Kapitel 12

V

Es war ein Herr schon in reiferen Jahren, von affektiert würdevoller Haltung, mit einem reservierten, süffisanten Gesichtsausdruck; das erste, was er tat, war, daß er in der Tür stehenblieb, mit einem unverhohlenen Staunen, das etwas Beleidigendes hatte, rings um sich blickte und gleichsam mit seinen Blicken fragte: ›Wo bin ich denn hier hingeraten?‹ Mißtrauisch und mit einem erkünstelten Ausdruck von Schreck, ja, als ob er sich verletzt fühlte, musterte er Raskolnikows enge, niedrige »Schiffskajüte«. Mit gleichem Staunen richtete er dann seine Blicke auf Raskolnikow selbst, der unangekleidet, ungewaschen, mit wirrem Haar auf seinem elenden, schmutzigen Sofa lag und ihn auch seinerseits unverwandt betrachtete. Dann begann er mit der gleichen Bedächtigkeit sich den nachlässig gekleideten, unrasierten und ungekämmten Rasumichin anzusehen, der ihm nun ebenso dreist und fragend ins Gesicht blickte, ohne sich vom Platze zu rühren. Dieses gespannte Schweigen dauerte etwa eine Minute lang, und dann trat, wie zu erwarten gewesen war, eine kleine Veränderung der Szenerie ein. Der soeben eingetretene Herr, der wohl aus einigen unzweideutigen Anzeichen gemerkt hatte, daß mit einer übertrieben würdevollen Haltung hier in dieser »Schiffskajüte« nichts auszurichten war, nahm ein etwas freundlicheres Wesen an und fragte in höflichem, wiewohl bestimmtem Tone, indem er sich an Sossimow wandte und jede Silbe betonte:

»Finde ich hier den Studenten oder früheren Studenten Herrn Rodion Romanytsch Raskolnikow?«

Sossimow regte sich langsam und hätte auch vielleicht geantwortet, wenn nicht Rasumichin, an den die Frage gar nicht gerichtet war, ihm zuvorgekommen wäre.

»Da liegt er ja auf dem Sofa! Na, und was wollen Sie?«

Dieses familiäre »was wollen Sie?« war für den gezierten Herrn geradezu ein Schlag ins Gesicht, und er war schon im Begriff, sich zu Rasumichin umzudrehen, beherrschte sich aber noch rechtzeitig und wandte sich schnell wieder zu Sossimow.

»Das da ist Raskolnikow«, murmelte Sossimow, wies mit einer Kopfbewegung nach dem Kranken hin und gähnte dann, wobei er den Mund sehr weit öffnete und sehr lange in dieser Haltung beließ. Hierauf griff er langsam in seine Westentasche, zog eine große, dicke goldene Uhr mit Schutzdeckel heraus, öffnete sie, sah nach und steckte sie dann mit einer ebenso langsamen, trägen Bewegung wieder ein.

Raskolnikow selbst hatte die ganze Zeit über schweigend auf dem Rücken dagelegen und den Ankömmling starr und anscheinend völlig gedankenlos angesehen. Sein Gesicht, das er jetzt von dem interessanten Blümchen auf der Tapete weggewendet hatte, war außerordentlich blaß und trug den Ausdruck eines schweren Leidens, wie wenn er soeben eine qualvolle Operation durchgemacht hätte oder in diesem Augenblicke von der Folter losgelassen wäre. Aber ganz allmählich erregte der eingetretene Herr immer mehr seine Aufmerksamkeit; dann überkam ihn Staunen, darauf Mißtrauen und sogar eine gewisse Furcht. Als aber Sossimow, auf ihn hinweisend, sagte: »Das da ist Raskolnikow«, richtete er sich auf einmal mit einem Ruck auf, setzte sich auf dem Bette aufrecht und sagte in beinahe herausforderndem Tone, aber stockend und leise:

»Ja, ich bin Raskolnikow! Was wünschen Sie?«

Der Fremde blickte ihn aufmerksam an und erwiderte mit starker Betonung:

»Pjotr Petrowitsch Lushin. Ich darf wohl hoffen, daß mein Name Ihnen nicht mehr ganz unbekannt ist.«

Raskolnikow jedoch, der etwas ganz anderes erwartet hatte, sah ihn stumpfsinnig und gedankenlos an und gab ihm keine Antwort, als ob er Pjotr Petrowitschs Namen vorher schlechterdings noch nie gehört hätte.

»Sollten Sie bisher wirklich noch keinerlei Mitteilung über mich erhalten haben?« fragte Pjotr Petrowitsch, einigermaßen unangenehm berührt.

Raskolnikows Antwort bestand darin, daß er sich langsam auf das Kissen zurücksinken ließ, die Hände unter den Kopf schob und die Zimmerdecke betrachtete. Auf Lushins Gesicht malte sich Befremden. Sossimow und Rasumichin begannen, ihn mit noch größerer Neugier zu betrachten, und er wurde am Ende sichtlich verlegen.

»Ich setzte voraus und rechnete damit«, murmelte er, »daß ein Brief, der schon vor mehr als zehn Tagen, vielleicht schon vor zwei Wochen an Sie abgegangen ist …«

»Hören Sie mal, warum stehen Sie denn da immer an der Tür?« unterbrach ihn Rasumichin. »Wenn Sie etwas mitzuteilen haben, so setzen Sie sich hin; für zwei, für Sie und Nastasja, ist es dort zu eng. Tritt mal ein bißchen an die Seite, Nastasjuschka, und laß ihn vorbei. Kommen Sie her; da ist ein Stuhl für Sie. Drängeln Sie sich hier durch!«

Er rückte seinen Stuhl vom Tische ab, stellte einen kleinen freien Raum zwischen dem Tische und seinen Knien her und wartete in etwas gezwungener Haltung darauf, daß der Besucher sich durch diese schmale Lücke »durchdrängelte«. Der Augenblick war so gewählt, daß eine Ablehnung dieser Aufforderung nicht wohl möglich war, und der Besucher drängte sich eilig und stolpernd durch den engen Zwischenraum. Als er den Stuhl erreicht hatte, setzte er sich und sah Rasumichin mißtrauisch an.

»Sie brauchen übrigens gar nicht verlegen zu sein«, sagte dieser in ungeniertem Tone. »Rodja ist zwar vier Tage lang krank gewesen und hat drei Tage lang phantasiert; aber jetzt ist er wieder zu sich gekommen und hat sogar mit Appetit gegessen. Dort sitzt sein Arzt, der ihn soeben untersucht hat; und ich bin Rodjas Kamerad, auch ein gewesener Student, und jetzt seine Wärterin. Also kümmern Sie sich um uns beide gar nicht, genieren Sie sich nicht, sondern sagen Sie ruhig, was Sie hier wünschen.«

»Ich danke Ihnen. Wird aber auch meine Anwesenheit und das Gespräch mit mir den Kranken nicht aufregen?« fragte Pjotr Petrowitsch den Arzt.

»N–nein«, brummte Sossimow. »Das kann ihn eher noch ein bißchen zerstreuen.« Er gähnte wieder.

»Oh, er ist schon längst wieder bei vollem Bewußtsein, seit heute morgen!« fuhr Rasumichin fort, dessen familiärer Ton so ungekünstelt und treuherzig klang, daß Pjotr Petrowitsch daran glaubte und seine Scheu etwas ablegte; es mochte dabei auch der Umstand mitwirken, daß dieser zerlumpte, dreiste Mensch sich als Student vorgestellt hatte.

»Ihre Frau Mutter …«, begann Lushin.

»Hm!« machte Rasumichin laut.

