Drittes Kapitel.

Drittes Kapitel.

Kommt, soll’n wir gehen und uns Wildpret tödten?
Doch reut mich’s, daß wir den gefleckten Narr’n,
Die Bürger sind in dieser öden Stadt,
Auf eignem Grund mit hack’gen Spitzen blutig
Die runden Hüften reißen.
Shakespeare.

Hurry Harry dachte mehr an die Schönheiten der Judith Hutter als an die von Glimmerglas und der umgebenden Landschaft. Sobald er daher Floating Toms Habseligkeiten und Geräthschaften genau genug durchgemustert, lud er seinen Begleiter wieder in das Canoe, um den See hinab zu fahren und die Familie aufzusuchen. Ehe sie sich einschifften jedoch durchspähte Hurry sorgfältig die ganze nördliche Seite des See’s mit einem mittelmäßigen Schiffsfernrohr, das sich unter Hutter’s Sachen befand. Bei dieser Forschung ward kein Theil des Ufers übersehen; die Buchten und vorspringenden Punkte besonders wurden einer genauern Untersuchung unterworfen, als die übrige waldbewachsene Küste.

»Es ist wie ich gedacht,« sagte Hurry, das Glas weglegend; »der alte Kerl zieht bei diesem schönen Wetter auf dem südlichen Theil herum, und läßt das Castell sich selbst vertheidigen. Nun jetzt, da wir wissen, daß er nicht dorthinaus zu ist, ist es ein Kleines, abwärts zu rudern und ihn in seinem Versteck aufzustöbern.«

»Hält es der Meister Hutter für nöthig, sich zu verstecken auf diesem See?« fragte Wildtödter, indem er seinem Genossen in das Canoe folgte; »nach meiner Ansicht ist hier eine solche Einsamkeit, daß man seine ganze Seele aufschließen könnte, und nicht zu fürchten hätte, es möchte Jemand uns in unsern Gedanken oder unsrer Anbetung stören.«

»Dann vergeßt Ihr Eure Freunde, die Mingos, und all die französischen Wilden. Gibt es eine Stelle auf Erden, Wildtödter, wohin die unruhigen Spitzbuben nicht kämen? Wo ist der See, oder auch nur der Hirschteich, den die Lumpenhunde nicht aufspüren; und sobald sie ihn gefunden, so färben sie auch ganz gewiß früher oder später sein Wasser mit Blut.«

»Ich höre allerdings nirgends ihr gutes Lob, Freund Hurry, obgleich es bis jetzt noch nie mein Schicksal war, ihnen oder irgend einem andern Sterblichen auf dem Kriegspfad zu begegnen. Ich glaube gern, daß ein so anmuthiger Platz, wie dieser, von solchen Plünderern schwerlich würde übersehen werden: denn obschon ich selbst noch nicht im Falle gewesen, mit diesen Stämmen Streit zu haben, geben mir doch die Delawaren solche Berichte über sie, daß ich sie bei mir selbst so ziemlich als Nichtswürdige durch und durch ansehe.«

»Das könnt Ihr mit gutem Gewissen thun, oder, was das betrifft, jeden andern Wilden, dem Ihr etwa begegnet.«

Hiegegen verwahrte sich Wildtödter, und während sie den See entlang ruderten, entspann sich eine hitzige Erörterung über die beiderseitigen Verdienste der Bleichgesichter und der Rothhäute. Hurry hatte alle Vorurtheile und Antipathien eines weißen Jägers, der in der Regel den Indianer als eine Art von natürlichem Nebenbuhler, und nicht selten als einen natürlichen Feind betrachtet. Wie sich von selbst versteht, war er laut, schreiend, keck behauptend, ohne sich viel auf Beweise einzulassen. Wildtödter dagegen zeigte eine ganz andere Sinnes- und Gemüthsart; er bewies durch seine gemäßigte Sprache die Redlichkeit seiner Gesinnung, und durch die Einfachheit seiner Unterscheidungen zeigte er, daß er alle Geneigtheit besaß, Vernunft zu hören und anzunehmen, ein lebhaftes, angebornes Verlangen, gerecht zu seyn, und eine aufrichtige Redlichkeit, die es gänzlich verschmähte, zu Sophismen zu greifen, um eine Behauptung oder ein Vorurtheil zu vertheidigen. Doch war er nicht gänzlich frei von der Herrschaft des letztern. Dieser Tyrann des menschlichen Geistes, der auf tausend Zugängen sich auf seine Beute stürzt, beinahe sobald der Mensch anfängt zu fühlen und zu denken, und selten seinem eisernen Scepter entsagt, ehe beides bei ihm aufhört, hatte einigen Einfluß sich erobert selbst über den Rechtlichkeitssinn dieses Mannes, der doch sonst in diesen Punkten als ein schönes Muster gelten konnte, wozu Entfernung von bösem Beispiel, Mangel an Versuchung zum Fehltritt und natürliche Gutartigkeit einen Jüngling zu machen vermögen.

»Ihr werdet zugeben, Wildtödter, daß ein Mingo mehr als ein halber Teufel ist,« schrie Hurry, die Erörterung mit einer Lebhaftigkeit verfolgend, die nahe an Wildheit grenzte – »obgleich Ihr mich gern überreden möchtet, daß der Delawaren-Stamm nahezu aus Engeln besteht. Nun widerspreche ich diesem Satz sogar in Beziehung auf weiße Männer. Alle weißen Menschen sind nicht fehlerfrei, und daher können alle Indianer nicht fehlerfrei seyn. Und so ist Eure Behauptung nackt und lahm. Aber was ich Beweis nenne, ist dieß: drei Farben gibt es auf der Erde, Weiß, Schwarz und Roth. Weiß ist die vornehmste Farbe, und daher der Weiße der beste Mann; dann kommt Schwarz, und sind die Schwarzen bestimmt in der Nähe der Weißen zu leben, als erträglich und tauglich zu Dienst und Gebrauch; und Roth kommt zuletzt, was zeigt, daß derjenige, der sie geschaffen, nie erwartete, daß ein Indianer für mehr als halb menschlich gelten sollte.«

»Gott hat alle drei gleich erschaffen, Hurry.«

»Gleich! Sagt Ihr ein Neger sey gleich einem Weißen, oder ich einem Indianer?«

»Ihr geht immer zu früh los und hört mich nie aus. Gott hat uns Alle geschaffen, Weiße, Schwarze und Rothe, und ohne Zweifel hatte er seine weisen Absichten, daß er uns verschieden färbte. Doch hat er uns in der Hauptsache ziemlich mit den gleichen Gefühlen geschaffen, obgleich ich nicht läugnen will, daß er jeder Race ihre eignen Gaben verliehen. Eines weißen Mannes Gaben sind christlich eingerichtet, während die einer Rothhaut mehr für die Wildniß sind. So wäre es für einen Weißen eine große Sünde einen Todten zu skalpieren, während es bei einem Indianer eine hohe Tugend ist. Ferner, ein weißer Mann darf nicht Weiber und Kinder im Krieg meuchlings niedermachen; während eine Rothhaut es darf. Es ist grausame Arbeit, das geb‘ ich zu; aber für sie ist es eine erlaubte That, während es für uns eine schmähliche That wäre.«

»Das hängt von Eurem Feind ab. Was das betrifft, einen Wilden zu skalpiren, oder selbst ihm die Haut abzuziehen, so sehe ich das ungefähr ebenso an, wie wenn man einem Wolf die Ohren abschneidet, wegen des ausgesetzten Preises, oder einem Bären die Haut abstreift. Und dann seyd Ihr mächtig auf dem Holzweg, daß Ihr Euch der Rothhäute so annehmt, da doch die Colonie selbst einen Preis für den Handel geboten hat; ebenso wie sie für Wolfsohren und Krähenköpfe einen zahlt.«

»Ja, und eine schlechte Sache ist das, Hurry. Die Indianer selbst schreien Pfui darüber, weil es gegen der Weißen Gaben ist. Ich behaupte nicht, daß Alles, was weiße Männer thun, eigentlich christlich ist, und dem ihnen verliehenen Lichte gemäß, denn dann wären sie was sie seyn sollten, was sie, wie wir wissen, nicht sind; aber ich will behaupten, daß Ueberlieferung und Gebräuche und Farbe und Gesetze solch einen Unterschied bei den Racen machen, daß es auf die Gaben einwirkt. Ich läugne nicht, daß unter den Indianern Stämme sind, von Natur schon verkehrt und ruchlos, wie es solche Nationen gibt unter den Weißen. Die Mingo’s nun rechne ich zu Jenen, und die Franzmänner, in den Canada’s, zu Diesen. In einem rechtmäßigen Kriegszustand, wie wir seit Kurzem haben, ist es Pflicht, alle mitleidigen Gefühle niederzuhalten gegen Beide, was Leben und Tod betrifft; aber wenn es sich um Skalpiren handelt, ist es eine ganz andre Sache.«

»Nehmt doch nur Vernunft an, wenn’s Euch beliebt, Wildtödter, und sagt mir, ob die Colonie ein ungesetzliches Gesetz machen kann? Ist nicht ein ungesetzliches Gesetz mehr gegen die Natur als das Skalpiren eines Wilden? Ein Gesetz kann so wenig ungesetzlich seyn als Wahrheit Lüge seyn kann.«

»Das klingt vernünftig; aber ist höchst unbegründet, Hurry. Die Gesetze kommen nicht alle aus derselben Quelle. Gott hat uns das seinige gegeben, und einige gehen von der Colonie aus, und andre vom König und Parlament. Wenn die Gesetze der Colonie, oder auch die des Königs den Gesetzen Gottes zuwiderlaufen, so werden sie ungesetzlich und soll man ihnen nicht gehorchen. Ich halte daran fest, daß ein weißer Mann die weißen Gesetze achten soll, so lange sie nicht einem Gesetz in die Quere kommen, das von einer höhern Autorität ausgeht, und daß ein rother Mann den Gebräuchen der Rothhäute folge unter derselben Einschränkung. Aber es ist unnütz, hierüber zu schwatzen, da jeder Mensch für sich selbst denken kann, und seinen Gedanken gemäß spricht. Laßt uns tüchtig uns umschauen nach Eurem Freund, Floating Tom, damit wir nicht an ihm vorbeirudern, während er unter dieser buschigten Küste verborgen liegt.«

Wildtödter hatte die Ufer nicht unrichtig bezeichnet. Ihrer ganzen Ausdehnung entlang hingen die kleinen Bäume über das Wasser her, mit ihren Zweigen oft in das durchsichtige Element sich eintauchend. Die Ufer waren steil, weil der Strand so schmal war; und da die Pflanzenwelt unabänderlich dem Lichte zustrebt, war die Wirkung gerade die, nach welcher ein Liebhaber des Malerischen gestrebt haben würde, wenn man die Anordnung dieser prachtvollen Waldeinfassung seinem Geschmack überlassen hätte. Auch die Vorsprünge und Buchten waren zahlreich genug, um den Umrissen eine wechselnde Mannigfaltigkeit zu verleihen. Da das Canoe dicht an der westlichen Seite des See’s hinfuhr, zu dem Zweck, wie dieß Hurry seinem Genossen erklärt hatte, die etwaige Nähe von Feinden zu rekognosciren, ehe er sich ganz dem offenen Blick blosstellte, wurde die Aufmerksamkeit der beiden Abenteurer beständig in Spannung erhalten, da Keiner vorhersagen konnte, was die nächste Biegung eines Landvorsprungs offenbaren würde. Ihre Fahrt war rasch, da die gigantische Kraft Hurry’s ihn in Stand setzte, mit der leichten Barke zu spielen wie mit einer Feder, während die Geschicklichkeit seines Genossen beinahe ebenso nützlich war, trotz der Ungleichheit seiner Körperstärke.

Jedesmal wenn das Canoe an einem Punkt des Landes vorbei kam, warf Hurry einen Blick hinter sich, in Erwartung die ›Arche‹ vor Anker liegend oder in der Bucht eingelaufen zu sehen. Es war jedoch sein Schicksal, seine Erwartung getäuscht zusehen, und sie waren dem südlichen Ende des See’s bis auf eine Meile nahe gekommen, und volle zwei Stunden von dem ›Castell‹ entfernt, das nunmehr durch ein halb Dutzend Landvorsprünge dem Blick entzogen war, als er plötzlich zu rudern aufhörte, wie unsicher, in welcher Richtung zunächst weiter steuern.

»Es ist möglich, daß der alte Kauz in den Strom hinabgeschwommen ist,« sagte Hurry, nachdem er sorgfältig die ganze östliche Küste durchspäht hatte, die etwa eine halbe Meile entfernt und in mehr als ihrer halben Länge seinem forschenden Blick offen lag, »denn er hat sich in neuester Zeit tüchtig aufs Fallenstellen gelegt, und wenn das Floßholz nicht im Wege liegt, könnte er wohl eine Meile oder so hinabgleiten: obgleich er saure Stunden haben würde, wieder heraufzukommen!«

»Wo ist der Ausfluß?« fragte Wildtödter; »ich sehe keine Oeffnung an der Küste und den Bäumen, die so aussähe, als wollte sie einen Strom wie den Susquehannah durchlassen.«

»Ja, Wildtödter, die Flüsse sind wie menschliche Wesen, fangen klein und schmal an und endigen mit breiten Schultern und weiter Mündung. Ihr seht den Ausfluß nicht, weil er zwischen hohen, steilen Höhen hingeht; und die Fichten und Schierlingstannen und Linden darüberherhängen, wie ein Dach über ein Haus. Wenn der alte Tom nicht in dem »Rattenloch« ist, so muß er in 47

den Strom geschwommen seyn; wir wollen ihn zuerst in dem Loch suchen, und dann nach dem Ausfluß hin fahren.«

Im Weiterrudern erklärte Hurry, es sey hier eine seichte Bucht, gebildet durch einen langen, niedern Vorsprung, der den Namen Rattenloch bekommen, von dem Umstand, weil sie ein Lieblingsaufenthalt der Bisamratze war, und die eine so genügende Zuflucht für die Arche darbot, daß ihr Besitzer gar gern daselbst lag, so oft er es passend fand.

»Da ein Mann in diesem Theile des Landes nie weiß, was er für Besuche bekommen kann,« fuhr Harry fort, »so ist es ein großer Vortheil, wenn man sie recht besehen kann, ehe sie zu nahe kommen. Jetzt wo Krieg ist, ist eine solche Vorsicht noch nützlicher als in gewöhnlichen Zeiten, da ein Canadier oder ein Mingo in seine Hütte kommen könnte, ehe er sie einlüde. Aber Hutter ist ein ausbündiger Späher, und wittert Gefahren so prächtig, wie nur immer ein Hund das Wild.«

»Ich meine das Castell ist so offen, daß es gewiß Feinde anlocken müßte, wenn einmal solche den See auffänden; was freilich, wie ich zugebe, unwahrscheinlich genug ist, da er außer der Fährte des Forts und der Ansiedelungen liegt.«

»Ha, Wildtödter, ich bin auf die Ansicht gekommen, daß ein Mann leichter Feinden begegnet als Freunden. Es ist wunderlich zu denken, aus wie manchen Gründen man der Feind von Einem werden kann, und aus wie wenigen sein Freund. Manche heben die Streitaxt auf, weil Ihr nicht gerade so denkt wie sie, Andere weil Ihr ihnen in denselben Ideen voranlauft; und ich kannte einmal einen Vagabunden, der mit einem Freunde Händel anfing, weil dieser ihn nicht für schön hielt. Nun, Ihr seyd auch kein Wunderwerk, was die Schönheit anbetrifft, Wildtödter, aber doch würdet Ihr nicht so unvernünftig seyn und mein Feind werden, weil ich Euch das geradeheraus sage.«

»Ich bin wie mich Gott geschaffen hat, und ich wünsche nicht für besser noch für schlechter zu gelten. Ein schönes Aussehen mag mir fehlen, das heißt in dem Maße, wie es die Leichtsinnigen und Eiteln verlangen, aber ich hoffe, es fehlt mir nicht an Lob und Empfehlung, was guten Wandel betrifft. Es gibt wenig Männer, die stattlicher aussehen als Ihr, Hurry; und ich weiß, daß ich mir nicht Rechnung machen darf, es werde Jemand das Auge auf mich richten, wenn Einer wie Ihr daneben steht; aber ich wüßte nicht, daß ein Jäger darum weniger erfahren seyn sollte mit der Büchse, oder weniger zuverlässig in Herbeischaffung der Nahrung, weil er nicht bei jeder hellen Quelle, auf die er stößt, Halt zu machen verlangt, um sein Antlitz im Wasser zu studiren.«

Hier brach Hurry plötzlich in ein lautes Gelächter aus; denn während er zu gleichgültig war, um sich viel zu bekümmern um seine offenbaren, körperlichen Vorzüge, war er sich ihrer doch wohl bewußt, und wie die meisten Menschen, welche durch den Zufall der Geburt oder der Natur begünstigt sind, dachte er mit Wohlgefallen und Behagen daran, so oft ihm der Gegenstand vor die Seele trat.

»Nein, nein, Wildtödter, Ihr seyd keine Schönheit, wie Ihr selbst bekennen werdet, wenn Ihr nur über das Canoe hinausschauen wollt,« rief er; »Judith wird Euch das ins Gesicht sagen, wenn Ihr sie aufbringt, denn eine losere Zunge ist nicht zu finden in einem Mädchenkopf innerhalb oder außerhalb der Ansiedlungen, wenn Ihr sie reizt, sie zu brauchen. Mein Rath an Euch ist, Judith nie zu belästigen; aber der Hetty könnt Ihr Alles sagen, und sie wird es aufnehmen so sanft wie ein Lamm. Nein, Judith wird Euch vermuthlich ihre Meinung von Eurem Aussehen gar nicht sagen.«

»Und wenn sie es thut, Hurry, wird sie mir nicht Mehr sagen, als Ihr mir schon gesagt –«

»Ihr werdet doch nicht warm werden über eine kleine Bemerkung, Wildtödter, hoffe ich, wo gar keine Absicht war zu 49

kränken. Ihr seyd keine Schönheit, wie Ihr selbst wissen müßt, und warum sollten Freunde einander solche Kleinigkeiten nicht sagen? Wenn Ihr schön wäret, oder es je zu werden Aussicht hättet, so wäre ich Einer der Ersten, der es Euch sagte; und das sollte Euch zufrieden stellen. Wenn nun Jude mir sagte, ich sey so häßlich wie die Sünde, ich würde es als eine Art Compliment nehmen, und mich bestreben, ihr nicht zu glauben.«

»Es ist für Solche, welche die Natur begünstigt hat, leicht, über solche Dinge zu spaßen, Hurry, aber manchmal hart für Andere. Ich will nicht läugnen, daß auch ich den Wunsch gehabt habe, gut auszusehen, ja das habe ich; aber ich habe doch immer vermocht, den Wunsch zu unterdrücken durch die Erwägung, wie Viele ich gekannt habe mit schönen Außenseiten, die innerlich Nichts hatten, sich dessen zu rühmen. Ich will nicht läugnen, Hurry, daß ich oft wünsche, ich wäre ansprechender geschaffen für das Auge, mehr wie Einer Euresgleichen in diesen Punkten; aber dann überwinde ich diese Gefühle durch den Gedanken, wie viel besser ich dran bin in gar vielen Hinsichten, als manche meiner Mitgeschöpfe. Ich hätte ja können lahm geboren werden, und untüchtig selbst zur Eichhornjagd, oder blind, was mich mir selbst wie meinen Freunden zu einer Last gemacht hätte, oder des Gehörs entbehrend, was mich ganz unfähig gemacht haben würde, ins Feld und auf Kundschaft zu ziehen, worauf ich doch rechne, als einen Theil von des Mannes Pflichten in unruhigen Zeiten. Ja, ja; es ist nicht angenehm, ich will es gestehen, Leute zu sehen, die hübscher, und mehr gesucht und geehrt sind, als man selbst ist; aber es läßt sich Alles ertragen, wenn ein Mann dem Uebel ins Gesicht schaut, und seine Gaben und Verpflichtungen nicht mißkennt.«

Hurry war im Wesentlichen ein herzguter wie ein gutmüthiger Gesell, und die Selbsterniedrigung seines Genossen trug den vollständigen Sieg über das flüchtige Gefühl persönlicher Eitelkeit davon. Ihn reute die Anspielung, die er auf das Aeußere seines Freundes gemacht, und er suchte dieß auch auszusprechen, obwohl in der derben Weise, welche den Gewohnheiten und Ansichten des Grenzers entsprach.

»Ich wollte Euch nicht beleidigen, Wildtödter,« erwiederte er in begütigendem Tone, »und ich hoffe, Ihr werdet vergessen, was ich gesagt habe. Wenn Ihr nicht gerade schön seyd, so habt Ihr doch einen gewissen Zug, der deutlicher sagt als Worte, daß innen Alles richtig ist. Dann legt auch Ihr keinen Werth auf äußeres Aussehen, und werdet um so eher eine kleine Bemerkung über Eure leibliche Erscheinung vergeben. Ich will nicht sagen, daß Jude Euch sehr bewundern werde, denn das könnte Hoffnungen in Euch erwecken, die in getäuschter Erwartung endigen müßten; aber da ist Hetty, die wahrscheinlich Euch mit ebenso großer Genugthuung sehen würde, wie irgend einen andern Mann. Und dann seyd Ihr auch zu ernst und bedächtig, um Euch viel um Judith zu kümmern; denn, obgleich das Mädchen wirklich ganz besonder ist, ist sie doch so allgemein in ihrer Bewunderung, daß ein Mann sich Nichts darauf einbilden darf, wenn sie zufällig gegen ihn lächelt. Ich denke manchmal, die Hexe liebt sich selbst mehr, als irgend eine andre Creatur.«

»Wenn sie das thut, Hurry, würde sie nicht mehr thun, besorg‘ ich, als die meisten Königinnen auf ihren Thronen und Damen in den Städten,« erwiederte Wildtödter lächelnd, und wandte sich um gegen seinen Begleiter, jede Spur von Empfindlichkeit aus seinem ehrlichen und offenen Gesicht verschwunden. »Ich habe noch nie Jemand selbst unter den Delawaren kennen gelernt, von dem Ihr nicht das Gleiche sagen könntet. Aber hier ist das Ende des langen Vorsprungs, wovon Ihr spracht, und das »Rattenloch« kann nicht weit entfernt seyn.«

Diese Landspitze, statt wie alle andern sich hervorzuschieben, lief in Einer Linie hin mit dem Hauptufer des See’s, der hier in eine tiefe Bucht zurücktrat, südlich sich wieder umbiegend in der 51

Entfernung einer Viertelmeile, und durchschnitt das Thal, die südliche Grenze des Wassers bildend. In dieser Bucht war Hurry beinahe gewiß, die Arche zu finden, weil sie, hinter den Bäumen ankernd, welche den schmalen Streifen der Landspitze bedeckten, hier einen ganzen Sommer liegen konnte, allen Späheraugen verborgen. So vollständig war in der That dieß Versteck, daß ein Boot, dicht am Gestade, innerhalb der Landzunge und nahe am Busen der Bay hinfahrend, nur in Einer Richtung her zu sehen möglich war, nämlich von einem Punkt des dichtbewaldeten Ufers, der vom Wasser bespült wurde, wohin Fremde nicht leicht kommen konnten.

»Wir werden bald die Arche sehen,« sagte Hurry, als das Canoe um die äußerste Spitze des Landes herumfuhr, wo das Wasser so tief war, daß es wirklich schwarz schien; »er liebt es, sich im Buschwerk und Rohr zu verkriechen, und wir werden binnen fünf Minuten in seinem Nest seyn, obwohl der alte Kerl selbst vielleicht fort und bei den Fallen ist.«

March’s Prophezeihung ging nicht in Erfüllung. Das Canoe umfuhr die Landzunge ganz, so daß die beiden Reisenden im Stande waren, die ganze Bucht, oder Bai, denn das war es eigentlich, zu übersehen, aber kein Gegenstand, außer solchen, welche von Natur da waren, wurde sichtbar. Das friedliche Wasser dehnte sich in einer anmuthigen Krümmung, die Binsen beugten sich leise auf seinen Spiegel herab, und die Bäume hingen darüber hin wie gewöhnlich; aber Alles lag da in der wohlthuenden, erhabnen Einsamkeit einer Wildniß. Die Scene war so, daß ein Dichter oder Künstler darüber in Entzücken gerathen wäre, aber sie hatte keinen Reiz für Hurry Harry, der vor Ungeduld brannte, seiner leichtsinnigen Schönheit ansichtig zu werden.

Die Bewegung des Canoe’s hatte wenig oder kein Geräusch verursacht, da die Grenzmänner überhaupt die Gewohnheit annahmen, bei allem ihrem Thun und Treiben die größte Behutsamkeit 52

zu beobachten, und es lag jetzt auf dem spiegelklaren Wasser, wie in Luft schwebend, und nahm Theil an der athmenden Stille, welche die ganze Scene zu durchdringen schien. In diesem Augenblick hörte man einen Ton, wie das Krachen eines dürren Steckens auf dem dünnen Strich Land, welcher die Bucht von dem offnen See versteckend schied. Beide Abenteurer fuhren auf, und jeder streckte die Hand nach der Büchse aus, denn diese Waffe mußte immer in nächster Nähe zur Hand liegen.

»Es war zu schwer für eine leichte Creatur,« flüsterte Hurry, »und es tönte wie der Tritt eines Mannes.«

»Nicht so, nicht so,« versetzte Wildtödter, »es war, wie Ihr sagt, zu schwer für das eine, aber zu leicht für den andern. Aber senkt Eure Schaufel ins Wasser und treibt das Canoe hinein in das Loch; ich will landen und der Creatur den Rückweg auf der Landzunge abschneiden, sey es nun ein Mingo, oder nur eine Bisamratze.«

Da Hurry einwilligte, war Wildtödter bald am Land und drang in das Dickicht vor mit dem Moccasin an den Füßen und mit einer Vorsicht, die jedes Geräusch verhütete. In einer Minute war er in der Mitte des schmalen Landstreifens, und langsam schritt er dem Ende desselben zu, da die Gebüsche die äußerste Wachsamkeit nothwendig machten. Gerade als er die Mitte des Dickichts erreichte, krachten wieder dürre Zweige, und es wiederholte sich in kurzen Zwischenräumen das Geräusch, wie wenn eine lebendige Creatur langsam der äußersten Spitze zuwandelte. Hurry hörte diese Töne auch, und das Canoe in die Bai treibend, ergriff er seine Büchse, um die Folgen abzuwarten. Eine Minute athemloser Stille folgte, worauf ein prächtiger Damhirsch aus dem Dickicht heraus schritt, mit stattlichen Schritten bis an das sandige Ende der Landzunge hinwandelte und seinen Durst in dem Wasser des See’s zu löschen anfing. Hurry besann sich einen Augenblick, dann nahm er rasch seine Büchse auf die Schulter, zielte und 53

feuerte. Die Wirkung dieser plötzlichen Unterbrechung der feierlichen Stille einer solchen Scene gehörte mit zu deren auffallendsten Eigenthümlichkeiten. Der Knall der Feuerwaffe war das gewöhnliche, scharfe, kurze Krachen einer Büchse; aber als einige Augenblicke der Stille nach diesem plötzlichen Knall eingetreten waren, während welcher der Hall in der Luft über das Wasser hin sich fortbewegte, erreichte er die Felsen der gegenüber stehenden Berge, wo die Schwingungen sich häuften, von Höhle zu Höhle, Meilen weit an den Hügeln fortrollten und die schlafenden Donner der Wälder zu wecken schienen. Der Damhirsch schüttelte aber den Kopf bei dem Knall der Büchse und dem Pfeifen der Kugel, denn er war noch nie in Berührung mit Menschen gekommen; blos das Echo der Berge machte sein Mißtrauen rege, und seine vier Füße unter dem Leib zusammengezogen, stürzte er mit einem Sprung vorwärts auf einmal in’s tiefe Wasser und fing an, dem Ende des See’s zuzuschwimmen. Hurry jauchzte auf und eilte ihm nach, vorwärts, und ein paar Minuten schäumte das Wasser auf um den Verfolger und den Verfolgten. Jener stürmte eben an der Spitze vorbei, als der Wildtödter auf dem Sand erschien und ihm winkte, umzukehren.

»Es war unbesonnen einen Schuß abzufeuern, ehe wir die Küste ausgekundschaftet, und die Gewißheit hatten, daß kein Feind sich dort aufhalte,« sagte der Letztere, während sein Genosse langsam und widerstrebend seinem Rath folgte. »So viel hab ich schon von den Delawaren gelernt, durch Unterricht und Ueberlieferungen, obgleich ich noch nie auf dem Kriegspfad gewesen. Und zudem kann man jetzt kaum sagen, daß die Zeit für’s Wildpret da sey, und es mangelt uns nicht an Nahrung. Man nennt mich Wildtödter, ich gesteh‘ es, und vielleicht verdien‘ ich auch den Namen, sofern ich die Lebensweise und Art der Thiere kenne, ebenso sehr als wegen der Sicherheit meines Zielens: aber man kann mir nicht nachsagen, daß ich ein Thier tödte, wenn es nicht wegen einer Mahlzeit oder wegen der Haut ist. Ich bin wohl vielleicht ein Tödter, aber kein Schlächter.«

»Es war ein gräulicher Streich, daß ich den Damhirsch fehlte!« rief Hurry, indem er seine Mütze abnahm und sich mit den Fingern durch seine schönen aber verwirrten Locken fuhr, als wollte er durch diese Manipulation seine verworrenen Gedanken schlichten, »es ist mir nichts so Ungeschicktes geschehen seit meinem fünfzehnten Jahre.«

»Beklagt Euch nicht darüber; des Thieres Tod hätte Keinem von uns einen Vortheil, wohl aber leicht Schaden gebracht. Die Echo’s da sind entsetzlicher für mein Ohr, als Euer Mißgeschick, denn sie tönen mir wie die Stimme der Natur, die empört aufschreit über eine mörderische, unbesonnene That.«

»Ihr könnt genug solcher Schreie hören, wenn Ihr lang in dieser Gegend verweilt, Junge,« versetzte der Andere lachend. »Die Echos wiederholen so ziemlich Alles, was man auf dem Glimmerglas sagt oder thut, bei diesem heitern Sommerwetter. Wenn nur ein Ruder fällt, so hört Ihr es manchmal wieder und wiederhallen, wie wenn die Berge Eures täppischen Wesens spotteten, und ein Gelächter oder ein Pfeifen tönt von den Fichten dort, wenn sie gerade in der Laune sind zu schwatzen, dergestalt zurück, daß Ihr glauben solltet, sie können wirklich plaudern.«

»Um so mehr Grund, vorsichtig und still zu seyn. Ich glaube nicht, daß bis jetzt die Feinde den Weg in diese Berge gefunden haben können, denn ich wüßte nicht, was sie dabei zu gewinnen hätten; aber alle Delawaren sagen mir, wie Muth die erste Tugend eines Kriegers, so sey Klugheit seine zweite. Ein solcher Ruf von den Bergen wiederhallend ist genug, einen ganzen Stamm in das Geheimniß unsers Hierseyns einzuweihen.«

»Wenn es auch sonst keinen Nutzen hat, so wird es doch den alten Tom mahnen, den Topf übers Feuer zu setzen und ihm zu wissen thun, daß Besuch in der Nähe ist. Kommt, Junge; kommt in das Canoe, und wir wollen die Arche aufspüren, so lang es noch Tag ist.«

Wildtödter gehorchte und das Canoe verließ den Platz. Seine Spitze war in der Diagonale über den See hin gerichtet, und wies nach der südöstlichen Krümmung des Wassers hin. In dieser Richtung war die Entfernung bis an die Küste oder bis an das Ende des See’s, in der Linie, wie die Beiden jetzt steuerten, nicht ganz eine Meile, und da ihre Fahrt immer rasch ging, minderte sich diese Entfernung schnell unter den geschickten aber gemächlichen Ruderschlägen. Ungefähr auf der Hälfte des Wegs zog ein leichtes Geräusch die Blicke der Männer nach dem nächstliegenden Land und sie sahen, wie der Damhirsch eben aus dem See emportauchte und dem Gestade zuwatete. Nach einer Minute schüttelte sich das edle Thier das Wasser von den Seiten, schaute empor nach dem schützenden Dach der Bäume und stürzte sich, die Uferhöhe hinan springend, in den Wald.

»Dieses Geschöpf geht dahin voll Dankbarkeit in seinem Herzen,« sagte Wildtödter, »denn die Natur sagt ihm, daß es einer großen Gefahr entronnen ist. Ihr solltet auch Etwas von demselben Gefühl haben, Hurry, bei dem Gedanken, daß Euer Auge nicht sichrer, daß Eure Hand nicht fest genug war, da doch nichts Gutes herauskommen konnte bei einem Schuß, der mehr in Unbesonnenheit als mit gutem Bedacht abgefeuert wurde.« »Ich läugne, daß Auge und Hand fehlten,« schrie March mit einiger Hitze. »Ihr habt einigen Ruf erlangt unter den Delawaren drunten wegen Eurer Geschicklichkeit und Sicherheit bei der Jagd; aber ich möchte Euch wohl sehen hinter einer von den Fichten dort, und einen ganz übermalten Mingo hinter einer andern, Jeder mit gespanntem Hahn an der Büchse und um euer Leben wettend! Das sind Lagen, Nathaniel, das Auge und die Hand zu erproben, denn sie fangen damit an, die Nerven zu erproben. Ich sehe das Tödten eines Thiers nie als eine That an; aber einen Wilden tödten – das ist eine. Die Zeit wird kommen, wo Ihr Eure Hand erproben könnt, jetzt, da es wieder blutige Köpfe gegeben, und wir werden bald sehen, was eine Wildpretberühmtheit im Feld ausrichtet. Ich läugne, daß Hand oder Auge unsicher gewesen; es war nur eine falsche Verechnung der Bewegungen des Hirsches, der stille stand, als er noch sich hätte bewegen sollen, und so schoß ich über ihn weg.«

»Erklärt es wie Ihr wollt, Hurry, ich behaupte weiter Nichts, als daß es ein Glück gewesen. Ich glaube gern, daß ich auf einen sterblichen Menschen nicht so stet, noch mit so leichtem Herzen abdrücken werde, wie auf ein Wild.«

»Wer spricht denn auch von Sterblichen, oder von menschlichen Wesen, Wildtödter? Ich sehe bei Euch ja den Fall mit einem Indianer. Ich glaube gern, jeder Mann hätte wohl seine besondern Gefühle, wenn es Leben oder Tod gälte, einem andern menschlichen Geschöpf gegenüber; aber solche Bedenklichkeiten würden wegfallen bei einem Indianer; weiter Nichts, als die gefährliche Wette, ob er Euch trifft oder Ihr ihn.«

»Ich halte dafür, daß die rothen Männer vollkommen ebenso Menschen sind wie wir, Hurry. Sie haben ihre eignen Gaben und ihre eigne Religion, das ist wahr; aber das macht am Ende keinen Unterschied, wo Jeder wird gerichtet werden nach seinem Thun, und nicht nach seiner Haut.«

»Das ist gesprochen, wie ein Missionär, und wird wenig Gunst finden in dieser Gegend, wo die Mährischen Brüder keine Gemeinden haben. Die Haut macht einmal den Menschen. Das ist nach Wahrheit und Vernunft gesprochen; denn wie sollten sonst die Leute einander beurtheilen. Die Haut wird über Alles angezogen, damit wenn man eine Creatur oder einen Sterblichen recht und gehörig sieht, man sogleich weiß, was man aus ihn, zu machen hat; Ihr unterscheidet einen Bären von einem Schwein nach seiner Haut, und ein graues Eichhorn von einem schwarzen.« »Wahr, Hurry,« sagte der Andere, zurückschauend und lächelnd, »aber doch sind beides Eichhörnchen.«

»Wer läugnet das? Aber Ihr werdet doch nicht behaupten wollen, ein rother Mann und ein weißer Mann seyen beide Indianer?«

»Nein, aber ich behaupte, Beide sind Menschen. Menschen von verschiedener Race und Farbe, und mit verschiedenen Gaben und Ueberlieferungen, aber in den Hauptsachen von einer und derselben Natur. Beide haben Seelen, und Beide sind verantwortlich für ihre Thaten in diesem Leben.«

Hurry war einer jener Theoretiker, die an die geringere Natur aller menschlichen Stämme, die nicht weiß sind, glauben. Seine Begriffe von der Sache waren nicht sehr klar, und seine Definitionen auch nicht sehr feststehend, aber seine Ansichten waren darum nicht minder positiv und heftig. Sein Gewissen bezichtigte ihn verschiedentlicher, gesetzwidriger Thaten gegen die Indianer, und er hatte eine ausnehmend bequeme Auskunft zur Beruhigung desselben darin gefunden, daß er die gesammte Familie der rothen Männer rücksichtslos außerhalb der Categorie der Menschenrechte setzte. Nichts erbitterte ihn leichter, als wenn man seinen Satz läugnete, zumal wenn die Läugnung von einem Aufgebot einleuchtender Gründe unterstützt war; und so hörte er denn die Bemerkungen seines Genossen mit wenig innerer und äußerer Ruhe und Fassung an.

»Ihr seyd ein Kind, Wildtödter, irre geführt und berückt durch die List der Delawaren und durch die Unwissenheit der Missionäre,« rief er aus, mit seiner gewöhnlichen Gleichgültigkeit gegen die Formen des Gesprächs, wenn er einmal aufgeregt war. »Ihr mögt Euch immer als Bruder einer Rothhaut betrachten, aber ich halte sie alle für Thiere, die nichts Menschliches an sich haben, als Schlauheit; die haben sie, das gebe ich zu, aber die hat auch der Fuchs und sogar der Bär. Ich bin älter als Ihr und habe länger in den Wäldern gelebt – oder vielmehr, ich habe immer darin gelebt, und brauche mir nicht erst sagen zu lassen, was ein Indianer ist, oder was er nicht ist. Wenn Ihr für einen Wilden zu gelten wünscht, so dürft Ihr es nur sagen, so will ich Euch der Judith und dem alten Mann als einen solchen vorstellen, und dann wollen wir sehen, wie Euch der Willkomm behagt.«

Hier leistete Hurry’s Einbildungskraft seiner Aufregung einen nützlichen Dienst, denn in Folge davon, daß er sich den Empfang ausmalte, welcher seinem so eingeführten Freunde bei seinen halb im Wasser lebenden Bekannten würde zu Theil werden, brach er in ein herzliches Gelächter aus. Auch wußte Wildtödter zu gut, wie nutzlos der Versuch seyn würde, ein solches Wesen von irgend etwas zu überzeugen, das seinen Vorurtheilen zuwider lief, als daß er Lust getragen hätte, den Versuch zu wagen; und es that ihm nicht leid, daß die Annäherung des Canoe’s an die südöstliche Krümmung des See’s seinen Ideen eine neue Richtung gab. Sie waren jetzt wirklich dem Ort ganz nahe, den March als die Gegend des Ausflusses bezeichnet hatte, und beide begannen sich darnach umzusehen mit einer Neugierde, die noch gesteigert ward durch die Erwartung, die Arche zu finden.

Vielleicht überrascht es den Leser als etwas Seltsames, daß der Ort, wo ein Fluß von einiger Größe zwischen Ufern hinströmte, die einige und zwanzig Fuß hoch waren, Männern zweifelhaft seyn konnte, die nicht mehr als nur zweihundert Schritte noch von dieser Stelle entfernt waren. Man wird sich aber erinnern, daß die Bäume und Gebüsche hier, wie überall, das Wasser ganz überhingen, und einen solchen Saum um den See zogen, daß alle kleinen Abweichungen oder Unterbrechungen seiner Linie sich dem Auge entzogen.

»Ich bin seit zwei Sommern nicht an diesem Ende des See’s gewesen,« sagte Hurry, indem er sich im Canoe aufrichtete, um sich besser umsehen zu können. »Ja, das ist der Fels, und zeigt sein Kinn über dem Wasser, und ich weiß, daß in seiner Nähe der Fluß anfängt.«

Die Männer handhabten jetzt wieder die Ruder, und hatten sich bald dem Felsen bis auf wenige Schritte genähert; sie schwammen darauf zu, obgleich sie ihre Arbeit eingestellt hatten. Dieser Fels war nicht groß, nur etwa fünf oder sechs Fuß hoch, und nur etwa halb so viel erhob er sich über den See. Die unablässige Bespühlung des Wassers seit Jahrhunderten hatte seinen Gipfel so abgerundet, daß er seiner Gestalt nach, die ungewöhnlich regel- und ebenmäßig war, einem großen Bienenkorb glich. Hurry bemerkte, während sie langsam dahin glitten, daß dieser Fels allen Indianern in der Gegend wohl bekannt sey, und daß sie ihn als Merkzeichen gebrauchten, um den Sammelplatz zu bestimmen, wenn sie auf ihren Jagden und Märschen sich trennten.

»Und hier ist der Fluß, Wildtödter,« fuhr er fort, »obwohl so eingeschlossen von Bäumen und Büschen, daß er mehr einem Hinterhalt gleichsieht, als der Ausströmung eines solchen See’s wie der Glimmerglas.«

Hurry hatte die Scene nicht übel geschildert, denn in der That schien es ein Fluß, der im Hinterhalt liegt. Die hohen Ufer mochten etwa hundert Fuß aus einander liegen; aber auf der westlichen Seite dehnte sich ein kleines Stück Land so weit hervor, daß dadurch die Breite des Flusses um die Hälfte vermindert wurde. Da die Büsche in das Wasser herabhingen, und Fichten von der Höhe von Kirchtürmen in riesigen Säulen emporragten, sämmtlich dem Licht sich zusenkend, bis ihre Zweige sich vermengten, konnte das Auge selbst in einer kleinen Entfernung nicht leicht eine Lücke an der Küste entdecken, welche den Ausfluß des Wassers verrathen hätte. Im Wald oben sah man vom See aus keine Spuren von dieser Oeffnung, denn Alles bot den Anblick derselben zusammenhängenden und dem Anschein nach endlosen Laubtapete. Wie das Canoe langsam weiter glitt, von der Strömung eingesogen, kam es unter eine Wölbung von Bäumen, durch welche das Licht vom Himmel sich in einigen zufälligen Oeffnungen durchkämpfte, das Dunkel unten nur schwach unterbrechend. »Das ist ein natürlicher Hinterhalt,« flüsterte halb Hurry, als fühlte er, daß der Ort dem Geheimniß und der Wachsamkeit geweiht sey; »verlaßt Euch darauf, der alte Tom ist mit der Arche irgendwo hier untergekrochen. Wir wollen mit der Strömung noch eine kleine Strecke hinabtreiben und ihn aufstöbern.«

»Das scheint aber kein Wasser für ein Fahrzeug von einiger Größe,« versetzte der Andere; »mich dünkt, wir haben kaum Platz genug für das Canoe.«

Hurry lachte über diese Aeußerung, und wie sich bald zeigte, mit Grund; denn nicht sobald war man an dem Saum von Buschwerk unmittelbar an dem Ufer des See’s vorüber, als die zwei Abenteurer sich auf einem schmalen Fluß mit hinreichend tiefem und sehr klarem Wasser dabei von starkem Fall, und unter einem Laubdach befanden, von Bogen emporgehalten, die aus den Stämmen uralter Bäume bestanden. Buschwerk faßte, wie überall, die Küsten ein, aber es ließ Raum genug zwischen sich frei, um Alles durchpassiren lassen zu können, was nicht über zwanzig Schuh breit war, und einen Durchblick zu gestatten, der acht- oder zehnmal so viel betrug.

Keiner unsrer beiden Abenteurer bediente sich des Ruders, außer um die leichte Barke in der Mitte der Strömung zu erhalten, aber Beide beobachteten jede Windung des Flusses, deren auf einer Strecke von hundert Schritten zwei oder drei vorkamen, mit eifersüchtiger Wachsamkeit. Windung um Windung war jedoch zurückgelegt, und das Canoe war mit der Strömung eine Strecke hinabgeglitten, als Hurry ein Gebüsch erfaßte und dadurch seine Bewegung hemmte, – und das so plötzlich und still, daß man einen ganz besondern Beweggrund dieses Vornehmens vermuthen mußte. Wildtödter legte die Hand an den Kolben seiner Büchse, sobald er diese Bewegung sah; aber er that dieß eher nach alter Jägergewohnheit, als aus einer Anwandlung von Besorgniß.

»Dort ist der alte Kerl!« flüsterte Hurry, mit einem Finger 61

deutend und herzlich lachend, obgleich er sich sorgfältig hütete, ein Geräusch zu machen; »ist auf den Fang aus, wie ich mir gedacht; steht bis an die Knie im Koth und Wasser, um nach den Fallen und dem Köder zu sehen. Aber ich kann um’s Leben nichts von der Arche sehen; und doch will ich jedes Fell, das ich dieß Jahr erbeute, wetten: Judith traut sich mit ihren hübschen Füßchen nicht in die Nähe dieses schwarzen Kothes. Wahrscheinlich strählt sich das Mädchen die Haare vor einer Quelle, wo sie ihre eigene Schönheit betrachten und hochmüthige Gesinnungen gegen uns Männer sammeln kann.«

»Ihr urtheilt zu hart von jungen Weibern; ja, das thut Ihr, Hurry, denn sie denken ebenso oft an ihre Fehler als an ihre Vollkommenheiten. Ich denke fast, diese Judith ist keine so arge Bewundrerin von sich selbst, noch eine so arge Verächterin unseres Geschlechts, als Ihr zu glauben scheint; und es ist eben so wahrscheinlich, daß sie für ihren Vater arbeitet und sorgt im Hause, wo dieß nun auch seyn mag, wie er bei den Fallen für sie arbeitet.«

»Es ist eine Lust, die Wahrheit aus dem Munde eines Mannes zu hören, wenn es auch nur einmal im Leben eines Mädchens der Fall ist,« rief eine angenehme, volle und doch sanfte weibliche Stimme, dem Canoe so nahe, daß beide Hörer auffuhren. »Was Euch betrifft, Meister Hurry, rechtliche Worte ersticken Euch so leicht, daß ich sie nicht mehr aus Eurem Munde erwarte; das letzte, das Ihr spracht, blieb Euch in der Kehle stecken und brachte Euch dem Tode nahe. Aber es freut mich, zu sehen, daß Ihr bessere Gesellschaft habt als früher, und daß Solche, welche Frauen zu achten und zu behandeln wissen, sich nicht schämen, in Eurer Begleitung zu reisen.«

Als dieß gesprochen war, ward ein ausnehmend hübsches, jugendliches Mädchengesicht durch eine Oeffnung im Laub hervorgestreckt, im Bereich von Wildtödters Ruder. Die Eigenthümerin desselben lächelte den jungen Mann freundlich an, und der schmollende,

finstre Blick, den sie Hurry zuwarf, obwohl nur erheuchelt und schelmisch, diente ihre Schönheit noch mehr herauszuheben, indem er das Spiel einer ausdrucksvollen aber launenhaften Miene zeigte, eines Gesichts, das mit Leichtigkeit und ohne Anstrengung vom Sanften in’s Ernste, vom Fröhlichen in’s Zurückstoßende überzugehen schien.

Ein zweiter Blick erklärte die ganze Ueberraschung. Ohne es zu wissen, hatten die Männer neben der Arche Halt gemacht, welche mit gutem Bedacht war versteckt worden, in den zu diesem Behufe zurecht geschnittenen und geordneten Gebüschen; und Judith Hutter hatte nur das Laub, das ein Fenster bedeckte, weggeschoben, um ihr Gesicht zu zeigen und mit ihnen zu sprechen.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Doch Mutter, jetzt ein Schatten fällt
Auf meiner Träume goldnen Schein;
Und eine schwarze Wolke hüllt
Des Daseyns kurzen Rest mir ein!
Nicht Lied, nicht Echo tönt mir mehr;
Der funkelnde Quell im Innern leer!
Margaret Davidson.

Hist und Hetty erhoben sich mit dem wiederkehrenden Licht, und verließen Judith noch in Schlaf versunken. Die Erstere brauchte nur eine Minute, um ihre Toilette zu vollenden. Ihr langes, kohlschwarzes Haar war bald in einen einfachen Knoten geordnet, das Caliko-Gewand eng um ihren schlanken Leib gegürtet, und ihre kleinen Füße in ihren lustig gezierten Moccassins verborgen. Als sie angekleidet war, verließ sie ihre mit Haushaltungssachen beschäftigte Freundin, und ging selbst auf die Plattform, um die reine Morgenluft zu athmen. Hier traf sie Chingachgook, wie er die Küsten des See’s, die Berge und den Himmel mit dem Scharfblick eines Mannes der Wälder und mit dem Ernst eines Indianers studirte.

Die Begegnung der Liebenden war einfach aber liebevoll. Der Häuptling zeigte eine männliche Freundlichkeit, gleichweit entfernt von knabenhafter Weichheit wie von Hast, während das Mädchen in ihrem Lächeln und ihren halb abgewandten Blicken die verschämte Zärtlichkeit ihres Geschlechts verrieth. Keines sprach, außer mit den Augen, aber Beide verstanden einander so vollkommen, wie wenn sie ein Wörterbuch voll Phrasen und Betheurungen erschöpft hätten. Hist erschien selten vortheilhafter als in diesem Augenblick; denn da sie eben vom Schlaf und von den Abwaschungen herkam, zeigte ihre jugendliche Gestalt und ihr Antlitz eine Frische, welche selbst die Jungen und Hübschen unter den Mühsalen des Waldlebens sich nicht immer zu erhalten vermögen. Sodann hatte Judith nicht nur Einiges von ihrer Geschicklichkeit in der Toilette während ihrer kurzen Bekanntschaft ihr beigebracht, sondern ihr auch aus ihren Vorräthen einige gutgewählte Zierrathen geschenkt, welche die natürlichen Reize der jungen Indianerin nicht wenig heraushoben. Alles dieß sah und empfand der Liebhaber, denn einen Augenblick war sein Angesicht von einem Blick der Freude erleuchtet; aber bald war es wieder ernst, und dann wurde es traurig und ängstlich. Die in der vorigen Nacht gebrauchten Stühle standen noch auf der Plattform: er stellte zwei davon an die Wände der Hütte, setzte sich auf einen, und bedeutete mit einer Geberde seiner Genossin, den andern zu nehmen. Nach diesem blieb er noch eine volle Minute nachdenklich und stumm, die überlegende Würde eines Mannes behauptend, der dazu geboren ist, seinen Sitz am Berathungsfeuer einzunehmen, während Hist verstohlen den Ausdruck seines Gesichts beobachtete, geduldig und unterwürfig, wie einem Weib ihres Volkes geziemte. Dann streckte der junge Krieger den Arm vor sich aus, als wollte er auf die Herrlichkeit der Scene in dieser bezaubernden Stunde hindeuten, wo das ganze Panorama, wie gewöhnlich, in der weichen, milden Klarheit eines Frühmorgens prangte, und fuhr mit seiner Hand langsam dem See, den Bergen und dem Himmel entlang. Das Mädchen folgte dieser Bewegung mit vergnügter Bewunderung, lächelnd bei jeder neuen Schönheit, auf die ihr Auge fiel.

»Hugh!« rief der Häuptling in seiner Bewunderung einer selbst ihm so ungewohnten Scene, denn dieß war der erste See, den er sah. »Das ist das Land des Manitou! Es ist zu gut für Mingo’s, Hist; aber die Köter dieses Stammes heulen truppweis durch die Wälder. Sie meinen, die Delawaren schlafen über den Bergen.«

»Alle, bis auf Einen von ihnen, Chingachgook. Einer ist hier; und der ist vom Blute der Unkas!«

»Was ist Ein Krieger gegen einen Stamm? – Der Pfad zu unsern Dörfern ist sehr lang und krumm, und wir haben dahin zu wandern unter einem umwölkten Himmel. Auch fürchte ich, Gaißblattblüthe der Berge, wir werden allein dahin wandern.«

Hist verstand die Anspielung und sie ward traurig, obwohl es ihrem Ohre süß klang, von dem Krieger, den sie so liebte, mit der duftigsten und lieblichsten von allen wilden Blumen ihrer heimischen Berge verglichen zu werden. Doch blieb sie stumm, wie ihr geziemte, wenn auf eine ernste Angelegenheit angespielt wurde, welche Männer am besten beurtheilten, obgleich die Macht der Erziehung bei ihr nicht so viel vermochte, daß sie das Lächeln verhehlt hätte, welches in Folge des wohlthuenden Eindrucks von Chingachgooks Rede ihren hübschen Mund umschwebte.

»Wenn die Sonne so ist,« fuhr der Delaware fort, nach dem Zenith hinaufdeutend, einfach eine Hand und einen Finger durch eine Bewegung des Handgelenks aufwärts richtend, »wird der große Jäger unsers Stammes zurückkehren zu den Huronen, um behandelt zu werden wie ein Bär, den sie rösten und schinden, selbst bei vollem Magen.«

»Der Große Geist möge ihre Herzen besänftigen und nicht dulden, daß sie so blutdürstig seyen. Ich habe unter den Huronen gelebt, und kenne sie. Sie haben Herzen, und werden ihre eignen Kinder nicht vergessen, sollten sie in die Hände der Delawaren fallen.«

»Ein Wolf heult immer fort; ein Schwein hört nicht auf zu fressen. Sie haben Krieger verloren; selbst ihre Weiber werden nach Rache schreien. Das Bleichgesicht hat die Augen eines Adlers und kann hineinschauen in die Mingo-Herzen; er sieht nicht aus, als hoffte er Gnade. Es ist eine Wolke über seinem Geist, obgleich keine vor seinem Angesicht.«

Eine lange Pause des Nachsinnens trat nun ein, während welcher Hist leise die Hand des Häuptlings ergriff, als suchte sie seine Hülfe nach, obwohl sie kaum ihr Auge zu erheben wagte gegen ein Antlitz, das jetzt im buchstäblichen Sinne furchtbar ward unter dem Kampfe von streitenden Leidenschaften und finstrer Entschlossenheit in der Brust des Indianers.

»Was will der Sohn von Unkas thun?« fragte endlich schüchtern das Mädchen. »Er ist ein Häuptling, und ist schon berühmt im Rathe, obgleich noch so jung; was sagt ihm sein Herz, daß das Weiseste sey? spricht das Haupt auch dieselben Worte wie das Herz?«

»Was sagt Wah-ta!-Wah in einem Augenblick, wo mein liebster Freund in einer solchen Gefahr ist? Die kleinsten Vögel singen am süßesten; es ist immer angenehm, ihrem Gesang zu horchen. Ich wollte, ich hörte den Zaunkönig der Wälder in meiner Bedrängniß; seine Noten würden tiefer dringen als ins Ohr.«

Wieder empfand Hist die innige Zufriedenheit, welche die Sprache des Lobes im Munde derer, die man liebt, jederzeit gewährt. ›Gaißblattblüthe der Berge‹ war ein Ausdruck, den die jungen Delawaren oft von dem Mädchen gebrauchten, der aber nie so süß in ihr Ohr klang, als wenn er von Chingachgooks Lippen kam, der Letztere allein aber hatte sie Zaunkönig der Wälder genannt. Bei ihm indessen war es eine ganz vertraute Benennung geworden, und der Name klang dem Mädchen über alle Beschreibung süß, weil er in ihr die Idee erweckte, daß ihr Rath und ihre Gesinnungen ihrem künftigen Gatten ebenso werth, als der Ton ihrer Stimme, und die Art und Weise, jene auszusprechen, ihm angenehm seyen, und so die zwei Dinge vereinigte, die einem indianischen Mädchen bei ihrem Verlobten am Meisten gelten: Bewunderung eines schätzbaren physischen Vorzugs, und Achtung vor ihrer Meinung. Sie drückte die Hand, die sie zwischen den beiden ihrigen hielt, und antwortete:

»Wah-ta!-Wah sagt, weder sie noch die Große Schlange könnte je wieder lachen, oder auch nur schlafen, ohne zu träumen von den Huronen, sollte der Wildtödter sterben unter einem Mingo-Tomahawk, ohne daß sie Etwas gethan hätten, ihn zu retten. Lieber würde sie zurückkehren und ihren langen Pfad allein antreten, als solch eine dunkle Wolke vor ihr Glück treten lassen.«

»Gut! Der Gatte und das Weib werden nur Ein Herz haben; sie werden sehen mit denselben Augen, und fühlen mit denselben Gefühlen.«

Was weiter gesprochen wurde, braucht hier nicht erzählt zu werden. Daß das Gespräch Wildtödtern und seine Aussichten betraf, hat man schon gesehen, aber die Entscheidung, welche gefaßt wurde, wird man besser im weitern Verlauf der Erzählung erfahren. Das jugendliche Paar war noch in seiner Unterredung begriffen, als die Sonne über den Gipfeln der Fichten erschien, und das Licht eines glänzenden amerikanischen Tages über das Thal ausströmte, in ›tiefer Wonne‹ den See, die Wälder und die Bergabhänge badend. Gerade in diesem Augenblick trat Wildtödter aus der Cajüte der Arche, und kam auf die Plattform. Sein erster Blick war nach dem wolkenlosen Himmel, dann nahm sein rasches Auge das ganze Panorama von Land und Wasser in sich auf, wo er dann Muße hatte zu einem freundlichen Nicken gegen seine Freunde, und zu einem heitern Lächeln für Hist.

»Nun,« sagte er, in seiner gewohnten, gefaßten Art und mit seiner wohllautenden Stimme; »wer die Sonne im Westen untergehen sieht, und früh genug erwacht am Morgen, findet sie gewiß wieder kommend im Osten, wie einen Hirsch, der um sein Lager herum gejagt wird. Ich glaube fast, Hist, Ihr habt das oft und viel gesehen, und doch ist es Euch noch nie in Euren mädchenhaften Sinn gekommen, nach der Ursache davon zu fragen?«

Chingachgook und seine Verlobte schauten Beide zu dem Glanzgestirn empor mit einer Miene, welche plötzliches Staunen verrieth, und dann starrten sie einander an, als suchten sie nach der Lösung der Schwierigkeit. Gewohnheit tödtet die Empfänglichkeit selbst in Bezug auf die wichtigsten Naturerscheinungen; und nie bis jetzt hatten diese einfachen Geschöpfe daran gedacht, über eine Bewegung nachzusinnen, welche täglich ihnen vor Augen stand, wie befremdend sie auch bei näherer Forschung scheinen mochte. Als der Gegenstand so plötzlich auf die Bahn gebracht wurde, sprach er Beide, und in demselben Augenblick, etwa mit derselben Gewalt an, wie ein neuer und glänzender Satz in den Naturwissenschaften den Gelehrten ansprechen würde. Chingachgook allein erachtete für passend, zu antworten.

»Die Bleichgesichter wissen Alles,« sagte er; »können sie uns sagen, warum die Sonne ihr Angesicht verbirgt, wenn sie bei Nacht ihren Weg zurückgeht?«

»Ja, das ist ächte Rothhautgelehrsamkeit,« versetzte der Andere lachend, obwohl er nicht ganz gleichgültig war gegen den Genuß, die Ueberlegenheit seiner Race zu beweisen durch die Lösung des schwierigen Problems, woran er sich in seiner eigenthümlichen Weise machte. »Hört, Schlange,« fuhr er ernster fort, doch zu unbefangen zur Affektation, »das ist leichter erklärt, als ein indianisches Hirn sich vielleicht einbildet. Die Sonne, während sie die Reise am Himmel hin zu machen scheint, rührt sich nie, sondern die Erde ist es, die sich rund herum dreht; und Jeder kann begreifen, wenn er an ein Mühlrad zum Beispiel gebunden würde, während es in Bewegung ist, daß er zu Zeiten den Himmel sehen muß, während er zu andern Zeiten unter dem Wasser ist. Es ist kein großes Geheimniß darin, sondern einfache Natur; und die Schwierigkeit besteht nur darin, die Erde in Bewegung zu setzen.«

»Wie weiß mein Bruder, daß die Erde sich rund herumdreht?« fragte der Andere. »Kann er es sehen?«

»Nun, das war eine verwirrende Frage, ich gesteh‘ es, Delaware; denn ich habe es schon oft versucht, und konnte es nie recht herausbringen. Manchmal bildete ich mir ein, es zu können; und dann wieder sah ich mich genöthigt, die Unmöglichkeit zu gestehen. Aber, umdrehen thut sie sich, wie Alle von meinem Volke sagen, und Ihr müßt ihnen glauben, denn sie können Finsternisse und andere Wunder vorhersagen, welche die Stämme mit Schrecken zu erfüllen pflegen, nach Euren eignen Ueberlieferungen von solchen Dingen.«

»Gut. Das ist wahr, kein rother Mann wird es läugnen. Wenn ein Rad sich dreht, so können es meine Augen sehen – die Erde sehen sie nicht sich umdrehen.«

»Ja, das ist, was ich Sinnentrotz nenne! Sehen ist Glauben, sagen sie; und was sie nicht sehen können, dem wollen manche Menschen nicht den mindesten Glauben beimessen. Dennoch Häuptling, ist das nicht so ganz ausgemachte Vernunft, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Ihr glaubt an den Großen Geist, das weiß ich; und doch, denke ich, würde es Euch in Verlegenheit setzen, anzugeben, wo Ihr ihn seht!«

»Chingachgook kann ihn sehen überall – überall in guten Dingen, den Bösen Geist in schlechten. Hier im See, dort im Wald, drüben in den Wolken; in Hist, in dem Sohne von Unkas, in Tamenund, in Wildtödter. Der Böse Geist ist in den Mingo’s, das weiß ich: die Erde sehe ich nicht sich umdrehen.«

»Es wundert mich nicht, daß man Euch die Schlange nennt, Delaware, nein, wahrhaftig nicht! Es ist immer eine Bedeutung in Euern Worten, und oft ist auch eine Bedeutung in Eurem Gesicht! Trotzdem passen Eure Antworten nicht ganz zu meiner Idee: daß Gott wahrzunehmen ist in allen natürlichen Gegenständen, kann man zugeben; aber er ist nicht darin wahrzunehmen in der Art, wie ich meine. Ihr wißt, daß ein Großer Geist ist, aus seinen Werken; und die Bleichgesichter wissen, daß die Erde sich umdreht, aus ihren Werken. Das ist der Grund der Sache, obwohl wie es zu erklären, Mehr ist, als ich Euch so genau sagen kann. Das weiß ich: alle von meinem Volk sind von der Sache überzeugt; und was alle Bleichgesichter glauben, wird doch wohl wahr seyn.«

»Wenn die Sonne über dem Wipfel dieser Fichte steht, wo wird mein Bruder Wildtödter dann seyn?«

Der Jäger fuhr auf und schaute seinen Freund scharf, obwohl ganz ohne Unruhe an. Dann winkte er ihm zu folgen, und ging ihm voran in die Arche, um dort den Gegenstand weiter zu besprechen, ungehört von Solchen, deren Gefühle, wie er besorgte, die Oberhand über die Vernunft gewinnen möchten. Hier blieb er stehen, und setzte das Gespräch im vertraulicheren Tone fort.

