Elftes Capitel


Elftes Capitel

Signale ohne Antwort.

Acht Tage hindurch nach dem Gefechte bei Thasos durchkreuzte die »Syphanta«, nachdem sie alle Buchten der türkischen Küste von Cavale bis Orphana durchsucht, den Golf von Contessa, segelte darauf vom Cap Deprano bis zum Cap Paliuri, zwischen den Einfahrten nach den Golfen von Monte Santo und Cassandra; endlich im Laufe des 15. April verlor sie nach und nach die Gipfel des Berges Athos aus dem Gesicht, dessen höchste Spitze bis auf nahezu zweitausend Meter über die Meeresfläche hinaufsteigt.

Im ganzen Verlaufe dieser Fahrt wurde kein einziges verdächtiges Schiff beobachtet. Wiederholt bemerkte man wohl türkische Geschwader; die »Syphanta« aber, welche unter korslötischer Flagge segelte, glaubte keine Veranlassung zu haben, sich mit diesen Schiffen in Verbindung zu setzen, welche deren Commandant lieber mit Kanonenschüssen, als durch Abnehmen des Hutes begrüßt hätte.

Unter diesen Umständen erhielt Henry d’Albaret – es war am 26. April – die Nachricht von einem hochwichtigen Ereignisse. Die verbündeten Mächte hatten sich nämlich dahin geeinigt, daß jede Verstärkung, welche den Truppen Ibrahim’s auf dem Seewege zu geführt würde, angehalten werden solle. Rußland ging sogar mit einer offenen Kriegserklärung gegen den Sultan vor. Die Lage Griechenlands verbesserte sich also mehr und mehr, und wenn darin auch noch mehrere Verzögerungen eintraten, so ging das Land doch sicher der Erlangung seiner Unabhängigkeit entgegen.

Am 30. April war die Corvette bis tief in den Hintergrund von Salonichi eingedrungen das heißt, sie hatte den für die Kreuzfahrt in Aussicht genommenen nördlichsten Punkt erreicht. Hier fand sie noch Gelegenheit, auf einige Schebeks, Senalen und Polakren Jagd zu machen, welche ihr nur entkamen, indem sie sich auf den Strand flüchteten. Wenn die Mannschaft derselben auch nicht vollständig vernichtet wurde, so gelang es doch wenigstens, den größten Theil jener Fahrzeuge dienstuntauglich zu machen.

Die »Syphanta« schlug nun wieder einen südlichen Curs ein, um die Südränder des Golfs von Salonichi sorgfältig zu durchsuchen. Jedenfalls war aber ihre Anwesenheit hier überall hin gemeldet worden, denn nirgends ließ sich nur ein einziger Seeräuber sehen, dem sie hätte den verdienten Proceß machen können.

Da ereignete sich ein eigenthümliches, so gut wie unerklärliches Vorkommniß an Bord der Corvette.

Am 10. Mai, gegen sieben Uhr Abends, als Henry d’Albaret in seine Cajüte eintrat, welche das ganze Hintertheil der »Syphanta« einnahm, fand derselbe einen auf seinem Tische liegenden Brief. Er nahm denselben auf, näherte ihn der Hängelampe, welche an der Decke schwankte, und las dessen Adresse.

Die Aufschrift desselben lautete folgendermaßen:

»An den Capitän Henry d’Albaret, Befehlshaber der Corvette »Syphanta«, z. Z. in See«.

Henry d’Albaret glaubte diese Schriftzüge wieder zu erkennen. Sie glichen offenbar vollkommen denjenigen des Schreibens, das er früher einmal in Scio empfangen und in dem er die Aufforderung erhielt, einen an Bord der Corvette frei gewordenen Platz einzunehmen.

Der erwähnte, diesmal auf so eigenthümliche Weise, und ohne daß an eine Vermittelung der Post zu denken war, eingetroffene Brief war von folgendem Inhalt:

 

»Wenn der Commandant Henry d’Albaret seine Fahrtdispositionen so einrichten kann und will, daß er bei seinen Kreuzzügen im Archipel in der ersten Septemberwoche in den Gewässern der Insel Scarpanto eintrifft, so wird er dem Heile Aller und den ihm anvertrauten Interessen die besten Dienste leisten.«

Der Brief zeigte, ebensowenig wie der nach Scio gelangte, eine Datumangabe und eine Unterschrift. Und als Henry d’Albaret beide mit einander verglich, überzeugte er sich noch einmal, daß dieselben von der nämlichen Hand herrührten.

Wie sollte er sich die Sache erklären? Den ersten Brief hatte er auf gewöhnlichem Wege durch die Post erhalten; diesen zweiten konnte nur eine an Bord befindliche Person auf seinen Tisch gelegt haben. Nothwendiger Weise mußte also die betreffende Person das Schreiben schon seit Anfang der Fahrt in Besitz gehabt haben, oder es war während eines der letzten Hafenaufenthalte der »Syphanta« nach dieser gelangt. Der Brief befand sich auch noch nicht an seiner jetzigen Stelle, als der Commandant heute seine Cajüte zum letzten Male verließ, was etwa vor einer Stunde gewesen sein mochte, um sich nach dem Deck zu begeben und seine Befehle für die kommende Nacht zu ertheilen. Unbedingt war derselbe also seit weniger als einer Stunde auf den Tisch in der Cajüte niedergelegt worden.

Henry d’Albaret klingelte.

Ein Bootsmann erschien.

»Wer ist hierher gekommen, seit ich nach dem Verdeck hinaufstieg? fragte Henry d’Albaret.

– Niemand, Herr Commandant, antwortete der Matrose.

– Niemand?… Hätte nicht irgend Jemand hier hineintreten können, ohne daß Du es bemerkt hättest?

– Nein, Herr Commandant, denn ich habe diese Thür inzwischen keinen Augenblick verlassen.

– Es ist gut.«

Der Bootsmann zog sich zurück, nachdem er die Hand an die Mütze gelegt hatte.

»Es erscheint mir wirklich selbst fast unmöglich, sprach Henry d’Albaret für sich, daß ein Mann vom Schiffe hätte ungesehen durch diese Thür eindringen können. Möglicherweise hatte Jemand, gedeckt durch die zunehmende Dunkelheit, doch bis zur äußersten Galerie hinschleichen und durch ein Fenster des Achters hereinschlüpfen können.«

Henry d’Albaret untersuchte also die stückpfortenähnlichen Fensteröffnungen, welche nach dem Spiegel der Corvette zu lagen. Diese aber, wie auch die seines Schlafraumes, erwiesen sich von innen geschlossen. Es war also unbedingt unmöglich, daß eine von außen kommende Person durch eine dieser Oeffnungen hätte gelangen können.

Das ganze Vorkommniß war nicht dazu angethan, in Henry d’Albaret die mindeste Beunruhigung zu erregen, sondern höchstens einige Ueberraschung und vielleicht jenes Gefühl unbefriedigter Neugier, dem man sich einer schwer erklärlichen Thatsache gegenüber ja nicht verschließen kann. Sicher war hierbei nur das Eine, daß der anonyme Brief auf irgend eine Weise an seine Adresse gelangt, und daß derjenige, der ihn empfangen sollte, kein anderer war, als der Befehlshaber der »Syphanta«.

Nach einiger Ueberlegung beschloß Henry d’Albaret, nichts von der ganzen Sache zu erwähnen, auch nicht einmal gegen seinen zweiten Officier. Wozu hätte es auch gedient, mit ihm davon zu sprechen? Der geheimnißvolle Briefschreiber, mochte es nun sein, wer es wollte, wäre dadurch doch gewiß auch nicht an’s Licht gekommen.

Nun drängte sich dem Commandanten die Frage auf, ob er der in dem Briefe enthaltenen Mahnung Folge geben sollte.

»Gewiß! sagte er für sich. Der, von dem der erste, mir auf Scio zugegangene Brief herrührte, hat mich ja nicht betrogen mit der Meldung, daß im Stabe der »Syphanta« ein Platz für mich ledig sei. Warum sollte er mich jetzt, beim zweiten Male, damit irre führen, daß er mir in der ersten Septemberwoche die Insel Scarpanto anzulaufen gebietet? Wenn er das thut, kann es nur im Interesse der mir anvertrauten Mission geschehen sein. Ja, ich werde meinen Fahrplan ändern und zur bestimmten Zeit da sein, wo ich offenbar erwartet werde.«

Henry d’Albaret verschloß sorgfältig den Brief, der ihm diese neuen Instructionen brachte; dann holte er seine Seekarten hervor und begann eine neue Kreuzfahrt auszuarbeiten, um sich während der vier, bis Ende August noch übrigen Monate nutzbringend zu beschäftigen.

Die Insel Scarpanto liegt im Südosten, am anderen Ende des Archipels, d. h. in gerader Linie einige hundert Lieues entfernt. Es konnte der Corvette also nicht an Zeit fehlen, die verschiedenen Küstenpunkte Moreas, an denen sich Seeräuber so leicht verbergen können, zu untersuchen, ebenso wie die ganze Gruppe der Cykladen, die vom Eingange des Golfs von Aegina bis zur Insel Kreta verstreut sind.

Die Verpflichtung, sich zur bestimmten Zeit in Sicht der Insel Scarpanto zu befinden, konnte also die vom Commandanten Henry d’Albaret vorher festgestellte Segelordre nicht besonders beeinflussen. Was er zu thun beschlossen, wollte und konnte er ausführen, ohne einen wichtigeren Punkt aus seinem Programme zu streichen.

So fuhr die »Syphanta« also am 20. Mai weiter, um nach oberflächlicher Besichtigung der kleinen Inseln Pelerissa, Peperi, Sarakino und Skantxura im Norden von Negropontis die Insel Scyros sorgfältiger zu durchsuchen.

Scyros ist eine der bedeutendsten der neun Inseln jener Gruppe, welche das Alterthum als die Heimat der neun Musen zu bezeichnen pflegte. In ihrem sicheren, geräumigen und guten Ankergrund bietenden Hafen St. Georg konnte sich die Besatzung der Corvette leicht mit frischen Nahrungsmitteln, mit Lämmern, Rebhühnern, Weizen und Gerste versorgen und hinreichenden Vorrath an dem vorzüglichen Wein einnehmen, den das Land in großer Menge erzeugt. Diese Insel, welche in den halb mythologischen Ereignissen des trojanischen Krieges, in dem die Namen eines Lykomedes, Achilles und Ulysses besonders hervorragen, eine große Rolle spielte, sollte nun bald unter der Eparchie von Euböa zum neuen Königreiche Griechenland gehören.

Da das Gestade von Scyros so vielfach von Baien und Buchten zerschnitten ist, in welchen Seeräuber ein bequemes Versteck finden können, so ließ Henry d’Albaret dieselben sehr genau durchsuchen. Während die Corvette in der Entfernung weniger Kabellängen gegengebraßt lag, ließen deren Boote keine einzige Stelle ununtersucht.

Auch diese Nachforschungen blieben ohne Ergebniß, die Schlupfwinkel waren leer. Die einzigen Nachrichten, welche der Commandant von den Behörden der Insel erhielt, liefen darauf hinaus, daß vor etwa einem Monate im benachbarten Gewässer mehrere Handelsschiffe von einem unter Seeräuberflagge segelnden Fahrzeuge angegriffen, beraubt und zerstört worden seien, sowie daß man diese freche Schandthat dem berüchtigten Sacratif zuschreibe. Worauf sich diese Annahme gründete, vermochte freilich Niemand zu sagen, eine so große Unsicherheit herrschte allein über die wirkliche Existenz der betreffenden Persönlichkeit.

Nach fünf- bis sechstägigem Aufenthalt verließ die Corvette Scyros wieder. Gegen Ende des Monats näherte sie sich den Küsten der großen Insel Euböa, welche auch Negropontis genannt wird, deren Gestade sie auf eine Strecke von über vierzig Lieues sorgfältig in Augenschein nahm.

Bekanntlich war diese Insel eine der ersten, welche bei Beginn des Krieges 1821 in die Bewegung eintrat; die Türken hielten sich hier jedoch, nachdem sie sich in der Citadelle von Negropontis verschanzt und auch in der von Karystos festen Fuß gefaßt, mit unerschütterlicher Hartnäckigkeit. Als sie dann durch Truppen Jussuf Paschas Verstärkung erhalten hatten, durchstreiften sie die ganze Insel und überließen sich ihren gewohnten Mordbrennereien, bis der griechische Hauptmann Diamantis denselben im September 1823 endlich ein Ziel setzte. Es gelang diesem, die ottomanischen Soldaten unerwartet zu überfallen, wobei er einen großen Theil derselben über die Klinge springen ließ und die Anderen zwang, sich über die Meerenge nach Thessalien zu flüchten.

Am Ende blieb aber doch der Vortheil auf Seite der Türken, welche eine bedeutende Uebermacht hatten. Nach einem vergeblichen Versuche des Obersten Fabvier und des Escadronschefs Regnaud de Saint Jean d’Angély, im Jahre 1826, blieben jene auf die Dauer Herren der Insel.

Sie waren es auch noch zu der Zeit, als die »Syphanta« in Sicht der Küsten von Negropontis vorüberkam. Von seinem Schiffe aus konnte Henry d’Albaret diesen Schauplatz eines der blutigsten Kämpfe übersehen, an dem er selbst rühmlichst Antheil genommen hatte. Jetzt schlug man sich daselbst nicht mehr, und nach Anerkennung des neuen Königreichs bildete die Insel Euböa mit ihren sechstausend Einwohnern eine der Nomarchien Griechenlands.

So gefährlich es auch war, auf diesem Meere Polizei zu üben, da das manchmal unter den türkischen Kanonen selbst geschah, setzte die Corvette dennoch ihre Kreuzfahrt fort und zerstörte wohl noch zwanzig Piratenschiffe, welche sich bis nach der Gruppe der Cykladen heranwagten.

Diese Expedition hatte den größten Theil des Juni in Anspruch genommen. Später segelte die Corvette mehr nach Süden hinab. In den letzten Tagen des Monats befand sie sich auf der Höhe von Andros, der ersten der Cykladen und nahe der südlichen Spitze von Euböa gelegen, eine sehr patriotische Insel, deren Bewohner sich gleichzeitig mit denen von Psara gegen die ottomanische Gewalt erhoben.

Der Commandant d’Albaret hielt es nun für angezeigt, seinen Curs zu ändern, um sich mehr den Küsten des Peloponnes zu nähern, und wandte sich auf kürzestem Wege direct nach Südwesten. Am 2. Juni bekam er die Insel Zea, das alte Ceos oder Cos, in Sicht, das von dem hohen Gipfel des Elias-Berges beherrscht wird.

Einige Tage ankerte die »Syphanta« in dem Hafen von Zea, einem der besten der hiesigen Gegend. Hier fanden Henry d’Albaret und seine Officiere mehrere jener Zeoten wieder, welche in den ersten Jahren des Krieges ihre Waffengefährten gewesen waren. Die Corvette hatte sich denn auch des herzlichsten Empfanges zu erfreuen. Da indeß kaum ein Pirat daran denken konnte, sich in die Buchten dieser Insel zu flüchten, so zögerte die »Syphanta« nicht, ihre Kreuzfahrt wieder aufzunehmen, und umschiffte am 5. Juli das Cap Colonna an der Südostspitze von Attika.

Gegen Ende der Woche ging die Fahrt etwas langsamer vor sich, weil es am Eingang des Golfs von Aegina, der in die griechische Landveste so tief, nämlich bis zum Isthmus von Korinth, einschneidet, an Wind fehlte. Schlaff hingen die Segel der »Syphanta« herab, und diese konnte weder nach der einen noch nach der anderen Seite an Weg gewinnen. Wenn sie in diesen wenig besuchten Meeren einige hundert Ruderboote entschlossen angegriffen hätten, würde sie gewiß Mühe gehabt haben, sich wirksam zu vertheidigen.

Die Besatzung mußte sich auch stets bereit halten, einen etwaigen Angriff zurückzuschlagen, und that gewiß sehr wohl daran.

Es erschienen in der That zuweilen verschiedene Boote, deren Absichten kaum zweifelhaft sein konnten; sie wagten aber doch, Angesichts der Geschütze und der Musketen der Corvette, nicht allzunahe heranzukommen.

Am 10. Juli erhob sich wieder ein mäßiger Wind aus Norden – ein günstiges Ereigniß für die »Syphanta«, welche, nachdem sie fast in Sicht der kleinen Stadt Damala vorübergekommen war, jetzt schnell das Cap Skyli an der äußersten Spitze des Golfs von Nauplia umsegeln konnte.

Am 11. erschien sie vor Hydra und zwei Tage später vor Spezzia. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung des Antheils, den die Bewohner dieser beiden Inseln am Unabhängigkeitskriege nahmen. Zu Anfang desselben besaßen die Hydrioten, Spezzioten und ihre Nachbarn, die Isparioten, über dreihundert Handelsfahrzeuge. Nachdem sie dieselben, so gut es anging, zu Kriegsschiffen umgewandelt, sandten sie sie, nicht ohne Erfolg, gegen die ottomanische Flotte hinaus. Hier stand die Wiege jener Familien Condurlotis, Tombasis, Miaulis, Orlandos und anderer Vornehmen, welche erst mit ihrem Vermögen und dann auch mit dem eigenen Blute dem Vaterlande die größten Opfer darbrachten. Von hier aus gingen jene furchtbaren Brander aus, welche bald der Schrecken der Türkei werden sollten. Trotz wiederholter innerer Erhebungen, betrat doch niemals der Fuß der Unterdrücker den Boden dieser Inseln.

Gerade als Henry d’Albaret sie besuchte, begannen sie eben, sich von einem Kampfe zurückzuziehen, der auf beiden Seiten nur noch schwach weiter geführt wurde. Die Stunde war jetzt nicht mehr fern, wo auch sie dem neuen Königreiche angeschlossen und aus dem Kreise von Korinth und Argolis zwei Eparchien gebildet wurden.

Am 20. Juli ankerte die Corvette in Hermopolis auf der Insel Syra, der Heimat des getreuen Eumeos, den Homer so hochpoetisch besungen hat. Zur gegenwärtigen Zeit diente sie noch als Zufluchtsort für alle Diejenigen, welche die Türken vom Festland verjagt hatten.

Syra, dessen katholischer Bischof von jeher unter dem Schutze Frankreichs steht, stellte Henry d’Albaret Alles zur Verfügung, was er nur bedurfte. In keinem Hafen des eigenen Vaterlandes hätte der junge Commandant einen freundlicheren Empfang finden können.