Lushin blickte ihn fragend an.

»Ich wollte nichts sagen. Es war nur so unwillkürlich. Weiter!«

Lushin zuckte mit den Achseln.

»Ihre Frau Mutter hatte, noch während meiner Anwesenheit bei den Ihrigen, einen Brief an Sie begonnen. Nachdem ich nun hier angelangt war, habe ich absichtlich noch einige Tage vergehen lassen und bin nicht sogleich zu Ihnen gekommen, um völlig sicher zu sein, daß Sie inzwischen von allem benachrichtigt wären; jetzt aber sehe ich zu meinem Erstaunen …«

»Ich weiß, ich weiß«, unterbrach ihn Raskolnikow ungeduldig und ärgerlich. »Also Sie sind das? Der Bräutigam? Nun, ich weiß schon! … Genug davon!«

Pjotr Petrowitsch fühlte sich offenbar beleidigt; aber er schwieg. Er überlegte angestrengt, was das alles eigentlich zu bedeuten habe. Das Schweigen dauerte wohl eine Minute.

Unterdessen begann Raskolnikow, der sich bei seiner Antwort ein wenig nach ihm hingedreht hatte, ihn von neuem aufmerksam und mit einer Art von besonderer Neugier zu betrachten, als wäre er vorhin mit der Musterung noch nicht fertig geworden oder als wäre ihm an Lushin etwas Neues aufgefallen; er richtete sich sogar ausdrücklich zu diesem Zwecke vom Kissen auf. In der Tat fiel einem an Pjotr Petrowitschs gesamter äußerer Erscheinung etwas Besonderes auf, und speziell etwas, was zu der Bezeichnung »Bräutigam« stimmte, die ihm soeben in so ungenierter Weise erteilt worden war. Es war sehr augenfällig, daß Pjotr Petrowitsch diese paar Tage in der Hauptstadt schleunigst dazu benutzt hatte, um sich in Erwartung der Braut neu zu equipieren und zu verschönern, ein sehr harmloses und erlaubtes Bestreben. Sogar, daß er mit vielleicht allzu starker Selbstzufriedenheit sich dieser erfreulichen Vervollkommnung bewußt war, konnte bei einem Bräutigam verzeihlich erscheinen. Sein ganzer Anzug war eben erst vom Schneider gekommen, und alles war vortrefflich, abgesehen eben davon, daß alles gar zu neu war und gar zu sehr eine bestimmte Absicht bekundete. Auch der elegante, nagelneue Zylinderhut zeugte von dieser Absicht: Pjotr Petrowitsch ging mit ihm allzu respektvoll um und hielt ihn allzu vorsichtig in den Händen. Auch die entzückenden fliederfarbenen, echt Jouvinschen Handschuhe bezeugten dasselbe, schon dadurch, daß er sie nicht angezogen hatte, sondern nur zum Staate in der Hand hielt. Pjotr Petrowitschs Anzug wies vorwiegend helle, jugendliche Farben auf. Er trug ein hübsches hellbraunes Sommerjackett, helle, leichte Beinkleider, eine ebensolche Weste, feine, frischgekaufte Wäsche und eine ganz leichte Batistkrawatte mit rosa Streifchen; und was das Beste war: es stand ihm alles ausgezeichnet. Sein sehr frisches und sogar hübsches Gesicht sah auch ohnedies jünger aus, als es bei einem fünfundvierzigjährigen Manne zu erwarten gewesen wäre. Ein dunkler Backenbart faßte es auf beiden Seiten in gefälliger Kotelettform ein und verdichtete sich sehr hübsch um das sauber rasierte, glänzende Kinn. Auch daß die erst ganz schwach angegrauten Haare von der Hand eines Haarkünstlers frisiert und gekräuselt waren, gab ihm in keiner Weise ein lächerliches oder dummes Aussehen, wie das sonst gewöhnlich bei frisiertem Haare der Fall ist, da es dem Gesichte eine verzweifelte Ähnlichkeit mit einem Deutschen, der sich trauen läßt, verleiht. Wenn in dieser recht hübschen und gereiften Physiognomie doch etwas Unangenehmes und Abstoßendes war, so hatte das andere Gründe. Nachdem Raskolnikow Herrn Lushin in einer so wenig höflichen Weise betrachtet hatte, lächelte er höhnisch, legte sich wieder auf das Kissen und blickte, wie vorher, nach der Zimmerdecke.

Aber Herr Lushin hielt seinen Unwillen zurück und war anscheinend gewillt, all diese Sonderbarkeiten vorläufig nicht zu beachten.

»Es tut mir außerordentlich leid, ganz außerordentlich leid, Sie in einem solchen Zustande zu finden«, begann er von neuem, bemüht, das Schweigen zu brechen. »Hätte ich von Ihrer Krankheit Kenntnis gehabt, so wäre ich früher gekommen. Aber, wissen Sie, die Scherereien mit dem Umzug! … Ich habe außerdem gerade als Advokat eine sehr wichtige Sache im Senat zu erledigen. Ich erwähne gar nicht erst die Sorgen, die auch Sie sich leicht denken können. Die Ihrigen, das heißt Ihre Frau Mutter und Ihre Schwester, erwarte ich stündlich.«

Raskolnikow bewegte sich langsam, und es hatte den Anschein, als wollte er etwas sagen; seine Miene spiegelte eine gewisse Erregung wider. Fjodr Petrowitsch hielt inne und wartete; aber da nichts weiter erfolgte, fuhr er fort:

»Jawohl, stündlich. Ich habe ihnen als erste Unterkunft eine Wohnung gesucht …«

»Wo?« fragte Raskolnikow mit schwacher Stimme.

»Hier ganz nahe, im Bakalejewschen Hause …«

»Das ist auf dem Wosnessenskij-Prospekt«, unterbrach ihn Rasumichin. »Da hat der Kaufmann Juschin zwei Stockwerke als Hotel garni eingerichtet, die er vermietet. Ich bin einmal dagewesen.«

»Ja, es ist ein Hotel garni …«

»Es ist eine ganz grauenhafte Wirtschaft da – ein Schmutz, ein Gestank! Und berüchtigt ist der Ort auch: es sind da schon schlimme Geschichten passiert. Ja, und weiß der Teufel, was da alles für Volk wohnt! … Ich selbst bin aus einem skandalösen Anlaß hingekommen. Aber billig ist es da.«

»Ich konnte natürlich nicht so viel Erkundigungen einziehen, da ich selbst eben erst nach Petersburg zugezogen bin«, erwiderte Pjotr Petrowitsch gekränkt. »Es sind übrigens zwei saubere, sehr saubere Stübchen, und da es nur für ganz kurze Zeit ist … Ich habe bereits eine größere, ordentliche Wohnung gefunden, die wir nachher beziehen werden«, sagte er, zu Raskolnikow gewendet. »Sie wird jetzt zurechtgemacht; unterdessen behelfe auch ich mich mit einem möblierten Zimmer, wenige Schritte von hier, bei einer Frau Lippewechsel, in der Wohnung eines jungen Freundes von mir, Andrej Semjonowitsch Lebesjatnikow. Er ist es auch gewesen, der mir das Bakalejewsche Haus empfohlen hat …«

»Lebesjatnikow?« sagte Raskolnikow langsam, wie wenn er in seinem Gedächtnisse nachsuchte.

»Ja, Andrej Semjonowitsch Lebesjatnikow; er ist Beamter in einem Ministerium. Kennen Sie ihn vielleicht?«

»Ja … nein …«, antwortete Raskolnikow.

