Erstes Kapitel

Der schwarze Panther.

Es war um die Mittagszeit eines sehr heißen Junitags, als der „Dogfish“, einer der größten Passagier- und Güterdampfer des Arkansas, mit seinen mächtigen Schaufelrädern die Fluten des Stromes peitschte. Er hatte am frühen Morgen Little Rock verlassen und sollte nun bald Lewisburg erreichen, um dort anzulegen, falls neue Passagiere oder Güter aufzunehmen seien.

Die große Hitze hatte die besser situierten Reisenden in ihre Kajüten und Kabinen getrieben, und die meisten der Deckpassagiere lagen hinter Fässern, Kisten und andern Gepäckstücken, welche ihnen ein wenig Schatten gewährten. Für diese Passagiere hatte der Kapitän unter einer ausgespannten Leinwand einen Bed-and-board errichten lassen, auf welchem allerlei Gläser und Flaschen standen, deren scharfer Inhalt jedenfalls nicht für verwöhnte Gaumen und Zungen berechnet war. Hinter diesem Schenktisch saß der Kellner mit geschlossenen Augen, von der Hitze ermüdet, mit dem Kopfe nickend. Wenn er einmal die Lider hob, wand sich ein leiser Fluch oder sonst ein kräftiges Wort über seine Lippen. Dieser sein Unmut galt einer Anzahl von wohl zwanzig Männern, welche vor dem Tische in einem Kreise auf dem Boden saßen und den Würfelbecher von Hand zu Hand gehen ließen. Es wurde um den sogenannten „Drink“ gespielt, d.h. der Verlierende hatte am Schlusse der Partie für jeden Mitspielenden ein Glas Schnaps zu bezahlen. Infolgedessen war dem Kellner das Schläfchen, zu welchem er so große Lust verspürte, versagt.

Diese Männer hatten sich jedenfalls nicht erst hier auf dem Steamer zusammengefunden, denn sie nannten einander „du“ und schienen, wie gelegentliche Äußerungen verrieten, ihre gegenseitigen Verhältnisse genau zu kennen. Entgegengesetzt dieser allgemeinen Vertraulichkeit gab es unter ihnen einen, dem eine gewisse Art von Respekt erwiesen wurde. Man nannte ihn Cornel, eine gebräuchliche Verstümmelung des Wortes Colonel, Oberst. Dieser Mann war lang und hager; sein glatt rasiertes, scharf und spitz gezeichnetes Gesicht wurde von einem borstigen roten Kehlbarte umrahmt; fuchsrot waren auch die kurzgeschorenen Kopfhaare, wie man sehen konnte, da er den alten, abgegriffenen Filzhut weit in den Nacken geschoben hatte. Sein Anzug bestand aus schweren, nägelbeschlagenen Lederschuhen, Nankingbeinkleidern und einem kurzen Jackett von demselben Stoffe. Eine Weste trug er nicht; an Stelle derselben war ein ungeplättetes, schmutziges Hemd zu sehen, dessen breiter Kragen, ohne von einem Halstuche gehalten zu werden, weit offen stand und die nackte, sonnenverbrannte Brust sehen ließ. Um die Hüften hatte er sich ein rotes Fransentuch geschlungen, aus welchem die Griffe des Messers und zweier Pistolen blickten. Hinter ihm lag ein ziemlich neues Gewehr und ein leinener Schnappsack, welcher mit zwei Bändern versehen war, um auf dem Rücken getragen zu werden.

Die andern Männer waren in ähnlicher Weise sorglos und gleich schmutzig gekleidet, dafür aber sehr gut bewaffnet. Es befand sich kein einziger unter ihnen, dem man beim ersten Blicke hätte Vertrauen schenken können. Sie trieben ihr Würfelspiel mit wahrer Leidenschaftlichkeit und unterhielten sich dabei in so rohen Ausdrücken, daß ein halbwegs anständiger Mensch sicher keine Minute lang bei ihnen stehen geblieben wäre. Jedenfalls hatten sie schon manchen „Drink“ gethan, denn ihre Gesichter waren nicht nur von der Sonne erhitzt, sondern der Geist des Branntweins führte bereits die Herrschaft über sie.

Der Kapitän hatte die Kommandobrücke verlassen und war aufs Achterbord zum Steuermann gegangen, um demselben einige notwendige Weisungen zu erteilen. Als dies geschehen war, sagte der letztere: „Was meint Ihr zu den Jungens, welche da vorn beim Würfeln sitzen, Kapitän? Mir scheint, es sind Boys von der Art, die man nicht gern an Bord kommen sieht.“

„Denke es auch,“ nickte der Gefragte. „Haben sich zwar als Harvesters ausgegeben, welche nach dem Westen wollen, um sich auf Farmen zu verdingen, aber ich möchte nicht der Mann sein, bei welchem sie nach Arbeit fragen.“

„Well, Sir. Ich meinesteils halte sie für richtige und wirkliche Tramps. Hoffentlich halten sie wenigstens hier an Bord Ruhe!“

„Wollte es ihnen nicht raten, uns mehr, als wir gewöhnt sind, zu belästigen. Wir haben Hands genug an Bord, sie alle in den alten, gesegneten Arkansas zu werfen. Macht Euch übrigens zum Anlegen klar; denn in zehn Minuten kommt Lewisburg in Sicht!“

Der Kapitän kehrte auf seine Brücke zurück, um die beim Landen nötigen Befehle zu erteilen. Man sah sehr bald die Häuser des genannten Ortes, welche das Schiff mit einem langgezogenen Brüllen der Dampfpfeife begrüßte. Von der Landebrücke wurde das Zeichen gegeben, daß der Steamer Fracht und Passagiere mitzunehmen habe. Die bisher unter Deck befindlichen Reisenden kamen herauf, um die kurze Unterbrechung der langweiligen Fahrt zu genießen.

Ein sehr unterhaltendes Schauspiel bot sich ihnen freilich nicht. Der Ort war damals noch lange nicht von seiner jetzigen Bedeutung. Am Halteplatze standen nur wenige müßige Menschen; es gab nur einige Kisten und Pakete aufzunehmen, und die Zahl der an Bord steigenden neuen Passagiere betrug nicht mehr als drei, welche, als sie die Passage bezahlten, von dem betreffenden Offizier ganz und gar nicht als Gentlemen behandelt wurden. Der eine von ihnen war ein Weißer von hoher, außerordentlich kräftiger Gestalt. Er trug einen so kräftigen, dunkeln Vollbart, daß man nur die Augen, die Nase und den obern Teil der Wangen erkennen konnte. Auf seinem Kopfe saß eine alte Bibermütze, welche im Laufe der Jahre fast kahl geworden war. Ihre einstige Gestalt zu bestimmen, war ein Werk der Unmöglichkeit; höchst wahrscheinlich hatte sie schon alle möglichen Formen gehabt. Der Anzug dieses Mannes bestand aus Hose und Jacke von starkem, grauem Leinen. In dem breiten Ledergürtel steckten zwei Revolver, ein Messer und mehrere kleine, dem Westmanne unentbehrliche Instrumente. Außerdem besaß er eine schwere Doppelbüchse, an deren Schaft, um beides bequemer tragen zu können, ein langes Beil gebunden war.

Als er das Fahrgeld bezahlt hatte, warf er einen forschenden Blick über das Deck. Die gut gekleideten Kajütenpassagiere schienen ihn nicht zu interessieren. Da fiel sein Auge auf die andern, welche vom Spiele aufgestanden waren, um die an Bord Steigenden zu betrachten. Er sah den Cornel; sein Blick verließ denselben sofort wieder, als ob er ihn gar nicht bemerkt habe; aber er brummte, indem er die heruntergerutschten Schäfte seiner hohen Wasserstiefel wieder über die mächtigen Oberschenkel heraufzog, leise vor sich hin: „Behold! Wenn das nicht der rote Brinkley ist, so will ich geräuchert und mit der Schale aufgefressen werden! Der Zweck, zu welchem er sich eine solche Schar von Boys zusammengetrommelt hat, ist sicherlich kein guter. Hoffentlich kennt er mich nicht.“

Derjenige, den er meinte, hatte auch ihn gesehen und gestutzt. Er wendete sich in leisem Tone an seine Gefährten: „Seht euch einmal den schwarzen Kerl an! Kennt ihn einer von euch?“

Die Frage wurde verneint.

„Nun, ich muß ihn schon einmal gesehen haben, und zwar unter Umständen, welche für mich nicht erfreulich gewesen sind. Es steckt in mir so eine dunkle Erinnerung davon.“

„Dann müßte er dich doch auch kennen,“ meinte einer. „Er hat uns angesehen, dich aber dabei gar nicht bemerkt.“

„Hm! Vielleicht fällt es mir noch ein. Oder noch besser, ich frage ihn nach seinem Namen. Wenn ich den höre, werde ich gleich wissen, woran ich bin. Gesichter kann ich wohl vergessen, Namen aber nicht. Machen wir also einen Drink mit ihm!“

„Wenn er mitthut!“

„Das wäre eine schandbare Beleidigung, wie ihr alle wißt. Derjenige, dem ein Drink abgeschlagen wird, hat hier zu Lande das Recht, mit dem Messer oder der Pistole zu antworten, und wenn er den Beleidiger niedersticht, kräht kein Hahn darüber.“

„Er sieht aber nicht so aus, als ob er zu etwas, was ihm nicht beliebt, zu zwingen sei.“

„Pshaw! Wettest du mit?“

„Ja, wetten, wetten!“ ertönte es im Kreise. „Der Verlierer zahlt drei Glas für jeden.“

„Mir ist’s recht,“ erklärte der Cornel.

„Mir auch,“ meinte der andre. „Aber es muß Gelegenheit zur Revanche sein. Drei Wetten und drei Drinks.“

„Mit wem?“

„Nun, zunächst mit dem Schwarzen, den du zu kennen behauptest, ohne zu wissen, wer er ist. Sodann mit einem der Gentlemen, die noch da stehen und nach dem Ufer gaffen. Nehmen wir den großen Kerl, der wie ein Riese unter Zwergen bei ihnen steht. Und endlich den roten Indsman, welcher nebst seinem Jungen mit an Bord gekommen ist. Oder fürchtest du dich vor ihm?“

Ein allgemeines Gelächter ertönte als Antwort auf diese Frage, und der Cornel meinte in verächtlichem Tone: „Ich mich vor dieser roten Fratze fürchten? Pshaw! Dann noch eher vor dem Riesen, auf den du mich hetzen willst. All devils, muß dieser Mensch stark sein! Aber gerade solche Giganten pflegen am wenigsten Mut zu haben, und er ist so fein und schmuck gekleidet, daß er sicher nur in Salons, nicht aber mit Leuten unsers Schlags umzugehen versteht. Also ich halte die Wette. Einen Drink von drei Gläsern mit jedem der drei. Und nun an das Werk!“

Er hatte die drei letzten Sätze so laut gerufen, daß sie von allen Passagieren gehört werden mußten. Jeder Amerikaner und jeder Westmann kennt die Bedeutung des Wortes Drink, besonders wenn dasselbe so laut und drohend ausgesprochen wird, wie es hier der Fall war. Darum richteten sich aller Augen auf den Cornel. Man sah, daß er, ebenso wie seine Gesellen, schon halb betrunken war, doch ging keiner fort, da jeder eine interessante Scene erwartete und gern erfahren und sehen wollte, wer die drei seien, denen der Trunk angeboten werden sollte.

Der Cornel ließ die Gläser füllen, nahm das seinige in die Hand, ging auf den Schwarzbärtigen los, welcher sich noch in der Nähe befand, und nach einem bequemen Platz für sich suchte, und sagte: „Good day, Sir! Ich möchte Euch dieses Glas anbieten. Ich halte Euch natürlich für einen Gentleman, denn ich trinke nur mit wirklich noblen Leuten und hoffe, daß Ihr es auf mein Wohl leeren werdet!“

Der Vollbart des Angeredeten wurde breit und zog sich wieder zusammen, woraus zu schließen war, daß ein vergnügtes Lächeln über sein Gesicht gehe.

„Well,“ antwortete er. „Ich bin nicht abgeneigt, Euch diesen Gefallen zu thun, möchte aber vorher wissen, wer mir diese überraschende Ehre erweist.“

„Ganz richtig, Sir! Man muß wissen, mit wem man trinkt. Ich heiße Brinkley, Cornel Brinkley, wenn’s Euch beliebt. Und Ihr?“

„Mein Name ist Großer, Thomas Großer, wenn Ihr nichts dagegen habt. Also auf Euer Wohl, Cornel!“

Er leerte das Glas, wobei die andern auch austranken und gab es dem Obersten zurück. Dieser fühlte sich als Sieger, betrachtete ihn in beinahe beleidigender Art und Weise vom Kopfe bis zu den Füßen herab und fragte:

„Mir scheint, das ist ein deutscher Name. Ihr seid also ein verdammter Dutchman, he?“

„Nein, sondern ein German, Sir,“ antwortete der Deutsche in freundlichster Weise, ohne sich durch die Grobheit des andern aufregen zu lassen. „Euern verdammten Dutchman müßt Ihr an eine andre Adresse bringen. Bei mir verfängt er nicht. Also Dank für den Drink und damit hallo!“

Er wendete sich scharf auf dem Absatze um und ging rasch davon, indem er sich leise sagte: „Also wirklich dieser Brinkley! Und Cornel nennt er sich jetzt! Der Kerl hat nichts Gutes vor. Wer weiß, wie lange man sich mit ihm an Bord befindet. Ich werde die Augen offen halten.“

Brinkley hatte zwar den ersten Teil der Wette gewonnen, blickte aber gar nicht sehr siegreich drein. Seine Miene war eine andre geworden; sie bewies, daß er sich ärgerte. Er hatte gehofft, daß Großer sich weigern und dann durch Drohungen zum Trinken zwingen lassen werde; dieser aber war der Klügere gewesen, hatte erst getrunken und dann ganz offen gesagt, daß er zu klug sei, Veranlassung zu einem Krakehl zu geben. Das wurmte den Cornel. Dann näherte er sich, nachdem er sich das Glas hatte wieder füllen lassen, seinem zweiten Opfer, dem Indianer.

Mit Großer waren nämlich zwei Indsmen mit an Bord gekommen, ein älterer und ein junger, welcher vielleicht fünfzehn Jahre zählen mochte. Die unverkennbare Ähnlichkeit ihrer Gesichtszüge ließ vermuten, daß sie Vater und Sohn seien. Sie waren so gleich gekleidet und bewaffnet, daß der Sohn als das genaue, verjüngte Spiegelbild des Vaters erschien.

Ihre Anzüge bestanden aus ledernen, an den Seiten ausgefransten Leggins und gelb gefärbten Mokassins. Ein Jagdhemd oder Jagdrock war nicht zu sehen, da sie den Leib von den Schultern an in jene Art bunt schillernder Zunidecken, von denen das Stück oft über sechzig Dollar kostet, gehüllt hatten. Das schwarze Haar war schlicht nach hinten gekämmt und fiel dort bis auf den Rücken herab, was ihnen ein frauenhaftes Aussehen verlieh. Ihre Gesichter waren voll, rund und besaßen einen äußerst gutmütigen Ausdruck, welcher dadurch erhöht wurde, daß sie ihre Wangen mit Zinnober hochrot gefärbt hatten. Die Flinten, welche sie in den Händen hielten, schienen zusammen keinen halben Dollar wert zu sein. Überhaupt sahen die beiden ganz und gar ungefährlich aus, und so seltsam dazu, daß sie, wie bereits erwähnt, das Gelächter der Trinker erregt hatten. Sie waren, als ob sie sich vor andern Menschen fürchteten, scheu auf die Seite gegangen und lehnten nun an einem aus starkem Holze gefertigten mannshohen, ebenso breiten und gleich langen Kasten. Dort schienen sie auf nichts zu achten, und selbst als der Cornel jetzt auf sie zukam, erhoben sie die Augen nicht eher, als bis er hart vor ihnen stand und sie anredete: „Heißes Wetter heut! Oder nicht, ihr roten Burschen? Da thut ein Trunk wohl. Hier, nimm, Alter, und schütte es auf die Zunge!“

Der Indianer rührte kein Glied und antwortete in gebrochenem Englisch: „Not to drink – nicht trinken.“

„Was, du willst nicht?“ brauste der Besitzer des roten Kehlbartes auf. „Es ist ein Drink, verstanden, ein Drink! Diesen zurückgewiesen zu sehen, ist für jeden veritablen Gentleman, wie ich einer bin, eine blutige Beleidigung, welche mit dem Messer vergolten wird. Doch, vorher muß ich wissen, wer du bist. Wie heißest du?“

„Nintropan-hauey,“ antwortete der Gefragte ruhig und bescheiden.

„Zu welchem Stamme gehörst du?“

„Tonkawa.“

„Also zu den zahmen Roten, welche sich vor jeder Katze fürchten, verstanden, vor jeder Katze, und wenn es auch nur das kleinste Kätzchen wäre. Mit dir werde ich kein Federlesens machen. Also, willst du trinken?“

„Ich nicht trinken Feuerwasser.“

Er sagte das trotz der Drohung, welche der Cornel ausgesprochen hatte, ebenso ruhig, wie vorher. Der letztere aber holte aus und gab ihm eine schallende Ohrfeige.

„Hier dein Lohn, du roter Feigling!“ rief er aus. „Ich will mich nicht anders rächen, weil so eine Canaille zu tief unter mir steht.“

Kaum war der Hieb erteilt, so fuhr die Hand des Indianerknaben unter die Zunidecke, jedenfalls nach einer Waffe und zugleich flog sein Blick zum Gesicht seines Vaters empor, was dieser jetzt thun und sagen werde. Das Gesicht des Roten war ein so ganz andres geworden, daß man es jetzt fast nicht hätte wiedererkennen mögen. Seine Gestalt schien emporgewachsen zu sein, seine Augen leuchteten auf, und über seine Züge zuckte eine plötzlich lebendig gewordene Energie. Aber ebenso schnell senkten sich seine Wimpern wieder nieder; sein Körper fiel zusammen, und sein Gesicht nahm den vorherigen ergebenen Ausdruck an.

„Nun, was sagst du dazu?“ fragte der Cornel höhnisch.

„Nintropan-hauey danken.“

„Hat dir die Ohrfeige so sehr gefallen, daß du dich für sie bedankst? Nun, da hast du noch eine!“

Er holte abermals aus, schlug aber, da der Indianer den Kopf blitzschnell senkte, mit der Hand gegen den Kasten, an welchem die Indsmen lehnten, daß es einen lauten, hohlen Ton ergab. Da erscholl von innen erst ein kurzes, scharfes Knurren und Fauchen, welches schnell zu einem wilden, gräßlichen Schrei anschwoll, dem ein solches donnerähnliches Brüllen folgte, daß man meinte, das Schiff erzittere unter diesen entsetzlichen Tönen.

Der Colonel sprang einige Schritte zurück, ließ das Glas fallen und schrie mit erschrockener, heftig gellender Stimme: „Heavens! Was ist das? Welch eine Bestie steckt in diesem Kasten? Ist das erlaubt? Man kann vor Schreck den Tod oder wenigstens die Epilepsie davontragen!“

Der Schrecken hatte nicht nur ihn, sondern auch die andern Passagiere ergriffen. Die an Deck sich befindenden Männer hatten ebenso wie der Cornel laut aufgeschrieen. Nur vier von ihnen hatten mit keiner Wimper gezuckt, nämlich der Schwarzbärtige, welcher jetzt ganz vorn am Bug saß, der riesenhafte Herr, welchen der Cornel zum dritten Drink einladen wollte und die beiden Indianer. Diese vier Personen hatten ebensowenig wie die andern gewußt, daß sich ein wildes Tier an Bord und zwar dort in dem Kasten befinde, aber sie besaßen eine so große und langgeübte Selbstbeherrschung, daß es ihnen nicht schwer wurde, ihre Überraschung zu verbergen.

Das Gebrüll war auch unter Deck in den Kajüten gehört worden. Es kamen mehrere Damen unter lautem Geschrei herauf und erkundigten sich nach der Gefahr, die ihnen drohe.

„Es ist nichts, Ladies und Mesch’schurs,“ antwortete ein sehr anständig gekleideter Herr, welcher soeben auch aus seiner Kabine getreten war. „Nur ein Pantherchen, ein kleines Pantherchen, weiter gar nichts! Ein allerliebster Felis panthera, nur ein schwarzer, nur ein schwarzer, Mesch’schurs!“

„Was? Ein schwarzer Panther!“ heulte ein kleines, bebrilltes Männlein auf, dem man es ansah, daß er mehr in zoologischen Büchern als im praktischen Verkehr mit wilden Tieren bewandert sei. „Der schwarze Panther ist ja das allergefährlichste Viehzeug! Er ist größer und länger als der Löwe und der Tiger! Er mordet aus reiner Blutgier und nicht nur aus Hunger. Wie alt ist er denn?“

„Nur drei Jahre, Sir, nicht älter.“

„Nur? Das nennt Ihr nur? Da ist er ja vollständig ausgewachsen! Mein Gott! Und so eine Bestie befindet sich hier an Bord! Wer kann das verantworten?“

„Ich, Sir, ich,“ antwortete der elegante Fremde, indem er sich gegen die Damen und Herren verneigte. „Erlaubt mir, mich vorzustellen, Myladies und Gentlemen! Ich bin der berühmte Menageriebesitzer Jonathan Boyler und befinde mich seit einiger Zeit mit meiner Truppe in Van Büren. Da dieser schwarze Panther in New Orleans für mich angekommen war, so begab ich mich mit meinem erfahrensten Tierbändiger dorthin, um ihn abzuholen. Der Kapitän dieses guten Schiffes erteilte mir gegen hohen Transport die Erlaubnis, den Panther hier zu verladen. Er machte dabei die Bedingung, daß die Passagiere möglichst nicht erfahren sollten, in welcher Gesellschaft sie sich befinden. Darum fütterte ich den Panther nur des Nachts und habe ihm, by god, stets ein ganzes Kalb gegeben, damit er sich so vollfressen solle, daß er den ganzen Tag verschläft und sich kaum bewegen kann. Freilich, wenn man mit Fäusten an den Kasten schlägt, so wacht er auf und läßt auch seine Stimme hören. Ich hoffe, daß die verehrten Damen und Herren nun von der Anwesenheit des Pantherchens, welche ja nicht die mindeste Störung bewirkt, keine Notiz mehr nehmen.“

„Was?“ antwortete der mit der Brille, indem seine Stimme fast überschnappte. „Keine Störung bewirkt? Keine Notiz mehr nehmen? Alle Teufel, ich muß wirklich sagen, daß eine solche Anforderung noch nie an mich gestellt worden ist! Ich soll dieses Schiff mit einem schwarzen Panther bewohnen? Ich will gehenkt sein, wenn ich das fertig bringe! Entweder muß er fort, oder ich gehe. Werft die Bestie ins Wasser! Oder schafft den Kasten an das Ufer!“

„Aber, Sir, es ist wirklich ganz und gar keine Gefahr vorhanden,“ versicherte der Menageriebesitzer. „Seht Euch nur den starken Kasten an, und – – “

„Ach was Kasten,“ unterbrach ihn das Männchen. „Diesen Kasten kann ich zersprengen, um wieviel leichter da erst der Panther!“

„Bitte, mich sagen zu lassen, daß sich in dem Kasten der eigentliche eiserne Käfig befindet, den selbst zehn Löwen oder Panther nicht zu zertrümmern vermöchten.“

„Ist das wahr? Zeigt uns den Käfig! Ich muß mich überzeugen.“

„Ja, den Käfig zeigen, den Käfig zeigen! Wir müssen wissen, woran wir sind,“ riefen zehn, zwanzig, dreißig und noch mehr Stimmen.

Der Menageriebesitzer war Yankee und ergriff also die Gelegenheit beim Schopfe, diesen allgemeinen Wunsch zu seinem Vorteile auszubeuten.

„Ganz gern, ganz gern!“ antwortete er. „Aber, Myladies und Gentlemen, es ist doch leicht einzusehen, daß man den Käfig nicht betrachten kann, ohne auch den Panther zu erblicken. Dies jedoch darf ich ohne gewisse Gegenleistung nicht gestatten. Um den Reiz dieses seltenen Schauspiels zu erhöhen, werde ich eine Fütterung des Tieres anbefehlen. Wir arrangieren drei Plätze, den ersten zu einem Dollar, den zweiten zu einem halben und den dritten zu einem Vierteldollar. Da sich lauter Ladies und wirkliche Gentlemen hier befinden, so bin ich überzeugt, daß wir den zweiten und dritten Rang gleich von vornherein weglassen können. Oder ist jemand da, der nur einen halben oder gar nur einen Vierteldollar zahlen will?“

Es antwortete natürlich niemand.

„Nun also, nur erste Plätze. Bitte, Myladies und Mylords, einen Dollar die Person.“

Er nahm seinen Hut ab und kassierte die Dollars ein, während sein Tierbändiger, den er herbeigerufen hatte, die zu der Schaustellung nötigen Vorbereitungen traf.

Die Passagiere waren meist Yankees, und als solche erklärten sie sich mit der jetzigen Wendung der Angelegenheit vollständig einverstanden. Waren vorher die meisten von ihnen empört darüber gewesen, daß der Kapitän seinen Steamer zur Beförderung eines so gefährlichen Raubtieres hergegeben hatte, so fühlten sie sich jetzt durch die Gelegenheit versöhnt, durch die Besichtigung des Panthers eine willkommene Abwechselung in das langweilige Schiffsleben gebracht zu sehen. Selbst der kleine Gelehrte hatte seine Angst überwunden und sah der Schaustellung mit großem Interesse entgegen.

Der Cornel benutzte dieselbe, seinen Gefährten den Antrag zu stellen:

„Hört, Boys, eine Wette habe ich gewonnen und die andre verloren, da der rote Halunke nicht getrunken hat. Das hebt sich auf. Die dritte machen wir nicht um drei Gläser Brandy, sondern um den Dollar Entree, den wir zahlen müssen. Seid ihr damit einverstanden?“

Natürlich nahmen die Genossen den Vorschlag an, denn der Riese sah nicht so aus, als ob er sich Angst einflößen lassen werde.

„Gut,“ meinte der Cornel, den der Genuß des vielen Branntweins siegesgewiß machte. „Paßt auf, wie gern und schnell dieser Goliath mit mir trinken wird!“

Er ließ sich das Glas füllen und näherte sich dann dem Erwähnten. Die Körperformen dieses Mannes waren allerdings riesige zu nennen. Er war noch höher und breiter gebaut als der Schwarzbärtige, welcher sich Großer genannt hatte. Er war ganz gewiß kein Stubenmensch, denn sein Gesicht war von der Sonne braun gebrannt; seine männlich schönen Züge besaßen einen kühnen Schnitt, und seine blauen Augen hatten jenen eigentümlichen, nicht zu beschreibenden Blick, durch welchen sich Menschen auszeichnen, welche auf großen Flächen leben, wo der Horizont kein eng begrenzter ist, also Seeleute, Wüstenbewohner und Prairiemänner. Zu erwähnen wäre noch, daß sein Gesicht glatt rasiert war, daß er vielleicht vierzig Jahre alt sein konnte, und daß er einen eleganten Reiseanzug trug. Waffen sah man nicht an ihm. Er stand bei mehreren Herren, mit denen er sich lebhaft über den Panther unterhielt. Auch der Kapitän befand sich bei ihnen. Er war von der Kommandobrücke herabgekommen, um die Vorstellung mit dem Panther auch anzusehen.

Da kam der Cornel herbei, stellte sich breitspurig vor sein drittes vermeintliches Opfer hin und sagte: „Sir, ich biete Euch einen Drink an. Hoffentlich weigert Ihr Euch nicht, mir als einem veritablen Gentleman zu sagen, wer Ihr seid.“

Der Angeredete warf ihm einen erstaunten Blick in das Gesicht und wendete sich wieder weg, um die durch den frechen Patron unterbrochene Unterhaltung fortzusetzen.

„Pooh!“ rief dieser aus. „Seid Ihr taub, oder wollt Ihr mich absichtlich nicht hören? Dieses letztere möchte ich Euch nicht raten, da ich keinen Spaß verstehe, wenn mir ein Drink abgeschlagen wird. Ich gebe Euch den guten Rat, Euch ein Beispiel an dem Indsman zu nehmen!“

Der Belästigte zuckte leicht die Achsel und fragte den Kapitän: „Ihr habt gehört, was dieser Bursche da zu mir sagt?“

„Yes, Sir, jedes Wort,“ nickte der Gefragte.

„Well, so seid Ihr Zeuge, daß ich ihn nicht hergerufen habe.“

„Was?“ brauste der Cornel auf. „Einen Burschen nennt Ihr mich? Und den Drink weist Ihr zurück? Soll es Euch wie dem Indianer ergehen, dem ich – – –“

Er kam nicht weiter, denn er hatte in diesem Augenblick eine so gewaltige Ohrfeige von dem Riesen erhalten, daß er niederstürzte, eine ganze Strecke auf dem Boden hinschoß und sich dann sogar noch überkugelte. Da lag er einen Augenblick wie erstarrt, raffte sich jedoch schnell auf, riß das Messer heraus, erhob es zum Stoße und sprang auf den Riesen ein.

Dieser hatte die beiden Hände in die Hosentaschen gesteckt und stand so gemütlich da, als ob ihm nicht die mindeste Gefahr drohe, als ob der Cornel gar nicht vorhanden sei. Dieser brüllte in wütendem Tone: „Hund, mir eine Ohrfeige? Das kostet Blut, und zwar das deinige!“

Mehrere der Männer und auch der Kapitän wollten dazwischen treten, aber der Riese wies sie mit einem energischen Kopfschütteln zurück, erhob, als der Cornel ihm bis auf zwei Schritte nahe gekommen war, das rechte Bein und empfing ihn mit einem solchen Fußtritte auf den Magen, daß der Betroffene abermals zu Boden flog und fortkollerte.

„Nun ist’s aber gut, sonst – – –“ rief der Goliath drohend.

Aber der Cornel sprang wieder auf, schob das Messer in den Gürtel und zog, vor Grimm brüllend, eine der Pistolen hervor, um sie auf den Gegner zu richten. Dieser aber nahm seine rechte Hand aus der Tasche, in welcher er einen Revolver stecken gehabt hatte.

„Fort mit der Pistole!“ gebot er, indem er den Lauf seiner kleinen, aber guten Waffe auf die rechte Hand des Gegners hielt.

Ein – zwei – drei dünne aber scharfe Knalle – – der Cornel schrie auf und ließ die Pistole fallen.

„So, Bursche!“ sagte der Riese. „Du wirst nicht gleich wieder Ohrfeigen geben, wenn man es verschmäht, aus dem Glase zu trinken, an welchem du vorher dein großes Maul abgewischt hast. Ich habe dir die Hand zerschmettert. Und wenn du nun noch wissen willst, wer ich bin, so – – –“

„Verdammt sei dein Name!“ schäumte der Cornel, „Ich mag ihn nicht hören. Dich selbst aber will und muß ich haben. Drauf, auf ihn, Jungens; go on!“

Jetzt zeigte es sich, daß diese Kerls eine wirkliche Bande bildeten, in welcher alle für einen standen. Sie rissen ihre Messer aus den Gürteln und warfen sich auf den Riesen, welcher verloren zu sein schien, ehe der Kapitän seine Leute zu Hilfe rufen konnte. Der mutige Mann aber streckte einen Fuß vor, erhob die Arme und rief: „So kommt heran, wenn ihr es wagt, mit Old Firehand anzubinden!“

Der Klang dieses Namens war von augenblicklicher Wirkung. Der Cornel, welcher sein Messer mit der unverletzten Linken wieder ergriffen hatte, hielt den Schritt an und rief: „Old Firehand! Alle Teufel, wer hätte das gedacht! Warum habt Ihr das nicht vorher gesagt!“

„Ist’s etwa nur der Name, der einen Gentleman vor euern Ungezogenheiten schützt? Macht euch von dannen, setzt euch ruhig in einen Winkel und kommt mir nicht wieder vor die Augen, sonst lösche ich euch alle aus!“

„Well, wir sprechen später weiter!“

Er drehte sich um und ging mit seiner blutenden Hand nach vorn. Die Seinen folgten ihm wie Hunde, welche Prügel bekommen haben. Dort setzten sie sich nieder, verbanden ihrem Anführer die Hand, sprachen leise und angelegentlich miteinander und warfen dabei Blicke nach dem berühmten Jäger, welche zwar keineswegs freundliche waren, aber doch bewiesen, welch einen gewaltigen Respekt sie vor ihm hatten.

Aber nicht allein auf sie hatte der weitbekannte Name gewirkt. Es gab unter den Passagieren wohl keinen, der nicht schon von diesem kühnen Manne, dessen ganzes Leben aus gefährlichen Thaten und Abenteuern zusammengesetzt war, gehört gehabt hätte. Man trat unwillkürlich ganz ehrerbietig von ihm zurück, und betrachtete nun viel eingehender die hohe Gestalt, deren doch so harmonische Dimensionen und Verhältnisse jedem schon vorher aufgefallen waren.

Der Kapitän reichte ihm die Hand und sagte im freundlichsten Tone, zu dem ein Yankee sich verstehen kann: „Aber, Sir, das hätte ich wissen sollen! Ich hätte Euch meine eigene Kajüte abgetreten. Bei Gott, es ist eine Ehre für den „Dogfish“, daß Eure Füße seine Planken betreten haben. Warum habt Ihr Euch anders genannt?“

„Ich habe Euch meinen wirklichen Namen gesagt. Old Firehand aber werde ich von den Westmännern genannt, weil das Feuer meiner Büchse, von meiner Hand geleitet, stets ein verderbenbringendes ist.“

„Ich hörte, Ihr schießt nie fehl?“

„Pshaw! Fehlschießen eine Unmöglichkeit! Jeder gute Westmann kann das genau so wie ich. Aber Ihr seht, welchen Vorteil ein bekannter Kriegsname hat. Hätte sich der meinige nicht so weit herumgesprochen, so wäre es gewiß zum Kampfe gekommen.“

„In welchem Ihr gegen diese Übermacht hättet unterliegen müssen!“

„Meint Ihr?“ fragte Old Firehand, indem ein selbstbewußtes, doch gar nicht stolzes Lächeln über sein Gesicht flog. „So lange man nur mit Messern kommt, ist mir gar nicht bange. Ich hätte mich gewiß so lange gehalten, bis Eure Leute zur Hand gewesen wären.“

„An denen hätte es freilich nicht gefehlt. Aber was thue ich nun mit den Halunken? Ich bin Herr, Gebieter und Richter hier. Soll ich sie in Ketten legen und dann abliefern?“

„Nein.“

„Oder soll ich sie ans Ufer setzen?“

„Auch nicht.“

„Aber Strafe muß doch sein.“

„Ich rate Euch, darauf zu verzichten. Ihr macht diese Tour mit Eurem Steamer doch wohl nicht zum letztenmal?“

„Fällt mir gar nicht ein! Ich denke, noch lange Jahre auf dem alten Arkansas auf und ab zu schwimmen.“

„Nun, so hütet Euch, jetzt die Rache dieser Menschen zu erwecken! Es würde sicher zu Eurem Verderben sein. Sie sind im stande, sich irgendwo am Ufer festzusetzen und Euch einen Streich zu spielen, der Euch nicht nur das Schiff, sondern auch das Leben kosten kann.“

„Das sollten sie wagen!“

„Sie wagen es gewiß. Übrigens würde das gar kein Wagnis für sie sein. Sie würden alles heimlich thun und es so einrichten, daß ihnen niemand etwas anhaben kann.“

Jetzt sah Old Firehand den Schwarzbärtigen, welcher herbeigekommen und in der Nähe stehen geblieben war, den Blick in bescheidenem Verlangen auf den Jäger gerichtet. Dieser trat auf ihn zu und fragte: „Ihr wollt mit mir sprechen, Sir? Kann ich Euch einen Gefallen erweisen?“

„Einen sehr großen,“ antwortete der Deutsche.

„So sagt, welchen!“

„Erlaubt mir, Euch einmal die Hand zu drücken, Sir! Das ist alles, um was ich Euch bitte. Dann will ich befriedigt gehen und Euch nicht weiter belästigen. Aber an diese Stunde werde ich mit Freuden denken all mein Lebelang.“

Man sah seinem offenen Blick und hörte seinem Tone an, daß diese Worte wirklich aus dem Herzen kamen. Old Firehand streckte ihm die Rechte entgegen und fragte: „Wie weit wollt Ihr mit diesem Schiffe fahren?“

„Mit diesem Schiffe? Nur bis Fort Gibsen.“

„Das ist doch weit genug!“

„O, dann will ich mit dem Boote noch weiter. Ich fürchte, daß Ihr, der berühmte Mann, der noch niemals unterlegen ist, mich für furchtsam haltet.“

„Warum?“

„Weil ich vorhin den Drink dieses sogenannten Cornels angenommen habe.“

„O nein. Ich kann Euch nur loben, daß Ihr so besonnen gewesen seid. Freilich, als er dann den Indsmann schlug, nahm ich mir vor, ihm eine scharfe Lehre zu erteilen, was ja auch geschehen ist.“

„Hoffentlich läßt er sie sich zur Warnung dienen. Übrigens, wenn Ihr ihm die Finger steif geschossen habt, so ist’s mit ihm als Westmann aus. Von dem Roten aber weiß ich nicht, was ich denken soll.“

„Wieso?“

„Er hat sich als wirklicher Feigling betragen, und ist doch nicht im mindesten erschrocken, als das Brüllen des Panthers erscholl. Das kann ich mir gar nicht zusammenreimen.“

„Nun, den Reim will ich Euch machen. Es fällt mir nicht schwer, ihn fertig zu bringen.“

„So, kennt Ihr den Indianer?“

„Gesehen habe ich ihn noch nie, desto mehr aber von ihm gehört.“

„Auch ich hörte den Namen, als er ihn aussprach. Es ist ein Wort, bei dem man die Zunge brechen kann. Es war mir unmöglich, es mir zu merken.“

„Weil er sich seiner Muttersprache bediente, jedenfalls um den Cornel nicht merken zu lassen, mit wem er es zu thun hatte. Sein Name ist Nintropan-hauey, und sein Sohn heißt Nintropan-homosch; das bedeutet der große Bär und der kleine Bär.“

„Ist’s möglich? Von diesem Vater und diesem Sohne habe ich freilich schon oft gehört. Die Tonkawa sind entartet. Nur diese beiden Nintropan haben die Kriegslust ihrer Ahnen geerbt und treiben sich im Gebirge und in der Prairie umher.“

„Ja, sie sind zwei tüchtige Kerls. Und nun werdet Ihr wohl nicht mehr denken, daß sie aus Feigheit dem Cornel nicht geantwortet haben, wie es sich eigentlich gehörte.“

„Ein andrer Indsman hätte den Kerl sofort kalt gemacht!“

„Vielleicht. Aber habt Ihr nicht gesehen, daß der Sohn unter seine Decke nach dem Messer oder dem Tomahawk griff? Nur als er das regungslose Gesicht seines Vaters sah, verzichtete er darauf, die That augenblicklich zu rächen. Ich sage Euch, bei diesen Indsmen genügt ein kurzer Blick, wo es bei uns Weißen oft einer langen Rede bedarf. Seit dem Augenblicke, daß der Cornel den Indianer in das Gesicht schlug, ist sein Tod eine beschlossene Sache. Die beiden „Bären“ werden nicht eher von seiner Fährte lassen, bis sie ihn ausgelöscht haben. Aber, Ihr nanntet ihm Euern Namen, den ich als einen deutschen erkannte. Wir sind also Landsleute.“

„Wie, Sir, auch Ihr seid ein Deutscher?“ fragte Großer erstaunt.

„Allerdings. Mein eigentlicher Name ist Winter. Auch ich fahre noch eine gute Strecke mit diesem Schiffe, und da findet sich für uns beide jedenfalls Gelegenheit, uns wieder zu sprechen.“

„Wenn Ihr Euch herablassen wollt, so soll es mir die denkbar größte Ehre sein, Sir.“

„Macht keine Komplimente. Ich bin nicht mehr, als Ihr seid, ein Westmann, weiter nichts.“

„Ja, aber der General ist auch nicht mehr als der Rekrut, ein Soldat nämlich.“

„Wollt Ihr Euch in Wahrheit mit einem Rekruten vergleichen? Dann dürftet Ihr Euch nur erst kurze Zeit im Westen befinden.“

„Nun,“ meinte der Bärtige in bescheidenem Tone, „etwas länger bin ich doch schon da. Ich heiße Thomas Großer. Den Familiennamen läßt man hier weg; aus dem Thomas macht man einen Tom, und weil ich einen so gewaltigen und schwarzen Bart trage, nennt man mich den schwarzen Tom.“

„Wie? Was?“ rief Old Firehand aus. „Ihr seid der schwarze Tom, der berühmte Rafter?“

„Tom heiße ich, Rafter bin ich, ob berühmt, das bezweifle ich.“

„Ihr seid es, Ihr seid es, Sir. Ich versichere es Euch mit meinem Handschlage!“

„Nicht allzulaut, bitte, Sir!“ warnte Tom. „Der Colonel dort soll meinen Namen nicht hören.“

„Warum nicht?“

„Weil er mich an demselben wiederkennen würde.“

„So habt Ihr schon mit ihm zu thun gehabt?“

„Ein wenig. Ich erzähle es Euch schon noch. Ihr kennt ihn nicht?“

„Ich sah ihn heut zum erstenmal.“

„Nun, seht seinen Bart und sein rotes Haar und hört dazu, daß sein Name Brinkley ist.“

„Was Ihr sagt! So ist er der rote Brinkley, der hundert Schandthaten begangen hat, ohne daß man ihm eine einzige beweisen kann?“

„Er ist’s, Sir. Ich habe ihn erkannt.“

„Dann werde ich ihm, wenn er länger an Bord bleibt, etwas schärfer auf die Finger sehen. Und Euch muß ich näher kennen lernen. Ihr seid der Mann, der für mich paßt. Wenn Ihr Euch nicht bereits anderweit versprochen hättet, könnte ich Euch brauchen.“

„Nun,“ meinte Tom, indem er nachdenklich zu Boden blickte, „die Ehre, bei Euch sein zu können, ist viel mehr wert, als alles andre. Ich bin zwar einen Bund mit andern Rafters eingegangen; sie haben mich sogar zu ihrem Anführer gemacht; aber wenn Ihr mir Zeit lassen könnt, sie zu benachrichtigen, so läßt sich das leicht lösen.“

„Schön. Ihr müßt Euch einen Kajütenplatz nehmen, damit wir beisammen sind. Was Ihr draufzuzahlen habt, will ich gern ersetzen.“

„Danke, Sir! Wir Rafters verdienen, wenn wir fleißig sind, auch viel Geld. Und gerade jetzt habe ich alle Taschen voll, denn ich komme von Vicksburg unten herauf, wo ich unsre Rechnungen präsentiert und in Kasse umgewandelt habe. Ich kann also den Kajütenplatz selbst bezahlen. Aber seht! Mir scheint, die Vorstellung soll jetzt beginnen.“

Der Menageriebesitzer hatte aus Kisten und Paketen mehrere Sitzreihen hergestellt und lud nun in pomphaften Worten das Publikum ein, Platz zu nehmen. Dies geschah. Das Schiffspersonal durfte, soweit es nicht beschäftigt war, gratis zuschauen. Der Cornel kam mit seinen Leuten nicht herbei; er hatte die Lust dazu verloren.

Die beiden Indianer waren nicht gefragt worden, ob sie auch mit teilnehmen wollten. Zwei Indsmen bei Ladies und Gentlemen, welche pro Person einen Dollar bezahlt hatten, daß wollte der Besitzer des Tieres sich nicht vorwerfen lassen. Sie standen also von ferne und schienen weder dem Käfige noch der Zuschauergruppe die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, während aber ihren scharfen, verstohlenen Blicken von allem, was geschah, nicht daß Geringste entging.

Nun saßen die Zuschauer vor dem noch geschlossenen Kasten. Die meisten von ihnen hatten keinen richtigen Begriff von einem schwarzen Panther. Die katzenartigen Raubtiere der neuen Welt sind bedeutend kleiner und ungefährlicher als diejenigen der alten Welt. Der Gaucho zum Beispiel fängt den Jaguar, welcher der amerikanische Tiger genannt wird, mit dem Lasso und schleift ihn hinter sich her. Das dürfte er beim bengalischen Königstiger nicht wagen. Und der amerikanische Löwe, der Puma, flieht vor dem Menschen, selbst wenn er vom Hunger gepeinigt wird. Man hat die Vorstellung, daß der Panther bedeutend kleiner sei als der Löwe und Tiger, und da die Zuschauer bei diesen beiden Bezeichnungen an den Puma und Jaguar dachten, so erwarteten die meisten von ihnen, ein kaum mehr als einen halben Meter hohes und dementsprechend langes und starkes Raubtier zu sehen. Wie fühlten sie sich daher betroffen, als jetzt die Vorderwand des Kastens entfernt wurde und sie den Panther erblickten.

Er hatte seit New Orleans im Dunkeln gelegen, der Kasten war nur des Nachts geöffnet worden. Jetzt erblickte er zum erstenmal wieder das Tageslicht, welches seine Augen blendete. Er schloß sie und blieb noch liegen, lang ausgestreckt, so lang wie der Kasten war. Dann blinzelte er leise, dabei bemerkte er die vor ihm sitzenden Menschen. Im Nu war er auf und stieß ein Brüllen aus, welches die Wirkung hatte, daß die Mehrzahl der Zuschauer aufsprangen, um zu retirieren.

Ja, es war ein ausgewachsenes prächtiges Exemplar, gewiß einen Meter hoch und ohne Schwanz zweimal so lang. Er faßte die Stäbe des eisernen Käfigs mit den Vordertatzen und schüttelte sie, daß der Kasten in Bewegung kam. Dabei zeigte er das fürchterliche Gebiß. Die dunkle Farbe erhöhte nur den Eindruck, den er machte.

„Ja, Myladies und Gentlemen,“ sagte der Menageriebesitzer in erklärendem Tone, „die schwarze Abart des Panthers ist wohl auf den Sundainseln daheim. Diese Tiere sind aber klein. Der echte schwarze Panther, welcher freilich sehr selten ist, wird in Nordafrika, an der Grenze der Sahara gefunden. Er ist ebenso stark und weit gefährlicher als der Löwe und kann ein ausgewachsenes Rind im Rachen forttragen. Was seine Zähne vermögen, werdet ihr gleich sehen, da die Fütterung beginnt.“

Der Bändiger brachte die Hälfte eines Schafes herbei und legte sie vor dem Käfig nieder. Als der Panther das Fleisch erblickte, gebärdete er sich wie unsinnig. Er sprang auf und ab und fauchte und brüllte, daß die furchtsameren der Zuschauer sich noch weiter zurückzogen als bisher.

Ein an der Schiffsmaschine beschäftigter Neger hatte der Neugierde nicht widerstehen können und sich herbeigeschlichen. Der Kapitän sah ihn und befahl ihm, sofort an seine Arbeit zurückzukehren. Da der Schwarze nicht gleich gehorchte, ergriff der Kapitän ein nahe liegendes Tauende und versetzte ihm mit demselben einige Hiebe. Nun zog sich der Gezüchtigte schnell zurück, blieb aber an der in den Maschinenraum führenden Lucke stehen, zog dem Kapitän hinter dem Rücken desselben eine drohende Grimasse und schüttelte die Fäuste gegen ihn. Da die Zuschauer nur auf den Panther achteten, hatten sie das nicht bemerkt. Der Cornel aber sah es und sagte zu seinen Gefährten: „Dieser Nigger ist dem Kapitän nicht hold, wie es scheint. Vielleicht kann er uns von Nutzen sein. Wollen uns an ihn machen. Einige Dollar wirken bei einem Schwarzen Wunder.“

Jetzt schob der Tierbändiger das Fleisch zwischen den Eisenstäben hindurch in den Käfig, musterte die Zuschauer mit prüfendem Blicke und sagte dann seinem Herrn einige leise Worte. Dieser schüttelte bedenklich den Kopf, der andre redete weiter auf ihn ein und schien seine Bedenken zu zerstreuen, denn der Besitzer nickte endlich und erklärte den vor dem Käfige Sitzenden und Stehenden: „Myladies und Mesch’schurs, ich sage euch, daß ihr ungeheures Glück habt. Ein gebändigter schwarzer Panther ist noch nie gesehen worden, wenigstens hier in den Staaten nicht. Während des dreiwöchentlichen Aufenthaltes in New Orleans nun hat mein Bändiger den Panther in die Schule genommen und erklärt jetzt, zum erstenmal öffentlich zu ihm in den Kasten gehen und sich neben ihm niedersetzen zu wollen, falls ihr ihm eine entsprechende Gratifikation zusagt.“

Der Bändiger war ein starker, außerordentlich muskulöser Mensch mit einem ungewöhnlich selbstbewußten Zuge im Gesicht. Er war jedenfalls vom Gelingen seines Vorhabens vollständig überzeugt, wie seine gegenwärtige zuversichtliche Miene bewies.

Der Panther hatte sich über seine Mahlzeit hergemacht, deren Knochen zwischen seinen Zähnen wie Pappe zermalmt wurden. Er schien nur auf seinen Fraß zu achten, und so konnte wohl selbst der Laie der Ansicht sein, daß es keine große Gefahr auf sich habe, gerade jetzt den Käfig zu betreten.

Kein andrer als der vorhin am ängstlichsten war, nämlich der kleine, bebrillte Gelehrte, antwortete enthusiasmiert: „Das würde herrlich sein, Sir! Ein Bravourstück, für welches man schon etwas zahlen kann. Wieviel will der Mann denn haben?“

„Hundert Dollar?“

„Hm! Ist das nicht zu viel?“

„Nein, sondern viel zu wenig, Sir. Die Gefahr, in welche er sich begibt, ist nicht gering, da er des Tieres erst kaum halb sicher ist.“

„So! Nun, ich bin nicht reich. Fünf Dollar aber steuere ich bei. Mesch’schurs, wer zahlt noch etwas?“

Es meldeten sich so viele, daß die Summe zusammenkommen mußte. Man hatte nun einmal begonnen, und so sollte das Schauspiel auch völlig ausgekostet werden. Selbst der Kapitän wurde erregt und bot Wetten an.

„Sir,“ warnte ihn Old Firehand, „begeht keinen Fehler! Ich bitte Euch, das Wagnis nicht zuzugeben. Gerade weil der Mann des Tieres noch nicht sicher ist, habt Ihr die Verpflichtung, Einspruch zu erheben.“

„Einspruch?“ lachte der Kapitän. „Pshaw! Bin ich etwa der Vater oder die Mutter des Bändigers? Habe ich ihm Befehle zu erteilen? Hier in diesem gesegneten Lande hat jedermann das Recht, seine Haut zu Markte zu tragen, ganz wie es ihm beliebt. Wird er von dem Panther gefressen, nun, so ist das seine und des Panthers Sache, nicht aber die meinige. Also, Gentlemen, ich behaupte, daß der Mann nicht so heil wieder herauskommt, wie er hineingeht, und setze hundert Dollar. Wer geht darauf ein? Zehn Prozent der Gewinne soll der Bändiger noch extra erhalten.“

Dieses Beispiel elektrisierte. Es wurden mehrere Wetten zu nicht unbedeutenden Beträgen abgeschlossen, und es stellte sich heraus, daß dieselben dem Bändiger, falls sein Wagnis gelingen sollte, gegen dreihundert Dollar einbringen mußten.

Es war nicht gesagt, ob der Tierbändiger dabei bewaffnet sein solle. Er holte seinen Totschläger, eine Peitsche, deren Knauf eine Explosionskugel enthielt. Griff das Tier ihn an, so bedurfte es nur eines kräftigen Hiebes seinerseits, den Panther augenblicklich zu töten.

„Ich traue selbst einem solchen Totschläger nicht,“ sagte Old Firehand zu dem schwarzen Tom. „Ein Feuerwerkskörper wäre praktischer, da das Tier durch denselben zurückgeschreckt würde, ohne doch getötet zu werden. Doch thue jeder nach seinem Wohlgefallen. Ich will’s loben, aber erst dann, wenn es gelungen ist.“

Jetzt hielt der Bändiger eine kurze Ansprache an das Publikum, und wendete sich dann gegen den Käfig. Er öffnete die schweren Riegel und schob darauf das schmale Gitter, welches die ungefähr fünf Fuß hohe Thür bildete, zur Seite. Um einzutreten, mußte er sich bücken. Dabei bedurfte er beider Hände, um die Thür zu halten, und dann, wenn er sich im Käfige befand, wieder zu schließen; deshalb hatte er den Totschläger zwischen die Zähne genommen und war also, wenn auch nur für diesen kurzen Augenblick, wehrlos. Zwar war er schon oft bei dem Tiere im Käfige gewesen, aber unter ganz andern Umständen. Da war dasselbe nicht tagelang im Dunkeln gewesen; es hatten sich nicht so viele Menschen in der Nähe befunden, und es hatte auch nicht das Stampfen der Maschine und das Rauschen und Brausen der Räder gegeben. Diese Umstände waren weder von dem Menageriebesitzer noch von dem Bändiger genug in Betracht gezogen worden, und nun zeigten sich die Folgen.

