Kapitel 11

 

11

 

Dick Mayford und Anna Jeans saßen sich beim Essen gegenüber. Es war ziemlich einsilbig verlaufen, aber als Charles den Kaffee gebracht hatte, hielt Dick es nicht mehr aus.

 

»Anna, haben Sie heute etwas Unangenehmes erlebt – im Wald? Ich sah, wie Sie zurückkamen.«

 

»Wenn Sie gesehen hätten, wie ich wegging, wäre es besser gewesen«, erwiderte sie vorwurfsvoll.

 

»Was ist denn passiert?«

 

Sie antwortete nicht, und er wiederholte seine Frage.

 

»Ach nichts – nichts, was Sie angeht.« Sie lehnte sich plötzlich vor. »Ich habe mich immer gewundert, daß Leute aridere Menschen umbringen können. Das war mir unbegreiflich. Sooft ich von einem Mord las, hatte ich das Gefühl, daß er in einer anderen Welt passiert sein müßte, mit der ich nichts zu tun habe. Aber jetzt weiß ich wenigstens, wie man zu so etwas kommen kann.«

 

Sie sprach leise, aber ihre Stimme klang nicht ganz fest. Dick war sprachlos über die Leidenschaft, die er hinter ihren Worten spürte.

 

»War es Keller? Was hat er Ihnen getan?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Sie brauchen sich keine Sorgen um mich zu machen wenigstens nicht in der Beziehung.«

 

Sie blickte aufs Tischtuch und zeichnete mit dem Löffel sonderbare Linien darauf.

 

»Es war so entsetzlich, weil er sich nicht mit einem Kuß zufriedengeben wollte. Ich konnte ihn einfach nicht loswerden.«

 

Dick kochte vor Wut über diesen Keller. Er glaubte auch nicht recht, daß das schon alles gewesen war.

 

»Haben Sie mit jemanden darüber gesprochen?« fragte er plötzlich. »Etwa mit Lorney?«

 

»Nein, nur Ihnen habe ich es erzählt. Ach, eigentlich ist es gar nicht wert, daß man sich so darüber aufregt. Aber –«

 

In diesem Augenblick trat Charles ins Zimmer.

 

»Es möchte Sie jemand am Telefon sprechen, Mr. Mayford.«

 

Dick sah ihn an und fragte: »Wer denn?«

 

»Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, Lord Arranways.«

 

Anna schaltete sich ein.

 

»Ist er denn nicht zur Stadt gefahren? Ich wollte dringend mit Ihnen über ihn sprechen und über –«

 

»– meine Schwester?« fragte er geradezu. »Wahrscheinlich hat man Ihnen auch darüber Gerüchte zugetragen. Haben Sie etwas gehört?«

 

Sie wurde rot.

 

»Sie dürfen den Lord nicht so lange warten lassen.«

 

Als er hinausging, kam sie ihm in die Diele nach und wartete dort, bis er zurück war. Er sah bedrückt und niedergeschlagen aus.

 

»Der Lord ist in einem Dorf, ein paar Meilen von hier entfernt. Was er dort eigentlich tut, ist mir schleierhaft. Jedenfalls muß ich hinfahren und mit ihm sprechen.«

 

Hilflos schaute Dick von ihr zu Charles. Er machte sich immer noch Sorgen um sie.

 

»Können Sie nicht irgend etwas unternehmen – irgendwo anders hingehen? Vielleicht ins Kino?« schlug er vor. »Ich möchte Sie nicht alleine hierlassen.«

 

»Bitte, machen Sie doch nicht so ein Theater wegen dieser Sache«, sagte sie beinahe ärgerlich. »Ich komme bestimmt nicht mit, und morgen fahre ich ja nach London.«

 

Dick sah sich um.

 

»Wo ist eigentlich Mr. Lorney?«

 

»Der wird schon irgendwo sein«, meinte Charles unbestimmt. »Er sagt mir nie, wo er hingeht.«

 

Dick und Anna trennten sich etwas verlegen. Ohne ein Wort zu sagen, ging Anna die Treppe hinauf. Dick wartete, bis er sie nicht mehr sehen konnte; dann fiel ihm schlagartig alles ein, was er sie noch hatte fragen wollen. Aber nun war es zu spät.

 

*

 

Die erste Tür im Korridor führte zu Kellers Zimmer, und Anna seufzte erleichtert auf, als sie von drinnen nichts hörte.

 

Sie öffnete ihre eigene Tür und schloß sie hinter sich. Der Raum lag im Dunkeln, und sie tastete nach dem Schalter.

 

»Mach kein Licht«, sagte plötzlich eine Stimme.

 

Anna fuhr zusammen.

 

»Wer ist da?« brachte sie mühsam hervor, aber die Frage war eigentlich überflüssig. Sie wußte nur zu gut, wer es war. Jetzt sah sie auch die Silhouette eines Mannes, die sich deutlich gegen den helleren Hintergrund des Fensters abhob.

 

»Ich muß mit dir sprechen. Ich möchte mich wegen meines Benehmens heute nachmittag entschuldigen – ich hatte den Kopf verloren. Hoffentlich hast du Dick Mayford nichts gesagt. Der ist imstande und bringt mich um. Seit Stunden habe ich gewartet, daß du endlich kommst.«

 

»Wenn Sie nicht sofort mein Zimmer verlassen, rufe ich Mr. Lorney!« rief sie schrill. Im Innern verachtete sie sich dabei selbst, daß sie es nicht fertigbrachte, Keller allein loszuwerden.

 

Sie versuchte noch einmal, den Schalter zu erreichen, aber er zog sie an sich. Der Duft seines Herrenparfüms verriet, daß er darin einen guten Geschmack hatte. Aber das interessierte sie jetzt nicht.

 

»Ich liebe dich«, flüsterte er eindringlich. »Noch nie ist mir ein Mädchen begegnet, das so schön und begehrenswert war wie du.«

 

Er küßte sie. Sie stand wie gelähmt. Aber plötzlich riß sie sich los, schlug ihn ins Gesicht und stürzte auf die Balkontür zu.

 

Sie schloß auf und lief den Balkon entlang, die Treppe hinunter und ums Haus. Ein Mann stand in der Eingangstür. Sie lief an ihm vorbei und kam atemlos in der Diele an.

 

Lorney, der hinter der Theke gesessen hatte, stand auf und kam auf sie zu.

 

»Aber Miss Anna, was ist denn mit Ihnen los?«

 

»Ein Mann ist in meinem Zimmer!«

 

Lorney ließ sie los, eilte die Treppe hinauf, riß die Tür zu ihrem Zimmer auf und machte Licht. Es war leer, und die Balkontür stand weit offen. Eine Ecke des Teppichs war hochgeschlagen, als ob jemand mit dem Fuß darüber gestolpert wäre.

 

»Offensichtlich ein Einbrecher, der Parfüm benutzt«, sagte plötzlich eine ruhige Stimme. »Solche Leute mag ich gerne.«

 

Lorney drehte sich um und sah Collett, der ihn vom äußeren Ende des Korridors beobachtet hatte und nun hinter ihm stand.

 

»Er muß durch die Balkontür hinaus sein«, meinte Lorney.

 

Der Kriminalbeamte nickte.

 

»Das junge Mädchen anscheinend auch, denn ich habe sie zwar hinauf-, aber nicht wieder hinuntergehen hören. Wer kann denn der Mann gewesen sein?«

 

»Das bringe ich schon noch heraus«, erwiderte Lorney ruhig. »Eine Ahnung habe ich jedenfalls.«

 

Als er wieder unten war, fragte er Anna: »Sie haben den Mann nicht erkannt?«

 

Sie sah von Collett zu Lorney und schüttelte den Kopf. Collett merkte, daß sie nicht die Wahrheit sagte.

 

»Nein, er hat mich furchtbar erschreckt, das war alles.«

 

Als Lorney Anna beruhigt hatte, machte er sich auf die Suche nach Keller.

 

Er fand ihn in seinem Zimmer.

 

»Ich war die ganze letzte Stunde hier und habe Briefe geschrieben, an meine Verlobte in Australien«, erklärte er kühl.

 

»Jemand war in Miss Jeans‘ Zimmer. Waren Sie das vielleicht?« fragte Lorney finster.

 

Keller ließ sich nichts anmerken.

 

»Nein, ich war es nicht – aber der Eindringling hat jedenfalls keinen schlechten Geschmack bewiesen. – War es vielleicht der ›Alte‹? Aber eigentlich sind doch junge Mädchen nicht sein Gebiet. Hat Miss Jeans ihn denn nicht erkannt?«

 

»Woher wissen Sie denn, daß Miss Jeans ihn gesehen hat?« fragte Lorney mißtrauisch.

 

»Na, irgendwer muß ihn doch gesehen haben, sonst würde doch nicht dies Tamtam um ihn gemacht. – Meinen Sie, er ist hier im Zimmer? Vielleicht sehen Sie sicherheitshalber einmal unter dem Bett nach.«

 

Keller nahm sich eine neue Zigarette aus der Kiste, die vor ihm auf dem Schreibtisch stand.

 

Lorney ging wütend aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Unten in der Diele hörte er Collett lachen. Es ärgerte ihn, daß er sich offensichtlich keine Sorgen mehr um den Einbrecher machte.

 

»Sie gehören also auch zu diesen amerikanischen Superdetektiven, von denen man soviel hört«, sagte Collett gerade.

 

»Ach, übertreiben Sie doch nicht so.« Das war Captain Rennetts Stimme. »Auf der ganzen Welt hört man nur Wunderdinge von der englischen Kriminalpolizei.«

 

»Wonach suchen Sie hier eigentlich, Captain?« fragte Collett.

 

»Oh – ich interessiere mich für den ›Alten‹. Außerdem liebe ich diese Gegend. Sketchley ist wirklich so schön, wie man es nur auf Bildern sieht – sanfte Täler, alte Parks, dazwischen Schlösser mit Gespenstern …«

 

Collett schob einen Stuhl an den Tisch, wo sich der Amerikaner niedergelassen hatte.

 

»Das soll Ihnen jemand anders glauben! Sie sind imstande, mir mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt die größten Schauermärchen zu erzählen.«

 

Rennett schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich wüßte wirklich nicht, was ich hier sonst sollte –«

 

»Oh, ich wüßte das schon«, unterbrach ihn Collett. »Ich selbst bin ja extra Ihretwegen hergeschickt worden, nicht etwa um den ›Alten‹ aus seinem wohlverdienten Grab zu holen. Das ist meine persönliche Meinung«, setzte er schnell hinzu, als er das erstaunte Gesicht von Captain Rennett sah. »Offiziell soll ich mich natürlich auch um diese Angelegenheit kümmern. Aber Sie sind der eigentliche Magnet, der mich hergezogen hat. – Kennen Sie übrigens Lord Arranways?«

 

»Ich habe ihn gesehen«, entgegnete Rennett unbeeindruckt.

 

»Das ist aber ziemlich zahm ausgedrückt«, meinte Collett. »Sie sind ihm, soviel ich weiß, durch halb Europa gefolgt. Was bezweckten Sie damit?«

 

Rennett lächelte.

 

»Man trifft doch manchmal immer wieder dieselben Leute, wo man auch hingeht. Nein, von Interesse kann da keine Rede sein, und schon gar nicht für Lord Arranways. Er ist für mich nur einer unter den vielen Lords, die es in England gibt und die ja sicher auch ab und zu Reisen auf den Kontinent machen.«

 

Collett sah ihn aufmerksam an.

 

»Dann – interessieren Sie sich vielleicht für Lady Arranways?«

 

»Auch das nicht. Verheiratete Frauen interessieren mich nicht, selbst wenn sie sehr schön sind. Ich bin überhaupt zu alt für Abenteuer. Ich reise wirklich nur zu meinem Vergnügen.«

 

»Warum hat man‘ Sie eigentlich bei dem Brand von ›Arranways Hall‹ gesehen? Warum sind Sie erst später hier im Gasthaus aufgetaucht und warum haben Sie dann getan, als hätten Sie von nichts eine Ahnung?«

 

»Sie verstehen aber ganz nett, die Leute auszufragen, mein lieber Inspektor! Wer hat mich denn verraten? Vielleicht der Kellner Charles oder Mrs. Harris? Nun, ich gebe zu: Ich war bei dem Brand. Aber um Ihnen die Gründe auseinanderzusetzen, würde ich eine Stunde brauchen. Glauben Sie mir denn wirklich nicht, daß ich einer von jenen exzentrischen Amerikanern mittleren Alters bin, die nicht wissen, was sie sonst mit ihrer Zeit anfangen sollen?«

 

Der Chefinspektor schüttelte den Kopf.

 

»Ein Amerikaner, der in Ihrem Alter nicht weiß, was er mit: seiner Zeit anfangen soll, ist allerdings exzentrisch – das gebe ich zu. Aber ein Kriminalbeamter, der zwanzig bis dreißig Jahre Praxis hinter sich hat, verfolgt nicht eine Gesellschaft von extravaganten Engländern durch halb Europa – bloß so zum Zeitvertreib. Von solchen Sachen hat er dann meistens genug.«

 

Rennett blickte auf die Uhr und erhob sich.

 

»Ich werde noch ein bißchen Spazierengehen und sehen, was hier in Sketchley für Verbrechen begangen werden, damit ich nicht aus der Übung komme.«

 

Er nickte Collett zum Abschied zu, nahm seinen Hut vom Haken und ging in die Nacht hinaus.

 

Kapitel 12

 

12

 

Als Lorney wieder in die Diele kam, fand er Mr. Collett eifrig damit beschäftigt, ein Kreuzworträtsel zu lösen. Er ging an ihm vorbei, aber der Chefinspektor rief ihn zurück.

 

»Wer ist eigentlich dieser Keller? Ich habe ihn noch nicht gesehen, aber viel von ihm gehört.«

 

»Er kommt aus Australien.«

 

»Ist er mit den Arranways zusammen?«

 

Eine kleine Pause trat ein.

 

»Er begleitete sie auf einer Reise.«

 

»Und jetzt nicht mehr? Ich dachte eigentlich, die Gerüchte wären übertrieben, die ich in London über die Auseinandersetzungen in der Familie Arranways gehört habe.«

 

»Ich kümmere mich nicht um die Angelegenheiten anderer Leute.«

 

»Dieser Keller ist doch nicht daran schuld?« fragte Collett hartnäckig weiter. »Ich möchte mir den Mann einmal ansehen.«

 

»Er wohnt auf Zimmer acht.«

 

Collett lachte. »Er ist ein gutaussehender Mann, der ein gutes Parfüm benutzt, nicht wahr?«

 

Lorney war schon halb auf der Treppe, drehte sich aber noch einmal um.

 

»Ich weiß nicht, ob er gut aussieht oder nicht. Jedenfalls kann ich ihn nicht ausstehen.«

 

Lady Arranways erschien oben auf der Treppe, und Lorney trat zur Seite, damit sie vorbei konnte.

 

Collett hatte sie noch nicht gesehen. Er kannte sie nur von Gesellschaftsberichten aus Illustrierten, müßte jetzt aber feststellen, daß sie in Wirklichkeit viel schöner war. Eine blasse, kühle Frau mit feingeschnittenem Gesicht. Sie schaute nicht in seine Richtung, als sie durch die Diele in den kleinen Salon ging, aber er war sicher, daß sie ihn trotzdem gesehen hatte. Diese Erfahrung hatte er schon öfter gemacht. Frauen, und besonders gewandte und attraktive Frauen, schienen nirgends hinzusehen und doch alles um sich zu bemerken. Er hatte sich schon oft gewünscht, diese für einen Kriminalbeamten so wertvolle Fähigkeit zu besitzen. Ihm sah man es immer schon von weitem an, wenn er hinter jemandem her war.

 

»Das war Lady Arranways, nicht wahr?«

 

Lorney nickte.

 

Der Chefinspektor sah ihn nachdenklich an.

 

»Ich glaube, ich mache noch einen kleinen Spaziergang«, meinte er dann.

 

»Na, da werden Sie sicher Captain Rennett treffen, der ist auch ins Dorf gegangen.«

 

»Oh, da bin ich im Augenblick gar nicht so scharf drauf.«

 

Lorney begleitete ihn bis zur Haustür und ging dann in den kleinen Salon zu Lady Arranways.

 

»Wer war denn der Herr?« erkundigte sie sich prompt.

 

»Chefinspektor Collett von Scotland Yard, Mylady«, imitierte Lorney die sachliche Art des Kriminalbeamten.

 

»Was tut er denn hier?« fragte sie schnell. Sie mußte unwillkürlich an das unselige Armband denken.

 

»Er verbringt seinen Urlaub hier. Ich glaube nicht, daß er beruflich hier ist.«

 

»Könnte es sein, daß Lord Arranways ihn hat kommen lassen?«

 

Er sah sie erstaunt an. Zu spät erkannte sie, daß sie mit diesen Fragen ihre geheime Furcht verraten hatte.

 

»Nein«, antwortete er ruhig. »Er kennt Lord Arranways nicht, wenigstens hat er mir das eben gesagt. Polizeibeamten kann man allerdings kaum etwas glauben.«

 

Sie blätterte währenddessen in einer Illustrierten.

 

»Haben Sie Mr. Keller gesehen?« fragte sie dann, ohne aufzublicken.

 

»Er ist in seinem Zimmer und schreibt Briefe.«

 

»Wahrscheinlich über den Brand. Das muß ein Schreck für ihn gewesen sein.«

 

»Aber für Sie noch mehr«, meinte Lorney mit der ihm eigenen Direktheit, die ihm die Rolle, die er bei diesem Ereignis gespielt hatte, erlaubte und die ihm in diesem Fall auch angebracht erschien.

 

Sie sah ihn lächelnd an.

 

»Das stimmt, aber Frauen sind widerstandsfähiger. – Sie haben ihn ja aus dem Zimmer geholt, Mr. Lorney. Hat er dabei gesagt, es sei noch jemand anders darin?«

 

Lorney antwortete nicht, und sie deutete sein Schweigen richtig – nämlich als ein Ja.

 

»Sie haben ihn zuerst herausgebracht und mich dadurch geschützt, weil vermutlich noch andere Leute im Gang waren der Lord, nicht wahr? Und Mr. Mayford?«

 

»Ja, Mylady.«

 

Sie machte eine ungeduldige Handbewegung.

 

»Ach, sagen Sie doch nicht immer Mylady zu mir. – Als mein Mann mit Mr. Keller hinuntergegangen war, kamen Sie zurück und holten mich heraus, nicht?«

 

»Ja«, antwortete er gleichmütig.

 

»Trotzdem fürchte ich, daß wir niemanden dadurch täuschen konnten, Mr. Lorney.«

 

»Das glaube ich auch«, sagte er teilnahmsvoll. »Alle Erklärungen, die ich sonst gehört habe, waren äußerst lahm.«

 

Lady Arranways lehnte sich in ihrem Sessel zurück und betrachtete den Wirt forschend.

 

»Warum haben Sie sich all die Mühe mit mir gemacht?«

 

Er zuckte die Achseln.

 

»Ich weiß es nicht. Nennen Sie es Sentimentalität.«

 

»Sie haben Mitleid mit mir«, sagte sie mit traurigem Lächeln.

