Ein Miniaturreich im Weltmeer.


Ein Miniaturreich im Weltmeer.

Vor einiger Zeit ging durch die Zeitungen folgende Mitteilung:

»Die eigentliche ›Insel der Glückseligen‹ scheint die Pitcairnsinsel in den australischen Gewässern zu sein. Eine norwegische Barke hat diese Insel angelaufen und den Berichten des Barkenführers entnimmt der ›Daily Telegraph‹ folgendes: Solch ein Musterstaat ist vorher niemals bekannt gewesen. Die Gesetze desselben umfassen die kleinsten Dinge, und sind, was häusliche Angelegenheiten betrifft, geradezu mikroskopisch. Die Regierung komponiert die Hymnen für die Schulkinder, das Staatsoberhaupt entwirft nicht nur das Programm der täglichen Tänze, sondern spielt selber die Violine und geigt seinen Leuten die Tänze vor, mit denen sie jeden Werktag der Woche schließen.«

Das klingt so merkwürdig, daß einiges aus der Geschichte der Insel und ihrer Bewohner gewiß gern vernommen wird:

Vor ungefähr hundert Jahren brach auf dem englischen Schiffe ›Bounty‹ eine Meuterei der Mannschaft aus, der Kapitän und die Offiziere wurden den Wellen preisgegeben, während die Mannschaft im Besitze des Schiffes südwärts segelte. Sie landeten auf Tahiti, wo sie sich unter den Eingeborenen Frauen nahmen, begaben sich dann auf eine einsame Felseninsel, inmitten des Stillen Ozeans, die sogenannte Pitcairnsinsel, und machten das Schiff zum Wrack, indem sie alles zur Niederlassung brauchbare Material in und an dem Schiff auf das Eiland schafften. Pitcairns-Eiland liegt vom Weltverkehr so weit ab, daß nur selten Schiffe vorbeikommen. Man hatte die Insel für unbewohnt gehalten, bis im Jahre 1808 der Kapitän eines daselbst ankernden Schiffes zu seinem Erstaunen die Entdeckung der Insulaner machte. Die streitsüchtigen Meuterer hatten sich indessen gegenseitig bis auf zwei oder drei umgebracht, doch war bereits ein junger Nachwuchs vorhanden, so daß die Bevölkerung im Jahre 1808 27 Personen betrug. John Adams, der Rädelsführer, war noch am Leben: er war bis zu seinem 1879 erfolgten Tode der Beherrscher und Patriarch des Völkchens. Er war zu einem christlichen Lebenswandel übergegangen und sein Volk von 27 Köpfen bildete die frömmste und strengste Gemeinde der Christenheit. Adams hatte sich freiwillig unter den Schutz der englischen Flagge, die er aufhißte, begeben. Nach dem neuesten Zensus zählt die Bevölkerung 90 Personen: 16 Männer, 19 Frauen, 25 Knaben und 30 Mädchen, lauter Abkömmlinge der Meuterer. Sie sprechen nur die englische Sprache. Die Insel ragt wie Helgoland aus der See; sie ist dreiviertel Meilen lang und stellenweise bis zu einer halben Meile breit. Das Ackerland ist den verschiedenen Familien zugeteilt. Auch gibt es einen mannigfaltigen Viehstand: Ziegen, Schweine, Hühner und Katzen; aber keine Hunde oder sonst größere Tiere. Die Kirche auf Pitcairn ist zugleich Schule, Rathaus und Bibliothek. Das Staatsoberhaupt führt den Titel: ›Bürgermeister und Gouverneur, Untertan Ihrer Majestät der Königin von England‹. Dasselbe wird vom ganzen Volke gewählt; wahlberechtigt ist jeder Einwohner ohne Unterschied des Geschlechts.

Die einzige Beschäftigung der Leute, als sie entdeckt wurden, bestand in Landwirtschaft und Fischfang; ihre einzige Zerstreuung im Gottesdienst. Es gab weder einen Kaufladen noch Geld auf der Insel. Gewohnheiten und Bekleidung der Insulaner waren ebenso einfach wie ihre Gesetze. Sie lebten dahin in einer tiefen Sabbatruhe, fern von der Welt, ihrem Ehrgeiz und ihrer Drangsal. Einmal alle drei bis vier Jahre landete ein Schiff, das die mittlerweile veralteten Neuigkeiten von blutigen Schlachten, verheerenden Epidemien und gestürzten Thronen brachte, sodann gegen Seife und Flanell einige Yamswurzeln und Brotfrucht eintauschte, und dann wieder fortsegelte, um die Insel für ein paar Jahre sich selbst zu überlassen.

Vor einigen Jahren besuchte der Admiral Horsey an der Spitze der englischen Flotte in den pazifischen Gewässern die Insel und erstattete darüber an das Parlament einen Bericht. In demselben heißt es:

»Die Insulaner pflanzen Bohnen, rote und weiße Rüben, Kohl und etwas Mais, Ananas, Feigen- und Orangen-, Zitronen- und Kokosnußbäume. Ihre Kleider erhalten sie gelegentlich von vorüberfahrenden Schiffen im Austausch gegen Nahrungsmittel. Die Insel hat kein eigenes Wasser, da es aber eine Regenperiode auf der Insel gibt, fehlt es nicht daran. Trunkenheit ist ein unbekanntes Laster. Die Bedürfnisse der Insulaner sind vornehmlich: Leinwand, Flanell, Halbstiefel, Kämme, Seife, Tabak; auch Landkarten und Schiefertafeln für ihre Schulen, sowie Werkzeuge jeder Art tauschen sie gerne ein. Ich ließ sie mit einer Flagge zum Aufhissen bei der Ankunft von Schiffen versehen, sowie mit einer Handsäge, deren sie sehr bedürftig waren. Dies wird, wie ich hoffe, die Billigung der Lords finden. Sobald das freigebige englische Volk von den Bedürfnissen dieser kleinen würdigen Kolonie erfährt, wird es gewiß bereit sein, denselben abzuhelfen.

Gottesdienst wird jeden Sonntag um 10½ Uhr vor- und 3 Uhr nachmittags in dem von John Adams gebauten Hause gehalten. Derselbe wird streng nach der Liturgie der Kirche von England von Mr. Simon Young, ihrem erwählten Pastor, der in hoher Achtung steht, begangen. Eine Bibelstunde wird jeden Mittwoch gehalten, wo alle, die abkommen können, zugegen sind. Auch ist eine allgemeine Gebetstunde am ersten Freitag jeden Monats. Familiengebete werden in jedem Haus als Erstes in der Frühe und Letztes des Abends gesprochen, und nie wird gespeist, ohne daß Gottes Segen vor- und nachher erbeten würde. Von den religiösen Eigenschaften dieser Insulaner kann man nur mit der größten Hochachtung sprechen. Ein Volk, daß sich’s zum größten Vergnügen und zur Pflicht macht, im Gebet mit seinem Gott vereinigt zu sein und das fröhlich, fleißig ist und freier von Lastern als irgend eine andere Gemeinde, bedarf kaum eines Priesters.«

In dem Bericht des Admirals findet sich zum Schluß die geringfügig erscheinende Bemerkung: »Ein Fremder, ein Amerikaner, hat sich unlängst auf der Insel niedergelassen – eine zweifelhafte Erwerbung.« Der Admiral hatte keine Ahnung, wie sehr er mit seiner kritischen Bemerkung recht hatte. An diesen Amerikaner knüpft sich die Geschichte einer großen Revolution auf der sonst so stillen und friedlichen Insel. Über dieses Ereignis liegt von dem amerikanischen Kapitän Ormsby, welcher vier Monate nach des englischen Admirals Besuch zufällig auf die Insel kam, ausführliche Kunde vor, die wir in Kürze wiedererzählen.

Der obenerwähnte amerikanische Eindringling hieß Butterworth Stavely. Derselbe begann damit, sich durch alle möglichen Pfiffe und Kniffe bei den Pitcairnern einzuschmeicheln. Er wurde bald sehr beliebt; zumal er alle seine weltlichen Gewohnheiten verließ und sich mit ganzer Inbrunst auf die Religion warf. Bald übertraf er alle in der Ausdauer und Inbrunst des Betens und Hymnensingens. Sobald er die Zeit für gekommen erachtete, begann er heimlich die Saat der Zwietracht zu streuen. Es war von Anfang an seine überlegte Absicht, die Regierung zu stürzen. Zu diesem Zweck bediente er sich der verschiedensten Mittel. Bei den einen erweckte er Unzufriedenheit, indem er auf die Kürze der Sonntagsfeier hinwies, und drei- anstatt der eingeführten zweistündigen Gottesdienste befürwortete. Die Anhänger dieser Meinung verbündeten sich in der Stille zu einer Partei, um für ihre Reform zu wirken. Den Frauen redete er ein, daß ihre Stimme nicht genügend in der Gebetstunde vertreten sei; so entstand eine zweite Partei. Keine Waffe war ihm zu gering. Selbst die Kinder zog er zu sich herüber, indem er in ihren jungen Herzen Unzufriedenheit erweckte, durch seine Entdeckung, daß sie nicht genug Sonntagsschule hätten. Das erzeugte eine dritte Partei.

Als Stavely solchermaßen vorgearbeitet, führte er einen Schlag gegen die oberste Magistratsperson, Yames Russel Nickroy, einen Mann von Charakter und Tüchtigkeit, einen der wohlhabendsten Bewohner und Besitzer des einzigen Fahrzeuges auf der Insel, eines Walfischbootes. Um zu erzählen, wie sich das begab, muß in der Geschichte der Insel zurückgegriffen werden.

Eines der wichtigsten Gesetze auf der Insel ist das gegen Eigentumsverletzung; es gilt als das Palladium der Volksfreiheit. Vor etwa dreißig Jahren kam ein wichtiger Fall, der unter dieses Gesetz fiel, vor das Gericht. Ein Hühnchen, das der Elisabeth Young (damals 58 Jahre alt, eine Tochter John Mills, eines der Meuterer der ›Bounty‹) gehörte, richtete auf dem Grundstück Henry Christians (29 Jahre alt, ein Enkel Fletcher Christians, eines der Meuterer) Unfug an. Christian tötete das Hühnchen.

Nach dem Gesetz war Christian berechtigt, indem er das tote Huhn zurückgab, Ersatz für den von demselben angerichteten Schaden zu beanspruchen. Christian tat das letztere und beanspruchte einen Scheffel Yamswurzeln als Entschädigung, was Fräulein Young zu viel war. Sie klagte und das Gericht setzte die Entschädigung auf einen halben Scheffel herab.

Christian appellierte dagegen. Der Prozeß ging darauf durch alle Instanzen. Endlich – im vorigen Sommer – nachdem der Prozeß zwanzig Jahre geschwebt – war der Streit vor das höchste Obergericht gelangt. Dasselbe bestätigte das ursprüngliche Urteil. Christian mußte sich nun zufrieden geben, aber Stavely raunte dessen Verteidiger ins Ohr, er ›solle – bloß der Form wegen‹ – verlangen, daß ihm das betreffende Gesetz, auf das sich das Urteil bezog, vorgezeigt werde, damit er sich von seiner Existenz überzeugen könne. Das Gericht ließ diesen seltsamen Einfall gelten. Ein Bote wurde in das Haus des Bürgermeisters geschickt, welcher bald darauf mit der Nachricht wiederkehrte, das Gesetz sei aus dem Staatsarchiv verschwunden. Der Gerichtshof mußte darauf seine Entscheidung für null und nichtig erklären. Das Publikum aber geriet in große Aufregung über den Verlust des Gesetzes, das seine wichtigsten Freiheitsrechte enthielt. Auf Stavelys Antrag erfolgte die Anklage des Bürgermeisters. Seine würdige Haltung und ruhige Beteuerung, daß er an dem Verlust unschuldig sei, indem er das Staatsarchiv stets in der nämlichen Zigarrenschachtel aufbewahrt habe und dasselbe weder verlegt noch zerstört habe, half ihm nichts. Er wurde abgesetzt und sein Vermögen eingezogen. Das Erbärmlichste an der Geschichte war, daß von seinen Feinden als Grund, warum er das Gesetz vernichtet habe, angegeben wurde, er habe dadurch Christian nützen wollen, weil er sein Vetter sei. Und doch gab es auf der Insel außer Stavely keinen Menschen, der nicht Christians Vetter gewesen wäre. Denn es läßt sich denken, daß die ganze Einwohnerschaft mit der Zeit durch Heiraten so miteinander verbunden wurde, daß nachgerade ein jeder in allen möglichen verwandtschaftlichen Beziehungen zu den anderen stand.

Ein Fremder sagt z. B. zu einem der Insulaner: »Sie sprechen von jener jungen Frau als Ihrer Base; vor einer Weile nannten Sie sie Tante!« Er wird vielleicht darauf zur Antwort erhalten:

»Nun, sie ist meine Tante und auch meine Base; ferner ist sie meine Stiefschwester, meine Nichte, meine Base im 4., 23. und 32. Grad, meine Großtante, meine Großmutter, meine verwitwete Schwägerin, – und nächste Woche wird sie mein Weib werden!«

So war denn der Vorwurf des Nepotismus gegen den Angeklagten überaus schwach; aber schwach oder stark, er paßte in Stavelys Plan. Derselbe wurde alsbald an des Gestürzten Stelle zum Bürgermeister gewählt. Es regnete nun Reformen. Eine der ersten war, daß der zweite Sonntagvormittags-Gottesdienst, der sonst 35 bis 40 Minuten gedauert hatte und in welchem eine Fürbitte für jeden Weltteil, jede Nation und jeden Volksstamm eingelegt war, um eine Stunde verlängert und daß die Fürbitte auf alle erdenklichen Volker auf den verschiedenen Planeten ausgedehnt wurde. Die Neuerung gefiel allgemein und die Leute sagten sich: das sieht doch etwas gleich. Als Stavely das Verbot des Essens am Sonntag an die Stelle des bisherigen Verbots, an diesem Tage zu kochen, setzte, und die Sonntagsschule über den ganzen Sonntag dauern ließ, kannte der Jubel des Volkes keine Grenzen. Durch seine Neuerungen machte sich Stavely bald zum Abgott des Volkes.

Stavely wagte einen weiteren Schritt. Er begann unter der Hand die öffentliche Meinung gegen England aufzuwiegeln. Als er die Geister einzeln angeschürt, trat er öffentlich auf und erklärte, die Nation sei es ihrer Ehre und Vergangenheit schuldig, sich des drückenden englischen Joches zu entledigen. Darauf erwiderten einige besonnene Insulaner: »Wir fühlen den Druck nicht. Wie sollten wir? England sendet alle paar Jahre ein Schiff zu uns, das uns Seife und Tuch und was wir sonst brauchen, bringt, und läßt uns im übrigen in Ruhe.«

»Läßt uns in Ruhe?« entgegnete Stavely. »So haben Sklavenseelen jederzeit gefühlt und gesprochen. Solche Worte zeigen, wie tief ihr schon unter dem Druck der Tyrannei gesunken seid. Wie, hat euch aller Mannesstolz verlassen? Ist euch Freiheit nichts? Seid ihr zufrieden, immer nur ein Anhängsel an eine fremde und hassenswerte Macht zu sein, wo ihr doch berechtigt wäret, euern Platz unabhängig groß und frei in der erhabenen Familie der Nationen einzunehmen?«

Solche Reden verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Insulaner begannen das englische Joch zu fühlen; sie fühlten es, ohne zu wissen, wo und wie. Sie begannen zu klagen, zu murren, unter eingebildeten Ketten zu seufzen und sich nach Befreiung und Erleichterung zu sehnen. Ihre Abneigung gegen England wuchs. Während sie vordem auf dem Wege nach ihrem Kapitol freudig an dem englischen Banner hinaufsahen, schlugen sie jetzt die Augen vor dem Symbol ihrer Untertänigkeit nieder. Eines Morgens fand man die Flagge herabgerissen und in den Staub getreten. Niemand hißte sie wieder auf. Der Staatsstreich lag in der Luft. Nächtlicherweile kamen einmal einige Bürger zu Stavely. Es entspann sich folgende Unterhaltung:

»Wir können diese verhaßte Tyrannei nicht länger ertragen; wie entledigen wir uns derselben?«

»Durch einen coup d’état

»Was ist das?«

»Ein Staatsstreich, oder coup d’état ist so: Alles wird vorbereitet und zur verabredeten Stunde verkündige ich, als das Staatsoberhaupt, öffentlich und feierlich die Unabhängigkeit der Insel.«

»Das klingt einfach und leicht. Wir könnten das gleich tun. Womit sollen wir beginnen?«

»Bemächtigt euch aller Kriegsmittel und des öffentlichen Eigentums, veröffentlicht das Kriegsrecht, setzt die Armee und Marine auf Kriegsfuß und verkündigt das Kaisertum.«

Dieses schöne Programm blendete die Unerfahrenen. Sie sagten:

»Das ist groß – erhaben, aber wird England keinen Widerstand leisten?« »Es mag! Dieser Felsen ist ein Gibraltar!«

»Richtig, aber wie ist’s mit dem Kaisertum? Brauchen wir ein Kaiserreich und einen Kaiser?«

»Was ihr braucht, meine Freunde, das ist Einheit. Seht auf Deutschland, auf Italien. Sie sind geeinigt. Einigkeit tut not. Dieselbe verteuert zwar das Leben; aber das ist gleichbedeutend mit Fortschritt. Wir müssen ein stehendes Heer, eine Flotte haben. Daraus folgen selbstverständlich Steuern, aber diese sind nur Zeichen der Größe. Einig und groß, was wollt ihr mehr? Nur ein Kaisertum kann euch diese Wohltaten schaffen.«

So wurde am 8. Dezember Pitcairns-Eiland für ein freies und unabhängiges Reich erklärt und an demselben Tage fand unter großem Jubel und Festlichkeiten die Krönung von Butterworth I., Kaiser der Pitcairnsinsel statt.

Nie in der Geschichte der Insel war ein solches Schauspiel gesehen worden. Im Gänsemarsch zog das gesamte Volk – mit Ausnahme der kleinen Kinder – hinter dem Throne, auf welchem der Kaiser saß, mit Fahnen und Musik einher. Die Begeisterung kannte keine Grenzen.

Nun begannen unverzüglich die kaiserlichen Reformen. Adelsklassen wurden eingerichtet, ein Marineminister ernannt und das Walfischboot in Dienst gesetzt; ein Kriegsminister wurde berufen, mit dem Auftrag, sogleich zur Bildung eines stehenden Heeres zu schreiten. Ein erster Lord des Schatzes wurde ernannt und mit dem Entwurfe eines Steuerplanes betraut; zugleich sollte er Unterhandlungen eröffnen zum Abschluß von Schutz- und Trutzbündnissen, sowie von Handelsverträgen mit den fremden Mächten. Einige Generale und Admirale wurden eingesetzt, ebenso einige Kammerherren, Hofstallmeister und sonstige Hofchargen.

Damit aber war alles vorhandene Menschenmaterial verwendet. Der Kriegsminister, mit dem Titel ›Großherzog von Galiläa‹, beklagte sich, daß die sechzehn erwachsenen Männer des Reiches sämtlich hohe Ämter erhalten hätten und sich infolgedessen weigerten, in Reih‘ und Glied zu dienen; er sei deshalb in großer Verlegenheit betreffs seines stehenden Heeres. Der Marineminister, Marquis von Ararat, beklagte sich aus demselben Grunde; er erklärte sich bereit, das Walfischboot selbst zu steuern, müsse aber unbedingt Leute zum Rudern haben.

Der Kaiser tat das beste, was er in diesem Falle tun konnte: er nahm alle Knaben über zehn Jahre ihren Müttern weg und preßte sie zum Militärdienst, indem er so ein Korps von Gemeinen bildete, das von einem Generalleutnant und zwei Generalmajoren befehligt wurde. Das gefiel dem Kriegsminister, erregte aber die Feindseligkeit aller Mütter im ganzen Lande, welche sagten, ihre Lieblinge würden jetzt auf den Schlachtfeldern ein blutiges Grab finden.

Infolge der großen Spärlichkeit an lebendem Material trat die Notwendigkeit ein, daß der Herzog von Bethanien, der sonst Generalpostmeister war, in der Marine als Ruderer dienen und so hinter einem Adeligen niederen Ranges, dem Grafen Canaan, der zugleich die Stelle des Lordoberrichters begleitete, sitzen mußte. Das verwandelte den Herzog von Bethanien in einen offenen Unzufriedenen und in einen geheimen Verräter – was der Kaiser voraussah, aber nicht ändern konnte.

Die Dinge gestalteten sich schlimmer und schlimmer. Eines Tages machte der Kaiser Marie Peters zur Gräfin und heiratete sie, trotzdem ihm das Ministerium aus politischen Gründen entschieden geraten hatte, Emmeline, die älteste Tochter des Erzbischofs von Bethlehem, zu heiraten. Das rief in einem mächtigen Lager – dem der Kirche – große Unzufriedenheit hervor. Die neue Kaiserin verschaffte sich die Unterstützung und Freundschaft von zwei Dritteln der sechsunddreißig erwachsenen Frauen der Nation, indem sie dieselben als Ehrendamen an ihren Hof zog; aber damit machte sie sich die übrigen zwölfe zu Todfeindinnen. Die Familien der Ehrendamen begannen bald zu rebellieren, weil jetzt niemand daheim war, um das Hauswesen zu führen. Die zwölf hintangesetzten Damen weigerten sich, in die kaiserliche Küche als Mägde einzutreten; so war die Kaiserin gezwungen, die Gräfin von Jericho und andere große Hofdamen in Anspruch zu nehmen zum Wasserholen, Palastfegen und zur Verrichtung anderer niedriger Dienstleistungen. Auch das erregte wieder böses Blut.

Jedermann fing an sich zu beklagen, daß die zum Unterhalt des Heeres, der Marine und der kaiserlichen Hofhaltung auferlegten Steuern unerträglich drückend seien und die Nation an den Bettelstab brächten. Des Kaisers Antwort – »Blickt auf Deutschland, blickt auf Italien, was beklagt ihr euch? Alle großen Nationen haben für ihre Einigkeit Opfer gebracht!« – befriedigte sie nicht. Sie sagten: »Man kann die Einigkeit nicht essen, und wir verhungern. Der Ackerbau hat aufgehört; jedermann ist im Heere, in der Marine oder im Hofdienst, steht umher in einer Uniform, hat nichts zu tun, nichts zu essen, und niemand ist da, um die Felder zu bestellen.«

Als die Unzufriedenheit schon stark um sich gegriffen hatte, stellte sich im Staatshaushalt ein Defizit von mehr als 45 Dollar heraus; das machte einen halben Dollar auf den Kopf der Bevölkerung. Das Kabinett erörterte die Frage eines Anlehens. Auch von der Ausgabe von Schatzscheinen und Papiergeld, nach fünfzig Jahren in Yamswurzeln und Kohlköpfen einzulösen, war ernstlich die Rede.

Die Minister erklärten, die Löhnung der Armee, Marine und der Beamtenschaft sei bedeutend im Rückstand, und wenn nicht irgend etwas geschehe und zwar unverzüglich, so müsse der Staatsbankerott hereinbrechen und möglicherweise Aufstand und Revolution. Der Kaiser entschloß sich sogleich zu einer durchgreifenden, auf Pitcairns-Eiland bis jetzt unerhörten Maßregel. Er begab sich am Sonntag früh in feierlichem Aufzug zur Kirche, gefolgt von der ganzen Armee: dort befahl er dem Finanzminister, eine Sammlung vorzunehmen.

Das war die Feder, die das Kamel zusammenbrechen machte. Ein Bürger nach dem andern erhob sich und weigerte sich, diese unerhörte Gewalttätigkeit zu dulden – und jeder Weigerung folgte augenblicklich Konfiskation des Vermögens des Unzufriedenen. Dieses Verfahren machte den Weigerungen bald ein Ende, und die Sammlung nahm inmitten tiefen und ominösen Schweigens ihren Fortgang. Als der Kaiser mit den Truppen abzog, sagte er: »Ich werde euch zeigen, wer hier Meister ist.« Mehrere Personen riefen: »Nieder mit der Einigkeit!« Sie wurden sogleich festgenommen und vom Militär aus den Armen ihrer weinenden Angehörigen gerissen.

Mittlerweile aber hatte sich, wie jeder Prophet hätte voraussehen können, ein Sozialdemokrat entwickelt. Als der Kaiser vor der Kirchentür den vergoldeten kaiserlichen Schubkarren bestieg, schoß der Sozialdemokrat fünfzehn- oder sechzehnmal nach ihm – aber mit so merkwürdig sozialdemokratischer Unsicherheit im Ziel, daß er keinen Schaden anrichtete.

In der nämlichen Nacht folgte die Erschütterung. Die Nation erhob sich wie ein Mann – obgleich neunundvierzig der Revolutionäre vom andern Geschlecht waren. Die Infanterie warf ihre Mistgabel weg, die Artillerie ihre Kokosnüsse, die Marine empörte sich; der Kaiser wurde in seinem Palast ergriffen und an Händen und Füßen gebunden. Er war sehr niedergeschlagen und sagte:

»Ich befreite euch von der drückenden Tyrannei; ich erhob euch aus eurer Erniedrigung und machte euch zu einer Nation unter den Nationen; ich gab euch eine starke, festgefügte, zentralisierte Regierung; ich gab euch schließlich, was mehr ist, den Segen aller Segen – die Einigkeit. Ich habe das alles getan, und mein Lohn ist Haß, Schmach und diese Ketten. Da habt ihr mich; tut mit mir, was ihr wollt. Auf der Stelle entsage ich meiner Krone und allen meinen Würden, und gern entledige ich mich ihrer allzuschweren Bürde. Um euretwillen nahm ich sie an; um euretwillen lege ich sie nieder.«

Einstimmig verurteilte das Volk den Exkaiser und den Sozialdemokraten zu immerwährender Ausschließung vom Gottesdienst oder zu lebenslänglicher Zwangsarbeit als Galeerensklaven auf dem Walfischboot – sie konnten wählen. Am nächsten Tage versammelte die Nation sich abermals, hißte die britische Flagge wieder auf, setzte die britische Tyrannei wieder ein, erniedrigte die Adeligen wieder zu gemeinen Bürgern und richtete dann sogleich ihren Fleiß und ihre Aufmerksamkeit auf das Ausjäten der vernachlässigten Yamsfelder und auf die Wiederherstellung der alten nützlichen Gewerbe und der alten heilsamen und tröstlichen Frömmigkeit. Der Exkaiser gab das verloren geglaubte Gesetz gegen Eigentumsverletzung zurück und erklärte, er habe es gestohlen – nicht um jemanden zu schaden, sondern um seine politischen Ziele zu fördern. Daraufhin gab die Nation dem früheren Staatsoberhaupt sein Amt und auch sein konfisziertes Eigentum wieder zurück.

Nach reiflicher Überlegung zogen der Exkaiser und der Sozialdemokrat dauernde Ausschließung vom Gottesdienst der lebenslänglichen Arbeit als Galeerensklaven ›mit fortwährendem Gottesdienst‹, wie sie es nannten, vor, weshalb die Leute glaubten, daß die erlittene Angst den armen Teufeln den Verstand verwirrt hätte. Sie hielten es daher für geraten, dieselben vorläufig gefangen zu halten, was auch geschah.

Das ist die Geschichte von Pitcairns ›zweifelhafter Erwerbung‹.

Staatswirtschaft.


Staatswirtschaft.

»Die Staatswirtschaft,« schrieb ich, »ist die Grundlage einer jeden guten Regierung. Die weisesten Männer aller Jahrhunderte haben diesem Gegenstand stets –«

Hier wurde ich durch die Meldung unterbrochen, daß ein Fremder unten sei, der mich zu sprechen wünsche. Ich folgte dem Ruf, trat vor ihn hin und fragte nach seinem Begehr. Dabei war ich aus allen Kräften bemüht, die in mir gärenden staatswirtschaftlichen Gedanken festzuhalten und ihnen weder die Zügel schießen zu lassen noch zu dulden, daß sie sich im Geschirr verwickelten. Heimlich wünschte ich jedoch, der Fremde läge auf dem Grunde des Meeres und auf ihm eine Ladung Getreide, Ich war wie im Fieber; er blieb völlig kühl. Es tue ihm leid mich zu stören, sagte er, aber er habe im Vorbeigehen bemerkt, daß ich auf meinem Haus ein paar Blitzableiter brauchen könne. »Nun – und –« sagte ich, »was weiter, was wollen Sie?« Er entgegnete, er wolle nichts weiter, nur würde er die Blitzableiter gern bei mir anbringen.

