Fünfzehntes Kapitel

Eine Indianerschlacht.

Auf den glücklichen Ausgang dieses Abenteuers war niemand stolzer als Droll und Hobble-Frank, deren klugem Eingreifen dieser Erfolg, wenigstens die Schnelligkeit desselben, zu verdanken war. Sie ritten hinter den Gefangenen nebeneinander. Als sie das Lager verlassen hatten, sagte Droll, indem er sein eigentümliches, listiglustiges Kichern hören ließ: „Hihihihi, is das eene Freede für meine alte Seele! Na, werde sich de Indianersch ärgere, daß se uns so fortreite lasse müsse! Meenste nich, Vetter?“

„Freilich!“ nickte Frank. „Das war een Genieschtreech, wie er nich besser im Buche schtehen kann. Und weeßte, wer die Hauptmatadoren dabei gewesen sind?“

„Nu?“

„Du und ich, wir zwee beeden. Ohne uns lägen die andern noch in Ketten und Banden, gerade wie Prometheus, der jahraus und ein nur Adlerlebern essen darf.“

„Na, weeßte, Frank, ich denke, daß die sich ooch noch herausgefunde hätte. Leute wie Winnetou, Shatterhand und Firehand lasse sich nich so leicht an de Marterpfähle binde. Die sind schon oft noch schlimmer drangewese und lebe heutigestags noch.“

„Das gloobe ich zwar ooch, aber schwer geworden wäre es ihnen doch. Ohne unsre internationale Schneidigkeet wäre es ihnen zwar nich unmöglich, aber ooch nich so leicht geworden, sich aus dieser verteufelten Falle zu kontrapunktionieren. Ich bin zwar nich schtolz droff, aber es is immerhin eene erhebende Gefühlsempfindung, wenn man sich sagen kann, daß man neben hervorragenden Geistesgaben ooch noch eene Ausdehnung der Intelligenz besitzt, welche selbst das schnellste Pferd nich einzuholen vermag. Wenn ich mich schpäter zur Ruhe gesetzt habe und eemal bei guter Tinte bin, werde ich meine Momoiranden schreiben, was alle berühmten Männer thun. Nachher wird die Welt erscht recht erkennen, zu welchen Hallucinationen een eenziger Menschengeist die kompetenten Fähigkeeten besitzt. Du bist ooch so een hochbegabter Ehrenerdenbürger, und wir können mit dem Schtolze unsres imitierten Selbstbewußtseins uns daran erinnern, daß wir nich nur deutsche Landsleute, sondern sogar konfigurierte Vettern und Verwandte sind.“

Jetzt war der Zug im Nebenkanon angekommen. Er bog nicht links ab nach dem Hauptcanon ein, sondern wendete sich nach rechts, um dem ersteren zu folgen. Winnetou, welcher den Weg am genauesten kannte, ritt wie gewöhnlich an der Spitze. Hinter ihm kamen die Jäger, dann die Rafters, welche die Gefangenen in der Mitte hatten. Diesen folgte die Sänfte, in welcher sich Ellen befand; ihr Vater ritt nebenher, und den Schluß bildeten wieder einige Rafters.

Ellen hatte sich seit gestern außerordentlich brav gehalten; sie war glücklicherweise von den Roten nicht so streng behandelt worden wie die erwachsenen und männlichen Gefangenen. Als diese letzteren sich von ihren Banden befreit hatten und zu den Häuptlingen gesprungen waren, um sich derselben zu bemächtigen, war sie ganz allein an dem von Old Shatterhand ausgelöschten Feuer zurückgeblieben. Ein Glück, daß die Roten nicht daran gedacht hatten, sich ihrer zu bedienen, um die Freiheit der Geiseln zu erzwingen!

Der schmale Canon stieg ziemlich steil empor und mündete nach vielleicht einer Stunde auf die weite, offene Felsenebene, welche von den dunkeln Massen der Rocky-Mountains begrenzt zu werden schien. Hier drehte Winnetou sich um und sagte: „Meine Brüder wissen, daß die Roten uns folgen werden. Wir wollen jetzt Galopp reiten, um eine möglichst große Strecke zwischen sie und uns zu bringen.“

Infolgedessen gab man den Pferden die Sporen und trieb dieselben so sehr an, wie es die Rücksicht auf die Sänfte und die Ponnies, welche dieselbe trugen, erlaubte. Später erlitt diese Schnelligkeit eine Unterbrechung durch einen für die Reiter sehr erfreulichen Umstand. Man erblickte nämlich ein Rudel Gabelantilopen, und es gelang, zwei derselben zu umkreisen und zu erlegen. Das gab hinreichend Proviant für den heutigen Tag.

Die Berge traten immer näher. Die Hochebene schien an den Fuß derselben zu stoßen; dies war aber keineswegs der Fall, da das Thal des Grand River dazwischen lag. Gegen Mittag, als die Strahlen der Sonne so heiß herniederbrannten, daß sie Mensch und Tier belästigten, gelangte man an eine schmale Stelle der felsigen Ebene, welche sich abwärts senkte. „Das ist der Anfang eines Canons, welcher uns zum Flusse führen wird,“ erklärte Winnetou, indem er dieser Senkung folgte. Es war, als hätte ein Riese hier den Hobel angesetzt, um eine tief und immer tiefer gehende Bahn in den harten Stein zu schneiden. Die Wände rechts und links, erst kaum bemerkbar, dann manns-, nachher haushoch, stiegen immer höher an, bis sie oben scheinbar zusammenstießen. Hier in der Enge wurde es dunkel und kühl. Von den Wänden sickerte Wasser herab, welches sich auf der Sohle sammelte und bald fußtief wurde, so daß die durstigen Pferde trinken konnten. Und eigentümlich, dieser Canon zeigte nicht die leiseste Windung. Er war schnurgerade in den Felsen eingefressen, so daß, lange bevor man sein Ende erreichte, vorn ein heller Strich zu sehen war, welcher desto breiter wurde, je mehr man sich demselben näherte. Das war der Ausgang, das Ende des mehrere Hundert Fuß tiefen Einschnittes.

Als die Reiter bei demselben anlangten, bot sich ihnen ein beinahe überwältigender Anblick dar. Sie befanden sich im Thale des Grand River. Dieses war vielleicht eine halbe englische Meile breit, der Fluß strömte in der Mitte hin und ließ zu seinen beiden Seiten einen Grasstreifen frei, welcher von der senkrecht ansteigenden Canonwand begrenzt wurde. Das Thal lief von Nord nach Süd, gerade wie mit dem Lineal gezogen, und die beiden Felsenwände zeigten nicht den engsten Riß oder den kleinsten Vorsprung. Darüber stand die glühende Sonne, welche hier trotz der Tiefe des Canons das Gras dem Verdorren nahe brachte.

Kein einziger Riß? Und doch! Gerade den Reitern gegenüber gab es am rechten Ufer des Flusses einen ziemlich breiten Einschnitt, aus welchem ein sehr ansehnlicher Bach geflossen kam. Dorthin deutete Winnetou, indem er sagte: „Diesem Bache müssen wir aufwärts folgen; er führt nach dem Thale der Hirsche.“

„Aber wie kommen wir hinüber?“ fragte Butler, welchem es um seine Tochter zu thun war. „Der Fluß ist zwar nicht reißend, scheint aber tief zu sein.“

„Oberhalb des Bacheinflusses gibt es eine Furt, welche so seicht ist, daß das Wasser in dieser Jahreszeit die Sänfte nicht berühren wird. Meine Brüder mögen mir folgen!“

Man ritt quer über das Gras bis an die Uferstelle, an welcher sich die Furt befand. Dieselbe lag so, daß man, am jenseitigen Ufer angekommen, auch noch den Bach überschreiten mußte, um an das rechte Ufer desselben zu gelangen, welches breiter und also bequemer zu passieren war als das linke. Winnetou trieb sein Pferd in das Wasser, und die andern folgten ihm. Er hatte recht gehabt; das Wasser reichte ihm lange nicht bis an die Füße. Dennoch blieb er, in der Nähe des andern Ufers angekommen, plötzlich halten und stieß einen halblauten Ruf aus, als ob er eine Gefahr entdeckt habe.

„Was gibt’s?“ fragte Old Shatterhand, welcher hinter ihm ritt. „Hat sich das Flußbett verändert?“

„Nein; aber da drüben sind Männer geritten.“

Er deutete nach dem Ufer. Old Shatterhand trieb sein Pferd mehrere Schritte weiter und sah nun auch die Fährte. Sie war breit, wie von vielen Reitern; das Gras hatte sich noch nicht ganz wieder erhoben.

„Das ist wichtig!“ sagte Old Firehand, welcher sich den beiden genähert hatte. „Wir wollen diese Fährte untersuchen; unterdessen müssen die andern im Wasser bleiben.“

Die drei ritten vollends an das Ufer, stiegen dort ab und betrachteten die Eindrücke mit ihren Kenneraugen.

„Das waren Bleichgesichter,“ sagte Winnetou.

„Ja,“ stimmte Old Shatterhand bei. „Indianer wären hintereinander geritten und hätten keine so breite, augenfällige Spur verursacht. Ich möchte behaupten, daß diese Leute keine echten Westmänner sind. Ein Jäger, welcher Erfahrung besitzt, ist weit vorsichtiger. Ich schätze den Trupp auf dreißig bis vierzig Personen.“

„Ich ebenso,“ meinte Old Firehand. „Aber Weiße, hier, unter den gegenwärtigen Verhältnissen! Das müssen Neulinge sein, unvorsichtige Menschen, welche es sehr notwendig haben müssen, hinauf in die Berge zu kommen.“

„Hm!“ brummte Old Shatterhand. „Ich glaube, zu erraten, wen wir da vor uns haben.“

„Nun, wen?“

„Den roten Cornel mit seiner Abteilung.“

„Alle Wetter! Möglich ist’s. Meiner Berechnung nach können die Kerle hier sein. Und das stimmt auch mit dem, was du von Knox und Hilton erfahren hast. Wir müssen die Spur – – –“

Er wurde von Winnetou unterbrochen, welcher an den Bach gegangen war und, in das Uferwasser zeigend, sagte: „Meine Brüder mögen hierherkommen. Es ist der rote Cornel gewesen.“

Sie gingen hin und sahen in das Wasser. Dieses war brunnenhell; man konnte den Grund ganz deutlich erkennen und sah eine Reihe von Eindrücken, welche neben der Stelle, an welcher die Reiter den Bach überschritten hatten, von dem einen Ufer nach dem andern führte.

„Ehe die Reiter hinüber sind,“ erklärte der Apache, „ist einer von ihnen abgestiegen, um die Tiefe des Wassers zu untersuchen. Es sind also dumme Menschen gewesen, denn jedes offene Auge sieht, daß das Wasser niemand bis über die Beine reicht. Und womit hat der Mann den Bach untersucht? Meine Brüder mögen es mir sagen.“

„Mit einer Hacke, deren Stiel er in der Hand gehabt hat. Das ist aus dem Eindrucke deutlich zu erkennen,“ antwortete Old Firehand.

„Ja, mit einer Hacke. Diese Leute wollen also nicht jagen, sondern graben. Es war der rote Cornel.“

„Ich bin ganz derselben Meinung; dennoch aber müssen wir es für möglich halten, daß es auch andre gewesen sein können.“

„Dann könnten nur Goldgräber hier vorbei sein,“ sagte Old Shatterhand. „Und das bestreite ich.“

„Aus welchen Gründen?“

„Erstens sind Goldgräber erfahrene Leute, welche nicht so unvorsichtig sind, und zweitens können wir bei den Spuren von vierzig Pferden auf vielleicht zehn Packpferde rechnen; bleiben dreißig Reiter; Goldgräber aber wandern nicht in so bedeutenden Trupps in den Bergen und Canons umher. Nein, es ist der rote Cornel mit seinen Leuten. Ich möchte es beschwören.“

„Auch ich bezweifle es nicht. Wo aber sind sie hin? Da drüben rechts abgebogen, also nicht weiter den Grand River hinab, sondern am Bache empor nach dem Thale der Hirsche. Sie reiten also den Utahs gerade in die Arme.“

„Das ist ihr Schicksal, welches sie sich selbst bereitet haben. Wir können es nicht ändern.“

„Oho!“ rief Old Firehand. „Wir müssen es ändern.“

„Müssen? Warum? Haben sie es verdient?“

„Nein. Aber wir müssen den Plan, die Zeichnung haben, welche der Cornel gestohlen hat. Wenn wir diese Zeichnung nicht bekommen, erfahren wir nie, wo die Schätze des Silbersees liegen.“

„Das ist wahr. Du willst diesen Halunken nachreiten, um Sie zu warnen?“

„Um sie nicht zu warnen, sondern um sie selbst niederzuschlagen.“

„Das ist unmöglich. Bedenke, welchen Vorsprung sie haben!“

Old Firehand bückte sich nieder, um das Gras nochmals zu untersuchen und sagte dann im Tone der Enttäuschung: „Leider! Sie sind vor fünf Stunden hier gewesen. Wie weit ist es bis nach dem Hirschthale?“

„Vor Abend können wir es nicht erreichen.“

„So muß ich meine Absicht aufgeben. Sie befinden sich in der Gewalt der Roten, noch ehe wir die Hälfte des Weges zurückgelegt haben. Wie aber steht es mit den Boten, welche von den Yampa-Utahs nach diesem Thale geschickt werden sollten? Sie sind jedenfalls noch vor uns aufgebrochen, und wir haben doch keine Fährte von ihnen gesehen.“

„Diese Männer sind wohl nicht geritten, sondern gelaufen,“ erklärte Winnetou. „Zu Fuß ist der Weg viel kürzer, da ein Mokassin über Stellen gelangen kann, an denen Pferd und Reiter die Hälse brechen würden. Meine Brüder mögen nicht an den Cornel denken, sondern daran, daß wir diese Spuren verwischen müssen.“

„Warum verwischen?“

„Wir wissen, daß die Yampa-Utahs uns folgen. Wir gehen später von dem Wege ab, von welchem sie denken, daß wir ihm folgen werden. Wir müssen uns Mühe geben, sie zu täuschen, wenn wir entkommen wollen. Sie müssen die Fährte des Cornels, welcher direkt nach dem Hirschthale geht, für die unsrige halten; dann werden sie derselben folgen und es nicht für möglich halten, daß wir zur Seite gegangen und ihnen entwichen sind. Darum dürfen sie nicht sehen und nicht wissen, daß bereits vor uns Reiter hier gewesen sind. Meine beiden weißen Brüder verstehen es, eine Fährte auszulöschen. Der Hobble-Frank und Droll, der Humply-Bill und der Gunstick-Uncle haben es auch gelernt, Watson und der schwarze Tom ebenso. Diese Männer mögen das Gras aufheben und aus ihren Hüten mit Wasser begießen, denn wenn es naß ist, wird die Sonne es aufwärts ziehen. Das muß auf einer Strecke geschehen, von hier an bis so weit das Auge reicht. Wenn dann die Yampa- Utahs kommen, steht das Gras hoch, und nur da, wo wir geritten sind, ist es niedergetreten.“

Dieser Plan war ausgezeichnet. Die Genannten mußten herbei und, während die andern mit allen Pferden die Furt vollends passierten, über den Bach gingen und drüben warteten, denselben ausführen. Sie gingen auf der Fährte des Cornels wohl gegen hundert Schritte zurück, besprengten das Gras mit Wasser und richteten es auf, indem sie, langsam rückwärts schreitend, ihre Decken auf dem Boden hinter sich herzogen. Das übrige mußte die Sonne thun, und daß sie es thun werde, war ganz zweifellos. Wer nicht Zeuge dieses Vorganges gewesen war, mußte, wenn er eine halbe Stunde später kam, annehmen, nur die Fährte Old Firehands und seiner Begleiter vor sich zu haben. Diejenigen, welche die Fährte vertilgt hatten, sprangen über den Bach und stiegen wieder in den Sattel.

Die gefangenen Roten hatten schweigend zugeschaut. Seit dem Aufbruche hatte überhaupt keiner von ihnen ein Wort gesprochen. Was sie jetzt gesehen hatten, kam ihnen verdächtig vor. Warum löschten die Bleichgesichter diese fremde Fährte aus? Warum verschwendeten sie mit dieser Arbeit die kostbare Zeit, anstatt der Spur so rasch wie möglich zu folgen? Feuerherz konnte es nicht über sich gewinnen, länger zu schweigen; er wendete sich an Old Firehand: „Wer sind die Männer, welche vorher hier geritten sind?“

„Reiter,“ antwortete der Gefragte kurz.

„Wohin sind sie?“

„Weiß ich es?“

„Warum vertilgst du ihre Spur?“

„Deiner Krieger wegen.“

„Ihretwegen? Was haben sie mit dieser Fährte zu schaffen?“

„Sie werden sie nicht sehen.“

„Sie werden sie ja nicht sehen, denn die Spur befindet sich hier, und meine Krieger lagern im Walde des Wassers.“

„Sie lagern nicht dort, sondern sie sind hinter uns her.“

„Glaube das nicht!“

„Ich glaube es nicht nur, sondern ich weiß es sogar.“

„Du irrst. Zu welchem Zwecke sollten meine Leute euch folgen?“

„Um uns zwischen sich und diejenigen Utahs zu nehmen, welche im Thale der Hirsche lagern.“

Man sah, daß Feuerherz erschrak. Er faßte sich aber schnell und sagte: „Meinem weißen Bruder hat wohl geträumt? Ich weiß nichts von allem, was er sagt.“

„Lüge nicht! Wir haben wohl die Zeichen gesehen, welche die beiden jungen Häuptlinge dir mit der Decke gaben. Wir haben diese Zeichen ebensogut verstanden wie du selbst und wissen, daß du uns mit dem Calumet belogen hast.“

„Uff! Meine Worte waren ohne Falsch!“

„Das wird sich zeigen. Wehe euch, wenn uns die Yampa-Utahs folgen! Weiter habe ich dir nichts zu sagen. Wir müssen weiter.“

Der unterbrochene Ritt wurde fortgesetzt, jetzt am Bache hinauf. Die Fährte, welcher man folgte, war breit, und also mußte ebenso breit geritten werden, damit es den Verfolgern nicht möglich war, zu erkennen, daß sie zwei Fährten vor sich hatten. Waren die Roten schon vorher schweigsam gewesen, so senkten sie jetzt erst recht die Köpfe. Sie sahen sich durchschaut und erkannten, daß ihr Leben nun keinen Pfifferling mehr wert sei. Wie gern wären sie entflohen, aber von einem Entkommen war keine Rede; ihre Banden waren unzerreißbar fest, und zudem wurden sie von den Weißen so eng umgeben, daß ein Durchbrechen derselben die reine Unmöglichkeit genannt werden mußte.

Der Bach wand sich in vielen Krümmungen allmählich aufwärts. Das Thal wurde breiter und war weiter oben mit Büschen und Bäumen bestanden. Er verzweigte sich endlich in mehrere Nebenthäler, aus denen kleine Wasser kamen, um den Bach, welcher hier seinen Ursprung nahm, zu bilden. Winnetou folgte der stärksten dieser Quellen, deren Thal wohl eine Viertelstunde ziemlich breit war und dann plötzlich eine Felsenenge bildete, hinter welcher es wieder auseinander ging, um eine saftig grüne Matte zu bilden. Als die Enge passiert war, hielt er an und sagte: „Das ist ein vortrefflicher Platz zum Ruhen und Essen. Unsre Pferde sind müde und hungrig, und auch wir bedürfen der Erholung. Meine Brüder mögen absteigen und die Antilopen braten.“

„Dann aber ereilen uns die Utahs!“ bemerkte Old Firehand.

„Was schadet das? Sie sollen sehen, daß wir wissen, was sie beabsichtigen. Sie können uns nichts thun, denn wenn wir nur einen Mann an die Enge der Felsen stellen, wird er sie schon von weitem kommen sehen und uns benachrichtigen. Sie können diesen Ort nicht erstürmen und müssen sich zurückziehen.“

„Aber wir versäumen hier viel Zeit!“

„Wir versäumen nicht eine Minute. Wenn wir essen und trinken, wächst unsre Kraft, die wir vielleicht brauchen werden. Und wenn wir unsern Pferden Gras und Wasser geben, können sie später schneller laufen. Ich habe diesen Platz auserwählt. Mein Bruder mag thun, um was ich ihn gebeten habe.“

Der Apache hatte recht, und die andern waren auch einverstanden, daß hier Rast gemacht werde. Da, wo die Felsen das Thal verschlossen, wurde ein Wächter ausgestellt. Die Gefangenen band man an Bäume; die Pferde ließ man grasen, und bald brannten zwei Feuer, über denen das Wild briet. In kurzem konnte man es genießen. Auch die Indianer bekamen ihren Teil, auch Wasser aus dem Becher zu trinken, welchen der Lord bei sich hatte.

Dieser letztere war bei ausgezeichneter Laune. Er war in das Land gekommen, um Abenteuer zu suchen, und hatte mehr gefunden, als er für möglich gehalten. Jetzt hatte er sein Buch hervorgezogen, um die Beiträge zu summieren, welche er Bill und dem Uncle schuldete.

„Wollen wir wetten?“ fragte er den ersteren.

„Welche Wette?“

„Daß ich Euch schon tausend Dollar schulde, und sogar noch mehr?“

„Ich wette nicht.“

„Jammerschade! Diese Wette hätte ich gewonnen.“

„Ist mir lieb. Übrigens werdet Ihr heute wohl noch mehr eintragen müssen, Sir, denn es ist möglich, daß wir etwas erleben.“

„Schön! Wenn wir es nur überleben, so mag es kommen. Seht, es geht schon los!“

Der Wachtposten hatte nämlich einen halblauten Pfiff ausgestoßen. Er winkte. Die Anführer eilten zu ihm hin. Als sie, hinter den Felsen versteckt, durch die Enge blickten, sahen sie die Utahs im Thale aufwärts kommen; sie waren noch gegen tausend Schritte entfernt.

Draußen vor den Felsen wucherte Gesträuch. Dahinein postierte Old Shatterhand schnell seine besten Schützen und beorderte sie, zu schießen, sobald sein erster Schuß falle, doch sollten sie nur auf die Pferde, nicht auf die Reiter zielen.

Die Roten kamen schnell näher, die Augen auf die Spur geheftet. Sie glaubten, die Weißen seien ganz glücklich, entkommen zu sein, und wußten sich so sicher, daß sie nicht einmal Späher vorausgesandt hatten. Da krachte vor ihnen ein Schuß; zehn, zwanzig folgten, noch mehr. Die getroffenen Pferde brachen zusammen oder bäumten sich und rannten, ihre Reiter abwerfend und den Zug in Unordnung bringend, zurück. Ein durchdringendes Geheul, dann verschwanden die Indianer; der Platz war leer.

„So!“ meinte Old Shatterhand. „Die wissen nun, daß wir auf unsrer Hut sind und ihre Gedanken kennen. Aber wir müssen aufbrechen, da sie uns doch vielleicht von der Seite beschleichen können. Vorwärts also!“

In wenigen Minuten war der Zug wieder beritten und setzte sich in Bewegung. Es war anzunehmen, daß die Roten nur langsam, weil mit äußerster Vorsicht, vordringen würden; darum konnte man überzeugt sein, einen mehr als genügenden Vorsprung zu bekommen.

Es ging die Matte hinauf, über die Lehne des Berges hinüber, und dann erreichte man ein Labyrinth von Schluchten und Thälern, welche aus verschiedenen Richtungen kommend, alle nach einem und demselben Punkte zu streben schienen. Dieser Punkt war der Eingang einer breiten, öden, stundenlangen Felsenklüftung, in welcher nicht ein einziger Grashalm Nahrung zu finden schien. Felsenstücke von jeder Form und Größe lagen hoch aufgetürmt übereinander oder zerstreut umher. Es war, als sei hier in der Urzeit ein riesiger Naturtunnel eingestürzt.

In diesem Steinschutte war es schwer, eine zusammenhängende Spur ausfindig zu machen. Nur hie und da zeigte ein aus seiner Lage gestoßener oder von einem Pferdehufe geritzter Stein, daß die Tramps hier geritten seien. Winnetou deutete mit der Hand vorwärts und sagte: „In zwei Stunden senkt sich dieses Steingewirr in das große, grüne Thal der Hirsche nieder. Wir aber werden hier links abreiten. Old Shatterhand und Old Firehand mögen absteigen, ihre Pferde führen lassen und hinterher gehen, um etwaige Spuren sofort zu vertilgen, damit die Yampa-Utahs nicht bemerken, daß wir zur Seite gewichen sind!“

Er wendete sich nach links in die Trümmer hinein. Die beiden Genannten gehorchten seiner Anweisung und stiegen erst dann, als man weit genug entfernt vom Wege war, wieder auf ihre Pferde. Der Apache bewies, daß er ein ganz unvergleichliches Ortsgedächtnis besaß. Es schien, als ob kein Mensch sich in diesem Wirrsal zurechtfinden könne; es waren seit seinem letzten Hiersein Jahre vergangen, und doch kannte er jeden Stein, jeden Fels, jede Steigung und Biegung, so daß er sich nicht einen Augenblick lang über die einzuhaltende Richtung im unklaren befand.

Es ging sehr steil bergan, bis eine weite, öde Hochfläche erreicht wurde. Über dieselbe flog man im Galopp. Schon war die Sonne hinter den Rockybergen verschwunden, als man das Ende dieses Plateaus erreichte oder doch vor sich liegen sah, denn der Apache hielt an, deutete nach vorn und erklärte: „Noch fünfhundert Schritte weiter fällt der Stein so gerade wie ein Wassertropfen zur Tiefe; jenseits ebenso; dazwischen aber liegt unten das Thal der Hirsche mit gutem Wasser und vielem Wald. Es hat nur einen bekannten Eingang, nämlich den, von welchem wir abgewichen sind, und auch nur einen Ausgang, welcher hinauf nach dem Silbersee führt. Ich und Old Shatterhand sind die einzigen, welche einen weiteren Zugang kennen, den wir, als wir uns in Gefahr befanden, durch Zufall entdeckten. Ich werde ihn euch zeigen.“

Er näherte sich dem Rande des Plateaus. Dort lagen Felstrümmer, wie eine Schutzmauer, damit man nicht in die grausige Tiefe stürzen möge, nebeneinander geschichtet. Er verschwand zwischen zwei solchen Trümmerstücken, und die andern folgten ihm einzeln.

Sonderbar, es gab da einen Weg. Rechts gähnte die Tiefe, in welche man hinab wollte; er führte aber links in den Felsenstock hinein und zwar so steil abwärts, daß man vorzog, abzusteigen und die Pferde zu führen. Der ungeheure, meilenlange und breite Felsenkoloß hatte einen Riß bekommen, welcher in verschiedenen Krümmungen, von oben nach unten ging.

Nachrollendes Steinwerk hatte diesen Riß in der Weise ausgefüllt, daß ein fester Boden gebildet worden war, dem man sich getrost anvertrauen konnte. Die Pferde konnten trotz der Steilheit dieses Weges nicht stürzen, da er nicht aus glattem Gestein, sondern aus ziemlich festem Geröll bestand, welches das Ausgleiten verhinderte. Je tiefer man kam, desto finsterer wurde es. Old Firehand hatte Ellen Butler auf sein Pferd gesetzt und ging, sie stützend und haltend, neben demselben her. Es war, als ob man stundenlang zur Tiefe gestiegen sei, bis plötzlich die Senkung aufhörte, der Boden sich ebnete und der Felsenriß so breit wurde, daß er einen großen Saal, aber ohne Decke, bildete. Hier hielt Winnetou an und sagte: „Wir sind beinahe im Thale. Hier werden wir bleiben, bis die Dunkelheit uns gestattet, an den Utahs vorüberzukommen. Schafft die Pferde nach hinten, wo sie trinken können, und gebt den Gefangenen Knebel, damit sie nicht laut werden!“

Die Roten hatten natürlich auch abwärts steigen müssen; darum hatte man ihnen die Beine freigegeben. Nun fesselte man sie wieder und verschloß ihnen auch den Mund, um sie am Rufen zu verhindern. Es herrschte tiefe Dämmerung in diesem Raume, aber die Männer, welche geübt waren, des Nachts fast wie die Katzen zu sehen, fanden sich dennoch leicht zurecht. Im hintern Teile sammelte sich die Feuchtigkeit des Felsens in einem kleinen Tümpel, aus welchem ein Wässerlein vorn abfloß; wohin, das sah man noch nicht.

Winnetou nahm einige der Jäger mit sich, um ihnen die Örtlichkeit zu zeigen. Was sie sahen, setzte sie nicht wenig in Verwunderung. Vorn, wo der Saal sich wieder verengte, gab es einen Ausgang, so schmal, daß kaum zwei Männer nebeneinander gehen konnten. Dieser Gang führte auch abwärts, aber nicht sehr weit. Nach einigen Krümmungen standen die Männer vor einem dichten, natürlichen Vorhang von Schlingpflanzen, unter welchem das Wasser verschwand. Winnetou schob diese Gardine ein wenig zur Seite, und da sahen sie vor sich Wald, Baum an Baum, hoch und kräftig gewachsen und so dicht belaubt, daß das letzte Licht, des Tages nicht durch die Wipfel zu dringen vermochte.

Der Apache trat hinaus, um zu rekognoszieren. Als er wieder hereinkam, meldete er: „Rechts von uns, im Norden, also thalaufwärts, brennen viele Feuer unter den Bäumen; dort lagern also die Utahs. Thalabwärts ist es finster. Dort hinab müssen wir. Vielleicht stehen keine Roten dort. Höchstens hat man zwei oder drei Mann an den Ausgang des Hirschthales gestellt; diese sind sehr leicht unschädlich zu machen, und wir könnten also das Thal ohne große Gefahr verlassen, wenn sich nicht der rote Cornel in demselben befände. Wir müssen unbedingt erfahren, wie es um ihn steht. Darum werde ich mich, sobald es noch dunkler geworden ist, zu den Feuern schleichen, um zu lauschen. Bevor das geschehen ist, können wir nicht fort; bis dahin aber müssen wir uns vollständig lautlos verhalten.“

Er führte die Männer wieder zurück, um nach ihnen auch den andern die Örtlichkeit zu zeigen. Das war notwendig, da im Falle der Not und Gefahr ein jeder wissen mußte, wo er sich befand und wo es einen Ausweg gab. Die Gefangenen waren sehr gut gefesselt, dennoch erhielt jeder von ihnen einen besonderen Wächter. Hatten die Weißen gestern und auch schon früher ihre Banden zu lösen vermocht, so konnte auch den Roten dasselbe gelingen. Winnetou war der Meinung gewesen, daß er allein rekognoszieren gehen werde, dem stimmten aber weder Old Shatterhand noch Old Firehand bei. Das Unternehmen war hier so gefährlich, daß ein einzelner leicht nicht wiederkehrte, und dann wußte man nicht, was ihm geschehen war und auf welche Weise man ihm Hilfe bringen konnte. Darum wollten die Genannten mit ihm gehen.

Nachdem man fast zwei Stunden gewartet hatte, brachen die drei auf. Sie schlichen hinaus in den Wald und blieben da zunächst stehen, um zu lauschen, ob sich vielleicht jemand in ihrer Nähe befinde. Es war nichts zu sehen und zu hören. Die Feuer brannten in ziemlicher Ferne; es waren ihrer sehr viele; aus dieser Anzahl ließ sich schließen, daß eine ganz ungewöhnliche Menge Utahs hier lagerten.

Die drei schlichen nun vorwärts, von Baum zu Baum, Winnetou voran. Je weiter sie sich den Feuern näherten, desto leichter wurde ihnen die Lösung ihrer Aufgabe, denn gegen die Flammen blickend, konnten sie jeden Gegenstand sehen, welcher vor ihnen stand oder lag.

Sie bewegten sich am linken Rande des Thales. Die Feuer lagen mehr gegen die Mitte. Vielleicht hatten die Roten der Felswand nicht getraut. Daß sich von derselben leicht ein Stück lösen konnte, bewiesen die Trümmer, welche, Bäume zerschmetternd, herniedergestürzt waren und sich tief in die Erde eingewühlt hatten. Die drei Männer kamen rasch vorwärts. Schon befanden sie sich parallel den vordersten Feuern. Links von ihnen, und noch weiter zurück, brannte eine sehr helle, hohe Flamme abgesondert von den andern. An derselben saßen fünf Häuptlinge, wie aus den Adlerfedern, welche ihre Schöpfe schmückten, zu erkennen war.

Eben erhob sich einer von ihnen. Er hatte den Kriegsmantel abgeworfen. Sein nackter Oberleib war, wie Gesicht und Arme, mit dicker, grellgelber Farbe bestrichen. „T’ab-wahgare!“ flüsterte Winnetou. „Er ist der Häuptling der Capote-Utahs und besitzt die Stärke eines Bären. Seht seinen Leib! Welch dicke, starke Muskeln, und welch eine breite Brust!“

Der Utah winkte einem zweiten Häuptlinge, welcher auch aufstand. Dieser war länger als der vorige und wohl nicht weniger stark.

„Das ist Tsu-in-kuts„, erklärte Old Shatterhand. „Er trägt diesen Namen, weil er einst vier Büffelstiere mit vier Pfeilschüssen getötet hat.“

Die beiden Häuptlinge wechselten einige Worte miteinander und entfernten sich dann vom Feuer. Vielleicht wollten sie Wachen inspizieren. Sie vermieden die andern Feuer und näherten sich infolge dessen mehr der Felsenwand.

„Ah!“ meinte Old Shatterhand. „Sie kommen hier nahe vorüber. Was meinst du, Firehand? Wollen wir sie nehmen?“

„Bei lebendigem Leibe?“

„Natürlich!“

„Das wäre ein Coup! Schnell nieder auf die Erde; du den ersten und ich den zweiten!“

Die beiden Utahs kamen näher. Der eine ging hinter dem andern. Da tauchten plötzlich zwei Gestalten hinter ihnen auf – zwei gewaltige Fausthiebe, und die Getroffenen stürzten zu Boden.

„Gut so!“ flüsterte Old Firehand. „Die haben wir. Nun schnell in unser Versteck mit ihnen!“

Jeder nahm den seinigen auf. Winnetou erhielt die Weisung, zu warten, und dann eilten die beiden dem verborgenen Felsensaale zu. Dort lieferten sie die neuen Gefangenen ab, ließen sie binden und knebeln und kehrten dann zu Winnetou zurück, nicht aber ohne zuvor den Befehl zu geben, daß keiner der Gefährten das Versteck verlassen dürfe, bevor sie zurückgekehrt seien, möge auch geschehen, was da wolle.

Winnetou stand noch an derselben Stelle. Es war jetzt weniger nötig, die drei Häuptlinge zu belauschen, als vielmehr den Ort ausfindig zu machen, an welchem sich der rote Cornel mit seiner Sippe befand. Um zu diesem Ziele zu gelangen, mußte das ganze Lager umschlichen werden. Die drei kühnen Männer schritten also immer weiter an der Felsenwand hin, die Feuer alle zu ihrer Linken lassend.

Nach dieser Seite hin konnten sie gut sehen; nach vorn war es dunkel; da galt es also, vorsichtig zu sein. Wo das Auge nicht ausreichte, mußte die tastende Hand gebraucht werden. Winnetou huschte, wie gewöhnlich, voran. Plötzlich blieb er stehen und ließ ein fast zu lautes, erschrockenes „Uff!“ hören. Die andern beiden hielten ihre Schritte auch an und lauschten gespannt. Als alles ruhig blieb, fragte Old Shatterhand leise: „Was gibt es?“

„Ein Mensch,“ antwortete der Apache.

„Wo?“

„Hier bei mir, vor mir, in meiner Hand.“

„Halte ihn fest! Laß ihn nicht schreien!“

„Nein. Er kann nicht schreien; er ist tot.“

„So hast du ihn erdrosselt?“

„Er war schon tot; er hängt an dem Pfahle.“

„Herrgott! Wohl am Marterpfahle?“

„Ja. Sein Skalp fehlt; sein Leib ist voller Wunden. Er ist kalt, und meine Hände sind naß vom Blute.“

„So sind die Weißen schon tot, und hier ist der Marterplatz. Suchen wir einmal!“

Sie tasteten um sich und fanden binnen zehn Minuten gegen zwanzig schauderhaft verstümmelte Leichen, welche an Pfähle und Bäume gebunden waren.

„Entsetzlich!“ stöhnte Old Shatterhand. „Ich glaubte, diese Leute noch retten zu können, wenigstens vor solchen Qualen! Gewöhnlich warten die Roten bis zum nächsten Tage; hier aber haben sie sich keine Zeit gelassen.“

„Und der Plan, die Zeichnung!“ meine Old Firehand. „Die ist nun verloren.“

„Noch nicht. Wir haben die gefangenen Häuptlinge. Vielleicht können wir diese gegen die Zeichnung austauschen.“

„Wenn sie noch da und nicht etwa vernichtet ist.“

„Vernichtet? Schwerlich! Die Roten haben gelernt, die Wichtigkeit solcher Papiere einzusehen. Ein Indianer vernichtet jetzt eher alles andre als ein Papier, welches er bei einem Weißen findet, zumal wenn es nicht bedruckt, sondern beschrieben ist. Laß dir also noch nicht bange sein. Übrigens leuchtet mir ein, aus welchem Grunde man diese Kerle hier so schnell ermordet hat.“

„Nun, warum?“

„Um Platz für uns zu bekommen. Unsre Ankunft ist gemeldet worden. Wir sind noch nicht da; folglich erwartet man uns für morgen früh ganz gewiß, und kommen wir da noch nicht, so sendet man Späher nach uns aus.“

„Die Boten, welche abgesendet wurden, um unsre Ankunft zu melden, werden da sein, die Yampa-Utahs aber noch nicht,“ meinte Winnetou.

„Nein, die sind noch nicht da. Es hat wohl Stunden gedauert, ehe sie es gewagt haben, unsern Rastort zu passieren und in die Felsenenge einzudringen. Vielleicht kommen sie erst morgen früh, da der letzte Teil des Weges so schlecht ist, daß er des Nachts nicht – – – horchen! Wahrhaftig, sie kommen; sie sind da!“

Oberhalb der Stelle, an welcher die drei standen, ließ sich plötzlich ein lautes, fröhliches Geschrei hören, welches von unten her sofort beantwortet wurde. Die Yampa-Utahs kamen trotz der Finsternis der Nacht und trotz des schlechten Weges, welcher ihnen sehr bekannt sein mußte. Das war ein Gebrüll und Geheul, daß man sich hätte die Ohren verstopfen mögen. Es wurden Brände aus den Feuern gerissen, mit denen die bereits hier Lagernden den Ankömmlingen entgegenliefen. Der Wald wurde hell und lebendig, so daß die drei in die größte Gefahr, bemerkt zu werden, gerieten.

„Wir müssen fort,“ sagte Old Firehand. „Aber wohin? Vor und hinter uns ist alles voller Menschen.“

„Auf die Bäume,“ antwortete Old Shatterhand. „In dem dichten Gezweig können wir warten, bis die Aufregung sich gelegt hat.“

„Gut, also hinauf! Ah, Winnetou ist schon oben!“

Ja, der Apache hatte gar nicht lange erst gefragt. Er schwang sich hinauf und versteckte sich im Blätterdach. Die beiden andern folgten seinem Beispiele, indem sie die nächsten Bäume erstiegen. Es ist keine Schande, sich gegen eine solche Übermacht zu verbergen.

Jetzt sah man beim Scheine der Feuer und der Fackeln die Yampa mit ihren Genossen kommen. Sie stiegen von den Pferden, welche fortgeführt wurden, und fragten, ob Winnetou und die Weißen angekommen und ergriffen worden seien. Diese Frage wurde mit der größten Verwunderung aufgenommen. Die Yampa wollten nicht glauben, daß die Genannten nicht angekommen seien, denn sie waren ja der Fährte derselben gefolgt. Es wurde hin und her gefragt; hundert Vermutungen tauchten auf, doch der wahre Sachverhalt blieb ein Rätsel.

Es war für die andern Utahs eine hochwichtige Nachricht, zu hören, daß Old Firehand, Old Shatterhand und Winnetou sich in der Nähe befänden. Aus den verschiedenen Ausrufungen, aus der ungeheuern Wirkung, welche diese Nachricht hervorbrachte, konnten diese drei Männer ersehen, in welch einem Rufe sie bei diesen Roten standen.

Als die Yampa erfuhren, daß über zwanzig Weiße zu Tode gemartert worden seien, glaubten sie, daß es die von ihnen Gesuchten seien, und verlangten, sie zu sehen. Man kam mit Fackeln herbei, um sie ihnen zu zeigen, und nun bot sich den drei im Laube versteckten ein Anblick, welcher bei der ungewissen, flackernden Beleuchtung ein doppelt gräßlicher war. Die Yampas erkannten, daß diese Leichen nicht die richtigen seien, und kühlten ihre Wut auf ganz unbeschreibliche Weise an denselben. Glücklicherweise war diese Scene nicht von langer Dauer; sie erlitt ein Ende, welches kein Utah für möglich gehalten hatte.

Nämlich vom untern Ende des Thales ertönte ein langgezogener Schrei, ein Schrei, den niemand, der ihn einmal gehört hat, jemals wieder zu vergessen vermag, nämlich der Todesschrei eines Menschen.

„Uff!“ rief einer der unter den Bäumen stehenden Häuptlinge erschrocken. „Was war das? Die „gelbe Sonne“ und „vier Büffel“ sind dort unten!“

Ein zweiter, ähnlicher Schrei erscholl, und dann krachten mehrere Schüsse.

„Die Navajos, die Navajos!“ schrie der Häuptling. „Winnetou, Shatterhand und Firehand haben sie herbeigeholt, um sich zu rächen. Auf, ihr Krieger; werft euch auf die Hunde! Vernichtet sie! Laßt die Pferde zurück, und kämpft zu Fuße hinter den Bäumen!“

Einige Augenblicke lang rannte alles durcheinander. Man holte die Waffen; man warf Holz in die Feuer, um das nötige Licht zum Kampfe zu bekommen. Man rief und brüllte; der Wald hallte wieder vom Kriegsgeheul. Schüsse krachten, näher und immer näher. Fremde, dunkle Gestalten huschten von Baum zu Baum und ließen ihre Gewehre blitzen.

Die Utahs antworteten, erst einzeln, hie und da, dann zu widerstandsfähigen Gruppen vereinigt. Es gab keinen eigentlichen, allgemeinen Kampfplatz, wenn man nicht dem ganzen Thale diese Bezeichnung geben wollte, sondern um jedes Feuer entspann sich ein Kampf im besonderen.

Ja, es waren die Navajos; sie hatten die Utahs überrumpeln wollen, hatten es aber nicht verstanden, die am Ausgange des Thales stehenden Wachen lautlos zu überwältigen. Die Todesschreie derselben hatten Alarm gemacht, und nun galt es, Mann gegen Mann zu kämpfen und nicht der Überraschung, sondern der Tapferkeit und Überzahl die Entscheidung zu überlassen. Der rote Mann greift am liebsten gegen Morgen an, wo der Schlaf, wenigstens bei den dortigen Verhältnissen, bekanntlich am tiefsten ist. Warum die Navajos von dieser Regel abwichen, war schwer zu ersehen. Vielleicht hatten sie geglaubt, unbemerkt eindringen und dann die von den Feuern beschienenen Feinde schnell niederschießen zu können. Als das nicht gelungen war, hatte ihre Tapferkeit ihnen nicht gestattet, zurückzuweichen; sie waren dennoch vorgedrungen und kämpften nun mit viel Verlust.

Es stellte sich heraus, daß die Utahs in der Überzahl waren; überdies kannten sie das Terrain besser als die Feinde, und so wurden diese, obgleich sie sich außerordentlich wacker hielten, nach und nach zurückgedrängt. Man kämpfte aus der Ferne und in der Nähe, mit der Schießwaffe und mit Messer oder Tomahawk. Es war für die drei verborgenen Zuschauer eine höchst aufregende Scene, Wilde gegen Wilde in der wildesten Manier! Hier kämpften zwei unter brutalstem Geheul; dort schlachteten sich einige in teuflischer Lautlosigkeit ab. Wo einer fiel, war sofort der Sieger über ihn her, um ihm den Skalp zu nehmen, vielleicht um in dem nächsten Augenblicke seinen eigenen zu verlieren.

Von den drei Häuptlingen, welche noch am Feuer gesessen hatten, kämpften zwei eigenhändig mit, um die Ihrigen durch ihr Beispiel anzufeuern. Der dritte lehnte in der Nähe des Feuers an einem Baume, verfolgte den Verlauf des Kampfes mit scharfem Blicke und erteilte nach rechts und links seine laut gebrüllten Befehle. Er war der Feldherr, bei welchem die Fäden der Verteidigung sich vereinigten. Selbst als die Navajos weiter und weiter zurückgedrängt wurden, blieb er stehen, ohne mit zu avancieren. Er wollte seinem Platze stolz treu bleiben und überließ den andern Häuptlingen die Leitung der Verfolgung der Feinde.

Der Kampf entfernte sich mehr und mehr. Jetzt war es für die drei unfreiwilligen Zeugen Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Der Weg nach ihrem Asyle war frei. Später, falls der Kampf vielleicht eine Gegenrichtung nahm, oder wenn die Utahs als Sieger zurückkehrten, war es wohl unmöglich, unbemerkt nach dem Verstecke zu gelangen.

Winnetou stieg vom Baume. Die beiden andern sahen es trotz der Dunkelheit und kamen auch herab. Noch immer stand der Häuptling an seiner Stelle. Das Getöse des Kampfes erscholl aus weiter Ferne.

„Jetzt zurück!“ sagte Winnetou. „Später werden Freudenfeuer angebrannt, und dann ist’s zu spät für uns.“

„Nehmen wir diesen Häuptling mit,“ fragte Old Shatterhand.

„Ja. Wir werden ihn leicht ergreifen, denn er ist allein. Ich will mich zu – – –“

Er hielt inne. Und was er sah, das war auch ganz geeignet, ihn in das größte Erstaunen zu versetzen und ihm die Worte im Munde stecken bleiben zu lassen. Es kam nämlich aus dem Dunkel schnell wie der Blitz ein kleines, schmächtiges, hinkendes Kerlchen gesprungen, schwang die Flinte und schlug den Häuptling mit einem wohlgezielten Kolbenhiebe zu Boden. Dann ergriff er den Roten beim Genick und zerrte ihn schnell fort, in das Dunkel hinein. Dabei hörte man die nicht sehr lauten, aber dennoch verständlichen Worte aus seinem Munde: „Was Old Shatterhand und Old Firehand kann, das können und verschtehen wir Sachsen mehrschtenteels ooch!“

„Der Hobble-Frank!“ meinte Old Shatterhand erstaunt.

„Ja, der Frank!“ stimmte Old Firehand ein. „Das Kerlchen ist verrückt! Wir müssen ihm schleunigst nach, damit er keine Dummheiten macht!“

„Verrückt? Gewiß nicht! Ein possierlicher Knirps ist er; das ist wahr; aber das Herz hat er gerade da, wo es hingehört, und leichtsinnig ist er gar nicht. Ich habe ihn in die Schule genommen und kann sagen, daß ich meine Freude an ihm habe. Dennoch aber wollen wir ihm nach, da sein Weg auch der unsrige ist.“

Sie eilten fort, hinter dem Kleinen her, in das Dunkel hinein. Schon hatten sie den Eingang zum Verstecke fast erreicht; da fiel gerade vor ihnen ein Schuß.

„Ein Roter ist auf ihn getroffen. Schnell drauf auf – – –“ wollte Old Shatterhand sagen, aber er schwieg, denn es ertönte die lachende Stimme des Kleinen: „Dummkopp, so paß doch off, wo du hinzielst! Wennste mich treffen willst, darfste doch nicht in den Mond schießen! Da haste dein Teel, und nun gute Nacht!“

Ein Krach wie von einem schweren Hiebe, dann war es still. Die drei drangen vor und stießen auf den Kleinen.

„Zurück!“ gebot er. „Hier wird geschossen und geschtochen!“

„Halt, schieß nicht!“ warnte Old Shatterhand. „Was hast du denn hier zu suchen?“

„Zu suchen? Nischt und gar nischt. Ich brauch‘ nich zu suchen, denn ich hab’s ja schon bis zum doppelten Findling gebracht. Danken Sie Gott, daß Sie den Mund geöffnet haben! Hätte ich Sie nich an Ihrer konglomeraten Schtimme erkannt, meiner Treu, ich hätte Sie kurz und kleen geschossen. Ich habe zwee Kugeln in der Büchse, was bei meiner Geistesgegenwart und Konsubschtanz fürwahr keen Schpaß nich is. Ich warne Sie allen Ernstes, sich nich wieder so blindlings erschtens in die Gefahr und zweetens mir entgegenzuschtürzen, denn sonst werden Sie drittens wie der Wind zu Ihren Vätern und Patriarchen versammelt!“

Die beiden weißen Jäger mußten trotz des Ernstes der gegenwärtigen Situation über diese Strafrede lachen. Es war augenblicklich kein Feind in der Nähe, und so konnte sich Old Shatterhand ohne Besorgnis erkundigen: „Aber wer hat dir denn die Erlaubnis gegeben, das Versteck zu verlassen?“

„Erlaubnis? Mir hat keen Mensch was zu erlauben. Ich bin mein eegner Herr und Fideikommißbesitzer. Nur die Sorge um Sie hat mir den Küraß umgeschnallt. Kaum waren Sie fort, so ging een Geschrei los, als ob die Cimbern mitten in die Teutonen eingebrochen wären. Das wäre noch auszuhalten gewesen, denn meine Nerven sind mit Teer und Fischthran eingerieben. Aber nachher ging das Geschieße los, und es wurde mir um Sie angst und bange. Mein kindliches Gemüt hängt mit väterlicher Anhänglichkeit an Ihrer seelischen Daseinsexistenz, und ich kann es mir unmöglich ruhig gefallen lassen, wenn Sie von den Roten um Ihr schönes Leben gebracht werden. Darum nahm ich das Gewehr und huschte fort, ohne daß die andern es in der ägyptischen Verfinsterung bemerkten. Links wurde geschossen; nach rechts hatten Sie gewollt; ich ging also nach rechts. Da schtand der Häuptling am Boome wie een marinierter Ölgötze. Das ärgerte mich, und so versetzte ich ihm eenen vertikalen Klaps, daß er horizontal zu Boden kam. Natürlich wollte ich ihn schnell in successive Sicherheet bringen und zerrte ihn fort; aber er war mir doch zu schwer, und ich setzte mich een Weilchen off sein Corpus juris, um een bißchen auszuruhen. Da kam so een roter Franctireur geschlichen und sah mich gegen das Licht. Er legte die Flinte an; ich schlug sie zur Seite, und sein Kugel flog in die Milchschtraße empor; ich aber setzte mich mit Hilfe meines Kolbens mit ihm in solche Konfexion, daß er neben dem Häuptling niederknickte. Nun liegen die beeden Kerle da, ganz ohne Sinn und Verschtand, und wissen nich, woran sie denken sollen. Es is doch een Mallör off dieser Welt!“

„Sei froh, daß es kein größeres Unglück gegeben hat! Wenn du eher kamst, warst du verloren!“

„Haben Sie keene Sorge! Der Hobble-Frank kommt niemals eher, als bis er den Sieg in beeden Händen hat. Was soll nun mit den Kerles geschehen? Ich alleene kann sie nich bewältigen.“

„Wir werden dir helfen. Jetzt rasch hinein! Da unten hat das Schießen aufgehört, und es steht zu erwarten, daß die Utahs nun zurückkehren.“

Die beiden besinnungslosen Indianer wurden in das Versteck gebracht und ebenso gebunden und geknebelt wie die andern. Dann postierte sich Winnetou mit Old Firehand an den Vorhang, um die Vorgänge draußen zu beobachten.

Ja, die Utahs kehrten zurück, und zwar als Sieger. Es wurde eine doppelte Anzahl Feuer angebrannt, mit deren Bränden man den Wald nach den Toten und Verwundeten durchsuchte. Die Navajos hatten die ihrigen mitgenommen, wie es bei den Indianern Sitte ist.

Bei jedem Toten, den man fand, erhob sich ein Klage- und Wutgeheul. Die Leichen wurden zusammengetragen, um ehrenvoll begraben zu werden. Man vermißte mehrere Personen, welche gefangen sein mußten. Unter diesen dachte man sich auch die drei Häuptlinge, welche verschwunden waren, ohne daß eine Spur von ihnen zu finden war. Bei dieser Entdeckung hallte der Wald wieder vom Gebrüll der ergrimmten Krieger. Die zwei noch übrigen Anführer riefen die hervorragenden Krieger zu einer Beratung, bei welcher laute, zornige Reden gehalten wurden.

Das brachte Winnetou auf den Gedanken, sich hinauszuschleichen, um vielleicht zu erfahren, was die Utahs beschließen würden. Dies wurde ihm gar nicht schwer. Die Roten waren überzeugt, ganz allein zu sein, und hielten also jede Vorsicht für überflüssig. Die zurückgeschlagenen Navajos kamen gewiß nicht wieder, und wenn dies auch geschah, so waren unten am Ausgange des Thales Wachen ausgestellt. Daß sich mitten im Thale noch viel gefährlichere Feinde als die Navajos befanden, davon hatte man ja keine Ahnung. So hörte Winnetou also alles, was vorgenommen werden sollte. Man wollte noch während der Nacht die Toten begraben; die Klaggesänge konnten für später aufgeschoben werden. Jetzt galt es, vor allen Dingen die gefangenen Häuptlinge zu befreien. Das war sogar noch notwendiger, als morgen die Ankunft Winnetous und seiner berühmten weißen Gefährten abzuwarten. Da diese hinauf nach dem Silbersee wollten, mußten sie unbedingt und auf alle Fälle in die Hände der Utahs fallen. Der Häuptlinge wegen mußte so schnell wie möglich aufgebrochen werden, um dieselben zu befreien. Darum sollten alle nötigen Vorbereitungen getroffen werden, um beim Grauen des Tages den Verfolgungsritt antreten zu können.

Jetzt zog Winnetou sich langsam und vorsichtig zurück. In der Nähe des Versteckes angekommen, sah er mehrere Pferde stehen. Diese Tiere waren während des Kampfes scheu geworden und hatten sich von den andern getrennt; es waren ihrer fünf. Da fiel dem Apachen ein, daß die Gefangenen doch transportiert werden müßten, drei Häuptlinge und ein Krieger. Dazu waren vier Pferde nötig. Kein Mensch befand sich in der Nähe. Die Tiere scheuten vor ihm nicht, weil er ein Indianer war. Er nahm eins derselben am Halfter und führte es nach dem Verstecke. Dort saß Old Firehand hinter dem Vorhange und nahm es in Empfang. Auf diese Weise wurden noch drei andre hineingeschafft; sie schnaubten zwar ein wenig, wurden aber von Winnetou sehr bald beruhigt.

Im Innern des Versteckes wurde niemand die Zeit lang. Es gab so viel zu erzählen, zu hören und – zu lauschen. Der Hobble-Frank hatte sich, natürlich in völliger Dunkelheit, an der Seite seines Freundes und Vetters niedergelassen. Früher war er nicht von dem dicken Jemmy gewichen und trotz aller scheinbaren Zerwürfnisse mit ihm stets ein Herz und eine Seele gewesen; seit er aber den Altenburger gefunden hatte, war das anders geworden. Droll wollte nicht gelehrt sein und ließ den Kleinen sprechen, ohne ihn jemals zu verbessern; das band den Hobble mit mächtiger Gewalt an ihn. Übrigens dachte Droll, der erfahrene Westmann, nicht etwa gering von dem Kleinen; er schätzte im Gegenteile dessen gute Eigenschaften in vollem Maße und freute sich auch jetzt aufrichtig über seine Heldenthat. Denn daß Frank erst den Häuptling und dann auch den andern Indianer niedergeschlagen hatte, war kein Werk etwa der Tolldreistigkeit, sondern der Überlegung und Geistesgegenwart. Diese That fand allgemeine Anerkennung, und alle hatten sich lobend ausgesprochen, nur einer noch nicht, nämlich der Lord. Jetzt aber holte er das Versäumte nach. Er saß an der andern Seite des Kleinen und fragte diesen: „Frank, wollen wir wetten?“

„Ich wette nich,“ antwortete der Gefragte.

„Warum nicht?“

„Ich habe keen Geld dazu.“

„Ich borge es Ihnen.“

„Borgen macht Sorgen, sagen wir in Sachsen. Übrigens is es nich etwa christlich und kontributär-sozial, eenem armen Menschen Geld zu borgen, um es ihm durchs Wetten wieder abzuluxen. Da kommen Sie bei mir schief an die Ecke. Ich behalte mein Geld, ooch wenn ich keens habe.“

„Aber Sie würden vielleicht gewinnen!“

„Fällt mir gar nich ein! Durchs Wetten mag ich nich reich werden. Es ruht kein Segen drauf. Ich habe meine prinzipiellen Grund- und Gegensätze, in denen ich mich nun eenmal nich irre machen lasse.“

„Das ist schade. Ich wollte dieses Mal mit aller Absicht verlieren, als eine Art Belohnung für Ihre Heldenthat.“

„Een jedes Heldentum belohnt sich in seinem Innern ganz von selbst. Man trägt die accusative Anerkennung in seinen eegenen und heiligsten Herzenslokalitäten mit sich herum. Dem Verdienste seine Krone, und den andern nich die Bohne! Übrigens is es doch wohl een wenigstens multiplizierter Gebrauch, Fürschten und Helden durch eene Wette zu belohnen. Wer geben will, der mag doch geben, und zwar nich indirekt durch eine falsche Wette, sondern gleich direkt mit der Hand in den Mund. Das is in allen höheren Kulturschtaaten so Sitte, und darum wird’s auch im Umkreise meiner Persönlichkeet nich andersch eingeführt.“

„So würden Sie es mir also nicht übelnehmen, wenn ich Ihnen ein Geschenk machte?“

„Sogar sehr! Schenken läßt sich der Hobble-Frank nischt; dazu hat er eene viel zu majestätische Ambition; aber een Andenken, so was der gewissenhafte Franzose een Subenir und Kataplasma nennt, das darf man mir schon reichen, ohne befürchten zu müssen, die Lyrasaiten meines Gemütes in mißgestimmte Nebenklänge zu komponieren.“

„Nun, dann haben Sie – ein Andenken also. Ich hoffe, daß Sie sich darüber freuen. Ich habe zwei und kann also eins entbehren.“

Er schob ihm eins seiner Prachtgewehre in die Hände. Frank aber schob es ihm zurück und sagte: „Hörnse, Mylord, Schpaß beiseite! Greifen Sie mich nich off demjenigen Punkte an, wo ich verderblich werden kann! Ich lächle gern und innig, aber ich kann ooch Kanonengesichter schneiden, wenn man meiner unbewachten Interferenz zu nahe tritt. Een kleener Scherz is gut und ooch für die Gesundheet leicht verdaulich; aber an der Nase zupfen, das kann ich mir nich gefallen lassen und laß ich mir nich gefallen; da denk‘ ich viel zu hoch und diagonal von mir!“

„Aber ich scherze ja nicht; es ist mein völliger Ernst!“

„Was? Sie wollen dieses Gewehr wirklich aus Ihrem Besitztum entlassen?“

„Ja,“ entgegnete der Engländer.

