Kapitel 17

 

17

 

»Weißt du, daß du beobachtet wirst?« fragte Julian Reef.

 

Guelder schrak zusammen, die dicke Unterlippe hing ihm mit einem Ausdruck des Entsetzens herab.

 

»Beobachtet?« keuchte er, »von der Polizei? Barmherziger Gott!«

 

Mit boshafter Befriedigung fuhr Julian fort:

 

»Ich habe Elk kürzlich zweimal in der City getroffen, und beide Male ging er wenige Meter hinter dir. Kennst du ihn?«

 

»Den langen Halunken? Ja, natürlich. Wir sind dicke Freunde.« In der Aufregung sprach er kein gutes Englisch.

 

»Ich weiß wirklich nicht, »was ihn dazu veranlassen könnte, aber jedenfalls ist er dir auf der Spur.« Reef ließ eine kleine Pause verstreichen, ehe er die Frage stellte, zu der es ihn drängte.

 

»Guelder, du warst in der vergangenen Woche viel verreist. Soviel ich weiß, warst du Montag in Birmingham und Mittwoch in Cardiff. Was ist los? Irgend etwas hetzt dich umher.«

 

Rex Guelder gab gelassen Auskunft.

 

»Mein lieber Junge, ich bin Gelehrter. Ich muß bestimmte Teile meiner Maschinen prüfen und ausprobieren, ehe ich sie kaufe. Wo diese Teile zu haben sind, da fahre ich hin. Eine ganz einfache Sache.«

 

»Glaubst du, daß Elk dir auch dahin gefolgt ist?«

 

Sekundenlang funkelte ein Flackern der Bestürzung in den Glotzaugen des Niederländers.

 

»Ich habe ihn jedenfalls nicht bemerkt«, sagte er gequält.

 

»In jedem Fall hätte er ja auch nichts weiter beobachtet, als daß du elektrische Apparate kaufst«, meinte Julian mit kaum verhehltem Argwohn.

 

»Allerdings«, sagte Guelder.

 

Als Julian etwas später seine Post durchsah, fand er einen Brief in einer ihm bekannten Handschrift. Er riß ihn auf und wunderte sich, was Tony Braid ihm zu sagen habe. Es war eine kurze, geschäftliche Mitteilung. Bei der Durchsicht des Aktienregisters hatte Braid festgestellt, daß gewisse Lulanga-Aktien des verstorbenen Frensham nicht in völlig gesetzmäßiger Form übertragen worden waren. Jedenfalls fehlte die Bescheinigung. Er legte die notwendigen Dokumente mit der Bitte an Julian bei, sie zu unterschreiben.

 

Lange blickte Reef auf die Papiere, den Federhalter in der Hand. Dann legte er ihn nieder und klingelte nach Guelder.

 

Wenn Rex auch sehr wenig von den Geheimnissen der Börse verstand, die Möglichkeiten, die sich hier boten, würde er begreifen, auch wenn er kein Sachverständiger in Finanzdingen war.

 

»Wieviel waren es?« fragte Guelder.

 

»Etwa fünfzigtausend«, erwiderte Julian und blickte auf die Papiere. »Genau neunundvierzigtausendfünfhundert.«

 

Er kannte im voraus die Antwort des Holländers.

 

»Hm, mein Freund«, sagte er, »wenn sie an Frensham nicht ordnungsgemäß übertragen worden sind, gehören sie dir; oder wollen wir lieber sagen: mir? Ich bin dein Sozius.«

 

Ohne aufzublicken erwiderte Julian: »Darauf fällt der nicht ‚rein.«

 

»Aber vielleicht fällt das gnädige Fräulein Ursula darauf ‚rein. Sie ist doch eine Frau von Ehre«, fügte er schlau hinzu, »und wird sich nicht an Aktien bereichern wollen, die ihr nicht gehören.«

 

»Sie gehören ihr«, verwies Julian grob. »Stell dich doch nicht dümmer, als du bist!«

 

»Wenn ich nun behaupte, daß sie ihr nicht gehören! Wenn ich zum Beispiel zu der Dame ginge – mit einer kleinen, niedlichen Geschichte. Wie wäre das, mein Freund?«

 

Julian biß ich auf die Lippen. Er brauchte wieder einmal dringend Geld. Der Aktienerlös war längst den Weg aller Dinge gegangen. Selbst Guelder hatte keine Ahnung, wie verzweifelt seine Lage war.

 

»Es scheint mir ein sehr schmutziger Streich zu sein«, sagte er endlich matt. »Es widerstrebt mir eigentlich. Aber wenn man die Sache näher betrachtet, gehören die Aktien wirklich uns.«

 

Guelder klopfte ihm auf die Schulter.

 

»Ganz meine Meinung«, rief er, »laß mich nur machen!«

 

*

 

Das Leben verrann sanft und still in Hampstead. Ursula hatte einen Kreis guter Freunde.

 

Obwohl sie wenig ausging und nur selten jemand empfing, hatte sie die Gabe, dauernde Freundschaften, eins der schönsten Geschenke wahrer Menschlichkeit, zu begründen und zu unterhalten.

 

Am Tag, bevor die Diamantenaktien sich so sonderbar benahmen, erhielt sie einen Brief, dessen Handschrift ihr völlig unbekannt war. Ein Botenjunge überbrachte ihn. Aus der Schrift schloß sie auf einen Ausländer und wunderte sich, wer sie mit »Die Lady Ursula Frensham« anreden könnte. Der Brief enthielt nur zwei Zeilen. Als sie die Unterschrift suchte, entdeckte sie zu ihrem Erstaunen ein schwunghaftes Gekritzel, das sie als Rex Guelder entzifferte.

 

Lady! Darf ich die Ehre haben, Sie heute zu besuchen? Bitte, empfangen Sie mich in einer höchst wichtigen Angelegenheit.

 

Da auf dem Briefkopf weder Adresse noch Telefonnummer stand, blieb ihr keine Möglichkeit, den Besuch abzuweisen.

 

Trotzdem hätte Ursula sich von Rex Guelder verleugnen lassen, wenn die gewisse weibliche Neugierde nicht so groß gewesen wäre. Sie zögerte daher kaum, als sie die große Visitenkarte las.

 

»Lassen Sie ihn eintreten, Jane, aber kommen Sie in zehn Minuten unter irgendeinem Vorwand herein und rufen Sie mich ab.«

 

Guelder trug einen schwarzen Rock, eine flammendrote Krawatte und in der Hand einen steifen Hut. Sein Gesicht glänzte nicht weniger als seine goldene Brille; denn er war bis zur Fitzjohn’s Avenue zu Fuß gegangen. Er hatte seine geheimen Gründe.

 

»Sie sind überrascht, mich zu sehen«, begann er mit einem unsympathischen Lächeln, »das begreife ich. Ich bin sozusagen von der Konkurrenzfirma. Sie werden mich fragen, warum ich nicht gleich zu dem ausgezeichneten Mr. Braid gegangen bin. Doch wir wollen die Angelegenheit durchaus freundschaftlich regeln. Es liegt uns nichts ferner, als Sie vor ein Gericht zu zitieren.«

 

Schon bei diesem Gedanken heuchelte er tiefstes Mitgefühl.

 

»Ich fürchte, ich verstehe nicht recht, was Sie meinen«, entgegnete Ursula. »Wenn die Angelegenheit Mr. Braid angeht, ist es freilich zwecklos, daß Sie mit mir verhandeln. Und wenn es eine geschäftliche Angelegenheit ist, ist mein Rechtsanwalt zuständig.«

 

Wieder schüttelte er den Kopf.

 

»Wir möchten gern einen Prozeß vermeiden, meine reizende junge Dame.«

 

Seine Augen betasteten sie. Wieder empfand sie jenes Gefühl heftiger körperlicher Pein, das sie Tony beschrieben hatte.

 

»Es ist eine ganz belanglose Angelegenheit«, fuhr er rasch fort. »Ihr beklagenswerter Herr Vater, dessen Tod – oh, diese Tragik! – mich und meinen lieben Freund Julian eines wahren, großmütigen Freundes beraubt hat – Ihr teurer Papa war mit dieser Angelegenheit eng verknüpft. Er besaß Aktien, wir besaßen Aktien – es ging ein wenig durcheinander. An manchen Tagen sandte ich ihm einige tausend, an anderen sandte er mir einige tausend. Wir Männer waren sorglos, großmütig, nicht kleinlich veranlagt. Gestern suchte ich fünfzigtausend Stück Lulanga. Wer würde bei diesem überraschenden Kurs nicht verkaufen? Ich bin ein armer Mann. Ich durchsuche meinen Geldschrank, ich frage bei meiner Bank an, ich stürze zu meinem Makler. Überall Kopfschütteln. Dann kontrolliere ich mein Geschäftsbuch. Und was finde ich? Ich finde fünfzigtausend Lulanga als Darlehen an Lord Frensham. Eine belanglose Kleinigkeit. Er hatte Ärger mit seiner Bank, mußte als Sicherheit hundert-, zweihundert-, ich weiß nicht wie viele hunderttausend Aktien hinterlegen. Er rief mich an: ›Mein lieber Guelder, ich bin in Verlegenheit. Ich muß zur Sicherheit Aktien hinterlegen, und weil die Lulanga so wertlos sind, verlangen sie von mir eine unerhörte Menge.‹ Feine Gelegenheit. Ich freue mich, dem hochherzigen Mann gefällig sein zu können. Im selben Moment hat er auch schon die Aktien. Keine Form, keine Zession, keine kleinlichen Rechtskniffe – nichts. Ich schicke ihm einfach die Aktien durch einen Botenjungen – sie sind ja an sich wertlos – und vergesse sie ganz. Wozu soll man sein Gedächtnis mit Aktien belasten, die scheinbar wertlos sind, nicht wahr? Vielleicht nachlässig. Aber es ist ja für mich kein Geschäft, sondern Ehrensache. Soll ich Sie jetzt in Ihrem Kummer belästigen, fragte ich mich? Ich berate mich nicht mit meinem guten Freund Julian. Auch er ist ein Ehrenmann, voller Zartgefühl, mit hohen Grundsätzen, dazu noch der Neffe unseres hochgeschätzten Freundes Frensham. Mir, der den nackten Vorteil der Firma vertritt, bleibt natürlich die schmerzliche Pflicht –«

 

Er hielt inne, um Atem zu schöpfen. Ursula hatte das zusammenhanglose Gerede voller Schlauheit und heuchlerischem Mitgefühl ruhig angehört und begriff sofort den Zweck dieses Besuches.

 

»Mit anderen Worten wollen Sie sagen, daß von den zweimalhunderttausend Aktien, die mein Vater mir hinterlassen hat, fünfzigtausend Ihnen gehören?«

 

»Zu meinem lebhaften Bedauern meine ich das. Es ist beklagenswert und …«

 

Sie unterbrach ihn. »Und ausschließlich eine Angelegenheit des Testamentsvollstreckers, scheint mir.«

 

Er nickte heftig mit dem dicken Kopf.

 

»Ja, Mr. Braid. Unleugbar. Aber wenn ich zu Mr. Braid gehe, was geschieht dann? Er höhnt, er schnippt mit den Fingern, er sagt: ›Tun Sie, was Sie nicht lassen können.‹ Dann treten die Anwälte in Aktion, es gibt Prozesse und langwierige Verhandlungen, in denen allerhand unangenehme Dinge zur Sprache kommen. Zum Beispiel!« Er hob nachdenklich seinen plumpen Zeigefinger und dozierte: »Zum Beispiel: an seinem Todestag kam Ihr Vater zu dem guten Julian und forderte von ihm die Aktien, die Julian für Sie verwaltete. Weshalb? Wozu? Weil er sie für sich verwerten wollte. Bitte, unterbrechen Sie mich nicht! Ihre Empörung ehrt Sie, meine reizende Dame, aber von mir hören Sie die Wahrheit, die unleugbare Wahrheit –«

 

»Nach Julians eigener Behauptung waren diese Aktien schon seit Wochen in meines Vaters Besitz«, antwortete sie kaltblütig.

 

Sekundenlang stand Mr. Guelder fassungslos da.

 

»Sie möchten Ihren Vater gern decken, aber die Wahrheit muß heraus. Ich sehe schon die Abendblätter mit den bösen Überschriften ›Seltsame Beschuldigung gegen einen verstorbenen Edelmann‹. Sehr peinlich, sehr peinlich! Auch hat bei der Totenschau Mr. Braid vor Gott beschworen, daß der verstorbene Frensham nicht in Geldverlegenheit gewesen ist. War das die Wahrheit? Sie sehen, wie viele delikate Dinge dann zur Sprache kommen könnten, zur Freude sensationshungriger Mitmenschen.«

 

»Mr. Guelder«, unterbrach sie ihn wieder, »mir scheint, Sie verkennen meine Situation gründlichst, wenn Sie sich auch nur einen Augenblick einbilden, ich würde meinen Einfluß auf Mr. Braid benutzen, Ihnen die fünfzigtausend Aktien zu verschaffen. Ich habe mit der ganzen Angelegenheit nicht das geringste zu schaffen.«

 

»Sehr richtig, junge Dame, vollkommen richtig«, murmelte eine Stimme.

 

Sie erschrak so heftig bei diesem Laut, daß sie plötzlich aufsprang. Beide hatten Elks leise Schritte beim Überschreiten der Rasenfläche überhört, hatten auch einen schmalen Schatten an der offenen Fenstertür übersehen.

 

»Niemals etwas ausliefern, gnädiges Fräulein, besonders nicht, wenn man Sie bedroht! Das war ja reine Erpressung.«

 

Guelder starrte auf Elk, nicht sehr geistreich und auch nicht heldenhaft.

 

»Mr. Elks«, flüsterte er, »das ist ein unerwartetes Vergnügen.«

 

»Elk«, verbesserte der Detektiv, »Singular, wenn ich bitten darf. Es gibt nur einen Elk, und der bin ich.«

 

Guelders Denkapparat arbeitete heftig. Er gedachte der Mitteilung Julian Reefs. Er wurde tatsächlich beobachtet. Dabei war er heute sehr vorsichtig gewesen! Hatte sich immer umgeblickt, hatte seine Schritte verlangsamt, hatte sich plötzlich umgewandt und den Verfolger gesucht, war unerwartet um Ecken gebogen und hatte nicht die Spur von Elk gesehen. Jetzt würgte ihn die Angst. Die Gesetze Englands waren gemein gegen Leute, die sich in geschäftlichen Dingen harmlose Übergriffe gestatten.

 

»Falls ich etwas gesagt haben sollte, was ich hätte nicht sagen sollen, so bitte ich um Entschuldigung.« Er machte eine tiefe, demütige Verbeugung.

 

»Jedes Wort, das Sie gesprochen haben, war eine Rechtswidrigkeit«, bemerkte Elk und fixierte den Holländer aus halbgeschlossenen Lidern. »Man verlangt ja von Ihnen nicht, daß Sie stets ein Exemplar des Strafgesetzbuches mit sich herumschleppen. Wir befinden uns hier in einem Land, in dem Erpressung nicht zu den Gesellschaftsspielen gehört. Doch ich störe, gnädiges Fräulein.«

 

Sie schüttelte lächelnd den, Kopf. Er konnte in ihren Zügen ein Gefühl der Befreiung lesen.

 

»Da muß ich der Sache ihren Lauf lassen.«

 

Guelder macht einen heroischen Versuch, gleichgültig und geschäftsmäßig zu erscheinen, aber die Heldenpose mißlang durchaus. »Ich werde also auf Rückgabe der Aktien klagen. Ich bedauere meinen Irrtum.«

 

Er streckte eine große, feuchte Hand aus, die zuerst von Ursula, dann von Elk übersehen wurde.

 

Der Detektiv wartete, bis der Holländer verschwunden war.

 

Kapitel 11

 

11

 

Guelder starrte entgeistert.

 

»Ich sah es«, würgte er. »Mit meinen zwei Augen. Ich sah es! Mein Gott, war ich denn hirnverbrannt? Mein Freund …« Er wandte sich um, doch Julian war nicht mehr neben ihm. Er bahnte sich wütend einen Weg durch die Menge. Und überall hörte er dasselbe Lied:

 

»Er hat es ja gesagt, daß sie das bessere Pferd sei … Was kann man mehr verlangen …?«

 

An den Tribünen empfing Tony die ziemlich reuevollen Glückwünsche seiner Bekannten.

