XII.

XII.

Vergrößerung von French-den. – Ein verdächtiges Geräusch. – Phanns Verschwinden. – Phanns Wiedererscheinen. – Einrichtung des Vorsaales. Schlechtes Wetter. – Namengebung. – Die Insel Chairman. – Das Oberhaupt der Kolonie.

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Während der letzten Ausflüge hatten die jugendlichen Jäger wiederholt das Steilufer untersucht, in der Hoffnung, darin eine zweite Aushöhlung zu entdecken. Hätten sie eine solche gefunden, so konnte diese als allgemeines Magazin, als Niederlage für das noch übrige, jetzt unter freiem Himmel aufgestellte Material dienen. Bei der Erfolglosigkeit dieser Nachforschungen mußte man jedoch auf den früheren Plan einer Erweiterung der jetzigen Wohnung zurückgreifen und einen oder mehrere mit der Höhle François Baudoin’s zusammenhängende Räume herzustellen suchen.

Im Granitfels wäre diese Arbeit unausführbar gewesen; in dem hier anstehenden Kalkstein aber, den Axt und Spitzhaue leicht angriffen, konnte sie keine großen Schwierigkeiten bieten. Der Zeitaufwand kam ja nicht in Frage. Das war eine Gelegenheit, die langen Wintertage auszufüllen, und bis zum Wiedereintritt der schönen Jahreszeit konnte Alles vollendet sein, wenn kein Einsturz erfolgte oder etwa Wasser hindurchsickerte, was allerdings zu fürchten war.

Zu Sprengmitteln brauchte man übrigens nicht zu greifen. Die gewöhnlichen Werkzeuge mußten genügen, wie sie genügt hatten, als es sich darum handelte, ein Loch herzustellen, in welches das Ofenrohr geführt werden konnte. Außerdem hatte Baxter, freilich mit einiger Mühe, den Eingang von French-den soweit zu erweitern vermocht, daß er an demselben eine Thür aus dem »Sloughi« mit Schloß und Haspen anbringen konnte. Ferner waren links und rechts vom Eingange zwei schmale Fenster oder mehr eine Art Schießscharten durchgebrochen worden, was dem Tageslicht einen besseren Zutritt und der Luft eine leichtere Circulation gestattete.

Seit einer Woche hatte jetzt die schlechtere Witterung ihren Einzug gehalten. Heftige Sturmwinde brausten über die Insel hin, denen French-den jedoch, Dank seiner Lage nach Süden und Osten, nicht ausgesetzt war.

Regenschauer und tolles Schneegestöber zogen manchmal mit lautem Geräusch über den Kamm des Steilufers. Nur in der Nachbarschaft des Sees spürten die Jäger noch ihrer Beute nach, nämlich Enten, Bekassinen, Kiebitzen, Wiesenläufern, Wasserhühnern und zuweilen einzelnen jener »Pelzschnäbler«, welche man in den südpacifischen Gebieten unter dem Namen »weiße Tauben« kennt. Waren See und Rio auch noch nicht zum Stehen gekommen, so mußte doch eine klare Nacht hinreichen, sie mit Eis zu überkleiden, wenn nach der stürmischen Erregung der Atmosphäre trockene Kälte eintrat.

Meist auf ihre Wohnung beschränkt, konnten sich die Knaben ungehindert den Erweiterungsarbeiten widmen, und sie begannen mit diesen noch im Laufe des 27. Mai.

Die rechte Wand war es, welche Axt und Schaufel zuerst in Angriff nahmen.

»Dringen wir in schräger Richtung ein, hatte Briant gesagt, so gelingt es uns vielleicht, an der Seeseite durchzubrechen und damit einen zweiten Zugang nach French-den zu gewinnen. Das würde uns eine bessere Ueberwachung der Umgebung ermöglichen, und wenn schlechte Witterung uns an der einen Seite am Austreten hindert, so könnten wir immer noch an der andern herauskommen.«

Der Vortheil für die Allgemeinheit, den eine solche Anordnung versprach, lag zu sehr auf der Hand und die Erreichung desselben schien auch nicht unmöglich.

Von innen aus gerechnet, trennten die Höhle höchstens vierzig bis fünfzig Fuß von der östlichen Außenwand der Kalkmasse. Nach Feststellung der Richtung mit Hilfe des Compasses kam es also nur darauf an, einen Gang durchzuschlagen, bei dieser Arbeit aber wohl darauf zu achten, daß kein Einsturz erfolgte. Ehe man der neuen Aushöhlung die für später in Aussicht genommene Breite und Höhe gäbe, schlug Baxter vor, erst eine Art Stollen durch das Gestein zu treiben, der erweitert werden sollte, wenn und wo sein Ende erst wieder zu Tage trat. Die beiden Räumlichkeiten von French-den wären dann durch eine Art Vorsaal verbunden, der an beiden Enden abgeschlossen werden könnte und an dessen Seiten zwei dunkle Kammern ausgebrochen werden sollten. Dieser Plan empfahl sich entschieden als der beste, da er gleichzeitig gestattete, die Gesteinsmasse sorgfältig zu untersuchen, und die Arbeit eingestellt werden konnte, wenn man auf durchsickerndes Wasser stieß.

Während der drei Tage vom 27. bis 30. Mai ging die Arbeit unter günstigen Umständen vorwärts. Die Kalkmolasse ließ sich fast mit dem Messer schneiden, deshalb wurde es auch nöthig, sie mit einer Auszimmerung zu versehen, was freilich ziemliche Schwierigkeiten machte. Der Abraum wurde stets sofort nach außen befördert, um denselben sich nicht anhäufen und hinderlich werden zu lassen. Wenn wegen Mangels an Raum nicht alle Arme gleichzeitig bei dieser Arbeit angestellt werden konnten, so feierten dieselben doch keineswegs. Hörte es einmal auf zu regnen oder zu schneien, so beschäftigte sich Gordon mit den Anderen damit, das Floß wieder zu zerlegen, um die Planken der Plattform und die Rundhölzer der Grundlage zur neuen Einrichtung verwenden zu können. Die Genannten behielten auch die am Winkel der Anhöhenschenkel niedergelegten Gegenstände im Auge, denn die getheerten Decken schützten diese nur unvollkommen gegen die Unbilden der Witterung.

Die Arbeit schritt, wenn auch nicht ohne peinliches Umhertappen, nach und nach voran und der Stollen war schon auf einer Länge von vier bis fünf Fuß ausgebrochen, als im Laufe des Nachmittags am 30. Mai sich etwas ganz Unerwartetes ereignete.

Auf dem Boden liegend, wie ein Mienengräber, der die Gallerie zu einer Sprengkammer ausschachtet, glaubte Briant im Innern der Gesteinsmasse einen dumpfen Laut zu vernehmen.

Er unterbrach seine Arbeit, um besser lauschen zu können. Von neuem traf dasselbe Geräusch sein Ohr.

Sich aus dem engen Gange zurückzuwinden, bis zu Gordon und Baxter, die sich an dessen Mündung befanden, zu gelangen und diesen seine Wahrnehmung mitzutheilen, das erforderte nur einige Augenblicke.

»Täuschung! meinte Gordon. Du hast nur etwas zu hören geglaubt …

– Nimm Du meinen Platz ein, Gordon, antwortete Briant, lege das Ohr an die Wand und horche Du einmal.«

Gordon kroch in den engen Gang und kam sehr bald daraus wieder zurück.

»Du hast Dich nicht getäuscht! sagte er. Ich habe etwas wie entferntes Knurren gehört.«

Nun wiederholte auch Baxter dieselbe Probe und sagte, als er wieder herauskam:

»Was in aller Welt kann das sein?

– Ich kann es mir nicht erklären, antwortete Gordon. Wir werden Doniphan und die Anderen davon benachrichtigen müssen …

– Nur die Kleinen nicht, setzte Briant hinzu; sie würden sich fürchten.«

Eben fanden sich Alle zum Mittagsmahl zusammen und die Kleinen erfuhren dabei doch von dem Vorfalle, was sie natürlich nicht wenig erschreckte.

Doniphan, Wilcox, Webb und Garnett begaben sich nach einander in den Stollen. Jetzt hatte das Geräusch aber aufgehört; sie hörten nichts und neigten deshalb dem Glauben zu, daß ihre Kameraden sich doch wohl geirrt haben könnten.

Jedenfalls wurde beschlossen, die Arbeit nicht zu unterbrechen, und nach dem Essen wurde diese auch wieder aufgenommen.

Im Laufe des Nachmittags ließ sich kein weiteres Geräusch vernehmen, bis endlich gegen neun Uhr Abends erneuertes Knurren deutlich durch die Wand drang.

Da stürzte Phann wüthend in den Schacht hinein und kam aus demselben mit emporgesträubtem Fell und bis über die Fangzähne zurückgezogenem Maule wieder hervor, während er in unverkennbarer Aufregung grimmig anschlug, als wollte er auf das aus dem Felseninnern heraustönende Knurren Antwort geben.

Was bei den Kleinen bisher nur ein mit Verwunderung gepaarter Schreck gewesen war, steigerte sich nun zur wahrhaft kläglichen Angst. Die Phantasie des englischen Knaben nährt sich stets mit den in den nordischen Ländern heimischen Sagen, nach welchen Gnomen, Kobolde, Luft- und Wassergeister, Sylphen und Gespenster jeder Art schon um seine Wiege kreisen. Dole, Costar und selbst Jenkins und Iverson verhehlten gar nicht ihre tödtliche Furcht. Nach vergeblicher Bemühung sie zu beruhigen, veranlaßte sie Briant doch, ihre Lagerstätten aufzusuchen, wo sie, wenn auch erst ziemlich spät, einschliefen. Aber auch da träumten sie noch von Geistern, Gespenstern und übernatürlichen Wesen, welche ihren Spuk in der Höhle trieben – kurz, sie litten am schönsten Alpdrücken.

Gordon und die Anderen unterhielten sich noch mit gedämpfter Stimme über die seltsame Erscheinung. Wiederholt konnten sie sich überzeugen, daß jenes Geräusch noch fortdauerte und daß Phann eine auffallende Gereiztheit erkennen ließ.

Endlich übermannte sie die Müdigkeit, und außer Moko und Briant legten sich Alle schlafen. Dann herrschte bis Tagesanbruch tiefes Schweigen im Innern von French-den.

Am folgenden Morgen war die ganze Gesellschaft sehr zeitig munter. Baxter und Doniphan krochen wieder in den Stollen … Kein Geräusch ließ sich vernehmen. Der Hund lief umher, ohne irgend welche Unruhe zu zeigen und sprang auch nicht, wie am Tage vorher, gegen die Wand an.

»Gehen wir wieder ans Werk! sagte Briant.

– Ja, antwortete Baxter. Es wird immer Zeit sein, damit einzuhalten, wenn sich wieder ein verdächtiges Geräusch hören läßt.

– Wär‘ es nicht möglich, bemerkte da Doniphan, daß jenes Geräusch nur von einer Quelle herrührte, welche sich murmelnd durch die Felsmassen zwängt?

– Dann würde es stets hörbar sein, wandte Wilcox ein, und augenblicklich ist das nicht der Fall.

– Richtig, stimmte ihm Gordon zu; ich glaubte vielmehr, es vom Winde herleiten zu sollen, der sich vielleicht in einem Spalt am Kamme der Anhöhe fängt …

– Steigen wir hinauf, sagte Service, und da entdecken wir wahrscheinlich …«

Dieser Vorschlag wurde angenommen.

Gegen fünfzig Schritte am Ufergelände hingehend, fanden sie einen Pfad, der den Obertheil der Felsmasse zu erreichen gestattete. Binnen wenigen Augenblicke hatte Baxter nebst zwei bis drei Anderen denselben erklommen und gingen auf der Höhe bis gerade über French-den zurück. Aus der Oberfläche dieses Höhenrückens fand sich aber kein Spalt, durch den ein Luftstrom oder eine Wasserader hätte eindringen können, und als sie zurückkamen, wußten sie auch nicht mehr über jene merkwürdige Erscheinung, welche die Kleinen in ihrer Naivität für übernatürlich erklärten.

Die Arbeit wurde also wieder aufgenommen und bis zum Ende des Tages fortgesetzt. Das Geräusch vom Vortage hörte man nicht wieder, obwohl nach Baxter’s Angabe die Wand, an welcher die Schläge bisher nur matt widerhallten, jetzt einen mehr klingenden Ton gab. Befand sich in dieser Richtung also eine natürliche Höhle, auf welche der Stollen zufällig treffen sollte, und entstand das vernommene Geräusch vielleicht in dieser selbst? Die Voraussetzung einer zweiten, an die Höhle grenzenden Aushöhlung erschien nicht unannehmbar; ja, es war sogar wünschenswerth, daß sich dieselbe bestätigte, weil dadurch die Arbeit bezüglich der Vergrößerung der Räumlichkeiten, wesentlich vermindert werden mußte.

Erklärlicher Weise mühten sich nun Alle mit größtem Eifer ab, und dieser Tag gehörte zu den anstrengendsten, die sie bisher verlebten. Nichtsdestoweniger verlief er ohne nennenswerthen Zwischenfall, wenn wir davon absehen, daß Gordon am Abend das Verschwinden seines Hundes meldete.

Zur Essenszeit stellte sich Phann sonst regelmäßig neben dem Sessel seines Herrn ein; heute blieb der Platz des Hundes leer.

Man rief nach ihm … Phann antwortete nicht.

Gordon trat auf die Thürschwelle und rief von neuem … Alles still!

Doniphan und Wilcox liefen der Eine nach dem Gelände des Rio, der Andere nach dem Ufer des Sees … Keine Spur vom Hunde.

Vergebens wurden die Nachsuchungen in der Umgebung von French-den noch auf einige hundert Schritt weit ausgedehnt … Phann war nirgends zu finden.

Offenbar war der Hund jetzt nicht in Hörweite, denn auf Gordon’s Stimme hätte er zweifellos geantwortet. Daß er sich nur verirrt hätte, erschien doch kaum glaublich; eher konnte er dem Zahne eines Raubthieres zum Opfer gefallen sein, wenigstens erklärte das am besten sein plötzliches Verschwinden.

Es war jetzt um neun Uhr abends. Tiefe Dunkelheit hüllte das Steilufer und den See ein, und so mußten sich die jungen Leute wohl oder übel entschließen, ihre Nachsuchungen aufzugeben und nach French-den zurückzukehren.

Alle gingen also sehr beunruhigt zurück; nein, nicht beunruhigt allein, sondern wirklich entmuthigt bei dem Gedanken, daß das intelligente Thier vielleicht für immer verschwunden sein könne.

Die Einen streckten sich auf ihre Lagerstätten aus, die Anderen setzten sich, ohne an Schlaf zu denken, um den Tisch. Es erschien ihnen, als wären sie jetzt weit einsamer und verlassener und noch entfernter von der Heimat und ihren Familien.

Plötzlich hörten sie durch die sonst herrschende Stille neue dumpfe Laute. Diesmal ähnelten diese mehr einem mit Schmerzensschreien untermischtem Geheul, das wohl eine Minute lang währte.

»Das ist dort … das kam von dort her!« rief Briant, auf den Stollen zueilend.

Alle hatten sich erhoben, als erwarteten sie irgend welche Erscheinung. Von Entsetzen gepackt, wickelten sich die Kleinen fester in ihre Decken.

Briant kam wieder aus dem engen Gange hervor.

»Dort muß noch eine Höhle sein, sagte er, deren Eingang sich jedenfalls am Fuße der Gesteinsmasse befindet …

– Und welche wahrscheinlich Thiere benützen, um die Nacht geschützter zu verbringen, setzte Gordon hinzu.

– Das muß wohl so sein, antwortete Doniphan. Morgen schon suchen wir uns Aufklärung zu verschaffen …»

Da schlug ein lautes Gebell an ihre Ohren, das ebenso wie das Geheul aus dem Innern des Felsens heraustönte.

»Sollte Phann da drin und vielleicht mit einem Thier im Kampfe sein?« rief Wilcox.

Briant, der wieder in den Stollen geschlüpft war, lauschte mit an die Wand gelegtem Ohre … Vergeblich! Ob nun aber Phann an dem vermutheten Orte war oder nicht, unzweifelhaft befand sich hier und ihnen ganz nahe eine zweite Aushöhlung, welche mit der Außenwelt wahrscheinlich durch ein, von dem Strauchgewirr am Fuße des Steilufers verdecktes Loch in Verbindung stand.

Die Nacht verging, ohne daß ein Geheul oder Gebell sich nochmals vernehmen ließ.

Das mit Tagesanbruch untersuchte Gestrüpp lieferte, an der Seite des Sees wie an der des Rio, kein besseres Resultat als die gestrigen Nachsuchungen auf dem Kamm des Felsberges.

Phann hatte, obwohl man ihn in der Nachbarschaft von French-den suchte und anrief, keine Antwort gegeben.

Briant und Baxter gingen nun abwechselnd wieder an die Arbeit, bei der Spitzhaue und Schaufel nicht feierten. Während des Vormittags nahm der Stollen um etwa zwei Fuß an Tiefe zu. Von Zeit zu Zeit hielten sie an, um zu horchen – nichts war mehr zu erlauschen.

Die durch das Mittagsessen unterbrochene Arbeit wurde nach Verlauf einer Stunde wieder aufgenommen. Unter Beachtung aller Vorsichtsmaßregeln sah man dem durch einen letzten Hieb zu erwartenden Durchbruche der Scheidewand entgegen, aus welcher vielleicht ein gefährliches Thier hervorstürzen konnte. Die Kleinen waren nach dem Ufergelände geführt worden. Gewehre und Revolver in den Händen, hielten sich Doniphan, Wilcox und Webb für jede Möglichkeit bereit.

Gegen zwei Uhr stieß Briant einen lauten Ruf aus. Seine Spitzhaue hatte die gleich weiter nachstürzende Kalkwand durchschlagen, welche nun eine ziemlich große Oeffnung zeigte.

Briant schloß sich seinen Kameraden, welche ganz unschlüssig dastanden, wieder an …

Doch bevor sie den Mund aufthun konnten, hörten sie etwas an der Wand des Stollens hinstreifen und mit gewaltigem Satze sprang ein Thier in die Höhe …

Das war Phann!

Ja, Phann, der sofort auf einen mit Wasser gefüllten Napf zueilte und gierig trank. Dann kehrte er mit wedelndem Schweife und ohne jedes Zeichen von Unruhe zu Gordon zurück; ein Beweis, daß vorläufig nichts zu fürchten war.

Briant ergriff nun eine Laterne und kroch damit in den Stollen. Gordon, Doniphan, Wilcox, Baxter und Moko folgten ihm nach. Bald darauf und nachdem sie durch die von dem Einsturze herrührende Oeffnung gelangt, befanden sich Alle in einer dunklen Aushöhlung, in welche kein Strahl des Tageslichtes eindringen konnte.

Es war eine zweite Höhle, die an Höhe und Breite die Größenverhältnisse von French-den zeigte, aber viel tiefer war, und deren Boden im Umfange von etwa fünfzig Quadrat-Yards ein feiner Sand bedeckte.

Da diese Höhle nach außen kaum eine Verbindung zu besitzen schien, konnte man befürchten, daß die Luft darin nicht athembar wäre. Die hell brennende Flamme der Laterne bewies jedoch, daß die Luft irgendwo Zutritt finden mußte. Wie hätte auch Phann sonst hineingelangen können?

Da stieß Wilcox mit dem Fuße an einen schweren, kalten Körper, was er daran erkannte, daß er diesen betastete.

Briant kam mit der Laterne näher heran.

»Der Körper eines Schakals! rief Baxter.

– Ja, eines Schakals, dem unser braver Phann den Garaus gemacht hat, antwortete Briant.

– Da haben wir die Erklärung für das, was wir nicht zu erklären vermochten!« setzte Gordon hinzu.

Doch ob nun ein oder mehrere Schakals ihr gewohntes Lager in dieser Höhle haben mochten, blieb noch immer die Frage übrig, durch welchen Eingang sie dahin gelangten.

Nachdem er nach French-den zurückgekehrt, unterwarf Briant das Steilufer an der Seeseite einer genauen Untersuchung. Gleichzeitig gab er laute Rufe von sich, auf welche endlich andere Rufe aus dem Innern antworteten. Hierdurch gelang es ihm, zwischen dem Gestrüpp und dicht am Erdboden eine enge Oeffnung zu entdecken, durch welche die Schakals eindringen mochten. Nachdem Phann diesen aber nachgefolgt war, hatte, wie sich bald herausstellte, ein theilweiser Nachsturz von Geröll stattgefunden, der jene Oeffnung fast ganz verschloß.

Nun war also Alles erklärt, das Geheul des Schakals, wie das Gebell des Hundes, dem es vierundzwanzig Stunden unmöglich gewesen war, wieder herauszukommen.

Das gewährte aber eine Befriedigung! Nicht allein Phann war seinem Herrn wiedergegeben, sondern auch eine schwierige Arbeit erspart worden. Da lag »fix und fertig«, wie Dole sich ausdrückte, eine weite Höhle, deren Vorhandensein der schiffbrüchige Baudoin gar nicht geahnt hatte. Durch Erweiterung ihrer Mündung gewann man noch eine zweite, nach der Seite des Sees zu offene Thür. Das erleichterte wesentlich die Befriedigung so mancher Bedürfnisse. Die Knaben riefen denn auch, als sie in der neuen Höhle versammelt waren, ein lautes Hurrah nach dem anderen, das Phann noch mit freudigem Gebell begleitete.

Mit welchem Eifer ging es nun daran, den engen Stollen zu einem brauchbaren Gang zu erweitern! Die zweite Höhle, der der Name »die Halle« beigelegt worden war, rechtfertigte denselben vollkommen durch den Umfang. Bis die Behälter dieser Seite des Verbindungsganges ausgebrochen waren, wurde das ganze Material noch in die Halle geschafft. Sie sollte daneben als Schlaf- und Arbeitsraum dienen, während das erste Zimmer zur Küche, Speisekammer und zum Speisesaal bestimmt wurde. Da dasselbe vorläufig auch als allgemeines Magazin galt, schlug Gordon vor, es Store-room zu nennen, was Alle gern annahmen.

Zunächst beschäftigte man sich jetzt damit, die Lagerstätten überzuführen, welche symmetrisch auf dem Sande der Halle angeordnet wurden, wo es an Platz nicht fehlte. Dann brachte man das Mobiliar aus dem »Sloughi«, die Sophas, Lehnstühle, Tische, Schränke u. s. w. dorthin, und – was von besonderer Wichtigkeit war – auch die Oefen aus dem Zimmer und dem Salon der Yacht, welche sofort in Stand gesetzt wurden, um diesen ganzen Raum heizen zu können. Gleichzeitig erweiterte man den Eingang von der Seeseite, um daselbst eine der Thüren des Schooners anzubringen – eine Aufgabe, deren sich Baxter nicht ohne Mühe entledigte; nachdem endlich zwei neue Schießscharten auf jeder Seite der genannten Thür durchgebrochen worden waren, drang auch hinreichendes Licht in die Halle, welche des Abends durch eine an der Wölbung hängende Signallaterne erleuchtet werden sollte.

Diese Einrichtungen erforderten fast vierzehn Tage. Es war hohe Zeit, daß sie vollendet wurden, denn das bisher ziemlich ruhig gebliebene Wetter zeigte Neigung umzuschlagen. Herrschte auch noch keine besondere Kälte, so wehten doch oft so stürmische Winde, daß sich jeder Ausflug ins Freie von selbst verbot.

Die Gewalt des Sturmes wurde gelegentlich so groß, daß er die Gewässer des Sees, trotz des Schutzes, den die Uferwand gewährte, wie ein Meer aufwühlte. Wild schäumend stürzten die Wellen übereinander hin, und jedes Fahrzeug, der Fischerkahn wie die Pirogue der Wilden, wäre unrettbar zu Grunde gegangen. Zuweilen bedeckten die gegen seine Strömung emporwirbelnden Wellen des Rio sogar die Uferlande bis zur daneben verlaufenden Anhöhe. Zum Glück waren weder Store-room noch die Halle dem directen Angriffe des Unwetters ausgesetzt, da der Wind von Westen her wehte.

Die mit dürrem Holz beschickten Oefen des Zimmers und der Küche erlitten auch keinerlei Störung.

Zu wie gelegener Zeit hatte jetzt alles, was vom »Sloughi« gerettet werden konnte, unter sicherem Obdach aufgestapelt werden können! Die Mundvorräthe hatten nun nichts mehr von der Unbill der Witterung zu fürchten. Für die Dauer der schlechten Jahreszeit eingeschlossen, fanden Gordon und seine Kameraden Muße genug, sich bequem einzurichten. Sie hatten den Gang erweitert und zwei tiefe Kammern neben demselben ausgebrochen, von denen die eine mit einer Thür verschlossen und zur Aufbewahrung des Schießbedarfs erwählt wurde, um jede etwaige Explosion zu verhüten. Obwohl endlich sich die Jäger nicht weit von French-den wegwagen konnten, fehlte es doch nie an Wasservögeln, deren unangenehmen Geschmack Moko nicht immer zu beseitigen vermochte – was manche Proteste und Grimassen veranlaßte – doch war damit die tägliche Ernährung gesichert. Es versteht sich von selbst, daß endlich dem Nandu in einem Winkel des Store-room ein Plätzchen eingeräumt wurde, bis für ihn im Freien ein Gehege errichtet werden konnte.

Zu dieser Zeit kam Gordon der Gedanke, eine Art Programm zu entwerfen, dem sich Jeder zu fügen hätte, nachdem es von Allen gebilligt worden wäre. Außer an das materielle hatten sie doch auch an das geistige Leben zu denken, da ja Keiner wußte, wie lange sich der Aufenthalt auf dieser Insel ausdehnen würde. Glückte es dereinst, sie zu verlassen, welche Befriedigung mußte es ihnen dann gewähren, die Zeit verständig ausgenützt zu haben. Mit den wenigen Büchern aus der Bibliothek des Schooners konnten die Großen ebenso ihre eigenen Kenntnisse vermehren, wie als Lehrer für die Jüngsten auftreten.

Ein vortrefflicher Vorsatz, der die langen Winterstunden nützlich und angenehm zu verkürzen versprach.

Bevor dieses Programm jedoch aufgesetzt wurde, schritt man noch zu einer anderen, durch die Verhältnisse selbst sich empfehlenden Maßnahme.

Als am Abend des 10. Juni nach dem Nachtessen Alle in der Halle um die knisternden Oefen versammelt waren, lenkte sich das Gespräch auf die Vortheile, die es haben würde, wenn man den geographisch wichtigsten Punkten der Insel eigene Namen gäbe.

»Das wäre sehr nützlich und sehr praktisch, sagte Briant.

– Ja, ja, Namen, rief Iverson, und wir wollen auch recht hübsche Namen wählen!

– Wie es die wirklichen und erfundenen Robinsons stets thun, fügte Webb ein.

– Und wir, liebe Freunde, sagte Gordon, sind in der That nichts Anderes.

– Ein großes Pensionat von Robinsons! rief Service.

– Uebrigens werden wir, fuhr Gordon fort, wenn die Bai, die Rios, Wälder, der See und das Steilufer besondere Namen bekommen, uns immer leichter zurecht finden.

– Wir haben schon die Sloughi-Bai, an der unsere Yacht scheiterte, sagte Doniphan, und ich denke, wir behalten diesen Namen bei, da wir ihn einmal gewöhnt sind.

– Gewiß, erklärte Croß.

– Ebenso wie wir den Namen French-den für unsere Wohnung nicht ändern, fügte Briant hinzu, schon zum Andenken an den Schiffbrüchigen, dessen Stelle wir nun eingenommen haben.«

Hiergegen erhob sich kein Widerspruch, nicht einmal seitens Doniphan’s, obwohl diese Bemerkung von Briant ausging.

»Und wie nennen wir nun, ließ Wilcox sich vernehmen, den Rio, der sich in die Sloughi-Bai ergießt?

– Den Rio Sealand, schlug Baxter vor. Dieser Name wird uns immer an die Heimat erinnern.

– Angenommen! … Einverstanden! tönte es von allen Seiten.

– Und den See? fragte Garnett.

– Da der Rio den Namen unseres Neuseeland erhalten hat, meinte Doniphan, so geben wir dem See einen Namen, der an unsere Angehörigen erinnert und nennen ihn Family-lake (Familien-See).«

Auch das fand freudige Zustimmung.

Es herrschte, wie man sieht, vollständige Einmütigkeit, und unter dem Einflusse ähnlicher Empfindungen taufte man das Steilufer mit dem Namen Auckland-hill (Auckland-Hügel). Das Cap, welches jenes abschloß – dasselbe, von dessen Gipfel aus Briant im Osten das Meer erkannt zu haben glaubte – nannte man auf seinen Vorschlag False-Sea-Point (Spitze des falschen Meeres).

Die anderen Benennungen, welche nach und nach angenommen wurden, waren folgende:

Traps-woods (Trappenwald) nannte man den Theil des Waldes, wo die Trappen angetroffen worden waren; Bog-woods (Schlammwald) den anderen Theil zwischen der Sloughi-Bai und dem Steilufer; Southmoores (südlicher Morast) den Sumpf, der den ganzen südlichen Theil der Insel bedeckte; Dike-creek (Chausséebach), über den der kleine Weg aus flachen Steinen gelegt war; Wrack-coast (Wrackküste) die Küste der Insel, an der die Yacht strandete, Sport-terrace (Sportterrasse) endlich den von den Ufern des Rio und des Sees eingeschlossenen Platz, der vor der Halle einen Rasengrund bildete, welcher zu den im Programme vorzunehmenden Leibesübungen dienen sollte.

Was die übrigen Punkte der Insel betraf, so sollten diese, je nach dem sie näher bekannt wurden, oder nach den Vorfällen, die sich daselbst etwa abspielten, getauft werden.

Inzwischen schien es rathsam, noch den hauptsächlichsten auf der Karte François Baudoin’s eingezeichneten Vorgebirgen gewisse Namen zu ertheilen; so entschied man sich für North-cape im Norden der Insel und für South-cape im Süden derselben. Endlich stimmten Alle darin überein, den drei Spitzen, welche im Westen nach dem Stillen Ocean hineinragten, die Namen French-cape, British-cape und American-cape zu geben, zu Ehren der drei in der kleinen Colonie vertretenen Nationen, der französischen, englischen und amerikanischen.

Colonie! Ja, dieses Wort wurde beliebt um anzudeuten, daß die Ansiedlung hier nicht als eine kurz vorübergehende aufzufassen sei. Natürlich geschah das auf Anregung Gordon’s, der stets mehr daran dachte, das Leben in diesem neuem Gebiete zu organisiren, als daran, das letztere wieder zu verlassen. Die Knaben waren eben nicht mehr Schiffbrüchige vom »Sloughi«, sondern Colonisten der Insel …

Doch welcher Insel? Jetzt mußte auch diese noch getauft werden.

»Ei … Ich weiß, wie man sie nennen sollte, meldete sich Costar.

– Du weißt das … Du? erwiderte Doniphan.

– Ohne Zweifel will er sie Insel Baby nennen, scherzte Service.

– Nun, laß nur Deine Witze, Service, und hören wir seine Idee?«

Trotz dieser Aufforderung schwieg jetzt das verdutzte Kind.

»Sprich nur, Costar, fuhr Briant fort, indem er diesen mit einer Handbewegung ermunterte. Ich bin überzeugt, daß Dein Vorschlag gut ist.

– Nun denn, sagte Costar, da wir alle Zöglinge der Pension Chairman sind, so sollten wir sie Insel Chairman nennen!«

In der That konnte ein besserer Name kaum gefunden werden und er wurde denn auch unter dem Beifall Aller angenommen – worüber sich Costar nicht wenig stolz zeigte.

Die Insel Chairman! Wahrhaftig, der Name hatte eine Art geographischen Anklang, und er konnte füglich in den Atlanten der Zukunft aufgenommen werden.

Nachdem diese Feierlichkeit zur allgemeinen Zufriedenheit beendet war, war auch die Zeit herangekommen der Ruhe zu pflegen, als Briant noch einmal das Wort verlangte.

»Liebe Freunde, begann er, wäre es jetzt, wo wir unserer Insel einen Namen gegeben haben, nicht auch gerathen, ein Oberhaupt zu ernennen, um dieselbe zu regieren?

– Ein Oberhaupt? warf Doniphan lebhaft ein.

– Ja, mir scheint, es müsse alles besser gehen, wenn Einer von uns Autorität über die Andern besäße. Sollte sich das, was in jedem Lande geschieht, nicht auch für die Insel Chairman eignen?

– Ja wohl! … Ein Oberhaupt! … Wählen wir ein Oberhaupt! riefen die Großen und die Kleinen wie aus einem Munde.

– Gut, ernennen wir ein Oberhaupt, sagte da Doniphan, doch nur für eine gewisse Zeit … Etwa für ein Jahr …

– Das aber dann wieder wählbar wäre, setzte Briant hinzu.

– Zugestanden! … Wen wählen wir dazu? fragte Doniphan etwas befangen.

Der eifersüchtige Knabe schien nur die eine Furcht zu haben, daß seine Kameraden, wenn nicht ihn selbst, wahrscheinlich Briant erwählen könnten.

Er sollte sich in dieser Beziehung jedoch getäuscht haben.

»Wen wir wählen sollen, hatte Briant geantwortet, natürlich den Weisesten von Allen, unseren Kameraden Gordon!«

– Ja! … Ja! … Hurrah für Gordon!«

Gordon wollte erst die ihm zugedachte Ehre ablehnen, da er sich mehr zum Organisiren, als zum Regieren berufen fühlte. Als er jedoch an die Störungen dachte, welche die m diesen Knaben fast ebenso hell wie bei Erwachsenen auflodernden Leidenschaften in Zukunft noch herbeiführen könnten, sagte er sich, daß seine Autorität nicht unnütz sein würde.

So wurde denn Gordon zum Oberhaupte der kleinen Kolonie der Insel Chairman ausgerufen.

XIII.

XIII.

Das Programm. – Feier des Sonntags. – Schneeballwerfen. – Doniphan und Briant. – Strenge Kälte. – Das Brennmaterial. – Ausflug nach den Traps-woods. – Nach der Sloughi-Bai. – Robben und Fettgänse. – Eine öffentliche Züchtigung.

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Vom Mai ab war der Winter endgiltig in der Umgebung der Insel Chairman eingezogen. Welche Dauer würde derselbe haben? Mindestens fünf Monate, wenn die Insel in ebenso hoher Breite wie Neuseeland lag. Gordon traf also alle Vorsichtsmaßregeln, um gegen die schlimmen Zufälligkeiten eines langen Winters geschützt zu sein.

Der junge Amerikaner hatte unter seinen meteorologischen Beobachtungen folgendes verzeichnet: Der Winter hatte erst mit dem Monat Mai angefangen, d.h. zwei Monate vor dem Juli der südlichen Erdhälfte, der dem Januar der nördlichen entspricht. Daraus war zu schließen, daß er zwei Monate nach diesem, also im September zu Ende gehen würde. Doch auch nach dieser Periode hatte man noch mit den Stürmen zu rechnen, welche zur Zeit der Tagundnachtgleiche so häufig sind. Es war ja auch möglich, daß die jungen Colonisten bis zum October auf French-den beschränkt blieben, ohne einen weiteren Ausflug über oder um die Insel Chairman unternehmen zu können.

Um auch für das Leben im Innern der Wohnung eine gewisse Ordnung zu sichern, unterzog sich Gordon der Entwerfung eines Programms für die täglichen Beschäftigungen.

Es versteht sich von selbst, daß die Ausschreitungen des Fuchswesens, von denen wir schon bei der Schilderung der Pension Chairman sprachen, auf der Insel dieses Namens nicht zur Einführung gelangten. Alle Bemühungen Gordon’s zielten nur dahin, die jüngeren Knaben an den Gedanken zu gewöhnen, daß sie fast Männer wären, um als solche handeln zu lernen. »Füchse« gab es also in French-den nicht, das heißt, die Kleinen sollten nicht verpflichtet sein, die Größeren zu bedienen. Sonst aber beobachtete man alle Überlieferungen, welche nach der Bemerkung des Verfassers vom »Collegienleben in England«, die » vis major (höhere Gewalt) der englischen Schulen« vertreten.

In diesem Programm erschienen der Antheil der Kleinen und der der Großen sehr ungleich. Da die Bibliothek von French-den außer Reisebeschreibungen nur eine geringe Anzahl Bücher enthielt, so konnten die letzteren ihre Studien nur in beschränktem Maße fortsetzen. Die Schwierigkeit ihrer Existenz, der Kampf für Beschaffung der nothwendigsten Bedürfnisse, der Zwang, Urtheil und Erfindungsgabe gegenüber Zufälligkeiten aller Art zu üben, mußte sie freilich lehren, den Ernst des Lebens kennen zu lernen. Da sie nun von Natur zu Erziehern der Kleinen bestimmt schienen, mußten sie das wohl als eine Pflicht betrachten, der sie sich zu fügen hatten.

Weit davon entfernt aber, die Kleinen durch eine Anstrengung zu überlasten, sollte vorzüglich auch darauf Rücksicht genommen werden, mit ihnen körperliche Uebungen ebenso zu treiben, wie für ihre geistige Ausbildung zu sorgen. Wenn die Witterung es erlaubte, sollten diese, vorausgesetzt, daß sie warme Kleider trugen, angehalten werden, sich in der freien Luft zu bewegen und nach Maßgabe ihrer Kräfte selbst mitzuarbeiten.

