Kapitel 4

 

4

 

Böse Zungen sagten Mr. Leicester Crewe nach, daß er sich früher auf höchst verdächtige Weise sein Geld verdient hätte. Manche Leute erinnerten sich auch noch an die Zeit, wo er sich auf der Effektenbörse herumgetrieben hatte. Damals hieß er einfach Billy, hatte nur sehr wenig Geld, kannte sich dafür aber ausgezeichnet in Minenaktien aus.

 

Mr. Crewe dachte an diese Zeit zurück … Er sah sich mit einem düsteren Blick in der schönen Bibliothek seines Hauses um, das durch besondere Umstände sein Eigentum geworden war. Wie lange würde es ihm noch gehören? Hatte dieses unheimliche Schlangenbild irgendeine unheilvolle Vorbedeutung?

 

Es war sechs Uhr abends. Kurz vorher war Daphne Olroyd von dem Besuch bei ihrem neuen Chef zurückgekehrt. Mr. Crewe wußte noch nichts von dem bevorstehenden Stellungswechsel seiner Sekretärin. Er war heute früh nach Hause gekommen, weil er noch eine sehr wichtige Verabredung hatte. Als er daran dachte, öffnete er den in die Wand eingebauten Tresor und nehme ein schmutziges Stück Papier heraus, auf dem einige ungelenk geschriebene Worte standen. Er überlas sie, faltete das Papier wieder zusammen und steckte es in die Westentasche. Der Diener kam herein, um im Kamin nachzulegen, und Mr. Crewe fragte ihn:

 

»Ist der Mann noch nicht da?«

 

»Nein, Sir.«

 

Mr. Crewe zog nachdenklich die Stirn kraus.

 

»Sagen Sie mir sofort Bescheid, wenn er kommt. Ich möchte, daß Sie ihn im Auge behalten. Er ist ein entlassener Sträfling, ich kannte ihn früher mal – hm – bevor er ins Gefängnis kam.«

 

»Sehr wohl, Sir.«

 

Zehn Minuten verstrichen, dann schlug die kleine Uhr auf dem Kamin halb. Im gleichen Augenblick klopfte es, und der Diener kam mit einem kahlköpfigen kleinen Mann in abgerissenen Kleidern herein. Auffallend an dem Mann waren seine saubergeputzten alten Schuhe und die langen Narben, die sein unrasiertes Kinn verunzierten.

 

»Hugg – Harry Hugg«, stellte er sich vor.

 

Mr. Crewe winkte dem Diener, sich zu entfernen.

 

»Vor zwei Monaten erhielt ich von Ihnen einen Brief«, begann er, nachdem sich die Tür geschlossen hatte. »Ich antwortete damals nicht darauf, weil ich mich nicht auf den Mann besinnen konnte. Seitdem hat sich einiges ereignet … Ich erinnere mich jetzt – Lane – war das nicht der Name?«

 

Mr. Hugg nickte. Mit hängendem Kopf stand er in der Mitte des Zimmers. Anscheinend waren Mr. Crewe seine Stühle für diesen schmutzigen Menschen zu schade.

 

»Lane – William Lane – kriegte sieben Jahre für Falschmünzerei …«, murmelte der kleine Mann verlegen.

 

»Falschmünzerei?«

 

»Hat Banknoten gefälscht, und die Polente erwischte ihn dabei. Er bekam sieben Jahre – war seine erste Straftat. Ein ruhiger Mensch – wir lagen beide in demselben Flügel in Dartmoor. Merkwürdigerweise war er die ganze Zeit, die er absitzen mußte, niemals krank oder traurig. Wir waren beide an demselben Tag ins Gefängnis gekommen ich wurde wegen Einbruch verknackt – und kamen zur gleichen Zeit wieder raus.«

 

»Hat er mal meinen Namen erwähnt?«

 

Hugg schüttelte den Kopf.

 

»Nein, Sir, niemals. Wir gingen dann beide nach London: Ich hatte Verwandte in Reading, und ich sagte, er solle mitkommen, denn er hatte kein Zuhause. In Reading erfuhr ich, daß meine Verwandten fortgezogen waren, und wir wanderten weiter auf der Landstraße nach Newbury. Er starb in Thatcham – fiel tot um auf der Straße.«

 

Er kramte ein Stück Papier aus der Tasche, nach dem Mr. Crewe hastig griff. Es war ein amtliches Dokument, das den Tod William Lanes bestätigte.

 

»Was ganz Merkwürdiges sagte er, kurz bevor er starb: ›Harry, wenn mir was zustoßen sollte, dann geh zu Mr. Leicester Crewe und sage ihm, er soll nicht die gefiederte Schlange vergessen!‹«

 

»Die gefiederte Schlange?« Crewe atmete schwer. »Sind Sie sich auch ganz sicher?«

 

Harry Hugg nickte.

 

»Ja, ganz bestimmt – und er sagte ja auch weiter nichts.«

 

Niemals vorher hatte Crewe sich mit Schlangen beschäftigt, weder gefiederten noch ungefiederten. Nervös ging er im Zimmer auf und ab – es bestand also eine gewisse Verbindung zwischen dem toten William Lane und der phantastischen Warnung …

 

»Ist dieser Lane auch wirklich tot?« unterbrach Mr. Crewe plötzlich das Schweigen. »Wissen Sie das ganz bestimmt …? Sie kannten ihn doch?«

 

»Kannten ihn!« entgegnete Hugg verächtlich. »So gut wie ich meine rechte Hand kenne. Ich war bei ihm, bis sie ihn begraben hatten.«

 

»Hat er irgendwelche Verwandte?«

 

Hugg schüttelte den Kopf.

 

»Ich glaube nicht. Als er tot war, hat mich diese Sache mit der gefiederten Schlange mächtig beunruhigt. Er war so ernst, als er mir das auftrug – eigentlich gar nicht wie ’n Verrückter …«

 

Mr. Crewe ging unablässig im Zimmer auf und ab. Diese Karten waren also kein Scherz! Der Überfall auf Ella hatte seine tiefe und unheimliche Bedeutung. Angenommen, Lane wäre noch am Leben – gegen wen würde er etwas unternehmen? Doch nur gegen Ella, Paula Staines, Joe Farmer und ihn selbst! Ungeduldig zuckte er die Schultern und sah den früheren Sträfling mißtrauisch an.

 

»Hat er sonst wirklich nichts gesagt? Hat er nicht Ihnen und Ihren Freunden noch allerhand über mich vorgeflunkert? Hören Sie zu, Hugg – ich werde Ihnen ein hübsches Sümmchen geben, wenn Sie mir die Wahrheit sagen!«

 

Aber Huggs Gesicht blieb ausdruckslos; er schüttelte nur den Kopf.

 

»Aber Sir, was sollte er denn auch von ’nem Gentleman wie Ihnen erzählen? Übrigens war auch er ein gebildeter Mann, nicht so einer wie ich und die andern – er hätte zu unsereinem gar nichts gesagt.«

 

Crewe zog seine Brieftasche heraus und ließ nachlässig einige Banknoten durch die Finger gleiten.

 

»Was würden Sie zu hundert Pfund sagen?«

 

Hugg lächelte schmerzlich.

 

»Das wäre die Rettung für mich – aber ich kann Ihnen wirklich nichts sagen, obgleich ich’s gern täte.«

 

Leicester nahm zwei Noten und reichte sie dem Mann. Er fühlte, daß er die Wahrheit sagte – daß Lane tot war. Aber was hatte es mit der gefiederten Schlange auf sich?

 

»Hier sind zwanzig Pfund.«

 

Der kleine Mann steckte das Geld hastig ein.

 

»Ich habe Ihre Adresse«, fuhr Crewe fort. »Wenn Sie die Wohnung wechseln, dann lassen Sie es mich wissen. Den Totenschein werde ich behalten.«

 

Als Mr. Crewe nach dem Diener läutete, trat Hugg einen Schritt vor und sagte plötzlich noch etwas recht Unmotiviertes.

 

»Dieser Lane war ’n guter Kerl. Er hat mir in Dartmoor sogar das Leben gerettet …« In seiner Stimme klang jetzt etwas Herausforderndes.

 

»Ja, ja, schon gut«, winkte Crewe ungeduldig ab. »Sehr interessant – nun, das wär’s dann wohl!«

 

Harry Hugg verließ das Zimmer; er murmelte einige unzusammenhängende Worte vor sich hin.

 

So war das also. Leicester Crewe richtete sich auf, als ob ihm eine Last von den Schultern gefallen wäre. Lange stand er vor dem Kamin, schaute ins Feuer und dachte über den verstorbenen William Lane nach – ein Gespenst, das ihn die letzten Jahre verfolgt hatte, war nun verschwunden.

 

Schließlich ging er zum Schreibtisch und drückte auf einen Klingelknopf. Gleich darauf trat Daphne Olroyd ins Zimmer.

 

Mr. Crewe schaute sie abschätzend an. Sie sah wirklich sehr gut aus, und er hatte ihr auch schon verschiedentlich zu verstehen gegeben, daß sie ihm ausgezeichnet gefiel. Zu seinem Ärger hatte sie seine Komplimente bis jetzt allerdings nur sehr kühl quittiert.

 

»Haben Sie sich die Sache inzwischen überlegt, Miss Olroyd? Die Angelegenheit, die ich noch regeln mußte, ist jetzt – hm – beigelegt. Am 14. dieses Monats möchte ich abreisen. Wir fahren zuerst einige Wochen nach Capri dann dachte ich daran, nach Istanbul …«

 

»Sie werden sich eine andere Sekretärin suchen müssen, Mr. Crewe«, unterbrach sie ihn ruhig.

 

Er lächelte gezwungen.

 

»Aber Miss Olroyd – halten Sie es etwa für unschicklich, als meine Privatsekretärin mit mir auf Reisen zu gehen?«

 

»Vielleicht«, erwiderte sie trocken. »Auf jeden Fall habe ich keine Lust dazu.«

 

Er sah sie ungeduldig an, und sie dachte, wie schon oft, daß er in manchen Augenblicken eine unverkennbare Ähnlichkeit mit einem Geier habe.

 

»Ist ja alles Unsinn«, erklärte er dann laut. »Mrs. Staines wird uns begleiten.«

 

Sie schüttelte lächelnd den Kopf.

 

»Auch das ändert nichts an der Sache«, entgegnete sie.

 

Er murmelte etwas von Gehaltserhöhung und nannte eine beträchtliche Summe. Mit einer entschiedenen Handbewegung wehrte sie ab.

 

»Ich habe mir meine Zukunft grundsätzlich anders vorgestellt«, sagte sie. »Außerdem wollte ich Ihnen sowieso mitteilen, daß ich mir eine andere Stelle gesucht habe.«

 

Leicester Crewe zog ärgerlich die Augenbrauen hoch. Mühsam schluckte er die unliebenswürdigen Worte hinunter, die er schon auf der Zunge hatte, und antwortete in verhältnismäßig freundlichem Ton:

 

»Tut mir sehr leid, das zu hören – wie heißt denn der glückliche Chef?«

 

Als sie ihm den Namen genannt hatte, war er auch nicht klüger.

 

»Danke schön – Sie können gehen.«

 

Sie war froh, daß sie das Zimmer verlassen konnte.

 

Er ging mit den Händen auf dem Rücken auf und ab, als sich plötzlich die Tür wieder öffnete und eine Dame in das Zimmer trat. Sie war ungefähr dreißig Jahre alt; man konnte sie nicht gerade hübsch nennen, auf jeden Fall aber hatten verschiedene Kosmetiksalons das ihre getan, Frisur und Gesicht möglichst attraktiv zu gestalten. Ihr Kleid, selbstverständlich ein Pariser Modell, war von der entsprechend raffinierten Eleganz.

 

Paula Staines ging zum Kamin.

 

»Ich habe deine Sekretärin gerade getroffen – sie schien von deinem Plan nicht so begeistert zu sein, wie ich eigentlich erwartet hatte.«

 

»Was heißt nicht begeistert«, brummte Leicester. »Sie lehnt es rundweg ab mitzugehen.«

 

Paula Staines lachte leise.

 

»Das hätte ich nicht gedacht«, entgegnete sie. »Warum heiratest du die junge Dame nicht einfach?«

 

Er starrte sie verdutzt an.

 

»Ich bin doch nicht verrückt«, entgegnete er dann grob. »Was führst du eigentlich im Schild? Willst du mich etwa aufs Glatteis führen, um mich später wegen Bigamie anzeigen zu können?«

 

Sie lachte wieder, diesmal ziemlich hart.

 

»Wie genau du es in der letzten Zeit mit den Gesetzen nimmst! Wirklich, die Zeiten haben sich geändert. Bigamie! Ich erinnere mich an Tage, an denen dir so kleine Fische nichts ausgemacht hätten, Billy.«

 

Dann änderte sie plötzlich ihren Ton und trat dicht vor ihn hin.

 

»Billy, ich habe so ein seltsames Angstgefühl …«

 

Er schaute sie erstaunt an.

 

»Du fürchtest dich? Was soll das heißen?«

 

Sie gab einige Zeit keine Antwort; dann schaute sie ihm gerade in die Augen.

 

»Hat Ella dir eigentlich erzählt, daß sie nicht nur beraubt wurde, sondern daß auch ihr Haus vollständig durchsucht worden ist? Vor allem im Safe war alles durchwühlt.«

 

Mr. Crewe biß sich auf die Lippen.

 

»Das verstehe ich nicht – und gestohlen wurde nichts?«

 

»Nein, das war ja auch gar nicht beabsichtigt. Daß ihr die unechten Perlen und die Smaragdspange abgenommen wurden, war doch nur ein Trick. Die Räuber suchten nach etwas ganz anderem – und das haben sie auch gefunden!«

 

»Du gibst Rätsel auf«, erwiderte er. »Was sollen die Beauftragten der gefiederten Schlange denn gesucht haben?«

 

»Ellas Siegelring«, war die knappe Antwort.

 

Crewe wurde bleich.

 

»Den … Siegelring?« flüsterte er. »Den haben sie ihr abgestreift? Warum hat Ella denn das nicht der Polizei mitgeteilt?«

 

Ihr Lächeln war jetzt offensichtlich verächtlich.

 

»Konnte sie denn das?« fragte sie geringschätzig. »Nein, dazu ist Ella viel zu klug. Soll ich dir noch etwas sagen, Billy? Wenn die Perlen und Smaragde echt gewesen wären, hätte man sie zurückgeschickt. Denn der Mann, der in Ellas Haus einbrach, war – William Lane!«

 

Er lachte so geringschätzig, daß sie stutzte.

 

»Dann muß er sich dazu extra Urlaub von der Hölle genommen haben«, sagte er wegwerfend. »William Lane starb vor zwei Monaten – ich habe seinen Totenschein in der Tasche!« Er zog ein schmutziges Stück Papier heraus und zeigte es ihr. Sie las es Wort für Wort langsam durch.

 

»Ich habe es von einem alten Sträfling, der bei ihm war, als er starb. Diese ganze Sache mit der gefiederten Schlange ist weiter nichts als Einbildung; ich glaube auch das ganze Geschwätz mit dem Siegelring nicht … Ella ist eine geborene Lügnerin, die nur auf Sensationen aus ist.«

 

»Warum hat sie es dann nicht dem Zeitungsreporter mitgeteilt? Nein, mein Lieber, Ella ist ja selbst völlig durcheinander.« Sie betrachtete den Schein und seufzte tief. »Danach wäre also die Sache mit William in Ordnung«, meinte sie düster. Während sie sprach, klingelte das Telefon auf dem Schreibtisch, und Crewe nahm den Hörer ab. Der Anrufer sprach so schnell, daß er zuerst überhaupt nichts verstand.

 

»Wer spricht denn?« fragte er ungeduldig.

 

»Joe – Joe Farmer. Ich muß dringend mit dir reden habe etwas Wichtiges entdeckt … Ist Paula bei dir?«

 

»Ja«, antwortete Crewe. »Was hast du denn herausgefunden?«

 

»Das Geheimnis der gefiederten Schlange«, war die überraschende Entgegnung. »Na, was sagst du nun …?«

 

»Von wo aus sprichst du?«

 

»Von Tidal Basin – der alten Stelle. Ich habe dort einige Nachforschungen angestellt. In zwanzig Minuten bin ich bei dir – warte auf mich!«

 

Crewe legte den Hörer auf und teilte Paula den Inhalt des Gespräches mit.

 

»Wird doch nicht viel dabei rauskommen«, sagte er zum Schluß verächtlich.

 

»Unterschätze Joe nicht – hast du etwa vergessen, daß er seinerzeit den Plan zur Gründung unserer kleinen Interessengemeinschaft ausarbeitete?«

 

Leicester Crewe antwortete nicht. Es war ihm anzusehen, daß er aufgeregter war, als er zugeben wollte.

 

»Wenn ich wirklich annehmen müßte …«, begann er.

 

»Wenn du wirklich annehmen müßtest, daß Gefahr im Anzug wäre, würdest du kurzerhand fliehen – das willst du doch sagen, nicht wahr?« unterbrach sie ihn. »Billy, du bist immer noch der alte Feigling. Ich möchte fast wetten, daß du alles für eine Flucht vorbereitet hast.«

 

»Du brauchst nicht zu denken, daß mir dieser Unsinn mit der gefiederten Schlange so in die Glieder gefahren ist«, widersprach er mürrisch. »Ich habe eben seit einiger Zeit das Gefühl, daß wir Unannehmlichkeiten bekommen werden – und zwar seitdem ich den Brief von diesem früheren Sträfling erhielt.«

 

»Ja, genau zu dem Zeitpunkt, als William Lane aus dem Gefängnis entlassen wurde.« Sie sprach seine innersten Gedanken aus. »Aber ich habe mich niemals von Lane beunruhigen lassen. Erstens ist es nicht leicht, uns zu überführen; zweitens würde so ein Schwächling wie er sich hüten, etwas gegen uns zu unternehmen – und drittens ist er doch schließlich tot, nicht wahr?«

 

Leicester gab ihr keine Antwort, aber das Streichholz, mit dem er seine Zigarette anzündete, zitterte leicht.

 

»Du siehst Gespenster, Billy, und machst dir Sorgen um nichts. Wenn du heute abend fliehen solltest – ich würde bestimmt bleiben, nur um zu sehen, was weiter geschieht. Wirklich, ich bin neugierig darauf!«

 

»Du bist ganz einfach verrückt«, knurrte er gereizt und verfiel wieder in langes Schweigen. Sie beobachteten die Zeiger der Uhr, die langsam vorrückten. Eine Viertelstunde ging vorüber – zwanzig Minuten – dreißig Minuten – dann hörten sie von der Straße herauf das Geräusch eines Wagens und gleich darauf das Anziehen der Bremsen.

 

»Das ist Joe«, sagte Leicester und sprang auf.

 

Er ging in die dunkle Halle hinaus und öffnete vorsichtig die Haustür. Als er die Klinke herunterdrückte, schlug ihm die Tür entgegen, als ob sich jemand von außen dagegenstemmte. Er trat einen Schritt zurück – eine dunkle Gestalt fiel mit dumpfem Aufprall vor ihm auf den Teppich.

 

Crewe sah die Scheinwerfer des Wagens, der anfuhr und gleich darauf verschwunden war – dann hörte er hinter sich Paulas Stimme.

 

»Was ist los?« fragte sie ängstlich.

 

»Mach Licht!« rief Leicester. Die Halle wurde hell, und beide starrten schreckerfüllt auf den Boden. Dort lag der Länge nach Joe Farmer – die Füße noch außerhalb der Türschwelle, die linke Hand um eine Karte verkrampft.