Es ist noch nicht lange, daß ich einen eigenen Haushalt führe, bisher habe ich immer in Hotels und Kosthäusern gewohnt. Natürlich wollte ich aber vor einem Fremden von meiner Unerfahrenheit nichts merken lassen und als gewiegter Hausbesitzer auftreten; das wird jedermann begreiflich finden. Ich sagte daher mit ernster Miene, es sei schon längst meine Absicht gewesen, sechs oder acht Blitzableiter bei mir anbringen zu lassen, allein – der Fremde fuhr zusammen und sah mich fragend an, aber ich verlor die Fassung nicht. Wenn ich Fehler machte, sollte er mir meine Unkenntnis wenigstens nicht im Gesicht lesen. Er sagte, es würde ihm lieber sein, mich zum Kunden zu haben, als irgend einen andern in der ganzen Stadt. »Schon gut,« versetzte ich und stand eben im Begriff mich wieder an die Verfolgung meines großen Gegenstandes zu begeben, als er mich zurückrief und erklärte, erst müsse er genau wissen, wie viele Spitzen ich zu haben wünsche, an welchen Teilen des Hauses er sie anbringen solle und welcher Art von Stangen ich den Vorzug gäbe. Das war eine schöne Klemme für jemand, der erst so kurze Zeit verantwortlicher Hausbesitzer ist; aber ich hielt mich wacker, und er merkte mir höchst wahrscheinlich nicht einmal an, daß ich ein Neuling sei. Er solle acht Spitzen anbringen, sagte ich, sämtlich auf dem Dach, und Stangen von der besten Qualität nehmen. Die gewöhnliche Ware, lautete seine Antwort, könne er für zwanzig Cent liefern, gekupferte für fünfundzwanzig, mit Zink plattierte und spiralförmig gebogene für dreißig Cent den Fuß. Letztere würden jedem Blitzstrahl Halt gebieten, wohin er auch unterwegs sei, »seine Wirkung unschädlich machen und seinen weiteren Fortgang apokryph«. Ich sagte, »apogryph« wäre kein schlechtes Wort, da es aus heiliger Quelle stamme, aber, ohne der Philologie zu nahe zu treten, zöge ich die spiralförmig gebogenen Blitzableiter vor und würde diese Sorte nehmen. Hierauf erwiderte er, man könne zwar im Notfall mit zweihundertfünfzig Fuß auskommen; wenn die Arbeit aber ordentlich gemacht werden solle, so daß sie als die beste in der Stadt gelten, Gerechte und Ungerechte befriedigen werde und jedermann zwingen einzugestehen, er habe noch nie eine symmetrischere und hypothetischere Aufstellung von Blitzableitern gesehen, seit er das Licht der Welt erblickt – dann würde er, um diesen Zweck zu erreichen, sicherlich vierhundert Fuß verbrauchen müssen. Doch wolle er nicht auf seinem Kopf bestehen und gewiß sein möglichstes tun. »So nehmen Sie denn vierhundert,« sagte ich, »und machen Sie die Arbeit wie Sie wollen, nur halten Sie mich nicht länger auf.« Nachdem ich ihn glücklich losgeworden, brauchte ich eine halbe Stunde, um meine staatswirtschaftlichen Gedanken wieder da anzuknüpfen, wo ich sie gelassen hatte, und sie weiterzuspinnen, wie folgt:

»nicht nur die reichsten Schätze ihres Geistes zugewandt, sondern auch ihre Lebenserfahrung und ihre Kenntnisse. Die großen Lichter der Handelsgesetzgebung, der Völkerverbrüderung und der verschiedensten Lebensordnungen in allen Jahrhunderten, allen Kulturen, allen Nationen, von Zoroaster bis auf Horace Greeley, sind bemüht gewesen –«

Hier wurde ich wieder unterbrochen und gebeten, hinunterzukommen, weil der Blitzableitermann noch ein Anliegen habe. Ich eilte zu ihm, während in mir die mächtigsten Gedanken wogten und wallten und sich in so majestätische Worte kleideten, daß jedes derselben in einer langen Prozession von Silben einherzog, die schwerlich in weniger als fünfzehn Minuten vorüber sein konnte. Wieder befand ich mich in fieberhafter Aufregung ihm gegenüber, während er sanft und ruhig blieb. Er hatte die beschauliche Stellung des Kolosses von Rhodus angenommen; mit einem Fuß stand er auf meiner neugepflanzten Tuberose, mit dem anderen auf dem Stiefmütterchenbeet, die Hände in die Hüften gestemmt, die Hutkrempe ins Gesicht gezogen, ein Auge zugekniffen und das andere mit kritischem und bewunderndem Blick auf meinen größten Schornstein gerichtet. Ein solches Schauspiel zu betrachten, sagte er, sei die höchste Lebenslust. »Gestehen Sie selbst,« wandte er sich zu mir, »haben Sie je etwas von so entzückendem landschaftlichem Reiz gesehen, als acht Blitzableiter auf einem einzigen Schornstein?« Ich erwiderte, ich könne mich nicht gerade auf einen Anblick besinnen, der diesen überträfe, worauf er bemerkte, daß es nach seiner Ansicht auf Erden nichts gäbe, was sich an Naturschönheit damit vergleichen ließe – ausgenommen der Niagarafall. Um mein Haus zu einer vollkommenen Augenweide zu machen, brauche man nur noch die anderen Schornsteine etwas auszuschmücken, damit der ganze coup d’œil sich zu einer Harmonie entwickle, die geeignet sei, die Aufregung, in welche man durch den ersten coup d’état versetzt werde, einigermaßen zu mildern.

Als ich ihn fragte, ob er seine Art sich auszudrücken aus Büchern habe, die ich mir vielleicht irgendwo aus einer Leihbibliothek verschaffen könne, lächelte er wohlgefällig und meinte, solche Redeweise lasse sich nicht aus Büchern lernen. Nur wer mit dem Blitz vertraut sei, dürfe es wagen, sich ungestraft solcher Unterhaltungsform zu bedienen. Dann machte er einen ungefähren Anschlag und versicherte, wenn noch acht Blitzableiter über das Dach verteilt würden, so ließe sich mein Zweck wohl erreichen; mit fünfhundert Fuß des Leitungsmaterials dächte er auszukommen. Bei den ersten acht hätte er sich nämlich etwas verrechnet – nur um eine Kleinigkeit, etwa um hundert Fuß, genau könne er es noch nicht angeben. Ich sagte ihm, ich sei in schrecklicher Eile und wünsche das Geschäft schnell abzumachen, um wieder an meine Arbeit zu kommen. Da entgegnete er: »Einen Augenblick habe ich wohl daran gedacht, die acht Blitzableiter anzubringen und dann ruhig meiner Wege zu gehen. Mancher würde vielleicht an meiner Stelle so gehandelt haben, aber ich sagte mir: Nein, ich kenne den Mann nicht, und lieber möchte ich sterben, als einen Fremdling ins Unglück stürzen. Auf dem Haus sind noch nicht genug Blitzableiter, und ich rühre mich nicht vom Platz, bis ich ihm das gesagt habe und also getan, was ich wünschte, daß man mir in demselben Falle täte. – Fremdling, meine Pflicht ist erfüllt! Wenn der rekalzitrante und dephlogistische Himmelsbote Ihr Haus trifft, so – –«

»Schon gut, schon gut,« rief ich; »pflanzen Sie die andern acht auch auf – verwenden Sie meinetwegen noch fünfhundert Fuß spiralförmig gebogene Leitungsstangen; tun Sie, was Sie nicht lassen können; stillen Sie Ihr Sehnen, aber gestatten Sie Ihren Gefühlen nur so weit freien Lauf, als Sie mit dem Wörterbuch reichen können. Wenn wir uns jetzt genügend verständigt haben, möchte ich wieder an meine Arbeit gehen.«

Nun sitze ich schon seit einer vollen Stunde hier und versuche meinen Gedankengang da wieder aufzunehmen, wo ich zuletzt unterbrochen wurde; jetzt endlich ist es mir gelungen; ich fahre also fort:

»diesen großen Gegenstand zu bezwingen, aber selbst die Geistesmächtigsten unter ihnen haben einen würdigen Gegner an ihm gefunden, der sich nach jeder Niederlage nur um so mutiger erhebt. Der berühmte Confucius sagte, lieber wollte er ein tüchtiger Staatsmann sein, als Polizeipräsident. Cicero hat häufig den Ausspruch getan, daß die Staatswirtschaft die größte Wirtschaft sei, welche der Mensch imstande sei zu betreiben, und selbst unser Greeley hat im allgemeinen mit Nachdruck angedeutet, daß Staats –«

Hier ließ mich der Blitzableitermann wieder abrufen, und ich ging in einem Gemütszustand hinunter, der an Ungeduld grenzte. Er sagte, daß er untröstlich sei, mich noch einmal stören zu müssen – weit lieber wäre er gestorben. Aber wenn ihm eine Arbeit übertragen sei, von der man erwarte, daß er sie ordentlich und kunstgerecht ausführe und er nach Vollendung des Werkes, im Begriff sich seiner so wohlverdienten Ruhe und Erholung hinzugeben, noch einen betrachtenden Blick darauf werfe und zu seinem Schrecken gewahr werde, daß alle Berechnungen nicht genau genug gewesen seien und daß das Haus, für welches er ein persönliches Interesse fühle, falls ein Gewitter losbrechen sollte, dastehen werde, ohne auf der Welt einen anderen Schutz zu haben als sechzehn Blitzableiter auf dem Dach, ja dann – –«

»Kein Wort mehr,« schrie ich in wahnsinniger Erregung, »warum pflanzen Sie nicht hundertfünfzig auf? Zehn Stück auf die Küche, ein Dutzend auf die Scheune, ein paar auf die Kuh, einen auf die Köchin! Spicken Sie das ganze unselige Gebäude damit, bis es aussieht wie ein großes, zinkplattiertes, spiralförmig gewundenes, an den Spitzen versilbertes Stachelschwein. Fort ans Werk! Verbrauchen Sie das sämtliche verfügbare Material, und wenn Sie keine Blitzableiter mehr haben, stecken Sie Kolbenstangen auf, Ladestöcke, Wagendeichseln, Meßstangen – kurz alles, was Ihren schrecklichen Hunger nach künstlichen Landschaftsbildern zu stillen vermag, damit mein tobendes Gehirn und meine gemarterte Seele endlich Ruhe und Erlösung finden.«

Völlig ungerührt, lächelte das eiserne Geschöpf nur freundlich, streifte sich die Manschetten vorsorglich zurück und sagte, jetzt wolle er sich dahinter machen, daß es eine Art habe.

Seitdem sind drei Stunden vergangen, und mir scheint, ich habe mich noch immer nicht genügend beruhigt, um mich aufs neue der Staatswirtschaft, meinem hohen Thema, wieder zuzuwenden. Ich kann jedoch dem Wunsch nicht widerstehen, wenigstens einen Versuch zu machen, denn von der ganzen Weisheit der Welt liegt meinem Herzen nichts so nahe, und nichts beschäftigt meinen Verstand so sehr.

»– wirtschaft des Himmels beste Gabe für die Menschheit sei. Als der lockere, aber begabte Byron zu Venedig im Exil war, soll er die Bemerkung gemacht haben, daß, wenn ihm gestattet wäre zurückzukehren und sein vergeudetes Leben von vorn anzufangen, er seine klaren und nüchternen Stunden nicht dazu verwenden wolle, leichtsinnige Reime zu schmieden, sondern Aufsätze über Staatswirtschaft zu schreiben. Washington liebte diese herrliche Wissenschaft, Namen wie Baker, Beckwith, Judson, Smith sind auf ewige Zeiten damit verbunden. Sogar der unsterbliche Homer sagt in dem neunten Buch seiner Iliade:

fiat justitia, ruat coelum
Post mortem unum, ante bellum
Hic jacet hoc, ex-parte res
Politicum e-conomico est.

Der Gedankenreichtum des alten Dichters, verbunden mit der glücklichen Wahl der Worte, in die er seine erhabenen Bilder kleidet, haben diese Verse vor allen anderen berühmt gemacht, welche jemals –«

»Schweigen Sie, sage ich – kein Wort weiter! – Her mit Ihrer Rechnung und dann verschwinden Sie auf ewige Zeiten aus meinem Gesichtskreis. – Neunhundert Dollars? – Ist das alles? – Nun gut, auf diese Anweisung hier wird Ihnen jedes achtbare Bankhaus in Amerika Zahlung leisten. – Aber was bedeutet denn der Volksauflauf unten auf der Straße? – Nach den Blitzableitern wollen die Leute schauen? Du meine Güte! Haben sie denn noch nie im Leben Blitzableiter gesehen? – ›Noch nie einen solchen Haufen auf einem Dach,‹ sagen sie, wenn ich sie recht verstehe. Da muß ich doch einmal hinuntergehen und mir die Menschen betrachten, die eine solche Unkenntnis öffentlich zur Schau tragen.«

Drei Tage später. Wir sind alle in einem Zustand völliger Erschöpfung. Unser Haus, das wie ein Stachelschwein von Blitzableitern starrte, war vierundzwanzig Stunden lang der Gegenstand allgemeinen Staunens und das einzige Stadtgespräch. Die Theater standen leer, denn ihre neuesten szenischen Erfindungen konnten es bei weitem nicht mit meinen Blitzableitern aufnehmen. Tag und Nacht war unsere Straße von Zuschauern belagert; viele fuhren sogar vom Lande herein, um das Schauspiel zu genießen. Endlich am zweiten Tage kam uns glücklicherweise ein Gewitter zu Hilfe. Kaum begann der Blitz auf mein Haus loszugehen, als sich, sozusagen, sämtliche Bänke und Galerien im Handumdrehen leerten. Fünf Minuten später war im Umkreis einer halben Meile von meinem Besitztum kein einziger Zuschauer mehr zu erblicken. In den ferner gelegenen hohen Häusern jedoch drängte sich Kopf an Kopf an den Fenstern, auf den Dächern und überall. Das war auch nicht zu verwundern, denn alle Sternschnuppenfälle und glänzenden Feuerwerke eines Menschenalters zusammengenommen und gleichzeitig in einer ungeheueren Feuergarbe vom Himmel herab gegen ein schutzloses Dach losgelassen, hätten nicht die großartige pyrotechnische Wirkung erzielen können, durch welche mein Haus, mitten in der Dunkelheit, die während des Unwetters herrschte, wie mit Strahlenglanz umleuchtet war. Innerhalb vierzig Minuten schlug der Blitz – ich habe es genau gezählt – siebenhundertvierundsechzigmal in mein Grundstück ein, jedesmal angelockt durch einen der getreuen Blitzableiter. Er glitt an dem spiralförmig gewundenen Eisen entlang und schoß in den Boden, bevor er noch selbst recht wußte, wie ihm geschah. Während dieses ganzen Bombardements wurde mir nur eine einzige Schieferplatte zertrümmert und zwar deshalb, weil sämtliche Blitzableiter der Nachbarschaft in ein und demselben Augenblick alle Blitze, die sie gesammelt hatten, auf uns übertrugen. Seit Anbeginn der Welt war ein ähnliches Schauspiel nie gesehen worden. Während eines ganzen Tages und einer Nacht konnte kein Mitglied meiner Familie den Kopf aus dem Fenster strecken, ohne daß ihm das Haar ausgerissen und er so glatt rasiert wurde, wie eine Billardkugel; daß sich eins von uns hinausgewagt hätte, davon war schon gar nicht die Rede. Endlich wurde aber doch die entsetzliche Belagerung aufgehoben, weil auch keine Spur von Elektrizität mehr in den Wolken über uns vorhanden war, soweit meine unersättlichen Blitzableiter reichen konnten.

Sofort machte ich einen Ausfall, sammelte eine Schar unerschrockener Arbeiter um mich, und kein Bissen Brot kam über unsere Lippen, kein Schlaf in unsere Augen, bevor wir nicht das ganze Gebäude seiner schrecklichen Stachelrüstung entkleidet hatten. Nur drei Blitzableiter blieben auf dem Hause, einer auf der Küche und einer auf dem Scheunendach, wo sie noch heutigentages zu sehen sind. Erst als dieses geschehen war, wagten die Leute es wieder, unsere Straße zu betreten. Beiläufig will ich hier noch bemerken, daß ich während jener entsetzlichen Zeit meinen Aufsatz über die Staatswirtschaft nicht weiter geschrieben habe. Selbst jetzt sind mir Kopf und Nerven noch so angegriffen, daß ich die Arbeit nicht wieder aufnehmen kann.

Für Liebhaber. – Leute, welche dreitausendzweihundertundelf Fuß der besten, zinkplattierten, spiralförmig gewundenen Blitzableiterstangen und sechzehnhunderteinunddreißig versilberte Spitzen verwenden können – alles in leidlichem Zustande und obgleich durch den Gebrauch stark abgenutzt, doch für jeden gewöhnlichen Fall zu benützen – mögen sich zum Abschluß des Geschäfts an den Verfasser dieses Buches wenden.

Herrn Blokes ›Eingesandt‹.


Herrn Blokes ›Eingesandt‹.

Unser verehrter Freund, Herr John William Bloke aus Virgina-City, trat gestern abend spät in unser Bureau ein, wo ich als zweiter Redakteur tätig war. Sein Gesicht war schmerzentstellt. Mit dem Ausdruck herzzerreißenden Jammers, unter schweren Seufzern legte er das nachfolgende ›Eingesandt‹ auf das Pult und wandte sich mit abgemessenem Schritt dem Ausgang zu. An der Tür hielt er inne, schien mit Gewalt seine Gefühle zu bemeistern, nickte dann nach seinem Manuskript hin und hauchte, in Tränen ausbrechend, mit zitternder Stimme die Worte:

»Einer meiner Freunde! ach, entsetzlich!« Sein Kummer rührte mich so sehr, daß ich ganz vergaß ihn zurückzurufen, um ihm Trost zuzusprechen, bis er fort und es zu spät war. Das Blatt befand sich schon in der Presse, aber da ich wußte, daß unser Freund der Veröffentlichung seiner Mitteilung große Wichtigkeit beilegte und hoffte, es würde seinem kummervollen Herzen einen traurigen Genuß bereiten, dasselbe im Druck vor Augen zu haben, ließ ich sofort die Maschine anhalten und den Artikel in unsere Spalten einfügen.

»Entsetzlicher Unglücksfall,

Gestern abend 6 Uhr, als Herr William Schuyler, ein alter, ehrenhafter Bürger aus South-Park, seine Wohnung verließ, um sich in die untere Stadt zu begeben, wie es seit Jahren seine Gewohnheit ist, von der er nur im Frühling 1850 für kurze Zeit eine Ausnahme machte, als er genötigt war, wegen einer Verletzung das Bett zu hüten, die er sich bei dem Versuch zugezogen, ein durchgegangenes Pferd aufzuhalten, indem er kopfloserweise mit heftigen Gebärden hinter ihm drein schrie, ein Verfahren, welches das Tier, selbst einen Augenblick früher, unfehlbar erschreckt statt aufgehalten haben würde, und das, obgleich für ihn unheilvoll genug, doch noch entsetzlicher gemacht wurde durch den Umstand, daß seine Schwiegermutter zur Stelle war und Augenzeugin des traurigen Ereignisses sein mußte, während sie doch möglicherweise, wenn auch nicht mit Sicherheit anzunehmen, ebensogut anderswo Umschau nach Unglücksfällen hätte halten können, was übrigens gar nicht in ihrer Natur lag, vielmehr gerade im Gegenteil, wie ihre eigene Mutter gesagt haben soll – Gott hab‘ sie selig, sie starb vor ungefähr drei Jahren im sechsundachtzigsten Jahr in der gewissen Hoffnung einer seligen Auferstehung, denn sie war eine christliche Frau, sozusagen ohne Falsch und ohne Vermögen, was dem großen Brand Anno 1849 zuzuschreiben ist, der ihr sämtliche Habe einäscherte. Aber so geht es im Leben! Diese schauervolle Begebenheit möge uns allen zur Warnung dienen und uns anspornen, so gut zu leben, daß wir, wenn es einst ans Sterben geht, wissen, was wir zu tun haben. Die Hand aufs Herz! Wir wollen von heute an aufrichtig und ernst danach streben, die verhängnisvolle Flasche zu meiden.

(Morgenausgabe der California.)«

Der Chefredakteur ist hier gewesen und hat einen wahren Höllenlärm vollführt. Er raufte sich das Haar, stieß die Möbel in alle Ecken und schimpfte auf mich, als wäre ich ein Taschendieb. Er sagte, jedesmal, wenn mir auch nur auf eine halbe Stunde die Redaktion des Blattes überlassen bliebe, ließe ich mich vom ersten besten Wickelkind oder Tollhäusler überlisten. Er besteht darauf, daß Herrn Blokes unseliger Artikel der tollste Mischmasch ohne Sinn und Verstand ist, aus dem der Leser nicht das geringste erfährt. Es sei ein Unsinn gewesen, deswegen den Satz zu ändern.

Das hat man davon, wenn man gutherzig ist. Wäre ich auch so ungefällig und teilnahmlos wie gewisse Leute, ich hätte Herrn Bloke einfach gesagt, zu so später Stunde würden keine Mitteilungen mehr angenommen. Aber nein! Sein tränenreicher Schmerz rührte mein weiches Gemüt und mit Freuden ergriff ich die Gelegenheit, seinen Kummer ein wenig zu lindern. Schnell einige Eingangszeilen zu dem Artikel geschrieben und fort damit in die Druckerei, ohne weiter zu untersuchen! Und was ernte ich für meine Guttat? Nichts als Scheltworte und allerliebste Ehrentitel.

Nun will ich aber doch den Artikel einmal selbst lesen und sehen, ob all der Spektakel begründet ist. Sollte es der Fall sein, dann wehe dem Verfasser!

Ich habe es gelesen und muß in der Tat gestehen, daß es zuerst etwas konfus erscheint. Aber ich probiere es noch einmal.

Ich habe es zum zweitenmal durchgegangen – es scheint verwirrter denn je.

Ich habe es nun fünfmal durchgelesen, aber ich will verdammt sein, wenn ich auch nur eine Silbe davon verstehe. Es verträgt keine nähere Untersuchung. Man kann keine Klarheit hineinbringen. Erfahren wir etwa, was aus William Schuyler geworden ist? Nur gerade unser Interesse für ihn wird geweckt – dann wird er fallen gelassen. Wer ist denn dieser William Schuyler überhaupt? In welchem Teil von South-Park lebt er eigentlich? Er verließ seine Wohnung um sechs Uhr – ist er aber auch in der unteren Stadt angekommen und ist ihm irgend etwas zugestoßen? Ist er es vielleicht, der mit dem ›entsetzlichen Unglücksfall‹ etwas zu tun hat? Wenn man den Wust von Einzelheiten in dem Artikel bedenkt, sollte man doch auch wirklich etwas mehr daraus erfahren können. Aber man erfährt nichts, es macht alles nur noch dunkler. War Herrn Schuylers Beinbruch vor fünfzehn Jahren der ›entsetzliche Unglücksfall‹, welcher Herrn Bloke in unaussprechlichen Jammer versetzte und ihn veranlaßte zur Nachtzeit hier anzurücken und den Betrieb zu stören, damit die Welt doch ja sogleich von dem interessanten Umstand in Kenntnis gesetzt würde? Oder bezieht sich der ›entsetzliche Unglücksfall‹ vielleicht auf die Mutter von Schuylers Schwiegermutter und ihr verlorenes Vermögen? Oder sollte ihr vor drei Jahren eingetretener Tod gemeint sein? (obgleich sich keine Andeutung findet, daß derselbe durch einen Unglücksfall herbeigeführt wurde). Um es kurz zu fassen: Worin bestand der ›entsetzliche Unglücksfall‹? Warum schrie der Eselskopf von Schuyler unter heftigen Gebärden hinter dem durchgebrannten Pferde her, wenn er es aufhalten wollte? Und wie zum Henker konnte er von einem Pferde umgeworfen werden, das schon an ihm vorbei war? Was sollen wir uns ›zur Warnung dienen lassen‹ und wie sollen wir uns aus diesem Schriftstück voll Unbegreiflichkeiten eine Lehre ziehen? Was kann vor allem die ›verhängnisvolle Flasche‹ damit zu tun haben? Es ist gar nicht gesagt, daß Schuyler ein Trunkenbold gewesen, oder daß seine Frau oder seine Schwiegermutter oder das Pferd sich dem Trunk ergeben hätten – wozu also die Erwähnung der ›verhängnisvollen Flasche‹? – Mir scheint fast, daß, wenn nur Herr Bloke selbst die ›verhängnisvolle Flasche‹ gemieden hätte, so würde er gar nicht in solche Aufregung über diesen widersinnigen eingebildeten Unglücksfall geraten sein. Ich habe dieses alberne ›Eingesandt‹ mit seinen scheinbaren Wahrscheinlichkeiten wieder und wieder gelesen, bis es mir ganz wirr im Kopfe war, und doch habe ich nichts herausgebracht. Es muß allerdings ein Unglücksfall irgend welcher Art stattgefunden haben, aber es ist unmöglich festzustellen, wen er betroffen hat oder was geschehen ist. So schwer es mir wird, es scheint mir Pflicht, zu verlangen, daß wenn Herrn Blokes Angehörige wieder etwas mit Unglücksfällen zu tun haben, er seinem Bericht jedenfalls einige aufklärende Notizen beifüge, damit man aus dem Unfall einigermaßen klug werden kann und erfährt, wer der Betroffene ist. Lieber würde ich schon seine sämtlichen Verwandten auf dem Totenbette sehen, als noch einmal bis an den Rand des Wahnsinns gebracht zu werden, in dem Bestreben, ein ähnliches Machwerk wie das obige zu entziffern.

Ein geheimnisvoller Besuch.


Ein geheimnisvoller Besuch.

Der erste Mensch, welcher mich aufsuchte, nachdem ich mich in der Stadt niedergelassen hatte, war ein Herr, der sich damit einführte, daß er sagte, er sei Taxator und stehe mit der Abteilung für innere Einkünfte der Vereinigten Staaten in Verbindung. Ich sagte, ich hätte nie von diesem Geschäftszweig gehört, sei aber trotzdem sehr erfreut ihn zu sehen und bäte ihn, Platz zu nehmen. Er setzte sich. Mir fiel gerade nichts Besonderes ein, womit ich ihn unterhalten konnte, aber ich bedachte, daß, wer einem Hauswesen vorstehen will, auch die Pflicht hat, gesprächig, liebenswürdig und entgegenkommend zu sein. In Ermangelung von etwas anderem fragte ich ihn also, ob er seinen Laden in unserer Nachbarschaft eröffnen werde.

Er bejahte dieses, ohne jedoch, wie ich gehofft hatte, von selbst zu erwähnen was er verkaufe, und ich wollte doch nicht neugierig erscheinen.

Also versuchte ich es mit der Frage: »Geht das Geschäft gut?« und er erwiderte: »Hm, so so.«

Darauf sagte ich, wir würden bei ihm vorsprechen und wenn man uns in seinem Hause ebensogut bediene wie in anderen, so wollten wir ihm unsere Kundschaft zuwenden.

Er antwortete, sein Etablissement würde uns unzweifelhaft genügen. Ihm sei wenigstens noch nie jemand vorgekommen, der einen anderen Vertreter seines Faches aufgesucht hätte, nachdem er einmal mit ihm verhandelt habe.

Das klang ziemlich selbstbewußt, aber abgesehen von der natürlichen Schlechtigkeit, die uns allen im Gesicht geschrieben steht, sah der Mann ganz ehrlich aus.

