Kapitel 5

 

5

 

Nicht durch das leiseste Zucken eines Muskels verriet Julian Reef seine Bestürzung. Er blickte Lord Frensham gelassen an. Sein Gehirn arbeitete emsig. Vor drei Jahren hatte Frensham mündelsichere Aktien im Wert von sechzigtausend Pfund bei ihm hinterlegt. Von den ursprünglichen Stücken war nicht ein einziges Stück mehr vorhanden. Eins nach dem andern war verkauft worden, um dringende Verpflichtungen des jungen Finanzmannes zu erledigen, und war durch Aktien seiner eigenen Gesellschaften ersetzt worden, die nur den Makulaturwert besaßen. Pünktlich auf die Minute hatte er aus seiner eigenen Tasche die halbjährlichen Dividenden auf die alten, längst verschleuderten Aktien des Lord Frensham bezahlt.

 

»Ist das dein Ernst?« fragte er, äußerlich vollkommen ruhig. »Ich bin, offen gesagt, ein bißchen überrascht. Es scheint wirklich, als sei es dem ›gerissenen Kerl‹ gelungen, dich mit seinen schmutzigen Verdächtigungen zu beeinflussen. Natürlich, wenn du die Aktien haben willst, werde ich sofort die Bank anweisen und sie dir zusenden lassen.«

 

»Es handelt sich hier durchaus nicht um einen Verdacht«, erwiderte Lord Frensham gequält, »die Sache liegt nur so, mein lieber Julian: meine Geschäfte sind in einer solchen Unordnung, daß ich wenigstens Ursula gesichert sehen möchte. Vielleicht hältst du mich für kindisch, aber es ist nun einmal so. Die Aktien liegen auf deiner Bank. Vielleicht könnte ich im Vorbeigehen …«

 

»Das ist nicht möglich«, erwiderte Julian kühl. »Ich will über deine Maßnahme nichts weitersagen, Onkel John, aber ich darf wohl darauf hinweisen, daß es meinem Kredit nicht gerade förderlich wäre, wenn du mit einer Vollmacht bei meiner Bank vorsprichst und die Aktien abhebst, die ich verwalte. Es ist für die Bank kein Geheimnis, daß ich Ursulas Vermögen in Obhut habe. Es scheint mir zweckmäßig, wenn ich diese Anstalten selbst treffe. Warum hast du deine Ansicht geändert?«

 

Frensham blickte an ihm vorbei und rieb sich verlegen die Finger. »Ich will dir gegenüber ganz offen sein, Julian. Du erinnerst dich: in dem Vermögen waren siebenhundert ›Blueberg-Goldminen-Syndikat‹. Sir George Crater, der die Blueberg leitet und ein alter Freund von mir ist … nun, er rief mich vorhin an und fragte mich, warum ich die Bluebergs verkauft hätte. Machte mir Vorwürfe, weil sie seit dem Verkauf um Pfunde gestiegen sind. Ich hatte keine Ahnung, daß wir verkauft haben.«

 

Julian lächelte gequält. »Ich sehe«, sagte er, »du mißtraust mir« Und als der Lord widersprechen wollte, verwies er ihn mit einer schmerzlichen Geste zur Ruhe. »Natürlich habe ich die Bluebergs verkauft. Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht. Ich habe dafür Westafrikaner gekauft, die fabelhaft gestiegen sind und eine glänzende Dividende zahlen. Ist ja Pech, daß die Bluebergs gestiegen, sind, aber das konnte ich nicht voraussehen.«

 

Lord Frensham wurde schwach. Sehr schlau verfolgte Julian seinen Vorteil.

 

»Noch niemals hat mich etwas so mitgenommen wie dein Argwohn. Ich bin einfach fassungslos. Ganz ohne Zweifel hat dich dieser Lümmel beeinflußt.«

 

Frensham wollte sprechen, aber Reef machte ein beschwichtigende Bewegung und sprach weiter.

 

»Das Gift dieses Burschen wirkt in dir.«

 

Frensham schüttelte matt den Kopf. »Wenn du mit diesem ›Lümmel‹ Tony Braid meinst, täuschst du dich, Julian«, unterbrach er hastig. »Ich lasse mich nicht von einem Mann beeinflussen, dem ich mein Haus verboten habe. Ich denke lediglich an Ursula. Ich bin selbst in arger Bedrängnis. Ich habe eben nicht das Zeug zum Finanzmann. Und dieser Aktiensturz in Lulanga-Öl gibt mir den Rest.«

 

»Heute an der Börse waren sie höher – das weißt du wohl schon?«

 

Lord Frensham nickte. »Ich habe es aus der Zeitung ersehen. Doch nur ganz wenig. Sie müßten um ein Pfund steigen, damit ich aus meinen Sorgen herauskomme.«

 

Julian blickte ihn prüfend an. »Was hast du denn noch für Sorgen? Ich kenn sie doch alle? Oder nicht?«

 

Frensham antwortete nicht gleich. Julian, der ihn scharf beobachtete, sah, wie er mit sich rang.

 

»Nein«, sagte er endlich, »ich habe mich in anderen Märkten engagiert. Ich habe dir natürlich nichts gesagt, weil ich mich nicht lächerlich machen wollte, wenn ich verlor, und ein wenig unabhängig werden wollte, wenn ich gewann. Ich habe verloren. Wann ist Zahltag?«

 

»Morgen«, sagte Julian. Er kannte die Zahltage! Frensham stand auf und schritt im Zimmer auf und ab, das Kinn auf die Brust gesenkt, die Hände im Rücken verschränkt. Julian Reef wartete, völlig unvorbereitet auf das, was kam.

 

»Ich muß es dir wohl sagen«, begann Frensham, »nach meinen großen und gewaltigen Worten über Ursulas Geld wirst du mich für den elendsten Heuchler halten. Nicht, was Tony Braid sagte, nicht, was man mir über die Bluebergs berichtete, etwas ganz anderes hat mich hierhergeführt. Eines Tages wird Ursula eine sehr reiche Frau sein – das weißt du nicht, aber es ist Tatsache. Sie hat da einen etwas verwickelten Anspruch auf ein sehr großes Vermögen, und Ursulas vorhandenes Vermögen brauche ich jetzt für mich. Ich bin nun so weit, daß ich ihre Aktien bei meiner Bank verpfänden muß. Ich habe mein Konto überzogen!«

 

Julians Lippen spitzten sich, als wollte er pfeifen. Doch kein Laut kam. »So schlimm steht’s?« fragte er sanft.

 

»Du kannst mir wohl nicht helfen?« Frensham blickte den Neffen beschwörend an.

 

Julian schüttelte den Kopf. »Du triffst mich gerade in einer üblen Situation. Ich habe ein Geschäft, das mir wahrscheinlich Millionen eintragen wird, aber es wird sich kaum vor einigen Monaten realisieren. Augenblicklich bin ich verflucht knapp.«

 

Lord Frensham wanderte ruhelos auf und nieder.

 

»Ich kenne niemanden, an den ich mich wenden könnte. Ursula würde es sicher tun. Wenn ich sie bäte, würde sie gewiß sofort einwilligen.«

 

»Warum tust du’s nicht?« entfuhr es Julian.

 

»Weil sie nichts davon erfahren soll.«

 

Plötzlich blieb er stehen und überlegte finster: »Einen Mann gibt es, der mir das Geld borgen würde. Aber den kann ich natürlich nicht bitten.«

 

Der junge Mann mit dem roten Gesicht lächelte jetzt nicht mehr. »Du denkst an Tony Braid? So ziemlich der letzte, der dir helfen würde. Hart wie Stein ist der Kerl. Und dann kannst du dir wohl denken, daß du den Preis nicht zahlen könntest, den er fordern würde.«

 

»Welchen Preis?« fragte Frensham rasch.

 

Julian lächelte schonungslos. »Überrascht es dich sehr, wenn ich dir sage, daß der betagte Mr. Braid sich auf Ursula Hoffnungen macht?«

 

»Das hast du schon einmal gesagt«, wies ihn Lord Frensham zurecht. »Rede keinen Unsinn. Übrigens ist er nicht betagt, obwohl er alt genug ist, Ursulas Vater zu sein.«

 

»Kaum!« In einer ungewöhnlich großmütigen Laune stellte Julian dies fest. »Nein, er ist nicht alt genug, ihr Vater zu sein. Er hat gerade das richtige Alter, ihr Mann zu werden.«

 

Frensham schwieg, ging zum Fenster und starrte auf die belebte Straße hinab. Nach einer Weile fragte er, ohne sich umzuwenden: »Du glaubst, er hat schon mit ihr gesprochen? – Ach, Unsinn!« Er wandte sich rasch ins Zimmer zurück. »Du siehst also, wie die Sache liegt. Ich muß bis morgen früh Ursulas Aktien haben. Das beste ist, du läßt sie meiner Bank direkt zugehen.«

 

Julian nickte und hielt die Augen fest und unerschütterlich auf den Oheim gerichtet. »Hast du keine anderen Möglichkeiten – gar keine?« fragte er. Er glaubte dem Alten nicht, grollte ihm und seiner Geldverlegenheit, hatte irgendwie das Empfinden, daß Frensham ihm einen bösen Streich spielen wolle.

 

»Ich sage dir doch, ich habe verloren und verloren und immer wieder verloren«, brach der Lord gereizt los. Er strich mit den Fingern durch sein unordentliches, graues Haar und stand über den Neffen gebeugt. Es sah aus wie eine Drohung. Julian Reef wußte, daß der alte Mann sich selbst, seiner Doppelzüngigkeit, seiner Schwäche, seinem Verrat an der so geliebten Tochter zürnte.

 

»Ja«, sagte Frensham langsam, »es bleibt nichts anderes übrig. Braid ist unmöglich. Ich kann mich nicht der Blamage einer Ablehnung aussetzen. Nein, der andere Weg ist schon der bessere. Die Kurse steigen. Ich werde ein Paket Lulanga abstoßen können, dann werde ich etwas Luft haben. Schick die Aktien an – nein, nicht an meine Bank. In mein Büro. Wenn ich sie morgen früh habe, genügt es.«

 

Mit kurzem Gruß verließ er das Zimmer.

 

Julian saß lange regungslos, dann streckte er langsam die Hand aus und drückte auf einen Klingelknopf. Rex Guelder streckte den Kopf zur Tür herein und glitt ins Büro.

 

»Hier ist etwas faul – ich rieche es«, sagte er. »Was ist los?«

 

»Er wollte Ursulas Aktien haben – weiter nichts.«

 

Des Holländers Gesicht erheiterte sich zusehends.

 

»So ’ne Bagatelle!« rief er sarkastisch. »Und wie hast du es dem guten Onkel beigebracht? Gar nicht natürlich; denn sonst hätte er sich nicht so sanftmütig fortgetrollt. Die herrliche Ursula!«

 

Er leckte sich mit einer Grimasse die dicken Lippen. Doch Julian merkte Guelders Begeisterung nicht, er saß da, biß sich die Nägel und stierte düster vor sich nieder.

 

»Wenn dein Plan nicht bald Wirklichkeit wird, sitzen wir fest! Dann werden nicht nur mein wackerer Onkel Frensham und die liebe Kusine Ursula, sondern auch noch einige andere vertrauensvolle Herrschaften einen höllischen Lärm schlagen, wenn sich herausstellt, daß die famosen Aktien, die wir verwalten, längst futsch sind. Mensch, das wird ein glücklicher Tag, an dem deine verflixte Maschine endlich arbeitet!«

 

»Allerdings«, lachte Guelder und rieb sich die Hände.

 

»Sei unbesorgt, mein Freund. Ich habe einen erstklassigen Sachverständigen hiergehabt, einen Deutschen aus Dresden. Nur diese Z-Strahlen machen mir noch Kummer. Wenn ich die mal ausgeschieden habe – dann Glückauf!«

 

Er schnippte gewohnheitsmäßig ekstatisch mit den Fingern. »Greenwich wird mir ein Denkmal errichten – mir, dem größten Mann seiner Zeit!«

 

Aber der Freund teilte nicht seinen Enthusiasmus.

 

»Schon gut, schon gut«, winkte er ab, »jetzt kannst du mich mal ein bißchen allein lassen.«

 

Er saß lange, den Kopf in die Hand gestützt, und malte sinnlose Figuren auf das Löschpapier. Er war selbst für seinen Sekretär nicht zu sprechen. Um fünf Uhr setzte er den Hut auf und ging in Guelders muffiges, kleines Büro hinüber. Der Holländer beobachtete etwas unter einem starken Vergrößerungsglas. Er blickte nur kurz auf.

 

»Sieh dir das an, mein Freund, gibt es etwas Schöneres?«

 

Julian betrachtete neugierig den ovalen Opal, der auf einem Wattebausch lag, ein feuriges Etwas, das unter jeder Bewegung seiner Hand die Farbe wechselte: jetzt grün wie die Tiefsee, dann ein flammendes Orange, gleich darauf purpurn, tief- und zartblau; und durch all diese Nuancen hindurch schimmerte ein reines Gold.

 

Julian legte den Stein nieder.

 

»Nur ein 15-Karäter«, erläuterte Guelder. »Etwas für den Künstler! Etwas für einen Sammler!«

 

»Nichts für mich«, lehnte Julian rauh ab. »Ich muß jetzt zu meinem Onkel und ihm alles bekennen.«

 

Guelder glotzte ihn aus seinen hervorquellenden Augen an. »Du willst ihm sagen …, daß das Geld verloren ist? Bist du verrückt?«

 

Julian zuckte die Achseln. »Was bleibt mir übrig? Morgen muß er es ja doch erfahren. Ich kann es ihm ebensogut heute abend beibringen.«

 

»Er wird dich umbringen, nein, schlimmer, er wird dich ins Gefängnis bringen!«

 

»Dann zeige mir gefälligst einen anderen Ausweg!« verlangte Reef.

 

Des Holländers Gesicht war bei dem Gedanken erbleicht, daß vielleicht alle seine Arbeit und Mühe vergeblich gewesen wären und sein geniales Experiment niemals bis zu seinem logischen Ende durchgeführt werden könnte. Er war entsetzt.

 

»Alles besser als das«, flüsterte er. »Pump dir Geld, such Braid auf. Er ist reich.«

 

Aber Julian hörte ihn nicht mehr. Vielleicht würde der Onkel in seiner eigenen Not ihn verstehen. Er würde ihm von dem großen Coup erzählen und von den Millionen, die er ihm bringen mußte. Er ging langsam aus dem Kontor und war so tief in Gedanken, daß er die Queen Victoria Street schon weit hinabgeschritten war, ehe er überhaupt merkte, daß er sein Büro verlassen hatte.

 

Rex Guelder verließ das Haus erst eine Stunde nach seinem Chef. Er ließ sich vorher die Abendzeitungen kommen und las sie in aller Ruhe, machte sich Notizen in ein schwarzes Heft, das er der inneren Westentasche entnahm. Von der Existenz dieses Notizbuchs hatte Julian keine Ahnung. Nachdem er seine Aufzeichnungen und Berechnungen beendigt hatte, verließ er mit einem Lächeln der Befriedigung das Zimmer. Das Orakel war ihm günstig gewesen. Obwohl er nach Hause gehen wollte, verließ er West End, wohin er zunächst seine Schritte lenkte, doch erst zwei Stunden später.

 

Er wohnte aus irgendeinem geheimnisvollen Grund weit draußen in Greenwich in einer Seitenstraße am Fluß. Eingekeilt zwischen zwei alte Fabriken, von denen eine nur noch eine Ruine war, stand das verwitterte Haus mit seiner hohen, kahlen Mauer, aus der drei kleine Fenster wie böse Augen auf die elende Straße hinausblickten. Das Erdgeschoß hatte einst als Laden gedient und wurde jetzt nur noch als Garage und Bootshaus benutzt. Guelder selbst hatte es dazu umgebaut. Hier stellte er einen ziemlich scheußlichen Sportwagen unter, auf dem der Schmutz und der Staub von den Fahrten eines ganzen Monats lagen.

 

Alle vier Wochen wurde der Wagen gewaschen. Doch fast jeden Abend überholte Guelder den Motor mit liebevoller Sorgfalt. Diese Maschine brachte ihn an jedem Wochenende nach Newbury, einem Ort, für den er ein ganz besonderes Interesse hatte.

 

Es war keine ideale Garage. Von den Wänden rann die Feuchtigkeit. In manchen Nächten kamen die Ratten in Legionen vom Fluß herauf. Einmal hatte er den Ledersitz seines Wagens in Fetzen vorgefunden. Da kaufte er drei weiße Katzen und richtete sie darauf ab, daß immer eine in dem Wagen schlief – ein weißes Gespenst mit großen, grünen Augen, dessen leisester Schrei sofort die beiden anderen herbeilockte.

 

Im obersten Stock waren die Wohnräume, drei große, öde Zimmer, schlicht möbliert, die auf der Stromseite lagen. Wenn man das große Fenster im Eßzimmer öffnete, blickte man auf das Wrack einer Werft hinab, die von tanggrünen Pfählen getragen wurde. Sie standen schief und winkelig, diese Bohlen, verbogen von dem Gewicht, das früher auf ihnen lastete. Unter dem faulenden und zersplitterten Bodenbelag der Werft lag bei Ebbe der Themseschlamm bloß, bei Flut quirlte dort das braune Wasser des Stroms. Dem Fenster gegenüber wiegten sich für gewöhnlich große deutsche Frachtdampfer vor Anker. Weiter unten, stromabwärts, lagen die großen, hochmastigen Segelschiffe mit ihren gerefften, braunen Segeln und flatternden Wimpeln. Rex Guelder meinte, daß es kaum einen schöneren Anblick geben könnte für einen, der die See und die Seefahrt so liebte wie er.

 

Er hielt eine Magd, eine vierschrötige Holländerin, eine sehr alte Person. Seit Jahren lebten sie unter dem gleichen Dach und sprachen nur das Allernotwendigste. Den Gutenmorgengruß hatten sie sich längst abgewöhnt. Jeden Ersten zahlte Guelder der alten Frau den Lohn aus, und am selben Tag watschelte sie hinunter zur Post und schickte ihn, bis auf einige Pence, ihrem Enkel nach Utrecht.

 

Das Wohnzimmer, zugleich Studierstube und Bibliothek, war ein langer Raum, der den hinteren Teil des Hauses einnahm und ein düsteres Fenster hatte, das auf die Straße hinausging. Es war hellgelb gestrichen, nur die Türen, auch die Stahltür, die ins Laboratorium führte, leuchteten purpurn. Der lichte Teppich in der Mitte des Zimmers, die Paneele aus polierter Eiche und einige Rembrandtstiche an der Wand verliehen dem Raum einen Hauch von Wohnlichkeit. Auf dem Tisch stand eine blaue China-Schale voller Rosen und in einem halben Dutzend niedriger Vasen aus Papiermaché blühten üppige Tulpen. Sie blühten jahraus, jahrein. Denn es waren künstliche. Doch sie waren so täuschend nachgemacht, daß man erst, wenn man sie anfaßte, merkte, daß die Kelche aus Glas waren.

 

Auf dem Teppich stand ein gewaltiger schwarzer, eichener Schreibtisch, an dem Guelder saß. Lange Zeit war er tief versunken in die Betrachtung zweier sehr gewöhnlicher Gegenstände, die er während seines zweistündigen Besuchs in West End erstanden hatte.

 

Durch ein starkes Vergrößerungsglas betrachtete er sie und grinste, so daß seine unregelmäßigen, weißen Zähne sichtbar wurden. Dann packte er seinen Kauf ein und schloß ihn in einen kleinen Safe, der in einem Winkel des Zimmers stand. Darauf grübelte er lange Zeit vor sich hin, entnahm einer der Schubladen eine Mappe und legte ihren Inhalt so vor sich auf den Tisch, daß er ihn mit Muße betrachten konnte. Es waren Fotografien, die Rex Guelder mit viel Mühe und Scharfsinn erworben hatte; sie bedeuteten ihm viel mehr als nur eine Liebhaberei.

 

Julian Reef würde wohl verblüfft gewesen sein, und Ursula Frensham hätte es nicht für möglich gehalten, wenn sie diese Bilder gesehen hätte. Es waren nämlich Fotografien von – ihr.

 

Guelder lehnte sich weit in seinen Sessel zurück, faltete die Hände vor sich auf der Tischplatte und betrachtete die Bilder mit einem andächtigen, verzückten Ausdruck in seinen kleinen, runden Augen. Da schob Freda, die Magd, einen kleinen Teewagen herein. Sie sah die Bilder und kniff die alten Lippen zusammen.