 

Leicester Crewe kniete bei ihm nieder, drehte ihn auf den Rücken – und schaute in die weit aufgerissenen starren Augen eines Toten.

 

Was für eine seltsame Nachricht Joe Farmer auch hatte überbringen wollen – sie war mit ihm verlorengegangen.

 

Kapitel 5

 

5

 

Offensichtlich hatte man Joe Farmer von hinten niedergeschossen. Leicester schaute ihn noch immer entsetzt an; erst nach einer Weile nahm er mechanisch die Karte aus der Hand des Toten. Wieder die gefiederte Schlange!

 

Joes Uhr und ein anderer Gegenstand waren bei dem Sturz aus seiner Tasche auf den Boden gefallen. Leicester schaute reglos auf den viereckigen, flachen Geldbeutel, den er nur allzugut kannte. Was für ein Idiot dieser Joe doch gewesen war. Immer noch hatte er dieses Andenken mit sich herumgetragen! Crewe beugte sich über den Toten, nahm den Geldbeutel und reichte ihn nach hinten.

 

»Merkwürdig …, man konnte keinen Schuß hören«, murmelte er. »Nimm das Ding, Paula – wirf es ins Feuer, bevor die Polizei kommt.«

 

Der Geldbeutel wurde ihm aus der Hand genommen. Er drehte sich nicht um, sondern blickte erst auf, als er eine weiche, erschreckte Stimme hörte:

 

»Soll ich die Polizei rufen …? Ist er verletzt, Mr. Crewe?«

 

Daphne Olroyd stand dicht hinter ihm.

 

»Ach, Sie sind es«, sagte er verwirrt. Dann erst sah er, daß Paula auf einem Stuhl an der Wand saß. Anscheinend war ihr schlecht geworden; sie war kalkweiß, und ihr Gesicht sah plötzlich ganz verfallen aus.

 

»Bitte … wenn Sie so freundlich sein wollen … telefonieren Sie …«

 

Als Daphne gerade zum Telefon lief, kam der Diener hastig die Treppe herunter. Sie hatte noch ein wenig ausgehen wollen und war nur zufällig Zeugin dieser Tragödie geworden.

 

Am Telefon berichtete sie dem Beamten auf der Polizeiwache in abgerissenen Worten, daß sich ein Unglück ereignet hätte. Sie hatte dabei das ungewisse Gefühl, daß der Polizeisergeant den Eindruck haben müsse, daß sie verrückt sei. Dann erinnerte sie sich plötzlich an den jungen Journalisten und suchte im Telefonbuch die Nummer seiner Zeitung. Die Verbindung mit seinem Büro wurde hergestellt, und gleich darauf hörte sie Peters Stimme:

 

»Hallo, wer ist dort?«

 

Ihr Bericht fiel noch verwirrter aus, als der Anruf bei der Polizei.

 

»… eine schreckliche Sache … Ich glaube, der Mann ist tot … er hatte eine Karte in der Hand … können Sie sich an die gefiederte Schlange erinnern?«

 

»Von wo aus sprechen Sie denn?« unterbrach er sie plötzlich.

 

»Ich bin in Mr. Crewes Haus. Der Tote heißt Joe Farmer … es ist furchtbar …!«

 

»Ist er wirklich tot? Und er hatte eine Karte mit der gefiederten Schlange in der Hand? Ich komme sofort!«

 

Sie erschrak. »Aber bitte erzählen Sie Mr. Crewe auf keinen Fall, daß ich Sie benachrichtigt habe.«

 

»Verlassen Sie sich nur auf mich«, entgegnete er heiter und brach das Gespräch ab.

 

Sie hörte, daß ihr Name gerufen wurde und lief schnell die Treppe hinunter.

 

»Paula ist ohnmächtig geworden – schauen Sie bitte nach ihr!«

 

Crewes Stimme war heiser; es schien Daphne, als ob er selbst dem Zusammenbruch nahe sei.

 

Um den Toten hatte sich inzwischen das gesamte Hauspersonal versammelt. Einer der Diener untersuchte gerade die Wunde. Sie hörte, wie er leise sagte: »Mitten durchs Herz!«

 

Paula Staines lag in der Bibliothek bleich und vollständig kraftlos auf der Couch. Anscheinend war sie schon vor einiger Zeit wieder zum Bewußtsein gekommen, denn als Daphne hereinkam, schaute sie sie starr an.

 

»Joe Farmer ist ermordet worden«, sagte sie dann, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und warf krampfhaft den Kopf hin und her.

 

Ratlos ging Daphne wieder in die Halle, um Mr. Crewe zu rufen. Seine Augenlider zuckten nervös; er war unfähig, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen oder etwas zu unternehmen.

 

»Es wird am besten sein, wenn Sie gehen«, sagte er schließlich zu ihr. »Nehmen Sie den Küchenausgang durch den Garten; die Polizei wird in wenigen Minuten hier sein.«

 

»Kann ich Ihnen nicht irgendwie behilflich sein?«

 

»Behilflich …?« entgegnete er heiser. »Was könnten Sie helfen … Auf jeden Fall möchte ich nicht, daß Sie hier bleiben. Und dann, Miss Olroyd, wenn die Polizei Sie fragen sollte, ob Farmer hier im Hause ein häufiger Besucher war, dann müssen Sie sagen, daß Sie ihn kaum gesehen haben. Selbstverständlich habe ich geschäftlich mit ihm zu tun gehabt, aber er war nicht mein Freund – ich habe ihn erst letztes Jahr kennengelernt. Verstehen Sie mich?«

 

Dann schien er sich plötzlich an ihre frühere Unterhaltung zu erinnern.

 

»Ach, Sie wollten ja sowieso die Stellung wechseln dann ist es besser, wenn Sie gleich ganz gehen. Ich werde Ihnen einen Scheck über Ihr restliches Gehalt schicken …«

 

Er drängte sie hastig aus dem Raum, und sie stand draußen im Nebel, bevor sie noch eine Erklärung für seine außerordentliche Ängstlichkeit finden konnte.

 

Als Daphne das Grundstück durch einen Seitenausgang verließ, fuhr eben ein Streifenwagen vor. Einige Beamte sprangen heraus; mit knirschenden Bremsen hielten gleich darauf ein Krankenwagen und ein Taxi, aus dem Peter Dewin stieg. Sie rief ihn an, und er drehte sich zu ihr um.

 

»Hallo! Ich hoffte eigentlich, Sie wären nicht mehr hier. Was ist denn nun passiert?«

 

Sie erzählte ihm alles, was sie wußte. Sie war oben in ihrem kleinen Arbeitszimmer gewesen und hatte eben den Mantel angezogen, um nach Hause zu gehen. Als sie das Licht ausdrehte und noch einmal ans Fenster trat, um die Vorhänge zu schließen, sah sie, wie ein Wagen vor dem Tor hielt. Gleich darauf war sie die Treppe hinuntergegangen. Sie hatte vergessen, oben das Licht anzumachen, so daß die Halle im Dunkeln lag. Sie war eben in die Halle getreten, als sich die Haustür öffnete. Dann hörte sie, wie etwas zu Boden fiel und wie Mr. Crewe nach Licht rief – gleich darauf sah sie die reglos ausgestreckte Gestalt auf dem Teppich.

 

»Ach so – noch etwas!« rief sie plötzlich.

 

»Was ist?« fragte er.

 

»Mr. Crewe gab mir diesen Geldbeutel und sagte, daß ich ihn ins Feuer werfen sollte. Wahrscheinlich hielt er mich für Mrs. Staines. Würden Sie so liebenswürdig sein und ihm das Ding zurückgeben?«

 

Er nahm den Geldbeutel aus ihrer Hand und steckte ihn ein. Sein Taxi wartete noch.

 

»Fahren Sie nach Hause, nehmen Sie gleich das Taxi hier«, meinte er dann.

 

Er fragte nach ihrer Adresse. Sie hatte eine kleine Wohnung in der Nähe der Baker Street; Peter drückte dem Chauffeur einige Silbermünzen in die Hand und nannte ihm die Straße.

 

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Sie heute abend noch einmal aufsuche? Oder wohnt die unvermeidliche sittenstrenge Tante bei Ihnen?« erkundigte er sich noch durchs Wagenfenster.

 

Sie lachte.

 

»Kommen Sie auf jeden Fall – auf Kosten meines guten Rufes. Aber jetzt auf Wiedersehen, ich halte Sie von Ihrer Arbeit ab.«

 

Er wartete, bis das Rücklicht des Wagens verschwunden war; dann ging er die Treppe zum Haus hinauf. Die Tür stand weit offen, und in der hellerleuchteten Halle sah er Oberinspektor Clarke. Der Beamte kam ihm bis zur Treppe entgegen.

 

»Sie haben wohl eine Nase für solche Angelegenheiten, Dewin«, sagte er. »Wir haben doch selbst eben erst davon erfahren.«

 

»Sie wissen doch, daß ich manchmal hellsehen kann«, entgegnete Dewin. »Ist er tot?«

 

Clarke nickte.

 

»Besser, Sie besuchen mich morgen früh. Jetzt kann ich Ihnen wirklich noch nichts sagen.« Dies erklärte er in einem so bestimmten Ton, daß Peter wußte, daß dagegen nichts zu machen war.

 

Immerhin besaß er schon bedeutend mehr Informationen, als der Oberinspektor ahnte. Er konnte sich den Hergang der Tat ungefähr zusammenreimen und wußte außerdem, daß der Ermordete in Bloomsbury gewohnt hatte. Peter hatte ihn dort schon verschiedentlich interviewt und kannte auch seine alte Haushälterin.

 

Jetzt galt es vor allem, schnell zu handeln, denn Peter hatte die Absicht, die Wohnung Joe Farmers unter allen Umständen vor der Polizei zu erreichen. Er mußte irgendeinen Anhaltspunkt finden, der auf den Weg zum Motiv des Verbrechens führte.

 

Als er bei Joe Farmers Wohnung ankam, wollte die Haushälterin gerade ins Kino gehen. Sie hatte an diesem Abend Ausgang, und Mr. Farmer hatte ihr außerdem gesagt, daß er erst sehr spät zurückkommen würde.

 

»Macht gar nichts, Mrs. Curtin«, sagte Dewin freundlich. »Ich muß ihn unbedingt sprechen und werde warten, bis er kommt.«

 

Die alte Frau ließ ihn ohne weiteres ein. Es war durchaus nichts Ungewöhnliches, daß Farmers Freunde in der Wohnung des häufig abwesenden Hausherrn auf ihn warteten; vor allem wußte sie auch, daß Mr. Farmer den Zeitungsreporter stets sehr liebenswürdig empfangen hatte.

 

Peter Dewin wartete, bis sich die Haustür hinter der alten Frau geschlossen hatte, und begann dann eine schnelle Durchsuchung. Die Wohnung bestand aus vier Zimmern und einer Küche, die sich alle um einen Korridor gruppierten. Dieser führte zu einem kleinen Vorraum und der Haustür.

 

Der größte Raum der Wohnung – Farmers Arbeitszimmer – war mit viel Geld und wenig Geschmack eingerichtet. In der einen Ecke stand ein einfacher Büroschreibtisch mit Rolläden – ein merkwürdiger Gegensatz zu den Stilmöbeln der übrigen Einrichtung. Der Schreibtisch war verschlossen, aber schon der erste kleine Schlüssel, den Dewin der reichhaltigen Auswahl seines Schlüsselbundes entnahm, paßte in das Schloß. Er öffnete und durchsuchte systematisch sämtliche Schubladen. Anscheinend war Farmer ein Mann gewesen, der ordentlich und methodisch gearbeitet hatte. Dewin fand Aktenordner, die Abrechnungen über Farmers verschiedene Nachtlokale und andere Unternehmungen enthielten; am meisten interessierte ihn aber eine Schublade, die allem Anschein nach später eingebaut worden sein mußte. Sie war mit einem Patentschloß gesichert, aber Peter Dewin hatte heute seinen glücklichen Tag, denn der Schlüssel steckte im Schloß. Wie sich später herausstellte, hatte Joe Farmer gerade an diesem Tag den Inhalt der Schublade kontrolliert.

 

Dewin schloß auf und zog eine Metallkassette heraus, die nicht verschlossen war. Er hob den Deckel auf – der Inhalt bestand lediglich aus zwei zusammengefalteten Papieren. Er faltete sie auseinander und betrachtete sie. Das erste Blatt zeigte offensichtlich einen Grundriß für einen großen Block von Arbeiterwohnungen. Er brummte mißmutig; er wußte, daß Joe Farmer seine Hand in vielen Bauunternehmungen gehabt hatte.

 

Das zweite Schriftstück bestand aus zwei zusammengehefteten Blättern Papier, die mit Seite 3 und 4 numeriert waren. Die Seiten 1 und 2 fehlten. Aus dem Text ging ohne weiteres hervor, daß dies ein amtliches Aktenstück war, anscheinend eine Zeugenaussage bei einem Verhör. Er las:

 

»Der besagte William Lane war mir als ein Mann bekannt, der Falschgeld vertrieb. Ich traf ihn zum erstenmal in dem Gasthaus ›Rose und Krone‹, das ich gepachtet hatte. Er erzählte mir, daß er früher Matrose gewesen und selten in England gewesen sei. Dann fragte er mich, ob ich nicht Falschgeld von ihm kaufen wolle. Er sagte mir, daß er selbst Drucker sei und mir jede beliebige Menge falscher Pfundnoten liefern könne. Er habe bereits zwanzig Stück davon ausgegeben, ohne daß jemand Verdacht geschöpft hätte. Ich dachte, er mache einen Scherz und erwiderte, daß ich gar nicht daran denken würde, so etwas zu tun. Er lachte und sprach von etwas anderem. Zwei Tage später kam er dann in ein Lokal, das im West End liegt und auch mir gehört, und fragte den Barmixer, ob er ihm nicht eine Fünfpfundnote wechseln könne. Mein Angestellter, der William Lane kannte, berichtete mir abends den Vorfall. Als ich meine Abrechnung machte, untersuchte ich den Geldschein genau. Er schien mir völlig echt zu sein, aber ich legte ihn trotzdem am nächsten Morgen in meiner Bank vor. Der Kassierer prüfte ihn und sagte, daß es eine Fälschung wäre und daß in den letzten Tagen schon mehrfach ähnliche Noten eingegangen seien. Ich brachte den Schein sofort zu Inspektor Bradbury und erzählte ihm von meiner Unterredung mit William Lane. Einige Tage später erhielt ich von der Polizei eine Benachrichtigung, daß die Wohnung William Lanes durchsucht worden sei. Man hatte dort eine Presse, Druckmaschinen und Falschgeld gefunden. Bei der Gegenüberstellung sagte der Gefangene aus:

 

Es sei nicht wahr, daß zwischen William Lane und Farmer eine Unterhaltung über den Verkauf von Falschgeld stattgefunden habe. Es würde auch nicht stimmen, daß William Lane eine falsche Fünfpfundnote zum Wechseln vorgelegt habe.

 

Nachdem er noch einmal vom Staatsanwalt befragt worden war:

 

Es ist nicht richtig, wenn Lane behauptet, daß er sein Freund war. Er hat höchstens zwei- oder dreimal mit ihm gesprochen und kannte ihn nur als einen Gast der ›Rose und Krone‹.«

 

Hier endete das Aktenstück, das ganz offensichtlich nicht vollständig war; schließlich fand er auf einer Rückseite noch eine Bleistiftnotiz in Farmers Handschrift:

 

»Ich bin sicher, daß dieser Mann William Lane war, weil über sein linkes Handgelenk die Narbe einer alten Schnittwunde lief, die ihm nach seiner Erzählung einmal ein Neger auf einem Schiff beigebracht hatte.«

 

Am unteren Rand des Blattes standen noch drei Zeilen, mit blauem Farbstift geschrieben:

 

»A. Bone starb am 14. Februar. Harry, der Barmann, 18b Calle Rosina, B. A., sehr krank.«

 

Peter Dewins Augen glänzten. Ohne Zögern faltete er die Papiere wieder zusammen, steckte sie in seine Tasche und wollte den Bauplan eben in die Schublade legen, als er den Namen des Architekten und das Datum las. Warum hatte Joe Farmer diesen Plan so lange aufgehoben? Ohne Gewissensbisse schob Dewin auch den Plan in seine Tasche. In diesem Augenblick hörte er ein Klopfen an der Haustür. Er schaute sich schnell noch einmal im Zimmer um, schob dann die Rolljalousie des Schreibtisches hoch und schloß ab, bevor er Oberinspektor Clarke die Haustür öffnete. Das Gesicht des Beamten zog sich merklich in die Länge, als er den Reporter erblickte.

 

»Donnerwetter, Sie verlieren aber wirklich keine Zeit«, sagte er. »Wer ist außer Ihnen hier in der Wohnung?«

 

»Niemand«, entgegnete Dewin gelassen. »Die Haushälterin ist ins Kino gegangen – sie schaut sich den neuesten Kriminalfilm an.«

 

»Hören Sie mit dem Blödsinn auf!« Oberinspektor Clarke betrat die Wohnung, seine Beamten folgten ihm, »Haben Sie etwa schon hier herumgeschnüffelt und etwas gefunden?«

 

»Ich bin erst vor ein paar Minuten gekommen«, log Dewin frech drauflos, »und ich überlegte eben, ob ich hier nicht etwas mitgehen lassen könnte, als ich durch Ihr Klopfen wieder auf den Pfad der Tugend zurückgeführt wurde.«

 

Clarke brummte etwas Unliebenswürdiges und begann dann mit der Durchsuchung der Räume. Dewin ging bescheiden hinter ihm her.

 

»Vermutlich haben Sie diesen Schreibtisch geöffnet und alle Papiere angesehen«, sagte der Inspektor, während er geschickt das Schloß aufdrückte und die Schubladen herauszog.

 

Dann bückte er sich und hob einen Blaustift vom Boden auf.

 

»Ist der Ihnen aus der Tasche gefallen?« erkundigte er sich ironisch.

 

Peter Dewin wurde klar, daß die Notiz auf der Rückseite des einen Blattes erst kürzlich geschrieben worden war. Es war ein neuer Farbstift, frisch angespitzt. Die Holzspäne lagen auf dem Teppich, und das offene Federmesser auf dem Tisch zeigte blaue Spuren.

 

»Keine Spur von gefiederten Schlangen, wie?« meinte Clarke, als er seine Untersuchung beendet hatte. Dann ließ er sich dazu herbei, Dewin einige Informationen zu geben.

 

»Farmer wurde mit einer automatischen Pistole erschossen, die wahrscheinlich einen Schalldämpfer hatte wir fanden eine leere Patronenhülse mitten auf dem Gartenweg. Er hatte ein Taxi benutzt; der Wagen wurde an der Ecke des Grosvenor Square gesehen und bog dann in die Grosvenor Street ein. Mr. Crewe gab an, es sei ein kleiner Wagen gewesen, aber seine Beschreibung stimmt nicht mit der anderer Zeugen überein. Der Mann, der Farmer tötete, fuhr in diesem Auto mit – vielleicht war es der Chauffeur selbst. So, das können Sie veröffentlichen, Peter. Sie dürfen aber nicht schreiben, daß Farmer noch eine halbe Stunde vor seinem Tode mit Crewe telefonierte – ich erzähle Ihnen das nur deshalb, weil Sie es wahrscheinlich doch erfahren werden. Farmer sagte, daß er etwas über die gefiederte Schlange in Erfahrung gebracht habe und Crewe aufsuchen wolle, um es ihm mitzuteilen.«

 

»Wieso interessierten sich die beiden eigentlich für die gefiederte Schlange?« fragte Dewin. Der Oberinspektor sah ihn nachdenklich an.