Alles in Allem wurde dieses Programm nach den in der angelsächsischen Erziehungsmethode geltenden Grundsätzen entworfen, nämlich:

1. Allemal, wenn eine Sache dich erschreckt, thue sie.

2. Versäume niemals die Gelegenheit zu einer für dich irgend zu überwindenden Anstrengung.

3. Verachte keine Mühe, denn das wird nie unnütz sein.

Durch Uebertragung dieser Vorschriften in das praktische Leben, erstarken Leib und Leben gleichmäßig.

Man kam also unter Zustimmung der kleinen Colonie über Folgendes überein:

Zwei Stunden des Vormittags und zwei des Nachmittags sollten allgemeinen Arbeiten in der Halle gewidmet sein. Abwechselnd sollten Briant, Doniphan, Croß und Baxter aus der fünften und Wilcox und Webb aus der vierten Abtheilung des Pensionats ihren Genossen aus der dritten, zweiten und ersten Abtheilung Unterricht ertheilen, und sie mit Mathematik, Erdbeschreibung und Geschichte beschäftigen, wobei einzelne Bücher der Bibliothek, so wie ihre früheren Kenntnisse sie unterstützen sollten. Das bildete für sie mit eine Gelegenheit, nicht zu vergessen, was sie schon wußten. Zweimal in der Woche, nämlich Sonntags und Mittwochs, sollte eine Art allgemeine Versammlung abgehalten, das heißt, ein wissenschaftliches Thema entweder aus der Geschichte oder aus der Jetztzeit frei besprochen werden. Die Großen hatten sich dann dafür oder dagegen um’s Wort zu melden und sollten ebenso zur eigenen Ausbildung wie zur allgemeinen Unterhaltung über den gewählten Gegenstand discutiren.

Gordon, in seiner Eigenschaft als Oberhaupt der Colonie, hatte darüber zu wachen, daß dieses Programm streng eingehalten wurde und nur unter ganz besonderen Umständen eine Abänderung erlitt.

Zuerst wurde eine Maßregel getroffen, welche die Bestimmung der Zeit betraf. Man besaß wohl den Kalender vom »Sloughi«, in diesem aber mußte jeder verflossene Tag allemal gestrichen werden; man hatte auch Uhren vom Schiff her, diese mußten aber regelmäßig aufgezogen werden, um die genaue Zeit zu zeigen.

Zwei der größeren Knaben wurden mit dieser Aufgabe betraut, Wilcox für die Uhren und Baxter für den Kalender; auf die Zuverlässigkeit Beider konnte man gewiß rechnen. Was das Barometer und das Thermometer anging, so fiel Webb die Verpflichtung zu, die täglichen Angaben derselben abzulesen und aufzuzeichnen.

Ein weiterer Beschluß ging dahin, ein Tagebuch über alles zu führen, was sich bisher auf der Insel Chairman zugetragen oder was noch geschehen sollte. Baxter erbot sich zu dieser Arbeit, und Dank seiner pünktlichen Gewissenhaftigkeit wurde das »Journal von French-den« mit großer Genauigkeit geführt.

Eine nicht minder wichtige Angelegenheit, welche auch keinen ferneren Aufschub zuließ, betraf die Reinigung der Leib- und Bettwäsche, wozu es an Seife glücklicher Weise nicht fehlte, und Gott weiß, daß die Kleinen sich trotz aller Ermahnungen Gordon’s doch stets beschmutzten, wenn sie auf der Sport-terrace spielten oder am Ufer des Rio angelten. Wieviel hatten sie hiefür schon Vorwürfe und selbst Strafe bekommen. Das Waschen war nun eine Thätigkeit, auf welche Moko sich aus dem Grunde verstand. Er allein wäre damit freilich nicht fertig geworden, und trotz ihres Widerwillens gegen diese Arbeit mußten die Großen sich entschließen, ihm zu Hilfe zu kommen, um den Wäschebestand von French-den in gutem Zustande zu erhalten.

Der nächste Tag war gerade Sonntag, und man weiß ja, mit welch‘ außerordentlicher Strenge dieser Tag in England und Amerika gefeiert wird. In den Städten, Flecken und Dörfern ist das Leben wie ausgestorben. »An diesem Tage – hat man mit Recht gesagt, ist jede Zerstreuung, jede Belustigung durch die Gewohnheit verboten. Man muß sich nicht allein langweilen, sondern muß auch ein gelangweiltes Aussehen zeigen, und diese Regel gilt für Kinder ebenso streng, wie für Erwachsene!« Die Ueberlieferungen! Immer die berühmten Ueberlieferungen!

Auf der Insel Chairman kam man jedoch dahin überein, nach dieser Seite die Zügel etwas lockerer zu lassen, und an jenem Sonntage gestatteten sich die jungen Colonisten einen Ausflug nach den Gestaden des Family-lake. Da es indessen außergewöhnlich kalt war, freuten sich Alle nach zweistündigem Spaziergange, der mit einem Schnelllaufe, an welchem die Kleinen wenigstens auf der Sport-terrace theilnahmen, geschlossen wurde, nicht wenig, in der Halle eine behagliche Temperatur und im Stoore-room ein warmes Essen vorräthig zu finden, das von dem geschickten Oberkoch von French-den mit besonderer Sorgfalt zubereitet war.

Der Abend endigte mit einem Concert, bei dem die Ziehharmonika Garnett’s die Stelle des Orchesters vertrat, während die Anderen mit echt angelsächsischer Ueberzeugungstreue mehr oder weniger falsch dazu sangen. Der einzige unter diesen Kindern, der eine recht hübsche Stimme besaß, war Jacques; bei seiner unerklärlichen Art des Benehmens aber nahm er an den Zerstreuungen seiner Kameraden keinen Antheil und schlug es trotz wiederholter Bitte ab, bei dieser Gelegenheit eines der reizenden Kinderlieder zum Besten zu geben, mit welchen er in der Pension Chairman stets so freigebig gewesen war.

Dieser Sonntag, der mit einer kurzen Ansprache »Seiner Hochwürden des Herrn Gordon«, wie Service sagte, angefangen wurde, wurde durch ein gemeinschaftliches Gebet beschlossen. Gegen zehn Uhr lag dann Alles in tiefem Schlafe, und nur Phann, auf den man sich ja bezüglich jeder irgend verdächtigen Annäherung verlassen konnte, bewachte die ganze Gesellschaft.

Im Laufe des Juni nahm die Kälte immer mehr zu. Webb bestätigte, daß das Barometer im Mittel über siebenundzwanzig Zoll hoch stand, während das hunderttheilige Thermometer zehn bis zwölf Grad unter dem Gefrierpunkte zeigte. Wenn der meist aus Süden wehende Wind mehr nach Westen umging, erhob sich die Temperatur ein wenig, und die Umgebung von French-den bedeckte sich dann mit tiefem Schnee. Die jugendlichen Ansiedler lieferten sich auch einige Kämpfe mit mehr oder weniger festen Schneeballen, wie das in England Sitte ist, und eines Tages kam dabei gerade Jacques am schlechtesten weg, obwohl er dem übermüthigen Spiele nur als Zuschauer beiwohnte. Ein von Croß recht kräftig geschleuderter Schneeball traf ihn, nach dem er gar nicht gezielt war, ganz empfindlich und entlockte dem Knaben einen lauten Schmerzensschrei.

»Ich habe es nicht mit Absicht gethan, sagte Croß – die gewöhnliche Entschuldigung für alle Ungeschicklichkeiten.

– Gewiß nicht, antwortete Briant, den der Schrei seines Bruders nach dem Schlachtfelde gelockt hatte. Immerhin thust du Unrecht daran, so stark zu werfen.

– Warum stand Jacques auch so nahe, da er ja doch nicht mitspielen wollte? erwiderte Croß.

– Ist das ein Umstand, mischte sich Doniphan ein, und wegen eines ungezogenen Jungen!

– Zugegeben, die Sache hat nicht eben viel zu bedeuten, entgegnete Briant, es wohl empfindend, daß Doniphan nur eine Handhabe suche, sich wieder einmal an ihm zu reiben, ich wollte Croß nur ersuchen, es nicht wieder zu thun.

– Und was ist’s denn so Schlimmes? … fuhr Doniphan höhnisch fort; er hat’s ja nicht einmal mit Absicht gethan …

– Ich weiß nicht, Doniphan, warum Du Dich in eine Sache mengst, welche doch nur Croß und mich angeht …

– Mich geht es ebenso gut an, Briant, da Du einen solchen Ton anschlägst, antwortete Doniphan.

– Wie Du willst … und wann du willst! versetzte Briant, der schon die Arme gekreuzt hatte.

– Auf der Stelle!« rief Doniphan.

Da trat, und recht zur gelegenen Zeit, Gordon noch dazu, um zu verhindern, daß dieser Streit in eine regelrechte Boxerei auslaufe. Er gab übrigens Doniphan Unrecht.

Dieser mußte nachgeben und zog sich grollend nach French-den zurück; es blieb aber immer noch zu fürchten, daß die beiden Rivalen bei der ersten besten Gelegenheit doch aneinander geriethen.

Achtundvierzig Stunden lang hielt der Schneefall unausgesetzt an. Zur Unterhaltung der Kleinen bauten Service und Garnett einen großen Schneemann auf; eine Gestalt mit großem Kopfe, ungeheurer Nase und weit gähnendem Munde – so etwas wie einen richtigen Knecht Rupprecht. Wenn es Dole und Costar nun auch wagten, bei Tageslicht diesen mit Schneeballen zu bombardiren, so betrachteten sie ihn doch mit einer gewissen Scheu, wenn die Dunkelheit seine Verhältnisse in’s Ungeheuerliche vergrößerte.

»O, diese Prahlhänse!« riefen dann Iverson und Jenkins, welche die muthigen Ritter spielten, obwohl es ihnen nicht viel besser zu Muthe war, als ihren kleinen Kameraden.

Gegen Ende des Juni mußte man auf derlei Belustigungen verzichten. Drei bis vier Fuß dick liegender Schnee machte daß Gehen darüber gar zu beschwerlich, und wer sich nur wenige hundert Schritte von French-den hinausgewagt hätte, der wäre Gefahr gelaufen, nicht wieder zurückkehren zu können.

Die jungen Kolonisten blieben also volle vierzehn Tage – bis zum neunten Juli – auf das Haus beschränkt, was ihren Studien eher förderlich als hinderlich war. Das tägliche Programm wurde streng eingehalten, und auch die »allgemeine Versammlung« an den dazu bestimmten Tagen jedesmal einberufen. Das gewährte Allen ein großes Vergnügen, und es darf nicht Wunder nehmen, daß Doniphan mit seiner Redegewandtheit und schon weiter vorgeschrittenen Ausbildung gewöhnlich die erste Rolle dabei spielte. Warum trug er nur immer solchen Stolz zur Schau? Dieser Hochmut verdunkelte wieder selbst die besten Seiten des Knaben.

Obwohl die Erholungsstunden jetzt nur in der Halle verbracht werden konnten, so litt doch, Dank dem reichlichen, durch den Verbindungsgang von einem Zimmer zum anderen stattfindenden Luftwechsel, die allgemeine Gesundheit keineswegs. Die hochwichtige Frage der Gesunderhaltung der Mitglieder ihrer kleinen Colonie schwebte ihnen immer vor Augen. Wie hätte man einem etwa erkrankenden Kinde hier auch die nöthige Pflege und Sorgfalt zutheil werden lassen können? Zum Glück kam in dieser Hinsicht nichts weiter vor, als einmal ein Schnupfen oder eine leichte Heiserkeit, welche durch Ruhe und Wärme immer unschwer zu beseitigen waren.

Jetzt beschäftigte sie auch die Lösung einer anderen Frage. Gewöhnlich wurde das Wasser für die Bedürfnisse von French-den bei niedrigem Meere aus dem Rio geschöpft, da es dann keinen Salzgehalt zeigte. Wenn der Rio aber vollständig zufror, mußte sich dasselbe ganz von allein verbieten. Gordon besprach deshalb mit Baxter, seinem »Leibingenieur«, die dagegen zu ergreifenden Maßregeln. Nach einiger Ueberlegung schlug Baxter vor, einige Fuß unter der Erde eine Leitung anzulegen, welche, da sie nicht zufrieren konnte, Store-room mit Wasser versehen würde. Das war gewiß eine schwierige Arbeit, welche Baxter kaum hätte zu Ende führen können, wenn er nicht die Bleirohre zur Verfügung gehabt hätte, die auf dem »Sloughi« als Wasserleitung nach den Waschtischen gedient hatten. Nach verschiedenen mißlungenen Versuchen wurde endlich der Wasserzufluß nach Store-room gesichert. Was die Beleuchtung betraf, so waren jetzt noch hinreichende Oelvorräthe für die Lampen und Laternen vorhanden, nach Ablauf des Winters mußte es aber nothwendig werden, diese irgendwie zu ersetzen oder Kerzen aus dem Fette herzustellen, das Moko nicht gebraucht und aufgehoben hatte.

Einige Sorge erregte während dieser Zeit auch die Ernährung der kleinen Colonie, denn Jagd und Fischfang lieferten jetzt nicht die gewohnte Ausbeute. Wohl schweiften, vom Hunger getrieben, einzelne Thiere gelegentlich auf der Sport-terrace umher, doch das waren nur Schakals, welche Doniphan und Croß durch Gewehrschüsse zu vertreiben sich begnügten. Eines Tages erschien sogar eine ganze Bande derselben – wohl an zwanzig Stück – so daß man die Thüre der Halle und des Store-room fest verbarricadiren mußte. Ein Einbruch dieser durch den Hunger noch mehr gereizten Raubthiere hätte schreckliche Folgen haben können. Da sie Phann jedoch bei Zeiten meldete, kamen sie gar nicht dazu, die Thüre von French-den zu stürmen.

Unter so mißlichen Umständen sah Moko sich gezwungen, dann und wann auf den Proviant von der Yacht zurückzugreifen, der doch so viel als möglich geschont werden sollte. Nur sehr ungern ertheilte Gordon die Erlaubnis, denselben zu verwenden, und mit Betrübniß sah er in seinem Notizbuche die Rubrik der Ausgaben sich immer mehr verlängern, während die der Einnahmen stets gleich lang blieb. Da es jedoch auch einen reichen Vorrath an Enten und jungen Trappen gab, welche in halbgekochtem Zustande luftdicht in Fässer verpackt worden waren, so konnte Moko diese in Anspruch nehmen, ebenso wie er von den in Salzlake aufbewahrten Lachsen immer etwas auf die Tafel brachte. Man darf hierbei nicht vergessen, daß French-den fünfzehn Magen zu ernähren und den Appetit von acht- bis vierzehnjährigen Knaben zu befriedigen hatte.

Immerhin fehlte es den Winter über keineswegs ganz an frischem Fleisch. Wilcox, der in der Herstellung aller Art Hilfsgeräthe für Jagdzwecke sehr erfahren war, hatte auf dem Ufergelände mehrere Fallen errichtet, welche, einfach aus elastischen Zweigen in Form einer 4 bestehend, doch manches Stück Kleinwild lieferten.

Mit Hilfe seiner Kameraden spannte Wilcox auch am Ufer des Rio eine Art Luftnetze aus, wozu er die Schleppnetze vom »Sloughi« verwendete, welche an Stangen in geeigneter Weise befestigt wurden. In den Maschen dieser ausgedehnten leinenen Spinnengewebe, blieben viele Vögel aus den South-moores hängen, wenn sie von einem Ufer zum andern flogen. Konnten sich auch viele derselben aus den für diesen Zweck zu engen Maschen wieder befreien, so gab es doch Tage, wo noch genug gefangen wurden, um die beiden Hauptmahlzeiten für die ganze Gesellschaft abzugeben.

Nur die Ernährung des Nandu machte nicht wenig Schwierigkeiten, und wir müssen gestehen, daß die Zähmung dieses wilden Stelzvogels, was auch der damit besonders betraute Service sagen mochte, noch recht viel zu wünschen übrig ließ.

»Das muß einmal ein Renner werden!« wiederholte er öfters, obwohl noch gar nicht zu ersehen war, wie er denselben je besteigen könnte.

Da der Nandu aber nicht zu den Fleischfressern zählte, mußte Service dessen täglichen Bedarf von Gräsern und Wurzeln unter der zwei bis drei Fuß hohen Schneedecke zu gewinnen suchen. Was hätte er indeß nicht Alles gethan, um seinem Lieblingsthiere ein zusagendes Futter zu beschaffen! Wenn der Nandu während dieses scheinbar endlosen Winters etwas abmagerte, so lag das gewiß nicht an seinem treuen Hüter, und man durfte getrost hoffen, daß jener mit der Rückkehr des Frühlings seine gehörige Körperfülle wieder gewinnen werde.

Als Briant frühmorgens am 9. Juli einmal in’s Freie hinausgetreten war, konnte er beobachten, daß der Wind plötzlich nach Süden umgesprungen sei.

Der ungemein strenge Frost nöthigte ihn, schleunigst nach der Halle umzukehren, wo er Gordon von dieser Veränderung der Temperatur Mittheilung machte.

»Das war ja zu befürchten, antwortete Gordon, und es sollte mich nicht verwundern, wenn wir noch einige Monate strengen Winters auszuhalten hätten.

– Das beweist aber, meinte Briant, daß der »Sloughi« weit tiefer als wir annahmen nach Süden zu verschlagen wurde.

– Gewiß, bestätigte Gordon, und doch zeigt unser Atlas keine Insel in der Nähe des antarktischen Meeres.

– Das ist wirklich unerklärlich, Gordon, und wahrlich, ich wüßte nicht, welche Richtung wir einschlagen sollten, wenn uns einst die Möglichkeit geboten wäre, die Insel Chairman zu verlassen …

– Die Insel verlassen? … rief Gordon. Aber, Briant, denkst Du denn daran noch immer?

– Alle Tage, Gordon. Wenn es uns gelänge, ein einigermaßen seetüchtiges Fahrzeug zu erbauen, würd‘ ich keinen Augenblick Bedenken tragen, damit auf Entdeckung auszuziehen.

– Schon gut, schon gut, erwiderte Gordon, damit hat’s noch keine Eile … Warten wir wenigstens, bis unsere kleine Colonie vollständig organisirt ist …

– Ei, mein wackerer Gordon, unterbrach ihn Briant, Du denkst wohl nicht daran, daß wir da draußen noch Angehörige haben …

– Gewiß … gewiß, Briant. Alles in Allem sind wir aber hier doch gar nicht so schlimm daran. Die Sache macht sich, und ich frage mich manchmal, was uns eigentlich noch fehlen sollte.

– Ich dächte, so mancherlei, antwortete Briant, der es nicht für angezeigt hielt, das Gespräch über dieses Thema noch weiter auszuspinnen. Da fällt mir eben ein, daß unser Brennmaterial zu Ende geht …

– Nun, ich dächte, der ganze Wald der Insel wäre noch nicht verbrannt.

– Nein, Gordon, aber es wird doch hohe Zeit, unsere Holzvorräthe wieder zu erneuern.

– Meinetwegen noch heute, erwiderte Gordon. Komm‘, wir wollen nach dem Thermometer sehen!«

Das im Store-room hängende Thermometer zeigte nur fünf Grad über Null, obwohl im Kochofen ein tüchtiges Feuer prasselte. Als es dagegen an der Außenwand angebracht wurde, zeigte es sehr bald siebzehn Grad unter dem Gefrierpunkte.

Es war eine strenge Kälte, welche voraussichtlich noch zunahm, wenn die Witterung während einiger Wochen klar und trocken blieb. Trotz beständigen Feuers im Kochherde und in den beiden Oefen der Halle erniedrigte sich die Temperatur merklich im Innern von French-den.

Gegen neun Uhr und nach dem ersten Frühstück wurde beschlossen nach den Traps-woods zu ziehen und eine Ladung Holz zu holen.

Wenn die Luft ruhig ist, kann man sich selbst den niedrigsten Temperaturen ungestraft aussetzen. Vorzüglich schmerzhaft ist nur der schneidende Wind, der den Händen und dem Gesicht so zusetzt, daß man sich kaum dagegen zu schützen vermag. Zum Glück war an diesem Tage der Wind ganz schwach und der Himmel so vollkommen klar, als ob die Luft gefroren wäre.

An Stelle des lockeren Schnees, in den man noch am Vortage bis zur Taille versank, schritt der Fuß jetzt auf einer metallharten Fläche dahin. Wenn es sich nur um die Gefahrlosigkeit des Weges gehandelt hätte, wäre es möglich gewesen, ebenso über den ganz übereisten Family-lake wie über den Rio wegzuziehen. Mit einigen Schneeschuhen, wie sie die Bewohner der Polargebiete häufig benützen, oder selbst in einem, mit Hunden und Renthieren bespannten Schlitten hätte der See in seiner ganzen Ausdehnung von Norden nach Süden binnen wenigen Stunden besucht werden können.

Für den Augenblick handelte es sich aber nicht um einen so weit ausgedehnten Ausflug, sondern um einen Gang in die benachbarten Wälder, um daraus neue Brennholzvorräthe zu holen.

Die Ueberführung einer hinreichenden Holzmenge nach French-den mußte immerhin eine schwierige Arbeit werden, weil dieser Transport nur auf dem Arme oder dem Rücken zu bewerkstelligen war. Da kam Moko ein guter Gedanke, der schleunigst zur Ausführung gebracht wurde, dahin gehend, daß man sich doch ein für den Augenblick genügendes Gefährt beschaffen könnte. Der festgebaute, zwölf Fuß lange und vier Fuß breite Tisch des Store-room brauchte ja nur, die Beine nach oben umgewendet und dann über die glatte Fläche des vereisten Schnees gezogen zu werden; daß das anging, sahen Alle sofort ein. Nachdem sich vier größere Knaben mit Stricken vor dieses etwas primitive Gefährt gespannt, brach man gegen neun Uhr in der Richtung nach den Traps-Woods auf.

Mit rother Nase und brennenden Wangen sprangen die Kleinen gleich jungen Hunden voran, wozu Phann ihnen ein vorzügliches Beispiel gab. Manchmal kletterten sie auch unter Streit und einigen sanften Püffen auf den Tisch, selbst auf die Gefahr hin, einmal umzupurzeln, was hier niemals schlimm ablaufen konnte. Ihr Gejubel widerhallte mit außerordentlicher Deutlichkeit in der kalten, trockenen Atmosphäre. Es war wirklich herzerquickend, die ganze kleine Colonie bei so übermüthiger Laune und tadelloser Gesundheit zu beobachten.

Zwischen dem Aucklaud-Hill und dem Family-lake war Alles gleichmäßig weiß. Die Bäume mit ihren überreiften Zweigen und mit schimmernden Krystallen beladenen Aesten dehnten sich gleich einer feenhaften Decoration in unabsehbare Fernen aus. Ueber dem See flatterten ganze Schaaren von Vögeln bis zum Abhange des Steilufers hin. Doniphan und Croß hatten nicht vergessen ihre Flinten mitzunehmen. Eine weise Vorsicht, denn da und dort zeigten sich neben Spuren von Schakals auch solche von Jaguars und Cuguars.

»Diese gehören vielleicht zu den wilden Katzen, welche man »Paperos« nennt, und die nicht minder furchtbar sind, sagte Gordon.

– O, wenn es nur Katzen sind! rief Costar mit den Achseln zuckend.

– Die Tiger sind aber auch nur Katzen, ließ Jenkins sich vernehmen.

– Ist es wahr, Service, fragte Costar, daß die Katzen bösartig sind?

– Gewiß, versicherte Service, und kleine Kinder verzehren sie wie Mäuse!«

Diese Antwort machte Costar doch recht bedenklich.

Die halbe Meile zwischen French-den und den Traps-woods wurde in kurzer Zeit zurückgelegt, und die jungen Holzfäller gingen an die Arbeit. Ihre Axt legten sie nur an Bäume von einiger Dicke, deren schwächere Zweige abgehauen wurden, nicht um sich mit einen Augenblick flackernden Reisigbündeln zu versorgen, sondern tüchtige Scheite zu gewinnen, welche den Koch- und die Heizöfen dauernder zu erhitzen geeignet waren. Der »Tafelschlitten« erhielt zwar eine recht schwere Last, er glitt aber so leicht dahin und Alle zogen ihn mit so frohem Muthe über die harte Kruste, daß im Laufe des Vormittags zwei Fuhren gemacht werden konnten.

Nach dem Essen ging man wieder an die Arbeit, welche erst um vier Uhr, als der Tag zur Rüste ging, unterbrochen wurde. Die Anstrengung war eine ziemlich große gewesen, und da man sich ja nicht zu übernehmen brauchte, verschob Gordon die Fortsetzung bis zum folgenden Tage. Gordon’s Befehl mußte aber allgemein beachtet werden.

Nach der Heimkehr nach French-den beschäftigte man sich nur noch damit, die Scheite zu zersägen, zu spalten und aufzuschichten, was bis zur Schlafenszeit andauerte.

Sechs Tage lang wurden diese Fahrten unausgesetzt wiederholt, wodurch sich Brennmaterial für eine Reihe von Wochen anhäufte. Es versteht sich von selbst, daß diese großen Vorräthe im Store-room nicht untergebracht werden konnten, es schadete ja aber auch nichts, sie in freier Luft am Fuße des Steilufers aufzustapeln.

Am 15. Juli war nach Angabe des Kalenders der Saint-Swithin-Tag; in England entspricht dieser Tag im Volksglauben ganz unserem Siebenschläfer.

»Nun, begann Briant, wenn heute Regen fällt, werden wir sehen, daß es vierzig Tage lang fort regnet.

– Meiner Treu, versetzte Service, was hat das auch Großes zu bedeuten, da wir jetzt in der schlechten Jahreszeit sind. Ja, wenn es Sommer wäre …«

In der That brauchen sich die Bewohner der südlichen Erdhälfte nicht wegen des Einflusses zu beunruhigen, den derartige Merktage des Volkes haben könnten, denn die Siebenschläfer sind wie Sanct Medardus für sie nur Winterheilige.

Der Regen hielt jedoch, da der Wind nach Südosten umsprang, nicht an, dagegen trat solcher Frost ein, daß Gordon den Kleinen jeden Ausgang untersagte.

In der Mitte der ersten Augustwoche sank die Thermometersäule nämlich bis auf siebenundzwanzig Grad unter Null herab. Sobald man sich da der freien Luft aussetzte, schlug sich der Athem in Form von Schnee nieder. Mit der Hand konnte man kein metallenes Geräth anfassen, ohne heftigen Schmerz, wie von einer Verbrennung, zu empfinden. Da mußten denn auch die umfassendsten Maßregeln getroffen werden, um die Luftwärme des Innern nur erträglich zu erhalten.

Jetzt folgten sich vierzehn recht unangenehme Tage. Alle litten mehr oder weniger von dem Mangel an Bewegung. Briant sah nicht ohne Sorge die blassen Wangen der Kleinen, von denen jede Farbe gewichen war. Dank den warmen Getränken, woran es nie fehlte, überstanden die jungen Kolonisten jedoch diesen gefährlichen Zeitraum, abgesehen von einigen Schnupfen- und Hustenanfällen, ohne ernstlichen Nachtheil.

Gegen den 16. August neigte sich, mit nach und nach umgehenden Winden, der Zustand der Atmosphäre einer Veränderung entgegen. Das Thermometer erhob sich auf zwölf Grad unter dem Gefrierpunkte, zeigte also bei gleichzeitig ruhiger Luft eine erträgliche Temperatur an.

Doniphan, Briant, Service, Wilcox und Baxter kamen da auf den Gedanken, sich einmal nach der Sloughi-Bai zu begeben, von wo sie bei frühzeitigem Aufbruche an demselben Abend zurück sein konnten.

Es handelte sich dabei darum, zu sehen, ob die Küste nicht stark besetzt sei von jenen Amphibien, den gewöhnlichen Wintergästen der antarktischen Gegenden, von denen man schon zur Zeit der Strandung einzelne Exemplare gesehen hatte. Gleichzeitig sollte die Flagge erneuert werden, von der nach den Winterstürmen ja nur noch Fetzen übrig sein konnten. Auf Briant’s Anrathen wollte man den Signalmast überdies mit einer Tafel versehen, welche die Lage von French-den angab, für den Fall, daß Seeleute nach Wahrnehmung des Mastes einmal hier landen sollten.

Gordon gab seine Zustimmung unter der Empfehlung, vor Anbruch der Nacht unbedingt heimzukehren, und die kleine Truppe brach also am Morgen des 19. August noch vor dem Hellwerden auf. Der Himmel war klar und der Mond erleuchtete ihn mit den schrägen Strahlen seines letzten Viertels. Sechs Meilen bis zur Bai hin zu wandern, das konnte junge Beine nach so langem Ausruhen nicht in Verlegenheit setzen.

Mit schnellen Schritten ging es vorwärts. Die Schlammlache der Bog-Woods brauchte, weil sie mit Eis bedeckt war, nicht umgangen zu werden, ein Umstand, der den Weg wesentlich abkürzte. Vor neun Uhr Morgens schon kam Briant mit seinen Kameraden auf dem Vorlande der Bai an.

»Da seht, ganze Schaaren von Vögeln!« rief Wilcox.

Er wies damit nach einigen Tausenden auf den Klippen sitzender Vögel hin, welche mit ihrem langen miesmuschelförmigen Schnabel und dem ebenso durchdringenden wie häßlichen Geschrei etwa großen Enten glichen.

»Man könnte sie für Soldaten halten, die ihr General Revue passiren läßt, meinte Service.

– Es sind nur Fettgänse, belehrte ihn Baxter, und die sind keinem Schuß Pulver werth.«

Die stumpfsinnigen Vögel, welche sich in Folge ihrer weit hinten eingelenkten Pfoten fast ganz aufrecht hielten, dachten gar nicht daran, zu entfliehen, und man hätte sie mit Stockhieben erlegen können. Doniphan hatte vielleicht auch nicht üble Lust zu einem solchen nutzlosen Gemetzel; da Briant aber so klug war, sich demselben zu widersetzen, wurden die Pinguins (Fettgänse) in Ruhe gelassen.

Wenn dieses Geflügel übrigens gar keine Verwendung finden konnte, so gab es dafür andere Thiere, deren Fett zur Erleuchtung von French-den während des folgenden Winters zu gebrauchen war.

Es waren Robben, zur Abart der sogenannten Rüssel-Robben gehörig, die sich hier auf den mit dicker Eiskruste bedeckten Klippen tummelten. Um einige derselben zu erlegen, hätte man ihnen den Rückweg an der Außengrenze des Klippengürtels verlegen müssen. Sobald sich Briant und seine Kameraden jedoch herannahten, entflohen jene mit ganz erstaunlichen Luftsprüngen und verschwanden unter dem Wasser, so daß man sich vornehmen mußte, später einmal eine förmliche Jagd zu veranstalten, um diese Amphibien einzufangen.

Nachdem die Knaben von dem mitgeführten Proviant ein einfaches aber kräftiges Frühstück verzehrt, besichtigten sie die Bai in ihrer ganzen Ausdehnung.

Eine gleichmäßig weiße Fläche erstreckte sich hier von der Mündung des Rio Sealand bis zum Vorgebirge False-sea-point. Bis auf die Fettgänse und einzelne Seevogelarten, wie Sturmvögel, weiße und graue Möven u. dergl., schien das andere Geflügel den Strand gänzlich verlassen und sich, jedenfalls zur Befriedigung seines Nahrungsbedürfnisses, nach dem Innern der Insel gewendet zu haben. Zwei bis drei Fuß tiefer Schnee bedeckte das Vorland, und was von den Trümmern des Schooners vielleicht noch übrig war, lag unter dieser dichten Hülle versteckt. Der aus Tang und Seegras bestehende Auswurf des Meeres, der sich am Klippenrande in langer Linie angehäuft hatte, bewies, daß die Sloughi-Bai von besonders heftigen Aequinoctialfluthen nicht betroffen worden war.

Das Meer selbst erschien bis zur äußersten Grenze des Horizontes heute ebenso verlassen, wie Briant es vor drei Monaten gesehen hatte. Und da hinaus lag in der Entfernung von Hunderten von Meilen das heimatliche Neuseeland, das er immer eines Tages wiederzusehen hoffte.

Baxter ging nun daran, eine neue Flagge, die er mitgebracht, aufzuziehen und die Tafel zu befestigen, welche die Lage von French-den sechs Meilen stromaufwärts des Rio angab. Gegen ein Uhr Mittags traten dann Alle auf das linke Ufer über.

Unterwegs erlegte Doniphan noch ein Paar langgeschwänzte Enten, nebst einigen über dem Flusse umherfliegenden Kibitzen, und gegen vier Uhr, als es langsam zu dämmern begann, traf er mit seinen Begleitern wieder glücklich in French-den ein. Hier wurde Gordon von allem, was sie gesehen und beobachtet, unterrichtet, und da die Robben so überaus zahlreich in der Sloughi-Bai vorkamen, wollte man auf diese bei einigermaßen günstiger Witterung einmal Jagd machen.

Die schlechte Jahreszeit mußte nun bald zu Ende gehen. Während der letzten Woche des August und der ersten des September gewann der Seewind schon wieder die Oberhand. Schwere Regenböen führten eine schnelle Steigerung der Luftwärme herbei. Der Schnee kam deshalb bald zum Schmelzen, und an der Seeoberfläche donnerte und krachte es vom Bersten des Eises. Diejenigen Schollen, welche sich nicht an Ort und Stelle auflösten, trieben in tollem Durcheinander in den Rio hinein und thürmten sich hier übereinander, wodurch eine Eisstopfung entstand, die erst gegen den 10. September wieder völlig gebrochen wurde.

So war der Winter denn vorübergegangen. Dank den getroffenen Vorsichtsmaßregeln hatte die kleine Kolonie davon nicht allzuviel zu erdulden gehabt. Alle waren frisch und gesund geblieben und Gordon hatte, da sie ihre Studien mit großem Eifer fortsetzten, keine Veranlassung gefunden, etwaige Widerspänstige zu bestrafen.

Eines Tages jedoch mußte sich Dole, dessen Betragen eine exemplarische Buße erforderte, doch züchtigen lassen.

Wiederholt hatte der Trotzkopf sich geweigert »seine Pflicht zu thun«, und Gordon’s Ermahnungen und Warnungen schlug er leichten Sinnes in den Wind. Er wurde deshalb nicht zu Wasser und Brod – was sich mit dem in den angelsächsischen Schulen geübten System nun einmal nicht verträgt – sondern zu einer Anzahl Hiebe verurtheilt.

Die jungen Engländer empfinden, wie wir schon sagten, keineswegs denselben Abscheu gegen eine derartige körperliche Züchtigung, wie ihn junge Franzosen derselben gegenüber zeigen würden. Auch im vorliegenden Falle hätte Briant gern gegen eine solche, seiner Ansicht nach entehrende Strafart Einspruch erhoben, wenn er nicht die Entscheidung Gordon’s zu respectiren verpflichtet gewesen wäre. Wo ein französischer Zögling sich übrigens der Strafe selbst schämen würde, schämt sich der englische Schüler davor, Furcht vor derselben merken zu lassen.

Dole erhielt also einige Ruthenhiebe von den Händen Wilcox‘, der durch Losung zum öffentlichen Stockmeister bestimmt worden war, und diese Abstrafung wirkte so nachhaltig, daß sich keine Wiederholung derselben nöthig machte.

Am l0. September waren übrigens sechs Monate verflossen, seit der »Sloughi« an den Klippen der Insel Chairman gescheitert war.

VIII.

VIII.

Die dermalige Lage. – Vorsichtsmaßregeln. – Verändertes Verhalten. – Der Kuhbaum. – Was zu wissen nöthig war. – Ein Vorschlag Kate’s. – Briant von einer Idee eingenommen. – Sein Plan. – Unterredung. – Für Morgen.

———

Die Colonie war also wieder vollzählig – ja sogar um ein Mitglied gewachsen, die gute Kate, welche in Folge eines schrecklichen Trauerspiels auf dem Meere an den Strand der Insel Chairman verschlagen worden war. Von jetzt an sollte auch wieder Einigkeit in French-den herrschen – eine Einigkeit, welche in Zukunft nichts mehr stören sollte. Wenn Doniphan noch einiges Bedauern darüber empfand, nicht das Oberhaupt der kleinen Colonie zu sein, so war er doch zu derselben ganz zurückgekehrt. Ja, die Trennung von zwei bis drei Tagen hatte ihre Früchte getragen. Mehr als einmal schon hatte er, ohne seinen Kameraden etwas davon zu sagen und ohne sein Unrecht eingestehen zu wollen, daß in ihm die Eigenliebe stärker sprach als das wirkliche Interesse, doch eingesehen, zu welcher Thorheit ihn seine Starrsinnigkeit verleitet hatte. Andererseits konnten auch Wilcox, Croß und Webb sich dieser Empfindung nicht entziehen. Nach der Opferwilligkeit, welche Briant jetzt gezeigt hatte, gab Doniphan jedoch seinen besseren Gefühlen nach, welche er auch niemals wieder verlöschen lassen wollte.

Uebrigens drohten French-den, das dem Angriffe von sieben kräftigen und bewaffneten Uebelthätern ausgesetzt war, recht ernstliche Gefahren. Ohne Zweifel lag es zwar in Walston’s Interesse, die Insel Chairman so schnell als möglich wieder zu verlassen, hätte er dagegen das Vorhandensein einer kleinen, mit Allem, was ihm fehlte, reichlich ausgestatteten Colonie gemuthmaßt, so würde er vor einem Angriffe gewiß nicht zurückgeschreckt sein, bei dem die Aussicht auf Erfolg ja ganz auf seiner Seite war. Die jungen Colonisten mußten sich also wohl oder übel sehr beschränkenden Vorsichtsmaßregeln fügen, durften sich nicht mehr vom Rio Sealand entfernen und sich nicht ferner in die Umgebung des Family-lake hinauswagen, so lange Walston und seine Bande die Insel nicht verlassen hatten.