Als der Panther das Geräusch des Gitters hörte, drehte er sich um. Eben schob der Bändiger den gesenkten Kopf herein – eine geradezu gedankenschnelle Bewegung des Raubtieres, ein blitzähnliches Aufzucken, und es hatte den Kopf, aus dessen Mund der Totschläger fiel, im Rachen und zerkrachte ihn mit einem einzigen Bisse in Splitter und zu Brei.

Das Geschrei, welches sich in diesem Augenblicke vor dem Käfige erhob, spottete jeder Beschreibung. Alles sprang auf und rannte zeternd davon. Nur drei blieben, der Menageriebesitzer, Old Firehand und der schwarze Tom. Der erstere wollte die Thür des Käfigs zuschieben, aber dies war unmöglich, da die Leiche sich halb in demselben und halb außerhalb befand. Dann wollte er den Toten bei den Beinen fassen und herausziehen.

„Um Gottes willen, das nicht.“ rief Old Firehand. „Der Panther käme hinterdrein. Schiebt den Körper vollends hinein, er ist nun doch tot. Dann geht die Thüre zu!“

Der Panther lag vor der kopflosen Leiche. Die Knochensplitter im blutig geifernden Rachen, hielt er die funkelnden Augen auf seinen Herrn gerichtet. Er schien die Absicht desselben zu erraten, denn er brüllte zornig auf und kroch auf der Leiche vor, dieselbe durch die Schwere seines Körpers festhaltend. Sein Kopf war nur noch wenige Zoll von der Thüröffnung entfernt.

„Fort, fort! Er kommt heraus!“ rief Old Firehand. „Tom, Ihr Gewehr! Ihr Gewehr! Ein Revolver würde das Übel nur ärger machen!“

Der schwarze Tom sprang nach seiner Büchse.

Von dem Augenblicke, in welchem der Bändiger den Käfig betreten hatte, bis zum gegenwärtigen waren kaum zehn Sekunden vergangen. Niemand hatte noch Zeit gefunden, sich vollständig in Sicherheit zu bringen. Das ganze Deck bildete einen Wirrwarr von fliehenden und vor Angst schreienden Personen. Die Thüren nach den Kajüten und den Unterdecks waren verstopft. Man duckte sich hinter Fässern und Kisten nieder und sprang doch wieder auf, weil man sich da nicht vollständig sicher fühlte.

Der Kapitän war nach seiner Kommandobrücke gerannt und stieg dieselbe empor, drei und vier Stufen auf einmal nehmend. Old Firehand folgte ihm. Der Menageriebesitzer flüchtete sich nach der Hinterwand des Käfigs. Der schwarze Tom rannte nach seinem Gewehre. Unterwegs fiel ihm ein, daß er das Beil mit demselben zusammengebunden hatte und es also nicht augenblicklich gebrauchen könne. Er blieb also bei den beiden Indianern, an denen er vorübergewollt hatte, stehen und riß dem alten Bär die Flinte aus der Hand.

„Ich selbst schießen,“ sagte dieser, seine Hand nach der Waffe ausstreckend.

„Laß mich!“ herrschte der Bärtige ihm zu „Ich schieße jedenfalls besser als du!“

Er drehte sich nach dem Käfig um. Der Panther hatte diesen soeben verlassen, hob den Kopf und brüllte. Der schwarze Tom legte an und drückte ab. Der Schuß krachte, aber die Kugel traf nicht. Hastig riß er nun auch dem jungen Indianer die Flinte aus der Hand und gab die Ladung derselben auf das Tier ab – mit demselben Mißerfolge.

„Schlecht schießen. Gewehr nicht kennen,“ sagte der alte Bär so ruhig, als ob er in seinem sicheren Wigwam beim Braten sitze.

Der Deutsche beachtete diese Worte nicht. Er warf die Flinte weg und eilte weiter nach vorn, wo die Gewehre der Leute des Cornel lagen. Diese Gentlemen hatten keine Lust gehabt, den Kampf mit dem Tiere aufzunehmen, sondern sich schleunigst versteckt.

Da ertönte in der Nähe der Kommandobrücke ein entsetzlicher Schrei. Eine Dame wollte sich auf dieselbe flüchten. Der Panther sah sie eben, als das erwähnte Brüllen beendet war. Er duckte sich nieder und sprang dann in langen, weiten Sätzen auf sie zu. Sie sah es und stieß jenen Schrei aus. Sie befand sich noch unten, während Old Firehand auf der fünften oder sechsten Stufe stand. Im Nu hatte er sie erfaßt, schwang sie zu sich empor und hob sie mit starken Armen über sich hinauf, wo der Kapitän sie an sich nahm. Das war das Werk von zwei Augenblicken gewesen, und nun befand sich der Panther an der Brücke. Er setzte die beiden Vordertatzen auf eine der Stufen und zog schon den Körper zusammen, um sich empor und auf Old Firehand zu schnellen. Dieser versetzte ihm mit aller Gewalt einen Fußtritt auf die Nase und feuerte ihm dann die noch übrigen drei Kugeln seines Revolvers gegen den Kopf.

Diese Art der Abwehr war eigentlich eine lächerliche. Mit einem Fußtritte und einigen erbsengroßen Revolverkugeln schreckt man keinen schwarzen Panther zurück; aber Old Firehand besaß eben kein wirksameres Verteidigungsmittel. Er war überzeugt, daß das Tier ihn nun packen werde; aber es geschah noch nicht, sondern der Panther drehte, in seiner an der Treppe aufgerichteten Stellung verharrend, den Kopf langsam zur Seite, als ob er sich auf etwas Besseres besinnen wolle. Hatten die aus solcher Nähe abgeschossenen Kugeln, die kaum linientief in seine harte Schädeldecke eingedrungen sein konnten, ihn in eine Art von Betäubung versetzt? Oder war der Tritt auf die empfindliche Nase ihm zu schmerzhaft gewesen, kurz und gut, er richtete die Augen nicht mehr auf Old Firehand, sondern nach dem Vorderdeck, wo jetzt ein etwa dreizehnjähriges Mädchen stand, unbeweglich, wie vom Schreck gelähmt, beide Arme nach der Kommandobrücke ausgestreckt. Es war die Tochter der Dame, welche Old Firehand soeben vor dem Panther gerettet hatte. Das Kind hatte, sich selbst auf der Flucht befindend, seine Mutter in Gefahr gesehen und und war vor Entsetzen darüber da, wo es noch stand, halten geblieben, in ein helles, weithin leuchtendes Gewand gekleidet, welches dem Panther in die Augen fiel. Er ließ die Tatzen von der Treppe, wendete sich ab und schnellte sich, sechs bis acht Ellen lange Sätze machend, auf das Kind zu, welches das Entsetzliche kommen sah und sich weder zu bewegen, noch einen Laut auszustoßen vermochte.

„Mein Kind, mein Kind!“ jammerte die Mutter.

Alle, die es sahen, schrieen oder brüllten mit; aber keiner rührte die Hand oder den Fuß zur Rettung. Es war auch keine Zeit dazu. Keine? Und rührte sich wirklich kein Mensch? Doch einer, und zwar derjenige, dem man eine solche Umsicht, Kühnheit und Geistesgegenwart wohl am allerwenigsten zugetraut hätte, nämlich der junge Indianer.

Er hatte mit seinem Vater ungefähr zehn Schritte von dem Mädchen entfernt gestanden. Als er die Gefahr bemerkte, in welcher sich dasselbe befand, blitzten seine Augen auf. Er sah nach rechts und links, wie nach einem Rettungswege suchend; dann ließ er die Zunidecke von den Schultern fallen und rief seinem Vater in der Sprache der Tonkawa zu: „Tiakaitat; schai schoyana – bleib stehen; ich werde schwimmen!“

Er sprang mit zwei Sätzen auf das Mädchen zu, ergriff es an dem Taillengürtel, schnellte mit ihr nach der Reiling und schwang sich auf diese hinauf. Dort blieb er einen Augenblick stehen, um zurückzublicken. Der Panther war hinter ihm und setzte eben zum letzten Sprunge an. Kaum hatten die Pranken des Tieres den Boden verlassen, so flog der junge Indianer, sich eine seitwärtige Richtung gebend, um nicht neben dem Tiere in das Wasser zu kommen, von der Reiling in den Fluß hinab. Das Wasser schlug über ihm und seiner Last zusammen. Zugleich schoß der Panther, dessen Sprungkraft eine so große war, daß er sich nicht zu halten vermochte, über das Geländer hinaus und hinunter in den Strom.

„Stopp, stopp auf der Stelle!“ kommandierte der Kapitän geistesgegenwärtig durch das Sprachrohr in den Maschinenraum hinab.

Der Ingenieur gab Gegendampf; der Steamer stoppte und blieb dann dadurch auf der Stelle halten, daß die Räder nur so viel Wasser griffen, als nötig war, die Rücktrift zu vermeiden.

Da die Gefahr für die Passagiere jetzt vorüber war, eilten alle aus den verschiedenen Verstecken hervor und an das Geländer. Die Mutter des Kindes war in Ohnmacht gefallen, der Vater desselben rief mit überlauter Stimme: „Tausend Dollar für die Rettung meiner Tochter, zweitausend, dreitausend, fünftausend, noch mehr, noch viel mehr!“

Niemand hörte auf ihn. Alle beugten sich über die Reiling, um in den Fluß hinabzusehen. Da lag der Panther, als vortrefflicher Schwimmer, mit ausgebreiteten Pranken auf dem Wasser und sah sich nach der Beute um – vergeblich. Der kühne Knabe war mit dem Mädchen nicht zu sehen.

„Sie sind ertrunken, in die Räder gekommen!“ jammerte der Vater, indem er sich das Haar mit beiden Händen raufte.

Da aber ertönte vom andern Bord die schallende Stimme des alten Indianers herüber. „Nintropan-homosch klug gewesen. Unter Schiff wegschwimmen, damit Panther nicht sehen. Hier unten sein!“

Alles rannte nun nach Steuerbord, und der Kapitän befahl, Taue auszuwerfen. Ja wirklich, da unten, hart an der Schiffswand, schwamm langsam auf dem Rücken, um nicht abgetrieben zu werden, der „junge Bär“ und hatte sich das bewußtlose Mädchen quer über den Leib gelegt. Taue waren schnell zur Hand; sie wurden hinabgelassen. Der Knabe befestigte eines derselben unter den Armen des Mädchens, und schwang, während dieses emporgezogen wurde, sich behend an einem zweiten an Bord.

Er wurde mit brausendem Jubel begrüßt, schritt aber stolz davon, ohne ein Wort zu sagen. Aber als er an dem Cornel, welcher auch mit zugesehen hatte, vorüber kam, blieb er vor ihm stehen und sagte so laut, daß jedermann es hörte: „Nun, fürchtet sich Tonkawa vor kleiner, räudiger Katze? Cornel ist ausgerissen mit all seinen zwanzig Helden; Tonkawa aber hat großes Ungetüm auf sich gelenkt, um Mädchen und Passagiere zu retten. Cornel bald noch mehr von Tonkawa hören!“

Die Gerettete wurde nach der Kajüte getragen. Da streckte der Steuermann, welcher den besten Ausblick hatte, die Hand nach Backbord aus und rief:

„Seht den Panther; seht das Floß!“

Jetzt sprangen alle wieder auf die angegebene Seite hinüber, wo sich ihnen ein neues und nicht weniger aufregendes Schauspiel bot. Man hatte nämlich, nur mit dem bisher Erzählten beschäftigt, ein kleines, aus Strauchwerk und Schilf gefertigtes Floß nicht bemerkt, auf welchem zwei Gestalten saßen, welche vom rechten Flußufer her den Steamer erreichen wollten. Sie arbeiteten mit aus Zweigen improvisierten Rudern. Die eine Person war ein Knabe, die andre schien ein ganz eigen- oder fremdartig gekleidetes Frauenzimmer zu sein. Man sah eine Kopfbedeckung, ähnlich einer alten Flatusenhaube, darunter ein volles, rotwangiges Gesicht mit kleinen Äuglein. Die übrige Gestalt steckte in einem weiten Sacke oder einem ähnlichen Dinge, dessen Schnitt und Fasson jetzt nicht zu bestimmen war, da die Person nicht stand, sondern saß. Der Schwarze Tom stand neben Old Firehand und fragte ihn: „Sir, kennt Ihr diese Frau?“

„Nein. Ist sie denn so berühmt, daß ich sie kennen müßte?“

„Allerdings. Sie ist natürlich gar keine Frau, sondern ein Mann, ein Prairiejäger und Fallensteller. Und da kommt der Panther. Da werdet Ihr sehen, was eine Frau, die ein Mann ist, zu leisten vermag.“

Er beugte sich über die Reiling und rief hinab: „Holla, Tante Droll, aufgepaßt. Der will Euch fressen.“

Das Floß war ungefähr noch fünfzig Schritte von dem Steamer entfernt. Der Panther war, nach seiner Beute suchend, immer an der Seite des Schiffes hin und der geschwommen. Jetzt sah er das Floß und hielt auf dasselbe zu. Die auf demselben befindliche scheinbare Frau sah nach dem Deck empor, erkannte den, der sie angerufen hatte, und antwortete mit hoher Fistelstimme: „Good lack, Ihr seid es, Tom? Freue mich sehr, Euch zu sehen, wenn es nötig ist! Was ist das für ein Tier?“

„Ein schwarzer Panther, der von Bord gesprungen ist. Macht Euch davon. Schnell, schnell!“

„Oho! Tante Droll reißt vor niemand aus, auch nicht vor einem Panther, mag er schwarz, blau oder grün aussehen. Darf man das Vieh erschießen?“

„Natürlich! Aber Ihr bringt es nicht fertig. Es gehörte in eine Menagerie und ist das gefährlichste Raubtier der Welt. Flieht auf die andre Seite des Schiffes.“

Niemand als nur Tom kannte die närrische Gestalt, doch riefen alle ihr die Warnung zu, zu fliehen. Sie aber schien einen Spaß daran zu finden, mit dem Panther Haschens zu spielen. Sie führte das zerbrechliche Ruder mit wahrer Meisterschaft und wußte dem Tiere mit erstaunlicher Geschicklichkeit auszuweichen. Dabei rief sie immer mit derselben Fistelstimme herauf: „Werde es schon fertig bringen, alter Tom. Wohin wird denn so eine Kreatur geschossen, wenn es nötig ist?“

„Ins Auge,“ antwortete Old Firehand.

„Well! So wollen wir diese Wasserratte mal herankommen lassen.“

Er zog das Ruder ein und griff zu der Büchse, welche neben ihm gelegen hatte. Floß und Panther näherten sich einander schnell. Das Raubtier blickte mit weit offenen, starren Augen auf den Feind, welcher das Gewehr anlegte, kurz zielte und zweimal abdrückte. Das Gewehr weglegen, zum Ruder greifen und das Floß zurücktreiben, war das Werk eines Augenblickes. Der Panther war verschwunden. Da, wo man ihn zuletzt gesehen hatte, bezeichnete ein Strudel den Ort seines Todeskampfes, dann sah man ihn weiter abwärts wieder an der Oberfläche erscheinen, regungslos und tot, dort trieb er einige Sekunden lang und wurde dann wieder in die Tiefe gezogen.

„Ein Meisterschuß!“ rief Tom vom Deck herab, und die Passagiere stimmten begeistert bei, nur der Menageriebesitzer nicht, welcher um den teuren Panther und seinen Tierbändiger gekommen war.

„Zwei Schüsse waren es,“ antwortete die abenteuerliche Gestalt vom Flusse herauf. „In jedes Auge einer. Wohin geht dieser Steamer, wenn es nötig ist?“

„Soweit er genug Wasser findet,“ antwortete der Kapitän.

„Wir wollten an Bord und haben uns deshalb drüben am Ufer dieses Floß gebaut. Wollt Ihr uns aufnehmen?“

„Könnt Ihr Passage zahlen, Ma’am oder Sir? Ich weiß wirklich nicht, ob ich Euch als Mann oder als Frau heraufbefördern soll.“

„Als Tante, Sir. Ich bin nämlich Tante Droll, verstanden, wenn es nötig ist. Und was die Passage betrifft, so pflege ich mit gutem Gelde, oder gar mit Nuggets zu bezahlen.“

„So sollt Ihr die Strickleiter hinunter haben. Kommt also an Bord! Wir müssen machen, daß wir von dieser unglückseligen Stelle fortkommen.“

Die Strickleiter wurde herabgelassen. Erst stieg der Knabe hinauf, der auch mit einem Gewehre bewaffnet war; dann warf der andre das Gewehr über, erhob sich, ergriff die Leiter, stieß das Floß unter sich fort und turnte sich mit einer eichkätzchenartigen Geschicklichkeit an das Deck, wo er mit großen, ungemein erstaunten Blicken empfangen wurde. – –

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Fünftes Kapitel

Indianisches Meisterstück.

Die Rollingprairie lag im Mittagssonnenglanze. Hügel auf Hügel, mit dichtem Grase, dessen Halme sich im leisen Winde bewegten, bewachsen, glich sie einem Smaragdsee, dessen Wellen plötzlich erstarren mußten. Eine dieser festgewordenen Wogen glich in Beziehung auf Länge, Gestalt und Höhe der andern, und wenn man aus einem der Wellenthäler in das andre kam, hätte man das letztere mit dem ersteren verwechseln können. Nichts, gar nichts rundum als Wellenhügel, so weit der Horizont reichte. Wer sich hier nicht nach dem Kompaß oder dem Stande der Sonne richtete, der mußte sich verirren, wie der Laie im kleinen Boote sich auf der weiten See verirrt. In dieser grünen Einöde schien es kein Lebewesen zu geben; nur droben, hoch in den Lüften, zogen zwei schwarze Hühnergeier, scheinbar ohne die Flügel zu bewegen, ihre Kreise. Sollten sie wirklich die einzigen Geschöpfe sein, die es hier gab? Nein, denn soeben ließ sich ein kräftiges Schnauben vernehmen, und hinter einem der Wellenberge kam ein Reiter hervor, und zwar ein höchst sonderbar ausgestatteter Reiter.

Der Mann war von gewöhnlicher Gestalt, weder zu groß noch zu klein, weder zu dick noch zu dünn, schien aber kräftig zu sein. Er trug lange Hose, Weste und kurze Jacke, welche Kleidungsstücke aus wasserdichtem Gummistoffe gefertigt waren. Auf dem Kopfe saß ein Korkhut mit Nackentuch, wie die englischen Offiziere in Ostindien und andern heißen Ländern zu tragen pflegen. Die Füße steckten in indianischen Mokassins.

Die Haltung dieses Mannes war diejenige eines geübten Reiters; sein Gesicht – ja, dieses Gesicht war eigentlich ein sehr sonderbares. Der Ausdruck desselben war geradezu dumm zu nennen, und zwar nicht etwa ausschließlich durch die Nase, welche zwei ganz verschiedene Seiten hatte. Auf der linken Seite war sie weiß und hatte die leicht gebogene Gestalt einer gewöhnlichen Adlernase; auf der rechten Gesichtsseite war sie dick, wie geschwollen und von einer Farbe, welche man weder rot noch grün noch blau nennen konnte. Eingerahmt wurde dieses Gesicht von einem Kehlbarte, dessen lange dünne Haare vom Halse aus bis über das Kinn hervorstarrten. Der Bart wurde gestützt durch zwei riesige Vatermörder, deren bläulicher Glanz verriet, daß der Reiter es in der Prairie vorzog, Gummiwäsche zu tragen.

An die Steigbügelriemen war rechts und links je ein Gewehr, dessen Kolben neben dem Fuße des Reiters auf dem schuhartigen Bügel stand, geschnallt. Quer vor dem Sattel hing eine lange Blechrolle oder Kapsel, deren Zweck wohl kaum zu erraten war. Auf dem Rücken trug der Mann einen Ledertornister mittlerer Größe und darauf einige blecherne Gefäße und sonderbar geformte Eisendrähte. Der Gürtel war breit, auch von Leder, und glich einer sogenannten Geldkatze. Vor ihm hingen mehrere Beutel nieder, vorn blickten die Kolben oder Griffe eines Messers und mehrerer Revolver heraus, und hinten waren zwei Taschen, welche man für Patronenbehälter halten mußte, daran befestigt.

Das Pferd, war ein gewöhnlicher Gaul, nicht zu gut und nicht zu schlecht für die Strapazen des Westens; es war an ihm gar nichts Besonderes zu bemerken, als daß er als Schabracke eine Decke trug, welche sicherlich viel Geld gekostet hatte.

Der Reiter schien anzunehmen, daß sein Pferd mehr Prairieverstand besitze als er, wenigstens bemerkte man nicht, daß er demselben die Richtung gab, er ließ es laufen, wie und wohin es ihm beliebte. Es schritt durch einige Wellenthäler, kletterte dann einen Hügel hinauf, trollte drüben wieder hinab, fiel einmal freiwillig in Trab, ging wieder langsamer, kurz, der Mann mit dem Korkhelme und dem erzdummen Gesichte schien kein bestimmtes Ziel, aber viel Zeit und Muße zu haben.

Plötzlich blieb das Pferd stehen; es spitzte die Ohren, und der Reiter schreckte leicht zusammen, denn vor ihm, es war nur nicht zu sehen, woher eigentlich, ließ sich eine scharfe, befehlende Stimme hören: „Stop, keinen Schritt weiter, oder ich schieße! Wer seid Ihr, Master?“

Der Reiter blickte auf, vor sich, hinter sich, nach rechts und nach links; es war kein Mensch zu sehen. Er verzog keine Miene, zog den Deckel von der langen, rollenförmigen Blechkapsel, welche vorn quer über den Sattel hing, schüttelte ein Fernrohr heraus, schob die Glieder desselben auseinander, so daß es wohl fünf Fuß lang wurde, kniff das linke Auge zu, hielt das Rohr vor das rechte und richtete es gegen den Himmel, den er eine Weile ganz ernsthaft und angelegentlich beguckte, bis dieselbe Stimme sich lachend vernehmen ließ: „Schiebt doch Eure Sternenröhre wieder zusammen! Ich sitze nicht auf dem Monde, der auch gar nicht zu sehen ist, sondern hier unten auf der alten Mutter Erde. Und nun sagt mir, woher Ihr kommt!“

Der Reiter schob, dem Befehle gehorchend, das Rohr zusammen, steckte es in die Kapsel, verschloß dieselbe sorgfältig und langsam, als ob er gar keine Eile habe, deutete dann mit der Hand hinter sich und antwortete: „Von daher!“

„Das sehe ich, mein alter Boy! Und wo wollt Ihr hin?“

„Dorthin!“ antwortete der Gefragte, indem er mit der Hand nun vorwärts zeigte.

„Ihr seid wirklich ein köstlicher Junge!“ lachte der noch immer unsichtbare Inquirent. „Da Ihr Euch aber nun einmal auf dieser gebenedeiten Prairie befindet, vermute ich, daß Ihr die Gebräuche derselben kennt. Es treibt sich hier so viel fragwürdiges Gesindel umher, daß ein ehrlicher Mann gezwungen ist, jede Begegnung etwas scharf zu nehmen. Zurück könnt Ihr in Gottes Namen reiten, wenn es Euch gefällig ist. Wollt Ihr aber vorwärts, wie es allen Anschein hat, so müßt Ihr uns Rede und Antwort stehen, und zwar der Wahrheit gemäß. Also heraus damit! Woher kommt Ihr?“

„Von Schloß Castlepool,“ antwortete der Mann im Tone eines Schulknaben, welcher sich vordem strengen Gesichte des Lehrers fürchtet.

„Das kenne ich nicht. Wo ist dieser Ort zu finden?“

„Auf der Landkarte von Schottland,“ erklärte der Reiter, indem sein Gesicht fast noch dümmer wurde als vorher.

„Gott segne Euren Verstand, Sir! Was geht mich Schottland an. Und wohin reitet Ihr?“

„Nach Kalkutta.“

„Mir auch unbekannt. Wo liegt denn dieser schöne Ort?“

„In Ostindien.“

„Lack-a-day! So wollt Ihr also an diesem sonnigen Nachmittage von Schottland aus über die Vereinigten Staaten nach Ostindien reiten?“

„Heute nicht ganz.“

„So! Würdet es wohl auch nicht leicht machen können. So seid Ihr wohl ein Englishman?“

„Yes.“

„Von welcher Profession?“

„Lord.“

„Alle Wetter! Ein englischer Lord mit einer runden Hutschachtel auf dem Kopfe! Euch muß man sich genauer besehen. Komm, Uncle, der Mann wird uns wohl nicht beißen. Ich habe alle Lust, seinen Worten Glauben zu schenken. Entweder ist er übergeschnappt oder wirklich ein englischer Lord mit fünf Meter Spleen und zehn Hektoliter Leberleiden.“

Jetzt wurden auf der Höhe des nächsten Wellenhügels zwei Gestalten, welche dort im Grase gelegen hatten, sichtbar, eine lange und eine sehr kleine. Beide waren ganz gleich gekleidet, ganz in Leder wie echte, richtige Westmänner, selbst ihre breitkrämpigen Hüte waren von Leder. Die Gestalt des Langen stand steif wie ein Pfahl auf dem Hügel; der Kleine war buckelig und hatte eine Habichtsnase, deren Rücken fast so scharf wie ein Messer war. Auch ihre Gewehre waren von gleicher Konstruktion, alte, sehr lange Rifles. Der kleine Buckelige hatte das seinige mit dem Kolben auf die Erde gesetzt, und doch ragte die Mündung des Laufes noch um einige Zoll über seinen Hut hinaus. Er schien der Sprecher der beiden zu sein, denn während der Lange noch kein Wort gesagt hatte, fuhr er jetzt fort: „Bleibt noch halten, Master, sonst würden wir schießen! Wir sind noch nicht miteinander fertig.“

„Wollen wir wetten?“ fragte der Engländer hinauf.

„Was?“

„Zehn Dollar oder fünfzig oder hundert Dollar, ganz wieviel euch beliebt.“

„Worauf?“

„Daß Ich euch eher erschieße als ihr mich.“

„Dann würdet Ihr verlieren.“

„Meint Ihr? Well, setzen wir also hundert Dollar.“

Er griff nach hinten an die eine Patronentasche, zog sie nach vorn, öffnete sie und nahm einige Banknoten heraus. Die beiden Obenstehenden sahen einander erstaunt an.

„Master,“ rief der Kleine, „ich glaube, Ihr macht wirklich Ernst!“

„Was denn sonst?“ fragte der Englishman erstaunt. „Das Wetten ist meine Passion, das heißt, ich wette gern und bei jeder Gelegenheit.“

„Und tragt eine ganze Tasche voll Banknoten in der Prairie herum!“

„Könnte ich wetten, wenn ich kein Geld bei mir hätte? Also hundert Dollar, sagt ihr? Oder wollt ihr noch mehr setzen?“

„Wir haben kein Geld.“

„Das thut ja gar nichts; ich schieße es euch einstweilen vor, bis ihr mich bezahlen könnt.“

Er sagte das mit solchem Ernste, daß der Lange vor Verwunderung tief Atem holte und der Buckelige geradezu betroffen ausrief: „Uns borgen – bis wir bezahlen können? Ihr seid also sicher, zu gewinnen?“

„Sehr!“

„Aber, Master, um zu gewinnen, müßtet Ihr uns eher erschießen als wir Euch; als Tote aber könnten wir Euch nicht bezahlen!“

„Bleibt sich gleich! Ich hätte doch gewonnen und habe so viel, daß ich euer Geld nicht brauche.“

„Uncle,“ meinte der Kleine kopfschüttelnd zu dem Langen, „so einen Boy habe ich weder schon gesehen, noch gehört. Wir müssen hinab zu ihm, um ihn näher zu betrachten.“

Er kam mit schnellen Schritten herab, und der Lange folgte ihm steif und in kerzengerader Haltung, als ob er eine Bohnenstange im Körper habe.

Unten im Wellenthale angekommen, sagte der Bucklige: „Steckt Euer Geld wieder ein; aus der Wette kann nichts werden. Und nehmt den Rat von mir an: Laßt diese Banknotentasche niemand sehen; Ihr könntet es zu bereuen haben oder gar mit dem Leben büßen. Ich weiß wirklich nicht, was ich von Euch denken und aus Euch machen soll. Es scheint nicht ganz richtig in Eurem Kopfe zu sein. Wir wollen Euch einmal auf den Zahn fühlen. Kommt also mit, nur wenige Schritte weiter.“

Er streckte die Hand aus, um das Pferd des Engländers am Zügel zu fassen, da glänzten in den beiden Händen desselben zwei Revolver und er rief in kurzem, strengem Tone. „Hand weg, oder ich schieße!“

Der Kleine fuhr erschrocken zurück und wollte sein Gewehr heben.

„Unten lassen. Keine Bewegung, sonst drücke ich los.“

Die Haltung und das Gesicht des Engländers hatte sich plötzlich außerordentlich verändert. Das waren nicht die dummen Züge von vorher, und aus den Augen blitzte eine Intelligenz, eine Energie, welche den beiden andern die Worte benahm.

„Meint ihr wirklich, daß ich verrückt bin?“ fuhr er fort. „Und haltet ihr mich wirklich für einen Menschen, vor welchem ihr euch gebärden könnt, als ob die Prairie nur euer Eigentum sei? Da irrt ihr euch. Bisher habt ihr mich gefragt, und ich antwortete euch. Nun aber will auch ich wissen, wen ich vor mir habe. Wie heißt ihr, und was seid ihr?“

Diese Fragen waren an den Kleinen gerichtet; er sah in die scharf forschenden Augen des Fremden, die einen ganz eigenartigen Eindruck auf ihn machten, und antwortete halb ärgerlich und halb verlegen: „Ihr seid hier fremd; darum wißt Ihr es nicht; aber man kennt uns vom Mississippi an bis hinüber nach Frisco als ehrliche Jäger und Fallensteller. Wir sind jetzt unterwegs nach den Bergen, um eine Gesellschaft von Bibermännern zu suchen, der wir uns anschließen können.“

„Well! Und eure Namen?“

„Unsre eigentlichen Namen können Euch nichts nützen. Mich nennt man den Humply-Bill, weil ich leider buckelig bin, worüber ich aber noch lange nicht Lust habe, vor Gram zu sterben, und mein Kamerad hier ist nur als Gunstick-Uncle bekannt, weil er stets so steif in der Welt herumläuft, als ob er einen Ladstock verschluckt hätte. So, nun kennt Ihr uns und werdet uns auch über Euch die Wahrheit sagen, ohne dumme Witze zu machen.“

Der Engländer betrachtete sie mit einem durchdringenden Blicke, als ob er ihnen bis tief in das Herz zu sehen wünsche; dann nahmen seine Züge einen freundlichen Ausdruck an; er nahm ein Papier aus der Banknotentasche, faltete es auseinander, reichte es den beiden hin und antwortete: „Ich habe nicht gescherzt. Da ich euch für brave und ehrliche Leute halte, so sollt ihr diesen Paß ansehen.“

Die beiden sahen und lasen, blickten einander an, dann riß der Lange die Augen und den Mund möglichst weit auf, und der Kleine sagte, diesmal in einem sehr höflichen Tone: „Wirklich ein Lord, Lord Castlepool. Aber, Mylord, was wollt Ihr in der Prairie? Das Leben steht Euch – –“

„Pshaw!“ unterbrach ihn der Lord. „Was ich will? Die Prairie und das Felsengebirge kennen lernen und dann nach Frisco gehen. War schon überall in der Welt, nur in den Vereinigten Staaten noch nicht. Doch, jetzt sind wir einander vorgestellt und brauchen nicht mehr fremd zu thun. Kommt also zu euren Pferden! Ich meine nämlich, daß ihr Pferde habt, obgleich ich sie noch nicht gesehen habe.“

„Freilich haben wir welche; sie stehen da hinter dem Hügel, wo wir anhielten, um auszuruhen.“

„So folgt mir hin!“

Seinem Tone nach war er jetzt derjenige, welcher ihnen, anstatt sie ihm, Vorschriften zu machen hatte. Er stieg vom Pferde und schritt ihnen voran, in dem Wellenthale weiter, bis hinter den Wellenberg, wo zwei Pferde grasten, welche zu derjenigen Sorte zu gehören schienen, welche im Vulgärdeutsch Klepper, Ziegenbock oder gar Kracke genannt zu werden pflegen. Sein Pferd war ihm dabei wie ein Hund nachgelaufen. Die beiden Pferde kamen auf dasselbe zu; es wieherte aber zornig und schlug gegen sie aus, um sie von sich zu treiben.

„Eine giftige Kröte!“ meinte Humply-Bill dazu. „Scheint ungesellig zu sein.“

„O nein,“ antwortete der Lord. „Es weiß bloß, daß ich noch nicht nahe verwandt mit euch bin und will also mit euren Pferden einstweilen auch fremd bleiben.“

„Wäre es wirklich so klug? Man sieht es ihm nicht an. Scheint ein Ackerpferd gewesen zu sein.“

„Oho! Es ist ein echter kurdischer Husahn, wenn ihr gütigst erlaubt.“

„So! Wo liegt denn dieses Land?“

„Zwischen Persien und der Türkei. Habe ihn selbst dort gekauft und mit nach Hause genommen.“

Er sagte das in einem so gleichgültigen Tone, als ob es ebenso leicht sei, ein Pferd aus Kurdistan nach England und von da wieder hinüber nach den Vereinigten Staaten zu transportieren, wie einen Kanarienvogel von dem Harze nach dem Thüringer Walde zu bringen. Die beiden Jäger warfen einander verstohlenen Blicke zu. Er aber setzte sich ganz ungeniert in das Gras, wo sie vorher gesessen hatten. Dort lag eine angeschnittene, gestern gebratene Rehkeule. Er zog sein Messer, schnitt ein tüchtiges Stück herunter und begann zu essen, als ob das Fleisch nicht den andern, sondern ihm gehöre.

„So ist’s recht!“ meinte der Buckelige. „Nur keine Umstände machen in der Prairie.“

„Mache sie auch nicht,“ antwortete er. „Habt gestern ihr Fleisch geschossen, so schieße heute oder morgen ich welches, natürlich auch für euch mit.“

„So? Meint Ihr denn, Mylord, daß wir morgen noch beisammen sein werden?“

„Morgen und noch viel länger. Wollen wir wetten? Ich setze zehn Dollar und auch mehr, wenn ihr wollt.“

Er griff nach der Geldtasche.

„Laßt Eure Banknoten hinten,“ antwortete Humply. „Wir wetten nicht mit.“

„So setzt euch her zu mir! Will es euch erklären.“

Sie ließen sich ihm gegenüber nieder. Er musterte sie nochmals mit einem scharfen Blicke und sagte dann: „Bin den Arkansas heraufgekommen und in Mulvane ausgestiegen. Wollte dort einen Führer engagieren oder zwei; fand aber keinen, der mir gefiel. War lauter Schund, die Kerls. Bin also fortgeritten, weil ich mir sagte, daß echte Prairiemänner wohl nur in der Prairie zu finden sind. Treffe jetzt euch, und ihr gefallt mir. Wollt ihr mit?“

„Wohin denn?“

„Nach Frisco hinüber.“

„Das sagt Ihr so ruhig, als ob es nur ein Tagesritt sei?“

„Es ist ein Ritt. Ob er einen Tag oder ein Jahr dauert, das bleibt sich gleich.“

„Hm, ja. Aber habt Ihr eine Ahnung von dem, was einem unterwegs begegnen kann?“

„Habe noch nicht daran gedacht, hoffe aber, es zu erfahren.“

„Wünscht Euch nicht zu viel. Übrigens können wir nicht mit. Wir sind nicht so reich, wie Ihr zu sein scheint; wir leben von der Jagd und können also keinen monatelangen Abstecher nach Frisco machen.“

„Ich bezahle euch!“

„So? Na, dann würde sich über die Sache sprechen lassen.“

„Könnt ihr schießen?“

Es war ein fast mitleidiger Blick, den der Buckelige auf den Lord warf, als er antwortete: „Ein Prairiejäger und schießen! Das ist fast noch schlimmer, als ob Ihr fragt, ob ein Bär fressen könne. Beides ist genau so selbstverständlich wie mein Buckel.“

„Möchte aber doch eine Probe sehen. Könnt ihr die Geier von da oben herunterholen?“

Humply maß die Höhe, in welcher sich die beiden Vögel wiegten, mit den Augen und antwortete. „Warum nicht? Ihr freilich würdet es uns mit Euren beiden Sonntagsflinten nicht nachmachen.“

Er deutete auf das Pferd des Lords. Die Gewehre hingen noch an den Bügelriemen; sie waren blank geputzt, so daß sie ganz wie neu aussahen, was dem Westmann ein Greuel ist.

„So schießt!“ gebot der Lord, ohne auf die letzte Behauptung des Buckeligen zu achten.

Dieser stand auf, legte sein Gewehr an, zielte kurz und drückte ab. Man sah, daß der eine der Geier einen Stoß erhielt; er schlug flatternd die Flügel, suchte sich zu halten, doch vergebens; er mußte nieder, erst langsam, dann schneller; endlich zog er die Flügel an den Leib und fiel wie ein schwerer Klumpen senkrecht zur Erde nieder.

„Nun, Mylord, was sagt Ihr dazu?“ fragte der kleine Schütze.

„Nicht übel,“ lautete die kalte Antwort.

„Was? Nicht übel nur? Bedenkt diese Höhe, und daß die Kugel den Vogel gerade ins Leben traf, denn er war schon in der Luft tot! Jeder Kenner hätte das einen Meisterschuß genannt.“

„Well, der zweite!“ nickte der Lord dem langen Jäger zu, ohne auf den Vorwurf des Kleinen einzugehen.

Gunstick-Uncle erhob sich steif vom Boden, stützte sich mit der Linken auf seine lange Rifle, erhob die Rechte wie ein Deklamierender, wendete das Auge gen Himmel zu dem zweiten Geier und sprach in pathetischem Tone: „Wandelt der Aar in Gefilden der Lüfte – blickt er herab auf die Grüfte und Schlüfte – denket mit Sehnsucht des Aases voll Düfte – ich aber schieße ihn tot in die Hüfte!“

Bei diesen improvisierten Reimen war seine Pose so steif und eckig wie diejenige eines Gliedermannes. Er hatte bisher noch kein einziges Wort gesprochen, desto größeren Eindruck mußte dieses herrliche Poem machen. So dachte er. Darum ließ er den erhobenen Arm sinken, wendete sich gegen den Lord und blickte diesen mit stolzer Erwartung an. Der Engländer hatte längst wieder sein dummes Gesicht angenommen; jetzt zuckte es in und auf demselben, als ob das Lachen mit dem Weinen kämpfe.

„Habt Ihr es richtig gehört, Mylord?“ fragte der Buckelige. „Ja, der Gunstick-Uncle ist ein feiner Kerl. Er war Schauspieler und ist noch jetzt ein Dichter. Er spricht blutwenig, aber wenn er einmal den Mund aufthut, so redet er nur in Engelszungen, das heißt in Reimen.“

„Well!“ nickte der Engländer. „Ob er in Reimen oder in Gurkensalat redet, das ist nicht meine, sondern seine Sache, aber kann er schießen?“

Der lange Dichter zog den Mund bis an das rechte Ohr und warf die Hand weit von sich, was eine Bewegung der Verachtung sein sollte. Dann erhob er seine Rifle zum Zielen, setzte sie aber wieder ab. Er hatte den rechten Augenblick versäumt, denn während seines dichterischen Ergusses hatte das Geierweibchen, erschrocken über den Tod ihres Männchens, beschlossen, sich davon zu machen. Der Vogel hatte sich schon weit entfernt.

„Er ist unmöglich zu treffen,“ sagte Humply. „Meinst du nicht, Uncle?“

Der Gefragte erhob beide Hände gen Himmel nach dem Punkte, an welchem man den Geier erblickte, und antwortete in einem Tone, als ob er Tote erwecken wolle: „Es tragen ihn die Flügel – fort über Thal und Hügel – er ist mit großen Wonnen – nun leider mir entronnen – und wer ihn nun will kriegen – schnell hinterdrein mag fliegen!“

„Unsinn!“ rief der Lord. „Meint ihr wirklich, daß er nicht mehr zu treffen ist?“

„Ja, Sir,“ antwortete Humply. „Kein Old Firehand, kein Winnetou und kein Old Shatterhand vermöchte ihn jetzt noch herunterzuholen, und das sind doch die drei besten Schützen des fernen Westens.“

„So!“

Während der Lord dies mehr hervorstieß als deutlich aussprach, ging ein helles, blitzartiges Zucken über sein Gesicht. Er trat schnell zum Pferde, nahm eins der Gewehre vom Riemen, entfernte die Sicherung, legte an, zielte, drückte ab, alles wie in einem einzigen kurzen Augenblicke, ließ das Gewehr wieder sinken, setzte sich nieder, griff nach der Rehkeule, um sich noch ein Stück von derselben zu schneiden, und sagte: „Nun, war er zu treffen oder nicht?“

Auf den Gesichtern der beiden Jäger lag der Ausdruck des höchsten Erstaunens, ja der Bewunderung. Der Vogel war getroffen, und zwar gut, denn er fiel mit zunehmender Schnelligkeit in einer sich verengenden Schneckenlinie zur Erde nieder.

„Wonderful!“ rief Humply ganz begeistert aus. „Mylord, wenn das nicht ein Zufall – – –“

Er hielt inne. Er hatte sich nach dem Engländer umgedreht und sah diesen kauend am Boden sitzen, den Rücken nach der Seite gerichtet, wohin der Meisterschuß gerichtet gewesen war. Das war doch kaum zu glauben!

„Aber, Mylord,“ fuhr er fort, „dreht Euch doch um! Ihr habt den Geier nicht nur getroffen, sondern wirklich erlegt!“

„Das weiß ich,“ antwortete der Englishman, indem er, ohne sich umzusehen, ein Stück Fleisch in den Mund schob.

„Aber Ihr habt es ja gar nicht beobachtet!“

„Ist nicht nötig; ich weiß es doch. Meine Kugel geht nie fehl.“

„Aber dann seid Ihr ja ein Kerl, der es, wenigstens was das Schießen betrifft, mit den drei berühmten Männern, deren Namen ich vorhin nannte, getrost aufnehmen kann! Oder nicht, Uncle?“

Der famose Ladestock-Onkel stellte sich abermals in Positur und antwortete, mit beiden Händen gestikulierend: „Getroffen ist der Geier – der Schuß war ungeheuer – ich muß auf Ruhm verzichten – – –“

„Und höre auf, zu dichten!“ fiel der Engländer ihm in die Rede.

„Wozu diese Reime und das Geschrei! Ich wollte wissen, was für Schützen ihr seid. Nun setzt euch wieder her, und laßt uns weiter verhandeln. Also ihr geht mit mir, und ich bezahle euch die Reise. Einverstanden?“

Beide blickten einander an, nickten sich zu und antworteten mit einem beistimmenden Ja.

„Well! Und wieviel verlangt ihr?“

„Ja, Mylord, mit dieser Frage bringt Ihr mich in Verlegenheit. Wir haben noch nie im Dienste eines Mannes gestanden, und von einer sogenannten Bezahlung kann bei Scouts, die wir sein sollen, doch wohl nicht gesprochen werden.“

„All right! Ihr habt euren Stolz, und das gefällt mir. Es kann hier nur von einem Honorare die Rede sein, dem ich, wenn ich mit euch zufrieden bin, eine Extragratifikation zufüge. Ich bin hierher gekommen, um etwas zu erleben, um berühmte Jäger zu sehen, und mache euch also folgendes Anerbieten: Ich bezahle euch für jedes Abenteuer, welches wir erleben, fünfzig Dollar.“

„Sir,“ lachte Humply, „da werden wir reiche Leute, denn an Abenteuern gibt’s hier keinen Mangel, erleben thut man sie, ja, ob aber überleben, das ist eine andre Frage. An uns beiden soll es da nicht fehlen; aber für einen Fremden ist es geratener, die Abenteuer zu fliehen, anstatt sie aufzusuchen.“

„Ich aber will sie haben! Verstanden! Auch will ich mit berühmten Jägern zusammentreffen. Ihr nanntet vorhin drei Namen, von denen ich schon viel gehört habe. Sind diese drei Männer jetzt im Westen?“

„Da fragt Ihr mich zu viel. Diese berühmten Personen sind überall und nirgends. Man kann sie nur durch Zufall treffen, und selbst wenn man ihnen einmal begegnet, ist es die Frage, ob sich so ein König der Westmänner herbeiläßt, einen zu beachten.“

„Man soll und wird mich beachten! Ich bin Lord Castlepool, und was ich will, das will ich! Für jeden von diesen drei Jägern, dem wir begegnen, zahle ich euch hundert Dollar.“

„Alle Teufel! Habt Ihr denn gar so viel Geld bei Euch, Mylord?“

„Ich habe, was ich unterwegs brauche. Das Geld bekommt ihr erst in Frisco bei meinem Bankier. Seid ihr das zufrieden?“

„Ja, ganz gern. Hier unsre Hände darauf. Wir können ja gar nichts Besseres thun, als auf Eure Vorschläge eingehen.“

Beide reichten ihm die Hand. Dann zog er die zweite Tasche von hinten nach vorn, öffnete sie und nahm ein Buch heraus.

„Das ist mein Notizbuch, in welches alles eingetragen wird,“ erklärte er. „Ich werde jedem von euch ein Conto eröffnen und seinen Kopf und Namen darübersetzen.“

„Seinen Kopf?“ fragte der Buckelige verwundert.

„Ja, seinen Kopf. Bleibt einmal unbeweglich so sitzen wie jetzt!“

Er schlug das Buch auf und nahm den Stift zur Hand. Sie sahen daß er abwechselnd sie anblickte, dann wieder auf das Papier niederschaute und dabei den Stift bewegte. Nach wenigen Minuten zeigte er ihnen, was er gezeichnet hatte; sie erkannten ihre wohlgetroffenen Köpfe und die Namen darunter.

„Auf diese Blätter wird eingetragen, was ich euch nach und nach schulden werde,“ erklärte er ihnen. „Verunglücke ich, so nehmt ihr das Buch mit nach Frisco und zeigt es dem Bankier, dessen Namen ich euch später nenne; er wird euch die betreffende Summe sofort und unbeanstandet auszahlen.“

„Das ist ja eine ganz prächtige Einrichtung, Mylord,“ meinte Humply; „Wir wollen zwar nicht wünschen, daß – – – behold, Uncle, sieh einmal unsre Pferde an. Sie wedeln mit den Ohren und öffnen die Nüstern. Es muß etwas Fremdes in der Nähe sein. Die Rolling Prairie ist gefährlich. Steigt man auf die Hügel, so wird man gesehen, und bleibt man unten, so kann man das Nahen eines Feindes nicht bemerken und also sehr leicht überrascht werden. Will doch einmal nach oben steigen.“

„Ich steige mit,“ erklärte der Lord.

„Bleibt lieber unten, Sir. Ihr könntet mir die Sache verderben.“

„Pshaw! Ich verderbe nichts.“

Die beiden stiegen aus dem Wellenthale nach der Spitze des Hügels empor. Als sie diesen beinahe erreicht hatten, legten sie sich nieder und krochen vorsichtig vollends hinauf. Das Gras verdeckte ihre Körper, und die Köpfe erhoben sie nur so weit, als nötig war, Umschau zu halten. „Hm, Ihr fangt die Sache für einen Neuling gar nicht so übel an, Sir,“ lobte Humply. „Ich könnte es wirklich selbst kaum besser machen. Aber seht Ihr dort den Mann auf dem zweiten Wellenhügel, geradeaus von uns?“

„Yes! Ein Indianer, wie es scheint?“

„Ja, es ist ein Roter: Hätte ich – – ah, Sir, lauft doch einmal hinab und holt Euer Fernrohr herbei, damit ich das Gesicht des Mannes erkennen kann.“

Der Lord folgte dieser Aufforderung.

Der Indianer lag auf dem erwähnten Hügel im Grase und schaute aufmerksam nach Osten, wo aber gar nichts zu sehen war. Er richtete einigemal seinen Oberkörper weiter auf, um seinen Gesichtskreis zu vergrößern, ließ ihn aber stets schnell wieder niederfallen. Wenn er jemand erwartete, dann gewiß nur ein feindliches Wesen.

Jetzt brachte der Lord sein Rohr, stellte es und reichte es dem Buckeligen hin. Eben als derselbe den Indianer vor das Glas bekam, sah dieser für einen Augenblick nach rückwärts, so daß sein Gesicht zu erkennen war. Sofort legte Humply das Rohr weg, sprang vollständig auf, so daß seine ganze Gestalt vom Standpunkte des Roten aus zu erkennen war, hielt die Hände an den Mund und rief mit lauter Stimme: „Menaka schecha, Menaka schecha! Mein Bruder mag zu seinem weißen Freunde kommen!“

Der Indianer fuhr schnell herum, erkannte die buckelige Gestalt des Rufenden und glitt augenblicklich von der Spitze des Hügels herab, so daß er im Wellenthale verschwand.

„Jetzt, Mylord, werdet Ihr wohl sehr bald die ersten fünfzig Dollar einzahlen müssen,“ sagte Humply zu dem Engländer, indem er sich wieder niederduckte.

„Wird es ein Abenteuer geben?“

„Sehr wahrscheinlich, denn der Häuptling blickte jedenfalls nach Feinden aus.“

„Ein Häuptling ist er?“

„Ja, ein tüchtiger Kerl, Osagenhäuptling.“

„Und ihr kennt ihn?“

„Wir kennen ihn nicht nur, sondern wir haben mit ihm die Pfeife des Friedens und der Bruderschaft geraucht und sind verpflichtet, ihm in jeder Lage beizustehen, so wie er uns auch.“

„Well, so wünsche ich, daß er nicht nur einen, sondern möglichst viele Gegner erwartet!“

„Malt den Teufel nicht an die Wand! Derartige Wünsche sind gefährlich, da sie nur allzuleicht in Erfüllung gehen. Kommt mit hinab! Der Uncle wird erfreut, aber auch erstaunt darüber sein, daß der Häuptling sich in dieser Gegend befindet.“

„Wie nanntet Ihr den Roten?“

„In der Osagensprache Menaka schecha; d.h. die gute Sonne oder die große Sonne. Er ist ein sehr tapferer und erfahrener Krieger und dabei kein eigentlicher Feind der Weißen, obgleich die Osagen zu den Völkerschaften der noch ungezähmten Sioux gehören.“

Unten angekommen, fanden sie den Uncle in einer steifen, theatralischen Pose. Er hatte alles gehört und diese Haltung angenommen, um seinen roten Freund möglichst würdevoll zu begrüßen.

Nach kurzer Zeit begannen die Pferde zu schnauben, und gleich darauf sah man den Indianer kommen. Er befand sich in den besten Mannesjahren und trug die gewöhnliche indianische Lederkleidung, welche an einigen Stellen zerrissen und an andern mit frischem Blute befleckt war. Waffen hatte er keine. Auf jede seiner Wangen war eine Sonne tättowiert; an seinen beiden Handgelenken war die Haut aufgeschunden. Er mußte gebunden gewesen sein und die Fesseln gesprengt haben. Jedenfalls befand er sich auf der Flucht und wurde verfolgt.

Trotz der Gefahr, die dem Indianer drohte und ihm sehr nahe sein konnte, kam er sehr langsam herbei, reichte, ohne zunächst den Engländer zu beachten, den beiden Jägern die Rechte und sagte im ruhigsten Tone und sehr geläufigem Englisch: „Ich habe die Stimme und Gestalt meines Bruders und Freundes sogleich erkannt und freue mich, euch begrüßen zu können.“

„Wir freuen uns desgleichen; das wirst du uns glauben,“ antwortete Humply.

Der lange Uncle hielt beide Hände ausgestreckt über den Kopf des Roten, als ob er ihn segnen wolle, und rief aus: „Sei gegrüßt im Erdenthale – viele, viele tausendmale – großer Häuptling, edler Schatz – nimm bei deinen Freunden Platz – und verzehr in aller Eile – diesen Rest der Reheskeule!“

Bei den letzten Worten deutete er in das Gras, wo das lag, was der Lord von der Keule übrig gelassen hatte, nämlich der Knochen mit einigen harten Fleischfasern, welche dem Messer nicht hatten weichen wollen.

„Still, Uncle.“ gebot Humply, „es ist jetzt wahrhaftig keine Zeit für deine Gedichte. Siehst du denn nicht, in welchem Zustande sich der Häuptling befindet?“

„Gebunden, doch entkommen – hat er zu seinem Frommen – die Flucht hierher genommen,“ antwortete der Gescholtene deklamierend.