„Und mir als bona immobilia schenken?“

„So ist es.“

„Dann her damit, nur rasch her damit, ehe die Reue kommt! Der Wahn is kurz wie Jemmy, aber die Reue lang wie Davy, singt Freiligrath. Dieses Gewehr mein Eegentum, mein unumschtößliches und konzentrirtes Eegentum. Das is ja grad, als ob heut‘ Christbescherung wär‘! Ich bin ganz außer mir vor Freede! Ich bin ganz komplexiert und überwältigt! Mylord, brauchen Sie mal eenen guten Freund, der für Sie durch dick und dünne geht, so pfeifen Sie mir nur; ich werde sofort apräsang sein! Wie bedanke ich mich nur? Wollen Sie eenen freundlichen Händedruck, eenen lukrativen Kuß oder eene interimistische Umarmung vor der ganzen Welt?“

„Ein Händedruck genügt.“

„Gut! Tü lah wolüh, Anton. Hier is meine Hand. Drücken Sie sie; immer drücken Sie sie, solange es Ihnen Freede und Vergnügen macht. Ich schtelle sie Ihnen von jetzt an täglich zur Verfügung, so oft ich sie nich selber brauche, denn Dankbarkeet is eene Zier, und finden thut man sie bei mir. Droll, Vetter aus Altenburg, hast du gehört, was mir das Glück dieses Tages in aller Hochachtung beschieden hat?“

„Ja,“ antwortete der Altenburger. „Wennste een andrer wärst, so thät‘ ich dich beneide, weilste aber mein Freund und Vetter bist, gönn‘ ich dersch aus Herzegrund. Ich gratuliere!“

„Danke, wünsch‘ gleichfalls! Hurrje, wird’s von jetzt an an een Schießen gehen! Mit diesem Gewehre fordre ich mein Jahrtausend in die Schranken, ohne Advokat und Protokoll. Hier, Mylord, is meine Hand noch eenmal; drücken Sie; drücken Sie nur immer zu; ich will mirsch gern gefallen lassen. Ihr Engländer seid doch schtets prächtige Kerle; das konschtatiere ich, wenn’s verlangt wird, sehr gern mit meiner eegenhändigen Namensunterschrift. Zählen Sie mich von heute an zu Ihren intimsten Haus- und Familienfreunden. Sobald ich mal nach London offs Newskij-Prospekt komme, besuche ich Sie. Sie brauchen sich nich zu schenieren; ich bin die reene Bescheidenheet und nehme mit allem fürlieb.“

Er war über das Geschenk unendlich glücklich und erging sich darum noch weiter in Redensarten, durch welche die andern sich höchst belustigt fühlten. Ein Glück, daß es so dunkel war und er also die Gesichter der Gefährten nicht erkennen konnte.

Da für den andern Tag bedeutende Anstrengungen zu erwarten waren, so wurden Wachen ausgelost, und dann versuchte man, zu schlafen, was aber lange nicht gelingen wollte. Man schlief erst nach Mitternacht ein, wurde aber schon beim Grauen des Morgens wieder munter, da der Abzug der Indianer unter bedeutendem Lärm vor sich ging.

Als es dann draußen ruhig geworden war, schlüpfte der Apache hinaus, um zu sehen, ob man das Versteck verlassen könne. Als er zurückkehrte, brachte er einen befriedigenden Bescheid. Es war kein einziger Utah mehr im Thale. Man konnte also das Versteck verlassen, welches zwar Raum genug geboten hatte, aber wegen der Anwesenheit der Pferde unbequem gewesen war. Zunächst wurde der Sicherheit wegen der Ein- und Ausgang des Thales mit je einem Posten besetzt und dann das letztere selbst genauer untersucht. Man fand ein Massengrab, welches einfach aus einem über den Leichen errichteten Steinhaufen bestand. Auch gab es einige tote Pferde, welche von irregegangenen Kugeln getroffen worden waren. Die Roten hatten sie unbenutzt liegen lassen; die Weißen waren klüger. Der Weg nach dem Silbersee führte, wenn man den Utahs ausweichen wollte, durch wüste Gegenden, die alles pflanzlichen und also auch animalischen Lebens entbehren. Es war da nicht leicht, hinreichend Nahrung zu finden. Da kamen die Pferde sehr gelegen. Der Westmann ist nicht wählerisch; er sättigt sich auch mit Pferdefleisch, wenn er nichts andres und besseres hat. Wird ihm doch, wenn er Gast der Indianer ist, sehr oft gemästeter Hund als Festbraten vorgesetzt! Man nahm also die besten Stücke, verteilte sie und brannte einige Feuer an, an denen sich jeder seinen Anteil braten konnte, um ihn zu konservieren.

Das war kein Zeitverlust, da man den Roten nicht sofort folgen durfte. Auch war es besser, jetzt für fertige Portionen zu sorgen, als später die dann kostbar gewordene Zeit damit zu verschwenden. Daß die Pferde trinken und grasen durften, um sich für den heutigen Ritt zu stärken, versteht sich ganz von selbst.

Nach der Entfernung der Utahs waren den Gefangenen die Knebel abgenommen worden. Sie konnten also wieder frei Atem holen und sprechen. Die „gelbe Sonne“ war die erste, welcher von diesem letzteren Umstande Gebrauch machte. Er hatte lange still dagelegen, das Treiben der Weißen beobachtet und jeden einzelnen genau und mit finstern Blicken betrachtet. Jetzt wendete er sich an Old Shatterhand: „Welcher von euch ist es, der mich niedergeschlagen hat? Wie könnt ihr es wagen, uns gefangen zu nehmen und zu binden, da wir euch nichts gethan haben!“

„Weißt du, wer wir sind?“ fragte der Jäger entgegen.

„Ich kenne Winnetou, den Apachen, und weiß, daß Old Shatterhand und Firehand sich bei ihm befinden.“

„Ich bin Shatterhand, und mein Arm war es, der dich zu Boden schlug.“

„Warum?“

„Um dich unschädlich zu machen.“

„Willst du behaupten, daß ich dir schaden wollte?“

„Ja.“

„Das ist eine Lüge!“

„Gib dir keine Mühe, mich zu täuschen! Ich weiß alles. Wir sollten hier getötet werden, obgleich wir mit den Utahs die Pfeife des Friedens geraucht haben. Die Yampas haben euch gestern Boten geschickt und sind dann selbst gekommen. Jede Unwahrheit, welche du sagst, ist umsonst gesprochen. Wir wissen, woran wir sind, und glauben euch kein Wort.“

Der Häuptling wendete das Gesicht ab und schwieg. An seiner Stelle ergriff der einfache Krieger, welchen der Hobble-Frank an dem Verstecke niedergeschlagen hatte, das Wort: „Die Bleichgesichter sind jetzt Feinde der Utahs?“

„Wir sind Freunde aller roten Männer; aber wir wehren uns, wenn wir von ihnen feindlich behandelt werden.“

„Die Utahs haben die Kriegsbeile gegen die Bleichgesichter ausgegraben. Ihr seid berühmte Krieger und fürchtet sie nicht. Weißt du aber, daß die Navajoes ausgezogen sind, den Bleichgesichtern zu helfen?“

„Ja.“

„Die Navajoes sind Apachen, und der berühmteste Häuptling dieses Volkes, Winnetou, ist euer Freund und Gefährte; er befindet sich bei euch. Ich sehe ihn dort bei seinem Pferde stehen. Warum schlagt ihr einen Krieger der Navajoes nieder und bindet ihm die Arme und die Beine?“

„Meinst du dich selbst?“

„Ja. Ich bin ein Navajo.“

„Warum hast du dich dann nicht mit den Farben deines Stammes bemalt?“

„Um mich zu rächen.“

„Und worum ließest du dich hier noch treffen, als die Deinen schon gewichen waren?“

„Eben wegen meiner Rache. Mein Bruder kämpfte an meiner Seite und wurde von einem Häuptling dieser Hunde erschlagen. Ich brachte seinen Körper in Sicherheit, damit die Utahs ihm nicht die Skalplocke nehmen könnten, und kehrte dann, obgleich meine Krieger schon gewichen waren, zurück, um seinen Tod zu rächen. Ich schlich an den Feinden vorüber, ohne von ihnen gesehen zu werden. Ein Häuptling hatte meinen Bruder erschlagen; ein Häuptling sollte mir dafür seinen Skalp geben. Ich, wußte, daß ein solcher im Thale zurückgeblieben war, und wollte ihn suchen. Da sah ich zwei Männer in meinem Wege, einen toten und einen lebendigen. Dieser letztere sah auch mich; ich war verrathen und wollte ihn erschießen; er war schneller als ich und schlug mich nieder. Als ich erwachte, lag ich in Finsternis und war gefangen. Rufe Winnetou! Er kennt mich nicht; aber wenn ich mit ihm sprechen darf, werde ich beweisen können, daß ich kein Utah, sondern ein Najavo bin. Als ich den Bruder den Gefährten übergeben hatte, entfernte ich die Kriegsfarben aus meinem Gesichte, um von den Utahs nicht sogleich als Feind erkannt zu werden.“

„Ich glaube dir; du bist ein Navajo und sollst frei sein.“

Da fuhr die „gelbe Sonne“ auf: „Er ist ein Utah, einer meiner Krieger, ein Feigling, der sich durch eine Lüge retten will!“

„Schweig!“ gebot Old Shatterhand. „Wäre es wirklich ein Gefährte von dir, so würdest du ihn nicht verraten. Daß du ihn verderben willst, beweist, daß er die Wahrheit gesprochen hat. Du bist ein Häuptling, aber deine Seele ist diejenige eines gemeinen Feiglings, den man verachten muß!“

„Beleidige mich nicht!“ brauste der andre auf. „Ich habe die Macht, euch alle zu verderben. Nimmst du uns die Bande ab, so soll euch verziehen werden. Thust du es aber nicht, so werdet ihr von tausend unbeschreiblichen Qualen erwartet!“

„Ich verlache deine Drohung; du befindest dich in unsrer Gewalt, und wir werden mit dir thun, was uns beliebt. Je ruhiger du dich in deine Lage fügst, desto erträglicher wird sie sein. Wir sind Christen und erfreuen uns nicht daran, unsern Feinden Schmerzen zu bereiten.“

Indem er dies sagte, befreite er den Navajo, welcher ein noch junger Mann war, von seinen Fesseln. Dieser sprang auf, reckte und dehnte seine Glieder und bat: „Gib diese Hunde in meine Hand, damit ich mir ihre Skalpe nehmen kann! Je milder du mit ihnen bist, desto mehr werden sie dich betrügen.“

„Du hast keinen Teil an ihnen,“ antwortete Old Shatterhand „Du wirst vielleicht mit uns ziehen; aber wenn du es wagst, sie auch nur mit dem Finger zu berühren, würde ich dich mit meinen eigenen Händen töten, Nur wenn wir sie leben lassen, können sie uns Nutzen bringen; ihr Tod aber würde uns schaden.“

„Was könnte das für ein Nutzen sein?“ fragte der Rote verächtlich. „Diese Hunde sind zu nichts gut.“

„Darüber habe ich dir keine Erklärung zu geben. Willst du sicher zu den Deinen gelangen, so hast du dich nach unserm Willen zu richten.“

Man sah es dem Gesichte des Navajo an, daß er nur ungern auf die Erfüllung seines Wunsches verzichtete, aber er mußte sich fügen. Um ihm einigermaßen zu Willen zu sein, übergab Old Shatterhand ihm die Bewachung der gefallenen Utahs und versprach ihm den Skalp desjenigen von ihnen, der es wagen würde, einen Fluchtversuch zu unternehmen. Das beruhigte den Mann und war zugleich ein kluges Arrangement, da es jedenfalls keinen aufmerksameren und unermüdlicheren Aufseher geben konnte als ihn, der so lüstern nach den Kopfhäuten der Gefangenen war.

Nun galt es vor allen Dingen noch, die ermordeten Weißen zu besichtigen. Sie boten einen Anblick dar, dessen Beschreibung am besten unterlassen bleibt. Sie waren unter großen Qualen gestorben. Die Männer, welche bei den Leichen standen, hatten schon viel gesehen und erfahren; aber sie konnten sich eines Schauders nicht erwehren, als sie die zerstochenen Körper und verunstalteten Gliedmaßen der Toten erblickten. Die Tramps hatten geerntet, was und wie von ihnen gesäet worden war. Am schlimmsten war es dem Cornel ergangen. Er hing verkehrt am Marterpfahle, mit dem Kopf nach unten. Er war, ganz wie seine Gefährten, von allen Kleidern entblößt; die Roten hatten die Anzüge unter sich verteilt, und es war nicht das kleinste Stück derselben zu sehen.

„Jammerschade!“ sagte Old Firehand. „Hätten wir doch eher kommen können, um die Ermordung dieser Leute zu verhindern!“

„Pshaw!“ antwortete der alte Blenter. „Habt Ihr etwa auch noch Mitleid mit diesen Kerls? Und wenn wir zur rechten Zeit gekommen und es euch gelungen wäre, ihnen das Leben zu retten, der Cornel hätte doch sterben müssen. Mein Messer hätte auf alle Fälle ein Wort mit ihm gesprochen.“

„So war es nicht gemeint, denn ihren Tod bedauere ich nicht, wenn ich auch wünsche, daß derselbe ein weniger grausamer hätte sein mögen. Aber das Papier, das Papier, die Zeichnung, welche der Cornel bei sich trug! Die wollte ich haben; die brauchten wir! Und nun ist sie fort; jedenfalls verloren.“

„Vielleicht finden wir sie. Jedenfalls geraten wir noch mit den Utahs zusammen, und dann wird es wohl auf irgend eine Art zu ermöglichen sein, in den Besitz des Anzuges zu gelangen, den wir dann untersuchen werden.“

„Schwerlich! Wir kennen ja die Kleidungsstücke nicht, welche er zuletzt getragen hat; sie sind wohl nicht beisammen geblieben, sondern unter mehrere Rote verteilt worden. Wie will man sie wieder zusammenbringen? Die Zeichnung ist verloren, und jener alte Häuptling Ikhatschi-tabli, von welchem Engel sie erhalten hat, ist tot; ein zweites Exemplar ist ja nicht mehr zu bekommen.“

„Ihr vergeßt,“ fiel Watson, der frühere Schichtmeister in Sheridan, ein, „daß dieser Häuptling einen Sohn und auch einen Enkel hatte, welche zwar nicht anwesend waren, aber doch eigentlich bei ihm am Silbersee wohnten. Sie werden, wie sich ganz von selbst versteht, das Geheimnis kennen und sind gewiß, ob im Guten oder im Bösen, das ist gleich, dazu zu bringen, es uns mitzuteilen.“

„Ein Indianer läßt sich zu so etwas nicht zwingen, besonders wenn es sich um Gold und Silber handelt; er stirbt lieber, als daß er dem verhaßten Weißen zum Reichtum verhilft.“

„Es fragt sich, ob er uns zu den Verhaßten zählt. Die beiden „Bären“ sind vielleicht den Weißen freundlich gesinnt.“

„Die „beiden Bären?“ fragte Old Firehand. „Hießen sie so?“

„Ja doch! Der „große“ und der „kleine Bär“.“

„Alle Wetter! Wie konnte mir das entgehen! Jawohl, es fällt mir ein, daß das ihre Namen waren. Wie ist es nur möglich, daß ich nicht sofort an die beiden Tonkawa gedacht habe, welche sich mit uns auf dem Dampfer befanden! Nintropan-Hauey und Nintropan-Homosch, der „große Bär“ und der „kleine Bär“, so hießen sie doch!“

„Die zwei Nintropan wohnen droben am Silbersee,“ bestätigte jetzt Winnetou. „Ich kenne sie; sie sind meine Freunde und waren den Bleichgesichtern stets gewogen.“

„Wirklich? Das ist gut, sehr gut; denn da ist alle Hoffnung vorhanden, daß sie uns die gewünschte Auskunft geben werden. Leider gibt es jetzt Kampf dort oben, und die Utahs befinden sich zwischen uns und dem See. Wir werden wohl nicht hindurchkommen.“

„Wir brauchen nicht hindurch, nicht an den Utahs vorüber; denn ich kenne einen Weg, welchen noch kein Weißer und noch kein Utah betreten hat. Er ist zwar sehr beschwerlich, aber wenn wir bald aufbrechen, werden wir noch vor ihnen und sogar schon vor den Navajoes oben sein.“

„So wollen wir uns beeilen. Wir haben hier nichts mehr zu thun, als diese Weißen zu begraben, die wir doch nicht hängen lassen können. Das ist bald geschehen, wenn wir sie nebeneinander legen und mit Steinen bedecken. Dann machen wir uns sofort auf den Weg. Ich hoffe das beste, zumal wir so viele Geiseln haben und wir also die Utahs wohl zwingen können, auf friedliche Vorschläge einzugehen.“

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Neuntes Kapitel

List und Gegenlist.

Sheridan war in der Zeit, in der unsre Erzählung spielt, weder Stadt noch Ort, sondern nichts als eine ambulante Niederlassung der Bahnarbeiter. Es gab da eine Menge von Stein-, Erd- und Blockhütten, höchst primitive Bauwerke, über deren Thüren aber zuweilen die stolzesten Inschriften prangten. Man sah da Hotels und Salons, in denen in Deutschland nicht der geringste Handwerker hätte wohnen mögen. Auch gab es einige allerliebste hölzerne Wohnungen, deren Konstruktion eine solche war, daß sie zu jeder Zeit abgebrochen und an einem andern Orte wieder zusammengesetzt werden konnten. Das größte dieser Gebäude stand auf einer Anhöhe und trug die weithin sichtbare Firma: „Charles Charoy, Ingenieur.“ Dorthin ritten die beiden; sie stiegen an der Thür ab, neben welcher ein indianisch gesatteltes und aufgezäumtes Pferd angebunden war.

„Uff!“ meinte Winnetou, als er dasselbe mit leuchtendem Blicke betrachtete. „Dieses Roß ist wert, einen guten Reiter zu tragen. Es gehört gewiß dem Bleichgesichte, welches an uns vorüberkam.“

Sie stiegen ab und banden ihre Pferde ebenfalls an. Es war kein Mensch in der Nähe, und als sie die Niederlassung überblickten, sahen sie der frühen Stunde wegen nur drei oder vier Personen, welche gähnend nach dem Wetter ausschauten. Aber die Thür stand offen, und sie traten ein. Ein junger Neger kam ihnen entgegen und fragte nach ihrem Begehr. Noch ehe sie zu antworten vermochten, wurde zur Seite eine Thür geöffnet, und unter derselben erschien ein noch junger Weißer, welcher den Apachen mit freundlich erstaunten Augen betrachtete. Es war der Ingenieur. Sein Name, sein bräunlicher Teint und das dunkellockige Haar ließen vermuten, daß er der Abkömmling einer südstaatlichen, ursprünglich französischen Familie sei.

„Wen sucht ihr hier so früh, Mesch’schurs?“ fragte er, indem er dem Roten eine sehr achtungsvolle Verbeugung machte.

„Wir suchen den Ingenieur Mr. Charoy,“ antwortete dieser in geläufigem Englisch, wobei er sogar den französischen Namen ganz richtig aussprach.

„Well, der bin ich. Habt die Güte, einzutreten!“

Er zog sich in das Zimmer zurück, so daß die beiden ihm folgen konnten. Der Raum war klein und einfach ausgestattet. Die auf den Möbeln liegenden Schreibrequisiten ließen vermuten, daß es das Bureau des Ingenieurs sei. Dieser schob den Ankömmlingen zwei Stühle hin und wartete dann mit sichtlicher Spannung auf das, was sie ihm zu sagen hatten. Der Yankee setzte sich sofort nieder; der Indianer blieb noch höflich stehen, neigte wie grüßend den schönen Kopf und begann:

„Sir, ich bin Winnetou, der Häuptling der Apachen – “

„Weiß es schon, weiß es schon!“ fiel der Ingenieur schnell ein.

„Du weißt es schon, Sir?“ fragte der Rote. „So hast du mich bereits gesehen?“

„Nein; aber es ist einer da, welcher dich kennt und euch durch das Fenster kommen sah. Ich bin außerordentlich erfreut, den berühmten Winnetou kennen zu lernen. Setze dich, und sage, was dich zu mir führt; dann werde ich dich bitten, mein Gast zu sein.“

Der Indianer setzte sich auf den Stuhl und antwortete: „Kennst du ein Bleichgesicht, welches unten in Kinsley wohnt und Bent Norton heißt?“

„Ja, sehr gut. Dieser Mann ist einer meiner besten Freunde,“ antwortete der Gefragte.

„Und kennst du auch das Bleichgesicht Haller, seinen Schreiber?“

„Nein. Seit mein Freund in Kinsley wohnt, habe ich ihn noch nicht besucht.“

„Dieser Schreiber wird heute mit noch einem Weißen zu dir kommen, um dir ein Empfehlungsschreiben von Norton zu übergeben. Du sollst den einen in deinem Bureau anstellen und auch dem andern Arbeit geben. Aber wenn du das thust, wirst du dich in große Gefahr begeben.“

„In welche Gefahr?“

„Das weiß ich noch nicht. Die beiden Bleichgesichter sind Mörder. Wenn du ein kluger Mann bist, werden wir, sobald sie mit dir gesprochen haben, erraten, welche Absicht sie verfolgen.“

„Etwa mich morden?“ lächelte Charoy ungläubig.

„Vielleicht!“ nickte Winnetou ernst. „Und nicht nur dich, sondern auch noch andre. Ich halte sie für Tramps.“

„Für Tramps?“ fragte der Ingenieur schnell. „Ach, das ist etwas andres. Ich habe soeben erfahren, daß eine Horde von Tramps nach dem Eeagle-tail und nach hier will, um uns zu berauben. Diese Kerle haben es auf unsre Kasse abgesehen.“

„Von wem hast du das erfahren?“

„Von – – nun, es ist wohl am besten, daß ich den Mann nicht nenne, sondern ihn dir gleich zeige.“

Sein Gesicht glänzte vor Vergnügen, dem Roten eine freudige Überaschung bereiten zu können. Er öffnete die Thür zum Nebenzimmer, aus welchem Old Firehand trat. Wenn der Ingenieur geglaubt hatte, daß der Rote in Worte des Entzückens ausbrechen werde, so war er mit den Gewohnheiten der Indianer nicht vertraut. Kein roter Krieger wird seiner Freude oder seinem Schmerze in Gegenwart andrer einen auffälligen Ausdruck verleihen. Zwar glänzten die Augen des Apachen, sonst aber blieb er ruhig; er trat auf den Jäger zu und streckte ihm die Hand entgegen. Dieser zog ihn an seine breite Brust, küßte ihn auf beide Wangen und sagte im Tone freudiger Rührung: „Mein Freund, mein lieber, lieber Bruder! Wie überrascht und entzückt war ich, als ich dich kommen und vom Pferde steigen sah! Wie lange haben wir uns nicht gesehen!“

„Ich sah dich heut beim Tagesgrauen,“ antwortete der Indianer, „als du im Nebelmeere jenseit des Flusses an uns vorüberjagtest.“

„Und hast mich nicht angerufen!“

„Der Nebel umhüllte dich, so daß ich dich nicht genau erkennen konnte, und wie der Sturm der Ebene warst du vorüber.“

„Ich mußte schnell reiten, um eher anzukommen, als die Tramps. Auch mußte ich diesen Ritt selbst unternehmen, weil die Sache so wichtig ist, daß ich sie keinem andern anvertrauen mochte. Es sind über zweihundert Tramps im Anzuge.“

„Dann habe ich mich nicht getäuscht. Die Mörder sind die Kundschafter, welche ihnen vorangehen.“

„Darf ich erfahren, welche Bewandtnis es mit diesen Leuten hat?“

„Der Häuptling der Apachen ist nicht ein Mann der Zunge, sondern der That. Hier aber steht ein Bleichgesicht, welches euch alles genau erzählen wird.“

Er deutete auf Hartley, welcher sich beim Eintritte Old Firehands vom Stuhle erhoben hatte und den gewaltigen Mann noch jetzt mit Staunen betrachtete. Ja, das waren Recken, dieser Old Firehand und dieser Winnetou! Der Yankee kam sich so klein und armselig vor, und den Ingenieur mochte ein ähnliches Gefühl beschleichen; wenigstens ließ sein Gesicht und seine achtungsvolle Haltung dies vermuten.

Hartley erzählte, als alle sich wieder gesetzt hatten, seine gestrigen Erlebnisse. Als er zu Ende war, berichtete Old Firehand, wenn auch möglichst kurz, sein Zusammentreffen mit dem roten Cornel auf dem Steamer, bei den Rafters und zuletzt auf Butlers Farm. Dann ließ er sich den Anführer der drei beschreiben, denjenigen, welcher den Schreiber niedergeschossen und sich dann von den beiden andern getrennt hatte. Als es dem Yankee gelungen war, ein möglichst genaues Bild dieser Person zu liefern, sagte der Jäger: „Ich wette, das es der Cornel war. Er hat sich die Haare dunkel gefärbt. Hoffentlich läuft er mir endlich in die Hände!“

„Dann sollen ihm solche Streiche wohl vergehen!“ zürnte her Ingenieur. „Über zweihundert Tramps! Welch ein Morden, Sengen und Brennen wäre das gewesen! Mesch’schurs, ihr seid unsre Retter, und ich weiß nicht, wie ich euch danken soll! Dieser Cornel muß es auf irgend eine Weise erfahren haben, daß ich die Gelder für eine lange Strecke beziehe und sie dann unter meine Kollegen zur Auszahlung zu verteilen habe. Nun ich gewarnt bin, mag er mit seinen Tramps kommen; wir werden gerüstet sein.“

„Dünkt Euch nicht allzu sicher.“ warnte Old Firehand. „Zweihundert desperate Kerle haben immer etwas zu bedeuten!“

„Mag sein; aber ich kann in einigen Stunden tausend Bahnarbeiter beisammen haben.“

„Die gut bewaffnet sind?“

„Jeder hat irgend eine Schießwaffe. Schließlich thun es die Messer, die Spaten und Schaufeln auch.“

„Spaten und Schaufeln gegen zweihundert Flinten? Das würde ein Blutvergießen ergeben, welches ich nicht zu verantworten haben möchte.“

„Nun so bekomme ich von Fort Wallace recht gern bis an die hundert Soldaten geschickt.“

„Euer Mut ist lobenswert, Sir; aber List ist da stets besser als Gewalt. Wenn ich den Feind durch List unschädlich machen kann, warum soll ich da so viele Menschenleben opfern?“

„Welche List meint Ihr, Sir? Ich will ja gern thun, was Ihr mir ratet. Ihr seid ein ganz andrer Kerl, als ich bin, und wenn Ihr zufrieden seid, so bin ich sofort bereit, Euch das Kommando über diesen Platz und meine Leute abzutreten.“

„Nicht so schnell, Sir! Wir müssen überlegen. Zunächst dürfen die Tramps nicht ahnen, daß Ihr gewarnt seid. Sie dürfen also nicht wissen, daß wir uns hier befinden. Auch unsre Pferde dürfen sie nicht sehen. Gibt es kein Versteck für die Tiere?“

„Die kann ich gleich verschwinden lassen, Sir.“

„Aber so, daß wir sie leicht zur Hand haben?“

„Ja, glücklicherweise seid Ihr so zeitig am Tage gekommen, daß Ihr von den Arbeitern nicht gesehen wurdet. Von ihnen könnten es die Kundschafter erfahren. Mein Neger, welcher treu und verschwiegen ist, wird die Pferde verstecken und versorgen.“

„Gut, gebt ihm den Befehl dazu! Und Ihr selbst müßt Euch dieses Master Hartley annehmen. Gebt ihm ein Bett, daß er sich niederlegen kann. Aber kein Mensch darf von seiner Anwesenheit etwas wissen, kein Mensch außer Euch, dem Neger und dem Arzte; denn ein Doktor ist doch wohl vorhanden?“

„Jawohl. Ich werde ihn sofort kommen lassen.“

Er entfernte sich mit dem Yankee, welcher ihm recht gern folgte, da er sich nun sehr ermüdet fühlte. Als der Ingenieur nach einiger Zeit zurückkehrte, um zu sagen, daß sowohl der Verwundete als auch die Pferde gut versorgt seien, meinte Old Firehand: „Ich wollte alle Beratung in Gegenwart dieses Arzneischwindlers vermeiden, denn ich traue ihm nicht. Es gibt in seiner Erzählung einen dunklen Punkt. Ich bin überzeugt, daß er den armen Schreiber mit Absicht in den Tod geschickt hat, um sich selbst zu retten. Mit solchen Menschen mag ich nichts zu thun haben. Jetzt sind wir unter uns und wissen genau, daß jeder sich auf den andern verlassen kann.“

„So wollt Ihr uns wohl einen Plan mitteilen?“ fragte der Ingenieur wißbegierig.

„Nein. Einen Plan können wir erst dann entwerfen, wenn wir denjenigen der Tramps kennen gelernt haben, und das wird nicht eher der Fall sein, als bis die Kundschafter hier eingetroffen sind und mit Euch gesprochen haben.“

„Das ist richtig. Wir müssen uns also einstweilen in Geduld fassen.“

Da hob Winnetou die Hand zum Zeichen, daß er einer andern Ansicht sei und sagte: „Jeder Krieger kann auf zweierlei Weise kämpfen; er kann angreifen oder sich verteidigen. Wenn Winnetou nicht weiß, wie und ob er sich verteidigen kann, so greift er lieber an. Das ist schneller, sicherer und auch tapferer.“

„So will mein roter Bruder vom Plane der Tramps gar nichts wissen?“ fragte Old Firehand.

„Er wird ihn jedenfalls erfahren; aber warum soll der Häuptling der Apachen sich zwingen lassen, nach ihrem Plane zu handeln, wenn es ihm leicht ist, sie zu zwingen, sich nach dem seinigen zu richten?“

„Ach, du hast also bereits einen Plan?“

„Ja. Er ist mir während des Rittes in dieser Nacht gekommen und hat sich vervollständigt, als ich hörte, was die Tramps vorher gethan haben. Diese Geschöpfe sind keine Krieger, mit denen man ehrenvoll kämpfen kann, sondern räudige Hunde, welche man mit Stöcken erschlagen muß. Warum soll ich warten, bis so ein Hund mich beißt, wenn ich ihn vorher mit einem Hiebe töten oder in einer Falle erwürgen kann!“

„Kennst du eine solche Falle für die Tramps?“

„Ich kenne eine, und wir werden sie bauen. Diese Coyoten kommen, um die Kasse zu berauben. Ist die Kasse hier, so kommen sie hierher; ist sie anderwo, so gehen sie dorthin, und befindet sie sich im Feuerwagen, so werden sie denselben besteigen und in das Verderben fahren, ohne den Leuten, welche hier wohnen, das Geringste gethan zu haben.“

„Ah, ich beginne zu begreifen!“ rief Old Firehand. „Welch ein Plan! Den kann freilich nur ein Winnetou ersinnen! Du meinst, daß wir die Kerle in den Zug locken sollen?“

„Ja. Winnetou versteht nichts von dem Feuerrosse und wie es gelenkt wird. Er hat den Gedanken gegeben, und seine weißen Brüder mögen über denselben nachdenken.“

„In einen Bahnzug locken? „fragte der Ingenieur. „Aber wozu denn? Wir können sie doch hier erwarten und vernichten, hier im Freien!“

„Wobei aber viele von und sterben müßten!“ entgegnete Old Firehand.

„Besteigen sie aber den Zug, so können wir sie an einen Ort bringen, an welchem sie sich ergeben müssen, ohne uns schaden zu können.“

„Es wird ihnen nicht einfallen, einzusteigen.“

„Sie steigen ein, wenn wir sie durch die Kasse hineinlocken.“

„So soll ich die Kasse in den Zug thun?“

Das war eine Frage, welche man dem geistreich blickenden Ingenieur nicht zugetraut hätte. Winnetou machte eine geringschätzende Handbewegung, doch Old Firehand antwortete: „Wer mutet Euch das zu? Die Tramps müssen nur überzeugt sein, daß sich Geld in dem Zuge befindet. Ihr stellt den Kundschafter als Schreiber an und stellt Euch so, als ob Ihr ihm großes Vertrauen schenktet. Ihr teilt ihm mit, daß hier ein Zug hält, in welchem sich eine große Menge Geldes befindet. Da kommen sie sicher, und alle drängen sich in die Wagen. Sind sie drin, dann geht es fort mit ihnen.“

„Das klingt allerdings nicht übel, Sir, ist aber nicht so leicht, wie Ihr denkt.“

„So? Welche Schwierigkeiten könnte es haben? Steht Euch kein Zug zu diesem Zwecke zur Verfügung?“

„O, so viele Wagen, wie Ihr wollt! Und die Verantwortlichkeit wollte ich auch sehr gern übernehmen, wenn ich nur so leidlich an das Gelingen glauben könnte. Aber es gibt da noch ganz andre Fragen. Wer soll den Zug leiten? Es ist gewiß, daß der Maschinist und der Feuermann von den Tramps erschossen werden.“

„Pshaw! Ein Maschinist wird sich wohl finden, und den Feuermann mache ich. Ich glaube, wenn ich mich dazu erbiete, so beweise ich dadurch, daß keine Gefahr dabei vorhanden ist. Wir werden das Nähere noch besprechen; die Hauptsache ist, daß wir nicht allzu lange zu warten brauchen. Ich vermute, daß die Tramps heute am Eagle-tail ankommen werden, denn dorthin wollen sie zunächst. Also können wir den Streich auf morgen Nacht feststellen. Sodann ist es nötig, einen Ort zu bestimmen, wohin wir die Kerle fahren. Den werden wir uns noch während des Vormittages suchen, weil wohl schon nachmittags die Kundschafter kommen. Habt Ihr eine Bahndraisine, Sir?“

„Natürlich.“

„Nun, so fahren wir beide miteinander. Winnetou kann nicht mit, er muß versteckt bleiben, weil seine Anwesenheit unsre Absicht verraten könnte. Auch mir darf man es nicht ansehen, daß ich Old Firehand bin; das habe ich vorhergesehen und mir darum den alten Leinenanzug mitgebracht, welchen ich auf allen meinen Zügen zur Aushilfe bei mir trage.“

Der Ingenieur machte ein immer verlegeneres Gesicht und meinte: „Sir, Ihr sprecht von dieser Sache gerade wie der Fisch vom Schwimmen. Mir aber kommt sie gar nicht so leicht und natürlich vor. Wie geben wir den Tramps Nachricht? Wie bringen wir sie dazu, sich richtig einzustellen?“

„Welche Frage. Der neue Schreiber horcht Euch aus, und was Ihr ihm weismacht, das teilt er ihnen heimlich als volle Wahrheit mit.“

„Nun gut! Aber wenn sie nun auf den Gedanken kommen, nicht in den Zug zu steigen? Wenn sie es nun vorziehen, die Schienen an irgend einer Stelle zu zerstören und ihn zum Entgleisen zu bringen?“

„Das könnt Ihr leicht verhüten, indem Ihr dem Schreiber sagt, daß jedem solchen Geldzuge wegen seiner Wichtigkeit eine Probierlokomotive vorangehe. Dann werden sie die Zerstörung des Geleises bleiben lassen. Wenn Ihr klug seid, wird alles glatt ablaufen. Den Schreiber müßt Ihr so beschäftigen und so durch Freundlichkeit festzuhalten suchen, daß er bis zum Schlafengehen das Haus nicht verläßt und mit keinem Menschen sprechen kann. Dann gebt Ihr ihm eine Stube im Gestock, welche nur ein Fenster hat. Das platte Dach liegt nur eine halbe Elle über diesem letzteren; ich steige hinauf und werde jedes Wort hören, welches gesprochen wird.“

„Ihr seid der Ansicht, daß er zum Fenster hinaus sprechen werde?“

„Allerdings. Dieser sogenannte Haller soll Euch auskundschaften, und der andre, welcher mit ihm kommt, soll den Zwischenträger machen. Es ist gar nicht anders möglich; Ihr werdet das bald einsehen. Dieser andre wird auch Arbeit verlangen, um hierbleiben zu dürfen, sie aber aus irgend einem Grunde nicht antreten, um den Ort beliebig verlassen und den Boten machen zu können. Er wird versuchen, mit dem Schreiber zu sprechen, um Neuigkeiten zu erfahren, kann aber nicht vor der Schlafenszeit an ihn kommen. Dann wird er das Haus umschleichen; der Schreiber wird das Fenster öffnen, und ich liege über demselben auf dem Dache, um alles zu hören. Jetzt freilich kommt Euch das alles noch schwierig und höchst abenteuerlich vor, weil Ihr kein Westmann seid, habt Ihr die Sache aber erst einmal beim Schopfe gepackt, so werdet Ihr erfahren, daß alles ganz selbstverständlich ist.“

„Howgh!“ stimmte der Indianer bei. „Meine weißen Brüder mögen jetzt nach einer Stelle suchen, an welcher die Falle geschlossen werden kann. Wenn sie zurückgekehrt sind, werde ich mich entfernen, damit ich hier nicht gesehen werde.“

„Wohin will mein roter Bruder einstweilen gehen?“

„Winnetou ist überall daheim, im Walde und auf der Prairie.“

„Das weiß niemand besser als ich, aber der Häuptling der Apachen kann Gesellschaft finden, wenn er will. Ich habe meine Rafters und die Jäger, welche sich bei ihnen befinden, nach einer Stelle beordert, welche einen Stundenritt unterhalb des Eagle-tail liegt. Sie sollen dort die Tramps beobachten. Die Tante Droll befindet sich bei ihnen.“

„Uff!“ rief der Apache, indem sein sonst so ernstes Gesicht einen belustigten Ausdruck annahm. „Die Tante ist ein braves, tapferes und kluges Bleichgesicht. Winnetou wird zu ihr gehen.“

„Schön! Mein roter Bruder wird noch andre tüchtige Männer finden, den schwarzen Tom, den Humply-Bill, den Gunstick-Uncle, lauter Männer, deren Namen er wenigstens gehört hat. Einstweilen aber mag er mit in meine Stube gehen und da warten, bis wir zurückkehren.“

Old Firehand hatte noch vor der Ankunft des Apachen von dem Ingenieur ein Stübchen angewiesen bekommen; dorthin begab er sich jetzt mit Winnetou, um den auffälligen Jagdanzug mit dem andern zu vertauschen, in welchem er von den Bahnarbeitern für einen neu angeworbenen Kameraden gehalten werden konnte; denn diese Leute durften heute noch nicht wissen, daß etwas so Ungewöhnliches im Anzuge sei. Bald stand die Draisine bereit. Old Firehand bestieg mit dem Ingenieur den Vordersitz, und zwei Arbeiter standen über den Laufrädern, um die Handstangen in Bewegung zu setzen. Das Vehikel rollte durch den Ort, in welchem jetzt überall fleißige Hände beschäftigt waren, und dann hinaus auf die freie Bahnstrecke, welche schon bis Kit Karson mit Schienen belegt war.

Der Apache machte es sich indessen bequem; er war die ganze Nacht hindurch geritten und ließ jetzt die Gelegenheit, eine kurze Zeit zu schlafen, nicht unbenutzt vorübergehen. Als die beiden zurückkehrten, wurde er geweckt. Er erfuhr, daß Old Firehand einen höchst geeigneten Ort gefunden hatte, und als ihm derselbe beschrieben worden war, nickte er befriedigt und sagte: „Das ist gut. Die Hunde werden zittern vor Angst und heulen vor Schreck. Es wird eine Erlösung für sie sein, in unsre Hände zu geraten. Winnetou reitet jetzt zu der Tante Droll, um ihr und den Rafters zu sagen, daß sie sich bereithalten mögen.“

Er schlich sich, um nicht bemerkt zu werden, möglichst heimlich vom Hause fort und nach dem Verstecke, in welchem sich seine Pferde befanden. Der scharfsinnige Häuptling hatte sich auch in Beziehung auf die Ankunft der Kundschafter nicht getäuscht. Kaum war die auf den Mittag fallende Arbeitspause vorüber, so sah man zwei Reiter langsam vom Flusse her geritten kommen. Nach der Beschreibung, welche der Yankee von ihnen geliefert hatte, war nicht zu zweifeln, daß sie die Erwarteten seien. Old Firehand begab sich schnell zu Hartley, welcher schlief, aber gern aufstand um zu sehen ob es nicht etwa andre Männer seien. Nachdem er sie mit voller Bestimmtheit als die Betreffenden rekognosziert hatte, ging Old Firehand in die neben dem Bureau liegende Stube, um durch die nur angelehnte Thür Zeuge der Unterredung zu sein. Er hatte während der Draisinenfahrt den Ingenieur vollständig für seinen Plan gewonnen und ihm denselben so genau erklärt, daß ein Fehler des Bahnbeamten fast unmöglich war.

Dieser letztere befand sich in seinem Zimmer, als die beiden Männer eintraten. Sie grüßten höflich, und dann überreichte der eine, ohne zunächst über den Zweck seiner Anwesenheit etwas zu sagen, den Empfehlungsbrief. Der Ingenieur las denselben und sagte dann in freundlichem Tone: „Ihr waret bei meinem Freunde Norton angestellt? Wie geht es ihm?“

Es folgten nun die unter solchen Umständen gewöhnlichen Fragen und Antworten, und dann erkundigte sich der Ingenieur nach dem Grunde, welcher den Schreiber aus Kinsley fortgetrieben hatte. Der Gefragte erzählte eine wehmütige Geschichte, welche zwar mit dem Inhalte des Briefes harmonierte, die er sich aber selbst ausgesonnen hatte. Der Beamte hörte ihm aufmerksam zu und sagte dann: „Das ist so traurig, daß es allerdings mein Mitgefühl erregt, zumal ich aus diesen Zeilen ersehe, daß Ihr das Wohlwollen und Vertrauen Nortons besessen habt. Darum soll seine Bitte um eine Anstellung für Euch nicht vergebens sein. Ich habe zwar schon einen Schreiber, bedarf aber schon seit langem eines Mannes, dem ich auch vertrauliche und sonst wichtige Sachen in die Feder geben darf. Meint Ihr, daß ich es da mit Euch versuchen darf?“

„Sir,“ antwortete der angebliche Haller erfreut, „versucht es mit mir. Ich bin überzeugt, daß Ihr mit mir zufrieden sein werdet.“

„Well, versuchen wir es. Über den Gehalt wollen wir jetzt noch nicht sprechen, ich muß Euch erst kennen lernen und das wird in einigen Tagen geschehen sein. Je anstelliger Ihr seid, desto besser werdet Ihr bezahlt. Jetzt bin ich sehr beschäftigt. Seht Euch einstweilen im Orte um, und kommt um fünf Uhr wieder. Bis dahin werde ich einige Arbeiten ausgesucht haben. Ihr wohnt hier bei mir im Hause, eßt mit an meinem Tische und habt Euch nach der Hausordnung zu richten. Ich wünsche nicht, daß Ihr mit den gewöhnlichen Arbeitern verkehrt. Punkt zehn Uhr wird die Thür verschlossen.“

„Das ist mir recht, Sir, denn gerade so habe ich es bisher stets gehalten,“ versicherte der Mann, welcher eine große Genugthuung darüber empfand, daß er überhaupt engagiert wurde. Dann fügte er hinzu. „Und nun noch eine Bitte, welche hier meinen Reisegefährten betrifft. Hättet Ihr vielleicht Arbeit für ihn?“

„Was für Arbeit?“

„Irgend welche,“ antwortete der andre bescheiden. „Ich bin nur froh, wenn ich Beschäftigung erhalte.“

„Wie heißt Ihr?“

„Faller. Ich habe Master Haller unterwegs getroffen und mich ihm angeschlossen, als ich hörte, daß hier an der Bahn gearbeitet wird.“

„Haller und Faller. Das ist eine sonderbare Ähnlichkeit der Namen. Hoffentlich seid Ihr auch in andrer Beziehung ähnlich. Was seid Ihr denn bisher gewesen, Mr. Faller?“

„Ich war längere Zeit Cow-boy auf einer Farm drüben bei Las Animas. Das war ein wüstes, unartiges Leben, welches ich nicht länger mitmachen konnte, und ich ging also fort. Darüber kam ich noch am letzten Tage mit einem andern Boy, einem rüden Burschen, in Streit, wobei mir sein Messer durch die Hand fuhr. Die Wunde ist noch nicht ganz heil; ich hoffe aber, daß ich in zwei oder drei Tagen die Hand zur Arbeit, wenn Ihr mir welche geben wollt, gebrauchen kann.“

„Nun, Arbeit könnt Ihr zu jeder Zeit haben. Bleibt also immerhin da; pflegt die Hand, und wenn sie heil geworden ist, so meldet Euch. Jetzt könnt Ihr gehen.“

Die Bursche verließen das Bureau. Als sie draußen an dem offenen Fenster der Stube, in welcher sich Old Firehand befand, vorüber gingen, hörte dieser einen von ihnen mit unterdrückter Stimme sagen: „Alles gut! Wenn nur auch das Ende so, wie der Anfang ist!“

Der Ingenieur trat zu Old Firehand herein und sagte: „Ihr hattet sehr recht, Sir! Dieser Faller hat dafür gesorgt, daß er nicht zu arbeiten braucht, sondern Zeit hat, nach dem Eagle-tail zu gehen. Er trug die Hand verbunden.“

„Jedenfalls ist dieselbe ganz gesund. Warum habt Ihr den Schreiber erst auf fünf Uhr bestellt?“

„Weil ich ihn bis zum Schlafengehen beschäftigen soll. Das würde ihn und mich ermüden und ihm wohl auch auffällig sein, wenn es allzu lange währte.“

„Sehr richtig. Es sind immerhin fünf volle Stunden bis zehn Uhr, und es wird nicht leicht sein, ihn bis dahin vom Verkehre mit den andern abzuhalten.“

So war also nun der erste Teil der Einleitung vollendet. Zu dem zweiten Teile konnte man erst dann übergehen, wenn man das Gespräch der beiden Kundschafter belauscht hatte. Bis dahin war noch eine lange Zeit, welche Old Firehand, der sich nicht sehen lassen wollte, auf den Schlaf verwendete. Als er erwachte, war es fast dunkel geworden, und der Neger brachte ihm sein Abendbrot. Gegen zehn Uhr kam dann der Ingenieur und meldete, daß der Schreiber schon längst gegessen habe und sich nun auf sein Zimmer begeben werde.

Old Firehand stieg also in das Stockwerk hinauf, von welchem aus eine viereckige Klappe auf das flache Dach führte. Auf dem letzteren angekommen, legte er sich nieder und kroch leise nach derjenigen Stelle der Dachkante, unter welcher, wie er sich erkundigt hatte, das betreffende Fenster lag. Es war so dunkel, daß er es wagen konnte, hinabzugreifen. Es war so nahe, daß er es mit der Hand zu erreichen vermochte.

Als er einige Zeit ruhig wartend dagelegen hatte, hörte er unter sich eine Thür gehen. Schritte gingen nach dem Fenster, und her Schein eines Lichtes fiel aus demselben hinaus ins Freie. Das Dach bestand aus einer dünnen Bretterlage und darauf genageltem Zinkblech. So wie Old Firehand die Schritte unter sich hörte, so konnte auch er selbst von dem Schreiber gehört werden; Es war also große Vorsicht nötig.

Nun strengte der Jäger seine Augen an, um das nächtliche Dunkel zu durchdringen, und zwar nicht vergeblich. In der Nähe des aus dem Fenster fallenden Lichtscheines stand eine Gestalt. Dann klang das Fenster; es wurde geöffnet.

„Esel!“ raunte eine viertelslaute, zornige Stimme. „Thu doch die Lampe weg; das Licht trifft ja auf mich!“

„Selber Esel!“ antwortete der Schreiber. „Was kommst du schon jetzt! Man ist im Hause noch wach. Komm in einer Stunde wieder.“

„Gut. Aber sag wenigstens, ob du eine Nachricht hast.“

„Und was für eine!“

„Gut?“

„Herrlich! Viel, viel prächtiger, als wir es hätten ahnen können. Aber gehe jetzt, man könnte dich sehen!“

Das Fenster wurde geschlossen, und die Gestalt verschwand aus der Nähe des Hauses. Nun war Old Firehand gezwungen, eine Stunde und noch länger warten zu müssen, ohne sich regen zu dürfen. Aber das war keine Anstrengung für ihn, denn ein Westmann ist an viel Schwierigeres gewöhnt. Die Zeit verging, wenn auch langsam, aber doch. Unten in den Häusern und Hütten brannten noch die Lichter. Hier oben aber bei der Wohnung des Ingenieurs war alles in tiefes Dunkel gehüllt. Old Firehand hörte, daß das Fenster wieder geöffnet wurde, die Lampe brannte nicht mehr. Der Schreiber erwartete seinen Gefährten. Nicht lange, so hörte man das leise Knirschen des Bodens, auf welchen ein Fuß getreten hatte.

„Faller!“ flüsterte der Schreiber vom Fenster aus hinab.

„Ja,“ antwortete der Genannte.

„Wo stehst du? Ich sehe dich nicht.“

„Ganz nahe an der Wand, gerade unter deinem Fenster.“

„Ist alles dunkel im Hause?“

„Alles. Ich habe mich zweimal um dasselbe geschlichen. Es ist kein Mensch mehr wach. Was hast du mir zu sagen?“

„Daß es nichts mit der hiesigen Kasse ist. Es gibt hier vierzehntägige Löhnung, und gestern ist Zahltag gewesen. Wir müßten also volle zwei Wochen warten, und das ist doch unmöglich. Es sind nicht ganz dreihundert Dollar in der Kasse; das ist nicht der Mühe wert.“

„Und das nanntest du vorhin eine herrliche, prächtige Nachricht? Dummkopf!“

„Schweig! Mit der hiesigen Kasse ist es freilich nichts; aber morgen, des Nachts, kommt ein Zug mit über viermalhunderttausend Dollar hier durch.“

„Unsinn!“

„Es ist wahr. Ich habe mich mit meinen eigenen Augen überzeugt. Der Zug kommt von Kansas City und geht nach Kit Karsen, wo das Geld für die neue Strecke verwendet werden soll.“

„Das weißt du gewiß?“

„Ja. Ich habe den Brief und auch die Depeschen gelesen. Dieser alberne Ingenieur hat ein Vertrauen zu mir, gerade wie zu sich selbst.“

„Was nützt uns das! Der Zug geht ja hier durch!“

„Esel! Er hält volle fünf Minuten hier.“

„Donner!“

„Und ich und du werden auf der Lokomotive stehen.“

„Alle Wetter! Du phantasierst.“

„Fällt mir nicht ein! Der Zug muß von einem Extrabeamten in Carlyle übernommen werden. Dieser Mann bleibt bis hier auf der Lokomotive und fährt dann sogar bis Wallace mit, um den Train dort zu übergeben.“

„Und dieser Extrabeamte sollst gerade du sein?“

„Ja. Und du sollst mit, oder vielmehr, du darfst mit.“

„Wieso?“

„Der Ingenieur hat mir erlaubt, mir noch einen zweiten auszusuchen, der bei mir sein soll, und als ich ihn fragte, wen er mir vorschlage, so antwortete er, daß er mir da keine Vorschriften mache; er werde meine Wahl billigen. Da versteht es sich ganz von selbst, daß ich dich wähle.“

„Du, ist ein so schnelles und großes Vertrauen nicht auffällig?“

„Eigentlich, freilich. Aber ich erkenne aus allem, daß er einen Vertrauten braucht und nie einen gehabt hat. Der famose Empfehlungsbrief hat natürlich auch viel geholfen. Und außerdem kann mich dieses allerdings rasche Vertrauen nicht nachdenklich machen, weil ein Aber dabei ist.“

„So! Welches denn?“

„Der Auftrag ist nicht ganz ungefährlich.“

„Ah! Das beruhigt mich vollständig. Ist etwa die Strecke leichtsinnig gebaut?“

„Nein, obgleich sie eigentlich jetzt nur eine Interimsstrecke ist, wie ich aus den Büchern und Plänen ersehen habe. Aber du kannst dir denken, daß bei einer so großen, neuen Bahn nicht genug geprüfte Beamte vorhanden sind. Es gibt Maschinisten, welche man noch nicht kennt, und es melden sich als Heizer Leute, deren Herkunft und Auftreten bedenklich ist. Denke dir nun einen Zug, welcher fast eine halbe Million Dollar bei sich führt, von so einem Maschinisten und Heizer geleitet. Wenn die zwei Kerle darüber einig werden, können sie ihn leicht irgendwo auf der Strecke stehen lassen und sich mit dem Gelde davon machen. Darum muß ein Beamter bei ihnen sein, und da sie zwei Personen sind, hat derselbe noch einen Gehilfen zu sich zu nehmen. Verstanden, es ist eine Art Polizeiposten. Wir werden jeder, du und ich, einen geladenen Revolver in der Tasche haben, um die Kerle, sobald sie eine verbrecherische Absicht verraten, sofort niederzuschießen.“

„Du, das ist spaßhaft. Wir, und das Geld bewachen! Wir werden die Kerle unterwegs zwingen, anzuhalten, und uns dann die Dollars nehmen.“

„Das geht nicht; denn außer dem Maschinisten und dem Heizer ist noch der Kondukteur vorhanden, und auch ein Kassenbeamter aus Kansas City, welcher das Geld in einem Koffer mit sich führt. Beide sind gut bewaffnet. Diese zwei würden, wenn wir auch die ersten beiden zwingen könnten, den Zug halten zu lassen, sofort Verdacht schöpfen und ihre Wagen verteidigen. Nein, das muß auf ganz andre Weise geschehen. Man muß mit Übermacht angreifen, und zwar an einem Orte, wo so etwas gar nicht zu vermuten ist, also hier.“

„Und du denkst, daß es gelingt?“

„Natürlich! Es ist nicht das geringste Bedenken dabei, und keinem von uns wird ein Haar gekrümmt werden. Ich bin so überzeugt davon, daß ich dich jetzt fortschicke, um den Cornel zu unterrichten.“

„Der Ritt ist bei der jetzigen Finsternis unmöglich, denn ich kenne die Gegend nicht.“

„So magst du bis gegen Morgen warten; aber das ist die allerspäteste Zeit, denn ich muß bis Mittag Nachricht haben. Sporne dein Pferd tüchtig an, und wenn du es totreiten solltest.“

„Und was soll ich sagen?“

„Was du jetzt von mir gehört hast. Der Zug trifft Punkt drei Uhr des Nachts hier ein. Wir beide stehen auf der Lokomotive und werden, sobald er hält, den Maschinisten und den Heizer auf uns nehmen. Nötigenfalls schießen wir sie nieder. Der Cornel muß sich mit den Unsrigen heimlich an der Bahn aufgestellt haben und augenblicklich die Wagen besteigen. Bei einer solchen Übermacht werden die etwa wachen Bewohner von Sheridan und die drei oder vier Beamten, mit denen wir es zu thun haben, so verblüfft sein, daß sie gar keine Zeit zur Gegenwehr finden.“

„Hm, der Plan ist nicht übel. Eine erschreckliche Summe! Wenn jeder von uns gleichviel bekommt, so entfallen auf den Mann zweitausend Dollar. Hoffentlich geht der Cornel auf deinen Vorschlag ein.“

„Er wäre geradezu verrückt, wenn er es nicht thäte. Sage ihm, daß ich in diesem Falle mich von ihm lossagen und mich entschließen werde, den Streich allein auszuführen. Das Wagnis würde freilich größer sein, aber es fiele mir im Falle des Gelingens auch die ganze Summe zu.“

„Habe keine Sorge! Mir fällt es gar nicht ein, diese prächtige Gelegenheit vorübergehen zu lassen. Ich werde den Plan so befürworten, daß der Cornel gar nicht dazukommen wird, Bedenken gegen denselben geltend zu machen. Ich bringe dir sicher eine zustimmende Antwort mit. Aber wie kann ich dir dieselbe übermitteln?“

„Das ist freilich eine heikle Frage. Wir müssen alles vermeiden, was Verdacht zu erregen vermag, was den Gedanken erwecken kann, daß wir Heimlichkeiten miteinander haben. Darum müssen wir es vermeiden, uns persönlich zu treffen. Auch weiß ich nicht, ob wir Zeit und die passende, unauffällige Gelegenheit dazu finden würden. Du mußt mich brieflich benachrichtigen.“

„Ist nicht gerade dieses am auffälligsten. Wenn ich dir einen Boten sende –“

„Einen Boten? Wer spricht davon!“ unterbrach ihn der Schreiber. „Das wäre die größte Dummheit, welche wir begehen könnten. Ich kann noch nicht sagen, ob ich dazu kommen werde, das Haus einmal zu verlassen; also mußt du mir alles aufschreiben und den Zettel in der Nähe desselben verstecken.“

„Und wo?“

„Hm! Ich muß einen Ort wählen, zu welchem ich gelangen kann, ohne auffällig zu werden und viel Zeit dazu zu gebrauchen. Ich weiß schon, daß ich am Vormittag tüchtig zu arbeiten haben werde; es sind lange Lohnlisten auszufüllen, wie mir der Ingenieur sagte. Jedenfalls aber finde ich einmal Zeit, wenigstens an die Hausthüre zu treten. Hart neben derselben steht ein Regenfaß, hinter welches du den Zettel verstecken kannst. Wenn du ihn mit einem Stein beschwerst, so wird ihn kein Unberufener entdecken.“

„Wie aber erfährst du es, daß der Zettel an dem Ort liegt? Du kannst doch nicht öfters und umsonst zu dem Fasse gehen.“

„Auch das läßt sich machen. Ich habe dir doch zu sagen oder sagen zu lassen, daß du mit mir den Geldzug besteigen sollst. Das werde ich schon am Vormittag thun. Ich lasse nach dir suchen, und das wirst du bei deiner Rückkehr sofort erfahren. Du kommst dann, um zu fragen, weshalb ich nach dir verlangt habe. Dabei verbirgst du den Zettel, und ich weiß, daß er an seinem Orte liegt. Bist du einverstanden?“

„Ja. Sind wir fertig, oder hast du noch weitere Mitteilungen?“

„Ich habe nichts mehr zu sagen. Also dringe ja darauf, daß mein Plan angenommen wird, und zwar möglichst ohne Änderungen, denn dieselben würden der Vorbereitungen bedürfen, zu denen wir keine Zeit fänden. Und spute dich unterwegs. Nun gute Nacht!“

Der andre erwiderte den Gruß und huschte fort. Das Fenster wurde leise zugemacht. Old Firehand blieb noch eine Weile liegen und schob sich dann höchst vorsichtig nach der Klappe, um zurückzusteigen. Als er die Treppe hinabgeschlichen kam, fragte ihn eine leise Stimme: „Wer kommt da? Ich bin’s, der Ingenieur.“

„Old Firehand. Kommt mit in meine Stube, Sir!“

Als sie sich in der letzteren befanden, fragte der Beamte, ob es möglich gewesen sei, das Gespräch zu belauschen. Der Jäger erzählte ihm alles, was er gehört hatte, und sprach die Überzeugung aus, daß die Angelegenheit den beabsichtigten Gang gehen werde. Nach einigen weiteren unwesentlichen Bemerkungen trennten sie sich, um sich zur Ruhe zu legen.