Ich erinnere mich nicht mehr, wie es zuging, aber allmählich tauten wir auf und kamen in Fluß, das heißt unsere Unterhaltung, und nun ging es wie ein aufgezogenes Uhrwerk.

Es wurde geredet, geredet, geredet – wenigstens meinerseits, und gelacht, gelacht, gelacht – wenigstens seinerseits. Aber während der ganzen Zeit hatte ich die Geistesgegenwart nicht verloren, meine natürliche Schlauheit war auf ›vollen Dampf‹ gesetzt, wie die Maschinisten sagen. Ich war entschlossen alles zu erfahren, was sein Geschäft anging, trotz der dunkeln Antworten, die er gab, und zwar dachte ich es aus ihm herauszubekommen, ohne daß er es selbst gewahr wurde. Ich wollte ihn in eine tiefe, tiefe Falle locken, ihm alles über mein eigenes Geschäft erzählen und ihn dadurch so erwärmen und zutraulich machen, bis er nicht umhin konnte, mir ausführliche Mitteilungen über sein Geschäft zu machen, ehe er noch merkte, um was es mir zu tun war. »Du ahnst nicht, mein Sohn,« dachte ich bei mir selbst, »mit welchem schlauen Fuchs du es zu tun hast!«

»Können Sie wohl raten,« sagte ich, »wieviel ich im vergangenen Winter und Frühling mit meinen Vorlesungen eingenommen habe?«

»Nein, gewiß nicht – und wenn mein Kopf daran hinge! Erlauben Sie – etwa zweitausend Dollars, wie? – Aber nein, nein – so viel können Sie nicht verdient haben. Sagen wir siebzehnhundert.«

»Haha! das hab‘ ich mir gedacht! Meine Einnahmen für Vorlesungen letzten Winter und diesen Frühling betrugen vierzehntausendsiebenhundertundfünfzig Dollars. Was sagen Sie dazu?«

»Ja, das ist ja unglaublich, ganz unglaublich! Das werde ich mir merken. Und Sie meinten, das sei noch nicht einmal alles?«

»Alles! – kein Gedanke! Dazu kam noch mein Gehalt beim ›Täglichen Kriegsruf‹ auf vier Monate, ungefähr – ungefähr – nun, was würden Sie sagen, wenn ich es auf achttausend Dollars angäbe?«

»Was ich sagen würde? – Je nun – daß ich wohl auch in solchem Meer des Überflusses schwimmen möchte. Achttausend – das will ich mir merken! Und das ist alles noch nicht genug, Sie Glückspilz! Wenn ich Sie recht verstehe, haben Sie noch andere Einnahmen gehabt?«

»Hahaha! natürlich. Wir stehen erst beim Anfang sozusagen. Nun kommt noch mein Buch ›Unschuld auf Reifen‹ – Preis drei Dollars fünfzig Cents bis fünf Dollars, je nach dem Einband. Sehen Sie mir ins Auge und hören Sie: Während der letzten fünftehalb Monate – ganz abgesehen von allem, was vorher verkauft worden ist – nur während der letzten fünftehalb Monate haben wir fünfundneunzigtausend Exemplare von dem Buch abgesetzt. Fünfundneunzigtausend! Denken Sie einmal! Durchschnittlich vier Dollars das Exemplar, das macht vierhunderttausend Dollars, mein Freund – und ich bekomme die Hälfte!«

»Alle Wetter! Ich will das aufschreiben. Vierzehn – sieben – fünf – acht – zweihundert – Summa sagen wir – meiner Treu, die Gesamtsumme macht ungefähr zweihundertdreizehn oder vierzehntausend Dollars. Ist das möglich?«

»Möglich? Wenn irgend ein Fehler dabei ist, so habe ich zu wenig angegeben. Zweihundertvierzehntausend bar ist mein diesjähriges Einkommen, wenn ich überhaupt rechnen kann.«

Jetzt stand der Herr auf, um zu gehen. Mich überfiel der peinliche Gedanke, ob ich am Ende meine Enthüllungen umsonst gemacht habe. Noch dazu hatte ich mich durch seine laute Bewunderung verführen lassen, die Beträge recht ansehnlich zu vergrößern. Aber, nein, im letzten Augenblick überreichte mir der Herr ein großes Kuvert mit der Bemerkung, daß es seine Geschäftsanzeige enthalte, die mir jeden gewünschten Aufschluß geben könne, er würde stolz sein, einen Mann von so ungeheuerem Einkommen zum Kunden zu haben. Früher habe er gedacht, daß es mehrere wohlhabende Herren in der Stadt gäbe, aber sobald er geschäftlich mit ihnen in Verbindung getreten sei, habe es sich gezeigt, daß sie kaum genug besäßen, um davon leben zu können. Es sei wirklich eine solche Ewigkeit her, seit er einen reichen Mann von Angesicht gesehen, mit ihm gesprochen und ihm die Hand gereicht habe, daß er sich kaum enthalten könne, mir um den Hals zu fallen – ich würde ihn unendlich glücklich machen, wenn ich ihm die Erlaubnis gäbe, mich zu umarmen.

Das gefiel mir so gut, daß ich nicht versuchte Widerstand zu leisten, sondern dem biedern Fremdling gestattete, die Arme um meinen Hals zu schlingen und ein paar beruhigende Tränen zu vergießen, die mir den Nacken herabrieselten. Dann ging er seiner Wege.

Sobald er fort war, öffnete ich das Kuvert mit seiner ›Anzeige‹. Ich studierte sie aufmerksam vier Minuten lang, dann rief ich die Köchin herauf und sagte:

»Bitte, halten Sie mich – ich falle in Ohnmacht – Marie kann unterdessen die Pfannkuchen umwenden.«

Als ich wieder zur Besinnung gekommen war, schickte ich nach dem nächsten Schnapsladen und mietete mir um Wochenlohn einen Mann, der sich aufs Fluchen verstand, damit er die ganze Nacht aufsitzen und jenen Fremden verwünschen sollte, und mich am Tage manchmal dabei ablösen, wenn ich nicht weiter wußte.

Er war aber auch ein ganz abgefeimter Schurke. Seine ganze Geschäftsanzeige bestand aus weiter nichts als einem niederträchtigen Steuerzettel – einer Kette von unverschämten Fragen über meine Privatangelegenheiten, die beinahe vier engbedruckte Folioseiten einnahmen. Fragen, die mit so erstaunlicher Spitzfindigkeit zusammengesetzt waren, daß die ältesten Leute nicht herausgefunden hätten, was sie bedeuten sollten. Fragen, die so eingerichtet waren, daß man sein Einkommen ungefähr viermal so hoch angeben mußte, als es in Wirklichkeit war, aus lauter Angst, man könne eine Lüge beschwören. Ich suchte nach einem Ausweg, aber es schien keinen zu geben. Gleich die erste Frage paßte so vollkommen auf meinen Fall, wie ein Regenschirm auf einen Ameisenhaufen, wenn man ihn aufspannt:

»Wie hoch beliefen sich Ihre Einnahmen im vergangenen Jahr aus Ihrem Handel, Geschäft oder Beruf, gleichviel wo Sie denselben betrieben haben?«

Und diese Frage zog dreizehn andere von ebenso eindringlicher Art nach sich, von denen die bescheidenste Aufschluß darüber verlangte, ob ich einen Betrug oder Straßenraub verübt hätte oder durch Brandstiftung und andere geheime Erwerbsquellen zu Vermögen gelangt sei, das bei meiner Antwort auf Nr. 1 nicht mit angegeben wäre.

Es war klar, daß der Fremde mir Gelegenheit gegeben hatte, mich zu blamieren. Dies lag so sehr auf der Hand, daß ich ausging und mir noch einen Mann zum Fluchen mietete. Der Fremde hatte mich mit seinen Schmeicheleien verführt, ein Einkommen von zweihundertvierzehntausend Dollars anzugeben. Gesetzmäßig waren tausend davon steuerfrei, das war der einzige Abschlag, den ich entdecken konnte, und das war doch nur ein Tropfen im Ozean. Bei den gesetzlichen fünf Prozent mußte ich der Regierung die Summe von zehntausendsechshundertfünfzig Dollars Einkommensteuer bezahlen.

(Ich will hier gleich bemerken, daß ich es nicht getan habe.)

Ich bin mit einem sehr begüterten Manne bekannt, der einen Palast bewohnt und eine wahrhaft fürstliche Tafel hält, dessen Ausgaben ganz enorm sind und der doch kein Einkommen hat, wie ich oft an seinen Steuerzetteln gesehen habe. Zu diesem begab ich mich in meiner Not. Er nahm meine schreckliche Liste von Einnahmen zur Hand, setzte sich die Brille auf, tauchte die Feder ein, und – ehe ich mich’s versah, war ich ein Bettler. Es geschah auf die einfachste Weise von der Welt und ward durch die Geschicklichkeit, mit der er den Paragraphen ›Abzüge‹ benützte, ganz leicht zustande gebracht. Er setzte meine Staats- und meine städtischen Steuern auf so und so viel fest, meine Verluste durch Schiffbruch, Feuer usw., auf so und so viel; Verluste beim ›Verkauf von Landbesitz‹ – ›Verkauf von Viehstand‹ – ›Zahlungen für Miete des Anwesens‹ – ›Ausbesserungen, Umbauten, Zinsvergütung‹ – ›schon vorher besteuerter Gehalt als Offizier der Armee, der Flotte usw. usw.‹ und dergleichen mehr. Aus jedem dieser Punkte wußte er ganz erstaunliche Abzüge herauszuschlagen. Als er fertig war und mir das Blatt hinreichte, sah ich auf den ersten Blick, daß während des ganzen Jahres meine Einnahme, das heißt der Gewinn dabei, nur zwölfhundertfünfzig Dollars vierzig Cent betragen hatte.

»Dazu kommt,« sagte er, »daß tausend Dollars steuerfrei sind. Gehen Sie jetzt aufs Steueramt und beschwören Sie dies Dokument, dann bezahlen Sie Steuern von hundertfünfzig Dollars.«

(Während er sprach, zog sein Söhnchen, der kleine Willy, einen Zweidollarschein aus des Vaters Westentasche und verschwand damit. Ich möchte alles wetten, daß der Junge auch sein Einkommen falsch angeben würde, wenn mein fremder Herr ihn morgen besuchte.)

»Machen Sie die Abzüge immer auf diese Art?« fragte ich, »auch wenn Sie Ihre eigenen Steuern berechnen?«

»Natürlich, das versteht sich von selbst. Wenn unter der Rubrik ›Abzüge‹ nicht jene elf tröstlichen Klauseln ständen, müßte ich ja alljährlich an den Bettelstab kommen, nur um diese verhaßte, schlechte, geldgierige und tyrannische Regierung zu unterstützen.«

Dieser Herr gehört zu den allerbesten und solidesten Männern der Stadt, zu den Männern von moralischem Gewicht, von kaufmännischer Ehrenhaftigkeit, von zweifelloser, unantastbarer Zuverlässigkeit – folglich unterwarf ich mich seinem Urteil. Ich begab mich auf das Steueramt – und da stand ich, unter den Augen meines fremden Herrn, die mich schwer anklagten, und beschwor eine Lüge nach der anderen, eine Schlechtigkeit nach der anderen, bis meine Seele zolldick mit Meineiden überzogen war, und ich meine Selbstachtung auf ewige Zeiten verloren hatte.

Aber was schadet’s? Tun denn nicht Tausende der reichsten und stolzesten, der gerechtesten und gefeiertsten Männer in Amerika alljährlich dasselbe?

Der große Rindfleisch-Kontrakt.


Der große Rindfleisch-Kontrakt.

Mit so wenigen Worten wie möglich will ich der Nation über meine Beteiligung an einer Sache berichten, welche die öffentliche Meinung in hohem Grade beschäftigt und viel böses Blut erregt hat.

Die traurige Angelegenheit ist von den Zeitungen der alten und der neuen Welt mit den schrecklichsten Übertreibungen und Verzerrungen dargestellt worden; für alle Tatsachen, welche ich anführe, finden sich aber – das kann ich versichern – mehr als genügende urkundliche Beweise in den Staatsarchiven der Union vor. Der Verlauf der Sache war ursprünglich folgender:

John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im Staate Neu-Jersey, jetzt verstorben, schloß etwa am 10. Oktober 1861 mit der Regierung der Vereinigten Staaten einen Kontrakt ab, nach welchem er dem General Sherman dreißig Faß eingepökeltes Rindfleisch zu liefern hatte.

Nun gut.

Er machte sich auf, um Sherman das Rindfleisch zu bringen, aber als er in Washington ankam, war der General nach Manassas unterwegs; er zog ihm daher mit dem Rindfleisch nach, kam aber zu spät. Nun folgte er ihm nach Nashville, von Nashville nach Chatanooga, von Chatanooga nach Atlanta – einholen konnte er ihn jedoch nicht. In Atlanta nahm er einen neuen Anlauf und zog auf dem ganzen Marsch nach der Meeresküste hinter Sherman drein. Wieder kam er um einige Tage zu spät; da er aber erfuhr, der General habe sich in der ›Quaker-City, nach dem Heiligen Lande eingeschifft, ging er nach Beirut unter Segel, überzeugt, er werde das andere Schiff einholen können. In Jerusalem angekommen, erhielt er die Nachricht, der General sei nicht mit der ›Quaker-City‹ abgesegelt, sondern nach der Prärie aufgebrochen, um gegen die Indianer zu kämpfen. Er kehrte daher nach Amerika zurück und zog in das Felsengebirge. Nach achtundsechzigtägiger, mühseliger Wanderung durch die Prärie, nur noch vier Meilen von Shermans Hauptquartier entfernt, fiel er den Indianern in die Hände, die ihn mit dem Tomahawk erschlugen, ihm die Kopfhaut abzogen und sich des Rindfleisches bemächtigten. Sie nahmen das ganze, bis auf ein Faß, welches Shermans Armee eroberte. Der kühne Reisende erfüllte also sogar im Tode noch seinen Kontrakt wenigstens zum Teil. In seinem Testament, das er wie ein Tagebuch führte, vermachte er den Kontrakt seinem Sohn Bartholomäus W. Dieser schrieb die folgende Rechnung auf – dann starb er:

Rechnung für die Ver. Staaten.
In Rechnung für John Wilson Mackenzie von Neu-Jersey, jetzt verstorben, 30 Faß eingepökeltes Rindfleisch für General Sherman
à 100 Dollars     3 000 Doll.
Reisespesen und Transport des Fleisches 14 000 Doll.

Summa     17 000 Doll.
Den Betrag empfangen zu haben bescheinigt
 

Bei seinem Ableben hinterließ er den Kontrakt dem Wm. I. Martin, welcher sich bemühte, die Summe zu erheben, aber darüber starb und seine Forderung an Barker I. Allen vermachte. Auch dieser erhielt bei seinen Lebzeiten keine Bezahlung und hinterließ die Schriftstücke Anson G. Rogers, der bei seinem Versuch, den Betrag einzukassieren, eben bis zum neunten Rechnungsführer gelangt war, als der Tod, der alles zum Abschluß bringt, ungerufen erschien, und ihm die ferneren Verhandlungen abschnitt. Die Papiere hinterließ er einem Verwandten in Connecticut, namens Vengeance Hopkins, welcher es vier Wochen und zwei Tage aushielt und unerhörten Erfolg hatte, denn fast wäre er bis zum zwölften Rechnungsführer gelangt. Er vermachte den Kontrakt testamentarisch seinem Onkel, der Freudenreich Johnson hieß. Aber Freudenreich ertrug es nicht lange. Seine letzten Worte waren: »Ich sterbe gern – weinet nicht über mich!« Und er starb wirklich gern, der arme Mann. Nach seinem Tode erbten noch sieben andere Leute Kontrakt und Rechnung, die alle bald starben. So kamen die Papiere zuletzt in meinen Besitz. Ich erhielt sie von meinem Verwandten Betlehem Hubbard aus Indiana, der schon lange einen Groll gegen mich hegte. Auf seinem Totenbette schickte er aber nach mir, verzieh mir alles, und übergab mir mit Tränen in den Augen den Rindfleisch-Kontrakt.

Dies ist die Vorgeschichte desselben, bis zu der Zeit, da er mein Eigentum wurde. Jetzt will ich den Versuch machen, mich angesichts der ganzen Nation wegen meines Anteils an der Sache zu rechtfertigen. Mit dem Kontrakt und der Rechnung über Reisespesen und Transport der gelieferten Ware begab ich mich zu dem Präsidenten der Vereinigten Staaten.

»Was wünschen Sie, mein Herr,« fragte er mich. Ich erwiderte: »Majestät, etwa am 10. Oktober des Jahres 1861 schloß John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im Staate Neu-Jersey, jetzt verstorben, mit der Regierung der Vereinigten Staaten einen Kontrakt ab, nach welchem er dem General Sherman dreißig Faß eingepökeltes Rindfleisch – –«

Hier fiel er mir ins Wort, freundlich, aber mit fester Stimme, und entließ mich. Am nächsten Tage machte ich dem Staatssekretär meine Aufwartung.

»Ihr Begehr, mein Herr?« fragte dieser.

»Königliche Hoheit,« begann ich. »etwa am 10. Oktober des Jahres 1861 schloß John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im Staate Neu-Jersey, jetzt verstorben, mit der Regierung der Vereinigten Staaten einen Kontrakt ab, nach welchem er dem General Sherman dreißig Faß eingepökeltes Rindfleisch – –«

»Genug, mein Herr – genug, sage ich! Wir haben in diesem Ministerium nichts mit Kontrakten über Rindfleisch zu schaffen.« Ich wurde hinauskomplimentiert. Nachdem ich mir die Sache reiflich überlegt hatte, stattete ich tags darauf dem Marineminister einen Besuch ab. Der sagte: »Rasch, mein Herr, bringen Sie Ihr Anliegen vor; lassen Sie mich nicht warten!«

»Königliche Hoheit,« sagte ich, »etwa am 10. Oktober des Jahres 1861 schloß John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im Staate Neu-Jersey, jetzt verstorben, mit der Regierung der Vereinigten Staaten einen Kontrakt ab, nach welchem er dem General Sherman dreißig Faß eingepökeltes Rindfleisch – –«

Weiter kam ich nicht. Auch ihn gingen die Rindfleischlieferungen für General Sherman nichts an. Ich dachte, das sei doch eine recht kuriose Regierung! Es hatte ja fast den Anschein, als habe sie überhaupt keine Lust, das Rindfleisch zu bezahlen. Am nächsten Tage ging ich zum Minister des Innern.

»Kaiserliche Hoheit,« sagte ich, »etwa am 10. Oktober des –«

»Sparen Sie sich die Mühe, mein Herr,« fuhr er auf; »ich habe schon von Ihnen gehört. Machen Sie, daß Sie mit Ihrem niederträchtigen Kontrakt aus dem Hause kommen. Mit der Verproviantierung der Armeen hat das Ministerium des Innern durchaus nichts zu tun.«

Ich entfernte mich; aber jetzt war ich wirklich aufgebracht. So leichten Kaufes sollten sie mich nicht los werden; ich nahm mir vor, jedes Departement dieser gottlosen Regierung heimzusuchen, bis das Geschäft mit dem Kontrakt geordnet sei. Entweder wollte ich das Geld einkassieren oder das Leben lassen bei dem Versuch, wie alle meine Vorgänger. Ich ging dem Generalpostmeister zu Leibe, ich belagerte das Ackerbauministerium, ich lauerte dem Sprecher des Repräsentantenhauses auf. Sie alle hatten nichts mit Armeelieferungen von Rindfleisch zu schaffen. Darauf wandte ich mich an den Vorsitzenden des Patentamts.

»Hochwohlgeborene Exzellenz,« sagte ich, »etwa am – –«

»Zum Henker, sind Sie mit Ihrem verfluchten Rindfleisch-Kontrakt endlich auch hierher gelangt! Ich versichere Sie, werter Herr, uns gehen weder die Armeelieferungen etwas an, noch Ihr Kontrakt.«

»O, das kann jeder sagen – – irgend jemand muß das Fleisch doch bezahlen! Die Sache wird jetzt auf der Stelle ins reine gebracht, sonst lege ich Beschlag auf dies alte Patentamt, mit allem was darin ist.«

»Aber bester Herr! –«

»Es ist mir alles einerlei. Das Patentamt ist verpflichtet, das Rindfleisch zu bezahlen. Darauf bestehe ich. Alle Ausreden sind umsonst; ich wanke und weiche nicht vom Platze, bis das Patentamt bezahlt hat.«

Die weiteren Einzelheiten tun nichts zu der Sache. Sie endete in einer Prügelei und das Patentamt behielt die Oberhand. Aber etwas hatte ich bei der Gelegenheit doch erfahren, was mir Vorteil brachte, nämlich, daß, wenn ich zur richtigen Behörde gehen wolle, ich mich an das Schatzamt wenden müsse. Ich begab mich dorthin und wartete drittehalb Stunden, dann ward ich beim ersten Lord der Schatzkammer vorgelassen.

»Alleredelster, würdigster und hochgeschätztester Signor,« sagte ich, »etwa am 10. Oktober des Jahres 1861 schloß John Wilson Macken – –«

»Nicht weiter, mein Herr – ich weiß, ich weiß! Gehen Sie zum ersten Rechnungsführer.«

Das tat ich und er schickte mich zum zweiten Rechnungsführer. Der zweite schickte mich zum Oberregistrator der Abteilung für Pökelfleisch. Das fing doch an geschäftsmäßig auszusehen! Er ging die Bücher durch, auch alle noch ungehefteten Akten, fand aber den Rindfleisch-Kontrakt nirgends eingetragen und schickte mich zum zweiten Registrator. Auch dieser sah seine Bücher und Papiere durch, aber ohne Erfolg. Jetzt schöpfte ich neuen Mut und kam im Lauf der Woche bis zum sechsten Registrator der Pökelfleisch-Abteilung. In der zweiten Woche machte ich die Abteilung für Schuldforderungen durch, in der dritten erledigte ich die Abteilung für unerfüllte Kontrakte und faßte Fuß in der Abteilung für unbezahlte Rechnungen. Dort waren meine Erkundigungen schon nach drei Tagen zu Ende.

Es gab jetzt nur noch einen Ort, wo ich nachfragen konnte. Ich belagerte den Kommissionär für Bagatellsachen. Das heißt, er selbst war nicht da, ich hielt mich an einen Schreiber. In dem Zimmer befanden sich sechzehn wunderhübsche Damen, welche die Bücher führten, und sieben Schreiber von wohlgefälligem Äußeren, die ihnen zeigten, wie sie es machen müßten. Die jungen Damen wandten den Kopf und lächelten über ihre Schultern nach oben, die Schreiber lächelten zu ihnen hinab und es ging so lustig her, wie wenn die Glocke zur Hochzeit läutet. Zwei oder drei andere Schreiber, welche die Zeitung lasen, sahen mich mit scharfen Blicken an, fuhren aber fort zu lesen, und niemand sprach ein Wort. An solche Zuvorkommenheit und bereitwillige Bedienung war ich aber in meiner ereignisreichen Laufbahn schon gewöhnt, da ich sie seit dem Tage, als ich das erste Bureau der Pökelfleisch-Abteilung betrat, bis ich das letzte verließ, um mich in die Abteilung für Bagatellsachen zu begeben, bei allen Schreibergehilfen der Registraturen angetroffen hatte. Durch viele Übung war ich schon so weit gekommen, daß ich, von meinem Eintritt ins Bureau an, bis zu dem Augenblick, daß der Schreiber mich anredete, auf einem Bein stehen konnte, ohne dasselbe mehr als zwei- oder höchstens dreimal zu wechseln.

Jetzt stand ich hier, bis ich das Bein viermal gewechselt hatte. Dann sagte ich zu einem der Schreiber, welche lasen:

»Erlauchter Bummler, wo ist der Großtürke?«

»Was meinen Sie, mein Herr? Wen meinen Sie? – Wenn Sie den Bureauchef meinen – der ist ausgegangen.«

»Wird er heute noch den Harem besuchen?«

Der junge Mann sah mich eine Weile grimmig an und vertiefte sich dann wieder in seine Zeitung. Aber das kümmerte mich nicht, ich kannte die Art dieser Schreiber und wußte, daß Hoffnung für mich vorhanden sei, wenn er eher fertig wurde, als die neuen Zeitungen aus Neuyork eintrafen. Er war jetzt schon bei dem vorvorletzten Tageblatt angekommen. Nach einer Weile hatte er alles durchgelesen, dann gähnte er und fragte nach meinem Begehr.

»Weltberühmter und hochverehrter Staatsmann, etwa am 10. –«

»Ah, Sie sind der Mann mit dem Rindfleisch-Kontrakt, Geben Sie mir Ihre Papiere.«

Er nahm sie in Empfang und wühlte dann lange Zeit in seinen Bagatellsachen herum. Endlich fand er die Nordwestpassage, oder was für mich dasselbe bedeutete, den lange verlorenen Vermerk über den Rindfleisch-Kontrakt – die Klippe, an welcher so viele meiner Vorgänger gescheitert waren, ohne sie je zu erreichen. Meine Rührung war groß und doch frohlockte ich im Herzen – denn ich lebte ja noch. Ich sagte mit bewegter Stimme:

»Geben Sie mir das Dokument! Die Regierung wird jetzt sicherlich die Schuld abtragen.«

Er bedeutete mir jedoch, ich solle mich gedulden, es sei vorher noch etwas zu erledigen.

»Wo ist jener John Wilson Mackenzie?« fragte er.

»Tot.«

»Wann ist er gestorben?«

»Gestorben ist er überhaupt nicht – man hat ihn totgeschlagen.«

»Wie das?«

»Mit einem Tomahawk erschlagen.«

»Wer hat ihn mit dem Tomahawk erschlagen?«

»Natürlich doch ein Indianer. Sie glaubten doch nicht, der Superintendent einer Sonntagsschule hätte es getan?«

»Nein. Also ein Indianer war es?«

»Jawohl.«

»Sein Name?«

»Sein Name? – Ich werde doch nicht seinen Namen wissen sollen!«

»Name unbedingt erforderlich. Wer hat denn gesehen, daß er mit dem Tomahawk erschlagen wurde?«

»Das weiß ich nicht.«

»Sie selbst waren also nicht zugegen?«

»Nein – wie Sie an meinen Haaren sehen können.«

»Woher wissen Sie denn, daß Mackenzie tot ist?«

»Weil er zu jener Zeit wirklich gestorben und seitdem auch tot geblieben ist, wie ich allen Grund habe zu glauben. Ja, ich weiß es ganz bestimmt.«

»Wir müssen Beweise haben. Ist der Indianer zur Stelle?«

»Natürlich nicht.«

»Den müssen Sie herbeischaffen. Haben Sie den Tomahawk hier?«

»Bewahre, ich denke gar nicht daran.«

»Sie müssen den Tomahawk beibringen und ihn uns zusamt dem Indianer vorführen. Wenn sich hierdurch Mackenzies Tod beweisen läßt, haben Sie sich an die Kommission zu wenden, welche eingesetzt ist, um schwebende Forderungen zu prüfen. Vielleicht kommt dann Ihre Sache so in den Zug, daß Ihre Kinder die Bezahlung der Rechnung noch erleben und das Geld verzehren können. Aber vor allem muß der Tod jenes Mannes bewiesen werden. Übrigens kann ich Ihnen gleich noch sagen, daß die Regierung die Transport- und Reisespesen des seligen Mackenzie nimmermehr bezahlen wird. Möglicherweise wird sie das Faß Pökelfleisch bezahlen, welches Shermans Soldaten erobert haben, wenn Sie auf Schadenersatz klagen und der Kongreß Ihre Forderung anerkennt; aber die neunundzwanzig Faß, welche die Indianer aufgegessen haben, wird sie Ihnen nicht bezahlen.«

»Demnach hätte ich nur hundert Dollars zu beanspruchen und selbst diese sind mir nicht sicher! Und das nach Mackenzies endlosem Hin- und Herreisen mit dem Pökelfleisch in Europa, Asien und Amerika, nach allen Beschwerden, Prüfungen und Plackereien, die er erduldet hat, nach dem Hinsterben so vieler Unschuldiger, die bei dem Versuch, die Rechnung einzukassieren, ums Leben gekommen sind! Junger Mann, warum hat mir der Oberregistrator der Pökelfleisch-Abteilung das nicht gleich gesagt?«

»Er wußte nicht, daß Ihr Anspruch begründet war.«

»Warum hat es mir der zweite, der dritte nicht gesagt – warum erfuhr ich es in keiner einzigen der Abteilungen und Unterabteilungen?«

»Weil man nirgends etwas davon wußte. Bei uns geschieht alles nach dem Geschäftsgang. Dem sind Sie gefolgt und haben in Erfahrung gebracht, was Sie zu wissen wünschten. Es ist das der beste Weg. Er ist ganz ordnungsmäßig, man kommt dabei sehr langsam, aber sehr sicher zum Ziel.«

»Jawohl, zum sicheren Tode. Dahin hat er die meisten der Unsrigen geführt. Ich fühle, daß es auch mit mir zu Ende geht. – Junger Mann, Sie lieben jenes fröhliche Geschöpf da drüben mit den sanften, blauen Augen und dem Federhalter hinter dem Ohr – ich sehe das an Ihren schmachtenden Blicken. Sie wünschen sie zu heiraten – aber Sie sind arm. Hier – strecken Sie die Hand aus, hier ist der Rindfleisch-Kontrakt! Wohlan, nehmt euch, seid glücklich! Gott segne euch, meine Kinder!«

Das ist alles, was ich von dem großen Rindfleisch-Kontrakt weiß, der so viel Aufsehen in der Welt gemacht hat. Der Schreiber, dem ich ihn abgetreten habe, ist gestorben. Was weiter aus dem Kontrakte und seinen späteren Besitzern geworden ist, vermag ich nicht zu sagen. Nur so viel weiß ich, daß, wenn jemand lange genug am Leben bleibt, um seine Sache durch das ganze Umständlichkeitsamt in Washington hindurch zu verfolgen, er zuletzt, nach vieler Mühe, Arbeit und Verzögerung, das herausfinden wird, was er am ersten Tage hätte erfahren können, wenn der Geschäftsgang im Umständlichkeitsamt so geschickt und zweckentsprechend geregelt wäre wie in jedem großen kaufmännischen Institut.