 

»Das ist ja der größte Wahnsinn!« rief sie und brach ein vierzehntägiges Schweigen. »Wenn ich Sie so sehe, Mijnheer, tut mir das Herz weh. Haben Sie Amsterdam vergessen«, fragte sie bedeutungsvoll, »und Batavia?«

 

Er hob den Blick nicht von den Bildern.

 

»Das waren Bauernmädel, Freda, harmlose Vergnügungen eines großen Gelehrten. Willst du ihm diese kleine Freude mißgönnen, alte Vrouw?«

 

Freda schob einen Stuhl an den kleinen Tisch und zischte: »In Batavia nannten sie es Mord, aber keiner wußte, wer sie ertränkt hatte. In Amsterdam war es Selbstmord, bis der Arzt mit der Polizei sprach und auf die kleine, dünne Schnur an ihrem Hals wies.«

 

Guelder lächelte, als mache man ihm Komplimente.

 

»Ach, Freda, du hast ein unangenehmes Gedächtnis!«

 

Aber er war nicht etwa ärgerlich oder beunruhigt über die Erinnerungen der Magd. Er brauchte es auch nicht zu sein, denn es hatte nie eine Untersuchung, nie einen öffentlichen Skandal gegeben. Der Rektor der Universität, an der er über Chemie las, hatte ihn nur in sein Arbeitszimmer rufen lassen und ihm eröffnet, daß die Universität auf seine Mitwirkung verzichte. Er war ein großer, starker, sentimentaler Mann, der nur gesehen hatte, wie schön Maria selbst noch im Tode war. Er hatte keine Ahnung, welch eine peinliche Last sie hätte werden können.

 

Und was das batavische Abenteuer anlangte, so wunderte Guelder sich nur, daß überhaupt noch jemand daran dachte.

 

Die alte Frau war heute abend ungewöhnlich redselig. Er vermutete, sie habe getrunken. Nur der Schnaps machte sie redselig.

 

»All diese Narretei, alle diese Räder und großen Gefäße und elektrischen Funken – wie soll das enden, Mijnheer Rex? Nichts werden Sie erfinden! Nie werden Sie etwas erfinden. Ewig geht das so weiter. Aber selbst, wenn Sie was entdeckten und Gott weiß wieviel Geld bekämen, es würde doch nur in die Taschen der Buchmacher fließen. Ach! Sie sind ein Narr und ich eine Närrin, leider!«

 

»Betrunken bist du«, stellte Rex gelassen fest, »ich gebe dir Nahrung und Obdach und das Geld, das du an diesen Taugenichts, deinen Studenten, schickst; denn ohne mich würdest du im Armenhaus verrecken.«

 

Sie brummte etwas zwischen ihren zahnlosen Kiefern und ging hinaus. Er wußte, jetzt würde sie wieder einen Monat lang schweigen. Im Grunde liebte er es, wenn die alte Freda bisweilen redete. Niemand außer ihr sprach holländisch mit ihm. Wohl gab es Hunderte und Tausende von Holländern in London, doch Rex mied sie, aus Angst, sie könnten ihn argwöhnisch ansehen und von Maria sprechen, die man einst tot im Kanal mit einer Schlinge um den Hals gefunden hatte, die sie, wie er nachwies, sich selbst geknüpft hatte.

 

Er sammelte die Bilder mit zärtlicher Hand ein, legte sie in die Mappe zurück und schloß sie fort. In ihrer augenblicklichen Stimmung konnte Freda sie leicht verbrennen. Er beendigte sein frugales Mahl, dann schloß er die purpurne Tür auf und trat in das Laboratorium. Es war ein langer Raum mit einem absonderlichen, schiefen Fußboden, der an der einen Seite anstieg und nach der anderen abfiel. Darüber sah man, als er das Licht angedreht hatte, die Balken und die Unterseite der roten Dachziegel. Licht gab es hier genug, denn er verfügte über Starkstrom, der die vielen großen und kleinen Maschinen trieb, mit denen der Arbeitsraum ausgestattet war. Die kleineren standen auf einer Bank, die an der Flußseite der Mauer entlanglief, merkwürdige Apparate, doch dem Elektriker und Physiker wohlvertrautes Handwerkszeug. Sausende Räder, grün umwickelte Drähte, spiralförmige Glastuben, die mit ihrer Quecksilberfüllung an gigantische Thermometer erinnerten. Am äußersten Ende des Zimmers stand auf einer niedrigen, sehr starken Plattform eine Maschine, die nur der Fachmann verstehen konnte. Hier drängte sich ein Chaos von Kondensatoren, Leitungen, seltsamen Glasröhren zusammen, die ein Druck auf einen Taster rot und blau aufglühen ließ. Unter einem keilförmigen Zeiger, der durch schwere Drähte mit verschiedenen Teilen des Apparates verbunden war, befand sich ein Behälter aus schwarzem Achat mit einer kleinen, untertassenförmigen Ausbuchtung in der Mitte.

 

Guelder zog einen Stuhl an die Bank, schaltete einige Hebel ein und zündete sich, während die Maschine brauste und pulste, gelassen eine Zigarette an. Dann drückte er die dicken Augengläser fester auf die Nase und wiederholte zum hundertstenmal das große Experiment. Über den Gegenstand, den er in den Achatbehälter legte, schoß ein Strom knisternder Funken. Er zog einen anderen Hebel. Ein bleiches, grünes Licht blitzte aus einem fast unsichtbaren Schlitz in einem Stahlwürfel und fiel quer über den Achat.

 

Er rauchte und rauchte, bis das Zimmer wie in blauem Nebel lag. Dann und wann drehte er die Hebel ab, nahm den Gegenstand mit einer Pinzette hoch und prüfte ihn unter einem Mikroskop. Es war schon fast Mitternacht, als er sich reckte, aufstand und zwei grüne Augen aus dem Dunkel des Laboratoriums auf sich gerichtet sah. Er pfiff. Eine große, weiße Katze kam auf ihn zu, schmiegte sieh buckelnd an sein Bein und ließ sich kraulen. Als er ins Wohnzimmer zurückkam, lag die zweite schon auf seinem Stuhl.

 

Er trank einen tüchtigen Schluck Wasser und ging schlafen. Die beiden weißen Katzen kauerten am Fußende seines Bettes und öffneten ihre leuchtenden, grünen Augen bei dem leisesten Geräusch und Geknister der verfaulenden Paneele des alten Zimmers.

 

Kapitel 6

 

6

 

Anthony Braid saß bei seinem einsamen Mahl. Der Tisch war mit einer Sorgfalt gedeckt, als erwarte er die erlauchtesten Gäste. Er saß am Kopfende des Tisches in tadellosem Gesellschaftsanzug, obwohl er nicht beabsichtigte auszugehen. Es war halb zehn Uhr. Er hatte seinen Trainer zu Tisch geladen, doch der hatte in Newmarket den Anschluß verpaßt und telefoniert. Jetzt kam er und stammelte Entschuldigungen. Er war ein sehniger Mann mit gebräuntem Gesicht, wie es Leute haben, die den größten Teil ihres Lebens in freier Luft zubringen.

 

»Ich haben den Zweijährigen gekauft«, begann er, während der Diener ihm den Stuhl zurechtrückte und ihm ein Glas Portwein eingoß. »Aber ich muß Ihnen sagen, Mr. Braid, daß ich nicht sonderlich begeistert bin. Er ist dreimal dieses Jahr gelaufen und, obwohl er in dem einen Rennen gezeigt hat, was er kann, schwört sein früherer Trainer, daß er ein Verbrecher ist.«

 

Braid lächelte.

 

»Alle Pferde sind Verbrecher, wenn man sie nicht versteht«, belehrte er. »Ich bin in meinem Leben nur zwei unverbesserlichen Sündern begegnet. Ich wette, was Sie wollen, ›Quintil‹ gehört nicht zu dieser Sorte.«

 

Mr. Sanford trainierte Braids Pferde in Berkshire, einige Meilen hinter Newbury. Nachdem der Diener sich entfernt hatte – dieser teilnehmende junge Mann wäre viel lieber im Zimmer geblieben und hätte zugehört –, hatte Sanford eine Menge Neuigkeiten zu berichten. Braid hörte aufmerksam zu und sprach selbst nur wenig.

 

»Übrigens, Mr. Braid, ist da so ein neuer Kiebitz bei unserem Training erschienen. Ich kenne mich nicht in ihm aus. Gewöhnlich taucht er Sonnabend und Sonntag früh auf. Es ist keiner von den Regelmäßigen – ich sehe ihn nur am Weekend – also kein echter Trainingskiebitz. Er hat ein Haus in der Nachbarschaft. Sie erinnern sich vielleicht an das alte, rote Gebäude – muß wohl schon hundertzwanzig Jahre alt sein – war in vorgeschichtlichen Zeiten eine Pfarre – dann kam es an einen Müller. Ist nicht größer als ’ne Scheune … rechts von der Straße, wenn man von Newbury kommt.«

 

Braid hatte kein sonderliches Interesse an Kiebitzen und alten Häusern, erklärte aber höflich, daß er sich an den Ort erinnere.

 

»Ich hab‘ keine Ahnung, was dieser Mann dort treibt oder was er auskundschaften will. Ich glaube, es ist ein Deutscher.«

 

Anthony Braid öffnete die Augen: »Ein Deutscher?«

 

»Ich glaube. Genau weiß ich’s nicht«, erklärte der vorsichtige Sanford. »Einige von den anderen Trainern verbaten sich das Bekiebitzen ihrer Pferde, aber ich denke eher, er kommt, um sich ein paar Augenblicke zu erholen, obwohl man natürlich nie wissen kann, was diese Kiebitze im Schilde führen. Ich erinnere mich, vor einigen Jahren …«

 

Tony Braid ließ eine endlose Geschichte von einem Kiebitz über sich ergehen, der irgendeine merkwürdige Rolle gespielt hatte und in ein höchst wichtiges Verfahren verwickelt worden war. Endlich unterbrach er.

 

»Weshalb halten Sie ihn für einen Deutschen?«

 

»Sein Name klingt mir deutsch«, erläuterte Sanford. »Max Guelder.«

 

Tony Braid setzte sich steif im Stuhl auf.

 

»Rex Guelder, meinen Sie! Wie sieht er aus? Ein dicker Mann mit Brille und einem kleinen Schnurrbart?«

 

Sanford nickte.

 

»Das ist genau seine Beschreibung. Er ist doch ein Deutscher, nicht wahr?«

 

»Holländer«, sagte Braid und lehnte sich im Stuhl zurück. Seine Langeweile war plötzlich verflogen. »Haben Sie sonst noch jemanden dort bemerkt?«

 

»Ja, manchmal kommt noch ein Mann«, bestätigte Sanford, »offenbar ein Reicher. Er fährt einen prachtvollen Wagen.«

 

»Ziemlich jung?« erriet Braid, »mit einem roten Gesicht?«

 

Sanford nickte wieder. »Das ist er. Er kommt aber nicht oft. Ich habe ihn nur zwei-, dreimal gesehen oder vielmehr, ich habe seinen Wagen im Hof gesehen.«

 

Tony Braid war sehr nachdenklich geworden. Er kannte Rex Guelder nur als eine Art schwerfälliges Faktotum des sehr schlauen und skrupellosen Julian Reef. Er wunderte sich ein wenig, daß Julian an Rennproben Interesse finden sollte.

 

»Wahrscheinlich war er nur zufällig dort«, sprach er seine Gedanken laut aus. »Ich glaube nicht, daß Mr. Guelder sich für Rennen interessiert. Doch darüber werden wir sehr bald Gewißheit haben. Ein Freund besucht mich um zehn …«

 

Während er noch sprach, läutete die Glocke an der Haustür. Wenige Sekunden später meldete der Diener den Besuch.

 

Der dünne Mr. Elk zerbiß den Zigarrenstummel im Mundwinkel. Er schlurfte ins Zimmer, nickte Tony zu, warf nachlässig einen Blick aus halbgeschlossenen Lidern auf den Trainer und setzte sich dann auf den Stuhl, den der Diener ihm zuschob. Er ließ seine Blicke durch das Zimmer wandern, über die alten Meister an der Wand, die unschätzbaren Gobelins und schmunzelte.

 

»Genauso denke ich mir ’ne Kaschemme«, scherzte er.

 

Braid schob ihm die Zigarrenkiste hin, er wählte mit Kennerblick eine Corona.

 

»Zigarren sind meine Schwäche«, erklärte er. »Hab‘ mir dieses Laster in Amerika angewöhnt. Für eine Kiste guter Odoras hätte ich den Mörder Crippen entspringen lassen.«

 

Er biß die Spitze ab, zündete die Zigarre an und sog schwelgerisch.

 

»Ich bin durchaus für Korruption und Bestechung«, gestand er. »Was ist in der Karaffe, Mr. Braid? Sieht aus wie rote Tinte. Ist es wohl auch?«

 

Er schob den Diener beiseite und goß sich selbst ein.

 

»Trinken und Rauchen sind der Ruin des unteren Mittelstandes – und Wetten«, fügte er hinzu. »Man erzählt mir, daß Ihr Gaul, Barley Tor, den Steward-Pokal gewinnen wird. Ich bezweifle das.«

 

»Mr. Sanford wird Ihnen darüber einige Andeutungen machen können«, wies ihn Braid zurecht.

 

Elk nickte.

 

»Ich erkannte Mr. Sanford sofort – sah sein Bild neulich in der Zeitung – ein sehr vornehmes Sportblatt. Alles Bilder von Leuten, die sich bei den Rennen wichtig tun: Lord dies und Lady das, die ehrenwerte Frau Soundso mit dem ehrenwerten Herrn Auchdabei. Das nenn‘ ich Vornehmheit. Nicht der ›Barley Tor‹ wird den Steward-Pokal gewinnen …«

 

Er wollte weiterreden, doch da unterbrach ihn Braid.

 

»Sie kennen doch alle Leute, die sich auf den Rennbahnen herumtreiben?«

 

Elk bejahte.

 

»Kennen Sie einen Mann namens Rex Guelder – einen Holländer?«

 

Zu seinem Erstaunen bejahte Elk wieder. »Der System-Onkel. Ja, ich kenne den Mann, der für ihn Wetten bucht. Wissen Sie, wenn ein Ausländer den Rennfimmel hat …!«

 

»Aber Sie meinen ganz sicher einen anderen«, rief Braid, »der Mann, den ich meine, ist …«

 

»Ist Prokurist bei Julian Reef, Esquire, Millionär und das Gegenteil«, ergänzte Elk. »Ich irre mich übrigens nie, Mr. Braid, vor allem nicht in diesem besonderen Fall. Denn ein Mitglied des Buchmacherstandes, der sich mein Freund nennt, Isidor Wayne, fragte mich, ob ich diesen armen Holländer kenne, der mit dreitausend Pfund bei ihm zu Buch steht. Und Wayne leidet lange, ehe er mal jammert.«

 

Trainer und Besitzer wechselten vielsagende Blicke.

 

»Ich will Ihnen noch etwas sagen. Guelder hat mich ja gerade auf die Spur Ihres Renommiergauls ›Barley Tor‹ gebracht. Er hat bei Wayne hoch auf ihn gesetzt.«

 

»Dann kiebitzt er doch!« fiel Sanford heftig ein. »Er war auf dem Rasen, als ich ›Barley Tor‹ neulich mal auslaufen ließ.«

 

»Warum nennen Sie ihn ›System-Onkel‹?« erkundigte sich Braid.

 

Mr. Elk seufzte schwer.

 

»Wenn ich irgend etwas auf der Welt hasse, Mr. Braid, dann sind es lange Erklärungen«, sagte er, »aber so nennt ihn der alte Wayne. Er setzt auf Pferde nach einem gewissen System. Dieser Guelder hat offenbar den Wissenschaftstick. Er war Professor oder so etwas, geriet aber in Schwierigkeiten und verließ Amsterdam vor einigen Jahren mit ziemlicher Plötzlichkeit – vielleicht war’s auch Rotterdam. Jedenfalls war ein ›dam‹ dabei, das weiß ich genau. Wir erhielten keine Anfragen von der niederländischen Polizei. Mit dem Mädel war wohl nicht viel los. Sie war seine Freundin und starb etwas plötzlich. Einige behaupteten, es wäre Selbstmord – aber nicht viele. Jedenfalls, Guelder ist klug. Man sagt, er beschäftigt sich damit, das – wie heißt’s doch gleich? – Dingsda des Lebens zu suchen.«

 

»Das Elixier des Lebens?« fragte Tony.

 

»Das ist das Wort! Ich weiß nicht, was es bedeutet, aber es klingt fein. Und dann hat er die verrückte Idee, daß er was entdecken kann, das Blei in Gold verwandelt. Es gibt ’ne Menge in der Irrenanstalt, die dieselbe Entdeckung gemacht haben.«

 

Das war nun allerdings eine interessante Auskunft für Tony Braid. Er kannte Guelder vom Sehen, hatte ihn ein- bis zweimal gesprochen, doch nie hatte der feiste Niederländer die leiseste Andeutung über Pferde gemacht. Tony äußerte dies, worauf Mr. Elk nur mitleidig grinste.

 

»Kein Mensch läuft herum und prahlt mit seinen Lastern«, belehrte er Braid, »außer Golfspielern. Dieser Bursche Guelder ist geradezu bares Geld für die Wetthähne. Er hat schon Tausende verloren.«

 

Braid war beunruhigt. Er hatte für Julian Reef wahrhaftig nicht viel übrig, war aber überzeugt, daß er von dieser sonderbaren Schwäche seines Freundes nichts wußte. Nach seiner Kenntnis der Sachlage konnten sich weder Guelder noch Reef den Verlust von Tausenden in der Woche leisten. Er kannte Julians Lage und wußte, daß er trotz seines scheinbaren Reichtums dem Ruin entgegenging. Eine Krise in Julians Geschäften aber konnte sehr leicht Frensham bedrohen – und Ursula.

 

Aus diesem Grund beunruhigte ihn diese Nachricht. Er bezweifelte Elks Bericht nicht eine Sekunde lang. Der dürre Detektiv gab Auskunft über die unmöglichsten Dinge. Das Pech, das er einst bei seinem Staatsexamen gehabt hatte, zwang ihn, sich jahrelang mit einer Stellung zu begnügen, die ihm eine weit bessere Gelegenheit bot, Menschen und Dinge kennenzulernen, als wenn er sein Examen summa cum laude bestanden hätte und in Amt und Würden befördert worden wäre. Er sammelte Material über Männer und Frauen mit demselben fanatischen Eifer und Fleiß, mit dem andere Marken sammeln. Sein Gedächtnis war ein Wunder. Er konnte sich zwar nicht, wie er selbst sagte, genau an das Datum erinnern, an dem die Königin Elisabeth die Parade über ihre Armee bei Tilbury abnahm; aber er wußte genau, wo Jonny, der Fassadenkletterer, die lange Narbe am Hinterkopf her hatte und warum ein bestimmtes Mitglied der Regierung so verblüffend plötzlich gestorben war. Viele wohlverwahrt geglaubte Geheimnisse waren Elk so vertraut, daß er sie schon fast vergessen hatte. Fast – aber niemals ganz. Denn er konnte im gegebenen Augenblick aus den Fächern seines Gedächtnisses die bloßstellendsten und fatalsten Einzelheiten mancher längst vergangener, romantischer Geschichten und halbvergessener Betrügereien hervorkramen.

 

»Kennen Sie Lord Frensham?« fragte Braid.

 

Elk nickte.

 

»Guter Freund von Ihnen, wie? Braver Bursche, aber pleite. Ich war neulich in St. James‘ Street, mußte da Erkundigungen wegen einer Unterschlagung einziehen. Ich warf dabei einen Blick in sein Büro. Wissen Sie, daß er ein Büro in St. James‘ Street hat?«

 

Tony lächelte breit.

 

»Das ist eins von den wenigen Dingen, die ich weiß«, scherzte er. »Lord Frensham ist Direktor mehrerer Gesellschaften, die ihren Sitz in seinem Büro haben.«

 

»Na ja, das wissen Sie«, gab Elk zu, »aber ich wette, die Geschichte seiner Etagenwohnung kennen Sie nicht – jedenfalls war das mal eine Wohnung …«

 

Er blickte auf, denn die Tür wurde geöffnet, und der Diener erschien. Braid hatte das Telefon läuten hören und war beim Eintritt des Dieners schon auf dem Sprung. Er wußte sofort, daß es ein wichtiger Anruf war, denn er hatte strenge Weisung gegeben, ihn nur in diesem Fall zu stören.