Der Buckelige wendete sich von ihm ab, deutete auf den Lord und sagte zu dem Osagen: „Dieses Bleichgesicht ist ein Meister im Schießen und ein neuer Freund von uns. Ich empfehle ihn dir und deinem Stamme.“

Da gab der Rote dem Engländer nun auch die Hand und antwortete: „Ich bin der Freund eines jeden guten und ehrlichen Weißen; die Diebe, Mörder und Leichenschänder aber sollen vom Tomahawk gefressen werden!“

„Bist du so schlimmen Leuten begegnet?“ erkundigte sich Humply.

„Ja. Meine Brüder mögen ihre Gewehre bereit halten, denn diejenigen, welche mir nachjagen, können jeden Augenblick hier sein, obgleich ich sie nicht gesehen habe. Sie werden zu Pferde sitzen und ich mußte gehen; aber die Füße der „guten Sonne“ sind so schnell und ausdauernd wie die Läufe des Hirsches, den kein Roß erreicht. Ich bin viele Bögen und Kreise gegangen, auch habe ich mich oft rückwärts bewegt, mit den Fersen voran, um sie aufzuhalten und irre zu führen. Sie trachten nach meinem Leben.“

„Das sollen sie bleiben lassen! Sind ihrer viele?“

„Ich weiß es nicht, denn als sie meine Flucht entdecken mußten, war ich schon fort.“

„Wer ist es denn? Welche Weißen konnten es wagen, die „gute Sonne“ gefangen zu nehmen, um sie zu töten?“

„Es sind viele, viele Menschen, mehrere hundert schlechte Leute, welche von den Bleichgesichtern Tramps genannt werden.“

„Tramps? Wie kommen diese hierher, und was wollen sie in dieser abgelegenen Gegend? An welchem Orte befinden sie sich?“

„In dem Winkel des Waldes, welchen ihr Osage-nook nennt, den aber wir die Ecke des Mordes heißen, weil unser berühmtester Häuptling mit seinen tapfersten Kriegern dort hinterlistig umgebracht worden ist. Alle Jahre, wenn der Mond sich dreizehnmal gefüllt hat, besuchen einige Abgesandte unsres Stammes diesen Ort, um an den Gräbern der gefallenen Helden den Tanz des Todes aufzuführen. So verließ auch ich in diesem Jahre mit zwölf Kriegern unsre Weidegründe, um mich nach dem Osage-nook zu begeben. Wir kamen vorgestern dort an, suchten die Gegend ab und überzeugten uns, daß kein feindliches Wesen vorhanden sei. Wir fühlten uns also sicher und schlugen unser Lager bei den Gräbern auf. Gestern jagten wir, um Fleisch zur Speise zu haben, und heute nahmen wir die Feier vor. Ich war so vorsichtig gewesen, zwei Wachen auszustellen, dennoch war es weißen Männern gelungen, sich unbemerkt in unsre Nähe zu schleichen. Sie hatten die Spuren gesehen, welche während der Jagd von unsern Füßen und den Hufen unsrer Pferde zurückgelassen worden waren, und fielen während des Tanzes so plötzlich über uns her, daß wir nur wenige Augenblicke zum Widerstande fanden. Sie waren mehrere hundert Köpfe stark; wir töteten einige von ihnen; sie erschossen acht von uns; ich wurde mit den übrigen vier überwältigt und gebunden. Man hielt Gericht über uns, und wir erfuhren, daß wir heute abend am Feuer gemartert und dann verbrannt werden sollten. Sie lagerten sich bei den Gräbern und trennten mich von meinen Kriegern, damit ich nicht mit denselben sprechen könne. Man band mich an einem Baume fest und stellte einen weißen Wächter zu mir; aber der Riemen, welcher mich hielt, war zu schwach; ich zerriß ihn. Zwar schnitt er mir, wie ihr sehen könnt, tief in das Fleisch, hoch kam ich los und benutzte den Augenblick, an welchem der Wächter einmal fortging, dazu, mich heimlich davon zu schleichen.“

„Und deine vier Gefährten?“ fragte Bill.

„Sie sind natürlich noch dort. Oder meinst du, daß ich hätte nach ihnen forschen sollen?“

„Nein; du wärst dadurch nur von neuem in die Gefangenschaft geraten.“

„Mein Bruder sagt die Wahrheit. Ich hätte sie nicht retten können, sondern wäre mit ihnen umgekommen. Ich beschloß, nach Butlers Farm zu eilen, deren Besitzer mein Freund ist, und von dort her Hilfe zu holen.“

Humply-Bill schüttelte den Kopf und meinte: „Fast unmöglich! Vom Osage-nook bis zu Butlers Farm sind gute sechs Stunden zu reiten, mit einem schlechten Pferde bringt man noch viel länger zu. Wie kannst du da bis zum Abend, an welchem deine Gefährten sterben sollen, zurückgekehrt sein?“

„O, die Füße der guten Sonne sind ebenso schnell wie diejenigen eines Pferdes,“ antwortete der Häuptling selbstbewußt. „Meine Flucht wird die Folge haben, daß man die Hinrichtung aufschiebt und sich zunächst alle Mühe gibt, mich wieder einzufangen. Die Hilfe würde also wohl zur rechten Zeit eintreffen.“

„Dieses Exempel kann stimmen und auch nicht. Gut, daß du uns getroffen hast, denn nun ist es nicht nötig, nach Butlers Farm zu laufen; wir werden mit dir gehen, um deine Gefährten zu befreien.“

„Will mein weißer Bruder dies wirklich thun?“ fragte der Indianer in freudigem Tone.

„Natürlich! Was denn anders? Die Osagen sind ja unsre Freunde, während die Tramps die Gegner eines jeden ehrlichen Mannes sind.“

„Aber es sind ihrer so viele, so sehr viele, und wir hier haben zusammen nur acht Arme und Hände!“

„Pshaw, du kennst mich ja! Meinst du, daß ich die Absicht habe, mich offen mitten unter sie hineinzustürzen? Vier listige Köpfe können es schon wagen, sich an eine Horde Tramps zu schleichen, um einige Gefangene herauszuholen. Was sagst du dazu, alter Uncle?“

Der Steifnackige breitete beide Arme aus, schloß entzückt die Augen und rief: „Ich reite sofort mit Vergnügen – hin, wo die weißen Schufte liegen – und hole ohne Furcht und Graus – die roten Brüder alle ‚raus!“

„Schön! Und Ihr, Mylord?“

Der Engländer hatte sein Notizbuch herausgenommen, um den Namen des Häuptlings zu notieren; er schob es jetzt wieder in die Tasche und antwortete: „Natürlich reite ich mit; es ist ja ein Abenteuer!“

„Aber ein sehr gefährliches, Sir!“

„Desto besser! Da zahle ich zehn Dollar mehr, also sechzig. Aber wenn wir reiten wollen, so müssen wir ein Pferd für die „gute Sonne“ besorgen!“

„Hm, ja!“ antwortete der Buckelige, indem er ihn überrascht anblickte.

„Aber woher würdet denn Ihr eins nehmen, he?“

„Natürlich von seinen Verfolgern, welche wahrscheinlich nahe genug hinter ihm sind.“

„Ganz richtig, ganz richtig! Ihr seid kein unebener Kerl, Sir, und ich denke, daß wir uns so leidlich zusammenarbeiten werden. Nur ist es dabei wünschenswert, daß unser roter Freund eine Waffe besitzt.“

„Ich trete ihm eins von meinen Gewehren ab. Hier ist’s ja schon; den Gebrauch desselben werde ich ihm erklären. Und nun dürfen wir keine Zeit versäumen, sondern ich schlage vor, uns so aufzustellen, daß die Verfolger, wenn sie hier ankommen, von allen Seiten eingeschlossen sind.“

Der Ausdruck des Erstaunens auf dem Gesichte des Kleinen wurde immer intensiver. Er maß den Engländer mit einem fragenden Blicke und antwortete: „Ihr sprecht da grad wie ein alter, erfahrener Jäger, Sir! Wie meint Ihr denn eigentlich, daß wir das anzufangen hätten?“

„Sehr einfach. Einer bleibt hier auf dem Hügel, auf welchem wir beide jetzt waren. Er empfängt die Kerls genau so, wie ihr beide vorher mich empfangen habt. Die andern drei gehen einen Bogen, so daß ihre Spuren nicht zu sehen sind, und besteigen die drei benachbarten Höhen. Kommen dann die Kerls, so befinden sie sich zwischen den vier besetzten Hügeln, und wir haben sie fest, denn wir sind oben gedeckt und können sie nach Belieben wegputzen, während sie von uns nur den Rauch unsrer Schüsse bemerken.“

„Ihr redet wirklich wie ein Buch, Mylord! Sagt aufrichtig, befindet Ihr Euch wirklich jetzt zum erstenmal in der Prairie?“

„Allerdings. Aber ich habe mich vorher an andern Orten befunden, wo man nicht weniger vorsichtig sein muß als hier. Wir haben ja bereits davon gesprochen.“

„Well! Ich sehe, daß wir mit Euch nicht viel Ärger haben werden, und das ist mir lieb. Ich gestehe, daß ich ganz denselben Vorschlag machen wollte. Bist du einverstanden, alter Uncle?“

Der Steife machte eine theatralische Armbewegung und antwortete: „Jawohl, sie werden eingeschlossen – und miteinander totgeschossen!“

„Gut, so bleibe ich hier, um sie, sobald sie kommen, anzureden. Der Mylord geht nach rechts; du wendest dich links, und der Häuptling postiert sich auf den vorstehenden Hügel. Auf diese Weise bekommen wir sie zwischen uns, und ob wir sie töten oder nicht, das soll ganz darauf ankommen, wie sie sich verhalten.“

„Nicht töten!“ meinte der Lord.

„Ganz recht, Sir! Auch ich bin dagegen, aber diese Schurken verdienen eigentlich keine Nachsicht, und wenn wir sie schonen, was thun wir dann mit ihnen? Können wir sie mit uns schleppen? Unmöglich! Und lassen wir ihnen die Freiheit, so verraten sie uns. Ich werde so laut mit ihnen reden, daß Ihr jedes Wort hört, dann wißt Ihr, was zu thun ist. Schieße ich einen über den Haufen, so ist das ein sicheres Zeichen, daß Ihr auf die andern schießen sollt. Entkommen darf keiner. Denkt daran, daß sie acht Osagen getötet haben, ohne von diesen vorher feindlich behandelt worden zu sein! Und nun vorwärts, Mesch’schurs; ich denke, daß wir nicht länger zögern dürfen.“

Er stieg den nächsten Wellenberg empor und legte sich da, wo er vorher mit dem Engländer den Indianer beobachtet hatte, in das Gras. Die drei andern verschwanden zu beiden Seiten in den Wellenthälern. Die Pferde blieben da, wo sie gestanden hatten. Der Lord hatte sein Fernrohr mitgenommen.

Es verging wohl eine Viertelstunde, ohne daß die Annäherung eines menschlichen Wesens zu bemerken war. Der Wächter, welchem der Häuptling entkommen war, mußte sehr nachlässig gewesen sein und die Flucht desselben spät entdeckt haben. Dann war von dem Hügel, auf welchem sich der Engländer befand, der laute Ruf zu hören: „Aufgepaßt, sie kommen!“

„Still!“ warnte der Buckelige etwas weniger laut.

„Pshaw! Sie können es nicht hören, sind fast noch eine Meile entfernt.“

„Wo?“

„Geradeaus nach Ost. Habe durch das Rohr zwei Kerls gesehen, welche auf einem Hügel standen und herwärts schauten, ob der Häuptling zu sehen sei. Haben jedenfalls die Pferde unten stehen gehabt.“

„So paßt doppelt scharf auf, und schont die Pferde; wir brauchen sie!“

Es verging wieder einige Zeit; dann hörte man den Hufschlag nahender Tiere. Im Wellenthal, das vor dem Buckeligen lag, wurden zwei nebeneinander reitende Männer sichtbar; sie waren sehr gut bewaffnet und beritten und hielten die Augen scharf auf die Fährte des Häuptlings, welcher sie folgten, gerichtet. Gleich hinter ihnen erschienen noch zwei und dann noch einer; es waren also fünf Verfolger. Als sie die Mitte des Wellenthales erreicht hatten, und sich also zwischen den vier Versteckten befanden, rief Bill ihnen zu: „Stop, Mesch’schurs! Keinen Schritt weiter, oder ihr hört meine Büchse reden!“

Sie hielten überrascht an und schauten nach oben, ohne aber jemand zu erblicken, da der Buckelige im tiefen Grase lag. Doch gehorchten sie seinem Befehle, und der Vorderste antwortete. „Alle Teufel! Was gibt es denn hier für einen heimlichen Wegelagerer? Zeigt Euch uns doch, und sagt, welches Recht Ihr habt, uns anzuhalten!“

„Das Recht eines jeden Jägers, welchem Fremde begegnen.“

„Wir sind auch Jäger. Seid Ihr ein ehrlicher Kerl, so laßt Euch sehen!“

Die fünf Tramps hatten ihre Gewehre zur Hand genommen, sie sahen keineswegs friedlich aus, dennoch antwortete der Kleine: „Ich bin ein ehrlicher Mann und kann mich wohl sehen lassen. Da habt ihr mich!“

Er sprang auf, so daß sie seine ganze Gestalt sehen konnten, hielt aber sein Auge so scharf auf sie gerichtet, daß ihm nicht die geringste ihrer Bewegungen entgehen konnte.

„Zounds!“ rief einer von ihnen. „Irre ich mich nicht, so ist das der Humply-Bill!“

„So werde ich allerdings genannt.“

„Dann ist auch der Gunstick-Uncle in der Nähe; denn diese beiden trennen sich nie!“

„Kennt Ihr uns denn?“

„Will’s meinen; habe von früher her ein Wort mit Euch zu reden!“

„Ich kenne Euch aber nicht!“

„Möglich, denn Ihr habt mich bloß von weitem gesehen. Boys, dieser Kerl ist uns im Wege; ich glaube gar, er hat mit dem Roten gemeinschaftliche Sache gemacht. Holen wir ihn von da oben herunter!“

Er zielte auf den Kleinen und drückte ab. Bill sank blitzschnell, wie von der Kugel getroffen, in das Gras nieder.

„Heigh-day, das war fein gezielt!“ rief der Mann. „Nun ist nur noch der Gun– – –“

Er konnte den Satz nicht vollenden. Bill hatte sich freiwillig niedergeworfen, um nicht getroffen zu werden; jetzt blitzte es rasch hintereinander aus seinen beiden Läufen auf, und keine Sekunde später krachten auch die Gewehre der drei andern. Die fünf Tramps stürzten von ihren Pferden, und die vier Sieger kamen von den Hügeln in das Thal herab, um die fünf Pferde an der Flucht zu hindern. Die Tramps wurden untersucht.

„Nicht schlecht gemacht,“ meinte Bill. „Kein einziger Fehlschuß. Der Tod ist augenblicklich eingetreten.“

Der Osagenhäuptling betrachtete die beiden Männer, nach deren Stirnen er gezielt hatte. Er sah die kleinen Kugellöcher hart über den Nasenwurzeln und wendete sich an den Lord. „Das Gewehr meines Bruders ist von sehr kleinem Kaliber, aber es ist eine ausgezeichnete Gun, auf welche man sich verlassen kann.“

„Will es meinen,“ nickte der Englishman. „Habe beide Gewehre extra für die Prairie bestellt.“

„Mein Bruder mag mir dieses hier verkaufen. Ich gebe ihm hundert Biberfelle dafür.“

„Es ist mir nicht feil.“

„So gebe ich ihm hundertfünfzig!“

„Auch dann nicht!“

„Auch nicht für zweihundert?“

„Nein, und wenn diese Biberfelle zehnmal so groß wie Elefantenhäute wären.“

„So biete ich ihm den höchsten Preis, den es geben kann; ich tausche diese Gun gegen das beste Reitpferd der Osagen ein!“

Es war seinem Gesichte anzusehen, daß er glaubte, ein noch nie dagewesenes Gebot gemacht zu haben, doch der Lord schüttelte den Kopf und antwortete: „Lord Castlepool tauscht und verkauft nie. Was wollte ich mit dem Pferde thun, da das meinige wenigstens ebenso vortrefflich ist wie dasjenige, von welchem du sprichst.“

„Kein Pferd der Savanne kommt über das meinige. Aber da ich meinen weißen Bruder nicht zwingen kann, mir sein Gewehr zu verkaufen, so werde ich es ihm hiermit zurückgeben. Diese Toten haben mehr Waffen bei sich, als ich für mich bedarf.“

Er gab das Gewehr zurück, machte aber dabei ein Gesicht, in welchem das größte Bedauern zu lesen war. Den Toten wurden alle nützlichen Gegenstände abgenommen. Als man ihre Taschen nach solchen durchsuchte, meinte Bill: „Der Kerl hat mich gekannt; ich aber kann mich nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben. Mag sein! Aus seinen Worten ging hervor, daß ich von ihm und also auch von den andern nichts Gutes zu erwarten hatte. Darum wollen wir uns ja nicht über den Tod dieser Menschen grämen. Wer weiß, wie viele Schandthaten wir dadurch, daß sie unsre Kugeln bekamen, verhütet haben. Nun kann sich auch der Häuptling beritten machen, und es bleiben noch vier ledige Pferde übrig, gerade ausreichend für die Osagen, welche wir herausholen wollen.“

„Nun reiten wir sofort zu den Tramps?“ fragte der Engländer.

„Natürlich. Ich kenne diese Gegend und weiß, daß wir nicht vor Abend an dem Osage-nook ankommen können, da wir nicht die gerade Richtung einschlagen dürfen, sondern einen Bogen schlagen müssen, um den Wald hinter ihnen zu erreichen.“

„Und diese Leichen?“

„Lassen wir einfach liegen. Oder habt Ihr vielleicht Lust, diesen Halunken ein Erbbegräbnis, ein Mausoleum bauen zu lassen? Mögen sie in den Magen der Geier und Cojoten begraben werden, mehr gehört ihnen nicht!“

Das war vielleicht eine harte, eine unchristliche Rede, aber der wilde Westen hat seine eigene Art von Zartgefühl; in einer Gegend, wo ringsum Tod und Verderben drohen, wird der Mensch gezwungen, Rücksicht zunächst nur auf sich selbst zu nehmen und alles zu vermeiden, was seine persönliche Sicherheit gefährdet. Hätten die vier Männer sich bei den Leichen verweilen wollen, um sie zu begraben und ein Gebet über ihnen zu sprechen, so wäre das eine Zeitverschwendung gewesen, welche sie sehr leicht, die gefangenen Osagen aber fast sicher, mit dem Leben hätten bezahlen müssen. Man koppelte also die ledigen Pferde zusammen, stieg auf und ritt davon, zunächst gerade nordwärts, um dann nach Osten umzubiegen. Der Häuptling machte den Führer, da er den Lagerplatz der Tramps kannte. Es ging während des ganzen Nachmittags über die offene Rolling-Prairie. Keine Fährte wurde getroffen und kein Mensch gesehen. Als die Sonne sich zur Rüste neigen wollte, erblickte man in der Ferne einen dunklen Waldstreifen, und der Osage erklärte: „Das ist die hintere Seite des Waldes. Die vordere biegt sich nach innen und bildet die Ecke oder den Winkel, welchen wir den Winkel des Mordes nennen, und dort liegen die Gräber unsrer Erschlagenen.“

„Wie weit ist es, ehe man von hier aus quer durch den Wald den Winkel erreicht?“ fragte der Lord.

„Haben wir den Wald betreten, so müssen wir eine Viertelstunde gehen, um an das Lager der Tramps zu gelangen,“ erklärte der Rote.

Da hielt Bill sein Pferd an, stieg ab und setzte sich, ohne ein Wort zu sprechen, im Grase nieder. Der Uncle und der Indianer folgten diesem Beispiele, als ob sich das ganz von selbst verstehe. Der Englishman stieg infolgedessen auch ab, erkundigte sich aber: „Ich denke, wir dürfen keine Zeit verlieren. Wie können wir die Osagen befreien, wenn wir uns hier niedersetzen und die Hände in den Schoß legen?“

„Das ist sehr falsch gefragt, Sir,“ antwortete der Buckelige. „Fragt lieber: Wie können wir die Osagen befreien, wenn wir erschossen worden sind?“

„Erschossen? Wieso?“

„Meint Ihr, daß die Tramps ruhig in ihrem Lager sitzen bleiben?“

„Schwerlich!“

„Ganz gewiß nicht! Sie müssen essen und werden also jagen. Sie schwärmen im Walde umher. Dieser ist da, wo wir ihn betreten, nur eine Viertelstunde breit, und es läßt sich mit vollster Bestimmtheit erwarten, daß sich gerade dort Leute befinden, welche uns kommen sehen würden. Wir müssen also hier warten, bis es dunkel geworden ist; dann haben sich die Kerls alle nach dem Lager zusammengezogen, und wir können unbemerkt den Wald erreichen. Seht Ihr das ein?“

„Well,“ nickte der Lord, indem er sich nun auch niedersetzte. „Habe nicht geglaubt, daß ich noch so dumm sein kann!“

„Ja, Ihr wäret diesen Leutchens gerade in die Hände geritten, und ich hätte Euer Tagebuch nach Frisco tragen müssen, ohne einen einzigen Dollar zu bekommen.“

„Nichts bekommen? Warum?“

„Weil wir unser Abenteuer noch nicht ganz erlebt haben.“

„Haben es erlebt! Ist bereits vorüber und auch eingetragen. Begegnen mit dem Häuptling und Erschießen der fünf Tramps war ein vollständiges Abenteuer für fünfzig Dollar. Steht bereits im Buche. Befreiung der Osagen ist ein neues Abenteuer.“

„Auch für fünfzig Dollar?“

„Yes!“ nickte der Lord.

„Nun, dann notiert nur immer fort, Sir,“ lachte Bill. „Wenn Ihr jedes Erlebnis in so und so viele Unterabenteuer zerlegt, werdet Ihr uns in Frisco ein solches Geld zu zahlen haben, daß Ihr nicht wißt, woher es nehmen!“

Der Lord lächelte leise vor sich hin und antwortete: „Wird schon ausreichen. Kann Euch bezahlen, ohne Schloß Castlepool verkaufen zu müssen. Wollen wir wetten? Ich setze zehn Dollar. Wer noch?“

„Ich nicht, Sir. Wollte ich immer so mit Euch wetten, so würde ich alles, was ich mir bei Euch verdiene, wieder verlieren, und das kann dem Neffen meines Onkels nicht einfallen.“

Die Sonne verschwand, und die Schatten der Dämmerung huschten durch die Wellenthäler, stiegen höher und höher, überfluteten auch die Hügel und hüllten endlich die ganze Erde in ihr düsteres Gewand. Auch der Himmel war dunkel und ganz sternenleer.

Nun wurde aufgebrochen; aber man ritt nicht bis ganz an den Wald heran. Die Vorsicht gebot, die Pferde im Freien zu lassen. Hölzerne Pflöcke, um die Pferde mittels der Zügel an den Boden zu fesseln, führt jeder Westmann mit sich. Auf diese Weise band man die Tiere an und wendete sich dann im Gänsemarsch dem Walde zu.

Der Rote schritt voran. Sein Fuß berührte den Boden so leise, daß das Ohr nichts davon zu vernehmen vermochte. Der Lord, welcher ihm folgte, gab sich Mühe, ebenso unhörbar zu gehen. Es war rundum nichts zu vernehmen als der leise Wind, welcher die Wipfel der Bäume bewegte.

Jetzt ergriff der Osage die rechte Hand des Engländers und flüsterte ihm zu: „Mein weißer Bruder gebe seine andre Hand weiter, damit die drei Bleichgesichter eine Kette bilden, welche ich führe, damit sich keiner an einen Baum stoße.“

Während er mit der ausgestreckten einen Hand sich vorwärts tastete, zog er mit der andern die Weißen hinter sich her. Dem Lord wurde die Zeit sehr lang, denn in solchen Lagen dehnen die Minuten sich zu Stunden aus. Endlich blieb der Häuptling stehen und flüsterte: „Meine Brüder mögen lauschen. Ich habe die Stimmen der Tramps vernommen.“

Sie horchten und bemerkten bald, daß der Rote sich nicht geirrt hatte. Man hörte sprechen, wenn auch aus weiter Ferne, so daß die Worte nicht verstanden werden konnten. Nach wenigen Schritten gewahrte man einen leisen Dämmerschein, welcher es dem Auge ermöglichte, die Baumstämme zu unterscheiden.

„Meine Brüder mögen hier warten, bis ich zurückkehre,“ sagte der Osage. Kaum gesagt, huschte der Rote schon fort und war im nächsten Augenblicke verschwunden. Es war wohl über eine halbe Stunde vergangen, als er zurückkehrte. Sie hatten sein Kommen weder gesehen noch gehört; er tauchte plötzlich vor ihnen, wie aus der Erde, auf.

„Nun?“ fragte Bill. „Was hast du uns zu melden?“

„Daß noch mehr Tramps gekommen sind, noch viel mehr.“

„Wetter! Ob diese Kerls vielleicht hier ein Meeting abzuhalten gedenken? Dann wehe den Farmers und sonstigen Leuten, welche in der Gegend wohnen. Hast du gehört, was gesprochen wurde?“

„Es brannten mehrere Feuer, und der ganze Platz war hell. Die Tramps hatten einen Kreis gebildet, in welchem ein Bleichgesicht mit roten Haaren stand und eine lange und sehr laute Rede hielt.“

„Wovon sprach er? Hast du ihn verstanden?“

„Ich verstand ihn ganz genau, denn er sprach beinahe brüllend, aber meine Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, meine roten Brüder zu entdecken, und so habe ich nur sehr wenig von dem, was er sprach, behalten.“

„Nun, und das Wenige? Was war es?“

„Er sagte, der Reichtum sei ein Raub an den Armen und man müsse also den Reichen alles nehmen, was sie haben. Er behauptete, der Staat dürfe von dem Unterthan keine Steuern erheben und man müsse ihm also alles Geld, welches er in den Kassen habe, wieder wegnehmen. Er sagte, daß die Tramps alle Brüder seien und schnell sehr reich werden könnten, wenn sie seinen Vorschlägen folgen wollten.“

„Weiter! Was noch?“

„Ich habe nicht weiter auf seine Worte geachtet. Er sprach noch von der großen, vollen Kasse einer Eisenbahn, welche leer gemacht werden müsse. Dann aber habe ich nicht mehr auf seine Worte gehört, denn ich sah den Ort, an welchem sich meine roten Brüder befinden.“

„Wo ist das?“

„In der Nähe eines kleineren Feuers, an welchem niemand saß. Dort standen sie an Baumstämmen, an welche sie gebunden waren, und bei jedem von ihnen saß ein Tramp, der ihn bewachte.“

„So kann man sich nicht leicht anschleichen?“

„Man kann es. Ich hätte sie wohl losschneiden können; besser aber war es, ich that es nicht und holte meine weißen Brüder, um mir dabei zu helfen, weil es da viel schneller geht. Aber ich bin vorher bis zu einem meiner roten Brüder gekrochen und habe ihm zugeflüstert, daß sie gerettet werden sollen.“

„Das ist sehr gut, denn nun sind sie vorbereitet und werden, wenn wir ihnen nahe kommen, uns nicht etwa durch eine Bewegung der Freude und Überraschung verraten. Diese Tramps sind keine Westmänner. Es ist eine ungeheure Dummheit von ihnen, die Gefangenen nicht in ihre Mitte zu nehmen. In diesem Falle könnten wir sie nicht durch List befreien, sondern wir müßten, obgleich wir nur vier Personen sind, in den Kreis dieser Kerls hineinspringen, um, während der Schreck sie lähmt, die Osagen loszuschneiden. Führe uns nach dem Orte, an welchem sie sich befinden!“

Der Häuptling voran, huschten die vier von Baum zu Baum und gaben sich dabei Mühe, möglichst im Schatten der Stämme zu bleiben. So näherten sie sich schnell dem Lagerplatze, auf welchem sie jetzt acht Feuer zählen konnten. Das kleinste brannte in dem innersten Winkel der Ecke, sehr nahe bei den Bäumen, und dorthin waren die Schritte des Häuptlings gerichtet. Er blieb einmal für einige Augenblicke stehen und raunte den drei Weißen zu: „Jetzt sitzen mehrere Bleichgesichter an diesem Feuer. Vorhin saß niemand dort. Der Mann mit dem roten Haar ist dabei. Diese Leute scheinen die Anführer, die Häuptlinge zu sein. Seht ihr wenige Schritte davon meine Osagen an den Bäumen?“

„Ja,“ antwortete der Buckelige. „Die Rede, welche der Rote gehalten hat, ist zu Ende und nun sitzen die Kerls abgesondert von den übrigen, jedenfalls um Rat zu halten. Es kann sehr wichtig sein, zu erfahren, was sie vorhaben. So viele Tramps sind nicht wegen einer Kleinigkeit hier versammelt. Glücklicherweise stehen einige Büsche unter den Bäumen. Ich werde einmal hinkriechen, um zu hören, wovon gesprochen wird.“

„Mein Bruder mag es lieber nicht thun,“ warnte der Häuptling.

„Warum? Glaubst du, daß ich mich erwischen lasse?“

„Nein. Ich weiß, daß mein Bruder das Anschleichen versteht; aber er könnte doch gesehen werden.“

„Gesehen, doch nicht erwischt!“

„Ja, mein Bruder hat leichte Füße und würde schnell entkommen, doch würde es uns dann unmöglich sein, die Osagen zu befreien.“

„Nein. Wir würden in einigen Augenblicken ihre Wächter niedergemacht und ihre Banden zerschnitten haben; dann schnell fort durch den Wald und zu den Pferden. Möchte den Tramp sehen, welcher das verhindern wollte! Also ich schleiche mich hin. Werde ich bemerkt, so springet Ihr zu den Gefangenen. Geschehen kann uns nichts. Hier ist mein Gewehr, Uncle.“

Er gab, um von derselben nicht gehindert zu sein, seinem Gefährten die Büchse, legte sich auf die Erde nieder und kroch dem Feuer zu. Seine Aufgabe war viel leichter zu lösen, als er geglaubt hatte. Die Tramps sprachen so laut, daß er fast auf halbem Wege liegen bleiben und doch jedes Wort hören konnte.

Wenn der Häuptling der Ansicht gewesen war, daß die vier an diesem Feuer sitzenden Männer die hervorragenden Tramps, die Anführer seien, so hatte er sich nicht geirrt. Der eine von ihnen, der mit dem roten Kopfe, war der Cornel Brinkley, welcher sich mit seinen wenigen, den Rafters entkommenen Begleitern heute gegen Abend hier eingestellt hatte. Er war soeben im Sprechen, und der Humply-Bill hörte ihn sagen. „Ich kann euch also einen großen Erfolg versprechen, denn dort ist die Hauptkasse. Ihr seid also einverstanden?“

„Ja, ja, ja,“ antworteten die drei andern.

„Und wie ist’s mit Butlers Farm? Wollt ihr sie auch mitnehmen? Oder soll ich das auf eigene Faust ausführen und ein halbes Schock eurer Leute dazu werben?“

„Wir machen natürlich mit,“ erklärte einer. „Sehe nicht ein, warum wir das Geld dir in die Tasche fallen lassen sollen! Es fragt sich nur, ob es schon da ist.“

„Noch nicht. Die Rafters haben nicht sofort Pferde gehabt, während ich gleich am nächsten Morgen einige gute Klepper fand. Sie können also noch nicht auf der Farm sein. Aber Butler ist auch ohnedies reich genug. Wir überfallen die Farm, rauben sie aus und erwarten dann ganz ruhig die Ankunft der Rafters und der Halunken, von denen sie befehligt werden.“

„Weißt du denn genau, daß sie dorthin kommen werden?“

„Ganz genau. Dieser Old Firehand muß hin, eines Ingenieurs wegen, welcher sich jedenfalls schon jetzt dort befindet.“

„Welches Ingenieurs? Was ist mit ihm?“

„Nichts. Das ist eine Geschichte, welche euch ganz gleichgültig sein kann. Vielleicht erzähle ich sie euch ein andres Mal. Vielleicht engagiere ich euch noch zu einem ganz andern Coup, bei welchem das Geld in Masse zu verdienen ist.“

„Du sprichst in Rätseln! Aufrichtig gestanden, möchte ich mit diesem Old Firehand lieber nichts zu thun haben. Ich hörte oft von ihm erzählen.“

„Hast du Angst?“ höhnte der Rote.

„Angst nicht, aber eine sehr triftige Abneigung gegen diese Art von Menschen.“

„Unsinn! Was sollte er uns anhaben können? Denke doch, daß wir vierhundert Kerls beisammen haben, welche es mit dem Teufel aufnehmen würden!“

„Sollten die alle mit nach Butlers Farm?“

„Natürlich! Der Weg dorthin geht ja in unsrer Richtung. Wollen wir etwa wieder nach hier zurück?“

„Nein, das ist richtig. Und wann brechen wir auf?“

„Morgen nachmittag, so daß wir die Farm am Abend erreichen. Sie ist groß und wird ein hübsches Feuer geben, an welchem wir uns manchen Braten wärmen können.“

Humply-Bill hatte genug gehört; er kroch zurück zu den Gefährten und forderte dieselben auf, sich nun an die Befreiung der Osagen zu machen. Nach seiner Meinung sollte sich jeder hinter einen derselben schleichen, aber der Häuptling fiel ihm in die Rede und sagte: „Ich habe meine weißen Brüder nur geholt, um mir schnell Hilfe zu bringen, falls es mir nicht gelingen sollte, meine roten Brüder allein zu befreien. Was jetzt geschehen muß, ist nicht Sache der Weißen, sondern der roten Männer. Ich gehe allein, und meine Bruder mögen mir nur dann beispringen, wenn das, was ich thue, bemerkt wird.“

Er schlich sich wie eine Schlange auf dem Boden fort.

„Was hat er vor?“ fragte der Engländer leise.

„Ein Meisterstück,“ antwortete Bill. „Seid so gut und legt Euch mit uns nieder, und schaut scharf dorthin, wo die Gefangenen stehen. Geht es verkehrt, so eilen wir hin und helfen. Wir brauchen ihnen nur die Riemen zu durchschneiden und dann zu unsern Pferden zu laufen.“

Der Lord folgte der Aufforderung. Das Feuer, an welchem die vier Anführer der Tramps saßen, war vielleicht zehn Schritte von dem Rande des Waldes entfernt. An dem letzteren standen die Bäume, an welche die Gefangenen in aufrechter Stellung an Händen und Füßen gebunden waren. Neben jedem Gefangenen saß oder lag ein bewaffneter Wächter. Der Englishman strengte seine Augen an, den Häuptling zu sehen, doch vergebens. Er sah nur, daß einer der Wächter, welcher gesessen hatte, sich jetzt umlegte und zwar mit einer so schnellen Bewegung, als ob er umgefallen sei. Auch die andern drei Wächter bewegten sich, einer nach dem andern, und sonderbarerweise so, daß ihre Köpfe in den Schatten der betreffenden Bäume zu liegen kamen. Dabei war kein Laut, nicht das leiseste Geräusch zu hören gewesen.

Es verging noch eine kleine Weile und dann sah der Lord plötzlich den Häuptling zwischen sich und Bill am Boden liegen.

„Nun, fertig?“ fragte der letztere.

„Ja,“ antwortete der Rote.

„Aber deine Osagen sind ja noch gefesselt!“ flüsterte der Lord ihm zu.

„Nein; sie sind nur stehen geblieben, bis ich mit euch gesprochen habe. Mein Messer traf die Wächter mitten in das Herz, und dann habe ich ihnen die Skalps genommen. Jetzt schleiche ich mich wieder hin, um mit meinen roten Brüdern zu den Pferden zu gehen, bei denen sich auch die unsrigen noch befinden. Da alles so gut gegangen ist, werden wir nicht fortgehen, ohne unsre Pferde zu holen.“

„Warum euch noch in diese Gefahr begeben?“ warnte Bill.

„Mein weißer Bruder irrt sich. Es ist jetzt keine Gefahr mehr vorhanden. Sobald ihr die Osagen von ihren Bäumen verschwinden seht, könnt ihr Euch fortbegeben. Bald werdet ihr das Stampfen der Pferde hören und das Geschrei der Tramps, welche dort wachen. Dann kommen wir zu der Stelle, an welcher wir vorhin abgestiegen sind, howgh!“

Mit diesem letzten Bekräftigungsworte wollte er andeuten, daß jeder Einwand nutzlos sei, dann war er plötzlich nicht mehr zu sehen. Der Lord fixierte die Gefangenen; sie lehnten steif aufgerichtet an ihren Bäumen, dann waren sie in einem Nu fort, wie in die Erde hinein verschwunden.

„Wonderful!“ flüsterte er dem Buckeligen begeistert zu. „Ganz, wie man es in Romanen gelesen hat!“

„Hm!“ antwortete der Kleine. „Ihr werdet bei uns noch manchen Roman erleben; das Lesen ist freilich leichter, als das Mitmachen.“

„Wollen wir fort?“

„Noch nicht. Ich möchte die Gesichter sehen, welche die Kerls machen, wenn die Geschichte losgeht. Wartet noch einige Augenblicke.“

Es verging keine lange Zeit, so ertönte von jenseits des Lagers ein lauter Schreckensruf; ein zweiter antwortete; darauf folgten mehrere schrille Schreie, denen man es anhörte, daß sie aus Indianerkehlen kamen – und nun ein Schnauben und Stampfen, ein Wiehern und Dröhnen, unter welchem die Erde zu zittern schien.

Die Tramps waren aufgesprungen. Jeder rief, schrie und fragte, was geschehen sei. Da ertönte die Stimme des roten Cornels: „Die Osagen sind fort. Alle Teufel, wer hat sie – – –“

Er hielt entsetzt mitten in der Rede inne. Er war, während er sprach, zu den Wächtern gesprungen und hatte den ihm nächsten derselben gepackt, um ihn emporzuzerren. Er sah die verglasten Augen und den haarlosen, blutigen Schädel desselben. Er riß den zweiten, dritten und vierten in den Schein des Feuers und schrie dann entsetzt: „Tot! Skalpiert, alle vier! Und die Roten sind fort! Wohin?“

„Indianer, Indianer!“ rief es in diesem Augenblicke von der Seite her, an welcher sich die Pferde befunden hatten.

„Zu den Waffen, zu den Pferden!“ brüllte der rote Cornel. Wir sind überfallen. Man will uns die Pferde stehlen!“

Es gab eine Scene ganz unbeschreiblicher Verwirrung. Alles rannte durcheinander, aber es war kein Feind zu sehen, und erst als man sich nach längerer Zeit einigermaßen beruhigt hatte, stellte es sich heraus, daß nur die erbeuteten Indianerpferde fehlten. Nun erst, nachdem das Unglück geschehen war, wurden Posten ausgestellt und man durchsuchte die Umgebung des Lagers, doch ohne allen Erfolg. Man kam zu der Meinung, daß noch andre als nur die gefangenen Osagen im Walde gewesen seien und sich herbeigeschlichen hatten, um ihre Kameraden zu befreien. Sie hatten dabei die Wächter von hinten erstochen und skalpiert und sich dann der Indianerpferde bemächtigt. Unbegreiflich war es den Tramps, daß die Ermordung der Wächter so vollständig lautlos hatte vor sich gehen können. Wie hätten sie sich aber gewundert, wenn sie gewußt hätten, daß es nur ein einziger gewesen war, der dieses indianische Meisterstück fertig gebracht hatte.

Als dann die Anführer wieder an ihrem Feuer beisammensaßen, sagte der Cornel: „Dieses Ereignis ist zwar kein großes Unglück für uns, aber es zwingt uns zur Änderung unsres Planes für morgen. Wir müssen schon sehr frühzeitig von hier aufbrechen.“

„Warum?“ wurde er gefragt.

„Weil die Osagen alles gehört haben, was wir gesprochen haben. Ein wahres Glück ist es, daß sie von unsrer Absicht auf den Eagle-tail nichts wissen, denn davon sprachen wir nicht hier, sondern vorher drüben beim andern Feuer. Aber was wir mit Butlers Farm vorhaben, das wissen sie.“

„Und du meinst, daß sie es verraten?“

„Natürlich!“

„Sollten diese wilden Halunken mit Butler befreundet sein?“

„Befreundet oder nicht; sie werden es ihm melden, um sich an uns zu rächen und uns einen warmen Empfang zu bereiten.“

„Das ist freilich leicht zu denken, und da ist es allerdings geraten, uns soviel wie möglich zu sputen. Möchte nur wissen, wo die fünf Kerls bleiben, welche dem flüchtigen Häuptling nach sind!“

„Mir auch unbegreiflich. Hätte er seine Zuflucht in dem Walde gesucht, so wäre er schwer oder unmöglich zu finden gewesen; seine Spur führte aber weit in die offene Prairie hinaus und er hatte kein Pferd. Da müssen sie ihn doch erwischt haben!“

„Jedenfalls. Aber sie sind wohl auf dem Rückwege von der Nacht überrascht worden und haben sich verirrt. Oder haben sie sich gelagert, um sich nicht zu verirren, und stoßen morgen früh zu uns. Jedenfalls werden wir ihre Fährte treffen, denn sie nahmen genau die Richtung, welche wir einhalten müssen.“

Da allerdings befand sich der Sprecher in einem Irrtum. Der Himmel oder vielmehr die Wolken sorgten dafür, daß die betreffende Spur verwischt wurde, denn es stellte sich später ein, wenn auch leichter, aber mehrere Stunden anhaltender Regen ein, welcher alle Huf- und Fußeindrücke verwischte.

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Fünfzehntes Kapitel

Eine Indianerschlacht.

Auf den glücklichen Ausgang dieses Abenteuers war niemand stolzer als Droll und Hobble-Frank, deren klugem Eingreifen dieser Erfolg, wenigstens die Schnelligkeit desselben, zu verdanken war. Sie ritten hinter den Gefangenen nebeneinander. Als sie das Lager verlassen hatten, sagte Droll, indem er sein eigentümliches, listiglustiges Kichern hören ließ: „Hihihihi, is das eene Freede für meine alte Seele! Na, werde sich de Indianersch ärgere, daß se uns so fortreite lasse müsse! Meenste nich, Vetter?“

„Freilich!“ nickte Frank. „Das war een Genieschtreech, wie er nich besser im Buche schtehen kann. Und weeßte, wer die Hauptmatadoren dabei gewesen sind?“

„Nu?“

„Du und ich, wir zwee beeden. Ohne uns lägen die andern noch in Ketten und Banden, gerade wie Prometheus, der jahraus und ein nur Adlerlebern essen darf.“

„Na, weeßte, Frank, ich denke, daß die sich ooch noch herausgefunde hätte. Leute wie Winnetou, Shatterhand und Firehand lasse sich nich so leicht an de Marterpfähle binde. Die sind schon oft noch schlimmer drangewese und lebe heutigestags noch.“

„Das gloobe ich zwar ooch, aber schwer geworden wäre es ihnen doch. Ohne unsre internationale Schneidigkeet wäre es ihnen zwar nich unmöglich, aber ooch nich so leicht geworden, sich aus dieser verteufelten Falle zu kontrapunktionieren. Ich bin zwar nich schtolz droff, aber es is immerhin eene erhebende Gefühlsempfindung, wenn man sich sagen kann, daß man neben hervorragenden Geistesgaben ooch noch eene Ausdehnung der Intelligenz besitzt, welche selbst das schnellste Pferd nich einzuholen vermag. Wenn ich mich schpäter zur Ruhe gesetzt habe und eemal bei guter Tinte bin, werde ich meine Momoiranden schreiben, was alle berühmten Männer thun. Nachher wird die Welt erscht recht erkennen, zu welchen Hallucinationen een eenziger Menschengeist die kompetenten Fähigkeeten besitzt. Du bist ooch so een hochbegabter Ehrenerdenbürger, und wir können mit dem Schtolze unsres imitierten Selbstbewußtseins uns daran erinnern, daß wir nich nur deutsche Landsleute, sondern sogar konfigurierte Vettern und Verwandte sind.“

Jetzt war der Zug im Nebenkanon angekommen. Er bog nicht links ab nach dem Hauptcanon ein, sondern wendete sich nach rechts, um dem ersteren zu folgen. Winnetou, welcher den Weg am genauesten kannte, ritt wie gewöhnlich an der Spitze. Hinter ihm kamen die Jäger, dann die Rafters, welche die Gefangenen in der Mitte hatten. Diesen folgte die Sänfte, in welcher sich Ellen befand; ihr Vater ritt nebenher, und den Schluß bildeten wieder einige Rafters.

Ellen hatte sich seit gestern außerordentlich brav gehalten; sie war glücklicherweise von den Roten nicht so streng behandelt worden wie die erwachsenen und männlichen Gefangenen. Als diese letzteren sich von ihren Banden befreit hatten und zu den Häuptlingen gesprungen waren, um sich derselben zu bemächtigen, war sie ganz allein an dem von Old Shatterhand ausgelöschten Feuer zurückgeblieben. Ein Glück, daß die Roten nicht daran gedacht hatten, sich ihrer zu bedienen, um die Freiheit der Geiseln zu erzwingen!

Der schmale Canon stieg ziemlich steil empor und mündete nach vielleicht einer Stunde auf die weite, offene Felsenebene, welche von den dunkeln Massen der Rocky-Mountains begrenzt zu werden schien. Hier drehte Winnetou sich um und sagte: „Meine Brüder wissen, daß die Roten uns folgen werden. Wir wollen jetzt Galopp reiten, um eine möglichst große Strecke zwischen sie und uns zu bringen.“

Infolgedessen gab man den Pferden die Sporen und trieb dieselben so sehr an, wie es die Rücksicht auf die Sänfte und die Ponnies, welche dieselbe trugen, erlaubte. Später erlitt diese Schnelligkeit eine Unterbrechung durch einen für die Reiter sehr erfreulichen Umstand. Man erblickte nämlich ein Rudel Gabelantilopen, und es gelang, zwei derselben zu umkreisen und zu erlegen. Das gab hinreichend Proviant für den heutigen Tag.

Die Berge traten immer näher. Die Hochebene schien an den Fuß derselben zu stoßen; dies war aber keineswegs der Fall, da das Thal des Grand River dazwischen lag. Gegen Mittag, als die Strahlen der Sonne so heiß herniederbrannten, daß sie Mensch und Tier belästigten, gelangte man an eine schmale Stelle der felsigen Ebene, welche sich abwärts senkte. „Das ist der Anfang eines Canons, welcher uns zum Flusse führen wird,“ erklärte Winnetou, indem er dieser Senkung folgte. Es war, als hätte ein Riese hier den Hobel angesetzt, um eine tief und immer tiefer gehende Bahn in den harten Stein zu schneiden. Die Wände rechts und links, erst kaum bemerkbar, dann manns-, nachher haushoch, stiegen immer höher an, bis sie oben scheinbar zusammenstießen. Hier in der Enge wurde es dunkel und kühl. Von den Wänden sickerte Wasser herab, welches sich auf der Sohle sammelte und bald fußtief wurde, so daß die durstigen Pferde trinken konnten. Und eigentümlich, dieser Canon zeigte nicht die leiseste Windung. Er war schnurgerade in den Felsen eingefressen, so daß, lange bevor man sein Ende erreichte, vorn ein heller Strich zu sehen war, welcher desto breiter wurde, je mehr man sich demselben näherte. Das war der Ausgang, das Ende des mehrere Hundert Fuß tiefen Einschnittes.

Als die Reiter bei demselben anlangten, bot sich ihnen ein beinahe überwältigender Anblick dar. Sie befanden sich im Thale des Grand River. Dieses war vielleicht eine halbe englische Meile breit, der Fluß strömte in der Mitte hin und ließ zu seinen beiden Seiten einen Grasstreifen frei, welcher von der senkrecht ansteigenden Canonwand begrenzt wurde. Das Thal lief von Nord nach Süd, gerade wie mit dem Lineal gezogen, und die beiden Felsenwände zeigten nicht den engsten Riß oder den kleinsten Vorsprung. Darüber stand die glühende Sonne, welche hier trotz der Tiefe des Canons das Gras dem Verdorren nahe brachte.

Kein einziger Riß? Und doch! Gerade den Reitern gegenüber gab es am rechten Ufer des Flusses einen ziemlich breiten Einschnitt, aus welchem ein sehr ansehnlicher Bach geflossen kam. Dorthin deutete Winnetou, indem er sagte: „Diesem Bache müssen wir aufwärts folgen; er führt nach dem Thale der Hirsche.“

„Aber wie kommen wir hinüber?“ fragte Butler, welchem es um seine Tochter zu thun war. „Der Fluß ist zwar nicht reißend, scheint aber tief zu sein.“

„Oberhalb des Bacheinflusses gibt es eine Furt, welche so seicht ist, daß das Wasser in dieser Jahreszeit die Sänfte nicht berühren wird. Meine Brüder mögen mir folgen!“

Man ritt quer über das Gras bis an die Uferstelle, an welcher sich die Furt befand. Dieselbe lag so, daß man, am jenseitigen Ufer angekommen, auch noch den Bach überschreiten mußte, um an das rechte Ufer desselben zu gelangen, welches breiter und also bequemer zu passieren war als das linke. Winnetou trieb sein Pferd in das Wasser, und die andern folgten ihm. Er hatte recht gehabt; das Wasser reichte ihm lange nicht bis an die Füße. Dennoch blieb er, in der Nähe des andern Ufers angekommen, plötzlich halten und stieß einen halblauten Ruf aus, als ob er eine Gefahr entdeckt habe.

„Was gibt’s?“ fragte Old Shatterhand, welcher hinter ihm ritt. „Hat sich das Flußbett verändert?“

„Nein; aber da drüben sind Männer geritten.“

Er deutete nach dem Ufer. Old Shatterhand trieb sein Pferd mehrere Schritte weiter und sah nun auch die Fährte. Sie war breit, wie von vielen Reitern; das Gras hatte sich noch nicht ganz wieder erhoben.

„Das ist wichtig!“ sagte Old Firehand, welcher sich den beiden genähert hatte. „Wir wollen diese Fährte untersuchen; unterdessen müssen die andern im Wasser bleiben.“

Die drei ritten vollends an das Ufer, stiegen dort ab und betrachteten die Eindrücke mit ihren Kenneraugen.

„Das waren Bleichgesichter,“ sagte Winnetou.

„Ja,“ stimmte Old Shatterhand bei. „Indianer wären hintereinander geritten und hätten keine so breite, augenfällige Spur verursacht. Ich möchte behaupten, daß diese Leute keine echten Westmänner sind. Ein Jäger, welcher Erfahrung besitzt, ist weit vorsichtiger. Ich schätze den Trupp auf dreißig bis vierzig Personen.“

„Ich ebenso,“ meinte Old Firehand. „Aber Weiße, hier, unter den gegenwärtigen Verhältnissen! Das müssen Neulinge sein, unvorsichtige Menschen, welche es sehr notwendig haben müssen, hinauf in die Berge zu kommen.“

„Hm!“ brummte Old Shatterhand. „Ich glaube, zu erraten, wen wir da vor uns haben.“

„Nun, wen?“

„Den roten Cornel mit seiner Abteilung.“

„Alle Wetter! Möglich ist’s. Meiner Berechnung nach können die Kerle hier sein. Und das stimmt auch mit dem, was du von Knox und Hilton erfahren hast. Wir müssen die Spur – – –“

Er wurde von Winnetou unterbrochen, welcher an den Bach gegangen war und, in das Uferwasser zeigend, sagte: „Meine Brüder mögen hierherkommen. Es ist der rote Cornel gewesen.“

Sie gingen hin und sahen in das Wasser. Dieses war brunnenhell; man konnte den Grund ganz deutlich erkennen und sah eine Reihe von Eindrücken, welche neben der Stelle, an welcher die Reiter den Bach überschritten hatten, von dem einen Ufer nach dem andern führte.

„Ehe die Reiter hinüber sind,“ erklärte der Apache, „ist einer von ihnen abgestiegen, um die Tiefe des Wassers zu untersuchen. Es sind also dumme Menschen gewesen, denn jedes offene Auge sieht, daß das Wasser niemand bis über die Beine reicht. Und womit hat der Mann den Bach untersucht? Meine Brüder mögen es mir sagen.“

„Mit einer Hacke, deren Stiel er in der Hand gehabt hat. Das ist aus dem Eindrucke deutlich zu erkennen,“ antwortete Old Firehand.

