm hingehst und ihn nach dem Geldbeutel fragst?« meinte Ella.

 

»Ihn einfach danach fragen!« explodierte Crewe. »Was würde der wohl Clarke für eine Geschichte erzählen, wenn ich ihn wegen eines Geldbeutels, der aus Joes Tasche fiel, mitten in der Nacht aus dem Schlaf aufstörte? Und was würde Clarke mir erzählen, wenn ich ihm berichtete, daß der Geldbeutel nicht mehr da sei?’«

 

Fluchend verließ er das Zimmer und kam nach zehn Minuten zurück. Er hatte sich umgezogen und trug jetzt einen dunklen Anzug und einen dunklen Schal.

 

»Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, den Schlüssel wieder zu beschaffen – auf jeden Fall werde ich es aber versuchen. Am besten, ihr wartet hier, bis ich zurückkomme; falls die Sache mißlingt, müssen wir sofort einen anderen Plan fassen. Sollte der Schlüssel in die Hände der Polizei gelangen, kommt die ganze Geschichte heraus – und bevor dann die Bombe platzt, möchte ich lieber ein paar tausend Meilen zwischen mir und London wissen.«

 

Die beiden Frauen hörten, wie die Haustür zuschlug. Ella stocherte mißmutig mit einem Schüreisen im Kamin.

 

»Was ist nur mit Billy los, daß er so völlig seine Selbstbeherrschung verloren hat? Er ist wirklich ein Feigling. Nehmen wir doch mal an, sie wüßten es – welche Beweise haben sie dann gegen uns? Und was für eine Anklage könnten sie gegen uns erheben?«

 

Paula Staines klopfte sorgfältig die Spitze einer Zigarette auf dem Deckel ihres Bernsteinetuis fest und zündete sie an, bevor sie antwortete:

 

»Billy hat schon recht – die größte Gefahr kommt von dieser gefiederten Schlange. Ich wünschte nur, daß ich nicht selbst so nervös wäre – ich kann einfach nicht mehr in Ruhe überlegen … Übrigens ist es eigentlich sonderbar – ich habe doch immer die verrücktesten Dinge gezeichnet, du kennst ja meine Vorliebe dafür, aber es wäre mir niemals eingefallen, eine gefiederte Schlange aufs Papier zu bringen.«

 

Ella sah sie mit einer gewissen Neugierde und Bewunderung an.

 

»Muß doch eigentlich sehr schön sein, wenn man so zeichnen kann wie du. Wo hast du das eigentlich gelernt?«

 

Paula blies einen Rauchring zur Decke und wartete, bis er sich aufgelöst hatte.

 

»Mein Vater unterrichtete mich – manchmal wünsche ich, er hätte es nicht getan«, erwiderte sie ironisch. Aber plötzlich änderte sie ihren Ton. »Kannst du denn auch keine Lösung finden, Ella? Erinnerst du dich nicht an irgend etwas, was darauf hindeutet, daß Lane mit der gefiederten Schlange zu tun hatte?«

 

»Lane – dieser dumme Kerl?« entgegnete Ella geringschätzig. »Der ist doch glücklicherweise tot.«

 

Sie zog die Brauen zusammen.

 

»Ich wünschte nur, daß nicht ausgerechnet Dewin mit der Sache zu tun hätte. Er ist einer der findigsten Reporter – und außerdem erlauben sich diese Journalisten Dinge, die die Polizei nicht wagen würde … Was war das?« Man hörte ein schwaches Klingeln und gleich darauf die Schritte des Dieners, der aufgeblieben war. Die Haustür wurde geöffnet, gedämpft klangen Stimmen herüber. Dann kam der Diener ins Zimmer.

 

»Draußen ist ein Mann – er heißt Hugg –, der Mr. Crewe sprechen will.«

 

Die beiden Frauen sahen sich einen Augenblick bedeutungsvoll an.

 

»Es ist gut, lassen Sie ihn herein.«

 

Als der Diener gegangen war, erhob sich Paula Staines von ihrer Couch und ging quer durch das Zimmer zum Kamin.

 

»Der Mann, der Billy geschrieben hat«, flüsterte sie. »Der Sträfling, der bei Lane war, als er starb.«

 

Mr. Hugg trat unsicher ins Zimmer, er lächelte ziemlich verlegen und sah aus, als wolle er sich entschuldigen, daß er geboren sei. Sein glasiger Blick und sein leises Schwanken ließen vermuten, daß er getrunken hatte.

 

»Verzeihen Sie vielmals – ist Mr. Crewe hier?« fragte er mit belegter Stimme.

 

»Nein, Mr. Crewe ist ausgegangen … Sind Sie nicht der Mann, der bei William Lane war, als er starb?«

 

»Ganz richtig, meine Dame«, entgegnete Hugg. »Gerade deshalb will ich ja mit Mr. Crewe sprechen … Ich habe ihn wiedergesehen!«

 

Paula Staines starrte den kleinen Mann mit weit aufgerissenen Augen an.

 

»Ihn wiedergesehen?« wiederholte sie langsam. »Wen?«

 

»William Lane«, entgegnete Hugg.

 

»Der Kerl ist also nicht tot!« rief Ella dazwischen.

 

Mr. Hugg schüttelte nachdenklich den Kopf.

 

»Natürlich ist er tot, darauf können Sie Gift nehmen, ich habe ihn ja damals sterben sehen – er ist tot«, erklärte er ohne Zögern. »Was ich heute abend sah, war sein Geist – er saß in einem Taxi, das in der Edgeware Road hielt. Ich ging hin und sprach ihn an … Ich sagte: ›Du bist doch William Lane, der mit mir zusammen im Kittchen saß in der Abteilung D in Dartmoor?‹ Und er sagt ja! Hat nicht mal geleugnet, daß er tot ist! Ich sage dann: ›Ich muß mich wirklich sehr über dich wundern, William, daß du hier mit ’nem Auto rumfährst, obwohl du doch in Thatcham überfahren wurdest.‹«

 

Er schwankte noch heftiger, und Ella sah jetzt, was mit ihm los war.

 

»Sie sind ja betrunken«, fuhr sie ihn an.

 

Mr. Hugg schüttelte wehleidig den Kopf.

 

»Ich habe nur ’n paar Gläschen auf nüchternen Magen gekippt«, verteidigte er sich. »Betrunken? Niemals, meine Beste – nur ein wenig die Gurgel geschmiert. Und ich war durchaus nicht betrunken, als ich William sah!«

 

»Haben Sie den Vorfall etwa der Polizei gemeldet?« erkundigte sich Ella schnell.

 

Mr. Hugg lächelte verächtlich und sah sie vorwurfsvoll an.

 

»Glauben Sie denn, daß ich jemand verpfeife, der womöglich von der Polente gesucht wird? Allerdings weiß ich nicht, ob er sich nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis auch noch als Geist bei der nächsten Polizeiwache melden muß. Ich fragte ihn dann, wie es ihm so ginge«, fuhr der betrunkene Hugg fort, wobei er sehr ernst und feierlich dreinschaute. »Und er sagte mir, er wäre gerade unterwegs, um ’nen Mann abzufangen, der ihm übel mitgespielt habe – einen Kerl, dessen Namen er früher im Gefängnis schon immer im Schlaf genannt hat – Bill oder Beale, so was Ähnliches, einen Kerl, der ihm ’nen Streich mit einer Schlange gespielt hat – verstehen Sie, einer richtigen Schlange.«

 

»Meinen Sie die gefiederte Schlange?« fragte Paula.

 

Er nickte bedächtig und schwankte wieder.

 

»Dieser Kerl, dieser Beale hat ’nen Haufen Geld …, dann fragte ich ihn, ob er nicht Harry, den Vagabunden, gesehen habe. Denken Sie sich nur, meine Damen, den habe ich nach dem Unglück nicht mehr getroffen – ich lag nämlich im Krankenhaus …«

 

Er sprach völlig zusammenhanglos weiter, bis ihn Ella unterbrach.

 

»Es wird besser sein, wenn Sie morgen früh noch einmal herkommen und mit Mr. Crewe sprechen.« Plötzlich kam ihr ein Gedanke. »Wo wohnen Sie?«

 

Er nannte ihr seine Adresse – ein billiges Absteigequartier – die sie sich notierte.

 

Paula schloß die Tür hinter ihm. Die Aufregung war ihr deutlich anzusehen.

 

»Das verstehe ich ganz und gar nicht«, sagte sie. Ella lachte.

 

»Aber ich bitte dich, er ist vollständig betrunken! Er kam doch nur deshalb hierher, um mit dieser im Suff erfundenen Geschichte aus Billy noch mehr Geld rauszulocken. Wir haben doch den Totenschein gesehen!«

 

Paula zuckte die Schultern. Sie wußte aus Erfahrung, daß es keinen Zweck hatte, sich mit Ella zu streiten.

 

Ella sah gerade aufmerksam in den Spiegel. »Morgen werde ich zehn Jahre älter aussehen – und dabei habe ich zwei Vorstellungen. Hoffentlich läßt uns Crewe nicht mehr so lange warten.«

 

»Der arme alte Joe«, meinte Paula nach einer kleinen Pause.

 

»Er hat es ja selbst so gewollt!« Ellas Stimme klang schon wieder gereizt. »Warum muß er auch unbedingt der gefiederten Schlange nachspüren? Ich wette, daß es Joe nur deshalb an den Kragen ging. Außerdem war er natürlich in mehr üble Geschäfte verwickelt, als gut war, und hatte sehr viele Feinde. Sicher war der Täter jemand, den er früher mal übers Ohr gehauen hat.«

 

»Dein Charakter läßt wirklich nichts zu wünschen übrig, Ella!« Paula sah sie gelassen an. »Gerade du hättest doch eigentlich allen Grund dazu, vorsichtig zu sein – und auch nicht zu viel Schlechtes über Joe zu sagen.«

 

»Meinst du?« Ella wandte sich hastig um. »Ich habe mich schließlich schon seit Jahren bemüht, von Joe loszukommen!«

 

»Du hättest dich ja ohne weiteres von ihm scheiden lassen können!«

 

»Mich von Joe scheiden lassen!« fuhr Ella hoch. »Glaubst du denn, daß ich es auch noch in den Zeitungen lesen wollte, daß ich mit einem solchen Schuft verheiratet war? Joe hat zweimal gesessen – und alle Welt weiß das!«

 

Das Gespräch verstummte endgültig. Paula ließ sich wieder auf die Couch sinken, aber obwohl sie die Augen schloß, konnte sie nicht schlafen. Sie war auch die erste, die das leise Geräusch eines Schlüssels hörte, der sich in der Haustür drehte.

 

»Das ist Billy«, sagte sie und ging ihm entgegen.

 

Mr. Leicester Crewe sah im Gegensatz zu seiner sonstigen Eleganz sehr merkwürdig aus. Sein Anzug war an verschiedenen Stellen zerrissen, vor allem die Hosen hatten an den Knien große Löcher.

 

»Fragt mich jetzt nichts«, sagte er verstört. »Ich will mich erst umziehen.«

 

Zehn Minuten später kam er wieder, einen Bademantel um die Schultern.

 

»Wie steht es, hast du den Schlüssel?« erkundigte sich Ella sofort.

 

Er sah sie nur mißmutig an. Dann wandte er sich nach einer Pause an Paula.

 

»Ich bin tatsächlich ganz aus der Übung – habe alles versucht, um in die Wohnung reinzukommen. Vor zehn Jahren …«

 

»Warst du in seinem Zimmer?« fragte Paula.

 

»Das habe ich geschafft – und mit viel Glück. An allen Türen der Pension stehen Namensschilder, so daß es nicht weiter schwer war, sein Zimmer rauszufinden. Ich habe die Taschen seines Anzugs durchsucht und war noch nicht ganz fertig, als er aufwachte und das ganze Haus auf die Beine brachte. Ich konnte gerade noch entwischen – zu meinem Glück ließ die Polizei auf sich warten.«

 

»Also nichts – Erfolg gleich Null«, meinte Paula mutlos.

 

Ella erzählte ihm, daß Hugg hier gewesen war, und er hörte mit wachsendem Interesse zu.

 

»Hugg? Was wollte denn der?«

 

Ella berichtete die seltsame Geschichte des Betrunkenen.

 

»Aber das ist doch alles Unsinn!« rief er. »Lane ist tot! Ich habe ja seinen Totenschein.«

 

Trotz dieser Tatsache klangen seine Worte nicht sehr überzeugt.

 

»Ich habe die ganze Zeit über die Sache nachgedacht«, erwiderte Paula nach einiger Zeit. »Erzählte Hugg dir eigentlich, daß Lane ganz plötzlich starb?«

 

»Er sei tot hingefallen«, entgegnete Crewe.

 

»Weißt du auch, daß Hugg selbst später im Krankenhaus lag?«

 

»Nein, er sagte damals nichts dergleichen.«

 

Crewe suchte den Totenschein heraus und las jetzt zum erstenmal aufmerksam die Todesursache.

 

»Schädelbruch infolge eines Unglücksfalles. Warum hat mich der Kerl nur angelogen?« Crewe biß sich auf die Lippen und betrachtete nachdenklich die Spitzen seiner Hausschuhe.

 

»Hat er dir nicht auch gesagt, daß Lane manchmal im Schlaf redete?« fuhr Paula fort.

 

»Weshalb sprecht ihr eigentlich immer über Lane?« fuhr Ella ärgerlich dazwischen. »Wenn er im Schlaf nichts Vernünftigeres gesagt hat als im Wachen, dann hat sein ganzes Gerede nichts zu bedeuten. Was wirst du nun wegen des Schlüssels unternehmen, Billy?«

 

Sein Achselzucken bewies, daß er offenbar noch keinen Plan hatte.

 

»Vielleicht könntest du etwas tun, Ella«, sagte er schließlich nach langem Nachdenken. »Du kennst Dewin doch und bist raffiniert genug, ihn herumzubringen.«

 

»Wenn er nun aber inzwischen den Schlüssel der Polizei übergibt?« fragte Paula.

 

»Das wird er sicher nicht tun«, meinte Ella. »Nach allem, was mir Joe von ihm erzählt hat, ist er ehrgeizig genug, die Sache selbst aufklären zu wollen. Verlaßt euch darauf, der gibt den Schlüssel nicht heraus.«

 

Paula gähnte und reckte sich müde.

 

»Ich gehe jetzt nach Hause«, sagte sie. »Wenn du willst, nehme ich dich mit, Ella, und setze dich bei deiner Wohnung ab. Mein Wagen steht hinten in der Garage.«

 

Ella nickte, und sie gingen zur Haustür. Es war inzwischen taghell geworden, und als Mr. Crewe die Tür öffnete, strich die kalte Morgenluft herein. Sie zitterten vor Kälte.

 

»Am liebsten würde ich …«, begann Crewe und brach plötzlich entsetzt mitten in der Rede ab.

 

Er war vorausgegangen und sah als erster drei Karten, die mit Reißnägeln an der Tür. befestigt waren. Auf jeder war das Bild der gefiederten Schlange, und darunter stand ein Name. Auf der ersten stand »Billy«, auf der zweiten »Ella« und auf der dritten »Paula«. Und die Karte mit dem Namen »Billy« war schwarz eingerahmt.

 

Kapitel 8

 

8

 

Das Dienstmädchen berichtete Peter Dewin, daß unten im Empfangszimmer eine Dame auf ihn warte. Sobald er mit seinem Frühstück fertig war, rannte er die Treppe hinunter. Die Redaktion sandte ihm häufig schon früh am Morgen irgendwelche wichtigen Nachrichten, und die Überbringer waren ab und zu junge Volontärinnen. Die »Dame« war also in Wirklichkeit meistens ein neugieriges Mädchen mit einer Stubsnase.

 

Als. er aber ins Zimmer trat, war er freudig überrascht.

 

»Mein Gott, was tun Sie hier?«

 

»Bereits seit einer Viertelstunde auf Sie warten«, entgegnete Daphne und lächelte ihn vergnügt an. »Sie haben mich ja schon gestern abend warten lassen, ich bin also nicht aus der Übung gekommen. Haben Sie Mr. Crewe gesehen?«

 

Er schüttelte verwundert den Kopf und wunderte sich noch mehr, als sie ihm von Crewes mitternächtlichem Besuch erzählte.

 

»Crewe?« Konnte es möglich sein, daß der Einbrecher … »Haben Sie ihm gesagt, wo ich wohne?«

 

»Das hätte ich ihm vielleicht gesagt, wenn ich es gewußt hätte, aber so konnte ich ihn nur darauf aufmerksam machen, daß Ihr Name im Telefonbuch steht – was er sich ja schließlich auch selbst hätte denken können. Ich nahm an, daß er Sie wegen des Geldbeutels anrufen wollte.«

 

»Ach, Sie glauben, daß er mit mir telefonieren wollte?« entgegnete er nachdenklich. »Nein, das hat er nicht getan – man kann es beim besten Willen nicht so nennen …«

 

»Haben Sie den Geldbeutel der Polizei gegeben?«

 

Peter überlegte schnell.

 

»Ich werde es heute morgen nachholen«, meinte er verlegen. »Tatsächlich hatte ich gestern abend und auch heute nacht so viel zu tun, daß ich nicht mehr wußte, wo mir der Kopf stand. Ich bin deswegen heute morgen auch ein wenig später aufgestanden.«

 

Er schaute auf seine Uhr. Es war neun vorbei, und plötzlich fiel ihm ein, daß er am vorigen Abend noch Mr. Gregory Beale angerufen und ihn um eine Unterredung gebeten hatte. Er war mit dem Privatgelehrten heute zehn Uhr verabredet und sagte dies Daphne.

 

»Dann können wir ja zusammen hingehen – ich habe auch eine Verabredung mit Mr. Beale, wenn man es so nennen will … Ich bin nämlich seine neue Sekretärin. Es ist allerdings möglich, daß er mich heute morgen noch gar nicht brauchen kann.«

 

Er setzte sich auf den nächsten Stuhl und schaute sie groß an.

 

»Wollen Sie damit etwa sagen, daß das die neue Stellung ist, nach der Sie suchten?«

 

Sie nickte.

 

»Nun, dann haben Sie es gut getroffen – einer meiner Bekannten, der einmal vor Jahren für ihn gearbeitet hat, erzählte mir, daß er geradezu fürstliche Gehälter zahlt und ein wirklich liebenswürdiger Mensch ist. Von Crewe sind Sie aber sehr plötzlich weggegangen.«

 

Sie zögerte einen Augenblick.

 

»Ja – ich hatte den Eindruck, daß es besser wäre, wenn ich sofort ginge. Und es ist mir eine große Erleichterung, daß ich nicht mehr dorthin muß. Mr. Beale hatte ich eigentlich mitgeteilt, daß ich erst in einer Woche kommen könne; es ist daher leicht möglich, daß ich jetzt einige Tage frei habe. Können Sie mir sonst noch irgend etwas über meinen neuen Chef erzählen?«

 

»Er ist eine Autorität für gefiederte Schlangen.«

 

Sie sah ihn erstaunt an.