Zunächst erschien es von Wichtigkeit zu erfahren, ob Doniphan, Croß, Webb und Wilcox bei ihrer Rückkehr von den Severn-shores nach dem Bear-rock nichts bemerkt hätten, was sie auf die Vermuthung der Anwesenheit der Matrosen des »Severn« geleitet hätte.

»Nichts, antwortete Doniphan auf eine dahinzielende Frage; freilich haben wir, um nach der Mündung des East-river zurückzugelangen, nicht denselben Weg wie bei unserer Wanderung nach Norden hin eingeschlagen.

– Danach erscheint es so gut wie gewiß, daß Walstone in der Richtung nach Osten gezogen ist, bemerkte Gordon.

– Wohl möglich, stimmte ihm Doniphan zu; doch er hat an der Küste hinwandern müssen, während wir geraden Weges durch den Beechs-forest gekommen sind. Nehmt die Karte zur Hand, und Ihr werdet sehen, daß die Insel oberhalb der Deception-Bai einen so starken Bogen macht. Dort liegt ein ausgedehntes Gebiet, in dem die Verbrecher haben Obdach suchen können, ohne sich zu weit von der Stelle, wo ihre Schaluppe gestrandet war, zu entfernen. Doch da fällt mir ein, vielleicht wüßte Kate uns annähernd zu sagen, in welcher Gegend die Insel Chairman überhaupt liegt.«

Auf eine hierüber von Gordon an sie gestellte Frage hatte Kate keine Antwort geben können. Nach dem Brande des »Severn« und nachdem der Steuermann Evans die Schaluppenführung übernommen, war er bestrebt gewesen, das Festland Amerikas, von dem die Insel also nicht gar zu weit entfernt sein konnte, anzulaufen. Uebrigens hatte er niemals den Namen der Insel verlauten lassen, nach welcher der Sturm ihn verschlagen. Da jedoch die zahlreichen Inselgruppen der Küste in einer verhältnißmäßig geringen Entfernung von einander liegen, hatte es einige Wahrscheinlichkeit für sich, daß Walston versuchen würde, diese zu erreichen, und daß er deshalb ein Interesse daran hatte, inzwischen auf dem östlichen Ufer zu verbleiben. Gelang es ihm nämlich, sein Boot wieder in seetüchtigen Zustand zu bringen, so konnte es keine zu große Mühe kosten, es nach irgend einem Lande Südamerikas überzuführen.

»Mindestens, bemerkte hierzu Briant, wenn Walston, als er, nach der Mündung des East-river gelangt, nicht Spuren Deines Vorüberkommens, Doniphan, entdeckt und daraufhin beschlossen hat, seine Nachforschungen hier weiter fortzusetzen.

– Welche Spuren? antwortete Doniphan. Ein Häufchen verglommener Asche? … Und was könnte er daraus schließen? Etwa, daß die Insel bewohnt sei? Nun, in diesem Falle denk‘ ich, würden die Schurken nur daran denken, sich zu verbergen …

– Ganz richtig, erwiderte Briant, außer wenn sie sich zufällig überzeugen könnten, daß die Bevölkerung der Insel auf eine Handvoll Kinder hinauskommt. Thun wir also ja nichts, was sie davon unterrichten könnte, wer wir sind! Das veranlaßt mich auch, Dich zu fragen, Doniphan, ob Du bei Deiner Rückkehr nach der Deception-Bai etwa einzelne Flintenschüsse abgegeben hast?

– Nein, ganz ausnahmsweise nicht, versicherte Doniphan lächelnd, denn ich verpaffe gern ein wenig Pulver! Seit wir die Küste verließen, waren wir jedoch hinreichend mit eßbarem Wild versehen und kein Knall hat unsere Gegenwart verrathen, kein Krachen eines Schusses hat unsere Anwesenheit kundgeben können. Gestern Nacht hätte zwar Wilcox beinahe auf den Jaguar gefeuert; glücklicher Weise kamst Du aber noch zur rechten Zeit, es zu verhindern, Briant, und – mir das Leben zu retten, indem Du das Deinige auf’s Spiel setztest.

– Ich wiederhole Dir, Doniphan, daß ich nur gethan habe, was Du an meiner Stelle nicht unterlassen hättest. – Und nun in nächster Zukunft keinen Flintenschuß mehr! – Verzichten wir auch auf den Besuch der Traps-woods und leben wir von unseren Vorräthen.«

Selbstverständlich war Briant seit seiner Heimkehr nach French-den jede Pflege zu Theil geworden, welche seine Verwundung, deren Vernarbung übrigens bald vollendet war, erforderte. Er behielt davon nur eine gewisse Behinderung der Beweglichkeit des Armes – doch auch diese verschwand schon nach kurzer Zeit gänzlich.

Inzwischen neigte sich der Monat October seinem Ende zu, ohne daß von Walston in der Umgebung des Rio Sealand etwas zu entdecken gewesen wäre. War er also nach Ausbesserung der Schaluppe wieder abgefahren? Das schien nicht unmöglich, denn, wie Kate sich erinnerte, war er in Besitz einer Axt und konnte sich auch jener starkklingigen Messer bedienen, wie sie die Matrosen stets bei sich führen; an Holz fehlte es in der Nähe der Severn-shores außerdem ja auch nicht.

Bei der Unsicherheit in dieser Beziehung, mußte immer die gewohnte Lebensweise eine Aenderung erfahren und vorzüglich konnten keine weiteren Ausflüge mehr unternommen werden, bis auf den einen, als Doniphan und Baxter auszogen, um den Signalmast niederzulegen, der doch bisher auf dem Gipfel des Auckland-hill sich erhob.

Von diesem Punkte aus betrachtete Doniphan mit dem Fernrohre die grünen Flächen, welche sich nach Osten hin erstreckten. Obwohl sein Blick nicht bis zum jenseitigen Ufer reichte, das ja durch den ganzen Beechs-forest verdeckt wurde, so hätte er es doch wahrnehmen müssen, wenn sich eine Rauchsäule in der Luft erhoben hätte – was dann darauf hinwies, daß Walston und seine Spießgesellen noch auf der Insel verweilten. Nach jener Richtung hin sah Doniphan aber nichts, ebensowenig freilich nach der der Sloughi-Bai, deren Gewässer auch weiter hinaus vollständig verlassen war.

Seit jeder Ausflug nun verboten war und seitdem die Gewehre in Ruhe gelassen werden mußten, hatten sich die Jäger der Colonie genöthigt gesehen, ihre mit Vorliebe gepflegte Thätigkeit einzustellen.

Zum Glück lieferten die in der Nähe von French-den errichteten Fallen und Schlingen eßbares Wild in ausreichender Menge, und außerdem hatten sich die Tinamus und die Trappen im Hühnerhofe so stark vermehrt, daß Service und Garnett sich gezwungen sahen, einen Theil derselben zu opfern. Da man sich ferner einen bedeutenden Vorrath an Blättern des Theebaumes gesichert und große Mengen jenes Ahornsaftes eingesammelt hatte, der sich so leicht in Zucker verwandelt, wurde es nicht nöthig, erst bis zum Dike-creek hinaus zu gehen, um diese Vorräthe zu erneuern. Und selbst wenn der Winter eintrat, bevor die jungen Colonisten ihre Freiheit wieder erlangt hatten, waren sie hinreichend mit Oel für ihre Laternen und mit Fleischspeisen für die Küche versehen. Nur Brennmaterial allein mußte hereingeholt werden, das fand sich aber in den umgestürzten Stämmen der Bog-woods, welche auf kurzem Wege längs des Rio Sealand ohne besondere Gefahr zu erreichen waren.

In jener Zeit trug sogar eine neue Entdeckung zu dem Wohlbefinden in French-den noch weiter bei.

Diese Entdeckung verdankte man nicht Gordon, der übrigens recht umfassende Kenntnisse in der Botanik besaß, sondern Kate war es, welcher das Verdienst für dieselbe zufiel.

Am Rande der Bog-woods stand nämlich eine gewisse Anzahl Bäume, die fünfzig bis sechzig Fuß in der Höhe messen mochten. Wenn diese bisher von der Axt verschont geblieben waren, rührte das daher, daß ihr sehr faseriges Holz die Koch- und Heizöfen der Halle und der Einfriedigung nur sehr unzulänglich erhitzt hätten. Sie trugen längliche, an den Knoten der Zweige wechselständig sitzende Blätter, deren Ende in eine scharfe Spitze auslief.

Gleich das erste Mal – am 25. October – als Kate diese Bäume erblickte, rief sie:

»Ah! … Da sind ja Kuhbäume!«

Dole und Costar, welche sie begleiteten, schlugen darüber ein helles Gelächter auf.

»Was, Kuhbäume? sagte der Eine.

– Fressen die Kühe diese Bäume? fragte der Andere.

– Nein, Ihr kleinen Papooses, nein, antwortete Kate, daß man sie so nennt, kommt daher, weil sie Milch geben, und sogar bessere Milch als Eure Vigogne-Schafe.«

Nach French-den zurückgekehrt, machte Kate Gordon von ihrer Entdeckung Meldung. Gordon rief sofort Service herzu und Beide begaben sich mit Kate noch einmal nach dem Saume der Bog-woods. Nachdem er den Baum aufmerksam betrachtet, meinte Gordon, er müsse zu den »Galactodendrons« gehören, welche in den Wäldern Nordamerikas in großer Menge vorkommen, und er täuschte sich hierin auch nicht.

Eine kostbare Entdeckung! In der That genügte es, einen Einschnitt in die Rinde dieser Galactodendrons zu machen, um einen milchähnlichen Saft ausfließen zu lassen, der den Geschmack und die ernährenden Eigenschaften der Kuhmilch hat. Außerdem bildet dieser Saft, wenn man ihn gerinnen läßt, eine vorzügliche Art Käse und liefert daneben ein sehr reines Wachs, das dem Bienenwachs vergleichbar und zur Anfertigung von sehr schönen Kerzen verwendbar ist.

»Ei nun, rief Service, wenn das ein Kuhbaum oder vielmehr eine Baumkuh ist, dann müssen wir sie auch melken!«

Ohne eine Ahnung davon zu haben, gebrauchte der übermüthige Knabe hiermit denselben Ausdruck, dessen sich die Indianer stets bedienen, indem diese gewöhnlich sagen: »Ans Werk, wir wollen den Baum melken!«

Gordon machte also einen Schnitt in die Rinde des Galactodendrons und aus diesem floß ein Saft hervor, von dem Kate reichlich zwei Pinten in einem mitgebrachten Gefäße auffing.

Es war das eine schön weiße, appetitlich aussehende Flüssigkeit, welche die nämlichen Bestandtheile wie die Kuhmilch enthält. Dieselbe ist aber noch nahrhafter, konsistenter und von viel angenehmerem Geruche. Das Gefäß wurde in French-den sehr schnell geleert und Costar befleckte sich damit den Mund wie eine junge Katze. Bei dem Gedanken, was er daraus Alles herzustellen vermochte, verhehlte auch Moko seine ganz besondere Befriedigung nicht. Zu sparen brauchte er hiermit auch nicht, denn jene »Heerde« von Galactodendrons, welche in großer Menge so vorzügliche Pflanzenmilch lieferte, stand ganz in der Nähe.

In der That, und das kann nicht oft genug wiederholt werden, hätte die Insel Chairman auch die Bedürfnisse einer weit größeren Colonie decken können, und jedenfalls war das Leben der Knaben hier auf lange Zeit hinaus völlig gesichert. Außerdem machte das Erscheinen Kate’s unter ihnen, die Pflege, welche sie von dieser wohlwollenden Frau erwarten konnten, der sie eine wirklich mütterliche Liebe einflößten, dasselbe nur um so leichter und angenehmer.

Warum mußte nun aber die frühere Sicherheit auf der Insel Chairman so traurig gestört werden! Welch‘ wichtige Entdeckungen hätten Briant und seine Kameraden ohne Zweifel noch gemacht, wenn sie auch die fast ganz unbekannten östlichen Gebietstheile hätten genauer untersuchen können, ein Vorhaben, auf das sie gegenwärtig natürlich verzichten mußten, und würde es ihnen jemals gestattet sein, ihre Ausflüge wieder aufzunehmen, bei denen sie sich nur gegen die Begegnung mit Raubthieren zu schützen hatten, mit minder gefährlichen Raubthieren, als jene Bestien in Menschengestalt, gegen die sie jetzt Tag und Nacht auf ihrer Hut sein mußten?

Bis zu den ersten Tagen des Novembers wurden indeß keine verdächtigen Spuren in den Umgebungen von French-den aufgefunden. Briant legte sich schon die Frage vor, ob die Matrosen vom »Severn« wirklich noch auf der Insel wären. Doniphan hatte jedoch mit eigenen Augen gesehen, in welch‘ traurigem Zustande deren Boot sich befand, daß dessen Mast abgebrochen, sein Segel zerrissen und seine Planken durch die Spitzen der Riffe durchlöchert waren. Freilich, und dem Steuermanne Evans konnte das nicht unbekannt sein, wenn die Insel Chairman in der Nähe eines Festlandes oder einer Inselgruppe lag, so konnte die nothdürftig ausgebesserte Schaluppe wohl benützt werden, um eine verhältnißmäßig kurze Ueberfahrt damit zu wagen. Es war also glaublich, daß Walston Alles daran gesetzt haben könne, die Insel zu verlassen … Darüber mußte man sich jedoch erst Gewißheit verschaffen, ehe die gewohnte Lebensweise wieder aufgenommen werden konnte.

Mehrmals hatte Briant schon die Absicht gehabt, nach der Gegend im Osten des Family-lake auf Erkundigung auszuziehen. Doniphan, Baxter, Wilcox verlangten nun danach, ihn begleiten zu können. Sich aber der Gefahr auszusetzen, Walston in die Hände zu fallen und diesem damit Aufklärung zu geben, mit wie wenig zu fürchtenden Gegnern er es hier zu thun habe, das hätte leicht die bedauerlichsten Folgen nach sich ziehen können. Deshalb redete es denn Gordon, dessen Rath noch immer williges Gehör fand, Briant aus, sich in die Tiefen des Beechs-forest zu wagen.

Da machte Kate einen Vorschlag, der nichts von diesen Gefahren fürchten ließ.

»Herr Briant, begann sie eines Abends, als die jungen Colonisten alle in der Halle versammelt waren, wollen Sie mir gestatten, Sie morgen mit Tagesanbruch zu verlassen?

– Uns verlassen, Kate? fragte Briant.

– Ja, Sie können nicht immer in dieser Ungewißheit bleiben, und um zu erfahren, ob Walston noch auf der Insel ist, erbiete ich mich nach der Stelle zu gehen, nach welcher wir durch den Sturm verschlagen wurden. Ist die Schaluppe noch daselbst, so hat Walston nicht wegfahren können … Ist sie nicht mehr zur Stelle, so haben Sie nichts mehr von ihm zu fürchten.

– Was Sie da thun wollen, Kate, erklärte Doniphan, ist genau dasselbe, was wir, Briant, Baxter, Wilcox und ich, uns schon selbst vorgenommen hatten.

– Zugegeben, Herr Doniphan, erwiderte Kate. Doch was für Sie sehr gefährlich war, kann es ja für mich nicht sein.

– Doch, Kate, ließ Gordon sich vernehmen, wenn Sie nun Walston wieder in die Hände fallen …

– Nun, antwortete Kate, dann befinde ich mich nur in derselben Lage wie vorher, als ich entfloh, das ist Alles.

– Und wenn der Elende Sie gar umbringt, was ja gar nicht unwahrscheinlich ist? … meinte Briant.

– O, wenn ich ihm das erste Mal entgangen bin, gab Kate zuversichtlich zur Antwort, warum sollte mir das nicht ein zweites Mal gelingen, zumal wo ich jetzt den Weg nach French-den kenne? Und wenn es sich nun gar fügte, daß ich mit Evans entfliehen könnte, dem ich Alles, was Sie betrifft, gleich mittheilen würde, wie hilfreich, wie nützlich müßte der wackere Master für Sie Alle werden!

– Wenn Evans die Möglichkeit zur Flucht geboten wäre, wandte Doniphan ein, warum sollte er sie noch nicht benützt haben? … Treibt ihn nicht das nämliche Interesse, sich zu retten? …

– Doniphan hat Recht, sagte Gordon. Evans kennt das Geheimniß Walston’s und seiner Spießgesellen, die sich gar nicht besinnen würden, ihn zu tödten, wenn sie seiner nicht zur Führung der Schaluppe nach dem Festlande Amerikas bedürften. Wenn er sich ihrer Gesellschaft also noch nicht entzogen hat, kann es nur daran liegen, daß er jeden Augenblick scharf überwacht wird …

– Oder daß er einen Fluchtversuch schon mit dem Leben bezahlt hat! setzte Doniphan hinzu. Und auch Sie, Kate, wenn Sie wieder gefangen würden …

– Glauben Sie mir, versicherte Kate, daß ich alles Mögliche thun werde, mich nicht wieder ergreifen zu lassen.

– Daran zweifl‘ ich nicht, antwortete Briant, wir werden aber nie zugeben, daß Sie sich dieser Gefahr aussetzen. Nein, es ist doch besser, ein minder gefährliches Mittel zu ersinnen, um zu erfahren, ob Walston sich noch auf der Insel Chairman befindet.«

Da Kate’s Vorschlag entschieden zurückgewiesen worden war, galt es nun blos, ohne Begehung einer Unklugheit, auf der Wacht zu sein. War Walston überhaupt in der Lage, die Insel zu verlassen, so that er das gewiß vor Eintritt der schlechten Jahreszeit, um nach einem Lande zu kommen, wo er und die Seinigen einen Empfang fanden, wie man ihn Schiffbrüchigen, diese mögen kommen, woher sie wollen, gewöhnlich zu Theil werden läßt.

Angenommen übrigens, daß Walston noch hier war, so schien er doch kaum die Absicht zu haben, das Innere weiter zu untersuchen. Wiederholt fuhren Doniphan, Briant und Moko in dunklen Nächten mit der Jolle über den Family-lake hin, beobachteten dabei aber niemals, weder am entgegengesetzten Ufer noch unter den den East-river umgebenden Bäumen den Schein eines verdächtigen Feuers.

Immerhin blieb es sehr peinlich, unter diesen Verhältnissen zu leben, ohne den zwischen dem Rio Sealand, dem See, dem Walde und dem Steilufer gelegenen Raum überschreiten zu dürfen. Briant sann deshalb auch unausgesetzt auf ein Mittel, sich wegen der Anwesenheit Walston’s Gewißheit zu verschaffen und gleichzeitig auszukundschaften, wo er etwa sein Lager aufgeschlagen habe. Um das zu erreichen, genügte es vielleicht, sich während der Nacht einmal zu einer gewissen Höhe zu erheben.

Daran dachte auch Briant und dieser Gedanke verwandelte sich in ihm allmählich zur fixen Idee. Leider enthielt die Insel Chairman, abgesehen von dem Steilufer, dessen Kamm eine Höhe von zweihundert Fuß auch nirgends überschritt, keine einzige bedeutendere Bodenerhebung. Viele Male hatten sich Doniphan und zwei oder drei Andere nach dem Gipfel des Auckland-hill begeben, konnten von dieser Stelle aus aber nicht einmal das jenseitige Ufer des Family-lake erblicken, also hätte ihnen auch kein Rauch, kein Feuerschein über dem östlichen Horizonte wahrnehmbar werden können. Es war vielmehr nothwendig, sich um einige hundert Fuß höher zu erheben, um einen Gesichtskreis zu gewinnen, der sich bis zu den ersten Felsen der Deception-Bai hinaus erstreckte.

Da erwachte in Briant eine so kühne – man könnte sagen »tollhäuslerische« – Idee, daß er sie anfänglich selbst zurückwies. Sie bemächtigte sich seiner nach und nach aber mit solcher Hartnäckigkeit, daß sie endlich in seinem Gehirne tiefe Wurzeln schlug.

Wie wir wissen, war das Vorhaben mit dem Drachen seinerzeit unterbrochen worden. Nach der Auffindung Kate’s und nach deren Meldung, daß die Schiffbrüchigen vom »Severn« noch auf der östlichen Küste weilten, hatte man auf das Project verzichten müssen, einen Apparat in die Luft aufzulassen, der von allen Punkten der Insel sichtbar gewesen wäre.

Doch, wenn dieser Drache nicht mehr als Signal verwendet werden konnte, war es da nicht möglich, ihn zum Zwecke der wegen der Sicherheit der Insel so dringend nöthigen Auskundschaftung zu verwerthen?

Gewiß, und an diesen Gedanken eben klammerte sich Briant. Er erinnerte sich, in einer englischen Zeitschrift gelesen zu haben, daß eine Frau gegen Ende des letzten Jahrhunderts so kühn gewesen sei, an einem eigens für diesen gefährlichen Aufstieg hergestellten Drachen hängend, sich in die Lüfte zu erheben. [Fußnote]

Was aber eine Frau ausgeführt hatte, sollte das ein kräftiger Knabe nicht auch wagen können? Daß sein Vorhaben mit einiger Gefahr verknüpft war, kümmerte ihn sehr wenig. Das Risico dabei erschien ihm verschwindend gegenüber den Erfolgen, die er zu erzielen hoffte, und wenn alle von der Vorsicht gebotenen Maßregeln ergriffen wurden, war ja nicht wenig Aussicht vorhanden, daß der kühne Versuch vollständig glückte. Deshalb wiederholte sich Briant auch immer, obwohl er nicht im Stande war, mathematisch die Steigkraft, welche ein Apparat dieser Art haben mußte, zu berechnen, daß dieser Apparat doch vorhanden war und es schon hinreichen würde, ihm größere Ausdehnung und mehr Festigkeit zu verleihen. Erhob er sich dann mittels desselben in der Nacht einige hundert Fuß hoch in die Luft, so gelang es ihm vielleicht, den Schein eines Lagerfeuers auf der Insel, und zwar allen Voraussetzungen nach in dem Theile derselben zwischen dem Binnensee und der Deception-Bai, zu entdecken.

Es wäre ein Unrecht, über die Idee des wackeren und zu jedem Wagestücke entschlossenen Knaben die Achseln zu zucken. Unter dem Drucke der ihn beherrschenden Vorstellung war er dahin gelangt, sein Vorhaben nicht allein für ausführbar zu halten – nach dieser Seite konnte ja eigentlich kein Zweifel aufkommen – sondern es auch für gefahrloser anzusehen, als es ihm anfangs selbst vorkam.

Jetzt handelte es sich für ihn also nur noch um die Zustimmung seiner Kameraden, und am Abende des 4., nachdem er Gordon, Doniphan, Wilcox, Webb und Baxter um eine vertrauliche Unterredung ersucht, setzte er diese in Kenntniß, daß er den Drachen zu benützen gedenke.

»Benützen? … fragte Wilcox. Und wie verstehst Du das? … Willst Du ihn jetzt noch aufsteigen lassen?

– Gewiß, antwortete Briant, weil ich voraussetze, wir hätten ihn doch zu diesem Zwecke angefertigt.

– Während des hellen Tages? erkundigte sich Baxter weiter.

– Nein, Baxter; da würde er der Wahrnehmung Walston’s schwerlich entgehen, während der Nacht dagegen …

– Wenn Du dann eine Laterne daran hängst, fiel ihm Doniphan ins Wort, wird er ebenfalls dessen Aufmerksamkeit erregen.

– So hänge ich eben keine Laterne daran.

– Wozu soll er dann aber nützen? … fragte Gordon.

– Zur Aufklärung darüber, ob die Mannschaft vom »Severn« noch auf der Insel ist.«

Briant setzte nun sein Vorhaben nicht ohne die Befürchtung, es nur mit wenig ermuthigendem Kopfschütteln aufgenommen zu sehen, in wenigen Worten näher auseinander.

Seinen Kameraden fiel es gar nicht ein, darüber zu lachen. Sie spürten nicht die geringste Veranlassung dazu, und bis auf Gordon, der sich fragte, ob Briant wirklich im Ernste spreche, schienen die Anderen sehr geneigt, ihm völlig beizustimmen. Die jungen Leute hatten sich jetzt thatsächlich so sehr an Gefahren jeder Art gewöhnt, daß eine unter diesen Verhältnissen unternommene nächtliche Auffahrt ihnen ganz ausführbar erschien. Uebrigens galt es ihnen als selbstverständlich, daß dabei jede denkbare Maßregel zur Sicherstellung des Erfolges getroffen werde.

»Wäre aber, bemerkte Doniphan, das Gewicht eines Beliebigen von uns nicht zu groß für den Drachen, wie wir diesen hergestellt haben?

– Gewiß, antwortete Briant. Natürlich werden wir ihn vergrößern und sein Gestell verstärken müssen.

– Ich möchte überhaupt wissen, sagte Wilcox, ob der Widerstand eines solchen Drachen je so groß sein könne …

– Das ist wohl nicht zweifelhaft, fiel ihm Baxter ins Wort.

– Und obendrein durch den Versuch schon bewiesen,« setzte Briant hinzu.

Er berichtete darauf von der obenerwähnten Frau, welche vor wenigen Jahren eine solche Auffahrt mit Erfolg ausgeführt hatte.

Dann fuhr er fort:

»Alles hängt aber dabei von den Größenverhältnissen des Apparates und von der Stärke des Windes beim Aufsteigen ab.

– Welche Höhe, Briant, fragte Baxter, glaubst Du mit Rücksicht auf Deinen Zweck erreichen zu müssen?

– Wenn man sechs- bis siebenhundert Fuß hinaufkäme, antwortete Briant, so müßte wohl von jedem beliebigen Theile der Insel her ein Feuer wahrzunehmen sein.

– Gut, das ist also auszuführen, rief Service, der dem Gespräche auch mit gelauscht hatte, und zwar ohne jedes Zögern! Ich für meinen Theil hab‘ es herzlich satt, an jeder freien Bewegung gehindert zu sein.

– Und wir ebenso, jetzt schon so lange unsere Fallen nicht mehr nachsehen zu können, schloß Wilcox sich diesem an.

– Und ich nicht minder, meine Flinte gar nicht mehr abfeuern zu dürfen, setzte Doniphan hinzu.

– Auf morgen also!« sagte Briant.

Als er sich dann mit Gordon allein befand, fragte dieser:

»Sage mir, Briant, ist es wirklich Dein Ernst, ein solch‘ halsbrecherisches Unternehmen zu wagen? …

– Ich will es mindestens versuchen, Gordon.

– Es ist aber höchst gefährlich!

– Vielleicht weniger, als wir uns vorstellen.

– Und wer von uns wird erbötig sein, bei diesem Versuche sein Leben auf’s Spiel zu setzen?

– Du, Gordon, Du selbst wärst sicherlich der Erste, wenn das Los Dich dazu bestimmte!

– Soll denn darüber eine Losung entscheiden, Briant? …

– Nein, Gordon; wer von uns sich dieser Aufopferung unterzieht, der soll es aus freiem Entschlusse thun.

– Deine Wahl ist wohl schon getroffen, Briant? …

– Vielleicht!«

Und Briant drückte warm die Hände Gordon’s.

IX.

IX.

Erster Versuch. – Vergrößerung des Apparates. – Zweiter Versuch. – Auf den folgenden Tag verschoben. – Ein Vorschlag Briant’s. – Jacques‘ Vorschlag. – Das Geständniß. – Briant’s Gedanken. – In der Luft bei dunkler Nacht. – Was sich da zeigt. – Der Wind frischt auf. – Ausgang des Versuches.

———

Am Morgen des 25. Novembers gingen Briant und Baxter ans Werk. Ehe sie dem Apparate aber größere Dimensionen gaben, schien es rathsam, zu wissen, welches Gewicht er in seinem jetzigen Zustande wohl zu tragen vermöge. Das gestattete dann, bei dem Mangel wissenschaftlicher Formeln, durch Versuche die ausreichende Fläche zu bestimmen, welche er erhalten mußte, um – abgesehen von seinem Eigengewichte – eine Last von mindestens hundertzwanzig oder hundertdreißig Pfund mitzunehmen.

Es war nicht nöthig, zu diesem ersten Versuche die Nacht abzuwarten. Augenblicklich wehte der Wind von Südwesten her, und Briant glaubte keine Ursache zu haben, diesen unbenützt zu lassen, wenn der Drache nur in so geringer Höhe festgehalten wurde, daß man ihn vom östlichen Seeufer aus nicht wahrnehmen konnte.

Der Versuch gelang nach Wunsch und lieferte das Ergebniß, daß der Apparat bei mäßigem Winddrucke einen zwanzigpfündigen Sack aufhob. Eine vom »Sloughi« herrührende Schnellwage hatte gestattet, dieses Gewicht sehr genau zu bestimmen.

Der Drache wurde nun wieder herunter gezogen und auf den Boden der Sport-terrace niedergelegt.

In erster Linie verstärkte nun Baxter dessen Gestalt mit Hilfe von dünnen Stricken, die in einem Mittelknoten so zusammenliefen, wie die Fischbeinstäbe eines Regenschirmes in dem auf dem Stocke gleitenden Ringe. Dann wurde seine Oberfläche durch allseitige Verlängerung des Gestelles und einen weiteren Leinenbezug vergrößert, bei welcher Arbeit sich Kate ganz besonders nützlich erwies. An Nadeln und Nähfaden fehlte es in French-den ja nicht, und die geschickte Aufwärterin verstand sich vortrefflich auf Näharbeiten.

Wären Briant und Baxter in der Mechanik »stärker« gewesen, so hätten sie bei Herstellung ihres Apparates gewiß die in Betracht kommenden Grundprincipien, das Gewicht, die ebene Oberfläche, den Mittelpunkt der Schwere, den des Winddruckes – welcher mit dem Mittelpunkte der Gestalt des Apparates zusammenfällt – und endlich den Anheftungspunkt der Schnur genauer beachtet. Aus solchen Berechnungen hätten sie dann den Schluß gezogen, wie groß die Steigkraft des Drachens sein und welche Höhe er dabei erreichen konnte. Außerdem hätten sie auch durch Rechnung die Stärke der Schnur ermitteln können, welche der dann auf sie wirkenden Spannung genügend widerstehen konnte – eine der wichtigsten Bedingungen für die persönliche Sicherheit des Beobachters.

Glücklicherweise paßte die Schnur, welche früher für das Log des Schooners gedient hatte und gegen zweitausend Fuß lang war, hierzu vollkommen. Uebrigens »zieht« ein Drache, selbst bei frischer Brise, nicht allzustark, wenn nur der Haltepunkt an der »Wage« richtig gewählt ist. Es galt also, diesen Punkt, von dem die Neigung des Apparates gegen den Wind und hiervon dessen Stabilität abhängt, sorgsam zu bestimmen.

Zu dem jetzt vorliegenden Zwecke bedurfte der Drache keines Schwanzes am unteren Ende, worüber sich Dole und Costar nicht wenig härmten. Ein solcher war jedoch unnöthig; das mit in die Höhe genommene Gewicht mußte schon hinreichen, einen »Kopfsturz« desselben zu verhindern.

Nach mehrfachen Versuchen fanden Briant und Baxter heraus, daß die Last am unteren Drittel des Gestelles und zwar an einer der Querlatten befestigt werden mußte, welche die Leinwand der Breite nach ausgespannt erhielten. Zwei an dieses Querstück geknüpfte Stricke sollten diese dann etwa zwanzig Fuß weiter unten schwebend erhalten.

Die Halteschnur richtete man in einer Länge von etwa zwölfhundert Fuß vor, was, die Ausbiegung eingerechnet, die Erreichung einer Höhe von sieben- bis achthundert Fuß gestatten mußte.

Um endlich den Gefahren eines Absturzes so viel wie möglich vorzubeugen, wenn etwa die Schnur doch zerreißen oder ein Bruch des Gestells eintreten sollte, wurde beschlossen, den Aufstieg über dem See vorzunehmen. Die horizontale Entfernung, in welcher ein solcher Sturz erfolgen mußte, konnte übrigens in keinem Falle so groß sein, daß ein geübter Schwimmer das westliche Ufer nicht hätte erreichen können.

Nach Vollendung des Apparates zeigte dieser eine Oberfläche von siebenzig Quadratmetern bei achteckiger Gestalt, deren Radius fünfzehn Fuß und von der jede Seitenlinie vier Fuß maß. Mit seinem sehr haltbaren Gestell und der für den Wind undurchlässigen Leinwand mußte er ein Gewicht von hundert bis hundertzwanzig Pfund leicht mitnehmen.

Betreffs der »Gondel«, in welcher der Beobachter Platz nehmen sollte, so bestand diese einfach aus einem jener Körbe aus Rohrgeflecht, wie sie auf Schiffen zu mancherlei Zwecken dienen. Dieser war tief genug, um einen Knaben von mittlerer Größe bis an die Achselhöhlen aufzunehmen, und weit genug, um ihm sowohl freie Bewegung zu gestatten, als auch leicht aus demselben herausspringen zu können, wenn das die Noth erforderte.

Wie man sich leicht denken kann, war diese Arbeit nicht in einem und auch nicht in zwei Tagen abgethan. Am Morgen des 5. begonnen, wurde sie erst am Nachmittage des 7. vollendet. Man verlegte also auf diesen Abend einen Probeaufstieg, der die Steigkraft des Apparates und seine Stabilität in der Luft erkennen lassen sollte.

Während der letzten Tage hatte sich die allgemeine Lage in keiner Hinsicht verändert. Wiederholt waren die Einen oder die Andern stundenlang zum Auslugen auf dem Steilufer geblieben. Sie sahen dabei aber nichts Verdächtiges, weder im Norden zwischen French-den und dem Saume der Traps-woods, noch im Süden, jenseits des Rio, oder im Westen, nach der Sloughi-Bai zu; ebenso wenig auch auf dem Family-lake, zu dem Walston vor dem Verlassen der Insel doch hätte leicht genug vordringen können. Kein Knall ließ sich in der Umgebung des Auckland-hill hören; keine Rauchsäule wirbelte am Horizonte auf.

Konnten Briant und seine Kameraden also wohl hoffen, daß jene Uebelthäter die Insel Chairman endgiltig wieder verlassen hätten? Sollte es ihnen endlich vergönnt sein, ihre gewohnte Lebensweise in aller Sicherheit wieder aufzunehmen?

Darüber sollte jenes bald auszuführende Vorhaben jedenfalls Aufklärung verschaffen.

Jetzt blieb nur noch eine »technische Frage« zu lösen übrig: Wie sollte Derjenige, welcher in dem Nachen oder vielmehr der »Küpe« Platz nahm, in die Lage gesetzt werden, ein Signal zu geben, wenn er es für angezeigt hielt, wieder nach der Erde herabgezogen zu werden?

Darüber sprach sich Briant aus, als ihn Doniphan und Gordon deshalb befragten.

»An ein Lichtsignal ist nicht zu denken,« erklärte Briant, »denn das könnte von Walston ebenso gut bemerkt werden. Baxter und ich, wir haben Folgendes verabredet. Ein Bindfaden, ebenso lang wie die Schnur des Drachen, soll, nachdem er erst durch eine in der Mitte durchbohrte kleine Bleikugel gezogen ist, mit dem einen Ende am Nachen befestigt werden, während das andere unten auf der Erde in den Händen eines von uns bleibt. Es wird dann genügen, die Kugel am Bindfaden hinabgleiten zu lassen, um das Zeichen zum Herunterziehen des Drachen zu geben.

– Gut ausgeklügelt!« meinte Doniphan.

Nachdem man sich also über Alles verständigt, war nur noch der Probeaufstieg des Apparates allein, nebst einer entsprechenden Last, vorzunehmen. Der Mond konnte vor zwei Uhr Nachts nicht aufgehen, und es wehte überdies eine geeignete von Südwesten kommende Brise. Die Bedingungen erschienen also ganz günstig, um noch denselben Abend zu diesem Versuche vorzuschreiten.

Um neun Uhr war es schon tief dunkel. Einige ziemlich dichte Wolken zogen durch die Luft über einen fast sternenlosen Himmel hin. Der Apparat mochte sich jetzt noch so hoch erheben, so konnte er nicht einmal aus der Nähe von French-den her mehr gesehen werden.

Große und Kleine sollten diesem Versuche beiwohnen, und da es sich dabei nur um einen »Probepfeil«, wie man zu sagen pflegt, handelte, so folgten alle den einzelnen Stadien desselben mit mehr eigentlichem Vergnügen als mit innerer Erregung.

Nach der Mitte der Sport-terrace hatte man eine Winde von »Sloughi« geschafft und gut im Erdboden befestigt, um dem starken Zuge des Apparates widerstehen zu können. Die lange, sorgfältig aufgewickelte Schnur wurde ebenso wie der zur Signalgebung bestimmte Bindfaden so vorbereitet, daß sie ganz leicht abrollen konnten. In den Nachen hatte Briant einen Sack mit Erde gesetzt, der genau hundertdreißig Pfund und damit mehr wog als der schwerste seiner Kameraden.

Doniphan, Baxter, Wilcox und Webb stellten sich bei dem, etwa hundert Schritte von der Winde auf der Erde liegenden Drachen auf. Auf Briant’s Zuruf sollten sie diesen mittels Schnuren, welche an den Querlatten des Gestells angebracht waren, langsam in die Höhe richten. Sobald der Apparat, entsprechend seiner durch Anordnung der Wage bedingten Neigung, genügend Wind abfing, sollten Briant, Gordon, Service, Garnett und Croß, welche zur Bedienung der Winde bereit standen, ihm je nach seinem Aufsteigen in die Luft mehr Schnur abrollen lassen.

»Achtung! rief Briant.

– Wir sind fertig! antwortete Doniphan.