„Ja, mit einer Hacke. Diese Leute wollen also nicht jagen, sondern graben. Es war der rote Cornel.“

„Ich bin ganz derselben Meinung; dennoch aber müssen wir es für möglich halten, daß es auch andre gewesen sein können.“

„Dann könnten nur Goldgräber hier vorbei sein,“ sagte Old Shatterhand. „Und das bestreite ich.“

„Aus welchen Gründen?“

„Erstens sind Goldgräber erfahrene Leute, welche nicht so unvorsichtig sind, und zweitens können wir bei den Spuren von vierzig Pferden auf vielleicht zehn Packpferde rechnen; bleiben dreißig Reiter; Goldgräber aber wandern nicht in so bedeutenden Trupps in den Bergen und Canons umher. Nein, es ist der rote Cornel mit seinen Leuten. Ich möchte es beschwören.“

„Auch ich bezweifle es nicht. Wo aber sind sie hin? Da drüben rechts abgebogen, also nicht weiter den Grand River hinab, sondern am Bache empor nach dem Thale der Hirsche. Sie reiten also den Utahs gerade in die Arme.“

„Das ist ihr Schicksal, welches sie sich selbst bereitet haben. Wir können es nicht ändern.“

„Oho!“ rief Old Firehand. „Wir müssen es ändern.“

„Müssen? Warum? Haben sie es verdient?“

„Nein. Aber wir müssen den Plan, die Zeichnung haben, welche der Cornel gestohlen hat. Wenn wir diese Zeichnung nicht bekommen, erfahren wir nie, wo die Schätze des Silbersees liegen.“

„Das ist wahr. Du willst diesen Halunken nachreiten, um Sie zu warnen?“

„Um sie nicht zu warnen, sondern um sie selbst niederzuschlagen.“

„Das ist unmöglich. Bedenke, welchen Vorsprung sie haben!“

Old Firehand bückte sich nieder, um das Gras nochmals zu untersuchen und sagte dann im Tone der Enttäuschung: „Leider! Sie sind vor fünf Stunden hier gewesen. Wie weit ist es bis nach dem Hirschthale?“

„Vor Abend können wir es nicht erreichen.“

„So muß ich meine Absicht aufgeben. Sie befinden sich in der Gewalt der Roten, noch ehe wir die Hälfte des Weges zurückgelegt haben. Wie aber steht es mit den Boten, welche von den Yampa-Utahs nach diesem Thale geschickt werden sollten? Sie sind jedenfalls noch vor uns aufgebrochen, und wir haben doch keine Fährte von ihnen gesehen.“

„Diese Männer sind wohl nicht geritten, sondern gelaufen,“ erklärte Winnetou. „Zu Fuß ist der Weg viel kürzer, da ein Mokassin über Stellen gelangen kann, an denen Pferd und Reiter die Hälse brechen würden. Meine Brüder mögen nicht an den Cornel denken, sondern daran, daß wir diese Spuren verwischen müssen.“

„Warum verwischen?“

„Wir wissen, daß die Yampa-Utahs uns folgen. Wir gehen später von dem Wege ab, von welchem sie denken, daß wir ihm folgen werden. Wir müssen uns Mühe geben, sie zu täuschen, wenn wir entkommen wollen. Sie müssen die Fährte des Cornels, welcher direkt nach dem Hirschthale geht, für die unsrige halten; dann werden sie derselben folgen und es nicht für möglich halten, daß wir zur Seite gegangen und ihnen entwichen sind. Darum dürfen sie nicht sehen und nicht wissen, daß bereits vor uns Reiter hier gewesen sind. Meine beiden weißen Brüder verstehen es, eine Fährte auszulöschen. Der Hobble-Frank und Droll, der Humply-Bill und der Gunstick-Uncle haben es auch gelernt, Watson und der schwarze Tom ebenso. Diese Männer mögen das Gras aufheben und aus ihren Hüten mit Wasser begießen, denn wenn es naß ist, wird die Sonne es aufwärts ziehen. Das muß auf einer Strecke geschehen, von hier an bis so weit das Auge reicht. Wenn dann die Yampa- Utahs kommen, steht das Gras hoch, und nur da, wo wir geritten sind, ist es niedergetreten.“

Dieser Plan war ausgezeichnet. Die Genannten mußten herbei und, während die andern mit allen Pferden die Furt vollends passierten, über den Bach gingen und drüben warteten, denselben ausführen. Sie gingen auf der Fährte des Cornels wohl gegen hundert Schritte zurück, besprengten das Gras mit Wasser und richteten es auf, indem sie, langsam rückwärts schreitend, ihre Decken auf dem Boden hinter sich herzogen. Das übrige mußte die Sonne thun, und daß sie es thun werde, war ganz zweifellos. Wer nicht Zeuge dieses Vorganges gewesen war, mußte, wenn er eine halbe Stunde später kam, annehmen, nur die Fährte Old Firehands und seiner Begleiter vor sich zu haben. Diejenigen, welche die Fährte vertilgt hatten, sprangen über den Bach und stiegen wieder in den Sattel.

Die gefangenen Roten hatten schweigend zugeschaut. Seit dem Aufbruche hatte überhaupt keiner von ihnen ein Wort gesprochen. Was sie jetzt gesehen hatten, kam ihnen verdächtig vor. Warum löschten die Bleichgesichter diese fremde Fährte aus? Warum verschwendeten sie mit dieser Arbeit die kostbare Zeit, anstatt der Spur so rasch wie möglich zu folgen? Feuerherz konnte es nicht über sich gewinnen, länger zu schweigen; er wendete sich an Old Firehand: „Wer sind die Männer, welche vorher hier geritten sind?“

„Reiter,“ antwortete der Gefragte kurz.

„Wohin sind sie?“

„Weiß ich es?“

„Warum vertilgst du ihre Spur?“

„Deiner Krieger wegen.“

„Ihretwegen? Was haben sie mit dieser Fährte zu schaffen?“

„Sie werden sie nicht sehen.“

„Sie werden sie ja nicht sehen, denn die Spur befindet sich hier, und meine Krieger lagern im Walde des Wassers.“

„Sie lagern nicht dort, sondern sie sind hinter uns her.“

„Glaube das nicht!“

„Ich glaube es nicht nur, sondern ich weiß es sogar.“

„Du irrst. Zu welchem Zwecke sollten meine Leute euch folgen?“

„Um uns zwischen sich und diejenigen Utahs zu nehmen, welche im Thale der Hirsche lagern.“

Man sah, daß Feuerherz erschrak. Er faßte sich aber schnell und sagte: „Meinem weißen Bruder hat wohl geträumt? Ich weiß nichts von allem, was er sagt.“

„Lüge nicht! Wir haben wohl die Zeichen gesehen, welche die beiden jungen Häuptlinge dir mit der Decke gaben. Wir haben diese Zeichen ebensogut verstanden wie du selbst und wissen, daß du uns mit dem Calumet belogen hast.“

„Uff! Meine Worte waren ohne Falsch!“

„Das wird sich zeigen. Wehe euch, wenn uns die Yampa-Utahs folgen! Weiter habe ich dir nichts zu sagen. Wir müssen weiter.“

Der unterbrochene Ritt wurde fortgesetzt, jetzt am Bache hinauf. Die Fährte, welcher man folgte, war breit, und also mußte ebenso breit geritten werden, damit es den Verfolgern nicht möglich war, zu erkennen, daß sie zwei Fährten vor sich hatten. Waren die Roten schon vorher schweigsam gewesen, so senkten sie jetzt erst recht die Köpfe. Sie sahen sich durchschaut und erkannten, daß ihr Leben nun keinen Pfifferling mehr wert sei. Wie gern wären sie entflohen, aber von einem Entkommen war keine Rede; ihre Banden waren unzerreißbar fest, und zudem wurden sie von den Weißen so eng umgeben, daß ein Durchbrechen derselben die reine Unmöglichkeit genannt werden mußte.

Der Bach wand sich in vielen Krümmungen allmählich aufwärts. Das Thal wurde breiter und war weiter oben mit Büschen und Bäumen bestanden. Er verzweigte sich endlich in mehrere Nebenthäler, aus denen kleine Wasser kamen, um den Bach, welcher hier seinen Ursprung nahm, zu bilden. Winnetou folgte der stärksten dieser Quellen, deren Thal wohl eine Viertelstunde ziemlich breit war und dann plötzlich eine Felsenenge bildete, hinter welcher es wieder auseinander ging, um eine saftig grüne Matte zu bilden. Als die Enge passiert war, hielt er an und sagte: „Das ist ein vortrefflicher Platz zum Ruhen und Essen. Unsre Pferde sind müde und hungrig, und auch wir bedürfen der Erholung. Meine Brüder mögen absteigen und die Antilopen braten.“

„Dann aber ereilen uns die Utahs!“ bemerkte Old Firehand.

„Was schadet das? Sie sollen sehen, daß wir wissen, was sie beabsichtigen. Sie können uns nichts thun, denn wenn wir nur einen Mann an die Enge der Felsen stellen, wird er sie schon von weitem kommen sehen und uns benachrichtigen. Sie können diesen Ort nicht erstürmen und müssen sich zurückziehen.“

„Aber wir versäumen hier viel Zeit!“

„Wir versäumen nicht eine Minute. Wenn wir essen und trinken, wächst unsre Kraft, die wir vielleicht brauchen werden. Und wenn wir unsern Pferden Gras und Wasser geben, können sie später schneller laufen. Ich habe diesen Platz auserwählt. Mein Bruder mag thun, um was ich ihn gebeten habe.“

Der Apache hatte recht, und die andern waren auch einverstanden, daß hier Rast gemacht werde. Da, wo die Felsen das Thal verschlossen, wurde ein Wächter ausgestellt. Die Gefangenen band man an Bäume; die Pferde ließ man grasen, und bald brannten zwei Feuer, über denen das Wild briet. In kurzem konnte man es genießen. Auch die Indianer bekamen ihren Teil, auch Wasser aus dem Becher zu trinken, welchen der Lord bei sich hatte.

Dieser letztere war bei ausgezeichneter Laune. Er war in das Land gekommen, um Abenteuer zu suchen, und hatte mehr gefunden, als er für möglich gehalten. Jetzt hatte er sein Buch hervorgezogen, um die Beiträge zu summieren, welche er Bill und dem Uncle schuldete.

„Wollen wir wetten?“ fragte er den ersteren.

„Welche Wette?“

„Daß ich Euch schon tausend Dollar schulde, und sogar noch mehr?“

„Ich wette nicht.“

„Jammerschade! Diese Wette hätte ich gewonnen.“

„Ist mir lieb. Übrigens werdet Ihr heute wohl noch mehr eintragen müssen, Sir, denn es ist möglich, daß wir etwas erleben.“

„Schön! Wenn wir es nur überleben, so mag es kommen. Seht, es geht schon los!“

Der Wachtposten hatte nämlich einen halblauten Pfiff ausgestoßen. Er winkte. Die Anführer eilten zu ihm hin. Als sie, hinter den Felsen versteckt, durch die Enge blickten, sahen sie die Utahs im Thale aufwärts kommen; sie waren noch gegen tausend Schritte entfernt.

Draußen vor den Felsen wucherte Gesträuch. Dahinein postierte Old Shatterhand schnell seine besten Schützen und beorderte sie, zu schießen, sobald sein erster Schuß falle, doch sollten sie nur auf die Pferde, nicht auf die Reiter zielen.

Die Roten kamen schnell näher, die Augen auf die Spur geheftet. Sie glaubten, die Weißen seien ganz glücklich, entkommen zu sein, und wußten sich so sicher, daß sie nicht einmal Späher vorausgesandt hatten. Da krachte vor ihnen ein Schuß; zehn, zwanzig folgten, noch mehr. Die getroffenen Pferde brachen zusammen oder bäumten sich und rannten, ihre Reiter abwerfend und den Zug in Unordnung bringend, zurück. Ein durchdringendes Geheul, dann verschwanden die Indianer; der Platz war leer.

„So!“ meinte Old Shatterhand. „Die wissen nun, daß wir auf unsrer Hut sind und ihre Gedanken kennen. Aber wir müssen aufbrechen, da sie uns doch vielleicht von der Seite beschleichen können. Vorwärts also!“

In wenigen Minuten war der Zug wieder beritten und setzte sich in Bewegung. Es war anzunehmen, daß die Roten nur langsam, weil mit äußerster Vorsicht, vordringen würden; darum konnte man überzeugt sein, einen mehr als genügenden Vorsprung zu bekommen.

Es ging die Matte hinauf, über die Lehne des Berges hinüber, und dann erreichte man ein Labyrinth von Schluchten und Thälern, welche aus verschiedenen Richtungen kommend, alle nach einem und demselben Punkte zu streben schienen. Dieser Punkt war der Eingang einer breiten, öden, stundenlangen Felsenklüftung, in welcher nicht ein einziger Grashalm Nahrung zu finden schien. Felsenstücke von jeder Form und Größe lagen hoch aufgetürmt übereinander oder zerstreut umher. Es war, als sei hier in der Urzeit ein riesiger Naturtunnel eingestürzt.

In diesem Steinschutte war es schwer, eine zusammenhängende Spur ausfindig zu machen. Nur hie und da zeigte ein aus seiner Lage gestoßener oder von einem Pferdehufe geritzter Stein, daß die Tramps hier geritten seien. Winnetou deutete mit der Hand vorwärts und sagte: „In zwei Stunden senkt sich dieses Steingewirr in das große, grüne Thal der Hirsche nieder. Wir aber werden hier links abreiten. Old Shatterhand und Old Firehand mögen absteigen, ihre Pferde führen lassen und hinterher gehen, um etwaige Spuren sofort zu vertilgen, damit die Yampa-Utahs nicht bemerken, daß wir zur Seite gewichen sind!“

Er wendete sich nach links in die Trümmer hinein. Die beiden Genannten gehorchten seiner Anweisung und stiegen erst dann, als man weit genug entfernt vom Wege war, wieder auf ihre Pferde. Der Apache bewies, daß er ein ganz unvergleichliches Ortsgedächtnis besaß. Es schien, als ob kein Mensch sich in diesem Wirrsal zurechtfinden könne; es waren seit seinem letzten Hiersein Jahre vergangen, und doch kannte er jeden Stein, jeden Fels, jede Steigung und Biegung, so daß er sich nicht einen Augenblick lang über die einzuhaltende Richtung im unklaren befand.

Es ging sehr steil bergan, bis eine weite, öde Hochfläche erreicht wurde. Über dieselbe flog man im Galopp. Schon war die Sonne hinter den Rockybergen verschwunden, als man das Ende dieses Plateaus erreichte oder doch vor sich liegen sah, denn der Apache hielt an, deutete nach vorn und erklärte: „Noch fünfhundert Schritte weiter fällt der Stein so gerade wie ein Wassertropfen zur Tiefe; jenseits ebenso; dazwischen aber liegt unten das Thal der Hirsche mit gutem Wasser und vielem Wald. Es hat nur einen bekannten Eingang, nämlich den, von welchem wir abgewichen sind, und auch nur einen Ausgang, welcher hinauf nach dem Silbersee führt. Ich und Old Shatterhand sind die einzigen, welche einen weiteren Zugang kennen, den wir, als wir uns in Gefahr befanden, durch Zufall entdeckten. Ich werde ihn euch zeigen.“

Er näherte sich dem Rande des Plateaus. Dort lagen Felstrümmer, wie eine Schutzmauer, damit man nicht in die grausige Tiefe stürzen möge, nebeneinander geschichtet. Er verschwand zwischen zwei solchen Trümmerstücken, und die andern folgten ihm einzeln.

Sonderbar, es gab da einen Weg. Rechts gähnte die Tiefe, in welche man hinab wollte; er führte aber links in den Felsenstock hinein und zwar so steil abwärts, daß man vorzog, abzusteigen und die Pferde zu führen. Der ungeheure, meilenlange und breite Felsenkoloß hatte einen Riß bekommen, welcher in verschiedenen Krümmungen, von oben nach unten ging.

Nachrollendes Steinwerk hatte diesen Riß in der Weise ausgefüllt, daß ein fester Boden gebildet worden war, dem man sich getrost anvertrauen konnte. Die Pferde konnten trotz der Steilheit dieses Weges nicht stürzen, da er nicht aus glattem Gestein, sondern aus ziemlich festem Geröll bestand, welches das Ausgleiten verhinderte. Je tiefer man kam, desto finsterer wurde es. Old Firehand hatte Ellen Butler auf sein Pferd gesetzt und ging, sie stützend und haltend, neben demselben her. Es war, als ob man stundenlang zur Tiefe gestiegen sei, bis plötzlich die Senkung aufhörte, der Boden sich ebnete und der Felsenriß so breit wurde, daß er einen großen Saal, aber ohne Decke, bildete. Hier hielt Winnetou an und sagte: „Wir sind beinahe im Thale. Hier werden wir bleiben, bis die Dunkelheit uns gestattet, an den Utahs vorüberzukommen. Schafft die Pferde nach hinten, wo sie trinken können, und gebt den Gefangenen Knebel, damit sie nicht laut werden!“

Die Roten hatten natürlich auch abwärts steigen müssen; darum hatte man ihnen die Beine freigegeben. Nun fesselte man sie wieder und verschloß ihnen auch den Mund, um sie am Rufen zu verhindern. Es herrschte tiefe Dämmerung in diesem Raume, aber die Männer, welche geübt waren, des Nachts fast wie die Katzen zu sehen, fanden sich dennoch leicht zurecht. Im hintern Teile sammelte sich die Feuchtigkeit des Felsens in einem kleinen Tümpel, aus welchem ein Wässerlein vorn abfloß; wohin, das sah man noch nicht.

Winnetou nahm einige der Jäger mit sich, um ihnen die Örtlichkeit zu zeigen. Was sie sahen, setzte sie nicht wenig in Verwunderung. Vorn, wo der Saal sich wieder verengte, gab es einen Ausgang, so schmal, daß kaum zwei Männer nebeneinander gehen konnten. Dieser Gang führte auch abwärts, aber nicht sehr weit. Nach einigen Krümmungen standen die Männer vor einem dichten, natürlichen Vorhang von Schlingpflanzen, unter welchem das Wasser verschwand. Winnetou schob diese Gardine ein wenig zur Seite, und da sahen sie vor sich Wald, Baum an Baum, hoch und kräftig gewachsen und so dicht belaubt, daß das letzte Licht, des Tages nicht durch die Wipfel zu dringen vermochte.

Der Apache trat hinaus, um zu rekognoszieren. Als er wieder hereinkam, meldete er: „Rechts von uns, im Norden, also thalaufwärts, brennen viele Feuer unter den Bäumen; dort lagern also die Utahs. Thalabwärts ist es finster. Dort hinab müssen wir. Vielleicht stehen keine Roten dort. Höchstens hat man zwei oder drei Mann an den Ausgang des Hirschthales gestellt; diese sind sehr leicht unschädlich zu machen, und wir könnten also das Thal ohne große Gefahr verlassen, wenn sich nicht der rote Cornel in demselben befände. Wir müssen unbedingt erfahren, wie es um ihn steht. Darum werde ich mich, sobald es noch dunkler geworden ist, zu den Feuern schleichen, um zu lauschen. Bevor das geschehen ist, können wir nicht fort; bis dahin aber müssen wir uns vollständig lautlos verhalten.“

Er führte die Männer wieder zurück, um nach ihnen auch den andern die Örtlichkeit zu zeigen. Das war notwendig, da im Falle der Not und Gefahr ein jeder wissen mußte, wo er sich befand und wo es einen Ausweg gab. Die Gefangenen waren sehr gut gefesselt, dennoch erhielt jeder von ihnen einen besonderen Wächter. Hatten die Weißen gestern und auch schon früher ihre Banden zu lösen vermocht, so konnte auch den Roten dasselbe gelingen. Winnetou war der Meinung gewesen, daß er allein rekognoszieren gehen werde, dem stimmten aber weder Old Shatterhand noch Old Firehand bei. Das Unternehmen war hier so gefährlich, daß ein einzelner leicht nicht wiederkehrte, und dann wußte man nicht, was ihm geschehen war und auf welche Weise man ihm Hilfe bringen konnte. Darum wollten die Genannten mit ihm gehen.

Nachdem man fast zwei Stunden gewartet hatte, brachen die drei auf. Sie schlichen hinaus in den Wald und blieben da zunächst stehen, um zu lauschen, ob sich vielleicht jemand in ihrer Nähe befinde. Es war nichts zu sehen und zu hören. Die Feuer brannten in ziemlicher Ferne; es waren ihrer sehr viele; aus dieser Anzahl ließ sich schließen, daß eine ganz ungewöhnliche Menge Utahs hier lagerten.

Die drei schlichen nun vorwärts, von Baum zu Baum, Winnetou voran. Je weiter sie sich den Feuern näherten, desto leichter wurde ihnen die Lösung ihrer Aufgabe, denn gegen die Flammen blickend, konnten sie jeden Gegenstand sehen, welcher vor ihnen stand oder lag.

Sie bewegten sich am linken Rande des Thales. Die Feuer lagen mehr gegen die Mitte. Vielleicht hatten die Roten der Felswand nicht getraut. Daß sich von derselben leicht ein Stück lösen konnte, bewiesen die Trümmer, welche, Bäume zerschmetternd, herniedergestürzt waren und sich tief in die Erde eingewühlt hatten. Die drei Männer kamen rasch vorwärts. Schon befanden sie sich parallel den vordersten Feuern. Links von ihnen, und noch weiter zurück, brannte eine sehr helle, hohe Flamme abgesondert von den andern. An derselben saßen fünf Häuptlinge, wie aus den Adlerfedern, welche ihre Schöpfe schmückten, zu erkennen war.

Eben erhob sich einer von ihnen. Er hatte den Kriegsmantel abgeworfen. Sein nackter Oberleib war, wie Gesicht und Arme, mit dicker, grellgelber Farbe bestrichen. „T’ab-wahgare!“ flüsterte Winnetou. „Er ist der Häuptling der Capote-Utahs und besitzt die Stärke eines Bären. Seht seinen Leib! Welch dicke, starke Muskeln, und welch eine breite Brust!“

Der Utah winkte einem zweiten Häuptlinge, welcher auch aufstand. Dieser war länger als der vorige und wohl nicht weniger stark.

„Das ist Tsu-in-kuts„, erklärte Old Shatterhand. „Er trägt diesen Namen, weil er einst vier Büffelstiere mit vier Pfeilschüssen getötet hat.“

Die beiden Häuptlinge wechselten einige Worte miteinander und entfernten sich dann vom Feuer. Vielleicht wollten sie Wachen inspizieren. Sie vermieden die andern Feuer und näherten sich infolge dessen mehr der Felsenwand.

„Ah!“ meinte Old Shatterhand. „Sie kommen hier nahe vorüber. Was meinst du, Firehand? Wollen wir sie nehmen?“

„Bei lebendigem Leibe?“

„Natürlich!“

„Das wäre ein Coup! Schnell nieder auf die Erde; du den ersten und ich den zweiten!“

Die beiden Utahs kamen näher. Der eine ging hinter dem andern. Da tauchten plötzlich zwei Gestalten hinter ihnen auf – zwei gewaltige Fausthiebe, und die Getroffenen stürzten zu Boden.

„Gut so!“ flüsterte Old Firehand. „Die haben wir. Nun schnell in unser Versteck mit ihnen!“

Jeder nahm den seinigen auf. Winnetou erhielt die Weisung, zu warten, und dann eilten die beiden dem verborgenen Felsensaale zu. Dort lieferten sie die neuen Gefangenen ab, ließen sie binden und knebeln und kehrten dann zu Winnetou zurück, nicht aber ohne zuvor den Befehl zu geben, daß keiner der Gefährten das Versteck verlassen dürfe, bevor sie zurückgekehrt seien, möge auch geschehen, was da wolle.

Winnetou stand noch an derselben Stelle. Es war jetzt weniger nötig, die drei Häuptlinge zu belauschen, als vielmehr den Ort ausfindig zu machen, an welchem sich der rote Cornel mit seiner Sippe befand. Um zu diesem Ziele zu gelangen, mußte das ganze Lager umschlichen werden. Die drei kühnen Männer schritten also immer weiter an der Felsenwand hin, die Feuer alle zu ihrer Linken lassend.

Nach dieser Seite hin konnten sie gut sehen; nach vorn war es dunkel; da galt es also, vorsichtig zu sein. Wo das Auge nicht ausreichte, mußte die tastende Hand gebraucht werden. Winnetou huschte, wie gewöhnlich, voran. Plötzlich blieb er stehen und ließ ein fast zu lautes, erschrockenes „Uff!“ hören. Die andern beiden hielten ihre Schritte auch an und lauschten gespannt. Als alles ruhig blieb, fragte Old Shatterhand leise: „Was gibt es?“

„Ein Mensch,“ antwortete der Apache.

„Wo?“

„Hier bei mir, vor mir, in meiner Hand.“

„Halte ihn fest! Laß ihn nicht schreien!“

„Nein. Er kann nicht schreien; er ist tot.“

„So hast du ihn erdrosselt?“

„Er war schon tot; er hängt an dem Pfahle.“

„Herrgott! Wohl am Marterpfahle?“

„Ja. Sein Skalp fehlt; sein Leib ist voller Wunden. Er ist kalt, und meine Hände sind naß vom Blute.“

„So sind die Weißen schon tot, und hier ist der Marterplatz. Suchen wir einmal!“

Sie tasteten um sich und fanden binnen zehn Minuten gegen zwanzig schauderhaft verstümmelte Leichen, welche an Pfähle und Bäume gebunden waren.

„Entsetzlich!“ stöhnte Old Shatterhand. „Ich glaubte, diese Leute noch retten zu können, wenigstens vor solchen Qualen! Gewöhnlich warten die Roten bis zum nächsten Tage; hier aber haben sie sich keine Zeit gelassen.“

„Und der Plan, die Zeichnung!“ meine Old Firehand. „Die ist nun verloren.“

„Noch nicht. Wir haben die gefangenen Häuptlinge. Vielleicht können wir diese gegen die Zeichnung austauschen.“

„Wenn sie noch da und nicht etwa vernichtet ist.“

„Vernichtet? Schwerlich! Die Roten haben gelernt, die Wichtigkeit solcher Papiere einzusehen. Ein Indianer vernichtet jetzt eher alles andre als ein Papier, welches er bei einem Weißen findet, zumal wenn es nicht bedruckt, sondern beschrieben ist. Laß dir also noch nicht bange sein. Übrigens leuchtet mir ein, aus welchem Grunde man diese Kerle hier so schnell ermordet hat.“

„Nun, warum?“

„Um Platz für uns zu bekommen. Unsre Ankunft ist gemeldet worden. Wir sind noch nicht da; folglich erwartet man uns für morgen früh ganz gewiß, und kommen wir da noch nicht, so sendet man Späher nach uns aus.“

„Die Boten, welche abgesendet wurden, um unsre Ankunft zu melden, werden da sein, die Yampa-Utahs aber noch nicht,“ meinte Winnetou.

„Nein, die sind noch nicht da. Es hat wohl Stunden gedauert, ehe sie es gewagt haben, unsern Rastort zu passieren und in die Felsenenge einzudringen. Vielleicht kommen sie erst morgen früh, da der letzte Teil des Weges so schlecht ist, daß er des Nachts nicht – – – horchen! Wahrhaftig, sie kommen; sie sind da!“

Oberhalb der Stelle, an welcher die drei standen, ließ sich plötzlich ein lautes, fröhliches Geschrei hören, welches von unten her sofort beantwortet wurde. Die Yampa-Utahs kamen trotz der Finsternis der Nacht und trotz des schlechten Weges, welcher ihnen sehr bekannt sein mußte. Das war ein Gebrüll und Geheul, daß man sich hätte die Ohren verstopfen mögen. Es wurden Brände aus den Feuern gerissen, mit denen die bereits hier Lagernden den Ankömmlingen entgegenliefen. Der Wald wurde hell und lebendig, so daß die drei in die größte Gefahr, bemerkt zu werden, gerieten.

„Wir müssen fort,“ sagte Old Firehand. „Aber wohin? Vor und hinter uns ist alles voller Menschen.“

„Auf die Bäume,“ antwortete Old Shatterhand. „In dem dichten Gezweig können wir warten, bis die Aufregung sich gelegt hat.“

„Gut, also hinauf! Ah, Winnetou ist schon oben!“

Ja, der Apache hatte gar nicht lange erst gefragt. Er schwang sich hinauf und versteckte sich im Blätterdach. Die beiden andern folgten seinem Beispiele, indem sie die nächsten Bäume erstiegen. Es ist keine Schande, sich gegen eine solche Übermacht zu verbergen.

Jetzt sah man beim Scheine der Feuer und der Fackeln die Yampa mit ihren Genossen kommen. Sie stiegen von den Pferden, welche fortgeführt wurden, und fragten, ob Winnetou und die Weißen angekommen und ergriffen worden seien. Diese Frage wurde mit der größten Verwunderung aufgenommen. Die Yampa wollten nicht glauben, daß die Genannten nicht angekommen seien, denn sie waren ja der Fährte derselben gefolgt. Es wurde hin und her gefragt; hundert Vermutungen tauchten auf, doch der wahre Sachverhalt blieb ein Rätsel.

Es war für die andern Utahs eine hochwichtige Nachricht, zu hören, daß Old Firehand, Old Shatterhand und Winnetou sich in der Nähe befänden. Aus den verschiedenen Ausrufungen, aus der ungeheuern Wirkung, welche diese Nachricht hervorbrachte, konnten diese drei Männer ersehen, in welch einem Rufe sie bei diesen Roten standen.

Als die Yampa erfuhren, daß über zwanzig Weiße zu Tode gemartert worden seien, glaubten sie, daß es die von ihnen Gesuchten seien, und verlangten, sie zu sehen. Man kam mit Fackeln herbei, um sie ihnen zu zeigen, und nun bot sich den drei im Laube versteckten ein Anblick, welcher bei der ungewissen, flackernden Beleuchtung ein doppelt gräßlicher war. Die Yampas erkannten, daß diese Leichen nicht die richtigen seien, und kühlten ihre Wut auf ganz unbeschreibliche Weise an denselben. Glücklicherweise war diese Scene nicht von langer Dauer; sie erlitt ein Ende, welches kein Utah für möglich gehalten hatte.

Nämlich vom untern Ende des Thales ertönte ein langgezogener Schrei, ein Schrei, den niemand, der ihn einmal gehört hat, jemals wieder zu vergessen vermag, nämlich der Todesschrei eines Menschen.

„Uff!“ rief einer der unter den Bäumen stehenden Häuptlinge erschrocken. „Was war das? Die „gelbe Sonne“ und „vier Büffel“ sind dort unten!“

Ein zweiter, ähnlicher Schrei erscholl, und dann krachten mehrere Schüsse.

„Die Navajos, die Navajos!“ schrie der Häuptling. „Winnetou, Shatterhand und Firehand haben sie herbeigeholt, um sich zu rächen. Auf, ihr Krieger; werft euch auf die Hunde! Vernichtet sie! Laßt die Pferde zurück, und kämpft zu Fuße hinter den Bäumen!“

Einige Augenblicke lang rannte alles durcheinander. Man holte die Waffen; man warf Holz in die Feuer, um das nötige Licht zum Kampfe zu bekommen. Man rief und brüllte; der Wald hallte wieder vom Kriegsgeheul. Schüsse krachten, näher und immer näher. Fremde, dunkle Gestalten huschten von Baum zu Baum und ließen ihre Gewehre blitzen.

Die Utahs antworteten, erst einzeln, hie und da, dann zu widerstandsfähigen Gruppen vereinigt. Es gab keinen eigentlichen, allgemeinen Kampfplatz, wenn man nicht dem ganzen Thale diese Bezeichnung geben wollte, sondern um jedes Feuer entspann sich ein Kampf im besonderen.

Ja, es waren die Navajos; sie hatten die Utahs überrumpeln wollen, hatten es aber nicht verstanden, die am Ausgange des Thales stehenden Wachen lautlos zu überwältigen. Die Todesschreie derselben hatten Alarm gemacht, und nun galt es, Mann gegen Mann zu kämpfen und nicht der Überraschung, sondern der Tapferkeit und Überzahl die Entscheidung zu überlassen. Der rote Mann greift am liebsten gegen Morgen an, wo der Schlaf, wenigstens bei den dortigen Verhältnissen, bekanntlich am tiefsten ist. Warum die Navajos von dieser Regel abwichen, war schwer zu ersehen. Vielleicht hatten sie geglaubt, unbemerkt eindringen und dann die von den Feuern beschienenen Feinde schnell niederschießen zu können. Als das nicht gelungen war, hatte ihre Tapferkeit ihnen nicht gestattet, zurückzuweichen; sie waren dennoch vorgedrungen und kämpften nun mit viel Verlust.

Es stellte sich heraus, daß die Utahs in der Überzahl waren; überdies kannten sie das Terrain besser als die Feinde, und so wurden diese, obgleich sie sich außerordentlich wacker hielten, nach und nach zurückgedrängt. Man kämpfte aus der Ferne und in der Nähe, mit der Schießwaffe und mit Messer oder Tomahawk. Es war für die drei verborgenen Zuschauer eine höchst aufregende Scene, Wilde gegen Wilde in der wildesten Manier! Hier kämpften zwei unter brutalstem Geheul; dort schlachteten sich einige in teuflischer Lautlosigkeit ab. Wo einer fiel, war sofort der Sieger über ihn her, um ihm den Skalp zu nehmen, vielleicht um in dem nächsten Augenblicke seinen eigenen zu verlieren.

Von den drei Häuptlingen, welche noch am Feuer gesessen hatten, kämpften zwei eigenhändig mit, um die Ihrigen durch ihr Beispiel anzufeuern. Der dritte lehnte in der Nähe des Feuers an einem Baume, verfolgte den Verlauf des Kampfes mit scharfem Blicke und erteilte nach rechts und links seine laut gebrüllten Befehle. Er war der Feldherr, bei welchem die Fäden der Verteidigung sich vereinigten. Selbst als die Navajos weiter und weiter zurückgedrängt wurden, blieb er stehen, ohne mit zu avancieren. Er wollte seinem Platze stolz treu bleiben und überließ den andern Häuptlingen die Leitung der Verfolgung der Feinde.

Der Kampf entfernte sich mehr und mehr. Jetzt war es für die drei unfreiwilligen Zeugen Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Der Weg nach ihrem Asyle war frei. Später, falls der Kampf vielleicht eine Gegenrichtung nahm, oder wenn die Utahs als Sieger zurückkehrten, war es wohl unmöglich, unbemerkt nach dem Verstecke zu gelangen.

Winnetou stieg vom Baume. Die beiden andern sahen es trotz der Dunkelheit und kamen auch herab. Noch immer stand der Häuptling an seiner Stelle. Das Getöse des Kampfes erscholl aus weiter Ferne.

„Jetzt zurück!“ sagte Winnetou. „Später werden Freudenfeuer angebrannt, und dann ist’s zu spät für uns.“

„Nehmen wir diesen Häuptling mit,“ fragte Old Shatterhand.

„Ja. Wir werden ihn leicht ergreifen, denn er ist allein. Ich will mich zu – – –“

Er hielt inne. Und was er sah, das war auch ganz geeignet, ihn in das größte Erstaunen zu versetzen und ihm die Worte im Munde stecken bleiben zu lassen. Es kam nämlich aus dem Dunkel schnell wie der Blitz ein kleines, schmächtiges, hinkendes Kerlchen gesprungen, schwang die Flinte und schlug den Häuptling mit einem wohlgezielten Kolbenhiebe zu Boden. Dann ergriff er den Roten beim Genick und zerrte ihn schnell fort, in das Dunkel hinein. Dabei hörte man die nicht sehr lauten, aber dennoch verständlichen Worte aus seinem Munde: „Was Old Shatterhand und Old Firehand kann, das können und verschtehen wir Sachsen mehrschtenteels ooch!“

„Der Hobble-Frank!“ meinte Old Shatterhand erstaunt.

„Ja, der Frank!“ stimmte Old Firehand ein. „Das Kerlchen ist verrückt! Wir müssen ihm schleunigst nach, damit er keine Dummheiten macht!“

„Verrückt? Gewiß nicht! Ein possierlicher Knirps ist er; das ist wahr; aber das Herz hat er gerade da, wo es hingehört, und leichtsinnig ist er gar nicht. Ich habe ihn in die Schule genommen und kann sagen, daß ich meine Freude an ihm habe. Dennoch aber wollen wir ihm nach, da sein Weg auch der unsrige ist.“

Sie eilten fort, hinter dem Kleinen her, in das Dunkel hinein. Schon hatten sie den Eingang zum Verstecke fast erreicht; da fiel gerade vor ihnen ein Schuß.

„Ein Roter ist auf ihn getroffen. Schnell drauf auf – – –“ wollte Old Shatterhand sagen, aber er schwieg, denn es ertönte die lachende Stimme des Kleinen: „Dummkopp, so paß doch off, wo du hinzielst! Wennste mich treffen willst, darfste doch nicht in den Mond schießen! Da haste dein Teel, und nun gute Nacht!“

Ein Krach wie von einem schweren Hiebe, dann war es still. Die drei drangen vor und stießen auf den Kleinen.

„Zurück!“ gebot er. „Hier wird geschossen und geschtochen!“

„Halt, schieß nicht!“ warnte Old Shatterhand. „Was hast du denn hier zu suchen?“

„Zu suchen? Nischt und gar nischt. Ich brauch‘ nich zu suchen, denn ich hab’s ja schon bis zum doppelten Findling gebracht. Danken Sie Gott, daß Sie den Mund geöffnet haben! Hätte ich Sie nich an Ihrer konglomeraten Schtimme erkannt, meiner Treu, ich hätte Sie kurz und kleen geschossen. Ich habe zwee Kugeln in der Büchse, was bei meiner Geistesgegenwart und Konsubschtanz fürwahr keen Schpaß nich is. Ich warne Sie allen Ernstes, sich nich wieder so blindlings erschtens in die Gefahr und zweetens mir entgegenzuschtürzen, denn sonst werden Sie drittens wie der Wind zu Ihren Vätern und Patriarchen versammelt!“

Die beiden weißen Jäger mußten trotz des Ernstes der gegenwärtigen Situation über diese Strafrede lachen. Es war augenblicklich kein Feind in der Nähe, und so konnte sich Old Shatterhand ohne Besorgnis erkundigen: „Aber wer hat dir denn die Erlaubnis gegeben, das Versteck zu verlassen?“

„Erlaubnis? Mir hat keen Mensch was zu erlauben. Ich bin mein eegner Herr und Fideikommißbesitzer. Nur die Sorge um Sie hat mir den Küraß umgeschnallt. Kaum waren Sie fort, so ging een Geschrei los, als ob die Cimbern mitten in die Teutonen eingebrochen wären. Das wäre noch auszuhalten gewesen, denn meine Nerven sind mit Teer und Fischthran eingerieben. Aber nachher ging das Geschieße los, und es wurde mir um Sie angst und bange. Mein kindliches Gemüt hängt mit väterlicher Anhänglichkeit an Ihrer seelischen Daseinsexistenz, und ich kann es mir unmöglich ruhig gefallen lassen, wenn Sie von den Roten um Ihr schönes Leben gebracht werden. Darum nahm ich das Gewehr und huschte fort, ohne daß die andern es in der ägyptischen Verfinsterung bemerkten. Links wurde geschossen; nach rechts hatten Sie gewollt; ich ging also nach rechts. Da schtand der Häuptling am Boome wie een marinierter Ölgötze. Das ärgerte mich, und so versetzte ich ihm eenen vertikalen Klaps, daß er horizontal zu Boden kam. Natürlich wollte ich ihn schnell in successive Sicherheet bringen und zerrte ihn fort; aber er war mir doch zu schwer, und ich setzte mich een Weilchen off sein Corpus juris, um een bißchen auszuruhen. Da kam so een roter Franctireur geschlichen und sah mich gegen das Licht. Er legte die Flinte an; ich schlug sie zur Seite, und sein Kugel flog in die Milchschtraße empor; ich aber setzte mich mit Hilfe meines Kolbens mit ihm in solche Konfexion, daß er neben dem Häuptling niederknickte. Nun liegen die beeden Kerle da, ganz ohne Sinn und Verschtand, und wissen nich, woran sie denken sollen. Es is doch een Mallör off dieser Welt!“

„Sei froh, daß es kein größeres Unglück gegeben hat! Wenn du eher kamst, warst du verloren!“

„Haben Sie keene Sorge! Der Hobble-Frank kommt niemals eher, als bis er den Sieg in beeden Händen hat. Was soll nun mit den Kerles geschehen? Ich alleene kann sie nich bewältigen.“

„Wir werden dir helfen. Jetzt rasch hinein! Da unten hat das Schießen aufgehört, und es steht zu erwarten, daß die Utahs nun zurückkehren.“

Die beiden besinnungslosen Indianer wurden in das Versteck gebracht und ebenso gebunden und geknebelt wie die andern. Dann postierte sich Winnetou mit Old Firehand an den Vorhang, um die Vorgänge draußen zu beobachten.

Ja, die Utahs kehrten zurück, und zwar als Sieger. Es wurde eine doppelte Anzahl Feuer angebrannt, mit deren Bränden man den Wald nach den Toten und Verwundeten durchsuchte. Die Navajos hatten die ihrigen mitgenommen, wie es bei den Indianern Sitte ist.

Bei jedem Toten, den man fand, erhob sich ein Klage- und Wutgeheul. Die Leichen wurden zusammengetragen, um ehrenvoll begraben zu werden. Man vermißte mehrere Personen, welche gefangen sein mußten. Unter diesen dachte man sich auch die drei Häuptlinge, welche verschwunden waren, ohne daß eine Spur von ihnen zu finden war. Bei dieser Entdeckung hallte der Wald wieder vom Gebrüll der ergrimmten Krieger. Die zwei noch übrigen Anführer riefen die hervorragenden Krieger zu einer Beratung, bei welcher laute, zornige Reden gehalten wurden.

Das brachte Winnetou auf den Gedanken, sich hinauszuschleichen, um vielleicht zu erfahren, was die Utahs beschließen würden. Dies wurde ihm gar nicht schwer. Die Roten waren überzeugt, ganz allein zu sein, und hielten also jede Vorsicht für überflüssig. Die zurückgeschlagenen Navajos kamen gewiß nicht wieder, und wenn dies auch geschah, so waren unten am Ausgange des Thales Wachen ausgestellt. Daß sich mitten im Thale noch viel gefährlichere Feinde als die Navajos befanden, davon hatte man ja keine Ahnung. So hörte Winnetou also alles, was vorgenommen werden sollte. Man wollte noch während der Nacht die Toten begraben; die Klaggesänge konnten für später aufgeschoben werden. Jetzt galt es, vor allen Dingen die gefangenen Häuptlinge zu befreien. Das war sogar noch notwendiger, als morgen die Ankunft Winnetous und seiner berühmten weißen Gefährten abzuwarten. Da diese hinauf nach dem Silbersee wollten, mußten sie unbedingt und auf alle Fälle in die Hände der Utahs fallen. Der Häuptlinge wegen mußte so schnell wie möglich aufgebrochen werden, um dieselben zu befreien. Darum sollten alle nötigen Vorbereitungen getroffen werden, um beim Grauen des Tages den Verfolgungsritt antreten zu können.

Jetzt zog Winnetou sich langsam und vorsichtig zurück. In der Nähe des Versteckes angekommen, sah er mehrere Pferde stehen. Diese Tiere waren während des Kampfes scheu geworden und hatten sich von den andern getrennt; es waren ihrer fünf. Da fiel dem Apachen ein, daß die Gefangenen doch transportiert werden müßten, drei Häuptlinge und ein Krieger. Dazu waren vier Pferde nötig. Kein Mensch befand sich in der Nähe. Die Tiere scheuten vor ihm nicht, weil er ein Indianer war. Er nahm eins derselben am Halfter und führte es nach dem Verstecke. Dort saß Old Firehand hinter dem Vorhange und nahm es in Empfang. Auf diese Weise wurden noch drei andre hineingeschafft; sie schnaubten zwar ein wenig, wurden aber von Winnetou sehr bald beruhigt.

Im Innern des Versteckes wurde niemand die Zeit lang. Es gab so viel zu erzählen, zu hören und – zu lauschen. Der Hobble-Frank hatte sich, natürlich in völliger Dunkelheit, an der Seite seines Freundes und Vetters niedergelassen. Früher war er nicht von dem dicken Jemmy gewichen und trotz aller scheinbaren Zerwürfnisse mit ihm stets ein Herz und eine Seele gewesen; seit er aber den Altenburger gefunden hatte, war das anders geworden. Droll wollte nicht gelehrt sein und ließ den Kleinen sprechen, ohne ihn jemals zu verbessern; das band den Hobble mit mächtiger Gewalt an ihn. Übrigens dachte Droll, der erfahrene Westmann, nicht etwa gering von dem Kleinen; er schätzte im Gegenteile dessen gute Eigenschaften in vollem Maße und freute sich auch jetzt aufrichtig über seine Heldenthat. Denn daß Frank erst den Häuptling und dann auch den andern Indianer niedergeschlagen hatte, war kein Werk etwa der Tolldreistigkeit, sondern der Überlegung und Geistesgegenwart. Diese That fand allgemeine Anerkennung, und alle hatten sich lobend ausgesprochen, nur einer noch nicht, nämlich der Lord. Jetzt aber holte er das Versäumte nach. Er saß an der andern Seite des Kleinen und fragte diesen: „Frank, wollen wir wetten?“

„Ich wette nich,“ antwortete der Gefragte.

„Warum nicht?“

„Ich habe keen Geld dazu.“

„Ich borge es Ihnen.“

„Borgen macht Sorgen, sagen wir in Sachsen. Übrigens is es nich etwa christlich und kontributär-sozial, eenem armen Menschen Geld zu borgen, um es ihm durchs Wetten wieder abzuluxen. Da kommen Sie bei mir schief an die Ecke. Ich behalte mein Geld, ooch wenn ich keens habe.“

„Aber Sie würden vielleicht gewinnen!“

„Fällt mir gar nich ein! Durchs Wetten mag ich nich reich werden. Es ruht kein Segen drauf. Ich habe meine prinzipiellen Grund- und Gegensätze, in denen ich mich nun eenmal nich irre machen lasse.“

„Das ist schade. Ich wollte dieses Mal mit aller Absicht verlieren, als eine Art Belohnung für Ihre Heldenthat.“

„Een jedes Heldentum belohnt sich in seinem Innern ganz von selbst. Man trägt die accusative Anerkennung in seinen eegenen und heiligsten Herzenslokalitäten mit sich herum. Dem Verdienste seine Krone, und den andern nich die Bohne! Übrigens is es doch wohl een wenigstens multiplizierter Gebrauch, Fürschten und Helden durch eene Wette zu belohnen. Wer geben will, der mag doch geben, und zwar nich indirekt durch eine falsche Wette, sondern gleich direkt mit der Hand in den Mund. Das is in allen höheren Kulturschtaaten so Sitte, und darum wird’s auch im Umkreise meiner Persönlichkeet nich andersch eingeführt.“

„So würden Sie es mir also nicht übelnehmen, wenn ich Ihnen ein Geschenk machte?“

„Sogar sehr! Schenken läßt sich der Hobble-Frank nischt; dazu hat er eene viel zu majestätische Ambition; aber een Andenken, so was der gewissenhafte Franzose een Subenir und Kataplasma nennt, das darf man mir schon reichen, ohne befürchten zu müssen, die Lyrasaiten meines Gemütes in mißgestimmte Nebenklänge zu komponieren.“

„Nun, dann haben Sie – ein Andenken also. Ich hoffe, daß Sie sich darüber freuen. Ich habe zwei und kann also eins entbehren.“

Er schob ihm eins seiner Prachtgewehre in die Hände. Frank aber schob es ihm zurück und sagte: „Hörnse, Mylord, Schpaß beiseite! Greifen Sie mich nich off demjenigen Punkte an, wo ich verderblich werden kann! Ich lächle gern und innig, aber ich kann ooch Kanonengesichter schneiden, wenn man meiner unbewachten Interferenz zu nahe tritt. Een kleener Scherz is gut und ooch für die Gesundheet leicht verdaulich; aber an der Nase zupfen, das kann ich mir nich gefallen lassen und laß ich mir nich gefallen; da denk‘ ich viel zu hoch und diagonal von mir!“

„Aber ich scherze ja nicht; es ist mein völliger Ernst!“

„Was? Sie wollen dieses Gewehr wirklich aus Ihrem Besitztum entlassen?“

„Ja,“ entgegnete der Engländer.

„Und mir als bona immobilia schenken?“

„So ist es.“

„Dann her damit, nur rasch her damit, ehe die Reue kommt! Der Wahn is kurz wie Jemmy, aber die Reue lang wie Davy, singt Freiligrath. Dieses Gewehr mein Eegentum, mein unumschtößliches und konzentrirtes Eegentum. Das is ja grad, als ob heut‘ Christbescherung wär‘! Ich bin ganz außer mir vor Freede! Ich bin ganz komplexiert und überwältigt! Mylord, brauchen Sie mal eenen guten Freund, der für Sie durch dick und dünne geht, so pfeifen Sie mir nur; ich werde sofort apräsang sein! Wie bedanke ich mich nur? Wollen Sie eenen freundlichen Händedruck, eenen lukrativen Kuß oder eene interimistische Umarmung vor der ganzen Welt?“

„Ein Händedruck genügt.“

„Gut! Tü lah wolüh, Anton. Hier is meine Hand. Drücken Sie sie; immer drücken Sie sie, solange es Ihnen Freede und Vergnügen macht. Ich schtelle sie Ihnen von jetzt an täglich zur Verfügung, so oft ich sie nich selber brauche, denn Dankbarkeet is eene Zier, und finden thut man sie bei mir. Droll, Vetter aus Altenburg, hast du gehört, was mir das Glück dieses Tages in aller Hochachtung beschieden hat?“

„Ja,“ antwortete der Altenburger. „Wennste een andrer wärst, so thät‘ ich dich beneide, weilste aber mein Freund und Vetter bist, gönn‘ ich dersch aus Herzegrund. Ich gratuliere!“

„Danke, wünsch‘ gleichfalls! Hurrje, wird’s von jetzt an an een Schießen gehen! Mit diesem Gewehre fordre ich mein Jahrtausend in die Schranken, ohne Advokat und Protokoll. Hier, Mylord, is meine Hand noch eenmal; drücken Sie; drücken Sie nur immer zu; ich will mirsch gern gefallen lassen. Ihr Engländer seid doch schtets prächtige Kerle; das konschtatiere ich, wenn’s verlangt wird, sehr gern mit meiner eegenhändigen Namensunterschrift. Zählen Sie mich von heute an zu Ihren intimsten Haus- und Familienfreunden. Sobald ich mal nach London offs Newskij-Prospekt komme, besuche ich Sie. Sie brauchen sich nich zu schenieren; ich bin die reene Bescheidenheet und nehme mit allem fürlieb.“

Er war über das Geschenk unendlich glücklich und erging sich darum noch weiter in Redensarten, durch welche die andern sich höchst belustigt fühlten. Ein Glück, daß es so dunkel war und er also die Gesichter der Gefährten nicht erkennen konnte.

Da für den andern Tag bedeutende Anstrengungen zu erwarten waren, so wurden Wachen ausgelost, und dann versuchte man, zu schlafen, was aber lange nicht gelingen wollte. Man schlief erst nach Mitternacht ein, wurde aber schon beim Grauen des Morgens wieder munter, da der Abzug der Indianer unter bedeutendem Lärm vor sich ging.

Als es dann draußen ruhig geworden war, schlüpfte der Apache hinaus, um zu sehen, ob man das Versteck verlassen könne. Als er zurückkehrte, brachte er einen befriedigenden Bescheid. Es war kein einziger Utah mehr im Thale. Man konnte also das Versteck verlassen, welches zwar Raum genug geboten hatte, aber wegen der Anwesenheit der Pferde unbequem gewesen war. Zunächst wurde der Sicherheit wegen der Ein- und Ausgang des Thales mit je einem Posten besetzt und dann das letztere selbst genauer untersucht. Man fand ein Massengrab, welches einfach aus einem über den Leichen errichteten Steinhaufen bestand. Auch gab es einige tote Pferde, welche von irregegangenen Kugeln getroffen worden waren. Die Roten hatten sie unbenutzt liegen lassen; die Weißen waren klüger. Der Weg nach dem Silbersee führte, wenn man den Utahs ausweichen wollte, durch wüste Gegenden, die alles pflanzlichen und also auch animalischen Lebens entbehren. Es war da nicht leicht, hinreichend Nahrung zu finden. Da kamen die Pferde sehr gelegen. Der Westmann ist nicht wählerisch; er sättigt sich auch mit Pferdefleisch, wenn er nichts andres und besseres hat. Wird ihm doch, wenn er Gast der Indianer ist, sehr oft gemästeter Hund als Festbraten vorgesetzt! Man nahm also die besten Stücke, verteilte sie und brannte einige Feuer an, an denen sich jeder seinen Anteil braten konnte, um ihn zu konservieren.

Das war kein Zeitverlust, da man den Roten nicht sofort folgen durfte. Auch war es besser, jetzt für fertige Portionen zu sorgen, als später die dann kostbar gewordene Zeit damit zu verschwenden. Daß die Pferde trinken und grasen durften, um sich für den heutigen Ritt zu stärken, versteht sich ganz von selbst.