In die Freude, sich über alles Erwarten gut aufgenommen zu sehen, mischte sich nur ein einziger Tropfen Wermuth – nämlich der, nicht drei Tage früher hier eingetroffen zu sein.

Bei Gelegenheit eines Gesprächs mit dem französischen Consul berichtete ihm dieser, daß eine Sacoleve, welche den Namen »Karysta« führte und unter griechischer Flagge segelte, kaum sechzig Stunden vorher den Hafen verlassen habe. Daraus konnte er also abnehmen, daß die »Karysta«, als sie während des Gefechtes der Corvette mit den Seeräubern das Weite sachte, sich mehr nach dem südlichen Theil des Archipels gewendet haben müsse.

»Vielleicht weiß man aber, wohin sie gesegelt ist? fragte Henry d’Albaret mit lebhaftem Interesse.

– Nach dem, was ich darüber gehört, erwiderte der Consul, soll sie einen Curs nach den Inseln im Südosten eingeschlagen haben, wenn sie nicht gar nach einem der Häfen von Kreta gegangen ist.

– Sie sind mit dem Capitän derselben nicht in nähere Berührung gekommen? erkundigte sich Henry d’Albaret.

– In gar keine, Herr Commandant.

– Und wissen auch nicht, ob dieser Capitän sich Nicolas Starkos nannte?

– Das weiß ich nicht.

– Und nichts erweckte hier den Verdacht, daß diese Sacoleve zu der Seeräuber-Flottille gehören möchte, welche diesen Theil des Archipels so unsicher macht?

– Nichts; doch wenn dem so war, antwortete der Consul, ist es erst recht nicht zu verwundern, daß sie sich nach Kreta gewendet hätte, von dem gewisse Häfen von jeher für diese Uebelthäter offen stehen.«

Diese Mittheilungen erregten den Commandanten der »Syphanta« nicht wenig, sowie Alles, was direct oder indirect mit dem Verschwinden Hadjine Elizundo’s in Verbindung stand. Es war gewiß mehr als unangenehm, so kurze Zeit nach der Abfahrt der Sacoleve hier eingetroffen zu sein.

Da diese jedoch nach Süden zu abgesegelt war und die Corvette denselben Curs einschlagen sollte, lag ja wenigstens eine Möglichkeit vor, sie noch wieder zu finden. Deshalb verließ denn auch Henry d’Albaret, der nichts mehr wünschte, als jenem Nicolas Starkos Auge in Auge gegenüber zu stehen, Syra noch am nämlichen Abend, am 21. Juli, da sich eine schwache Brise erhob, welche nach den Anzeichen des Barometers jedenfalls bald auffrischen mußte.

Im Laufe der nächsten vierzehn Tage spürte der Commandant Henry d’Albaret nun ebenso viel der Sacoleve wie den Piraten nach. Seiner Meinung nach verdiente die »Karysta« entschieden jenen gleichgestellt und ebenso behandelt zu werden, und wenn sich ihm Gelegenheit böte, würde er ja sehen, was mit ihr zu thun sei.

Trotz aller Bemühungen gelang es der Corvette zunächst aber nicht, eine Spur der Sacoleve zu entdecken. In Naxos, dessen Häfen alle durchsucht wurden, war die »Karysta« nicht vor Anker gegangen. Inmitten der Eilande und der Klippen, welche genannte Inseln umgeben, war man nicht glücklicher. Außerdem erschienen hier auch gar keine Seeräuber, obgleich sie gerade diese Gegenden sonst mit Vorliebe besuchten. Der Handelsverkehr zwischen den reichen Cykladen ist nämlich ein sehr lebhafter und die Aussicht auf reiche Beute mußte jene ja hierher verlocken.

Dasselbe war in Paras der Fall, das nur ein einfacher Canal von sieben Seemeilen Breite von Naxos trennt. Nicolas Starkos hatte hier weder den Hafen von Parkia, Naussa oder Santa Maria, noch den von Agula oder Dico angelaufen. Allem Anscheine nach mochte die Sacoleve also, wie der Consul von Syra angenommen hatte, nach irgend einem Küstenpunkte von Kreta abgefahren sein.

Am 9. August ankerte die »Syphanta« im Hafen von Milo. Diese bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts sehr reiche, seitdem aber durch vulkanische Ausbrüche verarmte Insel leidet jetzt stark unter den ungesunden Ausdünstungen des Erdbodens, und ihre Bevölkerung nimmt in Folge dessen mehr und mehr ab.

Hier erwiesen sich alle Nachforschungen ebenso vergeblich. Nicht allein die »Karysta« war nicht sichtbar, es bot sich auch keine Gelegenheit, Seeräuber zu verfolgen, welche gewöhnlich in den Gewässern der Cykladen sehr häufig erscheinen. Dieser auffällige Umstand legte die Frage nahe, ob jenen Schurken nicht das Erscheinen der »Syphanta« so frühzeitig gemeldet worden sein möge, daß dieselben hinreichend Zeit fanden, zu entfliehen. Die Corvette hatte den räuberischen Burschen im Norden des Archipels gerade genug Schaden zugefügt, so daß die des Südens es wohl vorziehen mochten, jedes Zusammentreffen mit derselben zu vermeiden.

Aus einem oder dem anderen Grunde war die Gegend hier wenigstens jetzt als ungewöhnlich sicher zu bezeichnen, so daß die Handelsfahrzeuge ohne jede Furcht ihre Straße ziehen konnten. Verschiedene jener großen Küstenfahrer, wie Schebecs, Senalen, Polakren, Tartanen, Feluquen, Caravellen, denen man unterwegs begegnete, wurden angesprochen, aus den Antworten ihrer Patrone oder Capitäne konnte der Commandant Henry d’Albaret aber nichts entnehmen, was ihm hätte weitere Aufklärung bieten können.

Jetzt war schon der 14. August herangekommen, und es blieben also bis zu den ersten Tagen des Septembers nur noch wenig über zwei Wochen übrig, wo die Insel Scarpanto aufgesucht werden sollte. Wenn sie die Cykladengruppe verließ, hatte die »Syphanta«auch nur siebenzig bis achtzig Lieues nach Süden zu fahren. Diesen Meerestheil schließt die langgestreckte Küste von Kreta, und schon zeigten sich über dem Horizonte die höchsten, mit ewigem Schnee bedeckten Berggipfel der Insel.

Nach dieser Richtung beschloß der Commandant Henry d’Albaret also zu steuern Wenn er bis nahe in Sicht von Kreta kam, hatte er dann geraden Wegs nur nach Osten zu segeln, um nach Scarpanto zu gelangen.

Von Milo steuerte die »Syphanta« jedoch noch in südlicher Richtung bis zur Insel Santorin und untersuchte auch die kleinsten Schlupfwinkel ihrer schwärzlichen Felsengestade. Hier ist höchst gefährliches Fahrwasser, weil unter dem Drucke des vulkanischen Feuers jeden Augenblick eine neue Klippe auf steigen kann. Dann lief die Corvette mit dem Berge Ida, dem jetzigen Pfilanti, als Zielpunkt, der Kreta mit mehr als siebentausend Fuß überragt, unter günstiger Westnordwestbrise, welche ihr alle Segel beizusetzen erlaubte, auf diese Insel zu.

Am übernächsten Tage, dem 15. August, zeichneten die Höhenzüge derselben, dieser größten Insel des Archipels, auf klarem Horizonte ihre malerischen Linien vom Cap Spada bis zum Cap Stavros hin ab. Eine scharfe Einbiegung der Küste verbarg noch die Bucht, in deren Hintergrund Candia, die Hauptstadt des Landes, gelegen ist.

»Beabsichtigen Sie, Herr Commandant, fragte der Capitän Todros, in einem der Häfen der Insel vor Anker zu gehen?

– Kreta befindet sich noch immer in den Händen der Türken, antwortete Henry d’Albaret, und ich meine, wir haben daselbst nichts zu thun. Den Mittheilungen nach, welche ich unlängst in Syra erhielt, sind die Soldaten Mustapha’s, nachdem sie sich Retimos bemächtigt, trotz der hochlöblichen Tapferkeit der Sphakioten, Herren des ganzen Landes geworden.

– Ja, es sind kühne Leute, diese Bergbewohner, sagte der Capitän Todros, und haben sich schon seit Beginn des Krieges eine weitreichende Achtung erworben, durch ihren Muth…

– Freilich durch ihren Muth… aber auch durch ihre Habgier, antwortete Henry d’Albaret.

Vor kaum zwei Monaten hatten sie das Schicksal Kretas eigentlich in der Hand. Mustapha war mit seinen Leuten nahe daran, vernichtet zu werden, da warfen dessen Soldaten aber auf seinen Befehl Edelsteine, Schmucksachen, kostbare Waffen und Alles, was sie Werthvolles bei sich hatten, vor dem Feinde weg, und während die Sphakioten sich zerstreuten, um diese Gegenstände aufzulesen, konnten die Türken durch den Engpaß flüchten, in dem sie sonst rettungslos hätten, den Untergang finden müssen.

– Das ist in der That recht betrübend, Herr Commandant, doch Alles in Allem sind die Kretenser keine wirklichen Griechen.«

Es darf sich Niemand wundern, den zweiten Officier der »Syphanta«, der von rein hellenischer Abstammung war, eine solche Sprache führen zu hören.

In seinen Augen waren die Kretenser, trotz der Beweise ihrer Vaterlandsliebe doch keine Griechen, und sie sollten das auch bei der endgiltigen Bildung des neuen Königreiches nicht einmal werden. Ebenso wie Samos blieb Kreta zunächst unter der Oberhoheit der Pforte, wenigstens bis zum Jahre 1832, zu welcher Zeit der Sultan gezwungen wurde, alle seine Rechte auf die Insel an Mehemet Ali abzutreten.

Bei der gegenwärtigen Lage der Dinge hatte der Commandant Henry d’Albaret keinerlei Interesse, mit den verschiedenen Häfen Kretas in Verbindung zu treten. Candia war zum Waffenplatz der Aegypter geworden, und von hier aus hatte der Pascha seine wilden Horden nach Griechenland entsendet. Was dann Canea anging, hätte dessen Einwohnerschaft auf Betrieb der ottomanischen Behörden der korfiotischen Flagge, welche am Topp der »Syphanta« wehte, wohl einen üblen Empfang bereiten können. Endlich sah Henry d’Albaret voraus, daß er auch weder in Gira-Petra, noch in Suda oder Cisamos würde Nachrichten erhalten können, die ihm Gelegenheit gegeben hätten, seine Kreuzfahrt durch einen wichtigen Fang zu krönen.

»Nein, sagte er zu dem Capitän Todros, es scheint mir unnütz, die Nordküste zu untersuchen; wohl könnten wir aber die Insel im Nordwesten umschiffen, dann um das Cap Spada segeln und einen oder zwei Tage vor Grabusa kreuzen.«

Damit geschah entschieden das Richtigere. In den übel berüchtigten Gewässern Grabusas mußte sich der »Syphanta« jedenfalls am ehesten eine Gelegenheit bieten, die ihr seit länger als einem Monat versagt geblieben war, nämlich einige Breitseiten auf die Seeräuber des Archipels abzugeben.

Wenn die Sacoleve außerdem, wie sich ja annehmen ließ, nach Kreta gesegelt war, so lag auch die Vermuthung nahe, daß sie im Hafen von Grabusa vor Anker gegangen sein werde, und das war ein weiterer Grund für den Commandanten Henry d’Albaret, alle Zugänge zu diesem Hafen genau in Augenschein zu nehmen und zu durchsuchen.

Zu jener Zeit durfte Grabusa in der That noch als ein wirkliches Seeräubernest gelten. Vor nahe sieben Monaten hatte es keines geringeren Aufgebots, als dessen einer englisch-französischen Flotte und einer Abtheilung regulären griechischen Militärs bedurft, um diesen Schlupfwinkel der schlimmsten Uebelthäter einmal auszuräumen. Was dabei am auffallendsten erschien, war, daß die Behörden der Insel es damals selbst verweigerten, ein Dutzend jener Piraten auszuliefern, welche der Befehlshaber des englischen Geschwaders beanspruchte. Dieser sah sich deshalb genöthigt, gegen die Citadelle das Feuer zu eröffnen, mehrere Schiffe niederzubrennen und selbst eine Landung vorzunehmen, um Satisfaction zu erhalten.

Die Vermuthung war also eine sehr natürliche, daß die Piraten nach dem Abzug des verbündeten Geschwaders mit Vorliebe wieder nach Grabusa geflüchtet waren, da sie hier so unerwartete Unterstützung gefunden hatten. Henry d’Albaret entschied sich deshalb auch dahin, nach Scarpanto längs der Südküste von Kreta zu segeln, um auf diese Weise bei Grabusa vorbeizukommen. Er gab also seine diesbezüglichen Befehle und der Capitän Todros beeilte sich, diese ausführen zu lassen. Die Witterung gestaltete sich ganz nach Wunsch. Uebrigens bildet unter diesem glücklichen Klima der December den Anfang des Winters und der Januar schon dessen Ende. Welche bevorzugte Insel, dieses Kreta, das Vaterland des Minos und des alten Ingenieurs Dädalus! Hierher sandte Hyppokrates auch seine zahlreiche Kundschaft aus Griechenland, das er durchstreifte, indem er die Kunst, Kranke zu heilen, lehrte.

Mit den Segeln so dicht wie möglich am Winde, lavirte die »Syphanta« in der Weise, um in größter Nähe das Cap Spada zu umschiffen, das sich am Ende der großen, zwischen der Bai von Canea und der von Kisamo vorspringenden Landzunge befindet. Gegen Abend kam das Schiff an derselben vorüber. Während der Nacht – einer jener so lichthellen Nächte des Morgenlandes – umsegelte die Corvette den äußersten Punkt der Insel. Ein Umlegen der Segel mit dem Winde von vorn genügte, dieselbe wieder in die Richtung nach Süden zu drängen, und am Morgen glitt sie unter vermindertem Segelwerk in kurzer Entfernung vor der Einfahrt nach Grabusa hin.

Sechs volle Tage beschäftigte sich der Commandant Henry d’Albaret mit Beobachtung der Westküste zwischen Grabusa und Kisamo. Mehrere Fahrzeuge, Feluquen oder Schebecs, welche friedlichem Handel dienten, verließen den Hafen. Die »Syphanta« sprach einige derselben an, hatte aber keine Ursache, bei ihren Antworten irgend welchen Verdacht zu schöpfen. Auf die an sie gerichteten Fragen wegen der Seeräuber, die in Grabusa etwa Unterkunft gesucht haben könnten, zeigten sie sich dagegen sehr zurückhaltend. Man erkannte leicht, daß sie sich zu compromittiren fürchteten. Henry d’Albaret konnte nicht einmal genau erfahren, ob die Sacoleve »Karysta« sich augenblicklich im Hafen daselbst befand.

Die Corvette erweiterte nun ihr Beobachtungsfeld. Sie untersuchte die Umgegend zwischen Grabusa und dem Cap Erlo. Dann umsegelte sie unter günstiger Brise, welche während des Tages auffrischte und mit einbrechender Nacht abflaute, jenes Cap und begann eine Fahrt in möglichster Nähe vom Ufer des Lybischen Meeres, welches eine weit leichtere Seefahrt bietet und weniger von Vorgebirgen und Landspitzen zerschnitten und durchbrochen ist, als das auf der entgegengesetzten Seite liegende Meer von Kreta. Am nördlichen Horizonte stieg nun die gewaltige Kette der Asprovuna-Berge empor, welche nach Osten zu von dem poetischen Berge Ida überragt wird, dessen ewige Schneefelder selbst der glühenden Sonne des Archipels widerstehen.

Ohne in einen der kleinen Häfen der Küste einzulaufen, machte die Corvette doch mehrmals, etwa je eine halbe Meile von Rumeli, Anipoli und Sphakia Halt; die Wachtposten an Bord konnten jedoch niemals von einem einzigen Seeräuberfahrzeuge in den Gewässern der Insel etwas melden.

Nachdem sie den Linien der großen Bai von Massara gefolgt, umschiffte die »Syphanta« am 27. August das Cap Matala, die südlichste Spitze von Kreta, deren Breite an dieser Stelle nicht mehr als zehn bis elf Lieues beträgt.

Es hatte nicht den Anschein, als sollte diese Untersuchung auch nur das geringste Resultat herbeiführen. Gewöhnlich begegnet man nur sehr wenigen Schiffen in dieser Breite des Lybischen Meeres. Sie halten ihren Curs entweder mehr im Norden oder im Süden des Archipels, indem sie sich den Küsten Aegyptens nähern. Hier traf man weiter nichts, als vereinzelte, nahe den Felsen verankerte Fischerboote, oder von Zeit zu Zeit höchstens einige jener langen Barken, die mit Seeschnecken beladen waren, das heißt mit einer Molluskenart, welche auf allen Inseln dieser Gegend einen sehr umfangreichen Handelsartikel bildet.

Wenn die Corvette nun in dem vom Cap Matala abgeschlossenen Theil des Gestades nichts gefunden hatte, wo die zahlreichen Eilande so viele kleinere Fahrzeuge verbergen können, war auch kaum anzunehmen, daß sie in dem zweiten Theile der südlichen Küste mehr begünstigt sein würde. Henry d’Albaret entschied sich deshalb dafür, direct auf Scarpanto zuzusteuern, wenn er damit dort auch etwas eher eintraf, als der geheimnißvolle Brief bestimmt hatte. Da sollte sein Vorhaben am Abend des 29. August plötzlich eine Aenderung erleiden.

Es war um sechs Uhr. Der Commandant, der Capitän und einige Officiere befanden sich auf dem Hintercastell und lugten nach dem Cap Matala aus. Da ließ sich die Stimme eines Mastwächters, der auf der kleinen Bramstange saß, vernehmen.

»Vor Backbord ein Schiff in Sicht!«

Die Fernrohre wurden sofort nach dem bezeichneten, nur einige Meilen vor der Corvette zu sehenden Punkt gerichtet.

»Wahrhaftig, sagte der Commandant Henry d’Albaret, da ist ein Schiff, welches sehr dicht am Lande hinsegelt…

– Und welches das Fahrwasser sehr genau kennen muß, da es sich so nahe an’s Ufer heranwagt, setzte der Capitän Todros hinzu.

– Hat es eine Flagge gehißt?

– Nein, Herr Commandant, antwortete einer der Officiere.

