Kapitel 16

 

16

 

Tonys Gesellschaften waren bekannt dafür, daß es viel zu trinken gab und daß man sich ausgezeichnet unterhielt. Als die meisten Gäste in einem der großen Nebenräume nach den Rhythmen eines Bartrios tanzten, winkte er Verona zu sich in sein Zimmer.

 

»Ich schicke Con und Jimmy noch mit einem Auftrag weg, Angelo.«

 

Obwohl Tony mit einer besonderen Betonung gesprochen hatte, verstand sein Adjutant nicht sofort den Sinn seiner Worte.

 

»Warum denn?« fragte er, aber dann begriff er plötzlich die Situation. »Muß das wirklich sein?« fuhr er schnell fort.

 

»O’Hara hat eine zu große Klappe – es ist besser, wenn man ihn zum Schweigen bringt …«

 

Angelo starrte ihn an und nickte.

 

»Schön – aber der Junge …«

 

Er verzog den Mund, denn er war wirklich erstaunt darüber, daß Jimmy daran glauben sollte. Unumwunden fragte er Tony nach dem Grund.

 

»Hast du ihn nicht beobachtet? Der kippt bei der nächsten Gelegenheit um. Wenn Kelly ihn wirklich einmal ins Polizeipräsidium holt und verhört …«

 

Aber es gelang Perelli nicht, seinen Adjutanten zu überzeugen.

 

»Du weißt doch ganz genau, daß ihn die Sache furchtbar mitgenommen hat. Ich sagte dir ja gleich, daß du ihn nicht schicken sollst! Auf andere Weise könnte er uns immer noch sehr nützlich sein.«

 

Dann sah Angelo, daß Tony auf den Balkon schaute, wo sich Minn Lee aufhielt. Angelo runzelte die Stirn. Jimmy sollte doch nicht etwa wegen Minn Lee in den Tod geschickt werden? Das wäre gegen die Spielregeln gewesen!

 

Minn Lee trat zu ihnen und sah sie schweigend an. Angelo fühlte die Spannung zwischen ihr und Tony und war froh, daß er sich unter einem Vorwand verabschieden konnte.

 

Perelli zweifelte immer noch, sein Verdacht war bis jetzt eigentlich mehr instinktiv. Selbst in Marys Nähe, hinter der er doch her war, hatte ihm Minn Lee gefehlt.

 

»Wo warst du den ganzen Abend?«

 

Sie sah ihm offen in die Augen.

 

»In meinem Zimmer.«

 

»Wenn ich Gäste habe, gehst du auf dein Zimmer! Du brauchst jetzt nur noch zu sagen, daß du dir zur Gesellschaft Jimmy mitgenommen hast.«

 

»Das habe ich auch.«

 

Er war völlig verblüfft über diese Aufrichtigkeit und starrte sie ungläubig an.

 

»Vielleicht hattest du auch noch die Tür abgeschlossen, wie?«

 

»Ja.«

 

Er holte tief Luft.

 

»Mut hast du!«

 

Er war jetzt so erregt, daß er kaum sprechen konnte. Sie und Jimmy allein – bei verschlossener Tür.

 

»Du sagtest doch, daß ich ihn von der Gesellschaft fernhalten soll.« Ein leichtes Lächeln spielte um ihre Lippen. »Nun – das habe ich getan!«

 

»Allerdings habe ich das gesagt«, entgegnete er heiser. »Aber habe ich damit vielleicht gemeint, daß du mit ihm in dein Zimmer gehen und die Tür verschließen sollst?«

 

Sie gab keinen Schmerzenslaut von sich, als er sie mit aller Kraft am Arm packte und seine Finger in ihr Fleisch preßte. Wütend sah er sie an und ließ sie dann mit einem kurzen Stoß frei.

 

»Nun schön, wir werden sehen …«, stieß er zwischen den Zähnen hervor. Mühsam nahm er sich zusammen und unterdrückte seine Erregung. »Sag Jimmy, daß ich ihn sprechen möchte.«

 

Ein unruhiger Ausdruck trat in ihre Augen.

 

»Willst du ihm Vorwürfe machen? Es war meine Schuld.«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, nein. Jimmy ist doch ein so lieber Junge. Wenn du wüßtest, wie gern ich ihn habe!« Er schaute auf seine Uhr. »Aber geh jetzt und sage ihm, daß ich ihn sprechen möchte.«

 

Sie wandte sich zur Tür.

 

»Ach, Minn Lee, rufe auch Con O’Hara … Komm nochmal her.«

 

Gehorsam kehrte sie um und war nicht weiter erstaunt, als er seinen Arm um sie legte.

 

»Ich bin ein wenig nervös – habe im Augenblick entsetzlich viel zu tun. Sei nicht …« Eine Handbewegung vollendete den Satz. »Du verstehst? Und kümmere dich ein wenig um Mrs. O’Hara, Minn Lee. Sie gefällt mir wirklich sehr gut. Erzähle ihr ein wenig von mir – wie großzügig ich bin und wie gut du es hier hast.«

 

Sie löste sich von ihm und sah ihn abwägend an. Er schaute wieder auf die Uhr.

 

»So, jetzt mußt du aber wirklich gehen.«

 

Als sich die Tür hinter ihr schloß, ließ sich Tony nachdenklich in einen Sessel fallen und betrachtete seine Fingernägel. Minn Lee war plötzlich wie umgewandelt – er konnte nicht schlau aus ihr werden. Das war nicht mehr die gehorsame Sklavin all seiner Wünsche und Launen – sie hatte sich seinem Einfluß entzogen und war selbständig und unabhängig geworden. Das Schrillen des Telefons riß ihn aus seinen Gedanken. Tom meldete sich, machte Tony Vorwürfe und fragte, ob er seine Pläne geändert habe, weil es schon so spät sei.

 

Als Tony ihm gerade versicherte, daß er sein Wort halten würde, klopfte es, und Jimmy kam herein. Er legte sofort auf.

 

»Tut mir leid, daß ich Sie gerade jetzt fortschicken muß. Kennen Sie Captain Strude?«

 

Jimmy schüttelte den Kopf.

 

»Ein Polizeioffizier? Nein.«

 

»Macht nichts. Wir nennen ihn ›Lefty‹, und unter diesem Namen werden Sie ihn heute abend auch kennenlernen.«

 

»Soll ich ihn aufsuchen?«

 

»Er kommt zu Ihnen – aber machen Sie sich deswegen keine Sorgen.« Bewundernd sah er Jimmy an. »Sie sehen ja großartig aus! Ich erkenne Sie kaum wieder.«

 

Jimmys verändertes Wesen war auch auffallend genug. Seine Augen strahlten, die tiefe Niedergeschlagenheit war von ihm gewichen, und er hielt sich aufrecht und gerade. Der Junge sieht wirklich gut aus, dachte Tony. Endlich jemand, der einen Smoking tragen konnte, ohne gleich wie ein Kellner auszusehen.

 

»Ich fühle mich auch besser«, erwiderte Jimmy.

 

»Dieser verdammte Kelly hat Ihnen scharf zugesetzt, wie?«

 

Jimmy pfiff leise vor sich hin und betrachtete seine Hände.

 

»Es ist merkwürdig«, sagte er dann ruhig. »In gewisser Weise ist mir der Mann sogar sympathisch.«

 

»Seien Sie nur nicht so empfindsam, das kann man in unserem Geschäft nicht brauchen. Minn Lee ist Ihnen ja auch sehr sympathisch, wie?«

 

Er stellte die Frage vollkommen gleichgültig, aber er erhielt eine Antwort, die ihn herumriß.

 

»Ja – ich liebe sie.«

 

Tony sah Jimmy scharf an.

 

»Sie lieben sie? Na ja, sie ist ja auch wirklich ein feiner Kerl. Sie hat sich bei mir herausgemacht.« Er wischte ein unsichtbares Stäubchen von seinem Ärmel. »Alles verdankt sie mir. Sie wohnte mit einem armseligen Maler zusammen, als ich sie fand.«

 

»Kommt es darauf an?«

 

»Mir nicht, ich bin immer großzügig gewesen.«

 

In diesem Augenblick kam Con herein. Er hatte ein selbstbewußtes Auftreten und verbarg seine Abneigung gegen Tony geschickter als gewöhnlich, obwohl er alle Ursache hatte, ihn zu hassen.

 

»Con, kennen Sie Captain Lefty Strude?«

 

»Nein. Aber es wird nicht mehr lange dauern, dann ist mir diese ganze Polizistenherde nicht mehr fremd.«

 

»Das glaube ich auch.« Tony ging zum Tisch, öffnete die Schublade und nahm ein Kuvert heraus. »Stecken Sie den Brief ein, Jimmy, und gehen Sie vorsichtig damit um – es sind dreißigtausend Dollar drin. Ich habe eine Ladung Alkohol erhalten. Doch das geht Sie nichts an. Sie bringen nur den Brief zur Ecke der Michigan Avenue und der Vierundneunzigsten Straße. Strude kommt gegen elf Uhr mit seinem Wagen dorthin. Er gibt ›Lefty‹ als Erkennungswort an – weiter nichts. Sie geben ihm den Brief und kommen dann sofort zurück. Viertel nach elf müssen Sie wieder hier sein.«

 

O’Hara sah, daß Jimmy den Brief einsteckte, und runzelte die Stirn.

 

»Wozu soll ich da mitgehen?« fragte er. »Um einen Brief wegzubringen, braucht man doch schließlich nicht zwei Leute?«

 

»Zwei Leute sind bestimmt nicht zuviel, um auf dreißigtausend Dollar aufzupassen«, erwiderte Tony. »Ich traue Tom nicht über den Weg. Er hat Wind davon bekommen, daß die Summe heute abend bezahlt werden soll.«

 

Con sah ihn argwöhnisch an. Dann stand er auf und war schon halb bei der Tür, als Tony ihn zurückhielt.

 

»Wohin gehen Sie?«

 

»Ich bringe meine Frau vorher heim.«

 

Tony lächelte.

 

»Sie wollen Ihre Frau heimbringen? Aber ich habe Ihnen doch bereits gesagt, daß Sie beide heute nacht meine Gäste sind. Die Zimmer wurden schon gerichtet.«

 

Als Con trotzdem die Tür öffnete, kam Mary herein. Sie wollte wissen, warum ihr Mann zu Tony gerufen worden war. Er hatte sie den ganzen Abend gedrängt, nach Hause zu gehen, und es sah ihm ähnlich, daß er ihr die Freude verderben wollte.

 

»Ich bringe dich jetzt nach Hause, habe was zu erledigen – auf dem Rückweg hole ich dich dann wieder ab«, sagte Con.

 

Sie schaute ihn entrüstet an.

 

»Sag mal, für was hältst du mich eigentlich? Du kannst mich doch nicht ohne weiteres so herumkommandieren. Was hast du eigentlich vor?«

 

Tony sah sie lächelnd an.

 

»So etwas dürfen Sie niemals fragen.«

 

Jimmy beobachtete die Anwesenden und amüsierte sich beinahe über die Unterhaltung. Dann machte er einen Vorschlag, der halb ernst, halb ironisch gemeint war.

 

»Ich werde allein gehen. Schließlich kann ich für mich selbst sorgen.«

 

Diese Lösung kam O’Hara sehr gelegen.

 

»Klar können Sie das …«, begann er, aber Tony wandte sich ärgerlich nach ihm um.

 

»Sind Sie vielleicht ein solcher Angsthase, daß Sie sich fürchten, den Jungen zu begleiten? Im übrigen würde ich Jimmy, den ich so sehr schätze, nicht wegschicken, wenn ernstliche Gefahr vorhanden wäre.«

 

Con fügte sich brummend.

 

»Von mir aus«, sagte er laut. »Ich hole meinen Mantel.« Er sah bedeutungsvoll seine Frau an. »Mrs. Perelli wird sich um dich kümmern. Hast du mich verstanden?«

 

»Ich brauche keinen Schutzengel – kann auf mich selber aufpassen«, entgegnete sie schnippisch.

 

»Da haben Sie’s«, grinste Tony. »Also, auf Wiedersehen, Jimmy. Kommen Sie bald zurück.«

 

Sein Blick streifte zufällig die äußere Brusttasche des jungen Mannes, aus der die obere Hälfte eines metallenen Zigarettenetuis herausschaute. »Was haben Sie denn da?«

 

»Ein Zigarettenetui – hat mir jemand geschenkt.«

 

Tony nickte und sah ihn mit einem verschlagenen Blick an.

 

»Jemand, der Ihnen lieb ist? Sie tragen es ja direkt auf dem Herzen.«

 

»Ein Zufall.«

 

»Ich finde, es sieht dort nicht gut aus. Stecken Sie es doch in die Hüfttasche.«

 

Jimmy sah ihn einen Augenblick erstaunt an, aber dann verstand er plötzlich den Zusammenhang. Langsam zog er das Etui heraus und steckte es weg.

 

»Aber natürlich! An dieser Stelle würde es ja im Weg sein – meinen Sie nicht auch?«

 

Das übliche stereotype Lächeln Perellis verschwand schlagartig von seinem Gesicht. Jimmy sprach die nackte Wahrheit. Was wußte er? Hatte er irgendeinen Verdacht? Und wer konnte ihm etwas gesagt haben?

 

Jimmy war schon halbwegs den kurzen, breiten Korridor zur Eingangshalle entlanggegangen, als er hinter sich eine Stimme hörte. Minn Lee lief ihm nach. Er breitete die Arme aus und drückte sie einen Augenblick lang an sich. Beide achteten nicht auf Tony Perelli, der unter der Tür stand und sie mit offenem Mund betrachtete.

 

»Du wolltest gehen, ohne mir Lebewohl zu sagen, Jimmy«, sagte sie atemlos.

 

Er beugte sich zu ihr herunter und küßte sie. Im nächsten Augenblick schon hatte er sie losgelassen und war bei O’Hara, der an der Haustür auf ihn wartete.

 

Minn Lee ging direkt in den Salon zurück. Sie sah weder Perelli noch die Frau, die ihre Nachfolgerin werden, sollte. Traumverloren starrte sie vor sich hin – Jimmy sollte gut von ihr denken, das war der einzige Wunsch, den sie jetzt noch hatte.

 

»Hallo!« rief Tony brutal schon zum dritten Mal. »Hörst du denn nicht?«

 

Sie drehte sich lächelnd zu ihm um. Wie stark und selbstsicher er aussah…

 

»Komm doch mit nach oben, Tony. Willst du nicht mit mir tanzen?« fragte sie fröhlich. »Ich werde die schönste Frau im ganzen Saal sein – Jimmy hat es gesagt.«

 

Perelli blieb in der Mitte des Zimmers stehen, nachdem sie gegangen war. Jimmy hatte gesagt, daß sie die schönste Frau wäre; das traf ihn empfindlich und ließ neue Zweifel in ihm wach werden. Und doch hatte er bereits über Minn Lees Schicksal entschieden. Noch heute wollte er ihr Bescheid sagen. Es war nicht das erstemal, daß er Frauen fortschickte, wenn er genug von ihnen hatte. Aber daß ihn Minn Lee immer noch verletzen konnte, das war eine schmerzliche Entdeckung und neue Erfahrung für ihn.

 

Er hörte Marys aufreizendes Lachen hinter sich und drehte sich langsam um.

 

»Ich scheine ihr ja ziemlich gleichgültig zu sein«, sagte er nachdenklich.

 

»Nun ja, sie ist eben verliebt«, erwiderte Mary neckend. »Ich mag die Kleine gern.« Aber plötzlich erinnerte sie sich an ihren Mann. »Wo sind die beiden hingegangen? – Mr. Perelli, Sie hören wohl nicht gut?«

 

Perelli sah sie geistesabwesend an.

 

»Sie hat nicht ja und nicht nein gesagt – und sie ist einer direkten Antwort ausgewichen…«

 

Das Lächeln auf Marys Gesicht gefror.

 

»Wollen wir jetzt tanzen, oder ziehen Sie es vor, den ganzen Abend Selbstgespräche zu führen? Wie lange bleibt Con fort?«

 

Tony kam plötzlich zu sich. Con war weggegangen, er war aus dem Weg geräumt.

 

»Er wird vermutlich länger weg sein.« Tony lachte ihr ins Gesicht und legte den Arm um sie.

 

Sie machte sich frei.

 

»Wollen wir nicht lieber tanzen?«

 

Aber er hielt sie zurück und führte sie zu dem Sofa, das in der Ecke stand.

 

»Bleiben wir noch etwas da, hier stört uns niemand.«

 

Er zog sie an sich und küßte sie, und sie leistete ihm nur soviel Widerstand, als die Lage es erforderte. Auf jeden Fall wollte sie nach außen hin die Regeln des Anstands wahren.

 

»Sie sind ja sehr stürmisch«, sagte sie schließlich und schob ihn zurück. »Stellen Sie sich vor, es würde jetzt jemand hereinkommen – zum Beispiel Ihre Frau?«

 

Sein Gesicht verfinsterte sich bei ihren Worten, und sie stand ärgerlich auf.

 

»Wenn Sie mich nicht besser unterhalten, suche ich mir einen anderen Partner!«

 

Sie wandte sich brüsk ab und lief rasch hinaus. Einen Augenblick überlegte Perelli, dann folgte er ihr in das Gesellschaftszimmer, wo seine Gäste tanzten und sich unterhielten.

 

Kapitel 17

 

17

 

Jimmy saß am Steuer und war nicht im mindesten nervös. Con betrachtete ihn mehrmals verstohlen von der Seite. Er hatte schon bei manchen Menschen merkwürdige Veränderungen erlebt, aber Jimmy überraschte ihn.

 

»Was wollte Kelly eigentlich bei Tony?« fragte er plötzlich.

 

»Kelly?«

 

»Ja. Er ging gerade ins Haus, als Sie herauskamen. Ich dachte, Sie hätten ihn auch gesehen.«

 

Jimmy gab keine Antwort.

 

Die Verkehrsampel vor ihm wechselte gerade von grün

 

O’Hara sah ihn erstaunt an.

 

»Wie gefällt Ihnen das Leben, Con?«

 

O’Hara sah ihn erstaunt an.

 

»Wie meinen Sie das?«

 

»Nun, wie finden Sie’s auf dieser Welt? Möchten Sie nicht gern weiterleben – mit Ihrer Frau und all den anderen schönen Dingen?«

 

Con grinste.

 

»Aber klar! Das Leben sagt mir ungemein zu.«

 

»Dann will ich Sie lieber vor unserem Rendezvous absetzen.«

 

»Vor unserem Rendezvous?« wiederholte Con verblüfft.

 

»Ja, vor der Stelle, wo wir den Captain treffen sollen«, erklärte Jimmy. »Es ist besser, wenn ich allein gehe.« – »Aber warum denn?«

 

»Wissen Sie, was es bedeutet, in den Tod geschickt zu werden?«

 

Ein kurzes Schweigen trat ein. Die Ampel zeigte jetzt wieder grün, und der Wagen fuhr in schnellem Tempo weiter.

 

»Wer soll denn in den Tod geschickt werden?« fragte Con dann langsam.

 

»Vermutlich wir.« Jimmy seufzte leise. »Ich werde anhalten, damit Sie aussteigen können. Oder Sie bleiben im Wagen und lassen mich aussteigen.« Er dachte eine Weile nach. »Nein, ich glaube, es ist besser, wenn ich weiterfahre, denn wenn sie den Wagen nicht sehen, glauben sie, Perelli hätte sein Wort nicht gehalten …«

 

»Wir sollen hinfahren, damit uns die andern niederknallen …? Dieser gemeine Schuft …«

 

»Ich glaube es bestimmt«, erwiderte Jimmy ernst.

 

Con O’Hara atmete schnell.

 

»Wer hat Ihnen denn das gesagt?«

 

Jimmy lächelte im Dunkeln.

 

»Jemand, der mich nicht anlügt.«

 

»Minn Lee?«

 

»Jemand, der nicht lügt«, wiederholte Jimmy. »Ich will Sie jetzt absetzen.«

 

Er hielt dicht neben dem Gehsteig.

 

»Sie sind verrückt«, sagte Con. »Wenn das wahr ist, werden Sie doch nicht hinfahren und sich von diesen Kerlen abknallen lassen?«

 

Jimmy McGrath gab darauf keine Antwort, und Con O’Hara schöpfte plötzlich einen Verdacht.

 

»Sie wollen wohl allein mit dem ganzen Geld abhauen?«

 

Jimmy drehte das Licht an, nahm den Briefumschlag aus der Tasche und riß ihn auf. Ein Bündel weißer Papierfetzen fiel heraus.

 

»Hier – sehen Sie selbst«, entgegnete er ironisch. »Mit diesen Moneten kann ich mir für den Rest meines Lebens jeden Luxus leisten!«

 

Con griff nach dem Papier und untersuchte es genau.

 

»Das sind ja nichts als wertlose Schnipsel!« stieß er erregt hervor.

 

»Wollen Sie jetzt aussteigen?«

 

Jimmy öffnete die Tür, und O’Hara zögerte keinen Augenblick. Er schaute die dunkle Straße entlang, aber es war niemand zu sehen.

 

»Ich werde aufpassen«, sagte er atemlos. »Fahren Sie weiter, Jimmy … Haben Sie wenigstens ein Schießeisen?«

 

»Das brauche ich nicht.«

 

Er schloß die Tür, winkte Con zu und fuhr an.

 

An der verabredeten Stelle hielt er und stieg aus. Er konnte niemand entdecken, aber bald darauf tauchten die beiden hellen Scheinwerfer eines Autos auf, das rasch an ihm vorbeifuhr. Ein wenig später näherte sich ihm ein anderer Wagen mit geringerer Geschwindigkeit.

 

Er war nur noch einige Schritte entfernt, als sich am Seitenfenster etwas bewegte …

 

Jimmy McGrath blieb ruhig stehen. Er rührte sich auch nicht, als er in die Mündung eines Maschinengewehrs blickte …

 

Lautlos brach er auf dem Gehsteig zusammen. Er hörte nicht mehr den aufheulenden Motor des Autos, das sich rasch entfernte.

 

Kapitel 18

 

18

 

Angelo öffnete Kommissar Kelly die Wohnungstür. Es gelang ihm nicht ganz, seinen Schreck über den Besuch zu verbergen, denn er hatte schon lange klar erkannt, welche Gefahr der Organisation durch diesen Mann drohte.

 

Zwischen Kelly und Angelo bestand eine gewisse Sympathie, die man nur schwer definieren konnte. Kelly betrachtete Angelo als zukünftigen Leiter der Gesellschaft, die jetzt Perelli unterstand, und er wußte auch, daß sich dann nicht nur die Methoden ändern, sondern sogar eine Wendung zum Besseren eintreten würde, wenn Angelo die Führung übernahm.

 

»Wo ist Perelli?« fragte er barsch.

 

Er schaute sich um und sah die ausgetrunkenen Flaschen und Gläser. Auch ohne die Musik, die aus den hinteren Räumen drang, wäre ihm klar gewesen, daß hier eine Party gegeben wurde.

 

»Er ist vor einiger Zeit weggegangen, um einen Freund aufzusuchen«, erwiderte Angelo schnell.

 

Kelly lächelte.

 

»Perelli geht doch nicht zu Fuß, und sein Wagen steht drunten in der Garage.«

 

Angelo nahm die Zurechtweisung gelassen hin. Es gehörte zu seinen Aufgaben, die Polizei stets über Tonys Aufenthaltsort im unklaren zu lassen.

 

»Er ist mit einer Dame nach oben gegangen«, erklärte er dann in vertraulichem Ton. »Sie kennen Perelli doch! Wollen Sie etwas trinken?«

 

Kelly ging auf und ab.

 

»Tom Feeney war heute hier.«

 

Angelo nickte.

 

»Ja. Wir haben uns jetzt endlich mit ihm geeinigt.«

 

»Aha, die feindlichen Brüder vertragen sich plötzlich! Sagen Sie mal, wo steckt eigentlich der junge McGrath?«

 

Angelo lächelte verbindlich.

 

»Er ist auch irgendwo im Haus – ein wirklich netter Junge.«

 

»Im Haus? Wenn ich nicht irre, haben ich ihn unten an der Tür gesehen, als ich kam. Holen Sie Perelli – ich muß sofort mit ihm sprechen.«

 

Angelo wandte sich zur Tür.

 

»Aus welchem Anlaß findet denn diese Party heute abend statt?« fragte Kelly.

 

»Tony hielt es für gut, die Verständigung zwischen Tom und ihm ein wenig zu feiern«, entgegnete Angelo. »Shaun wurde ja heute nachmittag schon beerdigt. Haben Sie die Blumen gesehen? Ganze Wagenladungen voll!«

 

In diesem Augenblick kam Minn Lee herein und setzte sich mit ihrer Stickerei auf die Couch. Kelly begrüßte sie mit einem freundlichen Nicken. Angelo verließ das Zimmer.

 

»Sie sehen sehr hübsch aus«, sagte Kelly höflich.

 

Lächelnd schaute sie auf ihr Pariser Modellkleid und blickte dann zu dem Kommissar auf.

 

»Gefällt Ihnen das Kleid?«

 

»Vorzüglich«, erwiderte Kelly bewundernd.

 

Sie lachte vergnügt, und er betrachtete sie erstaunt.

 

»Ich habe Sie noch gar nie so lustig gesehen, Minn Lee.«

 

Er wollte keine nähere Erklärung.

 

»Minn Lee, Sie wissen, daß ich Sie trotz der Umgebung, in der Sie leben, recht gern habe. Wann gehen Sie denn nun fort?«

 

»Wie kommen Sie darauf, daß ich fortgehe?« fragte sie.

 

»Nun, es wäre jetzt allmählich an der Zeit. Sie sind immerhin die dritte Frau, die ich hier kennenlernte … Einmal ist noch jede verschwunden.«

 

»Ich weiß es. Die armen Mädchen!« Ihre Stimme klang sorglos.

 

»Vielleicht wissen Sie auch, woher Mr. Perelli das Geld zu seinem luxuriösen Leben nimmt?«

 

Sie zuckte die Achseln.