– Los!«

Der Apparat erhob sich langsam, erzitterte und knarrte ein wenig unter dem Drucke des Windes und neigte sich dann nach vorwärts gegen diesen.

»Nachlassen! … Schnur nachlassen!« rief Wilcox.

Sofort begann die Welle der Winde sich in Folge der Schnuranspannung zu drehen, während der Drachen sich mit dem belasteten Korbe langsam in die Luft erhob.

Obwohl es eine Unklugheit war, erschallten doch freudige Hurrahs, als der »Riese der Lüfte« von der Erde emporschwebte. Sofort verschwand er aber auch schon in der Dunkelheit, zum größten Mißvergnügen Iverson’s, Jenkins‘, Dole’s und Costar’s, die ihn gerne stets im Auge behalten hätten, während er über dem Family-lake schaukelte. Das veranlaßte Kate, ihnen zum Troste zuzurufen:

»Laßt nur nicht die Köpfe hängen, meine Papoofes! … Ein andermal, wenn das ohne Gefahr geschehen kann, lassen wir ihn bei hellem Tage steigen, Euren Riesen, und dann dürft Ihr ihm auch, wenn Ihr hübsch gefolgt habt, kleine Briefboten nachschicken.«

Trotz seiner augenblicklichen Unsichtbarkeit, fühlte man doch, daß der Drache gleichmäßig zog, ein Beweis, daß in den oberen Schichten ein anhaltender Wind wehte, der nur einen mäßigen Druck ausübte, und ferner, daß auch die Wage an dem Apparat richtig angebracht war.

Briant ließ, um diesen Versuch, den gegebenen Verhältnissen entsprechend, so überzeugend wie möglich zu gestalten, die Schnur bis ans Ende ablaufen, wodurch er deren Spannung beurtheilen konnte, die sich übrigens als nicht übermäßig erwies. Von der Rolle waren zwölfhundert Fuß derselben abgelaufen, und damit mußte sich der Apparat auf sieben- bis achthundert Fuß erheben. Der ganze Vorgang hatte nicht über zehn Minuten beansprucht.

Nach Vollendung desselben wurden die Kurbeln in Bewegung gesetzt, um die Schnur wieder einzuziehen. Dieser zweite Theil der Arbeit dauerte freilich weit länger, und man brauchte nicht weniger als eine Stunde, um die zwölfhundert Fuß lange Schnur wieder aufzuwickeln.

Ganz wie bei einem Luftballon, ist auch bei einem Drachen die endliche Landung immer die schwierigste Aufgabe, wenn dieselbe ohne Stoß erfolgen soll. Die Brise erwies sich jedoch als so beständig, daß auch das in erwünschtester Weise gelang. Bald trat denn auch das Achteck aus Leinwand wieder aus der Dunkelheit hervor und legte sich ganz sanft, fast genau an der Stelle, wo es emporgestiegen war, auf den Erdboden nieder.

Lustige Hurrahs begrüßten seine Rückkehr, wie sie seine Auffahrt begleitet hatten.

Der Drache brauchte jetzt nur mehr auf der Erde festgehalten zu werden, um ihn keinen Wind fangen zu lassen, und Baxter erbot sich nebst Wilcox, denselben bis Tagesanbruch zu überwachen.

Am folgenden Tage, dem 8. November, sollte zur nämlichen Stunde die entscheidende Auffahrt erfolgen.

Jetzt erwarteten Alle nur noch die Aufforderung Briant’s, um nach French-den zurückzukehren.

Briant äußerte jedoch nichts und schien vielmehr vollständig in Gedanken versunken.

Woran mochte er wohl denken? Etwa an die Gefahren, welche ein unter so außerordentlichen Verhältnissen unternommener Aufstieg mit sich führen mußte? Oder grübelte er über die schwere Verantwortlichkeit, die er dadurch auf seine Schultern lud, daß er einen seiner Kameraden sich in diesem gebrechlichen Nachen erheben ließ?

»Gehen wir heim, sagte endlich Gordon, es wird schon spät …

– Einen Augenblick, antwortete da Briant. – Gordon und Doniphan, wartet doch ein wenig! … Ich habe Euch einen Vorschlag zu machen.

– So sprich! entgegnete Doniphan.

– Wir haben soeben unseren Drachen erprobt, nahm Briant das Wort, und dieser Versuch ist, da die begleitenden Umstände günstig waren, ganz nach Wunsch ausgefallen, denn der Wind hielt sich recht beständig und war auch weder zu stark noch zu schwach. Wissen wir aber schon, wie das Wetter morgen sein wird, ob der Wind uns morgen gestatten wird, den Apparat wirklich über dem See zu erhalten? Und doch erscheint es mir gut, unser Vorhaben nicht zu verschieben.«

Gewiß war das, nachdem der Versuch einmal beschlossen wurde, auch am richtigsten.

Auf jenen Vorschlag hatte indeß Keiner geantwortet. Gegenüber der Aussicht, sich einer so schweren Gefahr auszusetzen, erschien dieses Zögern, selbst von Seiten der Unerschrockensten, ja ganz natürlich.

Als Briant jedoch ohne Umschweife die Frage stellte:

»Wer wird nun mit aufsteigen? rief eine Stimme sofort:

– Ich!« … Jacques hatte sich zuerst gemeldet.

Doch fast gleichzeitig erklang es auch:

»Ich! … Ich! …« und zwar von Seiten Doniphan’s, Baxter’s, Wilcox‘, Croß‘ und Service’s wie aus einem Munde.

Dann entstand ein Stillschweigen, welches sich Briant nicht zu unterbrechen beeilte.

Jacques nahm zuerst wieder das Wort.

»Laß mich es wagen, Bruder! sagte er. Mir kommt es zu! … Mir! … Ich bitte Dich, laß mich mit auffahren!

– Und warum Dir mehr als mir … mehr als jedem Andern? ließ Doniphan sich vernehmen.

– Ja … warum? fragte Baxter.

– Weil es meine Pflicht ist! stieß Jacques hervor.

– Deine Pflicht? … wiederholte Gordon.

– Ja … gewiß!«

Gordon hatte Briant’s Hand ergriffen, wie um diesen nach der Bedeutung der Worte seines jüngern Bruders zu fragen, und er fühlte, daß diese in der seinigen zitterte. Und wäre die Nacht nicht so dunkel gewesen, so hätte er auch die Wangen seines Kameraden erbleichen und dessen Lider sich über die feuchten Augen herabsenken sehen müssen.

»Nun also, Bruder? … fuhr Jacques in entschlossenem und für ein Kind seines Alters erstaunlichem Tone fort.

– Antworte, Briant! sagte Doniphan. Jacques behauptet ein Recht darauf zu haben, sich für uns in Gefahr zu begeben. Haben wir denn nicht dasselbe Recht? … Was hat er gethan, um es für sich zu beanspruchen? …

– Was ich gethan … antwortete Jacques zaudernd, was ich gethan habe … nun, so will ich’s Euch sagen.

– Jacques! rief Briant bestürzt, als wolle er das Geständniß seines Bruders verhindern.

– Nein, nein! rief Jacques mit von Erregung unterbrochener Stimme. Laß mich Alles gestehen! … Es lastet zu schwer auf mir! … Gordon, Doniphan … Ihr Alle, wenn Ihr Euch hier befindet … fern von Euren Eltern auf dieser Insel … so bin ich … ich allein schuld daran! … Daß der »Sloughi« auf’s hohe Meer trieb … kam daher, daß ich aus Unverstand … nein, aus Scherz … in sinnloser Spielerei … die Taue löste, welche ihn am Quai von Auckland festhielten. Ja … die reine tolle Laune! … Und dann, als ich die Yacht abtreiben sah, hab‘ ich den Kopf verloren, habe nicht um Hilfe gerufen, als es noch Zeit war. Dann … eine Stunde später … in dunkler Nacht … auf offener See … Ach, Verzeihung, meine Freunde, Verzeihung!« …

Der arme Knabe schluchzte bitterlich, trotz Kate’s Bemühungen, die ihn zu beruhigen suchte.

»Gut, Jacques! sagte jetzt Briant. Du hast Deinen Fehler eingestanden und willst jetzt das Leben daran wagen, ihn wieder gut zu machen oder wenigstens teilweise das Uebel auszugleichen …

– Hat er das nicht schon längst ausgeglichen? fiel ihm Doniphan, dem Drange seines natürlichen Edelmuthes folgend, ins Wort. Hat er sich nicht zwanzigmal Gefahren ausgesetzt, um uns einen Dienst zu erweisen? … O, Briant, jetzt versteh‘ ich, warum Du Deinen Bruder immer zuerst in’s Treffen schicktest, wenn es ein gefährlicheres Wagestück galt, und ebenso, warum er stets zu jeder Aufopferung bereit war … Aus diesem Grunde wagte er sich in den dicken Nebel hinaus, um Croß und mich aufzusuchen … mit eigener Lebensgefahr aufzusuchen! … Ja, lieber Freund Jacques, wir verzeihen Dir herzlich gern, und Du hast es nicht nöthig, Dir noch besonders Vergebung für Deinen Fehler zu erkaufen!«

Alle umringten Jacques, drückten ihm die Hände, und doch quollen noch immer schmerzliche Seufzer aus dessen Brust. Jetzt wußte man also, warum dieses Kind – sonst der lustigste, aber auch der muthwilligste Zögling der Pension Chairman – hier so traurig geworden war und sich immer abseits zu halten suchte … Dann hatte man gesehen, wie Jacques, wohl auf Verlangen seines Bruders, aber noch mehr aus eigenem Entschlusse, stets mit seiner Person voraus wollte, wo es sich um Bestehung einer Gefahr handelte … Und noch immer glaubte er hierin nicht genug gethan zu haben! … Er verlangte, sich für die Andern aufopfern zu dürfen. Als er die Sprache wieder gefunden, sagte er nur:

»Ihr seht also, mir kommt es zu … mir ganz allein … mit hinaufzufahren. Nicht wahr, Briant?

– Gut, Jacques, schon gut!« wiederholte sein Bruder, der ihn innig in die Arme schloß.

Gegenüber dem Geständnisse, das Jacques eben abgelegt, gegenüber dem von ihm geforderten Rechte versuchten Doniphan und die Andern vergebens Einspruch zu erheben. Es blieb nichts übrig, als ihm zuzugestehen, sich dem Winde, der etwas Neigung zum Auffrischen zeigte, anzuvertrauen.

Jacques drückte seinen Kameraden dankbar die Hand. Schon bereit, in dem von dem Erdsacke befreiten Korbe Platz zu nehmen, wandte er sich noch einmal an Briant zurück. Dieser stand regungslos einige Schritte hinter der Winde.

»Laß mich Dich umarmen, Bruder! sagte Jacques.

– Ja … umarme mich! antwortete Briant, seine Erregung mit Mühe bemeisternd. Oder vielmehr … ich will Dich umarmen … denn ich … ich werde mit auffahren! …

– Du? … rief Jacques.

– Du? … Du? … wiederholten Doniphan und Service.

– Ja … ich! Ob Jacques‘ Vergehen durch ihn oder durch seinen Bruder wettgemacht wird, ändert doch nichts. Als mir übrigens der Gedanke zu diesem Unternehmen kam, habt Ihr jemals glauben können, ich hätte die Absicht gehabt, es einen Andern ausführen zu lassen? …

– Liebster Bruder, bat Jacques, ich flehe Dich darum an! …

– Nein, Jacques!

– Dann, sagte Doniphan, überlaß mir die Ausführung.

– Nein, Doniphan, entgegnete Briant mit einem jeden Widerspruch ausschließenden Tone. Nur ich selbst werde mit aufsteigen. Ich will es!

– Das wußt‘ ich von Dir im Voraus, Briant!« sagte Gordon, in dem er die Hand des Kameraden in der seinen preßte.

Bei diesen Worten war Briant schon in den Nachen gestiegen, und als er ordentlich Platz genommen, gab er Befehl, den Drachen aufzurichten.

Der sich unter dem Drucke des Windes neigende Apparat stieg zuerst langsam empor; darauf ließen Baxter, Wilcox, Croß und Service, welche an der Winde standen, mehr Schnur ablaufen, während Garnett, der den Signalbindfaden in der Hand hielt, diesen nachgleiten ließ.

Binnen zehn Secunden war der »Riese der Lüfte« im Halbdunkel verschwunden, aber nicht unter dem lauten Hurrahrufen, wie es seinen ersten Steigeversuch begleitet, sondern jetzt unter tiefem Stillschweigen.

Das unerschrockene Oberhaupt der kleinen Welt, der edelmüthige Briant, war mit ihm verschwunden.

Der Apparat erhob sich inzwischen regelmäßig, doch langsam. Die Gleichmäßigkeit der Brise sicherte ihm ein vollkommenes Gleichgewicht, so daß er kaum von einer Seite zur andern schwankte. Briant empfand also keine jener Oscillationen, die seine Lage sehr gefahrvoll gemacht hätten. Er hielt sich auch selbst unbeweglich und hatte mit beiden Händen die Aufhängeleine der eigenthümlichen Gondel fest gepackt, welche kaum eine leichte Schaukelbewegung machte, doch welche seltsame Empfindungen erfüllten Briant zuerst, als er sich an dieser großen geneigten Leinenfläche im Luftraume schweben sah und der Drache über ihm unter dem Drucke des Windes leise erzitterte. Es kam ihm vor, als sei er von einem phantastischen Raubvogel entführt worden oder als klammere er sich vielmehr an die Flügel einer ungeheueren Fledermaus. Dank der Energie seines Charakters gelang es ihm, die Kaltblütigkeit zu bewahren, welche sein Unternehmen erforderte.

Zehn Minuten, nachdem der Drache den Boden der Sport-terrace verlassen, verrieth ein schwacher Ruck, daß seine Aufwärtsbewegung beendet sei. An’s Ende der Schnur gelangt, stieg er aber noch ein wenig auf, dieses Mal freilich nicht ohne einige Stöße. Die in lothrechter Linie erreichte Höhe mochte zwischen sechshundert und siebenhundert Fuß betragen.

Briant, der völlig ruhig war, ergriff zuerst den an der Kugel befestigten Bindfaden und begann nachher seine Beobachtungen. Mit einer Hand sich an den Aufhängeleinen haltend, führte er das Fernrohr mit der anderen Hand vor die Augen.

Unter ihm herrschte tiefe Dunkelheit. See, Wälder und Steilufer bildeten eine verschwommene Masse, von der er keine Einzelheiten unterscheiden konnte.

Der Umkreis der Insel hob sich dagegen noch deutlich genug von dem diese umfluthenden Meere ab, und von seinem derzeitigen Standpunkte aus konnte Briant sie sogar im ganzen Umfange übersehen.

Hätte er diesen Aufstieg am hellen Tage ausgeführt und seine Blicke über den lichtbedeckten Horizont schweifen lassen, so würde er vielleicht entweder andere Inseln oder selbst ein Festland haben entdecken müssen, wenn ein solches innerhalb des Radius von vierzig bis fünfzig Meilen lag – eine Entfernung, welche sein Gesichtskreis gewiß umfaßte.

War jetzt gegen Westen, Norden und Süden der Himmel so bewölkt, daß er nach dieser Seite nichts zu erkennen vermochte, so war das nicht der Fall in der Richtung nach Osten, wo ein kleiner Abschnitt des Firmaments jetzt, von Wolken ganz frei, einzelne Sterne herabflackern ließ.

Gerade nach dieser Seite zog da ein ziemlich heller Schein, der sich an den niedrigen Wolkenschichten noch wiederspiegelte, Briant’s Aufmerksamkeit wach.

»Das ist der Schein eines Feuers! sagte er sich. Sollte Walston sein Lager dort aufgeschlagen haben? … Nein, dieses Feuer ist viel zu entfernt und befindet sich unzweifelhaft außerhalb unserer Insel! … Sollte es ein Vulkan sein, der eben einen Ausbruch hätte, und läge demnach ein Land nach dieser Gegend zu?«

Dabei fiel es Briant wieder ein, daß während seines letzten Zuges nach der Deception-Bai ein weißlicher Fleck im Felde seines Fernrohrs aufgetaucht war.

»Ja, murmelte er für sich, das war in dieser Richtung … Und dieser Fleck, sollte das vielleicht der Widerschein eines Gletschers sein? … Dort im Osten muß es ein Land, und zwar ziemlich nahe der Insel Chairman, geben!«

Briant hatte sein Fernrohr auf diesen hellen Schein gerichtet, den die Dunkelheit ringsum noch deutlicher hervortreten ließ. Es unterlag keinem Zweifel, daß sich dort ein feuerspeiender Berg in der Nachbarschaft des schon gesehenen Gletschers befand, der entweder einem Festlande oder einer Inselgruppe angehörte, welche weiter als dreißig Meilen schwerlich entfernt sein konnte.

In diesem Augenblicke bemerkte Briant auch noch einen zweiten Lichtschein; nur weit näher, höchstens fünf bis sechs Meilen weit, und folglich auf der Oberfläche der Insel, flammte ein anderer Feuerschein zwischen den Bäumen im Osten des Family-lake.

»Das ist aber im Walde, sagte er, und zwar an dessen Saume nach der Seite der Küste hin.«

Es schien jedoch, als wäre dieser helle Glanz nur sichtbar geworden, um sofort wieder zu verschwinden, denn es gelang Briant nicht, ihn noch einmal wahrzunehmen.

O, wie schlug ihm da das Herz so stürmisch und wie zitterte seine Hand, daß es ihm ganz unmöglich wurde, das Fernrohr mit genügender Ruhe zu halten!

Eins stand jedoch fest – dort, nicht weit von der Mündung des East-river, loderte ein Lagerfeuer. Briant hatte es bestimmt gesehen, und er erkannte auch bald darauf noch einmal, wie dasselbe durch das Dickicht der Bäume schimmerte.

Walston und seine Bande lagerten also an jenem Punkte, in der Nähe des kleinen Hafens des Bear-rock! Die Mordgesellen vom »Settern« hatten die Insel Chairman nicht verlassen!

Die jungen Colonisten waren ihrem Angriffe nach wie vor ausgesetzt und noch immer gab es in French-den keine Sicherheit wieder!

Welche Enttäuschung bereitete das Briant! Offenbar hatte Walston, bei der Unmöglichkeit seine Schaluppe auszubessern, darauf Verzicht leisten müssen, wieder in See zu gehen, um eines der benachbarten Länder zu erreichen. Und doch gab es deren in der hiesigen Gegend – in dieser Beziehung konnte kein Zweifel mehr aufkommen.

Da Briant seine ihm nöthig erscheinenden Beobachtungen beendet, hielt er es für nutzlos, seinen Aufenthalt in der Luft noch zu verlängern. Er bereitete sich also zum Niedersteigen. Der Wind frischte jetzt merkbar auf. Schon verursachten die stärker gewordenen Oscillationen ein Schwanken des Nachens, welches die Landung bedeutend erschweren mußte.

Nachdem er sich überzeugt, daß der Signalfaden hinreichend angespannt sei, ließ Briant die Kugel hinabgleiten, welche in einigen Secunden in die Hand Garnett’s lief.

Sogleich begann die Schnur an der Winde den Apparat nach dem Boden hin abzuziehen.

Während der Drachen sich aber herabsenkte, blickte Briant noch in der Richtung der von ihm wahrgenommenen Lichtscheine hinaus. Er erkannte dabei noch das Feuer von der Eruption und, weit näher am Ufer, das Lagerfeuer.

Man kann sich wohl vorstellen, daß Gordon und die Uebrigen das Signal zum Abstieg mit größter Ungeduld erwartet hatten, denn die zwanzig Minuten, welche Briant oben in der Luft verweilte, erschienen ihnen über die maßen lang.

Inzwischen handhabten Doniphan, Baxter, Wilcox, Service und Webb nach Kräften die Kurbeln der Winde. Auch sie hatten ja bemerkt, daß der Wind an Stärke zunahm und jetzt auch minder regelmäßig wehte. Sie empfanden das an den Stößen, welche die Schnur erlitt und dachten nicht ohne Besorgniß an Briant, der den Gegenstoß derselben ertragen mußte.

Die Winde arbeitete also sehr rasch, um die zwölfhundertfußlange Schnur wieder aufzuwickeln, welche vorher abgerollt worden war. Der Wind frischte noch weiter auf und dreiviertel Stunde nach dem von Briant gegebenen Signal blies er schon mit voller Kraft.

In diesem Augenblick mochte der Apparat noch gegen hundert Fuß über dem See schweben.

Plötzlich erfolgte ein sehr heftiger Ruck. Wilcox, Doniphan, Service, Webb, Baxter, denen jeder Widerhalt fehlte, wurden dabei bald zur Erde gestürzt. Die Schnur des Drachen war gerissen.

Unter den wildesten Schreckensrufen erschallte da wohl zwanzig Mal der Name:

»Briant! … Briant!« …

Wenige Minuten später sprang Briant auf den Strand und rief mit lauter Stimme.

»Bruder! … Bruder! … jauchzte ihm Jacques entgegen, der zuerst in seinen Armen lag.

– Walston ist noch da!«

Das waren die ersten Worte Briant’s, als seine Kameraden zu ihm herangekommen waren.

Den Augenblick, als die Schnur riß, fühlte Briant nicht einen plötzlichen Sturz, sondern bemerkte, daß er in schräger Richtung und verhältnißmäßig langsam herniedersank, weil der Drache über ihm eine Art Fallschirm bildete. Jetzt hatte er nichts anderes zu thun, als aus dem Nachen frei zu kommen, ehe dieser die Oberfläche des Sees erreichte; kurz vor dem Untertauchen desselben sprang Briant kopfüber hinaus, und da er ein guter Schwimmer war, machte es ihm keine besondere Schwierigkeit, das höchstens noch vier- bis fünfhundert Fuß entfernte Ufer zu gewinnen.

Während dessen war der von seinem Gegengewicht befreite Drache im Nordosten verschwunden und von der steifen Brise gleich einer riesigen »Seetrift« in die Ferne entführt.

XV.

XV.

In den Kanälen. – Die Meerenge. – Der Dampfer »Graston«. – Rückkehr nach Auckland. – Empfang in der Hauptstadt Neuseelands. – Evans und Kate. – Schluß.

———

Die Fahrt durch die Canäle des magellanischen Archipels brauchen wir kaum eingehender zu schildern; sie verlief ohne jeden bemerkenswerthen Zwischenfall. Die Witterung blieb beständig schön. In jenen, nur sechs bis sieben Meilen breiten Wasserstraßen hätte das Meer auch kaum Zeit gehabt, durch einen kurzen Sturm besonders aufgewühlt zu werden.

Alle diese Canäle waren verlassen, und es war fast ein Vortheil zu nennen, mit den Eingeborenen dieser Gegenden, welche nicht sehr gastfreundlicher Natur sind, nicht zusammenzutreffen. Ein- oder zweimal während der Nacht wurden zwar Feuer im Innern der Inseln wahrgenommen, doch zeigte sich kein Bewohner derselben an deren Strande.

Am 11. Februar gelangte die Schaluppe, welche bis hierher stets vom Winde begünstigt worden war, durch den Smyth-Sund, zwischen der Westküste der Insel der Königin Adelaide und den Höhen des König-Wilhelm-Landes in die Magellan-Straße. Zur Rechten erhob sich die St. Anna-Spitze. Zur Linken, im Hintergrunde der Beaufort-Bucht, bauten sich einige jener prächtigen Gletscherriesen auf, von denen Briant einen der höchsten vom Osten der Insel Hannover – der die jungen Colonisten übrigens immer den Namen der Insel Chairman gaben – vor langer Zeit undeutlich gesehen hatte.

An Bord ging Alles gut; man hätte glauben können, daß die mit »Meeresduft« geschwängerte Luft Doniphan ganz besonders zusagte, denn er aß und trank nicht allein, sondern fühlte sich auch schon gekräftigt genug, an’s Land zu gehen, wenn es der Zufall fügte, das frühere Robinsonleben noch einmal zu beginnen.

Im Laufe des 12. gelangte die Schaluppe in Sicht der Insel Tamar bei König Wihelms-Land, deren Hafen oder vielmehr Bucht in diesem Augenblicke ganz verlassen war. Ohne hier beizulegen, schlug Evans also, nach Umschiffung des Cap Tamar, eine südwestliche Richtung durch die Magellan-Straße ein.

Auf der einen Seite dehnte hier das lange Desolations-Land seine flachen, unfruchtbaren Küsten aus, denen die üppiggrüne Pflanzenwelt der Insel Chairman vollständig abging. An der andern zeigten sich die so auffallend vertheilten Einschnitte oder Einzahnungen der Halbinsel Crooker. An dieser hin suchte Evans nun mehr südlich vorzudringen, um das Cap Forward zu umsegeln und die Ostküste der Halbinsel Braunschweig bis zur Niederlassung von Punta Arena hinauf zu steuern.

Es wurde nicht nothwendig, so weit zu gehen.

Am Morgen des 13. rief Service, der im Vordertheile stand:

»Eine Rauchwolke an Steuerbord!

– Der Rauch von einem Fischerfeuer? fragte Gordon.

– Nein … das ist die Rauchsäule eines Dampfschiffes!« erklärte Evans.

In der That lag von hier aus jedes Land zu entfernt, als daß der Rauch eines Lagers von Fischern hätte sichtbar sein können.

Briant erkletterte sogleich das Tauwerk des Mastes, erreichte die Spitze desselben und rief auch seinerseits:

»Ein Schiff! … Ein Schiff!« …

Das Fahrzeug kam bald in Sicht. Es war ein Dampfer von sieben- bis achthundert Tonnen, der mit einer Geschwindigkeit von elf bis zwölf Meilen dahinglitt.

Von der Schaluppe ertönten Hurrahs und krachten die Gewehre.

Die Schaluppe war bemerkt worden, und zehn Minuten später legte sie schon neben dem, auf der Fahrt nach Australien begriffenen Dampfer »Grafton« an.

Mit kurzen Worten war dessen Capitän Tom Long über die Abenteuer des »Sloughi« verständigt worden. Von dem verschollenen Schooner hatte übrigens, in England und Amerika, Jeder mit Theilnahme gehört, und Tom Long beeilte sich also, die Passagiere der Schaluppe an Bord aufzunehmen. Er bot diesen sogar an, sie geraden Weges nach Auckland überzuführen, was für ihn keinen großen Umweg bildete, da der »Grafton« nach Melbourne, der Hauptstadt der Provinz Adelaide, fast ganz im Süden von Australien, bestimmt war.

Die Ueberfahrt ging rasch von statten, und am 25. Februar schon ankerte der »Grafton« auf der Rhede von Auckland.

Bis auf wenige Tage waren jetzt zwei Jahre verflossen, seit die fünfzehn Zöglinge der Pension Chairman achtzehnhundert Meilen weit von Neuseeland verschlagen wurden.

Wir müssen darauf verzichten, die Freude der Familien zu schildern, welchen ihre Kinder unerwartet wiedergegeben waren – diese Kinder, welche man in die Tiefen des Stillen Weltmeers versunken glaubte. – Nicht Eines fehlte von Allen, die einst der Sturm nach der Gegend des untersten Südamerika entführt hatte.

Fast augenblicklich verbreitete sich in der Stadt die Botschaft, daß der »Grafton« die jungen Schiffbrüchigen wieder heimgebracht habe. Die ganze Bevölkerung strömte zusammen und jubelte laut auf, als diese in die Arme ihrer Eltern sanken.

Und wie begierig zeigten sich Alle, genau kennen zu lernen, was sich auf der Insel Chairman zugetragen hatte. Die berechtigte Neugier sollte bald Befriedigung finden. Erstens hielt Doniphan einige Vorträge darüber – Vorträge, welche rauschenden Beifall fanden, worüber der Knabe natürlich nicht wenig stolz war. Dann wurde auch das von Baxter, man kann sagen, Stunde für Stunde vervollständigte Tagebuch von French-den durch den Druck veröffentlicht und es bedurfte vieler, sehr vieler Tausende von Exemplaren, nur um die Leser auf Neuseeland zu befriedigen. Endlich druckten dasselbe die Zeitungen beider Welten in allen Sprachen ab, denn es gab so gut wie Niemand, der sich nicht für den Unfall des »Sloughi« interessirt hätte. Die Klugheit Gordon’s, die Opferwilligkeit Briant’s, die Unerschrockenheit Doniphan’s, wie die stille Ergebung Aller, der Kleinen wie der Großen, fand überall bewundernde Anerkennung.

Es ist unnütz, bei dem Empfange, der Kate und dem Master Evans zutheil wurde, länger zu verweilen. Hatten sie sich für die Rettung dieser Kinder nicht wirklich geopfert? Mittels einer öffentlichen Subscription wurde deshalb ein Handelsschiff, der »Chairman« angekauft und Evans zum Geschenk gemacht, der damit gleichzeitig dessen Eigenthümer und Capitän wurde, nur mit der Bedingung, daß Auckland der Heimatshafen desselben zu bleiben habe. Und wenn ihn seine späteren Reisen nach Neuseeland zurückführten, fand er stets in den Familien »seiner Jungen« die herzlichste Aufnahme.

Was die vortreffliche Kate anging, so wurde diese von den Familien Briant, Garnett, Wilcox und manchen anderen beansprucht, ja fast erkämpft. Schließlich entschied sie sich für das Haus der Eltern Doniphan’s, dem sie durch liebende Pflege ja einst das Leben gerettet hatte.

Was soll aber als Moral dieser Erzählung, welche wohl mit Recht den Titel »Zwei Jahre Ferien« führt, in der Erinnerung junger Leser haften bleiben?

»Niemals vielleicht werden Zöglinge eines Pensionats während ihrer Ferien so schweren Prüfungen ausgesetzt sein. Doch – das mögen sich Alle merken – bei regem Ordnungssinn, Eifer und Muth gibt es keine noch so gefährliche Lebenslage, aus der man sich nicht zu befreien vermöchte. Vorzüglich sollen sie sich erinnern, wenn sie an die jungen Schiffbrüchigen vom »Sloughi« denken, die unter den schwersten Prüfungen und der härtesten Lehrzeit für dieses Leben heranreiften, daß die Kleinen derselben fast als Große und die Großen fast als Männer in die langentbehrte Heimat zurückkehrten.«

II.

II.

Vorbereitungen für den nächsten Winter. – Ein Vorschlag Briant’s. – Abfahrt Briant’s, Jacques‘ und Moko’s. – Ueber den Family-lake. – Der East river. – Ein kleiner Hafen an der Mündung. – Das Meer im Osten. – Jacques und Briant. – Heimkehr nach French-den.

———

Acht Tage später begann das neue Jahr 1861 und für diesen Theil der südlichen Halbkugel trat dasselbe im vollen Hochsommer ein.

Es waren nun fast zehn Monate verstrichen, seit die jungen Schiffbrüchigen des »Sloughi« auf ihre Insel, achtzehnhundert Meilen weit von Neuseeland, verschlagen wurden.

Im Laufe dieses Zeitraumes hatte sich ihre Lage sichtlich gebessert. Es gewann den Anschein, als könnten sie sich versichert halten, allen Bedürfnissen des materiellen Lebens für die Zukunft entsprechen zu können, doch immer weilten sie allein auf unbekanntem Lande! Würde die Hilfe von außen – die einzige, welche sie erhoffen konnten – endlich kommen und auch kommen, ehe die schöne Jahreszeit wieder zu Ende ging, oder sollte die Colonie verurtheilt sein, noch einmal die große Strenge eines antarktischen Winters durchzukosten? Bisher waren sie ja von keiner Krankheit heimgesucht worden. Alle, Große und Kleine, befanden sich den Umständen angemessen vortrefflich. Dank der weisen Vorsicht Gordon’s, der sorgsam darüber wachte, – was zuweilen einigen Widerspruch gegen seine Strenge wachrief – war keine Unklugheit, kein Exceß irgend welcher Art begangen worden. Doch mußte man nicht auch mit den Launen und Neigungen rechnen, von welchen Kinder dieses Alters, vorzüglich die jüngsten, ja niemals ganz frei sind? Kurz, wenn die Gegenwart recht annehmbar erschien, konnte man wegen der Zukunft doch nicht immer so beruhigt sein. Um jeden Preis wollte Briant, der sich Tag für Tag mit diesem Gedanken trug, die Insel Chairman verlassen. Wie hätte man aber mit dem einzigen Fahrzeug, das man besaß, mit der gebrechlichen Jolle, eine Fahrt wagen können, welche vielleicht recht lang werden konnte, wenn die Insel nicht einer der Gruppen im Stillen Weltmeere angehörte, oder wenn das benachbarte Festland einige hundert Meilen entfernt lag? Selbst wenn zwei oder drei der kühnsten Knaben sich geopfert hätten, ein Land im Osten aufzusuchen, wie wenig Aussicht hatten dieselben doch, ein solches zu erreichen! Nein, sicherlich, das überstieg ihre Kräfte, und Briant wußte also selbst nicht, was er zur Rettung Aller ersinnen konnte.

Es blieb eben nichts übrig, als zu warten, immer zu warten, und inzwischen thätig zu sein, um die Wohnlichkeit von French-den noch weiter zu erhöhen. Wenn die jungen Colonisten, angesichts der dringlichen Aufgaben für den nächsten Winter, diesen Sommer nicht dazu kamen, so wollten sie wenigstens im folgenden Sommer ihre Insel überall genauer in Augenschein nehmen.

Jeder ging entschlossen ans Werk. Die Erfahrung hatte ihnen schon gelehrt, was die Winterstrenge unter diesen Breiten zu bedeuten habe. Wochen, ja, ganze Monate lang, zwang sie die Witterung, sich in der Halle aufzuhalten, und es war nur eine Maßregel der Klugheit, sich gegen Hunger und Kälte zu versorgen und zu schützen – gegen diese beiden Feinde, welche am meisten zu fürchten waren.

Die Kälte in French-den zu besiegen, dazu bedurfte es ja nur hinreichenden Heizmaterials, und der, wenn auch noch so kurze Herbst sollte gewiß nicht vergehen, ohne daß Gordon genügende Holzvorräthe ansammeln ließe, um die Oefen Tag und Nacht zu speisen. Doch hatte man nicht auch an die Hausthiere zu denken, welche sich in der Einfriedigung und im Hühnerhofe befanden? Sie im Store-room unterzubringen, das wäre ebenso belästigend wie vom hygienischen Standpunkt betrachtet, unvorsichtig gewesen. Es machte sich also notwendig den Stall innerhalb der Einhegung mehr auszubauen, um Schutz gegen die niedrige Temperatur zu gewähren, und ihn durch Aufstellung eines Ofens schlimmsten Falls zu heizen, um die Luft im Innern auf erträglichem Grade zu erhalten. Damit beschäftigten sich Briant, Baxter, Service und Moko während der ersten Wochen des neuen Jahres.

Was die nicht minder wichtige Frage der Ernährung während der ganzen Winterperiode anging, so übernahmen es Doniphan und seine Jagdgenossen, diese zu lösen. Jeden Tag besichtigten sie die Fallen, Schlingen und Dohnen. Was nicht zum augenblicklichen Bedarfe verwendet wurde, das vergrößerte die Vorräthe der Speisekammer als gesalzenes oder geräuchertes Fleisch, welches Moko mit gewohnter Sorgfalt herstellte. So sicherte man sich die nöthige Nahrung, wenn der Winter auch noch so lange anhalten sollte.

Ein Ausflug blieb aber immer noch zu unternehmen, und zwar mit dem Zwecke, nicht alle noch unbekannten Gebiete der Insel Chairman zu erforschen, sondern nur den im Osten des Family-lake gelegenen Theil derselben kennen zu lernen.

Man wollte dabei erfahren, ob derselbe Wälder, Sümpfe oder Dünen enthalte und ob er vielleicht gar neue, nützlich zu verwendende Hilfsmittel böte.

Eines Tages sprach Briant über dieses Thema mit Gordon und beleuchtete dasselbe auch noch von anderem Gesichtspunkte.

»Obwohl die Karte des schiffbrüchigen Baudoin mit einer gewissen Sorgfalt hergestellt ist, von der wir uns mehrfach überzeugen konnten, begann er seine Worte, so erscheint es mir doch wichtig, den Stillen Ocean im Osten einmal selbst in Augenschein zu nehmen. Uns stehen vortreffliche Fernrohre zur Verfügung, welche mein Landsmann nicht besaß, und wer weiß, ob wir nicht Land entdecken, wo er kein solches sehen konnte. Seiner Karte nach liegt die Insel Chairman in dieser Meeresgegend ganz vereinzelt, und vielleicht ist das doch nicht richtig.

– Du verfolgst immer Deine Idee, antwortete Gordon, und kannst es nicht erwarten, von hier wegzukommen.

– Ganz recht, Gordon, und ich meine, im Grunde denkst Du ganz dasselbe. Müssen denn nicht alle unsere Anstrengungen darauf gerichtet bleiben, sobald als möglich nach der Heimat zurückzukehren?

– Zugegeben, bestätigte Gordon, und da Dir so viel daran liegt, werden wir einen Ausflug veranstalten …

– Einen Ausflug, an dem sich gleich Alle betheiligen? fragte Briant.

– Nein, erwiderte Gordon. Mir scheint, daß sechs bis sieben unserer Genossen …

– Auch das wären zu viele, Gordon! Bei so großer Anzahl bliebe uns nichts anderes übrig, als im Norden oder im Süden um den See zu ziehen, und ist es so sicher, daß das nicht viel Zeit erfordern und nicht recht große Beschwerden mit sich führen könnte?

– Welchen Vorschlag hast Du dann, Briant?

– Ich empfehle, den See mit der Jolle zu überschreiten und von French-den aus sogleich nach dem gegenüber liegenden Ufer zu segeln; dabei könnten freilich nur zwei bis drei Teilnehmer zugelassen werden.