 

»Sapperment, das war ’ne Überraschung, Braid!«

 

»Es war die Wahrheit«, sagte Tony gelassen. »Ich habe kein Hehl aus den Fähigkeiten der Pferde gemacht. Ich sagte euch die Wahrheit, aber ihr wolltet mir ja nicht glauben.«

 

Er sah Elk abseits des Gedränges stehen. Als sich die Menge verlaufen hatte, ging er auf ihn zu. Aus Elks Augen schimmerte eine größere Zufriedenheit, als er je an diesem melancholischen Mann gesehen hatte.

 

»Es war keine kleine Versuchung, nicht wie die anderen dem Geld nachzulaufen«, begann Elk. »Aber ich widerstand, und jetzt läuft das Geld der anderen mir nach. Als Tipgeber sind Sie erstklassig, Mr. Braid. Ich habe aber einen gesehen, der mit dem Rennen nicht so ganz zufrieden war. Reef sieht aus, als sei ihm die Ernte verhagelt. – Wetterprognose: Donner und Blitz, Regen und Sturm. Jetzt gehe ich mein Geld einkassieren. Mir werden sie es ja auszahlen, weil ich von der Polizei bin.«

 

Tony lachte. »Ihnen würden sie es in jedem Fall auszahlen, Sie alter Pessimist. Warum halten Sie jeden für einen Betrüger?«

 

»Bereit sein ist alles«, entgegnete Elk prompt.

 

*

 

Julian Reef hatte seinen Wagen an der Straße nach Singleton stehenlassen. Hier wartete er in ungeduldiger Wut eine halbe Stunde auf den Holländer. Endlich kam Guelder langsam dahergetrottet, quietschvergnügt, als habe er nie die Tücke des Schicksals kennengelernt.

 

»Ach, das war übel!« rief er, während er in den Wagen stieg. »Dieser gerissene Kerl! Dabei habe ich den Proberitt mit eigenen Augen gesehen!«

 

»Dein Fehler ist: du bist verdammt zu klug«, schnauzte Julian, schaltete und ließ dann die Kupplung so wütend los, daß der Wagen einen wilden Sprung nach vorn tat. »Es ist dir wohl klar, daß du mich mehr Geld gekostet hast, als ich bis Montag auftreiben kann?«

 

»Dann treib es eben nicht auf, mein Freund«, erwiderte Guelder gleichmütig. »Buchmacher sind doch keine Zahltage. Ehe sie dir ernstlich zusetzen können, werden wir reich sein, enorm reich, über alle Maßen!«

 

Julian blickte den Gefährten von der Seite an und sah, daß er sich eine lange, dünne, übelduftende Zigarre anzündete.

 

»Wohl wieder einer deiner Riesengewinne?« fragte er ironisch. »Bisher hast du mich nur mit Versprechungen gefüttert. Ein Vermögen habe ich für deine Experimente hinausgeworfen. Jetzt will ich endlich was zurückhaben.«

 

»Du sollst etwas haben«, besänftigte ihn Guelder. »Millionen und aber Millionen. Bald wirst du im Gold ersticken!«

 

»Bald, bald«, äffte der andere ungeduldig, »wann ist bald?«

 

Guelder hob die breiten Schultern.

 

»In einer Woche – vielleicht. Meine Experimente sind vielversprechend. Heute nacht oder in irgendeiner anderen Nacht mache ich den letzten Versuch. Dann kannst du nach Greenwich kommen und dich überzeugen.«

 

Julian sprach kein Wort mehr, bis sie zur Stadt kamen. Am Victoria-Bahnhof setzte er Guelder ab und fuhr zu seiner Wohnung und einem trüben Abend entgegen. Er hatte Grund genug zum Trübsinn. Frenshams Papiere waren jetzt geordnet und würden in wenigen Tagen Tony Braid zur Verfügung übergeben werden. Heute früh vor seinem Aufbruch hatte er einer Brief von Frenshams Anwalt mit der Aufforderung erhalten, sich mit Tony wegen der Lulanga-Öl-Angelegenheit in Verbindung zu setzen.

 

Lulanga war ein westafrikanisches Papier. Die Ölfelder waren in Nord-Angola entdeckt und von Leuten, die mit dieser Emission ein großes Vermögen verdient hatten, auf den Markt gebracht worden. Doch nach und nach waren die Aktien immer tiefer gesunken und stürzten nach Frenshams größtem Kauf von achtunddreißig Schilling bis etwas unter einem Pfund.

 

Dieser Sturz war rätselhaft. Rätselhaft für die City, rätselhaft selbst für die Ölexperten, da der Bericht des Sachverständigen, eines in der City hochangesehenen Mannes, höchst günstig lautete. Freilich wiesen zynische Bankiers auf die sonderbare Tatsache hin, daß dieser Bericht erst vierzehn Tage nach dem Tod des Sachverständigen veröffentlicht worden war. Er war ein sehr vorsichtiger Mann gewesen und hatte niemals vorher die Verantwortung für eine so optimistische Prophezeiung wie in dem Lulanga-Gutachten übernommen.

 

Julian vertrieb diese unangenehmen Gedanken, schlug alle Heimlichkeiten aus dem Sinn, griff zu einem Bogen Papier und setzte einen Brief an Ursula auf, mit dem er ihr Vertrauen in ihn zurückgewinnen wollte.

 

Schon nach einigen Worten merkte er, daß sein Füllfederhalter leer war. Es war noch einer von der alten Sorte, die mit einem besondern Füller aufgefüllt werden. Er suchte in seiner Schublade vergeblich nach dieser Spritze. Dann erinnerte er sich, daß Guelder so ein Ding aus Glas und Gummi besitze und ging in dessen Zimmer.

 

Der Holländer hatte die Rolljalousie seines Schreibtischs offengelassen. Julian suchte auf der Tischplatte, doch dort lag der Füller nicht. Dann öffnete er eine Schublade nach der anderen und fand in der untersten … Ursula Frenshams Gesicht blickte zu ihm auf. Es war ein Bild, das er vor langer Zeit einmal gesehen hatte. Doch jetzt hatte es jemand mit einem Rand von Amoretten und Herzen geschmückt. Die Zeichnungen waren ausgezeichnet. Zuerst hielt Reef den Rand für gedruckt. Doch dann sah er in der linken Ecke die Initialen des Künstlers.

 

Guelder! Unglaublich! War das ein schlechter Scherz des Holländers?

 

Er nahm die Fotografie heraus; darunter fand er noch eine, ohne Zeichnung, dafür aber mit einem Gedicht beschrieben. Doch da es holländisch war, konnte er es nicht lesen.

 

Er drehte das Bild um und fand auf der Rückseite entweder eine Übersetzung des Gedichts oder einen anderen poetischen Erguß des Holländers auf englisch.

 

Er war perplex. Guelder? Es war nicht zu glauben! Und doch, er kannte den Ruf dieses Mannes und hatte über ihn sehr kompromittierende Gerüchte vernommen.

 

Er vergaß den Anlaß seines Suchens, nahm, von Wut gepackt, die Bilder, zerriß sie in Fetzen und schleuderte sie in den Papierkorb. Er war über seine Entdeckung außer sich. Der Gedanke, daß dieser Mensch seine Wünsche zu Ursula zu erheben wagte, empörte ihn.

 

Als Guelder am nächsten Morgen heiter und ahnungslos mit einem Lächeln und einem gnädigen Winken seiner dicken Hand vor seinem Chef erschien, fuhr Julian ihn an:

 

»Ich habe heute nacht deinen Schreibtisch durchsucht. Du Schuft, ich habe in deinem Schub Fotografien von Ursula Frensham gefunden. Jemand hat die Unverschämtheit besessen, sie mit Herzen und Kupidos zu beschmieren!«

 

Rex Guelders Gesicht errötete, die Augen sanken in ihre Höhlen.

 

»Ich bin der Jemand«, stieß er grob hervor. »Es geht keinen etwas an, was ich in meinem Schreibtisch habe!«

 

»So? Vielleicht geht’s mich doch etwas an!« wetterte Reef. »Es wird dich interessieren, daß ich die Bilder zerrissen und in den Papierkorb geschmissen habe!«

 

Er sah den Holländer erbleichen. Seine Lider zuckten, seine dicken Lippen bebten, aber er beherrschte sich.

 

»Das war töricht von dir, mein Freund«, sagte er heiser. »Sie taten keinem was zuleide und mir brachten sie Freude. Die junge Dame ist herrlich – ich bin Kenner. Wahrscheinlich wäre es dir lieber, wenn ich diese Bilder an Mr. Braid geschickt hätte?«

 

»Von mir aus kannst du sie dem Satan schicken«, wütete Julian. »Braid ist wenigstens ein Gentleman, du aber bist ein gemeines Schwein! Ich nehme vor dir kein Blatt vor den Mund, ich kenne deinen Ruf. Ich weiß, warum du Amsterdam so eilig verlassen hast, und habe so einiges davon läuten hören, was in Niederländisch-Indien passiert ist. Du bist mir nützlich – das heißt, vorläufig bist du ein sehr kostspieliger Luxus. Wenn wir auch gemeinsame Geschäfte haben – privat haben wir nichts miteinander gemein, nicht das geringste. Verstanden?«

 

Guelder atmete schwer. Sein Gesicht hatte einen bösen, grausamen Ausdruck.

 

»So, so?« flüsterte er. »Ich bin ein Schwein, wie? Gut genug für deine schmutzigen Geschäfte, aber nicht für deine feinen Freundinnen, nicht wahr? Ich soll dir Millionen schaffen, aber im übrigen bin ich dein Knecht – so, so!«

 

»Bisher hast du mir noch sehr wenige Millionen verschafft, hast mich nur ein Vermögen gekostet«, schalt Reef.

 

Guelder lehnte sich über den Tisch hinüber und stieß seinen dicken Zeigefinger Reef fast ins Gesicht.

 

»Aha! Du meinst, ich darf zu Lady Frensham nicht meine Gedanken erheben, weil ich zu niedrig stehe, weil ich – wie war doch dein schönes Wort? – gemein bin. Jetzt will ich dir einmal etwas sagen. Es war an dem Abend, an dem Frensham sich erschoß – er erschoß sich doch, wie? Ich habe viel Zeit, gehe in der Stadt umher und sehe mir die hübschen Mädels an. Und wie ich so gehe, wen sehe ich? Meinen Freund Reef. Ich bin von Natur aus neugierig. Ich denke mir: nanu, wohin geht mein Freund, der erhabene Mr. Julian Reef? Ich folge ihm. Er merkt es nicht. Ich beobachte dich so von acht bis neun. Du bist ahnungslos. Ich immer hinter dir her. Wir gehen über die Brücke von Westminster. Du lehnst dich sorglos, über das Geländer – etwas fällt ins Wasser, aber nur etwas. Und einiges, das du fallen läßt, plumpst nicht ins Wasser! Einige Kleinigkeiten fand ich auf einem Mauervorsprung der Brücke!«

 

Er hielt seine findigen Hände empor. Julians Gesicht wurde weiß wie der Tod. Er hätte nur die Kraft, auf den grinsenden Menschen zu starren, der mit seinen kurzen Wurstfingern höhnisch vor ihm herumfuchtelte. »Diese netten kleinen Dinger liegen wohlgeborgen in meinem Geldschrank in Greenwich. Als ich in mein trautes Heim kam, habe ich sie genau untersucht und dann in meinen Safe gesteckt. Eines Tages …« Er fuchtelte mit seinen Händen so dicht vor Julians blassem Gesicht herum, daß dieser den leichten Luftzug aus ihrer Bewegung spüren konnte.

 

»Eines Tages wird dieser Julian vielleicht von Ursula Frensham als von seiner Braut sprechen. Dann werde ich sagen: ›Nein, mein Lieber, diese Märchenprinzessin ist nicht für dich, sondern für – das gemeine Schwein.‹ Du hast meine schönen Bilder vernichtet. Glücklicherweise habe ich noch andere zu Hause. Sonst würde ich dich schon jetzt ans Messer liefern – du – Bilderstürmer!«

 

Er hielt keuchend inne. Julian sagte nichts. Sein Gesicht war wie versteinert. Nur in den glühenden Augen brannte der Haß. Er hätte gern Fragen gestellt. Doch er wagte nicht, diesen triumphierenden Unhold zu bitten. Auch vertrugen die Dinge, um die es ging, keine lauten Worte. Wider Erwarten wurde Rex Guelder plötzlich versöhnlich.

 

»Wir wollen nicht so unangenehme Geschichten erörtern«, sagte er besänftigend. »Wir wollen sie vergessen. Wir beide müssen miteinander auskommen. Du brauchst mich, mein Freund, und ich brauche dich. Wir sind eine ideale Verbindung. Wir haben die Zukunft vor uns, die große Zukunft! Die ganze Nacht hindurch habe ich mir für dich den Kopf zerbrochen. Jetzt sehe ich genau den Weg. Du mußt deine Angelegenheiten ordnen. Es darf nicht den Schatten eines Skandals geben. Wir müssen Geld auftreiben – ich werde Geld auftreiben –, die Leute dürfen sich nicht zuflüstern: ›Reef ist kaputt!‹«

 

Julian befeuchtete seine trockenen Lippen und bemühte sich, seiner zitternden Stimme Festigkeit zu geben.

 

»Wo soll das Geld herkommen?«

 

Guelder grinste ihn an.

 

»Wer ist dieser Mensch, der mit fünfundsechzig- oder fünfundsiebzigtausend Pfund um sich wirft, um den Pleitegeier von Lord Frensham zu verscheuchen? Wer anders als der gerissene Braid? Er soll unsere Kriegskasse auffüllen, ohne zu ahnen, daß er der Feind ist, den wir bekämpfen.«

 

Julian betrachtete den Mann mit eisiger Verachtung. »Bildest du dir denn ein, Braid werde dir oder mir vielleicht solche Summen borgen?«

 

Der andere nickte.

 

»Da bist du schief gewickelt, mein Lieber. Braid würde nicht einmal den Strick bezahlen, an dem sie mich aufknüpfen.«

 

Guelder lachte. »So weit ist es ja noch nicht. Ich habe einen Plan ersonnen, der uns retten wird. Es ist nichts weiter dazu nötig, als daß unser Freund Braid sich weiter um seine Rennen kümmert und einige Tage seine Finger aus der Lulanga-Angelegenheit läßt.«

 

In diesem Augenblick kam ein Angestellter mit einem Telegramm herein. Es war an Julian gerichtet. Er öffnete es ohne übertriebene Hast und las den Inhalt. Guelder sah, wie sich dessen Augenbrauen zusammenzogen.

 

»Ein böser Zufall«, sagte Julian Reef.

 

Guelder nahm ihm die Depesche aus der Hand und las:

 

Ich möchte morgen um zehn Uhr in Frenshams Büro die Angelegenheit der Lulanga-Öl-Kompanie mit Ihnen besprechen.

 

Die Unterschrift lautete: »Anthony Braid«.

 

Die beiden Männer sahen sich an. Guelder schüttelte den Kopf.

 

»Das ist Pech«, murmelte er, »verdammtes Pech!«

 

Kapitel 12

 

12

 

Tony war am nächsten Morgen um neun Uhr im Büro von St. James‘ Street. Das Personal der Lulanga-Öl-Gesellschaft bestand jetzt nur noch aus drei Stenotypistinnen und einem alten Buchhalter, der mit Frensham ein halbes Leben lang zusammengearbeitet hatte.

 

»Ich habe alle Dokumente der Gesellschaft auf Ihren Tisch gelegt, Mr. Braid«, sagte er. »Leider werden Sie merken, daß wir eine etwas – leichtfertige Arbeitsmethode hatten. Nur das Aktienbuch ist in Ordnung. Das habe ich selbst geführt.«

 

Tony hatte sich erst kurze Zeit mit den Schriftstücken der Lulanga-Gesellschaft befaßt, als er bemerkte, daß »leichtfertig« ein sehr milder Ausdruck für Lord Frenshams Arbeitsmethode war. Er fand ungeöffnete Briefe – einer enthielt einen Scheck über mehrere hundert Pfund – und zahlreiche Schreiben, die umgehende Erledigung verlangten, aber bis heute nicht beantwortet waren.

