Dreizehntes Capitel


Dreizehntes Capitel

An Bord der »Syphanta«.

Am folgenden Tage, dem 3. September, versuchte die »Syphanta«, nachdem sie gegen zehn Uhr Morgens die Anker gelichtet, dicht am Winde segelnd aus der engen Wasserstraße des Hafens von Scarpanto herauszukommen.

Die von Henry d’Albaret freigekauften Gefangenen hatten es sich, die Einen im Zwischendeck, die Andern in der Batterie, so bequem wie möglich gemacht. Obwohl die Fahrt über den Archipel nur wenige Tage in Anspruch nehmen konnte, hatten es Officiere und Matrosen sich doch angelegen sein lassen, die armen Leute an Bord so gut unterzubringen, wie das die Raumverhältnisse nur gestatteten.

Schon am Vorabende hatte der Commandant Henry d’Albaret Alles geordnet, um unverzüglich absegeln zu können. Zur Regulirung seines Gebotes von dreizehntausend Pfund hatte er Sicherheit gestellt, mit der der Kadi sich befriedigt erklärte. Die Einschiffung der Gefangenen war also ohne Schwierigkeiten vor sich gegangen, und vor Ablauf von drei Tagen sollten alle diese Unglücklichen, denen vorher das schrecklichste Loos in den Bagnos der Barbareskenstaaten harrte, an irgend einem Punkte des nördlichen Griechenlands, wo sie für ihre persönliche Freiheit nichts mehr zu fürchten hatten, abgesetzt werden.

Ihre Einlösung aber verdankten sie einzig und allein Dem, der sie ohne Ansehung des Opfers, das er dabei brachte, den Händen Nicolas Starkos‘ entriß. Ihre Dankbarkeit fand auch, sobald sie den Fuß auf das Deck der Corvette gesetzt, in einer wahrhaft rührenden Handlung sprechenden Ausdruck.

Unter ihnen befand sich nämlich ein »Papa«, ein bejahrter Geistlicher aus Leondaris. Begleitet von seinen Unglücksgefährten, begab sich dieser nach dem Oberdeck, wo sich Hadjine Elizundo mit Henry d’Albaret und einigen Officieren aufhielt. Hier knieten Alle, der Greis an der Spitze, vor Jenen nieder, und die Hände gegen den Commandanten erhebend, begann der Greis:

»Gesegnet seien Sie, Henry d’Albaret, von Allen, die Ihr Edelmuth der Freiheit zurückgegeben hat!

– Liebe Freunde, antwortete der Commandant der »Syphanta« bewegt, ich habe ja nicht mehr als meine Pflicht gethan.

– Ja, gesegnet von Allen… von Allen… auch von mir, Henry!« fügte Hadjine, sich ebenfalls vor ihm verneigend, hinzu.

Henry d’Albaret hatte sie, fast verwirrt von dieser unerwarteten Huldigung, schnell wieder aufgehoben, und nun erschallte ein »Hoch Henry d’Albaret!« und »Hoch lebe Hadjine Elizundo!« vom Oberdeck bis nach dem Vordercastell, aus den Tiefen der Batterie bis hinauf nach den Marsraaen, wo etwa fünfzig Mann von der Besatzung Platz genommen hatten und den Vorgang mit donnernden Hurrahs begleiteten.

Eine einzige Gefangene – die, welche sich auch am Vortage im Batistan möglichst versteckt hielt – hatte an dieser Kundgebung nicht theilgenommen. Auch bei der Einschiffung ging ihr Hauptbestreben dahin, unter den Gefangenen unbemerkt zu bleiben. Das war ihr gelungen, und Niemand ahnte ihre Gegenwart an Bord, als sie sich nach der dunkelsten Ecke des Zwischendecks zurückgezogen hatte. Sie hoffte jedenfalls auch ebenso ungesehen wieder an’s Land gehen zu können. Warum sie so vorsichtig verfuhr und ob sie vielleicht einem Officier oder Matrosen der Corvette bekannt war, das hätte Niemand sagen können; gewiß aber mußte sie wichtige Gründe haben, dieses Incognito während der drei bis vier Tage, welche die Fahrt durch den Archipel dauern konnte, so streng zu bewahren.

Wenn aber Henry d’Albaret die volle Dankbarkeit der zufälligen Passagiere der Corvette verdiente, was verdiente dann Hadjine Elizundo für alle die großmüthigen Opfer, die sie seit ihrer Abreise von Korfu aus eigenem Antriebe gebracht hatte?

»Henry, hatte sie am vorhergehenden Tage gesagt, Hadjine Elizundo ist jetzt arm, aber sie ist nun Deiner würdig!«

Arm?… Das war sie in der That. – Des jungen Officiers würdig?… Das wird sich im weiteren Verlaufe zeigen.

Und wenn Henry d’Albaret Hadjine schon liebte, als so erschütternde Vorkommnisse sie von einander trennten, wie mußte diese Liebe erst wachsen, als er erfuhr, welcher Aufgabe sich das junge Mädchen während dieses langen Jahres bitterer Trennung gewidmet hatte.

Sobald Hadjine Elizundo erkannte, woher das von ihrem Vater hinterlassene große Vermögen stammte, hatte sie sofort beschlossen, dasselbe zum Rückkauf von Gefangenen zu verwenden, von deren Fortschaffung und Verkauf er soviel Vortheil gezogen hatte. Von jenen so unehrenhaft gewonnenen zwanzig Millionen wollte sie nichts für sich behalten und theilte Xaris dieses Vorhaben mit; Xaris stimmte demselben gern zu, und so wurden alle Vermögensbestandtheile des Bankhauses schnellstens flüssig gemacht.

Henry d’Albaret erhielt damals jenen Brief, in welchem das junge Mädchen ihn um Verzeihung bat und ihm Lebewohl sagte. Darauf verließ Hadjine unter dem Schutze des muthigen und ergebenen Xaris heimlich Korfu, um sich nach dem Peloponnes zu begeben.

Zu jener Zeit wütheten die Soldaten Ibrahim’s im Kampfe gegen die Bevölkerung des mittleren Morea, welche schon seit langer Zeit unendlich zu leiden gehabt hatte. Die Unglücklichen, die dabei nicht hingemordet wurden, schickten sie nach den Haupthäfen von Messenien, nach Patras oder Navarin. Von hier aus beförderten sie die entweder von der türkischen Regierung gestellten oder von den Seeräubern des Archipels bemannten Schiffe zu Tausenden entweder nach Scarpanto oder nach Smyrna, wo ein unausgesetzter Sclavenhandel stattfand.

Während der zwei ersten Monate nach ihrem Verschwinden gelang es Hadjine und Xaris, welche niemals vor einem noch so hohen Preise zurückschreckten, mehrere Hundert Gefangene von denen zurückzukaufen, welche die messenische Küste noch nicht verlassen hatten. Darauf ließen sie es sich angelegen sein, dieselben entweder auf den Ionischen Inseln oder in den schon von den Türken befreiten Theilen des nördlichen Griechenlands in Sicherheit zu bringen.

Nachdem das vollbracht, begaben sich Beide nach Kleinasien, nach Smyrna, wo sehr beträchtlicher Sclavenhandel betrieben wurde Hierher kamen in starken Transporten große Mengen jener griechischen Gefangenen, deren Befreiung Hadjine Elizundo vor Allem am Herzen lag Sie that dabei so hohe Gebote – welche die der Händler aus der Berberei oder von der asiatischen Küste ungeheuer überstiegen – daß die türkischen Beamten nur ihren Vortheil darin finden konnten, mit ihr zu handeln. Daß ihre edelmüthige Leidenschaft gelegentlich von gewissenlosen Agenten gemißbraucht wurde, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung; mehrere Tausende von Gefangenen verdankten es aber jedenfalls ihr allein, den Bagnos der afrikanischen Beys entgangen zu sein.

Noch immer blieb ihr jedoch viel zu thun übrig, und deshalb kam Hadjine Elizundo der Gedanke, auf zwei verschiedenen Wegen dem Ziele, welches sie zu erreichen strebte, näher zu kommen. Es genügte offenbar nicht, die auf den öffentlichen Märkten zum Verkauf gestellten Gefangenen zurückzukaufen oder um hohen Preis Diejenigen, welche schon das Sclavenjoch trugen, aus den Bagnos zu befreien; es kam ihr vielmehr auch darauf an, die Seeräuber, welche in den Gewässern des Archipels so viele Schiffe wegfingen und vernichteten, unschädlich zu machen.

Hadjine Elizundo befand sich eben in Smyrna, als sie hörte, was mit der »Syphanta« nach den ersten Monaten ihrer Kreuzfahrt vorgegangen war. Sie wußte zwar, daß diese Corvette für Rechnung korslötischer Rheder, und auch zu welchem Zwecke dieselbe ausgerüstet worden war. Ebenso blieb ihr nicht unbekannt, daß der Anfang ihrer Fahrt recht gute Erfolge aufzuweisen hatte; jener Zeit traf aber die betrübende Nachricht ein, daß die »Syphanta« ihren Capitän, mehrere Officiere und einen Theil der Mannschaft eingebüßt hatte im Kampfe gegen eine Piratenflottille, welche, der allgemeinen Annahme nach, von Sacratif selbst geführt und befehligt wurde.

Hadjine Elizundo setzte sich sofort in Korfu mit dem Agenten in Verbindung, der die Interessen der Rheder der »Syphanta« vertrat. Sie ließ den Letztgenannten einen so hohen Preis für das Schiff anbieten, daß diese nicht zauderten, ihr dasselbe zu verkaufen. Die Corvette wurde also unter dem Namen eines Banquiers von Ragusa erworben, sie gehörte jedoch niemand Anderem als der Erbin Elizundo’s, welche damit nur die Bobolina’s, die Modena’s, die Zacharia’s und verschiedene andere opferfreudige Patriotinnen nachahmte, deren schon zu Anfang des Unabhängigkeitskrieges auf eigene Kosten ausgestattete Schiffe den Geschwadern der ottomanischen Marine so vielen Schaden zufügten.

Bei diesem Ankauf hatte Hadjine von vornherein den Gedanken gehabt, den Oberbefehl über die »Syphanta« dem Capitän Henry d’Albaret anzubieten. Ein ihr gerne dienender junger Mann, ein Neffe Xaris‘ und Seemann von griechischer Abkunft gleich seinem Onkel, war dem jungen Officier von jeher heimlich nachgefolgt, sowohl in Korfu, als dieser sich so vergeblich bemühte, das junge Mädchen wieder aufzufinden, wie in Scio, als er sich dahin begab, um unter dem Obersten Fabvier zu kämpfen.

Auf ihren Wunsch schiffte sich dieser Mann als Matrose mit auf der Corvette ein, als diese nach dem Gefechte bei Lemnos die Lücken in ihrer Mannschaft wieder ausfüllte. Er war es auch gewesen, der Henry d’Albaret die beiden, übrigens von Xaris‘ Hand herrührenden Briefe in die Hände spielte. Den ersten in Scio, wo Jener die Nachricht erhielt, daß im Stabe der »Syphanta« für ihn ein Platz frei sei, und den zweiten, den er auf den Tisch der Cajüte des Befehlshabers legte, als er vor derselben als Posten stand, und durch welchen dieser ersucht wurde, sich mit der Corvette in den ersten Tagen des Monats September im Gewässer der Insel Scarpanto einzufinden.

Hier beabsichtigte nämlich Hadjine Elizundo zu gleicher Zeit einzutreffen, nachdem sie ihre Fahrt als rettender Liebesengel beendigt. Sie wollte die »Syphanta« benützen, um den letzten Gefangenentransport, den sie mit dem Reste ihres Vermögens zu kaufen gedachte, nach dem Vaterlande zurückzuführen.

Während der nachfolgenden sechs Monate hatte sie freilich noch viel Ungemach zu erleiden und viel Gefahren zu bestehen.

Selbst bis tief in die Berberei, in jene von Piraten wimmelnden Häfen an der afrikanischen Küste, in denen die schlimmsten Banditen bis zur Eroberung Algiers die Herren spielten, hatte sich das junge Mädchen in Begleitung ihres Xaris hineingewagt, um ihren edlen Trieben genug zu thun. Dieser selbstgewählten Aufgabe zu Liebe setzte sie ihre Freiheit, ja, ihr Leben auf’s Spiel und trotzte ohne Zögern allen Gefahren, welchen ihre Jugend und Schönheit sie preisgaben.

Nichts vermochte sie aufzuhalten, sie reiste ab.

So erschien sie zuerst wie ein Engel der Gnade in Tripolis, in Algier, in Tunis und auf allen Märkten der Barbareskenküste. Ueberall, wo griechische Gefangene verkauft worden waren, erstand sie dieselben zum großen Vortheile ihrer zeitweiligen Besitzer zurück. Ueberall, wo die Händler solche Heerden menschlicher Wesen zur Versteigerung brachten, war sie bei der Hand und achtete niemals des Geldes. Bei solchen Gelegenheiten lernte sie auch, hier in Ländern, wo die niedrigsten Leidenschaften durch keine Rücksicht im Zügel gehalten wurden, das ganze Elend schamloser Sclaverei aus eigener Anschauung kennen.

Algier stand zu jener Zeit noch unter der Gewalt einer aus Muselmännern und Renegaten bestehenden Miliz, die sich aus dem Ausschuß der drei Continente, welche die Gestade des Mittelmeeres bilden, recrutirte und die von nichts Anderem lebte, als vom Ankauf der durch Piraten herbeigeschafften Gefangenen, sowie durch deren Verkauf an die Christen.

Im siebzehnten Jahrhundert zählten die nördlichen Länder Afrikas schon nahe an vierzigtausend Sclaven beiderlei Geschlechts, die aus Frankreich, Italien, England und Deutschland, aus Flandern, Holland, Griechenland, Ungarn, Rußland, Polen und Spanien und aus allen Meeren Europas abgefangen worden waren.

In Algier, in den Bagnos des Paschas Ali-Mami, der Kulughi’s und Siddi Hassan’s, in Tunis, in denen Yussis-Dey’s, Galere-Patrone’s und Cicalais‘, wie in denen von Tripolis, sachte Hadjine Elizundo vorzüglich die Aermsten auf, welche der hellenische Krieg zu Sclaven gemacht hatte. So, als werde sie durch einen Talisman beschützt, wanderte sie ruhig inmitten aller Gefahren und erleichterte das namenlose Elend, wo sie nur konnte. Den tausendfältigen Gefahren, welche die Natur der Dinge rings um sie mit sich brachte, entging sie wie durch ein Wunder. Sechs Monate hindurch besuchte sie an Bord leichter Küstenschiffe die entlegensten Punkte der Grenzländer des Mittelmeeres, von der Regentschaft von Tripolis an bis zu den äußersten Grenzen Marokkos – bis nach Tetuan, früher eine vollständig organisirte Republik von Piraten – bis Tanger, dessen Bai den Seeräubern als Ueberwinterungsort diente – bis Sale, an der Westküste Afrikas, wo die unglücklichen Gefangenen in zwölf bis fünfzehn Fuß tief in die Erde gegrabenen Löchern und Höhlen ein wahrhaft erbärmliches Da sein fristen mußten.

Nachdem sie dann ihr Liebeswerk vollendet und von den, von ihrem Vater hinterlassenen Millionen nichts mehr besaß, gedachte Hadjine Elizundo mit Xaris nach Europa zurückzukehren. Sie schiffte sich deshalb auf einem griechischen Fahrzeuge ein, auf dem auch die letzten von ihr zurückgekauften Gefangenen untergebracht worden waren, und ging nach Scarpanto unter Segel. Hier hoffte sie Henry d’Albaret wieder zu finden, und von hier aus hatte sie an Bord der »Syphanta« nach Griechenland heimkehren wollen. Drei Tage nach der Abfahrt von Tunis wurde aber das Schiff, welches sie trug, von einem türkischen Kreuzer aufgebracht und sie selbst nach Arkassa geschafft, wo sie mit Allen, die sie eben befreit, als Sclavin verkauft werden sollte.

Der Gesammterfolg des von Hadjine Elizundo vollbrachten Liebeswerkes hatte darin bestanden, mehrere Tausend Gefangene mit dem Gelde zurückzukaufen, welches ihr Vater durch den Verkauf derselben gewonnen hatte. Das junge, jetzt selbst vermögenslose Mädchen hatte, so weit es ihr möglich war, also das Unrecht wieder gut zu machen gesucht, das ihr Vater vorher begangen hatte.

Alles das erfuhr nun auch Henry d’Albaret. Ja, Hadjine war jetzt zwar arm, aber seiner würdig, und um sie den Händen Nicolas Starkos‘ zu entreißen, hatte er sich ebenso arm gemacht, wie sie selbst.

Inzwischen bekam die »Syphanta« am nächsten Tage schon das Land von Kreta in Sicht. Sie schlug nun einen Curs ein, um nach dem Nordwesten des Archipels zu gelangen. Die Absicht des Commandanten Henry d’Albaret ging dahin, längs der Ostküste Griechenlands bis zur Höhe von Euböa hinauszusegeln. Hier konnten die Gefangenen entweder in Negropont oder in Aegina an sicherem Orte ausgeschifft werden, denn damit waren sie vor den, jetzt bis tief in den Peloponnes zurückgedrängten Türken geschützt. Jener Zeit befand sich nämlich kein einziger Soldat Ibrahim’s mehr auf der hellenischen Halbinsel.

Die an Bord der »Syphanta« so gut als möglich versorgten armen Leute singen schon an, sich von den furchtbaren Leiden, die sie zu überstehen gehabt, langsam zu erholen. Im Laufe des Tages sah man sie gruppenweise auf dem Verdeck, wo sie die erquickende Seeluft schlürften – Kinder, Mütter und Gatten, welche vorher bedroht waren, für immer getrennt zu werden, und die nun wieder vereinigt waren, um sich nicht mehr zu verlassen.

Sie wußten ja auch, was Hadjine Elizundo gethan, und wenn sie auf den Arm Henry d’Albaret’s gestützt vorüber kam, begegneten ihr Alle mit besonderer Hochachtung, der sie oft in rührendster Art und Weise Ausdruck gaben.

Mit den ersten Morgenstunden des 4. September verlor die »Syphanta die Gipfel von Kreta aus dem Gesicht; da der Wind aber sehr schwach geworden war, kam sie im Laufe des Tages nur sehr wenig vorwärts, obwohl man alle Segel beigesetzt hatte. Eine Verzögerung von vierundzwanzig und selbst achtundvierzig Stunden konnte aber von keiner besonderen Bedeutung sein.

Das Meer war ruhig, der Himmel wunderschön. Nichts deutete auf eine nahe bevorstehende Witterungsveränderung hin. Man mußte die Sache eben »gehen lassen, wie’s Gott gefällt«, wie die Seeleute gern sagen, und abwarten, bis die Verhältnisse sich änderten.