 

»Ich bin nun mal sentimental.«

 

»Sie haben sich wirklich ritterlich benommen, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen dafür danken soll. Wir haben Sie immer für besonders ehrlich und zuverlässig gehalten. Wissen Sie, wie wir Sie manchmal nannten? Pfarrer Lorney. – Hoffentlich sind Sie nicht böse darüber.«

 

»Ach, Sie meinen, weil ich im Kirchenchor singe? Fromm bin ich nicht sehr, aber ich liebe Kirchenmusik, und als mich der Pfarrer voriges Jahr fragte, ob ich mitsingen wollte –«

 

Sie machte eine abwehrende Bewegung.

 

»Sagen Sie mir, was halten Sie von mir?«

 

Lorney antwortete ganz leise, obwohl niemand im Salon war außer ihnen beiden: »Ich habe viel über Sie nachgedacht. Sie haben eine der größten Dummheiten gemacht, die ich mir vorstellen kann.«

 

Mit einem Seufzer erhob sie sich.

 

»Es gibt noch mehr Leute hier im Haus, die so denken. Es war ein unverzeihlicher Leichtsinn, und es kommt mir immer stärker zum Bewußtsein, was ich eigentlich alles aufs Spiel gesetzt habe.«

 

»Sie brauchen keine Angst zu haben. Nur dürfen Sie jetzt den Kopf nicht verlieren.«

 

»Hat eigentlich Lord Arranways die schrecklichen Dolche mitgenommen?« fragte sie unvermittelt.

 

»Nein, die liegen noch auf seinem Zimmer«, antwortete er etwas erstaunt.

 

Während der Unterhaltung war ihm aufgefallen, daß ihre Stimme härter und schärfer klang als früher. Sie mußte ziemlich gelitten haben. Er wollte gehen, aber sie bat ihn zu bleiben, als wenn sie nicht gerne allein sein wollte.

 

»Ist er tatsächlich so hinter dem Mädchen her?« fragte sie mit leiser Stimme.

 

»Wen meinen Sie – doch nicht den Lord?«

 

»Nein, nein«, erwiderte sie ungeduldig, »Mr. Keller. Ich glaube, er und die junge Dame, die hier wohnt, Miss Jeans, sind schon ziemlich eng befreundet.«

 

»Nein, nicht daß ich wüßte.«

 

»Aber er war doch heute abend in ihrem Zimmer!«

 

Lorney erschrak über die plötzliche Heftigkeit, mit der sie das sagte.

 

»War er tatsächlich in ihrem Zimmer?«

 

»Oh, ich hätte es sicher nicht sagen sollen, aber ich – ich sah … Ich war auf dem Balkon …« Sie schien ihre kühle Sicherheit ganz verloren zu haben, und Lorney wußte nicht, was er darauf sagen sollte.

 

»Es tut mir leid. Ich bin so nervös in letzter Zeit. Es war unverzeihlich, daß ich Ihnen das gesagt habe.«

 

»Was haben Sie gesehen?«

 

Sie zuckte die Achseln.

 

»Ich weiß nicht – nur sehr wenig. Er schien sie umarmen zu wollen. Sie versuchte aber, sich loszumachen, und rannte schließlich die Balkontreppe hinunter – genauso gehetzt, wie sie am Nachmittag aus dem Wald gekommen war. Was dort passiert ist, habe ich auch zufällig beobachten können. – Sie fühlen sich doch ein wenig verantwortlich für Miss Jeans, nicht wahr?«

 

Sie schwieg einen Augenblick, dann gab sie sich einen Ruck und lächelte, um Verzeihung bittend, zu ihm auf.

 

»Mr. Lorney, mein Benehmen ist wirklich nicht sehr ladylike. Entschuldigen Sie bitte. Der Brand des Schlosses hat mich völlig durcheinandergebracht – und auch die andere Geschichte. Sie wissen mehr als irgendein anderer von mir, und Sie werden mich verstehen. Sie sind wirklich wie ein alter Freund gewesen. Ich weiß nicht, warum Sie meinem Mann gegenüber gelogen haben, bloß um mich zu schützen.«

 

Lorney trat ans Fenster.

 

»Ich will es Ihnen kurz erklären. Ich habe das aus Dankbarkeit getan, denn Sie haben mir einmal, ohne es zu wissen, das Leben gerettet. Glauben Sie, daß ich das je vergessen würde? – Aber sagen Sie mir doch bitte, was zwischen Mr. Keller und Miss Jeans im Wald vorgefallen ist.«

 

»Mr. Lorney«, sagte sie und legte eine Hand auf seinen Arm, »Sie werden doch keinen Unsinn machen? Bitte bleiben Sie vernünftig. Morgen fährt er nach London und ich auch. Versprechen Sie mir, nichts Übereiltes zu tun?«

 

John Lorney fuhr sich mit der Hand über die Haare.

 

»Ich dachte mir schon, daß es nicht völlig harmlos gewesen ist.«

 

»Aber sie ist doch wirklich groß genug, um auf sich selber aufzupassen«, erwiderte sie ungeduldig. »Sie können doch nicht immer Kindermädchen für Ihre Gäste spielen.«

 

Er kam nicht mehr dazu zu antworten, denn plötzlich erschien Keller in der Tür zum Salon.

 

Merkwürdigerweise hatte er einen Abendanzug an. Etwas zu kostbare Manschettenknöpfe blitzten an seinen Ärmeln, und sein Smoking war wirklich der letzte Schrei. Er ignorierte Lorney restlos, winkte nur Lady Arranways zu und schloß die Tür hinter sich.

 

»Ganz allein? Ich hatte keine Ahnung, daß Sie hier wären. – Hallo, einen Augenblick!« rief er dem Wirt zu, der den Salon verlassen wollte. »Ich möchte was zu trinken. – Merkwürdiger Mensch, dieser Lorney«, fuhr er fort, als der Wirt draußen war. »Der ist eigentlich nicht der richtige Mann für ein Wochenendhotel.«

 

»Ein Wochenendhotel?« fragte sie erstaunt.

 

»Na, dies ist doch das typische Absteigquartier für die Londoner, die sich ein bißchen amüsieren wollen. Der Kerl hat ja unglaubliche Manieren. Er scheint es nicht gewohnt zu sein, Gäste aus unseren Kreisen zu haben.«

 

»Aus welchen Kreisen stammst du denn?« fragte sie eisig.

 

Er hörte die Ablehnung, die aus ihrer Stimme klang, aber er brachte es nie fertig, einzusehen, daß er irgendwo unerwünscht war. Mit größter Gewandtheit setzte er sich auch diesmal über alles hinweg.

 

»Ich ahnte ja nicht, daß du hier bist, sonst wäre ich schon viel früher heruntergekommen. Seit sieben bin ich nicht aus meinem Zimmer gegangen.«

 

»Wirklich?«

 

Sie sah ihn nicht an und nahm sich eine Zigarette.

 

Er trat hinter sie und legte ihr beide Hände auf die Schultern.

 

Sie richtete sich ungeduldig auf, aber er tat, als spürte er ihre Abwehr nicht.

 

»Stimmt es, daß du seit sieben Uhr dein Zimmer nicht verlassen hast?« fragte sie.

 

Er schaute sie scharf an.

 

»Wenn ich kein Schlafwandler bin, müßte es eigentlich stimmen.«

 

Er klingelte. Keiner von ihnen sprach, bis Charles erschien.

 

»Was möchten Sie trinken?« erkundigte sich Charles brummig.

 

»Nichts«, entgegnete sie lustlos.

 

Keller, immer großzügig, meinte: »Bringen Sie Sekt. Sie werden ja welchen hierhaben.«

 

»O ja, auf der Weinkarte stehen verschiedene Marken.«

 

»Schön, bringen Sie eine Flasche und zwei Gläser.«

 

Die Tür schloß sich hinter Charles.

 

»Bist du müde?«

 

Er stand noch hinter ihr und konnte ihr Gesicht nicht sehen.

 

»Nein, nicht besonders.«

 

Keller zog sich einen Stuhl auf die andere Seite des Tisches und setzte sich.

 

»Ich dachte schon daran, auf einen oder zwei Tage nach Paris zu fahren. Ihr geht doch auch dorthin, nicht wahr? Wann denn?«

 

»Wann fährst du denn dort wieder ab?«

 

Diesmal konnte er ihren scharfen Ton nicht überhören. Er mußte ihr widersprechen.

 

»Aber Liebling, du bist wirklich nicht nett zu mir. Ich wollte auf keinen Fall länger als eine Woche in Paris bleiben und dann hierher zurückkommen.«

 

»Fährt Miss Jeans auch nach Paris?«

 

In diesem Augenblick kam Charles mit der Flasche und machte sich am Büffet zu schaffen. Er holte zwei Gläser heraus, schnitt den Draht am Flaschenhals durch, und gleich darauf knallte der Pfropfen. Er goß ein.

 

»Na, was hast du?« fragte Keller, als Charles wieder gegangen war. Seine Stimme hatte einen harten, fast grausamen Klang, den Mary noch nie an ihm gehört hatte. »Du hast was gesehen oder gehört. Was ist los? Was geht das dich an, ob Miss Jeans nach Paris fährt? Ich finde, wir sollten uns mal über Verschiedenes grundsätzlich klarwerden.«

 

»Bitte, schrei nicht so.«

 

»Meine liebe Mary, ich will dir mal was sagen –« Er brach plötzlich ab, als er merkte, daß er im Begriff war, zu weit zu gehen.

 

»Also trink deinen Sekt und mach keine Szene«, sagte er etwas übergangslos. Er konnte nicht über seinen Schatten springen und auf ihre wenigstens scheinbare Anerkennung verzichten.

 

»Hör mal, Liebling, es ist niemand auf der Welt so wundervoll wie du«, versuchte er es auf die alte Tour, um den schlechten Eindruck abzuschwächen, den er soeben gemacht hatte. »Es ist noch nichts passiert, und es gibt keinen Grund, sich aufzuregen. Also mach keine Tragödie daraus.«

 

»Das tue ich auch nicht. Ich habe nur einsehen müssen, daß ich ohne weiteres von einem kleinen Mädchen verdrängt werden kann. Das ist nicht leicht gewesen.«

 

»Sei doch nicht kindisch. Was ist denn schon passiert – was denn? Ein kleiner Flirt. Du bist doch kein Baby mehr. Es ist einfach verrückt von dir, auf sie eifersüchtig zu sein. Sie hat übrigens den Flirt selbst gewollt … Sie hat sich mir an den Hals geworfen –«

 

Er brach ab, denn Lorney trat ins Zimmer. Der Wirt hatte die Hände in den Taschen vergraben.

 

Lady Arranways ergriff die Gelegenheit.

 

»Ich fahre morgen früh in die Stadt, Mr. Lorney. Würden Sie so freundlich sein, es Mr. Mayford auszurichten, wenn er zurückkommt? Und lassen Sie mich bitte um sieben wecken.«

 

Keith Keller schaute sie überrascht an, als sie lächelnd aufstand und ihm die Hand gab.

 

»Gute Nacht. Ich hoffe, daß Sie eine angenehme Zeit mit uns verbracht haben. Wir werden uns wahrscheinlich nicht wiedersehen!«

 

Sie nickte Lorney zu.

 

»Gute Nacht und vielen Dank für alles, was Sie getan haben.«

 

Die beiden sahen ihr nach, bis sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte. Dann schaute Keller den Wirt fragend an.

 

»Was meint sie denn damit: Alles, was Sie getan haben? Das klingt ja wie im Theater.« Plötzlich fiel es ihm ein. »Ach so – Sie sind ja der brave Mann, der sie aus den Flammen gerettet und dem Lord was vorgelogen hat. – Geben Sie mir doch bitte was zu trinken. Frauen können einem schon zusetzen! Wer ist übrigens der Herr, der heute ankam?«

 

»Mr. Collett.« Lorney war an das Büffet getreten und nahm die Kognakflasche, die dort stand. »Ein Beamter von Scotland Yard. Ich hörte so etwas sagen, als wäre er hinter dem Dieb eines Brillantarmbands her, das in Berlin gestohlen wurde.«

 

Keller starrte ihn an und schluckte trocken.

 

»Was sagen Sie? Ein Brillantarmband? Wem ist es denn gestohlen worden?«

 

»Weiter kann ich Ihnen nichts sagen.«

 

Der Wirt schob ihm das Glas zu.

 

»Wohin ist denn Mr. Mayford gegangen?«

 

»Das kann ich leider auch nicht sagen.«

 

Keller goß seinen Kognak hinunter.

 

»Dann ist doch noch ein neuer Herr da, nicht wahr? Ich sah die beiden zusammen sprechen.«

 

Lorney warf ihm einen schnellen Blick zu.

 

»Das ist ein Amerikaner.«

 

Keller hob den Kopf.

 

»Amerikaner? Woher kommt er denn?«

 

»Aus St. Louis.«

 

»Und wie heißt er?«

 

»Rennett – Captain Rennett.« Ein Klirren von splitterndem Glas ließ Lorney aufschauen. Keller stand da mit leeren Händen und starrte verstört auf die Scherben seines Kognakschwenkers, die vor ihm auf dem Boden lagen.

 

»Rennett?« fragte er tonlos. Entsetzt sah er Lorney an. »Rennett«, wiederholte er heiser. »In diesem Haus … unter demselben Dach!«

 

Lorney nickte.

 

»Kennen Sie ihn?«

 

Keller lehnte sich schwer an das Büfett.

 

»Geben Sie mir noch einen Kognak. – Weiß der, daß ich hier bin? Ach, es ist ja gleich, ob er es weiß oder nicht. Auf jeden Fall muß ich ein anderes Zimmer haben. Sie haben doch da hinten noch mehr Räume.« Er zeigte auf den neuen Anbau, den Lorney hatte machen lassen.

 

Der Wirt sah ihn zweifelnd an.

 

»Ja, wir haben allerdings einige Gastzimmer da drüben, aber es wird Ihnen sehr einsam und ungemütlich vorkommen.«

 

»Das ist mir gleich.«

 

Er trank den Kognak mit einem Zug aus und lachte.

 

»Rennett! Unter einem Dach mit ihm, ohne es zu ahnen. Unvorstellbar!«

 

»Anscheinend ein guter Freund von Ihnen?« fragte Lorney ironisch.

 

»Noch schlimmer. Ein Verwandter.«

 

Keller sah sich in dem Salon um.

 

»Sie haben sich hier ganz nett eingerichtet, Mr. Lorney. Es muß ein großartiges Gefühl sein, in einer so herrlichen Gegend wie Sketchley ohne Sorgen leben zu können und keine Schwierigkeiten zu haben, nicht wahr?«

 

Lorney sah ihn mit unbewegtem Gesicht an und sagte nichts.

 

»Ich werde morgen nach London fahren und wahrscheinlich von dort aus nach Paris reisen. Können Sie mir einen Scheck einlösen?«

 

»Wenn die Summe nicht zu groß ist.«

 

Keller ging zu dem kleinen Tisch hinüber, setzte sich, zog ein Scheckbuch aus der Tasche und begann zu schreiben.

 

»Ich glaube, Sie können mich nicht ausstehen, habe ich recht?« fragte er beim Ausfüllen des Schecks.

 

»Wenn ich ehrlich sein soll, ja.«

 

»Schade«, entgegnete Keller, »ich merkte es schon an dem Bedauern, das Sie über meine Abreise zeigten. Wo ist Ihre Bank?«

 

»In London.«

 

»Meine ist in Bristol.«

 

Keller riß den Scheck aus dem Buch.

 

Lorney nahm das Blatt und las die Zahl.

 

»Ist das ein Witz?«

 

»Nein.«

 

»Ich sagte doch, daß die Summe nicht so hoch sein dürfte.«

 

»Ich hab‘ ein großes Bankkonto – Sie haben keine Ahnung, wie reich ich bin«, erwiderte Keller selbstgefällig.

 

Lorney faltete den Scheck wortlos zusammen und steckte ihn ein.

 

In einer Ecke des Salons stand ein Bücherschrank. Keller zog ein Buch heraus.

 

»Ich möchte gern was zu lesen mitnehmen.«

 

»Die Bücher sind für die Gäste da.«

 

»›Lebenslänglich Zuchthaus‹«, las Keller laut. »Das klingt nicht sehr verlockend.«

 

»Es ist ein Roman über die australischen Strafanstalten. Sehr interessant! Sie kennen doch Australien?«

 

»Grauenerregend – so ein Zuchthaus. Und die sind auch nicht besser geworden, seitdem das Buch geschrieben wurde.«

 

»Sie scheinen ja eine Autorität auf dem Gebiet zu sein«, meinte Lorney ironisch.

 

Keller ließ sich nicht einschüchtern.

 

»Ja, über australische Verhältnisse weiß ich gut Bescheid. Wir können uns ja mal darüber unterhalten.«

 

»Aber Sie wollten doch abreisen.«

 

»Ja, morgen. Aber vielleicht komme ich wieder her.«

 

»Dann kann ich Sie leider nicht mehr bei mir aufnehmen, Mr. Keller – das sage ich Ihnen ganz ehrlich. Es ist mir nicht angenehm, Sie im Haus zu haben. Die Gründe brauche ich Ihnen ja wohl nicht zu sagen.«

 

Keller lachte laut auf.

 

»Sie mit Ihrer Moral!« spottete er. »Daß Ihnen nur kein Stein aus der Krone fällt.«

 

Der Wirt packte ihn am Arm.

 

»Ich bin hier der Wirt, Mr. Keller, und bemühe mich, meine Gäste zufriedenzustellen. Aber wenn Sie es sich einfallen lassen, in die Zimmer anderer Gäste zu gehen, kann ich sehr ungemütlich werden. Ich möchte nicht, daß das noch einmal vorkommt.«

 

Keller machte sich frei. Er lachte immer noch, aber nur um seine Angst zu verbergen.

 

»Ach so, Sie sprechen von der Dame mit den seltsamen Augenbrauen? Sie wissen ja, was die zu bedeuten haben, nicht wahr?«

 

»Ich glaube, ja. – Aber das ist im Augenblick nebensächlich. Bleiben Sie jetzt bitte in Ihrem eigenen Zimmer. Ich komme später hinauf und sage Ihnen, wo Sie sich vor Rennett verstecken können.«

 

Kapitel 13

 

13

 

Zehn Minuten danach stand Keller in der Tür seines Zimmers und rief nach Charles. Der Kellner ging zu ihm hinauf, kam dann zurück und holte eine Flasche Kognak.

 

»Der kann was vertragen!« flüsterte er Lorney zu.

 

»Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten«, wies ihn der Wirt zurecht. »Wenn er die Flasche bestellt und austrinkt, dann wird er sie auch bezahlen. Rufen Sie Mrs. Harris, wenn Sie den Kognak nach oben gebracht haben. Sie soll hier bedienen.«

 

Bald danach erschien Rennett und ließ sich eine Zigarre geben. Er kannte Mrs. Harris schon von früher, blieb an der Theke stehen, wählte umständlich eine Zigarre und ließ sich Feuer geben.

 

»Nach neun Uhr abends hat das Dorf wirklich große Ähnlichkeit mit einem Friedhof«, meinte er.

 

Mrs. Harris gab ihm vollkommen recht. Sie stammte aus London und hatte kein Verständnis für die Schönheiten des Landlebens.

 

Sie sah, daß Rennett aufschaute, und nahm an, er bewunderte die schöne, eingelegte Decke.

 

»Ein nettes, altes Haus, was?« sagte sie. »Man kann kaum ein paar Schritte gehen, ohne sich den Kopf zu stoßen. Direkt künstlerisch.«

 

So hatte sie zu allem etwas zu sagen, aber .das meiste kam Rennett reichlich vertraut vor. Schließlich kam das Gespräch auch auf den ›Alten‹. Mrs. Harris erklärte, sie fürchtete sich nicht, nur die Nachbarschaft des Irrenhauses fiele ihr etwas auf die Nerven.