Old Firehand erwachte am andern Morgen zeitig. Ihm, der an Thätigkeit und Bewegung gewöhnt war, fiel es nicht leicht, so ruhig und versteckt in seiner Stube auszuhalten; doch mußte er sich darein ergeben. Es mochte gegen elf Uhr sein, als der Ingenieur zu ihm kam. Dieser sagte ihm, daß der Schreiber fest bei der ihm aufgetragenen Arbeit sei und sich die größte Mühe gebe, für einen soliden Mann zu gelten. Es war auch nach Faller geschickt worden; natürlich hatte man ihn nicht gefunden. Infolgedessen hatten die Arbeiter den Auftrag erhalten, ihn, sobald er sich sehen lasse, zu dem Ingenieur zu schicken. Eben als diese Mitteilungen vorüber waren, sah Old Firehand einen kleinen bucklichten Kerl die Anhöhe heraufsteigen; derselbe trug ein ledernes Jagdgewand und hatte ein langes Gewehr überhängen.

„Der Humply-Bill!“ sagte er betroffen. Und erklärend fügte er hinzu: „Dieser Mann gehört zu meinen Leuten. Es muß etwas Unerwartetes geschehen sein, sonst würde er sich nicht hier sehen lassen. Hoffentlich ist es nichts Allzuschlimmes. Er weiß, daß ich hier sozusagen inkognito bin, und wird also keinen andern als nur Euch nach mir fragen. Wollt Ihr ihn hereinbringen, Sir?“

Der Ingenieur ging hinaus, und Bill trat in demselben Augenblicke in das Haus.

„Verzeihung, Sir,“ sagte er. „Ich lese an dem Schilde, daß hier der Ingenieur wohnt. Darf ich mit diesem Master sprechen?“

„Ja; ich selbst bin es. Kommt herein.“

Er geleitete ihn in Old Firehands Stube, welcher den Kleinen mit der Frage empfing, was ihn veranlaßt habe, so gegen alle Vorherbestimmung hieher zu kommen.

„Keine Sorge, Sir; es ist nichts Schlimmes,“ antwortete Bill. „Vielleicht ist’s sogar etwas Gutes, auf alle Fälle aber etwas, was Ihr erfahren mußtet. Darum wurde ich ausgewählt, Euch die Nachricht zu bringen. Ich bin scharf geritten und habe mich stets auf der Eisenbahn gehalten, wo die Tramps sich jedenfalls nicht sehen lassen werden. Ich bin also nicht von ihnen bemerkt worden. Das Pferd habe ich draußen im Walde versteckt und mich in der Weise herbeigemacht, daß ich von den hiesigen Leuten wohl gar nicht bemerkt worden bin.“

„Gut,“ nickte Old Firehand. „Also was ist geschehen?“

„Gestern, gegen Abend kam, wie Ihr wissen werdet, Winnetou zu uns. Er richtete bei der Tante ungeheuere Freude an, und auch die andern waren stolz darauf, diesen Mann bei sich zu sehen – “

„Da er Euch so leicht fand, so hattet Ihr Euch wohl nicht sehr gut versteckt?“

„Denkt das nicht, Sir! Wir dürfen uns doch nicht vor den Tramps sehen lassen und haben zum Lager einen Ort gewählt, welchen wohl keiner dieser Kerle zu entdecken vermag. Aber was kann den Augen eines Winnetou entgehen! Kurz vorher hatte er auch den Lagerplatz der Tramps ausgekundschaftet, und als es völlig dunkel geworden war, begab er sich dorthin, um sie zu beobachten und vielleicht etwas zu erlauschen. Als er bis zum Tagesanbruch und auch noch einige Stunden in den Morgen hinein noch nicht wiedergekommen war, wollte es uns angst um ihn werden; aber das war überflüssig; es war ihm nichts geschehen; vielmehr hatte er wieder einmal eins seiner Meisterstücke abgelegt und sich am hellen Morgen so weit an die Tramps geschlichen, daß er ihr Gespräch verstehen konnte. Dieses Gespräch war übrigens weniger ein Reden als vielmehr ein Schreien gewesen. Es war ein Bote von hier angekommen und hatte die ganze Gesellschaft durch die Nachricht, welche er brachte, aus Rand und Band gebracht.“

„Aha, Faller!“

„Ja, Faller; so hat der Kerl geheißen. Er sprach von einer halben Million Dollar, welche aus dem Bahnzug geholt werden solle.“

„Das ist richtig!“

„So! Der Apache sprach auch davon. Es ist das also eine Falle, in welche Ihr die Kerle locken wollt. Faller hat den Tramps nur das erzählt, was Ihr ihm weisgemacht habt. Und jedenfalls wißt Ihr, daß er zu ihnen ist, um es ihnen zu berichten?“

„Ja, daß er es ihnen sagen soll, gehört mit zu unserm Plane.“

„Aber Ihr müßt notwendigerweise auch erfahren, was darauf beschlossen worden ist?“

„Natürlich! Wir haben eine Einrichtung getroffen, durch welche es uns kurz nach der Rückkehr Fallers verraten wird.“

„Nun, diesen Kerl braucht Ihr gar nicht, denn Winnetou hat alles erlauscht. Die Halunken haben vor Seligkeit so laut geschrieen, daß es meilenweit zu hören gewesen ist. Faller hat ein schlechtes Pferd; er wird erst nach Mittag ankommen können. Darum war es vielleicht umsichtig von Winnetou, daß er mich zu Euch schickte.“

„Es war richtig von ihm, denn je eher wir den Entschluß der Tramps kennen, desto früher können wir nach demselben handeln. Ich will Euch unsern Plan genau mitteilen.“

Old Firehand beschrieb dem Kleinen die Umstände alle, auf welche und mit denen man zu rechnen hatte. Bill hörte aufmerksam zu und sagte dann: „Vortrefflich, Sir! Ich denke, daß alles nach Eurer Berechnung verlaufen wird. Die Tramps sind nämlich auf die Vorschläge des Schreibers sofort eingegangen, und es soll nichts als nur ein Punkt geändert werden.“

„Welcher?“

„Der Ort, an welchem der Überfall zu geschehen hat. Da hier in Sheridan viele Arbeiter wohnen und ein solcher Geldzug jedenfalls Aufmerksamkeit erregt, so meinen die Tramps, daß wohl viele der Arbeiter ihr Lager verlassen werden, um sich den Train anzusehen. Das könnte unerwarteten Widerstand ergeben; die Kerle wünschen zwar das Geld, wollen aber nicht ihr Blut dafür hergeben. Darum soll der Schreiber den Zug ruhig aus Sheridan gehen lassen und aber dann kurz nachher den Maschinisten und den Heizer zwingen, auf offener Strecke zu halten.“

„Wurde ein Ort bestimmt?“

„Nein; aber die Tramps wollen am Geleise ein Feuer anbrennen, neben welchem die Lokomotive zu halten hat. Wollen der Maschinist und der Heizer nicht gehorchen, so sollen sie erschossen werden. Vielleicht ist Euch diese Veränderung unlieb, Sir?“

„Nein, gar nicht, denn wir entgehen dadurch der immerhin in Berechnung zu ziehenden Gefahr, daß es zwischen den hiesigen Arbeitern und den Tramps zum Kampfe kommt. Ferner brauchen wir nicht mit den beiden Kundschaftern nach Carlyle zu gehen. Wir haben nun überhaupt nicht nötig, sie noch länger zu täuschen. Hat Winnetou Euch gesagt, wo Ihr Euch aufzustellen habt?“

„Ja, vor dem Tunnel, welches sich jenseits der Brücke öffnet.“

„Richtig! aber Ihr habt Euch verborgen zu halten, bis der Zug in dasselbe eingefahren ist. Das übrige ergibt sich ganz von selbst;“

Jetzt wußte man, woran man war, und konnte mit den Vorbereitungen beginnen. Der Telegraph spielte nach Carlyle und auch nach Fort Wallace; nach dem ersteren Orte, um den betreffenden Zug zusammenstellen zu lassen, und nach dem letzteren, um Soldaten zu requirieren. Inzwischen erhielt der Humply-Bill Speise und Trank und entfernte sich dann ebenso unauffällig, wie er gekommen war.

Um Mittag trafen von den beiden genannten Stationen die Nachrichten ein, daß man den Anordnungen Folge leisten werde. Ungefähr zwei Stunden später sah man Faller kommen. Old Firehand saß mit dem Ingenieur in seiner Stube. Beide beobachteten unbemerkt den Tramp, welcher sich für einen kurzen Augenblick an dem Regenfasse zu schaffen machte.

„Empfangt ihn im Bureau,“ sagte Old Firehand, „und sprecht dort so lange mit ihm, bis ich nachkomme. Ich werde den Zettel lesen.“

Der Ingenieur begab sich in sein Arbeitszimmer, und als Faller dort eingelassen worden war, ging Old Firehand hinaus an die Hausthür. Als er einen Blick hinter das Faß warf, sah er dort einen Stein liegen. Er hob denselben auf und fand das erwartete Papier; er faltete es auseinander und las die von dem Cornel geschriebenen Zeilen. Der Inhalt derselben stimmte genau mit dem Berichte des Humply-Bill überein. Er legte das Papier wieder unter den Stein und trat dann in das Bureau, in welchem Faller in ehrerbietiger Haltung vor dem Ingenieur stand. Der Tramp erkannte den Jäger, welcher den Leinenanzug trug, nicht und erschrak darum nicht wenig, als dieser ihm die Hand auf die Achsel legte und ihn in drohendem Tone fragte: „Wißt Ihr, wer ich bin, Master Faller?“

„Nein,“ lautete die Antwort.

„So habt Ihr bei Butlers Farm die Augen nicht offen gehabt. Ich bin Old Firehand. Habt Ihr Waffen bei Euch?“

Er zog dem Tramp das Messer aus dem Gürtel und einen Revolver aus der Hosentasche, ohne daß der entsetzte Mann eine Bewegung machte, dies zu verhindern. Dann sagte er zu dem Ingenieur: „Bitte, Sir, geht hinauf zu dem Schreiber, und sagt ihm, daß Faller hier gewesen ist, aber weiter nichts. Dann kehrt Ihr hieher zurück.“

Der Beamte entfernte sich. Old Firehand drückte den Tramp auf einen Stuhl nieder und band ihn mit einer auf dem Schreibtische liegenden starken Schnur an die Lehne desselben fest.

„Sir,“ meinte der erst nun von seinem Schreck sich erholende Mensch, „warum diese Behandlung? Warum bindet Ihr mich? Ich kenne Euch nicht!“

„Schweige jetzt!“ gebot der Jäger, den Revolver ergreifend. „Wenn du einen Laut eher, als ich es dir erlaube, hören lässest, jage ich dir eine Kugel in den Kopf!“

Der Bedrohte wurde leichenblaß und wagte nun nicht mehr, die Lippen zu bewegen. Jetzt trat der Ingenieur wieder ein. Old Firehand winkte ihm, an der Thür stehen zu bleiben; er selbst stellte sich an das Fenster, doch so, daß er von draußen nicht gesehen werden konnte. Er war überzeugt, daß die Neugierde dem Schreiber nicht lange Ruhe lassen werde. Es währte auch kaum zwei Minuten, so sah er einen Vorderarm erscheinen, welcher hinter das Faß langte; der Besitzer dieses Armes war nicht zu sehen, da er dicht an der Thürpfoste stand. Firehand nickte dem Ingenieur zu, und dieser öffnete schnell die Thür, gerade als der Schreiber an derselben vorüberhuschen wollte.

„Master Haller, wollt Ihr nicht einmal hereinkommen?“ fragte er ihn. Der Angeredete hielt das Papier noch in der Hand. Er steckte es schnell ein und folgte der an ihn ergangenen Aufforderung mit sichtlicher Verlegenheit. Was aber machte er erst für ein Gesicht, als er seinen Genossen an den Stuhl gebunden sah! Doch nahm er sich schnell zusammen, und es gelang ihm wirklich, eine ziemlich unbefangene Miene zu zeigen. „Was für ein Papier habt Ihr soeben eingesteckt?“ fragte ihn Old Firehand.

„Eine alte Tüte,“ antwortete der Tramp.

„So? Zeigt sie doch einmal her!“

Der Schreiber warf ihm einen erstaunten Blick zu und antwortete: „Wie kommt Ihr dazu, mir einen so unbegreiflichen Befehl erteilen zu wollen? Wer seid Ihr denn? Ich kenne Euch nicht. Sind meine Taschen etwa Euer Eigentum?“

„Ihr kennt ihn dennoch,“ fiel der Ingenieur ein. „Es ist Old Firehand.“

„Old Fi– – –!“ schrie der Tramp förmlich auf. Die zwei letzten Silben ließ der Schreck nicht aus seinem Munde. Seine Augen waren weit und starr auf den Genannten gerichtet.

„Ja, ich bin es,“ bestätigte dieser; „hier habt Ihr mich wohl nicht vermutet! Und was den Inhalt deiner Taschen betrifft, so habe ich auf ihn wohl mehr Recht als du selbst. Zeig einmal her!“

Old Firehand nahm dem Tramp, ohne daß dieser zu widerstreben wagte, zuerst das Messer ab; dann holte er einen geladenen Revolver, welchen er zu sich steckte, aus der Tasche, und nun zog er ihm auch den Zettel aus derselben.

„Sir,“ fragte der Schreiber jetzt in verbissenem Tone, „mit welchen Rechte thut Ihr das?“

„Zunächst mit dem Rechte des Stärkern und des Ehrlichen, und sodann hat Mr. Charoy, welcher die Polizeigewalt dieses Ortes vertritt, mir den Auftrag erteilt, in dieser Angelegenheit seine Stelle zu vertreten.“

„In welcher Angelegenheit? Was ich bei mir trage, ist mein Eigentum. Ich habe nichts Ungesetzliches gethan und muß unbedingt wissen, aus welchem Grunde Ihr mich wie einen Dieb behandelt!“

„Dieb? Pshaw! Wohl Euch, wenn es nur das wäre. Es handelt sich nicht nur um einen Diebstahl, sondern erstens um einen Mord und zweitens um etwas, was noch viel schlimmer ist, als einfacher Mord, nämlich um den Überfall und die Plünderung des Eisenbahnzuges, wobei voraussichtlich nicht nur ein einzelner Mensch sein Leben verlieren würde.“

„Sir, höre ich recht?“ rief der Mann mit gut gespieltem Erstaunen. „Wer hat Euch eine solche Ungeheuerlichkeit vorgelogen?“

„Niemand. Wir wissen genau, daß diese Ungeheuerlichkeit in der That ausgeführt werden soll.“

„Von wem?“

„Von Euch!“

„Von mir?“ lachte der Tramp auf. „Nehmt es mir nicht übel, Sir, aber wer da behaupten kann, daß ich, ein armer Schreiber, der hier ganz allein steht und diese That also ohne Helfershelfer ausführen müßte, einen Zug anhalten und berauben will, der muß geradezu verrückt sein!“

„Ganz richtig! Aber zunächst seid Ihr kein Schreiber, und sodann steht Ihr nicht so allein da, wie Ihr uns glauben machen wollt. Ihr gehört zu den Tramps, welche am Osage-nook die Osagen überfallen, dann Buttlers Farm angegriffen haben und nun hier eine halbe Million Dollar aus dem Bahnzuge holen wollen.“

Man sah den beiden Männern an, daß sie erschraken, doch nahm sich der vermeintliche Haller zusammen und antwortete im Tone eines vollständig unschuldigen Menschen: „Davon weiß ich kein Wort!“

„Und doch seid Ihr nur zu dem Zwecke hieher gekommen, um die Gelegenheit auszuspähen und Eure Verbündeten zu benachrichtigen!“

„Ich? Ich bin ja keinen Augenblick aus diesem Hause gekommen!“

„Ganz recht; aber Euer Kamerad hier hat den Boten gemacht. Was habt Ihr denn gestern Abend durch das geöffnete Fenster mit einander gesprochen? Ich habe über Euch auf dem Dache gelegen und jedes Wort gehört. Auf diesem Zettel steht die Antwort, welche Euch der rote Cornel sendet. Ich habe ihn noch nicht gelesen, kenne sie aber bereits und will Euch das beweisen. Die Tramps lagern drüben beim Eagle-tail. Sie wollen in der nächsten Nacht herüberkommen und sich außerhalb Sheridan an der Bahn lagern und ein Feuer anbrennen. Dieses letztere soll euch beiden den Ort andeuten, an welchem ihr den Maschinisten zwingen sollt, mit dem Zuge zu halten, aus diesem wollen sie sich dann das Geld holen.“

„Sir,“ stieß der Schreiber, welcher jetzt seine Angst nicht mehr verbergen konnte, hervor, „wenn es wirklich Leute gibt, welche das unternehmen wollen, so ist es nur eine mir ganz unbekannte Folge von Umständen, welche mich mit diesen Verbrechen in Verbindung zu bringen scheinen. Ich bin ein ehrlicher Mann und – – – “

„Schweigt!“ gebot Old Firehand. „Ein ehrlicher Mann mordet nicht.“

„Wollt Ihr etwa behaupten, daß ich gemordet habe?“

„Allerdings! Ihr beide seid Mörder. Wo ist der Arzt, und wo ist sein Gehilfe, welche Ihr mit dem roten Cornel verfolgt habt? Ist der erstere nicht erschossen worden, weil Ihr seinen Brief brauchtet, um Euch hier statt seiner als den Schreiber Haller vorzustellen und Euch auf diese Weise das Handwerk des Spions zu erleichtern? Habt Ihr etwa dem Arzte nicht sein ganzes Geld abgenommen?“

„Sir, ich weiß – – kein – – kein Wort von alledem!“ stotterte der Tramp.

„Nicht? So werde ich Euch sofort überführen. Damit Ihr aber nicht auf den Gedanken kommt, Euch uns zu entziehen, werden wir uns Eurer Person versichern. Mr. Charoy, habt doch die Güte, diesem Kerl die Hände auf den Rücken zu binden. Ich werde ihn halten.“

Als der Tramp diese Worte hörte, wendete er sich rasch nach der Thür, um zu entfliehen. Noch schneller aber war Old Firehand. Er ergriff ihn, riß ihn zurück und hielt ihn trotz des kräftigen Sträubens so fest, daß der Ingenieur ihn ohne alle Mühe fesseln konnte. Dann wurde Faller vom Stuhle losgebunden und mit dem Schreiber nach dem Zimmer geführt, in welchem der verwundete Hartley lag. Als dieser die beiden Menschen erblickte, welche er sofort erkannte, erhob er sich in sitzende Stellung und rief aus: „Holla, das sind ja die Kerle, die mich beraubt und den armen Haller ermordet haben? Wo ist denn der dritte?“

„Der fehlt uns noch, wird uns aber auch noch in die Hände laufen,“ antwortete Old Firehand. „Sie leugnen die That.“

„Leugnen? Ich erkenne sie wieder, ganz genau, und will tausend Eide darauf schwören, daß sie es sind. Hoffentlich gilt mein Wort mehr als ihre Ausrede!“

„Es bedarf Eurer Versicherung gar nicht, Master Hartley. Wir haben Beweise genug in den Händen, um zu wissen, woran wir mit ihnen sind.“

„Schön! Aber wie steht es mit meinem Gelde?“

„Das wird sich noch finden. Zunächst habe ich ihnen nur die Waffen abgenommen und diesen Zettel, welchen wir nun lesen wollen.“

Er entfaltete denselben, nahm Kenntnis von dem Inhalt und gab ihn dann dem Ingenieur zu lesen. Auf dem Papier stand ganz genau das, was Winnetou erlauscht und Old Firehand vorhin den Tramps gesagt hatte. Diese letzteren sagten kein Wort; sie erkannten, daß ferneres Leugnen mehr als lächerlich sei.

Nun wurden ihre Taschen vollends geleert. Es fanden sich die Banknoten, welche auf ihren Anteil gefallen waren, die man Hartley zurückgab. Sie gestanden, daß der rote Cornel den Rest besitze. Dann wurden sie auch an den Füßen gefesselt und auf die Diele gelegt. Es gab im Hause keinen Keller oder sonstigen festen Raum, in welchen man sie hätte stecken können. Hartley war so erzürnt auf sie, daß es keinen bessern Wächter für sie gab als ihn. Er bekam einen geladenen Revolver und dazu die Weisung, sie sofort zu erschießen, falls sie den Versuch machen sollten, sich ihrer Banden zu entledigen.

Als man mit diesen beiden fertig war, konnten die weiteren Vorbereitungen für die Ausführung des Planes getroffen werden. Es war nun nicht mehr nötig, die beiden Tramps auf die Lokomotive zu postieren, und darum brauchte der Zug, welcher in Carlyle rangiert wurde, nicht schon dort von Old Firehand übernommen zu werden. Es wurde dorthin vielmehr die Weisung telegraphiert, daß der Train zur bestimmten Zeit dort abgehen und eine Strecke vor Sheridan an einer bestimmten Stelle halten solle, um dort übernommen zu werden.

Im ferneren Laufe des Nachmittags traf von Fort Wallace die Drahtmeldung ein, daß mit Einbruch der Dunkelheit ein Detachement Soldaten abgehen und schon um Mitternacht am Rendezvous eintreffen würde.

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Achtes Kapitel

Ein Drama auf der Prairie.

Über die Prairie schritt langsam und müd ein Fußgänger, eine seltene Erscheinung, wo selbst der allerärmste Teufel ein Pferd besitzt, da der Unterhalt desselben nichts kostet. Welchem Stande dieser Mann angehörte, das war schwer zu erraten. Sein Anzug war städtisch, aber sehr abgetragen, und gab ihm das Aussehen eines friedlichen Mannes, wozu aber die alte, gewaltig lange Flinte, welche er geschultert trug, nicht recht passen wollte. Das Gesicht war bleich und eingefallen, wohl infolge der Entbehrungen, welche eine lange Fußwanderung mit sich gebracht hatte. Zuweilen blieb er stehen, wie um auszuruhen, aber die Hoffnung, Menschen zu treffen, trieb ihn immer schnell wieder zur neuen Anstrengung seiner müden Füße. Er musterte wieder und immer wieder den Horizont, doch lange vergeblich, bis endlich sein Auge froh aufleuchtete – er hatte draußen am Horizont einen Mann bemerkt, auch einen Fußgänger, welcher von rechts her kam, so daß beide Richtungen zusammenstoßen mußten. Das gab seinen Gliedern neue Spannkraft; er schritt schnell und weit aus und sah bald, daß er von dem andern bemerkt wurde, denn dieser blieb stehen, um ihn herankommen zu lassen.

Dieser andre war sehr eigentümlich gekleidet. Er trug einen blauen Frack mit rotem Stehkragen und gelben Knöpfen, rotsammetne Kniehosen und hohe Stiefel mit gelbledernen Stulpen. Um seinen Hals war ein blauseidenes Tuch geschlungen und vorn in eine große, breite Doppelschleife, welche die ganze Brust bedeckte, geknüpft. Den Kopf beschattete ein breitkrempiger Strohhut. An einem um den Hals gehenden Riemen hing vorn ein Kasten aus poliertem Holze. Der Mann war lang und dürr, das glatt rasierte Gesicht scharf geschnitten und hager. Wer in diese Züge und in die kleinen, listigen Augen blickte, der wußte sofort, daß er einen echten Yankee vor sich habe, einen Yankee von jener Sorte, deren Durchtriebenheit sprichwörtlich geworden ist.

Als die beiden sich bis auf bequeme Hörweite genähert hatten, lüpfte der Kastenträger leicht seinen Hut und grüßte den andern: „Good day, Kamerad. Woher des Weges?“

„Von Kinsley da unten,“ antwortete der Gefragte, indem er mit der Hand rückwärts deutete. „Und Ihr?“

„Von überall her. Zuletzt von der Farm, welche da hinter mir liegt.“

„Und wohin wollt Ihr?“

„Überall hin. Zunächst nach der Farm, welche da vor uns liegt.“

„Gibt es da eine?“

„Ja. Wir werden kaum länger als eine halbe Stunde zu gehen haben.“

„Gott sei Dank! Ich hätte es auch nicht länger aushalten können!“

Er sagte das mit einem tiefen Seufzer. Er war herangekommen und stehen geblieben, wobei man seinen Körper wanken sah.

„Nicht aushalten? Warum?“

„Vor Hunger.“

„Alle Teufel! Hunger? Ist das möglich! Warte, da kann ich helfen. Setzt Euch nieder, hierher auf meinen Kasten. Ihr sollt gleich etwas zwischen die Zähne bekommen.“

Er legte den Kasten ab, drückte den Fremden auf denselben nieder, zog dann aus der Brusttasche seines Frackes zwei riesige Butterbrote hervor, brachte aus der einen Schoßtasche ein großes Stück Schinken zum Vorscheine, reichte beides dem Hungrigen und fuhr fort: „Da eßt, Kamerad! Es sind nicht etwa Delikatessen, aber für den Hunger wird es ausreichend sein.“

Der andre griff schnell zu. Er war so hungrig, daß er das Brot sofort zum Munde führen wollte; hoch besann er sich, hielt in dieser Bewegung inne und meinte: „Ihr seid sehr gütig, Sir; aber diese Sachen sind für Euch bestimmt; wenn ich sie esse, werdet dann Ihr selbst hungern müssen.“

„O nein! Ich sage Euch, daß ich auf der nächsten Farm soviel zu essen bekommen werde, wie mir beliebt.“

„So seid Ihr dort bekannt?“

„Nein. Ich war noch nie in dieser Gegend. Aber sprecht jetzt nicht, sondern eßt!“

Der Hungrige folgte dieser Aufforderung, und der Yankee setzte sich in das Gras, sah ihm zu und freute sich darüber, daß die riesigen Bissen so schnell hinter den gesunden Zähnen des Essenden verschwanden. Als sowohl Brot wie auch Schinken alle geworden waren, fragte er: „Satt seid Ihr noch nicht, aber einstweilen befriedigt wohl?“

„Ich bin wie neugeboren, Sir. Denkt Euch, ich bin seit drei Tagen unterwegs, ohne einen Bissen zu essen.“

„Ist das denkbar! Von Kinsley bis hierher habt Ihr nichts gegessen? Warum? Konntet Ihr Euch denn nicht Proviant mitnehmen?“

„Nein. Meine Abreise ging zu plötzlich vor sich.“

„Oder unterwegs einkehren?“

„Ich habe die Farmen vermeiden müssen.“

„Ah so! Aber Ihr habt ein Gewehr bei Euch; da konntet Ihr Euch doch ein Wild schießen!“

„O, Sir, ich bin kein Schütze. Ich treffe eher den Mond als einen Hund, der gerade vor mir sitzt.“

„Wozu dann aber das Gewehr?“

„Um etwaige rote oder weiße Vagabunden abzuschrecken.“

Der Yanke sah ihn forschend an und meinte dann: „Hört, Master, bei Euch ist irgend etwas nicht in Ordnung. Ihr scheint Euch auf der Flucht zu befinden und doch ein höchst ungefährliches Subjekt zu sein. Wo wollt Ihr denn eigentlich hin?“

„Nach Sheridan an die Eisenbahn.“

„So weit noch, und ohne Lebens- und Existenzmittel! Da könnt Ihr leicht Schiffbruch leiden. Ich bin Euch unbekannt, aber wenn man sich in der Not befindet, so ist es gut, Vertrauen zu fassen. Sagt mir also, wo Euch der Schuh drückt. Vielleicht kann ich Euch helfen.“

„Das ist bald gesagt. Ihr seid nicht aus Kinsley, sonst müßte ich Euch kennen, und könnt also nicht zu meinen Feinden gehören. Ich heiße Haller; meine Eltern waren Deutsche. Sie kamen aus dem alten Lande herüber, um es zu etwas zu bringen, kamen aber nicht vorwärts. Auch mir haben keine Rosen geblüht. Ich habe mancherlei gemacht und gearbeitet, bis ich vor zwei Jahren Bahnschreiber wurde. Zuletzt war ich in Kinsley angestellt. Sir, ich bin ein Kerl, der keinen Wurm treffen kann, aber wenn man allzusehr beleidigt wird, so läuft endlich die Galle über. Ich bekam mit dem dortigen Redakteur einen Streit, auf welchen ein Duell folgte. Denkt Euch, ein Duell auf Flinten. Und ich habe niemals im Leben so ein Mordwerkzeug in den Händen gehabt! Ein Duell auf Flinten, dreißig Schritt Distanz! Es wurde mir gelb und blau vor den Augen, als ich es nur hörte. Ich will es kurz machen: die Stunde kam, und wir stellten uns auf. Sir, denkt von mir, was Ihr wollt, aber ich bin ein friedfertiger Mann und mag kein Mörder sein. Schon bei dem Gedanken, daß ich den Gegner töten könnte, überlief mich eine Gänsehaut, welche so scharf wie ein Reibeisen war. Darum zielte ich, als kommandiert wurde, mehrere Ellen weit daneben. Ich drückte ab, er auch. Die Schüsse gingen los – denkt Euch, ich war nicht getroffen, aber meine Kugel war ihm gerade durch das Herz gegangen. Die Flinte, die gar nicht mir gehörte, festhaltend, rannte ich entsetzt fort. Ich behaupte, daß der Lauf krumm ist; die Kugel geht volle drei Ellen zu weit nach links. Was aber das Schlimmste war, der Redakteur hatte einen zahl- und einflußreichen Anhang, und das hat hier im Westen gar viel zu bedeuten. Ich mußte fliehen, sofort fliehen, und nahm mir nur Zeit, mich kurz von meinem Vorgesetzten zu verabschieden. Meiner ferneren Existenz wegen gab er mir den Rat, nach Sheridan zu gehen, und händigte mir einen offenen Empfehlungsbrief an den dortigen Ingenieur ein. Ihr könnt ihn lesen, um Euch zu überzeugen, daß ich die Wahrheit sage.“

Er zog ein Schreiben aus der Tasche, öffnete es und gab es dem Yankee. Dieser las:

„Liebster Charoy.

Hier sende ich Dir Master Joseph Haller, meinen bisherigen Schreiber. Er ist von deutscher Abstammung, ein ehrlicher, treuer und fleißiger Kerl, hat aber das Unglück gehabt, um die Ecke zu schießen und gerade darum seinen Gegner in den Sand zu legen. Er muß darum für einige Zeit von hier fort, und Du thust mir einen Gefallen, wenn Du ihn in Deinem Bureau so lange beschäftigst, bis hier Gras über die Angelegenheit gewachsen ist.

Dein

Bent Norton.“

Unter diesem Namen war zur besseren Legitimation noch ein Stempel angebracht. Der Yankee faltete den Brief wieder zusammen, gab ihn dem Eigentümer zurück und sagte, indem ein halb ironisches, halb mitleidiges Lächeln um seine Lippen spielte: „Ich glaube Euern Worten, Master Haller, auch ohne daß Ihr mir diesen Brief zu zeigen braucht. Wer Euch sieht und sprechen hört, der weiß, daß er einen grundehrlichen Menschen, welcher gewiß mit Willen kein Wässerlein trübt, vor sich hat. Mir geht es gerade wie Euch, auch ich bin kein großer Jäger und Schütze vor dem Herrn. Das ist kein Fehler, denn der Mensch lebt nicht durch Pulver und Blei allein. Aber so sehr ängstlich wie Ihr, wäre ich an Eurer Stelle denn doch nicht gewesen. Ich glaube, Ihr habt Euch ein wenig ins Bockshorn jagen lassen.“

„O nein; die Sache war wirklich gefährlich.“

„So seid Ihr überzeugt, daß man Euch verfolgt hat?“

„Gewiß! Darum habe ich bisher alle Farmen vermieden, damit man nicht erfahren soll, wohin ich mich gewendet habe.“

„Und seid Ihr überzeugt, daß Ihr in Sheridan gut aufgenommen werdet und eine Stelle erhaltet?“

„Ja, denn Mr. Norton und Mr. Charoy, der Ingenieur in Sheridan, sind außerordentlich befreundet.“

„Nun, welchen Gehalt gedenkt Ihr dort zu beziehen?“

„Ich hatte jetzt wöchentlich acht Dollar und meine, daß man mich dort ebenso bezahlen wird.“

„So! Ich weiß eine Anstellung mit noch einmal so viel, also sechzehn Dollar und freie Station für Euch.“

„Was? Wirklich?“ rief der Schreiber erfreut, indem er aufsprang. „Sechzehn Dollar? Das ist ja geradezu zum Reichwerden!“

„Wenn auch das nicht; aber sparen könntet Ihr Euch etwas dabei.“

„Wo ist diese Stelle zu haben? Bei wem?“

„Bei mir.“

„Bei – – Euch?“ erklang es im Tone der Enttäuschung.

„Allerdings. Wahrscheinlich traut Ihr mir das nicht zu?“

„Hm! Ich kenne Euch nicht.“

„Dem kann gleich abgeholfen werden. Ich bin nämlich Magister Doktor Jefferson Hartley, Physician und Farrier meines Berufes.“

„Also Menschen- und Roßarzt?“

„Arzt für Menschen und Tiere,“ nickte der Yankee. „Habt Ihr Lust, so sollt Ihr mein Famulus sein, und ich zahle Euch den erwähnten Gehalt.“

„Aber ich verstehe nichts von der Sache,“ erklärte Haller bescheiden.

„Ich auch nicht,“ gestand der Magister.

„Nicht?“ fragte der andre erstaunt. „Ihr müßt doch Medizin studiert haben?“

„Fällt mir gar nicht ein!“

„Aber, wenn Ihr Magister und auch Doktor seid – –!“

„Das bin ich allerdings! Diese Titel und Würden besitze ich; daß weiß ich am allerbesten, denn ich selbst habe sie mir verliehen.“

„Ihr – – Ihr selbst?“

„Freilich! Ich bin offen gegen Euch, weil ich denke, daß Ihr meinen Antrag annehmen werdet. Eigentlich bin ich Schneider; dann wurde ich Friseur, nachher Tanzlehrer; später gründete ich ein Erziehungsinstitut für junge Ladies, als das aufhörte, griff ich zur Ziehharmonika und wurde wandernder Musikant. Seitdem habe ich mich noch in zehn bis zwanzig andern Branchen rühmlichst hervorgethan. Ich habe das Leben und die Menschen kennen gelernt, und diese Kenntnis gipfelt in der Erfahrung, daß ein gescheiter Kerl kein Dummkopf sein darf. Diese Menschen wollen betrogen sein; ja, man thut ihnen den größten Gefallen, und sie sind außerordentlich erkenntlich dafür, wenn man ihnen ein X für ein U vormacht. Besonders muß man ihren Fehlern schmeicheln, ihren geistigen und leiblichen Fehlern und Gebrechen, und darum habe ich mich auf diese letzteren gelegt und bin Arzt geworden. Hier seht Euch einmal meine Apotheke an!“

Er schloß den Kasten auf und schlug den Deckel desselben zurück. Das Innere hatte ein höchst elegantes Aussehen; es bestand aus fünfzig Fächern, welche mit Sammet ausgeschlagen und mit goldenen Linien und Arabesken verziert waren. Jedes Fach enthielt eine Phiole mit einer schön gefärbten Flüssigkeit. Es gab da Farben in allen möglichen Schattierungen und Abstufungen.

„Das also ist Eure Apotheke!“ meinte Haller. „Woher bezieht Ihr die Medikamente?“

„Die mache ich mir selbst.“

„Ich denke, Ihr versteht nichts davon!“

„O, das verstehe ich schon! Es ist ja kinderleicht. Was Ihr da seht, ist alles weiter nichts als ein klein wenig Farbe und ein bißchen viel Wasser, Aqua genannt. In diesem Worte besteht mein ganzes Latein. Dazu habe ich mir die übrigen Ausdrücke selbst fabriziert; sie müssen möglichst schön klingen, und so seht Ihr hier Aufschriften wie: Aqua salamandra, Aqua peloponnesia, Aqua chimborassolaria, Aqua invocabulataria und andre. Ihr glaubt gar nicht, welche Kuren ich mit diesen Wassern schon gemacht habe, und ich nehme Euch das gar nicht übel, denn ich glaube es selbst auch nicht. Die Hauptsache ist, daß man die Wirkung nicht abwartet, sondern das Honorar einzieht und sich aus dem Staube macht. Die Vereinigten Staaten sind groß, und ehe ich da herumkomme, können viele, viele Jahre vergehen, und ich bin inzwischen ein reicher Mann geworden. Das Leben kostet nichts, denn überall, wohin ich komme, setzt man mir mehr vor, als ich essen kann, und steckt mir, wenn ich gehe, auch noch die Taschen voll. Vor den Indianern brauche ich mich nicht zu fürchten, weil ich als Medizinmann bei ihnen für heilig und unantastbar gelte. Schlagt ein! Wollt Ihr mein Famulus sein?“

„Hm! brummte Haller, indem er sich hinter dem Ohre kratzte. Die Sache kommt mir bedenklich vor. Es ist keine Ehrlichkeit dabei.“

„Macht Euch nicht lächerlich. Der Glaube thut alles. Meine Patienten glauben an die Wirkung meiner Medizin und werden gesund davon. Ist das Betrug? Versucht es wenigstens zunächst einmal! Ihr habt Euch jetzt gestärkt, und da die Farm, nach der ich will, auf Eurem Wege liegt, so habt Ihr keinen Schaden davon.“

„Nun, versuchen will ich es, schon aus Dankbarkeit; aber ich habe kein Geschick, den Leuten etwas weiß zu machen.“

„Ist gar nicht nötig; das besorge ich schon selbst. Ihr habt ehrfurchtsvoll zu schweigen, und Eure ganze Arbeit besteht darin, diejenige Phiole aus dem Kasten zu langen, welche ich Euch bezeichne. Freilich müßt Ihr es Euch gefallen lassen, daß ich Euch dabei Du nenne. Also vorwärts! Brechen wir auf!“

Er hing sich den Kasten wieder um, und dann schritten sie miteinander der Farm entgegen. Nach kaum einer halben Stunde sahen sie dieselbe von weitem liegen; sie schien nicht groß zu sein. Nun mußte Haller den Kasten tragen, da sich das nicht für den Prinzipal, Doktor und Magister schickte.

Das Hauptgebäude der Farm war aus Holz gebaut; neben und hinter demselben lag ein wohlgepflegter Baum- und Gemüsegarten. Die Wirtschaftsgebäude standen in einiger Entfernung von diesem Wohnhause. Vor demselben waren drei Pferde angebunden, ein sicheres Zeichen, daß sich Fremde hier befanden. Diese saßen in der Wohnstube und tranken Hausbier, welches der Farmer selbst gebraut hatte. Die Fremden waren allein, da sich nur die Farmersfrau daheim befand und jetzt in dem kleinen Stalle war. Sie sahen den Quacksalber mit seinem Famulus kommen.

„Thunderstorm!“ rief der eine von ihnen. „Sehe ich recht? Den muß ich kennen. Wenn mich nicht alles trügt, so ist das Hartley, der Musikant mit der Harmonika!“

„Ein Bekannter von dir?“ fragte der zweite. „Hast du etwas mit ihm gehabt?“

„Freilich. Der Kerl hatte gute Geschäfte gemacht und die Taschen voller Dollars. Natürlich machte ich ebenso gute Geschäfte, indem ich sie ihm des Nachts leerte.“

„Weiß er, daß du es gewesen bist?“

„Hm, wahrscheinlich. Wie gut, daß ich meine roten Haare gestern schwarz gefärbt habe! Nennt mich ja nicht Brinkley und auch nicht Cornel! Der Kerl könnte uns einen Strich durch die Rechnung machen!“

Aus diesen Worten ging hervor, daß dieser Mann der rote Cornel war.

Die beiden Ankömmlinge hatten jetzt das Haus erreicht, gerade als die Farmersfrau aus dem Stalle kam. Sie begrüßte dieselben freundlich und fragte nach ihrem Begehr. Als sie hörte, daß sie einen Arzt und dessen Famulus vor sich habe, zeigte sie sich sehr erfreut und ersuchte sie, in die Stube zu treten, die sie öffnete.

„Mesch’schurs,“ rief sie hinein, „da kommt ein hochgelehrter Arzt mit seinem Apotheker. Ich denke, daß euch die Gesellschaft dieser Herren nicht unangenehm sein wird.“

„Hochgelehrter Arzt?“ brummte der Cornel vor sich hin. „Unverschämter Kerl! Möchte ihm zeigen, was ich von ihm denke!“

Die Eintretenden grüßten, und nahmen ohne Umstände an dem Tische Platz. Der Cornel bemerkte zu seiner Genugthuung, daß er von Hartley nicht erkannt wurde. Er gab sich für einen Fallensteller aus und sagte, daß er mit seinen beiden Gefährten hinauf in die Berge wolle. Dann entspann sich ein Gespräch, währenddessen die Wirtin am Herdfeuer beschäftigt war. Über demselben hing ein Kessel, in welchem das Mittagessen kochte. Als dasselbe fertig war, trat sie vor das Haus und stieß nach der Sitte jener Gegenden in das Horn, um die Ihrigen herbeizurufen.

Diese kamen von den naheliegenden Feldern. Es war der Farmer, ein Sohn, eine Tochter und ein Knecht. Sie reichten den Gästen, besonders dem Arzte, mit aufrichtiger Freundlichkeit die Hand und setzten sich dann zu ihnen, um das Mahl, vor und nach welchem gebetet wurde, einzunehmen. Es waren einfache, unbefangene, fromme Leute, welche gegen die Smartneß eines richtigen Yankee freilich nicht aufzukommen vermochten.

Während des Essens verhielt sich der Farmer vollständig einsilbig, nach demselben brannte er sich eine Pfeife an, legte die Ellbogen auf den Tisch und sagte in erwartungsvollem Tone zu Hartley: „Nachher, Doktor, müssen wir wieder auf das Feld; jetzt aber haben wir ein wenig Zeit, mit Euch zu reden. Vielleicht kann ich Eure Kunst in Anspruch nehmen. In welchen Krankheiten seid Ihr denn bewandert?“

„Welche Frage!“ antwortete der Kurpfuscher. „Ich bin Physician und Farrier und heile also die Krankheiten aller Menschen und aller Tiere.“

„Well, so seid Ihr der Mann, den ich brauche. Hoffentlich gehört Ihr nicht zu den Schwindlern, welche als Ärzte umherziehen und alles gewesen sind und alles versprechen, aber nicht studiert haben?“

„Sehe ich etwa aus, wie so ein Halunke?“ warf sich Hartley in die Brust. „Hätte ich mein Doktor- und Magisterexamen bestanden, wenn ich nicht ein studierter Mann wäre? Hier sitzt mein Famulus. Fragt ihn, und er wird Euch sagen, daß Tausende und aber Tausende von Menschen, die Tiere gar nicht mitgerechnet, mir Gesundheit und Leben verdanken.“

„Ich glaube es, ich glaube es, Sir! Ihr kommt gerade zur richtigen Zeit. Ich habe eine Kuh im Stalle stehen. Was das heißen will, werdet Ihr wissen. Hier zu Lande kommt eine Kuh nur dann in den Stall, wenn sie schwer krank ist. Sie hat zwei Tage nichts gefressen und hängt den Kopf bis zur Erde herab. Ich gebe sie verloren.“

„Pshaw! Ich gebe einen Kranken erst dann verloren, wenn er gestorben ist! Der Knecht mag sie mir mal zeigen; dann sage ich Euch Bescheid.“

Er ließ sich nach dem Stalle führen, um die Kuh zu untersuchen. Als er zurückkam, zeigte er eine sehr ernste Miene und sagte: „Es war die höchste Zeit, denn die Kuh wäre bis heute abend gefallen. Sie hat Bilsenkraut gefressen. Glücklicherweise habe ich ein untrügliches Gegenmittel; morgen früh wird sie so gesund sein wie zuvor. Bringt mir einen Eimer Wasser, und du, Famulus, gib einmal das Aqua sylvestropolia heraus!“

Haller suchte, nachdem er den Kasten geöffnet hatte, das betreffend Fläschchen, aus welchem Hartley einige Tropfen in das Wasser goß, von dem der Kuh dreistündlich je eine halbe Gallone gegeben werden sollte. Dann kamen die menschlichen Patienten daran. Die Frau hatte einen beginnenden Kropf und erhielt Aqua sumatralia. Der Farmer litt an Rheumatismus und bekam Aqua sensationia. Die Tochter war kerngesund, doch wurde sie leicht veranlaßt, gegen einige Sommersprossen Aqua furonia zu nehmen. Der Knecht hinkte ein wenig, schon seit seinen Knabenjahren, ergriff aber die Gelegenheit, diesen Umstand durch Aqua ministerialia zu beseitigen. Zuletzt fragte Hartley auch die drei Fremden, ob er ihnen dienen könne. Der Cornel schüttelte den Kopf und antwortete: „Danke, Sir! Wir sind äußerst gesund. Und fühle ich mich je einmal unwohl, so helfe ich mir auf schwedische Weise.“

„Wieso?“

„Durch Heilgymnastik. Ich lasse mir nämlich auf der Ziehharmonika einen flotten Reel vorspielen und tanze so lange danach, bis ich in Schweiß komme. Dieses Mittel ist probat. Verstanden?“

Er nickte ihm dabei bedeutungsvoll zu. Der Heilkünstler schwieg betroffen und wandte sich von ihm ab, um den Wirt nach den nächstliegenden Farmen zu fragen. Laut des Bescheides, den er bekam, lag die nächste acht Meilen weit gegen Westen, dann eine fünfzehn Meilen nach Norden. Als der Magister erklärte, daß er unverzüglich nach der ersteren aufbrechen werde, fragte ihn der Farmer nach dem Honorare. Hartley verlangte fünf Dollar und bekam sie auch sehr gern ausgezahlt. Dann brach er mit seinem Famulus auf, welcher wieder den Kasten auf sich lud. Als sie sich so weit entfernt hatten, daß sie von der Farm aus nicht mehr gesehen werden konnten, sagte er: „Wir sind westlich gegangen, biegen aber nun nach Norden ein, denn es kann mir nicht einfallen, nach der ersten Farm zu gehen; wir suchen die zweite auf. Die Kuh war so hinfällig, daß sie wohl schon in einer Stunde stirbt. Wenn es da dem Farmer einfällt mir nachzureiten, kann es mir schlecht ergehen. Aber ein Mittagessen und fünf Dollar für zehn Tropfen Anilinwasser, ist daß nicht einladend? Ich hoffe, Ihr erkennt Euern Vorteil und tretet in meinen Dienst!“

„Die Hoffnung trügt Euch, Sir,“ antwortete Haller. „Was Ihr mir bietet, ist viel, sehr viel Geld; dafür aber hätte ich noch viel mehr Lügen zu machen. Nehmt es mir nicht übel! Ich bin ein ehrlicher Mann und will es auch bleiben. Mein Gewissen verbietet mir, auf Euern Vorschlag einzugehen.“

Er sagte das so ernst und fest, daß der Magister einsah, daß alles fernere Zureden unnütz sei. Darum sagte der letztere, indem er mitleidig mit dem Kopfe schüttelte: „Ich habe es gut mit Euch gemeint. Schade, daß Euer Gewissen ein so zartes ist!“

„Ich danke Gott, daß er mir kein andres gegeben hat. Hier habt Ihr Euern Kasten zurück. Ich möchte Euch gern erkenntlich für das sein, was Ihr an mir gethan habt, aber ich kann nicht, es ist mir unmöglich.“

„Well! Des Menschen Wille ist sein Himmelreich; darum will ich nicht weiter in Euch dringen. Aber wir brauchen uns trotzdem nicht sogleich zu trennen. Euer Weg ist fünfzehn Meilen weit, bis zu der betreffenden Farm, auch der meinige, und wir können also wenigstens bis dahin beisammen bleiben.“

Er nahm seinen Kasten wieder an sich. Die Schweigsamkeit in welche er nun verfiel, ließ vermuten, daß die Rechtlichkeit des Schreibers nicht ganz ohne Eindruck auf ihn geblieben sei. So wanderten sie nebeneinander weiter und richteten ihre Augen nur nach vorwärts, bis sie hinter sich Pferdegetrappel vernahmen. Sich umdrehend, erblickten sie die drei Männer, mit denen sie auf der Farm zusammengetroffen waren.

„Woe to me!“ entfuhr es Hartley. „Das scheint mir zu gelten. Diese Kerle wollten doch nach den Bergen! Warum reiten sie ha nicht westlich! Ich traue ihnen nicht; sie scheinen eher Strolche als Trappers zu sein.“

Er sollte bald zu seinem Leidwesen erfahren, daß er mit dieser Vermutung das Richtige getroffen hatte. Die Reiter hielten bei den beiden an, und der Cornel wendete sich in höhnischer Weise an den Quacksalber: „Master, warum habt Ihr Eure Richtung geändert? Nun wird der Farmer Euch nicht finden.“

„Mich finden?“ fragte der Yankee.

„Ja. Als Ihr fort waret, sagte ich ihm aufrichtig, was es für eine Bewandtnis mit Euern schönen Titeln hat, und er brach schleunigst auf, um Euch zu folgen und sich sein Geld wiederzuholen.“

„Unsinn, Sir!“

„Es ist nicht Unsinn, sondern die Wahrheit. Er ist nach der Farm, welche Ihr angeblich mit Eurer Gegenwart beglücken wolltet. Wir aber waren klüger als er. Wir verstehen es Fährten zu lesen und sind der Eurigen gefolgt, um Euch einen Vorschlag zu machen.“

„Wüßte nicht, welchen. Ich kenne Euch nicht, und habe nichts mit Euch zu schaffen.“

„Desto mehr aber wir mit Euch. Wir kennen Euch. Indem wir dulden, daß Ihr diese ehrlichen Farmersleute betrügt, sind wir Eure Mitschuldigen geworden, wofür es nur recht und billig ist, daß Ihr uns einen Teil des Honorares auszahlt. Ihr seid zwei, und wir sind drei Personen; also haben wir drei Fünftel des Betrags zu fordern. Ihr seht, daß wir gerecht und billig handeln. Solltet Ihr nicht einverstanden sein, so – nun, seht Euch meine Kameraden an!“

Er deutete nach den beiden andern, welche jetzt ihre Gewehre auf Hartley richteten. Dieser hielt nun alle Disputation für vergeblich. Er war völlig überzeugt, es mit richtigen Wegelagerern zu thun zu haben, und freute sich innerlich, so billig davonzukommen. Darum zog er drei Dollar aus der Tasche, hielt sie dem Cornel hin und sagte: „Ihr scheint Euch in meiner Person zu irren und Euch in Verhältnissen zu befinden, welche diesen Teil meines wohlverdienten Honorares für Euch nötig machen. Ich will Eure Forderung als Scherz gelten lassen und auf denselben eingehen. Hier sind die drei Dollar, welche nach Eurer eignen Rechnung auf Euch entfallen.“

„Drei Dollar? Seid Ihr des Teufels!“ lachte der Cornel. „Meint Ihr, daß wir Euch einer solchen Lumperei wegen nachreiten? Nein, nein! Es war nicht bloß das heutige Geld gemeint. Wir verlangen unsern Anteil von dem, was Ihr bisher überhaupt verdient habt. Ich nehme an, daß Ihr ein erkleckliches Sümmchen bei Euch tragt.“

„Sir, das ist keineswegs der Fall,“ rief Hartley erschrocken.

„Werden sehen! Wenn Ihr leugnet, muß ich Euch untersuchen. Ich denke, daß Ihr Euch das ruhig gefallen lassen werdet, denn meine Kameraden spaßen mit Ihren Büchsen nicht. Das Leben eines armseligen Harmonikaspielers ist für uns keinen Pfifferling wert.“

Er stieg vom Pferde und trat zu dem Yankee. Dieser erging sich in allen möglichen Vorstellungen, um das drohende Unheil von sich abzuwenden, doch vergebens. Die Gewehrmündungen starrten ihm so drohend entgegen, daß er sich in sein Schicksal ergab. Dabei hoffte er im stillen, daß der Cornel nichts finden werde, da er seine Barschaft sehr gut versteckt glaubte. Der jetzt schwarz gefärbte Rote untersuchte alle Taschen, fand aber nur wenige Dollar. Dann betastete er jeden Zoll breit des Anzuges, um zu fühlen, ob vielleicht etwas eingenäht sei. Das war ohne Erfolg. Nun glaubte Hartley, der Gefahr entgangen zu sein, aber der Cornel war schlau. Er ließ den Kasten öffnen und betrachtete denselben genau.

„Hm!“ meinte er. „Diese sammetne Apotheke ist so tief, daß die Fächer nicht bis auf den Boden reichen. Wollen doch einmal versuchen, ob sie sich nicht herausnehmen lassen.“

Hartley erbleichte, denn der Gauner befand sich auf der richtigen Spur. Der letztere faßte mit beiden Händen an den Zwischenwänden der Fächer und zog – – richtig, die Apotheke ließ sich aus dem Kasten heben, und unter ihr lagen mehrere Papiercouverte neben- und übereinander. Als er sie öffnete, sah er sie mit Banknoten verschiedenen Wertes gefüllt.

„Ah, hier ist der verborgene Schatz zu heben,“ lachte er vergnügt. „Habe es mir gedacht. Ein Physician und Farrier verdient ein Heidengeld, es mußte also welches vorhanden sein.“

Er griff zu, um die Couverte einzustecken. Das versetzte den Yankee in die größte Wut. Er warf sich auf ihn, um ihm das Geld zu entreißen. Da krachte ein Schuß. Die Kugel hätte ihn gewiß durchbohrt, wenn er sich nicht gerade in schneller Bewegung befunden hätte, so traf sie nur den Oberarm, dessen Knochen sie zerschmetterte. Einen Schrei ausstoßend, sank der Verwundete in das Gras.

„Recht so, Halunke!“ rief der Cornel. „Stehe wieder auf, oder sage nur ein falsches Wort, so trifft dich die zweite Kugel besser als die erste. Nun wollen wir auch den Master Famulus untersuchen.“

Er schob die Couverte in seine Tasche und trat zu Haller.

„Ich bin nicht sein Famulus; ich habe ihn erst kurz vor der Farm getroffen,“ erklärte dieser ängstlich.

„So? Wer oder was seid Ihr denn?“

Haller beantwortete diese Frage der Wahrheit gemäß. Er gab dem Cornel sogar den Empfehlungsbrief zu lesen, um die Wahrheit seiner Aussage zu beweisen. Dieser nahm Kenntnis von dem Inhalte des Schreibens, gab ihm dasselbe zurück und sagte verächtlich: „Ich glaube Euch. Wer Euch ansieht, der muß gleich beim ersten Blicke bemerken, daß Ihr ein gutehrlicher Kerl seid, der aber das Pulver nicht erfunden hat. Lauft immerhin nach Sheridan; ich habe nichts mit Euch zu schaffen.“ Und sich wieder an den Yankee wendend fuhr er fort: „Ich sprach von unsrem Anteile; da du uns aber belogen hast, so kannst du dich nicht darüber beklagen, daß wir dir das Ganze abnehmen. Gib dir Mühe, auch weiterhin gute Geschäfte zu machen. Wenn wir dich dann wieder treffen, werden wir genauer teilen.“

Hartley hatte erkannt, daß Widerstand vergeblich sei. Er gab gute Worte, um wenigstens einen Teil seines Geldes zurückzuerhalten, hatte jedoch nur den Erfolg, daß er ausgelacht wurde. Der Cornel stieg wieder zu Pferde und ritt mit seinen Gefährten und dem Raube davon, nach Norden zu, dadurch beweisend, daß er kein Trapper sei und es gar nicht in seiner Absicht gelegen habe, sich westwärts in die Berge zu wenden.

Unterwegs besprachen und belachten die Strolche das gehabte Abenteuer und kamen überein, das Geld zu teilen, ohne ihren Genossen davon zu erzählen.

Als sie nach längerer Zeit einen passenden Ort fanden, von welchem aus die ganze Gegend zu übersehen war und sie also weder gestört noch beobachtet werden konnten, stiegen sie ab, um den Raub zu zählen. Als dann jeder seinen Anteil zu sich gesteckt hatte, meinte einer der beiden Tramps zu dem Cornel: „Du hättest den andern auch durchsuchen sollen. Es sollte mich wundern, wenn er ohne Geld gewesen wäre.“

„Pshaw! Was kann man bei einem armen Schreiber finden! Einige Dollars höchstens und das lohnt die Mühe nicht.“

„Es fragt sich, ob er die Wahrheit gesagt hat und wirklich ein Schreiber war. Was stand in dem Briefe, den er dir zeigte?“

„Es war ein Empfehlungsschreiben an den Ingenieur Charoy in Sheridan.“

„Was? Wirklich?“ fuhr der Mann auf. „Und das hast du ihm wiedergegeben!“

„Ja. Was hätte dieser Wisch uns nutzen können?“

„Viel, sehr viel! Und das fragst du noch? Es liegt doch klar auf der Hand, daß dieser Brief der Ausführung unsres Planes ungeheuer förderlich hätte sein müssen. Es ist geradezu wunderbar, daß du das nicht einsiehst und nicht darauf gekommen bist. Wir haben unsre Leute zurückgelassen, um uns zunächst die Gelegenheit heimlich zu betrachten. Wir müssen die Örtlichkeit kennen lernen und auch die Kassenverhältnisse, das ist um so schwieriger, als wir uns dabei nicht sehen lassen wollen. Hätten wir aber diesem Manne den Brief abgenommen, so konnte einer von uns nach Sheridan gehen und sich für diesen Schreiber ausgeben; er wäre gewiß im Bureau beschäftigt worden, hätte Einblick in die Bücher erhalten und wäre wohl schon am ersten oder zweiten Tage im stande gewesen, uns alle notwendige Auskunft zu erteilen.“

„Teufel!“ rief der Cornel. „Das ist wahr. Wie ist’s nur möglich, daß ich nicht auf diesen Gedanken gekommen bin! Gerade du bist mit der Feder bewandert und hättest diese Rolle übernehmen können.“

„Und ich hätte sie wohl auch richtig ausgeführt. Es wären damit alle Schwierigkeiten beseitigt gewesen. Sollte es nicht noch Zeit sein, das Versäumte nachzuholen?“

„Gewiß! Natürlich ist’s noch Zeit! Wir wissen ja, wohin die beiden wollen; der Weg ist ihnen von dem Farmer angedeutet worden und führt hier vorüber. Wir brauchen also nur zu warten, bis sie kommen.“

„Ganz richtig, thun wir das! Aber es genügt nicht, dem Schreiber den Brief abzunehmen. Er würde nach Sheridan gehen und uns alles verderben. Wir müssen also ihn und den Quacksalber daran verhindern.“

„Das versteht sich ganz von selbst. Wir geben jedem eine Kugel in den Kopf und scharren sie ein. Du gehst dann mit dem Briefe nach Sheridan, suchst alles Nötige zu erfahren und gibst uns Nachricht davon.“

„Aber wo und wie?“

„Wir zwei reiten zurück und holen die andern. Du wirst uns dann in der Gegend finden, wo die Bahn über den Eagle-tail geht. Genau können wir die Stelle vorher nicht bestimmen. Ich werde Vorposten in der Richtung nach Sheridan aufstellen, auf welche du unbedingt treffen mußt.“

„Schön. Aber wenn nun meine Entfernung auffällt und Verdacht erweckt?“

„Hm, darauf müssen wir uns freilich gefaßt machen. Aber wir können es umgehen, indem du nicht allein gehst, sondern den Faller mitnimmst. Du gibst an, ihn unterwegs getroffen zu haben, und er sagt, daß er an dem Bahnbaue Beschäftigung suche.“

„Vortrefflich!“ stimmte der zweite Tramp bei, welcher Faller hieß. „Arbeit werde ich sofort bekommen, und wenn nicht, so ist es mir desto lieber, da ich dann Zeit habe, die Botschaft nach dem Eagle-tail zu bringen.“

Der Plan wurde noch weiter besprochen und die Ausführung desselben beschlossen. Dann warteten die drei auf die Annäherung des Quacksalbers und seines Gefährten. Aber es vergingen Stunden, ohne daß dieselbe erfolgte. Es war anzunehmen, daß sie ihre ursprüngliche Richtung verändert hatten, um nicht etwa abermals mit den drei Tramps zusammenzutreffen. Diese faßten daher den Entschluß zurückzureiten und der neuen Spur zu folgen.