»Es war etwas unklug von Euch, Schlange,« sagte er, »einen solchen Gegenstand vor Hist aufzubringen, und wo das Mädchen von meiner Farbe Alles hätte hören können, was gesprochen wurde. Ja, es war ein wenig unkluger, als das Meiste, was Ihr thut. Einerlei; Hist verstand es nicht, und die Andre hörte es nicht. Indessen, die Frage ist leichter gestellt als beantwortet. Kein Sterblicher kann sagen, wo er morgen seyn wird, wenn die Sonne aufgeht. Ich will Euch dieselbe Frage vorlegen, Schlange, und wäre begierig zu hören, welche Antwort Ihr geben könnt?«

»Chingachgook wird bei seinem Freund Wildtödter seyn; wenn dieser im Lande der Geister ist, wird die Große Schlange an seine Seite sich schmiegen: wenn unter jener Sonne dort, wird ihre Wärme und ihr Licht auf Beide fallen.«

»Ich verstehe Euch, Delaware,« versetzte der Andere, gerührt von der einfachen Selbstaufopferung seines Freundes. »Eine solche Sprache ist so klar in einer Sprache wie in der andern; sie kommt vom Herzen und geht auch zum Herzen. Es ist gut, so zu denken und mag gut seyn, so zu sprechen auch, aber es wäre nicht gut, so zu handeln, Schlange. Ihr steht nicht mehr allein im Leben; denn obgleich Ihr noch die Hütten zu wechseln, und andre Ceremonien durchzumachen habt, ehe Hist Euer rechtmäßiges Weib wird, seyd Ihr doch schon so gut wie verheirathet, was Gefühle und Freude und Jammer betrifft. Nein, nein; Hist darf nicht verlassen werden, weil eine Wolke etwas unerwartet zwischen Euch und mir hinzieht, und etwas dunkler als wir vorausgesehen hatten.«

»Hist ist eine Tochter der Mohikans; sie weiß ihrem Gatten zu gehorchen. Wohin er geht, wird sie ihm folgen. Beide werden bei dem großen Jäger der Delawaren seyn, wenn die Sonne morgen über den Fichten steht.«

»Der Herr segne und schütze Euch, Häuptling; das ist baarer Wahnsinn! Kann Eines von Euch, oder könnt Ihr beide zusammen eine Mingonatur ändern? Werden Eure stolzen Mienen, oder Hists Thränen und Schönheit einen Wolf in ein Eichhorn verwandeln, oder einen Panther so unschuldig machen wie ein Reh? Nein, Schlange, Ihr werdet Euch diese Sache besser bedenken, und mich in der Hand Gottes lassen. Am Ende ist doch noch keineswegs gewiß, daß die Schurken die Martern im Sinn haben, denn sie können auch noch barmherzig seyn, und bedenken, wie sündhaft ein solches Beginnen wäre; obgleich es eine ziemlich hoffnungslose Aussicht ist, zu erwarten, daß ein Mingo sich abwende vom Uebel, und Barmherzigkeit die Oberhand gewinnen lasse in seinem Herzen. Demungeachtet, Niemand weiß gewiß, was sich begeben wird; und junge Creaturen wie Hist dürfen nicht auf Ungewißheiten hin auf’s Spiel gesetzt werden. Dieß Heirathen ist eine ganz andere Sache, als manche junge Leute sich einbilden. Ja, wenn Ihr ledig wäret, oder so gut als ledig, Delaware, dann würde ich erwarten, daß Ihr flink und rüstig wäret, und um das Lager der Vagabunden herumstrichet, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, mit Listen und Schlichen, so rastlos wie ein Hund auf der Fährte, und Alles versuchtet, um mir zu helfen und den Feind von mir abzuziehen; aber Zwei sind oft schwächer als Einer, und wir müssen die Dinge nehmen wie sie sind, und nicht wie wir sie wünschen.«

»Hört, Wildtödter,« erwiederte der Indianer mit einem so entschiedenen Nachdruck, daß man wohl sah, wie Ernst es ihm war: »Wenn Chingachgook in den Händen der Huronen wäre, was würde mein Bleichgesichtbruder thun? Nach den Delawarendörfern schleichen und den Häuptlingen, und alten Männern, und jungen Kriegern sagen: ›Seht, hier ist Wah-ta!-Wah; sie ist gerettet, und wohlbehalten, aber ein wenig ermüdet; und hier ist der Sohn von Unkas, nicht so ermüdet wie die Gaißblattblüthe, weil er stärker ist, aber ebenso wohlbehalten.‹ Würdet Ihr das thun?«

»Nun, das ist ungemein sinnreich; es ist schlau genug selbst für einen Mingo. Der Herr allein weiß, was Euch auf den Gedanken gebracht, eine solche Frage zu thun. Was ich thun würde? Ha, für’s Erste würde wohl Hist schwerlich überhaupt in meiner Gesellschaft seyn, denn sie würde Euch so nahe bleiben als möglich, und daher könnte Alles, was sie betraf, nicht gesprochen werden, ohne Unsinn zu sprechen. Das Ermüdetseyn, das würde auch wegfallen, wenn sie gar nicht mitkäme, und kein Theil Eurer Rede würde wohl in meinen Mund passen; so seht Ihr, Schlange, die Vernunft ist gegen Euch, und Ihr könnt es immerhin aufgeben; denn gegen die Vernunft Etwas behaupten, geziemt sich in keiner Weise für einen Häuptling von Eurem Charakter und Ruf.«

»Mein Bruder ist nicht er selbst; er vergißt, daß er zu Einem redet, der an den Berathungsfeuern seiner Nation gesessen ist,« versetzte der Andere mild. »Wenn Männer sprechen, sollten sie Nichts sagen, was auf der einen Seite des Kopfes hinein und auf der andern herausgeht. Ihre Worte sollten nicht Federn seyn, so leicht, daß ein Wind, der das Wasser nicht kräuselt, sie fortwehen kann. Er hat auf meine Frage nicht geantwortet; wenn ein Häuptling eine Frage stellt, sollte sein Freund nicht von andern Dingen plaudern.« »Ich versteh‘ Euch, Delaware; ich verstehe wohl, was Ihr meint, und die Wahrheit erlaubte mir nicht, es anders zu sagen. Dennoch ist es nicht so leicht, Euch zu antworten, wie Ihr zu glauben scheint, aus diesem einfachen Grunde: Ihr verlangt, ich solle sagen was ich thäte, wenn ich eine Verlobte hätte wie Ihr hier habt, auf dem See, und einen Freund drüben im Lager der Huronen, mit Martern bedroht. Das ist es, nicht so?«

Der Indianer nickte schweigend mit dem Kopf, immer mit unbeweglichem Ernst, obgleich sein Auge zwinkerte bei dem Anblick von des Andern Verlegenheit.

»Nun gut, ich hatte nie eine Verlobte, kannte nie die Art von Gefühlen gegen ein junges Weib, wie Ihr gegen Hist; obgleich der Herr weiß, daß meine Gefühle wohlwollend genug sind gegen Alle. Dennoch aber ist mein Herz, wie sie es nennen, in solchen Dingen nicht geübt, und daher kann ich nicht sagen, was ich thäte. Ein Freund zieht stark an Einem; das weiß ich aus Erfahrung, Schlange; aber nach Allem, was ich gesehen und gehört habe von der Liebe, bin ich geneigt zu glauben, daß eine Verlobte noch stärker zieht.«

»Wahr, aber die Verlobte Chingachgooks zieht nicht nach den Hütten der Delawaren hin; sie zieht hinüber nach dem Lager der Huronen.«

»Sie ist ein edles Mädchen, mit all ihren kleinen Füßen und Händen, die nicht größer sind als die eines Kindes, und einer Stimme, die so lieblich ist, wie die eines Spottvogels; sie ist ein edles Mädchen und ganz wie der Stamm ihrer Väter. Nun was ist es denn, Schlange? denn ich bilde mir ein, sie hat doch nicht ihren Sinn geändert, und will sich ausliefern, und ein Huronenweib werden? Was habt Ihr im Sinne?

»Wah-ta!-Wah will nimmermehr im Wigwam eines Irokesen leben,« antwortete der Delaware trocken. »Sie hat kleine Füße, aber sie können sie zu den Dörfern ihres Volkes tragen; sie hat auch kleine Hände, aber ihr Gemüth ist groß. Mein Bruder wird sehen, was wir thun können, wenn die Zeit kommt, ehe wir ihn unter den Martern der Mingo’s sterben lassen.«

»Unternehmt nichts Unvorsichtiges,« sagte der Andere ernst; »ich glaube wohl, Ihr werdet und müßt Euren Willen haben; und im Ganzen ist es recht, daß Ihr ihn habt; denn Ihr würdet Euch nicht glücklich fühlen, wenn nicht Etwas unternommen würde. Aber beginnt nichts Unvorsichtiges. Ich erwartete, daß Ihr den See nicht verlassen würdet, so lang meine Sache in Ungewißheit schwebte; aber bedenkt, Schlange, daß keine Martern, welche sinnreiche Grausamkeit der Mingo’s erdenken mag, keine Verspottungen und Schmähungen, kein Brennen und Rösten und Nägelausziehen, noch irgend welche unmenschliche Quälereien meinen Geist so leicht niederdrücken könnten, als wenn ich sehen müßte, daß Ihr und Hist, über dem Bestreben, Etwas zu meinen Gunsten zu thun, in die Hände des Feindes gefallen wäret.«

»Die Delawaren sind vorsichtig. Wildtödter wird sehen, daß sie nicht mit geschlossenen Augen in ein fremdes Lager hineinrennen.«

Hier endete die Unterredung. Hetty kündigte sofort an, daß das Frühstück bereit sey, und die ganze Gesellschaft saß bald um den einfachen Tisch in der gewöhnlichen, urzuständlichen Weise der Grenzleute herum. Judith nahm zuletzt ihren Sitz ein, bleich, schweigsam, und mit den Spuren einer bang und schmerzlich, wo nicht schlaflos, verbrachten Nacht in ihrem Angesicht. Keine Sylbe ward bei dieser Mahlzeit gesprochen, und alle Frauen zeigten Mangel an Appetit, während bei den Männern in diesem Punkt keine Veränderung zu bemerken war. Es war noch frühe, als die Gesellschaft aufstand, und noch blieben einige Stunden, bis der Gefangene seine Freunde verlassen mußte. Dieser wohl bekannte und bedachte Umstand, und die Theilnahme, die sie an seinem Schicksal fühlten, versammelte Alle wieder auf der Plattform, weil sie wünschten, in der Nähe des vermuthlichen Opfers zu weilen, seinen Reden zu horchen, und wo möglich durch Zuvorkommenheit gegen seine Wünsche ihm ihre Theilnahme zu bezeigen. Wildtödter selbst war, so viel menschliche Augen sehen konnten, ganz unerschüttert, er sprach heiter und natürlich, obwohl er jede unmittelbare Hindeutung auf das zu befürchtende, große Ereigniß des Tages vermied. Wenn man irgend ein Anzeichen davon entdecken konnte, daß seine Gedanken überhaupt auf diesen peinlichen Gegenstand sich richteten, so war es die Art, wie er vom Tod und von dem letzten großen Wechsel sprach.

»Grämt Euch nicht, Hetty,« sagte er; denn während er das schwachsinnige Mädchen über den Verlust ihrer Eltern tröstete, verrieth er seine Gefühle in der bezeichneten Weise, »sintemal Gott es so verhängt hat, daß Alle sterben müssen. Eure Eltern, oder die Ihr dafür gehalten, was auf Eins hinausläuft, sind vor Euch hingegangen; das ist nur in der Ordnung der Natur, mein gutes Mädchen, denn die Alten gehen zuerst, und die Jungen folgen. Aber Wer eine Mutter gehabt hat, wie die Eurige war, Hetty, kann nicht im Zweifel seyn, daß er das Beste hoffen dürfe über die Gestaltung der Dinge in einer andern Welt. Der Delaware hier, und Hist, glauben an glückliche Jagdreviere, und haben Ideen, wie sie für ihre Begriffe und Gaben als Rothhäute passen; aber wir, die wir von weißem Blute sind, halten an einer ganz andern Lehre fest. Doch vermuthe ich so ziemlich, unser Himmel ist ihr Land der Geister, und der Pfad, der dahin führt, wird von allen Farben gleicherweise betreten. Es ist für die Ruchlosen unmöglich, darein einzugehen, das will ich zugeben; aber Freunde können schwerlich getrennt werden, wenn sie auch nicht von derselben Race auf Erden sind. Richtet Euer Gemüth auf, arme Hetty, und sehet getrost dem Tag entgegen, wo Ihr Eure Mutter wieder sehen werdet, und das ohne Leid und Kummer.«

»Ich erwarte Mutter wieder zu sehen,« versetzte das wahrhafte und einfache Mädchen. »aber was wird aus Vater werden?«

»Das ist eine Frage zum Maulstopfen, Delaware,« sagte der Jäger in indianischer Sprache, »das ist gradezu eine Frage zum Maulstopfen! Die Bisamratze war kein Heiliger auf Erden, und es ist gut errathen, daß er drüben eben auch kein sonderlicher seyn wird! Indeß, Hetty,« und hier glitt er mit einem leichten Uebergang in’s Englische hinüber, »indeß, Hetty, wir müssen Alle das Beste hoffen; das ist das Klügste, und es ist bei Weitem das Wohlthätigste für das Gemüth, wenn man es nur thun kann. Ich empfehle Euch, auf Gott zu vertrauen, und alle Eure Besorgnisse und kleinmüthigen Gefühle fahren zu lassen. Es ist wunderbar, Judith, wie verschiedene Leute so verschiedene Begriffe von der Zukunft haben, und sich die Einen diesen, die andern jenen Wechsel vorstellen. Ich habe weiße Lehrer gekannt, die da glaubten, im andern Leben sey Alles Geist; und auch wieder solche, die meinten, der Leib werde in eine andre Welt versetzt, ungefähr wie die Rothhäute selbst sich’s einbilden, und daß wir dort wandeln werden im Fleisch, und einander kennen, und mit einander reden, und Freunde seyn, wie wir hier gewesen.«

»Welche von diesen Meinungen gefällt Euch am Besten, Wildtödter?« fragte das Mädchen, das gern auf seine schwermüthige Stimmung einging, und selbst keineswegs frei war von ihrem Einfluß. »Wäre es Euch unangenehm, zu denken, Ihr werdet Alle, die auf dieser Plattform jetzt stehen, in einer andern Welt wieder finden? Oder habt Ihr uns hier genug kennen gelernt, um froh zu seyn, wenn Ihr uns nicht wieder seht?«

»Das letztere würde den Tod zu etwas Bitterem machen, ja, das würde es. Es sind acht gute Jahre, seit Schlange und ich miteinander zu jagen anfingen, und der Gedanke, daß wir uns nie wieder sehen sollten, wäre für mich ein harter Gedanke. Er sieht der Zeit entgegen, wo wir miteinander eine Art von Geistwildpret jagen werden, auf Ebenen, wo keine Dornen, kein Gestrüppe, keine Sümpfe und andere Mühseligkeiten zu überwinden sind, während ich nicht all diesen Begriffen beifallen kann, angesehen daß sie gegen die Vernunft zu seyn scheinen. Geister können nicht essen, haben auch keine Kleider nöthig; und Wild kann man von Rechtswegen nur jagen, um es zu tödten, und nur tödten, des Wildprets oder der Häute wegen. Nun finde ich es schwierig, anzunehmen, daß selige Geister Wild jagen sollten, ohne einen rechten Zweck, und die einfältigen Thiere quälen, nur um ihrer eigenen Lustbarkeit und Ergötzung willen. Ich habe noch nie auf einen Hirsch oder ein Thier abgedrückt, Judith, als wenn ich Nahrung oder Kleider bedurfte.«

»Diese Erinnerung, Wildtödter, muß jetzt ein großer Trost für Euch sehn.«

»Der Gedanke an solche Dinge ist es, meine Freunde, was einen Mann fähig macht, seinen Urlaub zu halten. Es möchte auch ohne dieß geschehen, ich geb‘ es zu! denn die schlimmsten Rothhäute thun manchmal ihre Pflicht in diesem Stücke; aber es macht, was sonst schwer wäre, leicht, wenn auch nicht ganz nach unserem Geschmack. Nichts in Wahrheit gibt ein kühneres Herz, als ein leichtes Gewissen,«

Judith wurde blässer als je, aber sie rang, ihre Selbstbeherrschung zu behaupten, und es gelang ihr. Der Kampf jedoch war heftig gewesen, und sie war jetzt so wenig zum Sprechen aufgelegt, daß Hetty den Gegenstand weiter verfolgte. Sie that dieß in der ihr natürlichen, einfachen Weise.

»Es wäre grausam, das arme Wild zu tödten,« sagte sie, »in dieser Welt, oder in einer andern, wenn Ihr nicht des Fleisches oder der Häute bedürftet. Kein guter weißer, und kein guter rother Mann würde es thun. Aber es ist für einen Christen sündhaft, vom Jagen im Himmel zu reden. Solche Dinge geschehen nicht vor dem Angesicht Gottes, und der Missionär, welcher dergleichen lehrt, kann kein wahrer Missionär seyn. Er muß ein Wolf seyn in Schaafskleidern, Ich denke Ihr wißt, was ein Schaaf ist, Wildtödter?«

»Ja wohl, Mädchen; und eine nützliche Creatur ist es für Solche, welche Tuchkleider Häuten vorziehen, zum Winteranzug. Ich verstehe die Natur des Schaafs, obwohl ich noch wenig damit zu thun gehabt habe; und die Natur der Wölfe auch, und kann mir wohl die Idee bilden von einem Wolf im Pelz eines Schaafs, obwohl ich denke, es würde eine heiße Jacke für eine solche Bestie werden in den warmen Monaten!«

»Und Sünde und Heuchelei sind auch heiße Jacken, wie diejenigen finden werden, die sie anziehen,« versetzte Hetty mit bestimmtem Tone; »so würde der Wolf nicht schlimmer daran seyn als der Sünder. Geister jagen nicht, und stellen nicht Fallen, und fischen nicht, und thun Nichts, was nichtige Menschen beginnen, weil sie keine Gelüste dieser Welt zu befriedigen haben. Oh! Mutter sagte mir das Alles vor Jahren schon, und ich möchte es nicht gern bestreiten hören.«

»Nun, meine gute Hetty, in diesem Falle würdet Ihr gut thun, Eure Lehre nicht Hist mittheilen zu wollen, wenn Ihr allein seyd, und die junge Delawarin gerne von Religion spricht. Es ist ihre feststehende Idee, das weiß ich, daß die guten Krieger in der andern Welt Nichts thun als jagen und fischen, obgleich sie, glaube ich, sich nicht einbildet, daß je Einer sich zum Fallenstellen erniedrigt, was keine Beschäftigung für einen Tapfern ist. Aber des Jagens und Fischens haben sie, nach ihrem Begriffe, Genüge und das dazu auf den angenehmsten Jagdrevieren, und unter Wild, bei dem es immer die rechte Jahreszeit ist, und das gerade flink und klug genug ist, um dem Tödter einen Reiz zu geben. So möchte ich Euch denn nicht anrathen, Hist auf diese Idee zu bringen.«

»Hist kann nicht so sündhaft seyn, irgend dergleichen zu glauben,« erwiederte die Andere ernst, »Kein Indianer jagt mehr nach dem Tode.«

»Kein sündhafter Indianer, geb‘ ich Euch zu; kein sündhafter Indianer, allerdings. Der muß die Munition herbeitragen, und zusehen, ohne an der Kurzweil Theil zu haben, und kochen, und Feuer anzünden, und Alles thun, was nicht Mannesarbeit ist. Merkts Euch aber jetzt: das sind nicht meine Ideen, sondern es sind Hist’s Ideen, und daher, um des Friedens willen, je weniger Ihr darüber und dagegen zu Ihr redet, desto besser.«

»Und was sind Eure Ideen von dem Schicksal eines Indianers in der anderen Welt?« fragte Judith, die jetzt eben ihre Stimme wieder gefunden hatte.

»Ha, Mädchen, Alles eher als das! Ich bin ein zu guter Christ, um solche phantastische Dinge wie Jagen und Fischen nach dem Tod zu erwarten; auch glaube ich nicht, daß ein Manitou für die Rothhäute ist, und ein Andrer für die Bleichgesichter. Ihr findet verschiedene Farben auf der Erde, wie Jeder sehen kann; aber Ihr findet nicht verschiedene Naturen. Verschiedene Gaben, aber nur Eine Natur!«

»In was unterscheidet sich eine Gabe von einer Natur? Ist nicht die Natur selbst eine Gabe von Gott?«

»Gewiß; daß ist rasch gedacht und beifallswürdig, Judith, obwohl die Hauptidee falsch ist. Eine Natur ist die Creatur selbst; ihre Wünsche, Bedürfnisse, Ideen und Gefühle, wie das Alles mit ihr geboren ist. Diese Natur kann sich nie verändern in der Hauptsache, obgleich sie einige Zunahme oder Abnahme erleiden mag. Gaben aber kommen von den Umständen und Verhältnissen. So, wenn Ihr einen Mann in eine Stadt setzt, so bekommt er Stadt-Gaben; wenn in eine Ansiedlung, Ansiedlungsgaben; in einem Wald, Waldgaben. Ein Soldat hat Soldaten-Gaben und ein Missionär Predigers-Gaben. Diese alle wachsen und verstärken sich, bis sie so zu sagen die Natur befestigen, und tausend Handlungen und Ideen zur Entschuldigung dienen. Doch ist im Grunde die Creatur dieselbe; gerade wie ein Mann, der in Uniform gekleidet ist, derselbe ist wie der in Häute Gekleidete. Die Kleider machen einen Unterschied für’s Auge, und vielleicht auch eine Veränderung im Benehmen, aber keine im Menschen selbst. Darin liegt die Rechtfertigung der Gaben; angesehen, daß Ihr ein verschiedenes Benehmen erwartet von Einem in Seide und Atlaß, und von einem in grober Leinwand; obgleich der Herr, der nicht die Kleider gemacht hat, aber die Kreaturen selbst geschaffen hat, nur auf sein eignes Werk sieht. Das ist nicht eigentlich die Lehre der Missionäre, aber sie kommt ihr doch so nahe, als dieß bei einem Manne von weißer Farbe nöthig ist. Ach Himmel! wenig dachte ich daran, heute von solchen Sachen zu sprechen, aber es ist eine von unsern Schwachheiten, daß wir nie wissen, was geschehen wird. Tretet mit mir eine Minute in die Arche, Judith, Ich wünsche mit Euch zu sprechen.«

Judith gehorchte mit einer Bereitwilligkeit, die sie kaum verhehlen konnte. Sie folgte dem Jäger in die Cajüte, setzte sich auf einen Stuhl, während der junge Mann Killdeer, die Büchse, die sie ihm geschenkt, aus einer Ecke hervorholte, und sich, die Waffe auf seinen Knieen, auf einen andern setzte. Nachdem er das Gewehr um und um besehen, und Schloß und Schwanzschraube mit einer Art von zärtlicher Emsigkeit untersucht hatte, legte er es weg, und kam auf den Gegenstand zu sprechen, wegen dessen er die Besprechung begehrt hatte.

»Ich verstand Euch so, Judith, daß Ihr mir diese Büchse habt geben wollen. Ich willigte ein, sie zu nehmen, weil ein junges Weib mit Feuerwaffen nicht Viel anfangen kann. Die Waffe hat einen großen Namen, und sie verdient ihn, und sollte von Rechtswegen von einer bekannten und sichern Hand geführt werden, denn der beste Ruf kann verloren gehen durch nachlässige und achtlose Behandlung.«

»Kann sie in bessern Händen seyn, als worin sie jetzt ist, Wildtödter? Thomas Hutter fehlte selten damit; bei Euch wird sie gewiß –«

»Gewisser Tod!« unterbrach sie der Jäger lachend. »Ich kannte einmal einen Bibermann, der ein Gewehr hatte, das er ebenso nannte, aber es war lauter Prahlerei, denn ich habe Delawaren gekannt, die ebenso sicher waren mit Pfeilen auf eine kleine Schußweite. Indessen, ich will meine Gaben nicht läugnen – und dieß ist eine Gabe, Judith, und nicht Natur – und will daher zugeben, daß die Büchse nicht wohl in bessern Händen seyn könnte, als worin sie sich jetzt befindet. Aber wie lang wird sie wahrscheinlich darin bleiben? Unter uns mag die Wahrheit gesagt werden, obgleich ich sie vor Schlange und Hist nicht gerne kund werden ließe: aber Euch kann ich die Wahrheit sagen, sintemal Euer Gefühl wohl nicht so dadurch gemartert werden wird, als das von denjenigen, welche mich länger und genauer kennen! Wie lang werde ich muthmaßlich diese Büchse, oder irgend eine andere behalten? Das ist eine ernste Frage, bei der unsre Gedanken zu verweilen haben; und sollte das eintreten, was sogar wahrscheinlich ist, so wäre Killdeer ohne einen Eigenthümer.«

Judith hörte mit anscheinender Fassung zu, obwohl der innere Kampf sie beinahe überwältigte. Da sie jedoch den eigenthümlichen Charakter ihres Gesellschafters zu würdigen wußte, gelang es ihr, ruhig zu erscheinen, obwohl ein Mann von seiner scharfen Beobachtung wäre nicht seine Aufmerksamkeit ausschließlich von der Büchse in Anspruch genommen gewesen, fast unfehlbar die tödtlich-peinliche Stimmung hätte entdecken müssen, womit das Mädchen seinen Worten zuhörte. Aber ihre große Selbstbeherrschung machte es ihr doch noch möglich, den Gegenstand in der Weise zu verfolgen, daß sie ihn täuschte.

»Was wolltet Ihr, daß ich mit der Waffe anfinge,« fragte sie, »sollte der Fall eintreten, den Ihr zu erwarten scheint?«

»Das ist es gerade, worüber ich mit Euch zu sprechen wünschte, Judith – das ist es gerade. Da ist jetzt Chingachgook, obgleich weit entfernt davon, vollkommen sicher mit der Büchse zu seyn – denn dahin bringen es wenige Rothhäute jemals – obgleich weit entfernt, vollkommen sicher zu seyn, ist er doch ein respektabler Schütze und bringt es weiter. Demungeachtet, er ist mein Freund; und vielleicht mein um so besserer Freund, als nie Mißstimmungen zwischen uns eintreten können, unsere Gaben betreffend, da die seinigen nun einmal roth, und die meinigen ganz weiß sind. Nun würde ich gerne die Büchse Killdeer der Schlange hinterlassen, sollte Etwas eintreten, was mir verwehrte, Eurer kostbaren Gabe, Judith, ihr Recht und ihre Ehre anzuthun.«

»Hinterlaßt sie Wem Ihr wollt. Wildtödter; die Büchse ist Euer Eigenthum, thut damit nach Belieben; Chingachgook soll sie haben, falls Ihr nicht zurückkehrtet, sie anzusprechen, wenn das Euer Wunsch ist.«

»Ist Hetty über diese Sache auch befragt wurden? das Eigenthum geht von den Eltern auf die Kinder über, und nicht auf Ein Kind besonders.«

»Wenn Ihr Euer Recht auf das Gesetz gründen wollt, Wildtödter, so fürchte ich, Keiner von uns kann für den Eigenthümer gelten. Thomas Hutter war so wenig der Vater Esthers, als er der Vater Judith’s war. Judith und Esther sind wir in Wahrheit, da wir keinen andern Namen haben.« »Das mag Gesetzesrecht seyn, aber es ist nicht viel Vernunft darin, Mädchen. Nach dem Brauch der Familien sind die Güter Euer, und Niemand ist, der dem widersprechen könnte. Wenn Hetty nur sagen wollte, daß sie einwillige, wäre mein Gemüth vollkommen beruhigt über die Sache. Es ist wahr, Judith, daß Eure Schwester weder Eure Schönheit noch Euren Witz besitzt, aber wir sollten am zärtlichsten verfahren mit den Rechten und der Wohlfahrt der Geistesschwachen.«

Das Mädchen antwortete nicht, sondern sie ging an ein Fenster und rief ihre Schwester zu sich. Als die Frage Hetty vorgelegt ward, trat sie mit ihrem einfältigen und wohlwollenden Wesen freudig dem Vorschlag bei, Wildtödtern das volle Eigenthumsrecht auf die vielbegehrte Büchse zu übertragen. Dieser schien nun, für den Augenblick wenigstens, vollkommen glücklich; und nachdem er seine Beute hin und her besichtigt, sprach er seinen Entschluß aus, ehe er den Ort verließ, ihre Verdienste noch praktisch zu erproben. Kein Knabe kann begieriger seyn, die Eigenschaften seiner Trompete oder seiner Armbrust geltend zu machen, als der einfache Waldmann es war, die Tugenden seiner Büchse zu probiren. Auf die Plattform zurückkehrend, nahm er zuerst den Delawaren beiseite, und setzte ihn in Kenntniß, daß das berühmte Gewehr sein Eigenthum werden solle, falls ihm selbst etwas Ernstliches zustieße.

»Das ist ein Grund mehr, warum Ihr vorsichtig seyn solltet, Schlange, und nicht unbesonnen in eine Gefahr hineinrennen,« fuhr der Jäger fort, »denn es wird an sich schon ein Sieg für einen Stamm seyn, ein solches Gewehr wie dieses zu besitzen! Die Mingo’s werden grün werden vor Neid; und was Mehr ist, sie werden sich nicht leichtsinnig in die Nähe eines Dorfes wagen, wo sie dasselbe bewahrt wissen. So seht denn wohl zu, Delaware, und bedenkt, daß Ihr jetzt über ein Ding zu wachen habt, das allen Werth einer Creatur hat, ohne ihre Fehler. Hist mag und soll Euch kostbar seyn, aber Killdeer wird die Liebe und Verehrung Eures ganzen Volkes für sich haben.«

»Eine Büchse wie die andere, Wildtödter,« versetzte der Indianer auf Englisch, denn dieser Sprache bediente sich auch der Andere, ein wenig gekränkt darüber, daß sein Freund seine Verlobte einem Gewehr gleich setzte. »Alle tödten, alle Holz und Eisen. Weib theuer dem Herzen; Büchse gut zum Schießen.«

»Und was ist der Mann in den Wäldern, ohne Etwas, womit er schießen kann? ein erbärmlicher Fallensteller, oder ein Verlorener Besen- und Körbe-Macher auf’s Höchste. Ein solcher Mann mag Korn bauen, und Leib und Seele zusammenhalten, aber nimmermehr kann er die schmackhaftesten Stücke vom Wildpret kennen, oder einen Bärenschinken von dem eines Schweins unterscheiden. Kommt, mein Freund, eine solche Gelegenheit bietet sich vielleicht nie wieder dar, und ich empfinde ein starkes Gelüsten nach einer Probe mit diesem berühmten Gewehr. Ihr sollt Eure eigne Büchse holen, und ich will mit Killdeer nur so obenhin zielen, damit wir einige seiner geheimen Tugenden kennen lernen.«

Da dieser Vorschlag geeignet war, den trüben Gedanken der ganzen Gesellschaft eine neue Richtung zu geben, während er zugleich ein nicht unwillkommnes Ergebniß versprach, war Jedermann geneigt, darauf einzugehen; und die Mädchen brachten die Feuerwaffen mit einer an Munterkeit grenzenden Rührigkeit herbei. Hutter’s Waffenschrank war wohl versehen, denn er besaß mehrere Büchsen, welche gewöhnlich alle geladen waren, immer in Bereitschaft, wenn man ihrer plötzlich benöthigt wäre. Im jetzigen Falle durfte man nur das Pulver auf der Pfanne erneuern, so waren sämmtliche Gewehre zum augenblicklichen Dienst bereit. Dieß war bald geschehen, da Alle dabei behülflich, und die Frauen in diesem Punkt des Vertheidigungssystems so erfahren waren, wie ihre männlichen Genossen.

»Jetzt, Schlange, wollen wir ganz bescheiden anfangen, und zuerst des alten Tom gemeine Büchsen probiren, und mit Eurer Waffe und Killdeer als letzten Rednern, den Beschluß machen,« sagte Wildtödter, erfreut, wieder eine Waffe in der Hand zu haben, und bereit, seine Geschicklichkeit zu zeigen. »Hier sind Vögel im Ueberfluß, einige in, einige über dem See, und sie halten sich in einer guten Schußweite, wie sie so um die Hütte herum schweben. Sprecht aus, was Ihr denkt, Delaware, und bezeichnet die Creatur, die Ihr zu erschrecken gesonnen seyd. Da ist ein Taucher ganz in der Nähe nach Osten zu, und das ist eine Creatur, die sich beim Blitzen des Gewehrs sogleich versteckt, und Waffe und Pulver recht erproben kann.«

Chingachgook war ein Mann von wenig Worten. Sobald ihm der Vogel gezeigt worden war, zielte er und feuerte. Die Ente tauchte unter beim Blitzen des Schusses, und die Kugel tanzte ohne Schaden zu thun, über die Fläche des See’s hin, zuerst das Wasser berührend wenige Zolle von der Stelle, wo eben noch der Vogel geschwommen. Wildtödter lachte herzlich und natürlich; aber zu gleicher Zeit stellte er sich in die Positur des Schützen und stand da, scharf die ruhige Wasserfläche beobachtend. Alsbald zeigte sich ein dunkler Fleck, und dann tauchte die Ente auf, um Athem zu schöpfen, und schüttelte ihre Flügel. Während sie noch dieß that, ging ihr eine Kugel gerade durch die Brust, und warf sie wirklich leblos auf den Rücken. Im nächsten Augenblick stand Wildtödter, den Kolben seiner Büchse auf die Plattform gestützt, so ruhig da, als wäre nichts geschehen, obwohl er in seiner eigenthümlichen Art lachte.

»Das ist keine rechte Probe von der Güte der Gewehre!« sagte er, wie bestrebt, einer falschen Schätzung seines Verdienstes zuvorzukommen. »Nein, das beweist weder für noch gegen die Büchsen, angesehen daß Alles Schnelligkeit der Hand und des Auges war. Ich überraschte den Vogel in einem für ihn ungünstigen Augenblick, sonst wäre er wohl auch wieder untergetaucht, ehe die Kugel ihn erreichte. Aber die Schlange ist zu klug, um auf solche Schliche zu achten, da er lange schon daran gewohnt ist. Erinnert Ihr Euch der Zeit, Häuptling, wo Ihr Euch der wilden Gans sicher glaubtet, und ich nahm sie Euch aus den Augen gleichsam mit ein wenig Rauch! Indessen solche Dinge gelten für Nichts unter Freunden, und junge Leute wollen ihren Spaß haben, Judith. Ja, da ist gerade der Vogel, den wir brauchen, denn er ist so gut fürs Feuer, wie zum Ziel, und Nichts sollte unbenutzt bleiben, was irgend vorteilhaft verwendet werden kann. Dort, weiter nördlich, Delaware!« Der letztere schaute hinaus in der angedeuteten Richtung und bald sah er eine große schwarze Ente, in stattlicher Ruhe auf dem Wasser dahin schwimmend. In jenen frühen Tagen, wo so wenig Menschen da waren, die Harmonie der Wildniß zu stören, waren alle die kleinern Seen, an welchen das Innere von Neu-York so reich ist, Sammelplätze für die Wasserzugvögel; und dieser See, wie die übrigen, war einst sehr bevölkert von allen Gattungen der Ente, von der Gans, der Möve, der Lomme. Nach Hutter’s Ankunft ward der See vergleichungsweise mit andern, entfernteren und abgelegneren Seen, wohin die Vögel sich zogen, leer, doch verweilten noch immer einige von jeder Gattung daselbst, wie in der That noch bis auf die heutige Stunde. In diesem Augenblick waren wohl hundert Vögel vom Castell aus sichtbar, die auf dem Wasser schliefen, oder ihre Federn in dem klaren Element wuschen, obgleich kein andrer eine so günstige Zielscheibe darbot, wie der, auf welchen Wildtödter seinem Freunde deutete. Chingachgook sparte wie gewöhnlich seine Worte und schritt gleich zum Werke. Dießmal zielte er sorgfältiger als zuvor, und dem entsprach auch der Erfolg. Dem Vogel wurde ein Flügel gelähmt, und er flatterte kreischend über das Wasser dahin und entfernte sich so wesentlich von seinen Feinden.

»Dem Vogel muß man sein Leiden abkürzen,« rief Wildtödter im Augenblick, wo das Thier versuchte, aufzuflattern; »und dieß ist die Büchse und die Hand, es zu thun.«

Die Ente flatterte noch dahin, als die tödtliche Kugel sie ereilte, und den Kopf vom Halse trennte, so sauber, als wäre es mit dem Beil geschehen. Hist hatte sich bei dem Erfolge des jungen Indianers einen leisen Freudenschrei erlaubt! jetzt aber gab sie sich die Miene, die größere Geschicklichkeit seines Freundes mit Verdruß zu empfinden. Der Häuptling dagegen stieß den gewöhnlichen Ausruf des Vergnügens aus, und sein Lächeln zeigte, wie voll er von Bewunderung und wie entfernt vom Neid war.

»Laßt nur das Mädchen, Schlange; laßt nur Hist’s Gefühle, die weder ersticken, noch ertränken, weder tödten noch verschönern,« sagte Wildtödter lachend. »Es ist den Weibern natürlich, an ihrer Männer Siegen und Niederlagen Theil zu nehmen, und Ihr seyd so gut wie Mann und Frau, was Vorurtheil und Freundschaft anbelangt. Da ist ein Vogel über uns, der wird die Gewehre auf die Probe stellen ; ich fordre Euch heraus auf ein Ziel in der Höhe, mit fliegender Scheibe, das ist eine wahre Probe, und eine, die sichre Büchsen wie sichre Augen verlangt.«

Es war auf dem See auch die Art von Adlern, die das Wasser aufsuchen und von Fischen leben, und einer schwebte in beträchtlicher Höhe über der Hütte, begierig eine Gelegenheit zum Herabstoßen erwartend; und seine hungrigen Jungen streckten ihre Köpfe aus einem Nest, das man auf dem nackten Wipfel einer abgestorbenen Fichte sah. Chingachgook legte schweigend ein neues Gewehr auf den Vogel an, und nachdem er sich genau seine Zeit ersehen, feuerte er. Ein weiterer Kreis, als gewöhnlich, den der Vogel beschrieb, zeigte an, daß der bleierne Bote in einer nicht großen Entfernung von jenem die Luft durchschnitten, aber sein Ziel verfehlt hatte. Wildtödter, dessen Visiren ebenso rasch als sicher war, feuerte, sobald gewiß war, daß sein Freund gefehlt hatte, und das starke Herabstoßen des Adlers, welches man sogleich darauf bemerkte, ließ es für den Augenblick zweifelhaft, ob er getroffen war oder nicht. Der Schütze selbst jedoch erklärte, daß er nicht glücklich gewesen, und forderte seinen Freund auf, eine neue Büchse zu ergreifen, denn er bemerkte bei dem Vogel Anzeichen seiner Absicht, den Ort zu verlassen.

»Ich habe ihn blinzeln und stutzig gemacht; ich glaube, seine Federn wurden gezaust, aber noch ist sein Blut nicht geflossen und dieß alte Gewehr taugt auch nicht zu einem so genauen und raschen Visiren. Schnell, Delaware; Ihr habt jetzt eine bessre Büchse, und, Judith, bringt Killdeer heraus, denn dieß ist eine Gelegenheit, seine Verdienste zu erproben, wenn er welche hat!«

Eine allgemeine Bewegung trat nun ein, die beiden Nebenbuhler machten sich fertig, und die Mädchen standen in lebhafter Erwartung des Ergebnisses. Der Adler hatte nach seinem tiefern Herabstoßen einen weiten Bogen beschrieben, und jetzt wieder empor flügelnd, schwebte er von neuem so ziemlich über dem Gebäude, sogar in noch größerer Entfernung als zuvor. Chingachgook starrte hinauf, und sprach dann seine Ansicht aus, daß er es für unmöglich halte, einen Vogel in solcher Höhe, und während er beinahe scheitelrecht über dem Zielenden schwebe, zu treffen. Aber ein leises Murmeln Hist’s bewirkte einen plötzlichen Entschluß und er feuerte. Das Ergebniß zeigte, wie richtig er gerechnet, denn der Adler änderte seinen Flug gar nicht, beschrieb ruhig dahin segelnd runde Kreise in seiner luftigen Bahn, und schaute wie verachtend auf seine Feinde herunter.

»Jetzt, Judith,« rief Wildtödter lachend, mit glänzenden und freudigen Augen, »wollen wir sehen, ob die Büchse Wildtödter nicht auch Adlertödter ist! Gebt mir Platz, Schlange, und beobachtet die vernünftige Art des Zielens, denn durch Vernunft kann man Alles lernen.«

Ein sorgfältiges Visiren folgte jetzt, und ward mehreremale wiederholt, während der Vogel immer höher und höher stieg. Dann kam der Blitz und der Knall. Der rasche Bote flog hinauf, und im nächsten Augenblick drehte sich der Vogel auf die Seite, und stieß herunter, bald mit dem einen, bald mit dem andern Flügel schlagend und kämpfend, manchmal in einem Kreis sich umtreibend, dann verzweifelt flatternd, wie bewußt seiner Verletzung, bis er, nachdem er noch ein paar völlige Kreise um den Platz beschrieben, schwer auf das Ende der Arche herabstürzte. Als man den Körper untersuchte, fand man, daß die Kugel halb durch ihn durchgegangen war zwischen einem Flügel und dem Brustbein.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

    An zwei Steintafeln, vor ihr hingebreitet,
Lehnt ihre Brust sie, härter selbst als Stein;
Da schlief der Richter, der den Lohn bereitet
Dem Unrecht und dem Recht mit Trost und Pein;
Da hing all unsrer Schulden Buch und Schein,
Drauf Gut, Bös, Leben, Tod war angeschrieben;
So rein ist nie ein sterblich Herz geblieben,
Dem Lesung dieses Buchs nicht Angstschweiß ausgetrieben.
Giles Fletcher.

»Wir haben etwas Unbesonnenes gethan, Schlange – ja, Judith, wir haben Etwas Unbesonnenes gethan, daß wir ohne einen andern Zweck, als Eitelkeit, tödteten,« rief Wildtödter, als der Delaware den gewaltigen Vogel an den Flügeln emporhielt, während dieser die sterbenden Augen auf seine Feinde geheftet hielt mit jenem Blick, welchen die Hülflosen immer auf ihre Verderber werfen. »Es ziemte mehr zwei Knaben, ihr Gelüste in dieser unbesonnenen Weise zu büßen, als zwei Männern auf dem Kriegspfad, wenn es auch ihr erster ist. Ach Gott! nun, zur Strafe will ich Euch sogleich verlassen, und wenn ich mich allein bei den blutgierigen Mingo’s sehe, ist es mehr als wahrscheinlich, daß ich Gelegenheit finden werde, zu bedenken, daß das Leben süß ist, selbst den Thieren des Waldes und den Vögeln der Luft. Da, Judith, da ist Killdeer; nehmt ihn wieder zurück, und bewahrt ihn auf für eine Hand, die würdiger ist, ein solches Gewehr zu besitzen.«

»Ich weiß keine, die so würdig ist, als die Eurige, Wildtödter,« versetzte hastig das Mädchen; »keine als die Eurige soll die Büchse haben,«

»Wenn es auf die Geschicklichkeit ankäme, möchtet Ihr schon Recht haben, Mädchen, aber wir sollten wissen, wann Feuerwaffen gebrauchen und nicht blos wie. Ich habe das Erste noch nicht gelernt, wie es scheint, so behaltet die Büchse, bis ich es habe. Der Anblick eines sterbenden und gequälten Geschöpfes, wenn es auch nur ein Vogel ist, bringt einen Mann auf heilsame Gedanken, der nicht weiß, wie bald sein eignes Stündlein kommen mag, und der ziemlich sicher voraus sieht, daß es vor Sonnenuntergang kommen wird; ich wollte alle meine eiteln Empfindungen, und meinen Stolz auf Hand und Auge hingeben, wenn nur dieser arme Adler wieder auf seinem Horst bei seinen Jungen wäre, den Herrn preisend, wie wir Allem nach annehmen müssen, für seine Gesundheit und Stärke!«

Die Zuhörenden waren betroffen über diesen Ausbruch plötzlicher Reue bei dem Jäger, und dazu noch über eine so gewöhnliche, wenn schon unbesonnene und gewissermaßen muthwillige That, daß die Menschen sich selten dabei aufhalten, ihre Folgen zu erwägen, oder die physischen Leiden, welche sie dem hülflosen, verfolgten Geschöpf zuzieht. Der Delaware verstand, was Jener sagte, obwohl schwerlich die Gefühle, aus welchen jene Worte hervorgingen, und um die Bedenklichkeit zu beseitigen, zog er sein scharfes Messer und trennte den Kopf des armen Vogels vom Rumpfe.

»Was ist es doch um die Macht!« fuhr der Jäger fort, »und was ist es darum, sie zu haben, und nicht zu wissen, wie sie benützen! Es ist kein Wunder, Judith, daß die Mächtigen so oft ihren Pflichten untreu werden, wenn es selbst den Geringen und Niedrigen so hart ankommt, zu thun was Recht ist, und zu unterlassen, was Unrecht ist. Und dann, wie Eine üble Handlung andre nach sich zieht! Wäre jetzt nicht dieser mein Urlaub, der mich bald zu den Mingo’s zurückführt, so würde ich dieser Creatur Nest finden, wenn ich vierzehn Tage die Wälder durchstreifte – obgleich ein Adlernest bald gefunden ist von Solchen, welche des Vogels Natur verstehen – aber ich würde eher vierzehn Tage herumstreifen, als ablassen es zu suchen, nur um auch den Jungen ihr Leiden abzukürzen.«

»Es freut mich, das von Euch zu hören, Wildtödter,« bemerkte Hetty, »und Gott wird eher Eure Betrübniß über Eure That ansehen, als die Sünde selbst. Ich dachte, wie sündhaft es sey, harmlose Vögel zu tödten, gerade während Ihr schosset, und wollte es Euch sagen; aber ich weiß nicht, wie es kam – ich war so begierig, zu sehen, ob Ihr einen Adler in solcher Höhe treffen könntet, daß ich ganz vergaß zu sprechen, bis das Unheil geschehen war.«

»Das ist es; das ist es gerade, meine gute Hetty. Wir können Alle unsre Fehler und Verirrungen sehen, wenn es zu spät ist, sie ungeschehen zu machen! Indeß, ich bin froh, daß Ihr Nichts gesagt, denn ich glaube, in jenem Augenblick gerade hätten auch ein paar Worte mich nicht abgehalten; und so blieb die Sünde doch nur in ihrer einfachen Nacktheit, und nicht noch erschwert durch Nichtachtung von abmahnenden Warnungen. Nun, nun, bittere Gedanken sind immer eine schwere Last, aber zu gewissen Zeiten eine noch schwerere als sonst.«

Wenig ahnte Wildtödter, während er so Gefühlen sich hingab, die dem Manne so natürlich und so streng im Einklang mit seinen unverfälschten und richtigen Grundsätzen waren, daß nach dem Plane der unerforschlichen Vorsehung, welche so gleichmäßig und doch so geheimnißvoll alle Begebenheiten mit ihrem Mantel bedeckt, eben der Fehler, wegen dessen er sich zu streng zu tadeln geneigt war, das Mittel werden sollte, sein Schicksal auf Erden zu bestimmen. Die Art, wie, und den Augenblick, wo er die Wirkung dieses Vorfalls zu fühlen bekam, anzugeben, wäre hier zu frühe; man wird dieß im Laufe der folgenden Kapitel erfahren. Der junge Mann aber verließ jetzt langsam die Arche, wie Einer, der sich über seine Missethaten bekümmert, und setzte sich schweigend auf der Plattform nieder. Mittlerweile war die Sonne schon ziemlich hoch gestiegen, und ihre Erscheinung, zusammen genommen mit seinen dermaligen Empfindungen, bestimmte ihn, sich zum Weggehen anzuschicken. Der Delaware setzte das Canoe für seinen Freund in Bereitschaft, sobald er seine Absicht erfuhr, und Hist war geschäftig, die wenigen Vorkehrungen zu treffen, die man für seine Behaglichkeit nothwendig erachtete. Alles dieß geschah ohne Schaustellung von Gefühlen, aber in einer solchen Weise, daß Wildtödter die Beweggründe völlig erkannte und ebenso geneigt war, sie zu würdigen. Nachdem Alles fertig war, kehrten Beide zu Judith und Hetty zurück, deren Keine sich von der Stelle gerührt hatte, wo der junge Jäger saß.

»Die besten Freunde müssen sich oft trennen,« begann der Letztere, als er die ganze Gesellschaft um ihn her gruppirt sah. «Ja, Freundschaft kann Nichts ändern an den Wegen der Vorsehung; und mögen unsre Gefühle seyn welche sie wollen, wir müssen scheiden. Ich habe oft gedacht, es gebe Augenblicke, wo unsre Worte länger im Gemüthe haften als gewöhnlich, und wo man eines Rathes eingedenk bleibt, gerade weil der Mund, der ihn gibt, schwerlich ihn wieder geben wird. Niemand weiß, was in der Welt sich zutragen mag! und daher mag es gerathen seyn, wenn Freunde sich trennen in der wahrscheinlichen Aussicht, daß die Trennung lange währen kann – daß sie sich ein paar freundliche Worte sagen als eine Art von Angedenken. Wenn Alle bis auf Eines in die Arche treten wollen, will ich mit Jedem der Reihe nach sprechen, und was Mehr ist, auch anhören, was Ihr zur Erwiederung etwa zu sagen habt; denn das ist ein elender Rathgeber, der nicht ebenso auch nähme, wie gäbe.«

Da man die Absicht des Redenden verstand, entfernten sich sogleich nach seinem Wunsche die beiden Indianer, die beiden Schwestern aber blieben noch bei dem jungen Manne stehen. Ein Blick Wildtödters veranlaßte Judith, sich zu äußern.

»Ihr könnt Hetty Euern Rath ertheilen während Ihr landet,« sagte sie hastig; »ich habe den Plan, daß sie Euch an die Küste begleite.«

»Ist das klug, Judith? Es ist wahr, daß unter gewöhnlichen Umständen ein schwacher Geist ein großer Schirm und Schutz ist unter den Rothhäuten; aber wenn ihre Gefühle aufgeregt und sie auf Rache erpicht sind, ist schwer zu sagen, was geschehen mag. Zudem –«

»Was wollt Ihr sagen, Wildtödter?« fragte Judith, deren Weichheit in Benehmen und Stimme beinahe bis zur Rührung und Zärtlichkeit stieg, obgleich sie kräftig kämpfte, ihre Gemüthsbewegungen und Besorgnisse niederzuhalten.

»Nun, weiter Nichts, als daß es Anblicke und Thaten gibt, von welchen selbst eine so wenig mit Vernunft und Gedächtniß Begabte, wie Hetty hier, besser nicht Zeugin ist. So würdet Ihr wohl thun, Judith, mich allein landen zu lassen und Eure Schwester zurück zu behalten.«

»Seyd ohne Sorge um mich, Wildtödter,« fiel Hetty ein, welche genug von der Besprechung verstand, um ihre Abzweckung im Allgemeinen zu begreifen: »ich bin schwachsinnig, und das, sagen sie, ist ein Vorwand, überall hin zu gehen; und was dadurch nicht entschuldigt, das würde übersehen werden in Betracht der Bibel, die ich immer mit mir führe. Es ist wunderbar, Judith, wie alle Arten von Menschen, die Fallensteller wie die Jäger, Rothe wie Weiße, Mingo’s wie Delawaren, die Bibel fürchten und ihr Ehrfurcht beweisen.«

»Ich denke, Du hast nicht den mindesten Grund, eine Mißhandlung zu befürchten, Hetty,« versetzte die Schwester, »und daher werde ich darauf bestehen, daß Du mit unserm Freund ins Lager der Huronen gehst. Daß Du dorthin gehst, kann Dir selbst keinen Schaden bringen, und könnte für Wildtödter sehr nützlich seyn.«

»Dieß ist kein Augenblick zum Streiten, Judith; und so sollt Ihr in der Sache Euern Willen haben,« versetzte der junge Mann. »Macht Euch fertig, Hetty, und geht in das Canoe, denn ich habe Eurer Schwester ein paar Abschiedsworte zu sagen, die Euch Nichts helfen können.«

Judith und ihr Genosse blieben schweigend, bis Hetty gehorcht und sie allein gelassen hatte, worauf Wildtödter den Gegenstand aufnahm, als ob er durch ein gewöhnliches Begebniß wäre unterbrochen worden, und in sehr bündiger Weise.

»Worte, die man beim Abschied spricht, und die vielleicht die letzten sind, die man von einem Freunde hört, vergißt man nicht sobald,« wiederholte er, »und so, Judith, gedenke ich zu Euch zu sprechen wie ein Bruder, angesehen, daß ich nicht alt genug bin, Euer Vater zu seyn. Erstlich wünsche ich Euch zu warnen vor Euern Feinden, von welchen zwei, kann man sagen, sich an Eure Fersen heften und Euern Weg besetzt halten. Der erste ist: ungewöhnlich gutes Aussehen, was ein so gefährlicher Feind für manches junge Weib ist, als ein ganzer Schwarm Mingo’s, und große Wachsamkeit erheischt, nicht in Bezug auf Bewunderung und Preis, sondern auf Mißtrauen und Täuschung. Ja, gutes Aussehen kann durch Täuschung berückt und auch überlistet werden. Um dieß zu begreifen, dürft Ihr Euch nur erinnern, daß es schmilzt, wie der Schnee, und einmal dahin, kehrt es nie wieder. Die Jahrszeiten kommen und gehen, Judith, und wenn wir Winter haben, mit Sturm und Kälte, und Frühling, mit Frösten und entlaubten Bäumen, haben wir auch Sommer, mit seiner Sonne und prächtigem blauem Himmel, und Herbst mit seinen Früchten, und einem Gewand, über den Wald ausgebreitet, wie es keine Schönheit der Stadt in allen Läden Amerika’s zusammensuchen könnte. Die Erde ist in einem ewigen Kreislauf begriffen, und die Güte Gottes führt wieder das Angenehme zurück, wenn wir des Unangenehmen Genug gehabt haben. Aber nicht ebenso ist es mit dem guten Aussehen. Das ist nur für eine kurze Zeit in der Jugend verliehen, um benutzt und nicht mißbraucht zu werden: und da ich nie ein Mädchen sah, gegen das die Vorsehung so gütig gewesen wäre, wie gegen Euch, Judith, in diesem Punkte, warne ich Euch, gleichsam mit dem letzten Hauche meines Mundes, daß Ihr Euch hütet vor dem Feinde; Freund oder Feind, je nachdem wir mit der Gabe umgehen.«

Es war Judith so angenehm, diese unzweideutige Anerkennung ihrer persönlichen Reize zu vernehmen, daß sie dem Manne, aus dessen Munde sie kam, er hätte seyn mögen wer er wollte, Viel verziehen hätte. Aber in diesem Augenblick, und in Kraft eines weit edleren Gefühls von ihrer Seite, wäre es für Wildtödter sehr schwer gewesen, sie ernstlich zu beleidigen; und sie lieh ihm mit einer Geduld ihr Ohr, von welcher zu hören sie, wenn man ihr nur acht Tage zuvor dieß hätte vorhersagen wollen, mit Entrüstung sich würde gesträubt haben.

»Ich verstehe Eure Meinung, Wildtödter,« versetzte das Mädchen mit einer Milde und Demuth, welche den Andern ein Wenig überraschte, »und hoffe mir, was Ihr sagt, zu Nutze machen zu können. Aber Ihr habt nur Einen der Feinde genannt, die ich zu fürchten habe; Wer, oder Was, ist der andere.«

»Der andere entweicht vor Eurem guten Verstand und Urtheil, wie ich finde, Judith; ja, er ist nicht so gefährlich, wie ich dachte. Indeß, da ich einmal den Gegenstand berührt habe, ist es wohl das Beste, redlich Alles zu Ende zu sagen. Der erste Feind, gegen den Ihr wachsam seyn müßt, wie ich Euch schon gesagt, Judith, ist ein ungewöhnlich gutes Aussehen, und der zweite ist: ein ungewöhnliches Bewußtseyn dieses Umstands. Wenn das erste schlimm ist, so bessert das zweite die Sache in keiner Weise, was Wohlfahrt und Seelenfrieden betrifft.«

Wie lange der junge Mann in seiner einfachen und arglosen, aber wohlgemeinten Weise noch fortgefahren haben würde, ist schwer zu sagen, wäre er nicht dadurch unterbrochen worden, daß seine Zuhörerin in Thränen ausbrach, und sich einer Gefühlsaufwallung hingab, die nur um so gewaltsamer war, mit je größerer Anstrengung sie sie bisher unterdrückt hatte. Zuerst war ihr Schluchzen so heftig und unbändig, daß Wildtödter nicht wenig erschrack, und voll Reue ward von dem Augenblick an, wo er bemerkte, wie viel größer die Wirkung seiner Worte war, als er erwartet hatte. Selbst strenge und in ihren Anmuthungen weitgehende Menschen werden gewöhnlich begütigt und befriedigt durch die Zeichen der Zerknirschung, aber Wildtödters Gemüth bedurfte gar keiner so starken Beweise von Rührung, um zum lebhaften Mitgefühl der Betrübniß des Mädchens gestimmt zu werden. Er stand auf, als hätte ihn eine Natter gestochen, und die Töne der Mutter, die ihr Kind tröstet, sind kaum sanfter und begütigender als seine Stimme und seine Worte waren, wie er jetzt seine Reue darüber aussprach, so weit gegangen zu seyn.

»Es war gut gemeint, Judith,« sagte er, »aber es war nicht die Absicht, Euch so sehr wehe zu thun. Ich habe es mit meinem Rath übertrieben, wie ich sehe; ja, ich habe es übertrieben, und ich bitte Euch deßhalb dringend um Verzeihung. Freundschaft ist ein entsetzliches Ding! Manchmal schilt sie uns, daß wir nicht Genug gethan haben; und dann wieder macht sie uns Vorwürfe, daß wir zu Viel gethan. Wie dem sey, ich gestehe, daß ich zu weit gegangen bin, und da ich eine wirkliche und lebhafte Achtung für Euch habe, erkläre ich dieß mit Freuden, insofern es beweist, wie viel besser Ihr seyd, als Euch meine Eitelkeit und Einbildung dafür hielt.« Jetzt zog Judith die Hände von ihrem Angesicht zurück, ihre Thränen hatten aufgehört, und sie ließ eine so gewinnende Miene blicken mit dem Lächeln, das sie wahrhaft strahlend machte, daß der junge Mann sie einen Augenblick mit sprachlosem Entzücken anstarrte.

»Sagt Nichts weiter, Wildtödter,« entgegnete sie hastig, »es peinigt mich, wenn ich höre, wie Ihr Euch selbst tadelt. Ich erkenne meine Schwäche nur um so besser, nunmehr ich sehe, daß Ihr sie entdeckt habt; die Lehre, so bitter ich sie einen Augenblick empfunden habe, soll nicht vergessen werden. Wir wollen nicht länger von diesen Dingen sprechen, denn ich fühle mich nicht stark genug dazu, und ich möchte nicht, daß der Delaware, oder Hist, oder auch Hetty meine Schwäche bemerkten. Fahrt wohl, Wildtödter! möge Gott Euch segnen und schützen, wie Euer redliches Herz Segen und Schutz verdient, und wie ich es zuversichtlich hoffe!«

Judith hatte so weit wieder die Ueberlegenheit gewonnen, die eigentlich ihrer bessern Bildung, ihrem hochfliegenden Geiste und ihren ausnehmenden persönlichen Vorzügen zukam, daß sie die so zufällig erlangte Gewalt über den Andern behauptete, und wirklich jedes Zurückkommen auf einen Gesprächsgegenstand verhinderte, der eben so seltsam war unterbrochen, als seltsam eingeleitet worden. Der junge Mann ließ ihr ganz ihren Willen, und als sie seine harte Hand mit ihren beiden Händen drückte, widersetzte er sich nicht, sondern ergab sich in diese Huldigung so ruhig und mit einer Alles so in der Ordnung findenden Art, wie ein Fürst einen ähnlichen Tribut von einem Unterthan, oder die Geliebte von ihrem Anbeter würde hingenommen haben. Die Gefühlsaufwallung hatte das Angesicht des Mädchens geröthet und ihr ganzes Wesen erleuchtet, und ihre Schönheit war nie strahlender, als da sie dem Jüngling einen Abschiedsblick zuwarf. Dieser Blick war voll ängstlicher Besorgniß, Interesses, und zarten Mitleids. Im nächsten Augenblick flog sie in die Cajüte und ward nicht mehr gesehen; doch sprach sie von einem Fenster aus zu Hist, um ihr zu sagen, daß ihr Freund sie jetzt erwarte.

»Ihr kennt Rothhaut-Natur und Rothhaut-Bräuche hinlänglich, Wah-ta!-Wah, um die Lage zu verstehen, in der ich bin in Betreff dieses Urlaubs,« begann der Jäger in der Delawarensprache, sobald das geduldige und unterwürfige Mädchen aus diesem Volke still zu ihm herangetreten war; »Ihr werdet daher am besten begreifen, wie unwahrscheinlich es ist, daß ich je wieder mit Euch rede. Ich habe nur Wenig zu sagen; aber dieß Wenige gibt mir ein langer Aufenthalt unter Eurem Volke, und genaue Beobachtung und Erkundigung seiner Gebräuche ein. Das Leben eines Weibes ist hart und mühselig im besten Falle, aber ich muß gestehen, obgleich ich nicht zu Gunsten meiner Farbe eingenommen bin, daß es härter ist unter den rothen Männern, als unter den Bleichgesichtern. Das ist ein Punkt, dessen die Christen sich wohl rühmen dürfen, wenn Rühmen und Prahlen in irgend einer Form und Weise fürs Christenthum sich geziemt, was ich jedoch bezweifle. Wie dem sey, alle Weiber haben ihre Prüfungen. Rothe Weiber haben die ihrigen in der natürlichen Weise, wie ich es nennen möchte, während sie die weißen Weiber so zu sagen inokulirt bekommen. Tragt Eure Last wie sich’s geziemt, Hist, und bedenkt, wenn sie auch etwas beschwerlich seyn sollte, wie viel leichter sie doch ist als die der meisten Indianerinnen. Ich kenne Schlange wohl – was ich nennen darf: von Herzen, und er wird nie ein Tyrann seyn gegen Jemand, den er liebt, obwohl er erwarten wird, selbst als Mohikan’scher Häuptling behandelt zu werden. Es werden wolkige Tage über Eure Hütte kommen, denke ich mir, denn die treten ein bei allen Gebräuchen und unter allen Völkern; aber wenn man die Fenster des Herzens offen hält, wird immer Raum für den Sonnenschein bleiben, hineinzudringen. Ihr selbst seyd der Abkömmling eines großen Stammes, und so Chingachgook auch. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß je Eines diesen Umstand vergessen und Etwas, Eure Voreltern Entehrendes thun sollte. Aber dennoch, die Neigung ist eine zarte Pflanze, und gedeiht nie lange, wenn sie mit Thränen begossen wird. Laßt die Erde um Euer eheliches Glück herum von dem Thau der Freundlichkeit befeuchtet werden!«

»Mein bleicher Bruder ist sehr weise; Wah wird in ihrem Herzen Alles bewahren, was seine Weisheit ihr sagt.«

»Das ist einsichtig und weiblich gesprochen, Hist, Aufmerksamkeit beim Anhören eines guten Raths, und Kraft und Beharrlichkeit in der Befolgung, das ist der große Schutz eines Weibes. Und jetzt bittet Schlange, herzukommen und einen Augenblick mit mir zu sprechen, und nehmt mit Euch alle meine besten Wünsche und Gebete. Ich werde an Euch denken, Hist, und an Euern künftigen Gatten, geschehe was da wolle, und Euch Gutes gönnen hier und Jenseits, sey nun das letztere nach den Ideen der Indianer, oder nach der christlichen Lehre gestaltet.«

Hist vergoß keine Thränen beim Abschied. Sie ward aufrecht erhalten durch die hochsinnige Entschlossenheit eines über seine Handlungsweise entschiedenen Gemüthes; aber ihre dunkeln Augen leuchteten von den Gefühlen, die in ihrem Innern glühten, und ihr hübsches Gesicht strahlte in einem Ausdruck von Entschlossenheit, der in auffallendem und eigenthümlichem Contrast zu seiner gewöhnlichen Sanftheit stand. Es stand nur eine Minute an, bis der Delaware mit dem leichten, geräuschlosen Tritt eines Indianers zu seinem Freund herantrat.