 

»Wollen Sie mich bluffen? Sie wissen doch ganz genau, daß Crewe und Farmer diese mysteriösen Karten erhalten haben. Wie erklärt man sich die Geschichte eigentlich auf Ihrer Redaktion?«

 

»Wir haben die Sache bis jetzt nicht ernst genommen – es sah zu sehr nach Sensationsmache aus. Daß so etwas in Wirklichkeit nicht passiert, das wissen Sie doch am besten, Clarke.«

 

»Dafür hat sich dieser Mord aber wirklich zugetragen«, entgegnete Clarke grimmig.

 

Als sie zusammen zum Bloomsbury Square gingen, schaute er Dewin immer noch ab und zu argwöhnisch von der Seite an und fragte schließlich:

 

»Haben Sie wirklich nichts gefunden?«

 

»Bestimmt nichts, was der Polizei irgendwie von Nutzen sein könnte«, erwiderte Dewin prompt.

 

»Das heißt also, daß Sie mich irgendwie aufs Glatteis führen wollen. Es wäre eigentlich meine Pflicht, Sie auf die Polizeiwache zu bringen und Ihre Taschen vollständig durchsuchen zu lassen.«

 

Als Peter Dewin in seinem Büro am Schreibtisch saß, war er sich schon klar darüber, wie er die Reportage über das Verbrechen abfassen wollte. Es waren inzwischen auch einige weitere Details der Zeugenaussagen gemeldet worden, und schließlich war der Bericht, den er den Lesern seiner Zeitung vorsetzte, derselbe, der am nächsten Morgen in jedem anderen Blatt zu lesen war.

 

*

 

Für gewöhnlich verbrachte Peter Dewin sein Wochenende in einem kleinen Landhaus an der Godalming Road. Gern hätte er auch diesmal die Gelegenheit wahrgenommen, in ländlicher Abgeschiedenheit über die verschiedenen Probleme nachzudenken, die sich ergeben hatten; aber diesmal konnte er sich beim besten Willen kein Wochenende gönnen. Für seine Verhältnisse ziemlich aufgeregt und bestürzt, fuhr er schließlich zu seiner Wohnung in Bayswater.

 

Wie Dewin aus langer Erfahrung wußte, war ein Mord fast immer eine sehr prosaische und unromantische Angelegenheit. Zum ersten Male hatte er hier über eine Tat zu berichten, die etwas geradezu Phantastisches an sich hatte.

 

Er saß auf dem Rand seines Bettes und zog seine Schuhe aus, als ihm plötzlich der kleine Geldbeutel einfiel, den ihm Daphne gegeben hatte. Er zog ihn aus der Tasche; es war eigentlich mehr ein flaches Etui aus weichem Leder, die Klappe wurde durch einen Druckknopf festgehalten. Im Innern fühlte er einen harten Gegenstand; als er öffnete, fand er einen Schlüssel, an dem ein Streifen Pappe hing.

 

Der Schlüssel gehörte anscheinend zu einem Patentschloß. Er war sehr klein und trug oben am Griff die Nummer 7916.

 

Daneben schien noch etwas eingraviert gewesen zu sein; es war dann aber ziemlich nachlässig wieder weggekratzt worden.

 

Er betrachtete den Pappstreifen, auf dem zwei Reihen Buchstaben standen:

 

 

F. T. B. T. L. Z. S. Y.

H. V. D. V. N. B. Z. A.

Entweder waren es Codeworte, oder es war der Schlüssel zu einer Geheimschrift. Die Pappe war ziemlich alt; die mit Tinte geschriebenen Buchstaben begannen bereits zu verblassen. Weiter fand sich nichts in dem Geldbeutel, und Peter wollte ihn gerade wieder in seine Tasche stecken, als er aus irgendeinem Grund, über den er sich selbst nicht im klaren war, seine Meinung änderte und ihn unter sein Kopfkissen legte. Dann zog er sich aus und ging ins Bett. Todmüde schlief er sofort ein.

 

Kapitel 6

 

6

 

Ein leichter Stoß gegen seine eiserne Bettstelle weckte ihn plötzlich auf. Durch die Spalten der Rolläden vor dem Fenster schimmerten Streifen gelblichen Lichts von der Straßenlaterne.

 

Er richtete sich auf. Die Tür seines Zimmers stand offen – er konnte das Fenster sehen, das auf der andern Seite des Ganges lag, seiner Zimmertür gegenüber. Angestrengt lauschte er und hörte plötzlich hastiges Atmen. Jemand stand dicht neben ihm!

 

Vorsichtig tastete Dewin nach der kleinen Taschenlampe, die stets auf seinem Nachttisch lag. Er knipste sie an und sprang aus dem Bett. Unklar erkannte er im Lichtkegel seiner Lampe eine zum Sprung geduckte Gestalt, deutlich sah er einen gesenkten Kopf mit stark gelichtetem grauem Haar. Im gleichen Augenblick bekam er schon einen so heftigen Schlag auf die Schulter, daß er die Lampe fallen ließ. Gleich darauf war er mit dem Einbrecher in einen heftigen Ringkampf verwickelt; mit Mühe machte er sich frei und holte zu einem kräftigen Stoß aus – stieß aber nur in die Luft. Dann krachte die Tür zu, und jemand drehte von außen den Schlüssel um. Das ganze Haus geriet in Aufruhr, Dewin hörte eilige Schritte auf der Treppe und hämmerte an die Tür.

 

Es dauerte einige Zeit, bis einer der aufgeregten Hausbewohner den Hausmeister geholt hatte, der mit seinem Hauptschlüssel aufschloß. Der ganze Raum war in Unordnung; der Einbrecher hatte sein Jackett mitgenommen; die Hosentaschen waren umgestülpt und ihr Inhalt verschwunden. Seltsamerweise hatte der Dieb zwar Taschenuhr und Kette aus der Weste gezogen, aber auf dem Tisch zurückgelassen.

 

Nach kurzer Untersuchung war es Dewin klar, wie der Einbrecher entkommen war. Das Fenster auf dem Korridor stand weit offen, und da es nicht allzu hoch über dem flachen Küchendach lag, war es leicht, von hier aus die Hofmauer und die Straße zu erreichen.

 

Der Morgen dämmerte bereits, als sich Peter Dewin zusammen mit einigen andern Bewohnern der Pension ins Eßzimmer setzte und Kaffee trank, den die erschrockene Pensionsinhaberin schnell gekocht hatte. Zu Peters großem Ärger bestand sie darauf, die Polizei zu holen. Er selbst war fest davon überzeugt, daß er das zufällige Opfer eines armseligen Diebes geworden war, der sich nur deshalb sein Zimmer ausgesucht hatte, weil es dem Flurfenster gerade gegenüber lag. Diese Meinung setzte er auch dem Kriminalbeamten auseinander, der bald darauf kam, um ein Protokoll aufzunehmen.

 

»Können Sie mir dann vielleicht auch sagen, warum der Einbrecher zwar Ihr Jackett gestohlen, Ihre goldene Uhr aber liegengelassen hat?« entgegnete der Beamte trocken.

 

Dewin konnte als Antwort nur mit den Schultern zucken. Einige Stunden darauf wurde das Jackett von einer Polizeistreife in einem benachbarten Hof gefunden. Man sah deutlich, daß die Taschen durchsucht worden waren trotzdem befand sich in der einen noch sein silbernes Zigarettenetui.

 

Er begann sich ernstlich den Kopf zu zerbrechen, aber die Lösung des Rätsels fiel ihm erst ein, als er zufällig das Kopfkissen seines Bettes umdrehte und den kleinen Geldbeutel sah. Es wurde ihm plötzlich klar, daß der nächtliche Besucher nur nach diesem Gegenstand gesucht haben konnte. Nicht im entferntesten hätte er daran gedacht, daß letzten Endes Daphne Olroyd für diesen nächtlichen Besuch verantwortlich sein könnte!

 

Kapitel 7

 

7

 

Daphne Olroyd hatte Peters scherzhafte Ankündigung, daß er sie besuchen wolle, ernst genommen und bis ein Uhr nachts auf ihn gewartet. Sie war schließlich in ihrem Sessel eingenickt und schreckte erst bei einem leichten Kältegefühl auf – ihr Feuer war ausgegangen, und sie begann sich selbst Vorwürfe zu machen, daß sie so dumm gewesen war, so lange zu warten.

 

Sie zog sich aus und schlüpfte gerade in ihren Schlafanzug, als die Türklingel schrillte. Hastig warf sie ihren Morgenrock über und ging zur Tür, da sie glaubte, daß es Peter sei. Als sie aber geöffnet hatte, starrte sie den späten Besucher verwundert an – es war Mr. Leicester Crewe. Sie erkannte ihn kaum, so bleich und verfallen war sein Gesicht.

 

»Kann ich Sie einen Augenblick sprechen?« fragte er ohne ein weiteres Wort der Entschuldigung.

 

Sie war so erstaunt, daß sie – eigentlich ganz gegen ihren Willen – nickte und ihn hereinließ. Er folgte ihr ins Wohnzimmer.

 

»Wo ist der Geldbeutel?« Er sprach so grob, daß sie erschrak. Sie sah, wie seine Hand zitterte, als er sich über das Gesicht fuhr.

 

»Der Geldbeutel?«

 

Sie wußte einen Augenblick lang wirklich nicht, was er meinte. Plötzlich erinnerte sie sich wieder an den Vorfall.

 

»Meinen Sie das Ding, das Mr. Farmer gehörte?«

 

Er nickte nervös.

 

»Ich habe jetzt keine Zeit, Ihnen die ganze Sache auseinanderzusetzen … Ich dachte, ich hätte ihn Mrs. Staines gegeben, erst später fiel mir ein, daß Sie hinter mir standen. Wo haben Sie den Geldbeutel?«

 

Sie zuckte hilflos die Schultern und sah die Enttäuschung auf seinem Gesicht.

 

»Haben Sie ihn etwa der Polizei gegeben?« fragte er mit heiserer Stimme.

 

»Ich gab ihn Mr. Dewin …«

 

»Dem Reporter? Warum haben Sie das gemacht?« fuhr er sie ärgerlich an.

 

»Ich bat ihn, den Geldbeutel der Polizei auszuhändigen«, erwiderte sie. »Sie hatten mich doch so schnell fortgeschickt – und ich traf ihn draußen vor dem Haus. Hat er ihn nicht abgegeben?« Sie war jetzt selbst so aufgeregt, daß ihr Gedächtnis sie im Stich ließ.

 

Ein tödliches Schweigen folgte. Leicester Crewe war sich völlig klar darüber, daß Oberinspektor Clarke den Geldbeutel nicht erhalten hatte, denn er hatte gesehen, wie der Inhalt der Taschen des Toten auf seinem Schreibtisch ausgebreitet und von einem Polizeibeamten einzeln registriert worden war.

 

»Haben Sie – den Geldbeutel geöffnet … hineingesehen?« fragte er plötzlich.

 

»Nein, ich habe ihn nur Mr. Dewin gegeben. Aber ich nehme an, daß ein Schlüssel drin war – ich fühlte es von außen. Auf keinen Fall hätte ich den Geldbeutel geöffnet, ich bin nicht neugierig! Außerdem hätte ich auch gar keine Zeit dazu gehabt.«

 

Sein hageres Gesicht verzerrte sich vor Wut.

 

»Wie kommen Sie denn dazu, den Geldbeutel dem Reporter zu geben? Ich finde es einfach unerhört … Natürlich – es war ja eigentlich nichts von Bedeutung, nur … Schließlich hätten Sie doch mich zuerst fragen sollen. Farmer wollte mir ihn zur Aufbewahrung übergeben. Können Sie sich eigentlich noch daran erinnern, was ich zu Ihnen sagte?«

 

Sie wollte ihm schon entgegnen, daß er ihr den Auftrag gegeben hatte, den Geldbeutel ins Feuer zu werfen – aber dann gehorchte sie einer inneren Stimme und schüttelte nur den Kopf. Die Lüge fiel ihr um so schwerer, weil er sie mit scharfen, mißtrauischen Blicken fixierte.

 

»Wo wohnt dieser Dewin?«

 

»Keine Ahnung – Sie können seine Adresse aber sicher im Telefonbuch finden.«

 

»Sie haben ihm doch nicht etwa gesagt, daß ich Ihnen aufgetragen hatte, die Börse zu verbrennen? Es stimmt doch auch, daß Sie sich auf meine Worte nicht mehr besinnen können, wie?«

 

Des Mann war vollständig fassungslos; er konnte nicht mehr logisch denken. Von neuem las sie in seinem Gesicht grauenhafte Furcht, die sich allmählich auch ihr mitteilte. Als er sah, wie ängstlich sie ihn beobachtete, gewann er allmählich seine Selbstbeherrschung zurück und sah sich flüchtig im Zimmer um.

 

»Hier wohnen Sie also? Nicht gerade sehr luxuriös!« meinte er in seinem alten arroganten Ton. »Nun, ich werde jetzt wieder gehen – tut mir leid, daß ich Sie gestört habe, Miss Olroyd.«

 

Bis zu diesem Augenblick schien er sich nicht bewußt zu sein, mit wem er eigentlich sprach.

 

»Sind Sie nicht doch noch zu der Überzeugung gekommen, daß es besser wäre, bei mir zu bleiben?« fuhr er fort. »Ich verreise bald – schon nächste Woche. Die Sache mit Farmer ist mir auf die Nerven gegangen, und ich werde voraussichtlich längere Zeit fortbleiben. Den Winter über werde ich wohl in Afrika sein …«

 

Sie ging aus dem Zimmer, öffnete die Haustür und machte damit der Unterredung ein Ende.

 

»Ich sehe Sie doch morgen wieder?« erkundigte er sich unverfroren. »Sicher wundern Sie sich, daß ich so viel Aufhebens um diesen alten Geldbeutel mache, aber es handelt sich um …«

 

Das Denken fiel ihm immer noch schwer, und er konnte im Augenblick beim besten Willen keinen glaubwürdigen Grund für seine Ängstlichkeit finden. Schließlich murmelte er noch etwas über wichtige Schlüssel und sensationshungrige Zeitungsreporter, bevor sie endgültig die Tür hinter ihm schloß.

 

Sein Wagen stand vor dem Haus; er stieg ein und fuhr zurück. Als er in sein Arbeitszimmer kam, fand er dort Paula Staines und Ella Creed, die von den Ereignissen der Nacht sehr mitgenommen waren. Paula lag halb schlafend auf dem Sofa; Ella stand vor dem Kamin und starrte düster in die Flammen. Sie drehte sich um, als er eintrat.

 

»Hast du den Schlüssel?« fragte sie schnell.

 

»Welchen Schlüssel?« knurrte er unwillig.

 

»Benimm dich nicht so idiotisch, Billy«, erwiderte die Schauspielerin ärgerlich. »Du bist doch schließlich nur deshalb fort gewesen, um den Geldbeutel mit dem Schlüssel zu holen! Hatte die Olroyd ihn noch?«

 

»Sie hat ihn Dewin gegeben – dem Reporter.«

 

Ella biß sich auf die Lippen.

 

»Was? Dewin, diesem Kerl, der seine Nase in alles stecken muß? Nun sitzen wir erst recht in der Tinte!«

 

»Was ist denn los?« fragte Paula, die aus ihrem Halbschlaf hochgefahren war. »Hast du den Schlüssel, Billy?«

 

Ella Creed lachte höhnisch.

 

»Miss Olroyd hat ihn Dewin gegeben! Ausgerechnet Dewin! Der arme alte Joe hat immer gesagt, daß er der hartnäckigste Spürhund in ganz London ist und vier richtige Kriminalbeamte aufwiegt – und ausgerechnet der muß den Schlüssel haben!«

 

»Sei ruhig!« fuhr Leicester sie böse an und schaute vom Telefonbuch auf, in dem er Dewins Adresse suchte. »Konnte ich vielleicht wissen, daß das Mädchen hinter mir stand? Ich dachte eben, es sei Paula.«

 

Ella warf ihm einen verächtlichen Blick zu.

 

»Hast du nie daran gedacht, daß es durchaus möglich ist, daß deine hübsche Miss Olroyd für die gefiederte Schlange arbeitet? Du hättest sie längst hinauswerfen sollen – schon vor Monaten, damals, als ich es dir sagte!«

 

Leicester Crewe gab ihr keine Antwort. Er fuhr mit dem Finger eine Namenspalte entlang. Plötzlich hielt er an.

 

»Hier steht es. Peter Dewin, Journalist, 49 Harcourt Gardens (Pension), Bayswater.«

 

Er kritzelte die Adresse auf ein Stück Papier und klappte das Buch zu.

 

»Was hast du vor?« fragte Paula.

 

»Ich werde den Schlüssel wieder besorgen – das ist momentan das wichtigste.«

 

»Meinst du nicht, daß es am besten ist, wenn du einfach zu ihm hingehst und ihn nach dem Geldbeutel fragst?« meinte Ella.

 

»Ihn einfach danach fragen!« explodierte Crewe. »Was würde der wohl Clarke für eine Geschichte erzählen, wenn ich ihn wegen eines Geldbeutels, der aus Joes Tasche fiel, mitten in der Nacht aus dem Schlaf aufstörte? Und was würde Clarke mir erzählen, wenn ich ihm berichtete, daß der Geldbeutel nicht mehr da sei?’«

 

Fluchend verließ er das Zimmer und kam nach zehn Minuten zurück. Er hatte sich umgezogen und trug jetzt einen dunklen Anzug und einen dunklen Schal.

 

»Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, den Schlüssel wieder zu beschaffen – auf jeden Fall werde ich es aber versuchen. Am besten, ihr wartet hier, bis ich zurückkomme; falls die Sache mißlingt, müssen wir sofort einen anderen Plan fassen. Sollte der Schlüssel in die Hände der Polizei gelangen, kommt die ganze Geschichte heraus – und bevor dann die Bombe platzt, möchte ich lieber ein paar tausend Meilen zwischen mir und London wissen.«

 

Die beiden Frauen hörten, wie die Haustür zuschlug. Ella stocherte mißmutig mit einem Schüreisen im Kamin.

 

»Was ist nur mit Billy los, daß er so völlig seine Selbstbeherrschung verloren hat? Er ist wirklich ein Feigling. Nehmen wir doch mal an, sie wüßten es – welche Beweise haben sie dann gegen uns? Und was für eine Anklage könnten sie gegen uns erheben?«

 

Paula Staines klopfte sorgfältig die Spitze einer Zigarette auf dem Deckel ihres Bernsteinetuis fest und zündete sie an, bevor sie antwortete:

 

»Billy hat schon recht – die größte Gefahr kommt von dieser gefiederten Schlange. Ich wünschte nur, daß ich nicht selbst so nervös wäre – ich kann einfach nicht mehr in Ruhe überlegen … Übrigens ist es eigentlich sonderbar – ich habe doch immer die verrücktesten Dinge gezeichnet, du kennst ja meine Vorliebe dafür, aber es wäre mir niemals eingefallen, eine gefiederte Schlange aufs Papier zu bringen.«

 

Ella sah sie mit einer gewissen Neugierde und Bewunderung an.

 

»Muß doch eigentlich sehr schön sein, wenn man so zeichnen kann wie du. Wo hast du das eigentlich gelernt?«

 

Paula blies einen Rauchring zur Decke und wartete, bis er sich aufgelöst hatte.