Nach der Entfernung der Utahs waren den Gefangenen die Knebel abgenommen worden. Sie konnten also wieder frei Atem holen und sprechen. Die „gelbe Sonne“ war die erste, welcher von diesem letzteren Umstande Gebrauch machte. Er hatte lange still dagelegen, das Treiben der Weißen beobachtet und jeden einzelnen genau und mit finstern Blicken betrachtet. Jetzt wendete er sich an Old Shatterhand: „Welcher von euch ist es, der mich niedergeschlagen hat? Wie könnt ihr es wagen, uns gefangen zu nehmen und zu binden, da wir euch nichts gethan haben!“

„Weißt du, wer wir sind?“ fragte der Jäger entgegen.

„Ich kenne Winnetou, den Apachen, und weiß, daß Old Shatterhand und Firehand sich bei ihm befinden.“

„Ich bin Shatterhand, und mein Arm war es, der dich zu Boden schlug.“

„Warum?“

„Um dich unschädlich zu machen.“

„Willst du behaupten, daß ich dir schaden wollte?“

„Ja.“

„Das ist eine Lüge!“

„Gib dir keine Mühe, mich zu täuschen! Ich weiß alles. Wir sollten hier getötet werden, obgleich wir mit den Utahs die Pfeife des Friedens geraucht haben. Die Yampas haben euch gestern Boten geschickt und sind dann selbst gekommen. Jede Unwahrheit, welche du sagst, ist umsonst gesprochen. Wir wissen, woran wir sind, und glauben euch kein Wort.“

Der Häuptling wendete das Gesicht ab und schwieg. An seiner Stelle ergriff der einfache Krieger, welchen der Hobble-Frank an dem Verstecke niedergeschlagen hatte, das Wort: „Die Bleichgesichter sind jetzt Feinde der Utahs?“

„Wir sind Freunde aller roten Männer; aber wir wehren uns, wenn wir von ihnen feindlich behandelt werden.“

„Die Utahs haben die Kriegsbeile gegen die Bleichgesichter ausgegraben. Ihr seid berühmte Krieger und fürchtet sie nicht. Weißt du aber, daß die Navajoes ausgezogen sind, den Bleichgesichtern zu helfen?“

„Ja.“

„Die Navajoes sind Apachen, und der berühmteste Häuptling dieses Volkes, Winnetou, ist euer Freund und Gefährte; er befindet sich bei euch. Ich sehe ihn dort bei seinem Pferde stehen. Warum schlagt ihr einen Krieger der Navajoes nieder und bindet ihm die Arme und die Beine?“

„Meinst du dich selbst?“

„Ja. Ich bin ein Navajo.“

„Warum hast du dich dann nicht mit den Farben deines Stammes bemalt?“

„Um mich zu rächen.“

„Und worum ließest du dich hier noch treffen, als die Deinen schon gewichen waren?“

„Eben wegen meiner Rache. Mein Bruder kämpfte an meiner Seite und wurde von einem Häuptling dieser Hunde erschlagen. Ich brachte seinen Körper in Sicherheit, damit die Utahs ihm nicht die Skalplocke nehmen könnten, und kehrte dann, obgleich meine Krieger schon gewichen waren, zurück, um seinen Tod zu rächen. Ich schlich an den Feinden vorüber, ohne von ihnen gesehen zu werden. Ein Häuptling hatte meinen Bruder erschlagen; ein Häuptling sollte mir dafür seinen Skalp geben. Ich, wußte, daß ein solcher im Thale zurückgeblieben war, und wollte ihn suchen. Da sah ich zwei Männer in meinem Wege, einen toten und einen lebendigen. Dieser letztere sah auch mich; ich war verrathen und wollte ihn erschießen; er war schneller als ich und schlug mich nieder. Als ich erwachte, lag ich in Finsternis und war gefangen. Rufe Winnetou! Er kennt mich nicht; aber wenn ich mit ihm sprechen darf, werde ich beweisen können, daß ich kein Utah, sondern ein Najavo bin. Als ich den Bruder den Gefährten übergeben hatte, entfernte ich die Kriegsfarben aus meinem Gesichte, um von den Utahs nicht sogleich als Feind erkannt zu werden.“

„Ich glaube dir; du bist ein Navajo und sollst frei sein.“

Da fuhr die „gelbe Sonne“ auf: „Er ist ein Utah, einer meiner Krieger, ein Feigling, der sich durch eine Lüge retten will!“

„Schweig!“ gebot Old Shatterhand. „Wäre es wirklich ein Gefährte von dir, so würdest du ihn nicht verraten. Daß du ihn verderben willst, beweist, daß er die Wahrheit gesprochen hat. Du bist ein Häuptling, aber deine Seele ist diejenige eines gemeinen Feiglings, den man verachten muß!“

„Beleidige mich nicht!“ brauste der andre auf. „Ich habe die Macht, euch alle zu verderben. Nimmst du uns die Bande ab, so soll euch verziehen werden. Thust du es aber nicht, so werdet ihr von tausend unbeschreiblichen Qualen erwartet!“

„Ich verlache deine Drohung; du befindest dich in unsrer Gewalt, und wir werden mit dir thun, was uns beliebt. Je ruhiger du dich in deine Lage fügst, desto erträglicher wird sie sein. Wir sind Christen und erfreuen uns nicht daran, unsern Feinden Schmerzen zu bereiten.“

Indem er dies sagte, befreite er den Navajo, welcher ein noch junger Mann war, von seinen Fesseln. Dieser sprang auf, reckte und dehnte seine Glieder und bat: „Gib diese Hunde in meine Hand, damit ich mir ihre Skalpe nehmen kann! Je milder du mit ihnen bist, desto mehr werden sie dich betrügen.“

„Du hast keinen Teil an ihnen,“ antwortete Old Shatterhand „Du wirst vielleicht mit uns ziehen; aber wenn du es wagst, sie auch nur mit dem Finger zu berühren, würde ich dich mit meinen eigenen Händen töten, Nur wenn wir sie leben lassen, können sie uns Nutzen bringen; ihr Tod aber würde uns schaden.“

„Was könnte das für ein Nutzen sein?“ fragte der Rote verächtlich. „Diese Hunde sind zu nichts gut.“

„Darüber habe ich dir keine Erklärung zu geben. Willst du sicher zu den Deinen gelangen, so hast du dich nach unserm Willen zu richten.“

Man sah es dem Gesichte des Navajo an, daß er nur ungern auf die Erfüllung seines Wunsches verzichtete, aber er mußte sich fügen. Um ihm einigermaßen zu Willen zu sein, übergab Old Shatterhand ihm die Bewachung der gefallenen Utahs und versprach ihm den Skalp desjenigen von ihnen, der es wagen würde, einen Fluchtversuch zu unternehmen. Das beruhigte den Mann und war zugleich ein kluges Arrangement, da es jedenfalls keinen aufmerksameren und unermüdlicheren Aufseher geben konnte als ihn, der so lüstern nach den Kopfhäuten der Gefangenen war.

Nun galt es vor allen Dingen noch, die ermordeten Weißen zu besichtigen. Sie boten einen Anblick dar, dessen Beschreibung am besten unterlassen bleibt. Sie waren unter großen Qualen gestorben. Die Männer, welche bei den Leichen standen, hatten schon viel gesehen und erfahren; aber sie konnten sich eines Schauders nicht erwehren, als sie die zerstochenen Körper und verunstalteten Gliedmaßen der Toten erblickten. Die Tramps hatten geerntet, was und wie von ihnen gesäet worden war. Am schlimmsten war es dem Cornel ergangen. Er hing verkehrt am Marterpfahle, mit dem Kopf nach unten. Er war, ganz wie seine Gefährten, von allen Kleidern entblößt; die Roten hatten die Anzüge unter sich verteilt, und es war nicht das kleinste Stück derselben zu sehen.

„Jammerschade!“ sagte Old Firehand. „Hätten wir doch eher kommen können, um die Ermordung dieser Leute zu verhindern!“

„Pshaw!“ antwortete der alte Blenter. „Habt Ihr etwa auch noch Mitleid mit diesen Kerls? Und wenn wir zur rechten Zeit gekommen und es euch gelungen wäre, ihnen das Leben zu retten, der Cornel hätte doch sterben müssen. Mein Messer hätte auf alle Fälle ein Wort mit ihm gesprochen.“

„So war es nicht gemeint, denn ihren Tod bedauere ich nicht, wenn ich auch wünsche, daß derselbe ein weniger grausamer hätte sein mögen. Aber das Papier, das Papier, die Zeichnung, welche der Cornel bei sich trug! Die wollte ich haben; die brauchten wir! Und nun ist sie fort; jedenfalls verloren.“

„Vielleicht finden wir sie. Jedenfalls geraten wir noch mit den Utahs zusammen, und dann wird es wohl auf irgend eine Art zu ermöglichen sein, in den Besitz des Anzuges zu gelangen, den wir dann untersuchen werden.“

„Schwerlich! Wir kennen ja die Kleidungsstücke nicht, welche er zuletzt getragen hat; sie sind wohl nicht beisammen geblieben, sondern unter mehrere Rote verteilt worden. Wie will man sie wieder zusammenbringen? Die Zeichnung ist verloren, und jener alte Häuptling Ikhatschi-tabli, von welchem Engel sie erhalten hat, ist tot; ein zweites Exemplar ist ja nicht mehr zu bekommen.“

„Ihr vergeßt,“ fiel Watson, der frühere Schichtmeister in Sheridan, ein, „daß dieser Häuptling einen Sohn und auch einen Enkel hatte, welche zwar nicht anwesend waren, aber doch eigentlich bei ihm am Silbersee wohnten. Sie werden, wie sich ganz von selbst versteht, das Geheimnis kennen und sind gewiß, ob im Guten oder im Bösen, das ist gleich, dazu zu bringen, es uns mitzuteilen.“

„Ein Indianer läßt sich zu so etwas nicht zwingen, besonders wenn es sich um Gold und Silber handelt; er stirbt lieber, als daß er dem verhaßten Weißen zum Reichtum verhilft.“

„Es fragt sich, ob er uns zu den Verhaßten zählt. Die beiden „Bären“ sind vielleicht den Weißen freundlich gesinnt.“

„Die „beiden Bären?“ fragte Old Firehand. „Hießen sie so?“

„Ja doch! Der „große“ und der „kleine Bär“.“

„Alle Wetter! Wie konnte mir das entgehen! Jawohl, es fällt mir ein, daß das ihre Namen waren. Wie ist es nur möglich, daß ich nicht sofort an die beiden Tonkawa gedacht habe, welche sich mit uns auf dem Dampfer befanden! Nintropan-Hauey und Nintropan-Homosch, der „große Bär“ und der „kleine Bär“, so hießen sie doch!“

„Die zwei Nintropan wohnen droben am Silbersee,“ bestätigte jetzt Winnetou. „Ich kenne sie; sie sind meine Freunde und waren den Bleichgesichtern stets gewogen.“

„Wirklich? Das ist gut, sehr gut; denn da ist alle Hoffnung vorhanden, daß sie uns die gewünschte Auskunft geben werden. Leider gibt es jetzt Kampf dort oben, und die Utahs befinden sich zwischen uns und dem See. Wir werden wohl nicht hindurchkommen.“

„Wir brauchen nicht hindurch, nicht an den Utahs vorüber; denn ich kenne einen Weg, welchen noch kein Weißer und noch kein Utah betreten hat. Er ist zwar sehr beschwerlich, aber wenn wir bald aufbrechen, werden wir noch vor ihnen und sogar schon vor den Navajoes oben sein.“

„So wollen wir uns beeilen. Wir haben hier nichts mehr zu thun, als diese Weißen zu begraben, die wir doch nicht hängen lassen können. Das ist bald geschehen, wenn wir sie nebeneinander legen und mit Steinen bedecken. Dann machen wir uns sofort auf den Weg. Ich hoffe das beste, zumal wir so viele Geiseln haben und wir also die Utahs wohl zwingen können, auf friedliche Vorschläge einzugehen.“

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Neuntes Kapitel

List und Gegenlist.

Sheridan war in der Zeit, in der unsre Erzählung spielt, weder Stadt noch Ort, sondern nichts als eine ambulante Niederlassung der Bahnarbeiter. Es gab da eine Menge von Stein-, Erd- und Blockhütten, höchst primitive Bauwerke, über deren Thüren aber zuweilen die stolzesten Inschriften prangten. Man sah da Hotels und Salons, in denen in Deutschland nicht der geringste Handwerker hätte wohnen mögen. Auch gab es einige allerliebste hölzerne Wohnungen, deren Konstruktion eine solche war, daß sie zu jeder Zeit abgebrochen und an einem andern Orte wieder zusammengesetzt werden konnten. Das größte dieser Gebäude stand auf einer Anhöhe und trug die weithin sichtbare Firma: „Charles Charoy, Ingenieur.“ Dorthin ritten die beiden; sie stiegen an der Thür ab, neben welcher ein indianisch gesatteltes und aufgezäumtes Pferd angebunden war.

„Uff!“ meinte Winnetou, als er dasselbe mit leuchtendem Blicke betrachtete. „Dieses Roß ist wert, einen guten Reiter zu tragen. Es gehört gewiß dem Bleichgesichte, welches an uns vorüberkam.“

Sie stiegen ab und banden ihre Pferde ebenfalls an. Es war kein Mensch in der Nähe, und als sie die Niederlassung überblickten, sahen sie der frühen Stunde wegen nur drei oder vier Personen, welche gähnend nach dem Wetter ausschauten. Aber die Thür stand offen, und sie traten ein. Ein junger Neger kam ihnen entgegen und fragte nach ihrem Begehr. Noch ehe sie zu antworten vermochten, wurde zur Seite eine Thür geöffnet, und unter derselben erschien ein noch junger Weißer, welcher den Apachen mit freundlich erstaunten Augen betrachtete. Es war der Ingenieur. Sein Name, sein bräunlicher Teint und das dunkellockige Haar ließen vermuten, daß er der Abkömmling einer südstaatlichen, ursprünglich französischen Familie sei.

„Wen sucht ihr hier so früh, Mesch’schurs?“ fragte er, indem er dem Roten eine sehr achtungsvolle Verbeugung machte.

„Wir suchen den Ingenieur Mr. Charoy,“ antwortete dieser in geläufigem Englisch, wobei er sogar den französischen Namen ganz richtig aussprach.

„Well, der bin ich. Habt die Güte, einzutreten!“

Er zog sich in das Zimmer zurück, so daß die beiden ihm folgen konnten. Der Raum war klein und einfach ausgestattet. Die auf den Möbeln liegenden Schreibrequisiten ließen vermuten, daß es das Bureau des Ingenieurs sei. Dieser schob den Ankömmlingen zwei Stühle hin und wartete dann mit sichtlicher Spannung auf das, was sie ihm zu sagen hatten. Der Yankee setzte sich sofort nieder; der Indianer blieb noch höflich stehen, neigte wie grüßend den schönen Kopf und begann:

„Sir, ich bin Winnetou, der Häuptling der Apachen – “

„Weiß es schon, weiß es schon!“ fiel der Ingenieur schnell ein.

„Du weißt es schon, Sir?“ fragte der Rote. „So hast du mich bereits gesehen?“

„Nein; aber es ist einer da, welcher dich kennt und euch durch das Fenster kommen sah. Ich bin außerordentlich erfreut, den berühmten Winnetou kennen zu lernen. Setze dich, und sage, was dich zu mir führt; dann werde ich dich bitten, mein Gast zu sein.“

Der Indianer setzte sich auf den Stuhl und antwortete: „Kennst du ein Bleichgesicht, welches unten in Kinsley wohnt und Bent Norton heißt?“

„Ja, sehr gut. Dieser Mann ist einer meiner besten Freunde,“ antwortete der Gefragte.

„Und kennst du auch das Bleichgesicht Haller, seinen Schreiber?“

„Nein. Seit mein Freund in Kinsley wohnt, habe ich ihn noch nicht besucht.“

„Dieser Schreiber wird heute mit noch einem Weißen zu dir kommen, um dir ein Empfehlungsschreiben von Norton zu übergeben. Du sollst den einen in deinem Bureau anstellen und auch dem andern Arbeit geben. Aber wenn du das thust, wirst du dich in große Gefahr begeben.“

„In welche Gefahr?“

„Das weiß ich noch nicht. Die beiden Bleichgesichter sind Mörder. Wenn du ein kluger Mann bist, werden wir, sobald sie mit dir gesprochen haben, erraten, welche Absicht sie verfolgen.“

„Etwa mich morden?“ lächelte Charoy ungläubig.

„Vielleicht!“ nickte Winnetou ernst. „Und nicht nur dich, sondern auch noch andre. Ich halte sie für Tramps.“

„Für Tramps?“ fragte der Ingenieur schnell. „Ach, das ist etwas andres. Ich habe soeben erfahren, daß eine Horde von Tramps nach dem Eeagle-tail und nach hier will, um uns zu berauben. Diese Kerle haben es auf unsre Kasse abgesehen.“

„Von wem hast du das erfahren?“

„Von – – nun, es ist wohl am besten, daß ich den Mann nicht nenne, sondern ihn dir gleich zeige.“

Sein Gesicht glänzte vor Vergnügen, dem Roten eine freudige Überaschung bereiten zu können. Er öffnete die Thür zum Nebenzimmer, aus welchem Old Firehand trat. Wenn der Ingenieur geglaubt hatte, daß der Rote in Worte des Entzückens ausbrechen werde, so war er mit den Gewohnheiten der Indianer nicht vertraut. Kein roter Krieger wird seiner Freude oder seinem Schmerze in Gegenwart andrer einen auffälligen Ausdruck verleihen. Zwar glänzten die Augen des Apachen, sonst aber blieb er ruhig; er trat auf den Jäger zu und streckte ihm die Hand entgegen. Dieser zog ihn an seine breite Brust, küßte ihn auf beide Wangen und sagte im Tone freudiger Rührung: „Mein Freund, mein lieber, lieber Bruder! Wie überrascht und entzückt war ich, als ich dich kommen und vom Pferde steigen sah! Wie lange haben wir uns nicht gesehen!“

„Ich sah dich heut beim Tagesgrauen,“ antwortete der Indianer, „als du im Nebelmeere jenseit des Flusses an uns vorüberjagtest.“

„Und hast mich nicht angerufen!“

„Der Nebel umhüllte dich, so daß ich dich nicht genau erkennen konnte, und wie der Sturm der Ebene warst du vorüber.“

„Ich mußte schnell reiten, um eher anzukommen, als die Tramps. Auch mußte ich diesen Ritt selbst unternehmen, weil die Sache so wichtig ist, daß ich sie keinem andern anvertrauen mochte. Es sind über zweihundert Tramps im Anzuge.“

„Dann habe ich mich nicht getäuscht. Die Mörder sind die Kundschafter, welche ihnen vorangehen.“

„Darf ich erfahren, welche Bewandtnis es mit diesen Leuten hat?“

„Der Häuptling der Apachen ist nicht ein Mann der Zunge, sondern der That. Hier aber steht ein Bleichgesicht, welches euch alles genau erzählen wird.“

Er deutete auf Hartley, welcher sich beim Eintritte Old Firehands vom Stuhle erhoben hatte und den gewaltigen Mann noch jetzt mit Staunen betrachtete. Ja, das waren Recken, dieser Old Firehand und dieser Winnetou! Der Yankee kam sich so klein und armselig vor, und den Ingenieur mochte ein ähnliches Gefühl beschleichen; wenigstens ließ sein Gesicht und seine achtungsvolle Haltung dies vermuten.

Hartley erzählte, als alle sich wieder gesetzt hatten, seine gestrigen Erlebnisse. Als er zu Ende war, berichtete Old Firehand, wenn auch möglichst kurz, sein Zusammentreffen mit dem roten Cornel auf dem Steamer, bei den Rafters und zuletzt auf Butlers Farm. Dann ließ er sich den Anführer der drei beschreiben, denjenigen, welcher den Schreiber niedergeschossen und sich dann von den beiden andern getrennt hatte. Als es dem Yankee gelungen war, ein möglichst genaues Bild dieser Person zu liefern, sagte der Jäger: „Ich wette, das es der Cornel war. Er hat sich die Haare dunkel gefärbt. Hoffentlich läuft er mir endlich in die Hände!“

„Dann sollen ihm solche Streiche wohl vergehen!“ zürnte her Ingenieur. „Über zweihundert Tramps! Welch ein Morden, Sengen und Brennen wäre das gewesen! Mesch’schurs, ihr seid unsre Retter, und ich weiß nicht, wie ich euch danken soll! Dieser Cornel muß es auf irgend eine Weise erfahren haben, daß ich die Gelder für eine lange Strecke beziehe und sie dann unter meine Kollegen zur Auszahlung zu verteilen habe. Nun ich gewarnt bin, mag er mit seinen Tramps kommen; wir werden gerüstet sein.“

„Dünkt Euch nicht allzu sicher.“ warnte Old Firehand. „Zweihundert desperate Kerle haben immer etwas zu bedeuten!“

„Mag sein; aber ich kann in einigen Stunden tausend Bahnarbeiter beisammen haben.“

„Die gut bewaffnet sind?“

„Jeder hat irgend eine Schießwaffe. Schließlich thun es die Messer, die Spaten und Schaufeln auch.“

„Spaten und Schaufeln gegen zweihundert Flinten? Das würde ein Blutvergießen ergeben, welches ich nicht zu verantworten haben möchte.“

„Nun so bekomme ich von Fort Wallace recht gern bis an die hundert Soldaten geschickt.“

„Euer Mut ist lobenswert, Sir; aber List ist da stets besser als Gewalt. Wenn ich den Feind durch List unschädlich machen kann, warum soll ich da so viele Menschenleben opfern?“

„Welche List meint Ihr, Sir? Ich will ja gern thun, was Ihr mir ratet. Ihr seid ein ganz andrer Kerl, als ich bin, und wenn Ihr zufrieden seid, so bin ich sofort bereit, Euch das Kommando über diesen Platz und meine Leute abzutreten.“

„Nicht so schnell, Sir! Wir müssen überlegen. Zunächst dürfen die Tramps nicht ahnen, daß Ihr gewarnt seid. Sie dürfen also nicht wissen, daß wir uns hier befinden. Auch unsre Pferde dürfen sie nicht sehen. Gibt es kein Versteck für die Tiere?“

„Die kann ich gleich verschwinden lassen, Sir.“

„Aber so, daß wir sie leicht zur Hand haben?“

„Ja, glücklicherweise seid Ihr so zeitig am Tage gekommen, daß Ihr von den Arbeitern nicht gesehen wurdet. Von ihnen könnten es die Kundschafter erfahren. Mein Neger, welcher treu und verschwiegen ist, wird die Pferde verstecken und versorgen.“

„Gut, gebt ihm den Befehl dazu! Und Ihr selbst müßt Euch dieses Master Hartley annehmen. Gebt ihm ein Bett, daß er sich niederlegen kann. Aber kein Mensch darf von seiner Anwesenheit etwas wissen, kein Mensch außer Euch, dem Neger und dem Arzte; denn ein Doktor ist doch wohl vorhanden?“

„Jawohl. Ich werde ihn sofort kommen lassen.“

Er entfernte sich mit dem Yankee, welcher ihm recht gern folgte, da er sich nun sehr ermüdet fühlte. Als der Ingenieur nach einiger Zeit zurückkehrte, um zu sagen, daß sowohl der Verwundete als auch die Pferde gut versorgt seien, meinte Old Firehand: „Ich wollte alle Beratung in Gegenwart dieses Arzneischwindlers vermeiden, denn ich traue ihm nicht. Es gibt in seiner Erzählung einen dunklen Punkt. Ich bin überzeugt, daß er den armen Schreiber mit Absicht in den Tod geschickt hat, um sich selbst zu retten. Mit solchen Menschen mag ich nichts zu thun haben. Jetzt sind wir unter uns und wissen genau, daß jeder sich auf den andern verlassen kann.“

„So wollt Ihr uns wohl einen Plan mitteilen?“ fragte der Ingenieur wißbegierig.

„Nein. Einen Plan können wir erst dann entwerfen, wenn wir denjenigen der Tramps kennen gelernt haben, und das wird nicht eher der Fall sein, als bis die Kundschafter hier eingetroffen sind und mit Euch gesprochen haben.“

„Das ist richtig. Wir müssen uns also einstweilen in Geduld fassen.“

Da hob Winnetou die Hand zum Zeichen, daß er einer andern Ansicht sei und sagte: „Jeder Krieger kann auf zweierlei Weise kämpfen; er kann angreifen oder sich verteidigen. Wenn Winnetou nicht weiß, wie und ob er sich verteidigen kann, so greift er lieber an. Das ist schneller, sicherer und auch tapferer.“

„So will mein roter Bruder vom Plane der Tramps gar nichts wissen?“ fragte Old Firehand.

„Er wird ihn jedenfalls erfahren; aber warum soll der Häuptling der Apachen sich zwingen lassen, nach ihrem Plane zu handeln, wenn es ihm leicht ist, sie zu zwingen, sich nach dem seinigen zu richten?“

„Ach, du hast also bereits einen Plan?“

„Ja. Er ist mir während des Rittes in dieser Nacht gekommen und hat sich vervollständigt, als ich hörte, was die Tramps vorher gethan haben. Diese Geschöpfe sind keine Krieger, mit denen man ehrenvoll kämpfen kann, sondern räudige Hunde, welche man mit Stöcken erschlagen muß. Warum soll ich warten, bis so ein Hund mich beißt, wenn ich ihn vorher mit einem Hiebe töten oder in einer Falle erwürgen kann!“

„Kennst du eine solche Falle für die Tramps?“

„Ich kenne eine, und wir werden sie bauen. Diese Coyoten kommen, um die Kasse zu berauben. Ist die Kasse hier, so kommen sie hierher; ist sie anderwo, so gehen sie dorthin, und befindet sie sich im Feuerwagen, so werden sie denselben besteigen und in das Verderben fahren, ohne den Leuten, welche hier wohnen, das Geringste gethan zu haben.“

„Ah, ich beginne zu begreifen!“ rief Old Firehand. „Welch ein Plan! Den kann freilich nur ein Winnetou ersinnen! Du meinst, daß wir die Kerle in den Zug locken sollen?“

„Ja. Winnetou versteht nichts von dem Feuerrosse und wie es gelenkt wird. Er hat den Gedanken gegeben, und seine weißen Brüder mögen über denselben nachdenken.“

„In einen Bahnzug locken? „fragte der Ingenieur. „Aber wozu denn? Wir können sie doch hier erwarten und vernichten, hier im Freien!“

„Wobei aber viele von und sterben müßten!“ entgegnete Old Firehand.

„Besteigen sie aber den Zug, so können wir sie an einen Ort bringen, an welchem sie sich ergeben müssen, ohne uns schaden zu können.“

„Es wird ihnen nicht einfallen, einzusteigen.“

„Sie steigen ein, wenn wir sie durch die Kasse hineinlocken.“

„So soll ich die Kasse in den Zug thun?“

Das war eine Frage, welche man dem geistreich blickenden Ingenieur nicht zugetraut hätte. Winnetou machte eine geringschätzende Handbewegung, doch Old Firehand antwortete: „Wer mutet Euch das zu? Die Tramps müssen nur überzeugt sein, daß sich Geld in dem Zuge befindet. Ihr stellt den Kundschafter als Schreiber an und stellt Euch so, als ob Ihr ihm großes Vertrauen schenktet. Ihr teilt ihm mit, daß hier ein Zug hält, in welchem sich eine große Menge Geldes befindet. Da kommen sie sicher, und alle drängen sich in die Wagen. Sind sie drin, dann geht es fort mit ihnen.“

„Das klingt allerdings nicht übel, Sir, ist aber nicht so leicht, wie Ihr denkt.“

„So? Welche Schwierigkeiten könnte es haben? Steht Euch kein Zug zu diesem Zwecke zur Verfügung?“

„O, so viele Wagen, wie Ihr wollt! Und die Verantwortlichkeit wollte ich auch sehr gern übernehmen, wenn ich nur so leidlich an das Gelingen glauben könnte. Aber es gibt da noch ganz andre Fragen. Wer soll den Zug leiten? Es ist gewiß, daß der Maschinist und der Feuermann von den Tramps erschossen werden.“

„Pshaw! Ein Maschinist wird sich wohl finden, und den Feuermann mache ich. Ich glaube, wenn ich mich dazu erbiete, so beweise ich dadurch, daß keine Gefahr dabei vorhanden ist. Wir werden das Nähere noch besprechen; die Hauptsache ist, daß wir nicht allzu lange zu warten brauchen. Ich vermute, daß die Tramps heute am Eagle-tail ankommen werden, denn dorthin wollen sie zunächst. Also können wir den Streich auf morgen Nacht feststellen. Sodann ist es nötig, einen Ort zu bestimmen, wohin wir die Kerle fahren. Den werden wir uns noch während des Vormittages suchen, weil wohl schon nachmittags die Kundschafter kommen. Habt Ihr eine Bahndraisine, Sir?“

„Natürlich.“

„Nun, so fahren wir beide miteinander. Winnetou kann nicht mit, er muß versteckt bleiben, weil seine Anwesenheit unsre Absicht verraten könnte. Auch mir darf man es nicht ansehen, daß ich Old Firehand bin; das habe ich vorhergesehen und mir darum den alten Leinenanzug mitgebracht, welchen ich auf allen meinen Zügen zur Aushilfe bei mir trage.“

Der Ingenieur machte ein immer verlegeneres Gesicht und meinte: „Sir, Ihr sprecht von dieser Sache gerade wie der Fisch vom Schwimmen. Mir aber kommt sie gar nicht so leicht und natürlich vor. Wie geben wir den Tramps Nachricht? Wie bringen wir sie dazu, sich richtig einzustellen?“

„Welche Frage. Der neue Schreiber horcht Euch aus, und was Ihr ihm weismacht, das teilt er ihnen heimlich als volle Wahrheit mit.“

„Nun gut! Aber wenn sie nun auf den Gedanken kommen, nicht in den Zug zu steigen? Wenn sie es nun vorziehen, die Schienen an irgend einer Stelle zu zerstören und ihn zum Entgleisen zu bringen?“

„Das könnt Ihr leicht verhüten, indem Ihr dem Schreiber sagt, daß jedem solchen Geldzuge wegen seiner Wichtigkeit eine Probierlokomotive vorangehe. Dann werden sie die Zerstörung des Geleises bleiben lassen. Wenn Ihr klug seid, wird alles glatt ablaufen. Den Schreiber müßt Ihr so beschäftigen und so durch Freundlichkeit festzuhalten suchen, daß er bis zum Schlafengehen das Haus nicht verläßt und mit keinem Menschen sprechen kann. Dann gebt Ihr ihm eine Stube im Gestock, welche nur ein Fenster hat. Das platte Dach liegt nur eine halbe Elle über diesem letzteren; ich steige hinauf und werde jedes Wort hören, welches gesprochen wird.“

„Ihr seid der Ansicht, daß er zum Fenster hinaus sprechen werde?“

„Allerdings. Dieser sogenannte Haller soll Euch auskundschaften, und der andre, welcher mit ihm kommt, soll den Zwischenträger machen. Es ist gar nicht anders möglich; Ihr werdet das bald einsehen. Dieser andre wird auch Arbeit verlangen, um hierbleiben zu dürfen, sie aber aus irgend einem Grunde nicht antreten, um den Ort beliebig verlassen und den Boten machen zu können. Er wird versuchen, mit dem Schreiber zu sprechen, um Neuigkeiten zu erfahren, kann aber nicht vor der Schlafenszeit an ihn kommen. Dann wird er das Haus umschleichen; der Schreiber wird das Fenster öffnen, und ich liege über demselben auf dem Dache, um alles zu hören. Jetzt freilich kommt Euch das alles noch schwierig und höchst abenteuerlich vor, weil Ihr kein Westmann seid, habt Ihr die Sache aber erst einmal beim Schopfe gepackt, so werdet Ihr erfahren, daß alles ganz selbstverständlich ist.“

„Howgh!“ stimmte der Indianer bei. „Meine weißen Brüder mögen jetzt nach einer Stelle suchen, an welcher die Falle geschlossen werden kann. Wenn sie zurückgekehrt sind, werde ich mich entfernen, damit ich hier nicht gesehen werde.“

„Wohin will mein roter Bruder einstweilen gehen?“

„Winnetou ist überall daheim, im Walde und auf der Prairie.“

„Das weiß niemand besser als ich, aber der Häuptling der Apachen kann Gesellschaft finden, wenn er will. Ich habe meine Rafters und die Jäger, welche sich bei ihnen befinden, nach einer Stelle beordert, welche einen Stundenritt unterhalb des Eagle-tail liegt. Sie sollen dort die Tramps beobachten. Die Tante Droll befindet sich bei ihnen.“

„Uff!“ rief der Apache, indem sein sonst so ernstes Gesicht einen belustigten Ausdruck annahm. „Die Tante ist ein braves, tapferes und kluges Bleichgesicht. Winnetou wird zu ihr gehen.“

„Schön! Mein roter Bruder wird noch andre tüchtige Männer finden, den schwarzen Tom, den Humply-Bill, den Gunstick-Uncle, lauter Männer, deren Namen er wenigstens gehört hat. Einstweilen aber mag er mit in meine Stube gehen und da warten, bis wir zurückkehren.“

Old Firehand hatte noch vor der Ankunft des Apachen von dem Ingenieur ein Stübchen angewiesen bekommen; dorthin begab er sich jetzt mit Winnetou, um den auffälligen Jagdanzug mit dem andern zu vertauschen, in welchem er von den Bahnarbeitern für einen neu angeworbenen Kameraden gehalten werden konnte; denn diese Leute durften heute noch nicht wissen, daß etwas so Ungewöhnliches im Anzuge sei. Bald stand die Draisine bereit. Old Firehand bestieg mit dem Ingenieur den Vordersitz, und zwei Arbeiter standen über den Laufrädern, um die Handstangen in Bewegung zu setzen. Das Vehikel rollte durch den Ort, in welchem jetzt überall fleißige Hände beschäftigt waren, und dann hinaus auf die freie Bahnstrecke, welche schon bis Kit Karson mit Schienen belegt war.

Der Apache machte es sich indessen bequem; er war die ganze Nacht hindurch geritten und ließ jetzt die Gelegenheit, eine kurze Zeit zu schlafen, nicht unbenutzt vorübergehen. Als die beiden zurückkehrten, wurde er geweckt. Er erfuhr, daß Old Firehand einen höchst geeigneten Ort gefunden hatte, und als ihm derselbe beschrieben worden war, nickte er befriedigt und sagte: „Das ist gut. Die Hunde werden zittern vor Angst und heulen vor Schreck. Es wird eine Erlösung für sie sein, in unsre Hände zu geraten. Winnetou reitet jetzt zu der Tante Droll, um ihr und den Rafters zu sagen, daß sie sich bereithalten mögen.“

Er schlich sich, um nicht bemerkt zu werden, möglichst heimlich vom Hause fort und nach dem Verstecke, in welchem sich seine Pferde befanden. Der scharfsinnige Häuptling hatte sich auch in Beziehung auf die Ankunft der Kundschafter nicht getäuscht. Kaum war die auf den Mittag fallende Arbeitspause vorüber, so sah man zwei Reiter langsam vom Flusse her geritten kommen. Nach der Beschreibung, welche der Yankee von ihnen geliefert hatte, war nicht zu zweifeln, daß sie die Erwarteten seien. Old Firehand begab sich schnell zu Hartley, welcher schlief, aber gern aufstand um zu sehen ob es nicht etwa andre Männer seien. Nachdem er sie mit voller Bestimmtheit als die Betreffenden rekognosziert hatte, ging Old Firehand in die neben dem Bureau liegende Stube, um durch die nur angelehnte Thür Zeuge der Unterredung zu sein. Er hatte während der Draisinenfahrt den Ingenieur vollständig für seinen Plan gewonnen und ihm denselben so genau erklärt, daß ein Fehler des Bahnbeamten fast unmöglich war.

Dieser letztere befand sich in seinem Zimmer, als die beiden Männer eintraten. Sie grüßten höflich, und dann überreichte der eine, ohne zunächst über den Zweck seiner Anwesenheit etwas zu sagen, den Empfehlungsbrief. Der Ingenieur las denselben und sagte dann in freundlichem Tone: „Ihr waret bei meinem Freunde Norton angestellt? Wie geht es ihm?“

Es folgten nun die unter solchen Umständen gewöhnlichen Fragen und Antworten, und dann erkundigte sich der Ingenieur nach dem Grunde, welcher den Schreiber aus Kinsley fortgetrieben hatte. Der Gefragte erzählte eine wehmütige Geschichte, welche zwar mit dem Inhalte des Briefes harmonierte, die er sich aber selbst ausgesonnen hatte. Der Beamte hörte ihm aufmerksam zu und sagte dann: „Das ist so traurig, daß es allerdings mein Mitgefühl erregt, zumal ich aus diesen Zeilen ersehe, daß Ihr das Wohlwollen und Vertrauen Nortons besessen habt. Darum soll seine Bitte um eine Anstellung für Euch nicht vergebens sein. Ich habe zwar schon einen Schreiber, bedarf aber schon seit langem eines Mannes, dem ich auch vertrauliche und sonst wichtige Sachen in die Feder geben darf. Meint Ihr, daß ich es da mit Euch versuchen darf?“

„Sir,“ antwortete der angebliche Haller erfreut, „versucht es mit mir. Ich bin überzeugt, daß Ihr mit mir zufrieden sein werdet.“

„Well, versuchen wir es. Über den Gehalt wollen wir jetzt noch nicht sprechen, ich muß Euch erst kennen lernen und das wird in einigen Tagen geschehen sein. Je anstelliger Ihr seid, desto besser werdet Ihr bezahlt. Jetzt bin ich sehr beschäftigt. Seht Euch einstweilen im Orte um, und kommt um fünf Uhr wieder. Bis dahin werde ich einige Arbeiten ausgesucht haben. Ihr wohnt hier bei mir im Hause, eßt mit an meinem Tische und habt Euch nach der Hausordnung zu richten. Ich wünsche nicht, daß Ihr mit den gewöhnlichen Arbeitern verkehrt. Punkt zehn Uhr wird die Thür verschlossen.“

„Das ist mir recht, Sir, denn gerade so habe ich es bisher stets gehalten,“ versicherte der Mann, welcher eine große Genugthuung darüber empfand, daß er überhaupt engagiert wurde. Dann fügte er hinzu. „Und nun noch eine Bitte, welche hier meinen Reisegefährten betrifft. Hättet Ihr vielleicht Arbeit für ihn?“

„Was für Arbeit?“

„Irgend welche,“ antwortete der andre bescheiden. „Ich bin nur froh, wenn ich Beschäftigung erhalte.“

„Wie heißt Ihr?“

„Faller. Ich habe Master Haller unterwegs getroffen und mich ihm angeschlossen, als ich hörte, daß hier an der Bahn gearbeitet wird.“

„Haller und Faller. Das ist eine sonderbare Ähnlichkeit der Namen. Hoffentlich seid Ihr auch in andrer Beziehung ähnlich. Was seid Ihr denn bisher gewesen, Mr. Faller?“

„Ich war längere Zeit Cow-boy auf einer Farm drüben bei Las Animas. Das war ein wüstes, unartiges Leben, welches ich nicht länger mitmachen konnte, und ich ging also fort. Darüber kam ich noch am letzten Tage mit einem andern Boy, einem rüden Burschen, in Streit, wobei mir sein Messer durch die Hand fuhr. Die Wunde ist noch nicht ganz heil; ich hoffe aber, daß ich in zwei oder drei Tagen die Hand zur Arbeit, wenn Ihr mir welche geben wollt, gebrauchen kann.“

„Nun, Arbeit könnt Ihr zu jeder Zeit haben. Bleibt also immerhin da; pflegt die Hand, und wenn sie heil geworden ist, so meldet Euch. Jetzt könnt Ihr gehen.“

Die Bursche verließen das Bureau. Als sie draußen an dem offenen Fenster der Stube, in welcher sich Old Firehand befand, vorüber gingen, hörte dieser einen von ihnen mit unterdrückter Stimme sagen: „Alles gut! Wenn nur auch das Ende so, wie der Anfang ist!“

Der Ingenieur trat zu Old Firehand herein und sagte: „Ihr hattet sehr recht, Sir! Dieser Faller hat dafür gesorgt, daß er nicht zu arbeiten braucht, sondern Zeit hat, nach dem Eagle-tail zu gehen. Er trug die Hand verbunden.“

„Jedenfalls ist dieselbe ganz gesund. Warum habt Ihr den Schreiber erst auf fünf Uhr bestellt?“

„Weil ich ihn bis zum Schlafengehen beschäftigen soll. Das würde ihn und mich ermüden und ihm wohl auch auffällig sein, wenn es allzu lange währte.“

„Sehr richtig. Es sind immerhin fünf volle Stunden bis zehn Uhr, und es wird nicht leicht sein, ihn bis dahin vom Verkehre mit den andern abzuhalten.“

So war also nun der erste Teil der Einleitung vollendet. Zu dem zweiten Teile konnte man erst dann übergehen, wenn man das Gespräch der beiden Kundschafter belauscht hatte. Bis dahin war noch eine lange Zeit, welche Old Firehand, der sich nicht sehen lassen wollte, auf den Schlaf verwendete. Als er erwachte, war es fast dunkel geworden, und der Neger brachte ihm sein Abendbrot. Gegen zehn Uhr kam dann der Ingenieur und meldete, daß der Schreiber schon längst gegessen habe und sich nun auf sein Zimmer begeben werde.

Old Firehand stieg also in das Stockwerk hinauf, von welchem aus eine viereckige Klappe auf das flache Dach führte. Auf dem letzteren angekommen, legte er sich nieder und kroch leise nach derjenigen Stelle der Dachkante, unter welcher, wie er sich erkundigt hatte, das betreffende Fenster lag. Es war so dunkel, daß er es wagen konnte, hinabzugreifen. Es war so nahe, daß er es mit der Hand zu erreichen vermochte.

Als er einige Zeit ruhig wartend dagelegen hatte, hörte er unter sich eine Thür gehen. Schritte gingen nach dem Fenster, und her Schein eines Lichtes fiel aus demselben hinaus ins Freie. Das Dach bestand aus einer dünnen Bretterlage und darauf genageltem Zinkblech. So wie Old Firehand die Schritte unter sich hörte, so konnte auch er selbst von dem Schreiber gehört werden; Es war also große Vorsicht nötig.

Nun strengte der Jäger seine Augen an, um das nächtliche Dunkel zu durchdringen, und zwar nicht vergeblich. In der Nähe des aus dem Fenster fallenden Lichtscheines stand eine Gestalt. Dann klang das Fenster; es wurde geöffnet.

„Esel!“ raunte eine viertelslaute, zornige Stimme. „Thu doch die Lampe weg; das Licht trifft ja auf mich!“

„Selber Esel!“ antwortete der Schreiber. „Was kommst du schon jetzt! Man ist im Hause noch wach. Komm in einer Stunde wieder.“

„Gut. Aber sag wenigstens, ob du eine Nachricht hast.“

„Und was für eine!“

„Gut?“

„Herrlich! Viel, viel prächtiger, als wir es hätten ahnen können. Aber gehe jetzt, man könnte dich sehen!“

Das Fenster wurde geschlossen, und die Gestalt verschwand aus der Nähe des Hauses. Nun war Old Firehand gezwungen, eine Stunde und noch länger warten zu müssen, ohne sich regen zu dürfen. Aber das war keine Anstrengung für ihn, denn ein Westmann ist an viel Schwierigeres gewöhnt. Die Zeit verging, wenn auch langsam, aber doch. Unten in den Häusern und Hütten brannten noch die Lichter. Hier oben aber bei der Wohnung des Ingenieurs war alles in tiefes Dunkel gehüllt. Old Firehand hörte, daß das Fenster wieder geöffnet wurde, die Lampe brannte nicht mehr. Der Schreiber erwartete seinen Gefährten. Nicht lange, so hörte man das leise Knirschen des Bodens, auf welchen ein Fuß getreten hatte.

„Faller!“ flüsterte der Schreiber vom Fenster aus hinab.

„Ja,“ antwortete der Genannte.

„Wo stehst du? Ich sehe dich nicht.“

„Ganz nahe an der Wand, gerade unter deinem Fenster.“

„Ist alles dunkel im Hause?“

„Alles. Ich habe mich zweimal um dasselbe geschlichen. Es ist kein Mensch mehr wach. Was hast du mir zu sagen?“

„Daß es nichts mit der hiesigen Kasse ist. Es gibt hier vierzehntägige Löhnung, und gestern ist Zahltag gewesen. Wir müßten also volle zwei Wochen warten, und das ist doch unmöglich. Es sind nicht ganz dreihundert Dollar in der Kasse; das ist nicht der Mühe wert.“

„Und das nanntest du vorhin eine herrliche, prächtige Nachricht? Dummkopf!“

„Schweig! Mit der hiesigen Kasse ist es freilich nichts; aber morgen, des Nachts, kommt ein Zug mit über viermalhunderttausend Dollar hier durch.“

„Unsinn!“

„Es ist wahr. Ich habe mich mit meinen eigenen Augen überzeugt. Der Zug kommt von Kansas City und geht nach Kit Karsen, wo das Geld für die neue Strecke verwendet werden soll.“

„Das weißt du gewiß?“

„Ja. Ich habe den Brief und auch die Depeschen gelesen. Dieser alberne Ingenieur hat ein Vertrauen zu mir, gerade wie zu sich selbst.“

„Was nützt uns das! Der Zug geht ja hier durch!“

„Esel! Er hält volle fünf Minuten hier.“

„Donner!“

„Und ich und du werden auf der Lokomotive stehen.“

„Alle Wetter! Du phantasierst.“

„Fällt mir nicht ein! Der Zug muß von einem Extrabeamten in Carlyle übernommen werden. Dieser Mann bleibt bis hier auf der Lokomotive und fährt dann sogar bis Wallace mit, um den Train dort zu übergeben.“

„Und dieser Extrabeamte sollst gerade du sein?“

„Ja. Und du sollst mit, oder vielmehr, du darfst mit.“

„Wieso?“

„Der Ingenieur hat mir erlaubt, mir noch einen zweiten auszusuchen, der bei mir sein soll, und als ich ihn fragte, wen er mir vorschlage, so antwortete er, daß er mir da keine Vorschriften mache; er werde meine Wahl billigen. Da versteht es sich ganz von selbst, daß ich dich wähle.“

„Du, ist ein so schnelles und großes Vertrauen nicht auffällig?“

„Eigentlich, freilich. Aber ich erkenne aus allem, daß er einen Vertrauten braucht und nie einen gehabt hat. Der famose Empfehlungsbrief hat natürlich auch viel geholfen. Und außerdem kann mich dieses allerdings rasche Vertrauen nicht nachdenklich machen, weil ein Aber dabei ist.“

„So! Welches denn?“

„Der Auftrag ist nicht ganz ungefährlich.“

„Ah! Das beruhigt mich vollständig. Ist etwa die Strecke leichtsinnig gebaut?“

„Nein, obgleich sie eigentlich jetzt nur eine Interimsstrecke ist, wie ich aus den Büchern und Plänen ersehen habe. Aber du kannst dir denken, daß bei einer so großen, neuen Bahn nicht genug geprüfte Beamte vorhanden sind. Es gibt Maschinisten, welche man noch nicht kennt, und es melden sich als Heizer Leute, deren Herkunft und Auftreten bedenklich ist. Denke dir nun einen Zug, welcher fast eine halbe Million Dollar bei sich führt, von so einem Maschinisten und Heizer geleitet. Wenn die zwei Kerle darüber einig werden, können sie ihn leicht irgendwo auf der Strecke stehen lassen und sich mit dem Gelde davon machen. Darum muß ein Beamter bei ihnen sein, und da sie zwei Personen sind, hat derselbe noch einen Gehilfen zu sich zu nehmen. Verstanden, es ist eine Art Polizeiposten. Wir werden jeder, du und ich, einen geladenen Revolver in der Tasche haben, um die Kerle, sobald sie eine verbrecherische Absicht verraten, sofort niederzuschießen.“

„Du, das ist spaßhaft. Wir, und das Geld bewachen! Wir werden die Kerle unterwegs zwingen, anzuhalten, und uns dann die Dollars nehmen.“

„Das geht nicht; denn außer dem Maschinisten und dem Heizer ist noch der Kondukteur vorhanden, und auch ein Kassenbeamter aus Kansas City, welcher das Geld in einem Koffer mit sich führt. Beide sind gut bewaffnet. Diese zwei würden, wenn wir auch die ersten beiden zwingen könnten, den Zug halten zu lassen, sofort Verdacht schöpfen und ihre Wagen verteidigen. Nein, das muß auf ganz andre Weise geschehen. Man muß mit Übermacht angreifen, und zwar an einem Orte, wo so etwas gar nicht zu vermuten ist, also hier.“

„Und du denkst, daß es gelingt?“

„Natürlich! Es ist nicht das geringste Bedenken dabei, und keinem von uns wird ein Haar gekrümmt werden. Ich bin so überzeugt davon, daß ich dich jetzt fortschicke, um den Cornel zu unterrichten.“

„Der Ritt ist bei der jetzigen Finsternis unmöglich, denn ich kenne die Gegend nicht.“

„So magst du bis gegen Morgen warten; aber das ist die allerspäteste Zeit, denn ich muß bis Mittag Nachricht haben. Sporne dein Pferd tüchtig an, und wenn du es totreiten solltest.“

„Und was soll ich sagen?“

„Was du jetzt von mir gehört hast. Der Zug trifft Punkt drei Uhr des Nachts hier ein. Wir beide stehen auf der Lokomotive und werden, sobald er hält, den Maschinisten und den Heizer auf uns nehmen. Nötigenfalls schießen wir sie nieder. Der Cornel muß sich mit den Unsrigen heimlich an der Bahn aufgestellt haben und augenblicklich die Wagen besteigen. Bei einer solchen Übermacht werden die etwa wachen Bewohner von Sheridan und die drei oder vier Beamten, mit denen wir es zu thun haben, so verblüfft sein, daß sie gar keine Zeit zur Gegenwehr finden.“

„Hm, der Plan ist nicht übel. Eine erschreckliche Summe! Wenn jeder von uns gleichviel bekommt, so entfallen auf den Mann zweitausend Dollar. Hoffentlich geht der Cornel auf deinen Vorschlag ein.“

„Er wäre geradezu verrückt, wenn er es nicht thäte. Sage ihm, daß ich in diesem Falle mich von ihm lossagen und mich entschließen werde, den Streich allein auszuführen. Das Wagnis würde freilich größer sein, aber es fiele mir im Falle des Gelingens auch die ganze Summe zu.“

„Habe keine Sorge! Mir fällt es gar nicht ein, diese prächtige Gelegenheit vorübergehen zu lassen. Ich werde den Plan so befürworten, daß der Cornel gar nicht dazukommen wird, Bedenken gegen denselben geltend zu machen. Ich bringe dir sicher eine zustimmende Antwort mit. Aber wie kann ich dir dieselbe übermitteln?“

„Das ist freilich eine heikle Frage. Wir müssen alles vermeiden, was Verdacht zu erregen vermag, was den Gedanken erwecken kann, daß wir Heimlichkeiten miteinander haben. Darum müssen wir es vermeiden, uns persönlich zu treffen. Auch weiß ich nicht, ob wir Zeit und die passende, unauffällige Gelegenheit dazu finden würden. Du mußt mich brieflich benachrichtigen.“

„Ist nicht gerade dieses am auffälligsten. Wenn ich dir einen Boten sende –“

„Einen Boten? Wer spricht davon!“ unterbrach ihn der Schreiber. „Das wäre die größte Dummheit, welche wir begehen könnten. Ich kann noch nicht sagen, ob ich dazu kommen werde, das Haus einmal zu verlassen; also mußt du mir alles aufschreiben und den Zettel in der Nähe desselben verstecken.“

„Und wo?“

„Hm! Ich muß einen Ort wählen, zu welchem ich gelangen kann, ohne auffällig zu werden und viel Zeit dazu zu gebrauchen. Ich weiß schon, daß ich am Vormittag tüchtig zu arbeiten haben werde; es sind lange Lohnlisten auszufüllen, wie mir der Ingenieur sagte. Jedenfalls aber finde ich einmal Zeit, wenigstens an die Hausthüre zu treten. Hart neben derselben steht ein Regenfaß, hinter welches du den Zettel verstecken kannst. Wenn du ihn mit einem Stein beschwerst, so wird ihn kein Unberufener entdecken.“

„Wie aber erfährst du es, daß der Zettel an dem Ort liegt? Du kannst doch nicht öfters und umsonst zu dem Fasse gehen.“

„Auch das läßt sich machen. Ich habe dir doch zu sagen oder sagen zu lassen, daß du mit mir den Geldzug besteigen sollst. Das werde ich schon am Vormittag thun. Ich lasse nach dir suchen, und das wirst du bei deiner Rückkehr sofort erfahren. Du kommst dann, um zu fragen, weshalb ich nach dir verlangt habe. Dabei verbirgst du den Zettel, und ich weiß, daß er an seinem Orte liegt. Bist du einverstanden?“

„Ja. Sind wir fertig, oder hast du noch weitere Mitteilungen?“

„Ich habe nichts mehr zu sagen. Also dringe ja darauf, daß mein Plan angenommen wird, und zwar möglichst ohne Änderungen, denn dieselben würden der Vorbereitungen bedürfen, zu denen wir keine Zeit fänden. Und spute dich unterwegs. Nun gute Nacht!“

Der andre erwiderte den Gruß und huschte fort. Das Fenster wurde leise zugemacht. Old Firehand blieb noch eine Weile liegen und schob sich dann höchst vorsichtig nach der Klappe, um zurückzusteigen. Als er die Treppe hinabgeschlichen kam, fragte ihn eine leise Stimme: „Wer kommt da? Ich bin’s, der Ingenieur.“

„Old Firehand. Kommt mit in meine Stube, Sir!“

Als sie sich in der letzteren befanden, fragte der Beamte, ob es möglich gewesen sei, das Gespräch zu belauschen. Der Jäger erzählte ihm alles, was er gehört hatte, und sprach die Überzeugung aus, daß die Angelegenheit den beabsichtigten Gang gehen werde. Nach einigen weiteren unwesentlichen Bemerkungen trennten sie sich, um sich zur Ruhe zu legen.