 

»Wenigstens hat das mein Redakteur gesagt – und der weiß natürlich alles.«

 

Der klare, kühle Morgen war eigentlich wie geschaffen dazu, einen Spaziergang durch den Park zu machen. Aber die Zeit war zu knapp, und Dewin bestand darauf, ein Taxi zu nehmen.

 

Unterwegs sagte er ihr ganz offen, daß er nicht die Absicht habe, den Schlüssel herzugeben. Sie schüttelte zwar den Kopf, sah aber ein, daß es wenig Wert hätte, ihn von seinem Entschluß abzubringen. Von dem Pappstück, das an dem Schlüssel hing, erzählte er ihr nichts. Es war nun einmal seine Art, Geheimnisse für sich zu behalten. Punkt zehn standen sie vor Gregory Beales Haustür. Der wie immer ernste und würdige Butler öffnete ihnen und führte sie ins Empfangszimmer. Mr. Beale ließ zuerst seine neue Sekretärin zu sich bitten. Er begrüßte sie sehr liebenswürdig in der Bibliothek, wo er anscheinend gerade zu arbeiten begonnen hatte.

 

»Soll das etwa heißen, daß Sie Ihre Stellung gleich antreten können?«

 

Sie nickte bestätigend; und er lächelte erfreut.

 

»Das paßt ja ausgezeichnet; ich habe mir schon den ganzen Morgen überlegt, was ich mit meinen Sammlungen machen soll, die inzwischen eingetroffen sind – sie müssen nämlich ausgepackt und katalogisiert werden. Ich selbst habe momentan nicht die nötige Ruhe zu so einer Arbeit – vor allem möchte ich nach dem, was ich heute morgen in der Zeitung gelesen habe, recht bald meine gefiederten Schlangen wieder einmal sehen.«

 

»Gefiederte Schlangen?« fragte sie. »Was meinen Sie damit?«

 

Er mußte über ihre Frage und ihr erstauntes, fast erschrockenes Gesicht lachen.

 

»Sie brauchen sich nicht davor zu fürchten – ich bin kein Zoologe. In meinen Sammlungen habe ich nur Geräte oder kleine Bildwerke, die ich in den Ruinenstädten der Maya gefunden habe. Meine gefiederten Schlangen sind kleine Tonfiguren, ein Laie wird kaum eine Ähnlichkeit mit Federn oder mit Schlangen entdecken.«

 

Er schaute zur Tür.

 

»Der junge Mann, der mit Ihnen kam, ist doch Journalist, nicht wahr? Da kann ich ja gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen!«

 

Er läutete dem Butler und gab Anweisung, den Reporter hereinzuführen.

 

Als Peter Dewin die Bibliothek betrat, kramte der Gelehrte in einer Schublade seines Schreibtisches. Endlich hatte er gefunden, was er suchte – ein kleines, anscheinend formloses Ding, das dem Aussehen nach aus gebranntem Ton bestand. Beale begrüßte den Reporter mit einem Kopfnicken.

 

»Sie wollen etwas über gefiederte Schlangen wissen, nicht wahr? Hier können Sie gleich eine sehen!«

 

Dewin nahm den Gegenstand sogleich neugierig in die Hand.

 

»Gehen Sie vorsichtig damit um«, warnte Mr. Beale. »So ein Ding hat immerhin einen Wert zwischen fünfhundert und tausend Pfund. Es ist eine echte Maya-Figur eine gefiederte Schlange. Das einzige Exemplar, das jemals in einer Maya-Stadt gefunden wurde. Aus Mexiko dagegen haben wir zahlreiche derartige Funde; ich habe mehrere von meiner Reise mitgebracht.«

 

Dewin erkannte nun auch bei genauerem Hinsehen, daß der Gegenstand tatsächlich eine zusammengerollte Schlange mit kleinen regelmäßigen Erhebungen auf der Oberfläche darstellte. Wie er annahm, waren diese Erhebungen die mysteriösen Federn.

 

»Was hat es eigentlich mit so einer gefiederten Schlange auf sich, Mr. Beale?«

 

Der Gelehrte lehnte sich in seinem Stuhl zurück, legte die Fingerspitzen gegeneinander und begann zu dozieren:

 

»Die gefiederte Schlange war nach der Meinung der alten Azteken der Schöpfer des Weltalls. Wie ihre Volksmythen berichten, war sie schon vorhanden, ›ehe sich zwei Dinge berührten‹ – mit anderen Worten, noch bevor es organisches oder anorganisches Leben auf der Welt gab. Gleichzeitig war die gefiederte Schlange das Symbol der Herrschaft, auch galt sie als eine Art Rachegöttin. Wie alt sie ist, ersehen Sie am besten daraus, daß schon zur Zeit des Cortez, der die Azteken im 16. Jahrhundert besiegte, die gefiederte Schlange nur noch eine mythische Figur war, die nicht mehr in den Tempeln verehrt wurde. Seltsamerweise hat es aber immer einen kleinen Kreis von Leuten gegeben, der sogar heute noch die gefiederte Schlange als oberste Gottheit verehrt.« Er hob den Finger, um die Bedeutung seiner folgenden Worte zu unterstreichen: »Zu dieser Stunde gibt es in Mexiko, in Spanien, ja selbst in England noch Leute, die der gefiederten Schlange voller Ehrfurcht dienen.«

 

»Meinen Sie das im religiösen Sinn?« fragte Peter Dewin. Er war sehr überrascht, glaubte aber, was der Gelehrte gesagt hatte.

 

»Wahrscheinlich weniger aus religiösen Gründen – ich denke mehr an eine Art Geheimgesellschaft …«, entgegnete Mr. Beale und lächelte undurchsichtig. »Aber darüber weiß ich selbst nichts Näheres; ich erzähle Ihnen hier nur, was mir einmal von anderer Seite berichtet wurde.«

 

Er klingelte wieder dem Butler.

 

»Bitte machen Sie Miss Olroyd mit der Haushälterin bekannt.« Dann wandte er sich an seine neue Sekretärin. »Sie wird Ihnen sagen, wo Ihr Zimmer ist und wie Sie sich am besten einrichten können.«

 

Dewin wartete gespannt, und er sollte mit seiner Vermutung recht haben, daß der Gelehrte die junge Dame nicht zufällig fortgeschickt hatte.

 

»Hat man noch etwas Neues über den Mord – oder über den Mörder – erfahren?« erkundigte sich Mr. Beale interessiert, als Miss Olroyd das Zimmer verlassen hatte.

 

»Nein. Sie haben doch die Morgenzeitung gelesen?«

 

Mr. Beale nickte.

 

»Natürlich beschäftigt mich alles, was mit der gefiederten Schlange zusammenhängt und was ich bei meinen Studien verwerten kann. Auf jeden Fall bin ich überzeugt davon, daß ihre Macht immer noch wirksam ist. Mit Mitgliedern der Geheimgesellschaft, die ich vorhin erwähnte, bin ich leider noch nie zusammengekommen. So viel weiß ich aber, daß zum Beispiel in Mexiko die gefiederte Schlange das Geheimzeichen gewisser Verbindungen von Sträflingen im Gefängnis geworden ist; natürlich wissen diese Leute kaum mehr etwas vom Ursprung dieses Zeichens. Ob es solche Geheimgesellschaften auch in England gibt, weiß ich nicht genau, mit Sicherheit habe ich sie aber in verschiedenen Staaten Südamerikas nachweisen können.«

 

»Geheimgesellschaften in Gefängnissen?« fragte Dewin erstaunt.

 

»Warum nicht?« erwiderte der andere lächelnd. »In gewissem Sinn sind Geheimgesellschaften kindliche Vergnügungen – und Gefangene brauchen weiß Gott irgendeine Aufheiterung! Geheimbünde, die mit Kennworten, Handgriffen, Zeichen und allem andern Zubehör arbeiteten, wurden in einer Reihe amerikanischer Gefängnisse aufgedeckt. Und sie sehen, daß sich auch hier in England etwas Ähnliches anbahnt.«

 

Dewin nahm die kleine Tonfigur wieder in die Hand und betrachtete sie von allen Seiten. Wieviel tausend Jahre mochte sie wohl schon alt sein? Wieviel Generationen bronzefarbener Menschen hatten sich wohl schon anbetend vor ihr verneigt? Visionen von seltsamen, grausigen Kulthandlungen stiegen vor ihm auf – ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, und er legte die kleine Plastik schnell wieder auf den Tisch.

 

»Glaubt man, daß so ein Ding wie dieses hier irgendeinen bösen Einfluß hat?«

 

Gregory Beale lachte.

 

»Warum fragen Sie danach, Mr. Dewin, sind Sie etwa abergläubisch?« meinte er scherzhaft. »Glauben Sie etwa an die bekannten Geschichten von unheilbringenden Statuen, die kein Museumsbeamter berühren darf, ohne zu sterben? Ich kann Ihnen versichern, daß diese kleine Tonfigur hier völlig harmlos ist.«

 

»Aber mindestens fünfhundert Pfund kostet sie doch?« fragte Dewin noch einmal etwas beschämt.

 

Mr. Beale nickte und schien sich darüber zu freuen, daß seine Ausführungen auf den andern einen solchen Eindruck gemacht hatten.

 

»Hoffentlich habe ich jetzt Ihren Wissensdurst gestillt. Was ich Ihnen erzählt habe, hätte Ihnen auch jeder andere Archäologe auseinandersetzen können. Übrigens, wenn Sie meine Mitteilungen in einem Zeitungsbericht verwenden wollen, dann erwähnen Sie bitte meinen Namen nicht. Ich habe eine entschiedene Abneigung gegenüber allem, was mich in zu engen Kontakt mit der Öffentlichkeit bringt.«

 

Peter Dewin tat es sehr leid, daß er den Namen des Gelehrten, der in der wissenschaftlichen Welt einen guten Klang hatte, nicht verwenden konnte; aber was bleibt einem Journalisten anderes übrig, als eine solche Bitte zu erfüllen.

 

»Das tut mir wirklich leid, Mr. Beale – aber wenn Sie wollen, selbstverständlich …«

 

Der Gelehrte lachte.

 

»Würde Ihnen auch nicht viel nützen, wenn Sie meinen Namen erwähnten«, sagte er trocken. »Als Archäologe bin ich nicht so bekannt – als einen etwas exzentrischen Philanthropen kennt man mich besser.«

 

Er zog drei Bände aus dem Bücherregal und legte sie auf den Tisch.

 

Dewin nahm einen nach dem andern in die Hand. »Der Grund der Armut. Eine nationalökonomische Untersuchung«, war der Titel des ersten; der zweite handelte von der Urbarmachung von Sumpfland zu Siedlungszwecken; der dritte erschien ihm am wenigsten interessant, er hieß: »Armut. Eine Studie.«

 

Gregory Beale seufzte traurig.

 

»Die Urwälder Zentralamerikas mit ihren unzugänglichen Dschungeln, die die Reste alter Kulturen bedecken, sind weniger erschütternd als das Großstadtelend Londons …«

 

Peter Dewin war aber nicht zu ihm gekommen, um soziale Fragen zu besprechen, und versuchte jetzt, das Gespräch noch einmal auf die gefiederte Schlange zu bringen.

 

»Glauben Sie im Ernst, daß hinter diesem Mord eine Geheimgesellschaft steckt und daß die Karten, die an verschiedene Personen in London geschickt wurden, irgend etwas Ernsthaftes bedeuten?«

 

Gregory Beale sah ihn nachdenklich an.

 

»Wissen Sie etwas Genaueres über diesen ermordeten Mr. Farmer? Wird er vielleicht in irgendwelchen Gefängnisakten geführt? Das wäre das erste, wonach man suchen müßte … Das gleiche gilt für die andern Leute, die Karten mit dem Bild der gefiederten Schlange erhalten haben. Existieren auch von ihnen Strafakten? Wenn ich Reporter wäre und mich mit dieser Sache zu befassen hätte, würde ich mich zuerst in dieser Richtung informieren.«

 

Dewin betrachtete wieder die kleine Tonfigur.

 

»Haben Sie vielleicht eine Photographie davon?«

 

»Aber natürlich«, lächelte der Gelehrte und ging zu einem Schrank in der Ecke des Raumes. »Ich habe verschiedene Photographien von gefiederten Schlangen und gebe Ihnen gern die Erlaubnis, eine davon zu veröffentlichen – vorausgesetzt, daß mein Name nicht erwähnt wird. Das ist keine Bescheidenheit«, fuhr er nach einer kürzen Pause fort, »aber vor einigen Jahren litt ich unter der Einbildung, daß man annehmen könnte, daß meine wissenschaftliche Tätigkeit von dem Wunsch diktiert wäre, meinen Namen bekanntzumachen!«

 

Er lachte leise vor sich hin, als ob er sich jetzt über diesen Gedanken freue.

 

»Öffentlichkeit ist nicht gerade meine – Spezialität wenn ich so sagen darf.«

 

Kapitel 9

 

9

 

Peter Dewin verließ das Haus, ohne Daphne noch einmal gesehen zu haben. Mit einem Bus fuhr er zur Redaktion. Dort waren inzwischen keine wichtigen Nachrichten über den Mord eingegangen.

 

»Wie gewöhnlich haben wir eine Menge Anrufe von Leuten bekommen, die bedeutsame Entdeckungen gemacht haben wollen«, sagte der Nachrichtenredakteur. »Auch hat sich die unvermeidliche Dame eingefunden, die einen großen, dunklen Mann fünf Minuten nach der Tat über den Grosvenor Square gehen sah. Außerdem erzählte mir der Nachtportier, daß ein Landstreicher heute morgen zwischen sechs und acht dreimal dagewesen sei, um uns einen interessanten Artikel anzubieten. Er hieß Lugg oder Mugg und behauptete, daß der Mord von einem Geist verübt wurde.«

 

»Er war wahrscheinlich betrunken«, antwortete Dewin.

 

»Der Mann erzählte dem Portier auch, daß der Mörder ein Sträfling war …«

 

»Wie?« fragte er plötzlich interessiert. »Ist der Portier noch im Hause?«

 

Der Redakteur sah ihn mißbilligend an.

 

»Sie arbeiten nun schon sechs Jahre bei uns und sind noch immer nicht mit der Hausordnung vertraut! Nein, er ist wie üblich um zehn Uhr gegangen, aber Sie werden einen Bericht über den Vorfall in seinem Notizbuch finden.«

 

Peter Dewin fuhr mit dem Aufzug nach unten und besah sich in der Eingangshalle das Notizbuch des Portiers. Es war im Hause so üblich, daß der Portier aufschrieb, welche Leute während der Abwesenheit des übrigen Büropersonals vorgesprochen hatten. Der Nachtredakteur ging morgens um halb fünf fort, und von da ab war bis zum Beginn des Redaktionsbetriebs niemand da, der mit Besuchern verhandeln konnte.

 

Peter blätterte aufgeregt in dem Notizbuch. In der vergangenen Nacht war nur eine Eintragung gemacht worden.

 

»Sechs Uhr früh. Ein betrunkener Mann namens Lugg will angeblich näheres über den Mord am Grosvenor Square wissen. Behauptet, Mord sei von altem Sträfling verübt worden, der ein Taxi fuhr. Sagte weiter, der Mann sei ein Geist. Adresse des Betrunkenen ist Rowton House, King’s Cross.«

 

Nachdem sich Peter die Anschrift notiert hatte, fuhr er wieder nach oben. Es war nichts Ungewöhnliches, daß sich alle möglichen Leute bei der Redaktion meldeten, wenn ein aufsehenerregender Mord geschehen war. Meistens waren die Mitteilungen völlig unglaubwürdig, und es sprach kaum etwas dagegen, daß dies nicht auch bei Lugg der Fall war.

 

Allerdings gibt es zwei Punkte in der Notiz des Nachtportiers, die Peters Aufmerksamkeit erregten: Erstens sollte der Mörder ein früherer Verbrecher sein – was mit der Theorie Gregory Beales übereinstimmte, zweitens wurde als Täter der Chauffeur eines Taxis bezeichnet.

 

Nach Ansicht der Polizei war der Schuß von einem Wagen aus abgegeben worden, und auch Peter hatte es in seinem Artikel so beschrieben. Der Landstreicher war aber so früh auf der Redaktion erschienen, daß er die Geschichte unmöglich der Zeitung entnommen haben konnte.

 

Mr. Lugg von Rowton House war deshalb eine Persönlichkeit, die man so schnell wie möglich interviewen mußte, und schon eine halbe Stunde später wartete Peter in dem geräumigen Aufenthaltsraum von Rowton House vor einem riesigen Kamin, um den sich eine Menge halbverhungerter Existenzen lagerten, die sich für gewöhnlich in solchen Übernachtungsheimen herumtreiben.

 

Wie ihm ein Angestellter mitteilte, gab es hier nur einen Mann namens Hugg. Er war spät am Morgen zurückgekommen und schlief jetzt. Erst nach längerer Zeit erschien der Gesuchte. Er hatte rote, entzündete Augen, und sein Gesicht zeigte unverkennbare Spuren von übermäßigem Alkoholgenuß. Als er in die Halle trat, betrachtete er Dewin mißtrauisch.

 

»Ach, ein Reporter?« sagte er sichtlich erleichtert, als sich Peter Dewin vorstellte.

 

»Sie dachten wohl, ich sei von der Polizei?«

 

Der kleine Mann lachte verlegen und fuhr sich mit der Hand über den kahlen Schädel.

 

»Aber nein, warum sollte auch die Polizei etwas von mir wollen. Und was wünschen Sie?«

 

Anscheinend erinnerte er sich nicht mehr an seinen nächtlichen Besuch beim »Postkurier«.

 

»Sie saßen doch früher mal im Gefängnis?« ging Dewin geradewegs auf sein Ziel los. Hugg sah ihn wieder argwöhnisch von der Seite an.

 

»Ja«, entgegnete er dann kurz. »Geht das Sie etwas an? Was wollen Sie denn von mir?«

 

»Angeblich haben Sie gestern abend einen Mann gesehen, der Ihrer Meinung nach Mr. Farmer getötet hat. Und Sie behaupten, der Mörder wäre Taxichauffeur.«

 

Hugg machte ein sehr dummes Gesicht.

 

»Woher wollen Sie das wissen?« fragte er schnell.

 

»Von Ihnen selbst«, entgegnete Dewin lächelnd. »Wenigstens haben Sie beim ›Postkurier‹ so etwas erzählt.«

 

Hugg strich sich verwirrt über die Stirn.

 

»Habe ich das wirklich getan?« fragte er bestürzt. »Es ist immer das gleiche – wenn ich einen über den Durst getrunken habe, kann ich den Mund nicht mehr halten … Er kann es ja gar nicht gewesen sein – er ist gestorben ich habe doch erst gestern seinen Totenschein ’nem Herrn gegeben. Aber er sah genauso aus – mit dem kleinen grauen Schnurrbart, den er immer hatte … Trotzdem, er ist doch tot! Vor meinen eigenen Augen ist er in Thatcham tot umgefallen, als ich und er …« Plötzlich brach er ab.