Wie ich ein landwirtschaftliches Blatt herausgab.


Wie ich ein landwirtschaftliches Blatt herausgab.

Als ich aushilfsweise die Redaktion einer landwirtschaftlichen Zeitung übernahm, tat ich es nicht ohne bange Zweifel. Wenn jemand, der gewohnt ist auf dem Lande zu leben, plötzlich ein Schiff befehligen sollte, würde er wohl auch seine Besorgnis dabei haben. Ich befand mich jedoch in Verhältnissen, bei denen mir der Gehalt von Wichtigkeit war. Als daher der ständige Redakteur der Zeitung mir anbot, ihn während der Ferien zu vertreten, ging ich auf seine Bedingungen ein und nahm seine Stelle.

Wieder bei der Arbeit zu sein, war ein köstliches Gefühl, und ich schrieb die ganze Woche hindurch mit unablässigem Vergnügen. Nachdem alles in der Presse war, wartete ich einen Tag lang in großer Spannung auf irgend ein Anzeichen, daß meine Bemühung die Aufmerksamkeit des Publikums erregt habe. Bei Sonnenuntergang verließ ich das Bureau und sah, daß eine Gruppe von Männern und Knaben, die sich am Fuß der Treppe versammelt hatten, sobald ich erschien, wie auf gemeinsamen Antrieb auseinanderstob, um mich durchzulassen. »Das ist er!« hörte ich sie zueinander sagen. Der Vorfall war mir natürlich sehr schmeichelhaft. Am nächsten Morgen bemerkte ich eine ähnliche Gruppe an der Treppe; auch vereinzelt und zu zweien standen die Leute vor dem Hause und drüben auf der anderen Seite der Straße, mich mit großem Interesse beobachtend. Als ich näher kam, zerstreuten sie sich und wichen zurück, doch hörte ich noch, wie ein Mann sagte:

»Seht nur ‚mal seine Augen an.« – Ich tat, als wüßte ich nicht, was ich für Aufsehen machte, doch freute ich mich im stillen darüber und nahm mir vor, es meiner Tante zu schreiben.

Während ich die wenigen Treppenstufen hinaufstieg und mich der Tür näherte, vernahm ich fröhliche Stimmen und schallendes Gelächter. Beim Eintreten gewahrte ich einen Augenblick zwei junge Männer, die wie Landwirte aussahen; sobald sie meiner ansichtig wurden, erbleichten sie, machten lange Gesichter und sprangen plötzlich mit einem großen Krach zum Fenster hinaus. Darüber verwunderte ich mich sehr.

Etwa eine halbe Stunde später trat ein alter Herr mit lang herabwallendem Bart und feinen, aber strengen Gesichtszügen bei mir ein. Ich forderte ihn auf, Platz zu nehmen, und er setzte sich, schien jedoch etwas auf dem Herzen zu haben. Er nahm den Hut ab, stellte ihn auf den Boden und holte ein rotseidenes Taschentuch heraus, sowie ein Exemplar unserer Zeitung.

Das Blatt legte er auf seine Knie und fragte, wahrend er sich die Brille mit dem Taschentuch putzte: »Sind Sie der neue Redakteur?«

Ich bejahte dies.

»Haben Sie schon früher ein landwirtschaftliches Blatt redigiert?«

»Nein,« erwiderte ich, »dies ist mein erster Versuch.«

»Das dachte ich mir. Haben Sie die Landwirtschaft praktisch betrieben?«

»Nein, ich glaube nicht.«

»Ein gewisser Instinkt hat mir das gesagt,« meinte der alte Herr, setzte seine Brille auf und maß mich über dieselbe hinweg mit strengen Blicken, wobei er die Zeitung in ein bequemes Format zusammenfaltete. »Ich will Ihnen vorlesen, was diesen Instinkt bei mir erweckt hat. Es war die folgende Bemerkung. Hören Sie, ob sie aus Ihrer Feder stammt:

»Rüben sollte man niemals pflücken, weil ihnen das schadet. Es ist viel besser, einen Knaben auf den Baum klettern und sie herunterschütteln zu lassen.«

Nun, was sagen Sie dazu – denn ich bin fest überzeugt. Sie haben es geschrieben!«

»Was soll ich denn sagen? Ich glaube, es ist gut und verständig. Ohne Zweifel werden alljährlich im Umkreis dieser Stadt viele Millionen Scheffel Rüben verdorben, weil man sie in halbreifem Zustand abpflückt, während, wenn man sie durch einen Knaben vom Baum schütteln ließe –«

»Warum nicht gar von Ihrer Großmutter? Rüben wachsen doch nicht auf Bäumen.«

»O, wirklich tun sie das nicht! Wer hat denn schon gesagt, daß sie da wüchsen? – Es war ja natürlich bildlich gemeint, nur bildlich! Jeder, der überhaupt Sinn und Verstand hat, muß doch gleich wissen, daß ich meinte, der Knabe sollte die Ranke schütteln.«

Der alte Mann schnellte von seinem Sitze in die Höhe, zerriß die Zeitung in kleine Stücke, stampfte mit dem Fuß darauf, zerschlug allerlei Gegenstände mit seinem Stock und sagte, so viel wie ich wüßte auch eine Kuh. Dann ging er hinaus und warf die Tür hinter sich ins Schloß. Bei diesem Benehmen kam mir der Gedanke, es müsse etwas sein Mißfallen erregt haben. Da ich aber nicht wußte, was ihn verdrossen habe, konnte ich ihm auch nicht helfen.

Bald nachher kam ein langer, hagerer Mensch zur Tür hereingeschossen. Spärliche Locken hingen ihm bis auf die Schultern herab und sein Gesicht war in allen Höhen und Tiefen mit den stacheligen Bartstoppeln einer ganzen Woche bedeckt. Er blieb zuerst regungslos stehen und legte den Finger auf den Mund, dann beugte er sich lauschend vor. Kein Geräusch ließ sich hören. Noch immer horchte er. Als alles still blieb, drehte er den Schlüssel um, schlich behutsam auf den Zehen näher zu mir heran und stellte sich in gemessener Entfernung vor mich hin. Eine Weile forschte er mit großem Interesse in meinen Zügen, nahm dann ein zusammengefaltetes Exemplar unseres Blattes aus der Brusttasche und sagte:

»Sehen Sie hier – das haben Sie geschrieben. Lesen Sie es mir vor – rasch! Befreien Sie mich, Herr! Ich leide entsetzlich.«

Ich las was folgt, und während meine Lippen Satz für Satz aussprachen, schien er sich zusehends erleichtert zu fühlen; die starren Muskeln verloren ihre Spannung, die ängstliche Besorgnis wich aus seinem Gesicht und Friede und Ruhe verbreiteten sich über seine Züge, wie lindes Mondlicht über eine öde Landschaft.

»Der Guano ist ein schöner Vogel, aber es bedarf großer Sorgfalt, wenn man ihn aufziehen will. Man darf ihn nicht früher als im Juni und nicht später als im September bei uns einführen. Im Winter muß er an einen warmen Ort gebracht werden, um seine Jungen ausbrüten zu können.«

»Augenscheinlich werden wir mit unserer Getreideernte dies Jahr im Rückstand bleiben. Der Landmann wird daher wohl daran tun, die Maiskolben und Buchweizenkuchen schon im Juli statt im August zu pflanzen.«

»Vom Kürbis. Dies ist eine Lieblingsbeere der Eingeborenen von Neuengland. Bei der Bereitung von Obstkuchen zieht man sie dortzulande sogar der Stachelbeere vor. Sie ist vorteilhafter als die Himbeere zum Füttern der Kühe, da sie mehr füllt und stopft und ganz ebenso nahrhaft ist. Der Kürbis ist die einzige eßbare Abart der Familie Orangenpflanze, die im Norden gedeiht, ausgenommen die Melone und der Türkenbund. Man pflanzt ihn jedoch jetzt weniger häufig unter dem Buschwerk im Vordergarten an, da man allgemein die Ansicht hegt, daß der Kürbis kein Baum ist, welcher Schatten gibt.«

»Jetzt, bei Eintritt des warmen Wetters, beginnt der Gänserich zu laichen und –«

In höchster Aufregung trat der Zuhörer dicht vor mich hin, schüttelte mir die Hand und sagte:

»Schön, schön – das genügt. Jetzt weiß ich, daß ich bei richtigem Verstande bin, denn Sie haben es gerade so gelesen wie ich, Wort für Wort. Aber Fremdling, als ich es heute morgen zum erstenmal las, sagte ich zu mir: ›Nun und nimmermehr hätte ich es für möglich gehalten, trotzdem meine Verwandten mich so streng bewachten, aber jetzt glaube ich selbst, daß ich verrückt bin.‹ Dabei stieß ich ein Geheul aus, das man zwei Meilen weit hören mußte, und lief fort, um jemand totzuschlagen. Ich wußte ja, daß es früher oder später dazu kommen würde und wollte lieber gleich damit anfangen. Erst las ich noch einmal einen Ihrer Paragraphen durch, dann brannte ich mein Haus nieder und brach auf. Mehreren Leuten habe ich Arme und Beine entzwei geschlagen, und einen Menschen auf einen Baum gejagt, wo ich ihn kriegen kann, sobald ich will. Beim Vorbeigehen dachte ich aber erst einmal bei Ihnen vorzusprechen, um meiner Sache auch ganz sicher zu sein. Jetzt habe ich mir nun Gewißheit verschafft und ich sage Ihnen, es ist ein Glück für den Burschen, der auf dem Baume sitzt. Ich hätte ihn unfehlbar auf dem Rückwege umgebracht. Leben Sie wohl, leben Sie wohl! Sie haben mir eine schwere Last von der Seele genommen. Da mein Verstand Ihren landwirtschaftlichen Artikel hat aushalten können, wird er jetzt jeden Puff vertragen. Noch einmal, bester Herr, leben Sie wohl!«

Mir war wegen der Körperverletzungen und Brandstiftungen, mit welchen der Mensch sich unterhalten hatte, etwas unbehaglich zumute, da ich nicht umhin konnte mir einzugestehen, daß ich gewissermaßen daran beteiligt sei. Doch konnte ich diesen Gedanken nicht lange nachhängen, denn der ständige Redakteur trat jetzt ins Zimmer.

Er sah trübselig, verlegen und niedergeschlagen aus.

Er blickte auf die Zerstörung, welche die beiden jungen Landwirte und der alte Tumultuant angerichtet hatten und sagte: »Das ist eine böse Geschichte – eine sehr böse Geschichte. Die Flasche mit dem flüssigen Leim ist zerbrochen, sechs Fensterscheiben, ein Spucknapf und zwei Leuchter in Stücke geschlagen. Aber das ist noch lange nicht das Schlimmste. Der Ruf des Blattes hat gelitten – und wie ich fürchte für alle Zeit. Zwar ist die Nachfrage größer gewesen als jemals, noch nie ist eine so starke Auflage verkauft worden, nie zuvor hat das Blatt solche Berühmtheit erlangt – aber man will doch nicht wegen Verrücktheit berühmt sein und mit Geistesschwäche Geld erwerben! Ich versichere Sie, Freund, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, drunten sitzen die Leute auf den Zäunen und wimmeln in der Straße, um zu warten, ob sie etwas von Ihnen zu sehen bekommen, weil sie Sie für verrückt halten. Das können sie auch mit gutem Grund, nachdem sie Ihre Artikel gelesen haben, die eine Schande für die ganze Presse sind. Wie in aller Welt sind Sie nur auf den Einfall gekommen, daß Sie imstande wären, ein solches Blatt zu redigieren? Sie scheinen ja nicht einmal von den ersten Anfangsgründen der Landwirtschaft eine Ahnung zu haben. Sie sprechen von einer Furche und einer Furt, als sei es ein und dasselbe; Sie reden von einer Mauserzeit der Kühe, und empfehlen den Iltis als Haustier, weil er voll Mutwillen sei und ein trefflicher Rattenfänger. Ihre Bemerkung, daß die Seeschnecken still zu liegen pflegen, wenn man ihnen Musik vormacht, war ganz und gar überflüssig. Seeschnecken lassen sich überhaupt nicht aus ihrer Ruhe bringen, sie liegen immer still und die Musik ist ihnen völlig gleichgültig. Sagen Sie nur um des Himmels willen, Freund, haben Sie etwa die Unwissenheit zu Ihrem Berufsstudium gemacht? Dann hätten Sie sich heute den Doktorhut erworben in allen Ehren. Etwas Ähnliches ist mir noch nicht vorgekommen. Ihre Bemerkung, daß die Roßkastanie sich als Handelsartikel einer stets wachsenden Gunst erfreut, ist ganz dazu angetan, das Blatt zugrunde zu richten. Ich bitte Sie, das Amt niederzulegen und Ihrer Wege zu gehen. Ich habe schon viel zu lange Ferien gehabt. Einen Genuß hätte ich doch nicht mehr davon, besonders wenn Sie meinen Platz inne haben und ich in beständiger Angst schweben müßte, was Sie den Leuten zunächst empfehlen würden. Wenn ich daran denke, daß Sie unter dem Titel ›Landschaftsgärtnerei‹ über Austernbänke geschrieben haben, möchte ich aus der Haut fahren. – Machen Sie, daß Sie fortkommen! Für nichts in der Welt würde ich wieder in die Ferien gehen. O, warum haben Sie mir nur nicht gesagt, daß Sie von der Landwirtschaft nicht das mindeste wissen!«

»Was wollen Sie denn eigentlich, Sie Maiskolben, Sie Krautkopf, Sie Rübensprößling?! Schämen Sie sich Ihrer unverständigen Worte. Seit vierzehn Jahren arbeite ich als Redakteur und noch niemals, das versichere ich Ihnen, habe ich gehört, daß man besondere Kenntnisse haben müsse, um eine Zeitung zu redigieren. Wer schreibt denn die Theaterkritiken für die Tagesblätter zweiten Ranges? Irgend ein gelehrter Schuster oder Apothekerlehrling, der von der Schauspielkunst nicht mehr und nicht weniger versteht, als ich von der Landwirtschaft. Wer bespricht die Bücher? Menschen, die nie eins geschrieben haben. Wer schreibt die größten Leitartikel über Staatsfinanzen? Diejenigen, welche die schönste Gelegenheit gehabt haben, gar nichts davon zu erfahren. Wer verfaßt die Berichte über den Indianerkrieg? Herren, die ein Wigwam nicht von einem Tamtam unterscheiden können, die nie in den Fall gekommen sind, mit einem Tomahawk um die Wette zu laufen oder irgend einem Glied ihrer Familie Pfeile auszuziehen, um ein Lagerfeuer anzumachen. Wer schreibt die Aufforderungen zur Mäßigkeit und jammert über die verführerische Flasche? – Burschen, die keinen nüchternen Atemzug mehr tun werden, bis sie im Grabe liegen. Wer redigiert meist die landwirtschaftlichen Blätter – Sie Runkelrübe? – Wer anders als verdorbene Redakteure städtischer Zeitungen, oder Menschen, die mit dem Poetenhandwerk kein Glück haben, mit Schauerdramen schlechte Geschäfte machen und ihre gelben Eisenbahnromane nicht anbringen können. Die werfen sich zuletzt auf die Landwirtschaft, um noch eine Zeitlang dem Armenhaus zu entrinnen. Wollen Sie mich etwa über das Redaktionswesen belehren? Das habe ich durchgemacht von A bis Z; und ich kann Ihnen sagen: je weniger ein Mensch weiß, um so größer ist das Geschrei, das er macht, und der Gehalt, den er bezieht. Beim Himmel – wäre ich nur unwissend statt gebildet, und unverschämt statt schüchtern gewesen, ich hätte mir einen Namen erwerben können in dieser kalten, selbstsüchtigen Welt! Herr, ich nehme meinen Abschied. Nachdem ich so behandelt worden bin, wie Sie mich behandelt haben, bin ich ganz bereit zu gehen. Meiner Pflicht habe ich genügt und meinen Kontrakt erfüllt, soweit man mir es gestattet hat. Ich versprach, Ihr Blatt interessant zu machen für alle Klassen – das habe ich getan. Ich sagte, ich könne Ihren Absatz auf zwanzigtausend Exemplare bringen – das wäre geschehen, wenn Sie mir noch vierzehn Tage Zeit gelassen hätten. Obendrein würde ich Ihnen die beste Klasse von Lesern verschafft haben, die sich ein landwirtschaftliches Blatt nur wünschen kann – kein einziger Landmann darunter, nicht ein Mensch, der einen Wassermelonenbaum von einer Pfirsichranke unterscheiden könnte. Sie verlieren bei diesem Bruch, Sie Pastetengewächs – nicht ich. Gehorsamer Diener!«

Dann ging ich.

Ein Tischgespräch.


Ein Tischgespräch.

Auf unserer Schweizerreise waren wir, ich und mein Reisebegleiter Harris, einmal im ›Schweizerhof‹ in Luzern abgestiegen, wo wir ein Tischgespräch hatten, an das ich zeitlebens denken werde.

Man ging um 7½ zur Tafel, an der sich eine Menge Angehöriger der verschiedensten Nationalitäten zusammenfanden; doch ließen sich an den ungeheuer langen Tischen besser Kleider als Menschen beobachten, da man die Gesichter meist nur in der Perspektive zu sehen bekam. Das Frühstück dagegen wurde an kleinen runden Tischen eingenommen, und wenn man das Glück hatte, einen Platz in der Mitte des Saales zu erhalten, konnte man so viele Gesichter studieren, als man wünschte.

Öfters versuchten wir zu erraten, zu welcher Nation die Leute gehörten, und dies gelang uns ziemlich gut, aber mit den Namen der Personen glückte es uns weniger; um diese zu raten, ist wahrscheinlich viele Übung nötig. So gaben wir dies denn auf und begnügten uns mit weniger schwierigen Versuchen.

Eines Morgens sagte ich: »Da sitzt eine Gesellschaft Amerikaner!«

»Ja,« meinte Harris, »aber aus welchem Staat?«

Ich nannte einen Staat, Harris einen anderen! Daß das junge Mädchen, welches zu der Gesellschaft gehörte, sehr schön sei und sehr geschmackvoll gekleidet, darin waren wir einerlei Meinung, über ihr Alter jedoch konnten wir uns nicht einigen: ich meinte, sie sei achtzehn, Harris hielt sie für zwanzig. Wir ereiferten uns darüber und ich sagte schließlich, als ob es mein Ernst wäre: »Die Sache läßt sich ja sehr leicht entscheiden, – ich will hingehen und sie fragen.«

Harris erwiderte in spöttischem Ton: »Ja, das wird wohl das beste sein. Du brauchst ja nur hinüberzugehen und mit der hier gebräuchlichen Formel zu sagen: ›Ich bin Amerikaner!‹ dann wird sie sich natürlich sehr freuen, dich zu sehen.« Dabei gab er mir zu verstehen, daß ich es wohl schwerlich wagen würde, sie anzureden.

»Ich habe nur so gedacht,« versetzte ich, »und es nicht im Ernst gemeint, aber du traust mir doch zu wenig Courage zu; ein Frauenzimmer macht mir nicht so leicht bange, und jetzt gehe ich hin und spreche mit dem Fräulein.«

Mein Vorhaben war sehr einfach: ich wollte sie höchst ehrerbietig anreden und um Entschuldigung bitten, wenn ihre große Ähnlichkeit mit einer früheren Bekannten mich getäuscht hätte. Wenn sie mir dann antwortete, der Name, den ich genannt habe, sei nicht der ihrige, so wollte ich mich abermals aufs höflichste entschuldigen, meine Verbeugung machen und mich wieder zurückziehen. Daraus konnte doch kein Unglück entstehen. – Ich ging also an den Tisch, verbeugte mich vor dem Herrn und wollte mich eben mit meiner Rede an sie wenden, als sie ausrief:

»Also habe ich mich doch nicht geirrt! – Ich sagte gleich zu John, daß Sie es waren; er wollte mir nicht glauben, aber ich wußte, daß ich recht hatte und sagte, Sie würden mich sehr bald erkennen und zu uns herüberkommen! Es freut mich sehr, daß Sie es getan haben, denn wenn Sie fortgegangen wären, ohne mich zu erkennen, hätte ich das nicht für sehr schmeichelhaft gefunden. Bitte, setzen Sie sich doch! – Wie merkwürdig! – Sie sind wirklich der letzte Mensch, den ich erwartet hätte jemals wiederzusehen!«

Das war eine Überraschung, die mich förmlich betäubte und mir einen Augenblick die Besinnung raubte. Indessen schüttelten wir uns herzlich die Hände und ich nahm neben ihr Platz; aber in einer solchen Klemme war ich wirklich noch nie gewesen. Mir dämmerte es dunkel, als ob ich die Züge des Mädchens schon einmal gesehen hätte, aber wo das gewesen war und welcher Name zu ihr gehörte, war mir gänzlich entfallen. Daher begann ich sogleich die Rede auf Schweizer Landschaften zu bringen, um mich nicht zu verraten; allein es half nichts, sie ging ohne Umschweife auf die Dinge los, die sie näher interessierten.

»Nein, was das für eine Nacht war, als der Sturm die vorderen Boote mit wegriß! Wissen Sie noch?«

»Wie sollte ich nicht!« sagte ich, aber ich hatte keine Ahnung. Ich wollte, der Sturm hätte auch das Steuer, den Schornstein und den Kapitän selbst mit weggerissen, – dann wäre mir vielleicht ein Licht aufgegangen, wo ich die Fragerin hintun sollte.

»Und erinnern Sie sich, wie bange die arme Marie war?«

»Jawohl,« sagte ich, »nein, wie einem alles wieder gegenwärtig wird.«

Das wünschte ich zwar aufs innigste, aber es war wie aus meinem Gedächtnis weggeblasen! Das klügste wäre gewesen, offen die Wahrheit zu gestehen, aber das konnte ich nicht übers Herz bringen, nachdem das junge Mädchen mir solches Lob gespendet, weil ich sie wiedererkannt hatte. So geriet ich denn immer tiefer hinein und hoffte vergebens auf einen rettenden Faden, um aus dem Labyrinth zu kommen.

Die Unerkennbare fuhr lebhaft fort: »Denken Sie, Georg hat doch noch Marie geheiratet!«

»Wirklich? Ist es möglich!«

»Jawohl; er sagte, er glaube, daß ihr Vater viel mehr schuld gewesen sei, als sie selbst; und ich glaube, er hatte recht, meinen Sie nicht auch?«

»Natürlich, es war ja ganz klar, ich habe es doch immer gesagt.«

»O nein, Sie waren ja anderer Meinung, wenigstens in jenem Sommer.«

»Im Sommer, da haben Sie ganz recht, aber im folgenden Winter sagte ich’s.«

»Nun, es stellte sich heraus, daß Marie gar nicht schuld war, sondern nur ihr Vater und der alte Darley.«

Um doch etwas zu erwidern, sagte ich:

»Ja, Darley habe ich immer als ein lästiges altes Geschöpf angesehen!«

»Das war er auch, aber trotz seiner Sonderbarkeiten waren sie ihm zärtlich zugetan; – wissen Sie noch, wie er immer versuchte, ins Haus zu kommen, sobald es nur im geringsten kalt war?«

Ich getraute mir nicht, weiter zu gehen. Offenbar war dieser Darley kein Zweifüßler, sondern irgend ein Vierfüßler, vielleicht ein Hund, möglicherweise ein Elefant. Da nun jedes Tier eine Haut hat, so fiel ich im Anschluß an ihre Frage mit der Bemerkung ein:

»Und was er für ein Fell hatte!«

Diese Bemerkung mußte passen, denn sie sagte zustimmend:

»Ja, ein sehr dickes – und erst seine Wolle!«

Das verblüffte mich, ich wußte nicht recht weiter und sagte nur: »Ja, an Wolle fehlte es ihm nicht!«

»Einen Neger mit solchem Wollhaar könnte man lange suchen,« meinte sie.

Das war ein Lichtblick, denn mir fing an schwül zu werden, und ich war froh, als sie fortfuhr:

»Er war doch selbst bequem genug einquartiert, aber wenn es kalt wurde, fand er sich stets bei der Familie ein und war nicht wieder aus dem Hause zu bringen. Man sah ihm manches nach, weil er vor Jahren Tom das Leben gerettet hatte. Erinnern Sie sich noch an Tom?«

»Ganz deutlich, er war ein so hübscher Mensch!«

»Jawohl, und das Kind ein so niedliches Ding.«

»Ein hübscheres Kind habe ich nie gesehen.«

»Ich tat nichts lieber, als mit ihm tändeln und spielen.«

»Und ich schaukelte es so gern auf den Knien.«

»Sie haben ihm auch den Namen ausgesucht, – wie war es doch?«

Jetzt kam ich aufs Glatteis! Hätte ich nur des Kindes Geschlecht gewußt. Zum guten Glück fiel mir ein Name ein, der für alle Fälle paßte. Ich sagte:

»Es wurde Fränzchen genannt.«

»Nach einem Verwandten vermutlich. Aber dem verstorbenen, das ich nie gesehen habe, gaben Sie auch den Namen; wie hieß denn das?«

Da das Kind tot war und sie es nie gesehen hatte, dachte ich, man könnte auf gut Glück einen Namen wagen und so antwortete ich:

»Es hieß Thomas Heinrich!«

Sie wurde nachdenklich und sagte: »Das ist doch sonderbar – sehr sonderbar!«

Ich saß ganz still und der kalte Schweiß lief an mir herunter. Aber, so arg meine Verlegenheit war, so hoffte ich doch, mich aus der Klemme zu ziehen, wenn sie nur nicht noch mehr Namen von Kindern wissen wollte. – Ich war begierig, wo der nächste Blitz einschlug. Sie war noch mit dem Namen des letzten Kindes beschäftigt, sagte aber plötzlich: »Es war recht schade, daß Sie gerade fort waren als mein Kind geboren wurde, sonst hatten Sie seinen Namen auch wählen müssen.«

»Ihr Kind? Sind Sie denn verheiratet?«

»Ich bin seit dreizehn Jahren verheiratet.«

»Getauft, meinen Sie wohl.«

»Nein, verheiratet, – dieser Knabe hier ist mein Sohn.«

»Das scheint ja ganz unglaublich, – fast unmöglich! Wenn Sie es nicht für unhöflich halten, möchte ich mir wirklich erlauben zu fragen, ob Sie älter als achtzehn sind?«

»Am Tag des Sturmes, von dem wir sprachen, war ich gerade neunzehn, das war mein Geburtstag.«

Dadurch wurde ich wenig klüger, da ich das Datum des Sturmes nicht wußte.