Was nun die beiden Männer betrifft, welche von dieser neuen Gefahr bedroht wurden, so hatte der Yankee sich zunächst von dem Schreiber notdürftig verbinden lassen. Der Oberarm war schwer verletzt, und es stellte sich für den Verwundeten die Notwendigkeit heraus, einen Ort aufzusuchen, an welchem er wenigstens für die ersten Tage Pflege finden konnte. Dies war die Farm, nach welcher sie sich wenden wollten. Da aber die Tramps dieselbe Richtung eingeschlagen hatten, meinte der Yankee:

„Wollen wir ihnen nochmals in die Hände laufen? Wir müssen gewärtig sein, daß sie bedauern, uns nicht unschädlich gemacht zu haben, und dann, wenn wir wieder auf sie treffen, das Versäumte nachholen. Mein Geld haben sie; aber mein Leben möchte ich ihnen nicht auch noch hinterdrein tragen. Suchen wir uns also eine andre Farm!“

„Wer weiß, wie spät wir eine solche finden,“ sagte Haller. „Werdet Ihr eine so lange Wanderung aushalten?“

„Ich denke es. Ich bin ein so kräftiger Kerl, daß wir wohl an Ort und Stelle sein werden, ehe das Wundfieber eintritt. Auf alle Fälle hoffe ich, daß Ihr mich nicht vorher verlasset.“

„Gewißlich nicht. Solltet Ihr unterwegs liegen bleiben, so suche ich Leute auf, welche Euch zu sich holen werden. Nun wollen wir aber keine Zeit verlieren. Wohin wenden wir uns?“

„Nach Norden, wie vorher, nur etwas weiter rechts. Der Horizont ist dort dunkel, es scheint da also Wald oder Busch zu geben, und wo Bäume sind, da ist auch Wasser, was ich zur Kühlung meiner Wunde notwendig brauche.“

Haller nahm den Kasten auf und die beiden verließen die Unglücksstelle. Die Vermutung des Yankee bewährte sich. Sie gelangten nach einiger Zeit in eine Gegend, wo es zwischen grünem Buschwerk ein Wasser gab, an welchem der erste Verband erneuert wurde. Hartley schüttete alle seine gefärbten Tropfen weg und füllte die Phiolen mit reinem Wasser, um unterwegs den Verband nach Bedarf befeuchten zu können. Dann brachen sie wieder auf.

Sie kamen über eine Prairie von so kurzem Grase, daß die Fußspuren kaum zu erkennen waren. Es gehörte das Auge eines sehr erfahrenen Westmannes dazu, um bestimmen zu können, ob die Fährte von einem oder von zwei Menschen verursacht worden sei. Nach längerer Zeit sahen sie die Linie des Horizonts wieder dunkel vor sich liegen, ein Zeichen, daß sie sich abermals einer waldigen Stelle näherten. Als der Yankee sich jetzt zufällig einmal umdrehte, erblickte er hinter sich mehrere Punkte, welche sich bewegten. Es waren ihrer drei, und so kam ihm sofort die Überzeugung, daß die Tramps umgekehrt seien; es galt also das Leben. Ein andrer hätte den Schreiber auf die Verfolger aufmerksam gemacht; Hartley aber that das nicht; er setzte den Weg mit verdoppelter Schnelligkeit fort, und als Haller sich über diese plötzliche Eile wunderte, stellte er ihn durch den ersten besten plausiblen Grund zufrieden.

Reiter kann man natürlich weiter sehen als Fußgänger. Die Entfernung der Reiter war eine solche, daß Hartley annehmen konnte, daß er und sein Begleiter von den Tramps noch nicht bemerkt worden seien. Hierauf gründete er den Plan zu seiner Rettung. Er sagte sich, daß Widerstand vergeblich sein werde; wurden sie ereilt, so waren sie beide verloren. Höchstens war für einen von ihnen die Möglichkeit, sich zu retten, vorhanden, dann aber mußte der andre geopfert werden und dieser andre sollte natürlich der Schreiber sein, er durfte nicht erfahren, welche Gefahr ihm drohe. Darum schwieg der schlaue Yankee. Er fühlte sein Gewissen, daß er seinen Gefährten dem Verderben überliefere, nicht im mindesten beschwert, da derselbe ja auf jeden Fall verloren war.

So ging es schnell weiter und weiter, bis sie das Gehölz erreichten, welches aus dichtem Buschwerke bestand, über welchem sich die Wipfel von einzelnen Hickorys, Eichen, Walnußbäumen und Wasserulmen erhoben. Es war nicht tief, zog sich aber lang ausgedehnt nach rechts hinüber. Als sie dasselbe durchschritten hatten und den jenseitigen Rand erreichten blieb der Yankee stehen und sagte: „Master Haller, ich habe mir überlegt, wie beschwerlich ich Euch falle. Ihr wollt nach Sheridan und habt meinetwegen vom geraden Weg abweichen müssen. Wer weiß, ob und wann wir in der jetzigen Richtung eine Farm finden; da könnt Ihr Euch tagelang mit mir herumquälen, während es doch ein höchst einfaches Mittel gibt, diese Aufopferung ganz unnötig zu machen.“

„So? Welches denn?“ fragte Haller ahnungslos.

„Ihr geht in Gottes Namen weiter, und ich kehre nach der Farm zurück, von welcher ich kam, ehe ich Euch heute traf.“

„Das kann ich nicht zugeben; es ist zu weit.“

„Ganz und gar nicht. Ich bin erst westlich gegangen und dann mit Euch gerade nördlich, also im rechten Winkel. Wenn ich diesen abschneide, habe ich von hier aus nicht ganz drei Stunden zu gehen, und so lange halte ich es sehr gut aus.“

„Meint Ihr? Nun gut; aber ich gehe mit. Ich habe versprochen, Euch nicht zu verlassen.

„Und ich muß Euch dieses Versprechens entbinden, da ich Euch nicht in Gefahr bringen darf.“

„Gefahr?“

„Ja. Die Pflanzersfrau ist nämlich, wie sie mir erzählte, die Schwester des Sheriffs von Kinsley. Werdet Ihr von dort aus verfolgt, so ist hundert gegen eins zu wetten, daß der Sheriff auf dieser Farm vorspricht. Ihr würdet ihm also gerade in die Hände laufen.“

„Das werde ich freilich bleiben lassen,“ meinte Haller erschrocken. „Wollt Ihr denn wirklich hin?“

„Ja; es ist das beste für mich und auch für Euch.“

Er stellte ihm die Vorteile dieses Entschlusses in so aufrichtiger und eindringlicher Weise vor, daß der arme Schreiber endlich in die Trennung willigte. Sie schüttelten sich die Hände, sprachen gegenseitig die besten Wünsche aus und trennten sich dann. Haller ging weiter, auf die offene Prairie hinaus. Hartley sah ihm nach und meinte dabei zu sich selbst: „Der Kerl kann mir leid thun, aber es geht nicht anders. Blieben wir zusammen, so wäre er auch verloren, und ich müßte mit ihm sterben. Nun aber ist’s hohe Zeit für mich. Wenn sie ihn einholen und nach mir fragen, wird er ihnen sagen, wohin ich bin, also da nach rechts hinüber. Ich mache mich also nach links davon und suche mir einen Ort, an welchem ich mich verstecken kann.“

Er war kein Jäger oder Fallensteller, aber er wußte, daß er keine Fährte zurücklassen dürfe, und hatte auch zuweilen gehört, wie man es machen müsse, um eine Spur zu verwischen. Indem er in die Büsche eindrang, suchte er sich solche Stellen aus, welche keine Fußeindrücke aufnahmen. War ja ein solcher zu bemerken, so glich er ihn hinter sich mit der Hand wieder aus. Dabei war ihm freilich seine Verwundung hinderlich und ebenso der Kasten, den er wieder an sich genommen hatte. Er kam also nur sehr langsam weiter, traf aber zu seinem Glücke bald auf eine Stelle, auf welcher die Büsche so dicht standen, daß sie für das Auge undurchdringlich waren. Er arbeitete sich hinein, legte den Kasten ab und setzte sich darauf. Kaum war das geschehen, so hörte er die Stimmen der drei Reiter und den Schritt ihrer Pferde. Sie ritten vorüber, ohne zu bemerken, daß die Spur von jetzt an eine nur einfache war.

Der Yankee schob die Zweige nach der betreffenden Richtung auseinander; er konnte hinaus auf die Prairie blicken. Da draußen ging Haller. Die Tramps sahen ihn, und ließen ihre Pferde in Galopp fallen. Jetzt hörte er sie, drehte sich um und blieb erschrocken stehen. Bald hatten sie ihn erreicht; sie sprachen mit ihm; er deutete ostwärts; jedenfalls sagte er ihnen, daß der Yankee in dieser Richtung nach der Farm zurückgekehrt sei. Dann krachte ein Pistolenschuß und Haller stürzte nieder.

„Es ist geschehen,“ murmelte Hartley. „Wartet nur, ihr Halunken! Vielleicht begegne ich euch einmal, und dann sollt ihr diesen Schuß bezahlen! Bin neugierig, was sie nun thun werden.“

Er sah, daß sie abstiegen, und sich mit dem Erschossenen beschäftigten. Dann standen sie beratend bei einander, bis sie wieder zu Pferde stiegen, wobei der Cornel den Ermordeten zu sich quer über den Sattel nahm. Zum Erstaunen des Yankee kam dieser zurück, während seine beiden Gefährten nicht mit ihm umkehrten, sondern weiter ritten. Als der Cornel das Buschwerk erreichte, drängte er sein Pferd ein Stück in dasselbe hinein und ließ dann die Leiche herabfallen; sie lag nun so, daß man sie von außerhalb des Gebüsches nicht sehen konnte, gar nicht weit von Hartley entfernt. Hierauf zog der Reiter sein Pferd zurück und ritt fort, wohin, das konnte Hartley nicht sehen; er hörte den Hufschlag noch kurze Zeit, dann wurde es still.

Den Yankee überkam ein Grauen. Fast bereute er es jetzt, den Schreiber nicht gewarnt zu haben. Er war Zeuge der entsetzlichen That gewesen, nun lag die Leiche fast in seiner unmittelbaren Nähe; er hätte sich gern davon machen mögen, wagte es aber nicht, da er annehmen mußte, daß der Cornel nach ihm suchen werde. Es verging eine Viertelstunde und noch eine, da beschloß er, die grausige Stelle zu verlassen. Vorher sah er noch einmal hinaus auf die Prairie; da erblickte er etwas, was ihn veranlaßte, noch in seinem Verstecke zu bleiben.

Ein Reiter, welcher ein lediges Pferd neben her führte, kam von rechts her über die Prairie geritten. Er stieß auf die Spur der beiden Tramps und hielt an, um abzusteigen. Nachdem er sich sorgfältig nach allen Richtungen umgeschaut hatte, bückte er sich nieder, um die Spur zu untersuchen. Dann schritt er, während die Pferde ihm freiwillig folgten, auf derselben zurück bis an die Stelle, an welcher der Mord geschehen war. Hier blieb er wieder halten, um sie zu betrachten. Erst nach längerer Zeit richtete er sich wieder auf und kam näher. Die Augen auf den Boden geheftet, folgte er der Spur des Cornels. Etwa fünfzig Schritte vom Gebüsch entfernt, blieb er stehen, stieß einen eigentümlichen Kehllaut aus und deutete mit dem Arme nach dem Gesträuch. Das schien dem Reitpferde zu gelten, denn dieses entfernte sich von ihm, schlug einen kurzen Bogen nach den Büschen und kam dann am Rande derselben her, die Luft in die weit geöffneten Nüstern ziehend. Da es kein Zeichen von Unruhe gab, fühlte der Reiter sich befriedigt und kam nun auch herbei.

Jetzt sah der Yankee, daß er einen Indianer vor sich hatte. Derselbe trug ausgefranste Leggins und ein ebenso an den Nähten mit Fransen und Stickereien versehenes Jagdhemd. Die kleinen Füße staken in Mokassins. Sein langes schwarzes Haar war in einen helmartigen Schopf geordnet, aber mit keiner Adlerfeder versehen. Um den Hals hing eine dreifache Kette von Bärenkrallen, die Friedenspfeife und der Medizinbeutel. In der Hand hielt er ein Doppelgewehr, dessen Schaft mit vielen silbernen Nägeln beschlagen war. Sein Gesicht, matt hellbraun mit einem leisen Bronzehauch, hatte fast römischen Schnitt, und nur die ein wenig hervorstehenden Backenknochen erinnerten an den Typus der amerikanischen Rasse.

Eigentlich war die Nähe eines Roten ganz geeignet, den Yankee, welcher überhaupt nicht zum Helden geboren war, mit Angst zu erfüllen. Aber je länger dieser letztere in das Gesicht des Indianers blickte, um so mehr kam es ihm vor, als ob er sich vor diesem Mann nicht zu fürchten brauche. Derselbe hatte sich auf vielleicht zwanzig Schritte genähert. Das Pferd war noch weiter herbeigekommen, während das andre sich hinter dem Reiter hielt. Jetzt – es hob schon den kleinen Vorderhuf, um weiter zu schreiten, da stieg es vorn empor und warf sich mit einem lauten, auffälligen Schnauben zurück; es hatte einen von dem Yankee oder dem Toten kommenden Luftzug gespürt. Der Indianer that im Nu einen wahren Panthersatz zur Seite und verschwand, mit ihm auch das zweite Pferd. Hartley konnte sie nicht mehr sehen.

Er verhielt sich lange, lange stille und bewegungslos, bis ein halb unterdrückter Laut an sein Ohr drang. „Uff!“ diese Silbe hatte er gehört, und als er das Gesicht nach der betreffenden Seite wendete, sah er den Indianer über der Leiche des Schreibers knieen und dieselbe mit Augen und Händen untersuchen. Dann kroch der Rote zurück und war wohl eine Viertelstunde lang nicht zu sehen, bis der Yankee erschrocken zusammenfuhr, denn hart neben ihm erklangen die Worte: „Warum sitzt das Bleichgesicht hier versteckt? Warum tritt es nicht hervor, um sich dem Blicke des roten Kriegers zu zeigen? Will es etwa nicht sagen, wohin die drei Mörder des andern Bleichgesichtes entwichen sind?“

Als Hartley mit dem Kopfe herumfuhr, sah er den Indianer, das blanke Bowiemesser in der Hand, neben sich knieen. Die Worte desselben bewiesen, daß er die Fährte richtig gelesen und höchst scharfsinnig beurteilt hatte. Er hielt nicht den Yankee für den Mörder; das beruhigte diese, und er antwortete: „Ich versteckte mich vor ihnen. Zwei sind fort, in die Prairie hinaus; der dritte warf die Leiche hier ab, und ich blieb stecken, weil ich nicht weiß, ob er fort ist oder nicht.“

„Er ist fort. Seine Spur führt durch den Busch und dann noch Osten.“

„So ist er nach der Farm, um mich zu verfolgen. Aber ist er auch wirklich nicht mehr da?“

„Nein. Mein weißer Bruder und ich sind die einzigen lebenden Menschen, welche sich hier befinden. Er mag heraus ins Freie kommen und mir erzählen, was geschehen ist.“

Der Rote sprach sehr gut englisch. Was er sagte und wie er es sagte, flößte dem Yankee Vertrauen ein; darum weigerte sich der letztere nicht, der Aufforderung zu folgen. Er kroch aus dem Dickicht hervor und sah, als er das Gebüsch hinter sich hatte, daß die beiden Pferde eine ziemliche Strecke abwärts angepflockt waren. Der Rote betrachtete den Weißen mit einem Blicke, welcher alles zu durchdringen schien, und sagte dann: „Von Süden her sind zwei Männer auf ihren Füßen gekommen; der eine versteckte sich hier, und der bist du; der andre ging weiter, in die Prairie hinaus. Da kamen drei Reiter, welche diesem andern folgten; sie schossen ihm eine Pistolenkugel in den Kopf. Zwei ritten fort. Der dritte nahm die Leiche auf das Pferd, ritt an das Gebüsch, warf sie hinein und jagte dann ostwärts im Galopp von dannen. Ist es so?“

„Ja, genau so,“ nickte Hartley.

„So magst du mir sagen, warum man deinen weißen Bruder erschossen hat. Wer bist du, und warum befindest du dich in dieser Gegend? Sind es auch die drei Männer gewesen, welche deinen Arm verwundet haben?“ Der freundliche Ton, in welchem diese Fragen ausgesprochen wurden, bewies dem Yankee, daß der Rote ihm wohlgesinnt sei und keinerlei Verdacht gegen ihn hege. Er beantwortete die ihm vorgelegten Fragen. Der Indianer sah ihn dabei nicht an; dann aber fragte er plötzlich mit einem durchbohrenden Blicke: „So hat dein Gefährte dein Leben mit dem seinigen bezahlen müssen?“

Der Yankee schlug die Augen nieder und antwortete beinahe stockend: „Nein. Ich bat ihn, sich mit mir zu verstecken; aber er wollte nicht.“

„So, hast du ihm gezeigt, daß die Mörder hinter euch her kamen?“

„Ja.“

„Und ihm auch gesagt, daß du dich hier verbergen wolltest?“

„Ja.“

„Warum hat er da den Mörder, als dieser nach dir fragte, ostwärts nach der Farm gewiesen?“

„Um ihn zu täuschen.“

„So hat er dich retten wollen und war ein wackerer Kamerad. Bist du seiner wert gewesen? Nur der große Manitou weiß alles; mein Auge kann nicht in dein Inneres dringen. Könnte es das, so würdest du dich vielleicht vor mir schämen müssen; ich will schweigen; dein Gott mag dein Richter sein. Kennst du mich?“

„Nein,“ antwortete Hartley kleinlaut.

„Ich bin Winnetou, der Häuptling der Apachen. Meine Hand richtet sich gegen die bösen Menschen, und mein Arm schützt jeden, der ein gutes Gewissen hat. Ich werde nach deiner Wunde sehen; noch notwendiger als das aber ist, zu erfahren, warum die Mörder umgekehrt sind, um euch zu folgen. Weißt du es?“

Hartley hatte schon oft von Winnetou gehört. Nun er wußte, daß dieser berühmte Häuptling vor ihm stehe, antwortete er in doppelt höflichem Tone: „Ich habe es dir bereits gesagt. Sie wollten uns auf die Seite schaffen, damit wir nicht verraten konnten, daß sie mich beraubt haben.“

„Nein. Wäre es bloß das, so hätten sie euch sofort getötet. Es muß etwas andres sein, was ihnen erst später eingefallen ist. Hatten sie dich genau durchsucht?“

„Ja.“

„Und dir alles abgenommen? Auch deinem Gefährten?“

„Nein. Er sagte ihnen, daß er ein armer Flüchtling sei, und bewies es ihnen, indem er ihnen den Brief zeigte.“

„Einen Brief? Haben sie denselben behalten?“

„Nein; er bekam ihn zurück.“

„Wo steckte er ihn hin?“

„In die Brusttasche seines Rockes.“

„Da befindet er sich nicht mehr. Ich habe in alle Taschen des Toten gegriffen und keinen Brief gefunden; sie haben ihm denselben hier abgenommen. Also ist es dieses Schreiben, welches sie bewogen hat, umzukehren und euch einzuholen.“

„Schwerlich!“ meinte Hartley kopfschüttelnd.

Der Indianer antwortete nicht darauf. Er holte die Leiche aus dem Gebüsch und untersuchte die Taschen noch einmal. Der Tote bot einen gräßlichen Anblick, nicht etwa zufolge der Kugelwunde, sondern weil man sein Gesicht mit Messern kreuz und quer zerschnitten hatte, so daß es ganz unkenntlich geworden war. Die Taschen waren leer. Natürlich hatte man auch sein Gewehr mitgenommen.

Der Indianer blickte sinnend in das Weite; dann sagte er im Tone tiefster Überzeugung: „Dein Kamerad wollte nach Sheridan; zwei von den Mördern sind nordwärts geritten, in der Richtung dieses Ortes; sie wollen auch dorthin. Warum haben sie ihm den Brief abgenommen? Weil sie denselben brauchen, sich desselben bedienen wollen. Warum haben sie das Gesicht des Toten entstellt? Damit man ihn nicht erkennen soll. Man soll nicht wissen, daß Haller tot ist; er darf nicht gestorben sein, weil einer der Mörder in Sheridan sich für Haller ausgeben will.“

„Aber zu welchem Zwecke?“

„Das weiß ich nicht, werde es aber erfahren.“

„So willst du auch hin, ihnen nach?“

„Ja. Ich wollte nach dem Smocky-hill-fluß, und Sheridan liegt in der Nähe desselben; wenn ich nach diesem Orte reite, wird mein Weg dadurch nicht viel größer und länger werden. Diese Bleichgesichter haben etwas Schlimmes vor, was sie dort ausführen wollen. Vielleicht ist es mir möglich, es ihnen zu nichte zu machen. Geht mein weißer Bruder mit?“

„Ich wollte eine nahe Farm aufsuchen, um meinen Arm zu pflegen. Freilich möchte ich noch lieber nach Sheridan. Vielleicht erhalte ich dort das geraubte Geld zurück.“

„So wirst du mit mir reiten.

„Aber meine Verwundung!“

„Ich werde sie untersuchen. Auf der Farm hat mein weißer Bruder zwar Pflege, aber keinen Arzt; in Sheridan aber wird es einen solchen geben. Auch versteht sich Winnetou auf Behandlung der Wunden. Er kann zersplitterte Knochen wieder fest machen und besitzt ein ausgezeichnetes Mittel gegen das Wundfieber. Zeige mir jetzt deinen Arm!“

Schon der Schreiber hatte dem Yankee den Frackärmel aufgetrennt; es fiel also dem letzteren nicht schwer, seinen Arm zu entblößen. Winnetou untersuchte denselben und erklärte, daß die Wunde nicht so schlimm sei, als es den Anschein habe. Die Kugel hatte, da der Schuß aus so großer Nähe abgegeben worden war, den Knochen nicht zersplittert, sondern glatt durchschlagen. Der Rote holte eine getrocknete Pflanze aus seiner Satteltasche, befeuchtete sie und legte sie auf die Wunde; dann schnitt er zwei Holzschienen zurecht und verband mit Hilfe derselben den Arm so kunstgerecht, wie ein Wundarzt es mit den gegebenen Mitteln auch nicht besser fertig gebracht hätte. Dann erklärte er: „Mein Bruder kann getrost mit mir reiten. Das Fieber wird gar nicht kommen, oder doch erst dann, wenn er sich längst in Sheridan befindet.“

„Aber wollen wir nicht erst zu erfahren suchen, was der dritte Mörder thut?“ fragte Hartley.

„Nein. Er sucht nach dir, und wenn er deine Spur findet, so wird er umkehren und den beiden andern folgen. Vielleicht thut er das nicht, sondern er hat noch andre Verbündete, welche er vorher aufsucht, um mit ihnen nach Sheridan zu reiten. Ich komme aus bewohnten Gegenden und habe erfahren, daß sich in Kansas viele von den Bleichgesichtern, welche Tramps genannt werden, zusammenziehen. Es ist möglich, daß die Mörder zu diesen Leuten gehören, daß die Tramps einen Streich gegen Sheridan beabsichtigen. Wir dürfen keine Zeit verlieren; wir müssen schnell hin, um die dortigen Weißen zu warnen.“

„Aber wenn dieser dritte Feind nach hier zurückkehrt, wird er unsre Spur finden und aus ihr ersehen, daß wir seinen Freunden gefolgt sind? Muß er da nicht Verdacht schöpfen?“

„Wir folgen ihnen nicht. Winnetou weiß, wohin sie wollen, und braucht also ihre Fährte nicht. Wir reiten einen andern Weg.“

„Und wann werden wir nach Sheridan kommen?“

„Ich weiß nicht, wie mein Bruder reitet.“

„Nun, ein Kunstreiter bin ich freilich nicht. Ich habe noch wenig im Sattel gesessen, aber abwerfen lasse ich mich nicht.“

„So dürfen wir nicht stürmen, werden das aber durch Stetigkeit einholen. Wir reiten von jetzt an die ganze Nacht hindurch und werden am Morgen am Ziele sein. Diejenigen, denen wir folgen, werden des Nachts Lager machen und also später als wir ankommen.“

„Und was geschieht hier mit der Leiche des armen Haller?“

„Wir werden sie begraben, und mein Bruder mag dann ein Gebet sprechen.“

Die Erde war locker, und so wurde, obgleich nur die Messer gebraucht werden konnten, recht bald eine leidlich tiefe Grube fertig, in welche die beiden den Toten legten, um ihn dann mit der aufgeworfenen Erde zu bedecken. Hierauf nahm der Yankee den Hut ab und faltete die Hände. Ob er dabei wirklich betete, war zu bezweifeln. Der Apache blickte ernst in die untergehende Sonne. Es war, als ob sein Auge jenseits des Westens die ewigen Jagdgründe suche. Er war ein Heide, aber er betete ganz gewiß. Dann schritten sie zu den Pferden.

„Mein weißer Bruder mag mein Tier nehmen,“ sagte der Rote „Es hat einen sanften Gang, gleich und eben wie ein Kanoe im Wasser. Ich nehme das ledige.“

Sie stiegen auf und ritten fort, erst eine Strecke westlich, um dann nach Norden einzubiegen. Die Pferde hatten gewiß schon einen weiten Weg gemacht, schritten aber so munter und rüstig aus, als ob sie eben erst von der Weide gekommen seien. Die Sonne sank tiefer und tiefer; endlich verschwand sie hinter dem Horizonte; die kurze Dämmerung ging schnell vorüber, und dann wurde es finstere Nacht. Das machte den Yankee bange.

„Wirst du dich bei dieser Finsternis nicht verirren?“

„Winnetou verirrt sich nie, weder bei Tag noch bei Nacht. Er ist wie der Stern, welcher sich stets an der richtigen Stelle befindet, und kennt alle Gegenden des Landes so genau, wie das Bleichgesicht die Räume seines Hauses kennt.“

„Aber es gibt so viele Hindernisse, welche man nicht sehen kann!“

„Winnetous Augen sehen auch des Nachts. Und was er nicht bemerken kann, wird seinem Pferde sicher nicht entgehen. Mein Bruder reite nicht neben, sondern hinter mir, so wird sein Tier keinen falschen Schritt thun.“

Es war, auch wirklich fast wunderbar, mit welcher Sicherheit Pferd und Reiter sich bewegten. Bald im Schritt, bald im Trabe, oft sogar galoppierend, wurde Stunde um Stunde zurückgelegt und jedes Hindernis umgangen. Es waren sumpfige Stellen zu vermeiden und Bäche zu durchwaten; man kam an Farmen vorüber; stets wußte Winnetou, wo er sich befand, und nicht einen einzigen Augenblick lang schien er im Zweifel über die Örtlichkeit zu sein. Das beruhigte den Yankee ungemein. Er war besonders seines Armes wegen besorgt gewesen; aber das Wundkraut war von außerordentlicher Wirkung. Er fühlte fast gar keinen Schmerz und hatte sich über nichts als nur die Unbequemlichkeit des ungewohnten Reitens zu beklagen. Einigemal wurde angehalten, um die Pferde trinken zu lassen und den Verband mit kühlendem Wasser zu benetzen. Nach Mitternacht zog Winnetou ein Stück Fleisch hervor, welches Hartley essen mußte. Sonst gab es keine Unterbrechung, und als die zunehmende Kühle den Morgen verkündete, sagte sich der letztere, daß er recht gut im stande sei, noch länger im Sattel zu sitzen.

Nun graute der Osten, doch waren die Linien des Terrains noch nicht zu erkennen, da ein dicker Nebel auf der Erde lag.

„Das sind die Nebel des Smocky-hill-flusses,“ erklärte der Häuptling. „Wir werden ihn bald erreichen.“

Es war ihm anzuhören, daß er hatte weiter sprechen wollen, aber er hielt sein Pferd an und lauschte nach links hinüber, von wo taktmäßiger Hufschlag sich näherte. Das mußte von einem galoppierenden Reiter sein. Richtig, da kam er heran und flog vorüber, ventre à terre, blitzesschnell wie ein Phantom. Die beiden hatten weder ihn noch sein Pferd gesehen; nur sein dunkler, breitkrempiger Hut, welcher über dem dichten, am Boden hinkriechenden Nebelschwaden hervorragte, war für einen Augenblick sichtbar gewesen. Einige Sekunden später war der Hufschlag schon nicht mehr zu hören.

„Uff!“ rief Winnetou überrascht. „Ein Bleichgesicht! So, wie dieser Mann ritt, können nur zwei Weiße reiten, nämlich Old Shatterhand, aber dieser befindet sich nicht hier, da ich oben am Silbersee mit ihm zusammentreffen will, der zweite ist Old Firehand. Sollte er sich jetzt in Kansas befinden? Sollte er es gewesen sein?“

„Old Firehand?“ meinte der Yankee. „Das ist ein hochberühmter Westmann.“

„Er und Old Shatterhand sind die besten und tapfersten, auch erfahrensten Bleichgesichter, welche Winnetou kennt. Er ist ihr Freund.“

„Der Mann schien es sehr notwendig zu haben. Wohin mag er wollen?“

„Nach Sheridan, denn seine Richtung ist die unsrige. Links liegt der Eagle-tail und vor uns befindet sich die Furt, welche über den Fluß führt. Wir werden sie in wenigen Minuten erreichen. Und in Sheridan werden wir erfahren, wer dieser Reiter gewesen ist.“

Die Nebel begannen, sich zu zerteilen; sie wurden vom Morgenwinde auseinander getrieben, und bald sahen die beiden den Smocky-hill-fluß vor sich liegen. Auch hier bewährte sich die außerordentliche Ortskenntnis des Apachen. Er erreichte das Ufer genau an der Stelle, an welcher sich die Furt befand. Das Wasser reichte den Pferden hier kaum bis an den Leib, so daß der Übergang ein leichter und ganz ungefährlicher war.

Jenseits angekommen, hatten die Reiter ein Gebüsch, welches sich am Ufer hinzog, zu durchqueren und ritten dann wieder durch offenes Grasland, bis Sheridan, ihr Ziel, sich ihren Augen zeigte.

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Dreizehntes Kapitel

Edelmut Old Shatterhands.

Es war an demselben Morgen, als an dem Bache, welchem gestern abend die Utahs mit ihren Gefangenen gefolgt waren, ein Reitertrupp aufwärts ritt. An der Spitze desselben befand sich Old Firehand mit der Tante Droll. Hinter ihnen ritten Humply-Bill und der Gunstick-Uncle mit den englischen Lord; kurz, es waren die Weißen alle, welche das bereits erzählte Abenteuer am Eagle-tail erlebt hatten und dann nach den Bergen aufgebrochen waren, um nach dem Silbersee zu gelangen. In Denver war Butler, der Ingenieur, mit Ellen, seiner Tochter, zu ihnen gestoßen. Er hatte sich von der Farm seines Bruders direkt dorthin begeben, da es nicht seine Absicht hätte sein können, sein Kind den Gefahren eines abermaligen Zusammentreffens mit den Tramps auszusetzen. Das Mädchen, welches sich auf keinen Fall von dem Vater hatte trennen mögen und ihm zuliebe mit in die Wildnis ging, saß in einer Art von Sänfte, welche von zwei kleinen, aber ausdauernden indianischen Ponies getragen wurde.

Winnetou war jetzt nicht zu sehen, da er als Kundschafter, wozu er sich außerordentlich eignete, voranritt. Zufälligerweise hatte der Weg, welcher von ihm und Old Firehand vorgezeichnet worden war, den Trupp nach dem Walde und über die Blöße geführt, auf welcher Old Shatterhand und seine Begleiter mit den Utahs zusammengetroffen waren. Die beiden Anführer waren erfahren und scharfsinnig genug, die Spuren lesen zu können; sie hatten gesehen, daß Weiße von den Indianern gefangen genommen worden seien, und waren sofort bereit gewesen, der Fährte zu folgen, um vielleicht Hilfe zu bringen.

Sie ahnten nicht, daß von den Utahs das Kriegsbeil ausgegraben worden sei. Sowohl Winnetou als auch Old Firehand wußten sich mit diesem Stamme in tiefstem Frieden, und beide waren überzeugt, bei demselben eine freundliche Aufnahme zu finden und ein gutes Wort für die gefangenen Weißen einlegen zu dürfen.

Wo die Roten ihr Lager aufgeschlagen hatten, wußten sie nicht genau; aber sie kannten den See, und da die Umgebung desselben sich prächtig zum Kampieren eignete, so glaubten sie, die Utahs dort zu finden. Trotz der vorausgesetzten freundlichen Gesinnung wäre es ganz und gar gegen den Gebrauch des Westens gewesen, sich ihnen zu zeigen, ohne sie vorher beobachtet zu haben. Darum war Winnetou vorangeritten, um zu rekognoszieren. Eben als der Trupp die Stelle, an welcher die Ufer des Baches auseinander traten, um die Ebene zu bilden, erreicht hatte, kehrte der Apache zurück. Er kam im Galopp geritten und winkte schon von weitem, daß man anhalten solle. Das war kein gutes Zeichen, und darum fragte Old Firehand, als Winnetou vollends herangekommen war: „Mein Bruder will uns warnen. Hat er die Utahs gesehen?“

„Ich sah sie und ihr Lager.“

„Und Winnetou durfte sich ihnen nicht zeigen?“

„Nein, denn sie haben das Beil des Krieges ausgegraben.“

„Woran war das zu erkennen?“

„Aus den Farben, mit denen sie sich bemalt hatten, und auch daraus, daß ihrer so viele beisammen sind. Die roten Krieger vereinigen sich zu so vielen nur im Kriege und zur Zeit der großen Jagden. Da wir uns nicht in der Jahreszeit der Büffelzüge befinden, kann es nur das Schlachtbeil sein, um welches sich so viele geschart haben.“

„Wie groß ist ihre Zahl?“

„Winnetou konnte das nicht genau sehen. Es standen wohl dreihundert am See, und in den Zelten werden sich wohl auch welche befunden haben.“

„Am See? So viele? Was hat es da gegeben? Vielleicht ein großes Fischtreiben?“

„Nein. Beim Treiben der Fische bewegen die Menschen sich vorwärts; diese aber standen still und blickten ruhig in das Wasser.“

„Alle Teufel! Sollte das etwa eine Exekution bedeuten? Sollte man die Weißen in das Wasser geworfen haben, um sie zu ertränken?“

Diese Vermutung Old Firehands bewegte sich auf nicht ganz falscher Fährte, denn der Apache hatte die Utahs in dem Augenblicke beobachtet, in welchem das Wettschwimmen begonnen hatte. Winnetou antwortete mit solcher Zuversicht, als ob er mit am See gestanden und alles beobachtet hätte: „Nein, man will sie nicht ertränken; aber es gilt ein Schwimmen um das Leben.“

„Hast du Grund, das zu vermuten?“

„Ja. Winnetou kennt die Gebräuche seiner roten Brüder, und Old Firehand ist mit denselben auch so gut bekannt, daß er mir beistimmen wird. Die Utahs tragen die Kriegsfarben und betrachten die bei ihnen befindlichen Weißen also als Feinde. Dieselben sollen getötet werden. Aber der rote Mann läßt seinen Feind nicht schnell sterben, sondern er martert ihn langsam zu Tode; er wirft ihn nicht in das Wasser, um ihn rasch zu ertränken, sondern er gibt ihm einen überlegenen Gegner, mit welchem er um das Leben schwimmen muß. Da der Gegner stets besser schwimmt als das Bleichgesicht, so ist der Weiße unbedingt verloren. Man läßt ihn schwimmen, nur um sein Sterben, seine Todesangst zu verlängern.“

„Das ist richtig, und ich bin also ganz deiner Ansicht. Wir haben die Spuren von erst vier und dann zwei Weißen gezählt; das sind sechs. Man wird sie nicht alle schwimmen lassen, sondern jeden auf eine andre Art um sein Leben kämpfen lassen. Wir müssen uns beeilen, sie zu retten.“

„Wenn mein weißer Bruder das thut, so wird er sich nur beeilen, selbst zu sterben.“

„Nun, das muß gewagt werden. Ich baue darauf, daß ich mich gegen die Utahs niemals feindlich gezeigt habe.“

„Darauf darfst du dich nicht verlassen. Haben sie das Kriegsbeil gegen die Weißen ausgegraben, so behandeln sie ihren besten Freund als Feind, wenn er ein Bleichgesicht ist; sie würden auch deiner nicht schonen.“

„Aber die Häuptlinge würden mich schützen!“

„Nein. Der Utah ist nicht treu und aufrichtig, und kein Häuptling dieses Volkes hat auf seine Krieger den Einfluß, welcher dich zu retten vermöchte. Wir dürfen uns nicht zeigen.“

„Aber du darfst doch zu ihnen gehen!“

„Nein, denn ich weiß nicht, ob sie das Beil nicht auch gegen andre rote Nationen geschliffen haben.“

„Dann sind diese sechs Weißen aber doch rettungslos verloren!“

„Mein Bruder mag das nicht glauben. Ich habe zwei Gründe, welche dagegen sprechen.“

„Nun, erstens?“

„Erstens habe ich bereits gesagt, daß die Gefangenen der roten Männer nur langsam sterben dürfen; es ist aber noch früh am Morgen, und wir haben also noch Zeit, das Lager zu beobachten. Vielleicht erfahren wir mehr, als wir jetzt wissen, und dann können wir leichter einen Entschluß fassen.“

„Und zweitens?“

Der Apache machte ein äußerst pfiffiges Gesicht, als er antwortete: „Es befindet sich bei den Bleichgesichtern ein Mann, welcher sich und die Seinigen nicht so leicht töten läßt.“

„Wer?“

„Old Shatterhand.“

„Was!“ fuhr der Jäger auf. „Old Shatterhand, mit welchem du droben am Silbersee zusammentreffen willst? Sollte er wirklich schon hier sein?“

„Old Shatterhand ist so pünktlich wie die Sonne oder ein Stern am Himmel.“

„Hast du ihn gesehen?“

„Nein.“

„Wie willst du da behaupten, daß er sich hier befindet!“

„Ich weiß es bereits seit gestern.“

„Ohne es mir zu sagen?“

„Schweigen ist oft besser als sprechen. Hätte ich gestern gesagt, wessen Gewehr auf der Blöße gesprochen hat, so würdet Ihr nicht ruhig geblieben sein, sondern viel schneller vorwärts gedrängt haben.“

„Sein Gewehr hat gesprochen? Woher weißt du das?“

„Als wir den Waldessaum und das Gras der Lichtung absuchten, fand ich ein Bäumchen mit Kugellöchern. Die Kugeln stammen aus Old Shatterhands Wunderbüchse; ich weiß das genau. Er hat die roten Männer erschrecken wollen, und sie fürchten sich nun vor seinem Gewehre.“

„Hättest du mir das Bäumchen gezeigt! Hm! Wenn Old Shatterhand sich unter diesen Weißen befindet, so braucht uns allerdings nicht allzu bange zu sein. Ich kenne ihn; ich weiß, was er leistet, und welchen Respekt die Indianer für ihn hegen. Was sollen wir thun? Was schlägst du uns vor?“

„Meine Freunde werden mir jetzt folgen und dabei einzeln hintereinander reiten, damit die Utahs, wenn sie ja auf unsre Fährte treffen sollten, nicht zählen können, wieviel Personen wir sind. Howgh!“

Er wendete sein Pferd nach rechts und ritt weiter, ohne zu fragen, ob Old Firehand ihm beistimme, und ohne sich umzuschauen, ob man ihm folge.

Die Ufer des Baches waren, wie schon gesagt, auseinander getreten, um als erst niedriger und dann immer mehr ansteigender Höhenzug die Ebene des Sees einzusäumen. Die Ebene war baumlos, aber die Höhen standen voller Wald, welcher bis zum Fuße derselben herniederstieg und dann einen lichten Saum von Büschen bildete. Hinter diesen Büschen und unter den Bäumen Schutz und Deckung suchend, folgte Winnetou der Höhe rechts, welche die nördliche Seite der Ebene begrenzte und dann im Westen an jenen Bergstock stieß, dessen Wasser den See speiste.

Auf diese Weise umritten die Weißen die Ebene von dem östlichen bis zu dem westlichen Punkte derselben, wo sie an den Bach gelangten und, einige hundert Schritte vom See entfernt, sich unter Bäumen befanden, zwischen denen hindurch sie auf das Lager sehen konnten. Dort stiegen sie ab. Doch banden sie ihre Pferde nicht an; es behielt vielmehr ein jeder die Zügel des seinigen in der Hand, und Winnetou verschwand, um die Umgebung abzusuchen. Er kehrte sehr bald zurück und meldete, daß er nichts Verdächtiges gefunden habe. Es war kein Utah heute an diesen Ort gekommen. Nun erst band man die Pferde an und lagerte sich in das weiche Moos. Der Platz war wie dazu gemacht, das Lager heimlich und dabei mit aller Gemütlichkeit zu beobachten.

Man sah die Utahs vor demselben stehen nach Süden hin. Dann erblickte man zwei Männer, welche sich von dem Haufen trennten und aus Leibeskräften südwärts rannten. Old Firehand nahm sein Fernrohr vor das Auge, sah hindurch und rief: „Ein Wettlauf zwischen einem Roten und einem Weißen! Der Rote ist schon weit voran und wird siegen. Der Weiße ist ein sehr kleiner Kerl.“

Er gab dem Apachen das Rohr. Kaum hatte dieser den kleinen Weißen vor das Glas bekommen, so fuhr er auf: „Uff! Das ist der Hobble-Frank! Dieser kleine Held muß um sein Leben laufen und kann den Roten unmöglich überholen.“

„Der Hobble-Frank, von dem du uns erzählt hast?“ fragte Old Firehand. „Wir dürfen die Hände nicht in den Schoß legen; wir müssen einen Entschluß fassen!“

„Jetzt noch nicht,“ meinte der Apache. „Noch hat es keine Gefahr. Old Shatterhand ist ja bei ihm.“

Die Bäume standen so, daß man nicht das ganze Terrain des Wettlaufes zu übersehen vermochte. Die beiden Läufer waren rechts verschwunden; man erwartete ihre Rückkehr und war natürlich überzeugt, daß der Rote zuerst erscheinen werde. Wie erstaunte man aber, als an Stelle dessen der Kleine erschien, ganz gemächlich gehend, als ob es sich um einen Spaziergang handle.

„Der Frank zuerst!“ rief Old Firehand. „Wie ist das möglich!“

„Durch List,“ antwortete Winnetou. „Er hat gesiegt, und wir werden es erfahren, wie er es angefangen hat. Hört ihr, wie die Utahs zornig schreien! Sie entfernen sich; sie kehren in das Lager zurück. Und seht, dort stehen vier Bleichgesichter; ich kenne sie.“

„Ich auch,“ rief Droll. „Old Shatterhand, der lange Davy, der dicke Jemmy und dieser kleine Hobble-Frank.“

Diese Namen erregten allgemeines Aufsehen. Einige kannten einen oder mehrere der Genannten persönlich; die andern hatten genugsam von ihnen gehört, um ihnen das größte Interesse zu widmen. Die Bemerkungen flogen hin und her, bis Winnetou zu Old Firehand sagte: „Sieht mein Bruder jetzt, daß ich recht hatte? Unsre Freunde haben ihre Waffen noch; es kann also nicht gefährlich um sie stehen.“

„Einstweilen noch, ja; aber wie bald kann sich das ändern. Ich schlage vor, ganz offen hinzureiten.“

„Will mein Bruder hin, so mag er es thun; ich aber bleibe hier,“ antwortete der Apache in sehr bestimmtem Tone. „Old Shatterhand kennt die Verhältnisse und weiß, was er thut; wir aber kennen sie nicht und würden ihn vielleicht in der Ausführung seines Planes stören. Bleibt hier, ich werde so weit wie möglich vordringen, um zu erfahren, was geschieht.“

Er behielt das Fernrohr in der Hand und verschwand zwischen den Bäumen. Es verging eine lange halbe Stunde; da kehrte er zurück und meldete: „Es gibt mitten im Lager einen Zweikampf. Die Utahs stehen so eng beisammen, daß ich die Kämpfenden nicht sehen konnte; aber den Hobble-Frank sah ich. Er zog die Pferde heimlich und vorsichtig hinter das Zelt und gab ihnen die Decken. Die Weißen wollen fort.“

„Und heimlich? Also fliehen?“ fragte Old Firehand. „So postieren wir uns hier an den Weg und nehmen sie auf oder gehen ihnen gar entgegen.“

„Keins von beiden,“ entgegnete der Apache kopfschüttelnd.

„Meine Ansichten scheinen heute bei meinem roten Bruder stets auf Widerspruch zu stoßen!“

„Old Firehand mag nicht zürnen, sondern nachdenken. Was werden die Roten thun, wenn die Weißen fliehen?“

„Sie werden dieselben verfolgen.“

„Wenn man vier oder sechs Männer verfolgt, wie viele Krieger braucht man dazu?“

„Nun, zwanzig bis dreißig.“

„Gut! Diese werden wir sehr leicht besiegen. Wenn wir uns aber den Utahs zeigen, wird der ganze Stamm hinter uns her sein, und dann muß viel Blut fließen.“

„Du hast recht, Winnetou. Aber wir können die Roten doch nicht blind machen. Sie werden unsre Zahl sehr bald aus der Fährte erkennen.“

„Sie werden die Fährte betrachten, welche vor ihnen ist, aber nicht diejenige, welche sich hinter ihnen befindet.“

„Ach, du meinst, daß wir ihnen folgen?“

„Ja.“

„Ohne daß wir uns Old Shatterhand zeigen?“

„Wir werden mit ihm sprechen, aber nur du und ich. Horch! Was ist das?“

Vom Lager her erscholl ein fürchterliches Geheul, und gleich darauf sah man vier Reiter im Galopp aus demselben kommen. Es waren die Weißen. Sie schlugen die Richtung nach dem obern Ende des Sees ein, hatten also die Absicht, den Bach zu erreichen und an demselben aufwärts zu reiten.

„Da kommen sie,“ sagte Winnetou. „Old Firehand mag mir folgen. Meine andern weißen Brüder aber müssen mit den Pferden schnell tiefer in den Wald hinein und dort warten, bis wir zurückkehren. Sie mögen unsre Pferde mitnehmen.“

Er nahm Old Firehand bei der Hand und zog ihn mit sich fort, immer am hohen Ufer des Baches entlang, unter den Bäumen hin, bis an eine Stelle, von welcher aus man das Lager sehen konnte, ohne von dort aus bemerkt zu werden. Da blieben sie stehen.

Old Shatterhand kam schnell näher. Er hielt sich mit seinen Begleitern nahe am Wasser, ritt also unten, während der Apache und Old Firehand oben standen. Als er die Stelle erreichte, erklang es von oben herab: „Uff! Meine weißen Brüder mögen hier halten bleiben.“

Die vier parierten ihre Pferde und blickten nach oben.

„Winnetou, Winnetou!“ riefen sie zugleich.

„Ja, es ist Winnetou, der Häuptling der Apachen,“ antwortete er. „Und hier steht noch einer, welcher ein Freund meiner weißen Brüder ist.“

Er zog den gewaltigen Jäger hinter einem Baume hervor.

„Old Firehand!“ rief Old Shatterhand. „Du hier, du! Ich muß hinauf, dich zu begrüßen! Oder komm herab!“

Trotz der Gefahr, in welcher er sich befand, machte er Miene, vom Pferde zu springen.

„Halt, bleib!“ wehrte ihm Old Firehand ab. „Auch ich darf nicht zu dir.“

„Warum?“

„Die Utahs, welche dir folgen werden, dürfen von unsrer Gegenwart nichts ahnen.“

„Ach! Seid ihr allein?“

„Nein. Wir sind wohl vierzig Jäger, Rafters und sonstige Westmänner. Du wirst gute Bekannte bei uns finden. Jetzt ist es nicht Zeit zum Erzählen. Wo wolltest du hin?“

„Nach dem Silbersee.“

„Wir auch. Reitet jetzt weiter. Sobald eure Verfolger vorüber sind, kommen wir auch und nehmen sie in die Mitte.“

„Recht so!“ rief Old Shatterhand. „Welch eine Freude und welch ein Glück, euch hier zu treffen! Aber wenn wir auch keine langen Reden halten können, so müßt ihr doch in Kürze erfahren, was geschehen ist. Könnt ihr von da oben aus das Lager sehen?“

„Ja.“

„So paßt auf, damit ich nicht überrumpelt werde. Ich will euch das Nötigste erzählen.“

Die Freude dieser Männer über das Zusammentreffen war gewiß groß; aber die Verhältnisse verboten es, ihr Worte zu verleihen und dabei Zeit zu verschwenden. Man machte sich gegenseitig in kurzer Weise die nötigen Mitteilungen, welche der geübte Scharfsinn dieser Leute sehr leicht zu ergänzen vermochte. Als man damit zu Ende war, ergriff Winnetou das Wort, indem er Old Shatterhand fragte: „Mein weißer Bruder kennt die tiefe Schlucht, welche von den Bleichgesichtern Night-Canon genannt wird?“

„Ja; ich bin ja mit dir mehrere Male dort gewesen.“

„Sie ist von hier aus in fünf Stunden zu erreichen. Sie erweitert sich in ihrer Mitte zu einem runden Platze, dessen Wände, die niemand zu ersteigen vermag, bis zum Himmel zu reichen scheinen. Erinnert Old Shatterhand sich dieser Stelle?“

„Sehr gut.“

„Bis dorthin mag mein weißer Bruder reiten. Ist er durch diese runde Stelle gekommen, so mag er sich jenseits derselben festsetzen. Die Schlucht ist da so schmal, daß kaum zwei Reiter einander ausweichen können. Er bedarf seiner Gefährten gar nicht und kann allein mit seiner Zauberflinte mehrere hundert Utahs aufhalten. Wenn sie dort angekommen sind, so können sie weder vorwärts noch rückwärts, denn wir werden schnelle hinter ihnen sein. Es bleibt ihnen nur die Wahl, sich bis auf den letzten Mann erschießen zu lassen oder sich zu ergeben.“

„Gut, wir werden diesem Rate folgen. Aber sagt mir nur vor allen Dingen noch das eine: Warum reitet ihr zu so vielen hinauf an den Silbersee?“

„Das will ich dir sagen,“ antwortete Old Firehand. „Es gibt da oben eine äußerst reiche Silbermine, aber in so wasserloser Gegend, daß die Ausbeutung derselben eine Unmöglichkeit ist, falls es uns nicht gelingt, Wasser zu schaffen. Da ist mir der Gedanke gekommen, das Wasser des Silbersees hinzuleiten. Gelingt uns das, so nehmen wir Millionen aus der Mine. Ich habe einen Ingenieur mit, welcher die technischen Punkte erst zu begutachten und, im Falle des Glückes, dann auszuführen hat.“

Über Old Shatterhands Gesicht flog ein undefinierbares Lächeln, als er bemerkte: „Eine Mine? Wer hat sie entdeckt?“

„Ich selbst war mit dabei.“

„Hm! Leite den See nach dieser Mine, so machst du ein doppeltes Geschäft.“

„Wieso?“

„Auf dem Grunde desselben liegen Reichtümer, gegen welche deine Silberader die reinste Armut ist.“

„Ah! Meinst du den Schatz im Silbersee?“

„Allerdings.“

„Was weißt du davon?“

„Mehr, als du denkst. Du wirst es später erfahren, wenn mehr Zeit als jetzt dazu ist. Aber du selbst sprichst von diesem Schatze. Von wem hast du darüber erfahren?“

„Von – – na, auch davon später. Mache dich fort! Ich sehe Indianer aus dem Lager kommen.“

„Hierher?“

„Ja, zu Pferde.“

„Wie viele?“

„Fünf.“

„Pshaw! Sie sind nicht zu fürchten; aber ihr dürft euch doch nicht vor ihnen sehen lassen. Es ist die Avantgarde, welche uns nicht aus den Augen lassen soll; das Gros wird jedenfalls bald folgen. Also vorwärts! Auf Wiedersehen im Nachtcanon!“

Er gab seinem Pferde die Fersen und ritt mit den drei Begleitern davon. Old Firehand und Winnetou duckten sich nieder, um die fünf Utahs zu beobachten. Sie kamen heran und ritten, die Blicke aufmerksam nach vorn und gegen die Erde gerichtet, vorüber, ohne zu ahnen, was für gefährliche Leute sich in der Nähe befanden.

Nun kehrten die beiden zu ihren Leuten zurück. Diese hatten sich in den Wald zurückgezogen und befanden sich nahe der Einmündung des Baches in den See. Old Firehand wollte ihnen mitteilen, was er mit Old Shatterhand besprochen hatte; da fiel sein Auge auf mehrere Utahfrauen, welche sich dem Ufer des Sees näherten; sie trugen die zum Angeln nötigen Gerätschaften in den Händen. Er machte Winnetou auf sie aufmerksam und sagte: „Wenn man diese Squaws belauschen könnte, so würde man über die Absicht ihrer Krieger vielleicht etwas erfahren.“

„Winnetou wird es versuchen, wenn sie nahe genug herankommen,“ antwortete der Apache.

Ja, sie kamen nahe genug herbei. Sie wollten nicht im See, sondern in der Mündung des Baches fischen. Dort setzten sie sich unter Büschen nebeneinander ans Ufer hin, warfen die Angeln aus und sprachen miteinander. Sie schienen es gar nicht zu wissen oder wenigstens sich nicht daran zu kehren, daß der Angler nicht sprechen darf. Winnetou wand sich wie eine Schlange zu ihnen hin und legte sich hinter die Büsche, an denen sie saßen. Es war unterhaltend, sie und zugleich auch ihn beobachten zu können. So lag er wohl über eine Viertelstunde und kehrte dann zurück, um zu melden: „Wenn diese Squaws nicht besser schweigen lernen, werden sie niemals eine Forelle fangen. Sie haben mir alles gesagt, was ich wissen wollte.“

„Und was war das?“ wurde er gefragt.

„Die fünf Krieger, welche an uns vorüberritten, sollen die Fährte Old Shatterhands deutlicher machen, und in kurzer Zeit werden fünfzig andre folgen, angeführt von dem „großen Wolfe“.“

„So ist er unverletzt?“

„Ja. Der Hieb Old Shatterhands hat ihm die rechte Hand gelähmt und seinen Atem ins Stocken gebracht. Dieser ist ihm zurückgekehrt und die Hand hindert ihn nicht, die Verfolgung selbst zu leiten. Old Shatterhand soll erschossen werden, damit er den Navajos nichts über die Absichten der Utahs verraten kann. Diese letzteren zerstreuen sich heute in der ganzen Gegend, um zu jagen und Fleisch zu machen, denn morgen soll das Lager abgebrochen werden.“

„Wohin wird es verlegt?“

„Die Frauen und Kinder ziehen zu den Alten in die Berge, wo sie sicher sind; die Krieger aber folgen dem „großen Wolfe“ nach, um den Versammlungsplatz aller Utahstämme aufzusuchen.“

„Wo ist derselbe?“

„Das schienen die Squaws nicht zu wissen. Mehr konnte ich nicht erfahren; es ist aber für das, was wir vorhaben, genug.“

„So können wir nichts thun, als warten, bis der „große Wolf“ mit seinem Truppe vorüber ist. Daß er fünfundfünfzig Männer mit sich nimmt, zeigt uns, welchen Respekt er vor Old Shatterhand hat. Eine solche Überzahl gegen vier Weiße!“

„Old Shatterhand ist mein Freund und Schüler,“ meinte Winnetou stolz. „Er hat fünfundfünfzig nicht zu fürchten.“

Nun legte man sich auf die Lauer, bis wohl nach einer Stunde der „große Wolf“ mit seinen Leuten kam. Sie ritten vorüber, ohne einen Blick unter die Bäume zu werfen. Ihr Aussehen war ein höchst kriegerisches. Sie waren ohne Ausnahme mit Schießgewehren bewaffnet. Der Häuptling trug die rechte Hand in einer Binde. Sein Gesicht war noch dicker bemalt als am Morgen. Von seinen Schultern hing der mit Federn geschmückte Kriegsmantel auf den Rücken des Pferdes nieder; aber der Kopf trug nicht mehr den Schmuck der Adlerschwingen. Er war besiegt worden und wollte diese Auszeichnung erst wieder anlegen, wenn er seine Rache befriedigt hatte. Seine besten Leute ritten die besten Pferde, welche sich im Lager befunden hatten.

Zehn Minuten später folgte der kühne Winnetou ganz allein und nach abermals zehn Minuten brachen die andern auf.

Von einem wirklichen Wege war natürlich keine Rede. Man ritt immer am Wasser aufwärts. Dieses hatte im Frühjahre während des Hochwassers an den Ufern gefressen. Losgerissene Steine und Stämme lagen überall, und man kam infolgedessen nur sehr langsam vorwärts, besonders da die Sänfte nur schwer über solche Hindernisse zu bringen war. Als man dann die Lehne des Berges hinter sich hatte, wurde es besser. Die größte Steigung war überwunden, und je weniger Fall das Wasser hatte, desto weniger zerstört war die Umgebung des Baches.

Was die Fährte betrifft, welcher man folgte, so konnte dieselbe gar nicht deutlicher sein. Da Old Shatterhand solche Verbündete gefunden hatte, hielt er es nicht mehr für nötig, für eine unlesbare Spur zu sorgen. Die ihm folgenden fünf Utahs waren mit Absicht so geritten, daß ihre Hufeindrücke leicht zu sehen waren, und da der „große Wolf“ keinen Feind hinter sich wußte, war es ihm nicht eingefallen, Vorsicht anzuwenden. Die Richtung nach dem Nachtcanon führte an der schmalsten Stelle der Elk Mountains quer über das Gebirge. Als man sich oben befand, wurde der Bach verlassen; es ging mitten durch Urwald, welcher kein Unterholz hatte. Die weit auseinander stehenden Stämme vereinigten ihre Kronen zu einer so dichten Laubdecke, daß nur an einzelnen Stellen ein Sonnenstrahl durchzudringen vermochte. Der Boden war moderig und weich und zeigte die Fährte tief eingeschnitten.

Einige Male näherte man sich dem Apachen so, daß man ihn zu sehen bekam. Seine Haltung war eine sehr unbesorgte. Er wußte, daß die Utahs ihre Aufmerksamkeit wohl schwerlich hinter sich richteten.

Zehn Uhr war es gewesen, als Old Firehand mit seinen Leuten vom See aufgebrochen war. Bis ein Uhr ging es fast nur durch Wald und dann über eine Buschprairie, was den Weißen sehr lieb sein mußte. Wäre die Prairie offen gewesen, so hätte man viel größere Abstände nehmen müssen. Das grasige Land senkte sich oft zu Thal, um drüben wieder emporzusteigen, dann kam wieder Wald, aber nicht für lange Zeit, denn schon nach wenigen Minuten erreichte man den jenseitigen Saum desselben. Dort hielt der Apache, um seine Gefährten zu erwarten. Warum er nicht weiterritt, diese Frage beantwortete er nicht durch Worte, sondern dadurch, daß er vorwärts zeigte.