 

»Wen meinen Sie denn?«

 

Mr. Hugg schüttelte heftig den Kopf.

 

»Ich gebe Ihnen keine Auskunft mehr – wenn ich nichts dafür bekomme«, erklärte er energisch.

 

»Aber Sie haben mir ja schon allerhand gesagt«, bemerkte Peter belustigt. »Sie erzählten doch eben, daß in Ihrem Beisein ein Mann in Thatcham tot umgefallen sei. Thatcham ist ein kleines Dorf in der Nähe von Newbury, nicht wahr? Ich glaube nicht, daß dort im Lauf der letzten zehn Jahre allzu viele Leute auf der Straße tot umgefallen sind.«

 

Mr. Hugg rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her und vermied es, Dewin in die Augen zu schauen.

 

»Alles, was ich Ihnen sagen kann, ist – daß er tot umfiel. Und der Kerl, der daran schuld ist, hätte zehn Jahre kriegen müssen.«

 

Mr. Hugg war zwar ein wenig verwirrt, aber die Widersprüche in seiner Erzählung schienen ihm gar nicht ganz bewußt zu sein. Peter hatte schon allerhand Erfahrung mit solchen kleinen Gaunern, die stets eine Neigung haben, ihre Verschlagenheit durch unzählige nutzlose Lügen unter Beweis zu stellen. Soviel war ihm auf jeden Fall bereits klar: Dieser Unbekannte in Thatcham war keines natürlichen Todes gestorben. Möglich, daß die näheren Umstände recht belastend für Mr. Hugg waren … Höchstwahrscheinlich war der Unbekannte aber nicht ermordet worden, sondern durch einen Unfall ums Leben gekommen; das wurde ihm während einer kurzen Gesprächspause klar.

 

»Was hatten Sie denn ausgerechnet in Thatcham zu tun?« fragte er dann.

 

»Hören Sie mal, ich habe Ihnen doch bereits gesagt …«, begann Hugg. Aber Dewin, der seinen Mann kannte, unterbrach ihn und fuhr ihn in scharfem Ton an.

 

»Es ist nur zu Ihrem eigenen Vorteil, wenn Sie etwas offenherziger werden … Ich kann natürlich auch zur Polizei gehen, damit Licht in diese reichlich dunkle Angelegenheit kommt. Am besten Sie rücken sofort mit der Sprache heraus – oder ich telefoniere mit Oberinspektor Clarke.«

 

Der kleine Mann wurde plötzlich außerordentlich lebendig.

 

»Clarke?« gestikulierte er entrüstet. »Dieser Schuft müßte doch schon längst an all den Lügen erstickt sein, die er über mich verbreitet hat! Der hat mich ins Zuchthaus gebracht!«

 

Ein abgerissen aussehender Kerl, anscheinend ein Freund Huggs, brachte eine dampfende Tasse, die Hugg geräuschvoll ausschlürfte. Der Kaffee – und die Erwähnung des Oberinspektors – schienen sein Gedächtnis zu beleben.

 

»Schön, ich werde Ihnen alles erzählen – und wenn dabei etwas für mich rausspringen würde, wäre es mir sehr recht. Der Mann, den ich gestern nacht zu sehen glaubte, heißt Lane. Er saß in dem gleichen Gefängnis in Dartmoor wie ich, und dort haben wir uns auch kennengelernt. Nach der Entlassung nahm ich ihn mit nach Reading zu meinen Verwandten, aber die waren nicht mehr da …« Er machte eine Pause. »Nun ja, sie waren eigentlich nicht fortgezogen, aber sie hatten keine Lust, sich mit uns drei – ich meine natürlich zwei – abzugeben.«

 

»Ihr wart also drei?« hakte Peter ein. »Machen Sie doch keinen Unsinn, erzählen Sie die Geschichte, wie sie wirklich war!«

 

Mr. Hugg schwieg einige Zeit.

 

»Ja, wir waren drei«, gab er dann zu. »Aber ich weiß wirklich nicht, was aus dem andern geworden ist – nach dem …«

 

»Nach dem Unfall«, ergänzte Peter, als Hugg wieder eine Pause machte. Der Mann kaute verlegen an seinen schmutzigen Fingernägeln.

 

»Nun ja«, meinte er schließlich zögernd.

 

»Also, wie war das nun mit dem Unfall? Sie tippelten zusammen mit zwei andern früheren Sträflingen durch die Gegend. Wohin wolltet ihr denn?«

 

»Nach Newbury.« Hugg wurde immer aufgeregter. »Sagen Sie mal, Sie sind doch wirklich nicht von der Polizei?«

 

Dewin holte eine Visitenkarte hervor, die sich Hugg nahe vor die Augen hielt. Er schien kurzsichtig zu sein.

 

»Gut, das wäre in Ordnung. Und da ich schon mal dabei bin, erzähle ich Ihnen auch die ganze Sache – wenn Sie mich aber anzeigen, soll Sie der Teufel holen. – Kurz vor Thatcham liegt ein kleines Haus; ich und Harry, der dritte im Bunde, überlegten uns, daß wir da einbrechen und ein paar warme Kleider für uns rausholen könnten. Es war nämlich eine elend kalte Nacht, und das Haus schien leer zu sein. William – der Mann, der nachher getötet wurde – wollte nichts damit zu tun haben, und wir ließen ihn auf der Straße, damit er Schmiere stehen solle. Ich und Harry drückten dann ein Fenster ein und kletterten hinein. Wir hatten uns aber kaum ein wenig umgesehen, als wir hörten, wie jemand aus dem oberen Stock die Treppe runterpolterte. Da zogen wir schnell Leine, sprangen in den Garten und liefen weg. William stand nicht mehr auf seinem Posten, er war weitergewandert, und wir holten ihn erst nach zehn Minuten wieder ein. Es war eine enge Landstraße mit scharfen Windungen, und wir standen in der Mitte und machten ihm Vorwürfe, was er für ein Feigling war – als plötzlich ein Wagen mit rasender Geschwindigkeit um die Ecke sauste. Er fuhr mit ausgeschalteten Scheinwerfern … Ich kann mich dann nur noch darauf besinnen, daß ich mit dem Gesicht auf die Straße flog – im Krankenhaus wachte ich wieder auf. William wurde tödlich verletzt; Harry kam auch mit dem Leben davon. Wie ich dann später hörte, war der Kerl im Auto der Eigentümer des Hauses, in das wir eingebrochen waren. Er wollte nach Thatcham, um die Polizei zu benachrichtigen.« Hugg schwieg. Nach einer Pause fügte er noch hinzu: »Vermutlich hat Mr. Crewe Sie auf meine Spur gebracht.«

 

Peter hielt es für klüger, nichts zu sagen.

 

»Ich mußte ihn nämlich anlügen«, fuhr Hugg fort. »Ich konnte ihm doch nicht sagen, daß William getötet wurde, weil wir einen Einbrach verübt hatten!«

 

»Wie kamen Sie denn auf Mr. Crewe?« fragte Dewin vorsichtig.

 

»William hat immer im Schlaf gesprochen und dabei den Namen von Leicester Crewe erwähnt. Er muß ihn geradezu gehaßt haben. Ich erfand dann die Geschichte, daß Lane ihm durch mich eine Warnung vor der gefiederten Schlange zukommen ließe – William hat im Schlaf nämlich sehr oft von gefiederten Schlangen geredet.«

 

»Gefiederte Schlangen?« fragte Dewin schnell. »Was hat er darüber gesagt?«

 

»Nichts Genaueres, er hat sie nur erwähnt. Und außerdem nannte er noch einen Namen, der sehr merkwürdig war – ich kann mich aber nicht darauf besinnen –, dann sprach er öfter von ’nem Schlüssel.«

 

Er machte eine Pause und dachte nach.

 

»Hat er sonst noch etwas gesagt?« fragte Dewin gespannt.

 

Hugg nickte langsam.

 

»Ja, von ’nem großen Haus hat er auch gesprochen. Ich glaube, er nannte es das Haus der gefiederten Schlange.«

 

Peter Dewin machte sich in Gedanken Notizen über das Gehörte. Dann fragte er weiter:

 

»Wissen Sie etwas über William – ich meine über seine Vergangenheit?«

 

»Er war Falschmünzer«, war die Antwort. »Druckte eine Menge falsche Banknoten.«

 

»Wie war denn sein Familienname?«

 

»Lane – William Lane.«

 

William Lane …! Der Name kam ihm bekannt vor, und plötzlich erinnerte er sich an die Aufzeichnungen in Joe Farmers Schreibtisch.

 

Allmählich sah Peter klarer. William Lane war verurteilt worden, weil er falsche Banknoten hergestellt hatte. Die Aussage Farmers hatte ihn ins Gefängnis gebracht.

 

»Haben Sie das alles auch Crewe erzählt?«

 

Hugg nickte.

 

»Ich habe aber nichts von Harry gesagt«, setzte er ein wenig verlegen hinzu. »Ich wollte nämlich nicht, daß dieser Crewe denken sollte, es könnte noch ein anderer kommen, um ihn anzuzapfen. Harry wußte natürlich ebensoviel über Lane wie ich. Genaugenommen wußte er sogar noch mehr. Wir wurden alle drei am selben lag entlassen, und Harry sagte mir, daß wir uns an Lane halten sollten, denn durch ihn sei eine Menge Geld zu machen. Erst als ich nach dem Unfall aus dem Krankenhaus in Newbury entlassen wurde, erfuhr ich, daß Lane tot war.«

 

»Was für ein Mensch war er denn – ich meine charakterlich?« fragte Dewin.

 

»Er war ein wenig sonderbar; so ganz schlau bin ich nie aus ihm geworden. Als er nach Dartmoor kam, soll er ein ruhiger, netter Kerl gewesen sein. Er sprach kaum mit jemand und las viel – meistens Kriminalromane. Mit der Zeit aber änderte er sich. Er wurde gereizt und jähzornig. Einmal hätte er während eines Streits beinahe ’nem andern Sträfling mit ’nem Stein den Schädel eingeschlagen. Wir konnten ihn gerade noch zurückhalten. Ein Glück, daß die Aufseher nichts gemerkt hatten. Er war ungefähr in meinem Alter, vielleicht auch etwas älter. Ein verrückter Gedanke, daß ich ihn in ’nem Auto gesehen haben soll – ich muß ziemlich betrunken gewesen sein«, gestand er. »Er ist bestimmt tot. Die Polizei in Newbury hat alle seine Papiere und einen genauen Bericht über den Unfall.«

 

Peter versuchte ihn weiter auszuholen, aber er erfuhr nichts Wissenswertes mehr. Bevor er Rowton House verließ, sagte er dem Mann, daß er ihn abends in seiner Wohnung erwarte.

 

Er hielt jetzt einige Fäden in der Hand, die ihn ohne Zweifel der Lösung des Rätsels näherbrachten. Das Haus der gefiederten Schlange! Konnte es jene Strafkolonie in dem trostlosen Dartmoor sein, oder war das alles eine überspannte Vorstellung?

 

Je mehr er über die gefiederte Schlange und über die geheimnisvollen Karten nachdachte, desto mehr lehnte sich seine Vernunft gegen romantische Verschwörungen auf, wie sie von Sensationsschriftstellern erfunden werden. Auf alle Fälle schien William Lane aber kein gewöhnlicher Verbrecher zu sein.

 

Kapitel 23

 

23

 

Die Geschichte der gefiederten Schlange
Von Peter Dewin

 

Die früher hier geschilderten seltsamen Vorkommnisse, die einzelnen Begleitumstände eines eigenartigen Dramas, das ganz England in den letzten Tagen in atemloser Spannung hielt, konnten nun aufgeklärt werden. Meine Aufgabe ist es, der Reihe nach zu berichten, wie es dazu kam, daß zwei scheinbar ehrenhafte Leute ermordet wurden, daß eine bekannte Schauspielerin entführt wurde und daß Mr. Gregory Beale – ein Philanthrop und Forscher – jetzt ein flüchtender Verbrecher ist, nach dem die Polizei der ganzen Welt fahndet.

 

Noch vor zwölf Jahren war Mr. Beale in London als Mann bekannt, der sich leidenschaftlich für das Los der sozial Schlechtgestellten interessierte und der den ungeheuren Reichtum, den er von seinem Vater geerbt hatte, nur dazu verwandte, die Not armer Leute zu lindern. Über soziale Probleme verfaßte er mehrere ausgezeichnete Bücher. In Verbindung mit Mr. Walber, einem bekannten Architekten, ließ er Heime für Knaben und Mädchen, Sanatorien und versuchsweise einen kleinen Block von Arbeiterwohnungen bauen. Er hatte gerade die Absicht, weitere Baupläne auf einem großen Grundstück zu verwirklichen, als ein schreckliches Unglück über ihn hereinbrach.

 

Selbstverständlich war das Tun und Treiben des Millionärs der Aufmerksamkeit der Presse und der Allgemeinheit nicht entgangen. Allerdings kannte ihn kaum jemand persönlich, denn er achtete streng darauf, daß sein Name nirgends genannt wurde und daß er selbst stets völlig im Hintergrund blieb. Die Zeitungen machten natürlich alle möglichen Anstrengungen, den Philanthropen zu interviewen, hatten damit aber selten Erfolg.

 

Mr. Beale gab seine Stiftungen stets in barem Geld, das er durch Vertrauensmänner aushändigen ließ. Es war seine Angewohnheit, große Summen von der Bank abzuheben und das Geld in einem Safe zu deponieren.

 

Bekanntlich muß jeder Inhaber eines Safes seinen Schlüssel vorzeigen und ein Erkennungswort angeben, bevor er das Stahlfach selbst öffnen darf. Mr. Beale wählte das Wort Gucumatz, das heißt »gefiederte Schlange«. Er hatte sich sehr mit früher aztekischer Kultur beschäftigt, und die gefiederte Schlange war für ihn ein Symbol friedlichen, harmonischen Daseins. Den Safe, in dem er sein Geld aufhob, hatte er bei der Fetterlane Safe Deposit unter dem Namen William Lane gemietet. Er hatte dort amerikanische Banknoten in Höhe von 700 000 Dollar deponiert. Damit beabsichtigte er, einen neuen riesigen Block mit Arbeiterwohnungen zu bauen. Um nicht selbst in Erscheinung treten zu müssen, ließ er durch seine Mittelsmänner Gerüchte über einen amerikanischen Millionär ausstreuen.

 

Die Baupläne waren bereits fertiggestellt, als sich jene entsetzliche Tragödie ereignete, die zu William Lanes Verhaftung führte – doch es war in Wirklichkeit Gregory Beale, der ins Zuchthaus kam.

 

Auf seinen Streifzügen durch die dunkelsten Gegenden Londons hatte Beale einen gewissen Lewston kennengelernt, der sich später Leicester Crewe nannte. Er machte auch die Bekanntschaft von dessen verheirateter Schwester Ella Lewston oder Farmster. Sie war die Frau eines Mannes, der unter dem Namen Farmster bereits einige Male vorbestraft war und zu jener Zeit eine Gastwirtschaft in Tidal Basin unter dem Namen Farmer betrieb. Er lebte nicht mit seiner Frau zusammen, weil sie sich nicht besonders gut vertrugen und weil Lewston, den ich Crewe nennen will, es für besser hielt, daß sie sich offiziell nicht kannten. Denn Joe Farmer hatte zu jener Zeit den ehrgeizigen Plan, französische Tausendfrancnoten zu fälschen.

 

Er legte sein ganzes Geld in Maschinen und Betriebsmaterialien an, die heimlich in sein Haus gebracht wurden, das in der gleichen Straße wie Joe Farmers Kneipe lag. Nach Überwindung einiger Schwierigkeiten hatte Crewe mit Paula Ricks, der Tochter des bekannten Geldfälschers, Verbindung aufgenommen, die eine ziemlich schwere Zeit in einer kleinen französischen Provinzstadt hinter sich hatte. Er brachte sie nach England, damit sie die Druckplatten gravieren konnte, und das Geschäft hatte bereits in kleinem Maßstab begonnen, als Gregory Beale mit Crewe und dessen Schwester bekannt wurde.

 

Crewe erzählte ihm, daß er ein kleiner Vertreter wäre. Er lebte offensichtlich in behaglichen und anständigen Verhältnissen, und Beale hatte wohl einen ganz günstigen Eindruck von ihm. Crewe hatte bald herausgefunden, wofür sich sein neuer Bekannter besonders interessierte, und erzählte ihm die schönsten Märchen von seiner schweren Jugend, den kleinen Verbrechen, die er aus Not begangen, und seiner sonstigen sozialen Misere. Aus Beales Interesse wurde allmählich Freundschaft. Er nahm die Gewohnheit an, Crewe abends zu besuchen, und er fühlte sich besonders in Gesellschaft von dessen Schwester wohl. Kurz gesagt, er verliebte sich in sie – und sie, eine vollendete Schauspielerin, brachte ihm und seinen seltsamen Ideen scheinbar größtes Interesse entgegen.

 

Warum sich Beale eigentlich im Osten Londons aufhielt, konnten sie nicht herausbekommen, und er sagte ihnen auch nicht, wer er in Wirklichkeit war. Sie vermuteten, daß er ein kleines Vermögen besäße, und Ella Creed erzählte mir in der vergangenen Nacht, daß sie entschlossen waren, ihn gehörig auszuquetschen. Außerdem hatten sie die Idee, ihn vorzuschieben, wenn eine Entdeckung ihrer Vergehen drohte.

 

Beide waren schon tief in Joe Farmers schmutzige Geschäfte verwickelt. Sein Lokal diente ihm nur als Vorwand, in Wirklichkeit war es Umschlagplatz für Diebesgut aller Art. Als Gehilfen hatte Joe Farmer einen gewissen Harry Merstham, den man unter dem Namen »Harry, der Barmann« kannte.

 

Harry hatte Mr. Beale – natürlich auch nicht unter dessen richtigem Namen – kennengelernt, und erhielt von ihm ab und zu eine kleine Unterstützung. Wahrscheinlich blieb ihre Bekanntschaft aber nur sehr flüchtig.

 

Der Plan, französische Banknoten zu drucken, wurde nun in die Tat umgesetzt. Paula Ricks hatte einige Platten meisterhaft fertiggestellt, die Druckpresse lief auf vollen Touren, und eine ganze Reihe Banknoten lagen bereit, um in Umlauf gesetzt zu werden.