 

Rennett lächelte traurig. Er konnte an keiner Nervenheilanstalt vorbeigehen, ohne daß es ihm einen Stich gab.

 

Als Lorney zurückkam, brach die Unterhaltung, die sowieso hauptsächlich von Mrs. Harris bestritten worden war, ab. Er war, wie Mrs. Harris schon angedeutet hatte, nicht in der besten Laune. Selbst Rennett fiel es schwer, ein Gespräch mit ihm anzufangen. Er versuchte es also noch mal mit der Feststellung, wie ausgestorben das Dorf am Abend wäre.

 

»Ja, es ist wirklich sehr ruhig hier«, erwiderte Lorney. »Aber wir können nicht jeden Abend einen Schloßbrand für Sie inszenieren.«

 

Rennett lächelte.

 

»Den habe ich leider versäumt.«

 

»Aber Sie sind doch von den verschiedensten Leuten gesehen worden!«

 

»Ich war in London.«

 

Lorney gab Mrs. Harris ein Zeichen, daß sie sich entfernen könnte. Rennett war gespannt, was jetzt kommen würde. Er wartete und zog ab und zu an seiner Zigarre.

 

»Wir wollen doch einmal offen miteinander reden, Captain Rennett«, begann Lorney. »Sie sind nicht zum erstenmal bei mir.«

 

»Ganz recht. Vor einem Jahr war ich schon einmal hier.«

 

»Damals haben Sie auch Nachforschungen angestellt. Ich habe zufällig davon erfahren.«

 

Der Amerikaner lächelte.

 

»Es tut mir leid, aber es ist nun einmal eine Gewohnheit von mir, mich überall umzusehen.«

 

John Lorney wandte nicht den Blick von ihm.

 

»Mr. Mayford hat mir neulich erzählt, daß Sie zugleich mit den Arranways in Rom waren. Später sind Sie ihnen dann nach Wien und Berlin nachgereist. Dann kamen Sie in der Nacht, in der das Schloß abbrannte, hierher – nun, wir wollen uns über diesen Punkt nicht streiten. Wir können ja auch sagen, Sie tauchten kurz nach der Rückkehr der Arranways hier auf.«

 

Rennett zwinkerte ihm zu.

 

»Das klingt mir fast wie eine Wiederholung all dessen, was mir mein Freund Collett erzählt hat.«

 

»Es ist mir egal, ob Sie den Arranways auf dem Kontinent nachgereist sind, aber ich möchte gern wissen, warum Sie vor einem Jahr hierherkamen.«

 

Rennett steckte sich plötzlich eine neue Zigarre an.

 

»So, macht Ihnen das Kopfschmerzen? Und wenn ich Ihnen sage, daß ich zufällig hierherkam?«

 

Lorney schüttelte den Kopf.

 

»Das glaube ich nicht.«

 

»Nein? Nun, es kann auch Absicht gewesen sein.«

 

»Die Arranways waren damals nicht hier.«

 

Der Amerikaner nickte.

 

»Das stimmt. Ich interessiere mich auch nicht für sie.«

 

»Sie wollten jemanden treffen, den Sie hier zu finden hofften und hatten kein Glück dabei, nicht wahr?«

 

»Ja, Sie haben recht. Ich hatte in Amerika gewisse Informationen erhalten, die mich veranlaßten. hierherzukommen. Sie wissen, daß ich eine Autorität auf dem Gebiet des Einbruchdiebstahls bin. Meine jahrelange Erfahrung sagte mir, daß es sich bei dem ›Alten‹ nur um einen Berufsverbrecher handeln konnte. Und da Einbrecher stets gewisse Kennzeichen zurücklassen, die man ebenso lesen und deuten kann wie die Handschrift eines Menschen, kam ich hierher, um diesen Einbrecher unter die Lupe zu nehmen.«

 

»Ach, dann war es also doch berufliches Interesse?«

 

»Wenn Sie so wollen, ja. Ich halbe an der Börse etwas Geld verdient und mich pensionieren lassen. Außerdem habe ich keine Kinder mehr … Meine einzige Tochter starb vor einigen Monaten in einer – Nervenheilanstalt. Ich hätte nie geglaubt, daß ich einmal sagen würde: Gott sei Dank, daß sie tot ist, aber jetzt bin ich fast soweit.«

 

Er schwieg eine Weile, in Erinnerungen versunken. Nachdenklich steckte er seine Zigarre wieder in Brand, die inzwischen ausgegangen war.

 

»Deshalb«, fuhr er dann fort, mehr zu sich selber gewandt, »kam ich auch zurück. Ich konzentriere mich völlig darauf, den Mann zu finden, der sie ermordet hat.«

 

Er sagte das ganz ohne Pathos, aber hinter seinen Worten stand eine Drohung, die Lorney das kalte Grausen den Rücken hinunterjagte.

 

Rennett räusperte sich.

 

»Haben Sie nicht ein stilles Zimmer, wo wir beide ungestört miteinander sprechen können?«

 

»Kommen Sie in mein Wohnzimmer.«

 

Lorney führte ihn an der Theke vorbei in das Privatzimmer, das dahinter lag, und schloß die Tür.

 

»Nehmen Sie bitte Platz. Wollen Sie etwas trinken?«

 

»Nein, danke. Aber ich will Ihnen jetzt etwas sagen, das die englische Polizei nicht weiß: den Namen des Mannes, der die Einbrüche verübt hat und der meiner Meinung, nach mit dem ›Alten‹ identisch ist.«

 

Lorney wartete, ohne sich zu bewegen.

 

»Er heißt Bill Radley und war sein Leben lang ein Verbrecher. Ich weiß nicht sehr viel von ihm, aber er soll trotz allem einen sehr anständigen Charakter haben. Als ich in den Zeitungen las, daß der ›Alte‹ immer nur Sachen aus massivem Gold nahm und nur auf der Vorderseite der Häuser einbrach, wußte ich, wer es sein mußte, hören Sie: mußte! Auch erkannte ich an vielen Einzelheiten, daß es sich um Bill Radley handelte.«

 

»Es lebt aber niemand hier in der Gegend, der so heißt«, erwiderte der Wirt, der sich für die Erzählung seines Gastes außerordentlich zu interessieren schien. »Wenigstens nicht, seit ich hier bin.«

 

»Das weiß ich. Ich bin auch gar nicht hinter ihm her, sondern hinter seinem Partner, einem gewissen Barton oder Boy Barton, wie er in Australien wegen seines jungenhaften Aussehens genannt wurde, obwohl er in Wirklichkeit gar nicht mehr so jung ist.«

 

»Ist er auch ein Einbrecher?«

 

»Nein, für diese Art Tätigkeit ist er nicht mutig und nicht klug genug. Er arbeitet nur mit dem anderen zusammen, verkehrte in der besten Gesellschaft und schaute sich nach guten Gelegenheiten um. Bill führte dann den Einbruch aus. Ungefähr vor fünf Jahren wurden beide gefaßt, als sie die Bank in Carra-Carra ausraubten. Boy Barton schoß einen Polizeibeamten nieder, und deshalb bekamen sie zehn Jahre.«

 

»Dann sitzen sie ja noch.«

 

Rennett lächelte.

 

»Das sollten sie eigentlich, aber sie entkamen auf dem Weg vom Gericht zum Gefängnis. Ich interessiere mich nicht dafür, was Bill Radley macht – merken Sie sich das, Mr. Lorney. Aber dieser Boy Barton kam in die Vereinigten Staaten, und zwar nach St. Louis. Er nannte sich Lord Boyd Barton Lancegay. Der Name klang gut. Er lernte eine junge Dame kennen, verliebte sich in sie oder tat wenigstens so, und ihr verrückter alter Vater freute sich darüber, daß seine Tochter eine ›Lady‹ werden sollte. – Ich gab ihr fünfzigtausend Dollar Mitgift, kaufte ein hübsches Haus für die jungen Leute und richtete es ein. Nach einem Jahr kam ein furchtbares Erwachen für mich, aber da war es zu spät. Boy Barton brachte seine Frau in eine Nervenheilanstalt, dann machte er, daß er fortkam, nachdem er noch einige Schecks mit meiner Unterschrift gefälscht hatte. Nun, auf das Geld kommt es ja nicht an, aber Sie können sich sicher vorstellen, wie mich die Geschichte mitgenommen hat. – Haben Sie vielleicht schon davon gehört?«

 

»Nein, ich hatte keine Ahnung davon. – Wo ist er denn jetzt?«

 

Rennett zuckte die Achseln.

 

»Irgendwo hier in der Nähe, soviel ich vermute.«

 

»Haben Sie denn schon eine Spur von ihm – oder ihn selbst?«

 

Eine Zeitlang antwortete der Amerikaner nicht.

 

»Ja«, sagte er dann, »zufällig entdeckte ich ihn. Und dann heftete ich mich an seine Fersen.«

 

»Jetzt verstehe ich. Also war es tatsächlich ein Zufall, daß Sie vor einem Jahr herkamen. Sie glaubten, Radley wäre hier, weil die Einbrüche genau nach seiner Methode ausgeführt wurden. Und nachher sahen Sie, daß Sie sich geirrt hatten.«

 

»Nein, es war nicht Radley. Aber trotzdem tut es mir nicht leid, daß ich hergekommen bin. Mr. Collett ist ein bißchen neugierig, und ich habe ihn auch bis zu einem gewissen Grad aufgeklärt. Natürlich habe ich ihm nichts von Radley oder Boy Barton gesagt. Das ist meine eigene Angelegenheit, und ich hoffe, Sie werden mein Vertrauen nicht mißbrauchen.«

 

John Lorney lächelte.

 

»Die Wände dieses Zimmers haben schon viel Vertrauliches gehört, Captain Rennett.«

 

Die beiden Männer verließen das Zimmer und gingen durch die Diele nach draußen. Es regnete nicht mehr, und der Mond zeigte sich ab und zu zwischen den Wolken.

 

»Meine Geschichte ist nicht allzu aufregend«, sagte Rennett abschließend. »Wenn man das Dach des Hauses hier abheben könnte, würde man wahrscheinlich viel merkwürdigere Dinge erfahren.«

 

Lorney antwortete nicht. Er ließ Rennett stehen und ging geräuschlos über den Rasen zum Fuß der Treppe, die auf den Balkon hinaufführte. Von hier aus konnte er alle Fenster sehen. In einem brannte Licht hinter einem dunkelblauen Vorhang – dort wohnte Lady Arranways.

 

Bei Keller war es dunkel, und Lorney ging einige Schritte weiter, bis er die letzte Glastür genau beobachten konnte. Zuerst glaubte er, daß kein Licht dort brannte, aber gleich darauf sah er einen schwachen Lichtschein, als der Wind die Vorhänge bewegte. Zufrieden wandte er sich um.

 

Rennett war verschwunden.

 

Kapitel 14

 

14

 

Anna war nicht ins Bett gegangen. In verzweifelter Stimmung hatte sie angefangen zu packen, aber sie brachte alles durcheinander. Sie wollte am kommenden Morgen nach London fahren, weil sie Angst hatte – Angst vor Keller. Sie wußte, daß sie ein drittesmal nicht mit ihm fertig werden würde. Bisher hatte immer sie selbst bestimmt, mit wem sie etwas zu tun haben wollte und mit wem nicht, und mit, der Zeit hatte sie sich ein gewisses Selbstvertrauen angeeignet. Sie war der Meinung, alles im Leben spielte sich nach feststehenden Regeln ab.

 

Das Erlebnis mit Keller hatte ihre Sicherheit ins Wanken gebracht.

 

Sie setzte sich hin, um ihm einen Brief zu schreiben – einen ausführlichen Brief, in dem sie ihm auseinandersetzen wollte, was man ihrer Meinung nach tat und was nicht. Sie hoffte, ihn dadurch zu überzeugen und – zu bessern. Aber nachdem sie dreimal angefangen und den Brief dann wieder zerrissen hatte, wurde sie sich des eigentlichen Grundes für ihre Besserungsversuche bewußt: Es war nicht so sehr der Wunsch, einen besseren Menschen aus ihm zu machen, als der, sich selbst ein Zeugnis über ihren großartigen Charakter auszustellen, der fern von allen Versuchungen auf dem Pfade der Tugend wandelte.

 

Schließlich siegte aber ihr angeborener Sinn für das Komische, und sie gab es auf. Wenigstens war sie dabei ruhiger geworden.

 

Sie hatte eben den letzten Brief in tausend Fetzen gerissen, als sie ein Klopfen hörte.

 

Entsetzt starrte sie auf die Tür, die glücklicherweise abgeschlossen war. Als das Klopfen wiederholt wurde, schlich sie zur Tür und horchte.

 

»Schlafen Sie schon? Kann ich noch hereinkommen?«

 

Es war Lady Arranways Stimme. Anna schloß auf.

 

»Sind Sie krank?« fragte Mary ernstlich besorgt.

 

»Nein, es geht mir ganz gut«, versicherte Anna. »Kommen Sie bitte herein. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich wieder abschließe?«

 

»Nein, im Gegenteil. Was ist denn mit Ihnen los? Sie sehen ja ganz blaß aus. Sie haben vorhin etwas Häßliches erlebt, nicht wahr? – Darf ich rauchen?«

 

Anna nahm eine Zigarette aus dem goldenen Etui, das Mary ihr hinhielt.

 

Mary setzte sich aufs Bett und zog Anna neben sich.

 

»Ich weiß, was heute nachmittag passiert ist – ich hab‘ es gesehen.«

 

»So? – Im Wald?«

 

Mary nickte.

 

Anna wurde rot.

 

»Es war so gemein!« sagte sie tonlos. »Heute abend war er auch noch hier im Zimmer.«

 

»Auch das weiß ich. Ich habe gesehen, wie Sie auf den Balkon hinausstürzten.«

 

Es entstand eine Pause. Nur das Ticken der kleinen Uhr auf dem Nachttisch war zu hören.

 

»Ist er ein Freund von Ihnen?« fragte Anna fast entschuldigend. »Ich meine, kennen Sie ihn eigentlich schon sehr lange?«

 

»Nein, nicht sehr lange. Aber er ist sehr eng mit mir befreundet – das heißt, er war es. Vermutlich spricht das ganze Dorf darüber.«

 

»Ich habe noch nichts gehört«, log Anna. »Natürlich wußte ich, daß er bei Ihnen und Ihrem Mann auf dem Schloß wohnte. Wer ist er eigentlich?«

 

»Er ist Australier – nein, er ist in England geboren, aber er lebte in Australien. – Wie lange war er eigentlich in Ihrem Zimmer? Ich habe Sie nämlich nicht heraufkommen hören.«

 

»Höchstens eine Minute – nein, noch nicht einmal. Er küßte mich und versuchte mich festzuhalten, aber ich konnte mich losreißen.«

 

Lady Arranways seufzte erleichtert auf.

 

»Sie sind noch sehr jung und eigentlich die letzte, die ich um Rat fragen sollte, aber bitte sagen Sie mir, was Sie tun würden, wenn Sie zu weit gegangen wären … Ich meine, wenn Sie vollkommen verantwortungslos gehandelt hätten – und wenn Sie einen Zettel wie diesen unter Ihrer Tür fänden.«

 

Sie zog ein Blatt Papier aus ihrer Handtasche und faltete es zögernd auseinander.

 

Anna nahm es und überflog den kurzen Text, der in peinlich ordentlicher Handschrift darauf stand. Mr. Keller hatte seine Schrift nach den Regeln der Ästhetik gestaltet, aber ein geübtes Auge kannte trotzdem noch gewisse Züge von Primitivität darin erkennen.

 

›Am Sonnabend brauche ich 3000 Pfund. Ich übersiedle dann auf den Kontinent und werde Dich nie wieder belästigen. Oder ist es Dir lieber, wenn ich mich an Eddie wende?‹

 

»Hat er denn selbst kein Geld?« fragte Anna überrascht. »Er sagte mir, er wäre sehr reich, besäße eine große Farm in Australien … Wollen Sie ihm das Geld geben?«

 

Mary Arranways faltete das Blatt wieder zusammen und steckte es in die Tasche zurück.

 

»Er weiß genau, daß ich keine dreitausend Pfund habe, aber er erwartet, daß ich meinen Mann darum bitte.«

 

Anna sah sie erst verständnislos an, aber dann begriff sie plötzlich.

 

»Das ist ja Erpressung!«

 

Mary nickte.

 

»So kann man es nennen. Scheußlich, nicht wahr? Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll.«

 

»Daß so jemand überhaupt weiterleben darf! Man sollte ihn … Ach, ich benehme mich wirklich hysterisch. Entschuldigen Sie bitte.«

 

Mary stand auf und gab Anna die Hand.

 

»Würden Sie so freundlich sein, die Balkontür aufzuschließen? Ich möchte außen herum gehen. Nun gute Nacht, und haben Sie Dank für Ihr Zuhören.«

 

Anna schloß auf, und Mary trat hinaus, wich aber sofort wieder ins Zimmer zurück.

 

»Da draußen ist ein Mann!« sagte sie leise.

 

Annas Herz fing an zu hämmern.

 

»Wo?«

 

»Am hinteren Ende – sehen Sie, dort!«

 

Ängstlich schaute Anna durch den Türspalt. Zuerst konnte sie nichts entdecken, aber dann sah sie, daß sich am Ende des langen Balkons eine Gestalt bewegte und gleich darauf verschwand.

 

»War das …?« fragte sie leise.

 

»Nein, Keller war es nicht. Meiner Meinung nach war es ein viel größerer Mann. Ich dachte zuerst an Mr. Rennett; aber bei der Beleuchtung konnte ich natürlich keine Einzelheiten erkennen.«

 

Sie warteten noch fünf Minuten, aber die Gestalt erschien nicht wieder.

 

»Wollen wir nicht lieber die Tür zumachen?« fragte Anna ängstlich.

 

»Ich muß in das Zimmer meines Mannes. Dort liegt etwas … etwas, das mir gehört: und das ich brauche. Die Tür zum Gang ist abgeschlossen. Vielleicht ist die Balkontür auf.«

 

Sie trat in die Dunkelheit hinaus. Anna wartete eine Weile. Dann hörte sie die Stimme von Lady Arramways.

 

»Es ist alles in Ordnung, ich danke Ihnen. Ich gehe jetzt wieder in mein Zimmer. Gute Nacht.«

 

Anna schloß die Balkontür ab und zog die Vorhänge zu.

 

Kapitel 15

 

15

 

Collett kehrte gerade von seinem scheinbar harmlosen Spaziergang durchs Dorf zurück, als plötzlich ein Mann kurz vor ihm eilig die Straße überquerte. Der Chefinspektor ging schneller und kam an die Stelle, wo der Fremde durch eine Öffnung in der Hecke verschwunden war. Hier mündete der Fußweg auf die Straße, die am Gasthaus vorbeiführte.

 

Rechts und links dehnte sich eine Schonung aus. Collett bückte sich und blickte den Pfad entlang. Das Gelände stieg etwas an, und die Bäume ringsum behinderten seine Sicht. Er folgte dem Weg bis auf eine Wiese, konnte aber niemanden sehen. Der Mann hatte wahrscheinlich gemerkt, daß er verfolgt wurde, und sich im Gehölz versteckt. Das war verdächtig. Vielleicht handelte es sich um einen Wilderer.