 

»Mein Vater unterrichtete mich – manchmal wünsche ich, er hätte es nicht getan«, erwiderte sie ironisch. Aber plötzlich änderte sie ihren Ton. »Kannst du denn auch keine Lösung finden, Ella? Erinnerst du dich nicht an irgend etwas, was darauf hindeutet, daß Lane mit der gefiederten Schlange zu tun hatte?«

 

»Lane – dieser dumme Kerl?« entgegnete Ella geringschätzig. »Der ist doch glücklicherweise tot.«

 

Sie zog die Brauen zusammen.

 

»Ich wünschte nur, daß nicht ausgerechnet Dewin mit der Sache zu tun hätte. Er ist einer der findigsten Reporter – und außerdem erlauben sich diese Journalisten Dinge, die die Polizei nicht wagen würde … Was war das?« Man hörte ein schwaches Klingeln und gleich darauf die Schritte des Dieners, der aufgeblieben war. Die Haustür wurde geöffnet, gedämpft klangen Stimmen herüber. Dann kam der Diener ins Zimmer.

 

»Draußen ist ein Mann – er heißt Hugg –, der Mr. Crewe sprechen will.«

 

Die beiden Frauen sahen sich einen Augenblick bedeutungsvoll an.

 

»Es ist gut, lassen Sie ihn herein.«

 

Als der Diener gegangen war, erhob sich Paula Staines von ihrer Couch und ging quer durch das Zimmer zum Kamin.

 

»Der Mann, der Billy geschrieben hat«, flüsterte sie. »Der Sträfling, der bei Lane war, als er starb.«

 

Mr. Hugg trat unsicher ins Zimmer, er lächelte ziemlich verlegen und sah aus, als wolle er sich entschuldigen, daß er geboren sei. Sein glasiger Blick und sein leises Schwanken ließen vermuten, daß er getrunken hatte.

 

»Verzeihen Sie vielmals – ist Mr. Crewe hier?« fragte er mit belegter Stimme.

 

»Nein, Mr. Crewe ist ausgegangen … Sind Sie nicht der Mann, der bei William Lane war, als er starb?«

 

»Ganz richtig, meine Dame«, entgegnete Hugg. »Gerade deshalb will ich ja mit Mr. Crewe sprechen … Ich habe ihn wiedergesehen!«

 

Paula Staines starrte den kleinen Mann mit weit aufgerissenen Augen an.

 

»Ihn wiedergesehen?« wiederholte sie langsam. »Wen?«

 

»William Lane«, entgegnete Hugg.

 

»Der Kerl ist also nicht tot!« rief Ella dazwischen.

 

Mr. Hugg schüttelte nachdenklich den Kopf.

 

»Natürlich ist er tot, darauf können Sie Gift nehmen, ich habe ihn ja damals sterben sehen – er ist tot«, erklärte er ohne Zögern. »Was ich heute abend sah, war sein Geist – er saß in einem Taxi, das in der Edgeware Road hielt. Ich ging hin und sprach ihn an … Ich sagte: ›Du bist doch William Lane, der mit mir zusammen im Kittchen saß in der Abteilung D in Dartmoor?‹ Und er sagt ja! Hat nicht mal geleugnet, daß er tot ist! Ich sage dann: ›Ich muß mich wirklich sehr über dich wundern, William, daß du hier mit ’nem Auto rumfährst, obwohl du doch in Thatcham überfahren wurdest.‹«

 

Er schwankte noch heftiger, und Ella sah jetzt, was mit ihm los war.

 

»Sie sind ja betrunken«, fuhr sie ihn an.

 

Mr. Hugg schüttelte wehleidig den Kopf.

 

»Ich habe nur ’n paar Gläschen auf nüchternen Magen gekippt«, verteidigte er sich. »Betrunken? Niemals, meine Beste – nur ein wenig die Gurgel geschmiert. Und ich war durchaus nicht betrunken, als ich William sah!«

 

»Haben Sie den Vorfall etwa der Polizei gemeldet?« erkundigte sich Ella schnell.

 

Mr. Hugg lächelte verächtlich und sah sie vorwurfsvoll an.

 

»Glauben Sie denn, daß ich jemand verpfeife, der womöglich von der Polente gesucht wird? Allerdings weiß ich nicht, ob er sich nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis auch noch als Geist bei der nächsten Polizeiwache melden muß. Ich fragte ihn dann, wie es ihm so ginge«, fuhr der betrunkene Hugg fort, wobei er sehr ernst und feierlich dreinschaute. »Und er sagte mir, er wäre gerade unterwegs, um ’nen Mann abzufangen, der ihm übel mitgespielt habe – einen Kerl, dessen Namen er früher im Gefängnis schon immer im Schlaf genannt hat – Bill oder Beale, so was Ähnliches, einen Kerl, der ihm ’nen Streich mit einer Schlange gespielt hat – verstehen Sie, einer richtigen Schlange.«

 

»Meinen Sie die gefiederte Schlange?« fragte Paula.

 

Er nickte bedächtig und schwankte wieder.

 

»Dieser Kerl, dieser Beale hat ’nen Haufen Geld …, dann fragte ich ihn, ob er nicht Harry, den Vagabunden, gesehen habe. Denken Sie sich nur, meine Damen, den habe ich nach dem Unglück nicht mehr getroffen – ich lag nämlich im Krankenhaus …«

 

Er sprach völlig zusammenhanglos weiter, bis ihn Ella unterbrach.

 

»Es wird besser sein, wenn Sie morgen früh noch einmal herkommen und mit Mr. Crewe sprechen.« Plötzlich kam ihr ein Gedanke. »Wo wohnen Sie?«

 

Er nannte ihr seine Adresse – ein billiges Absteigequartier – die sie sich notierte.

 

Paula schloß die Tür hinter ihm. Die Aufregung war ihr deutlich anzusehen.

 

»Das verstehe ich ganz und gar nicht«, sagte sie. Ella lachte.

 

»Aber ich bitte dich, er ist vollständig betrunken! Er kam doch nur deshalb hierher, um mit dieser im Suff erfundenen Geschichte aus Billy noch mehr Geld rauszulocken. Wir haben doch den Totenschein gesehen!«

 

Paula zuckte die Schultern. Sie wußte aus Erfahrung, daß es keinen Zweck hatte, sich mit Ella zu streiten.

 

Ella sah gerade aufmerksam in den Spiegel. »Morgen werde ich zehn Jahre älter aussehen – und dabei habe ich zwei Vorstellungen. Hoffentlich läßt uns Crewe nicht mehr so lange warten.«

 

»Der arme alte Joe«, meinte Paula nach einer kleinen Pause.

 

»Er hat es ja selbst so gewollt!« Ellas Stimme klang schon wieder gereizt. »Warum muß er auch unbedingt der gefiederten Schlange nachspüren? Ich wette, daß es Joe nur deshalb an den Kragen ging. Außerdem war er natürlich in mehr üble Geschäfte verwickelt, als gut war, und hatte sehr viele Feinde. Sicher war der Täter jemand, den er früher mal übers Ohr gehauen hat.«

 

»Dein Charakter läßt wirklich nichts zu wünschen übrig, Ella!« Paula sah sie gelassen an. »Gerade du hättest doch eigentlich allen Grund dazu, vorsichtig zu sein – und auch nicht zu viel Schlechtes über Joe zu sagen.«

 

»Meinst du?« Ella wandte sich hastig um. »Ich habe mich schließlich schon seit Jahren bemüht, von Joe loszukommen!«

 

»Du hättest dich ja ohne weiteres von ihm scheiden lassen können!«

 

»Mich von Joe scheiden lassen!« fuhr Ella hoch. »Glaubst du denn, daß ich es auch noch in den Zeitungen lesen wollte, daß ich mit einem solchen Schuft verheiratet war? Joe hat zweimal gesessen – und alle Welt weiß das!«

 

Das Gespräch verstummte endgültig. Paula ließ sich wieder auf die Couch sinken, aber obwohl sie die Augen schloß, konnte sie nicht schlafen. Sie war auch die erste, die das leise Geräusch eines Schlüssels hörte, der sich in der Haustür drehte.

 

»Das ist Billy«, sagte sie und ging ihm entgegen.

 

Mr. Leicester Crewe sah im Gegensatz zu seiner sonstigen Eleganz sehr merkwürdig aus. Sein Anzug war an verschiedenen Stellen zerrissen, vor allem die Hosen hatten an den Knien große Löcher.

 

»Fragt mich jetzt nichts«, sagte er verstört. »Ich will mich erst umziehen.«

 

Zehn Minuten später kam er wieder, einen Bademantel um die Schultern.

 

»Wie steht es, hast du den Schlüssel?« erkundigte sich Ella sofort.

 

Er sah sie nur mißmutig an. Dann wandte er sich nach einer Pause an Paula.

 

»Ich bin tatsächlich ganz aus der Übung – habe alles versucht, um in die Wohnung reinzukommen. Vor zehn Jahren …«

 

»Warst du in seinem Zimmer?« fragte Paula.

 

»Das habe ich geschafft – und mit viel Glück. An allen Türen der Pension stehen Namensschilder, so daß es nicht weiter schwer war, sein Zimmer rauszufinden. Ich habe die Taschen seines Anzugs durchsucht und war noch nicht ganz fertig, als er aufwachte und das ganze Haus auf die Beine brachte. Ich konnte gerade noch entwischen – zu meinem Glück ließ die Polizei auf sich warten.«

 

»Also nichts – Erfolg gleich Null«, meinte Paula mutlos.

 

Ella erzählte ihm, daß Hugg hier gewesen war, und er hörte mit wachsendem Interesse zu.

 

»Hugg? Was wollte denn der?«

 

Ella berichtete die seltsame Geschichte des Betrunkenen.

 

»Aber das ist doch alles Unsinn!« rief er. »Lane ist tot! Ich habe ja seinen Totenschein.«

 

Trotz dieser Tatsache klangen seine Worte nicht sehr überzeugt.

 

»Ich habe die ganze Zeit über die Sache nachgedacht«, erwiderte Paula nach einiger Zeit. »Erzählte Hugg dir eigentlich, daß Lane ganz plötzlich starb?«

 

»Er sei tot hingefallen«, entgegnete Crewe.

 

»Weißt du auch, daß Hugg selbst später im Krankenhaus lag?«

 

»Nein, er sagte damals nichts dergleichen.«

 

Crewe suchte den Totenschein heraus und las jetzt zum erstenmal aufmerksam die Todesursache.

 

»Schädelbruch infolge eines Unglücksfalles. Warum hat mich der Kerl nur angelogen?« Crewe biß sich auf die Lippen und betrachtete nachdenklich die Spitzen seiner Hausschuhe.

 

»Hat er dir nicht auch gesagt, daß Lane manchmal im Schlaf redete?« fuhr Paula fort.

 

»Weshalb sprecht ihr eigentlich immer über Lane?« fuhr Ella ärgerlich dazwischen. »Wenn er im Schlaf nichts Vernünftigeres gesagt hat als im Wachen, dann hat sein ganzes Gerede nichts zu bedeuten. Was wirst du nun wegen des Schlüssels unternehmen, Billy?«

 

Sein Achselzucken bewies, daß er offenbar noch keinen Plan hatte.

 

»Vielleicht könntest du etwas tun, Ella«, sagte er schließlich nach langem Nachdenken. »Du kennst Dewin doch und bist raffiniert genug, ihn herumzubringen.«

 

»Wenn er nun aber inzwischen den Schlüssel der Polizei übergibt?« fragte Paula.

 

»Das wird er sicher nicht tun«, meinte Ella. »Nach allem, was mir Joe von ihm erzählt hat, ist er ehrgeizig genug, die Sache selbst aufklären zu wollen. Verlaßt euch darauf, der gibt den Schlüssel nicht heraus.«

 

Paula gähnte und reckte sich müde.

 

»Ich gehe jetzt nach Hause«, sagte sie. »Wenn du willst, nehme ich dich mit, Ella, und setze dich bei deiner Wohnung ab. Mein Wagen steht hinten in der Garage.«

 

Ella nickte, und sie gingen zur Haustür. Es war inzwischen taghell geworden, und als Mr. Crewe die Tür öffnete, strich die kalte Morgenluft herein. Sie zitterten vor Kälte.

 

»Am liebsten würde ich …«, begann Crewe und brach plötzlich entsetzt mitten in der Rede ab.

 

Er war vorausgegangen und sah als erster drei Karten, die mit Reißnägeln an der Tür. befestigt waren. Auf jeder war das Bild der gefiederten Schlange, und darunter stand ein Name. Auf der ersten stand »Billy«, auf der zweiten »Ella« und auf der dritten »Paula«. Und die Karte mit dem Namen »Billy« war schwarz eingerahmt.

 

Kapitel 8

 

8

 

Das Dienstmädchen berichtete Peter Dewin, daß unten im Empfangszimmer eine Dame auf ihn warte. Sobald er mit seinem Frühstück fertig war, rannte er die Treppe hinunter. Die Redaktion sandte ihm häufig schon früh am Morgen irgendwelche wichtigen Nachrichten, und die Überbringer waren ab und zu junge Volontärinnen. Die »Dame« war also in Wirklichkeit meistens ein neugieriges Mädchen mit einer Stubsnase.

 

Als. er aber ins Zimmer trat, war er freudig überrascht.

 

»Mein Gott, was tun Sie hier?«

 

»Bereits seit einer Viertelstunde auf Sie warten«, entgegnete Daphne und lächelte ihn vergnügt an. »Sie haben mich ja schon gestern abend warten lassen, ich bin also nicht aus der Übung gekommen. Haben Sie Mr. Crewe gesehen?«

 

Er schüttelte verwundert den Kopf und wunderte sich noch mehr, als sie ihm von Crewes mitternächtlichem Besuch erzählte.

 

»Crewe?« Konnte es möglich sein, daß der Einbrecher … »Haben Sie ihm gesagt, wo ich wohne?«

 

»Das hätte ich ihm vielleicht gesagt, wenn ich es gewußt hätte, aber so konnte ich ihn nur darauf aufmerksam machen, daß Ihr Name im Telefonbuch steht – was er sich ja schließlich auch selbst hätte denken können. Ich nahm an, daß er Sie wegen des Geldbeutels anrufen wollte.«

 

»Ach, Sie glauben, daß er mit mir telefonieren wollte?« entgegnete er nachdenklich. »Nein, das hat er nicht getan – man kann es beim besten Willen nicht so nennen …«

 

»Haben Sie den Geldbeutel der Polizei gegeben?«

 

Peter überlegte schnell.

 

»Ich werde es heute morgen nachholen«, meinte er verlegen. »Tatsächlich hatte ich gestern abend und auch heute nacht so viel zu tun, daß ich nicht mehr wußte, wo mir der Kopf stand. Ich bin deswegen heute morgen auch ein wenig später aufgestanden.«

 

Er schaute auf seine Uhr. Es war neun vorbei, und plötzlich fiel ihm ein, daß er am vorigen Abend noch Mr. Gregory Beale angerufen und ihn um eine Unterredung gebeten hatte. Er war mit dem Privatgelehrten heute zehn Uhr verabredet und sagte dies Daphne.

 

»Dann können wir ja zusammen hingehen – ich habe auch eine Verabredung mit Mr. Beale, wenn man es so nennen will … Ich bin nämlich seine neue Sekretärin. Es ist allerdings möglich, daß er mich heute morgen noch gar nicht brauchen kann.«

 

Er setzte sich auf den nächsten Stuhl und schaute sie groß an.

 

»Wollen Sie damit etwa sagen, daß das die neue Stellung ist, nach der Sie suchten?«

 

Sie nickte.

 

»Nun, dann haben Sie es gut getroffen – einer meiner Bekannten, der einmal vor Jahren für ihn gearbeitet hat, erzählte mir, daß er geradezu fürstliche Gehälter zahlt und ein wirklich liebenswürdiger Mensch ist. Von Crewe sind Sie aber sehr plötzlich weggegangen.«

 

Sie zögerte einen Augenblick.

 

»Ja – ich hatte den Eindruck, daß es besser wäre, wenn ich sofort ginge. Und es ist mir eine große Erleichterung, daß ich nicht mehr dorthin muß. Mr. Beale hatte ich eigentlich mitgeteilt, daß ich erst in einer Woche kommen könne; es ist daher leicht möglich, daß ich jetzt einige Tage frei habe. Können Sie mir sonst noch irgend etwas über meinen neuen Chef erzählen?«

 

»Er ist eine Autorität für gefiederte Schlangen.«

 

Sie sah ihn erstaunt an.

 

»Wenigstens hat das mein Redakteur gesagt – und der weiß natürlich alles.«

 

Der klare, kühle Morgen war eigentlich wie geschaffen dazu, einen Spaziergang durch den Park zu machen. Aber die Zeit war zu knapp, und Dewin bestand darauf, ein Taxi zu nehmen.

 

Unterwegs sagte er ihr ganz offen, daß er nicht die Absicht habe, den Schlüssel herzugeben. Sie schüttelte zwar den Kopf, sah aber ein, daß es wenig Wert hätte, ihn von seinem Entschluß abzubringen. Von dem Pappstück, das an dem Schlüssel hing, erzählte er ihr nichts. Es war nun einmal seine Art, Geheimnisse für sich zu behalten. Punkt zehn standen sie vor Gregory Beales Haustür. Der wie immer ernste und würdige Butler öffnete ihnen und führte sie ins Empfangszimmer. Mr. Beale ließ zuerst seine neue Sekretärin zu sich bitten. Er begrüßte sie sehr liebenswürdig in der Bibliothek, wo er anscheinend gerade zu arbeiten begonnen hatte.

 

»Soll das etwa heißen, daß Sie Ihre Stellung gleich antreten können?«

 

Sie nickte bestätigend; und er lächelte erfreut.

 

»Das paßt ja ausgezeichnet; ich habe mir schon den ganzen Morgen überlegt, was ich mit meinen Sammlungen machen soll, die inzwischen eingetroffen sind – sie müssen nämlich ausgepackt und katalogisiert werden. Ich selbst habe momentan nicht die nötige Ruhe zu so einer Arbeit – vor allem möchte ich nach dem, was ich heute morgen in der Zeitung gelesen habe, recht bald meine gefiederten Schlangen wieder einmal sehen.«

 

»Gefiederte Schlangen?« fragte sie. »Was meinen Sie damit?«

 

Er mußte über ihre Frage und ihr erstauntes, fast erschrockenes Gesicht lachen.

 

»Sie brauchen sich nicht davor zu fürchten – ich bin kein Zoologe. In meinen Sammlungen habe ich nur Geräte oder kleine Bildwerke, die ich in den Ruinenstädten der Maya gefunden habe. Meine gefiederten Schlangen sind kleine Tonfiguren, ein Laie wird kaum eine Ähnlichkeit mit Federn oder mit Schlangen entdecken.«

 

Er schaute zur Tür.

 

»Der junge Mann, der mit Ihnen kam, ist doch Journalist, nicht wahr? Da kann ich ja gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen!«

 

Er läutete dem Butler und gab Anweisung, den Reporter hereinzuführen.

 

Als Peter Dewin die Bibliothek betrat, kramte der Gelehrte in einer Schublade seines Schreibtisches. Endlich hatte er gefunden, was er suchte – ein kleines, anscheinend formloses Ding, das dem Aussehen nach aus gebranntem Ton bestand. Beale begrüßte den Reporter mit einem Kopfnicken.

 

»Sie wollen etwas über gefiederte Schlangen wissen, nicht wahr? Hier können Sie gleich eine sehen!«

 

Dewin nahm den Gegenstand sogleich neugierig in die Hand.

