Kapitel 6

VI

In späterer Zeit erfuhr Raskolnikow zufällig, weshalb der Händler und seine Frau eigentlich Lisaweta zu sich eingeladen hatten. Der Anlaß war ein ganz gewöhnlicher gewesen, der nicht das geringste Absonderliche an sich hatte. Eine von außen zugezogene verarmte Familie wollte ihre Sachen verkaufen, Kleidungsstücke und dergleichen, lauter Frauensachen. Da es unvorteilhaft war, diesen Verkauf auf dem Markte zu bewerkstelligen, so suchten sie eine Zwischenhändlerin. Lisaweta aber gab sich mit dergleichen Geschäften ab: sie übernahm Kommissionen, machte Gänge in Geschäftsangelegenheiten und hatte eine recht bedeutende Praxis, weil sie sehr ehrlich war und immer gleich den äußersten Preis bot; wenn sie einen Preis genannt hatte, dann blieb es auch dabei. Sie redete überhaupt nur wenig und war, wie bereits gesagt, schüchtern und schreckhaft.

Aber Raskolnikow war in der letzten Zeit abergläubisch geworden. Spuren dieses Aberglaubens blieben bei ihm in der Folgezeit noch lange haften und schienen fast unvertilgbar. Er neigte später immer dazu, in dieser ganzen Angelegenheit etwas Mystisches, Geheimnisvolles, das Walten besonderer Einwirkungen und zusammentreffender Zufälle zu sehen. Es war noch Winter gewesen, da hatte ihm ein Bekannter, der Student Pokorew, vor seiner Abreise nach Charkow gelegentlich im Gespräche die Adresse der alten Aljona Iwanowna mitgeteilt, für den Fall, daß er in die Lage käme, etwas zu versetzen. Lange brauchte er nicht von dieser Adresse Gebrauch zu machen, weil er Privatstunden hatte und sich auf diese Art so leidlich durchschlug. Vor anderthalb Monaten hatte er sich der Adresse erinnert; er besaß zwei Gegenstände, die sich zum Versetzen eigneten: eine alte silberne Uhr, die noch von seinem Vater stammte, und einen kleinen goldenen Ring mit drei roten Steinchen, den ihm seine Schwester beim Abschiede als Andenken geschenkt hatte. Er entschied sich dafür, den Ring hinzutragen; als er die Alte gefunden hatte, empfand er gleich beim ersten Blick, noch ehe er etwas Näheres von ihr wußte, einen unbezwingbaren Widerwillen gegen sie, nahm die zwei »Scheinehen«, die sie ihm gab, und kehrte auf dem Heimwege in ein geringes Restaurant ein. Da bestellte er sich Tee, setzte sich hin und überließ sich einem angestrengten Nachdenken. Ein seltsamer Gedanke arbeitete sich in seinem Kopfe hervor, wie ein Küchlein sich aus der Eierschale herauspickt, und beschäftigte ihn ganz außerordentlich lebhaft.

An einem andern Tischchen in seiner nächsten Nähe saßen ein Student, den er nicht kannte und den er sich nicht erinnerte jemals gesehen zu haben, sowie ein junger Offizier. Sie hatten Billard gespielt und tranken jetzt Tee. Auf einmal hörte Raskolnikow, daß der Student mit dem Offizier über eine Pfandleiherin Aljona Iwanowna, die Witwe eines Kollegienregistrators, sprach und ihm ihre Adresse mitteilte. Dies allein schon kam dem zuhörenden Raskolnikow merkwürdig vor: eben erst kam er von dort her, und nun wurde hier gerade von ihr geredet. Er sagte sich natürlich selbst, daß es ein zufälliges Zusammentreffen sei, konnte aber trotzdem eine ganz eigenartige Empfindung nicht loswerden. Und nun war’s, als ob es jemand ausdrücklich darauf anlegte, ihm eine Gefälligkeit zu erweisen: der Student begann seinem Bekannten allerlei Einzelheiten von dieser Aljona Iwanowna zu erzählen.

»Famoses Frauenzimmer«, sagte er. »Von der kriegt man immer Geld. Sie ist reich wie ein Jude; sie kann auf einen Schlag fünftausend Rubel auszahlen, verschmäht aber auch ein Pfand nicht, wenn es nur einen Rubel wert ist. Von uns Studenten sind schon viele bei ihr gewesen. Aber sie ist ein nichtswürdiges Luder …«

Und nun erzählte er, wie boshaft und schikanös sie sei, und daß das Pfand verfallen sei, wenn man sich mit der Einlösung auch nur um einen einzigen Tag verspäte. Sie gebe nur den vierten Teil des wahren Wertes, nehme fünf, ja sieben Prozent monatlich usw. Der Student kam dabei ins Reden und teilte noch weiter mit, die Alte habe eine Schwester, namens Lisaweta, die sich von ihr, dieser winzigen, garstigen Person, fortwährend schlagen lasse und von ihr in völliger Dienstbarkeit, wie ein kleines Kind, gehalten werde, obwohl Lisaweta von recht stattlicher Größe sei.

»Ja, die ist auch ein ganz sonderbarer Vogel!« rief der Student lachend.

Nun fingen sie an, von Lisaweta zu sprechen. Der Student erzählte von ihr mit ganz besonderem Behagen und lachte dabei fortwährend; der Offizier hörte mit großem Interesse zu und bat den Studenten, er möchte diese Lisaweta doch einmal zu ihm schicken; sie solle ihm die Wäsche ausbessern. Raskolnikow ließ sich kein Wort entgehen und erfuhr so mit einem Male alles mögliche: Lisaweta war die jüngere von beiden, eine Stiefschwester der Alten (von andrer Mutter), bereits fünfunddreißig Jahre alt. Sie arbeitete für die Schwester Tag und Nacht, diente im Haushalte als Köchin und Waschfrau, nähte außerdem für Geld, scheuerte in andern Häusern für Lohn und lieferte alles, was sie einnahm, der Schwester ab. Keinen einzigen Auftrag und keine Arbeit wagte sie ohne Erlaubnis der Alten anzunehmen. Die Alte hatte schon ihr Testament gemacht, und Lisaweta kannte es. Dieser fiel nach dem Testamente kein Groschen Geld zu, nur das Mobiliarvermögen, die Stühle und dergleichen; das gesamte Geld war einem Kloster im Gouvernement N… vermacht, mit der Verpflichtung, ewig Seelenmessen für die Verstorbene lesen zu lassen. Lisaweta war eine Kleinbürgerin und gehörte nicht, wie ihre Schwester, dem Beamtenstande an; sie war ledig, schrecklich plump von Gestalt, außerordentlich hoch gewachsen, hatte lange, stark nach auswärts stehende Füße, trug immer schiefgetretene Schuhe aus Ziegenleder und hielt auf Reinlichkeit des Körpers und der Kleidung. Das Interessanteste aber war (und auch dem Studenten erschien das besonders wunderbar, und er lachte darüber herzlich), daß Lisaweta sich fast immer in andern Umständen befand.

»Aber du sagst doch, daß sie so häßlich ist«, bemerkte der Offizier.

»Sie hat so eine braune Gesichtsfarbe, wie wenn sich ein Soldat Frauenkleider angezogen hätte; aber, weißt du, sehr häßlich ist sie keineswegs. Sie hat ein gutmütiges Gesicht und einen guten Ausdruck in den Augen, einen sehr guten Ausdruck. Es ist ganz erklärlich, daß sie vielen gefällt. Sie ist so still, sanft, unverdrossen, willig, zu allem willig. Und ihr Lächeln nimmt sich sogar sehr hübsch aus.«

»Na, sie gefällt dir wohl auch?« lachte der Offizier.

»Nun ja, der Kuriosität halber. Aber ich will dir mal etwas sagen: Diese verfluchte Alte möchte ich totschlagen und berauben, und«, fügte er eifrig hinzu, »ich versichere dir, daß ich es ohne alle Gewissensbisse tun würde.«

Der Offizier lachte wieder laut auf; Raskolnikow aber fuhr zusammen. Wie seltsam, daß er all das hier zu hören bekam!

»Erlaube mal, ich möchte dir eine ganz ernsthafte Frage vorlegen«, fuhr der Student, hitzig werdend, fort. »Ich habe jetzt eben natürlich nur im Scherz gesprochen; aber überlege mal: auf der einen Seite steht ein dummes, verdrehtes, wertloses, boshaftes, krankes, altes Weib, das niemandem nützt, sondern im Gegenteil allen Leuten nur schadet, das selbst nicht weiß, wozu es eigentlich lebt, und nächster Tage ganz von selbst sterben wird. Verstehst du wohl? Verstehst du wohl?«

»Nun ja, das verstehe ich schon«, erwiderte der Offizier und blickte seinen Bekannten, der stark in Eifer geriet, unverwandt und aufmerksam an.

»Höre weiter! Auf der andern Seite stehen junge, frische Kräfte, die, ohne der Welt nützen zu können, zugrunde gehen, weil sie keine Unterstützung finden, und zwar zu Tausenden, allüberall. Hundert, tausend gute Taten und Unternehmungen könnte man für das Geld der Alten, das sie einem Kloster zugedacht hat, ausführen oder fördern. Hunderte, vielleicht Tausende von Existenzen könnten in die richtige Bahn geleitet, Dutzende von Familien vor größter Armut, vor dem Verfall, vor dem gänzlichen Ruin, vor Unsittlichkeit und Geschlechtskrankheiten bewahrt werden – und alles das vermittels ihres Geldes. Wenn man sie ermordet und ihr Geld nimmt, um dann mit dessen Hilfe sich dem Dienste der ganzen Menschheit und der Sache der Allgemeinheit zu widmen: was meinst du, wird dann nicht ein einziges kleines Verbrechen durch Tausende von guten Taten aufgewogen? Für ein Leben Tausende von Leben, die von Fäulnis und Ruin gerettet sind? Ein einziger Tod, und dafür hundert Leben – das ist doch ein einfaches Rechenexempel! Ja, und was bedeutet auf der großen Weltwaage das Leben dieses schwindsüchtigen, dummen, boshaften alten Weibes? Nicht mehr als das Leben einer Laus, einer Schabe, sogar noch weniger, weil die Alte geradezu schädlich ist. Sie verkümmert anderen das Leben: neulich hat sie ihre Schwester Lisaweta vor Wut in den Finger gebissen, so daß er beinahe amputiert werden mußte.«

»Gewiß, sie verdient nicht, daß sie lebt«, entgegnete der Offizier. »Aber die Natur hat es nun doch einmal so eingerichtet.«

»Ach was, Bruder, die Natur kann man doch korrigieren und lenken, sonst müßten wir ja in unsern beschränkten, engherzigen Anschauungen geradezu versinken. Sonst gäbe es keine großen Männer. Es heißt immer: ›Pflicht, Gewissen‹; nun, ich will ja gegen Pflicht und Gewissen nichts sagen; aber was versteht man eigentlich darunter? Warte mal, ich will dir noch eine Frage vorlegen. Hör mal!«

»Nein, nun warte du mal; jetzt werde ich dich etwas fragen. Paß mal auf!«

»Nun?«

»Du hältst da jetzt großartige Reden; aber sage doch mal: würdest du selbst die Alte totschlagen, ja oder nein?«

»Selbstverständlich nein! Ich will ja auch nur sagen, was gerecht und billig wäre. Um mich handelt es sich dabei nicht.«

»Wenn du selbst dich dazu nicht entschließen kannst, so kann meiner Ansicht nach von Gerechtigkeit und Billigkeit dabei nicht die Rede sein. Komm, wir wollen noch eine Partie spielen!«

Raskolnikow befand sich in großer Aufregung. Gewiß, das waren ja ganz gewöhnliche, häufige, jugendlich unreife Gespräche und Gedanken, wie er sie schon oft, nur in andrer Form und über andre Gegenstände, mit angehört hatte. Aber warum mußte er gerade ein solches Gespräch und solche Gedanken gerade jetzt, mit anhören, wo soeben in seinem eigenen Kopfe ganz ebensolche Gedanken rege geworden waren? Und warum mußte er, gerade unmittelbar nachdem er von seinem Besuche bei der Alten den Keim zu seinem Gedanken mitgebracht hatte, auf ein Gespräch über die Alte stoßen? Dieses Zusammentreffen erschien ihm auch später immer seltsam. Dieses unbedeutende Wirtshausgespräch übte hinsichtlich der weiteren Entwicklung der Sache einen ganz außerordentlichen Einfluß auf ihn aus, als ob da wirklich eine Art von Prädestination, von Fingerzeig vorgelegen hätte …

Als er vom Heumarkte nach Hause zurückgekehrt war, warf er sich auf das Sofa und blieb eine ganze Stunde dort sitzen, ohne sich zu rühren. Unterdes war es dunkel geworden; eine Kerze besaß er nicht; auch kam ihm gar nicht der Gedanke, daß es Zeit wäre, Licht anzuzünden. Er konnte sich später niemals erinnern, ob er damals überhaupt an etwas gedacht hatte. Endlich spürte er wieder das Fiebern und Frösteln von vorhin, und mit einem Wonnegefühl kam ihm wie eine Erleuchtung der Gedanke, daß man auf einem Sofa auch liegen könne. Sofort überfiel ihn ein fester, bleierner Schlaf, der wie ein Alp auf ihm lastete.

Er schlief sehr lange und traumlos. Nastasja, die am andern Morgen um zehn Uhr zu ihm hereinkam, rüttelte ihn nur mit Mühe wach. Sie brachte ihm Tee und Brot. Der Tee war wieder ein zweiter Aufguß und wieder in ihrer eigenen Teekanne.

»Er schläft noch!« rief sie empört. »Immer schläft und schläft er!«

Mühsam richtete er sich auf. Der Kopf tat ihm weh; er war im Begriff, sich auf die Füße zu stellen, da blickte er sich in seinem Kämmerchen um und sank wieder auf das Sofa zurück.

»Willst du denn noch mehr schlafen?« rief Nastasja. »Du bist wohl gar krank?«

Er antwortete nicht.

»Willst du Tee?«

»Nachher«, brachte er mit Anstrengung hervor, machte die Augen zu und drehte sich nach der Wand.

Nastasja blieb ein Weilchen neben ihm stehen.

»Vielleicht ist er wirklich krank«, sagte sie dann, drehte sich um und ging weg.

Um zwei Uhr kam sie wieder herein mit einer Suppe. Er lag immer noch wie vorher da. Der Tee stand unangerührt. Nastasja fühlte sich ordentlich gekränkt und stieß ihn ärgerlich an.

»So ein Langschläfer!« rief sie ganz empört.

Er setzte sich auf, erwiderte ihr aber nichts und blickte auf den Fußboden.

»Bist du krank oder nicht?« fragte Nastasja und erhielt wieder keine Antwort. »Geh doch wenigstens auf die Straße«, sagte sie nach einer kleinen Weile, »und laß dich ein bißchen vom Winde anblasen. Willst du nicht etwas essen?«

»Nachher«, antwortete er mit matter Stimme. »Geh jetzt fort.«

Er winkte ab, als wollte er von nichts mehr wissen.

Sie blieb noch einen Augenblick stehen, sah ihn mitleidig an und ging dann hinaus.

Einige Minuten darauf blickte er auf und sah lange nach dem Tee und der Suppe hin. Darauf nahm er das Brot, ergriff den Löffel und begann zu essen.

Er aß nur wenig, ohne Appetit, nur drei oder vier Löffel Suppe, ganz mechanisch. Der Kopfschmerz hatte sich etwas gelegt. Nachdem er gegessen hatte, streckte er sich wieder auf das Sofa; aber er konnte nicht einschlafen, sondern lag da, ohne sich zu rühren, mit dem Rücken nach oben, das Gesicht in das Kissen gedrückt. Dabei träumte er fortwährend im Wachen, und es waren immer zusammen, so daß er doppelt war, zog seinen weiten, starken, aus dickem Baumwollstoff gemachten Sommerpaletot (das einzige, was er außer dem Hemde auf dem Oberkörper trug) aus und nähte die beiden Enden des Streifens innen unter der linken Achsel an. Die Hände zitterten ihm beim Nähen; aber er überwand sich. Als er den Paletot wieder anzog, war von außen nichts zu sehen. Nadel und Faden hatte er sich schon vor längerer Zeit beschafft; sie hatten seitdem in ein Stückchen Papier gewickelt auf dem kleinen Tische gelegen. Was die Schlinge anlangt, so war das eine sehr geschickte eigene Erfindung von ihm. Die Schlinge war für das Beil bestimmt. Er konnte doch nicht auf der Straße ein Beil in der Hand tragen. Und wollte er es unter dem Paletot verbergen, so mußte er es mit einer Hand festhalten, und dies hätte auffallen können. Jetzt aber, wo er sich die Schlinge eingenäht hatte, brauchte er nur das Eisen des Beiles in diese hineinzustecken; dann hing das Beil auf dem ganzen Wege ruhig unter der Achselhöhle. Steckte er dann noch die Hand in die Seitentasche des Paletots, so konnte er auch das untere Ende des Beilstieles festhalten, damit es nicht hin und her schlenkerte; und da der Paletot sehr weit war, ein richtiger Sack, so konnte man auch von außen nicht bemerken, daß er etwas mit der Hand durch die Tasche hindurch festhalte. Diese Schlinge hatte er sich schon vor zwei Wochen ausgedacht.

Als er damit fertig war, steckte er die Finger in den schmalen Zwischenraum zwischen seinem »türkischen« Schlafsofa und dem Fußboden, tastete in der linken Ecke umher und zog das Pfandobjekt heraus, das er schon lange zurechtgemacht und dort versteckt hatte. Ein wirkliches Pfandobjekt war es nicht, sondern einfach ein glattgehobeltes Holzbrettchen in der ungefähren Größe und Dicke eines silbernen Zigarettenetuis. Dieses Brettchen hatte er zufällig bei einem seiner Spaziergänge auf einem Hofe gefunden, wo sich im Hinterhause eine Tischlerei befand. Nachher hatte er dem Brettchen noch ein glattes, dünnes Eisenstreifchen beigesellt, das wahrscheinlich irgendwovon abgebrochen war und das er gleichfalls einmal auf der Straße gefunden hatte. Diese beiden Stücke, von denen das Eisenplättchen etwas kleiner war als das Holzbrettchen, hatte er aneinandergelegt und mit einem Faden über Kreuz fest zusammengebunden; dann hatte er sie sorgsam und hübsch in reines weißes Papier gewickelt und dieses Päckchen so zugebunden, daß es schwierig aufzumachen war. Dies hatte den Zweck, für ein Weilchen die Aufmerksamkeit der Alten abzulenken, wenn sie sich mit dem Knoten abmühen würde, und dabei den richtigen Augenblick abzupassen. Das Eisenstreifchen hatte er zur Erhöhung des Gewichtes hinzugetan, damit die Alte nicht gleich im ersten Augenblick erriete, daß das »Pfandobjekt« aus Holz war. Alles dies hatte bis zur geeigneten Zeit unter dem Sofa verwahrt gelegen. Eben hatte er das Pfandobjekt hervorgeholt, als er plötzlich jemanden auf dem Hofe rufen hörte:

»Es geht schon stark auf sieben!«

»Schon stark auf sieben! Mein Gott!«

Er lief zur Tür, horchte hinaus, nahm seinen Hut und stieg vorsichtig und geräuschlos wie eine Katze seine dreizehn Stufen hinab. Nun hatte er das wichtigste Stück seiner Aufgabe vor sich: aus der Küche das Beil zu stehlen. Daß die Tat gerade mit einem Beile ausgeführt werden sollte, hatte er schon längst fest beschlossen. Er besaß zwar noch ein Gartenmesser zum Zusammenklappen; aber auf das Messer und namentlich auf seine Kräfte mochte er sich nicht verlassen; darum war es endgültig bei dem Beile geblieben. Wir merken beiläufig hinsichtlich aller endgültigen Entschlüsse, die er in dieser Angelegenheit bereits gefaßt hatte, eine Besonderheit an. Sie hatten eine seltsame Eigenschaft: je endgültiger sie wurden, um so ungeheuerlicher und ungereimter erschienen sie in seinen Augen. Trotz all seiner qualvollen inneren Kämpfe hatte er diese ganze Zeit über auch nicht einen Augenblick lang an die Ausführbarkeit seiner Pläne glauben können.

Ja, selbst wenn es jemals dahin gekommen wäre, daß er bereits alles bis auf das letzte Pünktchen zurechtgelegt und endgültig entschieden gehabt hätte und keinerlei Zweifel mehr zurückgeblieben wären, so hätte er sogar dann wahrscheinlich den ganzen Plan als etwas Ungeheuerliches, Absurdes und Unmögliches fallenlassen. Aber jetzt gab es noch eine wahre Unmenge von Punkten, über die er sich noch nicht schlüssig war, und von bedenklichen Zweifeln. Was die Frage anlangte, woher er sich ein Beil beschaffen könne, so beunruhigte ihn diese Kleinigkeit ganz und gar nicht; denn nichts war leichter als das. Die Sache war die, daß Nastasja, namentlich abends, häufig das Haus verließ; entweder lief sie zu den Nachbarn herüber oder in einen Laden; die Küchentür ließ sie aber immer weit offen stehen. Die Wirtin zankte mit ihr darüber fortwährend. Also brauchte er im rechten Augenblick nur leise in die Küche zu gehen und das Beil zu nehmen und dann eine Stunde darauf, wenn alles erledigt war, wiederzukommen und es wieder hinzulegen. Aber es fehlte doch auch nicht an Bedenken. Gesetzt, er kam nach einer Stunde zurück, und Nastasja war dann bereits heimgekehrt. Dann mußte er natürlich vorbeigehen und warten, bis sie wieder fortging. Wenn sie nun aber inzwischen das Beil vermißte, danach suchte und ein großes Geschrei erhob – dann war der Verdacht da, oder wenigstens die Möglichkeit eines Verdachtes.

Aber da waren noch viele andre Kleinigkeiten, die er bisher weder überlegt noch zu überlegen Zeit gehabt hatte. Er hatte immer nur an die Hauptsache gedacht und die Kleinigkeiten bis zu dem Zeitpunkte verschoben, wo er »mit sich selbst über alles im klaren sein werde«. Aber daß dieser Zeitpunkt jemals kommen werde, war als ganz unmöglich erschienen. Wenigstens ihm selbst war es so erschienen. Er hatte es sich z.B. gar nicht vorstellen können, daß er jemals seinen Überlegungen ein Ende machen, aufstehen und einfach dorthin gehen werde … Selbst seine neuliche Probe, d.h. der Besuch mit der Absicht einer letzten Besichtigung der Örtlichkeit, war ganz und gar nicht etwas ernst Gemeintes gewesen, sondern nur so aus dem Gedanken hervorgegangen: ›Na, wir können ja mal hingehen und probieren; wozu immer bloß daran denken!‹ Und bei dieser Probe hatte seine Energie sich sofort als unzulänglich erwiesen; die Sache war ihm zuwider geworden, und er war, wütend über sich selbst, davongerannt. Und doch, sollte man meinen, hatte er die gesamte moralische Prüfung und Entscheidung der Frage vorher schon erledigt; seine Kasuistik, die so scharf geschliffen war wie ein Rasiermesser, hatte alle Einwendungen gegen die Tat widerlegt, und er hatte in seinem Innern keine weiteren Einwendungen mehr vorgefunden, die ihm zum klaren Bewußtsein gekommen wären. Aber bei diesem Resultate traute er einfach sich selbst nicht und tastete hartnäckig rechts und links nach neuen Einwendungen umher, als ob ihn jemand wie einen Sklaven dazu zwänge und anhielte. Der letzte Tag aber, der Tag, der so unerwarteterweise der letzte geworden war und alles mit einem Male zur Entscheidung gebracht hatte, hatte auf ihn fast völlig mechanisch gewirkt: wie wenn ihn jemand bei der Hand ergriffe und hinter sich herzöge, unwiderstehlich, blindlings, mit übernatürlicher Kraft, ohne Widerrede. Er war gleichsam mit einem Zipfel seiner Kleidung an einem Maschinenrade hängengeblieben, und dieses begann ihn in das Triebwerk hineinzuziehen.

Anfänglich (das war übrigens schon lange her) hatte ihn eine bestimmte Frage viel beschäftigt: nämlich, warum doch fast alle Verbrechen so leicht entdeckt und herausgebracht werden, und warum die Spuren fast aller Verbrecher so deutlich zu erkennen sind. Er gelangte allmählich zu mancherlei interessanten Schlußfolgerungen, und nach seiner Ansicht lag die Hauptursache nicht sowohl in der materiellen Unmöglichkeit, ein Verbrechen zu verbergen, als vielmehr in dem Verbrecher selbst; der Verbrecher selbst, und zwar fast jeder, unterliege im Augenblicke des Verbrechens einer gewissen Verringerung der Willens- und Urteilskraft, an deren Stelle im Gegenteil ein hochgradiger, kindlicher Leichtsinn trete, und das gerade in dem Augenblicke, wo Urteilskraft und Vorsicht am allernötigsten wären. Nach seiner Überzeugung war der Hergang dieser: die Verdunkelung der Urteilskraft und die Herabminderung des Willens überfallen den Menschen wie eine Krankheit, entwickeln sich stufenweise und erreichen kurz vor der Ausführung des Verbrechens ihren Höhepunkt; sie verbleiben auf demselben im Augenblicke des Verbrechens selbst und noch einige Zeit nachher, je nach der Individualität des Betreffenden; dann verschwinden sie ganz genauso wie jede andere Krankheit. Die Frage aber, ob das Verbrechen selbst durch eine Krankheit hervorgerufen oder ob es irgendwie, vermöge seiner Eigenart, immer von krankheitsartigen Erscheinungen begleitet werde, diese Frage zu entscheiden, fühlte er sich noch nicht imstande.

Indem er zu solchen Resultaten gelangte, sagte er sich, daß mit ihm persönlich bei seiner Tat derartige krankhafte Veränderungen nicht stattfinden könnten, sondern daß seine Urteils- und Willenskraft während der ganzen Dauer der Ausführung seines Vorhabens ungeschwächt bleiben werde, einfach deswegen, weil sein Vorhaben »kein Verbrechen« sei. Wir lassen den ganzen Denkprozeß beiseite, durch den er zu diesem letzten Urteile gelangt war (wir sind ohnedies in diesen Erörterungen schon zu weit gegangen), und fügen nur noch hinzu, daß die äußeren, rein materiellen Schwierigkeiten der Tat bei seinen Überlegungen überhaupt nur eine ganz untergeordnete Rolle spielten. ›Man muß sich diesen Schwierigkeiten gegenüber nur die ganze Willens- und Urteilskraft bewahren, und sie werden sich zu gegebener Zeit alle überwinden lassen, sobald es erforderlich wird, sich mit allen Einzelheiten des Unternehmens bis zur geringsten Kleinigkeit vertraut zu machen …‹ Aber er nahm eben das Unternehmen nicht in Angriff. An die endgültigen Entscheidungen, die er getroffen hatte, glaubte er im Laufe der Zeit immer weniger, und als die Stunde schlug, kam alles ganz anders, gewissermaßen zufällig, ja fast unerwartet.

Ein unbedeutender Umstand kam ihm in die Quere, noch bevor er die Treppe hinuntergestiegen war. Als er zur Küche gelangte, deren Tür wie immer weit offenstand, schielte er vorsichtig hinein, um sich vorher zu vergewissern, ob auch nicht in Nastasjas Abwesenheit die Wirtin selbst darin sei, und verneinendenfalls, ob auch die nach ihrem Zimmer führende Tür ordentlich geschlossen sei, damit sie es nicht von dort aus sehen könnte, wenn er in die Küche träte, um das Beil zu holen. Aber welchen Schreck bekam er, als er wahrnahm, daß sich Nastasja diesmal nicht nur zu Hause, in ihrer Küche befand, sondern sogar mit einer Arbeit beschäftigt war: sie nahm Wäsche aus einem Korbe und hängte sie auf die Leine! Als sie ihn sah, hörte sie mit dem Aufhängen auf und blickte ihn die ganze Zeit, während er vorbeiging, an. Er wandte die Augen ab und ging vorbei, als hätte er nichts bemerkt. Aber das Unternehmen war damit zu Ende: er hatte kein Beil! Er war höchst bestürzt.

›Wie bin ich nur darauf gekommen‹, dachte er, während er nach dem Tore zu ging, ›wie bin ich nur darauf gekommen, zu glauben, sie würde gerade in dem betreffenden Augenblicke bestimmt nicht zu Hause sein? Warum, warum, ja warum war ich so fest davon überzeugt?‹ Er war ganz niedergeschmettert und fühlte sich beinahe gedemütigt; in seinem Ärger hätte er über sich selbst laut lachen mögen. Eine stumpfsinnige, tierische Wut kochte in ihm.

Nachdenkend blieb er unter dem Torwege stehen. Auf die Straße zu gehen und zwecklos, nur so zum Schein, einen Spaziergang zu machen, das widerstand ihm; nach Hause zurückzukehren widerstand ihm noch mehr. ›Was für eine günstige Gelegenheit habe ich für immer verloren!‹ murmelte er, während er unentschlossen unter dem Tore stand, gerade vor der dunklen Kammer des Hausknechts, die gleichfalls offenstand. Plötzlich zuckte er zusammen. In der Kammer des Hausknechts, von der er nur zwei Schritte entfernt war, sah er unter einer Bank rechts etwas blinken … Er blickte sich um – es war niemand zu sehen. Auf den Zehen ging er zu der Kammer hin, stieg zwei Stufen hinunter und rief mit gedämpfter Stimme nach dem Hausknechte. ›Es ist richtig, er ist nicht zu Hause. Er wird wohl irgendwo in der Nähe, vielleicht auf dem Hofe sein, da die Tür weit offensteht.‹ Hastig stürzte er nach dem Beil (denn ein solches war es) hin, zog es unter der Bank, wo es zwischen zwei Holzscheiten lag, hervor, befestigte es gleich dort, noch ehe er wieder hinaustrat, in der Schlinge, steckte beide Hände in die Taschen und verließ die Kammer; niemand hatte ihn bemerkt. ›Wo der Verstand nicht hilft, hilft der Teufel!‹ dachte er mit einem eigentümlichen Lächeln. Dieser Zufall ermutigte ihn außerordentlich.

Er ging auf der Straße ruhig und gemächlich, ohne sich zu beeilen, um keinerlei Verdacht zu erregen. Nach den Vorübergehenden blickte er wenig hin; er gab sich sogar Mühe, ihnen gar nicht ins Gesicht zu sehen und selbst möglichst wenig beachtet zu werden. Da erinnerte er sich seines Hutes. ›Mein Gott! Und vorgestern hatte ich doch Geld und hätte mir statt seiner eine Mütze anschaffen können!‹ Er fluchte ingrimmig.

Als er zufällig in einen Laden hineinschielte, sah er, daß es an einer dort hängenden Wanduhr schon zehn Minuten über sieben war. Er mußte sich beeilen, da er auch noch einen Umweg zu machen hatte; denn er wollte sich dem Hause von der andern Seite her nähern.

Früher, wenn er sich all dies in Gedanken im voraus ausgemalt hatte, hatte er manchmal gemeint, er werde dabei große Furcht haben. Aber er fürchtete sich jetzt nicht sonderlich, ja eigentlich überhaupt nicht. Es beschäftigten ihn in diesem Augenblicke sogar mancherlei ganz fremdartige Gedanken, wiewohl immer nur kurze Zeit. Als er an dem Jussupow-Garten vorbeikam, begann er mit großem Interesse einen Plan zur Anlegung hoher Springbrunnen zu entwerfen, die auf allen freien Plätzen die Luft schön frisch machen würden. Diesen Gedanken weiter verfolgend, kam er allmählich zu der ihm sehr einleuchtenden Idee, man müsse den Sommergarten über das ganze Marsfeld ausdehnen und dann noch mit dem Michailowskij -Garten vereinigen; das würde für die Stadt einen schönen Schmuck und einen großen Nutzen bedeuten. Dann interessierte ihn auf einmal eine andre Frage: warum eigentlich in allen großen Städten die Menschen (von Gründen äußerer Notwendigkeit ganz abgesehen) eine ganz besondere Neigung dazu haben, gerade in solchen Stadtteilen sich niederzulassen und zu wohnen, wo keine Gärten und Springbrunnen, sondern Schmutz, übler Geruch und allerlei andre häßliche Dinge zu finden sind. Dabei kamen ihm seine eigenen Spaziergänge auf dem Heumarkte in den Sinn, und er wurde aus seinen Phantasien wieder für einen Augenblick in die Wirklichkeit versetzt. ›An was für dummes Zeug denke ich da!‹ sagte er sich. ›Nein, besser ist’s schon, an gar nichts zu denken!‹

›Wahrscheinlich klammern sich Menschen, die zur Hinrichtung geführt werden, in derselben Weise mit ihren Gedanken an allerlei Gegenstände an, die ihnen unterwegs in die Augen fallen‹, dachte er flüchtig; aber dieser Gedanke huschte ihm nur momentan, wie ein Blitz, durch den Kopf; er selbst verscheuchte ihn wieder so schnell wie möglich … Aber nun war er schon nahe; da war das Haus; da war der Torweg. Irgendwo tönte von einer Uhr ein einzelner Schlag. ›Wie? Ist es wirklich schon halb acht? Das ist nicht möglich; die Uhr geht gewiß vor.‹

Zu seinem Glücke ging im Torweg auch diesmal wieder alles nach Wunsch. Wie gerufen, fuhr gerade in diesem Augenblicke dicht vor ihm eine gewaltige Fuhre Heu in den Torweg hinein, die ihn die ganze Zeit über, während er durch den Torweg hindurchging, verdeckte, und sowie der Wagen aus dem Torweg in den Hof einfuhr, schlüpfte er in einem Nu nach rechts. Er hörte, wie auf der andern Seite des Wagens ein paar Stimmen schrien und zankten; aber niemand hatte ihn bemerkt, und niemand kam ihm entgegen. Viele Fenster, die auf diesen riesigen, quadratischen Hof hinausgingen, standen in diesem Augenblick offen; aber er hob den Kopf nicht in die Höhe; er fand in sich nicht die Kraft dazu. Die Treppe, die zu der Wohnung der Alten hinaufführte, befand sich ganz in der Nähe, gleich rechts vom Torweg. Schon war er an der Treppe …

Er holte Atem, drückte die Hand gegen das stark klopfende Herz, tastete dabei zugleich nach dem Beile und schob es noch einmal zurecht; dann begann er vorsichtig und leise, alle Augenblicke horchend, die Treppe hinaufzusteigen. Aber auch die Treppe war um diese Zeit völlig leer; alle Türen waren geschlossen; er begegnete keinem Menschen. Im ersten Stock allerdings stand die Tür zu einer leerstehenden Wohnung weit offen, und drinnen waren Maler bei der Arbeit; aber auch diese sahen nicht nach ihm hin. Er blieb einen Augenblick stehen, überlegte und ging dann weiter. ›Gewiß, besser wäre es, wenn die nicht hier wären; aber … es liegen ja noch zwei Stockwerke über ihnen.‹

Aber nun war er im dritten Stock; da war die Tür der Alten, und da gegenüber noch eine andre Wohnung; diese stand leer. Im zweiten Stock war die Wohnung, die gerade unter der Wohnung der Alten lag, allem Anschein nach gleichfalls unbewohnt: die Visitenkarte, die mit Reißstiften an die Tür genagelt gewesen war, war abgenommen – also waren die Leute ausgezogen! … Er konnte kaum Atem holen. Einen Augenblick ging ihm der Gedanke durch den Kopf: ›0b ich nicht lieber wieder fortgehe?‹ Aber er gab sich keine Antwort und horchte nach der Wohnung der Alten hin: es herrschte dort Totenstille. Dann horchte er noch einmal nach der Treppe hinunter, lange und aufmerksam … Hierauf sah er sich zum letzten Male um, nahm seinen Mut zusammen, rückte seinen Anzug zurecht und fühlte noch einmal nach dem Beil in der Schlinge. ›Ob ich auch nicht allzu blaß aussehe?‹ dachte er. ›Bin ich auch nicht in übermäßiger Erregung? Sie ist mißtrauisch. Ob ich lieber noch einen Augenblick warte, bis das Herz in Ordnung kommt?‹

Aber das Herz kam nicht in Ordnung. Im Gegenteil, es schlug, wie ihm zum Tort, nur immer heftiger. Er konnte es nicht ertragen, noch länger zu warten, streckte langsam die Hand nach der Klingel aus und schellte. Nach einer halben Minute schellte er noch einmal, etwas stärker.

Nichts rührte sich. So einfach weiter zu klingeln hatte keinen Zweck und paßte ihm nicht in seinen Plan. Er sagte sich, daß die Alte sich selbstverständlich in der Wohnung befinde, aber allein zu Hause und darum besonders argwöhnisch sei. Er kannte schon teilweise ihre Gewohnheiten und legte darum noch einmal sein Ohr dicht an die Tür. Ob nun seine Sinne so scharf waren (was sich allerdings schwer annehmen läßt), oder ob es wirklich nicht schwer zu hören war, genug, er vernahm ein vorsichtiges Herumtasten einer Hand an der Türklinke und das Rascheln eines Kleides an der Tür. Es stand jemand heimlich dicht am Türschloß und horchte, ganz ebenso wie er hier von außen, so seinerseits versteckt von innen, und hatte anscheinend gleichfalls das Ohr an die Tür gedrückt …

Er machte absichtlich ein paar Bewegungen und brummte ziemlich laut etwas vor sich hin, um nicht den Anschein zu erwecken, als ob er sich verstecken wolle; dann schellte er zum dritten Male, aber sacht, maßvoll und ohne jedes Zeichen von Ungeduld. Sooft er sich in späterer Zeit hieran erinnerte, und zwar in voller Klarheit und Deutlichkeit (denn dieser Augenblick hatte sich seinem Gedächtnisse für das ganze Leben eingeprägt), so war es ihm stets unbegreiflich, wo er nur so viel Schlauheit hergenommen hatte, um so mehr, da sein Verstand sich in einzelnen Augenblicken geradezu verdunkelte und er seinen Körper fast gar nicht fühlte … Einen Augenblick darauf hörte er, wie der Riegel gelöst wurde.

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Kapitel 7

VII

Die Tür wurde wie das vorige Mal nur bis zu einem schmalen Spalt geöffnet, und wieder hefteten sich zwei scharfe, mißtrauische Augen aus der Dunkelheit auf ihn. In diesem Momente verlor Raskolnikow die ruhige Überlegung und beging einen großen Fehler.

Da er befürchtete, die Alte könnte sich ängstigen, weil sie beide allein wären, und da er nicht zu hoffen wagte, sein Äußeres werde sie von seiner Harmlosigkeit überzeugen, so griff er nach der Tür und zog sie an sich heran, damit die Alte sich nicht etwa beifallen ließe, sie wieder zuzumachen. Als sie dies wahrnahm, riß sie zwar die Tür nicht wieder zu sich heran, ließ aber auch nicht den Türgriff los, so daß Raskolnikow sie beinahe mit der Tür auf die Treppe herauszog. Da er aber sah, daß sie quer vor der Tür stand und ihm den Eintritt versperrte, trat er gerade auf sie zu. Die Alte sprang erschrocken zurück und wollte etwas sagen; aber sie konnte kein Wort hervorbringen und blickte ihn nur mit weit geöffneten Augen an.

»Guten Tag, Aljona Iwanowna«, begann er in möglichst ungezwungenem Tone; aber die Stimme gehorchte ihm nicht, sondern bebte und versagte. »Ich bringe Ihnen hier … einen Wertgegenstand … Aber kommen Sie doch lieber dorthin … ans Licht.«

Er ließ sie stehen und ging geradezu, ohne dazu aufgefordert zu sein, ins Zimmer. Die Alte eilte ihm nach; jetzt hatte sie endlich die Sprache wiedergefunden.

»Herr Gott, was wollen Sie denn? Wer sind Sie? Was wünschen Sie?«

»Aber ich bitte Sie, Aljona Iwanowna, Sie kennen mich doch von früher, … Raskolnikow … Hier bringe ich Ihnen das Pfandstück, von dem ich neulich schon gesprochen habe …«

Er hielt ihr das Pfandstück hin. Die Alte sah einen Augenblick nach dem Pfandstück, starrte dann aber sogleich wieder dem zudringlichen Besucher in die Augen. Sie betrachtete ihn aufmerksam, ergrimmt und mißtrauisch. So verging etwa eine Minute; er glaubte sogar in ihren Augen etwas wie Spott zu erkennen, als ob sie alles schon erraten hätte. Er fühlte, daß er die ruhige Überlegung verlor und beinahe Furcht bekam, solche Furcht, daß es ihm schien, wenn sie ihn so, ohne ein Wort zu sagen, noch eine halbe Minute lang ansähe, so würde er davonlaufen.

»Warum sehen Sie mich denn so an, als ob Sie mich nicht wiedererkennten?« sagte er auf einmal gleichfalls ärgerlich. »Wenn Sie wollen, dann nehmen Sie es; wenn nicht, dann gehe ich zu jemand anders; viel Zeit habe ich nicht.«

Er hatte so etwas eigentlich gar nicht sagen wollen; aber es fuhr ihm so von selbst heraus.

Die Alte gewann ihre Fassung wieder, und der entschiedene Ton des Besuchers beruhigte sie offenbar.

»Aber Väterchen, wie können Sie nur gleich so … Was ist es denn?« fragte sie mit einem Blick auf das Pfandstück.

»Ein silbernes Zigarettenetui; ich habe ja schon das vorige Mal davon gesprochen.«

Sie streckte die Hand danach aus.