 

»Lady Frensham.«

 

Braid eilte in sein Arbeitszimmer und nahm den Hörer.

 

»Sind Sie es, Tony?« Ursulas Stimme klang nervös, etwas verängstigt, schien ihm, und er wurde unruhig.

 

»Können Sie schnell mal herkommen? Vater ist noch nicht zum Essen nach Hause gekommen. Irgendwas Schlimmes muß passiert sein.«

 

»Ich bin in fünf Minuten bei Ihnen«, rief er. »Machen Sie sich keine Sorge. Es ist doch noch nicht so spät.«

 

»N – ein, nur bat er mich ausdrücklich, auf ihn zu warten. Er habe mir etwas Wichtiges mitzuteilen.«

 

Tony Braid ging zu seinen Gästen zurück, entschuldigte sich bei Sanford und war wenige Minuten später mit Elk unterwegs nach Hampstead.

 

»Was ist mit Frensham?« fragte Elk.

 

»Nichts Besonderes«, wich Tony aus.

 

»Merkwürdig, daß die junge Dame sich dann so über sein Ausbleiben beunruhigt.«

 

Da sagte Braid: »Ich kann es Ihnen ja sagen, Elk. Sie sind immer ein anständiger Kerl gewesen. Ihre Diskretion hat manche Probe bestanden. Frensham ist in einer heiklen Lage. Gerade vor Tisch heute abend hat er mich angerufen und gefragt, ob ich ihm fünfundsiebzigtausend Pfund borgen könne.«

 

Elk pfiff durch die Zähne.

 

»Natürlich haben Sie nein gesagt!« orakelte er. »Ich bin gegen die Pumperei. Wenn ich all das Geld hätte, das ich schon verliehen habe, wäre ich ein Rothschild.«

 

»Ich habe selbstverständlich ja gesagt«, bekannte Braid gelassen, »und habe ihm den Scheck durch einen Dienstmann ins Büro geschickt.«

 

»Warum fahren wir da nicht lieber erst ins Büro?« schlug Elk vor. Braid schüttelte den Kopf.

 

»Ich rief ihn eine Stunde, nachdem ich ihm das Geld geschickt hatte, an, um zu fragen, ob die Summe genüge, erhielt aber keine Antwort.«

 

»Ist der Scheck abgegeben worden?«

 

Elk war merkwürdig interessiert.

 

»Ja. Der Dienstmann kam zurück und sagte, er habe ihn Frensham gegeben.«

 

Elk stellte weiter keine Fragen. Gleich darauf erreichten sie das Haus und fanden Ursula wartend vor der Tür. Braid hielt den Wagen an und sprang heraus. Elk verschwand im Hintergrund.

 

Als Braid Ursulas Hand ergriff, fühlte er, wie sie zitterte.

 

»Warum regen Sie sich auf?« fragte er sanft. »Was ängstigt Sie so, meine Liebe?« Er streichelte zärtlich ihre Hand. »Ich sollte Angst haben – Ihr Vater hat mir verboten, sein Haus zu betreten, und hier stehe ich und beruhige seine Tochter.«

 

Doch Ursula ging nicht auf den scherzhaften Ton ein.

 

»Tony«, warnte sie leise. »Julian ist hier, er kam vor einer Viertelstunde. Er sagt, er sei in Vaters Büro gewesen, habe ihn aber nicht angetroffen.«

 

»Julian ist hier?« fragte Braid betroffen. »Das ist mir sehr unangenehm. Da wird mir nichts weiter übrigbleiben, als nett zu ihm zu sein.«

 

Wenn er etwa Zweifel über Julians Haltung ihm gegenüber gehegt hatte, so wurden sie behoben, sobald er das Haus betrat. Der junge Mann mit dem roten Gesicht durchmaß mit großen Schritten die breite Diele. Mit einem nervösen Lächeln eilte er sofort auf ihn zu.

 

»Ich habe mich bei Ihnen zu entschuldigen, Braid«, sagte er. »Ich bin Ihnen nicht länger bös wegen Ihres linken Hakens.« Dann sprach er rasch in einem ernsteren Ton weiter. »Ich bin wegen Frensham beunruhigt. Er war heute nachmittag in meinem Kontor, wir hatten eine offene Aussprache über allerlei Aktien. Ich sollte ihm ein Depot aushändigen, das ich für Ursula verwalte. Tatsächlich hat er diese Aktien bereits seit drei Monaten im Besitz. Er benahm sich so merkwürdig, daß ich ihn für krank hielt. Ich wollte Ursula anrufen, aber ich wollte sie nicht erschrecken.«

 

Sie waren im Salon. Es war eine heiße Nacht. An der sachten Bewegung der Gardinen erkannte Braid, daß die bis zur Erde niederreichenden Fenster offenstanden.

 

»Ich rief heute abend in seinem Büro an«, fuhr Julian fort, »und kam hierher, weil sich niemand meldete.«

 

»Arbeitet er oft so spät in seinem Büro?« fragte Braid, die Augen fest auf den jungen Mann gerichtet.

 

»Sehr oft.« Ursula gab die Antwort. »In letzter Zeit ist er Nacht für Nacht dort gewesen. Ich glaube, er macht sich große Sorgen um die Lulanga-Gesellschaft. Ich würde mich gar nicht beunruhigen, wenn er sich nicht so bestimmt mit mir für halb neun Uhr verabredet hätte. Er weiß, daß ich seinetwegen einen Theaterbesuch aufgegeben habe.«

 

Braid rieb sich nachdenklich das Kinn. Seine Augen durchforschten noch immer Julian Reefs Züge.

 

»Ich werde nach St. James‘ Street fahren und nachsehen, was ihn aufhält«, entschied er.

 

»Ich komme mit«, erbot sich Julian.

 

Doch Braid schüttelte den Kopf. »Das ist nicht nötig, danke sehr. Da draußen wartet ein Freund auf mich – Inspektor Elk. Vielleicht haben Sie schon von ihm gehört?«

 

»Elk?«

 

Selbst Ursula fiel die Veränderung in Julians Stimme auf. Sie klang plötzlich hart. Er schrie das Wort fast.

 

»Elk? Der lange Patron? O ja, den kenne ich. Er ist hier? Wie seltsam!«

 

Sein Gesicht wechselte dauernd die Farbe.

 

»Ja, ich bin ihm schon begegnet«, fuhr er fort. »Ein drolliger Vogel von Scotland Yard, der meistens über Bildung phantasiert. Dann brauchen Sie mich also nicht.«

 

Als Braid auf die Straße kam, saß Elk auf dem Trittbrett seines Wagens, eine Zigarre zwischen den Zähnen.

 

»Lady Frensham ist über ihres Vaters Ausbleiben arg in Unruhe«, berichtete Tony. »Ich fahre in sein Büro.«

 

»Ich weiß«, sagt Elk, während er in den Wagen kletterte. »Dem Burschen Reef hat es ja einen ordentlichen Schock gegeben, als er hörte, daß ich hier bin. Aber wenn er sagt, daß ich von nichts anderem als von Bildung phantasiere, lügt er infam!«

 

»Nanu?« staunte Braid.

 

»Ich habe am Fenster gehorcht«, erklärte Elk gelassen. »Ich finde, das ist eins der einfachsten Mittel, sich zu unterrichten: horchen und schweigen. Und was ist das mit den Aktien und dem Scheck? Großer Herr, dieser Reef – denkt in Millionen, spricht in Zehntausendern und zahlt in Sechsern.«

 

Als sie zu dem Büro kamen, fanden sie das Tor verschlossen. Braid wollte nach Hampstead zurückkehren, doch der Detektiv drang darauf, daß man einen Versuch mache einzudringen.

 

»In dem Gebäude gibt es einen Portier und eine Menge Reinemachefrauen, das weiß ich genau. Bummern Sie mal gegen die Tür.«

 

Braid tat es, und nach kurzer Zeit öffnete eine Reinemachefrau die Tür einige Millimeter und ließ sie ein, als Elk sich als Kriminalbeamter auswies.

 

»Nein, Sir, wir waren noch nicht in Lord Frenshams Büro«, gab sie Auskunft. »Das ist eine ganz geheimnisvolle Sache: wir haben alle Schlüssel ausprobiert, aber keiner paßt. Meine Kolleginnen sagen, es muß von innen verriegelt sein.«

 

Sie stiegen zur zweiten Etage hinauf, und die Frau überzeugte sie, daß die Tür mit Hilfe der Schlüssel nicht zu öffnen war. Es war eine typische Bürotür, die obere Hälfte aus Milchglas mit der Inschrift »Lulanga-Öl-Aktiengesellschaft«.

 

»Unter diesen Umständen«, sagte Elk, »ist alles gerechtfertigt. Borgen Sie mir mal Ihren Handfeger, junge Frau.«

 

Die Alte reichte ihm einen kurzen Handfeger und trat auf sein Geheiß zurück. Zwei Hiebe zerschmetterten die Scheibe. Elk entfernte sehr vorsichtig die Scherben, ehe er seine Hand hindurchstreckte und den Riegel zurückschob. Dann reichte er den Handfeger mit einem liebenswürdigen Lächeln zurück.

 

»Jetzt könnt ihr beiden Damen mal verschwinden. Wenn wir euch brauchen, werden wir rufen«, sagte er.

 

Zögernd verschwanden die Frauen in den unteren Regionen. Sie witterten eine Sensation.

 

»Ich hoffe, Ihre Magennerven sind ziemlich kräftig«, sagte Elk, denn er hatte schon gesehen …

 

Ein Knipsen, und das Licht flammte auf. Frensham lag vorgebeugt über dem Schreibtisch, den Kopf auf einer Hand liegend. Das weiße Löschpapier war blutbespritzt. Die geballte, weiße Faust, die auf dem Tisch lag, umfaßte einen Revolver.

 

Kapitel 7

 

7

 

Elks sachliche Stimme brachte Tony Braid wieder zu sich.

 

»Dort ist ein Fernsprecher. Rufen Sie doch mal die Polizeiwache an. Sagen Sie, daß es sich um einen Todesfall handelt. Wir brauchen den Polizeiarzt.«

 

»Tot?« flüsterte Tony. »Großer Gott!«

 

Elk blickte nachdenklich auf die starre Gestalt. Dann sah er ein Blatt Papier. Es lag nicht auf der Unterlage, sondern ein wenig zur Seite.

 

Der Detektiv nahm es und las stirnrunzelnd die Zeilen.

 

»Kennen Sie die Handschrift?«

 

Tony nickte. Es war ohne Zweifel die Frenshams. Hastig las er die verhängnisvolle Botschaft:

 

»Seit Jahren habe ich mich in törichte Spekulationen eingelassen. Ich bekenne, daß ich Gelder unterschlagen habe. Näheres ergibt die nachfolgende Aufstellung. Ich habe mein Leben verwirkt …«

 

Hier brach das Schreiben plötzlich ab.

 

»Ist das Frenshams Handschrift?« forschte Elk wieder.

 

»Zweifellos«, flüsterte Braid und starrte gebannt auf die stille Gestalt.

 

Er hatte den Tod in mancherlei Gestalt gesehen. Doch etwas Erschütterndes, Furchtbares lag über diesem hingestreckten Körper.

 

Während Braid telefonierte, ging Elk zum Fenster, öffnete es, lehnte sich hinaus und leuchtete mit seiner Taschenlampe hinab. Dann schloß er das Fenster.

 

Neben dem Schreibtisch stand ein Papierkorb, dessen Boden mit zerrissenem Papier bedeckt war. Er schüttete den Inhalt auf den kleinen Tisch, auf dem der Fernsprecher stand, und prüfte ihn sorgfältig.

 

»Ihren Brief und Scheck scheint er erhalten zu haben«, sagte Elk nach einer Weile und zeigte auf einen kleinen Haufen Papier, den er ausgesondert hatte.

 

»Hier ist der Scheck, zerrissen – wenigstens halte ich ihn dafür.«

 

Ehe Braid die einzelnen Fetzen des rosa Streifens zusammensetzen konnte, wußte er, daß es der Scheck war, den er geschickt hatte.

 

»Das wollen wir aufheben.« Elk nahm vom Tisch ein Kuvert und legte die Papierschnitzel vorsichtig hinein. »Den Brief und das Kuvert auch. Es sieht aus, als wäre er ungeöffnet zerrissen worden.«

 

Eine Viertelstunde später erschien der Polizeiarzt und unterzog die Leiche einer kurzen Untersuchung. Der Tod war sofort eingetreten.

 

»Jetzt haben Sie eine schwere Aufgabe vor sich«, sagte Elk.

 

Tony nickte und schritt langsam die Treppen hinab, Ursula die Trauerbotschaft zu überbringen.

 

Sie stand noch wartend vor der offenen Tür des Hauses. Ein Blick auf ihr Gesicht verriet ihm, daß sie schon alles wußte und daß der tragischste Teil seiner Aufgabe bereits erfüllt war.

 

»Kommen Sie herein, Tony.«

 

Sie war sehr blaß, doch ihre Stimme klang merklich fest.

 

»Mr. Elk hat mich schon angerufen – er hat mir zwar nicht alles gesagt, aber ich ahne es. Ist Vater tot?«

 

Tony nickte.

 

»Entsetzlich!« Sie schlug die Hände vors Gesicht, und ein Schauern überrieselte ihre Gestalt. »Weiß es Julian?« ächzte sie mit erstickter Stimme.

 

»Ist er nicht hier?« fragte Braid erstaunt.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, er ging gerade, bevor Mr. Elk anrief. Ich erzählte ihm, wie gut Sie gegen Vater gewesen sind … Ich meine – das Geld, das Sie ihm heute abend schickten.«

 

Braid starrte sie an.

 

»Woher wissen Sie, daß ich ihm Geld geschickt habe?«

 

Sie antwortete erst, als sie in dem holzgetäfelten Speisezimmer die Tür hinter sich geschlossen hatte.

 

»Vater erzählte mir, daß er in Not sei und sich an Sie gewandt habe. Er sagte es mir telefonisch.«

 

»Aber Sie wußten doch nicht …«

 

»Ich kenne Sie, Tony«, sagte sie voller Vertrauen. »Wenn er Sie um Geld bat, dann haben Sie es ihm geschickt. Er war dessen nicht so sicher, mein armes Väterchen. Er bat mich, ihn um halb neun Uhr hier zu treffen.«

 

Sie war sehr ruhig, sehr tapfer.

 

Er hatte sie jetzt nicht mit einem Gespräch über Geldangelegenheiten belästigen wollen und wunderte sich ein wenig, daß sie dieses Thema berührte.

 

»Glauben Sie, daß mein Geld verloren ist?« fragte sie unbeteiligt. »Ich habe mit Vater nie darüber gesprochen. Er war darin ziemlich schwierig und kribblig. Meine Dividenden kamen regelmäßig alle Halbjahre ein. Ich hatte eine recht bedeutende Summe auf der Bank.«

 

»Wie lange hat er Ihr Vermögen verwaltet?« fragte Braid.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß es nicht. Es war mir ganz neu und etwas überraschend, daß Julian meine Aktien überhaupt an Vater ausgehändigt hat.« Sie machte eine kleine Pause, ehe sie fortfuhr. »Wahrscheinlich halten Sie mich für herzlos, daß ich jetzt darüber spreche. Begreifen Sie, Tony, welche Verantwortung Sie tragen?«

 

Er blickte sie verwundert an. »Ich?« fragte er.

 

»Sie sind Vaters Testamentsvollstrecker. Er hat seinen letzten Willen, den er vor Jahren aufgesetzt hat, nicht geändert. Er sprach noch heute morgen darüber, als er so erzürnt auf Sie war, und erklärte, er würde es ändern. Ich glaube, er wollte Julian an Ihre Stelle setzen. Sie hassen Julian, nicht wahr?«

 

»Ich liebe ihn nicht sehr, aber ich will in diesem traurigen Augenblick die Dinge nicht schwerer machen, als sie schon sind, und meine Gefühle vollkommen zurückstellen«, antwortete er.

 

»Ich hatte ihn eigentlich immer ganz gern«, gestand sie. »Er kann sich meisterhaft beherrschen. Das imponiert mir. Aber sein Partner oder was er sonst ist, flößt mir Grauen ein.«

 

»Guelder?« fragte Tony schnell.

 

Sie nickte.

 

»Ich hatte keine Ahnung, daß Sie ihn kennen«, sagte er erstaunt.

 

Sie schwieg. Er drang nicht weiter in sie. Doch es war für ihn eine neue und seltsame Entdeckung. Er fühlte, daß hinter der zufälligen Erwähnung dieses Vertrauten Julian Reefs ein Geheimnis stand, eine Andeutung von Furcht, die freilich nur seine Feinfühligkeit empfand.

 

Es war halb drei Uhr, und der Morgen graute, als Elk Braids Haus betrat. Er fand den Hausherrn in einem seidenen Schlafrock.

 

»Schade, daß Sie ausgezogen sind«, sagte er. »Ich wollte Sie um die persönliche Liebenswürdigkeit bitten, mich nach St. James‘ Street zu einer kleinen Visitation zu begleiten. Wie geht’s der jungen Dame?«

 

»Ich habe sie überredet, bei einer Freundin in Hampstead zu übernachten«, sagte Tony. Elk nickte nachdenklich. »Den Gang nach St. James‘ Street begrüße ich als willkommene Ablenkung. Ich würde heute nacht doch kein Auge schließen.«

 

Er war unter dem Schlafrock bis auf Jackett und Schuhe vollständig bekleidet. Während der Diener sie holte, berichtete Elk die letzten Neuigkeiten.

 

»Ich habe den Dienstmann verhört, der Ihren Scheck überbracht hat. Klingt ein bißchen sonderbar. Um dreiviertel acht kam er ins Büro; die Tür war verschlossen. Frensham öffnete nicht, sondern fragte, wer da sei, und befahl ihm, den Brief unter der Tür durchzuschieben. Ich habe die Empfangsbescheinigung, die er dem Dienstmann ebenfalls durchgeschoben hat, in der Tasche – nur ein ›F‹, das nicht viel besagt.«

 

»Welchen Grund gab Frensham für sein Verhalten an?« »Er sagte, er ziehe sich um«, berichtete Elk. »Tat er wirklich manchmal. Ich fand einen kleinen Schrank mit Kleidern in seinem Büro. Merkwürdig, daß er das Kuvert ungeöffnet zerrissen haben sollte«, grübelte er. »Kannte er Ihre Handschrift?«

 

»Die Adresse war mit der Maschine geschrieben«, antwortete Tony. »Ich hatte noch eine Anzahl adressierter Kuverts da, weil ich mit Frensham früher in reger Korrespondenz stand.«

 

»Hm!« machte Elk nachdenklich. »Vielleicht glaubte er, es wäre wieder eine Rechnung. Die liegen zu Dutzenden in seinem Schreibtisch. Er war nicht sehr korrekt in Geldsachen.«

 

Tony zog Schuhe und Jackett an und erklärte, daß er startbereit sei. Doch Elk blieb sitzen.

 

»Ich kannte jene Wohnung, ehe Büroräume daraus wurden«, erzählte er. »Dort verkehrten mehr Einbrecher als in irgendeiner anderen Etagenwohnung Londons.«

 

Tony hielt diese Betrachtungen für anekdotenhafte Ausflüge Elks. Er hätte den Mann aber so weit kennen müssen, um zu wissen, daß seine Worte immer irgendeine konkrete Bedeutung hatten.

 

Plötzlich erhob sich Elk und ging wortlos zur Tür. Draußen an der Ecke fanden sie eine Taxe, die sie zur St. James‘ Street brachte.

 

Vor der Tür des Bürogebäudes stand ein Schutzmann Wache.

 

»Geniale Idee!« schnaubte Elk bitter, während sie zum zweiten Stock hinaufstieg. »Er könnte ebensogut im Innern einer Litfaßsäule Wache stehen!«

 

Er schloß die Tür mit der zerbrochenen Scheibe auf und ließ Braid in das Totenzimmer eintreten. Von der Tragödie, die sich hier abgespielt hatte, war kaum noch etwas zu sehen. Frenshams Leiche war entfernt worden, auch die blutbefleckte Schreibunterlage hatte man fortgenommen. Nur auf dem Tisch waren noch einige verräterische Flecke.

 

»Ich wollte …«, begann Elk.

 

Plötzlich hielt er inne. Braid sah ihn auf das Fenster starren. Auch dort war eine Scheibe zertrümmert, glitzernde Splitter lagen auf dem Teppich unterhalb des Fensters. Elk sprach nicht sehr viel, sah aber eine Sekunde lang höchst unglücklich drein.