Old Firehand erwachte am andern Morgen zeitig. Ihm, der an Thätigkeit und Bewegung gewöhnt war, fiel es nicht leicht, so ruhig und versteckt in seiner Stube auszuhalten; doch mußte er sich darein ergeben. Es mochte gegen elf Uhr sein, als der Ingenieur zu ihm kam. Dieser sagte ihm, daß der Schreiber fest bei der ihm aufgetragenen Arbeit sei und sich die größte Mühe gebe, für einen soliden Mann zu gelten. Es war auch nach Faller geschickt worden; natürlich hatte man ihn nicht gefunden. Infolgedessen hatten die Arbeiter den Auftrag erhalten, ihn, sobald er sich sehen lasse, zu dem Ingenieur zu schicken. Eben als diese Mitteilungen vorüber waren, sah Old Firehand einen kleinen bucklichten Kerl die Anhöhe heraufsteigen; derselbe trug ein ledernes Jagdgewand und hatte ein langes Gewehr überhängen.

„Der Humply-Bill!“ sagte er betroffen. Und erklärend fügte er hinzu: „Dieser Mann gehört zu meinen Leuten. Es muß etwas Unerwartetes geschehen sein, sonst würde er sich nicht hier sehen lassen. Hoffentlich ist es nichts Allzuschlimmes. Er weiß, daß ich hier sozusagen inkognito bin, und wird also keinen andern als nur Euch nach mir fragen. Wollt Ihr ihn hereinbringen, Sir?“

Der Ingenieur ging hinaus, und Bill trat in demselben Augenblicke in das Haus.

„Verzeihung, Sir,“ sagte er. „Ich lese an dem Schilde, daß hier der Ingenieur wohnt. Darf ich mit diesem Master sprechen?“

„Ja; ich selbst bin es. Kommt herein.“

Er geleitete ihn in Old Firehands Stube, welcher den Kleinen mit der Frage empfing, was ihn veranlaßt habe, so gegen alle Vorherbestimmung hieher zu kommen.

„Keine Sorge, Sir; es ist nichts Schlimmes,“ antwortete Bill. „Vielleicht ist’s sogar etwas Gutes, auf alle Fälle aber etwas, was Ihr erfahren mußtet. Darum wurde ich ausgewählt, Euch die Nachricht zu bringen. Ich bin scharf geritten und habe mich stets auf der Eisenbahn gehalten, wo die Tramps sich jedenfalls nicht sehen lassen werden. Ich bin also nicht von ihnen bemerkt worden. Das Pferd habe ich draußen im Walde versteckt und mich in der Weise herbeigemacht, daß ich von den hiesigen Leuten wohl gar nicht bemerkt worden bin.“

„Gut,“ nickte Old Firehand. „Also was ist geschehen?“

„Gestern, gegen Abend kam, wie Ihr wissen werdet, Winnetou zu uns. Er richtete bei der Tante ungeheuere Freude an, und auch die andern waren stolz darauf, diesen Mann bei sich zu sehen – “

„Da er Euch so leicht fand, so hattet Ihr Euch wohl nicht sehr gut versteckt?“

„Denkt das nicht, Sir! Wir dürfen uns doch nicht vor den Tramps sehen lassen und haben zum Lager einen Ort gewählt, welchen wohl keiner dieser Kerle zu entdecken vermag. Aber was kann den Augen eines Winnetou entgehen! Kurz vorher hatte er auch den Lagerplatz der Tramps ausgekundschaftet, und als es völlig dunkel geworden war, begab er sich dorthin, um sie zu beobachten und vielleicht etwas zu erlauschen. Als er bis zum Tagesanbruch und auch noch einige Stunden in den Morgen hinein noch nicht wiedergekommen war, wollte es uns angst um ihn werden; aber das war überflüssig; es war ihm nichts geschehen; vielmehr hatte er wieder einmal eins seiner Meisterstücke abgelegt und sich am hellen Morgen so weit an die Tramps geschlichen, daß er ihr Gespräch verstehen konnte. Dieses Gespräch war übrigens weniger ein Reden als vielmehr ein Schreien gewesen. Es war ein Bote von hier angekommen und hatte die ganze Gesellschaft durch die Nachricht, welche er brachte, aus Rand und Band gebracht.“

„Aha, Faller!“

„Ja, Faller; so hat der Kerl geheißen. Er sprach von einer halben Million Dollar, welche aus dem Bahnzug geholt werden solle.“

„Das ist richtig!“

„So! Der Apache sprach auch davon. Es ist das also eine Falle, in welche Ihr die Kerle locken wollt. Faller hat den Tramps nur das erzählt, was Ihr ihm weisgemacht habt. Und jedenfalls wißt Ihr, daß er zu ihnen ist, um es ihnen zu berichten?“

„Ja, daß er es ihnen sagen soll, gehört mit zu unserm Plane.“

„Aber Ihr müßt notwendigerweise auch erfahren, was darauf beschlossen worden ist?“

„Natürlich! Wir haben eine Einrichtung getroffen, durch welche es uns kurz nach der Rückkehr Fallers verraten wird.“

„Nun, diesen Kerl braucht Ihr gar nicht, denn Winnetou hat alles erlauscht. Die Halunken haben vor Seligkeit so laut geschrieen, daß es meilenweit zu hören gewesen ist. Faller hat ein schlechtes Pferd; er wird erst nach Mittag ankommen können. Darum war es vielleicht umsichtig von Winnetou, daß er mich zu Euch schickte.“

„Es war richtig von ihm, denn je eher wir den Entschluß der Tramps kennen, desto früher können wir nach demselben handeln. Ich will Euch unsern Plan genau mitteilen.“

Old Firehand beschrieb dem Kleinen die Umstände alle, auf welche und mit denen man zu rechnen hatte. Bill hörte aufmerksam zu und sagte dann: „Vortrefflich, Sir! Ich denke, daß alles nach Eurer Berechnung verlaufen wird. Die Tramps sind nämlich auf die Vorschläge des Schreibers sofort eingegangen, und es soll nichts als nur ein Punkt geändert werden.“

„Welcher?“

„Der Ort, an welchem der Überfall zu geschehen hat. Da hier in Sheridan viele Arbeiter wohnen und ein solcher Geldzug jedenfalls Aufmerksamkeit erregt, so meinen die Tramps, daß wohl viele der Arbeiter ihr Lager verlassen werden, um sich den Train anzusehen. Das könnte unerwarteten Widerstand ergeben; die Kerle wünschen zwar das Geld, wollen aber nicht ihr Blut dafür hergeben. Darum soll der Schreiber den Zug ruhig aus Sheridan gehen lassen und aber dann kurz nachher den Maschinisten und den Heizer zwingen, auf offener Strecke zu halten.“

„Wurde ein Ort bestimmt?“

„Nein; aber die Tramps wollen am Geleise ein Feuer anbrennen, neben welchem die Lokomotive zu halten hat. Wollen der Maschinist und der Heizer nicht gehorchen, so sollen sie erschossen werden. Vielleicht ist Euch diese Veränderung unlieb, Sir?“

„Nein, gar nicht, denn wir entgehen dadurch der immerhin in Berechnung zu ziehenden Gefahr, daß es zwischen den hiesigen Arbeitern und den Tramps zum Kampfe kommt. Ferner brauchen wir nicht mit den beiden Kundschaftern nach Carlyle zu gehen. Wir haben nun überhaupt nicht nötig, sie noch länger zu täuschen. Hat Winnetou Euch gesagt, wo Ihr Euch aufzustellen habt?“

„Ja, vor dem Tunnel, welches sich jenseits der Brücke öffnet.“

„Richtig! aber Ihr habt Euch verborgen zu halten, bis der Zug in dasselbe eingefahren ist. Das übrige ergibt sich ganz von selbst;“

Jetzt wußte man, woran man war, und konnte mit den Vorbereitungen beginnen. Der Telegraph spielte nach Carlyle und auch nach Fort Wallace; nach dem ersteren Orte, um den betreffenden Zug zusammenstellen zu lassen, und nach dem letzteren, um Soldaten zu requirieren. Inzwischen erhielt der Humply-Bill Speise und Trank und entfernte sich dann ebenso unauffällig, wie er gekommen war.

Um Mittag trafen von den beiden genannten Stationen die Nachrichten ein, daß man den Anordnungen Folge leisten werde. Ungefähr zwei Stunden später sah man Faller kommen. Old Firehand saß mit dem Ingenieur in seiner Stube. Beide beobachteten unbemerkt den Tramp, welcher sich für einen kurzen Augenblick an dem Regenfasse zu schaffen machte.

„Empfangt ihn im Bureau,“ sagte Old Firehand, „und sprecht dort so lange mit ihm, bis ich nachkomme. Ich werde den Zettel lesen.“

Der Ingenieur begab sich in sein Arbeitszimmer, und als Faller dort eingelassen worden war, ging Old Firehand hinaus an die Hausthür. Als er einen Blick hinter das Faß warf, sah er dort einen Stein liegen. Er hob denselben auf und fand das erwartete Papier; er faltete es auseinander und las die von dem Cornel geschriebenen Zeilen. Der Inhalt derselben stimmte genau mit dem Berichte des Humply-Bill überein. Er legte das Papier wieder unter den Stein und trat dann in das Bureau, in welchem Faller in ehrerbietiger Haltung vor dem Ingenieur stand. Der Tramp erkannte den Jäger, welcher den Leinenanzug trug, nicht und erschrak darum nicht wenig, als dieser ihm die Hand auf die Achsel legte und ihn in drohendem Tone fragte: „Wißt Ihr, wer ich bin, Master Faller?“

„Nein,“ lautete die Antwort.

„So habt Ihr bei Butlers Farm die Augen nicht offen gehabt. Ich bin Old Firehand. Habt Ihr Waffen bei Euch?“

Er zog dem Tramp das Messer aus dem Gürtel und einen Revolver aus der Hosentasche, ohne daß der entsetzte Mann eine Bewegung machte, dies zu verhindern. Dann sagte er zu dem Ingenieur: „Bitte, Sir, geht hinauf zu dem Schreiber, und sagt ihm, daß Faller hier gewesen ist, aber weiter nichts. Dann kehrt Ihr hieher zurück.“

Der Beamte entfernte sich. Old Firehand drückte den Tramp auf einen Stuhl nieder und band ihn mit einer auf dem Schreibtische liegenden starken Schnur an die Lehne desselben fest.

„Sir,“ meinte der erst nun von seinem Schreck sich erholende Mensch, „warum diese Behandlung? Warum bindet Ihr mich? Ich kenne Euch nicht!“

„Schweige jetzt!“ gebot der Jäger, den Revolver ergreifend. „Wenn du einen Laut eher, als ich es dir erlaube, hören lässest, jage ich dir eine Kugel in den Kopf!“

Der Bedrohte wurde leichenblaß und wagte nun nicht mehr, die Lippen zu bewegen. Jetzt trat der Ingenieur wieder ein. Old Firehand winkte ihm, an der Thür stehen zu bleiben; er selbst stellte sich an das Fenster, doch so, daß er von draußen nicht gesehen werden konnte. Er war überzeugt, daß die Neugierde dem Schreiber nicht lange Ruhe lassen werde. Es währte auch kaum zwei Minuten, so sah er einen Vorderarm erscheinen, welcher hinter das Faß langte; der Besitzer dieses Armes war nicht zu sehen, da er dicht an der Thürpfoste stand. Firehand nickte dem Ingenieur zu, und dieser öffnete schnell die Thür, gerade als der Schreiber an derselben vorüberhuschen wollte.

„Master Haller, wollt Ihr nicht einmal hereinkommen?“ fragte er ihn. Der Angeredete hielt das Papier noch in der Hand. Er steckte es schnell ein und folgte der an ihn ergangenen Aufforderung mit sichtlicher Verlegenheit. Was aber machte er erst für ein Gesicht, als er seinen Genossen an den Stuhl gebunden sah! Doch nahm er sich schnell zusammen, und es gelang ihm wirklich, eine ziemlich unbefangene Miene zu zeigen. „Was für ein Papier habt Ihr soeben eingesteckt?“ fragte ihn Old Firehand.

„Eine alte Tüte,“ antwortete der Tramp.

„So? Zeigt sie doch einmal her!“

Der Schreiber warf ihm einen erstaunten Blick zu und antwortete: „Wie kommt Ihr dazu, mir einen so unbegreiflichen Befehl erteilen zu wollen? Wer seid Ihr denn? Ich kenne Euch nicht. Sind meine Taschen etwa Euer Eigentum?“

„Ihr kennt ihn dennoch,“ fiel der Ingenieur ein. „Es ist Old Firehand.“

„Old Fi– – –!“ schrie der Tramp förmlich auf. Die zwei letzten Silben ließ der Schreck nicht aus seinem Munde. Seine Augen waren weit und starr auf den Genannten gerichtet.

„Ja, ich bin es,“ bestätigte dieser; „hier habt Ihr mich wohl nicht vermutet! Und was den Inhalt deiner Taschen betrifft, so habe ich auf ihn wohl mehr Recht als du selbst. Zeig einmal her!“

Old Firehand nahm dem Tramp, ohne daß dieser zu widerstreben wagte, zuerst das Messer ab; dann holte er einen geladenen Revolver, welchen er zu sich steckte, aus der Tasche, und nun zog er ihm auch den Zettel aus derselben.

„Sir,“ fragte der Schreiber jetzt in verbissenem Tone, „mit welchen Rechte thut Ihr das?“

„Zunächst mit dem Rechte des Stärkern und des Ehrlichen, und sodann hat Mr. Charoy, welcher die Polizeigewalt dieses Ortes vertritt, mir den Auftrag erteilt, in dieser Angelegenheit seine Stelle zu vertreten.“

„In welcher Angelegenheit? Was ich bei mir trage, ist mein Eigentum. Ich habe nichts Ungesetzliches gethan und muß unbedingt wissen, aus welchem Grunde Ihr mich wie einen Dieb behandelt!“

„Dieb? Pshaw! Wohl Euch, wenn es nur das wäre. Es handelt sich nicht nur um einen Diebstahl, sondern erstens um einen Mord und zweitens um etwas, was noch viel schlimmer ist, als einfacher Mord, nämlich um den Überfall und die Plünderung des Eisenbahnzuges, wobei voraussichtlich nicht nur ein einzelner Mensch sein Leben verlieren würde.“

„Sir, höre ich recht?“ rief der Mann mit gut gespieltem Erstaunen. „Wer hat Euch eine solche Ungeheuerlichkeit vorgelogen?“

„Niemand. Wir wissen genau, daß diese Ungeheuerlichkeit in der That ausgeführt werden soll.“

„Von wem?“

„Von Euch!“

„Von mir?“ lachte der Tramp auf. „Nehmt es mir nicht übel, Sir, aber wer da behaupten kann, daß ich, ein armer Schreiber, der hier ganz allein steht und diese That also ohne Helfershelfer ausführen müßte, einen Zug anhalten und berauben will, der muß geradezu verrückt sein!“

„Ganz richtig! Aber zunächst seid Ihr kein Schreiber, und sodann steht Ihr nicht so allein da, wie Ihr uns glauben machen wollt. Ihr gehört zu den Tramps, welche am Osage-nook die Osagen überfallen, dann Buttlers Farm angegriffen haben und nun hier eine halbe Million Dollar aus dem Bahnzuge holen wollen.“

Man sah den beiden Männern an, daß sie erschraken, doch nahm sich der vermeintliche Haller zusammen und antwortete im Tone eines vollständig unschuldigen Menschen: „Davon weiß ich kein Wort!“

„Und doch seid Ihr nur zu dem Zwecke hieher gekommen, um die Gelegenheit auszuspähen und Eure Verbündeten zu benachrichtigen!“

„Ich? Ich bin ja keinen Augenblick aus diesem Hause gekommen!“

„Ganz recht; aber Euer Kamerad hier hat den Boten gemacht. Was habt Ihr denn gestern Abend durch das geöffnete Fenster mit einander gesprochen? Ich habe über Euch auf dem Dache gelegen und jedes Wort gehört. Auf diesem Zettel steht die Antwort, welche Euch der rote Cornel sendet. Ich habe ihn noch nicht gelesen, kenne sie aber bereits und will Euch das beweisen. Die Tramps lagern drüben beim Eagle-tail. Sie wollen in der nächsten Nacht herüberkommen und sich außerhalb Sheridan an der Bahn lagern und ein Feuer anbrennen. Dieses letztere soll euch beiden den Ort andeuten, an welchem ihr den Maschinisten zwingen sollt, mit dem Zuge zu halten, aus diesem wollen sie sich dann das Geld holen.“

„Sir,“ stieß der Schreiber, welcher jetzt seine Angst nicht mehr verbergen konnte, hervor, „wenn es wirklich Leute gibt, welche das unternehmen wollen, so ist es nur eine mir ganz unbekannte Folge von Umständen, welche mich mit diesen Verbrechen in Verbindung zu bringen scheinen. Ich bin ein ehrlicher Mann und – – – “

„Schweigt!“ gebot Old Firehand. „Ein ehrlicher Mann mordet nicht.“

„Wollt Ihr etwa behaupten, daß ich gemordet habe?“

„Allerdings! Ihr beide seid Mörder. Wo ist der Arzt, und wo ist sein Gehilfe, welche Ihr mit dem roten Cornel verfolgt habt? Ist der erstere nicht erschossen worden, weil Ihr seinen Brief brauchtet, um Euch hier statt seiner als den Schreiber Haller vorzustellen und Euch auf diese Weise das Handwerk des Spions zu erleichtern? Habt Ihr etwa dem Arzte nicht sein ganzes Geld abgenommen?“

„Sir, ich weiß – – kein – – kein Wort von alledem!“ stotterte der Tramp.

„Nicht? So werde ich Euch sofort überführen. Damit Ihr aber nicht auf den Gedanken kommt, Euch uns zu entziehen, werden wir uns Eurer Person versichern. Mr. Charoy, habt doch die Güte, diesem Kerl die Hände auf den Rücken zu binden. Ich werde ihn halten.“

Als der Tramp diese Worte hörte, wendete er sich rasch nach der Thür, um zu entfliehen. Noch schneller aber war Old Firehand. Er ergriff ihn, riß ihn zurück und hielt ihn trotz des kräftigen Sträubens so fest, daß der Ingenieur ihn ohne alle Mühe fesseln konnte. Dann wurde Faller vom Stuhle losgebunden und mit dem Schreiber nach dem Zimmer geführt, in welchem der verwundete Hartley lag. Als dieser die beiden Menschen erblickte, welche er sofort erkannte, erhob er sich in sitzende Stellung und rief aus: „Holla, das sind ja die Kerle, die mich beraubt und den armen Haller ermordet haben? Wo ist denn der dritte?“

„Der fehlt uns noch, wird uns aber auch noch in die Hände laufen,“ antwortete Old Firehand. „Sie leugnen die That.“

„Leugnen? Ich erkenne sie wieder, ganz genau, und will tausend Eide darauf schwören, daß sie es sind. Hoffentlich gilt mein Wort mehr als ihre Ausrede!“

„Es bedarf Eurer Versicherung gar nicht, Master Hartley. Wir haben Beweise genug in den Händen, um zu wissen, woran wir mit ihnen sind.“

„Schön! Aber wie steht es mit meinem Gelde?“

„Das wird sich noch finden. Zunächst habe ich ihnen nur die Waffen abgenommen und diesen Zettel, welchen wir nun lesen wollen.“

Er entfaltete denselben, nahm Kenntnis von dem Inhalt und gab ihn dann dem Ingenieur zu lesen. Auf dem Papier stand ganz genau das, was Winnetou erlauscht und Old Firehand vorhin den Tramps gesagt hatte. Diese letzteren sagten kein Wort; sie erkannten, daß ferneres Leugnen mehr als lächerlich sei.

Nun wurden ihre Taschen vollends geleert. Es fanden sich die Banknoten, welche auf ihren Anteil gefallen waren, die man Hartley zurückgab. Sie gestanden, daß der rote Cornel den Rest besitze. Dann wurden sie auch an den Füßen gefesselt und auf die Diele gelegt. Es gab im Hause keinen Keller oder sonstigen festen Raum, in welchen man sie hätte stecken können. Hartley war so erzürnt auf sie, daß es keinen bessern Wächter für sie gab als ihn. Er bekam einen geladenen Revolver und dazu die Weisung, sie sofort zu erschießen, falls sie den Versuch machen sollten, sich ihrer Banden zu entledigen.

Als man mit diesen beiden fertig war, konnten die weiteren Vorbereitungen für die Ausführung des Planes getroffen werden. Es war nun nicht mehr nötig, die beiden Tramps auf die Lokomotive zu postieren, und darum brauchte der Zug, welcher in Carlyle rangiert wurde, nicht schon dort von Old Firehand übernommen zu werden. Es wurde dorthin vielmehr die Weisung telegraphiert, daß der Train zur bestimmten Zeit dort abgehen und eine Strecke vor Sheridan an einer bestimmten Stelle halten solle, um dort übernommen zu werden.

Im ferneren Laufe des Nachmittags traf von Fort Wallace die Drahtmeldung ein, daß mit Einbruch der Dunkelheit ein Detachement Soldaten abgehen und schon um Mitternacht am Rendezvous eintreffen würde.

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Achtes Kapitel

Ein Drama auf der Prairie.

Über die Prairie schritt langsam und müd ein Fußgänger, eine seltene Erscheinung, wo selbst der allerärmste Teufel ein Pferd besitzt, da der Unterhalt desselben nichts kostet. Welchem Stande dieser Mann angehörte, das war schwer zu erraten. Sein Anzug war städtisch, aber sehr abgetragen, und gab ihm das Aussehen eines friedlichen Mannes, wozu aber die alte, gewaltig lange Flinte, welche er geschultert trug, nicht recht passen wollte. Das Gesicht war bleich und eingefallen, wohl infolge der Entbehrungen, welche eine lange Fußwanderung mit sich gebracht hatte. Zuweilen blieb er stehen, wie um auszuruhen, aber die Hoffnung, Menschen zu treffen, trieb ihn immer schnell wieder zur neuen Anstrengung seiner müden Füße. Er musterte wieder und immer wieder den Horizont, doch lange vergeblich, bis endlich sein Auge froh aufleuchtete – er hatte draußen am Horizont einen Mann bemerkt, auch einen Fußgänger, welcher von rechts her kam, so daß beide Richtungen zusammenstoßen mußten. Das gab seinen Gliedern neue Spannkraft; er schritt schnell und weit aus und sah bald, daß er von dem andern bemerkt wurde, denn dieser blieb stehen, um ihn herankommen zu lassen.

Dieser andre war sehr eigentümlich gekleidet. Er trug einen blauen Frack mit rotem Stehkragen und gelben Knöpfen, rotsammetne Kniehosen und hohe Stiefel mit gelbledernen Stulpen. Um seinen Hals war ein blauseidenes Tuch geschlungen und vorn in eine große, breite Doppelschleife, welche die ganze Brust bedeckte, geknüpft. Den Kopf beschattete ein breitkrempiger Strohhut. An einem um den Hals gehenden Riemen hing vorn ein Kasten aus poliertem Holze. Der Mann war lang und dürr, das glatt rasierte Gesicht scharf geschnitten und hager. Wer in diese Züge und in die kleinen, listigen Augen blickte, der wußte sofort, daß er einen echten Yankee vor sich habe, einen Yankee von jener Sorte, deren Durchtriebenheit sprichwörtlich geworden ist.

Als die beiden sich bis auf bequeme Hörweite genähert hatten, lüpfte der Kastenträger leicht seinen Hut und grüßte den andern: „Good day, Kamerad. Woher des Weges?“

„Von Kinsley da unten,“ antwortete der Gefragte, indem er mit der Hand rückwärts deutete. „Und Ihr?“

„Von überall her. Zuletzt von der Farm, welche da hinter mir liegt.“

„Und wohin wollt Ihr?“

„Überall hin. Zunächst nach der Farm, welche da vor uns liegt.“

„Gibt es da eine?“

„Ja. Wir werden kaum länger als eine halbe Stunde zu gehen haben.“

„Gott sei Dank! Ich hätte es auch nicht länger aushalten können!“

Er sagte das mit einem tiefen Seufzer. Er war herangekommen und stehen geblieben, wobei man seinen Körper wanken sah.

„Nicht aushalten? Warum?“

„Vor Hunger.“

„Alle Teufel! Hunger? Ist das möglich! Warte, da kann ich helfen. Setzt Euch nieder, hierher auf meinen Kasten. Ihr sollt gleich etwas zwischen die Zähne bekommen.“

Er legte den Kasten ab, drückte den Fremden auf denselben nieder, zog dann aus der Brusttasche seines Frackes zwei riesige Butterbrote hervor, brachte aus der einen Schoßtasche ein großes Stück Schinken zum Vorscheine, reichte beides dem Hungrigen und fuhr fort: „Da eßt, Kamerad! Es sind nicht etwa Delikatessen, aber für den Hunger wird es ausreichend sein.“

Der andre griff schnell zu. Er war so hungrig, daß er das Brot sofort zum Munde führen wollte; hoch besann er sich, hielt in dieser Bewegung inne und meinte: „Ihr seid sehr gütig, Sir; aber diese Sachen sind für Euch bestimmt; wenn ich sie esse, werdet dann Ihr selbst hungern müssen.“

„O nein! Ich sage Euch, daß ich auf der nächsten Farm soviel zu essen bekommen werde, wie mir beliebt.“

„So seid Ihr dort bekannt?“

„Nein. Ich war noch nie in dieser Gegend. Aber sprecht jetzt nicht, sondern eßt!“

Der Hungrige folgte dieser Aufforderung, und der Yankee setzte sich in das Gras, sah ihm zu und freute sich darüber, daß die riesigen Bissen so schnell hinter den gesunden Zähnen des Essenden verschwanden. Als sowohl Brot wie auch Schinken alle geworden waren, fragte er: „Satt seid Ihr noch nicht, aber einstweilen befriedigt wohl?“

„Ich bin wie neugeboren, Sir. Denkt Euch, ich bin seit drei Tagen unterwegs, ohne einen Bissen zu essen.“

„Ist das denkbar! Von Kinsley bis hierher habt Ihr nichts gegessen? Warum? Konntet Ihr Euch denn nicht Proviant mitnehmen?“

„Nein. Meine Abreise ging zu plötzlich vor sich.“

„Oder unterwegs einkehren?“

„Ich habe die Farmen vermeiden müssen.“

„Ah so! Aber Ihr habt ein Gewehr bei Euch; da konntet Ihr Euch doch ein Wild schießen!“

„O, Sir, ich bin kein Schütze. Ich treffe eher den Mond als einen Hund, der gerade vor mir sitzt.“

„Wozu dann aber das Gewehr?“

„Um etwaige rote oder weiße Vagabunden abzuschrecken.“

Der Yanke sah ihn forschend an und meinte dann: „Hört, Master, bei Euch ist irgend etwas nicht in Ordnung. Ihr scheint Euch auf der Flucht zu befinden und doch ein höchst ungefährliches Subjekt zu sein. Wo wollt Ihr denn eigentlich hin?“

„Nach Sheridan an die Eisenbahn.“

„So weit noch, und ohne Lebens- und Existenzmittel! Da könnt Ihr leicht Schiffbruch leiden. Ich bin Euch unbekannt, aber wenn man sich in der Not befindet, so ist es gut, Vertrauen zu fassen. Sagt mir also, wo Euch der Schuh drückt. Vielleicht kann ich Euch helfen.“

„Das ist bald gesagt. Ihr seid nicht aus Kinsley, sonst müßte ich Euch kennen, und könnt also nicht zu meinen Feinden gehören. Ich heiße Haller; meine Eltern waren Deutsche. Sie kamen aus dem alten Lande herüber, um es zu etwas zu bringen, kamen aber nicht vorwärts. Auch mir haben keine Rosen geblüht. Ich habe mancherlei gemacht und gearbeitet, bis ich vor zwei Jahren Bahnschreiber wurde. Zuletzt war ich in Kinsley angestellt. Sir, ich bin ein Kerl, der keinen Wurm treffen kann, aber wenn man allzusehr beleidigt wird, so läuft endlich die Galle über. Ich bekam mit dem dortigen Redakteur einen Streit, auf welchen ein Duell folgte. Denkt Euch, ein Duell auf Flinten. Und ich habe niemals im Leben so ein Mordwerkzeug in den Händen gehabt! Ein Duell auf Flinten, dreißig Schritt Distanz! Es wurde mir gelb und blau vor den Augen, als ich es nur hörte. Ich will es kurz machen: die Stunde kam, und wir stellten uns auf. Sir, denkt von mir, was Ihr wollt, aber ich bin ein friedfertiger Mann und mag kein Mörder sein. Schon bei dem Gedanken, daß ich den Gegner töten könnte, überlief mich eine Gänsehaut, welche so scharf wie ein Reibeisen war. Darum zielte ich, als kommandiert wurde, mehrere Ellen weit daneben. Ich drückte ab, er auch. Die Schüsse gingen los – denkt Euch, ich war nicht getroffen, aber meine Kugel war ihm gerade durch das Herz gegangen. Die Flinte, die gar nicht mir gehörte, festhaltend, rannte ich entsetzt fort. Ich behaupte, daß der Lauf krumm ist; die Kugel geht volle drei Ellen zu weit nach links. Was aber das Schlimmste war, der Redakteur hatte einen zahl- und einflußreichen Anhang, und das hat hier im Westen gar viel zu bedeuten. Ich mußte fliehen, sofort fliehen, und nahm mir nur Zeit, mich kurz von meinem Vorgesetzten zu verabschieden. Meiner ferneren Existenz wegen gab er mir den Rat, nach Sheridan zu gehen, und händigte mir einen offenen Empfehlungsbrief an den dortigen Ingenieur ein. Ihr könnt ihn lesen, um Euch zu überzeugen, daß ich die Wahrheit sage.“

Er zog ein Schreiben aus der Tasche, öffnete es und gab es dem Yankee. Dieser las:

„Liebster Charoy.

Hier sende ich Dir Master Joseph Haller, meinen bisherigen Schreiber. Er ist von deutscher Abstammung, ein ehrlicher, treuer und fleißiger Kerl, hat aber das Unglück gehabt, um die Ecke zu schießen und gerade darum seinen Gegner in den Sand zu legen. Er muß darum für einige Zeit von hier fort, und Du thust mir einen Gefallen, wenn Du ihn in Deinem Bureau so lange beschäftigst, bis hier Gras über die Angelegenheit gewachsen ist.

Dein

Bent Norton.“

Unter diesem Namen war zur besseren Legitimation noch ein Stempel angebracht. Der Yankee faltete den Brief wieder zusammen, gab ihn dem Eigentümer zurück und sagte, indem ein halb ironisches, halb mitleidiges Lächeln um seine Lippen spielte: „Ich glaube Euern Worten, Master Haller, auch ohne daß Ihr mir diesen Brief zu zeigen braucht. Wer Euch sieht und sprechen hört, der weiß, daß er einen grundehrlichen Menschen, welcher gewiß mit Willen kein Wässerlein trübt, vor sich hat. Mir geht es gerade wie Euch, auch ich bin kein großer Jäger und Schütze vor dem Herrn. Das ist kein Fehler, denn der Mensch lebt nicht durch Pulver und Blei allein. Aber so sehr ängstlich wie Ihr, wäre ich an Eurer Stelle denn doch nicht gewesen. Ich glaube, Ihr habt Euch ein wenig ins Bockshorn jagen lassen.“

„O nein; die Sache war wirklich gefährlich.“

„So seid Ihr überzeugt, daß man Euch verfolgt hat?“

„Gewiß! Darum habe ich bisher alle Farmen vermieden, damit man nicht erfahren soll, wohin ich mich gewendet habe.“

„Und seid Ihr überzeugt, daß Ihr in Sheridan gut aufgenommen werdet und eine Stelle erhaltet?“

„Ja, denn Mr. Norton und Mr. Charoy, der Ingenieur in Sheridan, sind außerordentlich befreundet.“

„Nun, welchen Gehalt gedenkt Ihr dort zu beziehen?“

„Ich hatte jetzt wöchentlich acht Dollar und meine, daß man mich dort ebenso bezahlen wird.“

„So! Ich weiß eine Anstellung mit noch einmal so viel, also sechzehn Dollar und freie Station für Euch.“

„Was? Wirklich?“ rief der Schreiber erfreut, indem er aufsprang. „Sechzehn Dollar? Das ist ja geradezu zum Reichwerden!“

„Wenn auch das nicht; aber sparen könntet Ihr Euch etwas dabei.“

„Wo ist diese Stelle zu haben? Bei wem?“

„Bei mir.“

„Bei – – Euch?“ erklang es im Tone der Enttäuschung.

„Allerdings. Wahrscheinlich traut Ihr mir das nicht zu?“

„Hm! Ich kenne Euch nicht.“

„Dem kann gleich abgeholfen werden. Ich bin nämlich Magister Doktor Jefferson Hartley, Physician und Farrier meines Berufes.“

„Also Menschen- und Roßarzt?“

„Arzt für Menschen und Tiere,“ nickte der Yankee. „Habt Ihr Lust, so sollt Ihr mein Famulus sein, und ich zahle Euch den erwähnten Gehalt.“

„Aber ich verstehe nichts von der Sache,“ erklärte Haller bescheiden.

„Ich auch nicht,“ gestand der Magister.

„Nicht?“ fragte der andre erstaunt. „Ihr müßt doch Medizin studiert haben?“

„Fällt mir gar nicht ein!“

„Aber, wenn Ihr Magister und auch Doktor seid – –!“

„Das bin ich allerdings! Diese Titel und Würden besitze ich; daß weiß ich am allerbesten, denn ich selbst habe sie mir verliehen.“

„Ihr – – Ihr selbst?“

„Freilich! Ich bin offen gegen Euch, weil ich denke, daß Ihr meinen Antrag annehmen werdet. Eigentlich bin ich Schneider; dann wurde ich Friseur, nachher Tanzlehrer; später gründete ich ein Erziehungsinstitut für junge Ladies, als das aufhörte, griff ich zur Ziehharmonika und wurde wandernder Musikant. Seitdem habe ich mich noch in zehn bis zwanzig andern Branchen rühmlichst hervorgethan. Ich habe das Leben und die Menschen kennen gelernt, und diese Kenntnis gipfelt in der Erfahrung, daß ein gescheiter Kerl kein Dummkopf sein darf. Diese Menschen wollen betrogen sein; ja, man thut ihnen den größten Gefallen, und sie sind außerordentlich erkenntlich dafür, wenn man ihnen ein X für ein U vormacht. Besonders muß man ihren Fehlern schmeicheln, ihren geistigen und leiblichen Fehlern und Gebrechen, und darum habe ich mich auf diese letzteren gelegt und bin Arzt geworden. Hier seht Euch einmal meine Apotheke an!“

Er schloß den Kasten auf und schlug den Deckel desselben zurück. Das Innere hatte ein höchst elegantes Aussehen; es bestand aus fünfzig Fächern, welche mit Sammet ausgeschlagen und mit goldenen Linien und Arabesken verziert waren. Jedes Fach enthielt eine Phiole mit einer schön gefärbten Flüssigkeit. Es gab da Farben in allen möglichen Schattierungen und Abstufungen.

„Das also ist Eure Apotheke!“ meinte Haller. „Woher bezieht Ihr die Medikamente?“

„Die mache ich mir selbst.“

„Ich denke, Ihr versteht nichts davon!“

„O, das verstehe ich schon! Es ist ja kinderleicht. Was Ihr da seht, ist alles weiter nichts als ein klein wenig Farbe und ein bißchen viel Wasser, Aqua genannt. In diesem Worte besteht mein ganzes Latein. Dazu habe ich mir die übrigen Ausdrücke selbst fabriziert; sie müssen möglichst schön klingen, und so seht Ihr hier Aufschriften wie: Aqua salamandra, Aqua peloponnesia, Aqua chimborassolaria, Aqua invocabulataria und andre. Ihr glaubt gar nicht, welche Kuren ich mit diesen Wassern schon gemacht habe, und ich nehme Euch das gar nicht übel, denn ich glaube es selbst auch nicht. Die Hauptsache ist, daß man die Wirkung nicht abwartet, sondern das Honorar einzieht und sich aus dem Staube macht. Die Vereinigten Staaten sind groß, und ehe ich da herumkomme, können viele, viele Jahre vergehen, und ich bin inzwischen ein reicher Mann geworden. Das Leben kostet nichts, denn überall, wohin ich komme, setzt man mir mehr vor, als ich essen kann, und steckt mir, wenn ich gehe, auch noch die Taschen voll. Vor den Indianern brauche ich mich nicht zu fürchten, weil ich als Medizinmann bei ihnen für heilig und unantastbar gelte. Schlagt ein! Wollt Ihr mein Famulus sein?“

„Hm! brummte Haller, indem er sich hinter dem Ohre kratzte. Die Sache kommt mir bedenklich vor. Es ist keine Ehrlichkeit dabei.“

„Macht Euch nicht lächerlich. Der Glaube thut alles. Meine Patienten glauben an die Wirkung meiner Medizin und werden gesund davon. Ist das Betrug? Versucht es wenigstens zunächst einmal! Ihr habt Euch jetzt gestärkt, und da die Farm, nach der ich will, auf Eurem Wege liegt, so habt Ihr keinen Schaden davon.“

„Nun, versuchen will ich es, schon aus Dankbarkeit; aber ich habe kein Geschick, den Leuten etwas weiß zu machen.“

„Ist gar nicht nötig; das besorge ich schon selbst. Ihr habt ehrfurchtsvoll zu schweigen, und Eure ganze Arbeit besteht darin, diejenige Phiole aus dem Kasten zu langen, welche ich Euch bezeichne. Freilich müßt Ihr es Euch gefallen lassen, daß ich Euch dabei Du nenne. Also vorwärts! Brechen wir auf!“

Er hing sich den Kasten wieder um, und dann schritten sie miteinander der Farm entgegen. Nach kaum einer halben Stunde sahen sie dieselbe von weitem liegen; sie schien nicht groß zu sein. Nun mußte Haller den Kasten tragen, da sich das nicht für den Prinzipal, Doktor und Magister schickte.

Das Hauptgebäude der Farm war aus Holz gebaut; neben und hinter demselben lag ein wohlgepflegter Baum- und Gemüsegarten. Die Wirtschaftsgebäude standen in einiger Entfernung von diesem Wohnhause. Vor demselben waren drei Pferde angebunden, ein sicheres Zeichen, daß sich Fremde hier befanden. Diese saßen in der Wohnstube und tranken Hausbier, welches der Farmer selbst gebraut hatte. Die Fremden waren allein, da sich nur die Farmersfrau daheim befand und jetzt in dem kleinen Stalle war. Sie sahen den Quacksalber mit seinem Famulus kommen.

„Thunderstorm!“ rief der eine von ihnen. „Sehe ich recht? Den muß ich kennen. Wenn mich nicht alles trügt, so ist das Hartley, der Musikant mit der Harmonika!“

„Ein Bekannter von dir?“ fragte der zweite. „Hast du etwas mit ihm gehabt?“

„Freilich. Der Kerl hatte gute Geschäfte gemacht und die Taschen voller Dollars. Natürlich machte ich ebenso gute Geschäfte, indem ich sie ihm des Nachts leerte.“

„Weiß er, daß du es gewesen bist?“

„Hm, wahrscheinlich. Wie gut, daß ich meine roten Haare gestern schwarz gefärbt habe! Nennt mich ja nicht Brinkley und auch nicht Cornel! Der Kerl könnte uns einen Strich durch die Rechnung machen!“

Aus diesen Worten ging hervor, daß dieser Mann der rote Cornel war.

Die beiden Ankömmlinge hatten jetzt das Haus erreicht, gerade als die Farmersfrau aus dem Stalle kam. Sie begrüßte dieselben freundlich und fragte nach ihrem Begehr. Als sie hörte, daß sie einen Arzt und dessen Famulus vor sich habe, zeigte sie sich sehr erfreut und ersuchte sie, in die Stube zu treten, die sie öffnete.

„Mesch’schurs,“ rief sie hinein, „da kommt ein hochgelehrter Arzt mit seinem Apotheker. Ich denke, daß euch die Gesellschaft dieser Herren nicht unangenehm sein wird.“

„Hochgelehrter Arzt?“ brummte der Cornel vor sich hin. „Unverschämter Kerl! Möchte ihm zeigen, was ich von ihm denke!“

Die Eintretenden grüßten, und nahmen ohne Umstände an dem Tische Platz. Der Cornel bemerkte zu seiner Genugthuung, daß er von Hartley nicht erkannt wurde. Er gab sich für einen Fallensteller aus und sagte, daß er mit seinen beiden Gefährten hinauf in die Berge wolle. Dann entspann sich ein Gespräch, währenddessen die Wirtin am Herdfeuer beschäftigt war. Über demselben hing ein Kessel, in welchem das Mittagessen kochte. Als dasselbe fertig war, trat sie vor das Haus und stieß nach der Sitte jener Gegenden in das Horn, um die Ihrigen herbeizurufen.

Diese kamen von den naheliegenden Feldern. Es war der Farmer, ein Sohn, eine Tochter und ein Knecht. Sie reichten den Gästen, besonders dem Arzte, mit aufrichtiger Freundlichkeit die Hand und setzten sich dann zu ihnen, um das Mahl, vor und nach welchem gebetet wurde, einzunehmen. Es waren einfache, unbefangene, fromme Leute, welche gegen die Smartneß eines richtigen Yankee freilich nicht aufzukommen vermochten.

Während des Essens verhielt sich der Farmer vollständig einsilbig, nach demselben brannte er sich eine Pfeife an, legte die Ellbogen auf den Tisch und sagte in erwartungsvollem Tone zu Hartley: „Nachher, Doktor, müssen wir wieder auf das Feld; jetzt aber haben wir ein wenig Zeit, mit Euch zu reden. Vielleicht kann ich Eure Kunst in Anspruch nehmen. In welchen Krankheiten seid Ihr denn bewandert?“

„Welche Frage!“ antwortete der Kurpfuscher. „Ich bin Physician und Farrier und heile also die Krankheiten aller Menschen und aller Tiere.“

„Well, so seid Ihr der Mann, den ich brauche. Hoffentlich gehört Ihr nicht zu den Schwindlern, welche als Ärzte umherziehen und alles gewesen sind und alles versprechen, aber nicht studiert haben?“

„Sehe ich etwa aus, wie so ein Halunke?“ warf sich Hartley in die Brust. „Hätte ich mein Doktor- und Magisterexamen bestanden, wenn ich nicht ein studierter Mann wäre? Hier sitzt mein Famulus. Fragt ihn, und er wird Euch sagen, daß Tausende und aber Tausende von Menschen, die Tiere gar nicht mitgerechnet, mir Gesundheit und Leben verdanken.“

„Ich glaube es, ich glaube es, Sir! Ihr kommt gerade zur richtigen Zeit. Ich habe eine Kuh im Stalle stehen. Was das heißen will, werdet Ihr wissen. Hier zu Lande kommt eine Kuh nur dann in den Stall, wenn sie schwer krank ist. Sie hat zwei Tage nichts gefressen und hängt den Kopf bis zur Erde herab. Ich gebe sie verloren.“

„Pshaw! Ich gebe einen Kranken erst dann verloren, wenn er gestorben ist! Der Knecht mag sie mir mal zeigen; dann sage ich Euch Bescheid.“

Er ließ sich nach dem Stalle führen, um die Kuh zu untersuchen. Als er zurückkam, zeigte er eine sehr ernste Miene und sagte: „Es war die höchste Zeit, denn die Kuh wäre bis heute abend gefallen. Sie hat Bilsenkraut gefressen. Glücklicherweise habe ich ein untrügliches Gegenmittel; morgen früh wird sie so gesund sein wie zuvor. Bringt mir einen Eimer Wasser, und du, Famulus, gib einmal das Aqua sylvestropolia heraus!“

Haller suchte, nachdem er den Kasten geöffnet hatte, das betreffend Fläschchen, aus welchem Hartley einige Tropfen in das Wasser goß, von dem der Kuh dreistündlich je eine halbe Gallone gegeben werden sollte. Dann kamen die menschlichen Patienten daran. Die Frau hatte einen beginnenden Kropf und erhielt Aqua sumatralia. Der Farmer litt an Rheumatismus und bekam Aqua sensationia. Die Tochter war kerngesund, doch wurde sie leicht veranlaßt, gegen einige Sommersprossen Aqua furonia zu nehmen. Der Knecht hinkte ein wenig, schon seit seinen Knabenjahren, ergriff aber die Gelegenheit, diesen Umstand durch Aqua ministerialia zu beseitigen. Zuletzt fragte Hartley auch die drei Fremden, ob er ihnen dienen könne. Der Cornel schüttelte den Kopf und antwortete: „Danke, Sir! Wir sind äußerst gesund. Und fühle ich mich je einmal unwohl, so helfe ich mir auf schwedische Weise.“

„Wieso?“

„Durch Heilgymnastik. Ich lasse mir nämlich auf der Ziehharmonika einen flotten Reel vorspielen und tanze so lange danach, bis ich in Schweiß komme. Dieses Mittel ist probat. Verstanden?“

Er nickte ihm dabei bedeutungsvoll zu. Der Heilkünstler schwieg betroffen und wandte sich von ihm ab, um den Wirt nach den nächstliegenden Farmen zu fragen. Laut des Bescheides, den er bekam, lag die nächste acht Meilen weit gegen Westen, dann eine fünfzehn Meilen nach Norden. Als der Magister erklärte, daß er unverzüglich nach der ersteren aufbrechen werde, fragte ihn der Farmer nach dem Honorare. Hartley verlangte fünf Dollar und bekam sie auch sehr gern ausgezahlt. Dann brach er mit seinem Famulus auf, welcher wieder den Kasten auf sich lud. Als sie sich so weit entfernt hatten, daß sie von der Farm aus nicht mehr gesehen werden konnten, sagte er: „Wir sind westlich gegangen, biegen aber nun nach Norden ein, denn es kann mir nicht einfallen, nach der ersten Farm zu gehen; wir suchen die zweite auf. Die Kuh war so hinfällig, daß sie wohl schon in einer Stunde stirbt. Wenn es da dem Farmer einfällt mir nachzureiten, kann es mir schlecht ergehen. Aber ein Mittagessen und fünf Dollar für zehn Tropfen Anilinwasser, ist daß nicht einladend? Ich hoffe, Ihr erkennt Euern Vorteil und tretet in meinen Dienst!“

„Die Hoffnung trügt Euch, Sir,“ antwortete Haller. „Was Ihr mir bietet, ist viel, sehr viel Geld; dafür aber hätte ich noch viel mehr Lügen zu machen. Nehmt es mir nicht übel! Ich bin ein ehrlicher Mann und will es auch bleiben. Mein Gewissen verbietet mir, auf Euern Vorschlag einzugehen.“

Er sagte das so ernst und fest, daß der Magister einsah, daß alles fernere Zureden unnütz sei. Darum sagte der letztere, indem er mitleidig mit dem Kopfe schüttelte: „Ich habe es gut mit Euch gemeint. Schade, daß Euer Gewissen ein so zartes ist!“

„Ich danke Gott, daß er mir kein andres gegeben hat. Hier habt Ihr Euern Kasten zurück. Ich möchte Euch gern erkenntlich für das sein, was Ihr an mir gethan habt, aber ich kann nicht, es ist mir unmöglich.“

„Well! Des Menschen Wille ist sein Himmelreich; darum will ich nicht weiter in Euch dringen. Aber wir brauchen uns trotzdem nicht sogleich zu trennen. Euer Weg ist fünfzehn Meilen weit, bis zu der betreffenden Farm, auch der meinige, und wir können also wenigstens bis dahin beisammen bleiben.“

Er nahm seinen Kasten wieder an sich. Die Schweigsamkeit in welche er nun verfiel, ließ vermuten, daß die Rechtlichkeit des Schreibers nicht ganz ohne Eindruck auf ihn geblieben sei. So wanderten sie nebeneinander weiter und richteten ihre Augen nur nach vorwärts, bis sie hinter sich Pferdegetrappel vernahmen. Sich umdrehend, erblickten sie die drei Männer, mit denen sie auf der Farm zusammengetroffen waren.

„Woe to me!“ entfuhr es Hartley. „Das scheint mir zu gelten. Diese Kerle wollten doch nach den Bergen! Warum reiten sie ha nicht westlich! Ich traue ihnen nicht; sie scheinen eher Strolche als Trappers zu sein.“

Er sollte bald zu seinem Leidwesen erfahren, daß er mit dieser Vermutung das Richtige getroffen hatte. Die Reiter hielten bei den beiden an, und der Cornel wendete sich in höhnischer Weise an den Quacksalber: „Master, warum habt Ihr Eure Richtung geändert? Nun wird der Farmer Euch nicht finden.“

„Mich finden?“ fragte der Yankee.

„Ja. Als Ihr fort waret, sagte ich ihm aufrichtig, was es für eine Bewandtnis mit Euern schönen Titeln hat, und er brach schleunigst auf, um Euch zu folgen und sich sein Geld wiederzuholen.“

„Unsinn, Sir!“

„Es ist nicht Unsinn, sondern die Wahrheit. Er ist nach der Farm, welche Ihr angeblich mit Eurer Gegenwart beglücken wolltet. Wir aber waren klüger als er. Wir verstehen es Fährten zu lesen und sind der Eurigen gefolgt, um Euch einen Vorschlag zu machen.“

„Wüßte nicht, welchen. Ich kenne Euch nicht, und habe nichts mit Euch zu schaffen.“

„Desto mehr aber wir mit Euch. Wir kennen Euch. Indem wir dulden, daß Ihr diese ehrlichen Farmersleute betrügt, sind wir Eure Mitschuldigen geworden, wofür es nur recht und billig ist, daß Ihr uns einen Teil des Honorares auszahlt. Ihr seid zwei, und wir sind drei Personen; also haben wir drei Fünftel des Betrags zu fordern. Ihr seht, daß wir gerecht und billig handeln. Solltet Ihr nicht einverstanden sein, so – nun, seht Euch meine Kameraden an!“

Er deutete nach den beiden andern, welche jetzt ihre Gewehre auf Hartley richteten. Dieser hielt nun alle Disputation für vergeblich. Er war völlig überzeugt, es mit richtigen Wegelagerern zu thun zu haben, und freute sich innerlich, so billig davonzukommen. Darum zog er drei Dollar aus der Tasche, hielt sie dem Cornel hin und sagte: „Ihr scheint Euch in meiner Person zu irren und Euch in Verhältnissen zu befinden, welche diesen Teil meines wohlverdienten Honorares für Euch nötig machen. Ich will Eure Forderung als Scherz gelten lassen und auf denselben eingehen. Hier sind die drei Dollar, welche nach Eurer eignen Rechnung auf Euch entfallen.“

„Drei Dollar? Seid Ihr des Teufels!“ lachte der Cornel. „Meint Ihr, daß wir Euch einer solchen Lumperei wegen nachreiten? Nein, nein! Es war nicht bloß das heutige Geld gemeint. Wir verlangen unsern Anteil von dem, was Ihr bisher überhaupt verdient habt. Ich nehme an, daß Ihr ein erkleckliches Sümmchen bei Euch tragt.“

„Sir, das ist keineswegs der Fall,“ rief Hartley erschrocken.