»Aber woher sind Sie denn nur so blaß? Ihnen zittern ja auch die Hände so! Sie haben wohl gebadet, Väterchen?«

»Ich habe Fieber«, antwortete er kurz. »Da kann man schon blaß werden, … wenn man nichts zu essen hat«, fügte er murmelnd hinzu. Die Kraft verließ ihn wieder. Aber seine Antwort hatte den Eindruck der Wahrheit gemacht; die Alte nahm das Pfandstück.

»Was ist das für ein Ding?« fragte sie, indem sie Raskolnikow noch einmal scharf anblickte und das Pfandstück in der Hand wog.

»Ein Wertstück, … ein Zigarettenetui … aus Silber. Sehen Sie es sich nur an.«

»Na, Silber wird es wohl kaum sein … Aber haben Sie das fest verschnürt!«

Während sie sich damit abmühte, den Bindfaden aufzuknüpfen, und sich nach dem Fenster zum Lichte wendete (alle Fenster waren in ihrer Wohnung trotz der Schwüle geschlossen), ließ sie ihn einige Sekunden ganz außer acht und drehte ihm den Rücken zu. Er knöpfte seinen Paletot auf und zog das Beil aus der Schlinge heraus, holte es aber noch nicht ganz hervor, sondern hielt es mit der rechten Hand unter dem Paletot. Seine Arme waren entsetzlich schwach; er hatte selbst die Empfindung, daß sie mit jedem Augenblicke tauber und starrer würden. Er fürchtete, er würde das Beil nicht mehr halten können und fallen lassen; … es wurde ihm auf einmal ganz schwindlig.

»Aber wie haben Sie das verknotet!« rief die Alte ärgerlich und machte eine Bewegung nach ihm zu.

Nun war keine Sekunde mehr zu verlieren. Er zog das Beil ganz hervor, hob es, fast ohne Besinnung, mit beiden Händen in die Höhe und ließ, beinahe ohne eigene Anstrengung, beinahe rein mechanisch, den Beilrücken auf den Kopf der Alten niederfallen. Er hatte in diesem Augenblicke eigentlich gar keine Kraft in sich gehabt. Aber sobald er einmal das Beil hatte fallen lassen, stellte sich auch die Kraft wieder ein.

Die Alte war wie immer im bloßen Kopf. Ihr hellblondes, zum Teil schon ergrautes, dünnes Haar, wie gewöhnlich stark geölt, war in ein Zöpfchen geflochten, das große Ähnlichkeit mit einem Rattenschwanze hatte, und mit einem zerbrochenen Hornkamm hochgesteckt, der auf ihrem Hinterkopfe abstand. Der Schlag hatte sie, da sie von kleiner Statur war, gerade auf den Scheitel getroffen. Sie schrie auf, aber nur sehr schwach, und sank sofort in sitzender Stellung auf den Boden, hob aber noch schnell beide Hände zum Kopfe. In der einen Hand hielt sie immer noch das Pfandstück. Da schlug er aus voller Kraft noch einmal und noch einmal zu, immer mit dem Rücken des Beiles und immer auf den Scheitel. Das Blut strömte heraus wie aus einem umgestoßenen Glase, und der Körper sank hintenüber gegen Raskolnikows Beine. Raskolnikow trat zurück, ließ ihn vollends hinfallen und bückte sich sogleich zu ihrem Gesichte; sie war bereits tot. Die Augen waren weit aufgerissen, als ob sie herausspringen wollten, die Stirn und das ganze Gesicht in Falten gezogen und krampfhaft verzerrt.

Er legte das Beil auf den Fußboden neben die Tote und griff ihr sogleich in die Tasche, in eben die rechte Tasche, aus der sie das vorige Mal die Schlüssel herausgeholt hatte; dabei nahm er sich in acht, sich nicht mit dem hervorquellenden Blute zu besudeln. Er war bei vollem Verstande; Trübung der geistigen Fähigkeiten und Schwindelgefühl waren nicht mehr vorhanden; aber die Hände zitterten ihm immer noch. Er erinnerte sich später, daß er sogar sehr achtsam und vorsichtig gewesen war und sich die größte Mühe gegeben hatte, sich nicht blutig zu machen … Die Schlüssel fand er sofort und zog sie heraus; sie bildeten alle, wie damals, ein Bund und hingen an einem stählernen Ringe. Schnell lief er mit ihnen in das Schlafzimmer. Dies war ein sehr kleines Zimmer mit einem gewaltigen Schrein voll von Heiligenbildern. An einer andern Wand stand ein großes Bett, sehr sauber, mit einer aus lauter kleinen Seidenstückchen zusammengesetzten Steppdecke. An der dritten Wand stand eine Kommode. Aber seltsam! Sowie er die Schlüssel in die Kommode hineinzupassen begann und ihr Klappern hörte, lief ihm ein krampfhafter Schauder über den Leib. Wieder wandelte steckte ihn unbesehen in die Tasche; die Kreuze warf er der Alten auf die Brust. Dann eilte er wieder in das Schlafzimmer; diesmal nahm er auch das Beil mit.

Er beeilte sich aufs äußerste, griff nach den Schlüsseln und mühte sich von neuem mit ihnen ab. Aber es wollte ihm nicht gelingen; sie paßten nicht in die Schlösser. Nicht daß seine Hände so stark gezittert hätten; aber er irrte sich fortwährend: er sah z.B., daß ein Schlüssel nicht der richtige war, nicht paßte; aber er steckte ihn immer wieder von neuem hinein. Endlich besann er sich und überlegte, daß dieser große Schlüssel mit dem gezähnten Barte, der mit den kleinen zusammen an dem Ringe hing, jedenfalls gar nicht von der Kommode war (wie er sich das schon bei seinem vorigen Besuche gesagt hatte), sondern von einer Truhe, und daß in dieser Truhe vielleicht alles Wertvolle verwahrt wurde. Er ließ daher die Kommode stehen und bückte sich sofort unter das Bett, da er wußte, daß die Truhen bei alten Weibern unter den Betten zu stehen pflegen. So war es denn auch: es stand dort eine ansehnliche Truhe, mehr als zwei Fuß lang, mit gewölbtem Deckel, mit rotem Leder überzogen und mit stählernen Nägeln beschlagen. Der gezähnte Schlüssel erwies sich sofort als genau passend und schloß die Truhe auf. Obenauf lag unter einem weißen Laken ein Pelz von Hasenfell, mit rotem Seidenstoff bezogen; darunter ein seidenes Kleid; dann ein Schal; weiter nach unten hin schienen nur noch lauter Lumpen zu liegen. Vor allen Dingen wischte er sich die blutbefleckten Hände an dem roten Seidenstoff ab. ›Das Zeug ist rot; da wird auf dem Roten das Blut nicht so leicht zu merken sein‹, überlegte er, wurde sich aber plötzlich der Torheit dieser Überlegung bewußt. ›Mein Gott! Werde ich denn verrückt?‹ dachte er erschrocken.

Sowie er aber unter den Lumpen zu kramen begann, glitt auf einmal unter dem Pelze eine goldene Uhr heraus. Nun machte er sich daran, alles umzuwühlen. Wirklich, zwischen den Lumpen lagen Goldsachen versteckt, wahrscheinlich lauter Pfandstücke, verfallene und noch nicht verfallene: Armbänder, Ketten, Ohrringe, Busennadeln und dergleichen. Manche dieser Gegenstände befanden sich in Futteralen; andere waren einfach in Zeitungspapier gewickelt, aber sorgsam und ordentlich, in doppelte Bogen, und mit Band verschnürt. Ohne zu zaudern, stopfte er sie sich in die Hosentaschen und Paletottaschen; die Päckchen und Futterale zu öffnen und zu untersuchen, darauf ließ er sich nicht ein.

Aber er hatte noch nicht viel eingesteckt, da hörte er plötzlich in dem Zimmer, wo die Alte lag, Schritte. Er hielt inne und horchte, still wie ein Toter. Aber es war alles ruhig; also war es doch wohl nur Einbildung gewesen. Da vernahm er ganz deutlich einen leichten Aufschrei, oder vielmehr: es war, wie wenn jemand ein leises, kurzes Stöhnen ausstieß und dann verstummte. Darauf herrschte wieder Totenstille, eine oder zwei Minuten lang. Er kauerte bei der Truhe und wartete, kaum atmend; aber dann sprang er hastig auf, ergriff das Beil und lief aus dem Schlafzimmer.

Mitten im Zimmer stand Lisaweta, ein großes Bündel in der Hand, und blickte, starr vor Entsetzen, auf die ermordete Schwester hin. Sie war weiß wie Linnen und hatte, wie es schien, nicht die Kraft zu schreien. Als sie ihn hereinstürmen sah, zitterte sie, leise bebend, wie Espenlaub, und über ihr ganzes Gesicht lief ein krampfhaftes Zucken. Sie hob die eine Hand, öffnete den Mund ein wenig, schrie aber trotzdem nicht und begann langsam nach rückwärts vor ihm in eine Ecke zurückzuweichen. Dabei sah sie ihn starr und unverwandt an, schrie aber immer noch nicht, als wenn ihr dazu die Luft fehlte. Er stürzte mit dem Beile auf sie zu. Sie verzog die Lippen so kläglich, wie man es bei ganz kleinen Kindern sieht, wenn sie vor etwas erschrecken, den furchterregenden Gegenstand anstarren und eben losschreien wollen. Und diese unglückliche Lisaweta war nun einmal dermaßen einfältig, verprügelt und eingeschüchtert, daß sie selbst jetzt nicht die Hände aufhob, um ihr Gesicht zu schützen, was doch die natürlichste und notwendigste Bewegung in diesem Augenblicke gewesen wäre, da das Beil über ihrem Kopfe schwebte. Sie hob nur die freie linke Hand ein wenig in die Höhe, aber lange nicht bis zum Gesichte, und streckte sie langsam nach vorn gegen ihn aus, als wenn sie ihn von sich abhalten wollte. Der Schlag traf sie mitten auf den Schädel, mit der Schneide, und hieb mit einem Male den ganzen oberen Teil der Stirn fast bis zum Scheitel durch. Sie stürzte sofort zu Boden. Raskolnikow wußte einen Augenblick gar nicht recht, was er tat: er ergriff ihr Bündel und warf es wieder von sich; dann lief er ins Vorzimmer.

Die Angst in ihm wuchs immer mehr, namentlich nach diesem zweiten, so völlig unerwarteten Morde. So schnell wie möglich wollte er von hier weg. Und wenn er in diesem Augenblicke fähig gewesen wäre, alles richtig zu sehen und zu beurteilen, wenn er sich auch nur von der ganzen Schwierigkeit seiner Lage, von ihrer Hoffnungslosigkeit, ihrer Gräßlichkeit und Absurdität hätte eine Vorstellung machen können, wenn er imstande gewesen wäre, zu begreifen, wie viele Hindernisse er noch werde überwinden, ja, wie viele Verbrechen er vielleicht noch werde begehen müssen, um von hier wegzukommen und nach Hause zu gelangen: so hätte er vielleicht alles stehen- und liegenlassen und wäre sofort hingegangen, um sich selbst anzuzeigen, und zwar nicht einmal aus Angst um sich selbst, sondern lediglich aus Entsetzen und Ekel über das, was er getan hatte. Namentlich der Ekel wurde in ihm von einem Augenblicke zum andern immer größer und heftiger. Um keinen Preis wäre er jetzt zu der Truhe oder auch nur in das Zimmer zurückgegangen.

Aber allmählich überkam ihn eine gewisse Zerstreutheit, eine Art von Versonnenheit. Minutenlang vergaß er anscheinend sich und alles andre, oder richtiger gesagt: er vergaß die Hauptsache und haftete mit seinen Gedanken an Kleinigkeiten. Als er indessen zufällig einen Blick in die Küche warf und auf einer Bank einen halb mit Wasser gefüllten Eimer erblickte, fiel ihm ein, seine Hände und das Beil zu waschen. Seine Hände waren blutig und klebrig. Das Beil steckte er mit dem Eisen einfach ins Wasser; dann ergriff er ein Stückchen Seife, das auf dem Fensterbrett in einer zerbrochenen Untertasse lag, und wusch sich im Eimer die Hände. Als er damit fertig war, zog er auch das Beil heraus, spülte das Eisen ab und wusch lange, wohl drei Minuten lang, das Holz, wo es blutig geworden war; er versuchte sogar, die Blutflecke mit Seife zu entfernen. Dann trocknete er alles mit einigen Wäschestücken ab, die in der Küche an einer quer herübergezogenen Leine zum Trocknen aufgehängt waren, und besah lange und mit größter Aufmerksamkeit das Beil am Fenster. Blutspuren waren keine mehr vorhanden; nur war der Stiel noch feucht. Sorgfältig schob er dann das Beil in die Schlinge unter dem Paletot. Darauf besah er, soweit es bei dem schwachen Lichte in der halbdunklen Küche möglich war, den Paletot, die Hosen und die Stiefel. Äußerlich war auf den ersten Blick so gut wie nichts sichtbar; nur die Stiefel wiesen einige Flecke auf. Er befeuchtete einen Lappen und wischte die Stiefel ab. Er war sich übrigens bewußt, daß er bei der Untersuchung nicht gut hatte sehen können und daß ihm vielleicht irgend etwas in die Augen Fallendes doch entgangen war. Tief in Gedanken versunken, stand er mitten in der Küche. Ein quälender, finsterer Gedanke stieg in ihm auf: der Gedanke, er verliere den Verstand und könne in diesem Augenblicke weder überlegen noch sich schützen; er ergreife vielleicht ganz unzweckmäßige Maßregeln … ›Mein Gott! Ich muß fort, ich muß fort!‹ murmelte er und eilte in das Vorzimmer. Aber hier stand ihm ein Schreck bevor, wie er ihn gewiß in seinem Leben noch nicht durchgemacht hatte.

Er stand da, blickte hin und wollte seinen Augen nicht trauen: die Tür, die Außentür vom Vorzimmer nach der Treppe, eben die, an der er vorhin geschellt hatte und durch die er hereingekommen war, stand offen, sogar eine ganze Hand breit offen; weder das Schloß war zugeschlossen noch der Riegel vorgelegt; und so war das die ganze Zeit über gewesen! Die Alte hatte hinter ihm nicht zugemacht, vielleicht aus Vorsicht. Aber, o Gott! er hatte doch nachher Lisaweta gesehen! Wie war es nur möglich gewesen, daß er sich nicht darüber gewundert hatte, wie sie überhaupt hereingekommen war! Sie konnte doch nicht quer durch die Wand gegangen sein!

Er stürzte zur Tür und legte den Riegel vor.

›Aber nein, wieder falsch! Ich muß weg, weg!‹

Er nahm den Riegel wieder ab, öffnete die Tür und horchte nach der Treppe hin.

Er horchte lange. Irgendwo, weit weg, unten, wahrscheinlich im Torweg, schrien und kreischten laut zwei Stimmen, stritten sich und schimpften. ›Was mögen die haben?‹ Er wartete geduldig. Endlich, mit einem Male wurde alles still; der Lärm war wie abgeschnitten; die beiden waren auseinandergegangen. Schon wollte er hinaustreten, da wurde plötzlich in dem darunterliegenden Stockwerk eine nach der Treppe führende Tür geräuschvoll geöffnet, und es begann jemand, eine Melodie vor sich hin singend, die Treppe hinabzusteigen. ›Was nur die Menschen da immer für Lärm machen!‹ dachte er flüchtig. Er zog wieder die Tür ein wenig heran und wartete weiter. Endlich war alles Geräusch verstummt und nichts zu hören. Er wollte schon den Fuß auf die Treppe setzen, als plötzlich wieder neue Schritte erschollen.

Diese Schritte erschollen in weiter Entfernung, noch ganz am untern Ende der Treppe; aber er erinnerte sich später ganz genau und deutlich, daß er damals gleich beim ersten Ton aus einem nicht recht verständlichen Grunde auf den Gedanken gekommen war, es komme da jemand sicher »hierher«, nach dem dritten Stockwerke, zu der Alten. Warum? War der Ton so eigentümlich, so bedeutsam? Es waren schwere, gleichmäßige Schritte, ohne Eile. Da, jetzt war »er« schon fast zum ersten Stock gelangt; da, er stieg noch weiter; es war immer deutlicher zu hören. Nun wurde das schwere Atmen des Heraufkommenden vernehmbar. Da, jetzt begann er schon die dritte Treppe. ›Er kommt hierher!‹ sagte sich Raskolnikow. Und plötzlich hatte er die Empfindung, als ob er versteinert wäre, als wäre dies ein Traum, wo einem träumt, daß man verfolgt wird, und die Verfolger sind schon ganz nahe und wollen einen töten, und man selbst ist am Fleck wie angewachsen und kann keine Hand rühren.

Endlich, als der Ankömmling bereits zum dritten Stockwerk hinaufzusteigen begann, da erst fuhr Raskolnikow plötzlich zusammen und fand gerade noch Zeit, hurtig und behend vom Flur in die Wohnung zurückzuschlüpfen und die Tür hinter sich zuzumachen. Dann erfaßte er den Riegel und legte ihn leise, unhörbar vor. Der Instinkt hatte ihm geholfen. Als er dies erledigt hatte, verbarg er sich unmittelbar hinter der Tür und vermied jedes Geräusch beim Atmen. Der unbekannte Besucher war gleichfalls bereits an der Tür. Sie standen jetzt einander ebenso gegenüber wie vor kurzem er und die Alte, als nur die Tür sie voneinander getrennt und er an ihr gelauscht hatte.

Der Besucher atmete einige Male tief und schwer auf. ›Es ist wohl ein dicker, großer Mann‹, dachte Raskolnikow und umklammerte fest das Beil. Es kam ihm tatsächlich alles wie ein Traum vor. Der Besucher griff nach dem Klingelzuge und schellte kräftig.

Als die Klingel ihr blechernes Klappern hören ließ, bildete sich Raskolnikow ein, es rege sich jemand im Zimmer. Er lauschte sogar einige Sekunden lang allen Ernstes danach. Der Unbekannte schellte noch einmal, wartete wieder ein Weilchen und begann dann ungeduldig mit aller Kraft an der Türklinke zu rütteln. Voll Schrecken sah Raskolnikow, wie der Riegel hin und her sprang, und erwartete mit dumpfer Angst in jedem Augenblick, daß er herabfallen werde. Möglich schien das in der Tat; so heftig wurde gerüttelt. Er dachte schon daran, den Riegel festzuhalten; aber das hätte der andere merken können. Es wurde ihm wieder schwindlig. ›Gleich werde ich umfallen!‹ fuhr es ihm durch den Kopf; aber da begann der Unbekannte zu reden, und er kam sogleich wieder zur Besinnung.

»Was soll denn das heißen? Schlafen die beiden Frauenzimmer wie die Murmeltiere, oder hat sie einer abgemurkst? Verrrfluchte Bande!« schrie er mit kräftiger, voller Stimme. »He, Aljona Iwanowna, alte Hexe! Lisaweta Iwanowna, du holde Schöne! Macht auf! Ach, die nichtswürdige Bande! Ob sie wirklich schlafen?«

Und von neuem riß er wütend wohl zehnmal hintereinander aus voller Kraft an der Klingel. Er war gewiß ein Mann, der etwas darstellte und mit der Alten gut bekannt war.

In diesem Augenblicke wurden leichte, eilige Schritte unweit auf der Treppe vernehmbar; es kam noch jemand. Raskolnikow hatte ihn zuerst gar nicht gehört.

»Ist denn niemand zu Hause?« rief der Hinzugekommene mit wohltönender, fröhlicher Stimme dem ersten Besucher zu, der immer noch an der Klingel riß. »Guten Abend, Koch!«

›Nach der Stimme zu urteilen, muß es ein sehr junger Mann sein‹, sagte sich Raskolnikow.

»Weiß der Teufel! Ich habe schon beinahe das Schloß abgerissen!« antwortete Koch. »Aber woher kennen Sie mich denn?«

»Na, so was! Ich habe Ihnen doch vorgestern im Gambrinus drei Partien Billard hintereinander abgenommen!«

»Ach so-o!«

»Also sie sind nicht zu Hause? Sonderbar! Übrigens recht dumm! Wo kann die Alte bloß hingegangen sein? Ich habe mit ihr geschäftlich zu tun.«

»Ich auch, Väterchen!«

»Na, was ist zu machen? Also müssen wir wieder abziehen! So ein Pech! Ich hatte gedacht, ich würde hier Geld kriegen!« rief der junge Mann.

»Natürlich müssen wir wieder abziehen. Aber warum hat sie mich denn herbestellt? Die alte Hexe hat mir diese Zeit selbst angegeben. Ich habe einen weiten Umweg deswegen gemacht. Und ich begreife gar nicht, wo sie sich herumtreibt, zum Teufel! Das ganze Jahr sitzt sie zu Hause, die Hexe, hockt auf einem Fleck, klagt, daß ihr die Beine weh tun, und nun auf einmal geht sie spazieren!«

»Ob wir mal den Hausknecht fragen?«

»Wonach?«

»Wo sie hingegangen ist und wann sie wiederkommt.«

»Hm! … Hol’s der Teufel! … Können ja mal fragen … Aber sie geht doch sonst nirgends hin …«, und er riß noch einmal an der Türklinke. »Zum Teufel, nichts zu machen! Gehen wir wieder!«

»Warten Sie mal!« rief der junge Mann plötzlich. »Sehen Sie nur einmal her! Sehen Sie wohl, wie die Tür ein bißchen aufgeht, wenn man zieht?«

»Na, und?«

»Also ist sie nicht zugeschlossen, sondern es ist innen der Riegel vorgelegt! Hören Sie wohl, wie der Riegel klappert?«

»Na, und?«

»Begreifen Sie denn nicht? Also ist jemand von ihnen zu Hause. Wenn beide ausgegangen wären, so wäre von außen zugeschlossen und nicht von innen der Riegel vorgelegt. Aber hier – hören Sie wohl, wie der Riegel klappert? Um von innen den Riegel vorzulegen, muß man doch zu Hause sein; ist Ihnen das klar? Also sitzen sie zu Hause und machen nicht auf.«

»Donnerwetter, das ist wahr!« rief Koch erstaunt. »Aber was machen die denn da nur?«

Er rüttelte wütend an der Tür.

»Warten Sie mal!« rief wieder der junge Mann. »Reißen Sie nicht an der Tür! Hier ist etwas nicht in Ordnung … Sie haben ja schon geklingelt und an der Tür gerüttelt, und es ist nicht geöffnet worden; also sind die beiden entweder ohnmächtig oder …«

»Oder was?«

»Wissen Sie was? Wir wollen den Hausknecht holen; mag der sie selbst aufwecken.«

»Gut, tun wir das!«

Sie schickten sich beide an, hinunterzugehen.

»Warten Sie einmal! Bleiben Sie lieber hier, und ich will hinunterlaufen und den Hausknecht holen.«

»Warum soll ich hierbleiben?«

»Man kann nicht wissen …«

»Meinetwegen.«

»Ich studiere ja Jura und will einmal Untersuchungsrichter werden. Hier ist offenbar, of-fen-bar etwas nicht in Ordnung!« sagte der junge Mann, vor Eifer brennend, und lief schnell die Treppe hinunter.

Koch blieb zurück und zog noch einmal ganz sachte an der Klingel; diese schlug nur mit einem einzigen Ton an. Dann begann er leise, als wenn er überlegte und untersuchte, die Türklinke zu bewegen, indem er damit die Tür zu sich heranzog und wieder zurückfahren ließ, um sich nochmals zu vergewissern, daß nur der Riegel vorgelegt sei. Dann bückte er sich keuchend und blickte durch das Schlüsselloch; aber in diesem steckte von innen der Schlüssel, und es war somit nichts zu sehen.

Raskolnikow stand da und preßte die Hand um den Beilstiel; es war ihm, als hätte er Fieber. Er bereitete sich sogar auf einen Kampf mit ihnen vor, wenn sie hereinkämen. Während sie an der Tür gerüttelt und sich miteinander besprochen hatten, war ihm einige Male der Gedanke gekommen, der ganzen Geschichte schnell ein Ende zu machen und sie durch die Tür anzurufen. Dann wieder hatte es ihn gelüstet, sie so lange auszuschimpfen und zu höhnen, bis sie die Tür würden aufbekommen haben. ›Wenn es nur bald soweit wäre!‹ dachte er einen Augenblick.

»Zum Teufel! Der kommt ja aber auch gar nicht wieder!«

Die Zeit verging, eine Minute nach der andern; niemand kam. Koch bewegte sich unruhig hin und her.

»Hol’s der Teufel!« rief er endlich ungeduldig, verließ seinen Posten und ging gleichfalls nach unten. Eilig polterten seine Stiefel auf der Treppe; dann verhallten seine Schritte.

›Mein Gott, was soll ich tun?‹

Raskolnikow löste den Riegel und öffnete die Tür ein wenig; es war nichts zu hören. Ohne etwas dabei zu denken, trat er hinaus, drückte die Tür hinter sich möglichst fest heran und stieg die Treppe hinunter.

Er war bereits auf der Treppe vom zweiten zum ersten Stockwerk, als plötzlich unten ein gewaltiger Lärm entstand. Wo sollte er nun bleiben? Verstecken konnte er sich nirgends; er wollte schon wieder zurück, in die Wohnung der Alten.

»Warte, du Kanaille, du Schuft! Halt ihn auf!«

Mit diesem Geschrei stürzte jemand weiter unten aus einer Wohnung heraus und lief, oder richtiger: fiel die Treppe hinunter, wobei er fortwährend aus vollem Halse schrie:

»Mitjka, Mitjka, Mitjka, Mitjka, Mitjka! Der Teufel soll dich holen!«

Das Geschrei endete mit einem wilden Gekreische; die letzten Töne kamen schon vom Hofe her; dann war alles still. Aber in demselben Augenblicke begannen mehrere Menschen, die laut und eifrig miteinander sprachen, geräuschvoll die Treppe heraufzusteigen; es mochten ihrer drei oder vier sein. Raskolnikow unterschied die wohlklingende Stimme des jungen Mannes. ›Das sind sie!‹

In heller Verzweiflung ging er ihnen geradezu entgegen: mochte werden, was da wollte! Wenn sie ihn anhielten, so war alles verloren, ließen sie ihn vorbei, so war auch alles verloren, da zu erwarten war, daß sie ihn später wiedererkennen würden. Sie waren einander bereits ziemlich nahegekommen; zwischen ihnen war nur noch eine Treppe – da auf einmal zeigte sich die Möglichkeit einer Rettung. Nur wenige Stufen von ihm entfernt auf der rechten Seite, stand die Tür zu einer leerstehenden Wohnung weit offen, zu eben der Wohnung im ersten Stockwerk, in der die Maler gearbeitet hatten und die sie durch ein seltsames Zusammentreffen der Umstände gerade jetzt verlassen hatten. Das waren offenbar die Leute gewesen, die soeben mit solchem Geschrei davongerannt waren. Die Dielen waren frisch gestrichen; mitten im Zimmer stand ein kleiner Eimer und ein Schälchen mit Farbe und einem Pinsel. In einem Nu schlüpfte er durch die offene Tür hinein und verbarg sich hinter der Wand; es war die höchste Zeit gewesen: sie standen schon auf dem Treppenabsatz. Dann wandten sie sich nach der weiter hinaufführenden Treppe und gingen in lautem Gespräche vorüber, nach dem dritten Stockwerke hinauf. Er wartete das ab, ging auf den Zehen hinaus und lief die Treppe hinunter.

Auf der Treppe war niemand; auch im Torwege nicht. Schnell ging er hindurch und bog links in die Straße ein. Er wußte sehr wohl, daß sie in diesem Augenblicke bereits in der Wohnung waren, daß sie sich höchlichst wunderten, sie offen zu finden, während sie doch eben noch zugesperrt gewesen war, daß sie schon die Leichen betrachteten und daß sie in weniger als einer Minute erraten und kombiniert haben würden, daß der Mörder noch soeben dagewesen sei und eine Möglichkeit gefunden habe, sich irgendwo zu verstecken, an ihnen vorbeizuschlüpfen und zu entfliehen; sie mochten auch vielleicht erraten, daß er in der leerstehenden Wohnung gesteckt hatte, während sie daran vorbei hinaufgingen. Aber trotzdem durfte er unter keiner Bedingung wagen, sein Tempo stark zu beschleunigen, obgleich er bis zur nächsten Straßenecke noch gegen hundert Schritte hatte. ›Ob ich wohl in einen Torweg hineinschlüpfe und auf einer fremden Treppe warte? Nein, das ist zu gefährlich! Ob ich das Beil von mir werfe? Ob ich eine Droschke nehme? Zu gefährlich, zu gefährlich!‹

Endlich kam die Querstraße; er bog in sie ein, mehr tot als lebendig. Hier war er schon zur Hälfte gerettet, und er war sich dessen bewußt. Hier war der Verdacht geringer, und außerdem herrschte hier ein starker Verkehr, und er verschwand darin wie ein Sandkorn. Aber alle diese Qualen hatten seine Kraft derart erschöpft, daß er sich kaum mehr rühren konnte. Der Schweiß rann ihm in dicken Tropfen herunter; der Hals war ihm davon ganz feucht. »Na, du hast dich aber gehörig vollgesoffen!« rief ihm einer zu, als er an den Kanal gelangte.

Er konnte seine Gedanken kaum noch zusammenhalten; je weiter er ging, um so schlimmer wurde es. Er erinnerte sich aber später, daß er einen großen Schreck bekommen hatte, als er zum Kanal kam, weil hier weniger Menschen waren und er somit leichter auffallen konnte, und daß er nahe daran gewesen war, wieder in die Querstraße zurückzukehren. Obwohl er vor Erschöpfung beinahe umfiel, machte er dennoch einen Umweg und kam von der ganz entgegengesetzten Seite nach Hause.

Auch den Torweg seines Hauses passierte er in halber Bewußtlosigkeit; wenigstens war er schon auf der Treppe, als ihm das Beil einfiel. Und dabei stand ihm doch noch eine sehr wichtige Aufgabe bevor: es wieder an seinen Platz zu legen, und zwar möglichst unbemerkt. Er war natürlich nicht mehr fähig, zu überlegen, ob es nicht vielleicht weit besser wäre, das Beil überhaupt nicht wieder an den früheren Platz zu bringen, sondern es, wenn auch erst später, auf irgendeinen fremden Hof zu werfen.

Aber es lief alles gut ab. Die Tür zu der Kammer des Hausknechtes war nur angelehnt, nicht zugeschlossen; also war der Hausknecht aller Wahrscheinlichkeit nach zu Hause. Doch Raskolnikow hatte die Fähigkeit, etwas zu überlegen, bereits in dem Grade eingebüßt, daß er einfach auf die Tür zuging und sie öffnete. Hätte ihn der Hausknecht gefragt: »Was wünschen Sie?« so hätte er ihm vielleicht ebenso gedankenlos das Beil hingereicht. Aber der Hausknecht war wieder nicht da, und er konnte unbehindert das Beil auf seinen früheren Platz unter die Bank legen, ja, es sogar wieder, wie es gewesen war, mit einem Holzscheite bedecken. Niemandem, keiner Menschenseele begegnete er dann auf dem Wege bis zu seinem Zimmer; die Tür seiner Wirtin war geschlossen. Als er in sein Zimmer gekommen war, warf er sich, wie er ging und stand, auf das Sofa. Er schlief nicht, befand sich aber in einem Zustande der Geistesabwesenheit. Wäre jetzt jemand zu ihm hereingekommen, so wäre er sofort aufgesprungen und hätte aufgeschrien. Fetzen und Bruchstücke von allerlei Gedanken wimmelten in seinem Kopfe herum; aber trotz aller Anstrengung vermochte er keinen einzigen Gedanken zu Ende zu bilden und festzuhalten.

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Kapitel 35

IV

»Sie wissen vielleicht (übrigens habe ich es Ihnen selbst erzählt)«, begann Swidrigailow, »daß ich hier wegen einer riesigen Summe im Schuldgefängnis saß, ohne die geringste Aussicht, daß ich jemals die Mittel zur Bezahlung besitzen würde. Es hat keinen Zweck, im einzelnen darzulegen, auf welche Weise mich Marfa Petrowna damals loskaufte; wissen Sie, bis zu welchem Grade von Tollheit sich ein Weib manchmal verlieben kann? Sie war eine ehrenhafte, recht kluge, obgleich völlig ungebildete Frau. Stellen Sie sich vor, daß diese sehr eifersüchtige, ehrenhafte Frau nach und sich bei allen fortwährend über mich zu beklagen; wie hätte sie das einer solchen neuen, schönen Freundin gegenüber unterlassen können? Ich kann mir denken, daß zwischen den beiden überhaupt von nichts anderem gesprochen wurde als von mir, und zweifellos wurde Awdotja Romanowna mit all den düsteren, geheimnisvollen Märchen bekannt gemacht, die über mich in Umlauf waren … Ich möchte wetten, daß Ihnen auch schon etwas davon zu Ohren gekommen ist?«

»Jawohl, Lushin beschuldigte Sie, Sie hätten sogar den Tod eines kleinen Mädchens verschuldet. Ist das wahr?«

»Tun Sie mir den Gefallen und lassen Sie mich mit all diesen Abgeschmacktheiten in Ruhe«, erwiderte Swidrigailow ärgerlich und mürrisch. »Wenn Sie so großes Verlangen tragen, über all diesen Unsinn die Wahrheit zu hören, so will ich es Ihnen ein andermal erzählen; aber jetzt …«

»Es wurde auch von einem Diener, den Sie auf dem Lande hatten, gesprochen; angeblich hätten Sie auch da eine Schuld auf sich geladen.«

»Tun Sie mir den Gefallen und hören Sie damit auf!« unterbrach ihn Swidrigailow wieder mit sichtlicher Ungeduld.

»War das nicht eben der Diener, der nach seinem Tode zu Ihnen ins Zimmer kam, um Ihnen die Pfeife zu stopfen? Sie haben mir ja selbst davon erzählt!« fragte Raskolnikow; sein Ton klang immer gereizter.

Swidrigailow blickte Raskolnikow forschend an, und dem letzteren schien es, als ob in diesem Blicke momentan, blitzartig ein boshaftes Lächeln aufzuckte; aber Swidrigailow beherrschte sich und antwortete sehr höflich:

»Ja, es war derselbe. Ich sehe, daß dies alles auch Sie außerordentlich interessiert, und halte es für meine Pflicht, bei der ersten passenden Gelegenheit Ihre Wißbegierde zu befriedigen. Hol’s der Teufel! Ich sehe, daß ich wirklich manchem als eine romantische Persönlichkeit erscheinen doch? Ich merke, daß Sie mir jetzt mit großer Aufmerksamkeit zuhören, … Sie interessanter junger Mann! …«

Swidrigailow schlug ingrimmig mit der Faust auf den Tisch. Sein Gesicht hatte sich stark gerötet. Raskolnikow sah deutlich, daß das eine Glas oder die anderthalb Gläser Champagner, die er so sachte in kleinen Schlückchen geschlürft hatte, auf ihn schon berauschend gewirkt hatten, und beschloß, aus diesem Umstande Nutzen zu ziehen. Swidrigailow erschien ihm sehr verdächtig.

»Nach allem, was ich da eben von Ihnen gehört habe, bin ich der festen Überzeugung, daß Sie auch bei der Reise hierher es auf meine Schwester abgesehen haben«, sagte er offen und unverhohlen zu Swidrigailow, um ihn noch mehr zu reizen.

»Ach, reden Sie doch nicht so etwas!« erwiderte Swidrigailow, der plötzlich die Herrschaft über sich zurückzugewinnen schien. »Ich habe Ihnen ja schon gesagt, … und außerdem kann mich Ihre Schwester nicht leiden.«

»Ja, das ist auch meine Überzeugung, daß sie Sie nicht leiden kann. Aber darum handelt es sich jetzt nicht.«

»Also davon sind Sie überzeugt, daß sie mich nicht leiden kann?« Swidrigailow zwinkerte mit den Augen und lächelte spöttisch. »Sie haben recht, sie liebt mich nicht; aber übernehmen Sie niemals eine Gewähr für die Bewertung von Vorgängen, die zwischen Mann und Frau oder zwischen einem Liebhaber und der Geliebten stattgefunden haben. Da ist immer so ein Winkelchen, das der ganzen Welt verborgen bleibt und nur den beiden bekannt ist. Können Sie garantieren, daß Awdotja Romanowna bei meinem Anblicke einen wirklichen Widerwillen empfunden hat?«

»Aus manchen Worten und Andeutungen in Ihrer Erzählung entnehme ich, daß Sie auch jetzt noch Ihre Absichten bezüglich meiner Schwester eifrig verfolgen, und selbstverständlich sind es ganz gemeine Absichten.«

»Wie? Mir sollten solche Worte und Andeutungen entschlüpft sein?« fragte Swidrigailow höchst naiv, ohne das Beiwort, das seinen Absichten beigelegt war, im geringsten zu beachten.

»Auch jetzt in diesem Augenblicke verraten Sie sich. Warum sind Sie denn zum Beispiel so ängstlich? Warum erschraken Sie jetzt eben auf einmal?«

»Ich bin ängstlich und erschrecke? Vor Ihnen erschrecke ich? Eher hätten Sie Anlaß, vor mir Angst zu haben, cher ami. Aber was rede ich nur für dummes Zeug zusammen … Ich sehe, ich bin betrunken; beinahe hätte ich wieder zuviel gesagt. Hol der Teufel den Wein! Heda, Wasser!«

Er ergriff die Flasche und schleuderte sie ohne Umstände zum Fenster hinaus. Filipp brachte Wasser.

»Das ist alles Unsinn«, sagte Swidrigailow, während er ein Handtuch anfeuchtete und es sich gegen den Kopf drückte. »Ich kann Sie mit einem einzigen Worte widerlegen und Ihren ganzen Verdacht als nichtig erweisen. Wissen Sie, daß ich mich wieder verheirate?«

»Sie haben es mir schon früher gesagt.«

»So? Nun, ich hab’s vergessen. Aber damals konnte ich es noch nicht mit voller Sicherheit sagen; denn ich hatte die Braut noch nicht einmal gesehen. Damals war es erst ein Plan. Na, aber jetzt habe ich bereits eine Braut, und die Sache ist abgemacht; und wenn ich jetzt nicht unaufschiebbare Geschäfte hätte, so würde ich Sie jedenfalls sofort zu den Leuten hinführen – denn ich möchte Sie dabei um Ihren Rat bitten. Ach, Donnerwetter! Ich habe ja nur noch zehn Minuten Zeit. Hier ist meine Uhr; sehen Sie selbst. Aber ich will es Ihnen doch noch erzählen; denn es ist ein hübscher kleiner Spaß, meine Heirat meine ich, so in ihrer Art, … aber wo wollen Sie denn hin? Wieder weg?«

»Nein, jetzt habe ich nicht mehr die Absicht, von Ihnen wegzugehen.«

»Überhaupt nicht? Na, wir wollen sehen! Ich werde Sie hinführen, ganz bestimmt, und Ihnen meine Braut zeigen; nur nicht jetzt gleich. Jetzt müssen wir bald gehen, Sie nach Gesicht, das Gesicht einer leidenden Schwärmerin; ist Ihnen das niemals aufgefallen? Na also, an die erinnert sie. Gleich am anderen Tage nach unserer Verlobung brachte ich ihr für anderthalbtausend Rubel Geschenke mit: einen Brillantschmuck, einen aus Perlen, einen silbernen Toilettenkasten – so groß! – mit allerlei Inhalt; das Gesichtchen der kleinen Madonna färbte sich ganz rosig. Ich setzte sie gestern auf meinen Schoß, aber wahrscheinlich doch gar zu ungeniert; denn sie wurde blutrot, und die Tränchen perlten ihr hervor. Aber sie wollte es nicht zeigen; sie glühte über das ganze Gesicht. Die andern waren alle für ein Weilchen aus dem Zimmer hinausgegangen, und ich war mit ihr ganz allein geblieben; da fiel sie mir auf einmal um den Hals (zum ersten Male ganz von selbst), umschlang mich mit ihren beiden Ärmchen, küßte mich und schwur, sie werde mir eine gehorsame, treue, gute Frau sein; sie wolle mich glücklich machen; dazu werde sie ihr ganzes Leben, jede Minute ihres Lebens verwenden; alles, alles wolle sie dafür zum Opfer bringen, und für all das wünsche sie nur meine Achtung zu besitzen; ›weiter‹, sagte sie, ›brauche ich nichts, nichts, gar nichts, keine Geschenke!‹ Das müssen Sie doch selbst sagen: ein solches Geständnis unter vier Augen anzuhören von einem sechzehnjährigen Engelchen im Tüllkleidchen, mit krausen Löckchen, mit der Röte mädchenhafter Verschämtheit auf dem Gesichte und mit Tränen holder Schwärmerei in den Augen – das müssen Sie doch selbst sagen, das hat einen großen Reiz! Nicht wahr, einen großen Reiz! Das ist doch schließlich etwas Wertvolles, nicht? Nicht wahr? Na, … na, hören Sie, … wir wollen einmal zu meiner Braut hinfahren, … nur nicht jetzt gleich!«

»Kurz gesagt, gerade dieser ungeheuerliche Abstand in den Jahren und in der geistigen Entwicklung erregt Ihre Sinnlichkeit! Haben Sie denn wirklich vor, das Mädchen zu heiraten?«

»Aber warum denn nicht? Ganz bestimmt! Jeder sorgt für sich, und am lustigsten lebt derjenige, der sich selbst am besten zu betrügen versteht. Ha-ha! Aber Sie sind ja wohl so ein ganz besonderer Tugendbold? Haben Sie Nachsicht mit mir, Väterchen! Ich bin ein sündiger Mensch. He-he-he!«

»Sie haben aber doch für Katerina Iwanownas Kinder gesorgt. Indessen, Sie werden wohl auch dafür Ihre Gründe gehabt haben; … ich verstehe jetzt alles.«

»Kinder habe ich überhaupt lieb; ich mag Kinder sehr gern«, erwiderte Swidrigailow lachend. »In dieser Hinsicht kann ich Ihnen sogar ein höchst interessantes kleines Erlebnis mitteilen, das auch jetzt noch nicht seinen Abschluß gefunden hat. Am ersten Tage nach meiner Ankunft besuchte ich verschiedene Sumpflokale; na, nach sieben Jahren Entbehrung stürzte ich mich mit Wonne da hinein. Sie haben wohl schon gemerkt, daß ich es nicht eilig habe, mit meiner früheren Sippschaft, meinen ehemaligen Freunden und Bekannten wieder in Verkehr zu treten. Na, ich will suchen, möglichst lange ohne sie auszukommen. Wissen Sie, als ich bei Marfa Petrowna auf dem Lande wohnte, bin ich oft ganz krank geworden vor sehnsüchtiger Erinnerung an all diese geheimnisvollen Lokale und Lokälchen, wo jemand, der darin Routine hat, gar manches zu finden vermag. Ein tolles Leben hier in Petersburg; das niedere Volk säuft; die gebildete Jugend überläßt sich einem untätigen Müßiggange, verpufft ihre Kraft in unerfüllbaren Träumereien und Schwärmereien und verkrüppelt geistig durch das ewige Theoretisieren; die Juden, die hier von überallher zusammenströmen, scharren heimlich Geld zusammen, und alles übrige sumpft. Gleich bei meiner Ankunft war es mir, als ob mir der wohlbekannte Geruch dieser Stadt entgegenschlüge. Ich besuchte zufällig eine sogenannte Tanzsoiree – es war ein schauderhaftes Sumpflokal (aber solche Lokale sind mir je unsauberer, um so lieber); na, natürlich wurde ein Cancan getanzt, wie man ihn sich nicht ärger denken kann und wie er zu meiner Zeit überhaupt noch gar nicht existierte. Ja, darin kann man wirklich einen großen Fortschritt konstatieren. Da sah ich auf einmal, wie ein etwa nahmen sie mit tausend Freuden an; sie halten es für eine Ehre, und ich verkehre noch immer bei ihnen … Wenn Sie wollen, können wir einmal hinfahren, nur nicht jetzt gleich.«

»Hören Sie auf mit Ihren gemeinen, schändlichen Geschichten, Sie liederlicher, schändlicher, sinnlicher Mensch!«

»Sie sind ein Schiller, ein russischer Schiller! Où va-t-elle la vertu se nicher? Wissen Sie was? Ich werde Ihnen absichtlich noch mehr solche Geschichten erzählen, bloß um Ihre Äußerungen der Entrüstung zu hören. Das ist mir ein wahrer Genuß!«

»Zweifellos! Ich komme mir ja selbst in diesem Augenblicke lächerlich vor«, murmelte Raskolnikow ärgerlich.