Diese friedliche und ruhige Seefahrt gab hinreichend Gelegenheit, an Bord ungestört zu plaudern, da mit Segelmanövern nichts zu thun war. Nur die wachthabenden Officiere und die Ausluger am Vordertheil hatten ihre Aufmerksamkeit auf etwa sichtbar werdendes Land oder auf sich zeigende Schiffe zu richten.

Hadjine Elizundo und Henry d’Albaret pflegten dann auf einer ihnen ausschließlich reservirten Bank des Oberdecks bei einander zu sitzen. Hier plauderten sie in der Hauptsache nicht von der Vergangenheit, sondern von der schönen Zukunft, die sie nun mit Sicherheit vor sich zu sehen glaubten. Sie entwarfen verschiedene bald auszuführende Projecte, ohne daß sie dabei vergaßen, diese auch dem wackern Xaris vorzulegen, der ja gewissermaßen zur Familie gehörte.

So wurde unter anderem verabredet, daß die Vermählung sofort nach der Ankunft auf griechischem Boden gefeiert werden sollte. Die endgiltige Ordnung der Verhältnisse Hadjine Elizundo’s konnte weder Schwierigkeiten noch Verzögerungen herbeiführen. Die Mission, welche sie seit fast einem Jahre erfüllte, hatte das bedeutend vereinfacht. Nach der Hochzeit sollte Henry d’Albaret dem Capitän Todros das Commando der Corvette abtreten, und er selbst wollte seine junge Frau einmal mit nach Frankreich führen, von dort aber bald nach deren Heimat zurückkehren.

Gerade am heutigen Abend unterhielten sie sich über diese Dinge.

Der leichte Wind reichte kaum hin, die hohen Segel der »Syphanta« zu schwellen. Ein herrlicher Sonnenuntergang beleuchtete den Horizont, und einzelne goldene Strahlen desselben schossen weit über die Nebelbank im Westen am Himmel hinaus. An der entgegengesetzten Seite glänzten die ersten Sterne des Morgenlandes. Das Meer zitterte unter einer Unzahl phosphorescirender Fünkchen, und die Nacht versprach eine herrliche zu werden.

Henry d’Albaret und Hadjine Elizundo gaben sich vollständig dem Genusse des prächtigen Abends hin. Sie schauten nach dem Kielwasser hinab, das sich kaum durch einige weißliche Streifen, welche die Corvette hinter sich zurückließ, abzeichnete. Nichts störte das tiefe Schweigen, als höchstens einmal ein leises Rauschen in den Segeln, wenn diese mehr erschlafften oder sich ein wenig anspannten. Die beiden jungen Leute sahen nichts mehr als sich selbst. Endlich wurden sie aus ihren schönen Träumen zur Wirklichkeit zurückgeführt, als Henry d’Albaret seinen Namen wiederholt rufen hörte.

Xaris stand vor ihm.

»Herr Commandant!… sagte Xaris schon zum dritten Male.

– Was wünscht Ihr, guter Freund? antwortete Henry d’Albaret, dem es vorkam, als zauderte Xaris etwas, mit der Sprache heraus zu gehen.

– Was willst Du, lieber Xaris? fragte Hadjine Elizundo.

– Ich hätte etwas mit Ihnen zu sprechen, Herr Commandant.

– Nun, und das wäre?

– So hören Sie. Die Passagiere der Corvette – die braven Leute, welche Sie nach deren Vaterlande zurückführen – haben einen Gedanken gehabt und mich beauftragt, Ihnen denselben mitzutheilen.

– Nun also, ich bin ganz Ohr, Xaris.

– O, Herr Commandant, Jene wissen ja, daß Sie sich mit Hadjine Elizundo vermählen werden…

– Ja freilich, erwiderte Henry d’Albaret lachend, das ist ja für Niemand ein Geheimniß!

– Nun ja, die guten Leute würden sich aber sehr glücklich schätzen, Zeugen Ihrer Hochzeit sein zu können.

– Das werden sie auch, Xaris, das sollen sie, und niemals wird eine Braut eine ehrenvollere Begleitung gehabt haben, als wenn man alle Diejenigen dazu versammeln könnte, die sie der Sclaverei entrissen hat.

– Henry!… sagte das junge Mädchen, die ihn abhalten wollte, in dieser Weise fortzufahren.

– Der Herr Commandant hat vollkommen Recht, erklärte Xaris. Auf jeden Fall müssen die Passagiere der Corvette dabei sein, und…

– Bei unserem Eintreffen auf griechischem Boden werde ich sie Alle zur Beiwohnung der Feierlichkeit einladen.

– Schön, Herr Commandant, fuhr Xaris fort. Aber nachdem den guten Leuten einmal jener Gedanke gekommen war, folgte diesem auch noch ein zweiter.

– Ein ebenso guter?

– Ein noch besserer. Sie lassen Sie bitten, die Trauung noch hier an Bord der »Syphanta« stattfinden zu lassen. Gleicht die Corvette, welche sie nach Griechenland zurückbringt, nicht gewissermaßen ihrem Vaterlande?

– Ich habe nichts dagegen, Xaris, antwortete Henry d’Albaret. Du stimmst doch auch mit ein, Hadjine!«

Statt jeder Antwort drückte Hadjine ihm zärtlich die Hand.

»O, das ist herrlich! rief Xaris.

– Ihr könnt den Passagieren der »Syphanta« die Meldung bringen, daß ihrem Wunsche entsprochen werden soll.

– Also abgemacht, Herr Commandant, aber… fuhr Xaris zögernd fort, das ist noch immer nicht Alles!

– So rede doch, Xaris, sagte das junge Mädchen.

– Nun die guten Leute haben, nachdem sie einen guten Gedanken, dann noch einen besseren ausgesprochen, auch noch einen dritten gehabt, den sie für den allerbesten halten.

– Wirklich, noch einen dritten? erwiderte Henry d’Albaret, und wie lautet dieser dritte Gedanke?

– Sie bitten darum, daß die Trauung nicht nur an Bord der Corvette, sondern auch hier auf offenem Meere und schon morgen stattfinden möchte. Unter ihnen befindet sich ein alter Geistlicher…«

Da wurde Xaris plötzlich durch die Stimme eines Mastwächters unterbrochen, der von der Großraa des Fockmastes herabrief:

»Schiffe vor dem Winde!«

Sofort erhob sich Henry d’Albaret und trat zu dem Capitän Todros, der schon in der bezeichneten Richtung hinaus blickte.

Wenigstens sechs Meilen nach Osten zu zeigte sich eine, aus etwa einem Dutzend Fahrzeugen von verschiedenem Tonnengehalt bestehende Flottille. Wenn die bei der hier herrschenden Windstille jetzt fast unbewegliche »Syphanta« kaum von der Stelle kam, so wurde jene durch die letzten Windstöße einer leichten Brise, welche bis zur Corvette nicht heranreichten, begünstigt, so daß sie diese endlich erreichen mußten.

Henry d’Albaret hatte sich ein Fernrohr bringen lassen und beobachtete aufmerksam die Bewegung jener Schiffe.

»Capitän Todros, sagte er, sich an den zweiten Officier wendend, jene Flottille ist noch zu entfernt, ebenso um ihre Absichten, wie um ihre Stärke erkennen zu lassen.

– Leider, Herr Capitän, antwortete dieser, und bei der mondlosen Nacht, welche voraussichtlich sehr dunkel wird, läßt sich darüber nichts entscheiden. Wir werden schon den morgenden Tag abwarten müssen.

– Ja, gewiß, sagte Henry d’Albaret; da diese Gegenden jedoch ziemlich unsicher sind, so geben Sie Befehl, möglichst aufmerksam Wache zu halten Gleichzeitig sollen alle unumgänglichen Maßregeln getroffen werden für den Fall, daß jene Fahrzeuge sich der »Syphanta« weiter nähern.«

Der Capitän Todros folgte dem erhaltenen Befehl und ordnete Alles in dieser Weise an. An Bord der Corvette wurden doppelte Wachen ausgestellt, welche bis Tagesanbruch auf dem Ausguck bleiben sollten.

Selbstverständlich wurde gegenüber den Vorkommnissen, welche immerhin eintreten konnten, die letzte Entscheidung über die Feier der Vermählung, welche Xaris so dringend beschleunigt wünschte, vorläufig verschoben. Hadjine Elizundo hatte sich auf die Bitte Henry d’Albaret’s wieder nach ihrer Cabine begeben.

Während der Nacht kam nicht viel Schlaf in die Augen der Seeleute; die fortwährende Gegenwart der in einiger Entfernung signalisirten Flottille erweckte eine leicht erklärliche Unruhe. So weit es möglich war, wurden alle Bewegungen derselben scharf beobachtet. Gegen neun Uhr Abends lagerte sich jedoch dichter Nebel auf das Meer, und jene verschwand vollständig hinter diesem Vorhange.

Am folgenden Morgen verbargen noch immer wallende Dunstmassen den östlichen Horizont bei Aufgang der Sonne, und da es gleichzeitig vollkommen windstill blieb, zerstreuten sich diese auch nicht vor zehn Uhr. Bisher hatte man übrigens noch nichts Verdächtiges wahrnehmen können. Als sich der Nebel aber vollständig auflöste, zeigte sich die Flottille in der Entfernung von kaum vier Meilen. Sie hatte sich der »Syphanta« also seit dem Vorabend um zwei Meilen genähert und wenn sie noch so weit von dieser war, kam es nur daher, daß der herrschende Nebel sie am Manövriren gehindert hatte. Da zeigten sich nun ein Dutzend Fahrzeuge, welche, mit einander Schritt haltend, unter dem Drucke langer Galeerenruder langsam vorwärts drangen. Die Corvette dagegen, auf welche solche ihrer Größe wegen ohne Wirkung gewesen wären, lag noch immer unbewegt auf derselben Stelle. Sie war also genöthigt zu warten, ohne selbst irgend eine Bewegung machen zu können.

Allmählich konnte über die Absichten der herannahenden Flottille ein Zweifel nicht mehr aufkommen.

»Das ist ja ein ganzer Haufen ziemlich verdächtiger Fahrzeuge! sagte Capitän Todros.

– Gewiß, und zwar desto verdächtiger, antwortete Henry d’Albaret, da ich unter denselben auch die Brigg wieder erkenne, auf die wir in den Gewässern von Kreta vergeblich Jagd gemacht haben.«

Der Commandant der »Syphanta« täuschte sich nicht. Die Brigg, welche auf fast wunderbare Weise jenseits der Spitze von Scarpanto verschwunden war, fuhr den anderen Schiffen voraus und hielt offenbar darauf, sich von den anderen unter ihrer Leitung stehenden Fahrzeugen nicht zu trennen.

Inzwischen hatte sich ein leichter Ostwind erhoben. Er begünstigte zwar die Fortbewegung jener Flottille, die einzelnen Windstöße aber, welche die Oberfläche des Meeres leicht kräuselten, erstarben etwa ein oder zwei Kabellängen vor der Corvette.

Plötzlich setzte Henry d’Albaret das Fernrohr ab, das er bisher immer vor die Augen gehalten hatte:

»Klar zum Gefecht!« rief er.

Er hatte eben eine lange weiße Dampfwolke aus dem Vordertheil der Brigg hervorquellen sehen, während gleichzeitig eine Flagge auf den Topp eines Mastes stieg und der rollende Donner eines Geschützes bis zur Corvette herüberschallte.

Diese Flagge war von schwarzer Farbe und in derselben zeigte sich nur ein großes, feuerrothes »S«.

Es war die Flagge des Seeräubers Sacratif.

Erstes Capitel


Erstes Capitel

Ein Schiff in Sicht.

Am 28. October 1827 gegen fünf Uhr Abends bemühte sich ein kleines levantinisches Fahrzeug, noch vor Einbruch der Nacht den Hafen von Vitylo, am Eingang des Golfs von Coron, zu erreichen.

Dieser Hafen, das Oetylos Homer’s, liegt an einer der tiefen Einbuchtungen, welche aus dem Ionischen und Aegäischen Meere das Platanenblatt ausschneiden, mit dem man das südliche Griechenland so trefflich verglichen hat Dieses Blatt nimmt der alte Peloponnes, das Messene der Griechen unserer Tage, ein. Die erste dieser Ausbuchtungen bildet im Westen der Golf von Coron, der sich zwischen Messene und Laconia öffnet. Die zweite, der Golf von Marathon, der die Küste des ernsten Laconia tief einschneidet. Die dritte, der Golf von Nauplia, dessen Gewässer Laconia und Argolis scheiden.

Zu dem ersten der drei Golfe gehört der Hafen von Vitylo. An der Ostküste, im Hintergrunde einer unregelmäßigen Bai liegend, reicht er bis an die letzten Ausläufer des Taygetos heran, dessen Bergkämme das Skelet des Hinterlandes bilden. Die Sicherheit seines Ankergrundes, der bequeme Verlauf der Einfahrtsstraßen und die ihn umgebenden Höhen machen ihn zu einem der festen Zufluchtshäfen dieser von allen Winden der südlichen Meere unausgesetzt gepeitschten Küste.

Das Fahrzeug, welches bei ziemlich frischer Nordnordwestbrise sehr dicht am Winde segelte, konnte von den Hafendämmen Vitylos nicht erkannt werden, da dasselbe noch eine Entfernung von sechs bis sieben Meilen von demselben trennte. Da das Wetter aber ausgezeichnet klar war, hob sich doch der Rand seiner oberen Segel deutlich von dem leuchtenden Hintergrunde des äußersten Horizonts ab.

Was aber von unten nicht sichtbar war, konnte doch von oben, das heißt von dem Gipfel der Höhenzüge, gesehen werden, welche das Dorf umgrenzen. Vitylo ist in Gestalt eines Amphitheaters auf abschüssigen Felsen erbaut, welche die alte Akropolis von Kelapha vertheidigt. Darüber erheben sich noch einige alte, zerfallene Thürme von jüngerem Ursprung als jene merkwürdigen Ueberreste eines Tempels der Seraphis, dessen Säulen und Capitäle von ionischer Ordnung noch heute die Kirche von Vitylo zieren. Neben jenen Thürmen stehen auch noch zwei oder drei kleine, wenig besuchte Kapellen, in welchen fromme Mönche den Kirchendienst versehen.

Es ist hier von Wichtigkeit, auf die Bezeichnung »den Kirchendienst versehen« und selbst auf die Qualification eines Mönches, welche diese Geistlichen der messenischen Küste sich zulegen, zu achten Einer derselben, der soeben seine Kapelle verließ, wird sogleich dem Leser näher vor Augen treten.

Zu jener Zeit war die Religion in Griechenland noch ein eigenthümliches Gemisch von heidnischen Sagen und christlichen Glaubenssätzen. Viele Gläubige betrachteten die Gottheiten des Alterthums noch gewissermaßen als Heilige der neuen Religion. In der That, wie das Henry Belle schildert, vermengen sie die Halbgötter mit den Heiligen, die Kobolde der bezaubernden Thäler mit den Engeln des Paradieses und rufen ebenso die Sirenen und Furien an, wie sie noch Brotopfer darbringen. Diese Umstände haben gewisse merkwürdige Gebräuche eingeführt, welche Andere zum Lachen reizen, während die Geistlichkeit große Mühe hat, dieses wenig orthodoxe Chaos zu entwirren.

Während des ersten Viertels dieses Jahrhunderts – es ist einige fünfzig Jahre her und die Zeit, mit welcher unsere Erzählung beginnt – war der Clerus der griechischen Halbinsel noch unwissender, und die sorglos dahinlebenden, naiven, zutraulichen Mönche, »gute Kinder«, schienen sehr wenig geeignet, die von Natur abergläubische Bevölkerung auf rechte Wege zu leiten.

Und wenn diese niederen Kirchendiener nur allein unwissend gewesen wären. In gewissen Gegenden Griechenlands aber, vorzüglich in den wilden Districten von Magne, scheuten die armen Teufel, von Natur und aus Noth schon Bettler und gierig auf die paar Drachmen, welche mitleidige Reisende ihnen zuwarfen, ohne alle Beschäftigung, außer etwa der, den Gläubigen das gefälschte Bildniß eines Heiligen zum Kusse darzureichen oder eine ewige Lampe in irgend einer Grotte zu unterhalten, dazu verstimmt über den geringen Ertrag ihrer Pfründen, der Beerdigungen und der Taufen, nicht davor zurück, die Auflauerer – und was für Auflauerer – im Solde der Bewohner des Küstengebietes zu spielen.

Die Seeleute von Vitylo, welche am Hafen umher lungerten wie die Lazzaronis, welche gleich mehrere Stunden Ruhe brauchen, um sich von der Arbeit während einiger Minuten zu erholen, erhoben sich doch rasch, als sie einen ihrer Mönche, die Arme heftig bewegend, schnellen Schrittes nach dem Dorfe hinabsteigen sahen.

Es war das ein Mann von fünfzig bis fünfundfünfzig Jahren, der nicht nur dick, sondern fett war von jenem Fette, das der Müßiggang erzeugt, und dessen schlaue Physiognomie nur sehr mittelmäßiges Vertrauen einzuflößen vermochte.

»Was gibt es denn, Vater, was ist denn los?« fragte einer der Seeleute, der ihm entgegenging.

Der Vityliner sprach mit so näselndem Tone, daß man Nason hätte für einen Vorfahren der Hellenen halten können, und dazu jene maniatische Mundart, in der sich das Türkische mit dem Italienischen mischte, als rühre dasselbe aus der Zeit des Thurmbaues von Babel her.

»Haben die Soldaten Ibrahim’s etwa die Höhen des Taygetos besetzt? fragte ein anderer Seemann mit sehr sorgloser Geste, welche eben nicht viel Patriotismus verrieth.

– Wenn’s nicht gar Franzosen sind, mit denen wir es zu thun haben, erwiderte der erste Sprecher.

– Na, die sind einander werth!« bemerkte ein Dritter.

Diese Aeußerung bewies, daß der Kampf, welcher damals gerade am heftigsten wüthete, die Bewohner des untersten Peloponnes nur sehr wenig berührte, sehr verschieden von den Maniaten des Nordens, welche sich im Unabhängigkeitskriege so rühmlich hervorthaten.

Der dicke Geistliche vermochte aber weder dem Einen, noch dem Anderen Antwort zu geben.

Er war von dem Herabklettern über die steilen Abhänge noch ganz außer Athem. Seine asthmatische Brust keuchte. Er wollte sprechen, konnte es aber nicht. Einer seiner Ahnen im alten Hellas, der Soldat von Marathon, hatte doch wenigstens, noch ehe er starb, den Sieg des Miltiades verkünden können. Doch es handelte sich hier weder um Miltiades, noch um den Kampf der Athener gegen die Perser. Es waren kaum Griechen, diese verwilderten Bewohner der untersten Spitze von Magne.

»So sprich doch, Vater, sprich doch!« rief ein alter Seemann, Namens Gozzo, der sich ungeduldiger als die Anderen geberdete, als hätte er schon errathen, was der Mönch verkünden wollte.