– Wer soll aber die Jolle führen?

– Moko, antwortete Briant. Er kennt die Handhabung eines Bootes und ich verstehe mich auch etwas darauf. Bei günstigem Winde werden wir mit dem Segel, bei ungünstigem mit zwei Rudern leicht die fünf bis sechs Meilen zurücklegen, welche der See in der Richtung des Wasserlaufes mißt, der nach der Karte die östlichen Wälder durchbricht; auf jenem können wir wahrscheinlich bis zu seiner Ausmündung gelangen.

– Einverstanden, Briant, sagte Gordon, ich billige Deinen Gedanken. Wer würde dann Moko begleiten?

– Ich selbst, Gordon, da ich am letzten Zuge nach dem Norden des Sees nicht betheiligt war. Jetzt ist an mir die Reihe, mich nützlich zu erweisen … und ich beanspruche …

– Nützlich! fiel ihm Gordon ins Wort. Hast Du uns nicht schon unzählige Dienste geleistet, mein lieber Briant? Hast Du Dich nicht mehr wie alle Anderen aufgeopfert? Sind wir im Gegentheile nicht Dir den wärmsten Dank schuldig?

– O, nicht doch, Gordon! Wir haben Alle nur unsere Pflicht gethan. Nun, ist die Sache abgemacht?

– Vollkommen, Briant. Wen würdest Du als dritten Reisebegleiter vorschlagen? Ich würde Dir nicht rathen, Doniphan zu wählen, denn Ihr vertragt Euch nicht gut mit einander.

– O, ich würde ihn ganz gerne als solchen sehen, antwortete Briant. Doniphan hat kein schlechtes Herz, er ist muthig, gewandt, und ohne seinen eifersüchtigen Charakter wär‘ er der beste Kamerad. Ich denke, er wird sich schon noch ändern, wenn er einsieht, daß ich mich weder vor noch über ihn zu stellen strebe, und wir werden, das weiß ich bestimmt, einst noch die besten Freunde von der Welt. Dennoch hatt‘ ich an einen anderen Reisegefährten gedacht.

– An wen denn?

– An meinen Bruder Jacques, erklärte Briant. Sein Verhalten beunruhigt mich mehr und mehr. Offenbar hat er sich etwas Schweres vorzuwerfen, was er nicht aussprechen will. Vielleicht, wenn er sich bei diesem Ausfluge mit mir allein weiß …

– Du hast Recht, Briant. Nimm Jacques nur mit und beginne gleich heute die Vorbereitungen zur Abfahrt.

– Das wird nicht lange dauern, versicherte Briant, denn unsere Abwesenheit soll höchstens zwei bis drei Tage währen.«

An demselben Tage verkündete Gordon den geplanten Ausflug. Doniphan zeigte sich etwas ärgerlich, davon ausgeschlossen zu bleiben, doch als er sich bei Gordon deshalb beklagte, verständigte ihn dieser dahin, daß dieser Zug bei den Bedingungen, unter denen er ausgeführt werden sollte, nur zwei bis drei Personen erfordere, daß die Anregung dazu von Briant ausgegangen und dessen Ausführung also auch diesem zu überlassen sei u.s.w.

»Die Sache wird demnach nur um seinetwillen unternommen, nicht wahr, Gordon?

– Du bist ungerecht, Doniphan, ungerecht gegen Briant, ebenso wie gegen mich.«

Doniphan widersprach nicht weiter, sondern schloß sich seinen Freunden Wilcox, Croß und Webb wieder an, vor denen er seiner schlechten Laune nach Belieben freien Lauf lassen konnte.

Als der Schiffsjunge erfuhr, daß er sobald sein Amt als Küchenmeister mit dem des Jollenführers vertauschen sollte, verhehlte er keineswegs seine Befriedigung. Der Gedanke, mit Briant zu fahren, verdoppelte ihm nur das Vergnügen. Was seine Ersetzung am Kochofen des Store-room betraf, so konnte dabei nur Service in Frage kommen, und dieser freute sich schon bei dem Gedanken, einmal nach Herzenslust braten und schmoren zu können, ohne irgend einen Anderen an der Seite zu haben. Was Jacques angeht, so schien es diesem angenehm, seinen Bruder begleiten und French-den für einige Tage verlassen zu können.

Die Jolle wurde also sofort segelklar gemacht. Sie führte ein kleines lateinisches Segel, das Moko mit einer Stange versah und um den Mast wickelte. Zwei Gewehre, drei Revolver, Munition in ausreichender Menge, drei Reisedecken, Mundvorrath an Speisen und Getränken, Wachshauben für etwaiges Regenwetter, zwei Ruder nebst einem zweiten Paare als Ersatz – das war Alles, was zu einem nur kurzdauernden Ausflug erforderlich schien – die Copie der Karte des Schiffbrüchigen nicht zu vergessen, in welche je nach den zu machenden Entdeckungen neue Namen eingeschrieben werden sollten.

Am 4. Februar, gegen acht Uhr Morgens, schifften sich, nach herzlicher Verabschiedung von ihren Kameraden, Briant, Jacques und Moko am Damme des Rio Sealand ein. Bei schöner Witterung wehte eine leichte Südwestbrise. Das Segel wurde entfaltet, und Moko, der im Hintertheile Platz nahm, ergriff das Steuer, während Briant die Schote des Segels hielt. Obwohl die Seeoberfläche kaum von dem zuweilen ganz aussetzenden Windhauche leicht gekräuselt wurde, so machte sich die Wirkung des Windes auf die Jolle doch bemerkbarer, als diese ein größeres Stück vom Ufer hinausgekommen war. Ihre Schnelligkeit nahm damit zu. Eine halbe Stunde später erkannte Gordon, welcher von der Sport-terrace aus das Boot mit den Blicken verfolgte, nur noch einen dunklen Punkt, der auch bald verschwinden mußte.

Moko befand sich am Achter, Briant in der Mitte und Jacques saß im Vordertheile am Fuße des Mastes. Während einer Stunde blieb ihnen der hohe Kamm des Aukland-Hill in Sicht, dann versank auch dieser unter dem Horizonte. Das entgegengesetzte Seeufer stieg aber noch nicht empor, obgleich es nicht entfernt sein konnte. Leider zeigte der Wind, wie das öfter beobachtet wird, wenn die Sonne sich ihrem höchsten Stande nähert, Neigung abzuflauen, und gegen Mittag machten sich nur noch einzelne launenhafte, schwache Stöße desselben fühlbar.

»Es ist unangenehm, sagte Briant, daß die Brise nicht den ganzen Tag über ausgehalten hat.

– Doch noch unangenehmer wär‘ es gewesen, Herr Briant, antwortete Moko, wenn sie uns gar entgegen geweht hätte.

– Du bist der reine Philosoph, Moko!

– Ich weiß nicht, was Sie darunter verstehen, antwortete der Schiffsjunge. Was mich angeht, so bin ich einmal gewöhnt, über nichts unwillig zu werden.

– Ganz recht, das meint man eben mit Philosophie.

– Lassen wir das dahingestellt und greifen wir vorläufig zu den Rudern, Herr Briant. Es ist wünschenswerth, das andere Ufer vor der Nacht zu erreichen; doch wenn uns das nicht gelänge, müßten wir uns auch zufrieden geben.

– Wie Du willst, Moko. Ich werde das eine Ruder nehmen, Du nimmst das andere und Jacques mag das Steuer führen.

– Ganz recht, erwiderte der Negerknabe; und wenn Herr Jacques gut steuert, werden wir schon flink vorwärts kommen.

– Du wirst mir sagen, wie ich steuern soll, Moko, antwortete Jacques, und ich werde mein Bestes thun, Deinen Angaben nachzukommen.«

Moko zog das Segel ein, welches bei dem ganz eingeschlafenen Winde in losen Falten herabhing. Die jungen Bootsinsassen beeilten sich, ein wenig zu essen. Nachher setzte sich der Schiffsjunge in das Vordertheil, Jacques ließ sich ganz hinten nieder und Briant blieb, wie früher, in der Mitte. Die kräftig angetriebene Jolle glitt in schräger Richtung, laut Compaß nach Nordosten zu, schnell dahin.

Das Boot schwamm jetzt inmitten der ausgedehnten Wasserfläche, als befände es sich auf offener See, da das Wasser ringsum von der Linie des Himmels umschlossen wurde. Jacques blickte forschend in der Richtung nach Osten hin, um zu erkennen, ob die French-den gegenüberliegende Küste noch immer nicht auftauchen wolle.

Gegen drei Uhr konnte der Schiffsjunge, der durch das Fernrohr hinausgesehen hatte, melden, daß er Spuren von Land erkenne, und bald darauf bestätigte Briant, daß Moko sich nicht getäuscht habe. Um vier Uhr zeigten sich schon Baumkronen über einem ziemlich niedrigen Ufer, wodurch es erklärlich wurde, daß Briant dasselbe von der False-Sea-Point nicht hatte wahrnehmen können. Die Insel Chairman trug also keine anderen Anhöhen als die zwischen der Sloughi-Bai und dem Famlily-lake verlaufende Kette des Auckland-hill.

Noch zweieinhalb bis drei Meilen, und das östliche Ufer mußte erreicht sein. Briant und Moko handhabten ihre Ruder kräftig, doch nicht ohne Anstrengung, denn es herrschte eben eine starke Hitze. Die Oberfläche des Sees glich einem Spiegel. Meist gestattete sein klares Gewässer in zwölf bis fünfzehn Fuß Tiefe den mit Wasserpflanzen stellenweise bedeckten Grund zu erkennen, über den unzählige Fische hinweghuschten.

Gegen sechs Uhr Abends endlich stieß die Jolle bei einem mäßig hervortretenden Ufer ans Land, über welchem sich das Gezweige immergrüner Eichen und knorriger Föhren ausbreitete. Das Ufer eignete sich an dieser Stelle indeß so wenig zum Aussteigen, daß man dasselbe etwa eine halbe Meile weiter nach Norden verfolgte.

»Da ist der auf der Karte angegebene Rio!« rief dann Briant.

Er wies dabei auf einen Einschnitt des Landes, durch welchen der Rio seinen Abfluß hatte.

»Ich denke, wir können es uns ersparen, ihm einen besonderen Namen zu geben, antwortete der Schiffsjunge.

– Du hast Recht, Moko. Nennen wir ihn einfach East-river, da er nach Osten zu verläuft.

– Sehr richtig, sagte Moko, und nun brauchen wir wohl blos die Strömung des East-river zu benützen, um nach dessen Mündung zu gelangen.

– Das werden wir morgen vornehmen, Moko, denn es scheint mir rathsamer, die Nacht hier zu verweilen. Mit Tagesanbruch lassen wir dann die Jolle hinunter treiben, wobei wir gleich die Gegend an beiden Ufern besichtigen können.

– Steigen wir denn aus? … fragte Jacques.

– Natürlich, antwortete Briant, und wir lagern uns unter dem Schutze der Bäume.«

Briant, Jacques und Moko sprangen ans Ufer, das den Hintergrund einer kleinen Einbuchtung bildete. Nachdem die Jolle an einem Baumstumpfe sorgsam festgelegt war, wurden die Waffen und Mundvorräthe aus derselben geholt, auch ein tüchtiges Feuer aus dürrem Holze am Fuße einer Eiche entzündet. Man verzehrte noch etwas Schiffszwieback nebst kaltem Fleische, breitete dann die Decken auf der Erde aus, und mehr bedurfte es für die jungen Leutchen nicht, bald friedlich und fest einzuschlummern. Für jeden Nothfall waren übrigens die Waffen geladen worden; wenn sich während des herabsinkenden Abends auch dann und wann ein Geheul vernehmen ließ, so ging die Nacht doch ohne Störung vorüber.

»Nun auf und vorwärts!« rief Briant, der gegen sechs Uhr Morgens zuerst erwachte.

Nach wenigen Minuten hatten alle Drei in der Jolle Platz genommen und überließen sich nun der Strömung des Rio.

Diese war – eine halbe Stunde nach Eintritt der Ebbe – so stark, daß man die Ruder gar nicht einzulegen brauchte. Briant und Jacques hatten sich also im Vordertheile der Jolle niedergesetzt, während der am Achter sitzende Moko sich eines Ruders als Bootsriemens bediente, um das leichte Fahrzeug in gewünschter Richtung zu erhalten.

»Es ist anzunehmen, sagte er, daß eine Ebbeperiode hinreicht, uns bis zum Meere hinaus zu tragen, wenn der East-river nicht mehr als fünf bis sechs Meilen mißt, denn seine Strömung übertrifft die des Rio Sealand an Schnelligkeit.

– Das wäre zu wünschen, meinte Briant. Für den Rückweg werden wir doch wohl zwei bis drei Fluthperioden nöthig haben …

– Freilich, Herr Briant, und wenn Sie es wünschen, fahren wir sofort zurück …

– Gewiß, Moko, antwortete Briant, sobald wir uns überzeugt haben, ob östlich der Insel Chairman Land zu entdecken ist oder nicht.«

Inzwischen glitt die Jolle mit einer von Moko auf eine Meile in der Stunde geschätzten Geschwindigkeit dahin. Uebrigens hielt der East-river eine fast geradlinige und, wie der Compaß erkennen ließ, ostnordöstliche Richtung ein. Sein Bett war tiefer eingeschnitten als das des Rio Sealand, und auch minder breit – höchstens dreißig Fuß – was die Schnelligkeit seiner Strömung erklärte. Was Briant beunruhigte, war nur der Gedanke, daß diese gar in Stromschnellen oder Strudel übergehen und dann nicht bis zur Küste benutzbar sein könnte. Weitere Entschlüsse zu fassen, war es doch Zeit genug, wenn sich erst wirklich ein Hinderniß zeigte.

Man befand sich hier im Walde, inmitten der üppigsten Vegetation. Außer denselben Baumarten, wie in den Traps-woods, erhoben sich hier noch vorwiegend Stein- und Korkeichen, Fichten und Kiefern.

Unter anderen erkannte Briant, obwohl er in der Botanik lange nicht so bewandert war wie Gordon, einen gewissen Baum, dem man auf Neuseeland in zahlreichen Exemplaren begegnet. Dieser Baum, der seine Krone erst gegen sechzig Fuß über der Erde schirmartig ausbreitet, trug konische, drei bis vier Zoll lange Früchte, die nach unten zugespitzt und mit einer Art glänzender Schuppen bedeckt waren.

»Das muß die Zirbelkiefer (Pinie) sein! rief Briant.

– Wenn Sie sich nicht täuschen, Herr Briant, antwortete Moko, so wollen wir einen Augenblick anhalten. Das lohnt sich der Mühe.«

Ein Ruderschlag trieb die Jolle nach dem linken Ufer. Briant und Jacques sprangen ans Land. Wenige Minuten später brachten sie eine große Menge jener Zirbelnüsse, die jede eine eiförmige Mandel enthält, welche von einem feinen Häutchen umhüllt ist und wie eine Haselnuß duftet. Ein kostbarer Fund für die Feinschmecker der kleinen Colonie, aber auch, wie Gordon diesen nach Briant’s Rückkehr auseinandersetzte, deshalb, weil diese Früchte vortreffliches Oel liefern.

Es erschien auch von Wichtigkeit, zu erfahren, ob dieser Wald ebenso wildreich sei wie die Wälder im Westen des Family-lake. Das mußte wohl der Fall sein, denn Briant sah durch das Dickicht eine erschreckte Heerde von Nandus und Vigogne-Schafen flüchten, und sogar einzelne Guanakos, welche in rasender Eile davonstürmten. Bezüglich des Geflügels hätte Doniphan hier manchen guten Schuß abgeben können. Briant dagegen enthielt sich der Vergeudung seiner Munition, da die Jolle ausreichenden Vorrath an Lebensmitteln trug.

Gegen elf Uhr wurde es deutlich, daß der dichte Wald sich allmählich lichtete. Schon lüfteten einzelne Blößen den Erdboden unter den Bäumen. Gleichzeitig erschien die Brise etwas von Salzdünsten geschwängert, was auf die Nähe des Meeres hinwies.

Einige Minuten später schimmerte dann ganz plötzlich hinter einer Gruppe prächtiger Steineichen die bläuliche Linie des Horizontes auf.

Die Strömung führte die Jolle, wenn auch jetzt minder schnell, immer noch mit sich fort. Bald mußte sich nun aber die Fluth in dem jetzt vierzig bis fünfzig Fuß breiten Bette des East-river bemerkbar machen.

Nahe den Felsen, welche sich an der Küste erhoben, angelangt, lenkte Moko die Jolle nach dem linken Ufer. Dann trug er den kleinen Dregganker ans Land, wo er ihn tief in den Sand einsenkte, und Briant schiffte sich nun nebst seinem Bruder ebenfalls aus.

Welch‘ verschiedenes Bild gegen jenes, das die Westküste der Insel Chairman darbot! Hier öffnete sich wohl, und auch genau in der Höhe der Sloughi-Bai, eine weite Bucht, doch statt des breiten, sandigen Vorlandes mit dem Klippengürtel an der einen und dem im Hintergrunde sich erhebenden Steilufer an der anderen Seite der Wrack-coast, zeigte sich hier eine Anhäufung von Felsen, in welchen Briant, wie er sich bald überzeugte, zwanzig Aushöhlungen statt einer hätte finden können.

Diese Küste erschien demnach bequem bewohnbar, und wenn der Schooner an dieser Stelle gescheitert und er nach der Strandung noch einmal flott geworden wäre, so hätte er in der Mündung des East-river, gleichsam in einem natürlichen Hafen, Schutz suchen können, in dem es selbst bei tiefster Ebbe nicht an Wasser fehlte.

Zuerst hatte Briant seine Blicke seewärts, nach dem äußersten Horizonte dieser ausgedehnten Bucht, schweifen lassen. Da sich diese zwischen zwei sandigen Ausläufern über ein Bogenstück von etwa fünfzehn Meilen Länge erstreckte, hätte sie wohl den Namen eines Golfes verdient.

In diesem Augenblicke erschien die Bai verlassen – wahrscheinlich wie immer. Kein Schiff war in Sicht, nicht einmal an ihrem äußersten Rande, der sich scharf vom Hintergrunde des Himmels abhob. Von einem Lande oder einer Insel war ebenso wenig zu sehen. Moko, der mehr gewöhnt war, die verschwindenden Linien weit entfernter Höhen, welche so leicht mit den Dünsten aus dem Meere zusammenfließen, zu erkennen, vermochte auch durch das Fernrohr nichts wahrzunehmen. Die Insel Chairman schien nach Osten zu ebenso vereinsamt wie nach Westen hin zu liegen. Deshalb zeigte auch die Karte des schiffbrüchigen Franzosen nach dieser Richtung keinerlei Land an.

Es wäre übertrieben, zu sagen, daß Briant jetzt hätte den Muth sinken lassen. Nein, er hatte das ja erwartet. Dennoch fand er es angemessen, dieser Ausweitung der Küste den Namen Deception-bay (Bai der Enttäuschung) beizulegen.

»Nun, sagte er, von dieser Küste aus würden wir den Rückweg doch nicht einschlagen.

– O, Herr Briant, man kommt überall vorwärts, ob’s nun auf dem einen oder dem anderen Wege ist. Inzwischen, denke ich, thun wir gut, ein wenig zu frühstücken …

– Ganz recht, antwortete Briant, aber nur schnell. Um welche Stunde könnte die Jolle wieder den East-river hinaufsegeln?

– Wenn wir die Fluth benutzen wollen, müßten wir sofort einsteigen.

– Das geht nicht an, Moko. Ich möchte den Horizont erst noch unter günstigeren Bedingungen und von der Höhe eines den Strand überragenden Felsens aus besichtigen.

– Dann, Herr Briant, müßten wir die nächste Fluth abwarten, welche in den East-river nicht vor zehn Uhr Abends eintreten dürfte.

Und würdest Du fürchten, während der Nacht zu fahren? fragte Briant.

– Keineswegs; das ist ganz ohne Gefahr, denn wir haben gerade Vollmond, und überdies verläuft das Bett des Rio so direct, daß es genügen wird, während der Dauer der Fluth mit einem Ruder zu steuern. Kehrt sich dann die Strömung um, so versuchen wir, mit den Rudern weiter zu kommen, und wenn diese zu stark würde, halten wir einfach bis zum nächsten Tage an.

– Gut, Moko, ich stimme mit Dir überein, doch da wir nun zwölf Stunden vor uns haben, wollen wir sie benutzen, unsere Nachforschungen zu vervollständigen.«

Nach dem Frühstück und bis zur Zeit des Mittagessens wurde die ganze Zeit darauf verwendet, diesen Theil der Küste zu besichtigen, der von dichtem, selbst bis an den Fuß der Felsen herantretendem Baumwuchs bedeckt war. An eßbarem Wild schien es hier den gleichen Ueberfluß zu geben, wie in den Umgebungen von French-den, und Briant gestattete sich, für die Abendmahlzeit einige Tinamus zu erlegen.

Was das Bild dieser Uferstelle charakterisirte, das war die Anhäufung mächtiger Granitblöcke. Hier herrschte ein wirklich großartiges Chaos durcheinander gewürfelter gewaltiger Felsen – eine Art Feld von Karnak, das keines Menschen Hand in dieser Weise hätte schaffen können. Vielfach fanden sich auch jene tiefen Aushöhlungen, welche man in gewissen keltischen Ländern »Rauchfänge« nennt, und es wäre sehr leicht gewesen, sich zwischen den Wänden derselben häuslich einzurichten. Der kleinen Colonie hätte es hier weder an Hallen noch an Store-rooms gemangelt. Nur im Umkreise einer halben Meile fand Briant mindestens ein Dutzend dieser recht bequemen Aushöhlungen.

Briant legte sich dabei natürlich auch die Frage vor, warum der schiffbrüchige Franzose nicht auf diesem Theile der Insel Obdach gesucht haben möge. Daß er denselben besucht, erschien ganz zweifellos, da sich die Hauptlinien der Küste auf seiner Karte richtig eingezeichnet fanden. Wenn man trotzdem keine Spuren von seiner früheren Anwesenheit hier entdeckte, lag das gewiß daran, daß François Baudoin seine Wohnung in French-den schon aufgeschlagen hatte, ehe er seine Nachforschungen bis zu den östlichen Gebieten ausdehnte, und da er sich dort gegen die scharfen Seewinde geschützter wähnte, es vorgezogen hatte, daselbst zu bleiben. Diese Erklärung schien so natürlich, daß auch Briant sie annehmen mußte.

Gegen zwei Uhr, als die Sonne den höchsten Stand überschritten, schien der Augenblick günstiger, das Meer seewärts der Insel genauer zu besichtigen. Briant, Jacques und Moko versuchten also einen Felsblock, in Gestalt eines ungeheuren Bären, zu erklimmen. Diese Steinmasse erhob sich etwa hundert Fuß über den kleinen Hafen, und nicht ohne Schwierigkeit gelangten sie auf den Gipfel derselben.

Hier beherrschte der Blick, wenn man ihn nach rückwärts wendete, den Wald, der sich nach Westen hin bis zum Family-lake ausdehnte, während die Oberfläche des letzteren durch einen weiten grünen Vorhang verdeckt blieb. Im Süden erschien das Land von gelblichen Dünen durchzogen, zwischen denen einzelne düstere Fichtenhaine, wie in den traurigen Einöden der Nordpolarländer, aufstrebten. Im Norden lief die Grenzlinie der Bucht in eine sandige Landspitze aus, welcher sich, noch weiter hinaus, eine ungeheure Sandebene anschloß. Kurz, die Insel Chairman erschien wirklich fruchtbar nur in ihren mittleren Theilen, wo das Süßwasser des Sees, das durch verschiedene Rios an seinen beiden Längsufern abfloß, ihrem Pflanzenbestande Nahrung zuführte.

Briant richtete sein Fernrohr nun nach dem östlichen Horizonte, der sich in großer Reinheit vom Himmel abhob. Jedes, in einem Umkreise von sieben bis acht Meilen gelegene Land, wäre gewiß im Objectivglase des Instruments sichtbar gewesen.

Doch nichts in dieser Richtung! … Nichts als das endlose Meer, das der Himmel in ununterbrochener Linie begrenzte!

Während einer vollen Stunde beobachteten Briant, Jacques und Moko ohne Unterlaß, und sie wollten schon wieder nach dem Strande hinabklettern, als Moko Briant aufhielt.

»Was ist denn das da draußen?« fragte er, die Hand nach Nordosten zu ausstreckend.

Briant richtete das Fernrohr nach dem bezeichneten Punkte.

In der That glänzte dort, nur wenig über dem Horizonte, ein weißlicher Fleck, den das Auge hätte mit einem Wölkchen verwechseln können, wenn der Himmel gerade jetzt nicht so außerordentlich rein erschienen wäre. Nachdem Briant denselben lange im Gesichtsfelde seines Fernrohrs gehalten, konnte er versichern, daß der Fleck unbeweglich auf einer Stelle blieb und auch seine Gestalt sich in keiner Weise veränderte.

»Ich weiß nicht, was das sein könnte, wenn es nicht ein Berg ist! Doch auch ein Berg könnte nicht so aussehen!»

Da die Sonne bald darauf mehr und mehr im Westen versank, war der Fleck bald verschwunden. Befand sich nun dort ein höheres Land, oder rührte dieser weiße Schein nur von einer Wiederspiegelung des Lichts auf dem Wasser her? Die letzte Annahme war es, der Jacques und Moko sich zuneigten, während Briant bezüglich derselben einige Zweifel bewahren zu sollen glaubte.

Nach vollendeter Umschau begaben sich Alle wieder nach der Mündung des East-river, in dessen kleinem Hafen die Jolle angebunden lag. Jacques sammelte unter den Bäumen dürres Holz und zündete ein Feuer an, Moko aber beschäftigte sich mit der Zubereitung der Tinamus.

Gegen sieben Uhr und nachdem sie mit dem größten Appetit gegessen, gingen Jacques und Briant noch ein Stück auf dem Strande spazieren, da sie die Stunde der wiederkehrenden Fluth abwarten mußten.

Moko seinerseits stieg das linke Ufer hinauf, wo Zirbelfichten standen, von denen er noch einige Früchte pflücken wollte.

Als er nach der Mündung des East-river zurückkam, begann schon die Nacht herabzusinken. Wenn das Meer weiter draußen noch im Widerschein der letzten Sonnenstrahlen, welche über die Insel hinglitten, erglänzte, so lagerte doch schon ein Halbdunkel auf dem Uferlande.

In dem Augenblick, wo Moko die Jolle erreichte, waren Briant und sein Bruder noch nicht zurück. Da sie sich jedoch nicht weit entfernt haben konnten, empfand er darüber keinerlei Unruhe.

Da verwunderte sich Moko aber nicht wenig, ein Schluchzen und gleichzeitig eine laut tönende Stimme zu vernehmen. Er täuschte sich nicht, das war Briant’s Stimme.

Sollten die beiden Brüder von irgend welcher Gefahr bedroht sein? Der Schiffsjunge zögerte nicht, nach dem Strande hinabzueilen, nachdem er um die letzten Felsen, welche den kleinen Hafen abschlossen, gelaufen war.

Plötzlich gewahrte er etwas, was ihn sofort aufhielt.

Jacques lag vor Briant auf den Knien! … Er schien diesen anzuflehen, ihn um Gnade zu bitten … daher das Schluchzen, welches zu Moko’s Ohren gedrungen war.

Der Schiffsjunge hatte sich aus Zartgefühl zurückziehen wollen … Es war zu spät … Er hatte schon Alles gehört, Alles verstanden! Er wußte jetzt, was Jacques begangen und weshalb er sich seinem Bruder gegenüber zu entschuldigen suchte.

Dieser aber rief eben:

»Unglückseliger! … Wie, Du bist es also gewesen? … Du, der das gethan hat? … Du bist die Ursache …

– Verzeihung … Bruder … Verzeihung!

– Das ist es also, warum Du Dich von Deinen Genossen fern hieltest … Weshalb Du Furcht vor ihnen hattest! … O, möchten sie es nimmer erfahren! … Nein, kein Wort! Nicht ein Wort und … Niemand!»

Moko hätte viel darum gegeben, nicht wider seinen Willen in dieses Geheimniß eingeweiht worden zu sein.

Jetzt wär’s ihm aber zu schwer angekommen, sich Briant gegenüber unwissend zu stellen. Als er sich wenig Minuten später allein mit diesem bei der Jolle befand, sagte er deshalb:

»Herr Briant, ich habe Alles mit angehört …

– Wie, Du weißt, daß Jacques? …

– Ja, Herr Briant … Er muß Verzeihung haben …

– Würden auch die Anderen ihm verzeihen?

– Vielleicht doch, antwortete Moko. In jedem Fall ist es besser, sie erfahren überhaupt nichts davon, und Sie dürfen darauf rechnen, daß ich schweigen kann …

– Ach, mein armer Moko!« sagte Briant, die Hand des Schiffsjungen drückend.

Während zwei vollen Stunden und bis zur Zeit der Abfahrt richtete Briant kein einziges Wort an Jacques. Dieser übrigens blieb am Ufer eines Felsens sitzen und fühlte sich gewiß noch mehr niedergeschlagen, seit er dem Drängen seines Bruders nachgegeben und Alles gestanden hatte.

Gegen zehn Uhr machte die Fluth sich bemerkbar. Briant, Jacques und Moko nahmen in der Jolle Platz. Sobald diese vom Land gelöst war, führte der Strom sie rasch dahin; der Mond, der sich bald nach Sonnenuntergang erhoben hatte, beleuchtete hinlänglich den Lauf des East-river, um bis einhalbein Uhr ohne Beschwerde auf diesem vordringen zu können. Dann trat schon wieder Ebbe ein, welche die Ruder zur Hand zu nehmen zwang, und während einer Stunde kam die Jolle kaum eine Meile stromaufwärts weiter.

Briant schlug also vor, sich bis Tagesanbruch festzulegen, um das Wiederansteigen der Fluth abzuwarten, was auch geschah. Um sechs Uhr Morgens machte man sich wieder auf den Weg und es kam die neunte Stunde heran, ehe die Jolle wieder auf dem Gewässer des Family-lake schaukelte.

Moko hißte jetzt wieder die Segel, und unter leichter Brise, welche von der Seite her wehte, steuerte er auf French-den zu.

Gegen sechs Uhr Abends und nach glücklicher Ueberfahrt, während der Briant und Jacques ihr Stillschweigen kaum gebrochen hatten, wurde die Jolle von Garnett, der am Seeufer angelte, gemeldet. Kurze Zeit darauf landete sie am Damme, und Gordon begrüßte mit Wärme die Rückkehr seiner Kameraden.

III.

III.

Der Salzsumpf. – Die Stelzen. – Besuch der South-moors. – In Voraussicht des Winters. – Verschiedene Spiele. – Zwischen Doniphan und Briant. – Das Dazwischentreten Gordon’s. – Beunruhigungen wegen der Zukunft. – Wahl am 10. Juni.

———

Nach dieser von Moko beobachteten Scene zwischen ihm und seinem Bruder hatte es Briant für gut gehalten, darüber Stillschweigen zu bewahren … selbst gegen Gordon. Was den Bericht über seinen Ausflug betraf, so erstattete er diesen seinen in der Halle versammelten Kameraden. Er schilderte die Ostküste der Insel Chairman auf dem ganzen Theile, der die Deception-Bai umschloß, den Verlauf des East-river durch die dem See benachbarten Wälder mit ihrem Reichthum an immergrünen Bäumen. Er erklärte, daß eine Niederlassung an diesem Ufer weit leichter ausführbar gewesen sei, als auf dem westlichen, fügte jedoch hinzu, daß es deshalb keineswegs gerathen erscheine, French-den aufzugeben. Was diesen Theil des Stillen Weltmeeres anging, so war hier nirgends ein Land in Sicht. Briant erwähnte jedoch jenes weißlichen Fleckes, den er weit draußen im Meere wahrgenommen und dessen Auftauchen über dem Horizonte er sich nicht erklären konnte. Höchst wahrscheinlich war derselbe nichts als ein Dunstgebilde, doch schien es angezeigt, sich darüber Gewißheit zu verschaffen, wenn man einmal nach der Deception-Bai zog. Kurz – und darin schien kein Zweifel mehr möglich – die Insel Chairman lag gewiß nicht in der Nachbarschaft eines anderen Landes, und jedenfalls trennten sie Hunderte von Meilen von dem nächsten Festlande oder Archipel.

Jetzt galt es also den Kampf um’s Dasein muthig wieder aufzunehmen, in Erwartung, daß die Rettung nur noch von außen herkomme, da nicht vorauszusetzen war, daß die jungen Kolonisten sie jemals selbst in der Hand haben würden. Jeder ging wieder an die Arbeit. Alle Maßregeln wurden getroffen, sich gegen die Tücken des nächsten Winters zu sichern. Briant widmete sich dieser Aufgabe sogar mit größerem Eifer als er es bisher gethan hatte. Immerhin fiel es auf, daß auch er jetzt weniger mittheilsam geworden war und gleich seinem Bruder mehr dazu geneigt schien, sich abseits zu halten. Gordon, der diese Veränderung seines Charakters bemerkte, beobachtete auch, daß Briant keine Gelegenheit vorübergehen ließ, Jacques immer in den Vordergrund zu schieben, wenn es irgendwo galt, einen besonderen Muth zu entwickeln oder einer Gefahr die Stirne zu bieten – wozu Jacques übrigens stets mit Vorliebe bereit war. Da Briant sich jedoch nicht so aussprach, daß Gordon darüber hätte eine Frage an ihn richten können, so enthielt sich dieser, in ihn zu dringen, obwohl er den Glauben hegte, daß es zwischen den beiden Brüdern gewiß zu einer Auseinandersetzung gekommen sein müsse.

Der Monat Februar verlief unter den gewöhnlichen Arbeiten. Als Wilcox die Rückkehr der Lachse nach dem Süßwasser des Family-lake gemeldet hatte, fing man eine große Anzahl derselben mittels quer durch den Rio Sealand von einem Ufer zum anderen gespannter Netze. Die Nothwendigkeit, diese längere Zeit aufzubewahren, erforderte eine ziemlich große Menge Salz. Dies veranlaßte denn mehrere Fahrten nach der Sloughi-Bai, wo Baxter und Briant einen kleinen Salzsumpf hergestellt hatten, das heißt ein viereckiges Stück Boden zwischen niedrigen Sanddämmen, in welchem nach dessen Anfüllung mit Meerwasser das Salz auskrystallisirte, wenn das Wasser durch die Sonnenstrahlen verdunstet war.

Während der ersten Hälfte des März konnten drei oder vier der jungen Colonisten einen Theil der sumpfigen Gebiete der South-moors untersuchen, der bis an das linke Ufer des Rio Sealand heranreichte. Der betreffende Vorschlag war von Doniphan ausgegangen, und Baxter fertigte auf seinen Rath dazu verschiedene Paare Stelzen, wozu er leichte Stangen verwendete. Da das Sumpfland an manchen Stellen mit einer seichten Wasserschicht bedeckt war, konnte man mittels der Stelzen durch dieselben trockenen Fußes bis nach den höher gelegenen, nicht sumpfigen Stellen gelangen.

Am 17. April des Morgens betraten Doniphan, Webb und Wilcox, nachdem sie den Rio in der Jolle überschritten, das linke Ufer. Die Gewehre trugen sie am Riemen. Doniphan hatte auch die lange Entenflinte aus dem Zeughause von French-den mitgenommen, von deren Benutzung er sich hier besonders schönen Erfolg versprach.

Sowie die drei Jäger den Fuß auf’s Land gesetzt, bestiegen sie ihre Stelzen, um die auch bei Hochwasser über dieses emporragenden Stellen des Sumpfgebietes zu erreichen.

Phann begleitete sie. Er brauchte freilich keine Stelzen und scheute sich nicht, die Pfoten naß zu machen, wenn er lustig durch die Wassertümpel dahinsprang.

Nachdem sie etwa eine Meile in der Richtung nach Südwesten zurückgelegt, erreichten Doniphan, Wilcox und Webb den trockenen Moorboden. Hier legten sie die Stelzen ab, um etwaiges Wasserwild leichter verfolgen zu können.

Von den weit ausgedehnten South-moors konnte der Blick das Ende nicht erreichen, außer nach Osten zu, wo die blaue Linie des Meeres sich am Horizonte hin erstreckte.

Wie zufällig fand sich hier verschiedenes Wasserwild – Becassinen, langgeschwänzte und gewöhnliche Enten, Wasservögel, Regenpfeifer, Kriechenten und gleich tausendweise jene Trauerenten, welche mehr ihres Flaumes als ihres Fleisches wegen geschätzt werden, obgleich auch letzteres bei passender Zubereitung eine recht annehmbare Speise abgiebt. Doniphan und seine Kameraden hätten hier Hunderte von den zahllosen Wasservögeln schießen können, ohne ein Schrotkorn zu vergeuden. Sie waren aber vernünftig und begnügten sich mit einigen Dutzend Stücken Geflügel, das Phann gelegentlich aus den breiten Lachen herbeiholte.

