Kapitel 7

Dritter Teil

Siebentes Buch

Aljoscha

1. Verwesungsgeruch

Die Leiche des entschlafenen Priestermönchs Vater Sossima wurde in der vorgeschriebenen Weise zur Beerdigung zurechtgemacht. Verstorbene Mönche werden bekanntlich nicht gewaschen, gleichgültig ob sie nach der allgemeinen oder der strengsten Regel gelebt haben. »So einer von den Mönchen zum Herrn geht«, heißt es im großen Trebnik, »reibe der dazu bestimmte Mönch den Leichnam mit warmem Wasser ab, nachdem er zuvor mit dem Schwamm ein Kreuz auf der Stirn, der Brust, den Händen und den Füßen des Verstorbenen gemacht hat; damit soll es genug sein.« Alles dies verrichtete bei dem Entschlafenen Vater Paissi selbst. Nach dem Abreiben zog er ihm sein Mönchsgewand an und umwickelte ihn mit dem Mantel, wobei er diesen gemäß der Vorschrift etwas auseinanderschnitt, um ihn kreuzförmig herumwickeln zu können. Über den Kopf zog er ihm eine Kapuze mit dem achteckigen Kreuz. Die Kapuze wurde offengelassen, das Gesicht des Toten aber mit einem schwarzen Tuch bedeckt. In die Hände wurde ihm ein Bild des Erlösers gelegt. Auf diese Weise zugerüstet, wurde er am Morgen in den Sarg gebettet, der schon lange vorher fertiggestellt war. Es bestand die Absicht, den Sarg den ganzen Tag in der Zelle stehenzulassen, das heißt in dem ersten, größeren Zimmer, in dem der verstorbene Starez die Brüderschaft und die Weltlichen empfangen hatte. Da der Entschlafene dem Rang nach ein Priestermönch strengster Regel war, hatten die Priestermönche und Diakone an seinem Sarg nicht den Psalter, sondern die Evangelien zu lesen. Mit dem Lesen begann gleich nach der Totenmesse Vater Jossif; denn Vater Paissi, der danach den ganzen Tag und die ganze Nacht selbst zu lesen wünschte, hatte wie der Vorsteher der Einsiedelei gerade noch viel zu tun und außerdem den Kopf voll Sorgen. Unter der Brüderschaft des Klosters und bei den Weltlichen, die scharenweise aus dem Klostergasthof und aus der Stadt herbeikamen, machte sich nämlich immer stärker etwas Ungewöhnliches bemerkbar, eine ganz besondere, beinahe »ungehörige« Erregung und Ungeduld. Der Vorsteher und Vater Paissi bemühten sich nach Kräften, die Menschen zu beruhigen. Als es schon hell genug geworden war, kamen sogar Leute aus der Stadt mit ihren kranken Angehörigen, namentlich Kindern, als hätten sie absichtlich diesen Augenblick abgewartet. Sie vertrauten offensichtlich auf die Heilkraft des Leichnams, die sich nach ihrem Glauben sofort äußern mußte. Und erst jetzt trat klar zutage, bis zu welchem Grade sich alle bei uns daran gewöhnt hatten, den Starez noch zu seinen Lebzeiten für einen unzweifelhaft großen Heiligen zu halten. Und die da kamen, waren keineswegs nur Leute aus dem einfachen Volk. Diese große Erwartung der Gläubigen, die sich so eilig und unverhüllt, so ungeduldig und beinahe anspruchsvoll bekundete, erschien Vater Paissi als unbestreitbares Ärgernis, das er zwar schon lange vorhergeahnt hatte, das aber in Wirklichkeit seine Erwartungen weit überstieg. Aufgeregte Mönche, denen er begegnete, schalt Vater Paissi sogar ernstlich. »So unverzüglich etwas Großes zu erwarten«, sagte er, »das ist eine Leichtfertigkeit, die nur bei Weltlichen statthaft ist, uns jedoch nicht geziemt!« Aber sie hörten wenig auf ihn, und Vater Paissi bemerkte das beunruhigt. Um allerdings die Wahrheit zu sagen: Sosehr er sich über diese gar zu ungeduldigen Erwartungen ärgerte und sie leichtfertig und voreilig fand – im stillen, im tiefsten Winkel der Seele erwartete er doch fast dasselbe wie diese erregten Menschen, und er konnte nicht umhin, sich das selbst einzugestehen. Nichtsdestoweniger waren ihm einige Begegnungen besonders unangenehm und erregten in einer Art von Vorahnung seine Bedenken. Zum Beispiel bemerkte er mit großem Widerwillen, weswegen er sich sofort Vorwürfe machte, unter der Menge, die sich in der Zelle des Entschlafenen drängte, Rakitin und den Mönch aus dem fernen Obdorsk, der sich noch immer im Kloster aufhielt. Vater Paissi hielt beide sofort aus irgendwelchem Grunde für verdächtig, obgleich sie nicht die einzigen waren, die einem in diesem Sinne auffallen konnten. Der Mönch aus Obdorsk zeichnete sich unter allen durch die größte Geschäftigkeit aus; er war überall zu sehen, an allen Orten; überall erkundigte er sich, überall horchte er, überall flüsterte er mit besonders geheimnisvoller Miene. Sein Gesicht drückte größte Ungeduld aus, und er schien gereizt, weil das lange Erwartete nicht eintrat. Rakitin hingegen hatte sich, wie sich nachher herausstellte, in speziellem Auftrag von Frau Chochlakowa so früh in der Einsiedelei eingefunden. Diese gutherzige, aber charakterlose Dame, die selbst die Einsiedelei nicht betreten durfte, hatte nach dem Aufwachen kaum vom Tod des Starez gehört, als sie auch schon von so brennender Neugier gepackt wurde, daß sie sofort Rakitin mit dem Auftrag in die Einsiedelei abkommandierte, alles zu beobachten und ihr etwa alle halbe Stunden brieflich zu melden, was dort vorging. Sie hielt Rakitin nämlich für einen höchst gottesfürchtigen jungen Mann – so gut verstand er mit den Leuten umzugehen und jedem in dem Licht zu erscheinen, das dessen Wünschen entsprach, falls er auch nur den geringsten Vorteil für sich darin erblickte.

Es war ein klarer, heller Tag, und viele von den Anwesenden drängten sich zwischen den Gräbern, die über die ganze Einsiedelei verstreut lagen, besonders dicht aber um die Kirche herum.

Als Vater Paissi durch die Einsiedelei ging, mußte er auf einmal an Aljoscha denken; er hatte ihn lange nicht gesehen, seit der Nacht nicht. Doch kaum hatte er an ihn gedacht, sah er ihn im entferntesten Winkel der Einsiedelei auf dem Grabstein eines längst verstorbenen, durch seine Großtaten berühmten Mönchs sitzen. Er saß mit dem Rücken zur Einsiedelei und schien sich hinter dem Grabmal verbergen zu wollen. Vater Paissi trat näher und bemerkte, daß er das Gesicht mit beiden Händen bedeckt hielt und lautlos, aber bitterlich weinte, so daß sein ganzer Körper von dem Schluchzen erschüttert wurde. Vater Paissi blieb ein Weilchen neben ihm stehen.

»Hör auf, lieber Sohn! Hör auf, mein Freund!« sagte er endlich mit herzlicher Teilnahme. »Was hast du? Freue dich, weine nicht! Oder weißt du nicht, daß dieser Tag der größte seiner Tage ist? Denk doch nur daran, wo er jetzt ist!«

Aljoscha nahm die Hände vom Gesicht, das wie bei einem kleinen Kind vom Weinen geschwollen war, und sah ihn einen Augenblick an. Doch wandte er sich sogleich, ohne ein Wort zu sagen, wieder ab und bedeckte das Gesicht wieder mit den Händen.

»Nun, meinetwegen, auch gut«, sagte Vater Paissi nachdenklich. »Weine meinetwegen, Christus hat dir diese Tränen gesandt.«

›Diese Tränen der Rührung werden deiner Seele zur Erholung dienen und dein liebes Herz wieder fröhlich machen!‹ fügte er für sich hinzu, als er Aljoscha verließ. Übrigens tat er das absichtlich, möglichst schnell, denn er fühlte, auch er könnte bei Aljoschas Anblick am Ende noch anfangen zu weinen.

Unterdessen verging die Zeit; die Gottesdienste und Totenmessen für den Entschlafenen nahmen in der vorgeschriebenen Ordnung des Klosters ihren Fortgang. Vater Paissi löste Vater Jossif am Sarg wieder im Lesen des Evangeliums ab. Aber es war noch nicht drei Uhr nachmittags geworden, als sich das ereignete, worauf ich schon am Ende des vorigen Buches hingewiesen habe: etwas, das für alle so unerwartet kam und den allgemeinen Hoffnungen so sehr zuwiderlief, daß dieser Vorgang mit allen nebensächlichen Einzelheiten im Gedächtnis der Bewohner unserer Stadt und der ganzen Umgegend bis auf den heutigen Tag lebendig geblieben ist. Ich füge hier nochmals von mir aus hinzu: Es widerstrebt mir eigentlich, dieses nichtige, ärgerliche Ereignis zu erwähnen, das in Wirklichkeit gar keine Bedeutung und ganz natürliche Ursachen hatte. Ich würde es in meiner Erzählung sicherlich ganz übergehen, wenn es nicht in bestimmter Weise stark auf Seele und Herz des Haupthelden, wenigstens des künftigen Haupthelden meiner Erzählung, nämlich Aljoschas, gewirkt hätte, indem es in seiner Seele gleichsam einen Umschwung herbeiführte, wodurch sein Geist zwar erschüttert, aber auch endgültig fürs Leben gekräftigt und zum Streben nach einem bestimmten Ziel befähigt wurde.

Als man noch vor Tagesanbruch den zur Beerdigung zurechtgemachten Leichnam in den Sarg gelegt und in das frühere Empfangszimmer gebracht hatte, warf jemand von den Anwesenden die Frage auf, ob das Fenster im Zimmer geöffnet werden sollte. Doch diese nur nebenbei gestellte Frage blieb unbeantwortet und beinahe unbeachtet; und wer sie gehört hatte, dachte im stillen, daß es reine Torheit sei, von dem Leichnam eines solchen Toten Verwesung und Verwesungsgeruch zu erwarten, und daß der geringe Glaube und die Leichtfertigkeit des Fragenden nur Mitleid, wenn nicht Spott, verdiene. Denn man erwartete das genaue Gegenteil davon.

Und siehe da, kurz nach Mittag begann etwas, was die Anwesenden anfangs nur schweigend und still für sich wahrnahmen, wobei man jedem ansehen konnte, daß er sich scheute, jemandem diese Wahrnehmung mitzuteilen. Gegen drei Uhr nachmittags jedoch wurde dieses Etwas schon so deutlich bemerkbar, daß sich die Nachricht davon schnellstens bei den Bewohnern der Einsiedelei und den Besuchern verbreitete, dann auch im Kloster unter den Mönchen und endlich in ganz kurzer Zeit auch in der Stadt, wo sie bei allen, Gläubigen wie Ungläubigen, eine starke Erregung hervorrief. Die Ungläubigen freuten sich; und was die Gläubigen betraf, so fanden sich unter ihnen manche, die sich sogar noch mehr freuten als die Ungläubigen: »Die Menschen freuen sich über den Fall und die Schmach des Gerechten«, wie der verstorbene Starez selbst in einer seiner Belehrungen gesagt hatte.

Die Sache war die, daß von dem Sarg allmählich ein Verwesungsgeruch ausging, der sich immer stärker bemerkbar machte. Und nun trug sich infolge dieses Ereignisses unter den Mönchen ein grober Skandal zu, wie er lange nicht dagewesen war; ja aus der ganzen bisherigen Geschichte unseres Klosters konnte man sich auf dergleichen nicht besinnen – und in einem anderen Fall wäre so etwas auch undenkbar gewesen. Wenn sich später, noch nach vielen Jahren, einige Verständige unter unseren Mönchen an diesen ganzen Tag mit allen Einzelheiten erinnerten, dann waren sie erstaunt und entsetzt darüber, wie das Ärgernis damals einen solchen Grad hatte erreichen können. Denn auch früher waren Mönche von beispielhaftem Lebenswandel gestorben, gottesfürchtige Starzen, deren Gerechtigkeit allen vor Augen gestanden hatte, und doch war von ihren bescheidenen Särgen in ganz natürlicher Weise, wie bei allen Toten, ein Verwesungsgeruch ausgegangen. Und das hatte kein Ärgernis, ja nicht einmal die geringste Aufregung hervorgerufen.

Allerdings gab es auch bei uns einige Tote, deren Andenken sich im Kloster lebendig erhalten hatte und deren Überreste, nach der Überlieferung auch nach langer Zeit keine Spuren von Verwesung erkennen ließen; das übte auf die Brüderschaft eine erbauliche, geheimnisvolle Wirkung aus und haftete in ihrem Gedächtnis als etwas Herrliches und Wunderbares: als die Verheißung, von den Särgen dieser Toten würden künftig noch größere Ruhmestaten ausgehen, sobald nach Gottes Willen die Zeit dafür gekommen war. Es hatte sich besonders die Erinnerung an den Starez Hiob erhalten, einen großen Faster und Schweiger, der im Alter von einhundertundfünf Jahren vor langer Zeit, schon im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, gestorben war, und dessen Grab man mit außerordentlicher Ehrfurcht allen Pilgern, die zum erstenmal in die Einsiedelei kamen, unter geheimnisvollen Andeutungen gewisser großer Hoffnungen zu zeigen pflegte. Das war übrigens jenes Grab, auf dem Vater Paissi am Vormittag Aljoscha angetroffen hatte. Außerdem war eine solche Erinnerung noch an einen anderen Starez lebendig geblieben, an den vor nicht allzu langer Zeit verstorbenen Priestermönch Vater Warsonofi, von welchem Vater Sossima die Starezwürde übernommen hatte und den zu seinen Lebzeiten alle Andächtigen, die ins Kloster kamen, geradezu für einen religiösen Irren gehalten hatten. Von ihnen beiden hatte sich die Überlieferung erhalten, sie hätten in ihren Särgen wie lebend dagelegen und seien völlig unverwest begraben worden, und es habe sogar geschienen, als ob ihre Gesichter im Sarg leuchteten. Manche erinnerten sich sogar mit aller Bestimmtheit, daß von ihren Leichen ein deutlich wahrnehmbarer Wohlgeruch ausgegangen sei. Doch trotz dieser bedeutsamen Erinnerungen fällt es schwer, die Ursache anzugeben, warum sich am Sarg des Starez Sossima so eine leichtfertige, absurde, böse Szene abspielen konnte.

Ich nehme an, hier kam gleichzeitig noch vieles andere hinzu, und viele verschiedene Ursachen wirkten zusammen. Zu diesen gehörte zum Beispiel auch jene festgewurzelte Feindschaft gegen das Starzentum als eine schädliche Neuerung, eine Feindschaft, die noch immer tief im Herzen vieler Mönche des Klosters verborgen lag. Ferner war die Hauptsache natürlich der Neid auf die Heiligkeit des Entschlafenen, an die man zu seinen Lebzeiten so fest geglaubt hatte, daß es damals unerlaubt schien, auch nur ein Wort dagegen zu sagen. Obgleich sich der Starez weniger durch Wunder als vielmehr durch seine Liebe viele Anhänger erworben und um sich gleichsam eine ganze Gemeinde liebender Verehrer gebildet hatte, besaß er doch auch Neider und erbitterte Feinde, offene und heimliche, und nicht nur unter den Klosterleuten, sondern auch unter den Weltlichen. Niemandem hatte er jemals Schaden zugefügt; trotzdem hieß es: »Warum hält man ihn für einen Heiligen?« Und allein diese oft wiederholte Frage erzeugte schließlich einen Abgrund von unersättlichstem Zorn. Das war meiner Ansicht nach der Grund, weshalb viele sich maßlos freuten, als sie den Verwesungsgeruch wahrnahmen, der von seinem Leichnam ausging, und zwar so bald, denn es war noch nicht einmal ein Tag seit seinem Tode vergangen; und andererseits fühlten sich einige von denen, die dem Starez ergeben gewesen waren und ihn bisher geachtet hatten, durch dieses Ereignis beinahe persönlich gekränkt.

Der Verlauf der Sache war im einzelnen folgender: Kaum hatte sich der Verwesungsgeruch bemerkbar gemacht, konnte man auch schon an der Miene der hereinkommenden Mönche erkennen, wieso sie kamen. So einer trat herein, stand einen Augenblick und ging wieder hinaus, um den anderen, die dicht gedrängt draußen warteten, die bereits gehörte Nachricht zu bestätigen. Manche von den Wartenden wiegten betrübt die Köpfe; andere aber versuchten nicht einmal mehr, ihre Freude zu verbergen, die deutlich in ihren boshaften Blicken leuchtete. Und niemand schalt sie, niemand legte ein gutes Wort für den Verstorbenen ein, was recht verwunderlich war; immerhin bildeten jene, die dem Starez ergeben gewesen waren, im Kloster die Mehrheit. Offenbar ließ es Gott jedoch selbst zu, daß diesmal die Minderheit eine Zeitlang die Oberhand hatte. Bald erschienen in der Zelle auch Weltliche, größtenteils gebildete Leute. Einfache Menschen kamen nur wenige, obgleich sich viele am Tor der Einsiedelei drängten. Unzweifelhaft nahm gleich nach drei Uhr der Andrang der weltlichen Besucher stark zu, und zwar eigens infolge der aufsehenerregenden Kunde. Solche, die vielleicht an diesem Tage überhaupt nicht gekommen wären, kamen nun gerade, unter ihnen einige Personen von hohem Rang. Übrigens wurde der Anstand äußerlich noch nicht verletzt, und Vater Paissi las mit fester, deutlicher Stimme und strenger Miene weiter laut das Evangelium, wie wenn er nichts bemerkte, obwohl er schon längst etwas Ungewöhnliches wahrgenommen hatte. Aber da drangen auch an sein Ohr Stimmen, zuerst noch ganz leise, doch allmählich fester und dreister: »Also ist Gottes Urteil ein anderes als das der Menschen!« hörte Vater Paissi auf einmal jemand sagen. Der dies als erster laut sagte, war ein Beamter aus der Stadt, ein älterer und bekanntermaßen sehr gottesfürchtiger Mann; er wiederholte damit nur, was die Mönche einander schon längst ins Ohr gesagt hatten. Das Schlimmste war, daß diese Äußerungen einen beinahe triumphierenden Beiklang hatten, der mit jeder Minute stärker wurde. Bald darauf jedoch schienen sich alle gewissermaßen berechtigt zu fühlen, nun auch nach außen hin den Anstand zu verletzen.

»Wie konnte denn das geschehen?« fragten einige Mönche, anfangs wie bedauernd. »Er hatte doch nur einen kleinen, hageren Körper, und das Fleisch war an den Knochen angetrocknet. Woher kann da nur der Geruch kommen?«

»Man sieht, daß Gott absichtlich einen Hinweis geben wollte«, fügten andere eilig hinzu, und ihre Meinung wurde sofort ohne Widerspruch akzeptiert.

Es wurde wiederum darauf hingewiesen, das Auftreten von Geruch sei zwar natürlich wie bei jedem Toten, doch erst später, nicht mit so offenkundiger Beschleunigung, frühestens nach vierundzwanzig Stunden. »Dieser hier ist aber der Natur vorausgeeilt, also ist das Gottes Werk, ein absichtlicher Fingerzeig von Ihm: Er wollte einen Hinweis geben.« Dieses Urteil machte einen unwiderstehlichen Eindruck.

Der sanfte Priestermönch und Bibliothekar Vater Jossif, der Liebling des Verstorbenen, erwiderte einigen, die solche häßlichen Reden führten, daß die Leiber der Gerechten nicht verwesen könnten, sei kein Dogma in der rechtgläubigen Kirche, sondern nur eine Meinung; sogar in den rechtgläubigsten Gegenden, zum Beispiel auf dem Berg Athos, nehme man an Verwesungsgeruch keinen Anstoß; als Hauptkriterium der Verherrlichung der Erlösten gelte dort nicht das Ausbleiben der Verwesung, sondern die Farbe ihrer Knochen, wenn die Leichen schon viele Jahre in der Erde gelegen haben: Wenn die Knochen gelb wie Wachs geworden seien, so sei dies das wichtigste Zeichen dafür, daß Gott den entschlafenen Gerechten verherrlicht habe. Seien sie jedoch schwarz geworden, so bedeute dies, Gott habe den Betreffenden nicht dieses Ruhmes gewürdigt. »So ist das auf dem Athos, an dem heiligen Ort, wo sich der rechte Glaube von alters her unerschütterlich und in hellster Reinheit erhalten hat!« schloß Vater Jossif.

Aber die Worte des demütigen Vaters machten keinen Eindruck, sondern riefen sogar höhnischen Widerspruch hervor.

»Das sind alles nur gelehrsame Neuerungen, das sollte man sich gar nicht erst anhören!« urteilten die Mönche unter sich. »Bei uns geht es nach altem Brauch zu! Was kommen jetzt nicht alles für Neuerungen auf – soll man die alle nachmachen? Bei uns hat es nicht weniger heilige Väter gegeben als bei denen da!«

»Die leben da unter türkischem Joch und haben alles vergessen. Auch die Rechtgläubigkeit ist bei ihnen schon längst getrübt! Und sie haben nicht einmal Glocken!« fügten die schlimmsten Spötter noch hinzu.

Vater Jossif ging bekümmert beiseite, zumal er seine Meinung auch nicht mit allzu großer Festigkeit vorgetragen hatte, als ob er selbst nicht recht daran glaubte. Und mit Bestürzung gewahrte er, daß etwas sehr Ungebührliches seinen Anfang nahm und daß wirklicher Ungehorsam sein Haupt erhob.

Allmählich verstummten auch alle anderen vernünftigen Stimmen. Und es schien, als hätten alle, die den verstorbenen Starez geliebt und die Institution des Starez gehorsam gebilligt hatten, auf einmal wegen irgend etwas einen furchtbaren Schreck bekommen, als würden sie einander nur scheu und flüchtig ansehen, wenn sie sich begegneten. Diejenigen aber, die dem Starzentum als einer Neuerung feind waren, erhoben nun stolz das Haupt.

»Von dem verstorbenen Starez Warsonofi ging kein Verwesungsgestank, sondern Wohlgeruch aus«, sagten sie schadenfroh. »Doch das hatte er nicht dadurch verdient, daß er ein Starez war, sondern dadurch, daß er ein Gerechter war.«

Und Schmähreden und sogar schärfste Verdammungsurteile ergossen sich jetzt geradezu über den toten Starez: »Er hat Irrlehren verbreitet! Er lehrte, das Leben sei heitere Freude und keine tränenvolle Schule der Demut!« sagten einige besonders Törichte. »Er glaubte nach der neuen Mode und leugnete das materielle Feuer in der Hölle«, pflichteten ihnen noch Törichtere bei. »Er hielt die Fasten nicht streng ein, erlaubte sich Süßigkeiten, aß Kirschkompott zum Tee, das liebte er sehr, die Damen schickten ihm oft welches. Darf ein Mönch strengster Regel überhaupt Tee trinken?« ließen sich einige Neider vernehmen. »Voller Stolz thronte er auf seinem Stuhl!« bemerkten die Schadenfrohen mit grausamer Freude. »Für einen Heiligen hielt er sich. Auf die Knie fielen die Menschen vor ihm, und das nahm er hin, als ob es ihm zustände!« – »Das Sakrament der Beichte hat er mißbraucht«, fügten die eifrigsten Gegner des Starzentums boshaft hinzu, und sie gehörten meist zu den bejahrtesten und pflichtstrengsten München, zu den echten Fastern und Schweigern. Zu Lebzeiten des Entschlafenen hatten sie geschwiegen, jetzt öffneten sie auf einmal ihre Lippen. Und das war besonders bedenklich, da ihre Worte auf die jungen, noch ungefestigten Mönche eine starke Wirkung ausübten.

Sehr eifrig horchte auf alles auch der Gast aus Obdorsk, der Mönch vom heiligen Silvester. Er seufzte tief und wiegte den Kopf hin und her. ›Ja, da hat Vater Ferapont gestern offenbar doch richtig geurteilt‹, dachte er im stillen, und gerade in diesem Augenblick erschien Vater Ferapont – wie absichtlich, um die Erregung noch zu steigern.

Ich habe bereits erwähnt, daß er seine kleine hölzerne Zelle am Bienenstand nur selten verließ, daß er oft sogar lange Zeit nicht in der Kirche erschien und daß man ihm dies wie einem religiösen Irren durchgehen ließ und ihn nicht an die für alle gültige Regel band. Doch um die ganze Wahrheit zu sagen, man ließ ihm dies alles mit einer gewissen Notwendigkeit durchgehen. So einen großen Faster und Schweiger, der Tag und Nacht betete und sogar im Knien schlief, mit der allgemein verbindlichen Regel zu belästigen, wenn er sich ihr nicht selbst unterordnen wollte – das hätte Anstoß erregt. »Er ist ohnehin frömmer als wir alle und erfüllt Schwereres, als die Regel verlangt«, hätten die Mönche gesagt. »Wenn er nicht in die Kirche geht, wird er schon wissen warum – er hat seine eigenen Regeln.« Und so ließ man denn Vater Ferapont in Ruhe. Den Starez Sossima hatte Vater Ferapont, wie allen bekannt war, überhaupt nicht leiden können; und nun war auch in seine Zelle die Kunde gedrungen, Gottes Urteil weiche von dem der Menschen ab, und der Starez sei sogar der Natur vorausgeeilt. Es ist wohl anzunehmen, daß einer der ersten, die ihm diese Nachricht überbrachten, der Gast aus Obdorsk war, der ihn am vorherigen Tag besucht hatte und so befremdet von ihm weggegangen war. Ich habe auch erwähnt, daß Vater Paissi, der fest und unerschütterlich am Sarg stand und las, zwar nicht sehen und hören konnte, was außerhalb der Zelle vorging, doch das Wesentlichste richtig erahnte: Er kannte seine Umgebung durch und durch. In Angst ließ er sich dadurch nicht versetzen; er erwartete furchtlos alles, was sich noch ereignen konnte, und verfolgte mit scharfem Blick den weiteren Verlauf der Erregung, der sich seinem geistigen Auge bereits darbot.

Aus dem Flur ertönte plötzlich ungewöhnlicher Lärm, der schon offenkundig den Anstand verletzte. Die Tür wurde weit aufgerissen, und auf der Schwelle erschien Vater Ferapont. Hinter ihm, an den Stufen vor der Eingangstür, drängten sich, wie man von der Zelle aus deutlich, sehen konnte, viele Mönche und mit ihnen auch Weltliche. Diese Begleiter traten jedoch nicht ein und stiegen auch nicht die Stufen hinauf, sondern blieben stehen und warteten ab, was Vater Ferapont weiter tun würde, denn sie ahnten – und befürchteten es bei aller Vermessenheit sogar –, daß er nicht ohne besondere Absicht gekommen war. Auf der Schwelle stehenbleibend, hob Vater Ferapont die Arme; unter seinem rechten Arm blickten die scharfen, neugierigen Augen des Gastes aus Obdorsk hervor, der aus übergroßer Neugier als einziger hinter Vater Ferapont mit heraufgelaufen war. Die übrigen waren plötzlich angstvoll noch weiter zurückgewichen, als die Tür geräuschvoll aufgerissen wurde.

Vater Ferapont brüllte mit erhobenen Armen: »Ich treibe dich aus!« und begann abwechselnd nach allen vier Himmelsrichtungen zu den Wänden und allen vier Ecken der Zelle Kreuze zu schlagen. Dies verstanden seine Begleiter sogleich; sie wußten, daß er das tat, wohin immer er kam, daß er sich nicht setzte und kein Wort redete, bevor er den Teufel ausgetrieben hatte.

»Weiche von hinnen, Satanas, weiche von hinnen!« wiederholte er bei jedem Kreuz, das er schlug. »Ich treibe dich aus!«

Er trug seine grobe Kutte, umgürtet mit einem Strick . Unter dem Hanfhemd war seine nackte, mit grauen Haaren bewachsene Brust sichtbar. Seine Füße waren vollständig nackt. Bei jeder Armbewegung klirrten die schweren Büßerketten, die er unter der Kutte trug.

Vater Paissi unterbrach das Lesen, trat ihm entgegen und blieb abwartend vor ihm stehen.

»Warum bist du gekommen, ehrwürdiger Vater? Warum verletzt du den Anstand? Warum verwirrst du die friedliche Herde?« sagte er endlich mit strengem Blick.

»Warum ich gekommen bin? Das fragst du noch? Was glaubst du?« schrie Vater Ferapont wie ein Irrsinniger. »Ich bin gekommen, eure Gäste, die unreinen Teufel, auszutreiben. Ich sehe, es haben sich in meiner Abwesenheit ihrer viele angesammelt. Mit einem Birkenbesen will ich sie ausfegen.«

»Du treibst den Teufel aus und dienst ihm vielleicht selbst!« fuhr Vater Paissi furchtlos fort. »Wer kann von sich sagen: Ich bin heilig. Du etwa, Vater?«

»Unrein bin ich, nicht heilig. Aber auf einen Lehnstuhl setze ich mich nicht, und ich lasse nicht zu, daß die Leute vor mir niederfallen wie vor einem Götzenbild!« donnerte Vater Ferapont. »Heutzutage richten die Menschen den heiligen Glauben zugrunde. Der Verstorbene, euer Heiliger«, wandte er sich an die Menge und deutete mit dem Finger auf den Sarg, »hat die Teufel geleugnet. Gegen die Teufel hat er ein Abführmittel gegeben. Da haben sie sich nun bei euch eingenistet wie die Spinnen in den Ecken. Aber heute hat er selbst angefangen zu stinken. Wir sehen darin einen bedeutungsvollen Fingerzeig Gottes!«

Das war zu Vater Sossimas Lebzeiten wirklich einmal geschehen. Einer der Mönche hatte oft vom Teufel geträumt, und zuletzt hatte er ihn auch in wachem Zustand zu sehen geglaubt. Als er dies in der größten Angst dem Starez gestanden hatte, hatte der ihm ununterbrochenes Gebet und verstärktes Fasten empfohlen. Und als auch das nicht half, hatte er ihm zusätzlich zu einem Abführmittel geraten. Daran hatten damals viele Anstoß genommen, und am meisten Vater Ferapont, dem einige Unzufriedene schleunigst von diesem ungewöhnlichen Rat des Starez Mitteilung gemacht hatten.

»Geh hinaus, Vater!« sagte Vater Paissi gebieterisch. »Gott ist Richter, nicht die Menschen. Vielleicht haben wir hier einen Fingerzeig vor Augen, den weder du noch ich, noch sonst jemand verstehen kann. Geh hinaus, Vater, und verwirre nicht die Herde!« wiederholte er nachdrücklich.

»Die Fasten hielt er nicht so ein, wie er als Mönch strengster Regel gesollt hätte. Das ist klar, und es verbergen zu wollen wäre Sünde!« rief der Fanatiker, der sich nicht beruhigen ließ und in seinem sinnlosen Eifer außer sich geriet. »Von Konfekt hat er sich verführen lassen, die Damen haben ihm welches in ihren Taschen mitgebracht! Tee hat er geschleckt und seinem Bauch gefrönt! Mit Süßigkeiten hat er ihn gefüllt, seinen Geist aber mit hochmütigen Gedanken! Darum hat er jetzt diese Schmach erlitten …«

»Leichtfertig sind deine Worte, Vater!« erwiderte Vater Paissi, nun ebenfalls mit erhobener Stimme. »Dein Fasten und deine strenge Askese bewundere ich – doch leichtfertig sind deine Worte, als ob sie draußen in der Welt ein haltloser, unreifer Jüngling spräche. Geh hinaus, Vater! Ich befehle es dir!«

»Ich werde schon gehen!« sagte Vater Ferapont, nunmehr wohl etwas verlegen, ohne jedoch in seinem Zorn, nachzulassen. »O ihr Gelehrten! Infolge eures großen Verstandes dünkt ihr euch über mich geringen Menschen erhaben. Als ich seinerzeit hierher in die Einsiedelei kam, konnte ich nur wenig lesen und schreiben. Und hier habe ich das, was ich wußte, auch noch vergessen: Gott der Herr hat mich Geringen vor eurer Weisheit behütet …«

Vater Paissi stand vor ihm und wartete in unbeugsamer Haltung.

Vater Ferapont schwieg eine Weile; dann wurde er plötzlich traurig, legte die rechte Handfläche an die Backe, blickte zum Sarg des entschlafenen Starez hinüber und sagte in singendem Ton: »Über ihm wird man morgen ›Helfer und Beschützer‹ singen, das ist ein herrlicher Hymnus, über mir aber wenn ich verrecke, nur das kleine Lied ›Welche irdische Süße‹!« sagte er, sich selbst bedauernd, in weinerlichem Ton. »Ihr seid stolz geworden und habt euch überhoben! Leer ist diese Stätte!« brüllte er plötzlich wie ein Wahnsinniger, drehte sich mit einer wegwerfenden Handbewegung um und stieg schnell die Stufen vor der Eingangstür hinab. Die wartende Menge geriet in Bewegung; einige folgten ihm, andere zauderten, denn die Zelle war immer noch offen, und Vater Paissi, der hinter Vater Ferapont herausgetreten war, stand da und beobachtete die Anwesenden. Doch der Alte hatte jede Beherrschung verloren und war noch immer nicht am Ende. Nachdem er etwa zwanzig Schritte gegangen war, wandte er sich plötzlich zur untergehenden Sonne, hob die Arme über den Kopf und stürzte laut schreiend auf die Erde.

»Mein Gott hat gesiegt! Christus hat die untergehende Sonne besiegt!« schrie er rasend und reckte die Arme zur Sonne empor. Dann warf er sich mit dem Gesicht auf die Erde und weinte laut wie ein kleines Kind, so daß sein ganzer Körper von dem Schluchzen erschüttert wurde; die Arme lagen ausgestreckt auf der Erde.

Nun stürzten alle zu ihm, Ausrufe des Staunens ertönten, einige Mönche fingen bei seinem Anblick ebenfalls an zu schluchzen. Eine Art Verzückung hatte sie alle ergriffen.

»Da sieht man, wer ein Heiliger ist! Da sieht man, wer ein Gerechter ist!« riefen viele nun bereits ohne Scheu.

»Der müßte Starez werden!« fügten andere zornig hinzu. »Er wird nicht Starez werden wollen. Er ist selber ein Gegner dieser Einrichtung. Er wird dieser verfluchten Neuerung nicht dienen, wird ihre Dummheiten nicht nachäffen!« fielen wieder andere ein, und wie weit das noch gegangen wäre, konnte man sich schwer vorstellen.

Doch in diesem Augenblick begann die Glocke zu läuten, die zum Gottesdienst rief, und alle fingen an, sich zu bekreuzigen. Auch Vater Ferapont erhob sich, bekreuzigte sich und ging, ohne sich umzusehen, zu seiner Zelle. Mit seinen Ausrufen war er noch immer nicht zu Ende gekommen, es war aber nichts Zusammenhängendes mehr. Einige zogen hinter ihm her, allerdings nur wenige, die meisten trennten sich von ihm und begaben sich zum Gottesdienst.

Vater Paissi übergab das Amt des Vorlesers an Vater Jossif und stieg die Stufen hinab. Das verzückte Geschrei der Fanatiker hatte ihn nicht irremachen können, doch sein Herz war plötzlich traurig geworden und grämte sich über irgend etwas Besonderes, das fühlte er. Er blieb stehen und fragte sich: ›Woher kommt diese Traurigkeit, die mich sogar mutlos macht?‹ Und er begriff, daß sie allem Anschein nach eine kleine, ganz besondere Ursache hatte: In der Menge, die sich eben am Eingang zur Zelle gedrängt hatte, war ihm auch Aljoscha aufgefallen, und er hatte bei seinem Anblick sofort eine Art von Schmerz im Herzen verspürt. ›Hat denn dieser Jüngling jetzt wirklich für mein Herz so eine große Bedeutung?‹ fragte er sich plötzlich.

In diesem Augenblick ging Aljoscha an ihm vorbei, als wenn er es eilig hätte, irgendwohin zu kommen, allerdings nicht zur Kirche. Ihre Blicke begegneten sich. Aljoscha wandte seine Augen schnell ab, und schon allein an der Miene des Jünglings erkannte Vater Paissi, was für eine starke Veränderung in diesem Augenblick in ihm vorging.

»Hast auch du dich verführen lassen?« rief Vater Paissi. »Gehörst auch du zu den Kleingläubigen?« fügte er traurig hinzu.

Aljoscha blieb stehen und sah Vater Paissi eigentümlich unsicher an, schlug dann aber die Augen erneut rasch nieder. Er stand halb abgewandt da und wandte sein Gesicht dem Fragenden nicht zu.

Vater Paissi beobachtete ihn aufmerksam.

»Wohin eilst du denn? Es wird zum Gottesdienst geläutet.« fragte er weiter.

Aljoscha gab wieder keine Antwort.

»Oder verläßt du die Einsiedelei? Wie kannst du das tun, ohne um Erlaubnis zu fragen und ohne um den Segen zu bitten?«

Aljoscha lächelte plötzlich mit schiefem Mund und schaute auf sehr seltsame Art den Priestermönch an, dem ihn sein einstiger Führer, der bisherige Beherrscher seines Herzens und seines Verstandes, sein geliebter Starez, sterbend anvertraut hatte. Doch dann machte er plötzlich wieder, ohne zu antworten, eine Handbewegung, als würde er alles von sich abschütteln und sich um keinen Respekt mehr kümmern, und ging mit schnellen Schritten auf das Tor der Einsiedelei zu.

»Du wirst noch zurückkehren!« flüsterte Vater Paissi und blickte ihm erstaunt und betrübt hinterher.

2. Der gewisse Augenblick

Vater Paissi irrte sich allerdings wirklich nicht, wenn er sich sagte, sein »lieber Junge« werde wieder zurückkehren; er hatte vielleicht Aljoschas wahre Seelenstimmung durchschaut – zwar nicht völlig, aber doch mit beträchtlichem Scharfblick. Dennoch bekenne ich offen, daß es selbst mir schwerfallen würde, den Sinn und die Bedeutung dieses seltsamen, unbestimmten Augenblicks im Leben des von mir so geliebten jungen Helden meiner Erzählung klar und genau darzulegen.

Auf Vater Paissis bekümmerte Frage: »Gehörst du auch zu den Kleingläubigen?« könnte ich freilich an Aljoschas Stelle mit Entschiedenheit antworten: Nein, er gehörte nicht zu den Kleingläubigen! Im Gegenteil: seine ganze Verwirrung rührte gerade daher, daß er sehr gläubig war. Doch die Verwirrung, die ihn befallen hatte und noch andauerte, war so qualvoll, daß Aljoscha noch lange danach diesen traurigen Tag für einen der schmerzlichsten und verhängnisvollsten seines Lebens hielt. Wenn man mich aber geradezu fragte: »Konnte dieser Gram und diese Unruhe in seiner Seele wirklich nur daher rühren, daß der Leichnam seines Starez, statt unverzüglich Heilungen zu bewirken, frühzeitig verweste?«, so antworte ich ohne Umschweife: Ja, es war tatsächlich so!

Ich möchte den Leser nur bitten, sich noch nicht vorschnell über das reine Herz meines Jünglings lustig zu machen. Ich selbst habe jedoch ganz und gar nicht die Absicht, für ihn um Verzeihung nachzusuchen oder seinen naiven Glauben etwa mit seiner Jugend oder den geringen Erfolgen in den früher von ihm betriebenen Wissenschaften zu entschuldigen und zu rechtfertigen. Ich tue vielmehr das Entgegengesetzte und erkläre ganz entschieden, daß ich vor der natürlichen Beschaffenheit seines Herzens aufrichtige Hochachtung empfinde. Gewiß, mancher junge Mensch, der nur mit Vorsicht Eindrücke in sich aufnimmt und schon imstande ist, statt heiß nur noch lau zu lieben, mit dem zwar korrekten, aber für sein Alter zu vernünftigen und darum geringwertigen Verstand, hätte das vermieden, was mit meinem Helden geschah; doch manchmal ist es wirklich achtbarer, sich einer unverständigen, aber aus Liebe geborenen Schwärmerei hinzugeben, als es nicht zu tun. Und das gilt ganz besonders für die Jugend: Ein junger Mensch, der schon ständig alles mit dem Verstand abwägt, ist nicht viel wert und berechtigt zu keinen großen Hoffnungen – das ist meine Meinung!

Hier werden kluge Leute möglicherweise einwenden: »Es kann doch nicht jeder junge Mensch an solche Torheiten glauben, und Ihrer ist kein Vorbild für die anderen!« Hierauf antworte ich wieder: Ja, mein Jüngling glaubte fest und unerschütterlich – und ich werde dennoch nicht für ihn um Verzeihung bitten.

Ich habe zwar eben gesagt, und vielleicht war es etwas übereilt, ich würde die Handlungsweise meines Helden nicht erklären, entschuldigen oder rechtfertigen; aber ich sehe, daß ich zum Verständnis der weiteren Erzählung dies und jenes doch erklären muß. Vor allem dies: Um Wunder ging es Aljoscha hier eigentlich nicht. Er hatte nicht mit leichtfertiger Ungeduld auf Wunder gewartet. Nicht damit bestimmte Überzeugungen triumphieren konnten, brauchte Aljoscha damals Wunder, nicht um irgendeiner vorgefaßten Ansicht willen, die so schnell wie möglich über eine andere triumphieren sollte – durchaus nicht! Für ihn stand hierbei im Vordergrund vor allem anderen die Persönlichkeit seines geliebten Starez, jenes Gerechten, den er bis zur Vergötterung verehrt hatte. Die ganze Liebe »zu allem und jedem«, die sich in seinem jungen, reinen Herzen verbarg, hatte sich während des vorhergehenden Jahres vielleicht in nicht normaler Weise eben auf ein einziges Wesen konzentriert, zumindest was die stärksten Affekte seines Herzens anlangte: auf seinen geliebten Starez, der jetzt gestorben war. Dieses Wesen hatte ihm so lange als unbestrittenes Ideal vor Augen gestanden, daß sich alle seine Kräfte und sein gesamtes Streben ausschließlich nach diesem Ideal ausrichteten, zeitweilig sogar derart, daß er »alles und jedes« vergaß. Es fiel ihm später selbst ein, daß er an diesem Tag gänzlich seinen Bruder Dmitri vergessen hatte, um den er sich am vorigen Tag so viel Sorge und Kummer gemacht hatte. Ebenso hatte er vergessen, Iljuschetschkas Vater die zweihundert Rubel zu bringen, was er sich tags zuvor ebenfalls mit solchem Eifer vorgenommen hatte. Nicht um Wunder war es ihm also zu tun, sondern nur um die »höhere Gerechtigkeit«, die nach seinem Glauben verletzt war – ein Vorgang, der sein Herz plötzlich grausam verwundet hatte. Und warum sollte diese Gerechtigkeit in Aljoschas Erwartungen durch den natürlichen Lauf der Dinge nicht die Form von Wundern annehmen, die er von der sterblichen Hülle seines bisherigen vergötterten Führers erwartete? Und so dachten ja, dies erwarteten ja alle im Kloster, sogar diejenigen, vor deren Verstand sich Aljoscha beugte, zum Beispiel Vater Paissi selbst! Aljoscha hatte, ohne sich durch irgendwelche Bedenken beunruhigen zu lassen, seine Zukunftsträume nur in dieselbe Form gekleidet, wie alle es taten. Und das hatte ihm während dieses Jahres seines Lebens im Kloster immer als ausgemachte Sache gegolten; sein Herz hatte sich bereits daran gewöhnt, solche Erwartungen zu hegen. Aber nach Gerechtigkeit dürstete er, nach Gerechtigkeit, nicht eigentlich nach Wundern!

Und nun war derjenige, der nach Aljoschas zuversichtlicher Hoffnung über alle in der Welt hätte erhöht und gebührlich gerühmt werden müssen, plötzlich erniedrigt und beschimpft worden! Womit hatte er das verdient? Wer war da Richter? Wer konnte so urteilen? Das waren die Fragen, die sein unerfahrenes, reines Herz quälten. Er konnte es nicht ohne tiefste Erbitterung ertragen, daß der Gerechteste der Gerechten dem höhnischen, boshaften Spott der leichtfertigen, so tief unter ihm stehenden Menge preisgegeben war. Mochten sich immerhin überhaupt keine Wunder ereignen, mochte immerhin nichts Wunderbares zutage treten und die auf den jetzigen Augenblick gerichteten Erwartungen sich nicht erfüllen – warum aber wurde die Ruhmlosigkeit so offenkundig gemacht? Warum wurde diese Beschimpfung zugelassen? Warum diese beschleunigte Verwesung, die »der Natur vorauseilte«, wie die boshaften Mönche sagten? Warum dieser »Hinweis«, auf den sie sich zusammen mit Vater Ferapont jetzt so triumphierend beriefen? Und warum glaubten sie, daß sie sogar ein Recht bekommen hätten, sich darauf zu berufen? Wo war die Vorsehung? Weshalb verbarg sie sich »gerade im notwendigsten Augenblick«? Warum schien sie sich selbst den blinden, stummen, erbarmungslosen Naturgesetzen unterordnen zu wollen?

Das wir es, weshalb Aljoschas Herz blutete; es ging ihm dabei, wie schon gesagt, in allererster Linie um die Persönlichkeit, die er über alles in der Welt geliebt hatte und die jetzt »mit Schmach bedeckt und entehrt« war! Mochte diese Enttäuschung meines Helden auch leichtfertig und unvernünftig sein – ich wiederhole es zum dritten Male und gebe im voraus zu, daß das vielleicht auch von mir leichtfertig ist: Ich freue mich, daß er sich in so einem Augenblick nicht allzu verständig zeigte! Für den Verstand wird nämlich bei einem Menschen, der nicht dumm ist, immer noch die rechte Zeit kommen; doch wenn in so einem außerordentlichen Augenblick keine Liebe im Herzen eines jungen Menschen vorhanden ist – wann je soll sie kommen?

Ich will bei dieser Gelegenheit allerdings auch eine sonderbare Erscheinung nicht verschweigen, die, wenn auch nur momentan, zu diesem verhängnisvollen Zeitpunkt in Aljoscha zutage trat: eine Art von qualvoller Erinnerung an sein gestriges Gespräch mit seinem Bruder Iwan. Gerade jetzt kam ihm dieses immer stärker ins Gedächtnis. Nicht, daß in seiner Seele etwas von den elementaren Bestandteilen seines Glaubens ins Wanken geraten wäre. Nein, er liebte seinen Gott und glaubte an Ihn unerschütterlich, obwohl er sich auf einmal beinahe gegen Ihn empörte. Dennoch rief die Erinnerung an das Gespräch mit seinem Bruder Iwan in der Tiefe seiner Seele jetzt plötzlich von neuem ein deutliches, aber quälendes, häßliches Gefühl hervor, das sich immer mehr nach oben drängte.

Als es schon stark dämmerte, sah Rakitin, der von der Einsiedelei durch das Wäldchen zum Kloster ging, Aljoscha unter einem Baum liegen, mit dem Gesicht zur Erde; er rührte sich nicht und schien zu schlafen. Rakitin trat näher und rief ihn an. »Du hier, Alexej? Ist es mit dir …«, begann er erstaunt, brach dann jedoch ab, ohne den Satz zu beenden. Er hatte sagen wollen: Ist es mit dir wirklich so weit gekommen?

Aljoscha sah ihn nicht an, doch Rakitin merkte an einer kleinen Bewegung sofort, daß er ihn hörte und verstand.

»Was hast du denn?« fragte er dann, noch immer verwundert.

Aber die Verwunderung auf seinem Gesicht machte allmählich einem Lächeln Platz, das mehr und mehr einen spöttischen Ausdruck annahm.

»Hör mal, ich suche dich schon über zwei Stunden. Du warst auf einmal verschwunden. Was machst du denn hier? Was sind das für fromme Dummheiten? Sieh mich doch wenigstens an!«

Aljoscha hob den Kopf, setzte sich auf und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Baum. Er weinte nicht, aber sein Gesicht drückte Leid aus, und seinem Blick war eine gereizte Stimmung anzumerken. Er sah Rakitin nicht an, sondern blickte irgendwohin zur Seite.

»Weißt du, du hast dich im Gesicht vollständig verändert. Von deiner vielgerühmten Sanftmut ist nichts mehr zu sehen. Bist du auf jemand zornig, ja? Bist du beleidigt worden?«

»Hör auf!« sagte Aljoscha auf einmal und machte mit der Hand eine müde, abweisende Bewegung.

»Oho, was ist das für ein Ton? Fährt der einen an – ganz wie es die übrigen Sterblichen tun? Das ist ja äußerst engelsgleich! Aljoschka, du hast mich in Erstaunen versetzt, weißt du das? Ich rede im vollen Ernst. Ich wundere mich hier schon lange über nichts mehr. Dabei habe ich dich immer für einen gebildeten Menschen gehalten …«

Aljoscha sah ihn endlich an, aber irgendwie zerstreut, als ob er alles noch nicht recht begriffen hätte.

»Bist du wirklich nur deshalb so, weil dein Starez angefangen hat zu stinken? Hast du denn im Ernst geglaubt, er würde anfangen, Wunder zu tun?« rief Rakitin wieder mit aufrichtigstem Staunen.

»Ich habe es geglaubt, ich glaube es, und ich will es glauben und werde es glauben! Was willst du noch weiter?« schrie Aljoscha gereizt.

»Gar nichts, mein Täubchen. Donnerwetter, an so etwas glaubt ja heutzutage nicht einmal mehr ein dreizehnjähriger Schuljunge! Aber hol’s der Teufel … Also, du bist nun auf deinen Gott wütend geworden, hast dich empört? Ihr seid bei der Beförderung übergangen worden, habt zu den Feiertagen keinen Orden gekriegt! Ihr seid mir die Richtigen!«

Aljoscha blickte Rakitin lange mit halb zugekniffenen Augen an, und in seinen Augen funkelte plötzlich etwas auf, jedoch nicht Zorn auf Rakitin.

»Ich empöre mich nicht gegen meinen Gott. Ich akzeptiere nur seine Welt nicht«, erwiderte Aljoscha mit einem verkrampften Lächeln.

»Was heißt das – du akzeptierst die Welt nicht?« fragte Rakitin, nachdem er einen Augenblick über diese Antwort nachgedacht hatte. »Was ist das für ein Nonsens?«

Aljoscha antwortete nicht.

»Na, wir haben genug über Nebensächliches geredet. Jetzt zur Sache. Hast du heute schon etwas gegessen?«

»Ich erinnere mich nicht … Ich glaube, ja.«

»Nach deinem Gesicht zu urteilen, brauchst du eine Stärkung. Du jammerst einen, wenn man dich bloß ansieht. Du hast ja auch die Nacht nicht geschlafen; ich habe gehört, ihr hattet da so eine Sitzung. Und dann dieses ganze Lärmen und Treiben! Du hast sicher nur ein Stückchen Abendmahlsbrot gekaut. Ich habe eine Wurst in der Tasche, ich habe sie mir vorhin für alle Fälle aus der Stadt mitgebracht. Aber du wirst ja wohl die Wurst nicht …«

»Gib nur her!«

»Ah! So redest du! Also schon totale Rebellion, Barrikadenbau! Na Bruder, dieser Umschwung ist nicht zu verachten. Komm zu mir … Ich würde jetzt gern ein Schnäpschen trinken, ich bin todmüde. Zu Schnaps wirst du dich aber wohl nicht entschließen … Oder möchtest du welchen?«

»Gib mir auch Schnaps!«

»Na, so etwas! Das ist ja ein reines Wunder, Bruder!« rief Rakitin erstaunt. »Na wennschon, dennschon – Wurst oder Schnaps, das kommt auf eins heraus! Jedenfalls ist das eine nette Stimmung, die darf man nicht ungenutzt lassen! Komm!«

Aljoscha stand schweigend auf und folgte Rakitin.

»Das sollte dein Bruder Iwan sehen, der würde sich aber wundern! Apropos, dein Bruder Iwan Fjodorowitsch ist heute früh nach Moskau abkutschiert, weißt du das?«

»Ja, ich weiß!« antwortete Aljoscha teilnahmslos.

Und plötzlich tauchte vor seinem geistigen Auge das Bild seines Bruders Dmitri auf. Aber es huschte nur vorüber, und obwohl er sich an etwas erinnerte, an irgendeine eilige Sache, die keine Minute Aufschub vertrug, an eine Pflicht, eine furchtbare Verbindlichkeit, machte diese Erinnerung auf ihn keinerlei Eindruck. Sie gelangte nicht bis an sein Herz, entfloh seinem Gedächtnis sofort wieder und war vergessen. Später jedoch mußte Aljoscha noch oft daran denken.

»Dein Brüderchen Iwan hat einmal gesagt, ich sei ein ›talentloser liberaler Sack‹. Auch du hast dich, wenn auch nur ein einziges Mal, nicht halten können und mir zu verstehen gegeben, ich sei ›ehrlos‹ … Na meinetwegen! Wenn ich jetzt eure Talente und eure Ehrenhaftigkeit ansehe …« Rakitin beendete den Satz, indem er etwas vor sich hin flüsterte. »Hör mal!« sagte er dann wieder laut. »Wir wollen das Kloster liegenlassen und geradewegs in die Stadt gehen … Hm! Ich müßte eigentlich bei Frau Chochlakowa vorbeigehen. Stell dir vor, ich habe ihr über alles Vorgefallene schriftlich berichtet, und sie hat mir sofort mit einem Briefchen geantwortet, es ist mit Bleistift geschrieben, diese Dame schreibt nämlich außerordentlich gern Briefchen. Sie schreibt, von so einem verehrten Starez wie Vater Sossima hätte sie ›ein solches Benehmen‹ in keiner Weise erwartet. Ja, diese Worte hat sie verwendet: ›ein solches Benehmen!‹ Sie ist ebenfalls sehr ärgerlich geworden. Ja, so seid ihr eben alle! Halt!« schrie er plötzlich wieder, blieb stehen, packte Aljoscha an der Schulter und zwang auch ihn stehenzubleiben.

»Weißt du, Aljoschka«, sagte er und sah ihm prüfend in die Augen. Er stand ganz im Bann eines neuen Gedankens, der ihm plötzlich wie eine Erleuchtung gekommen war. Und obgleich er äußerlich lachte, schien er sich doch zu scheuen, diesen neuen Gedanken laut auszusprechen: So wenig vermochte er an die völlig unerwartete Stimmung zu glauben, in der er Aljoscha jetzt sah. »Aljoschka, weißt du, wohin wir jetzt am besten gehen könnten?« sagte er endlich, vorsichtig tastend.

»Ist mir ganz einerlei … Wohin du willst.«

»Laß uns zu Gruschenka gehen, ja? Kommst du mit?« sagte Rakitin dann und zitterte am ganzen Körper vor unruhiger Erwartung.

»Gut, gehen wir zu Gruschenka!« erwiderte Aljoscha ganz ruhig.

Diese Antwort, das heißt so eine rasche und ruhige Einwilligung, kam für Rakitin so unerwartet, daß er beinahe zurückwich.

»Na, so was! Sieh mal an!« rief er erstaunt, doch dann faßte er ihn mit festem Griff am Arm und zog ihn schnell mit sich fort, immer noch fürchtend, Aljoscha könnte sich anders besinnen.

Sie liefen schweigend. Rakitin hatte geradezu Angst, als erster ein Gespräch zu beginnen.

»Aber die wird sich freuen, die wird sich freuen!« murmelte er nur, verstummte dann aber gleich wieder.

In Wirklichkeit schleppte er Aljoscha durchaus nicht zu Gruschenka, um ihr eine Freude zu machen; er war ein ernster, berechnender Mensch und unternahm nichts, wovon er keinen Vorteil für sich erwarten konnte. Jetzt hatte er ein doppeltes Ziel vor Augen. Erstens wollte er sich rächen, das heißt »die Schmach des Gerechten« sehen, wie nämlich Aljoscha wahrscheinlich zu Fall kommen und sich aus einem Heiligen in einen Sünder verwandeln würde; darüber triumphierte er schon im voraus. Und zweitens verfolgte er noch ein bestimmtes materielles, für ihn sehr vorteilhaftes Ziel, von dem weiter unten die Rede sein wird.