Endlich hatte dieser sich wieder etwas beruhigt. Da streckte er die Hand nach dem Horizonte aus und rief:.

»Ein Schiff in Sicht!«

Auf diese Meldung hin sprangen die Tagediebe alle auf, klatschten in die Hände und stürmten nach einem Felsen, der den Hafen überragte. Von hier aus konnten sie das Meer in weitem Umkreise sehen.

Ein Fremdling hätte glauben können, daß diese Bewegung nur hervorgebracht würde durch das Interesse, welches jedes von der See herkommende Fahrzeug naturgemäß Seeleuten einflößen muß, denen so etwas ja besonders angeht. Das wäre aber eine falsche Annahme gewesen oder war es vielmehr; wenn dies ein Interesse dieser Leute aufzustacheln vermochte, war das doch ein solches ganz specieller Art.

In der That ist Magne, jetzt wo wir diese Erzählung niederschreiben – nicht zur Zeit, als die darin geschilderten Vorfälle sich ereigneten – noch immer ein von Griechenland halb abgesonderter Landstrich, ein unabhängiges Königreich, geschaffen durch den Beschluß der europäischen Großmächte, welche 1829 den Vertrag von Adrianopel unterzeichneten. Die Maniaten, oder mindestens diejenigen derselben, welche auf den verlängerten Landausläufern zwischen den Golfen wohnen, sind noch halbe Barbaren geblieben, welche sich mehr um ihre persönliche Freiheit, als um die des Landes bekümmern. Diese äußerste Zunge des unteren Moreas ist von jeher auch kaum zur Botmäßigkeit zu bringen gewesen. Weder die türkischen Janitscharen, noch die griechischen Gensdarmen haben sie zu bezwingen vermocht. Streitsüchtig und rachbegierig, oft in Familienzwistigkeiten verwickelt, welche nur durch Blut ausgetragen werden können. Räuber von Geburt und doch gastfreundlich, Mörder, wenn der Raub einen Mord bedingt, nennen sich deshalb die rohen Bergvölker nicht weniger die directen Nachkommen der Spartaner; aber eingeschlossen in die Verzweigungen des Taygetos, in dem man zu Tausenden jene kleinen Befestigungen oder »Pyrgos«, welche kaum zu erklimmen sind, findet, spielen sie gar zu gern die zweifelhafte Rolle jener Wegelagerer des Mittelalters, die ihre Feudalrechte mit Dolch und Pistole übten.

Wenn die Maniaten zur Stunde auch noch halb wild sind, so mag man sich vorstellen, was dieselben vor nun fünfzig Jahren sein mochten. Ehe die Kreuzfahrten der Dampfschiffe ihren Raubzügen zur See ein Ziel setzten, traten sie während des ersten Viertels dieses Jahrhunderts als die verwegensten Seeräuber auf, welche die Handelsfahrzeuge in allen Stapelplätzen des Morgenlandes nur zu fürchten hatten.

Gerade der Hafen von Vitylo erschien durch seine Lage am Ende des Peloponnes, am Eingang zweier Meere, durch die Nähe der den Seeräubern wohlbekannten Insel Cerigotto, höchst geeignet, sich allen Uebelthätern zu öffnen, welche den Archipel und die benachbarten Gegenden des Mittelmeeres unsicher machten. Der Centralpunkt der Bewohnerschaft dieses Theils von Magne hieß speciell das Land von Kakovonni, und die Kakovonnioten, welche zu beiden Seiten der Landspitze siedelten, welche mit dem Cap Matapan ausläuft, hatten es bequem, ihre Unthaten auszuführen. Auf dem Meere überfielen sie die Schiffe; an das Land lockten sie dieselben durch falsche Signale. Ueberall plünderten und verbrannten sie dieselben. Ob deren Besatzung nun eine türkische, maltesische, ägyptische oder selbst eine griechische war, das kümmerte sie nicht; sie wurde ohne Erbarmen niedergemetzelt oder nach den Barbareskenstaaten in die Sclaverei verkauft. Gab es einmal eine Zeit lang nichts zu thun, und wurden die Küstenfahrer in der Bucht von Cerigo oder dem Cap Gallo seltener, so stiegen öffentliche Gebete auf zu dem Gott der Stürme, damit dieser sich herabließe, ein Schiff von großem Tonnengehalt und mit reicher Ladung in ihre Hand zu geben. Die Mönche schlugen es auch nicht ab, diese Gebete zum Nutzen ihrer Gläubigen zu celebriren.

Jetzt hatte es seit mehreren Wochen nichts zu plündern gegeben. Kein Schiff war an der Küste von Magne angelaufen. Deshalb verursachte es einen wirklichen Ausbruch der Freude, als der Mönch jene von asthmatischem Keuchen unterbrochenen Worte ausgerufen hatte:

»Ein Schiff in Sicht!«

Sofort erschallten die dumpfen Schläge des Simanders, einer Art Glocke aus Holz mit eisernem Klöppel, welche in den Provinzen in Gebrauch ist, wo die Türken die Verwendung von metallenen Glocken nicht zuließen. Die klanglosen Schläge genügten jedoch, die habgierige Bevölkerung zusammenzurufen, Männer, Frauen, Kinder, herrenlose furchtbare Hunde, alle begierig zu plündern und wenn nöthig zu morden.

Inzwischen verhandelten die auf dem Felsen vereinigten Vityliner mit großer Lebhaftigkeit. Welcher Art Fahrzeug war es, das der Mönch ihnen anmeldete? Mit der nordnordwestlichen Brise, die beim Einbruch der Nacht noch auffrischte, glitt das Schiff mit Backbordhalsen schnell dahin. Es schien möglich, daß es beim Laviren das Cap Matapan ziemlich streifte. Seinem Curse nach schien es aus der Gegend von Kreta zu kommen. Schon begann sein Rumpf sich zu zeigen über dem weißen Kielwasser, das es hinter sich ließ; seine Segel alle bildeten jedoch für das Auge eine unkenntliche Masse Es war also schwierig zu sagen, welcher Classe das Fahrzeug angehören möge, was auch die verschiedensten, von einer Minute zur andern sich widersprechenden Aeußerungen veranlaßte.

»Es ist eine Schebeke, erklärte einer der Seeleute, ich sehe ihre viereckigen Segel am Fockmast!

– Nein, erwiderte ein Anderer, es ist eine Pinke! Man sieht ja den erhöhten Achter und starkgekrümmten Vordersteven!

– Schebeke oder Pinke! Wer könnte dieselben auf eine solche Entfernung unterscheiden?

– Sollte es nicht vielmehr eine Polake mit viereckigen Segeln sein, bemerkte ein anderer Seemann, der aus den halbgeschlossenen Händen sich eine Art Fernrohr gemacht hatte.

– Gott helfe uns! antwortete der alte Gozzo. Polake, Schebeke oder Pinke, jedenfalls sind’s drei Maste, und drei Maste sind allemal besser als zwei, wenn sich’s darum handelt, hier bei uns mit einer tüchtigen Ladung Wein aus Candia oder mit Stoffen aus Smyrna zu landen!«

Nach dieser weisen Bemerkung blickten Alle mit noch größerer Aufmerksamkeit hinaus.

Das Schiff näherte sich und schien allmählich zu wachsen; weil es aber so dicht am Winde fuhr, konnte man es nicht von der Seite sehen. Es wäre also schwierig gewesen, zu sagen, ob es zwei oder drei Maste führte, das heißt, ob sein Tonnengehalt ein größerer oder ein geringerer sein werde.

»O, das Unglück verfolgt uns und der Teufel hat sein Spiel! rief Gozzo, indem er noch einen Fluch hinzusetzte, mit dem er alle Sätze zu verstärken pflegte. Das Ding ist weiter nichts als eine Feluke…

– Oder gar nur eine Speronare!« rief der Mönch, nicht weniger enttäuscht als seine Zuhörer.

Daß diese beiden Bemerkungen mit nicht sehr wohlwollenden Rufen aufgenommen wurden, braucht wohl kaum versichert zu werden. Aber welcher Art das Fahrzeug auch war, so konnte man doch schon beurtheilen, daß es höchstens hundert bis hundertfünfzig Tonnen messen konnte. Freilich kam es ja nicht auf die Menge der Ladung an, wenn diese sonst eine werthvolle war. Man trifft einfache Feluken oder selbst Speronaren, welche eine Fracht an kostbaren Weinen, seinen Oelen oder theuren Geweben führen. In solchen Fällen verlohnt es sich schon der Mühe, sie zu plündern, denn sie geben oft reiche Beute für geringe Mühe. Zu verzweifeln war also noch nicht. Dazu entdeckten die älteren Leute der Bande, daß das Schiff ein gewisses elegantes Aeußere hatte, welches, langjähriger Erfahrung nach, immerhin zu seinen Gunsten sprach.

Schon begann die Sonne hinter dem Horizonte im Westen des ionischen Meeres zu verschwinden; die Octoberdämmerung mußte jedoch noch eine Stunde lang hinreichendes Licht verbreiten, um das Schiff vor Einbruch völliger Dunkelheit zu erkennen Nachdem dasselbe das Cap Matapan umsegelt, wendete es sich um zwei Viertel, um besser in den Golf einlaufen zu können, und zeigte sich damit den Beobachtern in bequemer Stellung. Gleich nachdem dies geschehen, entfuhr auch schon den Lippen des alten Gozzo das Wort »Sacoleve«!

»Eine Sacoleve!« wiederholten seine Genossen, welche ihrem Unmuthe durch rohe Flüche Luft machten.

Ueber den Gegenstand wurde indessen nicht weiter gesprochen, weil Zweifel über denselben nicht obwalten konnten. Das Fahrzeug, welches dem Golfe von Coron zusteuerte, war sicherlich eine Sacoleve. Uebrigens thaten die Leute aus Vitylo sehr unrecht, gleich über Unglück zu schreien. Es ist gar nicht selten, daß man gerade auf diesen Sacoleven sehr kostbare Ladungen antrifft.

Man bezeichnet mit diesem Namen übrigens ein levantinisches Fahrzeug von mittlerem Tonnengehalt, dessen Verdeck einen gedrückten Bogen bildet, indem es sich nach hinten zu ein wenig erhebt. Auf seinen schlanken Masten trägt es mannigfaches Segelwerk. Der stark nach vorn geneigte, in der Mitte stehende Großmast hat gewöhnlich ein lateinisches Segel, ein Noth-, ein Mars- und ein Topsegel. Zwei Klüversegel vorn, zwei sehr spitzige an den beiden Hintermasten vervollständigen seine Takelage, die ihm einen auffallenden Anblick verleiht. Die lebhaften Farben des Rumpfes, die Ausbiegung des Vorderstevens, die Verschiedenheit der Maste, die phantastische Gestalt seiner Segel selbst stempeln es zu einem der merkwürdigsten Muster jener schlanken Fahrzeuge, welche man zu Hunderten in den engen Wasserstraßen des Archipels manövriren sieht. Es gewährte einen wirklich schönen Anblick, das leichte Fahrzeug sich bäumen und mit der Welle wieder aufrichten zu sehen, wenn es sich mit weißem Schaum bekränzte oder mühelos fast hüpfte, gleich einem ungeheuren Vogel, dessen Flügel das Meer streiften und dessen Gefieder in den letzten Strahlen der Abendsonne schimmerte.

Obwohl die Brise auffrischte und der Himmel sich allmählich mit »Wasserhosen« bedeckte – ein Name, den die Levantiner gewissen Wolken ihres Himmels zulegen – verminderte die Sacoleve ihre Segelfläche doch nicht im mindesten. Sie hatte sogar das Topsegel beibehalten, welches ein minder kühner Seemann gewiß schon hätte reefen lassen.

Offenbar lag es in der Absicht des Capitäns, an’s Land zu gehen und nicht etwa die Nacht auf dem schon ziemlich bewegten Meere, welches noch mehr aufgeregt zu werden drohte, zuzubringen.

Wenn die Seeleute von Vitylo nun nicht mehr in Zweifel sein konnten, daß die Sacoleve in einen Hafen einlief, so fragten sie sich doch, ob sie gerade in ihrem Hafen anlegen würde.

»Ah, rief Einer von ihnen, man möchte sagen, daß sie sich immer nur am Winde zu halten, aber nicht einzulaufen suchte.

– Da soll sie der Teufel in’s Schlepptau nehmen! versetzte ein Anderer. Sollte sie wirklich nur laviren und wieder auf die hohe See gehen?

– Steuert sie überhaupt auf Coron zu?

– Oder vielleicht auf Kalamata?«

Beide Voraussetzungen hatten etwa gleichviel für sich. Coron ist ein von Handelsfahrzeugen der Levante stark besuchter Hafen der maniatischen Küste, wo ein bedeutender Ausfuhrhandel von Oel aus dem südlichen Griechenland stattfindet. Dasselbe gilt für Kalamata am Grunde des Golfes, dessen Bazare mit Manufacturwaaren, Stoffen oder Geschirren gefüllt sind, welche von Westeuropa hier eingeführt werden. Es war also möglich, daß die Sacoleve nach einem dieser zwei Häfen bestimmt war, ein Umstand, der die raub- und plünderungslüsternen Vityliner sehr enttäuschte.

Während sie so mit ziemlich interessirter Aufmerksamkeit beobachtet wurde, glitt die Sacoleve rasch vorwärts. Bald befand sie sich auf der Höhe von Vitylo. Jetzt mußte ihr Schicksal sich entscheiden. Wenn sie noch weiter auf den Hintergrund des Golfes zuhielt, mußten Gozzo und seine Spießgesellen jede Hoffnung, sich ihrer zu bemächtigen, aufgeben. Selbst wenn sie sich in ihre schnellsten Boote warfen, hatten sie keine Aussicht jene einzuholen, um so viel war sie ihnen durch das ungeheure Segelwerk, welches sie trug, an Geschwindigkeit überlegen.

»Sie kommt hierher!«

Diese drei Worte rief der alte Steuermann, dessen Arm mit niedergebogener Hand sich gleich einem Enterhaken nach dem kleinen Schiffe zu ausstreckte.

Gozzo täuschte sich nicht. Das Steuerruder wurde in den Wind gelegt und die Sacoleve richtete sich jetzt auf Vitylo. Gleichzeitig wurden das Topsegel und ein Focksegel eingezogen und andere Segel wenigstens halb gereeft. Auf diese Weise von einem Theil des auf ihr lastenden Winddrucks befreit, gehorchte sie nun leichter der Hand des Steuermanns.

Jetzt dunkelte es allmählich mehr. Die Sacoleve hatte gerade nur noch Zeit, in die Einfahrt von Vitylo einzulaufen. Hier liegen unter dem Wasser Felsen verstreut, welche wegen der Gefahr, daran vollständig zu scheitern, sorgsam vermieden werden müssen. Trotzdem stieg keine Lootsenflagge am Großmast des kleinen Fahrzeugs auf. Der Capitän mußte also mit dem ziemlich gefährlichen Fahrwasser selbst genügend vertraut sein, weil er sich, ohne Beistand zu verlangen, in dasselbe wagte. Vielleicht mißtraute er auch – und zwar ganz mit Recht – dem beliebten Verfahren der Vityliner, welche wohl nicht davor zurückgeschreckt wären, ihn irgendwo hier auf den Grund laufen zu lassen, wo schon so sehr viel Fahrzeuge auf diese Weise verloren gegangen waren.

Bisher erhellte übrigens noch kein Leuchtthurm die Küste dieses Theiles von Magne. Ein einfaches Hafenlicht diente dazu, den Eingang in den engen Canal zu bezeichnen.

Inzwischen näherte sich die Sacoleve. Bald befand sie sich nur noch eine halbe Meile von Vitylo. Sie mußte gleich landen. Man merkte, daß eine erfahrene Hand sie führte.

Auch das war nicht dazu angethan, die Ungläubigen zu befriedigen; sie hatten ja weit mehr Interesse daran, das Fahrzeug auf irgend einem Felsen stranden zu sehen; dann hatten sie die Brandung gewissermaßen zum Bundesgenossen. Diese begann die Arbeit, welche sie nur zu vollenden hatten. Erst der Schiffbruch, dann die Plünderung, das war ihr gewöhnliches Verfahren. Das ersparte ihnen ja meist einen Kampf mit bewaffneter Hand, einen unmittelbaren Angriff, dem doch allemal Einige von ihnen zum Opfer fallen konnten.

Es gab in der That oft genug von einer muthigen Mannschaft vertheidigte Fahrzeuge, welche sich nicht ungestraft überfallen ließen.

Die Genossen Gozzo’s verließen also ihren Beobachtungsposten und gingen nach dem Hafen hinunter, um alle verbrecherischen Vorbereitungen zu treffen, welche bei den Strandräubern, ob diese die Meere des Abend- oder des Morgenlandes unsicher machen, so ziemlich die gleichen sind.

Es erschien ja so leicht, die Sacoleve in der engen Fahrstraße des Canals stranden zu lassen, wenn man ihr falsche Weisungen ertheilte, was die zunehmende Dunkelheit noch begünstigte, die, ohne gerade schon vollkommen zu sein, doch die Führung eines Schiffes einigermaßen erschwerte

»An’s Hafenlicht!« befahl Gozzo, dem seine Gefährten ohne Zögern zu gehorchen pflegten.

Alle verstanden den alten Seemann. Schon zwei Minuten später erlosch dieses Licht – eine einfache, am Ende des Hafendammes an einem dort stehenden Pfahl befestigte Laterne – urplötzlich.

Im nämlichen Augenblicke wurde es durch ein anderes Licht ersetzt, das zuerst zwar dieselbe Stelle einnahm; doch wenn das erste auf dem Molo feststehende dem Schiffer immer die gleiche Richtung anwies, mußte diesen das bewegliche andere aus der Fahrstraße verlocken und der Gefahr, auf einen Unterwasserfelsen aufzulaufen, aussetzen.

Das falsche Licht bestand aus einer Laterne, deren Schein sich von dem des Hafenlichtes nicht unterschied. Diese Laterne hatte man aber an den Hörnern einer Ziege befestigt, welche langsam am Rande der Klippe hingetrieben wurde. Sie veränderte ihren Ort also mit dem Thiere und mußte in Folge dessen auch die Sacoleve zu falschem Manövriren verleiten.

Es war nicht zum ersten Male, daß die Leute in Vitylo auf diese Weise verfuhren. Nein, gewiß nicht! Und es war leider auch nur selten, daß ihnen ihre schändlichen Absichten mißlangen.

Die Sacoleve lief nun in die Einfahrt ein. Nachdem auch das große Marssegel eingezogen war, trug sie nur noch die lateinischen Segel am hintersten Maste; doch mußten auch diese genügen, um bis zu dem Anlegepfosten zu gelangen.

Zum größten Erstaunen der dasselbe beobachtenden Seeleute bewegte sich das Schiff durch die Windungen des Canals mit unglaublicher Sicherheit weiter. Um das von der Ziege getragene bewegliche Licht schien sich darauf kein Mensch zu kümmern. Selbst am hellen Tage hätte es nicht sicherer manövriren können.