 

Collett hätte sich als Chefinspektor von Scotland Yard eigentlich nicht um solche Lappalien zu kümmern brauchen, aber er war neugierig, und außerdem konnte man in dieser Gegend nie wissen, wen man aufstöberte und was alles passieren konnte.

 

Er nahm seine Taschenlampe und leuchtete nach allen Seiten.

 

Allerdings konnte er sich vorstellen, wie sich der Mann beim ersten Aufblitzen des Lichtstrahls flach auf die Erde werfen würde. Diese Vermutung war auch berechtigt, denn der Mann lag im hohen Gras und beobachtete mit Genugtuung, wie der Lichtstrahl hin und her wanderte und schließlich wieder erlosch.

 

Collett ging zum Gasthaus zurück. Er war gerade an der kleinen Pforte angelangt, die auf das Grundstück Lorneys führte, als er einen Mann sah, der schräg von hinten auf ihn zukam, aber sofort stehen blieb, als er Collett erblickte.

 

»Wer ist da?« rief er mit scharfer Stimme, und Collett erkannte, daß der Mann offenbar Angst hatte.

 

»Alles okay. Mein Name ist Collett.«

 

»Ach, Verzeihung, ich wußte nicht … Mein Name ist Keller. Ich habe gerade einen Spaziergang gemacht. Wenn Sie nichts dagegen haben, gehe ich mit Ihnen zum Gasthaus zurück. Ich habe mich verspätet.«

 

»Ach«, erkundigte sich Collett interessiert, »hatten Sie eine Verabredung?«

 

»Nein, nichts Offizielles. Ein Mädchen aus dem Dorf versprach mir, mich heute abend zu einem Spaziergang zu treffen.«

 

»Sie sind doch ein Freund der Arranways, nicht?«

 

Keller zögerte.

 

»Ach, im Moment bin ich allein. – Sie wohnen auch im Gasthaus, nicht wahr? Suchen Sie etwa den ›Alten‹?«

 

»Ja – unter anderem. Aber ich bin auch zur Erholung hier. Wer war denn das Mädchen aus dem Dorf?«

 

Keller wunderte sich über diese indiskrete Frage.

 

»Sie erwarten doch nicht, daß ich in Einzelheiten gehe, oder? Es war ein kleines Abenteuer. Man sollte so etwas nicht anfangen.«

 

Sie betraten zusammen die Diele. Mrs. Harris war an der Theke eingeschlafen und wurde von ihnen geweckt.

 

»Ich glaube, es sind alle ins Bett gegangen«, gab sie Auskunft. »Nur Captain Rennett ist noch nicht zurück. Lady Arranways hat sich auch hingelegt. Ich brachte ihr noch ein Glas heiße Milch.«

 

»Ist sie in ihrem Zimmer?« fragte Keller schnell.

 

»Na, hören Sie mal, junger Mann, eine Dame geht doch nur in ihrem eigenen Zimmer ins Bett«, erwiderte Mrs. Harris in moralischem Ton.

 

»War sie den ganzen Abend zu Hause?« fragte Keller, der sonderbar blaß geworden war.

 

Als er in seinem Zimmer war und die Tür abgeschlossen hatte, nahm er ein Blatt Papier aus der Tasche. Es war ein Bogen des Gasthauses. Er las zum zehnten Male die Sätze, die darauf standen. Eine halbe Stunde, nachdem er seinen Brief an Lady Arranways unter ihre Tür geschoben hatte, war dieses Blatt bei ihm unter der Türritze erschienen. Schließlich steckte er es wieder ein.

 

Nach einer Weile hörte er leise Schritte auf dem Holzboden des Balkons und sprang nervös auf. Seine Knie zitterten, und er ließ sich erleichtert wieder auf sein Bett fallen, als die Schritte an seiner Tür vorbeigingen. Morgen wollte er nach London fahren und dort auf Mary warten. Sicher würde sie ihm das Geld bringen. Er nahm den Zettel noch einmal heraus und studierte ihn eingehend.

 

Ja, morgen mußte er weg. Sketchley und alle Leute hier machten ihn nervös. England war überhaupt ein heißes Pflaster geworden.

 

Er zog eine Schublade seines Schreibtisches auf, holte einen Browning heraus und lud ihn. Wenn jemand versuchen würde, ihm zu nahe zu kommen, mußte er vorbereitet sein. Dann konnte er keine Rücksichten mehr nehmen.

 

Wieder glaubte er draußen Schritte zu hören und horchte krampfhaft. Vielleicht war es Mary, die mit ihm über die Angelegenheit sprechen wollte. Vielleicht war es auch Anna? An sie durfte er gar nicht denken. Sie hatte ihn tiefer beeindruckt als je eine Frau zuvor. Zweimal hatte sie ihn jetzt schon abgewiesen, aber darauf durfte man nicht zuviel geben. Die meisten Frauen pflegten sich erst eine Weile zu sträuben. Es schien dazuzugehören. Wenn er nur an das junge Mädchen in Brisbane dachte!

 

Er drehte das Licht aus, zog die Vorhänge beiseite und schaute hinaus. Das Geländer des Balkons konnte er sehen, das sich in strengem Muster von dem mondüberglänzten Rasen abhob, aber ein Mensch war nicht zu entdecken.

 

Nein, nach Paris wollte er nicht gehen, lieber nach Den Haag. Dort hatte er Verbindungen und konnte sich leichter absetzen – vielleicht nach Südamerika.

 

Wieder lauschte er. Er schlich zum Fenster und schaute hinaus.

 

Eine Frau! Mary Arranways kam vom Zimmer ihres Mannes zurück. Sie mußte an seiner Tür vorbei. Sollte er hinausgehen und sie um eine Erklärung bitten? Vielleicht wollte sie ihn auch sprechen? Aber bevor er sich entschlossen hatte, war sie schon vorbei.

 

Anna Jeans fiel ihm ein. Mary war zwar eine charmante Frau, eine jener Damen der guten englischen Gesellschaft, von denen man soviel in Romanen und Illustrierten las. Aber jetzt bedeutete sie nur noch das große Geschäft für ihn.

 

Man mußte ja sagen, daß sie wirklich eine Frau mit Kultur war. Es hatte schon so seine Vorteile, wenn man mit vornehmen Damen verkehrte. Erstens warf es ein günstiges Licht auf einen selbst, und zweitens waren sie so gut erzogen, daß sie keine Szenen beim Abschied machten. Er bewunderte ihre Selbstbeherrschung.

 

Aber Anna war weniger anstrengend. Man mußte, so bildete er sich ein, bei ihr nicht dauernd etwas darstellen, was man im Grunde doch nicht war, nicht ständig den feinen Mann markieren.

 

Keller seufzte. Kurz entschlossen griff er nach der Kognakflasche.

 

Leer, verdammt noch mal!

 

Er klingelte, aber niemand kam.

 

Wütend riß er die Tür auf und ging bis vorne an die Treppe.

 

Unten sah er Charles die Theke abwischen.

 

»Mann, ich habe geklingelt! Sitzen Sie denn auf Ihren Ohren?«

 

»Sie wissen doch, daß Ihre Klingel nicht funktioniert«, brummte Charles ebenso unliebenswürdig. »Was regen Sie sich denn so auf?«

 

Keller bestellte eine neue Flasche Kognak.

 

Er ging in sein Zimmer zurück. Diesen Kellner mit dem häßlichen, harten Gesicht konnte er nicht ausstehen. Sicher hatte er ihn belogen und die Klingel kaltlächelnd überhört.

 

Kurz darauf kam Charles.

 

»Mr. Lorney könnte sich wirklich Kellner halten, die besser auf Draht sind«, sagte Keller ärgerlich. »Aber es ist wohl im Gefängnis nichts Besseres zu haben.«

 

Charles warf ihm einen haßerfüllten Blick zu, sagte aber nichts.

 

Draußen kam ein Auto den Zufahrtsweg herauf. Sofort wurden Kellers Befürchtungen wieder wach. Wer konnte es sein? Vielleicht Lorney? Um den brauchte er sich nicht besonders zu kümmern.

 

Mr. Lorney hatte den Wagen auch gehört, trat vors Haus und knipste am Eingang die große Beleuchtung an. Den eleganten Rolls Royce kannte er nicht. Lord Arranways stieg aus. Es war der Wagen, den die Arranways in London hatten.

 

Lorney war etwas überrascht, als er auch Dick aussteigen sah.

 

»Ich habe meine Geschäfte in London erledigt«, sagte der Lord, »und bleibe die Nacht hier. Den Schlüssel von meinem Zimmer hatte ich mitgenommen. Hoffentlich hat er Ihnen nicht gefehlt.«

 

Als der Wirt gegangen war, um Charles zu rufen, redete Dick noch einmal auf seinen Schwager ein, wie er es schon die ganze Fahrt über getan hatte.

 

»Ich muß mir aber völlig klar darüber werden«, erwiderte der Lord hartnäckig und leicht gereizt. »Das alles habe ich schon einmal durchgemacht, Dick, und ich muß wissen, woran ich bin.«

 

»Gibt es denn keine andere Möglichkeit, dich darüber zu informieren, als persönlich nachzuschnüffeln? Du wärst wirklich besser in der Stadt geblieben, Eddie.«

 

Dick war noch spät am Abend zu dem kleinen, zehn Meilen von Sketchley entfernten Dorf gefahren und hatte dort Eddie getroffen. Der Lord hatte sich ein Zimmer im Gasthaus genommen und lief erregt darin auf und ab. Immer tiefer verrannte er sich in die verrücktesten Pläne, wie er seine Frau und ihren Liebhaber überraschen wollte.

 

»Und was willst du eigentlich tun, wenn du feststellst, daß du mit deinen Befürchtungen recht hattest?«

 

Der Lord lachte verbittert auf. Er sah alt und vergrämt aus. Dick erschrak über die Veränderung.

 

»Das hängt davon ab, wie mir dann gerade zumute ist. Wenn ich tatsächlich die Gewißheit hätte, daß sie mich betrügt, würde ich mich vom öffentlichen Leben zurückziehen, irgendwohin gehen und – Kakteen züchten! Entweder das, oder ich würde es auf einen Prozeß ankommen lassen, von dem noch nach fünfzig Jahren gesprochen würde.«

 

Dick sah ihn entsetzt an.

 

»Verschwinden und Kakteen züchten, du? So was Idiotisches habe ich wirklich schon lange nicht mehr gehört. Ein Mann wie du, der in der Politik und Gesellschaft eine solche Rolle spielt, kann doch nicht so einfach untertauchen, selbst wenn er möchte.«

 

Lorney kam zurück, sagte, daß das Zimmer fertig sei und brachte seinen Gast nach oben.

 

»Soll ich Mylady sagen, daß Sie zurückgekommen sind?«

 

»Nein. Das ist das einzige, was Sie weder ihr noch irgend jemandem sonst sagen sollen. – Wo ist sie denn?«

 

»Soviel ich weiß, ist sie ins Bett gegangen.«

 

»Und Keller?«

 

»Der ist seit einiger Zeit in seinem Zimmer. Er fährt morgen nach London ab. – Ich habe Ihre Dolche und Waffen in eine leere Schublade dieses Schranks und Ihre Miniaturen in meinem Safe eingeschlossen.«

 

Arranways nickte.

 

»Ich danke Ihnen, Lorney. – Ist etwas passiert, seitdem ich fort war?«

 

»Nein.«

 

»Also, Mr. Lorney, ich kann mich auf Sie verlassen, daß Sie Lady Arranways nichts von meiner Rückkehr sagen?«

 

Er sah Lorney an, schüttelte dann aber den Kopf.

 

»Nein, ich kann mich nicht auf Sie verlassen. Sie haben mir das erstemal schon etwas vorgelogen – es war zwar gut gemeint von Ihnen, aber es war eben doch eine Lüge. Sie haben Mylady nicht auf dem Flur gefunden.«

 

Der Wirt sah ihn gerade an. »Ich habe Lady Arranways auf dem Gang unter dem Fenster entdeckt.«

 

»Würden Sie das auch vor Gericht beschwören?«

 

»Zehnmal würde ich es beschwören«, gab der Wirt zurück.

 

Eddie Arranways lehnte sich gegen den Schreibtisch und verschränkte die Arme.

 

»Eigentlich verstehe ich nicht, warum Sie lügen sollten. Lady Arranways kann Ihnen doch nichts bedeuten. Oder hat sie Ihnen Geld gegeben?«

 

An dem Zug von Verachtung, der jetzt auf Lorneys Gesicht lag, erkannte der Lord, daß er zu weit gegangen war.

 

»Es tut mir leid, ich bin heute abend etwas nervös, Mr. Lorney. Bitte lassen Sie mich morgen gegen sieben Uhr wecken das heißt, wenn ich hier sein sollte!«

 

Der Lord erklärte diese mysteriöse Bemerkung nicht, aber der Wirt glaubte zu verstehen.

 

Er ging in sein Privatzimmer, zog den Scheck aus der Tasche und betrachtete ihn eingehend. Dieser Keller besaß wirklich Mut! Dann schloß er ihn im Safe ein.

 

Als er in die Diele zurückkehrte, saß Collett dort in einem tiefen Sessel, hatte eine Karte auf den Knien und studierte sie.

 

»Ich habe ihm noch mal was zu trinken ‚raufgebracht«, sagte Charles zu Lorney.

 

»Von wem sprechen Sie – etwa von Mr. Keller?«

 

»Jawohl.« Charles‘ Gesicht lief rot an. »Er hat die größten Frechheiten zu mir gesagt – das tut er ja immer. Wenn man einmal im Gefängnis gewesen ist, will einen jeder wieder hineinstecken.«

 

Lorney drehte sich ungeduldig um.

 

»Nun machen Sie sich nicht so entsetzlich wichtig! – Ist er schlafen gegangen?«

 

»Nein, bisher noch nicht.«

 

Inzwischen war Dick erschienen. Er sah sehr schlecht aus.

 

Aber ehe er dazu kam, etwas zu sagen, klingelte es dreimal heftig.

 

Lorney schaute aufs Schaltbrett und wandte sich dann an Charles. »Mr. Keller.« Er runzelte die Stirn. »Ich will mal nachsehen, was er hat.«

 

Collett beobachtete, wie der Wirt an Kellers Zimmertür anklopfte und hineinging. Bald darauf kam er wieder heraus und blieb in der offenen Tür stehen.

 

»Sie haben genug gehabt heute abend, Mr. Keller«, sagte er unfreundlich. »Schön, dann gehen Sie woanders hin. Mich wird es nur freuen, wenn ich nichts mehr mit Ihnen zu tun habe.«

 

Er schlug die Tür hinter sich zu und kam dann herunter. Die Hände hatte er in die Taschen gesteckt. Ohne jemanden anzusehen, ging er mit düsterem Gesichtsausdruck hinter die Theke, drückte die Tür zu seinem Privatzimmer mit der Schulter auf und verschwand.

 

»Na, der ist ja auf achtzig«, meinte Collett.

 

»Das kann ich ihm nicht mal verdenken«, entgegnete Dick Mayford. »Gehen Sie zu Lord Arranways und fragen Sie, ob Sie ihm etwas helfen können«, fuhr er dann, zu Charles gewandt, fort.

 

»Sind Sie Lord Arranways Schwager?« fragte Collett. »Ich dachte, der Lord wäre in London.«

 

»Er ist heute abend zurückgekommen«, gab Dick kurz Auskunft.

 

Er war nicht in der Stimmung, sich mit anderen Leuten über die Arranways zu unterhalten, und außerdem hatte er das Gefühl, der gerissene Kriminalbeamte wollte ihn nur im Lauf eines harmlosen Gesprächs ein bißchen aushorchen.

 

Lorney kam wieder aus seinem Zimmer, ging zur Theke, stützte sich mit beiden Ellenbogen darauf und sah die beiden Männer mit ausdruckslosem Blick an.

 

»Was ist denn mit Mr. Keller los?« erkundigte sich Collett. Er sah auf seine Uhr, die etwas nachging, und stellte sie nach der Turmuhr, die gerade halb zwölf schlug.

 

»Sinnlos betrunken. Er hat heute schon fast zwei Flaschen Kognak leergemacht – da ist es kein Wunder«, antwortete Lorney.

 

Charles erschien wieder in der Gaststube.

 

»Lord Arranways ist nicht in seinem Zimmer. Ich glaube, ich habe ihn auf dem Rasen gesehen.«

 

Lorney wurde vor Ärger rot im Gesicht.

 

»Zum Teufel, wer hat Sie denn nach oben geschickt …?« begann er.

 

»Ich«, entgegnete Dick. »Ich wollte nur wissen, ob Lord Arranways etwas wünscht. – Auf dem Rasen haben sie ihn gesehen?«

 

»Ja, am Fuß der Balkontreppe.«

 

Ein markerschütternder Schrei unterbrach ihn.

 

Alle schraken zusammen und sahen sich entsetzt an. Gleich darauf hörten sie ihn noch einmal.

 

Eine Frau mußte zu Tode erschrocken sein. Ein paar Minuten später kam Mary Arranways oben den Gang entlanggelaufen – geisterhaft blaß. Sie trug einen cremefarbenen Morgenrock, von dem Collett zuerst dachte, er wäre mit roten Blumen bedruckt, bis er erkannte, daß es große Blutflecken waren.

 

Als sie die Treppe herunterkam, streckte sie die Hände weit von sich. Auch sie waren blutbefleckt.

 

Dick lief ihr erschreckt entgegen und führte sie vorsichtig zu einem Stuhl.

 

»Was ist denn passiert?«

 

»Da oben – da!« rief sie völlig verstört. »Keller – er ist tot, ermordet … auf dem Balkon!«

 

Im nächsten Augenblick stürzte Collett die Treppe hinauf, rannte den Gang entlang, riß die Tür zu Kellers Zimmer auf und machte Licht. Der Raum war leer. Eine der beiden Balkontüren stand offen. Er trat hinaus.

 

Keller lag auf dem Rücken. Aus seiner Brust ragte der Griff eines Dolches. Es war der Dolch Aba Khans.

 

Kapitel 1

 

1

 

Die häßlichen roten Backsteingebäude auf der Höhe von Sketchley Hill hießen offiziell ›Landesirrenanstalt‹, aber in der Gegend wurden sie allgemein ›das Asyl‹ genannt. Nur die ältesten Leute konnten sich noch daran erinnern, welch heftigen Widerstand die Bevölkerung seiner Errichtung entgegengesetzt hatte, aber die Beamten, die es anging, waren vernünftig und erklärten, daß Geisteskranke doch auch ein Anrecht darauf hätten, etwas von der Schönheit der Natur zu genießen, und daß dieser wunderbare Ausblick nach allen Seiten sicher wohltuend auf sie wirken würde.

 

Diese Auseinandersetzung hatte sich vor langer Zeit abgespielt, als der ›Alte‹ noch ein junger Mann war und mit düsterem Gesicht durch Wälder und Felder streifte und merkwürdige Pläne schmiedete. Aber schon bald fürchtete man, seine phantastischen Gedanken könnten sich gemeingefährlich auswirken, und so ließ man ihn von drei Ärzten untersuchen, die ihn die gleichgültigsten Dinge fragten – so kam es ihm wenigstens vor – und die ihn danach in geschlossenem Wagen in die Anstalt brachten.