 

»Seine Lordschaft schob immer alles Peinliche auf«, erklärte Main, der alte Buchhalter. »Und seit die Aktien so gefallen sind, hat er die Post, die ich ihm vorlegte, kaum noch überflogen.«

 

Tony nickte, er kannte diese Eigentümlichkeit des alten Herrn.

 

»Hat Mr. Reef nicht hier im Büro gearbeitet?« fragte er.

 

Main zögerte. »Nein. Seine Lordschaft liebten keine Einmischung, und obwohl Mr. Reef offenbar gern helfen wollte, forderte Seine Lordschaft ihn nie auf. Aber es kam oft vor, daß ich, wenn etwas entschieden werden mußte und Lord Frensham zu keiner Entscheidung kam, in die Stadt zu Mr. Julian ging. So hat er zum Beispiel fast die ganze Korrespondenz mit Südafrika erledigt.«

 

Tony unterdrückte jede Bemerkung. Je tiefer er in die Verwirrung der Geschäfte Frenshams eindrang, desto glaubhafter wurde ihm der Bericht des Buchhalters. Er hatte noch nicht den sechsten Teil der angehäuften Schriftstücke durchgesehen, als Julian sehr heiter und liebenswürdig eintrat.

 

»Es tut mir schrecklich leid, daß ich zu spät komme«, rief er.

 

Unter dem Arm trug er eine große Aktenmappe, die Schriftstücke der Gesellschaft enthielt.

 

»Nichts Wichtiges«, erklärte er und blickte auf den Stapel, der sich vor Tony türmte. »Haben Sie schon alles durchgesehen?«

 

»Noch nicht«, entgegnete Braid, »was haben Sie da?«

 

Julian schwenkte eine Handvoll Papiere.

 

»Nur ein paar Briefe. Sie beziehen sich auf Angelegenheiten, die ich für Frensham erledigt habe.« Er legte sie auf den Tisch neben die anderen Papiere.

 

»Frensham pflegte die wichtigsten Dokumente der Gesellschaft in einem schwarzen japanischen Kasten in dem Zimmer dort drüben zu verwahren«, klärte er Braid auf.

 

»Ich habe jetzt alles geöffnet«, erklärte Tony.

 

»Aber sicher nicht den Lulanga-Kasten«, vermutete Reef.

 

Tony ging ins Nebenzimmer und prüfte noch einmal alle Aktenschränke. Mit einer Ausnahme waren sie leer, und auch die Ausnahme hatte nicht den leisesten Bezug auf Lulanga-Öl. Als er zurückkam, stand Julian am Fenster und blickte hinaus.

 

»Donnerwetter, hier könnte man leicht einbrechen«, rief er, »sehen Sie mal die Feuertreppe, unmittelbar unter dem Fenster!«

 

»Ihre Ansicht wird von einem hervorragenden Mitglied des Geheimdienstes geteilt«, sagte Tony trocken. »Mr. Elk – Sie kennen ihn wohl?«

 

»Ja, ich kenne ihn. Ich kann aber nicht behaupten, daß ich ihn maßlos schätze. Wir hatten mal einen kleinen Zusammenstoß – nur in Worten, aber doch recht erbittert.«

 

Er ging nicht näher auf Art und Grund des Streits ein, den er mit Elk gehabt hatte.

 

Tony hörte zum erstenmal von diesem Streit. Julian wandte sich vorn Fenster ab und setzte sich dem verhaßten Nebenbuhler gegenüber.

 

»Was wollen Sie tun?« fragte er. »Mir scheint das beste, Sie verbrennen den ganzen Plunder.«

 

»Eine sehr einfache Lösung«, bemerkte Tony gelassen. »Ich ziehe aber vor, Stück für Stück durchzusehen. Über vieles werden Sie mir sicher wertvolle Auskünfte geben können.«

 

Julian Reef nickte zu dieser Ironie. Er entnahm seiner Tasche ein goldenes Etui, zündete sich eine Zigarette an und beobachtete neugierig und mit dem Ausdruck der Überhebung Braids für ihn langweilige Lektüre der Briefe und Dokumente. Aus dem Winkel seines Auges sah er Tony Braid zwei eng mit Maschinenschrift beschriebene Folioseiten aufnehmen, die mit einer Büroklammer zusammengehalten wurden.

 

»Nanu! Was ist denn das!« entfuhr es Tony verwundert, als er die ersten Worte las.

 

Nachdem er die Seite hastig überflogen hatte, wandte er die Blätter und suchte die Unterschrift.

 

»Das ist ja ein Bericht des aufsichtführenden Ingenieurs in Lulanga«, sagte er sehr langsam. »Sind Sie einer von den Direktoren?«

 

Julian schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich habe auf meinen Direktorposten wenige Tage vor Frenshams Tod verzichtet«, belehrte er geschmeidig.

 

Tonys Augen hingen ungläubig an Reefs rotem Gesicht.

 

»Frensham hat mir davon nichts gesagt«, bemerkte er.

 

»Ich bezweifle sehr, daß überhaupt irgend jemand in der Gesellschaft davon weiß. Höchstwahrscheinlich werden Sie meinen Verzichtbrief unter den Papieren finden. Offen gesagt, Braid«, fuhr er in einem plötzlichen Ausbruch intimer Vertraulichkeit fort, »ich hatte die Torheiten meines Onkels herzlich satt. Seit Monaten habe ich ihm geraten, seine Aktien zu verkaufen. Was ist das eigentlich, was Sie da so eifrig lesen?« fragte er mit gut gespielter Neugier.

 

Tony hatte das Dokument jetzt zu Ende gelesen. Es begann:

 

Bericht über Quelle 15, 16 und 18, Lulanga-Öl-Felder, Majasaka, West-Afrika.

 

Mylord! Offenbar sind mehrere Postsäcke auf dem Weg hierher verlorengegangen. Denn ich vermisse die Veröffentlichung des Berichts, den ich Eurer Lordschaft über die obengenannten Quellen übersandt habe. Ich erwartete, daß die Gesellschaft diese beunruhigende Nachricht unverzüglich veröffentlichen würde. Doch die letzten Zeitungen, die ich erhalten habe, enthalten nur die Nachricht, daß Lulanga-Öl ihren Kurs behaupten. Wie ich schon früher schrieb, zeigten diese drei Ölquellen Zeichen des Versiegens. Jetzt sind die ersten beiden stillgelegt. Bohrungen sind durchgeführt worden auf 85, 96 und 132 auf Plan T, doch bisher ohne befriedigenden Erfolg. Ich würde meine Pflicht der Gesellschaft gegenüber vernachlässigen, wenn ich dem Vorstand verschweigen wollte, daß nach meinem Urteil Lulanga-Öl keinen Marktwert mehr hat. Der Vorstand wird sich erinnern, daß ich niemals Mr. Colburn zugestimmt habe. Ich habe die Aussichten der Gesellschaft stets pessimistisch beurteilt, und mein Pessimismus ist zu meinem Bedauern durch die Entwicklung der letzten Zeit vollauf gerechtfertigt worden …

 

Colburn?! Der Name schien ihm vertraut, und plötzlich wie ein Blitz kam Tony die Erinnerung an Elks seltsamen Hausgenossen. »Wer war Colburn?« fragte er unvermittelt.

 

»Colburn?« tat Reef erstaunt. »O der! Ein Kerl, den wir wegen Trunksucht und allgemeiner Unfähigkeit entlassen haben. Er hat irgendwo an der Küste Arbeit gefunden. Ich weiß nicht, was weiter aus ihm geworden ist.«

 

Tony überreichte dem jungen Mann den Bericht. Er las, seine Augen öffneten sich weiter und weiter, seine Brauen stiegen zur Stirn empor, und jeder Fremde, der ihn ohne genaue Kenntnis der näheren Umstände beobachtet hätte, würde die Überzeugung gewonnen haben, Reef erlebe die größte Überraschung seines Lebens.

 

»Das sind ja ganz erstaunliche Dinge, die ich da lese!« ließ er sich vernehmen.

 

»Nie vorher gesehen?«

 

Die Frage kam wie ein Peitschenknall.

 

»Wie sollte ich das gesehen haben? Es war doch an Frensham gerichtet. Das war eine von seinen Merkwürdigkeiten. Er haßte jede Unannehmlichkeit … Das ist eine höchst ernste Angelegenheit …«

 

»Sie haben es also nie vorher gesehen?« fragte Tony wieder sehr betont.

 

Ein heißes Rot überzog Julians Stirn.

 

»Zum Teufel, was wollen Sie eigentlich?« fragte er. »Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich diesen Bericht niemals gesehen habe, oder glauben Sie etwa, ich würde meine Hand dazu bieten, daß so etwas unterdrückt wird?«

 

Tony biß sich nachdenklich auf die Lippen, seine Augen hielten den anderen fest im Bann.

 

»Vor einigen Monaten, nach dem Tod des Sachverständigen, wurde von der Gesellschaft ein Bericht mit der Unterschrift dieses Mannes herausgegeben. Wer gab ihn heraus?«

 

Julian überlegte rasch. Hier durfte er nicht lügen. Diese Tatsachen waren zu leicht nachzuprüfen.

 

»Ich gab ihn heraus«, gestand er kühn.

 

»Haben Sie das fragliche Dokument gesehen?«

 

Wieder überlegte Reef.

 

»Ja«, antwortete er.

 

»Haben Sie das Original des Berichts, in dem der Ingenieur bekundet, daß die Aussichten der Quellen niemals besser gewesen seien – dieses Berichts, den Sie ja veröffentlicht haben?«

 

Eiskalt erwiderte Julian:

 

»Nein, ich besitze das Original nicht. Man schickte es mir, ich ließ es abschreiben. Meine Abschrift übersandte ich dem Drucker. Anscheinend hat Frensham …«

 

»Wollen Sie etwa andeuten, daß Frensham einen gefälschten Bericht herausgegeben und die Wahrheit über diese Quellen unterdrückt hat?« Und da Reef die Antwort schuldig blieb, fuhr Braid unerbittlich fort: »Sie kannten Frensham weit besser als ich. Hat er jemals einen Gaunerstreich oder einen Betrug verübt? Halten Sie ihn für fähig, die Öffentlichkeit mit Überlegung und Tücke zu beschwindeln?«

 

Julian zuckte die Achseln. »Was weiß ich!« sagte er. »Natürlich war er ein anständiger Mensch, aber wer kann anderen ins Herz sehen? Das einzige, was ich bestimmt von dieser Sache weiß, ist, daß dieser Bericht mir nie zu Augen gekommen ist. Aber den anderen Bericht, den der Ingenieur unterzeichnet hat, der die günstigen Aussichten der Quellen schilderte, den habe ich gesehen. Und sicher hatte der Ingenieur recht gewichtige Gründe, wenn er so günstige …«

 

Mit einer herrischen Geste unterbrach ihn Braid.

 

»Jetzt werde ich Ihnen etwas sagen, Reef!«

 

Er stand auf, beugte sich über den Tisch vor und preßte die Knöchel hart auf die Platte.

 

»Dieser Bericht, den Sie eben gelesen haben, war nicht unter Lord Frenshams Papieren, bis Sie kamen.«

 

»Was heißt das?« fragte Julian mit fliegendem Atem.

 

»Das heißt, daß ich den ganzen Haufen durchgesehen hatte. Und wenn ich auch kein gutes Gedächtnis für manche Dinge habe, so habe ich doch ein ausgezeichnetes für andere. Zu diesen gehören Farben. Unter diesem Stapel war kein Dokument auf blauem Papier wie das hier.«

 

Tödliches Schweigen folgte.

 

»Worauf zielen Sie also ab?« Julian fand seine Stimme wieder.

 

»Darauf, daß Sie diesen Bericht unter die Papiere geschmuggelt haben, während ich auf Ihren Rat hin im Nebenzimmer erdichtete Dokumente suchte.«

 

»Das ist eine Vermutung!«

 

»Das ist keine Vermutung, sondern eine Feststellung.«

 

Julian schwieg. Ein panischer Schrecken schüttelte ihn. Seine Nerven waren schon bei seinem Eintritt erschüttere gewesen. Die grausige, von Guelder angedeutete Anklage hatte ihm jeden Halt genommen.

 

»Sie haben nicht nur diesen Bericht unter die Papiere geschoben, Sie haben auch das Sachverständigengutachten gefälscht, das Sie veröffentlicht haben und das die Lulanga-Aktien auf siebzehn Schilling hinauftrieb. Ich habe in diesem Büro nicht sehr viel entdeckt; aber etwas habe ich mit aller Bestimmtheit gefunden: Sie haben die ganze Korrespondenz mit Afrika geführt. Es ist eine Kinderei, festzustellen, wieviel Aktien Sie auf Grund dieses gefälschten Berichts verkauft haben, und eine ebensolche Kleinigkeit, Sie dorthin zu bringen, wo Sie hingehören. Ich habe mich doch deutlich genug ausgedrückt?«

 

Auch hierauf blieb Julian die Antwort schuldig.

 

»Ich kann die Polizei rufen und Sie verhaften lassen. Ich habe genügend Beweise in der Hand, Sie auf sieben Jahre ins Gefängnis zu bringen. Ich verzichte aber darauf. Nicht Ihretwegen. Ich will Frenshams Namen reinhalten. Ich will nicht, daß Ihre schmutzige Behauptung, er wäre für diesen Betrug verantwortlich, vor Gericht laut wird. Nur das rettet Sie.«

 

Julian zwang sich zu einem Lächeln.

 

»Und Ursula – könnte man vielleicht auch in diesem Zusammenhang erwähnen … Was Sie für Blödsinn zusammenreden, Braid! Sie könnten mich verhaften lassen? Nichts können Sie mir beweisen. Und aus gutem Grund«, fuhr er hastig fort, »weil ich vollkommen schuldlos bin. Ich weiß nicht, ob Frensham ein Betrüger war oder ein Ehrenmann – interessiert mich auch nicht. Ich kann aber beschwören, daß er die Veröffentlichung des einen Berichts veranlaßte und daß ich diesen Bericht hier niemals vorher gesehen habe.«

 

»Mit anderen Worten, daß er ihn absichtlich unterdrückt hat?«

 

Julian Reef sah die Gefahr und wich feige aus.

 

»Das behaupte ich nicht. Ich sage nur, was alle Welt sagen würde, was jeder Mann auf der Straße behaupten würde.«

 

Tony zeigte zur Tür.

 

»Verwandeln Sie sich schleunigst in einen Mann auf der Straße! Aber schleunigst.«

 

Julian schien der Augenblick für ein Rededuell nicht geeignet. Er machte, daß er fort kam. Wenige Sekunden später hatte er das Büro in St. James‘ Street verlassen.

 

Kapitel 13

 

13

 

Tony studierte die Gedenktafel der im Weltkrieg gefallenen Beamten von Scotland Yard, als ein junger Beamter ihm meldete, daß Inspektor Elk ihn bitten lasse. Er folgte dem Beamten viele Treppen hinauf, durch endlose Flure und kam schließlich zu einem sehr kleinen Zimmer und dem faul auf einem Stuhl ausgestreckten Elk.

 

»Kommen Sie herein, Mr. Braid. Junger Mann, schließen Sie die Tür. Sie müssen schon ein bißchen weiter ins Zimmer treten, Braid, damit der Mann die Tür schließen kann. Es ist das kleinste Zimmer in Scotland Yard. Ich bin eben ein Niemand. Nächstens wird der Abteilungsleiter einen Käfig für mich als Behausung bauen und zum Fenster hinaushängen lassen.«

 

Er stand auf und bot dann Tony den einzigen verfügbaren Stuhl an.