›Der gewisse Augenblick ist also jetzt gekommen!‹ dachte er sich froh und boshaft. ›Den wollen wir beim Schopfe packen, diesen Augenblick! Er kann uns noch recht nützlich sein!‹

3. Die Zwiebel

Gruschenka wohnte im belebtesten Stadtteil, nicht weit vom Kirchplatz, bei der Kaufmannswitwe Morosowa, von der sie ein kleines hölzernes Seitengebäude auf dem Hof gemietet hatte. Das eigentliche Haus der Witwe Morosowa war groß, aus Stein, zweistöckig, alt und sehr unansehnlich; darin wohnte nur sie selbst, eine alte Frau, mit ihren beiden, ebenfalls sehr bejahrten Nichten. Sie hatte es nicht nötig, ihr Seitengebäude zu vermieten; aber jeder wußte, daß sie schon vor vier Jahren Gruschenka aus einem ganz bestimmten Grund als Mieterin aufgenommen hatte, nämlich um ihrem Verwandten, dem Kaufmann Samsonow, Gruschenkas Beschützer, damit einen Gefallen zu tun. Es hieß, der eifersüchtige Alte habe, als er seine Favoritin bei Frau Morosowa einquartierte, ursprünglich damit gerechnet, die alte Frau würde auf ihre neue Mieterin aufpassen. Aber das erwies sich sehr bald als unnötig, und schließlich ergab es sich, daß Frau Morosowa nur selten mit Gruschenka zusammenkam und sie zuletzt gar nicht mehr mit irgendwelcher Aufsicht belästigte. Freilich waren auch schon vier Jahre vergangen, seit der Alte das achtzehnjährige Mädchen, ein schüchternes, unbeholfenes mageres, melancholisches Wesen, aus der Gouvernementsstadt in dieses Haus gebracht hatte, und seitdem war schon viel Wasser ins Meer geflossen.

Den Lebenslauf dieses jungen Mädchens kannte man bei uns in der Stadt übrigens nur mangelhaft, auch in der letzten Zeit hatte man nicht mehr erfahren, obgleich sich inzwischen viele für diese »Schönheit ersten Ranges« interessierten, in die sich Agrafena Alexandrowna im Laufe der vier Jahre verwandelt hatte. Es verlautete nur gerüchtweise, sie sei schon als siebzehnjähriges Mädchen angeblich von einem Offizier verführt und dann verlassen worden. Der Offizier sei versetzt worden und habe später irgendwo geheiratet, und Gruschenka sei in Schande und Armut zurückgeblieben. Man sagte übrigens noch, Gruschenka sei zwar tatsächlich von dem alten Samsonow aus der Armut gerettet worden, stamme aber aus einer achtbaren Familie, sozusagen aus dem geistlichen Stand; ihr Vater sei Hilfsdiakonus oder so etwas Ähnliches gewesen. Jedenfalls war nun im Laufe von vier Jahren aus der ängstlichen, betrogenen Waise eine rotwangige, üppige russische Schönheit geworden, eine Frau von entschlossenem Charakter, stolz und dreist und im Umgang mit Geldsachen so geschickt, daß sie es, so wurde behauptet, auf rechtmäßige oder unrechtmäßige Weise bereits fertiggebracht hatte, sich ein eigenes kleines Kapital zusammenzusparen. In einem Punkt waren sich alle einig: Es war schwer, zu Gruschenka Zutritt zu erlangen, und außer dem Alten, ihrem Beschützer, hatte sich in den ganzen vier Jahren kein Mensch ihrer Gunst rühmen können. Und diese Gunst zu erwerben, hatten sich nicht wenige Liebhaber bemüht, besonders in den letzten zwei Jahren. Doch alle Versuche hatten sich als vergeblich erwiesen, und manche Bewerber waren infolge des energischen, spöttischen Widerstandes seitens der charakterstarken jungen Frau sogar zu einem komischen und schimpflichen Rückzug gezwungen. Man wußte auch noch, daß sie sich vor allem im letzten Jahr auf sogenannte »profitable Geschäfte« gelegt und dabei hervorragende Fähigkeiten bekundet hatte, so daß viele sie schließlich als Jüdin bezeichneten. Nicht daß sie Geld auf Zinsen ausgeliehen hätte; aber es war zum Beispiel bekannt, daß sie sich zusammen mit Fjodor Pawlowitsch Karamasow eine Zeitlang tatsächlich damit beschäftigt hatte, Wechsel zu einem geringen Preis aufzukaufen, den Rubel für zehn Kopeken, und daß sie später mit manchen dieser Wechsel für zehn Kopeken einen Rubel erhalten hatte.

Der kranke Samsonow, dessen geschwollene Beine im letzten Jahr völlig steif geworden waren, ein Witwer, Tyrann seiner erwachsenen Söhne, Besitzer von vielen hunderttausend Rubeln, ein unerbittlicher Geizhals, war arg unter die Botmäßigkeit seines Schützlings geraten, obwohl er anfangs beabsichtigt hatte, sie kurz- und knappzuhalten, »bei Fastenöl«, wie Spottlustige sagten. Gruschenka hatte es jedoch verstanden, sich zu emanzipieren, wobei sie ihm ein grenzenloses Vertrauen zu ihrer Treue eingeflößt hatte. Dieser alte Mann, ein ausgezeichneter Geschäftsmann, besaß ebenfalls einen außerordentlich festen Charakter; vor allem war er geizig und hart wie Stein, und obgleich ihn Gruschenka so gefesselt hatte, daß er ohne sie nicht leben konnte – namentlich in den zwei letzten Jahren war das der Fall –, überwies er ihr doch kein größeres Kapital. Und selbst wenn sie gedroht hätte, völlig mit ihm zu brechen, er wäre auch dann unerbittlich geblieben. Wohl aber gab er ihr ein kleines Kapital; als das bekannt wurde, gerieten auch darüber alle in Erstaunen.

»Du bist ein kluges Frauenzimmer«, sagte er zu ihr, als er ihr ungefähr achttausend Rubel aushändigte. »Arbeite selbst mit dem Geld. Und merke dir, daß du außer deinem Jahresunterhalt wie bisher bis zu meinem Tode weiter nichts von mir bekommen wirst! Und auch in meinem Testament werde ich dir nichts weiter vermachen!«

Und er hielt Wort: Er starb und hinterließ alles seinen Söhnen, die er sein Leben lang in seinem Hause gehalten und mit den Dienern auf gleiche Stufe gestellt hatte, sowie deren Frauen und Kindern; Gruschenka war in dem Testament überhaupt nicht erwähnt. Alles das wurde erst später bekannt.

Mit Ratschlägen, wie sie mit ihrem eigenen Kapital arbeiten sollte, und mit dem Nachweis diesbezüglicher Geschäfte half er Gruschenka allerdings nicht wenig. Als sich Fjodor Pawlowitsch Karamasow, der ursprünglich wegen eines zufälligen Geschäftes mit Gruschenka in Verbindung getreten war, schließlich zu seiner eigenen großen Überraschung sinnlos in sie verliebte und geradezu den Verstand darüber verlor, da lachte der alte Samsonow, damals schon ein Todeskandidat, gewaltig. Es ist bemerkenswert, daß Gruschenka während der ganzen Zeit ihrer Bekanntschaft ihrem Alten gegenüber vollkommen aufrichtig war, und zwar anscheinend von Herzen; offenbar war er der einzige Mensch auf der Welt, vor dem sie sich so benahm.

Als auf einmal auch Dmitri Fjodorowitsch mit seiner Liebe auf den Plan trat, hörte der Alte auf zu lachen. Vielmehr gab er Gruschenka in ernstem Ton folgenden Rat: »Wenn du glaubst, einen von beiden wählen zu müssen, Vater oder Sohn, so wähle den Alten! Aber nur unter der Bedingung, daß der alte Schuft dich unter allen Umständen heiratet und dir vorher wenigstens ein einigermaßen beträchtliches Kapital verschreibt. Doch mit dem Hauptmann gib dich nicht ab, dabei kommt nichts heraus!« Dies waren die Worte des alten Lüstlings, der damals schon seinen nahen Tod ahnte und wirklich fünf Monate danach starb.

Ich bemerke noch nebenbei, daß bei uns in der Stadt damals zwar viele von der absurden Nebenbuhlerschaft zwischen den beiden Karamasows um Gruschenka wußten, daß aber kaum jemand etwas von den wahren Beziehungen Gruschenkas zu dem Alten und dem Sohn wußte. Selbst Gruschenkas Dienerinnen sagten später, nachdem die Katastrophe hereingebrochen war, von der noch die Rede sein wird, vor Gericht aus, Agrafena Alexandrowna habe Dmitri Fjodorowitsch nur aus Angst empfangen, weil er gedroht habe, sie zu töten. Dienerinnen hatte sie zwei: eine alte, kranke und beinahe taube Köchin, die noch aus ihrem Elternhaus stammte, und deren Enkelin, ein junges, munteres Ding von etwa zwanzig Jahren, das Stubenmädchen. Ansonsten lebte Gruschenka sehr sparsam, und auch ihre Einrichtung war nur dürftig. Sie hatte in dem Seitengebäude drei Zimmer, die von der Wirtin nach der Mode der zwanziger Jahre mit alten Mahagonimöbeln ausgestattet waren.

Als Rakitin und Aljoscha bei ihr eintraten, herrschte draußen schon Dämmerung, aber die Zimmer waren noch nicht erleuchtet. Gruschenka lag in ihrem Salon auf einem großen, plumpen, harten Sofa mit einer Rücklehne aus imitiertem Mahagoniholz, das mit stark abgewetztem und zerlöchertem Leder bezogen war. Unter dem Kopf hatte sie zwei weiße Federkissen aus ihrem Bett. Sie lag ausgestreckt auf dem Rücken, ohne sich zu bewegen, beide Hände hinter den Kopf gelegt. Als ob sie Besuch erwartete, trug sie ein schwarzes Seidenkleid und auf dem Kopf ein leichtes Spitzenhäubchen, das ihr sehr gut stand; um die Schultern hatte sie ein Spitzentuch geworfen, das von einer massiv goldenen Brosche zusammengehalten wurde. Sie erwartete wirklich jemand und schien ungeduldig und erregt mit dem etwas blassen Gesicht und den brennenden Lippen und Augen; mit der Spitze des rechten Fußes klopfte sie ungeduldig gegen die Seitenlehne des Sofas.

Kaum erschienen Rakitin und Aljoscha, entstand ein kleiner Tumult. Vom Vorzimmer aus war zu hören, wie Gruschenka vom Sofa aufsprang und erschrocken rief : »Wer ist da?«

Aber das Mädchen, das die Besucher empfangen hatte, teilte ihrer Herrin sogleich mit: »Er ist es nicht, es sind andere.«

»Was mag sie nur haben?« murmelte Rakitin, während er Aljoscha an der Hand in den Salon führte.

Gruschenka stand neben dem Sofa und schien immer noch erschrocken. Eine dicke Flechte ihres dunkelblonden Haares löste sich plötzlich und fiel ihr auf die rechte Schulter; doch sie beachtete es nicht und brachte es nicht in Ordnung, bevor sie die Gäste angesehen und erkannt hatte.

»Ach, du bist es, Rakitka! Wie du mich erschreckt hast! Mit wem kommst du da? Wen hast du da bei dir? Herrgott, sieh mal einer an, wen er da mitgebracht hat!« rief sie, als sie Aljoscha erkannte.

»Laß doch Licht bringen!« sagte Rakitin mit der Ungeniertheit eines nahen Bekannten und intimen Freundes, der sogar berechtigt ist, im Haus Anordnungen zu treffen.

»Licht … Gewiß, Licht … Fenja, bring eine Kerze! Na, hast du es endlich möglich gemacht, ihn herzubringen!« rief sie wieder, mit einem Kopfnicken auf Aljoscha deutend; dann wandte sie sich zum Spiegel und begann mit beiden Händen rasch ihr Haar zu ordnen.

Sie schien mit irgend etwas unzufrieden zu sein.

»Bin ich ungelegen gekommen?« fragte Rakitin, der sich gleich beleidigt fühlte.

»Du hast mich erschreckt, Rakitka, weiter nichts«, erwiderte Gruschenka und wandte sich dann lächelnd an Aljoscha. »Fürchte dich nicht vor mir, Aljoscha, mein Täubchen. Ich freue mich furchtbar, daß du gekommen bist, du mein unerwarteter Gast. Aber du hast mich erschreckt, Rakitka! Ich dachte nämlich, Mitja wäre es: Siehst du, ich habe ihn vorhin belogen und ihm das Ehrenwort abgenommen, daß er mir glaubt. Ich habe ihm gesagt, ich bin den ganzen Abend bei Kusma Kusmitsch, meinem Alten, um mit ihm bis in die Nacht hinein Geld zu zählen. Ich gehe ja jede Woche einen ganzen Abend zu ihm, um mit ihm die Bilanz zu machen. Wir schließen uns dann ein, er klappert mit der Rechenmaschine, und ich trage die Zahlen ins Buch ein – ich bin der einzige Mensch, dem er Vertrauen schenkt. Mitja hat mir geglaubt, daß ich heute dort bin, doch ich habe mich hier zu Hause eingeschlossen – ich sitze hier und warte auf eine Nachricht. Wieso hat euch Fenja nur hereingelassen! Fenja, Fenja! Lauf ans Tor, mach auf und sieh dich um, ob nicht der Hauptmann da irgendwo ist. Vielleicht hat er sich versteckt und lauert, ich habe eine Todesangst!«

»Es ist niemand da, Agrafena Alexandrowna. Ich habe mich eben überall umgesehen. Ich gehe auch alle Augenblicke und sehe durchs Schlüsselloch, ich zittere selber vor Angst.«

»Sind auch die Fensterläden geschlossen, Fenja? Auch die Vorhänge müßten zugezogen sein – siehst du, so!« Sie zog selbst die schweren Vorhänge zu. »Sonst kommt er herein, wenn er Licht sieht. Vor deinem Bruder Mitja habe ich heute Angst, Aljoscha.«

Gruschenka sprach laut; sie war beunruhigt, aber doch auch irgendwie verzückt.

»Warum fürchtest du dich gerade heute so vor Mitenka?« erkundigte sich Rakitin. »Ich meine, du bist doch sonst nicht ängstlich ihm gegenüber? Er tanzt ja nach deiner Pfeife.«

»Ich sage dir doch, ich erwarte eine Nachricht, eine wunderschöne Nachricht, so daß ich Mitenka jetzt überhaupt nicht gebrauchen kann. Und ich ahne auch, er hat es mir nicht geglaubt, daß ich für den ganzen Abend zu Kusma Kusmitsch gegangen bin. Wahrscheinlich sitzt er jetzt in einem Garten in der Nähe von Fjodor Pawlowitschs Grundstück und lauert mir auf. Na, wenn er sich dort festgesetzt hat, kann er nicht hierherkommen, um so besser! Mitja hat mich ja selbst zu Kusma Kusmitsch begleitet; ich habe ihm gesagt, ich würde bis Mitternacht da bleiben und er solle unter allen Umständen um Mitternacht kommen, um mich nach Hause zu bringen. Ich habe aber nur etwa zehn Minuten bei dem Alten gesessen und bin dann wieder hierher zurückgekehrt. Ach, ich hatte solche Angst und bin so gelaufen, um ihm nur ja nicht zu begegnen.«

»Und wozu hast du dich so herausgeputzt? Sich mal an, was hast du für ein allerliebstes Häubchen auf dem Kopf?«

»Sei doch nicht so neugierig, Rakitin! Ich sage dir ja, ich erwarte eine gewisse Nachricht. Wenn die Nachricht eintrifft, springe ich auf und fliege davon und bin für euch hier verschwunden. Ich habe mich schöngemacht, um fix und fertig zu sein.«

»Wohin wirst du denn fliegen?«

»Zuviel wissen macht alt.«

»Sieh mal an, du bist ja ganz närrisch vor Freude! So habe ich dich noch nie gesehen. Du hast Toilette gemacht wie zu einem Ball«, sagte Rakitin, sie von oben bis unten betrachtend.

»Du verstehst ja besonders viel von Bällen!«

»Du etwa?«

»Ich habe wenigstens mal einen Ball mit angesehen. Vor zwei Jahren richtete Kusma Kusmitsch einem seiner Söhne die Hochzeit aus, da habe ich von der Galerie aus zugesehen. Aber es gehört sich nicht, daß ich mich mit dir unterhalte, Rakitka, wenn so ein Prinz daneben steht. Das ist wenigstens mal ein Gast! Aljoscha, Täubchen, ich sehe dich an und kann es gar nicht glauben! Herrgott, daß du zu mir gekommen bist! Die Wahrheit zu sagen, ich habe das nicht erwartet. Und auch früher habe ich es nie für möglich gehalten, daß du zu mir kommen würdest. Dein Besuch fällt zwar nicht auf den günstigsten Moment, aber ich freue mich doch gewaltig! Setz dich auf das Sofa, bitte hierher, so. Wahrhaftig, ich kann es noch gar nicht fassen! Ach, Rakitka, du hättest ihn gestern oder vorgestern herbringen sollen! Na, ich freue mich auch so. Vielleicht ist es auch besser, daß er heute gekommen ist, gerade in so einem Augenblick, und nicht vorgestern …«

Sie setzte sich übermütig zu Aljoscha auf das Sofa, dicht neben ihn, und sah ihn mit unverhohlener Freude an. Sie freute sich wirklich; sie log nicht, wenn sie das sagte. Ihre Augen leuchteten, ihr Mund lachte, lachte gutmütig und vergnügt. Aljoscha hatte so einen gutmütigen Gesichtsausdruck von ihr nicht erwartet. Er war ihr bis zum vorgestrigen Tage nur selten begegnet und hatte sich von ihr eine schreckliche Vorstellung gemacht. Vorgestern nun hatte ihn ihr boshafter, heimtückischer Ausfall gegen Katerina Iwanowna zutiefst erschüttert; und so war er jetzt um so mehr erstaunt, sie auf einmal unerwarteterweise so ganz anders zu sehen. Und wie sehr ihn auch sein eigener Kummer bedrückte, schaute er sie doch unwillkürlich mit Interesse an. Auch ihr äußeres Benehmen hatte sich seit dem vorigen Tag völlig zum Guten hin verändert: die Süßlichkeit der Aussprache, die manierierten Bewegungen waren fast vollständig verschwunden, alles an ihr wirkte schlicht und harmlos, ihre Bewegungen waren ungezwungen und zutraulich; nur war sie sehr aufgeregt.

»Herrgott, was heute aber auch alles passiert, wahrhaftig«, plapperte sie von neuem. »Und warum ich mich über dein Kommen so freue, Aljoscha, weiß ich eigentlich selbst nicht. Wenn du mich danach fragst, weiß ich es nicht.«

»So, nun weißt du nicht einmal mehr, worüber du dich freust?« sagte Rakitin lächelnd. »Warum hast du mir dann früher immer zugesetzt: ›Bring ihn her, bring ihn her!‹ Du mußt doch eine Absicht dabei gehabt haben.«

»Früher hatte ich eine Absicht dabei, aber das ist jetzt vorüber, das verträgt sich nicht mit der jetzigen Lage … Wißt ihr, ich werde euch etwas vorsetzen. Ich bin jetzt großzügig geworden, Rakitka. Aber setz dich doch auch, Rakitka, was stehst du? Oder hast du dich bereits gesetzt? Da kann man unbesorgt sein, mein Rakituschka wird sich schon nicht vergessen. Siehst du, Aljoscha, da sitzt er uns nun gegenüber und fühlt sich gekränkt, weil ich ihn nicht eher als dich aufgefordert habe sich zu setzen. Ja, mein Rakitka ist empfindlich, sehr empfindlich!« sagte Gruschenka lachend. »Sei nicht ärgerlich, Rakitka, heute bin ich großzügig … Warum sitzt du so traurig da, Aljoschetschka? Hast du etwa Angst vor mir?« Sie blickte ihn mit lustigem Spott an.

»Er hat Kummer. Die erwartete Beförderung ist ausgeblieben«, sagte Rakitin.

»Was für eine Beförderung?«

»Sein Starez hat angefangen zu stinken.«

»Was heißt das? Du schwatzt irgendwelchen Unsinn, willst irgendwas Schändliches sagen. Sei still, du Dummkopf! Erlaubst du, Aljoscha, daß ich mich auf deinen Schoß setze? Siehst du, so!« Und sie sprang auf, setzte sich ihm lachend auf den Schoß wie ein schmeichelndes Kätzchen und legte den rechten Arm um seinen Hals. »Ich will dich aufheitern, mein frommer Junge! Nein, wirklich, erlaubst du, daß ich auf deinem Schoß sitze? Bist du auch nicht böse darüber? Wenn du befiehlst springe ich sofort wieder herunter.«

Aljoscha schwieg. Er saß da und wagte sich nicht zu rühren Er hörte ihre Worte. »Wenn du befiehlst, springe ich sofort wieder herunter.« Doch er antwortete nicht, als ob er erstarrt wäre. Aber er empfand etwas gänzlich anderes, als Rakitin jetzt bei ihm erwarten mochte, der von seinem Platz aus lüstern die Szene beobachtete. Der große Kummer seiner Seele übertäubte alle Gefühle, die sich in seinem Herzen hätten regen können, und wenn er sich selbst in diesem Augenblick volle Rechenschaft hätte geben können, hätte er selbst erkannt, daß er jetzt gegen jede Verführung und Versuchung auf das festeste gewappnet war. Doch trotz seines seelischen Zustandes, trotz seines bedrückenden Kummers wunderte er sich unwillkürlich über eine neue, seltsame Empfindung in seinem Herzen: Diese »furchtbare« Frau flößte ihm jetzt nicht mehr die Furcht ein, die ihn früher bei jedem flüchtigen Gedanken an eine Frau befallen hatte; nein, ganz im Gegenteil – diese Frau, die er mehr als alle anderen gefürchtet hatte und die jetzt auf seinem Schoß saß und ihn umarmte, erweckte in ihm plötzlich ein ganz anderes, unerwartetes, eigenartiges Gefühl, das einer ungewöhnlichen, übermächtigen, unschuldigen Anteilnahme für sie, das frei war von Furcht und Schrecken! Das war die Hauptsache und versetzte ihn unwillkürlich in Erstaunen.

»Na, nun könntet ihr aber aufhören, Unsinn zu schwatzen!«, rief Rakitin. »Laß uns lieber Champagner bringen, das bist du uns schuldig, wie du selber wissen wirst.«

»Das ist richtig, ich bin es euch schuldig. Ich habe ihm nämlich außer allem anderen auch Champagner versprochen, falls er dich herbringt, Aljoscha. Also her mit dem Champagner, ich werde selbst mittrinken! Fenja, bring uns Champagner! Die Flasche, die Mitja hiergelassen hat, schnell. So geizig ich sonst bin – ich will euch eine Flasche spendieren! Nicht dir, Rakitka, du bist nur so eine Art Pilz, aber er ist ein Prinz! Und wenn meine Seele auch jetzt von etwas anderem voll ist, will ich doch meinetwegen mit euch mittrinken; ich habe Lust, einmal ausgelassen zu sein!«

»Was für ein wichtiger Augenblick ist denn jetzt für dich? Was ist das für eine Nachricht, die du erwartest? Darf man danach fragen, oder ist es ein Geheimnis?« mischte sich Rakitin wieder voll Neugier ein; er gab sich die größte Mühe, so zu tun, als beachte er die Seitenhiebe gar nicht, die ihm Gruschenka fortwährend versetzte.

»Ach was, ein Geheimnis ist es nicht, und du weißt ja auch selbst schon davon«, sagte Gruschenka plötzlich ganz ernst; sie drehte den Kopf zu Rakitin und wandte sich ein wenig von Aljoscha ab, obwohl sie auf seinem Schoß sitzen blieb und den Arm um seinen Hals geschlungen hielt. »Der Offizier kommt, Rakitin! Mein Offizier kommt!«

»Daß er kommen wird, habe ich gehört. Aber steht das schon so nahe bevor?«

»Er ist jetzt in Mokroje, und von dort wird er eine Stafette herschicken. So hat er selbst geschrieben, vorhin habe ich einen Brief von ihm erhalten. Nun sitze ich hier und warte auf die Stafette.«

»Ei sich mal an! Wieso ist er denn in Mokroje?«

»Es dauert zu lange, das zu erzählen! Und für dich genügt auch das, was ich gesagt habe.«

»Hm, hm, und Mitenka? O weh, o weh! Weiß er es denn oder nicht?«

»Wie sollte er es wissen? Gar nichts weiß er! Wenn er es wüßte, würde er mich ermorden. Aber davor fürchte ich mich jetzt gar nicht, ich fürchte mich jetzt nicht vor seinem Messer! Schweig, Rakitka, erinnere mich nicht an Dmitri Fjodorowitsch; er hat mir mein Herz müde und matt gemacht. Ich mag in diesem Augenblick an all diese Dinge nicht denken. Aber an Aljoschetschka hier kann ich denken, den sehe ich mit Vergnügen an. Ja, lächle du nur über mich, mein Täubchen, werde ruhig heiter, lächle über meine Dummheit und über meine Freude! Aber da hat er ja gelächelt, er hat gelächelt! Sieh nur, was für ein freundliches Gesicht er macht! Weißt du, Aljoscha, ich dachte immer, du bist mir wegen der Geschichte von vorgestern böse, wegen des vornehmen Fräuleins. Ich habe mich gemein benommen, das ist richtig. Und trotzdem ist es gut, daß es so gekommen ist. Es war schlecht und doch auch gut«, fügte Gruschenka mit einem nachdenklichen Lächeln hinzu, und für einen flüchtigen Augenblick zeigte sich ein Zug von Grausamkeit in ihrem Lächeln. »Mitja hat mit erzählt, sie hätte geschrien: ›Ausgepeitscht müßte, sie werden!‹ Ich hatte sie aber auch zu sehr gekränkt. Sie hatte mich rufen lassen, wollte mich besiegen, mich mit ihrer Schokolade verführen … Nein, es war gut, daß es so kam«, sagte sie und lächelte wieder. »Aber da fürchte ich nun immer, daß du mir böse geworden bist …«

»Das ist wirklich so«, mischte sich, ernstlich erstaunt, Rakitin wieder in das Gespräch ein. »Sie fürchtet sich tatsächlich vor dir, Aljoscha. Vor dir harmlosem Hühnchen.«

»Für dich, Rakitka, mag er ein harmloses Hühnchen sein – warum? Weil du kein Gewissen hast, darum! Aber ich, siehst du, ich liebe ihn von Herzen, das ist der Grund! Glaubst du, Aljoscha, daß ich dich von ganzem Herzen liebe?«

»So etwas Schamloses! Da macht sie dir eine richtige Liebeserklärung!«

»Warum nicht? Ich liebe ihn ja.«

»Und der Offizier? Und die wunderschöne Nachricht aus Mokroje?«

»Das ist eine Sache für sich, etwas ganz anderes.«

»Da sieht man, wie es in einem Weiberkopf zugeht!«

»Mach mich nicht zornig, Rakitka! fiel Gruschenka scharf ein. »Das ist wirklich eine Sache für sich. Ich liebe Aljoscha auf eine andere Art und Weise. Allerdings hatte ich mir früher einen hinterlistigen Anschlag auf dich ausgesonnen, Aljoscha – ich bin ja ein gemeines, unberechenbares Geschöpf; doch zu anderen Zeiten sehe ich dich wieder als mein Gewissen an, Aljoscha. Ich denke immer: Wie muß so ein Mensch mich jetzt verachten! Auch vorgestern habe ich das gedacht, als ich von dem Fräulein wieder nach Hause lief. Schon seit langem habe ich mein Augenmerk auf dich gerichtet, Aljoscha! Auch Mitja weiß das, ich habe es ihm gesagt. Und Mitja hat dafür Verständnis. Wahrhaftig, Aljoscha, manchmal sehe ich dich an und schäme mich, vor mir selbst schäme ich mich … Aber wie es gekommen ist, daß ich so über dich denke, und seit wann ich das tue, weiß ich nicht, daran kann ich mich nicht erinnern.«

Fenja kam herein und stellte ein Tablett mit einer entkorkten Flasche und drei vollgegossenen Gläsern auf den Tisch.

»Da ist ja auch der Champagner gekommen!« rief Rakitin. »Du bist aufgeregt und außer dir, Agrafena Alexandrowna. Wenn du ein Glas trinkst, wirst du anfangen zu tanzen. O weh, nicht einmal das bringen sie ordentlich zustande!« fügte er nach einem Blick auf den Champagner hinzu. »Die Alte hat ihn in der Küche eingeschenkt, und Fenja hat die Flasche ohne den Korken hereingebracht, und der Wein ist nicht gekühlt. Na, trinken wir ihn halt so!«

Er trat an den Tisch, nahm ein Glas, trank es in einem Zug aus und goß sich ein zweites ein.

»Zu Champagner kommt man nicht oft«, sagte er, sich die Lippen leckend. »Na, nun zu, Aljoscha! Nimm ein Glas und zeig, was du kannst! Worauf wollen wir trinken? Auf die Pforten des Paradieses? Nimm auch ein Glas, Gruscha! Trink auch auf die Pforten des Paradieses!«

»Auf was für Pforten des Paradieses?«

Sie nahm ein Glas.

Aljoscha nahm seins, trank ein Schlückchen und stellte das Glas wieder hin.

»Nein, lieber nicht!« sagte er mit leisem Lächeln.

»Wo du dich doch so gerühmt hast!« rief Rakitin.

»Nun, dann werde ich auch nicht trinken«, fiel Gruschenka ein. »Ich habe auch gar keine Lust. Trink die ganze Flasche allein aus, Rakitka! Wenn Aljoscha trinkt, dann werde ich auch trinken.«

»Was sind das für kalbrige Zärtlichkeiten!« höhnte Rakitin. »Und dabei sitzt sie sogar auf seinem Schoß! Er hat nun wirklich seinen Kummer – und was hast du? Er hat sich gegen seinen Gott empört und wollte Wurst essen …«

»Was soll das heißen?«

»Sein Starez ist heute gestorben. Der Starez Sossima, der Heilige.«

»Ist der Starez Sossima tatsächlich gestorben?« rief Gruschenka. »Herrgott, und ich habe es nicht gewußt! Herrgott, was tue ich da, ich sitze jetzt auf seinem Schoß!« fuhr sie erschrocken fort, sprang auf und setzte sich aufs Sofa.

Aljoscha blickte sie lange erstaunt an, und sein Gesicht schien sich auf einmal zu erhellen.

»Rakitin!« sagte er plötzlich laut und fest. »Verhöhne mich nicht, als ob ich mich gegen meinen Gott empört hätte. Ich möchte dir nicht böse werden, darum sei auch du gütiger! Ich habe einen Schatz verloren, wie du ihn nie besessen hast, und du kannst jetzt nicht mein Richter sein. Schau lieber sie an! Hast du gesehen, welche zarte Rücksicht sie auf mich genommen hat? Ich kam her in der Erwartung, eine böse Seele zu finden. Es zog mich, weil ich selbst gemein und schlecht war. Doch ich fand eine aufrichtige Schwester, ich fand einen Schatz, eine liebende Seele … Sie hat mich soeben ganz zart geschont … Agrafena Alexandrowna, ich rede von dir. Du hast meine Seele soeben wieder aufgerichtet.«

Seine Lippen bebten, und er atmete nur mühsam. Dann hielt er inne.

»Das klingt ja, als ob sie dich gerettet hätte!« rief Rakitin boshaft lachend. »Und dabei hat sie dich verführen wollen, weißt du das?«

»Halt, Rakitka!« rief Gruschenka und sprang auf. »Schweigt alle beide! Jetzt werde ich alles sagen! Du, Aljoscha, schweig, weit ich mich schäme, wenn du so von mir sprichst – denn ich bin eine schlechte Person, jawohl, das bin ich. Und du, Rakitka, schweig, weil du die Unwahrheit sagst. Ich hatte den gemeinen Plan und wollte ihn verführen. Aber jetzt redest du die Unwahrheit, jetzt liegt die Sache ganz anders … Und ich will jetzt kein Wort mehr von dir hören, Rakitka!«

Alles dies sagte Gruschenka in größter Erregung.

»Nun sieh einer an, sie sind beide wütend geworden!« zischte Rakitin, der sie erstaunt ansah. »Wie die Verrückten sind sie! Es ist, als ob ich in ein Irrenhaus geraten wäre. Sie sind beide weich und schwach geworden und werden gleich anfangen zu weinen!«

»Ich werde auch anfangen zu weinen!« rief Gruschenka. »Er hat mich seine Schwester genannt, und das werde ich im Leben nicht vergessen! Nur das will ich noch sagen, Rakitka: Ich bin zwar schlecht, aber ich habe doch eine Zwiebel weggeschenkt!«

»Was für eine Zwiebel? Hol’s der Teufel, die sind tatsächlich verrückt geworden!«

Rakitin war erstaunt über die exaltierte Stimmung der beiden, fühlte sich gekränkt und ärgerte sich; er hätte sich indessen sagen können, daß bei beiden alles, was ihre Seelen nur erschüttern konnte, auf eine Weise zusammengetroffen war, wie es im Leben nicht häufig vorkommt. Doch Rakitin, der ein sehr feines Verständnis für alles hatte, was ihn selbst betraf, war sehr ungeschickt, wo es sich darum handelte, die Gefühle und Empfindungen anderer Menschen zu verstehen; das lag teils an seiner jugendlichen Unerfahrenheit, teils auch an seinem großen Egoismus.

»Siehst du, Aljoschetschka«, sagte Gruschenka nervös lachend und wandte sich ihm wieder zu, »vor Rakitka habe ich mich damit gerühmt, daß ich eine Zwiebel weggeschenkt habe. Vor dir rühme ich mich nicht damit, ich will dir das in anderer Absicht erzählen. Es ist nur eine Legende, aber eine gute Legende; ich habe sie, als ich noch ein Kind war, von Matrjona gehört, die jetzt bei mir als Köchin dient. Hör zu. ›Es war einmal eine böse, sehr böse Frau, und die starb. Und als sie gestorben war, wußte niemand von irgendeiner guten Tat, die sie getan hätte. Da ergriffen sie die Teufel und warfen sie in den feurigen See. Aber ihr Schutzengel stand da und dachte: An welche gute Tat von ihr könnte ich mich wohl erinnern, um sie Gott vorzutragen? Da fiel ihm etwas ein, und er sagte zu Gott: Sie hat einmal eine Zwiebel aus ihrem Gemüsegarten einer Bettlerin geschenkt. Und da antwortete ihm Gott: Nimm diese Zwiebel und strecke sie der im See Schwimmenden hin! Soll sie sie ergreifen und sich an ihr festhalten! Und wenn du sie so aus dem See herausziehen kannst, mag sie ins Paradies eingehen. Wenn aber die Zwiebel abreißt, soll das Weib da bleiben, wo sie jetzt ist. Der Engel lief zu ihr und streckte ihr die Zwiebel entgegen. Da, sagte er, ergreif sie und halte dich daran fest! Und er begann sie vorsichtig herauszuziehen und hatte sie schon fast herausgezogen; doch als die übrigen Sünder in dem See sahen, daß diese Frau herausgezogen wurde, da klammerten sie sich alle an sie, um ebenfalls herausgezogen zu werden. Sie aber wurde böse, sehr böse, stieß mit den Füßen nach ihnen und schrie: Ich werde herausgezogen, nicht ihr! Das ist meine Zwiebel, nicht eure! Kaum hatte sie das gesagt, zerriß die Zwiebel. Und die Frau fiel zurück in den See und brennt da noch bis auf den heutigen Tag. Der Engel aber weinte und ging fort.‹ Das ist die Legende, Aljoscha. Ich habe sie auswendig behalten, weil ich selbst diese böse Frau bin … Vor Rakitka habe ich mich gerühmt, daß ich eine Zwiebel weggeschenkt habe, aber vor dir rede ich anders! Ich habe in meinem ganzen Leben wohl auch nur eine einzige Zwiebel weggeschenkt, das ist meine einzige gute Tat. Und wo du das nun weißt, lobe mich nicht mehr, Aljoscha! Halte mich nicht für gut! Ich bin schlecht, böse, sehr böse, und wenn du mich noch weiter lobst, werde ich mich schämen müssen. Ach, jetzt werde ich nun wohl alles beichten … Hör zu, Aljoscha. Ich wollte dich so gern zu mir locken, daß ich Rakitin fünfundzwanzig Rubel versprach, wenn er dich zu mir bringt. Einen Moment, Rakitin!« Sie ging mit schnellen Schritten zum Tisch, öffnete die Schublade, holte ihr Portemonnaie heraus und entnahm ihm einen Fünfundzwanzigrubelschein.

»So ein Unsinn, so ein Unsinn!« rief Rakitin verblüfft.

»Nimm, was ich dir schuldig bin, Rakitka. Du wirst es doch nicht ablehnen, du hast ja selbst darum gebeten.« Sie warf ihm die Banknote hin.

»Ablehnen, das fehlte noch!« erwiderte Rakitin. Er war offenbar verlegen, verbarg als forscher junger Mann jedoch seine Beschämung. »Das wird mir jetzt sehr zupaß kommen. Die Dummköpfe sind ja dazu da, daß ein kluger Mann von ihnen profitiert.«

»Und jetzt schweig, Rakitka! Alles, was ich jetzt sage, ist eigentlich nicht für deine Ohren bestimmt. Setz dich dort in die Ecke und schweig! Du liebst uns beide nicht, also schweig wenigstens!«

»Wofür sollte ich euch denn lieben?« antwortete Rakitin grob, der seinen Ärger nicht mehr verbarg. Den Fünfundzwanzigrubelschein steckte er in die Tasche; zweifellos schämte er sich vor Aljoscha. Er hatte damit gerechnet, diesen Lohn erst später zu erhalten, so daß der andere nichts davon erfuhr; jetzt aber war er wütend vor Scham. Bis zu diesem Augenblick hatte er es für klüger gehalten, Gruschenka trotz aller Seitenhiebe, die sie ihm versetzte, nicht so sehr zu widersprechen, weil es ihm klar war, daß sie über ihn eine gewisse Macht besaß. Doch jetzt brauste auch er auf: »Man liebt zum Dank für empfangenes Gut. Ihr beide, was habt ihr mir Gutes getan?«

»Liebe ohne eine Ursache! So wie Aljoscha liebt!«

»Wieso liebt er dich denn? Und wie hat er dir seine Liebe gezeigt, daß du damit prahlst?«

Gruschenka stand mitten im Zimmer. Sie sprach in starker Erregung, mit hysterischem Schluchzen in der Stimme.

»Schweig, Rakitka! Du hast für uns kein Verständnis! Und erlaube dir nicht, künftig noch ›Du‹ zu mir zu sagen! Ich gestatte dir das nicht! Wie hast du dir überhaupt eine solche Dreistigkeit herausnehmen können? Hörst du? Setzt dich in die Ecke und schweig, als ob du mein Lakai wärst! Und jetzt will ich dir allein die ganze reine Wahrheit sagen, Aljoscha, damit du siehst, was ich für ein Geschöpf bin! Ich spreche nicht zu Rakitka, sondern zu dir … Ich wollte dich zugrunde richten, Aljoscha – das ist die volle Wahrheit! Ich hatte es mir fest vorgenommen. Mein Verlangen war so groß, daß ich Rakitka mit Geld bestach, damit er dich zu mit brächte. Und wodurch war dieses Verlangen in mir entstanden? Du wolltest von mir nichts wissen, Aljoscha, du wandtest dich von mir ab, gingst mit niedergeschlagenen Augen an mir vorbei. Ich aber sah dir wohl hundertmal nach und begann alle Leute über dich auszufragen. Dein Gesichtsausdruck hatte sich meinem Herzen eingeprägt: ›Er verachtet mich!‹ dachte ich. ›Er will mich nicht einmal ansehen!‹ Und da überkam mich schließlich ein Gefühl, daß ich über mich selbst erstaunt war. Ich sagte mir: ›Warum fürchte ich mich vor so einem Knaben? Ich will ihn verführen und dann auslachen!‹ Ich war geradezu wütend geworden. Ob du es glaubst oder nicht: Niemand hier wagt zu sagen oder auch nur zu denken, er könnte Agrafena Alexandrowna in unehrenhafter Weise nähertreten; ich habe nur meinen Alten, an den bin ich gebunden, dem bin ich verkauft, sonst habe ich niemand. Doch als ich dich sah, nahm ich mir vor: ›Den will ich verführen, erst verführen und dann auslachen!‹ Da siehst du, was ich für ein gemeines Wesen bin, ich, die du deine Schwester genannt hast! Jetzt ist nun mein erster Verführer gekommen, und ich sitze hier und warte auf Nachricht. Weißt du aber, was dieser Verführer für mich bedeutet hat? Vor fünf Jahren, als Kusma mich hierhergebracht hatte, saß ich manchmal hier und versteckte mich vor den Leuten, damit niemand etwas von mir sah und hörte. Ich dummes kleines Wesen saß da und schluchzte, ganze Nächte konnte ich nicht schlafen. Ich grübelte: ›Wo mag er jetzt sein, mein Verführer? Er lacht sicherlich mit einer anderen über mich. Wenn ich ihn nur einmal wiedersehen könnte!‹ dachte ich. ›Dann würde ich es ihm heimzahlen, ja, dann würde ich es ihm heimzahlen!‹ Nachts schluchzte ich in mein Kissen und überdachte das immerzu; ich zerfleischte mein Herz absichtlich und sättigte es mit meinem Zorn: ›ich werde es ihm schon noch heimzahlen, ich werde es ihm schon noch heimzahlen!‹. So schrie ich manchmal im Dunkeln. Und wenn mir plötzlich zu Bewußtsein kam, daß ich ihm nichts, gar nichts tun konnte und daß er in jenem Augenblick wahrscheinlich über mich lachte und mich vielleicht ganz vergessen hatte, dann warf ich mich vom Bett auf die Dielen und weinte bis zum Morgengrauen ohnmächtige Tränen. Wenn ich am Morgen aufstand, war ich wütend wie eine Bestie und hätte am liebsten die ganze Weit in Trümmer geschlagen. Später begann ich mir ein gewisses Kapital zusammenzuraffen, ich wurde erbarmungslos, ich wurde fülliger – meinst du, ich wäre vielleicht klüger geworden, ja? Ich sage dir: nein. Kein Mensch auf der Welt sieht und weiß es, aber sobald die nächtliche Dunkelheit kommt, liege ich manchmal genauso da wie vor fünf Jahren als kleines Mädchen, knirsche mit den Zähnen und weine die ganze Nacht. ›Ich werde es ihm schon noch heimzahlen, ich werde es ihm schon noch heimzahlen!‹ denke ich. Hast du das alles gehört? Nun hör zu, wie wirst du mich jetzt begreifen? Vor einem Monat erhielt ich plötzlich einen Brief. Er sei Witwer geworden und möchte mich gern wiedersehen. Der Atem stockte mir damals, Herr du mein Gott, ich dachte auf einmal: ›Wenn er jetzt kommt und mir pfeift und mich ruft, dann werde ich wie ein Hündchen, das Schläge bekommen hat und um Verzeihung bittet, zu ihm kriechen!‹ So dachte ich und glaubte mit selbst nicht: ›Bin ich ein unwürdiges Geschöpf oder nicht? Werde ich zu ihm laufen oder nicht?‹ Und den ganzen Monat bin ich auf mich so wütend gewesen, daß es noch schlimmer war als vor fünf Jahren. Siehst du jetzt, Aljoscha, was ich für eine verrückte, unberechenbare Frau bin? Ich habe dir die volle Wahrheit gesagt! Mit Mitja habe ich nur Spaß getrieben, um nicht zu dem anderen zu laufen … Schweig, Rakitka, es steht dir nicht zu, über mich zu richten; mit dir habe ich nicht gesprochen. Bevor ihr kamt, habe ich hier gelegen und gewartet und nachgedacht und einen entscheidenden Beschluß über mein weiteres Schicksal gefaßt! Und ihr werdet niemals erfahren, was in meinem Herzen vorgegangen ist. Sag deinem Fräulein, Aljoscha, sie möchte wegen des Vorfalls von vorgestern nicht böse sein! Und niemand in der ganzen Welt weiß, wie mir jetzt zumute ist, und es kann auch niemand wissen … Denn vielleicht nehme ich heute ein Messer mit; darüber bin ich noch zu keinem festen Entschluß gekommen …«

Als Gruschenka das ausgesprochen hatte, konnte sie sich plötzlich nicht mehr beherrschen. Sie redete nicht weiter, verbarg das Gesicht in den Händen, warf sich aufs Sofa in die Kissen und schluchzte wie ein kleines Kind.

Aljoscha stand von seinem Platz auf und trat zu Rakitin.

»Mischa«, sagte er, »sei nicht zornig! Du bist von ihr beleidigt worden, aber sei nicht zornig! Hast du mit angehört, was sie soeben gesagt hat? Man darf von der Seele eines Menschen nicht gar zuviel verlangen: man muß Mitleid haben.«

Aljoscha hatte aus einem unbezwinglichen Drang seines Herzens so gesprochen. Es war ihm ein Bedürfnis gewesen, sich auszusprechen, und so hatte er sich an Rakitin gewandt. Wenn Rakitin nicht dagewesen wäre, hätte er es für sich allein ausgerufen. Doch Rakitin blickte ihn spöttisch an, und Aljoscha brach plötzlich ab.

»Du bist immer noch mit der Weisheit deines Starez geladen und schießt nun diese Weisheit auf mich ab, Aljoschenka, du kleiner Gottesmann!« erwiderte Rakitin mit haßerfülltem Lächeln.

»Lache nicht, Rakitin. Lächle nicht, sprich nicht so von dem Verstorbenen! Er stand höher als alle, die auf Erden leben!« rief Aljoscha mit tränenerstickter Stimme. »Nicht als Richter wollte ich zu dir sprechen, sondern selbst als der niedrigste von denen, die gerichtet werden. Wer bin ich im Vergleich mit ihr? Ich kam hierher, um zugrunde zu gehen, und sagte: Meinetwegen, meinetwegen! Das war eine Folge meines Kleinmuts. Sie aber hat nach fünf Jahren der Qual alles verziehen, alles vergessen und weint, sobald nur jemand kommt und ein aufrichtiges Wort zu ihr sagt! Ihr Verführer ist zurückgekehrt und ruft sie, und sie verzeiht ihm alles und wird voller Freude zu ihm eilen und kein Messer mitnehmen, nein, das wird sie nicht tun! Ich bin kein solcher Mensch! Ich weiß nicht ob du so ein Mensch bist, Mischa – ich bin jedenfalls kein solcher Mensch. Ich habe soeben eine Lektion erhalten … Sie überragt uns an Liebe … Hattest du vorher das von ihr gehört, was sie jetzt erzählt hat? Nein, du hattest es noch nicht gehört; denn sonst hättest du schon längst alles verstanden … Möge ihr auch jene andere verzeihen, die von ihr beleidigt worden ist! Und sie wird ihr verzeihen, wenn sie alles erfährt … Und sie wird alles erfahren … Diese Seele ist noch nicht zum Frieden gelangt, man muß Nachsicht mit ihr haben … In dieser Seele liegt vielleicht ein Schatz verborgen …«

Aljoscha verstummte, er rang nach Atem. Rakitin sah ihn trotz seines Ärgers erstaunt an. Nie hätte er von dem stillen Aljoscha so eine lange Rede erwartet.

»Du entpuppst dich ja als ein gewaltiger Advokat! Du hast dich wohl in sie verliebt, wie? Agrafena Alexandrowna, unser Faster hat sich in dich verliebt, du hast gesiegt!« rief er mit frechem Lachen.

Gruschenka hob den Kopf von dem Kissen, lächelte und blickte Aljoscha gerührt an. Ihr Gesicht war von den Tränen noch geschwollen, wurde aber durch das Lächeln aufgehellt.

»Laß ihn, Aljoscha. Du siehst, was er für ein Mensch ist. Du bist mit deiner Rede an den Unrechten gekommen … Michail Ossipowitsch«, wandte sie sich an Rakitin, »ich wollte dich eigentlich um Verzeihung bitten dafür, daß ich dich beschimpft habe, doch jetzt bin ich von dieser Absicht abgekommen … Aljoscha, komm zu mir, setz dich hierher!« Sie winkte ihn mit fröhlichem Lächeln heran. »So, setz dich hierher! Und nun sag du mir«, sie ergriff seine Hand und sah ihm lächelnd ins Gesicht, »sag du mir, liebe ich diesen Menschen oder nicht? Ich meine den Verführer: Liebe ich ihn oder nicht? Ehe ihr herkamt, habe ich hier im Dunkeln gelegen und immerzu mein Herz gefragt: Liebe ich ihn oder nicht? Beantworte du mir diese Frage, Aljoscha. Die Zeit drängt – was du bestimmst, soll geschehen. Soll ich ihm verzeihen oder nicht?«

»Du hast ihm ja schon verziehen«, erwiderte Aljoscha lächelnd.

»Ja, ich habe ihm wirklich verziehen«, sagte Gruschenka nachdenklich. »Was für ein nichtswürdiges Herz ich habe! Ich trinke auf mein nichtswürdiges Herz!« rief sie, griff plötzlich nach einem Glas, trank es, ohne abzusetzen, aus, hob es hoch und schleuderte es mit einem Schwung auf den Boden. Das Glas zerbrach klirrend. Ein leiser Zug von Grausamkeit tauchte flüchtig in ihrem Lächeln auf. »Aber vielleicht habe ich ihm doch noch nicht verziehen«, sagte sie in beinahe drohendem Ton. Sie senkte die Augen und redete wie im Selbstgespräch. »Vielleicht bereitet sich mein Herz nur erst darauf vor, ihm zu verzeihen. Ich ringe noch mit meinem Herzen … Siehst du, Aljoscha, ich habe die Tränen, die ich in diesen fünf Jahren geweint habe, furchtbar liebgewonnen … Vielleicht liebe ich nur das Unrecht, das er mir angetan hat, und gar nicht ihn?«

»Na, ich möchte nicht in seiner Haut, stecken!« zischte Rakitin.

»Du wirst auch niemals in seiner Haut stecken, Rakitka. Du wirst Schuhe für mich machen, Rakitka! Zu so einem Dienst werde ich dich verwenden. Aber so eine Frau wie ich wird dir nie zufallen. Und ihm vielleicht auch nicht … »

»Ihm auch nicht? Wieso hast du dich dann so herausgeputzt?« höhnte Rakitin boshaft.

»Halte mir nicht meine Kleidung und meinen Schmuck vor, Rakitka – du kennst mein ganzes Herz noch nicht! Wenn ich will, reiße ich sofort alles vom Körper, augenblicklich!« schrie sie laut. »Du weißt nicht, wozu das alles dienen soll, Rakitka! Vielleicht werde ich zu ihm gehen und zu ihm sagen: ›Hast du mich schon so gesehen oder noch nicht?‹ Er hat mich ja als siebzehnjähriges schmächtiges, weinerliches Mädchen verlassen. Und dann werde ich mich zu ihm setzen, ihn bezaubern und wild machen. ›Siehst du, was ich jetzt für eine Frau bin?‹ werde ich dann zu ihm sagen. ›Na, und nun laß dir den Appetit vergehen, werter Herr! Ich habe dir nur den Mund wässerig machen wollen, bekommen wirst du mich nicht!‹ Siehst du, dazu soll das alles vielleicht dienen, Rakitka«, schloß Gruschenka mit boshaftem Lachen. »Ich bin ein wütendes, jähzorniges Weib, Aljoscha. Ich werde meine Kleider zerreißen, mich verstümmeln, meine Schönheit vernichten, mein Gesicht verbrennen und mit dem Messer zerschneiden und dann betteln gehen. Wenn es mir einfällt, werde ich jetzt nirgendwohin und zu niemand gehen. Wenn es mir einfällt, werde ich gleich morgen dem alten Kusma all seine Geschenke und all sein Geld zurückschicken und mein restliches Leben als Tagelöhnerin arbeiten! Denkst du, ich würde das nicht tun, Rakitka? Ich würde nicht wagen, das zu tun? Ich werde es tun, ich werde es tun, in diesem Augenblick kann ich es tun, reizt mich nur nicht! Und den andern werde ich wegjagen und ihm eine lange Nase machen! Der soll mich nicht bekommen!«

Diese letzten Worte schrie sie fast hysterisch; wiederum verlor sie die Herrschaft über sich, bedeckte das Gesicht mit den Händen, warf sich auf das Kissen und schluchzte wieder, daß ihr ganzer Körper zuckte.

Rakitin stand auf.

»Es wird Zeit«, sagte er. »Es ist schon spät, man läßt uns sonst nicht mehr ins Kloster hinein.« Gruschenka sprang hastig auf. »Willst du wirklich weggehen, Aljoscha?« rief sie erstaunt und betrübt. »Was tust du mir an? Du hast mich zur Besinnung gebracht, hast mich gequält – und jetzt kommt wieder die Nacht, und ich soll wieder allein bleiben!«

»Er kann doch nicht bei dir übernachten? Aber wenn du willst, meinetwegen! Dann werde ich eben allein weggehen!« neckte Rakitin sie boshaft.

»Schweig, du schlechter Mensch!« schrie Gruschenka ihn zornig an.«Nie hast du mir solche Worte gesagt wie er.«

»Was hat er denn so Besonderes gesagt?« brummte Rakitin gereizt.

»Ich weiß es nicht, ich erinnere mich nicht. Er hat zu meinem Herzen gesprochen, das Herz hat er mir umgekehrt … Er ist der erste und einzige Mensch, der mit mir Mitleid gehabt hat, das ist es! Warum bist du nicht früher gekommen, mein Engel?« Sie fiel plötzlich wie verzückt vor ihm nieder auf die Knie. »Mein ganzes Leben habe ich auf einen solchen Menschen wie dich gewartet! Ich wußte, daß ein solcher kommen und mir verzeihen wird! Ich glaubte, daß auch mich, so gemein ich bin, jemand liebgewinnen wird, und nicht für einen schändlichen Preis!«

»Was habe ich dir denn Gutes getan?« antwortete Aljoscha gerührt, wobei er sich zu ihr hinabbeugte und zärtlich ihre Hand ergriff. »Ich habe dir eine Zwiebel gereicht, eine einzige winzige Zwiebel, weiter nichts, weiter nichts!«

In diesem Augenblick ertönte plötzlich Lärm auf dem Flur; jemand kam ins Vorzimmer. Gruschenka sprang erschrocken auf. Laut kam Fenja ins Zimmer gelaufen.

»Gnädiges Fräulein, Täubchen, gnädiges Fräulein! Die Stafette ist da!« rief sie außer Atem. »Ein Reisewagen aus Mokroje will Sie abholen, der Kutscher Timofej mit einer Troika, es werden schon Pferde angespannt … Ein Brief, gnädiges Fräulein, hier ist ein Brief!«

Sie hatte den Brief in der Hand und schwenkte ihn die ganze Zeit in der Luft umher. Gruschenka entriß ihr den Brief und trug ihn an die Kerze. Es war nur ein Zettelchen mit wenigen Zeilen, sie hatte es im Nu durchgelesen.

»Er hat mich gerufen!« schrie sie. Sie war ganz blaß geworden, und ihr Gesicht verzog sich zu einem schmerzlichen Lächeln. »Er hat gepfiffen. Krieche hin, Hündchen!«

Aber nur einen Augenblick schien sie unentschlossen. Mit einem mal stieg ihr das Blut in den Kopf und färbte ihre Wangen dunkelrot.