»Entschuldigen Sie; es schien mir so, nach Ihrer Frage. Ich bin früher sein Vormund gewesen, … ein sehr liebenswürdiger junger Mann … und bildungseifrig … Es macht mir Freude, mit jungen Leuten zu verkehren; man erfährt da immer, was es Neues gibt.«

Pjotr Petrowitsch blickte in der Hoffnung auf Zustimmung alle Anwesenden an.

»Auf welchem Gebiete?« fragte Rasumichin.

»Auf dem allerwichtigsten Gebiete; um mich so auszudrücken: auf dem Gebiete der kapitalsten Lebensinteressen«, erwiderte Pjotr Petrowitsch, der sich über die Frage zu freuen schien. »Sehen Sie, ich habe seit zehn Jahren Petersburg nicht besucht. Alle diese unsere Neuerungen, Reformen, Ideen, all das hat ja auch uns in der Provinz lebhaft interessiert; aber um klarer zu sehen und alles zu sehen, muß man denn doch in Petersburg sein. Nun, und meine Ansicht ist eben, daß man am meisten lernt und erfährt, wenn man mit unserer jungen Generation umgeht. Und ich muß gestehen: ich habe dabei viel Freude gehabt.«

»Worüber denn speziell?«

»Das ist eine sehr umfassende Frage. Ich mag mich irren, aber mir scheint, ich finde da einen klareren Blick, sozusagen mehr Kritik, mehr Tüchtigkeit …«

»Das ist richtig«, bemerkte Sossimow in seiner gedehnten Redeweise.

»Da irrst du, an Tüchtigkeit mangelt es«, fiel Rasumichin ein. »Tüchtigkeit läßt sich nur mühsam erwerben und fällt nicht so ohne weiteres vom Himmel. Aber bei uns ist es schon fast zweihundert Jahre her, daß wir uns von jeder Arbeit entwöhnt haben. Ideen sind ja im Umlauf, das mag sein«, fuhr er, zu Pjotr Petrowitsch gewendet, fort, »auch ein Verlangen nach dem Guten ist vorhanden, wenn auch dieses Verlangen sich etwas kindlich ausnimmt; auch Ehrenhaftigkeit findet sich, obwohl die Zahl der Gauner in einer unheimlichen Weise angeschwollen ist; aber Tüchtigkeit ist trotzdem nicht vorhanden.«

»Da bin ich mit Ihnen doch nicht einverstanden«, erwiderte Pjotr Petrowitsch mit sichtlichem Behagen.

»Gewiß, Übertreibungen und Unregelmäßigkeiten kommen ja vor; aber man muß doch auch nachsichtig sein; die Übertreibungen zeugen von Eifer für die gute Sache und lassen auf die üble äußere Lage schließen, in der sich die gute Sache befindet. Wenn bis jetzt nur wenig geleistet ist, so ist doch zu bedenken, daß die Zeit nur kurz war, von der Beschränktheit der Mittel gar nicht zu reden. Meiner persönlichen Ansicht nach kann man sogar sagen, daß etwas Erkleckliches geleistet ist: neue nützliche Ideen sind verbreitet; eine Anzahl neuer nützlicher Schriften ist an Stelle der früheren phantastischen und romantischen erschienen; die Literatur nimmt einen reiferen Charakter an; viele schädliche Vorurteile sind ausgerottet und dienen zum Gespött … Mit einem Worte, wir haben mit der Vergangenheit endgültig gebrochen, und das ist, meiner Ansicht nach, schon eine bedeutende Tat …«

»Lauter auswendig gelerntes Zeug, wodurch er sich empfehlen möchte!« sagte Raskolnikow ganz unerwartet.

»Wie sagten Sie?« fragte Pjotr Petrowitsch, der nicht genau gehört hatte; aber er erhielt keine Antwort.

»Alles durchaus richtig«, beeilte sich Sossimow einzuschalten.

»Nicht wahr?« meinte Pjotr Petrowitsch und sah Sossimow freundlich an. »Sie müssen doch selbst zugeben«, fuhr er, zu Rasumichin gewendet, fort – aber nunmehr gewissermaßen im Tone des Triumphes und der Überlegenheit, und er hätte beinahe hinzugefügt: »junger Mann« –, »daß ein Fortschreiten stattfindet, wenigstens auf dem Gebiete der Wissenschaft und der nationalökonomischen Theorie …«

»Gemeinplätze!«

»Nein, keine Gemeinplätze! Wenn man mir zum Beispiel bisher sagte: ›Liebe deinen Nächsten!‹ und ich ihn demgemäß liebte, was war dann die Folge?« fuhr Pjotr Petrowitsch mit vielleicht etwas zu weitgehendem Eifer fort. »Die Folge war, daß ich meinen Rock in zwei gleiche Teile zerriß, den einen Teil meinem Nächsten gab und wir so beide halbnackt blieben, nach dem Sprichworte: ›Wer mehreren Hasen zugleich nachjagt, bekommt keinen.‹ Die Wissenschaft aber sagt: ›Liebe vor allen andern dich selbst; denn alles in der Welt beruht auf dem persönlichen Interesse.‹ Wenn man also nur sich selbst liebt, so betreibt man seine Geschäfte mit der gehörigen Sorgfalt, und der Rock bleibt heil. Und die nationalökonomische Theorie fügt hinzu, daß, je mehr wohlgeordnetes Privateigentum, sozusagen ganze Röcke, es im Staate gibt, um so mehr feste Grundlagen für ihn vorhanden sind und um so mehr das Wohl der Gesamtheit gesichert ist. Folglich, wenn ich einzig und allein für mich erwerbe, so erwerbe ich gerade dadurch gewissermaßen auch für alle und bringe es dahin, daß mein Nächster etwas mehr als einen halben Rock erhält, und zwar nicht von der privaten Mildtätigkeit eines einzelnen, sondern infolge der allgemeinen gedeihlichen Entwicklung. Der Gedanke ist so einfach; aber leider hat es allzulange gedauert, bis er sich hat durchsetzen können, da Verstiegenheit und Phantasterei ihm im Wege standen; und doch sollte man meinen, daß nicht viel Scharfsinn erforderlich ist, um einzusehen …«

»Entschuldigen Sie, ich bin auch nicht scharfsinnig«, unterbrach ihn Rasumichin schroff, »und darum wollen wir lieber hiervon aufhören. Ich habe ja auch nur in bestimmter Absicht dieses Gespräch herbeigeführt; im übrigen ist mir diese ganze Art, sich durch leeres Geschwätz selbst ein Amüsement zu machen, und all diese endlosen, nie abreißenden Gemeinplätze und immer dasselbe und immer dasselbe – das ist mir in diesen drei Jahren so zum Ekel geworden, daß ich wahrhaftig schamrot werde, wenn nicht etwa gar ich, sondern auch nur in meiner Gegenwart andre davon reden. Sie haben sich natürlich beeilt, sich durch Schaustellung Ihrer Kenntnisse empfehlend einzuführen; das ist sehr verzeihlich, und ich verüble Ihnen das nicht. Mir persönlich lag jetzt nur daran, zu erfahren, wes Geistes Kind Sie sind; denn sehen Sie, an die gute Sache haben sich in letzter Zeit so viele schlaue Streber von mancherlei Art herangedrängt und haben alles, was sie in die Finger bekamen, in ihrem Interesse so entstellt, daß sie entschieden die ganze Sache versudelt haben. Aber nun genug davon!«

»Verehrter Herr«, begann Lushin und verdrehte überaus würdevoll den Oberkörper, »wollen Sie etwa so unverblümt sagen, daß auch ich …«

»Aber ich bitte Sie! … Wie könnte ich denn! … Nun, genug davon!« damit schnitt Rasumichin die Erörterung kurz ab und wandte sich dann unvermittelt an Sossimow, um das frühere Gespräch fortzusetzen.