 

»Lassen Sie nur. Ich sitze immer auf dem Tisch. Es sieht würdiger aus«, beruhigte Elk. »Eine Zigarre haben Sie wohl nicht zufällig bei sich? Ich habe mein Etui zu Hause gelassen. Als der Bote kam und mir einen Herrn meldete, dachte ich, es wäre ein Einbrecher, ein lieber Freund von mir, der herrlich melodiös pfeift, geradezu ein Künstler. Aber schließlich nehme ich auch mit Ihnen fürlieb. Wo drückt Sie der Schuh, Mr. Braid? Hat Ihr Buchmacher Sie beschwindelt? Das ist das Dumme an diesen Krediten, daß man nie weiß, wie man steht, bis Sonnabend. Ich hab‘ mir ja gleich bares Geld auszahlen lassen und …«

 

»Was macht Mr. Colburn?« fragte Tony.

 

Elk starrte ihn an.

 

»Mein Mieter – ihm ist doch nichts zugestoßen?«

 

»Wohnt er noch in Ihrem Haus?«

 

Elk nickte.

 

»Natürlich. Wenn er schläft. Das ist die einzige Zeit, in der er seßhaft ist.«

 

»Halten Sie es für möglich, daß ich mit ihm sprechen kann? Erinnern Sie sich, Sie wollten ihn mal nach Ascot mitbringen?«

 

Elk kratzte sich das Kinn und blickte auf die Uhr.

 

»Ascot ist ein bißchen weit«, entschuldigte er sich.

 

»Sie brauchen ihn ja nicht nach Ascot zu bringen. Ich kann ihn auch in der Stadt sehen. Können Sie ihn heute abend auftreiben?«

 

Elk nickte, sah aber nicht sehr überzeugt aus.

 

»O ja, er ist nur ein bißchen schwer zu finden«, erwiderte er. »Er ist, was man einen Wandervogel nennen könnte. Und wenn er mal in gemütliche Gesellschaft kommt … dann … ich meine, er verträgt nicht viel Alkohol. Eine Menge, die mir nichts weiter anhaben würde, als meinen sinkenden Mut zu heroischer Fackel anzufachen – wenn Sie mir diesen poetischen Ausdruck gestatten wollen –, treibt ihn zu der ernsthaften Behauptung, er sei der rechtmäßige Erbe eines Herzogs.«

 

»Mit anderen Worten, Sie wollen sagen, er könnte einen sitzen haben. Macht mir gar nichts. Bringen Sie ihn mir nur.«

 

Elk nickte wieder, doch sein Selbstvertrauen war nicht gerade groß.

 

»Er wird kommen, und wenn ich ihn mit einem Wagen der Rettungsgesellschaft bringen muß«, erklärte er. Dann blickte er aus dem Fenster und sagte, da ihm offenbar gerade ein Gedanke kam: »Sie haben heute morgen allerhand Papiere durchgesehen?«

 

»Donnerwetter, wer hat Ihnen das erzählt?«

 

»Ein Vögelchen«, versicherte er. »Der arme, junge Reef tut mir so leid. Ich sah ihn in St. James‘ Street, er war ganz hin. Armer Kerl! Es muß schrecklich sein, einen Onkel zu verlieren.«

 

Tony wollte gerade gehen, doch er kam schnell noch einmal zurück.

 

»Beobachten Sie das Büro?« fragte er.

 

Der Detektiv war ein Bild beleidigter Unschuld.

 

»Ich beobachte nie etwas«, bemerkte er. »Und wenn, dann nicht lange. Es macht mich schwindlig. Das einzige, was ich gern beobachte, ist das Leben und seine seltsamen Verwicklungen.«

 

»Aber wer hat Ihnen verraten, daß ich Frenshams Papiere prüfte?«

 

Mr. Elk hob die Augen zur Decke und überlegte heftig. »Eben hab‘ ich’s noch gewußt, und im Moment habe ich’s vergessen! Nehmen wir an, es wäre der alte Buchhalter Frenshams. Ich glaube, Main heißt er. Ich trank in einer achtbaren Teestube eine Tasse Tee, als er hereinkam und sich an meinen Tisch setzte.«

 

»Oder Sie kamen herein und setzten sich an seinen Tisch«, stellte Tony richtig.

 

»Auch das ist möglich«, gab Elk zu. »Ein lieber Mensch, der Alte. Er hält Hühner. Ich kannte mal einen anderen lieben Menschen, der auch Hühner hielt. Ich ging zu seiner Hinrichtung, was nicht mehr als billig war, weil ich die unschuldige Ursache dieses frühen Morgenspaziergangs war. Übrigens, Mr. Braid, lassen Sie nächste Woche irgendwas in Brighton laufen? Ich liebe Rennen. Man verbringt einen angenehmen Tag in frischer Luft.«

 

Tony verließ Scotland Yard ziemlich verdutzt. Er wäre noch viel mehr verdutzt gewesen, wenn er die Befehle gehört hätte, die Inspektor Elk einem Untergebenen jetzt übermittelte.

 

»Beobachten Sie Mr. Braid. Lassen Sie ihn nicht aus dem Auge. Ich werde es so einrichten, daß ich Sie um acht Uhr abends ablöse.«

 

Kapitel 14

 

14

 

Ursula war schließlich auf eigene Verantwortung und ohne die heimliche Hilfe von Telegrammen und Ausreden nach London zurückgekehrt. Freilich hatte sie ihren sanft empörten Verwandten nicht gerade ins Gesicht gesagt, daß sie bei ihnen vor Langeweile langsam umkomme. Sie waren ohnedies hinreichend überzeugt, daß sie mehr als herzlos, höchst exzentrisch und bodenlos oberflächlich sei. Als sie fort war, zogen sie alle die Augenbrauen hoch, blickten einander eindeutig an, doch keiner wußte, was der andere meinte, was weiter nicht erstaunlich ist, da keiner wußte, was er selbst meinte.

 

Die Umgestaltung des Hauses erforderte Zeit. Alte vertraute Gegenstände, die so eng mit dem Tod des Vaters verbunden waren, daß schon ihr Anblick sie schmerzte, mußten umgestellt werden. Sie ließ seine beiden Zimmer aufräumen und schloß sie ab. Vielleicht kam einmal die Zeit, daß sie sie wieder benutzen konnte. Vorläufig bedeuteten sie ihr Tragödie und Herzweh. Nur einen glücklichen Menschen hatte sie in Somerset zurückgelassen. Der Butler, der wie ein Heiliger aussah, trug ihr den Koffer zum Wagen und drückte ihr in erregtem Flüsterton seine Dankbarkeit für ihre Hilfe und ihren Rat aus.

 

»Ich habe hundert zu sechs Pfund gewonnen, gnädiges Fräulein, und würde es für einen Vorzug erachten, wenn Sie Mr. Braid meinen Dank aussprächen. Und wenn Sie vielleicht so freundlich wären, gnädiges Fräulein, ihn zu fragen, ob sein Zweijähriger in Lewes irgendwelche Chancen hat … Natürlich nur, wenn es Ihnen keine Mühe macht, gnädiges Fräulein.«

 

»Ich werde ihn bestimmt fragen«, versicherte sie dem ängstlichen Mann und verließ während eines tiefen Bücklings diesen Heiligen und Kirchenvater, der zwei Konten in London und in Glasgow bei sehr bekannten Buchmachern laufen hatte.

 

Der Rennsport begann sie allmählich zu interessieren. Sie war überrascht, wie weit sich das Interesse erstreckte. Sie entdeckte, daß sie eine wichtige Persönlichkeit geworden war, nicht nur in den Augen der Dienerschaft, sondern auch bei den Geschäftsleuten in Somerset, seit Lydia Marton den Steward-Pokal gewonnen hatte. Denn der Butler hatte über seine Wette und sein Glück ausgiebig berichtet.

 

Glücklicherweise brauchte sie nach ihrer Heimkehr kein Personal zu entlassen. Lord Frenshams Haushalt war immer sehr klein gewesen. Er hatte niemals einen Diener gehalten, er behauptete, das mache ihn nervös. Die häuslichen Veränderungen verursachten wenig Mühe. Die entfernte Tante in Cumberland hatte einen Brief geschrieben, der jedes Für und Wider erwog, aber doch die Hoffnung nicht ausschloß, daß sie »sehr bald« kommen könne.

 

»Die Aussicht auf eine Anstandsdame ist schon so gut wie eine Anstandsdame«, sagte sie Tony am Telefon.

 

»Ich mache mir Sorge, daß Sie allein in dem Haus wohnen, ohne einen Diener. Schicken Sie lieber Ihren Schmuck auf eine Bank.«

 

Sie belächelte seine Sorge, schloß aber schließlich mit ihm einen Kompromiß dahin, daß sie den vertrauenswürdigen Chauffeur im Hause schlafen ließ. Die Fragen der Juwelen ließ sie diskret in der Versenkung verschwinden.

 

Es gab andere und wichtigere Fragen zu lösen. Sie hatte nun ihr Vermögen in eigene Verwaltung genommen und fand es mager genug.

 

Ihre Reise nach Somerset hatte auch das Mysterium der »großen Erbschaft« gelöst, die ihr eines Tages zufallen sollte. Ein kaltblütiger Priester, einer ihrer Cousins, erläuterte ihr mit vielen Einzelheiten – denn er war ein Rechtsfanatiker –, daß die Erbschaft eine etwas nebelhafte Angelegenheit sei, da erst drei Leben dahinschwinden müßten, ehe sie an die Reihe käme. Zwei dieser Leben waren besonders jung und gesund. In Wahrheit hatte sie nie an diese Erbschaft geglaubt, sondern sich mit dem Gedanken getröstet, daß irgendwo in märchenhafter Ferne ungeheure Reichtümer ihrer harrten, die irgendwie eines Tages, ohne Leid für einen Dritten, ihr zufallen würden.

 

Am Tag ihrer Ankunft kam Tony zu ihr zum Tee. Sie erklärte ihm genau ihre Lage.

 

»Ich glaube, wir können diese sagenhafte Erbschaft aus unseren Betrachtungen ausschalten und lieber überlegen, wie wir für mich eine anständige Arbeit finden. Ich habe Stenografie und Schreibmaschine gelernt; das war Vaters Idee, und ich glaube, ich würde für einen wohlhabenden Finanzmann eine bewundernswerte Sekretärin abgeben.«

 

»Der bin ich nicht!« rief Tony prompt. »Und etwas muß ich Ihnen noch sagen«, lenkte er grimmig ab. »Aus einem mir unverständlichen Grund übertrug Ihr Vater auf Ihren Namen alle seine Lulanga-Aktien. Dies geschah am Tag seines Todes.«

 

Sie staunte. »Haben sie irgendeinen Wert?« fragte sie.

 

»Meiner Meinung nach nicht. Ich bin nur froh, daß sie keine Verpflichtung für Sie enthalten.«

 

»Was sagt denn Julian dazu?« fragte sie unvermittelt.

 

»Was Julian sagt, ist wohl ganz gleichgültig, Ursula«, erwiderte er mit Nachdruck. »Ich wünsche, daß Sie Julian weder sehen noch ihm schreiben.«

 

Sie sah ihn lange Zeit wortlos an, dann senkte sie langsam den Kopf. »Gut, Tony, ich will nicht einmal nach dem Grund fragen. Das ist das größte Kompliment, das ich Ihnen machen kann. Es fällt mir übrigens nicht schwer, Julian aufzugeben.«

 

Dann war zwischen ihnen eine lange Pause. Als das Schweigen zu lastend wurde, fragte sie leise:

 

»Was wollten Sie vorhin sagen, Tony?« und ließ die Augen sinken, ohne recht zu wissen, weshalb.

 

»Ich hätte sehr viel zu sagen.« Seine Stimme klang fest. »Ob Sie wirklich wissen, wie furchtbar schwer es mir wird, nichts zu sagen?«

 

Er hörte einen kleinen Seufzer. Und jetzt hätte er sie in die Arme nehmen und ihr das eine sagen können, das sie erriet und das sie wußte: daß er sie liebe.

 

Und doch hätte er gegen seinen Charakter gehandelt, wenn er es getan hätte, gestand sie sich, als er gegangen war. Er hätte sich vor sich selbst geschämt. Es wäre ihm gewesen, als habe er einen unbewachten Augenblick ausgenutzt, als habe er sie in dem Schmerz über den Tod des Vaters arglistig überrumpelt.

 

Tony speiste nicht daheim. Er kam um Viertel neun nach Hause und wartete auf Elk und dessen herumstrolchenden Freund. Da der Detektiv nicht angerufen hatte, durfte Tony hoffen. Doch es wurde nach neun, ehe Elk den geheimnisvollen Mr. Colburn in Tonys Arbeitszimmer hineinbugsierte.

 

Er war ein sehr dicker Mann mit einem rosigen Gesicht, einer beträchtlichen Glatze, blauen, starren Augen und einem ingwerfarbenen Schnurr- und Backenbart. Er war ein ziemlich geräuschvoller Herr und sehr freimütig. Er begrüßte Tony als Bruder.

 

»Schon von Ihnen gehört, Braid«, jubelte er, »Elks Freunde sind meine Freunde. Entschuldigen Sie mich heute abend, aber ich hatte eine freundliche Auseinandersetzung mit einem alten Bekannten – einem Mann von Genie, doch leider ohne Glauben ans Leben oder Hoffnung auf den Himmel!«

 

Er lachte dumpf in sich hinein und schlug sich mit einem lauten Klaps aufs Knie. Elk blickte Entschuldigung heischend drein. Er fühlte sich verantwortlich. Ohne besonderen Grund, es sei denn, daß er die begrenzten akustischen Verhältnisse des Zimmers erkannte, ließ Mr. Colburn die Stimme sinken.

 

»Nächste Woche fahre ich nach Afrika, Mr. Braid«, erzählte er. »Ich hätte Sie in jedem Fall aufgesucht, selbst wenn mein lieber, alter Freund von der Polente mich nicht hierhergeschleift hätte. Ich kann Ihnen sagen, ich bin in dieses Land mit zwölfhundert Pfund gekommen und hätte jetzt zwölfhundert Pfund minus, wenn mich mein Glück nicht unter sein gastliches Dach geführt hätte.«

 

Bisweilen sprach er sehr holprig, dann wieder flammte seine Rede dahin. Augenscheinlich bewunderte Elk diese Wandlungsfähigkeit seiner Redekunst.

 

»Er erzählte mir, Sie interessieren sich für Lulangas.«

 

Tony nickte. »Allerdings – und seltsamerweise entdeckte ich heute, daß Sie einst der Ingenieur der Gesellschaft waren.«

 

»Der Gehilfe des Ingenieurs und Leiters«, berichtigte Colburn. »Ich will Ihnen nichts vormachen, Mr. Braid; ich besitze nicht die Würde eines Dr.-Ing. Ich bin nur ein besserer Mechaniker und gar nicht einmal so ein besonders besserer. Ich habe mich nur selbst gebildet, mir selbst alles beigebracht und bin mit mir selbst zufrieden.«

 

Dies war offenbar sein Leib- und Magenwitz. Elk begann schon zu grinsen, ehe der Satz noch recht begonnen hatte. Dann wurde Colburn wieder nüchtern.

 

»Ich gehe nach Lulanga zurück. Aber ehe ich abdampfe, will ich mit einem, der ein Paket Aktien hat, einen Handel abschließen. Aber das Paket muß sich lohnen.«

 

»Was für einen Handel?« fragte Tony voller Teilnahme.

 

Colburn betrachtete ihn mit forschenden Augen, bevor er antwortete.

 

»Ich weiß nicht, ob’s fair oder nicht fair ist, ich brauche zwanzigtausend Aktien – umsonst. Ich weiß, sie sind zu einem lächerlichen Preis an der Börse zu haben, und mit ein bißchen Glück kann ich zwanzigtausend Stück für tausend Pfund kaufen. Aber ich denke nicht daran, tausend Pfund dafür zu spendieren.«

 

»Und was bekommt der edle Spender der zwanzigtausend Aktien?« fragte Tony.

 

Es schien ihm, als lache der andere ausgiebig und mitleidig.

 

»Öl«, erwiderte er mit einer schönen Geste. »Tausende und vielleicht Millionen Tonnen Öl!«

 

»Wohl aus Quelle 16 und Quelle 18?« forschte Tony. Doch Colburn lachte vorwurfsvoll.