 

Dort lebte er dann viele Jahre. Inzwischen rasten Kriege und Revolutionen über die Erde, wurden Könige von ihren Thronen verbannt und die leichten Kutschwagen von den Landstraßen, wo jetzt Autos in großen Staubwolken dahinsausten.

 

Manchmal fühlte der ›Alte‹ eine unstillbare Sehnsucht, aus den hohen roten Mauern herauszukommen, wieder unter normalen Menschen zu leben. Von seinem Fenster aus konnte er die Giebel von ›Arranways Hall‹ sehen. Seit vierundvierzig Jahren schaute er nun immer durch dasselbe Fenster auf dieselben Giebel.

 

Aber eines Nachts konnte er es nicht mehr aushalten; die Sehnsucht nach den Wäldern und einem Leben in Freiheit wurde übermächtig in ihm. Er dachte an die Höhlen, an die Stellen im Wald, wo er als Junge unter den großen Farnen geträumt hatte, an den Steinbruch mit den senkrecht abfallenden Wänden und dem tiefen Teich davor. Leise stand er auf, kleidete sich an, verließ sein Zimmer und ging die Treppe hinunter. In der Hand trug er einen schweren Hammer, den er vor einiger Zeit gestohlen und seither versteckt hatte.

 

Unten in der Halle schlief der Wärter – der ›Alte‹ schlug ihn mit dem Hammer mehrmals auf den Kopf. Der Mann gab keinen Ton von sich. Der ›Alte‹ nahm den Schlüsselbund und schloß die Türen auf. Dann eilte er durch den Garten und war bald darauf durch das große Tor verschwunden. Mit seinem weißen, unordentlichen Bart sah er richtig unheimlich aus, als er in den frühen Morgenstunden kurz vor Sonnenaufgang durch die kühlen Wälder von Sketchley strich. Am Rande des Steinbruchs setzte er sich schließlich hin und versank in Träumereien, während er in das stille Wasser des Teichs tief unter sich starrte.

 

*

 

Mr. Lorney, der neue Wirt des Gasthauses in Sketchley, wollte sich nicht an der Verfolgung des Entsprungenen beteiligen. Er war ein großer, breitschultriger Mann mit kahlem Kopf und harten Zügen. Seine Stimme klang energisch, und er trieb sein Personal ständig zur Arbeit an. Bei der Jagd mitzumachen, hatte er keine Lust, soweit fühlte er sich für das Allgemeinwohl doch nicht mitverantwortlich.

 

Er wohnte erst seit kurzem in Sketchley und wurde deswegen von den Einheimischen mit einem gewissen Mißtrauen beobachtet, das er in gleichem Maße erwiderte. Er wettete dauernd, aber mit Verstand. Ab und zu fuhr er nach London, und selbstverständlich besuchte er alle Rennen in der Umgegend. Trotzdem konnte man nicht sagen, daß er sein Geschäft irgendwie über seiner Liebhaberei vernachlässigte. Von Anfang an hatte er sich vorgenommen, für besser gestellte Leute Wochenendappartements einzurichten. Deshalb baute er das etwas verfallene Haus um, das noch aus der Tudorzeit stammte. Auch den verwilderten Garten hatte er neu angelegt und die Fassade des Gasthauses frisch gestrichen.

 

Die Reporter, die nach Sketchley kamen, um über den geflüchteten Geisteskranken zu berichten, fanden bei Mr. Lorney ein bequemes und gutes Quartier. Obwohl sie wenig wirklich Neues entdeckten, von dem ›Alten‹ ganz zu schweigen, verfaßten sie die sensationellsten Artikel. Spaltenlang beschrieben sie die aufregenden Streifen durch die Wälder und die geheimnisvollen Höhlen, die noch niemand genau untersucht hatte. Von den Landleuten ließen sie sich allerhand Geschichten über den ›Alten‹ erzählen; außerdem war auch noch über den toten Wärter zu berichten, dessen geheimnisvolle Vorahnung seines Todes jetzt von seinen Freunden bestätigt wurde und dessen Begräbnis viel Stoff zum Schreiben lieferte.

 

Aber nach einer Weile, als von dem ›Alten‹ immer noch keine Spur zu entdecken war, versiegte das Interesse der Öffentlichkeit, und die Furcht der Leute in den umliegenden Dörfern schlief ein.

 

»Je eher die Sache vergessen wird, desto besser«, meinte John Lorney. »Für uns ist der Fremdenverkehr von größtem Interesse. Wenn die Gäste immer an den ›Alten‹ mit dem Hammer erinnert werden, bekommen wir eine schlechte Saison.«

 

Man nahm an, daß der ›Alte‹ tot sei oder sich in eine andere Gegend verzogen habe.

 

*

 

Aber dann tauchte der ›Alte‹ plötzlich doch wieder auf. Man sah ihn in derselben Nacht, als in ›Tinsden House‹ silbernes Geschirr im Wert von etwa tausend Pfund gestohlen wurde. Ein Arbeiter, dessen Frau krank war, ging auf der Straße auf und ab und erwartete die Ankunft des Arztes. Plötzlich sah er, daß sich eine Gestalt aus dem Schatten einer Hecke löste, über die Straße rannte und in der nahen Schonung verschwand. Im Mondlicht erkannte er den weißen Bart des ›Alten‹. Als der Doktor ankam, hatte er zwei Patienten zu versorgen.

 

Die Bewohner von Sketchley fingen wieder an, alles zu verriegeln, und niemand traute sich nachts allein auf die Straße.

 

Aus Guildford und sogar von Scotland Yard wurden Kriminalbeamte nach Sketchley geschickt, und der Polizeidirektor hielt eine Konferenz ab.

 

Während sich noch alle Leute über den ersten Einbruch den Kopf zerbrachen, wurde in einem nahegelegenen Schloß ein zweiter verübt. Diesmal sah der Chauffeur des Postautos, das von Guildford nach London fuhr, einen weißhaarigen Mann in abgetragenen Sachen auf der Landstraße entlangwandern.

 

Chefinspektor Collett kam von London und ließ sich die Personalakten des Geisteskranken zeigen, aber er konnte keinen Anhaltspunkt finden, der ihm half, das Geheimnis aufzuklären.

 

»Entweder muß er ein erstklassiger Einbrecher gewesen sein, als er noch jung war«, sagte er kopfschüttelnd, »oder er hat das alles in der Anstalt gelernt. Das wäre nicht das erste Mal. Ich kann mich ganz genau auf so einen Fall besinnen …«

 

Der dritte Einbruch geschah in ›Arranways Hall‹. Lord Arranways hörte mitten in der Nacht ein Geräusch, ging in das Schlafzimmer seiner jungen Frau und weckte sie.

 

»Wenn ich mich nicht irre, ist unten ein Fenster eingedrückt worden«, sagte er leise. »Ich gehe einmal hinunter und schaue mich um.«

 

»Warum verständigst du nicht jemanden vom Personal?« fragte sie ängstlich, stand auf, schlüpfte in ihren Morgenrock und folgte ihm durch den dunklen Gang die breite Treppe hinunter. Er flüsterte ihr zu, daß sie oben bleiben solle, aber sie schüttelte nur den Kopf. Vorsichtig ging er durch die stille Eingangshalle und öffnete die Tür zur Bibliothek. Im gleichen Augenblick sprang jemand aus dem Schatten und war deutlich in der offenen Glastür zu erkennen. Der Lord riß den Revolver hoch und drückte ab. Gleich darauf hörte man, daß Glas splitterte.

 

»Warum hast du das getan?« fragte er ärgerlich.

 

Als er die Waffe hob, hatte sie seinen Arm in die Höhe geschlagen, so daß der Schuß in den Kristalleuchter ging und Scherben von der Decke fielen.

 

»Warum wolltest du auf den alten Mann schießen? Hast du nicht seine weißen Haare gesehen?«

 

Der Lord hatte ein reizbares, jähzorniges Wesen. Er war zum zweitenmal verheiratet. Das Verhalten seiner zweiten und sehr jungen Frau regte ihn manchmal auf.

 

»Der Kerl war wahrscheinlich schwer bewaffnet«, brummte er. »Du hast dich verrückt benommen!«

 

Sie lächelte und ging zu der offenen Tür, die auf die Terrasse führte. Nirgends war etwas von dem alten Mann zu sehen. Hastig angekleidete Diener eilten die Treppe herunter, und alle Räume im Erdgeschoß wurden durchsucht. Es stellte sich heraus, daß einer der zwei goldenen Becher, die Charles I. dem siebenten Grafen von Arranways geschenkt hatte, verschwunden war.

 

Eddie Arranways lief eine Woche lang mit düsterem Gesicht herum und war seiner Frau böse.

 

Der ›Alte‹ war wieder das Gespräch des Tages.

 

Kapitel 8

 

8

 

Zwei düstere Tage voller polizeilicher Untersuchungen und die unvermeidliche Totenschau folgten. Das Totengericht gelangte zu dem Urteil: »Selbstmord im Zustand geistiger Umnachtung.«

 

Glücklicherweise brauchte Ursula an diesem Verfahren nicht teilzunehmen. Am Tage der Totenschau fuhr sie aufs Land. Sie verabschiedete sich telefonisch von Braid und lehnte sein Anerbieten, sie in seinem Wagen nach Somerset hinauszufahren, liebenswürdig ab. Gern hätte sie auch auf den Besuch verzichtet, den Julian Reef ihr wenige Minuten vor ihrer Abfahrt abstattete.

 

Zwei lange Briefe hatte sie von ihm erhalten, aber noch nicht gelesen. Er hatte wiederholt Versuche gemacht, sie zu besuchen, doch sie hatte immer einen Grund gefunden, ihn nicht zu empfangen.

 

Weshalb sie sich so ablehnend gegen ihn verhielt, wußte sie selbst nicht. Nur das war ihr klar, obwohl sie noch nicht wagte, es sich einzugestehen: die Nachricht vom Tod ihres Vaters hatte ihr, so tragisch sie ihn auch empfand, ein Gefühl der Befreiung gegeben. Sie suchte sich über dieses Gefühl Rechenschaft abzulegen. Vielleicht hing es mit Julian zusammen. Sie hätte ihn nie geheiratet; aber dieser Wunsch ihres Vaters, wenn er auch unausgesprochen geblieben war, hatte sie doch insgeheim bedrückt. Dieser Druck lastete jetzt nicht mehr auf ihr. Sie war Herrin ihres Geschickes, war frei und ungebunden.

 

Sie hatte ihren Vater geliebt. Sein grauenvoller Tod war für sie ein vernichtender Schlag. Doch jetzt empfand sie erst, daß sie sich innerlich nie recht nahegestanden hatten, daß der Vater von seiner Jagd nach Reichtum so ausschließlich erfüllt war, daß für seine Tochter nur wenig Platz in seinen Gedanken und in seinem Herzen blieb.

 

Als sie eben die Handschuhe anzog und einen letzten Blick über die Stätte ihrer Kindheit und Jugend gleiten ließ, meldete die Zofe Julian. Sie konnte ihn nicht abweisen, denn Reef trat bereits herein. Er trug Trauer. Sein schwarzer Schlips und der breite schwarze Flor um Hut und Ärmel erschienen ihr ein wenig vorsintflutlich und, aus gewissen Gründen, unangebracht.

 

»Ich versuche fortwährend seit dieser gräßlichen Geschichte, dich zu erreichen«, begann er.

 

»Ich habe jetzt fünf Minuten Zeit für dich«, sagte sie.

 

Ihre Kälte ging ihm auf die Nerven. Sie war durchaus nicht das gefügige, willfährige Mädchen, das er erwartet hatte.

 

»Nein … deine Lage … und alles dies …«, versuchte er zögernd. »Ich weiß nicht, was dein Vater dir hinterlassen hat, aber ich kann mir denken, daß seine Geschäfte ein einziges Chaos sind. Selbstverständlich darfst du keine Not leiden. Wahrscheinlich wird man das Haus hier verkaufen …«

 

»Weshalb?« unterbrach sie. »Das Haus gehört mir. Weißt du das nicht?«

 

Ihre Sicherheit machte ihn verstört.

 

»Der Tod deines armen Vaters scheint dir nicht sehr nahezugehen – nicht so nahe, wie man eigentlich erwarten sollte«, warf er ihr vor. »Das geht mich natürlich nichts an. Aber du solltest dich doch an all die Wohltaten deines Vaters erinnern …«

 

»Ich halte es durchaus für überflüssig, daß du mir gute Lehren erteilst. Im übrigen bin ich so erschüttert von meinem Unglück, daß alle Äußerlichkeiten unwichtig sind. Du mußt schon entschuldigen, wenn ich nicht Trauer trage und heule – Vater wäre sicherlich der letzte, der darauf Wert legte.«

 

Dann folgte ein peinliches Schweigen, und alle seine wohldurchdachten Worte entfielen ihm.

 

Er suchte nach einem anderen Weg.

 

»Man erzählt sich in der City, daß Braid Testamentsvollstrecker ist. Das ist unerhört, wenn man bedenkt, wie dein Vater zu ihm stand. Ich bin fest davon überzeugt, wenn dein Vater dazugekommen wäre, hätte er sein Testament geändert. Lord Frensham hat diesen Halunken geradezu gehaßt.«

 

Sie blickte ihn skeptisch an. Dann strich sie das blonde Haar aus der Stirn und sagte:

 

»Der Haß kann nicht so furchtbar gewesen sein, wenn er ihn noch im letzten Augenblick um Geld bat«, erklärte sie ruhig. »Das sieht nicht nach Todfeindschaft aus. Außerdem vergiß nicht, daß Tony mir ein sehr lieber Freund ist.«

 

»Das merke ich!« Er lächelte anzüglich. Doch sie übersah die Beleidigung.

 

»Er konnte das Unglück zwar nicht verhindern, aber er wollte helfen. Mir gegenüber ist er stets hilfsbereit gewesen – und dir gegenüber doch wohl auch.«

 

Wütend fuhr er auf. »Ich verstehe nicht, worauf du abzielst. Inwiefern ist Braid zu mir freundlich gewesen? Ich habe davon nichts bemerkt.«

 

»Das werde ich dir gleich sagen.« Sie hatte jetzt ihre Handschuhe zugeknöpft. »Er riet mir, nicht allzu genau zu untersuchen, wo die sechzigtausend Pfund geblieben sind, die du für mich verwaltet hast …«

 

»Dein Vater hat sie!« schrie Julian überlaut. Das Blut stieg ihm zu Kopf.

 

Sie überhörte den Einwurf.

 

»Tony und ich sind ferner übereingekommen, nicht weiter nachzuforschen, zu welchem Zeitpunkt und an wen meine Aktien ausgehändigt worden sind. Es dürfte nicht allzu schwer sein, solche Transaktionen noch nachträglich festzustellen, mein lieber Julian. Ich persönlich verstehe nichts von Geschäften und von der Börse, aber so viel weiß ich doch, daß Tony im Handumdrehen heraus hätte, was mit meinen Aktien geschehen ist.«

 

»Ich kann dir die Zessionen …«, begann er, brach aber gleich wieder ab. Der Zweifel in ihren Augen erbitterte ihn.

 

»Ursula, wenn ich bedenke, daß du bald meine Frau sein wirst, erscheint mir dein Benehmen geradezu unerhört!«

 

Es war ein kühner Streich, den er führte. Er setzte alles auf eine Karte und wußte, daß er verloren hatte, noch ehe er sie ausspielte.

 

»Ich glaube, dieses Thema ist ein für allemal erledigt«, sagte sie sehr ruhig.

 

Die Unterhaltung nahm für ihn einen bösen Verlauf. Er war gekommen, um unter dem Deckmantel des Mitgefühls Näheres über jene Erbschaft zu erfahren, von der Frensham kürzlich gesprochen hatte. Der Onkel hatte angedeutet, Ursula würde eine sehr reiche Frau werden. Zum erstenmal hatte Reef von dieser Aussicht gehört. Die Neugier quälte ihn, Näheres darüber zu erkunden. Doch plötzlich sah er sich in die Verteidigung gedrängt, sah sich einer kaum versteckten Anschuldigung gegenüber. Denn über den geheimen Sinn des Verzichts, den Ursula ihm großmütig in Aussicht stellte, war ein Zweifel kaum möglich.

 

Er war bestürzt und erschreckt. Sein Geheimnis und seine Unterschlagung waren also aufgedeckt. Er mußte alle Energie und Entschlossenheit zusammenraffen, um den panischen Schrecken, der ihn packte, niederzuringen und nicht zu fliehen.

 

»Ich weiß nicht … du sagst da Dinge …« Er sprach ohne Zusammenhang, verlegen und suchte vergeblich, seine Furcht zu verbergen. »Du hast dich offenbar von Lügen überrumpeln lassen. Dieser gerissene Kerl! Unglaublich! Du wirst doch hoffentlich nicht auf ihn hören! Nach all diesen langen Jahren …«

 

Jetzt war er für Ursula endgültig erledigt. Es war für sie erschütternd, diesen Mann, dem sie vertraut, an dessen Rechtlichkeit sie geglaubt hatte, als bescholtenen Bettler vor sich zu sehen. Denn jetzt bettelte er, bettelte bebend vor Angst, sie könne mehr wissen, viel mehr, als sie verraten hatte, und war tief gedemütigt bei dem Gedanken, daß sie schon so viel wußte.

 

»Um Himmels willen, Ursula, nimm Vernunft an! Ich begreife, welch ein schrecklicher Schlag es für dich gewesen ist … Deines Vaters Tod und alles … aber glaub doch nicht so schreckliche Dinge von deinem besten Freund! Du kennst doch Braids Ruf – miserabel ist er! Er lebt von Lügen, hat sein Vermögen auf Betrug aufgebaut …«

 

Als er so weit gelangt war, öffnete sie ihm die Tür. Er wollte noch etwas Letztes, Entscheidendes, Vernichtendes sagen, doch er war völlig benommen und verstört und konnte keinen klaren Gedanken fassen.

 

Sie sah ihn die Auffahrt hinabgehen und seufzte erleichtert. Zum erstenmal seit jener entsetzlichen Nacht, in der Elk sie angerufen und ihr den Tod ihres Vaters mitgeteilt hatte, empfand sie ein Gefühl der Erlösung und Befriedigung.

 

Kaum war sie in Somerset eingetroffen, schrieb sie einen langen Brief an Tony:

 

Ich will jetzt robust und rücksichtslos sein und vergessen, vergessen und vergessen! Wenn ich mich nicht von diesem Grauen befreie, werde ich wahnsinnig … Ich achte Vater und die Erinnerung an ihn und bin mit ihm durch tausend Bande verbunden. Aber wahrscheinlich bin ich sehr gefühllos, wenn ich Gott danke, daß Vater sich immer, auch mir gegenüber, so reserviert verhielt, daß sein Tod mir nicht den wertvollsten Teil meines Lebens entrissen hat … Hoffentlich gehen Sie zum Rennen und grämen sich nicht um mich … Der Butler hier möchte zu gern wissen, ob Barley Tor auch bestimmt siegen wird. Was soll ich ihm sagen? Ich habe Sie noch nie um einen Tip gebeten. Sie müssen mir also dieses Mal den Gefallen tun.

 

*

 

Braid war in Ascot und hatte alle Hände voll zu tun. Er lehnte die Aufforderung des Anwalts, Frenshams Papiere mit ihm durchzusehen, rundweg ab und antwortete, er würde seine Pflichten als Testamentsvollstrecker erst ernsthaft aufnehmen, wenn er etwas Abstand von den düsteren Erinnerungen gefunden hätte.