Pjotr Petrowitsch war klug genug, der Erklärung Rasumichins sofort Glauben zu schenken. Indes nahm er sich vor, in zwei Minuten wegzugehen.

»Ich hoffe«, sagte er zu Raskolnikow, »daß unsere Bekanntschaft, die wir jetzt eingeleitet haben, sich infolge der Ihnen bekannten Verhältnisse nach Ihrer Genesung noch weiter festigen wird … Vor allen Dingen wünsche ich Ihnen gute Besserung …«

Raskolnikow drehte nicht einmal den Kopf zu ihm hin. Pjotr Petrowitsch machte Anstalten, sich von seinem Stuhle zu erheben.

»Jedenfalls ist der Mord von einem Pfandschuldner begangen!« erklärte Sossimow mit großer Bestimmtheit.

»Unbedingt!« pflichtete ihm Rasumichin bei. »Porfirij spricht seine Gedanken zwar nicht aus, aber er verhört doch die Pfandschuldner.«

»Er verhört die Pfandschuldner?« fragte Raskolnikow laut.

»Ja. Was hast du denn?«

»Nichts.«

»Wie findet er denn die heraus?« fragte Sossimow.

»Einige hat ihm Koch genannt; von ein paar andern Schuldnern standen die Namen auf den Umschlägen der Pfänder notiert; einige meldeten sich auch von selbst, als sie hörten …«

»Na, aber eine geschickte und erfahrene Kanaille muß doch dieser Mörder gewesen sein! So eine Kühnheit! So eine Entschlossenheit!«

»Das ist es ja eben, daß diese Ansicht völlig fehlgeht!« unterbrach ihn Rasumichin. »Das bringt euch alle von der richtigen Fährte ab. Ich aber sage; er war ungeschickt und unerfahren, und dies war sicherlich sein erstes Unternehmen. Bei der Voraussetzung, daß wir es mit Berechnung und einer geschickten Kanaille zu tun haben, ergibt sich eine innere Unwahrscheinlichkeit. Setzen wir aber einen unerfahrenen Mörder voraus, so ergibt sich, daß einzig und allein der Zufall ihm aus der Klemme geholfen hat, und was tut nicht alles der Zufall! Ich bitte dich, die möglichen Hindernisse hat er vielleicht gar nicht vorher überlegt! Und wie hat er die Tat ausgeführt? Er nimmt Dinge weg, die zehn oder zwanzig Rubel wert sind, stopft sich damit die Taschen voll, wühlt in dem Kasten des alten Weibes unter den Lumpen umher, und in der Kommode, im obersten Schubkasten, findet man nachher in einer Schatulle allein an barem Gelde gegen tausendfünfhundert Rubel, abgesehen von den Wertpapieren! Nicht einmal zu rauben hat er verstanden; das einzige, was er verstanden hat, war Morden. Das war sein erstes Unternehmen, sage ich dir, sein erstes Unternehmen; er hat dabei die ruhige Überlegung verloren! Und nicht durch schlaue Berechnung, sondern durch einen reinen Zufall ist er entkommen!«

»Sie sprechen da wohl von der neulichen Ermordung der alten Beamtenwitwe«, mischte sich, zu Sossimow gewendet, Pjotr Petrowitsch in das Gespräch, der schon mit dem Hute und den Handschuhen in der Hand dastand, aber vor dem Weggehen noch ein paar kluge Worte von sich zu geben wünschte.

Es lag ihm offenbar viel daran, einen vorteilhaften Eindruck zu hinterlassen, und die Eitelkeit trug dabei den Sieg über die Klugheit davon.

»Ja. Haben Sie auch davon gehört?«

»Gewiß, bei so naher Nachbarschaft …«

»Kennen Sie die Einzelheiten?«

»Das kann ich nicht behaupten. Aber mich interessiert dabei ein anderer Umstand, ich möchte sagen: eine sozialpolitische Frage. Ich will nicht davon reden, daß in der untersten Volksschicht die Verbrechen im Laufe der letzten fünf Jahre erheblich zugenommen haben; ich will nicht von den Raubüberfällen und Brandstiftungen reden, die jetzt allerwärts und unaufhörlich vorkommen; das Allermerkwürdigste ist vielmehr für mich, daß die Verbrechen auch in den höheren Schichten ebenso zunehmen, ich möchte sagen: in paralleler Kurve. An einer Stelle, hört man, hat ein früherer Student auf offener Landstraße die Post beraubt; an einer andern fabrizieren Leute, die nach ihrer sozialen Stellung zu den besseren Kreisen gehören, falsche Banknoten; dort, in Moskau, wird eine ganze Bande abgefaßt, welche falsche Staatsschuldscheine der letzten Prämienanleihe anfertigte, und einer der Hauptschuldigen war Dozent der Weltgeschichte; dort, im Ausland, wird einer unserer Gesandtschaftssekretäre aus einem rätselhaften pekuniären Anlasse von einem Kollegen ermordet … Und wenn jetzt diese alte Wucherin von einem Angehörigen der höheren Stände getötet wurde – denn einfache Leute versetzen doch keine Goldsachen –, wie läßt sich dann diese Demoralisation des gebildeten Teiles unserer Bevölkerung erklären?«

»Es haben eben viele Veränderungen in den ökonomischen Verhältnissen stattgefunden«, erwiderte Sossimow.

»Wie sich das erklären läßt?« fiel Rasumichin ein. »Das könnte man gerade durch die fest eingewurzelte Untüchtigkeit erklären.«

»Wie meinen Sie das?«

»Was antwortete denn in Moskau Ihr Dozent auf die Frage, warum er Staatsschuldscheine gefälscht habe? ›Alle bereichern sich auf die eine oder andre Art; daher wollte auch ich schnell reich werden.‹ Des Wortlautes entsinne ich mich nicht; aber der Sinn war: reich werden auf andrer Leute Kosten, recht schnell, ohne Arbeit! Wir haben uns gewöhnt, alles zum Leben Nötige einfach vorzufinden, mit fremder Hilfe zu gehen, ohne vorhergehende Mühe zu genießen. Na, und wenn dann ein kritischer Augenblick kommt, dann zeigt sich ein jeder in seinem wahren Charakter …«

»Ja, aber wo bleibt denn da die Moral? Und sozusagen die Prinzipien des Handelns?«

»Worüber erregen Sie sich denn so?« mischte sich, für alle unerwartet, Raskolnikow in das Gespräch. »Das entspricht doch vollständig Ihrer Theorie!«

»Inwiefern soll das meiner Theorie entsprechen?«

»Ziehen Sie aus den Grundsätzen, die Sie vorhin vortrugen, die sich daraus ergebenden Schlüsse, so kommen Sie zu dem Resultate, daß es gestattet ist, andre Menschen zu töten …«

»Aber ich bitte Sie!« rief Lushin.

»Nein, das ist denn doch nicht richtig!« warf auch Sossimow dazwischen.

Raskolnikow lag ganz blaß da; seine Oberlippe zuckte; er atmete mühsam.