»Ich werde fahren!« rief sie plötzlich. »Ihr meine fünf Jahre, lebt wohl! Lebe wohl, Aljoscha, mein Schicksal ist entschieden! Geht weg, geht jetzt alle von mir weg, damit ich euch nie mehr sehe! Gruschenka ist zu einem neuen Leben davongeflogen … Behalt auch du mich nicht in schlechter Erinnerung, Rakitka! Vielleicht gehe ich in den Tod! Ich bin wie betrunken!«

Sie verließ die beiden unvermittelt und lief in ihr Schlafzimmer.

»Na, um uns kümmert die sich jetzt nicht mehr!« brummte Rakitin. »Wir wollen gehen, sonst fängt womöglich dieses Weibergeschrei wieder an. Dieses Weinen und Schreien hängt mir schon zum Halse heraus!«

Aljoscha ließ sich mechanisch hinausführen. Auf dem Hof stand ein Reisewagen, die Pferde wurden ausgespannt, Leute liefen mit Laternen, es war ein geschäftiges Treiben. Durch das geöffnete Tor wurde ein frisches Dreigespann hereingeführt.

Doch kaum waren Aljoscha und Rakitin aus der Haustür getreten, öffnete sich ein Fenster in Gruschenkas Schlafstube, und sie rief Aljoscha mit lauter Stimme nach: »Aljoschetschka, grüß deinen Bruder Mitenka und sag ihm, er möchte, obwohl ich ihm Übles angetan habe, nicht im Bösen an mich denken! Und bestell ihm von mir mit meinen Worten: Gruschenka ist einem Schuft zugefallen und nicht dir edeldenkendem Menschen! Und füge noch hinzu, daß Gruschenka ihn ein Stündchen lang geliebt hat, nur ein Stündchen lang, und er soll sich an dieses Stündchen von nun an sein Leben lang erinnern! Sag ihm, mit diesen Worten habe Gruschenka es dir aufgetragen: ›Sein Leben lang‹ …«

Sie konnte zuletzt kaum noch reden. Das Fenster wurde wieder zugeschlagen.

»Hm, hm!« brummte Rakitin lachend. »Sie hat deinem Bruder Mitenka den Todesstoß versetzt und bittet ihn nun noch, sein Leben lang an sie zu denken. So eine raffinierte Grausamkeit!«

Aljoscha gab keine Antwort, als ob er nichts gehört hätte. Wie in großer Eile lief er neben Rakitin; er schien alles um sich vergessen zu haben und ging nur mechanisch.

Rakitin fühlte plötzlich einen Stich, als hätte man seine frische Wunde mit dem Finger berührt. Als er vorhin Gruschenka mit Aljoscha zusammenbrachte, hatte er etwas ganz anderes erwartet.

»Er ist ein Pole, ihr Offizier«, begann er wieder, sich mit Mühe beherrschend. »Aber er ist jetzt überhaupt nicht Offizier. Er war Zollbeamter in Sibirien, irgendwo da an der chinesischen Grenze, sicher ist er so ein kläglicher kleiner Polacke. Es heißt, er hat seine Stelle verloren. Nun hat er gehört, daß Gruschenka in den Besitz eines Kapitals gelangt ist, und da ist er zurückgekehrt – das ist das ganze Wunder.«

Aljoscha schien wieder nichts gehört zu haben. Rakitin konnte sich nun nicht mehr beherrschen: »Na, hast du eine Sünderin bekehrt?« fragte er Aljoscha boshaft. »Hast du eine Hure auf den Weg der Wahrheit zurückgeführt? Hast du sieben Teufel ausgetrieben, he? Da haben sich ja unsere vorhin vergeblich erwarteten Wunder nun doch vollzogen!«

»Hör auf, Rakitin«, erwiderte Aljoscha schmerzerfüllt.

»Du verachtest mich wohl jetzt wegen der fünfundzwanzig Rubel von vorhin? Ich habe nach deiner Auffassung einen wahren Freund verkauft, wie? Aber du bist ja nicht Christus, und ich bin nicht Judas!«

»Ach, Rakitin, ich versichere dir, ich hatte das schon vergessen«, rief Aljoscha. »Du hast mich erst wieder daran erinnert …«

Rakitin jedoch kannte in seiner Wut keine Grenzen mehr.

»Hol‹ euch samt und sonders der Teufel!« brüllte er plötzlich. »Warum, zum Teufel, habe ich mich bloß mit dir abgegeben? Von nun an will ich dich nicht mehr kennen. Geh du allein, da ist dein Weg!«

Er bog mit einer kurzen Wendung in eine andere Straße ein und ließ Aljoscha in der Dunkelheit stehen.

Aljoscha verließ die Stadt und ging über das Feld zum Kloster.

4. Die Hochzeit zu Kana in Galiläa

Es war nach klösterlichen Begriffen schon sehr spät, als Aljoscha in der Einsiedelei eintraf; der Pförtner ließ ihn durch einen besonderen Eingang herein. Es schlug schon neun Uhr die Stunde allgemeiner Erholung und Ruhe nach dem für alle aufregenden Tag. Aljoscha öffnete schüchtern die Tür und betrat die Zelle des Starez, in der jetzt sein Sarg stand. Außer Vater Paissi, der einsam das Evangelium las, und dem jungen Novizen Porfiri, den das nächtliche Gespräch und die Unruhe des Tages ermüdet hatten und der nun im Nebenzimmer auf dem Fußboden den festen Schlaf der Jugend schlief, war niemand in der Zelle. Obwohl Vater Paissi Aljoscha kommen hörte, sah er ihn nicht einmal an. Aljoscha begab sich in die Ecke rechts von der Tür und begann zu beten. Seine Seele war übervoll, aber von unklaren Empfindungen, von denen keine einzige deutlich hervortrat; vielmehr verdrängte immerzu eine die andere in einem stillen, gleichmäßigen Kreislauf. Aber ihm war seltsam und froh zumute, und Aljoscha wunderte sich darüber nicht. Wieder sah er diesen Sarg und ganz verhüllt diesen teuren Toten vor sich, doch das nagende, quälende Mitleid vom Vormittag war nicht mehr in seiner Seele. Noch bevor er in die Ecke ging, war er vor dem Sarg wie vor einem Heiligtum niedergefallen: Freude, helle Freude hatte seinen Geist und sein Herz erleuchtet. Das Fenster der Zelle war geöffnet, die Luft war frisch und kühl. ›Also ist der Geruch noch stärker geworden, wenn man sich entschlossen hat, das Fenster aufzumachen!‹ dachte Aljoscha. Aber auch dieser Gedanke an den Leichengeruch, ein Gedanke, der ihm noch vor kurzem so schrecklich und entehrend erschienen war, betrübte und empörte ihn jetzt nicht mehr wie vordem. Er begann still zu beten, merkte jedoch bald selbst, daß er fast nur mechanisch betete. Bruchstücke von Gedanken glimmten in seiner Seele wie Sternchen und erloschen sogleich wieder, von anderen abgelöst aber dafür fühlte er sich innerlich gefestigt und getröstet, und dessen war er sich selbst wohl bewußt. Manchmal setzte er in seiner Begeisterung zum Gebet an: Es verlangte ihn innig zu danken und zu lieben. Doch sobald er ein solches Gebet begonnen hatte, ging er geistig plötzlich zu etwas anderem über, versank in Gedanken und vergaß das Gebet ebenso wie das, wodurch es unterbrochen worden war. Er wollte zuhören, was Vater Paissi vorlas, verfiel aber vor Ermüdung allmählich in einen Halbschlummer …

»Und am dritten Tage ward eine Hochzeit zu Kana in Galiläa«, las Vater Paissi, »und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger wurden auch auf die Hochzeit geladen …«

Eine Hochzeit? Wie kommt das? Eine Hochzeit … So ging es durch Aljoschas Kopf. Auch sie ist glücklich … Sie ist zu einem Fest gefahren … Nein, sie hat kein Messer mitgenommen, ein Messer hat sie nicht mitgenommen … Das war nur so ein verzweifeltes Wort … Nun, verzweifelte Worte muß man verzeihen, unbedingt verzeihen. Verzweifelte Worte trösten die Seele … Ohne sie wäre das Leid für die Menschen gar zu schwer zu ertragen. Rakitin ist in eine Seitengasse eingebogen. Solange Rakitin an die erlittenen Kränkungen denken wird, wird er immer in eine Seitengasse einbiegen. Aber der Weg … Der breite, gerade, helle kristallklare Weg und die Sonne an seinem Ende … Oh, was wird da gelesen?

»Und da es an Wein gebrach, spricht die Mutter Jesu zu Ihm: Sie haben nicht Wein«, hörte Aljoscha die Stimme des Vorlesenden. Ach ja, ich habe da etwas nicht beachtet und wollte es doch beachten, ich liebe diese Stelle! Das war zu Kana in Galiläa, das erste Wunder … Nicht das Leid, sondern die Freude der Menschen suchte Christus auf, als Er sein erstes Wunder tat, ihrer Freude war Er behilflich … »Wer die Menschen lieht, der liebt auch ihre Freude«, das wiederholte der Verstorbene fortwährend, das war einer seiner wichtigsten Gedanken … »Ohne Freude kann man nicht leben«, sagt Mitja … ja, Mitja … Alles, was aufrichtig und schön ist, ist stets auch voll von verzeihender Liebe … Auch das hat er gesagt …

»Jesus spricht zu ihr: Weib, was habe Ich mit dir zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was Er euch saget, das tut …«

Das tut … Zur Freude irgendwelcher armen, sehr armen Leute … Gewiß waren sie arm, wenn sie nicht einmal zur Hochzeit genug Wein hatten … Die Geschichtsschreiber berichten, um den See Genezareth herum und in jener Gegend habe damals die armseligste Bevölkerung gelebt, die man sich denken kann … Und ein anderes großes Herz, das Herz seiner Mutter, wußte, daß Er damals nicht nur um seiner großen, furchtbaren Tat willen herabgekommen war, sondern daß sein Herz auch der einfachen, schlichten Fröhlichkeit jener geringen und harmlosen Leute zugänglich war, die Ihn freundlich zu ihrer dürftigen Hochzeit eingeladen hatten. »Meine Stunde ist noch nicht gekommen.« Das sagt Er mit stillem Lächeln, zweifellos hat Er ihr sanft zugelächelt … In der Tat, ist Er wirklich auf die Erde gekommen, um den Wein auf den Hochzeiten armer Leute zu mehren? Und doch ist Er hingegangen und hat es auf die Bitte seiner Mutter getan … Ach, er liest wieder …

»Jesus spricht zu ihnen: Füllet die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie fülleten sie bis obenan. Und Er spricht zu ihnen: Schöpfet nun und bringet’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s. Als aber der Speisemeister kostete den Wein, der Wasser gewesen war, und wußte nicht, von wannen er kam (die Diener aber wußten’s, die das Wasser geschöpft hatten), rufet der Speisemeister den Bräutigam. Und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein, und wenn sie trunken geworden sind, alsdann den geringern; du aber hast den guten Wein bisher zurückbehalten.«

Was ist das? Warum erweitert sich das Zimmer? Ach richtig, es ist ja eine Hochzeit, eine Hochzeit … Da sind ja auch die Gäste, da das junge Paar und die fröhliche Menge und … Wo ist denn der kluge Speisemeister? Und wer ist das dort? Wer ist das? Schon wieder hat sich das Zimmer erweitert … Wer erhebt sich da an dem großen Tisch? Wie, er ist auch hier? Aber er liegt doch im Sarg … Und ist auch hier … Er ist aufgestanden, hat mich gesehen, kommt hierher … Herrgott!

Ja, zu ihm, zu ihm trat er heran, der magere kleine Alte mit den feinen Runzeln im Gesicht, mit froher Miene und leise lächelnd. Der Sarg war verschwunden, und er trug dieselbe Tracht, in der er tags zuvor mit ihnen zusammengesessen hatte, als sich bei ihm die Besucher versammelt hatten. Sein Gesicht blickte frei und offen, die Augen leuchteten. Wie ging das zu? Er war also ebenfalls auf dem Festmahl, war ebenfalls zur Hochzeit zu Kana in Galiläa geladen …

»Auch ich bin geladen, mein, Lieber, geladen und berufen«, erscholl neben ihm eine sanfte Stimme. »Warum hast du dich versteckt, daß man dich gar nicht sehen kann? Komm doch auch zu uns!« Das war seine Stimme, die Stimme des Starez Sossima! Ja, und wie sollte er es auch nicht sein, wo er ihn doch rief? Der Starez reichte Aljoscha die Hand zum Aufstehen; Aljoscha erhob sich. »Laß uns fröhlich sein!« fuhr der magere kleine Alte fort. »Laß uns neuen Wein trinken, den Wein einer neuen, großen Freude! Siehst du, wieviel Gäste hier sind? Da sind Bräutigam und Braut, da probiert der kluge Speisemeister den neuen Wein. Warum wunderst du dich über mich? Ich habe eine Zwiebel weggeschenkt, darum bin auch ich hier. Und viele hier haben nur eine Zwiebel weggeschenkt, jeder nur ein kleines Zwiebelchen … Was sind unsere Taten? Auch du, du Stiller, du mein sanfter Knabe, auch du hast es heute verstanden, einer Hungernden eine Zwiebel zu geben … So beginne dein Werk, du Lieber! Beginne dein Werk, du Sanfter! Aber siehst du unsere Sonne, siehst du Ihn?«

»Ich fürchte mich … Ich wage nicht hinzusehen«, flüsterte Aljoscha.

»Fürchte Ihn nicht! Furchtbar ist Er uns durch seine Größe, schrecklich durch seine Hoheit, aber Er ist von unendlicher Barmherzigkeit. Aus Liebe zu uns ist Er uns ähnlich geworden und freut sich mit uns und verwandelt Wasser in Wein, damit die Freude der Gäste nicht vorzeitig ein Ende findet. Er erwartet neue Gäste, unaufhörlich lädt Er neue ein, bis in alle Ewigkeit. Und da wird auch schon der neue Wein gebracht. Siehst du, da kommen die Krüge …«

Es entbrannte etwas in Aljoschas Herzen. Sein Herz war so übervoll, daß es ihn schmerzte. Tränen der Verzückung drangen aus seiner Seele. Er breitete die Arme aus, schrie auf und erwachte … Da war wieder der Sarg und das geöffnete Fenster und die Stimme, die ruhig, ernst und deutlich das Evangelium las. Aber Aljoscha hörte nicht mehr, was gelesen wurde. Seltsam: er war auf den Knien eingeschlafen, und jetzt stand er auf den Beinen, trat rasch, wie wenn er sich von seinem Platz losriß, mit drei festen, schnellen Schritten dicht an den Sarg heran. Er stieß sogar mit der Schulter Vater Paissi an, ohne es zu merken. Dieser hob für einen Moment die Augen vom Buch auf und sah ihn an, wandte sich jedoch sogleich wieder ab, da er begriff, daß mit Aljoscha etwas Besonderes vorgegangen sein mußte. Aljoscha schaute lange auf den Sarg, auf den verhüllten, regungslos im Sarg liegenden Toten mit dem Christusbild auf der Brust und der Kapuze mit dem achteckigen Kreuz auf dem Kopf. Soeben hatte er seine Stimme gehört, und diese Stimme hallte noch in seinen Ohren nach. Er lauschte noch, erwartete noch weitere Worte. Doch auf einmal drehte er sich kurz um und verließ die Zelle.

Auch auf den Stufen vor der Eingangstür blieb er nicht stehen, sondern stieg sie schnell hinab. Seine von Freude erfüllte Seele dürstete nach Freiheit, nach Weite. Über ihm wölbte sich breit und unüberschaubar die Himmelskuppel, voll von stillen, glänzenden Sternen. Vom Zenit zum Horizont zog sich, undeutlich noch, die doppelte Milchstraße hin. Eine frische, regungslos stille Nacht hatte sich über der Erde gelagert. Die weißen Türme und die goldenen Kuppeln der Klosterkirche hoben sich leuchtend von dem saphirfarbenen Himmel ab. Die prächtigen Herbstblumen auf den Beeten um das Haus herum waren entschlummert, um erst am Morgen wieder zu erwachen. Die Stille der Erde schien mit der Stille des Himmels zusammenzufließen, das Geheimnis der Erde berührte sich mit dem der Sterne …

Aljoscha stand und schaute und warf sich plötzlich wie niedergemäht auf die Erde. Er wußte nicht, warum er sie umarmte; er gab sich keine Rechenschaft darüber, warum es ihn so unwiderstehlich verlangte, sie zu küssen. Er küßte sie weinend und schwor in seiner Begeisterung, sie zu lieben, in alle Ewigkeit zu lieben. ›Benetze die Erde mit deinen Freudentränen und liebe diese deine Tränen!‹ So klang es in seiner Seele. Worüber weinte er? Er weinte in seiner hingebungsvollen Freude sogar über diese Sterne, die ihn aus der endlosen Weite anstrahlten und er schämte sich dieser Verzückung nicht. Er hatte das Gefühl, als träfen Fäden von all diesen zahllosen Gotteswelten gleichzeitig in seiner Seele zusammen, als würde sein ganzes Ich von der Berührung mit anderen Welten geradezu körperlich betroffen. Es verlangte ihn, allen alles zu verzeihen, und um Verzeihung zu bitten: nicht für sich, sondern für alle und alles. ›Für mich werden auch andere bitten!‹ klang es wieder in seiner Seele. Doch mit jedem Augenblick fühlte er deutlicher und sozusagen greifbarer, daß etwas seine Seele erfüllte, was so fest und unerschütterlich war wie dieses Himmelsgewölbe. Eine bestimmte Idee übernahm die Herrschaft über seinen Geist, und zwar für sein ganzes Leben und in alle Ewigkeit Er hatte sich auf die Erde geworfen als ein schwacher Jüngling und stand auf als ein für das ganze Leben gefestigter Kämpfer – und er war sich dessen bewußt, sofort, in eben diesem Moment der Verzückung. Und niemals in seinem weiteren Leben konnte Aljoscha diesen Augenblick vergessen. »In jener Stunde hat jemand meine Seele heimgesucht!« sagte er später einmal. Und er glaubte fest an die Wahrheit dieser seiner Worte.

Drei Tage danach trat er aus dem Kloster aus: der Weisung des verstorbenen Starez folgend, der ihm befohlen hatte, in der Welt zu leben.

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Kapitel 8

Achtes Buch

Mitja

1. Kusma Samsonow

Dmitri Fjodorowitsch, dem Gruschenka als letzten Gruß hatte bestellen lassen, er möge sein Leben lang an das Stündchen denken, als sie ihn geliebt hatte, war in diesem Augenblick ebenfalls in Unruhe und Sorge, obwohl er nichts von dem wußte, was mit ihr vorgefallen war.

In den letzten zwei Tagen hatte er sich in einem so unbeschreiblichen Zustand befunden, daß er tatsächlich an Gehirnentzündung hätte erkranken können, wie er selbst später sagte. Aljoscha hatte ihn am Vormittag des vorhergehenden Tages nicht finden können, und seinem Bruder Iwan war es am selben Tag nicht gelungen, eine Zusammenkunft in dem Restaurant zustande zu bringen. Die Wirtsleute, bei denen Dmitri wohnte, verheimlichten befehlsgemäß seinen Aufenthaltsort. Er hatte sich während dieser beiden Tage buchstäblich nach allen Seiten gedreht und gewendet, »mit seinem Schicksal kämpfend und bemüht, sich zu retten«, wie er selbst sich später ausdrückte. Er hatte in einer dringenden Angelegenheit sogar für einige Stunden die Stadt verlassen, obwohl es ihm furchtbar war, wenn Gruschenka auch nur eine Minute unbeaufsichtigt zurückblieb. Alles dies wurde später in allen Einzelheiten durch unwiderlegliche Beweise festgestellt; jetzt beschränken wir uns auf die notwendigsten Tatsachen dieser zwei Tage seines Lebens, die der plötzlich über ihn hereinbrechenden schrecklichen Katastrophe vorausgingen.

Zwar hatte ihn Gruschenka eine Stunde lang wirklich und aufrichtig geliebt, doch hatte sie ihn gleichzeitig oftmals grausam und erbarmungslos gequält. Die Hauptsache war, daß er nichts von ihren Absichten zu erraten vermochte; auch mit Freundlichkeit oder Gewalt war aus ihr nichts herauszulocken. Sie hätte sich um keinen Preis zu einer Äußerung bewegen lassen, sondern wäre nur zornig geworden und hätte sich gänzlich von ihm abgewandt: das begriff er damals deutlich. Zugleich vermutete er sehr richtig, daß sie sich selbst in einem inneren Kampf, im Zustand außerordentlicher Unentschlossenheit befand, daß sie sich zu etwas entschließen mußte und sich dennoch nicht entschließen konnte. Daher nahm er schweren Herzens an, daß sie ihn mitsamt seiner Leidenschaft zeitweilig geradezu hassen mußte. So war es vielleicht auch; aber was Gruschenka eigentlich bedrückte, ahnte er doch nicht. Ihn quälte, strenggenommen, nur die Alternative: entweder er, Mitja, oder Fjodor Pawlowitsch. Er war übrigens fest davon überzeugt, daß Fjodor Pawlowitsch ihr die gesetzliche Ehe vorschlagen würde – wenn er es nicht schon getan hatte –, und er glaubte keinen Augenblick, daß der alte Lüstling lediglich mit dreitausend Rubeln zum Ziel zu kommen hoffte. Zu dieser Ansicht war Mitja gelangt, weil er Gruschenka und ihren Charakter kannte. Das war auch der Grund, weshalb er sich mitunter einredete, Gruschenkas Qual und ihre ganze Unentschlossenheit käme nur daher, daß sie nicht wußte, wen von ihnen beiden sie wählen sollte, wer von ihnen für sie wohl vorteilhafter wäre. An eine baldige Rückkehr des »Offiziers« aber, jenes Menschen, dessen Ankunft sie mit solcher Unruhe und Angst erwartete, dachte er in jenen Tagen merkwürdigerweise überhaupt nicht. Zwar hatte sich Gruschenka zu diesem Punkt ihm gegenüber in den letzten Tagen sehr schweigsam gezeigt, doch hatte er aus ihrem eigenen Mund von dem Brief erfahren, den sie vor einem Monat von ihrem früheren Verführer erhalten hatte; er kannte zum Teil sogar den Inhalt dieses Briefes. Gruschenka hatte ihn Mitja damals in einem Moment der Verärgerung gezeigt, aber zu ihrem Erstaunen hatte er diesem Brief fast keinen Wert beigelegt. Und es wäre sehr schwer zu erklären, warum. Vielleicht einfach deswegen, weil er, erregt durch die ganze Ungeheuerlichkeit des Kampfes mit seinem Vater um diese Frau, sich selbst nichts vorstellen konnte, was ihm, wenigstens zu dieser Zeit, gefährlicher hätte werden können. An einen Bewerber, der nach fünfjähriger Abwesenheit plötzlich wieder wie aus einer Kulisse hervorspringt, glaubte er einfach nicht, und schon gar nicht so bald.

Außerdem war in diesem ersten Brief des »Offiziers« von der Ankunft des neuen Nebenbuhlers nur sehr unbestimmt die Rede gewesen; er war nebelhaft und schwülstig gehalten und strotzte von empfindsamen Redensarten. Allerdings hatte Gruschenka ihm damals die letzten Zeilen des Briefes, in denen von der Rückkehr etwas bestimmter gesprochen war, verheimlicht. Überdies erinnerte sich Mitenka später, daß er auf Gruschenkas Gesicht in jenem Augenblick den unbewußten Ausdruck stolzer Verachtung über diese Botschaft aus Sibirien wahrgenommen hatte. Und später hatte sie ihm von allen weiteren Beziehungen zu diesem Nebenbuhler nichts mehr mitgeteilt. Auf diese Weise hatte er den Offizier allmählich ganz vergessen. Er hatte nur das eine im Kopf: Wie sich die Sache auch weiterentwickeln und welche Wendung sie auch nehmen mochte – der endgültige Zusammenstoß mit Fjodor Pawlowitsch stünde unmittelbar und unvermeidlich bevor. Gespannt erwartete er jeden Moment Gruschenkas Entscheidung. Er glaubte, diese müßte plötzlich erfolgen, gleichsam auf höhere Eingebung hin. So meinte er, sie würde auf einmal zu ihm sagen: »Nimm mich hin, ich bin auf ewig die Deine!« – und dann würde alle Not ein Ende haben. Er würde sie nehmen und ans Ende der Welt bringen. Oh, er würde sie sogleich wegbringen, malte er sich aus, so weit wie möglich, wenn nicht bis ans Ende der Welt, so doch irgendwohin an die Grenze Rußlands, wo er sie heiraten und sich inkognito mit ihr niederlassen würde, so daß niemand etwas von ihnen wissen konnte, weder hier noch dort noch sonstwo. Und dann würde sogleich ein neues Leben beginnen! Von diesem anderen, neuartigen, tugendhaften Leben – tugendhaft sollte es unbedingt sein, unbedingt! – phantasierte er fortwährend geradezu hingerissen. Er sehnte sich nach dieser Auferstehung und Erneuerung. Der schmutzige Pfuhl, in dem er nach eigenem Willen versunken war, ekelte ihn zu sehr an; und wie viele in solchen Fällen versprach er sich die beste Wirkung von einer Ortsveränderung: Nur weg von diesen Menschen, nur hinaus aus diesen Verhältnissen, nur fort von diesem verfluchten Ort – dann würde alles eine Wiedergeburt erleben, einen neuen Weg gehen! Daran glaubte er, mit diesen Gedanken quälte er sich ab.

Aber dies alles war nur denkbar im Fall einer positiven Entscheidung der Frage. Es gab aber auch eine andere Entscheidung, auch ein anderer, schrecklicher Ausgang war möglich. Sie konnte plötzlich zu ihm sagen: »Mach, daß du wegkommst! Ich habe mich für Fjodor Pawlowitsch entschieden und werde ihn heiraten! Dich kann ich nicht brauchen! … Und dann …« Mitja wußte nicht, was dann geschehen würde. Bis zur letzten Stunde wußte er es nicht; das muß zu seiner Verteidigung gesagt werden. Bestimmte Absichten hatte er nicht, er plante kein Verbrechen. Er beobachtete bloß, spionierte und quälte sich selbst – aber er bereitete sich doch nur auf den einen, auf den glücklichen Ausgang seines Geschicks vor. Er vertrieb sogar jeden anderen Gedanken.

Hier begann jedoch wiederum die nächste Qual; ein ganz neuer, fremdartiger, ebenso schwieriger, verhängnisvoller Umstand lag als Hindernis vor ihm. Falls sie nämlich zu ihm sagen sollte: »Ich bin die Deine, bring mich von hier fort!« – auf welche Weise konnte er sie dann fortbringen? Wo hatte er die Geldmittel dazu? Gerade zu diesem Zeitpunkt waren alle Einnahmen versiegt, die er bisher jahrelang aus Fjodor Pawlowitschs Zahlungen gehabt hatte. Freilich hatte Gruschenka Geld, doch Mitja legte in dieser Hinsicht auf einmal einen gewaltigen Stolz an den Tag. Er wollte sie auf eigene Kosten fortbringen und aus eigenen Mitteln, nicht aus ihren, ein neues Leben mit ihr beginnen. Er konnte sich nicht einmal vorstellen, von ihr Geld anzunehmen, und litt unter diesem Gedanken bis zur Unerträglichkeit. Ich will mich über diese Tatsache jetzt nicht ausführlicher auslassen und keine psychologische Untersuchung darüber anstellen; ich vermerke nur, daß seine seelische Verfassung in diesem Augenblick so beschaffen war. Möglich, daß sich das alles indirekt und gewissermaßen unbewußt aus den Gewissensbissen ergab, die er sich wegen des von Katerina Iwanowna erschlichenen Geldes machte. ›Der einen gegenüber habe ich mich wie ein Schuft benommen, und der anderen gegenüber werde ich mich auch wieder als ein Schuft erweisen!‹ dachte er damals, wie er später selber gestand. ›Und wenn Gruschenka das erfährt, wird sie so einen Schuft nicht zum Mann haben wollen … Woher sollte er also dieses verhängnisvolle Geld nehmen? Sonst war vorauszusehen, daß alles in die Brüche ging und nichts zustande kam. Und einzig und allein, weil ich nicht genug Geld habe, welche Schmach!‹

Ich greife vor: Das war es ja eben, daß er vielleicht wußte, wo er dieses Geld erlangen konnte! Genaueres will ich diesmal nicht sagen, später wird alles klarwerden. Jedenfalls bestand gerade darin für ihn das Hauptunglück, und ich will dazu wenn auch nur unklar, noch folgendes sagen: Um ein Recht zu haben, dieses irgendwo liegende Geld zu nehmen, mußte er vorher Katerina Iwanowna die dreitausend Rubel zurückerstatten. ›Sonst bin ich ein Taschendieb, ein Schuft, und ich will mein neues Leben nicht als Schuft beginnen!‹ sagte sich Mitja und beschloß, notfalls die ganze Welt auf den Kopf zu stellen, aber Katerina Iwanowna diese dreitausend Rubel um jeden Preis zurückzugeben. Der Schlußprozeß dieser Entscheidung vollzog sich bei ihm während des letzten Zusammenseins mit Aljoscha, vor zwei Tagen, am Abend, nachdem Gruschenka Katerina Iwanowna beleidigt und Mitja sich selbst als Schuft bezeichnet und seinen Bruder gebeten hatte, Katerina Iwanowna dies zu bestellen, falls ihr das ein Trost sein konnte. In jener Nacht nach der Trennung von seinem Bruder hatte er sich in seiner Raserei gesagt, es sei für ihn sogar besser, jemand totzuschlagen und zu berauben, als Katja die geschuldete Summe nicht zurückzugeben. ›Lieber will ich vor dem Ermordeten und Beraubten und vor allen Menschen als Mörder und Dieb dastehen und nach Sibirien wandern, als daß Katja berechtigt sein soll zu sagen, ich hätte sie betrogen und ihr Geld gestohlen und sei mitsamt diesem Geld mit Gruschenka geflohen, um ein tugendhaftes Leben zu beginnen!‹ Und Mitja konnte sich zeitweilig wirklich vorstellen, daß er mit einer Gehirnentzündung enden werde. Doch einstweilen kämpfte er …

Merkwürdig, eigentlich schien ihm nun, angesichts einer solchen Entscheidung, nichts zu bleiben als zu verzweifeln: Woher plötzlich so eine Summe nehmen, noch dazu, wenn man so arm ist wie er? Und doch hoffte er die ganze Zeit bis zum Schluß, es könnte ihm irgendwie, notfalls mit Hilfe des Himmels, gelingen, die dreitausend Rubel zu beschaffen. Aber so geht es eben Leuten, die wie Dmitri Fjodorowitsch ihr ganzes Leben nur verstanden haben, das ihnen durch Erbschaft zugefallene Geld nutzlos zu verschwenden, und die keinen Begriff davon haben, wie Geld erworben wird. Ein Wirbelwind von Phantastereien hatte sich in seinem Kopf erhoben und alle seine Gedanken verwirrt, nachdem er sich vor zwei Tagen von Aljoscha getrennt hatte; er begann mit dem absonderlichsten Unternehmen – vielleicht scheinen solchen Menschen gerade in derartigen Lebenslagen die unmöglichsten, phantastischsten Unternehmungen am ehesten möglich.

Er beschloß, dem Kaufmann Samsonow, Gruschenkas Beschützer, einen »Plan« vorzulegen und sich dafür gleich die benötigte Geldsumme geben zu lassen. An seinem Plan zweifelte er in kommerzieller Hinsicht nicht im geringsten; zweifelhaft war ihm nur, wie Samsonow selbst sein Unternehmen ansehen würde, falls er Lust bekommen sollte, es eben nicht nur von der kommerziellen Seite zu betrachten. Mitja kannte diesen Kaufmann zwar von Angesicht, war jedoch nicht mit ihm bekannt und hatte mit ihm noch kein Wort gesprochen. Aber seltsamerweise hatte sich bei ihm die Überzeugung gebildet, und zwar schon seit längerer Zeit, dieser alte, schon vom Tode gezeichnete Wüstling würde sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt vielleicht gar nicht widersetzen, wenn Gruschenka ihr Leben irgendwie anständig gestalten und einen verläßlichen Menschen heiraten wollte, er würde es sogar selbst wünschen und gegebenenfalls selbst dazu beitragen. Ferner glaubte Mitja, sei es auf Grund irgendwelcher Gerüchte oder irgendwelcher Äußerungen Gruschenkas, der Alte würde ihn für Gruschenka Fjodor Pawlowitsch vielleicht vorziehen.

Vielleicht erscheint diese Spekulation auf Hilfe, diese Absicht, die Braut sozusagen aus den Händen ihres Beschützers zu empfangen, vielen Lesern zu unfein und skrupellos. Demgegenüber kann ich nur sagen, daß Mitja Gruschenkas Vergangenheit schon als abgeschlossen betrachtete. Er betrachtete sie mit grenzenlosem Mitleid und glaubte mit allem Feuer seiner Leidenschaft, sobald Gruschenka einmal erklärte, daß sie ihn liebe und ihn heiraten wolle, würde es sofort eine ganz neue Gruschenka geben und mit ihr auch einen ganz neuen Dmitri Fjodorowitsch, frei von allen Lastern und nur mit Tugenden ausgestattet; sie würden einander alles vergeben und zusammen ein neues Leben anfangen. Und was Kusma Samsonow betraf, so war er der Ansicht, dieser habe zwar erheblich in Gruschenkas früheres, abgetanes Leben eingegriffen, sie aber habe ihn nie geliebt, und vor allem sei er ebenfalls schon »vergangen« und erledigt und jetzt gewissermaßen als nicht existent zu betrachten. Außerdem konnte Mitja ihn nicht mehr als Mann ansehen, wo doch jeder in der Stadt wußte, daß er nur noch eine hinfällige Ruine war und zu Gruschenka sozusagen nur noch väterliche Beziehungen unterhielt, und dies schon lange, fast schon seit einem Jahr. Jedenfalls bewies Mitja dabei eine große Naivität: Bei all seinen Lastern war er doch ein sehr naiver Mensch. In seiner Naivität glaubte er unter anderem allen Ernstes, der alte Kusma, im Begriff, in eine andere Welt einzugehen, fühle aufrichtige Reue wegen seines früheren Verhältnisses zu Gruschenka, und sie habe jetzt keinen ergebeneren Beschützer und Freund als diesen bereits unschädlich gewordenen alten Mann.

Am Tag nach seinem Gespräch mit Aljoscha, nach dem Mitja die ganze Nacht fast nicht geschlafen hatte, erschien er gegen zehn Uhr vormittags in Samsonows Haus und ließ sich melden. Dieses Haus, alt, finster, geräumig, hatte zwei Stockwerke und auf dem Hof einen Seitenflügel, mit mehreren Nebengebäuden. Im unteren Stockwerk wohnten zwei verheiratete Söhne Samsonows mit ihren Familien, eine sehr alte Schwester von ihm und eine unverheiratete Tochter. Im Seitenflügel waren seine beiden Gehilfen untergebracht, von denen der eine ebenfalls eine große Familie hatte. Die Kinder Samsonows wie auch seine Gehilfen waren in ihren Wohnungen sehr eingeengt, denn das obere Stockwerk des Hauses benutzte der Alte allein, und er ließ nicht einmal seine Tochter bei sich wohnen, die ihn pflegte und trotz der Atembeschwerden, an denen sie schon lange litt, von unten zu ihm hinauflaufen mußte, sooft er sie rief. Dieses Obergeschoß bestand aus einer Menge von Paradezimmern, die nach Art der damaligen Kaufmannswohnungen mit langweiligen Reihen plumper Mahagonisessel und -stühle, kristallenen Kronleuchtern und trüb gewordenen Spiegeln an den Fensterpfeilern ausgestattet waren. Alle diese Zimmer standen leer und waren unbewohnt, da der kranke Alte nur in seinem abgelegenen kleinen Schlafzimmer hauste, bedient von einer alten Magd, die ihr Haar in einem Kopftuch trug, und einem Burschen, der sich stets im Vorzimmer aufhielt und dort auf einer Truhe schlief. Gehen konnte der alte Mann wegen seiner geschwollenen Beine kaum noch. Er erhob sich nur selten aus seinem Ledersessel; die alte Magd faßte ihn dann unterm Arm und führte ihn ein- oder zweimal im Zimmer umher.

Als ihm der »Hauptmann« gemeldet wurde, befahl er sogleich, ihn abzuweisen. Doch Mitja bestand auf seiner Absicht und ließ sich noch einmal melden. Kusma Kusmitsch befragte den Burschen eingehend: wie der Herr aussehe, ob er auch nicht betrunken sei, ob er auch keinen Krakeel mache. Es wurde ihm geantwortet, er sei nüchtern, wolle aber nicht weggehen. Der Alte befahl wieder, ihn abzuweisen. Da schrieb Mitja, der das alles vorhergesehen und für diesen Fall absichtlich Papier und Bleistift mitgenommen hatte, mit großen, deutlichen Buchstaben auf ein Stück Papier: »In einer sehr dringenden Angelegenheit, die Agrafena Alexandrowna nah berührt!« Das schickte er dem Alten hinein. Nach einigem Überlegen befahl der dem Burschen, den Besucher in den Saal zu führen; die alte Magd schickte er aber mit dem Auftrag an seinen jüngsten Sohn nach unten, er möchte sogleich nach oben kommen. Dieser jüngste Sohn, ein Mann von gewaltigem Wuchs und außergewöhnlicher Körperkraft, der keinen Bart trug und sich nach deutscher Art kleidete, während Samsonow selbst in einem Kaftan ging und einen Vollbart trug, erschien sofort, denn wie alle zitterte er vor dem Vater. Der Alte hatte den jungen Mann nicht etwa aus Furcht vor dem »Hauptmann« rufen lassen – er war von Natur keineswegs ängstlich –, sondern nur so für alle Fälle, mehr um einen Zeugen zu haben.

Schließlich erschien der Alte im Saal, begleitet von seinem Sohn, der ihn untergefaßt hatte, und dem Burschen. Es ist anzunehmen, daß er unter anderem ziemlich neugierig war. Der Saal, in dem Mitja wartete, war gewaltig groß und sehr düster; er rief unwillkürlich eine trübe, gedrückte Stimmung hervor, mit den zwei Fensterreihen, den Galerien, den »marmorierten« Wänden und den drei riesigen Kristallkronleuchtern in Überzügen.

Mitja saß auf einem Stuhl an der Eingangstür und erwartete in nervöser Ungeduld sein Schicksal. Als der Alte am gegenüberliegenden Eingang erschien, dreißig Schritte von Mitja entfernt, sprang er sofort auf und ging ihm mit festen, langen Militärschritten entgegen. Mitja war anständig gekleidet: zugeknöpfter Oberrock, den Zylinderhut in der Hand, schwarze Handschuhe – genauso wie vor zwei Tagen in der Zelle des Starez, bei der Familienzusammenkunft mit Fjodor Pawlowitsch und den Brüdern. Der Alte erwartete ihn stehend, mit würdevoller, ernster Miene, und Mitja fühlte sofort, daß er ihn von Kopf bis Fuß musterte. Auch fiel ihm Kusma Kusmitschs Gesicht auf, das in der letzten Zeit außerordentlich angeschwollen war: Die an sich schon dicke Unterlippe glich jetzt einem herabhängenden Fladen. Würdevoll und schweigend verbeugte er sich vor dem Gast und bot ihm einen Lehnsessel neben dem Sofa an; er selbst setzte sich, auf den Arm seines Sohnes gestützt und schmerzlich ächzend, Mitja gegenüber auf das Sofa. Und Mitja verspürte beim Anblick dieser schmerzlichen Anstrengungen sogleich Reue und feine Scham, weil er, ein unbedeutender Mensch, eine so würdige Persönlichkeit belästigte.

»Was steht Ihnen zu Diensten, mein Herr?« fragte der Alte endlich langsam, deutlich und ernst, aber höflich.

Mitja fuhr zusammen, schien aufspringen zu wollen, setzte sich aber gleich wieder hin. Dann begann er sofort zu sprechen: laut, schnell, nervös, mit lebhaften Handbewegungen und sichtlich aufgeregt. Zweifellos war dieser Mensch am Rande der Verzweiflung angelangt, er sah sich schon verloren und suchte einen letzten Ausweg, bereit, sich sofort ins Wasser zu stürzen, falls auch der fehlschlug.

Dies alles durchschaute der alte Samsonow wahrscheinlich in einem Augenblick, obgleich sein Gesicht unbeweglich und kalt blieb wie das eines Götzenbildes.

»Der hochverehrte Kusma Kusmitsch hat gewiß schon wiederholt von meinen Streitigkeiten mit meinem Vater Fjodor Pawlowitsch Karamasow gehört, der mich meines mütterlichen Erbes beraubt hat … weil ja die ganze Stadt voll davon ist … Denn hier schwatzen alle Leute von Dingen, die sie nichts angehen … Und außerdem konnten Sie auch durch Gruschenka davon erfahren haben … Pardon, durch Agrafena Alexandrowna, durch die von mit hochverehrte, hochgeachtete Agrafena Alexandrowna …

So begann Mitja, stockte aber schon nach den ersten Worten. Wir werden seine ganze Rede nicht wörtlich anführen, sondern nur den Inhalt angeben. Die Sache sei die, daß er, Mitja, schon vor drei Monaten ausdrücklich einen Rechtsanwalt in der Gouvernementsstadt um Rat gefragt habe, »einen berühmten Rechtsanwalt, Pawel Pawlowitsch Korneplodow, Sie haben sicher von ihm gehört, Kusma Kusmitsch? Eine breite Stirn, ein fast staatsmännischer Geist … Er kennt Sie ebenfalls, er äußerte sich über Sie sehr achtungsvoll …« Hier blieb Mitja zum zweitenmal stecken. Durch solches Mißgeschick ließ er sich jedoch nicht aufhalten: Er ging ohne Zögern über vieles hinweg und strebte immer nur vorwärts. Dieser Korneplodow also habe ihn eingehend befragt und die Dokumente durchgesehen, die er, Mitja, ihm habe vorlegen können; über diese Dokumente drückte sich Mitja besonders unklar aus, an dieser Stelle hatte er es besonders eilig. Dann habe er sich dahingehend geäußert, daß man wegen des Dorfes Tschermaschnja, welches rechtmäßig ihm, Mitja, als Erbteil gehöre, tatsächlich einen Prozeß anstrengen und damit dem schändlichen Alten einen gehörigen Hieb versetzen könne … Denn nicht alle Türen sind verschlossen, und die Advokaten wissen schon, wo man durchkommen kann. Kurz, man könne sogar auf sechstausend Rubel Nachzahlung von Fjodor Pawlowitsch hoffen; ja auf siebentausend, da Tschermaschnja immerhin nicht weniger als fünfundzwanzigtausend Rubel wert sei, das heißt gewiß achtundzwanzigtausend.«

»Dreißigtausend, dreißigtausend, Kusma Kusmitsch! Und denken Sie, ich habe noch nicht einmal siebzehntausend von diesem hartherzigen Menschen bekommen! Ich habe die Sache damals fallen gelassen, denn ich verstehe mich nicht auf das Gerichtswesen. Doch als ich hierherkam, wurde ich starr vor Staunen: Er wollte eine Gegenklage gegen mich einreichen!« Hier geriet Mitja wieder in Verwirrung und ging wieder über dies und jenes kurz hinweg. »Wären also nicht vielleicht Sie geneigt, hochverehrter Kusma Kusmitsch, alle Ansprüche, die ich an diesen Unmenschen habe, zu übernehmen und mir dafür lumpige dreitausend Rubel zu geben? Sie können ja in keinem Fall etwas verlieren, darauf gebe ich Ihnen mein heiliges Ehrenwort! Sie können vielmehr sechs- oder siebentausend für die dreitausend gewinnen. Die Hauptsache ist, daß wir die Sache gleich heute abschließen. Ich will Ihnen bei einem Notar, oder wo Sie sonst … Kurz, ich bin zu allem bereit! Ich übergebe Ihnen alle Dokumente, die Sie verlangen, ich unterschreibe alles. Und wir sollten dieses Schriftstück sogleich fertigstellen, wenn es irgend möglich ist, noch heute vormittag … Sie könnten mir diese dreitausend Rubel auszahlen … Denn welcher Kapitalist in diesem Städtchen könnte sich mit Ihnen messen? Und Sie würden mich damit retten … Kurzum, Sie würden mein armes Haupt für ein edles Werk retten, für ein erhabenes Werk, kann man sagen! Ich hege nämlich die edelsten Gefühle für eine gewisse Person, die Sie genau kennen und für die Sie väterlich sorgen. Wenn nicht väterlich, wäre ich nicht gekommen. Und man kann sagen, hier stoßen drei Personen mit den Stirnen zusammen – denn das Schicksal ist ein grausames Wesen, Kusma Kusmitsch! Das ist die Realität, Kusma Kusmitsch, die Realität! Und da man Sie schon lange ausschließen muß, bleiben noch zwei Stirnen übrig. Ich habe das vielleicht nicht sehr geschickt ausgedrückt, aber ich bin eben kein Literat. Das heißt, die eine Stirn ist meine eigene und die andere die dieses Unmenschen. Also wählen Sie: entweder ich oder der Unmensch! Alles liegt jetzt in Ihrer Hand – drei Schicksale und zwei Lose … Verzeihen Sie, ich habe mich verheddert, aber Sie verstehen mich schon … Ich sehe es an Ihren geschätzten Augen, daß Sie mich verstanden haben. Und wenn Sie mich nicht verstanden haben, gehe ich noch heute ins Wasser – so steht die Sache!«

Mit diesen Worten brach Mitja seine sinnlose Rede ab, sprang von seinem Platz auf und erwartete die Antwort auf seinen dummen Vorschlag. Bei seinem letzten Satz hatte er plötzlich gefühlt, daß alles hoffnungslos verloren war, und besonders, daß er furchtbaren Unsinn zusammengeschwatzt hatte.

›Merkwürdig: während ich herging, erschien mir alles gut, doch jetzt ist es der, reine Unsinn!‹ Dieser Gedanke ging dem Hoffnungslosen plötzlich durch den Kopf.

Die ganze Zeit, während Mitja redete, hatte der Alte dagesessen, ohne sich zu rühren, und ihn mit eisiger Miene beobachtet. Nachdem Kusma Kusmitsch ihn ungefähr eine Minute hatte warten lassen, sagte er endlich im Tonfall entschiedenster Absage. »Entschuldigen Sie, mit solchen Sachen geben wir uns nicht ab.«

Mitja spürte auf einmal, wie ihm die Beine schwach wurden.

»Was soll ich denn nun anfangen, Kusma Kusmitsch?« murmelte er mit einem matten, gezwungenen Lächeln. »Ich bin jetzt verloren, sagen Sie doch selbst.«

»Entschuldigen Sie …«

Mitja stand noch immer da und blickte starr vor sich hin. Plötzlich bemerkte er, daß sich im Gesicht des Alten etwas bewegte, und er fuhr zusammen.

»Sehen Sie, mein Herr … Uns sind solche Sachen – unbequem«, sagte der Alte langsam. »Da hat man mit den Gerichten und Advokaten zu tun, eine höchst unerquickliche Geschichte! Aber wenn Sie wollen, da ist ein Mann, an den könnten Sie sich wenden …«

»Mein Gott, wer ist es denn? Sie geben mich dem Leben wieder, Kusma Kusmitsch!« stammelte Mitja.

»Er ist kein Hiesiger, dieser Mann, und er ist jetzt auch nicht hier. Er stammt aus dem Bauernstand und handelt mit Holz, sein Name ist Ljagawy. Mit Fjodor Pawlowitsch feilscht er schon ein Jahr um Ihren Wald in Tschermaschnja; sie können über den Preis nicht einig werden, vielleicht haben Sie davon gehört. Jetzt ist er gerade wieder hingefahren. Er wohnt zur Zeit bei dem Popen von Iljinskoje, das werden etwa zwölf Werst von der Station Wolowja sein, im Dorf Iljinskoje. Er hat in dieser Angelegenheit, das heißt wegen des Waldes, auch an mich geschrieben und mich um Rat gefragt. Fjodor Pawlowitsch will selbst zu ihm fahren. Wenn Sie also Fjodor Pawlowitsch zuvorkommen und diesem Ljagawy dasselbe vorschlagen wie mir, dann würde er vielleicht …«

»Ein genialer Gedanke!« unterbrach ihn Mitja entzückt. »Das muß ihm wie gerufen kommen, haargenau wie gerufen! Er feilscht um den Wald, ihm wird zuviel abverlangt, und nun bekommt er gleich noch ein Dokument über den Besitz selbst, hahaha!« Und Mitja brach in ein kurzes, hölzernes Lachen aus, das so unerwartet kam, daß sogar Samsonow mit dem Kopf zuckte.

»Wie kann ich Ihnen dafür danken, Kusma Kusmitsch?« rief Mitja begeistert.

»Kein Anlaß«, erwiderte Samsonow und neigte den Kopf.

»Aber Sie wissen nicht, daß Sie mich gerettet haben! Oh, eine Ahnung führte mich zu Ihnen! Also, hin zu diesem Popen!«

»Kein Grund zum Dank, Herr.«

»Ich eile, ich fliege, ich habe sträflicherweise Ihren Gesundheitszustand außer acht gelassen. Ich werde Ihnen das mein Leben lang nicht vergessen, das sage ich Ihnen als echter Russe, Kusma Kusmitsch! Als echter R-russe!«

»Schön, schön!«

Mitja wollte die Hand des Alten ergreifen und sie schütteln, doch ein boshafter Ausdruck blitzte in dessen Augen auf. Mitja zog seine Hand zurück, machte sich aber sofort selbst Vorwürfe wegen seines Mißtrauens. ›Er ist müde!‹ sagte er sich. »Für sie! Für sie, Kusma Kusmitsch! Sie verstehen, daß es nur für sie ist!« schrie er plötzlich durch den ganzen Saal, verbeugte sich, wandte sich kurz um und eilte mit denselben schnellen, langen Schritten zum Ausgang, ohne sich noch einmal umzudrehen.

›Alles war schon verloren, und da hat mich mein Schutzengel gerettet!‹ ging es ihm durch den Kopf. ›Wenn ein Geschäftsmann wie dieser Alte (ein edeldenkender alter Mann, und was hat er für eine würdige Haltung!) – wenn er mir diesen Weg gezeigt hat, dann ist die Sache natürlich so gut wie gewonnen. Ich will sofort hineilen. Vor Anbruch der Nacht bin ich zurück, nun, meinetwegen auch erst in der Nacht, aber die Sache wird zum guten Ende gebracht! Es ist doch nicht denkbar, daß sich der Alte über mich lustig gemacht hat?‹

So dachte Mitja, als er nach Hause ging, und allerdings konnten sich seinem Geist auch nur zwei Möglichkeiten darbieten: Entweder war das ein vernünftiger Rat von einem Praktiker, der sich auf Geschäfte verstand und auch diesen Ljagawy kannte, ein sonderbarer Name übrigens – oder der Alte hatte sich über ihn lustig gemacht! Leider war der letztere Gedanke der richtige. Später, sehr viel später, als die ganze Katastrophe schon geschehen war, gestand der alte Samsonow selbst lachend, den »Hauptmann« damals zum besten gehalten zu haben. Er war ein boshafter, kalter, spottlustiger Mensch, der überdies krankhafte Antipathien hatte. War es die begeisterte Miene des »Hauptmanns« oder war es die dumme Zuversicht dieses »Schlemmers und Verschwenders«, er, Samsonow, müßte auf solchen Unsinn wie diesen »Plan« hereinfallen, oder war es ein eifersüchtiges Gefühl Gruschenkas wegen, um derentwillen dieser »Galgenstrick« mit seiner unsinnigen Bitte zu ihm gekommen war – ich weiß nicht, was eigentlich auf den Alten gewirkt hatte. In dem Augenblick jedenfalls, als Mitja vor ihm stand und fühlte, daß ihm die Beine schwach wurden, als er halb von Sinnen rief, daß er verloren sei – in dem Augenblick hatte sich der Alte voll grenzenloser Bosheit vorgenommen, ihn anzuführen.

Als Mitja hinausgegangen war, wandte sich Kusma Kusmitsch, blaß vor Zorn, an seinen Sohn und befahl, dafür zu sorgen, daß dieser Lumpenkerl nie wieder hereingelassen würde, nicht einmal auf den Hof, sonst … Er sprach seine Drohung nicht zu Ende aus, doch selbst sein Sohn, der ihn oft zornig gesehen hatte, fuhr vor Schreck zusammen. Noch eine Stunde danach zitterte der Alte vor Wut am ganzen Körper, und gegen Abend wurde er krank und schickte nach seinem Arzt.

2. Ljagawy

Mitja mußte also sofort losfahren, Geld für Pferde besaß er jedoch nicht; das heißt, er besaß zwei Zwanzigkopekenstücke: Das war alles, was ihm aus den Jahren früheren Wohlstandes geblieben war. Aber er hatte zu Hause noch eine alte silberne Uhr liegen, die schon längst nicht mehr ging. Die trug er zu einem jüdischen Uhrmacher, der in der Ladenstraße einen kleinen Laden hatte, und erhielt dafür sechs Rubel. »Auch das hatte ich nicht erwartet!« rief Mitja entzückt – er befand sich noch immer in einem Zustand der Begeisterung –, nahm die sechs Rubel und lief nach Hause. Dort vermehrte er diese Summe noch, indem er sich drei Rubel von seinen Wirtsleuten borgte, die sie ihm gern gaben, obwohl es ihr letztes Geld war – so sehr mochten sie ihn. Mitja entdeckte ihnen ohne Umschweife, daß sich jetzt sein Schicksal entscheiden müsse, und erzählte ihnen, selbstverständlich nur flüchtig, fast seinen ganzen »Plan«, den er soeben dem alten Samsonow vorgetragen hatte, danach dessen Antwort, seine Hoffnungen für die Zukunft und so weiter und so fort. Seine Wirtsleute waren auch früher schon in viele seiner Geheimnisse eingeweiht worden und betrachteten ihn daher als ihresgleichen und nicht als einen stolzen gnädigen Herrn.

Nachdem Mitja auf diese Weise neun Rubel zusammengebracht hatte, ließ er Postpferde holen, um nach Wolowja zu fahren. Aber dadurch wurde eine Tatsache offenkundig, die sich dann im Gedächtnis der Betreffenden einprägte: daß nämlich Mitja am Tag vor einem bestimmten Ereignis, und zwar gegen Mittag, keine Kopeke besaß, daß er, um sich Geld zu verschaffen, seine Uhr verkaufte und sich drei Rubel von seinen Wirtsleuten borgte, und das alles in Gegenwart von Zeugen … Ich notiere diese Tatsache im voraus; später wird klar werden, warum.

Während Mitja nach Wolowja jagte, strahlte sein Gesicht zwar in dem freudigen Vorgefühl, daß er nun endlich »alle diese Angelegenheiten« glücklich erledigen würde, dennoch quälte ihn auch die Unruhe: Was geschieht in seiner Abwesenheit mit Gruschenka? Ob sie sich nicht vielleicht gerade heute entschließt, zu Fjodor Pawlowitsch zu gehen? Das war auch der Grund, weshalb er ihr von seiner Abreise nichts mitgeteilt und seinen Wirtsleuten aufgetragen hatte, niemandem zu sagen, wo er geblieben war. ›Ich muß unbedingt heute abend wieder zurück sein!‹ sagte er sich wiederholt, während er auf dem Bauernwagen durchgerüttelt wurde. ›Und diesen Ljagawy muß ich womöglich auch gleich mitschleppen, damit wir dieses Schriftstück fertigstellen.‹ So dachte Mitja sorgenvoll; doch war es seinen Gedanken leider nicht beschieden, »plan«gemäß verwirklicht zu werden.