 

»Gehen Sie vorsichtig damit um«, warnte Mr. Beale. »So ein Ding hat immerhin einen Wert zwischen fünfhundert und tausend Pfund. Es ist eine echte Maya-Figur eine gefiederte Schlange. Das einzige Exemplar, das jemals in einer Maya-Stadt gefunden wurde. Aus Mexiko dagegen haben wir zahlreiche derartige Funde; ich habe mehrere von meiner Reise mitgebracht.«

 

Dewin erkannte nun auch bei genauerem Hinsehen, daß der Gegenstand tatsächlich eine zusammengerollte Schlange mit kleinen regelmäßigen Erhebungen auf der Oberfläche darstellte. Wie er annahm, waren diese Erhebungen die mysteriösen Federn.

 

»Was hat es eigentlich mit so einer gefiederten Schlange auf sich, Mr. Beale?«

 

Der Gelehrte lehnte sich in seinem Stuhl zurück, legte die Fingerspitzen gegeneinander und begann zu dozieren:

 

»Die gefiederte Schlange war nach der Meinung der alten Azteken der Schöpfer des Weltalls. Wie ihre Volksmythen berichten, war sie schon vorhanden, ›ehe sich zwei Dinge berührten‹ – mit anderen Worten, noch bevor es organisches oder anorganisches Leben auf der Welt gab. Gleichzeitig war die gefiederte Schlange das Symbol der Herrschaft, auch galt sie als eine Art Rachegöttin. Wie alt sie ist, ersehen Sie am besten daraus, daß schon zur Zeit des Cortez, der die Azteken im 16. Jahrhundert besiegte, die gefiederte Schlange nur noch eine mythische Figur war, die nicht mehr in den Tempeln verehrt wurde. Seltsamerweise hat es aber immer einen kleinen Kreis von Leuten gegeben, der sogar heute noch die gefiederte Schlange als oberste Gottheit verehrt.« Er hob den Finger, um die Bedeutung seiner folgenden Worte zu unterstreichen: »Zu dieser Stunde gibt es in Mexiko, in Spanien, ja selbst in England noch Leute, die der gefiederten Schlange voller Ehrfurcht dienen.«

 

»Meinen Sie das im religiösen Sinn?« fragte Peter Dewin. Er war sehr überrascht, glaubte aber, was der Gelehrte gesagt hatte.

 

»Wahrscheinlich weniger aus religiösen Gründen – ich denke mehr an eine Art Geheimgesellschaft …«, entgegnete Mr. Beale und lächelte undurchsichtig. »Aber darüber weiß ich selbst nichts Näheres; ich erzähle Ihnen hier nur, was mir einmal von anderer Seite berichtet wurde.«

 

Er klingelte wieder dem Butler.

 

»Bitte machen Sie Miss Olroyd mit der Haushälterin bekannt.« Dann wandte er sich an seine neue Sekretärin. »Sie wird Ihnen sagen, wo Ihr Zimmer ist und wie Sie sich am besten einrichten können.«

 

Dewin wartete gespannt, und er sollte mit seiner Vermutung recht haben, daß der Gelehrte die junge Dame nicht zufällig fortgeschickt hatte.

 

»Hat man noch etwas Neues über den Mord – oder über den Mörder – erfahren?« erkundigte sich Mr. Beale interessiert, als Miss Olroyd das Zimmer verlassen hatte.

 

»Nein. Sie haben doch die Morgenzeitung gelesen?«

 

Mr. Beale nickte.

 

»Natürlich beschäftigt mich alles, was mit der gefiederten Schlange zusammenhängt und was ich bei meinen Studien verwerten kann. Auf jeden Fall bin ich überzeugt davon, daß ihre Macht immer noch wirksam ist. Mit Mitgliedern der Geheimgesellschaft, die ich vorhin erwähnte, bin ich leider noch nie zusammengekommen. So viel weiß ich aber, daß zum Beispiel in Mexiko die gefiederte Schlange das Geheimzeichen gewisser Verbindungen von Sträflingen im Gefängnis geworden ist; natürlich wissen diese Leute kaum mehr etwas vom Ursprung dieses Zeichens. Ob es solche Geheimgesellschaften auch in England gibt, weiß ich nicht genau, mit Sicherheit habe ich sie aber in verschiedenen Staaten Südamerikas nachweisen können.«

 

»Geheimgesellschaften in Gefängnissen?« fragte Dewin erstaunt.

 

»Warum nicht?« erwiderte der andere lächelnd. »In gewissem Sinn sind Geheimgesellschaften kindliche Vergnügungen – und Gefangene brauchen weiß Gott irgendeine Aufheiterung! Geheimbünde, die mit Kennworten, Handgriffen, Zeichen und allem andern Zubehör arbeiteten, wurden in einer Reihe amerikanischer Gefängnisse aufgedeckt. Und sie sehen, daß sich auch hier in England etwas Ähnliches anbahnt.«

 

Dewin nahm die kleine Tonfigur wieder in die Hand und betrachtete sie von allen Seiten. Wieviel tausend Jahre mochte sie wohl schon alt sein? Wieviel Generationen bronzefarbener Menschen hatten sich wohl schon anbetend vor ihr verneigt? Visionen von seltsamen, grausigen Kulthandlungen stiegen vor ihm auf – ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, und er legte die kleine Plastik schnell wieder auf den Tisch.

 

»Glaubt man, daß so ein Ding wie dieses hier irgendeinen bösen Einfluß hat?«

 

Gregory Beale lachte.

 

»Warum fragen Sie danach, Mr. Dewin, sind Sie etwa abergläubisch?« meinte er scherzhaft. »Glauben Sie etwa an die bekannten Geschichten von unheilbringenden Statuen, die kein Museumsbeamter berühren darf, ohne zu sterben? Ich kann Ihnen versichern, daß diese kleine Tonfigur hier völlig harmlos ist.«

 

»Aber mindestens fünfhundert Pfund kostet sie doch?« fragte Dewin noch einmal etwas beschämt.

 

Mr. Beale nickte und schien sich darüber zu freuen, daß seine Ausführungen auf den andern einen solchen Eindruck gemacht hatten.

 

»Hoffentlich habe ich jetzt Ihren Wissensdurst gestillt. Was ich Ihnen erzählt habe, hätte Ihnen auch jeder andere Archäologe auseinandersetzen können. Übrigens, wenn Sie meine Mitteilungen in einem Zeitungsbericht verwenden wollen, dann erwähnen Sie bitte meinen Namen nicht. Ich habe eine entschiedene Abneigung gegenüber allem, was mich in zu engen Kontakt mit der Öffentlichkeit bringt.«

 

Peter Dewin tat es sehr leid, daß er den Namen des Gelehrten, der in der wissenschaftlichen Welt einen guten Klang hatte, nicht verwenden konnte; aber was bleibt einem Journalisten anderes übrig, als eine solche Bitte zu erfüllen.

 

»Das tut mir wirklich leid, Mr. Beale – aber wenn Sie wollen, selbstverständlich …«

 

Der Gelehrte lachte.

 

»Würde Ihnen auch nicht viel nützen, wenn Sie meinen Namen erwähnten«, sagte er trocken. »Als Archäologe bin ich nicht so bekannt – als einen etwas exzentrischen Philanthropen kennt man mich besser.«

 

Er zog drei Bände aus dem Bücherregal und legte sie auf den Tisch.

 

Dewin nahm einen nach dem andern in die Hand. »Der Grund der Armut. Eine nationalökonomische Untersuchung«, war der Titel des ersten; der zweite handelte von der Urbarmachung von Sumpfland zu Siedlungszwecken; der dritte erschien ihm am wenigsten interessant, er hieß: »Armut. Eine Studie.«

 

Gregory Beale seufzte traurig.

 

»Die Urwälder Zentralamerikas mit ihren unzugänglichen Dschungeln, die die Reste alter Kulturen bedecken, sind weniger erschütternd als das Großstadtelend Londons …«

 

Peter Dewin war aber nicht zu ihm gekommen, um soziale Fragen zu besprechen, und versuchte jetzt, das Gespräch noch einmal auf die gefiederte Schlange zu bringen.

 

»Glauben Sie im Ernst, daß hinter diesem Mord eine Geheimgesellschaft steckt und daß die Karten, die an verschiedene Personen in London geschickt wurden, irgend etwas Ernsthaftes bedeuten?«

 

Gregory Beale sah ihn nachdenklich an.

 

»Wissen Sie etwas Genaueres über diesen ermordeten Mr. Farmer? Wird er vielleicht in irgendwelchen Gefängnisakten geführt? Das wäre das erste, wonach man suchen müßte … Das gleiche gilt für die andern Leute, die Karten mit dem Bild der gefiederten Schlange erhalten haben. Existieren auch von ihnen Strafakten? Wenn ich Reporter wäre und mich mit dieser Sache zu befassen hätte, würde ich mich zuerst in dieser Richtung informieren.«

 

Dewin betrachtete wieder die kleine Tonfigur.

 

»Haben Sie vielleicht eine Photographie davon?«

 

»Aber natürlich«, lächelte der Gelehrte und ging zu einem Schrank in der Ecke des Raumes. »Ich habe verschiedene Photographien von gefiederten Schlangen und gebe Ihnen gern die Erlaubnis, eine davon zu veröffentlichen – vorausgesetzt, daß mein Name nicht erwähnt wird. Das ist keine Bescheidenheit«, fuhr er nach einer kürzen Pause fort, »aber vor einigen Jahren litt ich unter der Einbildung, daß man annehmen könnte, daß meine wissenschaftliche Tätigkeit von dem Wunsch diktiert wäre, meinen Namen bekanntzumachen!«

 

Er lachte leise vor sich hin, als ob er sich jetzt über diesen Gedanken freue.

 

»Öffentlichkeit ist nicht gerade meine – Spezialität wenn ich so sagen darf.«

 

Kapitel 9

 

9

 

Peter Dewin verließ das Haus, ohne Daphne noch einmal gesehen zu haben. Mit einem Bus fuhr er zur Redaktion. Dort waren inzwischen keine wichtigen Nachrichten über den Mord eingegangen.

 

»Wie gewöhnlich haben wir eine Menge Anrufe von Leuten bekommen, die bedeutsame Entdeckungen gemacht haben wollen«, sagte der Nachrichtenredakteur. »Auch hat sich die unvermeidliche Dame eingefunden, die einen großen, dunklen Mann fünf Minuten nach der Tat über den Grosvenor Square gehen sah. Außerdem erzählte mir der Nachtportier, daß ein Landstreicher heute morgen zwischen sechs und acht dreimal dagewesen sei, um uns einen interessanten Artikel anzubieten. Er hieß Lugg oder Mugg und behauptete, daß der Mord von einem Geist verübt wurde.«

 

»Er war wahrscheinlich betrunken«, antwortete Dewin.

 

»Der Mann erzählte dem Portier auch, daß der Mörder ein Sträfling war …«

 

»Wie?« fragte er plötzlich interessiert. »Ist der Portier noch im Hause?«

 

Der Redakteur sah ihn mißbilligend an.

 

»Sie arbeiten nun schon sechs Jahre bei uns und sind noch immer nicht mit der Hausordnung vertraut! Nein, er ist wie üblich um zehn Uhr gegangen, aber Sie werden einen Bericht über den Vorfall in seinem Notizbuch finden.«

 

Peter Dewin fuhr mit dem Aufzug nach unten und besah sich in der Eingangshalle das Notizbuch des Portiers. Es war im Hause so üblich, daß der Portier aufschrieb, welche Leute während der Abwesenheit des übrigen Büropersonals vorgesprochen hatten. Der Nachtredakteur ging morgens um halb fünf fort, und von da ab war bis zum Beginn des Redaktionsbetriebs niemand da, der mit Besuchern verhandeln konnte.

 

Peter blätterte aufgeregt in dem Notizbuch. In der vergangenen Nacht war nur eine Eintragung gemacht worden.

 

»Sechs Uhr früh. Ein betrunkener Mann namens Lugg will angeblich näheres über den Mord am Grosvenor Square wissen. Behauptet, Mord sei von altem Sträfling verübt worden, der ein Taxi fuhr. Sagte weiter, der Mann sei ein Geist. Adresse des Betrunkenen ist Rowton House, King’s Cross.«

 

Nachdem sich Peter die Anschrift notiert hatte, fuhr er wieder nach oben. Es war nichts Ungewöhnliches, daß sich alle möglichen Leute bei der Redaktion meldeten, wenn ein aufsehenerregender Mord geschehen war. Meistens waren die Mitteilungen völlig unglaubwürdig, und es sprach kaum etwas dagegen, daß dies nicht auch bei Lugg der Fall war.

 

Allerdings gibt es zwei Punkte in der Notiz des Nachtportiers, die Peters Aufmerksamkeit erregten: Erstens sollte der Mörder ein früherer Verbrecher sein – was mit der Theorie Gregory Beales übereinstimmte, zweitens wurde als Täter der Chauffeur eines Taxis bezeichnet.

 

Nach Ansicht der Polizei war der Schuß von einem Wagen aus abgegeben worden, und auch Peter hatte es in seinem Artikel so beschrieben. Der Landstreicher war aber so früh auf der Redaktion erschienen, daß er die Geschichte unmöglich der Zeitung entnommen haben konnte.

 

Mr. Lugg von Rowton House war deshalb eine Persönlichkeit, die man so schnell wie möglich interviewen mußte, und schon eine halbe Stunde später wartete Peter in dem geräumigen Aufenthaltsraum von Rowton House vor einem riesigen Kamin, um den sich eine Menge halbverhungerter Existenzen lagerten, die sich für gewöhnlich in solchen Übernachtungsheimen herumtreiben.

 

Wie ihm ein Angestellter mitteilte, gab es hier nur einen Mann namens Hugg. Er war spät am Morgen zurückgekommen und schlief jetzt. Erst nach längerer Zeit erschien der Gesuchte. Er hatte rote, entzündete Augen, und sein Gesicht zeigte unverkennbare Spuren von übermäßigem Alkoholgenuß. Als er in die Halle trat, betrachtete er Dewin mißtrauisch.

 

»Ach, ein Reporter?« sagte er sichtlich erleichtert, als sich Peter Dewin vorstellte.

 

»Sie dachten wohl, ich sei von der Polizei?«

 

Der kleine Mann lachte verlegen und fuhr sich mit der Hand über den kahlen Schädel.

 

»Aber nein, warum sollte auch die Polizei etwas von mir wollen. Und was wünschen Sie?«

 

Anscheinend erinnerte er sich nicht mehr an seinen nächtlichen Besuch beim »Postkurier«.

 

»Sie saßen doch früher mal im Gefängnis?« ging Dewin geradewegs auf sein Ziel los. Hugg sah ihn wieder argwöhnisch von der Seite an.

 

»Ja«, entgegnete er dann kurz. »Geht das Sie etwas an? Was wollen Sie denn von mir?«

 

»Angeblich haben Sie gestern abend einen Mann gesehen, der Ihrer Meinung nach Mr. Farmer getötet hat. Und Sie behaupten, der Mörder wäre Taxichauffeur.«

 

Hugg machte ein sehr dummes Gesicht.

 

»Woher wollen Sie das wissen?« fragte er schnell.

 

»Von Ihnen selbst«, entgegnete Dewin lächelnd. »Wenigstens haben Sie beim ›Postkurier‹ so etwas erzählt.«

 

Hugg strich sich verwirrt über die Stirn.

 

»Habe ich das wirklich getan?« fragte er bestürzt. »Es ist immer das gleiche – wenn ich einen über den Durst getrunken habe, kann ich den Mund nicht mehr halten … Er kann es ja gar nicht gewesen sein – er ist gestorben ich habe doch erst gestern seinen Totenschein ’nem Herrn gegeben. Aber er sah genauso aus – mit dem kleinen grauen Schnurrbart, den er immer hatte … Trotzdem, er ist doch tot! Vor meinen eigenen Augen ist er in Thatcham tot umgefallen, als ich und er …« Plötzlich brach er ab.

 

»Wen meinen Sie denn?«

 

Mr. Hugg schüttelte heftig den Kopf.

 

»Ich gebe Ihnen keine Auskunft mehr – wenn ich nichts dafür bekomme«, erklärte er energisch.

 

»Aber Sie haben mir ja schon allerhand gesagt«, bemerkte Peter belustigt. »Sie erzählten doch eben, daß in Ihrem Beisein ein Mann in Thatcham tot umgefallen sei. Thatcham ist ein kleines Dorf in der Nähe von Newbury, nicht wahr? Ich glaube nicht, daß dort im Lauf der letzten zehn Jahre allzu viele Leute auf der Straße tot umgefallen sind.«

 

Mr. Hugg rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her und vermied es, Dewin in die Augen zu schauen.

 

»Alles, was ich Ihnen sagen kann, ist – daß er tot umfiel. Und der Kerl, der daran schuld ist, hätte zehn Jahre kriegen müssen.«

 

Mr. Hugg war zwar ein wenig verwirrt, aber die Widersprüche in seiner Erzählung schienen ihm gar nicht ganz bewußt zu sein. Peter hatte schon allerhand Erfahrung mit solchen kleinen Gaunern, die stets eine Neigung haben, ihre Verschlagenheit durch unzählige nutzlose Lügen unter Beweis zu stellen. Soviel war ihm auf jeden Fall bereits klar: Dieser Unbekannte in Thatcham war keines natürlichen Todes gestorben. Möglich, daß die näheren Umstände recht belastend für Mr. Hugg waren … Höchstwahrscheinlich war der Unbekannte aber nicht ermordet worden, sondern durch einen Unfall ums Leben gekommen; das wurde ihm während einer kurzen Gesprächspause klar.

 

»Was hatten Sie denn ausgerechnet in Thatcham zu tun?« fragte er dann.

 

»Hören Sie mal, ich habe Ihnen doch bereits gesagt …«, begann Hugg. Aber Dewin, der seinen Mann kannte, unterbrach ihn und fuhr ihn in scharfem Ton an.

 

»Es ist nur zu Ihrem eigenen Vorteil, wenn Sie etwas offenherziger werden … Ich kann natürlich auch zur Polizei gehen, damit Licht in diese reichlich dunkle Angelegenheit kommt. Am besten Sie rücken sofort mit der Sprache heraus – oder ich telefoniere mit Oberinspektor Clarke.«

 

Der kleine Mann wurde plötzlich außerordentlich lebendig.

 

»Clarke?« gestikulierte er entrüstet. »Dieser Schuft müßte doch schon längst an all den Lügen erstickt sein, die er über mich verbreitet hat! Der hat mich ins Zuchthaus gebracht!«

 

Ein abgerissen aussehender Kerl, anscheinend ein Freund Huggs, brachte eine dampfende Tasse, die Hugg geräuschvoll ausschlürfte. Der Kaffee – und die Erwähnung des Oberinspektors – schienen sein Gedächtnis zu beleben.

 

»Schön, ich werde Ihnen alles erzählen – und wenn dabei etwas für mich rausspringen würde, wäre es mir sehr recht. Der Mann, den ich gestern nacht zu sehen glaubte, heißt Lane. Er saß in dem gleichen Gefängnis in Dartmoor wie ich, und dort haben wir uns auch kennengelernt. Nach der Entlassung nahm ich ihn mit nach Reading zu meinen Verwandten, aber die waren nicht mehr da …« Er machte eine Pause. »Nun ja, sie waren eigentlich nicht fortgezogen, aber sie hatten keine Lust, sich mit uns drei – ich meine natürlich zwei – abzugeben.«

 

»Ihr wart also drei?« hakte Peter ein. »Machen Sie doch keinen Unsinn, erzählen Sie die Geschichte, wie sie wirklich war!«

 

Mr. Hugg schwieg einige Zeit.