»Es hat doch alles seine Grenzen«, fuhr Lushin hochmütig fort. »Eine nationalökonomische Idee ist noch keine Aufforderung zum Morde, und wenn man nur annimmt …«

»Ist es wahr, daß Sie«, unterbrach ihn Raskolnikow wieder mit vor Wut bebender Stimme, der man es anmerkte, wie sehr es ihn freute, den andern kränken zu können, »ist es wahr, daß Sie in eben der Stunde, da Sie von Ihrer Braut das Jawort erhielten, ihr gesagt haben, Sie freuten sich ganz besonders darüber, daß sie bettelarm sei, weil es seine großen Vorzüge habe, eine ganz arme Frau zu nehmen, um dann nachher über sie herrschen zu können … und ihr vorhalten zu können, welche Wohltat sie Ihnen zu verdanken habe?«

»Verehrter Herr«, rief Lushin zornig und gereizt; er hatte einen ganz roten Kopf bekommen und völlig die Fassung verloren. »Verehrter Herr, … wie können Sie den Sinn meiner Worte so entstellen! Nehmen Sie es nicht übel, aber ich muß Ihnen sagen, daß die Gerüchte, die zu Ihnen gedrungen sind, oder richtiger: die Ihnen zugetragen wurden, auch nicht eine Spur der Wahrheit enthalten. Aber ich … ich kann mir denken, wer … mit einem Worte … dieser Pfeil … mit einem Worte, Ihre Frau Mutter … Sie kam mir überhaupt, bei all ihren vortrefflichen Eigenschaften, etwas schwärmerisch und romantisch angehaucht vor … Aber ich habe doch nicht im entferntesten geglaubt, daß sie die Sache in einer so phantastisch entstellten Weise auffassen und darstellen würde … Und schließlich … schließlich …«

»Wissen Sie was?« rief Raskolnikow, richtete sich auf dem Kissen auf und sah ihn mit durchdringendem, funkelndem Blicke an. »Wissen Sie was?«

»Nun, was denn also?«

Lushin hielt inne und wartete mit gekränkter, herausfordernder Miene. Das Schweigen dauerte einige Sekunden.

»Wenn Sie sich noch einmal erdreisten, … auch nur ein Wort … über meine Mutter zu sagen, so werfe ich Sie kopfüber die Treppe hinunter!«

»Was hast du denn?« rief Rasumichin.

»Ah, so steht es also!« Lushin wurde blaß und biß sich auf die Lippe. »Hören Sie, mein Herr«, sagte er betont und langsam; er suchte sich mit aller Gewalt zu beherrschen, konnte aber kaum Luft bekommen. »Ich habe schon vorhin, gleich als ich hereingekommen war, Ihre feindliche Gesinnung gegen mich erkannt; aber ich blieb absichtlich hier, um noch mehr in Erfahrung zu bringen. Vieles könnte ich einem Kranken und Verwandten verzeihen, aber dieses … kann ich Ihnen … niemals …«

»Ich bin nicht krank!« rief Raskolnikow.

»Um so schlimmer …«

»Scheren Sie sich zum Teufel!«

Aber Lushin ging bereits von selbst hinaus, ohne den Satz zu Ende zu sprechen; er mußte sich dabei wieder zwischen dem Tisch und dem Stuhl hindurchdrängen. Rasumichin stand diesmal auf, um ihn durchzulassen. Ohne jemand anzusehen, selbst ohne ein Kopfnicken für Sossimow, der ihm schon längst Zeichen gemacht hatte, daß er den Kranken in Ruhe lassen möchte, ging Lushin hinaus; als er gebückt durch die Tür schritt, hielt er vorsichtig seinen Hut an die Schulter. Man konnte glauben, daß es sogar der Krümmung seines Rückens anzusehen war, welch ein Gefühl furchtbarer Kränkung er mit sich davontrug.

»Aber wie kannst du bloß? Wie kannst du bloß?« sagte Rasumichin ganz verblüfft und schüttelte den Kopf.

»Laßt mich in Ruhe, laßt mich alle in Ruhe!« rief Raskolnikow in voller Wut. »Wollt ihr mich denn nicht endlich in Ruhe lassen, ihr Peiniger! Ich fürchte euch jetzt nicht! Niemand fürchte ich jetzt, niemand! Macht, daß ihr von mir wegkommt! Ich will allein sein, allein, allein, allein!«

»Wir wollen gehen!« sagte Sossimow, indem er Rasumichin winkte.

»Aber ich bitte dich! Wir können ihn doch nicht in diesem Zustande verlassen!«

»Wir wollen gehen!« sagte Sossimow noch einmal nachdrücklich und ging hinaus.

Rasumichin überlegte einen Augenblick und lief ihm dann schnell nach.

»Es hätte noch schlimmer werden können, wenn wir ihm nicht den Willen getan hätten«, sagte Sossimow, der bereits auf der Treppe war. »Man darf ihn nicht reizen …«

»Was ist nur mit ihm?«

»Könnte man ihm nur irgendeinen angenehmen Impuls geben; das wäre sehr wesentlich. Bei Kräften war er ja schon wieder … Weißt du, es steckt ihm etwas im Kopfe, was nicht weichen will und ihn bedrückt … Ich fürchte sehr, so ist es; ganz sicher!«

»Ja, vielleicht ist es dieser Herr Pjotr Petrowitsch! Aus dem Gespräche wurde ja klar, daß er Rodjas Schwester heiraten will und daß Rodja darüber unmittelbar vor seiner Krankheit einen Brief erhalten hat …«

»Ja. Daß dieser Mensch auch gerade jetzt herkommen mußte! Vielleicht hat der die ganze Geschichte verdorben. Hast du aber wohl bemerkt, daß er gegen alles gleichgültig ist und zu allem schweigt, mit Ausnahme einer einzigen Sache, die ihn in Harnisch bringt? Ich meine die Mordtat.«

»Ja, ja«, stimmte ihm Rasumichin bei. »Es ist mir sehr aufgefallen. Dieses Thema interessiert ihn, beängstigt ihn. Das kommt wohl daher, daß man ihn gerade an dem Tage, an dem die Krankheit zum Ausbruch kam, im Bureau des Revierinspektors durch ein Gespräch darüber erschreckt hat; er ist damals in Ohnmacht gefallen.«

»Erzähle mir das heute abend ausführlicher; ich werde dir dann auch etwas sagen. Er interessiert mich außerordentlich! In einer halben Stunde will ich noch einmal herankommen und nach ihm sehen … Fieber wird er übrigens nicht mehr haben.«

»Ich danke dir. Ich will unterdessen bei Paschenjka warten und ihn durch Nastasja beobachten lassen.«

Als die beiden das Zimmer verlassen hatten, blickte Raskolnikow ungeduldig und mißmutig Nastasja an; aber diese zögerte noch fortzugehen.

»Willst du jetzt Tee trinken?« fragte sie.

»Nachher! Ich möchte schlafen! Laß mich allein …«

Er drehte sich krampfhaft nach der Wand hin; Nastasja ging hinaus.

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Kapitel 1

I

An einem der ersten Tage des Juli – es herrschte eine gewaltige Hitze – verließ gegen Abend ein junger Mann seine Wohnung, ein möbliertes Kämmerchen in der S …gasse, und trat auf die Straße hinaus; langsam, wie unentschlossen, schlug er die Richtung nach der K … brücke ein.

Einer Begegnung mit seiner Wirtin auf der Treppe war er glücklich entgangen. Seine Kammer lag unmittelbar unter dem Dache des hohen, vierstöckigen Hauses und hatte in der Größe mehr Ähnlichkeit mit einem Schranke als mit einer Wohnung. Seine Wirtin, die ihm diese Kammer vermietet hatte und ihm auch das Mittagessen lieferte und die Bedienung besorgte, wohnte selbst eine Treppe tiefer, und jedesmal, wenn er das Haus verlassen wollte, mußte er notwendig auf der Treppe an ihrer Küche vorbeigehen, deren Tür fast immer weit offen stand. Und jedesmal, wenn der junge Mann vorbeikam, ergriff ihn ein peinliches Gefühl der Feigheit, dessen er sich stirnrunzelnd schämte. Er steckte bei der Wirtin tief in Schulden und fürchtete sich deshalb davor, mit ihr zusammenzutreffen.