 

Beales Besuche bei Crewe und seiner Schwester wurden häufiger, und eines Tages fragte er Ella, ob sie ihn heiraten wolle. Sie schien sich über seinen Antrag zu freuen, bat ihn aber um vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, da sie erst ihren Bruder fragen müsse. Natürlich war eine Heirat von vornherein ausgeschlossen, da sie ja schon mit Farmer verheiratet war; Crewe hielt es aber für gut, daß sie ihren Liebhaber möglichst fest in der Hand behielt. Ella Creed erzählte mir die Geschichte folgendermaßen: »Billy sagte, daß es jetzt nicht der geeignete Zeitpunkt sei, ihn laufenzulassen, und so stimmte ich denn zu. Lane hatte mir dauernd davon geschwärmt, daß wir unser Leben den Armen widmen sollten, und ich pflichtete ihm natürlich in allem bei, ohne irgend etwas hinter seinen hochfliegenden Plänen zu vermuten.«

 

Das sonderbarste war, daß Gregory Beale niemals seinen richtigen Namen nannte, sondern stets sein Pseudonym William Lane aufrechterhielt. Eines Abends erzählte er Ella, daß er einen riesigen Block mit Arbeiterwohnungen errichten wolle; doch selbst als er ihr sagte, daß er das Geld dazu schon bereitgestellt habe, glaubte sie nur, es sei Prahlerei. In diesem Augenblick kam Crewe ins Zimmer und wurde ebenfalls informiert. Zu Ellas Erstaunen schien die Sache großen Eindruck auf ihn zu machen. Nachdem Lane gegangen war, sagte er ihr, daß dieser Mann vielleicht jener mysteriöse amerikanische Millionär sein könnte, über den damals ganz London sprach. Anscheinend hatte er auch noch von anderer Seite Informationen erhalten, die darauf hindeuteten. Er beauftragte Ella, noch weitere Einzelheiten aus Lane herauszuholen.

 

Als Lane am nächsten Abend wiederkam, erklärte sie ihm, daß sie bereit sei, ihn zu heiraten. Er war überglücklich und entwarf Pläne für eine wundervolle Hochzeitsreise. Dann redete er wieder über seine Bauabsichten und sagte, daß er 700 000 Dollar bei der Fetterlane Safe Deposit liegen hätte. Er zeigte ihr den Schlüssel und sagte ihr auch das Erkennungswort.

 

Ella machte sich darüber lustig und äußerte zum Schein sogar einige Zweifel. Und da tat Beale in einer verliebten Laune etwas Dummes; er schrieb auf ein Stück Papier: »Die Überbringerin, Miss Ella Lewston, ist berechtigt, jederzeit meinen Safe Nr. 741 zu öffnen.« Ella hatte nichts Eiligeres zu tun, als am nächsten Tag hinzugehen. Sie sah das Geld und berichtete alles ihrem Bruder. Joe Farmer wurde zu Rate gezogen, und die drei heckten nun einen wahrhaft teuflischen Plan aus.

 

Paula Ricks, die man ebenfalls ins Vertrauen zog, hatte schwere Bedenken und wollte nicht mitmachen. Vor allem fürchtete sie, daß ihre Anwesenheit in London der Polizei bekannt würde.

 

Der Plan der drei bestand darin, Lane in die Banknotenfälschung zu verwickeln, sein Geld abzuheben und zu fliehen – Lane sollte dann sehen, wie er vor Gericht mit der Anklage fertig wurde. Um sicher zu gehen, daß er gefaßt wurde, veranlaßte ihn Crewe, in Farmers Lokal eine Fünfpfundnote zu wechseln. Beale dachte sich nichts weiter dabei und ließ sich das Wechselgeld von Harry, dem Barmann, geben. Dabei stellte sich heraus, daß Lane mit Harry bekannt war. Eine unangenehme Sache für die drei, denn der Barmann hätte ja bezeugen können, daß die zum Wechseln gegebene Fünfpfundnote echt war. Farmer schob dann eine gefälschte Banknote unter und zeigte die Sache der Polizei an. Da Harry schon einmal versucht hatte, von Farmer ein Darlehen zu erhalten, bot sich leicht eine Gelegenheit, ihn loszuwerden. Farmer gab ihm Geld, und Harry wanderte nach Südamerika aus. Er verließ England an dem Tag, an dem sich Lane mit Ella verheiratete. Die Trauung wurde in einem Standesamt in Eastham vollzogen. Seltsamerweise gab Beale, der in dieser Beziehung immer sehr eigen gewesen war, auch damals seiner Frau gegenüber sein Pseudonym noch nicht auf. Für die Heiratsurkunde gab er zwar seinen richtigen Namen an, wußte aber zu verhindern, daß sie in die Hände seiner Frau gelangte. Er tat dies wohl weniger aus Mißtrauen, sondern einfach aus einer Laune heraus; vielleicht hatte er die Absicht, seine Frau später zu überraschen.

 

Nach der Trauung fuhren die beiden zu dem kleinen Haus, in dem im Kohlenkeller die Druckpresse aufgestellt war. Ellas Aufgabe war nun sehr schwierig, aber als geschickte Schauspielerin wurde sie glänzend damit fertig.

 

Als sich der Zeitpunkt näherte, an dem die Razzia erwartet wurde, die die Polizei auf Informationen von Joe Farmer hin unternehmen wollte, erzählte Ella ihrem Mann eine erstaunliche Geschichte, Sie wußte so geschickt sein Mitleid zu erregen, daß er tatsächlich glaubte, sie sei das hilflose Opfer ihres Bruders, der sie durch Drohungen veranlaßt hätte, bei der Herstellung von Falschgeld mitzuhelfen. »Als ich ihm das erzählte«, sagte Ella, »war er wie betäubt. Ich mußte ihm alles noch einmal wiederholen, und als ich ihm auseinandergesetzt hatte, daß mein Bruder und ich schon seit Jahren Falschgeld herstellten, war er völlig gebrochen. Als ich unter einem Vorwand das Zimmer verließ, saß er, ohne sich zu rühren, völlig benommen am Tisch.«

 

Kurz darauf erschien die Polizei; sie traf ihn im Keller vor der Druckpresse. William Lane war anständig genug, alle Schuld auf sich zu nehmen, um seine Frau zu decken. Man verurteilte ihn zu einer Zuchthausstrafe von sieben Jahren, ohne daß es auch der Polizei gelungen war, seinen richtigen Namen zu erfahren.

 

An dem Tag, an dem Lane seine Strafe antrat, ging Ella Creed mit der Vollmacht zur Bank und entnahm dem Safe die 700 000 Dollar; Brief und Safeschlüssel nahm dann Joe Farmer an sich, vernichtete sie aber nicht, sondern feilte nur die Nummer auf dem Schlüssel aus. Als die drei eben ihre Beute teilen wollten, erschien unerwartet Paula Ricks auf der Bildfläche, vor der sie ihren Plan nicht geheimgehalten hatten. Sie beanspruchte und erhielt auch ein Viertel der Summe.

 

Das Leben William Lanes im Gefängnis war ein einziges Martyrium für diesen an Ungebundenheit und Freiheit gewöhnten Menschen. Es ist mehr als verständlich, daß in den Tagen, Monaten und Jahren seiner Gefangenschaft ein immer brennenderer Wunsch nach Rache in ihm wuchs denn er hatte bald erfahren, wie sehr er betrogen worden war. Gefangene, mit denen er sprach und die über Joe Farmer genau Bescheid wußten, hatten ihm schon nach sechs Monaten beigebracht, daß Ella Creed die Frau Farmers war. Das übrige konnte er sich dann selbst zusammenreimen.

 

In den langen Nächten, in denen er schlaflos in seiner Zelle lag, schmiedete er wohl seine Rachepläne. Er grübelte und grübelte … Sicher ist, daß der William Lane, der aus dem Gefängnis kam, ein ganz anderer Mensch war als der, der hineinging. Im übrigen lief während seiner Abwesenheit sein Haushalt wie gewöhnlich weiter, und sein Rechtsanwalt erhielt ständig Instruktionen von ihm. Ich bin überzeugt, daß nur ein einziger Lanes Vertrauen besaß – das war sein Butler, der ihn von Kind auf kannte. Ich halte es für möglich, daß er der Mann war, der später eine junge Dame, die er mit Ella Creed verwechselt hatte, entführte und in das »Gefängnis« nach Epping brachte. Wie Beale während seiner Strafzeit die Verbindung mit ihm aufrechterhielt, ist mir nicht klar – aber es gibt ja auch im modernsten Gefängnis für einen Sträfling genug Wege, um mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen.

 

Beale plante, nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis nach Amerika zu gehen und dann unter seinem eigenen Namen nach England zurückzukehren. Die meisten Leute glaubten, daß er sich in Südamerika aufhielte; sein Butler hatte sehr geschickt dieses Gerücht verbreitet.

 

Beale konnte seine Absicht nicht ausführen. Hugg, ein ganz gewöhnlicher kleiner Gauner, und Harry, ein Raufbold, der wegen schwerer Körperverletzung und Raub lange in Haft gewesen war, wurden am selben Tag wie Lane aus Dartmoor entlassen. Harry, der einen guten Riecher für dergleichen hatte, ahnte, daß Lane ein vermögender Mann war, und ließ ihn nicht aus den Augen, bis er durch einen Unglücksfall in der Nähe von Thatcham ums Leben kam. Hugg wurde schwer verletzt, und so hatte Beale die Möglichkeit, seine Papiere mit denen Harrys zu tauschen und spurlos zu verschwinden.

 

Er tauchte eine Woche lang irgendwo unter und kehrte dann ganz offiziell nach London zurück. Im Gepäck hatte er Funde, die er nach seinen Angaben in aztekischen Ruinenstädten ausgegraben hatte. Ich konnte sehr bald feststellen, daß er diese Raritäten aus; dem Nachlaß eines kürzlich verstorbenen bekannten Sammlers namens Zimmermann erworben hatte. Unglücklicherweise hatte er teilweise vergessen, die auf einzelne Gegenstände geklebten Verkaufsetiketten zu entfernen; eine davon kam in meinen Besitz.

 

Vor seiner Rückkehr – natürlich mußte er sich sofort mit seinem Butler in Verbindung gesetzt haben – hatte er sich ein Auto gekauft. Es steht fest, daß Beale in diesem Wagen als Chauffeur verkleidet umherfuhr und die Wohnungen und Gewohnheiten seiner Feinde auskundschaftete. Sein erstes Opfer war Joe Farmer, der Mann, der ihn durch seine falsche Aussage ins Gefängnis gebracht hatte.

 

Am raffiniertesten führte er aber den Mord an Leicester Crewe aus. Ich halte es für sicher, daß Beale unter irgendeinem Vorwand Crewe in sein Haus locken wollte; bestimmt hatte er sich alles sorgfältig überlegt. Crewe ersparte ihm jedoch die Mühe – er kam freiwillig zu ihm, um ihm Aktien zu verkaufen, da er für seine Flucht dringend Bargeld brauchte. Es ist geradezu ein Witz, daß er sich als Käufer ausgerechnet den Mann aussuchte, vor dem er flüchten wollte. Gregory Beale war auf den Besuch bestens vorbereitet; er hatte splittersicheres Glas in seine Fenster setzen lassen, er trug eine auf der Rückseite stahlverkleidete Tür in sein Studierzimmer, die als Kugelfang diente, als er einen Tag vorher von außen durch das Fenster schoß. Wie zufällig ließ er eine Patronenhülse im Garten liegen, um der ganzen Sache den Anstrich der Echtheit zu geben.

 

Schlauerweise richtete er es dann so ein, daß sein Rechtsanwalt, Oberinspektor Clarke von Scotland Yard und ich selbst. zum Zeitpunkt des Mordes im Haus waren. Der Mord ist. sehr leicht zu rekonstruieren. Er begrüßte Crewe in dem dunklen Gang, so daß er nicht gleich von ihm erkannt wurde, und als Crewe dann in das Arbeitszimmer trat, drehte sich Beale, der in den Raum vorausgegangen war, schnell um und erschoß ihn aus kürzester Entfernung mit einer Deloraine-Luftpistole. Die Kugel hatte er selbst aus einem goldenen Siegelring gegossen. Ella Creed erzählte mir, daß er ihr einen solchen Siegelring bei der Trauung angesteckt hatte.

 

Daß Beale alles nur mögliche tat, um die Polizei irrezuführen, beweisen übrigens auch die Säcke, die er über die Mauer geworfen hatte, und die Fußspuren im Garten, die natürlich von ihm selbst stammten.

 

Für Ella hatte sich Beale etwas Besonderes ausgedacht. Sie sollte genau das gleiche Schicksal erleiden, das ihn getroffen hatte. Zu diesem Zweck kaufte er ein halbfertiges Haus; einen der Räume richtete er wie eine Gefängniszelle ein. So unglaublich es klingt, aber er hatte tatsächlich mit Hilfe einiger Vertrauensleute alle Vorbereitungen getroffen, sie dort lebenslänglich gefangenzuhalten.

 

An dem Tag, an dem Crewe ermordet wurde, machte Ella Creed einen Besuch in Beales Haus; während sie eine kleine Tonschlange – einen aztekischen Kultgegenstand betrachtete, hörte sie Beales Stimme, die Stimme eines Mannes, den sie tot glaubte, und wurde ohnmächtig. Was nachher geschah, als er mit ihr allein war, hat sie mir so berichtet: »Ich sagte ihm, daß ich ihn erkannt hätte, und er erwiderte, daß er mir eine größere Summe geben wolle, wenn ich schweigen würde. Ich fragte ihn, ob er Farmer getötet hätte, und er gab es zu – daraufhin drohte ich ihm, die Polizei zu benachrichtigen, aber er entgegnete, daß er Scotland Yard dann einige interessante Hinweise geben würde, wie ich zu meinem Vermögen gekommen sei.«

 

Gregory Beale und sein Butler sind geflohen und werden überall gesucht. Wenn ich ehrlich sein soll – ich zweifle daran, daß man sie finden wird. Beale ist ja kein gewöhnlicher Verbrecher, er ist ein Mann, der sich im Recht glaubt, der sich selbst das Recht nahm, Vergeltung an einigen wirklichen Verbrechern zu üben. Sein scharfer Geist und die ganze Umsicht, die er bei der Ausführung seiner Pläne bewies, werden ihm bestimmt auch bei seiner Flucht behilflich sein.

 

*

 

»Was ich gern noch wissen möchte«, sagte Clarke einige Tage später zu Peter Dewin, »warum ist Beale gerade noch zur rechten Zeit entwischt? Woher wußte er, daß Sie die ganze Geschichte durchschaut hatten?«

 

Peters Antwort war ziemlich unbestimmt – fast genauso unbestimmt wie die Erklärung, die er seiner jungen Frau gab, als er mit ihr an einem sonnigen Winternachmittag Hand in Hand durch den Park ging.

 

»Hat dich Mr. Beale eigentlich gebeten, daß du ihn nicht verrätst?« fragte Daphne.

 

»Gebeten gerade nicht«, entgegnete Peter vergnügt. »Er schlug mir nur vor, ich solle nach Hause gehen und mich ausruhen – das heißt, möglichst lange schlafen. Und das tat ich! Während ich schlief, verschwand er, die gefiederte Schlange und alles, was damit zusammenhing, auf Nimmerwiedersehn!«

 

Kapitel 3

 

3

 

Gregory Beale war in jeder Beziehung ein Sonderling und hatte den Zeitungen durch seine verschiedenen Spleens schon häufig Stoff geliefert. Unter anderem war eine seiner Lieblingsbeschäftigungen das Studium der Lebensgewohnheiten armer Leute. Verkleidet streifte er durch die verrufensten Gegenden Londons; er wohnte und schlief dort – und verteilte von Zeit zu Zeit erhebliche Beträge an Familien, die einen besonders harten Kampf ums Dasein führen mußten. Dabei gab sich der Mann in seiner Verkleidung – mit zerzaustem Bart und feuerroter Krawatte – niemals als Gregory Beale zu erkennen. Er hatte ein Dutzend anderer Namen und änderte seine Adresse von Woche zu Woche. Bald wohnte er in Limehouse, bald in Poplar, bald bei den Victoria Docks oder in Eastham. In der letzten Zeit war ihm die Sorge für die Armen etwas langweilig geworden – möglicherweise hatte er auch einige schlechte Erfahrungen gemacht. Eines Tages erfuhr die Gelehrtenwelt Londons, daß er nach Brasilien gegangen sei, um sich dem Studium der alten mittelamerikanischen Kulturen zu widmen, die ihn schon immer besonders interessiert hatten.

 

Sechs Jahre, nachdem sein Anwalt die Verwaltung des ungeheuren Vermögens übernommen hatte, fuhr der Schnellzug, der Mr. Beale zurückbrachte, langsam in Waterloo Station ein.

 

Kein Freund holte den Forscher ab. Er stand ganz allein auf dem Bahnsteig – eine große, sehnige Gestalt mit braungebranntem Gesicht; seine blauen Augen leuchteten noch wie früher, nur seine Haare waren etwas grauer geworden.

 

Endlich bahnte sich sein Diener John einen Weg durch die Menge, um das Gepäck in Empfang zu nehmen.

 

»Ah, John Collitt – ich kenne Sie kaum noch!« sagte Mr. Beale liebenswürdig.

 

»Jawohl, Sir – ich hoffe, daß Sie eine gute Reise hatten.«

 

Die Tür eines eleganten Wagens wurde vor ihm aufgerissen.

 

»Um das Gepäck kümmert sich eine Agentur – fahren Sie mich jetzt sofort nach Hause.«

 

Er sank in den tiefen Sitz zurück und beobachtete mit fast kindlicher Freude die vielen Bilder Londons, die an ihm vorüberzogen. Ein Mann schob einen Karren mit Äpfeln – auf der Westminster Bridge Road riefen Zeitungsjungen Extrablätter aus – das Parlamentsgebäude war hell erleuchtet.

 

Mr. Beale atmete tief. Er war wieder daheim!

 

Der Wagen fuhr durch den finsteren Park in die Brompton Road, bog links ein und hielt vor einem großen, vornehmen Haus. Der untersetzte, kahlköpfige Butler kam eilig die Treppenstufen herunter.

 

»Willkommen zu Hause, Mr. Beale.«

 

Basseys Stimme klang heiser. War es nur Erregung, oder war er so alt geworden? Gregory Beale schaute ihn verwundert an.

 

»Schönen Dank, Bassey.«

 

Der Butler stieg vor ihm die Treppenstufen hoch. Feierlich trat er dann zur Seite und ließ seinen Herrn zuerst durch die Tür gehen.

 

»Eine junge Dame wartet im Studierzimmer, Sir. Ich wußte nicht recht, was ich mit ihr anfangen sollte. Sie sagt, sie sei auf eine Annonce hin gekommen …«

 

Gregory Beale nickte lächelnd.

 

»Stimmt schon, ich habe telegrafisch in der Zeitung inseriert … brauche eine Sekretärin. Bringen Sie die junge Dame bitte her.«

 

Daphne Olroyd folgte dem Butler. Als sie eintrat, begegnete sie dem freundlich forschenden Blick Mr. Beales.