Ich dachte nach, was ich wohl Unverfängliches sagen könnte, um meinen Anteil an der Unterhaltung beizutragen und meinen Mangel an Erinnerungen weniger bemerklich zu machen. Aber nichts Unverfängliches wollte mir einfallen. Wenn ich sagte: ›Sie haben sich seitdem nicht im geringsten verändert!‹ so war das riskiert; meinte ich dagegen: ›Sie sehen jetzt viel besser aus,‹ so ging das auch nicht. Eben wollte ich einen Ausfall auf das Wetter machen, als meine Landsmännin mir zuvorkam und rief:

»Wie habe ich mich gefreut, einmal wieder von den lieben alten Zeiten zu sprechen! Sie nicht auch?«

»Gewiß, eine solche halbe Stunde habe ich noch nie erlebt,« versetzte ich voll Gefühl und hätte mit Wahrheit hinzufügen können: ›Lieber wollte ich mir bei lebendigem Leibe die Haut abziehen lassen, als sie noch einmal durchzumachen.‹ Ich war von Herzen dankbar, mit der Feuerprobe fertig zu sein und wollte mich eben verabschieden, als sie fortfuhr:

»Nur eins geht mir im Kopf herum!«

»Was denn?«

»Der Name des verstorbenen Kindes. Wie sagten Sie doch, daß es hieß?«

Jetzt war ich übel daran; ich hatte des Kindes Namen ganz vergessen, wie konnte ich ahnen, daß ich ihn noch einmal brauchen würde. Ich ließ mir nichts‘ anmerken und sagte kühn:

»Joseph Wilhelm.«

Aber der Knabe neben mir verbesserte meinen Irrtum.

»Nein; Thomas Heinrich.«

Ich bedankte mich bei ihm und sagte: »Ach ja, ich habe es mit einem andern Kind verwechselt, richtig, Thomas Heinrich hieß das arme Kind; Thomas, hm – nach dem großen Thomas Carlyle, und Heinrich – hm – nach Heinrich VIII,, die Eltern waren sehr zufrieden mit den Namen.«

»Dadurch wird es nur noch sonderbarer,« murmelte meine schöne Freundin.

»Warum denn?«

»Weil die Eltern es immer Amalie Susanne nennen, wenn sie von ihm sprechen.«

Jetzt war meine Weisheit zu Ende; ich war wie auf den Mund geschlagen und wußte weder aus noch ein. Um die Sache fortzusetzen, hätte ich lügen müssen, und das wollte ich nicht. So saß ich stumm und ergeben da, und ließ mich von dem Feuer meiner eigenen Beschämung langsam zu Tode braten. Plötzlich aber lachte meine Gegnerin hell auf und sagte:

»Mir haben die Erinnerungen an alte Zeiten mehr Spaß gemacht als Ihnen. Ich merkte bald, daß Sie sich nur stellten, als ob Sie mich kennten, und nachdem ich mein Lob an Sie verschwendet hatte, beschloß ich, Sie zu strafen, was mir auch gelungen ist. Es war mir sehr angenehm, durch Sie Georg und Tom und Darley kennen zu lernen; denn ich hatte vorher nie etwas von ihnen gehört. Wenn man es nur richtig anzufangen weiß, kann man von Ihnen wirklich eine ganze Menge Neuigkeiten erfahren. Marie, und der Sturm, der die vorderen Boote wegriß, sind wahre Tatsachen, alles andere ist Dichtung. Marie war meine Schwester, ihr ganzer Name ist Marie X.; wissen Sie nun, wer ich bin?«

»Ja, jetzt erinnere ich mich Ihrer, – Sie sind gerade noch so hartherzig wie vor dreizehn Jahren auf dem Schiff, sonst wurden Sie mich nicht so bestraft haben. Sie sind noch ganz wie Sie waren, von innen und von außen. Sie sehen ebenso jung aus wie damals, Ihre Schönheit ist unverändert und findet ihr Abbild in Ihrem prächtigen Knaben! – Und nun – wenn diese Worte Sie gerührt haben, lassen Sie uns Frieden schließen, denn ich bekenne mich für besiegt und überwunden.«

Dies wurde zum Beschluß erhoben und auf der Stelle ausgeführt.

Als ich zu Harris zurückkam, sagte ich: »Nun siehst du, was Talent und Geschicklichkeit ausrichten können!«

»Bitte sehr, ich sehe, was riesige Unwissenheit und Einfalt zu tun imstande sind! Daß ein Mensch, der seine fünf Sinne bei sich hat, sich auf diese Weise fremden Leuten aufdrängt und eine halbe Stunde in sie hineinredet, so etwas ist noch nicht dagewesen! Was hast du ihnen nur gesagt?«

»Gar nichts Schlimmes! Ich habe das Mädchen gefragt, wie es hieße!«

»Meiner Treu, das sieht dir ähnlich! Du bist imstande, so etwas zu tun! Es war dumm von mir, – ich hätte nicht zugeben sollen, daß du hingehst, um dich zum Narren zu machen. Aber wie konnte ich mir vorstellen, daß du dich so weit vergessen würdest! Was werden die Leute von uns denken? Aber, wie hast du es gesagt? auf welche Weise? Ich hoffe, nicht ganz ohne Einleitung!«

»O nein, ich sagte: Mein Freund und ich, wir möchten gern wissen, wie Sie heißen, – wenn Sie nichts dagegen haben!«

»Nein, das war wirklich nicht mit der Tür ins Haus gefallen! – Du warst in der Tat von einer Höflichkeit, die dir Ehre macht, und ich danke dir noch besonders, daß du mich auch hineingemischt hast! Was tat sie aber?«

»Gar nichts Ungewöhnliches! Sie nannte mir einfach ihren Namen.« »Ist es möglich! – und zeigte auch gar keine Überraschung?«

»Doch – etwas hat sie gezeigt – vielleicht war es Überraschung – mir kam es aber vor, als sei es Freude.«

»Sehr wahrscheinlich … es muß natürlich Freude gewesen sein – wie hätte sie sich auch nicht freuen sollen, von einem Fremden mit einer solchen Frage angefallen zu werden. – Was tatest du weiter?«

»Ich reichte ihr die Hand und sie schüttelte sie.«

»Das habe ich gesehen – ich traute meinen Augen kaum! Hat der Herr denn nicht gesagt, er würde dir den Hals umdrehen?«

»Nein, mir schien es, als ob sie sich alle freuten, meine Bekanntschaft zu machen.«

»Das wird auch wohl der Fall gewesen sein; sie werden bei sich gedacht haben: dieser Ausstellungsgegenstand muß seinem Wärter entlaufen sein, wir wollen uns einen Spaß mit ihm machen! Das ist die einzige Erklärung für ihre Sanftmütigkeit. – Du nahmst Platz – haben sie dich dazu aufgefordert?«

»Nein, ich dachte, sie hätten es vergessen.«

»Welchen sicheren Instinkt du hast! Was hast du noch getan? Wovon hast du denn gesprochen?«

»Ich fragte das Mädchen, wie alt es wäre.«

»Nein, wirklich, dein Zartgefühl ist über alles Lob erhaben! Weiter – weiter – kümmere dich nicht um meine traurige Miene, – so sehe ich immer aus, wenn ich eine tiefe innere Freude empfinde. Sprich weiter! Sie gab dir ihr Alter an?«

»Ja, und dann erzählte sie mir von ihrer Mutter, ihrer Großmutter, den übrigen Verwandten und von ihren eigenen Angelegenheiten.«

»Alles von selbst?«

»Nein, das nicht gerade. Ich stellte die Fragen und sie gab mir die Antworten.«

»Das ist ja himmlisch! Hast du nicht auch nach ihren politischen Ansichten gefragt?« »Freilich – sie ist Demokratin und ihr Mann Republikaner.«

»Ihr Mann? Das Kind ist doch nicht verheiratet?«

»Sie ist kein Kind; sie ist verheiratet, und der Herr, der neben ihr sitzt, ist ihr Mann!«

»Hat sie auch Kinder?«

»Ja, sieben und ein halbes.«

»Das ist unmöglich!«

»Nein, es ist die reine Wahrheit. Sie hat es mir selbst gesagt.«

»Aber – sieben und ein halbes? – Was soll das halbe bedeuten?«

»Das ist aus einer anderen Ehe – solch ein Stiefkind wird nur halb gerechnet.«

»Aus einer anderen Ehe? So hat sie schon einmal einen Mann gehabt?«

»Ja, vier; dies ist der vierte.«

»Ich glaube kein Wort davon, die Unmöglichkeit liegt ja auf der Hand. Ist der Knabe ihr Bruder?«

»Nein, ihr Sohn und zwar der jüngste. Er ist nicht so alt, wie er aussieht, erst elf und ein halbes Jahr.«

»Das ist alles vollständig unmöglich! Die Sache scheint mir ganz klar: sie haben gesehen, wen sie vor sich hatten, und dich zum Narren gehalten. Ich bin froh, daß ich nichts damit zu schaffen habe; hoffentlich denken sie nicht, wir zwei seien Leute vom gleichen Schlage. Wollen sie denn lange hier bleiben?«

»Nein, sie reisen noch vor Mittag ab.«

»Ich kenne jemand, der herzlich froh darüber ist. Wo hast du es erfahren? Du hast sie wahrscheinlich gefragt?«

»Nein, zuerst fragte ich im allgemeinen nach ihren Plänen, und sie sagten, sie würden eine Woche hier bleiben und Ausflüge in die Umgegend machen. Gegen das Ende der Unterhaltung äußerte ich dann, wir würden sie gern auf ihren Touren begleiten und schlug vor, dich zu holen und ihnen vorzustellen. Dann zögerten sie ein wenig und fragten, ob du aus derselben Anstalt seiest wie ich. Ich sagte ja, worauf sie bemerkten, sie hätten sich anders besonnen und wollten sofort nach Sibirien abreisen, um einen kranken Verwandten zu besuchen.«

»Das setzt deiner Dummheit die Krone auf! So weit hat es noch niemand gebracht. Wenn du vor mir stirbst, setze ich dir ein Denkmal von Eselsköpfen, so hoch wie der Straßburger Kirchturm! Sie wollten wirklich wissen, ob ich aus derselben Anstalt wäre wie du? – Was für eine Anstalt meinten sie denn?«

»Ich weiß nicht, es fiel mir nicht ein, danach zu fragen.«

»Aber ich weiß es! – Sie meinten ein Irrenhaus, eine Anstalt für Blödsinnige. Und jetzt halten sie uns doch für zwei gleiche Narren, – Siehst du nun, was du angerichtet hast? Schämst du dich gar nicht?« –

»Weshalb auch? – Meine Seele dachte an nichts Böses; was schadet es denn? Es waren sehr nette Leute und ich schien ihnen zu gefallen.«

Harris machte einige grobe Bemerkungen und begab sich in sein Schlafzimmer – um Tische und Stühle kurz und klein zu schlagen, wie er sagte. Er ist ein merkwürdig cholerischer Mensch und die geringste Kleinigkeit bringt ihn ganz außer sich. –

Die junge Dame hatte mich schön in die Klemme gebracht, aber an Harris habe ich mich wieder schadlos gehalten. Man muß sein Mütchen immer auf eine oder die andere Weise kühlen, sonst schmerzt die wunde Stelle noch lange.

Berliner Eindrücke.


Berliner Eindrücke.

Berlin hat mich im höchsten Grade überrascht. Keine Beschreibung, die ich früher in Büchern gelesen habe, trifft mehr zu. Das Berlin, wie es im vorigen Jahrhundert und noch in der ersten Hälfte des jetzigen war, die schmutzige, einförmige, häßliche Stadt, ist wie vom Erdboden verschwunden. Nur der Grund, auf dem sie stand, hat noch eine Geschichte und alte Überlieferungen, – Berlin selbst ist ganz neu, die neueste Stadt, die mir jemals vorgekommen ist.

Sogar Chicago würde altersgrau daneben aussehen. Im übrigen gleichen sich diese beiden Städte, was die flache Umgebung, das rasche Wachstum und die Einwohnerzahl betrifft. Mit Bestimmtheit behaupten kann ich das freilich nicht, da ich nicht weiß, wie viele Einwohner Chicago heute hat, vorletzte Woche waren es etwa anderthalb Millionen. Auch wegen der vielen geraden Straßen und der ungeheuern Raumverschwendung kann man Berlin das europäische Chicago nennen; die Straßen sind fast durchgängig so breit angelegt, wie ich es noch in keiner Stadt irgend eines andern Landes gefunden habe. ›Unter den Linden‹ sind drei Straßen in einer; die Potsdamerstraße ist auf beiden Seiten von Bürgersteigen eingefaßt, die breiter sind als die berühmten Hauptstraßen der größten Städte Europas; auch hat Berlin einen Park von ungewöhnlicher Ausdehnung.

Für die Bauordnung bestehen die sonderbarsten Vorschriften. Die Stadt ist aus lauter Steinriesen aufgetürmt, man darf in Berlin keine unsicheren und unansehnlichen Häuser bauen, und so sind denn diese auffallend schönen und großartigen Gebäude entstanden, die weder mit Einsturz drohen, noch bei der geringsten Feuersbrunst ein Raub der Flammen werden. Die Baukommissäre nehmen ihre Besichtigung während des Baues vor; man hat gefunden, daß dies besser ist, als zu warten, bis das fertige Haus wieder einfällt. Bricht ein Brand aus, so herrscht dabei die größte Ordnung und Ruhe, die uniformierte Feuerwehr marschiert in Reih‘ und Glied, so ernst und gemessen in Miene und Haltung, als ginge es zu einem Begräbnis, man glaubt die Heilsarmee einherkommen zu sehen, in tiefer Zerknirschung über ihre Sünden. Da das Feuer sich in den steinernen Gebäuden immer nur auf ein Stockwerk beschränkt, brauchen die übrigen Bewohner des Hauses sich nicht weiter darum zu kümmern.

Allabendlich findet eine wahrhaft verschwenderische Beleuchtung mit Gas und elektrischem Licht statt, Berlin bietet daher zur Nachtzeit einen entzückenden Anblick. Überall hat man eine Doppelreihe glänzender Lichter vor sich, die nach allen Seiten in gerader Linie weit in die Nacht hinausläuft. Die dazwischenliegenden Plätze leuchten im Strahlenglanz, und zahllose Droschkenlaternen schießen wimmelnd in allen Richtungen hin und her, wie Schwärme von Leuchtkäfern an einem Sommerabend.

In keiner Stadt wird wohl so viel regiert wie in Berlin, aber ich wüßte auch keine, die besser regiert wäre. Methode und System machen sich allenthalben geltend, in großen wie in kleinen Dingen und selbst bei den geringfügigsten Einzelheiten. Die Verordnungen stehen aber nicht etwa bloß auf dem Papier, so daß es dabei sein Bewenden hat, nein, sie treten wirklich in Kraft und werden bei Armen und Reichen ohne Gunst und Ungunst auf gleiche Weise durchgeführt. Der mühevolle, emsige Fleiß, die Ausdauer und Pflichttreue, welche die Behörde bei jeder Gelegenheit entfaltet, erregt Bewunderung – zuweilen auch Leidwesen. Das Erstaunlichste, was ich diesseits des Ozeans gefunden habe, ist die höfliche, unerschütterliche, verfluchte Beharrlichkeit, mit welcher die Polizei ihren Willen durchsetzt und die Ordnung aufrecht erhält. Sie duldet keine Ansammlung von Menschen, weil daraus Ungehörigkeiten entstehen könnten; ja, träte plötzlich ein Erdbeben ein, so würde es die Berliner Polizei beaufsichtigen und ordnungsmäßig zu Ende führen.

Die Straßen werden sehr rein gehalten, aber nicht, wie es in Neuyork Sitte ist, mit schönen Worten und frommen Reden, sondern durch tägliche und stündliche Arbeit mit Kratzbürste und Besen. Kurz, man hat den Eindruck, daß hier eine Stadtverwaltung am Ruder ist, die vor keinen Kosten zurückscheut, wo die öffentliche Bequemlichkeit, Behaglichkeit und Gesundheit in Betracht kommt.

Nur eine Ausnahme muß ich erwähnen; das ist die Benennung der Straßen und die Numerierung der Häuser. Zuweilen ändert sich der Straßennamen mitten in der Häuserreihe; man merkt dies erst bei der nächsten Ecke und weiß natürlich nicht, wo der Wechsel angefangen hat. In betreff der Hausnummern herrscht ein Chaos wie vor Erschaffung der Welt. Unmöglich kann die weise Berliner Stadtregierung eine derartige Einrichtung getroffen haben. Sie ist eines Blödsinnigen würdig; allein, so mannigfaltige Arten Verwirrung und Unheil anzurichten, wäre ein Blödsinniger nicht imstande sich auszudenken. Oft dient eine Nummer für drei bis vier Häuser, und doch steht sie nur auf einem derselben; dann wieder wird ein Haus z. B. mit Nummer 4 bezeichnet und die folgenden mit 4a, 4b, 4c, so daß man alt und schwach geworden ist, bis man bei Nummer 5 anlangt. Die Folge dieses systemlosen Systems ist die, daß man bei Nr. 1 keine Ahnung hat, ob Nr. 150 ein Paar Meilen oder hundert Schritte weit sein mag. Obendrein steigen oder fallen die Zahlen ganz willkürlich; von 50 oder 60 gelangt man vielleicht plötzlich zu 140, 139 usw. und nur ein Pfeil gibt durch seinen Flug die veränderte Richtung an. Es ist um den Verstand zu verlieren, und bis hier nicht Abhilfe geschafft wird, muß man auf das Schlimmste gefaßt sein.

Als ich in Berlin war, fand eine Feier zu Ehren der berühmten Gelehrten Virchow und Helmholtz statt, welche beide fast zu gleicher Zeit ihr siebzigstes Lebensjahr erreichten. Schon seit Wochen war eine Deputation nach der andern eingetroffen, um den beiden Geistesheroen Glückwünsche, Ehrungen und Huldigungen darzubringen. Die fernsten Städte, die berühmtesten Hochschulen beteiligten sich an diesen Kundgebungen.

Den Schluß derselben bildete der große Studentenkommers, der in einem mit Fahnen und Standarten geschmückten, glänzend erleuchteten Riesensaal gehalten wurde. An jedem der zahllosen Tische, die den ganzen Raum erfüllten, hatten vierundzwanzig Personen Platz. Ich war hocherfreut, einen Sitz an der Mitteltafel zu erhalten, an welcher auch die beiden Helden des Abends saßen, obwohl ich durchaus nicht gelehrt genug bin, um eine derartige Ehre zu verdienen. Es bereitete mir ein seltsam angenehmes Gefühl, mich in solcher Gesellschaft zu befinden, mit dreiundzwanzig Männern zusammen zu sein, welche an einem Tage mehr vergessen, als ich je gewußt habe. In Verlegenheit geriet ich nicht; die Gelehrsamkeit steht dem Menschen selten im Gesicht geschrieben und ich konnte mit leichter Mühe Haltung und Gebärden der Herren so nachahmen, daß mich die Menge auch für einen Professor hielt.

In kurzer Zeit war der ganze Saal voll, es hieß, es seien gegen viertausend Personen anwesend; auch alle Zwischengänge waren dicht besetzt. An jeder Tafel stand ein Student im Wichs seiner Verbindung. Die Trachten sind alle von reichem Stoff in glänzenden Farben und außerordentlich malerisch.

Soweit mein Auge reichte, sahen alle die frischen, jugendlichen Gesichter nach einer Richtung hin; unverwandt hingen die Blicke sämtlicher Studenten an dem Platz, wo Virchow und Helmholtz saßen. Sie verschlangen die beiden Geistesriesen förmlich mit den Augen und die Verehrung der Herzen strahlte aus allen Mienen.

Mancher ausgezeichnete Gast war schon durch die Ehrengarde an seinen Platz geleitet worden, da erklangen noch einmal die drei Trompetenstöße und wieder fuhren die Rapiere aus den Scheiden. Vom fernen Eingang her blitzten die erhobenen Schläger – ›Mommsen!‹ ging es flüsternd durch die Reihen. Der ganze Saal erhob sich, rief, stampfte mit den Füßen, klatschte mit den Händen, rasselte mit den Biergläsern. Es war ein wirklicher Sturm. Dann drängte sich der kleine Mann mit dem langen Haar an uns vorbei und nahm seinen Sitz ein. Denkt euch meine Überraschung! Ich hatte ja nicht im Traum daran gedacht, daß ich den Mann leibhaftig vor mir haben würde, der die ganze römische Welt und alle Cäsaren in seinem lichtvollen Haupte trug. Meilenweit wäre ich gewandert, um ihn zu sehen, und hier saß er, ohne daß es mir die kleinste Mühe oder Reise oder sonst etwas gekostet hätte.

Die Musik spielte einen kriegerischen Marsch; es folgte der Toast auf den Kaiser, bei dessen Schluß alle Gläser auf einmal geleert und mit einem Schlage auf den Tisch gestoßen wurden. Es klang täuschend wie Donnergetöse. Mächtige Weisen ertönten, immer höher schwoll die Luft, die Schläger krachten, die Biergläser rasselten, die Begeisterung wuchs und ließ sich bald nicht mehr überbieten. Ich wenigstens fühlte mich außerstande, noch mehr darin zu leisten.

Die Feier des Abends schloß mit zwei von Studenten gehaltenen Reden und der Erwiderung von Virchow und Helmholtz.

Virchow ist seit langer Zeit Mitglied der Berliner Stadtverwaltung, Er arbeitet ebenso eifrig für das Wohl der Stadt wie jeder andere Stadtrat und für den nämlichen Sold: für nichts. Ich weiß nicht, ob wir in Amerika es unserem berühmtesten Mitbürger zumuten könnten, sich an der städtischen Verwaltung zu beteiligen und ob, falls wir es wagten, wir seine Wahl durchsetzen würden. Aber hier ist das Munizipalsystem so vorzüglich, daß die besten Männer es sich zur Ehre rechnen, unentgeltlich als Stadträte dienen zu dürfen, und das Volk ist vernünftig genug, diese Männer zu bevorzugen und immer wieder zu wählen. Darum ist Berlin auch eine in jeder Beziehung gut und zweckmäßig verwaltete Stadt.

Die 1,000,000 Pfundnote.


Die 1,000,000 Pfundnote.

Mit siebenundzwanzig Jahren bekleidete ich in San Francisco eine Stelle auf dem Kontor eines Minenmaklers, und hatte mir dabei eine gründliche Kenntnis dieses Geschäftszweiges nach allen Richtungen erworben. Ich stand allein auf der Welt und nannte nichts mein eigen als meinen gesunden Verstand und einen steckenlosen Ruf; doch hatten sich diese beiden Güter mir bisher als kräftige Stützen auf meinem Wege zum Glück erwiesen, und so schaute ich frohen Mutes in die Zukunft.

An den Sonnabenden hatte ich den Nachmittag für mich und brachte diese freie Zeit meist auf dem Wasser zu, indem ich mich in einem kleinen Segelboot in der Bucht herumtummelte. Dabei wagte ich mich eines Tages zu weit hinaus, so daß ich in die offene See getrieben wurde. Schon brach die Nacht herein und meine letzte Hoffnung begann zu schwinden, als mich eine kleine Brigg, die auf ihrem Weg nach London vorübersegelte, an Bord nahm.

Sie hatte eine lange, stürmische Fahrt, und ich mußte das Reisegeld als gemeiner Matrose abverdienen. In zerlumpten, abgeschabten Kleidern stieg ich in London ans Land, einen einzigen Dollar in der Tasche, Diese Summe verschaffte mir Nahrung und Obdach für die ersten vierundzwanzig Stunden. Die folgenden vierundzwanzig dagegen verbrachte ich ohne diese schätzenswerten irdischen Güter.

Müde und hungrig schleppte ich mich am folgenden Morgen – es mochte etwa zehn Uhr sein – an Portland-Place vorüber, als ein Kind, das an der Hand seiner Wärterin des Weges kam, eine köstliche große Birne, die es eben erst angebissen hatte, in den Rinnstein fallen ließ. Ich machte natürlich sofort Halt und heftete meinen begehrlichen Blick auf diesen schmutztriefenden Schatz. Der Mund wässerte mir, mein Magen bäumte sich, jede Faser an mir lechzte danach. Aber so oft ich Miene machte, nach der Birne zu greifen, jedesmal bemerkte das Auge eines Vorübergehenden mein Vorhaben; natürlich richtete ich mich dann stets wieder kerzengerade auf und nahm eine gleichgültige Miene an, als hätte ich überhaupt niemals im entferntesten an diese Birne gedacht. So ging es immer und immer wieder, und ich konnte derselben nicht habhaft werden. Bereits hatte meine Verzweiflung einen solchen Grad erreicht, daß ich allem Schamgefühl zum Trotz im Begriffe stand, die Birne ganz offen aufzuheben, als hinter mir ein Fenster aufging und ein Herr die Worte an mich richtete:

»Bitte, kommen Sie hier herein.«

Ein reich galonierter Lakai ließ mich ein und führte mich in ein kostbar eingerichtetes Zimmer, in welchem zwei ältliche Herren saßen. Nachdem sie den Diener weggeschickt, forderten sie mich auf, Platz zu nehmen. Sie waren eben erst mit ihrem Frühstück fertig geworden, und der Anblick der Überreste desselben ging fast über meine Kräfte. Ich vermochte kaum meine fünf Sinne zusammenzuhalten, während ich diese Herrlichkeiten da vor mir stehen sah; da man mich jedoch nicht aufforderte, davon zu kosten, so mußte ich mich eben in meine üble Lage fügen so gut es ging. Der Vorgang, der sich hier kurz zuvor abgespielt hatte, blieb mir selbst zwar noch geraume Zeit völlig unbekannt, dem Leser dagegen will ich denselben gleich jetzt mitteilen. Die beiden Brüder hatten am Tage vorher einen ziemlich heftigen Disput gehabt, den sie ganz nach Landessitte schließlich in Form einer Wette beilegten.

Man erinnert sich vielleicht, daß die Bank von England seinerzeit einmal bei Gelegenheit eines Geschäftes, das die Regierung mit einer auswärtigen Macht abschloß, eigens nur zu diesem Zwecke zwei Noten von je einer Million Pfund Sterling ausgab. Aus irgend einem Grunde war nur die eine der beiden Noten hierbei gebraucht und dann entwertet worden, während die andere noch in den Gewölben der Bank lag. Nun waren die beiden Brüder im Laufe des Gesprächs ganz zufällig auf die Erörterung der Frage verfallen, wie es wohl einem durchaus ehrlichen und gescheiten Fremden ergehen würde, der in London auftauchte, ohne daselbst einen Menschen zu kennen, zugleich ohne allen weiteren Geldbesitz außer dieser Millionenbanknote und endlich ohne die Möglichkeit, sich über deren Erwerb auszuweisen. Bruder A. behauptete, der Betreffende müsse einfach Hungers sterben, während Bruder B. durchaus entgegengesetzter Meinung war. Bruder A. machte geltend, derselbe könnte ja die Note weder bei der Bank noch sonstwo anbringen, ohne auf der Stelle festgenommen zu werden. In dieser Weise stritten sie so lange hin und her, bis Bruder B. sich schließlich bereit erklärte, zwanzigtausend Pfund darauf zu wetten, daß der Fremde dreißig Tage lang unfehlbar von der Millionen-Note leben könne und zwar ohne ins Gefängnis zu kommen. Bruder A. nahm die Wette an, worauf Bruder B. sich ohne Verzug nach der Bank begab und die Note kaufte. Echt englisch, wie man sieht: geradeswegs forsch aufs Ziel los! Er ließ sodann von einem seiner Angestellten einen Brief in schöner Rundschrift dazu ausfertigen, und nun warteten die beiden Brüder am Fenster einen ganzen Tag lang auf einen Vorübergehenden, der danach aussähe, als käme bei ihm das inhaltschwere Schriftstück in die richtigen Hände.