 

»Das waren keine Quellen, das waren Nadelstiche ins Ufergelände! Ich höre, man hat auch seitdem gebohrt. Der schwindsüchtige Ingenieur, den sie nach mir angestellt haben, war ein kluger Kerl, aber ein Bücherwurm. Jetzt ist er tot. Gott hab‘ ihn selig. Er war ein guter Mann, aber ohne Initiative. Solche Leute sterben leicht. Ich würde Sie nicht behelligen, Sir, aber der alte Elk hat ’ne Schwäche für Sie. Er nennt Sie immer den ›gerissenen Kerl‹.«

 

»Das ist nicht wahr!« protestierte Elk laut.

 

»Mensch, lüg doch nicht so unverschämt!« tadelte Colburn und schüttelte traurig den Kopf.

 

»Ich habe gesagt, gemeine Leute nennen ihn den ›gerissenen Kerl‹.«

 

»Ich bin ein gemeiner Mann, aber ich weiß, was einer ist, wenn ich ihn sehe. Betrunken oder nüchtern, mich kann keiner verschieben. Alle meine Karten liegen vor Ihnen auf dem Tisch, Mr. Laid …«

 

»Braid«, verbesserte Tony sanft.

 

Colburn fuhr fort: »Sie schmissen mich hinaus, weil ich mir ein bißchen die Nase begossen hatte, wie man zu sagen pflegt. Ich machte eine kleine Sauftour, die drei Wochen dauerte. Dann nahm mich ein Freund auf einem deutschen Schiff nach Mossamedes – aber meine Irrfahrten werden Sie kaum interessieren. – Jedenfalls kenne ich jene Lulangafelder besser als Sie die Regent Street. Besonders genau kenne ich den Bergrücken, der sich hindurchzieht. Er heißt Pogolaki-Gebirge. Gebirge! Lächerlich, ist ein Misthaufen. Geben Sie mir tausend Mann, und ich schaufele Ihnen das Ding in einem Jahr fort und lasse Ihnen noch ein Loch im Boden. Alle Bohrungen liegen westlich des Pogolaki. Ich lege Ihnen meine Karten offen auf den Tisch«, wiederholte er, »vertraue Ihnen als Ehrenmann. Das Öl liegt östlich vom Pogolaki. Dort wollen sie nicht bohren, weil da Sand ist und kein Anzeichen von Petroleum. Aber ich verstehe von Petroleum und Öl mehr als die Durchschnittssardine. Man braucht nämlich an der Oberfläche gar nichts von dem kostbaren Stoff darunter zu merken, aber ich wittere ihn. Haben Sie Papier und Bleistift?«

 

Tony holte das Geforderte. Der Mann entwarf eine rasche und, wie Tony beurteilte, sehr genaue Skizze der Ölfelder.

 

»Die Konzession verläuft westlich und östlich hiervon, das ist der M’ninga-Fluß – es ist kein Fluß, es ist ein Wasserloch – da gibt’s kein Öl. Aber kommen sie näher an die Höhenzüge heran, können sie nicht bohren, ohne daß sie auf eine Quelle stoßen. Und was die Hauptsache ist, Mr. Braid, die Gesellschaft hat alles, was zum Bohren und zum Handel mit einer höllischen Menge Petroleum notwendig ist. Sie können es über das Gebirge fortleiten. Der Boden ist mit nutzlosen Maschinen und Bodentanks übersät, die nutzbar gemacht werden könnten. Das einzige, was ihnen fehlt, sind Beförderungsmittel. Sobald sie zu bohren anfangen, müßten sie Tankdampfer chartern – ’ne ganze Masse!«

 

Sprach er die Wahrheit? Jedenfalls glaubte es Tony und war davon überzeugt.

 

»Wie können Sie Ihre Behauptungen beweisen?« fragte er. »Wenn Sie mir einen befriedigenden Beweis bringen, werde ich Ihnen nicht zwanzig-, sondern dreißigtausend Aktien geben. Ich glaube, damit können Sie wirklich zufrieden sein.«

 

Mr. Colburn lächelte.

 

»Der einzige Beweis für Öl ist – Öl«, sagte er treffend. »Wenn Sie den Beweis hätten, würden Lulanga nicht zweieinhalb Penny stehen. Ich habe Sie nicht um Geld gebeten, nicht wahr? Ich habe Sie nicht einmal um eine Arbeit gebeten – obwohl Sie mich natürlich später zum Ingenieur und Betriebsleiter machen müßten. Ich verlange dafür nicht einmal ein Gehalt. Ich würde mich mit meinen zwanzig- oder dreißigtausend Aktien begnügen und einer Provision. Ich brauche auch kein Geld, meine Reise zu bezahlen, aber ich brauche eine gewisse Anzahl Aktien und die in ihnen verbrieften Rechte, um jenes Feld zu bearbeiten. Und die habe ich nicht. Sehen Sie sich das an!«

 

Er nahm eine Handvoll Papiergeld aus der Tasche und warf es auf den Tisch. »Da liegen achthundert Pfund bares Geld. Ich verlange nichts als das Recht, Sie zum Millionär zu machen.«

 

»Ein anständiges Angebot«, murmelte Elk.

 

Der Mann hatte noch etwas auf dem Herzen. Gleich darauf kam er damit heraus.

 

»Sie wollen einen Beweis? Sie sollen ihn in ein bis zwei Tagen haben. Ich will Ihnen die volle Wahrheit sagen, Mr. Braid. Ich habe so’n bißchen privatim gebohrt, an der Grenze des Geländes – ich und ein Kerl, der sich vor Tod und Teufel nicht fürchtet, und zwei Eingeborene. Eigentlich müßte ich ja draußen sein und es überwachen, anstatt hier herumzulungern und zu versuchen, die Aktien aufzutreiben. Vor ein paar Tagen habe ich diesen Burschen Reef besucht. Aber er war fort, beim Rennen. Der hat auch ’ne Menge Aktien. Auch Lord Frensham, der Mann, der sich erschoß, hatte einen ganzen Schrank voll.«

 

»Ich habe Lord Frenshams Aktien«, sagte Tony. »Wann erwarten Sie den Beweis?«

 

»Täglich. Wir haben nur einen primitiven Bohrer, und das braucht Zeit. Und natürlich bekomme ich keine Kabel, denn die könnten nur über das Telegrafenamt der Lulanga-Gesellschaft gehen.«

 

»Mit anderen Worten«, lächelte Tony, »wildern Sie so’n bißchen Öl?«

 

Der Mann schüttelte den Kopf.

 

»Ausgeschlossen! Ich habe die Genehmigung für alles, was ich tue. – Wenn Sie die Bücher der Gesellschaft durchsuchen, werden Sie sie finden. Wie ist es also mit meinen dreißigtausend Aktien?«

 

»Ich werde es beschlafen«, sagte Tony.

 

Er begleitete seine Gäste hinaus, und nachdem sie Colburn in eine Taxe verfrachtet hatten, nahm er Elk beiseite.

 

»Machen Sie Ihrem Freund klar, daß es um so besser ist, je weniger Leute von seinem Traume wissen – nehmen wir mal an, es wäre nichts anderes.«

 

»Wenn ich fünftausend Pfund hätte«, begann Elk …

 

»Sie haben Sie aber nicht«, verwies ihn Tony. »Aber wenn ich einige Aktien für Sie kaufen darf, werde ich so viel Geld für Sie verdienen, daß Sie Scotland Yard kaufen können.«

 

Kapitel 15

 

15

 

Als zwei Tage später ein Angestellter von Julian Mr. Braid meldete, fühlte sich Reef versucht, sich verleugnen zu lassen. Doch fast mechanisch sagte er: »Gut« und bereitete sich auf eine sehr ungemütliche Begegnung vor. Tony war wie immer tadellos gekleidet. Er zog die zitronengelben Handschuhe aus, legte sie in das Innere seines Zylinders und setzte sich.

 

»Wieviel Lulanga-Aktien besitzen Sie?« eröffnete er die Unterhaltung.

 

Julian blickte finster drein.

 

»Soll das wieder ein Verhör werden? Ich denke, ich habe Ihnen schon klargemacht …«

 

»Über Ihre eigenen Aktien haben Sie mir gar nichts klargemacht.«

 

»Ich besitze hunderttausend – oder, um ganz genau zu sein, hundertzehntausend. Aber was interessiert Sie das? Haben Sie vielleicht ein neues Gutachten entdeckt?« höhnte er. »Eins, das die Aktien bis zum Himmel emportreiben wird?«

 

»Ich habe kein neues Gutachten entdeckt« – Tony wählte seine Worte mit großer Umsicht –, »noch habe ich eines erdichtet. Ich bin aber der Ansicht, daß auf dem Gelände noch Öl zu finden ist. In diesem Fall würden die Aktien fünfmal soviel wert sein wie heute. Liegt aber diese Möglichkeit vor, so möchte ich gern die ausschlaggebende Majorität besitzen. Ich habe zweihunderttausend von Lord Frensham – oder vielmehr von Lady Frensham. Das Aktienkapital beträgt sechshunderttausend. Ich brauche also noch eine Anzahl zur Majorität.«

 

Julian ging ein Licht auf. Nicht umsonst hieß dieser Mann der »gerissene Kerl«.

 

»Ich begreife«, rief er. »Sie wollen einen Rummel in Lulangas machen, Ihren Besitz losschlagen und mit einem großen Gewinn raussteigen, wie? Das nennen Sie dann Hochfinanz, nicht wahr?«

 

»Von Hochfinanz verstehe ich nichts«, erwiderte Tony, »aber von niedriger Finanz habe ich die letzten zwei, drei Tage allerhand gesehen. Bitte, antworten Sie nur jetzt, ob Sie mir Ihren gesamten Besitz an Lulangas verkaufen wollen?«

 

Julian wollte nur gar zu sehr, war geradezu erpicht darauf, den ganzen Schwung loszuwerden. Wenn Braid es ernst meinte und wirklich bar kaufen wollte, war ihm sein Geld höchst willkommen. Er brauchte dringend neue Mittel. Denn das neue Unternehmen ging seiner Geburtsstunde entgegen.

 

»Zur Zeit stehen die Aktien tief unter ihrem inneren Wert«, wandte er ein.

 

»Ich kann ja morgen das Gutachten des Ingenieurs veröffentlichen«,, fiel Tony ein, »damit Sie ein endgültiges Urteil über ihren inneren Wert gewinnen.«

 

Reef flammte vor Ärger auf.

 

»Das heißt, Sie wollen jeden Wert, den die Aktien noch haben, vernichten. Was planen Sie eigentlich, Braid?«

 

Tony schüttelte den Kopf.

 

»Ich habe nicht die Absicht, mit Ihnen meine privaten Pläne zu erörtern. Ich frage Sie noch einmal, zu welchem Preis Sie verkaufen wollen.«

 

Julians Gedanken flogen. Er wußte zu seinem Kummer, daß es praktisch unmöglich war, Lulanga am offenen Markt zu veräußern. Er hatte seinen Besitz erst am Tag zuvor zu wenigen Pence für die Aktie angeboten. Vergeblich. Er nannte jetzt einen Preis und sah Tony lächeln.

 

»Das sind sie wert«, beharrte er, »und wenn Sie Ursulas Aktien …«

 

»Ich ersuche Sie, die Dame nicht bei ihrem Vornamen zu nennen!«

 

Wütend zeigte Reef die Zähne.

 

»Sie sprechen ein bißchen anmaßend, scheint mir. Im übrigen ist die Dame meine Cousine. Aber ich habe wirklich keine Lust, mit Ihnen zu streiten. Sie haben Ihre besondere Ansicht über Lulanga, Vielleicht haben Sie recht. Ich habe ja immer Vertrauen zu dem Gelände gehabt. Sie stolzieren auf unbekanntem Gebiet einher. Soviel ich weiß, sind Sie Diamantenfachmann, Ölfelder sind eine sehr riskante Sache. Ich verkaufe Ihnen mein Aktienpaket zu sechs Schilling. Zu diesem Preis sind sie zuletzt an der Börse gehandelt worden.«

 

Er glaubte nicht im Traum daran, daß Braid ihm einen Wert bewilligen würde, den er selbst für enorm hielt. »Eine anständige Summe für knochentrockene Quellen«, meinte Braid, »aber ich nehme sie. Schreiben Sie die Zession aus, dann gebe ich Ihnen den Scheck.«

 

Julian war vor Freude wie gelähmt. Dann aber kam ihm der Humor der Lage zum Bewußtsein.

 

Er lachte herzlich.

 

»Sie sind ja ein toller Spieler!« rief er gut gelaunt. Er entlockte aber Anthony Braid kein Lächeln der Erwiderung.

 

Es dauerte genau zehn Minuten, um Julians gesamten Lulanga-Besitz dem anderen abzutreten. Mit einem Gefühl höchster Befriedigung faltete er Tonys Scheck zusammen und steckte ihn in die Tasche.

 

»Sie wissen natürlich, was Sie kaufen. Sie haben den Bericht gelesen, und vielleicht interessiert Sie auch das hier.«

 

Er nahm ein Kabeltelegramm vom Tisch und reichte es dem Besucher.

 

»Vor einem Monat habe ich einen unabhängigen Ingenieur zur Untersuchung der Quellen hinübergeschickt«, erläuterte er. »Das ist die Antwort:

 

Tony las:

 

Ausbeute minimal. Meiste Quellen ausgetrocknet. Die noch arbeiten, produzieren verminderte Menge. Kleine, von Gesellschaft genehmigte Bohrungen östlich des Gebirges. Meiner Meinung nach geringste Hoffnung auf Erfolg.

 

Dann reichte er das Telegramm zurück.

 

An der Tür blieb er noch einmal stehen.

 

»Wenn Freunde von Ihnen größere Posten von diesen Werten haben, nehme ich sie ihnen gern ab«, erklärte er.

 

»Warum kaufen Sie nicht an der Börse?« entgegnete Julian keck. »Das ist eine nicht ganz unwichtige Einrichtung, von der Sie vielleicht schon einmal gehört haben. Ich bin überzeugt, es gibt eine ganze Anzahl Aktienbesitzer, die gern Ihre interessante Sammlung vermehren wollen.«

 

*

 

Als Guelder einige Zeit später kam, fand er seinen Sozius in sehr gehobener Stimmung und erfuhr bald den Grund. Guelder kratzte sich die Nase und war durchaus nicht allzu erfreut.

 

»Hm«, machte er, »der gerissene Kerl!«

 

Er las das Kabel, das er noch nicht kannte.

 

»Mit Genehmigung? Was bedeutet das? Wer bohrt da auf der anderen Seite des Gebirges?«

 

Julian erklärte ihm, daß die Gesellschaft häufig die Genehmigung an Leute erteile, die ihr Glück auf unerforschten Gebieten des Geländes versuchen wollten.

 

»Der Gesellschaft schadet das nichts. Denn haben sie Erfolg, müssen sie der Gesellschaft 75 Prozent ihrer Ausbeute abgeben und den Handel mit ihrem Öl überlassen. Vor einiger Zeit gab Frensham jenem Burschen Colburn eine Lizenz, der früher mal Ingenieur bei uns war und wegen Trunksucht flog.«

 

»Colburn?« fragte Guelder und blickte scharf auf. »Der kam vor etwa drei Wochen hier ins Büro, als du in Cornwall warst. Ein etwas lärmender Geselle.«

 

»Ich kenne ihn nicht«, entgegnete Julian gleichgültig.

 

»Er ist in London, mein Freund. Stimmt dich das nicht nachdenklich?«

 

»Nein. Auch der wird kein Öl nach Lulanga pumpen«, lachte Julian.

 

Kurz vor dem Lunch kam Guelder herein, einen Morsestreifen in der Hand, schloß behutsam die Tür hinter sich, ging langsam auf Reef zu und legte den Papierstreifen ohne ein Wort vor ihn hin. »Was ist das?« fragte Julian und blickte auf.

 

»Lies«, befahl der andere.

 

Reef nahm das Papier auf, las und starrte.