Doniphan fühlte sich jedoch lebhaft versucht, noch einige Thiere zu erlegen, welche trotz der culinarischen Talente des Schiffsjungen auf der Tafel des Store-room nicht figuriren konnten. Es waren das Thinocoren, zur Familie der Strandläufer gehörig, und mit prächtigem Kopfschmucke von weißen Federn versehene Reiher. Wenn der junge Jäger dennoch davon Abstand nahm – er hätte sein Pulver auch völlig nutzlos verpafft – so war das doch nicht der Fall, als er eine Schaar Flamingos mit feuerrothen Flügeln erblickte, welche schwachsalziges Wasser mit Vorliebe aufsuchen und deren Fleisch dem des Rebhuhns gleichkommt. Diese in geordneten Reihen dastehenden Vögel waren aber von einzelnen Wachhabenden behütet, welche bei Annäherung einer Gefahr trompetenähnliche Laute ausstießen. Beim Anblicke dieser wunderschönen Vertreter der Ornithologie der Insel, ließ Doniphan sich von seiner natürlichen Neigung hinreißen. Zum Ueberflusse erwiesen sich Wilcox und Webb nicht klüger als er, und Alle liefen nach der betreffenden Seite zu – doch völlig vergebens. Sie wußten nicht, daß sie, wenn sie sich ungesehen genähert hätten, in der Lage gewesen wären, die Flamingos ganz nach Belieben abzuschießen, denn das Knallen von Gewehren wirkt auf diese nur gleichsam lähmend, treibt sie aber nicht zur Flucht.

Vergeblich bemühten sich also Doniphan, Webb und Wilcox, die schönen Plattfüßler zu erreichen, welche von der Schnabelspitze bis zum Schwanze gut vier Fuß messen.

Durch ihre Wachen aufmerksam gemacht, verschwand die ganze Gesellschaft nach Süden zu, ohne daß es möglich gewesen wäre, sie selbst mit Hilfe der weittragenden Entenflinte zu treffen.

Nichtsdestoweniger kehrten die Jäger mit einer so reichlichen Ausbeute an Wild zurück, daß sie ihren Ausflug durch die South-moors nicht zu beklagen hatten.

Bei den überschwemmten Stellen wieder angekommen, bedienten sie sich auf’s Neue der Stelzen, auf denen sie bequem nach dem Ufer des Rio hinschritten, und nahmen sich vor, einen solchen Ausflug dann zu wiederholen, wenn die Kälte dessen Ausführung noch erfolgreicher werden zu lassen versprach.

Ueberdies durfte Gordon nicht bis zum Eintritte des Winters warten, um French-den in den Stand zu setzen, dem Ungemache desselben zu widerstehen. Es galt vielmehr, einen reichlichen Vorrath an Brennmaterial herbeizuschaffen, um damit auch – außer den Wohnräumen – die Viehställe wenigstens etwas zu heizen. So wurden denn zahlreiche Fahrten nach den Bog-woods unternommen; vierzehn Tage lang ging der mit den zwei Guanakos bespannte Wagen mehrmals täglich von French-den nach dem Walde hin und her. Jetzt aber hatte man, selbst wenn der Winter sechs Monate und noch länger anhielt, bei dem beträchtlichen Stocke an Holz und dem Vorrathe an Robbenöl weder Kälte noch Dunkelheit zu fürchten.

Diese Arbeiten hinderten übrigens keineswegs die Einhaltung des Programms, nach welchem die geistige Ausbildung dieser kleinen Welt geordnet war, und abwechselnd ertheilten die größeren Knaben den Kleinen Unterricht. Während der zweimal wöchentlich stattfindenden Versammlungen fuhr Doniphan fort, mit seiner Ueberlegenheit etwas stark zu prahlen, was natürlich nicht dazu angethan war, ihm viele Freunde zu erwerben, und, seine gewöhnlichen Kameraden ausgenommen, war er von den Anderen nicht besonders gerne gesehen. Dennoch rechnete er darauf, vor Ablauf von zwei Monaten, wenn Gordon’s »Amtsperiode« zu Ende ging, diesem als Oberhaupt der Colonie zu folgen. Seine Eigenliebe überredete ihn, daß ihm diese Stellung von rechtswegen zukomme und daß es eine wirkliche Ungerechtigkeit sei, daß er dazu nicht schon beim ersten Wahlgange ernannt wurde. Wilcox, Croß und Webb bestärkten ihn leider noch in diesen Ideen, suchten für die bevorstehende Wahl »Stimmung zu machen« und schienen an ihrem Erfolge gar nicht zu zweifeln.

Dennoch hatte Doniphan nicht die Majorität unter seinen Kameraden. Die jüngsten derselben glaubten sich wenigstens nicht für ihn – freilich auch nicht für Gordon erklären zu wollen.

Gordon durchschaute recht wohl, was in der Luft lag, bemühte sich aber, obwohl er ja wieder wählbar war, keineswegs um Beibehaltung seiner Stellung. Er fühlte es heraus, daß die Strenge, welche er während »seines Präsidentschaftsjahres« gezeigt, ihm die Mehrzahl der Stimmen kaum zuwenden werde. Sein etwas hartes Auftreten, sowie sein vielleicht gar zu sehr auf’s Praktische gerichteter Sinn hatte öfter Mißfallen erregt, und gerade hievon erhoffte Doniphan viel zu seinem Vortheile. Am Wahltage mußte es voraussichtlich zu einem interessant zu beobachtenden Kampfe kommen.

Was die Kleinen Gordon am meisten zum Vorwurfe machten, war seine, wohl manchmal etwas zu weit gehende Sparsamkeit bezüglich süßer Speisen. Außerdem zankte er auch auf sie, wenn sie ihre Kleidung nicht genug in Acht nahmen, nach French-den mit einem Schmutzflecke oder mit einem Risse heimkamen, und vorzüglich, wenn sie ein Loch in den Schuhen hatten, was immer schwierige Reparaturen erforderte, wie die Frage des Schuhwerkes ja immer eine sehr ernste gewesen war.

Und wie viel Vorwürfe gab es wegen verlorener Knöpfe – wie oft mußten sie deshalb Strafe erleiden! Die Frage der Westen- oder Beinkleiderknöpfe kam überhaupt fast niemals von der Tagesordnung, und Gordon verlangte zuletzt, daß Jeder des Abends noch den Besitz der vorschriftsmäßigen Menge nachwies, während ihm, wenn er das nicht konnte, Entziehung der Nachspeise oder Hausarrest zuerkannt wurde. Bei solchen Gelegenheiten trat Briant öfters zu Gunsten Jenkins‘ oder Dole’s ein, und das verschaffte ihm eine große Popularität. Ferner wußten die Kleinen recht wohl, daß die beiden Verwalter der Küche, Service und Moko, stets zu Briant hielten, und wenn letzterer jemals Oberhaupt der Insel Chairman würde, sahen sie eine verlockende Zukunft vor sich aufdämmern, wo es an Leckerbissen jeder Art nicht fehlen würde.

An welchen Kleinigkeiten hängen doch die Dinge dieser Welt! War diese Colonie von Knaben nicht das richtige Spiegelbild der menschlichen Gesellschaft und zeigten diese Kinder nicht von klein an die Neigung, »Männer zu spielen?»

Briant selbst interessirte sich für diese Angelegenheit am wenigsten. Er arbeitete ohne Unterlaß und sparte auch seinem Bruder keine Mühe. Beide waren stets die Ersten und die Letzten, wo es galt, die Hand anzulegen, so, als hätten gerade sie ganz besondere Verpflichtungen zu erfüllen.

Indessen wurde die Tageszeit nicht einzig und allein dem allgemeinen Unterrichte gewidmet. Das Programm wies auch einige Stunden der Erholung zu. Es ist ja eine Bedingung guter Gesundheit, den Körper durch gymnastische Uebungen zu stählen. Große und Kleine nahmen daran Theil. Man kletterte auf die Bäume nach den ersten Aesten mittels eines an diesen oder um den Stamm befestigten Seiles; sprang mit Stangen über weite Zwischenräume oder badete im See, wobei Diejenigen, welche noch nicht schwimmen konnten, das bald erlernten. Man veranstaltete Wettläufe mit Preisen für die Sieger und übte sich ebenso in der Handhabung der Bolas und des Lasso.

Daneben wurden auch einige bei den jungen Engländern besonders beliebte Spiele getrieben, und außer den schon früher angeführten zum Beispiele das Croquet, die »Rounders«, bei dem der Ball mittels langer Stöcke nach Holzpflöcken getrieben wird, welche in den Winkeln ihres regelmäßigen Fünfeckes eingeschlagen sind, und auch die »Quoits«, ein Spiel, welches ganz besondere Kraft der Arme und Sicherheit des Auges voraussetzt. Letztgenanntes Spiel müssen wir hier etwas eingehender beschreiben, weil es eines Tages eine recht bedauerliche Scene zwischen Briant und Doniphan herbeiführte.

Es war am 25. April Nachmittags. In zwei Parteien zu je vier Mann getheilt, spielten Doniphan, Webb, Wilcox und Croß einerseits und Briant, Baxter, Garnett und Service andererseits eine Partie Quoits auf dem Rasen der Sport-terrace.

Auf der ebenen Fläche waren zwei eiserne Pflöcke, zwei »Hobs«, in einer Entfernung von fünfzig Fuß von einander eingeschlagen worden. Jeder der Teilnehmer hatte zwei Quoits, das ist eine Art metallener Wurfscheiben mit einem Loche in der Mitte und mit dünn zulaufendem Rande.

Bei dem betreffenden Spiele hat nun jeder Teilnehmer seine Quoits zu werfen und sich zu bemühen, diese erst über einen Pflock und dann über den anderen hineinfallen zu lassen. Gelingt ihm das bei einem der Hobs, so zählt er zwei Punkte, vier aber, wenn er seine Scheibe auch richtig über den zweiten Hob so wirft, daß dieser durch die Oeffnung der Scheibe dringt. Kommen die Quoits nur ganz nahe dem Hob zu liegen, so zählt das nur zwei Punkte für die zwei nächsten, und nur einen Punkt, wenn nur ein einziger Quoit so nahe an jenen zu liegen kommt.

Die Knaben entwickelten an genanntem Tage einen ganz besonderen Eifer, und da Doniphan der gegnerischen Partei Briant’s angehörte, war die Selbstliebe beider auf eine recht harte Probe gestellt.

Zwei Partien waren schon gespielt. Briant, Baxter, Service und Garnett hatten die erste gewonnen, da sie sieben Punkte markiren konnten, während ihre Gegner die zweite Partie nur mit sechs Punkten gewonnen hatten.

Sie waren jetzt eben dabei, die »Meisterpartie« zu spielen. Beide Parteien waren jede zu fünf Punkten gelangt und hatten nur noch zwei Quoits zu werfen.

»Du bist an der Reihe, Doniphan, sagte Webb; nun ziele aber genau! Wir haben den letzten Quoit und es handelt sich darum, zu gewinnen!

– Sei nur ganz ruhig!« antwortete Doniphan.

Er nahm Stellung, den einen Fuß dicht vor dem anderen, in der rechten Hand die Scheibe haltend und den Körper leicht nach links geneigt, um desto sicherer werfen zu können.

Man erkannte, daß der eitle Knabe mit Leib und Seele, wie man zu sagen pflegt, bei der Sache war, an den zusammengebissenen Zähnen, den etwas bleichen Wangen und an dem lebhaften, unter den Augenbrauen hervorglänzenden Blicke.

Nachdem er unter gleichmäßigem Schwingen der Scheibe sorgsam gezielt, warf er diese kräftig in wagrechter Richtung fort nach dem fünfzig Fuß entfernten Ziele.

Die Scheibe erreichte den Hob nur mit ihrem äußeren Rande und fiel, statt über den Pflock niederzusinken, neben diesem zur Erde, womit also nur ein sechster Punkt errungen war.

Doniphan konnte seinen Unmuth nicht ganz unterdrücken und stampfte mit dem Fuße auf die Erde.

»Das ist ärgerlich, sagte Croß, doch deshalb haben wir noch lange nicht verloren, Doniphan!

– Nein, gewiß nicht, setzte Wilcox hinzu. Dein Quoit liegt genau am Fuße des Hob, und wenn Briant den seinigen nicht genau darüber wirft, möcht‘ ich doch sehen, ob er den seinigen besser placiren könnte.«

Wenn die Scheibe, welche Briant werfen sollte – und er war jetzt an der Reihe – nicht richtig über den Hob hineinfiel, so mußte das Spiel für seine Partei verloren sein, denn es schien fast unmöglich, sie noch näher an jenen zu werfen, als Doniphan es gethan hatte.

»Ziele gut! … Ziele gut!« rief Service.

Briant antwortete nicht, da es ihm gar nicht einfiel, Doniphan zu verletzen. Er wollte nur Eines: die Partie mehr für seine Kameraden als für sich gewinnen.

Er stellte sich also vorschriftsmäßig auf und schleuderte seine Scheibe mit solcher Sicherheit, daß diese über den Hob hineinfiel.

»Sieben Punkte! rief Service triumphirend. Die Partie gewonnen … gewonnen!«

Doniphan kam schnell herzugelaufen.

»Nein, die Partie ist nicht gewonnen! rief er.

– Und warum nicht? fragte, Baxter.

– Weil Briant betrogen hat!

– Betrogen! versetzte Briant, dessen Gesicht bei dieser Beschuldigung erbleichte.

– Ja … betrogen! wiederholte Doniphan. Briant hatte seinen Fuß nicht auf der Linie, wo derselbe stehen soll!

– Das ist nicht wahr! widersprach Service.

– Das ist falsch! erklärte Briant. Selbst angenommen, daß es wahr wäre, so käme das immer nur auf einen Irrthum meinerseits hinaus, und ich werde nie dulden, daß mich Doniphan deshalb des Betruges anklagt!

– Wirklich? … Du würdest das nicht dulden? sagte Doniphan, die Achseln zuckend.

– Nein, erwiderte Briant, der seiner schon nicht mehr ganz Herr war. Zunächst kann ich übrigens nachweisen, daß meine Füße genau auf der Linie gestanden haben …

– Ja! … Gewiß! … bestätigten Baxter und Service.

– Nein! … Nein! entgegneten Webb und Croß.

– Da seht nach dem Eindrucke meiner Schuhe im Sande! fuhr Briant fort; und da Doniphan sich nicht hat nur täuschen können, so muß ich ihm ins Gesicht sagen, daß er gelogen hat!

– Gelogen!« fuhr Doniphan auf, während er sich langsam seinem Kameraden näherte.

Webb und Croß hatten hinter ihm Stellung genommen, um ihn zu unterstützen, während Service und Baxter sich Briant zu helfen bereit hielten, wenn die beiden Gegner handgemein werden sollten.

Doniphan hatte die Haltung eines Boxers angenommen, die Jacke abgelegt, die Aermel bis zum Ellenbogen aufgestreift und das Taschentuch schon um die Hand gewunden.

Briant, der sein kaltes Blut noch immer bewahrte, blieb bewegungslos stehen, als widerte es ihn an, sich mit einem seiner Kameraden zu schlagen und der kleinen Colonie damit ein schlechtes Beispiel zu geben.

»Du hast Unrecht gethan, mich zu beleidigen, Doniphan, sagte er, und jetzt thust Du ebenso Unrecht, mich herauszufordern! …

– Wahrhaftig, antwortete Doniphan mit möglichst verächtlichem Tone, man thut stets Unrecht, Diejenigen herauszufordern, welche auf Herausforderungen nicht zu antworten verstehen.

– Wenn ich darauf nicht antworte, erklärte Briant, so geschieht das, weil ich es nicht für passend hielt.

– Wenn Du nicht antwortest, erwiderte Doniphan, geschieht das nur, weil Du Furcht hast!

– Furcht! … Ich! …

– Weil Du ein Feigling bist!«

Briant trat mit erhobenen Armen entschlossen auf Doniphan zu, die beiden Gegner standen sich jetzt kampfbereit Auge in Auge gegenüber.

Bei den Engländern und selbst in den englischen Pensionen bildet das Boxen sozusagen einen Theil der Erziehung. Man will übrigens beobachtet haben, daß die in dieser Uebung gewandten jungen Leute Anderen gegenüber mit mehr Sanftmuth und Geduld auftreten und nicht bei jeder Gelegenheit einen Streit vom Zaune brechen.

Briant, der in seiner Eigenschaft als Franzose niemals Geschmack an diesem Austausche von Faustschlägen gefunden hatte, welche allein das Gesicht des Gegners zum Ziele haben, war hierin seinem Widersacher entschieden unterlegen. Denn letzterer galt mit Recht als vorzüglicher Faustkämpfer, wenn auch Beide sonst von gleichem Alter, sowie von gleicher Größe waren und sich an Körperkraft nichts nachgeben mochten.

Der Kampf sollte eben entbrennen und der erste Ansturm unternommen werden, als Gordon, dem Dole von dem Vorfalle Mittheilung gemacht, sich beeilte, zwischen die rauflustigen Knaben zu treten.

»Briant! … Doniphan! … rief er.

– Er hat mich einen Lügner geschimpft! … sagte Doniphan.

– Nachdem er mich des Betruges beschuldigt und einen Feigling genannt hat!« antwortete Briant.

Jetzt hatten sich Alle um Gordon versammelt, während die beiden Gegner, Briant mit gekreuzten Armen und Doniphan in der Haltung eines Boxers, einige Schritte zurückgetreten waren.

»Doniphan, begann da Gordon mit ernster Stimme, ich kenne Briant! … Er hat gewiß keinen Streit gesucht … Du hast sicher das erste Unrecht begangen!

– Wahrhaftig, Gordon, erwiderte Doniphan, daran erkenn‘ ich Dich wieder! … Immer bist Du bereit, gegen mich Partei zu nehmen.

– Ja … Doch nur, wenn Du es verdienst! erklärte Gordon.

– Einerlei! rief Doniphan. Ob das Unrecht nun von mir oder von Briant ausgegangen ist, er bleibt doch ein Feigling, wenn er einen Faustkampf mit mir ausschlägt!

– Und Du, Doniphan, bist ein bösartiger Bursche, der seinen Kameraden ein sehr schlechtes Beispiel gibt. Wie, in der traurigen Lage, in der wir uns befinden, sucht Einer von uns noch den Samen der Uneinigkeit auszustreuen? Das geht nicht, er muß sich zum Heile Aller zu zügeln wissen!

– Briant, sprich Gordon Deinen Dank aus! rief Doniphan. Doch nun, Achtung!

– Nein, nimmermehr! versetzte Gordon. Ich, als Euer Oberhaupt, verbiete hiermit jeden gewalttätigen Auftritt zwischen Euch! Du, Briant, geh‘ nach French-den zurück, und Du, Doniphan, lasse Deinen Zorn verrauchen, wo Du willst, aber komme nicht eher wieder zum Vorscheine, als bis Du eingesehen hast, daß ich nichts weiter als meine Pflicht that, Dir Unrecht zu geben!

– Ja! … Ganz richtig! … riefen die Anderen mit Ausnahme von Webb, Wilcox und Croß. Hurrah für Gordon! Hurrah für Briant!«

Gegenüber dieser überwältigenden Einmüthigkeit blieb ja nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Briant begab sich nach der Halle, und spät am Abend, als Doniphan zur Schlafenszeit wieder kam, verrieth er keine Neigung, dem Vorfalle weitere Folgen zu geben. Dennoch bemerkte man, daß noch ein dumpfer Groll in ihm schlummerte, daß seine Feindschaft gegen Briant nur gewachsen war und daß er niemals die Lection vergessen werde, welche ihm Gordon hatte zu Theil werden lassen. Uebrigens verwarf er auch jeden Versuch der Aussöhnung, den dieser machen wollte.

Diese traurigen Zwistigkeiten, welche die Ruhe der kleinen Colonie bedrohten, waren gewiß höchst bedauerlich. Doniphan hatte Wilcox, Croß und Webb auf der Seite, die seinem Einflusse völlig unterlagen und ihm in allen Stücken Recht gaben, ein Verhältniß, das leider eine zukünftige Trennung befürchten ließ.

Seit jenem Tage war jedoch von nichts dergleichen die Rede. Niemand machte eine Anspielung auf das, was zwischen den beiden Rivalen vorgefallen war, und die gewöhnlichen Arbeiten angesichts des herannahenden Winters nahmen ihren ungestörten Fortgang. Dieser (der Winter) ließ nicht lange auf sich warten. Während der ersten Wochen des Mai wurde die Kälte schon so fühlbar, daß Gordon die Oefen der Halle heizen und Tag und Nacht über in Brand halten ließ. Bald machte es sich auch nöthig, die Ställe in der Einhegung etwas zu erwärmen – eine Aufgabe, welche Service und Garnett zufiel.

Zu jener Zeit begannen auch einige Vögel schaarenweise davon zu ziehen. Nach welchen Gegenden wandten sie sich wohl hin? Offenbar nach mehr nördlich gelegenen Theilen des Stillen Weltmeeres oder nach dem amerikanischen Festlande, wo sie ein weniger rauhes Klima als auf der Insel Chairman fanden.

Unter diesen Vögeln waren in erster Linie Schwalben, diese reizenden Zugvögel, welche schnell die größten Entfernungen zurückzulegen im Stande sind. Da Briant’s Dichten und Trachten unausgesetzt darauf gerichtet war, Mittel zur Rückkehr in die Heimat ausfindig zu machen, kam er auf den Gedanken, den Fortgang dieser Vögel zu benutzen, um von der heutigen Lage der Schiffbrüchigen des »Sloughi« Meldung zu machen. Es hatte keine Schwierigkeit, einige Dutzend jener Schwalben, von der Art der Rauchschwalben, einzufangen, denn diese nisteten in der Nähe und fast noch im Inneren des Store-room selbst. Man befestigte ihnen dann am Halse ein kleines Leinwandsäckchen mit einem Zettelchen darin, der ungefähr den Theil des Stillen Oceans angab, in welchem die Insel Chairman zu suchen sei, und der die Bitte enthielt, davon Nachricht nach Auckland, der Hauptstadt von Neuseeland, zu geben.

Dann wurden die Schwalben freigelassen, und nicht ohne tief innerliche Erregung riefen die jungen Colonisten ihnen ein »Auf Wiedersehen« nach, als sie in der Richtung nach Nordosten verschwanden.

So gering die Aussicht auf günstigen Erfolg auch sein mochte, welche diese Maßregel versprach, that Briant gewiß recht daran, sie nicht zu vernachlässigen.

Vom 25. Mai ab fiel der erste Schnee, demnach einige Tage früher, als im vorigen Jahre. Und nach diesem vorzeitigen Eintritt des Winters konnte man wenigstens fürchten, daß derselbe ein sehr harter werden würde. Zum Glück war für Erwärmung, Beleuchtung und für die Nahrung in French-den auf längere Zeit hinaus gesorgt, ohne bezüglich der letzteren die Beute aus den South-moors zu rechnen, von denen aus mancherlei Thiere nach dem Ufer des Rio Sealand kamen und hier leicht erlegt oder gefangen wurden.

Schon seit mehreren Wochen waren warme Kleidungsstücke vertheilt worden, und Gordon wachte außerdem streng darüber, daß alle hygienischen Maßregeln auf’s Genaueste befolgt würden.

Während dieser langen Zeitperiode hallte French-den auch von einer geheimen Bewegung wider, welche die jugendlichen Köpfe mehr und mehr erhitzte. Das Jahr, für welches Gordon zum Oberhaupte der Insel Chairman ernannt worden war, ging nämlich mit dem 10. Juni zu Ende.

Dieser Umstand veranlaßte mehrfache vertrauliche Besprechungen, heimliche Zusammenkünfte, ja, man könnte sagen Intriguen, welche die ganze kleine Welt lebhaft erregten. Gordon verhielt sich dagegen, wie wir wissen, theilnahmlos, was aber Briant angeht, so kam es diesen als gebornen Franzosen gar nicht in den Sinn, die Leitung einer Colonie von Knaben zu übernehmen, von denen die größte Anzahl Engländer waren.

Im Grunde war derjenige, welcher sich, ohne es äußerlich zu zeigen, angesichts jener Wahl am meisten besorgt zeigte, niemand Anderes als Doniphan. Mit seiner wirklich hervorragenden Intelligenz und seinem von Niemand angezweifelten Muthe hätte er die besten Aussichten gehabt, wenn diese nicht durch seinen hochmüthigen Charakter, durch Herrschsucht und seine neidische Natur verdunkelt worden wären.

Ob er es nun für unzweifelhaft hielt, der Nachfolger Gordon’s zu werden, oder ob er nur zu stolz und eitel war, sich um die Stimmen der Anderen zu bewerben, jedenfalls gab er sich den Anschein vornehmer Zurückhaltung. Was er übrigens nicht offen that, das thaten für ihn seine speciellen Freunde. Wilcox, Webb und Croß bearbeiteten unter der Hand ihre Kameraden, ihre Stimmen für Doniphan abzugeben – vorzüglich die Kleinen, deren Unterstützung ja jetzt nicht zu verachten war. Da nun kein anderer Name genannt wurde, konnte Doniphan seine Erwählung mit einigem Rechte für gesichert betrachten.

Der 10. Juni kam heran.

Im Laufe des Nachmittags sollte die Wahlhandlung stattfinden. Jeder hatte dabei auf einen Zettel den Namen desjenigen zu schreiben, für den er sich als Oberhaupt entschied. Die Majorität sollte dann den Ausschlag geben. Da die Colonie vierzehn Mitglieder zählte – Moko als Neger konnte kein Wahlrecht beanspruchen und that das auch selbst nicht – so mußte schon eine Stimme über sieben, die sich auf denselben Namen vereinigten, die Wahl des neuen Oberhauptes entscheiden.

Die Wahlverhandlung begann um zwei Uhr unter dem Vorsitze Gordon’s und verlief mit jenem Ernste, den die angelsächsische Race allen Vorgängen dieser Art entgegenbringt.

Als die Stimmzettel eröffnet wurden, ergaben sie folgendes Resultat:

Briant acht Stimmen
Doniphan drei Stimmen
Gordon eine Stimme.

Weder Gordon noch Doniphan hatten in eigener Person an der Wahl theilnehmen wollen; Briant hatte seine Stimme für Gordon abgegeben.

Bei der Verkündigung dieses Ereignisses konnte Doniphan weder seine Enttäuschung verbergen, noch die tiefgehende Erregung, die er dabei empfand.

Sehr erstaunt, die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt zu sehen, war Briant zuerst nahe daran, die ihm zugedachte Ehre abzulehnen. Da mochte ihm noch ein anderer Gedanke kommen, denn nach einem flüchtigen Blick auf seinen Bruder Jacques sagte er:

»Meinen Dank, liebe Freunde, ich nehme die Wahl an!«

Von diesem Tage ab war also Briant für den Zeitraum eines Jahres das Oberhaupt der jungen Colonisten auf der Insel Chairman.

IV.

IV.

Der Signalmast. – Strenge Kälte. – Der Flamingo. – Die Weide. – Jacques‘ Geschicklichkeit. – Doniphan’s und Croß‘ Ungehorsam. – Der Nebel. – Jacques im Nebel. – Kanonenschüsse von French-den aus. – Die schwarzen Punkte. – Die Haltung Doniphan’s.

———

Wenn sie ihre Stimme auf Briant vereinigten, so hatten dessen Kameraden damit seinem dienstwilligen Charakter, seinem Muthe, von dem er bei jeder, das Heil der Colonie betreffenden Gelegenheit Proben ablegte, und seiner unermüdlichen Ergebenheit für das allgemeine Interesse Gerechtigkeit widerfahren lassen wollen. Seit jenem Tage, wo er sozusagen das Commando des Schooners während der unfreiwilligen Fahrt von Neuseeland bis zur Insel Chairman übernommen hatte, war er niemals vor einer Gefahr oder einer Anstrengung zurückgewichen. Trotz seiner Zugehörigkeit zu einer fremden Nationalität liebten ihn Alle, Große und Kleine, und vorzüglich die Letzteren, mit denen er sich stets so eifrig beschäftigte, und die denn auch einmüthig für ihn gestimmt hatten. Nur Doniphan, Croß, Wilcox und Webb wollten die guten Eigenschaften Briant’s nun einmal nicht anerkennen, obgleich sie recht wohl wußten, daß sie damit gegen den verdienstvollsten ihrer Kameraden ungerecht seien.

Gordon sah zwar voraus, daß dieser Ausfall der Wahlen die schon vorhandene Uneinigkeit nur vermehren und Doniphan nebst seinen Parteigängern vielleicht zu irgend einem beklagenswerthen Entschlusse verleiten würde, er beeilte sich aber doch, Briant seinen Glückwunsch darzubringen. Einerseits war er viel zu billig denkend, um die stattgefundene Wahl nicht anzuerkennen, und andererseits mußte es ihm selbst unangenehm sein, in der Zukunft nur das Rechnungswerk in French-den zu besorgen zu haben.

Von diesem Tage ab wurde es jedoch sichtbar, daß Doniphan und seine drei Kameraden entschlossen waren, diesen Zustand der Dinge nicht zu ertragen, obwohl Briant sich gelobt hatte, ihnen keine Gelegenheit zu irgend welchen Ausschreitungen zu geben.

Was Jacques anging, so hatte dieser nicht ohne eine gewisse Verwunderung seinen Bruder den Ausfall der Wahl ohne Widerspruch hinnehmen sehen.

»Du willst also? … sagte er ohne seinen Gedanken ganz auszusprechen, den Briant vollendete, indem er ihm mit verhaltener Stimme antwortete:

– Ja, ich will in der Lage sein, noch mehr thun zu können, als uns bisher gestattet war, um Deinen Fehler gut zu machen.

– Ich danke Dir, Bruder, erwiderte Jacques, und jedenfalls schone meiner nicht!«

Am nächsten Morgen begann wieder der gewöhnliche Verlauf dieses Lebens, das die langen Tage des Winters so eintönig machen sollten.

Vorher aber und ehe die strenge Kälte jeden Ausflug nach der Sloughi-Bai verhindern sollte, ergriff Briant eine Maßregel, die ihre Nützlichkeit bald zeigen sollte.

Wie bekannt war auf einem hohen Punkte auf dem Kamm des Auckland-hill ein Signalmast errichtet worden. Von der an der Spitze dieses Mastes flatternden Flagge, welche während einiger Wochen durch starke Seewinde zersetzt worden war, fanden sich nur noch einige Reste vor. Es erschien also von Wichtigkeit, diese durch ein anderes Zeichen zu ersetzen, das auch die winterlichen Stürme auszuhalten im Stande wäre. Auf Briant’s Rath befestigte Baxter eine Art Ballon, hergestellt aus biegsamen Rohrzweigen, wie solche am Ufer des Sumpfes in großer Menge wucherten, der schon deshalb haltbar sein mußte, weil der Wind durch das Geflecht hindurchdringen konnte. Nach Vollendung dieser Arbeit wurde ein letzter Zug nach der Bai unternommen, und zwar am 17. Juni, und Briant ersetzte nun die Flagge des Vereinigten Königreichs durch das neue Zeichen, das auf einen Umkreis von mehreren Meilen sichtbar war.

Inzwischen war der Zeitpunkt nicht mehr fern, wo Briant und seine »Unterthanen« sich in French-den eingeschlossen sehen mußten. Das Barometer stieg langsam, aber ununterbrochen weiter, was auf die Andauer strenger Kälte hindeutete.

Briant ließ die Jolle an’s Land ziehen und im Winkel der Anhöhe unterbringen. Hier wurde dieselbe mit einem dichten Pfortsegel bedeckt, um ein Auseinanderweichen der Fugen in Folge der Austrocknung zu verhindern. Ferner stellten Baxter und Wilcox wieder Schlingen in der Nähe der Einfriedigung und hoben auch neue Fallgruben am Saume der Traps-woods aus. Endlich wurden die Luftnetze längs des linken Ufers des Rio Sealand aufgespannt, um in ihren Maschen das Wasserwild zurückzuhalten, welches von heftigen Südwinden nach dem Innern der Insel verschlagen wurde.

Inzwischen machten Doniphan und zwei oder drei seiner Gefährten mit Hilfe ihrer Stelzen einige Ausflüge nach den South-moors, von denen sie niemals als »Schneider« heimkehrten, obwohl sie nur wenige Schüsse abgaben, da sich Briant bezüglich der Munition ebenso sparsam erwies, wie früher Gordon.

Während der ersten Julitage kam der Fluß nun zum Stehen. Einige Eisschollen, welche sich auf dem Family-lake bildeten, trieben erst mit der Strömung hinab. Bald häuften sich dieselben jedoch ein wenig stromabwärts von French-den an und erzeugten eine Eisstopfung, wonach auch die übrige Oberfläche des Flusses sich schnell mit einer festen Schicht bedeckte. Bei Fortdauer der Kälte, welche schon zwölf Grad unter dem Nullpunkte des hunderttheiligen Thermometers erreichte, mußte auch der See selbst in seiner ganzen Ausdehnung bald fest werden. Nach einer Reihe stark stürmischer Böen, welche diesen Vorgang noch etwas verzögerten, sprang der Wind nach Südwesten um, der Himmel klärte sich auf und die Temperatur erniedrigte sich bis auf zwanzig Grad unter dem Gefrierpunkt.

Das Programm für das Leben während des Winters wurde nun unter denselben Bedingungen wieder aufgenommen, wie es im vergangenen Jahre entworfen worden war. Briant hielt, wie man sagt, den Daumen darauf, ohne sich zu einem Mißbrauch seiner Autorität verleiten zu lassen. Alle gehorchten ihm übrigens gern, und Gordon erleichterte ihm seine Stellung wenigstens dadurch, daß er selbst das beste Beispiel von Gehorsam gab. Doniphan und seine Parteigänger ließen sich obendrein niemals eine Insubordination zu Schulden kommen. Sie beschäftigten sich mit der ihnen obliegenden Besorgung der Fallen, Schlingen, Dohnen und Luftnetze, hielten aber außerdem stets zusammen, sprachen nur mit gedämpfter Stimme und mischten sich so gut wie nie, selbst nicht bei Tische oder in den abendlichen Mußestunden, in das allgemeine Gespräch.

Ob sie einen Anschlag vorbereiteten, wußte man nicht, jedenfalls verhielten sie sich so, daß Briant keinen Grund hatte, ihnen einen Vorwurf zu machen oder sich sonst wie einzumischen. Er bemühte sich gerecht zu sein gegen Alle und nahm besonders peinliche und anstrengende Arbeiten oft auf sich, sowie er auch seinen Bruder nicht schonte, der mit ihm nach Kräften wetteiferte. Gordon glaubte sogar zu bemerken, daß Jacques‘ Charakter sich allmählig ändere, und Moko sah mit Vergnügen, daß der junge Knabe seit der gehabten Auseinandersetzung mit Briant sich den Vorschlägen seiner Kameraden zugänglicher zeigte und an deren Spielen mehr Theil nahm.

Die langen Stunden, welche der Frost in der Halle zuzubringen zwang, wurden mit geistigen Arbeiten ausgefüllt. Jenkins, Iverson, Dole und Costar machten die erfreulichsten Fortschritte, und während die Großen sie unterrichteten, lernten diese dabei auch selbst. An den langen Abenden las man abwechselnd mit lauter Stimme Reiseschilderungen, denen freilich Service die Lectüre seiner Robinsons vorgezogen hätte. Zuweilen ließ auch Garnett’s Ziehharmonika ihre herzzerreißenden Harmonien ertönen, welche der unglückselige Musiknarr mit bedauerlicher Hartnäckigkeit zum Besten gab. Andere sangen aus vollem Herzen verschiedene Kinderlieder, und nach Schluß des ergötzlichen Concerts suchten Alle ihre Lagerstätten auf.

Briant hörte inzwischen niemals auf, über die Möglichkeit einer Rückkehr nach Neuseeland nachzugrübeln. Das war’s, was ihm jederzeit am Herzen lag, und darin unterschied er sich von Gordon, welcher nur daran dachte, die Einrichtung der Colonie auf der Insel Chairman zu vervollständigen. Die Präsidentschaft Briant’s mußte sich also vorzüglich durch die Anstrengungen auszeichnen, die in der Absicht heimzukehren gemacht wurden. Er dachte zunächst immer an den weißlichen, von ihm seitwärts der Deception-Bai wahrgenommenen Fleck und fragte sich, ob dieser wohl einem in der Nachbarschaft der Insel gelegenen Lande angehöre. In diesem Falle schien es ihm nicht unmöglich zu sein, ein Fahrzeug zu erbauen, mit dem man wenigstens jenes Land erreichen könnte; sprach er darüber aber mit Baxter, so zuckte dieser nur die Achseln, um anzudeuten, daß eine solche Arbeit ihre Kräfte weit übersteige.

»Ach, warum sind wir nur Kinder! klagte dann Briant; ja, Kinder, wo wir doch Männer sein müßten!«

Das war und blieb sein größter Kummer!

Während der Winternächte kam es, obwohl die Sicherheit von French-den selbst ungefährdet schien, zu einzelnen Störungen. Wiederholt ließ Phann ein langes Bellen vernehmen, wenn Banden von Raubthieren – meist von Schakalen – die Einfriedigung umschwärmten. Dann eilten Doniphan und die Andern durch die Thür der Halle hinaus und indem sie Feuerbrände nach den unheimlichen Gesellen schleuderten, gelang es ihnen meist leicht, diese zu vertreiben.

Zwei- oder dreimal zeigten sich auch Jaguare und Cuguare in kleineren Gesellschaften in der Umgebung, ohne so nahe wie die Schakale heranzukommen. Diese empfing man mit Flintenschüssen, obgleich bei der Entfernung, aus der man auf sie feuerte, an eine tödtliche Verwundung derselben kaum zu denken war. Kurz, es machte zuweilen doch einige Mühe, den eingefriedigten Viehhof zu schützen.

Am 24. Juli fand Moko auch einmal Gelegenheit, sich auf’s neue als vortrefflicher Kochkünstler zu erweisen, indem er ein Stück Wildpret zubereitete, an dem sich Alle, die Einen als Leckermäuler, die Anderen als Feinschmecker, weidlich ergötzten.