Sein Capitän mußte also unbedingt die Umgebungen von Vitylo schon wiederholt durchsegelt haben, um so bekannt zu sein, daß er selbst in finstrer Nacht wagen konnte, hier an’s Land zu steuern.

Schon konnte man jetzt den kühnen Seemann wahrnehmen. Seine Gestalt hob sich noch ziemlich deutlich aus dem Schatten auf dem Vordertheil der Sacoleve ab. Er stand da, in die weiten Falten seiner Aba, einer Art wollenen Mantels, gehüllt, dessen Capuze seinen Kopf bedeckte. Dieser Capitän zeigte in der That kaum eine Aehnlichkeit mit jenen bescheidenen Küstenfahrern, welche während einer schwierigen Fahrt meist einen Rosenkranz mit großen Kugeln, wie sie in den Meeren des Archipels gebräuchlich sind, hin und her gleiten lassen. Nein, dieser hier begnügte sich, mit tiefer und ruhiger Stimme dem auf dem Hintertheil des Decks befindlichen Steuermann nur seine Anweisungen zu ertheilen.

Da erlosch plötzlich die Laterne am felsigen Strande. Doch auch das störte die Sacoleve nicht, welche unbeirrt ihren Weg fortsetzte. Einen Augenblick hätte man vielleicht glauben können, daß sie bei einer Wendung einen gefährlichen Felsen anlaufen könne, der ziemlich bis zur Wasserfläche, eine Kabellänge vom eigentlichen Hafen, hinausragte und den in der Dunkelheit unmöglich Jemand sehen konnte. Eine leichte Wendung des Steuers genügte aber, die Richtung des Schiffes zu ändern, das zwar ganz nahe an diesem Risse vorüberstreifte, dasselbe aber nicht im Geringsten berührte.

Dieselbe Gewandtheit entwickelte der Steuermann, als es nothwendig wurde, eine zweite Untiefe zu passiren, welche nur eine ganz beschränkte Fahrstraße im Canal übrig ließ – eine Untiefe, auf der schon manches Schiff festgefahren war, ob dessen Lootse nun ein Complice der Vityliner war oder nicht.

Letztere hatten nun keine Aussicht mehr, auf einen Schiffbruch zu rechnen, der ihnen die Sacoleve fast wehrlos überliefert hätte. Binnen wenigen Minuten mußte diese im Hafen verankert liegen. Um sich ihrer zu bemächtigen, galt es nun Gewalt zu gebrauchen.

Das wurde denn auch nach einer kurzen Verhandlung unter den Schurken von diesen beschlossen und sollte bei der eben herrschenden und einem solchen Unternehmen besonders günstigen Dunkelheit sofort in’s Werk gesetzt werden.

»In die Boote!« rief der alte Gozzo, dessen Befehl ohne Widerspruch Geltung hatte, vorzüglich wenn es sich um eine Plünderung handelte.

Etwa dreißig kräftige Männer, von denen die Einen mit Pistolen bewaffnet waren, die Anderen Dolche oder Aexte schwangen, warfen sich in die am Quai befestigten Boote und ruderten, offenbar an Zahl der Besatzung der Sacoleve überlegen, auf diese zu.

Da ertönte an Bord der letzteren ein kurzes Commando. Die Sacoleve, welche jetzt über den Canal herausgekommen war, befand sich inmitten des Hafens. Ihre Hißtaue wurden gelöst, der Anker rasselte in den Grund, und sie lag, nach einem kurzen Stoße in Folge der Anspannung der Ankerkette, unbeweglich.

Die Boote befanden sich nur noch wenige Faden von derselben entfernt. Ohne besonderes Mißtrauen zu zeigen, hatte sich doch die ganze Besatzung, wohl bekannt mit dem üblen Rufe der Bewohner von Vitylo, ausreichend bewaffnet, um gegebenen Falles zur Vertheidigung bereit zu sein.

Vorläufig geschah aber nichts. Der Capitän der Sacoleve war, nachdem das Schiff fest lag, mehrmals auf dem Deck hin und zurück gegangen, während seine Leute, ohne sich besonders um die Annäherung jener Boote zu bekümmern, ruhig fortfuhren, die Segel in Ordnung zu bringen und das Verdeck frei zu machen.

Indeß hätte man doch beobachten können, daß sie diese Segel nicht einbanden, sondern sie so weit frei ließen, um sofort wieder auslaufen zu können.

Das erste Boot legte neben dem Backbord der Sacoleve an. Die anderen drängten sogleich nach. Und da die Seitenwände des Fahrzeugs nur niedrig waren, brauchten die Angreifer, welche jetzt ein wüthendes Geschrei ausstießen, sich nur in die Höhe zu schwingen, um sich auf dessen Verdeck zu befinden.

Die Verwegensten derselben eilten nach dem Hintertheile. Einer derselben ergriff eine brennende Stocklaterne und hielt sie dem Capitän vor das Gesicht.

Da ließ dieser durch eine schnelle Handbewegung die Kapuze herabsinken, so daß sein Gesicht in vollem Lichte erschien.

»Eh, sagte er, die Leute von Vitylo erkennen nicht einmal ihren Landsmann Nicolas Starkos?«

Bei diesen Worten kreuzte der Capitän gelassen die Arme. Kurze Zeit darauf stießen die Boote eiligst wieder ab und zogen sich nach dem Hintergrunde des Hafens zurück.

Zehntes Capitel


Zehntes Capitel

Beim Kreuzen im Archipel.

Die »Syphanta«, eine Corvette zweiter Classe, führte in der Batterie zweiundzwanzig Vierpfünder und auf Deck – damals eine Seltenheit für diese Schiffsclasse – sechs zwölfpfündige Karonaden. Mit ihrem scharfen Vordersteven und sein gebautem Achter, sowie der wohlberechneten Schwimmlinie konnte dieselbe mit den besten Fahrzeugen jener Zeit recht gut in die Schranken treten. Bei keiner Bewegung besonders stark arbeitend, sanft im Rollen und scharf am Winde segelnd, wie sonst nur die besten Schiffe, wäre sie nicht verhindert gewesen, selbst bei stärkerem Winde das volle Segelwerk beizubehalten. Ihr Befehlshaber konnte, wenn er sonst ein unerschrockener Seemann war, immer unter Segel bleiben, ohne davon etwas fürchten zu müssen. Die »Syphanta« wäre deshalb gewiß ebensowenig gekentert, wie ein Fregattschiff, und wahrscheinlich würden eher die Masten derselben gebrochen sein, als daß sie unter Segel zugrunde gegangen wäre. Das gestattete also, ihr, selbst bei sehr schwerem Seegange, doch immer eine große Geschwindigkeit zu verleihen, und damit vergrößerte sich auch nur die Aussicht auf Erfolg bei der abenteuerlichen Kreuzfahrt, für welche sie ihre, gegen die Piraten des Archipels vereinigten Rheder ausgerüstet hatten.

Obwohl die »Syphanta« eigentlich kein wirkliches Kriegsschiff zu nennen war, weil dieselbe nicht einem anerkannten Staate, sondern einfachen Privatleuten angehörte, so war der Dienst auf derselben doch vollständig militärisch organisirt. Ihre Officiere wie die Besatzung hätten dem Orlogsschiffe jeder anderen Seemacht Ehre gemacht. Sowohl während der Fahrt, wie während der Ruhe im Hafen, hätte man hier dasselbe gleichmäßige Manövriren, dieselbe Disciplin an Bord beobachten können. Hier zeigte sich nichts von dem Sichgehenlassen der Leute eines überhastet ausgerüsteten Schiffes, wo die Thätigkeit derselben meist nicht so nach strengen Vorschriften geregelt ist, wie der Befehlshaber eines Fahrzeugs der Kriegsmarine das verlangen müßte.

Die »Syphanta« führte in ihrer Musterungsrolle zweihundertfünfzig Mann auf, zur größeren Hälfte Matrosen aus den westlichen Küstenländern, Franzosen, Provençalen, zur anderen kleineren Engländer, Griechen und Korfioten. Es waren gewandte Leute in der Bedienung des Segelwerkes, verläßliche Streiter im Kampf, Seeleute mit Leib und Seele, auf welche man rechnen konnte Alle hatten dafür schon hinlängliche Proben abgelegt. Schiemänner, zweite und erste Bootsleute waren ihrer Functionen als vermittelnde Glieder zwischen Mannschaft und Officierscorps völlig würdig. Der Stab selbst bestand aus vier Lieutenants, acht Schiffsfähnrichen, von korslötischer, englischer und französischer Herkunft, und einem zweiten Befehlshaber. Letzterer, der Capitän Todros, war ein alter Seemann aus dem Archipel, und also genau bekannt mit den Gewässern, deren versteckteste Straßen und Schlupfwinkel die Corvette absuchen sollte. Da gab es keine Insel, von der ihm nicht alle Baien, Golfe, Buchten und Schlupfhäfen bekannt gewesen wären; nicht ein Eiland, dessen hydrographische Lage er nicht bei Gelegenheit früherer Fahrten bestimmt hätte; keine Wassertiefe, die er nicht ebenso sicher im Kopfe hatte, als wenn die Seekarte vor ihm läge.

Dieser Officier, der jetzt wenig über fünfzig Jahre zählte und ein Grieche aus Hydra war, auch schon früher unter dem Befehle Canaris‘ und Tomasis‘ gedient hatte, mußte für den Befehlshaber der »Syphanta« ein höchst werthvoller Helfer sein.

Den ersten Theil ihrer Kreuzfahrt im Archipel hatte die Corvette unter dem Oberbefehl des Capitäns Stradena ausgeführt, und die ersten Wochen auf See waren, wie erwähnt, sehr glücklich verlaufen. Die Vernichtung verschiedener Seeräuberschiffe und die Aufbringung werthvoller Prisen, das verdiente wohl den Namen eines günstigen Anfangs. Die weitere Fahrt brachte aber doch sehr empfindliche Verluste an Mannschaft und Officieren mit sich. Daß man eine Zeit lang ohne Nachrichten von der »Syphanta« geblieben war, lag daran, daß diese am 27. Februar unweit Lemnos einen hitzigen Kampf gegen eine ganze Flottille von Piratenschiffen zu bestehen gehabt hatte.

Dieser Kampf hatte nicht allein vierzig Mann an Todten und Verwundeten gekostet, sondern es war dabei auch der Commandant Stradena, auf seinem Posten von einer Kugel tödtlich getroffen, gefallen.

Darauf übernahm damals der Capitän Todros das Commando der Corvette; dann war er, nachdem er den Sieg über die Seeräuber nach Kräften ausgenützt, in den Hafen von Aegina eingelaufen, um höchst nothwendige Reparaturen an Rumpf und Takelage vornehmen zu lassen.

Wenige Tage nach dem Eintreffen der »Syphanta« daselbst hörte man zu nicht geringem Erstaunen, daß das Schiff zu sehr hohem Preise für Rechnung eines Banquiers in Ragusa gekauft worden war, dessen Bevollmächtigter nach Aegina kam, um die Umschreibung der Schiffspapiere vornehmen zu lassen. Alles das vollzog sich, ohne daß dagegen eine Einrede hätte erhoben werden können, und es stand nun unbestreitbar fest, daß die Corvette ihren früheren Eigenthümern, der korfiotischen Rhederei, welche bei dem Wiederverkauf noch ein sehr gutes Geschäft gemacht hatte, nicht mehr angehörte.

Wenn die »Syphanta« aber auch in andere Hände übergegangen war, so blieb ihre Bestimmung doch ganz dieselbe. Sie verfolgte das Ziel, den Archipel von den ihm so lästigen Seeräubern zu befreien, wenn sich Gelegenheit dazu bot, etwaige befreite Gefangene nach der Heimat zurückzubefördern und jedenfalls ihre Bemühungen nicht eher aufzugeben, als bis sie diese Meere von dem verwegensten, blutgierigsten Schurken, dem Piraten Sacratif, erlöst hatte. Nach Vollendung der Ausbesserungen ging dem zweiten Officier der Befehl zu, im Norden der Insel Scio zu kreuzen, wo sich der neue Capitän einfinden werde, der bestimmt war, an Bord »der Nächste nach Gott« zu werden.

Zur selben Zeit war es, wo Henry d’Albaret das höchst lakonische Billet erhielt, durch welches er benachrichtigt wurde, daß im Stabe der Corvette »Syphanta« für ihn ein Platz frei sei.

Wie wir wissen, nahm er das Anerbieten an, ohne sich darum zu kümmern, ja, ohne zu ahnen, daß diese Stellung die des Befehlshabers sein sollte. Deshalb aber geschah es, daß der zweite Befehlshaber, die Officiere und die Mannschaften, sobald er den Fuß auf’s Deck gesetzt, sich seinem Oberbefehle unterordneten, während die Kanonen die Flagge Korfus begrüßten.

Alles das erfuhr Henry d’Albaret erst durch ein Gespräch, welches er mit dem Capitän Todros hatte. Der Vertrag, durch welchen er mit der Führung der Corvette betraut wurde, war völlig rechtsgiltig aufgesetzt, es konnte also Niemand die Machtvollkommenheit des jungen Officiers in Zweifel ziehen, und es geschah das auch von keiner Seite. Uebrigens kannten ihn auch mehrere Officiere des Schiffes schon von früher; sie wußten, daß er zwar einer der jüngsten, aber auch einer der befähigtesten Schiffslieutenants der französischen Marine gewesen war.

Der Antheil ferner, den er an dem Unabhängigkeitskampfe genommen, hatte ihm die verdiente Achtung verliehen. Bei der ersten Revue, die er an Bord der »Syphanta« abnahm, wurde sein Name mit lebhaften Beifallsrufen begrüßt.

»Officiere und Matrosen! sagte Henry d’Albaret in seiner einfachen Ansprache, ich weiß, welche Aufgabe der »Syphanta« gestellt worden ist. Wir werden derselben, wenn es Gott gefällt, nach allen Seiten gerecht werden! Ehre unserem alten Commandanten Stradena, der auf seinem Posten einen ehrenvollen Tod fand. Ich zähle auf Euch! Zählt Ihr auf mich! – Tretet ab!…«

Am nächsten Tage, den 2. März, verlor die Corvette beizeiten die Küsten von Scio, bald darauf auch den dieselben beherrschenden Gipfel des Elias-Berges aus dem Gesicht und schlug eine Richtung nach dem Norden des Archipels ein.

Ein Seemann braucht nur einen Blick und nur einen halben Tag Segelfahrt, um den Werth seines Schiffes beurtheilen zu können. Der Wind blies eben ziemlich frisch aus Nordwesten, ohne daß es nöthig geworden wäre, die Segelfläche zu vermindern. Der Befehlshaber Henry d’Albaret kam also sehr bald in die Lage, die ausgezeichneten nautischen Eigenschaften der Corvette kennen und schätzen zu lernen.

»Sie würde gewiß vor keinem anderen Schiffe der vereinigten Flotten die Segel streichen, sagte ihm der Capitän Todros, und dieselben sogar noch bei steifem Zweireefwind beibehalten.«

Das bedeutet aber in der Vorstellung des wackeren Seemanns zwei Dinge; erstens, daß kein anderer Segler im Stande sein würde, die »Syphanta« an Schnelligkeit zu übertreffen, und ferner, daß ihre solide Takelage und ihre Stabilität auf dem Meere ihr noch gestatten würden, das volle Segelwerk beizubehalten bei einem Wetter, das jedes andere Schiff genöthigt haben würde, dasselbe zu vermindern, wenn es vor dem Untergange sicher sein wollte. Dicht am Winde und mit Steuerbordhalsen hielt die »Syphanta« ihren Curs nach Norden ein, wobei sie im Osten die Insel Metelin oder Lesbos, eine der größten des Archipels, liegen ließ.

Am folgenden Morgen kam die Corvette seewärts von dieser Insel vorüber, wo die Griechen im Anfange des Krieges, 1821, große Vortheile über die ottomanische Flotte errangen.

»Ich war mit dabei, erzählte der Capitän Todros dem Commandanten d’Albaret. Es war im Mai. Wir waren sechzig Briggs, um fünf türkische Linienschiffe, vier Fregatten und vier Corvetten zu verfolgen, die nach dem Hafen von Metelin flüchteten. Ein Schiff von vierundsiebenzig Kanonen trennte sich von dem Geschwader, um aus Constantinopel Hilfe herbeizurufen. Wir blieben ihm aber auf den Fersen, und zuletzt sprang es mit neunhundertfünfzig Matrosen in die Luft. Ja, ich war mit dabei, und ich bin’s gewesen, der selbst die Schwefel- und Pechsäcke anzündete, die wir am Rumpf desselben angebracht hatten. Das waren gute Hemden, welche warm hielten, Herr Commandant, und die ich Ihnen vorkommenden Falles empfehle… für die Herren Piraten!«

Man mußte den Capitän Todros so seine Kriegsthaten erzählen hören mit der frohen Laune eines Matrosen vom Vordercastell; doch was der zweite Officier der »Syphanta« hier berichtete, das beruhte auch Alles auf Wahrheit

Nicht ohne triftigen Grund hatte Henry d’Albaret, nachdem er die Führung der Corvette übernommen, einen Curs nach Norden eingeschlagen. Nur wenige Tage vor seinem Aufbruch aus Scio waren in der Nähe von Lemnos und Samothrake verdächtige Fahrzeuge gemeldet worden.

Einige levantinische Küstenfahrer waren fast an der Küste der europäischen Türkei beraubt und zerstört worden. Vielleicht hielten es die Piraten, seitdem die »Syphanta« sie so hartnäckig verfolgte, für angezeigt, sich mehr nach den nördlichen Theilen des Archipels zurückzuziehen.

Von ihrer Seite konnte man das nur klug gehandelt nennen.

In den Gewässern bei Metelin war nichts zu entdecken. Hier traf man nur einige Handelsfahrzeuge, welche sich mit der Corvette selbst in Verbindung setzten, da sie sich durch ihre Anwesenheit für geschützt ansahen.

Während einer Zeit von vierzehn Tagen erfüllte die »Syphanta«, obgleich sie von dem schlechten Wetter der Tag- und Nachtgleiche nicht wenig zu leiden hatte, gewissenhaft ihre Mission.

Bei zwei oder drei sehr heftigen Böen, welche sie nöthigten, nur unter Sturmsegel zu laufen, konnte Henry d’Albaret sich nicht allein weiter über ihre Eigenschaften, wie über die seiner Mannschaft belehren. Die Anderen lernten auch ihn dabei kennen, und er strafte den Ruf nicht Lügen, den die Officiere der französischen Marine schon von jeher genießen, gewandte Seeleute bei schwerstem Wetter zu sein. Ueber seine Anlagen als Taktiker bei einem Seegefecht würde man sich später ein Urtheil bilden können; dagegen bezweifelte schon jetzt Niemand seinen Muth im Feuer.