„Werden sehen! Wenn Ihr leugnet, muß ich Euch untersuchen. Ich denke, daß Ihr Euch das ruhig gefallen lassen werdet, denn meine Kameraden spaßen mit Ihren Büchsen nicht. Das Leben eines armseligen Harmonikaspielers ist für uns keinen Pfifferling wert.“

Er stieg vom Pferde und trat zu dem Yankee. Dieser erging sich in allen möglichen Vorstellungen, um das drohende Unheil von sich abzuwenden, doch vergebens. Die Gewehrmündungen starrten ihm so drohend entgegen, daß er sich in sein Schicksal ergab. Dabei hoffte er im stillen, daß der Cornel nichts finden werde, da er seine Barschaft sehr gut versteckt glaubte. Der jetzt schwarz gefärbte Rote untersuchte alle Taschen, fand aber nur wenige Dollar. Dann betastete er jeden Zoll breit des Anzuges, um zu fühlen, ob vielleicht etwas eingenäht sei. Das war ohne Erfolg. Nun glaubte Hartley, der Gefahr entgangen zu sein, aber der Cornel war schlau. Er ließ den Kasten öffnen und betrachtete denselben genau.

„Hm!“ meinte er. „Diese sammetne Apotheke ist so tief, daß die Fächer nicht bis auf den Boden reichen. Wollen doch einmal versuchen, ob sie sich nicht herausnehmen lassen.“

Hartley erbleichte, denn der Gauner befand sich auf der richtigen Spur. Der letztere faßte mit beiden Händen an den Zwischenwänden der Fächer und zog – – richtig, die Apotheke ließ sich aus dem Kasten heben, und unter ihr lagen mehrere Papiercouverte neben- und übereinander. Als er sie öffnete, sah er sie mit Banknoten verschiedenen Wertes gefüllt.

„Ah, hier ist der verborgene Schatz zu heben,“ lachte er vergnügt. „Habe es mir gedacht. Ein Physician und Farrier verdient ein Heidengeld, es mußte also welches vorhanden sein.“

Er griff zu, um die Couverte einzustecken. Das versetzte den Yankee in die größte Wut. Er warf sich auf ihn, um ihm das Geld zu entreißen. Da krachte ein Schuß. Die Kugel hätte ihn gewiß durchbohrt, wenn er sich nicht gerade in schneller Bewegung befunden hätte, so traf sie nur den Oberarm, dessen Knochen sie zerschmetterte. Einen Schrei ausstoßend, sank der Verwundete in das Gras.

„Recht so, Halunke!“ rief der Cornel. „Stehe wieder auf, oder sage nur ein falsches Wort, so trifft dich die zweite Kugel besser als die erste. Nun wollen wir auch den Master Famulus untersuchen.“

Er schob die Couverte in seine Tasche und trat zu Haller.

„Ich bin nicht sein Famulus; ich habe ihn erst kurz vor der Farm getroffen,“ erklärte dieser ängstlich.

„So? Wer oder was seid Ihr denn?“

Haller beantwortete diese Frage der Wahrheit gemäß. Er gab dem Cornel sogar den Empfehlungsbrief zu lesen, um die Wahrheit seiner Aussage zu beweisen. Dieser nahm Kenntnis von dem Inhalte des Schreibens, gab ihm dasselbe zurück und sagte verächtlich: „Ich glaube Euch. Wer Euch ansieht, der muß gleich beim ersten Blicke bemerken, daß Ihr ein gutehrlicher Kerl seid, der aber das Pulver nicht erfunden hat. Lauft immerhin nach Sheridan; ich habe nichts mit Euch zu schaffen.“ Und sich wieder an den Yankee wendend fuhr er fort: „Ich sprach von unsrem Anteile; da du uns aber belogen hast, so kannst du dich nicht darüber beklagen, daß wir dir das Ganze abnehmen. Gib dir Mühe, auch weiterhin gute Geschäfte zu machen. Wenn wir dich dann wieder treffen, werden wir genauer teilen.“

Hartley hatte erkannt, daß Widerstand vergeblich sei. Er gab gute Worte, um wenigstens einen Teil seines Geldes zurückzuerhalten, hatte jedoch nur den Erfolg, daß er ausgelacht wurde. Der Cornel stieg wieder zu Pferde und ritt mit seinen Gefährten und dem Raube davon, nach Norden zu, dadurch beweisend, daß er kein Trapper sei und es gar nicht in seiner Absicht gelegen habe, sich westwärts in die Berge zu wenden.

Unterwegs besprachen und belachten die Strolche das gehabte Abenteuer und kamen überein, das Geld zu teilen, ohne ihren Genossen davon zu erzählen.

Als sie nach längerer Zeit einen passenden Ort fanden, von welchem aus die ganze Gegend zu übersehen war und sie also weder gestört noch beobachtet werden konnten, stiegen sie ab, um den Raub zu zählen. Als dann jeder seinen Anteil zu sich gesteckt hatte, meinte einer der beiden Tramps zu dem Cornel: „Du hättest den andern auch durchsuchen sollen. Es sollte mich wundern, wenn er ohne Geld gewesen wäre.“

„Pshaw! Was kann man bei einem armen Schreiber finden! Einige Dollars höchstens und das lohnt die Mühe nicht.“

„Es fragt sich, ob er die Wahrheit gesagt hat und wirklich ein Schreiber war. Was stand in dem Briefe, den er dir zeigte?“

„Es war ein Empfehlungsschreiben an den Ingenieur Charoy in Sheridan.“

„Was? Wirklich?“ fuhr der Mann auf. „Und das hast du ihm wiedergegeben!“

„Ja. Was hätte dieser Wisch uns nutzen können?“

„Viel, sehr viel! Und das fragst du noch? Es liegt doch klar auf der Hand, daß dieser Brief der Ausführung unsres Planes ungeheuer förderlich hätte sein müssen. Es ist geradezu wunderbar, daß du das nicht einsiehst und nicht darauf gekommen bist. Wir haben unsre Leute zurückgelassen, um uns zunächst die Gelegenheit heimlich zu betrachten. Wir müssen die Örtlichkeit kennen lernen und auch die Kassenverhältnisse, das ist um so schwieriger, als wir uns dabei nicht sehen lassen wollen. Hätten wir aber diesem Manne den Brief abgenommen, so konnte einer von uns nach Sheridan gehen und sich für diesen Schreiber ausgeben; er wäre gewiß im Bureau beschäftigt worden, hätte Einblick in die Bücher erhalten und wäre wohl schon am ersten oder zweiten Tage im stande gewesen, uns alle notwendige Auskunft zu erteilen.“

„Teufel!“ rief der Cornel. „Das ist wahr. Wie ist’s nur möglich, daß ich nicht auf diesen Gedanken gekommen bin! Gerade du bist mit der Feder bewandert und hättest diese Rolle übernehmen können.“

„Und ich hätte sie wohl auch richtig ausgeführt. Es wären damit alle Schwierigkeiten beseitigt gewesen. Sollte es nicht noch Zeit sein, das Versäumte nachzuholen?“

„Gewiß! Natürlich ist’s noch Zeit! Wir wissen ja, wohin die beiden wollen; der Weg ist ihnen von dem Farmer angedeutet worden und führt hier vorüber. Wir brauchen also nur zu warten, bis sie kommen.“

„Ganz richtig, thun wir das! Aber es genügt nicht, dem Schreiber den Brief abzunehmen. Er würde nach Sheridan gehen und uns alles verderben. Wir müssen also ihn und den Quacksalber daran verhindern.“

„Das versteht sich ganz von selbst. Wir geben jedem eine Kugel in den Kopf und scharren sie ein. Du gehst dann mit dem Briefe nach Sheridan, suchst alles Nötige zu erfahren und gibst uns Nachricht davon.“

„Aber wo und wie?“

„Wir zwei reiten zurück und holen die andern. Du wirst uns dann in der Gegend finden, wo die Bahn über den Eagle-tail geht. Genau können wir die Stelle vorher nicht bestimmen. Ich werde Vorposten in der Richtung nach Sheridan aufstellen, auf welche du unbedingt treffen mußt.“

„Schön. Aber wenn nun meine Entfernung auffällt und Verdacht erweckt?“

„Hm, darauf müssen wir uns freilich gefaßt machen. Aber wir können es umgehen, indem du nicht allein gehst, sondern den Faller mitnimmst. Du gibst an, ihn unterwegs getroffen zu haben, und er sagt, daß er an dem Bahnbaue Beschäftigung suche.“

„Vortrefflich!“ stimmte der zweite Tramp bei, welcher Faller hieß. „Arbeit werde ich sofort bekommen, und wenn nicht, so ist es mir desto lieber, da ich dann Zeit habe, die Botschaft nach dem Eagle-tail zu bringen.“

Der Plan wurde noch weiter besprochen und die Ausführung desselben beschlossen. Dann warteten die drei auf die Annäherung des Quacksalbers und seines Gefährten. Aber es vergingen Stunden, ohne daß dieselbe erfolgte. Es war anzunehmen, daß sie ihre ursprüngliche Richtung verändert hatten, um nicht etwa abermals mit den drei Tramps zusammenzutreffen. Diese faßten daher den Entschluß zurückzureiten und der neuen Spur zu folgen.

Was nun die beiden Männer betrifft, welche von dieser neuen Gefahr bedroht wurden, so hatte der Yankee sich zunächst von dem Schreiber notdürftig verbinden lassen. Der Oberarm war schwer verletzt, und es stellte sich für den Verwundeten die Notwendigkeit heraus, einen Ort aufzusuchen, an welchem er wenigstens für die ersten Tage Pflege finden konnte. Dies war die Farm, nach welcher sie sich wenden wollten. Da aber die Tramps dieselbe Richtung eingeschlagen hatten, meinte der Yankee:

„Wollen wir ihnen nochmals in die Hände laufen? Wir müssen gewärtig sein, daß sie bedauern, uns nicht unschädlich gemacht zu haben, und dann, wenn wir wieder auf sie treffen, das Versäumte nachholen. Mein Geld haben sie; aber mein Leben möchte ich ihnen nicht auch noch hinterdrein tragen. Suchen wir uns also eine andre Farm!“

„Wer weiß, wie spät wir eine solche finden,“ sagte Haller. „Werdet Ihr eine so lange Wanderung aushalten?“

„Ich denke es. Ich bin ein so kräftiger Kerl, daß wir wohl an Ort und Stelle sein werden, ehe das Wundfieber eintritt. Auf alle Fälle hoffe ich, daß Ihr mich nicht vorher verlasset.“

„Gewißlich nicht. Solltet Ihr unterwegs liegen bleiben, so suche ich Leute auf, welche Euch zu sich holen werden. Nun wollen wir aber keine Zeit verlieren. Wohin wenden wir uns?“

„Nach Norden, wie vorher, nur etwas weiter rechts. Der Horizont ist dort dunkel, es scheint da also Wald oder Busch zu geben, und wo Bäume sind, da ist auch Wasser, was ich zur Kühlung meiner Wunde notwendig brauche.“

Haller nahm den Kasten auf und die beiden verließen die Unglücksstelle. Die Vermutung des Yankee bewährte sich. Sie gelangten nach einiger Zeit in eine Gegend, wo es zwischen grünem Buschwerk ein Wasser gab, an welchem der erste Verband erneuert wurde. Hartley schüttete alle seine gefärbten Tropfen weg und füllte die Phiolen mit reinem Wasser, um unterwegs den Verband nach Bedarf befeuchten zu können. Dann brachen sie wieder auf.

Sie kamen über eine Prairie von so kurzem Grase, daß die Fußspuren kaum zu erkennen waren. Es gehörte das Auge eines sehr erfahrenen Westmannes dazu, um bestimmen zu können, ob die Fährte von einem oder von zwei Menschen verursacht worden sei. Nach längerer Zeit sahen sie die Linie des Horizonts wieder dunkel vor sich liegen, ein Zeichen, daß sie sich abermals einer waldigen Stelle näherten. Als der Yankee sich jetzt zufällig einmal umdrehte, erblickte er hinter sich mehrere Punkte, welche sich bewegten. Es waren ihrer drei, und so kam ihm sofort die Überzeugung, daß die Tramps umgekehrt seien; es galt also das Leben. Ein andrer hätte den Schreiber auf die Verfolger aufmerksam gemacht; Hartley aber that das nicht; er setzte den Weg mit verdoppelter Schnelligkeit fort, und als Haller sich über diese plötzliche Eile wunderte, stellte er ihn durch den ersten besten plausiblen Grund zufrieden.

Reiter kann man natürlich weiter sehen als Fußgänger. Die Entfernung der Reiter war eine solche, daß Hartley annehmen konnte, daß er und sein Begleiter von den Tramps noch nicht bemerkt worden seien. Hierauf gründete er den Plan zu seiner Rettung. Er sagte sich, daß Widerstand vergeblich sein werde; wurden sie ereilt, so waren sie beide verloren. Höchstens war für einen von ihnen die Möglichkeit, sich zu retten, vorhanden, dann aber mußte der andre geopfert werden und dieser andre sollte natürlich der Schreiber sein, er durfte nicht erfahren, welche Gefahr ihm drohe. Darum schwieg der schlaue Yankee. Er fühlte sein Gewissen, daß er seinen Gefährten dem Verderben überliefere, nicht im mindesten beschwert, da derselbe ja auf jeden Fall verloren war.

So ging es schnell weiter und weiter, bis sie das Gehölz erreichten, welches aus dichtem Buschwerke bestand, über welchem sich die Wipfel von einzelnen Hickorys, Eichen, Walnußbäumen und Wasserulmen erhoben. Es war nicht tief, zog sich aber lang ausgedehnt nach rechts hinüber. Als sie dasselbe durchschritten hatten und den jenseitigen Rand erreichten blieb der Yankee stehen und sagte: „Master Haller, ich habe mir überlegt, wie beschwerlich ich Euch falle. Ihr wollt nach Sheridan und habt meinetwegen vom geraden Weg abweichen müssen. Wer weiß, ob und wann wir in der jetzigen Richtung eine Farm finden; da könnt Ihr Euch tagelang mit mir herumquälen, während es doch ein höchst einfaches Mittel gibt, diese Aufopferung ganz unnötig zu machen.“

„So? Welches denn?“ fragte Haller ahnungslos.

„Ihr geht in Gottes Namen weiter, und ich kehre nach der Farm zurück, von welcher ich kam, ehe ich Euch heute traf.“

„Das kann ich nicht zugeben; es ist zu weit.“

„Ganz und gar nicht. Ich bin erst westlich gegangen und dann mit Euch gerade nördlich, also im rechten Winkel. Wenn ich diesen abschneide, habe ich von hier aus nicht ganz drei Stunden zu gehen, und so lange halte ich es sehr gut aus.“

„Meint Ihr? Nun gut; aber ich gehe mit. Ich habe versprochen, Euch nicht zu verlassen.

„Und ich muß Euch dieses Versprechens entbinden, da ich Euch nicht in Gefahr bringen darf.“

„Gefahr?“

„Ja. Die Pflanzersfrau ist nämlich, wie sie mir erzählte, die Schwester des Sheriffs von Kinsley. Werdet Ihr von dort aus verfolgt, so ist hundert gegen eins zu wetten, daß der Sheriff auf dieser Farm vorspricht. Ihr würdet ihm also gerade in die Hände laufen.“

„Das werde ich freilich bleiben lassen,“ meinte Haller erschrocken. „Wollt Ihr denn wirklich hin?“

„Ja; es ist das beste für mich und auch für Euch.“

Er stellte ihm die Vorteile dieses Entschlusses in so aufrichtiger und eindringlicher Weise vor, daß der arme Schreiber endlich in die Trennung willigte. Sie schüttelten sich die Hände, sprachen gegenseitig die besten Wünsche aus und trennten sich dann. Haller ging weiter, auf die offene Prairie hinaus. Hartley sah ihm nach und meinte dabei zu sich selbst: „Der Kerl kann mir leid thun, aber es geht nicht anders. Blieben wir zusammen, so wäre er auch verloren, und ich müßte mit ihm sterben. Nun aber ist’s hohe Zeit für mich. Wenn sie ihn einholen und nach mir fragen, wird er ihnen sagen, wohin ich bin, also da nach rechts hinüber. Ich mache mich also nach links davon und suche mir einen Ort, an welchem ich mich verstecken kann.“

Er war kein Jäger oder Fallensteller, aber er wußte, daß er keine Fährte zurücklassen dürfe, und hatte auch zuweilen gehört, wie man es machen müsse, um eine Spur zu verwischen. Indem er in die Büsche eindrang, suchte er sich solche Stellen aus, welche keine Fußeindrücke aufnahmen. War ja ein solcher zu bemerken, so glich er ihn hinter sich mit der Hand wieder aus. Dabei war ihm freilich seine Verwundung hinderlich und ebenso der Kasten, den er wieder an sich genommen hatte. Er kam also nur sehr langsam weiter, traf aber zu seinem Glücke bald auf eine Stelle, auf welcher die Büsche so dicht standen, daß sie für das Auge undurchdringlich waren. Er arbeitete sich hinein, legte den Kasten ab und setzte sich darauf. Kaum war das geschehen, so hörte er die Stimmen der drei Reiter und den Schritt ihrer Pferde. Sie ritten vorüber, ohne zu bemerken, daß die Spur von jetzt an eine nur einfache war.

Der Yankee schob die Zweige nach der betreffenden Richtung auseinander; er konnte hinaus auf die Prairie blicken. Da draußen ging Haller. Die Tramps sahen ihn, und ließen ihre Pferde in Galopp fallen. Jetzt hörte er sie, drehte sich um und blieb erschrocken stehen. Bald hatten sie ihn erreicht; sie sprachen mit ihm; er deutete ostwärts; jedenfalls sagte er ihnen, daß der Yankee in dieser Richtung nach der Farm zurückgekehrt sei. Dann krachte ein Pistolenschuß und Haller stürzte nieder.

„Es ist geschehen,“ murmelte Hartley. „Wartet nur, ihr Halunken! Vielleicht begegne ich euch einmal, und dann sollt ihr diesen Schuß bezahlen! Bin neugierig, was sie nun thun werden.“

Er sah, daß sie abstiegen, und sich mit dem Erschossenen beschäftigten. Dann standen sie beratend bei einander, bis sie wieder zu Pferde stiegen, wobei der Cornel den Ermordeten zu sich quer über den Sattel nahm. Zum Erstaunen des Yankee kam dieser zurück, während seine beiden Gefährten nicht mit ihm umkehrten, sondern weiter ritten. Als der Cornel das Buschwerk erreichte, drängte er sein Pferd ein Stück in dasselbe hinein und ließ dann die Leiche herabfallen; sie lag nun so, daß man sie von außerhalb des Gebüsches nicht sehen konnte, gar nicht weit von Hartley entfernt. Hierauf zog der Reiter sein Pferd zurück und ritt fort, wohin, das konnte Hartley nicht sehen; er hörte den Hufschlag noch kurze Zeit, dann wurde es still.

Den Yankee überkam ein Grauen. Fast bereute er es jetzt, den Schreiber nicht gewarnt zu haben. Er war Zeuge der entsetzlichen That gewesen, nun lag die Leiche fast in seiner unmittelbaren Nähe; er hätte sich gern davon machen mögen, wagte es aber nicht, da er annehmen mußte, daß der Cornel nach ihm suchen werde. Es verging eine Viertelstunde und noch eine, da beschloß er, die grausige Stelle zu verlassen. Vorher sah er noch einmal hinaus auf die Prairie; da erblickte er etwas, was ihn veranlaßte, noch in seinem Verstecke zu bleiben.

Ein Reiter, welcher ein lediges Pferd neben her führte, kam von rechts her über die Prairie geritten. Er stieß auf die Spur der beiden Tramps und hielt an, um abzusteigen. Nachdem er sich sorgfältig nach allen Richtungen umgeschaut hatte, bückte er sich nieder, um die Spur zu untersuchen. Dann schritt er, während die Pferde ihm freiwillig folgten, auf derselben zurück bis an die Stelle, an welcher der Mord geschehen war. Hier blieb er wieder halten, um sie zu betrachten. Erst nach längerer Zeit richtete er sich wieder auf und kam näher. Die Augen auf den Boden geheftet, folgte er der Spur des Cornels. Etwa fünfzig Schritte vom Gebüsch entfernt, blieb er stehen, stieß einen eigentümlichen Kehllaut aus und deutete mit dem Arme nach dem Gesträuch. Das schien dem Reitpferde zu gelten, denn dieses entfernte sich von ihm, schlug einen kurzen Bogen nach den Büschen und kam dann am Rande derselben her, die Luft in die weit geöffneten Nüstern ziehend. Da es kein Zeichen von Unruhe gab, fühlte der Reiter sich befriedigt und kam nun auch herbei.

Jetzt sah der Yankee, daß er einen Indianer vor sich hatte. Derselbe trug ausgefranste Leggins und ein ebenso an den Nähten mit Fransen und Stickereien versehenes Jagdhemd. Die kleinen Füße staken in Mokassins. Sein langes schwarzes Haar war in einen helmartigen Schopf geordnet, aber mit keiner Adlerfeder versehen. Um den Hals hing eine dreifache Kette von Bärenkrallen, die Friedenspfeife und der Medizinbeutel. In der Hand hielt er ein Doppelgewehr, dessen Schaft mit vielen silbernen Nägeln beschlagen war. Sein Gesicht, matt hellbraun mit einem leisen Bronzehauch, hatte fast römischen Schnitt, und nur die ein wenig hervorstehenden Backenknochen erinnerten an den Typus der amerikanischen Rasse.

Eigentlich war die Nähe eines Roten ganz geeignet, den Yankee, welcher überhaupt nicht zum Helden geboren war, mit Angst zu erfüllen. Aber je länger dieser letztere in das Gesicht des Indianers blickte, um so mehr kam es ihm vor, als ob er sich vor diesem Mann nicht zu fürchten brauche. Derselbe hatte sich auf vielleicht zwanzig Schritte genähert. Das Pferd war noch weiter herbeigekommen, während das andre sich hinter dem Reiter hielt. Jetzt – es hob schon den kleinen Vorderhuf, um weiter zu schreiten, da stieg es vorn empor und warf sich mit einem lauten, auffälligen Schnauben zurück; es hatte einen von dem Yankee oder dem Toten kommenden Luftzug gespürt. Der Indianer that im Nu einen wahren Panthersatz zur Seite und verschwand, mit ihm auch das zweite Pferd. Hartley konnte sie nicht mehr sehen.

Er verhielt sich lange, lange stille und bewegungslos, bis ein halb unterdrückter Laut an sein Ohr drang. „Uff!“ diese Silbe hatte er gehört, und als er das Gesicht nach der betreffenden Seite wendete, sah er den Indianer über der Leiche des Schreibers knieen und dieselbe mit Augen und Händen untersuchen. Dann kroch der Rote zurück und war wohl eine Viertelstunde lang nicht zu sehen, bis der Yankee erschrocken zusammenfuhr, denn hart neben ihm erklangen die Worte: „Warum sitzt das Bleichgesicht hier versteckt? Warum tritt es nicht hervor, um sich dem Blicke des roten Kriegers zu zeigen? Will es etwa nicht sagen, wohin die drei Mörder des andern Bleichgesichtes entwichen sind?“

Als Hartley mit dem Kopfe herumfuhr, sah er den Indianer, das blanke Bowiemesser in der Hand, neben sich knieen. Die Worte desselben bewiesen, daß er die Fährte richtig gelesen und höchst scharfsinnig beurteilt hatte. Er hielt nicht den Yankee für den Mörder; das beruhigte diese, und er antwortete: „Ich versteckte mich vor ihnen. Zwei sind fort, in die Prairie hinaus; der dritte warf die Leiche hier ab, und ich blieb stecken, weil ich nicht weiß, ob er fort ist oder nicht.“

„Er ist fort. Seine Spur führt durch den Busch und dann noch Osten.“

„So ist er nach der Farm, um mich zu verfolgen. Aber ist er auch wirklich nicht mehr da?“

„Nein. Mein weißer Bruder und ich sind die einzigen lebenden Menschen, welche sich hier befinden. Er mag heraus ins Freie kommen und mir erzählen, was geschehen ist.“

Der Rote sprach sehr gut englisch. Was er sagte und wie er es sagte, flößte dem Yankee Vertrauen ein; darum weigerte sich der letztere nicht, der Aufforderung zu folgen. Er kroch aus dem Dickicht hervor und sah, als er das Gebüsch hinter sich hatte, daß die beiden Pferde eine ziemliche Strecke abwärts angepflockt waren. Der Rote betrachtete den Weißen mit einem Blicke, welcher alles zu durchdringen schien, und sagte dann: „Von Süden her sind zwei Männer auf ihren Füßen gekommen; der eine versteckte sich hier, und der bist du; der andre ging weiter, in die Prairie hinaus. Da kamen drei Reiter, welche diesem andern folgten; sie schossen ihm eine Pistolenkugel in den Kopf. Zwei ritten fort. Der dritte nahm die Leiche auf das Pferd, ritt an das Gebüsch, warf sie hinein und jagte dann ostwärts im Galopp von dannen. Ist es so?“

„Ja, genau so,“ nickte Hartley.

„So magst du mir sagen, warum man deinen weißen Bruder erschossen hat. Wer bist du, und warum befindest du dich in dieser Gegend? Sind es auch die drei Männer gewesen, welche deinen Arm verwundet haben?“ Der freundliche Ton, in welchem diese Fragen ausgesprochen wurden, bewies dem Yankee, daß der Rote ihm wohlgesinnt sei und keinerlei Verdacht gegen ihn hege. Er beantwortete die ihm vorgelegten Fragen. Der Indianer sah ihn dabei nicht an; dann aber fragte er plötzlich mit einem durchbohrenden Blicke: „So hat dein Gefährte dein Leben mit dem seinigen bezahlen müssen?“

Der Yankee schlug die Augen nieder und antwortete beinahe stockend: „Nein. Ich bat ihn, sich mit mir zu verstecken; aber er wollte nicht.“

„So, hast du ihm gezeigt, daß die Mörder hinter euch her kamen?“

„Ja.“

„Und ihm auch gesagt, daß du dich hier verbergen wolltest?“

„Ja.“

„Warum hat er da den Mörder, als dieser nach dir fragte, ostwärts nach der Farm gewiesen?“

„Um ihn zu täuschen.“

„So hat er dich retten wollen und war ein wackerer Kamerad. Bist du seiner wert gewesen? Nur der große Manitou weiß alles; mein Auge kann nicht in dein Inneres dringen. Könnte es das, so würdest du dich vielleicht vor mir schämen müssen; ich will schweigen; dein Gott mag dein Richter sein. Kennst du mich?“

„Nein,“ antwortete Hartley kleinlaut.

„Ich bin Winnetou, der Häuptling der Apachen. Meine Hand richtet sich gegen die bösen Menschen, und mein Arm schützt jeden, der ein gutes Gewissen hat. Ich werde nach deiner Wunde sehen; noch notwendiger als das aber ist, zu erfahren, warum die Mörder umgekehrt sind, um euch zu folgen. Weißt du es?“

Hartley hatte schon oft von Winnetou gehört. Nun er wußte, daß dieser berühmte Häuptling vor ihm stehe, antwortete er in doppelt höflichem Tone: „Ich habe es dir bereits gesagt. Sie wollten uns auf die Seite schaffen, damit wir nicht verraten konnten, daß sie mich beraubt haben.“

„Nein. Wäre es bloß das, so hätten sie euch sofort getötet. Es muß etwas andres sein, was ihnen erst später eingefallen ist. Hatten sie dich genau durchsucht?“

„Ja.“

„Und dir alles abgenommen? Auch deinem Gefährten?“

„Nein. Er sagte ihnen, daß er ein armer Flüchtling sei, und bewies es ihnen, indem er ihnen den Brief zeigte.“

„Einen Brief? Haben sie denselben behalten?“

„Nein; er bekam ihn zurück.“

„Wo steckte er ihn hin?“

„In die Brusttasche seines Rockes.“

„Da befindet er sich nicht mehr. Ich habe in alle Taschen des Toten gegriffen und keinen Brief gefunden; sie haben ihm denselben hier abgenommen. Also ist es dieses Schreiben, welches sie bewogen hat, umzukehren und euch einzuholen.“

„Schwerlich!“ meinte Hartley kopfschüttelnd.

Der Indianer antwortete nicht darauf. Er holte die Leiche aus dem Gebüsch und untersuchte die Taschen noch einmal. Der Tote bot einen gräßlichen Anblick, nicht etwa zufolge der Kugelwunde, sondern weil man sein Gesicht mit Messern kreuz und quer zerschnitten hatte, so daß es ganz unkenntlich geworden war. Die Taschen waren leer. Natürlich hatte man auch sein Gewehr mitgenommen.

Der Indianer blickte sinnend in das Weite; dann sagte er im Tone tiefster Überzeugung: „Dein Kamerad wollte nach Sheridan; zwei von den Mördern sind nordwärts geritten, in der Richtung dieses Ortes; sie wollen auch dorthin. Warum haben sie ihm den Brief abgenommen? Weil sie denselben brauchen, sich desselben bedienen wollen. Warum haben sie das Gesicht des Toten entstellt? Damit man ihn nicht erkennen soll. Man soll nicht wissen, daß Haller tot ist; er darf nicht gestorben sein, weil einer der Mörder in Sheridan sich für Haller ausgeben will.“

„Aber zu welchem Zwecke?“

„Das weiß ich nicht, werde es aber erfahren.“

„So willst du auch hin, ihnen nach?“

„Ja. Ich wollte nach dem Smocky-hill-fluß, und Sheridan liegt in der Nähe desselben; wenn ich nach diesem Orte reite, wird mein Weg dadurch nicht viel größer und länger werden. Diese Bleichgesichter haben etwas Schlimmes vor, was sie dort ausführen wollen. Vielleicht ist es mir möglich, es ihnen zu nichte zu machen. Geht mein weißer Bruder mit?“

„Ich wollte eine nahe Farm aufsuchen, um meinen Arm zu pflegen. Freilich möchte ich noch lieber nach Sheridan. Vielleicht erhalte ich dort das geraubte Geld zurück.“

„So wirst du mit mir reiten.

„Aber meine Verwundung!“

„Ich werde sie untersuchen. Auf der Farm hat mein weißer Bruder zwar Pflege, aber keinen Arzt; in Sheridan aber wird es einen solchen geben. Auch versteht sich Winnetou auf Behandlung der Wunden. Er kann zersplitterte Knochen wieder fest machen und besitzt ein ausgezeichnetes Mittel gegen das Wundfieber. Zeige mir jetzt deinen Arm!“

Schon der Schreiber hatte dem Yankee den Frackärmel aufgetrennt; es fiel also dem letzteren nicht schwer, seinen Arm zu entblößen. Winnetou untersuchte denselben und erklärte, daß die Wunde nicht so schlimm sei, als es den Anschein habe. Die Kugel hatte, da der Schuß aus so großer Nähe abgegeben worden war, den Knochen nicht zersplittert, sondern glatt durchschlagen. Der Rote holte eine getrocknete Pflanze aus seiner Satteltasche, befeuchtete sie und legte sie auf die Wunde; dann schnitt er zwei Holzschienen zurecht und verband mit Hilfe derselben den Arm so kunstgerecht, wie ein Wundarzt es mit den gegebenen Mitteln auch nicht besser fertig gebracht hätte. Dann erklärte er: „Mein Bruder kann getrost mit mir reiten. Das Fieber wird gar nicht kommen, oder doch erst dann, wenn er sich längst in Sheridan befindet.“

„Aber wollen wir nicht erst zu erfahren suchen, was der dritte Mörder thut?“ fragte Hartley.

„Nein. Er sucht nach dir, und wenn er deine Spur findet, so wird er umkehren und den beiden andern folgen. Vielleicht thut er das nicht, sondern er hat noch andre Verbündete, welche er vorher aufsucht, um mit ihnen nach Sheridan zu reiten. Ich komme aus bewohnten Gegenden und habe erfahren, daß sich in Kansas viele von den Bleichgesichtern, welche Tramps genannt werden, zusammenziehen. Es ist möglich, daß die Mörder zu diesen Leuten gehören, daß die Tramps einen Streich gegen Sheridan beabsichtigen. Wir dürfen keine Zeit verlieren; wir müssen schnell hin, um die dortigen Weißen zu warnen.“

„Aber wenn dieser dritte Feind nach hier zurückkehrt, wird er unsre Spur finden und aus ihr ersehen, daß wir seinen Freunden gefolgt sind? Muß er da nicht Verdacht schöpfen?“

„Wir folgen ihnen nicht. Winnetou weiß, wohin sie wollen, und braucht also ihre Fährte nicht. Wir reiten einen andern Weg.“

„Und wann werden wir nach Sheridan kommen?“

„Ich weiß nicht, wie mein Bruder reitet.“

„Nun, ein Kunstreiter bin ich freilich nicht. Ich habe noch wenig im Sattel gesessen, aber abwerfen lasse ich mich nicht.“

„So dürfen wir nicht stürmen, werden das aber durch Stetigkeit einholen. Wir reiten von jetzt an die ganze Nacht hindurch und werden am Morgen am Ziele sein. Diejenigen, denen wir folgen, werden des Nachts Lager machen und also später als wir ankommen.“

„Und was geschieht hier mit der Leiche des armen Haller?“

„Wir werden sie begraben, und mein Bruder mag dann ein Gebet sprechen.“

Die Erde war locker, und so wurde, obgleich nur die Messer gebraucht werden konnten, recht bald eine leidlich tiefe Grube fertig, in welche die beiden den Toten legten, um ihn dann mit der aufgeworfenen Erde zu bedecken. Hierauf nahm der Yankee den Hut ab und faltete die Hände. Ob er dabei wirklich betete, war zu bezweifeln. Der Apache blickte ernst in die untergehende Sonne. Es war, als ob sein Auge jenseits des Westens die ewigen Jagdgründe suche. Er war ein Heide, aber er betete ganz gewiß. Dann schritten sie zu den Pferden.

„Mein weißer Bruder mag mein Tier nehmen,“ sagte der Rote „Es hat einen sanften Gang, gleich und eben wie ein Kanoe im Wasser. Ich nehme das ledige.“

Sie stiegen auf und ritten fort, erst eine Strecke westlich, um dann nach Norden einzubiegen. Die Pferde hatten gewiß schon einen weiten Weg gemacht, schritten aber so munter und rüstig aus, als ob sie eben erst von der Weide gekommen seien. Die Sonne sank tiefer und tiefer; endlich verschwand sie hinter dem Horizonte; die kurze Dämmerung ging schnell vorüber, und dann wurde es finstere Nacht. Das machte den Yankee bange.

„Wirst du dich bei dieser Finsternis nicht verirren?“

„Winnetou verirrt sich nie, weder bei Tag noch bei Nacht. Er ist wie der Stern, welcher sich stets an der richtigen Stelle befindet, und kennt alle Gegenden des Landes so genau, wie das Bleichgesicht die Räume seines Hauses kennt.“

„Aber es gibt so viele Hindernisse, welche man nicht sehen kann!“

„Winnetous Augen sehen auch des Nachts. Und was er nicht bemerken kann, wird seinem Pferde sicher nicht entgehen. Mein Bruder reite nicht neben, sondern hinter mir, so wird sein Tier keinen falschen Schritt thun.“

Es war, auch wirklich fast wunderbar, mit welcher Sicherheit Pferd und Reiter sich bewegten. Bald im Schritt, bald im Trabe, oft sogar galoppierend, wurde Stunde um Stunde zurückgelegt und jedes Hindernis umgangen. Es waren sumpfige Stellen zu vermeiden und Bäche zu durchwaten; man kam an Farmen vorüber; stets wußte Winnetou, wo er sich befand, und nicht einen einzigen Augenblick lang schien er im Zweifel über die Örtlichkeit zu sein. Das beruhigte den Yankee ungemein. Er war besonders seines Armes wegen besorgt gewesen; aber das Wundkraut war von außerordentlicher Wirkung. Er fühlte fast gar keinen Schmerz und hatte sich über nichts als nur die Unbequemlichkeit des ungewohnten Reitens zu beklagen. Einigemal wurde angehalten, um die Pferde trinken zu lassen und den Verband mit kühlendem Wasser zu benetzen. Nach Mitternacht zog Winnetou ein Stück Fleisch hervor, welches Hartley essen mußte. Sonst gab es keine Unterbrechung, und als die zunehmende Kühle den Morgen verkündete, sagte sich der letztere, daß er recht gut im stande sei, noch länger im Sattel zu sitzen.

Nun graute der Osten, doch waren die Linien des Terrains noch nicht zu erkennen, da ein dicker Nebel auf der Erde lag.

„Das sind die Nebel des Smocky-hill-flusses,“ erklärte der Häuptling. „Wir werden ihn bald erreichen.“

Es war ihm anzuhören, daß er hatte weiter sprechen wollen, aber er hielt sein Pferd an und lauschte nach links hinüber, von wo taktmäßiger Hufschlag sich näherte. Das mußte von einem galoppierenden Reiter sein. Richtig, da kam er heran und flog vorüber, ventre à terre, blitzesschnell wie ein Phantom. Die beiden hatten weder ihn noch sein Pferd gesehen; nur sein dunkler, breitkrempiger Hut, welcher über dem dichten, am Boden hinkriechenden Nebelschwaden hervorragte, war für einen Augenblick sichtbar gewesen. Einige Sekunden später war der Hufschlag schon nicht mehr zu hören.

„Uff!“ rief Winnetou überrascht. „Ein Bleichgesicht! So, wie dieser Mann ritt, können nur zwei Weiße reiten, nämlich Old Shatterhand, aber dieser befindet sich nicht hier, da ich oben am Silbersee mit ihm zusammentreffen will, der zweite ist Old Firehand. Sollte er sich jetzt in Kansas befinden? Sollte er es gewesen sein?“

„Old Firehand?“ meinte der Yankee. „Das ist ein hochberühmter Westmann.“

„Er und Old Shatterhand sind die besten und tapfersten, auch erfahrensten Bleichgesichter, welche Winnetou kennt. Er ist ihr Freund.“

„Der Mann schien es sehr notwendig zu haben. Wohin mag er wollen?“

„Nach Sheridan, denn seine Richtung ist die unsrige. Links liegt der Eagle-tail und vor uns befindet sich die Furt, welche über den Fluß führt. Wir werden sie in wenigen Minuten erreichen. Und in Sheridan werden wir erfahren, wer dieser Reiter gewesen ist.“

Die Nebel begannen, sich zu zerteilen; sie wurden vom Morgenwinde auseinander getrieben, und bald sahen die beiden den Smocky-hill-fluß vor sich liegen. Auch hier bewährte sich die außerordentliche Ortskenntnis des Apachen. Er erreichte das Ufer genau an der Stelle, an welcher sich die Furt befand. Das Wasser reichte den Pferden hier kaum bis an den Leib, so daß der Übergang ein leichter und ganz ungefährlicher war.

Jenseits angekommen, hatten die Reiter ein Gebüsch, welches sich am Ufer hinzog, zu durchqueren und ritten dann wieder durch offenes Grasland, bis Sheridan, ihr Ziel, sich ihren Augen zeigte.

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Dreizehntes Kapitel

Edelmut Old Shatterhands.

Es war an demselben Morgen, als an dem Bache, welchem gestern abend die Utahs mit ihren Gefangenen gefolgt waren, ein Reitertrupp aufwärts ritt. An der Spitze desselben befand sich Old Firehand mit der Tante Droll. Hinter ihnen ritten Humply-Bill und der Gunstick-Uncle mit den englischen Lord; kurz, es waren die Weißen alle, welche das bereits erzählte Abenteuer am Eagle-tail erlebt hatten und dann nach den Bergen aufgebrochen waren, um nach dem Silbersee zu gelangen. In Denver war Butler, der Ingenieur, mit Ellen, seiner Tochter, zu ihnen gestoßen. Er hatte sich von der Farm seines Bruders direkt dorthin begeben, da es nicht seine Absicht hätte sein können, sein Kind den Gefahren eines abermaligen Zusammentreffens mit den Tramps auszusetzen. Das Mädchen, welches sich auf keinen Fall von dem Vater hatte trennen mögen und ihm zuliebe mit in die Wildnis ging, saß in einer Art von Sänfte, welche von zwei kleinen, aber ausdauernden indianischen Ponies getragen wurde.

Winnetou war jetzt nicht zu sehen, da er als Kundschafter, wozu er sich außerordentlich eignete, voranritt. Zufälligerweise hatte der Weg, welcher von ihm und Old Firehand vorgezeichnet worden war, den Trupp nach dem Walde und über die Blöße geführt, auf welcher Old Shatterhand und seine Begleiter mit den Utahs zusammengetroffen waren. Die beiden Anführer waren erfahren und scharfsinnig genug, die Spuren lesen zu können; sie hatten gesehen, daß Weiße von den Indianern gefangen genommen worden seien, und waren sofort bereit gewesen, der Fährte zu folgen, um vielleicht Hilfe zu bringen.

Sie ahnten nicht, daß von den Utahs das Kriegsbeil ausgegraben worden sei. Sowohl Winnetou als auch Old Firehand wußten sich mit diesem Stamme in tiefstem Frieden, und beide waren überzeugt, bei demselben eine freundliche Aufnahme zu finden und ein gutes Wort für die gefangenen Weißen einlegen zu dürfen.

Wo die Roten ihr Lager aufgeschlagen hatten, wußten sie nicht genau; aber sie kannten den See, und da die Umgebung desselben sich prächtig zum Kampieren eignete, so glaubten sie, die Utahs dort zu finden. Trotz der vorausgesetzten freundlichen Gesinnung wäre es ganz und gar gegen den Gebrauch des Westens gewesen, sich ihnen zu zeigen, ohne sie vorher beobachtet zu haben. Darum war Winnetou vorangeritten, um zu rekognoszieren. Eben als der Trupp die Stelle, an welcher die Ufer des Baches auseinander traten, um die Ebene zu bilden, erreicht hatte, kehrte der Apache zurück. Er kam im Galopp geritten und winkte schon von weitem, daß man anhalten solle. Das war kein gutes Zeichen, und darum fragte Old Firehand, als Winnetou vollends herangekommen war: „Mein Bruder will uns warnen. Hat er die Utahs gesehen?“

„Ich sah sie und ihr Lager.“

„Und Winnetou durfte sich ihnen nicht zeigen?“

„Nein, denn sie haben das Beil des Krieges ausgegraben.“

„Woran war das zu erkennen?“

„Aus den Farben, mit denen sie sich bemalt hatten, und auch daraus, daß ihrer so viele beisammen sind. Die roten Krieger vereinigen sich zu so vielen nur im Kriege und zur Zeit der großen Jagden. Da wir uns nicht in der Jahreszeit der Büffelzüge befinden, kann es nur das Schlachtbeil sein, um welches sich so viele geschart haben.“

„Wie groß ist ihre Zahl?“

„Winnetou konnte das nicht genau sehen. Es standen wohl dreihundert am See, und in den Zelten werden sich wohl auch welche befunden haben.“

„Am See? So viele? Was hat es da gegeben? Vielleicht ein großes Fischtreiben?“

„Nein. Beim Treiben der Fische bewegen die Menschen sich vorwärts; diese aber standen still und blickten ruhig in das Wasser.“

„Alle Teufel! Sollte das etwa eine Exekution bedeuten? Sollte man die Weißen in das Wasser geworfen haben, um sie zu ertränken?“

Diese Vermutung Old Firehands bewegte sich auf nicht ganz falscher Fährte, denn der Apache hatte die Utahs in dem Augenblicke beobachtet, in welchem das Wettschwimmen begonnen hatte. Winnetou antwortete mit solcher Zuversicht, als ob er mit am See gestanden und alles beobachtet hätte: „Nein, man will sie nicht ertränken; aber es gilt ein Schwimmen um das Leben.“

„Hast du Grund, das zu vermuten?“

„Ja. Winnetou kennt die Gebräuche seiner roten Brüder, und Old Firehand ist mit denselben auch so gut bekannt, daß er mir beistimmen wird. Die Utahs tragen die Kriegsfarben und betrachten die bei ihnen befindlichen Weißen also als Feinde. Dieselben sollen getötet werden. Aber der rote Mann läßt seinen Feind nicht schnell sterben, sondern er martert ihn langsam zu Tode; er wirft ihn nicht in das Wasser, um ihn rasch zu ertränken, sondern er gibt ihm einen überlegenen Gegner, mit welchem er um das Leben schwimmen muß. Da der Gegner stets besser schwimmt als das Bleichgesicht, so ist der Weiße unbedingt verloren. Man läßt ihn schwimmen, nur um sein Sterben, seine Todesangst zu verlängern.“

„Das ist richtig, und ich bin also ganz deiner Ansicht. Wir haben die Spuren von erst vier und dann zwei Weißen gezählt; das sind sechs. Man wird sie nicht alle schwimmen lassen, sondern jeden auf eine andre Art um sein Leben kämpfen lassen. Wir müssen uns beeilen, sie zu retten.“

„Wenn mein weißer Bruder das thut, so wird er sich nur beeilen, selbst zu sterben.“

„Nun, das muß gewagt werden. Ich baue darauf, daß ich mich gegen die Utahs niemals feindlich gezeigt habe.“

„Darauf darfst du dich nicht verlassen. Haben sie das Kriegsbeil gegen die Weißen ausgegraben, so behandeln sie ihren besten Freund als Feind, wenn er ein Bleichgesicht ist; sie würden auch deiner nicht schonen.“

„Aber die Häuptlinge würden mich schützen!“

„Nein. Der Utah ist nicht treu und aufrichtig, und kein Häuptling dieses Volkes hat auf seine Krieger den Einfluß, welcher dich zu retten vermöchte. Wir dürfen uns nicht zeigen.“

„Aber du darfst doch zu ihnen gehen!“

„Nein, denn ich weiß nicht, ob sie das Beil nicht auch gegen andre rote Nationen geschliffen haben.“

„Dann sind diese sechs Weißen aber doch rettungslos verloren!“

„Mein Bruder mag das nicht glauben. Ich habe zwei Gründe, welche dagegen sprechen.“

„Nun, erstens?“

„Erstens habe ich bereits gesagt, daß die Gefangenen der roten Männer nur langsam sterben dürfen; es ist aber noch früh am Morgen, und wir haben also noch Zeit, das Lager zu beobachten. Vielleicht erfahren wir mehr, als wir jetzt wissen, und dann können wir leichter einen Entschluß fassen.“

„Und zweitens?“

Der Apache machte ein äußerst pfiffiges Gesicht, als er antwortete: „Es befindet sich bei den Bleichgesichtern ein Mann, welcher sich und die Seinigen nicht so leicht töten läßt.“

„Wer?“

„Old Shatterhand.“

„Was!“ fuhr der Jäger auf. „Old Shatterhand, mit welchem du droben am Silbersee zusammentreffen willst? Sollte er wirklich schon hier sein?“

„Old Shatterhand ist so pünktlich wie die Sonne oder ein Stern am Himmel.“

„Hast du ihn gesehen?“

„Nein.“

„Wie willst du da behaupten, daß er sich hier befindet!“

„Ich weiß es bereits seit gestern.“

„Ohne es mir zu sagen?“

„Schweigen ist oft besser als sprechen. Hätte ich gestern gesagt, wessen Gewehr auf der Blöße gesprochen hat, so würdet Ihr nicht ruhig geblieben sein, sondern viel schneller vorwärts gedrängt haben.“

„Sein Gewehr hat gesprochen? Woher weißt du das?“

„Als wir den Waldessaum und das Gras der Lichtung absuchten, fand ich ein Bäumchen mit Kugellöchern. Die Kugeln stammen aus Old Shatterhands Wunderbüchse; ich weiß das genau. Er hat die roten Männer erschrecken wollen, und sie fürchten sich nun vor seinem Gewehre.“

„Hättest du mir das Bäumchen gezeigt! Hm! Wenn Old Shatterhand sich unter diesen Weißen befindet, so braucht uns allerdings nicht allzu bange zu sein. Ich kenne ihn; ich weiß, was er leistet, und welchen Respekt die Indianer für ihn hegen. Was sollen wir thun? Was schlägst du uns vor?“

„Meine Freunde werden mir jetzt folgen und dabei einzeln hintereinander reiten, damit die Utahs, wenn sie ja auf unsre Fährte treffen sollten, nicht zählen können, wieviel Personen wir sind. Howgh!“

Er wendete sein Pferd nach rechts und ritt weiter, ohne zu fragen, ob Old Firehand ihm beistimme, und ohne sich umzuschauen, ob man ihm folge.

Die Ufer des Baches waren, wie schon gesagt, auseinander getreten, um als erst niedriger und dann immer mehr ansteigender Höhenzug die Ebene des Sees einzusäumen. Die Ebene war baumlos, aber die Höhen standen voller Wald, welcher bis zum Fuße derselben herniederstieg und dann einen lichten Saum von Büschen bildete. Hinter diesen Büschen und unter den Bäumen Schutz und Deckung suchend, folgte Winnetou der Höhe rechts, welche die nördliche Seite der Ebene begrenzte und dann im Westen an jenen Bergstock stieß, dessen Wasser den See speiste.

Auf diese Weise umritten die Weißen die Ebene von dem östlichen bis zu dem westlichen Punkte derselben, wo sie an den Bach gelangten und, einige hundert Schritte vom See entfernt, sich unter Bäumen befanden, zwischen denen hindurch sie auf das Lager sehen konnten. Dort stiegen sie ab. Doch banden sie ihre Pferde nicht an; es behielt vielmehr ein jeder die Zügel des seinigen in der Hand, und Winnetou verschwand, um die Umgebung abzusuchen. Er kehrte sehr bald zurück und meldete, daß er nichts Verdächtiges gefunden habe. Es war kein Utah heute an diesen Ort gekommen. Nun erst band man die Pferde an und lagerte sich in das weiche Moos. Der Platz war wie dazu gemacht, das Lager heimlich und dabei mit aller Gemütlichkeit zu beobachten.

Man sah die Utahs vor demselben stehen nach Süden hin. Dann erblickte man zwei Männer, welche sich von dem Haufen trennten und aus Leibeskräften südwärts rannten. Old Firehand nahm sein Fernrohr vor das Auge, sah hindurch und rief: „Ein Wettlauf zwischen einem Roten und einem Weißen! Der Rote ist schon weit voran und wird siegen. Der Weiße ist ein sehr kleiner Kerl.“

Er gab dem Apachen das Rohr. Kaum hatte dieser den kleinen Weißen vor das Glas bekommen, so fuhr er auf: „Uff! Das ist der Hobble-Frank! Dieser kleine Held muß um sein Leben laufen und kann den Roten unmöglich überholen.“

„Der Hobble-Frank, von dem du uns erzählt hast?“ fragte Old Firehand. „Wir dürfen die Hände nicht in den Schoß legen; wir müssen einen Entschluß fassen!“

„Jetzt noch nicht,“ meinte der Apache. „Noch hat es keine Gefahr. Old Shatterhand ist ja bei ihm.“

Die Bäume standen so, daß man nicht das ganze Terrain des Wettlaufes zu übersehen vermochte. Die beiden Läufer waren rechts verschwunden; man erwartete ihre Rückkehr und war natürlich überzeugt, daß der Rote zuerst erscheinen werde. Wie erstaunte man aber, als an Stelle dessen der Kleine erschien, ganz gemächlich gehend, als ob es sich um einen Spaziergang handle.

„Der Frank zuerst!“ rief Old Firehand. „Wie ist das möglich!“

„Durch List,“ antwortete Winnetou. „Er hat gesiegt, und wir werden es erfahren, wie er es angefangen hat. Hört ihr, wie die Utahs zornig schreien! Sie entfernen sich; sie kehren in das Lager zurück. Und seht, dort stehen vier Bleichgesichter; ich kenne sie.“

„Ich auch,“ rief Droll. „Old Shatterhand, der lange Davy, der dicke Jemmy und dieser kleine Hobble-Frank.“

Diese Namen erregten allgemeines Aufsehen. Einige kannten einen oder mehrere der Genannten persönlich; die andern hatten genugsam von ihnen gehört, um ihnen das größte Interesse zu widmen. Die Bemerkungen flogen hin und her, bis Winnetou zu Old Firehand sagte: „Sieht mein Bruder jetzt, daß ich recht hatte? Unsre Freunde haben ihre Waffen noch; es kann also nicht gefährlich um sie stehen.“

„Einstweilen noch, ja; aber wie bald kann sich das ändern. Ich schlage vor, ganz offen hinzureiten.“

„Will mein Bruder hin, so mag er es thun; ich aber bleibe hier,“ antwortete der Apache in sehr bestimmtem Tone. „Old Shatterhand kennt die Verhältnisse und weiß, was er thut; wir aber kennen sie nicht und würden ihn vielleicht in der Ausführung seines Planes stören. Bleibt hier, ich werde so weit wie möglich vordringen, um zu erfahren, was geschieht.“

Er behielt das Fernrohr in der Hand und verschwand zwischen den Bäumen. Es verging eine lange halbe Stunde; da kehrte er zurück und meldete: „Es gibt mitten im Lager einen Zweikampf. Die Utahs stehen so eng beisammen, daß ich die Kämpfenden nicht sehen konnte; aber den Hobble-Frank sah ich. Er zog die Pferde heimlich und vorsichtig hinter das Zelt und gab ihnen die Decken. Die Weißen wollen fort.“

„Und heimlich? Also fliehen?“ fragte Old Firehand. „So postieren wir uns hier an den Weg und nehmen sie auf oder gehen ihnen gar entgegen.“

„Keins von beiden,“ entgegnete der Apache kopfschüttelnd.