– Beauftragen Sie die Mastwächter, womöglich klar zu stellen, welcher Nationalität jenes Schiff angehört!«

Sein Befehl wurde ausgeführt. Einige Augenblicke später schallte die Antwort herab, daß keine Flagge und kein Wimpel weder an der Gaffelspitze des Fahrzeugs, noch am Top seiner Masten wahrzunehmen sei.

Dagegen war es augenblicklich eben noch hell genug, um, wenn nicht dessen Nationalität, so doch die Größe und Classe des Schiffes zu erkennen.

Es war eine Brigg, deren Großmast eine sehr auffallende Neigung nach rückwärts zeigte. Außerordentlich lang, von sehr feingeschnittener Gestalt, versehen mit besonders hohen Masten und weit ausragenden Raaen, konnte dieselbe, so viel das bei der ziemlich bedeutenden Entfernung abzuschätzen war, wohl einen Gehalt von sieben- bis achthundert Tonnen haben und mußte unter jedem Winde außerordentlich schnell laufen können. Dagegen war trotz Anwendung der besten Fernrohre weder zu unterscheiden, ob das Fahrzeug als Kriegsschiff ausgerüstet war, ob es Kanonen auf dem Verdeck führte, oder Stückpforten, deren Läden ja geschlossen sein konnten, an den Längsseiten hatte.

Jetzt trennte in der That noch eine Strecke von vier Seemeilen die Brigg von der Corvette; außerdem begann es, da die Sonne allmählich hinter den Höhen von Asprovuna versank, langsam zu dämmern; in der Nähe des Landes war es bereits ziemlich dunkel.

»Ein eigenthümliches Schiff! bemerkte der Capitän Todros.

– Man möchte fast annehmen, es suche zwischen der Insel Platana und dem Lande hindurch zu kommen, ließ sich einer der Officiere vernehmen.

– Ja, wie ein Schiff, welches es bereut, sich gezeigt zu haben, meinte der zweite Officier, und das nun bestrebt ist, sich zu verbergen!«

Henry d’Albaret äußerte dazu kein Wort, offenbar theilte er aber die Ansichten seiner Officiere. Die Manövers der Brigg mußten ihm ja, so weit er sie erkennen konnte, gleichfalls höchst verdächtig erscheinen.

»Capitän Todros, begann er endlich, es ist von Wichtigkeit, während der Nacht die Spur dieses Fahrzeuges nicht aus den Augen zu verlieren. Wir wollen darauf achten, bis Tagesanbruch stets in dessen Kielwasser zu bleiben. Da es aber darauf ankommt, daß wir unbemerkt bleiben, so lassen Sie alle Lichter löschen.«

Der zweite Officier ertheilte die diesbezüglichen Befehle. Man fuhr fort, die Brigg zu beobachten, so weit sie unter dem Schutze des hohen Landes zu erkennen war. Als die Nacht weiter herabsank, verschwand sie vollständig, und kein Licht derselben gestattete ferner ihre Lage zu bestimmen.

Am folgenden Morgen befand sich Henry d’Albaret schon beim ersten Tagesgrauen auf dem Vordertheile der Corvette »Syphanta«, in der Erwartung, daß der auf dem Wasser lagernde Dunst sich zerstreuen sollte.

Gegen sieben Uhr erst verschwand der Nebelschleier und alle Fernrohre richteten sich sofort nach Osten.

Die Brigg befand sich noch immer nahe am Lande, auf der Höhe des Caps Alikaporitha, etwa sechs Seemeilen vor der Corvette. Sie hatte während der Nacht also offenbar an Weg gewonnen und ohne daß sie dabei ihre Segeloberfläche vergrößert hatte, denn sie trug noch immer nur die Ober- und Unterbramsegel und die Gaffelsegel am Besan, während Großsegel, Focksegel und Klüverjäger vor wie nach eingebunden lagen.

»Das erscheint freilich nicht wie die Gangart eines Schiffes, welches zu entfliehen sucht, bemerkte der zweite Officier.

– Thut nichts! erwiderte der Commandant. Unsere Aufgabe bleibt es dennoch, dasselbe näher in Augenschein zu nehmen. Lassen Sie direct auf die Brigg zuhalten, Capitän Todros!«

Sofort wurden auf ein Pfeifensignal des Oberbootsmanns die höchsten Segel gehißt, und die Corvette gewann bedeutend an Fahrgeschwindigkeit.

Der Brigg lag aber jedenfalls daran, die vorherige Distanz beizubehalten, denn sie setzte jetzt als Antwort Fock- und Stagsegel bei, aber nichts weiter. Wenn sie die »Syphanta« nicht näher an sich herankommen lassen wollte, so schien sie doch auch nicht darauf auszugehen, diese allzuweit hinter sich zu lassen. Immer hielt sie sich dabei im Fahrwasser der Küste, indem sie der letzteren so nahe als möglich schnell dahin glitt.

Um zehn Uhr Vormittags hatte die Corvette, welche vielleicht durch besseren Segelwind begünstigt wurde, wenn das unbekannte Fahrzeug sie nicht absichtlich ein wenig näher hatte herankommen lassen, wohl vier Seemeilen Wegs gegenüber dem letzteren gewonnen.

Man konnte dasselbe jetzt bequem näher besichtigen. Es trug gegen zwanzig Karonaden und mußte auch ein Zwischendeck haben, obgleich es nur wenig über die Wasserfläche emporragte.

»Die Flagge zeigen!« befahl Henry d’Albaret.

Die Flagge wurde am Ende der Gaffel aufgezogen und zur Erregung größerer Aufmerksamkeit mit einem Kanonenschusse begleitet.

Das bedeutete, daß die Corvette auch die Nationalität des in Sicht befindlichen Schiffes kennen zu lernen wünsche. Auf dieses Signal erfolgte jedoch keine Antwort. Die Brigg veränderte weder ihre Richtung noch ihre Schnelligkeit, drehte aber bald um einen Viertelstrich bei, um die Bai von Keraton zu umsegeln.

»Besonders höflich ist der Bursche nicht! meinten die Matrosen.

– Aber vielleicht klug und weise, ließ sich ein alter Mastwächter vernehmen. Sein so schräg liegender Hauptmast gibt ihm das Ansehen, als hätte er den Hut schief auf dem Ohre sitzen und wollte denselben dadurch, daß er die Leute grüßt, nicht unnöthig abnützen.«

Aus einer der Jagdstückpforten der Corvette donnerte noch ein Kanonenschuß – vergeblich. Die Brigg ließ keine Flagge aufsteigen und setzte ruhig ihren Weg fort, ohne sich um die Aufforderungen der Corvette, welche für sie gar nicht vorhanden zu sein schien, im geringsten zu kümmern.

Jetzt begann nun zwischen den beiden Fahrzeugen eine wirkliche Hetzjagd. An Bord der »Syphanta« war an und zwischen den Masten, am Bugspriet wie am Klüverbaume alles Segelwerk angebracht worden, welches sie nur gleichzeitig führen konnte. Da setzte aber auch die Brigg mehr Leinwand bei und behielt damit ihren Vorsprung unvermindert fort.

»Die hat entschieden eine Teufelsmaschine im Leibe!« rief der alte Mastwächter.

Allmählich entwickelte sich an Bord der Corvette eine wahrhaft wüthende Stimmung, nicht allein bei der Mannschaft, sondern auch bei den Officieren, und mehr als bei allen Uebrigen bei dem ungeduldigen Todros. Bei Gott! Er hätte gern seinen Prisenantheil darum gegeben, wenn er diese Brigg, mochte sie nun sonst welcher Nationalität angehören, hätte ansegeln können.

Die »Syphanta« war am Vordertheile mit einem besonders langen Geschütz bewaffnet, das eine Vollkugel von dreißig Pfund wohl bis auf eine Entfernung von nahezu zwei Seemeilen schleudern konnte.

Ruhig – wenigstens dem äußeren Anscheine nach – gab der Commandant Henry d’Albaret Befehl, scharf zu feuern.

Der Schuß krachte, die Kugel schlug aber nach wiederholtem Ricochettiren etwa zwanzig Faden vor der Brigg ein.

Als einzige Antwort zog dieselbe einige weitere Segel auf, und hatte bald die, sie von der »Syphanta« trennende Entfernung erweitert.

Es war gewiß für einen so vorzüglichen Segler wie die »Syphanta« höchst demüthigend, sowohl auf die Einholung der Brigg, wie auf die wirksame Beschießung derselben zu verzichten.

Inzwischen brach wiederum die Nacht herein. Die Corvette befand sich jetzt nahezu auf der Höhe des Caps Peristera. Der Wind frischte auf, und das so bedeutend, daß es sich nöthig machte, Reefe einzusetzen, um für die Nacht eine geeignetere Segelfläche herzustellen.

Der Commandant befreundete sich schon mit dem Gedanken, daß er bei anbrechendem Tage nichts mehr von dem Schiffe sehen werde, nicht einmal dessen Mastspitzen, die ihm entweder der östliche Horizont oder ein Vorsprung der Küste verbergen würde.

Er täuschte sich.

Bei Sonnenaufgang war die Brigg noch immer in Sicht, segelte ebenso wie vorher und hatte dieselbe Entfernung beibehalten. Man hätte fast sagen können, sie regulire ihre Geschwindigkeit ganz nach der der Corvette.

»Wenn sie uns im Schlepptau hätte, äußerte Einer auf dem Vorderdecke, so wär‘ es ganz dasselbe!«

Der Mann hatte völlig Recht.

In diesem Augenblicke umschiffte die Brigg, nachdem sie in dem Canal Kuphonisi zwischen der gleichnamigen Insel und dem Lande eingelaufen, die Spitze von Kakiatithi, um nach der Ostseite von Kreta zu gelangen.

Es war dabei nicht vorherzusagen, ob sie hier in einen Hafen flüchten oder in einer Vertiefung des engen Canals werde verschwinden wollen.

Auch das war nicht der Fall. Gegen sieben Uhr Morgens steuerte die Brigg ganz frei nach Südosten und wandte sich damit nach dem offenen Meere.

»Sollte sie gar nach Scarpanto segeln?« fragte sich Henry d’Albaret etwas verwundert.

Und bei einer allmählich so weit auffrischenden Brise, daß ein Theil der Takelage dabei zu brechen drohte, setzte er diese Verfolgung ohne Ende fort, welche ebenso das Interesse seiner Mission, wie die Ehre seines Schiffes ihm aufzugeben nicht gestattete.

Hier in diesem Theile des Archipels, der nach allen Windrosen hin offen lag, inmitten der ausgedehnten Meeresfläche, auf deren Luftbewegungen die Bergkämme keinen weiteren hindernden Einfluß äußerten, schien die »Syphanta« gegenüber der Brigg einigen Vorsprung zu gewinnen.

Gegen ein Uhr Mittags war die Entfernung zwischen den beiden Fahrzeugen bis auf drei Seemeilen vermindert. Auch jetzt wurden einige Vollkugeln abgefeuert, konnten ihr Ziel aber nicht erreichen und brachten in der Bewegung der Brigg keinerlei Aenderung hervor.

Schon schimmerten hinter der kleinen Insel Caso die Höhen von Scarpanto am Horizonte. Die erstere hängt gewissermaßen an der letzteren, ebenso wie Sicilien an Italien hängt.

Der Commandant Henry d’Albaret, seine Officiere und Mannschaften konnten nun endlich hoffen, nähere Bekanntschaft zu machen mit diesem geheimnißvollen Schiffe, welches so unhöflich war, weder auf Signale noch auf Geschosse zu antworten.

Als der Wind aber gegen fünf Uhr Abends wieder abflaute, gewann auch die Brigg den früheren Vorsprung wieder.

»Ah, der Schurke!… Der Teufel ist mit dem Kerl im Bunde!.. Er wird uns doch entwischen!« rief der Capitän Todros.

Alles, was ein erfahrener Seemann irgend nur thun kann, um die Fahrtschnelligkeit zu steigern, geschah nun sofort. So wurden die Segel benetzt, um deren Gewebe dichter zusammen zu ziehen, die Hängematten in den Wind gebracht u. s. w. Das hatte auch einigen Erfolg. Gegen sieben Uhr Abends, kurz nach Sonnenuntergang, trennten höchstens noch zwei Seemeilen die feindlichen Schiffe.

Unter diesen Breiten tritt die Nacht aber sehr schnell ein. Die Dämmerung ist nur von kurzer Dauer. Die Schnelligkeit der Corvette mußte also unbedingt noch gesteigert werden, um die Brigg vor Einbruch völliger Nacht zu erreichen.

In diesem Augenblicke passirte die Letztere zwischen dem Eilande Caso-Poulo und der Insel Casos hindurch. Als sie dann um die Letztere wendete und nach der engen Fahrstraße segelte, welche dieselbe von Scarpanto trennt, konnte man sie überhaupt nicht mehr sehen.

Eine halbe Stunde später gelangte die »Syphanta« nach der nämlichen Stelle und hielt sich immer sehr weit vom Strande, um guten Segelwind zu behalten. Noch war es hell genug, um ein Schiff von solcher Größe auf die Entfernung einiger Seemeilen wenigstens wahrnehmen zu können…

Die Brigg war vollständig verschwunden.

Zwölftes Capitel


Zwölftes Capitel

Eine Versteigerung in Scarpanto.

Wenn Kreta, wie die Sage erzählt, einstmals die Wiege der Götter war, so war das alte Carpathos, das heutige Scarpanto, die der Titanen, der kühnsten und verschlagensten ihrer Gegner. Wenn man dafür einsetzt, daß sie nur Sterbliche angriffen, so sind die modernen Piraten nicht minder würdige Abkömmlinge jener mythologischen Missethäter, welche nicht davor zurückschreckten, selbst den Olymp zu stürmen. Zu dieser Zeit schien es, als ob Seeräuber jeder Art zu ihrem Hauptquartier diese Insel erkoren hätten, auf welcher die vier Söhne Japet’s, die Enkel Titan’s und der Gäa, geboren wurden.

In der That eignete sich Scarpanto ganz vortrefflich als Schlupfwinkel für die Piraten des Archipels und bot ihnen alle Hilfe, die sie gebrauchen konnten. Dasselbe liegt ziemlich isolirt am südöstlichen Ende dieser Meere und über vierzig Meilen von der Insel Rhodus entfernt. Seine hohen Berggipfel sind schon von weitem erkennbar. Bei dem geringen Umfange von zwanzig Lieues ist das Stückchen Land zerschnitten, vielfach ausgebuchtet und mit schmalen Ausläufern versehen, zwischen denen eine ungeheure Menge Klippen, fast ähnlich den Schären Scandinaviens, emporstarren. Wenn die Insel dem sie umgebenden Gewässer ihren Namen verliehen hat, so kommt das daher, daß sie schon von den Alten gefürchtet war, wie das bei den Neuern noch gleichmäßig der Fall ist. Für den, der nicht sehr bewandert ist, das Carpathische Meer zu befahren, war und ist es noch immer höchst gefährlich, sich in die Nähe derselben zu wagen.

Indeß ermangelt sie keineswegs guter Ankerplätze, diese Insel, welche die letzte Perle in der Kette der Sporaden bildet. Vom Cap Sidro und dem Cap Pernisa an bis zu dem Cap Bonandrea und Andemo an der nördlichen Seite, findet man an derselben zahlreiche geschützte Plätze. Vier Häfen derselben, Agata, Porto di Tristano, Porto Grato und Porto Malo Nato, wurden früher, so lange sie Rhodus noch nicht an commercieller Bedeutung überflügelt hatte, sehr viel von Küstenfahrern der Levante besucht, während jetzt nur ganz wenig Fahrzeuge Veranlassung haben, in jenen vor Anker zu gehen.

Scarpanto ist eine griechische Insel oder wenigstens von einer Einwohnerschaft griechischen Ursprungs bevölkert, gehört aber zum ottomanischen Reiche. Selbst nach der endgiltigen Errichtung des Königreichs Griechenland blieb sie noch türkisch und stand unter einem gewöhnlichen Kadi, der damals eine Art befestigtes Haus, unter der neuen Burg von Arkassa, bewohnte.

Jener Zeit hätte man auf der Insel eine große Menge Türken angetroffen, denen die Bevölkerung, welche sich an dem Unabhängigkeitskriege nicht betheiligt hatte, einen keineswegs schlechten Empfang bereitete. Da es allmählich zum Mittelpunkte der verbrecherischen Handelsoperationen geworden war, sah Scarpanto ebenso gern die ottomanischen Kriegsschiffe, wie die Fahrzeuge der Seeräuber, welche ihre Ladung Gefangener hier ans Land setzten, eintreffen. Hier trafen und drängten sich auf dem lebhaften Markte ebenso die Händler aus Kleinasien wie die von den Barbareskenküsten, da es Jenen niemals an menschlicher Waare fehlte. Sehr oft wurden hier Versteigerungen veranstaltet und für die Sclaven die, je nach dem Angebot und der Nachfrage schwankenden Preise festgestellt. Der Kadi war bei diesen Verkäufen keineswegs unbetheiligt, denn die Händler hätten ihre Pflicht zu vernachlässigen geglaubt, wenn sie ihm nicht ein Percent von dem Verkaufspreise zukommen ließen.

Die Ueberführung jener Unglücklichen nach den Bazaren von Smyrna oder nach den Hafenstädten Afrikas erfolgte gewöhnlich mit Schiffen, welche ihre Ladung meist im Hafen von Arkassa an der Westküste der Insel einnahmen. Wenn diese jedoch nicht ausreichten, sandte man einen Boten nach der entgegen gesetzten Küste, und die Piraten waren natürlich stets erbötig, aus diesem verabscheuungswürdigen Handel Vortheil zu ziehen.

Eben jetzt zählte man im Osten von Scarpanto und im Grunde kaum auffindbarer Buchten nicht weniger als etwa zwanzig größere und kleinere Fahrzeuge mit einer Besatzung von zwölf- bis dreizehnhundert Mann. Diese Flottille erwartete nur ihren Anführer, um zu neuen Schandthaten und Räubereien auszulaufen.

Im Hafen von Arkassa, etwa eine Kabellänge vom Molo, war die »Syphanta« auf vortrefflichem, zehn Faden tiefem Ankergrund am Abend des 2. Septembers vor Anker gegangen. Als Henry d’Albaret den Fuß auf den Boden der Insel setzte, dachte er nicht im Geringsten daran, daß die Zufälligkeiten seiner Kreuzfahrten ihn hier gerade nach dem Hauptplatze des Sclavenhandels geführt haben könnten.

»Gedenken Sie eine Zeit lang in Arkassa zu verweilen, Herr Commandant? fragte der Capitän Todros, als das Schiff völlig festgelegt war.