Unter den schwierigsten Umständen erwies sich der junge Befehlshaber ebenso bewandert in der Theorie wie in der Praxis. Er besaß einen kühnen Charakter, große Seelenstärke, unerschütterliche Kaltblütigkeit und war stets bereit, alle Ereignisse vorauszusehen und zu beherrschen, mit einem Wort, er war ein Seemann, wie er sein soll, damit ist genug gesagt.

In der zweiten Hälfte des Monats beschäftigte sich die Corvette damit, das Landgebiet von Lemnos von der Seeseite zu besichtigen.

Diese Insel, die größte auf dieser Seite des ägäischen Meeres, welche bei fünfzehn Lieues in der Länge, fünf bis sechs in der Breite mißt, war ebenso wie das benachbarte Imbro von dem eigentlichen Unabhängigkeitskampfe noch nicht berührt worden, wiederholt hatten sich hier dagegen Seeräuber eingestellt, welche selbst vom Eingang zur Rhede Handelsschiffe mit frecher Hand wegzuführen wagten. Um frischen Proviant einzunehmen, ging die Corvette in dem damals stark überfüllten Hafen vor Anker. Zu jener Zeit baute man nämlich in Lemnos viele Schiffe, und wenn die, welche noch auf den Werften lagen, aus Furcht vor den Seeräubern nicht vollendet wurden, so wagten sich die bereits fertiggestellten nicht auszulaufen. Daher diese Ueberfüllung.

Diese Nachrichten, welche der Commandant d’Albaret hier auf der Insel erhielt, konnten ihn nur bestimmen, seine Fahrt nach dem Norden des Archipels fortzusetzen. Wiederholt wurde nämlich sogar der Name Sacratif’s sowohl ihm als seinen Officieren gegenüber erwähnt.

»Ah, rief der Capitän Todros, ich wäre wirklich begierig, mich einmal Auge in Auge gegenüber diesem Schurken zu befinden, der mir etwas sagenhaft erscheint. Das würde mir wenigstens den Beweis liefern, daß er überhaupt existirt.

– Stellen Sie seine Existenz in Zweifel? fragte Henry d’Albaret mit Interesse.

– Auf mein Wort, Herr Commandant, erwiderte Todros, wenn Sie meine offene Meinung hören wollen, muß ich Ihnen sagen, daß ich an jenen Sacratif gar nicht glaube, und ich wüßte nicht, daß irgend Jemand sich rühmen könnte, ihn jemals gesehen zu haben. Vielleicht ist das nur ein Kriegsname, den die Piraten Einer nach dem Anderen annehmen. Meiner Meinung nach wird sich schon so Mancher unter diesem Namen auf einem Schiffsdeck geschaukelt haben; doch, das thut nichts! Die Hauptsache bleibt, daß diese Spitzbuben gehenkt werden, und das soll ihnen nicht erspart bleiben.

– Was Sie da gesagt haben, ist Alles in Allem ja möglich, Capitän Todros, antwortete Henry d’Albaret, und das erklärte wenigstens die Allgegenwart, deren Jener sich zu erfreuen scheint.

– Sie haben ganz Recht, Herr Commandant, setzte ein französischer Officier hinzu. Wenn Sacratif, wie die Leute behaupten, gleichzeitig an mehreren Punkten gesehen worden ist, so deutet das unleugbar darauf hin, daß dieser Name unter allen Umständen gleichmäßig von verschiedenen jener Piraten geführt wird.

– Und wenn Sie das thun, geschieht es nur, um Andere, die sie verfolgen, auf falsche Fährte zu leiten, meinte der Capitän Todros. Doch ich wiederhole, es gibt ein ganz sicheres Mittel, diesen Namen auszumerzen – Alle, welche denselben tragen, müssen eben gefangen und gehangen werden… und sogar alle Die, welche ihn je geführt haben. Auf diese Weise wird der wahre Sacratif, wenn es überhaupt einen solchen gibt, dem mit Recht verdienten Stricke ja nicht entgehen.«

Der Capitän Todros hatte wohl ganz Recht, die Frage blieb aber immer, diesen unfaßbaren Uebelthäter erst sicher in die Hand zu bekommen.

»Capitän Todros, fragte Henry d’Albaret, haben Sie während der ersten Kreuzfahrt der »Syphanta«, oder auch schon bei früheren Fahrten nicht etwa eine Sacoleve von gegen hundert Tonnen kennen gelernt, welche den Namen »Karysta« führte?

– Niemals, erklärte der zweite Officier.

– Und Sie, meine Herren?« fuhr der Commandant fort, sich an seine Officiere wendend.

Kein Einziger derselben hatte je von der Sacoleve reden gehört, obwohl die Meisten von ihnen auf den Meeren des Archipels seit dem Anfange des Unabhängigkeitskrieges in Dienst gewesen waren.

»Der Name eines gewissen Nicolas Starkos, des Capitäns jener »Karysta«, wäre niemals bis zu Ihnen gedrungen?« fragte Henry d’Albaret noch einmal nachdrücklicher. Der betreffende Name war den Officieren der Corvette völlig unbekannt. Darüber konnte sich übrigens Niemand besonders wundern, da es sich nur um den Patron eines einfachen Handelsfahrzeuges handelte, wie man deren zu Hunderten an den Stapelplätzen der Levante begegnet.

Todros glaubte sich aber doch unklar zu erinnern, den Namen eines Nicolas Starkos einmal aussprechen gehört zu haben, als er im Hafen von Arkadia in Messenien vor Anker lag. Es sollte das der Name eines jener Schmugglercapitäne sein, welche die von der ottomanischen Behörde gekauften Gefangenen nach den Barbareskenküsten überführten.

»Ja, das kann aber kaum der Starkos sein, den Sie meinen, fügte er hinzu. Dieser, sagen Sie, war der Patron einer Sacoleve, und eine Sacoleve kann unmöglich den Bedürfnissen eines solchen Schleichhandels genügen.

– Freilich nicht!« antwortete Henry d’Albaret und ließ dieses Gespräch vorläufig fallen. Wenn er aber fortwährend an Nicolas Starkos dachte, kam das daher, daß ihm das undurchdringliche Geheimniß des Verschwindens Hadjine Elizundo’s und auch Andronikas kaum je aus dem Sinne kam, denn jetzt verknüpften sich diese beiden Namen stets in seiner Erinnerung.

Gegen den 25. März befand sich die »Syphanta« auf der Höhe der Insel Samothrake, sechzig Lieues im Norden von Scio. Betrachtet man die auf den zurück gelegten Weg verwendete Zeit, so ergibt sich, daß hier alle möglichen Schlupfwinkel gewiß mit aller Sorgfalt durchsucht worden waren, und was die Corvette in den tief in’s Land eindringenden Buchten wegen Mangels an Wassertiefe nicht selbst ausführen konnte, das übernahmen dann die Boote derselben. Bisher waren jedoch alle derartigen Nachforschungen völlig ohne Erfolg geblieben.

Die Insel Samothrake war während des Krieges grausam verwüstet worden, und die Türken hielten sie noch immer unter ihrem Joche. Es ließ sich also annehmen, daß die Seeräuber hier in den zahlreichen Buchten derselben – da ein eigentlicher Hafen nicht vorhanden war – sichere Zuflucht suchen und finden würden. Der Berg Saoce überragt diese Insel um fünf- bis sechstausend Fuß, und von dieser Höhe ist es für einen Wachtposten leicht, jedes verdächtig erscheinende Schiff zeitig genug wahrzunehmen und zu signalisiren. Die vorher gewarnten Piraten gewannen Zeit zu entfliehen, bevor sie blockirt werden konnten. Jedenfalls waren solche Schiffe hier verborgen gewesen, denn die »Syphanta« traf kein einziges derselben auf dem jetzt fast ganz öden Gewässer.

Henry d’Albaret schlug nun einen Curs nach Nordwesten ein, um die Insel Thasos anzulaufen, welche einige zwanzig Lieues von Samothrake entfernt liegt. Da die Windrichtung eine entgegengesetzte war, mußte die Corvette bei ziemlich steifer Brise laviren, sie fand jedoch bald Schutz vom Land und folglich ruhigeres Meer, wo die Fahrt leichter und angenehmer von Statten ging.

Welch‘ eigenthümliches Schicksal haben doch die Inseln des Archipels gehabt! Während Scio und Samothrake so schwer von Seiten der Türken zu leiden hatten, entgingen Thasos ebenso wie Lemnos und Imbro fast ganz den Verheerungen des Krieges. In Thasos ist die ganze Bevölkerung griechischen Ursprungs; hier herrschen noch die Sitten der Väter, Männer und Frauen haben noch die frühere Tracht bewahrt und erscheinen in Kleidung und Haartracht noch in der vollen Grazie des Alterthums. Die türkischen Machthaber, denen die Insel seit Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts unterworfen ist, hätten hier also nach Gefallen plündern können, ohne auf ernsten Widerstand zu stoßen. Auf wirklich unerklärliche Weise blieb derselben jedoch, obgleich der Reichthum ihrer Bewohner wohl die Habgier der gewissenlosen Barbaren zu erregen geeignet schien, bisher alles Ungemach erspart.

Ohne die Ankunft der »Syphanta« hätte Thasos freilich über kurz oder lang alle Greuel der Plünderung zu erfahren gehabt.

Am 2. April nämlich war der Hafen im Norden der Insel, der heutzutage Port Pyrgo genannt wird, von einer Landung zahlreicher Piraten bedroht. Fünf bis sechs Schiffe derselben, Mistiken und Djermen in Begleitung einer Brigantine, welche etwa ein Dutzend Kanonen führte, erschienen damals in Sicht der Stadt. Der Ueberfall jener Banditen, inmitten einer des Kampfes völlig ungewohnten Bevölkerung, hätte mit schrecklicher Verwüstung enden müssen, denn die Insel besaß nirgends hinreichende Streitkräfte, jenen Widerstand zu leisten.

Da erschien zur rechten Zeit die Corvette auf der Rhede, und sobald dieselbe durch einen, am Großmast der Brigantine gehißten Wimpel signalisirt worden war, stellten sich alle jene Fahrzeuge in Schlachtordnung, was von ihrer Seite immerhin eine ungewöhnliche Kühnheit verrieth.

»Sollten sie gar einen Angriff wagen? rief der Capitän Todros, der sich auf die Commandobrücke in die Nähe des Befehlshabers begeben hatte.

– Wer weiß, ob sie uns angreifen oder sich nur vertheidigen wollen, erwiderte Henry d’Albaret, den diese Haltung der Seeräuber überraschte.

– Zum Teufel, ich hätte eher erwartet, die Schufte mit Beisetzung aller Segel entfliehen zu sehen.

– Im Gegentheil, mögen sie nur Widerstand leisten, Capitän Todros… am liebsten selbst angreifen! Wenn sie die Flucht ergriffen, würde es doch Einem und dem Andern gelingen, uns zu entwischen. Commandiren Sie »Klar zum Gefecht!«

Der Befehl des Commandanten wurde sofort aufgeführt. In der Batterie erhielten die Kanonen ihre Ladung, die Lunten wurden zurecht gelegt und die Geschosse herbeigeschafft, so daß sie der Bedienung bequem lagen, auf dem Verdeck machte man die Corvette zum Kampfe fertig und vertheilte die Waffen, Musketen, Pistolen, Säbel und Enterhaken. Die Mastwächter standen bereit, ihre Pflicht zu thun, und zwar ebenso bei einem Kampf an Ort und Stelle, wie wenn es sich um Verfolgung von Flüchtlingen gehandelt hätte. Alles das geschah in einer solchen Ordnung und Schnelligkeit, als ob die »Syphanta« ein wirkliches Kriegsschiff gewesen wäre.

Inzwischen näherte sich die Corvette der Flottille, bereit zum Angriff überzugehen oder einen solchen abzuschlagen. Die Absicht des Befehlshabers ging dahin, direct auf die Brigantine loszusteuern, sie mit einer Breitseite zu begrüßen, welche sie wohl kampfunfähig machen konnte, dann sie anlaufen und seine Mannschaft dieselbe erstürmen zu lassen.

Immerhin war es möglich, daß die Piraten, noch während sie sich zum Kampfe vorbereiteten, doch nur daran dachten, zu entfliehen. Wenn sie es nicht früher gethan hatten, lag das wohl daran, daß die plötzliche Ankunft der Corvette, welche die Rhede vor ihnen beherrschte, sie überrascht hatte. Es blieb nun also kaum etwas Anderes übrig, als der Versuch, sich mit Gewalt einen Durchgang zu erzwingen.

Die Brigantine war es, welche das Feuer eröffnete. Sie richtete ihre Kugeln so, um die Corvette womöglich eines ihrer Masten zu berauben. Wenn ihr das gelang, befand sie sich sofort in weit günstigeren Verhältnissen, der Verfolgung des gefährlichen Gegners zu entgehen.

Die Geschosse flogen etwa sieben bis acht Fuß über dem Deck der »Syphanta« hinweg, zerrissen einige Drissen und Schooten und zertrümmerten einige kleinere Raaen, zersprengten auch einen Theil anderer Reservestücke und verwundeten drei oder vier Matrosen, zum Glück aber nicht schwer. Alles in Allem war die Beschädigung des Schiffes keine bedeutende zu nennen.

Henry d’Albaret antwortete nicht unmittelbar. Er steuerte noch weiter und ließ eine Breitenlage vom Steuerbord nicht eher abgeben, als bis der Dampf von den ersten Schüssen sich verzogen hatte.

Zum Glück für die Brigantine hatte deren Capitän unter Benützung der Brise eine Wendung machen können und erhielt so nur zwei oder drei Kugeln in den Schiffsrumpf oberhalb der Schwimmlinie. Wenn dadurch auch einige Mann getödtet wurden, so war das Schiff damit doch nicht außer Gefecht gesetzt.

Die Projectile der Corvette, welche fehl gingen, waren deshalb doch noch nicht verloren. Die Mistike, welche durch die Wendung der Brigantine sichtbar geworden war, erhielt einen guten Theil derselben in die Backbordwand, und zwar so unglücklich für sie, daß dieselbe Wasser zu schöpfen begann.

»Na, ist’s nicht die Brigantine, so ist’s doch deren Begleiterin, welche ein Gericht eiserner Bohnen in den Magen bekommen hat, rief einer der Matrosen, die auf dem Vordercastell der »Syphanta« standen.

– Meine Ration Wein, daß sie binnen fünf Minuten sinkt!

– Binnen drei Minuten!

– Ich halte die Wette, und wünsche nur, daß mir Dein Wein ebenso leicht die Kehle hinunterläuft, wie ihr das Wasser durch die Löcher in den Rumpf eindringt!

– Sie sinkt!… Sie sinkt!…

– Da sitzt sie schon bis zur Schanzkleidung drin…. Der Rumpf wird nicht mehr lange über Wasser bleiben.

– Und die Teufelskerle darauf springen kopfüber in’s Meer und retten sich durch Schwimmen…

– Nun sie ziehen eben einen Strick um den Hals dem Ertrinken im Wasser vor, dabei wollen wir sie nicht stören!«

In der That sank die Mistike immer mehr und mehr. Ehe das Wasser aber die Reeling erreichte, hatte die Besatzung derselben einen Sprung in’s Meer gewagt, um irgend ein anderes Fahrzeug der Flottille zu erreichen.

Die Leute auf diesen hatten freilich ganz anderes zu thun, als sich mit der Rettung der Ueberlebenden von der Mistike zu beschäftigen Sie dachten jetzt nur noch an die Flucht. So fanden die Unglücklichen Alle den Tod in den Wellen, ohne daß ihnen nur ein Tauende zugeworfen worden wäre, um sie an Bord zu ziehen.

Die zweite Breitlage der »Syphanta« wurde dieses Mal auf eine der Djermen abgefeuert, welche quer gegen jene lag, und setzte dieselbe vollständig außer Gefecht; es bedurfte auch keiner weiteren Mühe, sie ganz zu vernichten. Bald verschwand die Djerme in aufwirbelnden Flammen, welche ein halbes Dutzend glühende Kugeln auf dem Deck derselben entzündet hatten.

Als sie diesen Ausgang sahen, begriffen die anderen kleineren Schiffe, daß es ihnen doch nicht gelingen würde, sich gegen das grobe Geschütz der Corvette zu vertheidigen. Freilich, wenn sie die Flucht ergriffen, hatten sie auch nicht große Aussicht, einem größeren schnellsegelnden Schiffe zu entgehen.

Der Capitän der Brigantine griff also zu der einzigen Maßregel, die ihm übrig blieb, wenn er deren Mannschaft retten wollte. Er ließ sie durch ein Signal zusammenrufen, und binnen wenigen Minuten hatten sich die Piraten an seinen Bord geflüchtet, nachdem sie eine Mistike und eine Djerme verlassen, welche sie vorher selbst in Brand setzten und die auch bald darauf in die Luft sprangen.

Die Besatzung der Brigantine befand sich jetzt, nachdem sie eine Verstärkung von gegen hundert Mann erhalten, in bester Lage, einem directen Sturme von Seite des Feindes die Spitze zu bieten, wenn es ihr nicht gelang, zu entkommen.

Wenn die Mannschaft derselben jetzt aber an Zahl der der Corvette gleich war, blieb es für sie immer noch das Beste, ihr Heil in der Flucht zu suchen. Sie zögerten denn auch nicht, die größere Schnelligkeit, welche dem Schiffe eigen war, sich zu nutze zu machen, um an der türkischen Küste Zuflucht zu finden. Dort wäre ihr Capitän im Stande gewesen, sich so sicher zwischen den Felsen des Uferlandes zu verbergen, daß die Corvette ihn weder finden, noch, wenn sie ihn fand, ihn verfolgen konnte.

Die Brise hatte wesentlich aufgefrischt. Die Brigantine zögerte indeß nicht, alles Segelwerk, was sie nur führen konnte, beizusetzen, selbst auf die Gefahr hin, die Masten zu zerbrechen, und begann sich von der »Syphanta« zu entfernen.

»Schön, rief der Capitän Todros, es sollte mich doch wundern, wenn ihre Beine ebenso lang wären, wie die unserer Corvette!«

Er wandte sich nach dem Commandanten um, dessen Befehl er erwartete.

In diesem Augenblicke wurde aber die Aufmerksamkeit Henry d’Albaret’s nach einer ganz anderen Seite hingelenkt. Er sah die Brigantine gar nicht mehr. Das Fernrohr auf den Hafen von Thasos gerichtet, beobachtete er ein leichtes Fahrzeug, das mit aller Kraft der Segel das Weite zu gewinnen sachte.

Es war eine Sacoleve Getrieben von einer steifen Nordwestbrise, welche ihr gestattete, alle Segel beizusetzen, war sie in die südliche Ausgangsstraße des Hafens eingesteuert, zu der ihr geringer Tiefgang ihr den Eingang ermöglichte.

Henry d’Albaret legte, nachdem er scharf nach derselben ausgelugt, das Fernrohr hastig bei Seite.