Swidrigailow lachte aus vollem Halse; schließlich rief er Filipp, zahlte und stand auf.

»Na, ich bin ja ziemlich betrunken! Assez causé!« sagte er. »Es ist mir ein wahrer Genuß gewesen!«

»Sehr begreiflich, daß es für Sie ein Genuß war!« rief Raskolnikow und erhob sich gleichfalls. »Wie sollte es denn auch für einen alten Wüstling nicht ein Genuß sein, von solchen Erlebnissen zu erzählen, während er sich dabei schon wieder mit einem andern unnatürlichen Vorhaben derselben Art beschäftigt, und noch dazu unter diesen Umständen und einem Menschen, wie ich, gegenüber. Das kitzelt!«

»Na, wenn dem so ist«, erwiderte Swidrigailow einigermaßen erstaunt und sah Raskolnikow forschend an, »wenn dem so ist, so sind Sie selbst ein arger Frechling. Wenigstens haben Sie im höchsten Grade das Zeug dazu. Sie sind ein starker Theoretiker, ein sehr starker, … na, und auch zum praktischen Handeln sind Sie ja sehr wohl befähigt. Aber nun genug davon. Ich bedaure aufrichtig, daß ich mich nur so kurze Zeit habe mit Ihnen unterhalten können; aber Sie laufen mir ja nicht davon … Warten Sie nur! …«

Swidrigailow verließ das Restaurant, und Raskolnikow folgte ihm. Swidrigailow war nicht erheblich betrunken; der Champagner war ihm nur für einen Augenblick zu Kopfe gestiegen, und der Rausch verflog mit jeder Minute mehr. Ein offenbar sehr wichtiges Vorhaben beschäftigte ihn stark, und er machte ein sehr ernstes Gesicht. Irgendeine Erwartung regte ihn augenscheinlich auf und versetzte ihn in Unruhe. Raskolnikow gegenüber hatte er in den letzten Minuten auf einmal sein Benehmen geändert und war von Minute zu Minute gröber und spöttischer geworden. Raskolnikow hatte das alles recht wohl bemerkt und war nun gleichfalls in unruhiger Erregung. Swidrigailow erschien ihm sehr verdächtig; er beschloß, ihm nachzugehen.

Sie traten auf das Trottoir.

»Sie gehen also nach rechts und ich nach links, oder meinetwegen auch umgekehrt. Jedenfalls adieu, bon plaisir, auf fröhliches Wiedersehen!«

Damit ging er nach rechts, in der Richtung auf den Heumarkt zu.

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Kapitel 36

V

Raskolnikow ging hinter ihm her.

»Was soll denn das bedeuten?« rief Swidrigailow, sich umwendend. »Ich habe Ihnen doch wohl gesagt …«

»Das bedeutet, daß ich jetzt bei Ihnen bleiben werde.«

»Wa-as?«

Beide blieben stehen und blickten einander etwa eine Minute lang an, als ob einer den andern messen wollte.

»Aus allem, was Sie in Ihrer halben Betrunkenheit gesagt haben«, begann Raskolnikow schroff, »schließe ich mit Bestimmtheit, daß Sie Ihre nichtswürdigen Anschläge gegen meine Schwester nicht nur nicht aufgegeben haben, sondern sich sogar mehr denn je damit beschäftigen. Ich weiß, daß meine Schwester heute früh einen Brief erhalten hat. Auch Ihr unruhiges Wesen jetzt während unseres ganzen Zusammenseins ist mir verdächtig. Sehr möglich allerdings, daß es sich bei Ihnen um irgendeine andere Frauensperson handelt, die Sie irgendwo en passant gefunden haben; aber diese Möglichkeit ist für mich belanglos. Ich wünsche mir persönlich Gewißheit zu verschaffen …«

Raskolnikow wäre wohl selbst kaum imstande gewesen, genauer anzugeben, was er eigentlich vorhatte und wovon er sich persönlich Gewißheit zu verschaffen wünschte.

»Nun sehen Sie mal! Wenn Sie es wünschen, werde ich gleich die Polizei rufen.«

»Tun Sie das!«

Wieder standen sie einander eine Minute lang gegenüber. Schließlich veränderte Swidrigailows Gesicht seinen Ausdruck. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß Raskolnikow sich vor dieser Drohung nicht fürchtete, nahm er auf einmal eine sehr heitere, freundschaftliche Miene an.

»Was sind Sie für ein eigentümlicher Mensch! Ich habe absichtlich mit Ihnen noch nicht über Ihre eigene Angelegenheit gesprochen, obwohl mich natürlich die Neugier plagt. Das ist ja eine ganz romanhafte Geschichte. Ich wollte es eigentlich auf eine andere Gelegenheit verschieben; aber Sie bekommen es ja wahrhaftig fertig, sogar einen Toten in Harnisch zu bringen … Na, dann kommen Sie mit; aber ich sage Ihnen im voraus: ich gehe jetzt nur für einen Augenblick zu mir nach Hause, um mir Geld einzustecken; dann schließe ich die Wohnung zu, nehme mir eine Droschke und fahre für den ganzen Abend nach den ›Inseln‹. Also, was haben Sie davon, mich zu begleiten?«

»Zunächst will ich nach Ihrer Wohnung mitgehen, aber nicht zu Ihnen, sondern zu Sofja Semjonowna, um mich zu entschuldigen, daß ich nicht an der Beerdigung ihrer Stiefmutter teilgenommen habe.«

»Ganz, wie es Ihnen beliebt; aber Sofja Semjonowna ist nicht zu Hause. Sie ist mit den drei Kindern zu einer Dame gegangen, zu einer vornehmen alten Dame, mit der ich noch von früher her bekannt bin und die zum Patronat mehrerer Waisenhäuser gehört. Ich habe diese Dame ganz bezaubert, indem ich ihr für die drei Kleinen der verstorbenen Katerina Iwanowna eine Summe Geldes brachte; außerdem habe ich auch noch den Waisenanstalten eine Zuwendung gemacht. Schließlich habe ich ihr noch Sofja Semjonownas Geschichte erzählt, mit allen Details, ohne etwas zu verschleiern. Das machte auf sie ganz gewaltigen Eindruck. Darum ist nun auch Sofja Semjonowna heute nach dem …schen Hotel hinbestellt worden, wo meine Bekannte nach der Heimkehr von der Sommerfrische in die Stadt einstweilen wohnt.«

»Schadet nichts; ich komme doch mit.«

»Wie es Ihnen beliebt; nur kann ich mich Ihnen heute nicht länger widmen. Aber mich geht’s ja nichts an, was Sie tun! Da sind wir schon gleich zu Hause. Sagen Sie mal, ich bin überzeugt, Sie sind eben deshalb so mißtrauisch gegen mich, weil ich bisher so zartfühlend war, Sie nicht mit Fragen zu belästigen, … Sie verstehen mich wohl? Das war Ihnen gewiß gar zu auffällig; ich möchte sogar wetten, daß die Sache so zusammenhängt. Na, wenn man das davon hat, da soll einer nun noch zartfühlend sein!«

»Und an der Tür horchen!«

»Aha, damit kommen Sie mir!« erwiderte Swidrigailow lachend. »Ich hätte mich auch wirklich gewundert, wenn Sie unter den vorliegenden Umständen diesen Punkt unerwähnt gelassen hätten. Ha-ha! Ich habe zwar einiges verstanden, was Sie damals dort für Faxen machten und was Sie dem jungen Mädchen selbst erzählten; aber wie war denn das Ganze eigentlich? Ich bin vielleicht ein ganz rückständiger Mensch und kann nichts mehr ordentlich begreifen. Erklären Sie mir die Sache, liebster Freund, ich bitte Sie inständigst! Erleuchten Sie meinen Geist mit den neuesten Ideen!«

»Sie haben gar nichts hören können; was Sie da sagen, ist alles gelogen!«

»Ich rede ja gar nicht von dem faktischen Inhalte des Gehörten (wiewohl ich übrigens wirklich einiges gehört habe), sondern bloß davon, daß Sie immer ächzen und seufzen und stöhnen! Der Schiller in Ihnen wird alle Augenblicke rege. Jetzt verlangen Sie nun sogar, daß man nicht einmal mehr an der Tür horchen soll. Wenn Sie so streng denken, dann gehen Sie doch zur Behörde hin und erklären Sie: ›So und so ist es mir ergangen, ich habe das und das getan; es war mir in der Theorie ein kleiner Irrtum passiert.‹ Wenn Sie aber der Ansicht sind, an der Tür dürfe man nicht horchen, wohl aber dürfe man alte Weiber mit irgendeinem Gegenstande, der einem gerade in die Hände kommt, zu seinem Vergnügen totschlagen, dann fahren Sie schleunigst nach Amerika! Fliehen Sie, junger Mann! Vielleicht ist noch Zeit dazu. Ich rate es Ihnen aufrichtig. Haben Sie etwa kein Geld zur Reise? Ich will Ihnen welches geben.«

»Das liegt durchaus nicht in meiner Absicht!« unterbrach ihn Raskolnikow ärgerlich.

»Ich verstehe (übrigens, machen Sie sich keine Unbequemlichkeiten: Sie haben ja nicht nötig, viel zu reden, wenn Sie nicht mögen); ich kann mir auch denken, mit was für Fragen Sie sich jetzt beschäftigen: doch wohl mit moralischen, nicht wahr? Mit Fragen über Rechte und Pflichten in der bürgerlichen und menschlichen Gesellschaft? Lassen Sie doch dergleichen Überlegungen jetzt beiseite; warum wollen Sie sich damit jetzt noch abgeben? He-he! Etwa, weil Sie immer noch Bürger und Mensch geblieben sind? Aber wenn das der Fall ist, hätten Sie sich nicht mit solchen Geschichten befassen sollen; von Sachen, über die man nicht Bescheid weiß, muß man die Finger lassen. Na, schießen Sie sich doch tot; wie wär’s? Oder haben Sie keine Lust?«

»Es scheint, Sie wollen mich absichtlich reizen, nur damit ich Sie jetzt verlasse …«

»Sie sind ein wunderlicher Kauz; aber da sind wir ja schon an Ort und Stelle; bitte schön, steigen Sie die Treppe hinauf. Sehen Sie, hier ist der Eingang zu Sofja Semjonownas Wohnung; sehen Sie, es ist niemand da! Sie glauben es nicht? Fragen Sie doch bei Kapernaumows; da pflegt sie den Schlüssel abzugeben. Da ist ja auch madame de Kapernaumow selbst; da können wir ja gleich fragen. Was? (Sie spricht etwas undeutlich.) Ausgegangen ist sie? Wohin? Nun, haben Sie es jetzt gehört? Sie ist nicht zu Hause und kommt vielleicht erst spät am Abend zurück. Na, dann kommen Sie jetzt zu mir mit herein. Sie wollten ja doch auch zu mir kommen, nicht wahr? Na, sehen Sie, da sind wir in meiner Wohnung. Frau Rößlich ist nicht zu Hause. Diese Frau ist fortwährend in geschäftlicher Tätigkeit; aber sie ist eine gute Frau, dessen kann ich Sie versichern … Vielleicht könnte sie Ihnen nützlich sein, wenn Sie ein bißchen vernünftiger sein wollten. Na, sehen Sie, bitte: ich nehme aus dem Schreibtisch dieses fünfprozentige Staatspapier (sehen Sie mal, wieviel ich noch von derselben Sorte habe), und dieses wandert noch heute zum Bankier. Na, haben Sie gesehen? Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren. Der Schreibtisch wird zugeschlossen, die Wohnung wird zugeschlossen, und nun sind wir wieder auf der Treppe. Na, wenn’s Ihnen recht ist, nehmen wir uns eine Droschke. Ich will ja nach den ›Inseln‹. Haben Sie nicht Lust, eine kleine Spazierfahrt zu machen? Hier, ich nehme diese Droschke nach der Jelagin-Insel. Wie? Sie wollen nicht? Also bleiben Sie Ihrer Absicht doch nicht treu? Lassen Sie uns doch fahren; warum denn nicht? Es scheint allerdings, als ob ein Regen kommt; aber das schadet nichts; wir ordnen an, daß das Verdeck in die Höhe geschlagen wird …«

Swidrigailow saß bereits im Wagen. Raskolnikow kam zu der Ansicht, daß sein Verdacht, wenigstens für den Augenblick, unbegründet sei. Ohne ein Wort zu antworten, drehte er sich um und ging wieder zurück nach dem Heumarkte zu. Hätte er sich auch nur ein einziges Mal umgewendet, so würde er noch gesehen haben, wie Swidrigailow, nachdem er nicht mehr als hundert Schritte gefahren war, den Kutscher ablohnte und auf das Trottoir trat. Gleich darauf bog Raskolnikow um eine Ecke, so daß er nun auch gar nicht mehr die Möglichkeit hatte, den andern zu beobachten. Ein Gefühl tiefen Ekels trieb ihn dazu, sich von Swidrigailow zu entfernen. ›Wie konnte ich auch nur einen Augenblick lang von diesem rohen Bösewicht, von diesem gemeinen Wüstling und Schurken etwas erwarten!‹ rief er unwillkürlich in Gedanken aus. Freilich war dieses sein Urteil zu eilig und leichtfertig. Es war in Swidrigailows ganzem Wesen etwas, was ihm wenigstens eine gewisse Originalität, man könnte fast sagen, etwas Geheimnisvolles verlieh. Was aber seine Schwester betraf, so blieb Raskolnikow doch mit Bestimmtheit bei seiner Überzeugung, daß Swidrigailow nicht gesonnen war, sie in Ruhe zu lassen. Es wurde ihm aber jetzt gar zu schwer, ja geradezu unerträglich, an all dies zu denken und es immer wieder zu überlegen!

Seiner Gewohnheit gemäß war er, sobald er allein geblieben war, schon nach zwanzig Schritten tief in Gedanken versunken. Als er auf die Brücke trat, blieb er am Geländer stehen und blickte auf das Wasser hinab. Unterdessen stand Awdotja Romanowna in einiger Entfernung hinter ihm.

Er war ihr am Anfang der Brücke begegnet, war aber an ihr vorbeigegangen, ohne sie zu beachten. Dunja hatte ihn noch nie in diesem Zustande auf der Straße gesehen und war überrascht und erschrocken. Sie blieb stehen und wußte nicht, ob sie ihn anrufen sollte oder nicht. Auf einmal bemerkte sie den aus der Richtung des Heumarktes her eilig herankommenden Swidrigailow.

Aber dieser schien sich bei seiner Annäherung großer Vorsicht und Heimlichkeit zu befleißigen. Er betrat die Brücke nicht, sondern blieb seitwärts auf dem Trottoir stehen und gab sich die größte Mühe, von Raskolnikow nicht gesehen zu werden. Dunja hatte er schon längst bemerkt und machte ihr Zeichen. Wie es ihr schien, bat er sie mit seinen Zeichen, den Bruder nicht anzurufen, sondern in Ruhe zu lassen, und forderte sie auf, zu ihm hinzukommen.

Dunja tat dies. Sachte ging sie um ihren Bruder herum und trat zu Swidrigailow.

»Wir wollen recht schnell gehen«, flüsterte ihr dieser zu. »Ich möchte nicht, daß Rodion Romanowitsch von unserer Zusammenkunft etwas merkt. Ich habe mit ihm nicht weit von hier in einem Restaurant gesessen, wo er mich selbst aufgesucht hatte, und habe mich nur mit Mühe von ihm wieder losgemacht. Er hat aus einer mir unbekannten Quelle von meinem Briefe an Sie Kenntnis erhalten und argwöhnt daher etwas. Sie haben ihm doch jedenfalls nichts davon gesagt? Aber wenn Sie es nicht getan haben, wer kann es sonst gewesen sein?«

»Da sind wir ja schon um die Ecke«, unterbrach ihn Dunja, »und mein Bruder kann uns nicht mehr sehen. Ich erkläre Ihnen, daß ich nicht weiter mit Ihnen gehe. Sagen Sie mir alles hier; das läßt sich alles auch auf der Straße sagen.«

»Erstens läßt sich das schlechterdings nicht auf der Straße sagen; zweitens müssen Sie auch Sofja Semjonowna anhören; drittens will ich Ihnen gewisse Beweismittel zeigen … Na, und schließlich, wenn Sie nicht einwilligen, mit in meine Wohnung zu kommen, so lehne ich es ab, Ihnen irgendwelche Mitteilungen zu machen, und entferne mich sofort. Dabei bitte ich Sie, nicht zu vergessen, daß das höchst interessante Geheimnis Ihres geliebten Bruders völlig in meinen Händen ist.«

Dunja blieb unentschlossen stehen und schaute Swidrigailow forschend an.

»Wovor fürchten Sie sich denn?« bemerkte er ruhig. »Wir sind hier in einer Stadt und nicht auf dem Lande. Und auf dem Lande haben Sie mir mehr Schaden zugefügt als ich Ihnen; hier aber …«

»Ist Sofja Semjonowna von meinem Kommen benachrichtigt?«

»Nein, ich habe ihr keine Silbe davon gesagt und bin nicht einmal ganz sicher, ob sie auch jetzt zu Hause ist. Aber sie ist wahrscheinlich da. Sie hat heute ihre Stiefmutter beerdigt; an einem solchen Tage pflegt man keine Besuche zu machen. Vorläufig will ich noch mit niemand über diese Angelegenheit reden und bereue sogar zum Teil, daß ich Ihnen davon Mitteilung gemacht habe. Die geringste Unvorsichtigkeit kann hierbei die Wirkung einer Denunziation haben. Ich wohne gleich hier, in diesem Hause; Sie sehen, wir sind schon da. Da steht der Hausknecht, der zu unserem Hause gehört; der kennt mich ganz genau; sehen Sie, er grüßt; er sieht, daß ich mit einer Dame komme, und hat sich sicherlich bereits Ihr Gesicht gemerkt; das kann Ihnen aber zustatten kommen, wenn Sie sich nun einmal so sehr fürchten und mir Böses zutrauen. Entschuldigen Sie, daß ich so unzart rede. Ich selbst wohne in einer möblierten Wohnung. Sofja Semjonowna wohnt neben mir Wand an Wand, gleichfalls in einem möblierten Zimmer. Die ganze Etage ist in dieser Weise vermietet. Also haben Sie keinen Anlaß, sich wie ein kleines Kind zu ängstigen. Oder bin ich wirklich ein so furchtbarer Mensch?«

Swidrigailows Gesicht verzog sich zu einem freundlich überlegenen Lächeln; aber in Wirklichkeit war ihm nicht nach Lächeln zumute. Das Herz pochte ihm heftig, und der Atem stockte ihm in der Brust. Er sprach absichtlich recht laut, um seine wachsende Aufregung zu verbergen; aber Dunja nahm diese besondere Aufregung gar nicht wahr; seine Bemerkung, daß sie sich wie ein kleines Kind vor ihm ängstige und daß er ihr als ein furchtbarer Mensch erscheine, hatte sie gar zu sehr gereizt.

»Obwohl ich weiß, daß Sie ein … ehrloser Mensch sind, fürchte ich mich dennoch nicht vor Ihnen. Gehen Sie voran!« sagte sie anscheinend ruhig, aber ihr Gesicht war sehr blaß.

Swidrigailow blieb bei Sonjas Wohnung stehen.

»Erlauben Sie, daß ich nachsehe, ob sie zu Hause ist … Nein. Schade! Aber ich weiß, daß sie wahrscheinlich sehr bald zurückkommen wird. Wenn sie ausgegangen ist, so kann sie nur zu einer mir bekannten Dame gegangen sein, um mit ihr über die Waisen Rücksprache zu nehmen, die nun auch ihre Mutter verloren haben. Ich habe mich auch da der Sache angenommen und Fürsorge getroffen. Sollte Sofja Semjonowna nicht binnen zehn Minuten zurückgekehrt sein, so werde ich sie nachher zu Ihnen nach Ihrer Wohnung schicken; wenn Sie es wünschen, heute noch. Na, und da ist auch meine Wohnung. Da sind meine beiden Zimmer. Nebenan, durch diese Tür verbunden, befindet sich die Wohnung meiner Wirtin, einer Frau Rößlich. Nun sehen Sie hierher, ich will Ihnen meine wichtigsten Beweismittel zeigen: aus meinem Schlafzimmer führt diese Tür hier nach zwei ganz leeren Stuben, die zu vermieten sind. Hier sind sie, … dies müssen Sie sich mit besonderer Aufmerksamkeit ansehen …«

Swidrigailow bewohnte zwei ziemlich geräumige möblierte Zimmer. Dunja blickte mißtrauisch um sich, bemerkte aber nichts Auffälliges, weder in der Ausstattung noch in der Lage der Zimmer, wiewohl sie allerdings hätte bemerken können, zum Beispiel daß Swidrigailows Wohnung zwischen zwei anderen Wohnungen lag, von denen die eine unbewohnt, die andere so gut wie unbewohnt war. Sie hatte ihren Eingang nicht unmittelbar vom Korridor aus, sondern durch zwei fast leere Zimmer der Wirtin. Vom Schlafzimmer aus zeigte Swidrigailow, nachdem er eine verschlossene Tür aufgeschlossen hatte, dem jungen Mädchen eine gleichfalls leere Wohnung, die zu vermieten war. Dunja wollte auf der Schwelle stehenbleiben, da sie nicht begriff, warum er sie aufforderte, das anzusehen; aber Swidrigailow beeilte sich, ihr dies zu erklären.

»Hier, sehen Sie einmal dorthin, in dieses zweite große Zimmer. Beachten Sie die Tür dort; sie ist verschlossen. Neben der Tür steht ein Stuhl, der einzige Stuhl in beiden Zimmern. Den habe ich aus meiner Wohnung dorthin gebracht, um es beim Zuhören bequemer zu haben. Dort gleich hinter der Tür steht Sofja Semjonownas Tisch; da saß sie und sprach mit Rodion Romanowitsch. Ich aber saß hier auf dem Stuhle und horchte, zwei Abende hintereinander, jedesmal etwa zwei Stunden lang – da konnte ich doch gewiß etwas erfahren, meinen Sie nicht?«

»Sie horchten?«

»Ja, allerdings; aber nun kommen Sie in meine Wohnung; hier ist nicht einmal eine Sitzgelegenheit.«

Er führte Awdotja Romanowna in sein erstes Zimmer zurück, das ihm als Wohnzimmer diente, und bot ihr einen Stuhl an. Er selbst setzte sich an das andere Ende des Tisches, gegen sieben Fuß von ihr entfernt; aber in seinen Augen leuchtete schon eben jenes Feuer, vor dem sie früher einmal so heftig erschrocken war. Sie fuhr zusammen und sah sich noch einmal mißtrauisch um. Sie tat das ganz unwillkürlich; ihr Mißtrauen zu zeigen lag offenbar nicht in ihrer Absicht. Aber die einsame Lage von Swidrigailows Wohnung war ihr nun doch schließlich aufgefallen. Sie wollte ihn schon fragen, ob nicht wenigstens seine Wirtin zu Hause sei, unterließ es aber … aus Stolz. Außerdem quälte ein anderes, unvergleichlich viel größeres Leid als die Furcht für ihre eigene Person ihr Herz. Sie duldete unerträgliche Qualen.

»Da ist Ihr Brief«, begann sie und legte den Brief auf den Tisch. »Ist denn das, was Sie da schreiben, überhaupt möglich? Sie deuten auf ein Verbrechen hin, das mein Bruder begangen habe. Sie deuten zu bestimmt darauf hin; wagen Sie nicht etwa sich jetzt herauszureden. Schon vor Ihrer Mitteilung habe ich von diesem dummen Gerede gehört; aber ich glaube kein Wort davon. Es ist eine schändliche, lächerliche Verdächtigung; ich weiß, wie und woher sie entstanden ist. Beweise können Sie nicht haben; Sie machten sich anheischig, mir Beweise zu liefern: nun, so reden Sie denn! Aber ich sage Ihnen im voraus, daß ich Ihnen nicht glauben werde. Ich werde Ihnen nicht glauben!«

Dunja sagte das schnell und hastig, und für einen Augenblick stieg ihr das Blut ins Gesicht.

»Wenn Sie es für so ganz ausgeschlossen gehalten hätten, daß Sie es glauben könnten, so hätten Sie es doch gewiß nicht riskiert, allein zu mir zu kommen. Warum sind Sie denn gekommen? Nur aus Neugier?«

»Foltern Sie mich nicht, reden Sie, reden Sie!«

»Das muß man sagen: Sie sind ein tapferes Mädchen. Ich habe wahrhaftig gedacht, Sie würden Herrn Rasumichin bitten, Sie hierher zu begleiten. Aber er war auf der Straße weder bei Ihnen noch in der Nähe; ich habe gut Umschau gehalten. Das ist kühn von Ihnen; Sie wollten offenbar Rodion Romanowitsch schonen. Ja, Sie sind in jeder Hinsicht ein himmlisches Wesen … Was nun Ihren Bruder anlangt, ja, was soll ich Ihnen da sagen? Sie haben ihn ja in diesem Augenblick selbst gesehen. Wie sieht er nur aus!«

»Das ist doch wohl nicht das einzige, worauf sich Ihre Behauptung gründet?«

»Gewiß nicht, vielmehr auf seine eigenen Worte. Zwei Abende nacheinander ist er zu Sofja Semjonowna hierher gekommen. Ich habe Ihnen gezeigt, wo sie gesessen haben. Er hat ihr eine vollständige Beichte abgelegt. Er ist ein Mörder. Er hat eine alte Beamtenwitwe, eine Wucherin, bei der auch er einige Sachen versetzt hatte, ermordet; desgleichen hat er deren Schwester ermordet, eine Händlerin namens Lisaweta, die unvermutet bei der Mordtat dazukam. Er hat sie beide mit einem Beile, das er mitgebracht hatte, erschlagen. Er hat sie ermordet, um sie zu berauben, und er hat auch geraubt; er hat Geld und einige Wertsachen weggenommen … Er selbst hat das alles Wort für Wort Sofja Semjonowna erzählt; sie ist die einzige, die von dem Geheimnisse weiß. Aber sie ist bei dem Morde weder durch Rat noch durch Tat beteiligt gewesen, erschrak vielmehr über die Mitteilung gerade ebenso wie Sie jetzt. Sie können beruhigt sein: sie wird ihn nicht verraten.«

»Es ist nicht möglich!« murmelte Dunja mit leichenblassen Lippen, nach Atem ringend. »Es ist nicht möglich. Er hatte ja dazu nicht den geringsten Grund, gar keinen Anlaß … Es ist eine Lüge, eine Lüge!«

»Er wollte rauben, das ist der ganze Grund. Er hat Geld und Wertsachen genommen. Allerdings hat er, nach seiner eigenen Aussage, weder von dem Gelde noch von den Wertsachen Gebrauch gemacht, sondern sie irgendwo unter einen Stein gelegt, wo sie noch liegen. Aber das hat er eben nur deshalb getan, weil er sich nicht getraute, davon Gebrauch zu machen.«

»Aber ist es denn denkbar, daß er imstande gewesen sein sollte, zu stehlen und zu rauben? Daß ihm so etwas auch nur hätte in den Sinn kommen können?« rief Dunja und sprang von ihrem Stuhle auf. »Sie kennen ihn ja doch, Sie haben ihn gesehen; kann denn ein Mensch wie er ein Dieb sein?«

Ihr Ton klang, als ob sie Swidrigailow anflehte; all ihre Angst hatte sie vergessen.

»Da gibt es tausend und abertausend verschiedene Arten und Schattierungen, Awdotja Romanowna. Der gewöhnliche Dieb stiehlt mit dem Bewußtsein, daß er ein Schuft ist; ich habe aber auch schon einmal gehört, daß ein Mann besseren Standes die Post überfallen und ausgeplündert hat; wer weiß, ob der nicht tatsächlich der Ansicht war, etwas ganz Anständiges getan zu haben! Selbstverständlich hätte auch ich es ebensowenig wie Sie geglaubt, wenn ich es von irgendeinem anderen gehört hätte. Aber meinen eigenen Ohren mußte ich glauben. Er hat Sofja Semjonowna auch alle seine Beweggründe auseinandergesetzt; die wollte zuerst ihren Ohren nicht trauen; aber ihren Augen, ihren eigenen Augen mußte sie schließlich doch Glauben schenken. Er selbst hat es ihr ja alles persönlich erzählt.«

»Was waren das für … Beweggründe?«

»Das ist eine lange Geschichte, Awdotja Romanowna. Es liegt dabei (ja, wie soll ich Ihnen das nur klarmachen?) eine eigenartige Theorie zugrunde, dieselbe Anschauung, nach der auch ich zum Beispiel finde, daß eine einzige Übeltat erlaubt ist, wenn der Hauptzweck ein guter ist. Eine einzige üble Tat gegenüber hundert guten! Auch ist es sicherlich für einen jungen Mann von hervorragender Begabung und maßlosem Ehrgeiz ein empörender Gedanke, sich sagen zu müssen, daß seine ganze Laufbahn, all seine künftigen Lebensziele sich anders gestalten würden, wenn er nur dreitausend Rubel hätte, daß er aber diese dreitausend Rubel eben nicht hat. Nehmen Sie als anstachelnde Momente noch hinzu: den Hunger, die enge Wohnung, die deutliche Erkenntnis der Kläglichkeit seiner eigenen sozialen Stellung und im Verein damit der Stellung seiner Schwester und seiner Mutter. Die Hauptursachen aber waren Eitelkeit und Stolz, vielleicht indessen, Gott mag’s wissen, daneben auch bessere Motive. Ich breche nicht den Stab über ihn; bitte, glauben Sie das nicht; das steht mir auch gar nicht zu. Es spielte dabei auch eine besondere Theorie eine Rolle (eine Theorie, die nach etwas klingt), nach der die Menschen in zwei Gruppen eingeteilt werden, sehen Sie wohl, in Material und in besondere Menschen, das heißt solche Menschen, für die wegen ihres hohen geistigen Ranges die Gesetze nicht geschrieben sind, sondern die vielmehr selbst für die übrigen Menschen, für dieses Material, für den Kehricht, Gesetzgeber sind. Man muß sagen: eine ganz leidliche Theorie, une théorie comme une autre. Ganz gewaltig hat ihm Napoleon imponiert, das heißt eigentlich hat ihm das imponiert, daß so viele geniale Menschen keine Bedenken trugen, eine einzelne Übeltat zu begehen, sondern, ohne erst lange zu reflektieren, über die Schranken hinwegschritten. Er scheint sich eingebildet zu haben, daß auch er ein genialer Mensch sei; ich meine, er ist eine Zeitlang davon überzeugt gewesen. Sehr niederdrückend war ihm und ist ihm auch noch der Gedanke, daß er zwar verstanden habe, eine Theorie aufzustellen, aber nicht imstande gewesen sei, über die Schranken ohne lange Reflexionen hinwegzuschreiten, und daß er somit kein genialer Mensch sei. Na, und das ist für einen ehrgeizigen jungen Mann demütigend, namentlich in unserer Zeit …«

»Und sollte er keine Gewissensbisse gehabt haben? Sie sprechen ihm also jedes moralische Gefühl ab? So ein Mensch ist er doch nicht!«

»Ach, Awdotja Romanowna, diese Begriffe sind jetzt bei uns arg in Verwirrung geraten; übrigens, eine besondere Ordnung hat wohl nie darin geherrscht. Die Russen haben überhaupt eine schrankenlose Natur, Awdotja Romanowna, ganz wie ihr Land, und neigen außerordentlich stark zum Phantastischen, Ordnungslosen; aber eine solche Neigung zur Schrankenlosigkeit ist, wenn sich nicht besondere Genialität damit vereint, ein Unglück. Wissen Sie wohl noch, wie oft wir beide in ebendiesem Sinne über ebendieses Thema gesprochen haben, wenn wir nach dem Abendessen im Garten auf der Terrasse saßen? Gerade diese Neigung zur Schrankenlosigkeit machten Sie mir damals noch zum Vorwurf. Wer weiß, vielleicht haben wir manchmal gerade in derselben Zeit davon gesprochen, wo er hier lag und sich seinen Plan ausdachte. Bei uns in der gebildeten Gesellschaft gibt es ja eigentlich keine durch das Herkommen geheiligten Grundsätze, Awdotja Romanowna; es müßte denn sein, daß sich jemand dergleichen aus Büchern zusammenstellt oder aus Chroniken ausgräbt. Aber das sind doch meist nur Gelehrte, und, wissen Sie, das sind in ihrer Art rechte Schlafmützen, so daß es für einen Mann von Welt unpassend wäre, es ihnen nachzutun. Übrigens kennen Sie ja meine Anschauungen über diese ganze Frage; ich stehe entschieden auf dem Standpunkte, niemand zu verurteilen. Ich selbst bin ein Nichtstuer und halte an diesem Lebensprinzip fest. Wir haben uns darüber ja schon wiederholt unterhalten. Ich hatte sogar das Glück, durch meine Ansichten Ihr Interesse zu erregen … Aber Sie sind ja so blaß, Awdotja Romanowna!«

»Ich kenne diese Theorie meines Bruders. Ich habe in einer Zeitschrift eine Abhandlung von ihm gelesen über Menschen, denen alles erlaubt ist … Rasumichin hat sie mir gebracht.«

»Rasumichin? Eine Abhandlung Ihres Bruders? In einer Zeitschrift? Hat er eine solche Abhandlung geschrieben? Das war mir nicht bekannt. Die wird gewiß sehr interessant sein! Aber wo wollen Sie denn hin, Awdotja Romanowna?«

»Ich will mit Sofja Semjonowna sprechen«, antwortete Dunja mit schwacher Stimme. »Wie komme ich zu ihr? Sie ist vielleicht schon zurückgekehrt; ich will unter allen Umständen so schnell wie möglich mit ihr sprechen. Mag sie …«

Awdotja Romanowna war nicht imstande, den Satz zu Ende zu sprechen; ihr Atem war wie abgeschnürt.

»Sofja Semjonowna wird erst spät am Abend zurückkommen. Ich muß das annehmen; es war zu erwarten, daß sie sehr bald zurückkommen würde oder, wenn nicht, erst sehr spät.«

»Ah, du lügst also! Ich sehe, … du lügst, … du hast alles gelogen! … Ich glaube dir nicht! Nein! Nein!« rief Dunja in wahrer Wut und ganz außer sich.

Fast ohnmächtig sank sie auf einen Stuhl nieder, den ihr Swidrigailow schnell hinrückte.

»Was ist Ihnen, Awdotja Romanowna? Kommen Sie doch zu sich! Hier ist Wasser! Trinken Sie einen Schluck!«

Er bespritzte sie mit Wasser. Dunja zuckte zusammen und kam wieder zum Bewußtsein.

»Das hat stark gewirkt!« murmelte Swidrigailow mit finsterem Gesichte vor sich hin. »Beruhigen Sie sich, Awdotja Romanowna! Denken Sie daran, daß er Freunde hat. Wir wollen ihn schon retten, ihm durchhelfen. Wenn Sie es wünschen, bringe ich ihn ins Ausland. Ich habe Geld; in längstens drei Tagen beschaffe ich ihm einen Paß. Und was den Mord betrifft, den er begangen hat, so wird er in seinem Leben noch viele gute Taten tun, so daß das alles wieder wettgemacht wird; darüber mögen Sie ruhig sein. Er kann noch ein großer Mann werden. Nun, wie geht es Ihnen jetzt? Wie fühlen Sie sich?«

»Schlechter Mensch! Sie höhnen noch! Lassen Sie mich …«

»Wohin? Wo wollen Sie denn hin?«

»Zu ihm. Wo ist er? Sie wissen es? Wie kommt es, daß diese Tür verschlossen ist? Wir sind doch durch diese Tür hereingekommen, und jetzt ist sie verschlossen. Ich habe gar nicht gemerkt, daß Sie sie zuschlossen; wann haben Sie das getan?«

»Ich mußte doch verhüten, daß das, was wir hier besprächen, von anderen Leuten gehört würde. Ich höhne ganz und gar nicht; aber ich bin es allerdings überdrüssig, in dem bisherigen Tone weiterzureden. Wohin wollen Sie in dieser Verfassung gehen? Oder wollen Sie bewirken, daß seine Schuld bekannt wird? Sie werden ihn zur Raserei bringen, und er wird sich selbst anzeigen. Ich muß Ihnen sagen, daß man ihn bereits verfolgt, ihm auf der Fährte ist. Sie werden ihn bloß verraten. Warten Sie doch; ich habe ihn eben gesehen und mit ihm gesprochen; er ist noch zu retten. Warten Sie doch, setzen Sie sich, wir wollen es zusammen überlegen. Darum habe ich Sie ja eben gebeten, zu mir zu kommen, um darüber mit Ihnen allein Rücksprache zu nehmen und alles ordentlich zu überlegen. Aber so setzen Sie sich doch hin!«

»Auf welche Weise können Sie ihn retten? Ist denn noch Rettung möglich?«

Dunja setzte sich. Swidrigailow setzte sich neben sie.

»Das alles wird von Ihnen abhängen, von Ihnen, von Ihnen allein«, begann er mit funkelnden Augen, fast im Flüstertone; er war so erregt und verwirrt, daß er manche Worte nicht deutlich herausbekam.

Dunja wich erschrocken von ihm zurück. Auch er zitterte am ganzen Körper.

»Sie … ein einziges Wort von Ihnen, und er ist gerettet! Ich … ich werde ihn retten. Ich habe Geld und Freunde. Ich werde ihn sofort wegbringen; ich selbst werde ihm einen Paß besorgen, oder zwei Pässe, einen für ihn, einen für mich. Ich habe Freunde, ich stehe mit geschäftskundigen Leuten in Verbindung … Wollen Sie? Auch für Sie will ich einen Paß nehmen, … auch für Ihre Mutter … Wozu brauchen Sie diesen Rasumichin? Ich liebe Sie auch, … ich liebe Sie grenzenlos. Lassen Sie mich den Saum Ihres Kleides küssen, ich bitte Sie darum! Ich bitte Sie darum! Ich kann es nicht mehr anhören, wie es raschelt. Sagen Sie mir: ›tu das!‹ und ich tue es! Alles will ich tun. Ich will das Unmögliche vollbringen. Woran Sie glauben, daran will auch ich glauben. Ich will alles, alles tun! Sehen Sie mich nicht so an, sehen Sie mich nicht so an! Sie töten mich mit diesem Blicke …«

Er redete wie im Fieber. Es war, als wäre er plötzlich trunken geworden. Dunja sprang auf und stürzte zur Tür.