 

Tony war durchaus nicht nur ein liebenswürdiger Rennstallbesitzer. Seine Pferdekenntnis war nicht schlechter als seine Menschenkenntnis. Wenn er ein Pferd galoppieren sah, wußte er untrüglich, was das Tier wert war.

 

Eines Morgens fuhr er früh nach Newbury, um die letzte Arbeit seiner Pferde zu überwachen. Nach dem Frühstück ritt er mit seinem Trainer zur Rennbahn.

 

»Dort drüben ist das Haus, von dem ich neulich sprach – das Haus des Holländers«, erklärte Sanford und zeigte mit der Reitgerte auf ein weitläufiges altes, rotes Gebäude, das abseits der Straße stand. Es war arg vernachlässigt, der Garten ein Urwald von Unkraut; zwei schmierige Fensterscheiben im Obergeschoß waren zerbrochen.

 

»Vorigen Sonntag war er wie gewöhnlich hier, ganz fraglos ist er ein Kiebitz. Mein oberster Stalljunge erzählt mir, er lungere im Dorfwirtshaus umher und versuche Auskünfte über Barley Tor zu erschleichen.« Er lachte leise.

 

»Ist er jetzt hier?« fragte Tony.

 

»Das wollte ich Ihnen gerade erzählen. Sonst kommt er immer erst Freitag abend oder Sonnabend früh, aber dieses Mal tauchte er schon gestern auf. Sicherlich werden wir ihn auf der Rennbahn treffen. Eine ziemlich peinliche Sache, da Sie ja die Pferde heute morgen ernstlich ausprobieren wollten.«

 

»Macht nichts. Gar nicht peinlich«, erwiderte Braid, »ich kann mir gar nichts Besseres wünschen.«

 

Sanford starrte ihn verwundert an, doch Tony fuhr vergnügt fort: »Wenn Mr. Rex Guelder so erpicht auf die Aussichten meines Pferdes im Steward-Rennen ist, so wollen wir vor ihm keinerlei Geheimnisse haben.«

 

»Da ist er«, unterbrach plötzlich Sanford.

 

Kapitel 9

 

9

 

Sie ritten die weiße Chaussee hinab, die quer durch die Wiesen führte. Das Gelände steigt hier von der Straße hügelig an. Auf der Kuppe der Anhöhe stand die merkwürdige Gestalt des Mr. Rex Guelder, merkwürdig wegen seines Strohhutes, seines langen schwarzen Rocks und seiner hellen braunen Stiefel. Unter den Arm geklemmt hielt er einen Schirm. Seine Hände waren in hellgelbe Handschuhe gezwängt. In seinem großen, häßlichen Mund hing eine jener dünnen Zigaretten, wie sie Damen rauchen.

 

Als Tony an dem Hügel vorbeiritt, wandte Guelder sich um und schwenkte den Hut.

 

»Guelder!« bellte er und stellte sich unbeholfen mit einer steifen, kleinen Verbeugung vor. »Habe ich das große Vergnügen mit Mr. Braid –? Wenn ich mich nicht täusche, haben wir uns schon geschäftlich in der City getroffen.«

 

Braids Augen funkelten.

 

»Ich wußte nicht, daß Sie sich auch für den Rennsport interessieren«, sagte er.

 

»Nur wenig«, wehrte Guelder hastig ab, »nur ganz wenig. Ich komme lediglich heraus, um mir die herrlichen Pferde anzusehen und die Sorgen der Börse zu vergessen. Hier stehe ich, lasse mir Gottes Wind um die Nase wehen und freue mich meines Lebens.«

 

Braid blickte hinauf zu diesem feisten, brutalen Gesicht, um das der Wind des lieben Gottes sehr unverdient spielte, und betrachtete zum erstenmal eingehend diesen Mann, der seine Neugier erweckt hatte. Elk hatte ihm manche sonderbare Geschichte über Rex Guelder erzählt. Selbst die schlimmsten konnte man bei diesen abstoßenden Zügen glauben.

 

»Wenn Sie Interesse an Pferden haben, sehen Sie sich doch vielleicht unsere Morgenarbeit an?« lud er ihn ein.

 

Der Mann strahlte.

 

»Es wäre mir eine große Ehre«, gestand er. »Für welches Rennen trainieren Sie?«

 

»Den Steward-Pokal«, erklärte Tony zur Erstarrung seines Trainers. »Ich lasse zwei Pferde laufen. Ich will sie jetzt mit drei oder vier anderen in vollem Rennpace sechs Viertelmeilen laufen lassen. Dann werden Sie mit eigenen Augen den vermutlichen Sieger erkennen.«

 

Er sah etwas wie Argwohn in den hinterlistigen Augen unter den dicken, verquollenen Lidern aufdämmern.

 

»Ich bin sehr begierig«, sagte Guelder und trottete neben Tonys Pferd her.

 

Sie kamen zu einem Platz, auf dem ein halbes Dutzend Pferde im Kreise einherschritt. Guelder trat beiseite und beobachtete gespannt, wie ihnen die Decken abgenommen und die letzten Vorbereitungen getroffen wurden. Zwei der Pferde wurden herangeführte Entgegenkommend teilte Tony ihm deren Namen mit, obwohl das, wenigstens bei dem einen unnötig war.

 

»Das ist Barley Tor, auf den, wie ich höre, von aller Welt gesetzt wird. Das andere ist die sehr schnelle Stute Lydia Marton. Eine Dreijährige. Wenn Sie ein Rennfanatiker sind, kennen Sie sicher ihre Geschichte. Im Frühling lief sie zum erstenmal und gewann ein kleines Rennen in Pontefract.«

 

»Worauf warten Sie noch?« fragte Guelder mit gespielter Gleichgültigkeit.

 

»Auf die Jockeys. Da sind sie!«

 

Tony blickte die Straße hinab, auf der eine Staubwolke der Spur eines starken Kraftwagens folgte. Der Wagen hielt an dem Platz, auf dem die Pferde herumtänzelten. Zwei schmächtige kleine Gestalten stiegen aus. Guelder erkannte in ihnen zwei der führenden Jockeys vom Turf. Der eine war ein Mann über dreißig mit einem dunklen Vogelgesicht, der gern ein offenes Wort sprach und für seinen Spott bekannt war.

 

»Sie reiten Lydia Marton, Burnie«, rief Tony Braid. Der zweite Jockey war schon auf Barley Tor aufgesessen. Sie kanterten zum Start. Rex Guelders Gehirn arbeitete emsig. Er kannte Tony Braid, aber noch besser kannte er dessen Ruf. Tony und Julian Reef waren erbitterte Feinde. Gueldners Partnerschaft mit Reef war allgemein bekannt. Sicherlich wußte auch Braid darüber Bescheid. Warum lud er ihn dann aber zum Zeugen dieser wichtigen Probe ein? Das paßte doch eigentlich gar nicht zu dem ›gerissenen Kerl‹!

 

»Nicht wahr, Sie arbeiten in Reefs Büro, Mr. Guelder?« fragte Tony unvermittelt.

 

»Ja, zu meinem Glück«, entgegnete Guelder und wartete, was jetzt kommen würde.

 

»Sicherlich ist er sehr betrübt über Lord Frenshams Tod?«

 

Guelder wiegte den Kopf und wurde ganz Trauer.

 

»Ach, der arme Mensch! Ich kann seinen Jammer und seine Seufzer kaum noch ertragen. Leider gibt es auch noch andere Gründe zum Klagen. Der Lord schuldete dem armen Julian sehr beträchtliche Summen. Aber daran denkt Julian nicht mehr, er hat ein so gutes Herz. Ihn betrübt nur der jähe Verlust des Oheims. Was für ein Unglück! Dem armen Julian gilt Geld nichts. Er ist findig, er ist klug, er hat eine große Zukunft.«

 

»Vielleicht«, sagte Tony trocken. »Wie gehen denn die Geschäfte, Mr. Guelder?«

 

Rex Guelder zuckte die breiten Schultern. »In der City geht’s immer ‚rauf und ‚runter«, meinte er, »aber wir haben Glück. Unsere Firma hat große Reserven, großes Einkommen und wertvollen Besitz. Und unsere Aussichten sind geradezu unbegrenzt!«

 

Tony zündete sich umständlich eine Zigarette an. Kein Lächeln, keine Geste, kein Zucken des Lids verriet seinen tiefen Zweifel an der Ehrbarkeit des Geschäfts, das Mr. Julian Reef leitete.

 

»Jetzt«, fuhr Guelder fort und wollte eifrig die Gelegenheit ausnutzen, einen so mächtigen Mann wie Braid zum Vertrauten zu gewinnen, »jetzt natürlich geht bei uns alles drunter und drüber wegen der Lulanga-Öl-Aktien – wie die fallen! Gestern abend standen sie sieben Sechstel, wir haben unzählige noch mit zwei Pfund gekauft.«

 

Tony lächelte. »Kaum«, sagte er und schüttelte sanft den Kopf.

 

»Pardon – ich meine zu dreißig Schilling«, verbesserte sich Guelder.

 

Wieder schüttelte Braid den Kopf und lächelte ungläubig.

 

»Nun, vielleicht zu einem Pfund – ich weiß das nicht so genau. Und jetzt, wo der Direktor der Gesellschaft gestorben ist und niemand weiß, was werden wird … Ich denke oft …«

 

»Achten Sie auf die Pferde!« rief Tony.

 

Das Feld war losgelassen. Sechs schwarze Punkte ballten sich in der Ferne zusammen. Der Trainer stand, die Stoppuhr in der Hand, das Glas am Auge. Näher und näher kamen sie heran. Guelder bebte vor Erregung. Er konnte sie genau sehen, ohne Glas: der Fuchs Barley Tor führte. Die kastanienbraune Lydia Marton lag eine halbe Länge zurück. Er sah den Jockey auf Barley Tor ganz still sitzen. Dann, als sie weniger als fünfzig Meter von den Beobachtern entfernt waren, schoß die Stute Lydia Marton vor, und eine Länge lag zwischen ihr und dem Favoriten des Steward-Pokals, als sie an ihnen vorübersausten.

 

Guelder atmete schwer. Seine Augen strahlten vor Aufregung. Denn er hatte gemerkt, daß der Jockey auf Barley Tor unbeweglich gesessen hatte.

 

»Nun?« fragte Tony.

 

Guelder blinzelte zu ihm auf.

 

»Wundervoll!«

 

»Zweifeln Sie noch, welches das bessere Pferd ist?« fragte Tony und unterdrückte ein Lächeln.

 

Guelder schüttelte heftig den Kopf.

 

»Offensichtlich Lydia Marton. Welch ein Pferd! Ein Flieger. Ja, jetzt habe ich es mit eigenen Augen gesehen. Herzlichen Dank, Mr. Braid.«

 

»Ich lasse sie natürlich beide laufen«, erklärte Tony harmlos. »Sie werden jetzt Ihren Freunden berichten können, wie töricht sie handeln, wenn sie Barley Tor zum Favoriten stempeln, während die Stute ihm doch weit überlegen ist.«

 

»Natürlich werde ich das. Sie erlauben doch, daß ich aus der Schule plaudere?«

 

Als Guelder sich entfernt hatte, lachte er vor sich hin und murmelte: »Dieser gerissene Kerl!«

 

Eine Stunde später sauste er in seinem schmierigen Sportwagen zur Stadt. Eigentlich hatte er über das Wochenende fortbleiben wollen, doch jetzt war keine Zeit zu verlieren. Dienstag wurde der Steward-Pokal geritten; und der Wetteifer war groß.

 

Er platzte in Julian Reefs Kontor, wo der junge Mann mit dem roten Gesicht gerade bei Blitzarbeiten saß. Julian blickte verdutzt auf.

 

»Hallo!« rief er. »Ich denke, du machst Wochenende?«

 

Guelder antwortete nicht gleich. Er ging zur Tür, öffnete sie und blickte hinaus. Das Büro der Angestellten war leer. Das Personal war beim Lunch. Dann kam er zum Tisch zurück und zog einen Stuhl zu Julian heran.

 

»Du hast oft behauptet, daß Pferderennen Blödsinn seien.«

 

»Und du hast mir oft Dinge erzählt, die meine Ansicht bestätigten«, entgegnete Julian sauer. »Beim letzten Ascot-Rennen, zum Beispiel, hast du mich mehr gekostet, als ich die ganze Woche verdient hatte.«

 

Mr. Guelder lächelte ungezwungen. »Ich will dir was erzählen«, sagte er, senkte die Stimme und sprach ununterbrochen fünf Minuten lang.

 

Julian hörte ihm atemlos zu. Kein Plan, der geeignet wäre, dem Feind zu schaden, konnte sorgfältig genug erwogen werden. Er verstand vom Rennen soviel wie jeder Durchschnittsmensch. Doch da er eine Spielernatur war, lockten ihn die auftauchenden Möglichkeiten. Er begriff durchaus die Wichtigkeit der Nachricht, die der Holländer ihm brachte.

 

»Er muß deine Klugheit ja sehr niedrig einschätzen, wenn er sich einen so plumpen Streich mit dir gestattet. Wie hoch steht der Gaul?«

 

Guelder zog eine Zeitung aus der Tasche und fuhr mit dem Finger eine Liste entlang.

 

»Sieben zu eins – der Favorit. Hier, mein guter Julian, gibt’s Geld!« Er schlug mit der Hand auf das Blatt.

 

»Bist du auch sicher, daß es ein richtiges Proberennen war?« bedachte Julian. »Es kann ja auch nur ein ganz gewöhnliches Training gewesen sein.«

 

Guelder grinste überlegen, langte in seine weiten Hosentaschen und zog eine gewaltige Uhr hervor.

 

Er schwenkte sie triumphierend.

 

»Die hatte ich in der Tasche. Der Augenblick, in dem die Fahne für den Trainer hinabgeht, ist auch für mich das Signal. Ich lasse sie losgehen – klick! Und wenn sie bei mir vorbeisausen, stoppe ich ab – wieder klick! Eine Minute elf Sekunden und zwölf Fünftelsekunden. Dieser superkluge Mr. Braid! Er ahnt natürlich nicht, daß so ein armer Teufel von Holländer in seiner Tasche eine so vorzügliche Stoppuhr trägt. Das ist mein System, mein Lieber! Genaue Zeitmaße! So viele Sekunden auf Bodenbeschaffenheit, so viele auf atmosphärische Einflüsse, so und so viele auf …«

 

Julian blickte ihn finster an. »Quatsch! System! Daß du auf Pferde setzt, wußte ich ja. Aber daß du ein so kompletter Narr bist, nach einem System auf Pferde zu setzen, habe ich nicht geahnt. Hast du schon einmal was gewonnen?«

 

Guelder schwenkte seine dicke Hand großartig durch die Luft. »Hunderte im Jahr. Ich setze immer nur kleine Summen, ein Pfündchen hier, ein Pfündchen dort, verliere auch mal, wie du weißt, aber das Endergebnis ist immer Gewinn.«

 

Er belog Julian so frech, wie er sich selbst belog. Sein kleines System kostete Rex Guelder über viertausend Pfund jährlich. Doch er hielt es weder für zweckmäßig noch für erfolgreich, das gerade jetzt zu bekennen.

 

»Offenbar hat der gerissene Kerl dich zu übertölpeln versucht«, erwog Julian nachdenklich. Dann zog er das Telefon zu sich heran, ließ sich verbinden und gab seine Aufträge. Nach diesem Gespräch rief er eine andere Buchmacherfirma an. Dann noch eine …

 

Beschwingt, in gehobener Stimmung, verließ er abends das Büro. Er und sein Verbündeter hatten begründete Aussicht, vierzehntausend Pfund und mehr zu gewinnen. Freilich konnte er auch zweitausendfünfhundert Pfund verlieren. Nicht gerade ein angenehmer Gedanke in diesen Tagen, in denen es ihm schwerfiel, die Gehälter zu bezahlen. Bei Tag und Nacht folterte ihn der Gedanke, daß er in einem schwachen Augenblick eine Quittung über die Aktien ausgehändigt hatte, die jeden Augenblick von Braid unter den Dokumenten gefunden werden konnte.

 

Kapitel 4

 

4

 

Inspektor Elk von Scotland Yard war der einzige berühmte Detektiv, der sich Geheimnisse gestatten durfte. Doch nichts in Mr. Elks Leben war geheimnisvoller als die Leute, die in seinem Haus aus und ein gingen. Diebe, verlotterte Edelleute, Falschmünzer, einmal auch ein Mörder, hatten schon unter seinem interessanten Dach in Gray’s Inn Road geschlummert. Jetzt erfuhr Tony Braid zu seiner Bestürzung, daß ein geheimnisvoller Trunkenbold, der genaue Kenntnis über die Lulanga-Ölquellen besaß, die Wohnung mit Mr. Elk teilte. Und gerade jetzt beschäftigte ihn nichts so angelegentlich wie Lulanga-Öl.

 

Ursula Frensham interessierte eine Leuchte auf dem Gebiet des Lulanga-Öls nicht besonders. Doch dieser schlanke Mann mit dem runzeligen Gesicht und den lustigen Augen war immerhin eine romantische Figur.

 

»Ein netter Bursche, dieser Colburn«, knurrte Elk. »Nichts Gemeines an ihm – ein Prinz. Raucht Zigarren, die jeder Gentleman rauchen kann. Hat auch ein bißchen Geld – und wird noch viel mehr haben, wenn diese Aktien erst steigen.«

 

Er sah Tony spöttisch an. »Ich wollte Sie sowieso wegen dieser Öl-Aktien um Rat angehen. Ihr Herren aus der City könnt einem vielleicht einen Tip geben. Und ich verdiene mein Geld ebenso gern durch Aktien und Spekulationen wie durch ehrliche Arbeit. Offen gesagt, sogar lieber.«

 

»Können Sie ihn mal mitbringen?« fragte Tony leise.

 

Elk kratzte sich den Nacken und meinte, das wäre möglich.

 

Während sie zum Wagen zurückgingen, fragte Ursula: »Was hat Sie an den – wie heißen die Dinger doch – Lulanga so heftig erregt?«

 

»Nichts. Ich habe an dieser Gesellschaft nur einiges Interesse.«

 

»Ist das nicht eine von Julians Gesellschaften?« rief sie plötzlich. »Aber natürlich! Und Vater hat eine ganze Menge dieser Aktien. Er macht sich sogar große Sorgen darüber.«

 

Braid gab keine Antwort.

 

Sie setzte ihn am Clarence Gate ab, ein wenig verwundert über sein Verstummen, aber noch mehr überrascht durch seine Bitte, ihrem Vater die Begegnung mit Elk zu verschweigen.

 

Er ging auf sein kleines Haus in der Park Street zu, das für ihn Wohnung und Büro zugleich war. Denn er führte seine zahlreichen Geschäfte von diesem Haus aus. Die bescheidene Zimmerflucht, die er in der Nähe des Rathauses gemietet hatte, beehrte er sehr selten mit seiner Gegenwart.

 

Kaum hatte er sein Arbeitszimmer betreten, rief er sein Stadtbüro an und diktierte seine Anweisungen so rasch, wie die Stenotypistin sie aufnehmen konnte. Wenige Minuten, nachdem er das Gespräch beendet hatte, waren Lulanga-Öle und Julian Reef aus seinem Gedächtnis verbannt. Er hatte sich in das Studium des Rennkalenders vertieft.