 

»Alkoholschmuggel!«

 

»Stimmt. Es gibt aber auch noch andere Einnahmequellen – er ist zum Beispiel Besitzer von drei Nachtlokalen, deren Hauptattraktionen sehr zweifelhafte Animierdamen sind.«

 

Ihre Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß, und sie schaute ihn nicht an.

 

»Auch das weiß ich«, erwiderte sie leise. »Ich bin doch kein Kind mehr. Aber warum erzählen Sie mir das?«

 

Er hatte seine guten Gründe dafür. Sie sollte etwas hören, was ihr panischen Schrecken einjagen würde.

 

»Die Geschäftsführerin eines dieser Lokale, die besonders auf die Mädchen aufpassen muß, hat Geld unterschlagen ihre Stelle ist frei.«

 

Es war ihr äußerlich nichts anzumerken, und er staunte über ihre Haltung.

 

»Das ist mir gleichgültig. Wenn Sie mir gestern so etwas gesagt hätten, wäre ich traurig geworden. Aber jetzt kann mich nichts mehr kränken.«

 

Er schaute auf ihre Hand, an der ein großer Diamant blitzte.

 

»Da haben Sie ja einen fabelhaften Ring.«

 

Sie nickte zerstreut, und er merkte, daß sie mit ihren Gedanken weit weg war.

 

»Ich habe ihn schon früher gesehen. Jede Frau, die mit Perelli zusammenlebte, hat ihn getragen.«

 

Allmählich fand sie wieder in die Wirklichkeit zurück. Sie lächelte ein wenig und seufzte.

 

»Ja, das glaube ich auch.«

 

»Eines Tages wird Perelli den Ring zurückverlangen.«

 

Sie betrachtete den Ring so aufmerksam, als ob sie ihn noch nie gesehen hätte.

 

»Ich brauche ihn nicht – er bedeutet mir nichts.«

 

»Eines Tages schickt er auch Sie nach Cicero hinaus«, fuhr er ernst fort. »Sie wissen, was dort auf Sie wartet?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Sie werden zuerst in dem vornehmeren Lokal sein, in dem nur reiche Leute verkehren.«

 

»Nein!«

 

Sie stieß das Wort so heftig hervor, daß er einen Augenblick glaubte, er habe sie wirklich erschreckt.

 

»Und nach einem Jahr steckt man Sie dann in eine bessere Kneipe, wo nur Bier und Schnaps getrunken wird.«

 

»Nein!«

 

Er faßte sie an den Schultern und drehte sie um, so daß er ihr ins Gesicht sehen konnte.

 

»Das ist der Weg, den alle gegangen sind, Minn Lee. Alle, die sich einmal Mrs. Perelli nannten, haben auf die gleiche Weise geendet.«

 

Eine lange Pause folgte.

 

»Aber ich sehe einen Ausweg für Sie«, sagte er dann.

 

Auch sie kannte einen Ausweg – doch davon wußte Kelly nichts. Er dachte nur daran, wie er Perelli fangen könnte.

 

»Auf der Bank liegen hunderttausend Dollar, auf die bisher niemand Anspruch erhoben hat. Es ist die Belohnung für denjenigen, der den Mörder Vinsettis angeben kann. Tony Perelli hat es getan – und zwar ganz allein. Sie wissen es doch?«

 

Sie machte eine abwehrende Handbewegung und setzte sich müde auf einen Stuhl.

 

»Jetzt sind Sie wieder der Polizeibeamte – ich habe es viel lieber, wenn Sie anders mit mir reden.«

 

Kelly sah sich um und dämpfte seine Stimme. Er wußte noch viel besser als Minn Lee, was sich schon alles in diesem Haus abgespielt hatte; auch über die Affaire Tonys mit Mary hatte er schon Informationen erhalten. Vielleicht konnte er sie dadurch zum Reden bringen.

 

»Sie hätten nichts zu fürchten, Minn Lee – kein Gangster würde es wagen, Sie anzurühren. Das einzige Vergehen, für das man in Chicago mit Sicherheit hingerichtet wird, ist die Ermordung einer Frau. Und außerdem würde ich Ihnen für Ihr Leben garantieren.«

 

»Geben Sie sich keine Mühe, Mr. Kelly. Ich fürchte mich nicht vor Tonys Nachtlokalen – denn ich werde niemals dort hingehen. Dazu ist meine Selbstachtung doch noch zu groß.«

 

»Sie kennen Tony Perelli immer noch nicht!«

 

»Ich weiß schon – Sie wollen mich ein wenig aus der Ruhe bringen. Aber wenn ich gehe, will ich von allen Leuten in Frieden scheiden.«

 

Das war ihm neu.

 

»Sie gehen also wirklich?« fragte er eifrig.

 

Sie nickte.

 

»Weiß Tony davon?«

 

»Nein.«

 

Sie sah an ihm vorbei. Tony stand in der Tür und lächelte sie an.

 

»Aha, Minn Lee unterhält Sie ein wenig«, sagte er. »Ich hörte, daß Sie mich sprechen wollten?« Er nahm Minn Lee die Stickerei aus der Hand. »Der alte chinesische Drache wächst ja gar nicht mehr. Schauen Sie mal her.« Er zeigte Kelly stolz das Werk. »Hat sie das nicht hübsch gemacht?« Er küßte sie. »Jetzt geh, Kleine – nachher habe ich Zeit für dich.«

 

Kelly gab Minn Lee die Hand.

 

»Leben Sie wohl.«

 

Sie zögerte einen Augenblick, nahm dann seine Hand und machte einen kleinen Knicks.

 

Tony sah ihn erstaunt an.

 

»Ich sehe zum erstenmal, daß Sie jemand die Hand geben, Mr. Kelly.«

 

»Und ich habe zum erstenmal jemand in Ihrer Wohnung getroffen, der einen Händedruck wert ist«, erklärte der Beamte kurz. »Sie erwarten doch nicht, daß ich einen Gauner wie Sie auf diese Weise begrüße?«

 

Einen Augenblick lang sah ihn Perelli mit mörderischer Wut an, aber dann beherrschte er sich und wandte sich mit seinem üblichen Lächeln an Angelo, der auch hereingekommen war.

 

»Hast du das gehört? Das reicht für eine Beleidigungsklage.«

 

Angelo war ein aufmerksamer Beobachter und schwieg. Er fühlte instinktiv, daß sich die Beziehungen zwischen dem Polizeibeamten und Tony geändert hatten. Kelly sprach wie ein Mann, der etwas wußte.

 

»Kommen Sie auf mein Büro, wenn Sie die Klage einreichen wollen. Ich bin allerdings nicht so luxuriös eingerichtet wie Sie – und die letzten acht Bandenchefs, die mir dort im Laufe der Zeit gegenübersaßen, sind tot.«

 

Tony Perelli lächelte ungläubig.

 

»Die hätten sich eben wehren sollen! Angelo, findest du nicht auch, daß Mr. Kelly sehr schlecht über uns denkt? Immer muß ich. an allem schuld sein – sogar daß Vinsetti ermordet wurde, will man mir in die Schuhe schieben.«

 

Es sah Perelli ähnlich, Vinsetti zu erwähnen; diese Kühnheit verblüffte Kelly.

 

»Vinsetti? Hm. Er hob dreihunderttausend Dollar von seiner Bank ab, kam hierher und wurde nie wieder lebend gesehen.«

 

»Nun; den ganzen Morgen saß er schließlich bei Ihnen und verpfiff seine Freunde, dieser Verräter!«

 

»Und dann ging er hierher, in dieses Zimmer – das er nicht mehr lebend verließ«, konterte Kelly.

 

Perelli wurde es jetzt doch etwas ungemütlich, und er schaute sich nach seinem Adjutanten um, der auch sofort einsprang.

 

»Keine falschen Beschuldigungen, Mr. Kelly – schließlich waren Sie zehn Minuten später hier.«

 

»Und haben Sie vielleicht Blutspuren gefunden?« fuhr Tony zornig fort. »Haben Sie eine Leiche gesehen, einen Schuß gehört?«

 

»Niemand hätte den Schuß hören können«, erwiderte Kelly. »Den Schalldämpfer auf Ihrer Pistole kenne ich ganz genau.«

 

Perelli lachte gezwungen.

 

»Ganz wie Sie meinen – ich töte eben alle Leute! Wenn ich nicht da wäre, hätten die Zeitungen überhaupt nichts zu schreiben!«

 

Kapitel 19

 

19

 

Angelo war wieder hinausgegangen, und Tony wartete. Irgend etwas war geschehen, das fühlte er.

 

»Haben Sie etwas Neues erfahren?« fragte der Kommissar gleichgültig und nahm eine lange, dunkle Zigarre aus seinem Etui.

 

Tony lächelte.

 

»Nein. Aber Sie sind doch sicher nicht hergekommen, um mich zu fragen, was es Neues gibt? Das können Sie schließlich für drei Cents in der Zeitung lesen!«

 

Kelly ging eine Weile im Zimmer auf und ab und blies große Rauchwolken vor sich hin. Dann blieb er plötzlich stehen und sah Tony mit einem eiskalten Blick an.

 

»Perelli, wieviel verdienen Sie eigentlich jährlich mit Ihren Unternehmungen? Doch eine ziemlich hohe Summe?«

 

Tony zuckte die Schultern.

 

»Weil wir Freunde sind, will ich es Ihnen sagen«, entgegnete er mit leiser Ironie. »Und unter Freunden hat man doch keine Geheimnisse, nicht wahr? Also, ich verdiene eineinhalb bis zwei Millionen im Jahr. Allerdings sind die Geschäftsunkosten sehr hoch. Im vorigen Jahr mußte ich etwa eine Million bezahlen, meistens an Leute von der Polizei. Es ist schlimm, wieviel Schmiergelder diese Beamten verschlucken! Die meisten stehen auf unseren Zahllisten. Diese Demoralisation ist geradezu entsetzlich!«

 

Kelly lächelte verbissen.

 

»Können Sie mir die Summe nennen, die ich von Ihnen bekommen habe?«

 

Tony lachte über diese Frage. Er hatte vor Polizeibeamten nicht den geringsten Respekt, ob sie nun Geld von ihm annahmen oder nicht.

 

»Gestatten Sie mir die Meinung, daß Sie wirklich sehr unklug sind. Das Leben ist so kurz, und warum sollte man es sich nicht so angenehm wie möglich machen? Wenn man aber kein Geld hat, so ist es schwer, vergnügt zu sein. Seit fünf Jahren habe ich keine Zehndollarnote mehr in der Hand gehabt – sehen Sie, das nenne ich Lebensart! Man darf überhaupt nicht wissen, daß es solches Kleingeld gibt.«

 

Er schaute Kelly selbstsicher an.

 

»Ihre Mädchen in Cicero wissen aber sehr wohl, wie ein Zehndollarschein aussieht«, erwiderte Kelly mit Nachdruck. Die Bemerkung kränkte Tony, denn er war in diesem Punkt merkwürdig empfindlich. Im Grund schämte er sich der Einnahmequellen aus seinen Lokalen in Cicero, und wenn die Sprache darauf kam, protestierte er stets entrüstet dagegen, daß er mit dieser Sache etwas zu tun habe. Mit seinen Vertrauten allerdings redete er davon wie von anderen geschäftlichen Unternehmungen, kontrollierte die eingehenden Gelder und freute sich über finanzielle Erfolge.

 

»Aber lieber Kommissar, Sie sprechen immer von meinen Mädchen in Cicero«, erklärte er in bedauerndem Ton. »Ich habe weder Mädchen in Cicero noch sonstwo. Diese Lokale gehören mir nicht, und es wäre mir auch ganz unmöglich, solches Geld anzunehmen – ich dachte, Sie würden mich besser kennen, Mr. Kelly.« Er spielte den Verletzten. »Ich habe niemals auch nur einen Dollar in derartigen Unternehmungen investiert. Jeder, der mich kennt, wird Ihnen das bestätigen. Meine Feinde verbreiten natürlich solche Gerüchte über mich, aber beweisen können sie nichts – das wissen Sie doch ganz genau!«

 

Kelly machte ein skeptisches Gesicht.

 

»Haben Sie wirklich nichts damit zu tun? Wie steht es denn zum Beispiel mit der ›Skyline-Bar‹?«

 

Tony lächelte mitleidig.

 

»Die ›Skyline-Bar‹! Ich kenne das Lokal natürlich; meiner Ansicht nach steht es in einem falschen Ruf – doch das geht mich nichts an. Das Haus gehört mir nicht, ich weiß nicht einmal, wer der Besitzer ist.«

 

»Freut mich, das zu hören«, sagte Kelly herzlich. »Deshalb bin ich nämlich hergekommen. Eine Bande von Rowdies hat heute abend die ›Skyline-Bar‹ überfallen, die Mädchen auf die Straße geworfen und das Lokal angesteckt. Es ist vollständig ausgebrannt.«

 

Tonys Gesicht war plötzlich blaß geworden, und er verlor jede Selbstbeherrschung.

 

»Was sagen Sie da?« Er sprang auf, seine Hände zitterten. »Das ist doch nicht wahr!« Vor Erregung konnte er kaum sprechen. »Das wäre mir schon längst gemeldet worden … Die ›Skyline-Bar‹ ist hunderttausend Dollar wert!« Er ging wütend auf und ab. »Diese verfluchte Bande! Die Kerle gehören alle an die Wand gestellt!« Er trat dicht vor Kelly hin und drohte ihm mit der Faust. »Gibt es denn keine Polizei in Cicero?« schrie er.

 

»Das müssen Sie doch selbst am besten wissen – die Leute stehen ja auf Ihren Zahllisten. Und warum regen Sie sich eigentlich so furchtbar auf? Sie sagten doch eben, daß das Haus nicht Ihnen gehört und daß Sie keinen Dollar in ähnlichen Unternehmungen investiert haben. Es kann Ihnen doch wirklich gleichgültig sein.«

 

»Diese gemeine Bande!« Tonys Stimme zitterte vor Wut. »Gibt es denn überhaupt kein Gesetz mehr? Hunderttausend Dollar – und nicht für einen Cent versichert!«

 

Tony suchte jetzt nichts mehr zu verheimlichen. Ein Verlust von hunderttausend Dollar war auch für ihn keine Kleinigkeit.

 

Kelly, der ihn mit unverhohlener Schadenfreude betrachtete, wollte wieder gehen.

 

»Tut mir furchtbar leid«, sagte er. »Aber einen kleinen Trost habe ich wenigstens für Sie – es sind keine Menschenleben zu beklagen. Da Sie doch ein so großer Menschenfreund sind, wird Sie dies sicher etwas beruhigen.«

 

Tony hatte inzwischen mühsam seine Fassung wiedergewonnen. Er hielt Kelly unter der Tür noch einen Augenblick zurück.

 

»Warten Sie noch einen Moment – ich hätte ganz gerne einmal offen mit Ihnen geredet. Obwohl Sie im andern Lager stehen, sind Sie ein tüchtiger Kerl, das muß Ihnen der Neid lassen. Ich weiß genau, wie ich mit Ihnen dran bin. Wäre nett, wenn Sie für mich auch ein wenig Verständnis aufbrächten … Es gibt eben nur eine Art, eine Organisation wie die meine zu leiten. Manchmal sind die Methoden, die ich anwenden muß, etwas hart – das gebe ich zu. Aber was liegt denn auch daran, wenn ein paar Leute über den Haufen geschossen werden, die sich sowieso außerhalb des Gesetzes gestellt haben. Eigentlich sparen wir dem Staat eine Menge Geld, wenn wir Streitigkeiten untereinander erledigen!«

 

Perelli hatte mit Nachdruck gesprochen, aber Mr. Kelly zeigte sich nicht sehr beeindruckt.

 

»Großartig!« sagte er. »Diese Lesart habe ich aber schon so oft gehört, daß ich sie nächstens auswendig weiß. Soll sich das Ganze übrigens auf Jimmy McGrath beziehen?«

 

Tony warf ihm einen schnellen Blick zu. Vermutete Kelly etwas?

 

»Jimmy ist ein netter Kerl, und ich habe ihn sehr gern«, entgegnete er gewandt. »Könnte meinen eigenen Bruder nicht mehr schätzen.«

 

»Empfinden Sie diese Gefühle auch für Con O’Hara?«

 

»Auch ein braver Mensch.«

 

»Wo sind denn die beiden?«

 

Tony tat geheimnisvoll, schaute sich vorsichtig um und dämpfte seine Stimme.

 

»Ich glaube, sie wollen sich mit ein paar Mädels einen vergnügten Abend machen – erzählen Sie aber O’Haras Frau nichts davon.«

 

»Aha. Und mit Tom Feeney sind Sie jetzt auch ein Herz und eine Seele?«

 

Kelly konnte wirklich unangenehm werden. Er führte die Unterhaltung so sprunghaft und so schnell, daß sein Gesprächspartner immer wieder verblüfft wurde. Dies war eine seiner Methoden, Informationen herauszulocken.

 

»Sicher, wir stehen jetzt sehr gut miteinander. Vorher gab es ja öfters einige kleine Mißverständnisse.«

 

»Zuletzt wohl wegen Shaun O’Donnell?«

 

Tony streckte verzweifelt die Hände aus, an denen seine vielen Ringe glänzten.

 

»Ich kann Ihnen nur sagen, daß jetzt alles in Ordnung ist.«

 

Kelly schaute ihn noch einmal durchdringend an.

 

»Welchen Preis habe Sie denn dafür gezahlt, daß jetzt alles in Ordnung ist?«

 

Diesmal spielte Tony die Rolle des Entrüsteten zu vollendet, um glaubhaft zu wirken.

 

»Mr. Kelly, Sie sollten mich wirklich nicht dauernd beleidigen.«

 

Ungerührt stellte der Beamte die entscheidende Frage:

 

»Haben Sie vor, deswegen irgend jemand in den Tod zu schicken?«

 

»Um Himmels willen, nein! Wie können Sie nur so etwas denken, Mr. Kelly! In den Tod schicken – das wäre doch Mord …«

 

»Gewiß wäre das Mord!« Kelly setzte seinen Hut auf. »Aber auf ein paar Morde mehr oder weniger kommt es Ihnen ja nicht an – Sie dreckiger Schuft! Gute Nacht!«

 

In diesem Augenblick kam Minn Lee zur anderen Tür herein. Gleich darauf läutete das Telefon; Kelly zeigte auf den Apparat.

 

»Melden Sie sich«, befahl er. »Ich habe meinen Leuten gesagt, daß ich hier bin.«

 

Perelli bemerkte Minn Lee, und sein ganzer Groll entlud sich auf sie.

 

»Mach, daß du fortkommst«, zischte er zwischen den Zähnen. »Hörst du nicht? Wir werden noch abrechnen wegen Jimmy, verstanden?«

 

Kelly ging auf das Telefon zu, als es von neuem klingelte.

 

»Nein, nein, ich melde mich schon«, sagte Perelli hastig und hob den Hörer ab. »Wer ist da?« erkundigte er sich bissig, änderte seinen Ton aber sofort. »Ach, das Polizeipräsidium? Ja, Mr. Kelly ist hier.« Er gab dem Kommissar den Hörer.

 

Gefahr war für ihn im Anzug, das fühlte er deutlich. Die Polizei nahm eine drohende Haltung an, und er wußte, daß er sich jetzt in acht nehmen mußte. Trotzdem beschäftigten sich seine Gedanken momentan ausschließlich mit Minn Lee und seinen neuen Plänen.

 

»Meinst du vielleicht, ich hätte nicht gesehen, wie dich Jimmy geküßt hat?« flüsterte er ihr zu.

 

Minn Lee beachtete ihn nicht. Kelly telefonierte immer noch, und sie wußte gut genug, was ihm gerade gemeldet wurde.

 

»Ach …! Wann ist das passiert …? Der junge McGrath? Ist er tot?«

 

Minn Lee sah ihn an – ihre Augen waren von einem merkwürdigen Glanz erfüllt.

 

»… Ecke Michigan Avenue und Vierundneunzigste Straße? Ist sonst noch jemand erschossen worden? Nur McGrath …? Sind Sie Ihrer Sache auch ganz sicher? O’Hara war nicht bei ihm?«

 

Kapitel 1

 

1

 

Red Gallway war ein mit allen Wassern gewaschener Verbrecher; auf seinem Sündenregister stand mehr als ein Unternehmen, das ihn in schweren Konflikt mit den Gesetzen brachte. Er hatte Geldschränke geknackt und sich als Hochstapler versucht, er hatte seinen Opfern die Pistole vor die Nase gehalten und ihnen ihr Geld abgenommen – und er hatte eine ganze Reihe fragwürdiger Nachtlokale aufgezogen. Trotz seiner eifrigen Bemühungen verdiente er jedoch nicht allzuviel dabei, und erst als er sich dem Alkoholschmuggel zuwandte, floß ihm das große Geld in die Tasche, von dem er immer geträumt hatte. Seitdem er mit einer regelrechten Schmugglerbande zusammenarbeitete, lebte er sorgenlos und zufrieden, zudem brauchte er keine Angst vor der Polizei zu haben. Allerdings stieg ihm der Erfolg zu Kopf. Er wurde faul, schwatzhaft und streitsüchtig und – was am schlimmsten war –: Er begann Kokain zu schnupfen.

 

Angelo Verona, der außerordentlich tüchtige Personalchef der Bande, machte ihm Vorwürfe.

 

»Laß das bleiben, Red! Tony kann keine Leute brauchen, die Koks schnupfen.«

 

Über Gallways nicht gerade einnehmendes Gesicht glitt ein böses Grinsen. »Wirklich?« meinte er verächtlich.

 

Angelo nickte gewichtig und sah ihn mit seinen ernsten braunen Augen durchdringend an.

 

»Kokain hat noch keinem geholfen. Anfangs fühlt man sich zwar so groß und stark wie ein Wolkenkratzer, aber das ist schnell vorüber – dann kommt der Katzenjammer, und man möchte sich am liebsten in ein Mauseloch verkriechen. Und vor allen Dingen – wenn sie einen solchen Burschen im Polizeipräsidium nach allen Regeln der Kunst verhören, dann hält er nicht dicht!«

 

Red verkehrte zu dieser Zeit viel mit seinem Freund Mike Leeson, einem früheren Maschinisten, der sich in elenden schmutzigen Spelunken mehr zu Hause fühlte als in den eleganten Lokalen der oberen Zehntausend.

 

Er hatte es im Leben nicht weit gebracht und schaute deshalb ehrfurchtsvoll zu Red Gallway empor, der für ihn der bedeutendste aller großen Gangster war. Er verhielt sich ungefähr so, wie ein Lakai gegenüber einem Monarchen.

 

Als sie eines Tages in einer Kneipe zusammensaßen, die Reds Bande gehörte, machte Mike seinen Freund großzügig auf eine gute Gelegenheit aufmerksam. Aber Red schüttelte gelangweilt den Kopf.

 

»Aus Chinesinnen mache ich mir nichts«, sagte er. »Die Tochter von Joe Enrico zum Beispiel ist ganz wild nach mir, aber ich drehe mich nicht einmal nach ihr um.«

 

»Wie du meinst«, entgegnete Mike.

 

Er jedenfalls drehte sich bei jeder Gelegenheit nach Minn Lee um. Meistens traf er sie auf der Treppe des nicht gerade sehr sauberen Hauses, in dem sie beide wohnten. Sie war eine hübsche kleine Chinesin, graziös und schmiegsam wie eine Gerte. Besonders faszinierten ihn ihre weißen Hände, ihre großen schwarzen Augen und ihre weiche Haut. Übrigens hatte ihr Haar nicht den bläulichen Schimmer der Ostasiaten, sondern war glänzend und tiefschwarz.

 

Mike grinste sie die erste Zeit nur an, später versuchte er auch mit ihr zu sprechen. Das gelang ihm ohne Schwierigkeiten, denn sie unterhielt sich gerne. Wie er erfuhr, war sie mit einem kranken Künstler verheiratet und machte Zeichnungen für Modejournale, um Geld zu verdienen.

 

Ihre Zutraulichkeit und Offenheit verblüfften Mike; er benützte die Gelegenheit, ihr persönlich näherzukommen. Als er sie aber nach einiger Zeit einmal in ein Luxusrestaurant zum Abendessen einlud, war sie sehr erstaunt.

 

»Mein Mann ist doch krank«, protestierte sie. »Ich kann ihn doch unmöglich allein lassen.«

 

»Aber Kleine, ich sorge natürlich dafür, daß jemand bei ihm bleibt und aufpaßt …«

 

Sie schüttelte energisch den Kopf, und als er ihre Hand fassen wollte, war sie verschwunden.

 

Nach diesem Zwischenfall ging sie ihm aus dem Weg.

 

Zu Hause hatte sie kein leichtes Leben. Ihr schwerkranker Mann machte ihr Vorwürfe, wo er nur konnte. Von seiner Großzügigkeit war nicht viel übriggeblieben, seitdem er leidend war und ihn die Reue quälte.

 

Minn Lee war über sein Verhalten weder glücklich noch traurig. John Waite war ihrer Meinung nach niemals ein bedeutender Künstler gewesen – aber er war ihr Mann. Das Leben und das Schicksal hatten sie zusammengekettet, wenn auch aus einer anfänglichen Leidenschaft nicht die große Liebe geworden war. Minn Lee machte sich nichts vor – sie liebte ihren Mann nicht mehr. Trotzdem war sie entschlossen, bei ihm zu bleiben. Jetzt lag er im Sterben, der Arzt hatte es ihr klipp und klar gesagt. Es mochte noch drei oder vier Monate dauern, dann war es zu Ende.

 

Im Dachgeschoß des Hauses lag noch ein anderer Kranker, Peter Melachini, ein alter Musiker, der durchaus nicht sehr arm war, sich aber entschlossen hatte, in der traurigen Umgebung zu sterben, die viele Jahre lang sein Zuhause gewesen war. Die schwatzhafte Frau eines Mechanikers aus dem ersten Stock erzählte Minn Lee, daß der alte Peter einen mächtigen Freund habe, ein As unter den Alkoholschmugglern.