»Aufmachen! Aufmachen!« rief sie durch die Tür, um jemand herbeizurufen, und rüttelte an ihr mit beiden Händen. »Aufmachen! Ist niemand da?«

Swidrigailow kam wieder zu sich und stand auf. Ein boshaftes, höhnisches Lächeln trat langsam auf seine immer noch zitternden Lippen; dann sagte er leise und mit Nachdruck:

»Da ist niemand zu Hause. Die Wirtin ist ausgegangen, und es ist vergebliche Mühe, so zu schreien. Sie regen sich unnütz auf.«

»Wo ist der Schlüssel? Öffne sofort die Tür, sofort, du gemeiner Mensch!«

»Den Schlüssel habe ich verloren und kann ihn nicht wiederfinden.«

»Ah! Das ist Gewalt!« rief Dunja, die leichenblaß geworden war, und stürzte sich in eine Ecke, wo sie schleunigst hinter einem dort stehenden Tischchen Deckung suchte.

Sie schrie nicht, sondern heftete ihren Blick fest auf ihren Peiniger und verfolgte scharf jede seiner Bewegungen. Auch Swidrigailow rührte sich nicht von seinem Platze und stand ihr gegenüber am anderen Ende des Zimmers. Er hatte wieder die Herrschaft über sich gewonnen, wenigstens äußerlich. Aber sein Gesicht war bleich wie vorher, und das höhnische Lächeln war nicht verschwunden.

»Sie sagten soeben ›Gewalt‹, Awdotja Romanowna. Wenn ich wirklich Gewalt beabsichtigen sollte, so können Sie sich wohl selbst sagen, daß ich auch die erforderlichen Maßregeln getroffen haben werde. Sofja Semjonowna ist nicht zu Hause; bis zu Kapernaumows ist es sehr weit; da liegen drei leere, verschlossene Zimmer dazwischen. Schließlich bin ich mindestens noch einmal so stark wie Sie, und außerdem habe ich nichts zu befürchten; denn Sie können auch nachher keine Klage gegen mich anstrengen: Sie werden doch wahrhaftig nicht Ihren Bruder verraten wollen? Auch wird Ihnen nicht einmal jemand glauben: weshalb sollte denn ein junges Mädchen allein zu einem alleinstehenden Manne in die Wohnung gegangen sein? Also selbst wenn Sie Ihren Bruder preisgäben, würden Sie doch nichts gegen mich beweisen können: eine Vergewaltigung ist sehr schwer zu beweisen, Awdotja Romanowna.«

»Schurke!« flüsterte Awdotja entrüstet.

»Nennen Sie mich, wie Sie wollen; aber bitte, beachten Sie, daß ich von Gewalt nur im Sinne einer bloßen Annahme gesprochen habe. Nach meiner persönlichen Überzeugung haben Sie vollkommen recht: eine Vergewaltigung ist eine Gemeinheit. Ich habe von der äußersten Möglichkeit einer Gewalttat auch nur deshalb gesprochen, um Ihnen begreiflich zu machen, daß Sie sich in Ihrem Gewissen nicht beschwert zu fühlen brauchen, wenn Sie … wenn Sie sich entschließen, Ihren Bruder freiwillig in der von mir vorgeschlagenen Weise zu retten. Sie haben sich dann einfach den Umständen gefügt, na, meinetwegen auch der Gewalt, wenn dieses Wort nun einmal unentbehrlich ist. Überlegen Sie es sich ein Weilchen: das Schicksal Ihres Bruders und Ihrer Mutter liegt in Ihren Händen. Ich aber werde Ihr Sklave sein … mein ganzes Leben lang … Ich will hier warten.«

Swidrigailow setzte sich auf das Sofa, etwa acht Schritte von Dunja entfernt. Für sie bestand nicht der geringste Zweifel an seiner unerschütterlichen Entschlossenheit. Dazu kannte sie ihn zu gut.

Plötzlich zog sie einen Revolver aus der Tasche, spannte den Hahn und legte die Hand mit dem Revolver auf das Tischchen. Swidrigailow sprang auf.

»Aha! Ei, sehen Sie mal!« rief er erstaunt mit boshaftem Lächeln. »Nun, das gibt ja der Sache allerdings eine ganz andere Wendung! Sie erleichtern mir dadurch mein Vorhaben außerordentlich, Awdotja Romanowna! Aber wo haben Sie denn den Revolver her? Etwa von Herrn Rasumichin? Nein doch! Das ist ja mein Revolver! Ein alter Bekannter! Und ich habe damals so danach gesucht! … Der Unterricht im Schießen, den ich auf dem Lande Ihnen zu erteilen die Ehre hatte, ist also doch nicht unnütz gewesen!«

»Der Revolver gehörte nicht dir, sondern Marfa Petrowna, die du ermordest hast, du Bösewicht! Du hattest in ihrem ganzen Hause nichts Eigenes. Ich nahm ihn an mich, sobald ich merkte, wozu du fähig bist. Wage es, mir auch nur einen Schritt näherzukommen, so erschieße ich dich; das schwöre ich dir!«

Dunja befand sich in rasender Erregung. Den Revolver hielt sie schußbereit.

»Na, und was soll aus Ihrem Bruder werden? Ich frage nur so aus Neugier!« sagte Swidrigailow, der immer noch an seinem Platze stand.

»Denunziere ihn, wenn du willst! Nicht von der Stelle! Rühre dich nicht! Ich schieße! Du hast deine Frau vergiftet, das weiß ich; du bist selbst ein Mörder!«

»Wissen Sie das auch ganz bestimmt, daß ich Marfa Petrowna vergiftet habe?«

»Du hast es getan! Du hast mir selbst Andeutungen darüber gemacht; du hast mir gegenüber von Gift gesprochen, … ich weiß, du bist weggefahren, um dir welches zu beschaffen, … du hattest es bereitliegen … Du hast es getan … Zweifellos hast du es getan, … du Schurke!«

»Und selbst wenn es wahr wäre, so hätte ich es doch nur um deinetwillen … so wärest doch nur du die Ursache gewesen.«

»Du lügst! Ich habe dich immer gehaßt, immer …«

»Ei, ei, Awdotja Romanowna, Sie haben offenbar vergessen, wie Sie damals in Ihrem Bekehrungseifer schon nachgiebiger wurden und auftauten … Ich habe Ihnen das an den Augen angesehen; erinnern Sie sich noch: eines Abends, bei Mondschein, die Nachtigall flötete?«

»Du lügst!« (Dunjas Augen funkelten vor Wut.) »Du lügst, Verleumder!«

»Ich lüge? Na, meinetwegen auch das! Ich habe also gelogen. Es schickt sich nicht, Frauen an solche Dinge zu erinnern.« (Er lächelte.) »Ich weiß, daß du schießen wirst, du reizende Tigerin! Na, dann schieße also!«

Dunja hob den Revolver in die Höhe; sie war totenbleich, die blasse Unterlippe bebte, die großen schwarzen Augen funkelten wie Feuer. Entschlossen blickte sie ihn an und wartete auf die erste Bewegung von seiner Seite. Noch nie hatte er sie so schön gesehen. Er hatte die Empfindung, als ob das Feuer, das in diesem Augenblick aus ihren Augen sprühte, ihn versengte, und sein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. Er trat einen Schritt vorwärts, und der Schuß ertönte.

Die Kugel hatte ihm das Haar gestreift und war hinter ihm in die Wand gefahren. Er blieb stehen und lachte leise auf.

»Die Wespe hat gestochen! So ein Mädchen, zielt gerade nach dem Kopfe! … Was ist das? Blut!«

Er zog das Taschentuch heraus, um das Blut abzuwischen, das in einem feinen Streifen über seine rechte Schläfe rann; augenscheinlich hatte die Kugel die Kopfhaut eben nur geritzt. Dunja ließ den Revolver sinken und blickte Swidrigailow an, nicht sowohl erschreckt, sondern in einer Art von scheuem Staunen. Es war, als begreife sie selbst nicht, was sie getan hatte und was geschehen war.

»Na ja, das war vorbeigeschossen! Schießen Sie noch einmal; ich warte«, sagte Swidrigailow leise; er lächelte immer noch, aber sein Lächeln hatte jetzt etwas Düsteres, Trübes. »Wenn Sie so stehenbleiben, kann ich Sie ja packen, ehe Sie dazukommen, den Hahn zu spannen!«

Dunja fuhr zusammen, spannte schnell den Hahn und hob den Revolver wieder in die Höhe.

»Lassen Sie von mir ab!« rief sie verzweifelt. »Ich schwöre Ihnen, ich schieße noch einmal; ich … werde Sie töten …«

»Na, schön, … auf drei Schritt Entfernung kann es ja eigentlich gar nicht ausbleiben, daß man einen totschießt. Na, aber wenn Sie mich nicht totschießen, … dann …«

Seine Augen funkelten und er trat noch zwei Schritte näher.

Dunja drückte ab; aber der Schuß versagte.

»Sie haben nicht sorgfältig geladen. Aber es tut nichts! Sie haben noch eine Patrone darin. Machen Sie Ihren Fehler wieder gut; ich warte.«

Er stand in einer Entfernung von zwei Schritten vor ihr, wartete und sah sie mit wilder Entschlossenheit an; seine Augen flammten in tiefer Leidenschaft. Dunja konnte nicht zweifeln, daß er eher sterben als von ihr ablassen werde. ›Und … und nun, auf zwei Schritt, werde ich ihn sicher töten!‹ sagte sie sich.

Plötzlich schleuderte sie den Revolver von sich.

»Sie hat ihn weggeworfen!« sagte Swidrigailow erstaunt und holte tief Atem.

Ihm war, als hätte sich ihm auf einmal eine Last vom Herzen gelöst, und es war wohl nicht allein der Druck der Todesfurcht; die hatte er in diesem Augenblick vielleicht überhaupt kaum empfunden. Es war die Befreiung von einem anderen, krankhaften, düsteren Gefühle, das er in seiner ganzen Bedeutung selbst nicht hätte definieren können.

Er trat an Dunja heran und legte leise seinen Arm um ihre Taille. Sie widersetzte sich ihm nicht; aber sie blickte ihn, am ganzen Körper wie Espenlaub zitternd, mit flehenden Augen an. Er wollte etwas sagen; aber es verzogen sich nur seine Lippen; zu sprechen war er nicht imstande.

»Laß mich!« sagte Dunja flehend.

Swidrigailow zuckte zusammen: dieses Du war in ganz anderem Tone gesprochen als vorher.

»Du liebst mich also nicht?« fragte er leise.

Dunja schüttelte verneinend den Kopf.

»Und … du wirst es auch nie können? … Niemals?« flüsterte er voll Verzweiflung.

»Nein, niemals!« flüsterte Dunja.

In Swidrigailows Seele ging einen Augenblick lang ein furchtbarer, stummer Kampf vor sich. Mit einem unbeschreiblichen Blicke schaute er sie an. Plötzlich löste er seinen Arm von ihrem Körper, wandte sich ab, ging schnell zum Fenster und blieb dort stehen, dem Zimmer den Rücken zuwendend.

Es verging noch ein Augenblick.

»Hier ist der Schlüssel!« Er zog ihn aus der linken Überziehertasche und legte ihn hinter sich auf den Tisch, ohne sich umzudrehen und ohne Dunja anzublicken. »Nehmen Sie ihn und gehen Sie schnell fort!«

Er blickte starr durch das Fenster.

Dunja trat an den Tisch, um den Schlüssel zu nehmen.

»Schnell! Schnell!« rief Swidrigailow, der sich immer noch nicht rührte und nicht umwandte.

Aber in diesem »Schnell!« war ein furchtbarer Ton deutlich hindurchzuhören.

Dunja verstand diesen Ton, ergriff den Schlüssel, stürzte zur Tür, schloß sie schnell auf und eilte aus dem Zimmer. Einen Augenblick darauf lief sie wie wahnsinnig und wie betäubt aus dem Hause und rannte am Kanal entlang nach der …schen Brücke zu.

Swidrigailow blieb noch etwa drei Minuten lang am Fenster stehen; endlich wandte er sich langsam um, blickte um sich und fuhr sich sachte mit der Hand über die Stirn. Ein sonderbares Lächeln verzerrte sein Gesicht, ein klägliches, trauriges, mattes Lächeln, ein Lächeln der Verzweiflung. Das Blut, das bereits einzutrocknen begann, hatte ihm bei dieser Bewegung die Handfläche beschmutzt; ärgerlich betrachtete er den Fleck; dann befeuchtete er ein Handtuch und wusch sich die Schläfe rein. Auf einmal fiel ihm der Revolver in die Augen, den Dunja von sich geworfen hatte und der gegen die Tür geflogen war. Er hob ihn auf und besah ihn. Es war ein kleiner, dreischüssiger Taschenrevolver alten Systems; es waren darin noch zwei Patronen und ein Zündhütchen vorhanden. Einmal konnte man also noch damit schießen. Er überlegte ein Weilchen, schob dann den Revolver in die Tasche, ergriff seinen Hut und ging hinaus.

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Kapitel 37

VI

Er verbrachte diesen ganzen Abend bis zehn Uhr in allerlei Restaurants und unanständigen Lokalen, indem er von einem zum andern wanderte. In einem solchen Lokale traf er auch Katja, die wieder einen Gassenhauer sang, diesmal einen anderen, in dem eine Stelle vorkam wie: »Der arge Schurke und Tyrann, zu küssen fing er Katja an.« Swidrigailow traktierte Katja und den Drehorgelspieler mit Getränken, ebenso die Chorsänger, die Kellner und zwei Schreiber. Mit diesen Schreibern hatte er sich eigentlich nur deswegen eingelassen, weil sie beide schiefe Nasen hatten: bei dem einen stand die Nase nach rechts schief, bei dem andern nach links. Das hatte Swidrigailows Interesse erweckt. Schließlich schleppten sie ihn mit sich nach einem Vergnügungsgarten, wo er für sie auch das Eintrittsgeld bezahlte. In diesem Garten befanden sich nur eine dünne dreijährige Tanne und drei Sträucher. Außerdem war darin ein Restaurant eingerichtet, das in Wirklichkeit nur eine Kneipe war; aber man konnte dort auch Tee bekommen. Ferner standen in dem Garten einige grün angestrichene Tische und Stühle. Ein elender Sängerchor und ein betrunkener, rotnasiger Deutscher aus München, eine Art von Possenreißer, der aber, Gott weiß warum, sehr trübsinnig war, sorgten für das Amüsement des Publikums. Die Schreiber gerieten mit ein paar anderen Schreibern in Streit, und es fehlte nicht viel, daß es zur Prügelei kam. Swidrigailow wurde von ihnen zum Schiedsrichter erwählt. Wohl eine Viertelstunde mühte er sich damit ab, die Parteien zu vernehmen; aber sie schrien so, daß es schlechterdings unmöglich war, etwas klarzustellen. Am wahrscheinlichsten hing die Sache so zusammen: einer von ihnen hatte etwas gestohlen und es sogar schon an einen plötzlich auf der Bildfläche erschienenen Juden verkauft, wollte nun aber den Erlös nicht mit seinen Kollegen teilen. Es ergab sich schließlich, daß der verkaufte Gegenstand ein dem »Restaurant« gehöriger Teelöffel war. In dem »Restaurant« war der Löffel bereits vermißt worden, und die Sache schien sehr kompliziert und schwierig zu werden. Swidrigailow bezahlte den Löffel, stand auf und verließ den Garten. Es war gegen zehn Uhr. Er selbst hatte die ganze Zeit über keinen Tropfen Branntwein getrunken und sich in dem »Restaurant« nur Tee geben lassen, und auch das eigentlich nur um des Anstandes willen.

Der Abend war schwül und trübe. Um zehn Uhr zogen von allen Seiten furchtbare Gewitterwolken zusammen; ein Unwetter brach los, und der Regen stürzte wie ein Wasserfall hernieder. Das Wasser fiel nicht in Tropfen, sondern rauschte in ganzen Bächen auf die Erde herab. Fortwährend flammten Blitze; mitunter konnte man bis zu fünf fast gleichzeitig zählen. Als Swidrigailow nach Hause kam, war er durchnäßt bis auf die Haut; er schloß sich ein, öffnete seinen Schreibtisch, nahm sein ganzes Geld heraus und zerriß einige Papiere. Er überlegte einen Augenblick, ob er die Kleider wechseln sollte; aber nachdem er das Fenster geöffnet und gesehen und gehört hatte, wie es noch immer donnerte und regnete, verwarf er diese Absicht mit einer geringschätzigen Handbewegung, steckte das Geld in die Tasche, ergriff seinen Hut und ging, ohne seine Wohnung zuzuschließen, hinaus. Er begab sich geradeswegs zu Sonja. Diese war zu Hause.

Sie war nicht allein; vier kleine Kapernaumowsche Kinder waren bei ihr, und sie gab ihnen Tee zu trinken. Sie empfing Swidrigailow schweigend und respektvoll, bemerkte mit Erstaunen, daß seine Kleider ganz durchnäßt waren, sagte aber kein Wort. Die Kinder liefen sämtlich sofort in größter Angst davon.

Swidrigailow setzte sich an den Tisch und bat Sonja, sich neben ihn zu setzen. Schüchtern schickte sie sich an, ihm zuzuhören.

»Sofja Semjonowna, ich reise vielleicht nach Amerika«, sagte Swidrigailow, »und da ich Sie wahrscheinlich zum letzten Male sehe, bin ich gekommen, um noch einiges zu ordnen. Nun, Sie haben also heute diese Dame besucht? Ich weiß, was sie zu Ihnen gesagt hat; Sie brauchen es mir nicht zu wiederholen.« (Sonja machte eine Bewegung und errötete.) »Diese Sorte Menschen hat nun einmal so eine bestimmte Anschauungsweise. Was Ihre Schwesterchen und Ihr Brüderchen anlangt, so sind sie sicher untergebracht, und das für sie bestimmte Geld ist von mir für einen jeden gegen Quittung gehörigen Ortes zu treuen Händen eingezahlt worden. Nehmen Sie übrigens diese Quittungen an sich, ich meine bloß … für jeden Fall. Hier, nehmen Sie! Na, das ist also jetzt erledigt. Hier sind drei fünfprozentige Staatsschuldscheine im Gesamtbetrage von dreitausend Rubel. Nehmen Sie das für sich, ausschließlich für sich, und lassen Sie es unter uns bleiben; sagen Sie von dieser Summe niemandem etwas, was auch immer Ihnen zu Ohren kommen mag. Sie werden das Geld gebrauchen können, Sofja Semjonowna; denn so zu leben wie bisher ist unwürdig; das werden Sie nun nicht mehr nötig haben.«

»Sie haben mir so viele, große Wohltaten erwiesen und auch den Waisen und der Verstorbenen«, stammelte Sonja hastig. »Wenn ich Ihnen bisher nur so wenig dafür gedankt habe, so … wollen Sie nicht meinen …«

»Ach, hören Sie auf, hören Sie auf!«

»Aber dieses Geld, Arkadij Iwanowitsch, … ich bin Ihnen sehr dankbar; aber ich habe es jetzt wirklich nicht nötig. Mich allein kann ich immer durchbringen. Halten Sie es nicht für Undankbarkeit; aber wenn Sie schon eine so große Wohltat erweisen wollen, so könnte dieses Geld …«

»Es ist für Sie bestimmt, Sofja Semjonowna, für Sie; und bitte, ohne Hin- und Herreden, denn ich habe dazu auch gar keine Zeit mehr. Sie werden es aber gebrauchen können. Rodion Romanowitsch hat nur zwei Wege vor sich: entweder eine Kugel in den Kopf – oder nach Sibirien.« (Sonja blickte ihn scheu an und fing an zu zittern.) »Beunruhigen Sie sich nicht; ich weiß alles, aus seinem eigenen Munde; aber ich bin kein Schwätzer und werde es niemandem sagen. Sie haben sehr gut daran getan, daß Sie ihm rieten, er möchte hingehen und sich selbst anzeigen. Das wird für ihn bei weitem das beste sein. Na, wenn es also zur Verschickung nach Sibirien kommt, dann werden Sie doch mit ihm gehen? Nicht wahr? Nicht wahr? Na, in diesem Falle werden Sie das Geld recht gut gebrauchen können. Für ihn werden Sie es gebrauchen können, verstehen Sie? Wenn ich es Ihnen gebe, so ist das ganz dasselbe, als gäbe ich es ihm. Außerdem haben Sie ja auch, wie ich gehört habe, der Wirtin Amalia Iwanowna versprochen, ihr die rückständige Miete zu bezahlen. Warum nehmen Sie unbedachtsamerweise solche Verpflichtungen auf sich, Sofja Semjonowna? Katerina Iwanowna war doch dieser Deutschen das Geld schuldig geblieben, und nicht Sie; da sollten Sie sich den Kuckuck um dieses deutsche Frauenzimmer kümmern. So kommt man in der Welt nicht vorwärts. Na, und wenn jemand, so etwa morgen oder übermorgen, nach mir fragen sollte (und bei Ihnen wird man gewiß nachfragen), dann erwähnen Sie nichts davon, daß ich jetzt bei Ihnen gewesen bin, und zeigen Sie unter keinen Umständen das Geld, und sagen Sie niemandem, daß ich Ihnen welches gegeben habe. Nun also, jetzt auf Wiedersehen!« (Er erhob sich.) »Grüßen Sie Rodion Romanowitsch! Dabei fällt mir ein: übergeben Sie doch das Geld, wollen mal sagen, Herrn Rasumichin zur vorläufigen Aufbewahrung. Sie kennen doch Herrn Rasumichin. Jedenfalls werden Sie ihn kennen. Das ist ein ganz verständiger junger Mann. Bringen Sie es ihm morgen, oder … wenn es an der Zeit sein wird. Bis dahin verwahren Sie es ordentlich!«

Sonja sprang gleichfalls auf und sah ihn erschrocken an. Gern hätte sie etwas gesagt, etwas gefragt; aber sie wagte es im ersten Augenblick nicht und wußte auch nicht, wie sie anfangen sollte.

»Aber … aber wollen Sie denn jetzt bei diesem Regen ausgehen?«

»Na, wenn einer nach Amerika reisen will, dann darf er sich doch nicht vor einem Regen fürchten, he-he! Leben Sie wohl, meine liebe Sofja Semjonowna! Möge Ihnen ein langes Leben beschieden sein; Sie werden auch anderen nützen. Noch eins: sagen Sie doch Herrn Rasumichin, daß ich mich ihm empfehlen lasse. Bestellen Sie so: ›Arkadij Iwanowitsch Swidrigailow läßt sich Ihnen empfehlen.‹ Aber vergessen Sie es nicht!«

Er ging hinaus; erstaunt, erschrocken und von einem unklaren, quälenden Argwohn erfüllt, blieb Sonja zurück.

Es stellte sich später heraus, daß er an ebendiesem Abend nach elf Uhr noch einen sehr ungewöhnlichen, unerwarteten Besuch gemacht hatte. Der Regen hielt immer noch an. Ganz um zu zeigen, daß ihm alle Menschen ganz egal seien. Die Hauptsache aber sei: von diesem Besuche dürfe niemandem ein Wort gesagt werden; denn man könne nicht wissen, was das für Folgen haben werde. Und das Geld müsse so schnell wie möglich weggeschlossen werden, und es sei dabei noch ein wahres Glück, daß das Dienstmädchen Fedosja in der Küche gewesen sei und nichts gemerkt habe. Und namentlich dürfe diese Gaunerin, die Rößlich, nichts davon erfahren, ja nicht, ja nicht, ja nicht! Und so redete sie noch lange fort. Bis zwei Uhr saßen die Eltern zusammen und flüsterten; die Braut, erstaunt über das Erlebte und etwas traurig, war schon weit früher schlafen gegangen.

Unterdessen ging Swidrigailow ziemlich genau um Mitternacht über die Tutschkow-Brücke nach dem Stadtteil Peterburgskaja zu. Der Regen hatte aufgehört; aber ein starker Wind brauste. Er begann zu zittern und betrachtete eine Minute lang mit besonderem Interesse und sogar wie fragend das schwarze Wasser der Kleinen Newa. Aber bald wurde es ihm zu kalt, so über dem Wasser zu stehen; er drehte sich weg und ging nach dem …-Prospekt. Lange, beinahe eine halbe Stunde lang, wanderte er auf diesem endlosen Prospekte hin, stolperte mehrmals auf dem Holzpflaster, suchte aber fortwährend eifrig etwas auf der rechten Seite des Prospektes. Dort irgendwo, schon ziemlich am Ende des Prospektes, hatte er, als er kürzlich einmal vorbeifuhr, ein Gasthaus bemerkt, ein geräumiges Holzhaus; es hatte, soweit er sich erinnerte, ungefähr so wie »Zur Stadt Adrianopel« geheißen. Er hatte sich nicht geirrt; das Gasthaus bildete in dieser öden, stillen Gegend einen so auffallenden Punkt, daß es selbst in der Dunkelheit nicht zu verfehlen war. Es war ein langes, hölzernes, vom Alter bereits schwarz gewordenes Gebäude, in dem trotz der späten Stunde noch Licht brannte und einiges Leben zu spüren war. Er trat ein und fragte einen schäbig gekleideten Kellner, den er auf dem Flur traf, ob er ein Zimmer bekommen könne. Dieser musterte den Ankömmling flüchtig, schüttelte sich, um munter zu werden, und führte ihn sofort nach einem weit abgelegenen Zimmer. Dieses war dumpf und eng und lag ganz am Ende des Korridors in einer Ecke unter einer Treppe. Aber es war kein anderes zu haben; alle waren besetzt. Der schäbige Kellner sah den Gast fragend an.

»Kann ich Tee bekommen?« fragte Swidrigailow.

»Jawohl.«

»Was ist sonst noch zu haben?«

»Kalbfleisch, Schnaps, Aufschnitt.«

»Dann bring mir Kalbfleisch und Tee.«

»Wünschen Sie weiter nichts?« fragte der Kellner erstaunt.

»Nein, weiter nichts!«

Der Kellner entfernte sich ganz verdutzt.

›Das scheint ja ein nettes Lokal zu sein‹, dachte Swidrigailow. ›Sonderbar, daß ich es nicht gekannt habe. Ich sehe wahrscheinlich auch so aus wie einer, der aus einem Café chantant kommt, aber unterwegs schon seine Erlebnisse gehabt hat. Indes wäre es doch interessant zu erfahren, was für Leute hier einkehren und übernachten.‹

Er zündete eine Kerze an und besah das Zimmer genauer. Dieses enge Gelaß war so niedrig, daß Swidrigailow darin kaum aufrecht stehen konnte, und hatte nur ein Fenster; ein sehr schmutziges Bett, ein einfacher, gestrichener Tisch und ein Stuhl nahmen fast den ganzen Raum ein. Die Wände schienen aus zusammengenagelten Brettern zu bestehen, die mit bereits sehr defekten Tapeten beklebt waren; diese waren so verstaubt und beschmutzt, daß man nur gerade noch die ursprüngliche gelbe Farbe erraten, das Muster aber schlechterdings nicht mehr erkennen konnte. Ein Teil einer Wand und der Decke war schräg abgeschnitten, wie das bei Mansardenstuben gewöhnlich der Fall ist; hier aber befand sich oberhalb der schrägen Fläche die Treppe. Swidrigailow stellte die Kerze hin, setzte sich auf das Bett und überließ sich seinen Gedanken. Aber ein seltsames, fortwährendes Flüstern in der Kammer daneben, das sich manchmal fast bis zu einem Schreien steigerte, zog schließlich seine Aufmerksamkeit auf sich. Dieses Flüstern hatte von dem Augenblicke an, wo er ins Zimmer getreten war, ununterbrochen fortgedauert. Er horchte: jemand schalt einen andern und machte ihm fast unter Tränen Vorwürfe; aber es war immer nur die eine Stimme zu hören. Swidrigailow stand auf, verdeckte die Kerze mit der Hand, und sofort leuchtete an der Wand eine Ritze auf; er trat heran und schaute hindurch. In dem Zimmer, das etwas größer war als sein eigenes, befanden sich zwei Gäste. Einer von ihnen, ohne Rock, mit sehr krausem Haar und erhitztem, rotem Gesichte, stand in der Haltung eines Redners da; er hielt die Beine auseinandergespreizt, um das Gleichgewicht zu bewahren, schlug sich häufig mit der Hand vor die Brust und hielt dem andern in pathetischem Tone vor, daß dieser ein Bettler sei und nicht einmal einen amtlichen Rang besitze; er habe ihn aus dem Elend herausgezogen und könne ihn, wenn er wolle, jeden Augenblick fortjagen, und alles sehe nur allein »der Finger des Allerhöchsten«. Der gescholtene Freund saß auf einem Stuhle und machte ein Gesicht, als möchte er gar zu gern niesen, brächte es aber nicht fertig. Mitunter blickte er den Redner mit dem trüben Blick eines Hammels an, hatte aber offenbar keine Ahnung, wovon dessen Rede handelte, und hörte wohl überhaupt kaum etwas davon. Auf dem Tische brannte der Stumpf einer Kerze; auch standen dort eine fast ausgetrunkene Flasche Schnaps, Gläser, Brot und Teegeschirr, das bereits leer war. Nachdem Swidrigailow dieses Bild aufmerksam betrachtet hatte, trat er teilnahmslos von der Ritze weg und setzte sich wieder auf das Bett.

Der schäbige Kellner brachte den Tee und das Kalbfleisch und konnte sich nicht enthalten, noch einmal zu fragen: »Wünschen Sie weiter nichts?« Als er wieder eine verneinende Antwort erhalten hatte, entfernte er sich endgültig. Swidrigailow griff gierig nach dem Tee, um sich zu erwärmen, und trank ein Glas davon; zu essen aber vermochte er Gelegenheit, mir einen Besuch zu machen: es ist dunkel, eine sehr geeignete Örtlichkeit, ein hochinteressanter Augenblick. Aber gerade jetzt kommen Sie nicht …‹

Plötzlich, ohne klaren Zusammenhang, mußte er daran denken, wie er vorhin, eine Stunde bevor er seinen Anschlag gegen Dunja ins Werk setzte, ihrem Bruder geraten hatte, sie der Obhut Rasumichins anzuvertrauen. ›In Wirklichkeit habe ich das damals hauptsächlich wohl nur gesagt, um meine Eifersucht aufzureizen, und Raskolnikow hat das auch durchschaut. Ein schlauer Fuchs, dieser Raskolnikow, wahrhaftig! Hat doch viel auf seine Schultern genommen! Kann mit der Zeit ein großartiger Halunke werden, wenn er seine verrückten Ideen los wird; jetzt klammert er sich noch zu sehr an das Leben. In diesem Punkte ist doch diese ganze Sorte Menschen feige. Na, hol ihn der Teufel; mag er tun, was er will; was kümmert’s mich!‹

Einschlafen konnte er noch immer nicht. Allmählich schimmerte vor seinem geistigen Auge Dunjetschkas Gestalt auf, wie er sie eben erst gesehen hatte, und ein Zittern lief ihm durch den ganzen Körper. ›Nein, diese Gedanken muß ich jetzt denn doch über Bord werfen‹, dachte er, sich zusammennehmend, ›jetzt muß ich an etwas anderes denken. Es ist doch eigentlich sonderbar und lächerlich: ich habe nie gegen jemand einen starken Haß empfunden, auch nie ein besonderes Verlangen gehabt, mich an jemand zu rächen; das ist doch ein schlechtes Zeichen, ein schlechtes Zeichen, ein schlechtes Zeichen! Streiten habe ich auch nie gemocht und habe mich auch nie ereifert – gleichfalls ein schlechtes Zeichen! Und was habe ich ihr vorhin nicht alles versprochen – pfui Teufel! Wer weiß, vielleicht hätte sie doch noch aus mir einen anderen Menschen gemacht!‹ Er hielt wieder in seinem Selbstgespräche inne und preßte die Zähne aufeinander: wieder stand ihm Dunjetschkas Bild in den kleinsten Einzelheiten vor Augen, wie sie, als sie den ersten Schuß abgefeuert hatte, so furchtbar erschrak, den Revolver sinken ließ und ihn leichenblaß anstarrte, so daß er zweimal Zeit gehabt hätte, sie zu packen, ohne daß sie die Hand zu ihrer Verteidigung hätte erheben können, wenn er sie nicht selbst daran erinnert hätte. Er dachte daran, wie leid sie ihm in diesem Augenblicke getan hatte, so daß sich ihm ordentlich das Herz zusammengekrampft hatte … ›Donnerwetter! Schon wieder diese Gedanken! Die muß ich alle über Bord werfen, jawohl, über Bord werfen! …‹

Nun begann ihm das Bewußtsein zu schwinden; das fieberhafte Zittern ließ nach; auf einmal war es ihm, als ob unter der Bettdecke ihm etwas über die Hand und über das Bein liefe. Er fuhr zusammen. ›Pfui Teufel! das war wohl eine Maus!‹ dachte er. ›Das kommt davon, daß ich das Fleisch habe auf dem Tische stehenlassen …‹ Er hatte eine große Scheu davor, sich aus der Decke herauszuwickeln, aufzustehen und zu frieren; plötzlich aber lief wieder etwas mit unangenehmem Krabbeln an seinem Bein entlang; er warf die Decke von sich und steckte die Kerze an. Zitternd vor Fieberfrost, bückte er sich, um das Bett zu untersuchen – es war nichts zu sehen; er schüttelte die Decke aus, und plötzlich sprang eine Maus heraus und auf das Laken. Er mühte sich, sie zu greifen; aber die Maus sprang nicht vom Bette herunter, sondern huschte im Zickzack nach allen Seiten hin und her, glitt ihm zwischen den Fingern durch, lief ihm über die Hand und schlüpfte auf einmal unter das Kopfkissen; er warf das Kopfkissen auf den Fußboden, fühlte aber in demselben Augenblicke, wie ihm etwas vorn an der Brust unter das Hemd sprang, am Körper entlang krabbelte und nun schon am Rücken unter dem Hemd herumarbeitete. Ein nervöses Zittern überkam ihn, und – er erwachte. Im Zimmer war es dunkel; er lag in die Decke eingewickelt auf dem Bette wie vorher; draußen vor dem Fenster heulte der Wind. ›So eine ekelhafte Geschichte!‹ dachte er ärgerlich.

Er stand auf und setzte sich auf den Rand des Bettes, mit dem Rücken nach dem Fenster zu. ›Da schlafe ich lieber Sarg. Dieser Sarg war mit weißer Seide ausgeschlagen, mit dichten, weißen Rüschen garniert und rings mit Blumengirlanden umwunden. Ganz in Blumen gebettet, lag darin ein Mädchen, in weißem Tüllkleide, die wie aus Marmor gemeißelten Hände zusammengefaltet und auf die Brust gelegt. Aber ihr aufgelöstes hellblondes Haar war feucht; ein Kranz aus Rosen schlang sich um ihren Kopf. Ihr Gesicht mit den strengen, schon starr gewordenen Zügen war gleichfalls wie aus Marmor; aber in dem Lächeln der blassen Lippen lag ein nicht kindliches, grenzenloses Leid und eine furchtbare, ergreifende Klage. Swidrigailow kannte dieses Mädchen; weder Heiligenbilder noch brennende Kerzen umgaben diesen Sarg, auch wurden keine Gebete bei ihm gemurmelt. Das Mädchen war eine Selbstmörderin: sie hatte sich ertränkt. Sie war erst vierzehn Jahre alt gewesen; aber es war ihr bereits das Herz gebrochen; und so hatte sie sich selbst den Tod gegeben, aufs tiefste verletzt durch eine ihr angetane Schmach, die dieses junge, kindliche Gemüt mit staunendem Entsetzen erfüllt, ihre engelreine Seele mit unverdienter Schande bedeckt und ihr einen letzten Schrei der Verzweiflung entrissen hatte, der keine Erhörung fand, sondern durch rohe Schimpfworte erwidert wurde, in dunkler, kalter Nacht, bei feuchtem Tauwetter, als der Wind heulte …

Swidrigailow kam wieder zur Besinnung, stand vom Bette auf und trat ans Fenster. Tastend fand er den Riegel und öffnete das Fenster. Der Wind drang wild tobend in die enge Kammer hinein und bedeckte ihm wie mit eisigem Reif das Gesicht und die Brust unter dem bloßen Hemde. Vor dem Fenster war wirklich eine Art Garten, und zwar wieder ein Vergnügungslokal; wahrscheinlich produzierten sich auch hier bei Tage Chorsänger, und es wurde an kleinen Tischen Tee getrunken. Jetzt flogen von den Bäumen und Sträuchern Wassertropfen durch das Fenster herein; es war eine Finsternis wie in einem Keller, so daß sich kaum einige dunkle Flecke als Andeutungen dort befindlicher Dinge abhoben. Swidrigailow beugte sich, die Ellbogen auf das Fensterbrett stützend, hinaus und starrte nun schon fünf Minuten lang unverwandt in diese Finsternis hinein. Da ertönte in dem nächtlichen Dunkel ein Kanonenschuß, nach ihm ein zweiter.

›Aha, das Signal! Das Wasser steigt!‹ dachte er. ›Gegen Morgen wird es an den tiefer liegenden Stellen die Straßen überschwemmen, die Keller und Souterrains anfüllen; die Kellerratten werden herausschwimmen, und die Menschen werden in Regen und Wind schimpfend und durchnäßt ihren Trödel nach den höheren Stockwerken hinaufschleppen … Wie spät mag es wohl jetzt sein?‹ Kaum hatte er das gedacht, als irgendwo in der Nähe eine Wanduhr mit hastigen Schlägen, als hätte sie es überaus eilig, drei schlug. ›So, in einer Stunde wird es also schon hell werden! Worauf warte ich noch? Ich will gleich von hier weggehen, und geradeswegs nach dem Petrowskij-Park. Da suche ich mir ein großes Gebüsch aus, das ganz mit Regentropfen behangen ist, so daß einem, wenn man nur mit der Schulter anstreift, Tausende von Tropfen über den ganzen Kopf rieseln …‹ Er trat vom Fenster zurück, schloß es, zündete die Kerze an, zog sich Jackett und Überzieher an, setzte den Hut auf und ging mit dem Lichte auf den Korridor, um den Kellner, der wohl irgendwo in einem Kämmerchen zwischen allerlei Gerümpel und Lichtstümpfen schlafen mochte, aufzusuchen, ihm das Zimmer und das Essen zu bezahlen und dann das Gasthaus zu verlassen. ›Es ist jetzt der passendste Augenblick; einen besseren kann ich gar nicht finden!‹

Lange ging er auf dem ganzen langen, schmalen Korridor hin und her, ohne jemand zu finden, und wollte schon laut rufen, als er plötzlich in einer dunklen Ecke zwischen einem alten Schranke und einer Tür einen sonderbaren Gegenstand erblickte, der etwas Lebendes zu sein schien. Er beugte sich mit der Kerze darüber und sah ein Kind: ein kleines Mädchen von nicht mehr als etwa fünf Jahren, ein. Sie schlief sofort. Nachdem er dies erledigt hatte, versank er wieder in seine düsteren Überlegungen.

›Ein dummer Einfall von mir, mich mit dem Kinde abzugeben!‹ dachte er verdrossen und höhnisch. ›So ein Unsinn!‹ Ärgerlich ergriff er die Kerze, um hinauszugehen, unter allen Umständen den Kellner ausfindig zu machen und möglichst schnell das Haus zu verlassen. ›Was schert mich das kleine Mädchen!‹ dachte er mit einem Fluche und öffnete schon die Tür; aber er kehrte doch noch einmal um, um nach der Kleinen zu sehen, ob sie wohl schliefe und wie sie schliefe. Vorsichtig lüftete er die Decke. Das Mädchen lag in festem, gesundem Schlafe. Sie war unter der Decke warm geworden, und ihre blassen Bäckchen hatten schon wieder rote Farbe bekommen. Aber sonderbar: diese Röte sah greller und dunkler aus, als es sonst bei Kindern gewöhnlich ist. ›Das ist eine fieberhafte Röte‹, dachte Swidrigailow, ›das ist eine Röte wie von Branntwein, als hätte jemand sie ein ganzes Glas austrinken lassen. Die roten Lippen brennen und glühen ja nur so; aber was ist das?‹ Es schien ihm auf einmal, als ob ihre langen, schwarzen Wimpern zuckten und zwinkerten, als ob sie sich höben und ein schlaues, scharfes, sehr unkindlich blinzelndes Auge unter ihnen hervorschaute, als ob das Mädchen nicht schliefe, sondern sich nur so stellte. Ja, und so war es auch: ihre Lippen öffneten sich zu einem Lächeln; die Mundwinkel zuckten, wie wenn die Kleine sich noch beherrschen wollte. Aber nun gab sie dieses Bemühen völlig auf; das war schon ein Lachen, ein deutliches Lachen; ein frecher, herausfordernder Ausdruck leuchtete in diesem ganz unkindlichen Gesichte auf; das war die Unzucht, das Gesicht einer Dirne, das freche Gesicht einer feilen französischen Dirne. Da, jetzt öffneten sich ohne weitere Zurückhaltung beide Augen; sie richteten sich mit einem feurigen, schamlosen Blicke auf ihn, forderten ihn auf und lachten … Etwas unendlich Abstoßendes und Empörendes lag in diesem Lachen, in diesen Augen, in der ganzen Gemeinheit, die sich auf diesem Kindergesichte ausprägte. »Wie? Ein fünfjähriges Kind!« flüsterte Swidrigailow wahrhaft entsetzt. »Wie … wie ist das nur möglich?« Aber da wandte sie sich schon mit dem glühendheißen Gesichtchen ganz zu ihm hin, sie streckte die Hände nach ihm aus … »Du verruchtes Wesen!« rief Swidrigailow entsetzt und hob die Hand, um ihr einen Schlag zu versetzen … Aber in demselben Augenblicke erwachte er.