– Ich weiß es nicht, antwortete Henry d’Albaret. Mancherlei Umstände könnten mich zwingen, diesen Hafen unerwartet schnell zu verlassen, manche andere auch dürften uns hier zurückhalten.

– Können die Leute an’s Land gehen?

– Ja, aber nur abtheilungsweise; wenigstens die Hälfte der Mannschaft muß auf der »Syphanta« stets zu Allem bereit sein.

– Zu Befehl, Herr Commandant, antwortete der Capitän Todros. Wir befinden uns hier viel mehr in türkischem als griechischem Lande, und es ist nur weise Vorsicht, hier stets auf der Wacht zu sein!«

Der Leser erinnert sich, daß Henry d’Albaret weder seinem zweiten noch den anderen Officieren etwas von den Gründen mitgetheilt hatte, die ihn veranlaßten, überhaupt nach Scarpanto zu segeln, ebensowenig davon, daß er durch einen anonymen Brief, der unter ganz unerklärlichen Umständen an Bord kam, ersucht worden war, sich gerade in den ersten Tagen des Septembers hier einzustellen.

Uebrigens erwartete er hier weitere Aufklärung zu erhalten, was der geheimnißvolle Briefschreiber von der Corvette, wenn dieselbe sich im Carpathischen Meere befand, etwa verlangte

Nicht weniger merkwürdig war jedoch das ursprüngliche Verschwinden der Brigg jenseits des Canals von Casos, als die »Syphanta« sich schon auf dem Punkte glaubte, dieselbe einzuholen.

Ehe er in Arkassa vor Anker ging, hatte Henry d’Albaret auch nicht geglaubt, sein Vorhaben aufgeben zu dürfen. Nachdem er sich dem Lande, soweit es der Tiefgang der Corvette gestattete, genähert, ließ er es sich angelegen sein, alle Einbuchtungen der Küste genau zu besichtigen. Inmitten des Klippengewirrs, welches jene umgab, und unter dem Schutze der Uferfelsen, welche das Gestade umgrenzten, mußte es freilich einem Fahrzeuge wie jener Brigg allemal leicht werden, sich zu verbergen.

Hinter der Linie der starken Brandung, an welche sich die »Syphanta« kaum heranwagen konnte, ohne Gefahr zu laufen, zu Grunde zu gehen, hatte ein Capitän, der diesen Canal genau kannte, die günstigste Aussicht, jeden Verfolger auf falsche Fährte zu verleiten. Hatte die Brigg sich also in eine jener versteckten Buchten geflüchtet, so mußte es sehr schwer werden, dieselbe aufzufinden, ebenso wie die anderen Piratenschiffe, denen die Insel mit ihren unbekannten Ankergründen Schutz verlieh.

Zwei Tage lang bemühte sich die Corvette unter vergeblichen Nachforschungen. Selbst wenn die Brigg jenseits Casos plötzlich im Wasser versunken wäre, hätte sie nicht mehr unsichtbar gewesen sein können, und so schmerzlich er sich auch enttäuscht fühlte, mußte der Commandant Henry d’Albaret auf jede Hoffnung sie wiederzufinden verzichten. Er kam also endlich zu dem Entschlusse, im Hafen von Arkassa vor Anker zu gehen, wo er ja zunächst nur die fernere Entwicklung der Dinge abzuwarten hatte.

Am folgenden Tage zwischen drei und fünf Uhr Nachmittags füllte sich die kleine Stadt Arkassa mit einem großen Theile der Bevölkerung der Insel, abgesehen von den Fremden aus Europa, Afrika und Asien, an denen es bei der vorliegenden Gelegenheit aus erklärlichen Gründen nicht fehlen konnte; heute war nämlich großer Markttag. Eine Menge bedauernswürdiger Geschöpfe jeden Alters und jeder Art, welche von den Türken in der jüngsten Zeit gefangen worden waren, sollten dabei zum Verkaufe kommen.

Jener Zeit gab es in Arkassa einen besonderen Bazar, der zu derlei Verkäufen bestimmt war, einen »Batistan« ganz ähnlich denen, welche man in den Städten der Barbareskenstaaten findet. Dieser Batistan enthielt heute gegen hundert gefangene Männer, Frauen und Kinder, die Beute der letzten, im Peloponnes unternommenen Razzias. Sie lagerten bunt durcheinander inmitten eines schattenlosen Hofes unter brennender Sonnengluth, und ihre zerfetzten Kleider, ihre traurige Haltung und ihr verzweifeltes Aussehen verriethen deutlich, was sie hier litten. Kaum mit Nahrung versorgt und nur mit schlechtem Wasser, um den quälenden Durst zu löschen, versehen, hatten sich die Unglücklichen familienweise zusammengedrängt, bis zu dem Augenblicke, wo die Launen eines Käufers die Frauen von ihren Männern und die Kinder von Vater und Mutter trennen würden. Jedem anderen Menschen als den grausamen »Bachis«, ihren Wächtern, welche kein Leid mehr zu rühren vermochte, hätten sie das wärmste Mitgefühl eingeflößt. Und doch, was hatten diese Leiden zu bedeuten gegenüber denen, welche sie in den sechzehn Bagnos von Algier, Tunis und Tripolis erwarteten, wo der Tod so schnell weite Lücken riß, welche doch unablässig wieder gefüllt werden mußten?

Inzwischen war den Gefangenen noch nicht jede Hoffnung, wieder frei zu kommen, geraubt. Wenn die Käufer damit, daß sie jene erstanden, ein gutes Geschäft machten, so war das nicht weniger der Fall, wenn sie dieselben wieder freigaben – natürlich nur gegen hohes Lösegeld – vorzüglich diejenigen, deren Handelswerth sich auf höhere gesellschaftliche Stellung in ihrem Vaterlande gründete. Auf diese Weise wurden so Viele vor der Sclaverei bewahrt, die entweder der Staat noch vor ihrer Fortschaffung wieder kaufte, oder welche von ihren Angehörigen, mit denen die zeitweiligen Eigenthümer sich direct in Verbindung setzten, ausgelöst wurden, abgesehen davon, daß die reiche Brüderschaft der Gnade, welche zu diesem Zwecke in ganz Europa Collecten veranstaltet hatte, noch Viele selbst tief aus den Barbareskenstaaten wieder befreite. Nicht selten kam es endlich vor, daß sehr reiche Leute, getrieben von edlem Gefühl des Mitleids, diesem wohlthätigen Werke einen Theil ihres Vermögens opferten. Gerade in letzterer Zeit waren so beträchtliche Summen, deren Ursprung Niemand kannte, zum Rückkauf von Sclaven, vorzüglich von solchen griechischer Abkunft, aufgewendet worden, wenn die Zufälligkeiten des Krieges solche bedauernswerthe Leute den Händlern von Afrika oder Kleinasien in die Hände geliefert hatten.

Auf dem Markte von Arkassa pflegte man gewöhnlich zu Versteigerungen zu schreiten. Hier konnten Alle, Fremde wie Einheimische, daran Theil nehmen. Heute, wo die Aufkäufer nur für Rechnung der Bagnos der Barbarei beschäftigt waren, sollten die Gefangenen anfänglich gleich Alle zusammen zur Auction kommen, und je nachdem der ganze »Vorrath« an den oder jenen Händler fiel sollte derselbe nach Algier, Tripolis oder Tunis befördert werden

Auf dem Markte befanden sich übrigens zwei Kategorien von Gefangenen. Die einen kamen aus dem Peloponnes – diese waren am zahlreichsten – die anderen wurden erst unlängst von einem griechischen Schiffe weggeschleppt, das sie von Tunis nach Scarpanto zurückbrachte, von wo aus sie in ihre Heimat zurückbefördert werden sollten.

Die armen, zu so unglücklichem Loose bestimmten Menschen kamen hier zum letzten Male zur Versteigerung, welche ihr Schicksal entscheiden sollte, und bis zum fünften Glockenschlage konnten Gebote auf dieselben abgegeben werden. Ein Kanonenschuß von der Citadelle von Arkassa, der die Schließung des Hafens verkündete, galt gleichzeitig als Zeichen, daß der zuletzt gebotene Preis den Zuschlag erhielt.

An diesem dritten September fehlte es nicht an Kauflustigen in der Umgebung des Batistan. Zahlreiche Agenten waren von Smyrna und anderen benachbarten Punkten Kleinasiens eingetroffen, welche, wie vorher bemerkt, Einkäufe für die Barbareskenstaaten machen sollten.

Der heute sehr starke Zulauf erklärte sich übrigens sehr natürlich. Die letzten Ereignisse deuteten darauf hin, daß der Unabhängigkeitskrieg seinem Ende entgegengehe. Ibrahim war nach dem Peloponnes zurückgedrängt, während der Marschall Maison auf Morea mit einem Expeditionscorps von zweitausend Franzosen landete. Die Ausfuhr von Gefangenen mußte also in nächster Zeit eine sehr verminderte werden, und eben deshalb stieg auch – natürlich zur großen Befriedigung des Kadi – der Preis für dieselben schon ganz ungewöhnlich.

Im Laufe des Vormittags hatten die Händler schon den Batistan besucht, um sich über die Anzahl und den Werth der Gefangenen zu unterrichten, welche heute gewiß nicht mehr so billig zu kaufen sein würden.

»Bei Mohammed! rief ein Agent aus Smyrna, der inmitten seiner Kameraden das Wort führte, die Zeit des guten Geschäftsganges ist vorüber! Erinnert Ihr Euch noch der Zeit, wo die Schiffe Gefangene zu Tausenden brachten, und nicht wie jetzt zu wenigen Hunderten?

– Ja!… Wie bei den Schlächtereien von Scio! antwortete ein anderer Händler. Auf einen Schlag über vierzigtausend Sclaven! Da reichten die Schiffe nicht zu, sie unterzubringen!

– Ganz recht, entgegnete ein Händler, der den Dingen auf den Grund zu gehen schien; aber je mehr Gefangene, desto mehr Angebot, je mehr Angebot, desto niedrigere Preise. Es ist doch besser, nur wenigere zu hohem Preise fortschaffen zu haben, da die laufenden Unkosten doch so beträchtlich sind.

– Ja wohl, mindestens in der Berberei! Zwölf Percent des Bruttoertrages zu Nutzen des Paschas, des Kadi oder des Gouverneurs!

– Ohne das eine Percent für Unterhaltung des Molo und der Küstenbatterien zu rechnen!

– Und noch ein weiteres Percent, welches den habgierigen Priestern zufällt!

– Wahrhaftig, das führt Alle zum Ruine, die Rheder ebenso wie die Händler!«

Diese und ähnliche Bemerkungen wurden zwischen jenen Agenten ausgetauscht, welche von der Sündhaftigkeit ihres Handels gar keine Vorstellung zu haben schienen. Immer dieselben Klagen über die nämlichen Sporteln und Abgaben. Jedenfalls würden sie sich darüber noch in weit härteren Redensarten ergangen haben, wenn nicht die Töne einer Glocke eben den Anfang des Marktes verkündet hätten.

Es versteht sich von selbst, daß der Kadi die Leitung des ganzen Handelsgeschäfts in die Hand nahm. Das erforderte seine Pflicht, die türkische Regierung zu repräsentiren, ebenso wie sein persönliches Interesse.

Er saß also auf einer Art Estrade, gegen die Sonne geschützt durch ein Zelt, über welchem die rothe Flagge mit dem Halbmond wehte, oder er lag vielmehr auf breitem Kissen mit der ganzen Ungenirtheit des Vollblut-Ottomanen hingestreckt.

Dicht neben ihm nahm der öffentliche Ausrufer seinen Stand ein; man darf aber nicht etwa glauben, daß dieser Ausrufer Veranlassung hatte, seine Lunge allzu sehr anzustrengen. Im Gegentheil, bei dieser Art von Geschäften nehmen sich die Käufer hinlänglich Zeit, ehe sie ein höheres Gebot thun. Wenn in diese Versteigerung überhaupt mehr Leben kam, so war das höchstens in der letzten Viertelstunde des Geschäfts, wo sich vielleicht einmal ein Kampf darum entspann, wer den Zuschlag erhalten sollte.

Das erste Angebot betrug von Seiten eines Händlers aus Smyrna tausend türkische Pfund.

»Tausend Pfund türkisch!« wiederholte der Ausrufer.

Dann schloß er die Augen, als hätte er hinlänglich Zeit auszuschlafen, ehe ein höheres Gebot erfolgte.

Während der ersten Stunden stiegen die einzelnen Mehrgebote um je tausend bis höchstens zweitausend Pfund türkisch, das heißt etwa dreiunddreißigtausend Mark. Die Händler sahen sich gegenseitig an, beobachteten vielleicht heimlich, plauderten dabei aber von ganz anderen Dingen. Wie weit sie gehen wollten, wußten sie schon im Voraus, und ihre Höchstgebote verschoben sie bis zu den letzten Minuten, welche dem Schluß der Auction vorangingen. Da veranlaßte aber das Miteintreten eines neuen Concurrenten eine Aenderung ihres gewöhnlichen Verfahrens, und das verlieh der Auction eine unerwartete Lebhaftigkeit.

Gegen vier Uhr erschienen nämlich zwei Männer auf dem Markte von Arkassa. Woher kamen dieselben? Jedenfalls von der Ostseite der Insel, soweit sich das aus der Fahrtrichtung der Araba beurtheilen ließ, welche sie bis zum Eingangsthore des Batistans gebracht hatte.

Ihr Erscheinen erregte eine lebhafte Bewegung des Erstaunens und der Beunruhigung. Offenbar erwarteten die gewöhnlichen Händler vorher nicht, eine Persönlichkeit hier auftreten zu sehen, mit der sie wohl oder übel rechnen mußten.

»Bei Allah! rief einer derselben, das ist Nicolas Starkos selbst!

– Und sein verdammter Skopelo! erwiderte ein Anderer.

– Und wir, wir glaubten, sie wären längst zum Teufel!«

Es waren in der That diese beiden Männer, welche auf dem Markte von Arkassa Jeder kannte. Wiederholt hatten sie daselbst höchst bedeutende Geschäfte abgeschlossen, indem sie Gefangene für Rechnung von Händlern in Afrika einkauften. An Geld fehlte es ihnen niemals, obwohl man nicht recht wußte, woher sie dasselbe nahmen; doch, das ging sie ja nur selbst an. Der Kadi konnte sich, was ihn betraf, nur Glück wünschen, so allgemein gefürchtete Concurrenten erscheinen zu sehen.

Skopelo, einem gewiegten Sachkenner, hatte ein einziger Blick genügt, um den Werth der vorhandenen Gefangenen im Großen und Ganzen abzuschätzen. Er begnügte sich darauf, Nicolas Starkos wenige Worte in’s Ohr zu flüstern, auf welche dieser mit Kopfnicken zustimmend antwortete.

Ein so scharfer Beobachter der zweite Officier der »Karysta« auch war, hatte er doch das Entsetzen nicht bemerkt, welches das Auftreten Nicolas Starkos‘ bei einer der Gefangenen hervorrief.

Es war das eine Frau in schon mehr vorgeschrittenem Alter und von hohem Wuchs. Während sie vorher in einem entfernten Winkel des Batistans saß, erhob sie sich, als ob eine unwiderstehliche Macht sie dazu drängte. Sie that sogar zwei bis drei Schritte, und schon wollte ein Aufschrei ihrem Munde entfahren… Doch nein, sie besaß genug Energie, sich zu beherrschen. Sie wich wieder langsam zurück, vom Kopf bis zu den Füßen verhüllt in einen erbärmlichen Mantel, und nahm ihren Platz unter den Gefangenen wieder ein, aber so, daß sie jetzt ganz verborgen blieb. Es genügte ihr offenbar nicht, das Gesicht zu verstecken, sie wollte vielmehr ihre ganze Gestalt den Blicken Nicolas Starkos‘ entziehen.

Ohne ein Wort an ihn zu richten, behielten die anderen Händler den Capitän der »Karysta« doch unausgesetzt im Auge, während dieser ihnen keine besondere Aufmerksamkeit zu schenken schien. Erstere mußten freilich befürchten, daß er hierher gekommen sei, ihnen den vorhandenen Gefangenentransport wegzukaufen, da sie ja wußten, in welchen Beziehungen Nicolas Starkos zu den Paschas und Beys der Barbareskenstaaten stand.

Sie sollten darüber auch nicht lange in Ungewißheit bleiben. Eben war der Ausrufer wieder aufgestanden und hatte mit lauter Stimme das letztgethane Gebot wiederholt:

»Zweitausend Pfund!

– Zweitausend fünfhundert, sagte Skopelo, der sich bei derartigen Gelegenheiten zum Sprachrohr seines Capitäns machte.

– Zweitausend fünfhundert Pfund!« meldete der Ausrufer.

Danach begann wieder die persönliche Unterhaltung unter den verschiedenen Gruppen, die sich jedoch nicht ohne einiges Mißtrauen betrachteten.

So verlief eine Viertelstunde. Nach dem Skopelo’s war kein anderes Mehrgebot gethan worden. Gleichgiltig und stolz schlenderte Nicolas Starkos auf dem Batistan umher. Niemand konnte bezweifeln, daß er am Ende, sogar ohne besonderen Kampf, den Zuschlag erhalten würde.

Nach Besprechung mit zwei oder drei Collegen meldete jedoch der Agent aus Smyrna ein weiteres Mehrgebot, nämlich zweitausend siebenhundert Pfund.

»Zweitausend siebenhundert Pfund! wiederholte der Ausrufer.

– Dreitausend!«

Dieses Mal war es Nicolas Starkos selbst gewesen, der sich an der Versteigerung betheiligte.

Es wird sich bald zeigen, was vorgegangen war, warum er sich persönlich an dem Wettstreite betheiligte und warum seine kalte Stimme plötzlich eine so auffallende Erregung verrieth, daß es selbst Skopelo wundernahm.

Seit einigen Minuten lustwandelte Nicolas Starkos, nachdem er die Barriere des Batistans überschritten, inmitten der Gruppe Gefangener. Die alte Frau hatte sich, als sie ihn näher kommen sah, noch ängstlicher in ihren Mantel versteckt; er hatte sie also nicht sehen können.

Dagegen wurde plötzlich seine Aufmerksamkeit durch zwei Gefangene erweckt, welche ein wenig abseits standen. Er war stehen geblieben, als wären seine Füße am Boden festgewurzelt. Hier war ein junges Mädchen neben einem hochgewachsenen Mann vor Erschöpfung fast zur Erde niedergesunken.

Der Mann erhob sich stolz, als er Nicolas Starkos wahrnahm, gleichzeitig schlug das junge Mädchen die Augen wieder auf. Sobald sie aber des Capitäns der »Karysta« ansichtig wurde, wendete sie dieselben schnell wieder weg.

»Hadjine!« rief Nicolas Starkos halblaut.

Wirklich war es Hadjine Elizundo, welche Xaris jetzt in seinen Armen hielt, als wollte er sie vertheidigen.

»Sie hier!« murmelte Nicolas Starkos.

Hadjine hatte sich aus Xaris‘ Armen losgemacht und starrte nun den Kunden ihres Vaters mit geheimer Scheu an.

Eben diese Entdeckung hatte Nicolas Starkos, der sich gar nicht die Frage vorlegte, wie es habe zugehen können, daß die Erbin des Banquiers Elizundo auf dem Markte von Arkassa zum Verkauf gestellt werden könne, jetzt veranlaßt, mit erregter Stimme das neue Angebot von dreitausend Pfund zu thun.

»Dreitausend Pfund!« hatte der Ausrufer laut wiederholt.

Die Uhr zeigte nun schon etwas über ein halb fünf Uhr. Noch fünfundzwanzig Minuten, dann mußte der Kanonenschuß erdröhnen und der Zuschlag erfolgte an den, der das letzte Höchstgebot gethan hatte.

Schon schickten sich die Agenten jedoch nach vorhergegangener Unterredung an, den Platz zu verlassen, da keiner gewillt schien, einen noch höheren Preis anzulegen. Es gewann also den Anschein, als sollte der Capitän der »Karysta« wegen Mangels an Concurrenten aus dieser Versteigerung als Sieger hervorgehen, als der Agent aus Smyrna noch einen letzten Versuch machte, ihm »die Waare« streitig zu machen.

»Dreitausend fünfhundert Pfund! rief er.

– Viertausend!« folgte Nicolas Starkos auf der Stelle nach.

Skopelo, der Hadjine noch nicht selbst gesehen hatte, begriff gar nicht, wie der Capitän so ohne Besinnen mehr bieten konnte. Seiner Meinung nach war der Werth der ganzen Gefangenen-Abtheilung schon bei weitem überschritten, vorzüglich aber durch dieses Gebot von viertausend Pfund. Er fragte sich deshalb verwundert, was Nicolas Starkos veranlassen könne, sich so unüberlegt in ein voraussichtlich ganz schlechtes Geschäft einzulassen.

Den letzten Worten des Ausrufers folgte ein längeres Stillschweigen. Auf einen Wink seiner Collegen gab auch der Agent aus Smyrna die Sache endgiltig auf. Niemand konnte mehr daran zweifeln, daß Nicolas Starkos bei derselben obsiegen werde, da ja nur noch wenig Minuten bis zum gesetzlichen Schluß der Auction fehlten.

Xaris hatte ihn vollständig durchschaut. Er drückte das junge Mädchen nur enger in seine Arme – so lange er noch athmete, sollte sie ihm Niemand entreißen.

Da ließ sich – destomehr vernehmbar bei dem allgemeinen Schweigen – eine andere Stimme vernehmen, welche dem Ausrufer die zwei Worte zurief:

»Fünftausend Pfund!«

Nicolas Starkos drehte sich um.

Eine Gruppe von Seeleuten war oben in den Batistan getreten, und vor derselben stand ein offenbar zu ihnen gehörender Officier.

»Henry d’Albaret! rief Nicolas Starkos. Henry d’Albaret… hier… in Scarpanto!«

Den Commandanten der »Syphanta« hatte nur der Zufall nach dem Platze der öffentlichen Verkäufe geführt. Er wußte heute – das heißt vierundzwanzig Stunden nach seinem Eintreffen in Scarpanto – nicht einmal, daß in der Hauptstadt der Insel eine Versteigerung von Sclaven stattfinden solle. Da er andererseits auch die Sacoleve nicht vor Anker liegen gesehen hatte, mußte er nicht minder erstaunt sein, Nicolas Starkos in Arkassa zu begegnen, wie dieser, ihn hier zu sehen.

Nicolas Starkos wußte ja auch nicht, daß die Corvette von Henry d’Albaret befehligt wurde, obwohl ihm nicht unbekannt war, daß diese in den Hafen von Arkassa eingelaufen war.

Die Empfindung der beiden Gegner, als sie sich hier Auge in Auge sahen, wird sich Jeder leicht ausmalen können.

Daß Henry d’Albaret jenes unerwartete Mehrgebot gethan, rührte daher, daß er unter den Gefangenen im Batistan Hadjine und Xaris bemerkt hatte; Hadjine, bedroht, der Gewalt des verhaßten Nicolas Starkos zu verfallen.

Hadjine aber hatte ihn gehört, ihn gesehen, und würde sich unverzüglich in seine Arme gestürzt haben, wenn die Wächter sie nicht daran gehindert hätten.

Mit verständlicher Handbewegung sachte Henry d’Albaret das junge Mädchen zu beruhigen. So entrüstet er sich auch fühlte, als er sich dem elenden Gegner gegenüber sah, gelang es ihm doch, sich zu beherrschen. Ja, und wenn es ihm sein ganzes Vermögen kosten sollte, würde er keinen Augenblick gezaudert haben, Nicolas Starkos die auf dem Markte von Arkassa zusammengepferchten Gefangenen zu entreißen, und mit ihnen die, welche er so lange Zeit gesucht, welche er kaum je noch wiederzusehen gehofft hatte.

Jedenfalls mußte der Kampf nun heißer entbrennen. Wenn Nicolas Starkos nämlich nicht begreifen konnte, wie Hadjine Elizundo unter die Gefangenen gekommen war, so blieb dieselbe in seinen Augen doch immer noch die reiche Erbin des Banquiers in Korfu.

Die vielen Millionen hatten ja nicht mit ihm verschwinden können; sie mußten noch immer vorhanden sein, um sie von dem zurückzukaufen, dessen Sclavin sie werden sollte. Er lief also keine Gefahr, wenn er auch noch mehr bot. Nicolas Starkos beschloß das um so eigensinniger, weil es sich jetzt darum handelte, gegen seinen Rivalen aufzutreten.

»Sechstausend Pfund! rief er.

– Siebentausend!« antwortete der Commandant der »Syphanta«, ohne sich nur nach Nicolas Starkos umzukehren.

Der Kadi konnte sich zu der Wendung, welche die Dinge nahmen, nur Glück wünschen. Angesichts dieser beiden Concurrenten bemühte er sich gar nicht, seine Befriedigung zu verbergen, welche die sonst bewahrte Würde des habgierigen Mannes sozusagen durchbrach.

Wenn der schlaue Beamte nun schon berechnete, welche Summe in seine Tasche fließen sollte, so konnte Skopelo jetzt doch kaum noch an sich halten. Er hatte Henry d’Albaret und dann auch Hadjine Elizundo bemerkt. Blieb nun Nicolas Starkos aus Haß und Hartnäckigkeit bei seinem Mehrbieten, was ja unter gewissen Bedingungen von großem Vortheil sein konnte, so mußte das Geschäft doch ein sehr schlechtes werden, wenn das junge Mädchen ebenso wie ihre Freiheit vielleicht auch ihr Vermögen eingebüßt hatte, was doch mindestens möglich war.

Er nahm deshalb Nicolas Starkos etwas zur Seite und bemühte sich, ihm vernünftige Vorstellungen zu machen, fand dabei aber einen so üblen Empfang, daß er bald davon gänzlich absah. Der Capitän der »Karysta« rief dem Ausrufer selbst sein Mehrgebot zu, und zwar mit einer Stimme, welche berechnet und geeignet war, seinen Rivalen möglichst zu demüthigen.

Erklärlicher Weise waren die Agenten, welche merkten, daß der Kampf ein sehr heißer werden würde, nun in der Nähe geblieben, um demselben wenigstens mit beizuwohnen. Eine Menge Neugieriger, welche dieses Hin- und Herwerfen von Tausenden von Pfunden besonders anzog, gaben ihr Interesse daran durch wiederholte Beifallsrufe zu erkennen. Wenn die meisten derselben zwar den Capitän der Sacoleve kannten, so kannte doch Niemand den Commandanten der »Syphanta«, ja, man wußte nicht einmal, was diese Corvette, welche unter korslötischer Flagge segelte, in dem Gewässer von Scarpanto beabsichtigte. Seit Anfang des Krieges hatten sich jedoch so viele Schiffe aller Nationen mit dem Transport von Gefangenen beschäftigt, daß die Annahme, die »Syphanta« befasse sich gleichfalls mit demselben Handel, für Alle am nächsten lag; ob die Gefangenen also von Henry d’Albaret oder von Nicolas Starkos erstanden wurden, das änderte für dieselben nichts, und die Sclaverei drohte ihnen wie vorher.

Jedenfalls mußte diese Frage binnen fünf Minuten entschieden sein.

Bei dem letzten durch den Ausrufer gemeldeten Gebote, hatte Nicolas Starkos sich sogleich wieder gemeldet mit den Worten:

»Achttausend Pfund!

– Neuntausend Pfund!« sagte Henry d’Albaret.

Neues Stillschweigen. Der Commandant der »Syphanta«, der immer seiner Herr blieb, folgte mit den Blicken Nicolas Starkos, welcher wüthend auf und ab ging, ohne daß Skopelo sich ihm nur zu nähern wagte. Uebrigens hätte ihn jetzt auch kein Zureden, keine Vorstellung davon abhalten können, voller Wuth noch weiter zu bieten.

»Zehntausend Pfund! rief Nicolas Starkos.

– Elftausend! antwortete Henry d’Albaret.

– Zwölftausend!« schrie Nicolas Starkos, ohne dieses Mal nur einen Moment zu warten.

Der Commandant Henry d’Albaret hatte nicht sofort geantwortet.

Nicht etwa, weil er überhaupt gezaudert hätte, das zu thun, wohl aber, weil er Skopelo auf Nicolas Starkos zueilen sah, um diesen von seinem tollen Vorgehen abzuhalten, was auch einen Augenblick die Aufmerksamkeit des Capitäns der »Karysta« ablenkte.

Gleichzeitig hatte sich die bejahrte Gefangene, die sich bisher so hartnäckig verborgen hielt, ihrer ganzen Länge nach erhoben, so, als beabsichtige sie, Nicolas Starkos ihr Gesicht zu zeigen.

In demselben Augenblick blitzte auf der Mauer der Citadelle von Arkassa zwischen einer dichten Wolke weißen Dampfes eine leuchtende Flamme auf, bevor die Detonation jedoch bis zum Batistan hinabgedrungen war, ertönte von einer weitschallenden Stimme noch ein neues Mehrgebot:

»Dreizehntausend Pfund!«

Gleich darauf krachte der Schuß, dem endlose Hurrahs folgten.

Nicolas Starkos hatte Skopelo so heftig zurückgestoßen, daß dieser davon zu Boden stürzte…. Jetzt war es zu spät! Nicolas Starkos hatte kein Recht mehr, ein noch höheres Gebot zu thun. Hadjine Elizundo war ihm entgangen, und das ohne Zweifel für immer!

»Komm!« sagte er mit grollender Stimme zu Skopelo.

Dennoch hätte man ihn noch können die Worte murmeln hören:

»So wird es desto sicherer und minder theuer sein!«

Beide bestiegen sodann ihre Araba und verschwanden hinter der Biegung der Straße, welche nach dem Innern der Insel führte. Schon war Hadjine Elizundo, welche Xaris mit sich fortzog, über die Barrieren des Batistans hinausgeeilt, schon lag sie in den Armen Henry d’Albaret’s, der ihr, sie innig an’s Herz drückend, zuflüsterte:

»Hadjine!… Hadjine!… Wie gern hätt‘ ich Alles geopfert, was ich mein nenne, um Dich frei zu kaufen!…

– So wie ich mein Vermögen geopfert habe, um die Ehre meines Namens zurückzukaufen, antwortete das junge Mädchen. O Henry – Hadjine Elizundo ist jetzt arm, aber sie ist Deiner würdig!«

Dreizehntes Capitel


Dreizehntes Capitel

An Bord der »Syphanta«.

Am folgenden Tage, dem 3. September, versuchte die »Syphanta«, nachdem sie gegen zehn Uhr Morgens die Anker gelichtet, dicht am Winde segelnd aus der engen Wasserstraße des Hafens von Scarpanto herauszukommen.

Die von Henry d’Albaret freigekauften Gefangenen hatten es sich, die Einen im Zwischendeck, die Andern in der Batterie, so bequem wie möglich gemacht. Obwohl die Fahrt über den Archipel nur wenige Tage in Anspruch nehmen konnte, hatten es Officiere und Matrosen sich doch angelegen sein lassen, die armen Leute an Bord so gut unterzubringen, wie das die Raumverhältnisse nur gestatteten.

Schon am Vorabende hatte der Commandant Henry d’Albaret Alles geordnet, um unverzüglich absegeln zu können. Zur Regulirung seines Gebotes von dreizehntausend Pfund hatte er Sicherheit gestellt, mit der der Kadi sich befriedigt erklärte. Die Einschiffung der Gefangenen war also ohne Schwierigkeiten vor sich gegangen, und vor Ablauf von drei Tagen sollten alle diese Unglücklichen, denen vorher das schrecklichste Loos in den Bagnos der Barbareskenstaaten harrte, an irgend einem Punkte des nördlichen Griechenlands, wo sie für ihre persönliche Freiheit nichts mehr zu fürchten hatten, abgesetzt werden.

Ihre Einlösung aber verdankten sie einzig und allein Dem, der sie ohne Ansehung des Opfers, das er dabei brachte, den Händen Nicolas Starkos‘ entriß. Ihre Dankbarkeit fand auch, sobald sie den Fuß auf das Deck der Corvette gesetzt, in einer wahrhaft rührenden Handlung sprechenden Ausdruck.

Unter ihnen befand sich nämlich ein »Papa«, ein bejahrter Geistlicher aus Leondaris. Begleitet von seinen Unglücksgefährten, begab sich dieser nach dem Oberdeck, wo sich Hadjine Elizundo mit Henry d’Albaret und einigen Officieren aufhielt. Hier knieten Alle, der Greis an der Spitze, vor Jenen nieder, und die Hände gegen den Commandanten erhebend, begann der Greis:

»Gesegnet seien Sie, Henry d’Albaret, von Allen, die Ihr Edelmuth der Freiheit zurückgegeben hat!

– Liebe Freunde, antwortete der Commandant der »Syphanta« bewegt, ich habe ja nicht mehr als meine Pflicht gethan.

– Ja, gesegnet von Allen… von Allen… auch von mir, Henry!« fügte Hadjine, sich ebenfalls vor ihm verneigend, hinzu.

Henry d’Albaret hatte sie, fast verwirrt von dieser unerwarteten Huldigung, schnell wieder aufgehoben, und nun erschallte ein »Hoch Henry d’Albaret!« und »Hoch lebe Hadjine Elizundo!« vom Oberdeck bis nach dem Vordercastell, aus den Tiefen der Batterie bis hinauf nach den Marsraaen, wo etwa fünfzig Mann von der Besatzung Platz genommen hatten und den Vorgang mit donnernden Hurrahs begleiteten.

Eine einzige Gefangene – die, welche sich auch am Vortage im Batistan möglichst versteckt hielt – hatte an dieser Kundgebung nicht theilgenommen. Auch bei der Einschiffung ging ihr Hauptbestreben dahin, unter den Gefangenen unbemerkt zu bleiben. Das war ihr gelungen, und Niemand ahnte ihre Gegenwart an Bord, als sie sich nach der dunkelsten Ecke des Zwischendecks zurückgezogen hatte. Sie hoffte jedenfalls auch ebenso ungesehen wieder an’s Land gehen zu können. Warum sie so vorsichtig verfuhr und ob sie vielleicht einem Officier oder Matrosen der Corvette bekannt war, das hätte Niemand sagen können; gewiß aber mußte sie wichtige Gründe haben, dieses Incognito während der drei bis vier Tage, welche die Fahrt durch den Archipel dauern konnte, so streng zu bewahren.

Wenn aber Henry d’Albaret die volle Dankbarkeit der zufälligen Passagiere der Corvette verdiente, was verdiente dann Hadjine Elizundo für alle die großmüthigen Opfer, die sie seit ihrer Abreise von Korfu aus eigenem Antriebe gebracht hatte?

»Henry, hatte sie am vorhergehenden Tage gesagt, Hadjine Elizundo ist jetzt arm, aber sie ist nun Deiner würdig!«

Arm?… Das war sie in der That. – Des jungen Officiers würdig?… Das wird sich im weiteren Verlaufe zeigen.

Und wenn Henry d’Albaret Hadjine schon liebte, als so erschütternde Vorkommnisse sie von einander trennten, wie mußte diese Liebe erst wachsen, als er erfuhr, welcher Aufgabe sich das junge Mädchen während dieses langen Jahres bitterer Trennung gewidmet hatte.

Sobald Hadjine Elizundo erkannte, woher das von ihrem Vater hinterlassene große Vermögen stammte, hatte sie sofort beschlossen, dasselbe zum Rückkauf von Gefangenen zu verwenden, von deren Fortschaffung und Verkauf er soviel Vortheil gezogen hatte. Von jenen so unehrenhaft gewonnenen zwanzig Millionen wollte sie nichts für sich behalten und theilte Xaris dieses Vorhaben mit; Xaris stimmte demselben gern zu, und so wurden alle Vermögensbestandtheile des Bankhauses schnellstens flüssig gemacht.

Henry d’Albaret erhielt damals jenen Brief, in welchem das junge Mädchen ihn um Verzeihung bat und ihm Lebewohl sagte. Darauf verließ Hadjine unter dem Schutze des muthigen und ergebenen Xaris heimlich Korfu, um sich nach dem Peloponnes zu begeben.

Zu jener Zeit wütheten die Soldaten Ibrahim’s im Kampfe gegen die Bevölkerung des mittleren Morea, welche schon seit langer Zeit unendlich zu leiden gehabt hatte. Die Unglücklichen, die dabei nicht hingemordet wurden, schickten sie nach den Haupthäfen von Messenien, nach Patras oder Navarin. Von hier aus beförderten sie die entweder von der türkischen Regierung gestellten oder von den Seeräubern des Archipels bemannten Schiffe zu Tausenden entweder nach Scarpanto oder nach Smyrna, wo ein unausgesetzter Sclavenhandel stattfand.