Nicht daß Schüchternheit und Feigheit in seinem Charakter gelegen hätten; ganz im Gegenteil; aber er befand sich seit einiger Zeit in einem aufgeregten und gereizten Gemütszustande, der große Ähnlichkeit mit Hypochondrie hatte. Er hatte sich derartig in sein eigenes Ich vergraben und sich von allen Menschen abgesondert, daß er sich schlechthin vor jeder Begegnung scheute, nicht nur vor einer Begegnung mit seiner Wirtin. Die Armut hatte ihn völlig überwältigt; aber selbst diese bedrängte Lage empfand er in der letzten Zeit nicht mehr als lastenden Druck. Auf Brotarbeit hatte er ganz verzichtet; er hatte keine Lust mehr zu irgendwelcher Tätigkeit. In Wahrheit fürchtete er sich vor keiner Wirtin in der Welt, mochte sie gegen ihn im Schilde führen, was sie wollte. Aber auf der Treppe stehenzubleiben, allerlei Gewäsch über allen möglichen ihm ganz gleichgültigen Alltagskram, all diese Mahnungen ans Bezahlen, die Drohungen und Klagen anzuhören und dabei selbst sich herauszuwinden, sich zu entschuldigen, zu lügen – nein, da war es schon besser, wie eine Katze auf der Treppe vorbeizuschlüpfen und sich, ohne von jemand gesehen zu werden, flink davonzumachen.

Übrigens war er diesmal, als er auf die Straße hinaustrat, selbst erstaunt darüber, daß er sich so vor einer Begegnung mit seiner Gläubigerin fürchtete.

»Eine so große Sache plane ich, und dabei fürchte ich mich vor solchen Kleinigkeiten!« dachte er mit einem eigentümlichen Lächeln. »Hm… ja… alles hat der Mensch in seiner Hand, und doch läßt man sich alles an der Nase vorbeigehen, einzig und allein aus Feigheit… das ist schon so die allgemeine Regel… Merkwürdig: wovor fürchten die Menschen sich am meisten? Am meisten fürchten sie sich vor einem neuen Schritte, vor einem eignen neuen Worte… Übrigens schwatze ich viel zuviel. Darum handle ich auch nicht, weil ich soviel schwatze. Vielleicht aber liegt die Sache auch so: weil ich nicht handle, darum schwatze ich. Da habe ich nun in diesem letzten Monat das Schwatzen gelernt, wenn ich so ganze Tage lang im Winkel lag und an weiß Gott was dachte. Nun also: wozu gehe ich jetzt aus? Bin ich etwa imstande, das auszuführen? Ist es mir etwa Ernst damit? Ganz und gar nicht. Ich amüsiere mich nur mit einem müßigen Spiel der Gedanken; Tändelei! Ja, weiter nichts als Tändelei!«

Auf der Straße war eine furchtbare Hitze; dazu noch die drückende Schwüle und das Gedränge; überall Kalkhaufen, Baugerüste, Ziegelsteine, Staub und jener besondere Sommergestank, den jeder Petersburger, soweit er nicht in der Lage ist, in die Sommerfrische zu gehen, so gut kennt. All dies zerrte plötzlich auf das unangenehmste an den ohnehin schon reizbaren Nerven des jungen Mannes. Der unerträgliche Dunst aus den gerade in diesem Stadtteile besonders zahlreichen Kneipen und die Betrunkenen, auf die man trotz Werktag und Arbeitszeit fortwährend stieß, vollendeten das widerwärtige, traurige Kolorit dieses Bildes. Ein Ausdruck des tiefsten Ekels spielte einen Augenblick auf den feinen Zügen des jungen Mannes. (Um dies beiläufig zu erwähnen: er hatte ein ungewöhnlich hübsches Äußeres, schöne, dunkle Augen, dunkelblondes Haar, war über Mittelgröße, schlank und wohlgebaut.) Aber bald versank er in tiefes Nachdenken oder, richtiger gesagt, in eine Art von Geistesabwesenheit und schritt nun einher, ohne seine Umgebung wahrzunehmen; ja, er wollte sie gar nicht wahrnehmen. Nur ab und zu murmelte er etwas vor sich hin, zufolge jener Neigung, mit sich selbst zu reden, die er sich soeben selbst eingestanden hatte. Gleichzeitig kam ihm auch zum Bewußtsein, daß seine Gedanken sich zeitweilig verwirrten und daß er sehr schwach war: dies war schon der zweite Tag, daß er so gut wie nichts gegessen hatte.

Er war so schlecht gekleidet, daß ein anderer, selbst jemand, der die Armut schon gewohnt war, sich geschämt hätte, bei Tage in solchen Lumpen auf die Straße zu gehen. Übrigens war dieser Stadtteil von der Art, daß es schwer war, durch die Kleidung hier jemand in Verwunderung zu versetzen. Die Nähe des Heumarktes, die übergroße Zahl gewisser Häuser und ganz besonders die Fabrikarbeiter- und Handwerkerbevölkerung, die sich in diesen inneren Straßen und Gassen von Petersburg zusammendrängte, brachten mitunter in das Gesamtbild einen so starken Prozentsatz derartiger Gestalten hinein, daß es sonderbar gewesen wäre, wenn man sich bei der Begegnung mit einer einzelnen solchen Figur hätte wundern wollen. Aber in der Seele des jungen Mannes hatte sich bereits so viel ingrimmige Verachtung angesammelt, daß er trotz all seiner mitunter stark jünglingshaften Empfindlichkeit sich seiner Lumpen auf der Straße nicht mehr schämte. Anders beim Zusammentreffen mit irgendwelchen Bekannten oder mit früheren Kommilitonen, denen er überhaupt nicht gern begegnete … Als indessen ein Betrunkener, der gerade in einem großen Bauernwagen mit einem mächtigen Lastpferde davor auf der Straße irgendwohin transportiert wurde, ihm plötzlich im Vorbeifahren zurief: »He, du! Hast’nen deutschen Deckel auf dem Kopf!«, aus vollem Halse zu brüllen anfing und mit der Hand auf ihn zeigte: da blieb der junge Mann stehen und griff mit einer krampfhaften Bewegung nach seinem Hute. Es war ein hoher, runder Hut, aus dem Hutgeschäft von Zimmermann, aber schon ganz abgenutzt, völlig fuchsig, ganz voller Löcher und Flecke, ohne Krempe und in greulichster Weise eingeknickt. Aber es war nicht Scham, sondern ein ganz anderes Gefühl, das sich seiner bemächtigte, eine Art Schreck.