 

»Scheibe zerschlagen, Riegel geöffnet – und ich habe diesem verdammten – diesem Herrn befohlen, einen Mann vor die Tür zu postieren – vor diese Tür natürlich!«

 

Er zeigte auf die Bürotür.

 

»Was ist geschehen?« fragte Tony.

 

»Jemand ist hier gewesen – weiter nichts, kam von draußen. Natürlich war’s kein Reporter – sowas tun Reporter nur in Romanen.«

 

Er zog das Fenster hoch, lehnte sich hinaus, schwang sich dann zu Braids Entsetzen über das Fensterbrett und entschwand. Anthony Braid glaubte für einen Augenblick, Elk sei verrückt geworden. Aber eine klare Stimme beruhigte ihn, als er voll Furcht in die Dunkelheit der Nacht hinausblickte.

 

»Alles in Ordnung«, rief Elk. »Auf diesem Wege pflegen die Herren Einbrecher ihre Visiten abzustatten. War für sie genauso leicht wie Marmelade schlecken.«

 

Er stand auf einem schmalen Eisenbalkon, der dicht unter dem Fenster hinlief und an einer Wendeltreppe endete.

 

»Eine Fensterleiter«, erläuterte Mr. Elk. »Man kann es auch ›Einbrechers Freudensteg‹ nennen. Helfen Sie mal!«

 

Tony faßte des Beamten Hand und zog ihn kraftvoll durchs Fenster herein.

 

»Glauben Sie, daß hier jemand eingebrochen hat, nachdem die Leiche entfernt wurde? Wozu?«

 

Elk wiegte den Kopf. »Um etwas zu klauen – die bewußten geheimen Dokumente, von denen man immer im Film spricht – man kann nie wissen. Oder die Familienkleinodien. Oder den Brief, in dem der rechtmäßige Erbe genannt wird.«

 

»Lassen Sie die Scherze. Was glauben Sie nun wirklich?«

 

Elk konnte keine Auskunft geben. »Wenn ich Ihnen das sagen könnte, dann wüßte ich eine Menge Dinge, die noch kein Mensch ahnt – vorläufig!«

 

Er begann nun, das Büro systematisch abzusuchen. Es war früher eine Dreizimmerwohnung gewesen, von der jetzt zwei Zimmer von dem recht zahlreichen Büropersonal benutzt wurden.

 

»Was mich an Ihnen wundert«, sagte Elk, als sie nach beendigter Untersuchung das Gebäude verließen, »ist Ihr Mangel an Neugier. Sie haben mich noch gar nicht gefragt, wie Frensham sich eigentlich erschossen hat.«

 

»Ich stelle niemals überflüssige Fragen«, erwiderte Braid.

 

Kapitel 28

 

28

 

Der Himmel hatte sich aufgeklärt, der Regen nachgelassen. Da ging Ursula hinaus auf die Heide, um ihren Hund auszuführen. Sie hatte die Zeitung nicht gelesen und wußte nichts von der Börsenschlacht, die in der City tobte, von den schweren Verlusten und den gewaltigen Gewinnen. Und selbst als das Gerücht des Kampfes bis zu ihr hinausdrang, ahnte sie nicht, daß Tony im Feuer stand.

 

Es lag in der Natur der Dinge, daß er als Sieger hervorgehen mußte, denn sein Glücksstern war im Steigen. Am Abend wagte er kaum, seinen Gewinn auszurechnen, während ein halbes Dutzend Firmen, darunter drei sehr gefestigte und alte, ruiniert am Boden lagen und die großen Banken die Lage so ernst beurteilten, daß sie zusammentraten und eine Hilfsaktion gegen weitere Katastrophen ins Leben riefen.

 

Es war fast Lunchzeit, als Ursula heimkam. Elk saß auf den Stufen vor dem Gartenfenster mit einer Zigarre, deren Format ihr bekannt vorkam. Er las die Mittagszeitung.

 

Langsam stand er auf und ging ihr entgegen.

 

»Ich bat Ihr Mädchen, mir etwas zum Rauchen zu geben, Lady Frensham«, entschuldigte er sich. »Ich weiß, Sie würden mich hier nicht kalt sitzen lassen. Ich bat sie, mir die billigste zu bringen, die Sie im Hause haben. Sie können Sie selbst fragen, wenn Sie mir nicht glauben. Ich sagte: ›Mary, oder wie Sie sonst heißen, bringen Sie mir keine teure, sondern eine zu fünf Cent.‹«

 

Elk war früher einmal nach Amerika gefahren, um einen flüchtigen Schwindler zu fangen, und seitdem rechnete er in der Währung der Vereinigten Staaten.

 

»Ich sehe, das Mädchen hat richtig verstanden und Ihnen die beste gebracht«, lächelte Ursula. »Aber ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll, daß ich Sie sehe. Hoffentlich bringen Sie mir nicht zu schlechte Nachrichten!«

 

Elk schüttelte den Kopf.

 

»Heutzutage passiert überhaupt nichts Schlimmes mehr. Die Leute sind brav, keiner kommt mehr mit dem Gesetz in Konflikt, so daß wir schon ernsthaft mit dem Gedanken umgehen, die Polizei aufzulösen.«

 

Sie bat ihn, zum Lunch zu bleiben, doch er lehnte ihre Einladung ab.

 

»Ich möchte nur einige Fragen an Sie stellen, Lady Frensham«, bat er und ging mit ihr in die Bibliothek.

 

»Nur über Dinge, die Sie wahrscheinlich nicht wissen. Aber vielleicht doch. Vor einiger Zeit erbten Sie sechzigtausend Pfund …«

 

»Die sind hin, Mr. Elk«, sagte sie mit einem resignierten Lächeln.

 

»Ich weiß. Man hat sie in Aktien angelegt, nicht wahr? Mr. Reef verwaltete sie, und sie sind sozusagen verduftet. Ihr Vater sorgte sich sehr um dieses Vermögen, das Ihnen gehörte, nicht wahr?«

 

»Ja, ich glaube … ja, sicher, er wollte mich versorgt wissen. Mr. Reef hat ihm die Aktien einige Zeit vor seinem Tod ausgehändigt.«

 

Elks Gesicht war eine unbewegliche Maske.

 

»Das habe ich gehört. Aber nehmen wir nun mal an, Ihr Herr Vater hätte entdeckt, daß die Aktien verschwunden waren. Nehmen wir es nur einmal als Hypothese an, ohne jemandem zu nahe zu treten. Nehmen wir einmal an, all diese reizenden Aktien, die man für Sie gekauft hatte, wären verkauft und durch lauter wertloses Zeug ersetzt worden. Darin hätte Ihr Vater vielleicht doch ein kleines Härchen gefunden, wie?«

 

Sie zögerte wieder.

 

»Sprechen Sie ruhig. Betrachten Sie mich als Ihren guten alten Onkel«, ermunterte Elk. »Ich spreche rein psychologisch. Wir sind augenblicklich bei der Polizei ganz verrückt auf Psychologie.«

 

»Ja, er würde sehr böse gewesen sein«, bekannte sie. »Mein Vater war ein sehr heftiger Mann. Er würde außer sich gewesen sein. Das hätte er Julian nie vergeben. Er hätte ihn …«

 

»Ihn schnappen lassen«, ergänzte Elk auf eigene Faust.

 

»Meinen Sie verhaften? Ich glaube, ja. Es mag wahr sein, daß er die Aktien als Sicherheit brauchte, aber ich weiß ganz genau, er hätte niemals zugegeben, daß ich einen Pfennig verliere. Eher wäre er gestorben.«

 

»Ganz meine Meinung«, bestätigte Elk. »Hätte er entdeckt, daß diese Aktien perdutti waren – das ist französisch und heißt soviel wie futschikato –, und hätte er geglaubt, daß Reef der Räuber ist …«

 

Er unterbrach sich und wartete. Aber da sie nichts entgegnete, lenkte er ab.

 

»Ich wollte Sie noch etwas fragen: gibt es hier im Haus irgendeinen Ort, an dem Seine Lordschaft wichtige Papiere aufzuheben pflegte?«

 

»In seinem Arbeitszimmer ist hinter der Wandbekleidung ein Geheimfach verborgen«, verriet sie. »Ich habe es selbst erst vor einigen Tagen entdeckt. Doch es war nichts Wertvolles darin – ich habe es geöffnet, es war leer. Ich kam durch den Schlüssel darauf, den mein armer Vater an seiner Uhrkette trug.«

 

»Gar nichts war darin?« Elk schüttelte den Kopf voller Bedauern. »Gar nichts?«

 

»Das heißt nichts, außer …«

 

Sie öffnete eine Schublade.

 

Sie nahm drei Papiere heraus.

 

»Eins ist eine Aufstellung der Aktien, von denen Sie eben gesprochen haben – meiner Aktien. Aber ich glaube, Mr. Braid hat die Aufstellung auch.«

 

Er klemmte einen Zwicker auf die Nase und prüfte die drei Dokumente. Das erste war unwichtig, das dritte auch. Das zweite enthielt, wie Ursula bemerkt hatte, eine Aufstellung ihrer Aktien – doch noch etwas anderes. Darunter standen die Worte: »Obige Aktien erhalten« und darunter Julian Reefs Unterschrift.

 

»Gerade das suche ich«, rief Elk befriedigt. »Das nenne ich Dusel. Sie erlauben wohl, daß ich es einstecke, Lady Frensham.«

 

»Haben Sie Mr. Reef schon gesprochen – wegen seines Mantels?«

 

Er verneinte.

 

»Mr. Reef ist wahrscheinlich so dringend mit dem Kauf und Verkauf von Diamanten beschäftigt, daß er keine Zeit hat, sich um alte Kleider zu kümmern. Sie haben ihm doch wohl nichts verraten?«

 

»Ich habe ihn nicht gesehen«, sagte sie hart und fügte lächelnd hinzu: »Sie haben es mir ja auch verboten.«

 

»So was kann man vergessen«, meinte Elk milde. »Können Sie mir übrigens sagen, wo ich Mr. Braid finden kann? – Ich sehe, Sie wissen es selbst nicht. Na, ich werde es schon machen. Heute ist ein regelrechter Luftangriff auf die City. Aktien schießen in die Höhe, und Aktien krachen nieder – Verluste auf allen Seiten.«

 

»An der Börse?« fragte sie.

 

»Diamantenaktien«, erläuterte Elk. »Eine Schlacht tobt auf diesem Feld. Von den übrigen Fronten nichts Neues zu berichten. Ich wünsche oft, mein Vater hätte mich Börsenmakler studieren lassen. Zahlen sind meine Spezialität. Und das bißchen gute Leben hätte ich mit einiger Anstrengung auch schon erlernt.«

 

Er zögerte noch ein wenig, als ob er noch etwas sagen wollte, und kam schließlich damit heraus.

 

»Es hat wohl keinen Zweck, Sie über den Mantel von Mr. Reef zu befragen? Wie oft haben Sie ihn darin gesehen?«

 

»Nur einmal«, gab sie Auskunft. »Ich glaube, er war ganz neu.«

 

»Wie neu er war, hab‘ ich schwarz auf weiß«, erklärte Elk. »Die Frage ist nur –« Er wollte noch etwas sagen, besann sich dann aber. »Ja, Lady Frensham, jetzt werde ich mich mal auf die Beine machen. Herzlichen Dank für die Einladung zum Lunch, aber ich esse nie etwas während des Tages. Ich werde dann schläfrig. Und herzlichen Dank für die drei Zigarren.«

 

Sie hatte längst die beiden anderen aus seiner Westentasche hervorlugen sehen.

 

*

 

Elk kam zusammen mit Braid vor dessen Haus an.

 

»Verwundet?« rief Elk. »Oder haben Sie nur in der Etappe gekämpft?«

 

»Ich war im dicksten Sturmangriff«, lachte Tony vergnügt, »aber ich saß sozusagen in einem Tank.«

 

»Paar Milliönchen verdient, wie?« fragte Elk und nickte bewundernd. »Arme Seele, Sie! Ich möchte nicht um alles in der Welt die Last Ihrer Steuerhinterziehung auf meinem Gewissen haben!«

 

»Gilt Ihr Besuch mir?« fragte Tony.

 

Elk kratzte sich den Hals.

 

»Ich habe eben die Einladung, mit einer jungen Dame zu lunchen, abgelehnt. Und wenn Sie jetzt hingehen und ihr erzählen, daß ich Ihre Einladung angenommen habe, wird sie untröstlich sein.«

 

Braid erkannte an dem Benehmen des Detektivs, daß er ihm etwas Wichtiges mitzuteilen habe. Er war nur zufällig zum Lunch nach Hause gekommen. Gewöhnlich aß er in seinem Klub. Als er Elk darauf hinwies, erwiderte der Detektiv:

 

»Wenn ich Sie hier nicht getroffen hätte, wäre ich in den Klub gekommen. In keinem Fall wären Sie dem Schicksal entronnen, mir ein Dinner zu spendieren. Ich meine natürlich Lunch, aber ich verwechsle immer diese Finessen. Sind Sie im Verlauf des Gefechts heute morgen auf die zerfetzte Leiche Julian Reefs gestoßen?«

 

»Ja, ich sprach ihn einige Augenblicke.« Die Erinnerung an den vernichteten jungen Mann war so peinlich, daß es ihn nicht drängte, die scheußliche Szene, die sich in Slesers Gegenwart abgespielt hatte, zu erzählen.

 

Elk stellte keine weiteren Fragen, bis sie fertig gegessen hatten. Der neue Diener hatte abserviert.

 

»Kommt der noch mal ‚rein?«

 

»Warum? Nein, wenn Sie’s nicht haben wollen. Er wird gleich den Kaffee bringen. Dann kann er draußen bleiben.«

 

»Ich möchte Sie nämlich drei Minuten ungestört sprechen«, bat Elk sanft.

 

Braid klingelte, der Diener brachte den Kaffee und wurde angewiesen, jetzt nicht mehr zu stören.

 

»Es handelt sich um diesen Halunken Reef«, begann Elk. »Wahrscheinlich werde ich ihn heute abend verhaften.«

 

Tony erwiderte nichts. Er hatte diese Mitteilung fast erwartet. Erst als er seinem Gast eine zweite Tasse Kaffee eingegossen hatte, fragte Braid heiser: »Ich brauche wohl nicht zu fragen, auf Grund welcher Beschuldigung?«

 

Elk blickte ihn lange nachdenklich an.

 

»Ich glaube, Sie brauchen nicht, Mr. Braid«, entgegnete er ruhig. »Wahrscheinlich wissen Sie genausoviel von dem Fall wie ich. Sollte aber noch irgendeine Unklarheit bestehen, so sage ich Ihnen hiermit, daß ich Julian Reef des vorsätzlichen Mordes an Lord Frensham, begangen durch Erschießen mit einem Revolver, beschuldige.«

 

In dem tiefen Schweigen, das auf diese Worte folgte, konnte Braid die Uhr auf dem Kamin ticken hören.

 

»Ich nehme an, daß Sie hinreichend Beweise für Ihre Anklage in Händen haben«, sagte er.

 

Elk nickte.

 

»Hinreichend! Ich hatte schon bei der Totenschau heftigen Verdacht. Aber Verdacht ist noch kein Beweis.«

 

»Wie stellen Sie sich den tatsächlichen Vorgang vor?« forschte Braid.

 

Er fragte sich, wie Ursula diesen Schlag ertragen würde. Ein tiefes Mitgefühl mit dem Mädchen überkam ihn. Die Wunde nach dem Tod ihres Vaters begann zu vernarben. Jetzt würde ein grauenvoller Prozeß wieder alle Wunden aufreißen.

 

»Zunächst«, sagte Elk, »war dieser Mensch Reef in einer verzweifelten Lage. Frensham hatte ihn um gewisse Aktien gebeten, die Reef verkauft und für sich verwandt hatte. Ich glaube, darüber gibt es keinen Zweifel, daß Frensham die Aktien als Depot bei seiner Bank hinterlegen wollte. Aber offenbar sah er Licht; denn er war nicht der Mann, der das Vermögen seiner Tochter gefährdet hätte. Diese Tatsachen habe ich von einem früheren Angestellten Reefs – einem Mann, dem er den Laufpaß gegeben hatte und der ihm deswegen grollte. Man kann wohl sagen, daß Reef in einer ziemlich heiklen Lage war. Er wußte, der Onkel würde ihn ohne Gnade anzeigen. Er ging in Frenshams Büro, um alles zu beichten. Mr. Main, Frenshams Buchhalter, hat ausgesagt, Reef habe eine Stunde zuvor angeklingelt und Frensham habe darauf die Angestellten nach Hause geschickt. Offenbar hat Reef dem Onkel gesagt, er müsse ihn ohne jeden Zeugen und ohne Gefahr, belauscht zu werden, sprechen. Gewöhnlich blieb Main nämlich bis spät in die Nacht. Es war ein regnerischer, für diese Jahreszeit ziemlich düsterer Abend. Nur aus diesen Umständen kann ich mir die folgenden Ereignisse erklären. Reef kam und erzählte dem Onkel die Wahrheit. Ich sehe ordentlich die Szene vor mir, wie Frensham, der ein leidenschaftlicher Mann war, in aufwallendem Zorn einen Revolver herausriß und Reef zu erschießen drohte. – Er hatte, wie ich festgestellt habe, stets eine Waffe in seiner Schreibtischschublade. Dann muß er sich gefaßt und Reef befohlen haben, sein Schuldbekenntnis niederzuschreiben. Wann der Gedanke in Reef aufgetaucht ist, weiß ich nicht genau – offenbar während er die Zeilen schrieb, die man in seiner Manteltasche fand. Er muß plötzlich aufgehört haben zu schreiben – vielleicht behauptete er, seine Nerven seien so erschüttert, daß er den Federhalter nicht halten könne – das scheint mir noch das Wahrscheinlichste –, und dann bewog er irgendwie Frensham, die Beichte selbst aufzusetzen und versprach, sie zu unterschreiben. Und als Frensham so weit geschrieben hatte, wie wir gesehen haben, schoß Reef ihn nieder. Keiner hatte es gehört, die Büroräume waren verlassen, und daher gelang es ihm auch, ungesehen fortzukommen. Als er das Gebäude betrat, trug er Überzieher und Handschuhe. Er muß sie auch während des Mordes getragen haben – jedenfalls den Mantel; denn wir fanden ungezählte Blutflecken daran, und zwar, wie ich erwartet hatte, vor allem auf dem rechten Ärmel und der rechten Brustseite. Nach dem Mord muß der Dienstmann mit Ihrem Brief gekommen sein. Ich kann mir denken, wie die Panik Reef packte. Er befahl dem Mann, den Brief unter der Tür durchzuschieben, kritzelte ein F auf die Empfangsbestätigung und schob sie zurück. Wenn ich irgend etwas von Mord und Mördern verstehe, war er viel zu erschüttert und zu erregt, den Brief zu öffnen. Er zerriß ihn vielmehr und warf ihn in den Papierkorb. Was er damit getan hatte, erfuhr er offenbar erst einige Zeit später, als Lady Frensham ihm erzählte, daß Sie Ihrem Vater das Geld geschickt hätten, um das er Sie gebeten hatte. Deshalb eilte er zurück – ja, er war der Mann, der in das Büro Frenshams einstieg, nachdem die Polizei den Leichnam entfernt hatte. Er kam auf demselben Weg zurück, auf dem er entkommen war – durch das Fenster über die Feuerleiter. Ringsum sind nur Bürogebäude, daher sah ihn niemand. Dann mußte er die Blutspritzer auf seinem Mantel entdeckt haben, vielleicht auch auf den Handschuhen. Darum warf er den Mantel, wahrscheinlich auch die Handschuhe, fort – den Mantel haben wir jedenfalls gefunden.«

 

»Entsetzlich!« preßte Tony hervor. »Grauenhaft!«

 

»Das sind die meisten Morde«, bemerkte Elk gleichmütig. »Ich versichere Ihnen, ich habe das alles schon bei der Leichenschau gewußt, aber hatte nicht so viel« – er schnippte mit den Fingern – »Beweise. Dann kam wie vom Himmel herunter dieser Mantel. Da waren die Blutflecken, da war die Mordnacht, da war die Zeit, zu der der Mäntel fortgeworfen worden war, da war in der Tasche den Anfang des Geständnisses, das er zerknittert und offenbar ganz in Gedanken in die Tasche gesteckt hatte.«

 

»Haben Sie schon den Haftbefehl?« fragte Tony.