 

»Lulanga-Öl 17,9, 18,6, 18,9, 20,3.«

 

Er traute seinen Augen nicht.

 

»Dieser verrückte Narr kauft!«

 

Guelder schüttelte den Kopf. »Wahnsinn hat viele Gesichter«, bedeutete er. »Dieser Mann ist sicher nicht zu seinem Schaden verrückt geworden. Er mag ein Spieler sein, aber er spielt nicht blindlings. Wollen wir nicht auch kaufen, mein guter Julian. Wenn es für ihn gut ist zu kaufen, wird es für uns nicht schlecht sein.«

 

»Du magst ja verteufelt viel von deiner Wissenschaft verstehen«, schimpfte Julian, »von Aktien hast du keinen blauen Dunst. Begreifst du nicht, du Schafskopf, daß die Papiere bis Börsenschluß Hals über Kopf stürzen werden?«

 

Er war kein guter Prophet. Die letzte Notierung der Lulanga war 27 Schilling.

 

»Dahinter steckt eine Schiebung«, schimpfte Julian wütend. Und vielleicht hatte er recht.

 

Als er am nächsten Morgen im Bett die Zeitung las, fand er einen Artikel mit der Überschrift: »Romantik der Ölfelder … Sensationelles Steigen der Lulangas … Wertlose Aktien stehen jetzt auf zwei Pfund!«

 

Gestern früh beweinten Lulanga-Öl-Besitzer ihr Los … Wer gestern zu niedrigem Kurs verkauft hat, sieht heute schon seinen Fehler ein. Mr. Anthony Braid, der bisher Diamanten-Interessen vertrat, war der Hauptkäufer. Wie wir erfahren, übernahm er ein Paket von über hunderttausend Stück von einem wohlbekannten City-Mann zum Kurs von sechs Schilling. Am Schluß der gestrigen Börse hatte er einen Gewinn von über hunderttausend Pfund in der Tasche! Bei einem Interview, das er gestern abend unserem Mitarbeiter in seiner Wohnung gewährte, erklärte Mr. Braid, das Steigen der Aktien sei nicht verwunderlich. Unabhängige Ölsucher wären bei ihren Bohrungen am Rande des Geländes auf das wahre Ölfeld gestoßen. Das Ergebnis sei verblüffend, die Möglichkeiten seien unberechenbar. Mr. Colburn, der neue Ingenieur, reise Sonnabend nach Afrika. Ein Kabel seines Vertrauensmannes, der die Versuchsbohrungen, unternommen hat, rief ihn dringend zurück.

 

*

 

Julian warf die Zeitung auf den Boden, sprang aus dem Bett und trampelte wütend darauf herum. Tony Braid hatte ihn darauf hingewiesen, daß das Gelände Öl enthalte, daß die Aktien fünfmal soviel wert waren, als er dafür zahlte. Es war eine Gerissenheit – diese Wahrheitsliebe war wieder einmal eine der ihm eigenen Gerissenheit!

 

Kapitel 16

 

16

 

Ursula Frensham saß wie in einem Traum. Ihr Glaube hatte sie nicht betrogen, so vage und unbegründet er gewesen war. Das erhoffte Vermögen war Wirklichkeit geworden. Immer wieder las sie Tonys Brief:

 

… Wenn ich Ihnen raten darf, verkaufen Sie nicht eine einzige Aktie. Haben Colburns Freunde recht, dann sind sie jede Summe wert; täuschen sie sich, wäre es unrecht, andere hineinzulegen. Der einzige, der Schaden erleiden kann, falls die Geschichte von den neuen Quellen unbegründet ist, bin ich, denn ich bin der Hauptkäufer gewesen. Ich brach in den Markt ein und räumte alles fort, was da herumschwamm, ehe meine Freunde in der City noch recht aufgewacht waren.

 

*

 

Es gab aber auch Leute, die nicht die Geduld hatten, zu der Tony riet. Ein gewisser Inspektor von Scotland Yard, der tausend Stück gekauft hatte, läutete seinen Mentor dreimal in zwei Stunden an und kam schließlich selbst angerückt.

 

»Zum erstenmal in meinem Leben habe ich Aktien gekauft«, jammerte er, »und sie quälen mich zu Tod, Mr. Braid. Jedesmal, wenn die Zeitung kommt, fürchte ich, ich bin ruiniert. Allmählich verstehe ich, warum Börsenleute so gefährdet sind. Nichts treibt einen Mann so sicher zum Verbrechen wie die Börse!«

 

Tony schlug vor, ihm die Aktien zum letzten Kurs abzunehmen. Mr. Elk schwankte.

 

»Wenn sie dann steigen«, warnte er Tony, »würde ich so wütend werden, daß ich für meine Handlungen nicht einstehen konnte. Ihr Leben hinge an einem Haar. Ich werde immer mehr zum Jobber. Das haben die Aktien aus mir gemacht. Gestern flüsterte mir einer zu – ein ganz hochstehender Mann noch dazu –, wenn ich viel Geld verdienen wollte, sollte ich nur in Diamanten à la baisse spekulieren.«

 

Tony blickte verdutzt auf.

 

»Ist das Ihr Ernst?«

 

»Jawohl«, bestätigte Elk, »ein ganz großer Mann.«

 

Er nannte den Namen. Es war, wie Tony erkannte, eine der wenigen Firmen in der City, die mit Julian Reef Geschäfte machte.

 

»Dieser Mann behauptete, Diamantenaktien würden stürzen. Er riet mir zu Differenzgeschäften, dieser sympathischsten Form des Diebstahls.«

 

Das gab zu denken. Noch lange, nachdem Elk gegangen war, saß Braid und brütete. Der Diamantenmarkt war fest. Die Hauptpapiere hatten seit Monaten den gleichen Kurs. Jeder Versuch, ihn zu senken, war gescheitert, obwohl gerade diese Aktien einst die empfindlichsten auf dem Minenmarkt gewesen waren. Er telefonierte den ganzen Nachmittag. Sprach mit bekannten Cityleuten, die ein vitales Interesse an dieser Industrie hatten, konnte aber keine Auskunft erhalten, die einen möglichen Kurssturz erklären konnte. Die Ausbeute war gut, und die Abnehmer der ganzen Welt verschlangen das gesamte Angebot, das Afrika auf den Markt brachte.

 

»Offenbar hat man Elk getäuscht«, dachte er und vergaß die Angelegenheit, bis …

 

Er ging in Ascot in seinem Garten spazieren, als der Diener ihn ans Telefon rief. Er erkannte die Stimme eines der größten Makler auf dem afrikanischen Markt.

 

»Was ist mit de Mesnes passiert?« rief er.

 

»Was soll denn passiert sein?«

 

»Sie sind heute morgen um drei Pfund gefallen, und alle Diamantenpapiere stürzen nach. Haben Sie etwas von einem gewaltsamen Einbruch gehört?«

 

Da erinnerte Tony sich an die Worte des Detektivs.

 

»Fragen Sie mal bei Bell und Steen an«, riet er und nannte den Namen der Firma, die Elk erwähnt hatte. »Vor einigen Tagen habe ich einen Tip bekommen, daß die vielleicht die Hand im Spiel haben.« Sehr bestürzt hängte er den Hörer ein. Daß der Hauptteil seines Vermögens in Diamantenaktien angelegt war, berührte ihn wenig. Er hatte in der letzten Woche ein Vermögen an Lulanga-Öl gewonnen und würde wahrscheinlich daran noch weiter gewinnen. Aber warum fielen Diamanten in einer so dramatischen, unverständlichen Weise?

 

Er hätte das Drama begriffen, wenn er gewußt hätte, was seit einigen Nächten in einer gewissen kleinen Fabrik zu Greenwich vorgegangen war.

 

Kapitel 1

 

1

 

Es fing mit einer kleinen Meinungsverschiedenheit zwischen einem Trainer, einem Jockey und einem Buchmacher von zweifelhaftem Ruf an. Der Streit ging um die Stute Ectis, die Favoritin für den Königlichen Jagdpokal. Gegen Jockey und Trainer bestand bereits ein gewisser Argwohn; sie mußten also darauf achten, sich nicht allzusehr zu kompromittieren.

 

Die Frage war, ob man die Stute vor dem Ziel »bremsen« sollte oder ihr, wie es der Jockey vorschlug, vor dem Rennen eine kleine Dosis Laudanum verabreichen und damit von vornherein jedes Risiko ausschalten sollte. In beiden Fällen mußte man mit Unannehmlichkeiten rechnen. Denn wurde die Stute im Rennen zurückgehalten, fiel der Verdacht auf den Jockey. Hatten dagegen die Schiedsrichter den Argwohn, daß das Tier »verarztet« worden war, würden sie eine Untersuchung verlangen, deren Resultat unweigerlich dazu führen mußte, den Trainer für immer vom Rennplatz zu verweisen.

 

Schließlich siegte der Trainer. Ectis sollte vor dem Ziel aufgefangen werden. Der Buchmacher, der für beide Teile die Wetten legte, machte, wie verabredet, das Pferd schlecht. Vom Favoriten wurde es zweiter Favorit, vom zweiten Favoriten dritter und stieg dann hinab zur Klasse der 100:6.

 

»Mir unbegreiflich«, sagte der Trainer einen Tag vor dem Rennen zu dem Besitzer. »Das Pferd war niemals besser, Mr. Braid.«

 

Mr. Braid sog nachdenklich an einer langen Zigarre, seine dunklen Augen fixierten den verwitterten, kleinen Trainer. Er war auf der Rennbahn zwar ein Neuling, wenigstens in England, aber angesehen, sehr reich und durchaus seriös. Rennfreunde besaß er nicht. Angesehene Leute vom Rennplatz betrachteten neugierig die schlanke Gestalt mit dem dunklen, ergrauenden Haar und dem langen, blassen Gesicht und drückten nicht aus Mitleid ein leichtes Bedauern darüber aus, daß eine so gewinnwinkende Chance in die Hände des Trainers Lingford und seines gewissenlosen Partners, des Jockeys Joe Brille, gefallen war.

 

Anthony Braid hatte ein reizendes kleines Haus in Ascot, wo er während der Rennwoche wohnte, und war mit seiner Einsamkeit zufrieden. Man sah ihn auf dem Sattelplatz umherstehen, eine lange Zigarre zwischen den Zähnen, und ins Leere starren. Er wettete selten, und dann nur sehr bescheiden, und ließ sich nie über die Mutmaßungen seines Trainers in Debatten ein, noch stellte er Fragen an seinen Jockey. Anscheinend langweilte ihn alles.

 

»Möglich«, murrte er, als der Trainer eine Pause machte, »möglich, daß die Buchmacher einen anderen Favoriten haben.«

 

»Stimmt, Sir, sie halten ›Denford Boy‹ für unbesiegbar.«

 

Mr. Lingford bedauerte im stillen, daß er »Ectis« nicht zum Sieg reiten lassen durfte. Er hätte ein Vermögen damit verdienen können. Doch er schuldete dem Buchmacher, der das Pferd stillegte, eine Menge Geld und wagte keinesfalls, seinem Gläubiger entgegenzuhandeln.

 

Eine Stunde, ehe der Königliche Jagdpokal gelaufen wurde, nahm Anthony Braid seinen Trainer beiseite. »Mein Pferd hat sich im Preis etwas erholt«, sagte er. Lingford war diese Tatsache nicht entgangen. »Ja, Sir – jemand hat im ganzen Land hohe Wetten auf die Stute abgeschlossen.«

 

Ihm war ein bißchen unbehaglich zumute; denn am Morgen hatte sein Buchmacher ihm vorgeworfen, daß er nach zwei Seiten arbeite.

 

»Ja«, sagte Tony Braid mit seiner tiefen, wohllautenden Stimme. »Ich habe im ganzen Land Wetten abgeschlossen. Ich beabsichtige, heute dreißigtausend Pfund zu gewinnen.«

 

»Wirklich, Sir?« Der Trainer atmete erleichtert auf. Er hatte vermutet, die Wetten stammten von einem Bundesgenossen Brilles und befürchtete schon, daß der Jockey ihn betrüge. »Nun, Sie werden ein schönes Rennen für Ihr Geld haben. Brille sagt –«

 

»Was Brille sagt, interessiert mich nicht«, erwiderte der Besitzer sehr sanft, »er reitet die Stute nicht. – Ich habe mir einen Jockey aus Frankreich kommen lassen. Und, Mr. Lingford, ich habe auch meinen Trainer gewechselt. Vor einer halben Stunde habe ich höchst eigenhändig das Pferd Mr. Sanford übergeben. Und wenn Sie dem Tier noch einmal nahe kommen, melde ich Sie der Rennleitung. Darf ich Ihnen einen Rat geben?« Dem verdutzten Trainer blieb die Antwort in der Kehle stecken.

 

»Zwei Tips«, fuhr Anthony Braid fort, »erstens: gehen Sie in den Ring und setzen Sie so viel auf Ectis, daß Sie den Rest Ihres Lebens davon zehren können. Denn ich glaube nicht, daß Sie je wieder ein Pferd trainieren werden. Zweitens: versuchen Sie nie wieder, einen Mann zu beschwindeln, der sich an der Börse in Johannesburg die Sporen verdient hat. Guten Morgen!«

 

Ectis gewann mit drei Längen, und Mr. Anthony Braid hatte einen neuen Spitznamen. Er, der bisher »die gute Gelegenheit« und »die Chance«, geheißen hatte, wurde jetzt bekannt als »der gerissene Kerl«. Der Name blieb ihm. Er wurde ihm eines Tages in seinem Büro entgegengeschleudert, als er Aaron Trosky, von der Trosky-AG., mit weit über fünfzigtausend Pfund hineinlegte. Allerdings hatte Mr. Trosky in der Unschuld seines Herzens zuvor versucht, Anthony Braid mit einer größeren Summe in einem Minengeschäft hineinzulegen. Aber daran dachte er jetzt nicht.

 

»Sie sind ein gerissener Kerl«, jammerte der bebende Aaron, »so nennt man Sie, und das stimmt auch!«

 

»Machen Sie die Tür von draußen zu«, forderte Anthony ihn höflich auf.

 

Unbelehrt durch Troskys Erfahrung, brachte ein gewisser Felix Fenervy dem »gerissenen Kerl« ein Platinprojekt. – Er hätte es lassen sollen. Anthony prüfte die Pläne, überflog den verschleierten Bericht des Experten – kein Laufbursche hätte sich davon täuschen lassen – und lud Mr. Fenervy zum Frühstück ein. Auch Anthony hatte ein Platinprojekt – einen Landstreifen in Nord-Rhodesien. Warum sollte man nicht, schlug der sanfte Tony vor, die beiden Besitzungen unter der Firma »Vereinigter Platintrust« zusammenwerfen und gemeinsam den Nutzen aus den beiden Ländereien ziehen? Fenervy war begeistert. Am nächsten Tag zahlte er seinem »Opfer« dreiundzwanzigtausend Pfund Einlage und hatte noch immer den Eindruck, daß er ein glänzendes und gewinnbringendes Geschäft mache.

 

So war Anthony Braid, dessen Vermögen keiner außer seinem Bankier kannte, bis zu jenem Morgen, an dem er einen Mann besuchte, der ihm die Tür wies; ein Mann zwar, der ihn gern hatte, aber in seiner Gegenwart seine Nerven verlor. Ob Tony Braid Lord Frensham mochte oder nicht, ist Nebensache. Seine Zuneigung galt so ausschließlich einem anderen Mitglied der Familie, daß Lord Frensham Argwohn und Mr. Julian Reefs Haß ihn gar nicht berührten.

 

»Mr. Anthony Braid, Mylord«, meldete der Diener. Lord Frensham rückte seinen tiefen Schreibtischsessel zurück, fuhr mit der Hand ungeduldig durch sein dichtes graues Haar und zog ärgerlich die Stirn in Falten.