 

»Können Sie sich vorstellen, Mrs. Waite«, sagte sie, »daß er Mr. Melachini eine Villa am Meer angeboten hat, die er ihm schenken will! Aber der Alte hat es nicht angenommen. Er entgegnete, daß er hier in der Stadt sterben wolle, wo er geboren sei. Der ist nicht ganz richtig im Kopf! Stellen Sie sich doch vor – eine Villa am Meer, und alles geschenkt.«

 

Der Gangster, in seinen Kreisen ein gefürchteter Pistolenschütze, besuchte Peter Melachini ab und zu. Er war ein schlanker, geschmeidiger Mann mit einer ungewöhnlich dunklen Gesichtsfarbe; seine Anzüge saßen stets wie angegossen. Wenn er aus seinem Wagen stieg, liefen die Leute ans Fenster und drückten sich die Nasen an den schmutzigen Scheiben platt. Die ganze Gegend geriet in Aufregung. Ein wirklicher Gangster, das war eine Sensation!

 

Gewöhnlich war es so, daß ein dunkler Wagen in schneller Fahrt in die Straße einbog und vor der Haustür hielt. Drei Männer sprangen heraus; der erste ging voran, dann kam die Hauptperson selber, und der dritte folgte als Nachhut.

 

Tony Perelli, so hieß der zweifelhafte Held, ging meist direkt in Melachinis Wohnung, unterhielt sich ein wenig mit ihm und verließ ihn unter Zurücklassung einiger kleiner Geschenke.

 

Die beiden hatten früher in der gleichen Kapelle bei Cosmolino gespielt, und seither war Tony Perelli mit Peter befreundet. Außerdem stammten sie beide aus Sizilien und waren im gleichen Dorf in der Nähe Palermos geboren.

 

Auch Minn Lee traf den Gangster manchmal auf der Treppe. Er war nicht sehr groß, aber sein vornehmes Auftreten und eine gewisse Zurückhaltung und Würde imponierten ihr. Sein Gesicht war ziemlich voll, und seine dunklen Augen glänzten eigentlich ganz lustig.

 

Minn Lee sah er freundlich an, als er ihr zum erstenmal begegnete, und sie erwiderte sein Lächeln zögernd. Als er vorbeigegangen war, drehte sie sich nach ihm um, und auch er wandte den Kopf, als ob er noch einen Blick von ihr erhaschen wolle.

 

Als sie ihn später einmal an derselben Stelle traf, sprach er sie an. Er war von einer unaufdringlichen Höflichkeit, und sie mußte über seine fröhlichen Worte sogar ein wenig lächeln. Es gefiel ihr, daß er ihr keine plumpen Komplimente machte und auch sonst in keiner Weise versuchte, zudringlich zu werden.

 

Am nächsten Tag wurden Blumen und Früchte für Mrs. Waite abgegeben; auf der Begleitkarte stand in flüssigen Zügen der Name Tony Perellis.

 

»Er ist außerordentlich einflußreich«, sagte die Frau des Mechanikers, die völlig atemlos vor Aufregung und Neugier war. »Er hat eine der teuersten und kostbarsten Wohnungen in ganz Chicago, ein Landhaus und ich weiß nicht wieviel Autos. Das ist einer von den wirklich großen Alkoholschmugglern – und was der alles auf dem Kerbholz hat, geht auf keine Kuhhaut.«

 

Auch jetzt war Minn Lee durchaus nicht empört und bestürzt; es gab viele Leute, die seltsame Dinge taten, und schließlich schien ihr in ihrer einfachen Vorstellungsweise Alkoholschmuggel noch viel anständiger als manches, was sie in ihrer Umgebung hatte sehen müssen.

 

Als sie Tony Perelli zum drittenmal traf, war es bei einem Besuch, den er bei ihr machte. Ihr Mann schlief gerade, und sie fühlte sich etwas unbehaglich, als sie Perelli in das kleine Wohnzimmer führte.

 

»Er schläft? Das ist gut. Ich war eben bei Ihrem Arzt; er sagte, daß Ihr Mann ans Meer gehen müsse. Die salzhaltige Luft würde ihm guttun. Das sollte ja auch mein alter Freund Peter machen – aber der ist zu eigensinnig und setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um nur hier im Haus bleiben zu können. Mrs. Waite, ich möchte nicht aufdringlich sein – aber wenn es nur eine Geldfrage ist …«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, Mr. Perelli, wir können das Geld von Ihnen nicht annehmen. Auf ehrliche Weise könnten wir es doch nicht zurückzahlen.«

 

*

 

Eine Woche später starb John Waite. Sein Ende war ruhig und friedlich. Minn Lee ließ ihn beerdigen und erklärte auf der Polizeiwache, auf der sie den Todesfall meldete, warum ihr Name nicht auch Waite lautete. Sie tat alles, was geschehen mußte, verhältnismäßig gefaßt, zahlte die dringendsten Schulden und teilte seiner Mutter mit, daß er gestorben sei. Dann machte sie sich daran, Arbeit zu suchen. Eigentlich hätte das für ein junges Mädchen, das sein Examen auf der Columbia Universität bestanden und früher schon dreißig Dollar in der Woche durch Modezeichnungen verdient hatte, nicht weiter schwer sein dürfen. Aber sie wählte vorerst einen anderen Weg und schrieb an den Inhaber eines Chinesenrestaurants, in dem Kellnerinnen gesucht wurden. Aber noch bevor sie Antwort erhielt, kam Mike Leeson und machte ihr einen Vorschlag.

 

Inzwischen war auch der alte Italiener gestorben, und Tony Perelli hatte ein glänzendes Begräbnis für ihn arrangiert. Als er nach der Beerdigung am Abend in die Wohnung des Musikers kam, um sich aus dem Eigentum seines alten Freundes einige Erinnerungen mitzunehmen, erschien zur gleichen Zeit Mike in der Wohnung Minn Lees. Niemand hatte Perelli gesehen, als er das Haus betrat, denn er war zu Fuß gekommen, selbstverständlich eskortiert von seiner Leibwache. Als er an Minn Lees Tür vorüberging, blieb er einen Augenblick stehen und lauschte.

 

An diesem Abend gab es wieder einmal ziemlich viel Lärm im Haus. Im zweiten Stock übte der Pole Laski auf seinem Schlagzeug; ab und zu packte ihn der Ehrgeiz, die Weltmeisterschaft im Trommeln zu gewinnen.

 

In Minn Lees Wohnung wehrte sich die kleine Chinesin verzweifelt gegen Mike Leeson, der sie an sich zog …

 

Leeson besaß den Instinkt eines Wilden; seine Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß man Frauen am besten durch blindes Drauflosgehen besiegen konnte.

 

»Schatz, verlaß dich auf das, was ich dir sage! Du wirst es bestimmt nicht schlecht bei mir haben …!«

 

Sie leistete ihm energisch Widerstand und versuchte verzweifelt, sich loszureißen. Tony Perelli hörte ihre erstickten Schreie und drückte auf die Türklinke. Die Tür war nicht verschlossen, und er trat ein.

 

»Was haben Sie hier zu schaffen, Sie Strolch?«

 

Mike schäumte vor Wut über die Störung und sah Perelli mit einem haßerfüllten Blick an.

 

»Scheren Sie sich ‚raus!« Tony Perellis Stimme klang hart und kühl.

 

»Ich gehe erst, wenn es mir paßt – vor einem sizilianischen Affen reiße ich nicht aus!«

 

Leeson holte zu einem wuchtigen Schlag aus, traf Perelli aber nicht. Dann hörten die Hausbewohner ein Geräusch, als ob der musikbegeisterte Pole noch lauter auf seine Trommel schlage. Das war alles – Tony, der die rauchende Pistole schußbereit hielt, brauchte nicht zum drittenmal zu feuern. Leeson hatte genug. Eine Sekunde lang klammerte er sich noch an das Bett, dann sank er lautlos zu Boden.

 

Minn Lee sah von dem Toten zu Tony.

 

»Nehmen Sie Ihren Mantel und kommen Sie mit.«

 

Wenn Perelli etwas befahl, klang es niemals wie eine Bitte. Sie gehorchte ohne Zögern und ging mit ihm. Wegen Mike Leeson machte er sich keine Sorgen; seine Leute würden diese Sache erledigen, wie es üblich war. Es würde keinen Spektakel geben – wahrscheinlich fand später irgendein Chauffeur den Toten draußen im Schnee, und die Zeitungen brachten eine lakonische Meldung, daß wieder ein Gangster von seinesgleichen erschossen worden war. Damit war die Sache erledigt.

 

Es dauerte nicht lange, dann war Minn Lee in Tonys Wohnung heimisch geworden, und man hatte sich daran gewöhnt, sie Mrs. Perelli zu nennen.

 

Kapitel 10

 

10

 

Tom Feeney kam von Indianapolis zurück, mehr beunruhigt als rachgierig. Wenn er auch über den wilden Schmerzausbruch erschrak, mit dem ihn seine Schwester empfing, so betrachtete er doch die Lage hauptsächlich vom geschäftlichen Standpunkt aus.

 

»Spike ist nicht zurückgekommen«, teilte ihm seine Schwester als letzte Hiobsbotschaft mit.

 

»Kein Wunder! Es war heller Wahnsinn, die drei Leute auf O’Hara und Jimmy zu hetzen. Perelli hat doch nichts anderes erwartet!« Er benützte die Gelegenheit, ihr einen Beweis seiner besseren Taktik zu geben. »Es gibt nur einen Weg, mit Tony fertig zu werden. Und den kenne ich.«

 

Verärgert und müde ließ er sich in einen Sessel fallen. Neben allem anderen fürchtete er für sein eigenes Leben. Verdrossen überlegte er sich, welche Verbindungen er zu Perellis Bande hatte.

 

Angelo …?

 

Er stand nicht schlecht mit diesem Mann, der schon früher versucht hatte, eine Interessengemeinschaft der beiden Banden auf die Beine zu stellen. Tom beabsichtigte, dieses Jahr seinen Geburtstag mit einem großen Fest bei Bellini zu feiern, und Angelo hatte schon halb und halb versprochen, daß an diesem Tag Waffenstillstand herrschen solle. Perelli wollte sogar selbst zur Feier erscheinen, um sich bei dieser Gelegenheit mit seinem Rivalen einmal auszusprechen.

 

Feeneys Lage war schwierig. Es gab niemand, der Shauns Platz hätte einnehmen können. Viele Dinge mußten jetzt überlegt werden, und sein eigenes Leben hing von den Entscheidungen ab, die er traf.

 

*

 

Tony Perelli frühstückte an diesem Tag erst sehr spät, und die Sonne stand schon hoch am Himmel, als er am Klavier saß und spielte. Minn Lee hatte sich in seiner Nähe auf einen Schemel gesetzt und machte mikroskopisch kleine Stiche an einer wunderschönen Drachenstickerei, an der sie schon arbeitete, seitdem sie bei Tony wohnte.

 

Plötzlich hörte er auf zu spielen und schwang sich auf dem Klavierstuhl zu ihr herum.

 

»Hat es dir gefallen?«

 

Sie nickte.

 

Er gab sehr viel auf ihr Urteil, denn er kannte niemand, der seiner Musik so hingebungsvoll zuzuhören verstand wie Minn Lee.

 

»Das war Gounod. Schade, daß der Kerl kein Italiener war. Aber etwas von Italien hat er doch abbekommen. Er wurde nämlich in Rom erzogen. Hast du geglaubt, daß ich das weiß?«

 

Sie sah ihn mit ihrem freundlichen, unergründlichen Lächeln an.

 

»Du weißt alles, Tony.«

 

Er strahlte. Minn Lee war der einzige Mensch auf der Welt, der ihn in eine so vergnügte Stimmung versetzen konnte.

 

»Wenn es sich um Musik handelt, dann stimmt das«, sagte er. »Wäre ich bei Cosmolino geblieben, so wäre vielleicht doch noch ein tüchtiger Geiger aus mir geworden.«

 

Für Lob war Perelli außerordentlich empfänglich. Ein Psychiater hätte bei ihm leicht festgestellt, daß er an ganz ausgeprägten Minderwertigkeitskomplexen litt. Zum Teil war daraus auch seine merkwürdige Laufbahn zu erklären, die ihn in der Unterwelt immer höher geführt hatte, weil die Antriebsfeder seines Ehrgeizes ihn nicht zur Ruhe kommen ließ. Ein Beweis dafür war die Tatsache, daß er einmal jemand niedergeschossen hatte, weil der Betreffende seine literarischen Kenntnisse in Zweifel gezogen hatte.

 

Es klopfte, und Angelo Verona trat ein. Er war nicht in der besten Laune und sah müde aus; schon seit aller Frühe war er unterwegs gewesen, um neue Lieferungen in Empfang zu nehmen, die während der Nacht angekommen waren.

 

Nachlässig warf er Mantel und Handschuhe auf einen Sessel und zog mehrere Papiere aus der Tasche. Dann schaute er fragend auf Minn Lee.

 

Tony gab ihr einen Wink.

 

»Geh auf dein Zimmer. In einer halben Stunde kannst du wieder herunterkommen.«

 

An der Tür drehte sie sich um. Hatte er sein Versprechen vergessen?

 

»Du sagtest doch, daß du nachher mit mir ausgehen würdest …?«

 

»Ich sagte, daß du nachher wieder herunterkommen sollst!« entgegnete er barsch. »Kannst du nicht hören, wenn ich etwas sage?«

 

Auch das war Tony – der Tony, den sie nur halb verstand. Sie lächelte wieder, öffnete gehorsam die Tür und verschwand.

 

»Nun, was gibt’s?« fragte Perelli.

 

Angelo berichtete kurz über Menge und Qualität der zuletzt angekommenen Alkoholsendung. Er legte Perelli eine Liste vor, in der die Ausgaben – Bestechungsgelder, Geschäftsunkosten und sonstiges – genau aufgeführt waren.

 

Tony warf einen Blick darauf, gab sie Angelo zurück und schlenderte dann zum Klavier.

 

»Sei vorsichtig«, warnte er noch. »Paß auf, daß Feeney uns nicht die ganze Sendung wegschnappt!«

 

Angelo lächelte und machte eine wegwerfende Geste. Er war fest davon überzeugt, daß Feeneys Organisation sich nicht mehr von dem Schlag erholen würde, den ihr der Tod von Shaun und Spike zugefügt hatte.

 

Tony hatte sich inzwischen vor das Klavier gesetzt, spielte aber nicht, sondern sah nur in Gedanken versunken vor sich hin. Nach einiger Zeit riß ihn Angelo aus seinen Grübeleien.

 

»O’Hara redet zuviel – findest du nicht auch?«

 

Tony schaute gleichgültig hoch.

 

»Er ist ein Ire – da kann man wenig machen.«

 

Angelo ärgerte sich über diese Interesselosigkeit und wollte Perelli ein wenig aufrütteln.

 

»Er hat übrigens ein sehr hübsches Mädchen«, warf er hin.

 

Wie erwartet, biß Tony an.

 

»Wußte ich gar nicht«, entgegnete er interessiert.

 

Angelo seufzte. Es tat ihm schon wieder leid, daß er Tonys schwachen Punkt berührt hatte. Angelo selbst machte sich im allgemeinen wenig aus Frauen: Nur Minn Lee war eine Ausnahme. Sie gefiel ihm so gut, daß er sich oft über sich selbst wunderte.

 

»Laß doch, Tony«, sagte er unwirsch. »Kannst du denn nie genug kriegen?«

 

Aber Tony Perelli war jetzt schon in Fahrt.

 

»Ist sie wirklich so hübsch? Wie kommt denn dieser O’Hara zu einem netten Mädel? Der Kerl ist doch fett, dumm und hat ein entsetzliches Mundwerk.«

 

»Wenn du schon wieder so anfängst, kann mir Minn Lee nur leid tun«, sagte Angelo und sah auf seine Uhr. »Übrigens wird O’Hara bald hier sein, ich habe ihn heute morgen schon angerufen. Spike versuchte, ihn in der vergangenen Nacht in seiner Wohnung zu sprechen. Bin froh, daß der Kerl erledigt ist.«

 

Tony zuckte die Achseln und drehte sich zum Klavier um. Gleich darauf verließ Angelo das Zimmer.

 

Fünf Minuten später schrillte eine Klingel, und einen Augenblick später hörte Tony eine laute Stimme. Er schüttelte den Kopf. Dieser Con O’Hara war doch ein ungehobelter Bursche. Eigentlich unverschämt, daß er ein nettes Mädchen besaß, für das sich Tony selbst bereits interessierte.

 

Con trat ein – glattrasiert, tadellos gekleidet und in bester Stimmung. Als er Tony am Klavier sitzen sah, schnitt er eine ironische Grimasse; großen Respekt hatte er vor seinem Chef sowieso nie gehabt.

 

Tony betrachtete ihn von oben bis unten. Er hatte schon verschiedene Zeitungen gelesen und in jeder denselben Bericht gefunden. Es war wirklich Grund genug vorhanden, sich über Con zu ärgern.

 

Con machte es sich inzwischen in einem Sessel gemütlich und wollte sich gerade eine Zigarette anzünden, als ihm Perelli einen Stoß Zeitungen hinwarf.

 

»Lesen Sie – gleich hier oben auf der ersten Seite.«

 

Con las murmelnd und mit ziemlicher Mühe – er hatte es auf der Schule nicht besonders weit gebracht:

 

»Shaun O’Donnell, Alkoholschmuggler, wird von einem anderen Gangster erledigt. Der Personalchef Tom Feeneys nach Kommissar Kellys Meinung in den Tod geschickt!« Con lachte laut. »In den Tod geschickt – glänzend! Da wird Feeney vor Wut verrückt werden!«

 

Tony nickte.

 

»Weiter, weiter«, drängte er, »wenn Sie lesen können.«

 

O’Hara sah ihn wütend an, nahm die Zeitung wieder auf und buchstabierte: »›Um zwölf Uhr gestern abend hörte der Polizeibeamte Ryan Schüsse, lief sofort zu der Stelle und fand Shaun O’Donnell. Man hatte auf ihn geschossen …‹ Na, zum Donnerwetter, das muß ich ja schließlich selbst am besten wissen. Immerhin war ich mit dabei.«

 

Tony lächelte.

 

»Eben – deshalb ist die Sache ja gerade so interessant für mich.«

 

Con verzog verächtlich den Mund.

 

»Der Junge hat ein- oder zweimal auf ihn geschossen – selbstverständlich daneben. Ich war schon aus dem Wagen, bevor er den ersten Schuß abgegeben hatte, und machte nicht viel Federlesens. Bevor ein Polizist in Sicht kam, waren wir längst abgebraust.«

 

Perelli lächelte wieder.

 

»Das wäre ja alles ganz schön – aber war Shaun denn tot?«

 

»Und ob er tot war! Sie wissen doch, wenn ich jemand vor die Mündung bekomme, dann ist es aus mit ihm.«

 

Perelli lehnte sich mit aufreizender Nachlässigkeit in seinem Sessel zurück.

 

»Er hat aber noch gelebt, als man ihn fand!«

 

Einige Sekunden lang herrschte peinliches Schweigen.

 

»Wie ist das möglich …?« fragte Con dann bestürzt.

 

»Er lebte«, wiederholte Tony, »und wurde noch lebend ins Krankenhaus eingeliefert. Kelly war natürlich bei ihm und hat ihn bis zur letzten Sekunde ausgefragt!«

 

Das war eine bittere Pille für Con O’Hara. Tony warf ihm Unfähigkeit auf einem Gebiet vor, auf dem er sich doch völlig sicher fühlte. Schließlich konnte er nur deswegen ein verhältnismäßig luxuriöses Leben führen, weil er als Spezialist für Fälle galt, in denen es auf einen sicheren Schuß ankam.

 

Tony streifte ihn mit einem merkwürdigen Seitenblick.

 

»Sie kommen von New York zu mir und geben sich für einen großartigen Pistolenschützen aus. Den ganzen Tag höre ich: ›In New York machen wir das so – nicht so.‹ Und den ersten ganz einfachen kleinen Auftrag, den ich Sie hier erledigen lasse, verpatzen Sie natürlich!«

 

O’Hara brauste auf. »Immerhin ist er inzwischen ja gestorben!« entgegnete er ärgerlich.

 

»Sicher. Jeder muß einmal sterben. Aber wenn ich einen Mann um die Ecke bringen lassen will, soll er nicht an Altersschwäche krepieren! Das ist alles.«

 

»Hören Sie mal …«

 

»Das ist alles«, wiederholte Perelli scharf und schnitt damit jede weitere Entschuldigung ab. »Die Sache interessiert mich nicht mehr – dafür aber ganz bestimmt Tom Feeney. Ich erwarte ihn schön den ganzen Vormittag.«

 

Während er noch sprach, klingelte das Telefon. Tony nahm den Hörer ab.

 

Tom Feeney war am Apparat. Er konnte vor Wut nur unzusammenhängend sprechen und schrie so laut, daß man ihn kaum verstehen konnte. Wahrscheinlich stand Mrs. O’Donnell neben ihm.

 

»Reden Sie doch nicht so unflätig, Mr. Feeney«, sagte Tony, nachdem er sich grinsend einige Zeit das Geschimpfe angehört hatte. »Ich weiß doch nichts von Shaun O’Donnell. In der Zeitung können Sie lesen, daß Sie selbst ihn in den Tod geschickt haben … Alter Freund, Sie quatschen mir zuviel. Wie ich Ihnen bereits sagte, habe ich keine Ahnung von dieser Sache … Was faseln Sie da – O’Hara? Aber Mann, Sie sind ja verrückt!«

 

»Sagen Sie ihm …«, begann Con, aber Tony warf ihm nur einen vernichtenden Blick zu.

 

»Der Kerl aus New York ist ein Esel – ich glaube kaum, daß er eine Katze aus nächster Nähe treffen kann. Der gehört auch zu denen, die mit dem Maul wunderbar schießen. Aber jetzt hören Sie mal zu, Tom!« Seine Stimme war hart geworden. »Sie und Ihre Bande machen sich in letzter Zeit ein wenig zu mausig. Shaun war der Kerl, der vor einigen Tagen eine meiner Kneipen hat auffliegen lassen und mir eine Ladung vom besten Stoff gestohlen hat. Ich will keine Unannehmlichkeiten, das habe ich Ihnen schon öfters gesagt. Sie ruinieren das ganze Geschäft, wenn Sie so weitermachen … Wie, ich soll mich mit Ihnen an der Ecke der Michigan Avenue treffen? Anschließend würde ich dann wohl auf einem Beerdigungsinstitut landen? Sie halten mich wirklich für naiv! Warum kommen Sie nicht in meine Wohnung, wenn Sie mir was zu sagen haben?«

 

Con, der aufmerksam zugehört hatte, wurde ganz aufgeregt.

 

»Trauen Sie Feeney nicht …«, mischte er sich ein, aber Tony winkte ungeduldig ab.

 

»Schon gut, schon gut, ich werde Sie also treffen – gegenüber dem Haus der Tribüne. Natürlich will ich mit Ihnen verhandeln. Wenn alles klappt, kommen wir anschließend hierher, und zwar ohne Schießeisen. Gut. Also um elf.«

 

Er legte den Hörer auf und klingelte.

 

»Aber so hören Sie doch, ich muß Ihnen etwas sagen«, begann Con wieder, als Angelo eilig eintrat.

 

»Ich habe eine Verabredung mit Feeney«, sagte Perelli kurz auf italienisch. »Sorge für die nötige Begleitung.«

 

»Feeney?« Angelo sah erstaunt aus.

 

»Mach doch kein so dummes Gesicht«, erwiderte Perelli ungeduldig. »Vorwärts, los! Ich muß den Mann unbedingt sprechen. Heute gibt es keinen Überfall – morgen oder übermorgen vielleicht, aber nicht heute. Die Unterhaltung verspricht auf jeden Fall interessant zu werden.«

 

Kapitel 11

 

11

 

O’Hara hörte ungeduldig dem schnellen Stakkato der italienischen Unterhaltung zu. Sein Selbstbewußtsein war etwas geschwunden. Ein- oder zweimal versuchte er zwar, zu Wort zu kommen, aber die beiden anderen achteten überhaupt nicht auf ihn.

 

»Sagen Sie mal, bin ich hier eigentlich völlig überflüssig?« fragte er schließlich vorwurfsvoll. »Sie scheinen keinen großen Wert auf mich zu legen! Anständig behandeln Sie mich wirklich nicht, Tony.«

 

Er erntete nur einen gleichgültigen^ Seitenblick und wurde immer ärgerlicher. Nach fünf Minuten riß ihm die Geduld, und er begann, so laut er konnte, zu fluchen.

 

Angelo drehte sich um und sah ihn eisig an.

 

»Warum schreien Sie denn so? Haben Sie vielleicht Sehnsucht nach Ihrer Frau? Die wartet unten auf Sie!«

 

O’Hara grinste selbstzufrieden. Er war auf Mary sehr stolz und prahlte gerne ein wenig mit ihr.

 

»Ihre Frau?« fragte Tony unerwartet freundlich. »Sie haben eine Frau?«

 

O’Haras Lächeln wurde immer selbstgefälliger.

 

»Aber natürlich, und sogar eine sehr hübsche! Haben Sie sie denn noch nicht gesehen?«

 

Niemand wußte besser als er, daß die beiden einander noch nicht begegnet waren. Er hatte eine solche Begegnung bis jetzt tunlichst vermieden, denn er kannte ganz genau den Ruf Perellis als passionierter Schürzenjäger.

 

»Nein, ich kenne sie noch nicht«, entgegnete Tony liebenswürdig. »Sie ist also sehr hübsch?«

 

O’Hara nickte grinsend. Dann machte er aber einen großen Fehler – er stellte ein Frage, die ihm schon lange auf der Zunge lag.