 

»Ja, wir waren drei«, gab er dann zu. »Aber ich weiß wirklich nicht, was aus dem andern geworden ist – nach dem …«

 

»Nach dem Unfall«, ergänzte Peter, als Hugg wieder eine Pause machte. Der Mann kaute verlegen an seinen schmutzigen Fingernägeln.

 

»Nun ja«, meinte er schließlich zögernd.

 

»Also, wie war das nun mit dem Unfall? Sie tippelten zusammen mit zwei andern früheren Sträflingen durch die Gegend. Wohin wolltet ihr denn?«

 

»Nach Newbury.« Hugg wurde immer aufgeregter. »Sagen Sie mal, Sie sind doch wirklich nicht von der Polizei?«

 

Dewin holte eine Visitenkarte hervor, die sich Hugg nahe vor die Augen hielt. Er schien kurzsichtig zu sein.

 

»Gut, das wäre in Ordnung. Und da ich schon mal dabei bin, erzähle ich Ihnen auch die ganze Sache – wenn Sie mich aber anzeigen, soll Sie der Teufel holen. – Kurz vor Thatcham liegt ein kleines Haus; ich und Harry, der dritte im Bunde, überlegten uns, daß wir da einbrechen und ein paar warme Kleider für uns rausholen könnten. Es war nämlich eine elend kalte Nacht, und das Haus schien leer zu sein. William – der Mann, der nachher getötet wurde – wollte nichts damit zu tun haben, und wir ließen ihn auf der Straße, damit er Schmiere stehen solle. Ich und Harry drückten dann ein Fenster ein und kletterten hinein. Wir hatten uns aber kaum ein wenig umgesehen, als wir hörten, wie jemand aus dem oberen Stock die Treppe runterpolterte. Da zogen wir schnell Leine, sprangen in den Garten und liefen weg. William stand nicht mehr auf seinem Posten, er war weitergewandert, und wir holten ihn erst nach zehn Minuten wieder ein. Es war eine enge Landstraße mit scharfen Windungen, und wir standen in der Mitte und machten ihm Vorwürfe, was er für ein Feigling war – als plötzlich ein Wagen mit rasender Geschwindigkeit um die Ecke sauste. Er fuhr mit ausgeschalteten Scheinwerfern … Ich kann mich dann nur noch darauf besinnen, daß ich mit dem Gesicht auf die Straße flog – im Krankenhaus wachte ich wieder auf. William wurde tödlich verletzt; Harry kam auch mit dem Leben davon. Wie ich dann später hörte, war der Kerl im Auto der Eigentümer des Hauses, in das wir eingebrochen waren. Er wollte nach Thatcham, um die Polizei zu benachrichtigen.« Hugg schwieg. Nach einer Pause fügte er noch hinzu: »Vermutlich hat Mr. Crewe Sie auf meine Spur gebracht.«

 

Peter hielt es für klüger, nichts zu sagen.

 

»Ich mußte ihn nämlich anlügen«, fuhr Hugg fort. »Ich konnte ihm doch nicht sagen, daß William getötet wurde, weil wir einen Einbrach verübt hatten!«

 

»Wie kamen Sie denn auf Mr. Crewe?« fragte Dewin vorsichtig.

 

»William hat immer im Schlaf gesprochen und dabei den Namen von Leicester Crewe erwähnt. Er muß ihn geradezu gehaßt haben. Ich erfand dann die Geschichte, daß Lane ihm durch mich eine Warnung vor der gefiederten Schlange zukommen ließe – William hat im Schlaf nämlich sehr oft von gefiederten Schlangen geredet.«

 

»Gefiederte Schlangen?« fragte Dewin schnell. »Was hat er darüber gesagt?«

 

»Nichts Genaueres, er hat sie nur erwähnt. Und außerdem nannte er noch einen Namen, der sehr merkwürdig war – ich kann mich aber nicht darauf besinnen –, dann sprach er öfter von ’nem Schlüssel.«

 

Er machte eine Pause und dachte nach.

 

»Hat er sonst noch etwas gesagt?« fragte Dewin gespannt.

 

Hugg nickte langsam.

 

»Ja, von ’nem großen Haus hat er auch gesprochen. Ich glaube, er nannte es das Haus der gefiederten Schlange.«

 

Peter Dewin machte sich in Gedanken Notizen über das Gehörte. Dann fragte er weiter:

 

»Wissen Sie etwas über William – ich meine über seine Vergangenheit?«

 

»Er war Falschmünzer«, war die Antwort. »Druckte eine Menge falsche Banknoten.«

 

»Wie war denn sein Familienname?«

 

»Lane – William Lane.«

 

William Lane …! Der Name kam ihm bekannt vor, und plötzlich erinnerte er sich an die Aufzeichnungen in Joe Farmers Schreibtisch.

 

Allmählich sah Peter klarer. William Lane war verurteilt worden, weil er falsche Banknoten hergestellt hatte. Die Aussage Farmers hatte ihn ins Gefängnis gebracht.

 

»Haben Sie das alles auch Crewe erzählt?«

 

Hugg nickte.

 

»Ich habe aber nichts von Harry gesagt«, setzte er ein wenig verlegen hinzu. »Ich wollte nämlich nicht, daß dieser Crewe denken sollte, es könnte noch ein anderer kommen, um ihn anzuzapfen. Harry wußte natürlich ebensoviel über Lane wie ich. Genaugenommen wußte er sogar noch mehr. Wir wurden alle drei am selben lag entlassen, und Harry sagte mir, daß wir uns an Lane halten sollten, denn durch ihn sei eine Menge Geld zu machen. Erst als ich nach dem Unfall aus dem Krankenhaus in Newbury entlassen wurde, erfuhr ich, daß Lane tot war.«

 

»Was für ein Mensch war er denn – ich meine charakterlich?« fragte Dewin.

 

»Er war ein wenig sonderbar; so ganz schlau bin ich nie aus ihm geworden. Als er nach Dartmoor kam, soll er ein ruhiger, netter Kerl gewesen sein. Er sprach kaum mit jemand und las viel – meistens Kriminalromane. Mit der Zeit aber änderte er sich. Er wurde gereizt und jähzornig. Einmal hätte er während eines Streits beinahe ’nem andern Sträfling mit ’nem Stein den Schädel eingeschlagen. Wir konnten ihn gerade noch zurückhalten. Ein Glück, daß die Aufseher nichts gemerkt hatten. Er war ungefähr in meinem Alter, vielleicht auch etwas älter. Ein verrückter Gedanke, daß ich ihn in ’nem Auto gesehen haben soll – ich muß ziemlich betrunken gewesen sein«, gestand er. »Er ist bestimmt tot. Die Polizei in Newbury hat alle seine Papiere und einen genauen Bericht über den Unfall.«

 

Peter versuchte ihn weiter auszuholen, aber er erfuhr nichts Wissenswertes mehr. Bevor er Rowton House verließ, sagte er dem Mann, daß er ihn abends in seiner Wohnung erwarte.

 

Er hielt jetzt einige Fäden in der Hand, die ihn ohne Zweifel der Lösung des Rätsels näherbrachten. Das Haus der gefiederten Schlange! Konnte es jene Strafkolonie in dem trostlosen Dartmoor sein, oder war das alles eine überspannte Vorstellung?

 

Je mehr er über die gefiederte Schlange und über die geheimnisvollen Karten nachdachte, desto mehr lehnte sich seine Vernunft gegen romantische Verschwörungen auf, wie sie von Sensationsschriftstellern erfunden werden. Auf alle Fälle schien William Lane aber kein gewöhnlicher Verbrecher zu sein.

 

Kapitel 3

 

3

 

Gregory Beale war in jeder Beziehung ein Sonderling und hatte den Zeitungen durch seine verschiedenen Spleens schon häufig Stoff geliefert. Unter anderem war eine seiner Lieblingsbeschäftigungen das Studium der Lebensgewohnheiten armer Leute. Verkleidet streifte er durch die verrufensten Gegenden Londons; er wohnte und schlief dort – und verteilte von Zeit zu Zeit erhebliche Beträge an Familien, die einen besonders harten Kampf ums Dasein führen mußten. Dabei gab sich der Mann in seiner Verkleidung – mit zerzaustem Bart und feuerroter Krawatte – niemals als Gregory Beale zu erkennen. Er hatte ein Dutzend anderer Namen und änderte seine Adresse von Woche zu Woche. Bald wohnte er in Limehouse, bald in Poplar, bald bei den Victoria Docks oder in Eastham. In der letzten Zeit war ihm die Sorge für die Armen etwas langweilig geworden – möglicherweise hatte er auch einige schlechte Erfahrungen gemacht. Eines Tages erfuhr die Gelehrtenwelt Londons, daß er nach Brasilien gegangen sei, um sich dem Studium der alten mittelamerikanischen Kulturen zu widmen, die ihn schon immer besonders interessiert hatten.

 

Sechs Jahre, nachdem sein Anwalt die Verwaltung des ungeheuren Vermögens übernommen hatte, fuhr der Schnellzug, der Mr. Beale zurückbrachte, langsam in Waterloo Station ein.

 

Kein Freund holte den Forscher ab. Er stand ganz allein auf dem Bahnsteig – eine große, sehnige Gestalt mit braungebranntem Gesicht; seine blauen Augen leuchteten noch wie früher, nur seine Haare waren etwas grauer geworden.

 

Endlich bahnte sich sein Diener John einen Weg durch die Menge, um das Gepäck in Empfang zu nehmen.

 

»Ah, John Collitt – ich kenne Sie kaum noch!« sagte Mr. Beale liebenswürdig.

 

»Jawohl, Sir – ich hoffe, daß Sie eine gute Reise hatten.«

 

Die Tür eines eleganten Wagens wurde vor ihm aufgerissen.

 

»Um das Gepäck kümmert sich eine Agentur – fahren Sie mich jetzt sofort nach Hause.«

 

Er sank in den tiefen Sitz zurück und beobachtete mit fast kindlicher Freude die vielen Bilder Londons, die an ihm vorüberzogen. Ein Mann schob einen Karren mit Äpfeln – auf der Westminster Bridge Road riefen Zeitungsjungen Extrablätter aus – das Parlamentsgebäude war hell erleuchtet.

 

Mr. Beale atmete tief. Er war wieder daheim!

 

Der Wagen fuhr durch den finsteren Park in die Brompton Road, bog links ein und hielt vor einem großen, vornehmen Haus. Der untersetzte, kahlköpfige Butler kam eilig die Treppenstufen herunter.

 

»Willkommen zu Hause, Mr. Beale.«

 

Basseys Stimme klang heiser. War es nur Erregung, oder war er so alt geworden? Gregory Beale schaute ihn verwundert an.

 

»Schönen Dank, Bassey.«

 

Der Butler stieg vor ihm die Treppenstufen hoch. Feierlich trat er dann zur Seite und ließ seinen Herrn zuerst durch die Tür gehen.

 

»Eine junge Dame wartet im Studierzimmer, Sir. Ich wußte nicht recht, was ich mit ihr anfangen sollte. Sie sagt, sie sei auf eine Annonce hin gekommen …«

 

Gregory Beale nickte lächelnd.

 

»Stimmt schon, ich habe telegrafisch in der Zeitung inseriert … brauche eine Sekretärin. Bringen Sie die junge Dame bitte her.«

 

Daphne Olroyd folgte dem Butler. Als sie eintrat, begegnete sie dem freundlich forschenden Blick Mr. Beales.

 

»Bitte, nehmen Sie doch Platz, Miss …?«

 

»Olroyd«, erwiderte sie und lächelte ihn an. »Ich fürchte, daß ich etwas ungelegen komme – leider wußte ich nicht, daß Sie gerade erst aus Amerika zurückkommen.«

 

»Das wissen die meisten nicht. So bedeutend bin ich nicht, daß diese große Stadt von meiner Ankunft Notiz nimmt. Übrigens haben Sie doch ein Telegramm erhalten, in dem Sie aufgefordert wurden, sich vorzustellen. Mein Anwalt, Mr. Holden, hat es Ihnen geschickt. Anscheinend war das Gehalt, das ich in der Annonce angab, so hoch, daß sich viele Leute um den Posten bewarben.«

 

Bildete sie es sich nur ein, oder klang wirklich ein Ton von Enttäuschung in seiner Stimme? Ihr Mut sank bei diesem Gedanken. Das Inserat hatte sie von einem wohlgesinnten Unbekannten zugeschickt bekommen und sich ohne große Hoffnungen um die Stelle beworben.

 

»Ich glaube, daß ich im großen ganzen Ihre Ansprüche erfüllen kann«, erklärte sie jetzt schnell, um von vornherein jeden Einwand zu entkräften. »Ich kann sehr schnell maschineschreiben und stenografieren; Französisch spreche ich ausgezeichnet …«

 

Er hob abwehrend und beruhigend die Hand.

 

»Ich glaube Ihnen ja. Wo arbeiten Sie zur Zeit?«

 

Sie sagte es ihm. Anscheinend machte der Name Leicester Crewe gar keinen Eindruck auf ihn; er fragte sie nur, warum sie die Stellung wechseln wolle.

 

Sie zögerte etwas mit der Antwort.

 

»Das hohe Gehalt reizt mich natürlich, aber – vor allem möchte ich von Mr. Crewe fort.«

 

Er nickte und schaute einige Zeit nachdenklich zu Boden.

 

»Gut«, sagte er schließlich und fügte dann zu ihrer nicht geringen Freude hinzu: »Ich engagiere Sie – wann können Sie anfangen?«

 

Mit beschwingten, leichten Schritten verließ sie zehn Minuten später das Haus. Sie war gut gelaunt und dachte an nichts Böses. Doch als sie schnell aus der düsteren Nebenstraße in die Hauptstraße einbog, löste sich ein Mann aus dem Dunkel einer Mauer; er hatte sie von dem. Augenblick an beobachtet, als sie das Astoria-Hotel verließ. Geräuschlos überquerte er die Straße und folgte ihr. Sie ahnte nicht, daß sie verfolgt wurde, bis sie sich an einer Ecke zufällig umdrehte und die dunkle Gestalt undeutlich durch den Nebel auf sich zukommen sah.

 

Zuerst wollte sie davonlaufen, dann überlegte sie sich aber, daß es vielleicht nur ein ganz harmloser Spaziergänger sei, und wollte warten, bis er vorbei wäre. Doch plötzlich blieb die Gestalt stehen. Nur einen Augenblick konnte sie die Umrisse eines Mannes erkennen, dann war er im Nebel verschwunden. Gleich darauf wußte sie, warum er nicht weitergegangen war.

 

Ein Polizist kam auf seinem Patrouillengang langsam auf sie zugeschlendert. Und die Beauftragten der gefiederten Schlange vermeiden Begegnungen mit der Polizei.

 

Kapitel 2

 

2

 

»Glücklicherweise trug Miss Creed nicht ihre Juwelen, sondern täuschende Imitationen, so daß den Verbrechern keine Kostbarkeiten in die Hände fielen. Die Polizei ist im Besitz einer Karte mit der rohen Zeichnung einer gefiederten Schlange. Stündlich erwartet man eine weitere interessante Entwicklung des Falles.‹ – Das ist also die Geschichte«, fügte der Nachrichtenredakteur des »Kurier« seiner Vorlesung mit einer Selbstzufriedenheit hinzu, die Leute seines Schlages immer dann anwenden, wenn sie ihre Untergebenen fortschicken, um unlösbare Aufgaben zu lösen. »Die gefiederte Schlange gibt dem Fall eine besondere Nuance – ich verspreche mir eine Sensation …«

 

»Dann engagieren Sie doch gleich auch einen Sensationsschriftsteller für die Berichterstattung!« erklärte Peter Dewin grimmig.

 

Peter Dewin war ein großer, etwas nachlässig gekleideter junger Mann mit ziemlich saloppem Auftreten. Wenn er sich sauber rasierte und einen Frack anzog, was bei gewissen beruflichen Anlässen beim besten Willen nicht zu umgehen war, sah er geradezu flott und elegant aus. Was er allerdings durchaus nicht wahrhaben wollte. Auf der Redaktion des »Postkuriers« erzählte man von ihm, daß seine Vorliebe für Verbrechen und Verbrecher fast verdächtig wäre und daß er sich nichts Schöneres vorstellen könne, als in der Woche sieben Tage lang Detektiv zu spielen.

 

»Das Ganze gibt Stoff für einen Schauerroman, aber nicht für eine anständige Kriminalreportage, die Hand und Fuß hat«, erklärte er jetzt entrüstet. »Eine gefiederte Schlange – um Gottes willen! Ich wette, daß es sich nur um einen raffinierten Theatertrick handelt, den sich die Creed ausgedacht hat, um wieder mal in die Zeitungen zu kommen. Um das zu erreichen, würde sie sogar aus einem Ballon springen!«

 

»Hat sie das wirklich mal gemacht?« erkundigte sich der phantasielose Nachrichtenredakteur äußerst interessiert.

 

»Nein, natürlich nicht«, entgegnete Dewin brummig. »Aber im Ernst, Parsons, übergeben Sie diese Geschichte doch lieber dem Theaterkritiker – der freut sich vielleicht darüber.«

 

Mr. Parsons zeigte nur auf die Tür. Peter Dewin hatte schon genug Erfahrungen als Journalist gemacht, um zu wissen, wieweit man einen Nachrichtenredakteur ärgern darf, ohne unmittelbare Gefahr zu laufen. Er schlenderte deshalb achselzuckend zum Reporterzimmer zurück und klagte seinen scheinheilig mitfühlenden Kollegen sein Leid.

 

Eines stand bei ihm auf jeden Fall fest – keine Schlange, mochte sie nun gefiedert sein oder nicht, sollte die Ursache sein, daß er seine Stellung verlor.

 

*

 

Bekanntschaften, die man in Cafés schließt, sind immer mit einer gewissen Gefahr verbunden. Wenn man zu jemandem sagt: »Darf ich Ihnen vielleicht den Zucker reichen?«, so ist das noch lange kein vollwertiger Ersatz für eine formelle Vorstellung.

 

Daphne Olroyd dachte darüber nach, als sie an einem grauen Novembernachmittag langsam auf den Eingang des Astoria-Hotels zusteuerte. Aber formelles Vorstellen garantiert keineswegs späteres gutes Betragen. Auf jeden Fall stand es bei ihr fest, daß trotz der etwas formlos geschlossenen Bekanntschaft Peter Dewin ein anständiger Mensch war. Davon war sie mehr überzeugt als von Leicester. Crewes Anständigkeit oder von der seines ziemlich zweifelhaft aussehenden Freundes.

 

Vor allem hatte sie sich schon lange angewöhnt, sich bei der Beurteilung von Menschen auf ihr eigenes Gefühl zu verlassen. Und das sagte ihr in diesem Fall, daß der große, nachlässig gekleidete junge Mann es nicht falsch verstehen würde, daß sie seine Einladung zum Tee ohne Zögern angenommen hatte.

 

Peter Dewin stand mitten im Vestibül des Hotels und schaute bereits ängstlich wartend auf die Drehtür, als sie eintrat.

 

»Ich habe einen Tisch ausgesucht, der möglichst weit von dieser prächtigen Kapelle entfernt ist. Oder ziehen Sie vielleicht die Nähe des Orchesters vor …? Ich kann den dauernden Krach nicht ausstehen.«

 

Er führte sie zu einem Ecktisch und flüsterte ihr dabei so ungeniert Bemerkungen über die Leute zu, an denen sie vorbeigingen, daß sie unwillkürlich lachen mußte.