»Die »Karysta«! rief er.

– Wie, das wäre jene Sacoleve, von der Sie mit mir gesprochen haben? fragte der Capitän Todros.

– Sie selbst; ich gäbe etwas darum, sie einzuholen….«

Henry d’Albaret vollendete den Satz nicht. Zwischen der Brigantine, auf der sich eine zahlreiche, aus Seeräubern bestehende Mannschaft befand, und der »Karysta« durfte er, obgleich letztere jedenfalls von Nicolas Starkos befehligt wurde, keinen Augenblick wählen. Gewiß hätte er, wenn er die Verfolgung der Brigantine aufgab und sich nach dem Eingang der seichten Wasserstraße begab, der Sacoleve den Weg abschneiden können, er konnte sie erreichen und sich ihrer bemächtigen. Damit hätte er freilich das allgemeine Interesse seinem eigenen persönlichen Vortheile geopfert. Das durfte er nicht. Seine Pflicht gebot ihm, ohne einen Augenblick zu verlieren, der Brigantine nachzueilen, den Versuch zu machen, diese abzufangen, um sie zu zerstören, und dazu entschloß er sich denn auch sofort. Noch einen letzten Blick warf er auf die »Karysta«, die sich durch die offenliegende Wasserstraße mit großer Schnelligkeit aus dem Staube machte, und ertheilte dann die nöthigen Befehle, auf das Piratenschiff Jagd zu machen, das sich schon in entgegengesetzter Richtung entfernte.

Mit allen Segeln steuerte die »Syphanta«, so schnell sie konnte, im Kielwasser der Brigantine hin. Gleichzeitig wurden ihre Jagdgeschütze in Position gebracht, und da die beiden Schiffe jetzt nur noch ein Zwischenraum von einer halben Seemeile trennte, begann die Corvette ihren ehernen Mund aufzuthun.

Was sie da sagte, schien gar nicht besonders nach dem Geschmacke der Brigantine zu sein. Diese fiel möglichst schnell zwei Viertel ab und versuchte, ob es ihr nicht bei dieser neuen Fahrtrichtung möglich sein würde, vor dem Gegner einen Vorsprung zu gewinnen.

Das erwies sich jedoch als Täuschung. Der Steuermann der »Syphantadrehte ebenfalls ein wenig bei, und die Corvette wechselte auch ihrerseits den Curs.

Etwa eine Stunde lang wurde die Verfolgung unter diesen Verhältnissen fortgesetzt. Die Piraten verloren offenbar an Weg, und es schien gar nicht zweifelhaft, daß man dieselben noch vor Mitternacht einholen würde. Der zu erwartende Kampf zwischen den beiden Fahrzeugen sollte aber auf ganz andere Weise ein Ende finden.

Durch einen glücklichen Schuß beraubte eine Paßkugel von der »Syphanta« die Brigantine ihres Fockmastes. Sofort unterlag das Schiff der Wirkung des Windes, und die Corvette brauchte nur zu brassen und abzuwarten, um sich eine Viertelstunde später derselben quer gegenüber zu befinden.

Da rollte ein furchtbarer Geschützdonner über das Wasser hin. Auf weniger als eine halbe Kabellänge hatte die »Syphanta« vom Steuerbord eine ganze Breitseite abgegeben. Die Brigantine wurde durch diese Lawine von Eisen fast in die Höhe gehoben, doch war nur der über das Wasser aufragende Theil des Rumpfes getroffen worden, und sie sank deshalb noch nicht.

Der Capitän, dessen Mannschaft durch diese letzte Salve noch einmal decimirt worden war, sah nun wohl ein, daß er nicht länger Widerstand leisten konnte, und strich also die Flagge.

Binnen wenigen Minuten schon stießen die Boote der Corvette an die Brigantine und holten die noch Ueberlebenden von derselben ab. Dann setzte man das Schiff in Flammen und es brannte hellauf bis hinunter zur Schwimmlinie.

Erst als das Feuer diese erreicht, versank es lautlos in den Fluten.

Die »Syphanta«hatte hiermit ein gutes und nützliches Werk gethan. Wer der Anführer dieser Flottille war, wie er hieß, woher er stamme und was er früher getrieben, das sollte man niemals erfahren, denn er verweigerte es hartnäckig, auf die Fragen Antwort zu geben, die man bezüglich dieser Verhältnisse an ihn stellte. Auch seine Leute bewahrten ein beharrliches Schweigen, und vielleicht wußten diese, wie es damals öfters vorzukommen pflegte, nicht einmal selbst etwas von dem Vorleben dessen, der sie befehligte. Daß sie jedoch Seeräuber waren, daran konnte ein Zweifel nicht aufkommen, und so ließ man denn der Gerechtigkeit ihren Lauf.

Das Erscheinen und Verschwinden der Sacoleve hatte in Henry d’Albaret doch ganz eigenthümliche Gedanken wachgerufen. Die Umstände, unter welchen sie eben den Hafen von Thasos verließ, mußten sie ihm erst recht verdächtig erscheinen lassen, da sie allem Anscheine nach sich das eben im Gange befindliche Gefecht zunutze gemacht hatte, um sicherer zu entkommen. Jedenfalls fürchtete sie, in die Nähe der »Syphanta« zu kommen, die sie wohl erkannt haben mochte. Ein ehrbares Schiff wäre da ganz ruhig im Hafen geblieben, da die Piraten sich von demselben jetzt ja nur zu entfernen trachteten. Diese »Karysta« dagegen hatte sich, selbst auf die Gefahr hin, jenen in die Hände zu fallen, beeilt, den Anker zu lichten und in See zu stechen. Zweideutiger hätte sie gar nicht verfahren können, und man durfte sich gewiß fragen, ob sie mit den Seeräubern nicht in geheimem Bunde stand. Den Commandanten Henry d’Albaret hätte es in der That gar nicht verwundert, Nicolas Starkos als einen Spießgesellen derselben zu erkennen. Leider konnte er jetzt, dessen Spuren wiederzufinden, nur noch auf einen glücklichen Zufall rechnen. Allmählich sank die Nacht herab und die »Syphanta« verlor, da sie einen mehr südlichen Curs einhielt, alle Aussicht, die Sacoleve noch einmal zu treffen. So sehr es Henry d’Albaret auch bedauerte, sich diese Gelegenheit, Nicolas Starkos zum Gefangenen zu machen, haben entgehen zu lassen, so mußte er doch wohl darauf verzichten, aber er hatte ja seine Pflicht gethan. Der Erfolg dieses Kampfes bei Thasos bestand in der Zerstörung von fünf Fahrzeugen, ohne daß die Besatzung der Corvette dabei besonders Schaden gelitten hatte. Vielleicht war durch denselben wenigstens für einige Zeit die allgemeine Sicherheit in dem nördlichen Theile des Archipels gewährleistet.

Elftes Capitel


Elftes Capitel

Signale ohne Antwort.

Acht Tage hindurch nach dem Gefechte bei Thasos durchkreuzte die »Syphanta«, nachdem sie alle Buchten der türkischen Küste von Cavale bis Orphana durchsucht, den Golf von Contessa, segelte darauf vom Cap Deprano bis zum Cap Paliuri, zwischen den Einfahrten nach den Golfen von Monte Santo und Cassandra; endlich im Laufe des 15. April verlor sie nach und nach die Gipfel des Berges Athos aus dem Gesicht, dessen höchste Spitze bis auf nahezu zweitausend Meter über die Meeresfläche hinaufsteigt.

Im ganzen Verlaufe dieser Fahrt wurde kein einziges verdächtiges Schiff beobachtet. Wiederholt bemerkte man wohl türkische Geschwader; die »Syphanta« aber, welche unter korslötischer Flagge segelte, glaubte keine Veranlassung zu haben, sich mit diesen Schiffen in Verbindung zu setzen, welche deren Commandant lieber mit Kanonenschüssen, als durch Abnehmen des Hutes begrüßt hätte.

Unter diesen Umständen erhielt Henry d’Albaret – es war am 26. April – die Nachricht von einem hochwichtigen Ereignisse. Die verbündeten Mächte hatten sich nämlich dahin geeinigt, daß jede Verstärkung, welche den Truppen Ibrahim’s auf dem Seewege zu geführt würde, angehalten werden solle. Rußland ging sogar mit einer offenen Kriegserklärung gegen den Sultan vor. Die Lage Griechenlands verbesserte sich also mehr und mehr, und wenn darin auch noch mehrere Verzögerungen eintraten, so ging das Land doch sicher der Erlangung seiner Unabhängigkeit entgegen.

Am 30. April war die Corvette bis tief in den Hintergrund von Salonichi eingedrungen das heißt, sie hatte den für die Kreuzfahrt in Aussicht genommenen nördlichsten Punkt erreicht. Hier fand sie noch Gelegenheit, auf einige Schebeks, Senalen und Polakren Jagd zu machen, welche ihr nur entkamen, indem sie sich auf den Strand flüchteten. Wenn die Mannschaft derselben auch nicht vollständig vernichtet wurde, so gelang es doch wenigstens, den größten Theil jener Fahrzeuge dienstuntauglich zu machen.

Die »Syphanta« schlug nun wieder einen südlichen Curs ein, um die Südränder des Golfs von Salonichi sorgfältig zu durchsuchen. Jedenfalls war aber ihre Anwesenheit hier überall hin gemeldet worden, denn nirgends ließ sich nur ein einziger Seeräuber sehen, dem sie hätte den verdienten Proceß machen können.

Da ereignete sich ein eigenthümliches, so gut wie unerklärliches Vorkommniß an Bord der Corvette.

Am 10. Mai, gegen sieben Uhr Abends, als Henry d’Albaret in seine Cajüte eintrat, welche das ganze Hintertheil der »Syphanta« einnahm, fand derselbe einen auf seinem Tische liegenden Brief. Er nahm denselben auf, näherte ihn der Hängelampe, welche an der Decke schwankte, und las dessen Adresse.

Die Aufschrift desselben lautete folgendermaßen:

»An den Capitän Henry d’Albaret, Befehlshaber der Corvette »Syphanta«, z. Z. in See«.

Henry d’Albaret glaubte diese Schriftzüge wieder zu erkennen. Sie glichen offenbar vollkommen denjenigen des Schreibens, das er früher einmal in Scio empfangen und in dem er die Aufforderung erhielt, einen an Bord der Corvette frei gewordenen Platz einzunehmen.

Der erwähnte, diesmal auf so eigenthümliche Weise, und ohne daß an eine Vermittelung der Post zu denken war, eingetroffene Brief war von folgendem Inhalt:

 

»Wenn der Commandant Henry d’Albaret seine Fahrtdispositionen so einrichten kann und will, daß er bei seinen Kreuzzügen im Archipel in der ersten Septemberwoche in den Gewässern der Insel Scarpanto eintrifft, so wird er dem Heile Aller und den ihm anvertrauten Interessen die besten Dienste leisten.«

Der Brief zeigte, ebensowenig wie der nach Scio gelangte, eine Datumangabe und eine Unterschrift. Und als Henry d’Albaret beide mit einander verglich, überzeugte er sich noch einmal, daß dieselben von der nämlichen Hand herrührten.

Wie sollte er sich die Sache erklären? Den ersten Brief hatte er auf gewöhnlichem Wege durch die Post erhalten; diesen zweiten konnte nur eine an Bord befindliche Person auf seinen Tisch gelegt haben. Nothwendiger Weise mußte also die betreffende Person das Schreiben schon seit Anfang der Fahrt in Besitz gehabt haben, oder es war während eines der letzten Hafenaufenthalte der »Syphanta« nach dieser gelangt. Der Brief befand sich auch noch nicht an seiner jetzigen Stelle, als der Commandant heute seine Cajüte zum letzten Male verließ, was etwa vor einer Stunde gewesen sein mochte, um sich nach dem Deck zu begeben und seine Befehle für die kommende Nacht zu ertheilen. Unbedingt war derselbe also seit weniger als einer Stunde auf den Tisch in der Cajüte niedergelegt worden.

Henry d’Albaret klingelte.

Ein Bootsmann erschien.

»Wer ist hierher gekommen, seit ich nach dem Verdeck hinaufstieg? fragte Henry d’Albaret.

– Niemand, Herr Commandant, antwortete der Matrose.

– Niemand?… Hätte nicht irgend Jemand hier hineintreten können, ohne daß Du es bemerkt hättest?

– Nein, Herr Commandant, denn ich habe diese Thür inzwischen keinen Augenblick verlassen.

– Es ist gut.«

Der Bootsmann zog sich zurück, nachdem er die Hand an die Mütze gelegt hatte.

»Es erscheint mir wirklich selbst fast unmöglich, sprach Henry d’Albaret für sich, daß ein Mann vom Schiffe hätte ungesehen durch diese Thür eindringen können. Möglicherweise hatte Jemand, gedeckt durch die zunehmende Dunkelheit, doch bis zur äußersten Galerie hinschleichen und durch ein Fenster des Achters hereinschlüpfen können.«

Henry d’Albaret untersuchte also die stückpfortenähnlichen Fensteröffnungen, welche nach dem Spiegel der Corvette zu lagen. Diese aber, wie auch die seines Schlafraumes, erwiesen sich von innen geschlossen. Es war also unbedingt unmöglich, daß eine von außen kommende Person durch eine dieser Oeffnungen hätte gelangen können.

Das ganze Vorkommniß war nicht dazu angethan, in Henry d’Albaret die mindeste Beunruhigung zu erregen, sondern höchstens einige Ueberraschung und vielleicht jenes Gefühl unbefriedigter Neugier, dem man sich einer schwer erklärlichen Thatsache gegenüber ja nicht verschließen kann. Sicher war hierbei nur das Eine, daß der anonyme Brief auf irgend eine Weise an seine Adresse gelangt, und daß derjenige, der ihn empfangen sollte, kein anderer war, als der Befehlshaber der »Syphanta«.

Nach einiger Ueberlegung beschloß Henry d’Albaret, nichts von der ganzen Sache zu erwähnen, auch nicht einmal gegen seinen zweiten Officier. Wozu hätte es auch gedient, mit ihm davon zu sprechen? Der geheimnißvolle Briefschreiber, mochte es nun sein, wer es wollte, wäre dadurch doch gewiß auch nicht an’s Licht gekommen.

Nun drängte sich dem Commandanten die Frage auf, ob er der in dem Briefe enthaltenen Mahnung Folge geben sollte.

»Gewiß! sagte er für sich. Der, von dem der erste, mir auf Scio zugegangene Brief herrührte, hat mich ja nicht betrogen mit der Meldung, daß im Stabe der »Syphanta« ein Platz für mich ledig sei. Warum sollte er mich jetzt, beim zweiten Male, damit irre führen, daß er mir in der ersten Septemberwoche die Insel Scarpanto anzulaufen gebietet? Wenn er das thut, kann es nur im Interesse der mir anvertrauten Mission geschehen sein. Ja, ich werde meinen Fahrplan ändern und zur bestimmten Zeit da sein, wo ich offenbar erwartet werde.«

Henry d’Albaret verschloß sorgfältig den Brief, der ihm diese neuen Instructionen brachte; dann holte er seine Seekarten hervor und begann eine neue Kreuzfahrt auszuarbeiten, um sich während der vier, bis Ende August noch übrigen Monate nutzbringend zu beschäftigen.

Die Insel Scarpanto liegt im Südosten, am anderen Ende des Archipels, d. h. in gerader Linie einige hundert Lieues entfernt. Es konnte der Corvette also nicht an Zeit fehlen, die verschiedenen Küstenpunkte Moreas, an denen sich Seeräuber so leicht verbergen können, zu untersuchen, ebenso wie die ganze Gruppe der Cykladen, die vom Eingange des Golfs von Aegina bis zur Insel Kreta verstreut sind.

Die Verpflichtung, sich zur bestimmten Zeit in Sicht der Insel Scarpanto zu befinden, konnte also die vom Commandanten Henry d’Albaret vorher festgestellte Segelordre nicht besonders beeinflussen. Was er zu thun beschlossen, wollte und konnte er ausführen, ohne einen wichtigeren Punkt aus seinem Programme zu streichen.

So fuhr die »Syphanta« also am 20. Mai weiter, um nach oberflächlicher Besichtigung der kleinen Inseln Pelerissa, Peperi, Sarakino und Skantxura im Norden von Negropontis die Insel Scyros sorgfältiger zu durchsuchen.

Scyros ist eine der bedeutendsten der neun Inseln jener Gruppe, welche das Alterthum als die Heimat der neun Musen zu bezeichnen pflegte. In ihrem sicheren, geräumigen und guten Ankergrund bietenden Hafen St. Georg konnte sich die Besatzung der Corvette leicht mit frischen Nahrungsmitteln, mit Lämmern, Rebhühnern, Weizen und Gerste versorgen und hinreichenden Vorrath an dem vorzüglichen Wein einnehmen, den das Land in großer Menge erzeugt. Diese Insel, welche in den halb mythologischen Ereignissen des trojanischen Krieges, in dem die Namen eines Lykomedes, Achilles und Ulysses besonders hervorragen, eine große Rolle spielte, sollte nun bald unter der Eparchie von Euböa zum neuen Königreiche Griechenland gehören.

Da das Gestade von Scyros so vielfach von Baien und Buchten zerschnitten ist, in welchen Seeräuber ein bequemes Versteck finden können, so ließ Henry d’Albaret dieselben sehr genau durchsuchen. Während die Corvette in der Entfernung weniger Kabellängen gegengebraßt lag, ließen deren Boote keine einzige Stelle ununtersucht.

Auch diese Nachforschungen blieben ohne Ergebniß, die Schlupfwinkel waren leer. Die einzigen Nachrichten, welche der Commandant von den Behörden der Insel erhielt, liefen darauf hinaus, daß vor etwa einem Monate im benachbarten Gewässer mehrere Handelsschiffe von einem unter Seeräuberflagge segelnden Fahrzeuge angegriffen, beraubt und zerstört worden seien, sowie daß man diese freche Schandthat dem berüchtigten Sacratif zuschreibe. Worauf sich diese Annahme gründete, vermochte freilich Niemand zu sagen, eine so große Unsicherheit herrschte allein über die wirkliche Existenz der betreffenden Persönlichkeit.

Nach fünf- bis sechstägigem Aufenthalt verließ die Corvette Scyros wieder. Gegen Ende des Monats näherte sie sich den Küsten der großen Insel Euböa, welche auch Negropontis genannt wird, deren Gestade sie auf eine Strecke von über vierzig Lieues sorgfältig in Augenschein nahm.