Ein Anblick wirklich ganz einziger Art bot sich den Weißen. Man hatte das Gebiet des Elkgebirges hinter und dasjenige des Grand-River mit seinen Canons vor sich. Von rechts, von links und von da, wo die Reiter hielten, senkten sich drei schwarze, schiefe Felsenebenen wie riesige, unten zusammenstoßende Schiefertafeln gegeneinander. Die Neigung derselben war so stark und ihre Fläche so glatt, daß man unmöglich im Sattel bleiben konnte. Es war fast schaurig, bis auf den tiefen Grund, den man doch erreichen mußte, zu blicken. Von beiden Seiten, da wo die Riesentafeln zusammenstießen, floß ein Wasser abwärts, aber ohne einen Baum, einen Busch oder auch nur einen Halm zu nähren. Unten vereinigten sich die beiden Wasser, um in einem Felsenspalt zu verschwinden, welcher die scheinbare Breite eines Lineales besaß.

„Das ist der Night-Canon,“ erklärte Old Firehand, indem er auf diese Spalte deutete. „Er trägt diesen Namen, weil er so tief und schmal ist, daß das Licht der Sonne nicht hinabzudringen vermag und es in seiner Tiefe selbst am hellen Tage fast Nacht ist; daher der Name Nachtcanon. Man reitet da um die Mittagszeit in einer ziemlichen Dämmerung. Und seht da unten!“

Er zeigte abwärts, dahin, wo das Wasser im Spalt verschwand. Dort bewegten sich kleine Gestalten; Reiter waren es, so klein, daß sie dem Beobachter kaum bis an die Kniee zu reichen schienen. Das waren die Utahs, welche soeben im Felsenspalt verschwanden.

Dieser war fast senkrecht in eine gigantische Steinmauer gerissen, über welcher eine weite, weite Ebene lag, die von nebelfernen Bergriesen, dem Bookgebirge, abgeschlossen wurde. Die Tante Droll blickte in die Tiefe und sagte zu dem schwarzen Tom: „Da solle wir ’nunter? Das kann doch nur een Schieferdecker fertig bringe! Das is ja de reene Lebensgefährlichkeet, wenn’s nötig is! Wennste dich hersetzt, und ich geb‘ dir eenen Schwupps, so kannste bis ’nunter Schlitte fahre.“

„Und doch müssen wir hinab,“ meinte Old Firehand. „Steigt ab, und nehmt eure Pferde bei den Zügeln, aber kurz. Wir müssen es allerdings gerade wie beim Schlittenfahren machen, wenn es einen Berg hinabgeht. Da man kein Schleifzeug und keinen Hemmschuh hat, kann man nur dadurch hemmen, daß man im Zickzack abwärts fährt. So auch wir jetzt, immer herüber und hinüber.“

Dieser Rat wurde befolgt, und es zeigte sich, daß derselbe gut war. In gerader Richtung wäre man schwerlich ohne verschiedene Schiffbrüche hinabgekommen; der Abstieg nahm weit über eine halbe Stunde in Anspruch. Ein wahres Glück, daß die Utahs so ahnungslos waren! Hätten sie ihre Verfolger bemerkt und sich im Felsenspalt festgesetzt, so wäre es ihnen ein Leichtes gewesen, sie während dieses langsamen Abstieges, ohne alle Gefahr für sich, einen nach dem andern wegzuputzen.

Endlich war man unten und ordnete sich zum Eindringen in den Canon, welcher hier so schmal war, daß neben dem Wasser nur zwei Reiter Platz fanden. Voran war natürlich wieder Winnetou. Ihm folgte Old Firehand, neben welchem jetzt der Lord ritt. Dann kamen die Jäger und nachher die Rafters, welche den Ingenieur und seine Tochter zwischen sich nahmen. Der Trupp war seit dem Eagletail dadurch größer geworden, daß sich Watson, der Schichtmeister, mit noch mehreren Arbeitern angeschlossen hatte.

Gesprochen durfte nicht werden, da jeder Laut in diesem Spalte viel weiter als im Freien zu hören war. Der Hufschlag der Pferde konnte zum Verräter werden; darum war Winnetou abgestiegen und, während sein Pferd von einem Rafter geführt wurde, auf seinen weichen Mokassins den Gefährten vorangegangen.

Es war wie ein Ritt durch die Unterwelt. Vor und hinter sich den engen Spalt, unter sich den starren, steinbesäeten Felsen und das dunkle, unheimliche Wasser und rechts und links die gerade aufstrebenden Felsenwände, welche so hoch waren, daß sie den Himmel nicht sehen ließen, sondern oben zusammenzustoßen schienen. Die Luft wurde, je weiter man eindrang, desto kälter und schwerer, und das Tageslicht verwandelte sich in Dämmerung.

Und lang war der Canon, ewig lang! Zuweilen wurde er ein wenig breiter, so daß er Raum für fünf oder sechs Reiter bot; dann traten die Wände wieder so eng zusammen, daß man vor Angst, erdrückt zu werden, laut hätte aufschreien mögen. Sogar den Pferden war es nicht geheuer; sie schnaubten ängstlich und strebten schnell vorwärts, um aus dieser Enge erlöst zu werden.

Eine Viertelstunde verging und noch eine; da – – unwillkürlich blieben alle halten – – gab es einen Krach, als ob zehn Kanonen zugleich abgeschossen worden seien.

„Um Gottes willen, was war das?“ fragte Butler, der Ingenieur. „Stürzen vielleicht die Felsen ein?“

„Ein Flintenschuß,“ antwortete Old Firehand. „Der Augenblick ist da. Je ein Mann für drei Pferde bleibt zurück; die andern vor. Absteigen!“

Im Nu waren über dreißig Mann, jeder die Büchse in der Hand, auf den Füßen, um ihm zu folgen. Schon nach wenigen Schritten sahen sie Winnetou stehen, den Rücken ihnen zugekehrt und die Silberbüchse nach vorwärts zum Schusse angelegt.

„Die Waffen nieder, sonst spricht meine Zauberbüchse!“ ertönte eine gewaltige Stimme; man wußte nicht, woher, ob von oben hernieder oder aus dem Erdboden heraus.

„Nieder die Waffen!“ donnerte es abermals in der Sprache der Utahs, daß in dem engen Spalte aus den wenigen Silben ein ganzes Gewittergrollen wurde. Dann fielen schnell aufeinander drei Schüsse. Man hörte, daß sie aus einem und demselben Laufe kamen. Das mußte der Henrystutzen Old Shatterhands sein, dessen Knall hier allerdings die Stärke eines Kanonenschusses hatte. Gleich darauf blitzte auch die Silberbüchse Winnetous auf. Die Getroffenen schrieen, und dann folgte ein Geheul, als ob alle Scharen der Hölle losgelassen seien.

Old Firehand hatte den Apachen erreicht und konnte nun sehen, was und wen er vor sich hatte. Der Spalt erweiterte sich auf eine kurze Strecke und bildete einen Raum, welchen man am besten ein Felsengemach nennen konnte. Es war von rundlicher Gestalt und so groß, daß vielleicht hundert Reiter in demselben Platz finden konnten. Das Wasser lief am linken Rande desselben hin. Auch hier herrschte Dämmerung; doch konnte man die Schar der Utahs sehen.

Die fünf vorausgesandten Krieger hatten einen großen Fehler begangen. Sie waren hier halten geblieben, um die Ihrigen zu erwarten. Hätten sie das nicht gethan, so wären die jenseits postierten vier Weißen gezwungen gewesen, sie anzureden, und sie hätten wohl rückwärts fliehen können, um die Ihrigen zu warnen. Da sie aber so lange gewartet hatten, bis diese nachkamen, so waren sie nun alle eingeschlossen. Drüben stand Old Shatterhand mit dem erhobenen Henrystutzen, und neben ihm kniete der Hobble-Frank, damit Davy und Jemmy über ihn hinwegschießen könnten. Die Roten hatten ihre Waffen auf die Aufforderung des ersteren nicht sofort gesenkt, und darum waren die Schüsse gefallen. Fünf tote Utahs lagen am Boden. Die andern konnten kaum an Gegenwehr denken; sie hatten genug zu thun, ihre Pferde zu bändigen, welche durch den außerordentlichen Wiederhall der Schüsse scheu geworden waren.

„Werft die Waffen weg, sonst schieße ich wieder!“ ertönte Old Shatterhands Stimme abermals.

Und von der andern Seite her erschallte es: „Hier steht Old Firehand. Ergebt euch, wenn ihr euer Leben retten wollt!“

Und neben diesem rief der Apache: „Wer kennt Winnetou, den Häuptling der Apachen? Wer sein Gewehr gegen ihn erhebt, der verliert seinen Skalp. Howgh!“

Waren die Utahs der Meinung gewesen, den Feind nur vor sich zu haben, so sahen sie jetzt, daß ihnen der Rückweg auch verschlossen war. Dort stand die mächtige Gestalt Old Firehands und die stolz-schlanke des berühmten Apachenhäuptlings. Neben ihnen hielt, da sonst kein Raum vorhanden war, die Tante Droll mit angeschlagenem Gewehr im Wasser, und zwischen diesen dreien sah man verschiedene Gewehrläufe ragen.

Kein einziger der Utahs wagte, sein Gewehr wieder zu erheben. Sie starrten nach vorn und nach hinten und wußten nicht, was sie thun sollten.

Widerstand leisten wäre ihr Verderben gewesen, das sahen sie ein; aber sich so schnell und ohne alle Verhandlung ergeben, das widerstrebte ihnen. Da sprang Droll aus dem Wasser, schritt bis zum Häuptling vor, hielt ihm den Lauf des Gewehres an die Brust und rief ihm zu: „Wirf das Gewehr weg, sonst drücke ich los!“

Der „große Wolf“ hielt den Blick starr auf die dicke, fremdartige Gestalt geheftet, als ob er ein Gespenst vor sich sehe; die Finger seiner Rechten öffneten sich und ließen das Gewehr fallen.

„Den Tomahawk auch und das Messer!“

Der Häuptling griff in den Gürtel, nahm die beiden genannten Waffen heraus und warf sie fort.

„Binde deinen Lasso los!“

Auch diesem Befehle gehorchte der „große Wolf“. Droll nahm den Lasso und band mit demselben die Füße des Häuptlings unter dem Bauche seines Pferdes zusammen. Dann nahm er dieses letztere beim Zügel, führte es auf die Seite und rief dem Gunstick-Uncle, welcher hinter Old Firehand stand, zu: „Komm her, Onkel, und fessele ihm die Hände!“

Der Uncle kam steif und gravitätisch herbeigeschritten und antwortete: „An den Gürtel will ich hinten – – ihm die beiden Hände binden.“

Er schwang sich hinter dem „großen Wolf“ auf das Pferd, machte seine Worte zur That und sprang dann wieder ab. Es war, als habe der Häuptling gar nicht gewußt, was mit ihm vorging; er befand sich wie im Traume. Sei Beispiel wirkte. Die Seinen ergaben sich nun auch in ihr Schicksal; sie wurden ebenso entwaffnet und gebunden wie er, und das ging außerordentlich schnell von statten, da alle Weißen nur darauf bedacht waren, zu thun, was der Augenblick erforderte.

Gern hätte der Hobble-Frank Winnetou begrüßt; Davy und Jemmy hatten ganz dasselbe Verlangen; aber man durfte jetzt nicht an solche Herzensangelegenheiten denken, sondern mußte die Erledigung derselben für später aufheben. Es galt vor allen Dingen aus dem Canon zu kommen. Darum wurde, als der letzte Rote gebunden war und man die erbeuteten Waffen aufgelesen hatte, sofort der Weiterritt angetreten. Voran ritten die Jäger, dann kamen die Roten, und den Beschluß bildeten die Rafters. Winnetou und Old Firehand ritten mit Old Shatterhand voran. Sie hatten ihm still die Hand gegeben, die einzige Begrüßungsart, welche sie einstweilen für nötig hielten. Gerade vor den Gefangenen ritten zwei, welche sich viel näher standen, als sie dachten, nämlich die Tante Droll und der Hobble-Frank. Keiner sagte ein Wort zu dem andern. Nach einiger Zeit nahm Droll die Füße aus den Steigbügeln, stieg im Reiten auf den Rücken des Pferdes und setzte sich verkehrt in den Sattel.

„Heavens! Was soll das heißen?“ fragte Frank. „Wollt Ihr Komödie spielen, Sir? Vielleicht seid Ihr in einem Cirkus als Clown angestellt gewesen?“

„Nein, Master,“ antwortete der Dicke. „Ich habe nur die Gewohnheit, die Festtage so zu feiern, wie sie fallen.“

„Wie meint Ihr das?“

„Ich setze mich verkehrt, weil es uns sonst verkehrt gehen kann. Denkt doch daran, daß hinter uns fünfzig Rote reiten; da kann leicht etwas geschehen, woran man nicht gedacht hat. Ich behalte sie in dieser Stellung im Auge und habe den Revolver in der Hand, um ihnen, wenn’s nötig ist, eine Pille zu geben. Wenn Ihr gescheit seid, so macht es auch so!“

„Hm! Was Ihr sagt, ist sehr richtig. Mein Pferd wird es nicht übelnehmen; ich drehe mich auch um.“

Einige Sekunden später saß auch er verkehrt im Sattel, um die Roten beaufsichtigen zu können. Es ging nun gar nicht anders, als daß diese beiden possierlichen Reiter einander oft ansehen mußten; dabei wurden ihre Blicke immer freundlicher; sie gefielen einander offenbar. Das ging so eine Weile, ohne daß dabei ein Wort fiel, bis endlich der Hobble-Frank nicht länger zu schweigen vermochte. Er begann: „Nehmt mir’s nicht übel, wenn ich Euch nach Eurem Namen frage. So wie Ihr da neben mir sitzet, habe ich Euch schon gesehen.“

„Wo denn?“

„In meiner Einbildung.“

„Alle Wetter! Wer hätte geahnt, daß ich in Eurer Einbildung lebe! Wieviel Mietzins habe ich da zu bezahlen, und wie steht es mit der Kündigung?“

„Ganz nach Belieben; aber heute ist es mit der Einbildung alle, da ich Euch nun in Person sehe. Wenn Ihr der seid, für den ich Euch halte, so habe ich viel Spaßhaftes von Euch gehört.“

„Nun, für wen haltet Ihr mich denn?“

„Für die Tante Droll.“

„Und wo habt Ihr von dieser gehört?“

„An verschiedenen Orten, an denen ich mit Old Shatterhand und Winnetou gewesen bin.“

„Was! Mit diesen beiden berühmten Männern seid Ihr geritten?“

„Ja. Wir waren oben im Nationalpark und dann auch in den Estacato.“

„Donner und Doria! Da seid Ihr wohl gar der Hobble-Frank?“

„Ja. Kennt Ihr mich?“

„Natürlich! Der Apache hat oft von Euch gesprochen und Euch noch heute, als wir vor dem Lager der Utahs lagen, einen kleinen Helden genannt.“

„Einen – kleinen – Helden!“ wiederholte Frank, indem ein seliges Lächeln über sein Gesicht ging. „Einen – kleinen – Helden! Das muß ich mir aufschreiben! Ihr habt richtig geraten, wer ich bin; aber ob auch ich richtig geraten habe?“

„Für wen haltet Ihr mich denn?“

„Für die Tante Droll, wie ich schon gesagt habe.“

„Die bin ich auch.“

„Wirklich? Das freut mich herzlich!“

„Wie seid Ihr denn auf die Vermutung gekommen, daß ich diese Tante bin?“

„Eure Kleidung sagte es mir, und ebenso Euer Verhalten. Ich habe oft erzählen gehört, daß die Tante Droll ein ganz außerordentlich couragiertes Weibsbild ist, und als ich Euch vorhin so mit dem Häuptlinge der Utahs umspringen sah, dachte ich mir gleich: Das und keine andre ist die Tante!“

„Sehr ehrenvoll für mich! Na, wir sind wohl beide Kerle, welche ihre Schuldigkeit thun. Aber die Hauptsache für mich ist, daß ich vernommen habe, Ihr seid ein Landsmann von Old Shatterhand?“

„Das ist richtig.“

„Also ein Deutscher?“

„Ja.“

„Woher denn da?“

„Gerade aus der Mitte heraus. Ich bin nämlich ein Sachse.“

„Alle Wetter! Was für einer? Königreich? Altenburg? Koburg-Gotha? Meiningen-Hildburghausen?“

„Königreich, Königreich! Aber Ihr kennt diese Namen so genau. Seid Ihr etwa auch ein Deutscher?“

„Natürlich!“

„Woher denn da?“ fragte Frank nun seinerseits entzückt.

„Auch aus Sachsen, nämlich Sachsen-Altenburg.“

„Herrjemerschnee!“ fiel da der Kleine in seinem heimischen Dialekte ein. „Ooch een Sachse, und zwar een Altenburger? Is es denn die Möglichkeet! Aus der Schtadt Altenburg oder vom Lande, he?“

„Nich aus der Residenz, sondern aus der Langenleube.“

„Langen– – leube?“ fragte Frank, indem ihm der Mund offen stehen blieb. „Langenleube-Niederhain?“

„Jawohl! Kennen Sie es?“

„Warum sollte ich nich? Ich habe ja Verwandte dort, ganz nahe Verwandte, bei denen ich als Junge zweemal off der Kirmse gewesen bin. Hören Sie, dort gibt’s aber Kirmsen, im Altenburgischen! Da wird gleich vierzehn Tage lang Kuchen gebacken. Und wenn so eene Kirmse alle is, da geht sie off dem nächsten Dorfe wieder an. Drum schpricht man dort nur so im allgemeenen vom Altenburger Landessen.“

„Das is richtig!“ nickte Droll. „Mache könne mersch, denn habe thune mersch. Aber Se habe Verwandte bei uns? Wie heiße denn die Leute, und wo schtamme se her?“

„Es is ganz nahe Verwandtschaft. Das is nämlich so! Mein Vater hat eenen Paten gehabt, dessen selige Schwiegertochter sich in der Langenleube wieder verheiratet hat. Später schtarb sie, aber ihr Schtiefsohn hat eenen Schwager, und der is es, den ich meene.“

„So! Was war er denne?“

„Alles mögliche. Er war een ganzer Kerl, der alles fertig brachte. Bald war er Kellner, bald Kirchner, bald Bürgergardenfeldwebel und bald Hochzeitsbitter, bald –“

„Halt!“ unterbrach ihn Droll, indem er herüberlangte und seinen Arm ergriff. „Wie war sein Name?“

„Seinen Vornamen kenne ich nicht mehr; aber sein Familienname war Pampel. Ich nannte ihn nur immer Vetter Pampel.“

„Wie? Pampel? Höre ich recht?“ rief Droll. „Hatte er Kinder?“

„Die schwere Menge!“

„Wisse Se, wie Se geheeße habe?“

„Nee, nich mehr. Aber off den größten kann ich mich noch sehr gut besinnen, denn ich war dem Kerl gut. Er hieß Bastel.“

„Bastel, also Sebastian?“

„Jawohl, denn Sebastian wird off Altenburgisch Bastel ausgeschprochen. Ich gloobe, er hieß ooch noch Melchior dazu, een Name, der in Altenburg sehr gäng und gäbe is.“

„Richtig, sehr richtig! Es thut schtimme, es thut sehr genau schtimme! Sebastian Melchior Pampel? Wisse Se, was aus ihm geworde is?“

„Nee, leider nich.“

„So sehe Se mal mich an, schaue Se mal her zu mir!“

„Warum?“

„Weil ich es bin, der draus geworde is.“

„Sie – Sie?“ fragte der Kleine.

„Ja, ich! Ich war der Bastel, und ich weeß noch ganz genau, wer bei uns off der Kirmse gewese is; des war der Vetter Frank aus Moritzburg, der nachher Forschtgehilfe geworde is.“

„Der bin ich, ich in eegener Person! Vetter, also hier, hier mitten in der Wildnis finden wir uns als schtammverwandte Menschen und Cousängs! Wer hätte das für möglich gehalten! Komm her, Bruderherz, ich muß dich an meinen Busen drücken!“

„Ja, ich ooch. Hier haste mich!“

Er langte herüber, und der andre langte hinüber. Die Umarmung war, da beide verkehrt auf ihren Pferden saßen, mit einigen Schwierigkeiten verbunden, welche aber zur Not überwunden wurden.

Die finster blickenden Indianer wußten jedenfalls nicht, was sie von dem Gebaren der beiden halten sollten; diese aber kehrten sich nicht an die bemalten Gesichter; sie ritten Hand in Hand nebeneinander, mit dem Rücken nach vorn, und sprachen von der seligen Jugendzeit. Sie hätten wohl noch lange kein Ende gefunden, wenn nicht im Zuge eine Stockung eingetreten wäre. Man hatte nämlich das Ende der Spalte erreicht, welche auf einen größeren und viel breiteren Canon mündete.

Zwar war die Sonne schon so tief gesunken, daß ihre Strahlen den Boden desselben nicht mehr erreichten, aber es gab doch Licht da und eine reine, bewegte Luft. Die Reiter atmeten erleichtert auf, als sie ins Freie gelangten, welches sie freilich nicht eher betraten, als bis sie vorsichtig Umschau gehalten hatten, ob keine feindlichen Wesen in der Nähe seien.

Dieser Canon war vielleicht zweihundert Schritte breit und hatte auf seinem Grunde ein kleines, schmales Flüßchen, welches man leicht durchwaten konnte. Am Wasser gab es Gras und Buschwerk, und auch einige Bäume standen da.

Die Roten wurden von den Pferden genommen und dann mit wieder gefesselten Füßen auf die Erde gesetzt. Nun erst war der richtige Augenblick zur ausgiebigen Begrüßung gekommen, und er wurde gehörig ausgenutzt. Diejenigen, welche sich bisher noch nicht gekannt hatten, lernten sich schnell kennen, und es dauerte gar nicht lange, so gab es keine andre Anrede als das trauliche „Du“. Davon waren natürlich Firehand, Shatterhand, Winnetou, der Lord und der Ingenieur ausgenommen.

Der Trupp Old Firehands hatte Proviant bei sich gehabt, und es wurde zunächst gegessen. Dann sollte über das Schicksal der Roten entschieden werden. Hierüber gab es mehr als eine Ansicht. Winnetou, Old Firehand und Old Shatterhand waren bereit, sie frei zu geben; die andern aber verlangten eine strenge Bestrafung. Der Lord meinte: „Bis dahin, wo die Zweikämpfe vorüber waren, halte ich sie nicht für strafbar, dann aber mußten sie euch die Freiheit geben. Statt das zu thun, haben sie euch verfolgt, um euch zu ermorden, und ich zweifle gar nicht daran, daß sie dies gethan hätten, wenn ihnen die Gelegenheit dazu geworden wäre.“

„Das ist sehr wahrscheinlich,“ antwortete Old Shatterhand; „aber sie haben die Gelegenheit dazu nicht gefunden, und es also auch nicht gethan.“

„Well! So ist die Absicht strafbar.“

„Wie wollt Ihr diese Absicht bestrafen?“

„Hm! Das ist freilich schwierig.“

„Mit dem Tode doch nicht?“

„Nein.“

„Mit Haft, Gefängnis, Zuchthaus?“

„Pshaw! Prügelt sie tüchtig durch!“

„Das wäre das Schlimmste, was wir thun könnten, denn es gibt für den Indianer keine größere Beleidigung, als Schläge. Sie würden uns über den ganzen Kontinent verfolgen.“

„So legt ihnen eine Geldstrafe auf!“

„Haben sie Geld?“

„Nein, aber Pferde und Waffen.“

„Ihr meint, daß wir ihnen diese nehmen sollen? Das wäre grausam. Ohne Pferde und Waffen müßten sie verhungern oder in die Hände ihrer Feinde fallen.“

„Ich begreife Euch nicht, Sir! Je nachsichtiger Ihr mit diesen Leuten seid, desto undankbarer werden sie. Gerade Ihr solltet nicht so milde denken, da gerade eben Ihr es seid, an dem sie sich vergangen haben.“

„Und gerade weil sie sich an mir, Frank, Davy und Jemmy vergangen haben, sollten wir vier es sein, die über ihr Schicksal zu bestimmen haben.“

„Macht, was Ihr wollt!“ sagte der Lord, indem er sich unwillig abwendete. Gleich aber drehte er sich ihm wieder zu und fragte: „Wollen wir wetten?“

„Worüber?“

„Darüber, daß diese Kerle es Euch übel vergelten, wenn Ihr sie mit Nachsicht behandelt?“

„Nein.“

„Ich setze zehn Dollar!“

„Ich nicht.“

„Ich setze zwanzig gegen zehn!“

„Und ich wette gar nicht.“

„Niemals?“

„Nein.“

„Schade, jammerschade! Ich habe es während dieses ganzen langen Rittes vom Osagenook bis hierher zu keiner Wette gebracht. Nach allem, was ich von Euch hörte, muß ich Euch für einen veritablen Gentleman halten, und nun sagt auch Ihr mir, daß Ihr niemals wettet. Ich wiederhole es: Macht, was Ihr wollt!“

Er war beinahe zornig geworden. Er hatte sich sehr leicht und gut in das Leben des fernen Westens gefunden, aber daß nie jemand mit ihm wetten wollte, das wollte ihm nicht behagen.

Die Worte Old Shatterhands, daß er, Frank, Jemmy und Davy allein das Recht besäßen, über das Schicksal der Roten zu entscheiden, war nicht ohne Wirkung geblieben, und nach längerer Debatte einigte man sich dahin, daß diesen genannten vier die Entscheidung anheimgegeben werden solle, doch sei dabei darauf zu achten, daß man von den Roten keine weiteren Feindseligkeiten zu erwarten habe. Es sollte also ein festes Abkommen mit ihnen getroffen werden. Dazu genügte es nicht, daß mit dem Häuptlinge allein verhandelt wurde; seine Untergebenen mußten auch hören, was er sagte und versprach. Vielleicht blieb er dann aus Rücksicht auf ihre gute Meinung über seine Ehrenhaftigkeit seinen Versprechungen getreu.

Es wurde also ein weiter Kreis gebildet, der aus allen Weißen und Roten bestand. Zwei Rafters mußten aufwärts und abwärts im Canon Wache halten, um die Annäherung eines Feindes sofort zu melden. Der Häuptling saß vor Winnetou und Old Shatterhand. Er sah sie nicht an, vielleicht aus Scham, vielleicht auch aus Verstocktheit.

„Was denkt der „große Wolf“, was wir jetzt mit ihm machen werden?“ fragte Old Shatterhand in der Utahsprache.

Der Gefragte antwortete nicht.

„Der Häuptling der Utah hat Angst; darum antwortet er nicht.“

Da erhob er den Blick, bohrte ihn mit grimmigem Ausdrucke in das Gesicht des Jägers und sagte: „Das Bleichgesicht ist ein Lügner, wenn es behauptet, daß ich mich fürchte!“

„So antworte! Überhaupt darfst nicht du von Lügen sprechen, denn du selbst bist es, der welche geredet hat.“

„Das ist nicht wahr!“

„Es ist wahr. Als wir uns noch in eurem Lager befanden, fragte ich dich, ob wir frei sein würden, wenn ich den Sieg errungen hätte. Was antwortetest du mir?“

„Daß ihr gehen könntet.“

„War das keine Lüge?“

„Nein, denn ihr seid gegangen.“

„Aber ihr habt uns verfolgt!“

„Nein.“

„Willst du es leugnen?“

„Ja, ich leugne es.“

„Zu welchem Zwecke habt ihr dann das Lager verlassen?“

„Um nach dem Versammlungsorte der Utahs zu reiten, nicht um euch zu verfolgen.“

„Warum hast du denn fünf deiner Krieger auf unsre Fährte gesandt?“

„Das habe ich nicht gethan. Wir haben das Kriegsbeil ausgegraben, und wenn dies geschehen ist, so hat man vorsichtig zu sein. Als ich euch die Freiheit versprach, falls du mich besiegen würdest, wußte ich gar nicht, nach welcher Richtung ihr euch wenden wolltet. Wir wollten euch ziehen lassen und haben Wort gehalten. Ihr aber habt uns überfallen, uns alles abgenommen und fünf unsrer Krieger getötet. Die Leichen derselben liegen noch drin im Felsenspalt.“

„Du weißt nur zu gut, was ich von deinen Worten zu denken habe. Warum schossen deine Wächter auf uns, als wir fortritten?“

„Sie wußten nicht, was ich euch versprochen hatte.“

„Warum stießen alle deine Leute das Kriegsgeschrei aus? Diese kannten dein Versprechen ganz genau.“

„Dieses Geschrei galt nicht euch, sondern den Wächtern, daß diese nicht mehr schießen sollten. Gerade das, was wir gut gemeint haben, legst du uns für schlimm aus.“

„Du verstehst es, dich sehr scharfsinnig zu verteidigen; aber es gelingt dir nicht, deine Unschuld zu beweisen. Ich will einmal sehen, ob deine Krieger den Mut besitzen, aufrichtiger zu sein, als du bist.“

Er legte einigen der Roten die Frage auf, wem ihr jetziger Ritt gegolten habe, und sie antworteten übereinstimmend mit dem Häuptlinge, daß sie keine böse Absicht gegen die Bleichgesichter verfolgt hätten.

„Diese Leute wollen dich nicht Lügen strafen,“ fuhr er, zu dem „großen Wolfe“ gerichtet fort. „Aber ich habe einen unumstößlichen Beweis. Wir haben dein Lager umschlichen und deine Leute belauscht. Wir wissen, daß ihr uns töten wolltet.“

„Das vermutet ihr nur!“

„Nein, wir haben es gehört. Wir wissen auch, das Lager morgen abgebrochen wird, und daß alle Krieger dir nach dem Versammlungsorte der Utahs folgen werden, die Frauen und Kinder aber gehen zu den Alten in die Berge. Ist das wahr?“

„Ja.“

„Nun, so ist auch das andre wahr, was wir hörten. Wir sind fest überzeugt, daß ihr uns nach dem Leben getrachtet habt. Welche Strafe werdet ihr wohl dafür erhalten?“

Der Rote antwortete nicht.

„Wir hatten euch nichts gethan, und ihr nahmt uns mit, um uns zu töten. Jetzt habt ihr uns das Leben nehmen wollen; ihr hättet also mehr verdient als nur den Tod. Aber wir sind Christen. Wir wollen euch vergeben. Ihr sollt eure Freiheit und eure Waffen zurückerhalten, und dafür müßt ihr uns versprechen, daß keinem von uns, die wir hier sitzen, jemals von euch ein Haar gekrümmt werde.“

„Spricht das deine Zunge oder dein Herz?“ fragte der Häuptling, indem er einen ungläubig forschenden, scharf stechenden Blick auf Old Shatterhand warf.

„Meine Zunge hat niemals andre Worte als mein Herz. Bist du bereit, mir das Versprechen zu geben?“

„Ja.“

„Daß wir alle, welche wir uns hier befinden, rote und weiße Männer, von heute an Brüder sind?“

„Ja.“

„Die einander beistehen wollen und müssen in jeder Not und in jeder Gefahr?“

„Ja.“

„Und bist du bereit, das mit der Pfeife des Friedens zu beschwören?“

„Ich bin bereit.“

Er antwortete schnell und ohne alles Besinnen; dies ließ darauf schließen, daß es ihm ernst mit seinem Versprechen war. Der Ausdruck seines Gesichtes ließ sich infolge der dick aufgetragenen Farbe nicht bestimmen.

„So mag die Pfeife reihum gehen,“ fuhr Old Shatterhand fort. „Ich werde dir die Worte vorsagen, welche du dabei nachzusprechen hast.“

„Sage sie, und ich werde sie wiederholen!“

Diese Bereitwilligkeit schien ein gutes Zeichen zu sein, und der wohlmeinende Jäger freute sich von Herzen darüber, konnte aber nicht umhin, noch eine Warnung auszusprechen: „Ich hoffe, daß du es dieses Mal ehrlich meinst. Ich bin stets ein Freund der roten Männer gewesen; ich berücksichtige, daß die Utahs jetzt angegriffen worden sind. Wäre das nicht der Fall, so würdet ihr jetzt nicht so wohlfeilen Kaufes davonkommen. Erweisest du dich aber nochmals treulos, so bezahlst du es mit dem Leben. Das versichere ich dir, und ich halte Wort!“

Der Häuptling blickte vor sich nieder, ohne den Blick zu dem Sprechenden zu erheben. Dieser nahm sein Calumet vom Halse, an welchem er es hängen hatte, und stopfte es. Nachdem er es in Brand gesteckt hatte, löste er die Fesseln des Häuptlings. Dieser mußte sich erheben, den Rauch nach den bekannten sechs Richtungen blasen und dabei sprechen: „Ich bin der „große Wolf“, der Häuptling der Yampa-Uthas; ich spreche für mich und diese meine Krieger, welche sich bei mir befinden. Ich rede zu den Bleichgesichtern, welche ich sehe, zu Old Firehand, Old Shatterhand und allen andern, auch zu Winnetou, dem berühmten Häuptlinge der Apachen. Alle diese Krieger und weißen Männer sind unsre Freunde und Brüder. Sie sollen sein wie wir, und wir wollen sein wie sie. Es soll ihnen niemals von uns ein Leid geschehen, und wir werden lieber sterben als zugeben, daß sie uns für ihre Feinde halten! Das ist mein Schwur. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Er setzte sich wieder nieder. Nun wurden auch die andern von ihren Fesseln befreit, und die Pfeife ging von Mund zu Mund, bis alle geraucht hatten. Selbst die kleine Ellen Butler mußte ihre sechs Züge thun; man durfte um ihrer selbst willen mit ihr keine Ausnahme machen.

Darauf erhielten die Roten auch ihre ganzen Waffen wieder. Das war kein Wagnis, wenn man ihrem Schwure trauen konnte. Dennoch aber verhielten sich die Weißen so vorsichtig wie möglich, und jeder von ihnen hatte die Hand in der Nähe seines Revolvers. Der Häuptling holte sein Pferd herbei und fragte dann Old Shatterhand: „Mein Bruder hat uns die Freiheit vollständig zurückgegeben?“

„Vollständig.“

„So dürfen wir fortreiten?“

„Ja, wohin ihr wollt.“

„Wir werden nach unserm Lager zurückkehren.“

„Ach! Ihr wolltet ja nach dem Versammlungsorte der Utah! Jetzt gibst du doch zu, daß euer Ritt nur uns gegolten hat.“

„Nein. Ihr habt uns die Zeit geraubt, so daß wir nun zu spät kommen würden. Wir kehren zurück.“

„Durch den Felsenspalt?“

„Ja. Lebe wohl!“

Er gab ihm die Hand und stieg auf. Dann ritt er in den Spalt hinein, ohne sich nach einem andern Menschen umzublicken. Seine Leute folgten ihm, nachdem jeder von ihnen freundlich gegrüßt hatte.

„Und der Kerl ist doch ein Schuft!“ meinte der alte Blenter. „Hätte er die Farbe nicht so fingerdick auf dem Gesichte, so könnte man ihm die Falschheit von demselben ablesen. Eine Kugel vor den Kopf wäre das beste gewesen.“

Winnetou hörte diese Worte und entgegnete: „Mein Bruder kann recht haben, aber es ist besser, Gutes thun anstatt Böses. Wir bleiben während der Nacht hier, und ich werde jetzt den Utahs folgen, um sie zu belauschen.“

Er verschwand im Felsenspalt, nicht zu Pferde, denn zu Fuße konnte er seine Absicht leichter ausführen.

Eigentlich war allen jetzt viel wohler und freier zu Mute als vorher. Was hätte man mit den Utahs machen sollen? Sie töten? Unmöglich! Sie als Gefangene mit sich herumschleppen? Ebenso unmöglich! Jetzt hatte man sie verpflichtet, Frieden und Freundschaft zu üben, und war sie los geworden. Das war besser als jedes andre.

Der Tag neigte sich zur Rüste, zumal es hier im Canon eher dunkel wurde als außerhalb desselben. Einige der Männer gingen, Holz zum Lagerfeuer zu suchen. Old Firehand ritt südwärts im Canon hinab und Old Shatterhand nordwärts hinauf, um zu rekognoszieren. Man mußte vorsichtig sein. Beide legten eine bedeutende Strecke hinter sich und kehrten, als sie nichts Verdachterregendes bemerkten, wieder zurück.

Es waren hier wohl seit langer Zeit keine Menschen gewesen, welche ein Feuer gebrannt hatten, denn es gab, trotzdem von einem Walde keine Rede war, genug Holz zum Brennen. Die Frühjahrsflut hatte vieles mitgebracht und angeschwemmt. Niemand freute sich mehr über das Feuer als der Lord, denn er fand da brillante Gelegenheit, mit Hilfe seines Bratgestelles seine kulinarischen Geschicklichkeiten zu entwickeln. Es gab noch einen kleinen Fleischvorrat und auch Konserven, Mehl und dergleichen, was man aus Denver mitgenommen hatte. Da konnte er braten und backen nach Herzenslust.

Später stellte sich Winnetou wieder ein. Dieser Mann hatte sich trotz der in dem Felsenspalt herrschenden Stockdunkelheit mit seinen geübten Augen zurechtgefunden. Er erzählte, daß die Utahs die Leichen mitgenommen und dann ihren Weg wirklich fortgesetzt hatten. Er war ihnen bis jenseits des Spaltes gefolgt und hatte noch deutlich gesehen, daß sie die steile Felssenkung emporgeritten und dann oben im Walde verschwunden waren. Dennoch wurde eine Wache tief in den Spalt postiert, um von da aus jeden Überfall unmöglich zu machen. Zwei andre Wächter standen je hundert Schritte ober- und unterhalb des Lagerplatzes im Hauptcanon; auf diese Weise war für vollständige Sicherheit gesorgt.

Natürlich gab es außerordentlich viel zu erzählen, und es war später als Mitternacht, als man sich zur Ruhe legte. Old Firehand revidierte vorher die Posten, um sich zu überzeugen, daß dieselben wachsam seien, und erinnerte die andern an die Reihenfolge, in welcher die Ablösung stattzufinden hatte. Dann löschte man das Feuer, und es wurde still und dunkel im Canon. –

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Drittes Kapitel

Nächtliche Kämpfe.

Am hohen Ufer des Black-bear-Flusses brannte ein großes Feuer. Zwar stand der Mond am Himmel, aber sein Licht vermochte nicht, die dichten Wipfel der Bäume zu durchdringen, unter denen ohne das Feuer tiefe Finsternis geherrscht hätte. Die Flamme desselben beleuchtete eine Art Blockhaus, welches nicht aus horizontal übereinander lagernden Stämmen, sondern in andrer Weise errichtet war. Man hatte von vier in den Winkeln eines regelmäßigen Vierecks stehenden Bäumen die Wipfel abgesägt und auf die Stämme Querhölzer gelegt, welche das Dach trugen. Dieses letztere bestand aus sogenannten Clap-boards, Brettern, welche man roh aus astlosen Cypressen- oder auch Roteichenstämmen spaltet. In der vordern Wand waren drei Öffnungen gelassen, eine größere als Thür und zwei kleinere, zu den Seiten der vorigen, als Fenster. Vor diesem Hause brannte das erwähnte Feuer und um dasselbe saßen gegen zwanzig wilde Gestalten, denen es anzusehen war, daß sie längere Zeit nicht mit der sogenannten Zivilisation in Berührung gekommen waren. Ihre Anzüge waren abgerissen und ihre Gesichter von Sonne, Wind und Wetter nicht nur gebräunt, sondern förmlich gegerbt. Außer den Messern hatten sie keine Waffen bei sich; diese mochten vielmehr im Innern des Blockhauses liegen.

Über dem Feuer hing von einem starken Baumaste herab ein großer, eiserner Kessel, in welchem mächtige Stücke Fleisches kochten. Neben dem Feuer standen zwei ausgehöhlte Riesenkürbisse mit gegorenem Honigwasser, also Met. Wer Lust dazu hatte, schöpfte sich einen solchen Trunk oder nahm sich einen Becher voll Fleischbrühe aus dem Kessel.

Dabei wurde eine lebhafte Unterhaltung geführt. Die Gesellschaft schien sich sehr sicher zu fühlen, denn keiner gab sich die Mühe, leise zu sprechen. Hätten diese Leute die Nähe eines Feindes angenommen, so wäre das Feuer wohl nach indianischer Weise genährt worden, so daß es eine nur kleine, nicht weit sichtbare Flamme gab. An der Wand des Hauses lehnten Äxte, Beile, große Sägen und andres Handwerkszeug, aus welchem sich erraten ließ, daß man eine Gesellschaft von Rafters, also von Holzhauern und Flößern, vor sich habe.

Diese Rafters sind eine ganz eigene Art der Hinterwäldler. Sie stehen zwischen den Farmern und Fallenstellern mitten inne. Während der Farmer zur Zivilisation in näherer Beziehung steht und zu den seßhaften Leuten gehört, führt der Trapper, der Fallensteller ein beinahe wildes Leben, ganz ähnlich dem Indianer. Auch der Rafter ist nicht an die Scholle gebunden und führt ein freies, fast unabhängiges Dasein. Er streift aus einem Staate in den andern und aus einer County in die andre. Menschen und deren Wohnungen sucht er nicht gern auf, weil das Gewerbe, welches er treibt, eigentlich ein ungesetzliches ist. Das Land, auf welchem er Holz schlägt, ist nicht sein Eigentum. Es fällt ihm auch nur selten ein, zu fragen, wem es gehört. Findet er passende Waldung und ein zum Verflößen bequemes Wasser in der Nähe, so beginnt er seine Arbeit, ohne sich darum zu bekümmern, ob der Ort, wo er sich befindet, Kongreßland ist oder schon einem Privateigentümer gehört. Er fällt, schneidet und bearbeitet die Stämme, sucht sich dazu nur die besten Bäume aus, verbindet sie zu Flößen und schwimmt auf denselben dann abwärts, um das erbeutete Gut irgendwo zu verkaufen.

Der Rafter ist ein nicht gern gesehener Gast. Zwar ist es wahr, daß manchem neuen Ansiedler der dichte Wald, den er vorfindet, zu schaffen macht, und daß er froh wäre, denselben gelichtet vorzufinden, aber der Rafter lichtet nicht. Er nimmt, wie gesagt, nur die besten Stämme, schneidet die Kronen ab und läßt sie liegen. Unter und zwischen diesen Wipfeln sprossen dann neue Schößlinge hervor, welche durch wilde Reben und andre Schlingpflanzen zu einem festen Ganzen verbunden werden, gegen welches die Axt und oft sogar auch das Feuer nur wenig vermag.

Dennoch bleibt der Rafter meist unbelästigt, denn er ist ein kräftiger und kühner Gesell, mit welchem in der Wildnis, fern von aller Hilfe, nicht so leicht jemand anzubinden wagt. Allein kann er natürlich nicht arbeiten, sondern es thun sich stets mehrere, meist vier bis acht oder zehn zusammen. Zuweilen kommt es auch vor, daß die Gesellschaft aus noch mehr Personen besteht; dann fühlt sich der Rafter doppelt sicher, denn mit einer solchen Anzahl von Menschen, welche um den Besitz eines Baumstammes ihr Leben auf das Spiel setzen würden, wird kein Farmer oder sonstiger Besitzer einen Streit beginnen.

Freilich führen sie ein sehr hartes, anstrengungs- und entbehrungsreiches Leben, doch ist am Ende ihr Lohn kein geringer. Der Rafter verdient, da ihn das Material nichts kostet, ein schönes Stück Geld. Während die andern arbeiten, sorgt ein Kamerad oder sorgen zwei oder mehrere, je nach der Größe der Gesellschaft, für die Ernährung derselben. Das sind die Jäger, welche tagsüber und oft auch während der Nacht umherstreifen, um „Fleisch zu machen“. In wildreichen Gegenden ist das nicht schwer. Mangelt es aber an Wild, so gibt es viel zu thun; der Jäger hat keine Zeit übrig, Honig und andre Delikatessen zu suchen, und die Rafters müssen auch diejenigen Fleischstücke essen, welche der Hinterwäldler sonst verschmäht, sogar die Eingeweide.

Die Gesellschaft nun, welche hier am schwarzen Bärenflusse ihr Wesen trieb, schien, wie der volle Kessel bewies, keine Not zu leiden. Darum waren alle guter Laune, und es wurde nach der harten Tagesarbeit viel gescherzt. Man erzählte sich heitre oder sonst interessante Erlebnisse; man schilderte Personen, welche man getroffen hatte und die irgend eine Eigenschaft besaßen, welche zum Lachen Veranlassung gab.

„Da solltet ihr einen kennen, den ich da oben mal in Fort Niobrara getroffen habe,“ sagte ein alter, graubärtiger Kerl. „Der Mann war ein Mann und wurde doch nur Tante genannt.“

„Meinst du etwa Tante Droll?“ fragte ein andrer.

„Ja, grad den und keinen andern meine ich. Bist du ihm etwa auch begegnet?“

„Ja, einmal. Das war in Desmoines, im Gasthofe, wo sein Erscheinen große Aufmerksamkeit erregte und sich alle über ihn lustig machten. Besonders einer war es, der ihm keine Ruhe ließ, bis Droll ihn bei den Hüften nahm und zum Fenster hinauswarf. Der Mann kam nicht wieder herein.“

„Das traue ich der Tante gut und gern zu. Droll liebt einen Spaß und hat nichts dagegen, wenn man über ihn lacht, aber über einen gewissen Punkt hinaus darf man nicht gehen, sonst zeigt er die Zähne. Übrigens würde ich einen jeden, der ihn ernstlich beleidigen wollte, sofort niederschlagen.“

„Du, Blenter? Warum?“

„Darum, weil ich ihm mein Leben verdanke. Ich bin mit ihm bei den Sioux gefangen gewesen. Ich sage euch, daß ich damals gewiß und wirklich von ihnen in die ewigen Jagdgründe geschickt worden wäre. Ich bin nicht der Mann, der sich vor drei oder fünf Indianern fürchtet; ich pflege auch nicht zu wimmern, wenn es mir einmal verkehrt geht; damals aber war keine Spur von Hoffnung mehr vorhanden, und ich wußte wahrhaftig keinen Ausweg. Dieser Droll aber ist ein Pfiffikus sondergleichen; er hat die Roten so eingeseift, daß sie nicht mehr aus den Augen sehen konnten. Wir entkamen.“

„Wie war das? Wie ging das zu? Erzähle, erzähle!“

„Wenn es dir recht ist, werde ich lieber den Mund halten. Es ist kein Vergnügen, eine Begebenheit zu berichten, bei welcher man keine rühmliche Rolle gespielt hat, sondern von den Roten übertölpelt wurde. Genug, daß ich dir sage, wenn ich heut hier sitze und mir den Rehbock schmecken lassen kann, so habe ich das nicht mir, sondern der Tante Droll zu danken.“

„So muß die Tinte, in welcher du saßest, sehr tief und schwarz gewesen sein. Der alte Missouri-Blenter ist doch als ein Westmann bekannt, welcher gewiß die Thür findet, wenn überhaupt eine vorhanden ist.“

„Damals aber habe ich sie nicht gefunden. Ich stand fast schon unter dem Marterpfahle.“

„Wahrhaftig? Das ist freilich eine Situation, in welcher es wenig Aussicht auf Entkommen gibt. Eine verteufelte Erfindung, dieser Marterpfahl! Ich hasse die Canaillen doppelt, wenn ich an dieses Wort denke.“

„So weißt du nicht, was du thust und was du sagst. Wer die Indsmen haßt, der beurteilt sie falsch, der hat nicht darüber nachgedacht, was die Roten alles erduldet haben. Wenn jetzt jemand käme, um uns von hier zu vertreiben, was würdest du thun?“

„Mich wehren, und sollte es sein oder mein Leben kosten.“

„Und ist dieser Ort etwa dein Eigentum?“

„Weiß ganz und gar nicht, wem er gehört; ich aber habe ihn gewiß nicht bezahlt.“

„Nun, den Roten gehörte alles Land, es ist ihnen von uns genommen worden, und wenn sie sich wehren, wozu sie mehr Recht haben als du, so verurteilst du sie?“

„Hm! Ist schon richtig, was du sagst, aber der Rote muß fort, muß aussterben, das ist ihm bestimmt.“

„Ja, er stirbt aus, weil wir ihn morden. Es heißt, daß er nicht kulturfähig sei und darum verschwinden müsse. Die Kultur aber schießt man nicht wie eine Kugel nur so aus dem Laufe heraus; dazu gehört Zeit, viel Zeit; ich verstehe das nicht, aber ich meine, daß dazu sogar Jahrhunderte gehören. Gibt man aber etwa dem Roten Zeit? Schickst du einen sechsjährigen Boy in die Schule und schlägst ihm über den Kopf, wenn er nach einer Viertelstunde noch kein Professor geworden ist? Das thut man aber mit den Indsmen. Ich will sie nicht verteidigen, denn ich habe nichts davon; aber ich habe bei ihnen ebensoviel gute Menschen getroffen wie bei den Weißen, ja noch viel mehr. Wem habe denn grad ich es zu verdanken, daß ich nicht mein schönes Heim und meine Familie besitze, sondern als alter, grauer Kerl noch im wilden Westen herumirren muß, den Roten oder den Weißen?“

„Das kann doch ich nicht wissen. Du hast noch nie davon gesprochen.“

„Weil ein richtiger Mann solche Sachen lieber in sich hinein vergräbt, als daß er von ihnen redet. Ich brauch nur noch einen, den letzten, der mir entkam und der von ihnen übrig geblieben ist, gerade der Anführer, der Allerschlimmste!“

Der alte Mann sprach das knirschend aus, langsam, als ob er auf jedes Wort ein schweres Gewicht legen wolle. Das erhöhte die Aufmerksamkeit der andern; sie rückten näher zusammen und sahen ihn auffordernd an, ohne aber etwas zu sagen. Er starrte eine Weile in das Feuer, stieß mit dem Fuße in die brennenden Hölzer und fuhr fort, als ob er nur zu sich selbst spreche: „Ich habe sie nicht erschossen und nicht erstochen, sondern totgepeitscht, einen nach dem andern. Lebendig mußte ich sie haben, damit sie ganz genau so sterben sollten, wie meine Familie sterben mußte, mein Weib und meine beiden Söhne. Sechs waren es, fünf von ihnen habe ich ausgelöscht in kurzer Zeit, der sechste entkam. Ich habe ihn gejagt durch die ganzen Staaten, bis es ihm gelang, seine Fährte unsichtbar zu machen. Ich bin noch nicht wieder auf sie getroffen, aber er lebt noch, denn er war jünger als ich, viel jünger, und so denke ich, daß meine alten Augen ihn noch einmal erblicken, ehe ich sie für immer schließe.“

Es trat eine tiefe Stille ein. Alle fühlten, daß es sich hier um etwas ganz Ungewöhnliches handle. Erst nach einer langen Pause wagte einer zu fragen. „Blenter, wer war der Mann?“

Der Alte fuhr aus seinem Sinnen auf und antwortete. „Wer er war? Nicht etwa ein Indianer, sondern ein Weißer, ein Scheusal, wie es bei den Roten keines gibt. Ja, Männer, ich will es euch sogar sagen, daß er das war, was ihr alle seid und was auch ich jetzt bin, nämlich ein Rafter.“

„Wie? Rafters haben deine Familie getötet?“

„Ja, Rafters! Ihr habt gar keine Veranlassung, stolz auf euer Gewerbe zu sein und besonders euch besser zu dünken, als die Roten sind. So wie wir hier sitzen, sind wir alle Diebe und Spitzbuben.“

Diese Behauptung stieß natürlich auf lebhafte Widersprüche. Blenter aber fuhr unbekümmert um dieselben fort: „Dieser Fluß, an dem wir uns befinden, dieser Wald, dessen Bäume wir niederschlagen und verkaufen, ist nicht unser Eigentum. Wir vergreifen uns widerrechtlich an dem, was dem Staate oder gar Privatpersonen gehört. Wir würden jeden niederschießen, selbst den rechtmäßigen Besitzer, wenn er uns von hier vertreiben wollte. Ist das nicht Diebstahl? Ja noch mehr, ist das nicht Raub?“

Er sah im Kreise umher, und da er nicht gleich eine Antwort bekam, sprach er weiter: „Und mit solchen Räubern bekam ich es damals zu thun. Ich war von Missouri herübergekommen mit dem richtigen Kaufbriefe in der Hand. Mein Weib und meine Söhne waren bei mir. Wir hatten Rinder mit, einige Pferde, Schweine und einen großen Wagen voll Hausgerät, denn ich war leidlich wohlhabend, sage ich euch. Einen Ansiedler gab es nicht in der Nähe; aber wir brauchten auch niemand, denn unsre acht Arme waren kräftig und fleißig genug, alles selbst und auch schnell fertig zu bringen. In kurzer Zeit stand das Blockhaus da; wir brannten und rodeten ein Ackerland aus und begannen, zu säen. Eines schönen Tages fehlte mir eine Kuh und ich ging in den Wald sie zu suchen. Da hörte ich Axtschläge und ging dem Schalle nach. Ich fand sechs Rafters, welche meine Baume niederschlugen. Bei ihnen lag die Kuh; sie hatten sie erschossen, um sie zu verzehren. Nun, Mesch’schurs, was hättet ihr an meiner Stelle gemacht?“

„Die Kerls niedergeschossen,“ antwortete einer. „Und das mit vollem Rechte. Nach dem Gesetze des Westens verfällt ein Pferde- oder Rinderdieb dem Tode.“

„Das ist richtig, aber ich habe es doch nicht gethan. Ich sprach freundlich zu den Leuten und verlangte von ihnen nur, meinen Grund und Boden zu verlassen und mir die Kuh zu bezahlen. War das etwa zu viel?“

„Nein, nein,“ ertönte es im Kreise. „Thaten sie es nicht?“

„Nein. Sie lachten mich aus. Ich ging aber nicht direkt heim, denn ich wollte etwas für das Abendessen schießen. Als ich dann nach Hause kam, fehlte auch die zweite Kuh. Die Rafters hatten sie indessen geholt, mir zum Trotze, um mir zu zeigen, daß sie sich aus mir nichts machten. Als ich am andern Morgen hinkam, hatten sie dieselbe in Stücke zerlegt und die Schnitten zum Trocknen aufgehangen, um Pemmikan zu machen. Meine wiederholte und nun natürlich gesteigerte Forderung wurde ebenso verlacht wie gestern. Ich drohte also von meinem Rechte Gebrauch zu machen und verlangte Geld. Dabei legte ich das Gewehr an. Ein Mensch, welcher den Sprecher und Anführer machte, erhob sofort auch sein Gewehr. Ich sah es ihm an, daß er Ernst mache und zerschmetterte es ihm mit meiner Kugel. Ich hatte ihn nicht verwunden wollen, sondern auf das Gewehr gezielt. Dann eilte ich zurück, um meine Söhne zu holen. Wir drei fürchteten uns keineswegs vor diesen sechs, doch als wir kamen, waren sie schon fort. Natürlich war nun Vorsicht geboten, und wir kamen mehrere Tage lang nicht über die nächste Umgebung der Blockhütte hinaus. Am vierten Morgen waren die Rationen alle geworden, und ich ging also mit dem einen Sohn, um Fleisch zu machen. Natürlich sahen wir uns vor, aber es war keine Spur von den Rafters zu bemerken. Als wir uns dann langsam und leise durch den Wald pürschten, vielleicht zwanzig Schritte voneinander entfernt, sah ich plötzlich den Anführer von ihnen hinter einem Baum stehen. Er erblickte nicht mich, sondern meinen Sohn und legte das Gewehr auf ihn an. Hätte ich den Kerl augenblicklich niedergeschossen, wie es mein gutes Recht und sogar meine Pflicht war, so wäre ich gewiß nicht kinderlos und Witwer geworden. Aber es ist nie meine Passion gewesen, ohne Not ein Menschenkind zu töten, und so sprang ich nur schnell hinzu, riß ihm die Flinte aus der Hand, das Messer und das Pistol aus dem Gürtel und gab ihm einen Hieb in das Gesicht, daß er zu Boden stürzte. Er verlor seine Geistesgegenwart keinen Augenblick, war vielmehr noch schneller als ich. Im Nu hatte er sich aufgerafft und sprang davon, ehe ich nur eine Hand nach ihm ausstrecken konnte.“

„Alle Teufel! Diese Dummheit hast du nachher büßen müssen!“ rief einer.