›Hab ich’s doch gewußt!‹ murmelte er bestürzt. ›Hab ich’s mir doch gedacht! Das ist das Allerwiderwärtigste! Irgendeine Dummheit, irgendeine ganz gewöhnliche Kleinigkeit kann den ganzen Plan verderben! Ja, der Hut ist zu auffällig … Er ist lächerlich, und dadurch wird er auffällig. Zu meinen Lumpen ist eine Mütze absolut notwendig, und wäre es auch irgend so ein alter Topfdeckel, aber nicht dieses Ungetüm. So etwas trägt kein Mensch. Eine Werst weit fällt den Leuten so ein Hut auf, und sie erinnern sich daran … Ja, das ist es: sie erinnern sich seiner nachher, und schon ist der Indizienbeweis da. Bei solchen Geschichten muß man möglichst unauffällig sein, … die Kleinigkeiten, die Kleinigkeiten, die sind die Hauptsache! Gerade diese Kleinigkeiten verderben immer alles …‹

Er hatte nicht weit zu gehen; er wußte sogar, wieviel Schritte es von seiner Haustür waren: genau siebenhundertunddreißig. Er hatte sie einmal gezählt, als er sich sein Vorhaben schon lebhaft ausmalte. Damals freilich glaubte er selbst noch nicht an diese seine Phantasiegemälde und kitzelte nur sich selbst mit ihrer grauenhaften, aber verführerischen Verwegenheit. Jetzt, einen Monat später, hatte er bereits angefangen, die Sache anders zu betrachten, und trotz aller höhnischen Monologe über seine eigene Schwäche und Unschlüssigkeit hatte er sich unwillkürlich daran gewöhnt, das »grauenhafte« Phantasiegemälde bereits als ein beabsichtigtes Unternehmen zu betrachten, wiewohl er an seinen Entschluß noch immer selbst nicht recht glaubte. Sein jetziger Ausgang hatte sogar den Zweck, eine Probe für sein Vorhaben zu unternehmen, und mit jedem Schritte wuchs seine Aufregung mehr und mehr.

Das Herz stand ihm fast still, und ein nervöses Zittern überkam ihn, als er sich einem kolossalen Gebäude näherte, das mit der einen Seite nach dem Kanal, mit der andern nach der …straße zu lag. Dieses Haus hatte lauter kleine Wohnungen, in denen allerlei einfache Leute wohnten: Schneider, Schlosser, Köchinnen, Deutsche verschiedenen Berufes, alleinstehende Mädchen, kleine Beamte usw. Durch die beiden Haustore und auf den beiden Höfen des Hauses war ein fortwährendes Kommen und Gehen. Hier gab es drei oder vier Hausknechte zur Aufsicht. Der junge Mann war sehr damit zufrieden, daß er keinem von ihnen begegnete, und schlüpfte gleich vom Tore aus unbemerkt rechts eine Treppe hinauf. Die Treppe war dunkel und eng, ein »Wirtschaftsaufgang«; aber er hatte dies alles schon studiert und kannte es, und diese ganze Örtlichkeit gefiel ihm: in solcher Dunkelheit war selbst ein neugierig forschender Blick nicht weiter gefährlich. ›Wenn ich mich jetzt schon so fürchte, wie würde es dann erst sein, wenn es wirklich zur sich alle Augenblicke. Der junge Mann mußte sie wohl mit einem eigentümlichen Blick angesehen haben; denn in ihren Augen funkelte auf einmal wieder das frühere Mißtrauen auf.

»Mein Name ist Raskolnikow, Student; ich war schon einmal vor einem Monat bei Ihnen«, beeilte sich der junge Mann mit einer leichten Verbeugung zu sagen; denn es fiel ihm ein, daß er sehr liebenswürdig sein müsse.

»Ich erinnere mich, Väterchen; ich erinnere mich recht gut, daß Sie hier waren«, erwiderte die Alte bedächtig, hielt jedoch dabei weiter ihre fragenden Augen unverwandt auf sein Gesicht geheftet.

»Nun also … ich komme wieder in einer solchen Angelegenheit«, fuhr Raskolnikow fort, etwas befangen und verwundert über das Mißtrauen der Alten.

›Aber vielleicht ist sie immer so, und ich habe es das erstemal nur nicht beachtet?‹, dachte er mit einem unangenehmen Gefühl.

Die Alte schwieg ein Weilchen, wie wenn sie etwas überlegte, dann trat sie zur Seite und sagte, indem sie auf die ins Zimmer führende Tür zeigte und dem Besucher den Vortritt ließ:

»Treten Sie ein, Väterchen.«

Das kleine Zimmer, in welches der junge Mann eintrat, war gelb tapeziert; an den Fenstern hingen Musselingardinen; auf den Fensterbrettern standen Geranientöpfe; in diesem Augenblick war das Zimmer von der untergehenden Sonne hell erleuchtet. ›Die Sonne wird also auch dann so scheinen!‹ dachte Raskolnikow unwillkürlich und ließ einen schnellen Blick über das ganze Zimmer gleiten, um die Lage und Einrichtung möglichst kennenzulernen und sich einzuprägen. Etwas Besonderes war im Zimmer nicht zu sehen. Das Mobiliar, durchweg sehr alt und aus gelbem Holze, bestand aus einem Sofa mit gewaltiger, geschweifter hölzerner Rückenlehne, einem ovalen Tische vor dem Sofa, einem Toilettentisch mit einem Spiegelchen am Fensterpfeiler, einigen Stühlen an den Wänden und zwei oder drei billigen, gelb eingerahmten Bildern, welche deutsche Fräulein mit Vögeln in den Händen darstellten – das war die ganze Einrichtung. In der Ecke brannte vor einem kleinen Heiligenbilde das Lämpchen. Alles war sehr sauber: die Möbel und die Dielen waren blank gerieben; alles glänzte nur so. ›Das ist Lisawetas Werk‹, dachte der junge Mann. In der ganzen Wohnung hätte man kein Stäubchen finden können. ›Bei boshaften alten Witwen ist solche Reinlichkeit häufig‹, fuhr Raskolnikow in seinen Überlegungen fort und schielte forschend nach dem Kattunvorhang vor der Tür nach dem zweiten kleinen Zimmerchen, wo das Bett und die Kommode der Alten standen; in dieses Zimmer hatte er bisher noch nicht hineinschauen können. Die ganze Wohnung bestand nur aus diesen beiden Zimmern.

»Was wünschen Sie?« fragte die Alte in scharfem Tone, nachdem sie ins Zimmer getreten war und, wie vorher, sich gerade vor ihn hingestellt hatte, um ihm genau ins Gesicht blicken zu können.

»Ich bringe ein Stück zum Verpfänden. Da ist es!«

Er zog eine alte flache silberne Uhr aus der Tasche. Auf dem hinteren Deckel war ein Globus dargestellt. Die Kette war aus Stahl.

»Das frühere Pfand ist auch schon verfallen. Vorgestern war der Monat abgelaufen.«

»Ich will Ihnen für noch einen Monat Zinsen zahlen. Haben Sie noch Geduld.«

»Es steht bei mir, Väterchen, ob ich mich noch gedulden oder Ihr Pfand jetzt verkaufen will.«

»Was geben Sie mir auf die Uhr, Aljona Iwanowna?«

»Sie kommen immer nur mit solchen Trödelsachen, Väterchen. Die hat ja so gut wie gar keinen Wert. Auf den Ring habe ich Ihnen das vorige Mal zwei Scheinchen gegeben; aber man kann ihn beim Juwelier für anderthalb Rubel neu kaufen.«

»Geben Sie mir auf die Uhr vier Rubel; ich löse sie wieder aus; es ist ein Erbstück von meinem Vater. Ich bekomme nächstens Geld.«

»Anderthalb Rubel und die Zinsen vorweg, wenn es Ihnen so recht ist.«

»Anderthalb Rubel!« rief der junge Mann.

»Ganz nach Ihrem Belieben!«

Mit diesen Worten hielt ihm die Alte die Uhr wieder hin. Der junge Mann nahm sie und war so ergrimmt, daß er schon im Begriff stand wegzugehen; aber er besann sich noch schnell eines andern, da ihm einfiel, daß er sonst nirgendwohin gehen konnte und daß er auch noch zu einem andern Zweck gekommen war.