 

»Hm«, knurrte er, blickte den Diener an und befahl dann mit einer ungeduldigen Geste: »Lassen Sie ihn eintreten, Charles!«

 

Ein breitschultriger, ohne Sorgfalt gekleideter, unrasierter Mann mit scharfen Zügen, großen Händen, rauher Stimme, kurz angebunden: das war der achte Earl von Frensham. Ein ehrlicher, aber dickköpfiger Mann, der in der City ein für immer verlorenes Familienvermögen wiederzugewinnen suchte, aber dessen schlichte, liebenswerte Eigenschaften sich in einem dauernden Kampf mit seiner rücksichtslosen Umwelt zermürbten.

 

Als Charles hinausgegangen war, öffnete er eine Schublade des Schreibtisches und entnahm ihr eine Mappe voller Dokumente, öffnete sie und betrachtete Bogen auf Bogen. Doch seine Gedanken waren nicht bei den Geschäften des Lulanga-Öl-Syndikats. Er überlegte die endgültige und vernichtende Antwort auf den Vorschlag, der ihm in wenigen Augenblicken gemacht werden würde. »Mr. Anthony Braid, Mylord.«

 

Der Mann, der dem Diener in die Bibliothek folgte, war der Typ des vollendeten Gentleman. Vom weißen Kragen bis zu den Spitzen der glänzenden Schuhe war er das Meisterwerk eines hervorragenden Schneiders und umsichtigen Kammerdieners. Sein schmaler Wuchs ließ ihn sehr groß erscheinen. Sein schwarzes Jackett saß tadellos. An der grauen Weste schimmerten Onyxknöpfe. Als einzigen Schmuck trug er eine Perle in der modernen Krawatte und eine dünne Platinuhrkette. Die weißen Hände, in denen er Handschuhe und den spiegelnden Zylinder hielt, schmückten keine Ringe. Mr. Anthony Braid war vierzig Jahre alt und hielt sich kerzengerade. Sein Haar war fast schwarz und betonte die Blässe seines langen, angenehmen Gesichts. Die Augen waren dunkel und unerforschlich. Er blieb stehen, hielt den Blick fest auf den Herrn des Hauses gerichtet, und beide schwiegen, bis sie allein waren.

 

»Nun«, rief Frensham ungeduldig, »setzen Sie sich, setzen Sie sich doch, Braid, oder haben Sie Angst, sich zu setzen?«

 

Braid legte Hut, Handschuhe und Stock mit bedächtiger Sorgfalt auf einen kleinen Tisch, zog die Hose an den Knien empor und setzte sich.

 

»Ein herrlicher Morgen«, begann er mit seiner tiefen, weichen Stimme und einem entwaffnenden Lächeln. »Wie geht es Ihnen, Frensham – und Lady Ursula?«

 

Lord Frensham war nicht in der Stimmung, sich über das Wetter oder seine Tochter zu unterhalten.

 

»Ich habe Ihren Brief erhalten«, erwiderte er grob, »und offen gesagt, halte ich ihn für eine – eine –«

 

»Unverschämtheit«, fiel Braid mit geheimnisvollem Lächeln in den Augen helfend ein.

 

»Sehr richtig«, stimmte. Frensham heftig zu, »wenn nicht Schlimmeres. Was Sie mir da mitteilen, ist im Grunde nichts anderes, als daß Julian Reef, der nicht nur mein Neffe, sondern auch mein Mitdirektor ist, den Kurs der Lulanga-Öl-Aktien hinuntertreibt, d. h., daß er sich bemüht, mich zu ruinieren. Ich muß Ihnen schon sagen, Braid, ich war nicht wenig erstaunt, daß Sie eine so unerhörte Anschuldigung schriftlich niederlegen. Natürlich werde ich Reef Ihren Brief nicht zeigen, sonst –«

 

Braids dunkle Augen flammten auf. »Warum wollen Sie ihm den Brief nicht zeigen?« fragte er sanft. »Ich habe nicht die geringste Angst vor einer Verleumdungsklage. Ich besitze etwa sechshunderttausend Pfund – vielleicht etwas mehr. Kein Gericht hat jemals solchen Schadenersatz zugesprochen. Ich werde immer noch genug zum Leben übrigbehalten.«

 

Frensham blickte finster zu ihm auf. »Das mag sein«, sagte er, »aber ich lege keinen Wert darauf, diese Dinge an die große Glocke zu hängen. Ich will ganz offen mit Ihnen reden, Braid. Jemand treibt den Kurs dieser Aktien hinunter. Die Kurse fallen täglich – und dieser Jemand sind Sie! Lassen Sie mich, bitte, ausreden! Sie haben einen gewissen Ruf – einen Spitznamen –«

 

»Der gerissene Kerl«, lachte Braid, »ich bin stolz darauf. Gauner nennen mich so, weil es ihnen nicht gelingt, mich reinzulegen. Und mein lieber Freund Reef hat sich, weiß Gott, Mühe genug gegeben, mich hineinzulegen!«

 

»Sie sind Rennstallbesitzer mit einem eigenartigen Ruf –«

 

Wieder unterbrach ihn der Mann mit den dunklen Augen.

 

»Sagen Sie doch ›üblen‹, wenn es Ihnen Spaß macht. Es ist zwar nicht ganz wahr, aber es macht die Dinge für Sie leichter, mein lieber Frensham. Also sagen Sie ruhig ›mit einem üblen Ruf‹ oder darf ich Ihnen zur Abwechslung ›einen gefährlichen Ruf‹ vorschlagen?«

 

Lord Frensham machte eine nervöse Bewegung.

 

»Vielleicht sind Sie besser als Ihr Ruf, aber Sie haben ihn nun einmal. Sie sind für weit mehr Leute ›der gerissene Kerl‹ als Mr. Tony Braid. Und darum können Sie von mir wirklich nicht erwarten, daß ich Ihnen glaube, mein bester Freund arbeite an meinem Ruin und betrüge mich und die Gesellschaft.«

 

»Der gerissene Kerl« lächelte, entnahm seiner Tasche ein goldenes Zigarettenetui, bat mit einem Blick um Erlaubnis, zündete sich umständlich die Zigarette an und legte das Streichholz sorgsam in eine Aschenschale.

 

»Leuchtet es Ihnen nicht ein, daß es ziemlich naiv wäre, Ihren Freund zu beschuldigen, wenn ich selbst den Kurs Ihrer Aktien hinuntergetrieben hätte? Der gerissene Kerl würde eine so törichte Anklage gegen einen Mann Ihres Vertrauens erheben? Trauen Sie mir doch wenigstens ein bißchen Intelligenz zu und –«

 

Plötzlich öffnete sich die Tür. Eine Dame und ein Herr traten ein. Beim Anblick des Mädchens erhob sich der elegante Mr. Braid. Die blonde, kraftvolle Schönheit Ursula Frenshams raubte ihm den Atem, sooft er sie sah. Sie kam auf ihn zu und streckte ihm, Überraschung und jähe Freude in den Augen, die Hand entgegen.

 

»Tony, Sie sind ein schlechter Mensch!« rief sie. »Sie haben sich seit Monaten nicht bei uns sehen lassen.«

 

Ihres Vaters Mißbilligung konnte sie nicht bemerken, aber sie hätte vielleicht ahnen können, daß der lächelnde junge Mann, der ihr folgte, nicht mehr lächelte.

 

»Ich bin nicht gekommen, weil man mich nicht eingeladen hat«, erklärte Tony Braid mit dem kleinen, drolligen Lachen, das ihm eigen war. »Keiner liebt mich, Ursula, ich bin verfemt auf der weiten Erde.«

 

»Reden Sie nicht so närrisches Zeug«, wies ihn Frensham zurecht.

 

Mr. Reef schüttelte das starre Erstaunen über den unerwarteten Anblick des verhaßten Mannes ab und lächelte wieder. Er lächelte immer, dieser Mann mit dem roten Gesicht, dem dichten, rötlichbraunen Haar und den herrlichen weißen Zähnen. Er sah merkwürdig jung aus, trotz seiner dreißig Jahre, und hatte eine jungenhafte Art, mit verletzender Offenheit Wahrheiten von sich zu geben. Freilich waren es Wahrheiten, die wie Peitschenhiebe saßen, und auch sein freies und fröhliches Lächeln dabei war nur ein gelinder Trost.

 

»Quatsch, Braid«, sagte er, »Sie tun sich wohl schrecklich leid! Wenn ihr Burschen in den Fünfzigern euer Haar auch noch so verdächtig dunkel und eure Taillen Gott weiß wie schlank bewahrt, die Grämlichkeit platzt euch doch aus allen Nähten. Ich habe Sie zu Gesellschaften eingeladen, alter Junge, aber Sie saßen da wie ein Ölgötze!«

 

Braid blieb ganz ruhig.

 

»Ihre Gesellschaften haben mich gelangweilt«, sagte er obenhin, »und wenn ich mich langweile, werde ich nun mal grämlich. Ich habe Ihre Gesellschaften endgültig an meinem neununddreißigsten Geburtstag aufgegeben. Der war voriges Jahr. Und, offen gesagt, Ihre Freundinnen gefallen mir nicht. Da ziehe ich Ballettmädels vor. Die tun wenigstens nicht, als ob sie was Besseres wären.«

 

Julian Reef lachte zwar, aber nicht besonders herzlich.

 

»Faucht euch nicht an«, schalt Ursula vorwurfsvoll.

 

»Väterchen, lade Tony doch zum Lunch ein, und Tony, benehmen Sie sich anständig!«

 

Lord Frensham fühlte sich offenbar sehr unbehaglich.

 

»Ich kann Braid nicht zum Lunch einladen, weil ich in meinem Klub esse«, wich er aus. »Und jetzt, meine liebe Ursula –«

 

Er hielt inne.

 

»Ach so, ihr habt Geschäfte! Nur noch eins: Väterchen, du bist wieder nicht rasiert!« Sie nickte Tony zu und ging aus dem Zimmer.

 

Mr. Julian Reef blickte von einem zum andern.

 

»Ich störe wohl?« fragte er ahnungsvoll.

 

Tony Braid antwortete: »Nein. Es betrifft Sie. Zeigen Sie ihm den Brief, Frensham, den ich Ihnen geschrieben habe.«

 

»Ich denke nicht daran«, wehrte Frensham ab. »Ich habe Ihnen schon gesagt –«

 

»Daß Sie keinen Skandal wünschen«, ergänzte Tony Braid ruhig. »Und ich versichere Ihnen: es wird keinen Skandal geben.«

 

Er ging langsam zum Schreibtisch und tippte mit dem Zeigefinger auf die blankpolierte Platte, jedes Wort unterstreichend.

 

»Bis vor sechs Monaten waren Sie und ich die besten Freunde. Ich bilde mir ein, ich habe Ihnen in manchem geholfen, auch verstehe ich von Börsengeschäften mehr als Sie. Ich sage das weder, um mich wichtig zu machen, noch als Vorwurf. Sie haben mit Ihr Haus geöffnet und mir gestattet, mich Ursula zu nähern. Und dann schicken Sie mir plötzlich einen Brief, verbitten sich meine Besuche und verbieten mir, Ihrer Tochter Aufmerksamkeiten zu erweisen. Heute morgen haben Sie plötzlich entdeckt, daß City-Gauner und Rennbahnabenteurer mich einen ›gerissenen Kerl‹ nennen – eine Tatsache, die Sie seit Jahren kennen! Sie werfen mir vor, daß ich den Kurs Ihrer Aktien hinuntertreibe, indem ich Lulangas hinter Ihrem Rücken verkaufe. Ich begegnete dieser Beschuldigung mit dem kategorischen Hinweis, daß der Mann, der Lulanga-Öl-Aktien verkauft und Sie an den Rand des Verderbens gebracht hat, Ihr Neffe, Mr. Julian Reef, ist, der aus irgendeinem Grund – offenbar einem höchst egoistischen – seit drei Wochen laufend Lulangas verkauft.«

 

Julian Reefs Gesicht war plötzlich wutentstellt. Er packte Braid an der Schulter und schwenkte ihn zu sich herum.

 

»Sie sind ein verfluchter Lügner!« schnaubte er.

 

Im nächsten Augenblick lag er auf der Erde. Im Sturz hatte er einen Stuhl mitgerissen.

 

»Halt, Braid!« Frensham war aufgesprungen und zwischen die beiden Männer getreten.

 

Braid nahm seinen Hut und strich sorgsam glättend über dessen Rand. Ein kleines Lächeln spielte in den Winkeln seines Mundes.

 

»Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen, Frensham«, sagte er. »Aber noch kein Mann hat mich ungestraft ins Gesicht einen Lügner genannt. Übrigens verwaltet Mr. Reef, soviel ich weiß, gewisse Gelder Ihrer Tochter Ursula. Ich erlaube mir, Ihnen zu raten, durch einen Ihrer Buchhalter dieses Vermögen nachprüfen zu lassen. Selbst gelbe Diamanten kosten allerhand Geld.«

 

Ohne übertriebene Eile griff er nach Handschuhen und Stock. Reef war inzwischen wieder auf die Füße gekommen, hielt sich den getroffenen Unterkiefer, blickte Braid mit tödlichem Haß an, wagte aber nicht, ihn aufzuhalten.

 

Kapitel 10

 

10

 

Tony Braid hatte sein Frühstück beendet, steckte sich eine lange schwarze Zigarettenspitze in den Mund und sah seine Post durch. Er fühlte, daß jemand das Zimmer betreten hatte, blickte sich aber erst um, als er ein unterdrücktes Lachen und seinen Namen hörte. Mit einem Ruck hob er den Kopf.

 

»Großer Gott, wie kommen Sie hierher?«

 

»Ich bin von Somerset hergefahren«, sagte Ursula. »Es ist dort zum Sterben langweilig, Tony. Ich bin bei Verwandten meines geliebten Vaters. Furchtbar kleinliche Menschen, die entsetzt sind, daß ich nicht dauernd weine und lamentiere. Sie selbst trauern schrecklich; aber ich glaube, das ist der Normalzustand bei ihnen.« Sie sah sehr hübsch aus, sehr groß und schlank, und für ihn betrübend jung. Ihr sonst blasses Gesicht war rosa überhaucht von der raschen Fahrt in der Morgenluft.

 

»Haben Sie Ihre Zelte abgebrochen?«

 

Sie seufzte und schüttelte den Kopf.

 

»Vorläufig muß ich noch dort bleiben. Nur durch die raffiniertesten Lügen habe ich mich überhaupt fortgeschmuggelt. Der Butler ist die einzig fühlende Seele. Wie steht’s mit seinem Tip?«

 

»Er gewinnt bestimmt«, versicherte Braid. Dann fragte er: »Haben Sie schon gefrühstückt?«

 

Sie hatte in Oxford Kaffee getrunken. Er klingelte und bestellte ihr ein zweites Frühstück.

 

»Alle Zeitungen sind voll von Ihrem Barley Tor. Warum lassen Sie zwei Pferde laufen?« wollte sie wissen.

 

»Weil ich ein gerissener Kerl bin«, erklärte Tony. »Mr. Rex Guelder wäre auch sehr enttäuscht, wenn ich es nicht täte.«

 

Ihre Miene verfinsterte sich.

 

»Ich hasse den Menschen. Er hat etwas Widerliches an sich.«

 

»Kennen Sie ihn denn näher?« fragte er gespannt und dachte an ihre frühere Erwähnung des Holländers.

 

»Er kam zwei- bis dreimal zu uns ins Haus. Nie habe ich ein solches Gefühl des Unbehagens empfunden wie in seiner Nähe. Nein, frech war er durchaus nicht, im Gegenteil, eher schleimig liebenswürdig. Einmal küßte er mir die Hand. Ich wehrte es ihm nicht, weil ich es für eine kontinentale Sitte hielt. Er hat etwas an sich, was vielleicht nur eine Frau empfindet. Man fühlt die Gemeinheit seines Wesens. Es überkommt einen fast körperlich. Julian behauptet, er sei sehr klug.«

 

»Haben Sie etwas von Julian gehört?«

 

Sie schüttelte heftig den Kopf. »Ich möchte auch nichts von Julian hören«, rief sie erbittert. »Wir sind nicht im besten Einvernehmen geschieden. Vielleicht habe ich nicht recht gehandelt, Tony, ich sagte ihm, wir beide wären übereingekommen, die Sache mit meinen Aktien nicht allzu genau nachzuprüfen. Der arme Vater! Man hat mir gesagt, daß seine geliebten Lulanga-Aktien zu einem lächerlichen Preis verkauft würden – für fünf Schilling oder so.«

 

Braid berichtete:

 

»Zu diesem Kurs werden sie nicht verkauft, sondern angeboten. Es sollte mich sehr wundern, wenn überhaupt Geld dafür zu kriegen wäre. Das Merkwürdige daran ist, daß die letzten Berichte, die ich gelesen habe, außerordentlich günstig lauteten. Kein Mensch in der City weiß, was eigentlich los ist. Ein Gerücht geht um, die Quellen wären versiegt. Das ist aber ganz unbestätigt. Und nach dem wenigen, was ich von Öl verstehe, hätten wir sicher sehr genaue Nachricht, wenn das wahr wäre.«

 

»Wir?« fragte sie verwundert. »Sind Sie denn auch an diesen unseligen Aktien beteiligt?«

 

Er nickte langsam.