»Kommt hieher, Schlange, hieher, mehr den Weibern aus dem Gesicht,« begann Wildtödter, »denn ich habe Euch Einiges zu sagen, was nicht einmal geargwohnt, viel weniger gehört werden darf. Ihr versteht die Natur der Urlaube und der Mingo’s zu gut, um darüber im Zweifel und in der Ungewißheit zu seyn, was geschehen wird, wenn ich in das Lager zurückkehre. Ueber die zwei Punkte daher werden wenige Worte weit ausreichen. Erstlich, Häuptling, wünsche ich Euch Etwas zu sagen über Hist, und über die Weise, wie Ihr rothen Männer Eure Weiber behandelt. Ich denke, es ist den Gaben Eures Volkes gemäß, daß die Weiber arbeiten und die Männer jagen; aber es gibt in allen Dingen ein Maß und Ziel. Was das Jagen betrifft, so sehe ich keinen Grund, warum dem sollten Grenzen gesteckt werden, aber Hist kommt von einem zu guten Stamme, als daß sie sich wie ein gemeines Weib placken sollte. Einem von Euern Mitteln und Euerm Stand kann es nie an Korn, oder Kartoffeln, oder irgend Etwas fehlen, was das Feld trägt; daher hoffe ich, wird nie Euer Weib die Hacke in die Hand nehmen müssen. Ihr wißt, ich bin nicht ganz ein Bettler, und Alles was ich habe, an Munition, Häuten, Waffen oder Caliko’s schenke ich an Hist, sollte ich nicht zu Ende des Sommers zurückkommen, um es anzusprechen. Das wird dem Mädchen auf lange Zeit zu Statten kommen und die Arbeit für sie abkaufen. Ich denke, ich brauche Euch nicht zu empfehlen, das Mädchen zu lieben, denn das thut Ihr schon, und Wen der Mann wahrhaft liebt, den wird er wohl auch gut halten und pflegen. Dennoch kann es Nichts schaden, wenn ich Euch erinnere, daß freundliche Worte nie im Herzen wurmen, wohl aber bittere. Ich weiß, Ihr seyd ein Mann, Schlange, der weniger dazu gemacht ist, in seiner Hütte zu schwatzen, als am Rathsfeuer zu sprechen; aber achtlose Augenblicke können uns Alle überraschen, und die Uebung in freundlicher Behandlung und freundlichen Worten ist ein wunderbar gutes Mittel, Frieden in einem Hause, wie auf einer Jagd zu erhalten.«

»Meine Ohren sind offen,« erwiederte der Delaware ernst; »die Worte meines Bruders sind so tief eingedrungen, daß sie nie mehr herausfallen können. Sie sind wie Ringe, die kein Ende haben, und nicht herausweichen können. Er spreche weiter; der Gesang des Zaunkönigs und die Stimme eines Freundes werden Einem nie zu Viel.«

»Ich will etwas länger sprechen, Häuptling, aber Ihr werdet es entschuldigen in Betracht alter Kameradschaft, falls ich jetzt von mir selbst rede. Wenn das Schlimmste zum Schlimmsten kommt, wird von mir schwerlich Viel mehr übrig bleiben, als Asche; somit wäre ein Grab überflüssig und eine Art Eitelkeit. Auf diesen Punkt bin ich nicht sonderlich versessen, obgleich es nicht übel wäre, die Ueberbleibsel von dem Holzstoß anzusehen, und sollten sich noch Knochen oder sonst Stücke finden, so wäre es anständiger, sie zu sammeln und zu begraben, als sie liegen zu lassen, daß die Wölfe daran nagten und darüber heulten. Diese Sachen machen am Ende keinen großen Unterschied, aber Männer von weißem Blut und christlichem Gefühl haben doch eher eine Gabe für Gräber.«

»Es soll geschehen, wie mein Bruder sagt,« versetzte der Indianer ernst. »Wenn sein Gemüth voll ist, leere er es aus in die Brust eines Freundes.«

»Dank Euch, Schlange; mein Gemüth ist leicht genug, ja, es ist ziemlich leicht. Ideen drängen sich Wohl auf, an die ich freilich gewöhnlich nicht denke, es ist wahr; aber wenn ich gegen die einen ankämpfe, und den andern Luft mache, wird am Ende Alles in Ordnung kommen. Ein Ding jedoch ist, Häuptling, das mir unvernünftig scheint, und gegen die Natur, obgleich die Missionäre es als wahr gelten lassen; und bei meiner Religion und Farbe fühle ich mich verpflichtet, ihnen zu glauben. Sie sagen, ein Indianer möge den Leib martern und peinigen nach Herzensgelüsten, und skalpiren und schneiden, und reißen und brennen, und alle seine Erfindungsgabe und Teufelei aufbieten, bis Nichts übrig bleibt als die Asche, und diese nach den vier Winden des Himmels verstreuen: dennoch, wenn die Posaune Gottes erschalle, werde sich Alles wieder zusammenfinden, und der Mensch werde wieder in seinem Fleisch dastehen, dieselbe Creatur im Aussehen, wenn auch nicht im Gefühl, wie zuvor, eh‘ er mißhandelt worden!«

»Die Missionäre sind gute Männer; sie meinen es gut,« versetzte der Delaware höflich; »sie sind keine großen Aerzte. Sie glauben Alles, was sie sagen, Wildtödter; das ist kein Grund, daß Krieger und Redner ganz Ohr seyn sollten. Wenn Chingachgook den Vater Tamenunds in seinem Skalp und Bemalung und Kriegslocke stehen sehen wird, dann wird er den Missionären glauben.«

»Sehen ist Glauben, gewiß. Ach ja! und Einer von uns sieht vielleicht dieß Alles eher als wir gedacht hätten. Ich verstehe Eure Meinung in Betreff von Tamenunds Vater, und die Idee ist eine bündige Idee. Tamenund ist jetzt ein alter Mann, wir wollen sagen achtzig, wohlgezählt; und sein Vater ward skalpirt und gemartert, als der jetzige Prophet ein junger Bursch war. Ja, wenn man das geschehen sähe, dann wäre es nicht mehr schwer, Allem Glauben zu schenken, was die Missionäre sagen. Indeß ich bin jetzt nicht gegen ihre Ansicht; denn Ihr müßt wissen, Schlange, daß der große Grundsatz des Christenthums ist: zu glauben ohne zu sehen; und ein Mann sollte immer nach seiner Religion und seinen Grundsätzen handeln, seyen sie welche sie wollen.«

»Das ist sonderbar für eine weise Nation.« sagte der Delaware mit Nachdruck. »Der rothe Mann schaut scharf hin, um zu sehen und zu verstehen.«

»Ja, das ist plausibel und dem menschlichen Stolz angenehm, aber es ist nicht so tief als es scheint. Wenn wir Alles verständen, was wir sehen, Schlange, so wäre es nicht nur klug, sondern auch sicher, jedem Ding unsern Glauben zu versagen, das wir unbegreiflich finden; aber wo es so viele Dinge gibt, von denen wir gar Nichts zu verstehen bekennen müssen, so nützt es Wenig und hat keinen vernünftigen Grund, bedenklich zu seyn gerade in Einem Punkt. Was mich betrifft, Delaware, meine Gedanken sind nicht alle bei der Jagd gewesen, wenn wir in unsrer Jugend auf Jagd und Kundschaft auszogen. Manche Stunde habe ich ganz angenehm zugebracht mit dem, was man bei meinem Volke Beschaulichkeit nennt. Bei solchen Gelegenheiten ist der Geist thätig, obschon der Körper träg und gleichgültig scheint. Ein offner Platz auf einem Berg, wo man Erde und Himmel weithin übersieht, ist ein höchst gutgewählter Ort für einen Mann, um eine richtige Idee von der Macht Manitou’s und von seiner eignen Kleinheit zu bekommen. Zu solchen Zeiten hat man keine große Neigung, sich an kleinen Schwierigkeiten im Begreifen zu stoßen, da so große da sind, sie zu verbergen. Zu solchen Zeiten kommt mich das Glauben leicht genug an; und wenn der Herr zuerst den Menschen aus Erde machte, wie sie mir sagen, daß in der Bibel geschrieben stehe, und dann im Tod ihn in Staub verwandelt, sehe ich keine große Schwierigkeit darin, daß er ihm wieder zu seinem Leibe verhilft, obgleich davon Nichts als Asche übrig geblieben. Diese Dinge liegen über unser Verständniß hinaus, wie nahe sie unsern Gefühlen liegen mögen, und wirklich liegen. Aber von allen Lehren, Schlange, ist, die mich am meisten stört und mein Gemüth in Unruhe versetzt, diejenige, welche uns glauben heißt: ein Bleichgesicht komme in einen Himmel, und eine Rothhaut in einen andern; sie möchte im Tod diejenigen trennen, die viel zusammen lebten, und einander im Leben herzlich liebten.«

»Lehren die Missionäre ihre weißen Brüder dieß glauben?« fragte der Indianer mit gemessenem Ernst. »Die Delawaren glauben, daß gute Männer und tapfere Krieger mit einander jagen werden in denselben luftigen Wäldern, welchem Stamme sie auch angehören mögen; daß alle ungerechten Indianer und Feigen mit den Hunden und Wölfen herumkriechen müssen, um Wildpret für ihre Hütten zu bekommen.«

»Es ist wunderbar, wie mancherlei Einbildungen die Menschen haben, Glück und Elend betreffend in einem andern Leben!« rief der Jäger aus, hingerissen von der Macht seiner eignen Gedanken. »Einige glauben an Feuer und Flammen, und Andere halten es für Strafe, mit den Wölfen und Hunden zu essen. Dann wieder bilden sich Einige ein, der Himmel sey nur die Befriedigung ihrer irdischen Wünsche, während Andere ihn sich ganz voll Gold und glänzender Lichter denken! Nun, ich habe meine eigne Idee in dieser Sache, Schlange, und zwar diese. So oft ich Unrecht gethan, habe ich in der Regel gefunden, daß es von einer Blindheit des Geistes herrührte, welche mich hinderte, das Rechte zu sehen und wenn das Gesicht wieder gekehrt war, dann kam Kummer und Reue. Nun bilde ich mir ein, daß nach dem Tod, wenn der Körper abgelegt, oder, wenn überhaupt noch gebraucht, gereinigt und von seinen Bedürfnissen und Wünschen befreit ist, der Geist alle Dinge in ihrem wahren Licht sieht, und nie gegen Wahrheit und Gerechtigkeit blind wird. Wenn dieß der Fall, schaut man Alles, was man im Leben gethan, so klar, wie die Sonne am Mittag; das Gute bringt Freude, und das Böse Kummer. Daran ist nichts Unvernünftiges, sondern es ist der Erfahrung jedes Menschen gemäß.«

»Ich glaubte, die Bleichgesichter hielten alle Menschen für Sünder, Wer soll dann je den Himmel der Weißen finden?«

»Das ist sinnreich, aber es trifft nicht mit den Lehren der Missionäre zusammen. Ihr werdet eines Tags, ich zweifle nicht, ein Christ werden, und dann wird Euch Alles klar einleuchten. Ihr müßt wissen, Schlange, daß eine große That der Rettung und Erlösung vollbracht worden ist, die mit Gottes Hülfe alle Menschen in Stand setzt, Vergebung zu finden für ihre Sündhaftigkeit, und das ist das Wesentliche der Religion der Weißen. Ich kann mich nicht aufhalten, weitläuftiger hierüber mit Euch zu sprechen, denn Hist wartet im Canoe, und der Urlaub ruft mich weg; aber die Zeit wird, hoffe ich, kommen, wo Ihr das fühlen werdet; denn gefühlt muß es am Ende doch werden, mehr als mit dem Verstande ergründet. Ach weh! nun, Delaware, da ist meine Hand. Ihr wißt, es ist die eines Freundes, und werdet sie als solche schütteln, obgleich sie Euch nicht halb so viel Gutes erwiesen, als ich gewünscht hätte!«

Der Indianer ergriff die dargebotene Hand, und erwiederte den Druck mit Wärme. Dann wieder seinen erworbenen Stoicismus annehmend, den man so häufig für angeborne Gleichgültigkeit hielt, stand er mit Fassung und Zurückhaltung auf, und schickte sich an, von seinem Freunde mit aller Würde sich zu trennen. Wildtödter jedoch war natürlicher; und er hätte sich wohl gar Nichts daraus gemacht, seinen Gefühlen ganz freien Lauf zu lassen, hätte ihn nicht das Benehmen und die Sprache Judiths vor einer kleinen Weile mit geheimer, obwohl unbestimmter Besorgniß vor einer Scene erfüllt. Er war zu bescheiden, um die Wahrheit hinsichtlich der wahren Gefühle dieses schönen Mädchens zu ahnen, während er zu gut beobachtete, als daß er nicht ihren innern Kampf hätte bemerken sollen, der sie so oft einer Entdeckung ihres Geheimnisses so nahe gebracht hatte. Daß etwas Außerordentliches in ihrer Brust sich verberge, war ihm augenfällig genug; und vermöge eines männlichen Zartgefühls, das der feinsten und höchsten Bildung Ehre gemacht haben würde, scheute er zurück vor einer Offenbarung dieses Geheimnisses, welche später das Mädchen selbst hätte reuen können. Daher beschloß er jetzt aufzubrechen, und das ohne weitere Kundgebung von Gefühlen von seiner Seite oder von Andern.

»Gott segne Euch! Schlange – Gott segne Euch!« rief der Jäger, als das Canoe von der Plattform abstieß, »Euer Manitou und mein Gott allein weiß, wann und wo wir uns wieder sehen; ich werde es für einen großen Segen und für eine reichliche Belohnung des wenigen Guten ansehen, das ich etwa auf Erden gethan, wenn es uns vergönnt seyn wird, im andern Leben einander zu erkennen und mit einander zu verkehren, wie wir in diesen lustigen Wäldern vor uns so lange gethan haben!«

Chingachgook winkte mit der Hand – das leichte Tuch, das er trug, über den Kopf ziehend, wie ein Römer seinen Schmerz in seinen Gewändern verbarg, entfernte er sich langsam in die Arche, um allein seinem Kummer und seinen Gedanken nachzuhängen. Wildtödter sprach nicht eher wieder, als bis das Canoe halbwegs am Lande war. Dann hörte er plötzlich auf zu rudern, hiezu veranlaßt durch Hetty, welche das Schweigen mit ihrer sanften, musikalischen Stimme unterbrach.

»Warum geht Ihr zu den Huronen zurück, Wildtödter?« fragte das Mädchen. »Sie sagen, ich sei schwachsinnig, und Solchen thun sie nie ein Leid; aber Ihr habt so viel Verstand als Hurry Harry, und noch mehr, meint Judith, obgleich ich nicht einsehe, wie das möglich ist.«

»Ach, Hetty, ehe wir landen, muß ich mich noch ein Wenig mit Euch besprechen, Kind; und das über Sachen, welche vornemlich Eure Wohlfahrt betreffen. Stellt Euer Rudern ein, oder vielmehr, damit nicht die Mingo’s meinen, wir machen Anschläge und Complotte, und uns darnach behandeln, taucht nur so ganz leicht Eure Schaufel ein, und gebt dem Canoe nur ganz wenig Bewegung und nicht mehr. Das ist gerade die Idee und die Bewegung. Ich sehe, Ihr seyd anstellig genug auf den Augenschein, und wäret wohl zu brauchen bei einer List und Täuschung, wenn das jetzt recht wäre, eine zu versuchen – das ist gerade die Idee und die Bewegung! Ach weh! Trug und eine falsche Zunge sind böse Sachen, und geziemen sich gar nicht für unsere Farbe, Hetty; aber es ist eine Lust und eine Genugthuung, die schlauen Ränke einer Rothhaut zu vereiteln in dem Kampf eines rechtmäßigen Kriegers. Meine Bahn ist kurz gewesen und wird wohl bald ein Ende haben; aber ich kann sehen, daß die Wanderungen eines Kriegers doch nicht ganz zwischen Gestrüppe und Schwierigkeiten hin gehen. Der Kriegspfad hat auch eine glänzende Seite, so gut wie die meisten andern Dinge, wenn wir nur die Weisheit haben, sie zu sehen, und die Großmuth, es zu gestehen.«

»Und warum sollte Euer Kriegspfad, wie Ihr es nennt, seinem Ende so nahe seyn, Wildtödter?«

»Weil, mein gutes Mädchen, mein Urlaub seinem Ende so nahe ist. Vermuthlich werden beide so ziemlich miteinander zu Ende gehen, was die Zeit betrifft – eines folgt dem andern ganz natürlich auf der Ferse.«

»Ich verstehe Eure Meinung nicht, Wildtödter,« versetzte das Mädchen, etwas verwirrt darein schauend. »Mutter sagte immer, die Leute sollten mit mir deutlicher sprechen, als mit den meisten Andern, weil ich schwachsinnig sey. Die Schwachsinnigen fassen nicht so leicht, wie die, die Verstand haben.«

»Nun denn, Hetty, die einfache Wahrheit ist diese. Ihr wißt, daß ich dermalen ein Gefangner von den Huronen bin, und Gefangene nicht in Allem nach ihrem Belieben thun können –«

»Aber wie könnt Ihr ein Gefangner seyn,« unterbrach ihn lebhaft das Mädchen, »da Ihr doch hier auf dem See seyd, in Vaters Rinden-Canoe, und die Indianer in den Wäldern, und gar kein Canoe haben? Das kann nicht wahr seyn, Wildtödter!«

»Ich wünschte von ganzem Herzen und ganzer Seele, Hetty, daß Ihr Recht hättet, und ich Unrecht, statt daß Ihr jetzt Unrecht habt, und ich der Wahrheit nur zu nahe bin. So frei ich Euren Augen scheine, Mädchen, bin ich doch in Wirklichkeit an Händen und Füßen gebunden.«

»Ha, es ist wirklich ein großes Unglück, keinen Verstand zu haben! Ich kann nun einmal nicht sehen noch verstehen, daß Ihr irgend wie ein Gefangner oder gebunden seyd. Wenn Ihr gebunden seyd, womit sind denn Eure Hände und Füße gefesselt?«

»Mit einem Urlaub, Mädchen; das ist ein Band, das fester bindet als irgend eine Kette, diese kann man brechen, aber jenen nicht. Bei Seilen und Ketten kann man sich mit Messern und Listen und Schlauheit helfen; aber ein Urlaub kann weder durchschnitten, noch durchfeilt, noch abgestreift werden.«

»Was für eine Art Ding ist denn ein Urlaub, wenn er stärker ist als Hanf oder Eisen? Ich habe noch nie einen Urlaub gesehen.«

»Ich hoffe, Ihr bekommt nie einen zu fühlen, Mädchen; das Bindende bei diesen Sachen liegt ganz in den Gefühlen, und muß daher gefühlt, nicht gesehen werden. Ihr versteht doch wohl, glaube ich, was es heißt, ein Versprechen zu geben, gute kleine Hetty?«

»Gewiß. Ein Versprechen heißt: Ihr wollet etwas thun, und das bindet Euch so gut als Euer Wort. Mutter hielt immer ihre Versprechen gegen mich und dann sagte sie, es wäre eine Sünde, wenn ich nicht meine Versprechen gegen sie und gegen Jedermann sonst hielte.«

»Ihr habt eine gute Mutter gehabt, in manchen Beziehungen, Kind, was sie auch in andern gewesen seyn mag. Ja, das ist ein Versprechen, und wie Ihr sagt, muß es gehalten werden. Nun bin ich vorige Nacht in die Hände der Mingo’s gefallen, und sie ließen mich los, um meine Freunde zu sehen, und Botschaften zu schicken zu den Leuten meiner Farbe, falls von ihnen an meinem Schicksal Theil nehmen, unter der Bedingung, daß ich zurück sey, wenn die Sonne heute mitten am Himmel steht, und erdulde, was ihr Haß und Rachsucht von Qualen ersinnen kann, zur Sühne für das Leben des Kriegers, der von meiner Büchse fiel, wie auch für das des jungen Weibes, das Hurry erschossen hat, und für andere Widerwärtigkeiten, die ihnen auf dem See und um ihn herum zugestoßen sind. Was man ein Versprechen nennt zwischen Mutter und Tochter, oder auch zwischen Fremden in den Ansiedlungen, wird ein Urlaub genannt, wenn ein Soldat gegen einen andern auf dem Kriegspfad sich dadurch bindet. Und jetzt, denke ich, begreift Ihr meine Lage, Hetty!«

Das Mädchen gab einige Zeit keine Antwort, aber sie hörte ganz auf zu rudern, als ob die neue Idee ihren Geist zu sehr angriffe, um ihr noch eine andere Beschäftigung zu gestatten. Dann setzte sie das Zwiegespräch ernstlich und mit Bekümmerniß fort.

»Meint Ihr, die Huronen werden das Herz haben, zu thun was Ihr sagt, Wildtödter?« fragte sie. »Ich habe sie freundlich und unschädlich gefunden.«

»Das ist schon wahr, was ein Wesen wie Euch anbelangt, Hetty; aber eine ganz andere Sache ist es, wenn es einem offenen Feind gilt, der noch dazu der Besitzer einer ziemlich sichern Büchse ist. Ich sage nicht, daß sie einen besondern Haß gegen mich tragen wegen gewisser Thaten, die ich schon verrichtet, denn das wäre gleichsam am Rande des Grabes geprahlt, aber es ist keine Eitelkeit, wenn ich glaube, daß sie wissen, wie einer ihrer tapfersten und schlausten Häuptlinge durch meine Hand fiel. Da dieß der Fall ist, würde sich der Stamm Vorwürfe machen, wenn er ermangelte, den Geist eines Bleichgesichts dem Geist ihres rothen Bruders zur Gesellschaft nachzuschicken; vorausgesetzt natürlich, daß er ihn einholen kann. Ich erwarte keine Gnade und Barmherzigkeit von ihnen, Hetty; und mein vornehmster Kummer ist, daß ein solches Unglück mir auf meinem ersten Kriegspfade zustoßen mußte; daß es früher oder später einmal komme, das erwartet jeder Soldat und ist darauf gefaßt.«

»Die Huronen sollen Euch kein Leid thun, Wildtödter!« rief das Mädchen in großer Aufregung. »Es ist sündhaft ebensowohl als grausam; ich habe hier die Bibel, ihnen das zu sagen. Meint Ihr ich würde dazu hinstehen und Euch martern sehen?« »Ich hoffe nicht, meine gute Hetty, ich hoffe nicht; und daher erwarte ich, Ihr werdet, wenn der Augenblick kommt. Euch entfernen; und nicht Zeugin seyn eines Schauspiels, wo Ihr doch nicht helfen könnt, und das Euch betrüben würde. Aber ich habe nicht darum das Rudern eingestellt, um von meinen Bekümmernissen und Nöthen zu schwatzen, sondern um ein wenig offen mit Euch von Euren Angelegenheiten zu reden, Mädchen.«

»Was könnt Ihr mir zu sagen haben, Wildtödter! Seit Mutter starb, reden Wenige mit mir von solchen Dingen!«

»Um so schlimmer, armes Mädchen: ja, es ist um so schlimmer, denn mit Einer von Eurem Gemüthszustand sollte man häufig sprechen, damit sie den Schlingen und Tücken dieser sündhaften Welt entgehe. Ihr habt den Hurry Harry nicht so bald vergessen, Mädchen, denke ich mir!«

»Ich! – Ich Henry March vergessen!« rief Hetty auffahrend. »Wie sollte ich ihn vergessen, Wildtödter, da er unser Freund ist; und uns erst vorige Nacht verließ. Der große, glänzende Stern, welchen Mutter so gern betrachtete, war gerade über dem Wipfel der großen Fichte dort, auf dem Berg, als Hurry in das Canoe stieg; und als Ihr ihn auf dem Vorsprung bei der östlichen Bucht ans Land setztet, stand er nicht um mehr als die Länge von Judith’s schönstem Band darüber.«

»Und wie könnt Ihr wissen, wie lang ich fort war, oder wie weit ich fuhr, um Hurry zu landen, da Ihr nicht bei uns waret, und die Entfernung so groß ist, der Nacht zu geschweigen?«

»Oh! ich wußte es doch ganz genau,« versetzte Hetty mit Bestimmtheit, »Es gibt mehr als Eine Weise, Zeit und Entfernung zu messen. Wenn das Gemüth recht bei einer Sache betheiligt ist, so ist es besser als jede Uhr. Meines ist schwach, aber es geht sicher genug in Allem, was den armen Hurry Harry betrifft. Judith wird nimmermehr den March heirathen, Wildtödter.«

»Das ist der Punkt, Hetty, das ist eben der Punkt auf den ich kommen möchte. Ihr wißt, denke ich, daß es bei jungen Leuten natürlich ist, daß sie wohlwollende Gefühle für einander haben, zumal wenn das Eine ein Jüngling, das Andere ein Mädchen ist. Nun muß Eine von Euren Jahren und Eurem Gemüth, Mädchen, die weder Vater noch Mutter hat, und in einer Wildniß lebt, wohin nur Jäger und Fallensteller kommen, auf ihrer Hut seyn gegen Uebel, von denen sie kaum träumt!«

»Was kann Arges daran seyn, gut zu denken von einem Mitgeschöpf,« versetzte Hetty einfach, obgleich das verrätherische Blut ihr in die Wangen stieg, trotz einer Reinheit des Geistes, bei der sie kaum wußte, woher dieß Erröthen kam; »die Bibel gebietet uns, die zu lieben, die uns verächtlich behandeln, und warum nicht diejenigen, die das nicht thun?«

»Ach, Hetty! Die Liebe der Missionäre ist nicht die Art von Wohlgefallen, die ich meine. Antwortet mir auf Eines, Kind: glaubt Ihr Geist und Verstand genug zu haben, Weib und Mutter zu werden?«

»Das ist keine Frage, die einem Mädchen vorzulegen geziemt, Wildtödter, und ich werde sie nicht beantworten,« versetzte das Mädchen im Ton des Vorwurfs – etwa wie ein Vater oder eine Mutter ein Kind tadelt wegen einer Unbescheidenheit. »Wenn Ihr Etwas über Hurry zu sagen habt, so will ich das hören; aber Ihr müßt nicht schlimm von ihm sprechen; er ist abwesend, und es ist nicht schön, schlimm von Abwesenden zu sprechen.«

»Eure Mutter hat Euch so viel gute Lehren gegeben, Hetty, daß meine Besorgnisse Eurethalben nicht mehr so groß sind wie früher. Dennoch muß ein Mädchen ohne Eltern, in Eurem Gemüthszustand, und nicht ohne Schönheit, immer in Gefahr seyn in einer so gesetzlosen Gegend wie diese. Ich möchte Nichts zum Nachtheil Hurry’s sagen, der in der Hauptsache kein übler Mann ist für Einen von seinem Beruf, aber Ihr solltet Eines wissen, was zu hören Euch vielleicht gar nicht angenehm ist, aber Euch doch gesagt werden muß. March hat eine desperate Neigung für Eure Schwester Judith.«

»Nun, und was weiter? Jedermann bewundert Judith, sie ist so schön, und Hurry hat mir oft und viel gesagt, wie sehr er wünsche sie zu heirathen. Aber das wird nie geschehen, denn Judith mag den Hurry nicht. Sie hat einen Andern gern, und spricht von dem im Schlafe; aber Ihr dürft mich nicht fragen, Wer es ist, denn alles Gold in König Georg’s Krone und alle Juwelen dazu, würden mich nicht versuchen, Euch seinen Namen zu sagen. Wenn Schwestern nicht Geheimnisse von einander bewahren können, Wer soll es dann?« »Gewiß; ich wünsche gar nicht, daß Ihr mir es sagt, Hetty, auch würde es einen Sterbenden Nichts nützen, es zu wissen. Was die Zunge spricht, wenn der Geist schläft, dafür ist weder Kopf noch Herz verantwortlich.«

»Ich wollte ich wüßte, warum Judith im Schlafe so viel von Officieren und redlichen Herzen und falschen Zungen redet; aber ich denke, sie sagt es mir nicht gern, weil ich schwachsinnig bin. Ist es nicht sonderbar, Wildtödter, daß Judith den Hurry nicht mag – der doch der tüchtigstaussehende Junge ist, der je an den See kommt, und so schön wie sie selbst. Vater sagte immer, sie würden das hübscheste Paar in der Gegend seyn, obgleich Mutter an March so wenig Gefallen hatte als Judith. Man kann nicht wissen, was kommen wird, sagt man, bis die Dinge wirklich geschehen.«

»Ach, weh! Nun, arme Hetty, es hilft nicht Viel, zu Solchen zu sprechen, die Einen nicht verstehen können, und so will ich Nichts weiter von dem sagen, wovon ich mit Euch reden wollte, obwohl es mir schwer auf der Seele liegt. Rührt die Ruder wieder, Mädchen, und wir wollen dem Lande zu steuern, denn die Sonne steht schon hoch und mein Urlaub ist beinahe zu Ende.«

Das Canoe glitt jetzt dahin, und steuerte dem Punkte zu, wo Wildtödter genau wußte, daß seine Feinde ihn erwarteten, und wo er schon zu fürchten anfing nicht mehr zur rechten Zeit einzutreffen, um das Pfand seines Wortes zu lösen. Hetty jedoch, die seine Ungeduld bemerkte, ohne ihren Grund sehr klar zu begreifen, unterstützte ihn so kräftig in seiner Anstrengung, daß ihre rechtzeitige Ankunft bald nicht mehr zweifelhaft war. Dann, und erst dann, ließ der junge Mann in seiner Arbeit am Ruder etwas nach, und Hetty fing wieder an in ihrer einfachen, zutraulichen Weise zu plaudern, obwohl Nichts weiter zur Sprache kam, was zu berichten sich der Mühe verlohnte.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Geschäftig warst du heute, Tod! doch halb
Ist erst dein Werk vollbracht! der Hölle Thore
Sind vollgedrängt, doch Geister rücken an
Zweimal zehntausend noch, die, keiner Scheidung
Von ihren warmen und gesunden Zellen
Gewärtig, ehe noch die Sonne sinkt,
Die Welt des Weh’s betreten müssen!
Southey.

Ein mit den Zeichen des Himmels Bekannter würde gesehen haben, daß die Sonne nur noch zwei oder drei Minuten vom Zenith entfernt war, als Wildtödter auf dem Landvorsprung, wo die Huronen jetzt lagerten, beinahe gegenüber von dem Castell, landete. Dieser Platz war dem schon beschriebenen ähnlich, mit der Ausnahme, daß der Boden weniger unterbrochen und weniger mit Bäumen besetzt war. Vermöge dieser beiden Umstände eignete er sich um so besser für den Zweck, wozu er gewählt worden war, und der Raum unter den Zweigen hatte einige Aehnlichkeit mit einem von dichtem Wald umgebenen Grasplatz. Begünstigt durch seine Lage und seine Quelle ward er häufig von Wilden und Jägern besucht und erkoren, und das natürliche Gras, das auf ihren Feuerplätzen nachgewachsen war, gab manchen Stellen das Ansehen von Rasen, eine sehr ungewöhnliche Zierde des jungfräulichen Urwaldes. Auch war der Rand des Wassers nicht mit Büschen eingefaßt, wie auf einem großen Theil der Küste, sondern das Auge drang unmittelbar, so wie man den Strand erreichte, in die Wälder hinein, und beherrschte beinahe die ganze Fläche des Vorsprungs.

War es ein Ehrenpunkt für den indianischen Krieger, sein Wort zu lösen, wenn er sich verpflichtet hatte, zurückzukehren und seinem Tode entgegenzugehen zu einer gegebenen Stunde, so war es auch ein Ehrenpunkt charakteristischen Stolzes, keine weibische Ungeduld zu zeigen, sondern so genau als möglich auf den festgesetzten Augenblick wieder einzutreffen. Es war gut, die von der Großmuth des Feindes bewilligte Gnadenfrist nicht zu überschreiten, aber es war noch besser, sie auf die Minute einzuhalten. Etwas von dieser dramatischen Effektsucht mischt sich in die meisten der ernsteren Gebräuche der amerikanischen Ureinwohner, und ohne Zweifel kann es, wie die Herrschaft eines ähnlichen Gefühls unter mehr verfeinerten und künstlich gebildeten Menschen auf ein natürliches Prinzip zurückgeführt werden. Wir lieben alle das Wunderbare, und wenn es auftritt, begleitet von ritterlicher Selbstaufopferung und strenger Beachtung der Ehre, so stellt es sich unsrer Bewunderung in doppelt anziehender Gestalt dar. Wildtödter nun, obgleich er seinen Stolz darein setzte, sein weißes Blut dadurch zu zeigen, daß er oft von den Sitten der rothen Männer abwich, verfiel doch auch häufig, sich selbst unbewußt, in ihre Gebräuche, und noch öfter in ihre Gefühle, in Folge davon, daß er sich nur an ihr Urtheil und ihren Geschmack als seine Richter und Autoritäten wenden konnte. Im gegenwärtigen Fall hätte er gern den Schein einer fieberischen Hast, die sich durch eine zu frühe Rückkehr verrathen hätte, vermieden, weil dieß ein stillschweigendes Zugeständniß gewesen wäre, daß die von ihm begehrte Zeit länger war als nöthig gewesen; aber andrerseits würde er, wenn es ihm eingefallen wäre, seine Bewegungen ein wenig beschleunigt haben, um den dramatischen Effekt zu vermeiden, genau in dem Augenblick zurückzukommen, der ihm als äußerste Grenze seines Ausbleibens gesetzt war. Doch hatte der Zufall das Seinige gethan, die letztere Absicht zu vereiteln, denn als der junge Mann den Fuß ans Land setzte, und mit stetem Schritt auf die Gruppe von Häuptlingen zuging, die in ernster Versammlung auf einem gefallnen Baum saßen, warf der Aelteste von ihnen einen Blick hinauf nach einer Oeffnung in den Bäumen, und machte seine Genossen auf den merkwürdigen Umstand aufmerksam, daß die Sonne gerade in eine Stelle eintrat, die, wie man wußte, das Zenith bezeichnete. Ein allgemeiner, aber leiser Ausruf der Ueberraschung und Bewunderung entfuhr jedem Mund, und die grimmigen Krieger schauten einander an; Einige mit Neid und Verdruß, andere mit Erstaunen über die pünktliche Genauigkeit ihres Opfers und noch Andere mit einem großmüthigeren und edleren Gefühl. Der amerikanische Indianer hielt immer seine moralischen Siege für die edelsten und schlug das Stöhnen und Erliegen seines Opfers unter Martern höher an, als die Trophäe seines Skalpes, und die Trophäe selbst höher als seinen Tod. Tödten, ohne das Zeichen des Siegs davonzutragen, galt in der That kaum für ehrenhaft; selbst diese rohen und wilden Bewohner des Waldes hatten sich, wie ihre feinen gebildeten Brüder vom Hof und Lager, eingebildete und willkührliche Ehrenpunkte festgesetzt, zur Beeinträchtigung der Ansprüche des Rechts und der Entscheidungen der Vernunft,

Die Huronen waren in ihren Meinungen, die Wahrscheinlichkeit der Zurückkehr ihres Gefangenen betreffend, getheilt gewesen. Die Meisten unter ihnen hatten es in der That nicht für möglich gehalten, daß ein Bleichgesicht freiwillig zurückkommen und sich den bekannten Qualen einer indianischen Marterung unterziehen werde; aber Einige von den Aelteren trauten Besseres einem Manne zu, der sich schon so ausnehmend kaltblütig, tapfer und geradsinnig gezeigt hatte. Die Truppe war jedoch zu ihrer Entscheidung gekommen, weniger in der Erwartung, daß das Pfand des gegebenen Wortes werde gelöst werden, als in der Hoffnung, die Delawaren herabwürdigen zu können, indem man ihnen das Unrecht und die Schmach eines in ihren Dörfern Aufgewachsenen vorrücke und aufbürde. Weit lieber hätten sie gesehen, daß Chingachgook ihr Gefangner gewesen wäre und sich als Verräther gezeigt hätte; aber der Bleichgesichtsprößling von dem verhaßten Stamm war kein übler Ersatzmann für ihre Zwecke, wenn einmal ihre Anschläge gegen den alten, eigentlichen Baum scheiterten. Um den Triumph so auffallend als möglich zu machen, für den Fall, daß die Stunde verstreiche, ohne daß der Jäger wieder erscheine, waren alle Krieger und Kundschafter der Truppe herbeiberufen worden; und die ganze Bande, Männer, Weiber und Kinder waren jetzt auf diesem Punkt versammelt, um Zeugen der erwarteten Scene zu seyn. Da das Castell ganz offen da lag, in gar nicht großer Entfernung, konnte man es bei Tag wohl beobachten; und da man annahm, daß die Insaßen nur aus Hurry, dem Delawaren und den beiden Mädchen beständen, befürchtete man nicht, sie könnten ungesehen entfliehen. Ein großer Floß, mit einer Brustwehr von Stämmen, war angefertigt worden, und wirklich schon ganz bereit gegen Arche oder Castell, wie es die Gelegenheit erfordere, verwendet zu werden, sobald Wildtödters Geschick entschieden wäre; denn die Aelteren unter der Truppe waren auf die Ansicht gekommen, daß es nachgerade gefährlich würde, ihren Aufbruch nach Canada länger als bis zur nächsten Nacht aufzuschieben. Kurz, die Bande wartete nur noch die Abmachung dieser einigen Angelegenheit ab, ehe sie die Sachen zur Entscheidung brachte, und bereitete sich, den Rückzug nach den fernen Gewässern des Ontario anzutreten.

Es war eine imposante Scene, in welche Wildtödter sich jetzt, wie er vorwärts schritt, versetzt sah. Alle ältern Krieger saßen auf dem Stamme des gefallenen Baumes, und erwarteten seine Annäherung mit ernstem Anstand. Rechts standen die jungen Männer, bewaffnet, während die linke Seite von den Weibern und Kindern eingenommen war. In der Mitte war ein freier Platz von ansehnlicher Ausdehnung, von Laub durchaus überwölbt, wo man aber das Unterholz, abgestorbne Bäume und andre Hindernisse sorgfältig weggeräumt hatte. Dieser offenere Platz war vermuthlich von früheren Gesellschaften oft benutzt worden, denn dieß war die Stelle, welche am entschiedensten den Eindruck eines Rasens machte. Die Bogen der Wälder warfen selbst am hohen Mittag ihren düstern Schatten auf den Platz, welchen die glänzenden, durch die Blätter sich durchkämpfenden Sonnenstrahlen mit einer milden, weichen Beleuchtung übergoßen. Vermuthlich von einer solchen Scene empfing der Geist des Menschen zuerst die Idee von den Wirkungen Gothischer Verzierungen und kirchlicher Farben; dieser Tempel der Natur machte ungefähr denselben Eindruck, was Licht und Schatten betrifft, wie das bekannte Produkt menschlichen Kunstsinnes.

Wie nicht selten bei den Stämmen und wandernden Banden der Ureinwohner, theilten zwei Häuptlinge, in beinahe gleichen Graden der Würde, die vornehmste patriarchalische Autorität, welche über diese Kinder des Waldes geübt wurde. Es waren Einige, welche die Auszeichnung von Häuptlingen ansprechen mochten, aber die zwei Erstgenannten gingen allen Uebrigen so sehr an Ansehen und Einfluß vor, daß, wenn sie einig waren, Niemand ihre Gebote bestritt; und wenn sie getheilter Ansicht waren, schwankte die Bande unschlüssig hin und her, wie Männer, die ihr leitendes Prinzip des Handelns verloren. Es war auch ganz der Erfahrung – wir dürften vielleicht hinzusetzen, der Natur gemäß, daß Eines der Häupter seinen Einfluß seinem Geist verdankte, während bei dem Andern seine Auszeichnung ganz auf physischen Eigenschaften und Vorzügen beruhte. Der Eine war ein älterer Mann, wohlbekannt durch seine Beredsamkeit in Erörterungen, seine Weisheit im Rathe, und seine Klugheit in der Wahl der Maßregeln, während sein großer Mitbewerber, wo nicht Nebenbuhler, ein tapfrer Mann war, ausgezeichnet im Krieg, bekannt durch seine Wildheit, und was die Intelligenz betrifft, hervorragend nur durch Schlauheit und Reichthum an Auskunftsmitteln auf dem Kriegspfade. Der Erstere war Rivenoak, der dem Leser schon bekannt ist, und der Letztere war der Panther genannt. Die Benennung des kampflustigen Häuptlings bezeichnete, der Annahme nach, die Eigenschaften des Kriegers nach den bei den rothen Männern üblichen Nomenklatur, denn Wildheit, Schlauheit und Verrätherei waren vielleicht die unterscheidenden Züge seines Charakters. Er hatte den Namen von den Franzosen erhalten und dieser wurde deßhalb um so höher geschätzt, da der Indianer in den meisten Dingen sich von ganzem Herzen der höhern Intelligenz seiner Verbündeten, der Bleichgesichter, unterwarf. Wie gut er dieß Sobriquet Le Panthère verdiente, wird man aus dem Spätern ersehen.

Rivenoak und der Panther saßen neben einander, die Annäherung ihres Gefangnen erwartend, als Wildtödter seinen Fuß mit dem Moccasin auf den Strand setzte; auch rührte sich keiner, oder sprach eine Sylbe, als bis der junge Mann in die Mitte des Platzes getreten war, und seine Anwesenheit durch Worte verkündigte. Er that dieß mit Festigkeit, obwohl in der einfachen Weise, die den Charakter des Mannes überhaupt bezeichnete.

»Hier bin ich, Mingo’s,« sagte er in der Sprache der Delawaren, welche die Meisten der Anwesenden verstanden; »hier bin ich, und dort steht die Sonne. Die Eine ist nicht treuer den Gesetzen der Natur als der Andere sich seinem Worte treu bewährt hat. Ich bin Euer Gefangener; verfahrt mit mir nach Eurem Belieben. Meine Geschäfte mit Menschen und mit der Erde sind in’s Reine gebracht; Nichts bleibt mir jetzt mehr übrig, als vor den Gott der weißen Männer zu treten, nach eines weißen Mannes Pflichten und Gaben.«

Ein beifälliges Murmeln entschlüpfte selbst den Weibern bei dieser Anrede, und einen Augenblick wurde ein lebhaftes und ziemlich allgemeines Verlangen rege, einen Mann von so muthigem Geist in den Stamm aufzunehmen. Doch gab es auch Solche, welche diesem Wunsch nicht beitraten, und unter den Wichtigsten von diesen ist zu nennen der Panther und seine Schwester le Sumach, so genannt von der Zahl ihrer Kinder, die Wittwe des Loup Cervier, von dem man wußte, daß er von der Hand des Gefangenen gefallen war. Natürliche Wildheit hielt den Einen umstrickt und gefesselt, während die nagende Leidenschaft der Rachgier die Andere hinderte, im Augenblick sanftere Gefühle aufkommen zu lassen. Nicht so Rivenoak. Dieser Häuptling stand auf, streckte seinen Arm vor sich aus, mit einer Bewegung der Höflichkeit, und machte dem Gefangnen sein Compliment mit einer Gewandtheit und Würde, um die ihn ein Fürst hätte beneiden dürfen. Da seine Weisheit und Beredsamkeit unter dieser Bande zugestandenermaßen keinen Nebenbuhler hatten, erkannte er, daß ihm schicklich die Pflicht zufiel, die Rede des Bleichgesichts zuerst zu beantworten.

»Bleichgesicht, Ihr seyd redlich,« sagte der Huronische Redner. »Mein Volk ist glücklich, daß es einen Mann gefangen hat, und nicht einen schleichenden Fuchs. Wir kennen Euch jetzt, wir werden Euch als einen Tapfern behandeln. Wenn Ihr Einen unsrer Krieger getödtet, und geholfen habt, Andere zu tödten, so seyd Ihr dafür Euer eignes Leben zum Ersatz zu geben bereit. Einige meiner jungen Männer dachten, das Blut eines Bleichgesichts würde zu dünn seyn, und sich weigern, unter dem Messer der Huronen zu fließen. Ihr wollt ihnen zeigen, daß dem nicht so ist, Euer Herz ist stark wie Euer Körper. Es ist eine Freude, einen solchen Gefangenen zu machen; sollten meine Krieger sagen, der Tod des Loup Cervier dürfe nicht vergessen werden, und er könne nicht allein wandern in’s Land der Geister, sein Feind müsse ihm nachgeschickt werden, um ihn einzuholen; so werden sie doch bedenken, daß er von der Hand eines Tapfern fiel, und Euch ihm nachschicken mit solchen Zeichen unsrer Freundschaft, daß er sich Eurer Gesellschaft nicht schämen wird. Ich habe gesprochen; Ihr wißt, was ich gesagt habe.«

»Wahr genug, Mingo, Alles wahr wie das Evangelium,« versetzte der unbefangene Jäger; »Ihr habt gesprochen, und ich weiß nicht nur, was Ihr gesagt habt, sondern was noch wichtiger ist, was Ihr meint. Ich glaube wohl, Euer Krieger, der Luchs, war ein Tapfrer von mannhaftem Herzen, und würdig Eurer Freundschaft und Achtung, aber ich fühle mich seiner Gesellschaft nicht unwerth, auch ohne einen Paßzettel von Eurer Hand. Dennoch bin ich hier, bereit mein Urtheil zu empfangen von Eurem Rathe, wenn nicht anders die Sache schon unter Euch entschieden war, noch eh‘ ich zurückkam.«

»Meine alten Männer wollten nicht zu Rathe sitzen über ein Bleichgesicht, ehe sie ihn unter sich sahen,« antwortete Rivenoak, etwas ironisch sich umsehend; »sie sagten, es wäre wie wenn man zu Rathe säße über die Winde, sie wehen, wohin sie wollen, und kommen wieder, wenn es ihnen beliebt, und sonst nicht. Eine Stimme war, die zu Euren Gunsten sprach, Wildtödter, aber sie war allein, wie der Gesang des Zaunkönigs, dessen Weibchen vom Falken zerrissen worden ist.«

»Ich danke dieser Stimme, Wessen sie immer gewesen sey, Mingo, und behaupte, sie ist eine so wahre Stimme gewesen, als die andern lügenhafte Stimmen waren. Ein Urlaub ist so bindend für ein Bleichgesicht, wenn es redlich ist, wie für eine Rothhaut, und wäre das auch nicht, so möchte ich doch nie Schmach über die Delawaren bringen, unter denen ich, kann ich wohl sagen, meine Erziehung erhalten habe. Aber Worte sind nutzlos, und führen zu prahlerischen Gefühlen; hier bin ich, verfahrt mit mir wie Ihr wollt.«

Rivenoak machte eine zustimmende Geberde, und dann hielten die Häuptlinge unter sich eine kurze, geheime Besprechung. Sobald diese zu Ende war, schieden drei oder vier junge Männer aus der bewaffneten Gruppe aus, und verschwanden. Dann ward dem Gefangenen bedeutet, daß es ihm freistehe, auf dem Vorsprung herumzugehen, bis über sein Schicksal Berathung gepflogen wäre. In dieser anscheinenden Großmuth war jedoch weniger wirkliches als scheinbares Vertrauen, sofern die obenerwähnten jungen Männer schon eine Linie von Schildwachen über die ganze Breite des Vorsprungs landeinwärts bildeten, und Flucht nach einer andern Seite hin nicht gedenkbar war. Selbst das Canoe ward auf die Seite gebracht, über diese Linie von Schildwachen hinaus, an einen Ort, wo man es als sicher vor jedem plötzlichen Versuch betrachtete. Diese Vorsichtsmaßregeln entsprangen nicht aus einem Mangel an Vertrauen, sondern aus dem Umstand, daß der Gefangene jetzt alle Bedingungen, zu denen er sich durch sein Wort verpflichtet, erfüllt hatte, und es jetzt für eine löbliche und ehrenhafte That gegolten hätte, wenn er seinen Feinden hätte entkommen können. So fein waren in der That die Unterscheidungen, welche die Wilden in Dingen dieser Art machten, daß sie oft ihren Opfern eine Aussicht eröffneten, den Martern zu entrinnen, weil sie es ebenso rühmlich für die Verfolger ansahen, einen Flüchtling einzuholen oder zu überlisten, dessen Anstrengungen, wie man annehmen durfte, durch die dringende Gefahr seiner Lage aufs äußerste gespornt und gestachelt wurden, als es für ihn rühmlich war, einer so außerordentlichen Wachsamkeit sich zu entziehen.

Auch war Wildtödter sich seiner Rechte nicht unbewußt, und gegen sie und etwa sich darbietende günstige Umstände nicht gleichgültig. Hätte er irgend einen Ausweg, wo Flucht möglich war, gesehen, so hätte er wohl nicht eine Minute mit dem Versuche gezögert. Aber der Fall schien verzweifelt. Er wußte von der Linie von Schildwachen, und erkannte die Schwierigkeit, sie mit heiler Haut zu durchbrechen. Der See bot keine Hülfe, da das Canoe seinen Feinden es ganz leicht machte, ihn einzuholen; sonst hätte er es nicht so schwierig gefunden, bis zu dem Castell hinüber zu schwimmen. Wie er auf dem Vorsprung herumwandelte, besichtigte er auch genau den Platz, um sich zu vergewissern, ob er nirgends einen Versteck darbiete: aber die Offenheit und die Gestalt des Punktes, und die hundert wachsamen Augen, die auf ihn sich richteten, während sie sich doch die Miene gaben, ihn gar nicht zu sehen, mußte dieß Rettungsmittel vereiteln. Die Furcht und Schande eines Mißlingens hatte keinen Einfluß auf Wildtödter, der es immer als einen Ehrenpunkt betrachtete, wie ein Weißer, vielmehr denn wie ein Indianer zu denken und zu empfinden, und der es als eine Art von Pflicht ansah, zur Rettung seines Lebens alles Mögliche zu versuchen, was nur keine Untreue gegen einen Grundsatz in sich schloß. Dennoch zögerte er, den Versuch zu machen, denn er fühlte auch, daß er die Möglichkeit des Gelingens vor sich sehen sollte, ehe er sich auf das Wagestück einließ.

Mittlerweile schien das Geschäft im Lager seinen regelmäßigen Gang zu gehen. Die Häuptlinge beriethen sich abgesondert und ließen nur die Sumach an ihrer Berathung Theil nehmen; denn diese, die Wittwe des gefallnen Kriegers, hatte ein ausschließliches Recht, bei einer solchen Gelegenheit gehört zu werden. Die jungen Männer schlenderten in träger Gleichgültigkeit herum, mit indianischer Geduld das Ergebniß abwartend, während die Frauen das Festmahl zubereiteten, welches den Beschluß der Angelegenheit verherrlichen sollte, mochte diese nun gut oder schlimm für unsern Helden endigen. Niemand verrieth irgend eine Empfindung; und ein gleichgültiger Beobachter hätte wohl, außer der ausnehmenden Wachsamkeit der Schildwachen, an keiner außerordentlichen Bewegung oder Aufregung den wahren Stand der Dinge errathen. Zwei oder drei alte Weiber steckten die Köpfe zusammen, und zwar, wie es schien, in einem für Wildtödters Aussichten ungünstigen Sinne, nach ihren scheelen Mienen und zornigen Geberden zu schließen; eine Gruppe indianischer Mädchen dagegen war sichtlich von andern Gesinnungen beseelt, wie man aus verstohlenen Blicken sah, welche Mitleid und Bedauern aussprachen. Unter solchen Verhältnissen und Zuständen im Lager verstrich eine Stunde.

Bange Ungewißheit ist vielleicht unter allen Empfindungen die unerträglichste. Als Wildtödter landete, war er völlig darauf gefaßt, binnen wenigen Minuten die Martern, von indianischer Rachgier ersonnen, zu erdulden, und bereit, seinem Schicksal männlich entgegenzutreten; aber der Aufschub wurde für ihn eine weit härtere Probe als das nahe Bevorstehen der Qualen, und das muthmaßliche Opfer begann alles Ernstes auf einen verzweifelten Fluchtversuch zu denken, gleichsam aus reiner Ungeduld, der Scene ein Ende zu machen, als er plötzlich wieder vor das Angesicht seiner Richter gefordert wurde, die schon die Bande wieder in der frühern Ordnung versammelt hatten, bereit ihn zu empfangen.

»Tödter des Wildes,« begann Rivenoak, sobald sein Gefangner vor ihm stand, »meine älteren Männer haben weisen Worten zugehört; sie sind bereit zu sprechen. Ihr seyd ein Mann, dessen Väter von jenseits der aufgehenden Sonne gekommen sind; wir sind Kinder der untergehenden Sonne; wir wenden unser Angesicht den großen süßen Seen zu, wenn wir nach unsern Dörfern schauen. Es mag ein weises Land seyn, und voll von Reichthümern, das nach Morgen zu liegt; aber das nach Abend zu ist ein sehr lustiges Land. Wir lieben am meisten nach dieser Richtung hin zu schauen. Wenn wir nach Osten schauen, empfinden wir Furcht, weil Canoe um Canoe Mehr und Mehr von Eurem Volk auf der Bahn der Sonne herüber bringt, als wäre ihr Land so voll, daß es überfließt. Die rothen Männer sind schon Wenige; sie bedürfen der Hülfe. Eine unsrer besten Hütten ist neulich leer geworden durch den Tod ihres Herrn; es wird lange Zeit anstehen, bis sein Sohn groß genug wird, an seinem Platze zu sitzen. Hier ist seine Wittwe; es wird ihr an Wildpret fehlen, sich und ihre Kinder zu sättigen, denn ihre Söhne sind noch wie die Jungen des Rothkehlchens, ehe sie aus dem Neste fliegen. Durch Eure Hand hat sie diese große Trübsal betroffen. Sie hat zwei Pflichten; eine gegen den Loup Cervier, und eine gegen ihre Kinder. Skalp um Skalp, Leben um Leben, Blut um Blut – ist Ein Gesetz; ihre Jungen zu füttern ein anderes. Wir kennen Euch, Tödter des Wildes. Ihr seyd ehrlich; wenn Ihr Etwas sagt, ist es so. Ihr habt nur Eine Zunge, und die ist nicht gabelförmig, wie die der Natter. Euer Kopf ist nie versteckt im Gras; Alle können ihn sehen. Was Ihr sagt, das thut Ihr auch. Ihr seyd gerecht. Wenn Ihr Unrecht gethan habt, so ist Euer Wunsch, wieder Recht zu thun, sobald Ihr könnt. Da ist die Sumach; sie ist allein in ihrem Wigwam, mit Kindern um sie her, die nach Brod schreien; dort ist eine Büchse, sie ist geladen und zum Abfeuern fertig. Nehmt das Gewehr! geht hinaus und schießt ein Wild; bringt das Wildpret und legt es vor die Wittwe des Loup Cervier hin; füttert ihre Kinder; nennt Euch ihren Gatten. Darnach wird Euer Herz nicht mehr Delawarisch, sondern Huronisch seyn; die Ohren der Sumach werden nicht mehr das Schreien ihrer Kinder hören; mein Volk wird die gehörige Anzahl von Kriegern zählen.«

»Ich fürchtete das, Rivenoak,« antwortete Wildtödter, als der Andere zu sprechen aufhörte; »ja, ich besorgte, daß es dazu kommen werde. Indeß, die Wahrheit ist bald gesagt, und sie wird allen Erwartungen in diesem Punkt ein Ende machen. Mingo, ich bin weiß und als Christ geboren; es würde mir übel anstehen, ein Weib mit Rothhautgebräuchen unter den Heiden zu nehmen. Was ich nicht in friedlichen Zeiten und unter einer glänzenden Sonne thäte, würde ich noch weniger thun hinter Wolken, um mein Leben zu retten. Ich heirathe wahrscheinlich nie; vermuthlich war es die Absicht der Vorsehung, als sie mich hier in die Wälder hinsetzte, daß ich ledig und ohne eigne Hütte bleiben sollte; aber sollte doch Jenes einmal geschehen, so soll mir nur ein Weib von meiner Farbe und meinen Gaben die Thüre meines Wigwam beschatten. Was das anlangt, die Jungen Eures todten Kriegers zu füttern, so würde ich das mit Freuden thun, könnte es ohne Unehre geschehen; aber das kann nicht seyn, sintemal ich nie in einem Huronischen Dorfe leben kann. Eure eignen jungen Männer müssen die Sumach mit Wildpret versorgen, und wenn sie das nächste Mal heirathet, laßt sie einen Mann nehmen, dessen Beine nicht so lang sind, daß sie in ein Gebiet hinüberspringen, das ihm nicht gehört. Wir haben einen ehrlichen Kampf gekämpft, und er fiel; daran ist Nichts, als was ein Tapfrer erwartet, und bereit ist zu erdulden. Und was das Mingo-Herz betrifft, ebenso gut mögt Ihr erwarten graue Haare auf dem Kopf eines Knaben, oder Brombeeren auf einer Fichte wachsen zu sehen. Nein, nein, Hurone; meine Gaben sind weiß, was Weiber betrifft; sie sind Delawarisch in allen Dingen, die mit Indianern zusammenhängen.«

Diese Worte waren kaum aus Wildtödters Munde, als ein allgemeines Murmeln die Unzufriedenheit verrieth, womit sie vernommen wurden. Die alten Weiber besonders legten in lauten Ausdrücken ihr Mißfallen an den Tag; und die holde Sumach selbst, ein Weib alt genug, um unsers Helden Mutter zu seyn, war nicht die Gelindeste in ihren Verwünschungen und Schmähungen. Aber alle andern Kundgebungen von Mißvergnügen und Verdruß wurden zurückgedrängt und überboten durch die wilde Erbitterung des Panthers. Dieser grimmige Häuptling hatte es als eine Herabwürdigung betrachtet, seine Schwester überhaupt das Weib eines Bleichgesichts von den Yengeese werden zu lassen, und nur mit Widerstreben seine Zustimmung zu der – bei den Indianern übrigens keineswegs ungewöhnlichen – Auskunft und Anordnung gegeben, auf das lebhafte Zureden der des Gatten beraubten Wittwe hin, und es wurmte ihm entsetzlich, seine Herablassung geringgeschätzt, die Ehre, die er zu bewilligen mit so großem Verdruß sich hatte bereden lassen, verachtet zu sehen. Das Thier, von welchem er seinen Namen hatte, stiert nicht mit fürchterlicherer Wildheit seine beabsichtigte Beute an, als seine Augen auf den Gefangenen funkelten; auch blieb sein Arm nicht zurück, die heftige Erbitterung und Wuth, die beinahe seine Brust verzehrte, zu bethätigen.

»Hund von einem Bleichgesicht!« lief er auf Irokesisch, »geh und belle unter den Kötern deiner schlimmen Jagdreviere!«

Die Verwünschung war von einer entsprechenden Thathandlung begleitet. Noch während er sprach, erhob er den Arm und der Tomahawk ward geschleudert. Zum Glück hatte der laute Ton des Redenden Wildtödters Auge auf ihn hingezogen, sonst hätte dieser Augenblick wahrscheinlich seiner Laufbahn ein Ende gemacht. So groß war die Gewandtheit, womit diese gefährliche Waffe geworfen ward, und so tödtlich die Absicht, daß sie den Schädel des Gefangenen gespalten haben würde, hätte er nicht einen Arm vorgestreckt und die Handhabe an einer ihrer Krümmungen gefaßt, mit einer eben so merkwürdigen Behendigkeit, als die Geschicklichkeit war, womit die Waffe war geschleudert worden. Dennoch war die Wurfkraft so groß, daß, als Wildtödters Arm nach der Waffe gegriffen, seine Hand rückwärts hinter seinen Kopf hinauf gerissen ward, gerade in der Stellung, die zur Erwiederung des Angriffs erforderlich. Es ist nicht gewiß, ob der Umstand, daß er sich so unerwartet, bewaffnet, in dieser drohenden Stellung fand, den jungen Mann versuchte, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, oder ob plötzliche Erbitterung seine Geduld und Klugheit übermannte. Aber sein Auge funkelte und ein kleiner rother Fleck zeigte sich auf jeder Wange, während er all seine Kraft in der Anstrengung seines Armes aufbot, und die Waffe auf den Angreifer zurückschleuderte. Das Unerwartete dieses Wurfs trug zum Erfolg mit bei, da der Panther weder einen Arm aufhob, noch sich bückte, um ihm auszuweichen. Das scharfe, kleine Beil traf das Opfer in perpendikularer Linie mit der Nase, gerade zwischen den Augen, und schlug ihm im buchstäblichen Sinne das Hirn ein. Vorwärts stürzend, wie die Schlange im Augenblick noch, wo sie die Todeswunde empfängt, auf ihren Feind losschießt, fiel dieser Mann von gewaltiger Körperkraft der Länge nach auf den offenen Platz hin, den der Kreis bildete, im Todeskampf zuckend. Ein allgemeines Beispringen ihm zu Hülfe entledigte den Gefangenen, für einen Augenblick, des ganzen Haufens; und entschlossen, einen verzweifelten Versuch zur Rettung seines Lebens zu wagen, rannte er mit der Flüchtigkeit eines Hirsches davon. Es dauerte nur Einen athemlosen Augenblick, bis die ganze Bande, Alt und Jung, Weiber und Kinder, den entseelten Leichnam des Panthers liegen lassend, wo er lag, das Lärmgeschrei erhoben und ihm verfolgend nacheilten.

So plötzlich das Ereigniß gekommen, welches Wildtödter veranlaßte, diesen verzweiflungsvollen Versuch durch eilige Flucht zu machen, war doch sein Geist nicht gänzlich unvorbereitet für das fürchterliche Spiel um sein Leben. Während der verflossenen Stunde hatte er die Aussichten bei einem solchen Wagestück wohl erwogen, und alle einzelnen Punkte für Gelingen und Fehlschlagen schlau berechnet. Daher folgte gleich beim ersten Sprung sein Körper ganz der Leitung eines Verstandes, der alle Anstrengungen und Kräfte desselben auf’s beste zu nützen verstand, und in dem wichtigen Augenblick des Entspringens nicht das mindeste Besinnen, nicht die mindeste Unentschiedenheit aufkommen ließ; dem allein verdankte er den ersten großen Vortheil, den, daß er unverletzt durch die Linie der Schildwachen durchkam. Die Art und Weise, wie dieß geschah, obwohl einfach genug, verdient eine Beschreibung.

Obgleich die Küsten des Vorsprungs nicht mit Gebüsch besetzt waren, wie die meisten andern am See herum, rührte dieß doch ganz von dem Umstand her, daß der Platz so häufig von Jägern und Fischern benützt worden war. Dieser Saum begann dann mit dem eigentlichen Land, und war so dicht wie sonst überall, in langen Linien nach Norden und Süden sich erstreckend. In der letztern Richtung schlug denn Wildtödter seinen Weg ein; und da die Schildwachen etwas außerhalb des Anfangs dieses Dickichts standen, hatte der Fliehende seinen Versteck gewonnen, ehe sie den Alarm und seine Ursache recht wahrgenommen hatten. In dem Gebüsch jedoch weiter zu laufen, davon konnte nicht die Rede seyn, und Wildtödter setzte seine Flucht etwa vierzig bis fünfzig Schritte weit in dem Wasser fort, das nur knietief war, und der Eile seiner Verfolger ein eben so großes Hinderniß in den Weg legte, wie der seinigen. Sobald ein günstiger Platz sich zeigte, stürzte er sich durch die Linie des Gebüsches und eilte in die offenen Wälder.

Einige Büchsen wurden auf Wildtödter abgefeuert während er im Wasser war, und noch mehrere folgten, als er auf das vergleichungsweise ihn mehr bloßstellende Gebiet des eigentlichen Waldes kam. Aber die Richtung der Linie, in der er floh, welche theilweise die des Feuers kreuzte, die Hast, mit welcher gezielt wurde, und die allgemeine Verwirrung, welche im Lager herrschte, dieß Alles machte, daß er unversehrt blieb. Kugeln pfiffen an ihm vorbei, und manche rissen neben ihm Zweige von den Bäumen, aber keine streifte auch nur seine Kleider. Der durch diese fruchtlosen Versuche verursachte Verzug war von großem Nutzen für den Flüchtling, der selbst den Vordersten der Huronen mehr als hundert Schritte Vorsprung abgewonnen hatte, ehe irgend eine Ordnung und Uebereinstimmung in die Verfolgung kam. Ihn mit der Büchse in der Hand zu verfolgen, davon konnte keine Rede seyn, und die besten Läufer unter den Indianern, nachdem sie ihre Gewehre abgefeuert, in unbestimmter Hoffnung, den entlaufenen Gefangenen zu verwunden, warfen sie weg, und riefen den Weibern und Knaben zu, sie so schnell als möglich aufzunehmen und wieder zu laden.