Während der zwei ersten Monate nach ihrem Verschwinden gelang es Hadjine und Xaris, welche niemals vor einem noch so hohen Preise zurückschreckten, mehrere Hundert Gefangene von denen zurückzukaufen, welche die messenische Küste noch nicht verlassen hatten. Darauf ließen sie es sich angelegen sein, dieselben entweder auf den Ionischen Inseln oder in den schon von den Türken befreiten Theilen des nördlichen Griechenlands in Sicherheit zu bringen.

Nachdem das vollbracht, begaben sich Beide nach Kleinasien, nach Smyrna, wo sehr beträchtlicher Sclavenhandel betrieben wurde Hierher kamen in starken Transporten große Mengen jener griechischen Gefangenen, deren Befreiung Hadjine Elizundo vor Allem am Herzen lag Sie that dabei so hohe Gebote – welche die der Händler aus der Berberei oder von der asiatischen Küste ungeheuer überstiegen – daß die türkischen Beamten nur ihren Vortheil darin finden konnten, mit ihr zu handeln. Daß ihre edelmüthige Leidenschaft gelegentlich von gewissenlosen Agenten gemißbraucht wurde, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung; mehrere Tausende von Gefangenen verdankten es aber jedenfalls ihr allein, den Bagnos der afrikanischen Beys entgangen zu sein.

Noch immer blieb ihr jedoch viel zu thun übrig, und deshalb kam Hadjine Elizundo der Gedanke, auf zwei verschiedenen Wegen dem Ziele, welches sie zu erreichen strebte, näher zu kommen. Es genügte offenbar nicht, die auf den öffentlichen Märkten zum Verkauf gestellten Gefangenen zurückzukaufen oder um hohen Preis Diejenigen, welche schon das Sclavenjoch trugen, aus den Bagnos zu befreien; es kam ihr vielmehr auch darauf an, die Seeräuber, welche in den Gewässern des Archipels so viele Schiffe wegfingen und vernichteten, unschädlich zu machen.

Hadjine Elizundo befand sich eben in Smyrna, als sie hörte, was mit der »Syphanta« nach den ersten Monaten ihrer Kreuzfahrt vorgegangen war. Sie wußte zwar, daß diese Corvette für Rechnung korslötischer Rheder, und auch zu welchem Zwecke dieselbe ausgerüstet worden war. Ebenso blieb ihr nicht unbekannt, daß der Anfang ihrer Fahrt recht gute Erfolge aufzuweisen hatte; jener Zeit traf aber die betrübende Nachricht ein, daß die »Syphanta« ihren Capitän, mehrere Officiere und einen Theil der Mannschaft eingebüßt hatte im Kampfe gegen eine Piratenflottille, welche, der allgemeinen Annahme nach, von Sacratif selbst geführt und befehligt wurde.

Hadjine Elizundo setzte sich sofort in Korfu mit dem Agenten in Verbindung, der die Interessen der Rheder der »Syphanta« vertrat. Sie ließ den Letztgenannten einen so hohen Preis für das Schiff anbieten, daß diese nicht zauderten, ihr dasselbe zu verkaufen. Die Corvette wurde also unter dem Namen eines Banquiers von Ragusa erworben, sie gehörte jedoch niemand Anderem als der Erbin Elizundo’s, welche damit nur die Bobolina’s, die Modena’s, die Zacharia’s und verschiedene andere opferfreudige Patriotinnen nachahmte, deren schon zu Anfang des Unabhängigkeitskrieges auf eigene Kosten ausgestattete Schiffe den Geschwadern der ottomanischen Marine so vielen Schaden zufügten.

Bei diesem Ankauf hatte Hadjine von vornherein den Gedanken gehabt, den Oberbefehl über die »Syphanta« dem Capitän Henry d’Albaret anzubieten. Ein ihr gerne dienender junger Mann, ein Neffe Xaris‘ und Seemann von griechischer Abkunft gleich seinem Onkel, war dem jungen Officier von jeher heimlich nachgefolgt, sowohl in Korfu, als dieser sich so vergeblich bemühte, das junge Mädchen wieder aufzufinden, wie in Scio, als er sich dahin begab, um unter dem Obersten Fabvier zu kämpfen.

Auf ihren Wunsch schiffte sich dieser Mann als Matrose mit auf der Corvette ein, als diese nach dem Gefechte bei Lemnos die Lücken in ihrer Mannschaft wieder ausfüllte. Er war es auch gewesen, der Henry d’Albaret die beiden, übrigens von Xaris‘ Hand herrührenden Briefe in die Hände spielte. Den ersten in Scio, wo Jener die Nachricht erhielt, daß im Stabe der »Syphanta« für ihn ein Platz frei sei, und den zweiten, den er auf den Tisch der Cajüte des Befehlshabers legte, als er vor derselben als Posten stand, und durch welchen dieser ersucht wurde, sich mit der Corvette in den ersten Tagen des Monats September im Gewässer der Insel Scarpanto einzufinden.

Hier beabsichtigte nämlich Hadjine Elizundo zu gleicher Zeit einzutreffen, nachdem sie ihre Fahrt als rettender Liebesengel beendigt. Sie wollte die »Syphanta« benützen, um den letzten Gefangenentransport, den sie mit dem Reste ihres Vermögens zu kaufen gedachte, nach dem Vaterlande zurückzuführen.

Während der nachfolgenden sechs Monate hatte sie freilich noch viel Ungemach zu erleiden und viel Gefahren zu bestehen.

Selbst bis tief in die Berberei, in jene von Piraten wimmelnden Häfen an der afrikanischen Küste, in denen die schlimmsten Banditen bis zur Eroberung Algiers die Herren spielten, hatte sich das junge Mädchen in Begleitung ihres Xaris hineingewagt, um ihren edlen Trieben genug zu thun. Dieser selbstgewählten Aufgabe zu Liebe setzte sie ihre Freiheit, ja, ihr Leben auf’s Spiel und trotzte ohne Zögern allen Gefahren, welchen ihre Jugend und Schönheit sie preisgaben.

Nichts vermochte sie aufzuhalten, sie reiste ab.

So erschien sie zuerst wie ein Engel der Gnade in Tripolis, in Algier, in Tunis und auf allen Märkten der Barbareskenküste. Ueberall, wo griechische Gefangene verkauft worden waren, erstand sie dieselben zum großen Vortheile ihrer zeitweiligen Besitzer zurück. Ueberall, wo die Händler solche Heerden menschlicher Wesen zur Versteigerung brachten, war sie bei der Hand und achtete niemals des Geldes. Bei solchen Gelegenheiten lernte sie auch, hier in Ländern, wo die niedrigsten Leidenschaften durch keine Rücksicht im Zügel gehalten wurden, das ganze Elend schamloser Sclaverei aus eigener Anschauung kennen.

Algier stand zu jener Zeit noch unter der Gewalt einer aus Muselmännern und Renegaten bestehenden Miliz, die sich aus dem Ausschuß der drei Continente, welche die Gestade des Mittelmeeres bilden, recrutirte und die von nichts Anderem lebte, als vom Ankauf der durch Piraten herbeigeschafften Gefangenen, sowie durch deren Verkauf an die Christen.

Im siebzehnten Jahrhundert zählten die nördlichen Länder Afrikas schon nahe an vierzigtausend Sclaven beiderlei Geschlechts, die aus Frankreich, Italien, England und Deutschland, aus Flandern, Holland, Griechenland, Ungarn, Rußland, Polen und Spanien und aus allen Meeren Europas abgefangen worden waren.

In Algier, in den Bagnos des Paschas Ali-Mami, der Kulughi’s und Siddi Hassan’s, in Tunis, in denen Yussis-Dey’s, Galere-Patrone’s und Cicalais‘, wie in denen von Tripolis, sachte Hadjine Elizundo vorzüglich die Aermsten auf, welche der hellenische Krieg zu Sclaven gemacht hatte. So, als werde sie durch einen Talisman beschützt, wanderte sie ruhig inmitten aller Gefahren und erleichterte das namenlose Elend, wo sie nur konnte. Den tausendfältigen Gefahren, welche die Natur der Dinge rings um sie mit sich brachte, entging sie wie durch ein Wunder. Sechs Monate hindurch besuchte sie an Bord leichter Küstenschiffe die entlegensten Punkte der Grenzländer des Mittelmeeres, von der Regentschaft von Tripolis an bis zu den äußersten Grenzen Marokkos – bis nach Tetuan, früher eine vollständig organisirte Republik von Piraten – bis Tanger, dessen Bai den Seeräubern als Ueberwinterungsort diente – bis Sale, an der Westküste Afrikas, wo die unglücklichen Gefangenen in zwölf bis fünfzehn Fuß tief in die Erde gegrabenen Löchern und Höhlen ein wahrhaft erbärmliches Da sein fristen mußten.

Nachdem sie dann ihr Liebeswerk vollendet und von den, von ihrem Vater hinterlassenen Millionen nichts mehr besaß, gedachte Hadjine Elizundo mit Xaris nach Europa zurückzukehren. Sie schiffte sich deshalb auf einem griechischen Fahrzeuge ein, auf dem auch die letzten von ihr zurückgekauften Gefangenen untergebracht worden waren, und ging nach Scarpanto unter Segel. Hier hoffte sie Henry d’Albaret wieder zu finden, und von hier aus hatte sie an Bord der »Syphanta« nach Griechenland heimkehren wollen. Drei Tage nach der Abfahrt von Tunis wurde aber das Schiff, welches sie trug, von einem türkischen Kreuzer aufgebracht und sie selbst nach Arkassa geschafft, wo sie mit Allen, die sie eben befreit, als Sclavin verkauft werden sollte.

Der Gesammterfolg des von Hadjine Elizundo vollbrachten Liebeswerkes hatte darin bestanden, mehrere Tausend Gefangene mit dem Gelde zurückzukaufen, welches ihr Vater durch den Verkauf derselben gewonnen hatte. Das junge, jetzt selbst vermögenslose Mädchen hatte, so weit es ihr möglich war, also das Unrecht wieder gut zu machen gesucht, das ihr Vater vorher begangen hatte.

Alles das erfuhr nun auch Henry d’Albaret. Ja, Hadjine war jetzt zwar arm, aber seiner würdig, und um sie den Händen Nicolas Starkos‘ zu entreißen, hatte er sich ebenso arm gemacht, wie sie selbst.

Inzwischen bekam die »Syphanta« am nächsten Tage schon das Land von Kreta in Sicht. Sie schlug nun einen Curs ein, um nach dem Nordwesten des Archipels zu gelangen. Die Absicht des Commandanten Henry d’Albaret ging dahin, längs der Ostküste Griechenlands bis zur Höhe von Euböa hinauszusegeln. Hier konnten die Gefangenen entweder in Negropont oder in Aegina an sicherem Orte ausgeschifft werden, denn damit waren sie vor den, jetzt bis tief in den Peloponnes zurückgedrängten Türken geschützt. Jener Zeit befand sich nämlich kein einziger Soldat Ibrahim’s mehr auf der hellenischen Halbinsel.

Die an Bord der »Syphanta« so gut als möglich versorgten armen Leute singen schon an, sich von den furchtbaren Leiden, die sie zu überstehen gehabt, langsam zu erholen. Im Laufe des Tages sah man sie gruppenweise auf dem Verdeck, wo sie die erquickende Seeluft schlürften – Kinder, Mütter und Gatten, welche vorher bedroht waren, für immer getrennt zu werden, und die nun wieder vereinigt waren, um sich nicht mehr zu verlassen.

Sie wußten ja auch, was Hadjine Elizundo gethan, und wenn sie auf den Arm Henry d’Albaret’s gestützt vorüber kam, begegneten ihr Alle mit besonderer Hochachtung, der sie oft in rührendster Art und Weise Ausdruck gaben.

Mit den ersten Morgenstunden des 4. September verlor die »Syphanta die Gipfel von Kreta aus dem Gesicht; da der Wind aber sehr schwach geworden war, kam sie im Laufe des Tages nur sehr wenig vorwärts, obwohl man alle Segel beigesetzt hatte. Eine Verzögerung von vierundzwanzig und selbst achtundvierzig Stunden konnte aber von keiner besonderen Bedeutung sein.

Das Meer war ruhig, der Himmel wunderschön. Nichts deutete auf eine nahe bevorstehende Witterungsveränderung hin. Man mußte die Sache eben »gehen lassen, wie’s Gott gefällt«, wie die Seeleute gern sagen, und abwarten, bis die Verhältnisse sich änderten.

Diese friedliche und ruhige Seefahrt gab hinreichend Gelegenheit, an Bord ungestört zu plaudern, da mit Segelmanövern nichts zu thun war. Nur die wachthabenden Officiere und die Ausluger am Vordertheil hatten ihre Aufmerksamkeit auf etwa sichtbar werdendes Land oder auf sich zeigende Schiffe zu richten.

Hadjine Elizundo und Henry d’Albaret pflegten dann auf einer ihnen ausschließlich reservirten Bank des Oberdecks bei einander zu sitzen. Hier plauderten sie in der Hauptsache nicht von der Vergangenheit, sondern von der schönen Zukunft, die sie nun mit Sicherheit vor sich zu sehen glaubten. Sie entwarfen verschiedene bald auszuführende Projecte, ohne daß sie dabei vergaßen, diese auch dem wackern Xaris vorzulegen, der ja gewissermaßen zur Familie gehörte.

So wurde unter anderem verabredet, daß die Vermählung sofort nach der Ankunft auf griechischem Boden gefeiert werden sollte. Die endgiltige Ordnung der Verhältnisse Hadjine Elizundo’s konnte weder Schwierigkeiten noch Verzögerungen herbeiführen. Die Mission, welche sie seit fast einem Jahre erfüllte, hatte das bedeutend vereinfacht. Nach der Hochzeit sollte Henry d’Albaret dem Capitän Todros das Commando der Corvette abtreten, und er selbst wollte seine junge Frau einmal mit nach Frankreich führen, von dort aber bald nach deren Heimat zurückkehren.

Gerade am heutigen Abend unterhielten sie sich über diese Dinge.

Der leichte Wind reichte kaum hin, die hohen Segel der »Syphanta« zu schwellen. Ein herrlicher Sonnenuntergang beleuchtete den Horizont, und einzelne goldene Strahlen desselben schossen weit über die Nebelbank im Westen am Himmel hinaus. An der entgegengesetzten Seite glänzten die ersten Sterne des Morgenlandes. Das Meer zitterte unter einer Unzahl phosphorescirender Fünkchen, und die Nacht versprach eine herrliche zu werden.

Henry d’Albaret und Hadjine Elizundo gaben sich vollständig dem Genusse des prächtigen Abends hin. Sie schauten nach dem Kielwasser hinab, das sich kaum durch einige weißliche Streifen, welche die Corvette hinter sich zurückließ, abzeichnete. Nichts störte das tiefe Schweigen, als höchstens einmal ein leises Rauschen in den Segeln, wenn diese mehr erschlafften oder sich ein wenig anspannten. Die beiden jungen Leute sahen nichts mehr als sich selbst. Endlich wurden sie aus ihren schönen Träumen zur Wirklichkeit zurückgeführt, als Henry d’Albaret seinen Namen wiederholt rufen hörte.

Xaris stand vor ihm.

»Herr Commandant!… sagte Xaris schon zum dritten Male.

– Was wünscht Ihr, guter Freund? antwortete Henry d’Albaret, dem es vorkam, als zauderte Xaris etwas, mit der Sprache heraus zu gehen.

– Was willst Du, lieber Xaris? fragte Hadjine Elizundo.

– Ich hätte etwas mit Ihnen zu sprechen, Herr Commandant.

– Nun, und das wäre?

– So hören Sie. Die Passagiere der Corvette – die braven Leute, welche Sie nach deren Vaterlande zurückführen – haben einen Gedanken gehabt und mich beauftragt, Ihnen denselben mitzutheilen.

– Nun also, ich bin ganz Ohr, Xaris.

– O, Herr Commandant, Jene wissen ja, daß Sie sich mit Hadjine Elizundo vermählen werden…

– Ja freilich, erwiderte Henry d’Albaret lachend, das ist ja für Niemand ein Geheimniß!

– Nun ja, die guten Leute würden sich aber sehr glücklich schätzen, Zeugen Ihrer Hochzeit sein zu können.

– Das werden sie auch, Xaris, das sollen sie, und niemals wird eine Braut eine ehrenvollere Begleitung gehabt haben, als wenn man alle Diejenigen dazu versammeln könnte, die sie der Sclaverei entrissen hat.

– Henry!… sagte das junge Mädchen, die ihn abhalten wollte, in dieser Weise fortzufahren.

– Der Herr Commandant hat vollkommen Recht, erklärte Xaris. Auf jeden Fall müssen die Passagiere der Corvette dabei sein, und…

– Bei unserem Eintreffen auf griechischem Boden werde ich sie Alle zur Beiwohnung der Feierlichkeit einladen.

– Schön, Herr Commandant, fuhr Xaris fort. Aber nachdem den guten Leuten einmal jener Gedanke gekommen war, folgte diesem auch noch ein zweiter.

– Ein ebenso guter?

– Ein noch besserer. Sie lassen Sie bitten, die Trauung noch hier an Bord der »Syphanta« stattfinden zu lassen. Gleicht die Corvette, welche sie nach Griechenland zurückbringt, nicht gewissermaßen ihrem Vaterlande?

– Ich habe nichts dagegen, Xaris, antwortete Henry d’Albaret. Du stimmst doch auch mit ein, Hadjine!«

Statt jeder Antwort drückte Hadjine ihm zärtlich die Hand.

»O, das ist herrlich! rief Xaris.

– Ihr könnt den Passagieren der »Syphanta« die Meldung bringen, daß ihrem Wunsche entsprochen werden soll.

– Also abgemacht, Herr Commandant, aber… fuhr Xaris zögernd fort, das ist noch immer nicht Alles!

– So rede doch, Xaris, sagte das junge Mädchen.

– Nun die guten Leute haben, nachdem sie einen guten Gedanken, dann noch einen besseren ausgesprochen, auch noch einen dritten gehabt, den sie für den allerbesten halten.

– Wirklich, noch einen dritten? erwiderte Henry d’Albaret, und wie lautet dieser dritte Gedanke?

– Sie bitten darum, daß die Trauung nicht nur an Bord der Corvette, sondern auch hier auf offenem Meere und schon morgen stattfinden möchte. Unter ihnen befindet sich ein alter Geistlicher…«

Da wurde Xaris plötzlich durch die Stimme eines Mastwächters unterbrochen, der von der Großraa des Fockmastes herabrief:

»Schiffe vor dem Winde!«

Sofort erhob sich Henry d’Albaret und trat zu dem Capitän Todros, der schon in der bezeichneten Richtung hinaus blickte.

Wenigstens sechs Meilen nach Osten zu zeigte sich eine, aus etwa einem Dutzend Fahrzeugen von verschiedenem Tonnengehalt bestehende Flottille. Wenn die bei der hier herrschenden Windstille jetzt fast unbewegliche »Syphanta« kaum von der Stelle kam, so wurde jene durch die letzten Windstöße einer leichten Brise, welche bis zur Corvette nicht heranreichten, begünstigt, so daß sie diese endlich erreichen mußten.

Henry d’Albaret hatte sich ein Fernrohr bringen lassen und beobachtete aufmerksam die Bewegung jener Schiffe.

»Capitän Todros, sagte er, sich an den zweiten Officier wendend, jene Flottille ist noch zu entfernt, ebenso um ihre Absichten, wie um ihre Stärke erkennen zu lassen.

– Leider, Herr Capitän, antwortete dieser, und bei der mondlosen Nacht, welche voraussichtlich sehr dunkel wird, läßt sich darüber nichts entscheiden. Wir werden schon den morgenden Tag abwarten müssen.

– Ja, gewiß, sagte Henry d’Albaret; da diese Gegenden jedoch ziemlich unsicher sind, so geben Sie Befehl, möglichst aufmerksam Wache zu halten Gleichzeitig sollen alle unumgänglichen Maßregeln getroffen werden für den Fall, daß jene Fahrzeuge sich der »Syphanta« weiter nähern.«

Der Capitän Todros folgte dem erhaltenen Befehl und ordnete Alles in dieser Weise an. An Bord der Corvette wurden doppelte Wachen ausgestellt, welche bis Tagesanbruch auf dem Ausguck bleiben sollten.

Selbstverständlich wurde gegenüber den Vorkommnissen, welche immerhin eintreten konnten, die letzte Entscheidung über die Feier der Vermählung, welche Xaris so dringend beschleunigt wünschte, vorläufig verschoben. Hadjine Elizundo hatte sich auf die Bitte Henry d’Albaret’s wieder nach ihrer Cabine begeben.

Während der Nacht kam nicht viel Schlaf in die Augen der Seeleute; die fortwährende Gegenwart der in einiger Entfernung signalisirten Flottille erweckte eine leicht erklärliche Unruhe. So weit es möglich war, wurden alle Bewegungen derselben scharf beobachtet. Gegen neun Uhr Abends lagerte sich jedoch dichter Nebel auf das Meer, und jene verschwand vollständig hinter diesem Vorhange.

Am folgenden Morgen verbargen noch immer wallende Dunstmassen den östlichen Horizont bei Aufgang der Sonne, und da es gleichzeitig vollkommen windstill blieb, zerstreuten sich diese auch nicht vor zehn Uhr. Bisher hatte man übrigens noch nichts Verdächtiges wahrnehmen können. Als sich der Nebel aber vollständig auflöste, zeigte sich die Flottille in der Entfernung von kaum vier Meilen. Sie hatte sich der »Syphanta« also seit dem Vorabend um zwei Meilen genähert und wenn sie noch so weit von dieser war, kam es nur daher, daß der herrschende Nebel sie am Manövriren gehindert hatte. Da zeigten sich nun ein Dutzend Fahrzeuge, welche, mit einander Schritt haltend, unter dem Drucke langer Galeerenruder langsam vorwärts drangen. Die Corvette dagegen, auf welche solche ihrer Größe wegen ohne Wirkung gewesen wären, lag noch immer unbewegt auf derselben Stelle. Sie war also genöthigt zu warten, ohne selbst irgend eine Bewegung machen zu können.

Allmählich konnte über die Absichten der herannahenden Flottille ein Zweifel nicht mehr aufkommen.

»Das ist ja ein ganzer Haufen ziemlich verdächtiger Fahrzeuge! sagte Capitän Todros.

– Gewiß, und zwar desto verdächtiger, antwortete Henry d’Albaret, da ich unter denselben auch die Brigg wieder erkenne, auf die wir in den Gewässern von Kreta vergeblich Jagd gemacht haben.«

Der Commandant der »Syphanta« täuschte sich nicht. Die Brigg, welche auf fast wunderbare Weise jenseits der Spitze von Scarpanto verschwunden war, fuhr den anderen Schiffen voraus und hielt offenbar darauf, sich von den anderen unter ihrer Leitung stehenden Fahrzeugen nicht zu trennen.

Inzwischen hatte sich ein leichter Ostwind erhoben. Er begünstigte zwar die Fortbewegung jener Flottille, die einzelnen Windstöße aber, welche die Oberfläche des Meeres leicht kräuselten, erstarben etwa ein oder zwei Kabellängen vor der Corvette.

Plötzlich setzte Henry d’Albaret das Fernrohr ab, das er bisher immer vor die Augen gehalten hatte:

»Klar zum Gefecht!« rief er.

Er hatte eben eine lange weiße Dampfwolke aus dem Vordertheil der Brigg hervorquellen sehen, während gleichzeitig eine Flagge auf den Topp eines Mastes stieg und der rollende Donner eines Geschützes bis zur Corvette herüberschallte.

Diese Flagge war von schwarzer Farbe und in derselben zeigte sich nur ein großes, feuerrothes »S«.

Es war die Flagge des Seeräubers Sacratif.

Erstes Capitel


Erstes Capitel

Ein Schiff in Sicht.

Am 28. October 1827 gegen fünf Uhr Abends bemühte sich ein kleines levantinisches Fahrzeug, noch vor Einbruch der Nacht den Hafen von Vitylo, am Eingang des Golfs von Coron, zu erreichen.

Dieser Hafen, das Oetylos Homer’s, liegt an einer der tiefen Einbuchtungen, welche aus dem Ionischen und Aegäischen Meere das Platanenblatt ausschneiden, mit dem man das südliche Griechenland so trefflich verglichen hat Dieses Blatt nimmt der alte Peloponnes, das Messene der Griechen unserer Tage, ein. Die erste dieser Ausbuchtungen bildet im Westen der Golf von Coron, der sich zwischen Messene und Laconia öffnet. Die zweite, der Golf von Marathon, der die Küste des ernsten Laconia tief einschneidet. Die dritte, der Golf von Nauplia, dessen Gewässer Laconia und Argolis scheiden.

Zu dem ersten der drei Golfe gehört der Hafen von Vitylo. An der Ostküste, im Hintergrunde einer unregelmäßigen Bai liegend, reicht er bis an die letzten Ausläufer des Taygetos heran, dessen Bergkämme das Skelet des Hinterlandes bilden. Die Sicherheit seines Ankergrundes, der bequeme Verlauf der Einfahrtsstraßen und die ihn umgebenden Höhen machen ihn zu einem der festen Zufluchtshäfen dieser von allen Winden der südlichen Meere unausgesetzt gepeitschten Küste.

Das Fahrzeug, welches bei ziemlich frischer Nordnordwestbrise sehr dicht am Winde segelte, konnte von den Hafendämmen Vitylos nicht erkannt werden, da dasselbe noch eine Entfernung von sechs bis sieben Meilen von demselben trennte. Da das Wetter aber ausgezeichnet klar war, hob sich doch der Rand seiner oberen Segel deutlich von dem leuchtenden Hintergrunde des äußersten Horizonts ab.

Was aber von unten nicht sichtbar war, konnte doch von oben, das heißt von dem Gipfel der Höhenzüge, gesehen werden, welche das Dorf umgrenzen. Vitylo ist in Gestalt eines Amphitheaters auf abschüssigen Felsen erbaut, welche die alte Akropolis von Kelapha vertheidigt. Darüber erheben sich noch einige alte, zerfallene Thürme von jüngerem Ursprung als jene merkwürdigen Ueberreste eines Tempels der Seraphis, dessen Säulen und Capitäle von ionischer Ordnung noch heute die Kirche von Vitylo zieren. Neben jenen Thürmen stehen auch noch zwei oder drei kleine, wenig besuchte Kapellen, in welchen fromme Mönche den Kirchendienst versehen.

Es ist hier von Wichtigkeit, auf die Bezeichnung »den Kirchendienst versehen« und selbst auf die Qualification eines Mönches, welche diese Geistlichen der messenischen Küste sich zulegen, zu achten Einer derselben, der soeben seine Kapelle verließ, wird sogleich dem Leser näher vor Augen treten.

Zu jener Zeit war die Religion in Griechenland noch ein eigenthümliches Gemisch von heidnischen Sagen und christlichen Glaubenssätzen. Viele Gläubige betrachteten die Gottheiten des Alterthums noch gewissermaßen als Heilige der neuen Religion. In der That, wie das Henry Belle schildert, vermengen sie die Halbgötter mit den Heiligen, die Kobolde der bezaubernden Thäler mit den Engeln des Paradieses und rufen ebenso die Sirenen und Furien an, wie sie noch Brotopfer darbringen. Diese Umstände haben gewisse merkwürdige Gebräuche eingeführt, welche Andere zum Lachen reizen, während die Geistlichkeit große Mühe hat, dieses wenig orthodoxe Chaos zu entwirren.

Während des ersten Viertels dieses Jahrhunderts – es ist einige fünfzig Jahre her und die Zeit, mit welcher unsere Erzählung beginnt – war der Clerus der griechischen Halbinsel noch unwissender, und die sorglos dahinlebenden, naiven, zutraulichen Mönche, »gute Kinder«, schienen sehr wenig geeignet, die von Natur abergläubische Bevölkerung auf rechte Wege zu leiten.

Und wenn diese niederen Kirchendiener nur allein unwissend gewesen wären. In gewissen Gegenden Griechenlands aber, vorzüglich in den wilden Districten von Magne, scheuten die armen Teufel, von Natur und aus Noth schon Bettler und gierig auf die paar Drachmen, welche mitleidige Reisende ihnen zuwarfen, ohne alle Beschäftigung, außer etwa der, den Gläubigen das gefälschte Bildniß eines Heiligen zum Kusse darzureichen oder eine ewige Lampe in irgend einer Grotte zu unterhalten, dazu verstimmt über den geringen Ertrag ihrer Pfründen, der Beerdigungen und der Taufen, nicht davor zurück, die Auflauerer – und was für Auflauerer – im Solde der Bewohner des Küstengebietes zu spielen.

Die Seeleute von Vitylo, welche am Hafen umher lungerten wie die Lazzaronis, welche gleich mehrere Stunden Ruhe brauchen, um sich von der Arbeit während einiger Minuten zu erholen, erhoben sich doch rasch, als sie einen ihrer Mönche, die Arme heftig bewegend, schnellen Schrittes nach dem Dorfe hinabsteigen sahen.

Es war das ein Mann von fünfzig bis fünfundfünfzig Jahren, der nicht nur dick, sondern fett war von jenem Fette, das der Müßiggang erzeugt, und dessen schlaue Physiognomie nur sehr mittelmäßiges Vertrauen einzuflößen vermochte.

»Was gibt es denn, Vater, was ist denn los?« fragte einer der Seeleute, der ihm entgegenging.

Der Vityliner sprach mit so näselndem Tone, daß man Nason hätte für einen Vorfahren der Hellenen halten können, und dazu jene maniatische Mundart, in der sich das Türkische mit dem Italienischen mischte, als rühre dasselbe aus der Zeit des Thurmbaues von Babel her.

»Haben die Soldaten Ibrahim’s etwa die Höhen des Taygetos besetzt? fragte ein anderer Seemann mit sehr sorgloser Geste, welche eben nicht viel Patriotismus verrieth.

– Wenn’s nicht gar Franzosen sind, mit denen wir es zu thun haben, erwiderte der erste Sprecher.

– Na, die sind einander werth!« bemerkte ein Dritter.

Diese Aeußerung bewies, daß der Kampf, welcher damals gerade am heftigsten wüthete, die Bewohner des untersten Peloponnes nur sehr wenig berührte, sehr verschieden von den Maniaten des Nordens, welche sich im Unabhängigkeitskriege so rühmlich hervorthaten.

Der dicke Geistliche vermochte aber weder dem Einen, noch dem Anderen Antwort zu geben.

Er war von dem Herabklettern über die steilen Abhänge noch ganz außer Athem. Seine asthmatische Brust keuchte. Er wollte sprechen, konnte es aber nicht. Einer seiner Ahnen im alten Hellas, der Soldat von Marathon, hatte doch wenigstens, noch ehe er starb, den Sieg des Miltiades verkünden können. Doch es handelte sich hier weder um Miltiades, noch um den Kampf der Athener gegen die Perser. Es waren kaum Griechen, diese verwilderten Bewohner der untersten Spitze von Magne.

»So sprich doch, Vater, sprich doch!« rief ein alter Seemann, Namens Gozzo, der sich ungeduldiger als die Anderen geberdete, als hätte er schon errathen, was der Mönch verkünden wollte.

Endlich hatte dieser sich wieder etwas beruhigt. Da streckte er die Hand nach dem Horizonte aus und rief:.

»Ein Schiff in Sicht!«

Auf diese Meldung hin sprangen die Tagediebe alle auf, klatschten in die Hände und stürmten nach einem Felsen, der den Hafen überragte. Von hier aus konnten sie das Meer in weitem Umkreise sehen.

Ein Fremdling hätte glauben können, daß diese Bewegung nur hervorgebracht würde durch das Interesse, welches jedes von der See herkommende Fahrzeug naturgemäß Seeleuten einflößen muß, denen so etwas ja besonders angeht. Das wäre aber eine falsche Annahme gewesen oder war es vielmehr; wenn dies ein Interesse dieser Leute aufzustacheln vermochte, war das doch ein solches ganz specieller Art.

In der That ist Magne, jetzt wo wir diese Erzählung niederschreiben – nicht zur Zeit, als die darin geschilderten Vorfälle sich ereigneten – noch immer ein von Griechenland halb abgesonderter Landstrich, ein unabhängiges Königreich, geschaffen durch den Beschluß der europäischen Großmächte, welche 1829 den Vertrag von Adrianopel unterzeichneten. Die Maniaten, oder mindestens diejenigen derselben, welche auf den verlängerten Landausläufern zwischen den Golfen wohnen, sind noch halbe Barbaren geblieben, welche sich mehr um ihre persönliche Freiheit, als um die des Landes bekümmern. Diese äußerste Zunge des unteren Moreas ist von jeher auch kaum zur Botmäßigkeit zu bringen gewesen. Weder die türkischen Janitscharen, noch die griechischen Gensdarmen haben sie zu bezwingen vermocht. Streitsüchtig und rachbegierig, oft in Familienzwistigkeiten verwickelt, welche nur durch Blut ausgetragen werden können. Räuber von Geburt und doch gastfreundlich, Mörder, wenn der Raub einen Mord bedingt, nennen sich deshalb die rohen Bergvölker nicht weniger die directen Nachkommen der Spartaner; aber eingeschlossen in die Verzweigungen des Taygetos, in dem man zu Tausenden jene kleinen Befestigungen oder »Pyrgos«, welche kaum zu erklimmen sind, findet, spielen sie gar zu gern die zweifelhafte Rolle jener Wegelagerer des Mittelalters, die ihre Feudalrechte mit Dolch und Pistole übten.

Wenn die Maniaten zur Stunde auch noch halb wild sind, so mag man sich vorstellen, was dieselben vor nun fünfzig Jahren sein mochten. Ehe die Kreuzfahrten der Dampfschiffe ihren Raubzügen zur See ein Ziel setzten, traten sie während des ersten Viertels dieses Jahrhunderts als die verwegensten Seeräuber auf, welche die Handelsfahrzeuge in allen Stapelplätzen des Morgenlandes nur zu fürchten hatten.

Gerade der Hafen von Vitylo erschien durch seine Lage am Ende des Peloponnes, am Eingang zweier Meere, durch die Nähe der den Seeräubern wohlbekannten Insel Cerigotto, höchst geeignet, sich allen Uebelthätern zu öffnen, welche den Archipel und die benachbarten Gegenden des Mittelmeeres unsicher machten. Der Centralpunkt der Bewohnerschaft dieses Theils von Magne hieß speciell das Land von Kakovonni, und die Kakovonnioten, welche zu beiden Seiten der Landspitze siedelten, welche mit dem Cap Matapan ausläuft, hatten es bequem, ihre Unthaten auszuführen. Auf dem Meere überfielen sie die Schiffe; an das Land lockten sie dieselben durch falsche Signale. Ueberall plünderten und verbrannten sie dieselben. Ob deren Besatzung nun eine türkische, maltesische, ägyptische oder selbst eine griechische war, das kümmerte sie nicht; sie wurde ohne Erbarmen niedergemetzelt oder nach den Barbareskenstaaten in die Sclaverei verkauft. Gab es einmal eine Zeit lang nichts zu thun, und wurden die Küstenfahrer in der Bucht von Cerigo oder dem Cap Gallo seltener, so stiegen öffentliche Gebete auf zu dem Gott der Stürme, damit dieser sich herabließe, ein Schiff von großem Tonnengehalt und mit reicher Ladung in ihre Hand zu geben. Die Mönche schlugen es auch nicht ab, diese Gebete zum Nutzen ihrer Gläubigen zu celebriren.

Jetzt hatte es seit mehreren Wochen nichts zu plündern gegeben. Kein Schiff war an der Küste von Magne angelaufen. Deshalb verursachte es einen wirklichen Ausbruch der Freude, als der Mönch jene von asthmatischem Keuchen unterbrochenen Worte ausgerufen hatte:

»Ein Schiff in Sicht!«

Sofort erschallten die dumpfen Schläge des Simanders, einer Art Glocke aus Holz mit eisernem Klöppel, welche in den Provinzen in Gebrauch ist, wo die Türken die Verwendung von metallenen Glocken nicht zuließen. Die klanglosen Schläge genügten jedoch, die habgierige Bevölkerung zusammenzurufen, Männer, Frauen, Kinder, herrenlose furchtbare Hunde, alle begierig zu plündern und wenn nöthig zu morden.

Inzwischen verhandelten die auf dem Felsen vereinigten Vityliner mit großer Lebhaftigkeit. Welcher Art Fahrzeug war es, das der Mönch ihnen anmeldete? Mit der nordnordwestlichen Brise, die beim Einbruch der Nacht noch auffrischte, glitt das Schiff mit Backbordhalsen schnell dahin. Es schien möglich, daß es beim Laviren das Cap Matapan ziemlich streifte. Seinem Curse nach schien es aus der Gegend von Kreta zu kommen. Schon begann sein Rumpf sich zu zeigen über dem weißen Kielwasser, das es hinter sich ließ; seine Segel alle bildeten jedoch für das Auge eine unkenntliche Masse Es war also schwierig zu sagen, welcher Classe das Fahrzeug angehören möge, was auch die verschiedensten, von einer Minute zur andern sich widersprechenden Aeußerungen veranlaßte.