Erstens kam er von der Station Wolowja aus später, als er gerechnet hatte, ans Ziel. Es stellte sich heraus, daß der Landweg nicht zwölf, sondern achtzehn Werst lang war. Zweitens traf er den Popen von Iljinskoje nicht zu Hause an; dieser hatte sich in ein Nachbardorf begeben. Ehe Mitja mit den schon erschöpften Pferden in diesem Nachbardorf angelangt war und ihn dort ausfindig gemacht hatte, war schon beinahe die Nacht angebrochen. Der Pope, ein schüchternes, freundliches Männchen, erklärte ihm, dieser Ljagawy habe zwar ursprünglich bei ihm logieren wollen, befinde sich aber jetzt in Suchoi Posjolok und werde dort in dem Häuschen eines Waldhüters übernachten, weil er auch dort wegen eines Waldes verhandle. Auf Mitjas dringende Bitte, ihn sogleich zu Ljagawy zu führen und »ihn dadurch sozusagen zu retten«, erklärte sich der Pope nach anfänglichem Zaudern bereit, ihn nach Suchoi Posjolok zu begleiten, weil er offenbar eine starke Neugier verspürte; aber leider riet er, zu Fuß zu gehen, da es nur »ein ganz klein wenig über eine Werst« sei. Mitja willigte selbstverständlich ein und lief mit seinen großen Schritten so drauflos, daß der arme Pope beinahe rennen mußte. Er war ein noch nicht alter und sehr vorsichtiger Mann. Mitja sprach auch mit ihm sofort über seine »Pläne« und verlangte in hitzigem, nervösem Ton ständig Ratschläge bezüglich Ljagawys. Der Pope hörte aufmerksam zu, gab allerdings kaum einen Rat. Auf Mitjas Fragen antwortete er ausweichend: »Ich weiß nicht … Ach, das weiß ich nicht … Woher sollte ich das wohl wissen?«, und so weiter. Als Mitja von seinen Erbschaftsstreitigkeiten mit dem Vater redete, wurde der Pope sogar ängstlich, weil er zu Fjodor Pawlowitsch in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis stand.

Übrigens fragte er erstaunt, warum Mitja diesen handeltreibenden Bauern Gorstkin immer Ljagawy nenne, und erklärte ihm, Ljagawy sei nur sein Spitzname; Gorstkin fühle sich durch diesen Namen sehr gekränkt, und man müsse ihn unbedingt Gorstkin nennen. »Sonst werden Sie bei ihm nichts erreichen, und er wird Sie nicht einmal anhören!«schloß der Pope.

Mitja wunderte sich ein wenig, habe doch Samsonow selbst den Betreffenden so genannt. Als der Pope das hörte, brach er dieses Gespräch sofort ab, obgleich er Dmitri Fjodorowitsch seine Vermutung lieber gleich hätte mitteilen sollen: daß Samsonow, wenn er ihn zu diesem Bauern geschickt und den dabei Ljagawy genannt habe, sich wohl lustig machen wollte und daß da etwas nicht in Ordnung zu sein scheine.

Mitja hatte jedoch keine Zeit, sich »bei solchen Kleinigkeiten« aufzuhalten. Er schritt eilig aus, und erst als er in Suchoi Posjolok angekommen war, merkte er, daß sie nicht eine Werst und nicht anderthalb Werst gegangen waren, sondern mindestens drei. Das ärgerte ihn, aber er beherrschte sich.

Sie kamen zu dem Häuschen. Der Waldhüter, ein Bekannter des Popen, bewohnte die eine Hälfte des Häuschens; in der anderen, der »guten Stube«, jenseits des Flurs, hatte sich Gorstkin einquartiert. Sie traten in diese gute Stube ein und zündeten ein Talglicht an. Die Stube war überheizt. Auf einem Tisch aus Fichtenholz standen ein erloschener Samowar, ein Präsentierteller mit Tassen, eine ausgetrunkene Flasche Rum und eine nicht ganz ausgetrunkene Flasche Branntwein; Reste eines Weißbrotes lagen auch umher. Der Gast selbst hatte sich auf einer Bank ausgestreckt, den zusammengeballten Rock statt eines Kissens unter dem Kopf, und schnarchte gewaltig. Mitja war zunächst unentschlossen, doch dann sagte er in seiner Unruhe: »Natürlich muß ich ihn wecken, meine Angelegenheit ist höchst wichtig. Ich habe mich so beeilt und muß heute noch zurück. » Der Pope und der Waldhüter standen da, ohne ihre Meinung auszusprechen. Mitja trat zu dem Schlafenden und versuchte ihn zu wecken. Er versuchte es mit aller Energie, der Schläfer wachte nicht auf. »Er ist betrunken!« rief Mitja. »Was soll ich machen, o Gott, was soll ich machen?« Und er machte sich in seiner Ungeduld daran, ihm den Kopf zu schütteln, ihn hochzuheben und ihn auf die Bank zu setzen; dennoch erreichte er nach langen Bemühungen nur, daß dieser anfing, sinnlos zu brüllen und laute, aber unverständliche Flüche auszustoßen.

»Es wäre doch besser, wenn Sie warteten«, sagte der Pope endlich. »Es ist offenbar nichts mit ihm anzufangen.«

»Er hat den ganzen Tag getrunken«, bemerkte der Waldhüter.

»O Gott!« rief Mitja. »Wenn Sie wüßten, wie dringend ich mit ihm sprechen muß und in welcher Verzweiflung ich mich befinde!«

»Nein, wirklich, Sie warten besser bis zum Morgen«, sagte der Pope noch einmal.

»Bis zum Morgen? Ich bitte Sie, das ist unmöglich!«

Und erneut bemühte er sich verzweifelt, den Betrunkenen zu wecken, ließ jedoch sogleich wieder von diesem Versuch ab, als er die völlige Nutzlosigkeit seiner Bemühungen einsah. Der Pope schwieg, der verschlafene Waldhüter machte ein finsteres Gesicht.

»Was für furchtbare Tragödien spielt die Realität mit den Menschen!« sagte Mitja in heller Verzweiflung. Der Schweiß trat ihm ins Gesicht. Der Pope nutzte diesen Moment und setzte ihm sehr vernünftig auseinander, daß Gorstkin, selbst wenn es gelänge, ihn zu wecken, in seiner Betrunkenheit doch nicht imstande wäre, ein Gespräch zu führen. »Sie haben doch eine wichtige Angelegenheit, da wird es schon richtiger sein, es bis zum Morgen zu lassen.«

Mitja breitete verzweifelt die Arme aus und fügte sich.

»Ich werde in dieser Stube bleiben, Väterchen, das Licht brennen lassen und versuchen, ob ich einen geeigneten Augenblick erhaschen kann. Sowie er aufwacht, werde ich anfangen … Das Licht, werde ich dir bezahlen«, wandte er sich an den Waldhüter. »Und das Nachtquartier ebenfalls – du sollst Dmitri Karamasow in guter Erinnerung behalten. Ich weiß nur nicht, was mit Ihnen wird, Väterchen? Wo werden Sie sich denn hinlegen?«

»Ich werde nach Hause zurückkehren. Mit seiner kleinen Stute. »Er deutete auf den Waldhüter. »So leben Sie wohl! Ich wünsche Ihnen, daß Sie alles zu Ihrer Zufriedenheit erledigen.«

So geschah es denn auch. Der Pope fuhr mit der Stute weg, froh, daß er endlich losgekommen war; und doch schüttelte er nachdenklich den Kopf und überlegte, ob er nicht gleich morgen früh Fjodor Pawlowitsch über dieses merkwürdige Ereignis benachrichtigen sollte. Sonst erfährt er es womöglich von anderer Seite, wird ärgerlich und stellt seine Spenden ein! Der Waldhüter kratzte sich im Nacken und begab sich schweigend in seine Stube. Mitja aber setzte sich auf eine Bank, um, wie er sich ausgedrückt hatte, einen geeigneten Augenblick zu erwischen. Ein tiefer Kummer lagerte sich wie schwerer Nebel auf seine Seele. Er saß da und grübelte, war aber nicht imstande, etwas klar zu überlegen. Das Licht brannte herunter, ein Heimchen zirpte, in der überheizten Stube wurde die Luft unerträglich dunstig. Plötzlich trat ihm ein Garten vor Augen, ein Gang hinter dem Garten, beim Vater öffnet sich geheimnisvoll eine Tür, und durch die Tür läuft Gruschenka hinein … Er sprang von der Bank auf.

»Eine Tragödie!« sagte er zähneknirschend, trat unbewußt zu dem Schlafenden hin und sah ihm ins Gesicht.

Es war ein magerer, noch nicht alter Bauer, mit einem länglichen Gesicht, rötlichem, lockigem Haar, mit einem langen, dünnen, rötlichen Bärtchen. Bekleidet war er mit einem Kattunhemd und einer schwarzen Weste, aus deren Tasche die Kette einer Uhr herausschaute. Mitja betrachtete dieses Gesicht mit furchtbarem Haß, und aus einem nicht recht verständlichen Grund war ihm vor allem der Umstand verhaßt, daß der Schläfer lockiges Haar hatte. Besonders war es für ihn unerträglich beleidigend, daß er, Mitja, der so vieles geopfert und so vieles im Stich gelassen hatte, mit seiner dringenden Angelegenheit nun so erschöpft hier stand, während dieser Faulpelz, von dem jetzt sein ganzes Schicksal abhing, schnarchte, als ob gar nichts los wäre. »O Ironie des Schicksals!« rief Mitja aus und machte sich noch einmal daran, den betrunkenen Bauern zu wecken. Und zwar tat er das, nun gänzlich den Kopf verlierend, in einem richtigen Anfall von Wut; er riß ihn, stieß ihn, schlug ihn sogar. Doch nachdem er sich etwa fünf Minuten lang wiederum vergeblich abgemüht hatte, kehrte er in ohnmächtiger Verzweiflung zu seiner Bank zurück und setzte sich hin.

»Zu dumm!« rief er aus. »Und wie ehrlos das alles ist!« fügte er noch hinzu. Der Kopf begann ihm furchtbar weh zu tun. ›Soll ich aufgeben und zurückfahren?‹ überlegte er. ›Nein, nun will ich auch bis zum Morgen bleiben. Jetzt bleibe ich erst recht, jetzt erst recht! Wozu wäre ich sonst überhaupt hergekommen? Und es ist auch kein Fuhrwerk da, mit dem ich fahren könnte! Wie soll ich jetzt von hier wegkommen? O diese absurde Lage!‹

Sein Kopfschmerz wurde immer schlimmer. Er saß da, ohne sich zu rühren, und merkte nicht, wie er im Sitzen einschlief. Er mußte zwei Stunden oder noch etwas länger geschlafen haben, als er von einem unerträglichen Kopfschmerz erwachte, so unerträglich, daß er hätte schreien mögen. In den Schläfen hämmerte das Blut, der Scheitel tat ihm weh, noch längere Zeit nach dem Aufwachen konnte er nicht recht zu sich kommen und begreifen, was eigentlich mit ihm vorgegangen war. Endlich merkte er, daß sich in der überheizten Stube ein furchtbarer Kohlendunst befand und daß er davon vielleicht hätte sterben können. Der betrunkene Bauer aber lag immer noch da und schnarchte; das Licht war nahe daran auszugehen. Mitja schrie auf und eilte schwankend durch den Flur in die Stube des Waldhüters. Der erwachte schnell; als er hörte, daß in der anderen Stube Kohlendunst war, ging er zwar, das Erforderliche zu tun, nahm die Tatsache jedoch so seltsam gleichmütig hin, daß Mitja sich wunderte und gekränkt fühlte.

»Wenn er nun gestorben wäre, was dann?« schrie Mitja ihn zornig an.

Tür, Fenster und Ofenröhre wurden geöffnet. Mitja schleppte aus dem Flur einen Eimer Wasser herbei und befeuchtete zuerst sich selbst den Kopf; dann tauchte er einen Lappen ins Wasser und legte ihn dem schlafenden Ljagawy auf den Kopf. Der Waldhüter aber behandelte den ganzen Vorfall weiterhin mit Geringschätzung und sagte, nachdem er das Fenster geöffnet hatte, mürrisch: »Na, nun wird’s wohl gut sein!« Und ging wieder schlafen; eine Blechlaterne, die er noch angezündet hatte, ließ er Mitja zurück. Mitja mühte sich mit dem Betrunkenen, der vom Kohlendunst halb vergiftet war, noch ungefähr eine halbe Stunde lang ab, indem er ihm fortwährend den Kopf naß machte, und nahm sich ernstlich vor, die ganze Nacht nicht mehr zu schlafen. Ermattet setzte er sich nur für einen Augenblick hin, um sich zu erholen, schloß jedoch die Augen, streckte sich sofort unbewußt auf der Bank aus und schlief im nächsten Moment wie ein Toter.

Er erwachte erst sehr spät. Es war schon ungefähr neun Uhr morgens.

Die Sonne schien hell in die beiden kleinen Fenster.

Der kraushaarige Bauer saß auf der Bank und hatte bereits sein ärmelloses Wams angezogen. Vor ihm stand ein zurechtgemachter Samowar und eine neue Flasche Branntwein. Die von gestern war schon ausgetrunken und die neue schon wieder über die Hälfte geleert. Mitja sprang auf und erriet sofort, daß der verdammte Bauer erneut betrunken war, schwer betrunken, kaum zu ernüchtern. Er musterte ihn etwa eine Minute lang mit großen Augen. Der Bauer sah ihn schweigend mit einer schlauen beleidigenden Ruhe an, ja sogar mit geringschätzigem Hochmut, wie es Mitja vorkam. Er stürzte auf ihn los.

»ErIauben Sie, sehen Sie … ich … Sie haben es sicher schon von dem Waldhüter gehört. Ich bin Leutnant Dmitri Karamasow, ein Sohn des alten Karamasow, mit dem Sie wegen des Waldes verhandeln.«

»Du lügst!« erwiderte der Bauer mit ruhiger, fester Stimme.

»Wieso lüge ich? Sie kennen doch Fjodor Pawlowitsch?«

»Ich kenne deinen Fjodor Pawlowitsch nicht«, sagte der Bauer und bewegte schwerfällig die Zunge.

»Sie stehen aber doch mit ihm in Verhandlung wegen des Waldes! Wachen Sie doch auf, sammeln Sie Ihre Gedanken! Der Pope Pawel aus Iljinskoje bat mich hierher begleitet … Sie haben doch an Samsonow geschrieben, und er hat mich zu Ihnen geschickt …«

Mitja rang mühsam nach Luft.

»Du lügst!« versetzte Ljagawy wieder.

»Aber ich bitte Sie, die Sache ist kein Scherz! Sie sind vielleicht betrunken, aber Sie können doch reden und verstehen … Sonst … sonst verstehe ich gar nichts mehr!«

»Du bist ein Färber!«

»Aber ich bitte Sie, ich bin Karamasow, Dmitri Karamasow. Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen … einen vorteilhaften Vorschlag … einen sehr vorteilhaften Vorschlag … gerade wegen des Waldes.«

Der Bauer strich sich bedächtig den Bart.

»Nein, du hast eine Lieferung übernommen und dich dabei als Schuft erwiesen. Du bist ein Schuft!«

»Ich versichere Ihnen, daß Sie sich irren!« rief Mitja und rang verzweifelt die Hände.

Der Bauer strich sich immerzu den Bart und kniff plötzlich listig die Augen zusammen.

»Nein, weißt du, was du mir zeigen kannst? Zeig mir doch mal ein Gesetz, nach dem es erlaubt ist, Gemeinheiten zu begehen hörst du? Du bist ein Schuft, verstehst du mich?«

Mitja trat mit finsterer Miene von ihm weg, und auf einmal hatte er das Gefühl, als ob ihn »etwas vor die Stirn stieß«, wie er es selbst später ausdrückte. In einem einzigen Augenblick vollzog sich so etwas wie eine Erleuchtung in seinem Geist. »Es ging mir ein Licht auf, und ich verstand alles. »Er stand erstarrt da und konnte nicht begreifen, wie er, ein kluger Mensch, sich auf so eine Dummheit einlassen konnte: sich in eine derart abenteuerliche Unternehmung zu stürzen und sich nun schon fast einen Tag lang mit diesem Ljagawy abzuplagen und ihm den Kopf zu benetzen! Dieser Mensch ist betrunken, blödsinnig betrunken, der wird noch eine ganze Woche in einem fort trinken – worauf soll ich noch warten? Wie aber, wenn Samsonow mich absichtlich hierhergeschickt hat? Wie aber, wenn sie … O Gott, was habe ich da angerichtet!‹

Der Bauer saß da, beobachtete ihn und lächelte.

Unter anderen Umständen hätte Mitja diesen dummen Menschen vielleicht vor Wut totgeschlagen, doch jetzt war er selbst so schwach geworden wie ein kleines Kind. Leise trat er zur Bank, nahm seinen Mantel, zog ihn schweigend an und ging hinaus.

In der anderen Stube fand er den Waldhüter nicht, es war niemand da. Er zog fünfzig Kopeken kleines Geld aus der Tasche und legte sie auf den Tisch: für das Nachtquartier, für die Beleuchtung und für die Störung. Als er das Haus verließ, sah er ringsum nur Wald und nichts weiter. Er ging aufs Geratewohl los, ohne sich auch nur zu erinnern, nach welcher Seite er sich wenden mußte, nach rechts oder nach links: Als er am vorigen Tag mit dem Popen hergekommen war, hatte er nicht auf den Weg geachtet. In seiner Seele gab es keine Spur von Rachsucht gegen irgendwen, nicht einmal gegen Samsonow. Er lief einen schmalen Waldpfad entlang, gedankenlos und verstört, »mit wirrem Kopf«, und kümmerte sich gar nicht um die Richtung. Jedes Kind hätte ihn jetzt bezwingen können, so kraftlos an Seele und Leib war er auf einmal geworden. Er arbeitete sich aber doch irgendwie aus dem Wald heraus: Unvermittelt breiteten sich vor ihm unübersehbar weite kahle, abgeerntete Felder aus. »Welch eine Verzweiflung, welch ein Tod ringsum!« sagte er ein paarmal vor sich hin, während er weiter und weiter lief.

Ein Wagen half ihm schließlich aus seiner Notlage: Ein Fuhrmann beförderte einen alten Kaufmann. Mitja fragte sie nach dem Weg, da stellte sich heraus, daß sie ebenfalls nach Wolowja fuhren. Sie verhandelten mit Mitja über den Preis und ließen ihn einsteigen. Nach drei Stunden waren sie am Ziel.

Auf der Station Wolowja bestellte Mitja unverzüglich Postpferde in die Stadt, verspürte aber auf einmal einen unmenschlichen Hunger. Während die Pferde angespannt wurden, machte man ihm einen Eierkuchen. Er aß ihn sofort auf, aß ein großes Stück Brot, aß auch noch eine Wurst und trank drei Gläser Schnaps. Nachdem er sich so gestärkt hatte, faßte er wieder Mut: Es wurde wieder heller in seiner Seele. Unterwegs konnte es ihm gar nicht schnell genug gehen; er trieb den Kutscher ständig an und faßte plötzlich einen neuen, diesmal »definitiven« Plan, wie er sich noch bis zum Abend dieses Tags das »verdammte Geld« verschaffen wollte. ›Wenn man so bedenkt, daß um dieser lumpigen dreitausend Rubel willen ein Mensch zugrunde gehen soll!‹ dachte er verächtlich. ›Noch heute werde ich die Sache zur Entscheidung bringen!‹ Und wäre nicht der unaufhörliche Gedanke an Gruschenka gewesen, die bange Unruhe, ob mit ihr auch nichts passiert war, dann wäre er vielleicht wieder ganz vergnügt gewesen. Aber der Gedanke an sie drang alle Augenblicke wie ein spitzes Messer in seine Seele …

Endlich kamen sie an, und Mitja eilte sogleich zu Gruschenka.

3. Die Goldbergwerke

Eben jenen Besuch Mitjas hatte Gruschenka Rakitin gegenüber mit solcher Angst erwähnt. Sie hatte damals ihre »Stafette« erwartet; erfreut darüber, daß Mitja weder am vorigen noch an diesem Tag gekommen war, hatte sie gehofft, er würde mit Gottes Hilfe vor ihrer Abreise überhaupt nicht mehr kommen – da hatte er sie plötzlich überfallen. Das Weitere ist uns bereits bekannt: Um ihn loszuwerden, hatte sie ihn überredet, sie zu Kusma Samsonow zu begleiten, den sie dringend aufsuchen müsse, »um Geld zu zählen«; Mitja hatte sie hingebracht, und sie hatte ihm beim Abschied das Versprechen abgenommen, sie um Mitternacht abzuholen und wieder nach Hause zu begleiten. Mitja war diese Zeiteinteilung nicht unwillkommen. ›Wenn sie bei Kusma sitzt‹, hatte er sich gesagt, ›geht sie nicht zu Fjodor Pawlowitsch – vorausgesetzt, daß sie nicht lügt!‹ Aber nach seiner Ansicht hatte sie nicht gelogen. Er war nämlich eifersüchtig auf ganz bestimmte Weise. Wenn er von der Geliebten getrennt war, dachte er sich Gott weiß was für Schrecknisse aus, was ihr alles passierte und wie sie ihm untreu war; wenn er jedoch wieder zu ihr kam, halbtot vor Aufregung und fest überzeugt, daß sie ihm in der Zwischenzeit untreu geworden war, lebte er beim ersten Blick auf ihr lachendes, heiteres, freundliches Gesicht wieder auf, warf sofort jeden Verdacht von sich und schalt sich selbst freudig beschämt wegen seiner Eifersucht. Als er Gruschenka zu Kusma gebracht hatte, eilte er zu sich nach Hause. Oh, er hatte heute noch so viel zu tun! Doch wenigstens war ihm das Herz leichter geworden. ›Ich muß nur noch so schnell wie möglich von Smerdjakow erfahren, ob gestern abend nichts passiert ist, ob sie nicht am Ende bei Fjodor Pawlowitsch war, pfui Teufel!‹ ging ihm durch den Kopf. Er war also noch nicht in seiner Wohnung angelangt, als die Eifersucht in seinem unruhigen Herzen schon wieder zu bohren begann.

Eifersucht … »Othello ist nicht eifersüchtig, er ist vertrauensvoll«, hat Puschkin gesagt, und diese Bemerkung zeugt von der außerordentlichen Geistestiefe unseres großen Dichters. OthelIos Seele ist einfach zermalmt, seine gesamte Weltsicht getrübt, weil sein Ideal zugrunde gegangen ist. Aber Othello wird sich nicht verstecken, wird nicht spionieren: er ist vertrauensvoll. Vielmehr mußte er erst dazu gebracht, darauf gestoßen, mit großer Mühe in Brand gesteckt werden, damit er überhaupt an Untreue dachte. Anders der wirklich Eifersüchtige. Unmöglich, sich den ganzen moralischen Tiefstand vorzustellen, mit dem sich ein Eifersüchtiger ohne alle Gewissensbisse abzufinden vermag. Nicht daß sie lauter gemeine, schmutzige Seelen wären – im Gegenteil: Man kann sich auch mit edler Gesinnung, mit reiner, opferfreudiger Liebe unter dem Tisch verstecken, die gemeinsten Menschen kaufen und sich mit dem häßlichen Schmutz der Spionage befreunden. Othello hätte zwar verzeihen, sich aber um keinen Preis mit der Untreue aussöhnen können, obgleich seine Seele harmlos und unschuldig war wie die eines Kindes. Nicht so bei dem wirklich Eifersüchtigen: Es ist schwer sich vorzustellen, was mancher Eifersüchtige alles verzeihen kann und womit er sich abzufinden und auszusöhnen vermag! Gerade die Eifersüchtigen verzeihen am ehesten, und das wissen auch alle Frauen. Der Eifersüchtige ist fähig, außerordentlich schnell zu verzeihen – selbstverständlich nachdem er zuvor eine furchtbare Szene gemacht hat; er verzeiht zum Beispiel Untreue, die beinahe schon erwiesen ist; Umarmungen und Küsse, die er selbst gesehen hat, wenn er beispielsweise gleichzeitig irgendwie zu der Überzeugung gelangen kann, daß dies »zum letztenmal« gewesen ist, daß sein Nebenbuhler von dieser Stunde an verschwinden oder daß er selbst die Geliebte an einen Ort bringen wird, wohin der Nebenbuhler niemals kommt. Natürlich dauert diese Aussöhnung nur eine Stunde; denn mag auch der Nebenbuhler tatsächlich verschwunden sein – der Eifersüchtige wird gleich morgen einen neuen ausfindig machen und auf ihn eifersüchtig sein. Man könnte meinen: Was ist schon eine Liebe wert, die so angestrengt bewacht werden muß? Aber gerade das werden Eifersüchtige nie begreifen – und dabei gibt es unter ihnen sogar Leute von edler Gesinnung. Beachtenswert ist auch noch folgendes. Wenn solche Leute von edler Gesinnung in irgendeiner Rumpelkammer stehen und horchen, spüren sie zwar deutlich die ganze Schmach, in die sie sich selbst freiwillig hineinbegeben haben, doch empfinden sie niemals Gewissensbisse, zumindest nicht in dem Moment, da sie in dieser Rumpelkammer stehen.

Bei Mitja verschwand alle Eifersucht jedesmal, wenn er Gruschenka erblickte; für einen Augenblick wurde er dann vertrauensvoll und verachtete sich sogar selbst wegen seiner häßlichen Regungen. Daraus war jedoch nur zu sehen, daß in seiner Liebe zu dieser Frau etwas weit Höheres lag, als er selbst glaubte: nicht nur Leidenschaft, nicht nur Bewunderung der »Körperkonturen«, von denen er Aljoscha gegenüber gesprochen hatte. Doch sobald Gruschenka verschwunden war, begann er sie wieder zu verdächtigen, daß sie die gemeinste, hinterlistigste Untreue begehe. Gewissensbisse aber empfand er dabei nicht.

So stieg denn jetzt erneut Eifersucht in seinem Herzen auf. Zunächst jedoch mußte er sich beeilen. Er mußte sich wenigstens ein klein bißchen Geld leihweise verschaffen. Die neun Rubel waren fast völlig für die Fahrt draufgegangen, und ganz ohne Geld kann man bekanntlich nicht einen Schritt tun. Aber er hatte sich vorhin zugleich mit seinem neuen Plan auch überlegt, wo er sich etwas Geld leihen konnte. Er besaß ein Paar gute Duellpistolen mit Patronen, und wenn er sie bisher noch nicht versetzt hatte, so deshalb, weil er sie mehr liebte als alles, was ihm sonst gehörte. In dem Restaurant »Zur Residenz« hatte er schon vor längerer Zeit einen jungen Beamten flüchtig kennengelernt und in dem Restaurant erfahren, daß dieser unverheiratete, wohlhabende Beamte eine besondere Leidenschaft für Waffen hatte, daß er Pistolen, Revolver und Dolche zusammenkaufte, zu Hause an den Wänden aufhängte, seinen Bekannten zeigte, damit prahlte und sich vorzüglich darauf verstand, das System eines Revolvers zu erklären, wie er geladen und gesichert wird und so weiter. Ohne sich lange zu besinnen, begab sich Mitja sogleich zu ihm und machte ihm den Vorschlag, die Pistolen als Pfand für ein Darlehen von zehn Rubeln anzunehmen. Der Beamte, dem die Pistolen sehr gefielen, redete ihm zu, sie ihm ganz zu verkaufen. Doch Mitja willigte nicht ein, und so lieh ihm jener die zehn Rubel, wobei er erklärte, daß er unter keinen Umständen Zinsen nehmen werde. Sie trennten sich als Freunde.

Mitja hatte es eilig; er wollte in seine Laube hinter Fjodor Pawlowitschs Grundstück, um so schnell wie möglich Smerdjakow herauszurufen. Auf diese Weise ergab es sich abermals, daß er nur drei oder vier Stunden vor einem gewissen Ereignis, von dem ich später reden werde, nicht eine Kopeke besessen und für zehn Rubel einen ihm sehr lieben Gegenstand verpfändet hatte, während man drei Stunden danach plötzlich Tausende in seinen Händen erblickte. Aber ich greife schon wieder vor.

Bei Marja Kondratjewna, der Nachbarin von Fjodor Pawlowitsch, erwartete ihn eine Nachricht, die ihn sehr bestürzte: die Nachricht von Smerdjakows Krankheit, von seinem Sturz in den Keller, dann von seinem epileptischen Anfall, der Ankunft des Arztes und den fürsorglichen Bemühungen Fjodor Pawlowitschs. Mit Interesse erfuhr er auch von der Abreise seines Bruders Iwan Fjodorowitsch am Morgen nach Moskau. ›Er muß demnach vor mir durch Wolowja gekommen sein?‹ überlegte Dmitri Fjodorowitsch.

Das mit Smerdjakow beunruhigte ihn hingegen tief: Was soll jetzt bloß werden? Wer wird Wache halten, wer wird mir Nachricht geben? Hastig begann er die Frauen auszufragen, ob sie gestern abend etwas bemerkt hätten. Diese begriffen sehr wohl, worauf seine Fragen abzielten, und beruhigten ihn vollständig: Niemand sei dagewesen, Iwan Fjodorowitsch habe die Nacht dort verbracht, alles sei »in bester Ordnung«. Mitja überlegte. Zweifellos mußte auch heute Wache gehalten werden, aber wo: hier oder an Samsonows Tor? Er entschied, hier und dort, je nach den Umständen, doch zunächst, zunächst … Die Sache war die, daß er jetzt die Ausführung des »Planes« von vorhin vor sich hatte, des neuen, richtigen Planes, den er sich auf dem Wagen ausgedacht hatte und dessen Ausführung sich nicht mehr aufschieben ließ. Mitja beschloß, dieser Sache eine Stunde zu opfern. ›In einer Stunde werde ich alles erledigt und alles erfahren haben, und dann werde ich erst zu Samsonows Haus eilen und mich erkundigen, ob Gruschenka da ist. Danach kehre ich sofort hierher zurück und bleibe bis elf Uhr hier. Nachher gehe ich dann wieder zu Samsonow, um sie nach Hause zu begleiten.‹ So disponierte er.

Er eilte nach Hause, wusch und frisierte sich, säuberte seinen Anzug, kleidete sich an und begab sich zu Frau Chochlakowa. Das war, leider, der Ort, wo er seinen »Plan« ausführen wollte; er hatte beschlossen, sich von dieser Dame dreitausend Rubel zu borgen. Und was die Hauptsache war: auf einmal, ganz plötzlich, war eine ungewöhnliche Zuversicht über ihn gekommen, sie werde es ihm nicht abschlagen. Vielleicht werden sich die Leser wundern, warum er, wenn er so eine Zuversicht hegte, nicht von vornherein zu ihr, sozusagen zu einer Angehörigen seiner eigenen Gesellschaft, gegangen war, sondern sich an Samsonow gewandt hatte, an einen Menschen aus einer fremden Schicht, mit dem er nicht einmal richtig reden konnte. Der Grund war, daß er mit Frau Chochlakowa in der letzten Zeit fast ganz auseinandergekommen und mit ihr auch früher nur wenig bekannt gewesen war; außerdem wußte er, daß sie selbst ihn nicht leiden konnte. Diese Dame haßte ihn von Anfang an einfach deswegen, weil er Katerina Iwanownas Bräutigam war, während bei ihr plötzlich der Wunsch entstanden war, Katerina Iwanowna möchte sich von ihm abwenden und lieber »den liebenswürdigen, gebildeten Kavalier Iwan Fjodorowitsch heiraten, der so gute Manieren besitzt«. Sie haßte nämlich Mitjas Manieren. Er hatte sich sogar über sie lustig gemacht und einmal von ihr gesagt, diese Dame sei ebenso lebhaft und impulsiv wie ungebildet. Und da war ihm nun an diesem Vormittag auf dem Wagen wie eine Erleuchtung der klare Gedanke gekommen: ›Wenn sie gegen meine Heirat mit Katerina Iwanowna ist, und zwar mit solcher Entschiedenheit‹ – er wußte, daß sie dabei fast hysterische Anfälle bekam –, ›warum sollte sie mir diese dreitausend Rubel abschlagen, die ich eben gerade benötige, um Katja zu verlassen und für immer von hier wegzugehen? Wenn sich diese verwöhnten vornehmen Damen einen derartigen Wunsch einmal in den Kopf gesetzt haben, so scheuen sie kein Opfer, um ihren Willen durchzusetzen. Außerdem ist sie reich!‹ dachte Mitja.

Was nun speziell den »Plan« anlangte, so war er derselbe wie der frühere, das heißt, er bot die Abtretung seiner Rechte auf Tschermaschnja an. Doch diesmal wollte er das nicht als kaufmännisches Geschäft behandeln wie tags zuvor bei Samsonow, er wollte diese Dame nicht mit der Möglichkeit locken, für die dreitausend Rubel die doppelte Summe, sechs- oder siebentausend Rubel, einzustreichen; diese Abtretung sollte einfach eine anständige Garantie für die Schulden bilden. Mitja geriet geradezu in Begeisterung, während er diesen seinen neuen Gedanken ausspann, aber so erging es ihm immer, bei allen seinen Unternehmungen, bei allen seinen plötzlichen Entschlüssen. Jedem neuen Gedanken gab er sich mit größter Leidenschaft hin. Dennoch fühlte er, wie ihm ein Angstschauer über den Rücken lief, als er die Stufen zu Frau Chochlakowas Haustür hinaufstieg: Erst in dieser Sekunde wurde ihm mit mathematischer Sicherheit bewußt, daß dies seine letzte Hoffnung war und daß ihm, wenn auch dieser Versuch fehlschlug, nichts auf der Welt blieb, als »um der dreitausend Rubel willen jemand totzuschlagen und auszurauben, weiter nichts …« Es war halb acht, als er klingelte.

Anfangs schien ihm das Glück zu lächeln. Als er gemeldet worden war, ließ ihn Frau Chochlakowa sofort bitten, näher zu treten. ›Als ob sie mich erwartet hat‹, dachte Mitja. Und kaum war er in den Salon geführt worden, eilte auch schon die Hausfrau herein und erklärte ihm ohne weitere Umschweife, daß sie ihn erwartet habe.

»Ich habe Sie erwartet, ich habe Sie erwartet! Eigentlich konnte ich ja nicht annehmen, daß Sie zu mir kommen würden, aber trotzdem habe ich Sie erwartet, bewundern Sie meinen Instinkt, Dmitri Fjodorowitsch, ich war den ganzen Vormittag überzeugt, daß Sie heute kommen würden.«

»Das ist wirklich erstaunlich, gnädige Frau«, antwortete Mitja, während er sich schwerfällig setzte. »Aber … ich bin in einer überaus wichtigen Angelegenheit gekommen … Das heißt in der allerallerwichtigsten Angelegenheit für mich, gnädige Frau, für mich allein … Und ich beeile mich …«

»Ich weiß, daß Sie in einer sehr wichtigen Angelegenheit gekommen sind, Dmitri Fjodorowitsch. Dabei handelt es sich nicht um irgendwelche Ahnungen oder um veralteten Wunderglauben – haben Sie von dem Starez Sossima gehört? –, sondern um mathematische Notwendigkeit. Sie mußten kommen nach allem, was sich mit Katerina Iwanowna zugetragen hat. Sie mußten, mußten mit mathematischer Notwendigkeit …«

»Das ist die Realität des wirklichen Lebens, gnädige Frau, das ist es! Erlauben Sie, mir nun, daß ich Ihnen auseinandersetze …«

»Das ist es, Dmitri Fjodorowitsch, die Realität! Ich bin jetzt durchaus für die Realität. Was die Wunder anlangt, so habe ich eine recht schmerzliche Lektion bekommen. Sie haben gehört, daß der Starez Sossima gestorben ist?«

»Nein, gnädige Frau, ich höre es zum erstenmal«, antwortete Mitja ein wenig erstaunt. Er mußte unwillkürlich an Aljoscha denken.

»Heute nacht, und stellen Sie sich vor …«

»Gnädige Frau«, unterbrach sie Mitja. »Ich stelle mir weiter nichts vor, als daß ich mich in der verzweifeltsten Lage befinde und daß alles kaputtgeht – und ich in erster Linie, wenn Sie mir nicht helfen. Verzeihen Sie die Trivialität meiner Ausdrücke, aber ich bin erregt, ich fiebere …«

»Ich weiß, daß Sie fiebern. Ich weiß alles. Sie können sich auch in keinem anderen Seelenzustand befinden, und alles, was Sie sagen wollen, weiß ich im voraus. Ich habe mein Augenmerk schon längst auf Ihr Geschick gerichtet, Dmitri Fjodorowitsch! Ich beobachte es und studiere es … Oh, glauben Sie mir, ich bin ein erfahrener Seelenarzt, Dmitri Fjodorowitsch!«

»Gnädige Frau, wenn Sie ein erfahrener Arzt sind, bin ich dafür ein erfahrener Kranker«, erwiderte Mitja, der sich krampfhaft Mühe gab, liebenswürdig zu reden. »Und ich fühle im voraus, daß Sie, wenn Sie schon mein Geschick so beobachten, mir auch in meinem Verderben beistehen werden. Doch gestatten Sie mir zu diesem Zweck endlich, Ihnen den Plan darzulegen, mit dem ich hier zu erscheinen gewagt habe. Und das, was ich von Ihnen erhoffe … Ich bin gekommen, gnädige Frau …«

»Legen Sie ihn mir nicht dar, das kommt erst in zweiter Linie. Was die Hilfe betrifft, so sind Sie nicht der erste, dem ich helfe, Dmitri Fjodorowitsch. Sie haben wahrscheinlich von meiner Cousine Frau Belmjossowa gehört, ihr Mann war ruiniert, ging kaputt, wie Sie sich so charakteristisch ausdrückten, Dmitri Fjodorowitsch, und was glauben Sie? Ich wies ihn auf die Pferdezucht hin, und jetzt geht es ihm glänzend. Haben Sie eine Ahnung von Pferdezucht, Dmitri Fjodorowitsch?«

»Nicht im geringsten, gnädige Frau, nein, gnädige Frau, nicht im geringsten!« rief Mitja in nervöser Ungeduld und tat sogar, als wollte er aufstehen. »Ich bitte Sie nur inständig, gnädige Frau, mich anzuhören! Lassen Sie mich zwei Minuten ungestört reden, damit ich Ihnen alles auseinandersetzen kann, das ganze Projekt, mit dem ich gekommen bin … Meine Zeit ist knapp bemessen, ich habe es furchtbar eilig!« rief Mitja aufgeregt, da er merkte, daß sie wieder anfangen wollte zu reden; er hoffte, sie zu überschreien. »Ich bin in heller Verzweiflung gekommen, in höchstgradiger Verzweiflung, um Sie zu bitten, mir dreitausend Rubel zu leihen, gegen ein sicheres, ganz sicheres Pfand, gnädige Frau, gegen absolute Sicherheit! Gestatten Sie nur, daß ich Ihnen auseinandersetze …«

»Das können Sie alles später tun, später!« entgegnete Frau Chochlakowa mit einer abwehrenden Handbewegung. »Alles, was Sie sagen können, weiß ich im voraus, wie ich Ihnen schon gesagt habe. Sie bitten um eine gewisse Summe, Sie brauchen dreitausend Rubel, ich aber werde Ihnen mehr geben, unermeßlich viel mehr, ich werde Sie retten, Dmitri Fjodorowitsch, doch dazu ist nötig, daß Sie mit gehorchen!«

Mitja sprang beglückt auf.

»Gnädige Frau, wollen Sie wirklich so gütig sein?« rief er. »O Gott, Sie haben mich gerettet! Sie retten einen Menschen vor dem Tod, vor der Pistole, gnädige Frau… Meine lebenslängliche Dankbarkeit …«

»Ich werde Ihnen unendlich viel mehr geben als dreitausend Rubel«, rief Frau Chochlakowa und blickte Mitja mit strahlendem Lächeln an.

»Unendlich viel mehr? Aber so viel brauche ich gar nicht! Unaufschiebbar dringend brauche ich nur diese verhängnisvollen dreitausend Rubel, und ich bin meinerseits gekommen, um Ihnen mit meiner unendlichen Dankbarkeit volle Sicherheit für diese Summe zu geben. Und nun möchte ich Ihnen den Plan vorlegen, den ich …«

»Genug, Dmitri Fjodorowitsch! Was ich gesagt habe, werde ich auch tun«, unterbrach ihn Frau Chochlakowa mit dem schamhaften Triumphgefühl einer Wohltäterin. »Ich habe versprochen Sie zu retten, und ich werde Sie retten. Ich werde Sie retten wie ich Belmjossow gerettet habe. Wie denken Sie über die Goldbergwerke, Dmitri Fjodorowitsch?«.

»Über die Goldbergwerke, gnädige Frau? Ich habe überhaupt nie daran gedacht!«

»Dafür habe ich für Sie daran gedacht! Ich habe daran gedacht und alles überlegt! Ich beobachte Sie in dieser Absicht

schon einen Monat lang. An die hundertmal habe ich Sie angesehen, wenn Sie vorübergingen, und mir dabei immer wieder gesagt: Das ist ein energischer Mann, der gehört in die Goldbergwerke! Ich habe sogar Ihren Gang studiert und bin zu der Überzeugung gelangt, dieser Mann wird viel Gold finden!«

»Aus meinem Gang haben Sie das geschlossen, gnädige Frau?« fragte Mitja lächelnd.

»Gewiß, auch aus dem Gang. Wollen Sie etwa bestreiten, daß man aus dem Gang den Charakter erkennen kann, Dmitri Fjodorowitsch? Die Naturwissenschaft bestätigt das ebenfalls. Oh, ich bin jetzt Realistin, Dmitri Fjodorowitsch. Ich bin ab heute, nach dieser Geschichte im Kloster, die mich so angegriffen hat, Realistin und will mich einer praktischen Tätigkeit widmen. Ich hin geheilt! ›Genug!‹ wie Turgenew sagt.«

»Und diese dreitausend Rubel, die Sie mir so großmütig zu leihen versprachen, gnädige Frau?«

»Die werden Ihnen nicht entgehen, Dmitri Fjodorowitsch!« unterbrach ihn Frau Chochlakowa. »Diese dreitausend Rubel haben Sie schon so gut wie in der Tasche, nicht nur dreitausend, sondern drei Millionen, Dmitri Fjodorowitsch, und zwar in ganz kurzer Zeit! Ich werde Ihnen Ihre Bestimmung sagen: Sie werden in den Bergwerken Gold finden, werden Millionen erwerben, zurückkehren und eine großartige Tätigkeit entfalten. Sie werden auch uns fördern und uns zum Guten hinführen. Muß man denn alles den Juden überlassen? Sie werden Gebäude errichten und allerlei Unternehmungen ins Leben rufen. Sie werdenden Armen helfen, und diese werden Sie segnen. Jetzt ist das Jahrhundert der Eisenbahnen, Dmitri Fjodorowitsch. Sie werden eine bekannte Persönlichkeit, werden dem Finanzministerium unentbehrlich, das sich jetzt in solcher Not befindet. Der Fall unseres Papierrubels raubt mir den Schlaf, Dmiti Fjodorowitsch, von dieser Seite kennt man mich wenig …«

»Gnädige Frau, gnädige Frau«, unterbrach Dmitri Fjodorowitsch sie wieder in einer unruhigen Vorahnung. »Ich werde Ihren Rat, Ihren klugen Rat gewiß befolgen, gnädige Frau, mich vielleicht dorthin begeben … in diese Goldbergwerke … Und ich werde noch einmal zu Ihnen kommen, um mit Ihnen darüber zu sprechen … Sogar noch viele Male … Aber jetzt, diese dreitausend Rubel, die Sie so großmütig … Oh, dieses Geld wird mit aus der Not helfen, und wenn es heute möglich ist … Das heißt, sehen Sie, ich habe jetzt keine Stunde Zeit mehr, auch nicht eine Stunde…«

»Genug, Dmitri Fjodorowitsch, genug!« unterbrach ihn Frau Chochlakowa hartnäckig. »Eine Frage. Werden Sie in die Goldbergwerke fahren oder nicht? Sind Sie dazu fest entschlossen? Antworten Sie mathematisch genau!«

»Ich werde hinfahren, gnädige Frau, später … Ich werde fahren, wohin Sie wollen, gnädige Frau … Aber jetzt …«

»Warten Sie einen Augenblick!« rief Frau Chochlakowa, sprang auf, eilte zu ihrem prächtigen Schreibtisch mit den zahllosen Schubfächern und begann, ein Schubfach nach dem anderen herauszuziehen, wobei sie in großer Hast etwas suchte.

›Die dreitausend!‹ dachte Mitja, und sein Herz stand fast still. ›Und das sofort, ohne alle Papiere, ohne ein Schriftstück … Oh, das ist vornehm und anständig! Eine prächtige Frau, wenn sie nur nicht so geschwätzig wäre …‹

»Da!« rief Frau Chochlakowa erfreut und kehrte zu Mitja zurück. »Da ist das, was ich suchte!«

Es war ein winziges silbernes Heiligenbild an einem Schnürchen, wie man es manchmal mit dem Kreuz auf der Brust trägt.

»Das ist aus Kiew, Dmitri Fjodorowitsch«, fuhr sie andächtig fort. »Von den Reliquien der Märtyrerin Warwara. Gestatten Sie, daß ich es Ihnen selbst um den Hals hänge und Sie damit für ein neues Leben und für neue Taten segne.«

Und sie hängte ihm das Heiligenbildchen wirklich um den Hals und versuchte, es an die richtige Stelle zu bringen. Mitja bückte sich in großer Verlegenheit, half ihr dabei und schob endlich das Bildchen durch die Krawatte und den Hemdkragen auf die Brust.

»So, jetzt können Sie fahren!« sagte Frau Chochlakowa und setzte sich triumphierend wieder auf ihren Platz.

»Gnädige Frau, ich bin gerührt … Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll für so viel Teilnahme! Aber … Wenn Sie wüßten, wie kostbar jetzt meine Zeit ist! … Die Summe, die ich so sehnsüchtig von Ihrer Großmut erwarte … Oh, gnädige Frau, wenn Sie schon so gütig und großmütig zu mir sind«, rief Mitja plötzlich in feuriger Begeisterung, »erlauben Sie mir, Ihnen zu gestehen … Was Sie sicher schon längst wissen… Daß ich hier eine Frau liebe … Ich bin Katja untreu geworden … Ich wollte sagen, Katerina Iwanowna … Oh, ich habe mich ihr gegenüber grausam und ehrlos benommen, aber ich habe eben eine andere liebgewonnen … Ein weibliches Wesen, gnädige Frau, das Sie vielleicht verachten, weil Sie bereits alles wissen, von dem ich jedoch auf keinen Fall lassen kann, auf keinen Fall, und darum brauche ich diese dreitausend …«

»Machen Sie sich von allem los, Dmitri Fjodorowitsch!« unterbrach ihn Frau Chochlakowa sehr entschieden. »Machen Sie sich von allem los, und besonders von den Frauen! Ihr Ziel sind die Goldbergwerke, Frauen dorthin mitzunehmen ist sinnlos. Später, wenn Sie als reicher, berühmter Mann zurückkehren, werden Sie in den höchsten Gesellschaftskreisen eine Freundin für Ihr Herz finden. Das wird ein modernes Mädchen sein, mit guten Kenntnissen und ohne veraltete Anschauungen. Zu jenem Zeitpunkt wird auch die gerade erst beginnende Frauenbewegung weiter sein, die neue Frau wird auf den Plan treten …«

»Gnädige Frau, das ist es nicht, was ich …«, begann Dmitri Fjodorowitsch und legte die Hände flehend zusammen.

»Doch, das ist es gerade, was Sie nötig haben, Dmitri Fjodorowitsch, ohne es selbst zu wissen. Ich stehe der jetzigen Frauenbewegung keineswegs ablehnend gegenüber, Dmitri Fjodorowitsch. Die Entwicklung der Frau und sogar die politische Betätigung der Frau in der allernächsten Zukunft, das ist mein Ideal. Ich habe selbst eine Tochter, Dmitri Fjodorowitsch, und von dieser Seite kennt man mich wenig. Ich habe aus diesem Anlaß an den Schriftsteller Saltykow-Stschedrin geschrieben. Diesem Schriftsteller verdanke ich so viel Weisheit über die Berufung der Frau, daß ich ihm voriges Jahr einen anonymen Brief geschickt habe, der nur zwei Zeilen enthielt: ›Ich umarme und küsse Sie, mein Schriftsteller, im Namen der modernen Frau! Fahren Sie so fort!‹ Unterschrift: ›Eine Mutter.‹ Ich hatte eigentlich unterzeichnen wollen: ›Eine moderne Mutter‹ und schwankte, doch ich blieb bei ›eine Mutter‹, Darin liegt mehr sittliche Schönheit, Dmitri Fjodorowitsch – das Wort ›modern‹ hätte ihn an den Titel der Zeitschrift ›Sowremennik‹ erinnern können, was ihm im Hinblick auf die heutige Zensur sicher unangenehm gewesen wäre … Mein Gott, was haben Sie?«

»Gnädige Frau!« rief Mitja flehend. »Sie bringen mich zum Weinen, gnädige Frau, wenn Sie aufschieben, was Sie so großmütig …«

»Weinen Sie nur, Dmitri Fjodorowitsch, weinen Sie nur! Das sind schöne Gefühle … Ihnen steht ein herrlicher Weg bevor! Die Tränen werden Ihnen das Herz erleichtern, später werden Sie zurückkehren und sich freuen. Kommen Sie direkt aus Sibirien zu mir und freuen Sie sich mit mir …«

»Aber erlauben Sie mir doch endlich«, brüllte Mitja plötzlich. »Zum letztenmal flehe ich Sie an: Sagen Sie mir, kann ich die versprochene Summe von Ihnen heute noch bekommen? Wenn nicht, wann darf ich dann kommen, um sie in Empfang zu nehmen?«

»Was für eine Summe, Dmitri Fjodorowitsch?«

»Die dreitausend, die Sie mir versprochen haben … Die Sie so großmütig …«

»Dreitausend? Sie meinen dreitausend Rubel? Aber nein doch, dreitausend Rubel habe ich gar nicht«, erwiderte Frau Chochlakowa mit einer Art von ruhiger Verwunderung. Mitja wurde ganz starr.

»Aber Sie sagten doch eben erst … Sie sagten … Sie gebrauchten sogar den Ausdruck, ich hätte sie schon so gut wie in der Tasche.«

»Nein, da haben Sie mich falsch verstanden, Dmitri Fjodorowitsch. Ich sprach von den Goldbergwerken … Gewiß habe ich Ihnen mehr, unendlich viel mehr versprochen als dreitausend Rubel, jetzt erinnere ich mich, doch ich dachte dabei nur an die Goldbergwerke.«

»Und das Geld? Und die dreitausend?« schrie Dmitri Fjodorowitsch wie ein Verrückter.«

»Oh, wenn Sie Geld gemeint haben – das habe ich nicht. Ich habe jetzt gar kein Geld, Dmitri Fjodorowitsch, ich liege gerade im Kampf mit meinem Verwalter und habe mir vor kurzem selbst fünfhundert Rubel von Miussow geborgt. Nein, nein, Geld habe ich nicht. Und wissen Sie, Dmitri Fjodorowitsch, selbst wenn ich welches hätte, würde ich es Ihnen nicht geben. Erstens borge ich niemandem. Jemandem borgen bedeutet sich mit ihm verfeinden. Und speziell Ihnen würde ich nichts geben. Weil ich Sie gern habe, würde ich Ihnen nichts geben! Um Sie zu retten, würde ich Ihnen nichts geben! Denn was Sie brauchen, ist nur das eine: die Goldbergwerke, die Goldbergwerke und nochmals die Goldbergwerke!«

»Zum Teufel!« brüllte Mitja und schlug aus voller Kraft mit der Faust auf den Tisch.

»Um Gottes willen!« schrie Frau Chochlakowa erschrocken und flüchtete ans andere Ende des Salons.

Mitja spuckte aus und ging mit schnellen Schritten aus dem Zimmer, aus dem Haus, hinaus auf die Straße, in die Dunkelheit. Er ging wie geistesgestört und schlug sich auf die Brust, auf dieselbe Stelle, auf die er sich zwei Tage vorher geschlagen hatte, als er zum letztenmal mit Aljoscha zusammen gewesen war. Was dieses Schlagen an die Brust, an diese Stelle, bedeutete und worauf er damit hinweisen wollte, das war einstweilen noch ein Geheimnis, das niemand in der Welt kannte und das er damals nicht einmal seinem Bruder Aljoscha enthüllt hatte. Aber in diesem Geheimnis lag für ihn mehr als Schande: darin lag Untergang und Selbstmord. Dazu hatte er sich bereits entschlossen, wenn ihm nicht gelingen sollte, sich die dreitausend Rubel zu verschaffen, sie an Katerina Iwanowna zurückzuzahlen und dadurch von seiner Brust, von jener Stelle der Brust, die Schande zu nehmen, die sein Gewissen so bedrückte. Alles dies wird dem Leser im folgenden klarwerden; jetzt jedenfalls, nachdem seine letzte Hoffnung geschwunden war, brach dieser körperlich starke Mensch, kaum einige Schritte von Frau Chochlakowas Haus entfernt, plötzlich wie ein kleines Kind in Tränen aus. Er lief und wischte sich selbstvergessen mit der Faust die Tränen ab. So gelangte er auf den Marktplatz und fühlte auf einmal, wie er mit dem Körper gegen etwas stieß. Er hörte das kreischende Geschrei einer alten Frau, die er beinahe umgeworfen hätte.

»Herrgott, hast mich fast getötet! Bist du vielleicht blind, du Lumpenkerl!«

»Ach, Sie sind das?« rief Mitja, als er im Dunkeln die Alte erkannt hatte. Es war die alte Dienerin Kusma Samsonows, an die er sich von seinem Besuch am vorigen Tag noch gut erinnern konnte.

»Und wer sind Sie, Väterchen?« fragte die Alte in verändertem Ton. »Ich kann Sie im Dunkeln nicht erkennen.«

»Sie wohnen bei Kusma Kusmitsch und stehen da im Dienst?«

»Jawohl, Väterchen. Ich wollte eben nur rasch zu Prochorytsch laufen. Aber ich kann Sie noch gar nicht erkennen.«

»Sagen Sie mal, Mütterchen, ist Agrafena Alexandrowna jetzt bei Ihnen?« fragte Mitja, außer sich vor Ungeduld. »Ich habe sie vorhin selbst hinbegleitet.«

»Sie, war da, Väterchen. Sie kam, blieb ein Weilchen da und ging wieder weg.«

»Wie? Sie ist wieder weggegangen?« schrie Mitja. »Wann ist sie weggegangen?«

»Sie ist sehr bald wieder weggegangen, sie hat nur ein Augenblickchen bei uns gesessen. Sie hat dem alten Kusma Kusmitsch ein Märchen erzählt, hat ihn zum Lachen gebracht und ist dann wieder weggelaufen.«

»Du lügst, Kanaille!« brüllte Mitja.

»Herr du mein Gott!« schrie die Alte, doch Mitja war schon verschwunden.

Er lief so schnell er konnte zum Haus der Frau Morosowa. Das war zu der Zeit, als Gruschenka nach Mokroje gefahren war; seit ihrer Abfahrt war noch keine Viertelstunde vergangen.

Fenja saß mit ihrer Großmutter, der Köchin Matjrona, in der Küche, als plötzlich der »Hauptmann« hereinstürzte. Bei seinem Anblick schrie Fenja laut auf.

»Du schreist?« brüllte Mitja. »Wo ist sie?«

Und bevor die vor Schreck erstarrte Fenja antworten konnte, warf er sich ihr zu Füßen.

»Fenja, um unseres Herrn Jesu Christi willen, sag mir, wo ist sie?«

»Väterchen, ich weiß nichts! Täubchen Dmitri Fjodorowitsch, ich weiß nichts! Und wenn Sie mich totschlagen, ich weiß nichts!« schwor Fenja. »Sie sind ja selbst vorhin mit ihr weggegangen …«

»Sie ist zurückgekommen!«

»Täubchen, sie ist nicht gekommen! Ich schwöre bei Gott, sie ist nicht gekommen!«

»Du lügst!« schrie Mitja. »Schon an deinem Schreck merke ich, wo sie ist!«

Er stürzte hinaus.