 

»Sagen Sie mal, Tony, warum haben Sie sich eigentlich ausgerechnet eine Gelbe ausgesucht?«

 

Sofort verschwand das Lächeln aus Perellis Zügen. Sein Gesicht rötete sich leicht, und seine Augen glitzerten gefährlich.

 

»Würden Sie sich vielleicht etwas gewählter ausdrücken – oder soll ich Ihnen erst beibringen lassen, wie man sich benimmt?«

 

O’Hara hörte die Drohung in Perellis Ton und lenkte hastig ein.

 

»So habe ich es doch nicht gemeint. Selbstverständlich wollte ich Minn Lee nicht beleidigen – ich finde sie im Gegenteil außerordentlich hübsch.«

 

Perelli lächelte bereits wieder. Für Komplimente, und klangen sie auch noch so unglaubwürdig, war er stets empfänglich.

 

»Natürlich – sie sieht recht gut aus. Aber sicher nicht so gut wie Ihre Frau? Bringen Sie sie doch einmal her«, meinte Tony.

 

O’Hara zögerte. Warum wollte Perelli unbedingt Mary kennenlernen? Er war in der letzten Zeit doch merkwürdig beständig geworden und hatte ganz im Gegensatz zu früher niemals den Wunsch nach Abwechslung geäußert. Auf jeden Fall wollte er Tony warnen.

 

»Vergessen Sie aber nicht – ich bin ziemlich eifersüchtig.«

 

»So muß es sein«, entgegnete Tony. »Also bringen Sie Ihre Frau bitte her. Ich bin direkt neugierig auf sie.« Er drehte sich halb um. »Ich gehe jetzt.«

 

O’Hara packte ihn am Arm.

 

»Einen Moment. Ich bringe sie her – aber keine Dummheiten, Tony!«

 

Er sah seinen Chef herausfordernd an.

 

»Warum denn so ängstlich? Sie können ganz beruhigt sein.«

 

Perelli freute sich. Er fühlte sich durch Cons Unsicherheit, in der er eine Bestätigung seines Erfolgs bei Frauen sah, geradezu geschmeichelt.

 

»Ich kann Ihnen nur sagen«, erklärte Con gedehnt, »daß es jedem ans Leder geht, der sie mir wegschnappen will.«

 

Tony klopfte ihm lächelnd auf die Schulter.

 

»Sie sind ein feiner Kerl, Con. Bestimmt verdienen Sie noch eine Menge Geld bei mir.«

 

Als Con O’Hara hinausging und die Tür leise hinter sich zuzog, veränderte sich Perellis Gesichtsausdruck im Nu. Er murmelte auf italienisch einiges vor sich hin, das durchaus nicht schmeichelhaft, für Con war. Dann trat er vor einen Spiegel und zog sorgfältig seine Krawatte zurecht. Als gleich darauf die Tür wieder aufging, starrte er fasziniert auf die Frau, die vor Con den Raum betrat.

 

Perelli war nicht sehr wählerisch in bezug auf verschiedene Frauentypen. Immerhin hatte er eine gewisse Idealvorstellung, und jetzt sah er sich einer Frau gegenüber, die seinem Phantasiebild völlig entsprach. Seine Blicke glitten über ihr blondes Haar und ihre feingeschnittenen Züge. Er hielt sie für eine Polin und hatte recht damit. Sie sah genauso aus wie die Frau, die er sich immer gewünscht hatte. Von diesem Augenblick an gab es für ihn kein anderes weibliches Geschöpf mehr als Maria Pouluski, die sich Mrs. Mary O’Hara nannte.

 

Er starrte sie unverwandt an und hörte wie im Traum O’Haras Stimme.

 

»Erlaube, daß ich dir Mr. Perelli vorstelle, Mary.«

 

Ihre Hand war klein und weiß, die Finger lang mit spitzen Fingernägeln. Einen Augenblick hielt Tony ihre Hand, dann verbeugte er sich und küßte sie. Selbst Marys harte Stimme beeinträchtigte seine Illusion nicht.

 

»Ich habe schon viel von Ihnen gehört, Mr. Perelli«, begann sie.

 

Con sah die beiden mit gerunzelter Stirn an.

 

»Ja, ich erzähle oft von Ihnen – das kannst du doch bestätigen, Liebling?«

 

Sie fühlte sich etwas unbehaglich, als Tony schwieg, aber seine offenkundige Bewunderung schmeichelte ihr doch sehr. Sie dachte schnell und sah plötzlich Möglichkeiten, die weit über ihre kühnsten Träume hinausgingen. Con hatte oft von Tony gesprochen, aber sie konnte sich im Augenblick nur auf eines besinnen; »Der Kerl hat zehn Millionen Dollar, vielleicht auch zwanzig.« Und dieser Mann stand nun vor ihr und bewunderte sie.

 

»Ich würde sehr gern auch Mrs. Perelli kennenlernen sie ist eine Chinesin, nicht wahr?«

 

Tony lächelte.

 

»Nur zur Hälfte – ihre Mutter war Amerikanerin«, sagte er und nahm ihr den Mantel ab. Geringschätzig betrachtete er das billige Stück.

 

O’Hara wurde unruhig und schaute Perelli mit wachsendem Ärger an.

 

»Wir wollen jetzt lieber gehen, Mary«, sagte er laut, aber Tony achtete nicht auf ihn.

 

»Gefällt Ihnen Chicago?« fragte er.

 

»Ja, es ist eine schöne Stadt.«

 

»Sie sind wohl lieber hier als in New York?« Er warf wieder einen Blick auf den Mantel, der auf einem Sessel neben ihm lag. »Sie lieben sicher schöne Kleider – wie wäre es, wenn wir einmal zusammen einkaufen gingen?«

 

O’Hara stand unentschlossen daneben und biß sich auf die Lippen. Er wußte noch nicht richtig, was er von der Sache halten sollte.

 

»Vielleicht sehen wir uns auch einmal Pelzmäntel an«, fuhr Tony fort.

 

Sie lachte perlend und sah ihn von unten herauf an.

 

»Pelze, warum nicht?« Dann zeigte ihr ein Seitenblick, daß Con immer ärgerlicher wurde, und sie fuhr schnell fort: »Con hat mir erst kürzlich dieses Modell hier gekauft. Ist er nicht großzügig?«

 

Bis heute war sie sehr stolz auf den Mantel gewesen, aber jetzt schien er ihr plötzlich ziemlich armselig zu sein. Daran änderte auch Con O’Haras Einwurf nichts.

 

»Zweitausend Dollar hat er gekostet«, erklärte er großspurig.

 

Tony lachte.

 

»Zweitausend? Soviel zahle ich ja für einen Pelzkragen!«

 

Angelo kam in diesem Augenblick herein, und Tony machte ihm ein Zeichen, das der Ire nicht sah, weil er gerade auf die Uhr schaute.

 

»Schon zu spät!« Con war ein schlechter Schauspieler. »Komm, Mary, wir müssen gehen. Du weißt doch, die Verabredung …«

 

»Sie werden am Telefon verlangt, Con.« Angelo war auffallend höflich.

 

»Ich?« fragte Con ungläubig. »Wer ist es denn? Es weiß doch niemand, daß ich hier bin …«.

 

Angelo zog ihn etwas zur Seite.

 

»Die Polizei«, flüsterte er ihm zu. »Es klang wenigstens so. Sie wissen ja, Kelly ist auf Draht.«

 

O’Hara sah Mary kurz an und verließ das Zimmer.

 

Mary hatte verstanden. Natürlich sollte Con für einige Zeit aus ihrer Nähe gebracht werden. Die Sache entwickelte sich schneller, als sie gedacht hatte. Neugierig war sie jetzt vor allem darauf, was Tonys nächster Schachzug sein würde.

 

Vorerst führte er sie auf den Balkon und zeigte ihr höflich die Aussicht. Doch als sie sich gegen die Brüstung lehnte, legte er plötzlich den Arm um sie und küßte sie. Darauf war sie nicht vorbereitet.

 

»Sie legen sich aber mächtig ins Zeug! Wir kennen uns doch noch gar nicht richtig«, stieß sie hervor.

 

»Gefällt es Ihnen hier?« fragte er schnell. »Meinen Sie nicht, daß dies ein besserer Rahmen für Sie wäre?«

 

»Sie haben Mut«, sagte sie leise. »Wenn Con das hören würde …«

 

»Con«, rief er wütend und zog sie an sich. »Es würde mir Spaß machen, so etwas in seinem Beisein zu sagen.«

 

Seine Stimme klang hart, und er schaute ihr gerade in die Augen.

 

»Sind Sie verrückt?« entgegnete sie atemlos. »Er schießt Sie auf der Stelle nieder …«

 

Er lachte. Jemand hatte einmal gesagt, daß Tony Perelli zuviel Humor besäße, um wirklich gefährlich zu sein. Wenn man ihn aber genauer kannte, wußte man, daß er niemals gefährlicher war, als wenn ihn etwas belustigte.

 

»Wenn, ihm das gelingen würde, wäre ich allerdings verrückt!« Plötzlich ließ er sie los und zog einen hellglänzenden Brillantring vom Finger. »Hier – schenke ich Ihnen.«

 

Sie starrte wie hypnotisiert auf das Schmuckstück, trat aber einen Schritt zurück. Er faßte sie an der Hand und steckte ihr den Ring an.

 

»Behalten Sie ihn!«

 

»Viel Umstände machen Sie wirklich nicht! Der Stein ist übrigens entzückend.«

 

Sie wußte gut genug, daß er mindestens fünftausend Dollar wert war, und das strahlende kleine Ding an ihrem Mittelfinger blendete sie mehr, als sie zugeben wollte.

 

»Er gehört Ihnen«, wiederholte Tony. »Und ich schenke Ihnen vielleicht noch einen.«

 

Sie sah auf ihre Hand und ließ den Ring glitzern.

 

»Schön«, flüsterte sie.

 

»Heute abend gebe ich eine Gesellschaft«, fuhr er hastig fort, Con konnte jeden Augenblick wieder ins Zimmer kommen. »Ich lade Sie und Con ein.«

 

Sie machte eine letzte verzweifelte Anstrengung, um wenigstens einen Schein von Anstand zu wahren.

 

»Sie glauben doch nicht, daß ich mich zu irgend etwas verpflichtet fühle, wenn ich Geschenke von Ihnen annehme …«, begann sie. Doch sie verstummte, als sie Tonys Blick begegnete.

 

Ein Geräusch im Raum nebenan ließ sie herumfahren.

 

Con trat auf den Balkon und betrachtete argwöhnisch die beiden.

 

»Was soll denn das bedeuten?« fragte er gedehnt. »Die Polizei wollte überhaupt nichts von mir.« Er schaute Mary finster an. »Was ist denn mit dir los?«

 

Seine Frage war nicht ganz unbegründet, denn ihr Gesicht hatte sich gerötet, und ihre Augen glänzten.

 

Mary zwang sich zu einem Lachen und streckte die Hand aus.

 

»Schau doch, was Mr. Perelli mir geschenkt hat.«

 

Er sah auf den Ring und hob dann langsam den Blick zu Perelli.

 

»Tatsächlich? Und wofür, wenn man fragen darf?«

 

»Ich gebe ihr noch zwei andere Ringe, wenn es mir Spaß macht«, erwiderte Tony. »Aber nur deshalb, weil sie Ihre Frau ist.« Er klopfte O’Hara freundschaftlich auf die Schulter. »Das ist ein großartiger Kerl, Mary. Er soll hier wohnen und mich vertreten, denn man kann sich wirklich auf ihn verlassen – und auf seine Pistole!«

 

O’Hara war sofort durch diese Schmeicheleien besänftigt. Die Aussicht auf schnellen Erfolg bedeutete ihm mehr als alles andere. Er zwang sich zu dem Glauben, daß er seiner Frau vertrauen konnte.

 

»Gut, ich bin damit einverstanden«, sagte er schnell.

 

Das Telefon klingelte, und Tony Perelli ging hin, um den Hörer abzunehmen. O’Hara trat rasch zu Mary.

 

»Ist dir der Kerl zu nahegetreten?« fragte er leise.

 

»Aber, Con, wo denkst du hin! Das möchte ich ihm nicht raten!«

 

Ihre Antwort kam so hastig, daß sich selbst Con nur halb davon überzeugen ließ.

 

»Dieser Perelli ist als Schürzenjäger bekannt, aber ich glaube nicht, daß du sein Typ bist. Außerdem ist er im Augenblick völlig in Minn Lee verschossen …«

 

»Freut mich, das zu hören«, sagte eine leise Stimme hinter ihm, er drehte sich hastig um.

 

Minn Lee war hereingekommen und stand nun neben ihm. Diese Unterbrechung kam Mary sehr gelegen. Freundlich und halb bewundernd sah sie auf die kleine, graziöse Gestalt. Diese Chinesin war noch hübscher, als sie sich vorgestellt hatte.

 

Minn Lee war traurig. Sie hatte Tony am Telefon beobachtet und gesehen, daß er den Blick nicht von Mary wandte. Instinktiv spürte sie, daß ihr von dieser Seite Gefahr drohte.

 

O’Hara strahlte über Minn Lees Gegenwart. Die Situation war allmählich unerträglich geworden, und er fühlte sich jetzt sehr erleichtert.

 

Die beiden Frauen begrüßten sich, und Mary machte Minn Lee Komplimente über ihr Aussehen und ihr Kleid.

 

Minn Lee betrachtete sie ernst. Wenn sie auch alles andere mit philosophischer Gelassenheit ertragen konnte, daß jemand ihr Tonys Zuneigung rauben sollte, war zuviel. Sie klammerte sich verzweifelt an die Hoffnung, Tony wieder zur Vernunft bringen zu können.

 

Perelli beobachtete die beiden und fühlte sich in gehobener Stimmung. Er wußte ganz genau, daß die Feindseligkeiten eröffnet worden waren und daß er im Brennpunkt des Interesses stand.

 

»Finden Sie Minn Lee schön?« fragte er lächelnd und legte die Hand auf ihre Schulter. »Zeige Mary doch einmal deine Ringe, Liebling.«

 

Gehorsam streckte Minn Lee die Hände aus, Perelli zeigte auf die einzelnen Schmuckstücke, die Beweise seiner verschwenderischen Freigebigkeit waren. Er nannte sogar die Summen, die er dafür bezahlt hatte, und tat so, als wäre dies alles noch gar nichts.

 

Mary lauschte fasziniert; die hohen Beträge machten einen überwältigenden Eindruck auf sie. Sie schaute von der Chinesin zu Tony und von ihm zu dem plumpen Iren an seiner Seite. Dann dachte sie daran, daß sie nur ihre Zustimmung u geben brauchte, um alles zu haben, was ihr gefiel. Ihr Entschluß stand fast schon fest.

 

Con O’Hara hatte inzwischen genug von dieser Situation.

 

»Wir müssen jetzt gehen«, brummte er.

 

Tony schien sich plötzlich wieder an ihn zu erinnern.

 

»Ich muß noch mit Ihnen sprechen, Con. Auch mit Jimmy. Ihre Frau kann solange hier bleiben. Minn Lee, zeige doch Mrs. O’Hara einmal den Wintergarten – dort halten wir gewöhnlich unsere Gesellschaften ab«, fügte er hinzu.

 

»Ein andermal dann«, entgegnete der Ire trocken. »Ich sagte schon, daß wir eine Verabredung haben. Verabschiede dich, Mary!«

 

Einen Augenblick schien Tony nachzugeben.

 

»Schön, dann also auf Wiedersehn.« Er nahm Marys Hand. »Aber heute abend kommen Sie doch bestimmt?«

 

Sie sah zu Con hinüber, der unmerklich den Kopf schüttelte.

 

»Ich weiß nicht, ob es geht …«, begann sie.

 

»Natürlich kommen Sie! Und Sie bleiben selbstverständlich über Nacht hier, Wir haben genügend Platz für Sie und Ihren Mann.«

 

Seine Worte klangen wie ein Befehl. Sie sah wieder Con an, aber der zuckte jetzt hilflos die Achseln.

 

»Wir wohnen nur acht Häuser weiter«, meinte sie schließlich zögernd.

 

Tony lächelte.

 

»Trotzdem werden Sie mir das Vergnügen machen.«

 

»Ich schlafe nicht gern in fremden Zimmern«, warf Con ein.

 

Perelli streifte ihn mit einem eisigen Blick.

 

»Immerhin haben Sie ja auch schon in Sing-Sing logiert«, entgegnete er sarkastisch.

 

Die Lage spitzte sich zu; Mary fühlte, daß es bald Streit geben würde. Auch Minn Lee hatte die schlimmsten Ahnungen. Sie lächelte mechanisch, als Mary auf sie zukam, und trat einen Schritt beiseite, um sie vorbeizulassen. Beide gingen auf den Balkon.

 

Diesen Augenblick benutzte Con O’Hara.

 

»Auf ein paar Worte«, sagte der Ire leise zu Tony. Seine Stimme klang so drohend, daß sich jeder außer Perelli davon hätte einschüchtern lassen.

 

»Kommen Sie mir nicht zu nahe«, sagte er ruhig zu Con, der auf ihn zutrat.

 

Er blieb stehen, aber Con kam ihm noch näher. Er war nur noch eine Handbreit von Tony entfernt.

 

»Wenn Sie Mary nicht in Ruhe lassen …«

 

Perelli nahm seine Zigarre aus dem Mund und blies die Asche ab – dann drückte er das glühende Ende dem Iren auf die Backe. Mit einem Fluch sprang der Mann zurück.

 

»Ich lasse mir nicht gerne Vorschriften machen«, erklärte Perelli.

 

Einen Augenblick lang war Con außer sich vor Wut und zu jeder Handlung fähig – aber er sah trotzdem, daß Perelli seine rechte Hand in der Jackettasche stecken hatte. Zum erstenmal in seinem Leben fürchtete er sich.

 

»Diesmal haben Sie noch Oberwasser«, sagte er atemlos. »Aber glauben Sie mir – ich lasse mir nicht auf der Nase herumtanzen. Es hat schon mehr als einer ins Gras gebissen, wenn er mir nicht mehr gefiel!«

 

Tony schüttelte überlegen lächelnd den Kopf.

 

»Sie sind ein Angeber«, entgegnete er ruhig. »Wenn ich jemand beseitigen will, knalle ich ihn ohne große Vorankündigung über den Haufen. Und wenn mich Ihre Frau interessiert, dann interessiert sie mich eben – verstanden? Seien Sie kein Dummkopf!« Er klopfte Con auf die Schulter. »Schließlich sind Sie ja ein ganz brauchbarer Kerl; ich werde schon für Sie sorgen.«

 

O’Hara hatte jetzt klaren Wein eingeschenkt erhalten. Und die Tatsache, daß Tony sein Chef war und außerdem in jeder Beziehung der Stärkere von beiden, ließ sich vorerst nicht ableugnen. Er verschob die Abrechnung auf später und zwang sich zu einem lauten Lachen.

 

»Soll mir auch recht sein«, sagte er und winkte Mary zu sich. »Auf Wiedersehen, Mrs. Perelli. Ich freue mich, daß Sie meine Frau kennengelernt haben.«

 

Er hatte jetzt das Gefühl, einen unangenehmen Augenblick glücklich überbrückt zu haben, verabschiedete sich so schnell wie möglich und verließ mit Mary das Haus.

 

Als sie zu Hause ankamen, telefonierte er sofort Perelli an.

 

»Hören Sie, Tony, wir können heute abend nicht kommen. Meine Frau fühlt sich nicht wohl.«

 

»Das macht nichts – ich habe einen Arzt hier«, entgegnete Tony kühl. »Bringen Sie sie nur her. Übrigens habe ich einen Auftrag für Sie. Sie müssen sofort Jimmy holen. Ich sagte sofort!«

 

»Hören Sie, ich …«, versuchte O’Hara einzuwerfen, aber Perelli hatte schon aufgelegt und das Gespräch beendet.

 

Perelli hatte an diesem Tag viel zu tun. Immerhin konnte er damit rechnen, daß Feeneys Leute nicht sofort Vergeltungsmaßnahmen ergreifen würden, denn erst mußten die Vorbereitungen zu einem großartigen Leichenbegängnis für Shaun O’Donnell getroffen werden. Und es war ein ungeschriebenes Gesetz, daß während solcher Vorbereitungen Waffenstillstand zwischen den feindlichen Parteien herrschte.

 

Con war inzwischen zu dem Hotel gefahren, in dem Jimmy wohnte. Der Junge war entgegen seinen Instruktionen ausgegangen, und er traf ihn wenig später ohne Begleitung oder Schutz auf der Michigan Avenue. Es schien ihm alles gleichgültig zu sein.

 

Als Con ihm auf die Schulter klopfte, fuhr Jimmy nervös herum. Sein Gesicht war bleich, es zuckte um seine Mundwinkel.

 

»Was ist denn eigentlich los mit Ihnen?« fragte Con mit einem überlegenen Lächeln.

 

»Nichts – ich wollte nur …«

 

»Tony will mit Ihnen sprechen. Aber so reden Sie doch, was haben Sie denn?«

 

»Ich weiß nicht. Wahrscheinlich bin ich müde. Ich habe nicht besonders gut geschlafen.«

 

Con lachte.

 

»Sie dürfen sich die Geschichte nicht so sehr zu Herzen nehmen«, meinte er, »sonst schnappen Sie noch über.«

 

Jimmy hörte ihm nicht zu. Er sah noch immer den entsetzten Blick des Mannes vor sich, auf den er geschossen hatte. Die ganze Nacht hatte ihn dieses Bild verfolgt, und er würde es wohl bis an sein Lebensende nicht mehr loswerden.

 

Der Tierbändiger

 

Der Tierbändiger

 

Eingeborene sind eigentlich nichts weiter als große Kinder. Wenn man ihre Schandtaten und Vergehen unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, wird man finden, daß es eben Unarten sind. Sie tun Böses, sind leidenschaftlich und haben einen Hang, alle Dinge zu zerstören, um das Geheimnis zu entdecken, das dahinter steckt. Ein Stamm, dem es sehr gut geht, ist für weniger vom Glück Begünstigte ein Geheimnis. Diese Leute kommen dann zusammen und befragen ihre Ältesten und Häuptlinge, warum ihre Rivalen soviel Erfolg haben. Die Häuptlinge können natürlich die nötige Erklärung auch nicht geben und rufen ihre Krieger zusammen, um die Frage zu lösen. Aber manchmal kommt dabei mehr heraus, als ihrem Glück und Wohlbefinden zuträglich ist.

 

Das Dorf Jumburu liegt am Rande des Buschlandes, wo die gesetzlosen Leute aller Nationen wohnen. Sie haben sich zusammengetan gegen einen gemeinsamen Feind – das Gesetz. Die Eingeborenen nennen dieses Gebiet B’wigini, das heißt: das Land, wo die Leute wohnen, die keinem Volke angehören. Die Bedeutung von Jumburu liegt darin, daß dort trotz seiner vorgeschobenen Lage noch Recht und Ordnung herrschen.

 

In Jumburu lebten zwei Brüder, O’ka und B’suru, die die Häuptlingswürde ihres Onkels, des berühmten K’sungasa, an sich gerissen hatten. Er war deshalb so berühmt, weil er seinerzeit bewundernswerte Gaben gezeigt hatte, die ihm bis zu einem gewissen Grade geblieben waren. Deshalb erfreute er sich auch noch des Lebens.

 

Er war nach allem, was man von ihm hörte, vollständig verrückt, und wenn nicht ganz besondere Umstände zu seinen Gunsten gesprochen hätten, wäre er von seinen Verwandten in die Wälder mitgenommen worden, die er so sehr liebte. Sie hätten ihm dort die Augen ausgestochen und ihn als Fraß für die wilden Tiere zurückgelassen. Denn so behandelte man Wahnsinnige und Verrückte bei einem Volk, das selbst nicht wußte, was es tat, indem es die strengsten und unerbittlichsten Maßregeln der Eugenik ausübte.

 

Hätten sie aber K’sungasa den reißenden Tieren ausgesetzt, so wäre das nichts anderes gewesen, als wenn sie ihn zu seinen liebsten Freunden gebracht hätten, denn er hatte eine merkwürdige Vorliebe für die wilden Bewohner des Waldes und sein ganzes Leben lang unter ihnen gelebt und sie geliebt.

 

Man erzählte sich, daß er durch ein Zungenschnalzen den Papagei mitten im Fluge anhalten konnte und daß sich der Vogel dann schreiend und flatternd auf seine Hand niederließ. Er konnte die kleinen Affen aus den höchsten Ästen herbeilocken, wo sie sich verborgen hielten, und selbst der wildeste Büffel wäre auf seinen Ruf zu ihm gekommen und hätte seinen braunen Arm beschnuppert.

 

Als dieser Mann den Verstand verlor, beschlossen seine Verwandten nach einem langen Palaver, in diesem Fall einmal die seit alten Zeiten geltende Regel außer acht zu lassen. Und da sie keine andere Methode für die Behandlung geistig Umnachteter kannten als die oben beschriebene, so erlaubte man ihm, mit all seinen Vögeln, Schlangen und Wildkatzen in einer großen Hütte am Ende des Dorfes zu wohnen. Die Verwaltung der Stammesangelegenheiten übernahmen seine beiden Neffen.

 

Distriktsgouverneur Sanders wußte das alles sehr wohl, aber er unternahm nichts. Er hatte das Land zu regieren, und er versuchte seine Aufgabe so zu lösen, daß sich das Land möglichst von selbst regierte. Als das Schicksal K’sungasas noch unentschieden war, sandte er den beiden Neffen des Häuptlings eine Nachricht, daß er in der Nähe sei und sie aufhängen werde, falls es ihnen einfallen sollte, den alten Mann zu blenden. Aber diese Tatsache hatte wenig Einfluß auf die Entscheidung der Verwandten gehabt, denn die beiden Neffen hatten ihnen die Botschaft gar nicht übermittelt. Ausschlaggebend für den Beschluß war nur K’sungasas Vorliebe für die wilden Tiere gewesen.