Wildtödter erkannte das Verzweifelte des Kampfes, in dem er begriffen war, zu gut, um auch nur Einen der kostbaren Augenblicke zu verlieren. Er wußte auch, daß seine einzige Hoffnung darauf beruhte, daß er geradeaus lief, denn sobald er sich wandte, oder umbog, machte die überlegene Zahl der Verfolger sein Entkommen unmöglich. Er verfolgte daher seinen Weg in schräger Richtung die Anhöhe hinan, die weder sehr lang noch sehr steil war auf dieser Seite des Berges, aber doch mühsam genug für einen um sein Leben sich Wehrenden, um ihn entsetzlich zu erschöpfen. Hier aber ließ er in seiner Eile nach, um aufzuathmen, und legte die schwierigeren Theile des Weges in raschem Schritt oder in langsamerem Trab zurück. Die Huronen hinter ihm hüpften und sprangen, aber dieß beachtete er nicht, wohl wissend, daß sie auch die hinter ihm liegenden Schwierigkeiten überwinden mußten, ehe sie die von ihm schon gewonnene Höhe erreichten. Der Gipfel des ersten Hügels war jetzt ganz nahe, und er sah aus der Formation des Landes, daß eine tiefe Schlucht dazwischenlag, ehe man den Fuß des zweiten Hügels erreichen konnte. Bedächtlich den Gipfel hinansteigend, schaute er sich nach allen Richtungen begierig um, nach einem Versteck suchend. Keiner bot sich dar auf dem Boden; aber ein gefallner Baum lag in seiner Nähe, und verzweifelte Lagen erheischen verzweifelte Auskunftsmittel. Dieser Baum lag in einer Parallellinie mit der Schlucht; auf den Gipfel des Hügels hinaufspringen und dann seinen Körper so dicht als möglich unter dessen niedere Seite schmiegen und drängen, war das Werk eines Augenblicks. Ehe jedoch Wildtödter dem Auge seiner Verfolger entschwand, stellte er sich auf die Höhe hin, und stieß ein Triumphgeschrei aus, als juble er über den Anblick des vor ihm liegenden Abhangs. Im nächsten Augenblick lag er unter dem Baum hingestreckt.

Sobald der junge Mann diese List ausgeführt, so überzeugte er sich auch, wie verzweifelt seine Anstrengungen gewesen, durch die Heftigkeit, womit Alles in ihm pulsirte. Er hörte sein Herz klopfen, und sein Athem war wie das Arbeiten eines Blasebalgs in heftiger Bewegung. Indeß gewann er den Athem wieder, und das Herz hörte bald auf, so zu klopfen, wie wenn es seine Haft und Schranken durchbrechen wollte. Man hörte jetzt die Fußtritte derer, welche sich auf der andern Seite der Anhöhe herauf arbeiteten und bald kündigten Stimmen und Tritte die Ankunft der Verfolger an. Die Vordersten jauchzten, als sie die Höhe erreichten; dann fürchtend, ihr Feind werde ihnen, begünstigt durch den Abhang, entrinnen, sprang Jeder auf den gefallnen Baum und stürzte sich in die Schlucht, in der Hoffnung, des Verfolgten ansichtig zu werden, ehe er die Tiefe erreiche. So folgte Hurone auf Hurone, bis Natty anfing zu hoffen, es werden Alle an ihm vorbei seyn. Aber Andere folgten, bis wohl Vierzig über den Baum gesprungen waren, und dann zählte er sie, als sicherstes Mittel zu erfahren, wie Viele noch zurück seyn konnten. Bald waren Alle in der Tiefe der Schlucht, volle hundert Fuß unter ihm, und Einige hatten sogar schon einen Theil des gegenüberliegenden Hügels erstiegen, als deutlich ward, daß man eine Nachforschung wegen der von ihm eingeschlagnen Richtung anstellte. Das war der kritische Moment, und Einer von weniger festen Nerven, oder von minder sorgfältiger Schule und Zucht, würde ihn benutzt haben, um aufzustehen und zu fliehen. Nicht so Wildtödter. Er blieb noch immer ruhig liegen, beobachtete mit eifersüchtiger Wachsamkeit jede Bewegung drunten, und gewann schnell seinen Athem wieder.

Die Huronen glichen jetzt einer Meute von Hunden auf falscher Fährte. Wenig ward gesprochen, aber Jeder rannte umher und untersuchte die abgestorbnen Bäume, wie der Hund nach der verlornen Witterung spürt. Die große Menge von Moccasins, welche des Weges gekommen, machte die Untersuchung schwierig, obgleich die Spur eines indianischen Fußes leicht zu unterscheiden war von dem freiern und weitern Schritt eines weißen Mannes. Im Glauben, daß keine Verfolger mehr zurück seyen, und in der Hoffnung, sich ungesehen wegstehlen zu können, schwang sich Wildtödter plötzlich über den Baum hinüber, und fiel auf dessen höherliegende Seite. Dieß Manöuver schien glücklich ausgeführt worden zu seyn, und Hoffnung machte das Herz des Flüchtlings hoch klopfen. Auf Hände und Füße sich erhebend, nachdem er einen Augenblick den Tönen in der Schlucht gelauscht, um sich zu überzeugen, ob man ihn nicht gesehen, kletterte der junge Mann zunächst den höchsten Punkt des Hügels hinan, eine Strecke von nur zehn Schritten, in der Hoffnung, den Gipfel zwischen sich und seine Verfolger zu bekommen, und so gegen ihr Auge gedeckt zu seyn. Auch dieß ward ausgeführt, und er richtete sich jetzt auf, und lief rasch aber stet den höchsten Bergrücken entlang, in einer Richtung, entgegengesetzt der, in welcher er zuerst geflohen. Die Art und Weise der Rufe in der Schlucht jedoch machte ihn bald unruhig, und er sprang wieder auf den Gipfel, um zu rekognoscieren. Sobald er die Höhe erreicht hatte, ward er auch gesehen, und die Jagd begann von neuem. Da es auf dem ebnen Grund besser fortkommen war, vermied Wildtödter jetzt die Seite des Hügels und setzte seine Flucht dem Bergrücken entlang fort, während die Huronen, von der allgemeinen Formation des Landes schließend, erkannten, daß der Bergrücken bald in die Schlucht sich verlieren würde, und der letztern zueilten, als die leichteste Weise, dem Flüchtling vorzukommen. Zugleich wandten sich einige Wenige südlich, um ihm die Flucht nach dieser Richtung abzuschneiden, während andere ihm die Richtung dem Wasser zu abschnitten, um ihn zu hindern, am See hin seinen Rückzug zu nehmen, und auch nach Süden zu liefen.

Die Lage Wildtödters war jetzt kritischer als sie je gewesen. Er war in der That von drei Seiten eingeschlossen, und auf der vierten hatte er den See. Aber er hatte alle Aussichten wohl überlegt, und ergriff, selbst während der eiligsten Flucht, seine Maßregeln mit kaltem Blute. Wie gewöhnlich der Fall bei kräftigen Grenzmännern, konnte er es jedem einzelnen Indianer unter seinen Verfolgern im Laufen zuvorthun, und sie waren ihm hauptsächlich furchtbar wegen ihrer großen Zahl, und der Vortheile, die ihnen ihre Stellung verschaffte; und er würde sich nicht besonnen haben, in gerader Linie, auf jedem gegebenen Punkt, auf und davon zu rennen, hätte er nur erst wieder die ganze Bande ordentlich hinter sich gehabt. Aber eine solche Aussicht zeigte sich nicht und konnte sich nicht zeigen; und als er merkte, daß er durch die Senkung des Bergrückens gegen die Schlucht hinabkam, bog er rasch um, in einem rechten Winkel mit seiner bisherigen Bahn, und rannte mit fürchterlicher Geschwindigkeit den Abhang herunter, der Küste zu. Einige seiner Verfolger kamen in gerader Linie ihm nachjagend, keuchend den Hügel herauf, während die Meisten sich immer noch in der Schlucht hielten, bei deren Ausgang sie ihm vorzukommen gedachten.

Wildtödter hatte jetzt einen andern, obwohl verzweifelten Plan im Auge. Jeden Gedanken aufgebend, durch die Wälder zu entkommen, eilte er, was er konnte dem Canoe zu. Er wußte, wo es lag; konnte er es erreichen, so hatte er nur die Gefahr einiger Schüsse zu bestehen, und dann war der Erfolg sicher. Keiner von den Kriegern hatte die Waffen behalten, was ihre Schnelligkeit gehemmt haben würde, und die Gefahr kam entweder von den unsichern Händen der Weiber oder von denen eines halberwachsenen Knaben, obwohl von den letztern die meisten schon in heißer Verfolgung begriffen waren. Alles schien der Ausführung dieses Plans günstig, und da sein Weg jetzt fortwährend abwärts ging, flog der junge Mann mit einer Geschwindigkeit über den Boden hin, welche ein baldiges Ende seiner Drangsale hoffen ließ.

Als Wildtödter sich dem Vorsprung näherte, kam er an einigen Weibern und Kindern vorbei, aber obgleich Jene ihm dürre Zweige zwischen die Beine zu werfen versuchten, war doch der Schrecken, welchen seine kühne Wiedervergeltung an dem gefürchteten Panther verbreitet hatte, so groß, daß Niemand wagte, ihm so nahe zu kommen, um ihn ernstlich zu gefährden. Er lief an Allen triumphirend vorbei und erreichte den Saum von Gebüschen. Sich durch diese hindurchdrängend, sah sich unser Held wieder im See, und nur fünfzig Fuß vom Canoe entfernt. Hier hörte er auf zu laufen, denn er begriff wohl, daß jetzt sein Athem das Wichtigste für ihn war. Er bückte sich sogar im Weiterschreiten und kühlte seinen ausgetrockneten Mund, indem er in der Hand Wasser schöpfte zum Trinken. Doch drängten die Augenblicke, und bald stand er neben dem Canoe. Der erste Blick zeigte ihm, daß die Ruder waren weggebracht worden. Das war ein harter Schlag für seine Hoffnungen nach allen seinen Anstrengungen, und einen Augenblick dachte er daran, umzukehren, und seinen Feinden die Stirne zu bieten, indem er mit Würde wieder in die Mitte des Lagers schritte. Aber ein höllischer Schrei, wie allein die amerikanischen Wilden ihn ausstoßen können, verkündigte das rasche Herankommen seiner Verfolger, und der Instinkt des Lebens siegte. Sich gehörig anschickend, und dem Bug des Canoe’s die rechte Richtung gebend, sprang er in das Wasser, trieb das Canoe vor sich her, bot alle seine Kraft und Geschicklichkeit zu einer letzten Anstrengung auf, und ließ sich dann vorwärts auf den Boden des leichten Fahrzeugs fallen, so daß er seinem Lauf keinen wesentlichen Eintrag that. Hier blieb er auf dem Rücken liegen, sowohl um wieder zu Athem zu kommen, als auch um sich gegen die tödtlichen Büchsen zu decken. Die Leichtigkeit, welche beim Rudern der Canoe’s so vortheilhaft war, wirkte jetzt ungünstig. Das Material war so federleicht, daß das Boot keine Wucht hatte, sonst hätte es der Stoß auf diesem ruhigen und glatten Wasser in eine Entfernung von der Küste getrieben, bei der man sicher mit den Händen hätte rudern können. Hätte er es einmal so weit gebracht, so hoffte Wildtödter weit genug zu kommen, um die Aufmerksamkeit Chingachgooks und Judiths auf sich zu ziehen, die ihm unfehlbar mit andern Canoe’s zu Hülfe kommen würden, wo er sich dann alles Gute versprechen konnte. Wie der junge Mann auf dem Boden des Canoe’s lag, beobachtete er dessen Bewegungen, indem er die Wipfel der Bäume am Berg studirte, und aus der Zeit und dem Grad der Bewegung auf seine Entfernung vom Lande schloß. Die Stimmen an der Küste wurden jetzt zahlreich, und er hörte davon sprechen, das Floß zu bemannen, das zum Glück für den Flüchtling in ziemlicher Entfernung auf der andern Seite des Vorsprungs lag.

Vielleicht war Wildtödters Lage heute noch nie kritischer gewesen, als in diesem Augenblick, und gewiß nie halb so voll tantalischer Qual. Er lag zwei bis drei Minuten vollkommen ruhig, einzig auf sein Ohr sich verlassend, da er hoffte, das Geräusch im See zu vernehmen, falls Jemand heranzuschwimmen wagte. Ein paarmal bildete er sich ein, das Wasser werde aufgerührt durch die vorsichtige Bewegung eines Armes, bemerkte aber dann, daß es das Anspühlen des Wassers an den Kieseln des Strandes war; denn es ist selten, daß diese kleinen Seen, dem Ocean nachäffend, so gänzlich ruhig sind, daß sie nicht an ihren Küsten ein leises Sichheben und Senken des Wassers hätten. Plötzlich verstummten alle Stimmen, und eine Todesstille herrschte auf dem Platze; ein so tiefes Schweigen, als ob Alles in der Ruhe unbeseelten Lebens daläge. Mittlerweile war das Canoe so weit hinausgetrieben, daß Wildtödter, auf dem Rücken liegend, Nichts mehr sehen konnte, als den leeren, blauen Raum, und einige wenige jener helleren Strahlen, welche aus dem vollen Sonnenglanz hervorbrechen, bezeichneten ihre Nähe. Diese Ungewißheit lang auszuhalten war nicht möglich. Der junge Mann wußte wohl, daß die tiefe Stille Unheil weissagte, denn die Wilden sind nie so schweigsam, als wenn sie im Begriff stehen, einen Schlag zu führen – dem verstohlenen Schleichen des Panthers ähnlich, ehe er seinen Satz macht. Er zog ein Messer heraus, und war im Begriff ein Loch durch die Rinde zu schneiden, um einen Blick auf die Küste zu gewinnen, als er wieder inne hielt, aus Furcht, bei diesem Vornehmen gesehen zu werden, wodurch die Feinde ein Ziel für ihre Kugeln bekommen würden. In diesem Augenblick aber ward schon eine Büchse abgefeuert, und die Kugel schlug durch beide Seiten des Canoe’s, achtzehn Zoll von der Stelle, wo sein Kopf lag. Das war ein gefährlicher Handel, aber unser Held hatte zu kürzlich erst noch Gefährlicheres durchgemacht, um die Fassung zu verlieren. Er lag noch eine halbe Minute ruhig da, und dann sah er den Wipfel einer Eiche langsam in seinen engen Horizont kommen.

Wildtödter, der sich diese Veränderung nicht zu erklären vermochte, konnte jetzt seine Ungeduld nicht mehr zügeln. Mit der äußersten Vorsicht sich hinaufschiebend, hielt er sein Auge an das durch die Kugel geschlagene Loch, und bekam zum Glück eine leidliche Ansicht des Vorsprungs. Das Canoe hatte sich, in Folge einer jener unbemerklichen, als Zufall erscheinenden Fügungen, die so oft über das Schicksal der Menschen, wie über den Gang der Dinge entscheiden, südlich gewendet, und glitt langsam den See abwärts. Es war ein Glück, daß ihm Wildtödter einen hinlänglich kräftigen Stoß gegeben hatte, um es am Ende des Vorsprungs vorbei treiben zu machen, ehe es in diese Abweichung gerieth, sonst hätte es müssen wieder an die Küste kommen. Auch so noch trieb es so nahe vorüber, daß, wie schon erwähnt, die Gipfel von zwei oder drei Bäumen in den Horizont des jungen Mannes fielen, und kam der äußersten Spitze des Vorsprungs wirklich so nahe, daß es nicht mehr ganz außer Gefahr war. Die Entfernung konnte nicht viel über hundert Fuß betragen; doch begann zum Glück eine leise Luftströmung von Südwest es langsam von der Küste wegzutreiben.

Wildtödter empfand jetzt die dringende Nothwendigkeit, ein Mittel zu ersinnen, um sich von seinen Feinden zu entfernen, und wo möglich seine Freunde von seiner Lage in Kenntniß zu setzen. Die Entfernung machte Letzteres schwierig, während die Nähe des Vorsprungs jenes zur unerläßlichen Nothwendigkeit machte. Wie gewöhnlich in solchen Fahrzeugen, befand sich ein großer, runder, glatter Stein an beiden Enden des Canoe’s, zu dem doppelten Behufe, als Sitze und als Ballast zu dienen; einen von diesen konnte er mit den Füßen erreichen. Diesen Stein wußte er so weit zwischen seinen Beinen heraufzuarbeiten, daß er ihn mit den Händen fassen konnte, und dann gelang es ihm, denselben neben den andern im Bug hinzuwälzen, wo die beiden jetzt dienten, das Gleichgewicht des leichten Bootes zu erhalten, während er sich selbst so weit als möglich nach dem Hintertheil arbeitete. Ehe er die Küste verließ, und sobald er bemerkte, daß die Ruder fort waren, hatte Wildtödter ein Stück von einem abgestorbnen Zweig in das Canoe geworfen, und diesen konnte er mit dem Arm erreichen. Er nahm die Mütze, die er trug, ab, steckte sie auf diesen Stecken, und hob sie über den Rand des Canoe’s empor, so weit als möglich von sich entfernt. Diese List war kaum in Ausführung gebracht, als der junge Mann sich überzeugte, wie sehr er die Einsicht und Schlauheit seiner Feinde unterschätzt hatte. Dem so leicht zu durchschauenden und gewöhnlichen Kunstgriff zum Trotz ward durch einen andern Theil des Canoe’s eine Kugel geschossen, welche ihn wirklich an der Haut streifte. Er ließ die Mütze sinken, und hielt sie sich sofort zum Schutz über den Kopf. Es konnte scheinen, als ob dieser zweite Kunstgriff unbemerkt bleibe; wahrscheinlich aber war, daß die Huronen, überzeugt, ihres Gefangnen wieder habhaft zu werden, ihn lebendig in ihre Hände zu bekommen wünschten.

Wildtödter lag noch einige Minuten regungslos da, sein Auge jedoch an dem Kugelloch, und nicht wenig erfreut war er, zu sehen, daß er allmälig immer weiter und weiter von der Küste weg trieb. Als er emporschaute, waren die Baumwipfel verschwunden, aber er bemerkte bald, daß das Canoe sich langsam wandte, so daß er durch sein Guckloch Nichts mehr als nur die beiden Enden des Sees sehen konnte. Jetzt dachte er an den Stecken, welcher gekrümmt war, und sich nicht übel zum Rudern eignete, ohne daß er nöthig hatte aufzustehen. Das Experiment gelang beim Versuch besser selbst als er gehofft hatte, obwohl die große Verlegenheit jetzt die war, das Canoe in gerader Richtung zu erhalten. Daß dieß neue Manöuver gesehen worden, ward bald klar aus dem Geschrei auf der Küste, und eine am Hintertheil des Canoe’s eindringende Kugel fuhr der Länge nach hindurch, pfiff zwischen den Armen unsers Helden hin, und drang am Vordertheil hinaus. Dieß überzeugte den Flüchtling, daß er sich mit ziemlicher Geschwindigkeit entfernte, und spornte ihn an, seine Anstrengungen zu verdoppeln. Er ruderte noch kräftiger als zuvor, als ein neuer Bote von dem Vorsprung den Stecken außen zerschmetterte und ihn seines Ruders beraubte. Da aber der Ton der Stimmen immer ferner und ferner zu werden schien, beschloß Wildtödter, Alles dem Treiben des Wassers zu überlassen, bis er sich außer dem Bereich der Kugeln glaubte. Das war eine harte Nervenprobe, aber es war das klügste Auskunftsmittel, das sich darbot; und der junge Mann fühlte sich ermuthigt, dabei zu bleiben, durch den Umstand, daß er im Gesicht das Fächeln der Luft spürte, ein Beweis, daß der Wind etwas stärker wehte.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Nicht der Wittwe Thrän‘, nicht der Waisen Weh
Hält die wilden Stürmer auf;
Nicht dräuender Himmel, nicht schwellende See
Hemmt des Piraten Lauf;
Von Selbstsucht gestählt zu vermessenem Muth
Wandeln sie hin durch Raub und Blut;
An Leumund und Schande bange Gedanken
Machen im Frevel sie nimmer wanken;
Macht und Schätze durch Unthat zu häufen nicht laß,
Verlachen der Mitmenschen Furcht sie und Haß.
Congreve.

Wildtödter befand sich jetzt zwanzig Minuten in dem Canoe, und er harrte nachgerade mit einiger Ungeduld auf Zeichen des Beistands von seinen Freunden. Die Stellung des Bootes hinderte ihn noch immer, in einer andern Richtung, als den See auf- oder abwärts zu sehen; und obwohl er wußte, daß seine Gesichtslinie nur hundert Schritte von dem Castell ab lag, überschritt sie doch in der That diese Entfernung, von der westlichen Seite der Gebäude aus gerechnet. Die tiefe Stille beunruhigte ihn auch, denn er wußte nicht, ob er sie auf Rechnung des zunehmenden Abstandes von den Indianern, oder einer neuen List schreiben sollte. Endlich, ermüdet von dem fruchtlosen Harren, kehrte sich der junge Mann auf seinem Rücken um, schloß die Augen und erwartete das Weitere in gefaßter Ergebung und Ruhe. Wenn die Wilden ihren Rachedurst so völlig zu bemeistern vermochten, so war er entschlossen, sich ebenso ruhig zu verhalten wie sie, und sein Schicksal dem Einfluß der Strömungen und der Luft anzuvertrauen.

Etwa zehn weitere Minuten mochten verflossen seyn, während beide Theile sich so ruhig verhielten, als Wildtödter ein leises Geräusch zu hören glaubte, wie wenn Etwas an dem Boden des Canoe’s riebe. Er öffnete natürlich die Augen, in Erwartung das Gesicht oder den Arm eines Indianers aus dem Wasser sich erheben zu sehen, und fand, daß ein Laubdach gerade über seinem Kopf hing. Er sprang auf, und das Erste, was sein Auge erblickte, war Rivenoak, welcher dem langsamen Vorrücken des Bootes nachgeholfen und es an den Vorsprung herangezogen hatte; und das Anstreifen auf dem Strand war der Ton gewesen, welcher unsern Helden zuerst aufgeschreckt hatte. Der Wechsel in der Richtung des Canoe’s rührte ganz nur von der Unbeständigkeit der Luftströmungen und einigen Strudeln des Wassers her.

»Kommt,« sagte der Hurone mit einer ruhig gebietenden Geberde seinen Gefangenen auffordernd, an’s Land zu steigen; »mein junger Freund ist herumgesegelt, bis er müde geworden ist; er wird vergessen, wieder zu laufen, wenn er nicht seine Beine gebraucht.«

»Ihr habt den Vortheil davon, Hurone,« versetzte Wildtödter, ruhig aus dem Canoe tretend, und seinem Führer geduldig auf den offenen Platz des Vorsprungs folgend; »die Vorsehung hat Euch in unerwarteter Weise geholfen. Ich bin wieder Euer Gefangener, und Ihr werdet, hoff‘ ich, gestehen, daß ich ebenso tüchtig darin bin, aus der Haft zu brechen, als Urlaube zu halten.«

»Mein junger Freund ist ein Elenthier!« rief der Hurone. »Seine Beine sind sehr lang; sie haben meinen jungen Männern Mühe gemacht. Aber er ist kein Fisch; er kann seinen Weg im See nicht finden. Wir schossen ihn nicht; Fische fängt man in Netzen, und tödtet sie nicht mit Kugeln. Wenn er wieder ein Elenthier wird, wird er wie ein Elenthier behandelt werden.«

»Ja, schwatzt nur, Rivenoak; rühmt und benutzt Euren Vortheil. Es ist Euer Recht, denke ich, und ich weiß, es ist Eure Gabe. Ueber den Punkt werden wir nicht weiter Worte wechseln; denn alle Menschen dürfen und müssen ihren Gaben folgen. Indessen, wenn Eure Weiber anfangen, mich zu necken und zu schmähen, was, wie ich glaube, bald geschehen wird, so mögen sie bedenken, daß, wenn ein Bleichgesicht sich um sein Leben wehrt, so lang es recht und mannhaft ist, er auch mit Anstand es fahren zu lassen weiß, wenn er fühlt, daß die Zeit gekommen. Ich bin Euer Gefangner; thut Euren Willen an mir.«

»Mein Bruder hat einen langen Lauf gemacht auf den Bergen und eine angenehme Fahrt auf dem Wasser,« versetzte Rivenoak milder, und lächelte dabei in einer Art, die, wie der Andere wußte, friedliche Absichten verrieth. »Er hat die Wälder gesehen; er hat das Wasser gesehen; wo gefällt es ihm am besten? Vielleicht hat er genug gesehen, um seinen Sinn zu ändern und ihn geneigt zu machen, Vernunft zu hören.«

»Sprecht, Hurone, Ihr habt Etwas in Gedanken, und je eher es gesagt ist, um so eher habt Ihr meine Antwort.«

»Das ist gerade herausgesprochen! In den Reden meines Freundes, des Bleichgesichts, sind keine krummen Windungen, obwohl er ein Fuchs ist im Laufen. Ich will zu ihm sprechen! seine Ohren sind jetzt weiter offen als zuvor, und seine Augen sind nicht verschlossen. Die Sumach ist ärmer als je. Früher hatte sie einen Bruder und einen Gatten. Sie hatte auch Kinder. Die Zeit ging hin, und der Gatte brach auf nach den glücklichen Jagdrevieren, ohne Lebewohl zu sagen; er ließ sie allein mit seinen Kindern. Das konnte er nicht ändern, sonst hätte er es nicht gethan; der Loup Cervier war ein guter Gatte. Es war lustig, das Wildpret, und die wilden Enten und Gänse, und Bärenfleisch zu sehen, das Winters in seiner Hütte hing. Es ist jetzt dahin; es hält sich nicht bei warmem Wetter. Wer soll es wieder bringen? Manche dachten, der Bruder werde seiner Schwester nicht vergessen, und er würde im nächsten Winter sorgen, daß die Hütte nicht leer bleibe. Wir glaubten dieß; aber der Panther brüllte und folgte dem Gatten auf dem Pfade des Todes. Sie wetteifern jetzt Wer zuerst die glücklichen Jagdreviere erreiche. Einige meinen, der Luchs könne am schnellsten laufen, und Einige, der Panther können am weitesten springen. Die Sumach meint, Beide werden so schnell und so weit reisen, daß Keiner je zurückkomme. Wer soll sie und ihre Kinder ernähren? Der Mann, der ihren Gatten und ihren Bruder ihre Hütte verlassen hieß, damit für ihn Raum würde, hineinzugehen. Er ist ein großer Jäger, und wir wissen, daß das Weib nie Mangel leiden wird.«

»Ja, Hurone, das ist bald abgemacht nach Euren Begriffen; aber den Gefühlen eines weißen Mannes geht es leidig gegen den Strich. Ich habe von Männern gehört, welche ihr Leben auf diese Weise retteten, und ich habe Solche gekannt, die den Tod einer solchen Art von Gefangenschaft vorziehen würden. Was mich betrifft, ich suche mein Ende nicht, aber ich suche auch die Ehe nicht.«

»Das Bleichgesicht wird sich dieß bedenken, während meine Leute sich zur Berathung anschicken. Man wird ihm sagen, was geschehen wird. Er bedenke, wie hart es ist, einen Gatten und einen Bruder zu verlieren. Geht; wenn wir Euch vor uns sehen wollen, wird man den Namen Wildtödter rufen.«

Dieß Gespräch war ohne alle Zeugen in der Nähe der beiden Männer geführt worden. Von der ganzen Bande, von welcher vor Kurzem der Platz wimmelte, war nur Rivenoak sichtbar. Die Uebrigen schienen den Ort ganz verlassen zu haben. Selbst die Geräthe, Kleider, Waffen und sonstiges Zugehör des Lagers waren gänzlich verschwunden, und die Stelle wies keine andere Merkmale von dem Schwarm, der sich darauf vor einer Stunde noch umgetrieben, als die Spuren von den Feuern und Ruheplätzen, und die zerstampfte Erde, die noch ihre Fußtapfen zeigte. Eine so plötzliche und unerwartete Veränderung erregte in nicht geringem Grade Wildtödters Erstaunen und Unruhe, denn so Etwas war ihm während seiner ganzen Erfahrung unter den Delawaren nicht vorgekommen. Er vermuthete jedoch, und mit Recht, daß ein Wechsel des Lagers beabsichtigt werde, und daß man das Geheimnißvolle dieser Bewegung zu Hülfe nehme, um auf seine Seele durch Furcht zu wirken.

Rivenoak schritt den Gang zwischen den Bäumen dahin, sobald er gesprochen hatte, und ließ Wildtödter allein. Der Häuptling verschwand hinter dem Dickicht des Waldes, und ein Neuling in solchen Scenen hätte wähnen können, der Gefangene sey nunmehr ganz den Eingebungen seiner Klugheit überlassen gewesen. Aber der junge Mann kannte, während er einigermaßen betroffen war über den dramatischen Anstrich der Dinge, seine Feinde zu gut, um sich frei und in seinen Bewegungen ungehemmt zu glauben. Doch wußte er noch nicht, wie weit die Huronen ihre Täuschungen zu treiben beabsichtigten, und er beschloß, die Frage so bald als thunlich zur Entscheidung zu bringen. Eine Gleichgültigkeit zur Schau tragend, die er keineswegs fühlte, schlenderte er auf dem Platz herum, und kam allmälig immer näher zu der Stelle, wo er gelandet hatte, als er plötzlich seinen Schritt beschleunigte, obwohl er sorgfältig jeden Schein der Flucht vermied, und die Büsche auseinanderreißend, schritt er auf den Kiesplatz. Das Canoe war weg, und er sah auch keine Spuren davon, nachdem er zum nördlichen und südlichen Rand des Vorsprungs geschritten war und in beiden Richtungen die Küste besichtigt hatte. Es war offenbar an einen Ort gebracht worden, der ihm unbekannt und unzugänglich war, und unter Umständen, welche zeigten, daß dieß die Absicht der Wilden gewesen.

Wildtödter verstand jetzt seine wirkliche Lage besser. Er war ein Gefangner auf der schmalen Landzunge, ohne Zweifel sorgfältig bewacht, und ohne andere Mittel zu entkommen, als durch Schwimmen. Er dachte wieder an dieß letzte Auskunftsmittel, aber die Gewißheit, daß man ihm das Canoe zur Verfolgung nachschicken würde, und die geringe Aussicht dieses verzweifelten Versuchs auf Erfolg schreckten ihn davon ab. Am Strand stieß er auf eine Stelle, wo die Büsche waren abgeschnitten und auf einen kleinen Haufen zusammengeworfen worden. Als er einige der obern Zweige wegnahm, fand er darunter den Leichnam des Panthers. Er wußte, daß er aufbewahrt wurde, bis die Wilden einen Begräbnißplatz fänden, wo er außer dem Bereiche des Skalpirmessers wäre. Er blickte gedankenvoll nach dem Castell hinüber; aber dort schien Alles still und öde; und ein Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit überfiel ihn, das den düstern Ernst des Augenblicks noch erhöhte.

»Gottes Wille geschehe!« murmelte der junge Mann, indem er bekümmert von dem Strand sich entfernte, und wieder unter die Bogen des Waldes trat. »Gottes Wille geschehe auf Erden wie im Himmel! Ich hoffte, meine Tage würden nicht so bald gezählt seyn; aber es trägt am Ende Wenig aus. Einige Winter und einige Sommer mehr, so wäre es nach dem Lauf der Natur doch vorüber gewesen. Ach ja wohl! die Jungen und Rüstigen denken selten an die Möglichkeit des Todes, bis er ihnen in’s Angesicht grinst, und ihnen ankündigt, daß ihre Stunde gekommen ist!«

Während dieses Selbstgesprächs trat der Jäger auf den freien Platz, wo er zu seinem Erstaunen Hetty allein stehen sah, allem Anschein nach auf seine Zurückkunft wartend. Das Mädchen trug die Bibel unter dem Arm, und ihr Antlitz, über welchem gewöhnlich ein Schatten sanfter Schwermuth lag, schien jetzt traurig und niedergeschlagen. Wildtödter trat ihr näher und sprach zu ihr.

»Arme Hetty,« sagte er, »in dieser letzten Zeit ist es so unruhig zugegangen, daß ich Euch ganz vergessen hatte; wir treffen uns jetzt gleichsam, um zu trauern über das was kommen wird. Ich bin verlangend zu wissen, was aus Chingachgook und Wah! geworden ist!«

»Warum habt Ihr den Huronen getödtet, Wildtödter?« versetzte das Mädchen in vorwurfsvollem Tone. »Kennt Ihr Eure zehn Gebote nicht, welche sagen: du sollst nicht tödten? Sie sagen mir, Ihr habet jetzt des Weibes Gatten und Bruder erschlagen?«

»Es ist wahr, meine gute Hetty, – es ist wahr wie das Evangelium, und ich will nicht läugnen, was geschehen ist. Aber Ihr müßt bedenken, Mädchen, daß Manches erlaubt ist im Krieg, was unerlaubt wäre im Frieden. Der Gatte ward erschossen in offenem Kampfe; oder offen, so weit es mich betraf, während er einen ungewöhnlich guten Schutz und Versteck hatte; – und der Bruder zog sich selbst seinen Tod zu, indem er seinen Tomahawk nach einem unbewaffneten Gefangenen warf. Seyd Ihr Zeugin der That gewesen, Mädchen?«

»Ich sah sie, und es that mir leid, daß sie vorfiel, Wildtödter; denn ich hoffte, Ihr würdet nicht Schlag mit Schlag, sondern Böses mit Gutem vergelten.«

»Ach, Hetty, das mag angehen unter den Missionären, aber in den Wäldern würde das ein unsicheres Leben machen. Der Panther gelüstete nach meinem Blut, und war thöricht genug, mir Waffen in die Hände zu geben, in dem Augenblick, wo er darnach trachtete. Es wäre gegen die Natur gewesen, bei einer solchen Versuchung nicht eine Hand zu erheben, und es hätte meiner Erziehung und meinen Gaben Unehre gebracht. Nein, nein; ich bin so bereit als Einer, Jedem das Seinige zu lassen und zu geben; und dieß, hoffe ich, werdet Ihr bezeugen gegen diejenigen, die Euch etwa über das befragen, was Ihr heute gesehen habt.«

»Wildtödter, gedenkt Ihr Sumach zu heirathen, nunmehr sie weder Gatten noch Bruder mehr hat, sie zu ernähren?«

»Sind das Eure Ideen vom Ehestand, Hetty? Soll der Junge die Alte zum Weibe nehmen – das Bleichgesicht die Rothhaut – der Christ die Heidin? Es ist gegen Vernunft und Natur, und das werdet Ihr einsehen, wenn Ihr es einen Augenblick bedenkt.«

»Ich habe immer Mutter sagen hören,« erwiederte Hetty, ihr Gesicht wegwendend, mehr aus weiblichem Instinkt, als in irgend einem Bewußtseyn von Unrecht – »daß die Leute nie heirathen sollten, als wenn sie einander mehr liebten als Brüder und Schwestern; und ich denke das ist’s, was Ihr meint. Sumach ist alt, und Ihr seyd jung.«

»Ja, und sie ist roth und ich bin weiß. Zudem, Hetty, setzt den Fall, Ihr wäret jetzt ein Weib und hättet einen jungen Mann von Euren Jahren, Stand und Farbe geheirathet – Hurry Harry zum Beispiel« – Wildtödter wählte dieß Beispiel einfach deßwegen, weil er der einzige Beiden bekannte junge Mann war – »und er wäre gefallen auf einem Kriegspfad: würdet Ihr wünschen an Eure Brust als Gatten den Mann zu nehmen, der ihn erschlagen?«

»Oh! nein, nein, nein;« antwortete das Mädchen schaudernd. »Das wäre sündhaft, ebenso wie herzlos! Kein christliches Mädchen könnte oder wollte das thun. Ich werde nie Hurry’s Weib werden, das weiß ich; aber wäre er mein Gatte, kein Mann sollte es je wieder werden nach seinem Tode!«

»Ich dachte auf das würde es hinauskommen, Hetty, wenn Ihr erst die Umstände recht begriffen. Es ist eine moralische Unmöglichkeit, daß ich je Sumach heirathe; und obgleich bei indianischen Heirathen keine Priester sind, und wenig Religion, kann doch ein weißer Mann, der seine Gaben und Pflichten kennt, sich das nicht zu Nutze machen, und so im geeigneten Augenblick sich retten. Ich glaube, der Tod wäre natürlicher und willkommener, als Ehe mit diesem Weibe.«

»Sagt das nicht zu laut,« unterbrach ihn Hetty ungeduldig; »ich glaube sie würde das nicht gern hören. Ich bin gewiß, Hurry würde eher sogar mich heirathen, als Martern ausstehen, obwohl ich schwachsinnig bin; und es würde mich gewiß tödten, wenn ich denken müßte, er würde lieber den Tod wählen, als mein Gatte werden!«

»Ja, Mädchen, Ihr seyd nicht Sumach, sondern eine hübsche, junge Christin, mit einem guten Herzen, anmuthigem Lächeln und freundlichem Auge. Hurry dürfte stolz darauf seyn, Euch zu bekommen, und das nicht, wenn er im Elend und Kummer wäre, sondern in seinen besten und glücklichsten Tagen. Indeß nehmt meinen Rath, und sprecht mit Harry nie von diesen Dingen; er ist im besten Falle doch eben ein Grenzer.«

»Ich möchte es ihm um die Welt nicht sagen!« rief das Mädchen, und sah sich ganz entsetzt und erröthend um, sie wußte selbst nicht warum. »Mutter sagte immer, Mädchen sollen nicht keck und vorlaut seyn, und ihre Gesinnungen nicht aussprechen, ehe man sie frage; – oh! ich vergesse nie, was Mutter mir gesagt hat. Es ist Schade, daß Hurry so schön ist, Wildtödter; ich glaube, ohne das würden ihn wenigere Mädchen gern haben, und er würde eher sein eigenes Gemüth kennen lernen.«

»Armes Mädchen, armes Mädchen! es ist klar genug, wie es steht; aber der Herr wird ein Geschöpf von so einfältigem Herzen und so freundlichem Gemüth nicht außer Acht lassen! Wir wollen nicht weiter von diesen Dingen sprechen; wenn Ihr Vernunft hättet, würdet Ihr Euch bekümmern, Andre so Euer Geheimniß haben durchschauen zu lassen. Sagt mir, Hetty, was ist aus all‘ den Huronen geworden, und warum lassen sie Euch auf dem Vorsprung herum wandeln, als ob Ihr auch eine Gefangene wäret?«

«Ich bin keine Gefangene, Wildtödter, sondern ein freies Mädchen, und gehe wohin und wann es mir gefällt. Niemand darf mir ein Leid thun! Wenn sie es thäten, würde Gott zürnen, wie ich ihnen in der Bibel zeigen kann. Nein – nein – Hetty Hutter fürchtet sich nicht; sie ist in guten Händen. Die Huronen sind dort in den Wäldern drüben, und haben ein scharfes Auge auf uns Beide, dafür steh‘ ich, denn alle Weiber und Kinder halten Wache. Einige begraben den Leichnam des armen Mädchens, das in der vorigen Nacht erschossen wurde, damit der Feind und die wilden Thiere ihn nicht finden können. Ich sagte ihnen, Vater und Mutter lägen im See, aber ich ließ sie nicht wissen, in welcher Gegend, denn Judith und ich brauchen Niemand von ihrer heidnischen Gesellschaft auf unserem Begräbnißplatz.«

»Ach weh! Nun, es ist in der That eine grausame Aufgabe, hier zu stehen, lebend und zornig, mit aufgeregten, wüthenden Gefühlen, in der einen Stunde, und dann in der nächsten weggeführt, und in einer Grube in der Erde dem Anblick der Menschenkinder entrückt zu werden! Niemand weiß, was ihm auf einem Kriegspfad widerfahren mag, das ist gewiß!«

Hier unterbrach das Rauschen des Laubs und das Krachen von dürren Zweigen das Gespräch, und setzte Wildtödter in Kenntniß von der Annäherung seiner Feinde. Die Huronen schlossen um den Platz, der für die nun kommende Scene eingerichtet worden war, und in dessen Mitte das beabsichtigte Opfer jetzt stand, einen Kreis – und die bewaffneten Männer waren so unter die schwächern Glieder der Bande vertheilt, daß keine gefahrlose Lücke war, wo der Gefangene durchbrechen konnte. Aber er dachte jetzt nicht mehr an Flucht; der letzte Versuch hatte ihn von der Unmöglichkeit überzeugt, zu entkommen, wenn er von einer großen Menge so scharf verfolgt ward. Im Gegentheil hatte er alle seine Kräfte aufgeboten, um dem Schicksal, das er erwartete, mit einer Ruhe entgegenzugehen, welche seiner Farbe und Mannhaftigkeit Ehre machen sollte, – ebenso entfernt von feiger und schimpflicher Angst, wie von der Prahlerei der Wilden.

Als Rivenoak wieder in dem Kreis erschien, nahm er seinen alten Platz oben auf der Scene ein. Einige der ältern Krieger standen in seiner Nähe; aber jetzt, nachdem Sumach’s Bruder gefallen, war kein anerkannter Häuptling mehr anwesend, dessen Einfluß und Ansehen mit dem seinigen in eine gefährliche Nebenbuhlerschaft hätte treten können. Dennoch ist wohl bekannt, daß wenig Monarchisches oder Despotisches in irgend einem Sinne in der politischen Verfassung der nordamerikanischen Stämme sich fand, obgleich die ersten Colonisten, in diese Hemisphäre die Begriffe und Meinungen ihrer Länder mitbringend, die angesehensten Männer dieser dem Urzustand nahe stehenden Nationen häufig mit den stolzen Titeln von Königen und Fürsten bezeichneten. Erblicher Einfluß existirte allerdings; aber man hat allen Grund zu glauben, daß er eher als eine Folge von erblichem Verdienst und erworbnen Eigenschaften, denn als Geburtsrecht bestand. Rivenoak jedoch hatte nicht einmal diesen Anspruch – denn er war zu Ansehen emporgestiegen einzig durch die Macht von Talenten, Scharfsinn, und wie Bacon es ausspricht, im Hinblick auf alle ausgezeichneten Staatsmänner – »durch eine Vereinigung großer und gemeiner Eigenschaften;« eine Wahrheit, für welche die Laufbahn des tiefdenkenden Engländers selbst einen so einleuchtenden Beleg liefert.

Nächst den Waffen ebnet Beredsamkeit die große Bahn zur Volksgunst, sey es im civilisirten oder im wilden Leben; und Rivenoak hatte es so weit gebracht – wie so Manche vor ihm! – ebensosehr dadurch, daß er seinen Zuhörern falsche Sätze und Trugschlüsse einleuchtend zu machen wußte, als durch tiefe und gelehrte Auseinandersetzung der Wahrheit, oder durch die Schärfe seiner Logik. Dennoch besaß er Einfluß, und war auch gar nicht ohne gerechte Ansprüche darauf. Wie die meisten Menschen, welche mehr überlegen als fühlen, war der Hurone kein Freund davon, die blos wilden und trotzigen Leidenschaften seines Volks zu üben und zu hegen; man fand ihn gewöhnlich auf der Seite der Barmherzigkeit bei all den Scenen erbitterter Peinigung und Rachgier, die in seinem Stamme vorgekommen, seit er zur Macht gelangt war. Im jetzigen Falle sträubte er sich, es aufs Aeußerste kommen zu lassen, obwohl die Reizung und Herausforderung so groß war; aber doch ging es über seinen Scharfsinn, ein Mittel zu entdecken, diese Alternative glücklich zu vermeiden. Sumach empfand ihre Verschmähung bittrer, als den Tod von Gatten und Bruder, und es war wenig Wahrscheinlichkeit, daß das Weib dem Manne verzeihen werde, der so unumwunden den Tod ihren Umarmungen vorgezogen hatte. Ohne ihre Verzeihung war kaum zu hoffen, daß der Stamm sich bewegen lassen würde, seinen Verlust zu übersehen; und selbst dem zur Verzeihung so geneigten Rivenoak schien das Schicksal unsers Helden jetzt hoffnungslos besiegelt.

Als die ganze Bande versammelt war, erfüllte ein ernstes Schweigen, nur um so drohender bei seiner tiefen Ruhe, den Platz. Wildtödter bemerkte, daß die Weiber und Knaben Splitter von den fetten Fichtenwurzeln gefertigt hatten, die, wie er wohl wußte, ihm ins Fleisch gesteckt und angezündet werden sollten, während zwei oder drei der jungen Männer die Stricke von Bast hielten, womit er gebunden werden sollte. Der Rauch von einem fernen Feuer kündigte an, daß die Brände schon in Bereitschaft waren, und einige von den altern Kriegern fuhren mit den Fingern über die Schneide ihrer Tomahawks, um ihre Schärfe und Feinheit zu erproben. Selbst die Messer schienen schon gelockert in ihren Scheiden, ungeduldig der blutigen, unbarmherzigen Arbeit harrend, die beginnen sollte.

»Tödter des Wildes,« begann wieder Rivenoak, allerdings ohne alle Zeichen von Sympathie oder Mitleid in seinem Wesen, obwohl mit Ruhe und Würde; »Tödter des Wildes, es ist Zeit, daß meine Leute ihre Gesinnungen erkannten. Die Sonne steht nicht mehr über unsern Häuptern; müde über den Huronen zu weilen, hat sie angefangen, gegen die Fichten auf dieser Seite des Thales sich zu senken. Sie wandert schnell dem Lande unsrer französischen Väter zu – um zu warnen ihre Kinder, daß ihre Hütten leer stehen, und daß sie zu Hause seyn sollten. Der streifende Wolf hat seine Höhle, und er sucht sie auf, wenn er seine Jungen zu sehen wünscht. Die Irokesen sind nicht ärmer als die Wölfe. Sie haben Dörfer, und Wigwams, und Kornfelder; die guten Geister werden müde seyn, sie allein zu bewachen. Meine Leute müssen zurückgehen und nach ihren Angelegenheiten sehen. Es wird Freude herrschen in den Hütten, wenn sie unsern Ruf von dem Walde her hören! Es wird ein kummervoller Ruf seyn; wenn man ihn verstanden, wird Gram ihm folgen. Es wird Ein Skalpruf erschallen, aber nur Einer. Wir haben den Pelz der Bisamratze; sein Leichnam ist unter den Fischen. Wildtödter muß es sagen, ob noch ein Skalp auf unserm Pfahl seyn soll. Zwei Hütten sind leer; ein Skalp, lebendig oder todt, ist erforderlich für jede Thüre!«

»Dann nehmt ihn todt, Hurone,« erwiederte der Gefangne fest, aber ohne theatralische Prahlerei. »Meine Stunde ist gekommen, glaube ich, und was seyn muß, muß seyn. Wenn Ihr auf die Martern versessen seyd, so will ich mein Möglichstes thun, sie mannhaft zu ertragen, obgleich kein Mensch sagen kann, wie weit seine Natur Schmerzen aushalten kann, bis es zur Probe gekommen ist.«

»Der Bleichgesichthund fängt an den Schwanz zwischen die Beine zu nehmen!« schrie ein junger, geschwätziger Wilder, der den passenden Titel: Corbeau Rouge führte, ein sobriquet, das er von den Franzosen bekommen wegen seiner Fertigkeit, zur Unzeit Geräusch zu machen, und einer ungebührlichen Neigung, seine eigne Stimme zu hören; »er ist kein Krieger; er hat den Loup Cervier getödtet, hinter sich blickend, um nicht den Blitz seiner eignen Büchse zu sehen. Er grunzt schon wie ein Schwein; wenn die Huronen-Weiber anfangen, ihn zu quälen, wird er schreien wie das Junge der Pantherkatze. Er ist ein Delawarisches Weib, gekleidet in die Haut eines Yengeese!«

»Schwatzt wie Ihr wollt, junger Mann; schwatzt wie Ihr wollt,« versetzte Wildtödter unbeweglich; »Ihr versteht es nicht besser und ich kann es übersehen. Schwatzen mag Weiber belustigen, aber kann schwerlich Messer schärfer, Feuer heißer, oder Büchsen sichrer machen.«

Rivenoak legte sich jetzt dazwischen, verwies der Rothen Krähe ihre voreilige Einmischung, und wies dann die geeigneten Personen an, den Gefangnen zu binden. Diese Maßregel ward ergriffen nicht aus Besorgniß, er möchte entfliehen, oder sofern man jetzt schon die Notwendigkeit davon erkannt hatte, weil er nicht im Stande gewesen wäre, die Martern mit freien Gliedern auszuhalten, sondern mit der sinnreichen Absicht, ihm seine Hilflosigkeit recht fühlbar zu machen, und seine Entschlossenheit dadurch allmälig zu lähmen, daß man sie so zu sagen Schritt für Schritt untergrub. Wildtödter widersetzte sich nicht. Er bot seine Arme und Beine willig, wenn auch nicht freudig, den Bastseilen dar, welche auf Befehl des Häuptlings so darum gebunden wurden, daß sie möglichst wenig Schmerzen verursachten. Diese Anweisungen waren geheim und in der Hoffnung gegeben, der Gefangene würde sich am Ende jede ernste körperlich Marter ersparen, durch seine Einwilligung, die Sumach zum Weib zu nehmen. Sobald Wildtödter hinlänglich mit Bast gebunden war, um ein lebhaftes Gefühl von Hülflosigkeit in ihm zu erwecken, ward er an einen jungen Baum im buchstäblichen Sinne geschleppt und daran so angebunden, daß er sich in der That ebensowenig rühren als fallen konnte. Die Hände wurden flach an die Beine gelegt, und überall Seile darüber gezogen, dergestalt, daß der Gefangene mit dem Baume wie verwachsen schien. Dann ward ihm seine Mütze abgenommen, und er blieb dann in einer Lage – halb stehend, halb von seinen Banden gehalten, um der kommenden Scene so gut er konnte die Stirne zu bieten.

Ehe man irgend zum Aeußersten schritt, war es Rivenoaks Wunsch, seines Gefangnen Entschlossenheit auf die Probe zu stellen durch Erneuerung des Versuchs zu einem gütlichen Vergleich. Dieß konnte nur auf Eine Weise geschehen, da die Einwilligung der Sumach unerläßlich war, wenn es zu einem Vergleich über ihr Recht auf Rache kommen sollte. In dieser Absicht ward denn zunächst das Weib aufgefordert vorzutreten, und selbst ihr Interesse zu wahren; da man annehmen konnte, daß Niemand bei dieser Negotiation eine wirksamere Rolle würde spielen können, als die Hauptperson selbst. Die Indianerinnen sind als Mädchen gewöhnlich mild und unterwürfig, mit musikalischem Ton, angenehmen Stimmen und lustigem Lachen; aber Mühseligkeiten und Leiden berauben sie der meisten dieser Vorzüge, bis sie nur ein Alter erreichen, das die Sumach lange schon überschritten hatte. Ihre Stimmen rauh zu machen, erforderte es, so mochte es scheinen, lebhafte, bösartige Leidenschaften, obwohl in der Aufregung ihr Kreischen zu einem hinlänglichen Grade von gellendem Mißton sich erheben kann, um ihre Ansprüche auf den Besitz dieser unterscheidenden Eigenthümlichkeit des schönen Geschlechts sicher zu stellen. Die Sumach war jedoch nicht ganz ohne weibliche Reize, und hatte noch vor so kurzer Zeit unter ihrem Stamme für schön gegolten, daß sie noch nicht in ihrem ganzen Umfang die Wirkungen erkannt hatte, welche Zeit und Mühseligkeit bei Männern so gut wie bei Frauen hervorbringen. Auf Rivenoaks Veranstaltung hatten einige der Weiber um sie her die ganze Zeit über sich Mühe gegeben, die einsam stehende Wittwe zu bereden, es sey noch Hoffnung, den Wildtödter zu vermögen, lieber in ihren Wigwam, als in die Welt der Geister einzuziehen, und dieß mit einem Erfolg, den frühere Symptome kaum hätten erwarten lassen. Alles dieß war die Folge eines Entschlusses von Seiten des Häuptlings, kein geeignetes Mittel unversucht zu lassen, um den größten Jäger, der nach allgemeiner Annahme damals in der ganzen Gegend lebte, für seine Nation, so wie auch einen Gatten für ein Weib zu gewinnen, das, wie er wohl fühlte, sehr lästig und beschwerlich werden konnte, wenn man ihre Ansprüche an die Aufmerksamkeit und Vorsorge des Stammes irgend übersah.

Diesem Plan gemäß war die Sumach insgeheim angewiesen worden, in den Kreis vorzutreten, und den Gerechtigkeitssinn des Gefangenen anzusprechen, ehe die Bande zu dem letzten Versuch schritt. Das Weib willigte nicht faul ein; denn es lag ein ähnlicher Reiz darin, das Weib eines unter den Frauen der Stämme berühmten Jägers zu werden, wie etwa die Schönen in einem mehr verfeinerten Zustand empfinden, wenn sie ihre Hand reichen Männern geben. Da die Pflichten einer Mutter als alle andre Rücksichten aufwiegend galten, empfand die Wittwe nichts von der Verlegenheit bei dem Vortrag ihrer Ansprüche, deren selbst eine Glücksjägerin unter uns sich doch nicht erwehren würde. Wie sie daher vor der ganzen Truppe vortrat, rechtfertigten die Kinder, die sie an der Hand führte, Alles, was sie that, vollkommen.

»Ihr seht mich vor Euch, grausames Bleichgesicht,« begann das Weib; »Euer Geist muß Euch mein Anliegen sagen. Ich habe Euch gefunden: ich kann nicht finden den Loup Cervier noch den Panther. Ich habe sie gesucht im See, in den Wäldern, in den Wolken. Ich weiß nicht zu sagen, wohin sie gegangen sind.«

»Niemand weiß es, gute Sumach, Niemand weiß es,« fiel der Gefangne ein. »Wenn der Geist den Körper verläßt, geht er in eine Welt über, welche jenseits unsrer Erkenntniß liegt, und das Klügste für die Zurückgebliebenen ist: das Beste zu hoffen. Ohne Zweifel sind Eure beiden Krieger nach den glücklichen Jagdrevieren gegangen, und seiner Zeit werdet Ihr sie wieder sehen in ihrem bessern Zustand. Das Weib und die Schwester von Tapfern muß einem solchen oder ähnlichen Schluß ihrer Laufbahnen auf Erden entgegengesehen haben.« »Grausames Bleichgesicht, was hatten meine Krieger gethan, daß Ihr sie erschluget? Sie waren die besten Jäger und die kühnsten jungen Männer ihres Stammes; der Große Geist wollte, daß sie leben sollten bis sie verwitterten gleich den Zweigen der Tanne, und durch ihre eigne Wucht abfielen.«

»Nein, nein, gute Sumach,« unterbrach sie der Wildtödter, dessen Wahrheitsliebe zu unbezwinglich war, um geduldig solchen Hyperbeln zuzuhören, selbst wenn sie aus dem zerrissenen Herzen einer Wittwe kamen, – »Nein, nein, gute Sumach, das heißt die Vorrechte der Rothhäute etwas übertreiben. Ein junger Mann war Keiner, so wenig als Ihr eine junge Frau genannt werden könnt; und was des Großen Geistes Willen anlangt, daß sie hätten auf eine andere Weise fallen sollen, als sie fielen, so ist das ein trauriger Irrthum, sintemal, was der Große Geist will, ganz gewiß in Erfüllung geht. Und dann weiter ist es zwar ganz klar, daß keiner Eurer Freunde mir ein Leid that; ich erhob aber meine Hand gegen sie wegen dessen, was sie mir zu thun trachteten, und nicht, was sie mir thaten. Das ist natürliches Gesetz: seine Hand gebrauchen, damit man nicht der Hand des Andern erliege.«

»Es ist so. Sumach hat nur eine Zunge; sie kann nur eine Geschichte erzählen. Das Bleichgesicht erschlug die Huronen, damit nicht die Huronen ihn erschlügen. Die Huronen sind eine gerechte Nation, sie werden es vergessen, die Häuptlinge werden ihre Augen schließen und sich stellen, als hätten sie es nicht gesehen. Die jungen Männer werden glauben, der Panther und der Luchs seyen auf ferne Jagden gezogen; und die Sumach wird ihre Kinder bei der Hand nehmen, und in die Hütte des Bleichgesichts gehen, und sagen: Seht, das sind Eure Kinder – sie sind auch die meinigen; ernährt uns und wir wollen bei Euch wohnen.«

»Die Bedingungen sind nicht annehmbar, Weib; und so sehr ich Eure Verluste bedaure, welche hart zu tragen seyn müssen, können doch die Anträge nicht angenommen werden. Euch Wildpret zu schaffen, falls wir nahe genug bei einander wohnten, das wäre keine so große Aufgabe, aber Euer Mann zu werden, und der Vater von Euren Kindern, dazu fühle ich, ehrlich mit Euch gesprochen, keinen Beruf in mir.«

»Seht diesen Knaben an, grausames Bleichgesicht; er hat keinen Vater, der ihn lehren könnte, das Wild zu tödten, oder Skalpe zu nehmen. Seht dieß Mädchen; welcher junge Mann wird kommen, um sich ein Weib zu suchen in einer Hütte, die kein Haupt hat? Noch mehrere sind unter meinem Volke in den Canoe’s, und der Tödter des Wildes wird so viele Mäuler zu füttern finden, als sein Herz wünschen mag.«

»Ich sage Euch, Weib,« rief Wildtödter, dessen Phantasie keineswegs die Aufforderung der Wittwe unterstützte, und der bei den lebhaften Gemälden, welche sie entwarf, ungeduldig und städtisch zu werden anfing, »das Alles ist mir Nichts. Das Volk und die Verwandten müssen sich ihrer Vaterlosen annehmen, und die, die keine Kinder haben, ihrer Einsamkeit überlassen. Was mich betrifft, ich habe keine Sprößlinge und begehre kein Weib. Jetzt geht Eures Weges, Sumach laßt mich in den Händen Eurer Häuptlinge; denn meine Farbe und Gaben und meine Natur selbst schreien gegen die Idee, Euch zum Weib zu nehmen.«

Es ist unnöthig, weitläuftig zu seyn über die Wirkungen dieser unumwundnen Ablehnung der Vorschläge des Weibes. Wenn etwas wie Zärtlichkeit in ihrem Busen war – und kein Weib vielleicht entbehrte je ganz dieser weiblichen Eigenschaft – so verschwand dieß ganz bei dieser einfachen Erklärung. Rachsucht, Wuth, gekränkter Stolz und ein Vulkan von Zorn brachen in Einem Erguß los, und verwandelten sie wie mit einer Zauberruthe in eine Art Wahnsinnige. Ohne ihn einer Antwort in Worten zu würdigen, machte sie die Wölbungen des Waldes von ihrem Gekreische erdröhnen, und dann stürzte sie auf ihr Opfer los, und ergriff ihn bei den Haaren, die sie ihm mit den Wurzeln auszureißen entschlossen schien. Es dauerte einige Zeit, bis man ihn von ihr losmachen konnte. Zum Glück für den Gefangnen war ihre Wuth blind, denn seine gänzliche Hülflosigkeit hätte ihn ihr völlig preisgegeben: wäre sie besonnener gewesen, so hätte sie ihm den Tod bringen können, ehe zu Hülfe zu eilen möglich war. So aber gelang es ihr nur, ihm ein paar Hände voll Haare auszuraufen, ehe die jungen Männer sie von ihrem Opfer wegrissen.

Die der Sumach widerfahrene Beschimpfung galt als eine Beleidigung des ganzen Stammes, jedoch nicht sowohl wegen der Achtung, die man für das Weib hegte, als in Betracht der verletzten Ehre der Huronischen Nation. Sumach selbst galt allgemein für so herb und so sauer wie die Beere, von der sie ihren Namen hatte; und jetzt, nachdem ihre großen Beschützer, ihr Gatte und ihr Bruder beide dahin waren, gaben sich Wenige mehr Mühe, ihre Abneigung gegen sie zu verbergen. Doch aber war es ein Ehrenpunkt geworden, das Bleichgesicht zu strafen, das ein Huronisches Weib verschmähte, und zumal Einen, der ganz kaltblütig lieber sterben wollte, als dem Stamme die Last einer Wittwe und ihrer Kinder abnehmen. Die jungen Männer zeigten eine Ungeduld mit der Marter zu beginnen, welche Rivenoak verstand, und da seine ältern Genossen keine Neigung verriethen, einen längern Aufschub zu gestatten, sah er sich genöthigt, das Zeichen zu geben zum Anfang des höllischen Werkes.

Neunzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Faßt Eure Waffen fest! besetzt die Thür!
Verloren ist jetzt Alles, wenn nicht bald
Geschweigt wird diese fürchterliche Glocke.
Der Officier verfehlte seinen Weg,
Oder vollzog er seinen Auftrag falsch,
Oder stieß ihm ein traurig Hemmniß auf.
Anselmo, brich mit Deiner Schaar stracks gegen
Den Thurm auf; alle Andern bleiben hier,
Marino Faliero.

Die Vermuthung der Judith Hutter in Betreff der Art und Weise, wie das indianische Mädchen ihren Tod gefunden, war in der Hauptsache richtig. Nach einigen Stunden Schlafs waren ihr Vater und March aufgewacht. Dieß geschah einige Minuten, nachdem sie die Arche verlassen, um ihre Schwester aufzusuchen, als natürlich Chingachgook und seine Verlobte schon an Bord waren. Von dem Delawaren erfuhr der Alte die Stellung des Lagers und die neuesten Vorfälle, sowie die Abwesenheit seiner Töchter. Dieß letztere machte ihm keine Sorge, denn er verließ sich sehr auf die Klugheit der Aelteren, sowie auf die ungefährdete Sicherheit, mit der, wie man nun schon wußte, die Jüngere unter den Wilden sich umtreiben konnte. Auch hatte lange und vielfache Bekanntschaft mit Gefahren seine Empfänglichkeit für Besorgnisse abgestumpft. Auch die Gefangenschaft Wildtödters schien er nicht groß zu bedauern; denn so gut er wußte, wie wesentlich sein Beistand bei einer Vertheidigung seyn würde, hatte doch die Verschiedenheit ihrer Ansichten über die für die Wälder geltende Moral wenig Sympathie zwischen ihnen bestehen lassen. Es hätte ihn sehr erfreut, die Stellung des Lagers zu erfahren, bevor es durch Hist’s Flucht war in Allarm gebracht worden, aber jetzt war ein Landungsversuch allzu gewagt; und mit Widerstreben entsagte er für diese Nacht den grausamen Anschlägen, welche zu hegen Gefangenschaft und Rachsucht ihn angespornt hatten. In solcher Stimmung setzte sich Hutter vorn auf der Fähre hin, wo bald Hurry sich zu ihm gesellte; Schlange und Hist blieben in ruhigem Besitz von dem andern Ende des Fahrzeugs.

»Wildtödter hat sich als Knabe gezeigt, daß er unter die Wilden ging zu dieser Stunde, und ihnen in die Hände fiel wie ein Wild, das in eine Grube taumelt,« brummte der Alte, der, wie gewöhnlich, den Splitter in seines Nächsten Auge sah, aber des Balkens in seinem eignen Auge nicht gewahr wurde. »Wenn man ihn jetzt seine Dummheit mit seinem eignen Fleisch bezahlen läßt, so kann er Niemand schelten als sich selbst.«

»Das ist der Lauf der Welt, alter Tom,« versetzte Hurry. »Jeder Mensch muß seine Schulden selbst vertreten, und für seine Sünden einstehen. Ich bin jedoch erstaunt, daß ein so gewandter und wachsamer Bursch wie Wildtödter sich in einer solchen Falle hat fangen lassen können! Wußte er nichts Besseres, als um Mitternacht um ein Huronenlager herumzuschleichen, ohne einen andern Rückzug zu haben, als auf den See? oder glaubte er ein Hirsch zu seyn, und durch’s in’s Wasser Springen die Witterung abschneiden und mit Schwimmen sich aus der Noth retten zu können? Ich hatte eine bessere Meinung von des Jungen Einsicht, ich gesteh‘ es; aber wir müssen ein wenig Unwissenheit bei einem jungen Blut übersehen. Ich sage, Meister Hutter, wißt Ihr zufällig, was aus den Mädchen geworden ist – ich sehe keine Spur von Judith und von Hetty, obgleich ich in der ganzen Arche herum gewesen und nach allen lebenden Creaturen darin gesehen habe.«

Hutter erklärte in der Kürze die Art und Weise, wie seine Töchter das Canoe genommen, nach der Erzählung des Delawaren, sowie Judith’s Rückkehr, nachdem sie ihre Schwester an’s Land gesetzt, und ihre zweite Abfahrt von der Arche.