»Es ist eine Schebeke, erklärte einer der Seeleute, ich sehe ihre viereckigen Segel am Fockmast!

– Nein, erwiderte ein Anderer, es ist eine Pinke! Man sieht ja den erhöhten Achter und starkgekrümmten Vordersteven!

– Schebeke oder Pinke! Wer könnte dieselben auf eine solche Entfernung unterscheiden?

– Sollte es nicht vielmehr eine Polake mit viereckigen Segeln sein, bemerkte ein anderer Seemann, der aus den halbgeschlossenen Händen sich eine Art Fernrohr gemacht hatte.

– Gott helfe uns! antwortete der alte Gozzo. Polake, Schebeke oder Pinke, jedenfalls sind’s drei Maste, und drei Maste sind allemal besser als zwei, wenn sich’s darum handelt, hier bei uns mit einer tüchtigen Ladung Wein aus Candia oder mit Stoffen aus Smyrna zu landen!«

Nach dieser weisen Bemerkung blickten Alle mit noch größerer Aufmerksamkeit hinaus.

Das Schiff näherte sich und schien allmählich zu wachsen; weil es aber so dicht am Winde fuhr, konnte man es nicht von der Seite sehen. Es wäre also schwierig gewesen, zu sagen, ob es zwei oder drei Maste führte, das heißt, ob sein Tonnengehalt ein größerer oder ein geringerer sein werde.

»O, das Unglück verfolgt uns und der Teufel hat sein Spiel! rief Gozzo, indem er noch einen Fluch hinzusetzte, mit dem er alle Sätze zu verstärken pflegte. Das Ding ist weiter nichts als eine Feluke…

– Oder gar nur eine Speronare!« rief der Mönch, nicht weniger enttäuscht als seine Zuhörer.

Daß diese beiden Bemerkungen mit nicht sehr wohlwollenden Rufen aufgenommen wurden, braucht wohl kaum versichert zu werden. Aber welcher Art das Fahrzeug auch war, so konnte man doch schon beurtheilen, daß es höchstens hundert bis hundertfünfzig Tonnen messen konnte. Freilich kam es ja nicht auf die Menge der Ladung an, wenn diese sonst eine werthvolle war. Man trifft einfache Feluken oder selbst Speronaren, welche eine Fracht an kostbaren Weinen, seinen Oelen oder theuren Geweben führen. In solchen Fällen verlohnt es sich schon der Mühe, sie zu plündern, denn sie geben oft reiche Beute für geringe Mühe. Zu verzweifeln war also noch nicht. Dazu entdeckten die älteren Leute der Bande, daß das Schiff ein gewisses elegantes Aeußere hatte, welches, langjähriger Erfahrung nach, immerhin zu seinen Gunsten sprach.

Schon begann die Sonne hinter dem Horizonte im Westen des ionischen Meeres zu verschwinden; die Octoberdämmerung mußte jedoch noch eine Stunde lang hinreichendes Licht verbreiten, um das Schiff vor Einbruch völliger Dunkelheit zu erkennen Nachdem dasselbe das Cap Matapan umsegelt, wendete es sich um zwei Viertel, um besser in den Golf einlaufen zu können, und zeigte sich damit den Beobachtern in bequemer Stellung. Gleich nachdem dies geschehen, entfuhr auch schon den Lippen des alten Gozzo das Wort »Sacoleve«!

»Eine Sacoleve!« wiederholten seine Genossen, welche ihrem Unmuthe durch rohe Flüche Luft machten.

Ueber den Gegenstand wurde indessen nicht weiter gesprochen, weil Zweifel über denselben nicht obwalten konnten. Das Fahrzeug, welches dem Golfe von Coron zusteuerte, war sicherlich eine Sacoleve. Uebrigens thaten die Leute aus Vitylo sehr unrecht, gleich über Unglück zu schreien. Es ist gar nicht selten, daß man gerade auf diesen Sacoleven sehr kostbare Ladungen antrifft.

Man bezeichnet mit diesem Namen übrigens ein levantinisches Fahrzeug von mittlerem Tonnengehalt, dessen Verdeck einen gedrückten Bogen bildet, indem es sich nach hinten zu ein wenig erhebt. Auf seinen schlanken Masten trägt es mannigfaches Segelwerk. Der stark nach vorn geneigte, in der Mitte stehende Großmast hat gewöhnlich ein lateinisches Segel, ein Noth-, ein Mars- und ein Topsegel. Zwei Klüversegel vorn, zwei sehr spitzige an den beiden Hintermasten vervollständigen seine Takelage, die ihm einen auffallenden Anblick verleiht. Die lebhaften Farben des Rumpfes, die Ausbiegung des Vorderstevens, die Verschiedenheit der Maste, die phantastische Gestalt seiner Segel selbst stempeln es zu einem der merkwürdigsten Muster jener schlanken Fahrzeuge, welche man zu Hunderten in den engen Wasserstraßen des Archipels manövriren sieht. Es gewährte einen wirklich schönen Anblick, das leichte Fahrzeug sich bäumen und mit der Welle wieder aufrichten zu sehen, wenn es sich mit weißem Schaum bekränzte oder mühelos fast hüpfte, gleich einem ungeheuren Vogel, dessen Flügel das Meer streiften und dessen Gefieder in den letzten Strahlen der Abendsonne schimmerte.

Obwohl die Brise auffrischte und der Himmel sich allmählich mit »Wasserhosen« bedeckte – ein Name, den die Levantiner gewissen Wolken ihres Himmels zulegen – verminderte die Sacoleve ihre Segelfläche doch nicht im mindesten. Sie hatte sogar das Topsegel beibehalten, welches ein minder kühner Seemann gewiß schon hätte reefen lassen.

Offenbar lag es in der Absicht des Capitäns, an’s Land zu gehen und nicht etwa die Nacht auf dem schon ziemlich bewegten Meere, welches noch mehr aufgeregt zu werden drohte, zuzubringen.

Wenn die Seeleute von Vitylo nun nicht mehr in Zweifel sein konnten, daß die Sacoleve in einen Hafen einlief, so fragten sie sich doch, ob sie gerade in ihrem Hafen anlegen würde.

»Ah, rief Einer von ihnen, man möchte sagen, daß sie sich immer nur am Winde zu halten, aber nicht einzulaufen suchte.

– Da soll sie der Teufel in’s Schlepptau nehmen! versetzte ein Anderer. Sollte sie wirklich nur laviren und wieder auf die hohe See gehen?

– Steuert sie überhaupt auf Coron zu?

– Oder vielleicht auf Kalamata?«

Beide Voraussetzungen hatten etwa gleichviel für sich. Coron ist ein von Handelsfahrzeugen der Levante stark besuchter Hafen der maniatischen Küste, wo ein bedeutender Ausfuhrhandel von Oel aus dem südlichen Griechenland stattfindet. Dasselbe gilt für Kalamata am Grunde des Golfes, dessen Bazare mit Manufacturwaaren, Stoffen oder Geschirren gefüllt sind, welche von Westeuropa hier eingeführt werden. Es war also möglich, daß die Sacoleve nach einem dieser zwei Häfen bestimmt war, ein Umstand, der die raub- und plünderungslüsternen Vityliner sehr enttäuschte.

Während sie so mit ziemlich interessirter Aufmerksamkeit beobachtet wurde, glitt die Sacoleve rasch vorwärts. Bald befand sie sich auf der Höhe von Vitylo. Jetzt mußte ihr Schicksal sich entscheiden. Wenn sie noch weiter auf den Hintergrund des Golfes zuhielt, mußten Gozzo und seine Spießgesellen jede Hoffnung, sich ihrer zu bemächtigen, aufgeben. Selbst wenn sie sich in ihre schnellsten Boote warfen, hatten sie keine Aussicht jene einzuholen, um so viel war sie ihnen durch das ungeheure Segelwerk, welches sie trug, an Geschwindigkeit überlegen.

»Sie kommt hierher!«

Diese drei Worte rief der alte Steuermann, dessen Arm mit niedergebogener Hand sich gleich einem Enterhaken nach dem kleinen Schiffe zu ausstreckte.

Gozzo täuschte sich nicht. Das Steuerruder wurde in den Wind gelegt und die Sacoleve richtete sich jetzt auf Vitylo. Gleichzeitig wurden das Topsegel und ein Focksegel eingezogen und andere Segel wenigstens halb gereeft. Auf diese Weise von einem Theil des auf ihr lastenden Winddrucks befreit, gehorchte sie nun leichter der Hand des Steuermanns.

Jetzt dunkelte es allmählich mehr. Die Sacoleve hatte gerade nur noch Zeit, in die Einfahrt von Vitylo einzulaufen. Hier liegen unter dem Wasser Felsen verstreut, welche wegen der Gefahr, daran vollständig zu scheitern, sorgsam vermieden werden müssen. Trotzdem stieg keine Lootsenflagge am Großmast des kleinen Fahrzeugs auf. Der Capitän mußte also mit dem ziemlich gefährlichen Fahrwasser selbst genügend vertraut sein, weil er sich, ohne Beistand zu verlangen, in dasselbe wagte. Vielleicht mißtraute er auch – und zwar ganz mit Recht – dem beliebten Verfahren der Vityliner, welche wohl nicht davor zurückgeschreckt wären, ihn irgendwo hier auf den Grund laufen zu lassen, wo schon so sehr viel Fahrzeuge auf diese Weise verloren gegangen waren.

Bisher erhellte übrigens noch kein Leuchtthurm die Küste dieses Theiles von Magne. Ein einfaches Hafenlicht diente dazu, den Eingang in den engen Canal zu bezeichnen.

Inzwischen näherte sich die Sacoleve. Bald befand sie sich nur noch eine halbe Meile von Vitylo. Sie mußte gleich landen. Man merkte, daß eine erfahrene Hand sie führte.

Auch das war nicht dazu angethan, die Ungläubigen zu befriedigen; sie hatten ja weit mehr Interesse daran, das Fahrzeug auf irgend einem Felsen stranden zu sehen; dann hatten sie die Brandung gewissermaßen zum Bundesgenossen. Diese begann die Arbeit, welche sie nur zu vollenden hatten. Erst der Schiffbruch, dann die Plünderung, das war ihr gewöhnliches Verfahren. Das ersparte ihnen ja meist einen Kampf mit bewaffneter Hand, einen unmittelbaren Angriff, dem doch allemal Einige von ihnen zum Opfer fallen konnten.

Es gab in der That oft genug von einer muthigen Mannschaft vertheidigte Fahrzeuge, welche sich nicht ungestraft überfallen ließen.

Die Genossen Gozzo’s verließen also ihren Beobachtungsposten und gingen nach dem Hafen hinunter, um alle verbrecherischen Vorbereitungen zu treffen, welche bei den Strandräubern, ob diese die Meere des Abend- oder des Morgenlandes unsicher machen, so ziemlich die gleichen sind.

Es erschien ja so leicht, die Sacoleve in der engen Fahrstraße des Canals stranden zu lassen, wenn man ihr falsche Weisungen ertheilte, was die zunehmende Dunkelheit noch begünstigte, die, ohne gerade schon vollkommen zu sein, doch die Führung eines Schiffes einigermaßen erschwerte

»An’s Hafenlicht!« befahl Gozzo, dem seine Gefährten ohne Zögern zu gehorchen pflegten.

Alle verstanden den alten Seemann. Schon zwei Minuten später erlosch dieses Licht – eine einfache, am Ende des Hafendammes an einem dort stehenden Pfahl befestigte Laterne – urplötzlich.

Im nämlichen Augenblicke wurde es durch ein anderes Licht ersetzt, das zuerst zwar dieselbe Stelle einnahm; doch wenn das erste auf dem Molo feststehende dem Schiffer immer die gleiche Richtung anwies, mußte diesen das bewegliche andere aus der Fahrstraße verlocken und der Gefahr, auf einen Unterwasserfelsen aufzulaufen, aussetzen.

Das falsche Licht bestand aus einer Laterne, deren Schein sich von dem des Hafenlichtes nicht unterschied. Diese Laterne hatte man aber an den Hörnern einer Ziege befestigt, welche langsam am Rande der Klippe hingetrieben wurde. Sie veränderte ihren Ort also mit dem Thiere und mußte in Folge dessen auch die Sacoleve zu falschem Manövriren verleiten.

Es war nicht zum ersten Male, daß die Leute in Vitylo auf diese Weise verfuhren. Nein, gewiß nicht! Und es war leider auch nur selten, daß ihnen ihre schändlichen Absichten mißlangen.

Die Sacoleve lief nun in die Einfahrt ein. Nachdem auch das große Marssegel eingezogen war, trug sie nur noch die lateinischen Segel am hintersten Maste; doch mußten auch diese genügen, um bis zu dem Anlegepfosten zu gelangen.

Zum größten Erstaunen der dasselbe beobachtenden Seeleute bewegte sich das Schiff durch die Windungen des Canals mit unglaublicher Sicherheit weiter. Um das von der Ziege getragene bewegliche Licht schien sich darauf kein Mensch zu kümmern. Selbst am hellen Tage hätte es nicht sicherer manövriren können.

Sein Capitän mußte also unbedingt die Umgebungen von Vitylo schon wiederholt durchsegelt haben, um so bekannt zu sein, daß er selbst in finstrer Nacht wagen konnte, hier an’s Land zu steuern.

Schon konnte man jetzt den kühnen Seemann wahrnehmen. Seine Gestalt hob sich noch ziemlich deutlich aus dem Schatten auf dem Vordertheil der Sacoleve ab. Er stand da, in die weiten Falten seiner Aba, einer Art wollenen Mantels, gehüllt, dessen Capuze seinen Kopf bedeckte. Dieser Capitän zeigte in der That kaum eine Aehnlichkeit mit jenen bescheidenen Küstenfahrern, welche während einer schwierigen Fahrt meist einen Rosenkranz mit großen Kugeln, wie sie in den Meeren des Archipels gebräuchlich sind, hin und her gleiten lassen. Nein, dieser hier begnügte sich, mit tiefer und ruhiger Stimme dem auf dem Hintertheil des Decks befindlichen Steuermann nur seine Anweisungen zu ertheilen.

Da erlosch plötzlich die Laterne am felsigen Strande. Doch auch das störte die Sacoleve nicht, welche unbeirrt ihren Weg fortsetzte. Einen Augenblick hätte man vielleicht glauben können, daß sie bei einer Wendung einen gefährlichen Felsen anlaufen könne, der ziemlich bis zur Wasserfläche, eine Kabellänge vom eigentlichen Hafen, hinausragte und den in der Dunkelheit unmöglich Jemand sehen konnte. Eine leichte Wendung des Steuers genügte aber, die Richtung des Schiffes zu ändern, das zwar ganz nahe an diesem Risse vorüberstreifte, dasselbe aber nicht im Geringsten berührte.

Dieselbe Gewandtheit entwickelte der Steuermann, als es nothwendig wurde, eine zweite Untiefe zu passiren, welche nur eine ganz beschränkte Fahrstraße im Canal übrig ließ – eine Untiefe, auf der schon manches Schiff festgefahren war, ob dessen Lootse nun ein Complice der Vityliner war oder nicht.

Letztere hatten nun keine Aussicht mehr, auf einen Schiffbruch zu rechnen, der ihnen die Sacoleve fast wehrlos überliefert hätte. Binnen wenigen Minuten mußte diese im Hafen verankert liegen. Um sich ihrer zu bemächtigen, galt es nun Gewalt zu gebrauchen.

Das wurde denn auch nach einer kurzen Verhandlung unter den Schurken von diesen beschlossen und sollte bei der eben herrschenden und einem solchen Unternehmen besonders günstigen Dunkelheit sofort in’s Werk gesetzt werden.

»In die Boote!« rief der alte Gozzo, dessen Befehl ohne Widerspruch Geltung hatte, vorzüglich wenn es sich um eine Plünderung handelte.

Etwa dreißig kräftige Männer, von denen die Einen mit Pistolen bewaffnet waren, die Anderen Dolche oder Aexte schwangen, warfen sich in die am Quai befestigten Boote und ruderten, offenbar an Zahl der Besatzung der Sacoleve überlegen, auf diese zu.

Da ertönte an Bord der letzteren ein kurzes Commando. Die Sacoleve, welche jetzt über den Canal herausgekommen war, befand sich inmitten des Hafens. Ihre Hißtaue wurden gelöst, der Anker rasselte in den Grund, und sie lag, nach einem kurzen Stoße in Folge der Anspannung der Ankerkette, unbeweglich.

Die Boote befanden sich nur noch wenige Faden von derselben entfernt. Ohne besonderes Mißtrauen zu zeigen, hatte sich doch die ganze Besatzung, wohl bekannt mit dem üblen Rufe der Bewohner von Vitylo, ausreichend bewaffnet, um gegebenen Falles zur Vertheidigung bereit zu sein.

Vorläufig geschah aber nichts. Der Capitän der Sacoleve war, nachdem das Schiff fest lag, mehrmals auf dem Deck hin und zurück gegangen, während seine Leute, ohne sich besonders um die Annäherung jener Boote zu bekümmern, ruhig fortfuhren, die Segel in Ordnung zu bringen und das Verdeck frei zu machen.

Indeß hätte man doch beobachten können, daß sie diese Segel nicht einbanden, sondern sie so weit frei ließen, um sofort wieder auslaufen zu können.

Das erste Boot legte neben dem Backbord der Sacoleve an. Die anderen drängten sogleich nach. Und da die Seitenwände des Fahrzeugs nur niedrig waren, brauchten die Angreifer, welche jetzt ein wüthendes Geschrei ausstießen, sich nur in die Höhe zu schwingen, um sich auf dessen Verdeck zu befinden.

Die Verwegensten derselben eilten nach dem Hintertheile. Einer derselben ergriff eine brennende Stocklaterne und hielt sie dem Capitän vor das Gesicht.

Da ließ dieser durch eine schnelle Handbewegung die Kapuze herabsinken, so daß sein Gesicht in vollem Lichte erschien.

»Eh, sagte er, die Leute von Vitylo erkennen nicht einmal ihren Landsmann Nicolas Starkos?«

Bei diesen Worten kreuzte der Capitän gelassen die Arme. Kurze Zeit darauf stießen die Boote eiligst wieder ab und zogen sich nach dem Hintergrunde des Hafens zurück.