»Nun, dann geben Sie her!« sagte er grob.

Die Alte griff in die Tasche nach den Schlüsseln und ging in das andre Zimmer hinter dem Vorhang. Der junge Mann, der allein mitten im Zimmer stehengeblieben war, horchte mit lebhaftem Interesse und kombinierte. Es war zu hören, wie sie die Kommode aufschloß. ›Wahrscheinlich die obere Schublade‹, mutmaßte er. ›Die Schlüssel trägt sie also in der rechten Tasche … alle als ein Bund, an einem eisernen Ringe … Und es ist ein Schlüssel dabei, der ist größer als alle andern, dreimal so groß, mit gezacktem Bart; natürlich nicht von der Kommode … Also ist da noch eine Truhe oder ein Kasten … Das ist interessant. Truhen haben immer derartige Schlüssel … Aber wie gemein ist das alles!‹

Die Alte kam zurück.

»Nun also, Väterchen: wenn wir zehn Kopeken vom Rubel monatlich rechnen, dann bekomme ich für anderthalb Rubel von Ihnen für einen Monat fünfzehn Kopeken im voraus. Und für die beiden früheren Rubel bekomme ich von Ihnen nach derselben Berechnung noch zwanzig Kopeken im voraus. Das macht zusammen fünfunddreißig Kopeken. Sie erhalten also jetzt für Ihre Uhr einen Rubel und fünfzehn Kopeken. Hier, bitte.«

»Wie? Also jetzt nur einen Rubel und fünfzehn Kopeken?«

»Ganz richtig.«

Der junge Mann ließ sich nicht auf einen Streit ein und nahm das Geld. Er sah die Alte an und zauderte mit dem Fortgehen, als wolle er noch etwas sagen oder tun; aber er schien selbst nicht zu wissen, was denn eigentlich.

»Vielleicht bringe ich Ihnen nächstens noch ein Pfandstück, Aljona Iwanowna, … ein schönes … silbernes … Zigarettenetui, … sobald ich es von einem Freunde zurückbekomme …«

Er wurde verlegen und schwieg.

»Nun, darüber können wir ja dann später sprechen, Väterchen.«

»Adieu … Aber sitzen Sie denn immer so allein zu Hause? Ist Ihre Schwester nicht da?« fragte er möglichst harmlos, während er in das Vorzimmer hinaustrat.

»Was wollen Sie denn von ihr, Väterchen?«

»Nun, nichts Besondres. Ich fragte nur so. Aber Sie müssen auch gleich … Adieu, Aljona Iwanowna!«

Raskolnikow ging in hochgradiger Erregung hinaus. Und seine Erregung wuchs noch immer mehr. Als er die Treppe hinunterstieg, blieb er sogar einigemal stehen, wie wenn ihn ein Gedanke plötzlich ganz übermannt hätte. Und endlich – er war schon auf der Straße – rief er aus:

»O Gott, wie scheußlich das alles ist! Werde ich denn … werde ich denn wirklich … nein, das ist ja ein Unsinn, eine Absurdität!« fügte er entschlossen hinzu. »Wie konnte mir so etwas Gräßliches überhaupt nur in den Sinn kommen? Welcher schmutzigen Gedanken ist meine Seele doch fähig! Ja, es ist eine schmutzige, abscheuliche, ekelhafte, Sache. Und ich habe einen ganzen Monat lang …«

Aber keine Worte und keine Ausrufe waren imstande, seiner Erregung Ausdruck zu geben. Das Gefühl eines gewaltigen Ekels, das schon vorhin sein Herz bedrückt und beklemmt hatte, als er noch auf dem Wege zu der Alten gewesen war, nahm jetzt solche Dimensionen an und trat in solcher Schärfe hervor, daß er nicht wußte, was er vor Unruhe tun sollte. Er ging auf dem Trottoir wie ein Betrunkener, bemerkte die Begegnenden gar nicht und stieß mit ihnen zusammen; erst in der nächsten Straße kam er zur Besinnung. Um sich blickend, gewahrte er, daß er vor einer Kneipe stand, zu der man vom Trottoir eine Treppe hinabstieg, ins Souterrain. Aus der Tür kamen gerade in diesem Augenblick zwei Betrunkene heraus und stiegen, indem sie sich wechselseitig stützten, unter Schimpfworten zur Straße hinauf. Ohne sich lange zu besinnen, stieg Raskolnikow hinunter. Er war noch nie in einem solchen Lokale gewesen; aber jetzt war ihm der Kopf ganz schwindlig, dazu quälte ihn ein brennender Durst. Es verlangte ihn, ein Glas kaltes Bier zu trinken, um so mehr, da er seine plötzliche Schwäche auch auf Rechnung seines leeren Magens setzte. Er nahm in einem dunklen, schmutzigen Winkel an einem klebrigen Tischchen Platz, bestellte Bier und trank gierig das erste Glas aus. Sofort wurde ihm leichter ums Herz, und seine Gedanken klärten sich. ›Das ist ja lauter dummes Zeug‹, sagte er wieder hoffnungsvoll zu sich selbst, ›und es war gar kein Grund zur Aufregung. Eine rein physische Störung! Ein einziges Glas Bier, ein Bissen Brot – und im Augenblick hat sich der Verstand erholt, das Denken wird klar, der Wille fest! Pfui über diese ganze Jämmerlichkeit!‹ Aber obwohl er bei den letzten Worten verächtlich ausspie, sah er schon heiter aus, als wäre er plötzlich von einer furchtbaren Last befreit, und betrachtete mit freundlichen Blicken die anderen Gäste. Doch selbst in diesem Augenblick ahnte er ganz von fern, daß diese ganze Empfänglichkeit für bessere Regungen bei ihm gleichfalls etwas Krankhaftes an sich habe.

In der Schenke waren nur noch wenige Leute. Außer jenen beiden Betrunkenen, denen er an der Treppe begegnet war, hatte unmittelbar nach ihnen noch eine ganze Gesellschaft, etwa fünf Männer und eine Dirne, mit einer Ziehharmonika das Lokal verlassen. Nach ihrem Weggehen war es still geworden; auch war nun mehr Raum. Zurückgeblieben waren: ein Mann, der bei seinem Biere saß, betrunken, jedoch nicht übermäßig, dem Aussehen nach ein Kleinbürger; ferner sein Kumpan, ein dicker, sehr großgewachsener Kerl mit grauem Barte; er hatte einen kurzen Kaftan an, war sehr stark betrunken und lag schlafend auf einer Bank; mitunter aber breitete er auf einmal wie in halbwachem Zustande die Arme weit auseinander, schnipste mit den Fingern und schnellte mit dem Oberkörper in die Höhe, ohne jedoch von der Bank aufzustehen; dazu sang er irgendwelchen Unsinn, indem er sein Gedächtnis anstrengte, um sich auf Verse von dieser Art zu besinnen:

»Daß ich – zärtlich zu ihr – war,
Währte – wohl ein ganzes Jahr.«

Oder er wachte auf einmal auf und grölte:

»Auf dem Promenadenplatz
Traf ich meinen einst’gen Schatz.«

Aber niemand nahm an seinem Glücke Anteil; sein schweigsamer Kumpan betrachtete diese Ausbrüche sogar mit Mißtrauen und Feindseligkeit. Es war außerdem noch ein Mann da, anscheinend ein früherer Beamter. Er saß allein für sich bei seiner Flasche Branntwein und seinem Glase; ab und zu nahm er einen Schluck und sah sich um. Er befand sich, wie es schien, gleichfalls in einiger Aufregung.

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