»Das kommt von einer glatten Zunge, Floating Tom,« rief Hurry, in reinem Zorn und Ingrimm mit den Zähnen knirschend – »das kommt von einer glatten Zunge und von den Neigungen eines einfältigen Mädchens – und Ihr thätet am besten, bei der Sache wohl zuzusehen! Ihr und ich, wir waren Beide Gefangene,« – jetzt erinnerte sich Hurry dieses Umstandes ganz gut, – »Ihr und ich, wir waren Beide Gefangene, und da rührte sich Judith nicht vom Fleck, um uns einen Dienst zu leisten! Sie ist behext von diesem schmächtig aussehenden Wildtödter; und er und sie, und Ihr und wir Alle thäten gut, bei der Sache wohl zuzusehen! Laßt uns verholen, alter Camerad, uns dieser Landspitze näher rücken, und sehen, wie die Sachen weiter gehen.«

Hutter hatte gegen diese Bewegung Nichts einzuwenden, und die Arche setzte sich auf die gewöhnliche Weise in Bewegung, wobei man sich hütete, ein Geräusch zu machen. Der Wind war stark nördlich, und bald trieb das Segel die Fähre so weit den See aufwärts, daß die dunkeln Umrisse der Bäume, welche die Landspitze bedeckten, dämmernd sichtbar wurden. Floating Tom steuerte, und segelte so nahe am Land hin, als die Tiefe des Wassers und die überhangenden Zweige gestatteten. Es war unmöglich, Etwas zu unterscheiden, was im Schatten der Küste lag; aber die Umrisse des Segels und der Cajüte wurden von der schon erwähnten jungen Schildwache am Strand erkannt. Im Augenblick der plötzlichen Ueberraschung entfuhr ihm ein tiefer indianischer Ausruf. In dem Geist der Rücksichtslosigkeit und Wildheit, welcher das Wesen von Hurry’s Charakter ausmachte, fällte der Mann seine Büchse und feuerte.

Die Kugel ward geführt vom Zufall, oder von jener Alles beherrschenden Vorsehung, welche über das Geschick Aller entscheidet, und das Mädchen fiel. Dann erfolgte die oben schon beschriebene Scene mit den Fackeln.

Gerade in dem Augenblick, wo Hurry diese That gedankenloser Grausamkeit beging, war das Canoe Judith’s der Stelle, welche von der Arche ganz kürzlich verlassen worden war, bis auf hundert Fuß nahe gekommen. Ihre Fahrt ist schon beschrieben worden, und es ist jetzt unsre Obliegenheit, ihren Vater und seine Genossen auf der seinigen zu begleiten. Der kreischende Schrei verkündigte die Wirkung von Marchs auf’s Gerathewohl abgefeuertem Schuß, und ließ auch erkennen, daß das Opfer ein Weib war. Hurry selbst war betroffen über diese unvorhergesehene Folge, und einen Augenblick war er von kämpfenden Empfindungen lebhaft verstört. Zuerst lachte er in rücksichtslosem und rohem Triumph; dann aber schoß ihm das Gewissen, der von Gott in unsere Brust gepflanzte Mahner, der aber sein allgemeineres Wachsthum durch die der Kindheit gewidmete Pflege, Zucht und Arbeit erhält, einen Stachel in’s Herz. Eine Minute lang war die Seele dieses Zwittergeschöpfs der Civilisation und Barbarei in ihren Empfindungen eine Art Chaos, – er wußte selbst nicht, was er von seiner That denken sollte – dann traten die Hartnäckigkeit und der Stolz eines Mannes von seiner Art hervor, um ihre gewohnte Obermacht zu behaupten. Er stieß den Kolben seiner Büchse auf den Boden des Fahrzeugs mit einer Art herausfordernden Trotzes, und fing an mit erheuchelter Gleichgültigkeit eine Melodie zu pfeifen. Während dem war die Arche immer in Bewegung, schon öffnete sich die Bai oberhalb der Landspitze, und sie verließ mithin das Land.

Hurry’s Genossen betrachteten seine That nicht mit derselben Nachsicht, mit der er selbst sie anzusehen geneigt war. Hutter sprach brummend und grollend seine Mißbilligung aus; denn die That brachte gar keinen Vortheil, während sie den Krieg erbitterter als je zu machen drohte; und Niemand tadelt unmotivirte Abweichungen von dem, was recht ist, strenger, als eigennützige und grundsatzlose Menschen. Doch beherrschte er sich noch, da Wildtödters Gefangenschaft den Arm des Frevlers in diesem Augenblick für ihn doppelt schätzbar und unentbehrlich machte. Chingachgook stand auf, und einen Augenblick ward die alte Erbitterung der Stämme vergessen über der Sympathie für seine Farbe; aber er faßte und besann sich noch zeitig genug, um es nicht zu den schlimmen Folgen kommen zu lassen, zu welchen ihn allerdings die rasche Aufwallung eines Augenblicks hinzureißen gedroht hatte. Nicht so Hist. Das Mädchen rannte durch die Hütte, oder die Cajüte, und stand neben Hurry, beinahe in dem Augenblick, wo seine Büchse den Boden der Fähre berührte, und mit einer ihrem Herzen Ehre machenden Furchtlosigkeit strömte sie ihre Vorwürfe aus mit der edeln Wärme des Weibes.

»Warum Ihr schießen?« sagte sie. »Was Huronen-Mädchen gethan, daß Ihr tödten sie? Was Ihr denken, daß Manitou sagen? Was Ihr denken, daß Manitou fühlen? Was Irokesen thun? Nicht gewinnen Ehre – nicht Lager – nicht Gefangene – nicht Schlacht – nicht Skalpe – gewinnen gar Nichts! Blut kommen aus Blut! Wie Ihr fühlen, wenn Euer Weib getödtet? Wer Euch bemitleiden, wenn Thränen kommen um Mutter oder Schwester? Ihr dick, wie große Fichte – Huronen-Mädchen kleine, zarte Birke – warum Ihr auf sie fallen und zermalmen? Ihr denken, Huronen es vergessen? Nein! Rothhaut nie vergessen, nie vergessen Freund, nie vergessen Feind. Rother Mann Manitou in diesem. Warum Ihr so ruchlos, großes Bleichgesicht?«

Hurry war nie so eingeschüchtert worden, wie durch diesen starken und warmen Angriff des indianischen Mädchens. Es ist wahr, sie hatte einen mächtigen Verbündeten an seinem Gewissen; und obgleich sie eifrig sprach, geschah es doch in so ächt weiblichen Tönen, daß er keinen Vorwand zu unmännlichem Zorn hatte. Die Weichheit ihrer Stimme vermehrte das Gewicht ihrer Vorwürfe, indem sie letztern ganz die Farbe der Reinheit und Wahrheit lieh. Wie die meisten gemeindenkenden Menschen hatte er die Indianer blos durch das Medium ihrer roheren und wilderen Charakterzüge betrachtet. Es war ihm nie eingefallen, daß die Gefühle des Herzens allgemein menschlich seyen; daß selbst hochsinnige Grundsätze – modifizirt durch Gewohnheiten und Vorurtheile, aber darum in ihrem Kreis nicht minder erhaben – im wilden Zustande vorhanden seyn können; und daß der im Felde mitleidloseste Krieger in den Stunden des friedlichen, häuslichen Lebens den sanftesten und zartesten Einflüssen und Gefühlen sich hingeben könne. Mit Einem Wort, sein Geist hatte sich gewöhnt, alle Indianer als Wesen zu betrachten, nur um einen schwachen Grad über den wilden Bestien stehend, die durch die Wälder streifen, und war geneigt, sie dem gemäß zu behandeln, sobald Vortheil oder Laune einen Antrieb oder einen Reiz dazu gaben. Dennoch konnte man von dem wohlgestalten Barbaren, so sehr er von diesen Vorwürfen eingeschüchtert war, nicht eigentlich sagen, daß er reuig gewesen. Er war aber von seinem Gewissen zu sehr beschämt, um sich einen Ausbruch von Zorn zu gestatten; und vielleicht fühlte er, daß er schon eine That begangen, die mit Recht seine Mannhaftigkeit in Zweifel stellen dürfte. Statt den einfachen, aber natürlichen Ausfall Hist’s gegen ihn zu ahnden oder zu beantworten, entfernte er sich nur wie Einer, der es unter seiner Würde achtet, Hader mit einem Weibe anzufangen.

Mittlerweile fuhr die Arche weiter, und bis zu der Zeit, wo die Scene mit den Fackeln unter den Bäumen vor sich ging, hatte sie den offnen See erreicht; denn Floating Tom lenkte sie weiter vom Lande weg mit einer Art instinktmäßiger Furcht vor Wiedervergeltung. Eine Stunde verstrich jetzt in düstrem Schweigen, das Niemand zu brechen geneigt schien. Hist hatte sich auf ihr Polster zurückgezogen und Chingachgook lag schlafend im Vordertheil des Fahrzeugs. Hutter und Hurry allein blieben wach, der Erstere am Steuerruder, während der Letztere über seiner Handlungsweise brütete mit der Verstocktheit eines Menschen, der wenig geneigt ist zur Anerkennung seiner Fehler, und doch mit dem heimlichen Nagen des Wurms, der nicht stirbt. Dieß war in dem Augenblick, wo Judith und Hetty die Mitte des See’s erreichten, und sich niedergelegt hatten, um zu versuchen, in ihrem dahintreibenden Canoe zu schlafen.

Die Nacht, obwohl so sehr verfinstert durch Wolken, war ruhig. Es war nicht die Jahrszeit der Stürme, und die im Monat Junius auf diesem eingebetteten Wasser vorkamen, waren, wenn auch oft heftig, immer von kurzer Dauer. Doch war auch jetzt der gewöhnliche Zug schwerer, feuchter Nachtluft, die, über die Gipfel der Bäume hinstreichend, sich kaum bis zu der Fläche des spiegelglatten See’s herabzusenken schien, sondern in einigem Abstand darüber hin schwebte – gesättigt von der Feuchtigkeit, die immer aus den Wäldern aufstieg, und dem Anschein nach nie weit dieselbe Richtung verfolgend. Die Luftströmungen standen, wie natürlich, unter dem Einfluß der Hügelformationen, ein Umstand, der selbst frische Lüftchen unzuverlässig machte, und die schwächern Regungen der Nachtluft nur als eine Art launenhafter und unbeständiger Seufzer der Wälder erscheinen ließ. Einige Male wies das Vordertheil der Arche nach Osten, und einmal war es in der That ganz nach Süden gekehrt; im Ganzen aber hielt es die Richtung nach Norden; denn Hutter benützte eben immer den Wind, wenn man es Wind nennen konnte – wie er war, möglichst gut, und sein Hauptbeweggrund schien der Wunsch zu seyn, die Arche immer in Bewegung zu erhalten, um alle verrätherischen Anschläge seiner Feinde zu vereiteln. Jetzt empfand er einige kleine Sorge um seine Töchter, und vielleicht ebenso sehr um das Canoe; im Ganzen aber störte ihn diese Ungewißheit nicht viel, da er das schon erwähnte Vertrauen zu Judiths Einsicht und Klugheit besaß.

Es war die Jahrszeit der kürzesten Nächte, und es währte nicht lange, bis das tiefe Dunkel, welches dem Tag vorangeht, dem wiederkehrenden Lichte zu weichen begann. Wenn eine Scene auf Erden sich den Sinnen des Menschen darstellen kann, die geeignet ist, seine Leidenschaften zu stillen und seine Wildheit und Trotz zu besänftigen, so war es die, welche vor Hurry’s und Hutter’s Blicken aufging, als mit den vorrückenden Stunden die Nacht zum Morgen sich verwandelte. Es waren die gewöhnlichen, weichen Tinten des Himmels, an dem weder die Dunkelheit der Nacht noch der Glanz der Sonne herrscht, und bei welchen die Gegenstände weniger irdisch, wir möchten sagen heiliger erscheinen, als je sonst während der vierundzwanzig Stunden des Tages. Die schöne und wohlthuende Ruhe der Abendzeit ist von tausend Dichtern schon gepriesen worden, und doch führt sie nicht die weitreichenden und erhabenen Gedanken mit sich, wie die halbe Stunde, welche dem Aufgehen einer Sommersonne vorangeht. Dort entzieht sich das Panorama allmälig dem Blicke, während hier die Gegenstände aus dem sich entrollenden Gemälde hervorbrechen, zuerst dämmernd und nebelhaft, dann scharf gezeichnet auf festlichem Hintergrunde, dann wird es geschaut in dem Zauber des an Helle zunehmenden Zwielichts – etwas vom abnehmenden so Verschiedenes, als sich nur denken läßt! – und endlich ganz weich, klar und licht, so wie die Strahlen des großen Lichtmittelpunkts sich in der Atmosphäre ausbreiten. Auch die Hymnen der Vögel finden kein Gegenstück in dem Heimgang zur Stange und zum Schlaf, oder im Flug nach dem Nest; und diese begleiten unabänderlich den Anbruch des Tages, bis die Erscheinung der Sonne selbst

»Badet in Wonne See und Land.«

Alles dieß jedoch sahen Hutter und Hurry an, ohne etwas von jenem friedevollen Entzücken zu empfinden, welches dieß Schauspiel doch gewöhnlich gewährt, wenn die Gedanken gut und recht, die Bestrebungen des Gemüthes rein sind. Sie waren nicht bloß Zeugen davon, sondern sie waren Zeugen davon unter Umständen, welche das Großartige und den zauberischen Reiz des Schauspiels noch zu erhöhen geeignet waren. Nur ein einzelner Gegenstand wurde sichtbar bei dem zurückkehrenden Licht, der seine Form und seinen Gebrauch von menschlichem Geschmack oder Bestreben erhalten hatte, die freilich eine Landschaft ebenso oft entstellen als verschönern. Dieß war das Castell; alles Uebrige war Werk der Natur und frisch aus der Hand Gottes gekommen. Diese seltsame Behausung stimmte auch mit den Naturgegenständen der Ansicht zusammen, da sie aus der Dunkelheit hervorbrach – seltsam, malerisch, und wie eine zweckmäßige Zierde. Dennoch war dieß Alles verloren für diese Zuschauer, welche kein Gefühl für Poesie, die den Sinn natürlicher Frömmigkeit in einem Leben voll engherziger und verhärteter Selbstsucht verloren, und wenig andre Sympathie mit der Natur hatten, als diejenige, welche ihren Grund hatte in ihren niedrigsten Bedürfnissen.

Sobald das Licht kräftig genug war, um einen genauern Ueberblick des See’s und insbesondere seiner Küsten zu gestatten, lenkte Hutter das Vordertheil der Arche gerade auf das Castell zu, mit der erklärten Absicht, für diesen Tag wenigstens davon Besitz zu nehmen, als von dem günstigsten Platze, seine Töchter zu erwarten und seine Operationen gegen die Indianer ins Werk zu setzen. Mittlerweile hatte sich Chingachgook erhoben, und Hist hörte man in den Küchengeräthen wühlen. Der Platz, nach dem sie steuerten, war nur eine Meile entfernt, und der Wind war günstig genug, so daß sie sich ihm mittelst des Segels nähern konnten. In diesem Augenblick, um alle Anzeichen günstig erscheinen zu lassen, sah man auch Judiths Canoe in nördlicher Richtung auf dem breitesten Theile des See’s schwimmen, das, nur der Macht der Elemente folgend, wirklich in der Dunkelheit an der Arche vorüber geschwommen war. Hutter nahm sein Fernglas und schaute lang und eifrig durch dasselbe, um sich zu überzeugen, ob seine Töchter in dem leichten Fahrzeug seyen oder nicht, und ein leiser Ausruf – wie vor Freude – entfuhr ihm, als er Etwas über dem Rand des Canoe’s erblickte, was er mit Recht für ein Stück von Judiths Kleidung nahm. Eine Minute später sah man im andern Ende des Canoe’s Hetty auf ihren Knieen, die Gebete hersagend, die sie in ihrer Jugend von einer irregeleiteten aber bereuenden Mutter war gelehrt worden. Als Hutter das Glas weglegte, noch zum Blick in die Ferne ausgezogen, setzte es Schlange ans Auge und richtete es auf das Canoe. Es war das erste Mal, daß er sich eines solchen Instruments bediente, und Hist errieth aus seinem ,Hugh!, dem Ausdruck seines Gesichts und seiner ganzen Geberdung, daß etwas Seltsames seine Bewunderung erregt haben müsse. Es ist bekannt, daß die amerikanischen Indianer, und ganz besonders die von höherem Stand und Charakter in auffallender Weise ihre Selbstbeherrschung und stoische Fassung mitten in der Fluth von Wundern behaupten, die sich ihnen bei ihren gelegentlichen Besuchen an den Sitzen der Civilisation aufdrängen, und Chingachgook hatte genug von dieser Unempfindlichkeit eingesogen, um jede, seiner Würde nicht gemäße Aeußerung seiner Ueberraschung zu unterdrücken. Hist indessen war von keinem solchen Gesetze gebunden, und als ihr Geliebter ihr das auf das Canoe gerichtete Glas vorhielt, und sie das Auge an das engere Ende brachte, fuhr das Mädchen bestürzt zurück; dann klatschte sie vor Freuden in die Hände, und ein Gelächter, der gewöhnliche Ausdruck unbeherrschter Verwunderung, folgte. Wenige Minuten waren für dieß schnellbegreifende Mädchen genug, um das Instrument selbst handhaben zu lernen, und sie lichtete es auf jeden hervorragenden Gegenstand, der ihr gerade auffiel. Nachdem sie in einem Fenster einen Punkt zum Auflegen gefunden, überschauten sie und der Delaware zuerst den See, dann die Küsten, die Hügel, und endlich zog das Castell ihre Aufmerksamkeit auf sich. Nachdem sie dieß lang und stet betrachtet, zog Hist ihr Auge zurück und sprach leise und ernst mit ihrem Geliebten. Augenblicklich setzte Chingachgook das Glas an sein Auge, und schaute noch länger und eifriger sogar als seine Verlobte durch dasselbe. Wieder besprachen sie sich heimlich und schienen ihre Meinungen zu vergleichen, worauf das Glas beiseite gelegt ward und der junge Krieger die Cajüte verließ, um Hutter und Hurry aufzusuchen. Die Arche rückte langsam, aber stetig vorwärts, und das Castell war in der That nur eine halbe Meile noch entfernt, als Chingachgook zu den beiden Männern auf dem Hintertheil des Fahrzeugs trat. Sein Benehmen war ruhig, aber die Andern, mit den Gewohnheiten der Indianer vertraut, erkannten doch, daß er Etwas mitzutheilen habe. Hurry war in der Regel schnell zu reden, und seiner Gewohnheit getreu, ergriff er auch dießmal die Initiative.

»Heraus damit, Rothhaut,« schrie er in seiner gewohnten, rohen Weise. »Habt Ihr eine wilde Katze auf einem Baum entdeckt, oder schwimmt eine Lachsforelle unter dem Boden der Arche? Ihr seht jetzt, was ein Bleichgesicht leisten kann im Punkte der Augen, Schlange, und müßt Euch nicht wundern, daß sie das Land der Indianer von Ferne sehen können.«

»Nicht gut nach dem Castell gehen,« versetzte Chingachgook mit Nachdruck, sobald ihn der Erstere zum Wort kommen ließ. »Huronen dort!«

»Der Teufel auch! Wenn dieß sich so erwiese, Floating Tom, wären wir im Begriff gewesen, den Kopf in eine artige Falle zu stecken. Huronen dort! – nun, das kann seyn; aber ich kann keine Spur von etwas Anderem um die alte Hütte herum sehen, als Blöcke, Wasser und Rinde – außer zwei oder drei Fenstern und einer Thüre,«

Hutter verlangte das Glas und betrachtete genau den Platz, ehe er überhaupt eine Ansicht aussprach; dann gab er etwas von Oben herab seine Nichtübereinstimmung mit der Meinung des Indianers zu erkennen.

»Ihr habt dieß Glas verkehrt vor’s Auge gehalten, Delaware,« fuhr Hurry fort; »weder der alte Mann, noch ich können eine Spur im See sehen.«

»Keine Spur – Wasser behält keine Spur,« sagte Hist lebhaft. »Haltet ein – nicht zu nahe hinfahren – Huronen dort!«

»Ja, das ist’s! Bleibt nur bei Euerm Mährchen, so glauben es immer mehr Leute. Ich hoffe, Schlange, Ihr und Euer Mädchen, Ihr werdet eins werden, dieselbe Geschichte noch in Eurer Heirath zu erzählen, wie Ihr jetzt thut. Hurone dort! – wo denn soll er zu sehen seyn? im Vorlegschloß, oder den Ketten, oder den Blöcken? Es ist kein Gefängniß in der Colonie, das besser verwahrt und verriegelt aussieht, als des alten Toms chiente; und auf Gefängnisse verstehe ich mich gut aus Erfahrung.«

»Nicht sehen Moccasin,« sagte Hist ungeduldig, »warum nicht hinschauen und ihn sehen?«

»Gebt mir das Fernglas, Hurry,« unterbrach sie Hutter, »und zieht das Segel ein. Es ist selten, daß ein indianisches Weib sich in solche Dinge mischt, und wenn sie es thut, so ist gewöhnlich Grund dazu vorhanden. Es schwimmt wirklich ein Moccasin um einen der Pfeiler herum, und es ist vielleicht ein Zeichen, vielleicht aber auch nicht, daß das Castell während unsrer Abwesenheit Besuch bekommen hat. Moccasins sind jedoch keine Seltenheiten, denn ich selbst trage sie, und Wildtödter auch, und Ihr tragt welche, March; und sogar auch Hetty ebenso oft als Schuhe; nur Judith habe ich ihren hübschen Fuß noch nie in einen Moccasin zwängen sehen.«

Hurry hatte das Segel eingezogen, und inzwischen hatte sich die Arche auf zweihundert Schritte dem Castell genähert, und mit jedem Augenblick kam sie ihm näher, doch so langsam, daß dieß keine Besorgniß erregen konnte. Alle nahmen jetzt der Reihe nach das Fernglas, und das Castell und Alles in seiner Nähe ward einer noch genauern Prüfung als zuvor unterworfen. Da war allerdings zweifelsohne der Moccasin, so leicht schwimmend, und in seiner Form bleibend, daß er kaum naß wurde. Er war an einem Stück der rauhen Rinde von einem der Pfeiler außen an den Wasserpalisaden, welche das schon erwähnte Dock bildeten, hängen geblieben; und dieser Umstand allein verhinderte, daß ihn nicht der Wind weiter trieb. Auf mancherlei Arten jedoch ließ sich das Daseyn des Moccasins erklären, ohne daß man annahm, es habe ihn ein Feind fallen lassen. Er konnte von der Plattform heruntergefallen seyn, so lange noch Hutter im Besitz des Hauses gewesen, dann an den Platz, wo man ihn jetzt sah, geschwommen, und unbemerkt geblieben seyn, bis das scharfe Auge Hist’s ihn entdeckte. Er konnte weiterher, den See herauf oder herab geschwommen, zufällig an dem Pfeiler oder der Palisade hängen geblieben seyn. Er konnte aus einem Fenster geworfen worden, und gerade an diesem Orte sitzen geblieben seyn; oder er war auch einem Kundschafter oder einem Angreifer während der vorigen Nacht entfallen, der ihn bei der dichten Finsterniß, die da herrschte, hatte dem See preisgeben müssen.

Alle diese Vermuthungen theilte Hutter Hurry mit; und er schien geneigt, die Sache als ein unheilbedeutendes Omen anzusehen, während der Letztere sie mit seiner gewohnten, gleichgültigen Verachtung behandelte. Der Indianer dagegen war der Meinung, der Moccasin sollte so angesehen werden, wie man eine Spur in den Wäldern ansehen würde, die ebenso gut eine Gefahr drohen könnte, als nicht. Hist aber hatte einen ersprießlichen Vorschlag zu machen. Sie erklärte sich bereit, ein Canoe zu nehmen, zu den Palisaden hinzurudern, und den Moccasin zu holen, worauf man aus seinen Verzierungen sehen würde, ob er aus den Canadas komme oder nicht. Beide weißen Männer waren geneigt, auf das Anerbieten einzugehen; aber der Delaware trat dazwischen und verhinderte das Wagestück. Wenn ein solcher Versuch gemacht werden sollte, so gezieme es einem Krieger am besten, sich der Gefahr auszusetzen; und er sprach seine Weigerung, seiner Verlobten diesen Schritt zu gestatten, ganz in der ruhigen, aber kurzen Weise aus, womit der indianische Ehemann seine Befehle von sich gibt.

»Gut denn, Delaware, so geht Ihr selbst, wenn Ihr so zärtlich besorgt seyd um Eure Squaw,« versetzte der unceremoniöse Hurry. »Dieser Moccasin muß herbei geholt werden, oder Floating Tom bleibt hier, außer Schußweite, bis der Herd in seiner Cajüte kalt wird. Es ist am Ende doch Nichts als eine kleine Wildhaut, und so oder so geschnitten, ist es keine Vogelscheuche, welche rechte Jäger abschrecken sollte, ihr Wild zu Verfolgen. Was sagt Ihr, Schlange, wollt Ihr oder soll ich mit dem Canoe ihn holen?«

»Laßt rothen Mann gehen. Bessere Augen als Bleichgesicht – auch Huronenschliche besser kennen,«

»Dem widersprech‘ ich bis an meine Todesstunde! Eines weißen Mannes Augen, und eines weißen Mannes Nase, ja auch sein Gesicht und seine Ohren sind alle besser als die eines Indianers, wenn man’s recht prüft. Oft und viel habe ich das erprobt, und was erprobt ist, ist gewiß. Doch glaube ich, der ärmlichste Vagabund, der auf Füßen steht, Delaware oder Hurone, findet wohl den Weg zu jener Hütte und zurück; und so, Schlange, gebraucht denn Euer Ruder und willkommen!«

Chingachgook war schon im Canoe und tauchte seine Ruderschaufel in’s Wasser, eben als Hurry’s geschmeidige Zunge schwieg. Wah-ta!-Wah sah dem Abgang ihres Kriegers dießmal mit dem unterwürfigen Schweigen eines indianischen Mädchens, aber mit den gewöhnlichen Besorgnissen und Ahnungen ihres Geschlechts zu. Während der ganzen vorigen Nacht, und bis zu dem Augenblick, wo sie miteinander in der Cajüte das Fernglas handhabten, hatte Chingachgook so viel männliche Zärtlichkeit gegen seine Verlobte bewiesen, als nur immer ein Mann vom feinsten Gefühl unter denselben Verhältnissen hätte zeigen können; aber jetzt verlor sich jede Spur von Schwäche und Weichheit, und sein ganzes Benehmen zeigte nur trotzige Entschlossenheit. Schüchtern suchte Hist’s Auge das seinige, als das Canoe von der Arche abstieß, aber der Stolz des Kriegers gestattete ihm nicht, ihren zärtlichen und ängstlichen Blick zu erwiedern. Das Canoe flog dahin, und kein herübergesandter Blick belohnte ihre Bekümmerniß.

Der Ernst und die Sorge des Delawaren waren auch ganz am Platze bei den Aussichten, unter welchen er zu seinem Unternehmen schritt. Hatte der Feind wirklich von dem Gebäude Besitz genommen, so mußte er sich gleichsam unter die Mündungen ihrer Büchsen hin wagen, und das ohne den Schutz aller jener Deckungsmittel, die im indianischen Kriege so wesentliche Bundesgenossen sind. Man kann sich kaum einen gefährlicheren Dienst denken; und wäre Schlange durch die Erfahrung von zehn weiteren Jahren gekräftigt, oder wäre sein Freund, der Wildtödter, da gewesen, so wäre der Versuch unterblieben, da die Vortheile in keiner Weise die Gefahr aufwogen. Aber der Stolz eines indianischen Häuptlings war gespornt durch den Wetteifer der Farbe, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß gerade die Gegenwart des Wesens, von welchem auch nur einen Blick anzunehmen, seine Ideen von Mannhaftigkeit ihm verwehrten, so sehr er von der Liebe, die sie so wohl verdiente, überfloß, einen nicht geringen Einfluß auf seinen Entschluß übte.

Chingachgook ruderte stetig auf die Palisaden zu, und hielt ein wachsames Auge auf die verschiedenen Oeffnungen und Löcher des Gebäudes. Jeden Augenblick erwartete er die Mündung einer Büchse herausgesteckt zu sehen, oder ihren scharfen Knall zu hören; aber er erreichte glücklich und ungefährdet die Pfeiler. Hier war er gewissermaßen geschützt, da er die Spitzen der Palisaden zwischen sich und der Hütte hatte; und die Gefahren eines Angriffs gegen sein Leben waren, so lang er so geschützt war, sehr vermindert. Das Canoe hatte die Pfeiler erreicht, sein Vordertheil nach Norden gerichtet und in geringer Entfernung von dem Moccasin. Statt zu wenden, um diesen aufzugreifen, umfuhr der Delaware langsam das ganze Gebäude, und untersuchte mit gutem Bedacht jeden Gegenstand, der die Anwesenheit von Feinden oder die Verübung einer Gewaltthätigkeit verrathen konnte. Keine Spur jedoch war zu entdecken, welche den regegewordenen Verdacht hätte bekräftigen können. Die Stille der Verlassenheit durchwehte das Haus; kein Riegel war von seiner Stelle gerückt; kein Fenster war zerbrochen. Die Thüre sah so fest und verschlossen aus, wie zu der Stunde, wo Hutter sie zugeschlossen, und selbst das Thor des Dock’s hatte alle seine gewohnten Verrammlungen. Kurz, das schärfste und eifersüchtigste Auge hätte kein andres Anzeichen von einem feindlichen Besuch entdeckt, als das auf der Erscheinung des schwimmenden Moccassins beruhende.

Der Delaware befand sich jetzt in großer Verlegenheit, was weiter beginnen. Einen Augenblick, wie er an die Vorderseite des Castells kam, stand er im Begriff, auf die Plattform hinauf zu steigen, und sein Auge an eines der Gucklöcher zu halten, um selbst unmittelbar durch eigne Anschauung vom Stand der Dinge innen sich zu überzeugen; aber er besann sich doch. Obgleich selbst noch wenig erfahren in solchen Dingen, hatte er doch durch Ueberlieferungen so viel von indianischen Tücken gehört, hatte mit so athemlosem Interesse den Erzählungen von dem Entkommen der älteren Krieger gelauscht, kurz, war so gut geschult in der Theorie seines Berufes, daß es für ihn beinahe so unmöglich war, bei einer solchen Gelegenheit einen groben Verstoß zu machen, als es für einen Schüler, der einen guten Grund gelegt und der richtig angefangen hat, wäre, in der Lösung seiner mathematischen Aufgabe zu fehlen. Der Häuptling gab somit den augenblicklichen Einfall, auszusteigen, auf, und fuhr langsam weiter um die Palisaden herum. Als er sich dem Moccasin näherte – er hatte jetzt beinahe das ganze Gebäude umfahren – warf er den ominösen Gegenstand durch eine gewandte und beinahe unmerkliche Bewegung seiner Ruderschaufel in’s Canoe. Er war jetzt im Begriff, sich wieder zu entfernen; aber der Rückzug war sogar noch gefährlicher als die Annäherung, weil das Auge nicht mehr die Löcher beobachten konnte. Wenn wirklich Jemand im Castell war, so mußte das Motiv des Delawaren bei seiner Auskundschaftung wohl begriffen worden seyn, und es war das Klügste, wie gefährlich es auch immer seyn mochte, sich mit der Miene der Zuversicht zu entfernen, als wäre jedes Mißtrauen durch die Besichtigung gehoben. Zu diesem Verfahren entschloß sich denn auch der Indianer, der bedächtlich fortruderte, die Richtung nach der Arche einschlagend, und durch kein hastiges, ungeduldiges Zucken der Nerven sich zu rascherer Bewegung seiner Arme, oder auch nur zu einem verstohlenen Blick rückwärts verleiten ließ.

Keine zärtliche Gattin, aufgewachsen in der Verfeinerung der höchsten Civilisation, empfing je den Gatten bei der Rückkehr aus dem Feld mit einem innigeren Ausdruck von Empfindung und Rührung, als Hist zeigte, da sie die Große Schlange der Delawaren unverletzt in die Arche steigen sah. Doch drängte sie ihre Gemüthsbewegungen noch zurück, obwohl die Freude, die in ihren dunkeln Augen funkelte, und das Lächeln, das ihren hübschen Mund verklärte, eine ihrem Verlobten Wohl verständliche Sprache redeten.

»Nun, Schlange,« schrie Hurry, immer der Erste zu reden, »was Neues von den Bisamratzen? Haben sie ihre Zähne gewiesen, als Ihr ihren Bau umkreistet?«

»Mir nicht gefallen,« erwiederte in seiner kurzen Art der Indianer. »Zu still, so still! kann Schweigen sehen!«

»Das ist ächt indianisch – als ob Etwas weniger Lärm machen könnte, als Nichts! Wenn Ihr keinen bessern Grund anzugeben wißt als diesen, thäte der alte Tom am besten, sein Segel aufzuziehen und hinzufahren, und sein Frühstück unter seinem eignen Dach einzunehmen. Was ist aus dem Moccasin geworden?«

»Hier!« versetzte Chingachgook, seine Beute zu allgemeiner Ansichtnahme emporhaltend. Der Moccasin ward untersucht, und Hist sprach ihn zuversichtlich für den eines Huronen an, wegen der Art, wie die Stachelschweinsstacheln vorn daran geordnet waren. Auch Hutter und der Delaware waren entschieden derselben Ansicht. Aber all‘ dieß zugegeben, folgte nicht nothwendig, daß darum Huronen im Castell seyn mußten. Der Moccasin konnte aus der Ferne hergetrieben, oder dem Fuß eines Kundschafters entfallen seyn, der den Platz wieder Verlassen, nachdem er seine Sendung ausgerichtet. Kurz, er erklärte Nichts, während er so viel Besorgniß erweckte.

Unter solchen Umständen waren Hutter und Hurry nicht die Männer, die sich durch so schwache Anzeichen wie der Moccasin lange von ihrem Vorhaben abschrecken ließen. Sie zogen wieder das Segel auf und bald war die Arche wieder in Bewegung auf das Castell zu. Der Wind, oder Luftzug, dauerte gelinde fort, und die Bewegung war langsam genug, um eine genaue Besichtigung des Gebäudes während der Annäherung der Fähre zu gestatten. Dieselbe todtenähnliche Stille herrschte, und es war schwer sich zu denken, daß ein lebendiges Wesen in dem Gebäude oder seiner Umgebung seyn sollte. Unähnlich dem Delawaren, dessen Einbildungskraft, von seinen Traditionen erfüllt, so lange gearbeitet hatte, bis er geneigt war, in einer natürlichen Stille eine durch Absicht und Willen entstandene zu finden, sahen die Andern gar nichts Besorgnißerregendes in einem Schweigen, das in der That nur den regungslosen Zustand lebloser Gegenstände bezeichnete. Auch sonst war bei der Scene alles Uebrige eher beruhigend und friedlich, als das Gegentheil. Der Tag war noch nicht so weit vorgerückt, daß die Sonne schon über dem Horizont gestanden wäre, sondern der Himmel, die Atmosphäre, die Wälder und der See erschienen sämmtlich in jenem gedämpften Licht, das ihrem Aufgang unmittelbar vorangeht, und was vielleicht der bezauberndste Augenblick von den vierundzwanzig Stunden des Tages ist. Es ist der Augenblick, wo alle Gegenstände klar sind; selbst die Atmosphäre scheint eine flüssige Durchsichtigkeit zu gewinnen, die Farben erscheinen gedämpft und blaß, mit den Umrissen der Gegenstände verschwimmend, und die Perspektive gerade wie sittliche Wahrheiten, die sich in ihrer Einfachheit, ohne den buhlerischen Beistand von Schimmer und Zierrathen darstellen. Mit Einem Wort, es ist der Augenblick, wo die Sinne ihre Kräfte an den einfachsten und wahrsten Formen wieder zu gewinnen scheinen, ähnlich dem Geist, der aus dem Dunkel von Zweifeln zur Ruhe und zum Frieden sicherer Ueberzeugung sich emporarbeitet. Das Meiste von der Wirkung, die eine solche Scene auf Gemüther hervorbringen kann, die moralisch gesund genannt werden können, war bei Hutter und Hurry verloren; die beiden Delawaren aber, obwohl zu sehr daran gewöhnt, Zeugen von der Lieblichkeit der frühen Morgenzeit zu seyn, als daß sie hätten erst lange ihre Gefühle zergliedern mögen, waren ganz empfänglich für die Schönheiten dieser Stunde, obwohl vermuthlich in einer ihnen selbst unbewußten Weise. Der junge Krieger fühlte sich dadurch friedlich gestimmt; und nie hatte er weniger Verlangen nach dem Ruhm des Kampfes empfunden, als wie er zu Hist in die Cajüte trat, in dem Augenblick, wo die Fähre an der Plattform anlegte. Aus der Süßigkeit solcher zarten Rührungen ward er jedoch aufgescheucht durch eine rauhe Aufforderung Hurry’s, der ihn anrief, vor zu kommen, und beim Einziehen des Segels und der Befestigung der Arche behülflich zu seyn. Chingachgook gehorchte; und bis er das Vordertheil der Fähre erreicht hatte, war Hurry auf der Plattform, stampfte mit den Füßen, zum Ausdruck seiner Freude, wieder die terra firma, wie man es vergleichungsweise nennen konnte, zu berühren, und that seine Verachtung des ganzen Stammes der Huronen in seiner gewohnten, lärmenden und kecken Weise kund. Hutter hatte ein Canoe an die Spitze der Fähre herangezogen, und war schon im Begriff, die Verrammlungen des Thores zu entfernen, um zum Dock hinein zu gelangen. March hatte kein andres Motiv dabei, daß er auf die Plattform gesprungen, als unverständige Prahlerei, und nachdem er an der Thüre gerüttelt, in einer Art, die ihre Festigkeit auf die Probe setzte, sprang er zu Hutter in das Canoe und half ihm das Thor öffnen. Der Leser wird sich erinnern, daß diese Art hineinzukommen, nothwendig geworden war durch die Weise, wie der Eigenthümer dieser seltsamen Residenz sie gewöhnlich schloß, wenn sie leer blieb, zumal in Zeiten, wo man Gefahr besorgte. Hutter hatte, als er in das Canoe trat, dem Delawaren ein Tau in die Hand gegeben, mit der Weisung, daß er die Arche an der Plattform befestigen und das Segel niederlassen solle. Statt aber diesen Weisungen zu folgen, ließ Chingachgook das Segel oben, und indem er das schlaffe Ende des Taus über einen Pfeiler herwarf, ließ er die Arche in der Runde weiter treiben, bis sie den Befestigungswerken gegenüber in einer Position lag, daß man nur mittelst eines Bootes in sie gelangen konnte, oder wenn man auf den Spitzen der Palisaden hinlief, was aber ein Beginnen war, das einige Geschicklichkeit der Füße erheischte, und sich im Angesicht eines entschlossenen Feindes nicht wohl ausführen ließ.

In Folge dieser Veränderung der Lage der Fähre, welche ausgeführt wurde, ehe Hutter’n gelungen war, das Thor seines Docks zu öffnen, lagen die Arche und das Castell mit in einander verwickelten Nocken der Raa, nach der Seesprache, mittelst der Pfeiler zehn oder zwölf Fuß aus einander gehalten. Da die Fähre gegen die letztern sich herandrängte, bildeten ihre Giebel eine Art von Brustwehr, etwa Manneshöhe, und deckten gewissermaßen die Theile der Fähre, die durch die Cajüte nicht geschützt waren. Der Delaware betrachtete diese Vorkehrungen mit großer Zufriedenheit, und als Hutter’s Canoe durch das Thor in das Dock einfuhr, dachte er: er könnte seine Stellung eine ziemliche Zeit gegen jede Besatzung im Castell vertheidigen, hätte er nur den Arm seines Freundes Wildtödter zum Beistand. Doch auch so fühlte er sich vergleichungsweise sicher, und empfand nicht mehr die lebhaften Besorgnisse, die er noch ganz kürzlich um Hist’s willen gefühlt hatte.

Ein einziger Stoß brachte das Canoe vom Thor bis zu der Falle unter dem Castell. Hier fand Hutter Alles fest, weder Schloß, noch Kette, noch Riegel war verrückt worden. Der Schlüssel ward hervorgeholt, die Schlösser abgenommen, die Kette aufgeschlossen, und die Falle aufgestoßen. Jetzt schob Hurry seinen Kopf durch die Oeffnung hinein; die Arme folgten und die kolossalen Beine stiegen ohne sichtbare Mühe hinauf. Im nächsten Augenblick hörte man seinen schweren Fuß im Gang oben stampfen, der die Gemächer von Vater und Töchtern trennte, und in welchen die Falle sich öffnete. Dann stieß er einen Triumphschrei aus.

»Kommt herauf, alter Tom!« rief der unbekümmerte Waldmann aus dem Innern des Gebäudes heraus; »da ist Euer Häuschen wohlbehalten und gesund; ja, und so leer, wie eine Nuß, die eine halbe Stunde in den Pfoten eines Eichhorns zugebracht hat! Der Delaware prahlt, er könne das Schweigen sehen; laßt ihn herkommen, dann mag er es obenein auch greifen

»Schweigen und Stille, wo Ihr seyd, Hurry Harry!« versetzte Hutter, den Kopf in das Loch steckend, während er das letzte Wort sagte, wodurch sogleich seine Stimme den außen Befindlichen ganz gedämpft tönte. – »Schweigen, wo Ihr seyd, müßte man wohl sehen und greifen können, denn es ist jedem andern Schweigen unähnlich.«

»Kommt, kommt, alter Kamerad; zieht Euch herauf, dann wollen wir Thüren und Fenster öffnen, und die frische Luft herein lassen, die Sachen hell zu machen. Wenige Worte in unruhigen Zeiten machen die Leute zu den besten Freunden. Eure Tochter Judith ist, was ich nenne, ein Mädchen von schlechter Aufführung, und das Band, das mich an die ganze Familie bindet, ist durch ihr neuestes Betragen so gelockert worden, daß es keine Rede brauchte so lang, als die zehn Gebote, um mich zu veranlassen, mich nach dem Fluß zu begeben, und Euch und Eure Fallen, Eure Arche und Eure Kinder, Eure Knechte und Eure Mägde, Eure Ochsen und Eure Esel zu verlassen, daß Ihr den Kampf mit den Irokesen allein ausfechten könntet. Oeffnet dieß Fenster, Floating Tom, und ich will durchstolpern und dasselbe an der Thüre vorn thun.«

Ein Augenblick des Schweigens trat ein, und ein Getöse, wie durch den Fall eines schweren Körpers verursacht, folgte. Ein dumpfer Fluch von Hurry ward vernommen, und dann schien das ganze Innere des Gebäudes lebendig geworden zu seyn. Das Getöse, der Lärmen, die jetzt so plötzlich, und wir dürfen hinzusetzen, so unerwartet selbst für den Delawaren die Stille drinnen ablösten, konnten nicht mißdeutet werden. Es waren Töne etwa wie sie durch einen Kampf zwischen Tigern in einem Käfig würden verursacht werden. Ein Paar Male ward der gellende Ruf der Indianer ausgestoßen, aber er schien gedämpft, wie wenn er aus erschöpften und zusammengepreßten Kehlen dränge; und Einmal erscholl ein dumpfer, und dann wieder ein empörend gräßlicher Fluch aus Hurry’s Kehle. Es war, als würden menschliche Körper fortwährend gewaltsam an den Boden geschmettert, die sich ebenso oft wieder erhoben, den Kampf von Neuem zu beginnen, Chingachgook war in peinlicher Verlegenheit, was er thun solle. Er hatte in der Arche alle Waffen, da Hutter und Hurry sich an’s Werk gemacht hatten, ohne ihre Büchsen mitzunehmen; aber es war keine Möglichkeit, sich ihrer zu bedienen, oder sie in die Hände ihrer Herren zu bringen. Die Kämpfenden waren im buchstäblichen Sinne wie in Käfigen eingesperrt, und es war unter den obwaltenden Umständen beinahe eben so unmöglich, aus dem Gebäude heraus, als hinein zu kommen. Dann war auch Hist da, die seine Bewegungen hemmte und seine Kräfte lähmte. Um sich dieses Nachtheils zu entledigen, hieß er das Mädchen das noch übrige Canoe nehmen und zu Hutter’s Töchtern rudern, die sich unvorsichtig, aber mit gutem Bedacht näherten, um sich selbst zu retten und die Andern vor der Gefahr, die sie liefen, zu warnen. Aber das Mädchen weigerte sich entschieden und fest, zu gehorchen. In diesem Augenblick hätte keine menschliche Macht, hätte nur Anwendung von überlegener physischer Gewalt sie vermocht, die Arche zu verlassen. Die Dringlichkeit des Augenblicks gestattete kein Zögern, und der Delaware, der keine Möglichkeit vor sich sah, seinen Freunden zu dienen, schnitt das Tau ab, und schob mit einem gewaltigen Stoß die Fähre etwa zwanzig Fuß weit von den Pfeilern weg. Hier ergriff er die breiten Ruder und es gelang ihm, eine kleine Entfernung unter dem Winde zu gewinnen, wenn bei einem so leichten Luftzug irgend eine Richtung so bezeichnet werden konnte, aber weder die Zeit noch seine Geschicklichkeit im Rudern machten es möglich, daß diese Entfernung groß wurde. Als er zu rudern aufhörte, mochte die Arche etwa hundert Schritte von der Plattform entfernt seyn, und etwa um die Hälfte dieser Entfernung weiter südlich, da das Segel eingezogen worden war. Judith und Hetty hatten jetzt entdeckt, daß Etwas nicht richtig war, und hatten tausend Fuß weiter nördlich Halt gemacht.

Diese ganze Zeit über währte der wüthende Kampf im Hause fort. Bei solchen Auftritten häufen sich die Ereignisse in kürzerer Zeit, als die Erzählung erheischt. Von dem Augenblick an, wo man den ersten Fall im Hause gehört hatte, bis zu dem, wo der Delaware seine mühseligen Versuche im Rudern aufgab, mochten drei bis vier Minuten verflossen seyn, aber offenbar war binnen dieser Zeit die Kraft der Kämpfenden schwächer geworden. Man hörte nicht mehr Hurry’s Flüche und Verwünschungen, und selbst die Kämpfe hatten Etwas an ihrer Gewaltsamkeit und Wuth verloren; dennoch währten sie mit unbezwinglicher Hartnäckigkeit fort. In diesem Augenblick flog die Thüre auf, und der Kampf ward auf die Plattform, in das Licht und in die freie Luft versetzt.

Ein Hurone hatte die Riegel der Thüre aufgebrochen, und drei oder vier seines Stammes stürzten ihm nach auf den engen Raum, als wären sie froh, einer furchtbaren Scene drinnen zu entfliehen. Der Leib eines Andern folgte, der Länge nach durch die Thüre mit entsetzlicher Gewalt hingeschleudert. Dann erschien March, wüthend und tobend wie ein gehetzter Löwe, und für einen Augenblick seiner zahlreichen Feinde entledigt. Hutter war schon gefangen und gebunden. Es war jetzt eine Pause im Kampfe, ähnlich einem ruhigen Augenblick während eines Gewitters. Das Bedürfniß aufzuathmen, war für Alle eine gleiche Nothwendigkeit, und die Kämpfer standen da, einander beobachtend, wie Köter, die man aus einander getrieben hat, und die nur eine günstige Gelegenheit abwarten, um ihren Kampf zu erneuen. Wir wollen diese Pause benützen, um die Art und Weise zu erzählen, wie die Indianer von dem Castell Besitz ergriffen hatten; und wir thun dieß um so lieber, als es wohl auch nothwendig ist, dem Leser zu erklären, warum ein so erbitterter Kampf in solch engem Raume doch zugleich verhältnißmäßig so unblutig seyn konnte.

Rivenoak und sein Begleiter, besonders der Letztere, der von untergeordnetem Rang, und einzig mit dem Floß beschäftigt erschienen war, hatten bei ihren Besuchen im Castell die genauesten Beobachtungen angestellt; selbst der Knabe hatte schätzbare und ins Einzelne gehende Aufschlüsse mitgebracht. Auf diesem Wege hatten die Huronen im Allgemeinen eine Vorstellung bekommen von der Art, wie das Gebäude construirt und befestigt war, so wie Kenntnisse von Einzelnheiten, die sie in Stand setzten, im Dunkel mit zweckmäßiger Einsicht zu handeln. Trotz der Sorgfalt, mit welcher Hutter die Arche auf der östlichen Seite des Gebäudes angelegt hatte, als er die Habseligkeiten von diesem in jene brachte, war er dennoch beobachtet worden, so daß jene Vorsicht ganz nutzlos ward. Kundschafter waren auf der Ost- wie auf der West-Küste des See’s ausgestellt gewesen, und das ganze Beginnen bemerkt worden. Sobald es dunkel war, näherten sich Flöße, dem oben beschriebenen ähnlich, von beiden Küsten her, um zu recognosciren, und die Arche war an einem auf fünfzig Schritte vorbeigefahren, ohne daß man es entdeckt hatte; die Männer darauf lagen der Länge nach auf den Baumstämmen, so daß sie und ihr langsam sich bewegendes Fahrzeug für das Auge ganz mit dem Wasser sich vermischten. Als diese beiden Rotten von Abenteurern dem Castell sich näherten, stießen sie zusammen, und nachdem sie sich ihre beiderseitigen Beobachtungen mitgetheilt, näherten sie sich ohne weiteres Zögern dem Gebäude. Wie sie erwarteten, fand man es leer. Die Flöße wurden sogleich an die Küste nach Verstärkungen geschickt, und zwei von den Wilden blieben, um die Vortheile ihrer Lage zu benützen. Diesen Männern gelang es, aufs Dach zu kommen, und durch Wegschaffung eines Theils der Rinde in die Dachstube, wenn man so will, zu gelangen. Hier trafen sie ihre Genossen. Beide öffneten jetzt ein Loch durch die behauenen Stämme des obern Bodens, durch das nicht weniger als acht der athletischsten Indianer in das untere Gemach sich hinabließen. Hier blieben sie, wohl versehen mit Waffen und Mundvorrath, um entweder eine Belagerung auszuhalten, oder einen Ausfall zu machen, wie es die Gelegenheit mit sich brächte. Die Nacht brachten sie schlafend zu, wie die Indianer bei ihren gefährlichsten Unternehmungen zu thun pflegen. Der wiederkehrende Tag zeigte ihnen die Annäherung der Arche durch die Scharten – der einzige Weg auf dem Licht und Luft eindrangen, da die Fenster sehr wirksam mit roh gearbeiteten aber genau passenden Planken verschlossen waren. Sobald es gewiß war, daß die zwei weißen Männer im Begriff standen, durch die Fallthüre hereinzukommen, traf der die Bewegungen der Huronen leitende Häuptling demgemäß seine Maßregeln. Er entfernte alle Waffen seiner Leute, selbst die Messer, weil er dem rohen Ungestüm der Wilden, durch persönliche Unbilden gereizt, nicht traute, und verbarg sie an Orten, wo man sie nur bei einigem Nachsuchen finden konnte. Stricke von Bast wurden dann in Bereitschaft gesetzt, und Alle, ihre Posten in den drei verschiedenen Gemächern einnehmend, erwarteten das Signal, über ihre zu hoffenden Gefangnen herzufallen. Sobald die Truppe in dem Gebäude war, stellten Männer draußen die Rinde auf dem Dache wieder her, beseitigten sorgfältig alle Anzeichen und Spuren ihres Besuchs, und fuhren dann wieder nach der Küste ab. Einer von diesen hatte seinen Moccasin fallen lassen, den er in der Dunkelheit nicht wieder finden konnte. Wäre der Tod des Mädchens bekannt gewesen, so hätte wahrscheinlich Nichts Hutter und Hurry das Leben retten können; aber dieß Ereigniß trat erst ein, nachdem der Hinterhalt gelegt war, und in einer Entfernung von einigen Meilen von dem, dem Castell nahe gelegenen Lager. Dieß waren die Mittel und Listen, die man angewendet, um den Stand der Dinge herbeizuführen, den wir jetzt weiter zu beschreiben haben.

Zwanzigstes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

»Ich that, was thun kann Menschenhand,
Und Alles half nicht mehr;
Leb wohl, mein Lieb! mein Heimathland!
Denn ich muß über’s Meer;
Mein Lieb,
Denn ich muß über’s Meer.«
Schottische Ballade.

Im letzten Kapitel verließen wir die Kämpfenden, wie sie in ihrem engen Kampfplatz Athem schöpften. Gewohnt an die derben Spiele des Ringens und Schwingens, wie sie damals in Amerika und zumal an den Grenzen so gewöhnlich waren, besaß Hurry, neben seiner ungeheuern Stärke einen Vortheil, der den Kampf minder ungleich machte, als er sonst erscheinen mochte. Dieß allein hatte ihn in Stand gesetzt, so lang allein gegen so viele Feinde auszuhalten; denn der Indianer ist keineswegs ausgezeichnet durch Stärke oder Gewandtheit in athletischen Uebungen. Bis jetzt war noch Niemand ernstlich beschädigt, obwohl Einige von den Wilden schwere Fälle gethan hatten; namentlich derjenige, der der Länge nach auf die Plattform geschleudert worden, war, kann man wohl sagen, für den Augenblick kampfuntüchtig geworden. Einige der Uebrigen hinkten; und March selbst war nicht ohne alle Beulen durchgekommen, obgleich Erschöpfung des Athems der Hauptverlust war, den beide Parteien wieder herzustellen wünschten. Unter Umständen wie die, worin die Parteien sich befanden, konnte ein Waffenstillstand, welche Ursache er nun haben mochte, nicht wohl von langer Dauer seyn. Der Kampfplatz war zu enge, und die Besorgniß vor Verrätherei zu groß, um dieß zu gestatten. Was man bei seiner Lage gar nicht hätte erwarten sollen, war Hurry der Erste, der die Feindseligkeiten wieder eröffnete. Ob er dieß aus Politik that, oder in dem Gedanken, er könnte durch einen plötzlichen und unvermutheten Angriff irgend einen Vortheil gewinnen, oder ob es die Folge der Aufregung und seines nie ruhenden Hasses gegen die Indianer gewesen, ist unmöglich zu sagen. Sein Angriff indessen war wüthend, und zuerst trieb er Alle vor sich her. Er packte den nächsten Huronen um den Leib, hob ihn ganz von der Plattform empor, und schleuderte ihn in’s Wasser, als wäre er nur ein Kind. In einer halben Minute lagen noch Zwei neben ihm, von welchen Einer eine schwere Verletzung davontrug, weil er auf den ihm eben vorangegangenen Genossen fiel. Nur vier Feinde blieben noch übrig, und in einem Handgemenge, wo man sich keiner andren Waffen bediente, als der von der Natur selbst gegebenen, glaubte sich Hurry ganz Mannes genug, mit dieser Zahl von Rothhäuten es aufzunehmen.

»Hurrah! Alter Tom!« brüllte er; »die Schurken machen sich in den See und ich will sie bald Alle schwimmen sehen!« Wie er diese Worte gesprochen, schleuderte ein heftiger Stoß in’s Gesicht den verletzten Indianer, der den Rand der Plattform gefaßt hatte, und sich hinaufzuschwingen versuchte, rettungs- und hoffnungslos in’s Wasser. Als der Kampf vorüber war, sah man seinen dunkeln Leichnam durch das durchsichtige Element des Glimmerglases mit ausgestreckten Armen der Länge nach auf dem Grund der Sandbank liegen, worauf das Castell stand, in den Sand und das Seegras die Hände einwühlend, als ob durch dieß verzweiflungsvolle Anklammern im Tod das Leben zurückgehalten werden sollte. Ein Streich, einem Andern in die Magenhöhle versetzt, rollte ihn auf, wie einen getretenen Wurm; und nur noch zwei tüchtige Feinde blieben zu bekämpfen übrig. Einer von diesen jedoch war nicht nur der Größte und Stärkste unter den Huronen, sondern auch der Erfahrenste unter den anwesenden Kriegern, und derjenige, dessen Sehnen in Kämpfen und durch Märsche auf dem Kriegspfad am meisten gestählt waren. Dieser Mann hatte die riesenhafte Stärke seines Gegners wohl gewürdigt, und hatte seine Kraft sorgsam gespart. Er war auch auf’s beste gerüstet für einen solchen Kampf, denn er stand da nur in Beinkleidern, das Modell einer schönen, nackten Statue der Gewandtheit und Stärke. Ihn zu packen erforderte außerordentliche Behendigkeit und ungewöhnliche Stärke, dennoch bedachte sich Hurry nicht, und sobald er jenen Stoß versetzt, der in der That einem Mitmenschen das Leben kostete, band er auch mit diesem furchtbaren Feind an, und suchte auch ihn in’s Wasser zu drängen. Der nun folgende Kampf war in der That gräßlich. So wild wurde er im Augenblick, und so rasch und wechselnd waren die Bewegungen der Athleten, daß dem noch übrigen Wilden, hätte er auch den Wunsch gehabt, keine Möglichkeit blieb, sich einzumischen, sondern er von Staunen und Furcht wie gefesselt dastand. Er war ein unerfahrner Jüngling und das Blut gerann ihm, als er Zeuge ward von dem häßlichen Kampf menschlicher Leidenschaften, der sich dazu noch in ungewohnter Gestalt darstellte.

Hurry versuchte zuerst seinen Gegner zu werfen. In dieser Absicht packte er ihn an der Kehle und einem Arm, und suchte ihm mit der Gewandtheit und Stärke eines amerikanischen Grenzmannes ein Bein zu stellen, Dieß ward vereitelt durch die behenden Bewegungen des Huronen, der Hurry bei den Kleidern packen konnte, und dessen Füße jenem Versuch auswichen mit einer Geschwindigkeit, gleich der des Angreifers selbst. Dann folgte eine Art mêlée, wenn man einen solchen Ausdruck gebrauchen darf von einem Kampf zwischen Zweien, in welchem keine Anstrengungen einzeln zu unterscheiden waren, und die Glieder u»d Leiber der Kämpfenden so viele Stellungen und Verrenkungen annahmen, daß sie jeder Beobachtung spotteten. Dieß wirre aber wüthende Handgemenge dauerte jedoch nicht ganz eine Minute, worauf Hurry rasend, daß seine Stärke durch die Gewandtheit und Nacktheit seines Feindes in ihrem Erfolg getäuscht wurde, eine verzweifelte Anstrengung machte, welche den Huronen ihm vom Leibe schaffte, und ihn heftig gegen die Blöcke der Hütte schleuderte. Die Erschütterung war so groß, daß sie für einen Augenblick den Letztern betäubte. Auch der Schmerz erpreßte ihm ein tiefes Aechzen – ein Zoll, von Qual und Angst abgerungen, der in der Hitze des Kampfes einem rothen Mann nicht selten entfährt. Dennoch stürzte er sich aufs Neue seinem Feind entgegen, wohl wissend, daß seine Rettung von seiner Entschlossenheit abhinge. Jetzt packte Hurry den Andern um den Leib, hob ihn frei über die Plattform empor, und fiel mit seiner gewaltigen Wucht auf den unter ihm Liegenden. Diese weitere heftige Bedrängniß betäubte den armen Indianer so, daß sein gigantischer weißer Gegner ihn jetzt ganz und gar in seiner Hand hatte. Er legte die Hände um die Kehle seines Opfers und preßte sie zusammen mit der Gewalt einer Schraube, wobei er den Kopf des Huronen an dem Rand der Plattform ordentlich umbog, bis bei der höllischen Stärke, die er anwendete, das Kinn zuoberst war. Ein Augenblick schon zeigte die Folgen. Die Augen des Mißhandelten schienen herauszutreten, seine Zunge reckte sich heraus, und seine Nüstern dehnten sich fast zum Zerspringen. In diesem Augenblick ward ein Strick von Bast, mit einem Auge versehen, geschickt über die beiden Arme Hurry´s geworfen; das Ende ward durch das Auge geschoben, so daß eine Schlinge entstand, und jetzt wurden ihm die Ellbogen auf dem Rücken zusammengezogen mit einer Gewalt, der selbst seine gigantische Stärke nicht widerstehen konnte. Mit Widerstreben, selbst unter diesen Umständen noch, sah der erbitterte Grenzmann seine Hände zurückgerissen von ihrer tödtlichen Umspannung, denn alle bösen Leidenschaften tobten jetzt auf’s Höchste in ihm. Beinahe im selben Augenblick fesselte ein gleiches Band auch seine Knöchel, und sein Körper ward in die Mitte der Plattform hingerollt, so hilflos und so rücksichtslos, als wäre er ein Holzscheit. Sein befreiter Gegner aber stand nicht auf, denn während er wieder zu athmen anfieng, hing doch sein Kopf noch kraftlos über den Rand der Blöcke hinunter, und man glaubte anfangs, der Hals sey ihm verdreht. Nur allmählig erholte er sich wieder und Stunden vergingen, bis er gehen konnte. Manche glaubten, weder sein Leib noch sein Gemüth habe sich je wieder ganz erholt von diesem drohenden Vorschmack des Todes.

Hurry hatte seine Niederlage und Gefangennehmung der blinden Wuth zu danken, mit der er alle seine Kräfte gegen den gefallenen Feind aufbot. Während er mit diesem beschäftigt, waren die zwei von ihm in’s Wasser geschleuderten Indianer an den Pfeilern heraufgestiegen, schlichen jetzt diesen entlang daher, und gesellten sich zu ihrem Genossen auf der Plattform. Der Letztere hatte seine Geisteskräfte so weit wieder gesammelt, daß er die Stricke herbeigeholt hatte, die nun zum Gebrauch in Bereitschaft waren, als die Andern erschienen, und sie wurden in der nun schon erzählten Weise angewendet, während Hurry mit seiner ganzen Wucht seinen Feind niedergedrückt hielt, nur mit dem gräßlichen Wunsch beschäftigt, ihn zu erdrosseln. So hatte sich in Einem Augenblick das Blatt gewendet, er, der so nahe daran gewesen, einen vollständigen Sieg zu erringen, der mittelst Ueberlieferung Jahrhunderte hindurch in dieser ganzen Gegend wäre bekannt und gepriesen worden, lag jetzt da, hülflos, gebunden, gefangen. So furchtbar waren die Anstrengungen des Bleichgesichts gewesen, so wunderbar die Stärke, die er an den Tag gelegt, daß sie selbst, wie er so, einem gebundenen Schaafe gleich, vor ihnen dalag, ihn mit Achtung und nicht ohne Furcht betrachteten. Der kraftlose Leib ihres stärksten Kriegers lag noch ausgestreckt auf der Plattform; und wie sie ihre Augen auf den See warfen, den Kameraden zu suchen, der so unceremoniös hineingeschleudert worden war, und den sie in der Verwirrung des Handgemenges aus dem Gesicht verloren hatten, sahen sie, wie schon beschrieben, seine leblose Gestalt auf dem Grund des See’s, an’s Gras sich anklammernd, liegen. Alle diese Umstände zusammen machte den Sieg der Huronen für sie beinahe so betrübend wie eine Niederlage.