Fenja war froh, daß sie so leicht davongekommen war; sie wußte allerdings sehr wohl, daß er nur keine Zeit gehabt hatte, sonst wäre es ihr vielleicht schlimm ergangen. Doch im Davonlaufen überraschte Mitja Fenja und die alte Matrjona durch eine unerwartete Handlung: Auf dem Tisch stand ein Mörser aus Messing und darin ein Stößel, ein kleiner Messingstößel, kaum eine Spanne lang. Als Mitja schon mit der einen Hand die Tür geöffnet hatte, nahm er plötzlich rasch mit der anderen Hand den Stößel aus dem Mörser, steckte ihn sich in die Seitentasche und war verschwunden.

»O Gott, er will einen totschlagen!« rief Fenja und schlug die Hände zusammen.

4. In der Dunkelheit

Wohin lief er? Fest steht: Wo sollte sie sein, wenn nicht bei Fjodor Pawlowitsch? Von Samsonow ist sie geradewegs zu ihm gelaufen, jetzt ist alles klar! Die ganze Intrige, der ganze Betrug liegt auf der Hand! … Dieser Gedanke raste ihm wie ein Wirbelwind durch den Kopf. Zu Marja Kondratjewna auf den Hof wollte er nicht erst laufen. Das hat keinen Zweck, absolut keinen Zweck … Nicht der geringste Alarm darf entstehen … Die würde es sofort weitersagen … Marja Kondratjewna gehört offenbar mit zu der Verschwörung, Smerdjakow ebenfalls, alle sind bestochen! In seinem Kopf entstand ein anderer Plan. Er eilte durch eine Seitengasse in großem Bogen um Fjodor Pawlowitschs Haus herum, lief durch die Dmitrowskajastraße, dann über eine kleine Brücke und gelangte auf diese Weise direkt in die menschenleere, unbewohnte Seitengasse hinter den Häusern, die auf der einen Seite von dem Flechtzaun des benachbarten Gemüsegartens und auf der anderen von dem hohen Plankenzaun um Fjodor Pawlowitschs Garten begrenzt wurde. Dort suchte er sich eine Stelle aus, und zwar offenbar dieselbe, wo einstmals auch Lisaweta, die Stinkende, über den Zaun gestiegen sein sollte. ›Wenn die hinübersteigen konnte‹, ging es ihm, Gott weiß warum, durch den Kopf, ›weshalb sollte ich nicht hinüberkommen?‹ Und wirklich, er sprang hoch und schaffte es gleich beim erstenmal, den oberen Rand des Zaunes mit der Hand zu fassen; danach zog er sich energisch hinauf und setzte sich rittlings auf den Zaun. Nicht weit von dort stand im Garten das Badehäuschen; auch waren vom Zaun aus die erleuchteten Fenster des Hauses zu sehen. ›Es stimmt, beim Alten im Schlafzimmer ist Licht, sie ist da!‹ Und er sprang vom Zaun in den Garten. Obwohl er wußte, daß Grigori krank war und Smerdjakow vielleicht ebenfalls, daß ihn also niemand hören konnte, versteckte er sich doch instinktiv, stand regungslos an einer Stelle und horchte. Aber überall herrschte totes Schweigen; auch die Luft war, wie absichtlich, ganz ruhig, nicht der leiseste Windhauch regte sich.

»Und ringsum flüstert nur die Stille … » Dieser Vers fiel ihm aus irgendeinem Grund ein. ›Wenn bloß keiner gehört hat, wie ich herübergesprungen bin! Wie es scheint, hat es wirklich keiner gehört … ›Nachdem er ein Weilchen regungslos gestanden hatte, ging er leise durch den Garten. Es dauerte lange, da er immer wieder hinter Bäumen und Büschen Deckung suchte, bemüht, jeden Schritt unhörbar zu machen, und nach jedem Schritt lauschte. Nach etwa fünf Minuten war er an eines der erleuchteten Fenster gelangt. Er erinnerte sich, daß dort, dicht unter den Fenstern, einige große, dichte Holunder- und Schneeballsträuche standen. Die Tür vom Haus in den Garten, an der linken Seite der Rückwand des Hauses, war geschlossen. Darauf achtete er im Vorbeigehen absichtlich genau. Endlich hatte er die Sträucher erreicht und versteckte sich hinter ihnen. Er atmete unhörbar. ›Ich muß hier warten!‹ dachte er. Wenn sie meine Schritte gehört haben und jetzt horchen, so sollen sie glauben, daß sie sich geirrt haben … Wenn ich nur nicht husten oder niesen muß!‹

Er wartete etwa zwei Minuten lang; sein Herz schlug furchtbar, und zeitweilig glaubte er zu ersticken. ›Nein, das Herzklopfen wird nicht aufhören‹, dachte er. ›Ich kann nicht länger warten!‹ Er stand hinter einem Strauch im Schatten; die vordere Hälfte des Strauches war vom Fenster her erleuchtet. »Das ist ein Schneeballstrauch, wie rot die Beeren sind!« flüsterte er vor sich hin, ohne zu wissen, warum. Leise, mit unhörbaren Schritten, trat er ans Fenster und stellte sich auf die Zehenspitzen. Fjodor Pawlowitschs Schlafzimmer lag vor Ihm wie auf der flachen Hand. Es war ein kleines Zimmer, durch einen roten Wandschirm, einen »chinesischen Schirm«, wie ihn Fjodor Pawlowitsch nannte, quergeteilt. ›Da ist der chinesische Schirm!‹ schoß es Mitja durch den Kopf. Und da hinter dem Schirm ist Gruschenka!‹ Er betrachtete Fjodor Pawlowitsch. Der trug seinen neuen, gestreiften, seidenen Schlafrock – und die seidene Schnur mit Quasten –, den Mitja noch nie an ihm gesehen hatte. Aus dem Brustaufschlag sah saubere, elegante Wäsche hervor, ein feines Hemd aus holländischem Leinen mit goldenen Knöpfen. Um den Kopf hatte Fjodor Pawlowitsch den roten Verband, den schon Aljoscha an ihm gesehen hatte. ›Er hat sich fein gemacht‹, dachte Mitja. Fjodor Pawlowitsch stand nahe am Fenster, offensichtlich in Gedanken versunken; plötzlich hob er den Kopf und horchte einen Augenblick. Da er jedoch nichts hörte, trat er an den Tisch, goß sich aus einer Karaffe ein halbes Gläschen Kognak ein und trank es aus. Dann seufzte er tief, stand wieder ein Weilchen still, trat zerstreut an den Spiegel am Fensterpfeiler, schob mit der rechten Hand den roten Verband ein wenig nach oben und betrachtete seine blauen Flecke und die Schorfe, die noch nicht verschwunden waren. ›Er ist allein!‹ dachte Mitja. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist er allein … Fjodor Pawlowitsch trat vom Spiegel zurück, wandte sich plötzlich dem Fenster zu und blickte hinaus. Mitja sprang sofort zurück in den Schatten.

›Sie ist vielleicht hinter dem Schirm, möglicherweise schläft sie schon?‹ Dieser Gedanke versetzte ihm einen Stich ins Herz. Fjodor Pawlowitsch trat vom Fenster zurück. ›Er hält nach ihr Ausschau, also ist sie nicht bei ihm – welchen Grund hätte er sonst, in die Dunkelheit zu starren? Offenbar verzehrt ihn die Ungeduld … ›Mitja sprang sogleich wieder ans Fenster und schaute von neuem hinein. Der Alte saß jetzt an einem Tischchen, sichtlich in gedrückter Stimmung. Endlich stützte er den rechten Ellenbogen auf den Tisch und legte die Handfläche an die Backe. Mitja beobachtete ihn mit größter Spannung.

›Er ist allein, er ist allein!‹ sagte er sich wieder. ›Wenn sie da wäre, würde er ein anderes Gesicht machen!‹ Merkwürdig: in seinem Herzen regte sich auf einmal ein sinnloser, absonderlicher Ärger darüber, daß sie nicht da war. ›Nein, nicht darüber, daß sie nicht da ist‹, gab sich Mitja, der sich sofort über sein Gefühl klarzuwerden suchte, selbst Antwort. ›Eher darüber, daß ich beim besten Willen nicht zuverlässig herausbekommen kann, ob sie da ist oder nicht.‹ Mitja erinnerte sich später, daß sein Geist in jenem Augenblick völlig klar gewesen war, daß er sich alles bis in die geringste Einzelheit deutlich vorgestellt und jeden Umstand bemerkt hatte. Aber der Mißmut darüber, daß er nichts Bestimmtes wußte und infolgedessen auch keinen Entschluß fassen konnte, wuchs in seinem Herzen mit maßloser Schnelligkeit. Ist sie nun eigentlich hier oder nicht?‹ fragte er sich voller Wut. Und plötzlich faßte er einen Entschluß, streckte die Hand aus und klopfte leise an den Fensterrahmen. Er klopfte das Signal, das der Alte mit Smerdjakow verabredet hatte: die beiden ersten Male langsam und dann dreimal schneller – das Signal, welches bedeutete, Gruschenka ist gekommen! Der Alte fuhr zusammen, hob den Kopf, sprang auf und stürzte ans Fenster. Mitja sprang in den Schatten zurück. Fjodor Pawlowitsch öffnete das Fenster und steckte den Kopf hinaus.

»Gruschenka, du? Bist du es?« sagte er flüsternd, mit zitternder Stimme. »Wo bist du, meine Teure? Mein Engelchen, wo bist du?«

Er war schrecklich aufgeregt und atmete nur mühsam.

›Er ist allein!‹ sagte sich Mitja mit Bestimmtheit.

»Wo bist du denn?« rief der Alte wieder, streckte den Kopf noch weiter heraus, mitsamt den Schultern, und sah sich nach allen Seiten um. »Komm doch her! Ich habe ein kleines Geschenk für dich zurechtgemacht. Komm, ich will es dir zeigen!«

›Er meint das Kuvert mit den dreitausend Rubeln!‹ sagte sich Mitja.

»Wo bist du denn? Bist du etwa an der Tür? Warte, gleich werde ich aufmachen …«

Und der Alte kroch beinahe aus dem Fenster, indem er sich bemühte, nach rechts zur Gartentür zu sehen und in der Dunkelheit zu unterscheiden, ob da jemand stand. Noch eine Sekunde, und er wäre hingelaufen, um die Tür aufzuschließen, ohne Gruschenkas Antwort abzuwarten. Mitja sah ihn von der Seite und rührte sich nicht. Das ganze widerwärtige Profil des Alten, das herabhängende Doppelkinn, die gekrümmte Nase, die in wollüstiger Erwartung lächelnden Lippen, all das wurde vom Licht der Lampe, das schräg von links aus dem Zimmer fiel, hell beleuchtet. Eine rasende Wut loderte plötzlich in Mitjas Herzen auf: ›Da ist er, mein Nebenbuhler, der böse Dämon meines Lebens!‹ Das war ein Anfall jener plötzlichen, rachsüchtigen, rasenden Wut, von der er, wie in einer Vorahnung, in dem Gespräch mit Aljoscha vor vier Tagen in der Laube gesprochen und auf Aljoschas Frage: »Wie kannst du nur sagen, du würdest den Vater töten?« geantwortet hatte.

»Ich weiß nicht, ich weiß nicht«, hatte er gesagt, »vielleicht ermorde ich ihn nicht, aber vielleicht tue ich es. Ich fürchte, er wird mir plötzlich verhaßt sein durch sein Gesicht in jenem Augenblick. Ich hasse sein Doppelkinn, seine Nase, seine Augen, sein schamloses Lachen. Ich empfinde einen physischen Ekel vor ihm. Das ist es, was ich befürchte: Dann werde ich mich nicht beherrschen können!«

Der physische Ekel wuchs unerträglich. Mitja wußte nicht mehr, was er tat, und zog plötzlich den Messingstößel aus der Tasche …

›Gott muß mich damals behütet haben‹, sagte Mitja später, zur selben Zeit erwachte auf seinem Lager der kranke Grigori Wassiljewitsch. Am Abend dieses Tages hatte er sich der Kur unterzogen, von der Smerdjakow Iwan Fjodorowitsch berichtet hatte; er hatte sich mit einem geheimnisvollen starken Branntweinaufguß eingerieben, den Rest zu einem bestimmten Gebet, das seine Gattin flüsterte, ausgetrunken und sich dann schlafen gelegt. Marfa Ignatjewna hatte ebenfalls ein wenig von dem Branntwein genossen und war, da sie Alkohol nicht gewöhnt war, an der Seite ihres Mannes in einen todähnlichen Schlaf gesunken. Aber da erwachte Grigori auf einmal ganz unerwartet in der Nacht, überlegte einen Augenblick und richtete sich im Bett auf, obgleich er sofort wieder einen starken Schmerz im Kreuz spürte. Dann überlegte er noch ein wenig, stand auf und kleidete sich rasch an. Vielleicht hatte er Gewissensbisse, daß er schlief, während das Haus »in so einer gefährlichen Zeit« ohne Wächter war. Smerdjakow lag, von seinem epileptischen Anfall entkräftet, in der Kammer nebenan, ohne sich zu rühren. Marfa Ignatjewna bewegte sich nicht. ›Das Weib ist schwach geworden!‹ dachte Grigori Wassiljewitsch bei ihrem Anblick und trat ächzend auf die Stufen vor der Haustür hinaus. Allerdings wollte er sich nur von dort aus umsehen, da er sich nicht imstande fühlte zu gehen; der Schmerz im Kreuz und im rechten Bein war unerträglich. Aber da fiel ihm ein, daß er das Pförtchen zum Garten am Abend nicht zugeschlossen hatte. Er war peinlich gewissenhaft und hielt aufs strengste an der einmal eingeführten Ordnung und an langjährigen Gewohnheiten fest. Hinkend und schmerzverkrümmt stieg er die Stufen hinab und wandte sich dem Garten zu. Und richtig: die Pforte stand weit offen. Mechanisch ging er in den Garten hinein; vielleicht schwante ihm etwas, vielleicht hatte er irgendeinen Laut gehört; doch als er nach links schaute, erblickte er das geöffnete Fenster, wo jetzt niemand mehr heraussah.

›Warum ist das Fenster offen? Es ist doch jetzt nicht Sommer!‹ dachte Grigori.

Und plötzlich gewahrte er undeutlich vor sich im Garten etwas Außergewöhnliches. Ungefähr vierzig Schritte vor ihm schien in der Dunkelheit ein Mensch zu laufen; sehr schnell bewegte sich da ein Schatten.

»Herrgott!« sagte Grigori und lief los, seine Kreuzschmerzen vergessend, um dem Laufenden den Weg abzuschneiden.

Er schlug einen kürzeren Weg ein, da ihm der Garten offensichtlich besser bekannt war als dem Flüchtenden. Der aber lief zum Badehäuschen, dann um dieses herum und stürzte auf den Zaun zu. Grigori folgte ihm, ohne ihn aus den Augen zu verlieren und ohne an sich selbst zu denken. Er kam gerade in dem Augenblick zum Zaun, als der Flüchtling schon hinaufstieg. Außer sich vor Wut brüllte Grigori los, stürzte zu ihm hin und klammerte sich mit beiden Händen an sein Bein.

Richtig, seine Ahnung hatte ihn nicht getrogen, er erkannte ihn. Er war es, »der entsetzliche Vatermörder«!

»Vatermörder! schrie der Alte, daß es weithin zu hören war. Mehr konnte er nicht schreien. Wie vom Blitz getroffen, fiel er plötzlich zu Boden. Mitja sprang wieder in den Garten und beugte sich über ihn. In der Hand hatte Mitja den Messingstößel; er schleuderte ihn mechanisch von sich ins Gras. Der Stößel fiel zwei Schritte neben Grigori nieder, aber nicht ins Gras, sondern auf den Weg, auf die sichtbarste Stelle. Einige Sekunden betrachtete Mitja den Alten: Sein Kopf war ganz voll Blut. Mitja streckte die Hand aus und begann ihn zu betasten. Er erinnerte sich später deutlich, daß ihm in jenem Moment sehr daran gelegen war, »genau zu konstatieren«, ob er dem Alten den Schädel zerschmettert oder ihn nur »betäubt« hatte. Das Blut strömte heftig und übergoß mit heißem Strahl Mitjas zitternde Finger. Er erinnerte sich später auch, daß er sein reines weißes Taschentuch, das er sich extra für den Besuch Frau Chochlakowa eingesteckt hatte, aus der Tasche zog und es dem Alten an den Kopf hielt in dem sinnlosen Bemühen, ihm das Blut von der Stirn und vom Gesicht abzuwischen. Aber auch das Tuch war augenblicklich von Blut durchtränkt.

›Herrgott, wozu tue ich das?‹ fragte sich Mitja, plötzlich zur Besinnung kommend. Wenn ich ihm den Schädel eingeschlagen habe, wie soll ich das jetzt feststellen? Und es ist ja jetzt auch ganz gleich! Habe ich ihn totgeschlagen, so habe ich ihn eben totgeschlagen …‹ »Der Alte ist mir in die Quere gekommen soll er nun daliegen!« sagte er laut, stürzte plötzlich zum Zaun, sprang hinüber in die Seitengasse und lief fort.

Das blutdurchtränkte Taschentuch hielt er zusammengeballt in der rechten Faust und steckte es im Laufen in die hintere Rocktasche. Er lief Hals über Kopf, und mehrere der wenigen Passanten, die ihm in der Dunkelheit auf den Straßen der Stadt begegneten, erinnerten sich später, in jener Nacht einen wie irr laufenden Menschen gesehen zu haben. Er rannte wieder zum Haus der Frau Morosowa. Gleich nachdem Mitja vorhin gegangen war, hatte Fenja den Hausknecht Nasar Iwanowitsch »um Christi willen« gebeten, »den Hauptmann nicht mehr hereinzulassen, weder heute noch morgen«. Nasar Iwanowitsch hatte es ihr versprochen; unglücklicherweise aber war er plötzlich zur gnädigen Frau gerufen worden und hatte seinem Neffen, einem etwa zwanzigjährigen, erst unlängst vom Lande gekommenen Burschen, aufgetragen, auf dem Hof Wache zu halten; dabei hatte er jedoch vergessen, ihm wegen des Hauptmanns anzuweisen. Als Mitja am Tor ankam, klopfte er. Der Bursche erkannte ihn sofort; Mitja hatte ihm oft Trinkgeld gegeben. Er ließ ihn unverzüglich ein und teilte ihm vergnügt lächelnd im voraus mit, Agrafena Alexandrowna sei jetzt nicht zu Hause.

»Wo ist sie denn, Prochor?« fragte Mitja und blieb jäh stehen.

»Sie ist weggefahren, vor ungefähr zwei Stunden, mit Timofej. Nach Mokroje.«

»Wieso denn das?« schrie Mitja.

»Das weiß ich nicht. Zu einem Offizier, glaube ich. Jemand hat sie rufen lassen. Von dort ist auch ein Wagen geschickt worden …«

Mitja ließ ihn stehen und lief wie wahnsinnig zu Fenja hinein.

5. Ein plötzlicher Entschluß

Fenja saß mit ihrer Großmutter in der Küche; sie waren gerade dabei, sich schlafen zu legen. Im Vertrauen auf Nasar Iwanowitsch hatten sie wieder nicht von innen abgeschlossen. Mitja kam herein, stürzte sich auf Fenja und packte sie fest an der Kehle.

»Jetzt sprich, wo ist sie, mit wem ist sie jetzt in Mokroje!« brüllte er wütend.

Die beiden Frauen kreischten auf.

»Ich werde es sagen, Täubchen Dmitri Fjodorowitsch! Ich werde gleich alles sagen, nichts werde ich verheimlichen!« schrie die zu Tode erschrockene Fenja hastig. »Sie ist zu einem Offizier nach Mokroje gefahren.«

»Zu was für einem Offizier?« brüllte Mitja.

»Zu ihrem früheren Offizier, zu ihrem früheren, zu dem, der sie vor fünf Jahren sitzenließ«, sagte Fenja mit derselben Eilfertigkeit.

Dmitri Fjodorowitsch nahm die Hände von ihrer Kehle. Leichenblaß, unfähig zu reden, stand er vor ihr; doch war an seinen Augen zu sehen, daß er alles mit einemmal verstanden, alles bis ins letzte erraten hatte. Die arme Fenja war in dieser Sekunde freilich nicht imstande, zu beobachten, ob er es verstanden hatte oder nicht. Sie blieb in der Haltung, in der sie auf dem Schlafkasten gesessen hatte, als er hereingestürzt kam; sie zitterte am ganzen Körper und hielt beide Hände von sich gestreckt, als wolle sie sich schützen. Mit angstvollen, geweiteten Augen starrte sie ihn an, ohne sich zu rühren. Hinzu kam noch, daß Mitjas Hände mit Blut befleckt waren. Unterwegs beim Laufen hatte er seine Stirn mit ihnen berührt, um sich den Schweiß abzuwischen, so daß auch auf der Stirn und auf der rechten Backe rote Flecke von verschmiertem Blut zurückgeblieben waren. Fenja war nahe daran, einen Weinkrampf zu bekommen; die alte Köchin war aufgesprungen und blickte ihn fast bewußtlos an. Dmitri Fjodorowitsch stand eine lange Zeit regungslos da und ließ sich dann plötzlich mechanisch neben Fenja auf einen Stuhl fallen.

Er saß da, ohne eigentlich zu denken; er befand sich vor Schreck eher in einem Starrkrampf. Aber ihm war alles sonnenklar: Dieser Offizier … Er hatte über ihn Bescheid gewußt, ganz genau, aus Gruschenkas eigenem Mund; er hatte gewußt, daß er vor einem Monat einen Brief geschickt hatte. Also einen ganzen Monat hatte dieses Spiel gedauert, und man hatte es vor ihm geheimgehalten, bis dieser neue Mann jetzt wirklich gekommen war – und er hatte mit keinem Gedanken an ihn gedacht! Wie war das nur möglich, daß er nicht an ihn gedacht hatte? Warum hatte er diesen Offizier damals so vollständig vergessen, kaum daß er von ihm gehört hatte? Das war eine Frage, die wie ein Ungeheuer vor ihm stand. Und er betrachtete dieses Ungeheuer voller Angst, und die Glieder waren ihm kalt geworden vor Schreck.

Plötzlich aber begann er leise und sanft mit Fenja zu sprechen, wie ein stilles, freundliches Kind, als habe er ganz vergessen, daß er sie soeben erschreckt, beleidigt und gequält hatte. Er begann, sie auszufragen, und zwar mit einer außerordentlichen, für seine Lage sogar erstaunlichen Genauigkeit. Fenja sah zwar scheu auf seine blutigen Hände, antwortete ihm jedoch ebenfalls mit erstaunlicher Bereitwilligkeit und Eile auf jede Frage. Sie schien es sogar eilig zu haben, ihm die ganze »wahrhaftige Wahrheit« auseinanderzusetzen. Allmählich begann sie ihm beinahe freudig alle Einzelheiten darzulegen, und zwar durchaus nicht in der Absicht, ihn zu quälen, sondern als wollte sie ihm nach besten Kräften und von Herzen einen Dienst erweisen. Eingehend erzählte sie ihm auch den gesamten Verlauf des heutigen Tages: vom Besuch Rakitins und Aljoschas; wie sie, Fenja, auf der Lauer gestanden habe; wie das gnädige Fräulein weggefahren sei; wie sie Aljoscha aus dem Fenster einen Gruß an ihn, Mitenka, aufgetragen habe, und er solle sein Leben lang daran denken, daß sie ihn ein Stündchen geliebt habe. Als Mitja von diesem Gruß hörte, lächelte er plötzlich, und eine helle Röte trat auf sein blasses Gesicht. In diesem Augenblick sagte Fenja, ohne sich im geringsten wegen ihrer Neugier zu fürchten: »Aber wie sehen denn Ihre Hände aus, Dmitri Fjodorowitsch? Die sind ja ganz voll Blut!«

»Ja«, antwortete Mitja mechanisch, warf einen zerstreuten Blick auf seine Hände und vergaß sie und Fenjas Frage sofort wieder. Er versank wieder in Schweigen. Seitdem er hereingestürzt war, waren schon etwa zwanzig Minuten vergangen. Sein Schreck von vorhin war verflogen; offenbar hatte sich jetzt eine unbeugsame Entschlossenheit seiner bemächtigt. Er erhob sich auf einmal von seinem Platz und lächelte gedankenversunken.

»Gnädiger Herr, was ist denn bloß mit Ihnen geschehen?« fragte Fenja und zeigte wieder auf seine Hände. Sie sagte das mitfühlend, als sei sie dasjenige Wesen, das ihm jetzt in seinem Kummer am nächsten stände.

Mitja blickte wieder auf seine Hände.

»Das ist Blut, Fenja«, sagte er und sah sie mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an. »Das ist Menschenblut … Und warum ist es vergossen worden? O Gott, Fenja! Da ist ein Zaun…« Er schaute sie an, als wollte er ihr ein Rätsel aufgeben. »Ein hoher Zaun, schrecklich anzusehen … Aber morgen, bei Tagesanbruch, wenn die Sonne in die Höhe fliegt, dann wird Mitenka über diesen Zaun springen … Du verstehst nicht, was das für ein Zaun ist, Fenja. … Nun, das schadet nichts … Ganz gleich, morgen wirst du es hören und alles verstehen … Und jetzt lebe wohl! Ich werde nicht stören, ich werde beiseite treten, ich werde es fertigbringen, beiseite zu treten. Lebe du nur, du meine Freude! Du hast mich ein Stündchen geliebt – so erinnere denn auch du dich dein Leben lang an Mitenka Karamasow … Sie nannte mich ja immer Mitenka, erinnerst du dich?«

Mit diesen Worten verließ er plötzlich die Küche. Fenja aber erschrak über sein Weggehen fast noch mehr als vorher, als er hereingekommen war und sich auf sie gestürzt hatte.

Genau zehn Minuten später betrat Dmitri Fjodorowitsch die Wohnung des jungen Beamten Pjotr Iljitsch Perchotin, bei dem er vor kurzem seine Pistolen versetzt hatte. Es war schon halb neun, und Pjotr Iljitsch, der zu Hause Tee getrunken hatte, war soeben wieder beim Ankleiden, um ins Restaurant »Zur Residenz« zu gehen und dort Billard zu spielen. Mitja traf ihn noch gerade vor dem Weggehen an. Als der Beamte ihn und sein blutbeflecktes Gesicht erblickte, schrie er laut auf.

»Herrgott! Was ist denn mit Ihnen geschehen?«

»Ich bin gekommen«, antwortete Mitja hastig, »um mir meine Pistolen wiederzuholen und Ihnen Ihr Geld zu bringen. Vielen Dank! Ich habe es sehr eilig, Pjotr Iljitsch. Bitte, machen Sie recht schnell!«

Pjotr Iljitsch staunte immer mehr. Er sah auf einmal in Mitjas Hand ein Päckchen Papiergeld; die Hauptsache aber war, daß Mitja dieses Päckchen hielt und mit ihm hereinkam, wie kein Mensch Geld hält und mit Geld hereinkommt: alle Banknoten trug er wie zur Schau in der rechten Hand, die er steif vor sich her hielt. Pjotr Iljitschs junger Diener, der Mitja im Vorzimmer empfangen hatte, sagte später aus, er sei so, mit dem Geld in der Hand, auch ins Vorzimmer hereingekommen, er mußte es also auch schon auf der Straße so vor sich her getragen haben. Es waren lauter regenbogenfarbene Hundertrubelscheine, die er in seinen blutbefleckten Fingern hielt. Als Pjotr Iljitsch später von interessierten Personen befragt wurde, wie viel Geld es gewesen sei, erklärte er, das habe sich damals nach dem Augenschein schwer beurteilen lassen, vielleicht zweitausend Rubel, vielleicht dreitausend; jedenfalls sei es ein großes, »kompaktes« Päckchen gewesen. »Dmitri Fjodorowitsch selbst«, sagte der Beamte später ebenfalls aus, »machte den Eindruck, als sei er nicht bei Sinnen. Er war jedoch nicht betrunken, sondern befand sich in einer gewissen Verzückung, er war sehr zerstreut, zugleich aber auch in sich gekehrt, als ob er über etwas nachdächte und sich klarzuwerden suchte, aber zu keinem Entschluß kommen könnte. Er hatte es sehr eilig, antwortete kurz und in seltsamem Ton; und manchmal schien er ganz und gar nicht traurig, sondern eher vergnügt zu sein.«

»Was ist denn mit Ihnen los? Was ist Ihnen denn passiert?« rief Pjotr Iljitsch wieder und betrachtete scheu seinen Gast. »Wie haben Sie sich denn so blutig gemacht? Sind Sie gefallen? Sehen Sie nur!«

Er faßte ihn am Ellenbogen und stellte ihn vor den Spiegel.

Als Mitja sein blutbeflecktes Gesicht sah, zuckte er zusammen und runzelte ärgerlich die Augenbrauen.

»Pfui Teufel! Das fehlte noch!« murmelte er zornig, nahm schnell die Banknoten aus der rechten Hand in die linke und zog mit einer krampfhaften Bewegung sein Taschentuch aus der Tasche. Aber auch das Tuch war ganz voll Blut, denn mit ihm hatte er Grigori den Kopf und das Gesicht abgewischt, fast kein einziges Fleckchen war weiß geblieben, und das Tuch war nicht nur getrocknet, sondern hatte sich zu einem Ballen verhärtet und wollte sich nicht auseinanderfalten lassen.

Mitja schleuderte es wütend auf den Fußboden.

»Zum Teufel! Haben Sie nicht irgendeinen Lappen, damit ich mich abwischen kann?«

»Also haben Sie sich nur beschmiert und sind gar nicht verwundet? Dann waschen Sie sich doch lieber!« antwortete Pjotr Iljitsch. »Da ist der Waschtisch, ich werde Ihnen behilflich sein.«

»Der Waschtisch? Ja, das ist gut … Aber wo soll ich denn hiermit hin?« fragte er, deutete dabei in seltsamer Ratlosigkeit auf sein Päckchen Hundertrubelscheine und blickte Pjotr Iljitsch fragend an, als ob der zu entscheiden hätte, wo Mitja sein eigenes Geld lassen sollte.

»Stecken Sie es doch in die Tasche, oder legen Sie es hier auf den Tisch, es wird nicht fortkommen.«

»In die Tasche? Ja, in die Tasche. Das ist gut … Ach, wissen Sie, das ist ja alles dummes Zeug!« rief er, als streifte er auf einmal seine Zerstreutheit ab. »Sehen Sie, wir wollen erst dieses Geschäft erledigen. Das mit den Pistolen, meine ich. Geben Sie sie mir zurück, da ist Ihr Geld. . . Ich brauche sie sehr, sehr dringend … Und ich habe nicht eine Minute Zeit …«

Er nahm den obersten Hundertrubelschein von dem Päckchen und reichte ihn dem Beamten.

»Aber ich werde nicht herausgeben können«, bemerkte der. »Haben Sie kein kleineres Geld?«

»Nein«, antwortete Mitja, wobei er wieder das Päckchen ansah. Dann blätterte er mit den Fingern die obersten zwei oder drei Scheine durch, als ob er seinem eigenen Wort nicht traute. »Nein, alles dieselbe Sorte«, fügte er hinzu und blickte wieder Pjotr Iljitsch fragend an.

»Woher sind Sie denn so reich geworden?« fragte der Beamte. »Warten Sie, ich werde meinen Burschen zu den Plotnikows schicken. Die schließen ihr Geschäft erst spät und werden wohl wechseln können. He, Mischa!« rief er ins Vorzimmer.

»Zum Laden von Plotnikow – das ist ja herrlich!« rief Mitja. Ein neuer Gedanke schien ihn erleuchtet zu haben. »Mischa!«

sagte er zu dem Burschen. »Weißt du was, lauf doch mal zu Plotnikows und sag, Dmitri Fjodorowitsch läßt grüßen und kommt gleich selber hin. Und noch etwas. Sie sollen, bis ich dort bin, Champagner bereitstellen, so etwa drei Dutzend Flaschen, und sie so einpacken wie damals, als ich nach Mokroje gefahren bin … Ich habe damals vier Dutzend bei ihnen genommen«, sagte er auf einmal zu Pjotr Iljitsch. Und wieder an den Burschen gewandt: »Sie wissen schon Bescheid, sei unbesorgt, Mischa. Weiter. Ich möchte auch Käse haben und Straßburger Pasteten und geräucherte Schnäpel und Schinken und Kaviar – na, kurz alles, was sie haben, ungefähr für hundert oder hundertzwanzig Rubel, wie voriges Mal … Und sie sollen auch die Süßigkeiten nicht vergessen, Konfekt und Birnen und zwei oder drei oder vier Wassermelonen … Nein, Wassermelonen, da reicht eine, aber Schokolade, Kandiszucker, Montpensier, Sahnebonbons – na, alles, was sie mir damals für Mokroje eingepackt haben. Mit dem Champagner soll es ungefähr dreihundert Rubel kosten … Behalte alles richtig, Mischa, wenn du Mischa bist … Er heißt doch Mischa?« wandte er sich wieder an Pjotr Iljitsch.

»Halt, halt!« unterbrach ihn Pjotr Iljitsch, der ihn beunruhigt anhörte und ansah. »Es ist schon besser, wenn Sie selbst hingehen und alles sagen; er wird es durcheinanderbringen!«

»Er wird es durcheinanderbringen, ja, das sehe ich. Ach, Mischa, ich wollte dir schon einen Kuß geben für dieses Bestellung. Wenn du nichts durcheinanderbringst, bekommst du zehn Rubel, mach schnell! Champagner, das ist die Hauptsache, und Kognak auch, und Rotwein und Weißwein auch, alles wie damals … Sie wissen schon, wie es damals war.«

»Aber hören Sie doch!« unterbrach ihn Pjotr Iljitsch, der nun schon ungeduldig wurde. »Ich sage, er soll nur zum Wechseln hinlaufen und bestellen, sie möchten den Laden nicht zumachen. Und dann gehen Sie hin und geben Ihre Aufträge! Geben Sie Ihre Banknote her … Und nun marsch, Mischa! Lauf, was du kannst!«

Pjotr Iljitsch hatte seinen Burschen offenbar absichtlich schnell weggeschickt, denn dieser hatte die ganze Zeit vor Mitja gestanden und mit weit aufgerissenen Augen dessen blutiges Gesicht und die blutbefleckten Hände mit dem Geldpäckchen in den zitternden Fingern angestarrt und wahrscheinlich nur wenig von dem begriffen, was ihm Mitja auftrug.

»Na, jetzt kommen Sie, waschen Sie sich!« sagte Pjotr Iljitsch mürrisch. »Legen Sie das Geld auf den Tisch. Oder stecken Sie es in die Tasche! So ist es gut, kommen Sie! Aber ziehen Sie doch den Rock aus!«

Er half ihm beim Ausziehen des Rockes und schrie auf einmal wieder auf. »Sehen Sie nur, auch Ihr Rock ist blutig!«

»Das … das ist nicht der Rock. Nur hier am Ärmel ein bißchen. Und nur da, wo das Taschentuch gesteckt hat. Das Blut ist aus der Tasche durchgesickert. Ich habe mich bei Fenja auf die Tasche mit dem Tuch gesetzt, und da ist das Blut durchgesickert«, erläuterte Mitja mit erstaunlicher Zutraulichkeit.

Pjotr Iljitsch hörte mit finsterer Miene zu.

»Da haben Sie aber Pech gehabt. Sie haben sich wohl mit jemand geprügelt?« brummte er.

Die Prozedur des Waschens begann. Pjotr Iljitsch hielt die Kanne und goß Mitja Wasser auf die Hände. Mitja hatte es sehr eilig und seifte sich die Hände schlecht ein. Die Hände zitterten ihm, wie Pjotr Iljitsch sich später erinnerte. Pjotr Iljitsch schlug ihm sogleich vor, sich besser einzuseifen und kräftiger abzureiben. Er gewann in diesem Augenblick über Mitja die Oberhand, und das wurde mit der Zeit immer deutlicher. Wir bemerken bei dieser Gelegenheit, der junge Mann war durchaus nicht schüchtern.

»Sehen Sie nur, Sie haben sich unter den Nägeln nicht eingeseift. So, jetzt reiben Sie sich das Gesicht ab, sehen Sie da, an der Schläfe, am Ohr … Wollen Sie etwa in diesem Hemd fahren? Wohin fahren Sie eigentlich? Sehen Sie nur, am rechten Ärmel ist die ganze Manschette blutig!«

»Ja, sie ist blutig«, bemerkte Mitja, während er die Manschette betrachtete.

»Wechseln Sie doch die Wäsche!«

»Ich habe keine Zeit. Aber wissen Sie was, ich werde …«, fuhr Mitja mit derselben Zutraulichkeit fort; dabei trocknete er sich bereits Gesicht und Hände ab und zog sich den Rock an. »Ich werde das untere Ende des Ärmels umschlagen, dann wird es unter dem Rock nicht zu sehen sein … Sehen Sie, so!«

»Jetzt sagen Sie mir endlich, wie Ihnen das passiert ist! Haben Sie sich mit jemand geschlagen, ja? Vielleicht wieder im Restaurant wie damals? Haben Sie wieder etwas mit dem Stabskapitän gehabt? Haben Sie ihn wieder geprügelt und am Bart gezogen?« fragte Pjotr Iljitsch vorwurfsvoll. »Wen haben Sie denn sonst noch geprügelt … oder am Ende gar getötet?«

»Unsinn!« versetzte Mitja.

»Wieso Unsinn?«

»Das brauchen Sie nicht zu wissen«, erwiderte Mitja und lächelte plötzlich. »Ich habe eben auf dem Marktplatz eine alte Frau totgedrückt.«

»Totgedrückt? Eine alte Frau?«

»Einen alten Mann!« schrie Mitja und lachte Pjotr Iljitsch so laut ins Gesicht, als ob der taub wäre.

»Hol‘ Sie der Teufel, einen alten Mann, eine alte Frau … Haben Sie wirklich jemand totgeschlagen?«

»Wir haben uns wieder versöhnt. Wir sind aneinandergeraten und haben uns wieder versöhnt. Auf der Stelle. Wir sind als Freunde auseinandergegangen. Ein Dummkopf … Er hat mir verziehen … Jetzt hat er mir gewiß verziehen … Wenn er aufgestanden wäre, hätte er mir gewiß nicht verziehen«, fügte Mitja plötzlich hinzu und zwinkerte dazu mit den Augen. »Ach wissen Sie, hol‘ ihn der Teufel! Hören Sie mal, Pjotr Iljitsch! Zum Teufel, das brauchen Sie nicht zu wissen! In diesem Augenblick will ich es nicht sagen!« schloß Mitja kurz und entschieden.

»Ich frage ja nur deswegen, weil es Ihre besondere Vorliebe ist, sich mit jedem anzulegen. So wie damals aus ganz unbedeutendem Anlaß mit diesem Stabskapitän … Sie haben sich geprügelt und fahren nun zu einem Trinkgelage – da sieht man Ihren ganzen Charakter! Drei Dutzend Flaschen Champagner wozu denn so viel?«

»Bravo! Geben Sie nun die Pistolen her! Bei Gott, ich habe keine Zeit. Ich würde gern ein bißchen mit dir schwatzen, Täubchen, aber ich habe keine Zeit. Und es ist auch gar nicht nötig! Es ist zu spät, um noch lange zu schwatzen. Halt, wo ist das Geld geblieben, wo habe ich es gelassen?« rief er und begann in den Taschen zu wühlen.

»Auf den Tisch haben Sie es gelegt … Sie selbst. Da liegt es ja. Haben Sie das vergessen? Wahrhaftig, Sie achten das Geld nicht höher als Unrat oder Wasser. Da sind Ihre Pistolen. Sonderbar, vorhin haben Sie sie für zehn Rubel als Pfand gegeben, und jetzt haben Sie auf einmal Tausende in Händen. Es sind doch wohl zwei- oder dreitausend?«

»Seien Sie unbesorgt, dreitausend«, erwiderte Mitja lachend und steckte das Geld in die Hosentasche.

»So werden Sie es verlieren. Sie besitzen wohl Goldbergwerke wie?«

»Goldbergwerke? Jawohl, Goldbergwerke!« schrie Mitja aus voller Kehle und brach in schallendes Gelächter aus. »Wollen Sie in die Goldbergwerke, Perchotin? Dann wird Ihnen eine Dame von hier dreitausend Rubel geben, damit Sie nur hinfahren. Mir hat sie sie gegeben – so sehr liebt sie die Goldbergwerke! Kennen Sie Frau Chochlakowa?«

»Nein, ich bin nicht mit ihr bekannt, aber ich habe von ihr gehört und sie gesehen. Hat die Ihnen wirklich die dreitausend Rubel gegeben? So einfach gegeben?« fragte Pjotr Iljitsch mit ungläubiger Miene.

»Gehen Sie doch morgen, wenn die Sonne in die Höhe fliegt, wenn der ewig junge Phöbus, Gott lobend und preisend, in die Höhe fliegt, zu Frau Chochlakowa, und fragen Sie sie selbst, ob sie mir dreitausend Rubel gegeben hat oder nicht. Fragen Sie sie doch!«

»Ich kenne Ihre Beziehungen nicht … Wenn Sie es so bestimmt sagen, wird sie die Ihnen schon gegeben haben … Sie aber … Kaum haben Sie das Geld in die Pfoten bekommen, fahren Sie statt nach Sibirien mit den ganzen dreitausend zu einem Gelage … Wohin fahren Sie jetzt eigentlich, he?«

»Nach Mokroje.«

»Nach Mokroje? Aber es ist doch Nacht!«

»Wanja war einst stolz und reich, jetzt ist er dem Bettler gleich«, sagte Mitja plötzlich.

»Wieso einem Bettler gleich? Wenn man so viele Tausende hat, ist man nicht einem Bettler gleich.«

»Ich rede nicht von den Tausenden. Zum Teufel mit den Tausenden! Ich rede vom Charakter der Weiber:

Denn das Weib ist falscher Art,
und die Arge liebt das Neue.

Ich bin mit Odysseus einverstanden, der sagt das irgendwo bei Schiller.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Bin ich etwa betrunken?«

»Nein, nicht betrunken, schlimmer als das.«

»Ich bin seelisch betrunken, Pjotr Iljitsch, seelisch betrunken! Aber genug davon, genug!«

»Was machen Sie denn da? Wollen Sie die Pistole laden?«

»Ja, das will ich.«

Mitja hatte in der Tat den Pistolenkasten geöffnet, er machte das Pulverhorn auf, schüttete sorgfältig die Ladung hinein und drückte sie fest. Darauf nahm er eine Kugel und hielt sie zwischen zwei Fingern, vor sich nahe an die Kerze, bevor er sie in den Lauf schob.

»Warum betrachten Sie denn die Kugel so?« fragte Pjotr Iljitsch, der mit Neugier und Unruhe Mitjas Bewegungen verfolgte.

»Nur so ein Einfall. Wenn du vorhättest, dir diese Kugel ins Gehirn zu jagen, würdest du sie dir dann beim Laden der Pistole genauer ansehen oder nicht?«

»Was für einen Sinn sollte das haben?«

»Sie wird in mein Gehirn eindringen – daher ist es interessant zu erfahren, wie sie beschaffen ist … Übrigens ist das Unsinn, bloß ein dummer Gedanke … So, fertig«, fügte er hinzu, nachdem er die Kugel hineingeschoben und mit Werg festgestopft hatte. »Lieber Pjotr Iljitsch, das ist ja alles nur Unsinn! Wenn du wüßtest, was für ein schrecklicher Unsinn! Bitte, gib mir jetzt ein Stückchen Papier!«

»Da ist welches.«

»Nein, glattes, reines, um darauf zu schreiben. So, schön!«

Mitja nahm eine Feder vom Tisch, schrieb schnell zwei Zeilen auf das Papier, faltete es vierfach zusammen und steckte es in seine Westentasche. Die Pistolen legte er in den Kasten, schloß ihn mit einem Schlüsselchen zu und nahm ihn in die Hand. Darauf blickte er Pjotr Iljitsch an und lächelte lange nachdenklich.

»Jetzt wollen wir gehen!« sagte er.

»Wohin denn? Nein, warten Sie … Am Ende wollen Sie sich die Kugel selbst ins Gehirn jagen?« sagte Pjotr Iljitsch beunruhigt.

»Unsinn! Ich will leben, ich liebe das Leben! Das sollst du wissen! Ich liebe den goldlockigen Phöbus und sein flammendes Licht … Lieber Pjotr Iljitsch, verstehst du, beiseite zu treten?«

»Beiseite zu treten, was soll das heißen?«

»Jemandem den Weg freigeben. Einem geliebten Wesen und einem verhaßten Menschen den Weg freigeben. Und zwar muß man den Weg so freigeben, daß einem auch der verhaßte Mensch lieb wird! Und man muß zu ihnen sagen: Gott sei mit euch, bitte, geht vorbei, ich aber …«

»Sie aber?«

»Genug, wir wollen gehen!«

»Mein Gott, ich werde jemand sagen, man soll Sie nicht dahin lassen. Was wollen Sie denn jetzt in Mokroje?«

»Eine Frau ist dort. Eine Frau, laß dir das genug sein, Pjotr Iljitsch. Basta!«

»Hören Sie mal, wenn Sie auch ein wilder Geselle sind, so haben Sie mir doch immer gefallen … deshalb mache ich mir jetzt Sorgen um Sie.«

»Ich danke dir, Bruder. Ich bin ein wilder Geselle, sagst du. Jawohl, die wilden Gesellen. Ich wiederhole nur das eine: die wilden Gesellen! Ah, da ist ja Mischa, ich hatte gar nicht mehr an ihn gedacht.«

Mischa kam eilig mit einem Päckchen eingewechselten Geldes herein und meldete, bei den Plotnikows seien alle in Bewegung und schleppten Flaschen und Fisch und Tee zusammen; gleich werde alles bereit sein. Mitja nahm einen Zehnrubelschein und reichte ihn Pjotr Iljitsch; einen zweiten warf er Mischa hin.

»Nein, tun Sie das nicht!« rief Pjotr Iljitsch. Bei mir zu Hause, das lasse ich nicht zu, das ist üble Verwöhnung! Stecken Sie Ihr Geld ein! Sehen Sie, hier stecken Sie es hin … Wozu wollen Sie es aus dem Fenster werfen? Morgen brauchen Sie es doch und kommen wieder zu mir zehn Rubel borgen. Warum stecken Sie denn alles in die Seitentasche? Sie werden es noch verlieren!«

»Hör mal, lieber Mensch, wollen wir nicht zusammen nach Mokroje fahren?«

»Was soll ich denn da?«

»Hör mal, wenn es dir recht ist, mache ich gleich eine Flasche auf, und wir trinken auf das Leben! Ich möchte trinken, und ganz besonders mit dir trinken! Ich habe noch nie mit dir getrunken, wie?«

»Meinetwegen, im Restaurant können wir das ja tun. Gehen wir hin, ich wollte sowieso gerade hingehen.«

»In ein Restaurant zu gehen, dazu habe ich keine Zeit. Aber wir könnten es bei den Plotnikows im Laden tun, im Hinterzimmer. Wenn es dir recht ist, werde ich dir gleich ein Rätsel aufgeben.«

»Gib es auf.«

Mitja zog ein Zettelchen aus der Westentasche, faltete es auseinander und zeigte es dem Beamten. Auf dem Zettel stand mit deutlicher, großer Schrift: »Ich richte mich zur Strafe für mein ganzes Leben! Ich ahnde mein ganzes Leben!«

»Wirklich, ich muß es jemand sagen! Ich werde gehen und es anzeigen«, sagte Pjotr Iljitsch, als er den Zettel gelesen hatte.

»Da wirst du zu spät kommen, mein Täubchen! Los, wir wollen trinken! Vorwärts!«

Der Laden der Plotnikows lag nur wenige Häuser von Pjotr Iljitschs Wohnung entfernt, an der Straßenecke. Dies war das größte Delikatessengeschäft in unserer Stadt; es gehörte reichen Kaufleuten und war sehr gut eingerichtet. Es war dort alles zu haben, wie in den Geschäften der Residenz, alle möglichen guten Dinge: Wein (»Abzug der Gebrüder Jelissejew«). Früchte, Zigarren, Tee, Zucker, Kaffee und so weiter. Drei Gehilfen waren immer im Laden, zwei Laufburschen immer unterwegs. Obgleich unsere Gegend verarmt war, viele Gutsbesitzer weggezogen waren und der Handel am Boden lag, blühte dieses feine Geschäft doch wie früher, ja sogar von Jahr zu Jahr mehr. Für solche Dinge gab es allezeit Käufer. Mitja wurde im Laden mit Ungeduld erwartet. Man erinnerte sich noch sehr gut, wie er vor drei, vier Wochen auf dieselbe Weise alle möglichen Waren für mehrere hundert Rubel ausgesucht und bar bezahlt hatte – auf Borg hätte man ihm allerdings auch nichts gegeben – und wie er, ebenso wie jetzt, ein ganzes Päckchen Hundertrubelscheine in der Hand gehabt und das Geld unbedacht ausgegeben hatte, ohne zu handeln und zu überlegen, wozu er so viele Waren überhaupt brauchte. In der ganzen Stadt erzählte man später, er sei damals mit Gruschenka nach Mokroje gefahren, habe in einer Nacht und an dem folgenden Tag auf einen Schlag dreitausend Rubel vergeudet und sei von dem Gelage ohne eine Kopeke zurückgekehrt. Es hieß, er habe eine ganze Zigeunerhorde, die sich damals bei uns herumtrieb, mitgenommen, und die habe ihm in den zwei Tagen – betrunken wie er war – eine Unmenge Geld abgenommen und eine Unmenge teuren Wein getrunken. Man spottete über Mitja, er habe in Mokroje dumme Bauern mit Champagner betrunken gemacht und Bauernmädchen und Bauernfrauen mit Konfekt und Straßburger Pasteten gefüttert. Man lachte auch, und zwar besonders im Restaurant – allerdings nur hinter seinem Rücken, denn ihm ins Gesicht zu lachen, war etwas gefährlich –, über Mitjas eigenes offenherziges Geständnis, daß er von Gruschenka für diese ganze »Eskapade« keine andere Belohnung erhalten habe als die Erlaubnis, ihr Füßchen zu küssen; weiter habe sie ihm nichts gestattet.

Als Mitja und Pjotr Iljitsch zum Laden kamen, fanden sie am Eingang schon eine fahrbereite Troika vor, mit einem Wagen, der mit einem Teppich bedeckt war, mit Schellen und Glöckchen und dem Kutscher Andrej, der auf Mitja wartete. Im Laden war eine Kiste bereits mit Waren vollgepackt, und man wartete nur auf Mitja, um sie zuzumachen und auf den Wagen zu laden.

Pjotr Iljitsch war erstaunt.

»Wo hast du denn so schnell eine Troika herbekommen?« fragte er Mitja.

»Als ich zu dir lief, traf ich diesen Andrej und befahl ihm, direkt hierherzufahren. Es ist keine Zeit zu verlieren! Das vorige Mal fuhr ich mit Timofej, aber Timofej ist diesmal vor mir mit einer Zauberin davongefahren … Andrej, werden wir sehr viel später ankommen als sie?«

»Höchstens eine Stunde sind die früher da als wir, und auch das kaum! Kaum eine Stunde!« antwortete Andrej eilig. »Ich habe Timofej beim Anspannen geholfen – ich weiß, wie der fährt. Wir fahren anders als die, Dmitri Fjodorowitsch! Die können mit uns nicht mithalten. Keine Stunde kommen die früher an!« sagte Andrej eifrig. Er war noch nicht alt, ein magerer Bursche mit rötlichem Haar, in einem ärmellosen Wams, den Schoßrock über dem linken Arm.

»Fünfzig Rubel Trinkgeld, wenn wir nur eine Stunde später ankommen!«

»Nur eine Stunde, das garantiere ich Ihnen, Dmitri Fjodorowitsch! Ach was, keine halbe Stunde sind die früher da, geschweige denn eine Stunde!«

Mitja entwickelte zwar eine große Geschäftigkeit im Anordnen, doch was er da sagte und befahl, kam alles etwas sonderbar heraus, abgehackt und ungeordnet. Er fing etwas an und vergaß, es zu beenden. Pjotr Iljitsch hielt es für nötig, einzugreifen und sich der Sache anzunehmen.

»Für vierhundert Rubel, nicht unter vierhundert Rubel! Es soll genauso sein wie damals!« kommandierte Mitja. »Vier Dutzend Flaschen Champagner, nicht eine Flasche weniger!«

»Wozu brauchst du denn so viel? Was hat das für einen Sinn? Halt!« schrie Pjotr Iljitsch. »Was ist das für eine Kiste? Was ist da drin? Sind hier wirklich für vierhundert Rubel Waren drin?«

Die geschäftigen Gehilfen setzten ihm sofort mit den liebenswürdigsten Ausdrücken auseinander, in dieser ersten Kiste befände sich nur ein halbes Dutzend Flaschen Champagner und »alle übrigen für den Anfang erforderlichen Dinge«: Imbiß, Konfekt, Montpensier und so weiter; der »Hauptbedarf« jedoch werde erst noch eingepackt und solle dann wie beim vorigen Mal gesondert geliefert werden, auf einem besonderen dreispännigen Wagen; er werde zur rechten Zeit eintreffen, höchstens eine Stunde nach Dmitri Fjodorowitsch.

»Nicht mehr als eine Stunde später, ja nicht später! Und packt recht viel Montpensier und Sahnebonbons ein, das mögen die jungen Mädchen gern!« befahl Mitja eifrig und nachdrücklich.

»Sahnebonbons – von mir aus. Aber wozu brauchst du vier Dutzend Flaschen Champagner? Ein Dutzend reicht doch!« rief Pjotr Iljitsch, nun schon beinahe ärgerlich.

Er fing an zu feilschen, verlangte die Rechnung und wollte sich gar nicht beruhigen. Er rettete allerdings nur hundert Rubel. Man einigte sich schließlich, daß die gelieferte Ware nicht mehr als dreihundert Rubel kosten sollte.

»Ach, hol‘ euch der Teufel!« rief Pjotr Iljitsch, als käme er auf einmal zur Besinnung. »Was geht mich diese ganze Geschichte an? Wirf dein Geld doch weg, wenn du es so mühelos bekommen hast!«

»Hierher, du Knauser, hierher! Ärgere dich nicht!« sagte Mitja und zog ihn in das Zimmer hinter dem Laden. »Paß auf, man wird uns gleich eine Flasche herbringen, die wollen wir uns zu Gemüte führen. Ach, Pjotr Iljitsch, fahr doch mit! Du bist so ein lieber Mensch, solche Menschen habe ich gern.«

Mitja setzte sich auf einen kleinen Rohrstuhl, an ein winziges Tischchen, das mit einer schmutzigen Serviette bedeckt war. Pjotr Iljitsch nahm ihm gegenüber Platz, und der Champagner kam auch sofort. Der Gehilfe fragte noch, ob die Herren nicht Austern wünschten: »Prima Qualität, soeben eingetroffen.«

»Zum Teufel mit den Austern! Ich esse keine. Und wir brauchen weiter nichts!« rief Pjotr Iljitsch bissig.

»Zum Austernessen haben wir keine Zeit«, bemerkte Mitja. »Und ich habe auch keinen Appetit darauf … Weißt du, lieber Freund«, sagte er auf einmal mit echter Empfindung, »ich habe diese ganze Unordnung nie leiden können.«

»Wer kann die denn überhaupt leiden? Drei Dutzend Flaschen Champagner für die Bauern, ich bitte dich! Das ist ja empörend!«

»Davon rede ich nicht. Ich rede von einer höheren Art Ordnung. In mir ist keine Ordnung, keine höhere Ordnung. Aber … Das alles ist abgeschlossen; darüber zu trauern ist nutzlos. Es ist zu spät, zum Teufel! Mein ganzes Leben war Unordnung, und schaffen muß man Ordnung. Ein Wortspiel, nicht?«

»Das ist kein Wortspiel, sondern sinnloses Gerede!«

»Ruhm dem Höchsten, der die Welten
all erfüllt und meine Brust!