Er lag immer noch auf dem Bette, noch ebenso in die Decke eingewickelt wie vorher; die Kerze war nicht angezündet; aber durch das Fenster schien bereits der helle Tag herein.

›Wirre Träume die ganze Nacht hindurch!‹ Er erhob sich ärgerlich und fühlte sich völlig zerschlagen; alle Knochen taten ihm weh. Draußen lag ein dichter Nebel, und es war nichts zu erkennen. Es war bald fünf Uhr; er hatte länger geschlafen, als ihm lieb war. Er stand auf und zog sich das Jackett und den Überzieher an, die noch feucht waren. Dann tastete er in der Tasche nach dem Revolver, nahm ihn heraus und brachte das Zündhütchen in Ordnung; hierauf setzte er sich hin, zog ein Notizbuch aus der Tasche und schrieb auf die vorderste Seite, die zuerst ins Auge fallen mußte, mit großer Schrift einige Zeilen. Nachdem er sie noch einmal durchgelesen hatte, stützte er einen Ellbogen auf den Tisch und versank in Gedanken. Der Revolver und das Notizbuch lagen auf dem Tisch, neben seinem Ellbogen. Die Fliegen waren auch schon aufgewacht und krochen auf dem Kalbfleisch umher, das er unangerührt auf dem Tische hatte stehen lassen. Er schaute ihnen lange zu und machte schließlich mit der freien rechten Hand den Versuch, eine von ihnen zu fangen. Lange mühte er sich mit Anstrengung ab, konnte aber keine bekommen. Als er sich endlich dieser interessanten Beschäftigung bewußt wurde, sammelte er seine Gedanken, raffte sich zusammen, stand auf und ging entschlossen aus dem Zimmer hinaus. Eine Minute darauf war er bereits auf der Straße.

Ein milchweißer, dichter Nebel lagerte über der Stadt. Swidrigailow schritt auf dem schlüpfrigen, schmutzigen Holzpflaster hin, nach der Kleinen Newa zu. Er mußte immer an das über Nacht stark gestiegene Wasser der Kleinen Newa denken, an die Petrowskij-Insel, die feuchten Fußwege, das feuchte Gras, die feuchten Bäume und Sträucher und schließlich an eben jenes Gebüsch, das er sich in der Nacht ausgemalt hatte … Aber das ärgerte ihn, und um auf andere Gedanken zu kommen, begann er die Häuser zu betrachten. Weder einen Fußgänger noch eine Droschke traf er auf dem Prospekt. Trübselig und schmutzig sahen die kleinen hellgelben Holzhäuser mit den geschlossenen Fensterläden drein. Ein Gefühl der Kälte und der Feuchtigkeit breitete sich über seinen ganzen Körper aus, und es begann ihn zu frösteln. Ab und zu fiel sein Blick auf die Schilder aller möglichen Läden und Grünwarenbuden, und er las dann jedes mit großer Sorgfalt. Nun war das Holzpflaster zu Ende. Er kam schon bei einem großen, steinernen Hause vorbei. Ein schmutziger, vor Kälte zitternder Hund mit eingezogenem Schwanze lief ihm über den Weg. Ein völlig betrunkener Mann in einem Mantel lag mit dem Gesichte nach unten quer über das Trottoir. Er betrachtete ihn einen Augenblick und ging weiter. Nach links zu wurde ihm ein hoher Feuerwehrturm sichtbar.

›Ach was!‹ dachte er. ›Das ist ja hier auch ein guter Platz; wozu soll ich da erst nach dem Petrowskij-Park gehen? Wenigstens habe ich da gleich einen offiziellen Zeugen …‹

Er lächelte beinahe über diesen neuen Gedanken und bog in die …skaja-Straße ein. Hier standen ein großes Haus und der Feuerwehrturm. An dem großen geschlossenen Tore des Hauses stand, mit der Schulter dagegen gelehnt, ein kleines Männchen, in einen grauen Uniformmantel gehüllt, auf dem Kopfe einen Messinghelm mit hohem Kamm, einen sogenannten Achilleshelm. Mit schläfrigem, kühlem Blicke schielte er nach dem sich nähernden Swidrigailow hin. Auf seinem Gesichte war jener ewige mürrische Kummer sichtbar, der bei dem jüdischen Typ allen Gesichtern ohne Ausnahme einen so säuerlichen Ausdruck verleiht.

Beide, Swidrigailow und der Achilles, blickten einander eine Weile schweigend an. Schließlich fand der Achilles es nicht in der Ordnung, daß ein Mann, der nicht betrunken war, sich drei Schritte von ihm entfernt hinstellte, ihn starr ansah und nichts redete.

»Sie! Was haben Sie hier zu suchen?« fragte er, noch immer ohne sich zu rühren und ohne seine Stellung zu verändern.

»Gar nichts weiter, Bruder! Guten Tag!« antwortete Swidrigailow.

»Hier ist kein Platz für Sie!«

»Ich reise nach einem fernen Lande, Bruder.«

»Nach ’nem fernen Lande?«

»Ja, nach Amerika.«

»Nach Amerika?«

Swidrigailow zog den Revolver heraus und spannte den Hahn. Achilles zog die Augenbrauen hoch.

»Sie! Was tun Sie da! Für solche Spaße ist hier nicht der Ort!«

»Warum soll hier nicht der Ort dafür sein?«

»Weil hier nicht der Ort für so was ist.«

»Na, Bruder, das ist ganz einerlei. Der Ort ist gut. Wenn du nachher gefragt wirst, so antworte nur, ich hätte gesagt, daß ich nach Amerika reisen wollte.«

Er setzte den Revolver an seine rechte Schläfe.

»Das darf hier nicht sein; hier ist nicht der Ort für so was!« rief erschrocken der Achilles, dessen Pupillen sich immer mehr erweiterten.

Swidrigailow drückte ab.

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Kapitel 38

VII

An demselben Tage, aber erst am Abend, zwischen sechs und sieben Uhr, ging Raskolnikow nach der Wohnung seiner Mutter und seiner Schwester, nach eben jener Wohnung im Bakalejewschen Hause, die ihnen Rasumichin besorgt hatte. Die Treppe hatte ihren Eingang von der Straße her. Noch als Raskolnikow sich bereits der Wohnung näherte, ging er nur zögernden Schrittes und schien zu schwanken, ob er hineingehen sollte oder nicht. Aber er wäre um keinen Preis umgekehrt; sein Entschluß war gefaßt.

›Zudem ist es ja auch ganz gleich‹, dachte er. ›Sie wissen noch nichts und sind es schon gewohnt, mich für einen wunderlichen Gesellen zu halten …‹

Seine Kleidung sah schrecklich aus: alles war schmutzig und zerdrückt, da er die ganze Nacht im Regen zugebracht hatte. Sein Gesicht war ganz entstellt infolge der Ermüdung, des Unwetters, der physischen Erschöpfung und eines fast vierundzwanzig Stunden währenden Seelenkampfes. Diese ganze Nacht über war er allein gewesen, Gott mochte wissen wo. Aber wenigstens war er zu einem Entschlusse gelangt.

Er klopfte an die Tür, die Mutter öffnete ihm. Dunja war nicht zu Hause. Auch das Dienstmädchen war gerade nicht da. Pulcheria Alexandrowna war zuerst ganz sprachlos vor freudigem Erstaunen; dann ergriff sie ihn an der Hand und zog ihn ins Zimmer hinein.

»Nun, da bist du ja!« begann sie, vor Freude stotternd. »Sei mir nicht böse, Rodja, daß ich dich so dumm begrüße, mit Tränen: aber ich lache ja nur, ich weine nicht. Denkst du, ich weine? Nein, ich freue mich bloß; aber das ist so eine dumme Angewohnheit von mir, daß mir dann gleich die Tränen kommen. Das habe ich seit dem Tode deines Vaters so an mir: alles bringt mich zum Weinen. Setz dich, lieber Sohn, du bist gewiß müde, das sehe ich. Ach, was hast du dich schmutzig gemacht!«

»Ich bin gestern im Regen aus gewesen, Mama …«, begann Raskolnikow.

»Nicht doch! Nicht doch!« fiel ihm Pulcheria Alexandrowna lebhaft ins Wort. »Du denkst wohl, ich fange gleich an, dich auszufragen, wie ich das früher nach Weiberart zu tun pflegte; aber sei unbesorgt! Ich sehe ja ein, daß das nicht passend war; ich sehe das durchaus ein; jetzt habe ich schon die hiesigen Sitten gelernt, und wirklich, ich muß selbst gestehen, daß die verständiger sind. Ich habe mir ein für allemal gesagt: Wie kann ich deine Ideen fassen und von dir Rechenschaft verlangen? Du hast vielleicht Gott weiß was für Unternehmungen und Pläne im Kopfe, oder es keimen und wachsen da so allerlei Gedanken; wie darf ich dich da immer in die Seite stoßen mit der Frage: ›Woran denkst du?‹ Siehst du, ich … Ach, mein Gott! Was schwatze ich denn da kreuz und quer wie verdreht … Weißt du, Rodja, deinen Aufsatz in der Zeitschrift lese ich jetzt schon zum dritten Male; Dmitrij Prokofjitsch hat ihn mir gebracht. ›Ach so, ach so!‹ rief ich aus, als ich ihn las. ›Was bin ich für eine Närrin!‹ dachte ich bei mir. ›Also mit solchen Dingen beschäftigt er sich! Das ist die Lösung des Rätsels! Die Gelehrten sind alle so. Er hat vielleicht gerade neue Gedanken im Kopfe und überlegt sich die, und da komme ich ihm dazwischen und quäle und belästige ihn!‹ Ich lese deinen Aufsatz, lieber Sohn, aber verstehen tue ich natürlich nicht viel davon. Das ist ja auch ganz natürlich; wie sollte ich denn auch!«

»Zeigen Sie ihn mir doch einmal, Mama.«

Raskolnikow nahm die Zeitschrift und warf einen flüchtigen Blick auf seinen Aufsatz. So wenig das auch zu seiner Lage und zu seinem Zustande passen wollte, so empfand er doch jenes eigentümliche, wonnig kitzelnde Gefühl, welches ein Verfasser durchkostet, der sich zum ersten Male gedruckt sieht; auch wirkten dabei seine dreiundzwanzig Jahre mit. Indes dauerte das nur einen Augenblick. Nachdem er einige Zeilen gelesen hatte, verfinsterte sich sein Gesicht, und ein furchtbarer Gram preßte ihm das Herz zusammen. Der ganze seelische Kampf, den er in den letzten Monaten durchgemacht hatte, kam ihm auf einmal wieder ins Gedächtnis. Voll Widerwillen und Ärger warf er die Zeitschrift auf den Tisch.

»Aber wenn ich auch noch so dumm bin, Rodja, das kann ich doch beurteilen, daß du sehr bald in unserer Gelehrtenwelt einer der ersten Männer, wenn nicht der allererste, sein wirst. Und da haben die Leute gewagt zu meinen, du wärest geistesgestört! Ha-ha-ha! Du weißt das nicht; aber sie haben das gedacht! Ach, dieses niedrige Gewürm; die haben ja keine Ahnung davon, was Verstand ist. Und Dunja, Dunja hat es auch beinahe geglaubt – was sagst du dazu? Dein seliger Vater hat zweimal etwas an Zeitschriften eingesandt, das erstemal Gedichte (ich habe das Heft aufbewahrt und will es dir bei Gelegenheit einmal zeigen) und das zweitemal eine ganze Novelle (er hatte mir auf meine Bitte erlaubt, sie selbst ins reine zu schreiben). Und wie haben wir beide gebetet, daß die Einsendungen angenommen werden möchten; aber sie wurden nicht angenommen! Ach, Rodja, vor sechs, sieben Tagen war ich so tieftraurig, als ich deine Kleidung sah, und wie du wohnst und was du ißt. Aber jetzt sehe ich ein, daß auch das wieder einmal dumm von mir war; denn wenn du nur wolltest, so könntest du jetzt mit einem Schlage alles durch deinen Verstand und durch dein Talent erreichen. Aber du willst das vorläufig nur nicht und bist mit weit wichtigeren Dingen beschäftigt …«

»Ist Dunja nicht zu Hause, Mama?«

»Nein, Rodja. Sie geht jetzt sehr oft fort und läßt mich allein. Dmitrij Prokofjitsch kommt häufig her und sitzt ein Weilchen bei mir; dafür bin ich ihm sehr dankbar. Er spricht immer von dir; der liebt und schätzt dich sehr, lieber Sohn. Was deine Schwester angeht, so kann ich von ihr nicht sagen, daß sie gerade respektlos gegen mich wäre. Ich beklage mich nicht über sie. Sie hat eben ihren eigenen Charakter und ich den meinigen. Sie hat jetzt irgendwelche Geheimnisse vor mir; na, ich meinerseits habe vor euch keine Geheimnisse. Ich bin ja natürlich der festen Überzeugung, daß Dunja ein sehr kluges Mädchen ist und außerdem mich und dich liebt, … aber ich weiß wirklich nicht, welchen Ausgang das alles noch nehmen wird. Zum Beispiel jetzt: du hast mich glücklich gemacht, Rodja, dadurch daß du hergekommen bist; aber sie ist durch ihre ewigen Spaziergänge dieser Freude verlustig gegangen. Wenn sie wiederkommt, will ich ihr aber sagen: ›Als du weg warst, ist dein Bruder hier gewesen; aber du, wo hast du wieder die Zeit verbracht?‹ Verwöhne mich nur auch nicht zu sehr, Rodja: wenn du kommen kannst, so komm; kannst du nicht, nun, dann ist eben nichts zu machen, dann muß ich warten. Ich weiß ja doch, daß du mich liebst, und das genügt mir. Siehst du, ich werde deine Abhandlungen lesen und von allen Leuten etwas über dich hören, und ab und zu kommst du auch selbst einmal, um mich zu besuchen; was will ich mehr? Du bist ja auch jetzt gekommen, um deiner Mutter eine Freude zu machen; das sehe ich ja …«

Hier brach Pulcheria Alexandrowna plötzlich in Tränen aus.

»Da weine ich schon wieder! Achte nicht auf mich Närrin! Ach Gott, was sitze ich denn hier!« schrie sie und sprang auf. »Es ist ja Kaffee da, und ich setze dir keinen vor! Ja, ja, da sieht man eben, daß alte Frauen immer nur an sich selbst denken. Sofort, sofort!«

»Lassen Sie, lassen Sie, liebe Mama, ich gehe gleich wieder. Darum bin ich nicht gekommen. Bitte, hören Sie mich an.«

Pulcheria Alexandrowna trat schüchtern ein paar Schritte näher zu ihm.

»Liebe Mama, was auch geschehen mag, was Sie auch über mich hören mögen, was man Ihnen auch über mich sagen mag – werden Sie mich trotzdem so lieb behalten wie jetzt?« fragte er so recht aus überquellendem Herzen, ohne seine Worte zu bedenken und abzuwägen.

»Aber Rodja, Rodja, was ist mit dir? Wie kannst du nur so fragen! Und wer wird mir denn auch etwas Ungünstiges über dich sagen? Ich würde es ja auch niemandem glauben; wer mit so etwas zu mir käme, dem würde ich einfach die Tür weisen.«

»Ich bin hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie immer geliebt habe, und ich bin jetzt froh, daß wir beide allein sind; ja, ich bin sogar froh, daß Dunjetschka nicht hier ist«, fuhr er in demselben herzlichen Tone fort. »Ich bin hergekommen, um Ihnen frei und offen zu sagen, daß, wenn Sie auch unglücklich werden sollten, Sie doch überzeugt sein können, daß Ihr Sohn Sie jetzt mehr liebt als sich selbst und daß alles, was Sie von mir gedacht haben, als wäre ich hartherzig und hätte Sie nicht mehr lieb, daß das alles unrichtig ist. Ich werde nie aufhören, Sie zu lieben … Nun aber genug; ich glaubte, Ihnen dies sagen und damit beginnen zu müssen …«

Pulcheria Alexandrowna umarmte ihn schweigend, drückte ihn an ihre Brust und weinte still.

»Ich weiß nicht, was mit dir ist, Rodja«, sagte sie endlich. »Ich habe die ganze Zeit her gedacht, wir wären dir einfach langweilig geworden; jetzt aber sehe ich aus allem, was du sagst, daß dir ein großes Leid bevorsteht und du deshalb so bekümmert bist. Ich habe das schon lange geahnt, Rodja. Verzeih mir, daß ich davon angefangen habe; aber ich denke immerzu daran und kann keine Nacht schlafen. Die letzte Nacht hat auch deine Schwester fortwährend phantasiert und immer von dir gesprochen. Ich habe einige Worte davon verstanden, konnte aber nicht daraus klug werden. Den ganzen Vormittag bin ich umhergegangen wie eine zum Tode Verurteilte; ich erwartete etwas, ahnte etwas, und nun ist es eingetreten! Rodja, Rodja, wo willst du hin? Willst du vielleicht irgendwohin reisen?«

»Ja, ich verreise.«

»Das habe ich mir doch gedacht! Aber da könnte ich doch mit dir reisen, wenn du mich brauchen kannst. Und Dunja auch; sie hat dich lieb, sehr lieb; auch Sofja Semjonowna kann ja in Gottes Namen mit uns fahren, wenn es nötig ist; siehst du, ich will sie gern an Tochter Statt aufnehmen. Dmitrij Prokofjitsch wird uns behilflich sein, daß wir alle zusammen rechtzeitig fertig werden … Aber … wohin willst du denn reisen?«

»Leben Sie wohl, liebe Mama.«

»Wie? Heute schon?« rief sie erschrocken, als sollte sie ihn für immer verlieren.

»Ich muß; ich habe keine Zeit mehr; es ist nicht aufzuschieben.«

»Kann ich dich denn nicht begleiten?«

»Nein; aber knien Sie nieder und beten Sie für mich. Vielleicht findet Ihr Gebet Erhörung.«

»Komm, ich will dich bekreuzigen und segnen! So! So! O Gott, was sollen wir nur tun!«

Ja, er war froh, sehr froh, daß niemand weiter da war, daß er mit der Mutter allein war. Es war, als ob im Rückschlage von dieser ganzen schrecklichen Zeit sein Herz nun auf einmal weich geworden wäre. Er fiel vor ihr nieder, er küßte ihre Füße; weinend hielten sie beide einander umschlungen. Und nun war sie nicht mehr erstaunt und fragte ihn nach nichts mehr. Es war ihr schon lange klar geworden, daß mit ihrem Sohne etwas Schreckliches vorging und nun ein furchtbarer Augenblick für ihn heranrückte.

»Rodja, mein lieber, mein Erstgeborener«, sagte sie schluchzend, »jetzt bist du wieder so, wie du als kleiner Knabe warst; da kamst du ebenso zu mir und umarmtest mich und küßtest mich. Damals, als noch dein Vater lebte und er und ich zusammen darbten, war schon allein das ein Trost für uns, daß wir dich um uns hatten; und als ich deinen Vater begraben hatte, wie oft habe ich da an seinem Grabe dich ebenso umschlungen gehalten und geweint! Und daß ich jetzt schon so lange weine, das kommt daher, daß mein Mutterherz dein Unglück geahnt hat. So wie ich dich damals zum ersten Male erblickt hatte (erinnerst du dich? am Abend, gleich nachdem wir hier angekommen waren), da erriet ich gleich alles schon aus deinem Blicke, und es gab mir gleich einen Stich ins Herz; und heute, als ich dir aufmachte, da sah ich – ›Jetzt‹, dachte ich, ›ist sicher die verhängnisvolle Stunde gekommen!‹ Rodja, Rodja, du wirst doch nicht jetzt gleich wegreisen?«

»Nein.«

»Du kommst noch einmal her?«

»Ja, … ich komme.«

»Rodja, sei mir nicht böse, ich darf dich ja nicht zu viel fragen. Ich weiß, daß ich es nicht darf; aber nur ein paar kleine Wörtchen sage mir: reisest du weit von hier fort?«

»Sehr weit.«

»Was hast du denn dort? Bekommst du da ein Amt? Beginnst du da deine Laufbahn?«

»Ich nehme hin, was Gott mir sendet … Beten Sie nur für mich …«

Raskolnikow ging zur Tür; aber sie hielt ihn fest und schaute ihm mit einem verzweiflungsvollen Blick in die Augen. Ihr Gesicht war ganz entstellt von Angst.

»Nun laß es genug sein, liebe Mama!« sagte Raskolnikow und bereute tief, daß er auf den Gedanken gekommen war, hierher zu gehen.

»Du gehst doch nicht für immer fort? Doch noch nicht für immer? Du wirst doch noch einmal herkommen? Kommst du morgen her?«

»Ja, ich komme, ich komme! Leben Sie wohl!«

Endlich riß er sich los.

Der Abend war frisch, warm und heiter; das Wetter hatte sich seit dem Vormittage aufgeklärt. Raskolnikow ging nach seiner Wohnung; er eilte. Vor Sonnenuntergang wollte er alles erledigt haben. Bis dahin wollte er mit niemand mehr Zusammensein. Als er zu seiner Wohnung hinaufstieg, bemerkte er, daß Nastasja von dem Samowar, mit dem sie beschäftigt war, aufschaute, ihn aufmerksam anblickte und mit den Augen verfolgte. ›Es wird doch nicht etwa jemand bei mir sein?‹ dachte er. Der Gedanke an Porfirij Petrowitsch fuhr ihm durch den Kopf und erregte ihm heftigen Widerwillen. Aber als er zu seinem Zimmer gelangt war und die Tür öffnete, erblickte er Dunja. Sie saß ganz allein, tief in Gedanken versunken, da und mochte schon lange auf ihn gewartet haben. Er blieb auf der Schwelle stehen. Sie erschrak, erhob sich langsam vom Sofa und blieb aufgerichtet vor ihm stehen. Ihr starr auf ihn gerichteter Blick drückte Angst und untröstlichen Kummer aus. Schon allein an diesem Blicke erkannte er sofort, daß sie alles wußte.

»Soll ich zu dir hereinkommen, oder soll ich wieder weggehen?« fragte er unsicher.

»Ich habe den ganzen Tag bei Sofja Semjonowna gesessen; wir haben dort beide auf dich gewartet. Wir dachten, du würdest sicher dorthin kommen.«

Raskolnikow trat ins Zimmer und setzte sich völlig erschöpft auf einen Stuhl.

»Ich bin etwas schwach, Dunja, sehr müde; und doch möchte ich gern, wenigstens für diese Minute, meiner Kraft vollständig mächtig sein.«

Er warf ihr einen mißtrauischen Blick zu.

»Wo bist du denn die ganze Nacht gewesen?«

»Ich kann mich nicht mehr recht erinnern. Siehst du, Schwester, ich wollte zu einem definitiven Entschlusse gelangen und bin lange Zeit an der Newa auf und ab gegangen; daran erinnere ich mich. Ich wollte gleich dort ein Ende machen; aber … ich konnte mich nicht dazu entschließen …«, flüsterte er und sah dabei Dunja wieder mißtrauisch an.

»Gott sei Dank! Und wie wir beide, Sofja Semjonowna und ich, gerade das gefürchtet haben! Also hast du den Glauben an das Leben doch noch nicht verloren; Gott sei Dank, Gott sei Dank!«

Raskolnikow lächelte bitter.

»Diesen Glauben hatte ich freilich nicht; aber ich bin soeben bei unserer Mutter gewesen, und wir haben uns umarmt und zusammen geweint. Ich erhoffe vom Leben nichts mehr; aber doch habe ich sie gebeten, für mich zu beten. Gott weiß, wie das alles zusammenstimmt, Dunjetschka; ich begreife nichts davon.«

»Du bist bei der Mutter gewesen? Du hast es ihr gesagt?« rief Dunja erschrocken. »Hast du es wirklich übers Herz gebracht, es ihr zu sagen?«

»Nein, ich habe es ihr nicht gesagt, … nicht mit eindeutigen Worten; aber sie hat manches davon durchschaut. Sie hat in der Nacht gehört, wie du im Traum gesprochen hast. Ich bin überzeugt, daß sie bereits die Hälfte versteht. Ich habe vielleicht übel daran getan, daß ich zu ihr gegangen bin. Ich könnte eigentlich selbst nicht recht sagen, warum ich es getan habe. Ich bin ein gemeiner Mensch, Dunja!«

»Du ein gemeiner Mensch und bist doch willens, hinzugehen und das Leid auf dich zu nehmen! Du willst doch hingehen?«

»Ja, ich will hingehen. Sogleich. Um dieser Schande zu entgehen, wollte ich mich schon ertränken, Dunja; aber als ich schon am Wasser stand, dachte ich: ›Hast du dich bis jetzt für stark gehalten, so darfst du dich jetzt auch nicht vor der Schande fürchten.‹ War das Stolz, Dunja?«

»Ja, das war Stolz, Rodja.«

Es war, als leuchtete ein Feuer in seinen matten Augen auf; er schien sich darüber zu freuen, daß er noch stolz sein konnte.

»Und du glaubst nicht, Schwester, daß ich einfach Angst vor dem Wasser hatte?« fragte er und blickte ihr mit einem entstellenden Lächeln ins Gesicht.

»Ach, Rodja, hör auf!« rief Dunja bitter.

Sie schwiegen etwa zwei Minuten lang. Er saß mit gesenktem Kopfe da und blickte auf den Fußboden; Dunja stand am anderen Ende des Tisches und betrachtete ihn mit tiefem Mitleide. Plötzlich stand er auf:

»Es ist schon spät, es wird Zeit! Ich gehe gleich hin und zeige mich an. Aber warum ich das tue, das weiß ich nicht.«

Große Tränen liefen über Dunjas Wangen.

»Du weinst, Schwester? Kannst du es über dich gewinnen, mir die Hand zu geben?«

»Hast du daran gezweifelt?«

Sie umarmte ihn innig.

»Machst du nicht dadurch, daß du hingehst und dich dem Leide darbietest, dein Verbrechen schon zur Hälfte wieder gut?« rief sie, indem sie ihn fest an sich drückte und küßte.

»Mein Verbrechen? Was für ein Verbrechen?« rief er auf einmal in einer Art von plötzlichem Wutanfall. »Daß ich eine garstige, gemeinschädliche Laus getötet habe, eine alte Wucherin, die niemandem etwas nütze war, für deren Ermordung einem eigentlich viele Sünden vergeben werden müßten, die armen Leuten das Lebensblut aussog, das soll ein Verbrechen sein? Ich halte es nicht dafür und habe gar nicht vor, es wiedergutzumachen. Warum schreit man mir denn von allen Seiten zu: ›Ein Verbrechen, ein Verbrechen!‹ Jetzt erst erkenne ich klar, wie grundtöricht mein Kleinmut war, jetzt, wo ich mich schon entschlossen habe, ganz unnötigerweise diese Schande auf mich zu nehmen! Lediglich weil ich ein minderwertiger, talentloser Mensch bin, habe ich mich dazu entschlossen, und vielleicht auch noch, weil ich dadurch auf einen Vorteil spekuliere, wie mir das dieser … Porfirij … nahegelegt hat! …«

»Bruder, Bruder! Was redest du da! Du hast doch Blut vergossen!« rief Dunja voller Verzweiflung.

»Blut vergießen sie alle«, fiel er ihr fast rasend ins Wort. »Blut wird in der Welt vergossen massenhaft wie ein Wasserfall und ist immer so vergossen worden; Blut wird vergossen wie Champagner, und für das Blutvergießen wird man auf dem Kapitol gekrönt und nachher ein Wohltäter der Menschheit genannt. Mach doch nur die Augen auf und sieh genauer hin! Ich selbst wollte den Menschen Gutes erweisen und hätte hundert, tausend gute Taten vollbracht zum Ausgleich für diese eine Dummheit, die nicht einmal eine Dummheit war, sondern lediglich eine Ungeschicklichkeit; denn der ganze Gedanke war gar nicht so dumm, wie er jetzt nach dem Mißlingen aussieht … (was mißlingt, sieht immer dumm aus!). Durch diese Dummheit wollte ich mir nur eine unabhängige Position schaffen, den ersten Schritt tun, die Mittel erlangen, und später wäre dann alles durch einen unverhältnismäßig viel größeren Nutzen aufgewogen worden … Aber meine Kraft hat nicht einmal für den ersten Schritt ausgereicht, weil ich eben nur so ein Lump bin. Das ist der Kernpunkt! Ich kann die Sache nicht von eurem Standpunkte aus ansehen; wäre es mir gelungen, so würde man mich bekränzen; aber jetzt muß ich in den Kerker!«

»Aber die Sache liegt doch anders, ganz anders! Bruder, was redest du da nur!«

»Aha, es war wohl nicht die richtige Form, keine ästhetisch schöne Form! Nun, ich kann schlechterdings nicht absehen, warum es eine anständigere Form sein soll, wenn man die Menschen mit Bomben oder mittelst einer regulären Belagerung ums Leben bringt. Die ängstliche Rücksicht auf die Ästhetik ist das erste Zeichen von Schwäche! … Niemals, niemals habe ich das klarer begriffen als jetzt, und weniger als je verstehe ich, worin denn mein Verbrechen bestehen soll! Niemals, niemals war ich fester in meiner Überzeugung als jetzt!«

Sein blasses, abgemagertes Gesicht hatte ordentlich Farbe gewonnen. Aber als er den letzten Satz sprach, begegnete sein Blick unversehens dem Blicke Dunjas, und er las darin so viel qualvolles Mitleid mit ihm, daß er unwillkürlich wieder zur Besinnung kam. Er fühlte, daß er trotz seiner schönen Theorien diese beiden armen Frauen unglücklich gemacht hatte; er blieb immer doch die Ursache ihres Leides.

»Dunja, Liebe! Bin ich schuldig, so vergib mir (freilich, wenn ich wirklich schuldig bin, so kann ich eigentlich gar keine Vergebung finden). Leb wohl! Wir wollen nicht miteinander streiten! Es ist Zeit für mich, höchste Zeit. Folge mir nicht, ich bitte dich dringend; ich muß noch jemand aufsuchen … Geh jetzt und setze dich gleich zu unserer Mutter. Darum bitte ich dich inständig! Das ist meine letzte, größte Bitte an dich. Weiche diese ganze Zeit über nicht von ihr; ich habe sie in einer Unruhe verlassen, die sie kaum überstehen wird: sie wird entweder sterben oder den Verstand verlieren. Bleibe um sie. Rasumichin wird euch eine Stütze sein; ich habe ihn darum gebeten … Weine nicht um mich; ich werde mich bemühen, mannhaft und ehrenhaft zu sein mein ganzes Leben lang, obgleich ich ein Mörder bin. Vielleicht hörst du noch einmal meinen Namen. Ich werde euch keine Schande machen, das sollst du sehen; ich werde schon noch zeigen, daß ich … Jetzt vorläufig auf Wiedersehen!« schloß er hastig, da er bei seinen letzten Worten und Versprechungen wieder einen eigentümlichen Ausdruck in Dunjas Augen bemerkte. »Warum weinst du denn so? Weine nicht, weine nicht; wir trennen uns ja nicht für immer! … Ach ja, warte, das hatte ich vergessen!«

Er trat an den Tisch, ergriff ein dickes, verstaubtes Buch, schlug es auf und nahm ein kleines Porträt heraus, das zwischen den Blättern lag. Es war ein auf Elfenbein gemaltes Aquarell und stellte die Tochter seiner Wirtin dar, seine frühere Braut, die am Fieber gestorben war, eben jenes seltsame junge Mädchen, das in ein Kloster hatte gehen wollen.

Etwa eine Minute lang betrachtete er dieses ausdrucksvolle, kränkliche Gesichtchen; dann küßte er das Bild und reichte es Dunja hin.

»Mit diesem Mädchen habe ich viel auch über meine Ideen gesprochen, mit ihr allein«, sagte er, in Nachsinnen verloren. »Dieser treuen Seele habe ich viel von dem mitgeteilt, was später in so häßlicher Weise zur Wirklichkeit geworden ist. Beunruhige dich nicht«, wandte er sich an Dunja, »sie stimmte mir nicht bei, ebensowenig wie du, und ich freue mich, daß sie nicht mehr am Leben ist. Die Hauptsache ist, daß jetzt alles einen neuen Anfang nimmt, mein ganzes bisheriges Dasein zerbrochen und beseitigt wird«, rief er plötzlich, wieder in seine verzweifelte Stimmung zurücksinkend, »mein ganzes bisheriges Dasein! Aber bin ich auch dazu vorbereitet? Ist das auch mein eigener Wille? Es heißt, es sei notwendig zu meiner Prüfung! Aber wozu, wozu all diese sinnlosen Prüfungen? Wozu das? Werde ich denn nach zwanzigjähriger Zwangsarbeit, niedergebeugt durch die Qualen und das stumpfsinnige Leben, ein vorzeitiger, kraftloser Greis, werde ich denn dann ein besseres Verständnis haben als jetzt? Und wozu soll ich dann noch leben? Warum willige ich denn jetzt ein, so zu leben? Oh, ich wußte, daß ich ein Lump bin, als ich heute im Morgengrauen an der Newa stand!«

Endlich gingen sie beide hinaus. So schwer es ihr der Bruder machte. Dunja liebte ihn dennoch! Sie ging weg; nachdem sie aber fünfzig Schritte gegangen war, wandte sie sich noch einmal um, um ihm nachzusehen. Sie konnte ihn noch erblicken. Und als er an die Straßenecke gelangt war, wandte er sich gleichfalls um, und ihre Blicke trafen sich zum letzten Male. Sowie er jedoch bemerkte, daß sie nach ihm sah, winkte er ihr ungeduldig, ja ärgerlich mit der Hand, sie möchte weitergehen, und bog selbst rasch um die Ecke.

›Ich habe einen schlechten Charakter, das sehe ich wohl‹, dachte er eine Minute darauf, indem er sich seiner Handbewegung gegen Dunja schämte. ›Aber weshalb lieben mich denn meine Mutter und meine Schwester so, wenn ich es nicht verdiene? Ach, hätte ich doch allein dagestanden, und hätte niemand mich geliebt, und hätte ich selbst nie jemand geliebt! Dann wäre das alles nicht geschehen! Ich möchte wohl wissen, ob diese bevorstehenden fünfzehn oder zwanzig Jahre meine Seele so niederbeugen werden, daß ich dann demütig vor den Leuten winsele und mich selbst fortwährend einen Räuber nenne. Jedenfalls! Darum eben schicken sie mich ja jetzt nach Sibirien; gerade das bezwecken sie … Da rennen nun alle die Menschen auf den Straßen hin und her, und jeder von ihnen ist schon seiner ganzen Charakteranlage nach ein Schurke und Räuber, ja noch Schlimmeres: ein Idiot! Aber das Gericht sollte einmal versuchen, mir die Verschickung nach Sibirien zu ersparen – da würden sie alle aus der Haut fahren vor edler Entrüstung! Oh, wie ich sie alle hasse!‹

Er versank in Nachdenken über die Frage, durch welchen Entwicklungsprozeß es wohl dahin kommen könne, daß er sich schließlich vor allen diesen Menschen widerspruchslos demütige, sich aus Überzeugung demütige. ›Nun ja‹, sagte er sich, ›warum sollte es denn auch nicht dahin kommen? Gewiß, das muß ja so sein. Als ob zwanzig Jahre ununterbrochenen Druckes einen Menschen nicht gründlich mürbe machen könnten! Steter Tropfen höhlt den Stein. Aber wozu, wozu soll ich denn dann nach alledem noch weiterleben? Warum gehe ich jetzt hin, wenn ich doch selbst weiß, daß alles genau so kommen wird, wie es im Buche steht, und nicht anders!‹

Er legte sich diese Frage seit dem vorhergehenden Abend vielleicht schon zum hundertsten Male vor; aber er ging dennoch hin.

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Kapitel 39

VIII

Als er zu Sonja ins Zimmer trat, begann es schon zu dämmern. Den ganzen Tag über hatte Sonja in schrecklicher Aufregung auf ihn gewartet, zusammen mit Dunja. Diese war schon am Morgen zu ihr gekommen, da sie sich der Angabe Swidrigailows erinnerte, daß Sonja über Raskolnikows Tat alles wisse. Wir beabsichtigen nicht, das Gespräch der beiden Mädchen in seinen Einzelheiten zu schildern, auch nicht, wie sie miteinander weinten und wie sie einander seelisch näherrückten. Dunja nahm von diesem Zusammensein wenigstens den einen Trost mit, daß ihr Bruder nicht allein sein werde: zu Sonja war er zuerst mit seiner Beichte gegangen; in ihr hatte er einen Menschen gesucht, als er einen Menschen brauchte; und sie war auch entschlossen, ihm zu folgen, wohin auch immer das Schicksal ihn führen würde. Dunja fragte danach gar nicht erst; sie wußte, daß es so sein werde. Sie blickte auf Sonja sogar mit einer Art von Ehrfurcht und setzte diese am Anfang durch ihr respektvolles Benehmen stark in Verwirrung. Sonja war nahe daran, in Tränen auszubrechen; sie hielt sich ihrerseits für unwürdig, Dunja auch nur anzublicken. Das schöne Bild Dunjas, wie diese bei ihrer ersten Begegnung in Raskolnikows Zimmer sich so höflich und achtungsvoll von ihr verabschiedete, hatte sich seitdem ihrer Seele für das ganze Leben eingeprägt, als eine der schönsten, beglückendsten Erinnerungen.

Dunja hatte es schließlich nicht länger aushalten können und war von Sonja weggegangen, um ihren Bruder in seiner Wohnung zu erwarten; sie meinte immer, dorthin würde er doch zuerst kommen. Als Sonja allein geblieben war, begann sie sich sogleich mit dem Gedanken zu ängstigen, er werde vielleicht wirklich Selbstmord begehen. Dieselbe Befürchtung hegte auch Dunja. Aber die beiden Mädchen hatten den ganzen Tag über mit allen möglichen Gründen wetteifernd einander zu überzeugen gesucht, daß dies ausgeschlossen sei, und hatten sich ruhiger gefühlt, solange sie beisammen waren. Jetzt aber, sowie sie sich getrennt hatten, hatte sowohl die eine wie die andere keinen anderen Gedanken. Sonja erinnerte sich, wie Swidrigailow am Vortage zu ihr gesagt hatte, Raskolnikow habe nur zwei Wege vor sich: Sibirien oder –. Zudem kannte sie seine Eitelkeit, seinen Hochmut, sein Ehrgefühl und seinen Unglauben.

›Sind denn wirklich Kleinmut und Furcht vor dem Tode die einzigen Beweggründe, die ihn veranlassen können weiterzuleben?‹ dachte sie schließlich verzweiflungsvoll.

Unterdes war die Sonne schon tief gesunken. Sonja stand traurig am Fenster und blickte unverwandt hinaus; aber da war nichts zu sehen als die ungetünchte, fensterlose Seitenmauer des vorspringenden Nachbarhauses. Endlich, als sie von dem Tode des Unglücklichen schon ganz fest überzeugt war, trat er zu ihr ins Zimmer.

Ein Freudenschrei entrang sich ihrer Brust. Aber als sie ihm forschend ins Gesicht blickte, wurde sie plötzlich blaß.

»Nun ja«, sagte Raskolnikow lächelnd, »ich komme, mir dein Kreuz zu holen, Sonja. Du hast mich ja selbst auf den Kreuzweg geschickt; ist dir etwa jetzt, wo es soweit ist, bange geworden?«

Sonja blickte ihn bestürzt an. Dieser Ton erschien ihr so seltsam; ein Frostzittern lief über ihren Körper hin; aber einen Augenblick darauf durchschaute sie es schon, daß dieser Ton und diese Worte erkünstelt waren. Auch sah er, während er zu ihr sprach, nach einer Ecke hin und vermied es anscheinend, ihr ins Gesicht zu blicken.

»Siehst du, Sonja, ich habe mir gesagt, daß es so für mich wohl auch am vorteilhaftesten sein wird. Es kommt nämlich in Betracht … Aber es dauert zu lange, das auseinanderzusetzen, und es hat auch keinen Zweck. Weißt du, mich ärgert bloß eines. Was mich ärgert, ist, daß alle diese dummen, viehischen Fratzen mich sofort umringen und mit ihren Glotzaugen anstarren werden, daß diese Bande mir ihre dummen Fragen vorlegen wird, auf die ich dann Antwort geben muß, und daß die Leute mit Fingern auf mich zeigen werden … Pfui Teufel! Weißt du, ich werde nicht zu Porfirij gehen; den habe ich satt bekommen. Ich will lieber zu meinem Freunde Schießpulver gehen; den werde ich in Erstaunen versetzen; da werde ich einen ganz eigenartigen Effekt erzielen. Ich müßte nur mehr Kaltblütigkeit dabei zeigen; aber ich bin in der letzten Zeit gar zu reizbar geworden. Kannst du das glauben: ich habe soeben meiner Schwester beinahe mit der Faust gedroht, bloß weil sie sich umwandte, um mir noch einen letzten Blick zuzuwerfen. Ein ganz abscheulicher Zustand! Ja, ja, so weit ist es mit mir gekommen! Nun also, wo hast du die Kreuze?«

Er hatte sich selbst gar nicht in der Gewalt. Nicht einen Augenblick konnte er ruhig auf einem Flecke stehen, konnte seine Aufmerksamkeit nicht auf einen einzelnen Gegenstand konzentrieren; seine Gedanken hüpften einer über den anderen weg; er verwirrte sich beim Reden; seine Hände zitterten leicht.