 

Julian Reef hätte viel für Tony Braids Gabe gegeben, Unangenehmes so vollkommen ausschalten zu können. Hätte man irgendeinen angesehenen Geschäftsmann in der City von London nach dem. schlauesten jüngeren Finanzier gefragt, so hätte er sicherlich geantwortet, seiner Meinung nach sei es dieser junge Kerl in Drapers Gardens – wie hieß er doch gleich? Ah, natürlich, Reef – Julian Reef! Es gab auch eine gewisse Clique, die ohne Zögern voll Begeisterung für ihn eingetreten wäre: er war in einem bestimmten Kreis sehr beliebt.

 

Es gab aber auch kluge und gewichtige Finanziers, die Julians meteorhaften Aufstieg mit einem leichten Achselzucken beobachteten.

 

»Er wird Millionär, aber niemals Bürgermeister von London werden«, weissagte einer von diesen. Einst brachte Mr. Reef einem großen Haus ein Projekt mit einem bombensicheren Gewinn. Der Chef des Hauses war höflich, aber ablehnend.

 

»Aber bester Mr. Ashlone, das ist bares Geld!« protestierte Julian.

 

Der weise alte Jude lächelte. »Bares Geld lacht nicht immer, Mr. Reef«, meinte er liebenswürdig. »Wir können dieses Geschäft nicht zusammen machen, ohne daß wir auch in Zukunft irgendwie mit Ihnen verbunden blieben. Und wir sind – hm – ein bißchen altfränkisch.«

 

Es war das erste und einzige Mal, daß Julian sich unterfing, den jungen Wein mit dem alten zu mischen. Klug erkannte er den taktischen Fehler. Es war ein Irrtum, den alten Häusern den Hof zu machen – es war, wie er sehr bald entdeckte, ein noch größeres Versehen, die neuen zu verachten.

 

Nun konnte man Anthony Braid weder eine neue noch eine alte Finanzmacht nennen. Er hatte sein bescheidenes Büro in Lothbury und beeinflußte eine Anzahl obskurer Diamant-Gesellschaften, die von Julians Gesichtspunkt aus höchst unbedeutend waren. In der City betrachtete man ihn weniger als Finanzmann denn als eine Autorität im Rennsport. Eine Ausnahme bildeten freilich die Cityleute, die ihn in Johannesburg gekannt hatten. Als Julian nach dem unangenehmen Streit mit dem Mann, den er am meisten in der Welt haßte, in sein Büro kam, traf er Mr. Rex Guelder auf der Schwelle seines Privatkontors.

 

Mr. Guelder war fett, schäbig und bebrillt. Seine Heimat war Holland, doch besuchte er aus irgendeinem merkwürdigen Grund dieses Land niemals. Er hatte ein rundes, aufgeschwemmtes, ziemlich blödes Gesicht mit hervorquellenden Augen und klaffenden Lippen. Sein Haar stand steif nach oben, seine saloppe Kleidung war Tagesgespräch in der City.

 

Er begrüßte Julian vertraulich wie seinesgleichen, zog ihn schnell in das Privatbüro und schloß die Tür mit einem Knall.

 

»Ah, mein Freund, ich muß dir was Lustiges erzählen! Deine lächerlichen Lulangas steigen wieder. Drei Sechzehntel – ein Viertel…«

 

Er sprach Englisch mit einer gewissen schwerfälligen Korrektheit, obwohl sein Ausdruck schwülstig war und er die R’s sehr stark rollte.

 

»Schade«, grinste Julian ironisch. »Ich habe heute früh achttausend verkauft – eigentlich hätten sie zwei Punkte fallen müssen.«

 

Guelder zog die Schultern hoch und strahlte. »Was macht das schon aus?« fragte er. »Diese Dinge sind so unbedeutend, so lächerlich.« Mit einer verächtlichen Geste tat er Lulanga-Öl ab.

 

»Der neue Schmelztiegel ist angekommen und wird sofort aufgestellt werden. Auch der elektrische Herd aus Solingen. In sechs Wochen wird die neue Einrichtung fertig sein. Heute morgen sind auch die Steine aus Amsterdam eingetroffen.«

 

Er öffnete einen Safe in der Ecke des Zimmers, entnahm ihm einen Wildlederbeutel, ließ die Steine sorgsam durch seine Hand gleiten und schüttete sie auf Julians Schreibunterlage. Fast hundert geschliffene Diamanten blitzen in tausend bunten Strahlen des Sonnenlichts. Da waren große gelbe Diamanten und Diamanten von einem satten Rot, fast von der dunklen Glut des Rubins, und Diamanten von einem matten grünlichen Schein – doch nicht einer war weiß.

 

»Was kosten sie?« fragte Julian mürrisch.

 

Guelder lachte breit.

 

»Einen Dreck«, spottete er, »Fünfzehntausend Pfund, dreitausend habe ich angezahlt. Acht Firmen haben sie zusammengesucht, hier, dort und überall. Was sind sie wert? Für uns, mein lieber Julian, bestimmt Millionen. Nicht, weil wir sie verkaufen werden, sondern weil …« Er tippte sich an den Nasenflügel und blinzelte schlau.

 

»Tu sie weg!« Reef war heute morgen etwas gereizt. »Warum sind Lulangas denn um ein Viertel gestiegen? Ob da irgend jemand seine Finger dazwischen hat?«

 

Rex Guelder breitete seine plumpen Hände aus. »Weiß ich nicht«, brummte er. »Was liegt daran? Zerbrich dir nicht den Kopf über diese blöden Ölaktien, mein lieber Julian! Du verdienst da ein paar Tausend und dort ein paar Tausend, aber im Grunde verplemperst du dein Geld, während du jeden Pfennig für den großen Coup zusammenhalten solltest!«

 

Julian Reef rückte ungeduldig und nervös auf seinem Stuhl hin und her.

 

»Ist es denn wirklich so ein großer Coup, Rex?« fragte er gequält. »Natürlich weiß ich genau, daß du ein verteufelt kluger Chemiker bist und so ’ne Art Genie auf deinem Gebiet. Aber du scheinst nicht zu wissen, daß wir schon fünfzigtausend Pfund verpulvert haben. Wenn mir jemand vor zehn Jahren gesagt hätte, daß ich einmal den Stein der Weisen suchen würde …«

 

»Stein der Weisen!« schnauzte Guelder. »Blödsinn!« Er schnippte verächtlich mit den Fingern. »Du beleidigst mich. Du beleidigst meinen Genius, Julian. Du beleidigst die Wissenschaft, aber du wirst schon sehen!«

 

Er schob die Steine vorsichtig mit der einen Hand an die Kante des Tisches und in die Öffnung des Beutels, den er mit der anderen offenhielt. Dann drehte er das Leder zusammen und legte den Beutel zurück in den Tresor. Plötzlich fragte er ganz unvermittelt: »Was ist dir denn passiert?«

 

Julian strich über seinen Kiefer. »Dieses Schwein hat mich hinterrücks überfallen«, knurrte er.

 

Rex Guelder prustete die dicken Lippen auf. »Es gibt in dieser Stadt so viele Schweine. War es das ›gerissene‹ Schwein?«

 

»Allerdings«, polterte Julian, »aber eines Tages werde ich ihm einen Stoß geben, daß er nicht wieder aufkommt!«

 

Ein Lächeln zog über das feiste Gesicht des Holländers.

 

»Was gibt’s daran Komisches?« grollte Julian.

 

»Etwas sehr Komisches sogar, mein Freund. Vorhin sprach ich mit Jollybell. – Dabei kam die Rede auf den ›gerissenen Kerl‹. Worin glaubst du wohl, hat er sein Geld angelegt? In Diamanten! De Vere’s, Ramier’s, Orange River …«

 

Er bog sich in stillem Lachen. Ein neuer Ausdruck tauchte plötzlich in Julian Reefs Augen auf. »Donnerwetter«, flüsterte er, mehr für sich. »Wenn das nur sicher wäre! Gott, wenn ich ihn vernichten könnte! Und ich werde es tun!« Eine tiefe Glut flammte über sein Gesicht. In seinen Pupillen brannte nun plötzlich ein fanatisches Feuer.

 

»Höre, Rex. Ich ging in die City, Millionen zu verdienen, nicht Tausende. Ich weiß, was Armut bedeutet. Ich setze alles, aufs Spiel, um ihr zu entrinnen! Wie ich zu Geld komme und wer darüber zugrunde geht, ist mir gleichgültig. Ich werde reich sein! Ich werde mein Landhaus besitzen und meine Villa auf Cape Martin und meine Jacht in den Gewässern von Southampton. Ich werde einen Stall voller Pferde haben, obwohl ich für Rennen nichts übrig habe. Ich werde ein Haus in Park Lane haben und eine Garage voller Autos. Und meine Frau soll die Juwelen einer Fürstin tragen. Das ist das einzige, was zählt. Mögen die anderen haben, was sie wollen, ich werde es ihnen abkaufen!«

 

»Wenn du vorsichtig bist«, murmelte Guelder.

 

»Vorsichtig! Ich muß etwas wagen. Woher kommt denn all das Geld, das du für Experimente verbrauchst? Etwa aus Geschäften? Vorsichtig! Lächerlich! Ich muß auch den Galgen mit in Rechnung stellen! Aber ich werde soviel Geld zusammenscharren, daß dieser ›gerissene Kerl‹ noch vor mir winseln soll. Er hat mich heute geschlagen, Rex! Glaubst du, ich werde ihm das je vergessen? Ich werde ihn zerschmettern; vernichten werde ich ihn. Zum Bettler soll er werden! Mit einem verblichenen, alten Hut, mit einem zerschlissenen, alten Rock, der an den Ellenbogen glänzt. Der mich anfleht um ein Almosen. Und dann werde ich ihn anspucken!«

 

Die Urgewalt seines Zorns und der Vorgenuß seines Triumphs peitschten ihm das Blut zu Kopf und trieben es zurück zu seinem Herzen, daß sein rotglühendes Gesicht jäh erbleichte. Rex Guelder starrte ihn wie ein Wunder an.

 

»Bravo, mein Junge«, lobte er, »das ist die richtige Stimmung! Millionen, wie? Das Zehnfache von Millionen. Erst die Organisation. Dann der Coup. Dann alle deine Feinde zu deinen Füßen. Jawohl! Aber im Augenblick …«

 

Er schob seinem Freund und Brotherrn einen Bogen Papier hin. »Sechzehntausend Pfund fünf Schilling und drei Pence sind heute fällig oder …« Er knipste wieder mit seinen Wurstfingern.

 

Julian war im Augenblick ernüchtert. »Soviel?« ächzte er entsetzt.

 

Guelder nickte. »Und wir haben unser Bankkonto schon überzogen. Sie haben schon moniert. Wir müssen Geld auftreiben, denn wir müssen unseren Kredit aufrechterhalten. Was soll sonst aus dem großen Coup werden?«

 

»Sechzehntausend Pfund?«

 

Julian blickte den andern verzweifelt an. Von Ursula Frenshams Vermögen waren noch zwanzigtausend Pfund in Aktien da. Sie mußten den Weg der übrigen gehen. Er schritt auf den Safe zu und entnahm ihm ein langes Kuvert.

 

»Verkaufe sie und lege einige ›Val Kraft Syndikat‹ an ihre Stelle.«

 

Rex ging ans Telefon und traf die nötigen Anordnungen. Eine Stunde später kam die Nachricht, daß die Aktien verkauft waren. Im selben Augenblick trat Lord Frensham ins Büro.

 

»Das ist aber eine unerwartete Ehre«, lächelte Julian heiter.

 

Lord Frensham warf sich schwer auf den nächsten Sessel und blickte den Holländer starr an, der dies für eine günstige Gelegenheit hielt zu verschwinden.

 

Nach Guelders Abschied kämpfte der Lord mit seinem Vorhaben.

 

»Julian, nachdem du von mir fortgegangen bist, rief mich ein Freund an.«

 

Julian Reefs Herz hörte fast auf zu schlagen. Er wußte, was jetzt kommen würde.

 

»Und, Julian, ich bin doch zu der Ansicht gekommen, daß Ursulas Aktien auf einer Bank liegen sollten. Kann ich sie haben?«

 

Kapitel 5

 

5

 

Nicht durch das leiseste Zucken eines Muskels verriet Julian Reef seine Bestürzung. Er blickte Lord Frensham gelassen an. Sein Gehirn arbeitete emsig. Vor drei Jahren hatte Frensham mündelsichere Aktien im Wert von sechzigtausend Pfund bei ihm hinterlegt. Von den ursprünglichen Stücken war nicht ein einziges Stück mehr vorhanden. Eins nach dem andern war verkauft worden, um dringende Verpflichtungen des jungen Finanzmannes zu erledigen, und war durch Aktien seiner eigenen Gesellschaften ersetzt worden, die nur den Makulaturwert besaßen. Pünktlich auf die Minute hatte er aus seiner eigenen Tasche die halbjährlichen Dividenden auf die alten, längst verschleuderten Aktien des Lord Frensham bezahlt.

 

»Ist das dein Ernst?« fragte er, äußerlich vollkommen ruhig. »Ich bin, offen gesagt, ein bißchen überrascht. Es scheint wirklich, als sei es dem ›gerissenen Kerl‹ gelungen, dich mit seinen schmutzigen Verdächtigungen zu beeinflussen. Natürlich, wenn du die Aktien haben willst, werde ich sofort die Bank anweisen und sie dir zusenden lassen.«

 

»Es handelt sich hier durchaus nicht um einen Verdacht«, erwiderte Lord Frensham gequält, »die Sache liegt nur so, mein lieber Julian: meine Geschäfte sind in einer solchen Unordnung, daß ich wenigstens Ursula gesichert sehen möchte. Vielleicht hältst du mich für kindisch, aber es ist nun einmal so. Die Aktien liegen auf deiner Bank. Vielleicht könnte ich im Vorbeigehen …«

 

»Das ist nicht möglich«, erwiderte Julian kühl. »Ich will über deine Maßnahme nichts weitersagen, Onkel John, aber ich darf wohl darauf hinweisen, daß es meinem Kredit nicht gerade förderlich wäre, wenn du mit einer Vollmacht bei meiner Bank vorsprichst und die Aktien abhebst, die ich verwalte. Es ist für die Bank kein Geheimnis, daß ich Ursulas Vermögen in Obhut habe. Es scheint mir zweckmäßig, wenn ich diese Anstalten selbst treffe. Warum hast du deine Ansicht geändert?«

 

Frensham blickte an ihm vorbei und rieb sich verlegen die Finger. »Ich will dir gegenüber ganz offen sein, Julian. Du erinnerst dich: in dem Vermögen waren siebenhundert ›Blueberg-Goldminen-Syndikat‹. Sir George Crater, der die Blueberg leitet und ein alter Freund von mir ist … nun, er rief mich vorhin an und fragte mich, warum ich die Bluebergs verkauft hätte. Machte mir Vorwürfe, weil sie seit dem Verkauf um Pfunde gestiegen sind. Ich hatte keine Ahnung, daß wir verkauft haben.«

 

Julian lächelte gequält. »Ich sehe«, sagte er, »du mißtraust mir« Und als der Lord widersprechen wollte, verwies er ihn mit einer schmerzlichen Geste zur Ruhe. »Natürlich habe ich die Bluebergs verkauft. Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht. Ich habe dafür Westafrikaner gekauft, die fabelhaft gestiegen sind und eine glänzende Dividende zahlen. Ist ja Pech, daß die Bluebergs gestiegen, sind, aber das konnte ich nicht voraussehen.«

 

Lord Frensham wurde schwach. Sehr schlau verfolgte Julian seinen Vorteil.

 

»Noch niemals hat mich etwas so mitgenommen wie dein Argwohn. Ich bin einfach fassungslos. Ganz ohne Zweifel hat dich dieser Lümmel beeinflußt.«

 

Frensham wollte sprechen, aber Reef machte ein beschwichtigende Bewegung und sprach weiter.

 

»Das Gift dieses Burschen wirkt in dir.«

 

Frensham schüttelte matt den Kopf. »Wenn du mit diesem ›Lümmel‹ Tony Braid meinst, täuschst du dich, Julian«, unterbrach er hastig. »Ich lasse mich nicht von einem Mann beeinflussen, dem ich mein Haus verboten habe. Ich denke lediglich an Ursula. Ich bin selbst in arger Bedrängnis. Ich habe eben nicht das Zeug zum Finanzmann. Und dieser Aktiensturz in Lulanga-Öl gibt mir den Rest.«

 

»Heute an der Börse waren sie höher – das weißt du wohl schon?«

 

Lord Frensham nickte. »Ich habe es aus der Zeitung ersehen. Doch nur ganz wenig. Sie müßten um ein Pfund steigen, damit ich aus meinen Sorgen herauskomme.«

 

Julian blickte ihn prüfend an. »Was hast du denn noch für Sorgen? Ich kenn sie doch alle? Oder nicht?«

 

Frensham antwortete nicht gleich. Julian, der ihn scharf beobachtete, sah, wie er mit sich rang.

 

»Nein«, sagte er endlich, »ich habe mich in anderen Märkten engagiert. Ich habe dir natürlich nichts gesagt, weil ich mich nicht lächerlich machen wollte, wenn ich verlor, und ein wenig unabhängig werden wollte, wenn ich gewann. Ich habe verloren. Wann ist Zahltag?«

 

»Morgen«, sagte Julian. Er kannte die Zahltage! Frensham stand auf und schritt im Zimmer auf und ab, das Kinn auf die Brust gesenkt, die Hände im Rücken verschränkt. Julian Reef wartete, völlig unvorbereitet auf das, was kam.

 

»Ich muß es dir wohl sagen«, begann Frensham, »nach meinen großen und gewaltigen Worten über Ursulas Geld wirst du mich für den elendsten Heuchler halten. Nicht, was Tony Braid sagte, nicht, was man mir über die Bluebergs berichtete, etwas ganz anderes hat mich hierhergeführt. Eines Tages wird Ursula eine sehr reiche Frau sein – das weißt du nicht, aber es ist Tatsache. Sie hat da einen etwas verwickelten Anspruch auf ein sehr großes Vermögen, und Ursulas vorhandenes Vermögen brauche ich jetzt für mich. Ich bin nun so weit, daß ich ihre Aktien bei meiner Bank verpfänden muß. Ich habe mein Konto überzogen!«

 

Julians Lippen spitzten sich, als wollte er pfeifen. Doch kein Laut kam. »So schlimm steht’s?« fragte er sanft.

 

»Du kannst mir wohl nicht helfen?« Frensham blickte den Neffen beschwörend an.

 

Julian schüttelte den Kopf. »Du triffst mich gerade in einer üblen Situation. Ich habe ein Geschäft, das mir wahrscheinlich Millionen eintragen wird, aber es wird sich kaum vor einigen Monaten realisieren. Augenblicklich bin ich verflucht knapp.«

 

Lord Frensham wanderte ruhelos auf und nieder.

 

»Ich kenne niemanden, an den ich mich wenden könnte. Ursula würde es sicher tun. Wenn ich sie bäte, würde sie gewiß sofort einwilligen.«

 

»Warum tust du’s nicht?« entfuhr es Julian.

 

»Weil sie nichts davon erfahren soll.«

 

Plötzlich blieb er stehen und überlegte finster: »Einen Mann gibt es, der mir das Geld borgen würde. Aber den kann ich natürlich nicht bitten.«

 

Der junge Mann mit dem roten Gesicht lächelte jetzt nicht mehr. »Du denkst an Tony Braid? So ziemlich der letzte, der dir helfen würde. Hart wie Stein ist der Kerl. Und dann kannst du dir wohl denken, daß du den Preis nicht zahlen könntest, den er fordern würde.«

 

»Welchen Preis?« fragte Frensham rasch.

 

Julian lächelte schonungslos. »Überrascht es dich sehr, wenn ich dir sage, daß der betagte Mr. Braid sich auf Ursula Hoffnungen macht?«

 

»Das hast du schon einmal gesagt«, wies ihn Lord Frensham zurecht. »Rede keinen Unsinn. Übrigens ist er nicht betagt, obwohl er alt genug ist, Ursulas Vater zu sein.«

 

»Kaum!« In einer ungewöhnlich großmütigen Laune stellte Julian dies fest. »Nein, er ist nicht alt genug, ihr Vater zu sein. Er hat gerade das richtige Alter, ihr Mann zu werden.«

 

Frensham schwieg, ging zum Fenster und starrte auf die belebte Straße hinab. Nach einer Weile fragte er, ohne sich umzuwenden: »Du glaubst, er hat schon mit ihr gesprochen? – Ach, Unsinn!« Er wandte sich rasch ins Zimmer zurück. »Du siehst also, wie die Sache liegt. Ich muß bis morgen früh Ursulas Aktien haben. Das beste ist, du läßt sie meiner Bank direkt zugehen.«

 

Julian nickte und hielt die Augen fest und unerschütterlich auf den Oheim gerichtet. »Hast du keine anderen Möglichkeiten – gar keine?« fragte er. Er glaubte dem Alten nicht, grollte ihm und seiner Geldverlegenheit, hatte irgendwie das Empfinden, daß Frensham ihm einen bösen Streich spielen wolle.

 

»Ich sage dir doch, ich habe verloren und verloren und immer wieder verloren«, brach der Lord gereizt los. Er strich mit den Fingern durch sein unordentliches, graues Haar und stand über den Neffen gebeugt. Es sah aus wie eine Drohung. Julian Reef wußte, daß der alte Mann sich selbst, seiner Doppelzüngigkeit, seiner Schwäche, seinem Verrat an der so geliebten Tochter zürnte.

 

»Ja«, sagte Frensham langsam, »es bleibt nichts anderes übrig. Braid ist unmöglich. Ich kann mich nicht der Blamage einer Ablehnung aussetzen. Nein, der andere Weg ist schon der bessere. Die Kurse steigen. Ich werde ein Paket Lulanga abstoßen können, dann werde ich etwas Luft haben. Schick die Aktien an – nein, nicht an meine Bank. In mein Büro. Wenn ich sie morgen früh habe, genügt es.«

 

Mit kurzem Gruß verließ er das Zimmer.

 

Julian saß lange regungslos, dann streckte er langsam die Hand aus und drückte auf einen Klingelknopf. Rex Guelder streckte den Kopf zur Tür herein und glitt ins Büro.

 

»Hier ist etwas faul – ich rieche es«, sagte er. »Was ist los?«

 

»Er wollte Ursulas Aktien haben – weiter nichts.«

 

Des Holländers Gesicht erheiterte sich zusehends.

 

»So ’ne Bagatelle!« rief er sarkastisch. »Und wie hast du es dem guten Onkel beigebracht? Gar nicht natürlich; denn sonst hätte er sich nicht so sanftmütig fortgetrollt. Die herrliche Ursula!«

 

Er leckte sich mit einer Grimasse die dicken Lippen. Doch Julian merkte Guelders Begeisterung nicht, er saß da, biß sich die Nägel und stierte düster vor sich nieder.

 

»Wenn dein Plan nicht bald Wirklichkeit wird, sitzen wir fest! Dann werden nicht nur mein wackerer Onkel Frensham und die liebe Kusine Ursula, sondern auch noch einige andere vertrauensvolle Herrschaften einen höllischen Lärm schlagen, wenn sich herausstellt, daß die famosen Aktien, die wir verwalten, längst futsch sind. Mensch, das wird ein glücklicher Tag, an dem deine verflixte Maschine endlich arbeitet!«

 

»Allerdings«, lachte Guelder und rieb sich die Hände.

 

»Sei unbesorgt, mein Freund. Ich habe einen erstklassigen Sachverständigen hiergehabt, einen Deutschen aus Dresden. Nur diese Z-Strahlen machen mir noch Kummer. Wenn ich die mal ausgeschieden habe – dann Glückauf!«

 

Er schnippte gewohnheitsmäßig ekstatisch mit den Fingern. »Greenwich wird mir ein Denkmal errichten – mir, dem größten Mann seiner Zeit!«

 

Aber der Freund teilte nicht seinen Enthusiasmus.

 

»Schon gut, schon gut«, winkte er ab, »jetzt kannst du mich mal ein bißchen allein lassen.«

 

Er saß lange, den Kopf in die Hand gestützt, und malte sinnlose Figuren auf das Löschpapier. Er war selbst für seinen Sekretär nicht zu sprechen. Um fünf Uhr setzte er den Hut auf und ging in Guelders muffiges, kleines Büro hinüber. Der Holländer beobachtete etwas unter einem starken Vergrößerungsglas. Er blickte nur kurz auf.

 

»Sieh dir das an, mein Freund, gibt es etwas Schöneres?«

 

Julian betrachtete neugierig den ovalen Opal, der auf einem Wattebausch lag, ein feuriges Etwas, das unter jeder Bewegung seiner Hand die Farbe wechselte: jetzt grün wie die Tiefsee, dann ein flammendes Orange, gleich darauf purpurn, tief- und zartblau; und durch all diese Nuancen hindurch schimmerte ein reines Gold.

 

Julian legte den Stein nieder.

 

»Nur ein 15-Karäter«, erläuterte Guelder. »Etwas für den Künstler! Etwas für einen Sammler!«

 

»Nichts für mich«, lehnte Julian rauh ab. »Ich muß jetzt zu meinem Onkel und ihm alles bekennen.«

 

Guelder glotzte ihn aus seinen hervorquellenden Augen an. »Du willst ihm sagen …, daß das Geld verloren ist? Bist du verrückt?«

 

Julian zuckte die Achseln. »Was bleibt mir übrig? Morgen muß er es ja doch erfahren. Ich kann es ihm ebensogut heute abend beibringen.«

 

»Er wird dich umbringen, nein, schlimmer, er wird dich ins Gefängnis bringen!«

 

»Dann zeige mir gefälligst einen anderen Ausweg!« verlangte Reef.

 

Des Holländers Gesicht war bei dem Gedanken erbleicht, daß vielleicht alle seine Arbeit und Mühe vergeblich gewesen wären und sein geniales Experiment niemals bis zu seinem logischen Ende durchgeführt werden könnte. Er war entsetzt.

 

»Alles besser als das«, flüsterte er. »Pump dir Geld, such Braid auf. Er ist reich.«

 

Aber Julian hörte ihn nicht mehr. Vielleicht würde der Onkel in seiner eigenen Not ihn verstehen. Er würde ihm von dem großen Coup erzählen und von den Millionen, die er ihm bringen mußte. Er ging langsam aus dem Kontor und war so tief in Gedanken, daß er die Queen Victoria Street schon weit hinabgeschritten war, ehe er überhaupt merkte, daß er sein Büro verlassen hatte.

 

Rex Guelder verließ das Haus erst eine Stunde nach seinem Chef. Er ließ sich vorher die Abendzeitungen kommen und las sie in aller Ruhe, machte sich Notizen in ein schwarzes Heft, das er der inneren Westentasche entnahm. Von der Existenz dieses Notizbuchs hatte Julian keine Ahnung. Nachdem er seine Aufzeichnungen und Berechnungen beendigt hatte, verließ er mit einem Lächeln der Befriedigung das Zimmer. Das Orakel war ihm günstig gewesen. Obwohl er nach Hause gehen wollte, verließ er West End, wohin er zunächst seine Schritte lenkte, doch erst zwei Stunden später.

 

Er wohnte aus irgendeinem geheimnisvollen Grund weit draußen in Greenwich in einer Seitenstraße am Fluß. Eingekeilt zwischen zwei alte Fabriken, von denen eine nur noch eine Ruine war, stand das verwitterte Haus mit seiner hohen, kahlen Mauer, aus der drei kleine Fenster wie böse Augen auf die elende Straße hinausblickten. Das Erdgeschoß hatte einst als Laden gedient und wurde jetzt nur noch als Garage und Bootshaus benutzt. Guelder selbst hatte es dazu umgebaut. Hier stellte er einen ziemlich scheußlichen Sportwagen unter, auf dem der Schmutz und der Staub von den Fahrten eines ganzen Monats lagen.

 

Alle vier Wochen wurde der Wagen gewaschen. Doch fast jeden Abend überholte Guelder den Motor mit liebevoller Sorgfalt. Diese Maschine brachte ihn an jedem Wochenende nach Newbury, einem Ort, für den er ein ganz besonderes Interesse hatte.

 

Es war keine ideale Garage. Von den Wänden rann die Feuchtigkeit. In manchen Nächten kamen die Ratten in Legionen vom Fluß herauf. Einmal hatte er den Ledersitz seines Wagens in Fetzen vorgefunden. Da kaufte er drei weiße Katzen und richtete sie darauf ab, daß immer eine in dem Wagen schlief – ein weißes Gespenst mit großen, grünen Augen, dessen leisester Schrei sofort die beiden anderen herbeilockte.

 

Im obersten Stock waren die Wohnräume, drei große, öde Zimmer, schlicht möbliert, die auf der Stromseite lagen. Wenn man das große Fenster im Eßzimmer öffnete, blickte man auf das Wrack einer Werft hinab, die von tanggrünen Pfählen getragen wurde. Sie standen schief und winkelig, diese Bohlen, verbogen von dem Gewicht, das früher auf ihnen lastete. Unter dem faulenden und zersplitterten Bodenbelag der Werft lag bei Ebbe der Themseschlamm bloß, bei Flut quirlte dort das braune Wasser des Stroms. Dem Fenster gegenüber wiegten sich für gewöhnlich große deutsche Frachtdampfer vor Anker. Weiter unten, stromabwärts, lagen die großen, hochmastigen Segelschiffe mit ihren gerefften, braunen Segeln und flatternden Wimpeln. Rex Guelder meinte, daß es kaum einen schöneren Anblick geben könnte für einen, der die See und die Seefahrt so liebte wie er.

 

Er hielt eine Magd, eine vierschrötige Holländerin, eine sehr alte Person. Seit Jahren lebten sie unter dem gleichen Dach und sprachen nur das Allernotwendigste. Den Gutenmorgengruß hatten sie sich längst abgewöhnt. Jeden Ersten zahlte Guelder der alten Frau den Lohn aus, und am selben Tag watschelte sie hinunter zur Post und schickte ihn, bis auf einige Pence, ihrem Enkel nach Utrecht.

 

Das Wohnzimmer, zugleich Studierstube und Bibliothek, war ein langer Raum, der den hinteren Teil des Hauses einnahm und ein düsteres Fenster hatte, das auf die Straße hinausging. Es war hellgelb gestrichen, nur die Türen, auch die Stahltür, die ins Laboratorium führte, leuchteten purpurn. Der lichte Teppich in der Mitte des Zimmers, die Paneele aus polierter Eiche und einige Rembrandtstiche an der Wand verliehen dem Raum einen Hauch von Wohnlichkeit. Auf dem Tisch stand eine blaue China-Schale voller Rosen und in einem halben Dutzend niedriger Vasen aus Papiermaché blühten üppige Tulpen. Sie blühten jahraus, jahrein. Denn es waren künstliche. Doch sie waren so täuschend nachgemacht, daß man erst, wenn man sie anfaßte, merkte, daß die Kelche aus Glas waren.

 

Auf dem Teppich stand ein gewaltiger schwarzer, eichener Schreibtisch, an dem Guelder saß. Lange Zeit war er tief versunken in die Betrachtung zweier sehr gewöhnlicher Gegenstände, die er während seines zweistündigen Besuchs in West End erstanden hatte.

 

Durch ein starkes Vergrößerungsglas betrachtete er sie und grinste, so daß seine unregelmäßigen, weißen Zähne sichtbar wurden. Dann packte er seinen Kauf ein und schloß ihn in einen kleinen Safe, der in einem Winkel des Zimmers stand. Darauf grübelte er lange Zeit vor sich hin, entnahm einer der Schubladen eine Mappe und legte ihren Inhalt so vor sich auf den Tisch, daß er ihn mit Muße betrachten konnte. Es waren Fotografien, die Rex Guelder mit viel Mühe und Scharfsinn erworben hatte; sie bedeuteten ihm viel mehr als nur eine Liebhaberei.

 

Julian Reef würde wohl verblüfft gewesen sein, und Ursula Frensham hätte es nicht für möglich gehalten, wenn sie diese Bilder gesehen hätte. Es waren nämlich Fotografien von – ihr.

 

Guelder lehnte sich weit in seinen Sessel zurück, faltete die Hände vor sich auf der Tischplatte und betrachtete die Bilder mit einem andächtigen, verzückten Ausdruck in seinen kleinen, runden Augen. Da schob Freda, die Magd, einen kleinen Teewagen herein. Sie sah die Bilder und kniff die alten Lippen zusammen.

 

»Das ist ja der größte Wahnsinn!« rief sie und brach ein vierzehntägiges Schweigen. »Wenn ich Sie so sehe, Mijnheer, tut mir das Herz weh. Haben Sie Amsterdam vergessen«, fragte sie bedeutungsvoll, »und Batavia?«

 

Er hob den Blick nicht von den Bildern.

 

»Das waren Bauernmädel, Freda, harmlose Vergnügungen eines großen Gelehrten. Willst du ihm diese kleine Freude mißgönnen, alte Vrouw?«

 

Freda schob einen Stuhl an den kleinen Tisch und zischte: »In Batavia nannten sie es Mord, aber keiner wußte, wer sie ertränkt hatte. In Amsterdam war es Selbstmord, bis der Arzt mit der Polizei sprach und auf die kleine, dünne Schnur an ihrem Hals wies.«

 

Guelder lächelte, als mache man ihm Komplimente.

 

»Ach, Freda, du hast ein unangenehmes Gedächtnis!«

 

Aber er war nicht etwa ärgerlich oder beunruhigt über die Erinnerungen der Magd. Er brauchte es auch nicht zu sein, denn es hatte nie eine Untersuchung, nie einen öffentlichen Skandal gegeben. Der Rektor der Universität, an der er über Chemie las, hatte ihn nur in sein Arbeitszimmer rufen lassen und ihm eröffnet, daß die Universität auf seine Mitwirkung verzichte. Er war ein großer, starker, sentimentaler Mann, der nur gesehen hatte, wie schön Maria selbst noch im Tode war. Er hatte keine Ahnung, welch eine peinliche Last sie hätte werden können.

 

Und was das batavische Abenteuer anlangte, so wunderte Guelder sich nur, daß überhaupt noch jemand daran dachte.

 

Die alte Frau war heute abend ungewöhnlich redselig. Er vermutete, sie habe getrunken. Nur der Schnaps machte sie redselig.

 

»All diese Narretei, alle diese Räder und großen Gefäße und elektrischen Funken – wie soll das enden, Mijnheer Rex? Nichts werden Sie erfinden! Nie werden Sie etwas erfinden. Ewig geht das so weiter. Aber selbst, wenn Sie was entdeckten und Gott weiß wieviel Geld bekämen, es würde doch nur in die Taschen der Buchmacher fließen. Ach! Sie sind ein Narr und ich eine Närrin, leider!«

 

»Betrunken bist du«, stellte Rex gelassen fest, »ich gebe dir Nahrung und Obdach und das Geld, das du an diesen Taugenichts, deinen Studenten, schickst; denn ohne mich würdest du im Armenhaus verrecken.«

 

Sie brummte etwas zwischen ihren zahnlosen Kiefern und ging hinaus. Er wußte, jetzt würde sie wieder einen Monat lang schweigen. Im Grunde liebte er es, wenn die alte Freda bisweilen redete. Niemand außer ihr sprach holländisch mit ihm. Wohl gab es Hunderte und Tausende von Holländern in London, doch Rex mied sie, aus Angst, sie könnten ihn argwöhnisch ansehen und von Maria sprechen, die man einst tot im Kanal mit einer Schlinge um den Hals gefunden hatte, die sie, wie er nachwies, sich selbst geknüpft hatte.

 

Er sammelte die Bilder mit zärtlicher Hand ein, legte sie in die Mappe zurück und schloß sie fort. In ihrer augenblicklichen Stimmung konnte Freda sie leicht verbrennen. Er beendigte sein frugales Mahl, dann schloß er die purpurne Tür auf und trat in das Laboratorium. Es war ein langer Raum mit einem absonderlichen, schiefen Fußboden, der an der einen Seite anstieg und nach der anderen abfiel. Darüber sah man, als er das Licht angedreht hatte, die Balken und die Unterseite der roten Dachziegel. Licht gab es hier genug, denn er verfügte über Starkstrom, der die vielen großen und kleinen Maschinen trieb, mit denen der Arbeitsraum ausgestattet war. Die kleineren standen auf einer Bank, die an der Flußseite der Mauer entlanglief, merkwürdige Apparate, doch dem Elektriker und Physiker wohlvertrautes Handwerkszeug. Sausende Räder, grün umwickelte Drähte, spiralförmige Glastuben, die mit ihrer Quecksilberfüllung an gigantische Thermometer erinnerten. Am äußersten Ende des Zimmers stand auf einer niedrigen, sehr starken Plattform eine Maschine, die nur der Fachmann verstehen konnte. Hier drängte sich ein Chaos von Kondensatoren, Leitungen, seltsamen Glasröhren zusammen, die ein Druck auf einen Taster rot und blau aufglühen ließ. Unter einem keilförmigen Zeiger, der durch schwere Drähte mit verschiedenen Teilen des Apparates verbunden war, befand sich ein Behälter aus schwarzem Achat mit einer kleinen, untertassenförmigen Ausbuchtung in der Mitte.

 

Guelder zog einen Stuhl an die Bank, schaltete einige Hebel ein und zündete sich, während die Maschine brauste und pulste, gelassen eine Zigarette an. Dann drückte er die dicken Augengläser fester auf die Nase und wiederholte zum hundertstenmal das große Experiment. Über den Gegenstand, den er in den Achatbehälter legte, schoß ein Strom knisternder Funken. Er zog einen anderen Hebel. Ein bleiches, grünes Licht blitzte aus einem fast unsichtbaren Schlitz in einem Stahlwürfel und fiel quer über den Achat.

 

Er rauchte und rauchte, bis das Zimmer wie in blauem Nebel lag. Dann und wann drehte er die Hebel ab, nahm den Gegenstand mit einer Pinzette hoch und prüfte ihn unter einem Mikroskop. Es war schon fast Mitternacht, als er sich reckte, aufstand und zwei grüne Augen aus dem Dunkel des Laboratoriums auf sich gerichtet sah. Er pfiff. Eine große, weiße Katze kam auf ihn zu, schmiegte sieh buckelnd an sein Bein und ließ sich kraulen. Als er ins Wohnzimmer zurückkam, lag die zweite schon auf seinem Stuhl.

 

Er trank einen tüchtigen Schluck Wasser und ging schlafen. Die beiden weißen Katzen kauerten am Fußende seines Bettes und öffneten ihre leuchtenden, grünen Augen bei dem leisesten Geräusch und Geknister der verfaulenden Paneele des alten Zimmers.