Bekanntlich war diese Insel eine der ersten, welche bei Beginn des Krieges 1821 in die Bewegung eintrat; die Türken hielten sich hier jedoch, nachdem sie sich in der Citadelle von Negropontis verschanzt und auch in der von Karystos festen Fuß gefaßt, mit unerschütterlicher Hartnäckigkeit. Als sie dann durch Truppen Jussuf Paschas Verstärkung erhalten hatten, durchstreiften sie die ganze Insel und überließen sich ihren gewohnten Mordbrennereien, bis der griechische Hauptmann Diamantis denselben im September 1823 endlich ein Ziel setzte. Es gelang diesem, die ottomanischen Soldaten unerwartet zu überfallen, wobei er einen großen Theil derselben über die Klinge springen ließ und die Anderen zwang, sich über die Meerenge nach Thessalien zu flüchten.

Am Ende blieb aber doch der Vortheil auf Seite der Türken, welche eine bedeutende Uebermacht hatten. Nach einem vergeblichen Versuche des Obersten Fabvier und des Escadronschefs Regnaud de Saint Jean d’Angély, im Jahre 1826, blieben jene auf die Dauer Herren der Insel.

Sie waren es auch noch zu der Zeit, als die »Syphanta« in Sicht der Küsten von Negropontis vorüberkam. Von seinem Schiffe aus konnte Henry d’Albaret diesen Schauplatz eines der blutigsten Kämpfe übersehen, an dem er selbst rühmlichst Antheil genommen hatte. Jetzt schlug man sich daselbst nicht mehr, und nach Anerkennung des neuen Königreichs bildete die Insel Euböa mit ihren sechstausend Einwohnern eine der Nomarchien Griechenlands.

So gefährlich es auch war, auf diesem Meere Polizei zu üben, da das manchmal unter den türkischen Kanonen selbst geschah, setzte die Corvette dennoch ihre Kreuzfahrt fort und zerstörte wohl noch zwanzig Piratenschiffe, welche sich bis nach der Gruppe der Cykladen heranwagten.

Diese Expedition hatte den größten Theil des Juni in Anspruch genommen. Später segelte die Corvette mehr nach Süden hinab. In den letzten Tagen des Monats befand sie sich auf der Höhe von Andros, der ersten der Cykladen und nahe der südlichen Spitze von Euböa gelegen, eine sehr patriotische Insel, deren Bewohner sich gleichzeitig mit denen von Psara gegen die ottomanische Gewalt erhoben.

Der Commandant d’Albaret hielt es nun für angezeigt, seinen Curs zu ändern, um sich mehr den Küsten des Peloponnes zu nähern, und wandte sich auf kürzestem Wege direct nach Südwesten. Am 2. Juni bekam er die Insel Zea, das alte Ceos oder Cos, in Sicht, das von dem hohen Gipfel des Elias-Berges beherrscht wird.

Einige Tage ankerte die »Syphanta« in dem Hafen von Zea, einem der besten der hiesigen Gegend. Hier fanden Henry d’Albaret und seine Officiere mehrere jener Zeoten wieder, welche in den ersten Jahren des Krieges ihre Waffengefährten gewesen waren. Die Corvette hatte sich denn auch des herzlichsten Empfanges zu erfreuen. Da indeß kaum ein Pirat daran denken konnte, sich in die Buchten dieser Insel zu flüchten, so zögerte die »Syphanta« nicht, ihre Kreuzfahrt wieder aufzunehmen, und umschiffte am 5. Juli das Cap Colonna an der Südostspitze von Attika.

Gegen Ende der Woche ging die Fahrt etwas langsamer vor sich, weil es am Eingang des Golfs von Aegina, der in die griechische Landveste so tief, nämlich bis zum Isthmus von Korinth, einschneidet, an Wind fehlte. Schlaff hingen die Segel der »Syphanta« herab, und diese konnte weder nach der einen noch nach der anderen Seite an Weg gewinnen. Wenn sie in diesen wenig besuchten Meeren einige hundert Ruderboote entschlossen angegriffen hätten, würde sie gewiß Mühe gehabt haben, sich wirksam zu vertheidigen.

Die Besatzung mußte sich auch stets bereit halten, einen etwaigen Angriff zurückzuschlagen, und that gewiß sehr wohl daran.

Es erschienen in der That zuweilen verschiedene Boote, deren Absichten kaum zweifelhaft sein konnten; sie wagten aber doch, Angesichts der Geschütze und der Musketen der Corvette, nicht allzunahe heranzukommen.

Am 10. Juli erhob sich wieder ein mäßiger Wind aus Norden – ein günstiges Ereigniß für die »Syphanta«, welche, nachdem sie fast in Sicht der kleinen Stadt Damala vorübergekommen war, jetzt schnell das Cap Skyli an der äußersten Spitze des Golfs von Nauplia umsegeln konnte.

Am 11. erschien sie vor Hydra und zwei Tage später vor Spezzia. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung des Antheils, den die Bewohner dieser beiden Inseln am Unabhängigkeitskriege nahmen. Zu Anfang desselben besaßen die Hydrioten, Spezzioten und ihre Nachbarn, die Isparioten, über dreihundert Handelsfahrzeuge. Nachdem sie dieselben, so gut es anging, zu Kriegsschiffen umgewandelt, sandten sie sie, nicht ohne Erfolg, gegen die ottomanische Flotte hinaus. Hier stand die Wiege jener Familien Condurlotis, Tombasis, Miaulis, Orlandos und anderer Vornehmen, welche erst mit ihrem Vermögen und dann auch mit dem eigenen Blute dem Vaterlande die größten Opfer darbrachten. Von hier aus gingen jene furchtbaren Brander aus, welche bald der Schrecken der Türkei werden sollten. Trotz wiederholter innerer Erhebungen, betrat doch niemals der Fuß der Unterdrücker den Boden dieser Inseln.

Gerade als Henry d’Albaret sie besuchte, begannen sie eben, sich von einem Kampfe zurückzuziehen, der auf beiden Seiten nur noch schwach weiter geführt wurde. Die Stunde war jetzt nicht mehr fern, wo auch sie dem neuen Königreiche angeschlossen und aus dem Kreise von Korinth und Argolis zwei Eparchien gebildet wurden.

Am 20. Juli ankerte die Corvette in Hermopolis auf der Insel Syra, der Heimat des getreuen Eumeos, den Homer so hochpoetisch besungen hat. Zur gegenwärtigen Zeit diente sie noch als Zufluchtsort für alle Diejenigen, welche die Türken vom Festland verjagt hatten.

Syra, dessen katholischer Bischof von jeher unter dem Schutze Frankreichs steht, stellte Henry d’Albaret Alles zur Verfügung, was er nur bedurfte. In keinem Hafen des eigenen Vaterlandes hätte der junge Commandant einen freundlicheren Empfang finden können.

In die Freude, sich über alles Erwarten gut aufgenommen zu sehen, mischte sich nur ein einziger Tropfen Wermuth – nämlich der, nicht drei Tage früher hier eingetroffen zu sein.

Bei Gelegenheit eines Gesprächs mit dem französischen Consul berichtete ihm dieser, daß eine Sacoleve, welche den Namen »Karysta« führte und unter griechischer Flagge segelte, kaum sechzig Stunden vorher den Hafen verlassen habe. Daraus konnte er also abnehmen, daß die »Karysta«, als sie während des Gefechtes der Corvette mit den Seeräubern das Weite sachte, sich mehr nach dem südlichen Theil des Archipels gewendet haben müsse.

»Vielleicht weiß man aber, wohin sie gesegelt ist? fragte Henry d’Albaret mit lebhaftem Interesse.

– Nach dem, was ich darüber gehört, erwiderte der Consul, soll sie einen Curs nach den Inseln im Südosten eingeschlagen haben, wenn sie nicht gar nach einem der Häfen von Kreta gegangen ist.

– Sie sind mit dem Capitän derselben nicht in nähere Berührung gekommen? erkundigte sich Henry d’Albaret.

– In gar keine, Herr Commandant.

– Und wissen auch nicht, ob dieser Capitän sich Nicolas Starkos nannte?

– Das weiß ich nicht.

– Und nichts erweckte hier den Verdacht, daß diese Sacoleve zu der Seeräuber-Flottille gehören möchte, welche diesen Theil des Archipels so unsicher macht?

– Nichts; doch wenn dem so war, antwortete der Consul, ist es erst recht nicht zu verwundern, daß sie sich nach Kreta gewendet hätte, von dem gewisse Häfen von jeher für diese Uebelthäter offen stehen.«

Diese Mittheilungen erregten den Commandanten der »Syphanta« nicht wenig, sowie Alles, was direct oder indirect mit dem Verschwinden Hadjine Elizundo’s in Verbindung stand. Es war gewiß mehr als unangenehm, so kurze Zeit nach der Abfahrt der Sacoleve hier eingetroffen zu sein.

Da diese jedoch nach Süden zu abgesegelt war und die Corvette denselben Curs einschlagen sollte, lag ja wenigstens eine Möglichkeit vor, sie noch wieder zu finden. Deshalb verließ denn auch Henry d’Albaret, der nichts mehr wünschte, als jenem Nicolas Starkos Auge in Auge gegenüber zu stehen, Syra noch am nämlichen Abend, am 21. Juli, da sich eine schwache Brise erhob, welche nach den Anzeichen des Barometers jedenfalls bald auffrischen mußte.

Im Laufe der nächsten vierzehn Tage spürte der Commandant Henry d’Albaret nun ebenso viel der Sacoleve wie den Piraten nach. Seiner Meinung nach verdiente die »Karysta« entschieden jenen gleichgestellt und ebenso behandelt zu werden, und wenn sich ihm Gelegenheit böte, würde er ja sehen, was mit ihr zu thun sei.

Trotz aller Bemühungen gelang es der Corvette zunächst aber nicht, eine Spur der Sacoleve zu entdecken. In Naxos, dessen Häfen alle durchsucht wurden, war die »Karysta« nicht vor Anker gegangen. Inmitten der Eilande und der Klippen, welche genannte Inseln umgeben, war man nicht glücklicher. Außerdem erschienen hier auch gar keine Seeräuber, obgleich sie gerade diese Gegenden sonst mit Vorliebe besuchten. Der Handelsverkehr zwischen den reichen Cykladen ist nämlich ein sehr lebhafter und die Aussicht auf reiche Beute mußte jene ja hierher verlocken.

Dasselbe war in Paras der Fall, das nur ein einfacher Canal von sieben Seemeilen Breite von Naxos trennt. Nicolas Starkos hatte hier weder den Hafen von Parkia, Naussa oder Santa Maria, noch den von Agula oder Dico angelaufen. Allem Anscheine nach mochte die Sacoleve also, wie der Consul von Syra angenommen hatte, nach irgend einem Küstenpunkte von Kreta abgefahren sein.

Am 9. August ankerte die »Syphanta« im Hafen von Milo. Diese bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts sehr reiche, seitdem aber durch vulkanische Ausbrüche verarmte Insel leidet jetzt stark unter den ungesunden Ausdünstungen des Erdbodens, und ihre Bevölkerung nimmt in Folge dessen mehr und mehr ab.

Hier erwiesen sich alle Nachforschungen ebenso vergeblich. Nicht allein die »Karysta« war nicht sichtbar, es bot sich auch keine Gelegenheit, Seeräuber zu verfolgen, welche gewöhnlich in den Gewässern der Cykladen sehr häufig erscheinen. Dieser auffällige Umstand legte die Frage nahe, ob jenen Schurken nicht das Erscheinen der »Syphanta« so frühzeitig gemeldet worden sein möge, daß dieselben hinreichend Zeit fanden, zu entfliehen. Die Corvette hatte den räuberischen Burschen im Norden des Archipels gerade genug Schaden zugefügt, so daß die des Südens es wohl vorziehen mochten, jedes Zusammentreffen mit derselben zu vermeiden.

Aus einem oder dem anderen Grunde war die Gegend hier wenigstens jetzt als ungewöhnlich sicher zu bezeichnen, so daß die Handelsfahrzeuge ohne jede Furcht ihre Straße ziehen konnten. Verschiedene jener großen Küstenfahrer, wie Schebecs, Senalen, Polakren, Tartanen, Feluquen, Caravellen, denen man unterwegs begegnete, wurden angesprochen, aus den Antworten ihrer Patrone oder Capitäne konnte der Commandant Henry d’Albaret aber nichts entnehmen, was ihm hätte weitere Aufklärung bieten können.

Jetzt war schon der 14. August herangekommen, und es blieben also bis zu den ersten Tagen des Septembers nur noch wenig über zwei Wochen übrig, wo die Insel Scarpanto aufgesucht werden sollte. Wenn sie die Cykladengruppe verließ, hatte die »Syphanta«auch nur siebenzig bis achtzig Lieues nach Süden zu fahren. Diesen Meerestheil schließt die langgestreckte Küste von Kreta, und schon zeigten sich über dem Horizonte die höchsten, mit ewigem Schnee bedeckten Berggipfel der Insel.

Nach dieser Richtung beschloß der Commandant Henry d’Albaret also zu steuern Wenn er bis nahe in Sicht von Kreta kam, hatte er dann geraden Wegs nur nach Osten zu segeln, um nach Scarpanto zu gelangen.

Von Milo steuerte die »Syphanta« jedoch noch in südlicher Richtung bis zur Insel Santorin und untersuchte auch die kleinsten Schlupfwinkel ihrer schwärzlichen Felsengestade. Hier ist höchst gefährliches Fahrwasser, weil unter dem Drucke des vulkanischen Feuers jeden Augenblick eine neue Klippe auf steigen kann. Dann lief die Corvette mit dem Berge Ida, dem jetzigen Pfilanti, als Zielpunkt, der Kreta mit mehr als siebentausend Fuß überragt, unter günstiger Westnordwestbrise, welche ihr alle Segel beizusetzen erlaubte, auf diese Insel zu.

Am übernächsten Tage, dem 15. August, zeichneten die Höhenzüge derselben, dieser größten Insel des Archipels, auf klarem Horizonte ihre malerischen Linien vom Cap Spada bis zum Cap Stavros hin ab. Eine scharfe Einbiegung der Küste verbarg noch die Bucht, in deren Hintergrund Candia, die Hauptstadt des Landes, gelegen ist.

»Beabsichtigen Sie, Herr Commandant, fragte der Capitän Todros, in einem der Häfen der Insel vor Anker zu gehen?

– Kreta befindet sich noch immer in den Händen der Türken, antwortete Henry d’Albaret, und ich meine, wir haben daselbst nichts zu thun. Den Mittheilungen nach, welche ich unlängst in Syra erhielt, sind die Soldaten Mustapha’s, nachdem sie sich Retimos bemächtigt, trotz der hochlöblichen Tapferkeit der Sphakioten, Herren des ganzen Landes geworden.

– Ja, es sind kühne Leute, diese Bergbewohner, sagte der Capitän Todros, und haben sich schon seit Beginn des Krieges eine weitreichende Achtung erworben, durch ihren Muth…

– Freilich durch ihren Muth… aber auch durch ihre Habgier, antwortete Henry d’Albaret.

Vor kaum zwei Monaten hatten sie das Schicksal Kretas eigentlich in der Hand. Mustapha war mit seinen Leuten nahe daran, vernichtet zu werden, da warfen dessen Soldaten aber auf seinen Befehl Edelsteine, Schmucksachen, kostbare Waffen und Alles, was sie Werthvolles bei sich hatten, vor dem Feinde weg, und während die Sphakioten sich zerstreuten, um diese Gegenstände aufzulesen, konnten die Türken durch den Engpaß flüchten, in dem sie sonst rettungslos hätten, den Untergang finden müssen.

– Das ist in der That recht betrübend, Herr Commandant, doch Alles in Allem sind die Kretenser keine wirklichen Griechen.«

Es darf sich Niemand wundern, den zweiten Officier der »Syphanta«, der von rein hellenischer Abstammung war, eine solche Sprache führen zu hören.

In seinen Augen waren die Kretenser, trotz der Beweise ihrer Vaterlandsliebe doch keine Griechen, und sie sollten das auch bei der endgiltigen Bildung des neuen Königreiches nicht einmal werden. Ebenso wie Samos blieb Kreta zunächst unter der Oberhoheit der Pforte, wenigstens bis zum Jahre 1832, zu welcher Zeit der Sultan gezwungen wurde, alle seine Rechte auf die Insel an Mehemet Ali abzutreten.

Bei der gegenwärtigen Lage der Dinge hatte der Commandant Henry d’Albaret keinerlei Interesse, mit den verschiedenen Häfen Kretas in Verbindung zu treten. Candia war zum Waffenplatz der Aegypter geworden, und von hier aus hatte der Pascha seine wilden Horden nach Griechenland entsendet. Was dann Canea anging, hätte dessen Einwohnerschaft auf Betrieb der ottomanischen Behörden der korfiotischen Flagge, welche am Topp der »Syphanta« wehte, wohl einen üblen Empfang bereiten können. Endlich sah Henry d’Albaret voraus, daß er auch weder in Gira-Petra, noch in Suda oder Cisamos würde Nachrichten erhalten können, die ihm Gelegenheit gegeben hätten, seine Kreuzfahrt durch einen wichtigen Fang zu krönen.

»Nein, sagte er zu dem Capitän Todros, es scheint mir unnütz, die Nordküste zu untersuchen; wohl könnten wir aber die Insel im Nordwesten umschiffen, dann um das Cap Spada segeln und einen oder zwei Tage vor Grabusa kreuzen.«

Damit geschah entschieden das Richtigere. In den übel berüchtigten Gewässern Grabusas mußte sich der »Syphanta« jedenfalls am ehesten eine Gelegenheit bieten, die ihr seit länger als einem Monat versagt geblieben war, nämlich einige Breitseiten auf die Seeräuber des Archipels abzugeben.

Wenn die Sacoleve außerdem, wie sich ja annehmen ließ, nach Kreta gesegelt war, so lag auch die Vermuthung nahe, daß sie im Hafen von Grabusa vor Anker gegangen sein werde, und das war ein weiterer Grund für den Commandanten Henry d’Albaret, alle Zugänge zu diesem Hafen genau in Augenschein zu nehmen und zu durchsuchen.

Zu jener Zeit durfte Grabusa in der That noch als ein wirkliches Seeräubernest gelten. Vor nahe sieben Monaten hatte es keines geringeren Aufgebots, als dessen einer englisch-französischen Flotte und einer Abtheilung regulären griechischen Militärs bedurft, um diesen Schlupfwinkel der schlimmsten Uebelthäter einmal auszuräumen. Was dabei am auffallendsten erschien, war, daß die Behörden der Insel es damals selbst verweigerten, ein Dutzend jener Piraten auszuliefern, welche der Befehlshaber des englischen Geschwaders beanspruchte. Dieser sah sich deshalb genöthigt, gegen die Citadelle das Feuer zu eröffnen, mehrere Schiffe niederzubrennen und selbst eine Landung vorzunehmen, um Satisfaction zu erhalten.