„Es ist ausgemacht, daß der Mann diesen Schlag später gerächt hat.“

„Ja, er hat ihn gerächt,“ nickte der Alte, indem er aufstand, um einigemal auf und ab zu schreiten. Die Erinnerung regte ihn auf. Dann setzte er sich wieder nieder und fuhr fort: „Wir hatten Glück und machten eine gute Jagd. Als wir heimkehrten, ging ich hinter das Haus, um dort die Beute einstweilen abzulegen. Es war mir, als ob ich einen erschrockenen Ruf meines Sohnes hörte, aber ich achtete leider nicht darauf. Beim Eintritte in die Stube sah ich meine Leute gebunden und geknebelt am Herde liegen, und zu gleicher Zeit wurde ich gepackt und niedergerissen. Die Rafters waren während unsrer Abwesenheit nach der Farm gekommen und hatten meine Frau und den jüngeren Sohn überwältigt, um dann auch auf uns zu warten. Als der älteste Sohn dann vor mir kam, hatten sie sich so schnell über ihn gemacht, daß ihm kaum Zeit zu dem erwähnten Warnungsrufe geblieben war. Mir erging es nicht schlimmer und nicht besser als den andern. Es kam so überraschend und ging so schnell, daß ich gebunden war, ehe ich an Gegenwehr denken konnte; dann stopfte man auch mir irgend einen Zeugfetzen in den Mund, damit ich nicht schreien könne.“

„Bist selber schuld daran! Warum warst du nicht vorsichtiger! Wer sich mit Rafters verfeindet und überdies einen von ihnen geschlagen hat, muß sich vorsehen.“

„Ist wahr. Aber ich hatte damals meine jetzigen Erfahrungen noch nicht. Töteten Rafters mir heut eine Kuh, so schösse ich die Kerls einzeln weg, ohne mich von ihnen sehen zu lassen. Doch weiter! Ich will es kurz machen, denn was nun kommt, kann mit Worten nicht geschildert werden. Es wurde Gericht gehalten; daß ich geschossen hatte, wurde mir als todeswürdiges Verbrechen ausgelegt. Die Halunken hatten sich übrigens über meinen Brandy hergemacht; sie tranken sich einen solchen Rausch an, daß sie nicht mehr Menschen, auch nicht Tiere waren, sondern zur Bestie wurden. Sie beschlossen, uns sterben zu lassen. Als Extrastrafe für den Schlag, den der Anführer von mir erhalten hatte, verlangte er, daß auch wir geschlagen, das heißt tot gepeitscht werden sollten. Zwei stimmten ihm bei, drei waren dagegen; er setzte es aber durch. Wir wurden hinaus an die Fenz geschafft. Die Frau kam zuerst daran. Man band sie fest und schlug mit Knütteln auf sie los. Einer fühlte doch eine Art von Mitleid mit ihr und gab ihr eine Kugel in den Kopf. Den Söhnen erging es schlimmer als ihr, sie wurden buchstäblich totgeprügelt. Ich lag dabei und mußte es mit ansehen, denn ich sollte der letzte sein. Leute, ich sage euch, daß jene Viertelstunde mir zur Ewigkeit geworden ist. Es kann mir nicht einfallen, zu versuchen, euch meine Gedanken und Gefühle zu beschreiben. Die Worte Wut und Grimm sagen gar nichts, es gibt eben kein passendes Wort. Ich war wie wahnsinnig und konnte mich doch nicht rühren, nicht bewegen. Also endlich kam ich an die Reihe. Ich wurde aufgerichtet und angebunden. Die Schläge, welche ich nun erhielt, habe ich nicht gefühlt. Meine Seele befand sich in einem Zustande, in welchem sie auf die körperlichen Schmerzen gar nicht achthaben konnte. Ich weiß nur, daß plötzlich vom Maisfelde her ein lauter Ruf erscholl und daß, als dieser von den Rafters nicht augenblicklich beachtet wurde, ein Schuß fiel. Ich war ohnmächtig geworden.“

„Ach, es kamen zufällig Leute, welche dich retteten!“

„Leute? Nein, denn es war nur einer. Er kannte natürlich die Verhältnisse nicht und hatte gemeint, daß ein Dieb oder sonstiger Verbrecher gezüchtigt werde. Aus der Haltung meines Kopfes hatte er schon von weitem gesehen, daß mein Leben keinen Penny wert sei, wenn er nicht schon aus der Ferne Einhalt thue. Darum sein Ruf und sein Schuß. Er hatte nur einen Warnungsschuß gethan, also in die Luft geschossen, da er nicht geglaubt hatte, es mit Mördern zu thun zu haben. Als er dann rasch herbeikam, erkannte ihn einer der Kerls und rief erschrocken seinen Namen. Feig morden hatten sie gekonnt; aber sie, sechs Personen, es mit diesem einen aufzunehmen, dazu fehlte ihnen der Mut. Sie rannten davon; indem sie das Haus als Deckung benutzten, um nach dem Walde zu entkommen.“

„Dann muß der Ankömmling ein hochberühmter und gefürchteter Westmann gewesen sein.“

„Westmann? Pshaw! Ein Indianer war’s. Ja, Leute, ich sage euch, daß ein Roter mich rettete!“

„Ein Roter? Der so gefürchtet war, daß sechs Rafters vor ihm davonliefen? Unmöglich!“

„Zweifle nicht! Auch du würdest, wenn du ein böses Gewissen hättest, alles im Stiche lassen, um vor ihm zu entkommen, denn es war kein andrer als Winnetou.“

„Winnetou, der Apache? Good lack! Ja, dann ist’s freilich zu glauben. Aber war der denn schon damals so bekannt?“

„Er stand freilich erst im Anbeginne seines Ruhmes, aber der eine Rafter, welcher den Namen rief und dann ausriß, hatte ihn wohl schon auf eine Weise kennen gelernt, die ihm ein zweites Zusammentreffen nicht erwünscht sein ließ. Überdies, wer Winnetou nur ein einziges Mal gesehen hat, der weiß, welchen Eindruck sein bloßes Erscheinen macht.“

„Aber er hat die Kerls entwischen lassen?“

„Einstweilen, ja. Oder hättest du es etwa anders gemacht? Aus ihrer eiligen Flucht erkannte er zwar, daß sie ein böses Gewissen hatten, aber die eigentlichen Umstände wußte er doch nicht. Dann sah er mich hängen und die losgebundenen Leichen, die er vorher nicht hatte bemerken können, am Boden liegen. Nun wußte er freilich, daß ein Verbrechen geschehen war; aber er konnte den Fliehenden nicht nach, weil er sich vor allen Dingen meiner anzunehmen hatte. Dabei war auch gar nichts versäumt, denn ein Winnetou weiß seine Leute auch später mit Sicherheit zu finden. Als ich erwachte, kniete er neben mir, gerade wie der Samariter in der heiligen Schrift. Er hatte mich von den Fesseln und dem Knebel befreit, verbot mir aber, zu sprechen, eine Untersagung, auf welche ich nicht achtete. Ich fühlte wahrhaftig keine Schmerzen und wollte auf und fort, um mich zu rächen. Er gab das nicht zu, schaffte mich und die Leichen in das Haus, wo ich mich, falls die Rafters es sich einfallen lassen sollten, wiederzukommen, leicht ihrer erwehren konnte, und ritt dann zum nächsten Nachbar, um eine pflegende und helfende Hand zu holen. Ich sage euch, daß dieser Nachbar über dreißig Meilen von mir wohnte und daß Winnetou noch nie in dieser Gegend gewesen war. Er fand ihn doch, obgleich er erst des Abends dort ankam, und brachte ihn und den Knecht gegen Morgen zu mir. Dann verließ er mich, um die Spuren der Mörder zu verfolgen. Ich mußte ihm heilig versprechen, nicht eigenmächtig zu handeln, da dies zwecklos sei. Er blieb über eine Woche aus. Ich hatte indessen meine Toten begraben und dem Nachbar Auftrag gegeben, meinen Besitz zu verkaufen. Meine zerschlagenen Glieder waren noch nicht heil; aber ich hatte mit wahren Schmerzen auf die Rückkehr des Apachen gewartet. Er war den Rafters gefolgt, hatte sie des Abends belauscht und gehört, daß sie nach dem Smoky-hill-Fort wollten. Gezeigt hatte er sich ihnen nicht, ihnen auch nichts gethan, da die Rache nur die meine war. Als er sich von mir verabschiedet hatte, nahm ich die Büchse, stieg auf das Pferd und ritt fort. Das Übrige wißt ihr bereits oder könnt es euch denken.“

„Nein, wir wissen es nicht und denken es uns auch nicht. Erzähle nur weiter, erzähle! Warum ist Winnetou nicht mit dir gegangen?“

„Jedenfalls weil er noch andres und Besseres zu thun hatte. Oder hatte er vielleicht noch nicht genug gethan? Und weitererzählen werde ich nicht. Ihr könnt euch denken, daß mir das kein Vergnügen sein kann. Die fünf sind ausgelöscht, einer nach dem andern; der sechste und schlimmste ist mir entkommen. Er war Rafter und ist vielleicht noch bei diesem Geschäfte; darum bin ich auch Rafter geworden, weil ich denke, daß ich ihn auf diese Weise am sichersten einmal treffen kann. Und nun – – behold! Was für Personen sind denn das?“

Er sprang auf, und die andern folgten seinem Beispiele, denn soeben waren zwei in bunte Decken gehüllte Gestalten aus dem Dunkel des Waldes in den Lichtkreis des Feuers getreten. Es waren Indianer, ein alter und ein junger. Der erstere hob beruhigend die Hand und sagte: „Nicht Sorge haben, denn wir nicht Feinde sind! Arbeiten hier Rafters, welche schwarzen Tom kennen?“

„Ja, den kennen wir,“ antwortete der alte Blenter.

„Er für euch fort, um zu holen Geld?“

„Ja, er soll kassieren und kann in einer Woche wieder bei uns sein.“

„Er noch eher kommen. Wir also bei richtige Leute, bei Rafters, welche wir suchen. Feuer klein machen, sonst weit sehen. Und auch leise sprechen, sonst weit gehört werden.“

Er warf die Decke ab, trat an das Feuer, riß die Brände auseinander, verlöschte sie und ließ nur einige weiterbrennen. Der junge Indianer half ihm dabei. Als das geschehen war, warf er einen Blick in den Kessel, setzte sich nieder und sagte: „Uns Stück Fleisch geben, denn wir weit geritten und nicht gegessen; großen Hunger haben.“

Sein so selbständiges Beginnen erregte natürlich das Erstaunen der Rafters. Der alte Missourier gab demselben Ausdruck, indem er fragte: „Aber, Mann, was fällt dir ein! Wagst dich zu uns heran, sogar des Nachts und obgleich du ein Roter bist! Und thust genau so, als ob dieser Platz nur dir gehörte!“

„Wir nichts wagen,“ lautete die Antwort. „Roter Mann muß nicht sein schlechter Mann. Roter Mann sein guter Mann. Bleichgesicht wird das erfahren.“

„Aber wer bist du denn? Du gehörst jedenfalls nicht einem Flußlands- und Prairiestamme an. Nach deinem Aussehen muß ich vielmehr vermuten, daß du aus Neumexiko kommst und vielleicht ein Pueblo bist.“

„Komme aus Neumexiko, bin aber kein Pueblo. Bin Tonkawahäuptling, heiße „der große Bär“, und dies mein Sohn.“

„Was, „der große Bär“?“ riefen mehrere Rafters überrascht, und der Missourier fügte hinzu. „So ist dieser Knabe also „der kleine Bär“?“

„So richtig!“ nickte der Rote.

„Ja, das ist etwas andres. Die beiden Tonkawabären sind überall willkommen. Nehmt euch Fleisch und Met, ganz wie es euch beliebt und bleibt bei uns, solange es euch gefällt. Was aber führt euch denn in diese Gegend?“

„Wir kommen, um Rafters warnen.“

„Warum? Gibt es für uns eine Gefahr?“

„Große Gefahr.“

„Welche denn? Sprich!“

„Tonkawa erst essen und Pferde holen, dann reden.“

Er gab seinem Sohne einen Wink, worauf dieser sich entfernte, und nahm sich dann ein Stück Fleisch aus dem Kessel, welches er mit solcher Ruhe zu verzehren begann, als ob er sich daheim in seinem sichern Wigwam befände.

„Pferde habt ihr mit?“ fragte der Alte. „Des Nachts hier im finstern Walde? Und dabei habt ihr uns gesucht und auch wirklich gefunden! Das ist wirklich eine Art Meisterstück von euch!“

„Tonkawa hat Augen und Ohren. Er weiß, daß Rafters stets wohnen am Wasser, am Fluß. Ihr sehr laut reden und großes Feuer brennen, welches wir sehen sehr weit und riechen noch weiter. Rafters sehr unvorsichtig, denn Feinde haben es leicht, sie zu finden.“

„Es gibt hier keine Feinde. Wir befinden uns ganz allein in dieser Gegend und sind auf alle Fälle stark genug, uns etwaiger Feinde zu erwehren.“

„Missouri-Blenter sich irren!“

„Wie, du kennst meinen Namen?“

„Tonkawa stehen lange Zeit da hinter Baum und hören, was Bleichgesichter sprechen; auch hören deinen Namen. Wenn Feinde nicht da, so nun doch kommen. Und wenn Rafters unvorsichtig, dann werden besiegt sogar von wenigen Feinden.“

Jetzt hörte man Hufschlag im weichen Boden. Der kleine Bär brachte zwei Pferde, band sie an einen Baum, nahm ein Stück Fleisch aus dem Kessel, und setzte sich neben seinen Vater, um zu essen. Dieser letztere hatte seine Portion verzehrt, schob das Messer in den Gürtel und sagte: „Nun Tonkawa sprechen, und Rafters dann wohl mit ihm Friedenspfeife rauchen. Der schwarze Tom hat viel Geld. Tramps kommen, ihm aufzulauern und es ihm abzunehmen.“

„Tramps? Hier am schwarzen Bärenflusse? Da wirst du dich wohl irren.“

„Tonkawa nicht irren, sondern genau wissen und es auch erzählen.“

Er berichtete in seinem gebrochenen Englisch das Erlebnis auf dem Steamer, war jedoch zu stolz, dabei über die Heldenthat seines Sohnes ein Wort zu erwähnen. Man hörte ihm natürlich mit der größten Spannung zu. Er erzählte auch, was nach der Flucht der Tramps geschehen war. Er hatte kurz nach ihnen mit seinem Sohne im kleinen Boote das Ufer des Arkansas erreicht und war da bis zum ersten Tagesgrauen liegen geblieben, da er des Nachts nicht der Fährte zu folgen vermochte. Diese war dann sehr deutlich gewesen und hatte, Fort Gibson vermeidend, zwischen dem Canadian und dem Red-fork nach Westen geführt, um dann wieder nach Norden einzulenken. Während einer der nächsten Nächte hatten die Tramps ein Dorf der Creekindianer überfallen, um sich Pferde zu verschaffen. Am Mittag des nächsten Tages waren die beiden Tonkawa wandernden Choctowkriegern begegnet, von denen sie sich zwei Pferde gekauft hatten. Doch war durch die beim Pferdehandel gebräuchlichen Zeremonien eine so lange Zeit in Anspruch genommen worden, daß die Tramps einen Vorsprung von einem ganzen Tag bekommen hatten. Sie waren dann über den Red-fork gegangen und über die offene Prairie nach dem schwarzen Bärenflusse geritten. Den Tonkawa war es gelungen, ihnen nahe zu kommen. Nun lagerten die Tramps auf einer kleinen Lichtung am Flußufer, und die Tonkawa hatten es für notwendig gehalten, zunächst die Rafters aufzusuchen, um diese zu benachrichtigen.

Die Wirkung dieser Erzählung ließ nicht auf sich warten. Man sprach nun nur noch im leisen Tone und löschte das Feuer ganz aus.

„Wie weit ist der Lagerplatz dieser Tramps von hier aus entfernt?“ fragte der alte Missourier.

„So viel, was die Bleichgesichter eine halbe Stunde nennen.“

„Alle Wetter! Da können sie zwar unser Feuer nicht gesehen, aber doch den Rauch gerochen haben. Wir sind wirklich zu sicher gewesen. Und seit wann liegen sie dort?“

„Eine ganze Stunde vor Abend.“

„Dann haben sie gewiß auch nach uns gesucht. Weißt du nichts darüber?“

„Tonkawa nicht dürfen beobachten Tramps, weil noch heller Tag. Sogleich weiter, um Rafters zu warnen, denn – –“

Er hielt inne und lauschte. Dann fuhr er in noch viel leiserem Tone fort. „Großer Bär etwas sehen, eine Bewegung an Ecke von Haus. Still sitzen und nicht sprechen. Tonkawa fortkriechen und nachsehen.“

Er legte sich auf den Boden nieder und kroch, sein Gewehr zurücklassend, dem Hause zu. Die Rafters spitzten die Ohren. Es vergingen wohl zehn Minuten, dann ertönte ein schriller, kurzer Schrei, ein Schrei, den jeder Westmann kennt – der Todesschrei eines Menschen. Nach kurzer Zeit kehrte der Häuptling zurück.

„Ein Kundschafter der Tramps,“ sagte er. „Tonkawa hat ihm das Messer gegeben, von hinten in das Herz getroffen. Wird nicht sagen können, was hier gesehen und gehört. Aber vielleicht noch ein zweiter da. Wird zurückkehren und melden. Drum schnell machen, wenn weiße Männer wollen vielleicht belauschen Tramps.“

„Das ist wahr,“ stimmte der Missourier flüsternd ein. „Ich werde mitgehen und du wirst mich führen, da du den Ort kennst, an welchem sie lagern. Jetzt haben sie noch keine Ahnung davon, daß wir von ihrer Gegenwart wissen. Sie fühlen sich also sicher und werden über ihr Vorhaben sprechen. Wenn wir uns gleich aufmachen, erfahren wir vielleicht, welche Pläne sie haben.“

„Ja, aber ganz leise und heimlich, damit, wenn etwa noch zweiter Kundschafter da, er nicht sehen, daß wir gehen. Und nicht Flinte mitnehmen, sondern nur Messer. Gewehr uns im Weg sein.“

„Und was machen inzwischen die andern hier?“

„In Haus hineingehen und still warten, bis wir zurückkehren.“

Dieser Rat wurde befolgt. Die Rafters begaben sich in die Blockhütte, wo sie nicht beobachtet werden konnten; der Missourier aber kroch mit dem Häuptling eine Strecke weit fort, und erst dann erhoben sich die beiden, um am Flusse abwärts zu gehen und womöglich die Tramps zu belauschen. Der schwarze Bärenfluß kann die Grenze jenes eigentümlich hügeligen Landes genannt werden, welches man mit dem Namen Rolling-Prairie, die rollende Prairie, bezeichnet. Es erhebt sich da Hügel neben Hügel, fast einer genau so wie der andre, getrennt durch Thäler, welche einander ebenso gleichen. Das geht durch den ganzen Osten von Kansas. Diese rollende Prairie ist wasserreich und gut bewaldet. Aus der Vogelschau könnte man diese unendlich aufeinander folgenden Hügel und Thäler mit den rollenden Wogen eines grüngefärbten Meeres vergleichen. Daher der Name, aus dem man erkennt, daß unter Prairie nicht stets ein ebenes Gras- oder Wiesenland zu verstehen ist. In dieses weiche, humusreiche Hügelland haben sich die Wasser des schwarzen Bärenflusses tief eingefressen, so daß seine Ufer bis dahin, wo sie die rollende Prairie verlassen, meist steil und dabei bis an das Wasser mit dicht stehenden Bäumen bewachsen sind. Das ist oder vielmehr war ein rechtes, echtes Wildland, denn in neuerer Zeit ist die rollende Prairie verhältnismäßig dicht bevölkert und von den Sonntagsjägern ihres Wildstandes beraubt worden.

Da, wo die Rafters ihren Arbeitsplatz aufgeschlagen hatten, fiel das hohe Ufer unweit des Blockhauses steil zum Wasser hinab, was höchst vorteilhaft war, da es die Anlegung sogenannter Schleifen ermöglichte, das sind Rutschbahnen, auf denen die Rafters die Stämme und Hölzer ohne große Anstrengung an das Wasser bringen können. Glücklicherweise war das Ufer vom Unterholze frei, aber dennoch war es nicht leicht, dasselbe in der Dunkelheit zu beschreiten. Der Missourier war ein alter gewandter und viel erfahrener Westmann; dennoch wunderte er sich über den Häuptling, der ihn bei der Hand genommen hatte und nun geräuschlos und so sicher zwischen den Bäumen dahinschritt und die Stämme so sicher zu vermeiden wußte, als ob es heller Tag sei. Unten hörte man das Rauschen des Flusses, ein sehr vorteilhafter Umstand, da dasselbe ein etwa mit dem Fuße erzeugtes Geräusch unhörbar machte.

Blenter befand sich seit längerer Zeit hier. Er arbeitete nicht als Rafter, sondern als Jäger und Fleischmacher und kannte die Gegend ganz genau. Um so mehr mußte er die Sicherheit anerkennen, mit welcher der Indianer, der sich zum erstenmal und zwar auch nur seit dem Anbruch der Dunkelheit hier befand, bewegte.

Als etwas über eine Viertelstunde vergangen war, stiegen die beiden in ein Wellenthal hinab, welches den Lauf des Flusses durchkreuzte. Auch dieses war mit Bäumen dicht bewachsen; es wurde durch einen leisen murmelnden Bach bewässert. In der Nähe der Stelle, wo derselbe sich in den Fluß ergoß, gab es einen baumfreien Platz, auf dem nur einige Büsche standen. Dort hatten sich die Tramps gelagert und ein Feuer angebrannt, dessen Schein den beiden Männern schon in die Augen fiel, als sie sich noch unter dem Wipfeldache des Waldes befanden.

„Tramps ebenso unvorsichtig wie Rafters,“ flüsterte der Tonkawahäuptling seinem Gefährten zu. „Brennen großes Feuer, als ob sie braten wollten ganzen, großen Büffel. Roter Krieger stets nur kleines Feuer machen. Flamme nicht sehen und ganz wenig Rauch. Wir da sehr leicht hinkommen und es so machen können, daß uns nicht sehen.“

„Ja, hinkommen können wir,“ meinte der Alte. „Aber ob so nahe, daß wir hören können, was sie sprechen, das ist noch fraglich.“

„Wir ganz nahe, wir hören werden. Aber einander beistehen, wenn Tramps uns entdecken. Angreifer totstechen und schnell in Wald hinein.“

Sie gingen bis an die letzten Bäume vor und sahen nun das Feuer und die um dasselbe lagernden Leute. Hier unten gab es mehr Stechmücken, die gewöhnliche Plage der Flußläufe dieser Gegenden, als oben im Lager der Rafters. Wohl aus diesem Grunde hatten die Tramps ein so mächtiges Feuer angebrannt. Seitwärts standen die Pferde. Man sah sie nicht, aber man hörte sie. Sie wurden so von den Moskitos geplagt, daß sie, um diese von sich abzuwehren, in immerwährender Bewegung waren. Der Missourier hörte das Stampfen ihrer Hufe; ja, der Häuptling vernahm sogar das Peitschen ihrer Schwänze.

Nun legten sie sich auf die Erde nieder und krochen nach dem Feuer hin. Dabei benutzten sie als Deckung die Büsche, welche auf der Lichtung standen. Die Tramps saßen nahe am Bache, dessen Ufer mit dichtem Schilfe bewachsen war; das letztere reichte bis an das Lager hin.

Der vorankriechende Indianer wendete sich dem Schilfe zu, welches die beste Gelegenheit zum Verbergen bot. Dabei entfaltete er eine wahre Meisterschaft in Beziehung auf die Kunst des Anschleichens. Es galt, durch die hohen, dürren Halme zu kommen, ohne das im Schilfe fast unvermeidliche Geräusch zu verursachen. Auch durften sich die Spitzen desselben nicht bewegen, weil dadurch leicht die Entdeckung herbeigeführt werden konnte. Der alte Bär vermied diese Gefahr dadurch, daß er sich einfach den Weg schnitt. Er legte mit dem scharfen Messer das Schilf vor sich nieder und hatte dabei noch Aufmerksamkeit für den Missourier übrig, um diesem das Nachfolgen zu erleichtern. Dieses Niedersicheln des harten Schilfes geschah so unhörbar, daß sogar der Alte das Fallen der Halme nicht vernehmen konnte.

So näherten sie sich dem Feuer und blieben erst dann liegen, als sie sich so nahe bei den Tramps befanden, daß sie deren Gespräch, welches freilich nicht leise geführt wurde, hören konnten. Blenter war nicht zurückgeblieben, sondern hatte sich neben dem Häuptling Platz gemacht. Er überflog die vor ihm sitzenden Gestalten und fragte leise: „Welcher ist denn der Cornel, von welchem du uns erzählt hast?“

„Cornel nicht da, er fort,“ antwortete der Indianer flüsternd.

„Wohl auch, um nach uns zu suchen?“

„Ja; es können fast nicht anders sein.“

„So ist er jedenfalls derjenige, den du erstochen hast?“

„Nein, er es nicht sein.“

„Das hast du doch nicht sehen können?“

„Bleichgesicht sehen nur mit Augen, Indianer aber sehen auch mit Händen. Meine Finger hätten Cornel gewiß erkannt.“

„So ist er nicht allein, sondern in Begleitung eines andern gewesen, und diesen andern hast du erstochen.“

„Das sehr richtig. Nun hier warten, bis Cornel zurückkehren.“

Die Tramps unterhielten sich sehr lebhaft; sie schwatzten von allem möglichen, nur nicht von dem, was den beiden Lauschern interessant gewesen wäre, bis dann doch einer sagte: „Soll mich wundern, ob der Cornel richtig vermutet hat. Es wäre ärgerlich, wenn sich die Rafters nicht mehr hier befänden.“

„Sie sind noch da, und zwar ganz nahe,“ antwortete ein andrer. „Die Axtspäne, welche das Wasser hier angeschwemmt hat, sind noch ganz neu; sie stammen von gestern oder höchstens vorgestern.“

„Wenn das richtig ist, so müssen wir wieder zurück, weil wir den Kerls hier so nahe sind, daß sie uns bemerken werden. Und sehen dürfen sie uns doch nicht. Mit ihnen haben wir eigentlich nichts zu schaffen, sondern wir wollen nur den schwarzen Tom und sein Geld abfangen.“

„Und werden es nicht bekommen,“ fiel ein dritter ein.

„Warum nicht?“

„Weil wir es so dumm angefangen haben, daß es unmöglich gelingen kann. Meint ihr etwa, daß die Rafters uns nicht bemerken werden, wenn wir eine Strecke zurückgehen? Sie müßten geradezu blind sein. Wir lassen hier Spuren zurück, welche gar nicht zu vertilgen sind. Und ist unsre Anwesenheit verraten, so ist es aus mit unsrem Plan.“

„Gar nicht! Wir schießen die Kerls nieder!“

„Werden sie sich hinstellen und ruhig auf sich schießen lassen? Ich habe dem Cornel den besten Rat gegeben, bin aber leider von ihm abgewiesen worden. Im Osten, in den großen Städten, geht der Bestohlene zur Polizei und überläßt es dieser, den Dieb ausfindig zu machen; hier im Westen aber nimmt jeder seine Sache in die eigene Hand. Ich bin überzeugt, daß man uns wenigstens eine Strecke weit verfolgt hat. Und wer sind diejenigen gewesen, die sich auf unsre Fährte gesetzt haben? Jedenfalls nur diejenigen unter den Passagieren, welche sich auf so etwas verstehen, also Old Firehand, der schwarze Tom und höchstens noch diese sonderbare Tante Droll. Wir hätten auf sie warten sollen, und es wäre uns sehr leicht gewesen, Tom sein Geld abzunehmen. Statt aber das zu thun, haben wir diesen weiten Ritt gemacht und sitzen nun hier am Bärenflusse, ohne zu wissen, ob wir es bekommen werden. Und daß der Cornel jetzt bei Nacht im Walde herumläuft, um die Rafters zu suchen, das ist ebenso dumm. Er konnte bis morgen warten und – – “

Er hielt in seinem Raisonnement inne, denn derjenige, von welchem er sprach, kam in diesem Augenblicke unter den Bäumen hervor und auf das Feuer zugeschritten. Er sah die Blicke seiner Leute neugierig auf sich gerichtet, nahm den Hut vom Kopfe, warf ihn auf den Boden und sagte: „Bringe keine gute Nachricht, Leute, habe Unglück gehabt.“

„Welches? Was für eins? Inwiefern?“ fragte es rundum. „Wo ist Bruns? Warum kommt er nicht mit?“

„Bruns?“ antwortete der Cornel, indem er sich niedersetzte. „Der kommt überhaupt nicht wieder; er ist tot.“

„Tot? Bist du des Teufels! Wie ist er verunglückt? Denn getötet kann ihn doch niemand haben.“

„Wie klug du bist?“ antwortete der Anführer dem Frager. „Freilich ist der arme Teufel nur verunglückt, aber durch ein Messer, welches man ihm in das Herz gestoßen hat.“

Diese Nachricht brachte eine große Aufregung hervor. Jeder fragte nach dem Wie und Wo, und vor lauter Fragen konnte der Cornel gar nicht zur Antwort kommen. Darum gebot er Ruhe. Als diese eingetreten war, berichtete er: „Ich nahm gerade Bruns und keinen andern mit, weil er der beste Sucher ist oder vielmehr war. Er hat sich in dieser Eigenschaft auch gut bewährt, denn seine Nase führte uns zu den Rafters.“

„Seine Nase?“ fragte derjenige, welcher die Gewohnheit zu haben schien, für die andern den Sprecher zu machen.

„Ja, seine Nase. Wir vermuteten die Gesellschaft natürlich weiter aufwärts und schlugen also diese Richtung ein. Dabei mußten wir sehr vorsichtig sein, da wir sonst leicht gesehen werden konnten. Aus diesem Grunde kamen wir nur langsam weiter, und es wurde dunkel. Ich wollte umkehren, aber Bruns gab das nicht zu. Wir hatten mehrere Spuren gesehen, aus denen er schloß, daß wir dem Flößplatze nahe seien. Er meinte, wir würden die Rafters riechen, da sie schon wegen der Stechfliegen ein Feuer haben mußten. Diese Ansicht bewahrheitete sich, denn es roch endlich nach Rauch, und auf der Höhe des Ufers gab es einen leichten Schein wie von einem Feuer, dessen Licht durch Büsche und Bäume dringt. Wir kletterten hinauf und konnten nun das Feuer vor uns sehen. Es brannte vor einem Blockhause, und um die Flamme saßen die Rafters, ihrer zwanzig, gerade so viel wie wir. Um sie zu belauschen, schlichen wir uns näher. Ich blieb unter einem Baume liegen, und Bruns machte sich hinter das Haus. Wir hatten noch gar nicht Zeit gefunden, auf das Gespräch zu achten, als plötzlich zwei Kerls kamen, nicht Rafters, sondern Fremde. Ratet einmal, wer sie waren. Doch nein, ihr kommt doch nicht auf das Richtige. Es waren nämlich die beiden Indianer, der große und der kleine Bär, vom „Dogfish“.

Die Tramps zeigten sich über diese Nachricht sehr erstaunt, sie wollten derselben keinen Glauben schenken. Geradezu betroffen aber wurden sie, als sie erfuhren, was der Häuptling den Rafters erzählt hatte. Dann fuhr der Cornel fort: „Ich sah, daß der Rote das Feuer ganz auslöschte, und dann wurde so leise gesprochen, daß ich nichts mehr verstehen konnte. Ich wollte nun gern fort, mußte aber selbstverständlich auf Bruns warten. Plötzlich hörte ich einen Schrei, so entsetzlich, so fürchterlich, daß er mir durch Mark und Bein ging. Er kam von der Blockhütte her, hinter welcher Bruns steckte. Mir wurde bange um ihn, und ich schlich mich also um das Lager nach der Hütte. Es war so dunkel, daß ich mich vorwärts tasten mußte. Dabei traf ich mit der Hand auf einen menschlichen Körper, welcher in einer Blutlache lag. Ich fühlte an der Kleidung, daß es Bruns war, und erschrak auf das heftigste. Er hatte im Rücken einen Stich, welcher gerade ins Herz gedrungen sein muß, war also tot. Was konnte ich thun? Ich leerte seine Taschen, nahm sein Messer und seinen Revolver zu mir und ließ ihn liegen. Als ich dann wieder nach vorn kam, bemerkte ich, daß die Rafters sich in die Blockhütte zurückgezogen hatten, und machte mich nun schnell aus dem Staube.“

Die Tramps ergingen sich in Ausdrücken rohen Mitleids über den Tod ihres Gefährten, doch der Anführer machte denselben ein Ende, indem er sagte: „Laßt das jetzt sein! Wir haben keine Zeit dazu, denn wir müssen fort.“

„Warum?“ wurde er gefragt.

„Warum? Habt ihr denn nicht gehört, daß diese Roten unsern Lagerplatz kennen? Natürlich werden sie uns überfallen wollen, wahrscheinlich am Morgen. Da sie sich aber sagen müssen, daß wir den Toten vermissen und infolgedessen Verdacht schöpfen werden, so ist es möglich, daß sie noch eher kommen. Lassen wir uns überraschen, so sind wir verloren. Wir müssen also sofort weiter.“

„Aber wohin?“

„Nach dem Eagle-tail.“

„Ach, um uns die Eisenbahnkasse zu holen. Auf das Geld der Rafters sollen wir also verzichten?“

„Leider. Es ist das Klügste, und –“

Er hielt inne und machte mit der Hand eine Bewegung der Überraschung, welche die andern nicht verstanden.

„Was ist’s? Was hast du?“ fragte ihn einer. „Sprich weiter.“

Der Cornel stand, ohne zu antworten, auf. Er hatte nahe an der Stelle gesessen, wo die beiden Lauscher lagen. Diese befanden sich nicht mehr nebeneinander wie vorher. Als nämlich das Auge des alten Missouriers auf den Cornel gefallen war, hatte sich seiner eine ganz ungewöhnliche Aufregung bemächtigt, welche sich bei dem Klange der Stimme des Genannten noch gesteigert hatte. Er blieb nicht ruhig liegen, sondern schob sich weiter und immer weiter im Schilfe vor. Seine Augen glühten, und es schien, als ob sie aus ihren Höhlen treten wollten. In dieser Erregung vergaß er die nötige Vorsicht; er achtete nicht darauf, daß sein Kopf fast ganz aus dem Schilfe ragte.

„Nicht sehen lassen!“ raunte ihm der Häuptling zu, indem er ihn faßte und zurückzog.

Aber es war schon zu spät, denn der Cornel hatte den Kopf gesehen. Darum unterbrach er seine Rede und war rasch aufgestanden, um den Lauscher unschädlich zu machen. Er verfuhr dabei mit großer Schlauheit, indem er sagte: „Es fiel mir eben ein, daß ich dort bei den Pferden noch – – doch, kommt ihr beide einmal mit!“

Er winkte den zwei Männern, welche an seiner Rechten und Linken gesessen hatten. Sie standen sogleich auf, und er flüsterte ihnen zu: „Ich verstelle mich nur, denn da hinter uns liegt ein Kerl, jedenfalls ein Rafter, im Schilfe. Sieht er, daß ich es auf ihn abgesehen habe, so läuft er davon. Sobald ich mich auf ihn werfe, packt ihr ihn auch sofort. Auf diese Weise bekommen wir ihn gleich so fest, daß er sich gar nicht wehren und mich verwunden kann. Also – – vorwärts!“

Bei dem Worte vorwärts, welches er nun laut ausrief, drehte er sich blitzschnell um und that einen Sprung nach der Stelle, an welcher er den Kopf gesehen hatte.

Der Tonkawahäuptling war ein äußerst vorsichtiger, erfahrener und scharfsinniger Mann. Er sah den Cornel aufstehen und mit den beiden flüstern; er sah, daß der eine derselben eine unwillkürliche Bewegung nach rückwärts machte. So gering und fast unbemerkbar diese Bewegung war, dem großen Bär verriet sie doch, um was es sich handle. Er berührte den Alten mit der Hand und flüsterte ihm zu. „Schnell fort! Cornel dich sehen und dich fangen. Schnell, schnell!“

Zu gleicher Zeit wendete er sich um und schnellte sich, ohne sich vom Boden zu erheben, fort und hinter den nächsten Busch. Das war das Werk von höchstens zwei Sekunden, aber schon ertönte hinter ihm das „Vorwärts“ des Cornels, und als er zurückblickte, sah er diesen sich auf den Missourier stürzen, welchem Beispiele die beiden andern Tramps augenblicklich folgten.

Der alte Blenter wurde trotz seiner gerühmten Geistesgegenwart vollständig überrumpelt. Die drei lagen oder knieten auf ihm und hielten ihm die Arme und Beine fest, und die Tramps sprangen vom Feuer auf und kamen schnell herbei. Der Indianer hatte sein Messer gezogen, um dem Alten beizustehen, er mußte aber einsehen, daß er gegen diese Übermacht nichts auszurichten vermöge. Er konnte nichts weiter thun, als sehen, was mit dem Missourier geschehen werde, und dann die Rafters benachrichtigen. Um aber nicht auch selbst entdeckt zu werden, kroch er von dem in das Schilf geschnittenen Wege fort, weit weg zur Seite, wo er sich hinter einem Busch verbarg.

Die Tramps wollten, als sie den Gefangenen erblickten, laut werden, doch der Cornel gebot ihnen Schweigen: „Still! Wir wissen nicht, ob noch andre da sind. Haltet ihn fest. Ich werde nachsehen.“

Er ging die Umgebung des Feuers ab und bemerkte zu seiner Beruhigung keinen Menschen. Dann gebot er, den Mann an das Feuer zu bringen. Dieser hatte alle seine Kräfte angestrengt, sich loszumachen, doch vergebens. Er sah ein, daß er sich in sein Schicksal fügen müsse. Allzu schlimm konnte dasselbe nicht sein, da er den Tramps ja bis jetzt nichts zuleide gethan hatte. Übrigens mußte ihn der Gedanke an den Indianer beruhigen. Dieser ging gewiß schnell fort, um Hilfe herbeizuholen.

Während vier Mann den Gefangenen am Boden festhielten, beugte sich der Cornel nieder, um ihm in das Gesicht zu sehen. Es war ein langer, langer, scharf und nachdenklich forschender Blick, mit dem er dies that. Dann sagte er: „Kerl, dich müßte ich kennen! Wo habe ich dich eigentlich schon gesehen?“

Der Alte hütete sich wohl, es ihm zu sagen, da er in diesem Falle verloren gewesen wäre. Der Haß kochte in seiner Brust, aber er gab sich Mühe, ein möglichst gleichgültiges Gesicht zu zeigen.

„Ja, ich muß dich gesehen haben,“ wiederholte der Cornel. „Wer bist du? Gehörst du zu den Rafters, welche da oberhalb arbeiten?“

„Ja,“ antwortete der Gefragte.

„Was hast du dich hier herumzuschleichen? Warum belauschest du uns?“

„Sonderbare Frage? Ist es hier im Westen etwa verboten, sich die Leute anzusehen? Ich meine vielmehr, daß es ein Gebot der Notwendigkeit ist, dies zu thun. Es gibt da Leute genug, vor denen man sich in acht nehmen muß.“

„Zählst du vielleicht auch uns zu denselben?“

„Unter welche Sorte von Menschen ihr gehört, das muß sich erst zeigen. Ich kenne euch ja nicht.“

„Das ist eine Lüge. Du hast gehört, was wir gesprochen haben und wirst also wissen, wer und was wir sind.“

„Nichts habe ich gehört. Ich war unten am Flusse und wollte nach unserm Lager, da sah ich euer Feuer und schlich natürlich herbei, um zu sehen, wer hier lagert. Ich fand gar nicht Zeit, zu hören, was gesprochen wurde, denn ich war zu unvorsichtig und wurde in dem Augenblicke, an welchem ich mich zum Lauschen anschickte, von euch gesehen.“

Er hoffte, daß nur der getötete Tramp ihn oben an der Blockhütte gesehen habe, da er sein Gesicht derselben zugewendet gehabt hatte; aber er irrte sich, denn der Rothaarige antwortete: „Das ist lauter Schwindel. Ich sah dich vorhin nicht nur bei den Rafters sitzen, sondern ich hörte dich auch sprechen und erkenne dich wieder. Willst du das eingestehen?“

„Kann mir nicht einfallen! Was ich sage, ist wahr; du verkennst mich also.“

„So bist du wirklich allein hier gewesen?“

„Ja.“

„Und behauptest, wirklich nichts von unsrer Unterhaltung gehört zu haben?“

„Kein Wort.“

„Wie heißest du?“

„Adams,“ log der Missourier, welcher allen Grund zu haben glaubte, seinen wirklichen Namen nicht zu nennen.

„Adams,“ wiederholte der Cornel nachdenklich. „Adams! Habe niemals einen Adams gekannt, der dein Gesicht gehabt hätte. Und doch ist es mir, als ob wir einander schon gesehen hätten. Kennst du mich? Weißt du, wie ich heiße?“

„Nein,“ behauptete der Alte, abermals wahrheitswidrig. „Nun aber laßt mich los! Ich habe euch nichts gethan und hoffe, daß ihr ehrliche Westmänner seid, welche andre ehrliche Leute in Ruhe lassen.“

„Ja, wir sind allerdings ehrliche Männer, sehr ehrliche Männer,“ lachte der Rote; „aber ihr habt vorhin einen von uns erstochen, und nach den Gesetzen des Westens schreit das nach Rache. Blut um Blut, Leben um Leben. Magst du sein, wer du willst, es ist aus mit dir.“

„Wie? Ihr wollt mich ermorden?“

„Ja, gerade so, wie ihr unsern Kameraden ermordet habt. Es handelt sich nur darum, ob du, gerade so wie er, durch das Messer stirbst oder ob wir dich da im Flusse ersäufen. Große Zeremonien aber werden keinesfalls gemacht. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Stimmen wir schnell ab. Bindet ihm den Mund zu, daß er nicht schreien kann. Wer von euch dafür ist, daß wir ihn in das Wasser werfen, der hebe den Arm empor.“

Diese Aufforderung war an die Tramps gerichtet, deren Mehrzahl sofort das erwähnte Zeichen gab.

„Also ersäufen!“ meinte der Cornel. „Bindet ihm Arme und Beine fest zusammen, damit er nicht schwimmen kann; dann schnell in das Wasser, und nachher fort mit uns, ehe seine Leute kommen!“

Der alte Missourier war während des Verhöres von mehreren Männern festgehalten worden. Jetzt sollte ihm zunächst der Mund zugebunden werden. Er wußte, daß der Indianer unmöglich schon die Rafters erreicht haben könne; auf Hilfe war also nicht zu rechnen; dennoch that er das, was jeder andre auch gethan haben würde; er wehrte sich mit Anstrengung aller seiner Kräfte und schrie um Hilfe. Der Ruf drang weit in die Stille der Nacht hinaus.

„All lightnings!“ zürnte der Rote. „Laßt ihn doch nicht so schreien. Wenn ihr nicht mit ihm fertig werdet, so will ich selbst ihn ruhig machen. Paßt auf!“

Er ergriff sein Gewehr und holte aus, um dem Alten einen Kolbenhieb an den Kopf zu versetzen, kam aber nicht dazu, seine Absicht auszuführen, denn – – –

Kurz vor Abend waren vier Reiter, welche die Fährte der Tramps scharf im Auge hatten, dem Ufer des Flusses aufwärts gefolgt, nämlich Old Firehand, der schwarze Tom und Tante Droll mit seinem Knaben. Die Spur führte unter den Bäumen hin; sie war wohl leidlich zu erkennen, aber schwer nach ihrem Alter zu bestimmen. Erst als sie über eine mit Gras bewachsene lichte Stelle ging, stieg Old Firehand vom Pferde, um sie zu untersuchen, da die Halme bessere Anhaltspunkte als das niedrige Waldmoos gaben. Als er die Eindrücke genau betrachtet hatte, sagte er: „Die Kerls sind ungefähr eine englische Meile vor uns, denn die Fährte wurde vor einer halben Stunde getreten. Wir müssen unsre Pferde also besser ausgreifen lassen.“

„Warum?“ fragte Tom.

„Um noch vor Nacht so nahe an die Tramps zu kommen, daß wir ihren Lagerplatz erfahren.“

„Ist das nicht gefährlich für uns?“

„Nicht, daß ich wüßte.“

„O doch! Sie lagern sich jedenfalls, noch ehe es dunkel wird, und wenn wir eilen, müssen wir gewärtig sein, ihnen gerade in die Arme zu reiten.“

„Das befürchte ich nicht. Selbst wenn Ihre Voraussetzung richtig sein sollte, können wir sie vor der Dämmerung nicht erreichen. Ich schließe aus verschiedenen Anzeichen, daß wir uns in der Nähe der Rafters, welche wir vor ihnen zunächst zu warnen haben, befinden. Da ist es vorteilhaft, den Ort zu kennen, an welchem die Tramps lagern. Und dazu ist eben Eile nötig. Sonst überrascht uns die Nacht, in welcher bis zum Morgen viel geschehen kann, was wir dann nicht zu verhindern vermöchten. Was meinen Sie dazu, Droll?“

Die beiden hatten deutsch gesprochen. Droll antwortete also in seinem Dialekte: „Se habe da ganz meine eegne Meenung ausgeschproche. Reite mer rasch weiter, so habe mer se eher; reite mer aber langsamer, so bekomme mer se schpäter und könne leicht eher und tiefer ins Dekerment gerate, als diejenigen, welche mer rette wolle. Also, meine Herre, reite mer Trab, daß de Bäume wackle!“

Da die Bäume nicht eng standen, konnte dieser Vorschlag selbst im Walde ausgeführt werden. Doch hatten auch die Tramps das Tageslicht vollständig ausgenützt und erst dann Halt gemacht, als sie durch die Dunkelheit dazu gezwungen wurden. Hätte Old Firehand sich nicht auf der Fährte derselben, sondern mehr in der Nähe des Ufers gehalten, so wäre er auf die Spur der beiden Tonkawaindianer gestoßen, welche einen ganz geringen Vorsprung vor ihm hatten.

Als es so dunkel wurde, daß die Hufeindrücke fast nicht mehr zu erkennen waren, stieg er abermals ab, um sie zu untersuchen. Das Resultat war: „Wir haben eine halbe Meile gut gemacht; aber leider sind die Tramps auch schnell geritten. Dennoch wollen wir versuchen, sie zu erreichen. Steigen Sie ab; wir müssen nun zu Fuß weiter und die Pferde führen!“

Leider war die Strecke, welche sie noch zurücklegen konnten, nicht bedeutend, da es so finster wurde, daß die Fährte nicht mehr zu erkennen war. Die vier blieben also halten.

„Was nun?“ fragte Tom. „Wir sind fast gezwungen, hier zu kampieren.“

„Nee,“ antwortete Droll. „Ich kampiere nich, sondern mer laufe hübsch weiter, bis mer se finde.“

„Da hören sie uns doch kommen!“

„So mache mer sachte. Mich höre se nich, und mich kriege se nich. Meene Se nich ooch, Herr Firehand?“

„Ja, ich bin ganz Ihrer Meinung,“ antwortete der Genannte. „Aber die Vorsicht verbietet uns, die Richtung der Fährte beizubehalten. Thäten wir das, so würde Tom recht behalten, die Tramps müßten uns kommen hören. Halten wir uns mehr nach rechts, vom Flusse ab, dann haben wir sie zwischen uns und dem Wasser und müssen ihr Feuer bemerken, ohne daß sie uns gewahren.“

„Und wenn sie kein Feuer haben?“ bemerkte Tom.

„So rieche mer ihre Pferde,“ antwortete Droll. „Im Walde schnuppert mer de Pferde viel leichter aus als drauße im freie Felde. Meine Nase hat mich da noch nich im Schtich gelasse. Schteige mer also weiter, nach rechts nebber!“

Old Firehand schritt, sein Pferd am Zügel führend, voran, und die andern folgten hintereinander. Leider aber machte der Fluß hier einen ziemlich weiten Bogen nach links. Die Folge war, daß sie zu weit von demselben abkamen. Old Firehand bemerkte das an der verminderten Feuchtigkeit des Bodens und der Umgebung und wendete sich darum mehr nach links. Aber der Umweg war nicht ungeschehen zu machen, zumal man im finstern Walde nur sehr langsam gehen konnte. Die vier kamen zu der Ansicht, einen Fehler gemacht zu haben, und hielten es für geraten, vor allen Dingen nach dem Flusse zurückzukehren. Sie wußten nicht, daß sie den Lagerplatz der Tramps umgangen hatten und sich nun zwischen demselben und demjenigen der Rafters befanden. Glücklicherweise spürte Old Firehand den Geruch des Rauches und blieb stehen, um zu prüfen, woher derselbe komme. Hinter ihm schnoberte Droll in der Luft herum und meinte dann: „Das is Rooch; er kommt von da drüben rebber; also müsse mer dort nebber. Aber nehme mer uns in acht; mer scheint’s, als ob’s dort heller werde wolle. Das kann nur vom Feuer sein.“

Er wollte den Fuß weiter setzen, hielt aber inne, denn sein scharfes Ohr vernahm nahende Schritte. Old Firehand vernahm sie auch und zugleich das hastige Atmen des Kommenden. Er ließ den Zügel seines Pferdes los und trat einige Schritte vor. Sein Gehör sagte ihm, daß der Mann da vorüberkomme. Im Dunkel der Nacht und des Waldes, selbst dem Auge des berühmten Jägers kaum erkennbar, tauchte vor demselben eine Gestalt auf, welche schnell weiter huschen wollte. Old Firehand griff mit beiden Händen zu.

„Halt!“ gebot er, doch mit unterdrückter Stimme, um nicht zu weit gehört zu werden. „Wer bist du?“

„Schai nek-enokh, schai kopeia – ich weiß es nicht, niemand,“ antwortete der Gefragte, indem er sich loszureißen versuchte.

Selbst der furchtloseste Mann wird erschrecken, wenn er, sich des Nachts im Walde allein wähnend, plötzlich von zwei starken Fäusten gepackt wird. In solchen Augenblicken des Schreckens bedient sich fast jeder, der auch in andern Zungen spricht, ganz unwillkürlich der Muttersprache. So auch der Mann, welcher von Firehand festgehalten wurde. Dieser letztere verstand die Worte und sagte überrascht. „Das ist Tonkawa! Der große Bär ist mit seinem Sohne vor uns. Solltest du – sag, wer bist du?“

Jetzt hörte der Mann auf, zu widerstehen; er hatte die Stimme des großen Jägers erkannt und antwortete hastig in seinem gebrochenen Englisch: „Ich Nintropan-hauey; du Old Firehand. Das sehr gut, sehr gut! Noch mehr Männer bei dir?“

„Also der große Bär! Das ist ein glücklicher Zufall. Ja, ich bin Old Firehand. Es sind noch drei Personen bei mir, und wir haben Pferde mit. Was treibst du hier? Die Tramps sind in der Nähe. Nimm dich in acht!“

„Habe sie sehen. Haben gefangen nehmen alt Missourier-Blenter. Wollen ihn wahrscheinlich töten. Ich laufen zu Rafters nach Hilfe; da mich Old Firehand festhalten.“

„Sie wollen einen Rafter töten? Da müssen wir Einhalt thun. Wo sind sie?“

„Dort hinter mir, wo zwischen den Bäumen hell werden.“

„Ist der rote Cornel bei ihnen?“

„Ja, er dort sein.“

„Wo haben sie ihre Pferde?“

„Wenn Old Firehand zu ihnen, dann Pferde stehen rechts, ehe an Feuer kommen.“

„Und wo befinden sich die Rafters?“

„Oben auf Berg. Der alte Bär schon bei ihnen gewesen und mit ihnen gesprochen.“

Er erzählte in fliegender Eile, was geschehen war, worauf Old Firehand antwortete: „Wenn ein Tramp getötet worden ist, so werden sie dafür den Missourier ermorden wollen, und zwar gleich, um keine Zeit zu verlieren, da sie fliehen müssen, weil ihre Anwesenheit verraten ist. Wir vier werden unsre Pferde hier anbinden und uns schleunigst nach dem Feuer begeben, um den Mord zu verhindern. Du aber lauf zu den Rafters, um sie herbeizuholen! Wir fürchten uns zwar nicht vor diesen, aber es ist immerhin besser, wenn die Holzfäller schnell nachkommen.“

Der Indianer rannte fort. Die vier befestigten die Zügel ihrer Pferde an die Bäume und schritten dann so schnell wie möglich dem Lager der Tramps zu. Schon nach kurzer Zeit wurde es vor ihnen heller, und bald sahen sie das Feuer zwischen den Stämmen der Bäume leuchten. Rechts erblickten sie auf der Lichtung die Pferde.

Sie hatten sich bis jetzt keine Mühe gegeben, nicht gehört und gesehen zu werden. Nun aber legten sie sich nieder und näherten sich dem Feuer kriechend. Dabei wendete Old Firehand sich zu dem Knaben Fred. Er wollte ihm sagen, sich zu den Pferden zu begeben und jeden Tramps niederzuschießen, der etwa aufsteigen und entfliehen wollte; aber kaum war das erste fort über seine Lippen, so ertönte vor ihnen ein lauter, durchdringender Schrei. Es war der bereits erwähnte Hilferuf des alten Missouriers.

„Sie morden ihn!“ sagte Old Firehand, aber noch immer in gedämpftem Tone.

„Schnell drauf, mitten unter sie hinein. Keine Schonung gegen den, der sich wehrt!“

Er erhob sich und sprang nach dem Feuer zu und warf drei, vier Tramps zur Seite, um zu dem Roten zu kommen, welcher eben, wie schon berichtet, zum Schlage ausholte. Er kam gerade noch zur rechten Zeit und hieb den Cornel mit dem Kolben nieder. Zwei, drei Tramps, welche beschäftigt waren, den Missourier zu binden und zu knebeln, um ihn dann in den Fluß zu werfen, fielen unter seinen nächsten Streichen. Dann zog er, das noch nicht abgeschossene Gewehr wegwerfend, die Revolver und feuerte auf die übrigen Feinde. Dabei sagte er kein Wort. Es war seine Gewohnheit, im Kampfe zu schweigen, außer wenn er gezwungen war, Befehle zu erteilen.

Desto lauter waren die drei andern. Der schwarze Tom war auch wie ein Wetter unter die Tramps gefahren und arbeitete sie mit dem Kolben nieder, indem er ihnen die kräftigsten Schimpf-, Spott- und Drohnamen zurief. Der sechzehnjährige Fred hatte erst die Flinte auf sie abgeschossen, sie weggeworfen, und die Revolver gezogen. Er gab Schuß auf Schuß ab und schrie dabei aus Leibeskräften, um ihren Schreck zu erhöhen.

Am lautesten aber ließ sich die kreischende Fistelstimme der Tante Droll hören. Der wundersame Jäger schrie und wetterte geradezu für hundert Personen. Seine Bewegungen waren so ungemein schnell, daß keiner der Feinde mit Sicherheit auf ihn zu schießen vermocht hätte. Aber es gab auch keinen, der dies beabsichtigte. Die Tramps waren vor Schreck über den unerwarteten Überfall so verblüfft, daß sie zunächst gar nicht an Widerstand dachten, und als sie zu sich kamen, sahen die Unverletzten von ihnen so viele ihrer Kameraden tot oder verwundet oder betäubt am Boden liegen, daß sie es für das klügste hielten, die Flucht zu ergreifen. Sie rannten davon, ohne sich Zeit genommen zu haben, die Angreifer zu zählen, deren sie infolge von Tante Drolls Geschrei eine große Anzahl vorhanden glaubten. Von dem Augenblicke, an welchem Old Firehand den ersten Streich geführt hatte, bis zur Flucht der unverwundeten Tramps war nicht eine ganze Minute vergangen.

„Ihnen nach!“ rief Old Firehand. „Ich halte den Platz. Laßt sie nicht zu den Pferden!“

Tom, Droll und Fred rannten unter großem Geschrei nach dem Platze, an welchem sie die Tiere gesehen hatten. Diejenigen Tramps, welche dorthin geflohen waren, um sich in den Sattel zu retten, kamen vor Angst nicht dazu, diesen Vorsatz auszuführen; sie flüchteten sich weiter in den Wald hinein.

Indessen hatten die Rafters oben in ihrer Blockhütte auf die Rückkehr der beiden Kundschafter, des Missouriers und des Tonkawahäuptlings, gewartet. Als sie die Schüsse unten am Flusse fallen hörten, glaubten sie diese beiden in Gefahr. Um sie womöglich zu retten, griffen sie zu den Waffen, verließen das Haus und rannten, so gut die Finsternis es ihnen gestattete, der Gegend zu, in welcher die Schüsse gefallen waren. Dabei schrieen sie aus Leibeskräften, um dadurch die Tramps von den Bedrohten abzuschrecken. Ihnen voran lief der junge Bär, da er die Stelle, an welcher die Tramps lagerten, genau kannte. Er ließ von Zeit zu Zeit seine Stimme hören, um die Rafters in der rechten Richtung zu erhalten. Sie hatten kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt, als vor ihnen noch eine andre Stimme erschallte, nämlich diejenige des alten Bären.

„Rasch kommen!“ rief er. „Old Firehand da sein und auf Tramps schießen. Er nur drei Mann mit; ihm helfen.“

Nun ging es mit vermehrter Schnelligkeit zu Thale. Das Schießen hatte aufgehört, und man wußte also nicht, wie die Angelegenheit stand. Das Geschrei der Rafters hatte zur Folge, daß die fliehenden Tramps in ihrer Flucht nicht inne hielten, sondern sich die größte Mühe gaben, soweit wie möglich zu entkommen. Die ersteren hatten es ebenso eilig. Mancher rannte an einen Baum und verletzte sich, ohne es aber zu beachten.

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Elftes Kapitel

In der Klemme.

Da, wo jenseits des Cumison River sich die Elk Mountains erheben, ritten vier Männer über ein Hochplateau, welches mit kurzem Grase bewachsen war und, so weit das Auge reichte, weder Sträucher noch Bäume zeigte. Obgleich man im fernen Westen daran gewöhnt ist, außergewöhnliche Gestalten zu sehen, so hätten diese vier Reiter einem jeden, der ihnen begegnet wäre, auffallen müssen.

Der eine von ihnen, dem man es sofort ansah, daß er der vornehmste sei, ritt einen prachtvollen Rapphengst von der Art, welche man bei gewissen Apachenstämmen züchtet. Seine Gestalt war nicht zu hoch und breit, und dennoch machte sie den Eindruck großer Kraft und Ausdauerfähigkeit. Sein sonnverbranntes Gesicht wurde von einem dunkelblonden Vollbart umrahmt. Er trug lederne Leggins, ein Jagdhemd aus demselben Stoffe und lange Stiefeln, welche er bis über das Knie heraufgezogen hatte. Auf seinem Kopfe saß ein breitkrempiger Filzhut, in dessen Schnur rundum die Ohrenspitzen des Grizzlybären steckten. Der breite, aus einzelnen Lederriemen geflochtene Gürtel schien mit Patronen gefüllt zu sein und enthielt außerdem zwei Revolver und ein Bowiemesser. Ferner hingen an demselben zwei Paar Schraubenhufeisen und vier fast kreisrunde, dicke Schilf- und Strohgeflechte, welche mit Riemen und Schnallen versehen waren. Jedenfalls waren diese bestimmt, dem Pferde an die Hufe geschnallt zu werden, falls es galt, einen Verfolger irre zu führen. Von der linken Schulter nach der rechten Hüfte hing ein zusammengeschlungener Lasso und um den Hals an einer festen Seidenschnur eine mit Kolibribälgen verzierte Friedenspfeife. In der Rechten hielt er ein kurzläufiges Gewehr, dessen Schloß von einer höchst eigenartigen Konstruktion zu sein schien, und auf dem Rücken trug er an einem breiten Riemen ein sehr langes und sehr starkes Doppelgewehr von der jetzt äußerst seltenen Art, welche man früher Bärentöter nannte und aus deren Läufen man nur Kugeln allergrößten Kalibers schoß. Dieser Mann war Old Shatterhand, der berühmte Jäger, welcher diesen Beinamen dem Umstande verdankte, daß er einen Feind mit einem bloßen Hiebe seiner Faust zu erlegen vermochte.

Neben ihm ritt ein kleines, schmächtiges und bartloses Kerlchen in einem blauen langschössigen Fracke mit gelben, sehr blank geputzten Knöpfen. Auf seinem Kopfe saß ein großer Damen-, sogenannter Amazonenhut, auf welchem sich eine riesige Feder bewegte. Die Hosen waren ihm zu kurz, und die nackten Füße steckten in alten, derben Lederschuhen, an denen große, mexikanische Sporen befestigt waren. Dieser Reiter hatte ein ganzes Arsenal von allerlei Waffen an und um sich hängen; aber wer ihm in das gutmütige Gesichtchen blickte, der mußte die Meinung hegen, daß diese gewaltige Armatur nur die Bestimmung habe, etwaige Feinde abzuschrecken. Dieses Männchen war Herr Heliogabalus Morpheus Franke, von seinen Gefährten gewöhnlich nur der Hobble-Frank genannt, weil er infolge einer früheren Verwundung auf dem einen Beine hinkte.