 

Elk schüttelte den Kopf.

 

»Nein. Ich bekomme ihn heute nachmittag – er liegt schon beim Staatsanwalt.«

 

»Ist Guelder auch darin verwickelt?«

 

Elk zog die Lippen ein.

 

»Ich weiß es nicht. Sicherlich steckt er auch dahinter. Der Kerl ist durchtriebener, als man es von einem Gelehrten erwartet. Vielleicht ist er sogar die Triebfeder. Jedenfalls halte ich es für ausgeschlossen, daß er in demselben Büro arbeitet und dieselben Betrügereien wie Reef beging und dabei von dem Mord nichts wußte. Aber ich habe keinen hinreichenden Beweis, ihn hineinzuziehen. Doch meinen Kopf würde ich dafür hingeben. – Er ist der gemeinste Schurke, der mir vorgekommen ist. Ich habe ihn vielleicht zwölfmal gesprochen. Und das letzte Mal hat dieser Schwerverbrecher mir eine holländische Zigarre angeboten – ich war davon drei Tage krank!«

 

Kapitel 29

 

29

 

Guelder stand vor seinem niedergebrochenen Sozius. Aus seiner Haltung und dem Ton, in dem er sprach, hätte ein Unbeteiligter geschlossen, daß er die Kränkung erlitten und daß der junge Mann, der zusammengekauert in seinem Sessel saß, das Gesicht in die Hände gestützt, ihn schwer beleidigt habe.

 

»Ich verzeihe dir alles«, sagte Guelder gerade großartig. »Du bist blöde, du bist kindisch, du bist ein Hundsfott. Du betrügst deine Freunde, während du doch allen Grund hast, einem großen Meister zu vertrauen. Du wirst handgreiflich gegen mich – doch ich vergebe dir. Dein Herz im Leib ist jämmerlich klein wie das Gehäuse eines Apfels. Deine Seele ist wie Wasser – pfui Deibel!«

 

»Laß mich zufrieden, du verfluchter Schuft!« stöhnte Reef dumpf hinter seinen Händen. »Hast du noch nicht genug?«

 

»Ich bin in allem Unglück dein Freund geblieben«, fuhr Guelder wie ein Volksredner fort. »Ich habe dich beschützt und verteidigt. Ich weiß, du bist ein Mörder – aber laß ich dich deswegen fallen? Und du entdeckst, daß ich einen wissenschaftlichen Erfolg vorweggenommen habe und schreist, als hätte ich Gott weiß was getan. Ich habe der Wissenschaft nachgeholfen, weiter nichts! Das ist doch wohl erlaubt, wenn man den Glauben an den Erfolg hat. In einigen Monaten würde diese kleine, unschuldige Nachhilfe unnötig gewesen sein. Aber du und deine Finanzleute und deine Freunde – ihr könnt ja alle nicht warten. Ihr verlangt sofort sichtbare Ergebnisse. – So verfährt man nicht mit der Wissenschaft, mein Freund.«

 

»Laß mich in Ruhe«, fauchte Reef.

 

»Ich werde dich schon in Ruhe lassen. Die Frage ist nur, ob dich unser Freund Elk auch in Ruhe lassen wird und der gerissene Kerl, der so viel gewonnen hat, wie wir verloren haben. Nein, nein, mein guter Julian, dir sitzt die Angst in den Knochen. Du zitterst bei jedem Geräusch an allen Gliedern. Der Detektiv hat deinen Mantel gefunden, und du Idiot läufst hin und schießt auf ihn! Du setzt alles aufs Spiel – und noch dazu in meinem Wagen und ausgerechnet an dem Abend unserer größten Chancen!«

 

Julian hob langsam den Kopf, seine blutunterlaufenen Augen blickten voll Haß auf den Mann, der ihn ruiniert hatte. »Du weißt doch hoffentlich, daß ich bankrott bin.«

 

Guelder lachte laut und schrill.

 

»Eine Wichtigkeit, dein Bankrott! Mir scheint, du wirst sehr bald dort sein, wo sie einen hierzulande so rasch an den Galgen befördern. Ist dir das noch nicht klargeworden, mein Freund?«

 

Julian Reef zahlte mit gleicher Münze heim.

 

»Und du fürchtest für dich gar nichts? Ich erwarte jeden Augenblick deine Verhaftung.«

 

»Aus welchem Grund?« fragte der Holländer dreist. »Wegen meines kleinen Betrugs? Ach nein, mein Freund! Mr. Sleser hat uns doch ausdrücklich erklärt, er wolle sich nicht als kompletter Narr vor der ganzen City bloßstellen.«

 

Er tippte sich gegen die Stirn.

 

»Ich bin eben doch ein bißchen klüger als du, mein Jungchen.«

 

»Hast du Geld?« unterbrach Reef unvermittelt.

 

»Wenig, sehr wenig«, erwiderte Guelder vorsichtig. »Weshalb?«

 

»Ich habe das Gefühl, ich müßte aus England verduften.«

 

Guelder blicke ihn überlegen an.

 

»So?« fragte er dann. »Das ist die beste Idee, die du seit langem gehabt hast. Wieviel brauchst du?«

 

»Einige Tausend. Doch wozu fragst du? Du bist doch genauso im Druck wie ich.«

 

»Durchaus nicht«, widersprach Mr. Guelder würdevoll. Er steckte die Hand in die Tasche und holte ein dickes Bündel Noten hervor.

 

»Ich habe die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Heute morgen habe ich vor der Bank gewartet und mir eine halbe Minute nach Kassenöffnung den Scheck des Wohltäters Sleser auszahlen lassen.«

 

»Du hast Geld?« jubelte Reef.

 

Guelder dämpfte die freudige Begeisterung seines Partners.

 

»Ich werde dir zwei- oder dreitausend geben.« Er sprach sehr langsam und beobachtete genau die Wirkung seiner Worte. »Vielleicht werde ich dir auch fünftausend geben – wenn du mir einen kleinen Gefallen tust.«

 

»Der wäre?« fragte Julian argwöhnisch.

 

»Es gibt in dieser Stadt eine entzückende Person …«

 

»Ursula!«

 

»Jawohl. Bring mir die junge Dame – und die fünftausend Pfund sind dein.«

 

Mit einem Satz stand Reef auf den Füßen. »Du bist verrückt«, schrie er, »vollständig übergeschnappt. Selbst, wenn ich sie dir ausliefern wollte – wie denkst du dir das? Sie haßt dich. Sie hat einen Ekel vor dir.«

 

»So was gibt sich«, grinste Guelder. »Das laß nur meine Sorge sein.«

 

»Nein, mein Lieber«, höhnte Reef. »Die ist zu schade für dich schmierigen Bock! Ich will nicht davon sprechen, daß ich sie geliebt habe. Für mich ist sie doch verloren. Ich muß machen, daß ich den Staub Englands von meinen Schuhsohlen schüttele. Aber ehe ich sie dir hinwerfe …«

 

»Dann nicht«, sagte Guelder ruhig. »Dann sieh zu, wo du Geld herbekommst. Habe die Ehre!«

 

Voll Angst verstellte Reef ihm den Weg.

 

»Aber es ist doch unmöglich – wie soll ich es denn anstellen? Du tust so, als ob es nichts Leichteres auf der Welt für mich gäbe, als eine junge Engländerin zu entführen!«

 

»Streng dein Hirn etwas an!« schalt Guelder. »Du wirst schon was finden. Sag ihr, ich hätte dich in der Hand, ich wolle dich verraten. Sie ist doch deine Cousine. Flehe sie an, dir zu helfen. Sag ihr, ich liebte sie und sie wäre der einzige Mensch, der auf mich Einfluß hätte. Wenn sie mich bäte, würde ich dich entkommen lassen. Mein Gott, das ist doch nicht so schwer!«

 

Und als Reef noch immer zögerte, höhnte er:

 

»Fünftausend Pfund sind ja schon eine kleine Mühe wert.«

 

Julian wurde schwach. Der Plan, der ihm zuerst völlig irrsinnig erschienen war, kam ihm noch immer phantastisch genug vor – aber dennoch …

 

Guelders Worte hatten ihn auf einen neuen Gedanken gebracht. Instinktiv fühlte er, daß sich ein Netz um ihn zusammenzog. Seit zwei Nächten hatte er nicht geschlafen. Seine Nerven versagten. Seine Urteilskraft schwand.

 

»Worüber denkst du nach?« forschte Guelder.

 

Julian schüttelte den Kopf.

 

»Laß mich. Ich überlege.«

 

Ursula schien ihm die letzte Hoffnung. Ein bleicher, letzter Hoffnungsschimmer. Er wollte sie aufsuchen, er wollte sie nicht anflehen, mit ihm zu Guelder zu fahren, sondern ihn zu retten. Ein Schüttelfrost durchrüttelte ihn plötzlich. Zum Glück war Guelder ins Nebenzimmer gegangen und sah nicht noch diesen Anfall letzten Entsetzens.

 

Er dachte daran, sie anzurufen, entschied sich dann aber dazu, sie zu überraschen. Sie könnte sich weigern, ihn zu empfangen, wenn sie wüßte, daß er käme. Wenn er sie aber unerwartet überfiele, würde er sicher zu ihr eindringen. Welche Hilfe er von ihr erwartete, wußte er selbst nicht. Das wollte er auf dem Wege zu ihr überlegen.

 

*

 

Er hatte Glück. Ursula war allein, als er eintrat. Sie öffnete selbst die Tür. Als sie ihn sah, fuhr sie heftig zurück. Sein Gesicht hatte die frühere, gesunde Farbe eingebüßt. Unter seine Augen gruben sich tiefe Schatten. Die Hand, die er ihr reichte, zitterte.

 

»Es tut mir furchtbar leid, Ursula«, stieß er dumpf hervor, »dich so zu überfallen … aber ich gehe fort – mit mir ist’s zu Ende.«

 

Obwohl er ihr zuwider war und sie ihn verachtete, konnte sie ihn nicht von ihrer Schwelle weisen. In ihrer Güte forderte sie ihn auf einzutreten.

 

Als er ihr im Musikzimmer gegenübersaß, sagte er abgerissen:

 

»Du bist furchtbar lieb zu mir – ich bin ein Schuft – von Jugend auf war ich ein Taugenichts. Du siehst jetzt nur, was ich jahrelang verborgen habe«, bekannte er.

 

»Bist du …?«

 

Sie zögerte, das Wort auszusprechen.

 

»Ruiniert? – Ja. Ich besitze nicht einen Penny mehr. Ich habe mein Konto längst überzogen. Wenn ich hierbleibe, fassen sie mich wegen betrügerischen Bankrotts.«

 

Und jetzt kam er auf den Sinn und Zweck seines Besuchs, der ihm unklar vorschwebte, während Guelder auf ihn eingeredet hatte.

 

»Jener Mantel, Ursula … du bist irgendwohin gefahren, ihn dir anzusehen, nicht wahr?«

 

Sie nickte zaghaft.

 

»Jemand hat mir gesagt, er gehöre mir … Ich verstehe nicht, wie er nach Woolwich gekommen ist – richtig, jetzt entsinne ich mich, es war Woolwich, wohin sie dich gerufen haben. – Ich habe den Mantel lange nicht gesehen, seit der Nacht nicht, in der dein Vater starb.«

 

Er sah in ihren Augen die Angst aufglimmen, die sie nie in Worte fassen konnte. Doch kühn sprach er weiter.

 

»Natürlich will ich Guelder nicht in Schwierigkeiten bringen. Er ist ein Sonderling – plant immer irgendeine geheimnisvolle Betrügerei – leider habe ich das erst kürzlich entdeckt – und in jener Nacht … Du weißt doch, jener Nacht … borgte ich Guelder meinen Mantel und meine Handschuhe. Was aus meinem Mantel geworden ist, wußte ich bisher nicht. Aber ich will einen Eid darauf leisten, daß ich meine Handschuhe in seinem Safe gesehen habe.«

 

Sie atmete freudig erleichtert auf.

 

»Dann hat Guelder ihn getragen, als er von der Brücke geworfen wurde?«

 

»Wurde er denn von einer Brücke geworfen? Welcher Brücke? Aber das ist ja gleichgültig. Ich habe nicht mehr an ihn gedacht bis vor einigen Tagen.«

 

»Kannte Vater diesen Guelder?« fragte sie.

 

Er zwang sich zu einem Lächeln.

 

»Ob er ihn kannte? Aber natürlich. Er und Guelder hatten verschiedene Geschäfte miteinander. Dann ging irgend etwas schief – was es war, weiß ich nicht genau –, aber jedenfalls hatten sie einen schweren Streit. Ich glaube, Onkel hatte Guelder Geld geliehen, und das weiß ich bestimmt, daß dein Vater am Tag seines Todes an ihn einen Brief mit der Aufforderung schickte, ihm die Summe zurückzuzahlen, da er dringend bares Geld brauchte.«

 

»Davon habe ich doch keine Ahnung …«

 

Doch er unterbrach sie sofort.

 

»Es wäre mir sehr peinlich, gegen diesen Menschen als Zeuge aufzutreten, aber ich fürchte, mir wird nicht viel anderes übrigbleiben.«

 

»Läuft gegen ihn ein Verfahren?« fragte sie überrascht.

 

Einen Moment war er perplex.

 

»Hm … ich weiß nicht. Ich glaube nur, daß er Schwierigkeiten hat – er benimmt sich sehr merkwürdig seit einiger Zeit.«

 

»Aber das mit dem Mantel ist doch höchst wichtig«, rief Ursula erregt. »Ich bin fest überzeugt, daß kein Mensch weiß, daß Guelder ihn in jener Nacht getragen hat. Weißt du, was die Geschichte mit dem Mantel überhaupt bedeutet? Alle machen ein Wesen davon, das ich nicht verstehe.«

 

Ohne es zu wissen, hatte sie ihn verteidigt.

 

»Der Mantel? Der wird mit irgendeinem Verbrechen zusammenhängen, das Guelder begangen hat«, vermutete Julian. »Man weiß nie, wie weit solch ein Halunke geht. Ich habe nur ein Gerücht gehört, daß die Polizei den Mantel hat und ihn als Beweismittel benutzen will. Vielleicht hängt er irgendwie mit dem Mord an deinem Vater …«

 

Das Wort war ihm entschlüpft, ehe er es gewahr wurde.

 

»Mord?« schrie Ursula auf und starrte ihn entsetzt an. »Mord? Julian … Vater hat sich doch erschossen!«

 

Er konnte nicht sprechen, sah sie nur entgeistert an.

 

»Oh«, stöhnte sie.

 

Ganz langsam begann sie zu begreifen. Eine Woge des Grauens und des Hasses riß sie von ihm zurück.

 

»Dann war es kein Selbstmord?«

 

Ihre Stimme wurde zu einem kaum hörbaren Flüstern. »Er ist getötet worden … ermordet … von einem, der den Mantel trug? Und du willst mir einreden, daß es Guelder war? Du warst es! Ich sehe es dir an den Augen an, an deiner ganzen Haltung. Jedes Wort von dir verrät es mir! Ich fühle es – ganz deutlich fühle ich es plötzlich, daß du ihn ermordet hast! Deinen Onkel hast du ermordet, du elender Lump!«

 

Sie schleuderte ihm die Anklage ins Gesicht. Er war zu zermürbt und entnervt, um zu leugnen.

 

»Mach, daß du fortkommst, ehe ich die Polizei rufe!«

 

Er fand die Sprache wieder.

 

Der Schreck, der ihn im Bann gehalten hatte, schlug jetzt in Wut und Zorn um.

 

»Du bist ja eine vorzügliche Schülerin des ›gerissenen Kerls‹! Ich habe dir alles gesagt, was ich sagen konnte, weil ich nicht einen anderen ins Verderben stürzen wollte …«

 

»Kein Wort mehr!,« rief sie bebend.

 

Sie war sehr blaß, hatte sich aber vollkommen in der Gewalt. »Ich kann es dir beweisen …« Er machte noch einen verzweifelten Versuch zu seiner Verteidigung.

 

Sie zeigte auf die Tür. Er ging und hatte wieder Glück. Die Detektive hatten ihn drei Minuten, nachdem er sein Büro verlassen hatte, verfehlt. Und jetzt wandte er sich der Heide zu, anstatt in die City zurückzukehren. Kaum war er außer Sicht, bog ein großer Polizeiwagen in die Straße ein, und Elk konnte nur noch die Feststellung machen, daß der Vogel wieder ausgeflogen war.

 

Kapitel 3

 

3

 

Ursula Frensham hatte ein kleines Auto, und Lord Frenshams Villa in Hampstead bot ihr willkommene Gelegenheit, das Haus in London nach Belieben zu verlassen. Sie kannte Tonys Gewohnheiten. Er war ein leidenschaftlicher Fußgänger. Wenn er ihren Vater im Büro in der City besuchte, pflegte er seinen Wagen vorauszuschicken und ließ ihn an der Parkecke in der Avenue Road warten. Er hatte die Hälfte der Fitzjohn Avenue zurückgelegt, als Ursula in ihrem Zweisitzer in die Straße einbog und ihn anrief. Er drehte sich mit einem solchen Ruck um, daß sie gewahr wurde, daß sie ihn aus tiefstem Sinnen aufgestört hatte.

 

»Steigen Sie ein – Sie Kampfhahn«, gebot sie ernst.

 

»Ich bin zwar allerhand«, erwiderte er und setzte sich an ihre Seite, »aber ein Kampfhahn bin ich nicht. Ist es übrigens nicht ein bißchen komisch, mit einem Zylinder in einem Sportwagen zu thronen?«

 

»Sie können ja tun, als ob Sie der Hausarzt wären«, entgegnete sie schlagfertig. »Aber wirklich Tony, Sie haben mich sehr gekränkt. Vater ist wütend. Der arme Julian!«

 

»Ich schäme mich sehr«, gestand er. »Meine alten südafrikanischen Unsitten hängen mir noch schrecklich an.«

 

»Ja, Sie sind ein Barbar«, zürnte sie. »Was ist denn los, Tony? Womit haben Sie denn alle so erbittert? Ich weiß ganz genau, daß Sie Julian gereizt haben. War es wegen meines Geldes?«

 

Er blickte sie verdutzt an. »Haben sie Ihnen das gesagt?« fragte er.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich hab’s geraten«, sagte sie ruhig. »Ich mache mir auch Sorge, Tony – nicht meinetwegen, aber ich glaube, wenn mit meinem Geld etwas geschähe, das würde wohl Vaters Ende sein. Sie müssen bedenken, der arme, liebe Mann hat sein ganzes Leben lang geschuftet und sich abgerackert. Der Titel hat ihm nichts eingebracht als alte Landhäuser voller Hypotheken und böswilliger Pächter. Tatsächlich versteht Väterchen nichts von Geschäften.«

 

»Und Julian?« fragte Tony und blickte gerade vor sich hin auf die Straße.

 

Eine Weile blieb sie die Antwort schuldig.

 

»In Julian kenne ich mich nicht aus. Und eigentlich müßte man doch den Mann genau kennen, den man heiraten soll.«

 

Er riß die Augen weit auf.

 

»Bitte, halten Sie. Mir ist übel«, rief er mit heftiger Ironie. »Wessen Idee ist das? – Julians?«

 

»Vaters.« Sie starrte finster vor sich hin.

 

»Natürlich liegt es im Grund sehr nahe. Tony, glauben Sie wirklich, daß Julian ein guter Finanzmann ist? Ich glaub’s nicht.«

 

»Warum?« forschte er.

 

Er war überzeugt, daß nur ein sehr beschränkter Kreis der City Julian Reefs kleine Geheimnisse kannte.

 

»Nun, nur eine Kleinigkeit. Er hat Aktien von mir verkauft. Bluebergs heißen sie. Kennen Sie die?«

 

Er nickte. »Eine sehr gesunde Gesellschaft. Zahlt eine enorme Dividende. Warum hat er die verkauft?«

 

Sie zuckte die Achseln. »Ich habe ihn nicht gefragt. Nur Sir George Crater – er leitet die Blueberg-Gesellschaft –« Tony nickte wieder, und sie sprach weiter. »Ich traf ihn gestern abend auf einem Ball. Da sagte er mir, er würde ein sehr ernstes Wort mit Vater wegen des Verkaufs der Aktien sprechen. Er muß wohl irgend etwas Geheimnisvolles wissen.«

 

»Aktienverkäufe sind durchaus nicht geheimnisvoll, meine Liebe«, belehrte Tony sie mit einem lustigen Funken in den Augen. Doch sofort war er wieder ernst.