Chingachgook und seine Verlobte hatten diesem ganzen Kampf von der Arche aus zugesehen. Als die drei Huronen im Begriffe waren, die Stricke durch die Arme des daliegenden Hurry zu schieben, suchte der Delaware nach seiner Büchse; aber noch ehe er sich ihrer bedienen konnte, war der weiße Mann gebunden und das Unheil geschehen. Er konnte noch einen Feind niederschießen, aber den Skalp zu gewinnen war unmöglich, und der junge Häuptling, der so entschlossen sein Leben an eine solche Trophäe wagte, bedachte sich, einem Feinde das Leben zu nehmen, wenn er keine Aussicht auf jene hatte. Ein Blick auf Hist, und der Gedanke an die möglichen Folgen dämpfte jedes flüchtige Racheverlangen. Der Leser weiß schon, daß man von Chingachgook kaum sagen konnte, daß er die Ruder der Arche zu handhaben verstanden habe, so erfahren er auch im Gebrauche der Ruderschaufel auf Canoe’s seyn mochte. Vielleicht gibt es keine Handarbeit, bei der sich die Menschen so ungeschickt und linkisch geberden, wie bei den ersten Versuchen ein Ruder zu handhaben, und selbst der erfahrenste Seemann oder Bootsmann fällt durch mit seinen Bemühungen, neben dem gefeierten Kerbenrudern des Gondoliers zu figuriren. Kurz, es ist für den Augenblick für den neuen Anfänger unmöglich, Ein Ruder gut zu handhaben; hier aber war erforderlich, zwei auf einmal, und dazu zwei sehr große zu bewältigen. Große Ruderstangen jedoch werden von einer ungeübten Hand noch eher gehandhabt, als leichtere Werkzeuge, und dieß war der Grund, daß es dem Delawaren beim ersten Versuche doch noch so gut gelang, die Arche von der Stelle zu bringen. Aber dennoch hatte dieser Versuch hingereicht, ihn gegen sich selbst mißtrauisch zu machen, und er sah wohl, in welche kritische Lage er und Hist jetzt versetzt waren, falls die Huronen das Canoe, das noch unter der Fallthüre lag, nahmen und sich gegen sie wandten. In einem Augenblick dachte er daran, Hist in das in seinem Besitz befindliche Canoe zu setzen, und sich nach den östlichen Bergen zu wenden, in der Hoffnung, durch rasche Flucht die Delawarischen Dörfer zu gewinnen. Aber manche Betrachtungen drängten sich auf, um diesen unbesonnenen Schritt zu hintertreiben. Es war beinahe gewiß, daß Kundschafter den See auf beiden Seiten bewachten und kein Canoe so leicht der Küste sich nähern konnte, ohne von den Hügeln aus gesehen zu werden. Dann war eine Fährte vor einem indianischen Auge nicht zu verhehlen, und die Kraft Hist’s war einer Flucht nicht gewachsen, die so rasch und unausgesetzt ausgeführt werden mußte, um der Verfolgung geübter Krieger zu enteilen. Es war dieß eine Gegend Amerika’s, wo die Indianer den Gebrauch von Pferden noch nicht kannten, und Alles hing von der physischen Kraft der Flüchtigen ab. Die letzte, aber nicht die geringste Rücksicht war der Gedanke an Wildtödters Lage; ein Freund durfte in seiner Noth nicht so verlassen werden.

Hist dachte und folgerte in einigen Punkten, ja sie fühlte auch anders, obwohl sie zu demselben Schluß gelangte. Ihre eigene Gefahr beunruhigte sie weniger, als ihre Sorge um die zwei Schwestern, für welche ihre weibliche Sympathie jetzt aufs lebhafteste sich betheiligte. Das Canoe der Mädchen hatte sich, bis der Kampf zu Ende war, dem Castell auf dreihundert Schritte genähert, und jetzt hörte Judith auf zu rudern, da die Anzeichen des Kampfes erst hier dem Auge sichtbar wurden. Sie und Hetty standen aufrecht da, ängstlich bemüht zu erkunden, was vorgefallen, aber außer Stand, sich Gewißheit zu verschaffen, weil das Gebäude großentheils den Kampfplatz verdeckte. Die auf der Arche und im Canoe Befindlichen verdankten der Heftigkeit von Hurry’s Angriff ihre augenblickliche Sicherheit. In jedem gewöhnlichen Falle wären die Mädchen sofort gefangen worden – eine leicht zu vollziehende Maßregel, nachdem die Huronen im Besitz eines Canoe’s waren, ohne den demüthigenden Schlag, den die Kühnheit der Huronen in dem jüngsten Kampfe erlitten. Es erforderte eine Weile, bis sie sich von den Eindrücken dieser gewaltsamen Scene erholten; und das um so mehr, als der wichtigste Mann der Truppe, wenigstens was persönliche Tapferkeit betraf, so schwer zu Schaden gekommen war. Dennoch war es von höchster Wichtigkeit, daß Judith und ihre Schwester unverzüglich Zuflucht in der Arche suchten, deren Vertheidigungsmittel wenigstens für kurze Zeit Schirm und Schutz boten; und die nächste Aufgabe war, Mittel zu finden, sie hiezu zu veranlassen. Hist zeigte sich auf dem Hintertheil der Fähre, und machte, aber vergebens, allerlei Zeichen und Geberden, um die Mädchen zu veranlassen, mittelst eines Bogens das Castell zu vermeiden und sich der Arche von Osten her zu nähern. Aber diese Zeichen wurden verachtet oder mißverstanden. Wahrscheinlich erkannte Judith noch nicht hinlänglich den wahren Stand der Dinge, um volles Vertrauen in die eine oder andre Partei zu setzen. Statt zu thun, wie man ihr rieth, hielt sie sich vielmehr weiter entfernt; sie ruderte langsam zurück, nordwärts oder nach dem breitesten Theil des See’s, wo sie die weiteste Aussicht beherrschte, und das weiteste Feld zur Flucht vor sich hatte. In diesem Augenblick erschien die Sonne über den Fichten der östlichen Bergreihe, und ein leichter Südwind erhob sich, wie zu dieser Jahrszeit und Stunde ganz gewöhnlich war.

Chingachgook verlor keine Zeit das Segel aufzuziehen. Was auch seiner warten mochte, daran konnte kein Zweifel seyn, daß es in jeder Weise wünschenswerth war, die Arche in solche Entfernung von dem Castell zu bringen, daß die Feinde in die Nothwendigkeit versetzt wurden, sich der Arche in dem Canoe zu nähern, das die Wechselfälle des Krieges so ungelegen für seine Wünsche und seine Sicherheit ihnen in die Hände geliefert hatten. Der Anblick des schwellenden Segels schien die Huronen zuerst aus ihrer Thatlosigkeit zu wecken; und bis die Spitze der Fähre vor dem Winde abgefallen war – was unglücklicher Weise in der falschen Richtung geschah – wodurch sie der Plattform auf wenige Schritte sich näherte, fand es Hist nöthig, ihren Geliebten dringend zu ermahnen, wie wesentlich es sey, daß er seine Person gegen die Büchsen der Feinde sicher stelle. Dieß war eine unter allen Umständen zu vermeidende Gefahr, und um so mehr, weil der Delaware sah, daß Hist selbst keine Bedeckung suchen würde, so lange er bloß gestellt blieb. So überließ denn Chingachgook die Fähre ganz ihren eignen Bewegungen, drängte Hist in die Cajüte, deren Thüren er augenblicklich verschloß, und sah sich dann nach den Büchsen um.

Die Lage der Parteien war jetzt so eigenthümlich, daß sie eine besondere Schilderung verdient. Die Arche war sechzig Schritte vom Castell entfernt, etwas südlich davon, auf der Seite wohin der Wind blies, mit vollem Segel und ledigem Steuerruder. Das letztere war zum Glück nicht befestigt, so daß es keinen großen Einfluß übte auf die krebsartige Bewegung des ungefügen Fahrzeugs. Da das Segel dem Winde preisgegeben war, wie es die Matrosen nennen, oder keine Brassen hatte, drängte der Luftzug die Raa vorwärts, obgleich beide Schoten fest waren. Die Wirkung war eine dreifach starke bei einem Fahrzeug, das einen vollkommen flachen Boden hatte und nur etwa drei bis vier Zoll tief im Wasser ging. Das Vordertheil wurde langsam leewärts herum getrieben, die gesammte Masse wurde zugleich nach derselben Richtung kräftig gedrängt, und das Wasser, das nothwendig unter dem Lee anschwoll, gab der Fähre auch eine verstärkte Bewegung vorwärts. Alle diese Veränderungen jedoch waren ausnehmend langsam, denn der Wind war nicht nur schwach, sondern auch wie gewöhnlich unzuverlässig, und zwei oder dreimal schwankte das Segel. Einmal schlug es ganz und gar zurück. Hätte die Arche irgend einen Kiel gehabt, so wäre sie unausbleiblich auf die Plattform, den Bug voran, losgefahren, und dann hätte vermuthlich Nichts die Huronen verhindert, sie zu nehmen, zumal da das Segel ihnen möglich gemacht hätte, sich unter einer Deckung zu nähern. So aber trieb die Fähre nur langsam rund herum, an diesem Theil des Gebäudes nur eben vorbeigleitend. An den um einige Fuß vorstehenden Pfeilern jedoch glitt sie nicht vorbei, sondern die Spitze des langsam sich bewegenden Fahrzeugs fing sich zwischen zwei derselben mit einer seiner in rechten Winkeln auslaufenden Ecken und blieb hängen. In diesem Augenblick paßte der Delaware, aufmerksam durch ein Guckloch schauend, eine Gelegenheit ab, zu feuern, während die Huronen, auf das Gleiche bedacht, in dem Haus sich hielten. Der erschöpfte Krieger lehnte sich gegen die Hütte, da keine Zeit gewesen war, ihn wegzubringen, und Hurry lag beinahe so hülflos wie ein Klotz, gebunden wie ein Lamm auf der Schlachtbank, der Mitte der Plattform nahe. Chingachgook hätte den Erstern jeden Augenblick tödten können, aber sein Skalp wäre ihm doch entgangen, und der junge Häuptling verschmähte es, einen Schlag zu führen, der weder Ehre noch Vortheil brachte.

»Fahrt mit einem der Bootshaken heraus, Schlange, wenn Ihr es seyd,« sagte Hurry, unter das Stöhnen hinein, das ihm die Festigkeit der einschneidenden Bande auszupressen anfing, »fahrt mit einem der Bootshaken heraus und schiebt damit das Vordertheil der Fähre weg, dann kommt Ihr von uns los – und wenn Ihr Euch diesen Dienst geleistet, dann gebt mir zu Liebe diesem nach Luft schnappenden Schurken den Rest!«

Der Zuruf Hurry’s hatte jedoch keine andere Wirkung, als Hist’s Aufmerksamkeit auf seine Lage zu lenken. Dieß schnellauffassende Geschöpf begriff sie auf einen Blick. Seine Knöchel waren mit starken Baststricken mehrmals umwunden, und seine Arme über den Ellbogen auf ähnliche Weise über den Rücken gebunden, so daß er nur mit Händen und Fäusten wenig freies Spiel hatte. Sie setzte den Mund an ein Guckloch und sagte mit leiser, aber vernehmlicher Stimme:

»Warum Euch nicht her wälzen und in die Fähre fallen? Chingachgook Huronen schießen, wenn er nachsetzt!«

»Beim Himmel, Mädchen, das ist ein einsichtsvoller Gedanke, und soll versucht werden, wenn der Spiegel Eurer Fähre nur etwas näher kommen will. Legt nur ein Bett auf den Boden, daß ich darauf falle.«

Dieß ward in einem glücklichen Augenblick gesprochen, denn des Wartens müde, schoßen alle Indianer ihre Büchsen beinah in Einem Augenblick rasch ab, ohne Jemand zu treffen, obgleich mehrere Kugeln durch die Scharten gingen. Hist hatte einen Theil von Hurry’s Worten gehört, das Meiste aber war über dem heftigen Knallen der Gewehre verloren gegangen. Sie machte den Riegel der Thüre auf, die nach dem Hintertheil der Fähre führte, wagte aber nicht ihre Person auszusetzen. Diese ganze Zeit über hing die Spitze der Arche an den Pfeilern, aber immer lockerer und loser, sowie das andere Ende langsam sich umdrehte, und der Plattform näher und näher kam. Hurry, der jetzt mit dem Gesicht der Arche zu lag, gelegentlich sich wendend und bäumend, wie Einer, der große Schmerzen erduldet, Bewegungen, die er fortwährend gemacht, seit er gebunden war, beobachtete jede Veränderung, und endlich sah er, daß das ganze Fahrzeug frei war, und anfing, langsam an den Seiten der Pfeiler hinzustreifen. Das Wagestück war verzweifelt, aber es schien die einzige Auskunft, Martern und dem Tod zu entgehen, und es paßte für die rücksichtslose Kühnheit von dieses Mannes Charakter. Bis zum letzten Augenblick wartend, damit der Spiegel der Fähre sich ordentlich an den Plattform riebe, begann er wieder, wie in unerträglichen Schmerzen, sich zu bäumen, alle Indianer überhaupt, und die Huronen insbesondere verfluchend, und dann wälzte er sich plötzlich und rasch fort, seine Richtung nach dem Hintertheil der Fähre nehmend. Zum Unglück bedurften Hurry’s Schultern mehr Raum, um sich fortzuwälzen, als seine Füße, und bis er den Rand der Plattform erreichte, hatte sich seine Richtung so geändert, daß er gar nicht mehr in Einer Linie mit der Arche war, und da die Raschheit seiner rollenden Bewegung und die drohende Gefahr keinen Verzug gestatteten, fiel er hinter der Arche in’s Wasser. In diesem Augenblick verleitete Chingachgook nach einer Verabredung mit seiner Verlobten die Indianer noch einmal zum Feuern, von welchen Keiner bemerkte, auf welche Weise der Mann, den sie so fest gebunden wußten, verschwunden war. Aber Hist’s Gefühl nahm lebhaften Antheil an dem Gelingen eines so kühnen Anschlags, und sie bewachte die Bewegungen Hurry´s, wie die Katze die Maus. Sobald er sich in Bewegung gesetzt, sah sie die Folgen voraus, und dieß um so sicherer, als die Fähre sich jetzt mit einiger Stetigkeit zu bewegen anfing, und sie dachte auf Mittel, ihn zu retten. Mit einer Art von instinktmäßiger Besonnenheit öffnete sie die Thüre gerade in dem Augenblick, wo ihr die Büchsen in den Ohren knallten, und geschützt durch die dazwischen liegende Cajüte trat sie in den Spiegel der Fähre gerade zu rechter Zeit, um Zeugin von Hurry’s Fall in den See zu seyn. Halb unbewußt setzte sie ihren Fuß auf das Ende von einer der Schoten des Segels, die hinten angebunden war, und alles entbehrliche Tau abwindend mit der Unbeholfenheit, aber auch mit der großherzigen Entschlossenheit eines Weibes, warf sie es dem hülflosen Hurry zu. Das Tau fiel dem Sinkenden auf den Kopf und den Leib, und es gelang ihm nicht nur, Theile davon mit den Händen zu erhaschen, sondern er packte auch wirklich ein Stück davon zwischen den Zähnen. Hurry war ein erfahrener Schwimmer, und gebunden, wie er war, griff er zu dem Auskunftsmittel, das Philosophie und Nachdenken ihm auch hätten empfehlen müssen. Er war auf den Rücken gefallen, und anstatt zu zappeln, und durch verzweifelte Anstrengungen, auf die Füße zu stehen zu kommen, sich den Tod des Ertrinkens zu bereiten, ließ er seinen Körper so tief als möglich sinken, und war schon, mit Ausnahme seines Gesichts, ganz unter dem Wasser, als das Tau ihn erreichte. In dieser Lage hätte er möglicherweise bleiben können, bis ihn die Huronen herausgezogen hätten, seiner Hände in der Art, wie die Fische ihrer Floßen sich bedienend, wäre ihm keine andere Hülfe zu Theil geworden; aber die Bewegung der Arche machte bald das Seil straff, und natürlich war er sachte nachgezogen, gleichen Schritt mit der Fähre haltend. Die Bewegung half sein Gesicht über dem Wasserspiegel halten, und Einer, der an Erduldung lange dauernder Unbequemlichkeiten und Schmerzen gewohnt gewesen, hätte wohl eine Meile weit in dieser seltsamen, aber einfachen Weise sich fort bugsiren lassen können.

Es wurde schon gesagt, daß die Huronen das plötzliche Verschwinden Hurry’s nicht bemerkten. In seinem jetzigen Zustand war er nicht nur durch die Plattform dem Auge verborgen, sondern wie die Arche langsam weiter fuhr, von einem jetzt geschwellten Segel getrieben, erwiesen ihm die Pfeiler denselben Liebesdienst. Die Huronen waren wirklich zu sehr darauf erpicht, ihren Feind, den Delawaren, durch eine Kugel, durch eine der Scharten oder Gucklöcher der Kajüte gesendet, zu tödten, um nur an einen Mann zu denken, den sie so fest und stark gebunden wähnten. Ihre große Sorge war die Art und Weise, wie die Arche an den Pfeilern sich vorüber drängte, obwohl ihre Bewegung mindestens um die Hälfte durch die Reibung geschwächt wurde, und sie begaben sich nach dem nördlichen Theile des Castells, um Gelegenheit zu suchen, durch die Löcher und Scharten auf jener Seite des Gebäudes zu feuern. Chingachgook war ebenso beschäftigt, und der Zustand Hurry’s blieb ihm ebenso verborgen, wie seinen Feinden. Wie die Arche knarrend vorbeifuhr, spieen die Büchsen ihre kleinen Rauchwolken von einem Versteck zum andern aus, aber die Augen und Bewegungen der andern Partei waren zu rasch, als daß ihnen hätte ein Leid zugefügt werden können. Endlich hatte die eine Partei den Verdruß, und die andre die Freude, die Fähre gänzlich von den Pfeilern loskommen zu sehen, worauf sie sogleich mit einer wesentlich beschleunigten Bewegung gegen Norden weiter rückte.

Jetzt erst erfuhr Chingachgook von Hist die kritische Lage Hurry’s. Hätte einer von Beiden sich auf dem Spiegel der Fähre blicken lassen und ausgesetzt – so wäre dieß sichrer Tod gewesen, aber zum Glück reichte die Schote, woran der Mann sich festhielt, vorwärts bis an den Fuß des Segels. Der Delaware fand Mittel, sie von dem hintern Pflock loszumachen, und Hist, die schon zu diesem Behufe vorangeeilt war, begann sogleich das Tau einzuziehen. In diesem Augenblick trieb Hurry etwa fünfzig bis sechzig Fuß hinter dem Spiegel der Fähre her, nur das Gesicht über dem Wasser. Als er hinter dem Castell und den Pfeilern hervorgezogen ward, wurden erst die Huronen seiner ansichtig, die ein häßliches, gellendes Geschrei erhoben, und ein Feuer auf die schwimmende Masse, wie man wohl sagen darf, eröffneten. In diesem Augenblick begann auch Hist das Tau vorn anzuziehen – ein Umstand, der wahrscheinlich Hurry das Leben rettete, verbunden mit seiner eignen Fassung und Grenzmanns-Besonnenheit. Die erste Kugel schlug in’s Wasser gerade an der Stelle, wo die breite Brust des jungen Riesen durch das reine Element hindurch sichtbar war, und hätte ihm vielleicht das Herz durchbohrt, wäre der Winkel, in dem sie abgefeuert worden, weniger scharf gewesen. Aber statt in den See hinabzudringen, prallte sie von seiner glatten Fläche ab, und begrub sich in der That in den Blöcken der Cajüte, nahe an dem Platze, wo sich vor einer Minute Chingachgook gezeigt hatte, als er das Tau von dem Pflocke losmachte. Eine zweite, dritte und vierte Kugel folgten, aber allen leistete die Fläche des Wassers denselben Widerstand, obwohl Hurry deutlich die heftigen Erschütterungen spürte, die sie, so unmittelbar über seiner Brust, und so nahe in’s Wasser treffend, hervorbrachten. Ihren Mißgriff entdeckend, änderten jetzt die Huronen ihren Plan und zielten auf das nicht gedeckte Gesicht; aber jetzt zog Hist das Tau an, die Schießscheibe bewegte sich vorwärts, und die tödtlichen Geschoße fielen alle in’s Wasser. Im nächsten Augenblick ward der Riesenkörper an dem Hintertheil der Fähre vorbeigezogen und wurde jetzt den Feinden unsichtbar. Der Delaware und Hist arbeiteten ganz im Schutze der deckenden Cajüte, und in kürzerer Zeit als die Erzählung erheischt, hatten sie den gewaltigen Körper Hurry’s bis dahin, wo sie standen, herangezogen. Chingachgook stand mit seinem scharfen Messer bereit da, beugte sich über die Seite der Fähre hinab, und hatte bald den Bast durchschnitten, der die Glieder des Grenzmannes gefesselt hielt. Ihn hoch genug emporheben, um den Rand des Fahrzeugs zu erreichen, und ihm hereinhelfen, waren minder leichte Aufgaben, da Hurry seine Arme fast noch nicht brauchen konnte; aber Beides wurde doch bald geleistet, worauf der Befreite vorwärts taumelte, und erschöpft und kraftlos auf den Boden des Fahrzeugs hinfiel. Hier wollen wir ihn lassen, bis er seine Kraft und den freien Blutumlauf wieder gewinnt, während wir in der Erzählung von Ereignissen fortfahren, welche zu rasch sich herandrängen,, als daß sie einen Aufschub gestatteten.

Im Augenblick, wo die Huronen Hurry’s Körper aus dem Gesicht verloren, stießen sie Alle zusammen einen Schrei aus, der ihren Verdruß und ihre getäuschte Erwartung bezeugte, und drei der Rüstigsten von ihnen liefen nach der Fallthüre und traten in das Canoe. Es brauchte jedoch etwas längere Zeit, bis sie sich mit ihren Waffen einschifften, die Ruderschaufeln fanden, und wenn wir so sagen dürfen »aus dem Dock herauskamen.« Inzwischen war Hurry in die Fähre aufgenommen, und der Delaware hatte wieder seine Büchsen in Bereitschaft gesetzt. Da die Arche natürlich vor dem Wind segelte, hatte sie sich mittlerweile volle zwei hundert Schritte vom Castell entfernt, und glitt mit jedem Augenblick weiter und weiter, obwohl mit so leichter Bewegung, daß kaum das Wasser aufgewühlt wurde. Das Canoe der Mädchen war eine volle Viertelmeile von der Arche entfernt, und hielt sich, wie man deutlich sah, absichtlich in der Ferne, in Unkunde dessen, was vorgefallen, und aus Furcht vor den Folgen, wenn sie sich zu nahe heran wagten. Sie hatten die Richtung nach der östlichen Küste eingeschlagen, und suchten zu gleicher Zeit windwärts von der Arche ab, und gewissermassen zwischen die beiden Parteien zu kommen, wie mißtrauisch und ungewiß, Wen sie für Freund, Wen für Feind zu nehmen hätten. Die Mädchen führten in Folge langer Gewohnheit die Rudelschaufeln mit großer Gewandtheit; und Judith insbesondere hatte oft im Spiel bei Wettrennen gesiegt, wenn sie mit den gelegentlich den See besuchenden Jünglingen sich in der Schnelligkeit versuchte.

Als die drei Huronen hinter den Palisaden hervorkamen und sich auf dem offenen See sahen, in die Nothwendigkeit versetzt, ohne Schutzmittel gegen die Arche anzurücken, falls sie bei ihrem ersten Plane beharrten, da kühlte sich ihr Eifer merklich ab. In einem Rinden-Canoe waren sie gänzlich ohne Schutz, und indianische Klugheit war ganz einer solchen Aufopferung des Lebens zuwider, wie sie die wahrscheinliche Folge eines Angriffsversuchs auf einen Feind seyn mußte, der so kräftig verschanzt war wie der Delaware. Statt daher der Arche zu folgen, wandten sich die drei Krieger gegen die östliche Küste hin, in sicherem Abstand von Chingachgooks Büchsen sich haltend. Aber dieß Manöver machte die Lage der Mädchen ausnehmend kritisch. Es drohte, sie, wo nicht zwischen zwei Feuer, doch wenigstens zwischen zwei Gefahren zu bringen – oder was doch ihnen als solche erschien; und Judith, statt sich von den Huronen in einer Art von Netz, wie sie meinte, einschließen zu lassen, begann sogleich ihren Rückzug in südlicher Richtung, in nicht sehr großer Entfernung von der Küste. Zu landen getraute sie sich nicht; wenn sie überhaupt zu diesem Auskunftsmittel sich entschließen sollte, so konnte sie doch nur im äußersten Fall es zu ergreifen wagen. Zuerst schenkten die Indianer dem andern Canoe wenig oder keine Aufmerksamkeit; denn wohl wissend, Wen es enthielt, achteten sie seine Wegnahme für vergleichungsweise unwichtig, während die Arche mit ihren eingebildeten Schätzen, den Personen des Delawaren und Hurry’s und ihrem bedeutenden Apparat zur Ausführung von Bewegungen vor ihnen stand. Aber diese Arche hatte ihre Gefahren wie ihre Versuchungen; und nachdem sie beinahe eine Stunde mit schwankenden Bewegungen vergeudet, immer in sichrer Ferne von der Büchse, schienen die Huronen plötzlich ihren Entschluß zu fassen, und begannen ihn dadurch auszuführen, daß sie eine lebhafte Jagd auf die Mädchen eröffneten.

Als dieser letzte Plan angenommen wurde, waren die Verhältnisse aller Parteien, was ihre gegenseitigen Stellungen betrifft, wesentlich verändert. Die Arche war voll eine halbe Meile weit gesegelt und geschwommen, und war ziemlich eben so weit genau nördlich vom Castell entfernt. Sobald der Delaware merkte, daß die Mädchen ihm auswichen, hatte er, außer Stand sein ungefüges Fahrzeug zu bewältigen, und wohl wissend, daß der Versuch, einem Rinden-Canoe durch die Flucht entgehen zu wollen, falls dieß wirklich auf’s Verfolgen sich legte, ein nutzloses Unternehmen wäre, sein Segel eingezogen, in der Hoffnung, dieß könnte die Schwestern veranlassen, ihren Plan zu ändern, und in der Arche eine Zuflucht zu suchen. Diese Demonstration hatte keine andre Wirkung, als daß die Arche der Scene der Handlung näher blieb, und ihre Inhaber Zeugen der Jagd zu seyn in Stand gesetzt wurden. Das Canoe Judiths war etwa eine Viertelmeile südlich von dem der Huronen entfernt, etwas näher der östlichen Küste, und ungefähr eben so weit von dem Castell südlich entfernt, als von dem feindlichen Canoe, ein Umstand, der letzteres so ziemlich gegenüber von Hutter’s kleiner Feste brachte. So war die Lage und Stellung der Parteien, als die Jagd begann.

In dem Augenblick, wo die Huronen so plötzlich ihren Angriffsplan änderten, befand sich ihr Canoe eben nicht im glänzendsten Zustand zu einer Schnell- und Wettfahrt. Es waren nur zwei Ruderschaufeln da, und der dritte Mann war somit unnütze Ueberfracht. Sodann glich der Unterschied im Gewicht zwischen den Schwestern und den zwei andern Männern, zumal bei so äußerst leichten Fahrzeugen, beinahe ganz den Unterschied aus, der sich aus der größern Stärke der Huronen ergeben mochte, und machte den wetteifernden Versuch in der Schnelligkeit weit weniger ungleich, als er etwa scheinen mochte. Judith strengte ihre Kräfte nicht eher an, als bis die größere Annäherung des andern Canoes über die Absicht seiner Bewegungen nicht mehr zweifeln ließ, und dann ermunterte sie Hetty, ihr mit aller ihrer Kraft und Geschicklichkeit beizustehen,

»Warum sollen wir fliehen, Judith?« fragte das schwachsinnige Mädchen; »die Huronen haben mir nie ein Leib gethan, und werden es, denke ich, auch nie thun.«

»Das mag so seyn in Beziehung auf dich, Hetty, aber es wird ein ganz andrer Fall seyn mit mir. Kniee nieder und sprich deine Gebete, und dann stehe auf und thue dein Aeußerstes, um unsre Flucht zu fördern. Gedenke auch meiner, gutes Mädchen, wenn du betest.«

Judith sprach dieß in Kraft sehr gemischter Gefühle, erstlich weil sie wußte, daß ihre Schwester immer in Nöthen die Hülfe ihres großen Bundesgenossen suchte; und dann weil in diesem Augenblick der anscheinenden Verlassenheit und Prüfung ein Gefühl der Schwäche und Abhängigkeit plötzlich über ihren eignen stolzen Geist kam. Das Gebet ward indessen rasch gesprochen und das Canoe war bald in schneller Bewegung, doch boten beide Theile nicht gleich bei dem Beginn alle ihre Kräfte auf, da beide gleich gut wußten, daß die Jagd wohl heiß werden und lange dauern dürfte. Wie zwei Kriegsschiffe, die sich zu einem Treffen rüsten, schienen sie verlangend, zuerst das Verhältniß der beiderseitigen Schnelligkeit auszumitteln, um zu wissen, wie sie ihre Kraftentwicklung vor der Hauptanstrengung abzustufen hätten. Wenige Minuten schon zeigten den Huronen, daß es den Mädchen nicht an Erfahrung fehle, und daß sie all ihre Geschicklichkeit und Kraft brauchen würden, um sie einzuholen.

Judith hatte im Anfang der Jagd nach der östlichen Küste sich gewendet, mit einem unbestimmten Vorsatz, im letzten Nothfall zu landen, und in die Wälder zu fliehen; aber als sie sich dem Lande näherten, machte die Gewißheit, daß Kundschafter ihre Bewegungen beobachten müßten, ihre Abneigung, diese Auskunft zu ergreifen, ganz unüberwindlich. Dann war sie auch noch frisch und hegte sanguinische Hoffnungen, im Stande zu seyn, ihre Verfolger zu ermüden. In diesen Gefühlen leitete sie mit ihrem Ruder das Canoe in etwas andrer Richtung, entfernte sich von dem Saum von dunkeln Schierlingstannen, unter deren Schatten sie schon beinahe sich geborgen hatte, und steuerte wieder mehr der Mitte des See’s zu. Dieß schien der günstige Augenblick für die Huronen, ihre Kraftanstrengung zu machen, da sie jetzt die ganze Breite des Wassers dazu hatten, und das dazu auf dem weitesten Theile, sobald sie zwischen die Flüchtigen und das Land gekommen waren. Die Canoes flogen jetzt dahin; Judith ersetzte, was ihr an Stärke abging, durch ihre große Gewandtheit und Selbstbeherrschung. Eine halbe Meile weit gewannen die Indianer keinen Vortheil; aber die Fortsetzung so großer Anstrengungen während vieler Minuten griff alle Betheiligten merklich an. Hier bedienten sich die Indianer eines Auskunftsmittels, das sie in Stand setzte, je Einem von ihnen Zeit zum Aufathmen zu gönnen, indem sie mit dem Rudern abwechselten, und zwar ohne daß sie in ihren Anstrengungen merklich nachließen. Judith schaute sich von Zeit zu Zeit um, und bemerkte, daß dieß Auskunftsmittel ergriffen worden war. Das machte sie sogleich mißtrauisch gegen den Ausgang, weil ihre Kräfte und Ausdauer schwerlich es denen von Männern gleich thun konnten, die überdieß einander abzulösen vermochten; doch blieb sie standhaft, und gab ihre Befürchtung im Augenblick durch nichts in die Augen Fallendes zu erkennen.

Bis jetzt hatten die Indianer sich den Mädchen nur erst auf zweihundert Schritte nähern können, obgleich sie in ›ihrem Kielwasser,‹ oder in gerader Linie hinter ihnen waren, denselben Strich des Wassers durchschneidend. Dieß machte die Verfolgung zu einer bolzgeraden, oder Stern-Jagd, nach dem technischen Ausdruck, was sprichwörtlich eine ›lange Jagd‹ ist; und der Sinn ist der, daß in Folge der beiderseitigen Stellung der Parteien keine Veränderung sichtbar wird, außer derjenigen, die in einem direkten Gewinn auf der kürzesten Annäherungslinie besteht. So ›lang‹ indessen diese Art von Jagd zugestandener Maßen ist, konnte Judith doch wahrnehmen, daß die Huronen merklich näher kamen, ehe sie die Mitte des Sees gewonnen hatte. Sie war nicht ein Mädchen, das so leicht verzweifelte; aber es war ein Augenblick, wo sie daran dachte, sich zu ergeben, in dem Wunsche, in das Lager geführt zu werden, wo sie Wildtödter als Gefangnen wußte; aber die Erwägung der Mittel, die sie hoffte anwenden zu können, um seine Freilassung zu bewirken, trat alsbald hemmend dazwischen, und spornte sie zu erneuter Anstrengung ihrer Kräfte. Wäre Jemand dagewesen, der die Bewegung der beiden Canoe’s beobachtet, so würde er das der Judith pfeilschnell vor seinen Verfolgern dahinfliegen gesehen haben, als das Mädchen es mit frischem Eifer weitertrieb, während ihr Geist so über seinen glühenden und großmüthigen Entwürfen brütete. So bedeutend war in der That der Unterschied in dem Verhältniß der Schnelligkeit zwischen den zwei Canoe’s während der nächsten fünf Minuten, daß die Huronen anfingen sich zu überzeugen, sie müßten alle ihre Kräfte aufbieten, oder sie würden die Schmach erfahren, durch Weiber in ihrer Hoffnung und um ihren Raub betrogen zu werden. Als sie, von dieser kränkenden Ueberzeugung angespornt, eine wüthende Anstrengung machten, brach Einem der Stärkeren von ihnen die Ruderschaufel in dem Augenblick, wo er sie aus der Hand seines Kameraden genommen, um ihn abzulösen. Dieß entschied sogleich die Sache; denn ein Canoe mit drei Männern und nur Einer Ruderschaufel war gänzlich außer Stand, Flüchtlinge, wie die Töchter Thomas Hutter’s einzuholen.

»Da, Judith!« rief Hetty, welche den Unfall bemerkt, »jetzt, hoffe ich, wirst Du zugestehen, daß Beten Etwas hilft! den Huronen ist ein Ruder gebrochen, und sie können uns nicht mehr einholen! «

»Ich habe es nie geläugnet, arme Hetty; und manchmal wünsche ich, mit bitterem Leidwesen, ich hätte selbst mehr gebetet, und weniger an meine Schönheit gedacht! Wie Du sagst, wir sind jetzt gerettet, und müssen nur ein Wenig südlich uns wenden und Athem schöpfen.« Dieß geschah; denn der Feind gab seine Verfolgung so plötzlich auf, wie ein Schiff, das eine wichtige Spiere verloren hat, sobald jener Unfall sich begeben hatte. Statt Judiths Canoe zu verfolgen, das jetzt leicht auf dem Wasser südlich dahinschwamm, wendeten die Huronen den Bug ihres Canoe’s nach dem Castell zu, wo sie bald ankamen und ausstiegen. Die Mädchen, fürchtend, man möchte übrige Ruder in dem Gebäude oder in der Umgebung finden, fuhren immer zu; und sie hielten erst inne, als sie so weit von ihren Feinden entfernt waren, daß sie im Fall der Erneuerung der Jagd jede Aussicht hatten, zu entkommen. Es schien als ob die Wilden an keinen solchen Plan dachten; sondern nach Verfluß einer Stunde sah man ihr Canoe, angefüllt mit Männern, das Castell verlassen und nach der Küste steuern. Die Mädchen waren ohne Lebensmittel, und sie näherten sich jetzt dem Gebäude und der Arche, da sie endlich aus den Manöuvern der letztern geschlossen hatten, daß Freunde darauf sich befinden müßten.

Obgleich das Castell ganz verlassen schien, näherte sich ihm doch Judith mit äußerster Vorsicht, die Arche war jetzt eine volle Meile gegen Norden zu entfernt, strebte aber nun auch auf das Gebäude zu, und das mit so regelmäßiger Bewegung, daß Judith sich überzeugte, ein weißer Mann müsse am Ruder seyn. Hundert Schritte noch von dem Haus entfernt, begannen die Mädchen es zu umkreisen, um sich zu versichern, daß es leer stehe. Kein Canoe war in der Nähe, und dieß ermuthigte sie, näher und näher zu kommen, bis sie ganz um die Pfeiler herum waren und die Plattform erreichten.

»Geh Du ins Haus, Hetty,« sagte Judith, »und sieh, ob die Wilden fort sind. Sie werden Dir kein Leid thun, und wenn noch Jemand von ihnen da ist, kannst Du mich warnen. Ich glaube nicht, daß sie feuern werden auf ein armes, wehrloses Mädchen, und ich werde wenigstens entkommen, bis ich bereit bin, freiwillig mich unter sie zu wagen.«

Hetty that, was Judith verlangte – und diese zog sich, zur Flucht bereit, einige Schritte weit von der Plattform zurück. Aber dieß war unnöthig, denn kaum eine Minute verstrich, als Hetty mit der Nachricht zurückkehrte, daß Alles sicher sey.

»Ich bin in allen Gemächern gewesen, Judith,« sagte sie ernst, »und alle sind leer, außer Vater’s seines; er ist in seiner Stube, schlafend, aber nicht so ruhig als wir wünschen könnten.«

»Ist dem Vater Etwas zugestoßen?« fragte Judith, als sie mit dem Fuß die Plattform berührte; und sie sprach hastig, denn ihre Nerven waren in einem leicht aufzuregenden Zustand.

Hetty schien bekümmert, und sah sich verstohlen um, als wünschte sie, daß Niemand außer der Tochter höre, was sie mitzutheilen hatte, und daß auch diese es nur obenhin erfahre.

»Du weißt, wie es mit Vater manchmal ist, Judith,« sagte sie. »Wenn er von geistigem Getränk übermannt ist, weiß er nicht immer, was er sagt oder thut – und jetzt scheint er von geistigem Getränk übermannt.«

»Das ist sonderbar! Sollten die Wilden mit ihm getrunken und ihn dann verlassen haben? Aber das ist ein betrübender Anblick für ein Kind, Hetty, eine solche Verirrung an einem Vater zu sehen, und wir wollen uns ihm nicht nähern, bis er aufwacht.«

Aber ein Stöhnen aus dem innern Zimmer änderte diesen Entschluß, und die Mädchen wagten es, sich einem Vater zu nähern, den in einem Zustand zu finden, der den Menschen zum Thiere herabwürdigt, ihnen nichts Fremdes war. Er saß zurückgelehnt in einem Winkel des engen Gemaches, die Schultern durch die Ecke gehalten, den Kopf schwer auf die Brust herabgesunken. Judith trat in einer plötzlichen schlimmen Ahnung vor, und entfernte eine Leinwandmütze, die ihm so tief in den Kopf gedrückt war, daß sie das Gesicht, ja Alles bis auf die Schultern verhüllte. Sobald diese Bedeckung weggenommen war, zeigte das zuckende, rohe Fleisch, die entblößten Adern und Muskeln, und all‘ die andern schauerlichen Zeichen der Sterblichkeit, welche das Abziehen der Haut bloslegt, daß er skalpirt worden war, obwohl er noch lebte.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Leicht reden sie von dem Geist, der entfloh.
Und die Asche mit Hohn sie ihm schänden;
Doch er achtet es nicht, der Ruhestatt froh,
Die ihm ward von britischen Händen.
Verfasser bestritten.

Der Leser mag sich selbst das Entsetzen vorstellen, welches Töchter empfinden mußten beim Anblick eines so gräßlichen Schauspiels, wie dasjenige war, das sich nach der Erzählung am Schlusse des letzten Kapitels dem Auge Judiths und Hettys darbot. Wir gehen hinweg über die ersten Gemüthsbewegungen, über die ersten Geberdungen und Aeußerungen kindlicher Theilnahme und Liebe, und fahren in der Erzählung fort, die einzelnen Züge der empörenden Scene mehr der Einbildungskraft überlassend, als sie aufzeichnend. Der verstümmelte, zerfetzte Kopf war verbunden, das entstellende Blut aus dem Gesicht des Leidenden gewischt, die sonstigen Mittel und Erleichterungen, welche erforderlich und dienlich schienen, angewendet, und es war jetzt Zeit, nach den ernsteren Umständen des Falles sich zu erkundigen. Die Thatsachen wurden in all ihren Einzelnheiten, so einfach sie waren, erst nach Jahren bekannt; aber wir können sie hier schon erzählen, da dieß mit wenigen Worten sich thun läßt. In dem Kampf mit den Huronen war Hutter getroffen worden von dem Messer des alten Kriegers, der die Vorsicht gebraucht hatte, die Waffen aller Andern, nur seine eignen nicht, entfernen zu lassen. Da er von seinem stämmigen Feind hart gedrängt wurde, hatte das Messer die Sache beendigt. Dieß geschah gerade, als die Thüre geöffnet wurde, und Hurry, wie oben berichtet, auf die Plattform herausstürzte. Dieß war das Geheimniß, warum Keiner von beiden Theilen bei dem nun folgenden Kampfe sich blicken ließ; Hutter war im buchstäblichen Sinne kampfuntüchtig, und sein Sieger schämte sich, mit den Blutspuren an seiner Person sich sehen zu lassen, nachdem er so viele Beredsamkeit und Gründe aufgeboten, seine jungen Krieger von der Nothwendigkeit zu überzeugen, ihre Feinde lebendig zu fangen. Als die drei Huronen von der Jagd zurückkehrten, und es beschlossen war, das Castell zu verlassen und zu der Truppe auf dem Land zurückzukehren, ward Hutter einfach skalpirt, um die übliche Trophäe zu gewinnen, und dann ließ man ihn so zu sagen zollweis dahinsterben, wie die mitleidlosen Krieger dieses Theils des amerikanischen Festlandes in tausend Fällen schon gethan hatten. Hätte sich jedoch die Mißhandlung Hutter’s auf seinen Kopf beschränkt, so hätte er sich wieder erholen können, denn der Messerstoß war es, der tödtlich für ihn wurde.

Es gibt Augenblicke des lebhaften Bewußtseyns, wo die strenge Gerechtigkeit Gottes in so auffallenden Farben vor Einen hintritt, daß sie aller Bestrebungen spottet, sie dem Auge zu verschleiern, wie unangenehm sie auch das Gemüth berühren, wie beflissen man auch seyn mag, ihrer Anerkennung auszuweichen. So war es jetzt bei Judith und Hetty, welche beide den Rathschluß einer vergeltenden Vorsehung in der Art des Leidens ihres Vaters erblickten, als Strafe für die von ihm kürzlich gegen die Irokesen gemachten Anschläge. Dieß erkannte und fühlte Judith mit der scharfen Empfindung und Erkenntniß, die ihrem Charakter gemäß war; während der auf das einfältigere Gemüth ihrer Schwester gemachte Eindruck vielleicht weniger lebhaft war, obwohl er sich vielleicht als nachhaltiger auswies.

»Oh! Judith!« rief das schwachsinnige Mädchen, sobald sie dem Leidenden ihre erste Sorgfalt gewidmet hatte; »Vater ging selbst auf Skalpe aus, und wo ist jetzt der seinige? die Bibel hätte wohl diese fürchterliche Strafe vorhersagen können!«

»Still – Hetty – still, arme Schwester – er öffnet die Augen; er hört und versteht Dich vielleicht. Es ist, wie Du sagst und denkst; aber es ist zu schrecklich, davon zu sprechen.«

»Wasser!« stammelte Hutter wie mit verzweifelter Anstrengung, die seine Stimme fürchterlich tief und stark machte für einen sichtlich dem Tode so Nahen – »Wasser – närrische Mädchen – wollt Ihr mich Durstes sterben lassen?«

Wasser ward gebracht und dem Leidenden gereicht – das erste, das er in Stunden körperlicher Schmerzen und Pein gekostet hatte. Es hatte die doppelte Wirkung, seine Kehle rein zu machen und für einen Augenblick seine erlöschende Kraft wieder zu beleben. Seine Augen öffneten sich mit jenem ängstlichen, verzerrten Blick, der oft das Scheiden einer vom Tod überraschten Seele begleitet, und er schien sprechen zu wollen. »Vater –« sagte Judith, in unaussprechlicher Angst und Betrübniß über seinen jammervollen Zustand, und um so mehr, als sie nicht wußte, welche Mittel anzuwenden wären – »Vater, können wir Etwas für Euch thun? Kann ich und Hetty Eure Schmerzen erleichtern?«

»Vater!« wiederholte langsam der alte Mann. »Nein, Judith – nein. Hetty – ich bin kein Vater. Sie war Eure Mutter, aber ich bin kein Vater, Seht in dem Schranke nach – dort ist Alles – mehr Wasser!«

Die Mädchen erfüllten seinen Wunsch; und Judith, deren frühere Erinnerungen viel weiter zurück reichten als die ihrer Schwester, und die in jeder Hinsicht viel deutlichere Eindrücke von der Vergangenheit hatte, empfand, als sie jene Worte vernahm, eine nicht zu unterdrückende Anwandlung von Freude. Es hatte nie viel Sympathie zwischen ihrem vermeintlichen Vater und ihr geherrscht, und eine Vermuthung eben dieser Wahrheit hatte oft ihre Seele durchzuckt in Folge von Gesprächen zwischen Hutter und ihrer Mutter, die sie belauscht hatte. Vielleicht gienge es zu weit, wenn man sagte, sie habe ihn nie geliebt, aber das darf man keck behaupten, sie habe sich gefreut, daß es nicht mehr ihre Pflicht war. Hettys Empfindungen waren anders. Unfähig, alle die Unterscheidungen zu machen, wie ihre Schwester, war sie ihrer ganzen Natur nach voll Zärtlichkeit, und sie hatte ihren vermeintlichen Vater geliebt, obwohl viel weniger zärtlich als ihre wirkliche Mutter; und es betrübte sie jetzt, von ihm die Erklärung zu hören, daß er nicht durch natürliche Bande zu dieser Liebe berechtigt war. Sie fühlte einen doppelten Schmerz, als ob sein Tod und seine Worte zusammen sie doppelt des Vaters beraubten. Ihren Gefühlen nachgebend trat das arme Mädchen beiseite und weinte.

Die entgegengesetzten Gemüthsbewegungen der beiden Mädchen machten Beide lange Zeit stumm. Judith reichte dem Leidenden oft Wasser, aber sie enthielt sich, mit Fragen in ihn zu dringen. einigermaßen aus Rücksicht für seinen Zustand, aber wenn man die Wahrheit gestehen soll, ebenso sehr auch, damit nicht, was er bei einer weitern Erläuterung etwa hinzufügte, den angenehmen Glauben störte, daß sie nicht Thomas Hutter’s Kind sey. Endlich trocknete Hetty ihre Thränen, kam herbei und setzte sich auf einen Schemel neben den Sterbenden, welcher der Länge nach auf den Boden gelegt worden war, das Haupt auf einigen abgetragnen Kleidern aufliegend, die im Hause zurückgeblieben waren.

»Vater,« sagte sie, »Ihr werdet mich Euch Vater nennen lassen, obgleich Ihr sagt, Ihr seyd es nicht – Vater, soll ich Euch aus der Bibel lesen – Mutter sagte immer, die Bibel sey gut für Leute in Nöthen. Sie war selbst oft in Noth und Unruhe, und dann ließ sie sich von mir aus der Bibel lesen; denn Judith war nicht eine solche Freundin von der Bibel, wie ich – und es that ihr immer gut. Oft habe ich es erlebt, daß Mutter anfing zuzuhören, während Ihr die Thränen aus den Augen strömten, und am Ende ganz Lächeln und Heiterkeit war. O! Vater, Ihr wißt nicht, wie viel Gutes die Bibel wirken kann, denn Ihr habt es nie versucht; jetzt will ich Euch ein Kapitel lesen, und es wird Euer Herz besänftigen, wie es die Herzen der Huronen besänftigt hat.«

Während die arme Hetty so viel Ehrfurcht vor der Tugend der Bibel, und so viel Glauben daran hatte, war ihr Verstand zu schwach, als daß sie im Stande gewesen wäre, ihre Schönheiten vollständig zu würdigen, oder ihre tiefe, manchmal geheimnißvolle Weisheit zu ergründen. Jener instinktmäßige Sinn für das Rechte, der sie vor der Begehung eines Unrechts zu schützen schien, und selbst einen Mantel sittlicher Liebenswürdigkeit und Wahrheit um ihren Charakter warf, konnte nicht in tiefsinnige Wahrheiten eindringen, oder die feinen Fäden der Verkettung zwischen Ursache und Wirkung, neben dem in die Augen fallenden und unbestreitbaren Zusammenhang, auffinden und verfolgen, obwohl sie selten verfehlte, diesen letztern wohl einzusehen und sich allen gerechten Consequenzen zu unterwerfen. Mit Einem Wort, sie gehörte zu Denjenigen, die richtig empfinden und handeln, ohne im Stande zu seyn, logische Gründe dafür anzugeben, selbst wenn man ihr die Offenbarung als Autorität gelten ließ. Ihre aus der Bibel gewählten Abschnitte zeichneten sich daher gewöhnlich aus durch die Einfalt ihres eignen Gemüthes, und fielen eher dadurch auf, daß sie Bilder von bekannten und handgreiflichen Dingen enthielten, als jene höhern Züge sittlicher Wahrheiten, wovon die Blätter dieses wunderbaren Buches erfüllt sind – wunderbar und beispiellos, auch abgesehen von seinem göttlichen Ursprung, als ein Werk voll der tiefsten Philosophie, vorgetragen in der edelsten Sprache. Ihre Mutter hatte, in Kraft einer Ideenverbindung, die dem Leser auffallen wird, eine besondere Vorliebe für das Buch Hiob gehabt; und Hetty hatte großentheils das Lesen gelernt bei den häufigen Unterrichtsstunden, welche diesem ehrwürdigen und erhabnen Gedicht gewidmet waren, das man jetzt für das älteste Buch der Welt hält. Auch in diesem Falle folgte das arme Mädchen der Gewohnheit ihrer Erziehung und Bildung, und wandte sich zu diesem wohlbekannten Theile des heiligen Buches mit der schnellen Besonnenheit, mit der etwa der geübte Anwalt seine Autoritäten aus den Schätzen juristischer Weisheit citiren würde. Bei der Wahl des Kapitels ließ sie sich durch die Ueberschriften leiten, und wählte das, was in der englischen Übersetzung die Ueberschrift hat: ›Hiob rechtfertigt sein Verlangen nach dem Tod.‹ (Kap. 7.) Dieß las sie stetig, vom Anfang bis zum Ende, mit süßer, leiser und wehmüthigklagender Stimme, in der frommen Hoffnung, die allegorischen und tiefsinnigen Sprüche würden wohl dem Herzen des Leidenden den Trost bieten, dessen er bedürfe. Es ist auch eine Eigenthümlichkeit der umfassenden Weisheit der Bibel, daß man kaum ein Kapitel aufschlagen kann, es sey denn streng erzählender Art, das nicht irgend eine tiefer gehende Wahrheit enthielte, die ihre Anwendung findet auf den Zustand jedes menschlichen Herzens, so wie auf den zeitlichen Stand seines Besitzers, entweder mittelst der Regungen dieses Herzens, oder auch in noch unmittelbarerer Weise. Im gegenwärtigen Fall war schon der erste Spruch: ›Muß nicht der Mensch immer im Streite seyn auf Erden?‹ auffallend und zutreffend; und wie Hetty weiter las, fand Hutter manche Sätze und Bilder auf seinen eignen Zustand im leiblichen und geistlichen Sinne bezüglich, oder glaubte wenigstens, solche Beziehungen zu finden. Wenn das Leben rasch dahin fluthet, klammert sich der Geist begierig an jede Hoffnung, wofern er nicht ganz von Verzweiflung niedergedrückt ist. Die feierlichen Worte: ›Habe ich gesündigt, was soll ich dir thun, du Menschenhüter? Warum machst du mich, daß ich auf dich stoße, und bin mir selbst eine Last?‹ ergriffen Hutter noch lebhafter als die andern; und obgleich zu dunkel, als daß ein Mann von seinen abgestumpften Gefühlen und seinem schwerfälligen Geist sie in ihrem vollen Sinn hätte fühlen oder fassen können, fanden sie doch eine so unmittelbare Anwendung auf seinen Zustand, daß er davon heftig betroffen wurde.

»Fühlt Ihr Euch jetzt nicht besser, Vater?« fragte Hetty, das Buch zumachend. »Mutter fühlte sich immer besser, wenn sie in der Bibel gelesen.«

»Wasser!« versetzte Hutter hierauf; »gib mir Wasser, Judith. Ich bin nur begierig, ob meine Zunge immer so heiß bleiben wird! Hetty, steht nicht auch Etwas in der Bibel von dem Kühlen der Zunge eines Mannes, der in den Flammen der Hölle Pein litt?«

Judith wandte sich entsetzt ab; Hetty aber suchte eifrig den Abschnitt, den sie dem von seinem Gewissen gequälten Opfer seiner habgierigen Anschläge laut vorlas.

»Das ist es, arme Hetty; ja das ist es. Meine Zunge bedarf jetzt der Kühlung; wie wird es drüben seyn?«

Diese Frage machte selbst die vertrauensvolle Hetty stumm, denn sie hatte für eine so verzweiflungsschwere Frage keine Antwort bereit. Wasser, so lange es dem Leidenden Erleichterung gewährte, vermochten ihm allein die Schwestern zu geben; und von Zeit zu Zeit ward es dem Munde des Dulders gereicht, wenn er darnach verlangte. Selbst Judith betete. Und Hetty, sobald sie fand, daß ihre Bemühungen, ihres Vaters Aufmerksamkeit für ihre Texte zu gewinnen, von keinem Erfolg mehr gekrönt waren, kniete neben ihm hin, und sagte andächtig die Worte her, welche der Erlöser als Muster für menschliche Bitten zu Gott hinterlassen hat. Damit fuhr sie, in Zwischenräumen, fort, so lange sie glaubte, daß dieser Akt dem Sterbenden wohlthun könne. Aber Hutter’s Kräfte erhielten sich noch länger, als die Mädchen für möglich gehalten hätten, wie sie ihn zuerst fanden. Zu Zeiten sprach er vernehmlich, öfter aber bewegten sich seine Lippen nur, um Töne auszustoßen, welche dem Geist keine deutliche Vorstellung gaben. Judith lauschte gespannt, und sie hörte die Worte: ›Gatte,‹ ›Tod,‹ ›Seeräuber,‹ ›Gesetz,‹ ›Skalpe‹ und verschiedene andere von ähnlicher Wichtigkeit, obgleich kein Satz den eigentlichen Zusammenhang dessen erläuterte, was sie aussprechen sollten. Doch waren sie hinlänglich bedeutsam, um von einer Person verstanden zu werden, deren Ohr die Gerüchte nicht überhört hatte, welche gegen den guten Namen ihres vermeintlichen Vaters im Umlauf waren, und deren Kombinationskraft eben so rasch, als ihre Fassungskraft lebhaft und aufmerksam war.

Während der ganzen peinlichen Stunde, die nun folgte, dachte keine der beiden Schwestern so viel an die Huronen, um ihre Wiederkunft zu fürchten. Es schien, als hätte ihr Jammer und ihre Betrübniß sie über die Gefahr einer solchen Störung hinausgesetzt; und als endlich der Ton von Rudern gehört wurde, erschrack selbst Judith, welche allein Grund hatte, den Feind zu furchten, nicht, sondern begriff sogleich, daß die Arche in der Nähe seyn müsse. Sie trat furchtlos auf die Plattform, denn wenn es sich auch zeigen sollte, daß Hurry nicht da, und die Huronen Meister der Fähre waren, war Flucht unmöglich. Dann besaß sie auch die Art von Zuversicht, welche der höchste Jammer einzuflößen pflegt. Aber es war kein Grund zu einer Unruhe vorhanden – Chingachgook, Hist und Hurry standen alle auf dem offnen Theil der Fähre, und besichtigten vorsichtig das Gebäude, um sich von der Abwesenheit des Feindes zu versichern. Auch sie hatten die Abfahrt der Huronen gesehen, so wie das Herankommen des Canoe’s der Mädchen an das Castell, und auf den letztern Umstand bauend, hatte March die Fähre auf die Plattform zugesteuert. Ein Wort genügte zu erklären, daß Nichts zu fürchten sey, und bald schwankte die Arche auf ihrem alten Ankerplatz.

Judith sagte kein Wort von dem Zustand ihres Vaters, aber Hurry kannte sie zu gut, um nicht zu merken, daß irgend etwas besonders Schlimmes vorgefallen. Er ging voran in das Haus, obwohl nicht ganz mit seinem gewöhnlichen, kecken und zuversichtlichen Wesen, und als er in das innere Gemach gelangte, fand er da Hutter auf dem Rücken liegend, und Hetty neben ihm sitzend, die ihm mit frommer Sorgfalt Kühlung zufächelte. Die Vorfälle des Morgens hatten eine merkliche Veränderung in Hurry’s Wesen zur Folge gehabt. Trotz seiner Geschicklichkeit als Schwimmer, und der Geistesgegenwart, mit welcher er das einzige Mittel, das ihn noch retten konnte, ergriffen, hatte doch sein hülfloser Zustand im Wasser, an Händen und Füßen gebunden, einen ähnlichen Eindruck auf ihn gemacht, wie nach der Erfahrung das drohende Herannahen der Strafe auf die meisten Verbrecher; hatte einen lebhaften Eindruck von den Schrecken des Todes in seinem Gemüthe zurückgelassen, und dieß dazu in Verbindung mit der Vorstellung von physischer Hülflosigkeit; – und die Kühnheit dieses Mannes war weit mehr die Folge ungeheurer physischer Kräfte, als von Willensstärke, oder auch von hitzigem Temperament. Solche Helden verlieren unausbleiblich einen großen Theil ihres Muths mit der Lähmung oder Beschämung ihrer Stärke, und obgleich Hurry jetzt ohne Bande, und so kräftig wie immer war, waren doch die Ereignisse noch zu frisch, als daß die Erinnerung an seinen kürzlich durchgemachten kläglichen Zustand schon irgend wäre geschwächt gewesen. Wäre er hundert Jahre alt geworden, die Begebnisse der wenigen gefahrvollen Minuten, die er im See zugebracht, würden einen dämpfenden Einfluß auf seinen Charakter, wenn auch nicht immer auf sein Benehmen geübt haben.

Hurry war nicht blos entsetzt, als er seinen Genossen von Kurzem her in dieser verzweiflungsvollen Lage fand, sondern auch höchlich überrascht. Während des Kampfes in dem Gebäude war er selbst viel zu sehr in Anspruch genommen gewesen, als daß er sich hätte darum bekümmern sollen, was aus seinem Kameraden geworden, und da gegen ihn keine tödtliche Waffe war gebraucht worden, man sich vielmehr alle Mühe gegeben hatte, ihn unversehrt zu fangen, glaubte er natürlich, Hutter sey überwältigt worden, während er sein Entkommen seiner gewaltigen Körperstärke und einem glücklichen Zusammentreffen außerordentlicher Umstände verdankte. Der Tod, in der Stille und in dem trüben Ernst eines Zimmers, war ihm etwas Neues. Obgleich an Scenen von Gewaltthätigkeit gewöhnt, war es ihm doch ganz fremd, an einem Bette zu sitzen, und den matten Schlag des Pulses zu beobachten, wie er allmälig schwächer und schwächer wurde. Trotz des in seiner Gemüthsstimmung vorgegangen Wechsels konnte er doch die Angewöhnungen eines Lebens nicht in einem Augenblick ganz bei Seite werfen und in seinem Benehmen verläugnen, und die unerwartete Scene entlockte dem Grenzmann eine ganz charakteristische Rede.

»Nun wie steht«, alter Tom!« sagte er; »haben Euch die Vagabunden einen Vortheil abgewonnen, daß Ihr nicht nur unten zu liegen gekommen, sondern wohl auch liegen bleiben werdet! Ich vermuthete Euch allerdings als Gefangenen, aber glaubte nicht, daß Ihr so hart mitgenommen wäret.«

Hutter öffnete seine gläsernen Augen und stierte den Redenden wild an. Ein Strom verworrener Erinnerungen stürmte beim Anblick des Mannes, der so kurz noch sein Kamerade gewesen, auf seinen verstörten Geist ein. Es war unverkennbar, daß er mit seinen eigenen Phantasiebildern kämpfte, und das Wirkliche vom Eingebildeten nicht zu unterscheiden vermochte.

»Wer seyd Ihr?« fragte er mit heiserem, hohlem Flüstern, denn seine ermattende Kraft weigerte sich, ihn zu einer lauteren Erhebung seiner Stimme zu unterstützen. »Wer seyd Ihr? – Ihr seht aus wie der Bootsmann von dem Schnee – er war auch ein Riese, und hätte uns beinahe überwältigt.«

»Ich bin Euer Bootsmann, Floating Tom, und Euer Kamerade, habe aber Nichts mit Schnee zu schaffen. Es ist jetzt Sommer, und Harry March verläßt immer die Berge sobald nach dem Eintreten des Frosts als irgend thunlich.«

»Ich kenne Euch – Hurry Skurry – ich will Euch einen Skalp verkaufen! – einen gesunden und von einem ausgewachsenen Mann – Was gebt Ihr dafür?«

»Armer Tom! Dieß Geschäft mit Skalpen ist gar nicht gewinnreich ausgefallen, und ich bin ziemlich entschlossen, es aufzugeben, und einen minder blutigen Beruf zu ergreifen.«

»Habt Ihr einen Skalp? Meiner ist fort – Wie fühlt es sich, wenn man einen Skalp hat? – Ich weiß wie es sich fühlt, wenn man einen verliert – Feuer und Flammen um das Hirn – und ein Zucken im Herzen – nein, nein! tödtet vorher, Hurry, und nachher skalpirt!«

»Was meint der alte Bursche, Judith? Er schwatzt wie Einer, der des Geschäfts eben so überdrüssig geworden, wie ich. Warum habt Ihr ihm den Kopf verbunden? oder haben ihm die Wilden mit dem Tomahawk Eins aufs Hirn versetzt?«

»Sie haben ihm das gethan, was Ihr und er, Harry March, so gern ihnen gethan hättet. Sie haben ihm Haut und Haare vom Kopf gerissen, um Geld vom Gouverneur von Canada zu bekommen, wie Ihr sie den Huronen gern herunter gerissen hättet, um Geld zu bekommen von dem Gouverneur von York.«

Judith sprach mit einer großen Anstrengung, sich den Schein der Fassung zu geben, aber es lag weder in ihrer Natur, noch in der Stimmung des Augenblicks, ganz ohne Bitterkeit zu sprechen. Ihr scharfer nachdrücklicher Ton sowohl als ihr ganzes Wesen veranlaßten Hetty vorwurfsvoll aufzuschauen.

»Das sind hohe Worte aus dem Munde der Tochter von Thomas Hutter, während Thomas Hutter sterbend vor ihren Augen liegt,« erwiederte Hurry scharf:

»Gott sey dafür gepriesen! – welchen Vorwurf es auch auf meine arme Mutter laden mag, ich bin nicht Thomas Hutter’s Tochter!«

»Nicht Thomas Hutter’s Tochter! – Verläugnet den alten Burschen nicht in seinen letzten Augenblicken, Judith, denn das ist eine Sünde, die der Herr nie vergeben wird. Wenn Ihr nicht Thomas Hutter’s Tochter seyd, Wessen Tochter seyd Ihr denn?«

Diese Frage demüthigte den rebellischen Geist Judiths; denn indem sie eines Vaters los ward, von welchem gestehen zu dürfen, daß sie ihn nie geliebt habe, sie als eine Herzenserleichterung empfand, übersah sie den wichtigen Umstand, daß kein Stellvertreter in Bereitschaft war, seinen Platz einzunehmen.