Sonja nahm schweigend aus einem Kasten zwei Kreuze heraus, eines aus Zypressenholz und ein kupfernes, bekreuzigte sich selbst, bekreuzigte ihn und hängte ihm das aus Zypressenholz auf die Brust.

»Das ist also nun das Symbol dafür, daß ich das Kreuz auf mich nehme, he-he! Als hätte ich bis jetzt wenig gelitten! Aus Zypressenholz, wie es gewöhnliche Leute tragen; das kupferne hat also Lisaweta gehört; das nimmst du nun für dich; zeig es doch mal her! Also das hat Lisaweta früher getragen … Ich besinne mich auch auf zwei ähnliche solche Kreuze und ein silbernes Heiligenbildchen. Ich warf sie damals dem alten Weibe auf die Brust. Die würden mir jetzt zupaß kommen, wahrhaftig, die sollte ich mir umhängen … Aber ich schwatze und schwatze und vergesse den Zweck meines Besuches; ich bin so zerstreut! … Siehst du, Sonja, ich bin eigentlich bloß hergekommen, um es dir vorher mitzuteilen, damit du es weißt … Also das war der ganze Zweck … Bloß deshalb bin ich hergekommen. (Hm! Ich dachte übrigens, ich würde dir noch mehr zu sagen haben.) Du hast ja doch selbst gewollt, daß ich hingehen solle; na, da werde ich nun also im Gefängnis sitzen, und dein Wunsch wird erfüllt werden. Aber warum weinst du denn? Du auch? Hör doch auf, laß es genug sein; ach, wie schwer ist das alles für mich!«

Indes ward doch bei ihm das Mitleid rege; sein Herz zog sich bei ihrem Anblicke schmerzlich zusammen. ›Auch die weint? Auch die? Warum?‹ dachte er bei sich. ›Was bin ich ihr? Warum weint sie? Warum ist sie um mich besorgt wie die Mutter und Dunja? Sie wird wohl meine Kinderfrau werden!‹

»Bekreuzige dich und bete doch nur ein einziges Mal!« bat Sonja mit zitternder, schüchterner Stimme.

»Oh, meinetwegen, soviel du nur wünschest! Und ich tue es von Herzen, Sonja, von Herzen …«

Indessen wollte er eigentlich etwas ganz anderes sagen.

Er bekreuzigte sich mehrere Male. Sonja ergriff ihr Tuch und legte es sich um den Kopf. Es war ein grünes Tuch von drap de dame, wahrscheinlich dasselbe, von dem Marmeladow damals gesprochen hatte, das Familientuch. Eine flüchtige Erinnerung daran kam Raskolnikow in den Sinn; aber er fragte weiter nicht. Er begann sich nun seiner schrecklichen Zerstreutheit und ungewöhnlichen Aufregung bewußt zu werden und bekam einen großen Schreck darüber. Auch überraschte es ihn, daß Sonja mit ihm gehen wollte.

»Was hast du denn? Wo willst du hin? Bleib nur hier, bleib hier! Ich gehe allein!« rief er ängstlich und ärgerlich und ging beinahe erbost zur Tür. »Was soll ich denn da mit einer ganzen Eskorte!« murmelte er beim Hinausgehen.

Sonja blieb mitten im Zimmer stehen. Er hatte nicht einmal Abschied von ihr genommen und dachte schon gar nicht mehr an sie; nur ein peinigender, rebellischer Zweifel versetzte seine Seele in arge Unruhe.

›Ist das auch wirklich das richtige?‹ dachte er wieder, während er die Treppe hinunterging. ›Kann ich nicht noch einhalten und alles wieder umändern … und diesen Gang unterlassen?‹

Aber er ging trotzdem. Es kam ihm auf einmal die bestimmte Empfindung, daß es zwecklos sei, sich weitere Fragen vorzulegen. Als er auf die Straße hinaustrat, fiel ihm ein, daß er von Sonja nicht Abschied genommen hatte und daß sie mitten im Zimmer in ihrem grünen Tuche stehengeblieben war und nicht gewagt hatte, sich zu rühren, nachdem er sie so angefahren hatte. Bei dieser Erinnerung stockte einen Augenblick sein Schritt. Aber gleichzeitig leuchtete in seinem Gehirn grell noch ein anderer Gedanke auf, der nur auf diesen Zeitpunkt gewartet zu haben schien, um ihn vollständig aus der Fassung zu bringen.

›Nun, warum, wozu bin ich jetzt eben bei ihr gewesen? Ich habe zu ihr gesagt, mein Besuch hätte einen Zweck; was hatte er denn für einen Zweck? Überhaupt gar keinen! Ihr mitzuteilen, daß ich nun hingehe, nicht wahr? Diese Mitteilung war auch höchst nötig! Liebe ich etwa dieses Mädchen? Doch wohl nicht! Ich habe sie ja soeben wie einen Hund von mir gewiesen. War es mir denn ein wirkliches Bedürfnis, von ihr das Kreuz zu bekommen? Oh, wie tief bin ich gesunken! Nein, ich hatte das Bedürfnis, ihre Tränen und ihre Angst zu sehen; ich wollte sehen, wie ihr das Herz weh tut und wie sie leidet! Ich hatte das Bedürfnis, mich an irgend etwas anzuklammern, die Ausführung meines Entschlusses noch hinzuzögern, noch einen Menschen zu sehen! Und ich, ich habe es gewagt, so gewaltige Hoffnungen auf mich zu setzen, mich so phantastischen Träumereien über meine Zukunft hinzugeben – und bin ein armseliges, wertloses Subjekt, ein Lump, ein Lump!‹

Er schritt die Kanalstraße entlang und hatte nicht mehr weit bis zu seinem Ziele. Als er aber bis zur Brücke gekommen war, blieb er stehen, bog zur Seite ab auf die Brücke und ging nach dem Heumarkte.

Begierig schaute er nach rechts und nach links und richtete mit Anstrengung seine Blicke auf einen jeden Gegenstand, konnte aber mit einer Aufmerksamkeit bei keinem ausharren; alles entglitt ihm sofort wieder. ›In einer Woche, in einem Monat werde ich im Gefängniswagen über diese Brücke fahren; mit welchen Gefühlen werde ich dann auf diesen Kanal blicken? Ich sollte mir sein Bild bis dahin einprägen!‹ fuhr es ihm durch den Kopf. ›Dieses Ladenschild da, mit welchen Gefühlen werde ich dann diese selben Buchstaben lesen? In der Aufschrift ist ein orthographischer Fehler, ein falsches a; ich möchte mir diesen Buchstaben a merken und ihn nach einem Monat wieder ansehen; mit welchen Gefühlen werde ich es dann wohl tun? Was werde ich dann empfinden und denken? … Mein Gott, wie unwürdig und gemein das alles ist, … daß ich mich um solche Dinge jetzt noch kümmere! Freilich, dies alles ist auch wieder sehr interessant … in seiner Art … (Ha-ha-ha! Was kommen mir bloß für Gedanken in den Kopf!) Ich werde geradezu zum Kinde und tue vor mir selber groß. Na, aber warum schelte ich mich deswegen? Oh, oh! Was ist hier für ein Gedränge! Da, der dicke Kerl, der mich gestoßen hat (gewiß ein Deutscher), ob der wohl weiß, wen er gestoßen hat? Hier bettelt eine Frau mit einem Kinde; es ist doch interessant, daß sie mich für glücklicher hält als sich. Der Kuriosität halber sollte ich ihr etwas geben. Sieh, da hat sich ja noch ein Fünfkopekenstück in meiner Tasche erhalten; wie geht das zu? Da, nimm, Mütterchen, da!‹

»Gott lohne es Ihnen!« sagte die Bettlerin in weinerlichem Tone.

Er betrat den Heumarkt. Es war ihm unangenehm, sehr unangenehm, sich zwischen dem Volk hindurchzudrängen; aber er ging geflissentlich dahin, wo das größte Gewühl war. Er hätte wer weiß was darum gegeben, allein zu sein; aber er fühlte selbst, daß er es nicht einen Augenblick allein würde aushalten können. Inmitten eines Volkshaufens vollführte ein Betrunkener seine Narrheiten: er versuchte fortwährend zu tanzen, fiel aber immer seitwärts auf die Erde. Ein dichter Kreis von Zuschauern umgab ihn. Raskolnikow drängte sich durch den Haufen hindurch, sah dem Betrunkenen ein Weilchen zu und lachte plötzlich kurz und schrill auf. Einen Augenblick darauf hatte er ihn bereits vergessen; ja, er sah ihn gar nicht mehr, wiewohl er die Augen auf ihn gerichtet hielt. Er trat schließlich zurück, ohne daß er sich bewußt gewesen wäre, wo er sich überhaupt befand; aber als er bis zur Mitte des Platzes gelangt war, ging plötzlich in seinem Innern eine Bewegung vor; eine bestimmte Empfindung ergriff ihn mit einem Male und nahm ihn mit Leib und Seele in ihren Bann.

Es waren ihm Sonjas Worte eingefallen: »Geh zu einem Kreuzwege, verbeuge dich vor allem Volke, küsse die Erde, weil du dich auch gegen sie versündigt hast, und sage laut zu der ganzen Welt: ›Ich bin ein Mörder!‹« Er zitterte am ganzen Körper bei dieser Erinnerung. Und bis zu einem solchen Grade hatte ihn die verzweifelte Angst und Unruhe dieser ganzen Zeit, und besonders der letzten Stunden, bereits mürbe gemacht, daß er sich mit einer wahren Begierde in diese reine, neue, kräftige Empfindung hineinstürzte. Wie ein Anfall war es plötzlich über ihn gekommen; es war, als hätte sich in seiner Seele ein Funke entzündet und dann mit gewaltiger Geschwindigkeit die Flamme ihn ganz und gar ergriffen. Sein ganzes Inneres wurde auf einmal weich, und die Tränen stürzten ihm hervor. An dem Flecke, wo er stand, fiel er auf den Boden.

Mitten auf dem Platze kniete er nieder, verbeugte sich bis zur Erde und küßte diese schmutzige Erde glückselig und voll Wonne. Dann stand er auf und verbeugte sich ein zweites Mal.

»Na, der hat sich gehörig beduselt!« bemerkte neben ihm ein junger Bursche.

Die Leute lachten.

»Der geht nach Jerusalem, Brüder, und nimmt vorher von seinen Kindern und von seiner Heimat Abschied, verneigt sich vor der ganzen Welt und küßt die Residenzstadt Petersburg und ihren Boden!« fügte ein etwas angetrunkener Kleinbürger hinzu.

»Es ist doch noch so ein junges Bürschchen!« meinte ein dritter.

»Einer aus den höheren Ständen!« bemerkte jemand mit ernster, ruhiger Stimme.

»Das kann man heutzutage nicht mehr unterscheiden, ob einer zu den höheren Ständen gehört oder nicht.«

Alle diese Ausrufe und Bemerkungen hielten Raskolnikow von Weiterem zurück, und die Worte: »Ich habe einen Mord begangen«, die ihm vielleicht schon auf den Lippen schwebten, erstickten ungesprochen. Er ertrug indessen alle diese Äußerungen des Publikums mit Ruhe und ging, ohne sich umzusehen, durch eine Seitengasse geradeswegs nach dem Polizeibureau. Unterwegs glaubte er einen Augenblick lang eine huschende Gestalt zu sehen; aber er wunderte sich darüber nicht; er hatte schon geahnt, daß es wohl so kommen werde. Während er sich auf dem Heumarkte zum zweiten Male bis zur Erde verneigte, hatte er bei einer zufälligen Wendung nach links in einer Entfernung von etwa fünfzig Schritten Sonja erblickt. Sie hatte sich dann vor ihm hinter einer der hölzernen Buden versteckt, die auf dem Platze standen. Also hatte sie ihn auf seinem ganzen Leidenswege begleitet! Raskolnikow fühlte und begriff in diesem Augenblicke für immer, daß Sonja jetzt lebenslänglich bei ihm bleiben und ihm bis ans Ende der Welt folgen werde, mochte ihn das Schicksal führen, wohin es wollte. Sein Herz erbebte …, aber da war er auch bereits an der verhängnisvollen Stelle angelangt …

Ziemlich gefaßten Mutes betrat er den Hof. Er mußte zum vierten Stockwerk hinaufsteigen.

›Vorläufig steige ich nur erst die Treppe hinauf‹, dachte er. Überhaupt hatte er die Vorstellung, als läge der Augenblick der Entscheidung noch in weiter Ferne, als bliebe ihm noch viel Zeit bis dahin und als könne er sich noch vieles überlegen.

Wieder derselbe Schmutz, dieselben Eierschalen auf der Wendeltreppe, wieder standen die Türen zu den Wohnungen weit offen, wieder dieselben Küchen, aus denen Qualm und übler Geruch herausdrang. Raskolnikow war seit jenem Tage nicht wieder hier gewesen. Die Beine waren ihm ganz taub geworden und knickten ein, gingen aber mechanisch weiter. Er blieb einen Augenblick stehen, um Atem zu schöpfen und sein Äußeres in Ordnung zu bringen, damit er »als Mensch« eintreten könne. ›Aber wozu? Was hat das für Zweck?‹ dachte er plötzlich, als er sich seines Tuns bewußt wurde. ›Wenn ich doch einmal diesen Kelch leeren muß, ist es dann nicht ganz gleich, wie ich aussehe? Je garstiger, um so besser!‹ Unwillkürlich kam ihm in diesem Augenblicke die Gestalt des Polizeileutnants Ilja Petrowitsch Schießpulver in den Sinn. ›Soll ich wirklich zu dem hingehen? Könnte ich nicht vielleicht zu einem anderen gehen? Nicht vielleicht zum Revieraufseher Nikodim Fomitsch selbst? Wie wär’s, wenn ich gleich umkehrte und zu dem in die Wohnung ginge? Wenigstens wickelt sich die Sache dann mehr in privater Form ab … Nein, nein! Zu Leutnant Schießpulver, zu Leutnant Schießpulver! Muß ich den Kelch trinken, dann auch mit einem Male ganz …‹

Von Frost geschüttelt und sich kaum seiner selbst bewußt, öffnete er die Tür zum Bureau. Diesmal waren nur sehr wenige Leute darin; nur ein Hausknecht stand da und noch so ein Mann aus dem niederen Volke. Der Wächter blickte nicht einmal aus seinem Verschlage heraus. Raskolnikow ging weiter in das folgende Zimmer. ›Vielleicht ist es noch möglich, daß ich nichts davon sage‹, fuhr es ihm durch den Kopf. Hier schickte sich ein Schreiber in Zivil gerade an, seine Schreibarbeit am Pulte zu beginnen. In einer Ecke setzte sich noch ein anderer Schreiber zurecht. Sametow war nicht da. Nikodim Fomitsch war natürlich gleichfalls nicht anwesend.

»Ist niemand hier?« fragte Raskolnikow, sich an den Schreiber am Pulte wendend.

»Wen wünschen Sie zu sprechen?«

»Ah, ah, ah! ›Er sah ihn nicht, er hörte ihn nicht, aber er witterte den russischen Duft‹, … wie heißt es doch da im Märchen, … ich weiß nicht mehr genau! Ergebenster Diener!« rief auf einmal eine bekannte Stimme.

Raskolnikow begann zu zittern. Vor ihm stand Leutnant Schießpulver, der soeben aus dem dritten Zimmer hereingekommen war. ›Das ist mein Verhängnis‹, dachte Raskolnikow, ›warum muß der hier sein?‹

»Wollten Sie zu uns? Was führt Sie her?« rief Ilja Petrowitsch. Er war anscheinend in vorzüglicher und sogar ein wenig angeheiterter Stimmung. »Wenn es etwas Amtliches ist, so sind Sie etwas zu früh hergekommen. Ich selbst bin nur zufällig hier … Aber was in meinen Kräften steht … Übrigens, ich muß Ihnen gestehen, … wie war doch … wie war doch? Entschuldigen Sie …«

»Raskolnikow.«

»Na natürlich, Raskolnikow! Wie können Sie nur glauben, daß ich Ihren Namen vergessen hätte! So etwas müssen Sie von mir nicht denken … Rodion Ro… Ro… Rodionowitsch, so war es ja doch wohl?«

»Rodion Romanowitsch.«

»Ja, ja, ja! Rodion Romanowitsch, Rodion Romanowitsch! So wollte ich ja auch sagen! Ich habe mich sogar mehrmals nach Ihnen erkundigt. Offen gestanden, es hat mir nachher aufrichtig leid getan, daß ich damals mit Ihnen so … Es ist mir später alles erklärt worden, und ich habe gehört, daß Sie ein junger Schriftsteller sind, sogar ein Gelehrter, … und daß Sie sozusagen am Anfange Ihrer Laufbahn … Du mein Gott, welcher Schriftsteller und Gelehrte hätte nicht am Anfange seiner Laufbahn seine Besonderheiten gehabt! Meine Frau und ich, wir schwärmen beide für Literatur, meine Frau sogar leidenschaftlich! … Für Literatur und Kunst! Aus anständiger Familie muß man natürlich sein; alles andere aber kann man durch Talent, Wissen, Verstand und Genie erreichen! Na, zum Beispiel ein Hut – was hat ein Hut für einen Wert? Ein Hut ist ein Topfdeckel; den kann ich mir im Laden von Zimmermann kaufen; aber was unter dem Hute steckt und vom Hute verborgen wird, das kann man nicht kaufen! … Offen gestanden, ich wollte sogar schon zu Ihnen gehen, um mich zu entschuldigen; aber ich dachte, Sie würden vielleicht … Aber ich vergesse ganz zu fragen: haben Sie wirklich ein Anliegen an uns? Ich höre, Ihre Angehörigen sind zu Ihnen hierher nach Petersburg gekommen?«

»Ja, meine Mutter und meine Schwester.«

»Ich habe sogar die Ehre und das Glück gehabt, Ihre Schwester kennenzulernen – eine sehr gebildete, reizende junge Dame. Offen gestanden, ich habe lebhaft bedauert, daß wir beide, Sie und ich, damals so hitzig wurden. Ein eigentümlicher Fall! Und daß ich Ihnen damals anläßlich Ihrer Ohnmacht so einen besonderen Blick zuwarf – nun, es hat sich ja nachher alles auf das glänzendste aufgeklärt! Es war von meiner Seite zu hitzig, Übereifer! Ihre Entrüstung ist mir durchaus verständlich. Ziehen Sie vielleicht infolge der Ankunft der Ihrigen in eine andere Wohnung?«

»N–nein, ich bin nur gekommen … Ich wollte nur fragen … Ich glaubte, ich würde Sametow hier finden.«

»Ach ja! Sie haben sich ja miteinander angefreundet; ich habe davon gehört. Na, Sametow ist nicht mehr bei uns; den finden Sie hier nicht mehr vor. Ja, diesen Alexander Grigorjewitsch Sametow haben wir verloren! Seit gestern ist er fort; er ist versetzt worden und hat sich bei der Gelegenheit mit allen gezankt, … in recht unhöflicher Weise. Ein windiges Kerlchen, weiter nichts; man hoffte ja, es würde etwas aus ihm werden; aber gehen Sie mir mit diesen Leuten, mit unserem brillanten jungen Nachwuchs! Er will da irgendein Examen ablegen; aber in unserem Fache ist das so: wenn man nur ein bißchen was hinschwatzt und mit ein paar großtönenden Phrasen um sich wirft, so hat man damit das ganze Examen bestanden. Dagegen Sie zum Beispiel oder Ihr Freund, Herr Rasumichin, Sie sind ja ganz andere Leute! Ihre Laufbahn liegt auf dem Gebiete der Wissenschaft, und kein Mißerfolg kann Sie beirren! Alle Genüsse des Lebens sind Ihnen sozusagen ein wesenloses Nichts; Sie sind ein Asket, ein Mönch, ein Einsiedler! … Ihr ein und alles sind die Bücher, die Feder hinter dem Ohr, gelehrte Untersuchungen – in solchen Regionen schwebt Ihr Geist! Teilweise bin ich selbst so … Haben Sie Livingstones Reiseberichte gelesen?«

»Nein.«

»Aber ich habe sie gelesen. Übrigens haben sich heutzutage die Nihilisten ganz gewaltig ausgebreitet; na, es ist ja auch begreiflich; was sind das jetzt für Zeiten? frage ich Sie. Übrigens, ich rede mit Ihnen so frei von der Leber weg, … Sie sind ja doch gewiß kein Nihilist! Antworten Sie aufrichtig, ganz aufrichtig!«

»N-nein …«

»Wissen Sie, reden Sie mit mir ganz offen; genieren Sie sich gar nicht; reden Sie, als ob Sie mit sich selbst sprächen! Das sind zwei Dinge, die ich sehr wohl zu sondern weiß: Dienst und … Sie haben gewiß gedacht, ich wollte sagen: Freundschaft; nein, da haben Sie doch falsch geraten! Nicht Freundschaft, sondern das Gefühl, daß man Bürger und Mensch ist, die Humanität und die Liebe zu Gott dem Allmächtigen. Ich kann eine offizielle Persönlichkeit sein und ein Amt bekleiden, bin aber dabei doch verpflichtet, mich als Bürger und Mensch zu fühlen und mich danach zu benehmen … Sie erwähnten da vorhin Sametow. Sametow, der ist imstande, in einem unanständigen Lokal bei einem Glase Champagner oder Donwein eine Skandalszene so in französischem Genre zu veranstalten – ja, so einer ist Ihr Sametow! Ich dagegen glühe sozusagen von Freundestreue und hohen Gefühlen, und außerdem besitze ich ein gewisses Ansehen, habe einen Rang, bekleide ein Amt! Ich bin verheiratet und habe Kinder. Ich erfülle meine Pflicht als Bürger und Mensch; aber er, was ist er denn? möchte ich fragen. Ich wende mich an Sie als an einen Mann von hoher geistiger Bildung. Ja, und noch eins: auch diese Hebammen haben sich außerordentlich stark ausgebreitet.«

Raskolnikow zog fragend die Augenbrauen in die Höhe. Die Worte des Polizeileutnants, der offenbar eben erst vom Mittagstische gekommen war, vernahm er größtenteils nur als leere Töne, wie ein Geklapper und Gerassel. Aber einen Teil davon hatte er doch so einigermaßen verstanden; er blickte ihn fragend an und wußte nicht, worauf diese Bemerkung abzielte.

»Ich spreche von diesen jungen Mädchen mit dem kurzgeschnittenen Haar«, fuhr Ilja Petrowitsch redselig fort. »Ich habe ihnen aus eigener Erfindung den Namen Hebammen gegeben und finde, daß das eine sehr glückliche Bezeichnung ist. He-he! Sie drängen sich in die Hörsäle, sie studieren Anatomie; na, sagen Sie selbst, wenn ich krank werden sollte, würde ich dann nach einem jungen Mädchen schicken, um mich behandeln zu lassen? He-he!«

Ilja Petrowitsch lachte laut auf, höchst befriedigt von seinen eigenen Witzen.

»Es mag ja sein, daß da ein gewaltiger Bildungsdrang dahintersteckt; aber wenn sich einer nun die Bildung angeeignet hat, dann muß es auch damit sein Bewenden haben. Dann darf er doch seine Bildung nicht mißbrauchen. Dann darf er doch nicht anständige Personen beleidigen, wie es dieser Taugenichts, der Sametow, tut. Warum hat er mich beleidigt? frage ich Sie. Und noch eins: wie die Selbstmorde zugenommen haben, davon können Sie sich gar keinen Begriff machen. Diese ganze Sorte verbringt das letzte Geld und nimmt sich dann das Leben. Junge Mädchen, unreife Burschen, alte Männer … Heute früh ist wieder eine Anzeige eingegangen von dem Selbstmorde eines Herrn, der erst kürzlich nach Petersburg gekommen ist. Nil Pawlowitsch, he! Nil Pawlowitsch! Wie hieß doch der Gentleman, über den wir Anzeige bekamen, daß er sich in der Peterburgskaja erschossen hat?«

»Swidrigailow«, antwortete teilnahmslos eine heisere Stimme aus dem andern Zimmer.

Raskolnikow fuhr zusammen.

»Swidrigailow! Swidrigailow hat sich erschossen!« rief er.

»Wie? Kennen Sie diesen Swidrigailow?«

»Ja, … ich kenne ihn … Er ist erst kürzlich hier angekommen …«

»Na ja, er ist erst kürzlich angekommen, seine Frau war ihm gestorben, ein Mensch von ganz liederlichem Lebenswandel, und auf einmal erschießt er sich, und in einer so skandalösen Weise, daß man es sich gar nicht vorstellen kann, … hinterläßt in seinem Notizbuche ein paar Worte: er scheide aus dem Leben bei vollem Verstande und bitte, niemandem die Schuld an seinem Tode beizumessen. Der Mensch soll früher Geld gehabt haben. Woher kennen Sie ihn?«

»Ich … kannte ihn, … meine Schwester war Gouvernante in seiner Familie.«

»So, so, so … Da können Sie uns wohl über ihn etwas Näheres mitteilen. Sie haben vorher nichts davon geahnt?«

»Ich bin gestern noch mit ihm zusammengewesen, … er … trank Wein, … ich habe ihm nichts angemerkt.«

Raskolnikow hatte eine Empfindung, als sei eine schwere Last auf ihn niedergestürzt und drücke ihn zu Boden.

»Sie sind ja wieder ordentlich blaß geworden. Es ist hier bei uns aber auch so eine stickige Luft …«

»Ja, ich muß gehen, ich habe keine Zeit mehr« murmelte Raskolnikow. »Entschuldigen Sie, daß ich Sie belästigt habe …«

»Oh, bitte sehr! Durchaus nicht der Fall! Ganz zu Ihren Diensten! Es ist mir ein Vergnügen gewesen; ich habe mich sehr gefreut.«

Ilja Petrowitsch reichte ihm sogar die Hand.

»Ich wollte eigentlich nur … nur zu Sametow …«

»Weiß wohl, weiß wohl; es ist mir ein Vergnügen gewesen.«

»Ich … habe mich sehr gefreut … Auf Wiedersehen!« sagte Raskolnikow lächelnd.

Er ging hinaus, taumelnd und schwindlig; er fühlte gar nicht, ob er noch auf den Beinen stand. Er stieg die Treppe hinunter, mit der rechten Hand sich gegen die Wand stützend. Es schien ihm, daß er von einem Hausknecht, der mit einem Buche in der Hand nach dem Bureau hinaufstieg und ihm auf der Treppe begegnete, gestoßen wurde und daß ein Hund in einem tieferen Stockwerk heftig bellte und eine Frau mit einem Mangelholz nach dem Tiere warf und schimpfte. Er kam unten an und trat auf den Hof hinaus. Hier auf dem Hofe, nicht weit vom Ausgange, stand starr und leichenblaß Sonja und blickte ihn scheu und verstört an. Er blieb vor ihr stehen. Schmerz, Qual und Verzweiflung malten sich auf ihrem Gesichte. Sie schlug die Hände zusammen. Ein häßliches, verlegenes Lächeln trat auf seine Lippen. So stand er eine kleine Weile lächelnd da; dann wandte er sich um und ging wieder hinauf nach dem Bureau.

Ilja Petrowitsch hatte sich hingesetzt und kramte in allerlei Akten. Vor ihm stand derselbe Hausknecht, der vorhin auf der Treppe Raskolnikow gestoßen hatte.

»Ah, ah, ah! Da sind Sie ja wieder! Haben Sie etwas hier liegenlassen? … Aber was ist Ihnen?«

Raskolnikow näherte sich ihm sachte mit blassen Lippen und starrem Blicke, trat dicht an den Tisch heran, stützte sich mit der Hand darauf und wollte etwas sagen; aber er vermochte es nicht; es wurden nur einige unzusammenhängende Laute.

»Ihnen ist nicht wohl. Einen Stuhl her! Hier, setzen Sie sich auf den Stuhl, setzen Sie sich! Wasser!«

Raskolnikow ließ sich auf den Stuhl niedersinken, wandte aber die Augen von dem Gesichte des sehr unangenehm überraschten Ilja Petrowitsch nicht ab. Beide blickten einander etwa eine Minute lang an und warteten. Es wurde Wasser gebracht.

»Ich habe …«, begann Raskolnikow.

»Trinken Sie einen Schluck Wasser!«

Raskolnikow wies mit der Hand das Wasser zurück und sagte leise, in Absätzen, aber klar und deutlich:

»Ich habe damals die alte Beamtenwitwe und ihre Schwester Lisaweta mit einem Beile erschlagen und beraubt.«

Ilja Petrowitsch riß den Mund auf. Von allen Seiten kamen Beamte herbeigelaufen.

Raskolnikow wiederholte seine Selbstanzeige.

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Kapitel 4

IV

Der Brief seiner Mutter bereitete ihm heftige Qual. Hinsichtlich des wichtigsten und wesentlichsten Punktes hatte bei ihm keinen Augenblick ein Zweifel bestanden, auch nicht, als er noch mit dem Lesen beschäftigt gewesen war. Die Kernfrage war für ihn entschieden, und zwar endgültig entschieden. »Diese Heirat findet, solange ich lebe, nicht statt; hole diesen Herrn Lushin der Teufel!«

»Die ganze Sache ist ja doch so durchsichtig«, murmelte er, spöttisch lächelnd, vor sich hin und gab sich schon im voraus einem Gefühle des Triumphes wegen der glücklichen Durchsetzung seines Entschlusses hin. »Nein, Mama, nein, Dunja«, dachte er, »ihr könnt mich nicht täuschen! … Und da entschuldigen sie sich auch noch, daß sie nicht meinen Rat erbeten, sondern die Sache ohne mich entschieden haben! Unsinn! Sie denken, jetzt lasse sich die Sache nicht mehr vereiteln; aber wir werden ja sehen, ob das geht oder nicht geht. Und was für eine famose Ausflucht: Pjotr Petrowitsch, heißt es, ist von seinen Geschäften so stark in Anspruch genommen, daß er sogar seine Heirat nur mit Extrapost oder Schnellzug bewerkstelligen kann. Nein, Dunjetschka, ich durchschaue alles und weiß, worüber du mit mir so viel zu sprechen vorhast. Ich weiß auch, worüber du die ganze Nacht nachgedacht hast, während du im Zimmer auf und ab gingst, und um was du vor dem Bilde der Muttergottes von Kasan, das in Mamas Schlafzimmer steht, gebetet hast. Es ist ein schwerer Gang, der Gang nach Golgatha. Hm! … Es ist also bereits unwiderruflich beschlossen: Sie möchten einen geschäftskundigen, praktisch gesinnten Mann heiraten, Awdotja Romanowna, einen Mann, der eigenes Vermögen besitzt (der »bereits« eigenes Vermögen besitzt, das klingt noch solider, eindrucksvoller), zwei amtliche Stellungen bekleidet und die Anschauungen unserer jüngeren Generation teilt, wie Mama schreibt, und »wie es scheint« ein guter Mensch ist, wie Dunjetschka selbst bemerkt. Dieses »wie es scheint« ist ganz besonders prachtvoll. Und diese gute Dunjetschka wird dieses »wie es scheint« heiraten! Prachtvoll! Prachtvoll!

Merkwürdig ist aber auch, warum mir Mama eigentlich etwas von der »jüngeren Generation« geschrieben hat. Wollte sie damit lediglich die Person charakterisieren, oder verfolgte sie damit eine weitergehende Absicht: mich für Herrn Lushin günstig zu stimmen? Oh, ihr Schlauen! Auch noch einen andern Umstand aufzuklären wäre interessant: bis zu welchem Grade waren sie beide an jenem Tage und in jener Nacht und in der ganzen folgenden Zeit offenherzig gegeneinander? Wurde wohl zwischen ihnen alles mit Worten ausgesprochen, oder wußten sie beide, daß die eine wie die andre ein und dasselbe im Herzen und im Sinne hatte, so daß es nicht erforderlich war, alles laut zu sagen, wobei man sich leicht hätte verplappern können? Wahrscheinlich hat sich die Sache zum Teil wirklich so verhalten; das läßt sich aus dem Briefe ersehen: der Mama kam er schroff vor, »ein wenig schroff«, und die naive Mama teilte diese Beobachtung ihrer Tochter mit. Aber die wurde natürlich böse darüber und »antwortete sogar ärgerlich«. Selbstverständlich! Wen sollte so etwas nicht wütend machen, wenn eine Sache auch ohne naive Fragen klar ist und wenn bereits entschieden ist, daß weitere Debatten sinnlos sind. Und warum schrieb sie mir da: »Lieber Rodja, liebe Deine Schwester Dunja; sie liebt Dich mehr als sich selbst«: quälen sie da im geheimen Gewissensbisse, weil sie zugestimmt hatte, daß die Tochter für den Sohn geopfert werde? »Du bist unsere Zuversicht, unser ein und alles!« O Mama!‹

Der Ingrimm kochte in ihm immer stärker, und wäre ihm jetzt Herr Lushin begegnet, so hätte er ihn wahrscheinlich totgeschlagen!

»Hm! … das ist richtig«, fuhr er fort, indem er die Gedanken weiter verfolgte, die in seinem Kopfe wild herumwirbelten. »Das ist ja richtig, daß man sich einem Menschen ganz allmählich und vorsichtig nähern muß, um ihn genau kennenzulernen; aber was Herrn Lushin selbst anlangt, so ist ja sein Charakter von vornherein klar und verständlich. Die Hauptsache ist: er ist sehr geschäftstüchtig und ›wie es scheint‹ ein guter Mensch: es ist ja keine Kleinigkeit, daß er den Transport der Frachtstücke übernommen hat und den großen Koffer auf seine Kosten herbefördern will! Und da sollte er kein guter Mensch sein? Die beiden Frauen aber, die Braut und die Mutter, dingen einen Bauern und fahren auf einem Bauernwagen, auf dem eine Bastmatte liegt (ich bin ja selbst dort so gereist!). Tut nichts; es sind ja nur neunzig Werst, ›und dann fahren wir wunderbar in der dritten Klasse‹, gegen tausend Werst. Es ist ja sehr verständig, wenn man sich nach seiner Decke streckt; aber Sie, Herr Lushin, was sagen Sie dazu? Es ist ja doch Ihre Braut … Und ist Ihnen das unbekannt geblieben, daß die Mutter sich auf ihre Pension das Reisegeld borgt? Gewiß, ihr habt zusammen mit Herrn Lushin gleichsam eine Art von gemeinsamem kaufmännischem Geschäft, ein Unternehmen zu beiderseitigem Nutzen und mit gleichen Anteilen; folglich müssen auch die Ausgaben in zwei gleiche Teile gehen; nach dem üblichen Grundsatze: Brot und Salz gemeinsam, aber Tabak jeder für sich. Aber auch hier hat der geschäftserfahrene Mann sie ein bißchen übers Ohr gehauen: das Gepäck kostet weniger als ihre Reise, und vielleicht wird es sogar ganz umsonst befördert. Sehen das nun die beiden Frauen nicht, oder wollen sie es absichtlich nicht bemerken? Sie sind ja zufrieden, so zufrieden! Und wenn man nun bedenkt, daß dies nur der Anfang, die Blüten sind und die wahren interessant, zu wissen, ob Herr Lushin Orden besitzt; ich möchte darauf wetten, er hat den Annenorden im Knopfloch und legt ihn zu Diners bei Industriellen und Kaufleuten an. Vielleicht trägt er ihn auch bei seiner Hochzeit! Aber der Teufel soll ihn holen!…

Nun, von Mama will ich weiter nichts sagen; das liegt nun einmal so in ihrem Wesen; aber wie steht es mit Dunja? Liebste Dunjetschka, ich kenne dich doch! Du warst schon zwanzig Jahre alt, als wir uns zum letzten Male sahen; über deinen Charakter war ich schon damals im klaren. Da schreibt Mama: »Dunja kann vieles ertragen.« Das wußte ich. Das habe ich schon vor zwei und einem halben Jahre gewußt, und seitdem habe ich zwei und ein halbes Jahr lang daran gedacht, gerade daran gedacht, daß »Dunja vieles ertragen kann«. Schon daß sie Herrn Swidrigailow mit allem Nachfolgenden zu ertragen vermochte, zeigt, daß sie vieles ertragen kann. Und jetzt ist sie mit Mama der Meinung, daß sie auch Herrn Lushin ertragen könne, der seine Theorie von den Vorzügen derjenigen Frauen auseinandersetzt, welche aus der größten Armut herstammen und nur von den Wohltaten ihrer Männer leben, und der dies noch dazu fast beim ersten Zusammensein auseinandersetzt. Nun, nehmen wir ruhig an, er habe das nur so »im Eifer des Gespräches« gesagt, wiewohl er doch ein kluger Mann ist (so daß er es vielleicht gar nicht im Eifer gesagt hat, sondern geradezu beabsichtigte, gleich von vornherein das gegenseitige Verhältnis klarzustellen); aber Dunja, Dunja? Sie durchschaut doch den Menschen, und trotzdem entschließt sie sich, mit ihm zu leben. Sie würde ja lieber nur Schwarzbrot essen und Wasser dazu trinken als ihre Seele verkaufen; sie würde ihre moralische Freiheit nicht für eine behagliche Existenz hingeben; für ganz Schleswig- Holstein würde sie sie nicht hingeben, geschweige denn für Herrn Lushin. Nein, so war Dunja, soweit ich sie kannte, ganz und gar nicht, und… sie wird sich gewiß auch jetzt nicht geändert haben! Das ist ja nicht zu bestreiten: es ist was wird dann aus der Mutter werden? Sie ist ja schon jetzt beunruhigt und quält sich; wie wird es erst dann sein, wenn sie alles klar durchschaut? Und wie wird es mit mir stehen? … Ja, was hast du dir denn eigentlich von mir gedacht? Ich will dein Opfer nicht, liebe Dunja; ich will es nicht, liebe Mama! Das soll und darf nicht geschehen, solange ich lebe; es soll und darf nicht geschehen! Ich nehme das Opfer nicht an!«

Plötzlich durchzuckte ihn ein andrer Gedanke, und er blieb stehen.

»Es soll nicht geschehen! Aber was willst du denn tun, um es zu verhindern? Willst du es verbieten? Was hast du dazu für ein Recht? Was kannst du ihnen deinerseits als Entgelt dafür versprechen, daß sie dir hierin willfahren? Willst du ihnen versprechen, ihnen deine ganze Zukunft, deine ganze Existenz zu weihen, wenn du die Studien absolviert und eine Stelle erhalten haben wirst? Schön gesagt; aber das ist ja noch in weiter Ferne; was soll aber jetzt gleich geschehen? Es muß doch jetzt sofort etwas getan werden, begreifst du das? Du aber, was tust du jetzt? Du plünderst sie aus. Geld verschaffen sie sich, indem sie die Pension von hundertzwanzig Rubeln verpfänden und sich von Swidrigailows Vorschuß geben lassen! Wie wirst du sie gegen die Swidrigailows und Afanassij Iwanowitsch Wachruschin schützen, du künftiger Millionär, du Jupiter, der du ihr Schicksal ordnest und lenkst? Wohl nach zehn Jahren? Aber in zehn Jahren ist deine Mutter schon blind vom Tüchersäumen, vielleicht auch vom Weinen, und krank und abgezehrt vom Fasten. Und deine Schwester? Nun, überlege einmal, wie es mit deiner Schwester nach zehn Jahren stehen mag, wie es ihr während dieser zehn Jahre vielleicht geht! Kannst du dir davon ein Bild machen?«

So quälte und höhnte er sich mit diesen Fragen; er empfand dabei sogar eine Art von Genuß. Übrigens waren alle diese Fragen ihm nicht neu und traten ihm nicht erst jetzt unerwartet entgegen; es waren alte Fragen, die ihn schon geraume Zeit gepeinigt hatten. Schon lange war es her, daß sie angefangen hatten, ihn zu martern, sein Herz zu zerfleischen. Schon vor langer, langer Zeit war dieser ganze jetzige schwere Gram in seinem Innern entstanden, war herangewachsen und angeschwollen, und nun war er in der letzten Zeit herangereift und hatte sich zu einer schrecklichen, wilden, gespenstischen Frage konzentriert, die ihm Herz und Geist folterte und unabweisbar nach einer Lösung verlangte. Jetzt nun traf ihn auf einmal der Brief seiner Mutter wie ein Donnerschlag. Es war klar: jetzt durfte er nicht mehr sich grämen, passiv leiden und über die Unlösbarkeit dieser Fragen reflektieren, sondern er mußte unbedingt etwas tun, und zwar sofort, so schnell wie möglich. Unter allen Umständen mußte er sich entscheiden, nach irgendeiner Seite hin, oder…

»Oder ich muß überhaupt auf ein lebenswertes Leben verzichten!« rief er in plötzlich hervorbrechender Wut. »Muß gehorsam das Schicksal hinnehmen, wie es eben ist, ein für allemal, und alle Wünsche in mir ersticken und auf jedes Recht zu handeln, zu leben und zu lieben verzichten!«

›Verstehen Sie, verstehen Sie, verehrter Herr, was das besagen will, wenn man nirgends mehr hingehen kann?‹ Diese Frage, die er gestern von Marmeladow gehört hatte, fiel ihm auf einmal ein. ›Es müßte doch jeder Mensch wenigstens irgendwohin gehen können.‹

Da fuhr er zusammen. Ein andrer Gedanke, auch einer vom gestrigen Tage, tauchte wieder in ihm auf. Er fuhr aber nicht deshalb zusammen, weil ihm dieser Gedanke wieder gekommen war; er hatte es geahnt, gewußt, daß er sicher wieder auftauchen werde, und hatte es bereits erwartet; auch stammte dieser Gedanke keineswegs erst von gestern her. Aber der Unterschied lag darin, daß dieser Gedanke vor einem Monate, ja selbst gestern noch, lediglich ein Phantasiegebilde gewesen war, jetzt aber… jetzt ihm auf einmal nicht als Phantasiegebilde, sondern in einer neuen, furchtbaren, ganz unbekannten Gestalt entgegentrat; und er selbst wurde sich dessen sofort bewußt. Es war wie ein Schlag vor den Kopf, und es wurde ihm dunkel vor den Augen.