 

»Vielleicht hat er etwas Besseres dafür gekauft«, erwog er und fühlte seine Heuchelei. Denn er wußte, daß Julian auf dem Markt nichts Besseres finden konnte als die konsolidierten Bluebergs.

 

Sie hatten das Ende der Avenue Road erreicht und wollten um den Park herumfahren, als ein auffallend großer Mann, der gegen eine Laterne lehnte, langsam die Hand hob, den Hut ein wenig lüftete und wieder auf den Kopf zurückfallen ließ.

 

»Wollen Sie ihn sprechen?« fragte Ursula am Steuer, als Tony sich halb nach ihm umwandte.

 

»Ja, ich möchte Ihnen diesen Herrn vorstellen«, erwiderte Tony, »falls Sie nicht eine eingewurzelte Abneigung gegen die Detektive von Scotland Yard haben.«

 

Sie brachte den Wagen schnell zum Stehen. »Keine Spur! Furchtbar gern, Tony!«

 

Der große Mann kam mit einem solchen Ausdruck der Müdigkeit auf sie zu, daß sie sein Gefühl der Langweile geradezu körperlich empfand.

 

»Kriminalinspektor Elk, gestatten Sie, daß ich Sie Lady Ursula Frensham vorstelle …«

 

Das also war der große Elk! Selbst Ursula hatte von diesem dünnen, unglücklichen Mann gehört – kein Wunder, denn er hatte in der Hälfte aller Sensationsprozesse, von denen sie gelesen hatte, eine Rolle gespielt.

 

»Sehr angenehm, Lady Ursula«, sagte Elk und bot ihr seine große, plumpe Hand: »Adel ist seit kurzem meine Schwäche. Erst vorige Woche habe ich einen Baron geschnappt, der Möbel verkaufte, die er nicht bezahlt hatte.«

 

Er blickte Tony nachdenklich, an.

 

»Einen Millionär habe ich, Gott weiß wie lange, nicht zur Strecke gebracht, Mr. Braid. Und nach dem, was ich so von Schiebungen und Schiebern höre…« Er betrachtete Ursula voller Güte. Dann ging er zu seinem Lieblingsthema über.

 

»An allen Verbrechen ist die Bildung schuld. Nur dadurch, daß man den Kindern die kleinen Köpfe mit Wilhelm dem Eroberer und solchem Unsinn vollstopft, füllt man die Zuchthäuser. Wenn die Menschen nicht schreiben könnten, gäbe es keine Urkundenfälscher. Wenn sie nicht lesen könnten, gäbe es keine Falschmünzerei. Nehmen Sie zum Beispiel die Erdkunde. Wozu nützt sie, gnädiges Fräulein? Sie zeigt dem hartgesottenen Mörder nur, wohin er sich wenden kann, wenn er aus einem Land fliehen will. Ich habe noch nie einen gebildeten Schutzmann gekannt, den sie länger als drei Jahre in der Truppe halten konnten.« Er schüttelte verzagt den Kopf.

 

»Wer wird das Stewards-Rennen machen, Mr. Braid? Nicht als ob ich mich auf Wetten einließe, wenn ich nicht gerade einen unfehlbaren Tip kriege. Wetten und Spielen sind die ersten Stufen zum Galgen. Vorige Woche habe ich vier Pfund auf einen Gaul in Newmarket gesetzt. Der Tip kam von einem Verbrecher, mit dem ich befreundet bin, und versagte. Wenn ich den Kerl das nächste Mal erwischen, sorge ich dafür, daß er nicht unter zehn Jahren davonkommt!«

 

Ein lustiges Lächeln in seinen guten, grauen Augen strafte die gräßliche Drohung Lügen.

 

Tony hatte den Detektiv das erste Mal in Johannesburg getroffen, wohin er einen betrügerischen Bankrotteur verfolgt hatte. Seitdem waren sie sich häufig in London begegnet. Tony Braid hatte diesen müden Mann mit den ewigen Angriffen auf die Bildung gern und schätzte ihn als das, was er war: der gerissenste Detektiv in London. Und obwohl er noch nie seine Dienste in Anspruch zu nehmen brauchte, hatte der Inspektor doch manchen langweiligen Abend in seinem Haus in Ascot belebt und erheitert.

 

*

 

»Sind Sie gerade auf der Verbrecherjagd, Inspektor?« fragte Ursula und unterdrückte ein Lächeln. Sie wollte den komischen Mann nicht beleidigen.

 

Er schüttelte den Kopf. »Hier in St. John’s Wood wohnen keine Verbrecher, gnädiges Fräulein … Mylady …, ich weiß nicht recht, wie ich Sie nennen soll.«

 

»Fräulein, genügt«, lächelte sie.

 

Er neigte den Kopf. »Wenn man eine Königin ›Madame‹ nennt, dann genügt ›Fräulein‹ tatsächlich für die meisten Frauenspersonen«, erwog er. »Nein, gnädiges Fräulein, ich bin nicht auf der Verbrecherjagd. Ich suche meinen Hausgenossen, obwohl das gar nicht meine Aufgabe ist, sondern die eines intelligenten Polizisten.«

 

»Hat er was gestohlen?« fragte Ursula neugierig.

 

»Nein, gnädiges Fräulein, er hat nichts gestohlen«, entgegnete Elk und schüttelte den Kopf. »Er ist ein kluger Mann, wenn er nüchtern, aber geschwätzig, wenn er voll ist. Entschuldigen Sie den Ausdruck. Höchstwahrscheinlich liegt er jetzt auf einer Bank am Kanal, wenn er nicht darin liegt. Wenn er nüchtern ist, spricht er ganz vernünftig, und es ist ein Vergnügen und ein lehrreicher Genuß, seine Vorträge über die Flora und Fauna Afrikas anzuhören. Aber wenn er voll ist, dann phantasiert er über die Lulanga-Ölfelder, und daß die Quellen alle versiegt sind, und gibt seine Ansicht über den Chefingenieur zum besten – kurzum, man hat schon seine Last mit ihm!«

 

Da spürte er Tonys Augen, die fest auf ihn gerichtet waren. Braid starrte ihn an, als ob er ein Gespenst gesehen hätte.

 

Kapitel 30

 

30

 

Reef ging kopflos auf Muswell Hill zu. Dann fiel ihm ein, daß Guelder auf das Ergebnis seines Besuchs bei Ursula wartete. Er trat in eine Telefonzelle und rief die Nummer der kleinen Teestube an, in der Guelder gewöhnlich zu dieser Zeit seinen Tee trank. Guelder war fast sofort am Apparat und erzählte ihm in wenigen gehetzten Worten von dem Besuch der Polizei.

 

»Nein, nein, fahr nicht nach Greenwich, sondern sei heute abend um elf an der Channey-Treppe im Bezirk Limehouse. Dort werde ich dich vom Fluß aus abholen. Bis dahin versteck dich, mein Freund! Also vergiß nicht … Channey-Treppe!«

 

*

 

Wie sollte sich mitten am Tag ein Mann verstecken – ein rothaariger Mann, hinter dem die Polizei her war? Er kehrte in die Hampstead-Heide zurück, fand ein kleines Gebüsch, kroch hinein, breitete seinen Regenmantel aus und schlief sofort auf dem durchtränkten Boden ein. Als er erwachte, war er hungrig; der Körper schmerzte ihn vom Kopf bis zu den Füßen. Er blickte auf die Uhr. Es war dunkel und regnerisch. Die großen Tropfen, die auf sein Gesicht prallten, hatten ihn aus einem Schlaf geweckt, der das gnadenvollste Geschenk dieses unseligen Tages war und bleiben sollte. Es war fünf Minuten vor zehn. Mit einem schmerzvollen Stöhnen richtete er sich auf, zog den Regenmantel an und ging quer über die Heide auf Swiss Cottage zu. Der Anblick eines Polizisten, der die Hauptstraße entlangkam, scheuchte ihn in eine Nebenstraße. Nachdem er zweimal Hals über Kopf vor einer Uniform geflohen war, stand er durch eine seltsame Fügung plötzlich wieder vor Ursulas Haus.

 

Sein Herz war von einer erbitterten Wut auf sie erfüllt. Er hätte ihr zu gern etwas Böses angetan, ihr Schmerz bereitet. Der Holländer, ein Mann, den er hatte verraten wollen, war in der Stunde der Gefahr für ihn eingetreten! Sie aber, die sein Weib geworden wäre, wenn er nur beizeiten den Wert dieser verfluchten Lulangas erkannt hätte – sie hatte ihn wie einen Hund behandelt, hatte ihn seinen Verfolgern in den Rachen getrieben! Er knirschte mit den Zähnen bei dem Gedanken an das Unrecht, das sie ihm zugefügt hatte. Sie haßte ihn fast so unversöhnlich, wie sie den Holländer haßte – Guelder haßte sie fanatischer, aber ihn verachtete sie.

 

Da hörte er eine Frau lachen. Es war nicht Ursula. Es war ihr Dienstmädchen. Doch er glaubte, es wäre Ursula und bildete sich hysterisch ein, sie lache über sein Unheil.

 

Gleich darauf hörte er das Geräusch eines Wagens und versteckte sich hinter einem triefenden Rhododendron an der Auffahrt.

 

Es war der Chauffeur, der mit dem Wagen vorfuhr. Dann hörte er Ursulas Stimme deutlich durch den stillen Abend. Sie telefonierte, die Fenster waren offen und die Worte hallten in die Dunkelheit hinaus.

 

»… aber nein, machen Sie sich doch keine Sorge, ich kann sehr gut allein fahren. Nein, ich denke nicht daran, den Chauffeur mitzunehmen, ich bin in sieben Minuten bei Ihnen … Tony, haben Sie etwas Neues über Julian gehört? … Ja, es ist entsetzlich. Und doch habe ich kein Mitleid mit ihm … diese Unmenschlichkeit kann ich nicht begreifen.«

 

So, sie konnte kein Mitleid mit ihm haben! Seine Unmenschlichkeit konnte sie nicht begreifen! Sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. Sie fuhr jetzt zu ihrem Geliebten und konnte kein Mitleid mit ihm fühlen! Sie fuhr jetzt zu dem gerissenen Kerl und konnte kein Mitleid fühlen mit dem armen Julian Reef, der wie ein Hund gehetzt wurde und fast vor Hunger starb. Er erschauerte bis ins Mark vor Verlorenheit. Jeder war gegen ihn – Ursula, Braid, Elk; alle versuchten ihn in die Mörderzelle zu schleifen.

 

Er hörte wieder ihre Stimme, sah den Chauffeur zur Garteneinfahrt gehen, das Tor öffnen und zur Garage zurückkehren. Das Verdeck des Zweisitzers war hochgeschlagen. Hinter dem Verdeck war Platz für einen Mann. Doch es schien viel leichter, wenn niemand in Sicht war, auf das Trittbrett zu springen, während der Wagen auf die Straße hinausfuhr. Er entschloß sich hierzu, um so mehr, als er hinter dem Rhododendronstrauch in sehr günstiger Stellung war. Er hörte sie den Motor anlassen, hörte sie anfahren, dann fiel das Licht der Scheinwerfer auf sein Versteck.

 

Sie fuhr ganz langsam der schmalen Öffnung des Gartentors zu. Da trat er aus dem Gebüsch hervor. Eine Sekunde darauf stand er schon auf dem Trittbrett und schwang sich auf den Sitz neben sie.

 

In ihrem Schreck riß sie das Steuer herum und fuhr beinahe gegen den Torpfosten.

 

»Fahr weiter!« drohte er. »Wenn du schreist, erwürge ich dich!«

 

Eine seiner Hände packte das Steuer. Weniger Ursula als er steuerte den Wagen auf die Straße.

 

»Fahr zu!« befahl er und hob die Hand. »Ich muß fortkommen. Man ist mir auf der Spur. Du weißt wohl nicht, was das heißt? Wie ein Hund gehetzt, während du mit deinem Galan Orgien feierst …«

 

Sie antwortete nichts. Ihr Herz schlug so laut, daß sie glaubte, er müsse es durch das Brummen des Motors hindurchhören. Als sie die Gestalt plötzlich neben sich hatte auftauchen sehen, war ihr das Blut fast geronnen. Doch, als sie Julian erkannt hatte, wandelte sich der erste Schrecken in eine ausgesprochene körperliche Angst.

 

»Ich werde dich bis Regent’s Park fahren und nicht einen Schritt weiter«, sagte sie bestimmt.

 

»Du wirst mich dorthin fahren, wohin ich befehle. Und wenn ich dir befehle, mich in die Hölle zu fahren, fährst du dorthin!«

 

Sein Ton und seine verzweifelte Entschlossenheit waren nicht mißzuverstehen.

 

»Man verfolgt mich wegen Mordes – wegen des Mordes an meinem lieben Onkel. Wenn dein Leben zwischen mir und der Freiheit steht, wird dir wohl nicht fraglich sein, was mit deinem Leben geschieht. Es tut dir um mich nicht leid? Wie hast du eben so schön gesagt? So zwischendurch beim Gekose mit deinem Geliebten sprichst du über mein Leben, meinen Todeskampf, als ob ich eine Figur in einem Theaterstück wäre. Diese Unmenschlichkeit kann ich nun wieder nicht verstehen!«

 

Seine linke Hand, die auf dem Kissen des Sitzes lag, berührte plötzlich etwas Kaltes. Es war ein großer Radschlüssel, den der Chauffeur beim Radauswechseln offenbar dort vergessen hatte. Er packte ihn mit einem dumpfen Lachen.

 

»Und nun höre mal aufmerksam zu. Ich habe hier einen Schraubenschlüssel in der Hand – du weißt doch, was ein Schraubenschlüssel ist? Ein böses Stück Stahl. Es ist die einzige Waffe, die ich habe, aber sie genügt mir. Damit du’s nur weißt – ich habe Frensham erschossen, und es hat meinen Schlaf nicht weiter gestört. Kalten Blutes würde ich auch dich umbringen und dich mit zerschmettertem Schädel liegenlassen, wenn du Lärm schlägst. Auch das würde meinen Schlaf nicht sonderlich beeinträchtigen. Fahr die nächste Straße links! Wenn der Schutzmann dich an der Straßenkreuzung anhält, stopp in einiger Entfernung von ihm ab. Wenn du versuchen solltest, ihn anzurufen …«

 

»Weißt du überhaupt, was du sprichst?« Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Mühsam zwang sie die Worte hervor. »Entweder bist du von allen guten Geistern verlassen, oder du bist wahnsinnig.«

 

»Damit werde ich mich ganz bestimmt verteidigen, und wenn ich mir den richtigen Verteidiger nehme, werde ich damit freikommen«, höhnte er. »Jetzt geradeaus!«

 

Sie mieden die hellerleuchteten Straßen. Sie glaubte, er habe kein bestimmtes Ziel, wolle nur aus London herauskommen.

 

Channey-Treppe, Limehouse? Er überlegte angespannt, wo das war. Er kannte Limehouse; denn er hatte einst mit einem Schiffahrtsbüro zu tun gehabt, das dort ein Lager hielt. Jetzt erinnerte er sich an die Treppe: eine enge Passage zwischen sehr hohen Lagerhäusern, mit einer Steintreppe am Ende, die hinab zur Themse führte. Eine Frau war hier einmal ertrunken – er hatte gesehen, wie man den Leichnam die Treppe hinaufschleppte.

 

»Wohin fahren wir eigentlich?« fragte sie nach einer Weile. Und dann, als ihr eine erschreckende Möglichkeit aufdämmerte: »Ich fahre nicht aus London heraus! Und wenn du mich umbringst, ich fahre nicht aufs Land!«

 

Ihm war nicht recht geheuer, wenn er an das Ende der Fahrt dachte. Er kannte die Straßen, in die die Treppe mündete. In den Tagen seines früheren Verkehrs in dieser Gegend war der Ort sehr einsam gewesen. Man begegnete keinem, außer dann und wann einem patrouillierenden Schutzmann. Doch das war immerhin acht Jahre her. Straßen veränderten sich. Und wenn dort ein Schutzmann stand und sie schrie …

 

Er suchte und fand eine Ausrede.

 

»Ich will London zu Wasser verlassen. Heute nacht geht ein Dampfer, der mich mitnimmt, damit du’s nur genau weißt. Ich fahre nach Limehouse – Channey-Treppe. Dort wartet ein Motorboot auf mich. Jetzt weißt du genausoviel wie ich.«

 

Sie war sichtlich erleichtert. An die Stelle des Grauens vor dem Unbekannten war eine verhältnismäßig kleine, übersehbare Unannehmlichkeit getreten.

 

»Ich kenne Limehouse nicht«, sagte sie. »Du brauchst es auch nicht zu kennen«, erwiderte er schroff. »Du hast nur nach meinen Anweisungen zu fahren. Wenn ich in Sicherheit bin, kannst du abschieben.«

 

Nach und nach mußte er sie auf die weiteren Peinlichkeiten dieser Fahrt vorbereiten. »Natürlich werde ich dich nicht in dem Wagen allein lassen, damit du zu dem nächsten Schutzmann saust, während ich an der Treppe auf mein Boot warte. Du wirst mit zur Treppe kommen und dort bleiben, bis man mich abholt.«

 

Das Wort Treppe, das sie sofort mit dem Wasser in Verbindung brachte, jagte ihr Entsetzen durch die Adern.

 

»Ich werde im Wagen warten, bis du mir sagst, daß ich abfahren darf. Ich schwöre dir, daß ich mich nicht von der Stelle rühren werde …!«

 

»Du wirst tun, was ich dir befehle. Ich denke nicht daran, mich irgendeiner Gefahr auszusetzen. Ich bin schon genug in der Tinte.«

 

Dann fuhr er schlau fort:

 

»Wenn ich mich ohne deinen Wagen durch London hätte hindurchschleichen können, hätte ich’s getan. Aber ich war in Verzweiflung; die Polizei sucht mich überall.«

 

Das schien ihr plausibel. Sie wurde jetzt ganz ruhig, ihr Herz schlug wieder normal. Sie begann sogar ein gewisses Interesse an diesem seltsamen Teil Londons zu nehmen, durch den sie jetzt fuhren.

 

»Das ist Limehouse«, erläuterte er.

 

Die Gegend war sehr schmutzig, öde und unromantisch. Sie hatte erwartet, in jedem zweiten Passanten einen Chinesen zu finden. Sie waren aber alle erschütternd europäisch.

 

Auf seine Anweisung ließ sie den Wagen längs der hohen Mauer eines Docks entlanggleiten. Aufatmend sah er zweihundert Schritte vor der Treppe einen Polizisten vorübergehen. Der würde sobald nicht zurückkehren. Autos waren in dieser Gegend keine Seltenheit; denn eine Schiffahrtsgesellschaft hatte ihren Kai am Eingang der Straße, und heute nacht ging ein großer Überseedampfer hinaus.

 

Er blickte durch das regenfeuchte Fenster, erkannte ein Gebäude und dann die Laternen, die an der Treppe brannten.

 

»Halte hier rechts«, befahl er.

 

Er stieg aus, blickte die Straße hinauf und hinunter. Niemand war zu sehen. Die Gasse hatte sich nicht verändert. Sie bildete zwischen hohen, blinden Mauern eine tiefe Schlucht. Am Ende der engen Passage sah er das Wasser glitzern und das Licht einer Barke.

 

»Los, aussteigen!« rief er barsch. Die alte Furcht packte sie wieder, jenes lähmende Entsetzen, das sie beim Anblick von Guelden Haus ergriffen hatte.

 

»Ich kann nicht! Ich schwöre dir, ich rühre mich nicht von der Stelle. Ich …«

 

»Aussteigen!« zischte er und riß sie von dem Sitz.

 

Wenn er auch niemanden auf der Straße gesehen hatte, so hatten dennoch zwei Augenpaare ihn aus der dunklen Verborgenheit eines Kaigitters erblickt. Zwei umherstrolchende Diebe, die Gelegenheit suchten, sahen den Wagen. Und sahen den Mann mit dem sich sträubenden Mädchen in dem engen Gang verschwinden.

 

»Wer ist das?« flüsterte der eine, worauf der andere erwiderte: »Der Motor läuft. – Den klauen wir!«

 

Sie blickten dem Mann und dem Mädchen nach. Sie wehrte sich, sprach schnell, fiebernd, beschwörend …

 

»Die zanken sich … warten wir noch ein bißchen, bis sie ganz unten sind.«

 

»Ich gehe nicht weiter!« schrie sie. Ihre Stimme versagte plötzlich vor Angst.