 

»Ja – nicht persönlich. Aber Sie vergessen, daß ich Testamentsvollstrecker und Nachlaßverwalter Ihres Vaters bin. Er besaß ein enormes Paket dieser Aktien und Sie wahrscheinlich auch.«

 

Nach langem Schweigen fragte Sie: »Können Sie es verstehen, Tony? Je länger ich darüber nachdenke, desto unbegreiflicher erscheint mir alles. Warum sollte Vater Selbstmord begangen haben, nachdem Sie ihm Ihre Hilfe zugesagt haben?«

 

»Ich glaube, er hat meinen Brief nicht gelesen«, erklärte Tony und mied den Blick. »Das Kuvert und der Scheck lagen zerrissen im Papierkorb. Eine ganz unerklärliche Sache – vorläufig noch.«

 

Er wechselte brüsk das Thema und fragte nach ihren Plänen für die nächste Zukunft. Sie war eigentlich von Somerset aufgebrochen, um nicht wieder zurückzukommen. Unterwegs aber hatte sie ihre Absicht geändert und sich entschlossen, doch zurückzufahren und sich durch ein Telegramm abrufen zu lassen – wenn Braid die Verschwörerrolle übernehmen wollte.

 

»Ich glaube, ich könnte in unserem Haus in Hampstead wohnen«, sagte sie. »Viele Mädchen in meinem Alter wohnen allein. Schlimmstenfalls habe ich eine entfernte Tante, die irgendwo in Cumberland wohnt. Die kann ich zu mir bitten.«

 

Sie sah auf die Uhr. »Sie müssen jetzt natürlich zum Rennen? Ich werde bleiben, und wenn Sie fort sind, in Ihrem herrlichen Badezimmer ein Bad nehmen, Sie Genießer! Und dann werde ich mich langsam zu den romantischen Alleen von Somerset und der schrecklichen Langeweile bei den Pollys zurückschlängeln.«

 

Trotz ihrer äußeren Fröhlichkeit erschien sie ihm wie eine verlorene, bemitleidenswerte Gestalt, als sie unter dem Vorbau des Hauses stand und ihm nachwinkte. Er kannte nicht das Geheimnis ihrer Erbschaft und wußte nicht, wann sie ausgezahlt werden würde. Er wußte nur, daß sie außer einem winzigen Einkommen aus einem kleinen Gut im Norden so gut wie nichts besaß. Er wußte auch, daß sie keine Hilfe annehmen würde, wenn er nicht … Er seufzte schwer. Dann wurde er auf sich zornig. Alberne Gefühlsduselei! Er war vierzig, hatte das halbe Leben hinter sich. Sie war fast zwanzig Jahre jünger. Eins war ihm klar: er durfte sie niemals bitten, ihm ihre Jugend zu opfern und seine Frau zu werden. Das wäre nicht fair. Ihm blieb nichts übrig, als für ihre Zukunft zu sorgen und hinter einem fröhlichen Gesicht den bitteren Schmerz zu verbergen, einem anderen zu überlassen, worum er nicht zu kämpfen gewagt hatte … Aber der Glückliche durfte nicht Julian Reef sein! Bei diesem Gedanken verzerrte sich Braids Gesicht.

 

Fast der erste, dem er begegnete, als er nach Singleton Hill hinausfuhr und zu der herrlichen Rennbahn kam, war Elk. Er stand in der Nähe des Sattelplatzes, den Zigarrenstummel im Mund und einen Ausdruck tiefster Melancholie auf seinem unglücklichen Gesicht. Er sah zu, wie Tony aus dem Wagen stieg, ohne das geringste Zeichen des Erkennens zu geben, so daß Braid, in der Meinung, er wolle nicht angesprochen werden, an ihm vorübergehen wollte.

 

»He, Mr. Braid, wie stehen die Chancen? Ich habe vierzehn Pfund auf Ihren sicheren Sieger gesetzt. Es war sehr nett von Ihnen, mir den Tip zu schicken, aber wenn irgend etwas Ihren Gaul kaputt machen kann, bin ich’s. Ich habe noch nie auf einen Sieger gesetzt. Im Moment, in dem er mein Geld fühlt, dreht sich das Vieh um und läuft falsch. Sicher hat er schon von meiner Wette gehört.«

 

Er zeigte mit dem Blick nach den Ställen.

 

»Einige liebe Freunde von Ihnen da drinnen – trauernder Neffe mit Kompagnon. Ich habe zwar keinen von ihnen weinen sehen, aber etwas anderes habe ich dafür gesehen. Ihren famosen Brief.«

 

»Was?« rief Tony eifrig, »haben sie ihn abgedruckt?« Er hatte diesen Brief ganz vergessen, den er nach Fleet Street geschickt hatte.

 

»Ob sie ihn gedruckt haben? Auf der anderen Seite!«

 

Elk zog eine Zeitung aus der Tasche, entfaltete sie und zeigte auf einen Artikel, der also begann:

 

Wir haben folgende Zeilen von Mr. Anthony Braid, dem Besitzer zweier Bewerber um den heutigen Steward-Pokal, erhalten:

 

An den Redakteur der »Sporting Times«!

 

Sehr geehrter Herr!

 

Ich nehme zur Kenntnis, daß die Öffentlichkeit meinen Hengst Barley Tor zum Favoriten gewählt hat. Es erscheint mir dem Sportpublikum gegenüber nur billig, wenn ich hiermit die Nachricht veröffentliche, daß ich zwei Pferde laufen lassen werde und daß meine Stute Lydia Marton im Gewicht etwas besser ist. Ich lasse dahingestellt, welches Pferd gewinnen wird, auch ob Barley Tor in dem Rennen besser abschneiden wird als im Training. Jedenfalls halte ich es für meine Pflicht, der Öffentlichkeit diese Tatsachen nicht vorzuenthalten.

 

Dann folgte eine redaktionelle Notiz:

 

Mr. Anthony Braid ist ein ausgezeichneter Kenner des Turfs, und seine Ansichten, zumal über seine eigenen Pferde, verdienen besondere Beachtung. Indessen kann nach allem, was man von den beiden Pferden weiß, kein Zweifel darüber herrschen, daß Barley Tor die besseren Aussichten hat.

 

»Wie werden die Leute setzen?« fragte Tony, während er die Zeitung zurückreichte.

 

Elk zündete sich den Zigarrenstummel wieder an, ehe er antwortete. »Das Vertrauen der Öffentlichkeit in Sie, Mr. Braid, ist so groß, daß Barley Tor, als Sie ihn kaum madig gemacht hatten, auch schon heißester Favorit wurde. Er steht 5:2.«

 

Während Tony zu den Stallungen schritt, hörte er einen Mann sagen: »Da ist er, der gerissene Kerl.«

 

Ein anderer wäre vor Wut hochgegangen. Braid amüsierte sich darüber. Er wußte ja, wer diesen üblen Ruf verbreitete.

 

Erst als er aus den Stallungen zurückkam, begegnete er Julian, der ihn mit einem schwachen Lächeln begrüßte und liebenswürdig auf ihn zukam. Er war in freundlicher Stimmung.

 

»Ich komme nicht oft zum Rennen, Braid, aber ich wollte mir mal einen freien Tag gönnen. Ich habe auf Ihr Pferd gesetzt.«

 

»Ich bin entzückt«, entgegnete Tony ohne Begeisterung. »Und welcher meiner beiden Vertreter hat die Ehre, für Sie ein paar Pfund gewinnen zu dürfen?«

 

Julian lächelte geheimnisvoll. Ihm schien der Augenblick sehr komisch.

 

»Sie haben natürlich auf Ihre beiden Pferde gesetzt?« scherzte er.

 

»Nein«, sagte Tony schlicht, »nur auf eins. Ich habe tausend Pfund auf Lydia Marton, und zwar auf Sieg, gesetzt, und ich glaube, ich werde um zwölf- bis vierzehntausend Pfund reicher heimkehren, als ich herkam.«

 

Julian lachte. In diesem Augenblick trat ein gemeinsamer Bekannter auf sie zu, grüßte Julian flüchtig mit einem Nicken und wandte sich dem Besitzer von Barley Tor zu.

 

»Ich höre, Ihr Pferd wurde bei einer Probe geschlagen, ich meine Barley Tor. Man sagt, Lydia Marton schlug ihn. Wem halten Sie die Stange?«

 

»Lydia Marton«, erwiderte Tony und blickte beiseite.

 

Der Frager grunzte ungläubig.

 

»Er scheint Ihnen nicht zu glauben, Braid.«

 

Tony merkte, daß der unsympathischste Mann dieser Erde noch immer da war.

 

»Scheint so. Drollige Sache. Aber es ist das Schicksal der Wahrheit, daß sie am schwersten Glauben findet.«

 

Guelder wartete am Eingang zum Sattelplatz in ziemlicher Ungeduld auf den Freund. Als sie dann zu ihren Sitzen schlenderten, fragte der Holländer:

 

»Was hat er gesagt?«

 

»Das alte Märchen«, erwiderte ihm Julian. »Dieser Kerl ist wirklich zu dumm!«

 

Guelder rieb sich nachdenklich die Backe. »Für dumm wollen wir diesen Mann lieber nicht verkaufen«, erwiderte er, »aber ich habe das Proberennen ja mit meinen eigenen Augen gesehen.« Seine Züge erhellten sich. »Und auf Pferde verstehe ich mich.«

 

Sie stiegen zur Tribüne hinauf und sahen das Feld zum Start hinabreiten. Guelder zeigte auf zwei Pferde, die man kaum verwechseln konnte. Lydia Marton trug die ersten Farben, gewöhnlich das einzige Zeichen, durch das der Rennstallbesitzer der Öffentlichkeit seine persönlichen Hoffnungen verrät.

 

»Ich werde dir sagen, wie das Rennen sich abspielen wird«, flüsterte Guelder vertraulich Reef zu. »Erst werden wir sehen, wie Lydia einen Scheinversuch macht, die Spitze zu halten. Dann wird Barley Tor wie der Blitz vorgehen, und damit wird das Rennen zu Ende sein.«

 

Julian überflog zerstreut die Menge, die die Tribünen füllte, und sah plötzlich auf dem Platz der Mitglieder des Rennvereins sein schwarzes Schaf.

 

»Weiß der Henker, wie dieser Kerl in einen so vornehmen Klub wie Goodwood hineinkommt!« knurrte er gereizt. »Jedenfalls wird sein Name nach diesem Rennen bei einem großen Teil des Publikums Dreck sein. Ich habe jedem Bekannten in der City geraten, auf Barley Tor zu setzen.«

 

Von den Tribünen, von den Stehplätzen stieg ein wilder Schrei zum Himmel auf. Gläser starrten auf die Bahn. Ehe der unerfahrene Julian Reef die Farben noch erkannte, waren die Pferde schon halbwegs am Ziel. Braids Stallgefährten liefen Seite an Seite, weit vor dem Feld. Dann sah er die kastanienbraune Stute losziehen, offenbar ohne jede Anstrengung. Zwei Längen vor dem Hengst ging sie durchs Ziel.

 

Kapitel 6

 

6

 

Als er in sein Büro kam, war das junge Mädchen im Begriff, auf dem elektrischen Kocher Tee zu bereiten.

 

»Hallo!« stutzte er. »Ich hatte Sie tatsächlich vergessen. – Sagen Sie mal«, fragte er dann eilig, »hatte Stuart denn keine Manschettenknöpfe?«

 

Sie nickte und nahm ein kleines Päckchen vom Tisch.

 

»Der Kommissar hatte vergessen, sie mitzuschicken; sie wurden gebracht, als Sie gerade fortgegangen waren.«

 

Er öffnete das Papier und fand zwei einfache, goldene Knöpfe ohne Monogramm oder Wappen.

 

Larry nahm den halben Manschettenknopf in Emaille und Brillanten aus der Tasche und untersuchte ihn sorgfältig.

 

»Was ist das?« fragte sie. »Haben Sie das in seiner –« Sie zauderte.

 

»Ja, ich habe das in seiner Hand gefunden«, sagte er kopfnickend.

 

»Sie glauben also, es ist Mord?«

 

»Ich bin absolut davon überzeugt«, sagte er ruhig. »Es wird aber ungeheuer schwierig sein, den Mord zu beweisen, und wenn sich nicht ein Wunder ereignet, wird der Schuft, der dies Verbrechen begangen hat, frei ausgehen.«

 

Er nahm die Schale aus dem Wandschrank und legte die beiden goldenen Manschettenknöpfe und den halben, den er in der Hand des Toten gefunden hatte, zu den übrigen Gegenständen.

 

Dann fiel ihm ein, daß er die kleine braune Papierrolle noch nicht näher untersucht hatte. »Ich habe keine Ahnung, was das bedeuten soll; er hatte die Rolle in der Tasche.«

 

Er wickelte sie auseinander und legte das Papier flach auf den Tisch. Das junge Mädchen, das ihm gegenüber an der anderen Seite des Tisches stand, beugte sich vor und sah zu, wie er den ungefähr zehn Zentimeter langen und kaum halb so breiten Papierstreifen glättete.

 

»Hier ist nichts zu sehen«, sagte er und drehte es um, »und auf der anderen Seite auch nichts. Ich werde es mal morgen photographieren lassen.«

 

»Einen Augenblick, bitte«, sagte sie auf einmal, nahm ihm das Papier aus der Hand und fuhr vorsichtig mit ihren zarten Fingerspitzen über die Oberfläche.

 

Er sah, wie sie erbleichte.

 

»Ich habe es mir gedacht«, flüsterte sie, »und ich war beinah sicher, als ich die Erhabenheiten sah.«

 

»Was ist es denn?« fragte er hastig.

 

»Hier sind einige Worte in Braille geschrieben – Blindenschrift«, sagte sie und ließ ihre Fingerspitzen langsam über das Papier hin und her gleiten.

 

»Braille?« wiederholte er erstaunt.

 

Sie nickte.

 

»Ich habe es in der Blindenanstalt gelernt, aber mehrere Worte sind beschädigt, wahrscheinlich durch das Wasser. Wollen Sie bitte aufschreiben, was ich Ihnen vorbuchstabiere?«

 

Er ergriff einen Bleistift, riß ein Stück Papier von dem Block und wartete.

 

Das erste Wort ist ›gemordet‹«, begann sie, »und dann kommt ein Zwischenraum, dann das Wort ›dear‹; Lieber. Hier in Hinsicht auf das weitere Verständnis unübersetzbar. dann kommt wieder ein Zwischenraum, und jetzt das Wort ›See‹ – das ist alles.«

 

Die unheimliche Mitteilung lag zwischen ihnen auf dem Tisch, und sie starrten einander an. Welcher bedauernswerte Blinde hatte inmitten all der trüben Schatten, die aus dem Nebel um ihn herum stammelten und schnatterten, diese Botschaft gesandt? Wessen Knopf hielt der tote Mann krampfhaft in seinen erstarrten Fingern? Warum hatte man ihn ermordet?

 

Eine Tatsache stand unumstößlich fest, und Larry wußte, daß diese alle seine ferneren Handlungen beeinflussen würde.

 

»Mord«, sagte er leise, »Mord, und ich werde den Mann finden, der das getan hat, und wenn ich ihn aus der Hölle holen muß!«