Es kamen viele ehrliche Gesichter vorüber, die aber nicht gescheit genug aussahen; ebensoviele, bei denen das Umgekehrte der Fall war, viele wiederum, bei denen beides zutraf; aber diese waren dann entweder nicht arm genug oder, wofern auch dieses stimmte, doch keine Fremden. Stets hatte die Sache irgend einen Haken, bis ich auftauchte. Bei mir hatten beide sofort den Eindruck, daß sämtliche Erfordernisse in vollem Umfang erfüllt seien; die Wahl war demnach einstimmig auf mich gefallen, und da saß ich nun und harrte der Eröffnung, wozu man mich eigentlich hereingerufen habe. Zuvörderst hatte ich ein eingehendes Examen über meine persönlichen Verhältnisse zu bestehen, infolgedessen sie bald genug mit meiner ganzen Geschichte bekannt waren; das Ergebnis ging dahin, ich sei ganz der richtige Mann für ihr Vorhaben. Ich erwiderte, das sei mir höchst erfreulich, ich bitte mir nur sagen zu wollen, worin dieses bestehe. Hierauf behändigte mir der eine der beiden einen verschlossenen Briefumschlag mit dem Bemerken, darinnen sei die Erklärung enthalten. Ich wollte den Umschlag ohne weiteres öffnen, allein dies ließ er nicht zu; ich solle denselben nur mit nach Hause nehmen, den Inhalt aufmerksam ansehen und dann mit vollem Bedacht und ruhiger Überlegung handeln. Einigermaßen verdutzt meinte ich, es wäre mir doch lieber, wenn die Sache etwas genauer erörtert werden könnte, sie ließen sich jedoch nicht darauf ein; so verabschiedete ich mich denn, tief gekränkt über den schlechten Scherz, den man sich offenbar mit mir erlaubt hatte, und voll Grimm über meine dermalige Lage, in der ich mir diesen Schimpf von so reichen und mächtigen Leuten ganz ruhig mußte gefallen lassen.

Die Birne hätte ich jetzt unfehlbar aufgehoben und vor aller Welt verzehrt, aber nun war dieselbe nicht mehr da. Also auch darum hatte mich die unselige Geschichte gebracht! Diese Vorstellung war nicht eben dazu angetan, mich sanfter gegenüber den beiden alten Herren zu stimmen. Sobald ich aus der Sehweite des Hauses war, öffnete ich den Umschlag. Ich erblickte eine Banknote! Nun erschienen mir die Herren natürlich auf einmal in ganz anderem Lichte. Ohne mich einen Augenblick zu besinnen, schob ich den Brief samt dem Geld in die Westentasche und lief spornstreichs nach der nächsten billigen Speisewirtschaft. Nun, wie ich da einhieb, das mußte man sehen! Als schließlich nichts mehr in mich hineinging, nahm ich die Note aus der Tasche und faltete sie auseinander. Beim ersten Blick darauf wäre ich beinahe in Ohnmacht gefallen. Fünf Millionen Dollars!! Mir wirbelte der Kopf bei der bloßen Vorstellung.

Eine volle Minute dauerte es gewiß, bis ich aus der Betäubung, in welche mich der Anblick der Note versetzte, heraus und wieder ordentlich zu mir kam. Das erste, was mir nun ins Auge fiel, war der Wirt. Wie versteinert stand er da, starr den Blick auf die Banknote gerichtet. Es sah aus, als sei er vor lauter Verzückung nicht mehr imstande ein Glied zu rühren. Augenblicklich hatte ich den Entschluß gefaßt, der bei dieser Sachlage der einzig vernünftige war. Ich streckte ihm die Note hin und sagte dabei in ganz unbefangenem Tone:

»Bitte, wollen Sie mir herausgeben.«

Diese Anrede gab ihm sein geistiges Gleichgewicht wieder. Er erschöpfte sich in Entschuldigungen, daß er nicht imstande sei die Note zu wechseln, und wollte dieselbe um keinen Preis annehmen. Nur anschauen wollte er sie, immer wieder anschauen; es war, als könnte er sich nicht satt davon sehen; vor ihrer Berührung dagegen scheute er zurück, als wäre es ein geweihter Gegenstand, viel zu heilig für die Hände eines Sterblichen.

»Es tut mir leid, wenn ich Ihnen Mühe mache,« begann ich wieder, »allein ich muß darauf beharren, daß Sie mir auf die Note herausgeben, ich habe kein Geld sonst.«

Das mache ganz und gar nichts, versetzte er, er lasse diese unbedeutende Zeche ganz gern bis zum nächstenmal stehen. Ich erwiderte, es könne lange dauern, bis ich wieder bei ihm vorbeikomme; allein er versicherte abermals, das habe nichts auf sich, er könne wohl warten; ich könne überhaupt zu jeder Zeit bei ihm haben, was ich wolle, und den Betrag dafür stehen lassen, solange es mir beliebe. Ich werde doch nicht von ihm glauben, daß er einem so reichen Herrn wie ich bloß deshalb kein Vertrauen schenke, weil derselbe ein lustiger Kauz sei, der zum Ulk gerne in geringer Kleidung unter die Leute gehe. Unterdessen hatten sich weitere Gäste eingefunden; auch jetzt gab er mir noch durch Zeichen zu verstehen, ich solle das Ungetüm doch nur wieder einstecken; und als ich dann fortging, machte er einen Bückling um den andern hinter mir drein bis zur Tür. Ich machte mich schnurstracks wieder auf den Weg nach der Wohnung des Brüderpaars, um dieselben von der vorgekommenen Verwechslung in Kenntnis zu setzen, ehe ich durch polizeiliche Nachforschungen hierzu veranlaßt würde. Es war mir gar nicht recht wohl bei der Sache, ja, ich hatte eigentlich ganz gehörig Angst, obwohl mich natürlich durchaus keine Schuld traf. Aber ich kannte die Welt und wußte nur zu wohl, daß, wenn jemand aus Versehen einem Bettler statt einer Einpfundnote eine Millionenbanknote gibt, er unfehlbar in eine gräßliche Wut auf den armen Teufel gerät, anstatt sich für seine Kurzsichtigkeit nach Gebühr an der eigenen Nase zu fassen. Als ich in die Nähe des Hauses kam, begann sich meine Aufregung etwas zu legen, denn da war alles still und ruhig – offenbar war der Streich noch nicht entdeckt worden. Ich klingelte. Derselbe Bediente wie das erste Mal erschien wieder. Ich fragte nach den beiden Herren.

»Sie sind fort,« erwiderte er in dem hochmütigen, kalten Ton, den seinesgleichen meist an sich haben.

»Fort? Wohin?«

»Verreist.«

»In welcher Richtung denn?«

»Wahrscheinlich nach dem Kontinent.«

»Dem Kontinent?«

»Jawohl.«

»Welchen Weg haben sie denn eingeschlagen?«

»Kann ich nicht sagen.«

»Wann kommen sie denn zurück?«

»In einem Monat, soviel sie sagten.«

»In einem Monat! Ach, das ist ja schrecklich! Geben Sie mir doch nur irgend einen noch so entfernten Anhaltspunkt, wie ich ihnen ein Wort zukommen lassen kann. Es ist von der allerhöchsten Wichtigkeit.«

»Kann ich wirklich nicht. Ich habe keine Ahnung, wohin sie gereist sind.«

»Dann muß ich irgend ein Angehöriges der Familie sprechen.«

»Die Familie ist ebenfalls fort, auf Reisen schon seit Monaten – in Ägypten, Indien, glaube ich.«

»Mann, es ist ein ungeheures Versehen vorgekommen. Noch vor Nacht kommen die Herren gewiß zurück. Wollen Sie ihnen dann sagen, ich sei dagewesen und werde so lange immer wiederkommen, bis die Sache in Ordnung sei. Sie dürften also ganz unbesorgt sein.«

»Ich will es ihnen sagen, falls sie zurückkommen, aber ich erwarte sie nicht zurück. Sie sagten, daß Sie schon in einer Stunde wiedererscheinen würden, um nachzufragen. Ich solle Ihnen aber nur sagen, es sei alles in Ordnung, sie werden schon zur rechten Zeit zurück sein und Sie erwarten.«

Nun mußte ich also mein Vorhaben aufgeben und wieder fortgehen. Dieses unergründliche Rätsel! Mir war, als müßte ich den Verstand darüber verlieren. Sie würden »zu rechter Zeit zurück sein«. Was konnte das zu bedeuten haben? O, in dem Briefe würde ich vielleicht Aufklärung darüber finden. Den hatte ich ganz vergessen. Ich zog ihn aus der Tasche und las ihn durch, derselbe lautete:

»Gescheit und ehrlich sind Sie, das sieht man Ihnen am Gesichte an. Wie wir weiter annehmen dürfen, sind Sie außerdem mittellos und fremd. Inliegend finden Sie einen Geldbetrag, der zu einem unverzinslichen Darlehen für Sie auf die Dauer von dreißig Tagen bestimmt ist. Nach Verfluß dieser Zeit sprechen Sie wieder hier vor. Ich habe eine Wette auf Sie gemacht. Gewinne ich dieselbe, so sollen Sie jede beliebige Stellung erhalten, die ich zu vergeben habe – d. h. vorausgesetzt natürlich, daß solche Ihrer bisherigen Tätigkeit entspricht und daß Sie die Fähigkeit besitzen, dieselbe auszufüllen.«

– Keine Unterschrift, keine Adresse, kein Datum. –

Nun, da steckte ich einmal in einer netten Klemme. Der Leser kennt ja die Vorgeschichte des Falles, ich selbst dagegen hatte keine Ahnung davon. Für mich war das Ganze lediglich ein unergründliches, dunkles Rätsel. Ich hatte nicht die entfernteste Vorstellung, um was es sich bei der Sache handelte und ob es dabei gut oder schlecht mit mir gemeint war. In einer öffentlichen Anlage ließ ich mich auf einer Bank nieder, um hier die Sache gründlich zu überdenken und mich über mein ferneres Verhalten schlüssig zu machen. Nach Verlauf einer Stunde hatte bei mir an der Hand meiner Erwägungen die folgende Auffassung endgültig Gestalt gewonnen. Ob es die beiden Herren gut mit mir meinen oder schlecht, ist eine Frage, die ich nicht zu ergründen vermag, – also ruhig zusehen. Es handelt sich dabei um einen Scherz, eine Idee oder ein Experiment irgendwelcher Art, worüber ich ebensowenig ins klare kommen kann, – also wiederum ruhig zusehen. Man hat auf mich eine Wette eingegangen, deren Gegenstand ich unmöglich zu erraten imstande bin – also abermals ruhig zusehen. Damit wären die unfaßbaren Größen abgetan; die übrigen in Betracht kommenden Faktoren sind dagegen sämtlich greifbarer, reeller Art und lassen sich ganz genau zum voraus bestimmen und berechnen. Wenn ich bei der Bank von England darum nachsuche, die Note dem Eigentümer auf Rechnung zu stellen, so wird man allerdings meinem Antrage nachkommen, denn dort kennt man ja seinen Namen, wenn auch ich ihn nicht weiß; aber dann wird man mich weiter fragen, wie ich in Besitz der Note komme; und sage ich darauf die Wahrheit, so sperrt man mich selbstredend in ein Irrenhaus, lüge ich dagegen, so erhalte ich Quartier in Numero Sicher. Genau ebenso würde es mir ergehen, falls ich versuchen wollte, die Note irgendwo sonst einzulösen oder Geld darauf aufzunehmen. Ich muß diese unerträgliche Last mit mir herumschleppen, bis jene Herren zurückkommen, ob ich will oder nicht. Sie ist ohne allen Wert für mich, so wertlos wie eine Hand voll Asche, und doch muß ich sie aufs sorgfältigste behüten und bewahren, während ich dabei auf fremde Mildtätigkeit angewiesen bin, um mein Leben zu fristen. Nicht einmal verschenken könnte ich die Note, wenn ich wollte; denn kein ehrlicher Bürger, ja selbst nicht der gemeinste Straßenränder würde sie annehmen oder um alles in der Welt das geringste damit zu tun haben wollen. Das Bruderpaar ist in jedem Falle vollkommen gedeckt, – selbst wenn ich die Note verliere oder verbrenne; denn im ersten Falle brauchen sie nur Zahlungssperre zu veranlassen, im zweiten dagegen ersetzt ihnen die Bank den vollen Wert. Ich dagegen muß inzwischen einen ganzen Monat voll unerhörter Qualen durchmachen, ohne im geringsten Entgelt oder Lohn dafür zu erhalten, – woferne ich nicht jene Wette gewinnen helfe, sie mag sich nun beziehen, worauf sie wolle, und dafür die mir zugesagte Stellung erhalte. Ja freilich, wenn ich die bekäme! – So große Herren haben oft Pöstchen zu vergeben, nach denen man sich die Finger leckt.

Von dem Gedanken an diesen Posten konnte ich mich nun nicht mehr losreißen. Ich begann mich mit hochfliegenden Hoffnungen zu tragen. Zweifelsohne war ein glänzender Gehalt damit verbunden, der im nächsten Monat beginnen mußte, und damit war ich ja dann wieder völlig flott. Diese frohen Aussichten versetzten mich rasch in eine sehr gehobene Stimmung, obwohl ich vorläufig noch immer ziellos in den Straßen umherirrte. Als ich an einem Kleiderladen vorbeikam, erfaßte mich das sehnlichste Verlangen, meine Lumpen abzuwerfen und mich wieder einmal anständig zu kleiden. Konnte ich mir das leisten? Nein, denn ich besaß wohl eine Millionenpfundnote, aber sonst nichts auf der Welt. So zwang ich mich denn, an dem Laden vorüberzugehen. Aber bald stand ich wieder davor. Die Versuchung war zu grausam; gewiß sechsmal ging ich bis an den Laden hin und wieder fort, während ich heldenmütig gegen dieselbe ankämpfte. Aber schließlich gab ich mich überwunden – ich konnte nicht anders. Ich fragte nach einem verschnittenen Anzug, der ihnen vielleicht liegengeblieben sei. Der Bedienstete, an den ich mich gewendet hatte, nickte nur stumm einem andern zu. Als ich auf diesen zuging, wies er mich in gleicher Weise an einen dritten, der mir nun zurief:

»Werde Sie sogleich bedienen!«

Ich wartete, bis er mit seinem augenblicklichen Geschäfte fertig war, dann führte er mich in ein Hinterzimmer, wo er aus einem ganzen Haufen verschnittener Anzüge den schlechtesten für mich heraussuchte. Ich zog ihn an. Er paßte nicht, war auch durchaus nicht hübsch, dagegen war er völlig neu und somit für mich höchst begehrenswert, Ich hatte also nichts an demselben auszusetzen und bemerkte dann in etwas unsicherem Tone:

»Es wäre mir sehr erwünscht, wenn Sie einige Tage auf den Betrag warten konnten. Ich habe kein kleines Geld bei mir.«

Der Kerl nahm eine unverschämt spöttische Miene an und erwiderte:

»Ach, wirklich! Nun, das habe ich mir gleich gedacht. Herren wie Sie haben gewöhnlich nur große Scheine in der Tasche.«

Ärgerlich über diese Unverschämtheit versetzte ich:

»Lieber Freund, Sie müssen jemand, den Sie nicht kennen, nicht immer nach den Kleidern beurteilen, die er trägt; ich bin wirklich ganz wohl imstande, den Anzug zu bezahlen. Ich wollte Ihnen nur die Mühe ersparen, eine große Note zu wechseln.«

Darauf milderte er seinen Ton ein wenig und erwiderte, immer noch ziemlich von oben herab:

»Ich wollte Ihnen ja nicht zu nahe treten; aber wenn wir uns denn doch einmal gegenseitig die Meinung sagen, so finde ich es nicht gerade am Platze, daß Sie sich daran zu zweifeln erlauben, ob wir auf eine Banknote, die Sie bei sich tragen, auch herausgeben können. Wir geben auf jede heraus.«

»O, das ist etwas anderes; dann bitte ich um Vergebung,« erwiderte ich und reichte ihm die Note hinüber. Mit einem Lächeln nahm er sie entgegen, mit jener Art von Lächeln, die das ganze Gesicht mit einem System von Falten, Runzeln und Schlangenlinien überzieht, wie die Ringe auf einer Wasserfläche, wenn man einen Stein hineingeworfen hat. Als er aber nun den Blick auf die Note gleiten ließ, wurde dieses Lächeln plötzlich zu Stein und nahm eine graugelbe Farbe an, so daß es aussah wie die Lavastücke, die man zu wellenförmig gewundenen Gebilden erstarrt an den Abhängen des Vesuv findet. Das war das erste Mal in meinem Leben, daß vor meinen Augen ein Lächeln so vollkommen unverändert stehen blieb. Immer noch stand der Mensch, die Note in der Hand, mit demselben Ausdruck da, bis endlich der Prinzipal herbeigeeilt kam, um zu sehen, was denn sei.

»Nun, was gibt’s?« fragte er, »was ist los? wo fehlt’s?«

»Es gibt gar nichts,« versetzte ich, »ich warte nur auf mein Kleingeld.«

»So geben Sie ihm doch heraus, White, frisch vorwärts!«

»Herausgeben!« rief der Kommis, der nun auch wieder zum Leben erwachte, »das ist gleich gesagt; sehen Sie nur erst die Note einmal an!«

Der Prinzipal warf einen Blick darauf, dann pfiff er in vielsagender Weise halblaut durch die Zähne und machte sich über den Haufen verschnittener Anzüge her, indem er dieselben fortwährend von einer Seite zur andern warf. Dabei machte er seiner Aufregung durch folgendes Selbstgespräch Luft:

»Einem exzentrischen Millionär einen solch unsagbar scheußlichen Anzug zu verkaufen! White ist ein Narr, ein geborener Narr. Immerfort macht er solche Streiche. So oft ein Millionär in den Laden kommt, treibt er ihn mir wieder hinaus, weil er es in seinem ganzen Leben noch nicht so weit gebracht hat, daß er einen Millionär von einem Bettler zu unterscheiden imstande ist. So, da hab‘ ich, was ich suchte,« wandte er sich nun an mich. »Bitte, legen Sie doch das Zeug da wieder ab und werfen Sie es ins Feuer. Tun Sie mir den Gefallen und ziehen Sie dafür dieses Hemd an und diesen Anzug hier. Das ist das einzig Richtige, das einzig Wahre – einfach und doch reich, wahrhaft fürstlich und doch nicht im mindesten auffallend. Wurde für eine ausländische Fürstlichkeit eigens angefertigt; der Besteller konnte es aber dann nicht brauchen und mußte einen Traueranzug dagegen nehmen, weil man meinte, seine Mutter liege im Sterben – und dann starb sie erst nicht. Aber das ist Nebensache, es geht eben nicht immer wie wir eh, eh – das heißt wie man – Da! die Hosen sind ganz recht, sitzen Ihnen wunderbar. Jetzt die Weste. Aha, ebenfalls vorzüglich! Jetzt den Rock – Guter Gott, schauen Sie nur her, großartig, unübertrefflich! das Vollkommenste, was je aus meinem Geschäfte hervorgegangen ist.«

Ich konnte nicht umhin, meiner Befriedigung Ausdruck zu geben.

»O gewiß, gewiß. Für einen fertigen Anzug paßt er ja ganz gut, das muß ich selber sagen. Aber warten Sie nur, was wir Ihnen erst nach Maß liefern werden. Vorwärts, White, Buch und Feder, aber rasch!« Dann fing er an: »Beinlänge 32,« und so fort. Ehe ich eine Silbe dagegen vorzubringen vermochte, hatte er mir das Maß zu Gesellschaftsanzügen, Morgenanzügen und allem möglichen sonst genommen. Als ich endlich zu Wort kommen konnte, sagte ich:

»Aber, mein werter Herr, ich kann das alles unmöglich bestellen, wenn Sie nicht mit der Bezahlung auf unbestimmte Zeit warten oder die Note wechseln können.«

»Auf unbestimmte Zeit! Das will ja gar nichts heißen, gar nichts. In alle Ewigkeit – so müssen Sie sagen. White, lassen Sie die Sachen schleunigst anfertigen und dem Herrn dann unverzüglich in die Wohnung schicken. Die kleineren Kunden mögen warten. Notieren Sie die Adresse des Herrn.«

»Ich bin eben im Umzug begriffen; ich komme dann wieder herüber und gebe Ihnen meine neue Adresse,« warf ich ein.

»Ganz schön, ganz schön. Nur einen Augenblick, bitte, dann werde ich Sie zur Tür geleiten. So, hier – habe die Ehre, mich Ihnen bestens zu empfehlen!«

Nun, so mußte es ja wohl kommen, nicht wahr? Auf dem allernatürlichsten Wege war ich bald dahin gelangt, daß ich überall einfach verlangte, was ich haben wollte und dann beim Bezahlen mit meiner Millionennote vorrückte. Noch bevor eine Woche um war, wohnte ich kostbar eingerichtet im größten Luxus und von allen Bequemlichkeiten umgeben in einem teuren Privathotel in Hanover-Square. Hier nahm ich auch das Diner ein, zum Frühstück dagegen suchte ich regelmäßig die kleine Speisewirtschaft auf, in der mir meine Millionennote zu meinem ersten Mahl verholfen hatte. Dieselbe gelangte durch mich zu ungeahnter Blüte. Allenthalben sprach man davon, daß der fremde Kauz, der die Millionen nur so in der Westentasche herumtrage, derselben seine Gönnerschaft zuwende. Dies genügte, um aus dem armseligen, elenden Ding, das mit Mühe sein Dasein fristete, ein berühmtes, stets überfülltes Lokal zu machen. In seiner Dankbarkeit drängte mir der Wirt ein Darlehen nach dem andern auf und ließ schlechterdings keine Weigerung gelten, so daß ich trotz meiner Bettelarmut im Gelde schwamm und ein wahres Herrenleben führte. Dabei sagte ich mir wohl, daß ich einem unvermeidlichen Krach entgegengehe; aber nun war es einmal so weit gekommen und jetzt hieß es eben, mit dem Strome schwimmen oder untergehen. Man sieht, ohne dieses Vorgefühl eines drohenden Unheils würde meine Lage einfach lächerlich erschienen sein; aber so erhielt dieselbe dadurch eine sehr ernste, nüchterne Seite, ja geradezu einen tragischen Zug. Nachts im Finstern drängte sich dieses Gefühl besonders in den Vordergrund, warnend und drohend, so daß ich mich seufzend auf meinem Lager herumwarf, und nur mit Mühe Schlaf finden konnte. Aber im frohen Schimmer des Tageslichts war dieser tragische Zug allemal sehr bald wieder verflogen und dann schwebte ich in höheren Regionen und wiegte mich in einem wahren Taumel, in einem förmlichen Rausche des Glücks.

Und das war auch ganz natürlich; war ich doch zu einer der Merkwürdigkeiten der größten Stadt der Welt geworden. Das war mir denn zu Kopfe gestiegen, und zwar nicht etwa nur so ein klein wenig, sondern ganz gehörig. Keine Zeitung im ganzen Vereinigten Königreich konnte man mehr zur Hand nehmen, ohne auf einen oder mehrere Artikel über den ›Mann mit der Million in der Westentasche‹ und auf Berichte über das Neueste, was er gesagt und getan, zu stoßen. Zuerst waren diese Notizen am Fuße der Personalnachrichten erschienen, bald aber kam ich über die Ritter, dann über die Baronets und so immer höher hinauf, je berühmter ich wurde, bis ich schließlich den höchsten für mich möglichen Ehrenplatz einnahm, auf dem mir nur noch Prinzen von königlichem Geblüt und der Primas von ganz England vorgingen. Aber, wohl gemerkt, das war noch kein wahrer Ruhm, was ich bis jetzt besaß, nur Berühmtheit; da kam ein Knalleffekt, der mit einem Schlage das vergängliche Blech der Berühmtheit in das gediegene Gold des Ruhmes verwandelte: im ›Punch‹ erschien eine Karikatur von mir. Ja, jetzt war ich ein gemachter Mann; jetzt war mir mein Rang gesichert. Witze durfte man nun wohl noch über mich machen, aber nur ganz respektvolle, keine spöttischen oder rohen mehr. Man konnte über mich lächeln; auslachen dagegen durfte man mich nicht mehr. Diese Zeiten waren vorüber. Der ›Punch‹ bildete mich ab, wie ich ganz in Lumpen gehüllt mit einem wohlgenährten Protzen um den Londoner Tower würfelte. Nun, man kann sich einbilden, wie das auf einen jungen Menschen wirken mußte, um den sich bisher kein Mensch gekümmert hatte, wenn er sah, daß er kein Wort mehr sagen konnte, ohne daß es aufgeschnappt und von allen Lippen wiederholt wurde; wenn er überall, wo er sich sehen ließ, die Bemerkungen von Mund zu Mund fliegen hörte: »da geht er«; »das ist er«; wenn er sein Frühstück nicht einnehmen konnte, ohne dabei von einer gaffenden Zuschauermenge umlagert zu werden und sich in keiner Opernloge zeigen durfte, ohne augenblicklich einem Kreuzfeuer von tausend Gläsern ausgesetzt zu sein. Kurz und gut – ich schaukelte mich den ganzen Tag auf einem wahren Ozean von Ruhm.

Ich hatte sogar meinen zerlumpten Anzug behalten und ging ab und zu in demselben aus, um das Vergnügen wieder einmal durchzukosten, mich beim Einkauf irgend einer Kleinigkeit beleidigen zu lassen und dann den Unverschämten mit meiner Millionennote niederzuschmettern. Aber lange konnte ich das nicht fortführen. Aus den illustrierten Zeitungen war meine Erscheinung so allgemein bekannt, daß ich mich in diesem Aufzuge stets augenblicklich erkannt und von einer Menschenmenge verfolgt sah; und sobald ich Miene machte etwas kaufen zu wollen, bot mir der Geschäftsinhaber seinen ganzen Laden auf Kredit an, noch ehe ich dazu kommen konnte, meine Note auf ihn loszulassen.