 

»Bitte, nehmen Sie doch Platz, Miss …?«

 

»Olroyd«, erwiderte sie und lächelte ihn an. »Ich fürchte, daß ich etwas ungelegen komme – leider wußte ich nicht, daß Sie gerade erst aus Amerika zurückkommen.«

 

»Das wissen die meisten nicht. So bedeutend bin ich nicht, daß diese große Stadt von meiner Ankunft Notiz nimmt. Übrigens haben Sie doch ein Telegramm erhalten, in dem Sie aufgefordert wurden, sich vorzustellen. Mein Anwalt, Mr. Holden, hat es Ihnen geschickt. Anscheinend war das Gehalt, das ich in der Annonce angab, so hoch, daß sich viele Leute um den Posten bewarben.«

 

Bildete sie es sich nur ein, oder klang wirklich ein Ton von Enttäuschung in seiner Stimme? Ihr Mut sank bei diesem Gedanken. Das Inserat hatte sie von einem wohlgesinnten Unbekannten zugeschickt bekommen und sich ohne große Hoffnungen um die Stelle beworben.

 

»Ich glaube, daß ich im großen ganzen Ihre Ansprüche erfüllen kann«, erklärte sie jetzt schnell, um von vornherein jeden Einwand zu entkräften. »Ich kann sehr schnell maschineschreiben und stenografieren; Französisch spreche ich ausgezeichnet …«

 

Er hob abwehrend und beruhigend die Hand.

 

»Ich glaube Ihnen ja. Wo arbeiten Sie zur Zeit?«

 

Sie sagte es ihm. Anscheinend machte der Name Leicester Crewe gar keinen Eindruck auf ihn; er fragte sie nur, warum sie die Stellung wechseln wolle.

 

Sie zögerte etwas mit der Antwort.

 

»Das hohe Gehalt reizt mich natürlich, aber – vor allem möchte ich von Mr. Crewe fort.«

 

Er nickte und schaute einige Zeit nachdenklich zu Boden.

 

»Gut«, sagte er schließlich und fügte dann zu ihrer nicht geringen Freude hinzu: »Ich engagiere Sie – wann können Sie anfangen?«

 

Mit beschwingten, leichten Schritten verließ sie zehn Minuten später das Haus. Sie war gut gelaunt und dachte an nichts Böses. Doch als sie schnell aus der düsteren Nebenstraße in die Hauptstraße einbog, löste sich ein Mann aus dem Dunkel einer Mauer; er hatte sie von dem. Augenblick an beobachtet, als sie das Astoria-Hotel verließ. Geräuschlos überquerte er die Straße und folgte ihr. Sie ahnte nicht, daß sie verfolgt wurde, bis sie sich an einer Ecke zufällig umdrehte und die dunkle Gestalt undeutlich durch den Nebel auf sich zukommen sah.

 

Zuerst wollte sie davonlaufen, dann überlegte sie sich aber, daß es vielleicht nur ein ganz harmloser Spaziergänger sei, und wollte warten, bis er vorbei wäre. Doch plötzlich blieb die Gestalt stehen. Nur einen Augenblick konnte sie die Umrisse eines Mannes erkennen, dann war er im Nebel verschwunden. Gleich darauf wußte sie, warum er nicht weitergegangen war.

 

Ein Polizist kam auf seinem Patrouillengang langsam auf sie zugeschlendert. Und die Beauftragten der gefiederten Schlange vermeiden Begegnungen mit der Polizei.

 

Kapitel 2

 

2

 

»Glücklicherweise trug Miss Creed nicht ihre Juwelen, sondern täuschende Imitationen, so daß den Verbrechern keine Kostbarkeiten in die Hände fielen. Die Polizei ist im Besitz einer Karte mit der rohen Zeichnung einer gefiederten Schlange. Stündlich erwartet man eine weitere interessante Entwicklung des Falles.‹ – Das ist also die Geschichte«, fügte der Nachrichtenredakteur des »Kurier« seiner Vorlesung mit einer Selbstzufriedenheit hinzu, die Leute seines Schlages immer dann anwenden, wenn sie ihre Untergebenen fortschicken, um unlösbare Aufgaben zu lösen. »Die gefiederte Schlange gibt dem Fall eine besondere Nuance – ich verspreche mir eine Sensation …«

 

»Dann engagieren Sie doch gleich auch einen Sensationsschriftsteller für die Berichterstattung!« erklärte Peter Dewin grimmig.

 

Peter Dewin war ein großer, etwas nachlässig gekleideter junger Mann mit ziemlich saloppem Auftreten. Wenn er sich sauber rasierte und einen Frack anzog, was bei gewissen beruflichen Anlässen beim besten Willen nicht zu umgehen war, sah er geradezu flott und elegant aus. Was er allerdings durchaus nicht wahrhaben wollte. Auf der Redaktion des »Postkuriers« erzählte man von ihm, daß seine Vorliebe für Verbrechen und Verbrecher fast verdächtig wäre und daß er sich nichts Schöneres vorstellen könne, als in der Woche sieben Tage lang Detektiv zu spielen.

 

»Das Ganze gibt Stoff für einen Schauerroman, aber nicht für eine anständige Kriminalreportage, die Hand und Fuß hat«, erklärte er jetzt entrüstet. »Eine gefiederte Schlange – um Gottes willen! Ich wette, daß es sich nur um einen raffinierten Theatertrick handelt, den sich die Creed ausgedacht hat, um wieder mal in die Zeitungen zu kommen. Um das zu erreichen, würde sie sogar aus einem Ballon springen!«

 

»Hat sie das wirklich mal gemacht?« erkundigte sich der phantasielose Nachrichtenredakteur äußerst interessiert.

 

»Nein, natürlich nicht«, entgegnete Dewin brummig. »Aber im Ernst, Parsons, übergeben Sie diese Geschichte doch lieber dem Theaterkritiker – der freut sich vielleicht darüber.«

 

Mr. Parsons zeigte nur auf die Tür. Peter Dewin hatte schon genug Erfahrungen als Journalist gemacht, um zu wissen, wieweit man einen Nachrichtenredakteur ärgern darf, ohne unmittelbare Gefahr zu laufen. Er schlenderte deshalb achselzuckend zum Reporterzimmer zurück und klagte seinen scheinheilig mitfühlenden Kollegen sein Leid.

 

Eines stand bei ihm auf jeden Fall fest – keine Schlange, mochte sie nun gefiedert sein oder nicht, sollte die Ursache sein, daß er seine Stellung verlor.

 

*

 

Bekanntschaften, die man in Cafés schließt, sind immer mit einer gewissen Gefahr verbunden. Wenn man zu jemandem sagt: »Darf ich Ihnen vielleicht den Zucker reichen?«, so ist das noch lange kein vollwertiger Ersatz für eine formelle Vorstellung.

 

Daphne Olroyd dachte darüber nach, als sie an einem grauen Novembernachmittag langsam auf den Eingang des Astoria-Hotels zusteuerte. Aber formelles Vorstellen garantiert keineswegs späteres gutes Betragen. Auf jeden Fall stand es bei ihr fest, daß trotz der etwas formlos geschlossenen Bekanntschaft Peter Dewin ein anständiger Mensch war. Davon war sie mehr überzeugt als von Leicester. Crewes Anständigkeit oder von der seines ziemlich zweifelhaft aussehenden Freundes.

 

Vor allem hatte sie sich schon lange angewöhnt, sich bei der Beurteilung von Menschen auf ihr eigenes Gefühl zu verlassen. Und das sagte ihr in diesem Fall, daß der große, nachlässig gekleidete junge Mann es nicht falsch verstehen würde, daß sie seine Einladung zum Tee ohne Zögern angenommen hatte.

 

Peter Dewin stand mitten im Vestibül des Hotels und schaute bereits ängstlich wartend auf die Drehtür, als sie eintrat.

 

»Ich habe einen Tisch ausgesucht, der möglichst weit von dieser prächtigen Kapelle entfernt ist. Oder ziehen Sie vielleicht die Nähe des Orchesters vor …? Ich kann den dauernden Krach nicht ausstehen.«

 

Er führte sie zu einem Ecktisch und flüsterte ihr dabei so ungeniert Bemerkungen über die Leute zu, an denen sie vorbeigingen, daß sie unwillkürlich lachen mußte.

 

Es war eine seiner kleinen Eigenheiten, nicht gerade geizig mit den Informationen umzugehen, die er sich über Gott und die Welt zu verschaffen wußte. Und es kam ihr fast so vor, als ob sie neben einem lebenden Nachrichtenbüro herginge.

 

»Hier sind wir – nehmen Sie doch bitte den Sessel.« Er schob ihn für sie zurecht. »So, sitzen Sie bequem?«

 

Peter Dewin war hier ziemlich bekannt. Viele schauten herüber, um festzustellen, ob er es auch wirklich sei, da er ungewöhnlicherweise in Begleitung einer Dame war.

 

Daphne Olroyd erfuhr heute zum erstenmal, weichen Beruf er hatte. Interesse dafür brauchte sie nicht zu heucheln – Journalisten waren für sie schon immer mit einem gewissen Nimbus umgeben gewesen.

 

»Und worüber schreiben Sie speziell?« erkundigte sie sich.

 

»Hauptsächlich über Verbrechen, Mord, Raubüberfall und dergleichen«, erklärte er obenhin, während er seine schwarze Hornbrille aufsetzte. »Wenn es nicht genügend Verbrechen gibt, berichte ich auch über Hochzeiten und Begräbnisfeierlichkeiten. Ja, ich habe mich sogar schon soweit herabgelassen, über eine Parlamentsdebatte zu schreiben. – Was ist nur mit dieser verflixten Brille los, ich kann gar nichts sehen!«

 

»Warum setzen Sie sie dann überhaupt auf?« fragte sie erstaunt.

 

»Sie gehört ja gar nicht mir«, entgegnete er vergnügt und nahm sie wieder ab. »Ich habe sie eben für einen Kollegen beim Optiker abgeholt.«

 

Sie schaute ihn zweifelnd an, mußte dann aber doch lächeln.

 

»Wie gefalle ich Ihnen heute?« erkundigte sie sich.

 

»Sie sind sehr hübsch … Das bemerkte ich schon, als ich Sie das erste Mal traf. Eigentlich habe ich nicht gedacht, daß Sie heute kommen würden. War ich nicht zu frech?«

 

»Nein, durchaus nicht«, erwiderte sie lächelnd. »Ich fand Sie vielleicht etwas außergewöhnlich …«

 

»Das bin ich auch«, unterbrach er sie. »Ich habe mich auch noch niemals verliebt – bis jetzt war ich eigentlich immer der Meinung, daß man dabei seinen Verstand und Witz ziemlich umsonst vergeudet.«

 

Der Kellner kam und stellte Kannen und Tassen vor sie auf den Tisch.

 

»Sind Sie nicht die Sekretärin von Mr. Crewe?«

 

Sie schaute ihn verwundert an.

 

»Ich habe Sie neulich dort gesehen – als ich bei ihm war, um ihn zu interviewen. Erst heute morgen ist mir das wieder eingefallen.«

 

Gedankenvoll rührte er seinen Tee um und runzelte die Stirn.

 

»Kennen Sie die Dame dort drüben? Sie sieht dauernd herüber.«

 

»Das ist Mrs. Paula Staines«, erklärte sie. »Sie ist um sieben Ecken mit Mr. Crewe verwandt.«

 

Dewin beobachtete die elegante Dame. Sie saß aber zu weit von ihm entfernt, als daß er ihr Gesicht genauer hätte sehen können.

 

»Sind Sie eigentlich mit Ihrer Stellung zufrieden?« erkundigte er sich dann plötzlich.

 

»Mit meinem Posten bei Mr. Crewe?« Sie zögerte. »Wenn ich ehrlich sein soll – eigentlich nicht. Ich bin gerade dabei, mir eine andere Stellung zu suchen, habe aber leider noch keinen Erfolg gehabt.«

 

Er sah sie aufmerksam an.

 

»Ist Crewe nicht recht eigenartig? Er hat keinen besonders guten Ruf. Sein Vermögen hat er auf etwas seltsame Art erworben – über Nacht wurde er plötzlich reich, und niemand weiß, woher dieser Geldsegen kam. Es wäre wirklich besser, wenn Sie fortgingen.«

 

»Interessieren Sie sich so sehr für Crewe? Oder ist das nur Ihr allgemeiner Informationstrieb …?«

 

»Spotten Sie nicht, ich interessiere mich wirklich für ihn. Und habe schon die verschiedensten Theorien – aber keine stimmt. – Nun essen Sie doch endlich mal Ihre Torte auf!«

 

Daphne nickte folgsam.

 

»Nachher muß ich zu einer Dame, über die ich einen Artikel schreiben soll, der für sie mindestens tausend Pfund Reklamewert hat – und dabei hat sie noch nicht mal für zehn Pfund Schmuck eingebüßt.«

 

»Meinen Sie vielleicht Ella Creed?« fragte Daphne überrascht. »Die junge Dame, die vor ihrer Haustür überfallen wurde?«

 

»Kennen Sie sie etwa?« fragte er.

 

»Nur vom Sehen. Sie kommt manchmal zu Mr. Crewe, und er war auch sehr bestürzt über den Vorfall. Auch er hat an dem Tag, an dem Miss Creed überfallen wurde, eine Karte mit dem Bild der gefiederten Schlange erhalten und hat sich sehr darüber aufgeregt.«

 

Peter sah sie nachdenklich an.

 

»Ich glaube eigentlich nicht, daß es damit etwas auf sich hat«, meinte er schließlich. »Hinter phantastischen Geschichten wie dieser steckt meistens nichts als leeres Gerede. – Was haben Sie nachher vor?« erkundigte er sich nach einer kleinen Pause.

 

Sie lachte ihn an.

 

»Ich habe mich um eine andere Stellung beworben – ohne Hoffnung, daß ich dabei Erfolg haben werde.«

 

Vor dem Hoteleingang trennte er sich von ihr und schlenderte dann zum »Orpheum« – dem Theater, das Miss Creed gehörte. Er erwartete nicht, daß sie schon um diese Zeit dort sein würde, und freute sich um so mehr, als er erfuhr, daß sie schon in ihrer Garderobe sei und ihn erwarte.

 

Offensichtlich war sie kurz vorher eingetroffen, denn sie hatte ihren Pelzmantel noch an. Dewin begegnete ihr zum erstenmal, doch kannte er den Mann, der neben ihr stand, sehr gut.

 

Joe Farmer war wirklich eine sehr bekannte Persönlichkeit in London. Er war etwas untersetzt und hatte ein rotes, ziemlich gewöhnliches Gesicht. Man sah ihm von weitem den neureichen Unternehmer an. Hauptsächlich managte er Boxveranstaltungen, außerdem war er auch noch Eigentümer einer ganzen Reihe berüchtigter Nachtlokale. Bei den Rennen ließ er einige Pferde laufen, die in Berkshire trainiert, wurden, und wenn sein Ruf auch nicht der beste war, erfreute er sich doch einer gewissen Popularität.

 

Wie viele Leute seines Schlages hatte er eine Schwäche für Brillanten. Auch jetzt blitzte in seiner Krawatte wieder ein Stein, den man beim besten Willen nicht übersehen konnte.

 

Er begrüßte den Reporter mit einem freundlichen Grinsen und streckte ihm seine fette, etwas feuchte Hand entgegen.

 

»Das ist der richtige Mann – an den mußt du dich wenden, Ella«, sagte er mit seiner tiefen, heiseren Stimme, die nach einer chronischen Kehlkopfentzündung klang. »Kommen Sie, Peter, alter Junge – nehmen Sie Platz. Darf ich dir vorstellen, Ella – dies ist Mr. Dervent …«

 

»Dewin, mein Bester«, entgegnete Peter gelangweilt. »D-e-w-i-n.«

 

Joe Farmer lachte heiser.

 

»Na, für mich sind Sie eben Peter. Werden Sie sich den nächsten großen Boxkampf ansehen, den ich arrangiere?«

 

»Rede doch jetzt nicht von Boxkämpfen!« fuhr Miss Creed ärgerlich dazwischen. »Sind Sie Journalist?« wendete sie sich dann an Dewin. »Vermutlich kommen Sie wegen des Überfalls von gestern abend. Ehrlich gesagt, ich habe mich noch nie in meinem Leben so gefürchtet.«

 

Sie sprach sehr hastig.

 

»Es ist wirklich ein Glück, daß es nicht meine echten Juwelen waren. Heutzutage kann es sich eine Dame einfach nicht leisten, Schmuck im Wert von 20 000 Pfund spazierenzutragen. Das finden Sie doch auch, Mr. Dewin?«

 

»Kann ich die Karte einmal sehen?« unterbrach er den Wortschwall.

 

Sie öffnete ihre Handtasche und zog ein schmutziges Stück Karton heraus, das an einer Schnur befestigt war. »Das hing um meinen Hals, als ich wieder zu mir kam«, berichtete sie. »Übrigens habe ich durchaus nicht die Geistesgegenwart verloren, als ich dem Verbrecher gegenüberstand …«

 

»Würden Sie die Leute, die Sie überfallen haben, wiedererkennen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, es war ja ganz dunkel. Das Taxi war schon weggefahren, und das Licht der Straßenlampen dringt nicht durch die Bäume und Sträucher.«

 

Dewin untersuchte die Karte mit dem Bild der gefiederten Schlange genau.

 

»Glauben Sie nicht, daß sich ganz einfach jemand einen schlechten Scherz mit Ihnen erlaubt hat?«

 

Offensichtlich ärgerte sie sich über seine Frage.

 

»Einen Scherz?« entgegnete sie scharf. »Glauben Sie vielleicht, daß meine Freunde sich so etwas erlauben würden? Nein, diese Kerle waren hinter meinen Juwelen her, und es tut mir leid, daß ich nicht ihre Gesichter sehen konnte, als sie entdeckten, daß sie nur wertlose Imitationen erbeutet hatten!«

 

Dewin ließ sich dann noch berichten, wie sie kurz vorher die Karte in ihrer Handtasche gefunden hatte.

 

»Es ist merkwürdig«, meinte Miss Creed, »daß mein Bekannter, Mr. Leicester Crewe, der Börsenmakler, auch eine solche Karte erhalten hat und …«

 

»Ich habe übrigens auch eine bekommen«, mischte sich plötzlich Joe Farmer ins Gespräch. Dabei verzog sich sein Gesicht zu einem ziemlich einfältigen Grinsen. »Sagen Sie mal, was halten Sie eigentlich davon, daß man diesem hübschen Baby hier so was angetan hat?«

 

Farmer hatte viel mit amerikanischen Boxern zu tun, und seine Sprechweise war danach.

 

»Passen Sie auf, Peter, ich glaube, ich habe eine ganz große Geschichte für Sie …«

 

»Halt endlich den Mund!« warf Miss Greed wieder dazwischen. »Deine Geschichte gehört jetzt wirklich nicht hierher.«

 

Sie hatte in so scharfem Ton gesprochen, daß sie sich gleich darauf veranlaßt fühlte abzumildern.

 

»Mr. Farmer vermutet nämlich, daß der Verbrecher ein Mann sei, mit dem wir einmal eine Auseinandersetzung hatten, aber der, den er meint, ist ja längst tot und kann es doch unmöglich gewesen sein.«

 

Sie schaute Farmer bedeutsam an.