 

Dann drehte sie sich um und entlief. Doch im Nu hatte er sie wieder gepackt, preßte ihr mit der einen Hand den Arm, daß er schmerzte, und erstickte mit der anderen ihre Schreie. Sie wehrte sich verzweifelt und kämpfte um ihr Leben. Die beiden Nachtgeier hörten den Kampf und hielten den Augenblick für günstig.

 

Weder Reef noch das Mädchen bemerkten das Davonfahren des Wagens. Seine Hand umklammerte ihre Kehle. Da sah er die Lichter eines Motorboots. Eine große, weiße Jacht fuhr im Bogen an die Treppe heran. Mit der Kraft der Verzweiflung hob er das Mädchen empor.

 

»Wenn du schreist, schmeiße ich dich ins Wasser«, flüsterte er. Doch Ursula Frensham war schon jenseits allen Widerstandes. »Guelder!« rief Julian leise.

 

Eine unterdrückte Stimme antwortete. Das Boot wetzte seine Planke gegen die vom Wasser umspülten Stufen.

 

»Wer ist das? Ein Mädchen? Nein, das geht nicht.«

 

»Still, du Narr! Es ist Ursula Frensham!«

 

Er hörte einen gedämpften Schrei. Ein Bootshaken scharrte durch einen eisernen Ring. Reef schob Ursula dem Holländer in die Arme und sprang auf Deck.

 

»Wir müssen vorsichtig sein«, mahnte Guelder leise. »Sie wird doch nicht schreien! Ein Wachtboot der Polizei ist ganz nahe. Wir wollen uns hinter der Barke verstecken, bis es vorüber ist.«

 

Der Mann zog die große Jacht in den Schatten, den das leere Schiff ihnen bot.

 

»Die herrliche Ursula!«

 

Reef hörte Guelder schwer atmen und sah, wie er sich über die ohnmächtige Gestalt beugte und ihre Hände betastete.

 

»Wenn du sie getötet hast, lieber Freund, sind wir geschiedene Leute.«

 

»Sie ist nicht tot, sie ist nur ohnmächtig.«

 

»Sprich leise«, warnte der Holländer.

 

Er lehnte sich über die Seite der Barke und blickte hinüber. Etwas Graues, Schmales sauste vorbei, stromauf mit der Flut.

 

»Sie werden gleich vorüber sein. Dann fahren wir«, flüsterte Guelder.

 

Er vernahm ein Stöhnen aus der Richtung, wo Ursula lag, zog ein großes Tuch aus der Tasche, faltete es rasch zusammen und band es ihr um den Mund.

 

»Du mußt ihr die Hände halten, lieber Freund. Zu unserem Glück ist Freda nach Holland gefahren. Ich werde sie wohl nie wiedersehen.«

 

Das Boot glitt ruhig aus dem Schatten heraus und warf sich der Flut entgegen. Julian kniete neben Ursula und lobte die Schnelligkeit der Jacht und den leisen Gang ihrer Maschine. Guelder stimmte dem bei. Er hatte die Gewohnheit, Lob, das man seinem Eigentum zollte, für sich persönlich in Anspruch zu nehmen.

 

»Es ist die stärkste Jacht auf der Themse«, meinte er. »Sie hat auch genügend Proviant an Bord, mich überall hinzutragen. Ich habe dieses Schiffchen mit Vorbedacht gewählt.«

 

»Könntest du damit auch in See gehen?« fragte Julian mit steigender Hoffnung.

 

»Aber ja! Du siehst also, mein Jungchen, wie glücklich du in der Wahl deines Freundes warst.«

 

Die Hände, die Julian hielt, suchten sich ihm zu entziehen.

 

»Beweg dich nicht! Bleib ganz ruhig! Kein Mensch tut dir was. Wir fahren zu Guelders Haus.«

 

Er hörte einen erstickten Laut des Entsetzens und begriff, daß er ungefähr das letzte gesagt hatte, das sie beruhigen konnte. Sie versuchte verzweifelt, das Tuch von ihrem Mund zu reißen.

 

»Sie müssen lieb sein, meine kleine Freundin«, mahnte Guelders verhaßte Stimme. »Sonst müssen wir Sie ins Wasser werfen, und das wäre für Sie ein bißchen peinlich.«

 

Sie verstummte, doch nicht auf diese Drohung. Die Freude machte sie stumm. Denn sie wußte, Guelders Haus würde der erste Ort sein, an dem Tony sie suchte, sobald er ihr Verschwinden entdeckte. Doch auch Guelder war derselbe Gedanke gekommen.

 

Wenn Braid allein käme … doch das schien ihm unwahrscheinlich. Der gräßliche Elk würde sicher auch irgendwo umherspuken. Und Guelder dachte an Elk immer nur mit äußerstem Unbehagen. Denn auch die kühnsten und gelassensten Männer haben ihren schwachen Punkt.

 

Kapitel 31

 

31

 

Sie näherten sich jetzt Greenwich, fuhren an den tiefliegenden Gebäuden des Lebensmittelmarktes vorüber. Ein großer Überseer glitt aus der Dunkelheit hervor – sie umfuhren ihn in weitem Bogen. Er brauste heran, ein hochgetürmter Koloß, mit viel Licht und Getöse.

 

Sobald er vorüber war, richtete Guelder die Spitze des Bootes auf das Ufer zu. Sie fuhren am Bug zweier ankernder Schiffe vorbei und glitten langsam an einen der krummen, grünen Pfähle des faulenden Stegs heran, ehe er die Maschine stoppte. Mit einem Bootshaken zog er sich geschickt von einem Pfahl zum anderen, bis er in dem Bootshaus eine Tür erreichte, deren untere Hälfte unter dem Spiegel der Flut lag.

 

Guelder manövrierte das Boot hin und her, bis die Spitze gegen das schwere Tor drückte. Dann ließ er die Maschine laufen, die Jacht stieß dagegen und zwang ihren Weg vorwärts, öffnete die Tür und fuhr ein. Sie waren in Guelders Bootshaus und Garage. In Wirklichkeit bildete das Ende der Garage bei Hochflut nur einen schmalen Landungssteg.

 

Er hatte ein Licht brennen lassen. Eine seiner weißen Katzen kauerte lauernd am Boden. Das erste, was Ursula sah, waren die grauenvollen, grünen, starren Augen, die sie aus dem Halbdunkel anglotzten.

 

Guelder half ihr aus dem Boot und stieß sie zu der engen Treppe hin.

 

»Gehen Sie hinauf, junge Dame«, befahl er. Sie gehorchte willenlos, bis sie am Kopf der Treppe an einen Vorplatz kam, auf den ein breiter Gang mündete.

 

»Gehen Sie in das Zimmer geradeaus – dort ist die Tür. Warten Sie.« Er drehte einen Schalter, sie sah eine große eichene Tür und öffnete sie.

 

»Jetzt müssen Sie warten, bis ich die Vorhänge herabgelassen habe. Wegen unseres lieben Julian darf man uns nicht sehen. Nun, meine junge Freundin, ist es nicht ganz hübsch hier?«

 

Das Knipsen eines Schalters – dann lag das Wohnzimmer in hellem Licht. Seine Sauberkeit und Gemütlichkeit bildeten einen so starken Gegensatz zu dem, was sie erwartet hatte, daß es ihr den Atem benahm.

 

»Niedlich, mein Häuschen, wie?« schnurrte Guelder und strahlte durch seine Brillengläser. »Sie haben sicher noch nie etwas so Schönes gesehen – etwas so Herzerfreuendes, nicht wahr?«

 

Sie war jetzt ruhiger geworden. Obwohl sie diesen Mann haßte, fühlte sie sich hier bei der Aussicht auf baldige Rettung fast geborgen.

 

»Ich bitte Sie, lassen Sie mich gehen, Mr. Guelder! Wir sind doch hier in Greenwich, nicht wahr? Ich finde mich von hier sehr gut nach Haus.«

 

»Sicher«, antwortete Guelder, »aber Sie werden begreifen, meine schöne junge Dame, daß unser Freund Julian Reef – unser armer Freund – in großer Verlegenheit ist. Ich weiß nicht, was geschehen ist, und habe keine Ahnung, wie Sie hergekommen sind; aber mir genügt schon die Tatsache, daß Sie hier sind und unter meinem Schutz stehen.«

 

Guelder war durch die Gegenwart des Mädchens verwirrt. Er hatte kaum seinen Augen und Ohren getraut, als Julian ihm zugeflüstert hatte, wer seine Begleiterin war. Er blickte verwundert auf den zusammengebrochenen Mann. Es schien ihm, als sei Reef zusammengeschrumpft, seitdem er ihn zum letztenmal gesehen hatte. Er stand an der Tür, rieb sich wie geistesabwesend die Hände und hatte in den Augen einen ängstlichen, argwöhnischen Blick. Guelder schienen diese Symptome bekannt.

 

»Lieber Freund, du bist entweder betrunken oder hungrig. Wenn du betrunken bist, werde ich dir etwas geben, was dich ernüchtern wird. Wenn du hungrig bist – die Tür dort führt in die Küche. Aber ich rate dir Vorsicht! Laß den Wein stehen! Nüchternheit bedeutet Rettung, Trinken Untergang!«

 

Ohne ein Wort zu entgegnen, wandte Julian sich um und verschwand.

 

»Jetzt müssen Sie mir alle diese aufregenden Ereignisse berichten, süße junge Dame. Aber beeilen Sie sich; denn ich fürchte, das Telefon wird bald Alarm schlagen, es sei denn, daß Sie freiwillig gekommen sind … Sie sind nicht freiwillig gekommen? Das hatte ich beinahe vermutet! Das ist schlimm. Der arme Julian muß verrückt geworden sein!«

 

Sie erzählte ihm kurz, wie sich alles zugetragen hatte. Guelder hörte ihr mit unbewegtem Gericht zu. Ihre Gegenwart hatte die Gefahr, in der er stand, verzehnfacht. Ihm blieb jetzt nur die Hoffnung, daß man ihre Entführung nicht so bald bemerkte.

 

»Und Ihren Wagen – wo haben Sie den gelassen?« fragte er plötzlich.

 

»Am Eingang der engen Gasse«, antwortete sie.

 

Er schnitt eine Grimasse.

 

»Ein Geniestreich von Julian! Damit ein Polizist daherkommt, den Wagen und die Nummer sieht. Er telefoniert, und in zwei Minuten weiß ganz London, daß Ursula Frenshams Auto in einer einsamen Gasse an der Channey-Treppe steht! Ein Intelligenzrekord!«

 

Er blickte sie nachdenklich an und erriet fast genau die Stimmung, in der Julian sie ihm gebracht hatte. Wortlos starrte er sie an, völlig im Bann ihrer Schönheit, und vergaß dabei die Gefahr, in der er schwebte. Er hatte jetzt nur noch den einen Gedanken, den Nachforschungen zu entrinnen und dieses berückende Geschöpf, das schon lange seine Gedanken Tag und Nacht beschäftigte und das nun hier in seinem Haus war, für immer zu behalten.

 

Er ging zu einem tiefen Schrank, der in die Wand eingebaut war, und entnahm ihm ein Glas und eine Flasche.

 

»Ich trinke nicht!« rief Ursula hastig und entschlossen. »Ich ersuche Sie, mich sofort gehen zu lassen, Mr. Guelder! Sonst wird die Sache sehr ernste Folgen für Sie haben.« Und sich plötzlich erinnernd, fügte sie hinzu: »Sie haben allen Grund, nicht mit der Polizei in Konflikt zu geraten. Wenn Julian mir die Wahrheit gesagt hat, haben Sie ein Paar höchst verdächtige Handschuhe …«

 

Vor Schreck ließ er die Flasche fallen.

 

»Das hat er Ihnen gesagt? Ich hätte Handschuhe mit Blutflecken, wie? Das ist wahr. Und er hat Ihnen vorgeschwindelt, daß ich …? So, so! Das müssen Sie mir ein bißchen ausführlicher erzählen. Jetzt begreife ich! Der liebe Julian! Sehr raffiniert! Hat er auch von dem Mantel gesprochen? So, so, den habe ich auch getragen? Und Ihren guten Vater habe ich auch ermordet? Das also hat er Ihnen aufgebunden? Ich sehe es Ihrem Gesicht an, meine süße junge Dame, ich habe richtig geraten! Hören Sie mal, das ist ja eine schöne Neuigkeit! Solch niedliche Romane erfindet also unser Julian! Schau, schau! Und Sie sind natürlich hingelaufen und haben alles gleich brühwarm der Polizei ausgeplaudert. Oder hat er Ihnen das erst im Auto erzählt?«

 

»Er hat es mir heute nachmittag erzählt«, erklärte sie.

 

Er nickte verstehend.

 

»Und natürlich haben Sie es dem ›gerissenen Kerl‹ gesagt? Und der ›gerissene Kerl‹ hat es dem Elk erzählt, und jetzt weiß es alle Welt.« Er zog die Schultern hoch. »Solch ein Wahnsinn. Aber jene Handschuhe können vielleicht doch gefährlich werden. Ich muß Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeit danken. Und nun trinken Sie mal den Wein. Sehen Sie, ich öffne extra für Sie die Flasche. Es ist kostbarer Bordeaux, er wird Ihnen Mut machen. Warum weichen Sie denn zurück? Sie glauben, ich hätte ihn vergiftet? Ach so! Sie haben doch gesehen, daß ich ihn eben aus dem Schrank genommen habe. Da gießen Sie selbst ein.«

 

»Ich mag keinen Wein«, lehnte sie ab.

 

»Er wird Ihnen guttun. Sie sehen ganz grün aus. Ich bin doch kein Unmensch, Lady Frensham, wenn Sie mich auch nicht gerade schätzen. Wenn Sie mich näher kennen würden, wüßten Sie, daß ich voller Ränke und Listen bin; aber das Herz habe ich auf dem rechten Fleck!«

 

Wie unter einem Bann goß sie etwas Wein in das Glas.

 

»Sie haben es wirklich dringend nötig, nach allem, was Sie durchgemacht haben«, redete Guelder ihr zu.

 

Sie spürte selbst, daß sie eine Stärkung brauchte. Sie fühlte sich schwach und zerschlagen. Bei jedem Schritt auf der Treppe waren ihr die Knie eingesunken. Sie setzte das Glas an die Lippen und tat erst einen kleinen Schluck, dann leerte sie das Glas. An seinem süffigen Geschmack erkannte sie, daß es wirklich kostbarer alter Wein war.

 

»So, und nun setzen Sie sich ein bißchen hin«, ermunterte Guelder.

 

Er führte sie sanft zu der großen Couch am Fenster. Ein seltsames Gefühl der Lässigkeit überkam sie, ein überwältigendes Verlangen nach Schlaf, gegen das sie vergeblich anzukämpfen suchte. Von Sekunde zu Sekunde wurden ihr Wille und ihr Widerstand schwächer. Guelder sah, wie sie wankte, stützte sie und ließ sie sacht auf das Lager niedergleiten. Mit einem Gefühl des Behagens streckte sie sich aus. Er bettete ihren Kopf auf ein Kissen und betrachtete sie zufrieden.

 

»Was tust du da?«

 

Er drehte sich um und sah in Julians argwöhnische, zornige Augen.

 

»Sie ist müde – will schlafen.«

 

»Du hast sie betäubt!«

 

Julian blickte auf die Flasche. »Ja – hat sie denn nicht gesehen …!«

 

Guelder lächelte tückisch. Er konnte ihm nicht gut erklären, daß diese Flasche Wein mit Vorbedacht vorbereitet worden war – nicht für Ursula Frensham – sondern in erster Linie für diesen unwillkommenen Gast. Unwillkommen? Nein, im höchsten Grade gefährlich – für Rex Guelder der gefährlichste Mann auf der Welt. Er hatte innerlich über die Geschichte gelacht, die Reef dem Mädchen vorgelogen hatte. Nur einen Augenblick hatte ihn jähe Angst geschüttelt. Doch jetzt hatte er längst das Urteil über Julian Reef gefällt. Der Mensch war zu allem fähig! Aber unten in der Garage lag eine schwere Kette … sogar zwei… und eine Spule feiner Draht – für alle Fälle. Er überlegte scharf. Es genügte Julian nicht zu entkommen. Er neigte zu dem Wahnwitz so vieler Verbrecher, in einer unmöglichen Stellung letzten Widerstand zu wagen. Und Rex Guelder sollte die Verteidigungswaffe werden. Aber er hatte seine Rechnung ohne ihn gemacht. Der holländische Dampfer, auf dem er für Reef einen Platz belegt hatte, würde ohne ihn in See stechen. Diese neue, gefährliche Lage forderte neue, kluge Maßnahmen. Eine Pest … Rex Guelder dachte den Gedanken nicht zu Ende. Er ging ins Laboratorium und blieb dort etwa zehn Minuten. Julian war in die Küche zurückgekehrt, um seinen Hunger zu stillen.

 

Was geschehen sollte, mußte schnell geschehen. Der Holländer kam in das Wohnzimmer zurück und blickte auf das schlafende Mädchen nieder. Seine Augen weideten sich an ihrer Schönheit. Er beugte sich gerade über sie nieder, als Julian mit einem großen Stück Kuchen in der Hand hereinkam.

 

»Was willst du von ihr, Guelder?« rief er drohend.

 

Der Holländer richtete sich auf und wandte sich ihm mit einem Lächeln zu.

 

»Das wissen nur Gott und ich allein«, schmunzelte er.

 

Julians Augen waren getrübt. Er hatte in der Küche den Weinschrank gefunden.

 

»Ich möcht’s auch wissen, alter Herr«, lallte er. »Ich bin sozusagen der Schutzengel dieser jungen Dame.«

 

Guelder antwortete nicht.

 

»Du hörst wohl schwer?«

 

Reef torkelte auf ihn zu. Er hatte offenbar sehr hastig getrunken, oder der Wein war besonders schwer gewesen. Plötzlich spürte Guelder einen Schnapsgeruch. Aha. Es war leichtsinnig von ihm, die Flasche offen stehen zu lassen und den Weinschrank nicht zu verschließen.

 

»Ich hab‘ mich entschlossen, sie laufen zu lassen«, sagte Reef mit schwerer Zunge. »Ich bin kein Schuft. Ich spiele einem Mädchen, das meine Cousine ist, keinen so gemeinen Streich.«

 

Noch immer sagte Guelder nichts.

 

»Hör mal, alter Gauner …« Julian kam noch näher an Guelder heran und schlug ihm derb auf die Schulter. »Laß deine Hände von dem Mädel. Wir sitzen beide in der Patsche. Wir sollten zusammenhalten. Das beste ist, wir schicken sie dem ›gerissenen Kerl‹ zurück.«

 

Er lachte trunken. »Im Grunde sind wir die Gerissenen – die wahren Gerissenen. Also los, laß sie zurück; und dann wollen wir beide uns dünnemachen!«

 

»Komm«, befahl Guelder kurz. Er ging voran in das Laboratorium. Nur eine Lampe brannte, jene starke, blendende, über der Diamantenmaschine. Am Ende des Raumes war eine Tür, die mit einer stählernen Querstange verschlossen war. Guelder zeigte auf die Tür.

 

»Wenn die Not drängt, und ich warne dich, dann flieh durch die Tür da hinten. Jenseits der Tür ist eine Treppe, die zur Themse führt. Dort liegt ein Boot.«

 

»Ausgezeichnet!« Reef betrachtete die Tür mit dem Ernst eines Betrunkenen.

 

»Ich nehme an, Mr. Elk wird bald da sein. Ich werde ihn eine Weile aufhalten. Es ist gut, wenn du dann den Weg kennst. Sieh ihn dir schon jetzt mal an.«

 

Reef ging auf die Tür zu und faßte die Stahlstange an. Der Holländer beobachtete ihn voll gieriger Erwartung und sah, wie Reefs Körper sich in entsetzlichen Zuckungen wand, hörte ihn röcheln, streckte die Hand nach dem Schalter aus und drehte ihn herum. Reef fiel in sich zusammen. Er hatte kaum den Schlag gefühlt, der ihn getötet hatte.

 

Ohne Anstrengung hob Guelder die Leiche auf die Schulter und trug die stille Gestalt die Treppe hinunter ins Bootshaus. Hier warf er ihn wie ein Mehlsack in das Motorboot und holte eine von den schweren Ketten. Er betrachtete sie kurz. Vielleicht würde er die zweite auch noch brauchen. Mit einem langen Stück Draht wand er die Kette um die Fußgelenke des Toten, dann stieß er die Jacht gegen die Flügeltür und sprang auf das Boot. Die Türen öffneten sich weit.

 

In wenigen Minuten war er mitten im Strom. Nirgends war ein Wachtschiff zu sehen. Langsam ließ er die Leiche über die Seite des Bootes ins Wasser gleiten. Unter dem Gewicht neigte es sich so weit zur Seite, daß Wasser eindrang …

 

Guelder kam ins Bootshaus zurück mit einer Gelassenheit und einer Ruhe, als wäre er nur hinausgegangen, um nach dem Wetter zu sehen.

 

Er zog die Kette dicht an das Boot heran. Dann ging er hinauf und machte nur halt, um sich zu vergewissern, daß die Türen gut verschlossen waren.

 

Ursula schlief noch. Er beugte sich über sie und berührte ihre Wangen mit den Lippen. Dann zog er die Schuhe aus.

 

Kapitel 32

 

32

 

Der Verkehrspolizist in der Commercial Road hob die Hand, um einen Zweisitzer anzuhalten, der an ihm vorbeifahren wollte. Der Fahrer achtete nicht auf das Polizeisignal und wäre auch zweifellos entkommen, wenn nicht im kritischen Augenblick ein großer Lastwagen mit Anhänger ihm den Weg versperrt hätte. Der Polizist ging gemächlich auf das Auto zu, ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Da machte der Fahrer einen Fehler. Er sprang hinaus und wollte fortlaufen. Doch unglücklicherweise kam gerade aus dieser Richtung ein zweiter Schutzmann zur Ablösung.

 

»Zeigen Sie doch mal Ihren Führerschein«, befahl der erste Polizist, als der Kollege ihm seinen Fang zugeführt hatte. Der Führerschein war nicht da. Der Kumpan des Fahrers duckte sich ängstlich im Sitz zurück. »Steigen Sie ein«, gebot der erste Schutzmann, »und fahren Sie mich zur Polizeiwache. Wenn Sie Dummheiten machen, dann …« Damit sprang er auf das Trittbrett.

 

Was der Osten von London um zehn Uhr weiß, weiß Scotland Yard eine Minute später. Der Mann, der in Scotland Yard am Fernsprecher saß, nahm eine alltägliche Meldung auf, schrieb die Nummer des Autos nieder und schaltete in das Zimmer des Inspektors Elk um.

 

»Man hat den Wagen gefunden – den von Lady Frensham. Wurde im Osten Londons angehalten mit zwei bekannten Autodieben.«

 

»Hat man die Dame?« fragte Elk besorgt.

 

»Nein, Herr Inspektor, von der Dame weiß man noch nichts.«

 

Der Telefonist schaltete nach Süd-London um und gab die genaue Beschreibung des Schirms mit goldenem Griff durch, der im Parlament gestohlen worden war und, wie man annahm …

 

Tony saß neben Elk in bewundernswerter Ruhe, mit der er seine innere Erregung zu verbergen suchte.

 

»Das bestätigt die Aussage des Polizisten, der behauptet, er habe den Wagen in Limehouse gesehen«, bemerk« Elk. »Verbinden Sie doch mal mit dem Haus von Lady Frensham und fragen Sie, ob sie zurück ist.«

 

Ursula war nicht heimgekehrt. Das weinende Mädchen gab die traurige Auskunft.

 

»Habe ich auch nicht erwartet«, nickte Elk. »In wenigen Minuten werden wir mehr wissen.«

 

Er wartete auf den Anruf der Polizeiwache in Ost-London, der jeden Augenblick kommen mußte. Endlich kam er – von dem wachthabenden Sergeanten. Er hatte die Gefangenen verhört, die alles gestanden hatten. Es waren vernünftige Diebe, die der Polizei niemals unnötige Arbeit machten. Sie hatten das Auto an der Channey-Brücke aus Versehen mitgenommen. Sie hatten auch einen Mann und eine Frau die Gasse hinuntergehen sehen, dem Wasser zu.

 

»Limehouse … Channey-Brücke … ausgezeichnet!« sagte Elk. Er tippte ungeduldig auf den Apparat. Die Zentrale meldete sich.

 

»Verbinden Sie schleunigst mit dem Hauptquartier der Themsepolizei. Sagen Sie Ihnen, sie sollen ein Motorboot an der Channey-Treppe bereithalten!«

 

»Können Sie nicht nach Greenwich telefonieren?« fragte Braid, der schon ziemlich angegriffen war.

 

Elk schüttelte den Kopf.

 

»Wenn sie dort sind, ist die Landseite so verrammelt, daß Sie einen Rammbock brauchten, um in das Haus zu kommen Er hat an seinem Grundstück ein herrliches Hintergebäude, dieser Holländer – es reicht bis zum Nord- und Südpol. Auf diesem Weg wird er türmen. Ich bin dafür, Fallen vor die Ausfalltore zu legen.« »Wer war der Mann, der mit ihr war?« fragte Braid, obwohl er es ahnte.

 

Elk wiegte den Kopf.

 

»Die Autodiebe haben keine nähere Beschreibung gegeben. Sie sahen nur einen Mann, der sich mit einem Mädchen zankte. Da sie nichts von einem ausländischen Akzent sagten, nehme ich an, daß es Reef gewesen ist. Übrigens hat Guelder für ihn Vorkehrungen getroffen. Er sollte heute nacht London auf dem Wasserweg verlassen. Es paßt alles genau. Er wollte ihn an Bord der ›Van Zeeman‹ bringen, die heute nach Südamerika ausläuft. Der Obersteward war mit im Bunde, aber der Zahlmeister schöpfte Verdacht und meldete es der Polizei.«

 

Er zog einen schweren Regenmantel an und schloß den Gürtel. Dann öffnete er die Schreibtischschublade, nahm einen sehr handlichen Browning heraus und ließ ihn in die Tasche gleiten. Dabei sagte er entschuldigend: »Ich gebrauche sehr ungern Schießeisen. Es sieht so nach Theater aus. Aber ich habe eine Vorahnung, daß der liebe, alte Rex Fisimatenten machen wird. Und das Leben ist gerade jetzt für mich sehr kostbar – ich komme in die Jahre. Und wenn man in mein Alter kommt, wird man immer skeptischer, wie die Welt eigentlich ohne einen auskommen soll.«

 

Der Wagen wartete vor der Tür. Daneben standen zwei Männer, die sich ohne ein Wort auf den Sitz neben den Führer zwängten.

 

»Die einzige Freude des höheren Beamten auf dieser Erde besteht darin«, grinste Elk, »daß er die besten Plätze kriegt. Ich werde die beiden Leute gar nicht brauchen, denn diese Themsepolizisten haben’s in sich.«

 

Eine Viertelstunde später hielten sie an der Channey-Brücke und fanden dort einen Flußpolizeisergeanten vor. Am Fuß der Brücke lag ein langes Boot mit schwachbrennenden Lichtern.

 

»Sie werden die Lichter da ausmachen müssen, wenn Sie an das Haus herankommen, Inspektor«, meinte der Sergeant.

 

»Von welchem Haus reden Sie denn?« tat Elk unschuldig.

 

»Guelders doch wohl. Man hat es mir nicht gesagt, aber ich errate es. Wir hatten Befehl, Guelders Haus zu bewachen und Reef zu verhaften.«

 

»Wir werden diesen Reef verhaften«, sagte Elk. »Ich bin überzeugt, wir werden ihn ausheben.«

 

Das war ein prophetischer Ausspruch.

 

Die Gezeiten wechselten gerade, und das Boot trieb in rasender Geschwindigkeit ostwärts.

 

»Ich halte mich dicht an die Küste von Middlesex«, erklärte der Sergeant. »Es ist besser, quer über den Fluß hinüberzustoßen und das Haus zu überraschen, als mitten im Fluß daraufloszusteuern. Er würde uns vermutlich sehen – der Lichtschein von London liegt über dem Strom.«

 

Elk erklärte sich mit allem einverstanden. Er kannte die Technik der Flußarbeit nicht.

 

»Im Laboratorium ist Licht.« Der Sergeant blickte durch die Nachtgläser. »Guelder ist zu Hause.«

 

»Er hat ein Boot, nicht wahr?«

 

»Ja, eine sehr starke Jacht. Am besten kommen wir durch das Bootshaus hinein. Das ist nicht zu verschließen. Vor drei Monaten hat eine ›Flußratte‹ dort drei oder vier Kanister Benzin gestohlen und wurde von Guelders Katzen fast in Stücke zerfetzt.«

 

Sie waren jetzt dem Haus gegenüber. »Los!« befahl Elk.

 

Der Sergeant drehte die Spitze des Bootes auf das Haus zu. Plötzlich wurde die Jacht erschüttert.

 

»Es ist nichts«, erklärte der Polizeibeamte. Dann rief er: »Ihr da vorn, was gibt’s da im Wasser?«

 

»Sieht aus wie ’ne Leiche«, antwortete eine Stimme.

 

»Holt sie ‚raus«, befahl der Sergeant lakonisch.

 

Ein Bootshaken fuhr über die Bordwand hinaus und zog das dunkle Bündel auf Deck.

 

»Bedauere den Aufenthalt, Inspektor, aber ich darf nicht daran vorbeifahren. Ist nicht angenehm, muß aber sein. Wir dürfen an keiner Leiche vorbeifahren, wenn wir nicht auf Verfolgung sind.«

 

Zwei Mann hatten nun das Bündel auf die Planken niedergelegt.

 

»Ein Toter«, rief eine Stimme, »war noch nicht lange im Wasser.«

 

Elk trat mit dem Sergeanten dazu. Jemand hielt eine Laterne und leuchtete der Leiche ins Gesicht. Tony blickte dem Inspektor über die Schulter und sah voll Entsetzen in die toten Augen Julian Reefs. Mr. Guelders Kette war sehr schlecht befestigt gewesen.

 

Kapitel 22

 

22

 

Julian hatte an diesem Abend seinen Sozius nach Greenwich begleitet. Sie fuhren mit der Elektrischen, einem Beförderungsmittel, das der rothaarige junge Mann über alle Maßen verabscheute.

 

»Sparsamkeit in kleinen Dingen, mein Freund«, belehrte Guelder, »ist die Grundlage allen Reichtums. Das nächste Mal, wenn du mich besuchst, wirst du in einem vergoldeten Wagen fahren, und vier Schimmel mit goldenen Hufen werden ihn ziehen. Doch heute tut’s die Elektrische auch.«

 

»Hoffentlich finden die Leute den Weg zu dir«, sorgte sich Julian. »Sicher kennt keiner von ihnen Greenwich.«

 

Guelder hatte keine Bedenken.

 

»Ich habe ihnen Pläne mit genauer Einzeichnung gegeben. Das wird ja eine feine Gesellschaft heute abend in meinem Haus, wie? Freda wird vor Wut platzen. Sie hat mir schon angekündigt, daß sie nach Holland zurückkehrt, wenn ich ihr Gäste ins Haus schleppe. Das würde mir leid tun, denn ich mag sie ganz gern.«

 

»Warum wohnst du bloß so weit draußen?« zürnte Julian, nicht zum erstenmal.

 

»Weil ich die Seeluft liebe, mein Jungchen, die den Fluß heraufweht. Ich bin am Wasser geboren. In meiner Heimat in Holland kann man nicht fünf Minuten gehen, ohne daß man in einen Kanal oder ein Fleet plumpst. Ich liebe den Geruch des Wassers, die großen Schiffe, die hinauf und hinunter fahren, und die kleinen Boote des Nachts! Manches Mal beobachte ich sie die ganze Nacht hindurch von meinem Fenster. Ich sehe sie dahinschwimmen, am Ufer entlang, wie Ratten – wie Wasserratten. Und ich habe in jenen dunklen Stunden Dinge gehört und gesehen, mein guter Freund, die dir das Blut in Eis verwandeln würden.«

 

Auf Mr. Rex Guelder hatten diese Dinge anscheinend keine solche Wirkung geübt, wenn sein entzücktes Lächeln nicht trügte.

 

»Du siehst also, Greenwich hat für mich seine sehr guten Seiten. Bedenke auch, mein Freund, wie leicht es für einen armen gehetzten Holländer wäre, den die Polizei sucht, in einer nebligen Nacht auf dieser großen Wasserstraße, die in die weite Welt hinausführt, zu entkommen. Kein Hafen, kein Zoll, keine forschenden Polizisten, die den Passagieren ins Gesicht starren, wenn sie aufs Schiff gehen, kein Paß – nichts, nur du, das Boot, die See und der Nebel!«

 

Julian schüttelte sich.

 

»Scheint mir ’ne verflucht unbequeme Geschichte.«

 

Guelder grinste.

 

»Mir macht so etwas Vergnügen«, behauptete er.

 

»Du würdest wahrscheinlich nach Holland verduften, wenn es hier schiefginge?«

 

Der Mann grunzte.

 

»Das ist nicht mehr mein Vaterland.«

 

*

 

Freda zeigte durchaus keine schlechte Laune, begrüßte Julian vielmehr fast begeistert. Es haperte sehr mit ihrem Englisch. Sie fing einen Satz ganz richtig an, verlor dann aber den Mut und verhedderte sich in ein unzusammenhängendes Gebabbel, das selbst Guelder nicht verstehen konnte. Eine wundervolle Frau nannte er sie in ihrer Abwesenheit.

 

Julian, der noch nie die Wohnräume Guelders gesehen hatte, war über die peinliche Ordnung und Sauberkeit nicht wenig erstaunt. Jedes Stück Kupfer und Messing strahlte und legte Zeugnis ab für den Fleiß der alten Frau. Er schloß auch Bekanntschaft mit den drei Schutzengeln des Hauses. Sie saßen nebeneinander, als wären sie auf diese Stellung abgerichtet worden, die drei großen Katzen mit den grünen Augen, die größten, denen Julian jemals begegnet war.

 

Eine halbe Stunde, während das Essen bereitet wurde, saßen sie auf dem Fensterplatz und beobachteten die Fahrzeuge, die die Themse durch die Abenddämmerung hinauf und hinab glitten. Als Guelder sich eine neue und noch schlechtere Zigarre anzündete, brach er das Schweigen.

 

»Ich möchte Braid zu gern unschädlich machen«, begann er. »Es gab einmal eine Zeit, mein Freund, in der du viel mehr Initiative hattest. Da hättest du längst einen klugen kleinen Spion in sein Haus eingeschmuggelt. Ich denke noch an deinen Krach mit Crostuck, und wie nützlich dir die Nachricht seines Dienstmädchens über seine Auslandsreise war, he?«

 

Julian warf den Zigarettenstummel zum Fenster hinaus und sah ihm nach, wie er durch die faulenden Planken der Werft in den Schlamm fiel und zischend erlosch.

 

»Bei Braid würde das ganz zwecklos sein«, sagte er. »Ich habe vor einem Monat einen Mann zu ihm gebracht – den Kammerdiener. Es hat mich einen Zehner gekostet, ihn einzuschmuggeln – er war ihn nicht wert. Leider nimmt Braid ihn nicht nach Ascot mir, und das vermindert natürlich sehr seinen Nutzen. Bis jetzt hat er mir sehr wenig berichtet. Und was schlimmer ist, Braid hat anscheinend Verdacht geschöpft.«

 

Der andere blickte ihn voller Bewunderung an.

 

»Bist ein kluges Bübchen!« brummte er.

 

»Dabei ist der Kerl gar nicht dumm und hat ausgezeichnete Fähigkeiten«, fuhr Julian fort. »In London arbeitet er nicht schlecht. Braid hat einer Nebenanschluß in seinem Schlafzimmer. Man kann dort sehr bequem alles hören, was er in seinem Arbeits- und Speisezimmer am Telefon spricht.«

 

Er blickte ungeduldig auf die Uhr, doch da kam Freda auch schon mit dem Essen herein.

 

Als der erste Gast ankam, war es schon ganz dunkel geworden. Sie empfingen ihn in dem großen Wohnzimmer. Gleich hinter ihm kamen der zweite und dritte, doch auf den vierten und fünften mußten sie noch eine Weile warten. Es war ein kleiner skeptischer Kreis nüchterner Geschäftsleute. Und doch hielt jeder von ihnen das Experiment, dessen Zeugen sie werden sollten, für durchaus glaubhaft und möglich.

 

»Ich habe mir sehr oft gedacht, man müsse das doch machen können«, rief Sleser, der dicke, stiernackige Millionär. »Ich weiß, daß man weiße Diamanten durch die Verwendung von X-Strahlen rosa färben kann, und hab‘ mir immer gesagt, daß man genauso doch auch einen gelben Diamanten, der nicht den zehnten Wert eines bläulich-weißen hat, nehmen und die Farbe aus ihm herausziehen könnte.«

 

Guelder strahlte den Sprecher an.

 

»Es ist nicht nur möglich«, sagte er »es ist sogar schon gelungen«.

 

»Was würde das für Sie bedeuten, ganz abgesehen von dem Gewinn an der Börse?« fragte ein anderer Julian.

 

»Ich habe für fünf zehntausend Pfund bunte Steine im Safe, die aus allen Teilen Europas gesammelt sind«, erwiderte Reef. »Wir haben wahrscheinlich für manche mehr gezahlt, als sie wert sind, aber nicht den vierten Teil des Wertes, den sie nach dem chemischen Prozeß haben werden.«

 

»Und das können Sie tun?« fragte Sleser, die trüben Augen dem Holländer zugewandt.

 

»Ich habe es getan«, lächelte Guelder. »Heute noch werden Sie das Verfahren kennenlernen.«

 

Sleser grunzte etwas vor sich hin und wälzte sich in seinem bequemen Sessel.

 

»Dieses Verfahren wird auf dem Markt eine Revolution hervorrufen«, rief er. »Es bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als daß Tausende von Steinen, die bisher für einen Pappenstiel geschliffen und verkauft worden sind, mit den weißen in Konkurrenz treten werden. Ihre fünfzehntausend Pfund Steine werden hunderttausend wert sein. Viel wichtiger aber ist, daß Tausende und aber Tausende von Steinen, die man jetzt wegwirft oder als Fehlfarben verschleudert, für den Markt in Betracht kommen. Und wie wir alle wissen, haben gerade die größten Diamanten, die je gefunden wurden, einen Farbfehler.«

 

Er tat einen langen Zug aus seiner Zigarre und starrte auf den Teppich.

 

»Sobald dies bekannt wird, muß den Markt eine Panik ergreifen. Es gibt in der Welt Hunderte und Tausende von gelben Diamanten, die plötzlich soviel wert sein werden wie die besten bläulichweißen, die man in Kimberley findet. Ich habe es ausgerechnet und bin dahingekommen, daß wir mindestens einen fünfzigprozentigen Sturz aller Diamantenaktien zu erwarten haben. – Machen Sie doch die Tür zu und sagen Sie der alten Frau, sie soll nicht immerzu hereinkommen, sondern hübsch draußen bleiben, bis wir unsere Besprechung beendigt haben!«

 

»Sie wird nicht mehr hereinkommen«, beruhigte Guelder, »sie versteht auch kein Wort Englisch.«

 

»Ich schlage also folgendes vor«, fuhr Sleser fort. »Wenn das Experiment uns alle befriedigt, wollen wir sofort an die Arbeit gehen und eine kleine Gesellschaft gründen, die wir ›Farbiges Diamanten-Syndikat‹ nennen. Vor allen Dingen muß die Presse erfahren, daß wir Vertrauen zu dem neuen Verfahren haben. Ich nehme an, daß jeder von uns Anteile an der Gesellschaft erwerben wird. Das Kapital braucht nicht sehr groß zu sein. Wir übernehmen das Verfahren, errichten irgendwo an der Südküste eine Fabrik und nehmen ein paar vornehme Direktoren hinein, um der Sache einen vertrauenswürdigen Anstrich zu geben. Unterdessen, vielleicht schon morgen, gehen wir den de Mesne-Aktien zuleibe und stampfen sie in, Grund und Boden. Morgen nachmittag bringen wir einen Bericht mit Einzelheiten über die Erfindung in der Presse. Lassen Sie gleich Ihre Steine fotografieren, damit wir Abbildungen veröffentlichen können. Am Tag darauf werden wir Einzelheiten über die neue Gesellschaft bringen. Doch bis dahin werden Diamantenaktien, wenn mich nicht alles täuscht, einen Kurs haben, bei dem wir uns eindecken und einen gewaltigen Gewinn einheimsen können.«

 

Er stand auf und fegte die Zigarrenasche von seinem Knie.

 

»So, und jetzt wollen wir uns Ihren geheimnisvollen Apparat mal etwas näher ansehen. Ich fange allmählich an, ihn für faulen Zauber zu halten oder zu glauben, daß ich träume.«