Er sah sich hastig um; er suchte etwas. Er wollte sich hinsetzen und suchte eine Bank. Er befand sich augenblicklich auf dem K…-Boulevard. Eine Bank stand ein kleines Stückchen vor ihm, etwa hundert Schritte entfernt. Er ging, so schnell er konnte, nach ihr hin; unterwegs aber hatte er ein kleines Erlebnis, das ihn für kurze Zeit hinderte, an etwas andres zu denken.

Während er die Bank ins Auge faßte, bemerkte er eine Frauensperson, die etwa zwanzig Schritte vor ihm ging; indes beachtete er sie anfangs gar nicht, ebensowenig wie er alles andere beachtet hatte, was an seinem Auge vorübergeglitten war. Es war ihm schon oft begegnet, daß er nach Hause kam und sich schlechterdings nicht des Weges erinnern konnte, den er gegangen war; es war ihm schon zur Gewohnheit geworden, so achtlos zu gehen. Aber die Frauensperson, die da ging, hatte etwas so Sonderbares an sich, was einem beim ersten Blick ins Auge fiel, daß allmählich seine Aufmerksamkeit an ihr haftete, anfangs unwillkürlich und sogar zu seinem Verdrusse, dann aber mit immer wachsendem Interesse. Es kam ihm die Lust an, festzustellen, was denn eigentlich an dieser Frauensperson so sonderbar sei. Erstens war sie offenbar ein noch sehr junges Mädchen; sie ging trotz der Hitze in bloßem Kopfe, ohne Sonnenschirm und Handschuhe, und schlenkerte in lächerlicher Weise mit den Armen. Sie trug ein leichtes, seidenes Kleidchen; aber auch dieses saß ihr sehr wunderlich auf dem Leibe und war nur sehr mangelhaft zugeknöpft; hinten an der Taille, gerade am Rockansatz, war es zerrissen; ein ganzer Fetzen stand ab und hing, hin und her pendelnd, herunter. Ein kleines Tuch umgab locker den bloßen Hals, saß aber schief, ganz nach der einen Seite hin. Ferner hatte das Mädchen einen unsicheren Gang; sie stolperte und schwankte sogar nach allen Seiten hin. Diese Erscheinung nahm schließlich Raskolnikows ganzes Interesse in Anspruch. Er holte das Mädchen dicht bei der Bank ein; aber sowie sie die Bank erreicht hatte, fiel sie geradezu darauf nieder, in eine Ecke, ließ den Kopf gegen die Rücklehne sinken und schloß die Augen, anscheinend vor äußerster Müdigkeit. Als er sie näher ansah, wurde ihm sofort klar, daß sie völlig betrunken war; es war ein ganz seltsamer, sonderbarer Anblick. Es kam ihm sogar einen Augenblick der Gedanke, ob er sich nicht doch irre. Er sah ein noch ganz junges Gesichtchen vor sich, von sechzehn oder vielleicht sogar nur von fünfzehn Jahren, klein, blondhaarig und hübsch, aber über und über glühend und wie verschwollen. Das Mädchen hatte anscheinend für ihre ganze Umgebung sehr wenig Verständnis; sie hatte das eine Bein über das andere geschlagen, wobei sie es weit mehr als schicklich vorstreckte; nach allem zu urteilen, war sie sich gar nicht bewußt, daß sie sich auf der Straße befand.

Raskolnikow setzte sich nicht hin, mochte aber auch nicht weggehen, sondern blieb unentschlossen vor ihr stehen. Dieser Boulevard ist immer wenig belebt; jetzt aber, zwischen ein und zwei Uhr mittags und bei dieser Hitze, war fast niemand zu sehen. Nur seitwärts, etwa fünfzehn Schritte entfernt, war am Rande des Boulevards ein Herr stehengeblieben, der, wie aus seinem ganzen Benehmen ersichtlich war, die größte Lust hatte, gleichfalls zu dem Mädchen mit irgendwelchen Absichten hinzugehen. Wahrscheinlich hatte auch er sie von weitem gesehen und einzuholen gesucht, aber Raskolnikow war ihm dazwischengekommen. So warf er ihm denn wütende Blicke zu, die er aber vor ihm zu verbergen bemüht war, und wartete ungeduldig, bis der unangenehme Lumpenkerl fortginge, so daß er selbst sich heranmachen könnte. Die Sache war sehr durchsichtig. Der Herr war etwa dreißig Jahre alt, von kräftigem Körperbau, wohlgenährt, mit gesunder, blühender Gesichtsfarbe, roten Lippen und kleinem Schnurrbart; sein Anzug zeigte die größte Eleganz. Raskolnikow fühlte, wie eine grimmige Wut in ihm aufstieg; er verspürte Lust, diesen wohlgenährten Laffen irgendwie zu beleidigen. Darum verließ er das Mädchen einen Augenblick und ging auf den Herrn zu.

»He, Sie, Sie Swidrigailow, Sie! Was haben Sie hier zu suchen?« rief er ihm zu; er ballte die Fäuste und lachte mit vor Wut bebenden Lippen.

»Was soll das heißen?« fragte der Herr in scharfem Tone, zog die Augenbrauen zusammen und blickte ihn von oben herab erstaunt an.

»Scheren Sie sich von hier weg! Das soll es heißen!«

»Kanaille, wie kannst du dich unterstehen…«

Er holte mit seinem Spazierstocke aus. Raskolnikow stürzte mit erhobenen Fäusten auf ihn zu, ohne zu überlegen, daß der kräftige Herr wohl mit zwei solchen, wie er, fertig werden konnte. Aber in diesem Augenblicke packte ihn jemand von hinten mit festem Griffe, und ein Schutzmann stand zwischen ihnen.

»Hören Sie auf, meine Herren! Keine Schlägerei auf öffentlichen Plätzen! Was haben Sie denn? Was bist du denn für einer?« wandte er sich mit strenger Miene an Raskolnikow, da er dessen zerlumpten Anzug bemerkte.

Raskolnikow sah ihn aufmerksam an. Es war ein braves Beamtengesicht mit grauem Schnurrbart und Backenbart und mit verständig blickenden Augen.

»Sie kommen mir wie gerufen«, rief er und ergriff seine Hand. »Ich bin ein gewesener Student; mein Name ist Raskolnikow… Das mag auch gleich für Sie gesagt sein!« fügte er, zu dem Herrn gewendet, hinzu. »Bitte, kommen Sie einmal mit; ich will Ihnen etwas zeigen.«

Er nahm den Schutzmann bei der Hand und führte ihn zu der Bank hin.

»Da, sehen Sie, sie ist ganz betrunken; sie kam eben den Boulevard entlang. Wer weiß, was sie für eine sein mag; aber wie eine Gewerbsmäßige sieht sie nicht aus. Wahrscheinlich ist sie irgendwo betrunken gemacht und dann mißbraucht worden … zum ersten Male,… verstehen Sie? Und dann hat man sie auf die Straße gebracht. Sehen Sie nur, wie das Kleid zerrissen ist; sehen Sie, wie sie an- gezogen ist: andre Leute haben sie angezogen, nicht sie selber, und Hände, die sich nicht darauf verstanden, haben es getan, Männerhände. Das sieht man. Und nun sehen Sie einmal dahin: diesen Laffen, den ich eben durchprügeln wollte, kenne ich nicht; ich sehe ihn zum ersten Male in meinem Leben. Er hat sie auch hier auf der Straße bemerkt, jetzt eben, hat gesehen, daß sie betrunken ist und von sich nichts weiß, und nun brennt er darauf, heranzugehen, sich ihrer in diesem Zustande zu bemächtigen und sie irgendwohin zu verschleppen… Es ist ganz bestimmt so; Sie können mir glauben, daß ich mich nicht irre. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie er sie beobachtete und ihr nachging; nur kam ich ihm in die Quere, und er wartet jetzt nur darauf, daß ich weggehe. Da, jetzt ist er ein bißchen weitergegangen und steht nun da, als wollte er sich eine Zigarette drehen. Wie können wir ihn hindern? Wie können wir sie nach Hause schaffen? Überlegen Sie mal!“

Der Schutzmann hatte die Sachlage sofort erfaßt. Was der kräftige Herr für einer war, darüber konnte kein Zweifel bestehen; aber was war nun mit dem Mädchen anzufangen? Der Schutzmann beugte sich über sie, um sie aus größerer Nähe zu betrachten, und aufrichtiges Mitleid spiegelte sich in seinen Zügen wider.

»Ach, wie schade!« sagte er und wiegte den Kopf hin und her. »Sie ist ja noch das reine Kind. Sie ist mißbraucht worden, das ist sicher. Hören Sie, Fräulein!« rief er sie an. »Wo wohnen Sie?«

Das Mädchen öffnete die müden, trüben Augen, blickte den Fragenden stumpfsinnig an und machte eine abwehrende Handbewegung.

»Hören Sie«, sagte Raskolnikow, »hier« (er wühlte in seiner Tasche und holte zwanzig Kopeken heraus), »hier, nehmen Sie eine Droschke und sagen Sie dem Kutscher, er solle sie nach Hause fahren. Wenn wir nur ihre Adresse erfahren könnten!«

Der Schutzmann nahm das Geld. »Fräulein, he. Fräulein!« begann er von neuem. »Ich will gleich eine Droschke für Sie nehmen und Sie selbst nach Hause begleiten. Wohin befehlen Sie, hm? Wo wohnen Sie?«

»Geht doch weg!… Laßt mich in Ruhe!« murmelte das Mädchen und wehrte wieder mit der Hand ab.

»Ach, wie häßlich, wie häßlich! Sie sollten sich schämen, Fräulein, ja, schämen sollten Sie sich!« Er schüttelte nochmals den Kopf, vorwurfsvoll, mitleidig und unwillig. »Das ist eine schwere Aufgabe«, wandte er sich an Raskolnikow und betrachtete ihn wieder vom Kopf bis zu den Füßen mit einem schnellen Blicke. Auch dieser Mensch kam ihm wohl sonderbar vor: hat solche Lumpen auf dem Leibe und gibt ohne weiteres Geld her!

»Haben Sie sie weit von hier gefunden?« fragte er ihn.

»Ich sagte es Ihnen schon: sie ging taumelnd vor mir her, hier auf dem Boulevard. Als sie zu der Bank kam, fiel sie geradezu darauf nieder.«

»Ach, wie schändlich es jetzt in der Welt zugeht, Herrgott! So ein junges Ding und schon betrunken! Sie ist mißbraucht worden, das ist sicher. Da, auch das Kleid ist zerrissen… Ist das eine Sittenlosigkeit heutzutage!… Vielleicht ist sie aus besserem Stande, aus einer verarmten Familie; das ist heutzutage nichts Seltenes. Aussehen tut sie ganz zart, ganz wie ein Fräulein.«

Er beugte sich wieder über sie.

Vielleicht hatte er bei sich zu Hause auch solche heranwachsenden Töchter, »ganz wie die Fräulein und ganz zart«, die den Vornehmeren ihre Manieren und allerlei Modetorheiten ablernten.

»Die Hauptsache«, sagte Raskolnikow eifrig, »ist, daß dieser Schurke nicht seinen Willen bekommt. Der würde sie noch mehr beschimpfen! Was er vorhat, ist ja ganz klar. Sehen Sie, der Schurke, er geht nicht weg!«

Raskolnikow sprach laut und wies offen mit dem Finger auf ihn. Dieser hörte es und wollte schon den Streit wieder aufnehmen; aber er besann sich eines andern und begnügte sich damit, ihm einen geringschätzigen Blick zuzuwerfen. Dann ging er langsam noch zehn Schritte weiter fort und blieb wieder stehen.

»Den wollen wir schon hindern«, antwortete der Schutzmann und überlegte. »Wenn sie bloß sagen wollte, wo man sie hinbringen soll; aber so … Fräulein, he, Fräulein!« rief er und beugte sich wieder über sie.

Sie machte plötzlich die Augen ganz auf, sah aufmerksam um sich, als hätte sie etwas von dem Vorgehenden begriffen, stand von der Bank auf und ging wieder nach der Seite zu, von der sie gekommen war.

»Pfui, ihr Unverschämten, laßt mich in Ruhe!“ sagte sie, wieder mit der abwehrenden Handbewegung.

Sie ging mit schnellen Schritten, aber ebenso stark taumelnd wie vorher. Der Lebemann ging ihr nach, aber in einer andern Allee, ohne die Augen von ihr abzuwenden.

»Seien Sie unbesorgt, ich werde es nicht zulassen«, sagte der schnurrbärtige Schutzmann in entschiedenem Tone und folgte den beiden.

»Ist das eine Sittenlosigkeit heutzutage!« bemerkte er seufzend noch einmal.

In diesem Augenblick hatte Raskolnikow ein Gefühl, als ob er einen Stich bekäme; im Nu war er wie umgewandelt.

»He! Hören Sie!« rief er dem Schutzmann nach.

Dieser wendete sich um.

»Lassen Sie die beiden nur laufen! Was geht es Sie an? Kümmern Sie sich um die Geschichte nicht weiter! Gönnen Sie ihm sein Vergnügen« (er zeigte auf den feinen Herrn). »Was geht es Sie an?«

Der Schutzmann konnte nicht klug daraus werden und blickte ihn starr an. Raskolnikow schlug ein Gelächter auf.

»Na, so was!« sagte der Schutzmann und schwenkte verwundert den einen Arm; dann ging er dem Stutzer und dem jungen Mädchen nach. Wahrscheinlich hielt er Raskolnikow entweder für gestört oder für etwas noch Schlimmeres.

›Und meine zwanzig Kopeken hat er mitgenommen‹, dachte Raskolnikow boshaft, als er allein zurückgeblieben war. ›Nun mag er von dem da auch noch etwas annehmen und das Mädchen mit ihm gehen lassen; und das wird auch wohl das Ende vom Liede sein. Und warum habe ich mich da als Helfer eingemischt? Ich als Helfer! Habe ich auch ein Recht zu helfen? Mögen die Menschen meinetwegen einander bei lebendigem Leibe auffressen, was geht es mich an? Und wie durfte ich diese zwanzig Kopeken weggeben? Gehörten sie denn mir?‹

Trotz dieser sonderbaren Spottreden wurde ihm sehr schwer ums Herz. Er setzte sich auf die nun unbesetzte Bank. Seine Gedanken waren verwirrt… Überhaupt machte es ihm Mühe, in diesem Augenblick an irgend etwas zu denken. Am liebsten hätte er sich selbst und alles andre vergessen, um dann später aufzuwachen und ganz von neuem anzufangen.

›Das arme Mädchen!‹ sagte er sich mit einem Blick auf die nun leere Ecke der Bank. ›Wenn sie wieder zu sich kommt, wird sie in Tränen ausbrechen, und dann erfährt ihre Mutter das Geschehene. … Sie schlägt die Tochter mit den Fäusten, mit dem Stocke; oh, der Schmerz und die Schande! Vielleicht jagt sie sie gar aus dem Hause … Und wenn sie sie auch nicht aus dem Hause jagt: solche Kupplerinnen, wie Darja Franzowna, wittern die Sache doch, und dann fängt das Mädchen an, hierhin und dahin seine heimlichen Gänge zu machen. Dann kommt gleich das Krankenhaus (denn so geht es immer denen, die bei anständigen Müttern wohnen und sich so im stillen außer dem Hause herumtreiben), nun, und darauf… darauf folgt wieder das Krankenhaus,… der Branntwein,… die Kneipen … und nochmals das Krankenhaus, … in zwei, drei Jahren ist sie körperlich völlig ruiniert, also mit neunzehn oder auch nur achtzehn Jahren. Solche Mädchen habe ich ja schon massenhaft gesehen. Und wie sind sie so geworden? Genau auf die Weise wie hier… Pfui! Aber meinetwegen! Es heißt, das muß eben so sein. Ein gewisser Prozentsatz, heißt es, muß jedes Jahr draufgehen, zum Teufel gehen, damit die übrigen frisch und gesund bleiben und sich ungestört entwickeln. Ein Prozentsatz! Wahrhaftig, prächtige Fachausdrücke haben die Leute jetzt; sie klingen so beruhigend, so wissenschaftlich. Man hat den schönen Ausdruck erfunden: »ein Prozentsatz«, und nun braucht sich niemand mehr aufzuregen. Ja, wenn man einen andern Ausdruck dafür gebrauchte, nun, dann… wäre die Sache vielleicht aufregender… Wie, wenn nun auch Dunja irgendwie in diesen Prozentsatz hineingerät? … Und wenn nicht in diesen, dann in einen andern?‹

›Aber wo wollte ich denn eigentlich hingehen?‹ überlegte er auf einmal. ›Sonderbar! Ich hatte doch einen Grund, weshalb ich ausging. Als ich den Brief gelesen hatte, da ging ich fort,… nach der Wassilij-Insel, zu Rasumichin wollte ich gehen; das war’s, jetzt fällt es mir ein. Aber weshalb denn? Wie ist mir denn gerade jetzt der Einfall gekommen, zu Rasumichin zu gehen? Das ist doch merkwürdig!‹

Er wunderte sich über sich selbst. Rasumichin war einer seiner früheren Kommilitonen auf der Universität. Es war auffällig gewesen, daß Raskolnikow, solange er auf der Universität war, fast keinen Freund hatte, sich von allen zurückzog, zu niemandem hinging und nur ungern jemand bei sich sah. Auch wandten sich bald alle von ihm ab. Weder an gemeinsamen Zusammenkünften noch an Gesprächen, noch an Vergnügungen, an nichts beteiligte er sich. Er arbeitete angestrengt, ohne sich zu schonen; man achtete ihn deswegen, aber niemand mochte ihn gern. Er war bei seiner Armut von einem anmaßenden Stolze und einer seltsamen Verschlossenheit, wie wenn er bezüglich seiner Person etwas zu verheimlichen hätte. Manche seiner Kommilitonen hatten von ihm den Eindruck, als blicke er auf sie alle von oben herab wie auf Kinder, in der Vorstellung, daß er sie alle in der geistigen Entwicklung, den Kenntnissen und Lebensanschauungen weit überholt habe und als sehe er ihre Anschauungen und Interessen für minderwertig an.

Rasumichin war der einzige, mit dem er befreundet war; befreundet ist eigentlich zuviel gesagt, aber er war ihm gegenüber mitteilsamer und offener. Übrigens war es gar nicht möglich, sich mit Rasumichin anders zu stellen. Dieser war ein ungemein heiterer, offenherziger Bursche und von einer Herzensgüte, die an Einfalt grenzte. Aber unter dieser Einfalt verbargen sich Tiefe und Gediegenheit. Die besseren unter seinen Kommilitonen hatten dafür Verständnis, und alle mochten ihn gerne leiden. Er besaß einen guten Verstand, obwohl er sich manchmal tatsächlich etwas naiv benahm. Sein Äußeres fiel auf: er war hochgewachsen, hager, stets schlecht rasiert, schwarzhaarig. Mitunter suchte er Händel, und er stand im Rufe gewaltiger Körperkraft, Einmal hatte er in der Nacht, als er in Gesellschaft die Straße entlang zog, mit einem einzigen Schlage einen baumlangen Wächter niedergeschmettert. Trinken konnte er in unbegrenztem Maße; aber er vermochte auch sich des Trinkens völlig zu enthalten. Manchmal verübte er ganz sträfliche Streiche; indes konnte er sich auch durchaus gesetzt benehmen. Eine beachtenswerte Eigenschaft an ihm war ferner, daß er sich niemals durch ein Mißgeschick aus der Fassung bringen ließ und, wie es schien, auch in der schlimmsten Lage nicht den Mut verlor. Er war imstande, nötigenfalls auf dem Dachboden zu kampieren, einen barbarischen Hunger und die fürchterlichste Kälte zu ertragen. Er war sehr arm, bestritt aber seinen Unterhalt ganz allein, indem er sich durch allerlei Arbeiten Geld verschaffte. Er kannte eine Unmenge Quellen, aus denen er schöpfen konnte, d. h. natürlich, wo er durch Arbeit sich etwas verdienen konnte. Einmal ließ er den ganzen Winter hindurch sein Zimmer gar nicht heizen und behauptete, dies sei sogar angenehmer, da man im Kalten besser schlafe. Zur Zeit hatte auch er sich genötigt gesehen, die Universität zu verlassen; jedoch sollte das nicht lange dauern, und er bemühte sich mit aller Kraft, seine Verhältnisse möglichst schnell zu bessern, um das Studium wieder fortsetzen zu können. Raskolnikow war schon vier Monate lang nicht bei ihm gewesen; Rasumichin aber wußte überhaupt nicht einmal, wo der andre wohnte. Vor zwei Monaten waren sie einmal auf der Straße einander entgegengekommen und schon ziemlich nahe gewesen; aber Raskolnikow hatte sich weggewendet und war sogar auf die andre Seite hinübergegangen, damit jener ihn nicht bemerken sollte. Und Rasumichin hatte ihn zwar doch bemerkt, war aber vorbeigegangen, um seinen »Freund« nicht zu belästigen.

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Kapitel 32

I

Für Raskolnikow begann nun eine eigenartige Zeit: es war, als hätte sich ein Nebel rings um ihn gebildet und hielte ihn in unentrinnbarer, drückender Vereinsamung gefangen. Wenn er sich später, lange nachher, an diese Zeit erinnerte, so war er der Überzeugung, daß sein Bewußtsein damals manchmal verdunkelt gewesen sei und daß dieser Zustand – mit einigen helleren Zwischenzeiten – fast bis zu der abschließenden Katastrophe gedauert habe. Er war fest überzeugt, daß er sich damals in vieler Hinsicht geirrt habe, zum Beispiel über den Zeitpunkt und die Dauer mancher Ereignisse. Wenigstens erfuhr er in der Folgezeit, wenn er sich zu erinnern suchte und sich bemühte, in diese Erinnerungen Klarheit hineinzubringen, vieles über seine eigene Person nur aus Mitteilungen, die er von andern empfing. Er verwechselte zum Beispiel ein Ereignis mit einem andern; oder er hielt auch eines für die Folge eines Vorfalles, der überhaupt nur in seiner Phantasie existierte. Manchmal bemächtigte sich seiner eine krankhafte, quälende Unruhe, die sogar in einen panischen Schrecken überging. Er entsann sich auch, daß, ganz im Gegensatz zu der sonstigen Angst, Minuten, Stunden, vielleicht sogar ganze Tage von einer Apathie, die ihn befallen hatte, ausgefüllt gewesen waren – von einer Apathie, ähnlich dem krankhaft-teilnahmslosen Zustande mancher Sterbenden. Überhaupt war er in diesen letzten Tagen anscheinend selbst bemüht, eine vollständige, deutliche Erkenntnis seiner Lage zu vermeiden. Einige Ereignisse der allerletzten Zeit, die einer sofortigen Klarstellung bedurften, bedrückten ihn schwer; wie froh wäre er gewesen, sich von derartigen Sorgen befreien und losmachen zu können, mit denen er sich doch in seiner Lage beschäftigen mußte, wenn er sich nicht dem völligen, unvermeidlichen Untergange preisgeben wollte.

Ganz besonders beunruhigte ihn der Gedanke an Swidrigailow; man konnte fast sagen, daß er nur an Swidrigailow dachte. Seit er von ihm in Sonjas Wohnung bei Katerina Iwanownas Tode jene unzweideutigen Äußerungen gehört hatte, die eine so große Gefahr für ihn in sich bargen, schien der gewöhnliche Gang und Fluß seiner Gedanken gestört zu sein. Obgleich ihn diese neue Tatsache aufs äußerste beunruhigte, beeilte sich Raskolnikow nicht, die Sache aufzuklären. Manchmal, wenn er sich auf einmal irgendwo in einem entfernten, stillen Stadtteil in einem elenden Restaurant einsam an einem Tische in Gedanken versunken fand und sich kaum besinnen konnte, wie er dahin geraten war, mußte er plötzlich an Swidrigailow denken; zu seiner Beängstigung wurde er sich deutlich bewußt, daß er sich so bald wie möglich mit diesem Menschen aussprechen und einen endgültigen Beschluß, soweit ein solcher möglich sei, fassen müsse. Einmal, als er aus der Stadt hinausgegangen war, bildete er sich sogar ein, er erwarte dort Swidrigailow und sie hätten dort eine Zusammenkunft verabredet. Ein andermal erwachte er vor Tagesanbruch irgendwo auf der Erde im Gebüsch und hatte kaum eine Erinnerung daran, wie er dahin gekommen war. Übrigens hatte er in den ersten zwei, drei Tagen nach Katerina Iwanownas Tode Swidrigailow schon ein paarmal getroffen, fast immer in Sonjas Wohnung, wohin er selbst eigentlich ohne bestimmte Absicht und immer nur auf einen Augenblick gekommen war. Sie wechselten miteinander immer nur ein paar kurze Worte und sprachen nie über den Hauptpunkt, als bestände zwischen ihnen eine stillschweigende Verabredung, hierüber vorläufig zu schweigen. Katerina Iwanownas Leiche lag noch in der Wohnung im Sarge. Swidrigailow ordnete alles für das Begräbnis an und scheute dabei keine Mühe. Auch Sonja war sehr in Anspruch genommen. Bei dem letzten Zusammentreffen hatte Swidrigailow Raskolnikow mitgeteilt, daß er die Angelegenheit der Kinder Katerina Iwanownas erledigt habe, und zwar glücklich erledigt; er habe, dank seinen Verbindungen, Persönlichkeiten ausfindig gemacht, mit deren Hilfe es möglich gewesen sei, die Waisen alle drei sofort in sehr anständigen Anstalten unterzubringen; auch das für sie deponierte Geld habe zu diesem Resultate wesentlich beigetragen, weil Waisen, die ein Kapital besäßen, weit leichter unterkämen als mittellose. Er erwähnte auch Sonja, versprach, nächster Tage selbst zu Raskolnikow zu kommen, und bemerkte, er wünsche sich mit ihm zu beraten; eine Besprechung sei durchaus erforderlich, es wären da einzelne Punkte … Dieses Gespräch fand auf dem Flur an der Treppe statt. Swidrigailow blickte Raskolnikow forschend in die Augen und fragte plötzlich nach kurzem Schweigen leise:

»Warum sind Sie denn so verstört, Rodion Romanowitsch? Wirklich, Sie hören zwar zu und sehen einen an; aber es macht den Eindruck, als ob Sie gar nicht verstehen, was man sagt. Immer Courage! Ich möchte gern einmal ausführlicher mit Ihnen sprechen; schade nur, daß ich so viel zu tun habe, mit fremden und eigenen Angelegenheiten … Ach, Rodion Romanowitsch«, fügte er auf einmal hinzu, »alle Menschen brauchen Luft, Luft, Luft! … Das ist die Hauptsache!«

Er trat zur Seite, um den Geistlichen und den Küster, die die Treppe heraufstiegen, vorbeizulassen. Sie kamen, um das Totenamt zu halten. Auf Swidrigailows Anordnung wurde pünktlich zweimal am Tage Totenamt gehalten. Swidrigailow ging weg, seinen Geschäften nach; Raskolnikow blieb einen Augenblick stehen, überlegte und folgte dann dem Geistlichen in Sonjas Wohnung.

was ihn nicht eigentlich in Angst versetzte, aber ihn doch störte, so daß er möglichst schnell wieder in die Stadt zurückkehrte, sich unter die Menge mischte, Restaurants und Schenken besuchte und auf den Trödelmarkt und den Heumarkt ging. Hier wurde es ihm etwas leichter ums Herz, und hier kam es ihm sogar eher einsam vor. In einer Speisewirtschaft wurden gegen Abend Lieder gesungen; da saß er eine ganze Stunde dabei, hörte zu und hatte nachher die Empfindung, daß ihm das recht angenehm gewesen sei. Aber zum Schluß wurde er wieder unruhig, als ob ihn Gewissensbisse quälten: ›Ich sitze hier und höre Lieder mit an und habe doch wahrhaftig Dringenderes zu tun!‹ dachte er. Übrigens wurde er sich gleich dort darüber klar, daß dies nicht das einzige war, was ihn beunruhigte, sondern daß da noch etwas andres war, was eine unverzügliche Entscheidung verlangte, was er aber weder in Gedanken sich deutlich vorstellen noch mit Worten ausdrücken konnte. Alles schlang sich zu einem unentwirrbaren Knäuel zusammen. ›Nein, lieber doch irgendein Kampf, … sei es wieder mit Porfirij oder mit Swidrigailow! … Wenn mich nur recht bald jemand herausforderte und anfiele! … Ja, ja!‹ dachte er. Er verließ die Speisewirtschaft und fing auf der Straße beinahe an zu laufen. Der Gedanke an Dunja und an die Mutter jagte ihm auf einmal einen jähen Schreck ein. Dies war die Nacht, wo er vor Tagesanbruch auf der Krestowskij-Insel im Gebüsch erwachte, an allen Gliedern vor Fieberfrost zitternd. Er ging nach Hause, wo er am frühen Morgen anlangte. Nach einigen Stunden Schlafs war das Fieber vorüber; aber er erwachte erst sehr spät: es war zwei Uhr nachmittags.

Es fiel ihm ein, daß auf diesen Tag Katerina Iwanownas Beerdigung angesetzt gewesen war, und er war froh darüber, daß er nicht dabeigewesen war. Nastasja brachte ihm etwas zu essen; er aß und trank mit großem Appetit, ordentlich gierig. Sein Kopf war frischer und er selbst ruhiger als an den drei letzten Tagen. Er wunderte sich sogar einen Augenblick über die früheren Anfälle panischer Furcht. Da öffnete sich die Tür, und Rasumichin trat ein.

»Ah! Du ißt ja, also bist du nicht krank!« sagte Rasumichin, nahm einen Stuhl und setzte sich an den Tisch, Raskolnikow gegenüber.

Er war aufgeregt und gab sich keine Mühe, dies zu verbergen. Er redete mit sichtlichem Ärger, aber nicht hastig, und ohne die Stimme besonders zu erheben. Es war unschwer zu erkennen, daß ihn eine besondere Absicht, und zwar ausschließlich eine solche, zu diesem Besuche veranlaßt hatte.

»Höre mal!« begann er entschlossen. »Ich schere mich den Teufel um euch alle; aber nach allem, was ich jetzt sehe, ist mir klar, daß ich von euren Geschichten nichts verstehe. Bitte, glaube ja nicht, daß ich gekommen bin, um dich auszufragen; eure Geheimnisse sind mir ganz gleichgültig! Ich will gar nichts davon wissen! Und wenn du mir jetzt von selbst alles enthüllen wolltest, so würde ich es vielleicht gar nicht einmal anhören, sondern mich einfach umdrehen und weggehen. Ich bin nur hergekommen, um persönlich und zuverlässig festzustellen, ob es wahr ist, daß du verrückt geworden seist. Siehst du, manche Leute sind nämlich überzeugt, daß du entweder wirklich verrückt bist oder wenigstens starke Anlage dazu hast. Ich muß dir gestehen, daß ich selbst sehr geneigt war, dieser Meinung beizupflichten, erstens im Hinblick auf deine törichte und zum Teil schändliche Handlungsweise, die sich auf andre Art nicht erklären läßt, und zweitens wegen deines Benehmens neulich deiner Mutter und deiner Schwester gegenüber. Nur ein Unmensch und Schurke konnte sie so behandeln, wenn es kein Verrückter war; und folglich mußtest du verrückt sein …«

»Wann hast du sie zuletzt gesehen?«

»Ich bin soeben bei ihnen gewesen. Aber du selbst hast sie seit damals gar nicht gesehen? Sag mal, wo treibst du dich eigentlich herum? Ich bin schon dreimal bei dir Geheimnisse den Kopf zu zerbrechen. Ich bin nur hergekommen, um mich mal ordentlich satt zu schimpfen«, schloß er und stand auf, »und um mir eine Herzenserleichterung zu verschaffen; aber ich weiß schon, was ich jetzt zu tun habe!«

»Was willst du denn jetzt tun?«

»Was geht dich das an, was ich jetzt tun will?«

»Paß mal auf, du wirst dich dem Trunke ergeben!«

»Woher … woher weißt du das?«

»Das zu erraten ist gerade kein Kunststück!«

Rasumichin schwieg ein Weilchen.

»Du warst von jeher ein sehr scharfblickender Mensch und bist niemals, niemals verrückt gewesen«, bemerkte er dann plötzlich sehr eifrig. »Du hast ganz recht: ich werde mich dem Trunke ergeben! Leb wohl!«

Er machte eine Bewegung nach der Tür zu.

»Ich habe über dich, es war ja wohl vorgestern, mit meiner Schwester gesprochen, Rasumichin.«

»Über mich! Ja …, wo kannst du sie denn vorgestern zu sehen bekommen haben?« fragte Rasumichin und blieb stehen; er war sogar ein wenig blaß geworden, und man konnte merken, daß sein Herz langsamer und mit Anstrengung klopfte.

»Sie war hierhergekommen, sie allein; sie saß hier und sprach mit mir.«

»Das hat sie getan?«

»Allerdings!«

»Was hast du denn zu ihr gesagt, … ich meine, über mich?«

»Ich habe zu ihr gesagt, daß du ein sehr guter, ehrenhafter, arbeitsamer Mensch seist. Daß du sie liebst, habe ich ihr nicht gesagt, weil sie das selbst weiß.«

»Das weiß sie selbst?«

»Natürlich! Wo auch immer ich sein mag, was auch immer mir zustoßen mag, bleibe du bei meiner Mutter und bei meiner Schwester als ihr Beschützer. Ich lege sie sozusagen beide in deine Hände. Ich sage das, weil ich genau weiß, wie sehr du meine Schwester liebst, und weil ich von der Reinheit deines Herzens überzeugt bin. Ich weiß ferner, daß auch sie dich liebgewinnen kann und sogar vielleicht schon liebt. Nun wähle selbst, was du für das beste hältst, ob du dich dem Trunke ergeben willst oder nicht.«

»Rodja … Ja, siehst du … Nun … Ach, zum Teufel! Aber wohin willst du denn eigentlich gehen? Siehst du: wenn das ein Geheimnis ist, dann sag mir nichts davon! Aber ich … ich werde das Geheimnis schon noch erfahren … Ich bin überzeugt, daß es sich dabei sicher nur um irgendeinen Unsinn, um reine Lappalien handelt und daß du allein die ganze Geschichte eingerührt hast. Im übrigen aber bist du ein vortrefflicher Mensch! Ein ganz vortrefflicher Mensch!«

»Ich wollte eigentlich noch hinzufügen, aber du unterbrachst mich, daß das vorhin eine sehr vernünftige Äußerung von dir war: du hättest gar nicht die Absicht, in diese Geheimnisse einzudringen. Laß das alles vorläufig auf sich beruhen und beunruhige dich nicht darüber. Du wirst alles zu gegebener Zeit erfahren, nämlich so bald, wie es nötig ist. Gestern hat jemand zu mir gesagt, der Mensch brauche Luft, Luft, Luft! Ich will gleich zu ihm gehen und ihn fragen, was er darunter versteht.«

Rasumichin stand aufgeregt und mit seinen Gedanken beschäftigt da; er suchte sich etwas zurechtzulegen.

›Er ist ein politischer Verschwörer! Ganz bestimmt! Und er steht unmittelbar vor einem entscheidenden Schritte, das ist sicher! Es kann nicht anders sein, und … und Dunja weiß davon …‹, dache er bei sich.

»Also zu dir kommt Awdotja Romanowna«, sagte er langsam und nachdrücklich, »und du selbst beabsichtigst, mit jemand zusammenzukommen, der da meint, man brauche mehr Luft, mehr Luft, und … und folglich steht auch dieser Brief damit in irgendwelcher Beziehung«, schloß er, als spräche er mit sich selbst.

»Was für ein Brief?«

»Sie hat heute durch einen Boten einen Brief erhalten, der sie sehr aufgeregt hat. Sehr, gar zu sehr. Ich fing an, von dir zu sprechen; aber sie bat mich zu schweigen. Darauf … darauf sagte sie, wir würden uns vielleicht sehr bald trennen müssen; darauf begann sie, ich weiß nicht wofür, mir in warmen Worten zu danken; dann ging sie in ihr Zimmer und schloß sich ein.«

»Sie hat einen Brief erhalten?« fragte Raskolnikow nachdenklich.

»Jawohl; hast du nichts davon gewußt? Hm! …«

Sie schwiegen beide einen Augenblick.

»Leb wohl, Rodja! Weißt du, Bruder, ich … Eine Zeitlang habe ich … Nun aber, leb wohl; sieh mal, eine Zeitlang … Nun, adieu! Ich muß gehen. Dem Trunke werde ich mich nicht ergeben. Jetzt ist das nicht nötig … Wenn du das denkst, irrst du dich!«

Eilig ging er hinaus; aber als er schon draußen war und beinahe schon die Tür hinter sich zugemacht hatte, öffnete er sie plötzlich noch einmal und sagte, indem er dabei zur Seite blickte:

»Da fällt mir noch ein: du erinnerst dich gewiß an diesen Mord, an das Gespräch mit Porfirij, an die alte Frau? Na also, da wollte ich dir nur sagen, daß der Mörder gefunden ist; er hat die Tat selbst eingestanden und der Behörde alle Beweise gegen sich in die Hand gegeben. Denke dir nur, es ist einer von jenen Malergesellen, du besinnst dich, ich habe sie hier bei dir noch so warm verteidigt. Kannst du es wohl glauben, daß er diese ganze Szene, die Prügelei mit seinem Kameraden und das Gelächter auf der Treppe, als der Hausknecht und die zwei Zeugen hinaufstiegen, absichtlich veranstaltet hat, um den Verdacht von sich abzulenken? Welche Schlauheit, welche Geistesgegenwart bei so einem jungen Bürschchen! Es fällt einem schwer, daran zu glauben; aber er hat selbst alles so dargelegt und selbst alles gestanden! Und wie habe ich mich blamiert! Nun, meiner Ansicht nach ist er eben einfach ein Genie in der Verstellungskunst und Findigkeit, ein Genie in der Kunst, die Behörden hinters Licht zu führen, und somit ist kein Grund vorhanden, besonders erstaunt zu sein! Warum sollen nicht auch solche Genies vorkommen können? Und wenn er nicht imstande gewesen ist, seine Rolle bis zu Ende durchzuhalten, sondern ein Geständnis abgelegt hat, so wird mir seine Aussage dadurch nur noch glaubhafter. Sie erweckt so noch mehr Zutrauen! … Aber wie habe ich mich damals blamiert! Und ich hatte mich so gewaltig für diese Menschen ins Zeug gelegt!«

»Sag doch mal, woher hast du denn das erfahren, und warum interessiert es dich so?« fragte Raskolnikow in sichtlicher Aufregung.

»Na, so was! Warum mich das interessiert, fragt der Mensch! … Erfahren habe ich es von Porfirij, auch von andern. Übrigens fast alles von ihm …«

»Von Porfirij?«

»Gewiß.«

»Was … was hat er denn darüber gesagt?« fragte Raskolnikow ängstlich.

»Er hat mir den Hergang ganz vortrefflich erklärt, … psychologisch, so auf seine Art.«

»Er hat es dir erklärt? Er selbst?«

»Jawohl, er selbst; aber nun adieu! Ein andermal will ich dir mehr davon erzählen; aber jetzt habe ich zu tun. Ja, … eine Zeitlang habe ich gedacht … Na, lassen wir es jetzt; ein andermal! … Warum sollte ich mich jetzt betrinken? Du hast mich auch ohne Schnaps betrunken gemacht. Ganz betrunken bin ich, Rodja! Ohne Schnaps bin ich jetzt betrunken; na, nun adieu; ich komme schon mal wieder her; sehr bald!«

Er ging hinaus.

›Er ist ein politischer Verschwörer, ganz sicher!‹ dachte Rasumichin mit größter Bestimmtheit, während er langsam die Treppe hinabstieg. ›Auch seine Schwester hat er mit hineingezogen; bei Awdotja Romanownas Charakter ist das verständlich, sehr verständlich. Sie haben Zusammenkünfte! … Auch sie selbst hat mir ja Andeutungen darüber gemacht … Aus vielen ihrer Äußerungen, … aus manchem kurz hingeworfenen Worte, … aus ihren Andeutungen läßt sich alles mit Sicherheit entnehmen! Und wie wäre denn auch dieser ganze Wirrwarr anders zu erklären? Hm! Und ich dachte schon … O Gott, wie habe ich nur so etwas denken können! Ja, das war eine Verirrung von mir, und ich habe ihm schweres Unrecht getan! Damals bei der Lampe auf dem Korridor hat er mich zu dieser Verirrung gebracht! Pfui, was war das für ein abscheulicher, roher, gemeiner Gedanke von mir! Sehr brav von diesem Nikolai, daß er es eingestanden hat … Und wie einfach sich jetzt alles Vorhergegangene erklärt! Seine Krankheit von damals, sein ganzes sonderbares Benehmen; und auch früher, als er noch auf der Universität war, wie finster und mürrisch war er da immer! … Aber was hat es jetzt mit diesem Briefe für eine Bewandtnis? Da steckt vielleicht auch so etwas dahinter. Von wem ist dieser Brief? Ich vermute … Hm! Nein, das will ich schon alles herausbekommen.‹

Er dachte an Dunja und kombinierte allerlei über sie; es wurde ihm ganz bang ums Herz. Aber er riß sich von der Stelle, wo er in Gedanken stehengeblieben war, los und stürmte davon.