 

Es wäre auch alles gut gegangen, die Neffen hätten das Dorf regiert, ihren Tribut regelmäßig bezahlt, die Fischereirechte unter die Dorfbewohner verteilt und in kleinen und großen Dingen Recht gesprochen, wenn nicht eine Hungersnot gekommen wäre. Das Dorf hatte eine fürchterliche Mißernte, und es gab wenig Fische. Das Dorf L’bini aber, das man von Jumburu aus mit dem Boot in ein paar Stunden erreichen konnte, hatte eine so reiche Ernte, wie sie seit Menschengedenken noch nicht vorgekommen war, und in seinen Gewässern wimmelte es von Fischen.

 

So kam es denn zu dem unvermeidlichen großen Palaver und dem unvermeidlichen Beschluß. O’ka und B’suru führten zehn große Kanus gegen das Dorf L’bini, durch dessen Glück sich die Einwohner von Jumburu beleidigt fühlten, töteten ein paar Männer und brannten einige Hütten nieder. Zwei Stunden lang hallte der Wald wider von den Angstrufen der furchtsamen Frauen und dem Kriegsgeschrei der Kämpfenden, die Speere warfen und aufeinander einstachen. Aber plötzlich erschien Leutnant Tibbetts so unerwartet auf der Bildfläche, als ob er mit seinen Haussas vom Himmel herabgefallen wäre.

 

Und dann begann das große Gericht. Sanders sprach auf der Insel Recht, die mitten im Strom in der Nähe der Residenz lag. B’suru wurde auf Lebenszeit in das Dorf der Ketten geschickt, O’ka war nicht gefaßt worden, denn es war ihm gelungen, mit einem seiner Ältesten und einigen Gefolgsleuten in den Busch zu entkommen.

 

Leutnant Tibbetts, der zwei Tage im Dorfe von Jumburu zugebracht und dort viel gesehen und gelernt hatte, kam nachdenklich zur Residenz zurück.

 

»Was ist denn wieder mit Bones los?« fragte Captain Hamilton.

 

Seine Schwester lachte über ihrem Buch, sagte aber nichts.

 

»Weißt du es nicht, Patricia?«

 

Sanders schaute auch zu ihr hinüber, und es lag ein Lächeln in seinen grauen Augen. Die Beziehungen zwischen Patricia und Bones waren für ihn stets eine Quelle der Heiterkeit. Patricia hätte niemals ahnen können, daß der wortkarge und nach außen hin harte Mann sich innerlich vor Lachen manchmal ausschütten wollte, obwohl kein Muskel seines braunen Gesichtes in solchen Augenblicken zuckte und er vollständig gleichgültig aussah.

 

»Bones und ich liegen miteinander in Fehde«, erklärte sie schließlich.

 

»Hoffentlich ist Ihr Streit nicht so heftig wie der, den ich mit O’ka ausfechten muß?«

 

Sie zog die Stirn in Falten und schaute ihn ängstlich an.

 

»Aber im allgemeinen kümmern Sie sich doch nicht um die Drohungen der Leute, die Sie bestraft haben?«

 

»Leider habe ich O’ka nicht bestrafen können. Und eine Expedition in den Busch würde zu kostspielig werden. Er hat sich anscheinend zu den B’wigini-Leuten geschlagen, und wenn diese seinen Streitfall zu dem ihren machen, kann es böse Unruhen geben. Aber sagen Sie doch, warum sind Sie mit Bones böse?«

 

»Da müssen Sie ihn selbst fragen.«

 

Hamilton hatte am nächsten Tage Gelegenheit, sich nach der Ursache des Zerwürfnisses zu erkundigen, als Bones um einige Tage Urlaub bat.

 

»Aber Bones, warum wollen Sie denn Urlaub haben?« fragte Captain Hamilton ungläubig. »Zum Teufel, wozu brauchen Sie denn Urlaub?«

 

Bones stand kerzengerade wie ein Lineal vor dem Tisch in dem Büro seines Vorgesetzten und salutierte. »Eine dringende Privatangelegenheit, mein Herr«, erwiderte er in dienstlichem Ton.

 

»Aber Sie haben doch keine privaten Angelegenheiten«, widersprach Hamilton. »Ihr ganzes Leben ist ein offenes Buch – mit dieser Tatsache haben Sie doch noch gestern geprahlt.«

 

»Mein Herr und Kamerad«, erwiderte Bones fest, »eine furchtbare Krisis ist in meinem Leben ausgebrochen. Mein Wort ist in Zweifel gezogen worden, und zwar von Ihrer netten, lieben Schwester. Ich wünsche meine Ehre, meinen guten Ruf und den Glauben an meine Aufrichtigkeit wiederherzustellen.«

 

»Patricia hat Ihnen wohl ein Bein gestellt?« meinte Hamilton.

 

Aber Bones schüttelte abwehrend den Kopf. »So etwas Unfeines macht man nicht, mein Herr. Aber Ihre verehrte und liebe Verwandte – Gott segne ihr nettes altes Herz! – hat Zweifel an meinen Aussagen betreffend Leoparden und Büffel geäußert. Ich muß jetzt hingehen in die Wildnis – mitten in die größten Todesgefahren –, Hamilton, alter Kamerad, Gefahren, wie sie nur so alte, erprobte Veteranen wie Sie und ich kennen, um zu beweisen, daß ich nicht nur ein Sportsmann, sondern auch ein Gentleman bin, der absolut die Wahrheit spricht.«

 

In diesem Augenblick kam Miß Patricia Hamilton in einem hübschen weißen Kleid daher. Sie hatte den Tropenhut ein wenig schief aufgesetzt. Durch diesen Anblick wurde Bones so weit besänftigt, daß er im Augenblick nichts weiter sagte.

 

»Was hast du denn dem armen Bones getan?« fragte Hamilton.

 

»Sie sagte …«

 

»Ich sagte …«

 

Sie sprachen beide zugleich.

 

»Bones, Sie sind ein Fabulant«, erklärte sie dann vorwurfsvoll.

 

»Fahren Sie nur fort«, erwiderte er dramatisch, »schonen Sie mich nicht – ich bin ein Lügner, ein Dieb, ein Mörder –, sagen Sie es doch!«

 

»Ich habe nur bezweifelt, daß er den Leoparden geschossen hat, dessen Fell in seiner Hütte hängt!«

 

»O nein!« rief Bones ironisch, »ich habe ihn nicht geschossen!

 

Ich habe ihn zu Tode frieren lassen – ich habe ihn vergiftet!«

 

»Haben Sie ihn geschossen?«

 

»Habe ich ihn geschossen, mein lieber alter Harn?« fragte Bones ruhig.

 

»Nun haben Sie es getan?« fragte nun auch Hamilton unschuldig.

 

»Habe ich den Leoparden geschossen?« fuhr Bones pathetisch fort. »Wurde er am nächsten Morgen kalt und tot mit einem Lächeln auf seinem nichtsnutzigen Gesicht aufgefunden?«

 

Hamilton nickte, und Bones sah Patricia erwartungsvoll an.

 

»Entschuldigen Sie sich, mein Kind«, sagte er.

 

»Ich werde nichts Derartiges tun«, erklärte sie etwas hitzig. »Hat Bones den Leoparden wirklich geschossen?«

 

Hamilton schaute vom einen zum andern. »Als der Leopard gefunden wurde …« begann er.

 

»Nun hören Sie gut zu, meine liebe, gute Schwester«, murmelte Bones.

 

»Als der Leopard aufgefunden wurde, mit einem Speer in seiner Seite …«

 

»Der offenbar nach seinem Tode von irgendeinem herumwandernden Eingeborenen geschleudert wurde«, unterbrach ihn Bones hastig.

 

»Seien Sie ruhig«, befahl Patricia, und er gehorchte achselzuckend.

 

»Als der Leopard gefunden wurde, konnte man ihm nicht mehr helfen, und obgleich bei der Untersuchung keine Schußwunde gefunden wurde, hat Bones doch folgerichtig bewiesen …«

 

»Einen Augenblick, mein lieber alter Offizier!« Bones hatte eben einen großen, dicken Mann über den Exerzierplatz gehen sehen. »Gestatten Sie mir, daß ich einen wissenschaftlichen und erfahrenen Zeugen herbeirufe?«

 

Hamilton nickte ernst.

 

Bones ging zur Tür des Ordonnanzzimmers und brüllte einen Namen.

 

»Ich werde jetzt das Zeugnis eines Mannes für mich geltend machen, der das Vertrauen des berühmten alten Professors – seinen Namen habe ich vergessen – in vollstem Maße besessen hat. O Ali!«

 

Ali Abid erschien in der Tür und begrüßte die Anwesenden durch einen feierlichen Salam.

 

Nicht umsonst war er der Diener eines großen Bakteriologen gewesen, bevor er nach dessen Tod in die Dienste des Haussa-Leutnants getreten war. Sein Wortschatz war reich an wissenschaftlichen Ausdrücken, und er sprach ein reiches und ungewöhnliches Englisch.

 

»Ali, erinnerst du dich an meinen Leoparden?«

 

»O Herr«, sagte Ali kopfschüttelnd, »wer könnte das vergessen?!«

 

»Habe ich ihn getötet, Ali? Erzähle dieser Dame alles!«

 

Ali machte eine tiefe Verbeugung vor Patricia.

 

»Mein hochverehrtes Fräulein, der Leopard – Felis pardus – ein wildes Tier aus der Familie der Katzen, lebt gewöhnlich in waldigen Gegenden. Das hier in Frage kommende Subjekt – dasselbe, dessen wunderschönes Fell später in der Wohnung von Sir Bones aufgehängt wurde – war ganz besonders wild und gefährlich, er hat sein Leben infolge einer Jagd verloren, die von dem Vorhergenannten ausgeführt wurde. Es wurde mit wissenschaftlicher Genauigkeit eine Prüfung und Untersuchung des Subjekts nach dessen Tod durchgeführt, wobei sich herausstellte, daß besagter Leopard – Felis pardus – an Herzschwäche litt, was als unmittelbare Todesursache anzusehen ist. Die Diagnose hat festgestellt, daß er infolge der großen Detonation einem Herzschlag erlegen ist. Diese Detonation rührte von dem Gewehr des besagten Sir Bones her.«

 

»Was habe ich gesagt?« fragte Bones selbstzufrieden.

 

»Sie wollen mir doch nicht erzählen«, sagte sie atemlos, »daß Sie dem Leoparden so Angst gemacht haben, daß er starb?«

 

Bones streckte die Hände verzweifelt aus. »Sie haben doch soeben das einwandfreie Zeugnis gehört, liebe, gute Schwester. Ich habe meinen Worten nichts mehr hinzuzufügen.«

 

Sie warf den Kopf zurück und lachte, bis ihr die Tränen kamen. »O Bones, Sie sind ein Nichtsnutz!«

 

Bones war verletzter denn je, klemmte das Monokel ins Auge und wandte sich steif an seinen Vorgesetzten. »Darf ich unter diesen Umständen annehmen, mein Herr, daß mein Urlaub bewilligt ist?«

 

»Sieben Tage«, stimmte Hamilton zu.

 

Bones drehte sich auf dem Absatz um, warf mit der Hand Hamiltons Briefpapierständer um, stolperte über einen Stuhl und ging düsteren Blicks über den Exerzierplatz.

 

Als Patricia am nächsten Morgen erwachte, fand sie einen Zettel, der an ihr Kissen gesteckt war.

 

Wir wollen den Mantel der Nächstenliebe darüber breiten, wie es Bones gelungen war, dies zu bewerkstelligen. Bones war ein großer Geist und über so kleine Dinge wie Anstandsregeln erhaben.

 

Patricia richtete sich in ihrem Bett auf und las den Brief.

 

»Meine liebe Freundin und ungläubiger Thomas! Wenn Sie diese Zeilen lesen, werde ich weit, weit fort sein auf meiner langen, gefährlichen Reise. Es ist möglich, daß ich nicht wieder zurückkehre, nicht wieder zu Ihnen zurückkehre, denn ich und mein treuer Diener sind im Begriff, die Höhlen der wilden Tiere des Waldes aufzusuchen, in den düsteren Forsten. Ich bin fest entschlossen, die Schande auszulöschen, die Sie auf mich gehäuft haben, und ich werde nicht nur einen toten Leoparden, sondern einen lebendigen als Jagdbeute heimbringen, den ich mit meinen eigenen Händen fange. Kann sein, daß ich mein Leben bei diesem kühnen und waghalsigen Unternehmen einbüße, aber ich werde dadurch meine Ehre wiederherstellen. – Leben Sie wohl, meine liebe, gute Patricia.

 

Ihr Freund B.«

 

Hamilton lachte, als sie ihm den Brief zeigte. »Sag einmal, wie hast du ihn denn bekommen?«

 

»Er war heute an meine Tür gesteckt«, erwiderte Patricia taktvoll.

 

Bones eilte auf dem kürzesten Weg nach Jumburu und wurde dort nicht sehr begeistert empfangen. Er hatte einen neuen Häuptling eingesetzt, aber die Leute waren aufgebracht gegen ihn, und die Nähe der B’wigini-Leute machte sie noch aufsässiger. Aber diesmal kümmerte er sich nicht um den neuen Häuptling und die andern Dorfbewohner, er wollte nur K’sungasa besuchen. Bei seinem damaligen zweitägigen Aufenthalt hatte er so viel von dem alten Tierfreund erfahren, daß er den Mut fand, Patricia Hamilton dieses so kühne Versprechen zu geben.

 

Er kam in einem kritischen Augenblick, denn der hagere, knochige alte Mann mit den trüben Augen, der immer so blöde lachte, war seinem Ende nahe. Er ruhte auf einem schönen, erhöhten Lager. Eine große Wildkatze mit gelben Augen lag zu seinen Füßen, zwei Affen saßen zitternd an seiner Seite, und eine Menge kleiner Katzen spielte auf dem Boden. Die alte Katze sprang in einem plötzlichen Wutanfall auf die kleinen Tiere, als Bones in die Hütte trat.

 

»Mein Herr Tibbetti«, sagte der alte Mann krächzend, »ich sehe dich. Dies ist eine gute Zeit, denn morgen werde ich tot sein.«

 

»K’sungasa«, erwiderte Bones und setzte sich bedächtig auf einen Stuhl, nachdem er sich vorher genau vergewissert hatte, daß sich keine Schlange oder anderes Getier darum wand oder auf dem Sitz lag. »Das sind törichte Worte, denn du wirst noch manches Hochwasser sehen.«

 

»Das ist eine feine Rede für die Leute, die am Strom wohnen«, entgegnete der alte K’sungasa grinsend, »aber nicht für uns, die wir hier in den Wäldern sitzen. Wir sehen niemals die Flut und das Hochwasser, bei uns gibt es nur kleine Bäche. Nun sage ich dir, daß ich froh bin, daß ich jetzt sterbe, denn ich bin lange Zeit voll von verrückten Gedanken gewesen, aber jetzt ist mein Kopf wieder klar. Warum bist du zu mir gekommen, o Herr?«

 

Bones erklärte ihm den Zweck seiner Reise, und die Augen des Greises leuchteten auf.

 

»O Herr, wenn ich mit dir in den Wald gehen könnte, würde ich viele schöne Leoparden durch meine Zauberkraft zu dir bringen. Aber jetzt werde ich, weil ich Sandi liebe, dieses für dich tun, so daß du siehst wie klug und weise ich bin.«

 

In den Wäldern in der Nähe des Dorfes wuchs eine wilde Pflanze. Wenn man deren Samen zerstieß und in einem irdenen Gefäß kochte, erhielt man durch eine Art Destillation eine stark duftende Flüssigkeit. Ali Abid sprach in seiner gelehrten Weise von » Pimpinella anisum«, und wahrscheinlich hatte er recht. 2

 

Bones und sein Diener machten viele Exkursionen in den Wald, bevor sie die richtige Pflanze fanden. Glücklicherweise wurden um diese Zeit gerade die Früchte reif, und als er erst auf der richtigen Fährte war, hatte er bald die nötigen Mengen gesammelt und kochte sie unter der Anleitung und Aufsicht K’sungasas ab. Ein helles Feuer brannte in der Mitte der Hütte, und als die Tropfen aus dem engen Hals einer Flasche in den Kessel tropften, verbreitete sich ein schwacher, aber sehr süßer Duft im Raum. Zuerst gerieten die Katzen und dann die Affen in ungewöhnliche Erregung. Die großen und die kleinen Katzen krochen so nahe an das Feuer, wie sie nur irgend konnten, und hoben die Köpfe zu dem braunen Kessel. Dabei miauten und winselten sie. Dann kamen auch die Affen herzu, ihre Augen leuchteten, und sie waren sehr lebhaft. Der Geruch lockte die unglaublichsten Tiere aus allen Ecken und Winkeln der Hütte hervor – Ratten, Eichhörnchen, eine lange schwarze Schlange mit flachem Kopf und viereckiger Zeichnung, und kleine Buschhasen. Sogar ein junger Rehbock kam aus dem Wald und äugte furchtsam nach der Tür der Hütte. Der alte Mann auf dem Bett rief sie alle beim Namen und schnappte mit schwachen Fingern nach ihnen, aber ihre Blicke hingen an der Flasche und den kristallenen Tropfen, die zitternd aus der engen Öffnung in den Kessel fielen.

 

*

 

Als der siebentägige Urlaub zu Ende war, den Bones erhalten hatte, stand eine Gruppe sprachloser Menschen vor der Residenz und starrte staunend auf das Wunder. Bones stand da wie ein Held und hielt an einer Kette einen halbwüchsigen jungen Leoparden mit schöngezeichnetem Fell. Das Tier trug einen grobgefertigten Maulkorb und einen eisernen Ring um den Hals, an dem die Kette befestigt war.

 

»Aber wie – wie ist es Ihnen nur gelungen, das Tier zu fangen?« fragte Patricia.

 

Bones zuckte die Schultern. »Es ist nicht an mir, meine liebe, gute Freundin, Ihnen von den Nächten zu erzählen, die ich in unheimlichen Wäldern zubrachte, in denen das Gebrüll und das Geheul der wilden Tiere erscholl«, sagte er aufgeregt. »Ich werde nicht von mir selbst sprechen. Wenn Sie glauben, daß ich Ihnen erzählen werde, wie ich diesen netten alten Leoparden verfolgt habe, wie ich durch die Schrecken des Waldes bis zu seiner Höhle kam, und wie ich allein mit ihm einen Kampf ausfocht, dann werden Sie sich irren.«

 

»Haben Sie ihn wirklich bis zu seinem Lager verfolgt?« fragte Hamilton, der endlich die Sprache wiederfand.

 

»Mein lieber alter Offizier, ich bitte Sie, jetzt über andere Dinge zu sprechen«, erwiderte Bones taktvoll und entging damit der Beantwortung der peinlichen Frage. »Hier sind die verlangten Waren, von mir abgeliefert am 14. currentis.«

 

Er steckte mechanisch seine Hand in die Tasche, und der junge Leopard sah plötzlich erregt auf.

 

»Bones, das haben Sie gut gemacht«, sagte Sanders ruhig.

 

Bones verneigte sich strahlend.

 

»Und jetzt entschuldigen Sie mich, bitte, denn ich will meinen kleinen Freund zu seiner Behausung bringen.«

 

Bevor sie recht wußten, was er tat, hatte er den Leoparden von der Kette losgemacht. Sogar Sanders trat einige Schritte zurück und legte seine Hand auf die Pistole, die er stets in der Hüftentasche bei sich trug.

 

Aber auf Bones machte dies alles keinen Eindruck. Er pfiff leise und marschierte zu seiner Hütte. Das große Tier folgte ihm wie ein treues Hündchen.

 

Am selben Abend ging Bones von seiner Hütte über den Exerzierplatz zur Residenz. Er plante noch weit größere Dinge. Er wollte unter den bewundernden Augen Patricias in den Wald hinausziehen und dann wie ein richtiger Orpheus mit einem ganzen Gefolge wilder Waldbewohner zurückkehren.

 

In der Tasche trug er eine kleine Flasche, und sein Rock roch nach Anis. Sein Geheimnis wäre in dem Augenblick preisgegeben gewesen, in dem er das Speisezimmer betreten hätte. Aber zu seinem Glück ereignete sich etwas Unvorhergesehenes, so daß er seine Pläne nicht zur Ausführung bringen konnte.

 

Er war halbwegs zur Veranda gekommen, als sich eine Gestalt vom Boden erhob und eine heisere Stimme rief: »Töte ihn!«

 

Er sah eine Speerspitze im unsicheren Licht der Sterne aufblitzen und sprang zur Seite. Eine Hand packte ihn an seinem Rock, aber er riß sich los und ließ das Kleidungsstück in den Händen des Angreifers. Er hatte keine Waffe bei sich, und es blieb ihm nur übrig zu fliehen.

 

Sanders hörte seinen Ruf und sprang auf die dunkle Veranda hinaus, als Bones die Stufen hinaufeilte.

 

Er sah zwei Männer, die Bones dicht auf den Fersen waren, und feuerte zweimal. Der eine fiel, der andere verschwand in der Finsternis.

 

Die Haussa-Schildwache auf der andern Seite des Exerzierplatzes schoß auch. Wieder sah Sanders einen Mann über den Platz laufen und feuerte, aber er verfehlte auch diesmal sein Ziel.

 

In der Dunkelheit tauchte plötzlich Ali Abid auf.

 

»Herr«, rief er atemlos und verstört, »das wilde Tier – Felis pardus – hat sich losgemacht, seinen Maulkorb abgerissen und jagt verschiedene Subjekte in schrecklicher Wut.«

 

Während er noch sprach, rannte ein Mann über den Platz vor der Residenz, diesmal so nahe, daß sie das Bündel sehen konnten, das er unter dem Arm trug.

 

»Mein Rock!« brüllte Bones. »Haltet ihn! Großer Gott!«

 

Dem Flüchtling war ein großes, gelbes Tier dicht auf den Fersen.

 

Ob O’ka von Jumburu dem Leoparden entkam oder ob der Leopard O’ka zerriß, ist nicht bekannt. Aber Bones durfte sein Quartier des Nachts erst wieder verlassen, als die Regenzeit kam und den Anisduft fortwusch. Denn vorher kamen die wilden Tiere zu seiner Wohnung, sogen den Duft ein, saßen erwartungsvoll vor seiner Tür und heulten fürchterlich.

 

    1. Beide Sorten, Anis und Sternanis ( Illicium anisatum) findet man in den Gebieten am Großen Strom. Es gibt auch eine kleine Pflanze, die alle Eigenschaften von Pimpinella anisum, sogar in verstärktem Maße, besitzt. Um diese Pflanze handelt es sich wahrscheinlich. E. W.

 

 

Das Söldnerheer

 

Das Söldnerheer

 

In Sanders‘ Arbeitszimmer stand ein großer brauner Schreibtisch, dessen Ecken von dem beständigen Reiben schon gelb geworden waren. Es herrschte peinliche Ordnung auf diesem Schreibtisch. Rechts und links stand je eine Reihe Bücher, die von Messingstangen gehalten wurden. Drei Körbe für Telegramme und Briefe waren übereinander aufgebaut, ein großer Bogen weißen Löschpapiers prangte in der Mitte vor dem Sessel, und ein silbernes Schreibzeug mit vier Federhaltern vervollständigte das Inventar. In letzter Zeit war allerdings noch eine Glasvase dazugekommen, die jeden Tag mit frischen Blumen gefüllt wurde.

 

Nur bei gewissen feierlichen Gelegenheiten durfte dieses Heiligtum von andern betreten werden. Die Ankunft Patricia Hamiltons brachte allerdings eine Änderung, denn diese junge Dame erhielt die Erlaubnis, den Raum zu benützen, wann sie wollte. Und sie war es auch, die den Blumenschmuck eingeführt hatte.

 

Aber in Captain Hamilton, ihrem Bruder, und Bones, ihrem Diener und Sklaven, lebte die alte Tradition weiter, und sie wagten niemals, in das Arbeitszimmer einzudringen, selbst wenn sie Patricia suchten. Und wenn sie zufällig an die Tür kamen und mit ihr sprachen, taten sie es ehrerbietig mit leiser Stimme.

 

An einem Sommermorgen saß Hamilton düster und ernst an dem Schreibtisch, und Bones saß in einiger Entfernung vor ihm auf der Kante eines Stuhls. Er war sehr verwirrt und schwitzte vor Aufregung.

 

Es war ein sehr feierlicher Anlaß, denn Bones sollte seine Prüfung in den Gegenständen X und Y ablegen, um seine Qualifikation als Captain zu erlangen. Heute stand Kartenlesen und Skizzieren auf dem Programm, und Captain Hamilton begnügte sich damit, ihn mündlich zu prüfen.

 

»Leutnant Tibbetts«, sagte er mit der nötigen Würde, »bitte, erklären Sie mir, was eine Standlinie bedeutet.«

 

Bones strich sich die Haare aus der Stirn und verzog das Gesicht, zum Zeichen, daß er tief nachdachte.

 

»Eine Standlinie, mein lieber, guter alter Offizier?« wiederholte er. »Ja, eine Standlinie, mein lieber, guter alter Harn …«

 

»Sparen Sie sich Ausreden. Sie bekommen dafür doch keine besondere Zensur.«

 

»Eine Standlinie?« sagte Bones zum drittenmal. »Ja, jetzt habe ich es! Gott sei Dank! Ich fürchtete schon, daß ich die Sache verpfuschen würde. Also eine Standlinie«, fuhr er laut fort, »ist der Unterschied zwischen zwei benachbarten Höhenkurven! Was sagen Sie nun, mein hoher Examinator?«

 

»Falsch! Was Sie da beschreiben, ist doch der Höhenunterschied.«

 

Bones starrte ihn entsetzt an. »Sind Sie Ihrer Sache auch ganz gewiß, mein alter Kamerad?« fragte er vorwurfsvoll. »Sehen Sie erst einmal in Ihrem Buch nach, lieber Freund. Vielleicht haben Ihre guten alten Augen Sie im Stich gelassen.«

 

»Leutnant Tibbetts«, erwiderte Hamilton abweisend, »Sie benehmen sich sehr schlecht.«

 

»Also nun sehen Sie einmal her, mein lieber alter Harn«, rief Bones aufgeregt, »können Sie denn nicht wenigstens annehmen, daß Sie gefragt haben, was der Höhenunterschied ist?«

 

Hamilton sah sich nach einem Gegenstand um, den er Bones an den Kopf werfen könnte, aber dann besann er sich darauf, daß sie beide in Sanders‘ heiligem Arbeitszimmer waren.

 

»Bones, Sie sind ein Verbrecher!« stöhnte er hilflos. »Wir wollen die Prüfung jetzt fortsetzen. Was sind ›Hachures‹?«

 

»Hachures?« Bones schloß die Augen. »Hachures? Oh, jetzt weiß ich, was das ist. Viele Leute würden glauben, daß es eine Hühnerart sei, aber ich weiß es … es ist eine Art von Linien … wenn Sie so einen netten alten Berg oder Hügel zeichnen wollen … dann machen Sie solche Wickel-Wackel-Linien – Sie wissen doch, was ich meine … eine Art von …« Bones gestikulierte wild. »Schatten … Wasser … mein lieber, alter Freund.«

 

»Werden Sie ohnmächtig?« fragte Hamilton bestürzt und sprang auf.

 

»Nein, Schattierungen … die Richtung vom Wasser – ich habe bestimmt recht.«

 

»Ich bin zwar kein Gedankenleser und kann auch nicht recht verstehen, was Sie sich da in Ihrem verdrehten Verstandskasten vorstellen«, sagte Hamilton, »aber Hachures bedeutet Bergschraffur, das ist die gewöhnliche Art, eine Hügelkette oder ein Gebirge darzustellen, indem man mit vertikalen Linien schraffiert und damit anzeigt, nach welcher Richtung die Berge abfallen und das Wasser abfließt. Ich vermute, daß Sie eine ungefähre Idee davon haben, was Sie eigentlich hätten antworten sollen.«

 

»Ich danke Ihnen für diese großzügige Anerkennung meiner Kenntnisse in den militärischen Wissenschaften. Nun lassen Sie die nächste Folter auf mich los. Was wird es sein, Streckleiter oder Daumenschrauben?«

 

»Lassen Sie doch endlich Ihre Selbstgespräche«, brummte Hamilton. »Sagen Sie mir lieber, was man unter ›eine Karte orientieren‹ versteht.«

 

»Man dreht sie nach Osten«, erwiderte Bones prompt. »Nächste Frage, mein Herr.«

 

»Was bedeutet es, eine Karte zu orientieren?« fragte Hamilton geduldig.

 

»Die Antwort habe ich Ihnen doch schon gegeben!« erklärte Bones herausfordernd.

 

»Eine Karte orientieren heißt – wie ich Ihnen nun schon tausendmal gesagt habe – eine Karte so zu legen, daß die Nordlinie genau nach Norden zeigt.«

 

»In diesem Fall«, bemerkte Bones, der sich nicht verblüffen ließ, »würde doch die Ostlinie genau nach Osten zeigen, und ich behaupte; daß ich diese Frage zu Ihrer vollsten Zufriedenheit beantwortet habe!«

 

»Behaupten Sie nur ruhig weiter, wenn es Ihnen Spaß macht. Ich werde Ihnen eine Vier für diese Frage geben.«

 

»Machen Sie eine Eins«, bat Bones. »Seien Sie doch nett, mein lieber alter Ham, ich habe auch einen schönen neuen Fischteich gefunden.«

 

Hamilton zögerte. »Es sind zwar niemals Fische in den Teichen, die Sie finden«, sagte er zweifelnd, »aber immerhin werde ich mit meiner Entscheidung warten, bis ich zweimal meine Angel in Ihren Fischteich geworfen habe.«

 

Gleich darauf wurde zu Tisch gerufen.

 

»Nun, wie ist es mit der Prüfung gegangen, Bones?« fragte Patricia.

 

»Fein!« entgegnete Bones begeistert. »Ich habe alle Fragen, die mir Ihr lieber alter Bruder gestellt hat, spielend gelöst!«

 

»Ich muß gestehen«, verbesserte Hamilton, »daß mir Ihre Ansichten über gewisse Dinge so neu waren, daß ich Zweifel hege, ob die Militärakademie Ihre Auffassung teilt.«

 

»Aber das ist doch dasselbe«, sagte Bones.

 

»Ich glaube, Sie müßten ihn mal in der Geschichte der Kriegskunst prüfen«, meinte Sanders in seiner nüchternen Art. »Ich habe soeben von Bosambo gehört …«

 

Bones hustete und wurde rot. »Teure Exzellenz«, gestand er, »ich habe mich mit Bosambo eingeübt und vorbereitet. Sie wissen es vielleicht nicht, aber ich höre mich selbst gerne sprechen.«

 

»Aber Bones, Sie tun sich ja selbst unrecht«, sagte Hamilton belustigt.

 

»Ich meine das ganz anders, Sir!« erklärte Bones würdevoll. »Wenn ich jemand einen Vortrag über einen Gegenstand halte, dann kann ich selbst alles viel besser behalten.«

 

»Dabei ist aber Voraussetzung, daß Sie auch verstanden haben, was Sie sagen. Immerhin« – Sanders lächelte – »ist Bosambo nach dem Vortrag von Bones von dem sehnlichsten Wunsch erfüllt, Napoleon nachzueifern, und hat mich mit allen möglichen Fragen gequält, was man tun muß, um eine Garde aufzustellen oder ein Söldnerheer unter die Fahne zu rufen.«

 

»Ich schmeichle mir …«, begann Bones.

 

»Warum auch nicht?« fragte Hamilton und erhob sich. »Das ist die einzige Möglichkeit für Sie, etwas Angenehmes über sich zu hören.«

 

»Ich glaube Ihnen, Bones«, sagte Patricia lächelnd. »Ich glaube, Sie haben Ihre Sache ganz gut gemacht, mein Bruder ist ein böser Mensch.«

 

»Ich werde Ihnen niemals widersprechen, meine teure Miß Patricia. Und wenn erst der nette, gute alte Distriktsgouverneur weggefahren ist …«

 

»Sie werden doch nicht fortgehen?« fragte sie und wandte sich an Sanders. »Sie sind doch eben erst aus dem Innern zurückgekehrt.«

 

Sanders sah die Bestürzung in ihren Blicken, und es überkam ihn ein wundervolles Gefühl, das er bisher noch nicht gekannt hatte.

 

»Ja, ich muß ins Innere. Im Morjaba-Land werde ich das merkwürdigste Palaver abhalten, das mir jemals untergekommen ist.«

 

Und er hatte recht.

 

An den Grenzen des Akasava-Landes, abgeschlossen von allen andern Gebieten, lag das Reich der Morjaba hinter einer Kette von Wäldern, die sich an dieser Seite in einer Länge von siebzig Meilen hinzogen. Dieses Volk lebte ganz für sich und abgeschnitten von den übrigen Stämmen. Sanders kam nur einmal im Jahr zu ihnen, denn sie waren schwer zu erreichen. Es war aber nicht notwendig, daß er sich weiter um sie kümmerte, denn sie zahlten regelmäßig ihre Abgaben, gehorchten den Gesetzen und hatten mit keinem der Stämme Schwierigkeiten oder Fehden. Die Wälder, die die Grenze ihres Gebietes bildeten, waren nur an einer Stelle passierbar, ansonsten undurchdringlich, und es ging die Sage, daß dort böse Geister hausten. Im Norden waren sie durch einen hohen Gebirgszug und im Westen durch weite Sumpfgebiete geschützt.

 

Die leidenschaftlichen Ausbrüche des Neides und Hasses, die sich in Kriegen äußerten und Tausende von Speerleuten am Großen Strom zu blutigen Kämpfen gegeneinander aufstachelten, fanden kaum Widerhall in diesem geschützten Lande. Die plündernden Heerhaufen des Großen Königs, der nördlich von ihrem Gebiete regierte, kamen niemals über die Grenzgebirge. Und das feindliche Volk, das im Lande jenseits der großen Sümpfe wohnte, hielt sich scheu zurück, denn cala-cala, das heißt vor langer Zeit, sollte einmal eine ganze Armee in den Sümpfen umgekommen sein.

 

So blieben die Morjaba unbehelligt und wurden mächtig und reich. Die Natur hatte ihr Land reich gesegnet, und das Wort »Hunger« gab es in ihrer Sprache überhaupt nicht. 3

 

Aber trotzdem stellten sich auch bei ihnen Krisen ein.

 

S’kobi, der wohlbeleibte Häuptling dieses Gebietes, hielt großartig Hof, und in seiner Hauptstadt, die zehntausend Einwohner zählte, sollte nun der Streit zwischen den zwei Kasten seines Stammes, den M’gimis und den M’joros, entschieden werden, der sich schon über fünfzig Jahre hinzog.

 

Die M’gimis waren Krieger nach alter Tradition. Sie trugen Waffen, und wie schon ihr Name andeutet (»Die Stolzblickenden«), waren sie hochmütig und exklusiv. Denn jeder, der ihnen angehörte, mußte der Sohn eines Häuptlings sein, und es war für einen Fisch leichter, auf dem Lande zu gehen, als für einen Mann der M’joros (der »Grabenden«), in den Verband der M’gimis aufgenommen zu werden.

 

Drei horizontale Stichnarben auf jeder Backe waren das Kennzeichen der M’gimis. Sie stammten von den Wunden her, die man den Kriegern mit den rasiermesserscharfen Klingen der Schlachtspeere bei der Aufnahme beigebracht hatte. Sie lebten getrennt von dem andern Volk, den M’joros, in drei Lagern. Ihre Zahl betrug sechstausend, und sie mußten ein Gelübde ablegen, fünf Jahre lang, von der Stunde ihrer Aufnahme an gerechnet, nicht zu heiraten oder sich eine Frau zu nehmen. Die M’gimis wandten den Frauen den Rücken zu und duldeten nicht, daß ein weibliches Wesen in ihr Lager kam. Geschah es aber doch einmal, daß ein M’gimi gegen diese strenge Regel verstieß, dann wurde er zu einem bestimmten Baum geführt und dort gerädert. Arme und Beine wurden ihm gebrochen, und er wurde dann an den untersten Ästen in die Höhe gewunden. Die Leute der Kriegerschar, der er angehörte, saßen unter dem Baum und aßen, tranken und schliefen nicht, bis er gestorben war, was manchmal tagelang dauerte. Auch die Frau, mit der er sich vergangen hatte, mußte dabei zugegen sein.

 

So hielten die M’gimis auf alte Überlieferungen und strenge Zucht. Sie waren berühmt als guttrainierte Krieger und konnten weit gehen und vorzüglich springen. Sie trugen schwere Speere und fochten Kämpfe mit großen Steinen aus. Sie übten sich dauernd und stählten ihre Körper, aber niemals taten sie andere Arbeit.

 

Und das war der Grund zu den Klagen der andern Angehörigen des Stammes, die nun schließlich von dem Häuptling entschieden werden sollte.

 

S’gono, der Sprecher der M’joros, war ein Häuptling aus dem Innern und eiferte sehr gegen die M’gimis. Aber er war nicht vorurteilsfrei, denn sein eigener Sohn war von den Führern der M’gimis als unwürdig zurückgewiesen worden.

 

»Sollen wir andern Männer graben und säen für solche Leute?« fragte er. »O König, gib jetzt ein gerechtes Urteil. Bedenke, daß wir jeden Monat das Beste, was unsere Felder an Früchten hervorbringen, und die größten und besten Fische, viele Ziegen und viel Salz herbeitragen müssen, damit diese Nichtstuer es aufessen.«

 

»Wenn ich nun aber die Krieger fortschicke«, erwiderte S’kobi, »wer soll dann dieses Land gegen die Akasava und die bösen Leute verteidigen, die jenseits der Sümpfe wohnen? Denke auch daran, daß die Ochori nur vier Tagemärsche von uns entfernt wohnen und daß es leicht für sie ist, zu uns zu kommen. Die Wege sind gut.«

 

»Mein Herr und König«, sagte S’gono, »es leben aber noch viele M’gimis unter uns, die aus der Kaste ausgeschieden sind und nun Frauen und Kinder haben. Die können doch wieder die Speere schwingen – und sind denn die M’joros nicht auch Männer? Bei meinem Leben, ich will Krieger sammeln und ihnen Führer geben – das kann ich in einer Zeit von vier Wochen, und niemand darf sagen, daß du nicht geschützt wirst, denn auch wir sind tapfere und kühne Männer.«

 

Der König sah wohl, daß die Kriegerkaste in der Minderzahl war. Außerdem hegte er selbst wenig Sympathie für sie, denn er stammte aus niederen Verhältnissen, und zwei seiner Söhne hatten vergeblich versucht, in die Kriegerkaste aufgenommen zu werden.

 

»S’gonos Vorschlag soll ausgeführt werden«, entschied der König, und die Beifallrufe, die den kleinen Hügel umtosten, belohnten ihn für diesen Urteilsspruch.

 

Sanders, der sofort Nachricht von diesen Vorgängen erhielt, kam in größter Eile herbei, indem er durch das Gebiet der unteren Akasava marschierte. Er benutzte diesen kürzeren Weg selbst auf die Gefahr hin, daß sich ein paar befreundete Häuptlinge dadurch verletzt fühlten, die einen Anspruch darauf erhoben, bei seinen Reisen persönlich und feierlich von ihm begrüßt zu werden. Aber die Zeit drängte, sonst wäre er nicht auf dem Nobolama gefahren, ein nur zeitweise fließendes kleines Gewässer.

 

Er hatte Glück, daß der Fluß Hochwasser hatte, so daß er mit der »Wiggle« in die Nähe des Landes der Morjaba kommen konnte. Zwei Tagesmärsche durch den Wald brachten ihn dann zu der großen Stadt. In dem ganzen Gebiet, das er verwaltete, gab es nicht ihresgleichen, denn sie dehnte sich mehrere Kilometer weit aus und war eine der volkreichsten Städte im Umkreis von fünfhundert Meilen.

 

S’kobi kam eilig die große Straße entlanggewackelt, um Distriktsgouverneur Sanders mit Salz und Reis zu begrüßen, den er eilig im Vorbeilaufen aus den Gärten gepflückt hatte. Das Salz hatte er bei der ersten Nachricht von Sanders‘ Ankunft in aller Eile von zu Hause in seinen dicken Händen mitgenommen. Keuchend erschien er vor Sanders und reichte ihm die gebräuchlichen Gaben als Zeichen seiner Unterwürfigkeit.

 

»O Herr«, sagte er ganz außer Atem. »Ich habe erst jetzt Botschaft von der großen Ehre erhalten, daß du unser Land besuchst, sonst würden meine jungen Leute dir entgegengegangen sein, und die Töchter meines Volkes hätten im Tanzschritt den Weg glattgetreten, damit du angenehmer und leichter gehen konntest.«

 

Sanders nahm die Gaben mit beiden Händen und überreichte sie feierlich der hinter ihm wartenden Ordonnanz.

 

»O S’kobi, ich kam schnell zu deinem Land, um geheimes Palaver mit dir abzuhalten, und ich habe nicht viel Zeit.«

 

»O Herr, ich bin dein Mann«, erwiderte S’kobi und winkte seinen Räten und Ältesten, sich zu entfernen.

 

Es fiel Sanders schwer, einen Anfang zu finden.

 

»S’kobi, du weißt, daß ich dich und dein Volk liebe wie meine Kinder, denn ihr seid gute Leute und der Regierung treu ergeben. Auch tut ihr niemandem etwas zuleide.«

 

»Wa!«

 

»Auch weißt du, daß ich Krieger und Speerleute nicht liebe, denn Speere bedeuten Krieg, und Krieger lieben den Kampf.«

 

»O Herr, du sprichst die Wahrheit!« sagte der Häuptling und nickte bejahend. »Deshalb werde ich in meinem Lande ein Gesetz erlassen, daß es keine Speere mehr geben soll außer jenen, die ich im Schatten meiner Hütte aufbewahre. Nun verstehe ich auch, warum du zu mir gekommen bist und dieses Palaver abgehalten hast. Denn du hast mit deinen schönen langen Ohren gehört, daß ich meine Krieger fortgeschickt habe.«

 

Sanders nickte. »So ist es, mein Freund.«

 

S’kobi strahlte. »Sechstausend Krieger hatte ich, o Herr, aber aus Speeren wächst kein Korn. Im Gegenteil, diese Leute sind furchtbare Esser. Ich habe sie jetzt zu ihren Dörfern zurückgeschickt, und im nächsten Monat hätten sie ihre schönen Kriegsmesser verbrennen sollen, aber dazu ist es nicht gekommen. Wir Morjaba haben keine Feinde, wir sind gegen alle unsere Nachbarn gut und gerecht. Außerdem leben, wie du wohl weißt, o Herr, viele Isisi, Akasava und N’gombi unter uns, auch Leute aus dem Lande des Großen Königs und aus dem Gebiet jenseits der Sümpfe. Wer sollte uns deshalb angreifen, da wir doch mit allen verschwägert und verwandt sind?«

 

Sanders sah den friedlichen König mit einem traurigen Lächeln an. »Habe nicht auch ich allen Gutes getan?« fragte er. »Habe ich nicht das Land so regiert, daß diejenigen, die gegen das Gesetz sprachen, schnelle Strafe ereilte? Und greifen nicht trotzdem die Akasava, die Isisi, die N’gombi und die Leute an den Ufern des Stromes zu den Waffen und kämpfen gegen mich? Nun will ich dir eine Weisheit sagen, die ich herausgefunden habe. Bei allen Tieren, den großen und den kleinen, gibt es Weibchen, die Junge haben, und Männchen, die kämpfen, damit niemand ihre Weibchen und Jungen schädigt.«

 

»O Herr, so ist das Leben.«

 

»Und so ist es auch bei den Menschen. Denn die Frauen gebären Kinder, und die Männer halten die Speere bereit, um alle zu bekämpfen, die ihre Frauen und Kinder bedrohen. Und solange Menschen auf Erden leben, S’kobi, werden die Frauen gebären, und die Männer werden sie beschützen. Das liegt in der Natur begründet. Und du sollst den Männern nicht den Wunsch nehmen zu töten, bevor du nicht aus den Herzen der Frauen die Sehnsucht nach Kindern entfernt hast.«

 

»O Herr«, erwiderte S’kobi verwirrt, »was soll ich auf dieses seltsame Rätsel antworten, das du mir eben gestellt hast.«

 

»Ich will es dir sagen. Ich möchte, daß Frieden in diesem Lande herrscht. Aber zwischen dem Leoparden, der Zähne und Krallen hat, und dem Hasen, der diese Waffen nicht besitzt, kann es keinen Frieden geben. Aber ich frage dich: Kämpft der Leopard gegen den Löwen oder der Löwe gegen den Leoparden? Sie leben in Frieden, denn jeder von ihnen ist schrecklich auf seine Weise, und einer fürchtet den andern. Und ich sage dir dies: Du lebst in Frieden und Freundschaft mit deinen Nachbarn, nicht weil du gut und freundlich zu ihnen bist, sondern weil du Krieger hast. Rufe deine Speerleute wieder zu deiner Stadt zurück, S’kobi.«

 

Der Häuptling runzelte die Stirn. »O Herr«, sagte er, »das kann nicht geschehen, denn diese Leute sind fortgegangen aus meinem Lande. Sie suchen ein Volk, das sie nährt, denn sie sind zu stolz, das Land umzugraben.«

 

»Verdammt!« sagte Sanders verzweifelt und kehrte wieder heim, denn er wußte im Augenblick auch keine Hilfe.

 

Die Irrfahrten der entlassenen Krieger von Morjaba könnten einen Band füllen. Sie zogen friedlich aus, aber sie fanden die Grenzen der Akasava und die Flußufer der Isisi versperrt. Sie wandten sich nach Norden, um Dienste bei dem Großen König zu nehmen, aber auch hier wurden sie trotz ihrer friedlichen Absichten mit Gewalt zurückgetrieben. Dann schlugen die M’gimis ein Lager auf, das einen Tag weit von der Grenze der Ochori entfernt war. Und es bestand die Gefahr, daß sie meuterten und das Land verheerten, als Bosambo, der Häuptling der Ochori, bei ihnen auftauchte, der durch seine Späher von allen ihren Schicksalen Kenntnis erhalten hatte.

 

Bosambo war der geborene Diplomat. Er verstand es, eine günstige Gelegenheit für sich auszunutzen, und hatte ein gewisses Gefühl für vorteilhafte und aussichtsreiche Möglichkeiten, ohne genau zu wissen, wie die Sache ausgehen würde. Das ist eine Begabung, die sonst nur Dichtern und hervorragenden Staatsmännern eigen ist.

 

Bones, der das Land der Ochori besuchte, fand eine neue Stadt, die in den Wäldern in der Nähe des Hauptortes entstanden war. Es entging ihm auch nicht, daß Bosambos Untertanen unzufrieden waren, denn man hatte von ihnen verlangt, für sechstausend Krieger, die zu stolz zur Arbeit waren, Nahrung herbeizuschaffen.

 

»O Herr«, sagte Bosambo, »ich habe mir schon oft eine Armee wie diese gewünscht, denn ich habe nur wenig Krieger unter den Ochori. Mit diesen vielen Speerleuten kann ich das Gebiet am oberen Strom für deinen König und für Sandi halten, und niemand wird es wagen, ein Wort gegen ihn zu sprechen. Das würde auch N’poloyani getan haben, dein großer Freund.«

 

»Aber wer soll denn diese vielen Menschen ernähren?«

 

»Alle Dinge geschehen nach Gottes Willen«, entgegnete Bosambo ruhig.

 

Bones berichtete über alle diese Dinge bei seiner Rückkehr.

 

»Hm«, sagte Sanders, als Bones zu Ende war, »wenn es nicht Bosambo wäre … dann würden Sie noch ein ganzes Bataillon Haussas brauchen, Hamilton.«

 

»Was hat Bosambo getan?« fragte Patricia, die zu den allgemeinen Beratungen zugelassen war.

 

»Er spielt jetzt Napoleon«, erwiderte Sanders und warf Bones, dieser jugendlichen Autorität auf dem Gebiet der Kriegsgeschichte, einen Blick zu.

 

Bones fühlte sich sehr unbehaglich und rutschte auf seinem Stuhl hin und her.

 

»Wir werden ja sehen, wie die Sache ausgeht. Wer soll denn die vielen Krieger unterhalten?« fragte Sanders.

 

»Das habe ich Bosambo auch gefragt, hochverehrte Exzellenz«, entgegnete Bones triumphierend. »Warum, du verdammter alter Esel …«

 

»Ich möchte mir es aber doch ausbitten …« rief Sanders aufgebracht.

 

»Das habe ich doch zu Bosambo gesagt«, erklärte Bones hastig. »Ich sagte also: ›Du verrückter alter Esel, wie willst du denn das Essen für die Kerle herbeibringen?‹ – ›O Herr‹, antwortete er mir darauf, ›darüber denke ich ja gerade nach.‹«

 

Wie Bosambo dieses Problem löste, konnte man nur vermuten.

 

»Man spricht von einem Aufstand der Akasava«, sagte Sanders eines Morgens beim Frühstück. »Ich wüßte keinen Grund dafür – nach allen Informationen, die ich erhalten habe, sind die Akasava jetzt ganz friedlich.«

 

»Woher kommt diese Neuigkeit?« fragte Hamilton.

 

»Vom König der Isisi. Der Kerl ist ein großer Angstmeier und hat Bosambo gebeten, ihm zu Hilfe zu kommen.«

 

Tatsächlich schickte Bosambo ihm auch Hilfe, und zwar seine ganze neue Armee, die vor der Isisi-Stadt lagerte und es sich dort einen Monat gut gehen ließ. Als diese Zeit verflossen war, kamen die Isisi zu ihrem König und machten ihm Vorstellungen. Sie sagten, sie würden lieber in den Krieg ziehen, als diesen Frieden noch länger ertragen, der ihnen nur erlaubte, die Hälfte von dem zu essen, was sie gewohnt waren, damit zehntausend andere stolze Krieger in Hülle und Fülle leben konnten.

 

Daraufhin marschierten die M’gimi-Krieger wieder zu der Ochori-Stadt zurück, aber jeder von ihnen trug für einen ganzen Monat Vorrat an Mais und Salz mit sich, den sie den widerstrebenden Isisi abgenommen hatten.

 

Drei Wochen später schickte Bosambo einen geheimen Boten an den König der Akasava.

 

»O Gubara, lasse niemand etwas von dieser Botschaft wissen, damit es nicht Sandi zu Ohren kommt und damit du, der doch vollständig unschuldig ist, nicht fälschlicherweise getadelt wirst«, sagte der Bote feierlich. »Dieses spricht Bosambo: Es ist mir zu Ohren gekommen, daß die N’gombi sich heimlich rüsten und sehr bald einen ganzen Wald von Speeren gegen die Akasava aussenden werden. Sage dies dem Häuptling Gubara. Weil ich hierüber Trauer in meinem Bauch fühle, so werde ich ihm helfen. Denn ich bin sehr stark und mächtig. Der große weiße Mann Bonesi ist mein Freund, ebenso sein Vetter N’poloyani, der mit der Tante von Bonesi verheiratet ist. Ich habe eine große, unüberwindliche Armee, die ich in das Land der Akasava senden will. Wenn die N’gombi davon hören, werden sie ihre Krieger wieder nach Hause schicken, und es wird Friede sein.«

 

Der Häuptling der Akasava, der etwas nervös war und an all die Unannehmlichkeiten dachte, die ein Krieg zwischen zwei so mächtigen Stämmen hervorrufen würde, stimmte gern und freudig diesem Vorschlag zu. Zwei Monate lang saßen die M’gimi wie ein Heuschreckenschwarm im Lande der Akasava und aßen alles auf, so daß beinahe eine Hungersnot entstanden wäre.

 

Und danach marschierten sie in das Land der N’gombi. Es war nämlich Nachricht durch Bosambos Botschafter dorthin gekommen, daß der Große König die Absicht habe, das Gebirge im Westen mit einem großen, schrecklichen Heer zu überschreiten und das N’gombi-Land mit Krieg zu überziehen.

 

Wie lange Bosambo diese Methode, seine Armee auf Kosten anderer zu unterhalten, noch fortgesetzt hätte, läßt sich nur vermuten, denn inzwischen trat ein großes Ereignis im Lande der Morjaba ein. Dem fetten Häuptling war der Abmarsch seiner Krieger eine Erleichterung gewesen. Außerdem hatte er sich, nach Art der Eingeborenen, darüber gefreut, daß er Sanders dadurch in Verlegenheit gebracht hatte. Aber als der Distriktsgouverneur gegangen war, dachte er über alles nach, was dieser ihm gesagt hatte, und große Zweifel befielen seine Seele. Drei Tage lang saß er in sich zusammengesunken auf dem großen, schöngeschnitzten Staatsstuhl vor seinem Hause, und nach dieser Zeit rief er S’gono, den M’joro, zu sich.

 

»O S’gono«, sagte er, »ich habe Kummer in meinem Bauch über gewisse Dinge, die mir unser Herr Sandi gesagt hat.«

 

Und er erzählte seinem Ratgeber alles, was er von dem Distriktsgouverneur gehört hatte.

 

»Und nun sind meine M’gimis bei Bosambo, und er verkauft sie allen Stämmen, damit sie sie ernähren müssen, und er hat viel Vorteil davon.«

 

»O Herr«, erwiderte S’gono, »ist denn mein Wort nichts? Habe ich es dir nicht gesagt, daß ich herrlichere Krieger als die M’gimis versammeln würde? Gib mir Urlaub, o König, und du wirst eine Armee finden, die über Nacht aus der Erde gestampft wurde. Ich, S’gono, der Sohn des Mochorlabili Yoka, sage dir dieses!«

 

Es eilten also Boten zu allen Dörfern der Morjaba und riefen die jungen Männer zum Hause des Königs. Drei Wochen später stand eine großartige Heerschar auf einer Ebene in der Nähe des Palaverhauses.

 

»Laß sie über die Ebene marschieren und den Kriegstanz aufführen«, sagte der König befriedigt.

 

Aber S’gono zögerte. »O mein Herr und König«, bat er, »dies sind neue Soldaten, sie sind noch nicht so weise wie die alten Krieger. Auch wollen sie nicht den Führern gehorchen, die ich über sie gesetzt habe, sondern sie haben ihre eigenen Leute gewählt, so daß jeder Heerhaufen zwei Führer hat, die Übles voneinander sprechen.«

 

S’kobi riß die runden Augen weit auf. »Die M’gimis haben so etwas nie gemacht«, sagte er zweifelnd. »Wenn ihre Anführer ein Wort sagten, so sprangen sie erst mit dem einen Bein hoch, dann mit dem andern. Und das war sehr schön anzusehen und sehr schrecklich für unsere Feinde.«

 

»O Herr«, erwiderte S’gono aufgeregt, »gib mir noch einen Monat Zeit, dann werden sie mit beiden Beinen zu gleicher Zeit springen und sehr schöne Kriegstänze tanzen.«

 

Ein Späher berichtete dieses Versprechen einem gewissen mächtigen Häuptling des Großen Königs, der viertausend Speerleute unter sich hatte und auf den Abhängen des Gebirges wohnte, das die Grenze gegen das Land der Morjaba bildete. Er hatte schon seit langem auf einen günstigen Augenblick gewartet, um den Fluß zu überschreiten, und er hörte diese Neuigkeit mit großem Interesse.

 

»Wenn ich komme, werden sie auch ohne Köpfe tanzen«, sagte er, »denn die M’gimi-Krieger sind fort, und ohne sie sind die Morjaba kleine Kinder. Zwanzig Jahre lang haben wir gewartet, jetzt aber kommt die herrliche Nacht. Gehe du, B’furo, zu dem Häuptling des Stammes jenseits der Sümpfe und sage ihm, daß er den Sumpf überschreiten soll, wenn er drei Feuer auf diesem Berge sieht. Er soll auf dem Wege kommen, den nur er allein kennt.«

 

Es war ein wohlvorbereiteter Überfall, den die Feldherren des Großen Königs und der Häuptling jenseits der Sümpfe verabredet hatten. Seitdem die Kriegerkaste abmarschiert war, hatten die Feinde der Morjaba schnell gehandelt. Der Weg durch die Sümpfe war schon seit Jahren bekannt, aber die M’gimis hatten eins ihrer Lager so angelegt, daß kein Feind auf dieser Seite das Land überfallen konnte, und ihre Anordnungen so getroffen, daß auch die nördliche Grenze stets geschützt gewesen war.

 

S’gono war ein Ackerbauer, der Mais baute und Ziegen zog. Er stellte seine neue Armee ungefähr in der Art auf, wie er etwa einen Garten angelegt hätte. Er glaubte, je näher das Heer der Stadt sei, um so leichter könne man es unterhalten. Infolgedessen wurde die Furt über den Fluß nicht geschützt, und eine Armee von zweitausend Kriegern hatte die Sumpfländereien überschritten, bevor der neue Kriegsminister auch nur eine Ahnung hatte, daß von dort Gefahr drohte.

 

Er warf seine Truppen gegen die Hauptführer des Großen Königs, und in verzweifelter Gegenwehr machten sie den Versuch, diesen schrecklichen Eindringling zurückzuhalten. Zu gleicher Zeit schlug er mehr durch Glück als Verstand und gute Führung die bösen Leute von jenseits der Sümpfe zurück und zwang sie, wieder in ihr Land zurückzukehren.

 

In einer zweitätigen Schlacht fochten die Morjaba tapfer, aber des Kampfes unkundig gegen die erprobten Truppen des Großen Königs, während Boten nach Osten und Süden eilten, um Hilfe herbeizuholen.

 

Es war möglich, daß Bosambos Nachrichtendienst so gut arbeitete, daß er von dem Plan, der gegen den Frieden und die Sicherheit des Morjaba-Volkes angezettelt war, wußte. Aber es mag auch sein, daß er sich zu den Morjaba aufgemacht hatte, wie Sanders vermutete, um ihnen ein Ammenmärchen aufzubinden, daß ihr Land in großer Gefahr schwebe. Wie dem auch sein mag, jedenfalls befand er sich schon an der Grenze, als der Bote des Königs kam. Eilig kehrte Bosambo mit dem Mann zurück, um persönlich zu handeln.

 

»Ich werde dir fünftausend Traglasten Korn geben, Bosambo«, sagte der König, »hundert Säcke Salz und zweihundert schöne, dicke Frauen, die dir in deinem Hause dienen sollen.«

 

Bosambo feilschte erst noch eine Weile, um soviel als möglich für sich herauszuschlagen, denn die Frauen brauchte er nicht und hätte lieber Ziegen dafür gehabt. Schließlich wurden sie einig, und die Krieger Bosambos marschierten in ihr altes Heimatland. Und die Einwohner der Stadt fielen ihnen buchstäblich um den Hals, als sie zurückkehrten.

 

Der Feind hatte die gegen ihn ausgesandten Truppen geschlagen und war nun schon halbwegs zur Hauptstadt gekommen, als die M’gimi-Krieger ihm in die Flanken fielen.

 

Der gewaltige Häuptling der Armee des Großen Königs sah, wie die geordneten Reihen gegen ihn anstürmten, und sandte nach einem seiner Unterführer.

 

»Eile schnell zu unserem Herrn, dem König, und sag ihm, daß ich ein toter Mann bin.«

 

Und er sagte die Wahrheit, denn er fiel in Bosambos Hand, der sich hierfür eine Extraprämie zahlen ließ und infolgedessen noch einige Ziegen mehr aus der Herde S’kobis fortführte. Für den größeren Teil eines Monats war Bosambo ein willkommener Gast, dann traf er Anstalten zur Abreise.

 

Träger und Hirten trugen und trieben seine Schätze zum Land der Ochori und marschierten eine Tagereise vor dem Hauptheer ab.

 

Bosambo hatte den Befehl gegeben, daß sich die M’gimi-Krieger in der Dämmerung des nächsten Tages versammeln sollten, aber zur Zeit des Aufbruchs fand sich Bosambo allein auf dem großen Platz. Nur die Häuptlinge der Ochori, die ihn auf diesem Zug begleitet hatten, waren zur Stelle.

 

»O Herr«, sagte S’kobi, »meine feinen Soldaten gehen nicht wieder mit dir, denn ich habe gesehen, wie weise Sandi gesprochen hat, der mein Vater und meine Mutter ist.«

 

Bosambo wäre beinahe vor Wut erstickt. Wie gewöhnlich nahm er in solchen Augenblicken höchster Erregung seine Zuflucht zur englischen Sprache.

 

»O Herr«, erwiderte der König, der ihn nicht verstand. »Ich sehe, daß du Sandi gleichst, denn du sprichst in seiner Sprache. Er sagt auch ›Verdammt!‹ sehr laut, und ich glaube, dieses Wort sagen alle weisen Leute, wenn sie sich sehr freuen.«

 

Auf seinem Rückmarsch traf Bosambo Bones. Bones war den Strom hinaufgeeilt, als die Nachricht von dem großen Kampf die Residenz erreichte.

 

Bosambo beklagte sich bitter bei ihm und erzählte ihm alles. »O Herr«, sagte er zum Schluß, »was soll ich tun? Du hast mir nichts darüber gesagt, was der große N’poloyani tat, wenn man ihm ein Heer stahl. Sag mir jetzt, Tibbetti, was er unter Umständen getan hätte.«

 

Aber Bones schüttelte ernst den Kopf. »Das kann ich nicht tun, Bosambo, denn du sagst es doch nur den andern weiter – und das würde mir mein Herr N’poloyani nie verzeihen.«

 

    1. Ebenso ist es eine merkwürdige Tatsache, daß die meisten Völker in Afrika kein Wort haben, das unserem »Danke« entspricht. E.W.

 

 

Das Wasser der Verrücktheit

 

Das Wasser der Verrücktheit

 

Unerwartete Vorfälle ereigneten sich häufig in dem Gebiet, das Distriktsgouverneur Sanders verwaltete. So ging Bones eines Tages ans Ufer, um die »Post abzuholen«. Das geschah gewöhnlich in der Weise, daß er den Postsack in Empfang nahm, der in weitem Bogen aus einem auf den Wellen tanzenden Boot ans Land geworfen wurde. Diesmal war er erstaunt, als er sah, daß das Boot zum Ufer fuhr und nicht nur die Post, sondern auch einen Fremden samt seinem Gepäck absetzte.

 

Er war glattrasiert, untersetzt, trug einen tadellosen weißen Anzug und begrüßte Bones mit einem freundlichen Nicken.

 

»Morgen«, sagte er, »ich habe Ihnen die Post mitgebracht.«

 

Bones streckte die Hand aus und nahm den Postbeutel ohne Anzeichen großer Begeisterung entgegen.

 

»Ist Sanders in der Residenz?«

 

»Mr. Sanders ist nicht anwesend«, erwiderte Bones reserviert.

 

Der andere lachte. »Zeigen Sie mir den Weg«, sagte er barsch. Bones betrachtete ihn von oben bis unten. »Entschuldigen Sie, mein netter alter Herr, habe ich die Ehre, mit dem Herrn Kriegsminister zu sprechen?«

 

»Nein«, erwiderte der Fremde überrascht. »Wie kommen Sie auf diese Idee?«

 

»Weil er der einzige Mensch ist, der nicht das kleine Wörtchen ›bitte‹ seinen Aufforderungen mir gegenüber hinzuzufügen brauchte«, sagte Bones mit steigendem Ärger.

 

Der Mann wollte sich vor Lachen ausschütten.

 

»Entschuldigen Sie. Bitte, zeigen Sie mir den Weg.«

 

»Folgen Sie mir, Sir.«

 

Sanders war nicht in der Residenz. Er inspizierte gerade die von eingeborenen Schmieden reparierte Kesselanlage der »Zaire«.

 

Der Fremde nahm sich ohne Einladung oder Aufforderung einen Stuhl auf der Veranda, setzte sich und schaute sich dreist um. Patricia Hamilton saß am andern Ende und las ein Buch. Sie hatte nur einen Augenblick aufgesehen und sich über den neuen Ankömmling gewundert.

 

»Ein verflucht hübsches Mädel«, sagte der Fremde und steckte sich eine Zigarette an.

 

»Wie meinen Sie?« fragte Bones.

 

»Ein verflucht hübsches Mädel!«

 

»Und Sie sind ein verflucht ruppiger Mensch! Ich habe bis jetzt nur zu dieser Tatsache geschwiegen.«

 

Der Mann blickte schnell auf. »Was sind Sie eigentlich hier?« fragte er. »Ein Schreiber oder so etwas Ähnliches?«

 

Bones blieb ganz ruhig. »O nein«, sagte er mit der liebenswürdigsten Stimme. »Ich bin ein Offizier der König-Haussa hier, Rang: Leutnant. Meine Aufgabe ist es, die Eingeborenen hier an Ordnung und Gesetz zu gewöhnen und die zivilisierten Schweine mit hervorragender Musik zu unterhalten. Wollen Sie ein Stück auf dem Grammophon hören?«

 

Der Fremde runzelte die Stirn. Aber in diesem Augenblick erschien Sanders.

 

Der Ankömmling zog die Brieftasche heraus und entnahm ihr ein Schreiben und eine Karte.

 

»Guten Morgen, Mr. Sanders. Mein Name ist Corklan – P.T. Corklan von der Firma Corklan, Besset & Lyon.«

 

»So?« erwiderte Sanders.

 

»Ich habe einen Brief für Sie.«

 

Sanders nahm ihn in Empfang, öffnete und las ihn. Er trug die saubere Unterschrift eines Unterstaatssekretärs, zeigte den schön geprägten Briefkopf des Auswärtigen Amtes und empfahl Mr. P.T. Corklan dem Distriktsgouverneur Sanders mit der Bitte, den Überbringer ohne Behinderung durch die Gebiete am Großen Strom reisen und ihm jegliche Unterstützung zukommen zu lassen, die mit dem Dienst zu vereinbaren war, damit er seine Studien über Zuckergewinnung aus der süßen Kartoffel fördern könne.

 

»Das hätten Sie zur Zentralverwaltung mitnehmen sollen. Es muß die Unterschrift des Gouverneurs tragen.«

 

»Diesen Brief habe ich«, entgegnete der Mann kurz.

 

»Und wenn Ihnen die Unterschrift eines Staatssekretärs nicht genügt, dann werde ich sofort nach England zurückfahren und mich persönlich an ihn wenden.«

 

»Meinetwegen können Sie sich auch an den Teufel persönlich wenden! Sie reisen jedenfalls nicht eher in das Innere, bis ich von meinem Vorgesetzten telegrafisch Anweisung dazu erhalten habe. Bones, nehmen Sie den Herrn mit zu Ihrem Quartier. Ihre Leute sollen für ihn tun, was in ihren Kräften steht.«

 

Damit drehte er sich kurz um und ging ins Haus.

 

»Sie werden noch darüber hören«, sagte Mr. Corklan.

 

»Hier hinaus, mein lieber alter Pilgersmann!«

 

»Wer trägt mein Gepäck?«

 

»Ihr Name ist mir entfallen, aber wenn Sie einmal auf Ihrer Visitenkarte nachschauen, dann finden Sie den netten Namen des Gepäckträgers dort sehr deutlich verzeichnet.«

 

Sanders berichtete über den Vorfall in seinem knappen, energischen Stil und sandte ein Telegramm von hundert Worten an die Zentralverwaltung.

 

Zufällig war der Gouverneur auf einem kurzen Jagdausflug, deshalb antwortete sein Sekretär.

 

Zentralverwaltung an Sanders – Duplikat des Empfehlungsschreibens hier. Lassen Sie Corklan auf eigene Gefahr reisen. Warnen Sie vor Gefahren.

 

»Sie können es ihm mitteilen«, sagte Sanders zu Bones. »Er kann sofort losziehen, je eher, desto besser.«

 

Bones überbrachte die Botschaft Mr. Corklan, der auf dem Bett seines Gastgebers saß. Der ganze Boden war mit Zigarettenasche bedeckt. Aber das Schlimmste war in Bones‘ Augen die große Flasche Whisky, die der Mann aus einem seiner Koffer genommen hatte. Obendrein hatte er sich selbst aus Bones‘ Schrank ein Glas geholt.

 

»Dann kann ich also heute abend schon fort? Die Sache wäre also in Ordnung. Wie komme ich denn am besten ins Innere?«

 

Bones war schon in das Stadium gekommen, in dem er sich nicht über die Menschen ärgerte, sondern sich sogar für die Situation interessierte.

 

»Wie denken Sie sich denn Ihre Reise?« fragte er neugierig.

 

»Haben Sie denn keinen Dampfer für mich? Hat Sanders kein Regierungsboot?«

 

»Verzeihen Sie, wenn mir etwas schwach wird!« Bones ließ sich in einen Stuhl fallen.

 

»Nun, wie kann ich denn fortkommen?«

 

»Können Sie gut schwimmen?« fragte Bones unschuldig.

 

»Hören Sie doch einmal zu. Sie sind doch ein netter Kerl – ich mag Sie.«

 

»Das tut mir aber leid.«

 

»Ich mag Sie wirklich«, wiederholte Mr. Corklan. »Sie könnten mir doch ein wenig helfen.«

 

»Das werde ich wahrscheinlich nicht tun«, sagte Bones.

 

»Aber erklären Sie mir nur ruhig die Sache, mein lieber alter Abenteurer.«

 

»Da haben Sie recht, das bin ich.« Corklan biß das Ende einer neuen Zigarre ab und steckte sie mit dem glühenden Rest der alten in Brand. »Ich bin überall in der Welt herumgekommen und habe mich mit verschiedenen Dingen befaßt. Ich habe nun die Möglichkeit, ein Vermögen zu gewinnen. In diesem Lande gibt es einen Stamm, den man die N’gombi nennt. Sie leben in einem wunderbaren Gebiet, in dem viel Gummi wächst. Und ich habe gehört, daß sie unheimliche Mengen von Elfenbein und geheime Gummivorräte vergraben haben.«

 

Es war eine Tatsache – Bones war überrascht, daß der Fremde davon wußte –, daß die N’gombi sehr sparsame, vorsichtige und geizige Leute waren und ihre wohlverborgenen Schätze von Elefantenzähnen hüteten. Seit Hunderten von Jahren trieben sie mit Elfenbein und Gummi Handel, und jedes einzelne Dorf besaß seine geheime Vorratskammer. Die Regierung hatte seit langem versucht, die N’gombi zu überreden, ihren Reichtum in staatlichen Gewahrsam zu geben, denn derart kostbare Vorräte bedeuten früher oder später Krieg. Der Stamm lebte im Innern der großen Wälder – das Wort N’gombi heißt soviel wie »innen«. In ihren Wäldern gab es viele Elefanten und Gummibäume.

 

»Sie sind ja das reinste Informationsbüro«, sagte Bones bewundernd. »Aber was hat denn dies mit Ihren wissenschaftlichen Untersuchungen der süßen Kartoffel zu tun?«

 

Der Mann rauchte eine Weile schweigend, dann nahm er eine große Karte aus seiner Tasche. Bones war wieder erstaunt, denn es war die amtliche Geheimkarte.

 

Mr. Corklan verfolgte den großen Strom mit seinem dicken Zeigefinger.

 

»Von hier erstreckt sich das N’gombi-Land, von dem östlichen Ufer des Isisi-Flusses ab. Dies ist alles Wald, und ungefähr alle zehn Quadratmeter findet man einen Gummibaum.«

 

»Ich habe sie noch nicht gezählt, aber ich will Ihre Angabe gelten lassen.«

 

»Was hat aber dies hier zu bedeuten?« Mr. Corklan zeigte auf eine gewundene Linie von Strichen und Pünktchen, die an dem Einfluß des Isisi in den Großen Strom begann und sich in vielen kleinen Windungen fünfhundert Meilen hinzog, bis sie den Sigifluß traf, der durch spanisches Gebiet floß. »Was ist das?«

 

»Das scheinen die Fußspuren des großen Vogels Roch zu sein, der mit den Augen bellt und nur von Buttertoast und Eisenzeug lebt.«

 

»Ich will Ihnen sagen, was es ist.« Mr. Corklan schaute Bones vielsagend an. »Dies ist einer jener geheimen Ströme, die man immer in diesen ›nassen‹ Ländern antrifft. Die Eingeborenen können einem viel davon erzählen. Aber man findet sie niemals. Es sind Flüsse, die in vielen Jahren nur einmal mit Wasser gefüllt sind, wenn der Große Strom Hochwasser hat und es andauernd heftig regnet. Nun hat man mir in dem spanischen Gebiet erzählt, daß die Mündung des geheimen Stromes Wasser führt.« Er stieß Bones nachdrücklich ans Knie.

 

»In dem spanischen Gebiet erzählt man allerhand Märchen«, erwiderte Bones höflich. »Dort sagen Ihnen die Leute alles, was Ihnen angenehm sein kann, wenn Sie ihnen nur das nötige Silbergeld in die Hand drücken.«

 

»Wie steht es denn mit dem Teil des geheimen Stromes, der auf Ihrem Gebiet liegt?« fragte Mr. Corklan, der Bones‘ Abneigung, über diesen Gegenstand zu sprechen, ganz übersah.

 

»Das werden Sie ja selbst herausbekommen – ich möchte Sie nicht gern vorher schon entmutigen.«

 

»Wie komme ich denn nun aber ins Innere?« fragte Mr. Corklan nach einer Pause.

 

»Sie können ein Kanu mieten und im Lande leben, wenn Sie sich nicht Konserven und Nahrungsmittel mitgebracht haben.«

 

Der Mann lachte. »Selbstverständlich habe ich keine Vorräte mitgebracht. Ich will Ihnen einmal etwas zeigen. Sie sind ein netter Kerl.«

 

Er öffnete seinen Koffer und zog ein dickes Paket heraus. Es schienen dünne Häute zu sein, mindestens zwei- bis dreihundert Stück. »Das ist meine Spezialität.« Er löste das Band, das sie zusammenhielt, nahm ein Stück heraus und blies es auf. Die Haut blähte sich wie ein Kinderballon. »Wissen Sie, was das ist?«

 

»Nein, das kann ich Ihnen nicht sagen.«

 

»Sie haben doch sicher einmal von Soemmerings Methode gehört?«

 

Bones schüttelte den Kopf.

 

Mr. Corklan lachte, legte die Häute wieder in seinen Koffer zurück und schloß ihn ab.

 

»Das ist mein kleiner Scherz. Alle meine Freunde haben mir gesagt, daß ich eines Tages dabei mein Leben riskieren werde. Aber ich liebe es, den Leuten Rätsel aufzugeben.« Er lächelte liebenswürdig und selbstbewußt. »Ich sage ihnen gern die Wahrheit in einer Form, die sie nicht verstehen. Wenn sie sie verständen, würde es einen schrecklichen Aufruhr geben.«

 

»Sie sind ein kluger Kerl, aber ich kann Ihr Gesicht nicht leiden. Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen das ganz unumwunden sage, mein lieber alter Freund.«

 

»Auf das Gesicht kommt es weniger an als auf das Geld, das man hat«, erwiderte Mr. Corklan selbstzufrieden. »Und ich sage Ihnen nur eines: Wenn ich wieder aus diesem Lande gehe, dann habe ich ein Vermögen gemacht.«

 

»Es tut mir für Sie leid«, meinte Bones kopfschüttelnd, »Ich sehe nicht gern Leute, die sich falschen Hoffnungen hingeben.«

 

Bones berichtete alles dem Distriktsgouverneur, der darüber sehr beunruhigt war.

 

»Wenn ich nur wüßte, was er vorhat. Am liebsten möchte ich ihn überhaupt nicht ins Land gehen lassen, aber angesichts der Anweisung der Zentralverwaltung kann ich ihn nicht gut zurückschicken. Aus den N’gombi wird er nichts herausholen. Ich habe schon alle Methoden angewandt, gute und böse, um diese Kerle zu veranlassen, ihre Ersparnisse der Regierung zur Verwahrung zu übergeben, und bis jetzt keinen Erfolg gehabt.«

 

»Er muß ja unter allen Umständen hierher zurückkommen. Ich glaube nicht, daß er viel Unheil anrichten kann«, sagte Hamilton.

 

»Was hat er denn eigentlich für Gepäck?«

 

»Eine Kiste mit Dingen, die wie gebogene Kupferplatten aussehen«, berichtete Bones. »Es ist sehr dünnes Kupfer, aber es ist Kupfer. Auch habe ich mehrere Kupferröhren in seinem Gepäck gesehen. Das ist so ungefähr seine ganze Ausrüstung.«

 

Mr. Corklan war anscheinend an der Küste kein Fremder. Bones beobachtete, wie das Kanu des Mannes am andern Tag geladen wurde, und hörte, wie er in der Eingeborenensprache über die Trägheit seiner Ruderer schimpfte. Bones entnahm daraus, daß Mr. Corklans Bekanntschaft mit Zentralafrika schon ziemlich eingehend sein mußte, denn er konnte in Suaheli und portugiesisch fluchen, und seine Ausdrücke waren deftig und roh.

 

»Nun werde ich abfahren«, sagte er schließlich. »Ich will sehen, daß ich heute abend noch zu einem Fischerdorf komme. In einer Woche hoffe ich mein Reiseziel erreicht zu haben. Ich werde Sie nicht wiedersehen, deswegen will ich mich gleich verabschieden.«

 

»Wie wollen Sie denn wieder außer Landes kommen?« fragte Bones neugierig.

 

Mr. Corklan lachte. »Auf Wiedersehen!«

 

»Einen Augenblick, mein lieber alter Entdecker. Ich muß noch eine kleine Formalität erledigen – öffnen Sie noch einmal Ihre Koffer.«

 

Ein argwöhnischer Zug erschien auf Mr. Corklans Gesicht.

 

»Warum soll ich das?«

 

»Nur eine kleine Formalität, mein netter alter Held.«

 

»Warum haben Sie das nicht früher gesagt?« brummte der andere und ließ seine beiden Koffer wieder an Land bringen. »Vermutlich wissen Sie, daß Sie damit Ihre Amtsbefugnisse bei weitem überschreiten.«

 

»Nein, das wußte ich nicht – ich danke Ihnen für die Mitteilung. Ich bin nämlich hier der Zollbeamte, mein Herr und Landsmann.«

 

Mr. Corklan öffnete seine Koffer, und Bones durchsuchte sie. Er fand drei Flaschen Whisky und nahm sie heraus.

 

»Was soll das bedeuten?« fragte Mr. Corklan.

 

Bones antwortete nicht, sondern nahm die Flaschen und zerschmetterte sie am nächsten Stein.

 

»Aber, was zum Teufel …«

 

»Der Wein ist ein Betrüger, und scharfe Getränke bringen die Leute in Wut – dies ist hier sozusagen ein Land, in dem die Prohibition gilt. Ich könnte Ihnen auch noch fünfhundert Pfund abnehmen. Das ist die höchste Strafe dafür, daß Sie den Versuch machten, Alkohol in unser unschuldiges Land einzuführen.«

 

Bones erwartete einen Wutanfall Mr. Corklans, aber der Mann kicherte nur.

 

»Sie sind verrückt!«

 

»Das sagen meine Freunde auch«, gab Bones zu, »aber wegen dieser Getränke kann man nicht von Verrücktheit sprechen. Da Sie das Land kennen und mit der Denkungsart der Eingeborenen vertraut sind, mein lieber Herr, werden Sie die Begierde dieser Leute nach berauschenden Getränken verstehen. Selbst wenn wir Europäer trinken, tun wir es nur auf Kosten unseres Verstandes. Im übrigen wünsche ich Ihnen eine gute Reise.«

 

»Also auf Wiedersehen!« sagte Mr. Corklan.

 

Bones ging zur Residenz zurück, machte seinen Bericht, und damit endete diese Episode vorläufig.

 

Es war nicht ungewöhnlich, daß Wissenschaftler, Fabrikanten und Vertreter von Schiffsgesellschaften mit Empfehlungsbriefen ankamen und ins Innere reisen wollten. Glücklicherweise waren solche Besuche nicht allzu häufig und fanden in verhältnismäßig großen Zwischenräumen statt. Diesmal war Sanders ganz besonders mißtrauisch und sandte einen seiner geheimen Späher aus, um dem Abenteuerer zu folgen. Er hatte ihm den Auftrag gegeben, jedes außergewöhnliche Ereignis zu melden. Diese Maßregel war notwendig, denn die N’gombi, und besonders die inneren N’gombi, sind ein geheimnisvolles Volk, und es ist schwer, ja fast unmöglich, Nachrichten von ihnen zu erhalten.

 

»Ich wäre gar nicht erstaunt, wenn ich erführe, daß bei den N’gombi seit zwei Monaten ein Krieg im Gange ist, ohne daß ich auch nur ein Wort davon zu hören bekommen hätte.«

 

»Wenn sie untereinander Krieg führen – dann ist das selbstverständlich«, sagte Captain Hamilton. »Wenn sie aber gegen Fremde Krieg führen, dann werden wir schon davon hören, denn das geht nicht ohne Geschrei und Lärm ab. Warum senden Sie denn nicht Bones ins Land, um die Zuckerexperimente dieses Mannes zu beaufsichtigen?«

 

»Wir wollen über etwas Angenehmeres sprechen«, entgegnete Bones hastig.

 

Aber nach drei Monaten unternahm er doch die Reise.

 

»Fahren Sie mit der ›Zaire‹ bis zur Flußbiegung bei den Isisi«, sagte Sanders eines Morgens beim Frühstück zu ihm, »und suchen Sie herauszubekommen, was Ali Kano macht – der nachlässige Kerl hätte längst Berichte schicken sollen.«

 

»Sind Nachrichten von den N’gombi gekommen?« fragte Hamilton.

 

»Ich habe nur Allgemeines über sie erfahren. Sie sollen mit einem Male sehr fleißig geworden sein. Anscheinend macht der Zuckerkaufmann große Experimente. Das halbe Volk gräbt nach Wurzeln für ihn.«

 

»Wird es eine gefährliche Fahrt werden?« fragte Patricia ängstlich.

 

»Nein. Warum fragen Sie?« lächelte Sanders.

 

»Weil ich gerne mitfahren würde. Ach, bitte, schauen Sie doch nicht so düster drein. Bones ist immer sehr nett zu mir.«

 

»Hm!« Sanders schüttelte den Kopf.

 

Patricia wandte sich an Hamilton.

 

»Ich würde nichts gegen deine Reise haben – es handelt sich nur um Bones.«

 

»Aber …«, sagte Bones vorwurfsvoll.

 

»Wenn du so gern mitfahren möchtest, kannst du es natürlich tun – wenn du eine Anstandsdame hast.«

 

»Anstandsdame!« Bones war außer sich. »Großer Himmel, Hamilton, nehmen Sie sich doch zusammen. Patricia, öffnen Sie mal schnell das Fenster, damit er frische Luft bekommt! So – fühlen Sie sich jetzt besser?«

 

»Anstandsdame!« rief auch Patricia entrüstet. »Ich bin alt genug, um Bones‘ Mutter zu sein! Ich bin beinahe einundzwanzig – auf jeden Fall älter als Bones, und ich kann auf mich selbst aufpassen.«

 

Schließlich fuhr sie mit Bones ab und nahm ihr Kanomädchen mit, das sie bediente, und Abibus Frau, die für sie kochen sollte. Nach zwei Tagen kamen sie zu der großen Biegung des Flusses. Bones forschte nach dem vermißten Späher, hatte aber keinen Erfolg.

 

»Aber das sage ich dir, Herr«, erklärte ihm der kleine Häuptling, der ein Agent von Sanders war, »im Lande der N’gombi geschehen merkwürdige Dinge. Alle Leute sind dort verrückt geworden und graben ihre Elefantenzähne aus, um sie zu einem weißen Mann zu bringen.«

 

»Das muß Sandi erfahren«, erwiderte Bones, dem die Wichtigkeit dieser Nachricht sofort klarwurde. Noch am selben Abend fuhr er mit der »Zaire« wieder stromabwärts.

 

*

 

Wafa, ein Mischling, halb Araber und halb N’gombi, der die Schlauheit und Verschlagenheit beider Stämme in sich vereinigte, sprach zu seinen Begleitern:

 

»Wir werden bald das Dampfboot der Regierung sehen, wenn es den gewundenen Fluß herunterkommt. Und ich will hinausfahren und mit unserem Herrn Tibbetti sprechen, der ein einfacher Mann ist und ein Herz wie ein Kind hat.«

 

»O Wafa«, sagte einer der bewaffneten Leute, die fröstelnd und zitternd in den kalten Morgenstunden am Ufer standen. »Wenn die Sache nur gut ausgeht – ich weiß nicht, ob dies ein gutes Palaver wird. Mein Bauch ist von Furcht erfüllt. Wir wollen alle vorher dieses Zauberwasser trinken, denn das gibt uns Mut.«

 

»Das werdet ihr tun, wenn ihr alle Befehle unseres Herrn genau ausgeführt habt«, erwiderte Wafa. »Habt keine Furcht, denn bald werdet ihr große Wunderdinge sehen.«

 

Sie hörten das tiefe Tuten einer Sirene, das einen einsamen Fischer mahnte, die schmale Fahrrinne zu verlassen, und plötzlich sahen sie den Regierungsdampfer um die Flußbiegung herumfahren. Das Boot sah glänzend weiß aus, die Schornsteine spien einen Feuerregen von Funken aus, und zwei graue Rauchwolken zogen hinter dem Dampfer her.

 

Wafa sprang in ein Kanu, und als er sah, daß die andern sich anschickten, ihm zu folgen, ruderte er schnell und kam in die Fahrrinne, aus der sich der erschrockene Fischer eben entfernt hatte.

 

»Gehe nicht dahin, o Fremder!« schrie der Isisimann, »Denn es ist unser Herr Sandi, und sein Dampfboot hat schon schrecklich gebrüllt.«

 

»Stirb, du unverschämter Schreihals«, brüllte Wafa, »du sollst ertrinken und auf dem Boden des Flusses liegen, du Sohn eines Fisches, du Vater einer giftigen Schlange!«

 

»Du fremder Frosch«, kam die schrille Antwort, »du armer Mann mit den Frauen zweier anderer Männer! Du hergelaufener Bursche, der keine Ziegen hat …«

 

Aber Wafa war zu begierig, seinen Plan auszuführen, um noch weiter auf die Schimpferei des andern zu achten. Er schlug das Wasser kräftig mit seinen breiten Rudern und erreichte die Mitte der Fahrrinne.

 

Bones stand auf der Kommandobrücke und zog persönlich die Leine zur Dampfsirene.

 

Zwei langgezogene, tiefe Rufe ertönten.

 

»Dieser verdammte Kerl!« sagte Bones vorwurfsvoll. »Wir werden ihn noch in Grund und Boden fahren.«

 

Patricia war gerade damit beschäftigt, in Bones‘ Kabine Staub zu fegen, und schaute heraus.

 

»Was ist denn los?« fragte sie.

 

Bones antwortete nicht. Er stellte den Maschinentelegrafen gerade in dem Augenblick auf rückwärts, als Yoka, der Steuermann, das Rad zurückdrehte.

 

Der Dampfer verlangsamte seine Fahrt und stand dann plötzlich still. Patricia kam besorgt auf die Brücke. Die »Zaire« war auf eine Sandbank aufgefahren und saß mit dem Vorderteil im Trockenen.

 

»Bringt den Mann an Bord«, befahl Bones wütend.

 

Gleich darauf stand Wafa vor ihm.

 

»O Mann«, sagte Bones und sah den Bösewicht durch sein Monokel an. »Welcher böse Geist hat dich geschickt, daß du hier mein feines Schiff anhältst?«

 

Er redete in der Isisisprache und war sehr erstaunt, eine Antwort in Küstenarabisch zu erhalten.

 

»Herr«, sagte der Mann, der sich anscheinend wenig um den Zorn seines Herrn kümmerte, »ich bin gekommen, um ein großes Palaver über Geister und Teufel mit dir zu halten, denn ich habe einen ganz großen Zauber gefunden.«

 

Bones grinste. Er hatte jenen Sinn für Humor, der über alle Aufregungen hinweghilft.

 

»Also, dann versuche einmal deinen großen Zauber, mein Lieber, und bringe dieses Schiff wieder ins tiefe Fahrwasser!«

 

Wafa war nicht im mindesten verlegen.

 

»Herr, es ist ein viel größerer Zauber. Es handelt sich dabei um Menschen. Ich kann dadurch die Toten wieder zum Leben zurückbringen, denn in diesem Walde gibt es einen wunderbaren Baum. Sieh, Herr!«

 

Er zog aus einem lose gerollten Gürtel ein Stück Holz. Bones nahm es in die Hand. Es hatte die Größe und Gestalt eines Maiskolbens, und man sah, daß es eben erst abgeschnitten worden war, denn es war noch feucht vom Saft. Bones roch daran. Es duftete schwach nach Rosinen und Kampfer. Patricia Hamilton lächelte. Das sah Bones wieder so ganz ähnlich, sich durch solche Kleinigkeiten von seiner großen Aufgabe abbringen zu lassen.

 

»Wo ist denn nun aber das Wunder, daß du es wagen darfst, mir in den Weg zu fahren, so daß mein schönes Schiff auf eine Sandbank gerät? Und was sind das für Leute?« Er zeigte auf sechs bemannte Kanus, die sich der »Zaire« näherten.

 

Der Mann antwortete nicht, nahm das Holz wieder aus Bones‘ Hand, zog ein Messer aus seinem Gürtel und strich damit über seinen bloßen Arm, als ob er es wetzen wollte.

 

»Hier ist ein feiner Zauber, o Herr. Mit diesem Holz kann ich viele Wunder tun. Ich kann kranke Leute stark und gesund machen und starke Leute schwach.«

 

Bones hörte, wie die Kanus an der Seite des Dampfers anstießen, aber er war im Augenblick zu neugierig, um darauf zu achten.

 

»So vollbringe ich meinen Zauber, Tibetti«, sprach Wafa mit eintöniger Stimme.

 

Er hielt den Griff des großen, scharfen Messers in seiner rechten Hand, das Holz in der Linken. Die Spitze des Messers war gerade auf das Herz des weißen Mannes gerichtet.

 

»Bones!« schrie Patricia.

 

Bones wich zur Seite und schlug mit der Rechten einen kräftigen Schwinger in das Gesicht des Mannes, der auf ihn zusprang. Er traf Wafa mit der Faust gerade unter das Kinn, so daß dieser nach rückwärts taumelte und zu Boden stürzte. Vom unteren Deck her erschollen Schreie, dann fiel ein Schuß.

 

Bones schob Patricia rasch in die Kabine und schloß die Tür hinter ihr. Im nächsten Augenblick zog er seine beiden Revolver aus dem Gürtel, vergewisserte sich mit einem Blick, daß sie geladen waren, und sprang vorwärts. Das Brückendeck war leer, und er raste die Leiter zu dem Vorderdeck hinunter. Zwei Haussas und ein halbes Dutzend Eingeborene lagen hier tot oder in den letzten Zügen. Die übrigen Soldaten kämpften verzweifelt mit irgendwelchen Waffen, die sie gefunden hatten, denn mit bezeichnender Sorglosigkeit hatten sie ihre Gewehre in Öl gelegt, damit sie in der feuchten Luft an Bord nicht rosteten. Nur die Schildwache hatte ihr Gewehr, und dieses wanderte von Hand zu Hand.

 

»O ihr Hunde!« brüllte Bones.

 

Die Angreifer wandten sich um und sahen sich den Mündungen der beiden Pistolen gegenüber. Damit war der Kampf zu Ende.

 

Später wurde Wafa in Ketten zur Brücke zurückgebracht, und seine Begleiter, die sich mit ihm auf dieses wahnsinnige Abenteuer eingelassen hatten, hockten vorn auf dem unteren Deck und waren mit den Beinen aneinander gebunden. Mit philosophischer Ruhe lauschten sie den Worten der Haussa-Wache, die ihnen in den buntesten Farben ihr kommendes Schicksal schilderte.

 

Bones saß in einem tiefen, bequemen Sessel, und Wafa kauerte vor ihm.

 

»Du sollst deinem Herrn Sandi sagen, warum du diese schlechte Tat getan hast, Wafa. Welche bösen Gedanken waren denn in deinem Herzen?«

 

»O Herr«, erwiderte der Gefangene, der sich nicht im mindesten fürchtete. »Welchen Vorteil habe ich, wenn ich spreche und dir antworte?«

 

Das Betragen dieses Mannes kam Bones sonderbar vor. Er wurde argwöhnisch, stand auf und trat nahe an ihn heran.

 

»Aha!« sagte er dann und biß sich auf die Lippen. »Das Palaver ist aus.«

 

Sie führten Wafa fort.

 

»Was ist los, Bones?« fragte Patricia ängstlich, die die Szene mitverfolgt hatte.

 

Bones schüttelte den Kopf. »Alles, was Sanders so mühsam aufgebaut hat, scheint zusammenzubrechen«, sagte er bitter.

 

Der düstere Ernst dieses sonst so fröhlichen jungen Menschen machte einen tieferen Eindruck auf Patricia als die Kriegsgeschreie der kämpfenden N’gombi, denn Sanders nahm eine große Stellung in ihrem Leben ein.

 

Nach einer Stunde war die »Zaire« wieder flott und fuhr mit Volldampf stromabwärts.

 

*

 

Sanders hielt die Gerichtssitzung in dem strohgedeckten Palaverhaus ab, das zwischen der Wache und dem kleinen, mit einem Palisadenzaun umgebenen Gefängnis in der Nähe des Flusses lag. Das Gefängnis selbst war durch blühende Sträucher und schöne, hohe Akazienbäume verdeckt, so daß man es von der Residenz aus nicht sehen konnte.

 

Wafa war der erste, der verhört wurde.

 

»O Herr«, sagte er, ohne im mindesten eingeschüchtert zu sein, »ich sage dir, daß ich nicht von den großen Wundern sprechen werde, die in meinem Herzen verborgen sind, wenn du mir nicht ein Buch 4 gibst, daß ich freigelassen werde.«

 

Sanders lächelte bitter. »Beim Propheten, ich sage die Wahrheit«, begann er ernst, und Wafa wand sich bei dem Eide, denn er wußte, daß er jetzt die Wahrheit hören würde – eine schreckliche Wahrheit. »In diesem Lande herrsche ich über Millionen von Männern«, sagte Sanders bedeutsam, »ich und zwei weise Herren. Ich regiere durch Furcht, Wafa, denn diese einfachen Männer kennen keine Liebe, es sei denn, daß sie sich selbst oder ihre eigenen Bäuche lieben.«

 

»O Herr, du sprichst die Wahrheit!«

 

»Wenn du nun den Herrn Tibbetti ermorden und diese böse Tat aus geheimen Gründen tun wolltest, so muß ich entdecken, welches Geheimnis dahinter steckt, damit ich das Land, das ich regiere, in der Hand behalte.«

 

»O Herr, das ist wahr.«

 

»Denn was bedeutet ein Leben mehr oder weniger oder ein größeres oder kleineres Leid für einen einzelnen Menschen, wenn das Wohl und Wehe von Millionen davon abhängt?«

 

»O Herr, du bist so weise wie Suleiman«, sagte Wafa, »laß mich deshalb gehen – denn es kommt ja nicht darauf an.«

 

Aber Sanders lachte grimmig. »Du könntest ja lügen, und wenn ich dich gehen lasse, habe ich weder die Wahrheit noch deinen Körper. Nein, Wafa, du sollst sprechen.« Sanders erhob sich von seinem Stuhl. »Heute noch wirst du in das Dorf der Ketten gebracht, und morgen werde ich zu dir kommen. Und wenn du dann nicht sprechen willst, werde ich ein kleines Feuer auf deiner Brust anzünden, und das Feuer wird nicht ausgehen, bis du stirbst. Das Palaver ist aus.«

 

So brachten die Haussa-Soldaten Wafa in das Dorf der Ketten, wo die Verbrecher für ihre Missetaten arbeiten. Am nächsten Morgen kam Sanders.

 

»Sprich jetzt!« sagte er.

 

Wafa starrte ihn mißtrauisch an, aber sein Gesicht zuckte, als er sah, daß die Soldaten Holzpfähle in den Boden trieben, an die er gefesselt werden sollte.

 

»Ich will die Wahrheit sprechen!« erwiderte er.

 

Er wurde in eine Hütte geführt. Sanders blieb wohl eine halbe Stunde allein mit ihm, und als er zurückkam, sah sein Gesicht eingefallen und grau aus. Er winkte Hamilton zu sich.

 

»Wir werden sofort zur Residenz zurückkehren«, sagte er kurz.

 

Zwei Stunden später waren sie dort.

 

Sanders saß in dem kleinen Telegrafenbüro, und der Morse-Apparat rasselte eine halbe Stunde lang. Zu gleicher Zeit summten und klapperten auch andere Apparate in andern Büros. Ein Unterstaatssekretär wurde aus dem Parlament gerufen, um Auskunft über gewisse Dinge zu geben.

 

Am selben Nachmittag um vier Uhr kam die Antwort, die Sanders erwartet hatte.

 

London sagt, Passierschein für Corklan gefälscht. Verhaften. Äußerste Maßnahmen ergreifen. Sofort rücksichtslos und durchgreifend vorgehen. Drei Kompanien afrikanischer Schützen, eine Gebirgsbatterie stehen zur Unterstützung bereit. Guten. Erfolg. Zentralverwaltung.

 

Sanders kam aus dem Büro und traf auf Bones.

 

»Alle Mann an Bord, mein Herr«, berichtete Bones. »Wir wollen sofort abfahren.«

 

Auf dem Wege zum Kai begegnete er Patricia.

 

»Ich weiß, daß die Lage sehr ernst ist«, sagte sie ruhig. »Ich werde an Sie denken.«

 

Sie reichte ihm beide Hände, und er drückte sie. Dann verließ er sie ohne ein weiteres Wort.

 

*

 

Mr. P. T. Corklan saß vor seiner neuen Hütte in dem Dorfe Fimini. Es war die größte Hütte, die die N’gombi jemals gesehen hatten. Hunderte von Paketen waren darin aufgestapelt, alle sauber verpackt und in Eingeborenentuch eingenäht.

 

Er rauchte keine Zigarre, denn seine Vorräte wurden knapp. Dafür kaute er einen Zahnstocher, denn diese sind billig, und man kann sie im Walde umsonst haben. Er rief seinen Vormann. »Wo ist Wafa?« fragte er.

 

»O Herr, er wird kommen, denn er ist sehr gewandt und schlau.«

 

Mr. Corklan fluchte. Er ging zum Ende des Dorfes, wo sich der Boden bis zu einem Streifen grüner Binsen niedersenkte.

 

»Sage mir, wie lange wird dieser Fluß noch Wasser führen?« fragte er.

 

»Herr, noch einen Monat.«

 

Corklan nickte. Solange der geheime Fluß Wasser hatte, konnte er entkommen, denn dieser sich in vielen Windungen hinschlängelnde Strom brachte ihn und seine reiche Fracht in spanisches Gebiet, wo er tiefes Wasser haben würde.

 

Sein Vormann wartete, als ob er ihm noch etwas zu sagen hätte. »O Herr«, begann er schließlich, »der Häuptling des N’coro-Dorfes schickt heute abend zehn große Zähne und ein Gefäß.«

 

»Wenn wir noch hier sind, werden wir sie in Empfang nehmen. Ich hoffe, daß wir schon fort sind.«

 

Aber dann nahte sich das unerwartete Verhängnis. Ein Mann, ganz in Weiß gekleidet, trat aus den Bäumen hervor und ging auf ihn zu, hinter ihm erschien noch ein weißer Mann und ein ganzer Zug eingeborener Soldaten.

 

»Schlimm!« sagte Corklan zu sich selbst. Er hielt den Augenblick für geeignet, sich eine der letzten Zigarren anzustecken.

 

»Guten Morgen, Mr. Sanders«, sagte er in anscheinend bester Laune.

 

Sanders sah ihn schweigend an.

 

»Das ist ein ganz unerwartetes Vergnügen«, fuhr Corklan fort.

 

»Wo haben Sie Ihre Schnapsbrennerei?« fragte Sanders.

 

Der dicke Mann lachte. »Die finden Sie da hinten im Wald dazu noch einen so großen Vorrat an süßen Kartoffeln, daß man fünfzig Gallonen Alkohol daraus destillieren kann, alles nach Soemmerings Methode. Qualität ebensogut wie in England.«

 

Sanders nickte. »Ich besinne mich jetzt – Sie sind der Mann, der damals auch die Brennerei im Aschanti-Land betrieben hat. Damals gelang es Ihnen, zu entkommen.«

 

»Jawohl, das war ich«, entgegnete der andere selbstzufrieden. »P. T. Corklan – ich arbeite niemals unter einem angenommenen Namen.«

 

»Ich kam durch Dörfer, in denen alle Männer und die meisten Frauen betrunken waren – ich kam durch verwüstete Ortschaften, in denen Männer und Frauen erschlagen waren, denn diese Leute sind nicht daran gewöhnt Alkohol zu trinken. Ich habe ein Jahr harter Arbeit vor mir, um diese traurigen Zustände wieder zu ändern. Sie haben eine ganze Provinz in kürzester Zeit verdorben, und soweit ich es beurteilen kann, wollten Sie ein Regierungsboot stehlen und auf neutrales Gebiet entfliehen mit den Schätzen, die Sie durch Ihr …«

 

»Unternehmen verdient haben«, fuhr Mr. Corklan verbindlich fort. »Sie haben das, was Sie da vom Schiff sagen, zu beweisen. Ich bin bereit, mich jeder Untersuchung zu unterwerfen. Es gibt kein Gesetz, das die Einfuhr von Alkohol verbietet. Diese Vorschrift haben Sie selbst erlassen. Ich habe die Gerätschaften für die Brennerei ins Land gebracht, das ist wahr – sie waren in Teile zerlegt, und ich habe sie nachher zusammengesetzt. Ich habe auch Alkohol hergestellt – das gebe ich alles zu.«

 

»Ich habe auf meinem Weg hierher auch einen treuen Angestellten der Regierung, einen gewissen Ali Kano, gefunden«, sagte Sanders leise. »Er lag am Ufer dieses geheimen Stromes, und ich sah die zwei tödlichen Schußwunden, die Sie ihm beigebracht haben.«

 

»Der Nigger spürte hinter mir her, deshalb habe ich ihn niedergeknallt«, erklärte Corklan.

 

»Das weiß ich. Ich lasse Ihnen die Wahl zwischen Erhängen und Erschießen«, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu.

 

Mr. Corklan ließ die Zigarre fallen. »Wie?« fragte er heiser. »Das – können Sie doch nicht tun – weil ich ein bißchen Alkohol für – Nigger fabriziert habe!«

 

»Sie haben einen Beamten ermordet«, erwiderte Sanders kurz. »Aber wenn es Sie trösten kann, so will ich Ihnen sagen, daß ich Sie auf alle Fälle zum Tode verurteilt hätte.«

 

Es dauerte eine Stunde, bis Mr. Corklan seine Gedanken so weit sammeln konnte, daß er sich für das Erschießen entschied.

 

Noch heute zeigen die N’gombi einen Hügel in der Nähe des Dorfes Fimini, den sie »Das Wasser der Verrücktheit« nennen, und sie glauben, daß an dieser Stelle böse Teufel ihr Wesen treiben.

 

    1. Ein schriftliches Versprechen