Hinter diesen beiden ritt zunächst eine weit über sechs Fuß lange, aber auch desto hagerere Figur auf einem alten, niedrigen Maultiere, welches kaum die Kraft zu haben schien, den Reiter zu tragen. Dieser trug eine Lederhose, welche jedenfalls für eine weit kürzere und dafür stärkere Gestalt zugeschnitten worden war. Auch bei ihm steckten die ebenfalls nackten Füße in Lederschuhen, welche so oft besetzt und geflickt worden waren, daß sie nun aus lauter Flecken und zusammengesetzten Stücken bestanden; einer derselben war wenigstens seine fünf oder sechs Pfund reichlich schwer. Der Leib dieses Mannes steckte in einem Büffellederhemde, welches die Brust unbedeckt ließ, weil es weder Knöpfe noch Heftel und Schlingen hatte. Die Ärmel desselben reichten kaum über den Ellbogen vor. Um den langen Hals war ein Baumwollentuch geschlungen, dessen ursprüngliche Farbe nicht mehr zu erkennen war. Auf dem spitzen Kopfe saß ein Hut, welcher vor langen Jahren einmal ein grauer „Cylinder“ gewesen war. Vielleicht hatte er da den Kopf eines Millionärs gekrönt; dann aber war er tiefer und immer tiefer gesunken und schließlich in die Prairie und die Hände seines gegenwärtigen Besitzers geraten. Dieser hatte die Krempe für überflüssig gehalten, sie also abgerissen und nur ein kleines Stückchen daran gelassen, um dasselbe als Handhabe beim Abnehmen der unbeschreiblich verbogenen und zerknillten Kopfbedeckung zu benutzen. In einem dicken Stricke, welcher ihm als Gürtel diente, steckten zwei Revolver und ein Skalpmesser und außerdem hingen an demselben mehrere Beutel, welche alle die Kleinigkeiten enthielten, die ein Westmann nicht gut entbehren kann. Von seinen Schultern hing ein Gummimantel, aber was für einer! Dieses Prachtstück war gleich vom ersten Regen so eingegangen und zusammengeschrumpft, daß es seine ursprüngliche Bestimmung nie wieder erfüllen konnte und fernerhin nur wie eine Husarenjacke getragen werden mußte. Quer über seine unendlich langen Beine hatte dieser Mann eine jener Rifles liegen, mit denen der geübte Jäger niemals sein Ziel verfehlt. Wie alt er war, das konnte man nicht erraten und nicht sagen, und ebensowenig war das Alter seines Maultieres zu bestimmen. Höchstens war zu vermuten, daß die beiden sich genau kannten und schon manches Abenteuer miteinander erlebt hatten.

Der vierte Reiter saß auf einem sehr hohen und starken Klepper. Er war sehr, sehr beleibt, aber so klein, daß seine kurzen Beine die Flanken des Pferdes nur halb zu fassen vermochten. Er trug, obgleich die Sonne fast heiß herniederschien, einen Pelz, welcher aber an hochgradiger Haarlosigkeit litt. Hätte man die Haare desselben sammeln wollen, so hätte man wohl kaum genug erhalten, um das Fell einer Maus damit auszustatten. Auf dem Kopfe saß ein viel zu großer Panamahut, und unter dem nackten Pelze blickten zwei riesige Aufschlagstiefeln hervor. Da die Ärmel des Pelzes viel zu lang waren, so konnte man von dem ganzen Manne eigentlich nur das fette, rote und gutherzig listige Gesicht sehen. Er war mit einer langen Rifle versehen. Was für Waffen er außerdem besaß, war jetzt nicht zu erkennen, da der Pelz alles verdeckte.

Diese beiden Männer waren David Kroners und Jakob Pfefferkorn, allüberall nur als der „lange Davy“ und der „dicke Jemmy“ bekannt. Sie waren unzertrennlich, und niemand hatte den einen von ihnen gesehen, ohne daß der andre dabei oder wenigstens in der Nähe gewesen wäre. Jemmy war ein Deutscher und Davy ein Yankee, doch hatte der letztere während der vielen Jahre, welche beide zusammen gewesen waren, von dem ersteren so viel Deutsch gelernt, daß er sich auch in dieser Sprache genügend auszudrücken verstand. Ebenso unzertrennlich wie die beiden Reiter waren auch ihre Tiere. Sie standen stets nebeneinander; sie grasten zusammen, und wenn sie an irgend einem Lagerplatze gezwungen waren, die Gesellschaft andrer Reittiere zu dulden, so rückten sie wenigstens ein Stückchen von diesen ab und drängten sich desto enger Seite an Seite, um sich mit Schnauben, Schnüffeln und Lecken zu liebkosen.

Die vier Reiter mußten, obgleich es noch nicht weit über Mittag war, doch heute schon eine bedeutende Strecke zurückgelegt haben und nicht nur über weiches Grasland gekommen sein, denn sie und ihre Pferde waren tüchtig mit Staub bedeckt. Dennoch sah man weder ihnen noch den Tieren eine Ermüdung an. Fühlten sie sich ja abgespannt, so hätte man dies nur aus dem Schweigen, welches sie beobachteten, zu schließen vermocht. Dieses wurde zuerst von dem neben Old Shatterhand reitenden Hobble-Frank unterbrochen, welcher seinen Nachbar im heimischen Dialekte fragte: „Also am Elk-fork soll heute übernachtet werden? Wie weit ist es denn eigentlich noch dortenhin?“

„Wir werden dieses Wasser gegen Abend erreichen,“ antwortete der Gefragte.

„Gegen Abend erscht? O wehe! Wer soll das aushalten! Wir sitzen nu schon seit früh im Sattel. Eenmal müssen wir doch anhalten, um wenigstens die Pferde verschnaufen zu lassen. Meenen Se nich ooch?“

„Allerdings. Warten wir, bis wir diese Prairie hinter uns haben; dann gibt es eine Strecke Wald, wo auch ein Wasser fließt.“

„Schön! Da bekommen die Pferde zu trinken und Gras finden sie ooch derzu. Was aber finden denn wir? Gestern gab’s das letzte Büffelfleesch und heute früh die Knochen. Seitdem is uns keen Sperling und keen sonstiges Wild vor die Flinte gekommen; ich habe also Hunger und muß bald etwas zu knuspern haben, sonst geh‘ ich zu Grunde.“

„Habe keine Sorge! Ich werde schon einen Braten besorgen.“

„Ja, aber was für eenen! Diese alte Wiese hier is so eensam; ich glob, es leeft keen Käfer drof herum. Wo soll denn da een anständig hungriger Westmann nur den Braten herbekommen!“

„Ich sehe ihn schon. Nimm einmal mein Pferd am Zügel und reite mit den andern langsam weiter.“

„Wirklich?“ fragte Frank, indem er sich kopfschüttelnd rundum blickte. „Sie sehen den Braten schon? Ich verschpüre aber gar nischt Derartiges.“

Er nahm den Zügel von Old Shatterhands Pferd und ritt mit Davy und Jemmy weiter. Der erstgenannte aber ging seitwärts ab, wo man eine Menge von Hügeln im Grase liegen sah. Dort gab es eine Kolonie von Prairiehunden, wie die amerikanischen Murmeltiere wegen ihrer kläffenden Stimme genannt werden. Sie sind harmlose, unschädliche und sehr neugierige Geschöpfe und wohnen sonderbarerweise gern mit Klapperschlangen und Eulen beisammen. Wenn sich ihnen jemand naht, so richten sie sich auf, um ihn anzuäugen; dabei gibt es sehr possierliche Stellungen und Bewegungen. Schöpfen sie Verdacht, so tauchen sie blitzschnell in ihre Röhren nieder und sind nicht mehr zu sehen. Der Jäger, wenn er einen andern Brocken bekommen kann, verschmäht das Fleisch dieser Tiere, nicht etwa aber, weil es ungenießbar ist, sondern weil er ein Vorurteil gegen dasselbe hat. Will er trotzdem einen Prairiehund erlegen, so darf er nicht versuchen, sich heimlich anschleichen zu können, denn diese Geschöpfe sind zu aufmerksam, als daß ihm dies gelingen könnte. Er muß ihre Neugierde erwecken und so lange zu fesseln suchen, bis er in Schußweite gekommen ist. Das kann er aber nur dadurch erreichen, daß er selbst auch die lächerlichsten Stellungen annimmt und die possierlichsten Bewegungen macht. Der Prairiehund weiß dann nicht, woran er ist und was er von dem Nahenden zu halten hat. Das wußte Old Shatterhand. Er machte also, sobald er bemerkte, daß er von den auf ihren Haufen sitzenden Tieren bemerkt worden war, allerlei Kreuz- und Quersprünge, duckte sich nieder, fuhr wieder hoch empor, drehte sich um sich selbst, bewegte die Arme wie die Flügel einer Windmühle und hatte dabei nur den Zweck im Auge, immer näher zu kommen.

Hobble-Frank, welcher jetzt neben Jemmy und Davy ritt, sah dieses Gebaren und meinte in besorgtem Tone: „Herrjemersch nee, was fällt ihm denn da ein! Is er etwa nich bei Troste? Er thut doch ganz so, als ob er Bellamadonna getrunken hätte!“

„Belladonna meinst du wohl,“ verbesserte Jemmy.

„Schweig!“ gebot der Kleine. „Belladonna hat gar keenen Sinn. Es heeßt Bellamadonna; das muß ich, der ich in Moritzburg geboren bin, doch wissen. Dort wächst die Bellamadonna wild im Walde, und ich habe sie wohl tausendmal schtehen sehen. Horcht! Er schießt.“

Old Shatterhand hatte jetzt zwei Schüsse so schnell hintereinander abgefeuert, daß sie fast wie einer klangen. Sie sahen ihn eine Strecke aufwärts rennen und sich zweimal bücken, um etwas aufzuheben. Dann kam er zu ihnen zurück. Er hatte zwei Prairiehunde erlegt, steckte sie in die Satteltasche und stieg dann wieder auf. Hobble-Frank machte ein sehr zweifelhaftes Gesicht und fragte im Weiterreiten: „Soll das etwa der Braten sein? Da dank ich ganz ergebenst!“

„Warum?“

„Solch Zeug verzehr‘ ich nich!“

„Hast du es denn schon einmal gekostet?“

„Nee! Das ist mir nich im Troome eingefallen!“

„So hast du auch kein Urteil darüber, ob ein Prairiehund genießbar ist oder nicht. Hast du vielleicht einmal eine junge Ziege gegessen?“

„Een junges Zikkel?“ antwortete Frank, indem er mit der Zunge schnalzte.

„Natürlich habe ich das gegessen. Hören Sie, das is was ganz und gar Apartes!“

„Wirklich?“ lächelte Old Shatterhand.

„Off Ehre! Eene Delikatesse, die wirklich ihresgleichen sucht.“

„Und Tausende lachen darüber!“

„Ja; aber diese Tausende sind dumm. Ich sage Ihnen, wir Sachsen sind helle und verschtehen uns off imprägnierte Genüsse wie keene andre europäische Nation. Een junges Zikkel in die Pfanne, eene kleene Zehe Knobloch und een paar Schtengeln Majoran hinein und das recht braun und knusperig gebraten, das is Sie een wahres Götteressen für die Herren und Damen des Olymps. Ich kenne das, denn so um Ostern ‚rum, wenn’s junge Ziegen gibt, da ißt ganz Sachsen Sonn- und Feiertags nur Zikkelbraten.“

„Sehr wohl! Aber sage mir, ob du auch schon einmal Lapin gegessen hast!“

„Lapäng? Was ist denn das?“

„Zahmer Hase, Kuhhase oder Karnickel, wie ihr in Sachsen sagt. Eigentlich heißt es Kaninchen.“

„Karnickel? Alabonnör! Das ist ooch etwas ganz Expansives. In Moritzburg und Umgegend gab’s meiner Zeit zur Kirchweih schtets Karnickel. Das Fleesch is zart wie Butter und zerleeft eenem geradezu off der Zunge.“

„Es gibt aber viele, welche dich auslachen würden, wenn du ihnen dies sagtest.“

„So sind sie nicht recht gescheit im Koppe. So een Karnickel, welches nur die besten und feinsten Kräuterspitzen frißt, muß een durchaus obligates Fleesch haben; das verschteht sich ganz von selbst. Oder glooben ooch Sie es nich?“

„Ich glaube es; aber dafür verlange ich, daß du mir nun auch meinen Prairiehund nicht schändest. Du wirst sehen, daß er gerade wie junge Ziege und fast wie Kaninchen schmeckt.“

„Davon hab‘ ich noch nie etwas gehört!“

„So hast du es heute gehört und wirst es auch schmecken. Ich sage dir, daß – – – halt, sind das nicht Reiter, welche dort kommen?“

Er deutete nach Südwest, wo eine Anzahl Gestalten sich bewegten. Sie waren noch so entfernt, daß man noch nicht zu unterscheiden vermochte, ob es Tiere, vielleicht Büffel, oder Reiter seien. Die vier Jäger ritten langsam weiter und hielten die Augen auf diese Gruppe gerichtet. Nach einiger Zeit erkannte man, daß es Reiter seien, und bald darauf zeigte es sich, daß dieselben Uniformen trugen; es waren Soldaten.

Diese hatten eigentlich eine nordöstliche Richtung eingehalten; nun aber sahen sie die vier und änderten ihren Kurs, um im Galopp heranzukommen. Es waren ihrer zwölf, von einem Lieutenant angeführt. Sie näherten sich bis auf vielleicht dreißig Schritte und blieben da halten. Der Offizier musterte die vier Reiter mit finsterem Blicke und fragte dann: „Woher des Weges, Boys?“

„Alle Wetter!“ brummte Hobble-Frank. „Wollen wir uns wirklich mit „Boys“ anreden lassen? Dieser Kerl muß doch sehen, daß wir den bessern Schtänden angehören!“

„Was gibt’s zu flüstern!“ rief der Lieutenant in strengem Tone. „Ich will wissen, woher ihr kommt!“

Frank, Jemmy und Davy sahen auf Old Shatterhand, was dieser thue oder sagen werde. Er antwortete in ruhigstem Tone: „Aus Leadville.“

„Und wohin wollt ihr?“

„Nach den Elk Mountains.“

„Das ist eine Lüge!“

Old Shatterhand trieb sein Pferd an, bis es neben demjenigen des Offiziers stand, und fragte noch immer in demselben ruhigen Tone: „Habt Ihr einen Grund, mich Lügner zu nennen?“

„Ja!“

„Nun, welchen?“

„Ihr kommt nicht aus Leadville, sondern von Indian-Fort herauf.“

„Da irrt Ihr Euch.“

„Ich irre mich nicht. Ich kenne euch.“

„So? Nun, wer sind wir denn?“

„Die Namen kenne ich nicht; aber ihr werdet sie mir sofort sagen.“

„Und wenn wir das nicht thun?“

„So nehme ich euch mit.“

„Und wenn wir uns das nicht gefallen lassen, Sir?“

„So habt ihr die Folgen zu tragen. Wer und was wir sind, und was diese Uniform zu bedeuten hat, das ist euch bekannt. Wer von euch nach der Waffe greift, den schieße ich nieder.“

„Wirklich?“ lächelte Old Shatterhand. „So versucht doch einmal, ob Ihr dieses Exempel fertig bringt. Da, seht!“

Er hatte das Gewehr in der Rechten und hielt es par pistolet auf den Offizier gerichtet; zugleich hatte er den einen Revolver gezogen. Ebenso schnell hatten Frank, Davy und Jemmy ihre Waffen bei der Hand.

„Alle Teufel!“ rief der Lieutenant, indem er nach dem Gürtel greifen wollte. „Ich – – –“

„Halt!“ rief Old Shatterhand ihm donnernd in die Rede. „Hand weg vom Gürtel, Boy! Alle Hände in die Höhe, sonst blitzt es bei uns!“

In Situationen, wie die gegenwärtige, kommt, wenn sie ernst gemeint sind, was hier aber nicht der Fall war, es darauf an, wer zuerst die Waffe schußbereit hat. Dieser fordert den andern auf, die Hände in die Höhe zu halten, um sie so weit wie möglich von den im Gürtel oder in den Taschen steckenden Waffen zu entfernen. Gehorcht der Aufgeforderte dieser Weisung nicht augenblicklich, so ist’s um ihn geschehen, denn er bekommt die Kugel auf der Stelle. Dies wußte der Offizier und dies wußten auch seine Leute. Im Gefühle ihrer Übermacht und Sicherheit hatten sie es versäumt, die Wehr bei der Hand zu halten, sie sahen die Mündungen von acht Gewehren und Revolvern auf sich gerichtet; sie waren überzeugt, es mit verbrecherischem Gesindel zu thun zu haben, und darum fügten sie sich augenblicklich in den ihnen gewordenen Befehl; sie streckten ihre Hände empor.

Es war eigentlich ein gespaßiger Anblick, so viele gut bewaffnete Kavalleristen mit hoch erhobenen Armen auf ihren Pferden halten zu sehen. Ein leises Lächeln ging über Old Shatterhands stets so ernste Züge, als er jetzt fortfuhr: „So! Was glaubt Ihr nun wohl, Boy, daß wir thun werden?“

„Schießt zu!“ antwortete der Lieutenant, an welchen diese Frage gerichtet worden war. „Aber die Rache wird euch verfolgen, bis sie euch eingeholt hat.“

„Pshaw! Was hätten wir davon, wenn wir unsre guten Kugeln an Leute verschwendeten, welche sich von vier vermeintlichen armseligen Strolchen so einschüchtern lassen, daß sie die Arme gen Himmel strecken! Einen Ruhm gewißlich nicht! Ich wollte Euch nur eine gute Lehre erteilen. Ihr seid noch jung und werdet sie gebrauchen können. Seid stets möglichst höflich, Sir! Ein Gentleman läßt sich nicht vom ersten besten, der ihm begegnet, mit „Boy“ anreden. Und sodann, straft niemals Leute Lügen, wenn Ihr nicht den Beweis führen könnt, daß sie wirklich Lügner sind; Ihr könntet leicht an den Unrechten kommen, wie gegenwärtige Figura zeigt. Und drittens, wenn Ihr hier im Westen auf Leute trefft, mit denen Ihr nicht zärtlich zu verfahren gedenkt, so nehmt die Gewehre in die Hände; es könnte Euch sonst geschehen, daß Ihr gezwungen wäret, ganz dieselbe Schuljungenstellung einzunehmen, wie im gegenwärtigen Augenblicke. Ihr habt Euch in uns geirrt. Wir sind weder „Boys“ noch Lügner. Und nun laßt die Arme wieder sinken; wir haben nicht die Absicht, Euch Löcher in die Haut zu machen!“

Er steckte den Revolver ein und ließ das Gewehr sinken; seine drei Genossen folgten diesem Beispiele. Darauf nahmen die Soldaten die erhobenen Arme nieder. Ihr Offizier stieß in seiner Scham und Wut hervor: „Sir, wie könnt Ihr es wagen, eine solche Komödie mit uns zu spielen! Ihr müßt wissen, daß ich die Macht besitze, Euch dafür zu bestrafen!“

„Die Macht?“ fragte Old Shatterhand lachend. „Die Lust, ja, aber die Macht nicht; das habe ich Euch bewiesen. Ich möchte wissen, wie Ihr es anfangen wolltet, uns irgend eine Strafe zu erteilen. Ihr würdet Euch gerade ebenso wie vorhin blamieren.“

„Oho! Jetzt kommt es darauf an, wer zuerst den Revolver in der Hand – – –“

Er kam nicht weiter. Er war wieder mit der Hand nach dem Gürtel gefahren, fühlte sich aber in demselben Augenblicke aus dem Sattel und durch die Luft hinüber zu Old Shatterhand gehoben, welcher ihn quer vor sich auf das Pferd warf, ihm das blitzschnell hervorgezogene Messer auf die Brust setzte und dann, abermals lachend, ausrief: „Sprecht weiter, Sir! Was wolltet Ihr sagen? Es kommt darauf an, wer zuerst den andern bei sich auf dem Sattel liegen hat; nicht wahr, so war es? Sobald einer Eurer Leute sich rührt, fährt Euch meine Klinge in das Herz! Versucht’s einmal!“

Die Soldaten hielten starr auf ihren Pferden. Eine solche Körperkraft, Gewandtheit und Schnelligkeit hatten sie nicht erwartet; sie waren so betroffen und verblüfft, daß sie vergaßen, daß sie Waffen hatten und sich in der Überzahl befanden.

„Alle tausend Teufel!“ schrie der Offizier, wobei er sich aber aus Angst hütete, ein Glied zu bewegen. „Was fällt Euch ein. Laßt mich los!“

„Mir fällt bloß ein, Euch zu beweisen, daß Ihr wirklich an die Falschen geraten seid. Vor so viel Männern, wie ihr seid, fürchten wir uns noch lange nicht. Und wäre es auch eine ganze Eskadron, wir würden dennoch ohne Sorge sein. Stellt Euch hierher und hört höflich an, was ich Euch sagen werde.“

Er nahm ihn beim Kragen, hob ihn mit nur einer Hand vom Pferde und stellte ihn neben dasselbe in das Gras. Dann fuhr er fort: „Habt Ihr vielleicht schon einmal einen von uns gesehen?“

„Nein,“ antwortete der Gefragte, indem er tief Atem holte. Er fühlte einen Grimm in sich, dem er aber keinen Ausdruck zu geben wagte. Er sah sich vor seinen Leuten aufs äußerste blamiert und hätte am liebsten den Säbel gezogen, um ihn Old Shatterhand durch den Leib zu stoßen, doch war er überzeugt, daß ihm der Versuch dazu nicht glücken, sondern wieder schlecht bekommen werde.

„Also nicht?“ meinte der Jäger. „Dennoch bin ich überzeugt, daß Ihr uns kennt. Wenigstens werdet Ihr unsre Namen gehört haben. Hat man Euch einmal von Hobble-Frank erzählt? Hier hält er gerade vor Euch.“

„Kenne weder den Mann noch seinen Namen,“ murrte der Offizier.

„Aber von dem langen Davy und dem dicken Jemmy habt Ihr gehört?“

„Ja. Sollen es etwa diese beiden sein?“

„Allerdings.“

„Pshaw! Das glaube ich nicht!“

„Wollt Ihr mich etwa wieder Lügen strafen? Das laßt bleiben, Sir! Old Shatterhand pflegt jedes Wort, welches er spricht, beweisen zu können.“

„Old Shat– – –“ rief der Lieutenant, indem er einen Schritt zurücktrat und die Augen groß und erstaunt auf den Jäger richtete. Die zweite Silbe des Namens war ihm im Munde stecken geblieben.

Auch bei seinen Leuten war eine Bewegung der Ver- oder vielmehr der Bewunderung zu bemerken. Man hörte einige laute „Ah!“, welche sie willenlos vernehmen ließen.

„Ja, Old Shatterhand,“ meinte dieser. „Kennt Ihr diesen Namen?“

„Den kenne ich; den kennen wir alle nur zu gut. Und dieser Mann wollt Ihr – Ihr – Ihr – – sein, Sir?“

Seine Miene drückte, indem er den Jäger mit weit geöffneten Augen maß, seinen Zweifel aus. Aber da fiel sein Blick auf das bereits erwähnte kurzläufige Gewehr mit dem eigenartigen, kugelförmigen Schlosse, und sofort fügte er, indem sein Gesicht eine schnell veränderte Miene zeigte, hinzu: „Behold! Ist das nicht ein Henrystutzen, Sir?“

„Allerdings,“ nickte Old Shatterhand: „Kennt Ihr diese Art von Gewehren?“

„Gesehen habe ich noch keins, aber eine genaue Beschreibung hat man mir gegeben. Der Erfinder soll ein sonderbarer Kauz gewesen sein und nur einige angefertigt haben, weil er befürchtete, daß die Indianer und Büffel bald ausgerottet sein würden, falls dieser vielschüssige Stutzen allgemeine Verbreitung fände. Die wenigen Exemplare sind verloren gegangen, und nur Old Shatterhand soll noch eins derselben, das allerletzte, besitzen.“

„Das ist richtig, Sir. Von den elf oder zwölf Henrystutzen, die es überhaupt gegeben hat, ist nur der meinige noch vorhanden; die andern sind im wilden Westen mit ihren Besitzern verschwunden.“

„So seid Ihr also wirklich – wirklich dieser Old Shatterhand, dieser weitberühmte Westmann, welcher den Kopf eines ausgewachsenen Büffelstieres mit den Händen zu Boden drückt und den stärksten Indianer mit der bloßen Faust niederschmettert?“

„Ich habe Euch ja schon gesagt, daß ich es bin. Wenn Ihr noch daran zweifelt, so will ich gern den Beweis antreten. Ich gebe nicht nur Indianern, sondern unter Umständen auch Weißen meine Faust. Wollt Ihr sie haben?“

Er bog sich im Sattel zu dem Offizier herüber und holte mit der geballten Faust wie zum Schlage aus; dieser aber wich schnell zurück und rief: „Ich danke, Sir, ich danke! Da will ich Euch doch lieber Glauben schenken, ohne diesen Beweis abzuwarten. Ich habe nur diesen einen Schädel und wüßte nicht, woher ich, falls er mir zerschlagen würde, einen andern nehmen sollte. Verzeiht, daß ich vorhin nicht sehr höflich gewesen bin! Wir haben alle Veranlassung, gewissen Leuten scharf in das Gesicht zu sehen. Wollt Ihr nicht die Güte haben, uns zu begleiten? Meine Kameraden würden sich nicht nur sehr darüber freuen, sondern es als eine Ehre für sich betrachten, wenn es Euch gefiele, unser Gast zu sein.“

„Wohin?“

„Nach Fort Mormon, wohin wir wollen.“

„Da kann ich Eurer Einladung leider nicht Folge leisten, denn wir müssen nach der entgegengesetzten Richtung, um zu einer bestimmten Stunde mit Freunden zusammenzutreffen.“

„Das thut mir aufrichtig leid. Darf ich fragen, wohin Ihr wollt, Sir?“

„Zunächst nach den Elk Mountains, wie ich Euch schon gesagt habe; von da wollen wir dann nach den Book Mountains hinüber.“

„So muß ich Euch warnen,“ meinte der Offizier, welcher jetzt einen so rücksichtsvollen Ton angeschlagen hatte, als ob er vor einem hohen Vorgesetzten stehe.

„Warum? Vor was oder wem?“

„Vor den Roten.“

„Danke! Ich habe die Indianer nicht zu fürchten. Überdies wüßte ich nicht, welche Gefahr von dieser Seite drohen könnte. Die Roten leben ja gerade jetzt in tiefem Frieden mit den Weißen, und zumal die Utahs, mit denen man es hier zu thun hat, haben seit Jahren nichts gethan, was Mißtrauen gegen sie erwecken könnte.“

„Das ist richtig; aber gerade darum sind sie jetzt desto mehr ergrimmt. Wir wissen ganz genau, daß sie seit kurzem die Kriegsbeile ausgegraben haben, und müssen infolgedessen von Mormon- und Indian-Fort aus beständig Patrouille reiten.“

„Wirklich? Davon wissen wir noch nichts.“

„Das glaube ich, denn ihr kommt aus Colorado, bis wohin die Kunde davon noch nicht gedrungen sein kann. Euer Weg führt euch mitten durch das Gebiet der Utahindianer. Ich weiß, daß der Name Old Shatterhand bei den Roten aller Nationen große Macht besitzt; aber nehmt die Sache nicht allzu leicht, Sir! Gerade die Utahs haben alle Veranlassung, gegen die Weißen ergrimmt zu sein.“

„Warum?“

„Es ist eine Gesellschaft von weißen Goldsuchern in eins der Utahlager gebrochen, um Pferde zu rauben; es war des Nachts; aber die Utahs sind erwacht und haben sich zur Wehr gesetzt, wobei viele von ihnen von den weit besser bewaffneten Weißen getötet worden sind. Diese letztern sind mit den Pferden und andern bei dieser Gelegenheit mitgenommenen Gegenständen entkommen; doch haben sich die Roten am Morgen aufgemacht, sie zu verfolgen. Die Räuber wurden ereilt, und es entspann sich ein Kampf, welcher abermals viele Menschenleben gekostet hat. Es sollen dabei gegen sechzig Indianer erschossen worden, aber auch nur sechs Bleichgesichter entkommen sein. Nun schweifen die Utahs umher, um diese sechs zu finden, und zugleich haben sie eine Gesandtschaft nach Fort Union geschickt, welche Schadenersatz verlangen sollte, für jedes Pferd ein andres, für die verlorenen Gegenstände in Summa tausend Dollar und für jeden getöteten Indianer zwei Pferde und ein Gewehr.“

„Das finde ich nicht unbillig. Ist man auf diese Forderungen eingegangen?“

„Nein. Es fällt den Weißen gar nicht ein, den Roten die Berechtigung zu irgend einer Forderung zuzusprechen. Die Gesandtschaft ist unverrichteter Sache heimgekehrt, und infolgedessen sind die Tomahawks ausgegraben worden. Die Utahs stehen in Masse auf, und da wir hier im Territorium leider nicht genug Militär besitzen, um sie mit einem Schlage niederwerfen zu können, so hat man sich nach Verbündeten umgesehen. Es sind einige Offiziere zu den Navajos hinab, um sie gegen die Utahs zu gewinnen, und das ist auch gelungen.“

„Und was ist den Navajos für ihren Beistand geboten worden?“

„Alle Beute, welche sie machen.“

Das Gesicht Old Shatterhands verfinsterte sich, als er dies hörte. Er sagte kopfschüttelnd: „Also erst werden die Utahs überfallen, beraubt und ihrer viele getötet; als sie Bestrafung der Übelthäter und Ersatz verlangen, weist man sie ab, und nun sie die Angelegenheit in die eigenen Hände nehmen, hetzt man die Navajos gegen sie und bezahlt diese letzteren mit der Beute, welche den Beleidigten abgenommen wird! Ist es da ein Wunder zu nennen, wenn sie sich bis zum Äußersten getrieben fühlen? Ihre Erbitterung muß groß sein, und wehe nun allerdings dem Weißen, welcher in ihre Hände fällt!“

„Ich habe nur zu gehorchen und besitze kein Recht, irgend ein Urteil zu fällen. Ich habe Euch diese Mitteilung gemacht, um Euch zu warnen, Sir. Meine Ansichten dürfen nicht die Eurigen sein.“

„Das begreife ich. Nehmt meinen Dank für die Warnung, und wenn Ihr im Fort von der Begegnung mit uns erzählt, so sagt dabei, daß Old Shatterhand kein Feind der Roten ist und es lebhaft bedauert, daß eine reichbegabte Nation zu Grunde gehen muß, weil man ihr keine Zeit läßt, sich nach den Gesetzen menschlicher Kultur natürlich zu entwickeln, sondern von ihr verlangt, sich nur so im Handumdrehen aus einem Jägervolke in eine moderne Staatsgemeinschaft zu verwandeln. Mit ganz demselben Rechte kann man einen Schulknaben umbringen, weil er noch nicht das Geschick und die Kenntnisse besitzt, General oder Professor der Astronomie zu sein. Good bye, Sir!“

Er wendete sein Pferd und ritt, gefolgt von den drei Gefährten, davon, ohne noch einen ferneren Blick auf die Soldaten zu werfen, welche ihm betroffen nachblickten und dann ihren unterbrochenen Ritt fortsetzten. Der Zorn hatte ihn zu seiner letzten und, wie er gar wohl wußte, zwecklosen Rede verleitet; desto schweigsamer verhielt er sich nun jetzt, als er wortlos dem Gedanken nachhing, daß es ganz umsonst ist, den „Bruder Jonathan“ darüber zu belehren, daß er keine größere Daseinsberechtigung besitze als der Indianer, welcher von Ort zu Ort, von Stelle zu Stelle getrieben wird, bis er, wie vorauszusehen ist, sein zu Tode gehetztes Dasein unbemitleidet endet.

Es verging eine halbe Stunde, dann erwachte Old Shatterhand aus seinem Grübeln, um seine Aufmerksamkeit dem Horizonte zu widmen, welcher jetzt die Form einer dunklen, immer breiter werdenden Linie angenommen hatte. Die Hand nach demselben ausstreckend, sagte er: „Dort liegt der Wald, von welchem ich gesprochen habe. Gebt euren Pferden die Sporen; dann werden wir ihn in fünf Minuten erreichen.“

Es muß erwähnt werden, daß sich die Umgangsform zwischen ihm und seinen drei Gefährten in der Weise herausgebildet hatte, daß er sie mit dem vertraulichen Du anredete, während sie bei dem achtungsvollen Sie oder, falls englisch gesprochen wurde, dem gebräuchlichen You, Ihr, geblieben waren. Keiner von ihnen hätte sich ungestraft von irgend jemand mißachten oder gar beleidigen lassen, aber sich auf gleiche Stufe mit ihm zu stellen, das hatten sie doch nicht fertig gebracht.

Jetzt wurden die Pferde in Galopp gesetzt, und bald erreichten die vier Reiter einen hohen, dichten Fichtenwald, dessen Rand so fest geschlossen zu sein schien, daß zu Pferde an kein Durchkommen zu denken war. Aber Old Shatterhand wußte Bescheid. Er ritt direkt auf eine Stelle zu, trieb sein Pferd durch das schmale Unterholz und befand sich nun auf einem sogenannten Indianerpfad, einer von den zuweilen hier verkehrenden Roten ausgetretenen Bahn von kaum drei Fuß Breite. Er stieg zunächst ab, um die Stelle nach neuen Spuren zu durchsuchen; als er keine fand, stieg er wieder auf und forderte seine Begleiter auf, ihm zu folgen.

Hier im heimlichen Urwalde wehte nicht das leiseste Lüftchen, und außer den Schritten der Pferde war kein Geräusch zu vernehmen. Old Shatterhand hielt den Stutzen schußbereit in der rechten Hand und den Blick scharf nach vorn gerichtet, um bei einer etwaigen feindlichen Begegnung der erste zu sein, welcher die Waffe auf den Gegner richtet. Aber er war überzeugt, daß es jetzt eine solche Gefahr nicht gebe. Wenn die Roten die Gegend zu Pferde durchstreiften, so befanden sich ihrer so viele beisammen, daß sie gewiß keinen solchen Pfad aufsuchten, wo nichts zu entdecken war und durch die Dichtheit des Waldes die Bewegung erschwert wurde. Es gab auf diesem Pfade nur wenige Stellen, an denen es einem Reiter möglich gewesen wäre, umzukehren. Eine ganze Schar berittener Indianer wäre im Falle eines Angriffes durch nur wenige Fußgänger hier verloren gewesen.

Nach längerer Zeit öffnete sich der Pfad auf eine Blöße, in deren Mitte mehrere große Felsblöcke hoch aufeinander getürmt lagen. Sie waren mit Flechten überzogen und in den Ritzen hatten Sträucher die nötige Nahrung für ihre Wurzeln gefunden. Hier hielt Old Shatterhand an, indem er sagte: „Das ist der Ort, an welchem wir den Pferden einige Ruhe gönnen wollen und indessen unsre Prairiehunde braten können. Wasser gibt es auch, wie ihr seht.“

Es floß nämlich eine kleine Quelle unter den Steinen hervor, schlängelte sich über die Lichtung hin und verlor sich dann im Walde. Die Reiter stiegen ab, gaben ihren Pferden die Mäuler zum Grasen frei und suchten dann nach dürrem Holze, um ein Feuer anzubrennen. Jemmy übernahm es, die Prairiehunde abzuhäuten und auszunehmen, und Old Shatterhand entfernte sich, um nachzusehen, ob man an diesem Orte jetzt sicher sei.

Der Wald war nämlich nur drei Viertelstunden breit und wurde quer von dem Indianerpfade durchschnitten. Die Blöße lag ungefähr in der Mitte desselben.

Nicht lange, so briet das Fleisch über dem Feuer, und ein gar nicht übler Duft zog durch die Lichtung. Dann kehrte Old Shatterhand zurück. Er war schnellen Schrittes bis an den jenseitigen Waldesrand gegangen, von welchem aus man weit über eine offene Prairie sehen konnte. Sein Auge hatte nichts Verdächtiges gewahren können, und so brachte er den dreien die Nachricht, daß keine Überraschung zu befürchten sei.

Nach einer Stunde war der Braten fertig, und Old Shatterhand nahm sich ein Stück desselben.

„Hm!“ brummte der Hobble-Frank. „Hundebraten essen! Wenn das früher mal eenem eingefallen wäre, mir zu prophezeien, daß ich den besten Freund des Menschen verschpeisen würde, dem hätte ich eene Antwort gegeben, daß ihm die Haare zu Berge geschtanden hätten. Aber ich habe eben Hunger und muß es also probieren.“

„Es ist ja kein Hund,“ erinnerte Jemmy. „Du hast ja gehört, daß dieses Murmeltier nur seiner Stimme wegen fälschlicherweise den Namen Prairiehund erhalten hat.“

„Das bessert an der Sache nischt; das macht sie vielmehr noch schlimmer. Murmelbraten! Sollte man so was denken! Der Mensch is doch zuweilen zu recht konsistenten Dingen beschtimmt. Na, wollen sehen.“

Er nahm sich ein Stück Brust und kostete es verzagt; dann aber klärte sich sein Gesicht auf; er schob ein größeres Stückchen in den Mund und erklärte kauend: „Wirklich gar nich übel, off Ehre! Es schmeckt wirklich beinahe wie Karnickel, wenn ooch nich ganz so fein wie Zikkelbraten. Kinder, ich denke, von diesen beeden Hunden wird nich viel übrig bleiben.“

„Wir müssen für den Abend aufheben,“ antwortete Davy. „Wir wissen nicht, ob wir heute noch etwas schießen.“

„Ich sorge nich für schpäter. Wenn ich müde bin und mich in Orpheusens Arme werfen kann, so bin ich vorderhand vollschtändig zufrieden geschtellt.“

„Morpheus heißt es,“ verbesserte Jemmy.

„Schweigste gleich schtille! Du wirscht mir doch nich etwa een M vor meinen Orpheus machen wollen! Den kenn‘ ich ganz genau; in dem Dorfe Klotsche bei Moritzburg gab es eenen Gesangverein, welcher „Orpheus in der Oberwelt“ hieß; diese Kerle sangen so tellurisch lieblich, daß die Zuhörer schtets in den angenehmsten Schlummer sanken. Darum schtammt von dorther, also aus Klotsche, das Schprichwort von dem Orpheus in die Arme sinken. Schtreite dich also nich mit mir, sondern verzehre deinen Prairiehund mit schweigsamer Bedächtigkeet; dann wird er dir besser bekommen, als wenn du dich mit eenem Manne von meinen Erfahrungen herumschtreitest. Du weeßt, ich bin een guter Kerl, aber wenn mir jemand beim Essen eenen Morpheus offbinden will, da werde ich deschperat und importiert!“

Old Shatterhand winkte Jemmy, zu schweigen, damit das Essen ohne Störung eingenommen werde, konnte aber eine andre Störung nicht verhüten, welche ihnen nicht durch den kleinen, erregbaren Hobble-Frank drohte. Wenn die vier Männer sich ganz sicher wähnten, so befanden sie sich in einem großen Irrtum. Es näherte sich ihnen die Gefahr in Gestalt von zwei Reitertrupps, welche ihre Richtung auf den Wald genommen hatten.

Der eine dieser Trupps war klein; er bestand nur aus zwei Reitern, welche von Norden her kamen und auf die Fährte von Old Shatterhand und seinen Genossen stießen. Sie hielten an und sprangen von den Pferden, um die Spur zu untersuchen. Die Art und Weise, in welcher dies geschah, ließ vermuten, daß sie keine unerfahrenen Westmänner seien. Sie waren gut bewaffnet; aber ihre Kleidung hatte gelitten. Gewisse Anzeichen machten es denkbar, daß sie in letzter Zeit keine guten Tage erlebt hatten. Was ihre Pferde betraf, so waren dieselben wohlgenährt und munter, doch ohne Sattel, auch ungezäumt und nur mit einem Riemenhalfter versehen. In dieser Weise pflegen die Pferde der Indianer in der Nähe der Lager zu weiden.

„Was meinst du zu dieser Fährte, Knox?“ fragte der eine. „Sollten wir vielleicht Rote vor uns haben?“

„Nein,“ antwortete der Gefragte in bestimmtem Tone.

„Also Weiße! Woraus schließest du das?“

„Die Pferde waren beschlagen, und die Männer ritten nicht hinter-, wie die Roten es thun, sondern nebeneinander.“

„Und wie viele sind es?“

„Nur vier. Wir haben also nichts zu fürchten, Hilton.“

„Außer wenn es Soldaten sind!“

„Pshaw! Auch dann nicht. Auf einem Fort dürfen wir uns freilich nicht sehen lassen; da gibt es so viele Augen und Fragen, daß wir uns sicher verraten würden. Aber vier Kavalleristen, die würden nichts aus uns herausbringen. Aus welchen Gründen sollten sie auch wohl die Vermutung ziehen, daß wir zu den Weißen gehören, von denen die Utahs überfallen worden sind!“

„Das denke ich freilich auch; aber oft hat der Teufel sein Spiel, ohne daß man es vorher ahnen kann. Wir befinden uns in einer miserablen Lage. Von den Roten gehetzt und von den Soldaten gesucht, irren wir in dem Gebiete der Utahs hin und her. Es war eine Dummheit, uns von diesem roten Cornel und seinen Tramps goldene Berge vormalen zu lassen.“

„Eine Dummheit? Gewiß nicht. Schnell reich werden zu können, das ist eine schöne Sache, und ich verzweifle noch lange nicht. In kurzer Zeit wird der Cornel mit dem andern Trupp nachkommen, und dann brauchen wir uns nicht mehr zu sorgen.“

„Aber bis dahin kann viel geschehen.“

„Gewiß. Wir müssen versuchen, aus dieser schlimmen Lage zu kommen. Denke ich darüber nach, so finde ich nur einen Weg dazu, und dieser öffnet sich uns gerade eben jetzt.“

„Welcher wäre das?“

„Wir müssen Weiße zu finden suchen, denen wir uns anschließen. In ihrer Gesellschaft werden wir für Jäger gelten und es wird niemand einfallen, uns in Beziehung zu den Leuten zu bringen, welche die Utahs gezwungen haben, das Beil des Kriegs auszugraben.“

„Und du meinst, daß wir solche Männer vor uns haben?“

„Ich denke es. Sie sind nach dem Walde. Laß uns ihnen folgen.“

Sie ritten auf der Fährte Old Shatterhands dem Walde zu. Dabei sprachen sie von ihren Erlebnissen und Absichten. Aus ihren Reden war zu entnehmen, daß sie Verbündete des roten Cornels waren.

Dieser hatte seinen Trupp, welcher bekanntlich aus den zwanzig am Eagle-tail entkommenen Tramps bestand, zu vermehren getrachtet. Er war zu der Erkenntnis gekommen, daß seine Schar droben in den Bergen voraussichtlich von den Indianern derb gelichtet werde und daß zwanzig also viel zu wenig seien. Darum hatte er während des Rittes durch Colorado einen jeden, welcher Lust dazu zeigte, an sich gezogen. Das waren natürlich lauter existenzlose Menschen, deren Moralität gar nicht untersucht zu werden brauchte. Unter ihnen befand sich auch Knox und Hilton, die beiden, welche jetzt dem Walde zuritten. Die Schar des Cornel war bald so groß geworden, daß sie Aufsehen erregen mußte und ihre Verproviantierung von Tag zu Tag immer schwieriger wurde. Darum hatte der Cornel den Entschluß gefaßt, sie zu teilen. Mit der einen Hälfte wollte er in der Gegend von La Veta über die Rocky-Mountains gehen, und die andre sollte sich nach Morriso und Georgetown wenden, um das Gebirge dort zu übersteigen. Da Knox und Hilton erfahrene Leute waren, so sollten sie diese zweite Abteilung leiten, eine Aufgabe, welche sie sehr gern übernommen hatten. Sie waren glücklich über die Berge gekommen und hatten in der Gegend von Breekenridge Halt gemacht. Dort war ihnen das Unglück passiert, daß die ausgebrochene Pferdeherde eines Haciendero bei ihnen vorübergestampft war; dabei hatten ihre eigenen Pferde sich losgerissen und waren mit den andern entflohen. Um sich in den Besitz neuer Pferde zu setzen, hatten sie später ein Utahlager überfallen und waren von den Indianern verfolgt und geschlagen worden. Nur Sechs waren entkommen. Aber die Roten hefteten sich auch diesen sechs auf die Fersen; vier derselben waren gestern noch gefallen und die beiden Anführer, Knox und Hilton, hatten allein das Glück gehabt, den rächenden Geschossen der Indianer zu entgehen.

Davon sprachen sie, als sie sich dem Walde näherten. An demselben angekommen, fanden sie den Indianerpfad und folgten demselben. Sie erreichten die Blöße gerade in dem Augenblick, als das kleine Wortgefecht zwischen Jemmy und dem Hobble-Frank zu Ende war.

Als sie die am Feuer sitzende Gesellschaft erblickten, hielten sie für einen Augenblick an, doch erkannten sie sofort, daß sie von diesen Leuten nur Gutes anstatt Schlimmes zu gewärtigen hatten.

„Also wir sind Jäger, verstanden?“ flüsterte Knox Hilton zu.

„Ja,“ antwortete dieser. „Aber sie werden uns fragen, woher wir kommen!“

„So laß nur mich antworten.“

Jetzt erblickte Old Shatterhand die beiden. Ein andrer wäre erschrocken; bei ihm aber war Schreck eine Unmöglichkeit, er nahm den Stutzen in die Hand und sah ihnen, als sie sich näherten, ernst und erwartungsvoll entgegen.

„Good day, Mesch’schurs!“ grüßte Knox. „Ist es vielleicht erlaubt, sich hier bei euch ein wenig auszuruhen?“

„Es ist uns jeder ehrliche Mann willkommen,“ antwortete Old Shatterhand, indem er mit scharfem Auge erst die Reiter und dann die Pferde betrachtete.

„Hoffentlich haltet Ihr uns nicht für das Gegenteil!“ meinte Hilton, indem er den durchdringenden Blick des Jägers scheinbar ruhig aushielt.

„Ich urteile über meine Mitmenschen nur dann, wenn ich sie kennen gelernt habe.“

„Nun, so gestattet, daß wir Euch die Gelegenheit dazu geben!“

Die beiden waren abgestiegen und setzten sich mit an das Feuer. Sie hatten jedenfalls Hunger, denn sie warfen ziemlich sehnsüchtige Blicke nach dem Braten. Der gutmütige Jemmy schob ihnen einige Stücke desselben zu und forderte sie auf, zu essen, was sie sich nicht zweimal sagen ließen. Jetzt verbot es die Höflichkeit, Fragen an sie zu richten; darum wurde die Zeit, bis sie gesättigt waren, in Schweigen verbracht.

Der andre erwähnte Trupp, welcher sich dem Walde von der andern Seite näherte, bestand aus einer Schar von gegen zweihundert Indianern. Old Shatterhand war zwar auch auf dieser Seite gewesen, um zu rekognoszieren, aber er hatte, als er die dort sich öffnende Prairie überblickte, die heranreitenden Roten nicht sehen können, da sie sich zu dieser Zeit noch hinter einer vorspringenden Waldesecke befunden hatten. Auch sie mußten die Gegend genau kennen, denn sie hielten gerade auf den Ausgang des schmalen Waldpfades zu, durch dessen Eingang die Weißen nach der Blöße gekommen waren.

Die Roten befanden sich auf dem Kriegspfade, wie die grellen Farben bezeugten, mit denen sie ihre Gesichter angemalt hatten. Die meisten waren mit Schießgewehren und nur wenige mit Bogen und Pfeilen bewaffnet. An ihrer Spitze ritt ein riesenhafter Kerl, welcher ein Häuptling war, denn er trug eine Adlerfeder im Schopfe. Sein Alter war nicht zu erkennen, da auch sein Gesicht ganz mit schwarzen, gelben und roten Linien bedeckt war.

Am Pfade angekommen, stieg er ab, um denselben zu untersuchen. Die vordersten Krieger des Zuges, welche hinter ihm hielten, sahen seinem Beginnen mit Spannung zu. Ein Pferd schnaubte. Er erhob warnend die Hand und der betreffende Reiter hielt dem Tiere die Nüstern zu. Da der Häuptling damit zur größten Stille aufforderte, mußte er etwas Verdächtiges bemerkt haben. Er ging langsam, Schritt für Schritt und den Oberkörper tief zum Boden niedergesenkt, eine kurze Strecke auf dem Pfade weiter in den Wald hinein. Als er dann zurückkehrte, sagte er leise in der Sprache der Utah, welche ein Glied der shoshonischen Abteilung des Sonorasprachstammes ist: „Ein Bleichgesicht war hier vor der Zeit, welche die Sonne braucht, um eine Spanne weit zu laufen. Die Krieger der Utah mögen sich mit ihren Pferden unter den Bäumen verbergen. Ovuts-avaht wird gehen, um das Bleichgesicht zu suchen.“

Der Häuptling, welcher fast noch länger, breiter und stärker als Old Firehand war, hieß also Ovuts-avaht, zu deutsch der große Wolf. Er schlich in den Wald zurück; als er nach vielleicht einer halben Stunde zurückkehrte, war keiner seiner Leute zu sehen. Er ließ einen leisen Pfiff hören und sofort kamen die Roten unter den Bäumen hervor, indem sie die Pferde dort zurückließen. Er gab einen Wink, auf welchen die Unteranführer, fünf oder sechs an der Zahl, zu ihm traten.

„Sechs Bleichgesichter lagern bei den Felsen,“ sagte er ihnen. „Das sind wohl die sechs, welche gestern entkamen. Sie essen Fleisch, und ihre Pferde weiden bei ihnen. Meine Brüder mögen mir folgen, bis der Pfad zu Ende geht; dann teilen sie sich; die Hälfte schleicht nach rechts, die andern nach links, bis die Lichtung umstellt ist. Dann werde ich das Zeichen geben und die roten Krieger brechen hervor. Die weißen Hunde werden so erschrocken sein, daß sie sich gar nicht wehren. Wir werden sie mit den Händen greifen und nach dem Dorfe schaffen, um sie dort an den Pfahl zu binden. Fünf Leute bleiben hier, um die angebundenen Pferde zu bewachen. Howgh!“

Dieses letztere Wort ist ein Bekräftigungswort und hat ungefähr die Bedeutung unsers „Amen“ oder „Pasta“, „abgemacht“! Wenn ein Indianer dies ausspricht, so hält er den Gegenstand für vollständig erschöpft besprochen und erledigt.

Ihren Häuptling voran, drangen die Roten auf dem Pfade in den Wald ein, leise, so leise, daß nicht eine Spur von Geräusch zu hören war. Als sie die Stelle erreichten, an welcher der Weg auf die Blöße mündete, gingen sie nach beiden Seiten auseinander, um den Platz zu umstellen. Ein Reiter hätte nicht in den Wald eindringen können; zu Fuße aber und für die gewandten Gestalten der Indianer war es möglich.

Die Weißen hatten soeben ihr Mahl verzehrt. Hobble-Frank schob sein Bowiemesser in den Gürtel und sagte, natürlich in englischer Sprache, um von den beiden Neuangekommenen verstanden zu werden: „Jetzt haben wir gegessen und die Pferde sind ausgeruht; nun können wir wieder aufbrechen, um noch vor Nacht an unser heutiges Ziel zu gelangen.“

„Ja,“ stimmte Jemmy bei. „Aber vorher ist es notwendig, daß wir uns kennen lernen und wissen, wohin wir beiderseits gehen.“

„Das ist richtig,“ nickte Knox. „Darf ich also erfahren, welches Ziel Ihr heute noch erreichen wollt?“

„Wir reiten nach den Elkbergen.“

„Wir auch. Das trifft sich ausgezeichnet. Da können wir ja zusammenreiten.“

Old Shatterhand sagte kein Wort. Er gab Jemmy einen verstohlenen Wink, das Examen fortzusetzen, denn er wollte erst dann sprechen, wenn er seine Zeit gekommen sah.

„Mir soll es recht sein,“ antwortete der Dicke. „Aber wo wollt ihr dann weiter hin?“

„Das ist noch unbestimmt. Vielleicht nach dem Greenriver hinüber, um nach Bibern zu suchen.“

„Da werdet ihr wohl nicht viele finden. Wer Dickschwänze fangen will, muß weiter nördlich gehen. So seid ihr also Trapper, Biberjäger?“

„Ja. Ich heiße Knox und mein Gefährte Hilton.“

„Aber wo habt Ihr denn Eure Biberfallen, Master Knox, ohne welche Ihr keinen Fang machen könnt?“

„Die sind uns da unten am San Juanflusse von Dieben, vielleicht von Indianern, gestohlen worden. Vielleicht treffen wir ein Kamp, wo es welche zu kaufen gibt. Ihr meint also, daß wir uns euch zunächst bis nach den Elkbergen anschließen dürfen?“

„Habe nichts dagegen, wenn meine Gefährten es zufrieden sind.“

„Schön, Master! So dürfen wir nun wohl eure Namen erfahren?“

„Warum nicht! Mich nennt man den dicken Jemmy; mein Nachbar rechts ist der – – –“

„Der lange Davy wohl?“ fiel Knox schnell ein.

„Ja. Ihr erratet es wohl?“

„Natürlich! Ihr seid ja weit und breit bekannt, und wo der dicke Jemmy sich befindet, da braucht man nicht lange nach seinem Davy zu suchen. Und der kleine Master hier an Eurer linken Seite?“

„Den nennen wir Hobble-Frank; ein famoses Kerlchen, den Ihr schon noch kennen lernen werdet.“

Frank warf einen warmen, dankbaren Blick auf den Sprecher, und dieser fuhr fort: „Und der letzte Name, den ich Euch zu nennen habe, ist Euch jedenfalls noch besser bekannt, als der meinige. Ich denke doch, daß Ihr von Old Shatterhand gehört habt.“

„Old Shatterhand?“ rief Knox aufs freudigste überrascht. „Wirklich? Ist’s wahr, Sir, daß Ihr Old Shatterhand seid?“

„Warum sollte es nicht wahr sein,“ antwortete der Genannte.

„Dann erlaubt mir, Euch zu sagen, daß ich mich unendlich freue, Euch kennen zu lernen, Sir!“

Er streckte bei diesen Worten dem Jäger die Hand entgegen und warf dabei Hilton einen Blick zu, welcher diesem sagen sollte: „Du, freue dich auch, denn nun sind wir geborgen. Wenn wir bei diesem berühmten Mann sind, haben wir nichts mehr zu befürchten.“ Old Shatterhand aber that, als ob er die ihm angebotene Hand gar nicht bemerkte und entgegnete in kaltem Tone: „Freut Ihr Euch wirklich? Dann ist es schade, daß ich Eure Freude nicht zu teilen vermag.“

„Warum nicht, Sir?“

„Weil ihr Leute seid, über welche man sich überhaupt nicht freuen kann.“

„Wie meint Ihr das?“ fragte Knox, ganz betroffen über diese Offenheit. „Ich nehme an, daß Ihr scherzet, Sir.“

„Ich spreche im Ernste. Ihr seid zwei Schwindler und vielleicht gar etwas noch viel Schlimmeres.“

„Oho! Meint Ihr, daß wir eine solche Beleidigung auf uns sitzen lassen?“

„Jawohl, das meine ich, denn was könnt ihr andres thun?“

„Kennt Ihr uns etwa?“

„Nein. Das wäre auch keine Ehre für mich.“

„Sir, Ihr werdet immer rücksichtsloser. Man beleidigt keinen, mit dem man vorher gegessen hat. Beweist mir doch einmal, daß wir Schwindler sind!“

„Warum nicht!“ antwortete Old Shatterhand gleichmütig.

„Das ist Euch unmöglich. Ihr gesteht ja selbst, daß Ihr uns nicht kennt. Ihr habt uns noch nie gesehen. Wie wollt Ihr da nachweisen, daß Eure Worte auf Wahrheit beruhen?“

„Pshaw, gebt euch keine unnütze Mühe, und haltet doch um Gottes willen Old Shatterhand nicht für so dumm, daß er sich von Leuten eures Schlages einen Coyoten anstatt eines Büffels vormalen läßt! Gleich als mein erster Blick auf euch fiel, habe ich gewußt, wer und was ihr seid. Also unten am San Juan habt ihr eure Fallen ausgelegt gehabt? Wann denn?“

„Vor vier Tagen.“

„So kommt ihr also direkt von dort herauf?“

„Ja.“

„Das wäre also von Süden her und ist eine Lüge. Ihr seid ganz kurz nach uns gekommen und wir müßten euch also draußen auf der offenen Prairie gesehen haben. Nach Norden aber tritt der Wald weiter vor und hinter dieser Waldeszunge habt ihr euch befunden, als ich zum letztenmal, bevor wir in den Pfad einlenkten, Umschau hielt. Ihr seid vom Norden gekommen.“

„Aber, Sir, ich habe die Wahrheit gesagt. Ihr habt uns nicht gesehen.“

„Ich? Euch nicht gesehen? Wenn ich so schlechte Augen hätte, wäre ich schon tausendmal verloren gewesen. Nein, ihr macht mir nichts weiß! Und nun weiter: Wo habt ihr eure Sättel?“

„Die sind uns auch mit gestohlen worden.“

„Und das Zaumzeug?“

„Ebenso.“

„Mann, haltet mich nicht für einen dummen Jungen!“ lachte Old Shatterhand verächtlich. „Ihr habt wohl Sattel und Zaum mit den Biberfallen ins Wasser gesteckt, daß das alles zusammen gestohlen werden konnte? Welcher Jäger nimmt dem Pferde den Zaum ab? Und woher habt ihr nun die indianischen Halfter?“

„Die haben wir von einem Roten erhandelt.“

„Und wohl auch die Pferde?“

„Nein,“ antwortete Knox, welcher einsah, daß er unmöglich auch noch diese Lüge sagen dürfe; sie wäre allzu groß und frech gewesen.

„Also die Utahindianer handeln mit Halftern! Das habe ich noch nicht gewußt. Woher habt ihr denn eure Pferde?“

„Die haben wir in Fort Dodge gekauft.“

„So weit von hier? Und ich möchte wetten, daß diese Tiere letzthin wochenlang sich auf der Weide befunden haben. Ein Pferd, welches den Reiter von Fort Dodge hierher getragen hat, sieht ganz anders aus. Und wie kommt es denn, daß die eurigen nicht beschlagen sind?“

„Das müßt Ihr den Händler fragen, von dem wir sie haben.“

„Unsinn! Händler! Diese Tiere sind ja gar nicht gekauft.“

„Was denn sonst?“

„Gestohlen.“

„Sir!“ rief Knox, indem er nach seinem Messer griff. Auch Hilton fuhr mit der Hand nach seinem Gürtel.

„Laßt die Messer stecken, sonst schlage ich euch nieder wie Holzklötze!“ drohte Old Shatterhand. „Meint ihr denn, ich sähe nicht, daß die Pferde indianische Dressur haben!“

„Wie könnt Ihr das wissen? Ihr habt uns doch nicht reiten sehen! Nur die kurze Strecke vom Pfade bis hierher zu diesen Steinen habt Ihr uns auf den Pferden gesehen. Und das ist nicht genug, um so ein Urteil zu fällen.“

„Aber ich bemerke, daß sie unsre Tiere vermeiden, daß sie sich zusammenhalten. Diese Pferde sind den Utahs gestohlen worden, und ihr gehört zu den Leuten, welche über diese armen Roten hergefallen sind.“

Knox wußte nicht mehr, was er sagen sollte. Dem Scharfsinne dieses Mannes war er nicht gewachsen. Wie es solchen Leuten in ähnlichen Fällen zu ergehen pflegt, so auch ihm: er nahm seine letzte Zuflucht zur Grobheit.

„Sir, ich habe viel von Euch gehört und Euch für einen ganz andern Menschen gehalten,“ sagte er. „Ihr redet wie im Traume. Wer Behauptungen aufstellt, wie die Eurigen sind, der muß geradezu verrückt sein. Unsre Pferde indianische Dressur! Es würde zum Totlachen sein, wenn man sich nicht darüber ärgern müßte. Ich sehe ein, daß wir nicht zusammenpassen, und werde aufbrechen, um nicht gezwungen zu sein, Eure ferneren Phantasien anhören zu müssen.“

Er stand auf und Hilton mit ihm. Aber auch Old Shatterhand erhob sich, legte ihm die Hand auf den Arm und gebot: „Ihr bleibt!“

„Bleiben, Sir? Soll das etwa ein Befehl sein?“

„Allerdings.“

„Habt Ihr etwa über uns zu verfügen?“

„Ja. Ich werde euch den Utahs zur Bestrafung ausliefern.“

„Ah, wirklich? Das wäre ja noch viel toller als die indianische Dressur!“

Er sprach das in höhnischem Tone, aber seine Lippen bebten dabei, und es war ihm anzusehen, daß er nicht die Zuversicht besaß, welche zu zeigen er sich die größte Mühe gab.