Wilcox und Baxter, der dem ersteren gern seine Unterstützung lieh, hatten sich nicht begnügt, Fangapparate für kleinere Thiere, wie Geflügel und Nagethiere, herzustellen. Durch geeignete Zurichtung straff-elastischen Reisigs, wie solches zwischen den Baumstämmen der Traps-woods wuchs, gelang es ihnen, wirkliche Schlingen mit Laufknoten auch für größeres Wild zu verfertigen. Aehnliche Fallen werden häufig in den Wäldern auf den Fährten der Rehe errichtet und sie liefern nicht selten recht gute Ausbeute.

In den Traps-woods war es freilich kein Rehbock, sondern ein prächtiger Flamingo, der sich in der Nacht zum 24. Juli in einem solchen Laufknoten gefangen und aus dem er sich trotz aller Anstrengung nicht wieder hatte frei machen können. Am Morgen, als Wilcox die Fallen und Schlingen nachsah, war er schon von der seinen Hals einschnürenden Schlinge erwürgt. Dieser sorgsam gerupfte, sauber ausgenommene und mit einer Fülle aus aromatischen Kräutern schön nußbraun gebratene Flamingo wurde allgemein für ausgezeichnet erklärt. Sowohl von dem Bruststück wie von den Keulen erhielt Jeder reichlich zugetheilt, und obendrein noch ein kleines Stück von der Zunge, die wohl zu den leckersten Gerichten gehört, welche es unter dem blauen Himmelszelte gibt.

Die erste Hälfte des Monats August brachte vier sehr strenge Frosttage. Nicht ohne ängstliche Besorgniß sah Briant das Thermometer bis auf dreißig Centigrade unter Null herabsinken. Die Reinheit der Luft war dabei ganz unvergleichlich und wie es bei solchen starken Erniedrigungen der Temperatur häufig vorkommt, bewegte kein Windhauch die Atmosphäre.

Während dieser Zeit konnte Niemand French-den verlassen, ohne sofort bis auf die Knochen durchkältet zu werden, und den Kleinen wurde deshalb strengstens verboten, sich, und wäre es nur auf Augenblicke, der freien Luft auszusetzen. Selbst die Großen wagten das nur, wenn die Noth es erheischte, vor Allem also, um die Oefen in den Vieh- und Geflügelstallungen in Brand zu erhalten.

Zum Glück währte diese bittere Kälte nicht zu lange. Gegen den 6. August schlug der Wind mehr nach Westen um. Die Sloughi-Bai und das Ufergelände der Wrack-coast wurden jetzt von entsetzlichen Stürmen heimgesucht, welche, nachdem sie die Abhänge des Auckland-hill mit voller Wuth gepeitscht, über den Höhenzug mit einer Heftigkeit ohne Gleichen hinwegrasten. French-den hatte von ihnen jedoch nichts zu leiden. Es hätte mindestens eines Erdbebens bedurft, um dessen feste Wandungen zu erschüttern. Die unwiderstehlichsten Orkane, welche hochbordige Schiffe an die Küsten werfen und selbst steinerne Gebäude umstürzen, konnten der felsigen Uferhöhe, die sich nach dem Inselinneren fortsetzte, nichts anhaben. Bäume wurden allerdings in großer Menge geknickt, doch damit ersparten die jungen Holzfäller nur manche schwere Arbeit, wenn die Erneuerung des Brennmaterialvorrathes in Frage kam.

Diese Stürme hatten die wohlthätige Folge, den Zustand der Atmosphäre insoferne zu verändern, als sie das Aufhören der allzu strengen Kälte herbeiführten. Von derselben Zeit an erhob sich die Temperatur stetig, und nach Vorübergang der gewaltigen Luftstörungen hielt sie sich im Mittel auf sieben bis acht Grad unter dem Gefrierpunkte.

Die zweite Hälfte des August gestaltete sich recht erträglich. Briant konnte die Arbeiten draußen wieder aufnehmen lassen – natürlich mit Ausnahme des Fischfanges, denn noch deckte eine mächtige Eiskruste die Gewässer des Rio wie des Sees. Nun wurden fleißig die Fallgruben, Schlingen und Luftnetze untersucht, welche letztere stets reichliche Beute an Sumpfvögeln lieferten, so daß die Speisekammer immer mit frischem Wild, versorgt wurde.

Außerdem barg auch die Einfriedigung jetzt verschiedene neue Bewohner, sowohl junge Brut der Trappen und der Perlhühner, als auch fünf Lämmer, welche das Vicogne-Schaf geworfen und denen es an sorgfältiger Pflege seitens Service’s und Garnett’s nicht mangelte.

Unter diesen Verhältnissen kam Briant, da der Zustand des Eises das noch gestattete, auf den Gedanken, seinen Kameraden eine große Schlittschuhpartie vorzuschlagen. Mit einem länglichen Holzklötzchen und einer eisernen Klinge gelang es Baxter, mehrere Paare Schlittschuhe herzustellen. Die Knaben hatten übrigens alle mehr oder weniger Uebung in dieser Kunst, die zur Zeit des tiefen Winters in Neuseeland mit Vorliebe getrieben wird, und sie freuten sich herzlich auf die Gelegenheit, ihre Talente auf der Eisfläche des Family-lake zu erproben.

Am 25. August gegen elf Uhr Vormittags verließen also Briant, Gordon, Doniphan, Webb, Croß, Wilcox, Baxter, Service, Jenkins und Jacques, während sie Iverson, Dole und Costar der Ueberwachung durch Moko und Phann anvertrauten, die Wohnung, um eine Stelle aufzusuchen, wo sich ein ausgedehntes, glattes Eisfeld zum Schlittschuhlaufen eignen würde.

Briant hatte ein Nebelhorn vom Schooner mit sich genommen, um seine kleine Truppe zusammenzurufen, wenn sich Einer oder der Andere auf dem See gar zu weit entfernte. Alle hatten vor dem Aufbruche gefrühstückt und hofften vor dem Mittagsbrode zurück zu sein.

Sie mußten dem Ufer gegen drei Meilen weit nachgehen, ehe sich eine passende Eisbahn fand, da den Family-lake in der näheren Umgebung von French-den unregelmäßig zusammengefrorene Schollen bedeckten. Gegenüber den Traps-woods machten die jungen Leutchen Halt vor einer verlockend ebenen Eisfläche, welche sich nach Osten hin über Sehweite hin ausdehnte. Es wäre ein prächtiger Exercierplatz für eine Armee von Schlittschuhläufern gewesen.

Selbstverständlich hatten Doniphan und Croß ihre Gewehre mitgenommen, um bei sich bietender Gelegenheit etwas Wild zu erlegen. Briant und Gordon, welche an diesem Sporte einmal keinen Gefallen fanden, waren nur in der Absicht, Unklugheiten vorzubeugen, mit hierher gegangen.

Ohne Widerrede zeigten sich als die gewandtesten Läufer der kleinen Colonie Doniphan, Croß und vorzüglich Jacques, der den Anderen ebenso in der Schnelligkeit der Fortbewegung, wie in der Sicherheit, mit der er die verwickeltsten Bögen beschrieb, weit voranstand.

Bevor er das Zeichen zum Aufbruche gab, hatte Briant seine Kameraden um sich versammelt und sie folgendermaßen angeredet:

»Ich brauche Euch wohl nicht zu empfehlen, vernünftig zu sein und jede Eigenliebe bei Seite zu setzen. Ist auch nicht zu befürchten, daß das Eis brechen könnte, so kann man doch immer Arme oder Beine brechen. Entfernt Euch nicht über Gesichtsweite hinaus! Sollte sich Jemand aus Versehen doch zu weit hinaus verführen lassen, so vergeßt nicht, daß wir, Gordon und ich, Euch hier an dieser Stelle erwarten, und wenn ich ein Signal mit dem Horne gebe, hat Jeder die Pflicht, sich bei uns einzufinden.«

Nach Anhörung dieser Ermahnungen schweiften die Schlittschuhläufer auf den See hinaus, und Briant fühlte sich beruhigt, als er sie eine recht anerkennenswerthe Geschicklichkeit entfalten sah. Kamen zuerst auch einige Stürze vor, so erweckten diese doch nur ein allgemeines Gelächter.

In der That verrichtete Jacques wahre Wunder, indem er vorwärts, rückwärts, auf einem und auf zwei Füßen, aufgerichtet und zusammengekauert Bögen und Ellipsen mit tadelloser Genauigkeit beschrieb. Briant gewährte es daneben eine besondere Befriedigung, seinen Bruder an dem heiterem Spiele der Anderen theilnehmen zu sehen.

Möglicherweise empfand Doniphan, der allen körperlichen Uebungen so leidenschaftlich ergebene Sportsman, etwas wie Neid bei den Erfolgen Jacques‘, dem Alle herzlich zujubelten, wenigstens entfernte er sich, trotz der Warnungen Briant’s, bald weiter vom Ufer und gab auch Croß wiederholt ein Zeichen, ihm nachzufolgen.

»He, Croß, rief er dann, da draußen seh‘ ich ein Volk Enten … dort … dort, nach Osten zu. Kannst Du es erkennen?

– Ja wohl, Doniphan.

– Du hast Deine Flinte … ich die meinige … vorwärts, wir jagen sie!

– Briant hat aber untersagt …

– Ach, lass‘ mich zufrieden mit Deinem Briant! … Vorwärts! … Schnell vorwärts! …«

Fast im Handumdrehen hatten Doniphan und Croß eine halbe Meile hinter sich gebracht in Verfolgung der Schaar von Vögeln, welche über dem Family-lake kreisten.

»Wohin wollen sie? fragte Briant.

– Sie werden da draußen Wild gesehen haben, antwortete Gordon, und ihre Neigung zur Jagd …

– Oder vielmehr ihre Neigung zum Ungehorsam, erwiderte Briant. Das ist wieder der Doniphan …

– Glaubst Du, Briant, daß für sie etwas zu fürchten wäre?

– Wer weiß das, Gordon? … Eine Unklugheit bleibt es immer, sich von hier so weit fort zu wagen. Sieh‘ nur, wie entfernt sie schon sind!«

In schnellem Laufe davoneilend, erschienen Doniphan und Croß jetzt wirklich nur noch wie zwei Punkte am Horizonte des Sees.

Wenn sie auch, da noch mehrere Stunden Tageslicht bleiben mußten, Zeit genug hatten, zurückzukehren, begingen sie doch eine Unklugheit. Zu dieser Jahreszeit war nämlich immer ein plötzlicher Wechsel im Zustande der Atmosphäre zu befürchten. Ein Umschlag der Windrichtung hätte schon genügt, stärkere Böen oder andererseits Nebelbildungen hervorzurufen.

Man kann sich die Besorgnisse Briant’s also leicht vergegenwärtigen, als der Horizont gegen zwei Uhr sich schnell unter einer aufziehenden Nebelwand verbarg.

Auch jetzt waren Croß und Doniphan noch nicht wieder sichtbar geworden, und die über der weiten Seefläche sich anhäufenden Dunstmassen verhüllten schon gänzlich dessen westliches Ufer.

»Da haben wir, was ich fürchtete! rief Briant. Wie werden sie den Weg nun finden können?

– Durch ein Zeichen mit dem Horne! … Gieb ihnen ein Hornsignal!« antwortete Gordon rasch.

Dreimal ertönte das Horn und weithin verbreiteten sich dessen scharfe Tonwellen. Vielleicht gab ein Flintenschuß darauf Antwort – das einzige Mittel, welches Doniphan und Croß besaßen, um die Stelle, an der sie sich befanden, anzudeuten.

Briant und Gordon lauschten … Kein Knall drang zu ihren Ohren.

Inzwischen hatte der Nebel schon recht merklich ebenso an Dichtheit, wie an Ausdehnung zugenommen, und jetzt wälzte er sich kaum noch eine Viertelmeile vom Ufer heran. Da er gleichzeitig auch nach den höheren Luftschichten aufstieg, mußte der See unter ihm binnen wenigen Minuten völlig verschwunden sein.

Briant rief nun diejenigen seiner Kameraden, welche sich in Sehweite gehalten hatten, zusammen. Einige Minuten später waren Alle am Ufer angekommen.

»Was nun? … fragte Gordon.

– Wir werden Alles versuchen müssen, Croß und Doniphan wieder aufzufinden, ehe sie sich noch völlig im Nebel verirrt haben. Einer von uns muß sich in der von ihnen eingeschlagenen Richtung hinauswagen und seine Gegenwart durch wiederholte laute Hornsignale kundzugeben suchen.

»Ich will sofort hinausfahren! meldete sich Baxter.

– Wir auch! riefen zwei oder drei Andere.

– Nein! … Ich werde selbst gehen! erklärte Briant.

– Du nicht, sondern ich, Bruder! widersprach ihm Jacques. Auf meinen Schlittschuhen soll es nicht lange dauern, bis ich Doniphan und Croß eingeholt habe …

– Nun gut … antwortete Briant. Geh‘ hinaus, Jacques, und achte wohl darauf, ob Du keine Flintenschüsse hörst … Doch halt, nimm hier auch das Horn mit, um ihnen Deinen jeweiligen Standpunkt erkennbar zu machen!

– Gewiß, Briant!»

Einen Augenblick später war Jacques schon inmitten des immer undurchsichtiger werdenden Nebels verschwunden.

Briant, Gordon und die Uebrigen strengten sich an, die von Jacques gegebenen Hornsignale zu vernehmen, doch auch diese erstarben bald in Folge der zu großen Entfernung.

So verlief eine halbe Stunde ohne ein Merkzeichen von den Abwesenden, weder von Croß oder Doniphan, welche sich auf dem See gewiß nicht mehr zurechtfinden konnten, noch von Jacques, der zu ihrer Aufsuchung hinausgefahren war.

Was sollte aber aus allen Dreien werden, wenn die Nacht herabsank, ehe sie zurückgekehrt waren?

»Wenn wir nur Feuerwaffen hier hätten, rief Service, vielleicht wär‘ es möglich …

– Schußwaffen? antwortete Briant. Die gibt’s ja noch in French-den! … Auf, es ist keine Minute zu verlieren!«

Das war gewiß das beste Auskunftsmittel, denn es schien von hoher Wichtigkeit, ebenso wie Croß und Doniphan, auch Jacques selbst die Richtung zu bezeichnen, welcher sie zu folgen hatten, um auf das Ufer des Family-lake zu treffen. Am besten war es also, schleunigst nach French-den zurückzukehren, wo durch von Zeit zu Zeit wiederholte Schüsse Signale abgegeben werden konnten.

In weniger als einer halben Stunde hatten Briant, Gordon und alle Anderen die drei Meilen zurückgelegt, welche sie von der Sport-terrace trennten.

Bei dieser Gelegenheit konnte von Schonung des Pulvers nicht die Rede sein. Wilcox und Baxter luden zwei Gewehre, welche in der Richtung nach Osten abgefeuert wurden.

Keine Antwort; weder ein Schuß, noch der Ton eines Hornes.

Es war schon um dreieinhalb Uhr. Der Nebel zeigte eher noch Neigung, sich zu verdichten, je weiter die Sonne nach der Kette des Auckland-hill zu niedersank. Durch die schweren Dunstmassen war es ganz unmöglich, auf dem See etwas zu erkennen.

»Holt die Kanone!« rief Briant.

Das eine der kleinen Signalgeschütze vom »Sloughi« – dasselbe, dessen Rohr gewöhnlich durch die Wandöffnung neben der Thüre der Halle lugte – wurde nach der Sport-terrace geschleppt und nach Nordosten gerichtet.

Man lud dasselbe mit einer sogenannten Platzpatrone, und Baxter wollte schon die Leine des Schlaghahnes anziehen, als Moko noch den Vorschlag machte, einen Pfropfen von eingefettetem Grase vor die Kartusche festzustampfen. Er glaubte zu wissen, daß hierdurch der Knall verstärkt würde, und er täuschte sich auch nicht.

Der Schuß donnerte hinaus – nicht ohne daß Dole und Costar sich dabei die Ohren fest zuhielten.

Bei der so vollkommen ruhigen Atmosphäre war gar nicht anzunehmen, daß der Knall nicht bis zur Entfernung von mehreren Meilen gehört werden müßte.

Man lauschte … Nichts!

Noch während einer ganzen Stunde wurde das kleine Geschütz von zehn zu zehn Minuten in gleicher Weise abgefeuert. Daß Doniphan, Croß und Jacques die Bedeutung dieser wiederholten Schüsse mißverstehen sollten, welche bestimmt waren, ihnen die Lage von French-den anzudeuten, war gar nicht glaublich. Die Entladungen mußten auch auf der ganzen Oberfläche des Family-lake vernehmbar sein, denn gerade nebelige Luft ist für weite Fortpflanzung des Schalles besonders geeignet und diese Eigenschaft nimmt mit der Verdichtung derselben nur noch mehr zu.

Endlich, kurz vor fünf Uhr, wurden zwei oder drei noch sehr entfernte Flintenschüsse deutlich in der Richtung von Nordosten her auf der Sport-terrace vernommen.

»Das sind sie?« rief Service.

Sofort antwortete Baxter noch ein letztes Mal auf das Signal Doniphan’s.

Einige Minuten später wurden zwei Schattengestalten durch den Nebel sichtbar, der über dem Ufer etwas weniger dicht als über dem See lagerte. Bald antworteten freudige Hurrahs auf die gleichen Rufe von der Sport-terrace.

Doniphan und Croß kamen endlich an.

Jacques war nicht mit ihnen.

Nun denke man sich die tödtliche Angst Briant’s! Sein Bruder hatte die beiden Jäger nicht finden können, die nicht einmal seine Hornsignale hörten. Croß und Doniphan, welche sich zurecht zu finden bemühten, hatten sich zu derselben Zeit schon nach dem Süden des Sees gewendet, als Jacques nach Osten hinausflog, um sie zu entdecken. Ohne die von French-den aus abgegebenen Kanonenschüsse hätten sie den richtigen Weg freilich nicht wiederfinden können.

Die Gedanken nur auf seinen im Nebel verirrten Bruder gerichtet, fiel es Briant gar nicht ein, Doniphan Vorwürfe zu machen, dessen Ungehorsam so ernste Folgen zu haben drohte. War Jacques gezwungen, auf dem See die ganze Nacht bei einer Temperatur zu verbringen, welche vielleicht bis auf fünfzehn Grad unter Null herabging, wie hätte er eine solche strenge Kälte aushalten können!

»Ich hätte an seiner Statt gehen sollen … ich!« wiederholte Briant, dem Gordon und Baxter vergeblich einige Hoffnung einzuflößen versuchten.

Noch einige Kanonenschüsse wurden abgegeben. Hatte Jacques sich French-den genähert, so mußte er sie gehört haben, und hätte es dann gewiß nicht unterlassen, seine Anwesenheit durch einige Signale mit dem Horne zu erkennen zu geben.

Als sich die letzten rollenden Töne aber in der Ferne verloren, blieben die Schüsse ohne jede Antwort.

Schon brach nun die Nacht herein und die Dunkelheit mußte bald die ganze Insel einhüllen.

Da trat aber eine günstige Aenderung der Verhältnisse ein – der Nebel schien geneigt, sich zu zerstreuen. Eine leichte Brise, welche von Westen her wehte, wie das fast jeden Abend nach windstillen Tagen der Fall war, trieb die Dunstmassen nach Osten zurück und legte damit die Oberfläche des Family-lake wieder frei. Bald konnte die einzige Schwierigkeit, French-den aufzufinden, nur noch im nächtlichen Dunkel liegen.

Unter diesen Umständen gab es nur noch ein Hilfsmittel, nämlich die Anzündung eines großen Feuers am Ufer, welches als Signal dienen konnte. Schon häuften Wilcox, Baxter und Service auch trockenes Holz in der Mitte der Sport-terrace auf, als Gordon sie aufhielt.

»Wartet ein wenig!« sagte er.

Das Fernrohr vor den Augen, blickte Gordon aufmerksam in der Richtung nach Nordosten hinaus.

»Mir scheint, ich sehe da einen Punkt … sagte er, einen Punkt, der sich auch bewegt« …

Jetzt ergriff Briant das Glas und lugte auch selbst hinaus.

»Gott sei gelobt! … Er ist es! … rief er. Das ist Jacques! … Ich erkenne ihn!« …

Da stießen Alle aus vollem Halse laute Rufe aus, als könnten sie sich bis auf eine Entfernung, welche mindestens noch eine Meile betragen mochte, vernehmbar machen.

Jedenfalls verminderte sich diese Entfernung sichtlich. Die Schlittschuhe an den Füßen, glitt Jacques mit der Schnelligkeit eines Pfeiles über die Eisdecke des Sees hin und auf French-den zu. Nur noch wenige Minuten und er mußte daselbst angelangt sein.

»Es sieht aus, als wenn er nicht allein käme!« rief da Baxter mit dem Ausdrucke von Verwunderung.

Wirklich ließ eine genauere Beobachtung zwei weitere Punkte erkennen, welche sich einige Schritte hinter Jacques mit diesem fortbewegten.

»Was ist denn das? … fragte Gordon.

– Sollten es Menschen sein? … meinte Baxter.

– Nein! … Ich würde es eher für Thiere ansehen! … sagte Wilcox.

– Vielleicht sind es gar Raubthiere!« … rief Doniphan.

Er täuschte sich nicht und ohne Zögern eilte er, das Gewehr in der Hand, Jacques entgegen.

Binnen wenigen Augenblicken hatte Doniphan den jüngeren Knaben erreicht und zwei Schüsse auf die Raubthiere abgegeben, welche verdutzt Kehrt machten und bald aus dem Gesichte entschwanden.

Es waren zwei Bären, deren Vorkommen man unter der Fauna der Insel Chairman nicht vermuthet hatte. Doch, da diese furchtbaren Raubgesellen sich auf der Insel zeigten, wie war es gekommen, daß die Jäger bisher noch keine Spur von ihnen entdeckt hatten? Sollte man annehmen, daß sie dieselbe für gewöhnlich nicht bewohnten und daß sie nur zur jetzigen Winterszeit, indem sie entweder über das zugefrorene Meer herkamen oder von davontreibenden Eisschollen getragen wurden, in diese Gegend verschlagen waren? Wies das nicht auf ein Festland in der Nähe der Insel hin? … Dieser Gedanke schien des Erwägens werth.

Doch, wie dem auch sein mochte, jedenfalls war Jacques gerettet und sein Bruder drückte ihn herzlich in die Arme.

Glückwünsche, Umarmungen und warme Händedrücke fehlten dem muthigen Knaben überhaupt nicht. Nach vergeblichen Versuchen, seine Kameraden durch Hornsignale anzurufen, hatte auch er sich in dem überaus dichten Nebel so verirrt, daß er sich nicht mehr zurechtfinden konnte, als er das erste Krachen des Geschützes vernahm.

»Das kann nur die Kanone von French-den sein!« hatte er sich gesagt, während er die Richtung, woher der Schall kam, zu erkennen suchte.

Er befand sich da mehrere Meilen vom Ufer im Nordosten des Sees. Sofort eilte er in der ihm angedeuteten Richtung in größter Schnelligkeit auf den Schlittschuhen dahin.

Plötzlich, als der Nebel sich etwas lockerte, bemerkte er zwei große Bären, die auf ihn zutrabten. Trotz der drohenden Gefahr verließ ihn seine Kaltblütigkeit jedoch keinen Augenblick, und Dank der Schnelligkeit seines Laufes konnte er die Thiere von sich fernhalten. Beim ersten unglücklichen Sturze wäre er dagegen verloren gewesen.

Da nahm er Briant bei Seite und sagte zu ihm, während Alle nach French-den zurückkehrten:

»Ich danke Dir, Bruder, danke Dir von Herzen, daß Du mir gestattet hast« …

Briant drückte ihm, ohne zu antworten, warm die Hand.

Als dann Doniphan die Thürschwelle der Halle überschritt, sagte er zu diesem:

»Ich hatte Dir verboten, Dich zu entfernen, und Du siehst, daß Deine Unfolgsamkeit beinahe schweres Unglück herbeigeführt hätte. Doch, obwohl Du entschieden ein Unrecht begangen, Doniphan, bin ich Dir noch Dank schuldig, daß Du Jacques so bereitwillig zu Hilfe geeilt bist.

– Ich habe nicht mehr als meine Pflicht gethan,« antwortete Doniphan kühl.

Und er nahm nicht einmal die Hand, die ihm sein Kamerad freundlich entgegenstreckte.

V.

V.

Eine Rast an der Südspitze des Sees. – Doniphan, Webb und Wilcox. – Trennung. – Die Gegend der Downs-lands. – Der East-river. – Längs des linken Ufers hinab. – Ankunft bei der Mündung.

———

Sechs Wochen nach jenen Vorfällen und gegen fünf Uhr Abends machten vier der jungen Colonisten an der südlichen Spitze des Family-lake Halt.

Es war am 10. October. Der Einfluß der schönen Jahreszeit trat schon überall zu Tage. Unter den mit frischem Grün angehauchten Bäumen hatte der Erdboden schon wieder Frühlingsschmuck angelegt. Eine schwache Brise kräuselte leicht die Oberfläche des Sees, über den noch die letzten Sonnenstrahlen hinglitten, welche durch die weite Ebene der South-moors und über deren schmalen Sandvorlande glitzerten. Zahlreiche Vögel zogen in geschwätzigen Schaaren entweder nach ihren nächtlichen Ruheplätzen im Schatten der Bäume oder nach den Aushöhlungen und Löchern des Steilufers vorüber. Verschiedene Gruppen immergrüner Bäume, wie Fichten, Steineichen und in geringer Entfernung ein etwa vier Acker großer Tannenwald unterbrachen allein die eintönige Unfruchtbarkeit dieses Theiles der Insel Chairman. Der waldige Rahmen des Sees schien hier unterbrochen, und um die dichten Baumanhäufungen zu erreichen, hätte man mehrere Meilen auf einem der beiden Ufer des Sees hinwandern müssen.

Eben jetzt verbreitete ein lustiges, am Fuße einer Seeföhre angezündetes Feuer seinen wohlriechenden Rauch, den der Wind über den Sumpf hintrug. Ein paar Enten brieten über einem zwischen zwei Steinen hergerichteten Herde. Nach dem Abendessen hatten die vier Knaben sich nur noch in ihre Decken zu hüllen, und während einer von ihnen die Wache übernahm, schliefen die anderen drei ruhig bis zum anbrechenden Tage.

Diese Vier waren Doniphan, Croß, Webb und Wilcox, und wir tragen hier nach, unter welchen Umständen sie den Entschluß gefaßt hatten, sich von ihren Kameraden zu trennen.

Während der ersten Wochen des zweiten Winters, den die jungen Colonisten in French-den verlebten, waren die Beziehungen zwischen Doniphan und Briant immer gespannter geworden. Der Leser hat nicht vergessen, mit welchem Grolle Doniphan den Ausfall der Wahlen zu Gunsten seines Rivalen angesehen hatte. Dadurch noch eifersüchtiger, noch reizbarer geworden, zwang er sich nur mit Widerwillen zur Anerkennung der Befehle des neuen Oberhauptes der Insel Chairman. Wenn er diesem keinen offenen Widerstand leistete, so geschah das nur unter dem bedrückenden Bewußtsein, daß die Mehrzahl doch nicht auf seiner Seite stand. Bei verschiedenen Gelegenheiten legte er jedoch so viel bösen Willen an den Tag, daß Briant ihm sehr gerechtfertigte Vorwürfe nicht ersparen konnte. Seit den Vorfällen beim Schlittschuhlaufen, wobei sein Ungehorsam völlig zu Tage lag, ob er sich damals nur von seiner Jagdliebhaberei hatte hinreißen lassen oder einfach seinen Kopf aufsetzen wollte, waren seine Gelüste zur Auflehnung nur gewachsen und führten endlich den Augenblick herbei, wo Briant mit Strafen vorzugehen sich genöthigt sehen mußte.

Bisher hatte Gordon, den dieser Stand der Sachen nicht wenig beunruhigte, von Briant das Versprechen möglichster Zurückhaltung verlangt. Dieser fühlte nun aber doch, daß seine Geduld zu Ende war, und daß es im allgemeinen Interesse und zur Aufrechthaltung guter Ordnung unerläßlich geworden sei, scharfe Saiten aufzuziehen. Vergebens hatte Gordon versucht, Doniphan freundlich ins Gewissen zu reden. Wenn er auf diesen früher etwas Einfluß gehabt, so mußte er sich überzeugen, daß derselbe jetzt völlig verschwunden war. Doniphan verzieh ihm niemals, in den meisten Fällen die Partie seines Gegners vertreten zu haben. Das Dazwischentreten Gordon’s führte also zu keinem Resultate, und nur mit schwerem Kummer sah dieser sehr nahe bevorstehenden weiteren Verwicklungen entgegen.

Aus diesem Zustande der Dinge ergab sich schon, daß das zum ruhigen Weiterleben der Insassen von French-den so nöthige gute Einvernehmen oft gestört war. Jedermann fühlte das wie einen Alp auf sich lasten, der das Beisammensein recht peinlich machte.

Außer zu den Stunden der Mahlzeiten hielten sich Doniphan und seine Parteigänger Croß, Webb, Wilcox, welche der Herrschaft des Ersteren mehr und mehr unterlagen, stets von den Anderen abgesondert. Verhinderte das schlechte Wetter sie, auf die Jagd zu gehen, so saßen sie in einer Ecke der Halle beisammen und besprachen sich da mit gedämpfter Stimme.

»Ohne Zweifel, begann da eines Tages Briant zu Gordon, verabreden sie da irgend einen Streich.

– Doch nicht etwa gegen Dich, Briant? antwortete Gordon. Den Versuch, Dir Deine Stellung streitig zu machen, würde Doniphan nicht wagen … Wir ständen ja Alle auf Deiner Seite, und das weiß er auch gut genug.

– Vielleicht denken Wilcox, Croß, Webb und er daran, sich von uns zu trennen …

– Das wäre eher zu befürchten, Briant, und meiner Ansicht nach hätten wir kaum ein Recht, sie daran zu hindern.

– Glaubst Du nicht, Gordon, daß sie sich an anderer Stelle niederlassen wollen? …

– Daran denken sie vielleicht gar nicht, Briant.

– Doch, sie denken daran. Ich habe Wilcox eine Copie der Karte des schiffbrüchigen Baudoin nehmen sehen, und das geschah offenbar in der Absicht, sie mitzunehmen …

– Das hätte Wilcox gethan? …

– Gewiß, Gordon, und wahrhaftig, um derartigen Unannehmlichkeiten ein- für allemal die Spitze abzubrechen, erscheint es mir rathsam, lieber zu Gunsten eines Anderen, vielleicht zu Deinen oder selbst zu Doniphan’s Gunsten abzudanken. Das würde jeder Rivalität sofort ein Ende machen!

– Nein, Briant, entgegnete Gordon bestimmt, nein! … Damit verletztest Du Deine Pflichten gegen Die, welche Dich gewählt haben … und ebenso gegen Dich selbst!«

Unter diesen bedauerlichen Mißhelligkeiten verstrich langsam der Winter.

Mit den ersten Tagen des October und als die Kälte vollständig aufgehört, hatten sich See und Rio wieder vollständig vom Eise befreit. Da – am Abende des 9. October – trat Doniphan offen mit seinem Entschlusse, French-den mit Wilcox, Croß und Webb zu verlassen, hervor.

»Ihr wollt uns verlassen?« … sagte Gordon.

– Euch verlassen? … Nein, Gordon, antwortete Doniphan. Wir, das heißt Croß, Wilcox, Webb und ich, haben uns nur vorgenommen, einen anderen Punkt der Insel als Wohnstätte zu erwählen.

– Und warum, Doniphan? forschte Baxter.

– Ganz einfach, weil wir nach eigenem Belieben zu leben wünschen und – ich gestehe es ganz offen – es uns nicht paßt, von Briant Befehle entgegen zu nehmen.

– Ich möchte wohl wissen, was Du mir vorzuwerfen hättest, Doniphan? fragte Briant.

– Nichts, als daß Du unser Oberhaupt bist, erklärte Doniphan. Vorher haben wir schon einen Amerikaner als Vorstand der Colonie gehabt … jetzt commandirt uns ein Franzose. Es fehlt wahrlich nur noch, daß nachher Moko erwählt wird …

– Du sprichst doch nicht im Ernste, Doniphan? fragte Gordon.

– Ernst ist darin jedenfalls, antwortete Doniphan hochmüthigen Tones, daß, wenn es unseren Kameraden gleichgiltig ist, jeden beliebigen Anderen als einen Engländer als Oberhaupt zu haben, das doch weder mir noch meinen Kameraden zusagt.

– Wie Ihr wollt, versetzte Briant. Wilcox, Webb, Croß und Du, Doniphan, Ihr seid frei und könnt den Euch zukommenden Theil aller Gegenstände mit fortnehmen.

– Daran haben wir nie gezweifelt, Briant, und morgen schon verlassen wir French-den.

– Möget Ihr Eueren Entschluß nimmermehr zu bereuen haben!« setzte Gordon noch hinzu, da er einsah, daß in diesem Falle jedes Zureden vergeblich sein würde.

Das Project, das sie auszuführen beschlossen hatten war nämlich folgendes:

Einige Wochen vorher, als Briant den Bericht über seinen Ausflug nach dem östlichen Theile der Insel Chairman erstattete, hatte er auch behauptet, daß die kleine Colonie dort recht gut Unterkommen finden könnte. Die Felsenmassen der Küste daselbst enthielten zahlreiche Grotten und Höhlen; die Wälder im Osten des Family-lake reichten bis an das Vorland heran. Der East-river lieferte trinkbares Wasser im Ueberflusse, von Haar- und Federwild wimmelte es an dessen Ufern – kurz, es mußte sich dort ebenso bequem leben, als wie in French-den, und auf jeden Fall weit besser als an der Sloughi-Bai. Ueberdies betrug die Entfernung von French-den und der Küste in gerader Linie nur zwölf Meilen, sechs für die Fahrt über den See und sechs für den Weg am East-river herunter gerechnet. Im Falle dringender Noth blieb es also stets leicht, mit French-den in Verbindung zu treten.

Nach eingehender Darlegung dieser Vorzüge hatte Doniphan endlich Wilcox, Croß und Webb dazu vermocht, sich mit ihm am anderen Ufer der Insel häuslich niederzulassen.

Doniphan schlug dabei aber nicht vor, sich nach der Deception-Bai zu Wasser zu begeben, er wollte vielmehr am Ufer des Family-lake bis zu dessen südlicher Spitze hinabziehen – diese umwandern und dann dem entgegengesetzten Ufer nordwärts folgen, um so zum East-river zu gelangen; hierauf sollte das Bett des Flusses als Wegweiser nach dessen Mündung dienen – das war der Weg, wie ihn Doniphan einzuschlagen gedachte. Gewiß war das eine ziemlich weite Wanderung – gegen fünfzehn bis sechzehn Meilen – doch er und seine Kameraden zogen ja als Jäger dahin aus. Auf diese Weise vermied es Doniphan, die Jolle in Anspruch zu nehmen, deren Führung auch eine geübtere Hand als die seinige verlangt hätte. Das Halkett-boat, welches er mitzunehmen gedachte, sollte ihnen dazu dienen, den East-river und nötigenfalls andere Wasserläufe zu überschreiten, wenn sich solche im Osten der Insel vorfanden.

Uebrigens sollte dieser erste Zug nur den Zweck haben, das Ufergebiet der Deception-Bai näher zu untersuchen und daselbst eine Stelle ausfindig zu machen, wo Doniphan und seine drei Freunde sich endgiltig niederlassen könnten. Da sie sich mit Gepäck nicht hatten überlasten wollen, beschlossen sie, nur zwei Flinten, vier Revolver, zwei Aexte, hinreichenden Schießbedarf, Grundangeln, Reisedecken, einen Taschencompaß, das leichte Kautschukboot und wenige Conserven mitzunehmen, überzeugt, daß Jagd und Fischfang ihre Bedürfnisse genügend befriedigen würden. Diese Wanderung sollte ihrer Berechnung nach auch nicht länger als sechs bis sieben Tage dauern. Nach getroffener Auswahl einer Wohnung gedachten sie nach French-den zurückzukehren und daselbst ihren Antheil an allen den Gegenständen zu holen, auf welche sie von dem, was vom »Sloughi« übrig war, rechtmäßigen Anspruch hatten. Damit wollten sie dann den Wagen beladen. Sollte es Gordon oder den Anderen gefallen, sie einmal zu besuchen, so würden sie ihnen den besten Empfang bereiten, sich dagegen unbedingt weigern, das gemeinschaftliche Leben unter den jetzigen Bedingungen fortzusetzen, und in dieser Hinsicht konnte nichts sie vermögen, ihren Beschluß rückgängig zu machen.

Am folgenden Morgen mit Sonnenaufgang nahmen Doniphan, Croß, Webb und Wilcox von ihren Kameraden Abschied, die sich wegen dieser Trennung recht betrübt zeigten. Vielleicht waren sie auch selbst mehr ergriffen, als sie es zeigten, obwohl der Entschluß, ihr Vorhaben auszuführen, bei ihnen feststand, wobei freilich der Stolz einen nicht geringen Antheil haben mochte. Nachdem sie den Rio Sealand in der Jolle, welche Moko nach dem kleinen Damme wieder zurückruderte, überschritten, entfernten sie sich ohne große Eilfertigkeit, indem sie gleichzeitig den unteren Theil des Family-lake in Augenschein nahmen, der sich nach seiner Spitze zu merklich verengerte, und die ungeheuere Ebene der South-moors besichtigten, deren Ende man weder nach Süden noch nach Westen zu erkennen konnte.

Unterwegs und am Rande des Sumpfes selbst wurden einige Vögel getödtet. Da Doniphan begriff, daß er seine Munition schonen müsse, begnügte er sich mit dem für die tägliche Ernährung nothwendigen Wilde.