Dieses Verschen hat sich einmal meiner Seele entrungen. Es ist eigentlich kein Vers, sondern eine Träne … Ich habe ihn selbst gemacht … Aber nicht damals, als ich den Stabskapitän am Bart gezogen habe …«

»Wie kommst du plötzlich auf den?«

»Wie ich plötzlich auf den komme? Unsinn! Alles nimmt ein Ende, alles wird ausgeglichen. Strich drunter – und das Fazit.«

»Wahrhaftig, ich muß immer an deine Pistolen denken.«

»Auch die Pistolen sind Unsinn! Trink und phantasiere nicht! Ich liebe das Leben, ich liebe es bereits so übermäßig, daß es geradezu scheußlich ist. Genug! Auf das Leben, Täubchen, laß uns auf das Leben trinken; ich bringe einen Toast auf das Leben aus! Warum bin ich mit mir zufrieden? Ich bin ein gemeiner Mensch, aber ich bin mit mir zufrieden. Zwar quält es mich, daß ich ein gemeiner Mensch bin, aber ich bin mit mir zufrieden. Ich segne die Schöpfung, ich bin auf der Stelle bereit, Gott und seine Schöpfung zu segnen, aber … Man muß ein übelriechendes Insekt vernichten, damit es nicht umherkriecht und anderen Wesen das Leben verdirbt … Laß uns auf das Leben trinken, lieber Bruder! Was kann kostbarer sein als das Leben? Nichts, nichts! Auf das Leben und auf die Königin der Königinnen!«

»Trinken wir auf das Leben und meinetwegen auch auf deine Königin!«

Jeder trank ein Glas. Mitja war hingerissen und redete allerlei durcheinander; dennoch war ihm eine gewisse Traurigkeit anzumerken, als ob eine unüberwindliche Sorge auf ihm lastete.

»Mischa … Dein Mischa ist gekommen … Mischa, Täubchen, komm mal her und trink dieses Glas aus! Auf den morgigen goldlockigen Phöbus …«

»Warum gibst du ihm das?« rief Pjotr Iljitsch gereizt.

»Erlaube es doch, ist ja nichts dabei! Ich möchte es gern.«

Mischa trank das Glas aus, verbeugte sich und lief wieder weg.

»Er wird lange daran denken«, bemerkte Mitja. »Ich liebe das Weib, das Weib! Was ist das Weib? Die Königin der Erde! Mir ist traurig zumute, Pjotr Iljitsch, traurig. Erinnerst du dich an Hamlet: ›Es ist mir so traurig zumute, Horatio, so traurig … Ach, armer Yorick!‹ Ich bin vielleicht dieser arme Yorick. Jetzt bin ich Yorick, später jedoch ein Schädel.«

Pjotr Iljitsch hörte zu und schwieg. Auch Mitja war ein Weilchen still.

»Was ist das für ein Hündchen?« fragte er auf einmal zerstreut den Gehilfen, als er in einer Ecke einen hübschen kleinen Bologneserhund mit schwarzen Augen bemerkte.

»Das ist das Hündchen von Warwara Alexejewna, der Hausherrin«, antwortete der Gehilfe. »Sie hat es vorhin mitgebracht und hier vergessen. Wir werden es ihr zurückbringen müssen.«

»Ich habe schon einmal so einen Hund gesehen, beim Regiment …«, sagte Mitja nachdenklich. »Nur hatte der ein gebrochenes Hinterbein … Apropos, Pjotr Iljitsch, ich wollte dich fragen: Hast du in deinem Leben mal was gestohlen?«

»Was ist das für eine Frage?«

»Nun, ich frage nur so. Jemand anderem aus der Tasche, fremdes Eigentum? Ich rede nicht von der Staatskasse, die Staatskasse bestehlt ihr alle, und du natürlich auch …«

»Scher dich zum Teufel!«

»Ich rede von fremdem Eigentum. Direkt aus der Tasche, aus dem Geldbeutel, verstehst du?«

»Ich habe einmal meiner Mutter ein Zwanzigkopekenstück gestohlen, als ich neun Jahre alt war. Ich nahm es vom Tisch und hielt es in der zusammengedrückten Hand.«

»Und dann?«

»Weiter nichts. Ich behielt es drei Tage lang, dann schämte ich mich, gestand es und gab es zurück.«

»Nun, und dann?«

»Natürlich bekam ich Prügel. Aber warum fragst du danach? Hast du etwa selbst gestohlen?«

»Ja, ich habe gestohlen«, antwortete Mitja und zwinkerte schlau mit den Augen.

»Was hast du denn gestohlen?« erkundigte sich Pjotr Iljitsch neugierig.

»Meiner Mutter ein Zwanzigkopekenstück, ich war neun Jahre alt, nach drei Tagen gab ich es zurück.«

Nach diesen Worten erhob sich Mitja plötzlich von seinem Platz.

»Dmitri Fjodorowitsch, täten wir nicht gut daran, uns zu beeilen?« rief auf einmal Andrej an der Ladentür.

»Ist alles bereit? Dann wollen wir gehen!« versetzte Mitja, der zusammengefahren war. »Noch ein letztes Wort … Und gebt Andrej schnell noch ein Glas Schnaps auf den Weg! Und ein Glas Kognak, außer dem Schnaps! »Er deutete auf den Pistolenkasten. »Diesen Kasten stellt mir unter den Sitz! Leb wohl, Pjotr Iljitsch! Gedenke meiner nicht im Bösen!«

»Aber du kommst doch morgen zurück?«

»Unbedingt.«

»Belieben Sie jetzt die Rechnung zu begleichen?« fragte ein hinzueilender Gehilfe.

»Ja, richtig, die Rechnung! Gewiß!«

Er holte wieder das Päckchen Banknoten aus der Tasche, nahm drei Hundertrubelscheine, warf sie auf den Ladentisch und verließ eilig den Laden. Man begleitete ihn unter Verbeugungen, höflichen Worten und guten Wünschen hinaus. Andrej räusperte sich nach dem Kognak und sprang auf den Bock. Gerade wollte Mitja einsteigen, als völlig unerwartet Fenja außer Atem angelaufen kam. Sie faltete laut schreiend die Hände vor ihm und fiel ihm zu Füßen.

»Väterchen, Dmitri Fjodorowitsch, Täubchen, bringen Sie das gnädige Fräulein nicht um! Ich, ich bin es ja gewesen, die Ihnen alles erzählt hat! … Und bringen Sie auch ihn nicht um, er ist ja ihr Früherer! Jetzt will er Agrafena Alexandrowna heiraten, dazu ist er aus Sibirien zurückgekommen … Väterchen, Dmitri Fjodorowitsch, vernichten Sie ein fremdes Leben nicht!«

»Aha, so steht das! Na, du wirst ja jetzt etwas Schönes anrichten!« murmelte Pjotr Iljitsch vor sich hin. »Jetzt ist alles klar, wie sollte man das jetzt nicht verstehen? Dmitri Fjodorowitsch, gib mir sofort die Pistolen zurück, wenn du ein vernünftiger Mensch sein willst!« rief er Mitja laut zu. »Hörst du, Dmitri?«

»Die Pistolen? Warte, mein Täubchen, ich werde sie unterwegs ins Wasser werfen«, antwortete Mitja. »Steh auf, Fenja, lieg nicht vor mir auf den Knien! Mitja wird niemanden umbringen. Dieser dumme Mensch wird künftig niemanden mehr umbringen. Noch eins, Fenja«, rief er ihr zu, als er sich bereits gesetzt hatte, »Ich bin vorhin grob zu dir gewesen. Verzeih mir das und sei mir nicht böse, verzeih mir schlechtem Menschen … Wenn du es mir aber nicht verzeihst, dann ist es auch egal! Denn jetzt ist schon alles egal! Vorwärts, Andrej! Fahr so schnell du kannst!«

Andrej trieb die Pferde an, das Glöckchen klingelte.

»Lebe wohl, Pjotr Iljitsch! Dir gilt meine letzte Träne!«

›Betrunken ist er nicht, aber was für einen Unsinn schwatzt er zusammen!‹ dachte Pjotr Iljitsch, als er allein zurückgeblieben war. Er hatte eigentlich noch dableiben und zusehen wollen, wie die übrigen Waren auf den zweiten Wagen verladen wurden, denn er argwöhnte, daß man Mitja übers Ohr hauen würde. Doch auf einmal ärgerte er sich über sich selbst, spuckte aus und begab sich in sein Restaurant, um dort Billard zu spielen.

›Ein Dummkopf ist er, wenn auch ein guter Junge!‹ brummte er unterwegs in Gedanken vor sich hin. Von diesem Offizier, Gruschenkas Verflossenem, habe ich gehört. Na, wenn der gekommen ist, dann … Pfui Teufel, diese Pistolen! Aber bin ich etwa sein Hüter? Soll er mit ihnen machen, was er will! Es wird überhaupt nichts geschehen. Das sind Maulhelden, weiter nichts. Sie betrinken sich und prügeln sich, sie prügeln sich und versöhnen sich. Tatkräftige Menschen sind sie nicht. Was will das schon besagen: »Ich trete beiseite, ich bestrafe mich selbst!« Gar nichts wird geschehen! Tausendmal hat er im Restaurant mit solchen hochtrabenden Ausdrücken um sich geworfen, wenn er betrunken war. Jetzt war er nun allerdings nicht betrunken. »Seelisch betrunken« – solche Phrasen lieben sie, die Schufte. Bin ich sein Hüter, wie? Er muß sich jedenfalls geprügelt haben, seine ganze Visage war ja voll Blut. Aber mit wem? Das werde ich im Restaurant erfahren. Auch sein Taschentuch war voll Blut … Pfui Teufel, das ist bei mir auf dem Fußboden liegengeblieben … Doch was schert mich das?‹

In der verdrießlichsten Stimmung kam er in das Restaurant und begann sogleich eine Partie. Die Partie heiterte ihn wieder auf. Er spielte eine zweite und begann dabei einem seiner Partner zu erzählen, Dmitri Karamasow habe wieder Geld, an die dreitausend Rubel, wie er selbst gesehen habe, und er sei wieder nach Mokroje gefahren, zu einem Gelage mit Gruschenka. Die Zuhörer nahmen das mit größerem Interesse auf, als er erwartet hatte. Und alle sprachen darüber sonderbar ernst, ohne zu lachen. Sie unterbrachen sogar ihr Spiel.

»Dreitausend Rubel? Wo will er denn dreitausend Rubel herhaben?« Sie fragten ihn weiter aus. Die Nachricht über Frau Chochlakowa wurde mit starken Zweifeln aufgenommen.

»Er wird doch nicht den Alten beraubt haben? Na, das wäre vielleicht …«

»Dreitausend Rubel? Da stimmt was nicht!«

»Er hat sich laut gerühmt, er würde seinen Vater totschlagen, das haben hier alle gehört. Ausgerechnet von dreitausend Rubeln hat er gesprochen …«

Pjotr Iljitsch hörte das mit an und antwortete auf weitere Fragen nur trocken und wortkarg. Von dem Blut, das Mitja im Gesicht und an den Händen gehabt hatte, sagte er keine Silbe, obgleich er, als er auf dem Weg ins Restaurant war, beabsichtigt hatte, auch dies zu erzählen. Man begann die dritte Partie, und das Gespräch über Mitja verstummte allmählich. Als die dritte Partie dann zu Ende war, mochte Pjotr Iljitsch nicht weiterspielen, legte das Queue beiseite und verließ das Restaurant, ohne dort zu Abend zu essen, wie er eigentlich vorgehabt hatte. Auf dem Marktplatz angelangt, blieb er unentschlossen stehen und mußte sogar über sich selbst staunen. Er erinnerte sich plötzlich, daß er zuerst zum Haus von Fjodor Pawlowitsch hatte gehen wollen, um sich zu erkundigen, ob dort etwas vorgefallen war. Doch er sagte sich: ›Soll ich wegen einer Dummheit in einem fremdem Haus die Leute aufwecken und einen Skandal hervorrufen? Zum Teufel, bin ich etwa ihr Hüter?‹

In höchst verdrießlicher Stimmung schlug er den direkten Weg zu seiner Wohnung ein; da fiel ihm plötzlich Fenja ein. ›Zum Teufel, die hätte ich vorhin ausfragen sollen‹, dachte er ärgerlich. ›Dann wüßte ich jetzt alles.‹ Und auf einmal wuchs in ihm ein so ungeduldiges, hartnäckiges Verlangen, mit ihr zu reden und sich bei ihr zu erkundigen, daß er auf halbem Weg zum Haus von Frau Morosowa abbog, wo Gruschenka wohnte. Er klopfte ans Tor, der laute Schall, der durch die Stille der Nacht hallte, schien ihn jedoch jäh zu ernüchtern und zu ärgern. ›Auch hier werde ich einen Skandal anrichten!‹ dachte er, peinlich berührt, doch statt nun endgültig zu gehen, begann er auf einmal, abermals zu klopfen, und zwar aus Leibeskräften. Der Lärm schallte durch die ganze Straße. »Wollen mal sehen, ob ich sie nicht doch wachklopfe!« murmelte er. Mit jedem Schlag wurde er wütender, steigerte aber zugleich die Wucht seiner Schläge.

6. Ich komme selbst!

Dmitri Fjodorowitsch flog inzwischen die Landstraße dahin. Bis Mokroje waren es etwas über zwanzig Werst, doch Andrej jagte sein Dreigespann dermaßen, daß sie in fünf viertel Stunden am Ziel sein konnten. Die schnelle Fahrt schien auf Mitja erfrischend zu wirken. Die Luft war rein und ziemlich kalt, an dem klaren Himmel glänzten große Sterne. Es war dieselbe Nacht und vielleicht sogar dieselbe Stunde, da Aljoscha auf die Erde niedersank und in Verzückung schwor, sie sein Leben lang zu lieben. Aber es sah wirr, sehr wirr in Mitja aus, und obgleich vieles seine Seele quälte, strebte in diesem Moment doch sein ganzes Wesen unwiderstehlich nur zu ihr, seiner Königin, zu der er hineilte, um sie zum letztenmal zu sehen. Ich will nur das eine sagen: Sein Herz sträubte sich gegen diese Entscheidung auch nicht einen Augenblick. Man wird mir vielleicht nicht glauben, wenn ich behaupte, daß dieser von Natur aus eifersüchtige Mensch gegenüber diesem neuen Nebenbuhler, diesem Offizier, nicht die geringste Eifersucht empfand. Auf jeden anderen wäre er sofort eifersüchtig gewesen und hätte vielleicht seine Hände erneut mit Blut befleckt; doch ihm, »ihrem Früheren« gegenüber, empfand er jetzt, während er auf seiner Troika dahinflog, keinerlei Eifersucht, nicht einmal ein feindliches Gefühl – allerdings hatte er ihn noch nicht gesehen. ›Da kann es keinen Zweifel geben: sie sind im Recht. Das ist ihre erste Liebe, die sie in den ganzen fünf Jahren nicht vergessen hat, also hat sie in diesen fünf Jahren nur ihn geliebt. Ich aber, warum habe ich mich dazwischengedrängt? Was spiele ich dabei für eine Rolle? Was habe ich damit zu schaffen? Tritt beiseite, Mitja, gib den Weg frei! Und was will ich jetzt überhaupt noch? Jetzt ist auch ohne den Offizier alles zu Ende! Auch wenn er gar nicht erschienen wäre, würde alles zu Ende sein …‹

Etwa mit diesen Worten hätte er seine Gefühle ausdrücken können, wenn er überhaupt einer Überlegung fähig gewesen wäre. Aber er war damals nicht mehr imstande zu überlegen. Sein jetziger Entschluß war ohne jedes Überlegen in einem Nu entstanden, war ihm schon bei Fenja, bei ihren ersten Worten, vom Gefühl eingegeben und in seinem ganzen Umfang, mit allen Folgen von ihm akzeptiert worden.

Und trotzdem, obwohl er seinen Entschluß gefaßt hatte, sah es wirr in seiner Seele aus, so wirr, daß er schwer darunter litt: Auch der Entschluß hatte ihm nicht zur Ruhe verholfen. Gar zu vieles lag hinter ihm und quälte ihn. Und in manchen Augenblicken kam ihm seltsam vor: Er hatte ja eigenhändig sein Urteil auf ein Blatt Papier geschrieben: »Ich richte mich«, und dieses Papier steckte fix und fertig in seiner Tasche, und die Pistole war schon geladen, und er hatte schon beschlossen, wie er am nächsten Tag den ersten feurigen Strahl des »goldlockigen Phöbus« begrüßen wollte – und dennoch konnte er sich mit der Vergangenheit, mit allem, was hinter ihm lag und ihn quälte, nicht abfinden! Das fühlte er wie eine Marter, dieser Gedanke haftete fest in seiner Seele und brachte ihn zur Verzweiflung. Es gab auf dieser Fahrt einen Augenblick, wo er auf einmal Lust bekam, Andrej halten zu lassen, aus dem Wagen zu springen, seine geladene Pistole hervorzuholen und alles zu beenden, ohne erst auf den Tagesanbruch zu warten. Aber dieser Augenblick flog vorüber wie ein Funke. Und auch die Troika flog dahin, und je näher er dem Ziel kam, desto stärker nahm wieder der Gedanke an sie, an sie allein, ihm den Atem und verjagte alle übrigen furchtbaren Gespenster aus seinem Herzen. Oh, sehen wollte er sie, wenn auch nur flüchtig, wenn auch nur von weitem! ›Sie ist jetzt mit ihm zusammen – nun, da werde ich eben sehen, wie sie jetzt mit ihm zusammen ist, mit ihrem früheren Geliebten, weiter will ich ja auch nichts.‹ Noch nie war seine Brust von einer so starken Liebe zu dieser Frau erfüllt, die für sein Schicksal so verhängnisvoll geworden war! Ein neues, starkes Gefühl wuchs in ihm, ein Gefühl, das er noch nie kennengelernt hatte, das ihm selbst unerwartet kam: Zärtlichkeit, daß er hätte zu ihr beten, vor ihr vergehen mögen. »Und ich werde auch vergehen!« sagte er auf einmal in einem Anfall hysterischer Begeisterung.

Schon fast eine Stunde jagten sie dahin. Mitja schwieg, und Andrej, der sonst ein redseliger Bursche war, hatte ebenfalls noch kein Wort gesagt, als scheute er sich, ein Gespräch anzufangen; er trieb nur munter seine braunen Gäule an, sein mageres, aber feuriges Dreigespann. Da rief Mitja auf einmal in schrecklicher Unruhe: »Andrej! Und wenn sie nun schon schlafen?«

Das war ihm plötzlich eingefallen; bis dahin hatte er diese Möglichkeit gar nicht bedacht.

»Sehr wahrscheinlich, daß sie sich schon hingelegt haben, Dmitri Fjodorowitsch.«

Mitja zog schmerzlich die Brauen zusammen. Wie? Er kommt herbeigejagt … Mit solchen Gefühlen … Und sie schlafen? Und auch sie schläft vielleicht dort? … Zorn überkam ihn.

»Treib die Pferde an, Andrej! Fahr zu, Andrej! Schneller!« schrie er außer sich.

»Aber vielleicht haben sie sich auch noch nicht hingelegt«, meinte Andrej nach kurzem Schweigen. »Timofej hat vorhin erzählt, sie sind dort viele …«

»Auf der Station?«

»Nein, nicht auf der Station, bei den Plastunows, in dem privaten Gasthaus.«

»Ich weiß. Hör mal, du sagst, es sind viele dort? Was sind denn das für welche?« bestürmte ihn Mitja, den die unerwartete Nachricht furchtbar aufregte.

»Timofej sagt, lauter Herren. Zwei aus der Stadt, was für welche, weiß ich auch nicht, aber Timofej sagt, zwei hiesige. Und dann noch zwei, wohl Fremde. Aber vielleicht ist auch sonst noch jemand da, genauer habe ich ihn nicht gefragt. Er sagt, sie sind dabei, Karten zu spielen.«

»Karten zu spielen?«

»Da schlafen sie vielleicht auch noch nicht, wenn sie Karten spielen. Man muß bedenken, daß es jetzt kaum elf ist, nicht später.«

»Fahr zu, Andrej, fahr zu!« rief Mitja wieder nervös.

»Ich möchte Sie etwas fragen, gnädiger Herr«, begann Andrej nach kurzem Schweigen von neuem. »Ich fürchte nur, Sie könnten es mir übelnehmen, gnädiger Herr.«

»Was hast du?«

»Vorhin ist Fedossja Markowna Ihnen zu Füßen gefallen und hat Sie angefleht, Sie möchten Ihr gnädiges Fräulein nicht umbringen, und noch jemand anders auch nicht … Sehen Sie, gnädiger Herr, ich fahre Sie nun dahin … Verzeihen Sie, gnädiger Herr. Ich frage nur so aus Gewissensbissen … Vielleicht ist es dumm, was ich gesagt habe.«

Mitja packte ihn plötzlich von hinten bei den Schultern. »Du bist doch Kutscher, nicht wahr?« fragte er in großer Erregung.

»Das bin ich…«

»Weißt du, daß man den Weg freigeben muß? Darf etwa ein Kutscher sagen: ›Ich gebe den Weg nicht frei! Und wenn ich auch einen überfahre, ich fahre!‹ Nein, Kutscher, niemand sollst du überfahren! Man darf keinen Menschen überfahren, man darf den Menschen nicht das Leben zerstören, und wenn du einem das Leben zerstört hast, dann bestraf dich … Und wenn du ein Leben vernichtet hast, dann richte dich und geh weg!«

Alles das entfuhr ihm beinahe unbewußt, wie in einem nervösen Anfall. Andrej wunderte sich zwar über den Herrn, setzte jedoch das Gespräch fort.

»Das ist richtig, Väterchen Dmitri Fjodorowitsch, da haben Sie recht, daß man keinen Menschen überfahren darf! Auch quälen darf man keinen Menschen, ebensowenig wie eine andere Kreatur, denn jede Kreatur ist von Gott geschaffen. Sehen Sie zum Beispiel das Pferd … Manch einer quält es ohne Grund, sogar mancher Kutscher … So einer kennt kein Maß, er peinigt das Tier ohne Grund, geradezu ohne Grund peinigt er es …«

»Muß er in die Hölle?« unterbrach ihn Mitja auf einmal und brach unerwartet in ein kurzes Lachen aus. »Andrej, du schlichte Seele …« Er faßte ihn wieder kräftig bei den Schultern. »Sag, wird Dmitri Fjodorowitsch Karamasow in die Hölle kommen oder nicht? Wie denkst du darüber?«

»Das weiß ich nicht, Täubchen, das hängt von Ihnen ab, weil Sie unserer Ansicht nach … Sehen Sie, gnädiger Herr, als Gottes Sohn ans Kreuz geschlagen und gestorben war, stieg Er vom Kreuz herab und ging geradewegs in die Hölle und befreite alle Sünder, die dort gemartert wurden. Und die Hölle stöhnte darüber, denn sie meinte, daß nun niemand mehr zu ihr kommen würde, kein Sünder. Und da sagte der Herr zur Hölle:,Stöhne nicht, Hölle; es werden von nun an allerlei Würdenträger, Regenten, Oberrichter und Reiche zu dir kommen, und du wirst so voll sein, wie du warst, in alle Ewigkeit, bis ich wiederkommen werde!‹ So war das, so hat der Herr gesprochen …«

»Eine Volkslegende! Herrlich! Gib dem linken Pferd eins, Andrej!«

»Das ist nun schon so, gnädiger Herr … für wen die Hölle eben bestimmt ist …« Andrej versetzte dem linken Pferd einen Hieb. »Aber nach unserer Ansicht sind Sie wie ein kleines Kind, dafür halten wir Sie … Und wenn Sie auch jähzornig sind, gnädiger Herr, das ist ja wohl richtig – Gott wird Ihnen doch für Ihre Gutherzigkeit vergeben.«

»Und du, vergibst du mir, Andrej?«

»Was habe ich Ihnen zu vergeben? Sie haben mir ja nichts zuleide getan.«

»Nein, ich meine für alle, jetzt gleich, hier auf der Landstraße, vergibst du mir für alle? Rede, du schlichte, einfache Seele!«

»Ach, gnädiger Herr! Man bekommt richtig Angst, wenn man Sie fährt, so sonderbare Reden führen Sie …«

Doch Mitja hörte nicht auf ihn. Er betete verzückt und flüsterte in wilder Erregung vor sich hin: »Herr, nimm mich hin in meiner ganzen Schlechtigkeit, aber richte mich nicht! Laß mich vorüber ohne dein Gericht … Richte mich nicht, denn ich habe mich selbst gerichtet. Richte mich nicht, denn ich liebe dich, Herr! Ich bin ein gemeiner Mensch, aber ich liebe dich! Und wenn du mich in die Hölle schickst, werde ich dich auch dort lieben! Ich werde dort schreien, daß ich dich in alle Ewigkeit liebe … Aber laß mich bis zum Ende lieben … Hier, jetzt bis zum Ende lieben, nur noch fünf Stunden, bis zum ersten feurigen Strahl deiner Sonne … Denn ich liebe die Königin meiner Seele. Ich liebe sie, und ich kann nicht anders, als sie lieben. Du siehst mich so, wie ich bin. Ich werde hinkommen und vor ihr niederfallen. ›Du hast recht daran getan‹, werde ich sagen, ›daß du an mir vorübergegangen bist … Lebe wohl und vergiß dein Opfer! Beunruhige dich nicht mehr um meinetwillen!‹«

»Mokroje!« rief Andrej und deutete mit der Peitsche nach vorn.

Aus dem dämmrigen Dunkel der Nacht trat eine feste, schwarze Masse von Gebäuden hervor, die sich über einer gewaltigen Fläche ausbreiteten. Das Dorf Mokroje zählte zweitausend Seelen; um diese Stunde schlief jedoch schon alles, nur hier und da schimmerten spärliche Lichter durch die Dunkelheit.

»Fahr schnell, Andrej, noch schneller! Sie sollen merken, daß ich angefahren komme!« rief Mitja wie im Fieber.

»Sie schlafen nicht!« sagte Andrej und wies mit der Peitsche auf das Gasthaus von Plastunow, das gleich am Eingang des Dorfes lag und in welchem die sechs Fenster zur Straße sämtlich hell erleuchtet waren.

»Sie schlafen nicht!« wiederholte Mitja erfreut. »Mach tüchtigen Lärm, Andrej, fahr Galopp, laß die Schellen laut klingeln, fahr mit Gepolter vor! Alle sollen wissen, daß ich gekommen bin! Ich komme! Ich komme selbst!« brüllte Mitja wie ein Verrückter.

Andrej trieb die ohnehin abgehetzten Pferde in Galopp, fuhr wirklich mit lautem Gepolter an der hohen Freitreppe vor der Haustür vor und hielt seine dampfenden, atemlosen Pferde an. Mitja sprang aus dem Wagen, und der Wirt, der schon hatte schlafen gehen wollen, schaute neugierig von der Freitreppe herab, wer da wohl so wild vorgefahren kam.

»Trifon Borissowitsch«, bist du es?«

Der Wirt beugte sich vor, blickte genauer hin, lief dann Hals über Kopf die Freitreppe herunter und stürzte mit unterwürfigem Entzücken auf den Gast los.

»Väterchen Dmitri Fjodorowitsch! Sehe ich Sie wieder?«

Dieser Trifon Borissowitsch war ein stämmiger, mittelgroßer, gesunder Mann bäuerlicher Herkunft. Sein etwas dickes Gesicht hatte einen strengen, unerbittlichen Ausdruck, vor allem den Bauern von Mokroje gegenüber, aber er hatte die Fähigkeit, schnell die unterwürfigste Miene aufzusetzen, sobald er einen Vorteil für sich witterte. Er trug russische Kleidung: ein Hemd mit schrägem Kragen und ein ärmelloses Wams. Er besaß ein erhebliches Kapital, trachtete jedoch unermüdlich danach, eine größere Rolle zu spielen. Mehr als die Hälfte der Bauern befand sich in seinen Krallen; sie waren ihm alle tief verschuldet. Er pachtete von den Gutsbesitzern Land, kaufte auch selbst welches, und die Bauern mußten ihm dieses Land bearbeiten wegen ihrer Schulden, aus denen sie doch nie herauskommen konnten. Er war Witwer und hatte vier erwachsene Töchter; eine von ihnen war schon verwitwet, wohnte mit ihren beiden kleinen Kindern bei ihm und arbeitete für ihn wie eine Tagelöhnerin. Die zweite Tochter war trotz ihrer bäuerlichen Herkunft mit einem Beamten verheiratet, der sich vom kleinen Schreiber hinaufgedient hatte; in einem Zimmer des Gasthauses konnte man an der Wand unter den Familienphotographien kleinsten Formates auch die Photographie dieses Beamten in seiner Uniform mit Achselklappen sehen. Die beiden jüngsten Töchter zogen bei Kirchweihfesten, oder wenn sie irgendwohin zu Besuch gingen, himmelblaue oder grüne Kleider an, die nach der neuesten Mode gearbeitet waren, hinten eng anliegend und mit langer Schleppe; am nächsten Morgen aber standen sie wie alle Tage früh auf, fegten mit Reisigbesen die Stuben, trugen aus den Gästezimmern das schmutzige Wasser hinaus und brachten dort wieder alles in Ordnung. Obwohl Trifon Borissowitsch schon Tausende erworben hatte, nahm er doch sehr gern einen prassenden Gast aus; und da er sich erinnerte, daß er vor einem knappen Monat von Dmitri Fjodorowitsch bei seiner Prasserei mit Gruschenka im Verlauf von vierundzwanzig Stunden über zweihundert, wenn nicht dreihundert Rubel profitiert hatte, empfing er ihn jetzt freudig und eifrig: Schon an der Art, wie Mitja vorgefahren kam, witterte er neue Beute.

»Väterchen Dmitri Fjodorowitsch! Sehen wir Sie auch einmal wieder?«

»Halt, Trifon Borissowitsch«, begann Mitja. »Zuallererst das Wichtigste! Wo ist sie?«

»Agrafena Alexandrowna?« fragte der Wirt, der sofort begriff, und sah dem aufgeregten Mitja scharf ins Gesicht. »Die ist auch hier … Sie ist anwesend …«

»Mit wem? Mit wem?«

»Es sind durchreisende Gäste … Der eine ist ein Beamter, nach seiner Aussprache zu urteilen wahrscheinlich ein Pole. Er hat auch von hier den Wagen geschickt, um sie herholen zu lassen. Der ändere ist ein Freund oder Reisegefährte von ihm, wer kann das unterscheiden? Sie sind ja alle in Zivil …«

»Wie ist es? Haben sie ein Gelage veranstaltet? Sind sie reich?«

»Die und ein Gelage veranstalten! Das sind kleine Leute, Dmitri Fjodorowitsch.«

»So, kleine Leute? Na, und die anderen?«

»Die sind aus der Stadt, zwei Herren … Sie sind auf der Rückfahrt von Tscherni, und da sind sie hiergeblieben. Der eine, ein junger Mann, muß ein Verwandter von Herrn Miussow sein, ich habe nur vergessen, wie er heißt … Und den anderen kennen Sie auch, wie ich annehmen muß. Es ist der Gutsbesitzer Maximow; er sagt, er hat auf einer Pilgerfahrt unser Kloster besucht, und jetzt fährt er mit diesem jungen Verwandten von Herrn Miussow …«

»Das sind alle?«

»Jawohl.«

»Halt, Trifon Borissowitsch, schweig! Sag mir jetzt die Hauptsache! Was macht sie? Wie geht es ihr?«

»Nun, sie ist vorhin angekommen und sitzt jetzt bei ihnen.«

»Ist sie vergnügt? Lacht sie?«

»Nein, ich glaube, sie lacht nicht viel … Sie sitzt sogar recht gelangweilt da. Sie hat dem jungen Mann das Haar gescheitelt.«

»Dem Polen, dem Offizier?«

»Nein, der ist ja gar nicht jung, und Offizier ist er auch nicht. Nein, gnädiger Herr, dem nicht, sondern diesem Neffen von Herrn Miussow, dem jungen Mann … Ich habe bloß seinen Namen vergessen.«

»Kalganow?«

»Ganz richtig, Kalganow.«

»Gut, ich werde es mir selbst ansehen. Spielen sie Karten?«

»Sie haben gespielt, haben aber aufgehört. Sie haben Tee getrunken, und der Beamte hat sich Likör geben lassen.«

»Halt, Trifon Borissowitsch! Halt, mein Lieber, ich werde es mir selbst ansehen. Jetzt antworte auf die wichtigste Frage! Sind Zigeuner da?«

»Von Zigeunern hört man jetzt überhaupt nichts, Dmitri Fjodorowitsch; die Obrigkeit hat sie vertrieben, aber Juden sind hier, die spielen Zymbal und Geige, in Roshdestwenskaja. Die könnte man rufen lassen. Die würden kommen.«

»Laß sie rufen, laß sie unbedingt rufen!« rief Mitja. »Aber Mädchen kann man doch beschaffen? Wie damals, besonders Marja und Stepanida und Arina? Zweihundert Rubel für, den Chor!«

»Für so eine Summe schaffe ich Ihnen das ganze Dorf her, auch wenn sie sich jetzt schon schlafen gelegt haben. Aber verdienen denn die Bauern und die Mädchen hier so viel Freundlichkeit, Dmitri Fjodorowitsch? Wie können Sie nur für so ein gemeines, ungebildetes Volk eine solche Summe aussetzen! Zigarren rauchen, das paßt nicht zu unseren Bauern, und doch haben Sie ihnen Zigarren gegeben. Diese Kerle stinken ja schauderhaft. Und die Mädchen, die sind, wie sie sind, eine Lausebande. Ich werde Ihnen meine Töchter herbringen, umsonst, nicht für diesen hohen Preis. Sie haben sich eben erst schlafen gelegt; ich werde ihnen mit dem Fuß einen Stoß in den Rücken geben und ihnen befehlen, für Sie zu singen … Den Bauern haben Sie neulich Champagner zu trinken gegeben, o weh, o weh!«

Trifon Borissowitsch hatte eigentlich keinen Anlaß, Mitja sein Bedauern auszusprechen: Er hatte ihm damals selbst ein halbes Dutzend Flaschen Champagner entwendet und unter dem Tisch einen Hundertrubelschein aufgehoben, in der Faust zusammengedrückt und dann natürlich auch behalten.

»Trifon Borissowitsch, ich habe damals Tausende durchgebracht. Erinnerst du dich?«

»Das haben Sie getan, Täubchen, wie sollte ich mich daran nicht erinnern? An die dreitausend Rubel haben Sie bei uns gelassen.«

»Na, siehst du, mit der Absicht bin ich auch jetzt gekommen.« Er zog sein Päckchen Banknoten heraus und hielt es dem Wirt dicht unter die Nase.

»Jetzt hör zu und merk es dir gut. In einer Stunde treffen der Wein, der Imbiß, die Pasteten und das Konfekt ein; laß alles gleich nach oben bringen. Die Kiste, die da bei Andrej auf dem Wagen steht, soll ebenfalls gleich nach oben gebracht und aufgemacht werden. Und dann laß sofort Champagner präsentieren … Aber die Hauptsache sind die Mädchen, die Mädchen! Und Marja muß unbedingt dabeisein …«

Er drehte sich nach dem Wagen um und zog seinen Pistolenkasten unter dem Sitz hervor.

»Nun deine Bezahlung, Andrej! Da hast du fünfzehn Rubel für die Troika, und da fünfzig Rubel Trinkgeld … Für deine Bereitwilligkeit, für deine Liebe … Vergiß den Herrn Karamasow nicht!«

»Ich habe Angst, gnädiger Herr!« erwiderte Andrej besorgt. »Geben Sie mir fünf Rubel Trinkgeld, wenn Sie schon so freundlich sein wollen, mehr möchte ich nicht annehmen. Trifon Borissowitsch ist Zeuge. Verzeihen Sie mir, wenn ich dummes Zeug rede …«

»Wovor hast du denn Angst?« fragte Mitja und musterte ihn von Kopf bis Fuß. »Na, hol‘ dich der Teufel, wenn du es nicht anders willst!« rief er dann und warf ihm fünf Rubel hin. »Und jetzt, Trifon Borissowitsch, führ mich leise dorthin, und laß mich zunächst alles aus einem Versteck sehen, so daß sie mich nicht bemerken. Wo sind sie denn? Im blauen Zimmer?«

Trifon Borissowitsch sah Mitja furchtsam an, tat jedoch sofort gehorsam, was von ihm verlangt wurde. Er führte ihn vorsichtig auf den Flur, ging selbst in das erste große Zimmer neben dem, in welchem die Gäste saßen, und trug die Kerze aus dem Zimmer. Darauf führte er Mitja möglichst leise herein und wies ihm einen Platz in einer Ecke im Dunkeln an, von wo er die Gesellschaft ungehindert beobachten konnte, ohne seinerseits gesehen zu werden. Aber Mitja beobachtete nicht lange, und er war auch gar nicht imstande, deutlich zu sehen: Er hatte Gruschenka erblickt, und sein Herz begann heftig zu schlagen, und es wurde ihm trübe vor Augen. Sie saß an einer Schmalseite des Tisches in einem Lehnstuhl; neben ihr, auf dem Sofa, saß der hübsche junge Kalganow. Sie hielt ihn an der Hand und schien zu lachen; doch der sagte, ohne sie anzusehen, irgend etwas laut und offenbar verärgert zu Maximow, der Gruschenka gegenüber am anderen Ende des Tisches saß. Auf dem Sofa saß außer Kalganow noch »er«, und neben dem Sofa, auf einem Stuhl an der Wand, ein anderer Unbekannter. Der auf dem Sofa rauchte, nachlässig hingestreckt, eine Pfeife, und Mitja glaubte flüchtig zu sehen, daß er ein ziemlich korpulenter, vermutlich kleiner Mann mit breitem Gesicht war und daß er sich über irgend etwas ärgerte. Sein Kamerad, der andere Unbekannte, war dagegen, wie Mitja schien, ungewöhnlich groß, mehr konnte Mitja nicht unterscheiden. Ihm stockte der Atem. Nicht eine Minute hielt er es auf seinem Posten aus; dann stellte er den Kasten auf die Kommode und ging geradewegs in das blaue Zimmer zu der Gesellschaft. Ihm war ganz kalt geworden, und sein Herz drohte stehenzubleiben.

Gruschenka schrie auf, sie hatte ihn zuerst bemerkt.

7. Der Frühere und Unbestreitbare

Mitja trat mit seinen raschen, langen Schritten an den Tisch. »Meine Herren«, begann er laut, fast schreiend, aber stockend. »Ich … ich will nichts! Keine Angst!« rief er. »Ich will ja nichts, nichts.« Er wandte sich plötzlich an Gruschenka, die sich aus ihrem Lehnstuhl zu Kalganow hinübergebeugt hatte und sich fest an dessen Hand klammerte. »Ich … Ich bin auch hergekommen. Ich bleibe bis morgen früh. Meine Herren, darf ein Durchreisender … mit Ihnen bis zum Morgen zusammen sein? Nur bis zum Morgen, zum letztenmal, in diesem Zimmer hier?«

Bei den letzten Worten wandte er sich an den korpulenten Herrn auf dem Sofa, der Pfeife rauchte. Dieser nahm würdevoll die Pfeife aus dem Mund und sagte streng: »Panie, wir sind hier eine Privatgesellschaft. Es sind noch andere Zimmer da.«

»Ach, Sie sind es, Dmitri Fjodorowitsch! Wozu fragen Sie erst?« rief auf einmal Kalganow. »Setzen Sie sich zu uns! Guten Abend!«

»Guten Abend, mein Teuerster … Mein Wertester! Ich habe Sie immer geschätzt …«, rief Mitja erfreut und eifrig und streckte ihm sofort über den Tisch die Hand hin.

»Au, wie fest Sie zugedrückt haben! Sie haben mir ja fast die Finger zerbrochen!« rief Kalganow lachend.

»So drückt er einem immer die Hand, das macht er immer so!« sagte Gruschenka mit einem allerdings noch schüchternen Lächeln, sie schien Mitjas Miene entnommen zu haben, daß er keinen Streit wollte, und betrachtete ihn nun mit starker Neugier und immer noch mit einer gewissen Unruhe. Er hatte etwas an sich, was sie überraschte, und überhaupt hatte sie nicht erwartet, daß er jetzt hereinkommen und so reden würde.

»Guten Abend!« sagte von links auch der Gutsbesitzer Maximow in süßlichem Ton.

Mitja stürzte auch zu ihm hin. »Guten Abend! Sind Sie auch hier? Wie freue ich mich, daß auch Sie hier sind! Meine Herren, meine Herren, ich …« Er wandte sich von neuem an den Herrn mit der Pfeife, den er hier offenbar für die Hauptperson hielt. »Ich bin hergeeilt … Ich wollte meinen letzten Tag und meine letzte Stunde in diesem Zimmer verleben. In diesem Zimmer, in dem ich früher einmal meine Königin angebetet habe! Verzeihen Sie, Panie« rief er außer sich. »Ich bin hierher geeilt und habe mir geschworen … Oh, seien Sie unbesorgt, das ist meine letzte Nacht! Lassen Sie uns zur Feier des Friedensschlusses trinken, Panie! Man wird gleich Wein bringen … Ich habe das hier mitgebracht.« Er zog sein Päckchen Banknoten aus der Tasche. »Erlauben Sie, Panie! Ich möchte Musik haben, Fröhlichkeit und Lärm … Alles wie voriges Mal … Aber der Wurm, der unnütze Wurm wird über die Erde kriechen und nicht mehr sein! In meiner letzten Nacht will ich mich an den Tag meiner Freude erinnern!«

Er konnte kaum noch atmen; er wollte vieles, vieles sagen, doch nur seltsame Ausrufe kamen aus seinem Mund. Der Pan sah regungslos ihn und das Päckchen Banknoten und dann Gruschenka an und war offenbar ratlos vor Verwunderung.

»Wenn meine Krolowa erlaubt …«, begann er.

»Ach was, Krolowa! Das soll wohl Königin heißen, nicht wahr?« unterbrach ihn Gruschenka. »Ihr kommt mir komisch vor, wie ihr alle sprecht. Setz dich hin, Mitja, was redest du da? Bitte, erschreck uns nicht! Du wirst uns doch nicht erschrecken, wie? Wenn du das nicht vorhast, freue ich mich über dein Kommen …«

»Ich, ich euch erschrecken?« rief Mitja und warf beide Arme in die Höhe. »Oh, geht vorbei, geht vorüber, ich werde euch nicht stören!« Und unerwartet für alle – und sicherlich auch für sich selbst – warf er sich auf einen Stuhl und brach in Tränen aus, wobei er den Kopf zur gegenüberliegenden Wand drehte und die Rückenlehne des Stuhls mit seinen Armen fest umschlang, als wollte er ihn herzlich umarmen.

»Na, so etwas, so was! Was bist du für ein Mensch!« rief Gruschenka vorwurfsvoll. »Genauso ist er einmal zu mir gekommen. Er fing an zu reden, und ich verstand kein Wort davon. Und einmal hat er genauso losgeweint, jetzt ist es das zweitemal. Schämen solltest du dich! Warum weinst du denn? Und wenn es noch einen Grund dafür gäbe!« fügte sie plötzlich rätselhaft hinzu und legte in diese Worte einen besonderen, gereizten Nachdruck.

»Ich … Ich will nicht weinen … Na, laßt es euch wohl ergehen!« Bei diesen Worten drehte er sich jäh auf dem Stuhl herum und lachte plötzlich los, aber nicht wie sonst hölzern und abgehackt, es war ein unhörbares, langes, nervöses Lachen, das seinen ganzen Körper erschütterte.

»Jetzt wieder das! So sei doch vergnügt, sei doch vergnügt!« redete Gruschenka ihm zu. »Ich freue mich sehr, daß du gekommen bist, sehr freue ich mich, Mitja, hörst du das? Ich will, daß er bei uns sitzt«, wandte sie sich gebieterisch an alle, obgleich ihre Worte offenbar nur dem Mann auf dem Sofa galten. »Ich will es, ich will es! Und wenn er weggeht, gehe ich auch weg! So steht die Sache!« fügte sie hinzu, und ihre Augen funkelten.

»Was meine Königin befiehlt, ist Gesetz!« sagte der Pan und küßte ihr galant die Hand. »Ich bitte den Herrn, sich unserer Gesellschaft anzuschließen!« wandte er sich liebenswürdig an Mitja.

Mitja sprang wieder auf, und es hatte durchaus den Anschein, als wollte er noch eine exaltierte Rede halten; doch es kam anders.

»Trinken wir, Panie!« rief er kurz statt einer Rede. Alle lachten.

»O Gott, und ich dachte, er will wieder reden!« rief Gruschenka nervös. »Hörst du, Mitja«, fügte sie nachdrücklich hinzu, »spring nicht mehr hoch! Aber daß du Champagner mitgebracht hast, ist prächtig. Ich selbst will welchen trinken! Likör kann ich nicht leiden. Das Allerbeste aber ist, daß du selber gekommen bist, sonst ist es hier zu langweilig … Du bist wohl gekommen, um wieder flott zu leben? Aber steck doch das Geld in die Tasche! Wo hast du denn so viel her?«

Mitja, der noch immer die zusammengeknüllten Banknoten in der Hand hielt, was bereits alle, besonders die beiden Polen aufmerksam gemacht hatte, schob sie, verlegen errötend, schnell in die Tasche. In diesem Augenblick brachte der Wirt auf einem Präsentierteller eine Flasche Champagner und Gläser. Mitja ergriff die Flasche, war aber so fassungslos, daß er nicht wußte, was er damit tun sollte. Kalganow nahm sie ihm aus der Hand und goß an seiner Statt ein.

»Noch eine Flasche« bring noch eine Flasche!« rief Mitja dem Wirt zu. Obwohl er den Polen vorher so feierlich eingeladen hatte, mit ihm zur Feier des Friedensschlusses zu trinken, vergaß er nun, mit ihm anzustoßen, und trank sein ganzes Glas allein aus, ohne auf jemand zu warten. Sein ganzes Gesicht hatte sich plötzlich verändert. An Stelle des feierlichen, tragischen Ausdrucks zeigte sich jetzt eine kindliche Weichheit. Er schien auf einmal ganz sanft und demütig geworden zu sein. Er blickte alle schüchtern und froh an, oft nervös kichernd, mit der dankbaren Miene eines Hündchens, das etwas begangen hat und nun wieder hereingelassen worden ist und gestreichelt wird. Er schien alles vergessen zu haben und schaute mit einem entzückten kindlichen Lächeln um sich; immer wenn er Gruschenka anblickte, lachte er. Er rückte seinen Stuhl ganz dicht an ihren Lehnsessel. Allmählich sah er auch die beiden Polen genauer an, obgleich er sich noch nicht viele Gedanken über sie machte. Der Herr auf dem Sofa fiel ihm auf durch seine würdevolle Haltung, durch seine polnische Aussprache und besonders durch seine Pfeife. ›Na, was ist schon dabei? Es ist gar nicht schlecht, daß er Pfeife raucht‹, überlegte Mitja. Auch das etwas aufgedunsene Gesicht dieses etwa vierzigjährigen Herrn mit dem kleinen Näschen, unter dem ein sehr dünner, an den Enden gezwirbelter, frech aussehender gefärbter Schnurrbart saß, erweckte bei Mitja einstweilen keinerlei Bedenken. Selbst die minderwertige, offensichtlich in Sibirien hergestellte Perücke des Polen mit dem an den Schläfen dumm nach vorn gekämmten Haar machte auf Mitja weiter keinen unangenehmen Eindruck. ›Wenn man eine Perücke trägt, muß es wohl so sein?‹ meditierte er in seiner glückseligen Stimmung. Der andere, der jüngere Pole, der an der Wand saß, und dem allgemeinen Gespräch mit herausfordernden Blicken und schweigender Geringschätzung zuhörte, überraschte Mitja nur durch seinen sehr hohen Wuchs, der in starkem Mißverhältnis zu dem Herrn auf dem Sofa stand. ›Wenn der aufsteht, muß er baumlang sein!‹ dachte Mitja flüchtig. Auch ging ihm der Gedanke durch den Kopf, daß dieser hochgewachsene Herr wahrscheinlich ein Freund oder Helfershelfer oder eine Art Leibwächter des Herrn auf dem Sofa sein müßte und daß der kleine Herr mit der Pfeife dem hochgewachsenen Herrn gewiß zu befehlen hätte. Aber auch das erschien Mitja in seiner Zufriedenheit gut und tadellos. Im Herzen des kleinen Hündchens war jede Rivalität erstorben. Gruschenka und den rätselhaften Ton mancher ihrer Bemerkungen begriff er noch nicht; er merkte nur – und bei dieser Wahrnehmung erbebte sein Herz –, daß sie zu ihm freundlich war, daß sie ihm »verziehen« hatte und ihn neben sich sitzen ließ. Er war außer sich vor Freude, als er sie aus ihrem Glas Champagner nippen sah. Das Schweigen der Gesellschaft schien ihn jedoch plötzlich zu überraschen, und er ließ seine Augen herumgehen, als ob er etwas erwartete. ›Warum sitzen wir denn so still? Warum fangen Sie nichts an, meine Herrschaften?‹ schien sein lächelnder Blick zu fragen.

»Der da schwatzt immerzu Unsinn, und wir haben immerzu darüber gelacht«, sagte auf einmal Kalganow und zeigte dabei auf Maximow, als hätte er Mitjas Blick verstanden.

Mitja sah eifrig Kalganow und dann gleich Maximow an. »Er schwatzt Unsinn?« fragte er mit seinem kurzen, hölzernen Lachen, denn er freute sich sofort über irgend etwas. »Haha!«

»Ja, stellen Sie sich vor, er behauptet, unsere gesamte Kavallerie hätte in den zwanziger Jahren Polinnen geheiratet! Das ist doch ein schrecklicher Unsinn, nicht wahr?«

»Polinnen?« fiel Mitja wieder ein, jetzt schon völlig hingerissen.

»Denken Sie sich, ich schleppe ihn schon vier Tage lang mit mir«, fuhr er fort, indem er wie aus Faulheit die Worte ein wenig in die Länge zog, doch kam das ganz natürlich heraus, ohne Geckenhaftigkeit. »Seit Ihr Bruder ihn damals vom Wagen zurückstieß und er ein Ende wegflog, erinnern Sie sich? Dadurch erregte er mein lebhaftes Interesse, und ich nahm ihn mit auf mein Gut. Aber er schwatzt jetzt immer Unsinn, so daß man sich seiner schämen muß. Ich werde ihn wieder zurückbringen …«

Kalganow durchschaute Mitjas Beziehungen zu Gruschenka und erriet auch, wie sie zu dem Polen stand; doch das interessierte ihn nicht sonderlich. Ihn interessierte am meisten Maximow. Er war mit ihm nur zufällig hierhergeraten und war den beiden Polen hier im Gasthaus zum erstenmal in seinem Leben begegnet. Gruschenka kannte er schon von früher und war sogar einmal mit jemand bei ihr gewesen; damals hatte er ihr nicht gefallen. Hier nun sah sie ihn sehr freundlich an, vor Mitjas Ankunft hatte sie ihn sogar geliebkost, aber er war dagegen eigentümlich unempfindlich geblieben. Er war ein junger Mann um die zwanzig, elegant gekleidet, mit einem sehr netten, bleichen Gesichtchen und sehr schönem, dunkelblondem Haar; in dem bleichen Gesichtchen waren ein Paar prachtvolle, hellblaue Augen mit einem klugen, bisweilen sogar tiefen, über sein Alter reifen Ausdruck, obwohl der junge Mann dann wieder wie ein Kind redete und schaute und sich dessen gar nicht schämte, sondern es sogar selbst eingestand. Überhaupt war er sehr eigenartig, ja launenhaft, allerdings stets freundlich. Mitunter hatte sein Gesicht einen Anflug von Starrheit und Eigensinn; er sah einen an und hörte wohl auch zu, doch schien er sich stur mit seinen eigenen Gedanken zu beschäftigen. Mal benahm er sich lässig, mal regte er sich auf, und das oft aus nichtigem Anlaß.

»Der Pan hat noch keine polnische Dame gesehen und redet Dinge, die unmöglich sind«, bemerkte der Herr mit der Pfeife über Maximow.

Er konnte ganz gut russisch sprechen, verunstaltete aber die russischen Worte, deren er sich bediente, durch polnische Aussprache.

»Aber ich bin ja mit einer Polin verheiratet gewesen«, gab Maximow kichernd zur Antwort.

»Na, haben Sie etwa bei der Kavallerie gedient? Sie erzählten das doch von der Kavallerie. Waren Sie etwa Kavallerist?« mischte sich sofort Kalganow ein.

»Ja, freilich, ist er denn Kavallerist gewesen? Haha!« rief Mitja, der eifrig zugehört hatte und seinen fragenden Blick zu jedem, der sprach, hatte wandern lassen, als erwartete er von jedem Gott weiß was zu hören.

»Nein, sehen Sie«, wandte sich Maximow an ihn. »Ich rede davon, daß diese polnischen Fräulein … Hübsch sind sie ja, wenn sie mit unseren Ulanen eine Mazurka zu Ende getanzt haben … Wenn so eine mit einem unserer Ulanen eine Mazurka zu Ende getanzt hat, hüpft sie ihm auch gleich auf den Schoß wie ein Kätzchen, wie ein weißes Kätzchen … Und der Herr Vater und die Frau Mutter sehen es und erlauben es … Und der Ulan geht dann am nächsten Tag hin und macht ihr einen Heiratsantrag … Jawohl, und macht ihr einen Heiratsantrag, hihi!« kicherte Maximow.

»Der Herr ist ein Strolch!« brummte auf einmal der lange Herr auf dem Stuhl und schlug die Beine übereinander. Mitja sah ihn an; seine Aufmerksamkeit erregten jedoch nur ein Paar gewaltige Schmierstiefel mit dicken, schmutzigen Sohlen. Überhaupt waren die Anzüge der beiden Polen ziemlich unsauber.

»Was heißt hier Strolch? Was hat er hier zu schimpfen?« rief Gruschenka ärgerlich.

»Pani Agrippina, der Herr hat in Polen Bauernmädchen gesehen, aber keine vornehmen Damen«, bemerkte der Herr mit der Pfeife, zu Gruschenka gewandt.

»Wie kannst du dich um so was überhaupt kümmern?« warf der lange Herr auf dem Stuhl kurz und verächtlich ein.

»Auch das noch! So lassen Sie ihn doch reden! Wenn Leute reden wollen, wozu soll man sie stören? Mit solchen Leuten zusammen sein macht Spaß!« bemerkte Gruschenka in scharfem Ton.

»Ich störe niemand, Pani«, sagte der Herr mit der Perücke mit einem langen Blick auf Gruschenka bedeutsam; dann schwieg er würdevoll und begann wieder an seiner Pfeife zu ziehen.

»Aber nein, nein, was der polnische Herr da eben gesagt hat, ist ganz richtig«, ereiferte sich nun wieder Kalganow, als ob es sich um wer weiß wie wichtige Dinge gehandelt hätte. »Er ist ja gar nicht in Polen gewesen, wie kann er da über Polen reden? Sie haben doch gar nicht in Polen geheiratet, wie?«

»Nein, im Gouvernement Smolensk. Nur hatte sie ein Ulan schon vorher aus Polen, aus dem eigentlichen Polen, mitgebracht, das heißt meine künftige Gattin und ihre Frau Mutter und ihre Tante und noch eine Verwandte mit einem erwachsenen Sohn … Und der trat sie mir ab. Es war ein Leutnant, ein sehr hübscher junger Mann. Anfangs hatte er sie selbst heiraten wollen, aber er tat es dann doch nicht, weil es sich herausstellte, daß sie lahm war …«

»Da haben Sie also eine Lahme geheiratet?« rief Kalganow.

»Allerdings. Die beiden hatten mich damals ein bißchen hinters Licht geführt. Ich dachte, sie hätte so einen hüpfenden Gang … Sie hüpfte immer, und ich dachte, aus Munterkeit …«

»Aus Freude darüber, daß sie Ihre Frau werden sollte?« rief Kalganow mit kindlich heller Stimme.