»Ich kann Euch nicht sagen, Hurry, wer mein Vater war,« antwortete sie milder, »ich hoffe, er war wenigstens ein ehrlicher Mann.«

»Was Mehr ist, als Ihr von dem alten Hutter glaubt sagen zu können? Nun, Judith, ich will nicht läugnen, daß arge Geschichten im Umlauf waren, Floating Tom betreffend, aber Wer ist, der nicht einen Kratz davon trüge, wenn ein Feind den Rechen führt? Es gibt Leute, die arge Sachen sagen von mir; und selbst Ihr, so eine große Schönheit Ihr seyd, entgeht ihnen nicht immer.«

Dieß ward gesagt in der Absicht, eine Art Gleichheit des Charakters und Rufs zwischen den Parteien zu begründen, und, wie die Politiker des Tages es auszudrücken pflegen, ›mit weitergreifenden Intentionen.‹ Was die Folgen gewesen waren bei einem Mädchen von Judiths bekannter Heftigkeit und ihrem zuverlässigen Widerwillen gegen den Sprecher, ist nicht leicht zu sagen; aber gerade jetzt verriet Hutter durch unzweideutige Anzeichen, daß er seinem letzten Augenblick nahe war. Judith und Hetty waren am Sterbebette ihrer Mutter gestanden; Keine von Beiden brauchte daher auf die eintretende Krise aufmerksam gemacht zu werden, und jede Spur Von Erbitterung schwand aus der Ersteren Antlitz. Hutter öffnete seine Augen, und versuchte sogar mit der Hand um sich zu tasten, ein Zeichen, daß ihn das Gesicht verließ. Eine Minute darauf wurde sein Atem röchelnd, – eine Pause folgte, wo die Respiration ganz aufhörte; und dann trat der letzte, langgezogene Seufzer ein, mit welchem, wie man glaubt, der Geist den Körper verläßt. Dies plötzliche Erlöschen des Lebens eines Menschen, der bisher eine so wichtige Stelle ausgefüllt auf der kleinen Szene, wo auch er eine Rolle zu spielen gehabt, machte allem Hin- und Herreden ein Ende.

Der Tag verstrich ohne weitere Unterbrechung, und die Huronen, obwohl im Besitz eines Canoe’s, schienen mit ihrem Erfolg so weit zufrieden, daß sie allen weiteren Anschlägen gegen das Castell unmittelbar vor der Hand entsagten. Es wäre in der Tat kein gefahrloses Unternehmen gewesen, sich ihm zu nähern unter den Büchsen derjenigen, die, wie man wußte, sich jetzt drinnen befanden, und wahrscheinlich von diesem Umstand mehr als von irgend einem andern, rührte die Waffenruhe her. Mittlerweile wurden Anstalten zur Bestattung Hutter’s getroffen. Ihn auf dem Land zu begraben war untunlich, und Hetty wünschte, sein Leichnam möchte an der Seite des Leichnams ihrer Mutter im See ruhen. Sie vermochte eine Rede von ihm anzuführen, worin er selbst den See, den ›Familienbegräbnisplatz‹ genannt hatte, und zum Glück geschah dies ohne Vorwissen ihrer Schwester, die sich dem Plan, wenn sie davon gewußt hätte, mit unüberwindlichem Widerwillen widersetzt haben würde. Aber Judith hatte sich nicht in diese Anordnung gemischt, und alle erforderlichen Vorbereitungen wurden ohne ihren Rat und ihre Kenntnisnahme getroffen.

Die für die schmucklose Zeremonie gewählte Stunde war die, wo gerade die Sonne unterging, und einen Zeitpunkt und eine Szene, die geeigneter gewesen wären, einem Wesen von friedvollem und reinem Geist die letzte Ehre zu erweisen, hätte man nicht erdenken können. Es ist ein Geheimnis und eine feierliche Würde im Tod verborgen, welche die Überlebenden geneigt machen, die Reste selbst eines Frevlers mit einer Art von Ehrfurcht zu betrachten. Alle weltlichen Unterschiede haben aufgehört; man denkt, der Schleier sei gelüftet, und der Charakter und das Schicksal des Abgeschiedenen seien jetzt ebenso über menschliche Meinungen, wie über menschliches Wissen erhaben. In Nichts ist der Tod in wahrerem Sinne ein Gleichmacher, weil, obschon es unmöglich sein mag, den Vornehmen mit dem Geringen, den Würdigen mit dem Unwürdigen ganz und gar zu vermengen, das Gemüt es doch als eine Anmaßung empfände, wollte es das Recht in Anspruch nehmen, diejenigen zu richten, die, wie man glaubt, vor dem Richterstuhle Gottes stehen. Als man Judith sagte, daß Alles bereit sei, trat sie auf die Plattform, der Bitte ihrer Schwester nachgebend, und jetzt erst beachtete sie die Vorkehrungen. Der Leichnam war in der Fähre, eingehüllt in ein Leintuch, und wohl ein Zentner Steine, die man von dem Feuerplatz genommen, waren mit demselben eingeschlossen, damit er gewiß sinke. Keine anderen Vorbereitungen erachtete man nötig, doch nahm Hetty ihre Bibel unter dem Arme mit.

Als alle an Bord der Arche sich befanden, ward diese eigentümliche Behausung des Mannes, dessen Leichnam sie jetzt zu seiner letzten Ruhestätte trug, in Bewegung gesetzt. Hurry war an den Rudern. In seinen gewaltigen Händen erschienen sie in der That als kaum Mehr, denn ein paar Ruderschäufelchen, die er ohne Anstrengung handhabte, und da er in ihrem Gebrauch geübt genug war, blieb der Delaware ein müßiger Zuschauer seiner Arbeit. Die Fahrt der Arche hatte Etwas von der feierlichen Langsamkeit eines Leichenzugs, das Eintauchen der Ruder geschah in gemessenem Takt, und die Bewegung war langsam und stetig. Das Anspülen des Wassers, wenn die Ruder sich hoben und senkten, hielt gleichen Schritt mit Hurry’s Anstrengung, und hätte mit dem gemessenen Schritt Von Leidtragenden verglichen werden können; dann war auch die ruhige Scene in schönem Einklang mit einem Ritus, der immer die Idee Gottes unwillkührlich aufdrängt. In diesem Augenblick war die spiegelglatte Fläche des See’s nicht auch nur im Mindesten gekräuselt, und das umfassende Panorama von Wäldern schien auf die heilige Ruhe der Stunde und der Ceremonie in melancholischem Schweigen herabzuschauen. Judith war bis zu Thränen ergriffen, und sogar Hurry, obgleich er selbst kaum wußte warum, war aufgeregt. Hetty behielt den äußern Anschein von ruhiger Fassung, aber ihre innere Betrübniß überstieg weit die ihrer Schwester, da ihr gefühlvolles Herz mehr aus Gewohnheit und in Folge eines langen Zusammenlebens liebte, als in Kraft der gewöhnlichen Verbindung von Gefühl und Geschmack. Sie ward jedoch aufrecht erhalten durch religiöse Hoffnungen, die in ihrem einfachen Gemüth gewöhnlich den Raum einnahmen, welchen in dem Gemüth Judiths weltliche Gefühle ausfüllten; und sie war nicht ganz ohne die Erwartung, Zeugin von einer offenen Kundgebung der göttlichen Macht bei einer so feierlichen Gelegenheit zu seyn. Doch war sie weder mystisch noch überspannt, da ihre geistige Schwäche beides verhinderte. Dennoch hatten ihre Gedanken überhaupt so viel von der Reinheit einer bessern Welt an sich, daß es ihr leicht ward, die Erde ganz zu vergessen und nur an den Himmel zu denken. Hist war ernst, aufmerksam und gespannt, denn sie hatte oft Beerdigungen von Bleichgesichtern gesehen, obwohl nie eine, die so eigenthümlich zu werden versprach, wie diese; während der Delaware, obwohl ernst und auch beobachtend, in seinem Wesen doch stoisch und kaltblütig blieb.

Hetty übernahm die Rolle des Lootsen, und wies Hurry an, wie er zu steuern habe, um die Stelle im See zu finden, welche sie der ›Mutter Grab‹ zu nennen pflegte. Der Leser wird sich erinnern, daß das Castell in der Nähe des südlichen Endes einer Sandbank lag, die sich beinahe eine halbe Meile nördlich erstreckte, und am äußersten Ende dieser Untiefe hatte Floating Tom für passend erachtet, die Reste seines Weibes und Kindes zu versenken. Jetzt sollten sofort die seinigen daneben beigesetzt werden. Hetty hatte Merkzeichen auf dem Lande, woran sie gewöhnlich die Stelle auffand, obwohl die Stellung der Gebäude, die Richtung der Sandbank überhaupt, und die schöne Durchsichtigkeit des Wassers zumal, das bis auf den Grund zu sehen gestattete, ihr dabei zu Hülfe kamen. Durch diese Mittel ward das Mädchen in Stand gesetzt, den Fortschritt der Arche zu beobachten, und zur rechten Zeit trat sie zu March und flüsterte ihm zu:

»Jetzt, Hurry, könnt Ihr aufhören zu rudern. Wir sind am Stein auf dem Grund vorbei, und der Mutter Grab ist nahe.«

March stellte seine Arbeit ein, warf sogleich den kleinen Anker aus, und faßte das Tau-Ende mit der Hand, um die Arche in ihrem Laufe zu hemmen. Die Arche drehte sich, in Folge dieser Hemmung, langsam im Kreise herum, und als sie ganz ruhig stand, sah man auf dem Hintertheil Hetty, in’s Wasser deutend, und die Thränen strömten ihr in unwiderstehlicher, natürlicher Rührung aus den Augen. Judith war bei der Bestattung ihrer Mutter gegenwärtig gewesen, hatte aber seitdem den Platz nicht mehr besucht. Diese Vernachlässigung hatte ihren Grund nicht in Gleichgültigkeit gegen das Andenken der Geschiedenen; denn ihre Mutter hatte sie geliebt, und hatte mit bitterem Schmerze Anlaß gefunden, ihren Verlust zu betrauern; aber sie hatte einen Widerwillen gegen die Betrachtung des Todes, und seit dem Bestattungstage waren in ihrem eignen Leben Begebenheiten vorgefallen, welche dieß Gefühl steigerten, und sie wo möglich noch abgeneigter machten, dem Platze sich zu nähern, welcher die Ueberreste einer Mutter enthielt, deren strenge Lehren und Einschärfungen von weiblicher Sittlichkeit und Anstand durch Reue über eigne Verfehlungen nur um so ernster und eindringlicher geworden waren. Bei Hetty war es ein ganz andrer Fall. Für ihr einfaches, unschuldiges Gemüth hatte die Erinnerung an ihre Mutter kein andres Gefühl zur Folge als milden Kummer; – einen Schmerz, den man so oft genußvoll oder wollüstig nennt, weil er verbunden ist mit den Bildern von Vortrefflichkeit und von der Reinheit eines bessern Daseyns. Einen ganzen Sommer hatte sie je nach Einbruch der Nacht an den Platz sich zu begeben die Gewohnheit gehabt; und ihr Canoe sorgfältig so vor Anker legend, daß der Leichnam nicht verstört wurde, saß sie dann da, und pflog eingebildete Gespräche mit der Geschiedenen, sang süße Hymnen in die Abendluft und sagte die Gebete her, welche das jetzt drunten schlummernde Wesen sie in ihrer Kindheit gelehrt hatte. Hetty hatte ihre glücklichsten Stunden in diesem mittelbaren Verkehr mit dem Geist ihrer Mutter zugebracht, und die wilden verworrenen indianischen Ueberlieferungen und Meinungen mischten sich, ihr unbewußt, mit der christlichen Lehre, die ihr in der Kindheit war beigebracht worden. Einmal war sie von jenen so weit beherrscht worden, daß sie daran dachte, an ihrer Mutter Grab einige jener physischen Bräuche zu verrichten, welche, wie man weiß, von den rothen Männern beobachtet werden; aber die vorübergehende Anwandlung war zurückgedrängt worden, durch das stetige, obwohl milde Licht des Christenthums, das in ihrer sanften Brust nie aufhörte zu brennen. Jetzt waren ihre Gemüthsbewegungen der natürliche Ausbruch des Gefühls einer Tochter, welche um eine Mutter weinte, deren Liebe ihrem Herzen unzerstörbar eingeprägt war, und deren Lehren zu ernstlich eingeschärft worden waren, um so leicht vergessen zu werden von einer Tochter, die so wenig Versuchung zu Verirrungen hatte.

Kein andrer Priester als die Natur war gegenwärtig bei diesem eigenthümlichen und kunstlosen Leichenbegängniß. March blickte in das Wasser, und durch das klare durchsichtige Element, beinahe so rein wie die Luft, sah er, was Hetty »der Mutter Grab« zu nennen pflegte, Es war ein niedriger, einzelner Erdhaufen, nicht durch Spaten gebildet, aus dessen einer Ecke ein Stück von der weißen Leinwand hervorsah, welche das Todtenkleid der Geschiednen ausmachte. Der Leichnam war auf den Grund versenkt worden, und Hutter hatte vom Land her Erde herbeigeführt und darauf geworfen, bis Alles zugedeckt war. In diesem Zustand war der Platz geblieben, bis die Bewegung des Wassers das einzige Zeichen, das wir so eben erwähnten, sichtbar machte, welches verrieth, wozu der Platz benützt worden war. Selbst die rohesten und lärmendsten Menschen werden durch die Ceremonie einer Bestattung weicher und gesitteter. March fühlte keine Lust, seine Stimme zu einem jener bei ihm so häufigen rohen Ausbrüchen zu erheben und war ganz geneigt, den Dienst, den er übernommen, in anständiger Nüchternheit zu vollziehen. Vielleicht sann er nach über die Vergeltung, die seinen bisherigen Kameraden betroffen, und dachte an die gräßliche Gefahr, worin sein eignes Leben vor so kurzer Zeit geschwebt. Er gab Judith zu verstehen, daß alles bereit sey, erhielt von ihr die Anweisung, Hand an’s Werk zu legen, hob, vermöge seiner ungeheueren Stärke, ohne andrer Unterstützung den Leichnam auf, und trug ihn an das Ende der Fähre. Das Seil ward unter den Füßen und unter den Schultern durchgezogen, wie unter den Särgen, und dann der Leichnam langsam in den See versenkt.

»Nicht hier – Harry March – nein, nicht hier!« sagte Judith unwillkührlich schaudernd, »versenkt ihn nicht so ganz nahe an dem Platz, wo Mutter liegt.«

»Warum nicht, Judith?« fragte Hetty einst. »Sie lebten miteinander im Leben und sollen im Tode bei einander ruhen.«

»Nein – nein – Hetty March – weiter weg, weiter weg. – Arme Hetty, du weißt nicht, was Du sagst. – Laß mich das anordnen,«

»Ich weiß, ich bin schwachsinnig, Judith, und du bist gescheut, – aber, gewiß, ein Ehemann soll immer neben die Frau gelegt werden. Mutter sagte immer, das sey die Art, wie man auf christlichen Kirchhöfen begrabe.«

Dieser kleine Streit wurde mit Eifer, obwohl mit gedämpfter Stimme geführt, als fürchteten die Sprechenden, der Todte möchte sie hören. Judith konnte in einem solchen Augenblick nicht mit ihrer Schwester hadern, aber eine bedeutsame Geberde von ihr bewog March, den Leichnam in einer kleinen Entfernung von dem der Mutter zu versenken, worauf er die Stricke heraufzog und der Akt geschlossen war.

»So hat’s ein Ende mit Floating Tom!« rief Hurry, sich über die Fähre vorbeugend, und durch’s Wasser den Leichnam anstarrend. »Er war ein braver Kamerad auf einer Kundschaft, und ein tüchtiger Kerl im Fallenstellen. Weint nicht, Judith – laßt Euch den Schmerz nicht übermannen, Hetty, denn die Rechtschaffensten von uns müssen Alle auch sterben, und wenn die Zeit kommt, können Wehklage»und Thronen die Todten nicht wieder zum Leben bringen. Euer Vater wird ein Verlust für Euch seyn, ohne Zweifel; die meisten Väter sind ein Verlust, besonders für unverheirathete Töchter, aber es gibt ein Mittel, dieß Uebel zu heilen, und Ihr seyd Beide zu jung und zu schön, als daß Ihr jenes Mittel lange nicht finden solltet. Wenn’s Euch angenehm ist, zu hören, was ein ehrlicher und anspruchsloser Mann zu sagen hat, Judith, möchte ich wohl ein wenig mit Euch sprechen, und das beiseite.« Judith hatte kaum auf Hurry’s rohen Tröstungsversuch gemerkt, obwohl sie natürlich die Abzweckung davon im Allgemeinen verstand, und einen ziemlich genauen Begriff von seiner Art und Weise hatte. Sie weinte bei der Erinnerung an ihrer Mutter frühere Zärtlichkeit, und schmerzliche Bilder von lange vergessenen Anweisungen und vernachlässigten Lehren stürmten auf ihr Gemüth ein. Aber Hurry’s Worte riefen sie wieder in die Gegenwart zurück, und so überraschend und unzeitig ihr Inhalt war, hatten sie doch nicht jene Aeußerungen von Widerwillen zur Folge, die man bei dem Charakter des Mädchens hätte erwarten können. Im Gegentheil, es schien ihr ein plötzlicher Gedanke aufzugehen, sie schaute einen Augenblick den jungen Mann scharf an, trocknete sich die Augen und begab sich nach dem andern Ende der Fähre, ihm winkend, ihr zu folgen. Hier setzte sie sich und bedeutete March, sich neben sie zu setzen. Die Entschiedenheit und der Ernst, womit dieß Alles geschah, schüchterten ihren Genossen ein Wenig ein, und Judith fand nöthig, selbst das Gespräch zu eröffnen.

»Ihr wünscht mit mir von Heirath zu sprechen, Harry March,« sagte sie, »und ich komme hieher, über dem Grabe meiner Eltern, gleichsam – nein, nein – über dem Grabe meiner armen, theuern, theuern Mutter, zu hören, was Ihr mir zu sagen habt.«

»Das ist ungewöhnlich, und Ihr habt ein so scheumachendes Wesen an Euch diesen Abend, Judith,« antwortete Hurry, verstörter als er selbst hätte gestehen mögen; »aber Wahrheit ist Wahrheit, und sie kommt an den Tag, folge dann was da will. Ihr wißt, Mädchen, daß ich Euch längst schon für das hübscheste junge Weib halte, das meine Augen je gesehen, und daß ich daraus kein Geheimniß gemacht habe, weder hier auf dem See, noch draußen bei den Jägern und Fallenstellern, noch in den Ansiedlungen.«

»Ja, ja, ich habe das sonst schon gehört, und glaube, daß es wahr ist,« antwortete Judith mit einer Art fieberhafter Ungeduld.

»Wenn ein junger Mann eine solche Sprache führt von einem bestimmten jungen Weibe, so ist es vernünftig, anzunehmen, daß er viel auf sie hält.«

»Wahr – wahr, Hurry – das Alles habt Ihr mir oft und viel gesagt.«

»Nun, wenn es angenehm ist, so sollte ich meinen, ein Weib könne es nicht zu oft hören. Alle sagen mir, das sey die Art Eures Geschlechtes – Nichts gefalle Euch mehr, als wenn man Euch hundert und aber hundert Mal wiederhole, daß man Euch gern habe – ausgenommen das, daß man Euch von Eurer Schönheit spreche.«

»Ohne Zweifel – wir haben Beides gern in den meisten Fällen; aber das ist ein ungewöhnlicher Zeitpunkt, Hurry, und eitle Worte sollten nicht allzu frei gebraucht werden. Ich möchte Euch lieber ganz einfach reden hören.«

»Ihr sollt Euern Willen haben, Judith, und ich vermuthe halb, Ihr werdet ihn immer haben. Ich hab‘ Euch oft gesagt, daß ich Euch nicht nur lieber habe, als irgend ein junges Weib auf Erden, oder eigentlich lieber als alle jungen Weiber auf der Welt; aber Ihr müßt bemerkt haben, Judith, daß ich Euch nie mit offenen Worten aufgefordert habe, mich zu heirathen.«

»Ich habe Beides bemerkt,« versetzte das Mädchen, und ein Lächeln schwebte um ihren schönen Mund, trotz der seltsamen und derben Zutäppischkeit Hurry’s, die ihre Wangen flammen machte, und ihre Augen mit einem beinahe blendenden Glanz entzündete, – »Ich habe Beides bemerkt, und habe das Letztere auffallend gefunden an einem Mann von Harry March’s Entschlossenheit und Furchtlosigkeit.«

»Das hat seinen Grund gehabt, Mädchen, und einen, der mich noch jetzt unruhig macht, – nein, werdet mir nicht so roth, und seht nicht drein wie Feuer und Flammen, denn da gibt es freilich Gedanken, die einem Mann lang im Kopf stecken können, wie es Worte gibt, die ihm in der Kehle stecken bleiben – aber dann gibt es auch Gefühle, welche die Oberhand gewinnen über sie alle. und diesen Gefühlen, sehe ich, muß ich mich jetzt unterwerfen. Ihr habt keinen Vater und keine Mutter mehr, Judith, und es ist moralisch unmöglich, daß Ihr und Hetty hier allein leben solltet, selbst wenn es Friede und die Irokesen ruhig wären; aber wie die Sachen jetzt stehen, würdet Ihr nicht nur Hungers sterben, sondern auch Beide, vor Ablauf einer Woche, Gefangene oder skalpirt seyn. Es ist Zeit, an einen Wechsel und an einen Ehemann zu denken, und wenn Ihr mich nehmen wollt, so soll alles Vergangene vergessen seyn, und das ist Alles, was ich zu sagen habe.«

Judith hatte Mühe, ihre Ungeduld zu zügeln, bis diese rohe Erklärung nebst Antrag gemacht war, welche zu hören sichtlich ihr Wunsch gewesen, und die sie jetzt wirklich mit einer Bereitwilligkeit anhörte, die wohl einige Hoffnung erregen konnte. Sie ließ den jungen Mann kaum zum Schluß kommen, so begierig war sie, ihn auf den Hauptpunkt zu bringen, und so gefaßt mit ihrer Antwort.

»So, Hurry, das ist genug,« sagte sie, eine Hand erhebend, wie um ihm Einhalt zu thun. »Ich verstehe Euch so gut, als sprächet Ihr noch einen Monat fort. Ihr gebt mir den Vorzug vor andern Mädchen, und wünscht, daß ich Eure Frau würde.«

»Ihr faßt es in bessere Worte, als ich es vermag, Judith, und ich wünschte, Ihr dächtet, ich habe es in solchen Worten ausgedrückt, wie Ihr sie am liebsten hört.«

»Sie sind einfach genug, Hurry, und es ist auch angemessen, daß sie das sind. Es ist jetzt nicht am Orte zu tändeln oder zu täuschen. Hört denn meine Antwort, die in jedem Tüttelchen so aufrichtig seyn soll, wie Euer Antrag. Es ist ein Grund, March, warum ich nie würde –«

»Ich glaube, ich verstehe Euch, Judith; aber wenn ich bereit bin, diesen Grund zu übersehen, so geht das Niemand Etwas an, als mich. Nun, lodert nur nicht so auf, wie der Himmel beim Sonnenuntergang; ich will ja nichts Beleidigendes sagen, und Ihr solltet es nicht so nehmen.«

»Ich lodere nicht auf, und ich nehme Nichts als Beleidigung,« sagte Judith kämpfend, ihre Entrüstung zu unterdrücken, in einer Art, wie sie noch nie früher sich im Falle befunden, mit sich kämpfen zu müssen. »Es ist ein Grund, warum ich nie Euer Weib werden werde, es nicht kann, Hurry, den Ihr zu übersehen scheint, und welchen Euch jetzt zu sagen meine Pflicht ist, so unumwunden, wie Ihr Von mir verlangt habt, es zu werden. Ich liebe Euch nicht so, und weiß gewiß, daß ich Euch nie so lieben werde, daß ich Euch heirathen könnte. Kein Mann kann sich ein Weib wünschen, das ihn nicht allen andern Männern vorzieht; und wenn ich Euch dieß offen sage, werdet Ihr mir, denke ich, selbst danken für meine Aufrichtigkeit.«

»O Judith, die flunkernden, lustigen, scharlachröckigen Officiere von den Garnisonen haben all dieß Unheil angerichtet!«

»Still, March! verläumdet nicht eine Tochter über dem Grab ihrer Mutter! Gebt mir nicht, wenn ich nur ehrlich gegen Euch handeln will, Grund, in der Bitterkeit meines Herzens Unglück auf Euer Haupt herabzurufen! Vergeßt nicht, daß ich ein Weib bin, und Ihr ein Mann seyd; daß ich weder Vater noch Bruder habe, Eure Worte zu rächen.«

»Nun, am Letztern ist Etwas, und ich will nicht Mehr sagen. Nehmt Euch Zeit, Judith, und besinnt Euch eines Bessern.«

»Ich brauche keine Zeit; ich bin längst entschlossen und habe nur gewartet, bis Ihr offen sprechen würdet, um Euch offen zu antworten. Wir verstehen jetzt einander, und weitere Worte nützen Nichts.«

Der heftige, ungestüme Ernst des Mädchens machte den jungen Mann schüchtern, denn nie früher hatte er sie so streng und entschlossen gesehen. Bei ihren meisten frühern Gesprächen hatte sie seine entgegenkommenden Worte mit Ausflüchten oder Spöttereien beantwortet; aber diese hatte Hurry fälschlich für weibliche Koketterie genommen, und geglaubt, sie würden sich leicht in eine Einwilligung verwandeln. Der Kampf in seinem Innern hatte den Antrag betroffen; und nie hatte er im Ernst es für möglich gehalten, daß Judith sich weigern würde, das Weib des schönsten Mannes auf der ganzen Grenze zu werden. Jetzt, als diese Weigerung kam, und das in so entschiednen Ausdrücken, daß alle Spitzfindigkeiten außer Frage gestellt waren, war er, wenn nicht eigentlich betäubt und verwirrt, doch so gekränkt und überrascht, daß er keine Lust zu einem Versuch fühlte, ihren Entschluß wankend zu machen.

»Der Glimmerglas hat jetzt keine große Anziehungskraft für mich,« rief er aus, nachdem er eine Minute geschwiegen. »Der alte Tom ist dahin, die Huronen sind in solcher Menge auf den Küsten, wie Tauben in den Wäldern; und überhaupt wird es nachgerade ein unlieblicher Platz.«

»Dann verlaßt ihn. Ihr seht, er ist von Gefahren umgeben, und es ist kein Grund vorhanden, warum Ihr Euer Leben für Andere aufs Spiel setzen solltet. Auch wüßte ich nicht, wie Ihr uns einen Dienst leisten solltet. Geht, heute Nacht noch; wir wollen Euch nie anklagen, etwas Undankbares oder Unmännliches gethan zu haben.«

»Wenn ich gehe, so ist es mit schwerem Herzen, Eurethalb, Judith; ich nähme Euch lieber mit.«

»Davon kann jetzt nicht mehr die Rede seyn, March; aber ich will Euch ans Land setzen in einem der Canoe’s, sobald es dunkel ist, und Ihr Euch nach der nächsten Garnison flüchten könnt. Wenn Ihr das Fort erreicht, wenn Ihr uns könntet eine Truppe schicken –«

Judith erstarben die Worte im Munde, denn sie fühlte, daß es demüthigend für sie sey, sich so den Bemerkungen und Glossen eines Mannes preiszugeben, der ihr Benehmen gegenüber Allen denen, die in den Garnisonen sich befanden, eben nicht im günstigsten Licht anzusehen geneigt war. Hurry aber faßte die Idee auf; und ohne sie zu verdrehen, wie das Mädchen fürchtete, antwortete er in diesem Sinne.

»Ich verstehe, was Ihr sagen wolltet, und warum Ihr es nicht sagt,« versetzte er. »Wenn ich wohlbehalten in das Fort gelange, soll eine Truppe sich aufmachen zur Verfolgung dieser Vagabunden, und ich will selbst mitkommen; denn es würde mich freuen, Euch und Hetty sicher und wohlbehalten untergebracht zu sehen, ehe wir auf immer scheiden.«

»Ach, Harry March, hättet Ihr immer so gesprochen, so gefühlt, meine Gesinnungen gegen Euch wären wohl jetzt anders!«

»Ist es jetzt zu spät, Judith? Ich bin rauh und ein Waldmann; aber wir ändern uns Alle, wenn man uns anders behandelt, als wir gewohnt gewesen.«

»Es ist zu spät, March. Ich kann nie für Euch, oder irgend sonst einen Mann, Einen ausgenommen, die Gefühle haben, wie Ihr wünscht, daß ich sie gegen Euch hätte. So; ich habe jetzt sicherlich genug gesagt, und Ihr werdet mich nicht weiter mit Fragen bestürmen. Sobald es dunkel ist, setze ich oder der Delaware Euch ans Land; Ihr eilt was Ihr könnt an den Mohawk und zur nächsten Garnison, und schickt uns Beistand so viel Ihr könnt. Und, Hurry, wir sind jetzt Freunde, und ich kann Euch vertrauen, nicht wahr?«

»Gewiß, Judith; obwohl unsre Freundschaft bei weitem wärmer wäre, könntet Ihr mich so ansehen, wie ich Euch!«

Judith zauderte, und eine gewaltige Gemüthsbewegung kämpfte in ihr. Dann, als wäre sie entschlossen, alle Schwächen niederzudrücken und ihre Zwecke auszuführen, auf jede Gefahr hin, sprach sie sich noch offener aus.

»Ihr werdet einen Capitain mit Namen Warley auf dem nächsten Posten finden,« sagte sie, blaß wie der Tod, und zitternd während sie sprach; »Ich halte für wahrscheinlich, daß er sich an die Spitze der Truppe zu stellen wünscht; mir wäre es weit lieber, wenn es ein Andrer wäre. Wenn Capitain Warley zurückgehalten werden könnte, würde es mich sehr glücklich machen.«

»Das ist leichter gesagt, als gethan, Judith; denn diese Officiere thun eben meist was ihnen beliebt. Der Major wird Befehl geben, und Capitains und Lieutenants und Fähndriche müssen gehorchen. Ich kenne den Officier, den Ihr meint, einen rothaussehenden, muntern, lebenslustigen Gentleman, der Madeira hinunterschluckt, genug, um den Mohawk zu ertränken, und doch ein angenehmer Plauderer. Alle Mädels im Thal bewundern ihn; und es heißt, er bewundere alle Mädels. Es wundert mich nicht, wenn er Euch zuwider ist, denn er ist recht ein General-Liebhaber, wenn er auch kein General-Officier ist.«

Judith antwortete nicht, zitterte aber am ganzen Leib, und ihre Farbe wechselte von Weiß in Purpur, und Von Purpur wieder in Todesblässe.

»Ach, meine arme Mutter!« sprach sie jammernd im Geist, statt ein lautes Wort zu äußern; »wir sind über deinem Grabe, aber du weißt wohl nicht, wie sehr deine Lehren vergessen worden sind, deine Sorgfalt verachtet, deine Liebe getäuscht ist!«

Wie sie dieß Nagen des Wurmes fühlte, der nie stirbt, stand sie auf und bedeutete Hurry, daß sie ihm Nichts mehr mitzutheilen habe.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

                                            Jene Stufe
Des Elends, die den Unterdrückten macht
Für Nichts sein eignes Leben achten mehr,
Die macht ihn auch zum Herrn vom Leben seines
Bedrückers.
Coleridge.

Diese ganze Zeit über war Hetty im Vordertheil der Arche sitzen geblieben, kummervoll in das Wasser schauend, das den Leichnam ihrer Mutter barg, so wie den des Mannes, den man sie als ihren Vater anzusehen gelehrt hatte. Hist stand neben ihr in ruhiger Sanftmuth, konnte ihr aber mit Worten keinen Trost bieten. Die Gewohnheiten ihres Volks lehrten sie in dieser Beziehung Zurückhaltung ; und die Art und das Gefühl ihres Geschlechts hieß sie geduldig einen Augenblick abwarten, wo sie ein wohlthuendes Mitgefühl durch die That statt mit Worten an den Tag legen könnte. Chingachgook hielt sich in ernster Zurückhaltung etwas entfernt, wie ein Krieger drein schauend, aber fühlend wie ein Mensch.

Judith trat zu ihrer Schwester mit einer Würde und Feierlichkeit in ihrem Wesen, wie es sonst nicht in ihrer Art war zu zeigen; und obwohl auf ihrem schönen Gesicht noch die Schatten der innern Qual sichtbar waren, sprach sie doch fest und ohne Beben der Stimme. In diesem Augenblick entfernten sich Hist und der Delaware, und begaben sich ans andre Ende des Fahrzeugs zu Hurry.

»Schwester,« begann Judith freundlich, »ich habe Dir Viel zu sagen; wir wollen in dieß Canoe steigen und ein Wenig von der Arche weg rudern – die Geheimnisse von zwei Waisen dürfen nicht von jedem Ohr vernommen werden.«

»Aber gewiß, Judith, von dem Ohr ihrer Eltern. Laß Hurry den Anker lichten und mit der Arche wegfahren, und uns hier allein lassen, neben den Gräbern von Vater und Mutter, damit wir uns sagen, was wir zu sagen haben.«

»Vater!« wiederholte Judith langsam, und das Blut stieg ihr, zum erstenmal wieder, seit sie sich von March getrennt, in die Wangen; »er war nicht unser Vater, Hetty. Das haben wir aus seinem eignen Munde, und zwar in seiner Sterbestunde.«

»Freust Du Dich, Judith, zu erfahren, daß Du keinen Vater gehabt hast? Er sorgte für uns, und nährte uns, und kleidete uns, und liebte uns; ein Vater hätte nicht Mehr thun können. Ich verstehe nicht, warum er nicht unser Vater war.«

»Laß das, liebes Kind, aber wir wollen thun, wie Du gesagt hast. Es ist wohl gut, wenn wir hier bleiben und die Arche ein Wenig weiter fahren lassen. Setze Du das Canoe in Bereitschaft, und ich will Hurry und den Indianern unsre Wünsche sagen.«

Dieß war bald und ohne Weitläuftigkeit gethan; die Arche entfernte sich unter gemessenen Schlägen der großen Ruder etwa hundert Schritte weit von dem Platz, und die Mädchen blieben, fast wie in der Luft schwimmend, über der Begräbnißstätte der Todten, – so schwebend war das leichte Fahrzeug, das sie trug, und so durchsichtig das reine Element, auf dem es ruhte.

»Der Tod des Thomas Hutter,« begann Judith – nachdem eine kleine Pause ihre Schwester vorbereitet hatte, ihre Mittheilungen aufzunehmen, »hat alle unsre Aussichten verändert, Hetty. Wenn er nicht unser Vater war, so sind wir doch Schwestern, und müssen gleiche Gesinnungen haben und miteinander leben.«

»Wie weiß ich, Judith, ob Du nicht ebenso froh seyn würdest, zu erfahren, daß ich nicht Deine Schwester sey, wie Du es darüber bist, daß Thomas Hutter, wie Du ihn nennst, nicht unser Vater war? Ich bin nur halb klug, und wenige Leute haben eine Freude an halbklugen Verwandten; – und dann bin ich nicht schön – wenigstens nicht so schön wie Du – und Du wünschest Dir vielleicht eine schönere Schwester.«

»Nein, nein, Hetty, Du und Du allein bist meine Schwester – mein Herz und meine Liebe zu Dir sagen mir das – und Mutter war meine Mutter – auch darüber bin ich froh und stolz; denn sie war eine Mutter, auf die man stolz seyn durfte; aber Vater war kein Vater!«

»Still, Judith! Sein Geist ist vielleicht in der Nähe; es würde ihn schmerzen, seine Kinder so reden zu hören, und dazu noch über seinem Grabe. Kinder sollten die Eltern nie betrüben, sagte mir die Mutter oft, und besonders nicht, wenn sie todt sind!«

»Arme Hetty! Sie sind vielleicht über alle Sorgen in Beziehung auf uns erhaben! Nichts, was ich sagen oder thun kann, wird Mutter jetzt mehr betrüben – darin liegt wenigstens einiger Trost! – und Nichts, was Du sagen oder thun kannst, wird sie lächeln machen, wie sie im Leben bei Deiner guten Aufführung zu lächeln pflegte.«

»Du weißt das nicht, Judith. Geister können sehen, und Mutter sieht vielleicht so gut als irgend ein Geist. Sie sagte uns immer, Gott sehe Alles was wir thun, und wir sollten Nichts thun, ihn zu beleidigen; und jetzt, nachdem sie uns verlassen hat, will ich mich bestreben, Nichts zu thun, was ihr mißfallen könnte. Denke, wie ihr Geist trauern und sich bekümmern würde, Judith, wenn sie Eine von uns thun sähe, was nicht recht wäre, und Geister sehen ja doch auch; besonders die Geister von Eltern, welche in Sorgen sind um das Wohl ihrer Kinder!«

»Hetty, Hetty – Du weißt nicht was Du sagst!« murmelte Judith, beinahe leichenfahl vor innerer Bewegung. »Die Todten können nicht sehen, und wissen Nichts von dem, was hier vorgeht! Aber wir wollen hievon nicht weiter reden. Die Leichname von Mutter und Thomas Hutter liegen bei einander im See, und wir wollen hoffen, daß die Geister von Beiden bei Gott sind. Daß wir, die Kinder von Jenen, auf Erden zurückbleiben, ist gewiß; wir sollten aber jetzt auch wissen, was wir in der Zukunft anfangen werden.«

»Wenn wir auch nicht Thomas Hutter’s Kinder sind, Judith, wird uns doch Niemand unser Recht auf seine Habe bestreiten. Wir haben das Castell, und die Arche, und die Canoe’s, und die Wälder und die Seeen, gerade wie wenn er noch lebte; und was kann uns hindern, hier zu bleiben und unser Leben hinzubringen gerade so wie bisher?«

»Nein, nein – arme Schwester, das geht nicht mehr. Zwei Mädchen wären hier nicht sicher, sollte es auch diesen Huronen nicht gelingen, uns in ihre Macht zu bekommen. Selbst Vater hatte manchmal Alles, was in seinen Kräften stand, zu thun, um auf dem See unangefochten zu bleiben; und uns würde es ganz und gar nicht gelingen. Wir müssen diesen Platz verlassen, Hetty, und uns in die Anssiedlungen begeben.«

»Es thut mir leid, daß du so denkst, Judith,« versetzte Hetty, ließ den Kopf auf die Brust sinken und blickte nachdenklich hinab auf die Stelle, wo man gerade noch den Leichenhügel ihrer Mutter sehen konnte. »Es thut mir sehr leid, das zu hören. Ich würde lieber hier bleiben, wo ich, wenn nicht geboren bin, doch mein Leben zugebracht habe. Ich mag die Ansiedelungen nicht – sie sind voll Sünde und Herzbrennen, während Gott unbeleidigt in diesen Bergen wohnt. Ich liebe die Bäume, und die Berge, und den See und die Quellen; alles das hat seine Güte uns gegeben, und es würde mich bitter schmerzen, Judith, Alles verlassen zu müssen. Du bist schön, und nicht blos halb klug, und wirst einmal heirathen, und dann wirst du einen Gatten haben, und ich einen Bruder, der für uns sorgt, wenn Frauen wirklich an einem Platze wie dieser nicht für sich selbst sorgen können.«

»Ach! wenn das so seyn könnte, Hetty, dann wahrhaftig könnte ich jetzt tausendmal glücklicher in diesen Wäldern seyn, als in den Ansiedlungen! Sonst fühlte ich nicht so, aber jetzt. Aber wo ist der Mann, der diesen schönen Platz in einen solchen Garten Eden für uns verwandelte?«

»Harry March liebt dich, Schwester,« versetzte die arme Hetty, während sie sprach, unbewußt die Rinde von dem Canoe wegreißend. »Er würde gewiß mit Freuden dein Gatte werden, und ein kräftigerer und muthigerer Jüngling ist nicht zu finden in der ganzen Gegend weit umher.«

»Harry March und ich verstehen einander, und von ihm braucht nicht mehr die Rede zu seyn. Es ist Einer da – doch lassen wir das. Es ist Alles in den Händen der Vorsehung, und wir müssen in Bälde zu einem Entschluß kommen wegen unserer künftigen Lebensweise. Hier bleiben – das heißt, allein hier bleiben, können wir nicht – und vielleicht bietet sich nie eine Gelegenheit dar, so hier zu bleiben, wie du es meinst. Auch ist es Zeit, Hetty, daß wir, so Viel wir können, über unsere Verwandte und unsere Familie zu erfahren suchen. Es ist nicht wahrscheinlich, daß wir ganz ohne Verwandte sind, und vielleicht freuen sie sich, uns zu sehen. Der alte Schrank ist jetzt unser Eigenthum, und wir haben ein Recht, ihn zu durchsuchen, und aus dem was er enthält, so Viel als möglich zu erfahren. Mutter war so verschieden von Thomas Hutter, daß ich jetzt, seit ich weiß, daß wir nicht seine Kinder sind, vor Verlangen brenne, zu erfahren, Wessen Kinder wir denn seyn mögen. Gewiß sind Papiere in jenem Schrank, und diese Papiere geben uns vielleicht allen Aufschluß über unsere Eltern und Blutsfreunde.«

»Nun, Judith, du weißt es am besten, denn du bist ungewöhnlich gescheut, das sagte die Mutter immer, und ich bin nur halb klug. Nunmehr Vater und Mutter todt sind, frage ich nicht mehr Viel nach Verwandten, außer dir, und glaube, ich könnte sie, die ich nie gesehen, nicht so lieben wie ich sollte. Wenn du den Hurry nicht heirathen magst, sehe ich nicht, Wen du zum Mann wählen solltest, und dann fürchte ich, werden wir am Ende doch den See verlassen müssen.«

»Was meinst du von Wildtödter, Hetty?« fragte Judith, indem sie sich vorwärts beugte, wie ihre arglose Schwester, und ihre Verlegenheit auf eine ähnliche Weise zu verhehlen suchte. Wäre das nicht ein Schwager nach deinem Geschmack?«

»Wildtödter!« wiederholte die Andere, in unverstelltem Erstaunen aufschauend; »ei, Judith, Wildtödter ist nicht im Mindesten hübsch, und ist gar kein Mann für Eine wie du bist!«

»Er sieht nicht übel aus, Hetty, und Schönheit ist bei einem Mann nichts Wichtiges.«

»Denkst du so, Judith? Ich weiß, daß Schönheit von keiner großen Wichtigkeit ist, bei Mann oder Weib, in den Augen Gottes; denn Mutter hat mir das oft gesagt, wenn sie dachte, ich möchte traurig darüber seyn, daß ich nicht so schön sey wie du; – obgleich sie darüber hätte ganz ruhig seyn können, denn ich gelüstete nie nach Etwas, das dein ist, Schwester; aber gesagt hat sie mir das; – dennoch aber ist Schönheit in den Augen Beider etwas sehr Einnehmendes, Ich glaube, wenn ich ein Mann wäre, ich würde mehr nach einem guten Aussehen mich sehnen, denn als Mädchen. Ein schöner Mann ist ein viel einnehmenderer Anblick, als ein schönes Weib.«

»Armes Kind! du weißt kaum was du sagst, oder was du meinst! Schönheit bei unserem Geschlecht ist Etwas, aber beim Mann gilt sie Wenig. Gewiß, ein Mann soll groß seyn, aber Andere sind auch groß, so gut wie Hurry: und rüstig – ich denke, ich kenne Solche, die rüstiger sind; – und stark – nun, er hat auch nicht alle Stärke auf der Welt allein; und muthig – sicherlich kann ich einen Jüngling nennen, der muthiger ist.«

»Das ist sonderbar, Judith. Ich hätte nicht geglaubt, daß auf Erden ein schönerer, oder stärkerer, ober rüstigerer, oder muthigerer Mann lebte, als Harry Hurry! Ich bin gewiß, ich sah nie Einen, der ihm in einem dieser Stücke gleichgekommen wäre.«

»Gut, gut, Hetty – sprich davon nicht mehr. Ich höre dich nicht gerne so schwatzen. Es paßt nicht für deine Unschuld, und Wahrheit und deine warmherzige Aufrichtigkeit. Laß den Harry March gehen. Er verläßt uns heute Nacht, und kein Bedauern folgt ihm von meiner Seite, wenn nicht etwa darüber, daß er so lange und so zwecklos dageblieben ist!«

»Ach, Judith, das ist es was ich lange gefürchtet, und ich hoffte so, er würde mein Schwager werden! Denke jetzt nicht mehr daran; laß uns von unserer armen Mutter und von Thomas Hutter sprechen.«

»So sprich denn, aber mild, Schwester, denn du kannst nicht gewiß wissen, ob nicht Geister hören und sehen. Wenn Vater nicht unser Vater war, so war er doch gut gegen uns, und gab uns Nahrung und Obdach. Wir können seine Steine auf ihre Gräber sehen, hier im Wasser, den Leuten das Alles zu erzählen, und so müssen wir es mit unsern Zungen bezeugen.«

»Sie werden sich darum Wenig kümmern, Mädchen. Es ist ein großer Trost, Hetty, zu wissen, daß, wenn Mutter je einen schweren Fehltritt beging, als jung, sie ihn aufrichtig bereute ihr Leben lang; ohne Zweifel wurden ihr ihre Sünden vergeben.«

»Es ist nicht recht an Kindern, Judith, daß sie von ihrer Eltern Sünden sprechen. Wir thäten besser, von unseren eigenen zu sprechen.«

»Von deinen Sünden sprechen, Hetty! – Wenn je eine Creatur auf Erden ohne Sünden war, so bist Du es! Ich wollte, ich könnte dasselbe von mir sagen oder denken; aber wir werden sehen. Niemand weiß, welche Veränderungen die Liebe zu einem guten Gatten im Herzen eines Weibes bewirken kann. Ich glaube, Kind, ich habe schon nicht mehr denselben Geschmack an schönen Putzsachen, wie früher.«

»Es wäre ein Jammer, Judith, wenn du über deiner Eltern Grabe an Kleider dächtest! Wir wollen diesen Platz nie verlassen, wenn Du so sagst, und wollen Hurry ziehen lassen, wohin es ihm beliebt.«

»Ich bin gern bereit, in das Letztere zu willigen, kann aber für das Erster nicht stehen – Wir müssen in Zukunft leben wie es anständigen jungen Mädchen geziemt, und können nicht hier bleiben, um das Geschwätz und der Spaß all der rohen und giftzüngigen Jäger und Fallensteller zu seyn, die an den See kommen. Laß Hurry seiner Wege gehen, und dann will ich Mittel finden, Wildtödter zu sehen, wo dann wegen der Zukunft Alles bald in’s Reine gebracht seyn wird. Komm, Mädchen, die Sonne ist unter, und die Arche entfernt sich von uns; laß uns zu der Fähre hinaufrudern und mit unsern Freunden uns berathen. Heute Nacht werde ich den Schrank durchsuchen und der morgende Tag soll entscheiden, was wir thun wolle». Was die Huronen betrifft, so werden die leicht zu erlaufen seyn, nunmehr wir ohne Scheu mit Thomas Hutter’s Schätzen schalten können. Laß mich nur erst Wildtödter aus ihren Händen befreit haben, so wird Eine Stunde die Dinge in’s Klare bringen.«

Judith sprach mit Entschiedenheit und in gebieterischem Tone, eine Gewohnheit, die sie gegenüber ihrer schwachsinnigen Schwester lange geübt hatte. Aber während sie so gewohnt war, ihren Willen durchzusetzen, mittelst ihres gewandten Benehmens und ihrer Herrschaft über die Sprache, legte Hetty gelegentlich ihren ungestümen Gefühlen und ihren hastigen Handlungen Zügel an, mittelst jener einfachen sittlichen Wahrheiten, die ihren eignen Gedanken und Gefühlen so tief eingeprägt waren, und sie mit einem schönen, milden Glanz durchleuchteten, der eine Art Heiligenschein über so Vieles warf, was sie sagte und that. Im gegenwärtigen Fall besthätigte sich dieser wohlthätige Einfluß, den das Mädchen von schwachem Verstand über ihre Schwester ausübte, die unter andern Umständen durch ihren Geist hätte glänzen und Bewunderung einten können – in der gewöhnlichen einfachen und ernsten Weise.

»Du vergißt, Judith, was uns hierhergeführt,« sagte sie im Tone des Vorwurfs. »Dieß ist der Mutter Grab, und eben erst haben wir Vaters Leichnam neben Ihr versenkt. Wir haben Unrecht gethan, so viel von uns zu sprechen an einem solchen Orte, und wir sollten jetzt zu Gott beten, uns zu vergeben, und ihn bitten, uns zu lehren, wohin wir gehen, und was wir thun sollen.«

Judith legte halb unwillkührlich ihr Ruder beiseite, wahrend Hetty auf ihre Kniee sank, und bald in ihrem andächtigen aber einfachen Gebete ganz verloren war, Ihre Schwester betet« nicht. Schon lange that sie es nicht mehr eigentlich und förmlich, obwohl geistige Leiden und Qualen ihr häufig hastige, stumme, innere Anrufungen des großen Urquells alles Segens erpreßten, um Hülfe, wo nicht um Erneuerung des Geistes. Doch sah sie nie Hetty knieen, ohne daß ein Gefühl wehmüthig süßer Erinnerung, so wie tiefer Betrübniß über die Erstorbenheit ihres eignen Herzens über sie kam. Das hatte sie selbst auch in der Kindheit gethan und selbst bis zu der Stunde ihrer unseligen Besuche in den Garnisonen, und sie hätte gern in solchen Augenblicken Welten darum gegeben, wenn sie im Stande gewesen wäre, ihre jetzigen Empfindungen zu vertauschen gegen den vertrauensvollen Glauben, die reinen, erhebenden Gefühle und die milde Hoffnung, welche jeden Zug und jede Bewegung ihrer sonst weniger begünstigten Schwester verklärten. Aber Alles was sie thun konnte, war, daß sie ihr Haupt auf die Brust sinken ließ, und in ihren Geberden und Haltung Etwas von der Andacht annahm, in welche recht einzustimmen ihr verstockter Geist sich weigerte.

Als Hetty nach ihrem Knieen wieder aufstand, zeigte ihre Miene einen Glanz und eine Heiterkeit, die ein immer angenehmes Angesicht wirklich schön machten. Ihr Gemüth hatte Frieden, und ihr Gewissen sprach sie wegen Versäumniß ihrer Pflicht frei.

»Jetzt magst du gehen, wenn du Lust hast, Judith,« sagte sie; »Gott ist gütig gegen mich gewesen, und hat mir eine Last vom Herzen genommen. Mutter hatte viele solche Lasten, so pflegte sie mir zu sagen, und schaffte sie sich immer auf solche Weise vom Herzen. Es ist die einzige Weise, Schwester, wie man so etwas thun kann. Einen Stein, oder ein Stück Holz kannst du mit der Hand aufheben; aber das Herz muß durch’s Gebet erleichtert werden. Ich meine, du betest nicht mehr so oft, Judith, als da du jünger warest!«

»Laß das – laß das, Kind,« antwortete Judith mit hohler Stimme – »davon handelt es sich jetzt nicht. Mutter ist dahin, und Thomas Hutter ist dahin, und die Zeit ist gekommen, wo wir für uns selbst denken und handeln müssen.«

Während das Canoe sich von der Stelle entfernte, unter den leisen Ruderschlägen der ältern Schwester, saß die jüngere in sinnendem Brüten da, wie sie pflegte, so oft ihr Geist durch eine abstraktere und schwerer zu fassende Idee beschäftigt und verwirrt war.

»Ich weiß nicht, was Du unter Zukunft verstehst, Judith,« bemerkte sie am Ende plötzlich. »Mutter pflegte den Himmel die Zukunft zu nennen, aber du scheinst damit die nächste Woche oder den morgenden Tag zu meinen.«

»Es bedeutet beides, liebe Schwester; Alles was noch kommen, soll in dieser Welt oder in einer andern. Es ist ein ernstes Wort, und am ernstesten, fürchte ich, für diejenigen, die am wenigsten daran denken. Der Mutter Zukunft ist die Ewigkeit; die unsrige kann noch bedeuten, was uns begegnen wird, so lange wir in dieser Welt leben – ist das nicht ein Canoe, was eben hinter dem Castell vorüberfährt? – Dort, mehr in der Richtung des Vorsprungs meine ich; es ist versteckt, jetzt; aber gewiß, ich sah ein Canoe hinter die Stämme sich stehlen.«

»Ich habe es schon einige Zeit gesehen,« versetzte Hetty ruhig, denn die Indianer hatten wenig Schreckliches für sie, »aber ich hielt es nicht für recht, über der Mutter Grab von solchen Dingen zu schwatzen. Das Canoe kam von dem Lager her, Judith, und ward gerudert von einem einzigen Manne; und der schien mir Wildtödter und kein Irokese zu seyn.«

»Wildtödter!« erwiederte die Andere wieder ganz mit ihrem natürlichen Ungestüm. »Das kann nicht seyn! Wildtödter ist ein Gefangener, und ich habe auf Mittel gedacht, ihn frei zu machen. Warum bildest du dir ein, es sey Wildtödter, Kind?«

»Du kannst selbst schauen, Schwester, da kommt uns das Canoe wieder zu Gesicht, diesseits der Hütte.«

Wirklich war das leichte Boot an dem Gebäude vorbeigefahren und näherte sich jetzt stetig der Arche, wo die an Bord befindlichen Personen sich schon im Vordertheile der Fähre zusammendrängten, um den Besuch zu empfangen. Ein einziger Blick genügte, Judith die Gewißheit zu verschaffen, daß ihre Schwester Recht hatte, und Wildtödter allein in dem Canoe sich befand. Aber sein Herankommen war so still und gemächlich, daß sie sich darüber wundern mußte, da ein Mann, dem es gelungen, seinen Feinden durch List oder Gewalt zu entfliehen, schwerlich im Stand seyn könnte, mit der Stetigkeit und Bedächtlichkeit sich zu bewegen, womit sein Ruder das Wasser durchschnitt. Mittlerweile neigte sich der Tag stark zum Ende, und man sah die Gegenstände an den Küsten nur noch dämmernd. Auf der Breite des See’s jedoch weilte noch das Licht, und gerade unmittelbar um die Scene der gegenwärtigen Ereignisse her, die weniger beschattet war als die meisten Gegenden des See’s, in dessen größter Breite sie lag, goß es einen Schimmer aus, der eine schwache Aehnlichkeit hatte mit den warmen Tinten eines italienischen oder griechischen Sonnenuntergangs. Die Stämme der Hütte und der Arche bekamen eine Art Purpurfarbe, vermischt mit der wachsenden Dunkelheit, und die Rinde an des Jägers Boot verlor ihre schärfere Deutlichkeit in reicheren aber weicheren Farben, als die sie beim hellen Sonnenglanz gezeigt hatte. Als die beiden Canoe’s sich einander näherten – denn Judith und ihre Schwester hatten sich mit ihren Ruderschaufeln so gerührt, daß sie dem unerwarteten Besuch begegneten, noch eh‘ er die Arche erreichte – da hatte selbst Wildtödters sonnverbranntes Gesicht ein glänzenderes Aussehen als gewöhnlich, unter den lieblichen Tinten, die in der Atmosphäre zu tanzen schienen. Judith bildete sich ein, die Freude, sie wieder zu sehen, habe einigen Antheil an diesem ungewohnten, einnehmenden Ausdruck, Sie wußte nicht, daß ihre eigne Schönheit in Folge derselben natürlichen Ursache sich noch vortheilhafter als gewöhnlich darstellte; auch wußte sie nicht, was zu wissen ihr eine so große Freude gemacht hätte, daß wirklich der junge Mann sie, als sie ihm näher kam, für die anmuthigste Creatur ihres Geschlechtes hielt, die seine Augen je gesehen.

»Willkommen – willkommen, Wildtödter!« rief das Mädchen, als die Canoes an einander heranschwammen, nachdem die Ruder ihre Dienste eingestellt hatten; »wir haben einen traurigen – einen entsetzlichen Tag gehabt – aber Eure Rückkehr ist wenigstens Ein Unglück weniger. Sind die Huronen menschlicher geworden, und haben Euch gehen lassen; ober seyd Ihr den Elenden durch Euern Muth und Eure Geschicklichkeit entkommen?«

»Keines von beiden, Judith, weder das eine noch das andere. Die Mingo’s sind noch Mingo’s, und werden als Mingo’s leben und sterben; es ist nicht wahrscheinlich, daß ihre Natur je eine Verbesserung erfahren wird. Nun, sie haben ihre Gaben, und wir die unsrigen, Judith, und es geziemt sich auch nicht, übel zu reden von dem, was der Herr geschaffen hat; obwohl, wenn ich die Wahrheit sagen soll, ich es eine harte Probe finde, mild zu denken, oder mild zu reden von jenen Vagabunden. Was das betrifft, sie zu überlisten, so hätte das wohl geschehen können, und es ist auch geschehen, von der Schlange dort und von mir, als wir Hist auf der Spur waren –« hier hielt der Jäger inne und lachte in seiner geräuschlosen Weise; – »aber es ist nicht so leicht, den Ueberlisteten wieder zu überlisten. Selbst die Rehe lernen die Schliche der Jäger kennen, eh‘ Eine Jagdzeit vorüber ist; und ein Indianer, dem einmal durch eine Ueberlistung die Augen geöffnet worden sind, schließt sie nimmer wieder genau an demselbigen Platz. Ich habe weiße Männer gekannt, die das thaten, aber nie eine Rothhaut. Was sie lernen, das lernen sie durch Erfahrung, und nicht durch Bücher; und unter allen Schulmeistern gibt die Erfahrung die am längsten im Gedächtniß haftenden Lehren.«

»Das ist Alles wahr, Wildtödter; aber wenn Ihr den Wilden nicht entwischt seyd, wie kommt Ihr denn hieher?«

»Das ist eine natürliche Frage und zum Bezaubern gestellt. Ihr seyd wirklich wunderbar hübsch diesen Abend, Judith, oder Wilde Rose, wie Schlange Euch nennt, und wie ich wohl auch sagen darf, da ich in allem Ernst so denke. Ihr mögt sie wohl Mingo’s nennen, und Wilde auch, denn wild genug sind sie gesinnt. und wild genug handeln sie, sobald Ihr ihnen einmal Gelegenheit gebt. Sie empfinden ihren Verlust hier, bei dem letzten Scharmützel, bis ins innerste Herz, und sind bereit, ihn an jeder Creatur von englischem Blute zu rächen, die ihnen in den Weg kommen mag. Ja, was das betrifft, ich glaube, sie würden sich auch nicht besinnen, ihre Genugthuung an einem Holländer zu nehmen.«

»Sie haben Vater getödtet; das sollte ihren ruchlosen Blutdurst befriedigen,« bemerkte Hetty in vorwurfsvollem Tone.

»Ich weiß es, Mädchen – ich weiß die ganze Geschichte – theils aus dem, was ich von der Küste aus gesehen habe, denn sie führten mich von dem Landvorsprung dahin, – theils aus ihren Drohungen gegen mich und ihren übrigen Reden. Nun, das Leben ist im besten Fall ein ungewisses Ding, und wir Alle hängen Tag für Tag in dieser Beziehung vom Athem unsrer Nase ab. Wenn Ihr einen kräftigen Freund und Beschützer verloren habt, wie ich das nicht bezweifle, so wird Euch die Vorsehung neue an seiner Statt erwecken; und sintemal unsre Bekanntschaft auf diese ungewöhnliche Art begonnen hat, will ich dieß als einen Wink ansehen, daß es in Zukunft auch zu meiner Pflicht gehört, falls sich Gelegenheit zeigt, Sorge zu tragen, daß Ihr keinen Mangel an Lebensmitteln leidet im Wigwam. Ich kann die Todten nicht wieder zum Leben bringen, aber die Lebenden zu ernähren – darin thun es mir Wenige zuvor auf dieser ganzen Grenze, was ich aber nur aus Mitleid und zum Trost für Euch sage, und keineswegs in der Absicht zu prahlen!«

»Wir verstehen Euch, Wildtödter,« versetzte Judith hastig, »und nehmen Alles, was von Eurem Munde kommt, so wie es gemeint ist, in Wohlwollen und Freundschaft. Wollte Gott, alle Männer hätten so wahrhafte Zungen und so redliche Herzen!«

»In der Hinsicht sind die Menschen verschieden, ganz gewiß, Judith. Ich habe Solche gekannt, denen nicht weiter zu trauen war, als man sie mit Augen sehen konnte; und wieder Andere, auf deren Botschaften, mit einem kleinen Stück Wampum gesandt, man sich vielleicht ebenso sicher verlassen konnte, als sähe man das ganze Geschäft vor Augen beendigt. Ja, Judith, Ihr spracht nie ein wahreres Wort, als da Ihr sagtet, auf manche Männer könne man sich verlassen, und auf Andere nicht.«

»Ihr seyd ein unbegreifliches Wesen, Wildtödter,« versetzte das Mädchen, nicht wenig verdutzt über die fast kindische Einfalt, die der Jäger so oft verrieth – eine so auffallende Einfalt, daß sie ihn nicht selten auf die gleiche Stufe mit der Schwachsinnigkeit Hettys zu stellen schien, obgleich immer gehoben durch die schöne, sittliche Wahrheit, die durch Alles durchschimmerte, was dieß unglückliche Mädchen sagte und that. »Ihr seyd ein höchst unerklärlicher Mann, und ich weiß oft nicht, wie ich Euch verstehen soll. Aber für jetzt lassen wir das; Ihr habt vergessen uns zu sagen, auf welche Weise Ihr hieher gekommen.«

»Ich! – Oh, das ist nicht sehr unerklärlich, wenn auch ich selbst es bin, Judith. Ich bin auf Urlaub

»Urlaub! Das Wort hat eine Bedeutung unter den Soldaten, die ich verstehe; aber was es bedeutet, gebraucht von einem Gefangnen, wüßte ich nicht zu sagen.«

»Es bedeutet gerade dasselbe. Ihr habt ganz Recht; die Soldaten gebrauchen das Wort, und gerade in demselben Sinne wie ich. Ein Urlaub ist das, wenn ein Mann Erlaubniß hat, ein Lager oder eine Garnison für eine gewisse, festbestimmte Zeit zu verlassen, nach deren Ablauf er zurückkommen und seine Muskete schultern, oder sich seinen Martern unterwerfen muß, je nachdem er zufällig ein Soldat oder ein Gefangner ist. Da das Letztere bei mir der Fall ist, so habe ich nothwendig auch die Aussichten einer Gefangenen.«

»Haben Euch die Huronen so gehen lassen, ohne Wache oder Begleitung?«

»Gewiß – ich konnte auf keine andere Weise kommen, es hätte denn durch eine kühne Erhebung oder durch Ueberlistung seyn müssen.«

»Welches Pfand haben sie denn, daß Ihr wieder kommen werdet?«

»Mein Wort,« antwortete der Jäger einfach. »Ja, ich gesteh‘ es, das gab ich ihnen, und große Narren wären sie gewesen, hätten sie mich ohne Das gehen lassen! Ha, in dem Fall wäre ich dann nicht genöthigt gewesen zurückzukommen, und mich allen Teufeleien zu unterwerfen, die ihre Wuth ausdenken mag, sondern hätte meine Büchse auf die Schulter und meinen Weg nach den Dörfern der Delawaren rasch unter die Füße nehmen können. Aber, o Herr! Judith, sie wußten das gerade so gut wie Ihr und ich, und wollten mich so wenig fort lassen, ohne meine Zusage, wieder kommen zu wollen, als sie die Wölfe die Gebeine ihrer Väter würden aufscharren lassen.«

»Ist’s möglich, denkt Ihr diese That unerhörter Selbsthinopferung und Gleichgültigkeit gegen Euer Leben zu begehen?«

»Was meint Ihr?«

«Ich frage, ist es möglich, daß Ihr glaubt im Stande zu seyn, Euch wieder in die Gewalt so grausamer Feinde zu liefern, indem Ihr Euer Wort haltet?«

Wildtödter starrte die schöne Fragerin einen Augenblick mit finsterm Mißfallen an. Dann veränderte sich plötzlich der Ausdruck seines ehrlichen und arglosen Gesichts, und glänzte auf wie von einem raschen Gedanken erleuchtet; dann lachte er in seiner gewohnten Weise.