Das Wetter war bedeckt, ohne gerade mit Regen zu drohen, und der Wind schien sich dauernd aus Nordwest zu halten. Während dieses Tages legten die vier Knaben nur fünf bis sechs Meilen zurück, und als sie gegen fünf Uhr Abends an das Ende des Sees kamen, machten sie Halt, um hier die Nacht zu verbringen.

Das waren die Ereignisse, welche sich seit den letzten Tagen des August bis zum 10. Oktober in French-den zugetragen hatten.

Doniphan, Croß, Wilcox und Webb waren jetzt also fern von ihren Kameraden, von denen sie gewiß keinerlei Rücksicht hätte trennen sollen. Ob sie sich wohl schon vereinsamt fühlten? … Ja, vielleicht. Entschlossen aber, ihren Plan zu Ende zu führen, dachten sie einzig daran, sich an irgend einer anderen Stelle der Insel Chairman eine neue Existenz zu gründen.

Am folgenden Morgen und nach einer ziemlich kalten Nacht, welche nur ein bis Tagesanbruch unterhaltenes Feuer erträglicher machte, bereiteten sich Alle, weiter zu ziehen. Das Südende des Sees bildete da, wo beide Ufer zusammenfließen, einen ziemlich spitzen Winkel. Das rechte Ufer verlief übrigens in fast genau gerader Linie nach Norden. Nach Osten zu erschien das Gebiet noch sumpfig, obwohl das Wasser dessen sich einige Fuß über den See erhebenden, mit Gras bestandenen Boden nicht mehr bedeckte und ihn sogar einzeln mit Buschwerk geschmückte und von mageren Bäumen beschattete Erhöhungen mehrfach unterbrachen. Da diese Gegend weiterhin hauptsächlich aus Dünen zu bestehen schien, gab Doniphan ihr den Namen »Downs-lands« (Dünenland). Nicht willens, durch bisher unbekannte Gebiete zu ziehen, beschloß er, dem Ufer bis zum East-river und dann diesem bis zu dem von Briant schon besuchten Theile der Küste nachzugehen. Für später blieb es vorbehalten, die Gegend der »Downs-lands« bis zum Strande selbst näher zu untersuchen.

Ehe sie weiter zogen, besprachen seine Begleiter und er den einzuschlagenden Weg.

»Wenn die Entfernungen auf der Karte richtig angegeben sind, sagte Doniphan, so müssen wir sieben Meilen von hier auf den East-river treffen und könnten diesen ohne zu große Anstrengung im Laufe des Abends erreichen.

– Warum aber schlagen wir nicht gleich eine Richtung nach Nordosten ein, um den Umweg nach der Mündung des Flusses abzuschneiden? bemerkte Wilcox.

– Ja, das würde uns gut ein Drittel des Weges ersparen, setzte Webb hinzu.

– Ganz gewiß, antwortete Doniphan; doch wozu sollten wir uns in dieses uns gänzlich unbekannte Sumpfgebiet und vielleicht gar auf die Gefahr hin, doch wieder umkehren zu müssen, erst hineinwagen? Folgen wir dagegen dem Seeufer, so haben wir gegründete Hoffnung, unbehindert vorwärts dringen zu können.

– Und überdieß, ließ Croß sich vernehmen, haben wir doch selbst ein Interesse daran, den East-river genauer kennen zu lernen.

– Sicherlich, bestätigte Doniphan, denn dieser Fluß bildet die Verbindung zwischen der Küste und dem Family-lake. – Ziehen wir längs desselben hinab, so bietet sich obendrein Gelegenheit, auch einen Theil des benachbarten Waldes, den er durchströmt, zu besichtigen.«

Nach diesen Worten setzte man sich, und zwar ziemlich schnellen Schrittes, wieder in Bewegung. Eine Art schmaler Pfad überragte um drei bis vier Fuß einerseits die Fläche des Sees, andererseits die weite, sich zur rechten Hand ausdehnende Dünen-Ebene. Da der Erdboden merkbar aufstieg, durfte man annehmen, daß das Aussehen der Gegend wenige Meilen weiterhin sich wesentlich verändern werde.

Wirklich langten Doniphan und seine Gefährten gegen elf Uhr an einer kleinen, von mächtigen Bäumen beschatteten Einbuchtung an, wo sie etwas zu frühstücken beschlossen. Von diesem Punkte aus erhob sich, so weit der Blick reichte, eine verworrene Masse von Grün, welche den Horizont verdeckte.

Ein im Laufe des Vormittags von Wilcox erlegtes Aguti lieferte die Mahlzeit, mit deren Zurichtung Croß, der Stellvertreter Moko’s als Küchenmeister, sich wohl oder übel abfand. Nachdem sie sich gerade Zeit genommen, auf glühenden Kohlen einige Fleischschnitte zu braten, sie zu verzehren und gleichzeitig mit dem Hunger auch ihren Durst zu löschen, drangen Doniphan und seine Begleiter auf dem Ufer des Family-lake weiter vor.

Der Wald, an dessen Saume der See sich hindehnte, bestand auch hier aus denselben Baumarten, wie die Traps-woods der westlichen Seite, doch fanden sich hier mehr Bäume mit nichtabfallendem Laube. Man traf mehr Seeföhren, Tannen und Steineichen als Buchen und Birken – alle aber von schönem Wuchs und ansehnlicher Größe.

Doniphan konnte sich auch zur größten Befriedigung überzeugen, daß der Bestand an Thieren auf diesem Theil der Insel nicht minder artenreich war. Guanakos und Vigogne-Schafe zeigten sich zu wiederholten Malen, ebenso wie eine Heerde Nandus, welche, nachdem sie im See ihren Durst gelöscht, rasch entflohen. Maros-Hasen, Tucutucos, Bisamschweine und Federwild gab es in großer Menge.

Gegen sechs Uhr Abends wurde Halt gemacht. An der betreffenden Stelle war das Ufer von dem Wasserlauf durchschnitten, der einen Abfluß des Sees bildete, das mußte der East-river sein und war es auch wirklich; Doniphan erkannte es um so leichter, als er unter einer Baumgruppe im Hintergrunde einer beschränkten Bucht noch frische Spuren eines Lagers, nämlich die Asche eines Feuers, entdeckte.

Hier waren Briant, Jacques und Moko bei Gelegenheit ihres Ausfluges nach der Deception-Bai gelandet und hatten sie auch die erste Nacht verbracht.

Doniphan und seine Freunde konnten nichts Besseres thun, als die erloschenen Kohlen wieder zu entzünden und nach eingenommenem Abendbrod sich unter denselben Bäumen auszustrecken, welche vorher schon einmal ihren Kameraden Schutz gewährt hatten.

Vor acht Monaten, als Briant an dieser Stelle gerastet, hatte er freilich nicht geahnt, daß vier seiner Genossen hierher in der Absicht kommen würden, getrennt von den Uebrigen auf diesem Theil der Insel Chairman zu leben.

Vielleicht empfanden Croß, Wilcox und Webb, als sie sich nun hier und weit weg von der bequemen Wohnung in French-den sahen, in welcher zu bleiben ja nur von ihnen abgehangen hätte, schon etwas Bedauern über ihren Handstreich. Ihr Geschick war aber jetzt an das Doniphan’s geknüpft, und Doniphan besaß viel zu viel Eitelkeit, ein begangenes Unrecht einzusehen, zu viel Starrsinn, auf seine Pläne zu verzichten, und zu viel Eifersucht, sich vor seinem Rivalen zu beugen.

Als der Tag wieder anbrach, schlug Doniphan vor, den East-river zu überschreiten.

»Das wird sowie so nothwendig sein, sagte er, und der Tag reicht, uns bis an die Mündung zu bringen, welche nur zwischen fünf bis sechs Meilen von hier entfernt ist.

– Auch hat Moko, bemerkte Croß, damals auf dem linken Ufer die Zirbelnüsse eingesammelt, von denen wir unterwegs einigen Vorrath mitnehmen könnten.«

Das Halkett-boat wurde auseinandergefaltet und sobald es zu Wasser gebracht war, begab sich Doniphan darin nach dem anderen Ufer, indem er dessen Leine nachschleppte. Mit wenigen Ruderschlägen hatte er die dreißig bis vierzig Fuß zurückgelegt, welche der Fluß in der Breite maß. Dann zogen die Anderen die Leine an, deren Ende sie festgehalten hatten, und durch Wiederholung dieses Verfahrens fuhren Wilcox, Webb und Croß Einer nach dem Anderen zum entgegengesetzten Ufer hinüber.

Sofort legte Wilcox das Halkett-boat wieder zusammen, bis es die Gestalt eines Reisesackes hatte, warf es sich auf den Rücken, und weiter zogen sie des Weges. Ohne Zweifel wäre es weniger ermüdend gewesen, sich in der Jolle der Strömung des East-river zu überlassen, wie Briant, Jacques und Moko es gethan hatten; da das Kautschukboot aber nur eine Person auf einmal tragen konnte, mußten sie auf diese Art des Fortkommens von Anfang an verzichten.

Der Tag wurde sehr anstrengend. Die Dichtheit des Waldes, dessen Boden, aus dem zwischen üppigem Grase da und dort von den Stämmen abgebrochene Aeste lagen, mehrere Moräste, welche nicht unbeträchtliche Umwege veranlaßten, alles das verzögerte die Ankunft an der Küste. Unterwegs konnte Doniphan feststellen, daß der französische Schiffbrüchige von seinem Besuche dieses Theils der Insel nicht solche Spuren zurückgelassen habe, wie in den Baumdickichten der Traps-woods. Und doch war es unzweifelhaft, daß er auch diesen erforscht haben müsse, da seine Karte den Verlauf des East-river bis zur Ausmündung in der Deception-Bai ganz richtig wiedergab.

Kurz vor Mittag wurde, genau an der Stelle, wo die Zirbelfichten standen, zum Frühstücken Halt gemacht. Croß pflückte eine gewisse Menge jener Früchte, welche Alle mit Vergnügen verzehrten. Noch zwei Meilen weiterhin mußten sie sich theils durch das dichte Buschwerk zwängen und theils sich mit der Axt selbst einen Weg bahnen, um dem Wasserlaufe folgen zu können.

Durch diese Verzögerung veranlaßt, wurde die Grenze des Waldes erst gegen sieben Uhr Abends erreicht, und bei der hereinbrechenden Dunkelheit konnte Doniphan so gut wie nichts von der Gestaltung des Uferlandes erkennen. Vor sich sah er nur eine schaumbegrenzte Linie und vernahm das lange, ernste Rauschen des Meeres, das über den Strand heranrollte.

Es wurde nun beschlossen, gleich an der Stelle, wo sie sich befanden, unter freiem Himmel zu übernachten. Für die nächste Nacht bot ja die Küste unzweifelhaft ein besseres Obdach in den Höhlungen unfern der Mündung des Rio.

Nach Einrichtung des Lagerplatzes verzehrten sie ihr Mittag- oder vielmehr, in Anbetracht der weit vorgerückten Stunde, ihr Abendbrod, das aus gebratenem Agutifleisch nebst den unter den Bäumen aufgelesenen Zirbelnüssen bestand.

Aus Vorsicht war beschlossen worden, das Feuer bis Tagesanbruch zu unterhalten, und während der ersten Stunden fiel Doniphan die Besorgung desselben zu.

Unter dem schirmförmigen Gezweig einer Fichte ausgestreckt, schliefen Wilcox, Croß und Webb nach der heutigen ziemlich anstrengenden Wanderung fast auf der Stelle ein.

Doniphan hatte viele Mühe, gegen den Schlummer anzukämpfen. Anfangs widerstand er zwar demselben, als aber die Stunde herankam, wo er von einem seiner Begleiter abgelöst werden sollte, lagen diese Alle in so festem Schlafe, daß er sich nicht entschließen konnte, einen derselben zu wecken.

Uebrigens war der Wald in der Umgebung des Lagerplatzes so ruhig, daß für ihre Sicherheit hier ebensowenig wie in French-den zu fürchten schien.

Nachdem er also noch reichlich Holz auf’s Feuer geworfen, streckte sich auch Doniphan am Fuße des Baumes aus. Hier fielen ihm sofort die Augen zu und öffneten sich auch nicht eher wieder, als bis die Sonne über den weiten Horizont des Meeres emporstieg, der sich mit dem unteren Rande des Himmels berührte.

VI.

VI.

Besichtigung der Deception-Bai. – Bear-rock-harbour. – Plan bezüglich der Rückkehr nach French-den. – Untersuchung des Nordens der Insel. – Der North-creek. – Beechs-forest. – Schwerer Sturm. – Eine Nacht mit Hallucinationen. – Beim Grauen des Tages.

———

Die erste Sorge Doniphan’s, Wilcox‘, Webb’s und Croß‘ war es nun, am Ufer des Flusses vollends bis zu dessen Ausmündung hinabzugehen. Von hier aus ließen sie die Blicke forschend über das Meer schweifen, das sie zum ersten Male vor sich sahen und welches nicht minder verlassen schien, wie das an der entgegengesetzten Inselseite.

»Und dennoch, bemerkte Doniphan, wenn die Insel Chairman, wie wir anzunehmen alle Ursache haben, nicht fern vom Festlande Amerikas liegt, so müssen die Schiffe, welche aus der Magellan-Straße kommen und nach den Häfen von Chili und Peru hinaufsegeln, im Osten derselben vorüberkommen. Ein Grund mehr, uns an der Küste der Deception-Bai anzusiedeln, und wenn Briant ihr auch einen so wenig versprechenden Namen gegeben, so hoffe ich doch, daß sie diesen in nicht zu langer Zeit Lügen straft.«

Vielleicht suchte Doniphan, als er diese Bemerkung machte, schon nach einer Entschuldigung oder doch nach einem annehmbaren Vorwand zu einem Bruche mit den Kameraden in French-den. Alles wohl erwogen, durfte man allerdings annehmen, daß Schiffe mit der Bestimmung nach südamerikanischen Häfen auf diesem Theile des Stillen Oceans, im Osten der Insel Chairman, vorübersegeln mußten.

Nachdem Doniphan den Horizont mittels Fernrohres beobachtet, wollte er die Mündung des East-river untersuchen. Ganz wie Briant bestätigten seine Genossen und er, daß die Natur hier einen kleinen, gegen Wind und Seegang vorzüglich geschützten Hafen geschaffen habe. Wäre der Schooner an dieser Stelle der Insel Chairman angetrieben, so wäre es vielleicht möglich gewesen, die Strandung zu vermeiden und ihn im seetüchtigen Zustand zur Heimführung der jungen Colonisten zu erhalten.

Hinter den diesen Hafen bildenden Felsen erhoben sich schon die ersten Bäume des Waldes, der sich nicht allein bis zum Family-lake, sondern auch nach Norden hinaus erstreckte, wo das Auge nichts wie eine grüne Masse erblickte. Was die an den Granitmassen des Ufers befindlichen Aushöhlungen betraf, so hatte Briant keineswegs übertrieben. Doniphan kam nur wegen der Auswahl in Verlegenheit. Jedenfalls schien es rathsam, sich nicht vom Ufer des East-river unnöthig zu entfernen, und so hatte er bald einen mit feinem Sand ausgekleideten, mit Ecken und Nischen versehenen »Rauchfang« entdeckt, der mindestens eben so viel Bequemlichkeit bieten mußte, wie French-den. Die betreffende Höhle hätte sogar für die ganze Colonie ausgereicht, denn sie enthielt eine ganze Reihe anstoßender Hohlräume, aus denen man verschiedenen Zwecken dienende Zimmer machen konnte, statt sich dort mit der Halle und dem Store-room begnügen zu müssen.

Dieser Tag wurde zur Untersuchung der Küste auf eine Strecke von zwei Meilen verwendet. Dabei schossen Doniphan und Croß einige Tinamus, während Wilcox und Webb einige hundert Schritte landeinwärts der Mündung des East-river verschiedene Grundangeln legten. Dadurch wurden ein halb Dutzend Fische von denselben Arten, welche im Rio Sealand vorkamen, gefangen – unter anderen zwei Barsche von ansehnlicher Größe. Von Schalthieren wimmelte es ebenfalls in den zahllosen Wasserlöchern zwischen den Klippen, welche im Nordosten den Hafen gegen den schweren Seegang schützten. Miesmuscheln und Patenen gab es hier in großer Menge und schöner Qualität. Diese Mollusken hatte man also hier ebenso an der Hand, wie die Seefische, welche unter dem grünen Tang, der am Fuße der Klippenbank angeschwemmt war, nach Nahrung gingen, so daß man nicht nöthig hatte, diese in vier oder fünf Meilen Entfernung zu suchen.

Der Leser hat wohl nicht vergessen, daß Briant bei seiner Untersuchung der Mündung des Rio einen hohen Felsblock in Gestalt eines gewaltigen Bären erstiegen hatte. Doniphan fiel diese eigenthümliche Form ebenso auf. Als Zeichen der Besitznahme gab er deshalb dem kleinen, von jenem Felsen überragten Hafen den Namen Bear-rock-harbour (d.i. Hafen des Bärenfelsens), und dieser Name findet sich noch jetzt auf der Insel Chairman.

Während des Nachmittags erklomm Doniphan und Wilcox den Bear-rock, um eine weite Aussicht über die Bai zu erlangen. Doch weder ein Schiff noch ein Land war im Osten der Insel wahrzunehmen. Der weißliche Fleck im Nordosten, der seiner Zeit Briant’s Aufmerksamkeit erregte, war jetzt nicht erkennbar, ob nun die Sonne schon zu tief am gegenüberliegenden Horizonte stand, oder jener überhaupt nicht vorhanden und Briant nur das Opfer einer Gesichtstäuschung geworden war.

Am Abend verzehrten Doniphan und seine Genossen ihre Mahlzeit unter einer Gruppe prächtiger Nesselbäume, deren niedrigste Zweige sich über den Wasserlauf hin erstreckten. Nachher erörterten sie die Frage, ob es nun am besten sei, sofort nach French-den zurückzukehren, um die zu einer dauernden Niederlassung in der Höhle des Bear-rock nothwendigen Gegenstände zu holen.

»Ich meine, wir dürfen damit nicht zögern, sagte Webb, denn die Zurücklegung des Weges um den Süden des Family-lake erfordert schon allein einige Tage.

– Doch, wenn wir wieder hierher zurückkehren, bemerkte Wilcox, empfiehlt es sich wohl, über den See zu fahren, um gleich auf dem East-river bis zu dessen Mündung zu gelangen. Das hat Briant schon einmal mit der Jolle ausgeführt, und ich sehe nicht ein, warum wir nicht dasselbe thun könnten.

– Damit würde freilich Zeit gewonnen und uns eine große Anstrengung erspart, setzte Webb hinzu.

– Was denkst Du davon, Doniphan?« fragte Croß.

Doniphan überlegte eben diesen Vorschlag, der ihnen entschiedene Vortheile versprach.

»Du hast Recht, Wilcox, antwortete er; wenn wir uns auf der Jolle einschiffen, welche Moko führen könnte …

– Vorausgesetzt, daß Moko dem zustimmt, warf Webb mit etwas zweifelndem Tone ein.

– Warum sollte er das nicht? erwiderte Doniphan. Steht mir nicht ganz ebenso wie Briant das Recht zu, ihm Befehle zu ertheilen? Uebrigens würde es sich nur darum handeln, uns über den See zu lootsen …

– Natürlich muß er sich fügen! rief Croß. Wären wir gezwungen, unser gesammtes Material über Land hierher zu schaffen, so kämen wir damit nie zu Ende. Es ist auch zu bedenken, daß selbst der Wagen nicht überall durch den Wald fortkäme. Wir benützen also die Jolle …

– Doch wenn man uns die Jolle verweigert? warf Webb wieder ein.

– Uns verweigern! versetzte Doniphan. Wer sollte sie uns denn verweigern?

– Nun, Briant! … Ist er nicht das jetzige Oberhaupt der Colonie?

– Briant … verweigern! wiederholte Doniphan. Gehört die Jolle ihm etwa mehr als uns? … Wenn sich Briant erlaubte, sie uns vorzuenthalten …«

Doniphan vollendete seine Worte nicht; es war aber herauszufühlen, daß sich der Herrschsüchtige in diesem Punkte so wenig wie in irgend einem anderen der Willensäußerung seines Rivalen zu unterwerfen denke.

Uebrigens war es, wie Wilcox bemerkte, unnütz, hierüber viele Worte zu verlieren. Seiner Meinung nach würde Briant es ihnen in jeder Weise erleichtern, sich im Bear-rock anzusiedeln, und darüber brauche man sich nicht den Kopf zu zerbrechen. Es blieb nur noch zu entscheiden, ob man sofort nach French-den zurückkehren solle.

»Das scheint mir unumgänglich, sagte Croß.

– Also schon morgen? … fragte Webb.

– Nein, antwortete Doniphan. Vor unserer Rückkehr möchte ich noch einmal jenseits der Bai hinaufgehen, um den nördlichen Theil der Insel kennen zu lernen. Binnen achtundvierzig Stunden können wir bis zur äußersten Nordspitze gelangen und im Bear-rock zurück sein. Wer weiß, ob es dort nicht noch ein Land gibt, das der französische Schiffbrüchige nicht wahrnehmen und folglich auf seine Karte nicht einzeichnen konnte. Es scheint mir unklug, sich hier dauernd einzurichten, ehe wir wissen, woran wir sind.«

Dieser Einwurf erschien so gerechtfertigt, daß Alle zustimmten, jenen Ausflug, wenn er ihre jetzige Abwesenheit auch um zwei bis drei Tage verlängerte, unverzüglich anzutreten.

Am nächsten Morgen, dem des 14. October, brachen Doniphan und seine drei Freunde mit dem Frührothe auf und schlugen, ohne die Küste zu verlassen, die Richtung nach Norden ein.

Auf eine Strecke von etwa drei Meilen erhoben sich noch die Felsmassen zwischen Wald und Meer, wobei an ihrem Fuße nur ein höchstens hundert Schritte breites, sandiges Vorland liegen blieb.

Es war gegen Mittag, als die Knaben, nachdem sie den letzten Felsblock hinter sich hatten, zum Frühstücken Halt machten.

An dieser Stelle ergoß sich ein zweiter Rio ins Meer; aus seiner Richtung von Südosten nach Nordwesten ließ sich aber schließen, daß derselbe nicht aus dem See herkommen werde. Das Wasser, welches er in einem engen Landeinschnitte abgab, mochte ihm vielmehr auf seinem Laufe durch den oberen Theil der Insel zuströmen. Doniphan taufte ihn »North-creek« (d.i. der nördliche Bach) und in der That verdiente er auch nicht den Namen eines Flusses.

Wenige Ruderschläge genügten, das Halkett-boat über ihn weg zu treiben, und die jungen Leute brauchten nun blos längs des Waldes hinzuziehen, dessen Grenze sein linkes Ufer bildete.

Unterwegs gaben Doniphan und Croß zwei Schüsse ab, und zwar unter folgenden Umständen:

Es war gegen drei Uhr geworden. In Verfolgung des North-creek sah sich Doniphan mehr als wünschenswerth nach Nordwesten hin geführt, da die kleine Gesellschaft doch die Nordspitze besuchen wollte. Er wandte sich deshalb eben mehr nach rechts hin, als Croß, ihn aufhaltend, plötzlich rief:

»Sieh, Doniphan, sieh doch!«

Er zeigte dabei nach einer braunröthlichen Masse, welche sich unter dem Gewölbe der Baumkronen lebhaft zwischen dem Schilf und Röhricht des Creek bewegte.

Doniphan gab Webb und Wilcox ein Zeichen, sich ruhig zu verhalten. Dann glitt er, begleitet von Croß und das Gewehr zum Anschlag fertig, geräuschlos nach der sich bewegenden Masse hin.

Es war das ein mächtiges Thier, das einem Rhinoceros geglichen hätte, wenn sein Kopf mit einem Horne ausgestattet und die Unterlippe übermäßig verlängert gewesen wäre.

Da donnerte ein Flintenschuß durch den Wald, dem sofort ein zweiter Krach folgte. Doniphan und Croß hatten nahezu zu gleicher Zeit Feuer gegeben.

Bei einer Entfernung von hundertfünfzig Fuß konnten ihre Kugeln der dicken Haut jenes Thieres freilich nichts anhaben, und wirklich drängte sich dieses durch das Rohr, kletterte rasch am Uferrande empor und verschwand in dichtem Walde.

Doniphan hatte Zeit genug gehabt, es zu erkennen. Es war ein übrigens ganz ungefährliches Säugethier, ein »Anta« mit rothbraunem Felle, oder mit anderen Worten, einer jener ungeheuren Tapire, welche man gewöhnlich in der Nachbarschaft der Flüsse Südamerikas antrifft. Da man mit diesem Thiere (dessen Fleisch übrigens eßbar ist) jetzt doch nichts hätte anfangen können, so war sein Entkommen gewiß nicht zu bedauern, soweit nicht die verletzte Jägereitelkeit in Frage kam.

Nach dieser Seite der Insel Chairman hin bedeckte diese noch immer, so weit das Auge reichte, das dichteste Grün. Die Pflanzenwelt zeigte die üppigste Entwicklung, und da hier Buchen zu Tausenden wuchsen, schlug Doniphan für diese Gegend den Namen »Beechs-forest« (d.i. Buchenwaldung) vor, der nun mit den vorher angenommenen Bezeichnungen Bear-rock und North-creek in der Karte eingetragen wurde.

Als der Abend herankam, waren neun Meilen zurückgelegt. Noch einmal so viel, und die jugendlichen Wanderer mußten den Norden der Insel erreicht haben. Das sollte dem nächsten Tage vorbehalten bleiben.

Mit Sonnenaufgang wurde der Marsch fortgesetzt. Man hatte einigen Grund sich zu beeilen, da ein Witterungsumschlag drohte. Der Wind, der nach Westen umging, zeigte Neigung aufzufrischen. Schon trieben von der See her Wolken heran, freilich noch in so hohen Zonen, daß eine Auflösung derselben in Regen vorläufig nicht zu befürchten schien. Dem Winde allein zu trotzen, selbst wenn er zum Sturme anwuchs, das konnte die entschlossenen Knaben nicht erschrecken. Sturmböen aber mit deren gewöhnlicher Begleitung von tüchtigem Platzregen hätten sie mehr in Verlegenheit gebracht und vielleicht gar gezwungen, den ganzen Zug aufzugeben, um im Bear-rock schleunigst Schutz zu suchen.

Sie beeilten also ihre Schritte nach Kräften, obwohl sie gegen den sehr heftigen Wind, der sie von der Seite packte, anzukämpfen hatten. Der Tag brachte viele Beschwerden mit sich und die Nacht drohte obendrein schlecht zu werden. In der That war es ein richtiges Unwetter, das gegen die Insel heranzog, und um fünf Uhr Abends ließ sich schon schweres Donnerrollen inmitten bläulich aufleuchtender Blitze vernehmen.

Doniphan und seine Kameraden wichen deshalb nicht zurück; der Gedanke, sich dem Ziele zu nähern, hielt ihren Muth aufrecht. Uebrigens setzte sich in dieser Richtung das dicke Gehölz des Beechs-forest noch weiter fort, und schlimmsten Falls müßten sie unter den Bäumen desselben immer Schutz finden. Der Sturm entfesselte sich mit solcher Gewalt, daß er jeden Regenfall vorläufig verhinderte, und außerdem konnte die Nordküste nicht mehr weit entfernt sein.

Wirklich wurde gegen acht Uhr das dumpfe Brausen der Brandung hörbar, ein Beweis, daß auch hier ein Klippengürtel die Insel Chairman umschließen mußte.

Inzwischen wurde der schon von dichten Dunstmassen verschleierte Himmel immer dunkler. Um einen Blick auf das hohe Meer hinaus werfen zu können, während noch der letzte Tagesschein den Weltraum erhellte, mußten sie ihre Schritte möglichst beeilen. Jenseits der Baumgrenze dehnte sich der etwa eine Viertelmeile breite Strand aus, über den die weißschaumigen Wogen, nachdem sie sich an den Klippen im Norden gebrochen, weit hereinrollten.

Trotz ihrer Erschöpfung gewannen Doniphan, Webb, Croß und Wilcox doch noch die Kraft, im Laufschritt voranzueilen. Sie wollten, so lange es noch etwas Tag, diesen Theil des Stillen Oceans wenigstens flüchtig überblickt haben, um sich zu überzeugen, ob es ein Meer ohne Grenzen oder nur ein engerer Canal war, der diese Küste von einem Festlande oder einer Insel trennte.

Plötzlich blieb Wilcox, der den Andern ein wenig voraus war, stehen. Mit der Hand wies er nach einer schwärzlichen Masse, welche sich an einem Riffe nahe dem Strande undeutlich zeigte. Auf den ersten Blick ließ sich kaum unterscheiden, ob es sich hier um ein Seethier, um einen jener gewaltigen Cetaceer, einen jungen oder halbausgewachsenen Walfisch, oder um ein größeres Boot handelte, das, nachdem es über den Klippengürtel hinweggerissen, hier bis nahe an den Strand geworfen worden war.

Ja, es war ein, auf der Steuerbordseite liegendes Boot und unfern davon, dicht an der von der Fluth angeschwemmten Linie von Varec, wies Wilcox auf zwei, zu beiden Seiten desselben liegende Körper hin.

Doniphan, Webb und Croß hatten zunächst im Laufe angehalten; dann aber eilten sie, ohne weitere Ueberlegung, quer über den Strand hin und gelangten zu den beiden, auf dem nassen Sande ausgestreckten Körpern – vielleicht zwei Leichen.

Der Anblick erfüllte sie mit Entsetzen, und ohne auch nur auf den Gedanken zu kommen, daß doch wohl noch etwas Leben in den Körpern sein könne und diese der schleunigsten Hilfe bedürfen möchten, liefen sie sofort wieder zurück, um unter den Bäumen Schutz zu suchen.

Die Nacht war schon dunkel oder wurde doch nur durch einen gelegentlich aufleuchtenden Blitzschein erhellt, und mitten in der tiefen Finsterniß heulte der gräßliche Sturm um die Wette mit dem Donnern und Rauschen des empörten Meeres.

Und welcher Sturm! Auf allen Seiten knackten und krachten die alten Bäume, so daß es für die, welche darunter Deckung suchten, wirklich gefahrdrohend wurde; es wäre jedoch unmöglich gewesen, auf dem Strande zu lagern, wo der vom Winde aufgewirbelte Sand gleich Schlossenkörnern umherflog.

Die ganze Nacht über verweilten Doniphan, Wilcox, Webb und Croß an derselben Stelle, ohne nur für eine Minute die Augen schließen zu können. Dazu litten sie recht empfindlich von der Kälte, denn sie hatten auch kein Feuer anzuzünden gewagt, das sich gar zu leicht weiter verbreitet und dann die verstreut liegenden dürren Zweige in Brand gesetzt hätte.

Uebrigens hielt die Aufregung allein die Knaben wach. Woher kam dieses Boot? … Welcher Nation gehörten die Schiffbrüchigen an? … Lagen doch andere Landmassen in der Nachbarschaft, da ein Boot hatte nach ihrer Insel gelangen können … wenn jenes nämlich nicht von einem Schiffe herrührte, das bei dem wüthenden Sturme in diesem Theile des Oceans untergegangen war.

Alle solche Vermuthungen erschienen ja zulässig und während der seltenen ruhigeren Augenblicke flüsterten Doniphan und Wilcox, die sich dicht zusammenhielten, sie mit schwacher Stimme einander zu.

Gleichzeitig aber, von Sinnestäuschungen befangen, glaubten sie aus der Ferne Ausrufe zu vernehmen, sobald der rasende Wind sich ein wenig legte, und aufmerksam danach lauschend, fragten sie sich, ob nicht vielleicht noch andere Schiffbrüchige auf dem Strande umherirrten.

Nein, sie waren die Beute leicht erklärlicher Illusionen. Kein verzweifelter Hilferuf ertönte inmitten des tobenden Sturmes. Jetzt sagten sie sich, daß sie unrecht gethan, der ersten Empfindung von Schrecken gleich nachgegeben zu haben … Nun wollten sie nach der Brandung hineilen, selbst auf die Gefahr, von der Gewalt des Windes zu Boden geworfen zu werden … Doch, wie hätten sie in pechschwarzer Nacht, quer über ein ganz offenes Vorland hin, das schon zerstäubte Wassermassen von der ansteigenden Fluth bedeckten, den Ort wieder auffinden können, wo jenes Boot gestrandet war, und die Stelle, an der die beiden Körper im Sande lagen?

Uebrigens fehlte es ihnen hierzu gleichmäßig an geistiger wie an körperlicher Kraft. Seit so langer Zeit des Angewiesenseins auf sich selbst fühlten sie, nachdem sie sich vielleicht für Männer gehalten, jetzt plötzlich, daß sie doch nur Kinder waren, als sie sich den ersten menschlichen Wesen gegenüber sahen, die ihnen nach dem Schiffbruche des »Sloughi« begegnet und die das Meer als Leichen auf ihre Insel geworfen hatte.

Endlich gewann die Kaltblütigkeit doch wieder die Oberhand und sie begriffen, was die Pflicht ihnen zu thun auferlege.

Am nächsten Tage wollten sie, sobald es einigermaßen hell wurde, nach dem Strandriffe zurückkehren, eine Grube im Sande ausheben und, nach einem Gebete für die ewige Seelenruhe derselben, die beiden Schiffbrüchigen begraben.

Wie endlos erschien ihnen aber diese Nacht! … So, als sollte das Morgenroth nimmermehr die Schrecken derselben zerstreuen.

Und wenn sie sich nur durch einen Blick auf die Uhr über die verflossene Zeit hätten Rechenschaft geben können! Es war aber ganz unmöglich, auch nur ein Streichhölzchen, selbst unter dem Schutze ihrer Decken, anzuzünden. Croß versuchte es zwar, mußte aber darauf verzichten.

Da kam Wilcox auf eine andere Idee, annähernd zu erfahren, welche Zeit es sei. Für einen vierundzwanzigstündigen Gang seiner Uhr mußte er den Schlüssel derselben zwölfmal, also einmal für je zwei Stunden, umdrehen. Da er sie nun am letzten Abende um acht Uhr aufgezogen hatte, genügte es, die jetzt möglichen Schlüsselumdrehungen zu zählen und danach die seit jener Zeit verflossenen Stunden zu berechnen. Das geschah denn, und da er nur vier Umdrehungen ausführen konnte, schloß er daraus, daß es gegen vier Uhr Morgens sein und nun doch bald Tag werden müsse.

In der That erhellte bald darauf ein schwacher Schein die Ostseite des Himmels. Der Sturm hatte noch immer nicht nachgelassen, und da die Wolken jetzt weit tiefer über dem Meere dahinjagten, war schon Regen zu erwarten, ehe Doniphan und seine Genossen den Hafen von Bear-rock erreichen konnten.

Vor allem Andern hatten sie jedoch den verunglückten Schiffbrüchigen den letzten Liebesdienst zu erweisen, und sobald das Morgenroth die über dem Meere lagernden Dunstmassen durchdrang, schleppten sie sich, mit Mühe gegen den Druck der Windstöße ankämpfend, über den Strand hin. Wiederholt mußten sie sich dabei gegenseitig unterstützen, um nicht umgeworfen zu werden.

Das Boot war neben einer schwachen Sandanhäufung fest sitzen geblieben. Aus der Form der Anschwemmungen durch das Meer erkannte man, daß die durch den Wind gesteigerte Fluth über dasselbe hinweggerauscht sein müsse.

Die beiden Körper lagen nicht mehr hier …

Doniphan und Wilcox gingen auf dem Strande einige zwanzig Schritte weiter hinaus …

Nichts … nicht einmal Fußtapfen, welche die Ebbeströmung jedenfalls verwaschen hatte.

»Die Unglücklichen, rief Wilcox, haben also gelebt, da sie sich zu erheben vermochten! …

– Wo sind sie aber? … fragte Croß.

– Wo sie sind? … antwortete Doniphan, nach dem hochwogenden Meere hinaus zeigend. Da, wohin die abfallende Ebbe sie getragen hat!«

Doniphan kletterte hierauf bis nach dem äußeren Klippenrande und musterte die ganze vorliegende Meeresfläche mit dem Fernrohre.

Kein Leichnam schwamm da draußen!

Die Körper der Verunglückten waren weit ins hohe Meer hinaus geschwemmt worden.

Doniphan kam zu Wilcox, Croß und Webb zurück, welche nahe bei dem Boote geblieben waren.

Vielleicht fand sich hier ein Ueberlebender von diesem Unglücksfalle.

Das Boot erwies sich leer.

Es war die am Vordertheile überdeckte Schaluppe eines Kauffahrers, deren Kiel gegen dreißig Fuß messen mochte. Jetzt war sie nicht mehr brauchbar, da die Beplankung der Steuerbordseite durch die Stöße bei der Strandung in der Schwimmlinie durchgebrochen war. Der an seiner Einsenkung abgebrochene Stumpf des Mastes, einzelne Segelfetzen, welche an den Takelhaken des Dahlbords hingen, und einige Enden von Stricken, das war Alles, was sich von seiner Ausrüstung noch vorfand. Von Lebensmitteln, Werkzeugen und Waffen lag nichts weder in den Seitenkästen noch unter dem kleinen Vordercastell.

Am Hintertheile zeigten nur zwei Namen an, zu welchem Schiffe und welchem Heimatshafen es gehört hatte:

»Severn – San Francisco.«

San Francisco! Einer der Häfen an der Küste Californiens! … Das Schiff war also von amerikanischer Nationalität.

Den Horizont desjenigen Theiles der Inselküste aber, auf welche die Schiffbrüchigen des »Severn« vom Sturme verschlagen worden waren, umrahmte das grenzenlose Weltmeer.