Sobald Rasumichin fortgegangen war, stand Raskolnikow auf, wandte sich zum Fenster, rannte dann bald gegen die eine, bald gegen die andre Wand an, als hätte er die Enge seines Kämmerchens vergessen, … und setzte sich wieder auf das Sofa. Es war, als sei er ein ganz neuer Mensch geworden; er hatte wieder einen Kampf vor sich, und darin lag die Möglichkeit der Rettung, ein Ausweg!

Ja, da zeigte sich ein Ausweg! Die Ereignisse der letzten Zeit hatten aber auch gar zu schwer auf ihm gelastet, einen qualvollen Druck auf ihn ausgeübt und ihn zu ersticken gedroht; eine Art von Betäubung hatte ihn befallen. Seit der Szene mit Nikolai in Porfirijs Bureau war es ihm gewesen, als ob er nicht mehr Atem holen könne vor Beklemmung. Nach dieser Szene mit Nikolai hatte an demselben Tage die Unterredung mit Sonja stattgefunden; seine Aufgabe hatte er dabei ganz und gar nicht in der Weise durchgeführt und zu Ende gebracht, wie er sich das vorher vorgenommen hatte, … er war dabei eben schwach geworden, plötzlich und vollständig! Mit einem Male! Und er hatte damals Sonja zugestimmt, von ganzem Herzen zugestimmt, daß er mit einer solchen Last auf der Seele so ganz allein nicht weiterleben könne! Und Swidrigailow? Swidrigailow war ein Rätsel … Swidrigailow beunruhigte ihn allerdings, aber doch nach einer andern Richtung hin. Auch mit Swidrigailow stand ihm vielleicht ein Kampf bevor. Mit Swidrigailow konnte er vielleicht zurechtkommen, aber Porfirij, das war eine andre Sache.

Also Porfirij hatte diesem Rasumichin selbst den Hergang erklärt, psychologisch erklärt! Er hatte wieder seine verfluchte Psychologie ins Treffen geführt! Porfirij hatte das getan? Sollte denn Porfirij auch nur einen Augenblick lang an Nikolais Schuld geglaubt haben, nach dem Gespräche, das sie miteinander geführt hatten, nach jener Szene, die sich vor Nikolais Eintritt zwischen ihnen beiden abgespielt hatte und für die es keine andre ausreichende Erklärung gab außer einer einzigen? (Raskolnikow hatte sich in diesen Tagen mitunter einzelne Bruchstücke der Szene mit Porfirij flüchtig durch den Kopf gehen lassen; die vollständige Erinnerung an den gesamten Vorgang hätte er nicht ertragen können.) Es waren bei diesem Gespräche von ihnen beiden solche Ausdrücke gebraucht worden, es waren solche Bewegungen und Gesten vorgekommen, sie hatten solche Blicke miteinander gewechselt, manches in einem solchen Tone gesprochen, die Sache hatte sich derartig zugespitzt, daß nach alledem dieser Nikolai, welchen Porfirij gleich beim ersten Worte und bei der ersten theatralischen Bewegung richtig beurteilt hatte, das eigentliche Fundament seiner Überzeugung nicht hatte erschüttern können.

Beachtenswert war doch auch, daß sogar Rasumichin bereits Verdacht geschöpft hatte! Die Szene auf dem Korridor bei der Lampe mußte doch stark auf ihn gewirkt haben. Er war inzwischen zu Porfirij hingelaufen … Aber zu welchem Zwecke hatte ihn dieser hinters Licht geführt? In welcher Absicht hatte er Rasumichin dazu veranlaßt, Nikolai für den Täter zu halten? Ganz sicher hatte er dabei etwas vor; er verfolgte einen bestimmten Plan; aber welchen? Seit jenem Vormittag war allerdings schon geraume Zeit vergangen, sehr viel Zeit, und von Porfirij war nichts zu hören und zu sehen gewesen. Das war natürlich ein besonders schlimmes Zeichen … Raskolnikow griff nach seiner Mütze und ging, mit seinen Gedanken beschäftigt, zur Tür. Es war während dieser ganzen Zeit der erste Tag, wo er sich wenigstens bei klarem Bewußtsein fühlte. ›Ich muß die Angelegenheit mit Swidrigailow ins reine bringen‹, dachte er, ›und zwar so schnell wie möglich, um jeden Preis; auch der scheint darauf zu warten, daß ich selbst zu ihm komme.‹ In diesem Augenblick flammte in seinem müden Herzen plötzlich ein solcher Haß auf, daß er wohl fähig gewesen wäre, einen von diesen beiden, Swidrigailow oder Porfirij, ohne weiteres zu ermorden. Er hatte wenigstens die Empfindung, daß er, wenn nicht jetzt, so doch später imstande sein werde, dies zu tun. »Wir wollen sehen, wir wollen sehen!« sagte er vor sich hin.

Aber in dem Moment, als er die Tür nach dem Flur öffnete, stieß er mit Porfirij selbst zusammen. Dieser trat zu ihm ins Zimmer. Raskolnikow war einen Augenblick ganz starr, aber eben auch nur einen Augenblick. Merkwürdig: er war über Porfirijs Erscheinen nicht sonderlich erstaunt und fast gar nicht erschrocken. Er war nur zusammengezuckt, hatte sich aber schnell, augenblicklich wieder gefaßt. ›Vielleicht kommt nun die Lösung! Aber wie hat er es nur angestellt, daß er so leise hergekommen ist wie eine Katze und ich gar nichts davon gehört habe? Ob er am Ende gar an der Tür gehorcht hat?‹

»Sie haben meinen Besuch gewiß nicht erwartet, Rodion Romanowitsch!« rief Porfirij Petrowitsch lachend. »Ich hatte schon lange vor, einmal bei Ihnen vorzusprechen; nun kam ich jetzt gerade vorbei und dachte: warum soll ich nicht auf ein paar Minuten hinaufgehen und sehen, was er macht? Wollten Sie ausgehen? Ich will Sie nicht lange aufhalten. Nur auf eine Zigarette, wenn Sie gestatten.«

»Bitte, nehmen Sie Platz, Porfirij Petrowitsch, bitte, nehmen Sie Platz!« lud ihn Raskolnikow ein, und sein Gesicht zeigte dabei einen so erfreuten, freundschaftlichen Ausdruck, daß er sich selbst gewundert haben würde, wenn er sich hätte sehen können.

Er hatte den letzten Rest seiner seelischen Kraft zusammengesucht. So steht ein Mensch manchmal eine halbe Stunde lang Todesangst vor einem Räuber aus; wenn ihm aber dann wirklich das Messer an die Kehle gesetzt wird, ist die Angst verschwunden. Er setzte sich seinem Besucher gerade gegenüber und blickte ihn an, ohne mit den Wimpern zu zucken. Porfirij kniff die Augen zusammen und steckte sich eine Zigarette an.

›Nun sprich, sprich!‹ rief es in Raskolnikows Innerem. ›Vorwärts, vorwärts! Warum sprichst du nicht?‹

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Kapitel 33

II

»Ja, ja, diese Zigaretten!« begann Porfirij Petrowitsch endlich, als die Zigarette brannte und er wieder Atem geschöpft hatte. »Es ist für mich verderblich, geradezu verderblich, aber ich kann’s nicht lassen! Ich muß danach husten und bekomme Kratzen im Halse und Atembeschwerden. Wissen Sie, ich bin ängstlich, ich ging neulich zu Doktor B…n; der untersucht jeden Patienten mindestens eine halbe Stunde lang. Als er mich ansah, lachte er; dann beklopfte und behorchte er mich und sagte unter anderm: ›Das Tabakrauchen ist Ihnen nicht zuträglich; Ihre Lungen sind erweitert.‹ Aber wie soll ich das Rauchen unterlassen? Wie soll ich einen Ersatz dafür finden? Ich trinke nicht, das ist das ganze Malheur, he-he-he; ja, es ist ein Malheur, daß ich nicht trinke! So hat alles sein Gutes und sein Schlimmes, Rodion Romanowitsch, sein Gutes und sein Schlimmes!«

›Warum greift er denn wieder zu einem ähnlichen Gesprächsstoff wie neulich?‹ dachte Raskolnikow mit Widerwillen. Der ganze Hergang bei ihrem letzten Zusammensein kam ihm auf einmal ins Gedächtnis, und dasselbe Gefühl, das er damals gehabt hatte, flutete wie eine Welle durch sein Herz.

»Ich bin schon vorgestern abend einmal hier bei Ihnen gewesen; Sie wissen wohl nichts davon?« fuhr Porfirij Petrowitsch fort und blickte sich im Zimmer um. »In diesem Zimmer hier war ich. Ich kam, ebenso wie heute, am Hause vorbei und dachte: will ihm doch einen Gegenbesuch machen. Ich ging hinauf, das Zimmer stand weit offen; ich sah mich um, wartete ein Weilchen und ging wieder weg; ich habe mich nicht einmal bei Ihrem Dienstmädchen gemeldet. Sie schließen Ihr Zimmer nicht zu?«

Raskolnikows Gesicht wurde immer finsterer. Porfirij schien seine Gedanken zu erraten.

»Ich bin gekommen, um mich mit Ihnen auszusprechen, bester Rodion Romanowitsch, um mich mit Ihnen auszusprechen! Das empfinde ich als meine Pflicht und Schuldigkeit Ihnen gegenüber«, fuhr er lächelnd fort und klopfte sogar Raskolnikow mit der Hand leicht auf das Knie.

Aber fast in demselben Augenblicke nahm sein Gesicht plötzlich eine ernste, sorgenvolle Miene an; ja, zu Raskolnikows Verwunderung breitete sich sogar ein Ausdruck von Traurigkeit darüber aus. Er hatte ein solches Gesicht noch nie bei ihm gesehen und ihn dessen auch gar nicht für fähig gehalten.

»Es hat sich das letzte Mal eine eigentümliche Szene zwischen uns beiden abgespielt, Rodion Romanowitsch. Eigentlich auch wohl schon bei unserer ersten Begegnung: aber damals … Na, wir wollen es jetzt zusammenfassen! Nun also: ich habe mich Ihnen gegenüber vielleicht sehr ungehörig benommen; das fühle ich. Erinnern Sie sich wohl noch: als wir uns trennten, da waren Ihre Nerven heftig erregt, und Ihre Knie zitterten, und meine Nerven waren auch heftig erregt, und meine Knie zitterten. Und wissen Sie, wir benahmen uns damals gegeneinander eigentlich nicht mehr in geziemender Form, nicht gentlemanlike. Wir sind ja aber doch gentlemen, das heißt, unter allen Umständen und in erster Linie gentlemen; das müssen wir immer festhalten; Sie erinnern sich wohl, wie weit es damals zwischen uns kam, … es war schon geradezu unziemlich.«

›Was will er denn eigentlich, und wofür hält er mich?‹ fragte sich Raskolnikow erstaunt; er hob den Kopf und blickte seinem Besucher voll ins Gesicht.

»Ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß es für uns jetzt das beste ist, wenn wir ganz offenherzig miteinander verhandeln«, fuhr Porfirij Petrowitsch fort; er drehte dabei den Kopf ein wenig zur Seite und schlug die Augen nieder, als wünsche er nicht mehr, sein ehemaliges Opfer durch seinen Blick in Verwirrung zu versetzen, und als verschmähe er seine früheren Kunstgriffe und Listen. »Ja, solche Verdächtigungen und solche Szenen darf man nicht zu lange dauern lassen. Damals hat uns Nikolai noch auseinandergebracht; sonst weiß ich nicht, wie weit die Sache zwischen uns noch gegangen wäre. Dieser verdammte Kleinbürger saß damals bei mir während unseres ganzen Gesprächs hinter der Zwischenwand – können Sie sich das vorstellen? Das ist Ihnen gewiß bereits bekannt; auch weiß ich selbst, daß er nachher bei Ihnen gewesen ist. Aber was Sie damals vermuteten, traf nicht zu: ich hatte nach niemandem geschickt und damals noch keinerlei Anordnungen getroffen. Sie werden mich fragen, warum ich das unterlassen hatte. Ja, was soll ich Ihnen darauf antworten? Mir selbst war die ganze Geschichte damals gar zu plötzlich gekommen. Ich hatte eben erst hingeschickt und die Hausknechte holen lassen. Sie haben die Hausknechte gewiß im Vorbeigehen bemerkt. Damals fuhr mir blitzschnell ein Gedanke durch den Kopf; sehen Sie wohl, Rodion Romanowitsch, ich war damals ganz fest überzeugt. Na, dachte ich, wenn ich auch andre Maßnahmen vorläufig unterlasse, so will ich doch ein Mittel zur Anwendung bringen; dann habe ich wenigstens das Meinige getan. Sie sind außerordentlich reizbar, Rodion Romanowitsch, offenbar von Natur, sogar übermäßig reizbar, neben allen andern Grundzügen Ihres Charakters und Herzens, die ich mir, wenigstens teilweise, richtig erkannt zu haben schmeichle. Na, natürlich sagte ich mir, sogar in jenem Augenblicke: immer glückt das nicht, daß ein Mensch so einfach aufsteht und einem sein ganzes Geheimnis ausplaudert. Vorkommen tut das ja freilich, namentlich, wenn man einen völlig aus der Fassung bringt; aber es ist doch immerhin ein seltner Fall. Das konnte ich mir selbst sagen. Aber ich dachte: wenn ich nur eine kleine Handhabe dabei gewinne! Und wenn es auch nur eine ganz kleinwinzige ist, nur eine einzige, aber so eine, daß man wirklich zufassen kann, etwas Konkretes, und nicht diese bloßen psychologischen Gründe. Denn, dachte ich, wenn jemand schuldig ist, so kann man doch gewiß erwarten, jedenfalls etwas Tatsächliches von ihm herauszubekommen; man darf sogar auf ein ganz unerwartetes Resultat spekulieren. Ich gründete damals meine Spekulation auf Ihren Charakter, Rodion Romanowitsch, ganz besonders auf Ihren Charakter! Darauf setzte ich damals meine größte Hoffnung.«

»Ja, wozu … wozu sagen Sie mir denn das alles jetzt?« murmelte Raskolnikow endlich, ohne sich von seiner eigenen Frage ordentlich Rechenschaft zu geben.

›Was will er nur mit diesen Reden?‹ fragte er sich ratlos. ›Hält er mich wirklich für unschuldig?‹

»Wozu ich Ihnen das sage? Ich bin ja hergekommen, um mich mit Ihnen auszusprechen; das halte ich sozusagen für meine heilige Pflicht. Ich will Ihnen alles ganz genau erzählen, wie alles gewesen ist, den ganzen Hergang meiner damaligen Verblendung, um mich so auszudrücken. Ich habe Sie schwer leiden lassen, Rodion Romanowitsch; aber ich bin kein Unmensch. Ich begreife völlig, wie entsetzlich es einem vom Schicksal niedergedrückten, aber stolzen, selbstbewußten, ungeduldigen Menschen, ja, ganz besonders einem ungeduldigen Menschen, sein muß, das alles über sich ergehen zu lassen! Ich halte Sie jedenfalls für einen durchaus vornehm denkenden Menschen, sogar mit Anlage zur Hochherzigkeit, obgleich ich nicht mit allen Ihren Anschauungen übereinstimme, was ich mich für verpflichtet halte, Ihnen von vornherein geradezu und mit vollständiger Aufrichtigkeit zu erklären; denn es liegt mir völlig fern, Sie täuschen zu wollen. Sobald ich Sie kennengelernt hatte, fühlte ich mich zu Ihnen hingezogen. Sie lachen vielleicht über das, was ich da sage? Dazu sind Sie berechtigt. Ich weiß, daß ich Ihnen gleich vom ersten Blicke an zuwider war; denn ich bin ja auch wirklich nicht dazu angetan, daß mich jemand gern haben sollte. Aber urteilen Sie über mich, wie Sie wollen; jetzt jedenfalls wünsche ich meinerseits, mit allen Mitteln den übeln Eindruck, den ich hervorgebracht habe, wiedergutzumachen und zu beweisen, daß auch ich ein Mensch bin, der ein Herz und ein Gewissen hat. Ich rede ganz aufrichtig.«

Porfirij Petrowitsch machte würdevoll eine Pause. Raskolnikow fühlte, wie eine neue Schreckempfindung ihn überkam. Der Gedanke, daß Porfirij ihn für unschuldig halte, hatte auf einmal für ihn etwas Beängstigendes.

»Alles der Reihe nach zu erzählen, wie die Geschichte damals plötzlich anfing«, fuhr Porfirij Petrowitsch fort, »ist wohl kaum nötig, ich meine sogar, völlig überflüssig. Ich Frage an ihn zu richten wagten! … Nun, und dieses Frostgefühl im Rückenmark? Und das Ziehen an der Türklingel im Zustande der Krankheit, des halben Fieberwahns? Also wie können Sie sich nach alledem darüber wundern, Rodion Romanowitsch, daß ich mit Ihnen damals solche Späßchen machte? Und warum mußten Sie auch gerade in jenem Augenblicke zu mir kommen? Wahrhaftig, ganz als ob Sie jemand zu mir hingetrieben hätte; und wenn uns nicht Nikolai noch auseinandergebracht hätte, so … Erinnern Sie sich noch an die Geschichte mit Nikolai damals? Haben Sie das noch gut im Gedächtnis? Das war ja ein Blitzstrahl, ein Donnerschlag, der auf uns niederprasselte! Na, und wie stellte ich mich dazu? Ich habe diesem Blitz und Donner nicht im geringsten Glauben geschenkt; das haben Sie ja selbst gesehen! Ja, noch mehr! Nachher, als Sie weggegangen waren und er mir über manche Punkte auf meine Fragen durchaus passende Auskunft gab, so daß ich selbst erstaunt war, auch da habe ich ihm absolut nichts geglaubt! Sehen Sie, so fest war meine Überzeugung, wie Stahl und Eisen. ›Nein‹, dachte ich, ›daraus wird nichts! Dagegen kann dieser Nikolai nichts ausrichten!‹«

»Aber Rasumichin hat mir doch eben erst mitgeteilt, Sie hielten auch jetzt noch Nikolai für schuldig, und Sie selbst hätten auch ihn, Rasumichin, davon überzeugt, daß …«

Der Atem versagte ihm, so daß er den Satz nicht zu Ende sprechen konnte. Er hörte in unbeschreiblicher Erregung zu, wie ein Mensch, der ihn völlig durchschaut hatte, seine eigene Erkenntnis verleugnete. Er fürchtete sich, dies zu glauben, und glaubte es nicht. In den immer noch zweideutigen Worten Porfirijs suchte und haschte er mit ängstlichem Eifer nach etwas Deutlicherem. Bestimmterem.

»Herr Rasumichin!« rief Porfirij Petrowitsch in einem Tone, als wäre er höchst erfreut über Raskolnikows Frage, nachdem dieser die ganze Zeit geschwiegen hatte. »He-he-he! Ja, Herrn Rasumichin mußte ich von uns fernhalten, nach dem Sprichwort: was zu zweien Vergnügen macht, da genug an der Qual, die er ausgestanden hatte, als er hinter der Tür versteckt stand und an der Tür gerüttelt und an der Klingel gerissen wurde – nein, er geht nachher im halben Fieberwahn in die nun leere Wohnung, um sich dieses Läuten der Klingel ins Gedächtnis zurückzurufen; er hat ein Verlangen danach, das Kältegefühl im Rücken noch einmal zu verspüren … Nun ja, er hat das allerdings in einem krankhaften Zustande getan; aber noch eines ist besonders merkwürdig: er hat einen Mord begangen, hält sich aber trotzdem für einen ehrenhaften Menschen, verachtet andre Leute, wandelt wie ein Engel der Unschuld einher … nein, Nikolai kann als Täter gar nicht in Betracht kommen, liebster Rodion Romanowitsch, Nikolai unter keinen Umständen!«

Nach allem, was Porfirij im ersten Teile des Gesprächs gesagt hatte und was wie eine Abbitte des Verdachtes geklungen hatte, kamen diese letzten Worte Raskolnikow gar zu überraschend. Er zitterte am ganzen Körper, als ob er einen Dolchstich erhalten hätte.

»Wer … hat denn also … den Mord begangen?« fragte er mit fast versagender Stimme. Aber es war ihm unmöglich, die Frage zurückzuhalten.

Porfirij Petrowitsch warf sich an die Stuhllehne zurück, als ob diese Frage ihm ganz unerwartet gekommen wäre und ihn in das äußerste Erstaunen versetzt hätte.

»Und Sie fragen noch, wer den Mord begangen hat?« erwiderte er, als traue er seinen Ohren nicht. »Sie selbst haben den Mord begangen, Rodion Romanowitsch!« fügte er fast flüsternd, aber im Tone festester Überzeugung hinzu.

Raskolnikow sprang vom Sofa auf, blieb einige Sekunden stehen und setzte sich, ohne ein Wort zu sagen, wieder hin. Leise krampfhafte Zuckungen liefen über sein ganzes Gesicht.

»Die Lippe bebt Ihnen wieder wie damals«, murmelte Porfirij Petrowitsch, und es klang sogar teilnahmsvoll. »Sie haben mich wohl nicht richtig verstanden, Rodion Romanowitsch«, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu, »daher sind Sie auch so betroffen. Ich bin ja gerade in der Absicht hergekommen, alles frei heraus zu sagen und das Spiel mit aufgedeckten Karten fortzusetzen.«

»Ich habe den Mord nicht begangen«, flüsterte Raskolnikow, ganz wie es erschrockene kleine Kinder zu machen pflegen, wenn sie auf frischer Tat ertappt werden.

»Doch, doch, Sie sind es gewesen, Rodion Romanowitsch, Sie und kein andrer«, flüsterte Porfirij streng und überzeugt. Dann schwiegen beide, und dieses Schweigen dauerte sonderbar lange, wohl zehn Minuten. Raskolnikow hatte sich mit den Ellbogen auf den Tisch gestützt und wühlte schweigend mit den Fingern in seinen Haaren. Porfirij saß still da und wartete. Plötzlich blickte Raskolnikow ihn verächtlich an.

»Sie verfahren wieder nach Ihrer alten Methode, Porfirij Petrowitsch! Immer dieselben Kniffe! Wunderlich, daß Sie dessen nicht selbst überdrüssig werden!«

»Ach, reden Sie doch nicht! Was könnten mir denn jetzt meine Kniffe helfen? Ein ander Ding wäre es, wenn Zeugen bei unserem Gespräche zugegen wären; aber wir reden ja doch unter vier Augen. Sie sehen selbst: ich bin nicht in der Absicht zu Ihnen hergekommen, Sie zu hetzen und zu fangen wie einen Hasen. Ob Sie bekennen oder nicht, ist mir in diesem Augenblicke ganz gleich. Ich für meine Person bin auch ohne Ihr Geständnis überzeugt.«

»Wenn dem so ist, warum sind Sie dann hergekommen?« fragte Raskolnikow gereizt. »Ich richte an Sie dieselbe Frage wie schon früher: Wenn Sie mich für schuldig halten, warum setzen Sie mich nicht ins Gefängnis?«

»Na, das ist eine Frage, die sich hören läßt! Und so will ich sie Ihnen beantworten, indem ich Punkt für Punkt meine Gründe angebe. Erstens: Sie so geradezu ins Gefängnis zu setzen, ist für mich nicht vorteilhaft.«

»Was meinen Sie damit: nicht vorteilhaft? Wenn Sie von meiner Schuld überzeugt sind, dann sind Sie doch verpflichtet …«

»Ach, was hat denn meine Überzeugung zu besagen? Das sind ja doch vorläufig alles nur so Phantasien von mir. Ja, und warum soll ich Sie denn an einen Ort bringen, wo Sie Ruhe haben würden? Wie vorteilhaft das für Sie wäre, wissen Sie offenbar selbst, da Sie ja selbst darum ersuchen. Ich bringe zum Beispiel, um Sie zu überführen, den Kleinbürger hin; aber Sie werden zu ihm sagen: ›Bist du ein Trinker oder nicht? Wer hat mich mit dir zusammen gesehen? Ich hielt dich einfach für betrunken, und du warst auch wirklich betrunken‹ – nun, was könnte ich daraufhin zu Ihnen sagen, namentlich auch, da Ihre Behauptung wahrscheinlicher klingt als die seinige; denn die seinige beruht nur auf einer psychologischen Kombination (und wie paßt so etwas zu seiner dummen Visage), Sie aber treffen ins Schwarze, da der Halunke notorisch ein wüster Säufer ist. Und ich selbst habe Ihnen schon mehrmals offenherzig gestanden, daß diese psychologischen Erwägungen ihre zwei Seiten haben und daß die zweite Seite prävaliert und weit glaublicher erscheint und daß ich im übrigen gegen Sie vorläufig noch gar keine Beweise vorbringen kann. Ich werde Sie nun zwar trotzdem ins Gefängnis setzen, und ich bin (was allerdings ein ungewöhnliches Verfahren ist) sogar selbst zu dem Zwecke hergekommen, Ihnen das alles im voraus anzukündigen; aber ich sage Ihnen geradezu (was wiederum ungewöhnlich ist), daß das für mich nicht vorteilhaft sein wird. Nun weiter, zweitens bin ich zu Ihnen gekommen, weil …«

»Nun also, zweitens?« Raskolnikow atmete noch immer nur mühsam und keuchend.

»Weil, wie ich Ihnen schon vorhin erklärte, ich mich für verpflichtet halte, mich Ihnen gegenüber offen auszusprechen. Ich möchte nicht, daß Sie mich für einen Unmenschen halten, und ich möchte das um so weniger, da ich Ihnen aufrichtig zugetan bin, mögen Sie es mir nun glauben oder nicht. Infolgedessen bin ich drittens zu Ihnen gekommen mit einem offenen, ehrlichen Vorschlage: sich selbst anzuzeigen. Das wird für Sie bei weitem das vorteilhafteste sein, und es ist auch zugleich das vorteilhafteste für mich; denn dann bin ich diese Geschichte los. Nun, was meinen Sie, ist das von mir nicht offenherzig?«

Raskolnikow überlegte eine kurze Weile.

»Hören Sie, Porfirij Petrowitsch, Sie sagten doch selbst, es sei alles nur Psychologie, und nun tun Sie, als wüßten Sie alles mit mathematischer Sicherheit. Wie aber, wenn Sie sich jetzt doch irren?«

»Nein, Rodion Romanowitsch, ich irre mich nicht. Ich habe so eine kleine Handhabe. Diese kleine Handhabe habe ich damals gefunden; die hat mir Gott gesandt!«

»Was für eine Handhabe?«

»Das sage ich nicht, Rodion Romanowitsch. Aber jedenfalls bin ich jetzt nicht mehr berechtigt, Ihre Verhaftung länger hinauszuschieben; ich werde Sie ins Gefängnis setzen. Also überlegen Sie sich das, ob Sie ein Geständnis ablegen wollen. Mir ist es jetzt, für den Augenblick, ganz gleich; Sie sehen somit, daß ich es einzig und allein um Ihretwillen wünsche. Weiß Gott, es ist das beste, Rodion Romanowitsch!«

Raskolnikow lächelte höhnisch.

»Ihre Zumutung ist nicht nur lächerlich, sondern geradezu unverschämt. Nun, gesetzt, ich wäre schuldig (was ich in keiner Weise zugebe), was hätte ich denn dann für Veranlassung, mit einem Geständnisse zu Ihnen zu kommen, da Sie doch selbst erklären, Sie würden mich ohnehin bald an einen Ort bringen, wo ich Ruhe haben würde?«

»Ach, Rodion Romanowitsch, verlassen Sie sich auf das, was ich darüber gesagt habe, nicht allzusehr; einer vollständigen Ruhe werden Sie sich da wohl nicht erfreuen! Das ist ja alles nur Theorie, und noch dazu bloß meine Theorie, und ich kann doch für einen Mann wie Sie keine Autorität sein! Vielleicht verheimliche ich Ihnen auch selbst jetzt noch dies und das. Ich kann Ihnen doch auch nicht gleich alles so ohne weiteres aufdecken, he-he! Und zweitens: wie können Sie erst noch fragen, was Sie von einem Geständnis für Vorteil haben würden? Sie wissen ja doch, welche Strafermäßigung Ihnen dafür zuteil werden wird? Denn wann, zu welchem Zeitpunkte kommen Sie mit Ihrer Selbstanzeige? Überlegen Sie sich das nur! In einem Augenblicke, wo bereits ein anderer das Verbrechen auf sich genommen und die ganze Sache heillos verwirrt hat. Und ich werde (das schwöre ich Ihnen!) es vor Gericht so darstellen und einrichten, daß Ihr Geständnis als ein vollständig unerwartetes, freiwilliges erscheint. Alles, was ich an psychologischen Erwägungen vorgebracht habe, soll so gut wie ungesagt sein; allen aus solchem Grunde gegen Sie geäußerten Verdacht annulliere ich, so daß sich Ihr Verbrechen als eine Art Geistesverwirrung darstellen wird; denn, die Wahrheit zu sagen, eine Geistesverwirrung ist es auch wirklich gewesen. Ich bin ein Ehrenmann, Rodion Romanowitsch, und halte, was ich verspreche.«

Raskolnikow schwieg düster und ließ den Kopf sinken; lange überlegte er, und endlich lächelte er wieder; aber es war jetzt ein sanftes, trauriges Lächeln.

»Ach was, es liegt mir nichts daran!« sagte er, als hätte er Porfirij gegenüber auf alle Verstellung verzichtet. »Es ist nicht der Mühe wert; es liegt mir gar nichts an Ihrer Strafermäßigung!«

»Na ja, das war’s ja gerade, was ich fürchtete!« rief Porfirij erregt; der Ausruf entschlüpfte ihm, wie es schien, ganz unwillkürlich. »Gerade das habe ich gefürchtet, daß Ihnen an unserer Strafermäßigung nichts liegen würde.«

Raskolnikow sah ihn mit traurigem, fragendem Blicke an.

»Ei, ei, mißachten Sie das Leben nicht!« fuhr Porfirij fort. »Sie haben noch ein gutes Stück davon vor sich. Wie können Sie nur sagen, daß Ihnen an einer Strafermäßigung nichts liege! Sie sind ein ungeduldiger Mensch!«

»Was kann mir die Zukunft noch bringen?«

»Ein gutes Stück Leben! Sie sind doch kein Prophet; was wissen Sie denn von der Zukunft? Suchet, so werdet ihr finden! Vielleicht hat Gott gerade an dieser Stelle Ihres Lebensweges auf Sie gewartet. Und Sie würden doch auch die Fesseln nicht lebenslänglich tragen …«

»Ach so, wegen der Strafermäßigung …«, warf Raskolnikow lachend dazwischen.

»Fürchten Sie sich etwa vor der Schande in den Augen der bürgerlichen Gesellschaft? Kann leicht sein, daß Sie sich davor fürchten, ohne es eigentlich selbst zu wissen; denn Sie sind eben noch jung! Aber dennoch sollte ein Mann wie Sie sich nicht davor fürchten und sich einer Selbstanzeige nicht schämen.«

»Ekelhaft!« flüsterte Raskolnikow verächtlich und widerwillig, als möchte er am liebsten das Gespräch abbrechen.

Er stand wieder auf, als wollte er fortgehen, setzte sich aber in sichtlicher Verzweiflung wieder hin.

»Das ist es eben, ›ekelhaft‹! Sie haben allen Glauben und alles Zutrauen verloren und meinen wohl gar, daß ich Ihnen in plumper Weise schmeichle. Aber wie lange haben Sie denn schon gelebt, und wieviel verstehen Sie vom Leben? Da haben Sie sich nun eine Theorie ersonnen und schämen sich jetzt, daß die Sache schiefgegangen ist und ganz und gar keinen originellen, großartigen Ausgang gehabt hat! Der Ausgang war vielmehr ein recht gemeiner, das ist wahr; aber Sie sind trotzdem nicht ein Schurke, an dem man verzweifeln müßte! Durchaus nicht! Wenigstens haben Sie zu Ihrem Selbstbetruge nicht lange Zeit gebraucht, sondern sind schnell bis zum äußersten gegangen. Wofür ich Sie halte? Ich halte Sie für einen von jenen Menschen, die, selbst wenn man ihnen die Eingeweide aus dem Leibe reißt, ruhig dastehen und lächelnd ihre Peiniger anblicken – wenn sie nur so Gott finden. Nun, finden Sie Gott, und Sie werden leben. Sie haben zunächst schon lange eine Luftveränderung nötig. Seien Sie versichert, auch das Leid ist ein gut Ding. Leiden Sie! Nikolai hat vielleicht ganz recht, daß er nach dem Leide trachtet. Ich weiß, daß es nicht jedermanns Sache ist, das zu glauben; aber lassen Sie sich nicht auf allzu schlaue philosophische Grübeleien ein; überlassen Sie sich einfach ohne viel Kopfzerbrechen dem Leben; seien Sie ohne Sorge: das Leben wird Sie schon ans Ufer tragen und wieder auf die Beine stellen. An was für ein Ufer? Das kann ich nicht wissen. Ich bin nur der festen Überzeugung, daß Sie noch viel zu leben haben. Ich weiß, daß Sie meine Worte jetzt als eine auswendig gelernte Predigt auffassen; aber vielleicht werden Sie sich meiner Worte in späterer Zeit erinnern, und sie werden Ihnen noch einmal von Nutzen sein; eben darum spreche ich zu Ihnen. Es ist nur gut, daß Sie bloß ein armseliges altes Weib ermordet haben. Hätten Sie sich eine andere Theorie ausgedacht, so hätten Sie am Ende gar eine unendlich viel greulichere Tat begangen! Dafür müssen Sie vielleicht Gott noch dankbar sein; Sie können es ja nicht wissen: vielleicht spart Sie Gott noch zu einem guten Zwecke auf. Beweisen Sie eine hohe Gesinnung; bekämpfen Sie alle Furcht. Ist Ihnen bange vor der Größe der Ihnen bevorstehenden Strafe? Nein, dieser Bangigkeit muß man sich schämen. Da Sie einmal einen solchen Schritt getan haben, so nehmen Sie nun auch Ihre Kraft zusammen! Darin besteht die Gerechtigkeit. Erfüllen Sie, was die Gerechtigkeit verlangt! Ich weiß, daß Sie mir das jetzt nicht glauben; aber das Leben wird Sie einst wieder ans Ufer tragen. Und Sie selbst werden sich später wieder des Lebens freuen. Sie haben jetzt nur Luft nötig, Luft, Luft!«

Raskolnikow schrak ordentlich zusammen.

»Ja, wer sind Sie denn eigentlich?« rief er. »Sind Sie vielleicht ein Prophet, daß Sie mir von der Höhe Ihrer majestätischen Ruhe herab solche weisen Prophezeiungen erteilen?«

»Wer ich bin? Ich bin ein Mensch, der bereits über seinen Höhepunkt hinaus ist, weiter nichts. Ein Mensch, der vielleicht Gefühl und Mitgefühl besitzt, der vielleicht auch dies und das weiß, bei dem aber von einer weiteren Entwicklung nicht mehr die Rede sein kann. Aber mit Ihnen ist das etwas ganz anderes; Ihnen hat Gott noch die Möglichkeit eines ersprießlichen Lebens vorbehalten (freilich, wer weiß, vielleicht vergeht auch Ihr Leben wie ein bloßer Rauch, von dem nichts übrigbleibt). Nun, was ist denn dabei, daß Sie in die andre Menschenklasse übergehen? Sie werden sich doch nicht um den Komfort grämen, Sie mit Ihrem Herzen? Was ist denn dabei, daß vielleicht lange Zeit niemand Sie sehen wird? Nicht um die Zeit handelt es sich, sondern um Sie selbst. Werden Sie eine Sonne, und alle werden Sie sehen. Eine Sonne muß sich vor allen Dingen als Sonne erweisen, muß leuchten und wärmen. Warum lächeln Sie wieder? Weil ich so poetisch werde, so in der Art Schillers? Und ich möchte wetten, Sie glauben, daß ich mich jetzt bei Ihnen einzuschmeicheln versuche! Na, vielleicht versuche ich das wirklich, he-he-he! Ich habe nichts dagegen, wenn Sie meinen Worten nicht glauben, Rodion Romanowitsch; glauben Sie mir meinetwegen überhaupt niemals völlig; ich habe nun schon einmal so eine verdächtige Art zu reden an mir, das gebe ich zu. Nur eines möchte ich noch hinzufügen: inwieweit ich ein gemeiner oder ein ehrenhafter Mensch bin, das werden Sie ja wohl selbst beurteilen können.«

»Wann beabsichtigen Sie, mich festnehmen zu lassen?«

»Na, so anderthalb oder zwei Tage kann ich Sie noch spazierengehen lassen. Überlegen Sie sich die Sache, mein Bester, und wenden Sie sich im Gebete an Gott. Es ist wirklich vorteilhafter, weiß Gott, wirklich vorteilhafter.«

»Aber wenn ich nun davonlaufe?« fragte Raskolnikow mit einem eigentümlichen Lächeln.

»Nein, Sie laufen nicht davon. Ein Bäuerlein läuft davon, ein moderner Sektierer läuft davon, überhaupt Leute, die fremde Gedanken nachbeten und lebenslänglich glauben, was ihnen einmal vorgesprochen wurde. Sie aber glauben ja nicht mehr an Ihre Theorie; warum sollten Sie also davonlaufen? Und was hätten Sie denn auch von dem Dasein als Flüchtiger? Das Dasein eines Flüchtlings ist häßlich und mühevoll; Sie aber brauchen vor allen Dingen wirkliches Leben und eine fest bestimmte Stellung und geeignete Luft; na, und was würden Sie denn als Flüchtling für eine Luft atmen! Wenn Sie davonlaufen, so werden Sie von selbst wieder zurückkommen. Sie können uns nicht entbehren, Sie brauchen uns notwendig. Aber wenn ich Sie hinter Schloß und Riegel setze – na, dann werden Sie einen Monat oder, sagen wir, auch zwei Monate, drei Monate sitzen, und dann auf einmal (denken Sie an mein Wort!) werden Sie ganz von selbst zu mir kommen; vielleicht wird der Entschluß dazu sogar Ihnen selbst überraschend sein. Noch eine Stunde vorher werden Sie es selbst nicht wissen, daß Sie zu mir gehen und ein Geständnis ablegen werden. Ich bin sogar überzeugt, daß Sie schließlich selbst wünschen werden, ›das Leid auf sich zu nehmen‹. Jetzt glauben Sie meinen Worten nicht; aber Sie werden schon selbst zu dieser Ansicht gelangen. Denn das Leid, Rodion Romanowitsch, ist etwas Großes und Heiliges. Stoßen Sie sich nicht daran, daß ich so korpulent geworden bin; das hat damit nichts zu tun; darum kann ich doch damit Bescheid wissen. Lachen Sie nicht darüber: im Leide liegt ein erhabenes Lebensprinzip. Nikolai hat ganz recht. Nein, Sie werden nicht davonlaufen, Rodion Romanowitsch.«

Raskolnikow stand auf und griff nach seiner Mütze. Porfirij Petrowitsch erhob sich gleichfalls.

»Sie wollen einen Spaziergang machen? Es wird ein schöner Abend werden, wenn nur nicht ein Gewitter kommt. Übrigens wäre das sogar ganz gut; die Luft würde dann frischer werden.«

Er nahm gleichfalls seine Mütze.

»Bitte, bilden Sie sich nur ja nicht ein, Porfirij Petrowitsch«, sagte Raskolnikow finster, in bestimmtem, festem Tone, »daß ich Ihnen jetzt ein Geständnis abgelegt hätte. Sie sind ein merkwürdiger Mensch, und ich habe Ihnen nur aus Neugier zugehört. Gestanden habe ich Ihnen aber nichts … Wollen Sie das nicht vergessen.«

»Schön, schön, weiß schon, ich werde es nicht vergessen – aber Sie zittern ja so! Seien Sie unbesorgt, mein Bester; alles ganz nach Ihrem Wunsche! Machen Sie einen kleinen Spaziergang; allzuviel werden Sie ja nicht mehr gehen können. Für alle Fälle habe ich an Sie noch eine kleine Bitte«, fügte er leiser hinzu. »Die Sache ist ein bißchen peinlich, aber von großer Wichtigkeit: Wenn Sie, das heißt, ich sage das nur für alle Fälle (ich glaube übrigens nicht, daß der Fall eintreten wird, und halte Sie dessen schlechterdings nicht für fähig), wenn Sie möglicherweise … na, also für alle Fälle gesagt … wenn Sie im Laufe dieser vierzig, fünfzig Stunden Lust bekommen sollten, diese Angelegenheit in einer anderen Weise zum Abschluß zu bringen, so in einer mehr phantastischen Art, … will sagen, Hand an sich selbst zu legen (es ist ja eine abgeschmackte Annahme; aber, bitte, nehmen Sie es mir nicht übel); dann hinterlassen Sie doch bitte eine kurze, aber klare Notiz. Ganz einfach, zwei Zeilen, bloß zwei kurze Zeilen, und erwähnen Sie darin doch auch den Stein, das wird sich recht anständig ausnehmen. Nun, also auf Wiedersehen, … ich wünsche Ihnen gute Gedanken und heilsame Entschlüsse!«

Porfirij ging in eigentümlich gebückter Haltung hinaus, wobei er es vermied, Raskolnikow noch einmal anzublicken. Raskolnikow trat ans Fenster und wartete in nervöser Ungeduld so lange, bis seiner Berechnung nach jener auf die Straße gelangt und eine Strecke weit fortgegangen sein konnte. Hierauf verließ auch er schnell das Zimmer.

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