 

»Je weniger darüber gesprochen wird, desto besser.«

 

»Ob er wirklich tot oder noch am Leben ist, weiß ich nicht«, erwiderte Joe vorsichtig. »Auf jeden Fall habe ich meine besonderen Ansichten darüber und handele danach. Ich gehöre zu den Leuten, die sich zu nichts drängen lassen!«

 

»Willst du jetzt endlich ruhig sein!« Diesmal war Miss Creed wirklich böse, und Mr. Farmer gehorchte ihr sofort.

 

Im allgemeinen konnte Dewin nicht viel Neues erfahren, und er ging ziemlich verärgert – und auch etwas bestürzt zu seinem Büro zurück. Im Vorraum traf er den Nachrichtenredakteur, der gerade weggehen wollte.

 

»Irgend etwas steckt hinter diesen merkwürdigen Visitenkarten«, erklärte ihm Parsons sofort hartnäckig. »Die ganze Zeit habe ich darüber nachgedacht. Meiner Meinung nach hat die gefiederte Schlange eine ganz besondere Bedeutung. Ich habe im Konversationslexikon nachgeschlagen und dabei wenigstens herausgefunden, daß sie von den alten Azteken als Gottheit verehrt wurde. An Ihrer Stelle würde ich einmal Mr. Beale aufsuchen.«

 

»Wer ist Mr. Beale?« fragte Dewin.

 

»Mr. Gregory Beale ist Archäologe«, erklärte der Redakteur geduldig. »Außerdem ist er Millionär. Heute abend kam er von einer Expedition zurück, auf der er die Ruinenstädte der Maya durchforscht hat. Bestimmt kann er Ihnen genaueres sagen.«

 

Freundlich grüßend verließ er das Gebäude. Peter Dewin war schon auf halber Höhe der Treppe, als ihn der Redakteur noch einmal zurückrief.

 

»Mr. Beale interessiert sich im übrigen sehr für Sozialreformen«, sagte Parsons noch. »Bieten Sie ihm doch Ihre Begleitung bei einem Spaziergang durch den Osten Londons an. Das gibt einen Artikel von mindestens Spaltenlänge.«

 

Als Dewin wieder die Treppe hinaufstieg, war er in nicht gerade rosiger Stimmung.

 

Kapitel 20

 

20

 

Peter verabschiedete sich von Daphne, ohne ihr genaueres über das Gespräch zu sagen.

 

»Um wieviel Uhr frühstückst du?« fragte er noch.

 

»Um neun.«

 

Er versprach, um diese Zeit zu kommen. »Ich werde wohl die ganze Nacht unterwegs sein müssen. Allmählich hängt mir diese Angelegenheit zum Halse raus – aber ich glaube, daß es jetzt nicht mehr lange dauern wird … Möglich, daß mir noch das eine oder andere einfällt, was ich dich fragen muß.«

 

Er war draußen, bevor ihr klar wurde, daß sie den einen wichtigen Umstand, den sie ihm unbedingt noch hatte mitteilen wollen, gar nicht erwähnt Latte.

 

Als er zu Mr. Beales Haus zurückkam, wurde ihm der Eintritt durch einen Polizisten verwehrt; das ganze Haus war von Polizeibeamten besetzt. Schließlich gelang es ihm, bis zu Oberinspektor Clarke vorzudringen. Wie ihm der anscheinend völlig gelassene Butler im Vorbeigehen sagte, hatte sich Mr. Beale in sein Schlafzimmer zurückgezogen.

 

Clarke stand im Garten, der durch zwei Scheinwerfer hell erleuchtet wurde. Als Peter zu ihm trat, prüfte er gerade mit Sweeney einige Spuren an dem Mauerwerk.

 

»Hier ist er über die Mauer geklettert«, sagte Sweeney. »Sehen Sie die Säcke?«

 

Er zeigte nach oben. Drei feste Säcke waren über die Glassplitter auf der Mauerkrone gelegt worden.

 

»Einfach und praktisch«, meinte Peter bewundernd. Sweeney, der jetzt erst den Reporter bemerkte, drehte sich verdrießlich um.

 

»Ich weiß nicht, was dabei besonders bemerkenswert sein soll. Natürlich wurden die Säcke auf die Mauer gelegt; um die Flucht zu erleichtern. Wahrscheinlich lag noch ein Seil darüber, das jemand auf der anderen Seite hielt.«

 

»Was halten Sie davon, Mr. Clarke?« fragte Peter.

 

»Ich bin der gleichen Ansicht. Möglich, daß ich meine Meinung auch wieder ändere …, aber im Augenblick gebe ich der Presse die Erklärung, daß jemand über die Mauer stieg, sich im Garten versteckte und dort wartete, bis Crewe das Arbeitszimmer betrat. An den Fenstern des Raumes befinden sich keine Jalousien, das Zimmer war hell erleuchtet, und jeder Vorgang konnte von außen beobachtet werden. Mr. Crewe trat als erster in das Zimmer …«

 

»Im Gang war kein Licht«, unterbrach ihn Peter.

 

»Was hat denn das mit der Sache zu tun?« fragte Sweeney. »Im Gang konnte er ja nicht gesehen und infolgedessen auch nicht erschossen werden!«

 

»Sicher war das Zimmer genügend hell, daß der Mörder Crewe deutlich sehen konnte, als er den Raum betrat«, sagte Clarke ungeduldig. »Die Dunkelheit im Gang hat doch nichts zu bedeuten – oder sind Sie anderer Meinung?«

 

Peter antwortete nicht.

 

Dann setzten sie ihre Untersuchungen fort und notierten genau die Ergebnisse. Peter fragte, wo der Schlüssel zu dem kleinen Schuppen wäre.

 

»Wir haben uns dort schon umgesehen«, erklärte Sweeney. »Es ist nichts drin – nur ein paar Gartengeräte und eine alte Tür.«

 

»Die Tür möchte ich mir ganz gern einmal ansehen.«

 

Der Schuppen wurde aufgeschlossen. Der Eingang war so niedrig, daß er sich bücken mußte, um hineinzukommen. An der hinteren Wand lehnte die Tür. Sie war mit grellen Farben bemalt; in der Mitte sah er ein verzerrtes Gesicht, von dem nach allen Seiten unregelmäßige Ornamente ausliefen. Dazwischen waren Vögel und Blumen gezeichnet. Er nahm sein Taschenmesser heraus und sondierte die Tür mit der Klinge. Nach einigen Minuten kam Sweeney herein.

 

»Was machen Sie denn da, zum Kuckuck?« fragte er ärgerlich.

 

»Nichts Besonderes«, erwiderte Peter und steckte sein Taschenmesser wieder ein. »Mich interessiert nur dieses primitive Gemälde.«

 

»Primitive Gemälde!« brummte der andere. »Sie haben wohl neuerdings die Absicht, Kunstgeschichte zu studieren?«

 

Peter gab keine Antwort. Er kam heraus, schloß ab und gab Sweeney den Schlüssel zurück.

 

Bis ein Uhr morgens arbeitete er in seinem Büro. In dieser Nacht schrieb er eine Geschichte, auf die auch der beste Zeitungsreporter hätte stolz sein können.

 

»Es ist nur schade«, sagte er zu dem Nachtredakteur, der eben die letzte Seite des Artikels überflog, »daß ich nicht an mehreren Orten zugleich sein kann. Ich wünsche mal wieder dringend, als Zwilling geboren zu sein!««

 

Der Zähler des Taxis, das er seit gestern abend gemietet hatte, zeigte bereits eine ziemlich hohe Summe, als er sich zur Wohnung von Harry, dem Barmann, fahren ließ. Sie lag in einer kleinen Straße in Poplar, und es dauerte einige Zeit, bis auf sein heftiges Klingeln hin eine dicke ältere Frau erschien.

 

»Ich möchte Mr. Merstham sprechen«, sagte Peter, nachdem er sich entschuldigt hatte.

 

»Der ist weg«, war die Antwort. »Ungefähr um neun brachte der Briefträger einen Eilbrief; er packte darauf seine Sachen und ging fort.«

 

»Hat er seine Miete bezahlt?« fragte Peter schnell.

 

Die Frau war über diese Frage nicht erstaunt.

 

»Ja, er hat keine Schulden hinterlassen und mich sogar ganz anständig bezahlt«, gab sie ihm zur Antwort.

 

»Wieviel gab er Ihnen?« Peter wartete gespannt.

 

»Das ist meine Sache«, erwiderte die Vermieterin kurz. Aber dann änderte sie plötzlich ihren Ton. »Ich hoffe doch, daß er auf ehrliche Weise zu dem Geld gekommen ist. Sind Sie etwa von der Polizei?«

 

»Nein, beruhigen Sie sich, ich bin kein Polizeibeamter, aber ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir die Nummer des Scheins, den er Ihnen gab, sagen würden.«

 

Sie ging ins Haus und schloß die Tür vor seiner Nase zu. Als sie zurückkam, gab sie ihm den abgerissenen Rand eines Zeitungsblatts, auf den die Nummer gekritzelt war.

 

»Ich danke Ihnen sehr«, sagte Dewin.

 

»Er hat das Geld doch hoffentlich nicht gestohlen? Die Miete war er mir nämlich schon seit drei Wochen schuldig.«

 

Dewin versuchte die aufgeregte Frau zu beruhigen.

 

»Hat er gar nichts dagelassen?«

 

»Nur den Briefumschlag, aus dem er den Schein nahm«, sagte die Frau, nachdem sie eine Weile überlegt hatte. »Wollen Sie ihn sehen?«

 

Wieder wurde die Tür geschlossen, und es dauerte ziemlich lange, bis sie mit einem zerknitterten Umschlag wiederkam.

 

»Wenn er das Geld nicht auf ehrliche Art erworben hat …«, begann sie von neuem.

 

»Darüber brauchen Sie sich wirklich keine Sorgen zu machen.«

 

Er sagte dem Chauffeur, daß er beim ersten Cafe in der Commercial Road anhalten solle. Dort bat er ihn, für sie beide eine Erfrischung zu bestellen. In der Zwischenzeit untersuchte er den Briefumschlag genau. Die Adresse war mit der Maschine geschrieben und lautete: H. Merstham, 99 Hitchfold Street, Poplar. Seinem Format nach schien der Inhalt des Briefkuverts nicht gerade klein gewesen zu sein.

 

*

 

Gucumatz und der Schlüssel! Das waren die beiden noch ungeklärten Punkte in der Geschichte. Erst durch sie konnte man die Zusammenhänge finden und das Rätsel vollends lösen.

 

Es war sieben Uhr morgens und schon heller Tag. Dewin benutzte die Zeit, die ihm übrigblieb, um die Geschichte dieses Verbrechens noch einmal in großen Zügen zu Papier zu bringen. Er hoffte, daß sie am Tag darauf veröffentlicht werden konnte. Etwas später läutete er an Mr. Beales Haus. Ein ihm bekannter Polizist öffnete.

 

»Mr. Clarke und Mr. Sweeney sind nach Hause gegangen. Sie haben mir aufgetragen, daß während ihrer Abwesenheit niemand im Haus etwas berühren darf.«

 

»Ist Mr. Beale schon auf?«

 

»Ja, er sitzt in seinem Arbeitszimmer und trinkt Kaffee.«

 

Peter klopfte und wurde sofort hereingelassen. Offenbar hatte Crewes Ermordung den Gelehrten völlig durcheinander gebracht. Er sah aus, als ob er die ganze Nacht nicht geschlafen hätte.

 

»Freut mich, daß Sie kommen, Mr. Dewin. Ich möchte gern Ihre Ansicht über das Verbrechen hören. Manchmal meine ich, daß die Kugel gar nicht Crewe zugedacht war.«

 

»Wem denn sonst?« fragte Peter und schüttelte lächelnd den Kopf. »Nein, ich glaube darüber brauchen wir nicht nachzudenken. – Sie bedauern wahrscheinlich, daß Sie Mittelamerika verlassen haben, Mr. Beale?«

 

Gregory Beale rührte langsam seinen Kaffee um und wandte sich dann an Peter.

 

»Diese Frage habe ich mir auch schon vorgelegt, muß sie aber mit nein beantworten. Es ist manchmal ganz heilsam, wenn unser Leben von Ereignissen, wie wir sie in der letzten Nacht erlebt haben, erschüttert und aufgerüttelt wird.«

 

Peter war an diesem Morgen nicht in der Stimmung zu philosophieren.

 

»Mr. Beale, kennen Sie einen Mann namens Harry Merstham?«

 

Beale nickte.

 

»Ja. Der Kerl hat mich während der letzten Nacht ziemlich beschäftigt. Er wollte sich nämlich gestern Geld bei mir leihen – für seine Rückreise nach Südamerika. Ich habe ihn aber abgewiesen. Später tat er mir dann doch leid, und ich schickte ihm heute morgen das Geld mit der Post – ein nettes Sümmchen«, lächelte er. »Trotzdem mache ich mir jetzt dauernd Vorwürfe, daß ich ihn durch mein Verhalten verletzt habe.«

 

»Kannten Sie ihn sehr gut?«

 

»Nein. Er ist ein verschwenderischer Bursche, der von einem Gasthaus zum andern zog. Früher war er sogar selbst Pächter einer Bar. Aber ich hatte Mitleid mit ihm, weil er schwer lungenkrank ist. Er kam mir aus den Augen, und ich dachte gar nicht mehr an ihn.«

 

»Wo kann man Merstham finden?« fragte Peter.

 

»Ich habe keine Ahnung. Aber irgendwo in meinem Schreibtisch muß seine Adresse sein.« Er suchte unter seinen Papieren. »Hier ist sie ja.« Er gab Peter einen Bogen Papier, auf dem drei Zeilen standen. Aber der Reporter beachtete sie gar nicht.

 

»Die Adresse ist mir bekannt. Ich wollte Merstham heute morgen besuchen – aber er war nicht mehr da; anscheinend ist er während der Nacht abgereist.«

 

Der Gelehrte nickte amüsiert.

 

»Ein kluger Mann. Er sprach davon, nach Südamerika gehen zu wollen …«

 

Dewin rückte seinen Stuhl dicht an den Schreibtisch Mr. Beales.

 

»Es würde mich interessieren, ob Sie sich verletzt fühlen, wenn ich Ihnen sage, daß ich die beiden Morde an Farmer und Crewe begreiflich finde. Ich weiß, was die beiden alles auf dem Gewissen hatten!«

 

Beale zog die Augenbrauen in die Höhe.

 

»Es überrascht mich, das von Ihnen zu hören. Ich dachte, Sie stünden ganz auf der Seite des Gesetzes und der Ordnung.«

 

Er sah jetzt aus, als ob er mit Mühe ein Lächeln unterdrücken müßte.

 

»Zu meiner Ansicht kam ich in der letzten Nacht«, fuhr Dewin fort, »als ich mit den Polizeibeamten Ihren Garten durchsuchte – das heißt, in Wirklichkeit beschäftigte mich hauptsächlich Ihr Gemälde auf der Tür.«

 

Mr. Beale war ein wenig bestürzt.

 

»Mein Gemälde? Wie kommen Sie nur …?« Dann sagte er lachend: »Ach, jetzt weiß ich, was Sie meinen! Miss Olroyd hat Ihnen sicher von meinem spleenigen Einfall erzählt. Übrigens – Sie sind mit ihr doch – hm – sehr befreundet …«

 

»Ja,« entgegnete Peter Dewin ernst.

 

Mr. Beale nickte und sah ihn mit einem etwas melancholischen Blick an.

 

»Sie sehen müde aus, Mr. Dewin«, meinte er dann. »Besser Sie gehen jetzt nach Hause und legen sich schlafen. Und schlafen Sie recht lange!«

 

Peter verstand, daß der Gelehrte allein bleiben wollte und verabschiedete sich.

 

Natürlich fuhr er nicht nach Hause, sondern suchte Daphne auf und frühstückte mit ihr im Speisezimmer ihres Hotels. Sie war ein wenig bedrückt. Mr. Beale hatte ihr ausrichten lassen, daß sie in den nächsten Tagen nicht kommen solle: »… bis die Erinnerung an die Tragödie einigermaßen verblaßt ist.«

 

»Du hast die ganze Nacht nicht geschlafen«, sagte sie vorwurfsvoll. »Bist du wenigstens ein Stück weiter?«

 

»Nicht sehr viel«, entgegnete er und starrte auf seinen Teller.

 

Sie lehnte sich zu ihm über den Tisch.

 

»Ich kenne das Geheimnis von Gucumatz«, flüsterte sie.

 

Er sah erstaunt auf.

 

»Wie – du kennst das Geheimnis von Gucumatz? Willst du vielleicht sagen, daß du das letzte Rätsel gelöst hast, das mir immer noch nicht klar ist …?«

 

»Gucumatz ist ein Erkennungswort!«

 

Er setzte seine Tasse, die er eben an den Mund gehoben hatte, klirrend wieder hin.

 

»Wofür denn?«

 

»Für einen Safe.«

 

Peter sah nicht gerade intelligent aus, als er sie jetzt mit offenem Mund ansah.

 

»Großer Gott!« rief er dann. »Daran habe ich noch gar nicht gedacht …! – Aber der Schlüssel?« Er schlug auf den Tisch, daß Daphne zusammenfuhr.

 

»Ich kam gestern abend ganz zufällig auf die richtige Idee«, erklärte sie. »Einer der Gäste hier sprach mit dem Geschäftsführer und ließ sich erklären, was für Vorteile ein Banksafe hat: Jeder Kunde erhält einen Schlüssel zu seinem Fach und ebenso ein Erkennungswort, mit dem er sich beim Kontrollbeamten ausweisen kann. Die Schlüssel haben für gewöhnlich eine Nummer, die aber ganz verschieden von der Nummer des Safes sein kann. Wenn du etwas herausnehmen willst, mußt du dich bei dem Beamten erst mit dem Erkennungswort ausweisen; bist du nicht selbst der Eigentümer des Faches, dann mußt du eine Vollmacht mitbringen, daß du berechtigt bist, den Safe zu öffnen. Aber vor allem mußt du das Erkennungswort wissen und den Schlüssel besitzen!«

 

Er hätte sie fast umarmt.

 

»Du bist wirklich ein kluges Mädchen! Was war ich doch für ein Idiot …! Aber offen gestanden, ich habe mich noch nie um Safes und Fächer gekümmert.«

 

Geistesabwesend sah er dann eine ganze Zeitlang vor sich hin. Plötzlich stand er auf.

 

»Weißt du, wohin ich jetzt gehe?«

 

»Wenn du klug bist …«, begann sie.

 

»Ich bin klug«, entgegnete Peter ernst. »Ich werde jetzt schlafen, und zwar« – er überlegte – »bis fünf Uhr abends.«

 

Kapitel 21

 

21

 

Er war ein Mann, der Wort hielt, und gab in seiner Pension Anweisung, daß man ihn keinesfalls stören solle. In bester Laune und mit der Gewißheit, daß ihn nicht einmal ein wahnsinniger Redakteur aufwecken konnte, legte er sich ins Bett und schlief schon halb, als er sich die Decke über die Ohren zog.