Etwa zehn Tage, nachdem ich zu dieser Berühmtheit gelangt war, dachte ich daran, meiner patriotischen Pflicht nachzukommen, indem ich dem amerikanischen Gesandten meine Aufwartung machte. Derselbe empfing mich mit dem meinem Falle angemessenen Entzücken, machte mir Vorwürfe, daß ich die Erfüllung dieser meiner Pflicht so lange habe anstehen lassen und erklärte mir, nur dadurch könne ich mir seine Vergebung erkaufen, daß ich bei einer am Abend in seinem Hause stattfindenden Gesellschaft den Platz eines durch Krankheit verhinderten Gastes einnehme. Ich sagte zu, und wir kamen allmählich tiefer ins Gespräch. Dabei stellte sich heraus, daß er mit meinem Vater auf einer Schulbank gesessen und später zusammen mit demselben im Yale College studiert und bis zu meines Vaters Tode einige Freundschaft mit ihm unterhalten hatte. So lud er mich denn ein, jede freie Stunde in seinem Hause zu verbringen, was ich natürlich mit Freuden annahm. Genauer gesagt war mir dies mehr als angenehm, es war mir vom höchsten Werte. Bei Eintritt des Krachs war er doch vielleicht imstande, mich vor gänzlichem Untergang zu bewahren. Ich konnte mir zwar nicht recht vorstellen, wie das zugehen sollte; allein ich dachte, er würde schon vielleicht einen Weg dazu finden. Für eine Generalbeichte, die ich ihm zu Anfang meines entsetzlichen hiesigen Daseins ohne weiteres abgelegt haben würde, war es bereits zu spät. Nein, das konnte ich nicht mehr riskieren, ich steckte schon zu tief drinnen; das heißt wenigstens so tief, daß es nicht geraten schien, einem Bekannten so neuen Datums genauere Mitteilungen darüber zu machen, wenn sich auch in meinen eigenen Augen die Sache noch nicht so hoffnungslos ausnahm. Denn bei meiner ganzen Borgwirtschaft hielt ich mich höchst sorgfältig innerhalb der Grenzen meiner Mittel – das heißt meines zukünftigen Gehaltes. Bestimmt wissen konnte ich ja natürlich nicht, wieviel derselbe betragen würde, aber eine genügende Grundlage für annähernde Schätzung desselben war doch dadurch gegeben, daß mir der alte Herr die freie Wahl unter sämtlichen Stellungen lassen wollte, die er zu vergeben hätte, vorausgesetzt, daß ich dazu befähigt wäre – und das war doch sicher der Fall, darüber hegte ich keinen Zweifel. Die Wette machte mir auch weiter keine Sorge; in dem Punkte hatte ich stets Glück gehabt. Nun, ich schätzte also meinen Gehalt auf sechshundert bis tausend Pfund im Jahre; sagen wir sechshundert fürs erste Jahr und dann so Jahr für Jahr mehr, bis ich es durch meine Leistungen auf tausend gebracht hätte. Meine Schulden erreichten bis jetzt nur die Höhe meines ersten Jahresgehalts. Von allen Seiten hatte man mir Geld angeboten, allein ich hatte diese Darlehen meist unter irgendeinem Vorwand zurückgewiesen; so beliefen sich meine daher stammenden Schulden auf nicht mehr als dreihundert Pfund, während ich die andern dreihundert zur Bestreitung meines Unterhalts und zu Einkäufen gebraucht hatte. Mit dem Gehalt des zweiten Jahres hoffte ich nun bei der nötigen Vorsicht und Sparsamkeit vollends bis zum Ende des Monats zu reichen, und daran wollte ich es gewiß nicht fehlen lassen. War dann mein Monat erst herum und mein Gönner von der Reise zurück, dann war ja alles wieder im schönsten Geleise; dann gedachte ich einfach Anweisungen auf die beiden ersten Jahresgehalte unter meine Gläubiger zu verteilen und mich tüchtig an die Arbeit zu machen.

Es war eine sehr angenehme Tischgesellschaft von vierzehn Personen: Herzog und Herzogin von S. mit Tochter, Earl und Counteß R., Viscount C., Lord und Lady G., einige Menschenkinder beiderlei Geschlechts ohne Rang und Titel, der Gesandte nebst Gemahlin und Tochter, sowie eine zu Besuch bei der letzteren befindliche junge Engländerin von zweiundzwanzig Jahren, namens Portia Langham, in welche ich mich im Lauf von zwei Minuten bereits verliebt hatte, ebenso wie sie sich in mich – was ich bemerken konnte, ohne eine Brille dazu nötig zu haben. Dann war noch ein Gast da, ein Amerikaner – doch ich eile meiner Erzählung etwas voraus. Während die Gesellschaft noch in sehnsüchtiger Erwartung des Mahles im Salon beisammen saß und die Zuspätkommenden mit kalter Verachtung musterte, meldete der Diener: »Mr. Lloyd Hastings.«

Dieser neue Gast faßte, sobald die Förmlichkeiten der Begrüßung vorüber waren, mich ins Auge und kam mit ausgestreckter Hand auf mich zu; in dem Augenblick aber, wo er die meinige fassen und freundschaftlich schütteln wollte, stockte er plötzlich und sagte mit verlegener Miene:

»Ich bitte sehr um Vergebung, ich glaubte Sie zu kennen.«

»Nun, du kennst mich auch, alter Junge.«

»Nein! Bist du der – das –«

»Das große Westentaschentier? Jawohl, gewiß. Du darfst mich getrost bei meinem Spottnamen nennen, ich bin schon daran gewöhnt.«

»Na, na, na, diese Überraschung! Ein oder zweimal war mir dein Name in Verbindung mit dieser Bezeichnung zu Gesicht gekommen, aber es kam mir nie dabei in den Sinn, daß du der fragliche Henry Adams sein könntest. Es ist doch noch kein halbes Jahr her, daß du in San Francisco auf Hopkins Kontor gebüffelt und, um dir einen Nebenverdienst zu verschaffen, ganze Nächte lang mit mir an der Ordnung und Richtigstellung der Bücher und Geschäftsberichte der Gould- und Curry-Extension-Gruben gearbeitet hast. Und jetzt soll ich mir vorstellen, daß du hier in London als vielfacher Millionär und kolossale Berühmtheit herumläufst! Es ist ja das reinste Märchen aus Tausend und eine Nacht. Mensch, ich kann es gar nicht fassen, nicht begreifen – laß mich nur erst wieder etwas zu mir kommen.«

»Wahrhaftig, Lloyd, es geht mir kein Haar besser als dir. Es ist mir selbst unfaßlich.«

»Bei Gott, wirklich ganz unerhört! Heute ist es gerade drei Monate her, daß wir zusammen nach dem Miners-Restaurant gingen.«

»Nein, nach dem What-Cheer.«

»Richtig, jawohl, nach dem What-Cheer. Da ließen wir uns um zwei Uhr morgens ein Kotelett und eine Tasse Kaffee geben, nachdem wir sechs Stunden zusammen über den Büchern der Extension geschwitzt hatten. Damals wollte ich dich überreden, mit mir nach London zu kommen und machte mich verbindlich, dir Urlaub auszuwirken und dich völlig frei zu halten, versprach dir auch noch etwas extra für den Fall, daß es mir gelänge, die Kuxe an den Mann zu bringen. Aber da wolltest du nichts von der Sache wissen. Du meintest, dabei komme doch nichts heraus, und du konntest doch nicht aufs Ungewisse deine ganze Stellung aufgeben, um dann vielleicht nach Jahr und Tag wieder von vorne anfangen zu müssen. Und nun bist du doch hier. Welch eine merkwürdige Geschichte ist das doch! Was hat dich denn hierher verschlagen, und wodurch in aller Welt hast du dich so kolossal herausgebracht?«

»Ach, das kam ganz zufällig. Es ist eine lange Geschichte – ein ganzer Roman kann man sagen. Ich erzähle dir alles, aber nicht jetzt.«

»Wann denn?«

»Ende dieses Monats.«

»Das sind ja noch über vierzehn Tage. Das heißt doch der menschlichen Neugierde zuviel zumuten. Sage lieber, in einer Woche.«

»Das geht nicht. Den Grund wirst du schon noch erfahren. Nun, wie steht es denn mit den Geschäften?«

Mit einem Male war der heitere Ausdruck in seinen Mienen wie weggeblasen, und mit einem Seufzer erwiderte er: »Du hattest ganz recht mit deiner Prophezeiung, ganz recht. Wäre ich doch nicht hierher gekommen. Ich mag gar nicht davon reden.«

»Doch, doch. Wenn wir hier fertig sind, mußt du mit mir nach Hause kommen und mir alles erzählen.«

»Wie, darf ich? Ist das dein Ernst?« Dabei wurden ihm die Augen feucht.

»Jawohl, ich will die ganze Geschichte hören, Wort für Wort.«

»Ach, wie beglückt bin ich, daß ich endlich wieder bei einem menschlichen Wesen in Blick und Wort einem Interesse für meine Angelegenheiten begegnen darf nach allem, was ich durchgemacht habe. Lieber Gott! Auf den Knien möchte ich dir dafür danken!«

Mit einem warmen Druck meiner Hand sprang er auf und sah in fröhlichster Stimmung der Mahlzeit entgegen – aus der jedoch nichts wurde. Nein, es ging wie es stets geht bei der verkehrten, widerwärtigen englischen Sitte – man war nicht imstande, sich über die Rangordnung zu einigen und so gab es keine Mahlzeit. Wenn ein Engländer zum Diner eingeladen wird, so ißt er sich jedesmal vorher zu Hause satt, ein Fremder dagegen, der von keiner Seite gewarnt wird, geht ahnungslos in die Falle. Diesmal freilich kam niemand zu Schaden, wir hatten alle bereits zu Hause gespeist, dem einzigen Neuling unter uns, Hastings, hatte der Gesandte gleich bei der Einladung gesagt, daß er getreu dem Landesbrauche für ein Gastmahl keine Vorsorge habe treffen lassen. Trotzdem setzte man sich nun, um den Schein zu wahren, ein jeder Herr mit einer Dame am Arm, nach dem Speisesaal in Bewegung; allein dabei ging der Streit bereits an. Der Herzog beanspruchte den Vortritt sowie den Platz oben an der Tafel, indem er einem Gesandten, der nur ein Volk, nicht einen Monarchen vertrete, an Rang vorgehe. Demgegenüber machte ich meine Rechte geltend, ohne einen Fußbreit nachzugeben. Die Zeitungen wiesen mir im Personalbericht den Platz vor allen Herzögen an, die nicht dem königlichen Hause angehörten, demnach sei es ganz in der Ordnung, daß mir vor diesem Herzog der Vorrang gebühre. Mit allem Hin- und Herreden, worin wir unser Möglichstes leisteten, kam die Sache natürlich nicht zum Austrag. Endlich war mein Gegner so unbedachtsam, Geburt und Ahnen ins Feld zu führen; da übertrumpfte ich ihn jedoch mit dem Hinweis darauf, daß ich, wie schon mein Name zeigt, in gerader Linie von Adam abstamme, während aus dem seinigen zusammen mit seiner normannischen Abkunft klar hervorgehe, daß er nur in der Seitenlinie mit dem Stammvater des Menschengeschlechts verwandt sei. So bewegte sich denn der Zug nach dem Salon zurück, wo wir gruppenweise herumstehend eine bescheidene Erfrischung – bestehend in einem Teller voll Sardinen und ein paar Erdbeeren – einnahmen. Dabei wurde es mit der Heiligkeit der Rangordnung etwas weniger streng genommen; die beiden Höchststehenden losten miteinander, indem sie ein Geldstück in die Luft warfen. Der Gewinner machte sich darauf zuerst über seine Erdbeeren her, wahrend der Verlierende den Schilling einsteckte. So ging es dann weiter bei allen nach der Reihe. Nach der Erfrischung brachte man Spieltische und wir spielten sämtlich Cribbage, um sechs Pence die Partie. In England spielt man nämlich niemals zum bloßen Vergnügen. Man will durchaus gewinnen oder verlieren – ob das eine oder das andere, ist gleichgültig – außerdem verzichtet man lieber ganz.

Der Abend verfloß allerliebst, wenigstens uns beiden, Miß Langham und mir. Ich war so bezaubert von dem holden Geschöpf, daß ich nicht imstande war, meine Trümpfe zu zählen, wenn es über zwei Sequenzen hinausging; und wenn ich einen Stich gemacht hatte, übersah ich es jedesmal und fing wieder an auszuspielen, so daß ich eine Partie um die andere verloren haben würde, wäre es meiner Partnerin nicht genau ebenso gegangen. So war es ganz natürlich, daß keines von uns beiden hinauskam, das fiel uns aber nicht im mindesten auf, wir wußten nur, daß wir glücklich waren, und weiter wollten wir auch nichts wissen und hatten nur den Wunsch, in diesem Gefühl nicht gestört zu sein.

Ich erklärte ihr sogar – wirklich in allem Ernste – ich erklärte ihr, daß ich sie liebe, und sie – nun, sie wurde wohl rot bis unter die Haare, hatte aber nichts dagegen – und sagte dies auch. O, es war der schönste Abend meines Lebens. Jedesmal, so oft ich ansagte, oder meine Trümpfe zählte, fügte ich als Postskript bei: »Gott, wie reizend Sie sind!« oder etwas ähnliches, wofür sie mir dann bei denselben Gelegenheiten ihrerseits Empfangsbestätigung erteilte, indem sie zum Schluß anhängte: »Finden Sie das wirklich?« Und dabei ließ sie einen so süßen, schelmischen Blick unter ihren langen Wimpern hervor auf mich blitzen. O, es war wirklich zu – herrlich!

Ich benahm mich übrigens vollständig offen und ehrlich dem Mädchen gegenüber. Ich sagte ihr, daß ich nichts auf der Welt im Besitz habe, als eben die eine Millionennote, von der sie schon so viel gehört habe und daß selbst diese nicht mein Eigentum sei. Dies erregte ihre Neugier, und daraufhin erzählte ich ihr halblaut die ganze Geschichte frisch von der Leber weg. Sie wollte sich darüber fast totlachen. Was sie dabei in aller Welt so lächerlich fand, war mir ein Rätsel, aber so war es nun einmal. Jede halbe Minute erregte irgendein Umstand ihre Lachlust aufs neue, so daß ich ihr wieder anderthalb Minuten Zeit zum Atemschöpfen lassen mußte. Sie lachte sich buchstäblich lahm; noch nie war mir so etwas vorgekommen. Daß eine traurige Geschichte – eine Geschichte, die von nichts anderem handelt als von den Leiden, Kümmernissen und Sorgen eines Menschen – eine solche Wirkung hervorbrachte, war doch unerhört. Und doch hatte ich sie nur um so lieber dafür, daß sie so heiter zu sein wußte, wo eigentlich gar kein Grund zur Heiterkeit vorlag; sah es doch ganz danach aus, als konnte ich eine derartige Frau demnächst recht notwendig brauchen. Ich eröffnete ihr natürlich, daß wir wohl ein paar Jahre werden warten müssen, bis ich in Genuß meines Gehaltes käme; hieraus machte sie sich aber nichts und ermahnte mich nur zur größten Sparsamkeit, damit nicht auch noch mein dritter Jahresgehalt angegriffen werden müsse. Dann wurde sie auf einmal besorgt und meinte, ob wir mit unseren Vermutungen über den Betrag meines ersten Jahresgehalts nicht doch am Ende die Rechnung ohne den Wirt machen.

Diese nur zu wohl begründete Bemerkung brachte zwar mein Vertrauen in die Zukunft einigermaßen ins Wanken, dafür gab mir dieselbe aber auch einen guten, praktischen Gedanken ein, den ich sofort frischweg aussprach: »Portia, mein Schatz, würde es dir etwas ausmachen, mich zu den alten Herren zu begleiten, wenn ich mich ihnen wieder vorstellen muß?«

Sie erschrak ein wenig, sagte aber: »N–un, wenn meine Begleitung dazu beitragen kann, dir Mut zu machen. Aber ist es denn auch ganz passend, was meinst du?«

»Das wohl schwerlich, oder eigentlich sicherlich nicht; aber sieh, es hängt so unendlich viel davon ab, daß –«

»Dann gehe ich unter allen Umständen mit, ob passend oder nicht!« erwiderte sie mit edler Begeisterung, die ihr herrlich stand. »O, der Gedanke macht mich so glücklich, etwas für dich tun zu können.«

»Etwas, mein Herz? Alles tust du ganz allein. Du bist so schön, so lieblich, so bezaubernd, daß, wenn ich dich zur Seite habe, die guten alten Herren uns ohne Widerrede jeden beliebigen Gehalt bewilligen müssen, und sollten sie darüber zu Bettlern werden.«

Ha, nun mußte man sehen, wie ihr das Blut voll in die Wangen strömte und ihre Augen in Glück erstrahlten!

»Du böser Schmeichler! Das ist ja alles nicht wahr, was du da sagst, aber mit gehe ich doch. Vielleicht wird es dir bei der Gelegenheit klar, daß andere Leute mich mit anderen Augen betrachten als du.«

Hegte ich nun noch Zweifel? War mein Vertrauen noch erschüttert? Es wird wohl genügen, wenn ich sage, daß ich bei mir selbst in aller Stille meinen Gehalt unverzüglich auf zwölfhundert Pfund im Jahr erhöhte. Ich sagte ihr aber davon nichts; das sparte ich mir zu einer Überraschung für später auf.

Auf dem ganzen Weg nach meiner Wohnung schwebte ich in höheren Regionen und hörte kein Wort von allem, was Hastings an mich hinsprach. Erst als wir daheim anlangten und Hastings beim Eintritt in meinen Salon sich in begeisterten Lobsprüchen auf meine reiche und bequeme Einrichtung erging, kam ich wieder zu mir.

»Jetzt laß mich nur einen Augenblick hier stehen bleiben,« rief er, »damit ich mich satt sehen kann! Guter Gott, das ist ja ein Palast, der reinste Palast! Und da fehlt nichts, was sich nur erdenken läßt, bis zum behaglichen Kaminfeuer und bereitstehenden Abendbrot. Henry, hier kommt man nicht nur zum Bewußtsein, wie reich du bist, nein, hier fühle ich auch im tiefsten Innern, wie arm ich bin, wie arm und wie elend, wie geschlagen, gebrochen, vernichtet!«

Hol’s der Henker! Seine Worte wirkten auf mich wie ein kaltes Sturzbad. Mit einem Schlage war ich völlig ernüchtert und zu dem Bewußtsein erwacht, daß ich auf einem Vulkan stehe, der jeden Augenblick bersten konnte. Ich hatte ja nicht gewußt, oder hatte mir vielmehr kurze Zeit selbst nicht eingestehen wollen, daß alles nur ein Traum sei; aber jetzt, – guter Himmel! Tief in Schulden, ohne einen Heller Geld, eines holden Mädchens Lebensglück an mein Schicksal geknüpft und dabei nichts vor mir als die Aussicht auf einen Gehalt, die sich vielleicht – ach nein, gewiß – nie verwirklichen sollte. O, ich bin verloren, rettungslos verloren!

»Henry, was bei deinem Einkommen jeden Tag nur so nebenbei abfällt, würde –«

»Ach, mein tägliches Einkommen! Da steht ein heißer Punsch, damit vertreibe dir die trüben Gedanken. Prosit! Oder nein, warte, du bist hungrig; komm, setze dich und –«

»Nein, keinen Bissen; ich bringe nichts mehr hinunter; ich kann schon ein Paar Tage lang nichts mehr essen. Aber trinken will ich mit dir, bis ich nicht mehr stehen kann. Komm!«

»Da tue ich mit, solang‘ du willst! Also, frisch dran! Nun, Lloyd, laß jetzt deine Geschichte vom Stapel, während ich den Punsch braue.«

»Meine Geschichte? Wie? Noch einmal?«

»Noch einmal? Wie meinst du das?«

»Nun, ich meine, ob du die Geschichte zum zweitenmal von vorne anhören willst.«

»Ob ich sie zum zweitenmal von vorne anhören will! Na, das ist wirklich ein toller Spaß. Halt, trinke nichts mehr, du kannst nichts mehr brauchen.«

»Na, schau ‚mal, Henry, du machst mir Angst. Habe ich dir denn nicht auf dem Weg hierher die ganze Geschichte erzählt?«

»Du?«

»Ja, ich.«

»Ich lasse mich hängen, wenn ich ein Wort davon gehört habe.«

»Henry, das ist über den Spaß. Du beunruhigst mich. Was hast du dort bei dem Gesandten zu dir genommen?«

Nun ging mir mit einem Male ein wunderbares Licht auf, ich faßte mir ein Herz und gestand ihm frei und offen: »Das herzigste Mädel auf der Welt habe ich dort – erobert!«

In ungestümer Freude stürzte er nun auf mich los und wir schüttelten uns die Hände, bis sie uns wehe taten. Darüber, daß ich von seiner Erzählung, die unseren ganzen anderthalb Stunden dauernden Heimweg ausfüllte, nicht das geringste vernommen hatte, sagte er kein Wort. Vielmehr setzte er sich ruhig hin und erzählte mit all der Gutmütigkeit und Geduld, die ihm stets eigen waren, die ganze Geschichte noch einmal von vorne.

Kurz zusammengefaßt lief dieselbe darauf hinaus: Er war im Auftrag der Besitzer der Gould- und Curry-Extension-Gruben nach London gekommen, um die Anteile zu veräußern, und es sollte dabei alles, was er über eine Million Dollars erlösen würde, ihm verbleiben. In der Hoffnung, dabei ein vortreffliches Geschäft zu machen, hatte er sich keine Mühe verdrießen, kein ehrliches Mittel unversucht gelassen und fast seinen letzten eigenen Heller daran gesetzt, ohne daß es ihm jedoch gelungen wäre, einen einzigen Kapitalisten zum Anbeißen zu bewegen, und mit dem Ende des Monats lief seine Berechtigung ab. Mit einem Worte: er war zugrunde gerichtet. Am Schlusse sprang er auf und rief:

»Henry, du kannst mich retten! Du allein auf dem ganzen Erdenrund! Wirst du mich retten? Oder wirst du mich nicht retten?«

»Sage mir nur, wie ich das machen soll. Erkläre dich, mein Junge.« »Nimm mir mein Verkaufsrecht ab und zahle mir dafür eine Million und die Heimreise, Bitte, bitte, sage nicht nein!«

Es war wirklich nicht mehr auszuhalten. Eben stand ich auf dem Punkte, mit dem Bekenntnis herauszuplatzen: »Lloyd, ich bin ja selbst ein Bettler – ohne einen Pfennig Geld und stecke dazu noch in Schulden.« Aber da leuchtete plötzlich ein herrlicher Gedanke blitzähnlich in meinem Kopfe auf. Ich biß die Zahne zusammen und bezwang mich, bis ich so kalt war wie ein Großkapitalist. Dann sagte ich mit vollkommen geschäftsmäßiger Ruhe: »Ich will dich retten, Lloyd.«

»Dann bin ich schon gerettet; Gott segne dich ewig dafür! Wenn ich je –«

»Laß mich ausreden, Lloyd. Ich will dich retten, aber nicht so, wie du meinst. Denn nach all den Mühen und Opfern, die du es dich hast kosten lassen, wäre das nicht anständig an dir gehandelt. Ich brauche keine Minenanteile; an einem Weltplatz wie London kann ich mein Geld auch ohne dies umtreiben, es ist ja bis jetzt auch gegangen. Nein, wir machen die Sache folgendermaßen. Ich kenne ja natürlich dieses Bergwerk ganz genau; ich weiß, welch ein ungeheurer Wert darin steckt und kann dies auf Verlangen jedem eidlich bekräftigen. Du sollst im Lauf der nächsten vierzehn Tage für bare drei Millionen Anteilscheine verkaufen, indem du von meinem Namen unbeschränkten Gebrauch machst, und dann teilen wir den Gewinn – halb und halb.«

Lloyd geriet darüber so außer sich vor Freude, daß er wie toll herumtanzte und mir meine ganze Einrichtung kurz und klein geschlagen haben würde, hätte ich ihm nicht schließlich ein Bein gestellt und ihn an Händen und Füßen gebunden. Noch, wie er so dalag, rief er ganz beseligt aus: »Ich darf deinen Namen gebrauchen! deinen Namen – stelle dir nur vor, Mensch; in Scharen kommen sie ja ganz sicher gelaufen, diese reichen Londoner und prügeln sich um die Anteile! Ich bin ein gemachter Mann, geborgen für alle Zeit, in meinem ganzen Leben vergesse ich dir das nicht!«

Keine vierundzwanzig Stunden dauerte es, so war die Sache bereits in ganz London herumgekommen. Ich hatte Tag für Tag nichts zu tun, als zu Hause zu sitzen und all den Leuten, die bei mir erschienen, zu sagen: »Jawohl, ich habe ihm gestattet, sich auf mich zu beziehen. Ich kenne ihn und kenne das Bergwerk. Er selbst verdient volles Vertrauen und die Anteile sind weit mehr wert, als er dafür verlangt.«

Inzwischen verbrachte ich alle meine Abende bei dem Gesandten mit Portia. Von dem Bergwerk sagte ich ihr keine Silbe, das sparte ich mir zu ihrer späteren Überraschung auf. Wir sprachen immer nur von unserer Liebe und vom Gehalt, bald von dem einen, bald von dem anderen, manchmal auch von beidem untereinander. Und dann, guter Gott, das Interesse, das Frau und Tochter des Gesandten an unserer Angelegenheit nahmen und die endlosen Listen und Schlauheiten, die sie ersannen, um uns vor Störungen zu schützen und den Gesandten nicht hinter die Sache kommen zu lassen – ach, es war wirklich allerliebst von den beiden!

Als der Monat schließlich um war, besaß ich ein Guthaben von einer Million Dollars bei der London- und County-Bank, und Hastings stand ebenso. In ausgesuchtester Toilette fuhr ich an Portland-Place vorbei. Als ich mich an dem Aussehen der Wohnung überzeugt hatte, daß meine Vögel wieder zu Neste geflogen sein mußten, holte ich meinen Schatz bei dem Gesandten ab und fuhr mit ihr zusammen wieder nach Portland-Place. Während der ganzen Fahrt bildete der Gehalt den Gegenstand unserer eifrigsten Erörterungen. Die Besorgnis, in die sie sich dabei hineinredete, ließ sie so reizend erscheinen, daß es kaum mehr auszuhalten war.

»Mein Herzchen,« sagte ich zu ihr, »so wie du eben aussiehst, wäre es ein Verbrechen, einen Pfennig weniger als dreitausend Pfund im Jahre zu verlangen.«

»Henry, Henry, du richtest uns noch zugrunde,« erwiderte sie.

»Sei unbesorgt, mache nur, daß du so aussiehst und verlasse dich auf mich. Ich will die Sache schon fertig bringen.«

Es war so weit gekommen, daß ich auf dem ganzen Wege ihr Mut zusprechen mußte. Sie selbst redete noch fortwährend auf mich ein:

»O, bedenke doch, daß wir, wenn wir zu viel verlangen, vielleicht gar keinen Gehalt bekommen; und was soll denn aus uns werden, wenn wir nicht wissen, womit wir unseren Unterhalt verdienen wollen?«

Es war wieder derselbe Diener, der uns einließ, und da waren sie auch wieder, die beiden alten Herren. Natürlich waren sie höchlich überrascht über das holde Geschöpf an meiner Seite, ich erklärte jedoch:

»Sie dürfen keinen Anstoß daran nehmen, meine Herren, es ist meine zukünftige Lebensgefährtin. Darauf stellte ich ihr die Herren mit ihren Namen vor. Diese zeigten sich hierüber gar nicht erstaunt; sie dachten sich vermutlich, daß ich so gescheit gewesen sein würde, im Adreßbuch nachzuschlagen. Sie forderten uns auf Platz zu nehmen und behandelten mich mit größter Höflichkeit, gaben sich auch alle Mühe, meiner Begleiterin durch freundlichen Zuspruch über ihre Verlegenheit hinwegzuhelfen. Endlich sagte ich:

»Meine Herren, ich komme um Ihnen Bericht zu erstatten.«

»Das ist uns sehr angenehm,« erwiderte mein Gönner, »dann können wir ja nunmehr die Wette zwischen mir und meinem Bruder Abel zur Entscheidung bringen. Falls Sie für mich gewonnen haben, dürfen Sie sich jede beliebige Stellung wählen, die ich zu vergeben habe. Sind Sie noch im Besitz der Millionennote?«

»Hier ist sie.« Damit behändigte ich ihm dieselbe.

»Gewonnen!« rief er und gab seinem Bruder einen Klapps auf den Rücken. »Nun, was sagst du denn jetzt, Bruder?«

»Ich sage, er hat es überlebt und ich habe zwanzigtausend Pfund verloren. Ich hätte es niemals geglaubt!«

»Ich habe noch mehr zu berichten,« fuhr ich fort, »und zwar ziemlich viel. Ich bitte mir demnächst eine Stunde bestimmen zu wollen, um Ihnen meine Erlebnisse während dieses ganzen Monats des genaueren zu schildern. Sie dürfen sich darauf verlassen, es lohnt sich, den Bericht anzuhören. Inzwischen wollen Sie gefälligst dies hier in Augenschein nehmen.«

»Was, Mensch, einen Depositenschein über 200 000 Pfund? Gehört das Ihnen?«

»Gehört mir. Das ist die Frucht des weisen Gebrauchs, den ich von dem kleinen Darlehen gemacht habe, das Sie mir gütigst gewährten. Und dieser Gebrauch bestand lediglich darin, daß ich von Zeit zu Zeit einen kleinen Einkauf machte und beim Bezahlen allemal die Banknote zum Wechseln hingab.«

»Mensch, das ist ja äußerst merkwürdig, ganz unglaublich!«

»Und doch verhält es sich so; ich werde Ihnen den Beweis liefern. Sie brauchen mir durchaus nicht auf mein bloßes Wort zu glauben.«

Nun war aber die Reihe des Erstaunens an Portia gekommen und mit weit geöffneten Augen fragte sie:

»Henry, gehört dieses Geld wirklich dir? Hast du mir die Unwahrheit gesagt?«

»Das habe ich allerdings, mein Liebchen. Aber ich weiß gewiß, du bist mir darum nicht böse.«

»Sei dessen nur nicht so gar sicher,« schmollte sie. »Es war recht abscheulich von dir, mich so hinters Licht zu führen.«

»Ach, das hast du ja bald vergessen, lieber Schatz, ganz gewiß. Es war ja nur ein schlechter Spaß, weißt du. Komm, wir wollen uns jetzt verabschieden.«

»Aber, so warten Sie doch. Wegen des Postens. Sie wissen ja. Ich muß Ihnen doch den Posten geben,« warf mein Gönner ein.

»Ach,« erwiderte ich, »ich danke Ihnen tausendmal, aber ich brauche wirklich keinen.«

»Aber ich hätte Ihnen den allerbesten gegeben, den ich zu vergeben habe.« »Ich danke Ihnen nochmals von ganzem Herzen, aber auch diesen brauche ich nicht.«

»Henry, ich schäme mich für dich, du erzeigst dem guten Herrn nicht die Hälfte von all dem Dank, den du ihm schuldig bist. Darf ich es an deiner Statt tun?«

»Freilich darfst du, mein Liebchen, wenn du es besser machen kannst. Ich bin nur wirklich begierig, wie du das angreifen willst.«

Sie ging zu meinem Gönner hin, setzte sich ihm auf den Schoß, schlang ihren Arm um seinen Hals und gab ihm einen Kuß mitten auf den Mund. Dabei wußten sich die beiden alten Herren vor Lachen kaum zu fassen, während ich selbst begreiflicherweise vor Erstaunen wie versteinert dastand, bis Portia schließlich sagte:

»Papa, er hat gesagt, von all den Posten, die du zu vergeben hast, wolle er keinen einzigen annehmen, und das tut mir so weh, gerade als ob –«

»Wie, lieber Schatz, dies ist dein Papa?«

»Jawohl, mein Stiefpapa, und zwar der allerbeste, den es auf der ganzen Welt gibt. Nicht wahr, nun begreifst du, warum ich bei dem Gesandten so lachen mußte, als du, ohne mein Verhältnis zu Papa und Onkel Abel zu kennen, mir die Sorgen und Nöte schildertest, in die ihr Einfall dich versetzt hatte.«

Natürlich sprach ich jetzt ohne Scheu und Umschweife, ganz wie mir ums Herz war.

»Ach, mein liebster, bester Herr,« sagte ich, »ich muß meine Erklärung zurücknehmen. Eine Stellung haben Sie doch zu vergeben, die ich gar gerne haben möchte.«

»Welche ist das?«

»Die Stelle eines Schwiegersohnes.«

»Wohl, wohl. Aber wenn Sie noch nie in dieser Eigenschaft Dienste geleistet haben, so sind Sie auch nicht imstande, das Zeugnis darüber beizubringen, das in unserem Abkommen zur Bedingung gemacht ist, und so –«

»Machen Sie den Versuch mit mir, ich bitte Sie inständigst! Nur so dreißig bis vierzig Jahre lang probieren Sie es mit mir, und wenn dann –« »Nun ja, gut denn; das ist ja gar nicht viel verlangt. So nehmen Sie sie eben mit.«

Ob wir beide glücklich waren? Keine Sprache besitzt Worte genug, um es auszudrücken. Und das Geschwätz und das Vergnügen in ganz London, als nach ein paar Tagen alle meine Erlebnisse mit der Banknote während des ganzen Monats nebst der Wendung, die die Sache zuletzt noch genommen, bekannt wurden – guter Gott!

Portias Papa gab nun die liebe, gastliche Note der Bank zurück und ließ sich den Betrag derselben auszahlen. Die Bank setzte dieselbe dann außer Kurs und verehrte sie ihm, worauf er seinerseits uns ein Hochzeitsgeschenk damit machte. Seither hängt sie unter Glas und Rahmen im Allerheiligsten unseres Heims. Denn ihr verdanke ich den Besitz meiner Portia. Wäre diese Note nicht gewesen, ich hätte nicht in London bleiben können, hätte mich dem Gesandten nicht vorgestellt und wäre niemals mit ihr zusammengetroffen. Deshalb sage ich immer: »Jawohl, sie lautet klar und deutlich auf eine Million Pfund; und doch war es während der ganzen Zeit ihrer Gültigkeit nur einmal möglich, einen einzigen Gegenstand darum zu kaufen, und auch dieser wurde dabei mindestens zehnfach unter seinem Werte bezahlt!«

Tot oder lebendig.


Tot oder lebendig.

Im Jahre 1892 verbrachte ich den März in Mentone an der Riviera. An diesem ruhigen Ort erfreut man sich im stillen alle der Schönheit, die man in Monte Carlo oder Nizza öffentlich genießt. Das heißt, man hat die balsamische Luft, die glänzend blaue See, den alles überflutenden Sonnenschein, ohne die störenden Einflüsse des gesellschaftlichen Wirrwarrs, ohne Prunksucht und Mißbehagen.

Mentone ist still, einfach, ruhig, anspruchslos; die Reichen und die Vergnügungssüchtigen kommen nicht dahin – in der Regel meine ich. Zuweilen trifft man auch wohl einen Reichen, und mit einem solchen bin ich zufällig bekannt geworden. Ich nenne ihn Schmidt, um ihn unkenntlich zu machen. Eines Tages, beim zweiten Frühstück im Hotel des Anglais, faßt er mich plötzlich beim Arm und ruft aus:

»Geschwind! Sehen Sie den Herrn an, der eben zur Tür hinausgeht. Aber bitte, so genau wie möglich!«

»Warum denn?«

»Wissen Sie vielleicht, wer es ist?«

»Ja. Er war schon mehrere Tage hier, bevor Sie kamen. Es ist ein alter, sehr reicher Seidenwarenfabrikant aus Lyon, der sich von den Geschäften zurückgezogen hat und vermutlich allein auf der Welt steht; er schaut immer träumerisch und traurig darein und spricht mit keinem Menschen. Theophil Magnon heißt er.«

Ich erwartete nun, Schmidt würde mir sogleich das große Interesse, welches er an Herrn Magnon nahm, näher erklären; statt dessen versank er aber in tiefes Sinnen und war einige Minuten lang für mich und die übrige Welt verloren. Hin und wieder fuhr er mit den Fingern durch sein greises welliges Haar, als wollte er den Gedanken nachhelfen, und ließ unterdessen sein Frühstück kalt werden. Zuletzt sagte er:

»Nein, die Geschichte ist mir entfallen; ich kann mich nicht darauf besinnen.«

»Auf was denn nicht?«

»Ach, auf eine von Andersens hübschen kleinen Erzählungen. Ich weiß von dem Inhalt nur noch so viel: Ein Kind hat einen gefangenen Vogel, den es zwar liebt, jedoch aus Leichtsinn vernachlässigt. Das Lied des Vogels verhallt ungehört und unbeobachtet; bald wird das Tierchen auch von Hunger und Durst gequält, sein Gesang klingt traurig und schwach und hört endlich ganz auf – der Vogel stirbt. Das Kind kommt und möchte vor Reue und Schmerz vergehen. Dann ruft es unter bitteren Tränen und Klagen seine Spielgefährten, und sie begraben den Vogel mit großem Pomp und aufrichtigem Kummer, ohne zu ahnen, daß es nicht bloß die Kinder sind, die ihre Poeten zu Tode hungern lassen und dann so viel Aufwand für Leichenbegängnisse und Denkmäler machen, daß man jene damit hätte am Leben erhalten und vor jeder Entbehrung schützen können. Jetzt – –«

Aber hier wurden wir unterbrochen. Gegen zehn Uhr abends begegnete ich Schmidt von ungefähr, und er lud mich ein, mit ihm auf seinem Zimmer eine Zigarre zu rauchen und ein Glas heißen Whisky zu trinken. Der gemütliche Raum war hell erleuchtet, duftendes Olivenholz brannte in dem offenen Kamin, und, um unser Behagen vollkommen zu machen, klang von fern das Brausen der Brandung gedämpft an unser Ohr. Nachdem wir einige Zeit in harmlosem Gespräch verbracht hatten, schenkte mir Schmidt wieder ein.

»Stärken wir unsere Lebensgeister noch ein wenig,« sagte er, »und dann will ich Ihnen eine kleine, seltsame Geschichte erzählen, die jahrelang ein Geheimnis zwischen mir und drei anderen gewesen ist. Aber, ich darf jetzt den Siegel brechen. Wollen Sie mir zuhören?«

»Mit Vergnügen. Fangen Sie nur an!«

Er erzählte darauf wie folgt:

»Vor langer Zeit, als ich noch ein sehr junger Künstler war und in den verschiedenen Departements von Frankreich, bald hier bald dort skizzierend umherwanderte, verband mich der Zufall mit ein paar lieben jungen Franzosen, die denselben Beruf erwählt hatten wie ich. Wir waren alle drei blutarm, aber sehr glücklich bei unserer Armut. Claude Frère und Charles Boulanger, so hießen meine wackeren Kameraden, waren voller Lust und Heiterkeit; weder Sturm, noch Wetter, noch Entbehrungen aller Art vermochten ihnen die gute Laune zu verderben. Schließlich gerieten wir aber doch in einem Dorf der Bretagne hart auf den Grund und hätten buchstäblich verhungern müssen, wenn uns nicht ein Künstler, der ebenso arm war wie wir selber – François Millet – vom Tode errettet hätte – –«

»Was! Der große François Millet?«

»Groß war er damals noch keineswegs – nicht größer als wir. Von Ruhm war bei ihm noch keine Rede, selbst nicht in seinem eigenen Dorfe. Dabei war er so arm, daß er uns keine andere Speise zu bieten hatte als weiße Rüben, und sogar an diesen mangelte es zuweilen. Wir vier wurden schnell unzertrennliche Freunde. Wir malten zusammen drauf los, soviel wir konnten, und häuften ganze Stöße von Bildern auf, fanden aber höchst selten einen Liebhaber. Es waren schöne Zeiten! Aber, Gott im Himmel, wie mußten wir manchmal hungern! – Das ging so ungefähr zwei Jahre lang. Da sagte Claude eines Tages:

»›Jungens, mit uns geht es zu Ende. Versteht mich wohl: jetzt ist alles aus. Man hat ein förmliches Bündnis gegen uns geschlossen. Das ganze Nest bin ich abgelaufen, aber niemand will uns mehr Kredit geben, keinen einzigen Sou, bis alle Reste und Schulden bezahlt sind.‹

»Uns überlief es kalt; wir wurden alle bleich vor Schrecken. Unsere Lage war wirklich trostlos geworden. Nach langem Schweigen hob Millet endlich mit einem Seufzer an:

»›Mir fällt nichts ein, nichts, rein gar nichts. Erfindet ihr etwas, Kameraden!‹

»Aber keiner von uns wußte einen Ausweg, und unser bekümmertes Schweigen war die einzige Antwort, die er erhielt.

»Charles stand auf und ging eine Weile unruhig im Zimmer umher, dann sagte er:

»›Es ist eine Schande. Seht euch nur einmal diesen Haufen von Bildern an, die so gut sind, daß man sie in ganz Europa nicht besser gemalt bekommt. Das haben uns ja auch viele von den Fremden bestätigt, die hier immer herumlungern.‹

»›Ja, aber gekauft haben sie nichts,‹ wandte Millet ein.

»›Freilich wohl – aber sie sagten es doch. Und es ist wahr. Sieh nur, z. B. dein ›Angelus‹; kann irgend jemand behaupten –‹

»›Ja, mein ›Angelus‹! Fünf Franken hat man mir dafür geboten.‹

»›Wann?‹

»›Wer bot das?‹

»›Wo ist der Mann?‹

»›Warum nahmst du sie nicht?‹

»›Sprecht doch nicht alle auf einmal. Ich dachte, er würde mehr geben – ich hätte darauf geschworen – er sah das Bild in einer Weise an – kurz, ich forderte acht.‹

»›Sapperment! Aber François, warum in aller Welt …‹

»›O, ich weiß wohl, ich weiß! Ich hatte mich geirrt und war ein Narr. Glaubt mir, Jungens, ich meinte es wirklich gut, und wenn ich –‹

»›Sei nur ruhig – wir kennen ja dein gutes Herz; aber tue uns die Liebe an und sei ein andermal kein solcher Dummkopf.‹

»›Verlaßt euch drauf, das geschieht nicht wieder. Ich wünschte nur, es käme einer und böte mir einen Kohlkopf dafür – ihr solltet sehen –‹

»›Einen Kohlkopf? O, sprich nicht davon – das Wasser läuft mir bei dem bloßen Gedanken im Munde zusammen.‹

»›Jungens,‹ sagte Charles, ›seid einmal vernünftig und antwortet mir: haben diese Bilder etwa keinen Wert?‹

»›Doch, versteht sich!‹

»›Sogar großen und hohen Wert, nicht wahr?‹

»›Ohne alle Frage!‹

»›Sind sie nicht so vorzüglich, daß man sie zu unsinnigen Preisen verkaufen würde, wenn ein berühmter Name darauf geklext wäre?‹

»›Natürlich! Darüber besteht kein Zweifel!‹

»›Nun gut! So hört mir zu. Aber, nicht wahr, ihr wißt, ich meine es nicht im Scherz?‹

»›Versteht sich! Uns ist es auch bitterer Ernst. Also, heraus mit der Sprache. Was hast du ausgeheckt? Laß hören!‹

»›Nämlich … was meint ihr, Kameraden – wißt ihr was? – wir klexen eben einen berühmten Namen auf die Bilder.‹

»Das Gespräch stockte. Alle Blicke richteten sich fragend auf Charles. Wollte er uns ein Rätsel aufgeben? Wo sollten wir einen berühmten Namen hernehmen? Wer würde ihn uns leihen?

»Charles nahm jetzt Platz und sagte:

»›Mein Vorschlag ist vollkommen ernst gemeint. Ich weiß kein anderes Mittel, uns aus dieser Klemme zu befreien, doch halte ich es für untrüglich. Eine Menge Tatsachen, welche uns die Geschichte lehrt, bestärken mich in dieser Ansicht. Ich hoffe, mein Plan wird uns alle reich machen.‹

»›Reich? Du hast wohl den Verstand verloren.‹

»›Durchaus nicht.‹

»›Doch; ich glaube, du bist übergeschnappt. Was nennst du reich?‹

»›Hunderttausend Franken für jeden.‹

»›O weh, er ist wirklich verrückt geworden!‹

»›Armer Charles! Mangel und Not waren zu hart für dich!‹

»›Nimm ein niederschlagendes Pulver und gehe sofort zu Bette.‹

»›Macht ihm erst einen kalten Umschlag.‹

»›Nein, holt lieber eine Zwangsjacke. Jeden Augenblick kann die Tobsucht bei ihm ausbrechen.‹ »›Still,‹ rief Millet ungeduldig, ›laßt ihn doch erst ausreden.‹

»›Auch gut – so sprich, Charles! Was ist’s mit deinem Plan?‹

»›Ihr sollt ihn hören. Doch muß ich euch zuvor etwas fragen. Habe ich recht oder nicht, daß das Verdienst vieler großer Künstler nicht früher erkannt worden ist, als bis sie im Elend verkommen waren? Ihr wißt, dies hat sich in der Geschichte der Menschheit so oft zugetragen, daß ich glaube getrost ein Gesetz darauf gründen zu können, welches dahin lautet, daß das Verdienst eines jeden großen Künstlers, der namenlos und verkannt war, ans Licht kommt und seine Bilder hohe Preise erzielen – sobald der Mann tot ist. Mein Plan ist folgender: Wir wollen losen – einer von uns muß sterben.‹

»Das kam uns so unerwartet, und er sagte es so ruhig, daß wir im ersten Augenblick ganz still und verblüfft sitzen blieben. Dann aber brach ein wilder Chor der Entrüstung los, und es folgten allerlei medizinische Ratschläge, um dem kranken Gehirn unseres Freundes Heilung zu bringen. Er aber wartete geduldig, bis sich der Sturm zu legen begann, und fuhr dann unbeirrt fort:

»›Wie gesagt – einer von uns muß sterben, um die anderen zu retten und – sich selbst. Wir wollen losen. Der Gewählte soll berühmt werden, um uns alle reich zu machen. So seid doch still und unterbrecht mich nicht immer – ich weiß ganz genau, was ich sage. Der, welcher sterben muß, arbeitet während der drei nächsten Monate aus allen Kräften, um seinen Vorrat an Malereien zu vermehren; er macht keine Bilder, behüte! nur Skizzen, Studien, Bruchstücke, Teile von Studien, ein Dutzend Pinselstriche auf jedes Stück, so zusammenhanglos wie möglich, und auf jedes natürlich seinen Namenszug. Fünfzig solche Farbenklexereien liefert er den Tag, aber jede muß etwas Besonderes vorstellen, etwas von der Manier an sich haben, die sich leicht als die ›seine‹ kennzeichnet. Solche Sachen, das wißt ihr, werden zu fabelhaften Preisen gekauft und von allen großen Museen der Welt gesammelt, sobald der Mann erst aus dem Leben geschieden ist. Eine Unzahl Skizzen müssen fertig werden, mindestens ein Zentner. Während der Sterbende sie malt, unterstützen die übrigen ihn nach Kräften, treffen alle Vorkehrungen für das kommende Ereignis und bearbeiten Paris und die Händler. Ist das Feuer gehörig geschürt und das Eisen heiß, dann ist es Zeit, daß der Tod eintritt, und wir veranstalten ein pompöses Begräbnis. – Nun, was sagt ihr zu meinem Plan?‹

»›Ja, aber … das heißt … wie soll denn …?‹

»›Versteht mich recht. Der Mann soll in Wirklichkeit gar nicht sterben; er nimmt bloß einen anderen Namen an und verschwindet; wir begraben einen Strohmann und erheben ein Wehgeschrei über ihn, daß die ganze Welt davon widerhallen soll. Und dann – –‹

»Aber weiter kam er nicht. Wir brachen in ein gewaltiges Hurra! aus, schnellten von unseren Sitzen in die Höhe, sprangen wie toll in der Stube umher und fielen einander gerührt um den Hals. Stundenlang besprachen wir den Plan, ohne hungrig zu werden, und als zuletzt alles zur Zufriedenheit geordnet war, warfen wir die Lose in einen Hut, und der Gewählte war – Millet, der Todgeweihte, wie wir ihn nannten.

»Jeder suchte nun zusammen, was er an kleinen Schmucksachen und Andenken etwa noch besaß. Beim Pfandverleiher bekamen wir so viel Geld dafür, daß es zu einem bescheidenen Abendessen und Frühstück reichte. Auch behielten wir noch ein Paar Franken zur Reise übrig, nachdem wir mehrere Pfund Rüben und das Nötigste für Millet angeschafft hatten, womit er in den nächsten Tagen sein Leben fristen konnte.

Am anderen Morgen machten wir drei uns gleich nach dem Frühstück auf die Strümpfe, natürlich zu Fuß. Jeder von uns trug ein Dutzend kleiner Bilder von Millet in seinem Ranzen, mit dem festen Vorsatz, sie auf den Markt zu bringen. Charles ging geradeswegs nach Paris, wo er an Millets Ruhm bauen wollte, bis der große Tag gekommen war. Auch Claude und ich trennten uns, um denselben Zweck im übrigen Frankreich zu verfolgen.

»Es wird Sie vermutlich überraschen zu hören, wie leicht und bequem sich die Sache ausführen ließ. Nach zweitägiger Wanderung kam ich in die Nähe einer großen Stadt und begann eine Villa der Umgegend zu skizzieren – weil ich den Eigentümer auf der oberen Veranda des Hauses stehen sah. Er kam gleich herunter, mir zuzusehen; ich ahnte schon, daß er anbeißen würde. Um sein Interesse rege zu halten, arbeitete ich sehr schnell. Gelegentlich entschlüpfte ihm ein Ausruf des Wohlgefallens, nach und nach wurde er wärmer, geriet in Begeisterung und erklärte mir schließlich rund heraus, ich sei ein Meister in meinem Beruf.

»Da legte ich meinen Pinsel hin, langte in den Ranzen, holte einen Millet heraus und deutete stolz auf das Zeichen in der Ecke.

»›Sie kennen ihn ohne Zweifel. Er war mein Lehrer. Kein Wunder also, daß ich mich auf mein Handwerk verstehe.‹

»Der Mann geriet in eine leicht begreifliche Verlegenheit und blieb stumm.

»›Sie wollen mich doch nicht glauben machen, daß Sie Francois Millets Namenszug nicht kennen?‹ fragte ich erstaunt.

»Natürlich kannte er ihn nicht; aber er atmete erleichtert auf, wie jemand, der sich aus einer höchst unbequemen Lage befreit sieht. Mit der dankbarsten Miene von der Welt rief er ganz beglückt:

»›Wahrhaftig, ja, von Millet. Ich wußte zuerst nicht gleich, was ich vor mir hätte. Aber natürlich erkenne ich es jetzt.‹

»Er wollte nun das Bildchen kaufen, allein, ich weigerte mich lange es herzugeben; endlich ließ ich es ihm jedoch für achthundert Franken.«

»Achthundert!«

»Ja! Millet hätte es für ein Schweinerippchen hergegeben. Ich wollte, ich könnte es jetzt für achttausend zurückbekommen; aber jene Zeit ist vorüber. Ich machte von der Villa ein sehr hübsches Bild und hätte es dem Besitzer für zehn Franken gelassen, aber da er sah, daß ich der Schüler eines solchen Meisters war, ließ er sich’s hundert kosten. Die achthundert Franken schickte ich mit der Post sofort an Millet und machte mich am nächsten Tage rasch aus dem Staube.

»Aber ich ging nicht, nein, ich ritt. Seitdem bin ich immer geritten. Ich verkaufte jeden Tag ein Gemälde, daran ließ ich mir genügen. Zu den Käufern aber sagte ich stets:

»›Eigentlich ist es die größte Torheit, ein Bild von Francois Millet zu verkaufen. Der Mann lebt keine drei Monate mehr, und wenn er stirbt, wird man seine Arbeiten mit Gold aufwiegen.‹

»Ich gab nur alle erdenkliche Mühe, diese Tatsache soviel wie möglich zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, um die Welt auf das kommende Ereignis vorzubereiten.

»Den Plan, die Bilder auf solche Weise an den Mann zu bringen, rechne ich mir hoch an, denn, unter uns gesagt, er stammte von mir und gelang uns allen vortrefflich. Claude war gleichfalls zwei Tage gewandert, ehe er den Verkauf begann, denn er fürchtete wie ich, Millets Ruhm möchte zu schnell bis in sein Heimatdorf dringen. Der hübsche, leichtsinnige Charles aber fing das Geschäft schon nach einem halben Tage an und reiste so vornehm wie ein Herzog.

»Dann und wann traten wir auch in ein Zeitungsbureau und bewarben uns um die Gunst der Presse. Nirgends war zu lesen, daß ein neuer Maler entdeckt worden sei; man nahm einfach an, daß alle Welt Francois Millet kenne; auch priesen die Blätter sein Verdienst auf keine Weise, sie brachten nur Andeutungen über das gegenwärtige Befinden des ›Meisters‹ – manchmal hoffnungsvoll, manchmal verzweifelnd, aber immer das Schlimmste befürchtend, und das reichte vollkommen hin. Wir strichen diese Zeitungsnotizen mit Rotstift an und sandten die Nummern gewissenhaft allen Leuten zu, die uns Bilder abgekauft hatten.

»Sobald Charles in Paris war, nahm er die Sache geschickt in die Hand. Er knüpfte Beziehungen zu auswärtigen Korrespondenten an und ließ Millets Bedeutung in England, über den Kontinent, in Amerika und allerorten ausposaunen.»

Sechs Wochen nach unserem Aufbruch trafen wir drei uns wieder in Paris, riefen einander ›Halt‹ zu, und ließen uns auch keine Bilder mehr von Millet schicken. Der Baum seines Ruhmes war so hoch und die Früchte so reif geworden, daß uns der rechte Zeitpunkt gekommen schien, um die Arbeit einzustellen. So schrieben wir denn an Millet, er möchte sich unverweilt zu Bette legen, denn wir wünschten ihn in zehn Tagen sterben zu lassen, wenn er bis dahin fertig werden könne.

»Nun machten wir Kasse und fanden, daß wir inzwischen fünfundachtzig kleine Bilder und Studien verkauft und neunundsechzigtausend Franken dafür eingenommen hatten. Charles machte noch zuletzt das glänzendste Geschäft von allen, er verkaufte nämlich den ›Angelus‹ für zweitausendzweihundert Franken. Wie feierten wir ihn für diese Tat, ohne vorauszusehen, daß Frankreich eines Tages um den Besitz dieses Gemäldes mit einem Fremden kämpfen würde, der es uns schließlich für bare Fünfmalhundertfünfzigtausend geraubt hat.

»Am selben Abend hielten wir noch einen Abschiedsschmaus mit Champagner, und tags darauf packten Claude und ich unsere Habseligkeiten und reisten ab, um Millet während seiner letzten Tage zu Pflegen, alle Neugierigen vom Hause fern zu halten und täglich Berichte an Charles nach Paris zu senden, die in den Blättern aller Erdteile veröffentlicht wurden, um die voll Spannung harrende Welt von den Vorgängen in Kenntnis zu setzen. Das traurige Ende ließ nun nicht lange auf sich warten, und auch Charles war zugegen, um bei den letzten Feierlichkeiten zu helfen.

»Sie erinnern sich ohne Zweifel, welches ungeheure Aufsehen jenes große Leichenbegängnis machte; die bedeutendsten Persönlichkeiten aus aller Herren Länder kamen damals herbeigeströmt, um ihre Teilnahme zu bezeugen. Wir vier – noch immer unzertrennlich – trugen den Sarg, und wollten uns von keinem dabei helfen lassen. Mit gutem Grund, denn es befand sich nichts darin als eine Wachspuppe. Anderen Sargträgern würde das geringe Gewicht ohne Zweifel aufgefallen sein. Wir vier, die wir alle Entbehrungen der schweren, jetzt auf ewig vergangenen Zeit mit treuer Freundschaft geteilt hatten, haben nun auch den Sarg …«

»Vier? Welche vier?«

»Nun, wir vier – denn Millet half seinen eigenen Sarg tragen. Verkleidet natürlich. Er galt für einen entfernten Verwandten.«

»Merkwürdig!«

»Aber wahr, buchstäblich wahr! Sie werden sich auch erinnern, wie die Bilder Millets im Preise stiegen. Wir wußten kaum, was wir mit all dem Gelde anfangen sollten. In Paris lebt ein Mann, der siebzig Stück Millets besitzt. Er hat uns zwei Millionen dafür bezahlt. Und was die Unmenge von Skizzen und Studien betrifft, die Millet in den sechs Wochen, während wir unterwegs waren, zusammengemalt hat, so würden Sie staunen, für welche Preise wir sie heute noch verkaufen, das heißt, wenn wir uns überhaupt dazu verstehen sie herzugeben.«

»Das ist wirklich eine wunderbare Geschichte.«

»Ja, sie hat einen ganz hübschen Schluß.«

»Was ist denn aber aus Millet geworden?«

»Können Sie ein Geheimnis bewahren?«

»Versteht sich!«

»Erinnern Sie sich des Mannes, auf den ich Sie heute im Speisesaal aufmerksam machte? Das war Francois Millet.«

»Nicht möglich!«

»Ja – er selbst. Das war einmal ein genialer Mann, der sich nicht zu Tode gehungert hat, um dann den Lohn, der ihm gebührte, in die Taschen anderer fließen zu lassen. Diesem Singvogel war es nicht bestimmt, sich das Herz umsonst aus dem Leibe zu pfeifen, um den kalten Pomp einer großen Leichenfeier als einzige Bezahlung zu erhalten. Dafür haben wir Sorge getragen!«