»Jawohl, aus Freude. Aber es ergab sich, daß das eine ganz andere Ursache hatte. Später, gleich am Abend nach der Trauung, gestand sie es mir und bat mich sehr gefühlvoll um Verzeihung. Sie sagte, sie sei als Kind einmal über eine Pfütze gesprungen und habe sich dabei den Fuß beschädigt, hihi!«

Kalganow brach in ein lautes echtes Kinderlachen aus und fiel fast auf das Sofa. Auch Gruschenka lachte. Mitja befand sich auf dem Gipfel der Glückseligkeit.

»Wissen Sie, wissen Sie, jetzt sagt er aber die Wahrheit, jetzt lügt er nicht«, rief Kalganow, zu Mitja gewandt. »Wissen Sie, er ist zweimal verheiratet gewesen; was er da erzählt hat, bezieht sich auf seine erste Frau. Seine zweite Frau ist ihm nämlich davongelaufen und lebt heute noch, wissen Sie das?«

»Na, so etwas!« rief Mitja und sah mit größtem Erstaunen zu Maximow.

»Ja, sie ist mir davongelaufen, diese Unannehmlichkeit ist mir passiert«, bestätigte Maximow bescheiden. »Mit so einem Monsieur. Aber die Hauptsache war, sie hatte gleich von vornherein mein ganzes Gut auf ihren Namen umschreiben lassen. ›Du bist ein gebildeter Mann‹, hatte sie zu mir gesagt, ›du wirst auch so dein Brot finden können.‹ Dadurch brachte sie mich in die Tinte. Ein verehrter Bischof hat einmal zu mir gesagt: ›Deine erste Frau war lahm und die zweite gar zu leichtfüßig.‹ Hihi!«

»Hören Sie nur, hören Sie nur!« rief Kalganow richtiggehend begeistert. »Wenn er auch schwindelt, und er schwindelt oft, so tut er es doch einzig und allein, um allen ein Vergnügen zu bereiten, das ist nicht gemein, das ist nicht gemein! Wissen Sie, manchmal mag ich ihn recht gern. Er ist gemein; aber er ist es von Natur, nicht? Wie denken Sie darüber? Ein anderer handelt gemein zu irgendwelchem Zweck, um dadurch einen Vorteil zu erlangen, aber er tut es ganz einfach, weil das seine Natur ist … Stellen Sie sich zum Beispiel vor, gestern hat er sich mit mir auf dem ganzen Weg gestritten und behauptet, Gogol habe in den ›Toten Seelen‹ etwas über ihn geschrieben. Sie erinnern sich wohl, da kommt ein Gutsbesitzer Maximow vor, den Nosdrjow auspeitschen ließ, wofür er auch gerichtlich belangt wurde, ›weil er in betrunkenem Zustand dem Gutsbesitzer Maximow eine tätliche Beleidigung durch Auspeitschen mit Ruten zugefügt hatte‹ – na. Sie werden sich wohl an die Stelle erinnern! Und stellen Sie sich vor, nun behauptet er, das sei er gewesen, er sei ausgepeitscht worden! Na, ist das überhaupt möglich? Tschitschikow hat seine Reise spätestens in den zwanziger Jahren gemacht, so daß die Zeitrechnung absolut nicht stimmt. Unser Maximow konnte damals nicht ausgepeitscht werden. Das war doch nicht möglich, nicht wahr?«

Es war schwer zu sagen, warum Kalganow sich so ereiferte, aber das war bei ihm echt. Auch Mitja, interessierte sich sehr für diese Frage.

»Und wenn er nun doch einmal ausgepeitscht worden ist!« rief er lachend.

»Nicht eigentlich ausgepeitscht, bloß so«, warf Maximow ein.

»Was heißt das, ›bloß so?‹ Sind Sie ausgepeitscht worden oder nicht?«

»Wie spät?« wandte sich der Herr mit der Pfeife mit gelangweilter Miene auf polnisch an den hochgewachsenen Herrn auf dem Stuhl.

Dieser zuckte mit den Schultern, sie hatten beide keine Uhren.

»Warum soll man sich denn nicht unterhalten? Laßt doch auch andere Leute reden! Wenn ihr euch langweilt, brauchen doch andere Leute noch nicht den Mund zu halten!« empörte sich Gruschenka wieder; sie suchte offenbar absichtlich Streit.

Mitja ging eine derartige Vermutung jetzt zum erstenmal durch den Kopf.

Der Pole antwortete schon mit deutlicher Gereiztheit. »Pani, ich habe keinen Einspruch erhoben, ich habe überhaupt nichts gesagt.«

»Na, dann also gut. Erzähle weiter!« rief Gruschenka Maximow zu. »Warum seid ihr alle so still geworden?«

»Da ist eigentlich nichts weiter zu erzählen, es sind ja alles nur Dummheiten«, nahm Maximow, sich ein wenig zierend, aber mit sichtlichem Vergnügen das Wort. »Aber auch bei Gogol ist das alles nur allegorisch gemeint, wie er denn auch alle Familiennamen geändert hat. Nosdrjow zum Beispiel hieß eigentlich nicht Nosdrjow, sondern Nossow, und Kuwschinnikow – da ist nun schon gar keine Ähnlichkeit mehr, er hieß Schkwornew. Aber Fenardi hieß wirklich Fenardi, nur war er kein Italiener, sondern ein Russe namens Petrow, und Mamsell Fenardi war ein allerliebstes Wesen, und ihre Beinchen im Trikot sahen allerliebst aus, und dazu das kurze, mit Flitter besetzte Röckchen, und da drehte sie sich nun herum, nur nicht vier Stunden lang, sondern bloß vier Minuten … Und bezauberte alle …«

»Und warum bist du ausgepeitscht worden? Warum eigentlich?« rief Kalganow.

»Wegen Piron«, antwortete Maximow.

»Was ist das für ein Piron?« rief Mitja.

»Der bekannte französische Schriftsteller Piron. Wir tranken damals alle Wein in großer Gesellschaft, in einem Restaurant, eben auf dem bewußten Jahrmarkt. Sie forderten mich auf, etwas zu sagen, und da begann ich zuerst Epigramme zu zitieren: ›Bist du das, Boileau? Was trägst du für einen komischen chapeau?‹ Boileau antwortet, er wolle auf einen Maskenball gehen, das heißt zum Baden, hihi, und das bezogen sie auf sich. Da trug ich so schnell wie möglich ein anderes Epigramm vor, ein bissiges, das jedem Gebildeten bekannt ist:

›Wenn du als Sappho dich, als Phaon mich verkündest,
bedaur‘ ich, daß du nicht den Weg zum Meere findest.‹

Sie fühlten sich noch mehr beleidigt und beschimpften mich in unanständiger Weise, und da erzählte ich nun, um meine Situation zu verbessern, zu meinem Unglück eine sehr gebildete Anekdote über Piron. wie er nicht in die Academie Francaise aufgenommen wurde und, um sich zu rächen, für seinen Grabstein folgende Inschrift verfaßte:

Ci-git Piron qui ne fut rien,
pas meme academicien.

Und da haben sie mich ausgepeitscht.« »Aber weswegen denn, weswegen?«

»Wegen meiner Bildung. Gründe, aus denen man jemand auspeitschen kann, gibt es wie Sand am Meer«, schloß Maximow in sanftem, lehrhaftem Ton.

»Genug, das ist alles widerwärtig, ich will das nicht mehr hören! Ich hatte gedacht, es würde etwas Lustiges kommen«, sagte Gruschenka auf einmal heftig.

Mitja fuhr zusammen und hörte sofort auf zu lachen. Der lange Pole erhob sich von seinem Platz, und mit der hochmütigen Miene eines Menschen, der sich in einer niedrigerstehenden Gesellschaft langweilt, fing er an, mit den Händen auf dem Rücken im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Seht mal an, nun fängt der auch noch an herumzulaufen!« bemerkte Gruschenka verächtlich.

Mitja wurde unruhig; er hatte außerdem wahrgenommen, daß der Herr auf dem Sofa ihn gereizt musterte.

»Panie!« rief Mitja. »Lassen Sie uns trinken, Panie! Auch mit dem anderen Pan möchte ich trinken. Trinken wir, Panowie!« Im Nu hatte er drei Gläser geholt und Champagner eingegossen … »Auf Polen, Panowie! Ich trinke auf Ihr Polen, auf das Polenland!« rief Mitja.

»Das ist mir sehr angenehm, Panie. Trinken wir!« sagte der Herr auf dem Sofa würdevoll und wohlwollend auf polnisch und nahm sein Glas.

»Auch der andere Pan, ich weiß seinen Namen nicht … Hören Sie, Hochedler, nehmen Sie Ihr Glas!« rief Mitja geschäftig.

»Pan Wroblewski«, half der Herr auf dem Sofa ein.

Pan Wroblewski trat mit schaukelndem Gang an den Tisch und ergriff stehend sein Glas.

»Auf Polen, Panowie! Hurra!« rief Mitja und erhob sein Glas.

Alle drei tranken aus. Mitja ergriff die Flasche und goß die drei Gläser wieder voll.

»Jetzt auf Rußland, Panowie! Und wir wollen Brüderschaft trinken!«

»Gieß uns auch ein!« sagte Gruschenka. »Auf Rußland will ich auch trinken.«

»Ich auch«, sagte Kalganow.

»Und ich ebenfalls … Auf das liebe Rußland, auf das alte Großmütterchen!« schloß sich Maximow kichernd an.

»Alle, alle!« schrie Mitja. »Wirt, bring noch mehr Flaschen!«

Es wurden drei Flaschen geholt, die von den von Mitja mitgebrachten noch übrig waren.

»Auf Rußland, hurra!« rief er wieder.

Alle außer den beiden Polen tranken aus, auch Gruschenka trank ihr ganzes Glas auf einen Zug aus. Die Polen aber rührten ihre Gläser nicht an.

»Aber was machen, Sie Panowie?« rief Mitja. »Also so sind Sie?«

Pan Wroblewski nahm sein Glas, erhob es und sagte mit schalIender Stimme: »Auf Rußland in den Grenzen vor siebzehnhundertzweiundsiebzig!«

»Richtig so!« rief der andere Pan auf polnisch, und beide leerten ihre Gläser in einem Zug.

»Dummköpfe sind Sie, Panowie!« entfuhr es Mitja unwillkürlich.

»Pa-nie?!« riefen die beiden Polen drohend und nahmen wie Kampfhähne Mitja gegenüber eine herausfordernde Haltung ein. Besonders aufgeregt war Pan Wroblewski.

»Darf man denn sein Land nicht lieben?« schrie er auf polnisch.

»Still! Ich will keinen Streit haben!« rief Gruschenka gebieterisch und stampfte mit dem Fuß auf.

Ihr Gesicht brannte, ihre Augen funkelten; das soeben ausgetrunkene Glas wirkte. Mitja bekam einen furchtbaren Schreck.

»Panowie, verzeihen Sie! Ich bin daran schuld, ich werde es nicht wieder tun. Wroblewski, Pan Wroblewski, ich werde es nicht wieder tun!«

»So sei doch still und setz dich hin, du Dummkopf!« fuhr ihn Gruschenka ärgerlich an.

Alle setzten sich, verstummten, sahen einander an.

»Meine Herren, ich bin an allem schuld!« begann Mitja wieder, der Gruschenkas Ausruf nicht begriffen hatte.

»Nun, warum sitzen wir denn so still da? Womit wollen wir uns unterhalten, damit es wieder lustig wird?«

»Ach ja, es ist in der Tat entsetzlich langweilig« murmelte Kalganow lässig.

»Wir sollten ein bißchen Karten spielen wie vorhin …«, schlug Maximow kichernd vor.

»Spielen? Herrlich!« rief Mitja ein. »Wenn nur die Panowie …«

»Es ist schon spät, Panie!« erwiderte der Herr auf dem Sofa unlustig.

»Das ist richtig!« stimmte ihm Pan Wroblewski zu.

»Immer ist es ihnen zu spät, immer können sie irgendwas nicht!« rief Gruschenka. Sie kreischte fast, so ärgerlich war sie. »Sie selbst sitzen gelangweilt da, also sollen sich die anderen auch langweilen. Bevor du kamst, Mitja, haben sie nur immer geschwiegen und schiefe Gesichter gezogen …«

»Meine Göttin!« rief der Herr auf dem Sofa. »Was du sagst, soll geschehen. Ich sehe, daß du verstimmt bist, und das macht mich traurig. Ich bin bereit, Panie!« schloß er, zu Mitja gewandt.

»Fangen Sie an, Panie!« versetzte Mitja, zog seine Banknoten aus der Tasche und legte zwei Hundertrubelscheine auf den Tisch. »Ich will viel an Sie verlieren. Nehmen Sie die Karten, und halten Sie die Bank!«

»Die Karten soll der Wirt geben, Panie!« sagte der kleine Herr ernst und nachdrücklich.

»Das ist das korrekteste Verfahren«, stimmte Pan WrobIewski zu.

»Der Wirt? Nun gut, ich verstehe, soll der Wirt sie geben, da haben Sie recht, Panowie … Karten!« befahl Mitja dem Wirt.

Der Wirt brachte ein noch nicht entsiegeltes Spiel Karten und teilte Mitja mit, die Mädchen kämen schon zusammen, und die Juden mit den Zymbals würden wahrscheinlich auch bald zur Stelle sein, nur die Troika mit den Waren sei noch nicht gekommen.

Mitja sprang vom Tisch auf und lief ins Nachbarzimmer, um sogleich das Nötige anzuordnen. Von den Mädchen waren bisher jedoch nur drei gekommen, und Marja war auch noch nicht da. Mitja wußte selbst nicht recht, wozu er hinausgelaufen war; er befahl nur, das Konfekt auszupacken und Kandiszucker und Sahnebonbons an die Mädchen auszuteilen.

»Und für Andrej Schnaps!« befahl er hastig. »Ich habe Andrej gekränkt!«

In diesem Augenblick berührte ihn Maximow, der ihm nachgelaufen war, plötzlich an der Schulter.

»Geben Sie mir fünf Rubel«, flüsterte er. »Ich möchte auch mein Glück versuchen, hihi!«

»Herrlich, wunderschön! Nehmen Sie zehn, da!«

»Er zog wieder alle Banknoten aus der Tasche und suchte einen Zehnrubelschein heraus.

»Wenn Sie verlieren, kommen Sie ruhig wieder, kommen Sie ruhig wieder!«

»Schön!« flüsterte Maximow erfreut und lief in das andere Zimmer zurück.

Auch Mitja kehrte sogleich zurück und entschuldigte sich, daß er auf sich hatte warten lassen. Die Polen hatten sich bereits gesetzt und das Spiel Karten entsiegelt. Sie machten jetzt weit höflichere, beinahe freundliche Gesichter. Der Herr auf dem Sofa steckte sich eine neue Pfeife an und machte sich bereit, die Bank zu halten; auf seinem Gesicht prägte sich sogar eine gewisse Feierlichkeit aus.

»Auf Ihre Plätze, Panowie!« rief Pan Wroblewski.

»Nein, ich werde nicht mehr spielen«, versetzte Kalganow. »Ich habe vorhin schon fünfzig Rubel an Sie verloren.«

»Der Herr hat Unglück gehabt, der Herr kann wieder Glück haben«, bemerkte der Herr auf dem Sofa.

»Wieviel ist in der Bank? Kann man va banque spielen?« fragte Mitja eifrig.

»Zu dienen, Panie. Vielleicht hundert Rubel, vielleicht zweihundert, soviel wie Sie setzen wollen.«

»Eine Million!« rief Mitja lachend.

»Vielleicht hat der Pan Hauptmann die Geschichte von Pan Podwysocki gehört?«

»Was ist das für ein Podwysocki?«

»In Warschau kann jeder va banque spielen. Podwysocki kommt herein, sieht in der Bank tausend Gulden liegen und sagt: ›Va banque!‹ Der Bankhalter erwidert: ›Panie Podwysocki, setzen Sie bar oder na honor?‹ – ›Na honor, Panie‹, antwortete Podwysocki. ›Um so besser, Panie.‹ Der Bankhalter zieht die Taille ab, Podwysocki gewinnt und will sich die tausend Gulden nehmen. ›Warten Sie, Panie‹, sagt der Bankhalter, zieht einen Schubkasten auf und gibt ihm eine Million. ›Nehmen Sie, Panie, das ist Ihr Gewinn.‹ Die Bank hatte eine Million betragen. ›Das habe ich nicht gewußt‹, sagt der Bankhalter, ›Sie haben na honor gespielt, und wir ebenfalls na honor.‹ Podwysocki nahm die Million.«

»Die Geschichte ist nicht wahr«, sagte Kalganow.

»Panie Kalganow« in besserer Gesellschaft spricht man nicht so.«

»Na, so ein polnischer Spieler wird einem ausgerechnet eine Million aushändigen!« rief Mitja, besann sich aber sofort: »Verzeihen Sie, Panie, ich habe mich erneut vergangen! Er wird die Million aushändigen, – na honor, auf polnisches Ehrenwort! Sehen Sie, wie ich polnisch sprechen kann, hahaha! Hier, ich setze zehn Rubel, auf den Buben.«

»Und ich ein Rubelchen auf das Dämchen, auf das hübsche Coeurdämchen, auf das Fräuleinchen, hihi!« kicherte Maximow, schob seine Dame heraus, rückte ganz dicht an den Tisch, als wollte er heimlich spielen, und schlug hastig ein Kreuz unter dem Tisch.

Mitja gewann. Auch das Rubelchen gewann.

»Ecke!« rief Mitja.

»Und ich setze wieder ein Rubelchen. Ich bin ein Simplespieler, ein kleiner, ganz kleiner Simplespieler«, murmelte Maximow glückselig; er freute sich schrecklich darüber, daß sein Rubelchen gewonnen hatte.

»Geschlagen!« rief Mitja. »Die Sieben auf paix!«

Er wurde auch auf paix geschlagen.

»Hören Sie auf!« sagte Kalganow.

»Auf paix, auf paix!« rief Mitja, seine Einsätze verdoppelnd; doch alles, was er auf paix setzte, wurde geschlagen. Und die Rubelchen gewannen.

»Auf paix!« brüllte Mitja wütend.

»Sie haben zweihundert Rubel verloren, Panie. Wollen Sie noch zweihundert setzen?« erkundigte sich der Herr auf dem Sofa.

»Wie? Zweihundert habe ich schon verloren? Also noch zweihundert! Die ganzen zweihundert auf paix!« Er holte Geld aus der Tasche und wollte die ganzen zweihundert Rubel auf die Dame werfen, als Kalganow plötzlich die Karte mit der Hand zudeckte.

»Genug!« rief er mit seiner hellen Stimme.

»Was soll das heißen?« rief Mitja und sah ihn starr an.

»Genug! Ich will nicht, daß Sie weiterspielen. Sie sollen nicht mehr spielen.«

»Warum?«

»Darum. Spucken Sie auf die ganze Geschichte und gehen Sie weg! Ich lasse Sie nicht weiterspielen!«

Mitja blickte ihn erstaunt an.

»Hör auf, Mitja. Er hat vielleicht recht, du hast sowieso schon viel verloren«, sagte Gruschenka; ihre Stimme hatte dabei einen seltsamen Klang.

Die beiden Polen standen plötzlich mit beleidigter Miene auf.

»Machen Sie Scherz, Panie?« sagte der kleine Herr und blickte Kalganow streng an.

»Wie können Sie sich erdreisten, das zu tun?« brüllte auch Pan Wroblewski Kalganow an.

»Untersteht euch nicht, hier herumzuschreien! Untersteht euch nicht!« rief Gruschenka. »Ihr Truthähne!«

Mitja ließ seinen Blick von einem zum anderen wandern; plötzlich frappierte ihn etwas in Gruschenkas Gesicht, und ein ganz neuer Gedanke tauchte in seinem Kopf auf, ein seltsamer, neuer Gedanke!

»Pani Agrippina«, begann der kleine Pole, ganz rot vor Zorn, als Mitja zu ihm trat und ihm auf die Schulter klopfte.

»Hochedler, auf zwei Worte!«

»Was steht zu Diensten, Panie?«

»Bitte in jenes Zimmer, ich möchte Ihnen nur zwei Wörtchen sagen. Schöne, sehr gute Wörtchen, Sie werden zufrieden sein.«

Der kleine Pole wunderte sich und blickte Mitja mißtrauisch an. Doch erklärte er sich sogleich einverstanden, allerdings nur unter der Bedingung, daß auch Pan Wroblewski mitkommen durfte.

»Ist das Ihr Leibwächter? Nun meinetwegen, auch er wird dabei benötigt! Sogar unbedingt!« rief Mitja. »Vorwärts, Panowie!«

»Wo wollt ihr hin?« fragte Gruschenka beunruhigt. »Wir kommen sofort zurück«, antwortete Mitja.

Eine unerwartete, kühne Unternehmungslust leuchtete in seinem Gesicht; das war jetzt ein ganz anderes Gesicht als vorhin. Er führte die Polen in das rechts gelegene Zimmer, nicht in das große, wo sich der Chor der Mädchen versammelte und der Tisch gedeckt wurde, sondern in eine Schlafstube, in der Truhen und Kästen und zwei Betten standen, jedes mit einem ganzen Berg von Kissen in Baumwollbezügen. In einer Ecke brannte auf einem kleinen Brettertisch ein Licht.

Der kleine Pole und Mitja setzten sich einander gegenüber an dieses Tischchen, und der baumlange Pan Wroblewski stellte sich, die Hände auf dem Rücken, neben sie. Die Polen machten ernste Gesichter, waren aber offenbar sehr neugierig.

»Womit kann ich dem Herrn dienen?« fragte der kleine Pole unsicher.

»Das will ich Ihnen sagen, Panie. Ich werde nicht viele Worte machen. Hier ist Geld für Sie …« Er zog seine Banknoten heraus. »Wenn Sie dreitausend Rubel wollen – bitte – nehmen Sie sie, und reisen Sie damit, wohin Sie wollen!«

Der Pole schaute Mitja mit weitgeöffneten Augen prüfend an.

»Dreitausend Rubel, Panie?«

Er wechselte einen Blick mit Wroblewski.

»Dreitausend, Panowie, dreitausend! Hören Sie, Panie. Ich sehe, daß Sie ein verständiger Mensch sind. Nehmen Sie die dreitausend Rubel, und scheren Sie sich zu allen Teufeln! Und nehmen Sie auch Ihren Wroblewski mit! Hören Sie? Aber sofort, augenblicklich, verstehen Sie, Panie? Für immer, ja? Hier durch diese Tür werden Sie hinausgehen. Was haben Sie mitgebracht, einen Überzieher, einen Pelz? Ich werde Ihnen die Sachen bringen. Und gleich wird eine Troika für Sie angespannt, und dann leben Sie wohl, Panie! Na?«

Mitja erwartete zuversichtlich eine bejahende Antwort. Er zweifelte nicht daran.

Ein Ausdruck fester Entschlossenheit schimmerte auf dem Gesicht des kleinen Polen auf.

»Und wie steht es mit dem Geld, Panie?«

»Mit dem Geld? Hören Sie zu, Panie. Fünfhundert Rubel gebe ich Ihnen sofort, für den Wagen und als Anzahlung. Und zweitausendfünfhundert bekommen Sie morgen in der Stadt. Mein Ehrenwort darauf! Sie werden da sein – und wenn ich sie aus der Erde holen müßte!« rief Mitja.

Die Polen sahen einander wieder an. Das Gesicht des Kleinen veränderte sich zum schlechteren.

»Siebenhundert, siebenhundert, nicht fünfhundert! Gleich, in die Hand!« sagte Mitja zulegend; er fühlte, daß die Sache schiefging. »Was ist, Panie? Trauen Sie mir nicht? Ich kann Ihnen doch nicht die ganzen dreitausend mit einemmal geben. Wenn ich das täte, würden Sie gleich morgen wieder zu ihr zurückkehren … Und ich habe auch jetzt nicht die ganzen dreitausend bei mir. Sie liegen bei mir zu Hause«, stammelte Mitja, mit jedem Wort ängstlicher und mutloser. »Bei Gott, sie liegen da gut verwahrt …«

Augenblicklich drückte sich ein Gefühl außerordentlicher eigener Würde auf dem Gesicht des kleinen Polen aus. »Wünschen Sie sonst noch etwas?« fragte er ironisch. »Pfui! O pfui!« Er spuckte aus.

Auch Pan Wroblewski spuckte aus.

»Sie verschmähen mein Angebot doch nur deshalb, Panie«, sagte Mitja in heller Verzweiflung, da er einsah, daß alles aus war, »weil Sie von Gruschenka noch mehr herauspressen wollen. Gauner sind Sie alle beide, daß Sie es wissen!«

»Ich bin aufs tiefste beleidigt!« rief der kleine Pole auf polnisch.

Vor Zorn krebsrot im Gesicht, verließ er mit schnellen Schritten das Zimmer, als ob er nichts weiter hören wollte.

Ihm folgte mit seinem schaukelnden Gang auch Wroblewski. Hinter ihnen ging Mitja, verwirrt und bestürzt. Er fürchtete sich vor Gruschenka; er ahnte, daß der Pole sogleich ein großes Geschrei erheben würde. Das geschah denn auch. Der kleine Pole trat in das blaue Zimmer und stellte sich in theatralischer Haltung vor Gruschenka hin.

»Pani Agrippina, ich bin aufs tiefste beleidigt!« begann er auf polnisch, doch Gruschenka schien plötzlich alle Geduld zu verlieren, als hätte jemand ihre wundeste Stelle berührt.

»Sprich russisch, kein Wort polnisch will ich mehr hören!« schrie sie ihn an. »Du hast doch früher russisch gesprochen, hast du es in den fünf Jahren etwa vergessen?«

Sie war vor Zorn ganz rot geworden.

»Pani Agrippina …«

»Ich heiße Agrafena, ich heiße Gruschenka! Sprich russisch, oder ich will dich gar nicht hören!«

Der Pole, in seinem Ehrgefühl tief verletzt, atmete nur mühsam und sagte, das Russische radebrechend, schnell und stolz: »Pani Agrafena, ich bin hergekommen, um das Alte zu vergessen und zu verzeihen, um zu vergessen, was vor dem heutigen Tag gewesen ist …«

»Was redest du von Verzeihen? Du bist hergekommen, um mir zu verzeihen?« unterbrach ihn Gruschenka und sprang auf.

»Ganz richtig, Pani. Ich bin nicht kleinlich, ich bin großzügig. Aber ich war erstaunt, als ich deine Liebhaber sah. Pan Mitja hat mir soeben dreitausend Rubel angeboten, damit ich abreise. Ich habe ihm ins Gesicht gespuckt.«

»Wie? Er hat dir Geld für mich angeboten?« schrie Gruschenka in grenzenloser Erregung. »Ist das wahr, Mitja? Wie hast du das wagen können? Bin ich denn käuflich?«

»Panie, Panie!« brüllte Mitja. »Sie ist rein, strahlend rein, und ich bin nie ihr Geliebter gewesen! Da haben Sie gelogen …«

»Wie kannst du dich erdreisten, mich ihm gegenüber zu verteidigen?« schrie Gruschenka. »Nicht aus Tugendhaftigkeit bin ich rein gewesen, auch nicht, weil ich mich vor Kusma gefürchtet habe, sondern damit ich ihm gegenüber stolz sein konnte und das Recht hatte, ihn einen Schurken zu nennen, sobald ich ihm wieder begegnen würde. Hat er das Geld von dir wirklich nicht angenommen?«

»Doch! Er hat es angenommen, er hat es angenommen« rief Mitja. »Nur wollte er die ganzen dreitausend auf einmal haben, und ich bot ihm nur eine Anzahlung von siebenhundert.«

»Nun, das ist verständlich. Er hatte ja gehört, daß ich, Geld habe! Und darum ist er gekommen, um mich zu heiraten!«

»Pani Agrippina!« rief der Pole. »Ich bin ein Kavalier, ich bin rin Edelmann, ich bin kein Strolch. Ich bin gekommen, um dich zu meiner Gemahlin zu machen, aber ich sehe eine neue Pani vor mir, nicht die frühere, sondern eine eigensinnige und schamlose Pani.«

»So scher dich doch dahin, wo du hergekommen bist! Ich werde dich gleich wegjagen lassen, und man wird dich wegjagen!« rief Gruschenka außer sich. »Eine Verrückte bin ich gewesen, daß ich mich fünf Jahre lang gequält habe! Aber ich habe mich überhaupt nicht um seinetwillen gequält! Aus Zorn habe ich mich gequält! Und er ist es ja überhaupt nicht! War er damals etwa so ein Mann wie dieser jetzt? Der hier könnte der Vater von dem Früheren sein! Wo hast du dir denn diese Perücke machen lassen? Der andere war ein Falke, der hier ist ein Enterich. Der andere lachte und sang mir Lieder … Und ich, ich habe fünf Jahre lang Tränen vergossen! Ich verdammte Idiotin, ich niedriges, schamloses Geschöpf!«

Sie sank in ihren Lehnstuhl zurück und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

In diesem Augenblick ertönte im Nachbarzimmer links der Chor der Mädchen von Mokroje, die sich nun endlich versammelt hatten; sie sangen ein keckes Tanzlied.

»Das ist ja ein wahres Sodom!« schrie auf einmal Pan Wroblewski. »Wirt, jag das unverschämte Pack hinaus!«

Der Wirt, der schon lange neugierig durch die Tür sah, da er das Geschrei gehört und geahnt hatte, daß die Gäste in Streit geraten waren, erschien sogleich im Zimmer.

»Was schreist du so und reißt das Maul auf?« wandte er sich mit erstaunlicher Unhöflichkeit an Wroblewski.

»Du Rindvieh!« brüllte Pan Wroblewski.

»Ich ein Rindvieh? Und mit was für Karten hast du eben gespielt? Ich hatte dir ein neues Spiel gegeben, das hast du versteckt! Du hast mit falschen Karten gespielt! Ich kann dich für die falschen Karten nach Sibirien bringen, weißt du das? Denn das ist dasselbe wie falsches Geld …«

Und er trat ans Sofa, steckte die Finger zwischen Lehne und Sitzpolster und zog ein unentsiegeltes Spiel Karten heraus.

»Da ist mein Spiel, es ist noch gar nicht aufgemacht!« Er hob es hoch und zeigte es herum. »Ich habe gesehen, wie er mein Spiel in die Ritze steckte und seins dafür unterschob … Ein Betrüger bist du, und kein Pan!«

»Und ich habe gesehen, wie der andere Pan zweimal gemogelt hat!« rief Kalganow.

»Pfui Teufel, welche Schande!« rief Gruschenka und schlug die Hände zusammen. »Mein Gott, was für ein Mensch ist das geworden!«

»Ich hatte mir das schon gedacht!« rief Mitja. Aber er hatte das noch nicht ganz ausgesprochen, da wandte sich Pan Wroblewski verwirrt und wütend an Gruschenka, drohte ihr mit der Faust und schrie sie an:

»Öffentliche Hure!« Sofort stürzte sich Mitja auf ihn, umfaßte ihn mit den Armen, hob ihn in die Luft und trug ihn aus dem Saal in das Zimmer rechts, wo er eben erst mit den beiden gewesen war.

»Ich habe ihn da auf den Fußboden gelegt!« meldete er, als er, vor Aufregung keuchend, sogleich zurückkehrte. »Die Kanaille wollte sich noch wehren, doch keine Sorge, der kommt nicht wieder herein!«

Er machte den einen Türflügel zu, hielt den anderen weit offen und rief dem kleinen Polen zu: »Hochedler, belieben Sie nicht, ebenfalls dorthin zu gehen? Bitte sehr!«

»Väterchen, Dmitri Fjodorowitsch!« rief Trifon Borissowitsch. »Nehmen Sie ihnen doch das Geld ab, das Sie verloren haben! Das ist ja dasselbe, wie wenn sie es Ihnen gestohlen hätten!«

»Ich will meine fünfzig Rubel nicht wieder haben«, erklärte Kalganow.

»Und auch ich meine zweihundert nicht!« rief Mitja. »Unter keinen Umständen – soll er sie zu seinem Trost behalten.«

»Bravo, Mitja! Du bist ein Prachtmensch, Mitja!« rief Gruschenka; aus ihrer Stimme sprach noch die starke Empörung.

Der kleine Pole, der vor Wut dunkelrot geworden war, ohne aber im geringsten von seiner würdevollen Haltung einzubüßen, ging zur Tür, blieb dann jedoch stehen und sagte zu Gruschenka: »Pani, wenn du mit mir kommen willst, so komm! Wenn nicht, dann lebe wohl!«

Und mit großartiger Miene, schnaufend vor Empörung und verletztem Ehrgefühl, ging er hinaus. Er war ein Mann von festem Charakter; selbst nach allem, was vorhergegangen war, hatte er die Hoffnung noch nicht aufgegeben, die Pani würde mit ihm kommen – so hoch schätzte er sich ein. Mitja schlug die Tür hinter ihm zu.

»Schließen Sie die beiden doch ein!« sagte Kalganow. Aber man hörte, wie der Schlüssel von der anderen Seite gedreht wurde; sie hatten sich selbst eingeschlossen.

»Bravo!« rief Gruschenka wieder boshaft und mitleidlos. »Bravo! Da gehören sie auch hin!«

8. Im Fieberwahn

Nun begann eine Art Orgie, ein Gelage für jedermann. Gruschenka war die erste, die sich Wein geben ließ. »Ich will trinken, total betrinken will ich mich! Es soll sein wie voriges Mal, erinnerst du dich, Mitja? Erinnerst du dich, wie wir uns damals hier kennengelernt haben?« Mitja selbst war wie im Fieber und ahnte »sein Glück«. Gruschenka jagte ihn übrigens fortwährend von sich fort: »Geh, sei lustig! Sag ihnen, sie sollen tanzen, alle sollen lustig sein! Tanzen sollen Tisch und Bänke und der Ofen und die Schränke! Wie damals, wie damals!« rief sie. Sie war sehr erregt. Und Mitja lief, um alles anzuordnen. Der Chor hatte sich im Nebenzimmer versammelt. Das Zimmer, in dem sie bis dahin gesessen hatten, war zu eng, da es durch einen Kattunvorhang geteilt war; hinter dem Vorhang stand ein riesiges Bett mit einem dicken Federbett und mit einem Berg von Kissen in Baumwollbezügen. Betten standen nämlich in allen vier »guten Stuben« dieses Hauses. Gruschenka hatte direkt in der Tür Platz genommen; Mitja hatte ihr den Lehnstuhl dorthin getragen: Hier hatte sie auch »damals«, während ihres ersten Gelages, gesessen und dem Gesang zugehört und dem Tanz zugesehen. Die Mädchen, die sich jetzt versammelt hatten, waren dieselben wie damals. Die Juden mit den Geigen und Zithern hatten sich ebenfalls eingefunden, und endlich war auch der sehnlich erwartete dreispännige Wagen mit den Weinen und den Lebensmitteln eingetroffen. Mitja war in geschäftiger Bewegung. Auch Unbeteiligte kamen herein, um zuzuschauen, Bauern und Bauersfrauen, die sich zwar schon schlafen gelegt hatten, aber wieder aufgestanden waren, weil sie eine reiche Bewirtung witterten wie vor einem Monat. Mitja begrüßte und umarmte alle, die er kannte und an deren Gesichter er sich erinnerte, öffnete Flaschen und goß jedem ein, der ihm in die Nähe kam. Auf Champagner waren eigentlich nur die jungen Mädchen versessen; den Bauern sagten Rum und Kognak und besonders der heiße Punsch mehr zu. Mitja ordnete an, für alle Mädchen Schokolade zu kochen und drei Samoware die ganze Nacht über in Betrieb zu lassen, damit jeder Ankömmling Tee und Punsch bekommen konnte: Ein jeder sollte bewirtet werden. Kurz, es begann ein ausschweifendes, sinnloses Treiben; Mitja fühlte sich dabei in seinem Element, und je sinnloser es wurde, um so lebhafter und munterer wurde er. Hätte ihn irgendein Bauer in jenen Augenblicken um Geld gebeten, hätte er sogleich sein ganzes Päckchen Banknoten herausgezogen und nach rechts und links Geld verteilt, ohne zu zählen. Wahrscheinlich aus diesem Grund hielt sich der Wirt Trifon Borissowitsch fast wie eine Klette in seiner Nähe; er schien in dieser Nacht gänzlich auf Schlaf verzichten zu wollen, trank nur wenig, nur ein einziges Glas Punsch, und wachte auf seine Weise sorgsam über Mitjas Interessen. Sooft er es für nötig erachtete, hielt er ihn in knechtisch-freundlicher Manier zurück, redete auf ihn ein, ließ nicht zu, daß er wie »damals« die Bauern mit Zigarren und Rheinwein bewirtete oder ihnen womöglich Geld gab, und war sehr empört darüber, daß die jungen Mädchen Likör tranken und Konfekt aßen. »Es ist ja nur eine Lausebande, Dmitri Fjodorowitsch«, sagte er. »Ich gebe jeder von hinten einen Stoß mit dem Knie und befehle ihr dann noch, sich das als eine Ehre anzurechnen – von der Sorte sind die!« Mitja kam noch einmal auf Andrej zurück und befahl, ihm Punsch zu schicken. »Ich habe ihn vorhin gekränkt«, sagte er noch einmal mit matter, gerührter Stimme. Kalganow wollte eigentlich nicht trinken, und der Mädchenchor mißfiel ihm anfangs sehr; doch nachdem er noch ein paar Gläser Champagner getrunken hatte, wurde er sehr vergnügt, wanderte durch die Zimmer, lachte und lobte alles und alle, die Lieder wie die Musik. Maximow, glückselig und angeheitert, wich nicht von seiner Seite. Gruschenka, die ebenfalls langsam berauscht wurde, sagte zu Mitja, auf Kalganow deutend: »Was ist er doch für ein lieber, prächtiger Junge!« Und Mitja lief hin, um Kalganow und Maximow zu küssen. Oh, er ahnte vieles, wenn sie ihm auch noch nichts Bestimmtes gesagt hatte, sondern sich sogar eher absichtlich zurückhielt, etwas zu sagen, und ihm nur ab und zu einen freundlichen, aber heißen Blick zuwarf. Endlich nahm sie ihn plötzlich fest bei der Hand und zog ihn mit Gewalt zu sich heran. Sie saß in diesem Augenblick in ihrem Lehnstuhl an der Tür.

»Wie konntest du nur vorhin mit so einer Absicht hereinkommen? Wie ist das nur möglich? Ich habe so einen Schreck bekommen! Wie konntest du mich nur an ihn abtreten wollen! Hast du das wirklich gewollt?«

»Ich wollte dein Glück nicht zerstören!« stammelte Mitja glückselig. Aber sie bedurfte seiner Antwort gar nicht.

»Na, nun geh … Sei lustig!« Mit diesen Worten schickte sie ihn wieder weg. »Und weine nicht, ich werde dich wieder rufen.«

Er ging, und sie beschäftigte sich wieder damit, den Liedern zuzuhören und dem Tanz zuzusehen, folgte ihm dabei jedoch mit den Blicken, wo immer er war. Nach einer Viertelstunde rief sie ihn wieder, und er kam wieder sofort.

»So, setz dich jetzt zu mir und erzähle, wie du erfahren hast, daß ich hierhergefahren bin. Von wem hast du es zuerst gehört?«

Und Mitja begann zu erzählen, unzusammenhängend, ohne Ordnung, mit Feuer; eigenartig war, daß er dabei häufig die Augenbrauen zusammenzog und verstummte.

»Warum machst du denn so ein finsteres Gesicht?« fragte sie »Was hast du?«

»Ach, nichts … Ich habe dort jemand krank zurückgelassen. Wenn ich wüßte, daß er wieder gesund wird – ich würde zehn Jahre meines Lebens darum geben!«

»Nun, Gott helfe ihm, wenn er krank ist! Also du wolltest dich morgen wirklich erschießen? Und warum, du Dummkopf! Aber ich liebe gerade solche unvernünftigen Menschen wie dich«, flüsterte sie ihm mit etwas schwer gewordener Zunge zu. »Also du bist für mich zu allem fähig? Ja? Und du hast dich wirklich morgen erschießen wollen, du kleiner Dummkopf! Nein, warte noch ein Weilchen … morgen sage ich dir vielleicht ein Wörtchen … Heute noch nicht, aber morgen … Oder möchtest du es heute hören? Nein, heute will ich nicht … So, nun geh, geh jetzt, sei lustig!«

Einmal jedoch, als sie ihn zu sich rief, schien sie bekümmert und besorgt zu sein.

»Warum bist du so traurig? Ich sehe, daß du traurig bist … Nein, ich sehe es ganz genau!« fügte sie hinzu und sah ihm scharf in die Augen. »Wenn du auch die Bauern abküßt und herumschreist, ich sehe, was ich sehe. Aber nicht doch, sei lustig! Ich bin lustig, und du sollst auch lustig sein … Ich liebe hier jemand: Rate mal, wen? Ach, sieh mal, mein Junge ist eingeschlafen, er ist betrunken, der liebe Kerl!«

Sie meinte Kalganow. Der war tatsächlich betrunken und, auf dem Sofa sitzend, einen Augenblick eingeschlafen – doch nicht nur infolge der Trunkenheit. Ihm war aus irgendwelchem Grund traurig zumute, oder wie er sagte: er langweilte sich. Stark verstimmt hatten ihn zuletzt auch die von den Mädchen gesungenen Lieder, die mit der Zeit immer ausgelassener und unzüchtiger geworden waren. Ebenso war es mit den Tänzen: Zwei Mädchen hatten sich als Bären verkleidet, und die kecke Stepanida spielte mit einem Stock in der Hand den Bärenführer und führte die beiden vor. »Lustiger, Marja!« rief sie. »Sonst bekommst du den Stock!« Die Bären fielen schließlich unter dem lauten Gelächter des dichtgedrängt stehenden Publikums in einer sehr unanständigen Weise zu Boden. »Na, sollen sie, sollen sie doch!« hatte Gruschenka ruhig gesagt. »Warum sollen sich die Leute nicht freuen, wenn einmal ein Tag zum Lustigsein kommt. Kalganow aber hatte ein Gesicht gemacht, als hätte er sich beschmutzt. »Eine Schweinerei ist das alles, diese ganze Volkstümlichkeit!« hatte er bemerkt und war beiseite gegangen. Sein besonderes Mißfallen hatte aber ein »neues« Liedchen zu einer munteren Tanzweise erregt, das davon handelte, wie Angehörige verschiedener Stände um die Liebe der Mädchen werben.

Fragt ein Adelsherr die Mädchen,
ob sie ihn wohl lieben täten.

Doch die Mädchen sind der Ansicht, daß man so einen Herrn nicht lieben kann.

Hoher Herr wird kräftig schlagen,
und das mag ich nicht ertragen.

Dann kommt ein Zigeuner:

Ein Zigeuner fragt die Mädchen,
ob sie ihn wohl lieben täten.

Aber auch einen Zigeuner können sie nicht lieben.

Der Zigeuner, der wird stehlen,
mag ihn nicht zum Liebsten wählen.

So kommen noch viele mit der gleichen Frage, auch ein Soldat:

Ein Soldat fragt die Mädchen,
ob sie ihn wohl lieben täten.

Auch der Soldat wird geringschätzig abgewiesen.

Der Tornister auf dem Rücken,
wird sehr drücken, wenn …

Hier folgte ein zensurwidriger Vers, der allerdings ganz unbefangen vorgetragen wurde und bei den Zuhörern wahre Begeisterungsstürme auslöste.

Die Sache endete schließlich mit dem Kaufmann.

Reicher Kaufmann fragt die Mädchen,
ob sie ihn wohl lieben täten.

Und es zeigte sich, daß sie den sehr gern lieben würden:

Kaufmann wird viel Rubel raffen,
mir ein schönes Leben schaffen.

Kalganow war darüber richtig wütend geworden. »Das ist ja ein ganz modernes Lied!« hatte er laut bemerkt. »Wer nur so etwas verfaßt? Es fehlte nur noch, daß ein Eisenbahnaktionär oder ein Jude kommt und die Mädchen fragt – die würden gewiß alle übrigen aus dem Feld schlagen.« Und er hatte beinahe beleidigt hinzugefügt, daß er sich nun langweile, hatte sich aufs Sofa gesetzt und war eingeschlummert. Sein hübsches Gesichtchen war noch ein wenig blasser geworden und seitwärts auf das Sofapolster gesunken.

»Sieh nur, wie hübsch er ist«, sagte Gruschenka zu Mitja. »Ich habe ihn vorhin gekämmt, sein Haar ist wie Flachs und so dicht …« Sie beugte sich gerührt über ihn und küßte ihn auf die Stirn.

Kalganow schlug die Augen auf, blickte sie an, richtete sich auf und fragte mit dem Ausdruck höchster Besorgnis: »Wo ist Maximow?«

»Also um den macht er sich Sorgen!« sagte Gruschenka lachend. »Sitz doch ein Weilchen mit mir zusammen! Mitja, lauf und hole seinen Maximow!«

Es stellte sich heraus, daß Maximow keinen Augenblick mehr von den Mädchen wich. Nur ab und zu goß er sich ein Gläschen Likör ein, und Schokolade hatte er schon zwei Tassen getrunken. Sein Gesicht war dunkelrot geworden, die Nase blaurot; seine Augen hatten einen feuchten, süßlichen Schimmer bekommen. Er kam herbeigelaufen und erklärte, er wolle sogleich nach einer besonderen Melodei die Sabotiere tanzen.

»Man hat mich ja, als ich noch klein war, alle diese feinen Gesellschaftstänze gelehrt.«

»Geh du mit ihm, Mitja, ich werde von hier aus zusehen.«

»Ich auch, ich werde auch hingehen und zusehen!« rief Kalganow und lehnte so in der naivsten Weise Gruschenkas Angebot ab.

Es begaben sich also alle hin, um zuzusehen. Maximow führte seinen Tanz wirklich aus, erregte damit aber bei niemand, außer hei Mitja, sonderliches Entzücken. Der ganze Tanz bestand aus besonderen Sprüngen, wobei die Füße seitwärts gedreht wurden, mit den Sohlen nach oben; bei jedem Sprung schlug sich Maximow mit der flachen Hand auf eine Sohle. Kalganow fand keinen Gefallen daran; Mitja hingegen umarmte und küßte den Tänzer sogar.

»Vielen, vielen Dank! Vielleicht bist du erschöpft? Möchtest du ein Stückchen Konfekt, ja? Oder willst du vielleicht eine Zigarre?«

»Eine Zigarette.«

»Möchtest du etwas trinken?«

»Ich werde einen kleinen Likör trinken … Haben Sie kein Schokoladenkonfekt?«

»Da auf dem Tisch ist ja eine ganze Fuhre davon. Such dir etwas aus, du Taubenseele!«

»Nein, ich möchte welches mit Vanille … Für alte Männer … Hihi!«

»Nein, Bruder, diese besondere Sorte ist nicht da.«

»Hören Sie mal …« Der Alte beugte sich ganz dicht an Mitjas Ohr. »Sehen Sie dieses Mädchen da? Die Marjuschka, hihi! Ich möchte gern, wenn es möglich wäre, durch Ihre Güte mit ihr bekannt werden …«

»Nun sieh mal einer an, was du für Wünsche hast! Nein, Bruder, du redest Unsinn.«

»Ich tu‘ ja niemand was zuleide damit«, flüsterte Maximow wehmütig.

»Na schön. Hier wird zwar nur gesungen und getanzt, aber zum Teufel, warte ein Weilchen … Vorläufig iß und trink und sei lustig! Brauchst du Geld?«

»Wenn ich vielleicht nachher etwas bekommen könnte?« erwiderte Maximow lächelnd.

»Gut, gut …«

Mitja hatte einen glühend heißen Kopf. Er ging auf den Flur hinaus und von da aus auf die obere Galerie, die sich auch innen, auf der Hofseite, an einem Teil des Gebäudes hinzog. Die frische Luft belebte ihn. Er stand allein, in der Dunkelheit, und griff sich plötzlich mit beiden Händen an den Kopf. Seine zerstreuten Gedanken und alle seine Empfindungen flossen auf einmal zusammen, und alles wurde klar und hell. Aber es war eine furchtbare, entsetzliche Helligkeit! ›Wenn ich mich nun einmal erschießen will, welcher Zeitpunkt könnte geeigneter sein als der jetzige?‹ ging es ihm durch den Kopf. Ich sollte die Pistole holen und hier in diesem schmutzigen, dunklen Winkel allem ein Ende machen …‹ Fast eine Minute lang stand er unentschlossen da. Vorhin, als er im Wagen hierherjagte, hatte hinter ihm die Schande gestanden, der begangene Diebstahl und dieses Blut, dieses Blut! Doch da wäre es ihm noch leichter gefallen, sich das Leben zu nehmen, oh, viel leichter! Es war ja schon alles ausgewesen: er hatte sie verloren, hatte sie dem anderen abgetreten, sie war für ihn untergegangen, verschwunden – oh, da war es leichter für ihn, das Todesurteil über sich zu fällen; wenigstens erschien es als unvermeidlich, als notwendig: wozu sollte er noch auf der Welt bleiben? Aber jetzt – stand die Sache etwa jetzt noch so wie vorhin? Jetzt war wenigstens ein Gespenst, ein Schreckbild beseitigt: dieser »Frühere« war verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Das furchtbare Gespenst hatte sich auf einmal in ein kleines, komisches Menschlein verwandelt, war ins Schlafzimmer geschickt und eingeschlossen worden. Daß es jemals zurückkehren würde, war nicht zu erwarten. Sie schämte sich, und er sah es ihr schon jetzt an den Augen an, wen sie liebte. Ach, gerade jetzt verlangte ihn zu leben, zu leben … Und doch durfte er nicht weiter leben, er durfte nicht – oh, was für eine furchtbare Lage!

›O Gott, mach den bitte wieder lebendig, den ich am Zaun niedergeschlagen habe! Laß diesen schrecklichen Kelch an mir vorübergehen? O Herr, du hast ja bereits für solche Sünder wie mich Wunder getan! Aber wie, wenn der alte Mann am Leben ist? Oh, dann werde ich die Schmach der übrigen Schande tilgen! Ich werde das gestohlene Geld zurückerstatten! Ich werde es zurückgeben, und wenn ich es aus der Erde hervorholen müßte … Es wird keine Spur der Schande übrigbleiben – nur in meinem Herzen wird sie lebenslänglich bohren! Aber nein, nein … O diese unmöglichen, kleinmütigen Gedanken! O diese unselige Lage!‹

Und doch war es ihm, als ob ihm ein heller Hoffnungsstrahl in der Dunkelheit aufleuchtete. Er verließ hastig seine Ecke, um zurückzueilen – zu ihr, wieder zu ihr, die für immer seine Königin war! Wiegt nicht eine einzige Stunde, eine einzige Minute ihrer Liebe das ganze übrige Leben auf, auch wenn es in den Qualen der Schande zugebracht wird? Diese ungestüme Frage ließ sein Herz erzittern. ›Zu ihr will ich, zu ihr allein, sie sehen, sie hören, an nichts denken, alles vergessen, wenn auch nur für diese Nacht, für eine Stunde, für einen Augenblick!‹ Vor dem Eingang zum Flur, noch auf der Galerie, stieß er mit dem Wirt Trifon Borissowitsch zusammen. Dieser machte auf ihn einen finsteren und besorgten Eindruck; wie es schien, kam er ihn suchen.

»Was gibt es, Trifon Borissowitsch? Suchst du mich?«

»Nein, Sie nicht«, erwiderte der Wirt offenbar erschrocken. »Warum sollte ich Sie suchen? Aber … Wo waren Sie denn?«

»Warum machst du so ein trübsinniges Gesicht? Bist du ärgerlich? Warte nur, du wirst bald schlafen gehen können … Wie spät ist es?«

»Es wird drei Uhr sein, oder sogar noch später.«

»Wir wollen Schluß machen!«

»Aber ich bitte Sie, das hat ja nichts zu sagen. Solange es Ihnen beliebt …«

›Was hat er nur?‹ dachte Mitja flüchtig und lief in das Zimmer, wo die Mädchen tanzten. Aber sie war nicht dort. In dem blauen Zimmer war sie auch nicht, dort schlief nur Kalganow auf dem Sofa. Mitja blickte hinter den Vorhang – da war sie. Sie saß in einer Ecke auf einem Kasten, hatte Arme und Kopf auf das danebenstehende Bett gelegt und weinte bitterlich, wobei sie sich nach Kräften zu beherrschen suchte und ihre Stimme unterdrückte, um nicht gehört zu werden. Als sie Mitja sah, winkte sie ihn zu sich heran, und als er bei ihr war, ergriff sie fest seine Hand.

»Mitja, Mitja, ich habe ihn ja geliebt!« begann sie flüsternd. »Ich habe ihn geliebt, die ganzen fünf Jahre, die ganze Zeit. Habe ich ihn geliebt oder nur meinen Zorn? Nein, ihn selbst! Ihn selbst! Ich lüge ja, wenn ich sage, daß ich nur meinen Zorn geliebt habe und nicht ihn! Mitja, ich war damals erst siebzehn Jahre alt, er war so freundlich zu mir, so heiter, Lieder hat er mir vorgesungen. Oder ist er mir damals nur so erschienen, weil ich noch ein dummes kleines Mädchen war? Aber jetzt, o Gott, jetzt ist er ein anderer, ein ganz anderer. Auch das Gesicht ist anders, völlig anders… Ich habe ihn gar nicht wiedererkannt. Ich fuhr mit Timofej hierher und dachte immerzu, während der ganzen Fahrt: Wie werde ich ihm entgegentreten, was werde ich sagen, wie werden wir einander ansehen? Meine Seele wollte vergehen, und da hat er mich wie aus einem Kübel mit Schmutz übergossen. Wie ein Schulmeister redet er, alles ist gelehrt und würdevoll, er empfing mich so feierlich, ich war ganz verblüfft. Ich konnte kein Wort herausbringen. Ich dachte anfangs, vielleicht geniert er sich vor seinem langen Begleiter. Ich saß da und sah die beiden an und dachte: Warum kann ich denn jetzt gar nicht mehr mit ihm reden? Weißt du, seine Frau hat ihn verdorben, die, die er heiratete, nachdem er mich im Stich gelassen hatte … Die hat ihn so umgewandelt. Ach, Mitja, diese Schmach! Oh, ich schäme mich, Mitja, ich schäme mich meines ganzen Lebens! Verflucht, verflucht sollen diese fünf Jahre sein, verflucht!« Und sie brach wieder in Tränen aus, ließ aber Mitjas Hand nicht los, sie hielt sie fest in ihrer.

»Mitja, Täubchen, warte, geh nicht fort, ich will dir ein einziges Wörtchen sagen«, flüsterte sie und hob auf einmal das Gesicht zu ihm auf. »Sag mir doch, wen liebe ich? Ich liebe hier einen einzigen Menschen. Wer ist dieser Mensch? Das sollst du mir sagen.« Auf ihrem vom Weinen geschwollenen Gesicht erstrahlte ein Lächeln, ihre Augen glänzten im Halbdunkel. »Vorhin kam ein Falke herein, da bekam mein Herz einen süßen Schreck. ›Du Närrin, das ist doch der, den du liebst!‹ flüsterte mein Herz. Du bist hereingekommen und hast alles erleuchtet. ›Aber was fürchtet er nur?‹ dachte ich. Denn du hattest Furcht, große Furcht, du warst nicht imstande zu sprechen. ›Er wird sich doch nicht vor denen hier fürchten?‹ dachte ich – als oh du vor jemand Angst haben könntest. ›Vor mir fürchtet er sich!‹ dachte ich. Nur vor mir … Fenja hat dir großem Dummkopf ja sicher erzählt, daß ich deinem Bruder Aljoscha aus dem Fenster zugerufen habe, ich hätte Mitenka ein Stündchen geliebt, doch jetzt sei ich weggefahren, um einen anderen zu lieben … Mitja, Mitja, wie konnte ich bloß glauben, daß ich nach dir einen anderen lieben würde! Verzeihst du mir, Mitja? Verzeihst du mir oder nicht? Liebst du mich? Liebst du mich?«

Sie sprang auf und faßte ihn mit beiden Händen an den Schultern. Mitja, stumm vor Entzücken, sah ihr in die Augen, in das lächelnde Gesicht, dann umarmte er sie fest und begann sie feurig zu küssen.