„Meine Ansichten scheinen heute bei meinem roten Bruder stets auf Widerspruch zu stoßen!“

„Old Firehand mag nicht zürnen, sondern nachdenken. Was werden die Roten thun, wenn die Weißen fliehen?“

„Sie werden dieselben verfolgen.“

„Wenn man vier oder sechs Männer verfolgt, wie viele Krieger braucht man dazu?“

„Nun, zwanzig bis dreißig.“

„Gut! Diese werden wir sehr leicht besiegen. Wenn wir uns aber den Utahs zeigen, wird der ganze Stamm hinter uns her sein, und dann muß viel Blut fließen.“

„Du hast recht, Winnetou. Aber wir können die Roten doch nicht blind machen. Sie werden unsre Zahl sehr bald aus der Fährte erkennen.“

„Sie werden die Fährte betrachten, welche vor ihnen ist, aber nicht diejenige, welche sich hinter ihnen befindet.“

„Ach, du meinst, daß wir ihnen folgen?“

„Ja.“

„Ohne daß wir uns Old Shatterhand zeigen?“

„Wir werden mit ihm sprechen, aber nur du und ich. Horch! Was ist das?“

Vom Lager her erscholl ein fürchterliches Geheul, und gleich darauf sah man vier Reiter im Galopp aus demselben kommen. Es waren die Weißen. Sie schlugen die Richtung nach dem obern Ende des Sees ein, hatten also die Absicht, den Bach zu erreichen und an demselben aufwärts zu reiten.

„Da kommen sie,“ sagte Winnetou. „Old Firehand mag mir folgen. Meine andern weißen Brüder aber müssen mit den Pferden schnell tiefer in den Wald hinein und dort warten, bis wir zurückkehren. Sie mögen unsre Pferde mitnehmen.“

Er nahm Old Firehand bei der Hand und zog ihn mit sich fort, immer am hohen Ufer des Baches entlang, unter den Bäumen hin, bis an eine Stelle, von welcher aus man das Lager sehen konnte, ohne von dort aus bemerkt zu werden. Da blieben sie stehen.

Old Shatterhand kam schnell näher. Er hielt sich mit seinen Begleitern nahe am Wasser, ritt also unten, während der Apache und Old Firehand oben standen. Als er die Stelle erreichte, erklang es von oben herab: „Uff! Meine weißen Brüder mögen hier halten bleiben.“

Die vier parierten ihre Pferde und blickten nach oben.

„Winnetou, Winnetou!“ riefen sie zugleich.

„Ja, es ist Winnetou, der Häuptling der Apachen,“ antwortete er. „Und hier steht noch einer, welcher ein Freund meiner weißen Brüder ist.“

Er zog den gewaltigen Jäger hinter einem Baume hervor.

„Old Firehand!“ rief Old Shatterhand. „Du hier, du! Ich muß hinauf, dich zu begrüßen! Oder komm herab!“

Trotz der Gefahr, in welcher er sich befand, machte er Miene, vom Pferde zu springen.

„Halt, bleib!“ wehrte ihm Old Firehand ab. „Auch ich darf nicht zu dir.“

„Warum?“

„Die Utahs, welche dir folgen werden, dürfen von unsrer Gegenwart nichts ahnen.“

„Ach! Seid ihr allein?“

„Nein. Wir sind wohl vierzig Jäger, Rafters und sonstige Westmänner. Du wirst gute Bekannte bei uns finden. Jetzt ist es nicht Zeit zum Erzählen. Wo wolltest du hin?“

„Nach dem Silbersee.“

„Wir auch. Reitet jetzt weiter. Sobald eure Verfolger vorüber sind, kommen wir auch und nehmen sie in die Mitte.“

„Recht so!“ rief Old Shatterhand. „Welch eine Freude und welch ein Glück, euch hier zu treffen! Aber wenn wir auch keine langen Reden halten können, so müßt ihr doch in Kürze erfahren, was geschehen ist. Könnt ihr von da oben aus das Lager sehen?“

„Ja.“

„So paßt auf, damit ich nicht überrumpelt werde. Ich will euch das Nötigste erzählen.“

Die Freude dieser Männer über das Zusammentreffen war gewiß groß; aber die Verhältnisse verboten es, ihr Worte zu verleihen und dabei Zeit zu verschwenden. Man machte sich gegenseitig in kurzer Weise die nötigen Mitteilungen, welche der geübte Scharfsinn dieser Leute sehr leicht zu ergänzen vermochte. Als man damit zu Ende war, ergriff Winnetou das Wort, indem er Old Shatterhand fragte: „Mein weißer Bruder kennt die tiefe Schlucht, welche von den Bleichgesichtern Night-Canon genannt wird?“

„Ja; ich bin ja mit dir mehrere Male dort gewesen.“

„Sie ist von hier aus in fünf Stunden zu erreichen. Sie erweitert sich in ihrer Mitte zu einem runden Platze, dessen Wände, die niemand zu ersteigen vermag, bis zum Himmel zu reichen scheinen. Erinnert Old Shatterhand sich dieser Stelle?“

„Sehr gut.“

„Bis dorthin mag mein weißer Bruder reiten. Ist er durch diese runde Stelle gekommen, so mag er sich jenseits derselben festsetzen. Die Schlucht ist da so schmal, daß kaum zwei Reiter einander ausweichen können. Er bedarf seiner Gefährten gar nicht und kann allein mit seiner Zauberflinte mehrere hundert Utahs aufhalten. Wenn sie dort angekommen sind, so können sie weder vorwärts noch rückwärts, denn wir werden schnelle hinter ihnen sein. Es bleibt ihnen nur die Wahl, sich bis auf den letzten Mann erschießen zu lassen oder sich zu ergeben.“

„Gut, wir werden diesem Rate folgen. Aber sagt mir nur vor allen Dingen noch das eine: Warum reitet ihr zu so vielen hinauf an den Silbersee?“

„Das will ich dir sagen,“ antwortete Old Firehand. „Es gibt da oben eine äußerst reiche Silbermine, aber in so wasserloser Gegend, daß die Ausbeutung derselben eine Unmöglichkeit ist, falls es uns nicht gelingt, Wasser zu schaffen. Da ist mir der Gedanke gekommen, das Wasser des Silbersees hinzuleiten. Gelingt uns das, so nehmen wir Millionen aus der Mine. Ich habe einen Ingenieur mit, welcher die technischen Punkte erst zu begutachten und, im Falle des Glückes, dann auszuführen hat.“

Über Old Shatterhands Gesicht flog ein undefinierbares Lächeln, als er bemerkte: „Eine Mine? Wer hat sie entdeckt?“

„Ich selbst war mit dabei.“

„Hm! Leite den See nach dieser Mine, so machst du ein doppeltes Geschäft.“

„Wieso?“

„Auf dem Grunde desselben liegen Reichtümer, gegen welche deine Silberader die reinste Armut ist.“

„Ah! Meinst du den Schatz im Silbersee?“

„Allerdings.“

„Was weißt du davon?“

„Mehr, als du denkst. Du wirst es später erfahren, wenn mehr Zeit als jetzt dazu ist. Aber du selbst sprichst von diesem Schatze. Von wem hast du darüber erfahren?“

„Von – – na, auch davon später. Mache dich fort! Ich sehe Indianer aus dem Lager kommen.“

„Hierher?“

„Ja, zu Pferde.“

„Wie viele?“

„Fünf.“

„Pshaw! Sie sind nicht zu fürchten; aber ihr dürft euch doch nicht vor ihnen sehen lassen. Es ist die Avantgarde, welche uns nicht aus den Augen lassen soll; das Gros wird jedenfalls bald folgen. Also vorwärts! Auf Wiedersehen im Nachtcanon!“

Er gab seinem Pferde die Fersen und ritt mit den drei Begleitern davon. Old Firehand und Winnetou duckten sich nieder, um die fünf Utahs zu beobachten. Sie kamen heran und ritten, die Blicke aufmerksam nach vorn und gegen die Erde gerichtet, vorüber, ohne zu ahnen, was für gefährliche Leute sich in der Nähe befanden.

Nun kehrten die beiden zu ihren Leuten zurück. Diese hatten sich in den Wald zurückgezogen und befanden sich nahe der Einmündung des Baches in den See. Old Firehand wollte ihnen mitteilen, was er mit Old Shatterhand besprochen hatte; da fiel sein Auge auf mehrere Utahfrauen, welche sich dem Ufer des Sees näherten; sie trugen die zum Angeln nötigen Gerätschaften in den Händen. Er machte Winnetou auf sie aufmerksam und sagte: „Wenn man diese Squaws belauschen könnte, so würde man über die Absicht ihrer Krieger vielleicht etwas erfahren.“

„Winnetou wird es versuchen, wenn sie nahe genug herankommen,“ antwortete der Apache.

Ja, sie kamen nahe genug herbei. Sie wollten nicht im See, sondern in der Mündung des Baches fischen. Dort setzten sie sich unter Büschen nebeneinander ans Ufer hin, warfen die Angeln aus und sprachen miteinander. Sie schienen es gar nicht zu wissen oder wenigstens sich nicht daran zu kehren, daß der Angler nicht sprechen darf. Winnetou wand sich wie eine Schlange zu ihnen hin und legte sich hinter die Büsche, an denen sie saßen. Es war unterhaltend, sie und zugleich auch ihn beobachten zu können. So lag er wohl über eine Viertelstunde und kehrte dann zurück, um zu melden: „Wenn diese Squaws nicht besser schweigen lernen, werden sie niemals eine Forelle fangen. Sie haben mir alles gesagt, was ich wissen wollte.“

„Und was war das?“ wurde er gefragt.

„Die fünf Krieger, welche an uns vorüberritten, sollen die Fährte Old Shatterhands deutlicher machen, und in kurzer Zeit werden fünfzig andre folgen, angeführt von dem „großen Wolfe“.“

„So ist er unverletzt?“

„Ja. Der Hieb Old Shatterhands hat ihm die rechte Hand gelähmt und seinen Atem ins Stocken gebracht. Dieser ist ihm zurückgekehrt und die Hand hindert ihn nicht, die Verfolgung selbst zu leiten. Old Shatterhand soll erschossen werden, damit er den Navajos nichts über die Absichten der Utahs verraten kann. Diese letzteren zerstreuen sich heute in der ganzen Gegend, um zu jagen und Fleisch zu machen, denn morgen soll das Lager abgebrochen werden.“

„Wohin wird es verlegt?“

„Die Frauen und Kinder ziehen zu den Alten in die Berge, wo sie sicher sind; die Krieger aber folgen dem „großen Wolfe“ nach, um den Versammlungsplatz aller Utahstämme aufzusuchen.“

„Wo ist derselbe?“

„Das schienen die Squaws nicht zu wissen. Mehr konnte ich nicht erfahren; es ist aber für das, was wir vorhaben, genug.“

„So können wir nichts thun, als warten, bis der „große Wolf“ mit seinem Truppe vorüber ist. Daß er fünfundfünfzig Männer mit sich nimmt, zeigt uns, welchen Respekt er vor Old Shatterhand hat. Eine solche Überzahl gegen vier Weiße!“

„Old Shatterhand ist mein Freund und Schüler,“ meinte Winnetou stolz. „Er hat fünfundfünfzig nicht zu fürchten.“

Nun legte man sich auf die Lauer, bis wohl nach einer Stunde der „große Wolf“ mit seinen Leuten kam. Sie ritten vorüber, ohne einen Blick unter die Bäume zu werfen. Ihr Aussehen war ein höchst kriegerisches. Sie waren ohne Ausnahme mit Schießgewehren bewaffnet. Der Häuptling trug die rechte Hand in einer Binde. Sein Gesicht war noch dicker bemalt als am Morgen. Von seinen Schultern hing der mit Federn geschmückte Kriegsmantel auf den Rücken des Pferdes nieder; aber der Kopf trug nicht mehr den Schmuck der Adlerschwingen. Er war besiegt worden und wollte diese Auszeichnung erst wieder anlegen, wenn er seine Rache befriedigt hatte. Seine besten Leute ritten die besten Pferde, welche sich im Lager befunden hatten.

Zehn Minuten später folgte der kühne Winnetou ganz allein und nach abermals zehn Minuten brachen die andern auf.

Von einem wirklichen Wege war natürlich keine Rede. Man ritt immer am Wasser aufwärts. Dieses hatte im Frühjahre während des Hochwassers an den Ufern gefressen. Losgerissene Steine und Stämme lagen überall, und man kam infolgedessen nur sehr langsam vorwärts, besonders da die Sänfte nur schwer über solche Hindernisse zu bringen war. Als man dann die Lehne des Berges hinter sich hatte, wurde es besser. Die größte Steigung war überwunden, und je weniger Fall das Wasser hatte, desto weniger zerstört war die Umgebung des Baches.

Was die Fährte betrifft, welcher man folgte, so konnte dieselbe gar nicht deutlicher sein. Da Old Shatterhand solche Verbündete gefunden hatte, hielt er es nicht mehr für nötig, für eine unlesbare Spur zu sorgen. Die ihm folgenden fünf Utahs waren mit Absicht so geritten, daß ihre Hufeindrücke leicht zu sehen waren, und da der „große Wolf“ keinen Feind hinter sich wußte, war es ihm nicht eingefallen, Vorsicht anzuwenden. Die Richtung nach dem Nachtcanon führte an der schmalsten Stelle der Elk Mountains quer über das Gebirge. Als man sich oben befand, wurde der Bach verlassen; es ging mitten durch Urwald, welcher kein Unterholz hatte. Die weit auseinander stehenden Stämme vereinigten ihre Kronen zu einer so dichten Laubdecke, daß nur an einzelnen Stellen ein Sonnenstrahl durchzudringen vermochte. Der Boden war moderig und weich und zeigte die Fährte tief eingeschnitten.

Einige Male näherte man sich dem Apachen so, daß man ihn zu sehen bekam. Seine Haltung war eine sehr unbesorgte. Er wußte, daß die Utahs ihre Aufmerksamkeit wohl schwerlich hinter sich richteten.

Zehn Uhr war es gewesen, als Old Firehand mit seinen Leuten vom See aufgebrochen war. Bis ein Uhr ging es fast nur durch Wald und dann über eine Buschprairie, was den Weißen sehr lieb sein mußte. Wäre die Prairie offen gewesen, so hätte man viel größere Abstände nehmen müssen. Das grasige Land senkte sich oft zu Thal, um drüben wieder emporzusteigen, dann kam wieder Wald, aber nicht für lange Zeit, denn schon nach wenigen Minuten erreichte man den jenseitigen Saum desselben. Dort hielt der Apache, um seine Gefährten zu erwarten. Warum er nicht weiterritt, diese Frage beantwortete er nicht durch Worte, sondern dadurch, daß er vorwärts zeigte.

Ein Anblick wirklich ganz einziger Art bot sich den Weißen. Man hatte das Gebiet des Elkgebirges hinter und dasjenige des Grand-River mit seinen Canons vor sich. Von rechts, von links und von da, wo die Reiter hielten, senkten sich drei schwarze, schiefe Felsenebenen wie riesige, unten zusammenstoßende Schiefertafeln gegeneinander. Die Neigung derselben war so stark und ihre Fläche so glatt, daß man unmöglich im Sattel bleiben konnte. Es war fast schaurig, bis auf den tiefen Grund, den man doch erreichen mußte, zu blicken. Von beiden Seiten, da wo die Riesentafeln zusammenstießen, floß ein Wasser abwärts, aber ohne einen Baum, einen Busch oder auch nur einen Halm zu nähren. Unten vereinigten sich die beiden Wasser, um in einem Felsenspalt zu verschwinden, welcher die scheinbare Breite eines Lineales besaß.

„Das ist der Night-Canon,“ erklärte Old Firehand, indem er auf diese Spalte deutete. „Er trägt diesen Namen, weil er so tief und schmal ist, daß das Licht der Sonne nicht hinabzudringen vermag und es in seiner Tiefe selbst am hellen Tage fast Nacht ist; daher der Name Nachtcanon. Man reitet da um die Mittagszeit in einer ziemlichen Dämmerung. Und seht da unten!“

Er zeigte abwärts, dahin, wo das Wasser im Spalt verschwand. Dort bewegten sich kleine Gestalten; Reiter waren es, so klein, daß sie dem Beobachter kaum bis an die Kniee zu reichen schienen. Das waren die Utahs, welche soeben im Felsenspalt verschwanden.

Dieser war fast senkrecht in eine gigantische Steinmauer gerissen, über welcher eine weite, weite Ebene lag, die von nebelfernen Bergriesen, dem Bookgebirge, abgeschlossen wurde. Die Tante Droll blickte in die Tiefe und sagte zu dem schwarzen Tom: „Da solle wir ’nunter? Das kann doch nur een Schieferdecker fertig bringe! Das is ja de reene Lebensgefährlichkeet, wenn’s nötig is! Wennste dich hersetzt, und ich geb‘ dir eenen Schwupps, so kannste bis ’nunter Schlitte fahre.“

„Und doch müssen wir hinab,“ meinte Old Firehand. „Steigt ab, und nehmt eure Pferde bei den Zügeln, aber kurz. Wir müssen es allerdings gerade wie beim Schlittenfahren machen, wenn es einen Berg hinabgeht. Da man kein Schleifzeug und keinen Hemmschuh hat, kann man nur dadurch hemmen, daß man im Zickzack abwärts fährt. So auch wir jetzt, immer herüber und hinüber.“

Dieser Rat wurde befolgt, und es zeigte sich, daß derselbe gut war. In gerader Richtung wäre man schwerlich ohne verschiedene Schiffbrüche hinabgekommen; der Abstieg nahm weit über eine halbe Stunde in Anspruch. Ein wahres Glück, daß die Utahs so ahnungslos waren! Hätten sie ihre Verfolger bemerkt und sich im Felsenspalt festgesetzt, so wäre es ihnen ein Leichtes gewesen, sie während dieses langsamen Abstieges, ohne alle Gefahr für sich, einen nach dem andern wegzuputzen.

Endlich war man unten und ordnete sich zum Eindringen in den Canon, welcher hier so schmal war, daß neben dem Wasser nur zwei Reiter Platz fanden. Voran war natürlich wieder Winnetou. Ihm folgte Old Firehand, neben welchem jetzt der Lord ritt. Dann kamen die Jäger und nachher die Rafters, welche den Ingenieur und seine Tochter zwischen sich nahmen. Der Trupp war seit dem Eagletail dadurch größer geworden, daß sich Watson, der Schichtmeister, mit noch mehreren Arbeitern angeschlossen hatte.

Gesprochen durfte nicht werden, da jeder Laut in diesem Spalte viel weiter als im Freien zu hören war. Der Hufschlag der Pferde konnte zum Verräter werden; darum war Winnetou abgestiegen und, während sein Pferd von einem Rafter geführt wurde, auf seinen weichen Mokassins den Gefährten vorangegangen.

Es war wie ein Ritt durch die Unterwelt. Vor und hinter sich den engen Spalt, unter sich den starren, steinbesäeten Felsen und das dunkle, unheimliche Wasser und rechts und links die gerade aufstrebenden Felsenwände, welche so hoch waren, daß sie den Himmel nicht sehen ließen, sondern oben zusammenzustoßen schienen. Die Luft wurde, je weiter man eindrang, desto kälter und schwerer, und das Tageslicht verwandelte sich in Dämmerung.

Und lang war der Canon, ewig lang! Zuweilen wurde er ein wenig breiter, so daß er Raum für fünf oder sechs Reiter bot; dann traten die Wände wieder so eng zusammen, daß man vor Angst, erdrückt zu werden, laut hätte aufschreien mögen. Sogar den Pferden war es nicht geheuer; sie schnaubten ängstlich und strebten schnell vorwärts, um aus dieser Enge erlöst zu werden.

Eine Viertelstunde verging und noch eine; da – – unwillkürlich blieben alle halten – – gab es einen Krach, als ob zehn Kanonen zugleich abgeschossen worden seien.

„Um Gottes willen, was war das?“ fragte Butler, der Ingenieur. „Stürzen vielleicht die Felsen ein?“

„Ein Flintenschuß,“ antwortete Old Firehand. „Der Augenblick ist da. Je ein Mann für drei Pferde bleibt zurück; die andern vor. Absteigen!“

Im Nu waren über dreißig Mann, jeder die Büchse in der Hand, auf den Füßen, um ihm zu folgen. Schon nach wenigen Schritten sahen sie Winnetou stehen, den Rücken ihnen zugekehrt und die Silberbüchse nach vorwärts zum Schusse angelegt.

„Die Waffen nieder, sonst spricht meine Zauberbüchse!“ ertönte eine gewaltige Stimme; man wußte nicht, woher, ob von oben hernieder oder aus dem Erdboden heraus.

„Nieder die Waffen!“ donnerte es abermals in der Sprache der Utahs, daß in dem engen Spalte aus den wenigen Silben ein ganzes Gewittergrollen wurde. Dann fielen schnell aufeinander drei Schüsse. Man hörte, daß sie aus einem und demselben Laufe kamen. Das mußte der Henrystutzen Old Shatterhands sein, dessen Knall hier allerdings die Stärke eines Kanonenschusses hatte. Gleich darauf blitzte auch die Silberbüchse Winnetous auf. Die Getroffenen schrieen, und dann folgte ein Geheul, als ob alle Scharen der Hölle losgelassen seien.

Old Firehand hatte den Apachen erreicht und konnte nun sehen, was und wen er vor sich hatte. Der Spalt erweiterte sich auf eine kurze Strecke und bildete einen Raum, welchen man am besten ein Felsengemach nennen konnte. Es war von rundlicher Gestalt und so groß, daß vielleicht hundert Reiter in demselben Platz finden konnten. Das Wasser lief am linken Rande desselben hin. Auch hier herrschte Dämmerung; doch konnte man die Schar der Utahs sehen.

Die fünf vorausgesandten Krieger hatten einen großen Fehler begangen. Sie waren hier halten geblieben, um die Ihrigen zu erwarten. Hätten sie das nicht gethan, so wären die jenseits postierten vier Weißen gezwungen gewesen, sie anzureden, und sie hätten wohl rückwärts fliehen können, um die Ihrigen zu warnen. Da sie aber so lange gewartet hatten, bis diese nachkamen, so waren sie nun alle eingeschlossen. Drüben stand Old Shatterhand mit dem erhobenen Henrystutzen, und neben ihm kniete der Hobble-Frank, damit Davy und Jemmy über ihn hinwegschießen könnten. Die Roten hatten ihre Waffen auf die Aufforderung des ersteren nicht sofort gesenkt, und darum waren die Schüsse gefallen. Fünf tote Utahs lagen am Boden. Die andern konnten kaum an Gegenwehr denken; sie hatten genug zu thun, ihre Pferde zu bändigen, welche durch den außerordentlichen Wiederhall der Schüsse scheu geworden waren.

„Werft die Waffen weg, sonst schieße ich wieder!“ ertönte Old Shatterhands Stimme abermals.

Und von der andern Seite her erschallte es: „Hier steht Old Firehand. Ergebt euch, wenn ihr euer Leben retten wollt!“

Und neben diesem rief der Apache: „Wer kennt Winnetou, den Häuptling der Apachen? Wer sein Gewehr gegen ihn erhebt, der verliert seinen Skalp. Howgh!“

Waren die Utahs der Meinung gewesen, den Feind nur vor sich zu haben, so sahen sie jetzt, daß ihnen der Rückweg auch verschlossen war. Dort stand die mächtige Gestalt Old Firehands und die stolz-schlanke des berühmten Apachenhäuptlings. Neben ihnen hielt, da sonst kein Raum vorhanden war, die Tante Droll mit angeschlagenem Gewehr im Wasser, und zwischen diesen dreien sah man verschiedene Gewehrläufe ragen.

Kein einziger der Utahs wagte, sein Gewehr wieder zu erheben. Sie starrten nach vorn und nach hinten und wußten nicht, was sie thun sollten.

Widerstand leisten wäre ihr Verderben gewesen, das sahen sie ein; aber sich so schnell und ohne alle Verhandlung ergeben, das widerstrebte ihnen. Da sprang Droll aus dem Wasser, schritt bis zum Häuptling vor, hielt ihm den Lauf des Gewehres an die Brust und rief ihm zu: „Wirf das Gewehr weg, sonst drücke ich los!“

Der „große Wolf“ hielt den Blick starr auf die dicke, fremdartige Gestalt geheftet, als ob er ein Gespenst vor sich sehe; die Finger seiner Rechten öffneten sich und ließen das Gewehr fallen.

„Den Tomahawk auch und das Messer!“

Der Häuptling griff in den Gürtel, nahm die beiden genannten Waffen heraus und warf sie fort.

„Binde deinen Lasso los!“

Auch diesem Befehle gehorchte der „große Wolf“. Droll nahm den Lasso und band mit demselben die Füße des Häuptlings unter dem Bauche seines Pferdes zusammen. Dann nahm er dieses letztere beim Zügel, führte es auf die Seite und rief dem Gunstick-Uncle, welcher hinter Old Firehand stand, zu: „Komm her, Onkel, und fessele ihm die Hände!“

Der Uncle kam steif und gravitätisch herbeigeschritten und antwortete: „An den Gürtel will ich hinten – – ihm die beiden Hände binden.“

Er schwang sich hinter dem „großen Wolf“ auf das Pferd, machte seine Worte zur That und sprang dann wieder ab. Es war, als habe der Häuptling gar nicht gewußt, was mit ihm vorging; er befand sich wie im Traume. Sei Beispiel wirkte. Die Seinen ergaben sich nun auch in ihr Schicksal; sie wurden ebenso entwaffnet und gebunden wie er, und das ging außerordentlich schnell von statten, da alle Weißen nur darauf bedacht waren, zu thun, was der Augenblick erforderte.

Gern hätte der Hobble-Frank Winnetou begrüßt; Davy und Jemmy hatten ganz dasselbe Verlangen; aber man durfte jetzt nicht an solche Herzensangelegenheiten denken, sondern mußte die Erledigung derselben für später aufheben. Es galt vor allen Dingen aus dem Canon zu kommen. Darum wurde, als der letzte Rote gebunden war und man die erbeuteten Waffen aufgelesen hatte, sofort der Weiterritt angetreten. Voran ritten die Jäger, dann kamen die Roten, und den Beschluß bildeten die Rafters. Winnetou und Old Firehand ritten mit Old Shatterhand voran. Sie hatten ihm still die Hand gegeben, die einzige Begrüßungsart, welche sie einstweilen für nötig hielten. Gerade vor den Gefangenen ritten zwei, welche sich viel näher standen, als sie dachten, nämlich die Tante Droll und der Hobble-Frank. Keiner sagte ein Wort zu dem andern. Nach einiger Zeit nahm Droll die Füße aus den Steigbügeln, stieg im Reiten auf den Rücken des Pferdes und setzte sich verkehrt in den Sattel.

„Heavens! Was soll das heißen?“ fragte Frank. „Wollt Ihr Komödie spielen, Sir? Vielleicht seid Ihr in einem Cirkus als Clown angestellt gewesen?“

„Nein, Master,“ antwortete der Dicke. „Ich habe nur die Gewohnheit, die Festtage so zu feiern, wie sie fallen.“

„Wie meint Ihr das?“

„Ich setze mich verkehrt, weil es uns sonst verkehrt gehen kann. Denkt doch daran, daß hinter uns fünfzig Rote reiten; da kann leicht etwas geschehen, woran man nicht gedacht hat. Ich behalte sie in dieser Stellung im Auge und habe den Revolver in der Hand, um ihnen, wenn’s nötig ist, eine Pille zu geben. Wenn Ihr gescheit seid, so macht es auch so!“

„Hm! Was Ihr sagt, ist sehr richtig. Mein Pferd wird es nicht übelnehmen; ich drehe mich auch um.“

Einige Sekunden später saß auch er verkehrt im Sattel, um die Roten beaufsichtigen zu können. Es ging nun gar nicht anders, als daß diese beiden possierlichen Reiter einander oft ansehen mußten; dabei wurden ihre Blicke immer freundlicher; sie gefielen einander offenbar. Das ging so eine Weile, ohne daß dabei ein Wort fiel, bis endlich der Hobble-Frank nicht länger zu schweigen vermochte. Er begann: „Nehmt mir’s nicht übel, wenn ich Euch nach Eurem Namen frage. So wie Ihr da neben mir sitzet, habe ich Euch schon gesehen.“

„Wo denn?“

„In meiner Einbildung.“

„Alle Wetter! Wer hätte geahnt, daß ich in Eurer Einbildung lebe! Wieviel Mietzins habe ich da zu bezahlen, und wie steht es mit der Kündigung?“

„Ganz nach Belieben; aber heute ist es mit der Einbildung alle, da ich Euch nun in Person sehe. Wenn Ihr der seid, für den ich Euch halte, so habe ich viel Spaßhaftes von Euch gehört.“

„Nun, für wen haltet Ihr mich denn?“

„Für die Tante Droll.“

„Und wo habt Ihr von dieser gehört?“

„An verschiedenen Orten, an denen ich mit Old Shatterhand und Winnetou gewesen bin.“

„Was! Mit diesen beiden berühmten Männern seid Ihr geritten?“

„Ja. Wir waren oben im Nationalpark und dann auch in den Estacato.“

„Donner und Doria! Da seid Ihr wohl gar der Hobble-Frank?“

„Ja. Kennt Ihr mich?“

„Natürlich! Der Apache hat oft von Euch gesprochen und Euch noch heute, als wir vor dem Lager der Utahs lagen, einen kleinen Helden genannt.“

„Einen – kleinen – Helden!“ wiederholte Frank, indem ein seliges Lächeln über sein Gesicht ging. „Einen – kleinen – Helden! Das muß ich mir aufschreiben! Ihr habt richtig geraten, wer ich bin; aber ob auch ich richtig geraten habe?“

„Für wen haltet Ihr mich denn?“

„Für die Tante Droll, wie ich schon gesagt habe.“

„Die bin ich auch.“

„Wirklich? Das freut mich herzlich!“

„Wie seid Ihr denn auf die Vermutung gekommen, daß ich diese Tante bin?“

„Eure Kleidung sagte es mir, und ebenso Euer Verhalten. Ich habe oft erzählen gehört, daß die Tante Droll ein ganz außerordentlich couragiertes Weibsbild ist, und als ich Euch vorhin so mit dem Häuptlinge der Utahs umspringen sah, dachte ich mir gleich: Das und keine andre ist die Tante!“

„Sehr ehrenvoll für mich! Na, wir sind wohl beide Kerle, welche ihre Schuldigkeit thun. Aber die Hauptsache für mich ist, daß ich vernommen habe, Ihr seid ein Landsmann von Old Shatterhand?“

„Das ist richtig.“

„Also ein Deutscher?“

„Ja.“

„Woher denn da?“

„Gerade aus der Mitte heraus. Ich bin nämlich ein Sachse.“

„Alle Wetter! Was für einer? Königreich? Altenburg? Koburg-Gotha? Meiningen-Hildburghausen?“

„Königreich, Königreich! Aber Ihr kennt diese Namen so genau. Seid Ihr etwa auch ein Deutscher?“

„Natürlich!“

„Woher denn da?“ fragte Frank nun seinerseits entzückt.

„Auch aus Sachsen, nämlich Sachsen-Altenburg.“

„Herrjemerschnee!“ fiel da der Kleine in seinem heimischen Dialekte ein. „Ooch een Sachse, und zwar een Altenburger? Is es denn die Möglichkeet! Aus der Schtadt Altenburg oder vom Lande, he?“

„Nich aus der Residenz, sondern aus der Langenleube.“

„Langen– – leube?“ fragte Frank, indem ihm der Mund offen stehen blieb. „Langenleube-Niederhain?“

„Jawohl! Kennen Sie es?“

„Warum sollte ich nich? Ich habe ja Verwandte dort, ganz nahe Verwandte, bei denen ich als Junge zweemal off der Kirmse gewesen bin. Hören Sie, dort gibt’s aber Kirmsen, im Altenburgischen! Da wird gleich vierzehn Tage lang Kuchen gebacken. Und wenn so eene Kirmse alle is, da geht sie off dem nächsten Dorfe wieder an. Drum schpricht man dort nur so im allgemeenen vom Altenburger Landessen.“

„Das is richtig!“ nickte Droll. „Mache könne mersch, denn habe thune mersch. Aber Se habe Verwandte bei uns? Wie heiße denn die Leute, und wo schtamme se her?“

„Es is ganz nahe Verwandtschaft. Das is nämlich so! Mein Vater hat eenen Paten gehabt, dessen selige Schwiegertochter sich in der Langenleube wieder verheiratet hat. Später schtarb sie, aber ihr Schtiefsohn hat eenen Schwager, und der is es, den ich meene.“

„So! Was war er denne?“

„Alles mögliche. Er war een ganzer Kerl, der alles fertig brachte. Bald war er Kellner, bald Kirchner, bald Bürgergardenfeldwebel und bald Hochzeitsbitter, bald –“

„Halt!“ unterbrach ihn Droll, indem er herüberlangte und seinen Arm ergriff. „Wie war sein Name?“

„Seinen Vornamen kenne ich nicht mehr; aber sein Familienname war Pampel. Ich nannte ihn nur immer Vetter Pampel.“

„Wie? Pampel? Höre ich recht?“ rief Droll. „Hatte er Kinder?“

„Die schwere Menge!“

„Wisse Se, wie Se geheeße habe?“

„Nee, nich mehr. Aber off den größten kann ich mich noch sehr gut besinnen, denn ich war dem Kerl gut. Er hieß Bastel.“

„Bastel, also Sebastian?“

„Jawohl, denn Sebastian wird off Altenburgisch Bastel ausgeschprochen. Ich gloobe, er hieß ooch noch Melchior dazu, een Name, der in Altenburg sehr gäng und gäbe is.“

„Richtig, sehr richtig! Es thut schtimme, es thut sehr genau schtimme! Sebastian Melchior Pampel? Wisse Se, was aus ihm geworde is?“

„Nee, leider nich.“

„So sehe Se mal mich an, schaue Se mal her zu mir!“

„Warum?“

„Weil ich es bin, der draus geworde is.“

„Sie – Sie?“ fragte der Kleine.

„Ja, ich! Ich war der Bastel, und ich weeß noch ganz genau, wer bei uns off der Kirmse gewese is; des war der Vetter Frank aus Moritzburg, der nachher Forschtgehilfe geworde is.“

„Der bin ich, ich in eegener Person! Vetter, also hier, hier mitten in der Wildnis finden wir uns als schtammverwandte Menschen und Cousängs! Wer hätte das für möglich gehalten! Komm her, Bruderherz, ich muß dich an meinen Busen drücken!“

„Ja, ich ooch. Hier haste mich!“

Er langte herüber, und der andre langte hinüber. Die Umarmung war, da beide verkehrt auf ihren Pferden saßen, mit einigen Schwierigkeiten verbunden, welche aber zur Not überwunden wurden.

Die finster blickenden Indianer wußten jedenfalls nicht, was sie von dem Gebaren der beiden halten sollten; diese aber kehrten sich nicht an die bemalten Gesichter; sie ritten Hand in Hand nebeneinander, mit dem Rücken nach vorn, und sprachen von der seligen Jugendzeit. Sie hätten wohl noch lange kein Ende gefunden, wenn nicht im Zuge eine Stockung eingetreten wäre. Man hatte nämlich das Ende der Spalte erreicht, welche auf einen größeren und viel breiteren Canon mündete.

Zwar war die Sonne schon so tief gesunken, daß ihre Strahlen den Boden desselben nicht mehr erreichten, aber es gab doch Licht da und eine reine, bewegte Luft. Die Reiter atmeten erleichtert auf, als sie ins Freie gelangten, welches sie freilich nicht eher betraten, als bis sie vorsichtig Umschau gehalten hatten, ob keine feindlichen Wesen in der Nähe seien.

Dieser Canon war vielleicht zweihundert Schritte breit und hatte auf seinem Grunde ein kleines, schmales Flüßchen, welches man leicht durchwaten konnte. Am Wasser gab es Gras und Buschwerk, und auch einige Bäume standen da.

Die Roten wurden von den Pferden genommen und dann mit wieder gefesselten Füßen auf die Erde gesetzt. Nun erst war der richtige Augenblick zur ausgiebigen Begrüßung gekommen, und er wurde gehörig ausgenutzt. Diejenigen, welche sich bisher noch nicht gekannt hatten, lernten sich schnell kennen, und es dauerte gar nicht lange, so gab es keine andre Anrede als das trauliche „Du“. Davon waren natürlich Firehand, Shatterhand, Winnetou, der Lord und der Ingenieur ausgenommen.

Der Trupp Old Firehands hatte Proviant bei sich gehabt, und es wurde zunächst gegessen. Dann sollte über das Schicksal der Roten entschieden werden. Hierüber gab es mehr als eine Ansicht. Winnetou, Old Firehand und Old Shatterhand waren bereit, sie frei zu geben; die andern aber verlangten eine strenge Bestrafung. Der Lord meinte: „Bis dahin, wo die Zweikämpfe vorüber waren, halte ich sie nicht für strafbar, dann aber mußten sie euch die Freiheit geben. Statt das zu thun, haben sie euch verfolgt, um euch zu ermorden, und ich zweifle gar nicht daran, daß sie dies gethan hätten, wenn ihnen die Gelegenheit dazu geworden wäre.“

„Das ist sehr wahrscheinlich,“ antwortete Old Shatterhand; „aber sie haben die Gelegenheit dazu nicht gefunden, und es also auch nicht gethan.“

„Well! So ist die Absicht strafbar.“

„Wie wollt Ihr diese Absicht bestrafen?“

„Hm! Das ist freilich schwierig.“

„Mit dem Tode doch nicht?“

„Nein.“

„Mit Haft, Gefängnis, Zuchthaus?“

„Pshaw! Prügelt sie tüchtig durch!“

„Das wäre das Schlimmste, was wir thun könnten, denn es gibt für den Indianer keine größere Beleidigung, als Schläge. Sie würden uns über den ganzen Kontinent verfolgen.“

„So legt ihnen eine Geldstrafe auf!“

„Haben sie Geld?“

„Nein, aber Pferde und Waffen.“

„Ihr meint, daß wir ihnen diese nehmen sollen? Das wäre grausam. Ohne Pferde und Waffen müßten sie verhungern oder in die Hände ihrer Feinde fallen.“

„Ich begreife Euch nicht, Sir! Je nachsichtiger Ihr mit diesen Leuten seid, desto undankbarer werden sie. Gerade Ihr solltet nicht so milde denken, da gerade eben Ihr es seid, an dem sie sich vergangen haben.“

„Und gerade weil sie sich an mir, Frank, Davy und Jemmy vergangen haben, sollten wir vier es sein, die über ihr Schicksal zu bestimmen haben.“

„Macht, was Ihr wollt!“ sagte der Lord, indem er sich unwillig abwendete. Gleich aber drehte er sich ihm wieder zu und fragte: „Wollen wir wetten?“

„Worüber?“

„Darüber, daß diese Kerle es Euch übel vergelten, wenn Ihr sie mit Nachsicht behandelt?“

„Nein.“

„Ich setze zehn Dollar!“

„Ich nicht.“

„Ich setze zwanzig gegen zehn!“

„Und ich wette gar nicht.“

„Niemals?“

„Nein.“

„Schade, jammerschade! Ich habe es während dieses ganzen langen Rittes vom Osagenook bis hierher zu keiner Wette gebracht. Nach allem, was ich von Euch hörte, muß ich Euch für einen veritablen Gentleman halten, und nun sagt auch Ihr mir, daß Ihr niemals wettet. Ich wiederhole es: Macht, was Ihr wollt!“

Er war beinahe zornig geworden. Er hatte sich sehr leicht und gut in das Leben des fernen Westens gefunden, aber daß nie jemand mit ihm wetten wollte, das wollte ihm nicht behagen.

Die Worte Old Shatterhands, daß er, Frank, Jemmy und Davy allein das Recht besäßen, über das Schicksal der Roten zu entscheiden, war nicht ohne Wirkung geblieben, und nach längerer Debatte einigte man sich dahin, daß diesen genannten vier die Entscheidung anheimgegeben werden solle, doch sei dabei darauf zu achten, daß man von den Roten keine weiteren Feindseligkeiten zu erwarten habe. Es sollte also ein festes Abkommen mit ihnen getroffen werden. Dazu genügte es nicht, daß mit dem Häuptlinge allein verhandelt wurde; seine Untergebenen mußten auch hören, was er sagte und versprach. Vielleicht blieb er dann aus Rücksicht auf ihre gute Meinung über seine Ehrenhaftigkeit seinen Versprechungen getreu.

Es wurde also ein weiter Kreis gebildet, der aus allen Weißen und Roten bestand. Zwei Rafters mußten aufwärts und abwärts im Canon Wache halten, um die Annäherung eines Feindes sofort zu melden. Der Häuptling saß vor Winnetou und Old Shatterhand. Er sah sie nicht an, vielleicht aus Scham, vielleicht auch aus Verstocktheit.

„Was denkt der „große Wolf“, was wir jetzt mit ihm machen werden?“ fragte Old Shatterhand in der Utahsprache.

Der Gefragte antwortete nicht.

„Der Häuptling der Utah hat Angst; darum antwortet er nicht.“

Da erhob er den Blick, bohrte ihn mit grimmigem Ausdrucke in das Gesicht des Jägers und sagte: „Das Bleichgesicht ist ein Lügner, wenn es behauptet, daß ich mich fürchte!“

„So antworte! Überhaupt darfst nicht du von Lügen sprechen, denn du selbst bist es, der welche geredet hat.“

„Das ist nicht wahr!“

„Es ist wahr. Als wir uns noch in eurem Lager befanden, fragte ich dich, ob wir frei sein würden, wenn ich den Sieg errungen hätte. Was antwortetest du mir?“

„Daß ihr gehen könntet.“

„War das keine Lüge?“

„Nein, denn ihr seid gegangen.“

„Aber ihr habt uns verfolgt!“

„Nein.“

„Willst du es leugnen?“

„Ja, ich leugne es.“

„Zu welchem Zwecke habt ihr dann das Lager verlassen?“

„Um nach dem Versammlungsorte der Utahs zu reiten, nicht um euch zu verfolgen.“

„Warum hast du denn fünf deiner Krieger auf unsre Fährte gesandt?“

„Das habe ich nicht gethan. Wir haben das Kriegsbeil ausgegraben, und wenn dies geschehen ist, so hat man vorsichtig zu sein. Als ich euch die Freiheit versprach, falls du mich besiegen würdest, wußte ich gar nicht, nach welcher Richtung ihr euch wenden wolltet. Wir wollten euch ziehen lassen und haben Wort gehalten. Ihr aber habt uns überfallen, uns alles abgenommen und fünf unsrer Krieger getötet. Die Leichen derselben liegen noch drin im Felsenspalt.“

„Du weißt nur zu gut, was ich von deinen Worten zu denken habe. Warum schossen deine Wächter auf uns, als wir fortritten?“

„Sie wußten nicht, was ich euch versprochen hatte.“

„Warum stießen alle deine Leute das Kriegsgeschrei aus? Diese kannten dein Versprechen ganz genau.“

„Dieses Geschrei galt nicht euch, sondern den Wächtern, daß diese nicht mehr schießen sollten. Gerade das, was wir gut gemeint haben, legst du uns für schlimm aus.“

„Du verstehst es, dich sehr scharfsinnig zu verteidigen; aber es gelingt dir nicht, deine Unschuld zu beweisen. Ich will einmal sehen, ob deine Krieger den Mut besitzen, aufrichtiger zu sein, als du bist.“

Er legte einigen der Roten die Frage auf, wem ihr jetziger Ritt gegolten habe, und sie antworteten übereinstimmend mit dem Häuptlinge, daß sie keine böse Absicht gegen die Bleichgesichter verfolgt hätten.

„Diese Leute wollen dich nicht Lügen strafen,“ fuhr er, zu dem „großen Wolfe“ gerichtet fort. „Aber ich habe einen unumstößlichen Beweis. Wir haben dein Lager umschlichen und deine Leute belauscht. Wir wissen, daß ihr uns töten wolltet.“

„Das vermutet ihr nur!“

„Nein, wir haben es gehört. Wir wissen auch, das Lager morgen abgebrochen wird, und daß alle Krieger dir nach dem Versammlungsorte der Utahs folgen werden, die Frauen und Kinder aber gehen zu den Alten in die Berge. Ist das wahr?“

„Ja.“

„Nun, so ist auch das andre wahr, was wir hörten. Wir sind fest überzeugt, daß ihr uns nach dem Leben getrachtet habt. Welche Strafe werdet ihr wohl dafür erhalten?“

Der Rote antwortete nicht.

„Wir hatten euch nichts gethan, und ihr nahmt uns mit, um uns zu töten. Jetzt habt ihr uns das Leben nehmen wollen; ihr hättet also mehr verdient als nur den Tod. Aber wir sind Christen. Wir wollen euch vergeben. Ihr sollt eure Freiheit und eure Waffen zurückerhalten, und dafür müßt ihr uns versprechen, daß keinem von uns, die wir hier sitzen, jemals von euch ein Haar gekrümmt werde.“

„Spricht das deine Zunge oder dein Herz?“ fragte der Häuptling, indem er einen ungläubig forschenden, scharf stechenden Blick auf Old Shatterhand warf.

„Meine Zunge hat niemals andre Worte als mein Herz. Bist du bereit, mir das Versprechen zu geben?“

„Ja.“

„Daß wir alle, welche wir uns hier befinden, rote und weiße Männer, von heute an Brüder sind?“

„Ja.“

„Die einander beistehen wollen und müssen in jeder Not und in jeder Gefahr?“

„Ja.“

„Und bist du bereit, das mit der Pfeife des Friedens zu beschwören?“

„Ich bin bereit.“

Er antwortete schnell und ohne alles Besinnen; dies ließ darauf schließen, daß es ihm ernst mit seinem Versprechen war. Der Ausdruck seines Gesichtes ließ sich infolge der dick aufgetragenen Farbe nicht bestimmen.

„So mag die Pfeife reihum gehen,“ fuhr Old Shatterhand fort. „Ich werde dir die Worte vorsagen, welche du dabei nachzusprechen hast.“

„Sage sie, und ich werde sie wiederholen!“

Diese Bereitwilligkeit schien ein gutes Zeichen zu sein, und der wohlmeinende Jäger freute sich von Herzen darüber, konnte aber nicht umhin, noch eine Warnung auszusprechen: „Ich hoffe, daß du es dieses Mal ehrlich meinst. Ich bin stets ein Freund der roten Männer gewesen; ich berücksichtige, daß die Utahs jetzt angegriffen worden sind. Wäre das nicht der Fall, so würdet ihr jetzt nicht so wohlfeilen Kaufes davonkommen. Erweisest du dich aber nochmals treulos, so bezahlst du es mit dem Leben. Das versichere ich dir, und ich halte Wort!“

Der Häuptling blickte vor sich nieder, ohne den Blick zu dem Sprechenden zu erheben. Dieser nahm sein Calumet vom Halse, an welchem er es hängen hatte, und stopfte es. Nachdem er es in Brand gesteckt hatte, löste er die Fesseln des Häuptlings. Dieser mußte sich erheben, den Rauch nach den bekannten sechs Richtungen blasen und dabei sprechen: „Ich bin der „große Wolf“, der Häuptling der Yampa-Uthas; ich spreche für mich und diese meine Krieger, welche sich bei mir befinden. Ich rede zu den Bleichgesichtern, welche ich sehe, zu Old Firehand, Old Shatterhand und allen andern, auch zu Winnetou, dem berühmten Häuptlinge der Apachen. Alle diese Krieger und weißen Männer sind unsre Freunde und Brüder. Sie sollen sein wie wir, und wir wollen sein wie sie. Es soll ihnen niemals von uns ein Leid geschehen, und wir werden lieber sterben als zugeben, daß sie uns für ihre Feinde halten! Das ist mein Schwur. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Er setzte sich wieder nieder. Nun wurden auch die andern von ihren Fesseln befreit, und die Pfeife ging von Mund zu Mund, bis alle geraucht hatten. Selbst die kleine Ellen Butler mußte ihre sechs Züge thun; man durfte um ihrer selbst willen mit ihr keine Ausnahme machen.

Darauf erhielten die Roten auch ihre ganzen Waffen wieder. Das war kein Wagnis, wenn man ihrem Schwure trauen konnte. Dennoch aber verhielten sich die Weißen so vorsichtig wie möglich, und jeder von ihnen hatte die Hand in der Nähe seines Revolvers. Der Häuptling holte sein Pferd herbei und fragte dann Old Shatterhand: „Mein Bruder hat uns die Freiheit vollständig zurückgegeben?“

„Vollständig.“

„So dürfen wir fortreiten?“

„Ja, wohin ihr wollt.“

„Wir werden nach unserm Lager zurückkehren.“

„Ach! Ihr wolltet ja nach dem Versammlungsorte der Utah! Jetzt gibst du doch zu, daß euer Ritt nur uns gegolten hat.“

„Nein. Ihr habt uns die Zeit geraubt, so daß wir nun zu spät kommen würden. Wir kehren zurück.“

„Durch den Felsenspalt?“

„Ja. Lebe wohl!“

Er gab ihm die Hand und stieg auf. Dann ritt er in den Spalt hinein, ohne sich nach einem andern Menschen umzublicken. Seine Leute folgten ihm, nachdem jeder von ihnen freundlich gegrüßt hatte.

„Und der Kerl ist doch ein Schuft!“ meinte der alte Blenter. „Hätte er die Farbe nicht so fingerdick auf dem Gesichte, so könnte man ihm die Falschheit von demselben ablesen. Eine Kugel vor den Kopf wäre das beste gewesen.“

Winnetou hörte diese Worte und entgegnete: „Mein Bruder kann recht haben, aber es ist besser, Gutes thun anstatt Böses. Wir bleiben während der Nacht hier, und ich werde jetzt den Utahs folgen, um sie zu belauschen.“

Er verschwand im Felsenspalt, nicht zu Pferde, denn zu Fuße konnte er seine Absicht leichter ausführen.

Eigentlich war allen jetzt viel wohler und freier zu Mute als vorher. Was hätte man mit den Utahs machen sollen? Sie töten? Unmöglich! Sie als Gefangene mit sich herumschleppen? Ebenso unmöglich! Jetzt hatte man sie verpflichtet, Frieden und Freundschaft zu üben, und war sie los geworden. Das war besser als jedes andre.

Der Tag neigte sich zur Rüste, zumal es hier im Canon eher dunkel wurde als außerhalb desselben. Einige der Männer gingen, Holz zum Lagerfeuer zu suchen. Old Firehand ritt südwärts im Canon hinab und Old Shatterhand nordwärts hinauf, um zu rekognoszieren. Man mußte vorsichtig sein. Beide legten eine bedeutende Strecke hinter sich und kehrten, als sie nichts Verdachterregendes bemerkten, wieder zurück.

Es waren hier wohl seit langer Zeit keine Menschen gewesen, welche ein Feuer gebrannt hatten, denn es gab, trotzdem von einem Walde keine Rede war, genug Holz zum Brennen. Die Frühjahrsflut hatte vieles mitgebracht und angeschwemmt. Niemand freute sich mehr über das Feuer als der Lord, denn er fand da brillante Gelegenheit, mit Hilfe seines Bratgestelles seine kulinarischen Geschicklichkeiten zu entwickeln. Es gab noch einen kleinen Fleischvorrat und auch Konserven, Mehl und dergleichen, was man aus Denver mitgenommen hatte. Da konnte er braten und backen nach Herzenslust.

Später stellte sich Winnetou wieder ein. Dieser Mann hatte sich trotz der in dem Felsenspalt herrschenden Stockdunkelheit mit seinen geübten Augen zurechtgefunden. Er erzählte, daß die Utahs die Leichen mitgenommen und dann ihren Weg wirklich fortgesetzt hatten. Er war ihnen bis jenseits des Spaltes gefolgt und hatte noch deutlich gesehen, daß sie die steile Felssenkung emporgeritten und dann oben im Walde verschwunden waren. Dennoch wurde eine Wache tief in den Spalt postiert, um von da aus jeden Überfall unmöglich zu machen. Zwei andre Wächter standen je hundert Schritte ober- und unterhalb des Lagerplatzes im Hauptcanon; auf diese Weise war für vollständige Sicherheit gesorgt.

Natürlich gab es außerordentlich viel zu erzählen, und es war später als Mitternacht, als man sich zur Ruhe legte. Old Firehand revidierte vorher die Posten, um sich zu überzeugen, daß dieselben wachsam seien, und erinnerte die andern an die Reihenfolge, in welcher die Ablösung stattzufinden hatte. Dann löschte man das Feuer, und es wurde still und dunkel im Canon. –

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