„Aber es wird damit dieselbe Richtigkeit haben wie bei der Dressur,“ antwortete der Jäger. „Daß eure Pferde den Utahs gehört haben, zeigt sich in – – alle Teufel, was ist das?“

Er hatte, indem er von den Pferden sprach, das Auge auf dieselben gerichtet und dabei etwas bemerkt, was seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie hielten nämlich die Nüstern hoch, drehten sich nach allen Richtungen, sogen die Luft ein und rannten dann freudig wiehernd dem Rande der Lichtung zu.

„Ja, was ist das?“ rief auch Jemmy. „Es sind Rote in der Nähe!“

Das untrügliche Auge Old Shatterhands erfaßte mit einem einzigen scharfen Blicke die Gefahr. Er antwortete: „Wir sind umzingelt, jedenfalls von den Utahs, deren Nähe durch die Pferde verraten worden ist und die sich nun also gezwungen sehen werden, loszubrechen.“

„Was thun wir da?“ fragte Davy. „Wehren wir uns?“

„Zunächst wollen wir ihnen zeigen, daß wir mit diesen Raubmördern nichts zu thun haben. Das ist die Hauptsache. Also nieder mit ihnen!“

Er schlug Knox die geballte Faust gegen die Schläfe, daß der Getroffene wie ein Holzblock niederstürzte, und dann bekam Hilton, ehe er ihn zu parieren vermochte, ganz denselben Hieb.

„Nun schnell hinauf auf den Felsen,“ gebot Old Shatterhand. „Dort haben wir Deckung, hier unten aber nicht. Dann müssen wir das weitere abwarten.“

Die Steinkolosse waren nicht leicht zu ersteigen; aber in Lagen, wie die gegenwärtige eine war, verdoppeln und vergrößern sich die Fähigkeiten des Menschen; in drei, vier, fünf Sekunden waren die vier Jäger hinauf und hinter den Ecken, Kanten und Sträuchern, wo sie sich niederduckten, verschwunden. Seit dem Wiehern der beiden Indianerpferde war bis jetzt kaum eine Minute vergangen. Der Häuptling hatte sofort das Zeichen zum Angriffe geben wollen, dies aber unterlassen, als er sah, daß das eine Bleichgesicht zwei andre niederschlug. Er konnte sich das nicht erklären und zögerte; dadurch hatten die vier Zeit gewonnen, sich auf die Felsen zu retirieren.

Jetzt stellte sich der „große Wolf“ die Frage, was nun unter den gegenwärtigen Umständen zu thun sei. Die Weißen zu überrumpeln, das war versäumt worden. Jetzt steckten sie oben und konnten von den Kugeln und Pfeilen nicht erreicht werden; wohl aber waren sie im stande, vom Felsen aus den ganzen freien Raum zu beherrschen und ihre Kugeln nach allen Richtungen zu senden. Zweihundert Rote gegen vier oder höchstens sechs Weiße! Der Sieg der ersteren war gewiß. Aber wie sollten sie ihn gewinnen? Etwa die Felsen stürmen? Es war vorauszusehen, daß dabei viele Indianer fallen würden. Der Rote ist, wenn es sein muß, tapfer, kühn, ja sogar verwegen; aber wenn er sein Ziel durch List und ohne Gefahr zu erreichen vermag, so fällt es ihm nicht ein, sein Leben auf das Spiel zu setzen. Der Häuptling rief also durch einen Pfiff seine Unteranführer zu sich, um sich mit ihnen zu beraten.

Das Resultat dieser Beratung war sehr bald zu sehen oder vielmehr zu hören. Es ertönte vom Rande der Lichtung her eine laute Stimme. Da der freie Platz höchstens fünfzig Schritte breit war und die Entfernung zwischen den Felsen und der Stelle, an welcher diese Stimme erscholl, also nur die Hälfte, fünfundzwanzig Schritte, betrug, so konnte man jedes Wort deutlich vernehmen. Es war der Häuptling selbst, welcher, an einem Baum stehend, herüberrief: „Die Bleichgesichter sind von vielen roten Kriegern umringt, sie mögen herunterkommen!“

Das war so naiv, daß gar keine Antwort gegeben wurde. Der Rote wiederholte die Aufforderung noch zweimal und fügte, als er auch da noch keine Erwiderung fand, hinzu: „Wenn die weißen Männer nicht gehorchen, werden wir sie töten.“

Darauf antwortete nun Old Shatterhand: „Was haben wir den roten Kriegern gethan, daß sie uns umringt haben und überfallen wollen?“

„Ihr seid die Hunde, welche unsre Männer getötet und unsre Pferde geraubt haben.“

„Du irrst. Nur zwei dieser Räuber sind hier; sie kamen kurz vorher zu uns, und als ich ahnte, daß sie die Feinde der Utahs sind, habe ich sie niedergeschlagen. Sie sind nicht tot; sie werden bald wieder erwachen. Wenn ihr sie haben wollt, so holt sie euch.“

„Du willst uns hinüberlocken, um uns zu töten!“

„Nein.“

„Ich glaube dir nicht.“

„Wer bist du? Wie ist dein Name?“

„Ich bin Ovuts-avaht, der Häuptling der Utahs.“

„Ich kenne dich. Der „große Wolf“ ist stark vom Körper und vom Geiste. Er ist der Kriegsherr der Yampa-Utahs, welche tapfer und gerecht sind und den Unschuldigen nicht die Sünden des Schuldigen entgelten lassen werden.“

„Du redest wie ein Weib. Du jammerst um dein Leben. Du nennst dich unschuldig, aus großer Angst vor dem Tode. Ich verachte dich. Wie lautet dein Name? Es wird der Name eines alten, blinden Hundes sein.“

„Ist der „große Wolf“ nicht selber blind? Er scheint unsre Pferde nicht zu sehen. Haben diese etwa den Utahs gehört? Es ist ein Maultier dabei. Ist es ihnen gestohlen worden? Wie kann der „große Wolf“ uns für Pferdediebe halten? Er sehe doch meinen Rapphengst an! Haben die Utahs jemals ein solches Pferd besessen? Es ist von dem Blute, welches nur für Winnetou, den Apachenhäuptling, und seine Freunde gezüchtet wird. Muß der „große Wolf“ nicht daraus ersehen, daß ich ein Freund dieses berühmten Mannes bin? Darf er mich da der Angst und Feigheit zeihen? Die Krieger der Utahs mögen hören, ob mein Name der eines Hundes ist. Die Bleichgesichter heißen mich Old Shatterhand; in der Sprache der Utahs aber werde ich Pokai-mu, die „tötende Hand“, genannt.“

Der Häuptling antwortete nicht gleich wieder, und die jetzt eingetretene Stille währte einige Minuten. Das war ein sicheres Zeichen, daß der Name des Jägers Eindruck gemacht hatte. Erst nach der angegebenen Zeit war die Stimme des „großen Wolfes“ wieder zu vernehmen: „Das Bleichgesicht gibt sich für Old Shatterhand aus; wir aber glauben seiner Versicherung nicht. Er weiß, daß dieser große, weiße Jäger von allen roten Männern hoch geachtet wird und nimmt dessen Namen an, um uns zu täuschen und dem Tode zu entgehen. Wir erkennen aus seinem Verhalten, daß ihm dieser Name nicht gehört.“

„Wieso?“ fragte der Jäger.

„Old Shatterhand kennt keine Furcht; dir aber hat die Angst den Mut benommen, dich uns zu zeigen.“

„Wäre das wahr, so besäßen die Krieger der Utahs noch mehr Angst als ich. Ich lasse mich nicht sehen, und ihr zählt viele, viele Bewaffnete; sie aber verstecken sich, und du mit ihnen, vor nur vier Männern. Wer hat da größere Furcht, ich oder ihr? Übrigens will ich dir beweisen, daß ich keine Bangigkeit kenne. Ihr sollt mich sehen.“

Er trat aus seinem Verstecke hervor, stieg auf den höchsten Punkt des Felsen, blickte langsam rundum und stand so frei und unbesorgt da oben, als ob es nicht ein einziges Gewehr gebe, dessen Kugel ihn zu treffen vermöge.

„Ing Pokai-mu, ing Pokai-mu, howgh!“ erklangen mehrere laute Stimmen – „er ist die „tötende Hand“, er ist die „tötende Hand“, gewiß!“

Das waren Leute, welche ihn kannten, weil sie ihn gesehen hatten. Er blieb furchtlos stehen und rief dem Häuptlinge zu: „Hast du das Zeugnis deiner Krieger vernommen? Glaubst du nun, daß ich Old Shatterhand wirklich bin?“

„Ich glaube es. Dein Mut ist groß. Unsre Kugeln treffen viel, viel weiter als zu dir. Wie leicht kann eins unsrer Gewehre losgehen!“

„Das wird nicht geschehen, denn die Krieger der Utah sind tapfre Helden, aber keine Mörder. Und wenn ihr mich tötet, so würde mein Tod schwer an euch gerächt werden.“

„Wir fürchten keine Rache!“

„Sie würde euch ereilen und auffressen, ohne zu fragen, ob ihr euch vor ihr fürchtet. Ich habe den Wunsch des „großen Wolfes“ erfüllt und mich ihm gezeigt. Warum bleibt er noch im Verborgenen? Hat er noch Angst oder hält er mich für einen Meuchelmörder, der ihn töten will?“

„Der Häuptling der Utahs hat keine Sorge. Er weiß, daß Old Shatterhand nur dann zur Waffe greift, wenn er angegriffen wird, und wird sich ihm zeigen.“

Er trat hinter dem Baume hervor, so daß seine große Gestalt vollständig zu sehen war.

„Ist Old Shatterhand nun zufrieden?“ fragte er.

„Nein.“

„Was verlangt er noch?“

„Ich will mit dir in größerer Nähe sprechen, um eure Wünsche bequemer zu erfahren. Komm also näher herbei, bis zur Hälfte der jetzigen Entfernung; ich werde vom Felsen steigen und dir entgegengehen. Dann setzen wir uns, wie es würdigen Kriegern und Häuptlingen geziemt, nieder, um zu beraten.“

„Willst du nicht lieber zu uns kommen?“

„Nein; es soll der eine den andern dadurch ehren, daß sie einander gleichweit entgegenkommen.“

„Dann würde ich mit dir auf der freien Lichtung sitzen und den Schüssen deiner Leute ohne Schutz ausgesetzt sein.“

„Ich gebe dir mein Wort, daß dir nichts geschehen soll. Sie werden nur dann schießen, wenn deine Krieger mir eine Kugel senden. Dann wärest du freilich verloren.“

„Wenn Old Shatterhand sein Wort gibt, so darf man vertrauen; es gilt ihm ebenso heilig wie der größte Schwur. Ich werde also kommen. Wie wird der große weiße Jäger bewaffnet sein?“

„Ich werde alle meine Waffen ablegen und hier zurücklassen; dir aber steht es frei, zu thun, was dir beliebt.“

„Der „große Wolf“ wird sich nicht dadurch schänden, daß er weniger Mut und Vertrauen zeigt. Komm also herab!“

Der Häuptling legte seine Waffen da, wo er stand, in das Gras und wartete dann auf Old Shatterhand.

„Sie wagen zu viel,“ wurde dieser von Jemmy gewarnt. „Sind Sie wirklich der Überzeugung, daß Sie es thun dürfen?“

„Ja. Wenn der Häuptling vorher zurückgetreten wäre, um sich mit seinen Leuten zu beraten oder ihnen einen Befehl, einen Wink zu geben, so würde ich freilich Verdacht schöpfen. Da er das aber nicht gethan hat, so muß ich ihm Vertrauen schenken.“

„Und was sollen wir inzwischen thun?“

„Nichts. Ihr legt, doch ohne daß man es unten bemerkt, die Gewehre auf ihn an und schießt ihn sofort nieder, falls ich angegriffen werden sollte.“

Er stieg hinab und dann schritten die beiden langsam aufeinander zu. Als sie sich erreichten, hielt Old Shatterhand dem Häuptling die Hand hin und sagte: „Ich habe den „großen Wolf“ noch nie gesehen, aber oft gehört, daß er in der Beratung der Weiseste und im Kampfe der Tapferste sei. Ich freue mich also jetzt, sein Angesicht zu sehen und ihn als Freund begrüßen zu können.“

Der Indianer ignorierte die Hand des Weißen, musterte mit scharfem Blicke die Gestalt und das Gesicht desselben, und antwortete, indem er nieder zur Erde deutete: „Setzen wir uns! Die Krieger der Utahs haben ihre Kriegsbeile gegen die Bleichgesichter ausgraben müssen, und es gibt also keinen einzigen Weißen, den ich als Freund begrüßen kann.“

Er ließ sich nieder, und Old Shatterhand setzte sich ihm gegenüber.

Das Feuer war verlöscht; neben der Asche desselben lagen noch Knox und Hilton, welche sehr schwer betäubt oder gar tot sein mußten, da sie sich noch immer nicht bewegten. Old Shatterhands Mustang hatte die Indianer gerochen, noch ehe die Stimme des Häuptlings erschollen war, und sich schnaubend in die Nähe des Felsens gemacht. Davys altes Maultier besaß eine ebenso feine Rase und war diesem Beispiele gefolgt. Die Pferde Franks und Jemmys hatten sich das zur Lehre dienen lassen, und so standen die vier Tiere jetzt hart am Felsen, und ihre Haltung, ihr Benehmen zeigte, daß sie sich der Gefahr, in welcher sie sich mit ihren Herren befanden, wohl bewußt waren.

Keiner der beiden einander gegenüber Sitzenden schien beginnen zu wollen. Old Shatterhand blickte wartend und so gleichgültig, als ob ihm nicht das mindeste geschehen könne, vor sich nieder. Der Rote aber konnte seinen prüfenden Blick nicht von dem Weißen lassen. Die Farbe, welche dick auf seinem Gesichte lag, ließ den Ausdruck desselben nicht erkennen; aber die breit und etwas abwärts gezogenen Mundwinkel deuteten an, daß er sich von dem viel besprochenen Jäger eine Vorstellung gemacht hatte, welche durch die äußere Gestalt desselben jetzt nicht bestätigt wurde. Dies zeigte sich, als er jetzt endlich die fast ironische Bemerkung machte: „Der Ruf Old Shatterhands ist groß; aber seine Gestalt ist nicht mit demselben fortgewachsen.“

Old Shatterhand ragte über die gewöhnliche Größe hinaus, war aber dem Äußern nach keineswegs ein Gigant. Er hatte in der Vorstellung des Roten jedenfalls als ein wahrer Goliath gelebt. Der Jäger antwortete lächelnd: „Was hat die Gestalt mit dem Rufe zu thun? Soll ich dem Häuptlinge der Utah etwa antworten: Die Gestalt des „großen Wolfes“ ist groß, aber sein Ruf, seine Tapferkeit ist nicht gleichmäßig mit ihr gewachsen?“

„Das würde eine Beleidigung sein,“ erklärte der Rote mit blitzenden Augen, „auf welche ich dich sofort verlassen würde, um den Befehl zum Beginne des Kampfes zu erteilen!“

„Warum erlaubst du dir da eine solche Bemerkung über meine Gestalt? Zwar können deine Worte einen Old Shatterhand nicht beleidigen, aber sie enthalten eine Mißachtung, welche ich nicht dulden darf. Ich bin wenigstens ein ebenso großer Häuptling wie du; ich werde höflich mit dir sprechen und verlange von dir die gleiche Höflichkeit. Das muß ich dir sagen, bevor wir unsre Unterredung beginnen, denn sonst würde dieselbe zu keinem guten Ziele führen.“

Er war es sich und seinen drei Begleitern schuldig, dem Roten diesen Verweis zu geben. Je kräftiger er auftrat, desto mehr imponierte er, und von dem Eindrucke, welchen er jetzt hervorbrachte, hing die Gestaltung seiner Lage ab.

„Es gibt nur ein einziges Ziel und kein andres,“ erklärte der „große Wolf“.

„Welches?“

„Euer Tod.“

„Das wäre ein Mord, denn wir haben euch nichts gethan.“

„Du befindest dich in der Gesellschaft der Mörder, welche wir verfolgen!“

„Glaubst du, daß ich dabei war, als sie euch des Nachts überfielen?“

„Nein. Old Shatterhand ist kein Pferdedieb; er hätte sie von ihrem Beginnen abgehalten.“

„Nun, warum behandelst du mich dennoch als Feind?“

„Du bist mit ihnen geritten.“

„Nein, das ist nicht wahr. Sende einen deiner Leute auf unsrer Spur zurück. Er wird bald sehen, daß diese beiden Männer erst nach uns gekommen und auf unsre Fährte gestoßen sind.“

„Das ändert nichts. Die Bleichgesichter haben uns im tiefsten Frieden überfallen, unsre Pferde geraubt und viele von unsern Kriegern getötet. Unser Grimm war groß, doch unsre Bedachtsamkeit nicht kleiner. Wir schickten weise Männer ab, um Bestrafung der Schuldigen und Ersatz für unsre Verluste zu verlangen; man hat sie ausgelacht und abgewiesen. Darum haben wir die Tomahawks ausgegraben und geschworen, daß, bis unsre Rache vollendet ist, jeder Weiße, welcher in unsre Hände fällt, getötet werden soll. Diesen Schwur müssen wir halten, und du bist ein Weißer.“

„Der aber unschuldig ist!“

„Waren meine Krieger, welche man tötete, etwa eines Fehlers schuldig? Verlangst du, daß wir barmherziger sein sollen als unsre Widersacher und Mörder?“

„Ich beklage, was geschehen ist. Der „große Wolf“ wird wissen, daß ich ein Freund der roten Männer bin.“

„Ich weiß es; aber dennoch mußt auch du sterben. Wenn die ungerechten Bleichgesichter, welche unsre Klagen nicht berücksichtigen, erfahren, daß sie durch ihr Verhalten den Tod vieler Gerechter, sogar Old Shatterhands, verschuldet haben, so werden sie sich dies zur Lehre dienen lassen und in Zukunft klüger und einsichtsvoller handeln.“

Das klang gefährlich. Der Indianer sprach im vollsten Ernste, und die Folgerung, welche er zog, war gar nicht unlogisch entstanden. Dennoch antwortete Old Shatterhand: „Der „große Wolf“ denkt nur an seinen Schwur, aber nicht an die Folgen desselben. Wenn ihr uns tötet, wird ein Schrei der Entrüstung über die Berge und Prairien erschallen, und Tausende von Bleichgesichtern werden sich gegen euch aufmachen, um unsern Tod zu rächen. Diese Rache wird um so strenger sein, als wir stets die Freunde der roten Männer waren.“

„Ihr? Nicht du allein? Du sprichst auch von deinen Gefährten? Wer sind sie denn, diese Bleichgesichter?“

„Der eine heißt Hobble-Frank, und du wirst ihn vielleicht nicht kennen; aber die Namen der beiden andern hast du oft gehört; sie sind der dicke Jemmy und der lange Davy.“

„Ich kenne sie. Man hat nie den einen ohne den andern gesehen, und ich habe niemals erfahren, daß sie Feinde der Indianer seien. Aber gerade deshalb wird ihr Tod die ungerechten Häuptlinge der Weißen belehren, wie unklug es von ihnen war, unsre Gesandten fortzuweisen. Euer Schicksal ist entschieden, aber es wird ein ehrenvolles sein. Ihr seid tapfere und berühmte Männer und sollt den qualvollsten Tod erleiden, den wir euch nur bieten können. Ihr werdet ihn erdulden, ohne mit der Wimper zu zucken, und die Kunde davon wird durch alle Lande erklingen. Dadurch wird euer Ruhm noch glänzender, als er bisher war, und ihr werdet in den ewigen Jagdgründen zu großem Ansehen gelangen. Ich hoffe, daß du erkennst, welche Rücksicht das von uns ist, und uns dafür dankbar bist!“

Old Shatterhand war keineswegs über die ihm hier gebotenen Vorteile entzückt. Er ließ das aber nicht merken und antwortete: „Deine Absicht ist eine sehr gute, und ich lobe dich dafür; aber diejenigen, welche uns rächen, werden dir nicht dankbar dafür sein.“

„Ich lache über sie; sie mögen kommen!“

„Meinst du, daß du sie besiegen wirst, daß es ihrer wenige sein dürften?“

„Ovuts-avaht hat nicht die Gewohnheit, seine Feinde zu zählen. Und weißt du nicht, wie zahlreich wir dann sein werden? Es werden sich versammeln die Krieger der Weawers, der Uinta, Yampa, Sampitsches, Pah-vants, Wiminutsches Elks, Capotes, Païs, Tasches, Muatsches und Tabequatsches. Diese Völker alle gehören zu dem Stamme der Utahs; sie werden die weißen Krieger zermalmen.“

„So gehe nach dem Osten und zähle die Weißen! Und welche Anführer werden sie haben! Es werden uns Rächer erstehen, von denen ein einziger viele, viele Utahs aufwiegt.“

„Wer wäre das?“

„Ich will dir nur einen nennen, nämlich Old Firehand.“

„Er ist ein Held; er ist unter den Bleichgesichtern das, was der Grizzly unter Prairiehunden ist,“ gab der Häuptling zu. „Aber er wäre auch der einzige; einen zweiten kannst du mir nicht nennen.“

„O, viele, noch viele könnte ich anführen; aber ich will nur noch einen erwähnen, Winnetou, den du wohl kennen wirst.“

„Wer sollte ihn nicht kennen, aber wenn er hier wäre, müßte er auch sterben; er ist unser Feind.“

„Nein; er wagt und läßt sein Leben für jeden seiner roten Brüder.“

„Schweig davon! Er ist der Häuptling der Apachen. Die Weißen fühlen sich zu schwach gegen uns; sie haben zu den Navajos gesandt und diese gegen uns aufgehetzt.“

„Das weißt du schon?“

„Die Augen des „großen Wolfes“ sind scharf, und seinen Ohren kann kein Geräusch entgehen. Gehören die Navajos nicht zu dem Stamme der Apachen? Müssen wir also Winnetou nicht als unsern Feind betrachten? Wehe ihm, wenn er in unsre Hände fällt!“

„Und wehe dann auch euch! Ich warne dich. Ihr hättet nicht nur die Krieger der Weißen gegen euch, sondern auch viele tausend Streiter der Mescaleros, der Llaneros, der Xicarillas, Taracones, Navajos, Tschiriguamis, Pilanenjos, Lipans, Coppers, Gilas und Mimbrenjos, welche ja alle zu dem Stamme der Apachen gehören. Diese würden gegen euch ziehen, und die Weißen brauchten nichts zu thun, als nur ruhig zuzusehen, wie sich die Utahs und Apachen untereinander aufreiben. Willst du euern bleichen Feinden wirklich diese Freude machen?“

Der Häuptling sah vor sich nieder und antwortete nach einer Weile: „Du hast die Wahrheit gesagt; aber die Bleichgesichter drängen von allen Seiten auf uns ein; sie überschwemmen uns, und der rote Mann ist verurteilt, eines langsamen und qualvollen Erstickungstodes zu sterben. Ist es da nicht besser für ihn, den Kampf so zu führen, daß er rascher stirbt und rascher vernichtet wird? Der Blick, welchen du mir in die Zukunft öffnest, kann mich nicht abhalten, sondern mich nur darin bestärken, das Kriegsbeil ohne Gnade und Rücksicht zu gebrauchen. Gib dir also keine Mühe; es bleibt bei dem, was ich gesagt habe.“

„Daß ihr uns also am Marterpfahle sterben lassen wollt?“

„Ja. Ergibst du dich in das Schicksal, welches dir meine Worte bezeichneten?“

„Ja,“ antwortete Old Shatterhand mit solcher Ruhe, daß der Rote schnell rief: „So liefert eure Waffen ab!“

„Das werden wir freilich nicht thun!“

„Aber du sagst ja, daß du dich ergeben willst!“ erklang es im Tone der Verwunderung.

„Allerdings, nämlich in das Schicksal, welches uns durch deine Worte verkündet wird. Was aber hast du gesagt? Daß ihr jedes Bleichgesicht, welches in eure Hände fällt, töten werdet. Oder ist es nicht so?“

„Ja, so waren meine Worte,“ nickte der Rote, darauf gespannt, was Old Shatterhand darauf vorbringen werde.

„Gut, so tötet uns, wenn wir in eure Hände gefallen sind, was aber bis jetzt noch nicht geschehen ist.“

„Uff! Glaubst du uns etwa zu entkommen?“

„Allerdings.“

„Das ist unmöglich. Weißt du, wie viele Krieger ich bei mir habe? Es sind ihrer zweihundert!“

„Bloß? Vielleicht hast du dir erzählen lassen, daß schon größere Horden sich vergeblich die Mühe gegeben haben, mich zu fangen oder festzuhalten.“

„Aber zweihundert und ihr nur vier! Es ist keine Lücke vorhanden, durch welche ihr entschlüpfen könntet!“

„So werden wir uns eine Lücke machen!“

„Ihr würdet dabei getötet werden!“

„Möglich! Aber wie viele deiner Krieger würdest du dabei einbüßen! Ich rechne auf jeden meiner Gefährten wenigstens zwanzig und ich selbst werde gewiß viel mehr als fünfzig erschießen, ehe ihr mich in eure Hände bekommt.“

Er sagte das mit einer solchen Zuversicht, daß der Rote ihn erstaunt anschaute. Dann stieß der letztere ein rauhes Lachen hervor und sagte, indem er die Hand geringschätzend auf und nieder bewegte: „Die Gedanken deines Kopfes verwirren sich. Du bist ein kühner Jäger, aber wie könntest du fünfzig Krieger erlegen?“

„Mit Leichtigkeit. Hast du noch nicht erfahren, was für Waffen ich besitze?“

„Du sollst ein Gewehr besitzen, aus welchem man immerfort schießen kann, ohne ein einziges Mal laden zu müssen; aber das ist eine Unmöglichkeit, ich glaube es nicht.“

„Soll ich es dir zeigen?“

„Ja, zeige es!“ rief der Häuptling, ganz elektrisiert von dem Gedanken, dieses geheimnisvolle Gewehr, an welches sich so viele Sagen knüpften, sehen zu können.

„So werde ich es mir geben lassen und es dir bringen.“

Er stand auf und schritt zum Felsen, um den Stutzen zu holen. Wie die Verhältnisse lagen, mußte er vor allen Dingen danach trachten, die Indianer trotz ihrer Überzahl einzuschüchtern und bestürzt zu machen, und dazu war dieses Gewehr am besten geeignet. Er wußte, welche und wie viele Sagen über dasselbe unter den Roten kursierten. Sie hielten es für eine Zauberflinte, welche der „große Manitou“ dem Jäger gegeben habe, um denselben unüberwindlich zu machen. Jemmy langte sie ihm von dem Felsen herab; er kehrte zu dem Häuptling zurück, hielt sie ihm hin und sagte: „Hier ist das Gewehr; nimm es, und siehe es dir an!“

Schon streckte der Rote die Hand aus; aber er zog sie wieder zurück und fragte: „Darf denn auch ein andrer als du es angreifen? Wenn es wirklich das Zaubergewehr ist, so muß es jedem, dem es nicht gehört, Gefahr bringen, sobald er es berührt.“

Diese vorteilhafte Ansicht mußte Old Shatterhand ausbeuten. Mußte er sich mit seinen Begleitern den Roten ergeben, so war er mit ihnen jedenfalls gezwungen, die Waffen alle auszuliefern. In diesem Falle kam es sehr darauf an, wenigstens dieses eine Gewehr behalten zu können. Eine direkte Lüge wollte Old Shatterhand zwar nicht sagen, aber er antwortete: „Ich darf die Geheimnisse desselben nicht mitteilen. Nimm, und versuche es selbst!“

Er hatte den Stutzen in der rechten Hand und legte bei diesen Worten den Daumen an die Patronenkugel, um durch eine kleine, ganz unbemerkbare Bewegung dieselbe so vorzudrehen, daß der Schuß bei der geringsten Berührung derselben losgehen mußte. Sein scharfes Auge bemerkte eine Gruppe von mehreren Roten, welche aus Neugierde ihre geschützten Stellungen verlassen hatten und nun nahe dem Rande der Lichtung bei einander standen. Diese Gruppe bildete ein so gutes Ziel, daß eine auch nicht ganz genau auf sie gerichtete Kugel einen von ihnen treffen mußte. Jetzt kam es darauf an, ob der Häuptling das Gewehr ergreifen werde oder nicht. Er war wohl weniger abergläubisch als die andern Roten, aber er traute der Sache doch nicht ganz. „Soll ich, oder soll ich nicht?“ Diese beiden Fragen waren in seinen begierig auf das Gewehr gerichteten Augen zu lesen. Old Shatterhand nahm es jetzt mit beiden Händen, hielt es ihm näher und zwar so, daß der Lauf genau nach der erwähnten Indianergruppe zeigte. Die Neugierde des Häuptlings war doch größer als seine Besorgnis; er griff zu. Old Shatterhand spielte ihm das Gewehr so in die Hand, daß dieselbe die Kugel berührte. Sofort krachte der Schuß – drüben, wo die Indianer standen, ertönte ein Schrei und der „große Wolf“ ließ den Stutzen erschrocken fallen. Einer der Roten rief herüber, daß er verwundet worden sei.

„Bin ich’s gewesen, der ihn verwundet hat?“ fragte der Häuptling betroffen.

„Wer sonst?“ antwortete Old Shatterhand. „Das ist nur erst zur Warnung geschehen. Bei der nächsten Berührung dieses Gewehres wird es aber Ernst werden. Ich erlaube dir, es wieder anzufassen, aber ich warne dich; die Kugel würde nun – – –“

„Nein, nein!“ rief der Rote, indem er mit beiden Händen abwehrte. „Es ist wirklich ein Zaubergewehr und nur für dich bestimmt. Wenn ein andrer es nimmt, so geht es los und er trifft seine eigenen Freunde, vielleicht gar sich selbst. Ich mag es nicht; ich mag es nicht!“

„Das ist sehr klug von dir,“ meinte Old Shatterhand in ernstem Tone. „Sei froh, daß es jetzt nur einmal losgegangen ist. Du hast nur eine kleine Lehre erhalten; das nächste Mal würde es anders kommen. Ich werde dir zeigen, wie oft es losgeht. Schau nach dem Ahornbäumchen dort am Bache. Es ist nur zwei Finger stark und soll zehn Löcher erhalten, welche genau die Breite deines Daumens voneinander entfernt sind.“

Er hob den Stutzen auf, legte ihn an, zielte auf den Ahorn und drückte ein – drei – sieben – zehnmal ab. Dann sagte er: „Gehe hin, und siehe es! Ich könnte noch viele, viele Male schießen, aber es ist ja genug, um dir zu zeigen, daß ich in einer Minute fünfzig von deinen Kriegern in das Herz treffen könnte, wenn ich wollte.“

Der Häuptling ging zum Bäumchen. Old Shatterhand sah, daß er die Entfernungen der Löcher mit dem Daumen maß. Mehrere Rote kamen, von der Wißbegierde getrieben, aus ihren Verstecken hervor und zu ihm hin. Dies benutzte der Jäger, um schnell neue Patronen in die sich exzentrisch bewegende Kugel zu schieben.

„Uff, uff, uff!“ hörte er rufen. War es für die Indianer schon ein wirkliches Wunder, daß er so viele Schüsse abgegeben hatte, ohne zu laden, so waren sie jetzt doppelt erstaunt, zu sehen, daß nicht nur keine Kugel fehlgegangen war, sondern jede das dünne Stämmchen genau einen Daumen breit über der vorigen durchschlagen hatte. Der Häuptling kehrte zurück, setzte sich wieder nieder und forderte den Jäger durch eine Handbewegung auf, seinem Beispiele zu folgen. Er sah eine ganze Weile schweigend vor sich nieder und sagte dann: „Ich sehe, daß du ein Liebling des großen Geistes bist. Ich habe von diesem Gewehre gehört, es aber nicht glauben können. Nun weiß ich, daß man die Wahrheit gesagt hat.“

„So sei also vorsichtig, und überlege wohl, was du thust! Du willst uns ergreifen und töten. Versuche es; ich habe nichts dagegen. Wenn ihr dann die Krieger zählt, welche von meinen Kugeln getroffen sind, wird sich in eurem Dorfe das Klagegeschrei der Frauen und Kinder der Gefallenen erheben; mir aber darfst du dann die Schuld nicht geben.“

„Meinst du denn, daß wir uns treffen lassen werden? Ihr müßt euch uns ergeben, ohne daß ein Schuß zu fallen braucht. Ihr seid umringt und habt nichts zu essen. Wir belagern euch so lange, bis der Hunger euch zwingt, die Waffen zu strecken.“

„Da kannst du lange warten. Wir haben Wasser zum Trinken und Fleisch genug zum Essen. Dort stehen ja unsre Tiere, vier Pferde, von denen wir viele Wochen lang leben könnten. Aber dazu wird es gar nicht kommen, denn wir werden uns durchschlagen. Ich gehe voran, mit meinem Zaubergewehre in der Hand, schicke euch Kugel auf Kugel zu, und wie gut ich zu treffen weiß, hast du ja gesehen.“

„Wir werden hinter den Bäumen stehen!“

„Meinst du, daß euch das vor meiner Zauberflinte schützen werde? Nimm dich in acht! Du würdest der erste sein, auf den ich sie richte. Ich bin ein Freund der roten Männer, und so würde es mir sehr leid thun, so viele von euch töten zu müssen. Ihr habt schon jetzt so schwere Verluste zu beklagen, und es werden, wenn der Kampf mit den weißen Soldaten und den Navajos beginnt, noch viele, viele eurer Männer fallen. Darum solltet ihr nicht auch noch uns, eure Freunde, zwingen, den Tod in eure Reihen zu senden.“

Diese ernsten Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Der Häuptling starrte lange vor sich hin, unbeweglich wie eine Statue sitzend. Dann stieß er in beinahe bedauerndem Tone hervor: „Wenn wir nicht geschworen hätten, alle Bleichgesichter zu töten, so würden wir euch vielleicht ziehen lassen; aber ein Schwur muß gehalten werden.“

„Nein. Man kann einen Schwur zurücknehmen.“

„Aber nur, wenn die große Beratung es erlaubt.“

„So beratet euch!“

„Wie kannst du mir das sagen! Ich bin der einzige Häuptling hier; mit wem soll ich mich beraten!“

Jetzt hatte Old Shatterhand den Häuptling da, wohin er ihn hatte haben wollen. Wenn derselbe schon vom Beraten sprach, so war die größte Gefahr bereits vorüber. Der Jäger kannte die Eigenart der Roten. Er hatte jetzt den beabsichtigten Erfolg errungen und wußte es, daß es am klügsten sei, denselben nicht sofort zu verfolgen. Darum schwieg er und wartete, was der „große Wolf“ nun weiter sagen werde.

Dieser ließ seine Augen prüfend über die Lichtung schweifen. Er dachte jedenfalls darüber nach, ob es nicht vielleicht doch möglich sei, sich hier der vier Weißen trotz des gefährlichen Zaubergewehres zu bemächtigen, und nur dann, als dieses Nachgrübeln allzu lang währte, sagte Old Shatterhand, indem er Miene machte, aufzustehen: „Der Häuptling der Utah hat nun alles gehört, was ich ihm sagen kann; es gibt nichts Weiteres zu besprechen, und ich werde also jetzt zu meinen Gefährten zurückkehren. Er mag thun, was ihm beliebt.“

„Warte noch!“ antwortete der Rote schnell. „Werdet ihr uns für feig halten, wenn wir es unterlassen, hier mit euch zu kämpfen?“

„Nein. Ein Häuptling darf nicht nur tapfer und mutig, sondern er muß auch klug und vorsichtig sein. Kein Anführer wird die Seinen unnütz opfern. Ich selbst habe stets nur dann den Feind angegriffen, wenn ich des Sieges sicher war. Jedermann weiß, daß der „große Wolf“ ein tapferer Krieger ist; aber wenn du dir hier von vier Weißen die Hälfte deiner Leute töten ließest, würde man an allen Lagerfeuern erzählen, daß du unsinnig gehandelt habest und nicht mehr fähig seist, die Krieger der Utah im Kampfe anzuführen. Bedenke, daß die Weißen und die Navajos gegen euch schon unterwegs sind, und daß du deine Krieger brauchst, um diese Feinde zu schlagen. Es würde also die größte Thorheit sein, sie hier nutzlos erschießen zu lassen.“

„Du hast recht,“ antwortete der Rote mit einem tiefen Seufzer darüber, mit zweihundert gegen nur vier Männer gezwungen zu sein, Nachgiebigkeit zu zeigen. „Ich selbst kann meinen Schwur nicht zurücknehmen; ich muß ihn mir von der Versammlung der Alten zurückgeben lassen. Darum werdet ihr als meine Gefangenen mit uns ziehen, um zu erfahren, was die Beratung über euch beschließt.“

„Wenn wir uns nun aber weigern, dies zu thun?“

„So werden wir gezwungen sein, den Kampf zu beginnen und euch mit Kugeln überschütten.“

„Es wird keine einzige treffen. Die Felsen haben Löcher und Lücken genug, welche uns als Verstecke dienen. Wir aber können von da droben aus nach allen Seiten sicher auf euch zielen und jede unsrer Kugeln wird ihren Mann nehmen.“

„So warten wir, bis es dunkel ist und ihr nichts sehen könnt. Dann schleichen wir uns zu den Felsen, um Holz hinzuschaffen, welches wir anbrennen. Früh, wenn die Sonne aufgeht, werden wir dann sehen, ob ihr erstickt seid oder noch lebt.“

Er sagte das in einem sehr zuversichtlichen Tone, doch Old Shatterhand antwortete lächelnd: „Das ist nicht so leicht, wie du zu denken scheinst. Wir werden, sobald es dunkel geworden ist, vom Felsen steigen. Jeder legt sich an eine Seite desselben, und wehe dann dem roten Krieger, welcher sich zu nähern wagte! Er würde weggeschossen. Du siehst, daß wir auf alle Fälle im Vorteil sind; aber eben weil ich die roten Männer lieb habe und nicht gern auch nur einen einzigen von ihnen töten will, bin ich bereit, auf alle diese Vorteile zu verzichten. Ich bin dein Freund, und du sollst nicht in der schlimmen Lage bleiben, in welcher du dich jetzt befindest. Ich will mit meinen Gefährten sprechen. Vielleicht sind sie bereit, mit euch zu reiten. Nur fragt es sich, welche Bedingungen du stellst. Gefangen kann doch nur derjenige sein, welcher ergriffen worden ist. Wollt ihr uns fangen, nun, so versucht es getrost; ich habe nichts dagegen; aber das würde ja eben der Kampf sein, welchen du vermeiden willst.“

„Uff!“ stieß der Häuptling hastig hervor. „Deine Worte treffen gerade so genau wie deine Kugeln. Old Shatterhand ist nicht nur ein Held des Kampfes, sondern auch ein Meister der Rede.“

„Ich spreche nicht nur zu meinem, sondern auch zu deinem Nutzen. Warum sollen wir Feinde sein? Ihr habt die Tomahawks gegen die Soldaten und die Navajos ausgegraben; würde es nicht von großem Nutzen für euch sein, wenn Old Shatterhand euer Verbündeter wäre, anstatt euer Feind sein zu müssen?“

Der Häuptling war klug genug, einzusehen, daß der Jäger recht hatte. Aber sein Schwur band ihm die Hände. Darum erklärte er: „Ich muß euch als Feinde betrachten, bis die Versammlung gesprochen hat. Bist du nicht damit einverstanden, so müssen die Waffen sprechen.“

„Ich bin einverstanden; ich werde mit meinen Gefährten reden, und ich denke, daß sie sich bereit zeigen werden, mit euch zu reiten, aber als Gefangene nicht.“

„Als was denn sonst?“

„Als Begleiter.“

„So wollt ihr nicht eure Waffen ausliefern und euch auch nicht binden lassen?“

„Nein, auf keinen Fall!“

„Uff! So will ich dir das Letzte sagen. Gehst du nicht mit darauf ein, so belagern wir euch hier trotz deines Zaubergewehres. Ihr brecht jetzt mit uns nach unserm Dorfe auf; ihr behaltet eure Waffen, eure Pferde und werdet auch nicht gefesselt. Wir werden ganz so thun, als ob wir im Frieden mit euch lebten; dafür aber schwört ihr uns zu, daß ihr euch ohne Gegenwehr dem Beschlusse der Beratung fügen wollt. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Dieses letztere Wort war der Beweis, daß er nun auf keinen Fall weiter nachgeben werde; aber Old Shatterhand war mit diesem Ergebnisse der Unterredung auch vollständig zufrieden. Wenn die Roten jetzt Ernst mit dem Angriffe machten, so war es vollständig unmöglich, ihnen heiler Haut zu entgehen. Es war ein großes Glück, daß sie einen solchen Respekt vor dem Zaubergewehre besaßen; dadurch war jetzt erreicht worden, was zu erreichen überhaupt in der Möglichkeit lag. Jedenfalls mußte dieser Respekt auch auf den Beschluß der Versammlung der Alten einwirken. Darum antwortete Old Shatterhand: „Der „große Wolf“ soll erkennen, daß ich sein Freund bin. Ich will gar nicht erst mit meinen Genossen sprechen, sondern dir gleich jetzt in ihrem und meinem Namen mein Wort geben. Wir werden uns ohne Gegenwehr in den Beschluß fügen.“

„So nimm dein Calumet, und beschwöre, daß du so handeln wirst.“

Old Shatterhand löste die Friedenspfeife von der Schnur, that ein wenig Tabak in den Kopf und steckte denselben mittels des Punks in Brand. Dann stieß er den Rauch gegen den Himmel, gegen die Erde, nach den vier Richtungen aus und sagte: „Ich verspreche, daß wir an keine Gegenwehr denken werden!“

„Howgh!“ nickte der Häuptling. „Jetzt ist es gut.“

„Nein, denn auch du mußt dein Versprechen besiegeln,“ erklärte Old Shatterhand, indem er dem Roten die Pfeife hinhielt.

Dieser hatte vielleicht im stillen darauf gerechnet, daß ihm das erlassen werde. In diesem Falle hätte er sich nicht an sein Versprechen gebunden gefühlt und, wenn nur die Weißen erst vom Felsen herunter waren, nach seinem Gutdünken gehandelt. Doch fügte er sich ohne Widerrede, indem er die Pfeife nahm, den Rauch in derselben Weise nach den vier Richtungen blies und dann sagte: „Den vier Weißen wird von uns nichts Böses geschehen, bis die Beratung der Alten über ihr Schicksal beschlossen hat. Howgh!“

Nun gab er Old Shatterhand das Calumet zurück und ging zu Knox und Hilton, welche noch genau so dalagen, wie sie niedergeschlagen worden waren. „Auf diese erstreckt sich mein Versprechen nicht,“ sagte er. „Sie gehören zu den Mördern, denn wir haben ihre Pferde als die unsrigen erkannt. Ihre Strafe wird eine schwere sein. Wohl ihnen, wenn deine Hand ihre Seelen von ihnen genommen hätte. Sie scheinen tot zu sein.“

„Nein,“ antwortete Old Shatterhand, dessen scharfem Auge es während der Unterredung nicht entgangen war, daß die beiden einmal leise die Köpfe erhoben hatten, um sich umzusehen. „Sie sind nicht tot; sie sind sogar nicht mehr ohnmächtig; sie stellen sich nur tot, weil sie glauben, wir werden sie hier liegen lassen.“

„So mögen die Hunde sich erheben, sonst zermalme ich sie mit dem Fuße!“ rief der Häuptling, indem er jedem der beiden einen so gewaltigen Fußstoß versetzte, daß sowohl Knox als auch Hilton es aufgab, Bewußtlosigkeit zu heucheln; sie standen auf. Ihre Angst war so groß, daß es ihnen gar nicht einfiel, an Flucht oder Verteidigung zu denken.

„Ihr seid meinen Kriegern heute früh entkommen,“ sagte der Häuptling im grimmigsten Tone. „Nun hat der große Manitou euch in meine Hand gegeben, und ihr sollt für die Mordthaten, welche ihr begangen habt, am Marterpfahle heulen, daß es alle Bleichgesichter des Gebirges hören.“

Die beiden verstanden jedes Wort des Roten, da derselbe ein ziemlich gutes Englisch sprach.

„Mordthaten?“ fragte Knox in der Absicht, den Versuch zu machen, sich durch Leugnen zu retten. „Davon wissen wir nichts. Wen sollen wir ermordet haben?“

„Schweig, Hund! Wir kennen euch, und auch diese Bleichgesichter hier, welche euretwegen in unsre Hände gefallen sind, wissen, was ihr gethan habt!“

Knox war ein listiger Bursche. Er sah Old Shatterhand unverletzt und unbeschädigt neben dem Roten stehen. Die Indianer hatten es nicht gewagt, sich an dem berühmten Manne zu vergreifen. Wer in seinem Schutze stand, war gewiß ebenso sicher vor ihnen wie er selbst; darum kam dem Mörder ein Gedanke, welchen er für den einzig rettenden hielt. Old Shatterhand war ein Weißer; er mußte sich also der Weißen gegen die Roten annehmen. So wenigstens dachte Knox und darum antwortete er: „Natürlich müssen sie wissen, was wir gethan haben, denn wir sind ja mit ihnen geritten und seit Wochen mit ihnen zusammengewesen.“

„Lüge nicht!“

„Ich sage die Wahrheit. Frage Old Shatterhand, welcher dir erklären und beweisen wird, daß wir gar nicht diejenigen sein können, für welche wir von euch gehalten werden.“

„Irrt euch nicht,“ erklärte Old Shatterhand. „Wenn ihr glaubt, daß ich eine Lüge sprechen werde, um euch der verdienten Strafe zu entziehen, so muß ich euch sagen, daß es mir unmöglich einfallen kann, mich auf gleiche Stufe mit euch zu stellen. Ihr wißt, was ich von euch denke; ich habe es euch gesagt und meine Ansicht über euch auch nicht geändert.“ Er wendete sich von ihnen ab.

„Aber, Sir,“ rief Knox, „Ihr wollt uns doch nicht etwa in dieser Gefahr verlassen! Es handelt sich um unser Leben!“

„Allerdings, nachdem es sich vorher um das Leben der von euch Gemordeten gehandelt hat. Ihr habt den Tod verdient, und ich habe gar keine Veranlassung, dagegen zu sein, daß einem jeden sein Recht werde.“

„Alle Wetter! Kommt Ihr uns so, nun, so weiß ich auch, was ich zu thun habe. Rettet Ihr uns nicht, nun, so sollt Ihr mit uns zu Grunde gehen!“ Und sich von Old Shatterhand ab und zu dem Häuptlinge wendend, fuhr er fort: „Warum ergreifst du nicht auch diese vier? Sie haben sich ja auch an dem Pferderaube beteiligt und auch mit auf die Utah geschossen; gerade durch ihre Kugeln sind die meisten eurer Leute gefallen!“

Das war eine Frechheit sondergleichen. Old Shatterhand machte eine Bewegung, als ob er sich auf den unverschämten Menschen stürzen wolle, besann sich aber eines andern und blieb schweigend stehen. Dennoch folgte die Strafe sofort der That, und was für eine Strafe. Die Augen des Häuptlings leuchteten auf; sie sprühten förmlich Blitze, als er Knox andonnerte: „Feigling! Du hast nicht den Mut, die Schuld allein zu tragen und wirfst sie auf andre, gegen welche du eine stinkende Kröte bist. Dafür soll die Strafe für dich nicht erst am Marterpfahle, sondern gleich jetzt beginnen. Ich werde mir deinen Skalp nehmen, und du sollst leben und ihn an meinem Gürtel hängen sehen. Nani witsch, nani witsch!“

Diese beiden Utahworte bedeuten „mein Messer, mein Messer!“ Er rief sie den am Rande der Blöße stehenden Indianern zu.

„Um Gottes willen!“ schrie der Bedrohte auf. „Bei lebendigem Leibe skalpieren, nein, nein!“

Er that einen Sprung, um zu fliehen; aber der Häuptling war ebenso schnell wie er, schoß ihm nach und ergriff ihn beim Halse; ein Druck seiner starken Hand und Knox hing in derselben, schlaff wie ein Lappen. Ein Indianer kam gerannt, um dem Häuptling das Messer zu bringen. Dieser nahm es, warf den halb Erstickten auf den Boden, kniete auf ihn – drei schnelle Schnitte, ein Ruck am Haare, ein entsetzlicher Schrei des unter ihm Liegenden, und er erhob sich, den blutigen Skalp in der linken Hand. Knox bewegte sich nicht; er war wieder ohnmächtig geworden; sein Schädel bot einen entsetzlichen Anblick dar.

„So muß es jedem Hund ergehen, welcher die roten Männer zerreißt und dann Unschuldige vernichten will!“ rief der „große Wolf“, indem er den Skalp in den Gürtel steckte.

Hilton hatte mit Grauen gesehen, was seinem Gefährten geschehen war. Der Schreck machte ihn fast unbeweglich; er sank langsam neben dem Skalpierten nieder und blieb dort sitzen, ohne ein Wort zu sagen.

Der Häuptling gab ein Zeichen, auf welches die Roten herbeikamen; bald wimmelte die Lichtung von ihnen. Hilton und Knox wurden mit Riemen gefesselt.

Old Shatterhand war, sobald der „große Wolf“ vom Skalpieren gesprochen hatte, auf den Felsen gestiegen, um nicht Zeuge der grausigen Scene sein zu müssen, sondern seinen Gefährten mitzuteilen, welches Resultat er erzielt habe.

„Das ist schlimm,“ meinte Jemmy. „Konnten Sie uns denn nicht ganz frei bringen?“

„Nein; das war unmöglich.“

„Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Sie es hätten zum Kampfe kommen lassen!“

„Ganz gewiß nicht. Es hätte uns jedenfalls das Leben gekostet.“

„Oho! Wir hätten uns gewehrt. Und bei der Angst, welche die Roten vor dem Stutzen haben, hätten wir nicht zu verzweifeln gebraucht. Sie hätten es sicher nicht gewagt, uns nahe zu kommen.“

„Das ist wahrscheinlich; aber sie hätten uns ausgehungert. Ich habe zwar davon gesprochen, daß wir unsre Pferde verzehren würden, aber ich wäre lieber vor Hunger gestorben, als daß ich meinen Rappen getötet hätte.“

„Das hätten Sie gar nicht zu thun gebraucht. Bei der Eröffnung der Feindseligkeiten wäre es für die Roten das erste gewesen, unsre Pferde zu erschießen.“

„Aber gerade dadurch wären wir des besten Mittels, zu entkommen, beraubt gewesen.“

„Fort mit den Pferden! Wir selbst hätten uns gerettet. Zweihundert Mann rund um die Blöße! Die Roten stehen also nicht dicht bei- oder gar hintereinander. Wir hätten uns, sobald es dunkel wurde, von den Felsen fortgeschlichen, vier Personen gerade auf einen Punkt. Vielleicht wären wir auf eine Lücke gestoßen und durch dieselbe entkommen; keinesfalls aber hätten wir es mit mehr als einem oder höchstens zwei Roten zu thun gehabt – – zwei Schüsse oder zwei Stiche und wir wären durchgebrochen.“

„Aber was dann? Du stellst dir die Sache ganz anders vor, als sie geworden wäre. Die Roten hätten rundum Feuer angebrannt und unsre Absicht, zu entfliehen, sofort bemerkt. Und selbst wenn es uns gelungen wäre, ihre Reihe zu durchbrechen, so hätten wir gar nicht sehr weit kommen können, ohne sie auf unsrer Spur zu haben. Wir hätten einige von ihnen töten müssen und dann nicht die mindeste Aussicht auf Schonung gehabt.“

„Das is sehr richtig,“ stimmte der Hobble-Frank bei. „Ich weeß gar nich, wie es so eenem dicken Jemmy Pfefferkorn nur beikommen kann, gescheiter als unser Old Shatterhand sein zu wollen. Du bist immer und schtets das Gänseei, welches klüger als die Henne sein will. Old Shatterhand hat sein möglichstes gethan, und ich gebe ihm dafür die erschte Zensur mit der Eens und eenem Schternchen hintendran, und ich gloobe sehr beschtimmt, daß der Davy ganz derselbigen Ansicht is.“

„Das versteht sich ganz von selbst,“ antwortete dieser. „Der Kampf hätte zu unserm sichern Untergang geführt.“

„Wozu aber führt es, daß wir mit ihnen ziehen?“ fragte Jemmy. „Es ist doch anzunehmen, daß die Versammlung der Alten uns auch als Feinde behandelt.“

„Das wollt‘ ich ihnen nich geraten haben,“ drohte Frank. „Bei der Geschichte habe ich doch ooch noch een Wörtchen mitzuschprechen. Mich bringt keener leicht an so eenen Marterpfahl. Ich wehre mich mit Haut und Haar dagegen.“

„Das darfst du ja nicht. Es ist geschworen worden. Wir müssen alles ruhig über uns ergehen lassen.“

„Wer hat denn das gesagt? Siehste denn wirklich nich ein, du trauriger Seefensieder, daß dieser Schwur seine Mucken und Parabeln hat. Es gehört doch wahrhaftig keen gastronomisches Spiegelteleskop dazu, einzusehen, daß sich unser berühmter Shatterhand da eene ganz allerliebste Hinterportiere offgelassen hat. Davon, daß wir alles über uns ergehen lassen müssen, schreibt Obadja nischt. Es heeßt, wie du gehörst hast, daß wir an keene Gegenwehr denken werden. Gut, das halten wir. Mögen sie beschließen, was sie wollen, wir werden nich mit tausendzentnerigen, eisernen Dampfkränen dreinschlagen; aber List, List, das is der wahre Jakob; das is keene Gegenwehr. Wenn uns der Sufflör zum Tode verurteelt, so verschwinden wir durch irgend eene Versenkung und tauchen jenseits des Hoftheatersch mit konzentrierter Grandifloria wieder off.“

„Grandezza, meinst du wohl,“ verbesserte Jemmy.

„Schprichste mir schon wieder über den Schnurrbart weg!“ zürnte der Kleine. „Wenn nur du nich reden wolltst! Ich werde schon wissen, wie ich mich im Konvexationslexikon zu benehmen habe! Grandezza! Gran is een Apothekergewicht von zwölf Pfund, und dezza, dezza, das is gar nischt, verschtanden! Aber Grand heeßt groß und Floria bedeutet, sich in Flor, im Glück, in der Blüte befinden. Wenn wir also in Grandifloria offtauchen, so wird jeder genügend komfortable Mensch wissen, was ich damit gemeent und angedeutet habe. Mit dir aber darf man gar nich durch die Blume schprechen; schöne Redewendungen verschtehste nich, und alles Höhere is dir Wurscht und Schnuppe. Ich bin dein treuer Busenfreund; aber wenn ich dich so da vor mir schtehen sehe, grad so protokollarisch, wie du dicke bist, so schteigen mir die Wehmutsthränen in die Wimpern und ich möchte mit dem toten Cäsar rufen: Ooch du, mein Sohn, schwimmst mitten drin im Teiche! Bessere dich also, Jemmy, bessere dich, solange du dich noch bessern kannst! Du verbitterscht mir das Leben. Wenn ich dann schpäter ‚mal die Oogen geschlossen habe, aus dem edleren Dasein geschwunden und um das bessere Leben gebracht durch deine pupillarisch-servilitätische Impertinenz, so wirscht du mit Bedauern auf zu meinen Geistern schauen und dir die Finger wund ringen aus Gram und Herzeleed darüber, daß du mir hier unten im irdischen Daseinsformat so oft und chronologisch widerschprochen hast!“

Das war nicht etwa im Scherz gesagt; die gegenwärtige Lage der vier Männer war ja überhaupt keine zum Scherzen geeignete. Er meinte es sehr ernst, der kleine, eigentümliche Mensch. Jemmy wollte ihm eine vielleicht ironische Antwort geben, aber Old Shatterhand winkte ihm ab und sagte: „Frank hat mich verstanden. Ich habe auf Gegenwehr verzichtet, aber nicht auf List. Doch würde es mir lieb sein, wenn ich nicht zu einer so spitzfindigen Auslegung meines Versprechens gezwungen wäre. Ich hoffe, daß uns noch andre und ehrlichere Hilfsmittel zu Gebote stehen werden. Jetzt haben wir es zunächst mit der Gegenwart zu thun.“

„Und da fragt es sich vor allen Dingen,“ fiel Davy ein, „ob wir den Roten trauen dürfen. Wird der „große Wolf“ Wort halten?“

„Ganz gewiß. Niemals hat ein Häuptling den Schwur gebrochen, bei welchem er das Calumet rauchte. Bis zur Beratung können wir uns den Utahs getrost schlafend anvertrauen. Laßt uns hinab- und zu Pferde steigen. Die Roten rüsten sich zum Aufbruche.“

Knox und Hilton waren von den Indianern auf ihre Pferde gebunden worden. Der erstere, welchen noch tiefe Ohnmacht umfangen hielt, lag lang auf dem Pferde, um dessen Hals man seine Arme gezogen hatte. Die Utahs verschwanden einer hinter dem andern in der Enge des Pfades. Der Häuptling war der letzte; er wartete auf die Weißen, um sich ihnen anzuschließen. Das war ein gutes Zeichen, denn es war das gerade Gegenteil der erwarteten feindseligen Behandlung. Die Jäger hatten geglaubt, daß man sie in die Mitte nehmen und auf das strengste bewachen werde. Nun aber war anzunehmen, daß der „große Wolf“ kein Mißtrauen hege, sondern dem Versprechen Old Shatterhands vollen Glauben schenke.

Als er mit ihnen den engen Indianerpfad zurückgelegt hatte und am Rande des Waldes angekommen war, hatten die Roten ihre Pferde schon unter den Bäumen hervorgeholt und stiegen auf. Der Zug setzte sich in Bewegung. Die vier Weißen blieben mit dem Häuptlinge am Ende desselben, während die Spitze von einigen Indianern gebildet wurde, welche Knox und Hilton zwischen sich genommen hatten. Das war Old Shatterhand lieb, denn die Roten ritten im Gänsemarsche, weshalb der Zug so lang wurde, daß am Ende desselben das Jammern des nun wieder ins Bewußtsein zurückgekehrten Skalpierten nicht gehört werden konnte.

Jetzt, wo sich die Prairie wieder öffnete, gab es eine weite Fernsicht bis zu den Elk-Mountains hin, bis zu deren Fuß sich die Ebene erstreckte. Old Shatterhand fragte den Häuptling nicht, aber er sagte sich selbst, daß zwischen diesen Bergen das Ziel des heutigen Rittes liege. Es wurde überhaupt nicht gesprochen. Die Weißen beobachteten sogar gegeneinander ein tiefes Schweigen, denn alles Reden wäre unnütz gewesen. Man mußte warten, bis man am Lagerplatz der Utah angekommen war; dann erst konnte ein Entschluß gefaßt, ein Rettungsplan erdacht werden. –

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