»Und verzeihst du, daß ich dich gequält habe? Ich habe ja euch alle aus Bosheit gequält. Ich habe den alten Mann aus Bosheit absichtlich um den Verstand gebracht … Erinnerst du dich, wie du einmal bei mir etwas getrunken und das Glas zerschlagen hast?« Daran habe ich gedacht und heute mein Glas ebenfalls zerschlagen; ich hatte auf mein unwürdiges Herz getrunken … Mitja, du mein Falke, warum küßt du mich nicht? Einmal hat er mich geküßt und sich losgerissen, sieht und hört bloß zu … Was hast du denn davon, daß du mir zuhörst? Küß mich, küß mich fester … Siehst du, so! Wenn man liebt, muß man auch ordentlich lieben! Deine Sklavin werde ich jetzt sein, deine Sklavin fürs ganze Leben. Es ist süß, Sklavin zu sein! Küß mich! Schlag mich, quäl mich, tu mit mir, was du willst … Oh, du müßtest mich geradezu foltern … Halt! Warte, später, so will ich nicht …« Sie stieß ihn plötzlich zurück. »Geh weg, Mitja! Ich will jetzt Wein trinken, betrinken will ich mich, und sobald ich betrunken bin, will ich tanzen! Ja, das will ich!«

Sie riß sich von ihm los und lief vor den Vorhang. Mitja folgte ihr wie trunken. ›Mag jetzt geschehen, was da will – für eine Minute Seligkeit gebe ich die ganze Welt hin!‹ Dieser Gedanke huschte ihm durch den Kopf. Gruschenka trank wirklich noch ein Glas Champagner auf einen Zug aus und war augenblicklich betrunken. Sie setzte sich mit glückseligem Lächeln in den Lehnstuhl, auf ihren früheren Platz. Ihre Wangen glühten, ihre Lippen brannten, die funkelnden Augen wurden trübe, ihr leidenschaftlicher Blick bekam etwas Lockendes. Sogar Kalganow spürte die Wirkung dieses Blickes und trat zu ihr.

»Hast du gemerkt, daß ich dich vorhin geküßt habe, als du schliefst?« fragte sie ihn lallend. »Ich bin jetzt betrunken, so ist das … Und du bist nicht betrunken? Warum trinkt denn Mitja nicht? Warum trinkst du nicht, Mitja? Ich habe getrunken, und du trinkst nicht …«

»Ich bin betrunken! Ich bin auch so schon betrunken … Von dir bin ich trunken, aber jetzt will ich mich auch an Wein betrinken.«

Er trank noch ein Glas, und – das kam ihm selber seltsam vor – von diesem letzten Glas erst wurde er betrunken, urplötzlich betrunken, während er bis dahin nüchtern gewesen war, wie er sich selbst erinnerte. Von diesem Augenblick an drehte sich alles um ihn im Kreis, als ob er Fieber hätte. Er ging umher, lachte, redete mit allen, und das alles gewissermaßen unbewußt. Nur ein einziges unveränderliches, brennendes Gefühl war alle Augenblicke spürbar, »wie eine glühende Kohle in der Seele«: daran erinnerte er sich später. Er trat zu ihr, setzte sich neben sie, sah sie an und hörte, was sie sagte … Sie aber war furchtbar redselig geworden, rief alle zu sich, winkte auf einmal ein Mädchen aus dem Chor heran, küßte sie und schickte sie wieder weg, oder segnete sie manchmal, indem sie mit der Hand ein Kreuz schlug. Vielleicht brach sie im nächsten Moment in Tränen aus. Viel Spaß machte ihr »das alte Männchen«, wie sie Maximow nannte. Er kam alle Augenblicke hergelaufen, um ihr die Hände »und jedes Fingerchen« zu küssen; zuletzt tanzte er noch einen Tanz nach einem alten Tanzlied, das er selbst sang. Besonders feurig hüpfte er zu dem Refrain:

Das Schweinchen grunzte chru-chru-chru,
das Kälbchen blökte mu-mu-mu,
das Entchen machte qua-qua-qua,
das Gänschen machte ga-ga-ga,
im Flur ein kleines Hühnchen lief,
das put-put, put-put, put-put rief.
Ja, so rief es,
ja, so lief es …

»Gib ihm etwas, Mitja«, sagte Gruschenka. »Schenk ihm etwas, er ist ja arm. Ach, die Armen, die das Schicksal zurückgesetzt hat … Weißt du, Mitja, ich werde in ein Kloster gehen. Nein, wirklich, das werde ich einmal tun. Aljoscha hat mir heute Worte gesagt, die fürs ganze Leben in meiner Seele haften werden … Ja … Aber heute wollen wir tanzen. Morgen will ich ins Kloster gehen, aber heute wollen wir tanzen. Ich will ausgelassen sein, ihr lieben Leute – was ist schon dabei? Gott wird es verzeihen. Wenn ich Gott wäre, würde ich allen Menschen verzeihen! ›Meine lieben Sünder!‹ würde ich sagen. ›Von heute an verzeihe ich euch allen!‹ Ich aber werde gehen und alle Menschen um Verzeihung bitten. ›Verzeiht, ihr guten Leute!‹ werde ich sagen. ›Ein dummes Weib – jawohl, das bin ich. Eine Bestie bin ich, ja, so ist es!‹ Aber ich will beten. Ich habe eine Zwiebel verschenkt. Eine Sünderin wie ich möchte beten! Mitja, laß sie tanzen, hindere sie nicht! Alle Menschen in der Welt sind gut, ohne Ausnahme. Es ist schön auf der Welt. Wenn wir auch böse sind – es ist doch schön auf der Welt. Wir sind böse und gut … Nein, sagt mir doch, ich möchte euch etwas fragen, kommt alle her, ich frage euch, beantwortet mir alle die eine Frage: Warum bin ich so gut? Ich bin ja doch gut, ich bin sehr gut … Nun also, warum bin ich so gut?« So lallte Gruschenka, die immer betrunkener wurde; schließlich erklärte sie geradezu, sie wolle jetzt selber tanzen. Sie stand aus ihrem Lehnstuhl auf, taumelte. »Mitja, gib mir keinen Wein mehr! Und wenn ich dich auch darum bitte – gib mir keinen! Der Wein beruhigt nicht. Alles dreht sich im Kreis, auch der Ofen, alles dreht sich im Kreis. Ich will tanzen. Alle sollen zusehen, wie ich tanze … Wie gut und schön ich tanze …«

Es war ihr mit dieser Absicht Ernst. Sie zog ihr kleines weißes Batisttaschentuch heraus und faßte es mit der rechten Hand an einem Zipfel, um es beim Tanz zu schwenken. Mitja ordnete geschäftig alles Nötige an; die Mädchen verstummten und machten sich bereit, auf den ersten Wink im Chor ein Tanzlied anzustimmen. Maximow kreischte vor Entzücken, als er hörte, daß Gruschenka selbst tanzen wollte. Er hüpfte vor ihr her und sang dazu:

»Seht, mein hübsches Schweinchen
mit den schlanken Beinchen
und dem Ringelschwänzchen,
macht ein schönes Tänzchen.«

Doch Gruschenka jagte ihn mit dem Taschentuch fort.

»Pst! Mitja! Warum kommen sie nicht? Alle sollen kommen und zusehen. Ruf auch die Eingeschlossenen … Warum hast du sie eingeschlossen? Sag ihnen, daß ich tanzen werde! Sie sollen auch sehen, wie ich tanze …«

Mitja ging mit den weit ausholenden Schritten eines Betrunkenen zu der verschlossenen Tür, hinter der sich die Polen befanden, und pochte mit der Faust dagegen.

»Heda, ihr! Ihr Podwysockis! Kommt heraus, sie will tanzen und läßt euch rufen!«

»Strolch!« schrie einer der beiden als Antwort.

»Und du bist ein subalterner Strolch! Ein jämmerlicher kleiner Schuft bist du, nun weißt du es!«

»Sie sollten lieber aufhören, sich über Polen lustig zu machen«, bemerkte Kalganow tadelnd; er hatte selbst mehr getrunken, als er vertragen konnte.

»Sei still, Knabe! Wenn ich ihn einen Schuft nenne, dann beschimpfe ich doch nicht ganz Polen. Ein einzelner Strolch macht nicht Polen aus. Schweig, lieber Junge, und iß ein Stückchen Konfekt!«

»Ach, ihr. Als ob ihr keine Menschen seid! Warum wollt ihr euch nicht vertragen?« sagte Gruschenka und trat vor, um zu tanzen.

Der Chor stimmte lauthals das Tanzlied »Ach du Heim, mein trautes Heim« an. Gruschenka warf den Kopf zurück, öffnete etwas die Lippen, lächelte, begann das Tuch zu schwenken und stand plötzlich, auf einem Fleck hin und her schwankend, ratlos mitten im Zimmer.

»Ich bin so schwach …«, sagte sie mit gequälter Stimme. »Verzeiht mir, ich bin so schwach, ich kann nicht … Ich bitte um Entschuldigung …«

Sie verbeugte sich vor dem Chor und machte dann nach allen Seiten Verbeugungen. »Ich bitte um Entschuldigung … Verzeiht.«

»Sie hat ein bißchen getrunken, das gnädige Fräulein … Sie hat ein bißchen getrunken, das hübsche gnädige Fräulein«, hörte man sagen.

»Sie hat sich betrunken«, erklärte Maximow kichernd den Mädchen.

»Mitja, führ mich weg … Nimm mich, Mitja«, bat Gruschenka kraftlos.

Mitja stürzte zu ihr, nahm sie auf die Arme und lief mit seiner kostbaren Beute hinter den Vorhang. ›Na, jetzt werde ich besser gehen!‹ dachte Kalganow, verließ das blaue Zimmer und machte beide Türflügel hinter sich zu. Doch das lärmende

Gelage im Saal dauerte an und wurde immer lauter und wilder. Mitja legte Gruschenka aufs Bett und sog sich mit einem Kuß an ihren Lippen fest.

»Rühr mich nicht an!« stammelte sie flehend. »Rühr mich nicht an, ehe ich nicht dir gehöre … Ich habe gesagt, daß ich dir gehören will, aber rühr mich jetzt nicht an … Schone mich … Während die beiden nebenan sind, geht es nicht. Er ist hier. Es hier zu tun, jetzt, das wäre gemein …«

»Ich gehorche! Ich verjage diesen Gedanken … Ich bin andächtig gestimmt!« murmelte Mitja. »Ja, hier wäre es gemein, verachtungswürdig!«

Und ohne sie aus seinen Armen zu lassen, kniete er neben dem Bett auf dem Fußboden nieder.

»Ich weiß, du bist zwar wie ein wildes Tier, aber du hast eine edle Gesinnung«, sagte Gruschenka mit schwerer Zunge. »Es muß in Ehren geschehen … Künftig wird es in Ehren geschehen … Und auch wir müssen ehrenhaft sein, nicht so wie die wilden Tiere, sondern gut … Bring mich fort, bring mich weit fort, hörst du? Ich will nicht hierbleiben, ich will weit, weit fort …«

»Ja, ja, unbedingt!« rief Mitja und preßte sie an sich. »Ich werde dich fortbringen, wir werden davoneilen. Oh, mein ganzes Leben würde ich für ein einziges Jahr hingeben, wenn ich nur wüßte, was mit diesem Blut ist!«

»Mit welchem Blut?« fragte Gruschenka verständnislos.

»Ach, nichts weiter!« antwortete Mitja zähneknirschend. »Gruscha, du willst, daß alles ehrenhaft ist – aber ich bin ein Dieb. Ich habe Katka Geld gestohlen…. Schmach und Schande!«

»Katka? Dem Fräulein? Nein, du hast es nicht gestohlen. Gib es ihr zurück, nimm es von mir! Warum machst du deshalb so ein Geschrei? Jetzt gehört dir alles, was ich habe. Was hat Geld für uns zu bedeuten? Wir vergeuden es ja ohnehin … Wir sind gerade die Richtigen, um vernünftig damit umzugehen! Wir beide sollten am besten hingehen und einen Acker pflügen. Mit diesen meinen Händen will ich die Erde aufscharren. Arbeiten muß man, hörst du? Aljoscha hat es gesagt. Ich werde nicht deine Geliebte sein, ich werde dir treu sein, ich werde deine Sklavin sein, ich werde für dich arbeiten. Wir werden zu dem Fräulein hingehen und uns beide vor ihr verneigen mit der Bitte, uns zu verzeihen, und werden dann von hier fortziehen. Und wenn sie uns nicht verzeiht, werden wir eben so fortziehen. Das Geld bring ihr wieder, aber liebe mich! Sie darfst du nicht lieben. Liebe sie nicht länger! Wenn du dich jedoch in sie verliebst, werde ich sie erwürgen … Ihr beide Augen mit einer Nadel ausstechen …«

»Dich liebe ich, dich allein! Auch in Sibirien werde ich dich lieben …«

»Was sollen wir in Sibirien? Aber gut, auch in Sibirien, wenn du willst, ganz gleich … Wir werden arbeiten … In Sibirien liegt Schnee. Ich fahre gern im Schlitten durch den Schnee … Und das Pferd muß ein Glöckchen haben … Hörst du, ein Glöckchen klingelt … Wo klingelt da ein Glöckchen? Es kommen Leute, jetzt klingelt es nicht mehr …«

Sie schloß kraftlos die Augen und schien im nächsten Moment einzuschlafen. Tatsächlich hatte ein Glöckchen in einiger Entfernung geklingelt und dann plötzlich geschwiegen. Mitja legte seinen Kopf an ihre Brust. Er hatte nicht bemerkt, wie das Glöckchen aufgehört hatte zu klingeln; er bemerkte gleichfalls nicht, daß auch die Lieder plötzlich verstummten und statt der Lieder und des Lärms im ganzen Haus auf einmal Totenstille herrschte. Gruschenka öffnete die Augen.

»Was ist das? Habe ich geschlafen? Ja … Das Glöckchen … Ich habe geschlafen und geträumt, ich fuhr im Schlitten über den Schnee … Das Glöckchen klingelte, und ich träumte vor mich hin … Mit einem lieben Menschen fuhr ich, mit dir. Und weil, weit weg ging die Fahrt. Ich umarmte und küßte dich, ich schmiegte mich an dich; ich fror, aber der Schnee glänzte so schön … Weißt du, wie es ist, wenn nachts der Schnee glänzt und der Mond scheint? Mir war, als wäre ich gar nicht auf der Erde … Da wachte ich auf … Aber mein Geliebter ist bei mir, wie schön …«

»Ja, bei dir«, murmelte Mitja und küßte ihr Kleid, ihre Brust, ihre Hände. Und auf einmal kam ihm etwas seltsam vor: Sie schien starr vor sich hin zu blicken, aber nicht zu ihm, nicht in sein Gesicht, sondern über seinen Kopf hinweg, unverwandt und seltsam regungslos. Auf ihrem Gesicht prägte sich Verwunderung, ja beinahe Schrecken aus.

»Mitja, wer guckt da zu uns herüber?« flüsterte sie plötzlich.

Mitja drehte sich um und sah, daß tatsächlich jemand den Vorhang auseinandergeschoben hatte und sie offenbar beobachtete. Und es schien auch nicht bloß einer zu sein … Er sprang auf und trat schnell auf die Gestalt zu.

»Kommen Sie hierher, bitte! Kommen Sie hierher zu uns!« sagte eine Stimme zu ihm, nicht laut, aber fest und nachdrücklich.

Mitja trat hinter dem Vorhang hervor und erstarrte. Das ganze Zimmer war voller Menschen; doch es waren nicht die von vorhin, sondern ganz andere … Ein Schauder lief ihm über den Rücken, und er zuckte zusammen. Er erkannte alle diese Personen augenblicklich. Dieser hochgewachsene, beleibte Alte im Paletot, mit Uniformmütze und Kokarde, das war der Bezirkshauptmann Michail Makarowitsch. Und dieser schwindsüchtige Geck, der immer so blankgeputzte Stiefel trägt, das war der Gehilfe des Staatsanwalts. Er hat eine Uhr, die vierhundert Rubel gekostet hat; er hat sie mir mal gezeigt … Und dieser kleine junge Mann mit der Brille … Mitja hatte seinen Familiennamen vergessen, er kannte jedoch auch ihn, er hatte ihn schon gesehen, das war der Untersuchungsrichter, der erst vor kurzem von der Rechtsschule in unsere Stadt gekommen war. Und der hier, das war der Landkommissar Mawriki Mawrikijewitsch, den kannte er, das war ein guter Bekannter von ihm. Aber diese Männer mit den Blechabzeichen, wozu waren die da? Und dann noch zwei Leute, die wie Bauern aussahen … Und da an der Tür Kalganow und Trifon Borissowitsch …

»Meine Herren … Was wollen Sie, meine Herren?« begann Mitja; doch plötzlich rief er wie außer sich, als ob er auf einmal ein anderer geworden wäre, mit voller Stimme: »Ich verstehe!«

Der junge Mann mit der Brille trat vor zu Mitja und sagte würdevoll, aber etwas hastig: »Wir müssen mit Ihnen … Kurz, ich bitte Sie, hierherzukommen, hierher zum Sofa … Es liegt für uns die dringende Notwendigkeit vor, mit Ihnen zu sprechen.«

»Der alte Mann!« schrie Mitja fassungslos. Der alte Mann und sein Blut … Ich ver-ste-he!«

Und er setzte sich, oder genauer, er fiel auf einen neben ihm stehenden Stuhl.

»Du verstehst? Er hat verstanden! Du Vatermörder, du Ungeheuer, das Blut deines alten Vaters schreit nach dir!« brüllte plötzlich der alte Bezirkshauptmann und näherte sich Mitja mit dunkelrotem Gesicht; er war außer sich und zitterte am ganzen Körper.

»Aber das ist unzulässig!« rief der kleine junge Mann. »Michail Makarowitsch, Michail Makarowitsch! Das ist ordnungswidrig, das ist ordnungswidrig! Ich bitte Sie, mich allein reden zu lassen. Ein derartiges Verhalten habe ich von Ihnen nicht erwartet …«

»Aber das ist ja Irrsinn, meine Herren, Irrsinn!« rief der Bezirkshauptmann. »Sehen Sie ihn an! Er hat das Blut seines Vaters vergossen und ist nachts in betrunkenem Zustand bei einer liederlichen Dirne … Irrsinn, Irrsinn!«

»Ich möchte Sie dringend bitten, verehrter Michail Makarowitsch, für diesmal Ihre Gefühle zu beherrschen«, flüsterte der Gehilfe des Staatsanwalts dem Alten eilig zu. »Ich würde mich sonst genötigt sehen, Maßregeln zu ergreifen, um …«

Doch der kleine Untersuchungsrichter ließ ihn nicht zu Ende sprechen; er wandte sich an Mitja und sagte laut und würdevoll mit fester Stimme: »Herr Leutnant außer Diensten Karamasow, ich muß Ihnen eröffnen, daß Sie des in dieser Nacht begangenen Mordes an Ihrem Vater Fjodor Pawlowitsch Karamasow beschuldigt werden …«

Er sagte noch irgend etwas, auch der Gehilfe des Staatsanwalts schien noch etwas hinzuzufügen, Mitja hörte es zwar, verstand jedoch nichts mehr. Sein verstörter Blick irrte von einem zum anderen.

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Die Voruntersuchung

1. Der Beginn der Karriere des Beamten Perchotin

Pjotr Iljitsch Perchotin, den wir verlassen haben, als er aus Leibeskräften an das fest verschlossene Tor des Hauses der Kaufmannswitwe Morosowa pochte, erreichte selbstverständlich am Ende doch sein Ziel. Fenja, die sich zwei Stunden nach dem großen Schreck in ihrer Erregung noch immer nicht hatte entschließen können, schlafen zu gehen, erschrak jetzt, als sie dieses stürmische Klopfen hörte, von neuem dermaßen, daß sie beinahe Weinkrämpfe bekam. Sie glaubte, da klopfte wieder Dmitri Fjodorowitsch, obwohl sie ihn mit eigenen Augen hatte abfahren sehen; niemand als er konnte so »unverschämt« klopfen. Sie eilte zu dem Hausknecht, der bereits aufgewacht und auf dem Weg zum Tor war, und bat ihn flehentlich, niemand hereinzulassen. Aber der Hausknecht befragte den Klopfenden genau, und als er erfuhr, wer da Fedossja Markowna in einer sehr wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünschte, entschloß er sich endlich, doch zu öffnen. Pjotr Iljitsch ging zu Fedossja Markowna in die uns schon bekannte Küche, wobei sie ihn übrigens bat, er möchte, »um Mißdeutungen zu vermeiden«, erlauben, daß auch der Hausknecht mit hereinkam; dort begann er sie auszufragen, und erfuhr sofort eine besonders wichtige Tatsache: daß nämlich Dmitri Fjodorowitsch, als er Gruschenka suchen gegangen war, den Stößel aus dem Mörser mitgenommen hatte und nachher ohne den Stößel und mit blutigen Händen zurückgekehrt war. »Und das Blut tropfte noch, es tropfte und tropfte nur so!« rief Fenja, die in ihrer aufgeregten Phantasie diesen schrecklichen Umstand offenbar selbst hinzuerfand. Doch die blutigen Hände hatte auch Pjotr Iljitsch gesehen, wenn das Blut auch nicht mehr getropft hatte, und er hatte selbst bei ihrer Säuberung am Waschtisch mitgeholfen; aber es handelte sich für ihn nicht darum, ob das Blut schnell getrocknet war oder nicht, sondern darum, wohin Dmitri Fjodorowitsch mit dem Stößel gelaufen war, das heißt, ob wirklich zu Fjodor Pawlowitsch, und woraus man das mit Bestimmtheit schließen konnte. Über diesen Punkt erkundigte sich Pjotr Iljitsch mit besonderem Nachdruck, und obgleich er nichts absolut Sicheres erfuhr, kam er doch fast zu der Überzeugung, daß Dmitri Fjodorowitsch einzig und allein zum Haus seines Vaters gelaufen sein konnte und daß dort unweigerlich »etwas passiert« sein mußte. »Als er aber zurückkam«, fügte Fenja aufgeregt hinzu, »und ich ihm alles gestanden hatte, da fragte ich ihn meinerseits: ›Wovon sind denn Ihre Hände so blutig, Dmitri Fjodorowitsch?‹ und da antwortete er mir, das sei Menschenblut, er habe soeben einen Menschen totgeschlagen. Das hat er mir alles gestanden, und dann ist er plötzlich weggelaufen wie ein Verrückter. Ich setzte mich hin und dachte: Wohin mag er jetzt wohl gelaufen sein? Er wird nach Mokroje fahren, dachte ich, und dort das gnädige Fräulein totschlagen! Da bin ich zu ihm in die Wohnung gelaufen, um ihn zu bitten, er möchte doch das gnädige Fräulein nicht totschlagen, und da bin ich am Laden von Plotnikow vorbeigekommen und habe gesehen, daß er gerade abfahren wollte und daß seine Hände nicht mehr blutig waren.« Fenja hatte das bemerkt und im Gedächtnis behalten. Die Großmutter Fenjas bestätigte, soweit sie konnte, alle Angaben ihrer Enkelin. Nachdem Pjotr Iljitsch noch diese und jene Frage gestellt hatte, verließ er das Haus; seine Aufregung und Unruhe waren jetzt noch größer als bei seinem Kommen.

Man könnte meinen, das Einfachste und Nächstliegende wäre nun für ihn gewesen, zum Haus Fjodor Pawlowitschs zu gehen, sich zu erkundigen, ob dort etwas vorgefallen war und was, und sich dann, wenn er sich auf diese Weise zweifelsfrei überzeugt hatte, zum Bezirkshauptmann zu begeben, wie er sich das fest vorgenommen hatte. Aber er überlegte: Die Nacht war dunkel, das Tor bei Fjodor Pawlowitsch war fest verschlossen; er müßte dort wieder klopfen; mit Fjodor Pawlowitsch war er nur oberflächlich bekannt; und wenn er durch langes Klopfen endlich erreicht hatte, daß man ihm öffnete, würde sich vielleicht herausstellen, daß nichts »passiert« war, der spottlustige Fjodor Pawlowitsch aber würde am anderen Tag in der ganzen Stadt herumerzählen, wie um Mitternacht ein unbekannter Beamter namens Perchotin an seinem Haustor gepoltert habe, um sich zu erkundigen, ob er auch nicht ermordet worden sei … Das würde einen schönen Skandal geben. Und Skandale fürchtete Pjotr Iljitsch mehr als alles andere. Dennoch war das Gefühl, das ihn trieb, so stark, daß er sich, ärgerlich und wütend auf sich selbst, unverzüglich von neuem auf den Weg machte, aber nicht zu Fjodor Pawlowitsch, sondern zu Frau Chochlakowa. ›Wenn sie mir, so überlegte er, auf meine Frage, ob sie Dmitri Fjodorowitsch heute dreitausend Rubel gegeben hat, eine verneinende Antwort gibt, gehe ich gleich zum Bezirkshauptmann; im entgegengesetzten Fall werde ich alles weitere bis morgen verschieben und nach Hause zurückkehren … ‹Hier drängt sich einem natürlich der Gedanke auf, daß der Entschluß eines jungen Mannes, nachts gegen elf in das Haus einer unbekannten vornehmen Dame einzudringen und sie vielleicht aus dem Bett aufzustören, um ihr eine seltsame Frage vorzulegen, noch viel eher zu einem Skandal führen konnte als ein Besuch bei Fjodor Pawlowitsch. Aber so geht es manchmal, besonders in Fällen wie diesem, mit den Entschlüssen selbst der korrektesten und phlegmatischsten Menschen! Pjotr Iljitsch aber war in diesem Augenblick ganz und gar nicht phlegmatisch. Er erinnerte sich später sein Leben lang, wie ihn die unüberwindliche Unruhe, die sich seiner damals allmählich bemächtigt hatte, schließlich geradezu gemartert und ihn sogar wider Willen vorwärts getrieben hatte. Natürlich beschimpfte er sich trotzdem auf dem ganzen Weg, daß er zu dieser Dame ging; doch er sagte sich wohl zum zehntenmal zähneknirschend: Ich werde es durchführen, ich werde es zu Ende bringen! Und er setzte seine Absicht durch und brachte es zu Ende.

Es war genau elf, als er am Haus von Frau Chochlakowa ankam. Man ließ ihn ziemlich schnell in den Hof ein; auf die Frage aber, ob die gnädige Frau schon schlafe, konnte ihm der Hausknecht keine sichere Auskunft geben. Er sagte nur, sie pflege sich gewöhnlich um diese Zeit hinzulegen. »Lassen Sie sich oben melden. Wenn sie Sie empfangen will, gut; wenn nicht, dann ist nichts weiter zu machen.« Pjotr Iljitsch ging hinauf; hier gestaltete sich die Sache jedoch schwieriger. Der Diener wollte ihn nicht melden und rief schließlich das Stubenmädchen. Pjotr Iljitsch bat sie höflich, aber dringend, der gnädigen Frau zu melden, ein hiesiger Beamter namens Perchotin ersuche sie in einer besonderen Angelegenheit um eine Unterredung; wenn die Sache nicht so wichtig wäre, hätte er nicht gewagt, zu solcher Zeit zu kommen. »Melden Sie es genau mit diesen Worten!« bat er das Mädchen. Sie ging hinein. Er wartete im Vorzimmer. Frau Chochlakowa hatte sich zwar noch nicht zu Bett gelegt, befand sich aber schon in ihrem Schlafzimmer. Sie fühlte sich noch vom Besuch Mitjas recht angegriffen und ahnte schon, daß sie diese Nacht der in solchen Fällen bei ihr üblichen Migräne nicht würde entgehen können. Als sie die Meldung des Stubenmädchens hörte, war sie erstaunt, befahl aber in gereiztem Ton, den Herrn abzuweisen, obwohl der unerwartete Besuch eines unbekannten »hiesigen Beamten« zu einer solchen Stunde ihre weibliche Neugier erregte. Doch Pjotr Iljitsch zeigte sich diesmal hartnäckig wie ein Maultier. Als er, den abschlägigen Bescheid vernahm, bat er außerordentlich energisch, ihn noch einmal zu melden und »genau mit diesen Worten« zu bestellen, daß er in einer höchst wichtigen Angelegenheit gekommen sei und daß es die gnädige Frau später vielleicht selbst bedauern würde, wenn sie ihn jetzt nicht empfing. Das Stubenmädchen sah ihn erstaunt an und ging zum zweitenmal hinein, ihn zu melden. Frau Chochlakowa war betroffen und überlegte; sie erkundigte sich, was der Herr für einen Eindruck mache, und erfuhr, er sei anständig gekleidet, jung und sehr höflich. Pjotr Iljitsch war, nebenbei bemerkt, ein recht gut aussehender junger Mann und wußte das auch selbst. Frau Chochlakowa entschloß sich, ihr Schlafzimmer zu verlassen und ihn zu empfangen. Sie war schon im Hauskleid und in Pantoffeln und warf noch einen schwarzen Schal über die Schultern. Sie ließ den Beamten in den Salon bitten, in dasselbe Zimmer, wo sie eine Weile vorher auch Mitja empfangen hatte. Sie trat mit ernster, fragender Miene herein und begann, ohne ihn zum Sitzen aufzufordern und ohne sonstigen Umstand mit der Frage: »Was steht zu Ihren Diensten?«

»Ich habe gewagt, gnädige Frau, Sie in einer Angelegenheit unseres gemeinsamen Bekannten Dmitri Fjodorowitsch Karamasow zu belästigen«, begann Perchotin. Doch kaum hatte er diesen Namen ausgesprochen, zeigte sich auf dem Gesicht der Frau des Hauses eine starke Gereiztheit.

Sie kreischte fast auf und unterbrach ihn zornig. »Wie lange wird man mich noch mit diesem schrecklichen Menschen quälen!« rief sie außer sich. »Wie konnten Sie es wagen, mein Herr, eine Ihnen unbekannte Dame in ihrem Haus zu belästigen, noch dazu zu solcher Stunde, um mit ihr von einem Menschen zu sprechen, der mich hier, in diesem selben Zimmer, vor drei Stunden töten wollte, mit den Füßen stampfte und in einer Weise hinausging, wie niemand aus einem anständigen Haus hinauszugehen pflegt! Wissen Sie, mein Herr, daß ich mich über Sie beschweren werde, daß ich mir das nicht gefallen lasse! Gehen Sie auf der Stelle! Ich bin Mutter, ich werde sogleich … Ich … Ich…«

»Töten? Also hat er auch Sie töten wollen?«

»Hat er etwa sonst schon jemand getötet?« fragte Frau Chochlakowa hastig.

»Haben Sie die Güte, mir nur eine halbe Minute zu widmen, gnädige Frau, und ich werde Ihnen in wenigen Worten alles erklären«, antwortete Perchotin energisch. »Heute um fünf Uhr nachmittags lieh sich Herr Karamasow von mir freundschaftlich zehn Rubel, und ich weiß hundertprozentig, daß er kein Geld hatte. Heute um neun Uhr aber kam er zu mir und trug ein Päckchen Hundertrubelscheine offen in der Hand; es mochten zwei- oder gar dreitausend Rubel sein. Seine Hände und sein Gesicht waren ganz voll Blut, und er selbst machte den Eindruck eines Geistesgestörten. Auf meine Frage, wo er so viel Geld herhabe, antwortete er mit Bestimmtheit, er habe es kurz vorher von Ihnen bekommen. Sie hätten ihm eine Summe von dreitausend Rubeln geliehen, damit er in die Goldbergwerke fahren könne …«

Auf Frau Chochlakowas Gesicht malte sich eine gewaltige Erregung.

»O Gott, da hat er seinen alten Vater totgeschlagen!« rief sie und schlug die Hände zusammen. »Ich habe ihm kein Geld gegeben, gar keines! O laufen Sie, laufen Sie. Reden Sie kein Wort weiter! Retten Sie den alten Mann, laufen Sie zu seinem Vater, laufen Sie!«

»Erlauben Sie, gnädige Frau, also Sie haben ihm kein Geld gegeben? Sie erinnern sich bestimmt, daß Sie ihm gar nichts gegeben haben?«

»Nichts habe ich ihm gegeben, nichts! Ich habe es ihm abgeschlagen, weil er es nicht zu schätzen wußte. Er verließ mich in größter Wut und stampfte mit den Füßen. Er wollte sich auf mich stürzen, aber ich flüchtete vor Ihm … Und da ich Ihnen jetzt nichts mehr verheimlichen möchte, werde ich Ihnen noch sagen, daß er mich sogar bespuckt hat, können Sie sich das vorstellen? Aber warum stehen wir? Setzen Sie sich doch … Entschuldigen Sie, ich … Oder laufen Sie lieber, laufen Sie! Sie müssen laufen und den unglücklichen alten Mann vor einem schrecklichen Tod bewahren!«

»Aber wenn er ihn schon ermordet hat?«

»Ach, mein Gott, wahrhaftig! Also was müssen wir jetzt tun? Was meinen Sie, was wir jetzt tun müssen?«

Inzwischen hatte sie ihren Besucher genötigt, Platz zu nehmen, und sich ihm gegenübergesetzt. Pjotr Iljitsch legte ihr in Kürze, aber ziemlich klar den Hergang dar, zumindest so weit er an diesem Tag selbst Zeuge gewesen war; er erzählte auch von seinem Besuch soeben bei Fenja und teilte ihr die Sache von dem Stößel mit. Alle diese Einzelheiten erschütterten die aufgeregte Dame unglaublich; sie schrie auf und bedeckte die Augen mit den Händen …

»Stellen Sie sich vor, ich habe das alles geahnt! Ich bin mit dieser Fähigkeit begabt: Alles was ich vorausahne, geht auch in Erfüllung! Und wie oft habe ich diesen schrecklichen Menschen angesehen und mir dabei gedacht: ›Dieser Mensch wird mich schließlich noch einmal totschlagen.‹ Und sehen Sie, da ist es in Erfüllung gegangen … Das heißt, wenn er mich nicht jetzt totgeschlagen hat, sondern nur seinen Vater, so sicherlich deswegen, weil mich offensichtlich der Finger Gottes bewahrt hat! Und außerdem wird selbst er sich geschämt haben, mich zu töten, wo ich ihm doch mit meinen eigenen Händen ein Heiligenbildchen von den Reliquien der Märtyrerin Warwara um den Hals gehängt habe … Wie nah war ich in jenem Augenblick dem Tod! Ich war ja ganz dicht an ihn herangetreten, und er kam mir mit seinem Hals ganz nah! Wissen Sie, Pjotr Iljitsch … Entschuldigen Sie, ich glaube, Sie sagten, daß Sie so heißen … Wissen Sie, ich glaube nicht an Wunder, aber dieses Heiligenbildchen und dann das offensichtliche Wunder, das mit mir geschehen ist – das hat mich doch erschüttert, und ich beginne wieder an alles mögliche zu glauben … Haben Sie von dem Starez Sossima gehört? Ach, übrigens, ich weiß nicht, was ich da rede … Und stellen Sie sich vor: Er hat sogar mit dem Heiligenbildchen um den Hals nach mir gespuckt … Allerdings hat er nur nach mir gespuckt und mich nicht getötet … Aber wo er nun bloß hingefahren ist! Und wohin müssen wir … Wohin sollen wir jetzt … Wie denken Sie darüber?«

Pjotr Iljitsch stand auf und erklärte, er werde jetzt geradewegs zum Bezirkshauptmann gehen und ihm alles erzählen; der möge dann nach seinem Ermessen handeln.

»Ach, das ist ein prächtiger, ein prächtiger Mann! Ich bin mit Michail Makarowitsch bekannt. Unbedingt müssen Sie zu dem gehen. Wie Sie das Richtige zu treffen verstehen, Pjotr Iljitsch! Und wie vortrefflich Sie das alles überlegt haben! Wissen Sie, ich wäre an Ihrer Stelle bestimmt nicht darauf gekommen!«

»Ich werde es um so mehr tun, da ich selbst, ein guter Bekannter des Bezirkshauptmanns bin«, bemerkte Pjotr Iljitsch, der noch immer dastand und offenbar möglichst schnell irgendwie von der redseligen Dame loszukommen wünschte, die ihm so gar keine Möglichkeit gab, sich zu empfehlen und zu gehen.

»Und wissen Sie«, redete sie weiter, »kommen Sie doch bitte wieder und erzählen Sie mir, was Sie gesehen und erfahren haben … Und was an den Tag gekommen ist … Und was man über ihn beschließt, und wozu er verurteilt wird … Sagen Sie mal, Todesstrafe gibt es ja wohl bei uns nicht? Aber kommen Sie unter allen Umständen, selbst um drei Uhr in der Nacht, selbst um vier, ja um halb fünf … Sagen Sie nur, man soll mich wecken. Sogar mit Püffen und Stößen, wenn ich nicht aufstehen will … O Gott, ich werde ja gar nicht einschlafen können … Wissen Sie, soll ich nicht lieber gleich mit Ihnen fahren?«

»N-nein, aber wenn Sie mir für alle Fälle eigenhändig ein paar Zeilen aufschreiben würden, in denen Sie bestätigen, daß Sie Dmitri Fjodorowitsch kein Geld gegeben haben? Das wäre vielleicht ganz angebracht, nur so für alle Fälle …«

»Unbedingt!« rief Frau Chochlakowa begeistert und eilte zu ihrem Schreibtisch. »Wissen Sie, Sie imponieren mir, Sie setzen mich einfach in Erstaunen durch Ihre Umsicht und Ihren Scharfsinn auf diesem Gebiet … Sie sind hier angestellt? Wie angenehm ist es mir zu hören, daß Sie hier angestellt sind …« Und noch während sie das sagte, warf sie schnell in großer Schrift die folgenden Zeilen auf einen halben Bogen Briefpapier:

»Niemals in meinem Leben habe ich dem unglücklichen Dmitri Fjodorowitsch Karamasow heute dreitausend Rubel geliehen, und auch kein anderes Geld, niemals, niemals! Das beschwöre ich bei allem, was es auf unserer Welt Heiliges gibt. Chochlakowa.«

»Da ist die Bescheinigung!« sagte sie. »Gehen Sie, retten Sie! Das wäre eine bewundernswerte Großtat von Ihrer Seite!« Sie machte dreimal das Zeichen des Kreuzes über ihn. Sie lief sogar mit hinaus bis ins Vorzimmer, um ihn zu verabschieden. »Wie dankbar ich Ihnen bin! Sie glauben gar nicht, wie dankbar ich Ihnen dafür bin, daß Sie sich zu mir begeben haben, zuerst zu mir. Wie kommt es nur, daß ich Ihnen bisher noch nicht begegnet bin? Es wäre mir eine große Freude, Sie auch künftig in meinem Haus zu empfangen. Und wie angenehm ist es zu hören, daß Sie hier angestellt sind … Ein Mann von solcher Akkuratesse, von solchem Scharfsinn … Ihre vorgesetzte Behörde muß Sie einfach schätzen, muß schließlich Verständnis für Sie gewinnen! Und alles, was ich für Sie tun kann, davon seien Sie überzeugt … Oh, ich liebe die Jugend so sehr! Ich bin in die Jugend verliebt. Die jungen Leute sind das Fundament unseres so schwer leidenden russischen Vaterlandes, seine ganze Hoffnung … Oh, gehen Sie, gehen Sie …«

Aber Pjotr Iljitsch lief schon hinaus, sonst hätte sie ihn womöglich noch nicht fortgelassen. Übrigens hatte Frau Chochlakowa auf ihn einen recht sympathischen Eindruck gemacht, wodurch sein Ärger, daß er in so eine widerwärtige Angelegenheit verwickelt worden war, einigermaßen gemildert wurde …. ›Und sie ist noch gar nicht so alt‹, dachte er angenehm berührt. ›Im Gegenteil, ich hätte sie für ihre Tochter gehalten …‹

Frau Chochlakowa ihrerseits war von dem jungen Mann einfach bezaubert. »So viel Verstand, so viel Korrektheit, und das bei einem jungen Menschen in unserer Zeit, und dazu solche Manieren und dieses Aussehen! Da heißt es nun von den modernen jungen Leuten, sie könnten nichts – da haben die Meckerer endlich einmal ein Beispiel«, na und so weiter und so fort. So kam es denn, daß sie »dieses schreckliche Ereignis« einfach vergaß; und erst als sie sich zu Bett legte, fiel ihr auf einmal wieder ein, »wie nahe sie dem Tod gewesen war«, und sie sagte laut: »Ach, schrecklich! schrecklich!« Doch dann versank sie sofort in einen festen, süßen Schlaf. Ich würde übrigens von solchen nebensächlichen Einzelheiten hier nicht so ausführlich reden, hätte nicht diese eigenartige Begegnung des korrekten jungen Beamten mit der durchaus noch nicht alten Witwe später die Basis für seine weitere Karriere abgegeben; man erinnert sich in unserem Städtchen noch heute mit Erstaunen daran, und auch wir werden vielleicht noch ein besonderes Wörtchen darüber sagen, sobald unsere lange Erzählung von den Brüdern Karamasow zu Ende geführt ist.

2. Alarm

Unser Bezirkshauptmann Michail Makarowitsch Makarow, ein Oberstleutnant a. D., der bei seinem Übertritt in die Polizeiverwaltung den Titel eines Hofrats bekommen hatte, war Witwer und ein braver Mensch. Zu uns gekommen war er erst vor drei Jahren, doch hatte er sich bereits die allgemeine Sympathie erworben, besonders dadurch, daß er es verstand, »die Gesellschaft zusammenzuhalten«. Er war nie ohne Gäste, und er schien ohne sie auch nicht leben zu können. Täglich speiste jemand bei ihm zu Mittag, wenn es auch nur zwei Gäste waren oder auch nur einer: ohne Gäste setzte er sich nie zu Tisch. Auch größere Diners veranstaltete er, manchmal mit recht überraschenden Begründungen. Es gab dabei zwar nicht unmäßig, aber reichlich zu essen, unter anderem vorzüglich zubereitete Fischpasteten; der Wein zeichnete sich, wenn auch nicht durch Qualität, so doch durch Quantität aus. Im Eingangszimmer stand ein Billard in entsprechender Umgebung, das heißt, an den Wänden hingen sogar Abbildungen englischer Rennpferde in schwarzen Rahmen, die bekanntlich bei einem Junggesellen oder Witwer den unumgänglich notwendigen Schmuck jedes Billardzimmers bilden. Allabendlich wurde bei ihm Karten gespielt, wenn auch nur an einem Tisch. Sehr häufig versammelte sich aber auch die ganze bessere Gesellschaft unserer Stadt mit den Mamas und den jungen Mädchen bei ihm, um zu tanzen. Obwohl Michail Makarowitsch Witwer war, führte er doch ein Familienleben; mit ihm wohnten seine ebenfalls schon verwitwete Tochter und ihre beiden erwachsenen Töchter, seine Enkelinnen. Diese beiden jungen Mädchen hatten ihre Ausbildung schon abgeschlossen; ihre äußere Erscheinung war zwar wenig reizvoll, aber sie besaßen ein heiteres Gemüt, und obgleich jeder wußte, daß sie keine Mitgift zu erwarten hatten, zogen sie doch unsere ganze junge Lebewelt in das Haus ihres Großvaters. In beruflicher Hinsicht war es mit Michail Makarowitsch nicht weit her; jedoch erfüllte er seine Pflicht nicht schlechter als viele andere. Geradeheraus gesagt, er war ein ziemlich ungebildeter Mensch und gab sich keine sonderliche Mühe, die Grenzen seiner administrativen Gewalt klar zu erkennen. Manche Reformen der neuzeitlichen Regierung hätte er zwar durchaus begreifen können, doch er legte sie falsch aus, mitunter sogar sehr falsch, und zwar nicht infolge einer besonderen Unfähigkeit, sondern einfach aus Sorglosigkeit des Charakters; er nahm sich nie die Zeit, sich in etwas zu vertiefen. »Ich bin meinem ganzen Wesen nach mehr Militär als Zivilist, meine Herren«, pflegte er selbst von sich zu sagen. Sogar über die Bauernreform schien er noch immer nicht zu klaren Vorstellungen gelangt zu sein; er lernte auf diesem Gebiet sozusagen in jedem Jahr ein bißchen hinzu, indem er seine Kenntnisse unwillkürlich durch die Praxis vermehrte – und dabei war er selber Gutsbesitzer. Pjotr Iljitsch wußte genau, daß er an diesem Abend bei Michail Makarowitsch auf jeden Fall Besuch vorfinden würde; nur wußte er nicht, wen. Nun saßen dort beim Whist ausgerechnet der Staatsanwalt und unser Kreisarzt Warwinski, ein junger Mann, der eben erst aus Petersburg gekommen war, nachdem er dort die medizinische Akademie mit glänzendem Erfolg absolviert hatte. Der Staatsanwalt Ippolit Kirillowitsch, der eigentlich nur Gehilfe des Staatsanwalts war, bei uns aber allgemein »Staatsanwalt« genannt wurde, war ein eigenartiger Mensch, noch nicht alt, erst um die fünfunddreißig Jahre, doch bereits stark zur Schwindsucht neigend, verheiratet mit einer sehr korpulenten Dame, kinderlos, ehrgeizig und reizbar, jedoch begabt mit solidem Verstand, ja sogar gutmütig. Verhängnisvoll wurde ihm offenbar nur eine bestimmte Charaktereigenschaft: Er dachte von sich besser, als seine wirklichen Anlagen ihm erlaubten. Und das war auch der Grund, weshalb er sich ständig in Unruhe befand. Außerdem erhob er gewisse höhere Ansprüche, auch auf künstlerisch-wissenschaftlichem Gebiet; so hielt er sich zum Beispiel für einen Psychologen, für einen besonderen Kenner der menschlichen Seele, und glaubte, er besitze die hervorragende Gabe, einen Verbrecher und sein Verbrechen zu erkennen und zu verstehen. In dieser Hinsicht fühlte er sich dienstlich etwas zurückgesetzt und übergangen und war der Überzeugung, daß man ihn »dort oben« nicht zu schätzen wisse und daß er seine Feinde habe. In Augenblicken des Unmuts drohte er sogar damit, Verteidiger in Kriminalprozessen zu werden. Der unerwartete Karamasowsche Vatermordprozeß rüttelte ihn aus seiner Verstimmung auf; er sagte sich: ›Das ist ein Prozeß, der in ganz Rußland bekannt werden kann…‹ Doch damit greife ich bereits vor.

Im Nebenzimmer, bei den jungen Damen, saß unser junger Untersuchungsrichter Nikolai Parfjonowitsch Neljudow, der erst vor zwei Monaten aus Petersburg zu uns gekommen war. Später hat man bei uns darüber geredet und sich darüber gewundert, daß alle diese Personen am Abend des Verbrechens wie auf Verabredung im Haus der exekutiven Gewalt zusammengekommen waren. Und doch war die Sache ganz einfach, und es ging alles höchst natürlich zu: Ippolit Kirillowitschs Gattin hatte schon seit dem vorigen Tag Zahnschmerzen; daher mußte er irgendwohin laufen, um das Gestöhn nicht anzuhören, und der Arzt konnte seinem Charakter nach abends nur am Kartentisch sein. Nikolai Parfjonowitsch Neljudow schließlich hatte sich schon vor drei Tagen vorgenommen, an diesem Abend bei Michail Makarowitsch zu sein, sozusagen zufällig, um dessen älteste Enkelin Olga Michailowna listig damit zu überraschen, daß er ein Geheimnis von ihr kennt, daß er weiß, sie hat heute Geburtstag und wünscht dies absichtlich vor ihren Bekannten geheimzuhalten, um nicht alle zum Tanzen einladen zu müssen. Neljudow sagte sich im voraus, das könnte Stoff zum Lachen gehen; er würde Anspielungen auf ihr Alter machen, als ob sie sich scheute, es bekannt werden zu lassen; er würde drohen, am nächsten Tag allen von ihrem Geheimnis zu erzählen, und so weiter und so fort. Der liebenswürdige junge Mann war in dieser Hinsicht geradezu ein Lausbub, und daher nannten ihn denn auch unsere Damen »Lausbub« – ein Spitzname, der ihm sehr zu gefallen schien. Übrigens stammte er aus einer guten Familie, hatte eine gute Erziehung genossen und besaß eine gute Denkart; er war zwar ein Lebemann, aber von der unschuldigen, anständigen Art. Was sein Äußeres betrifft, so war er klein und von schwacher, zarter Konstitution. An seinen dünnen bleichen Fingern blitzten immer mehrere große Ringe. Sobald er seine amtlichen Obliegenheiten erfüllte, gab er sich überaus würdevoll, als ob er seinen Beruf und seine Pflichten für etwas Hochheiliges hielt. Besonders verstand er es, bei den Verhören Mörder und sonstige Übeltäter aus den niederen Volksschichten zu verblüffen; er erregte bei ihnen zwar nicht gerade Achtung vor seiner Person, aber doch ein gewisses Erstaunen.

Als Pjotr Iljitsch beim Bezirkshauptmann eintraf, war er einfach starr: er sah, daß sie dort alles schon wußten. In der Tat, sie hatten die Karten hingeworfen, standen da und beratschlagten, und sogar Nikolai Parfjonowitsch hatte die Damen verlassen und machte ein eifriges kriegerisches Gesicht. Pjotr Iljitsch erfuhr sogleich die erschütternde Nachricht, daß der alte Fjodor Pawlowitsch an diesem Abend tatsächlich in seinem Haus ermordet worden war, ermordet und beraubt! Das war soeben auf folgende Weise bekannt geworden.

Trotz ihres festen Schlafs war Marfa Ignatjewna, die Frau des alten Grigori, der am Zaun niedergeschlagen worden war, plötzlich doch aufgewacht. Beigetragen hatte dazu ein furchtbarer, epileptischer Aufschrei Smerdjakows, der bewußtlos im benachbarten Kämmerchen lag, ein Aufschrei, mit dem seine Anfälle immer begannen und der Marfa Ignatjewna immer einen fürchterlichen Schreck eingejagt und sie fast krank gemacht hatte: Sie hatte sich nie daran gewöhnen können. Schlaftrunken war sie aufgesprungen und beinahe bewußtlos zu Smerdjakow in das Kämmerchen gestürzt. Aber dort war es dunkel, und sie hörte nur, daß der Kranke anfing zu röcheln und um sich zu schlagen. Da schrie Marfa Ignatjewna selber auf und wollte ihren Mann rufen; doch plötzlich war ihr, als hätte Grigori eben, als sie aufgestanden war, nicht im Bett gelegen. Sie lief zum Bett und befühlte es: es war tatsächlich leer. Also war er weggegangen, aber wohin? Sie lief vor die Haustür und rief ihn von da aus. Sie erhielt keine Antwort; dafür hörte sie in der nächtlichen Stille von irgendwoher, anscheinend aus dem entlegensten Teil des Gartens, ein Stöhnen. Sie horchte: Das Stöhnen wiederholte sich, und es wurde ihr klar, daß es tatsächlich aus dem Garten kam. ›Herrgott, genau wie damals bei Lisaweta, der Stinkenden!‹ fuhr es ihr durch den Kopf. Ängstlich stieg sie die Stufen hinunter und sah, daß das Pförtchen zum Garten offenstand. ›Sicher ist mein lieber Mann da!‹ dachte sie, ging zum Pförtchen und hörte auf einmal deutlich, daß Grigori rief. Er rief mit schwacher, stöhnender Stimme: »Marfa, Marfa!« – »Herrgott, bewahre uns vor Unglück!« flüsterte Marfa Ignatjewna, stürzte dahin, von wo der Ruf kam, und fand Grigori. Aber sie fand ihn nicht am Zaun, nicht an der Stelle, wo er niedergeschlagen worden war, sondern schon ungefähr zwanzig Schritte vom Tatort entfernt. Später stellte sich heraus, daß er, wieder zu sich gekommen, versucht hatte, wegzukriechen und wahrscheinlich längere Zeit gekrochen war, wobei er mehrere Male das Bewußtsein wieder verloren hatte. Sie bemerkte sofort, daß er ganz voll Blut war, und begann aus voller Kehle zu schreien. Grigori aber stammelte leise und abgehackt: »Er hat ihn totgeschlagen … Seinen Vater totgeschlagen … Was schreist du, dummes Weib … Lauf, ruf Leute!« Marfa Ignatjewna ließ sich jedoch nicht zur Ruhe bringen und schrie weiter, und als sie plötzlich sah, daß bei dem Herrn ein Fenster offenstand und drinnen Licht war, lief sie hin und rief nach Fjodor Pawlowitsch. Als sie dann durchs Fenster sah, erblickte sie ein schreckliches Schauspiel: Der Herr lag mit dem Rücken auf dem Fußboden und rührte sich nicht. Der helle Schlafrock und das weiße Hemd auf der Brust waren von Blut überströmt. Die Kerze auf dem Tisch beleuchtete das Blut und das unbewegliche, tote Gesicht Fjodor Pawlowitschs. Entsetzt stürzte Marfa Ignatjewna vom Fenster fort, lief aus dem Garten hinaus, öffnete den Torriegel und rannte Hals über Kopf hinten herum zur Nachbarin Marja Kondratjewna. Die beiden

Nachbarinnen, Mutter und Tochter, schliefen schon; doch als Marfa Ignatjewna immer stärker an die Fensterläden pochte

und dazu schrie, erwachten sie und sprangen ans Fenster. Marfa Ignatjewna berichtete unter Heulen und Schreien, aber doch verständlich die Hauptsache und bat um Hilfe. Glücklicherweise schlief in dieser Nacht der Herumtreiber Foma bei ihnen im Haus. Er wurde im Nu auf die Beine gebracht, und alle drei liefen zum Ort des Verbrechens. Unterwegs erinnerte sich Marja Kondratjewna, daß sie vor einiger Zeit, zwischen acht und neun Uhr, einen lauten, durchdringenden Schrei aus Fjodor Pawlowitschs Garten gehört hatte; das war natürlich der Schrei Grigoris gewesen, als er, das Bein von Dmitri Fjodorowitsch festhaltend, gerufen hatte: »Vatermörder!« – »Da schrie einer allein und hörte dann gleich wieder auf!« erzählte Marja Kondratjewna im Laufen. Als sie an der Stelle angelangt waren, wo Grigori lag, trugen ihn die beiden Frauen mit Fomas Hilfe in das Seitengebäude. Sie machten Licht und sahen, daß sich Smerdjakow noch immer nicht beruhigt hatte, sondern um sich schlug, die Augen verdrehte und Schaum vor dem Mund hatte. Sie wuschen Grigoris Kopf mit Wasser, dem etwas Essig beigemischt war; davon kam er wieder zu Bewußtsein und fragte sogleich: »Ist der Herr ermordet oder nicht?« Die beiden Frauen und Foma gingen dann zum Herrn, und als sie in den Garten traten, sahen sie diesmal, daß nicht nur das Fenster, sondern auch die Tür zum Garten sperrangelweit offenstand, obwohl sich doch der Herr schon eine Woche lang persönlich allabendlich fest einschloß und sogar dem treuen Grigori strengstens verboten hatte, bei ihm zu klopfen. Angesichts der geöffneten Tür fürchteten sich die beiden Frauen und Foma, zum Herrn hineinzugehen, »damit das nicht unangenehme Folgen hat«. Sie kehrten zu Grigori zurück, und der befahl ihnen, unverzüglich zum Bezirkshauptmann selbst zu laufen. Diesen Auftrag führte Marja Kondratjewna aus; sie versetzte alle, die beim Bezirkshauptmann zusammen waren, in größte Aufregung. Und schon fünf Minuten später kam Pjotr Iljitsch dazu und brachte nicht bloß Vermutungen und Schlußfolgerungen, sondern bestärkte als Augenzeuge noch den allgemeinen Verdacht hinsichtlich der Person des Verbrechers. