Kinderspiele

Kinderspiele

Bei meinen Alpenwanderungen traf ich einmal auf einen Trupp kleiner Kinder, die sich ein höchst eigenartiges, sonderbares Spiel ausgedacht hatten; das schien mir aber nur so, denn sie amüsierten sich auf eine ganz natürliche und sehr bezeichnende Weise. Sie waren durch ein Seil mit einander verbunden, trugen kleine Alpenstücke und Eishaken und erklommen einen niedrigen, bescheidenen Düngerhaufen unter Anwendung aller erdenklichen Vorsicht und Sorgfalt. Der ›Führer‹ an der Spitze des Zuges hackte zum Schein mit dem größten Fleiß Stufen in den Eisberg ihrer Phantasie, und keiner der kleinen Affen rührte sich, bevor ihm sein Vordermann nicht auf der höheren Stufe Platz gemacht hatte. Wären wir länger stehen geblieben, wir hätten ohne Zweifel auch einen schauerlichen Absturz mit angeschaut, hätten die kühnen Wanderer auf dem Gipfel ihr lautes Hurra rufen hören, wahrend sie die ›herrliche Aussicht‹ bewunderten, und gesehen, wie sie sich mit Gebärden völliger Erschöpfung auf der erhabenen Höhe niederwarfen, um auszuruhen.

In Nevada habe ich die Kinder oft ›Silbergraben‹ spielen sehen. Die Hauptsache war dabei natürlich ein Unglücksfall im Bergwerk, bei dem es zwei wichtige Rollen darzustellen gab: erstens, den Verunglückten, der in den Schacht gestürzt ist, und zweitens, den kühnen Helden, welcher in die Tiefe hinabgelassen wird, um jenen wieder ans Tageslicht zu befördern. Ein kleiner Knirps, den ich kannte, bestand regelmäßig darauf, beide Rollen zu spielen. Erst fiel er in den Schacht und kam ums Leben, dann erschien er wieder auf der Oberfläche und stieg abermals hinunter, um seine eigene Leiche zu holen.

Überall ist es der klügste Junge, der die Heldenrolle spielt. In der Schweiz ist er der erste Führer, in Nevada der Obersteiger, in Spanien der berühmteste Stierkämpfer u.s.w. Aber keine dieser Rollen kommt doch an Würde und Größe derjenigen gleich, die sich einmal ein siebenjähriger Pfarrerssohn meiner Bekanntschaft, Namens Jimmy, ausgesucht hatte. Sein Vater verbot ihm an einem Sonntag, Pferdebahnkutscher zu spielen, am nächsten Sonntag durfte er nicht Kapitän eines Dampfboots sein, den folgenden Sonntag wurde ihm untersagt, sein Kriegsheer in die Schlacht zu führen – und so ging es weiter. Endlich sagte das Söhnchen:

»Nun habe ich alles versucht, aber nichts war recht, Was darf ich denn spielen?«

»Das weiß ich nicht, Jimmy, aber du darfst nur etwas spielen, was für den Tag des Herrn paßt.«

Am folgenden Sonntag trat der Pfarrer leise in die Kinderstube, um zu sehen, ob die Kleinen auch nichts Ungehöriges trieben. Auf einem Stuhl mitten im Zimmer hing Jimmys Mütze; eine der kleinen Schwestern nahm die Mütze herunter, knabberte daran, reichte sie dann dem andern Schwesterchen und sagte:

» Iß von dieser Frucht, denn sie ist gut.«

Ach, die Kinder spielten die Vertreibung aus dem Paradiese – das ward dem würdigen Herrn mit Schrecken klar; ein Umstand beruhigte ihn aber gewissermaßen: »Ich habe Jimmy doch unrecht gethan,« sagte er bei sich; »solche Bescheidenheit hätte ich ihm nicht zugetraut; er hat sich diesmal keine der Hauptrollen ausgesucht, weder Adam noch Eva.« Allein auch dieser Trost wurde dem Vater bald genommen; er sah sich um und entdeckte Jimmy, der mit ehrfurchtgebietender Haltung in einer Ecke stand, die Stirn in finster drohende Falten gelegt. Was das zu bedeuten hatte, ließ sich leicht erkennen – er stellte die Gottheit dar.

Die erhabene Einfalt dieses Gedankens kann durch nichts übertroffen werden.

Peinliche Ohrenmusik

Peinliche Ohrenmusik

In den Gebirgsdörfern der Schweiz und sonst auf Weg und Steg schlägt einem fortwährend das Rauschen der Wasserbäche ans Ohr. Man bildet sich ein, es sei Musik und fühlt sich poetisch gestimmt; legt man sich ins Bett, so wird man davon in Schlaf gelullt. Aber allmählich wird es einem doch zu viel, man kann das Geräusch nicht mehr los werden; selbst in Einöden, wo die tiefste Stille herrscht, summt einem ein dumpfes, fernes Geräusch in den Ohren, ähnlich dem Gefühl, das man beim Anlegen einer großen Seemuschel ans Ohr empfindet. Man weiß anfangs gar nicht, wie es kommt, daß man so schläfrig und zerstreut ist, warum die Gedanken unfähig sind, einen Gegenstand festzuhalten oder zu verfolgen; setzt man sich zum Schreiben hin, so fallen einem die Wörter nicht ein; man vergißt, was man schreiben wollte, und sitzt da mit der Feder in der Hand, den Kopf zurückgebeugt, mit geschlossenen Augen und horcht peinlich auf ein dumpfes Brausen, wie das eines entfernten Eisenbahnzuges. Im festesten Schlaf läßt diese Spannung nicht nach, man horcht immer, horcht fortwährend, horcht mit ängstlicher Genauigkeit und endlich wacht man auf, gepeinigt, gereizt und unerfrischt.

Man kann sich diese Zustände gar nicht erklären. Tag für Tag ist es einem zu Mut, als wenn man die Nächte in einem Schlafwagen zugebracht hätte. Es dauert in der That wochenlang, bis man dahinterkommt, daß die ewigen Gießbäche und Gebirgsquellen an dieser Qual schuld sind. Jetzt ist es aber hohe Zeit, die Schweiz zu verlassen; denn sobald man die Ursache kennt, steigert sich die Qual um’s zehnfache. Das Rauschen ist zum wahnsinnig werden, sobald die Phantasie mitwirkt; man leidet dann die empfindlichsten physischen Schmerzen. Sobald man sich einem dieser rauschenden Bäche nur nähert, möchte man vor Angst schleunigst Reißaus nehmen und wie vor einem Feinde fliehen.

Acht oder neun Monate, nachdem ich die Qual jener Sturzbäche losgeworden war, wurde ich infolge des brausenden und donnernden Lärms in den Straßen von Paris von neuem davon ergriffen. Ich zog daher in den obersten Stock des Hotels, um Ruhe zu suchen. Gegen Mitternacht ließ das Getöse etwas nach und ich war schon im Begriff einzuschlafen, als ich ein neues sonderbares Geräusch vernahm. Ich horchte: offenbar führte irgend ein verrückter Mensch einen Matrosentanz in dem Zimmer über dem meinigen auf. Ich mußte natürlich warten, bis er fertig war. Während fünf langen, langen Minuten fuhr er mit dem schleifenden, walzenden Tanz fort, – dann erfolgte eine Pause, und dann fiel etwas mit einem schweren Plumps auf den Boden. Ich sagte mir: ›Jetzt zieht er die Stiefel aus, jetzt ist er – Gottlob! – fertig!‹

Wieder eine kleine Pause, und er setzte von neuem das Tanzen fort! Da sagte ich mir: ›Wahrscheinlich probiert er, ob es auch mit einem Stiefel am Fuß geht!‹ Bald kam wieder eine Pause, und wieder ein Plumps auf den Boden. Ich sagte mir: ›Gut; er hat den zweiten Stiefel ausgezogen, jetzt ist er fertig.‹ Aber er war nicht fertig; im nächsten Augenblick fing das Schleifen und Walzen wieder an.

›Hol‘ ihn der Kuckuck! jetzt geht es in den Pantoffeln weiter‹ Nach einiger Zeit trat wieder die alte Pause ein, und gleich darauf erfolgte der besagte Plumps auf den Boden noch einmal. ›Hol‘ ihn der Henker!‹ sagte ich, ›der hat zwei Paar Stiefel angehabt!‹

Während einer ganzen Stunde fuhr dieser Hexenmeister fort zu tanzen und Stiefel auszuziehen, bis er mindestens fünfundzwanzig Paar abgeworfen hatte, und mein Zustand schon an die äußersten Grenzen des Wahnsinns streifte.

Ich nahm mein Gewehr und schlich mich die Treppe hinauf. Der Kerl stand da, inmitten, eines ganz mit Stiefeln besäten Zimmers, er hatte noch einen Stiefel in der Hand, und er walzte – nein: – er wichste den Stiefel, wollte ich sagen. Er hatte nicht getanzt. – Er war der Hausknecht des Hotels und ging seinem Geschäfte nach.

Lebensgeschichte Mark Twain’s

Lebensgeschichte Mark Twain’s

In diesem und in den vorausgegangenen Bänden der » ausgewählten humoristischen Schriften Mark Twain’s« hat der Leser ohne Zweifel den amerikanischen Humoristen so lieb gewonnen und hochschätzen gelernt, daß er eine eingehendere Lebensbeschreibung desselben gewiß gern aufnehmen wird; zumal eine solche, welche – wie die nachfolgende – in mancher Beziehung neues Licht auf die Schriften des Verfassers wirft. Es hat gewiß einen eigenen Reiz, sich noch einmal an den Genuß der Lektüre Mark Twain’s und namentlich einzelner Episoden derselben zu erinnern, während man dem Verfasser auf seiner viel bewegten Laufbahn folgt. ‹

Erstes Kapitel

Erstes Kapitel

Erstes Kapitel

Samuel Langhorne Clemens.

Die Vorfahren des großen amerikanischen Humoristen, welche sowohl väterlicher- wie mütterlicherseits aus angesehenen Familien Englands stammten, hatten sich schon bald nach Gründung der Kolonien im Süden Nordamerikas angesiedelt.

Mark Twains Vater, John Marshall Clemens, ein kluger und charakterfester Mann, war in Virginien geboren. Er ließ sich zuerst in Lexington im Staate Kentucky nieder, der von jeher wegen seiner schönen Mädchen bekannt gewesen ist, und führte die reizende Jane Lambton als Gattin heim. Sie besaß, neben echt häuslichem Sinn, auch große Herzenswärme, natürlichen Witz und geistige Lebendigkeit. Daß ihr berühmter Sohn viel von der Eigenart seiner Mutter geerbt hat, unterliegt wohl keinem Zweifel.

Von Lexington wanderte die Familie Clemens nach Tennessee aus und zog dann im Jahre 1828 nach dem Städtchen Florida in Missouri. Hier erblickte Samuel Langhorne Clemens am 30. November 1835 das Licht der Welt. Schon drei Jahre später wechselten seine Eltern abermals den Wohnort und ließen sich in der am Ufer des Mississippi gelegenen Stadt Hannibal nieder, wo er seine Knabenjahre verlebte. Wer ›Tom Sawyer‹ gelesen hat, kennt diese Gegend. Die Bewohner gehörten der strengen kirchlichen Richtung jener Zeit an, im übrigen stand die Gesittung auf keiner höhern Stufe als in andern Sklavenstaaten; Leidenschaft, Anmaßung und Beschränktheit führten überall das große Wort.

Sams Vater, der sich durch unbeugsamen Sinn und streng rechtlichen Wandel rasch das Vertrauen seiner Mitbürger erworben hatte, ward im Jahre 1840 zum Friedensrichter ernannt. Wie einfach der damalige Geschäftsbetrieb war, ließ sich schon an der ganzen Ausstattung des Gerichtszimmers erkennen. Es enthielt außer einer alten Warenkiste, die vom Richter und den Advokaten als gemeinsamer Tisch benutzt wurde, nur noch vier Bretterstühle und eine lange Holzbank für die Geschworenen. Von diesem Lokal aus regierte der Richter Clemens die Gemeinde mit hoheitsvoller Würde und wußte durch Uebung einer für unsere Begriffe etwas summarischen Gerechtigkeit selbst unruhige Geister im Zaum zu halten.

Mark Twains Knabenzeit war reich an losen Streichen und Abenteuern. Er ward früh zur Schule geschickt, erntete aber dort durchaus keine Lorbeeren. Seine Mutter erzählt, Sam sei ein gutherziger, aber wilder und mutwilliger Knabe gewesen, der die Schule versäumte, so oft es irgend anging. Die Unbeständigkeit und Ausgelassenheit seines Wesens machte den Eltern große Sorge; nie, glaubten sie, werde er es in der Welt so weit bringen, wie seine ruhigeren und viel besonneneren Brüder. Oft folgte ihm der Vater von fern auf dem Schulweg, um zu sehen, was er anfange. Aber, sobald Sam dies bemerkte, verbarg er sich hinter einem dicken Baumstamm am Wege und ließ seinen Vater vorbeiziehen. Vater und Lehrer stimmten bald darin überein, daß es unmöglich sei, dem Jungen etwas beizubringen, da er entschlossen schien, nichts zu lernen. Nur die Mutter gab die Hoffnung nicht auf. Sie kannte Sams Vorliebe für alles, was sich auf die Weltgeschichte bezog, und sah, daß er nie müde wurde, Bücher dieser Gattung zu lesen; der Schulzwang aber, samt Lehrsystem und Leitfaden, war ihm unerträglich.

Mark Twain selbst schreibt einmal über diese Zeit: »Wir blieben gern in gemessener Entfernung von einander, mein Vater und ich. Unser Verhältnis bestand, sozusagen, in einer Art bewaffneter Neutralität, die in unregelmäßigen Zwischenräumen gebrochen wurde und immer großes Leid im Gefolge hatte. Wir gingen dabei ganz systematisch zu Werke: der Neutralitätsbruch war stets meines Vaters Sache und das Leid kam auf mein Teil.«

Wir brauchen bei Einzelheiten im Leben des jungen Sam nicht zu verweilen; denn Mark Twain hat uns in seinem ›Tom Sawyer‹ und in dessen Fortsetzung ›Huckleberry Finn‹ den besten Einblick in seine Jugendzeit eröffnet. Hat er auch nur einiges von dem dort Erzählten selber erlebt und erscheint in diesen prächtigen, in ihrer Art unübertrefflichen Erzählungen auch vieles im Lichte der Romantik, so zeigen sie uns doch weit besser als jede andere Beschreibung, unter welchen Eindrücken und Verhältnissen der Knabe aufwuchs und wie er als solcher dachte und fühlte.

Als der Vater starb und eine Witwe mit vier Kindern zurückließ, zählte Sam erst zwölf Jahre. Er sah sich, so gut wie seine Brüder, auf eigene Arbeit angewiesen. Nach mancherlei Versuchen, sich seinen Unterhalt zu erwerben, wurde er endlich Lehrling in der Druckerei des ›Weekly Courier‹, der Lokalzeitung von Hannibal.

In spätern Jahren kam er bei einem Festessen der Buchdrucker in New Jork auf diese Periode seines Lebens zu sprechen. »Ein Buchdrucker von damals,« sagte er, »war ein ganz anderer Mensch als heutzutage. Das weiß niemand besser als ich, denn ich habe ihn gut gekannt. Am Wintermorgen machte ich ihm das Feuer an; ich holte ihm Wasser vom Dorfbrunnen und fegte das Geschäftslokal; ich hob, ihm die heruntergefallenen Lettern vom Boden auf; war er dabei und sah zu, so legte ich die guten in sein Fach und warf die zerbrochenen in die ›Hölle‹; war er aber nicht zugegen, dann schüttete ich rasch alles unter die Schrift auf dem Formtisch, denn so machte es der ›Junge‹ immer hinter dem Rücken des Druckers und der ›Junge‹ – war ich. Am Samstag mußte ich die Druckbogen anfeuchten und sie am Sonntag umwenden, unsere Zeitung war nämlich ein Wochenblatt. Ich zog die Bogen durch die Presse, reinigte die Walzen, desgleichen die Formen, faltete die Zeitungen und trug sie in unbehaglicher Frühe am Donnerstagmorgen aus. Der Zeitungsträger war damals der interessanteste Gegenstand für sämtliche Hunde des Orts. Hätte ich alle Bisse aufbewahren können, die mir die Köter angedeihen ließen – Professor Pasteur würde ein Jahr lang daran zu kurieren haben. Auch die Exemplare, welche mit der Post fortgeschickt wurden, mußte ich einpacken; wir hatten hundert Abonnenten in der Stadt und dreihundertfünfzig auf dem Lande. Die städtischen Abonnenten bezahlten uns in Kolonialwaren und die ländlichen in Kohlköpfen und Klafterholz – wenn sie überhaupt bezahlten. Geschah es, so erwähnten wir es jedesmal mit Preis und Dank in der Zeitung. Wir mußten das thun, denn sonst lasen sie das Blatt nicht mehr.

»Jeder unserer geehrten Leser in der Stadt half uns bei der Herausgabe, das heißt, er erteilte Verhaltungsregeln und schrieb vor, welche Ansicht und Richtung wir vertreten sollten. Im allgemeinen machten wir uns das Leben nicht schwer. Geriet der Satz einmal in Unordnung, so ward das Blatt erst in der folgenden Woche ausgegeben. Auch sonst stellten wir von Zeit zu Zeit die Arbeit ein, z. B. wenn der Fischfang gerade ergiebig war. Es hieß dann, der Redakteur sei krank geworden – ein recht nichtiger Vorwand; als ob ein kranker Redakteur eine solche Zeitung nicht ebenso gut schreiben könnte, als ein gesunder; ja, wäre er tot gewesen, es hätte keinen Unterschied gemacht.

»Ich sehe das Lokal jener vorsündflutlichen Druckerei noch heute vor mir: die Preislisten der Pferdehändler an den Wänden, die Klumpen geschmolzenen Talgs im g-Fach, in das wir nachts immer das Licht stellten, das Handtuch, welches erst für schmutzig galt, wenn es so steif war, daß es von selber stehen konnte, nebst den übrigen Merkmalen und Sinnbildern, durch die sich ein derartiges Geschäft im Thal des Mississippi auszeichnete.«

Drei Jahre arbeitete er getreulich im Bureau des Couriers. Mit fünfzehn Jahren hatte er ausgelernt und hielt sich nun für einen fertigen Buchdruckergesellen. Als er eines Abends nach Hause kam, bat er seine Mutter um fünf Dollars und erklärte auf die Frage, wozu er sie brauche, er wolle auf die Wanderschaft gehen. Das Geld erhielt er nicht, aber die Absicht führte er doch aus, denn er hatte von seinem Wochenlohn, der fünfzig Cents betrug, einige Ersparnisse gemacht. Eines schönen Tages ging er heimlich auf und davon. Das Ziel seiner Sehnsucht war New York, wo er die Ausstellung besuchen wollte; er schlug sich auch glücklich dahin durch, indem er auf seiner Wanderschaft gelegentlich eine Stelle auf kurze Zeit annahm.

Als er nach New York kam, betrug sein ganzer weltlicher Besitz zwölf Dollars. Eine Zehndollarnote hatte er sorgfältig ins Aermelfutter genäht, zwei Dollars trug er in der Tasche. Zuerst sah er sich gründlich in der Ausstellung um, dann suchte er Beschäftigung und trat in die Greensche Druckerei ein, wo er zwei bis drei Monate arbeitete. Was ihn wieder von dannen trieb, war die zufällige Begegnung mit einem Mann aus Hannibal. Aus Furcht, dieser werde seinen Aufenthaltsort verraten, machte er sich unverzüglich nach Philadelphia auf den Weg. Auch hier fand er Arbeit in verschiedenen Zeitungsbureaus, hatte aber im übrigen manches Mißgeschick. So erzählt er uns unter anderm, er habe sich einmal auf der Straße eines armen Knaben angenommen, dem unrecht geschah und sei dafür von einem Feuerwehrmann so furchtbar durchgeprügelt worden, daß er aussah, wie ›Lissabon nach dem Erdbeben‹. Nach einigen Monaten fand er, daß er nun das Leben in den Oststaaten genugsam kennen gelernt habe. Die Zehndollarnote trug er noch immer im Aermelfutter und so brach er denn wieder nach dem Westen auf.

Zuerst wanderte er nach Cincinnati, wo er jedoch nur kurze Zeit blieb, von da nach Louisville und weiter nach St. Louis. Er war jetzt siebzehn Jahre alt. Gern wäre er in die Heimat zurückgekehrt, aber nur als gemachter Mann. Er faßte jetzt den Entschluß, Lotse auf dem Mississippi zu werden. Welche Schwierigkeiten es für ihn zu überwinden gab, bis dieser Plan verwirklicht wurde, schildert er selbst eingehend in seinem ›Leben auf dem Mississippi‹. Er hat das Andenken an jene Zeit, die ihn rasch zum Manne reifte, stets besonders hoch gehalten und es auch durch die Wahl seines Schriftstellernamens verewigt. Bei der Schiffahrt auf den Flüssen im Westen darf nämlich, der vielen Sandbänke und seichten Stellen wegen, das Senkblei kaum aus der Hand gelegt werden. Der Matrose am Bugspriet, der die Messung anstellt, ruft dem Kapitän an den gefährlichen Plätzen mit lauter Stimme zu, wieviel Fuß tief sein Lot unter die Wasserfläche sinkt, worauf der Kapitän es dem Lotsen wiederholt, damit dieser das Steuer richtig handhaben kann. › Mark twain!‹ schreit der Matrose, wenn er zwei Faden (zwölf Fuß) Wasser findet. Aus diesem, am Mississippi heimischen Ruf ist jetzt der weltberühmte Name des ersten amerikanischen Humoristen geworden. Daß er eigentlich Samuel Langhorne Clemens heißt, ist darüber fast in Vergessenheit geraten.

Zweites Kapitel

Zweites Kapitel

Zweites Kapitel

In Nevada und Kalifornien.

Bei Ausbruch des Bürgerkrieges befand sich Mark Twain als wohlbestallter Lotse auf dem Flußdampfer ›Alonzo Childs‹. Erst als dies Fahrzeug in ein Widderschiff der Südstaaten umgewandelt wurde, gab er seinen Platz am Steuer auf. Infolge des Bürgerkrieges konnte von einem regelmäßigen und einträglichen Stromverkehr nicht länger die Rede sein.

Nach Hannibal zurückgekehrt, trat Clemens, der damals 24 Jahre alt war, als Freiwilliger in die Südarmee unter General Price ein. Seine militärische Laufbahn war jedoch von kurzer Dauer; die kleine unorganisierte Schar, die ihn zum Leutnant wählte, – fünfzehn Mann, alles in allem – verrichtete keine großen Thaten. Fast wäre dem jungen Clemens die Ehre zu teil geworden, von General Grant zum Gefangenen gemacht zu werden; es gelang ihm jedoch, zu entkommen, und er beschloß nun, sein Glück im fernen Westen zu suchen.

Sein älterer Bruder, Orion Clemens, war seit kurzem zum Vizegouverneur von Nevada ernannt worden; und mit diesem begab sich unser jugendlicher Abenteurer nach Carson City. Doch ließ ihn die Sorge, daß er von vorüberziehenden Unionstruppen erkannt und an den Norden ausgeliefert werden könne, auch hier keine Ruhe finden. Bis er die Gefahr für beseitigt hielt, wollte er sich lieber in eine abgelegene Bergwerksgegend zurückziehen und wählte die Niederlassung ›Aurora‹ zum Aufenthalt. Hier arbeitete er zuerst um Tagelohn in einer Quarzgrube, dann für eigene Rechnung als Goldgräber. Auf kurze Zeit war er einmal Mitbesitzer des berühmten Erzgangs von Combstock und Millionär, ohne es zu wissen. Er erfuhr es erst, nachdem er seinen Anteil verkauft hatte.

Nach Nevada strömten damals die Abenteurer aus aller Herren Länder. Bankerotte Kaufleute, Studenten, die den Bücherstaub abschüttelten, um Goldstaub zu suchen, entlaufene Mörder und Diebe, unglückliche Spieler, und der Auswurf der großen Städte, alle suchten dort eine Zuflucht. In der ganzen Gegend herrschte ein buntes und oft recht tolles Drängen und Treiben; Stulpenstiefel, Zahnstocher und Revolver bildeten, wie Mark Twain behauptet, die unentbehrlichsten Bestandteile der damaligen Tracht.

Von Aurora aus schrieb der junge Clemens eine Anzahl Briefe an die Herausgeber des ›Enterprise‹ in Virginia City und nahm 1862 eine Redakteurstelle bei diesem Journal an. Viele der humoristischen Skizzen, die seinen späteren Schriftstellerruhm begründeten, erschienen um diese Zeit und zwar zum erstenmal unter dem Namen Mark Twain. Im täglichen Verkehr war sein trockener Witz oft sehr unterhaltend für die Kameraden, doch fürchteten sie ihn auch wegen der losen Streiche und derben Scherze, die er mit ihnen trieb und gegen die sie nie genug auf ihrer Hut sein konnten.

Von Virginia City aus führte Mark Twains Weg naturgemäß nach San Francisco, dem Zufluchtsort aller Abenteurer der Westküste. Er litt damals an fortwährendem Geldmangel und ging, um Arbeit zu suchen, gleich nach seiner Ankunft auf das Bureau des ›Morning Call‹, einer Zeitung, für die er schon in Nevada verschiedene Artikel geschrieben hatte. Sein Anzug bestand aus einem abgeschabten Filzhut, einem blauen Soldatenmantel und Beinkleidern, die nur bis zu den Stiefelschäften reichten. George Barnes, der Redakteur, empfing ihn freundlich, forderte ihn auf, gleich, am nächsten Tage mit der Arbeit zu beginnen und händigte ihm eine Anweisung auf die Geschäftskasse ein, damit er sich anständige Kleider verschaffe.

Die Beschäftigung muß Mark Twain jedoch wenig behagt haben. Stadtneuigkeiten und Polizeiberichte zu schreiben, war nicht nach seinem Geschmack. Wenn er irgend konnte, mied er es, den Verhandlungen auf dem Rathause beizuwohnen, und das Journal hatte wenig Nutzen von der Mitarbeiterschaft des unstäten, saumseligen Berichterstatters. Er selbst fühlte sich nicht an seinem Platz. So war er es denn wohlzufrieden, als ihm Barnes, dem zuletzt die Geduld riß, vorschlug, sich eine andere Anstellung zu suchen.

General Mc Comb, der mit Mark Twain befreundet war und eine hohe Meinung von seinem Schriftstellertalent halte, erzählt, Clemens sei ihm einmal auf der Straße begegnet und habe ihm mitgeteilt, daß er sich nächstens wieder als Lotse anstellen lassen wolle; Berichterstatter möge er nicht länger sein und er habe bereits eine Eingabe bei der Regierung in Washington gemacht, die wahrscheinlich berücksichtigt werden würde. Der General, dem dieser Entschluß höchlich mißfiel, redete Mark Twain aus allen Kräften zu, den Plan aufzugeben, indem er ihm vorstellte, daß er es bei seinen Gaben zu etwas weit Besserem bringen könne, als sein Leben lang einen Flußdampfer zu steuern. Wenn er das Zeitungswesen satt habe, so solle er ein Buch schreiben oder Skizzen und was ihm sonst in den Kopf käme. Bei seinem originellen, kernigen Stil würde er sicherlich ein Publikum finden, das ihn zu schätzen wisse, und mehr verdienen als im Lotsenberuf. Mark Twain nahm den Rat des Freundes an und blieb der Feder getreu, mit der er später sein Glück machen sollte.

Zunächst beteiligte er sich mit Bret Harte an der Herausgabe des ›Kaliforniers‹. Viele seiner besten Skizzen erschienen in dem Blatt und fanden durch häufigen Nachdruck auch in den Städten des Ostens Verbreitung. Das Unternehmen hatte jedoch nur kurzen Bestand. Eines schönen Tages brachen die beiden Redakteure zusammen nach den Bergen auf, um zu versuchen, ob es ihnen mit dem Goldgraben besser glücken werde. Das war jedoch nicht der Fall, und Mark Twain fand bei der Rückkehr nach San Franzisco obendrein, daß er seine Gesundheit stark geschädigt hatte. Um sich zu erholen, ging er als Zeitungsreporter nach den Sandwich-Inseln und schickte von Honolulu aus sehr lesbare Artikel über die dortigen Zustände und Lebensgewohnheiten an die ›Union‹ in Sakramento zur Veröffentlichung.

Die Schönheit der Sandwich-Inseln schildert er noch in spätern Jahren wie folgt:

»Kein fremdes Land in der ganzen Welt hat je einen solchen Reiz auf mich ausgeübt, mir eine so sehnsuchtsvolle und lebendige Erinnerung hinterlassen, die ich mein halbes Leben lang, weder schlafend noch wachend los werden konnte. Andere Eindrücke verbleichen, aber dieser bleibt; andere Länder schwinden mir aus dem Gedächtnis, aber dies kann ich nie vergessen. Seine balsamische Luft umweht mich stets, auf seinem Meer strahlt die Sommersonne, ich höre die Brandung an die Klippen schlagen und sehe seine blumenbekränzten Ufer, die schäumenden Wasserfälle, die gefiederten Palmbäume in der Mittagsruhe, die fernen Berggipfel, die wie Inseln über die Wolken ragen. Noch durchströmt mich das wohlige Gefühl, das ich dort in der Waldeseinsamkeit empfunden habe, das Plätschern des Baches tönt mir im Ohr und ich atme noch den Duft der Blumen, die vor mehr als zwanzig Sommern verwelkt sind.« –

Das milde Klima von Hawai stellte Mark Twains Gesundheit schnell wieder her. Nach zweimonatlicher Abwesenheit lehrte er neugekräftigt nach San Franzisco zurück, um dort den Kampf ums Dasein weiter fortzusetzen.

Drittes Kapitel

Drittes Kapitel

Drittes Kapitel

Ein ›Harmloser‹ auf Reisen.

Im Winter von 1866 auf 67 hatte sich eine Anzahl begabter Journalisten in San Franzisco zusammengefunden, die kümmerlich von der Hand in den Mund lebten. Die bekanntesten unter diesen Glücksjägern, welche mit einander in der Bergmannsschenke speisten, waren Bret Harte, Stoddard, Webb, Mulford und Mark Twain. So drückenden Mangel wie Samuel Clemens, der nicht selten am Hungertuche nagte, litt jedoch keiner von ihnen.

Einmal bot ihm ein Schauspieler, der ihn kannte, fünf Dollars für fünf gute Witze, die er in seiner Rolle anbringen wollte. »Kann leider nicht dienen,« gab ihm der Humorist zur Antwort, »denn fände man fünf Dollars bei mir armem Schlucker, so hielte man mich sicherlich für einen Dieb. Aber auch bei Ihnen, alter Junge, würde gleich jedermann denken, Sie hätten die Witze, die Sie zum besten geben, gestohlen, wenn sie einigermaßen anständig wären.«

Als im Januar 1867 Stoddard und Mulford mit Erfolg öffentliche Vorträge in San Franzisco gehalten hatten, erwachte auch Mark Twains Unternehmungsgeist und er begab sich auf eine Vorlesungstour in den Städten von Kalifornien und Nevada.

Ein Freund von ihm schildert uns seinen Vortrag in Carson City wie folgt:

»Das Publikum kam damals mit größter Bereitwilligkeit zu jeder Unterhaltung herbeigeströmt, die man ihm bot. Auch Mark Twain fand ein volles Haus, als er gegen acht Uhr die Rednertribüne bestieg. Er verbeugte sich höflich und faltete eine riesige braune Papierrolle auseinander, die wie eine Wandkarte aussah. Es stellte sich jedoch heraus, daß es seine Vorlesung war, die er auf große Bogen Packpapier mit Frakturschrift geschrieben hatte. Nun drehte er dem Publikum den Rücken zu, hielt sein seltsames Manuskript dicht an die Lampe, reckte den Hals, als könne er noch immer nicht sehen und fing an zu lesen.

»Sein Thema war die Zukunft Nevadas und er behandelte es auf ganz originelle Weise. Er weissagte, daß eine Periode ungeheuren Reichtums für die Bewohner des Staates im Anzuge sei, forderte sie auf, sich darauf vorzubereiten und erzählte die unglaublichsten Geschichten über schier unmögliche Entdeckungen von Silbergruben und Goldlagern, welche in nächster Zeit bevorstünden. Merkwürdigerweise erschloß sich unmittelbar darauf wirklich die reichste Fundgrube in Virginia City, so daß sich seine Prophezeiungen buchstäblich zu erfüllen schienen. Mark Twains Vorlesung an jenem Abend ist mir immer im Gedächtnis geblieben. Schade, daß sie nie gedruckt worden ist; ich habe in allen seinen Büchern, durch die er später berühmt wurde, kaum etwas Besseres gefunden.«

Mark Twain reiste mehrere Monate lang als Vorleser von einer Stadt zur andern und fand vielen Anklang; daneben schrieb er interessante Briefe an verschiedene Zeitungen des Ostens. Auch sammelte er damals den ersten Band seiner Skizzen, der im März 1867 erschien und nicht nur in Amerika, sondern auch in England begierige Leser fand.

Ueber Panama ging Clemens nun nach New York und von da nach Washington, wo er sich seinen Unterhalt erwarb, indem er Reisebriefe für kalifornische Journale schrieb. Auch als Vorleser trat er in der Bundeshauptstadt auf, wie aus folgender Schilderung hervorgeht:

»Am zweiten Morgen nach meiner Ankunft in Washington,« erzählt er, »kam ein Bekannter in aller Frühe zu mir in den Gasthof. Er weckte mich aus festem Schlaf und legte mir die niederschmetternde Frage vor, ob ich auch wisse, daß ich noch am Abend des selbigen Tages in Lincoln Hall eine Vorlesung zu halten habe? – Ich erwiderte, er müsse wohl übergeschnappt sein, sonst wäre er ruhig daheim im Bette geblieben, statt mir zu so ungelegener Zeit mit dergleichen Abgeschmacktheiten zu kommen. Er aber gab mir, zum Beweis, daß er ganz bei Verstande sei, eine Anzeige im Morgenblatt zu lesen, in welcher stand, daß Mark Twain am Abend einen Vortrag über die Sandwich-Inseln halten werde. Meine Ueberraschung war grenzenlos und mein Aerger nicht gering, denn ich sah wohl, daß irgend jemand mir den schlechten Streich gespielt haben müsse.

»Bei näherer Erkundigung stellte sich denn auch alsbald heraus, wie die Sache zusammenhing. Einer meiner Freunde vom Theater hatte in der Meinung, mir einen Gefallen zu thun, alle nötigen Vorkehrungen aufs gründlichste getroffen und nur die Kleinigkeit vergessen, mich von seinen Absichten in Kenntnis zu setzen. Die Lincoln-Halle war für den Abend gemietet, die Vorlesung durch Anschlagzettel in der ganzen Stadt angekündigt und alle Zeitungen brachten Anzeigen und besondere Notizen, um das Publikum auf den zu erwartenden Genuß vorzubereiten. Ich war in einer schönen Klemme und wußte mir keinen Rat, denn eine Vorlesung über die Sandwich-Inseln hatte ich weder je gehalten noch aufgeschrieben. Aber das konnte ich doch den Leuten nicht sagen – sie hätten es einfach nicht geglaubt, nachdem sie es auf den Zetteln gedruckt gelesen. Der einzige Ausweg, der mir blieb, war, mich in mein Zimmer einzuschließen und gleich nach dem Frühstück anzufangen, die Vorlesung zu Papier zu bringen. Das that ich denn auch im Schweiße meines Angesichts. Ich wurde wirklich bis halb acht Uhr abends damit fertig und fand bei meiner Ankunft im Saal eine so zahlreiche Zuhörerschaft, wie ich sie nie im Leben gesehen hatte.

»Ich pflegte zwar im allgemeinen mein Manuskript nicht zu benutzen, doch schrieb ich damals die Vorlesung immer nieder und legte die Blätter auf ein Lesepult, wenn ich die Tribüne betrat. Mein Gedächtnis war gut, ich brauchte auch keine Notizen, doch wollte ich für den Notfall das Manuskript bei der Hand haben und mich nicht der Beschämung aussetzen, es erst aus der Tasche ziehen zu müssen. Dies Bewußtsein beruhigte mich und flößte mir Mut ein, so daß keine verlegenen Pausen entstanden. Auch an jenem Abend ging alles gut, aber in meiner ganzen öffentlichen Laufbahn ist mir niemals wieder ein so saueres Stück Arbeit aufgebürdet worden, als das Abfassen jener Vorlesung über die Sandwich-Inseln.« –

Eines Nachmittags saß Mark Twain wie gewöhnlich in seinem kleinen dumpfen Zimmer, rauchte seine Thonpfeife und las mit großem Interesse, daß das Dampfboot ›Quaker City‹ binnen kurzem eine Fahrt nach Europa und dem Heiligen Lande antreten werde. Ohne zu ahnen, an welchem entscheidenden Wendepunkt seines Lebens er stand, schrieb er sofort an seinen alten Freund, General John Mc Comb, der damals Mitbesitzer des in San Franzisco erscheinenden Tagblatts ›Alta Kalifornia‹ war und bat ihn um einen Vorschuß von 1200 Dollars in Gold, den er durch Reisebriefe zu fünfzehn Dollars das Stück zurückerstatten wolle. Es war keine kleine Zumutung für eine kalifornische Zeitung in den sechziger Jahren, doch bewog Mc Comb die andern Teilhaber, das Gesuch zu bewilligen.

So kam es, daß Mark Twain in der ›Quaker City‹ den Ausflug mitmachte, welche eine geschlossene Gesellschaft nach dem Süden Europas und dem Orient unternahm. Kapitän Duncan, der den Dampfer befehligte, behauptet, Clemens habe sich, als er den Platz bestellte, für einen Baptistenprediger von San Franzisco ausgegeben, der seine angegriffene Gesundheit durch die Fahrt wieder herzustellen wünsche. In Wirklichkeit reiste er jedoch als Zeitungskorrespondent und wußte die Gelegenheit vortrefflich auszunützen.

Nach beendeter Reise kehrte Mark Twain zunächst nach Washington zurück, wo er seine Thätigkeit als Zeitungskorrespondent fortsetzte und die Abfassung seiner großen Reisebeschreibung, durch welche er seinen litterarischen Weltruf begründete, begann. Ein Bekannter aus jener Zeit erzählt über seine damalige Lebensweise:

»In seinem Zimmer herrschte der größte Wirrwarr, den man sich vorstellen kann; auf dem Schreibtisch, der eine förmliche Sehenswürdigkeit war, lag alles durcheinander, neben alten Manuskripten standen nicht selten alte Stiefel. Beim Schreiben legte er das Papier nie auf den Tisch, dazu gab es keinen Raum, auch hätte die aufrechte Stellung ihm nicht behagt. Die Füße auf einem Haufen Manuskripte, den Stuhl nach hinten übergekippt, Notizbuch und Bleistift in der Hand – so war er gewohnt zu arbeiten. Um seine Gedanken in Fluß zu bringen, bedurfte es überdies einer ganz besonderen Atmosphäre von Tabaksqualm, den er ohne Unterlaß aus seiner Pfeife dampfte.« –

Im März 1868 reiste Mark Twain in Geschäften nach San Franzisco, kehrte aber schon nach fünfmonatlicher Abwesenheit wieder in den Osten zurück. Unterwegs auf dem Dampfboot und während des Aufenthalts in Kalifornien vollendete er die › Innocents Abroad‹, zu deutsch ›Die Harmlosen auf Reisen‹, welchen Titel er den Schilderungen seiner Reise auf der ›Quaker City‹ gab, um dadurch seinen naiv unbefangenen Standpunkt als Beurteiler von Land und Leuten anzudeuten. Von New York aus sah er sich dann nach einem Verleger für sein Werk um, es wollte ihm aber damit, nicht nach Wunsch gelingen. Vergebens wandte er sich wohl an ein Dutzend New Yorker Firmen, dann bot er das Buch einem Verleger in Hartford an und schickte es endlich nach Boston und Philadelphia; überall fand er den gleichen Mißerfolg. In höchst begreiflicher Entmutigung legte er das Manuskript nun beiseite, bis es eines Tages zufällig einem seiner litterarischen Freunde in die Hände geriet. Diesem gefiel es ausnehmend und er konnte nicht begreifen, daß nicht jeder erfahrene und urteilsfähige Verleger auf den ersten Blick erkannt habe, welche Anziehungskraft ein von so echtem Witz und Humor übersprudelndes Buch gerade auf das amerikanische Publikum üben müsse.

Es gelang denn auch wirklich, die Amerikanische Verlagsgesellschaft in Hartford zur Herausgabe der ›Harmlosen auf Reisen‹ zu bewegen. Der Entschluß ward den Direktoren schwer, aber sie brauchten ihn nicht zu bereuen. Es wurden etwa 200 000 Exemplare verkauft, mit denen die Verleger etwa 75 000 Dollars Reingewinn erzielten. Mark Twain erhielt die Hälfte der Einnahme und war überglücklich. Außer ›Onkel Toms Hütte‹ hatte noch nie ein Buch einen ähnlichen Erfolg in Amerika aufzuweisen gehabt und mit einem Schlage war der Ruhm des Verfassers begründet.

Nachdem seit der Veröffentlichung der ›Harmlosen auf Reisen‹ bald fünfundzwanzig Jahre verflossen sind, hat sich in den von Mark Twain damals bereisten Ländern so manches verändert, daß das Werk heute lange nicht den unmittelbaren und frischen Eindruck macht wie nach dem Erscheinen. Die gelungensten Episoden aus demselben sind in dem gegenwärtigen Band wiedergegeben.

Unter den Passagieren des Dampfers ›Quaker City‹, mit welchem Mark Twain diese denkwürdige Fahrt nach Europa unternahm, befand sich auch die Familie des Richters Langdon aus Elmira im Staate New York.

Ein Sohn des Richters wird uns unter dem Namen ›Dan‹ in den ›Harmlosen auf Reisen‹ vorgestellt, seine Tochter Olivia aber, eine hübsche, talentvolle junge Dame, die damals etwas leidend war, machte einen tiefen Eindruck auf das Herz des Humoristen.

Die Nähe von Elmira mag wohl Mark Twain bestimmt haben, sich um eine Redakteurstelle in Buffalo zu bewerben, wenigstens finden wir ihn gegen Ende des Jahres 1869 dort an der Zeitung ›Expreß‹ beschäftigt. Bei gelegentlichen Besuchen in Elmira erneuerte er die Bekanntschaft mit Fräulein Langdon und hegte bald das sehnlichste Verlangen, sie die Seine nennen zu dürfen. Die Familie war sehr wohlhabend und lebte in den angesehensten Verhältnissen; doch es gelang dem feurigen Bewerber, alle Schwierigkeiten, die sich der Erfüllung seines Wunsches entgegenstellten, zu überwinden. Im Februar 1870 ward die Hochzeit gefeiert und eine glücklichere Ehe wird wohl auf Erden selten zu finden sein. Es war ein Bund zweier Herzen, dem alle äußeren Wechselfälle des Lebens nichts anzuhaben vermochten. Die Neuvermählten bezogen zuerst ihr eigenes behaglich eingerichtetes Haus in Buffalo, das ihnen der Schwiegervater am Hochzeitstage zum Geschenk gemacht hatte. Im Herbst 1870 gab Clemens jedoch seine Stellung am Buffalo Expreß auf, dessen Miteigentümer er zuletzt gewesen war, und zog nach Hartford in Connecticut. Die ›Harmlosen auf Reisen‹ brachten ihm bedeutende Summen ein, er war jetzt ein wohlhabender Mann und brauchte seine Feder nicht mehr in den Dienst der Tagespresse zu stellen, sondern konnte schreiben wann und wo es ihm beliebte, da seine Geisteserzeugnisse stets reißenden Absatz hatten.

1871 erschien ein neues Buch von ihm, › Roughing it‹, in welchem er mit köstlichem Humor sein abenteuerliches Leben unter den Goldgräbern schildert. Das Werk fand großen Beifall, was der Verfasser in seiner humoristischen Weise besonders der anregenden Wirkung des Tabaks zuschreibt. »Von meinem achten Jahre an,« berichtet er, »begann ich unmäßig zu rauchen, monatlich etwa hundert Zigarren; als ich zwanzig Jahre alt war, verbrauchte ich zweihundert den Monat und mit dreißig Jahren hatte ich es bis dreihundert gebracht. In meinem fünfzehnten Jahre rauchte ich einmal drei Monate lang gar nicht, ob das aber eine gute oder schlechte Wirkung hatte, erinnere ich mich nicht mehr. Mit zweiundzwanzig Jahren wiederholte ich den Versuch; mit vierunddreißig hörte ich anderthalb Jahre lang ganz auf zu rauchen. Meine Gesundheit wurde nicht besser davon, wahrscheinlich, weil an derselben überhaupt nichts auszusetzen war. Damals schrieb ich nur zum Zeitvertreib dann und wann einen Journalartikel, und eine Abnahme meiner Geisteskräfte war mir nicht gerade aufgefallen. Als ich mich nun aber eines Tages daran machte, laut abgeschlossenen Vertrags für einen Verleger ein Buch zu schreiben – nämlich › Roughing it‹ – da fühlte ich, wie schwer es mir wurde. In drei Wochen brachte ich nur sechs Kapitel fertig. Nun wußte ich, was die Glocke geschlagen hatte; ich gab den Kampf auf, rauchte wieder meine dreihundert Zigarren, verbrannte die sechs Kapitel und beendete das ganze Buch mit Leichtigkeit in drei Monaten.«

  1. In unser« Ausgabe betitelt: »Nach dem fernen Westen« und: »Im Gold- und Silberlande.« (Band 4 und 5 der humoristischen Schriften.)

Viertes Kapitel

Viertes Kapitel

Viertes Kapitel

Mark Twains spätere Werke.

Im Jahre 1872 unternahm Mark Twain eine Reise nach Europa, um mit dortigen Verlegern über die Herausgabe seiner Bücher zu unterhandeln. In England war er schon wohlbekannt und ein willkommener Gast. Er erzählt uns von einem Festmahl in London, zu welchem acht- bis neunhundert Personen Einladungen erhalten hatten und dem er auch beiwohnte. Bei Beginn des Festes wurden die Namen sämtlicher Berühmtheiten verlesen, welche anwesend waren, wobei die Versammlung jeden einzelnen mit mehr oder weniger Beifall begrüßte. Dies fand Mark Twain auf die Dauer ermüdend und er fing an, sich mit seinem Tischnachbar zu unterhalten, bis plötzlich ein wahrhaft betäubender Beifallssturm das Gespräch unterbrach. Von der allgemeinen Begeisterung mit fortgerissen, begann auch er aus Leibeskräften zu klatschen. »Wem gilt denn das?« fragte er endlich verwundert, als sich der Lärm noch immer nicht legen wollte. »Herrn Samuel Clemens,« war die Antwort. Das überwältigte ihn so sehr, daß er die Arme sinken ließ, regungslos sitzen blieb und sich in seiner Verwirrung nicht einmal dankend verbeugte.

Als ›Tom Sawyer‹ 1876 erschien, erreichte Mark Twain den Gipfel seines Ruhms. Das Buch fand ungeheuern Absatz; in kürzester Frist war immer eine Auflage nach der andern vergriffen. Im folgenden Jahre kam das ›Skizzenbuch‹ heraus, eine Sammlung humoristischer Erzählungen und Aufsätze, die der Verfasser gelegentlich in verschiedenen Zeitungsblättern veröffentlicht hatte. Es zeugt von seiner großen Vielseitigkeit und manche Liebhaber Mark Twains geben diesen kleinen Stücken den Vorzug vor seinen größeren Schöpfungen.

Die Reise, welche Mark Twain im Frühling 1878 mit seiner Familie nach Europa machte, lieferte ihm den Stoff für sein berühmtes Buch: ›A Tramp Abroad‹. Der Weg führte ihn durch England, Frankreich und die Schweiz nach Deutschland, wo er sich für den Sommer niederließ und eingehende Studien über Sprache, Sitten, Lebensgewohnheiten und Vergnügungen der Deutschen anstellte. Wir lernen in diesem Buch eine ganz neue und unterhaltende Persönlichkeit kennen, nämlich Twains Reisegefährten Harris, der bald Führer, bald Kurier ist, sich zur Zielscheibe vieler Späße hergeben muß und in allerlei Verlegenheiten gerät. Zu einer wörtlichen und vollständigen Wiedergabe im Deutschen eignet sich ›A Tramp Abroad‹ nicht, dagegen sind die vorzüglichsten Episoden daraus dem sechsten Bande unserer Auswahl einverleibt.

Nach Amerika zurückgekehrt, gab Mark Twain den ›Gestohlenen weißen Elefanten‹ heraus. In diesem Band findet sich auch das berühmte ›Brüder, knipst ein!‹ dessen Ursprung auf eine Einrichtung zurückzuführen ist, die damals versuchsweise in der New Yorker Stadtbahn getroffen wurde. Sie bestand in einer Art gegenseitiger Kontrolle für Schaffner und Reisende; die betreffende Verfügung der Direktion wurde in den Koupees angeschlagen; sie war zufällig so abgefaßt, daß sie sich von selbst zu reimen schien und eine Art Gassenhauer bildete, der bald in aller Munde war. Mark Twain hat diesen Umstand aufs trefflichste benützt, um seinen Witz auszulassen.

Im Jahre 1883 erschien das ›Leben auf dem Mississippi‹, welches ein bedeutendes Bruchstück aus dem eigenen Leben des Verfassers enthält. Im ersten Teil desselben schildert er aufs anschaulichste seine Thätigkeit als Lotse auf einem Dampfer des Riesenstromes, während er im zweiten Teil bei den Veränderungen verweilt, die sich seit dem Bürgerkriege auf dem Mississippi und an dessen Ufern vollzogen haben.

Eine Erzählung ganz eigener Art, mit der Mark Twain selbst seine genauesten Freunde überraschte, ›Prinz und Bettelknabe‹ folgte 1885. Es kann nicht eigentlich unter die humoristischen Schriften zählen, verrät vielmehr die eingehendsten und genauesten Kenntnisse der Zustände Altenglands, die nur als Frucht ausgedehnter Geschichts- und Sprachstudien gewonnen werden konnten.

In ›Huckleberry Finn‹, der Fortsetzung und dem Seitenstück von ›Tom Sawyer‹, das 1886 veröffentlicht wurde, bot der Verfasser seinem Publikum eine hochwillkommene Gabe. Sie berichtet die weiteren Erlebnisse Tom Sawyers und seines Freundes Huckleberry und macht den Leser mit einer Menge neuer Charaktere bekannt, die durch ihre Frische und Eigenart ungewöhnlich anziehend sind.

Ferner hat Mark Twain geschrieben: ›Der amerikanische Prätendent‹, – ›Ein Yankee an dem Hofe König Arthurs‹, – ›Die Jungfrau von Orleans‹. Die erste dieser Erzählungen erschien zwar in deutscher Uebersetzung, bleibt jedoch hinter anderen humoristischen Schöpfungen des Autors zurück. Die beiden anderen Erzählungen verraten gleich dem früher erwähnten ›Prinz und Bettelknabe‹, daß Mark Twain sehr eingehende Studien der altenglischen und altfranzösischen Geschichte getrieben hat; sein Werk über die »Jungfrau von Orleans« ist übrigens durchaus ernster Art. Dagegen zeigt er in seiner Erzählung ›Querkopf Wilson‹ (in deutscher Uebersetzung 1898 im Verlag von Rob. Lutz in besonderer Ausgabe erschienen) wiederum den Humor seiner besten Zeit, ja manche Kritiker schätzen ›Querkopf Wilson‹ als eine der genialsten Gaben des Autors. Die Erzählung spielt in den dreißiger Jahren in einem der damaligen Sklavenstaaten am Mississippi und er hat in ihr den Typus einer Negermutter geschaffen, der in seiner tragi-komischen Gestaltung kaum wirkungsvoller dargestellt werden könnte. Der eigentliche Held der Erzählung ›Querkopf Wilson‹ ist ein Sonderling, dem Mark Twain durch eine Reihe von Sprüchen, die im ›Kalender Wilsons‹ enthalten sind, einen Teil seiner eigenen Lebensweisheit in den Mund gelegt hat. – Von seinem allerneuesten Werk: der ›Reise um die Welt‹ wird später die Rede sein.

Von Mark Twains Büchern sind in Amerika über eine Million Exemplare verkauft worden und ungefähr halb so viele in England und den Kolonien; auch wurden die meisten seiner Werke ins Französische, Italienische, Deutsche, Norwegische und Dänische übertragen.

In Deutschland waren Mark Twains Schriften vor Erscheinen der vorliegenden Ausgabe wenig verbreitet. Erst durch diese, welche den schwer zu verdeutschenden Autor in einer allen Anforderungen entsprechenden guten Übersetzung zu billigem Preis bringt, und zwar durch Auswahl des Allerbesten und für Deutschland Passendsten, hat Mark Twain in Deutschland eine noch immer im Wachsen begriffene Volkstümlichkeit erlangt.

Fünftes Kapitel

Fünftes Kapitel

Fünftes Kapitel

Oeffentliche Vorlesungen.

Von vielen Seiten aufgefordert, vereinigten sich Mark Twain und George W. Cable im Jahre 1884 zu einer Rundreise durch die Vereinigten Staaten, um Vorlesungen aus ihren eigenen Werken zu halten. Ueberall, wohin die beiden Schriftsteller kamen, wurden sie mit Freuden aufgenommen und fanden volle Häuser. Wie wir bereits wissen, war für Mark Twain ein solches öffentliches Auftreten nichts Neues; schon 1866 und 1867 hatte er in Nevada und Kalifornien eine Reihe von Vorlesungen gehalten, sich auch bei verschiedenen Gelegenheiten in England vor einem größeren Publikum hören lassen. Sehr beliebt war er auch als Tischredner bei Festessen, seine Toaste in Boston und New York hatten Aufsehen erregt, auch seine Shakespearevorlesungen rühmte man als meisterhaft.

Die obenerwähnte Vorlesungstour dauerte fünf Monate und es trug sich manches Spaßhafte dabei zu. Als Clemens und Cable nach Albany, der Hauptstadt des Staates New York, kamen, machten sie dort in Gesellschaft mehrerer anderer Herren dem Gouverneur ihre Aufwartung und wollten auch das Kapitol besuchen. Der Generaladjutant war ausgegangen und sie mußten im Bureau auf seine Rückkehr warten. Clemens ließ sich behaglich an einem der Schreibtische nieder, die andern Herren setzten sich gleichfalls und bald war eine heitere Unterhaltung im Gange. Da kamen plötzlich von allen Seiten wohl ein Dutzend Schreiber und Beamte, die in der Abteilung beschäftigt waren, ins Bureau gestürzt, um nach ihrem Begehr zu fragen. Die Mitglieder der Gesellschaft sahen einander verwundert an, sie begriffen nicht, um was es sich handeln könne. Bald jedoch stellte es sich heraus, daß Mark Twain zufällig oder absichtlich auf den elektrischen Klingeln Platz genommen und die ganze Reihe auf einmal in Bewegung gesetzt hatte.

In Montreal befanden sich unter Mark Twains Zuhörern viele Franzosen; dies veranlaßte ihn zu folgender Anrede:

»Die hier anwesenden Gäste sind der größten Anzahl nach Franzosen; es wird daher wohl angemessen sein, daß ich wenigstens einen Teil meiner Rede in ihrer schönen Sprache halte, um doch einigermaßen verstanden zu werden. Mich überfällt immer eine gewisse Blödigkeit, wenn ich französisch sprechen soll; nur wenn ich in Aufregung gerate, geht es fließend. Auch bin ich, soviel ich weiß, noch nie für einen Franzosen gehalten worden, wenigstens nicht von Menschen, höchstens von Pferden. Ich hatte früher gehofft, mich durch den französischen Satzbau allein schon verständlich machen zu können, aber, der Versuch, welchen ich einmal in Quebec damit anstellte, mißlang gänzlich. Als das Dienstmädchen mir öffnete, fragte ich: ›Herr Soundso, ist er bei sich?‹ – Sie verstand mich nicht. Ich fuhr fort: ›Ist es, daß er noch nicht ist zurückgekehrt nach seinem Haus der Geschäfte?‹ – Sie begriff mich noch immer nicht. ›Er wird sein trostlos, wenn er hört, daß sein Freund Amerikaner ist angekommen und er nicht bei sich, ihm zu schütteln die Hand.‹ Selbst das verstand sie nicht – weshalb, ist mir unbegreiflich. Ja, sie wurde sogar ärgerlich und als ihr jemand von hinten zurief: ›Wer ist denn da?‹ erwiderte sie kurz: ›Ein Narr!‹ und schlug mir die Thür vor der Nase zu. – Vielleicht hatte sie nicht unrecht; aber wie konnte sie es wissen – sie sah mich doch zum allererstenmal! – Wie gesagt, ich möchte bei diesem Vortrag meinen Gefühlen gern auf Französisch Luft machen, aber ganz schmucklos, ohne alle blumigen Redensarten, denn nach meiner Meinung ist edle Einfachheit die größte Zierde jedes litterarischen Erzeugnisses! also: J’ai un beau bouton de mon oncle, mais je n’ai pas celui du charpentier. Sie vous avez le frommage du brave menuisier, c’est bon; mais si vous ne l’avez pas, ne vous désolez pas, prenez le chapeau de drap nour de son beaufrère malade. Tout à l’heure! Savoir faire! Qu’est ce que vous dites? Pâté de foie gras. Revenons à nos moutons. Pardon messieurs, pardonnez moi; j’ai essayé de parler la belle langue d’Ollendorf, aber das macht mir mehr Mühe, als Sie sich vorstellen können. Glauben Sie mir, ich habe es in bester Absicht gethan und so gut ich irgend konnte.« – Von seinen bekanntesten Tischreden erwähnen wir nur einen Toast auf das ›Weib‹. Er sagt dabei unter anderem folgendes:

»Die Tochter der modernen Zivilisation ist das kostbarste und auserlesenste Wunder, das uns je vorgekommen ist. Um sie zu erzeugen, müssen alle Länder, alle Zonen, alle Künste ihren Beitrag liefern: Ihr Weißzeug ist aus Belfast, ihr Kleid aus Paris, ihr Fächer aus Japan, ihr Bouquethalter aus China, ihre Uhr aus Genf, ihr Haar aus – ja, wo ihr Haar her ist, habe ich nie ausfindig machen können. Ich meine natürlich nicht ihr gewöhnliches Haar, mit dem sie zu Bette geht, sondern ihr Sonntagshaar, das Ding, das sie zusammendreht und dann immer rund um den Kopf wickelt wie einen Bienenkorb, unter dem sie zuletzt das Ende verschwinden läßt …«

Bald nachdem Clemens wieder nach Hartford zurückgekehrt war, suchte ihn dort ein angesehener Verleger auf, der von ihm einen literarischen Beitrag zu haben wünschte und sich erbot, jeden Preis dafür zu zahlen, den der Humorist fordern würde.

»Wissen Sie,« erwiderte ihm Mark Twain in seiner schleppenden Weise, »eben erst habe ich mir ein schauderhaft dickes Buch vom Halse geschrieben und den Bewohnern dieses unglücklichen Landes eine endlose Reihe Vorlesungen auf den Hals gejagt; mir ist zu Mute wie einer Riesenschlange, die einen Ziegenbock verschluckt hat. Ich muß wenigstens ein halbes Jahr still liegen, ohne auch nur den Schwanz zu rühren.«

Das sollte seine abschlägige Antwort bedeuten.

Sechstes Kapitel

Sechstes Kapitel

Sechstes Kapitel

Mark Twain daheim.

Als Clemens 1871 den Entschluß faßte, Buffalo zu verlassen und seinen dauernden Wohnsitz im Osten zu nehmen, wählte er, wie bereits erwähnt, Hartford in Connecticut. Die Stadt hatte ihm bei einem früheren Besuche gleich ausnehmend gefallen, da sie regen geistigen Verkehr und lebhaften Handel und Wandel mit ländlicher Zurückgezogenheit zu vereinigen schien.

In Nook Farm auf der Farmington Avenue, etwa fünfviertel Meilen von der Geschäftsgegend der Stadt entfernt, baute er sich ganz nach eigenem Geschmack ein geräumiges Wohnhaus aus verschiedenfarbigen Backsteinen und buntem Mörtel, welches mit seinen Giebeln, Bogenwölbungen und altertümlichen Fenstern einem jener altadeligen Herrenhäuser nicht unähnlich sieht, an welchen England so reich ist.

Von Mark Twains glücklichem Leben in den siebziger und achtziger Jahren hat ein Hausfreund ein anziehendes Bild entworfen. Er schreibt:

An Mitteln, sein Besitztum zu vergrößern und zu verschönern, hat es Mark Twain nicht gefehlt, seit er mit seiner jungen Frau in Hartford Einzug gehalten hat. Alles, was die Neuzeit durch Kunst und Erfindung zur Annehmlichkeit des Lebens beitragen kann, findet sich in ihrem Heim reichlich vertreten.

Mark Twains Arbeitszimmer ist im obern Stock und bietet eine herrliche Aussicht, die man am besten von einem der drei Balkons genießt, welche an das Zimmer stoßen. In einer Ecke steht der Schreibtisch und in der Mitte des Raumes das Billard, auf dem der Hausherr gern von Zeit zu Zeit ein Paar kunstgerechte Stöße thut, wenn er sich vom Schriftstellern erholen will. Es ist sein Lieblingsspiel, das er mit ebenso viel Eifer als Geschicklichkeit betreibt. Ein Freund erzählt von ihm, er habe einmal mitten in der Partie bemerkt, daß Funken, die aus dem Kamin gesprungen waren, einen Haufen loser Papiere auf dem Boden entzündet hatten und eine Feuersbrunst zu befürchten stand. Statt das Spiel zu unterbrechen, klingelte er nach dem Diener, befahl diesem, den Brand zu löschen und that zugleich einen wahren Meisterstoß mit dem Queue, das er in der Hand hielt. Mark Twain gerät nie in Aufregung.

Das Jahr zerfällt für ihn in zwei Teile. Vom 1. Juni bis Mitte September lebt er auf der Besitzung von Verwandten seiner Frau, in Quarry Farm bei Elmira im Staate New York. Hier ist für ihn ein Sommerhaus errichtet worden, das auf einer Bergspitze, sechshundert Fuß über dem Thalgrund, steht. Das Gebäude ist fast durchweg aus Glas und zwar nach dem Muster der Lotsenbehausung auf einem Mississippidampfer gebaut. Von allem Verkehr mit der Außenwelt abgeschlossen, beschäftigt sich Clemens hier hauptsächlich mit seinen schriftstellerischen Arbeiten. Jeden Morgen um halb neun begiebt er sich in seine luftige Schreibstube, die etwas abseits vom Hause liegt, und bleibt dort, bis das Blasen eines Horns ihn ungefähr um fünf Uhr zu Tische ruft. Dazwischen nimmt er keine Mahlzeit ein und es herrscht strenge Weisung, ihn während seiner Arbeitszeit nicht zu stören. Sein einziger Genuß währenddem ist seine Zigarre. Wie bekannt, ist er ein leidenschaftlicher Rancher und läßt die Zigarre selten ausgehen. Bei der Arbeit ist sie ihm geradezu unentbehrlich, da er ohne sie nichts von Belang zustande bringt. Auf Reisen nimmt er immer seine eigene Sorte mit, auch eine Auswahl der kurzen Pfeifen, an die er gewöhnt ist, und einen Vorrat Tabak. Ein Herr, der ihn bei seiner letzten Ueberfahrt nach Frankreich auf dem Dampfer traf, erzählt scherzend, er sei stets mit einem ungeheuern Tabakspaket und einer Anzahl Zigarrenschachteln auf Deck gekommen, da er die Sorge für diesen Teil seines Gepäcks keiner Menschenseele anvertrauen wollte. Wenn er sich eine frische Zigarre anzündete, so habe er unterdessen das Tabakspaket auf den Boden gelegt und mit dem Fuße festgehalten, damit es ihm niemand entwenden konnte.

Er ist übrigens beständig auf der Jagd nach einer Zigarre, die in Bezug auf Preis und Güte alle seine Ansprüche befriedigt. Einmal glaubte er die Sorte gefunden zu haben, die er suchte, und man sagt, daß nach einer Abendgesellschaft, die er im Winter bei sich in Hartford gab, jeder seiner Gäste sich vor dem Fortgehen eine von diesen Zigarren anzünden mußte. Am andern Morgen fand er sie sämtlich auf dem Schnee liegen, neben dem Fußpfad, der durch seine Wiese führt. Die Herren hatten sie alle aus Höflichkeit geraucht, bis sie im Freien waren, wo ihr Selbsterhaltungstrieb über die Höflichkeit siegte. Sie warfen die Zigarre fort, ohne zu bedenken, daß man sie bei Tageslicht finden werde. Durch die Entdeckung, welche der nächste Morgen brachte, war das Urteil über die neue Sorte ein für allemal gesprochen.

In Elmira arbeitet Clemens angestrengt. Er stellt da die Aufzeichnungen, die er das Jahr über in seinen Notizbüchern gemacht hat, zu einem Ganzen zusammen, beendet angefangene Arbeiten und giebt dem, was nur Entwurf war, seine endgültige Form. Es liegt übrigens nicht in seiner Art, bei einer schriftstellerischen Unternehmung zu bleiben und sie zu Ende zu führen, ehe er etwas Neues beginnt, sondern er hat immer eine Anzahl Pläne zugleich vor und arbeitet daran je nach Stimmung.

Außer seiner Leidenschaft für das Billard hat Mark Twain auch eine große Vorliebe für das Velociped. Er hält sich zwar in Hartford Wagen und Pferde, macht aber am liebsten große Ausflüge auf dem Zweirad. Auch ist er ein unermüdlicher Fußgänger; sein Freund, der Prediger an der Hartforder Kirche, welche Clemens regelmäßig besucht, begleitet ihn gewöhnlich auf seinen weiten Spaziergängen.

Führt Clemens in Elmira ein meist zurückgezogenes Leben, so ist dagegen sein Tageslauf in Hartford, wohin er im September zurückkehrt, voll Abwechslung und Unterhaltung. Hier hält er seine Zeit weniger streng zu Rate und überläßt sich ungehindert den Freuden des geselligen Verkehrs. Er bewirtet viele Freunde und sein gastfreies Haus bildet einen Mittelpunkt für die litterarische Welt. Howells, der ausgezeichnete Novellist, verkehrt stetig bei ihm, wie früher Bayard Taylor, Cable, Aldrich, Henry Irving und viele andere Berühmtheiten bei ihm zu Gaste gewesen sind; der Humorist Dudley Warner und die bekannte Harriet Beecher-Stowe wohnen ganz in seiner Nähe. Man sagt, daß er einmal, als er der Verfasserin von ›Onkel Toms Hütte‹ einen Besuch machte, in seiner Zerstreutheit vergessen hatte, Kragen und Krawatte anzulegen. Bei seiner Heimkehr bemerkte seine Gemahlin mit Schrecken, welchen gesellschaftlichen Verstoß er begangen habe; Mark Twain blieb jedoch höchst gelassen und sagte, er wolle es schon wieder gut machen. Er legte nun den Kragen nebst der Krawatte in eine Schachtel und schickte beides zu Frau Stowe hinüber.

Mark Twain liebt seine Häuslichkeit über alles und ist ein zärtlicher Gatte und Vater. Von seinen drei hübschen Töchtern ist Susan, die älteste, 1872 geboren, Clara 1874 und Jean 1880; ein Söhnchen starb schon in früher Kindheit. Frau Clemens ist zehn Jahre jünger als ihr Mann, einfach und anspruchslos in ihrem ganzen Wesen und Auftreten und von sanfter, stiller Gemütsart. Derselben soll, wie behauptet wird, jeder Sinn für ihres Mannes Witze abgehen. Bei dem Tode seiner Mutter habe Clemens geäußert, jetzt lebe kein Glied mehr in der Familie, das seine Witze verstehen könne.

Susan Clemens gilt für ihres Vaters Liebling und hat viel von seiner Begabung geerbt. In dem Tagebuch, das sie eine Zeitlang führte, pflegte sie allerlei kleine Familienereignisse aufzuzeichnen und eigene Bemerkungen hinzuzufügen. Frau Clemens las einmal darin folgenden Satz: »Der Vater braucht immer viel stärkere Ausdrücke, wenn die Mutter nicht dabei ist, oder wenn er glaubt, daß ›wir‹ es nicht hören.« Sie zeigte dies ihrem Gatten, der nun absichtlich mancherlei sagte, was dem Kinde auffallen mußte. Auch fand er seine Aussprüche nachträglich stets in dem Tagebuche verzeichnet, bis es einmal darin hieß: »Ich werde jetzt nichts mehr über den Vater schreiben, denn ich glaube, er hat mein Tagebuch gelesen und thut und sagt mit Fleiß viele Dinge, damit ich sie aufschreiben soll.«

Wir möchten diesen Abschnitt nicht schließen, ohne nochmals auf das schöne Band zurückzukommen, das Mark Twain und seine Gattin verbindet. Von ihr als der Erzieherin seiner Kinder schrieb er folgende goldene Worte:

»Meine Kinder haben keine treuere und bessere Freundin als ihre Mutter, das wissen sie, und was ihre Hand nur berührt hat, gilt ihnen als geheiligt. Nie hat sie ihnen unrecht gethan, nie ist sie ihnen gegenüber von der Wahrheit abgewichen; sie hält jedes Versprechen, ob es Lohn oder Strafe verheißt, darauf können sie sich verlassen; kein unverständiges Gebot ist je aus ihrem Munde gegangen und stets hat sie unbedingten Gehorsam verlangt. Freundlich und höflich müssen sie in Wort und Benehmen gegen Leute jeden Standes sein und auch ihnen wird stets die liebevollste Rücksicht zu teil. Das alles wissen sie, denn sie besitzen die beste und gütigste Mutter, die gelebt hat.«

Das Zusammenleben mit seiner edlen Gattin betrachtet Mark Twain als das größte Glück seines Lebens und wenn gelegentlich eine Trennung unvermeidlich ist, dann sucht er in einer täglichen Korrespondenz Ersatz. Es berührt uns in dem Zeitalter der Postkarten ganz wunderbar, wenn er erzählt, wie umfangreich der Briefwechsel zwischen ihm und seiner Frau bei jeder Trennung ist. Er schreibt ihr täglich. »In sechs Monaten,« sagte er einmal zu einem Bekannten, »habe ich mindestens 200 000 Wörter an meine Frau geschrieben, und diese Briefe sind nach meiner Ansicht auch in literarischer Beziehung das Beste, was ich je verfaßt habe, der Stil ist so leicht und fließend und die Schilderung so lebendig, wie sie mir nie gelingt, wenn ich für den Druck schreibe. Als ich dies einmal Herrn Walker vom ›Cosmopolitan‹ erzählte, meinte er, es sei eine kolossale Verschwendung, er würde mir 1000 Dollars für jeden dieser Briefe geben Das schrieb ich meiner Frau und sagte ihr, ich könne keine solche Verschwendung treiben, sie möchte mir die Briefe wieder schicken. ›Nur für 1500 Dollars das Stück‹, schrieb sie zurück. Aber ich weiß schon, wenn ich sie beim Wort nähme, würde sie aufschlagen.« –

Im übrigen kann Mark Twain sehr schreibfaul sein; wo Liebe oder Pflicht ihm nicht die Feder in die Hand drücken, läßt er dieselbe gerne ruhen. In dieser Beziehung ist folgende Anekdote charakteristisch: Der englische Schriftsteller Ballentine hatte lange auf eine Antwort von Mark Twain gewartet. Endlich verlor er die Geduld und schickte ihm mit der Post einen Briefbogen und eine Briefmarke, um ihn an seine Versäumnis zu erinnern. Als Erwiderung erhielt er folgende Postkarte: »Papier und Marke erhalten. Bitte, schicken Sie ein Kouvert.«

Siebentes Kapitel

Siebentes Kapitel

Siebentes Kapitel

Erfinder und Verleger.

Mark Twains Lebenslauf ist ganz der eines ›self made man‹, d. h. eines Mannes, der sich aus eigener Kraft emporgearbeitet. Seine Schriftstellerei hat darum so viel Kraft und Gehalt, weil sie erfüllt ist von dem, was der Autor selbst erlebt und durchgemacht. Er war nacheinander Buchdrucker, Lotse, Privatsekretär, Goldgräber, Redakteur und Vorleser und damit nicht genug wurde er auch noch Erfinder und Verleger. Die praktischen Erfindungen, die er gemacht und industriell verwertet hat, sind aus dem eigenen Bequemlichkeitsbedürfnis entstanden. So erdachte er ein besonderes Taschenbuch zum Aufzeichnen von Notizen und Einfällen aller Art. Clemens hatte immer vergeblich ein passendes Buch dieser Art gesucht, alle vorhandenen hatten nämlich die schlechte Gewohnheit, sich an der falschen Stelle aufzuklappen und ihn so irre zu machen. Sein Notizbuch dagegen schlägt sich mittels einer einfachen Vorrichtung immer am rechten Fleck auf – bei der zuletzt beschriebenen Seite.

Auch eine Weste hat Mark Twain erfunden, bei der die Tragbänder überflüssig sind, ein Hemd mit Kragen und Manschetten, in denen man keinerlei Knöpfe braucht, einen immerwährenden Kalender an die Uhr zu hängen und ein Brettspiel: eine Art Geschichtslotto, durch das sich die Jahreszahlen dem Gedächtnis einprägen sollen.

Als Schriftsteller ist Mark Twain vom Glück in hohem Grade begünstigt worden. Doch hat man ihn nach seinen ersten Erfolgen oft die Ansicht äußern hören, er würde, wenn er das Leben noch einmal von vorn anfangen könnte, seine Bücher selbst herausgeben, weil er als sein eigener Verleger weit mehr Gewinn mit dem Verkauf seiner Schriften erzielen könnte. Als er im März 1884 das Manuskript von ›Huckleberry Finn‹ beendet hatte, bot er es der ›Amerikanischen Verlagsgesellschaft‹ an, die durch Herausgabe seiner Werke zu bedeutendem Ansehen und Reichtum gelangt war. Mark Twain hatte bis dahin alles in allem etwa 400 000 Dollars Honorar erhalten. Ueber das neue Buch konnten sich jedoch Verfasser und Verleger nicht einigen. Lange schwankten die Verhandlungen hin und her; man bot ihm die Hälfte der Reineinnahme, aber das genügte ihm nicht, er verlangte sechzig Prozent des Gewinns. Hierauf glaubte sich die Gesellschaft nicht einlassen zu können, das Geschäft zerschlug sich und Mark Twain beschloß, seinen ›Huckleberry‹ im eigenen Verlage erscheinen zu lassen. In Verbindung mit seinem Neffen Charles O. Webster, von dessen Geschäftskenntnis er eine hohe Meinung hatte, gründete er die Firma Webster und Co., welche das neue Buch herausgab. Jedermann war auf das Ergebnis gespannt und siehe da – ›Huckleberry Finn‹ brachte seinem Verfasser eine Nettoeinnahme von 100 000 Dollars. Zwar starb der junge Webster bald darauf, aber der Name der Firma blieb unverändert bestehen. Sie veröffentlichte auch noch andere Bücher außer den Mark Twainschen und hat besonders mit den Memoiren des Papstes und den Denkwürdigkeiten des Generals Grant ein ungeheures Geschäft gemacht. Für letztere hatte Clemens der Familie Grant einen Preis geboten, den andere Verleger nicht zu zahlen wagten. Sie verstanden, nach seiner Ansicht, diese einzigartige Gelegenheit nicht zu würdigen. Welche Umstände schon nach einigen Jahren den Zurückgang der Firma Webster herbeiführten, ist uns nicht bekannt geworden.