 

Es war eine seiner kleinen Eigenheiten, nicht gerade geizig mit den Informationen umzugehen, die er sich über Gott und die Welt zu verschaffen wußte. Und es kam ihr fast so vor, als ob sie neben einem lebenden Nachrichtenbüro herginge.

 

»Hier sind wir – nehmen Sie doch bitte den Sessel.« Er schob ihn für sie zurecht. »So, sitzen Sie bequem?«

 

Peter Dewin war hier ziemlich bekannt. Viele schauten herüber, um festzustellen, ob er es auch wirklich sei, da er ungewöhnlicherweise in Begleitung einer Dame war.

 

Daphne Olroyd erfuhr heute zum erstenmal, weichen Beruf er hatte. Interesse dafür brauchte sie nicht zu heucheln – Journalisten waren für sie schon immer mit einem gewissen Nimbus umgeben gewesen.

 

»Und worüber schreiben Sie speziell?« erkundigte sie sich.

 

»Hauptsächlich über Verbrechen, Mord, Raubüberfall und dergleichen«, erklärte er obenhin, während er seine schwarze Hornbrille aufsetzte. »Wenn es nicht genügend Verbrechen gibt, berichte ich auch über Hochzeiten und Begräbnisfeierlichkeiten. Ja, ich habe mich sogar schon soweit herabgelassen, über eine Parlamentsdebatte zu schreiben. – Was ist nur mit dieser verflixten Brille los, ich kann gar nichts sehen!«

 

»Warum setzen Sie sie dann überhaupt auf?« fragte sie erstaunt.

 

»Sie gehört ja gar nicht mir«, entgegnete er vergnügt und nahm sie wieder ab. »Ich habe sie eben für einen Kollegen beim Optiker abgeholt.«

 

Sie schaute ihn zweifelnd an, mußte dann aber doch lächeln.

 

»Wie gefalle ich Ihnen heute?« erkundigte sie sich.

 

»Sie sind sehr hübsch … Das bemerkte ich schon, als ich Sie das erste Mal traf. Eigentlich habe ich nicht gedacht, daß Sie heute kommen würden. War ich nicht zu frech?«

 

»Nein, durchaus nicht«, erwiderte sie lächelnd. »Ich fand Sie vielleicht etwas außergewöhnlich …«

 

»Das bin ich auch«, unterbrach er sie. »Ich habe mich auch noch niemals verliebt – bis jetzt war ich eigentlich immer der Meinung, daß man dabei seinen Verstand und Witz ziemlich umsonst vergeudet.«

 

Der Kellner kam und stellte Kannen und Tassen vor sie auf den Tisch.

 

»Sind Sie nicht die Sekretärin von Mr. Crewe?«

 

Sie schaute ihn verwundert an.

 

»Ich habe Sie neulich dort gesehen – als ich bei ihm war, um ihn zu interviewen. Erst heute morgen ist mir das wieder eingefallen.«

 

Gedankenvoll rührte er seinen Tee um und runzelte die Stirn.

 

»Kennen Sie die Dame dort drüben? Sie sieht dauernd herüber.«

 

»Das ist Mrs. Paula Staines«, erklärte sie. »Sie ist um sieben Ecken mit Mr. Crewe verwandt.«

 

Dewin beobachtete die elegante Dame. Sie saß aber zu weit von ihm entfernt, als daß er ihr Gesicht genauer hätte sehen können.

 

»Sind Sie eigentlich mit Ihrer Stellung zufrieden?« erkundigte er sich dann plötzlich.

 

»Mit meinem Posten bei Mr. Crewe?« Sie zögerte. »Wenn ich ehrlich sein soll – eigentlich nicht. Ich bin gerade dabei, mir eine andere Stellung zu suchen, habe aber leider noch keinen Erfolg gehabt.«

 

Er sah sie aufmerksam an.

 

»Ist Crewe nicht recht eigenartig? Er hat keinen besonders guten Ruf. Sein Vermögen hat er auf etwas seltsame Art erworben – über Nacht wurde er plötzlich reich, und niemand weiß, woher dieser Geldsegen kam. Es wäre wirklich besser, wenn Sie fortgingen.«

 

»Interessieren Sie sich so sehr für Crewe? Oder ist das nur Ihr allgemeiner Informationstrieb …?«

 

»Spotten Sie nicht, ich interessiere mich wirklich für ihn. Und habe schon die verschiedensten Theorien – aber keine stimmt. – Nun essen Sie doch endlich mal Ihre Torte auf!«

 

Daphne nickte folgsam.

 

»Nachher muß ich zu einer Dame, über die ich einen Artikel schreiben soll, der für sie mindestens tausend Pfund Reklamewert hat – und dabei hat sie noch nicht mal für zehn Pfund Schmuck eingebüßt.«

 

»Meinen Sie vielleicht Ella Creed?« fragte Daphne überrascht. »Die junge Dame, die vor ihrer Haustür überfallen wurde?«

 

»Kennen Sie sie etwa?« fragte er.

 

»Nur vom Sehen. Sie kommt manchmal zu Mr. Crewe, und er war auch sehr bestürzt über den Vorfall. Auch er hat an dem Tag, an dem Miss Creed überfallen wurde, eine Karte mit dem Bild der gefiederten Schlange erhalten und hat sich sehr darüber aufgeregt.«

 

Peter sah sie nachdenklich an.

 

»Ich glaube eigentlich nicht, daß es damit etwas auf sich hat«, meinte er schließlich. »Hinter phantastischen Geschichten wie dieser steckt meistens nichts als leeres Gerede. – Was haben Sie nachher vor?« erkundigte er sich nach einer kleinen Pause.

 

Sie lachte ihn an.

 

»Ich habe mich um eine andere Stellung beworben – ohne Hoffnung, daß ich dabei Erfolg haben werde.«

 

Vor dem Hoteleingang trennte er sich von ihr und schlenderte dann zum »Orpheum« – dem Theater, das Miss Creed gehörte. Er erwartete nicht, daß sie schon um diese Zeit dort sein würde, und freute sich um so mehr, als er erfuhr, daß sie schon in ihrer Garderobe sei und ihn erwarte.

 

Offensichtlich war sie kurz vorher eingetroffen, denn sie hatte ihren Pelzmantel noch an. Dewin begegnete ihr zum erstenmal, doch kannte er den Mann, der neben ihr stand, sehr gut.

 

Joe Farmer war wirklich eine sehr bekannte Persönlichkeit in London. Er war etwas untersetzt und hatte ein rotes, ziemlich gewöhnliches Gesicht. Man sah ihm von weitem den neureichen Unternehmer an. Hauptsächlich managte er Boxveranstaltungen, außerdem war er auch noch Eigentümer einer ganzen Reihe berüchtigter Nachtlokale. Bei den Rennen ließ er einige Pferde laufen, die in Berkshire trainiert, wurden, und wenn sein Ruf auch nicht der beste war, erfreute er sich doch einer gewissen Popularität.

 

Wie viele Leute seines Schlages hatte er eine Schwäche für Brillanten. Auch jetzt blitzte in seiner Krawatte wieder ein Stein, den man beim besten Willen nicht übersehen konnte.

 

Er begrüßte den Reporter mit einem freundlichen Grinsen und streckte ihm seine fette, etwas feuchte Hand entgegen.

 

»Das ist der richtige Mann – an den mußt du dich wenden, Ella«, sagte er mit seiner tiefen, heiseren Stimme, die nach einer chronischen Kehlkopfentzündung klang. »Kommen Sie, Peter, alter Junge – nehmen Sie Platz. Darf ich dir vorstellen, Ella – dies ist Mr. Dervent …«

 

»Dewin, mein Bester«, entgegnete Peter gelangweilt. »D-e-w-i-n.«

 

Joe Farmer lachte heiser.

 

»Na, für mich sind Sie eben Peter. Werden Sie sich den nächsten großen Boxkampf ansehen, den ich arrangiere?«

 

»Rede doch jetzt nicht von Boxkämpfen!« fuhr Miss Creed ärgerlich dazwischen. »Sind Sie Journalist?« wendete sie sich dann an Dewin. »Vermutlich kommen Sie wegen des Überfalls von gestern abend. Ehrlich gesagt, ich habe mich noch nie in meinem Leben so gefürchtet.«

 

Sie sprach sehr hastig.

 

»Es ist wirklich ein Glück, daß es nicht meine echten Juwelen waren. Heutzutage kann es sich eine Dame einfach nicht leisten, Schmuck im Wert von 20 000 Pfund spazierenzutragen. Das finden Sie doch auch, Mr. Dewin?«

 

»Kann ich die Karte einmal sehen?« unterbrach er den Wortschwall.

 

Sie öffnete ihre Handtasche und zog ein schmutziges Stück Karton heraus, das an einer Schnur befestigt war. »Das hing um meinen Hals, als ich wieder zu mir kam«, berichtete sie. »Übrigens habe ich durchaus nicht die Geistesgegenwart verloren, als ich dem Verbrecher gegenüberstand …«

 

»Würden Sie die Leute, die Sie überfallen haben, wiedererkennen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, es war ja ganz dunkel. Das Taxi war schon weggefahren, und das Licht der Straßenlampen dringt nicht durch die Bäume und Sträucher.«

 

Dewin untersuchte die Karte mit dem Bild der gefiederten Schlange genau.

 

»Glauben Sie nicht, daß sich ganz einfach jemand einen schlechten Scherz mit Ihnen erlaubt hat?«

 

Offensichtlich ärgerte sie sich über seine Frage.

 

»Einen Scherz?« entgegnete sie scharf. »Glauben Sie vielleicht, daß meine Freunde sich so etwas erlauben würden? Nein, diese Kerle waren hinter meinen Juwelen her, und es tut mir leid, daß ich nicht ihre Gesichter sehen konnte, als sie entdeckten, daß sie nur wertlose Imitationen erbeutet hatten!«

 

Dewin ließ sich dann noch berichten, wie sie kurz vorher die Karte in ihrer Handtasche gefunden hatte.

 

»Es ist merkwürdig«, meinte Miss Creed, »daß mein Bekannter, Mr. Leicester Crewe, der Börsenmakler, auch eine solche Karte erhalten hat und …«

 

»Ich habe übrigens auch eine bekommen«, mischte sich plötzlich Joe Farmer ins Gespräch. Dabei verzog sich sein Gesicht zu einem ziemlich einfältigen Grinsen. »Sagen Sie mal, was halten Sie eigentlich davon, daß man diesem hübschen Baby hier so was angetan hat?«

 

Farmer hatte viel mit amerikanischen Boxern zu tun, und seine Sprechweise war danach.

 

»Passen Sie auf, Peter, ich glaube, ich habe eine ganz große Geschichte für Sie …«

 

»Halt endlich den Mund!« warf Miss Greed wieder dazwischen. »Deine Geschichte gehört jetzt wirklich nicht hierher.«

 

Sie hatte in so scharfem Ton gesprochen, daß sie sich gleich darauf veranlaßt fühlte abzumildern.

 

»Mr. Farmer vermutet nämlich, daß der Verbrecher ein Mann sei, mit dem wir einmal eine Auseinandersetzung hatten, aber der, den er meint, ist ja längst tot und kann es doch unmöglich gewesen sein.«

 

Sie schaute Farmer bedeutsam an.

 

»Je weniger darüber gesprochen wird, desto besser.«

 

»Ob er wirklich tot oder noch am Leben ist, weiß ich nicht«, erwiderte Joe vorsichtig. »Auf jeden Fall habe ich meine besonderen Ansichten darüber und handele danach. Ich gehöre zu den Leuten, die sich zu nichts drängen lassen!«

 

»Willst du jetzt endlich ruhig sein!« Diesmal war Miss Creed wirklich böse, und Mr. Farmer gehorchte ihr sofort.

 

Im allgemeinen konnte Dewin nicht viel Neues erfahren, und er ging ziemlich verärgert – und auch etwas bestürzt zu seinem Büro zurück. Im Vorraum traf er den Nachrichtenredakteur, der gerade weggehen wollte.

 

»Irgend etwas steckt hinter diesen merkwürdigen Visitenkarten«, erklärte ihm Parsons sofort hartnäckig. »Die ganze Zeit habe ich darüber nachgedacht. Meiner Meinung nach hat die gefiederte Schlange eine ganz besondere Bedeutung. Ich habe im Konversationslexikon nachgeschlagen und dabei wenigstens herausgefunden, daß sie von den alten Azteken als Gottheit verehrt wurde. An Ihrer Stelle würde ich einmal Mr. Beale aufsuchen.«

 

»Wer ist Mr. Beale?« fragte Dewin.

 

»Mr. Gregory Beale ist Archäologe«, erklärte der Redakteur geduldig. »Außerdem ist er Millionär. Heute abend kam er von einer Expedition zurück, auf der er die Ruinenstädte der Maya durchforscht hat. Bestimmt kann er Ihnen genaueres sagen.«

 

Freundlich grüßend verließ er das Gebäude. Peter Dewin war schon auf halber Höhe der Treppe, als ihn der Redakteur noch einmal zurückrief.

 

»Mr. Beale interessiert sich im übrigen sehr für Sozialreformen«, sagte Parsons noch. »Bieten Sie ihm doch Ihre Begleitung bei einem Spaziergang durch den Osten Londons an. Das gibt einen Artikel von mindestens Spaltenlänge.«

 

Als Dewin wieder die Treppe hinaufstieg, war er in nicht gerade rosiger Stimmung.

 

Kapitel 20

 

20

 

Peter verabschiedete sich von Daphne, ohne ihr genaueres über das Gespräch zu sagen.

 

»Um wieviel Uhr frühstückst du?« fragte er noch.

 

»Um neun.«

 

Er versprach, um diese Zeit zu kommen. »Ich werde wohl die ganze Nacht unterwegs sein müssen. Allmählich hängt mir diese Angelegenheit zum Halse raus – aber ich glaube, daß es jetzt nicht mehr lange dauern wird … Möglich, daß mir noch das eine oder andere einfällt, was ich dich fragen muß.«

 

Er war draußen, bevor ihr klar wurde, daß sie den einen wichtigen Umstand, den sie ihm unbedingt noch hatte mitteilen wollen, gar nicht erwähnt Latte.

 

Als er zu Mr. Beales Haus zurückkam, wurde ihm der Eintritt durch einen Polizisten verwehrt; das ganze Haus war von Polizeibeamten besetzt. Schließlich gelang es ihm, bis zu Oberinspektor Clarke vorzudringen. Wie ihm der anscheinend völlig gelassene Butler im Vorbeigehen sagte, hatte sich Mr. Beale in sein Schlafzimmer zurückgezogen.

 

Clarke stand im Garten, der durch zwei Scheinwerfer hell erleuchtet wurde. Als Peter zu ihm trat, prüfte er gerade mit Sweeney einige Spuren an dem Mauerwerk.

 

»Hier ist er über die Mauer geklettert«, sagte Sweeney. »Sehen Sie die Säcke?«

 

Er zeigte nach oben. Drei feste Säcke waren über die Glassplitter auf der Mauerkrone gelegt worden.

 

»Einfach und praktisch«, meinte Peter bewundernd. Sweeney, der jetzt erst den Reporter bemerkte, drehte sich verdrießlich um.

 

»Ich weiß nicht, was dabei besonders bemerkenswert sein soll. Natürlich wurden die Säcke auf die Mauer gelegt; um die Flucht zu erleichtern. Wahrscheinlich lag noch ein Seil darüber, das jemand auf der anderen Seite hielt.«

 

»Was halten Sie davon, Mr. Clarke?« fragte Peter.

 

»Ich bin der gleichen Ansicht. Möglich, daß ich meine Meinung auch wieder ändere …, aber im Augenblick gebe ich der Presse die Erklärung, daß jemand über die Mauer stieg, sich im Garten versteckte und dort wartete, bis Crewe das Arbeitszimmer betrat. An den Fenstern des Raumes befinden sich keine Jalousien, das Zimmer war hell erleuchtet, und jeder Vorgang konnte von außen beobachtet werden. Mr. Crewe trat als erster in das Zimmer …«

 

»Im Gang war kein Licht«, unterbrach ihn Peter.

 

»Was hat denn das mit der Sache zu tun?« fragte Sweeney. »Im Gang konnte er ja nicht gesehen und infolgedessen auch nicht erschossen werden!«

 

»Sicher war das Zimmer genügend hell, daß der Mörder Crewe deutlich sehen konnte, als er den Raum betrat«, sagte Clarke ungeduldig. »Die Dunkelheit im Gang hat doch nichts zu bedeuten – oder sind Sie anderer Meinung?«

 

Peter antwortete nicht.

 

Dann setzten sie ihre Untersuchungen fort und notierten genau die Ergebnisse. Peter fragte, wo der Schlüssel zu dem kleinen Schuppen wäre.

 

»Wir haben uns dort schon umgesehen«, erklärte Sweeney. »Es ist nichts drin – nur ein paar Gartengeräte und eine alte Tür.«

 

»Die Tür möchte ich mir ganz gern einmal ansehen.«

 

Der Schuppen wurde aufgeschlossen. Der Eingang war so niedrig, daß er sich bücken mußte, um hineinzukommen. An der hinteren Wand lehnte die Tür. Sie war mit grellen Farben bemalt; in der Mitte sah er ein verzerrtes Gesicht, von dem nach allen Seiten unregelmäßige Ornamente ausliefen. Dazwischen waren Vögel und Blumen gezeichnet. Er nahm sein Taschenmesser heraus und sondierte die Tür mit der Klinge. Nach einigen Minuten kam Sweeney herein.

 

»Was machen Sie denn da, zum Kuckuck?« fragte er ärgerlich.

 

»Nichts Besonderes«, erwiderte Peter und steckte sein Taschenmesser wieder ein. »Mich interessiert nur dieses primitive Gemälde.«

 

»Primitive Gemälde!« brummte der andere. »Sie haben wohl neuerdings die Absicht, Kunstgeschichte zu studieren?«

 

Peter gab keine Antwort. Er kam heraus, schloß ab und gab Sweeney den Schlüssel zurück.

 

Bis ein Uhr morgens arbeitete er in seinem Büro. In dieser Nacht schrieb er eine Geschichte, auf die auch der beste Zeitungsreporter hätte stolz sein können.

 

»Es ist nur schade«, sagte er zu dem Nachtredakteur, der eben die letzte Seite des Artikels überflog, »daß ich nicht an mehreren Orten zugleich sein kann. Ich wünsche mal wieder dringend, als Zwilling geboren zu sein!««

 

Der Zähler des Taxis, das er seit gestern abend gemietet hatte, zeigte bereits eine ziemlich hohe Summe, als er sich zur Wohnung von Harry, dem Barmann, fahren ließ. Sie lag in einer kleinen Straße in Poplar, und es dauerte einige Zeit, bis auf sein heftiges Klingeln hin eine dicke ältere Frau erschien.

 

»Ich möchte Mr. Merstham sprechen«, sagte Peter, nachdem er sich entschuldigt hatte.

 

»Der ist weg«, war die Antwort. »Ungefähr um neun brachte der Briefträger einen Eilbrief; er packte darauf seine Sachen und ging fort.«

 

»Hat er seine Miete bezahlt?« fragte Peter schnell.

 

Die Frau war über diese Frage nicht erstaunt.

 

»Ja, er hat keine Schulden hinterlassen und mich sogar ganz anständig bezahlt«, gab sie ihm zur Antwort.