 

Peter wachte erst auf, als es an der Tür klopfte. Ein Mädchen brachte ihm Tee und eine Abendzeitung. Er erfuhr, daß Mr. Clarke im Laufe des Nachmittags mehrmals angerufen hatte. Kurz darauf ließ er sich mit Scotland Yard verbinden.

 

»Es entgeht Ihnen eine gute Geschichte, wenn Sie nicht bald hier auftauchen«, sagte Clarke.

 

»Was ist denn geschehen?«

 

»Kommen Sie zu mir – ich kann es Ihnen am Telefon nicht sagen.«

 

Peter zog sich langsam an und machte sich dann auf den Weg. Ein feiner Nebel lag über den Straßen.

 

Er fand Oberinspektor Clarke allein.

 

»Bitte machen Sie die Tür zu«, sagte er grollend. »Ich habe den ganzen Nachmittag versucht, Sie zu erreichen. Sie verdienen es eigentlich nicht, einen Freund bei Scotland Yard zu haben.«

 

»Ich mußte dringend schlafen und war für niemand zu sprechen«, erklärte Peter.

 

»Ich habe einige Neuigkeiten, die Sie interessieren werden. Woraus glauben Sie wohl, war die Kugel, mit der Crewe erschossen wurde?«

 

»Sie war aus Gold«, entgegnete Peter gelassen. Clarke starrte ihn überrascht an.

 

»Hat Ihnen das Sweeney erzählt?«

 

»Nein, ich vermutete es nur. Also paßte auch die Hülse nicht, die Sie im Garten fanden?«

 

Clarke schüttelte den Kopf.

 

»Nein. Aber nun seien Sie mal ehrlich, Dewin, haben Sie tatsächlich nicht mit Sweeney gesprochen?«

 

»Sie können ihn ja fragen! Und jetzt, was ist Ihre zweite Sensation?«

 

»Ella Creed ist verschwunden. Die Direktion des Theaters scheint sehr beunruhigt, obwohl ich persönlich glaube, daß es sich nur um einen Reklametrick handelt.«

 

Peter lächelte.

 

»Es besteht auch weiter kein Grund zur Aufregung ich kann mir gut denken, wo sie ist. Wenn mir jemand eine Generalstabskarte von Essex zeigen würde, hätte ich bald Gewißheit.«

 

Er betrachtete in aller Ruhe Clarkes ungläubiges Gesicht.

 

»Nun – Ihre dritte Sensation?«

 

»Es gibt keine dritte Sensation«, knurrte der Beamte. »Rücken Sie lieber endlich mit Ihren Geheimnissen heraus!«

 

»Ich glaube nicht, daß ich ohne die Erlaubnis von Mr. Beale weiterreden darf …«

 

»Den können Sie augenblicklich nicht erreichen«, entgegnete Clarke. »Er ist heute nachmittag verreist, ich brachte ihn selbst zum Bahnhof.«

 

»Reiste er allein, oder war sein Butler bei ihm?«

 

»Der Butler war dabei.«

 

Peter nickte.

 

»Dachte ich mir – er steht seit vielen Jahren in seinen Diensten. Ich glaube, daß er der treueste Angestellte war, den Beale seinerzeit in England zurückließ. Wohin fuhr Mr. Beale eigentlich?«

 

»Er hat ein Haus in Devonshire«, erwiderte Clarke ungeduldig. »Ich habe seine Adresse, wenn Sie sich mit ihm in Verbindung setzen wollen.«

 

Peter schüttelte den Kopf.

 

»Möchte ich durchaus nicht. Dagegen wäre es mir sehr lieb, wenn Sie mich zu seinem Londoner Haus begleiten würden. Ich möchte Ihnen einige sehr sonderbare Exemplare der gefiederten Schlange zeigen. Es wird sich für Sie lohnen!«

 

Sweeney kam gerade, als sie aufbrachen, und die drei fuhren zusammen zu Beales Haus. Alle waren außerordentlich einsilbig; selbst Dewin war ganz gegen seine sonstige Gewohnheit sehr still.

 

»Am wenigsten kann ich verstehen«, brach Sweeney das Schweigen, »daß man keinen Schuß gehört hat. Selbst eine mit Schalldämpfer versehene Pistole verursacht einen ziemlichen Knall.«

 

Peter mischte sich ein.

 

»Crewe ist auch durchaus nicht mit einer normalen Pistole oder einem Revolver erschossen worden – man hat ihn mit einer Deloraine getötet.«

 

»Was, zum Kuckuck, ist eine Deloraine?« fragte Clarke verblüfft.

 

»Warum diese Waffe so heißt, weiß ich selbst nicht. Hergestellt wurde sie in Belgien – es ist eine überschwere Luftpistole, die kurze Zeit lang sogar im Weltkrieg bei Patrouillengängen verwendet wurde. Man kam aber bald wieder davon ab, weil die Durchschlagskraft bei größerer Entfernung sehr schnell nachläßt. Immerhin dürfen Sie sich darunter nicht etwa eine Luftpistole vorstellen, wie man sie Kindern in die Hand gibt! Es handelt sich um einen ziemlich komplizierten Mechanismus, der einem Geschoß genügend Durchschlagskraft verleiht, um eine drei Zentimeter starke Holzplanke zu durchlöchern – und aus unmittelbarer Nähe kann man damit ohne weiteres einen Menschen erschießen.«

 

»Aber der tödliche Schuß auf Crewe wurde doch von draußen abgefeuert!« protestierte Sweeney. »Der beste Beweis ist schließlich das Loch in der Fensterscheibe …«

 

»Eine goldene Kugel ist weich«, sagte Peter höflich. »Sie würde sich sofort deformieren, wenn sie auf einen Widerstand stößt. Und das Loch in der Glasscheibe war so glatt, daß es nur von einem modernen Stahlmantelgeschoß herrühren kann – die Ränder waren wie ausgefräst! Selbst das vollkommenste splittersichere Patentglas würde dem Aufschlag eines goldenen Geschosses nicht standhalten, das auf kurze Entfernung abgefeuert wird, sich beim Auftreffen plattdrückt und dabei entweder die ganze Scheibe zertrümmert oder zumindest ein ganz unregelmäßiges Loch verursacht. Nun möchte ich vor allem aber die Tür noch einmal genauer untersuchen«, beendete der Reporter seine Ausführungen und stieg aus dem Wagen, der jetzt vor Beales Haus hielt.

 

»Welche Tür?« fragte Clarke, der sich nicht darauf besinnen konnte, wofür sich Dewin in der vergangenen Nacht so interessiert hatte.

 

»Ach, er meint bestimmt das angemalte Ding im Schuppen«, sagte Sweeney belustigt. »Was wollen Sie denn da entdecken?«

 

»Das Stahlmantelgeschoß, das das Fenster durchschlug«, antwortete Peter kühl. »Ich nehme an, daß es in der Tür steckt. Gestern nacht konnte ich es allerdings leider nicht finden.«

 

Dewin ging durch den Garten zu dem kleinen Schuppen. Sweeney leuchtete ihm mit einer Taschenlampe, und der Reporter untersuchte noch einmal Zentimeter für Zentimeter die Oberfläche der Tür.

 

»Hier ist es!« rief er plötzlich. Die Spitze seines Taschenmessers war auf einen harten Gegenstand gestoßen.

 

»Vielleicht ein Nagel«, meinte Clarke.

 

Dewin antwortete nicht; er schnitzte einige Zeit lang herum und hielt dann auf einmal ein blitzendes Stahlmantelgeschoß in der Hand.

 

»Es paßt zu der Patronenhülse«, sagte Sweeney, der das Geschoß genau betrachtete.

 

»Nun, Dewin«, sagte Clarke, als sie wieder in Mr. Beales Arbeitszimmer waren, »wir wollen gern etwas Konkretes von Ihnen hören. Wer gab den Schuß ab, der Crewe tötete?«

 

Peter Dewin atmete tief.

 

»Der einzige Mann, der nahe genug war, um ihn mit einer Luftpistole erschießen zu können war – Gregory Beale!«

 

Ein langes Schweigen folgte diesen Worten.

 

»Meinen Sie im Ernst, daß Crewe von Mr. Beale ermordet wurde?« fragte Sweeney ungläubig. »Das ist doch eine etwas starke Behauptung – was für einen Grund sollte er dazu gehabt haben?«

 

»Ich kenne seine Gründe nicht genau, ich weiß nur, daß er die Tat begangen hat. Und wenn Sie jetzt die Polizei in Devonshire benachrichtigen, um Gregory Beale festnehmen zu lassen, so werden Sie damit keinen Erfolg haben. Er ist längst im Ausland, und in einer Beziehung bin ich beinahe traurig darüber – er ist der erste vollkommene Verbrecher, dem ich in meinem Leben begegnet bin!«

 

Kapitel 22

 

22

 

Peter versprach den beiden Beamten, sie später in Scotland Yard aufzusuchen. Dann nahm er ein Taxi, das ihn in rasender Fahrt durch Holloway und Wood Green zur Epping Road brachte. Durch Daphnes Beschreibung fand er sich ohne große Mühe zurecht. Sie hatte durch die vereisten Fenster des Autos hohe Telegrafenstangen gesehen, ein Umstand, der ihm die Orientierung noch erleichterte.

 

Der Wagen fuhr durch das stille Dorf und verlangsamte allmählich das Tempo. Peter ließ halten und stieg aus, um nach dem Feldweg zu suchen.

 

»Hier muß es sein!« sagte er schließlich.

 

Das Auto bog in einen schmalen Weg ein, der sich nach kurzer Fahrt teilte. Die meisten Spuren, die wahrscheinlich von Bauernwagen herrührten, führten nach rechts. Sie wählten den linken Weg und folgten den undeutlichen Reifenspuren eines Autos, die schließlich links in ein Gehölz abbogen. Als sie vorsichtig und langsam weiterfuhren, tauchte kurz darauf der Rohbau eines niedrigen Gebäudes auf, das nur ein Stockwerk hatte.

 

Offensichtlich war es ganz aus Eisenbeton hergestellt. Die Maurer hatten nicht einmal die Haufen des übriggebliebenen Zementmörtels und den Bauschutt weggeräumt. In dem Gebäude war kein Licht zu sehen. Peter ließ den Wagen halten, sprang heraus und ging bis zur Haustür. Er konnte keine Klingel entdecken, und als er auf die Türklinke drückte, gab sie nach.

 

Sollte das eine Falle sein? Peter wurde vorsichtig. Er zog eine Pistole aus der Tasche und knipste seine Taschenlampe an. Dann ging er den Gang entlang, der nach rechts abbog. Einen Augenblick horchte er – nichts rührte sich.

 

Er tastete sich vorsichtig weiter,, bis er auf eine Tür stieß. Als er sie mit der Taschenlampe ableuchtete, entdeckte er einen Nagel mit einem Schlüssel, an dem ein Schild hing. Er nahm den Schlüssel herunter und las:

 

»Ella Lewston, verurteilt zu fünf Jahren Zuchthaus, wird auf Grund besonderer Umstände vorläufig freigelassen.«

 

Er erinnerte sich wieder an Daphnes Bericht und suchte nach dem Lichtschalter für das Zimmer. Ein Stück weiter oben fand er auf dem Gang ein großes Schaltbrett, und eine Sekunde später war das ganze Haus erhellt.

 

Anscheinend brannte jetzt auch Licht in der Zelle, denn er hörte ein Stuhlrücken, als er den Schlüssel ins Schloß steckte. Dann schrie jemand etwas Unverständliches. Er riß die Tür auf.

 

Ella Creed stand hinter dem Tisch und starrte ihn entsetzt an. Sie trug ein grobes Leinenkleid, und die Haare hingen ihr wirr ins Gesicht. Peter genügte ein Blick in ihr verzerrtes Gesicht, um zu sehen, was sie durchgemacht hatte. Es dauerte lange, bis er sie so weit beruhigen konnte, daß sie ihm ihre Geschichte erzählte. Sie zog in ihrer Todesangst den letzten Schleier von dem Geheimnis der gefiederten Schlange …

 

Der Artikel im »Postkurier«, der diesen rätselhaften Fall restlos aufklärte, erregte ganz London. Er wird auf den folgenden Seiten auszugsweise wiedergegeben.

 

Kapitel 15

 

15

 

»Eine Dame ist am Telefon – sie hat schon zweimal angerufen. Ich sagte ihr, daß Sie noch schlafen!« rief die Putzfrau. Plötzlich erinnerte sich Daphne an Ella Creed und an den roten Umhang, den sie ihr geliehen hatte. Wie sollte sie ihr nun alles erklären? Sie ging zum Telefon und hörte Miss Creeds scharfe Stimme.

 

»Was ist Ihnen denn in der letzten Nacht passiert?« Ella Creed redete sie nun nicht mehr mit »meine Liebe« an, aber Daphne war zu zerschlagen und erschöpft, um das zu bemerken.

 

»Ich bin in einen falschen Wagen eingestiegen … er wartete … vielleicht um jemand von Ihren Angestellten nach Hause zu bringen. Ich habe den Irrtum nicht sofort bemerkt.«

 

Die Erklärung klang ziemlich unwahrscheinlich, denn Daphne war nicht sehr geschickt im Lügen. Miss Creed schien auch nicht ganz überzeugt zu sein.

 

»Wissen Sie das bestimmt?« fragte sie argwöhnisch. »Irgend jemand hat meinen Chauffeur mit einem angeblichen Auftrag von mir weggeschickt. Ich dachte; man hätte Ihnen einen Streich gespielt.«

 

»Nein, nein – ganz gewiß nicht – glauben Sie mir.« Daphne erschrak heftig. Wenn Mr. Crewe die Entführung inszeniert hatte, so wollte er womöglich durch Miss Creeds Fragen feststellen, ob sie ihr Wort hielt.

 

»Ich möchte gern mit Ihnen sprechen – wo kann ich Sie um zwei Uhr erreichen?«

 

Daphne nannte ihr die Adresse von Mr. Beale und war sich nicht ganz klar darüber, was ihr Chef zu einem solchen Besuch sagen würde.

 

»Beale?« Miss Creed schien sich Name und Adresse zu notieren. »Es ist gut – ich werde gegen zwei Uhr dort sein.«

 

Daphne legte den Hörer auf und begann zu frühstücken, aber es wollte ihr nicht schmecken. Sie überlegte, daß Leicester Crewe eigentlich nicht an der Sache beteiligt sein konnte – es sei denn, daß er den Namen der gefiederten Schlange für seine Zwecke benutzt hatte. Es sah ihm durchaus ähnlich, dann noch in letzter Minute vor den Konsequenzen seines niederträchtigen Planes zurückzuschrecken.

 

Nach dem Frühstück fuhr sie mit einem Taxi zu Mr. Beale. Sie traf ihn in der Halle und wollte sich entschuldigen, aber er winkte ab.

 

»Ich habe mir Sorgen um Sie gemacht«, sagte er. »Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Wenn Sie morgens einmal etwas später kommen, so ist das nicht schlimm.«

 

Die alte Tür lehnte an der Wand, sie war oberflächlich gereinigt worden und jetzt mit eigenartig gezeichneten Arabesken bedeckt.

 

»Haben Sie schon die seltsame Form der Tür bemerkt? Sie würde genau in eine aztekische Türöffnung passen, obwohl ich nicht glaube, daß sie in ihren Wohnungen überhaupt Holztüren hatten. Sie verjüngt sich nach oben, das ist nicht nur eine Eigenart der aztekischen Architektur, auch die alten Ägypter kannten diese Form. Ich selbst bin fest davon überzeugt, daß die Ägypter und die Indianer in Südamerika von derselben Rasse abstammen, obwohl natürlich die meisten Ethnologen nicht mit mir übereinstimmen …«

 

Er sprach sehr viel an diesem Vormittag, und es fiel ihr nicht immer leicht, ihm zuzuhören. Mr. Beale sah sie ein paarmal forschend an.

 

»Sie sehen ziemlich müde aus, Miss Olroyd«, sagte er. »Darf ich fragen, auf welchem Ball Sie die vergangene Nacht durchgetanzt haben?«

 

Daphne lächelte schwach.

 

»Ich habe in der letzten Nacht bestimmt nicht getanzt, aber ich bin trotzdem sehr spät ins Bett gekommen.«

 

Er fragte nicht weiter, und sie schien keine näheren Erklärungen abgeben zu wollen.

 

Kurz vor zwei rief Ella Creed an, die ihr mitteilte, daß sie leider verhindert sei. Sie fragte, ob Daphne heute abend nicht wieder zum Theater kommen könne. Daphne hatte den roten Umhang bereits zurückgeschickt und sagte ihr, daß sie am Abend schon eine andere Verabredung hätte.

 

Um drei Uhr tauchte plötzlich Peter Dewin auf. Obwohl er an diesem Morgen ziemlich früh aufgestanden war, hatte er nicht eher Zeit gefunden, sie aufzusuchen. Sie sprach im Empfangszimmer mit ihm. Er war allerbester Laune.

 

»Mir fehlen jetzt nur noch wenige Stücke in meinem Puzzlespiel. Das ist eine tolle Geschichte, ich bin ganz begeistert!«

 

»Was für eine Geschichte?« fragte sie ein wenig verwirrt.

 

Er bemerkte erst jetzt, wie müde sie aussah.

 

»Fühlen Sie sich nicht wohl?« fragte er. »Sie sind ja weiß wie die Wand!«

 

Sie hatten nicht die geringste Lust, darauf einzugehen.

 

»Wollen Sie Mr. Beale sprechen?« erkundigte sie sich ein wenig schroff.

 

»Ich wollte mit Ihnen reden. Wir beide werden heute abend in einem hübschen Restaurant essen …«

 

»Ich werde heute abend früh ins Bett gehen«, unterbrach sie ihn. Er machte ein enttäuschtes Gesicht. »Ich bin furchtbar müde, und Sie würden es mir bestimmt nicht verzeihen, wenn ich mitten in Ihrer anregenden Unterhaltung einschliefe.«

 

»Ich würde Sie schon wach halten – darauf können Sie sich verlassen! Es gibt genug aufregende Skandalgeschichten, die ich Ihnen erzählen könnte«, sagte er vergnügt.

 

»Auch ich wüßte einige Dinge zu berichten, bei denen Ihnen die Haare zu Berge stehen würden«, gab sie ihm zur Antwort. Darauf mußten sie beide lachen.

 

»Aber im Ernst – ich bin wirklich viel zu müde, um heute abend auszugehen.«

 

Sie schwieg plötzlich. Er hatte das Gefühl, daß sie ihm noch etwas sagen wollte. Aber sie streckte ihm nur schnell die Hand zum Abschied hin.

 

»Sie gehen jetzt wohl zu Ihren gefiederten Schlangen zurück?« Er war bestürzt, als er sah, wie sie zu zittern anfing.

 

»Nein, nein – kein Wort mehr von gefiederten Schlangen!« sagte sie schaudernd. »Leben Sie wohl.«

 

Sie war verschwunden, ehe er noch eine Frage an sie richten konnte.

 

Er wollte unbedingt den Grund ihrer plötzlichen Abneigung gegen gefiederte Schlangen wissen, und so beschloß er, vor ihrem Haus auf ihre Rückkehr zu warten. Unterwegs war er am Grosvenor Square gewesen und hatte dort erfahren, daß Mr. Crewe schon um neun Uhr in die Stadt gegangen war. Er hatte ein Büro in der Nähe von St. Martin’s le Grand, das aus zwei Räumen bestand. Es war im obersten Stockwerk eines hohen Gebäudes und wurde von ihm nur selten aufgesucht. Ein Angestellter genügte, um die Geschäfte abzuwickeln, die in diesem kleinen Büro getätigt wurden.

 

Crewe war seit einigen Stunden damit beschäftigt, eine Liste seiner Börsenpapiere aufzustellen und ihren Wert abzuschätzen. Er war an diesem Morgen mit der Absicht aufgewacht, alle seine Aktien zu verkaufen und sich an einen Ort zurückzuziehen, wo ihn die gefiederte Schlange nicht erreichen konnte.

 

Es war ihm klar, daß die gefiederte Schlange niemand anderes als William Lane war. Dieser Lane, der Farmer ohne Mitleid getötet hatte und dessen Drohungen drei weitere Menschen beunruhigten, hatte nichts mehr mit dem schweigsamen Mann zu tun, der damals auf der Anklagebank von Old Bailey saß und ohne Bewegung das Urteil anhörte, das über ihn gefällt wurde.

 

Während der vergangenen Jahre hatte Crewe fast vergessen, daß ein Mann namens Lane überhaupt noch existierte, hatte vergessen, daß hinter den Mauern eines düsteren Gefängnisses jemand lebte, dem er schweres Unrecht zugefügt hatte.

 

Schon bevor sein Angestellter kam, hatte Crewe ein Dutzend Briefe geschrieben, die Instruktionen für seine Beauftragten an der Börse enthielten. Drei bis vier Tage würde es in Anspruch nehmen, bis er seine Bestände an Aktien zu Geld gemacht hatte.

 

Crewe hatte gerade die zu erwartenden Beträge zusammengezählt, als der Angestellte die Visitenkarte Peter Dewins hereinbrachte. Zuerst hatte Crewe die Absicht, eine Unterredung mit ihm abzulehnen, dann siegte aber seine Neugier – vielleicht konnte er von dem Reporter irgend etwas in Erfahrung bringen. Er räumte seine Papiere beiseite und erwartete ihn mit einem möglichst unbefangenen Gesicht.

 

»Nehmen Sie bitte Platz … Eine Zigarre?« begrüßte er Dewin betont heiter. »Ich bin allerdings sehr beschäftigt und habe nur fünf Minuten Zeit. Etwas Neues über die gefiederte Schlange?«

 

Dewin ließ sich durch Crewes scheinbaren Gleichmut nicht täuschen. Er sah nur zu deutlich, wie sehr sich sein Gegenüber in den letzten Tagen verändert hatte. Die Drohung, die sich plötzlich gegen vier Menschen gerichtet hatte, war am deutlichsten von seinem Gesicht abzulesen. Er dachte daran, daß Farmer bereits tot war und Paula Ricks fluchtartig verschwunden war …

 

»Keine großen Neuigkeiten. Sie werden doch vermutlich Zeugnis bei der Totenschau ablegen müssen?«

 

Crewe sah ihn erschrocken an.

 

»Bei der Totenschau …? Was habe denn ich dort zu tun? Ich hatte ganz vergessen, daß eine Totenschau abgehalten wird …«

 

»Aber Sie sind doch der Hauptzeuge! Ich dachte, Sie hätten schon eine Vorladung erhalten. Bin gespannt, was der Richter sagen wird, wenn er erfährt, daß Mrs. Paula Staines in solcher Eile abgereist ist.«

 

Crewe sah Dewin ungläubig an.

 

»Abgereist?« wiederholte er. »Was soll das heißen?«

 

»Nun, daß sie heute morgen in den Schnellzug nach Vlissingen eingestiegen ist. Und ich kann sie zu dem Entschluß nur beglückwünschen! Hoffentlich hat sie eine glücklichere Überfahrt als ihr Vater …«

 

Während er sprach, behielt er Crewe scharf im Auge und sah, wie er plötzlich totenblaß wurde.

 

»Ihren Vater …? Den kannte ich nicht.«

 

»Was – Sie haben den großen Ricks nicht gekannt?« entgegnete Peter höhnisch.

 

Crewe sah aus, als ob er einen schweren Schlag erhalten hätte; seine Stimme klang schrill und heiser. »Ich weiß wirklich nicht … Ricks … Ich dachte immer, sie hieße Staines …«, erwiderte er völlig aus dem Konzept gebracht. »Tun Sie doch nicht so geheimnisvoll, Dewin.«

 

»Nun, sie heißt Paula Ricks – und ist die Tochter des Falschmünzers Ricks, der sich vor einer Reihe von Jahren das Leben nahm. Niemand weiß das besser als Sie, Mr. Crewe!«

 

»Sie hat England verlassen, sagen Sie? Wissen Sie das auch ganz genau?« Leicester Crewe wollte offensichtlich jeder Auseinandersetzung aus dem Wege gehen.

 

»Ich habe es selbst gesehen«, erwiderte Dewin. »Zeitungsreporter haben manchmal ein untrügliches Gefühl für kommende Ereignisse, und ich ging zum Bahnhof, um mir bei der Abfahrt der wichtigsten Züge nach dem Kontinent die Reisenden ein wenig anzuschauen.«

 

Crewe dachte schnell nach.

 

»Hm, ich habe so eine Erinnerung … Sie sagte letzthin, daß sie für eine Woche verreisen wolle … Ich glaube, Paris …«

 

»Sie hat aber bei dem Portier in Buckingham Gate hinterlassen, daß sie mindestens ein Jahr lang fort sein wird«, entgegnete Peter ruhig. »Sie brauchen sich darüber gar keine Illusionen zu machen – Miss Ricks ist endgültig und für immer verschwunden; und ich weiß, daß ein einziges kleines Wort sie vertrieben hat.«

 

»Ein – einziges Wort?«

 

Peter nickte.

 

»Ein sehr merkwürdiges Wort allerdings. Es würde mich interessieren, ob es Sie auch so erschreckt …« Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Sie beobachteten sich beide scharf.

 

»Vor einem Wort erschrecke ich nicht so ohne weiteres«, meinte Leicester Crewe schließlich gelassen.

 

Peter staunte, wie sich der Mann in den letzten Minuten verändert hatte. Vorher war er mehr oder weniger der Typ des durchschnittlichen Geschäftsmannes gewesen, der immerhin eine gewisse Lebensart angenommen hat; jetzt war er wieder der Typ des kleinen, schmierigen Winkelspekulanten, der er früher gewesen war.

 

»Ich will ganz offen mit Ihnen reden, mein Herr«, begann er. »Ihr geheimnisvolles Getue geht mir langsam auf die Nerven – verstehen Sie mich? Ihr Zeitungsleute glaubt immer, daß ihr euch einfach alles erlauben könnt. Die Sache kann nämlich ziemlich unangenehme Folgen für Sie haben, wenn Sie nicht vorsichtiger sind. Ich weiß nicht, wer Joe Farmer ermordet hat, aber wenn Ihr kleines Wörtchen irgend etwas mit gefiederten Schlangen zu tun hat, dann rate ich Ihnen, Ihre kostbare Zeit nicht länger zu verschwenden – mich jedenfalls können Sie damit nicht erschrecken.«

 

»Mrs. Staines …«, begann Peter.

 

»Zum Kuckuck mit Mrs. Staines!« schrie Crewe. »Es ist mir völlig gleichgültig, wo sie sich aufhält. Ich bin auch an weiteren Mitteilungen nicht im geringsten interessiert«, sagte er böse, als Dewin einen Brief aus der Tasche zog.

 

Aber der Reporter ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, sondern faltete das Papier auseinander.

 

»Diesen Brief habe ich heute morgen erhalten«, sagte er langsam. »Er ist mit Maschine geschrieben und hat weder Unterschrift noch Absender.«

 

Er legte das Blatt vor Leicester Crewe, der es widerwillig las:

 

Leicester Crewe (oder Lewston) siehe die Akten der Londoner Gerichtsverhandlung unter dem Namen Lewston, Februar 1905, oder Polizeiblatt vom 14. Februar 1905, S. 3 Absatz 3.

 

Ella Creed. Joseph Farmer, siehe die Polizeiakten von Marylebone Juni 1910. Ebenso die Peddington Times vom 22. Juni 1910. Name Farmster, geb. Lewston.

 

»Was soll das bedeuten?« fragte er, nachdem er das Schriftstück gelesen hatte.

 

»Ich habe heute morgen Erkundigungen eingezogen. Sie, Mr. Crewe, heißen Lewston, und Miss Ella Creed ist Ihre Schwester. Sie heiratete Farmer oder Farmster, als sie siebzehn Jahre alt war. Sie sind zweimal vorbestraft, einmal wegen Versicherungsbetrugs und einmal wegen betrügerischen Verkaufs von wertlosen Aktien. Sie sind einer früheren Verurteilung wegen Falschmünzerei nur entgangen, weil sich ein Formfehler in der Anklage fand. Ihre Schwester und Farmer waren vor dem Gericht in Marylebone wegen Hehlerei angeklagt. Sie scheinen aus einer wirklich unternehmungslustigen Familie zu stammen!«

 

Leicester Crewe biß sich auf die Lippen.

 

»Was soll das heißen? Wollen Sie mich etwa erpressen?«

 

Peter lächelte.

 

»Wenn ich dies als Frage verstehen soll, ob ich Sie anzeigen werde, so kann ich Sie beruhigen.«

 

Crewe betrachtete das Schreiben noch einmal, drehte es um und hielt es gegen das Licht.

 

»Es ist mir ganz egal, ob die Sache bekannt wird«, sagte er barsch. »Es ist schließlich kein Verbrechen, wenn man in der Welt vorwärtskommen will. Falls Sie mich erpressen wollen, so kann ich Ihnen nur sagen, daß ich mich auf nichts einlasse. Vielleicht haben Sie bei Ella mehr Glück. Ich nehme an, daß Sie diese Geschichte bei der Totenschau vorbringen wollen, um einen Sensationsbericht für Ihre Zeitung zu bekommen.«

 

»Diese Absicht habe ich keineswegs«, entgegnete der Reporter ernst. »Wenn ich eine gute Geschichte entdecke, behalte ich sie erst mal für mich selbst. Sie können ganz beruhigt sein, ich werde nichts gegen Sie unternehmen. Ich bemühe mich nur, ein schwieriges Rätsel zu lösen, und ich hoffte, daß Sie mir dabei helfen könnten.«

 

Der Mann sah ihn düster an.

 

»Was für ein Rätsel meinen Sie?« fragte er mit belegter Stimme.

 

»Die Geschichte von Gucumatz!« erwiderte Peter bedeutungsvoll.

 

Crewes Gesicht blieb unbewegt. Langsam verfärbte es sich, dann wurde es dunkelrot und dann wachsbleich.

 

»Gucumatz!« wiederholte er mechanisch und sah ihn an. Dann verzogen sich seine Lippen zu einem spöttischen Lächeln. »Jetzt verstehe ich! Sie haben das Wort natürlich in dem Geldbeutel entdeckt, den Joe Farmer immer bei sich trug. Das war eine seiner verrückten Ideen!«

 

Peter lachte.

 

»Dieselbe Erklärung fand auch Mrs. Staines. Sie war einen Augenblick sehr erleichtert, bis …«.

 

»Nun, bis …?« fragte Crewe ungeduldig, als Peter eine Pause machte.

 

»Bis ich ihr erzählte, daß Gucumatz ein aztekisches Wort für gefiederte Schlange ist.«

 

Crewe schwieg einen Augenblick.

 

»Ach, das ist ja interessant«, sagte er dann gedehnt.

 

Er hatte sich schnell wieder gefaßt. Peter bewunderte seine Haltung, denn er wußte ganz genau, wie schwer ihn diese Mitteilung treffen mußte.

 

»Die Sache regt mich nicht weiter auf!« fuhr Crewe mit einem schwachen Versuch zu lächeln fort. »Die gefiederte Schlange … das ist die Bedeutung. Der Kerl lebt also noch?«

 

Peter nickte.

 

»William Lane ist ganz gesund – daran gibt es keinen Zweifel mehr.«

 

Crewe spielte nervös mit den Papieren, die auf dem Tisch herumlagen.

 

»Zu dumm, daß ich das nicht früher gewußt habe, sonst hätte ich ihn beobachten lassen.«

 

»Aus welchem Grund verfolgt Lane Sie eigentlich?«

 

Crewe schüttelte den Kopf.

 

»Das fragen Sie ihn am besten selbst, wenn Sie ihm begegnen. Ist es der Polizei eigentlich bekannt, daß er Farmer ermordet hat? Es ist in diesem Lande anscheinend möglich, daß jeder sich seine eigenen Gesetze macht. So ein Kerl kann frei herumlaufen und andere Leute erschießen, bloß weil er sie haßt.«

 

Er begann in den Papieren herumzuwühlen, und sein Gesicht zeigte einen Ausdruck von Hilflosigkeit.

 

»Ich danke Ihnen jedenfalls für Ihre Angaben, Dewin. Es ist mir aber nicht möglich, Ihnen irgend etwas zu erklären. Von mir aus können Sie die Geschichte in Ihrer Zeitung bringen. – Also deshalb ist Paula abgereist? Bisher habe ich Ihnen das nicht geglaubt. Und sie nannte mich einen Feigling!«

 

»Wollen Sie mir nicht wenigstens den Anfang der ganzen Sache erzählen?« fragte Peter.

 

Mr. Crewe lachte hart.

 

»Ich habe keine Lust, auf der Anklagebank von Old Bailey zu sitzen und für zehn Jahre ins Zuchthaus zu wandern. – Brauchen Sie Geld?« fragte er plötzlich brutal.

 

»Ich könnte eine ganze Menge davon gebrauchen«, entgegnete Peter schnell. »Aber nicht von Ihnen, Crewe. Sie könnten mir jedoch eine Menge Arbeit und Mühe ersparen, wenn Sie mir die Geschichte von Gucumatz berichten. Sind Sie jemals in Südamerika gewesen?«

 

Zum erstenmal schien Crewe wirklich belustigt zu sein.

 

»Ich hätte keine Ahnung, daß das Land überhaupt existiert, wenn ich nicht zufällig ein Paket Trambahnaktien von Buenos Aires besäße. Kennen Sie vielleicht jemand, der sie mir schnell abkauft?«

 

Peter hatte plötzlich eine Idee.

 

»Warum gehen Sie nicht zu Mr. Beale – Mr. Gregory Beale? Ich habe neulich gehört, daß er sein ganzes Vermögen in südamerikanischen Unternehmungen investiert hat.«

 

Leicester Crewe dachte nach.

 

»Beale …? Ist das nicht der Mann, bei dem meine frühere Sekretärin jetzt beschäftigt ist?«

 

»Ganz recht – er hat Miss Olroyd angestellt.«

 

»Ich kenne ihn nicht – hat er denn so viel Geld? Geben Sie mir seine Adresse.«

 

Er notierte sie sich schnell auf einem Block.

 

»Wenn Sie vielleicht paar hundert Pfund brauchen, Dewin …«

 

»Hören Sie damit auf«, entgegnete Peter. Als er in der Tür stand, drehte er sich noch einmal um. »Noch etwas, Crewe – wenn sich Ihr Gewissen melden sollte und wenn Sie gerne einem verschwiegenen Menschen beichten möchten, dann finden Sie meine Nummer jederzeit im Telefonbuch.«

 

Peter besaß ein eigenes kleine« Auto; aus dritter Hand gekauft und nicht gerade sehr elegant, hatte ihn der Wagen doch noch nie im Stich gelassen. Natürlich hätte er auch mit der Bahn nach Newbury fahren können, aber er zog die offene Landstraße und die Einsamkeit vor, denn er hatte noch allerlei zu überlegen.

 

Sein Weg führte durch Thatcham, und er hielt Ausschau nach dem Haus, in das Hugg in der Nacht vor William Lanes Tod eingebrochen war.

 

An einer Ecke stand ein Polizist; Peter hielt und fragte.

 

»Aber ja, ich erinnere mich noch gut an den Fall«, sagte der Beamte. »Einer der Strolche wurde bei einem Autounfall getötet – ich glaube er hieß Lane. Mr. Bonnys Haus hat die Nr. 92, diese Straße weiter geradeaus.«

 

Mr. Bonny war ein ziemlich nervöser Mann, der ununterbrochen redete. Es dauerte fast eine Viertelstunde, bis Peter zum Kernpunkt der Sache vorgedrungen war.

 

»… ich sah die beiden Burschen in der Eingangshalle. Von dem Podest im ersten Stock aus drehte ich das Licht an und brauchte mich nur über das Treppengeländer zu lehnen, um sie zu beobachten. Der Kleinere hatte das Silber in einem Sack unter dem Arm.« Peter erinnerte sich daran, daß es Mr. Hugg seinerzeit diskret vermieden hatte, von Silber zu sprechen und seinen Einbruch damit entschuldigte, daß er bei der Kälte Kleider gesucht hätte. »Der andere war der Mann, der später getötet wurde – ein großer, häßlicher Kerl …«

 

»Ich dachte, der Mann, der getötet wurde, wäre an dem Einbruch gar nicht beteiligt gewesen?« fragte Peter schnell.

 

»Aber natürlich doch!« knurrte Mr. Bonny. »Er war es ja, der mich ermorden wollte, wenn ich herunterkäme!«

 

Peter verabschiedete sich. Die Lösung des Rätsels war gefunden. Der getötete Einbrecher war nicht William Lane gewesen, sondern Harry. William Lane war als einziger bei dem Autounfall unverletzt geblieben.

 

Es hatte eigentlich keinen Zweck, noch weitere Nachforschungen anzustellen. Um ganz sicherzugehen, fuhr Peter aber doch noch nach Thatcham und Newbury; dort wurde ihm alles bestätigt, was Mr. Bonny erzählt hatte.

 

Als er bei zunehmender Dunkelheit auf der Straße nach London zurückfuhr, überlegte er wieder. Harry war also getötet worden, und William Lane hatte seinen Ausweis und seinen Entlassungsschein in die Tasche des Toten gesteckt, während Mr. Bonny die Polizei benachrichtigte. Anscheinend hatte man die Identität des Toten in keiner Weise angezweifelt. Hugg hatte von dem ganzen Vorfall natürlich nichts gemerkt, da er ja gleich bewußtlos gewesen war.

 

Warum hatte William Lane das getan? Aus welchem Grund wollte er sich verbergen? Peter brauchte sich diese Frage nicht lange zu überlegen; die Antwort war ihm klar.