Die Vermuthung war also eine sehr natürliche, daß die Piraten nach dem Abzug des verbündeten Geschwaders mit Vorliebe wieder nach Grabusa geflüchtet waren, da sie hier so unerwartete Unterstützung gefunden hatten. Henry d’Albaret entschied sich deshalb auch dahin, nach Scarpanto längs der Südküste von Kreta zu segeln, um auf diese Weise bei Grabusa vorbeizukommen. Er gab also seine diesbezüglichen Befehle und der Capitän Todros beeilte sich, diese ausführen zu lassen. Die Witterung gestaltete sich ganz nach Wunsch. Uebrigens bildet unter diesem glücklichen Klima der December den Anfang des Winters und der Januar schon dessen Ende. Welche bevorzugte Insel, dieses Kreta, das Vaterland des Minos und des alten Ingenieurs Dädalus! Hierher sandte Hyppokrates auch seine zahlreiche Kundschaft aus Griechenland, das er durchstreifte, indem er die Kunst, Kranke zu heilen, lehrte.

Mit den Segeln so dicht wie möglich am Winde, lavirte die »Syphanta« in der Weise, um in größter Nähe das Cap Spada zu umschiffen, das sich am Ende der großen, zwischen der Bai von Canea und der von Kisamo vorspringenden Landzunge befindet. Gegen Abend kam das Schiff an derselben vorüber. Während der Nacht – einer jener so lichthellen Nächte des Morgenlandes – umsegelte die Corvette den äußersten Punkt der Insel. Ein Umlegen der Segel mit dem Winde von vorn genügte, dieselbe wieder in die Richtung nach Süden zu drängen, und am Morgen glitt sie unter vermindertem Segelwerk in kurzer Entfernung vor der Einfahrt nach Grabusa hin.

Sechs volle Tage beschäftigte sich der Commandant Henry d’Albaret mit Beobachtung der Westküste zwischen Grabusa und Kisamo. Mehrere Fahrzeuge, Feluquen oder Schebecs, welche friedlichem Handel dienten, verließen den Hafen. Die »Syphanta« sprach einige derselben an, hatte aber keine Ursache, bei ihren Antworten irgend welchen Verdacht zu schöpfen. Auf die an sie gerichteten Fragen wegen der Seeräuber, die in Grabusa etwa Unterkunft gesucht haben könnten, zeigten sie sich dagegen sehr zurückhaltend. Man erkannte leicht, daß sie sich zu compromittiren fürchteten. Henry d’Albaret konnte nicht einmal genau erfahren, ob die Sacoleve »Karysta« sich augenblicklich im Hafen daselbst befand.

Die Corvette erweiterte nun ihr Beobachtungsfeld. Sie untersuchte die Umgegend zwischen Grabusa und dem Cap Erlo. Dann umsegelte sie unter günstiger Brise, welche während des Tages auffrischte und mit einbrechender Nacht abflaute, jenes Cap und begann eine Fahrt in möglichster Nähe vom Ufer des Lybischen Meeres, welches eine weit leichtere Seefahrt bietet und weniger von Vorgebirgen und Landspitzen zerschnitten und durchbrochen ist, als das auf der entgegengesetzten Seite liegende Meer von Kreta. Am nördlichen Horizonte stieg nun die gewaltige Kette der Asprovuna-Berge empor, welche nach Osten zu von dem poetischen Berge Ida überragt wird, dessen ewige Schneefelder selbst der glühenden Sonne des Archipels widerstehen.

Ohne in einen der kleinen Häfen der Küste einzulaufen, machte die Corvette doch mehrmals, etwa je eine halbe Meile von Rumeli, Anipoli und Sphakia Halt; die Wachtposten an Bord konnten jedoch niemals von einem einzigen Seeräuberfahrzeuge in den Gewässern der Insel etwas melden.

Nachdem sie den Linien der großen Bai von Massara gefolgt, umschiffte die »Syphanta« am 27. August das Cap Matala, die südlichste Spitze von Kreta, deren Breite an dieser Stelle nicht mehr als zehn bis elf Lieues beträgt.

Es hatte nicht den Anschein, als sollte diese Untersuchung auch nur das geringste Resultat herbeiführen. Gewöhnlich begegnet man nur sehr wenigen Schiffen in dieser Breite des Lybischen Meeres. Sie halten ihren Curs entweder mehr im Norden oder im Süden des Archipels, indem sie sich den Küsten Aegyptens nähern. Hier traf man weiter nichts, als vereinzelte, nahe den Felsen verankerte Fischerboote, oder von Zeit zu Zeit höchstens einige jener langen Barken, die mit Seeschnecken beladen waren, das heißt mit einer Molluskenart, welche auf allen Inseln dieser Gegend einen sehr umfangreichen Handelsartikel bildet.

Wenn die Corvette nun in dem vom Cap Matala abgeschlossenen Theil des Gestades nichts gefunden hatte, wo die zahlreichen Eilande so viele kleinere Fahrzeuge verbergen können, war auch kaum anzunehmen, daß sie in dem zweiten Theile der südlichen Küste mehr begünstigt sein würde. Henry d’Albaret entschied sich deshalb dafür, direct auf Scarpanto zuzusteuern, wenn er damit dort auch etwas eher eintraf, als der geheimnißvolle Brief bestimmt hatte. Da sollte sein Vorhaben am Abend des 29. August plötzlich eine Aenderung erleiden.

Es war um sechs Uhr. Der Commandant, der Capitän und einige Officiere befanden sich auf dem Hintercastell und lugten nach dem Cap Matala aus. Da ließ sich die Stimme eines Mastwächters, der auf der kleinen Bramstange saß, vernehmen.

»Vor Backbord ein Schiff in Sicht!«

Die Fernrohre wurden sofort nach dem bezeichneten, nur einige Meilen vor der Corvette zu sehenden Punkt gerichtet.

»Wahrhaftig, sagte der Commandant Henry d’Albaret, da ist ein Schiff, welches sehr dicht am Lande hinsegelt…

– Und welches das Fahrwasser sehr genau kennen muß, da es sich so nahe an’s Ufer heranwagt, setzte der Capitän Todros hinzu.

– Hat es eine Flagge gehißt?

– Nein, Herr Commandant, antwortete einer der Officiere.

– Beauftragen Sie die Mastwächter, womöglich klar zu stellen, welcher Nationalität jenes Schiff angehört!«

Sein Befehl wurde ausgeführt. Einige Augenblicke später schallte die Antwort herab, daß keine Flagge und kein Wimpel weder an der Gaffelspitze des Fahrzeugs, noch am Top seiner Masten wahrzunehmen sei.

Dagegen war es augenblicklich eben noch hell genug, um, wenn nicht dessen Nationalität, so doch die Größe und Classe des Schiffes zu erkennen.

Es war eine Brigg, deren Großmast eine sehr auffallende Neigung nach rückwärts zeigte. Außerordentlich lang, von sehr feingeschnittener Gestalt, versehen mit besonders hohen Masten und weit ausragenden Raaen, konnte dieselbe, so viel das bei der ziemlich bedeutenden Entfernung abzuschätzen war, wohl einen Gehalt von sieben- bis achthundert Tonnen haben und mußte unter jedem Winde außerordentlich schnell laufen können. Dagegen war trotz Anwendung der besten Fernrohre weder zu unterscheiden, ob das Fahrzeug als Kriegsschiff ausgerüstet war, ob es Kanonen auf dem Verdeck führte, oder Stückpforten, deren Läden ja geschlossen sein konnten, an den Längsseiten hatte.

Jetzt trennte in der That noch eine Strecke von vier Seemeilen die Brigg von der Corvette; außerdem begann es, da die Sonne allmählich hinter den Höhen von Asprovuna versank, langsam zu dämmern; in der Nähe des Landes war es bereits ziemlich dunkel.

»Ein eigenthümliches Schiff! bemerkte der Capitän Todros.

– Man möchte fast annehmen, es suche zwischen der Insel Platana und dem Lande hindurch zu kommen, ließ sich einer der Officiere vernehmen.

– Ja, wie ein Schiff, welches es bereut, sich gezeigt zu haben, meinte der zweite Officier, und das nun bestrebt ist, sich zu verbergen!«

Henry d’Albaret äußerte dazu kein Wort, offenbar theilte er aber die Ansichten seiner Officiere. Die Manövers der Brigg mußten ihm ja, so weit er sie erkennen konnte, gleichfalls höchst verdächtig erscheinen.

»Capitän Todros, begann er endlich, es ist von Wichtigkeit, während der Nacht die Spur dieses Fahrzeuges nicht aus den Augen zu verlieren. Wir wollen darauf achten, bis Tagesanbruch stets in dessen Kielwasser zu bleiben. Da es aber darauf ankommt, daß wir unbemerkt bleiben, so lassen Sie alle Lichter löschen.«

Der zweite Officier ertheilte die diesbezüglichen Befehle. Man fuhr fort, die Brigg zu beobachten, so weit sie unter dem Schutze des hohen Landes zu erkennen war. Als die Nacht weiter herabsank, verschwand sie vollständig, und kein Licht derselben gestattete ferner ihre Lage zu bestimmen.

Am folgenden Morgen befand sich Henry d’Albaret schon beim ersten Tagesgrauen auf dem Vordertheile der Corvette »Syphanta«, in der Erwartung, daß der auf dem Wasser lagernde Dunst sich zerstreuen sollte.

Gegen sieben Uhr erst verschwand der Nebelschleier und alle Fernrohre richteten sich sofort nach Osten.

Die Brigg befand sich noch immer nahe am Lande, auf der Höhe des Caps Alikaporitha, etwa sechs Seemeilen vor der Corvette. Sie hatte während der Nacht also offenbar an Weg gewonnen und ohne daß sie dabei ihre Segeloberfläche vergrößert hatte, denn sie trug noch immer nur die Ober- und Unterbramsegel und die Gaffelsegel am Besan, während Großsegel, Focksegel und Klüverjäger vor wie nach eingebunden lagen.

»Das erscheint freilich nicht wie die Gangart eines Schiffes, welches zu entfliehen sucht, bemerkte der zweite Officier.

– Thut nichts! erwiderte der Commandant. Unsere Aufgabe bleibt es dennoch, dasselbe näher in Augenschein zu nehmen. Lassen Sie direct auf die Brigg zuhalten, Capitän Todros!«

Sofort wurden auf ein Pfeifensignal des Oberbootsmanns die höchsten Segel gehißt, und die Corvette gewann bedeutend an Fahrgeschwindigkeit.

Der Brigg lag aber jedenfalls daran, die vorherige Distanz beizubehalten, denn sie setzte jetzt als Antwort Fock- und Stagsegel bei, aber nichts weiter. Wenn sie die »Syphanta« nicht näher an sich herankommen lassen wollte, so schien sie doch auch nicht darauf auszugehen, diese allzuweit hinter sich zu lassen. Immer hielt sie sich dabei im Fahrwasser der Küste, indem sie der letzteren so nahe als möglich schnell dahin glitt.

Um zehn Uhr Vormittags hatte die Corvette, welche vielleicht durch besseren Segelwind begünstigt wurde, wenn das unbekannte Fahrzeug sie nicht absichtlich ein wenig näher hatte herankommen lassen, wohl vier Seemeilen Wegs gegenüber dem letzteren gewonnen.

Man konnte dasselbe jetzt bequem näher besichtigen. Es trug gegen zwanzig Karonaden und mußte auch ein Zwischendeck haben, obgleich es nur wenig über die Wasserfläche emporragte.

»Die Flagge zeigen!« befahl Henry d’Albaret.

Die Flagge wurde am Ende der Gaffel aufgezogen und zur Erregung größerer Aufmerksamkeit mit einem Kanonenschusse begleitet.

Das bedeutete, daß die Corvette auch die Nationalität des in Sicht befindlichen Schiffes kennen zu lernen wünsche. Auf dieses Signal erfolgte jedoch keine Antwort. Die Brigg veränderte weder ihre Richtung noch ihre Schnelligkeit, drehte aber bald um einen Viertelstrich bei, um die Bai von Keraton zu umsegeln.

»Besonders höflich ist der Bursche nicht! meinten die Matrosen.

– Aber vielleicht klug und weise, ließ sich ein alter Mastwächter vernehmen. Sein so schräg liegender Hauptmast gibt ihm das Ansehen, als hätte er den Hut schief auf dem Ohre sitzen und wollte denselben dadurch, daß er die Leute grüßt, nicht unnöthig abnützen.«

Aus einer der Jagdstückpforten der Corvette donnerte noch ein Kanonenschuß – vergeblich. Die Brigg ließ keine Flagge aufsteigen und setzte ruhig ihren Weg fort, ohne sich um die Aufforderungen der Corvette, welche für sie gar nicht vorhanden zu sein schien, im geringsten zu kümmern.

Jetzt begann nun zwischen den beiden Fahrzeugen eine wirkliche Hetzjagd. An Bord der »Syphanta« war an und zwischen den Masten, am Bugspriet wie am Klüverbaume alles Segelwerk angebracht worden, welches sie nur gleichzeitig führen konnte. Da setzte aber auch die Brigg mehr Leinwand bei und behielt damit ihren Vorsprung unvermindert fort.

»Die hat entschieden eine Teufelsmaschine im Leibe!« rief der alte Mastwächter.

Allmählich entwickelte sich an Bord der Corvette eine wahrhaft wüthende Stimmung, nicht allein bei der Mannschaft, sondern auch bei den Officieren, und mehr als bei allen Uebrigen bei dem ungeduldigen Todros. Bei Gott! Er hätte gern seinen Prisenantheil darum gegeben, wenn er diese Brigg, mochte sie nun sonst welcher Nationalität angehören, hätte ansegeln können.

Die »Syphanta« war am Vordertheile mit einem besonders langen Geschütz bewaffnet, das eine Vollkugel von dreißig Pfund wohl bis auf eine Entfernung von nahezu zwei Seemeilen schleudern konnte.

Ruhig – wenigstens dem äußeren Anscheine nach – gab der Commandant Henry d’Albaret Befehl, scharf zu feuern.

Der Schuß krachte, die Kugel schlug aber nach wiederholtem Ricochettiren etwa zwanzig Faden vor der Brigg ein.

Als einzige Antwort zog dieselbe einige weitere Segel auf, und hatte bald die, sie von der »Syphanta« trennende Entfernung erweitert.

Es war gewiß für einen so vorzüglichen Segler wie die »Syphanta« höchst demüthigend, sowohl auf die Einholung der Brigg, wie auf die wirksame Beschießung derselben zu verzichten.

Inzwischen brach wiederum die Nacht herein. Die Corvette befand sich jetzt nahezu auf der Höhe des Caps Peristera. Der Wind frischte auf, und das so bedeutend, daß es sich nöthig machte, Reefe einzusetzen, um für die Nacht eine geeignetere Segelfläche herzustellen.

Der Commandant befreundete sich schon mit dem Gedanken, daß er bei anbrechendem Tage nichts mehr von dem Schiffe sehen werde, nicht einmal dessen Mastspitzen, die ihm entweder der östliche Horizont oder ein Vorsprung der Küste verbergen würde.

Er täuschte sich.

Bei Sonnenaufgang war die Brigg noch immer in Sicht, segelte ebenso wie vorher und hatte dieselbe Entfernung beibehalten. Man hätte fast sagen können, sie regulire ihre Geschwindigkeit ganz nach der der Corvette.

»Wenn sie uns im Schlepptau hätte, äußerte Einer auf dem Vorderdecke, so wär‘ es ganz dasselbe!«

Der Mann hatte völlig Recht.

In diesem Augenblicke umschiffte die Brigg, nachdem sie in dem Canal Kuphonisi zwischen der gleichnamigen Insel und dem Lande eingelaufen, die Spitze von Kakiatithi, um nach der Ostseite von Kreta zu gelangen.

Es war dabei nicht vorherzusagen, ob sie hier in einen Hafen flüchten oder in einer Vertiefung des engen Canals werde verschwinden wollen.

Auch das war nicht der Fall. Gegen sieben Uhr Morgens steuerte die Brigg ganz frei nach Südosten und wandte sich damit nach dem offenen Meere.

»Sollte sie gar nach Scarpanto segeln?« fragte sich Henry d’Albaret etwas verwundert.

Und bei einer allmählich so weit auffrischenden Brise, daß ein Theil der Takelage dabei zu brechen drohte, setzte er diese Verfolgung ohne Ende fort, welche ebenso das Interesse seiner Mission, wie die Ehre seines Schiffes ihm aufzugeben nicht gestattete.

Hier in diesem Theile des Archipels, der nach allen Windrosen hin offen lag, inmitten der ausgedehnten Meeresfläche, auf deren Luftbewegungen die Bergkämme keinen weiteren hindernden Einfluß äußerten, schien die »Syphanta« gegenüber der Brigg einigen Vorsprung zu gewinnen.

Gegen ein Uhr Mittags war die Entfernung zwischen den beiden Fahrzeugen bis auf drei Seemeilen vermindert. Auch jetzt wurden einige Vollkugeln abgefeuert, konnten ihr Ziel aber nicht erreichen und brachten in der Bewegung der Brigg keinerlei Aenderung hervor.

Schon schimmerten hinter der kleinen Insel Caso die Höhen von Scarpanto am Horizonte. Die erstere hängt gewissermaßen an der letzteren, ebenso wie Sicilien an Italien hängt.

Der Commandant Henry d’Albaret, seine Officiere und Mannschaften konnten nun endlich hoffen, nähere Bekanntschaft zu machen mit diesem geheimnißvollen Schiffe, welches so unhöflich war, weder auf Signale noch auf Geschosse zu antworten.

Als der Wind aber gegen fünf Uhr Abends wieder abflaute, gewann auch die Brigg den früheren Vorsprung wieder.

»Ah, der Schurke!… Der Teufel ist mit dem Kerl im Bunde!.. Er wird uns doch entwischen!« rief der Capitän Todros.

Alles, was ein erfahrener Seemann irgend nur thun kann, um die Fahrtschnelligkeit zu steigern, geschah nun sofort. So wurden die Segel benetzt, um deren Gewebe dichter zusammen zu ziehen, die Hängematten in den Wind gebracht u. s. w. Das hatte auch einigen Erfolg. Gegen sieben Uhr Abends, kurz nach Sonnenuntergang, trennten höchstens noch zwei Seemeilen die feindlichen Schiffe.

Unter diesen Breiten tritt die Nacht aber sehr schnell ein. Die Dämmerung ist nur von kurzer Dauer. Die Schnelligkeit der Corvette mußte also unbedingt noch gesteigert werden, um die Brigg vor Einbruch völliger Nacht zu erreichen.

In diesem Augenblicke passirte die Letztere zwischen dem Eilande Caso-Poulo und der Insel Casos hindurch. Als sie dann um die Letztere wendete und nach der engen Fahrstraße segelte, welche dieselbe von Scarpanto trennt, konnte man sie überhaupt nicht mehr sehen.

Eine halbe Stunde später gelangte die »Syphanta« nach der nämlichen Stelle und hielt sich immer sehr weit vom Strande, um guten Segelwind zu behalten. Noch war es hell genug, um ein Schiff von solcher Größe auf die Entfernung einiger Seemeilen wenigstens wahrnehmen zu können…

Die Brigg war vollständig verschwunden.