 

»Wieviel gab er Ihnen?« Peter wartete gespannt.

 

»Das ist meine Sache«, erwiderte die Vermieterin kurz. Aber dann änderte sie plötzlich ihren Ton. »Ich hoffe doch, daß er auf ehrliche Weise zu dem Geld gekommen ist. Sind Sie etwa von der Polizei?«

 

»Nein, beruhigen Sie sich, ich bin kein Polizeibeamter, aber ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir die Nummer des Scheins, den er Ihnen gab, sagen würden.«

 

Sie ging ins Haus und schloß die Tür vor seiner Nase zu. Als sie zurückkam, gab sie ihm den abgerissenen Rand eines Zeitungsblatts, auf den die Nummer gekritzelt war.

 

»Ich danke Ihnen sehr«, sagte Dewin.

 

»Er hat das Geld doch hoffentlich nicht gestohlen? Die Miete war er mir nämlich schon seit drei Wochen schuldig.«

 

Dewin versuchte die aufgeregte Frau zu beruhigen.

 

»Hat er gar nichts dagelassen?«

 

»Nur den Briefumschlag, aus dem er den Schein nahm«, sagte die Frau, nachdem sie eine Weile überlegt hatte. »Wollen Sie ihn sehen?«

 

Wieder wurde die Tür geschlossen, und es dauerte ziemlich lange, bis sie mit einem zerknitterten Umschlag wiederkam.

 

»Wenn er das Geld nicht auf ehrliche Art erworben hat …«, begann sie von neuem.

 

»Darüber brauchen Sie sich wirklich keine Sorgen zu machen.«

 

Er sagte dem Chauffeur, daß er beim ersten Cafe in der Commercial Road anhalten solle. Dort bat er ihn, für sie beide eine Erfrischung zu bestellen. In der Zwischenzeit untersuchte er den Briefumschlag genau. Die Adresse war mit der Maschine geschrieben und lautete: H. Merstham, 99 Hitchfold Street, Poplar. Seinem Format nach schien der Inhalt des Briefkuverts nicht gerade klein gewesen zu sein.

 

*

 

Gucumatz und der Schlüssel! Das waren die beiden noch ungeklärten Punkte in der Geschichte. Erst durch sie konnte man die Zusammenhänge finden und das Rätsel vollends lösen.

 

Es war sieben Uhr morgens und schon heller Tag. Dewin benutzte die Zeit, die ihm übrigblieb, um die Geschichte dieses Verbrechens noch einmal in großen Zügen zu Papier zu bringen. Er hoffte, daß sie am Tag darauf veröffentlicht werden konnte. Etwas später läutete er an Mr. Beales Haus. Ein ihm bekannter Polizist öffnete.

 

»Mr. Clarke und Mr. Sweeney sind nach Hause gegangen. Sie haben mir aufgetragen, daß während ihrer Abwesenheit niemand im Haus etwas berühren darf.«

 

»Ist Mr. Beale schon auf?«

 

»Ja, er sitzt in seinem Arbeitszimmer und trinkt Kaffee.«

 

Peter klopfte und wurde sofort hereingelassen. Offenbar hatte Crewes Ermordung den Gelehrten völlig durcheinander gebracht. Er sah aus, als ob er die ganze Nacht nicht geschlafen hätte.

 

»Freut mich, daß Sie kommen, Mr. Dewin. Ich möchte gern Ihre Ansicht über das Verbrechen hören. Manchmal meine ich, daß die Kugel gar nicht Crewe zugedacht war.«

 

»Wem denn sonst?« fragte Peter und schüttelte lächelnd den Kopf. »Nein, ich glaube darüber brauchen wir nicht nachzudenken. – Sie bedauern wahrscheinlich, daß Sie Mittelamerika verlassen haben, Mr. Beale?«

 

Gregory Beale rührte langsam seinen Kaffee um und wandte sich dann an Peter.

 

»Diese Frage habe ich mir auch schon vorgelegt, muß sie aber mit nein beantworten. Es ist manchmal ganz heilsam, wenn unser Leben von Ereignissen, wie wir sie in der letzten Nacht erlebt haben, erschüttert und aufgerüttelt wird.«

 

Peter war an diesem Morgen nicht in der Stimmung zu philosophieren.

 

»Mr. Beale, kennen Sie einen Mann namens Harry Merstham?«

 

Beale nickte.

 

»Ja. Der Kerl hat mich während der letzten Nacht ziemlich beschäftigt. Er wollte sich nämlich gestern Geld bei mir leihen – für seine Rückreise nach Südamerika. Ich habe ihn aber abgewiesen. Später tat er mir dann doch leid, und ich schickte ihm heute morgen das Geld mit der Post – ein nettes Sümmchen«, lächelte er. »Trotzdem mache ich mir jetzt dauernd Vorwürfe, daß ich ihn durch mein Verhalten verletzt habe.«

 

»Kannten Sie ihn sehr gut?«

 

»Nein. Er ist ein verschwenderischer Bursche, der von einem Gasthaus zum andern zog. Früher war er sogar selbst Pächter einer Bar. Aber ich hatte Mitleid mit ihm, weil er schwer lungenkrank ist. Er kam mir aus den Augen, und ich dachte gar nicht mehr an ihn.«

 

»Wo kann man Merstham finden?« fragte Peter.

 

»Ich habe keine Ahnung. Aber irgendwo in meinem Schreibtisch muß seine Adresse sein.« Er suchte unter seinen Papieren. »Hier ist sie ja.« Er gab Peter einen Bogen Papier, auf dem drei Zeilen standen. Aber der Reporter beachtete sie gar nicht.

 

»Die Adresse ist mir bekannt. Ich wollte Merstham heute morgen besuchen – aber er war nicht mehr da; anscheinend ist er während der Nacht abgereist.«

 

Der Gelehrte nickte amüsiert.

 

»Ein kluger Mann. Er sprach davon, nach Südamerika gehen zu wollen …«

 

Dewin rückte seinen Stuhl dicht an den Schreibtisch Mr. Beales.

 

»Es würde mich interessieren, ob Sie sich verletzt fühlen, wenn ich Ihnen sage, daß ich die beiden Morde an Farmer und Crewe begreiflich finde. Ich weiß, was die beiden alles auf dem Gewissen hatten!«

 

Beale zog die Augenbrauen in die Höhe.

 

»Es überrascht mich, das von Ihnen zu hören. Ich dachte, Sie stünden ganz auf der Seite des Gesetzes und der Ordnung.«

 

Er sah jetzt aus, als ob er mit Mühe ein Lächeln unterdrücken müßte.

 

»Zu meiner Ansicht kam ich in der letzten Nacht«, fuhr Dewin fort, »als ich mit den Polizeibeamten Ihren Garten durchsuchte – das heißt, in Wirklichkeit beschäftigte mich hauptsächlich Ihr Gemälde auf der Tür.«

 

Mr. Beale war ein wenig bestürzt.

 

»Mein Gemälde? Wie kommen Sie nur …?« Dann sagte er lachend: »Ach, jetzt weiß ich, was Sie meinen! Miss Olroyd hat Ihnen sicher von meinem spleenigen Einfall erzählt. Übrigens – Sie sind mit ihr doch – hm – sehr befreundet …«

 

»Ja,« entgegnete Peter Dewin ernst.

 

Mr. Beale nickte und sah ihn mit einem etwas melancholischen Blick an.

 

»Sie sehen müde aus, Mr. Dewin«, meinte er dann. »Besser Sie gehen jetzt nach Hause und legen sich schlafen. Und schlafen Sie recht lange!«

 

Peter verstand, daß der Gelehrte allein bleiben wollte und verabschiedete sich.

 

Natürlich fuhr er nicht nach Hause, sondern suchte Daphne auf und frühstückte mit ihr im Speisezimmer ihres Hotels. Sie war ein wenig bedrückt. Mr. Beale hatte ihr ausrichten lassen, daß sie in den nächsten Tagen nicht kommen solle: »… bis die Erinnerung an die Tragödie einigermaßen verblaßt ist.«

 

»Du hast die ganze Nacht nicht geschlafen«, sagte sie vorwurfsvoll. »Bist du wenigstens ein Stück weiter?«

 

»Nicht sehr viel«, entgegnete er und starrte auf seinen Teller.

 

Sie lehnte sich zu ihm über den Tisch.

 

»Ich kenne das Geheimnis von Gucumatz«, flüsterte sie.

 

Er sah erstaunt auf.

 

»Wie – du kennst das Geheimnis von Gucumatz? Willst du vielleicht sagen, daß du das letzte Rätsel gelöst hast, das mir immer noch nicht klar ist …?«

 

»Gucumatz ist ein Erkennungswort!«

 

Er setzte seine Tasse, die er eben an den Mund gehoben hatte, klirrend wieder hin.

 

»Wofür denn?«

 

»Für einen Safe.«

 

Peter sah nicht gerade intelligent aus, als er sie jetzt mit offenem Mund ansah.

 

»Großer Gott!« rief er dann. »Daran habe ich noch gar nicht gedacht …! – Aber der Schlüssel?« Er schlug auf den Tisch, daß Daphne zusammenfuhr.

 

»Ich kam gestern abend ganz zufällig auf die richtige Idee«, erklärte sie. »Einer der Gäste hier sprach mit dem Geschäftsführer und ließ sich erklären, was für Vorteile ein Banksafe hat: Jeder Kunde erhält einen Schlüssel zu seinem Fach und ebenso ein Erkennungswort, mit dem er sich beim Kontrollbeamten ausweisen kann. Die Schlüssel haben für gewöhnlich eine Nummer, die aber ganz verschieden von der Nummer des Safes sein kann. Wenn du etwas herausnehmen willst, mußt du dich bei dem Beamten erst mit dem Erkennungswort ausweisen; bist du nicht selbst der Eigentümer des Faches, dann mußt du eine Vollmacht mitbringen, daß du berechtigt bist, den Safe zu öffnen. Aber vor allem mußt du das Erkennungswort wissen und den Schlüssel besitzen!«

 

Er hätte sie fast umarmt.

 

»Du bist wirklich ein kluges Mädchen! Was war ich doch für ein Idiot …! Aber offen gestanden, ich habe mich noch nie um Safes und Fächer gekümmert.«

 

Geistesabwesend sah er dann eine ganze Zeitlang vor sich hin. Plötzlich stand er auf.

 

»Weißt du, wohin ich jetzt gehe?«

 

»Wenn du klug bist …«, begann sie.

 

»Ich bin klug«, entgegnete Peter ernst. »Ich werde jetzt schlafen, und zwar« – er überlegte – »bis fünf Uhr abends.«

 

Kapitel 21

 

21

 

Er war ein Mann, der Wort hielt, und gab in seiner Pension Anweisung, daß man ihn keinesfalls stören solle. In bester Laune und mit der Gewißheit, daß ihn nicht einmal ein wahnsinniger Redakteur aufwecken konnte, legte er sich ins Bett und schlief schon halb, als er sich die Decke über die Ohren zog.

 

Peter wachte erst auf, als es an der Tür klopfte. Ein Mädchen brachte ihm Tee und eine Abendzeitung. Er erfuhr, daß Mr. Clarke im Laufe des Nachmittags mehrmals angerufen hatte. Kurz darauf ließ er sich mit Scotland Yard verbinden.

 

»Es entgeht Ihnen eine gute Geschichte, wenn Sie nicht bald hier auftauchen«, sagte Clarke.

 

»Was ist denn geschehen?«

 

»Kommen Sie zu mir – ich kann es Ihnen am Telefon nicht sagen.«

 

Peter zog sich langsam an und machte sich dann auf den Weg. Ein feiner Nebel lag über den Straßen.

 

Er fand Oberinspektor Clarke allein.

 

»Bitte machen Sie die Tür zu«, sagte er grollend. »Ich habe den ganzen Nachmittag versucht, Sie zu erreichen. Sie verdienen es eigentlich nicht, einen Freund bei Scotland Yard zu haben.«

 

»Ich mußte dringend schlafen und war für niemand zu sprechen«, erklärte Peter.

 

»Ich habe einige Neuigkeiten, die Sie interessieren werden. Woraus glauben Sie wohl, war die Kugel, mit der Crewe erschossen wurde?«

 

»Sie war aus Gold«, entgegnete Peter gelassen. Clarke starrte ihn überrascht an.

 

»Hat Ihnen das Sweeney erzählt?«

 

»Nein, ich vermutete es nur. Also paßte auch die Hülse nicht, die Sie im Garten fanden?«

 

Clarke schüttelte den Kopf.

 

»Nein. Aber nun seien Sie mal ehrlich, Dewin, haben Sie tatsächlich nicht mit Sweeney gesprochen?«

 

»Sie können ihn ja fragen! Und jetzt, was ist Ihre zweite Sensation?«

 

»Ella Creed ist verschwunden. Die Direktion des Theaters scheint sehr beunruhigt, obwohl ich persönlich glaube, daß es sich nur um einen Reklametrick handelt.«

 

Peter lächelte.

 

»Es besteht auch weiter kein Grund zur Aufregung ich kann mir gut denken, wo sie ist. Wenn mir jemand eine Generalstabskarte von Essex zeigen würde, hätte ich bald Gewißheit.«

 

Er betrachtete in aller Ruhe Clarkes ungläubiges Gesicht.

 

»Nun – Ihre dritte Sensation?«

 

»Es gibt keine dritte Sensation«, knurrte der Beamte. »Rücken Sie lieber endlich mit Ihren Geheimnissen heraus!«

 

»Ich glaube nicht, daß ich ohne die Erlaubnis von Mr. Beale weiterreden darf …«

 

»Den können Sie augenblicklich nicht erreichen«, entgegnete Clarke. »Er ist heute nachmittag verreist, ich brachte ihn selbst zum Bahnhof.«

 

»Reiste er allein, oder war sein Butler bei ihm?«

 

»Der Butler war dabei.«

 

Peter nickte.

 

»Dachte ich mir – er steht seit vielen Jahren in seinen Diensten. Ich glaube, daß er der treueste Angestellte war, den Beale seinerzeit in England zurückließ. Wohin fuhr Mr. Beale eigentlich?«

 

»Er hat ein Haus in Devonshire«, erwiderte Clarke ungeduldig. »Ich habe seine Adresse, wenn Sie sich mit ihm in Verbindung setzen wollen.«

 

Peter schüttelte den Kopf.

 

»Möchte ich durchaus nicht. Dagegen wäre es mir sehr lieb, wenn Sie mich zu seinem Londoner Haus begleiten würden. Ich möchte Ihnen einige sehr sonderbare Exemplare der gefiederten Schlange zeigen. Es wird sich für Sie lohnen!«

 

Sweeney kam gerade, als sie aufbrachen, und die drei fuhren zusammen zu Beales Haus. Alle waren außerordentlich einsilbig; selbst Dewin war ganz gegen seine sonstige Gewohnheit sehr still.

 

»Am wenigsten kann ich verstehen«, brach Sweeney das Schweigen, »daß man keinen Schuß gehört hat. Selbst eine mit Schalldämpfer versehene Pistole verursacht einen ziemlichen Knall.«

 

Peter mischte sich ein.

 

»Crewe ist auch durchaus nicht mit einer normalen Pistole oder einem Revolver erschossen worden – man hat ihn mit einer Deloraine getötet.«

 

»Was, zum Kuckuck, ist eine Deloraine?« fragte Clarke verblüfft.

 

»Warum diese Waffe so heißt, weiß ich selbst nicht. Hergestellt wurde sie in Belgien – es ist eine überschwere Luftpistole, die kurze Zeit lang sogar im Weltkrieg bei Patrouillengängen verwendet wurde. Man kam aber bald wieder davon ab, weil die Durchschlagskraft bei größerer Entfernung sehr schnell nachläßt. Immerhin dürfen Sie sich darunter nicht etwa eine Luftpistole vorstellen, wie man sie Kindern in die Hand gibt! Es handelt sich um einen ziemlich komplizierten Mechanismus, der einem Geschoß genügend Durchschlagskraft verleiht, um eine drei Zentimeter starke Holzplanke zu durchlöchern – und aus unmittelbarer Nähe kann man damit ohne weiteres einen Menschen erschießen.«

 

»Aber der tödliche Schuß auf Crewe wurde doch von draußen abgefeuert!« protestierte Sweeney. »Der beste Beweis ist schließlich das Loch in der Fensterscheibe …«

 

»Eine goldene Kugel ist weich«, sagte Peter höflich. »Sie würde sich sofort deformieren, wenn sie auf einen Widerstand stößt. Und das Loch in der Glasscheibe war so glatt, daß es nur von einem modernen Stahlmantelgeschoß herrühren kann – die Ränder waren wie ausgefräst! Selbst das vollkommenste splittersichere Patentglas würde dem Aufschlag eines goldenen Geschosses nicht standhalten, das auf kurze Entfernung abgefeuert wird, sich beim Auftreffen plattdrückt und dabei entweder die ganze Scheibe zertrümmert oder zumindest ein ganz unregelmäßiges Loch verursacht. Nun möchte ich vor allem aber die Tür noch einmal genauer untersuchen«, beendete der Reporter seine Ausführungen und stieg aus dem Wagen, der jetzt vor Beales Haus hielt.

 

»Welche Tür?« fragte Clarke, der sich nicht darauf besinnen konnte, wofür sich Dewin in der vergangenen Nacht so interessiert hatte.

 

»Ach, er meint bestimmt das angemalte Ding im Schuppen«, sagte Sweeney belustigt. »Was wollen Sie denn da entdecken?«

 

»Das Stahlmantelgeschoß, das das Fenster durchschlug«, antwortete Peter kühl. »Ich nehme an, daß es in der Tür steckt. Gestern nacht konnte ich es allerdings leider nicht finden.«

 

Dewin ging durch den Garten zu dem kleinen Schuppen. Sweeney leuchtete ihm mit einer Taschenlampe, und der Reporter untersuchte noch einmal Zentimeter für Zentimeter die Oberfläche der Tür.

 

»Hier ist es!« rief er plötzlich. Die Spitze seines Taschenmessers war auf einen harten Gegenstand gestoßen.

 

»Vielleicht ein Nagel«, meinte Clarke.

 

Dewin antwortete nicht; er schnitzte einige Zeit lang herum und hielt dann auf einmal ein blitzendes Stahlmantelgeschoß in der Hand.

 

»Es paßt zu der Patronenhülse«, sagte Sweeney, der das Geschoß genau betrachtete.

 

»Nun, Dewin«, sagte Clarke, als sie wieder in Mr. Beales Arbeitszimmer waren, »wir wollen gern etwas Konkretes von Ihnen hören. Wer gab den Schuß ab, der Crewe tötete?«

 

Peter Dewin atmete tief.

 

»Der einzige Mann, der nahe genug war, um ihn mit einer Luftpistole erschießen zu können war – Gregory Beale!«

 

Ein langes Schweigen folgte diesen Worten.

 

»Meinen Sie im Ernst, daß Crewe von Mr. Beale ermordet wurde?« fragte Sweeney ungläubig. »Das ist doch eine etwas starke Behauptung – was für einen Grund sollte er dazu gehabt haben?«

 

»Ich kenne seine Gründe nicht genau, ich weiß nur, daß er die Tat begangen hat. Und wenn Sie jetzt die Polizei in Devonshire benachrichtigen, um Gregory Beale festnehmen zu lassen, so werden Sie damit keinen Erfolg haben. Er ist längst im Ausland, und in einer Beziehung bin ich beinahe traurig darüber – er ist der erste vollkommene Verbrecher, dem ich in meinem Leben begegnet bin!«