»Ich verstand Euch anfänglich nicht, Judith, nein, wahrlich nicht! Ihr meint, Chingachgook und Harry Hurry würden es nicht leiden; aber Ihr kennt, wie ich sehe, die Menschen noch nicht von Grund aus. Der Delaware wäre der letzte Mann auf der Welt, der Einwendungen machte gegen das, was er als Pflicht erkannt; und was March betrifft, so kümmert er sich zu wenig um irgend eine Creatur außer sich selbst, um viele Worte über einen solchen Gegenstand zu verlieren. Doch wenn er es auch thäte, es machte nicht viel Unterschied; aber er thut es nicht – denn er denkt mehr an seinen Gewinn als selbst an sein eignes Wort. Meine Zusagen, oder die Eurigen, Judith, oder die von sonst Jemand, die fechten ihn wenig an. Seyd daher ganz unbesorgt. Mädchen; man wird mich zurückkehren lassen gemäß dem Urlaub; und wenn Schwierigkeiten erhoben würden, so bin ich nicht in den Wäldern aufgewachsen und erzogen, wenn man so sagen darf, ohne daß ich gelernt hätte, wie ich sie überwinden könnte.«

Judith antwortete eine Weile nicht. All ihre Gefühle als Weib, – und als Weib, das zum ersten Mal in ihrem Leben anfing jenem Gefühle sich hinzugeben, welches so großen Einfluß auf das Glück oder das Elend ihres Geschlechtes übt – empörten sich gegen das grausame Schicksal, das, wie sie dachte, Wildtödter sich zuziehen würde, während das Rechtsgefühl, das Gott in jede Menschenbrust gepflanzt hat, sie eine so unbezwingliche und anspruchslose Rechtlichkeit bewundern hieß, wie diejenige, welche der Andere zu unbewußt an den Tag legte. Gründe und Zureden, fühlte sie, waren fruchtlos; auch war sie in diesem Augenblick nicht geneigt, die Würde und die sittliche Hochherzigkeit, welche in den Gesinnungen des Jägers so auffallend hervortraten, zu schwächen durch den Versuch, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Daß noch Etwas eintreten könne, was die Nothwendigkeit dieser Selbsthinopferung ersparte, bestrebte sie sich zu hoffen; und dann erkundigte sie sich genauer nach dem Verhalt der Sachen, um ihre Handlungsweise nach ihrer Kenntniß der Umstände einrichten zu können.

»Wann ist Euer Urlaub aus, Wildtödter?« fragte sie, nachdem beide Canoe’s der Arche mit dem Vordertheile sich näherten, und mit kaum bemerklichen Ruderschlägen durch das Wasser dahinglitten.

»Morgen Mittag, – nicht eine Minute früher; und Ihr könnt Euch darauf verlassen, Judith, ich werde, was ich eine christliche Gesellschaft nenne, nicht einen Augenblick früher verlassen, als es schnurstracks nothwendig ist, um hinzugehen, und mich den Vagabunden dort auszuliefern. Sie fangen an, einen Besuch aus den Garnisonen zu besorgen, und wollten mir keine Minute länger zugeben; und es ist so ziemlich unter uns ausgemacht, daß, falls ich den Zweck meiner Sendung verfehle, die Martern anfangen sollen, wenn die Sonne anfängt unterzugehen, damit sie, sobald es dunkel ist, ihren Heimzug antreten können.«

Dieß ward in ernstem Tone gesprochen, als wenn der Gedanke an das, was seiner, wie er glaubte, wartete, ziemlich auf der Seele des Gefangenen lastete, und doch so einfach, und ohne seine Bedrängniß zur Schau zu stellen, daß offene Kundgebungen des Mitgefühls eher zurückgewiesen als herausgefordert wurden.

»Sind sie darauf erpicht, ihre Verluste zu rächen?« fragte Judith mit schwacher Stimme, da ihr eigner hoher Geist den Einfluß von des andern ruhiger aber würdevoller Rechtlichkeit und Entschlossenheit fühlte.

»Nicht wenig, wenn ich die Gelüste von Indianern aus den Anzeichen zu beurtheilen verstehe. Sie meinen zwar, ich vermuthe ihre Absichten nicht, so scheint es mir; aber Einer, der so lang unter Menschen von Rothhautgaben gelebt hat, läßt sich so wenig täuschen über indianische Gefühle, als ein ächter Jäger die Spur seines Wildes, oder ein tüchtiger Hund seine Witterung verliert. Mein eignes Urtheil verspricht mir wenig für mein Entkommen, denn ich sehe, daß die Weiber sehr erbost sind wegen Hist’s, obwohl ich das sage, der ich es eigentlich nicht sagen sollte, sintemal ich selbst die Hand dabei im Spiel hatte, das Mädchen los zu kriegen. Dann geschah in der letzten Nacht im Lager ein grausamer Mord, und jene Kugel hätte eben so gut durch meine Brust geschossen werden mögen. Indessen, komme was da will, Schlange und sein Weib werden gerettet seyn, und das ist immerhin ein Glück.«

»Oh! Wildtödter, sie werden sich eines Bessern besinnen, da sie Euch bis morgen Mittag Zeit gegeben haben, Euch in Eurem Gemüth zu fassen.«

»Ich denke nicht, Judith; ja, ich denke nicht. Ein Indianer ist ein Indianer, Mädchen, und es ist eine ziemlich leere Hoffnung, ihn zu täuschen, wenn er die Witterung bekommen hat, und sie verfolgt mit vorgestreckter Nase. Die Delawaren sind jetzt ein halb christlich gemachter Stamm – nicht daß ich eine solche Art von Christen für viel besser hielte, als die Vollblut-Ungläubigen – aber dennoch, was ein halbes Christenthum einem Mann Gutes bringen kann, dessen sind Einige unter ihnen theilhaft geworden, und doch haftet die Rachsucht noch fest an ihren Herzen, wie die verworrenen Schlingpflanzen hier an dem Baume! Dann hab‘ ich einen ihrer besten und kühnsten Krieger getödtet, wie sie sagen, und es wäre zu Viel, wenn man erwarten wollte, sie würden, wenn sie den Mann, der die That gethan, auf eben dem Streifzug, wo sie vorfiel, gefangen nehmen, ihm die Sache nicht in Rechnung bringen. Wäre ein Monat oder so darüber hingegangen, so würden ihre Gefühle sich gelegt haben, und wir hätten uns vielleicht freundschaftlicher verglichen, aber wie es ist, so ist es. Judith, wir sprechen da immer nur von mir und meinen Ungelegenheiten, während Ihr Noth genug gehabt habt, und vielleicht einen Freund ein Wenig über Eure Angelegenheiten zu Rathe zu ziehen wünscht. Ist der alte Mann in’s Wasser versenkt, wo, wie ich mir denke, sein Leichnam gern ruhen würde?«

»Das ist er, Wildtödter,« antwortete Judith in fast unhörbarem Tone. »Diese Pflicht ist so eben erfüllt worden. Ihr vermuthet recht, daß ich einen Freund zu Rathe zu ziehen wünsche; und der Freund seyd Ihr. Harry Hurry steht im Begriff, uns zu verlassen; wenn er fort ist, und wir ein Wenig über die Gefühle dieser ernsten Pflichterfüllung hinweg sind, werdet Ihr mir, hoffe ich, eine Stunde allein gönnen. Hetty und ich sind in Ungewißheit und Verlegenheit, was thun.« »Das ist ganz natürlich, da die Dinge so plötzlich und fürchterlich gekommen sind. Aber da ist die Arche, und wir wollen hievon Mehr sprechen bei besserer Gelegenheit.«

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Die stärksten Stürm‘ auf höchsten Bergen wehen,
Die Ruhe wohnet unten in dem Thal;
Die gleiten leicht, die auf dem Eise gehen,
Sie finden Sorgen, der Vorwitz’gen Qual;
Wer stille lebt, und damit ist begnügt.
Geht Allen uns an ächter Weisheit vor;
Wer diese Lehre haßt, der heiß‘ ein Thor!
Churchyard.

Die Begrüßung zwischen Wildtödter und seinen Freunden auf der Arche war ernst und beklommen. Die beiden Indianer besonders erriethen aus seinem ganzen Wesen, daß er nicht ein glücklich Entflohener war, und wenige bedeutsame Worte genügten, ihnen die Natur des Urlaubs verständlich zu machen, wie ihr Freund sich ausgedrückt hatte. Chingachgook wurde sogleich nachdenklich; während Hist, wie gewöhnlich, ihre Theilnahme nicht besser kund zu geben wußte, als mittelst jener kleinen Aufmerksamkeiten, welche der liebevollen Art des Weibes eigenthümlich sind.

In wenigen Minuten jedoch war eine Art von allgemeinem Plan für das was in der Nacht geschehen sollte, angenommen, und ein uneingeweihter Beobachter hätte nach dem ersten Augenschein glauben können, es bewege sich Alles im gewöhnlichen Geleise. Es wurde jetzt nachgerade dunkel, und es ward beschlossen, die Arche zum Castell hinaufzurudern, und sie an ihrem gewohnten Ankerplatz in Sicherheit zu bringen. Zu diesem Entschluß war man zum Theil gekommen in Betracht des Umstandes, daß alle Canoe’s wieder im Besitz ihrer rechtmäßigen Eigenthümer waren; besonders aber in Folge der Sicherheit, in die man sich nach Wildtödters Angaben versetzt glaubte. Er hatte den Stand der Dinge unter den Huronen genau geprüft, und war überzeugt, daß sie während der Nacht keine weiteren Feindseligkeiten beabsichtigten, da der erlittene Verlust sie für den Augenblick zu ferneren Anstrengungen nicht geneigt machte. Dann hatte er auch einen Antrag mitzutheilen – der eigentliche Zweck seines Besuchs; und wenn dieser angenommen wurde, war der Krieg zwischen den Parteien auf einmal zu Ende; und es war unwahrscheinlich, daß die Huronen das Gelingen eines Entwurfs, an welchen offenbar ihre Häuptlinge ihr Herz gehängt hatten, dadurch im Voraus vereiteln würden, daß sie vor der Rückkehr des Gesandten wieder etwas Gewaltsames unternahmen.

Sobald die Arche gehörig in Sicherheit gebracht war, beschäftigten sich die verschiedenen Glieder der Gesellschaft jedes auf die ihm eigenthümliche Art; denn Hast und Uebereilung im Rath oder in der Entschließung gehörte so wenig zu der Verfahrungsart der auf der Grenze lebenden Weißen, als zu der ihrer rothen Nachbarn. Die Mädchen machten sich mit Vorbereitungen für die Abendmahlzeit zu thun, trüb und schweigsam, aber doch immer für die ersten Bedürfnisse der Natur sorgend.

Hurry machte sich beim Licht eines Feuerbrandes daran, seine Moccasins auszubessern; Chingachgook saß in düsterem Nachdenken da, während Wildtödter in einer Weise, die ebenso wenig Affektation als Unruhe verrieth, Killdeer, die Büchse Hutter’s besichtigte, deren schon einmal Erwähnung geschah, und die später so berühmt wurde in den Händen des Individuums, das jetzt ihre Vorzüge genau untersuchte. Das Gewehr war etwas länger als gewöhnlich, und kam augenscheinlich aus der Werkstätte eines ausgezeichneteren Waffenschmids. Es hatte einige wenige silberne Ornamente, obwohl die meisten Grenzmänner es im Ganzen für ein gewöhnliches Gewehr würden genommen haben, denn seine Hauptverdienste bestanden in der Genauigkeit, womit es gezogen war, in der Vollkommenheit der einzelnen Bestandtheile, und in der Trefflichkeit des Metalls. Zu wiederholten Malen lehnte der Jäger die Schwanzschraube an seine Schulter und prüfte mit dem Auge das Visir, und eben so oft beugte er sich mit dem Leibe vor, und erhob langsam die Waffe, wie im Begriff auf ein Wild zu zielen, um ihre Wucht zu erproben, und sich ihrer Tüchtigkeit zu raschem und genauem Feuern zu versichern. Alles dieß that er bei Hurry’s Fackel, unbefangen und einfach, aber mit einem Ernst und Eifer, welche jeder Beobachter, der zufällig die eigentliche Lage des Mannes gekannt hätte, rührend gefunden haben würde.

»Es ist eine prächtige Waffe, Hurry!« rief endlich Wildtödter, »und man könnte es Jammerschade finden, daß sie in die Hände von Weibern gefallen ist. Die Jäger haben mir von ihren Thaten erzählt; und nach Allem, was ich gehört, möchte ich behaupten, daß sie in erfahrenen Händen der sichere Tod ist. Hört nur das Schnellen dieses Schlosses – eine Wolfsfalle hat keine kräftigere Feder; Hahn und Pfanne stimmen zusammen und verstehen sich, wie zwei Singmeister, die zusammen einen Psalm singen. Ich habe nie einen so schön gebohrten Lauf gesehen, Hurry, das ist gewiß!«

«Ja, der alte Tom pflegte große Stücke auf das Gewehr zu halten, obgleich er nicht der Mann war, die Tugenden irgend einer Art von Feuerwaffen in der Praxis zu erproben,« versetzte March, indem er die Wildlederriemen mit der Kaltblütigkeit eines Schuhflickers durch den Moccasin zog. »Er war kein Schütze, das müssen wir Alle gestehen; aber er hatte seine guten Seiten, so wie seine schlimmen. Ich hatte die Hoffnung gehegt, Judith würde auf die Idee kommen, Killdeer mir zu geben.«

»Man kann nie dafür stehen, was junge Weiber thun werden, das ist gewiß, Hurry; und ich denke, Ihr habt so viel Aussicht, die Büchse zu bekommen, als ein Anderer. Dennoch, wenn die Dinge der Vollkommenheit so sehr nahe kommen, ist es Schade, wenn sie sie nicht erreichen.«

»Was wollt Ihr damit sagen? Würde sich nicht dieß Gewehr auf meiner Schulter so gut ausnehmen, als auf der irgend eines Mannes?«

»Was das Aussehen betrifft, so sage ich davon nichts. Ihr seht beide gut aus, und möchtet wohl, was man ein gut aussehendes Paar nennt, machen. Aber der Hauptpunkt liegt im Thun und Handeln. Mehr Wild würde in Einem Tage durch dieß Gewehr in der Hand gewisser Männer fallen, als in der Eurigen binnen einer Woche, Hurry! Ich habe Euch die Probe machen sehen; – Ihr erinnert Euch des Hirsches dieser Tage?«

»Der Hirsch war außer der Wildpretjahrszeit; und wer mag Wildpret schießen außer seiner Jahrszeit? Ich wollte nur die Creatur erschrecken, und ich denke, Ihr werdet gestehen müssen, er gerieth in nicht kleine Bestürzung!«

»Gut, gut, Ihr sollt Euren Willen haben. Aber das ist ein herrenmäßiges Gewehr, und würde einen mit steter Hand und raschem Auge zum König der Wälder machen.«

»Dann behaltet es, Wildtödter, und werdet König der Wälder!« sagte Judith ernst, die dem Gespräch zugehört, und ihr Auge nie abgewandt hatte von dem ehrlichen Gesicht des Jägers. »Es kann nie in bessere Hände kommen, als in denen es jetzt ist, und darin wird es, hoffe ich, fünfzig Jahre bleiben!«

»Judith, es kann Euch nicht Ernst seyn!« rief Wildtödter, so überrascht, daß er mehr Aufregung zeigte, als er sonst bei gewöhnlichen Gelegenheiten blicken ließ. »Ein solches Geschenk könnte wohl ein wirklicher König machen; ja, und ein wirklicher König annehmen!«

»Es war mir nie in meinem Leben größerer Ernst, Wildtödter; und es ist mir ebenso Ernst mit dem Wunsch wie mit dem Geschenk.« »Gut, Mädchen, gut, wir werden Zeit finden, wieder davon zu sprechen. Ihr müßt nicht niedergeschlagen seyn, Hurry, denn Judith ist ein flinkes Mädchen und sie hat einen raschen Verstand; sie weiß, daß der Ruf von ihres Vaters Büchse sichrer ist in meinen Händen, als er es möglicher Weise in Euren Händen seyn kann; und darum müßt ihr nicht niedergeschlagen seyn. In andren Dingen und zwar in solchen, die mehr nach Eurem Geschmack sind, werdet Ihr sehen, daß sie Euch den Vorzug gibt.«

Hurry machte seinem Mißvergnügen mit Brummen Luft; aber er war zu begierig, den See zu verlassen und seine Vorkehrungen hiefür zu treffen, als daß er seinen Athem über einen Gegenstand dieser Art hätte verschwenden sollen. Bald nachher war das Nachtessen bereit, es ward in Schweigen eingenommen, wie es meist die Gewohnheit derjenigen ist, welche die Tafel nur als einen Platz der physischen Erquickung betrachten. Im gegenwärtigen Falle jedoch trugen Traurigkeit und Nachdenken auch ihren Theil zu der allgemeinen Abneigung gegen eine Unterhaltung bei; denn Wildtödter machte in so weit eine Ausnahme von den Gewohnheiten der Leute seiner Gattung, daß er nicht nur gerne bei solchen Gelegenheiten ein Gespräch anknüpfte, sondern oft auch in seiner Gesellschaft dieselbe Lust dazu rege machte.

Nachdem die Mahlzeit zu Ende, und der bescheidene Apparat entfernt war, versammelte sich die ganze Gesellschaft auf der Plattform, um die erwartete Mitteilung von Wildtödter über den Zweck seines Besuchs zu vernehmen. Es war unverkennbar, daß er nicht eilte, seine Mittheilung zu machen; aber Judiths Gefühle duldeten keinen längern Aufschub. Stühle wurden aus der Arche und der Hütte gebracht, und alle Sechse setzten sich in einen Kreis nahe bei der Thüre, und beobachteten Eines des Andern Gesicht, so gut sie es vermochten bei dem spärlichen Licht, das eine liebliche, sternhelle Nacht bot. Die Küste entlang, unter den Bergen, lag die gewöhnliche Masse schwereren Dunkels; aber auf die Breite des See’s fiel kein Schatten und tausend Bilder der Sterne tanzten in dem durchsichtigen Element, das von der Abendluft nur so weit aufgeregt wurde, um sie alle schwankend und bewegt erscheinen zu lassen.

»Jetzt, Wildtödter,« begann Judith, deren Ungeduld keinen weitern Zwang litt; »jetzt, Wildtödter, sagt uns Alles, was die Huronen uns entbieten, und den Grund, warum sie Euch auf Parole entlassen haben, um uns ein Anerbieten zu machen.«

»Urlaub, Judith, Urlaub ist das Wort; und es hat dieselbe Bedeutung bei einem Gefangenen, dem man einige Freiheit gönnt, wie bei einem Soldaten, dem man gestattet, seine Fahnen zu verlassen. In beiden Fällen wird das Wort gegeben, zurückzukommen; und jetzt erinnere ich mich gehört zu haben, daß das die wirkliche Bedeutung ist, da Urlaub so viel heiße als ein Wort, darauf gegeben, daß man etwas thun wolle, oder dergleichen. Parole, glaube ich beinahe, ist holländisch, und hat Etwas mit dem Zapfenstreich der Garnisonen zu schaffen. Aber das macht weiter keinen Unterschied, sintemal die Tugend eines Pfandes in der Idee liegt, und nicht im Wort. Nun denn, wenn die Botschaft ausgerichtet werden muß, so muß sie; und vielleicht nützt es nichts, sie aufzuschieben. Hurry wird verlangend seyn, bald seine Reise an den Fluß anzutreten, und die Sterne gehen auf und unter, als ob sie weder um Indianer noch um Botschafter sich kümmerten, Ach, leider! Es ist keine angenehme, und ich weiß, es ist eine fruchtlose Sendung; – aber doch muß ich meinen Auftrag bestellen.«

»Hört, Wildtödter,« fiel Hurry etwas vornehm und gebieterisch ein; »Ihr seyd ein verständiger Mann auf einer Jagd, und ein so guter Kamerad auf einem Marsch, als sich Einer, der seine sechzig Meilen des Tags macht, nur wünschen mag; aber Ihr seyd entsetzlich langsam mit Botschaften, besonders solchen, wovon Ihr glaubt, daß sie nicht gut dürften aufgenommen werden; wenn etwas gesagt werden muß, nun so sagt es, und haust nicht zurück, wie ein Yankee Advokat, der behauptet, er verstehe eines Holländers Englisch nicht, nur um die doppelten Sporteln von ihm zu bekommen.«

»Ich verstehe Euch, Hurry, und mit Recht tragt Ihr Euren Namen heute Nacht, angesehen, daß Ihr keine Zeit zu verlieren habt. Aber laßt uns mit Einmal zum Hauptpunkt kommen, angesehen, daß dieß der Zweck dieser Berathung ist; denn eine Berathung kann es genannt werden, obschon Weiber unter uns Sitz haben. Die Sache ist einfach diese. Als die Truppe vom Castell zurückkam, hielten die Mingos einen Rath, und schlimme Gedanken walteten vor, wie deutlich zu sehen war aus ihren finstern Gesichtern. Niemand läßt sich gerne schlagen, und eine Rothhaut so wenig, als ein Bleichgesicht. Nun, als sie darüber geraucht, und ihre Reden gehalten hatten, und ihr Rathsfeuer herabgebrannt war, kam die Sache zum Beschluß. Es scheint, die Aelteren unter ihnen waren der Meinung, ich sey ein Mann, den man mit Vertrauen auf Urlaub wegschicken könne. Sie sind wunderbar scharf im Beobachten, diese Mingos, das muß ihnen ihr schlimmster Feind lassen; aber sie waren der Meinung, ich sey ein solcher Mann, und es geschieht nicht oft –« fuhr der Jäger fort, mit einem wohlthuenden Bewußtseyn und Selbstgefühl, daß sein früheres Leben dieß unbedingte Vertrauen zu seiner Redlichkeit rechtfertigte – »es ist nicht oft, daß sie eine gute Meinung haben von einem Bleichgesicht; aber von mir hatten sie sie, und darum bedachten sie sich nicht, ihre Gesinnungen auszusprechen, und die sind so. – Ihr seht den Stand der Dinge. Der See und Alles darauf, bilden sie sich ein, sey ihrer Willkür preisgegeben. Thomas Hutter sey todt, und was Hurry betrifft, so sind sie auf die Idee gekommen, er sey heute dem Tod nahe genug gewesen, um für diesen Sommer nicht zu wünschen, ihn noch einmal so in der Nähe zu sehen. Daher rechnen sie so, alle Eure Streitkräfte beschränken sich auf Chingachgook und die beiden Mädchen, und wie sie wissen, daß der Delaware von hohem Geschlecht und ein geborner Krieger ist, so wissen sie auch, daß er jetzt auf seinem ersten Kriegspfad ist. Was die Mädchen betrifft, so taxiren sie die natürlich eben nur so wie die Weiber überhaupt.«

»Ihr wollt sagen, sie verachten uns!« unterbrach ihn Judith mit Augen, die so leuchtend flammten, daß es allen Anwesenden auffiel.

»Das wird man am Ende sehen. Sie halten dafür, daß der See mit Allem darauf ihrer Willkühr preisgegeben sey, und daher senden sie durch mich diesen Gürtel Wampum,« und er zeigte, wie er so sprach, den fraglichen Artikel dem Delawaren, »mit diesen Worten: Sagt der Schlange, sprachen sie, er hat sich gut gehalten für einen Anfänger; er mag jetzt über die Berge sich wenden nach seinen Dörfern, und Niemand soll seiner Spur nachgehen. Wenn er einen Skalp gefunden, mag er ihn mit sich nehmen; die Tapfern unter den Huronen haben Herzen, und können mit einem jungen Krieger fühlen, der nicht mit leeren Händen heimzukommen wünscht. Wenn er schnellfüßig ist, so steht ihm eine Truppe zur Verfolgung zu Diensten. Hist aber muß zurück zu den Huronen; als sie sie in der Nacht verließ, nahm sie durch Versehen mit sich, was nicht ihr gehört.«

»Das kann nicht wahr seyn!« sagte Hetty ernst. »Hist ist kein solches Mädchen – sondern eines, das Jedermann gibt, was ihm gebührt –«

Was sie noch weiter für Einwendungen würde vorgebracht haben, kann man nicht wissen, denn Hist, halb lachend, und halb in Beschämung ihr Angesicht versteckend, legte ihre Hand der Sprechenden auf den Mund, um ihren Worten Einhalt zu thun.

»Ihr versteht nicht Mingo-Botschaften, arme Hetty,« fuhr Wildtödter fort, »welche selten das meinen, was dem Anschein nach zu oberst liegt. Hist hat die Neigung eines jungen Huronen mit sich genommen, und sie verlangen sie zurück, damit der arme junge Mann sie wieder da finde, wo er sie zuletzt gelassen! Schlange, sagen sie, ist ein zu vielversprechender junger Krieger, um nicht so viele Weiber zu finden als er verlangt, aber diese Eine kann er nicht haben. Das ist ihre Meinung und nichts Anderes, wie ich es verstehe.«

»Sie sind sehr verbindlich und einsichtsvoll, daß sie voraussetzen, ein junges Weib könne alle ihre eignen Neigungen vergessen, um diesen unglücklichen Jüngling die seinige finden zu lassen!« sagte Judith ironisch; aber im Weitersprechen wurde ihr Ton bitterer. »Ich denke, ein Weib ist ein Weib, sey ihre Farbe weiß oder roth; und Eure Häuptlinge verstehen sich wenig auf das Herz des Weibes, Wildtödter, wenn sie meinen, es könne je verzeihen, wenn es mißhandelt worden, oder je vergessen, wenn es innig liebt.«

»Ich denke das ist so ziemlich die Wahrheit bei manchen Weibern, Judith, aber doch habe ich auch Solche gekannt, die Beides konnten. Die nächste Botschaft ist an Euch. Sie sagen, die Bisamratze, wie sie Alle Euren Vater nennen, ist untergetaucht in den Grund des See’s; er wird nimmer wieder heraufkommen, und seinen Jungen wird es bald an Wigwams, wo nicht an Nahrung fehlen. Die Huronen-Hütten, meinen sie, sind besser als die Hütten von York; sie wünschen, daß Ihr kommt und einen Versuch macht. Eure Farbe ist weiß, das gestehen sie zu, aber sie meinen, Mädchen, die so lang in den Wäldern gelebt, würden ihren Weg verlieren in den Lichtungen. Ein großer Krieger unter ihnen hat neulich sein Weib verloren, und er würde sich freuen, die Wilde Rose auf ihre Bank an seiner Feuerseite zu setzen. Was die Schwachsinnige betrifft, so wird sie immer geehrt und gut besorgt seyn bei den rothen Kriegern. Eures Vaters Güter, meinen sie, sollen den Stamm bereichern; aber Eure eigne Habe, worin alle und jede Weibersachen eingeschlossen sind, soll, wie bei allen Weibern, mit in den Wigwam des Mannes kommen. Ueberdieß haben sie kürzlich ein junges Mädchen durch eine Gewaltthat verloren, und es erfordere zwei Bleichgesichter, ihren Platz auszufüllen.«

»Und Ihr bringt mir eine solche Botschaft!« rief Judith, obwohl der Ton, womit sie das sagte, mehr Kummer als Zorn verrieth. »Bin ich ein Mädchen, das eines Indianers Sklavin zu seyn verdient?«

»Wenn Ihr meine ehrlichen Gedanken über diesen Punkt zu hören wünscht, Judith, so will ich Euch antworten, daß ich nicht glaube, Ihr werdet je mit gutem Willen eines Mannes, sey er ein Weißer, oder eine Rothhaut, Sklavin werden. Ihr müßt mich jedoch nicht hart darum beurtheilen, daß ich die Botschaft so genau als ich nur konnte, in denselben Worten überbrachte, womit sie mir aufgetragen ward. Das waren die Bedingungen, unter welchen ich meinen Urlaub bekam, und ein Handel ist ein Handel, sey er auch mit einem Vagabunden geschlossen. Ich habe Euch berichtet, was sie gesagt haben, aber Euch noch nicht gesagt, was nach meiner Meinung Ihr insgesammt antworten solltet.«

»Ja, laßt uns das hören, Wildtödter,« versetzte Hurry. »Meine Neugier ist sehr gespannt bei dieser Erwägung, und ich wäre recht begierig Eure Ideen zu hören, was Ihr für räsonnabel hieltet, zu antworten. Zwar was mich betrifft, ich bin über meine Antwort ganz im Reinen und entschlossen, und werde sie sobald als nöthig kund thun.«

»Und ich ebenso, Hurry, über alle die verschiednen Hauptpunkte, und über keinen ist meine Ansicht entschiedener, als über das, was Euch betrifft. Wenn ich Ihr wäre, würde ich sagen: ›Wildtödter, sagt den Schurken drüben, sie kennen Hurry March nicht! Er ist menschlich; und wie er eine weiße Haut hat, so hat er auch eine weiße Natur, und diese Natur läßt ihm nimmermehr zu, daß er Weiber von seiner Race und von seinen Gaben in ihrer größten Noth verließe. So nehmt denn mich für Einen, der sich weigert, Eurem Vertrage beizutreten, und wenn Ihr auch einen Schweinskopf voll Taback darüber verschmaucht.‹«

March war etwas verlegen über diesen zurechtweisenden Vorwurf, der in hinlänglich warmem Tone ausgesprochen ward, und mit einer Schärfe, die seinen Zweifel über den Sinn davon übrig ließ. Hätte ihn Judith aufgemuntert, so hätte er sich nicht bedacht, dazubleiben, um sie und ihre Schwester zu vertheidigen, aber unter den obwaltenden Umständen trieb ihn ein Gefühl von Erbitterung vielmehr sie zu verlassen. Jedenfalls besaß Hurry Harry nicht so viel Ritterlichkeit, um sich bewogen zu finden, die Sicherheit seiner eignen Person auf’s Spiel zu setzen, wenn er nicht einen augenfälligen Zusammenhang zwischen den wahrscheinlichen Folgen und seinem eigenen Interesse sah. Man darf sich daher nicht wundern, daß seine Antwort gleicherweise seine Absicht und die Zuversicht verrieth, welche er so prahlerisch auf seine riesenhafte Stärke setze, die ihn, wo nicht immer muthig, doch gewöhnlich unverschämt machte gegenüber denen, mit welchen er verkehrte.

»Gute Worte erzeugen lange Freundschaften, Meister Wildtödter,« sagte er, ein wenig drohend. »Ihr seyd erst ein junger Laffe, und Ihr wißt aus Erfahrung, was Ihr seyd in den Händen eines Mannes. Da Ihr nicht Ich seyd, sondern nur ein Zwischenträger, von den Wilden an uns Christen gesandt, mögt Ihr Euren Auftraggebern sagen, daß sie Harry March nicht kennen, was ein Beweis ist sowohl von ihrem Verstand als von dem seinigen. Er ist menschlich genug, um der menschlichen Natur zu folgen, und die heißt ihn die Thorheit davon einsehen, wenn ein Mann mit einem ganzen Stamme kämpfen wollte. Wenn Weiber ihn im Stich lassen, so müssen sie gefaßt seyn, von ihm im Stich gelassen zu werden, ob sie nun von seinen Gaben, oder von andrer Menschen Gaben seyen. Sollte Judith es passend finden, ihren Sinn zu ändern, so ist sie mir willkommen zur Gesellschaft nach dem Fluß, und Hetty dazu; entschließt sie sich aber dazu nicht, so breche ich auf, sobald ich denken kann, daß die Kundschafter des Feindes für die Nacht im Gebüsch und Laubwerk unterzukriechen anfangen.«

»Judith wird ihren Sinn nicht ändern, und sie begehrt Eure Gesellschaft nicht, Meister March,« versetzte das Mädchen mit Lebhaftigkeit.

»Der Punkt ist also in’s Reine gebracht,« begann Wildtödter wieder, ganz unbeweglich bei der Heftigkeit des Andern. »Hurry Harry muß für sich selbst handeln, und thun, was seinem Geschmack am meisten zusagen mag. Die Handlungsweise, zu der er entschlossen scheint, wird ihm auf freies Feld für leichte Füße verhelfen, wenn auch nicht zu einem freien und leichten Gewissen. Dann kommt die Frage, Hist betreffend – was sagt Ihr, Mädchen? – wollt Ihr auch Eure Pflicht verlassen, und zu den Mingo’s zurückgehen, und einen Huronen zum Mann nehmen, und das Alles nicht aus Liebe zu dem Manne, den Ihr heirathen sollt, sondern aus Liebe zu Eurem eignen Skalp?«

»Warum Ihr so sprechen zu Hist?« fragte das Mädchen halb beleidigt. »Ihr denken, ein Rothhautmädchen seyn wie eines Kapitäns Lady, lachen und scherzen mit jedem Officier der kommt.«

»Was ich in dieser Sache denke, darauf kommt Nichts an. Ich muß Eure Antwort zurück bringen, und damit ich das thun kann, müßt Ihr sie zuerst geben. Ein treuer Bote richtet seinen Auftrag aus, Wort für Wort.«

Hist bedachte sich nicht länger, ihr Herz offen auszusprechen. In ihrer Aufregung stand sie von ihrer Bank auf, und ganz natürlich derjenigen Sprache sich bedienend, in welcher sie sich am leichtesten ausdrückte, erklärte sie sich über ihre Gesinnungen und Absichten, schön und mit Würde, in der Zunge ihres Volkes.

»Sagt den Huronen, Wildtödter,« sprach sie, »daß sie so unwissend sind wie Maulwürfe; sie wissen nicht den Wolf vom Hund zu unterscheiden. Unter meinem Volke stirbt die Rose auf dem Stengel, auf dem sie entknospet ist; die Thränen des Kindes fallen auf die Gräber seiner Eltern; das Korn reift, wo der Samen ausgestreut worden ist. Die Delawaren-Mädchen sind keine Boten, die man wie Wampumgürtel von Stamm zu Stamm sendet. Sie sind Gaißblattblüthen, die am süßesten duften in ihren eignen Wäldern; ihre eignen jungen Männer tragen sie an ihrer Brust, weil sie so wohlriechend sind; sie sind am süßesten, wenn man sie von ihren heimischen Stengeln pflückt. Selbst das Rothkehlchen und der Marder kommen Jahr für Jahr zurück zu ihren alten Nestern; soll ein Weib weniger treu seyn, als ein Vogel? Setzt die Tanne in Lehmboden, so wird sie gelb; die Weide wird nicht gedeihen auf dem Berge; die Tamariske ist am gesundesten im Sumpfe; die Stämme der See lieben am meinen die Winde zu hören, die über das Salzwasser herwehen. Ein Huronen-Jüngling, was ist er für ein Mädchen vom Lenni Lenape? Er mag flink seyn, aber ihre Augen folgen ihm nicht auf seinem Lauf; sie schauen zurück nach den Hütten der Delawaren. Er mag ein süßes Lied singen für die Mädchen von Canada, aber für Wah gibt es keine Musik als in der Zunge, der sie von Kindheit an gehorcht hat. Wäre der Hurone geboren aus dem Volke, das einst umherzog an den Küsten des Salzsee’s, es wäre umsonst, wenn er nicht aus der Familie der Unkas stammte. Die junge Tanne wird so hoch emporwachsen als irgend Einer seiner Väter. Wah-ta!-Wah hat nur Ein Herz, und es kann nur Einen Gatten lieben!«

Wildtödter lauschte dieser charakteristischen Antwort, welche ertheilt ward mit einem Ernst, wie er den Gefühlen gemäß war, aus welchen sie hervorging, mit unverhehlter Freude; und er erwiederte die glühende Beredsamkeit des Mädchens, als sie schloß, mit seinem herzlichen stillen, eigenthümlichen Lachen.

»Das ist mehr werth, als alle Wampums der Welt!« rief er. »Ihr versteht es nicht, Judith, denke ich; aber wenn Ihr Eure eignen Gefühle vor Euch nehmen wollt, und Euch einbilden, ein Feind habe Euch sagen lassen, Ihr sollet den Mann Eurer Wahl aufgeben, und einen Andern nehmen, der nicht der Mann Eurer Wahl wäre, so werdet Ihr Euch die Hauptsache schon denken können, dafür steh‘ ich! Ja, ich lobe mir ein Weib für wahre Beredsamkeit, wenn sie sich nur einmal entschließen, auszusprechen, was sie fühlen. Unter Sprechen verstehe ich aber nicht plaudern, denn das thun die Meisten von ihnen jede Stunde; sondern mit ihren ehrlichen, tiefsten Gefühlen in passenden Worten herausrücken. Und jetzt, Judith, nachdem ich die Antwort eines Rothhautmädchens habe, muß ich auch die eines Bleichgesichts bekommen, wenn anders ein so blühendes Gesicht wie das Eurige, irgend so genannt werden darf. Es ist ein schöner Name für Euch: Wilde Rose, und was die Farbe anlangt, sollte man Hetty die Gaißblattblüthe nennen.«

»Käme diese Sprache aus dem Munde eines der galanten Herren von der Garnison, so würde ich sie verlachen, Wildtödter; aber da sie aus Eurem kommt, kann ich mich, das weiß ich, darauf verlassen,« versetzte Judith, im Innersten geschmeichelt durch seine natürlichen und charakteristischen Complimente. »Es ist jedoch zu bald, meine Antwort zu verlangen; die Große Schlange hat noch nicht geredet.«

»Die Schlange! Herr; ich könnte seine Rede ausrichten, ohne ein Wort davon gehört zu haben! Ich dachte gar nicht daran, ihm die Frage auch nur vorzulegen, ich gesteh‘ es; obwohl es freilich wohl nicht ganz recht wäre, angesehen daß Wahrheit eben Wahrheit ist, und ich verpflichtet bin, diesen Mingo’s eben die Thatsache zu berichten, und sonst Nichts. So, Chingachgook, laßt uns Eure Gesinnung hören über diese Sache – seyd Ihr geneigt, Euch nach Eurem Dorfe zu wenden über die Berge, Hist einem Huronen abzutreten, und den Häuptlingen zu Hause zu melden: wenn sie rüstig und glücklich seyen, können sie möglicher Weise die Spur der Irokesen noch treffen, zwei oder drei Tage, nachdem der Feind auf und davon ist?«

Wie seine Verlobte stand auch der junge Häuptling auf, um seine Antwort mit der gehörigen Deutlichkeit und Würde zu geben. Hist hatte gesprochen, die Hände über der Brust gekreuzt, als wollte sie ihre innere Bewegung unterdrücken; der Krieger aber streckte einen Arm vor sich aus, mit einer ruhigen Energie, welche seinen Ausdrücken noch mehr Nachdruck gab.

»Wampum sollte gesandt werden für Wampum,« sagte er; »eine Botschaft muß beantwortet werden mit einer Botschaft. Hört, was die große Schlange von den Delawaren zu sagen hat den angeblichen Wölfen von den großen Seen, die durch unsere Wälder heulen. Sie sind keine Wölfe; sie sind Hunde, die gekommen sind, sich ihre Schwänze und Ohren durch die Hände der Delawaren stutzen zu lassen. Sie sind gut, junge Weiber zu stehlen, aber schlecht, sie zu verwahren und zu behaupten. Chingachgook nimmt sein Eigenthum, wo er es findet, – er fragt keinen Köter aus den Canada’s um Erlaubniß dazu. Wenn er ein zärtliches Gefühl in seinem Herzen hat, so geht das die Huronen Nichts an. Er sagt es ihr, die es am liebsten hört; er will es nicht in den Forst hinausbellen für die Ohren derjenigen, die nur das Geschrei der Angst verstehen. Was in seiner Hütte vorgeht, gebührt nicht einmal den Häuptlingen seines eigenen Volkes zu wissen, viel weniger den Mingo-Schuften.« –

»Nennt sie Vagabunden, Schlange,« unterbrach ihn Wildtödter, der seine Freude nicht zu zügeln vermochte – »ja nennt sie nur gerade heraus Vagabunden, was ein Wort ist, das sich leicht erklären läßt, und ihren Ohren am allerverhaßtesten, weil es so wahr ist. Seyd unbesorgt wegen meiner; ich will Eure Botschaft an sie bestellen Sylbe für Sylbe, Hohn für Hohn, Idee für Idee, Trotz für Trotz – und sie verdienen nichts Besseres von Euch. – Nennt sie nur Vagabunden, ein oder zweimal, und das wird den Saft in ihnen steigen machen von den untersten Wurzeln bis in die höchsten Zweige!«

»Viel weniger den Mingo-Vagabunden!« fuhr Chingachgook fort, gerne bereit, seines Freundes Verlangen zu willfahren. – »Sagt den Huronen-Hunden, sie müssen lauter heulen, wenn sie wünschen, daß ein Delaware sie in den Wäldern finde, wo sie sich verkriechen wie Füchse, statt zu jagen wie Krieger. Als sie ein Delawarenmädchen in ihrem Lager hatten, da war Grund, sie aufzujagen; jetzt wird man sie vergessen, wenn sie nicht Lärm machen. Chingachgook mag sich nicht die Mühe nehmen, von seinen Dörfern mehr Krieger herbeizuholen; er kann ihren flüchtigen Zug schon treffen; wenn sie sich nicht unter dem Boden verstecken, wird er sie nach Canada verfolgen, allein. Er wird Wah-ta!-Wah bei sich behalten, sein Wildpret zu kochen; sie Beide werden Delawaren genug seyn, um alle Huronen in ihr Land zurückzuscheuchen.«

»Das ist eine wichtige Depesche, wie die Officiere diese Dinge nennen!« rief Wildtödter; »sie wird alles Blut der Huronen in Bewegung bringen; ganz besonders der Theil, wo er ihnen sagen läßt, auch Hist werde ihnen nachsetzen, bis sie völlig aus dem Lande getrieben seyen. Ach, ja freilich! große Worte sind nicht immer große Thaten, bei alle dem! der Herr gebe, daß wir nur halb so tüchtig zu seyn vermögen, als wir verheißen! Und jetzt, Judith, ist die Reihe an Euch, zu reden; denn die Elenden werden eine Antwort erwarten von jeder Person, die arme Hetty vielleicht ausgenommen.«

»Und warum nicht von Hetty, Wildtödter? Sie spricht oft vernünftig und passend; die Indianer halten vielleicht ihre Worte in Ehren, denn sie haben Mitgefühl für Leute in ihrem Zustand.«

»Das ist wahr, Judith, und ein rascher, guter Gedanke von Euch. Die Rothhäute achten das Unglück in jeder Gestalt, und namentlich das Hetty’s. So, Hetty, wenn Ihr Etwas zu sagen habt, so will ich es den Huronen so getreulich ausrichten, als wären es die Worte eines Schulmeisters oder Missionärs.«

Das Mädchen bedachte sich einen Augenblick, und dann antwortete sie in ihrem sanften, milden Tone, so ernst als nur Einer unter ihren Vorgängern: »Die Huronen müssen den Unterschied zwischen weißen Leuten und ihnen selbst nicht begreifen können,« sagte sie, »sonst würden sie nicht verlangen, daß Judith und ich mit ihnen gehen und in ihren Dörfern wohnen sollen. Gott hat ein Land den rothen Männern, und ein anderes uns gegeben. Er wollte, daß wir abgesondert für uns leben. Dann sagte auch Mutter immer, wir sollten wo möglich nur immer unter Christen leben, und das ist ein Grund, warum wir nicht gehen können. Dieser See ist unser, und wir wollen ihn nicht verlassen. Vaters und der Mutter Gräber sind darin, und selbst die schlechtesten Indianer bleiben gern bei den Gräbern ihrer Väter. Ich will noch einmal kommen und sie sehen, wenn sie das von mir verlangen, und ihnen noch Mehr aus der Bibel vorlesen, aber des Vaters und der Mutter Grab kann ich nicht verlassen.«

»Das ist recht, das ist recht, Hetty, gerade so gut, als wenn Ihr ihnen eine zweimal so lange Botschaft schicktet,« unterbrach sie der Jäger. »Ich will ihnen Alles sagen, was Ihr gesprochen habt und was Ihr meint, und ich stehe dafür, daß sie leicht befriedigt seyn werden. Jetzt, Judith, kommt die Reihe an Euch, und dann ist dieser Theil meines Auftrags für heute Nacht zu Ende.«

Judith zeigte ein Widerstreben, ihre Antwort zu geben, das ein Wenig die Neugier des Boten rege machte. Nach ihrem bekannten lebhaften Geist urtheilend, hatte er nie gezweifelt, daß das Mädchen ihren Gefühlen und Grundsätzen nicht minder treu bleiben werde, als Hist oder Hetty; und doch war eine merkliche, schwankende Unentschlossenheit bei ihr sichtbar, die ihm einige Unruhe machte. Selbst jetzt, wo er sie geradezu aufforderte zu sprechen, schien sie sich zu bedenken, und sie öffnete nicht eher den Mund, als bis das tiefe Schweigen ihr zeigte, mit welcher Spannung man auf ihre Worte warte. Da sprach sie zwar, aber unsicher und mit Widerstreben.

»Sagt mir erst – sagt uns erst, Wildtödter,« begann sie, die Worte wiederholend, nur um den Nachdruck anders zu setzen – »welchen Einfluß werden unsere Antworten auf Euer Schicksal haben? Wenn Ihr das Opfer unserer trotzigen Keckheit seyn solltet, so wäre es besser gewesen, wenn wir Alle eine bedächtlichere und schlauere Sprache geführt hätten. Was also werden denn wohl die Folgen für Euch seyn?«

»Herr im Himmel, Judith. Ihr könntet mich eben so gut fragen, woher der Wind wehen werde in der nächsten Woche, oder wie alt das nächste Wild sey, das geschossen werde! Ich kann nur sagen, daß ihre Gesichter mich etwas finster anschauen; aber es donnert nicht jedesmal, wenn eine schwarze Wolke am Himmel aufsteigt, auch weht nicht jeder Windstoß Regen zusammen. Das ist somit eine Frage, die viel leichter zu machen als zu beantworten ist.«

»So ist es auch mit dieser Botschaft der Irokesen an mich,« versetzte Judith, aufstehend, als wäre sie für den Augenblick über ihre Handlungsweise entschieden. »Meine Antwort werde ich geben, Wildtödter, nachdem wir, Ihr und ich, miteinander gesprochen, und die Andern sich für die Nacht zur Ruhe begeben haben.«

Es war eine Entschiedenheit in dem ganzen Wesen des Mädchens, welche Wildtödter geneigt machte, sich dieß gefallen zu lassen, und er that dieß um so leichter, als der Aufschub nach keiner Seite hin wesentliche Folgen nach sich ziehen konnte. Die Versammlung brach jetzt auf, und Hurry kündigte seinen Entschluß an, sie bald zu verlassen. Während der Stunde, die man noch verstreichen ließ, damit inzwischen noch stärkere Dunkelheit eintrete, bis der Grenzmann aufbrach, machten sich die verschiedenen Individuen Jedes in seiner gewohnten Art zu schaffen, und der Jäger insbesondere brachte die meiste Zeit damit zu, die Trefflichkeit der schon erwähnten Büchse noch weiter zu untersuchen.

Die Stunde Neun kam jedoch bald heran, und dann, so war es bestimmt, sollte Hurry seine Reise antreten. Statt seinen Abschied freimüthig und mit großherziger Wärme zu nehmen, brachte er das Wenige, was er zu sagen nöthig fand, mürrisch und kalt vor. Erbitterung über Judiths Hartnäckigkeit, wie er es ansah, war gemischt mit Kränkung und Verdruß über die Begegnisse, die ihm zugestoßen, seit er den See erreicht hatte; und wie es gewöhnlich ist bei gemeinen und engherzigen Menschen, war er mehr geneigt, Andern wegen seiner Mißgeschicke Vorwürfe zu machen, als sich selbst zu tadeln. Judith reichte ihm die Hand, aber wohl völlig ebensosehr aus Freude als mit Bedauern, während die beiden Delawaren ohne Leidwesen erfuhren, daß er sie verlassen wolle. Unter der ganzen Gesellschaft zeigte nur Hetty ein wahres Gefühl. Verschämtheit und die Schüchternheit ihres Geschlechts und Charakters hielten auch sie einigermaßen entfernt, so daß Hurry in das Canoe trat, wo Wildtödter schon seiner wartete, ehe sie sich nahe genug heran wagte, um bemerkt zu werden. Dann aber trat das Mädchen in die Arche, und erreichte deren Ende gerade als die kleine Barke von ihr abstieß mit so leichter und stetiger Bewegung, daß man es kaum wahrnahm. Eine Aufwallung von Gefühl überwand jetzt ihre Schüchternheit, und Hetty sprach:

»Lebt wohl, Hurry,« rief sie mit ihrer süßen Stimme – »lebt wohl, lieber Hurry. Nehmt Euch in Acht in den Wäldern, und macht nie Halt, bis ihr die Garnison erreicht. Die Blätter auf den Bäumen sind kaum zahlreicher als die Huronen um den See herum, und sie würden einen starken Mann nicht so mild behandeln, wie sie mich behandeln.«

Die fesselnde Anziehungskraft, welche March für dieß schwachsinnige Mädchen hatte, das doch den Sinn und das Gefühl des Rechten besaß, beruhte auf einem Gesetz der Natur. Ihre Sinne waren eingenommen worden von den Vorzügen seiner Person; und ihr moralischer Verkehr mit ihm war nie innig und genau genug gewesen, um einem Eindruck das Gegengewicht zu halten, der sonst allerdings, selbst bei einem Wesen von so stumpfen Geisteskräften, hätte vermindert werden müssen. Hetty’s Instinkt für das Rechte, wenn ein solcher Ausdruck gebraucht werden darf von einem Wesen, das von einem guten Geist geleitet zu werden schien, um mit nie irrender Genauigkeit zwischen Gut und Böse dahinzusteuern, würde über tausend Punkte in Hurry’s Charakter sich empört haben, wäre Gelegenheit gewesen, sie darüber aufzuklären; aber während er, von ihr selbst sich ferner haltend, mit ihrer Schwester plauderte und tändelte, hatten seine vollendet schöne Gestalt und seine Züge allen Eindruck auf ihre einfache Einbildungskraft und ihr von Natur zärtliches Gemüth machen können, ohne durch den Zusatz und die Legirung seiner Gesinnungen und seiner Plumpheit beeinträchtigt zu werden. Zwar fand sie ihn roh und derb; aber das war auch ihr Vater, und die meisten andern Männer, die sie gesehen; und was ihr als eine Eigenthümlichkeit des ganzen Geschlechts erschien, fiel ihr in Hurry’s Charakter weniger ungünstig auf, als sonst wohl der Fall gewesen wäre. Doch war es nicht eigentlich Liebe, was Hetty für Hurry fühlte, auch möge man dieß nicht in unserer Schilderung finden, sondern nur die erwachende Empfänglichkeit des Gefühls und Bewunderung, die, unter günstigeren Verhältnissen, und immer vorausgesetzt, daß keine widerwärtigen Offenbarungen hinsichtlich des Charakters des jungen Mannes hindernd dazwischengekommen wären, bald zu jener allbeherrschenden Leidenschaft hätten heranreifen können. Sie fühlte für ihn eine keimende Zärtlichkeit, aber kaum irgend eine Leidenschaft. Vielleicht die stärkste Annäherung zu letzterer, die sich in Hetty’s Benehmen gezeigt, konnte man erblicken in der Empfindlichkeit, die sie hatte March’s Vorliebe für ihre Schwester entdecken lassen; denn, bei den zahlreichen Bewunderern Judiths war dieß das einzige Mal, daß der umwölkte Geist des Mädchens die zur Beobachtung der Verhältnisse erforderliche Schärfe aufgeboten hatte. Man hatte Hurry bei seinem Aufbruch so wenig Mitgefühl bezeigt, daß die milden Worte Hetty’s, wie sie ihm so nachrief, ihm ganz wohlthuend und tröstlich klangen. Er hielt das Canoe auf, und mit einem Schwung seines gewaltigen Armes brachte er es wieder neben die Arche zurück. Das war Mehr, als Hetty, deren Muth mit dem Weggehen ihres Helden gestiegen war, erwartet hatte, und sie bebte jetzt schüchtern zurück bei seiner unverhofften Rückkehr.

»Ihr seyd ein gutes Mädchen, Hetty, und ich kann Euch nicht ohne ein Händeschütteln verlassen,« sagte March freundlich. «Judith ist am Ende nicht so viel werth als Ihr, obgleich sie um eine Kleinigkeit besser aussehen mag. Was den Witz betrifft, wenn Redlichkeit und Offenheit mit einem jungen Mann ein Zeichen von Verstand bei einem jungen Weib ist, so wiegt Ihr zehn Judiths auf; ja und in Wahrheit die meisten Mädchen meiner Bekanntschaft.«

»Sagt Nichts gegen Judith, Harry,« erwiederte Hetty in bittendem Tone. »Vater ist todt, und Mutter ist todt, und Niemand ist übrig, als Judith und ich, und es ist nicht recht, wenn Schwestern übel von einander reden, oder zuhören, wenn man so redet. Vater ist im See, und Mutter auch, und wir sollten Alle Gott fürchten, denn wir wissen nicht, wenn wir vielleicht auch im See liegen werden.«

»Das klingt vernünftig, Kind, wie das Meiste, was Ihr sprecht. Nun, wenn wir uns je wieder sehen, Hetty, so werdet Ihr einen Freund an mir finden, thue auch Eure Schwester was sie wolle. Ich war kein großer Freund von Eurer Mutter, ich gesteh‘ es, denn wir dachten verschieden über die meisten Punkte; aber dafür Euer Vater, der alte Tom, und ich, paßten für einander so prächtig, wie ein hirschlederner Anzug einem wohlgebauten Manne paßt. Ich bin immerdar der gleichen Meinung gewesen, daß der alte Floating Tom Hutter im Grunde ein guter Kerl war, und will das gegen alle Feinde behaupten, um seinetwillen, wie Euretwillen.«

»Lebt wohl, Hurry,« sagte Hetty, die jetzt so sehnlich wünschte, den jungen Mann bald fortzubringen, als sie noch vor einem Augenblick gewünscht hatte, ihn zurückzuhalten, obgleich sie sich vom einen Gefühl so wenig als vom andern klare Rechenschaft zu geben wußte; »lebt wohl, Harry, nehmt Euch in Acht in den Wäldern; haltet Euch nicht auf, bis Ihr die Garnison erreicht. Ich will ein Kapitel in der Bibel für Euch lesen, eh‘ ich zu Bette gehe, und Euer in meinem Gebet gedenken.«

Dieß hieß einen Punkt berühren, rücksichtlich dessen March keine Sympathien hatte, und ohne weitere Worte schüttelte er dem Mädchen herzlich die Hand und begab sich wieder in das Canoe. Nach einer Minute waren die beiden Abenteurer hundert Fuß von der Arche entfernt, und nach etwa sechs Minuten hatte man sie schon ganz aus dem Gesicht verloren. Hetty seufzte tief, und trat zu ihrer Schwester und Hist.

Eine Zeit lang ruderten Wildtödter und sein Genosse schweigend fort. Es war beschlossen worden, Hurry gerade an dem Landvorsprung ans Land zu setzen, wo er sich, wie wir im Anfang unsrer Erzählung berichtet, eingeschifft hatte; nicht nur weil dieser Platz von den Huronen schwerlich so genau bewacht wurde, sondern auch weil Hurry auf diesem Platze mit den Zeichen der Wälder hinlänglich vertraut war, um auch bei Nacht sich in ihnen zurecht zu finden. Dorthin steuerte denn das leichte Fahrzeug, so emsig und rasch gerudert, als nur immer zwei kräftige und geübte Canoe-Männer ihr leichtes Schiffchen durch oder vielmehr über das Wasser treiben konnten. Weniger als eine Viertelstunde genügte für ihr Vorhaben, und als sie nach Verfluß dieser Zeit sich im Bereich der Schatten der Küste, und ganz nahe dem gesuchten Punkt befanden, hörten Beide in ihrer Arbeit auf, um ihre Abschiedsbesprechung außer der Gehörweite irgend eines Lauschers, der etwa in der Nähe seyn konnte, zu halten. «Ihr werdet wohl daran thun, die Officiere der Garnison zu bereden, daß sie einen Streifzug gegen diese Vagabunden unternehmen, sobald Ihr hineinkommt, Hurry,« begann Wildtödter; »und noch besser, wenn Ihr sie selbst als Freiwilliger und Führer wieder herauf begleitet. Ihr kennt die Pfade, und die Gestalt des See’s, und die Natur des Landes, und könnt es besser thun, als ein gewöhnlicher, allgemeiner Kundschafter. Geht zuerst auf das Lager der Huronen los, und folgt den Zeichen, die sich Euch dann darbieten werden. Ein paar Blicke nach der Hütte und der Arche werden Euch über den Zustand des Delawaren und der Weiber unterrichten; und in jedem Fall wird es eine schöne Gelegenheit seyn, den Mingo’s auf die Fährte zu kommen, und den Spitzbuben einen Denkzettel zu machen, den sie lange genug mit sich herumtragen sollen. Es wird dieß vermuthlich keinen großen Unterschied machen für mich, denn diese Sache wird abgemacht seyn, ehe die Sonne des morgenden Tages unter ist; aber es kann eine große Aenderung für Judiths und Hettys Hoffnungen und Aussichten bewirken!«

»Und was Euch selbst angeht, Nathaniel,« erkundigte sich Hurry mit größerer Theilnahme, als er sonst für Wohl und Wehe Anderer zu verrathen pflegte – »und was Euch selbst betrifft, was haltet Ihr für wahrscheinlich, daß Euch widerfahren werde?«

»Das weiß der Herr allein in seiner Weisheit, Henry March! Die Wolken sehen schwarz und drohend aus, und ich setze mein Gemüth in Verfassung, das Schlimmste zu erdulden. Rachsüchtige Gefühle herrschen vor in den Herzen der Mingo’s, und jede kleine Täuschung ihrer Erwartungen in Betreff des Raubes, oder der Gefangnen, oder Hist’s, kann die Marter zur Gewißheit machen. Der Herr in seiner Weisheit allein kann mein Schicksal bestimmen, oder das Eure!«

»Das ist ein schwarzer Handel, und sollte in irgend einer Art und Weise gehemmt werden,« versetzte Hurry, die Unterscheidungen zwischen Recht und Unrecht verwechselnd, wie gewöhnlich bei selbstsüchtigen und gemeinen Menschen der Fall ist. »Ich wünschte von Herzen, der alte Hutter und ich hätten jede Creatur in ihrem Lager skalpirt in der Nacht, da wir zuerst mit diesem Kapitalplan landeten! Hättet Ihr Euch nicht gesträubt, Wildtödter, es wäre vielleicht gelungen; dann hättet Ihr Euch nicht am Ende in der desperaten Lage gefunden, von der Ihr sprecht.«

»Besser hättet Ihr gesagt, Ihr wünschet, daß Ihr gar nie zu thun versucht hättet, was zu unternehmen eines weißen Mannes Gaben schlecht geziemt; in diesem Falle wäre uns nicht nur vielleicht jeder Kampf erspart geblieben, sondern Thomas Hutter würde auch jetzt noch leben, und die Herzen der Wilden würden nicht so rachgierig seyn. Auch der Tod jenes jungen Weibes, March, war eine unberufene That, und läßt eine schwere Last auf unserm Namen, wo nicht auf unserm Gewissen zurück!«

Dieß war so klar, und es leuchtete im Augenblick Hurry selbst so ein, daß er das Ruder ins Wasser tauchte, und anfing, das Canoe der Küste zuzurudern, als strebte er nur seiner eignen, lebhaften Reue zu entfliehen. Sein Begleiter gab diesem fieberhaften Drang nach Veränderung nach, und nach ein paar Minuten fuhr der Bug des Bootes mit einer leichten, hörbaren Reibung auf dem Kies des Strandes auf. Landen, sein Bündel und seine Büchse schultern, und sich marschfertig machen, dieß Alles war für Hurry nur das Werk eines Augenblicks, und mit einem halbgrollenden Abschied hatte er schon seinen Marsch angetreten, als eine plötzliche Anwandlung von Gefühl ihn jählings Halt machen ließ, und augenblicklich darauf befand er sich wieder an der Seite des Andern.

»Ihr könnt doch nicht gemeint seyn, Euch wieder in die Hände der mörderischen Wilden zu liefern, Wildtödter!« sagte er, ebenso sehr in zorniger Abmahnung als mit edlem Gefühl. «Es wäre die That eines Wahnsinnigen oder eines Thoren!«

»Es gibt Leute, die es für Wahnsinn halten, seinem Wort treu zu seyn, und Solche, die es nicht dafür halten, Hurry Harry. Ihr mögt Einer von den Ersteren seyn, ich gehöre zu den Letztern. Keine Rothhaut auf der Welt soll sagen können, daß ein Mingo sein Wort höher halte als ein Mann von weißem Blut und weißen Gaben in irgend Etwas, das mich betrifft. Ich bin weg auf Urlaub, und wenn ich Kraft und Vernunft habe, will ich meinem Urlaub gemäß zurückkehren vor morgen Mittag.«

»Was ist ein Indianer, oder ein gegebnes Wort, oder ein Urlaub, genommen von Creaturen wie diese, die weder Seelen noch Namen haben?«

»Wenn sie weder Seelen noch Namen haben, so haben dafür wir, Ich und Ihr, Harry March, Beides, und die eine ist für den andern verantwortlich. Dieser Urlaub ist nicht, wie Ihr zu wähnen scheint, ganz nur eine Sache zwischen mir und den Mingo’s, angesehen, daß es ein feierlicher Pakt ist, zwischen mir und Gott geschlossen. Wer da glaubt, er könne sagen was ihm beliebt in seiner Noth, und Alles gelte für Nichts, weil es im Walde gesprochen ist, und ins Ohr der rothen Männer, versteht Wenig von seiner Lage, von seinen Hoffnungen und Bedürfnissen. Die Worte sind geredet vor dem Ohr des Allmächtigen. Die Luft ist sein Athem, und das Licht der Sonne ist wenig Mehr, als ein Blick seines Auges. Lebt wohl, Harry! wir sehen uns vielleicht nie wieder; aber ich möchte Euch wünschen, daß Ihr nie einen Urlaub, oder sonst eine feierliche Zusage, wobei Euer christlicher Gott als Zeuge angerufen worden, als eine so leichte Pflicht behandelt, daß man sie vergessen dürfte nach den Bedürfnissen des Leibes, oder auch nach den Gelüsten des Geistes.«

March war jetzt wieder froh, loszukommen. Es war ihm ganz unmöglich, auf die Gesinnungen einzugehen, die seinen Genossen adelten, und er eilte von Beiden weg mit einer Ungeduld, die ihn heimlich fluchen machte auf die Thorheit, die einen Mann veranlassen könne, so zu sagen in sein eignes Verderben zu rennen. Wildtödter dagegen zeigte keine solche Aufregung. Aufrecht gehalten durch seine Grundsätze, unbeugsam in dem Entschluß, ihnen gemäß zu handeln, und erhaben über jede unmännliche Furcht, betrachtete er Alles was ihm bevorstand als eine Art Nothwendigkeit, und dachte so wenig daran, einen unwürdigen Versuch zu machen, ihm zu entgehen, als ein Moslem daran denkt, den Beschlüssen der Vorsehung entgegen zu handeln. Er stand ruhig auf der Küste, dem sorglosen Schritt horchend, womit Hurry seine Wanderung durch die Gebüsche verrieth, schüttelte den Kopf im Mißvergnügen über diesen Mangel an Vorsicht, und trat dann ruhig in sein Canoe. Ehe er die Ruderschaufel wieder in’s Wasser tauchte, sah sich der junge Mann um und betrachtete die Scene, die sich ihm in der sternhellen Nacht darbot. Es war dieß die Stelle, wo zuerst sein Auge auf den schönen Wasserspiegel gefallen war, auf dem er jetzt schwamm. War er damals prächtig in dem hellen Licht eines Sommermittags, so war er jetzt trüb und melancholisch unter den Schatten der Nacht. Die Berge stiegen rings um ihn her empor wie schwarze Mauern, um die Welt draußen auszuschließen, und die Streifen blassen Lichts, die noch auf den breiteren Theilen des See’s ruhten, waren keine übeln Symbole von der Schwäche der Hoffnungen, die nur so dämmernd noch über seiner Zukunft sichtbar waren. Schwer seufzend drängte er das Canoe vom Lande weg, und ruderte mit stetigem Fleiß zurück, der Arche und dem Castell zu.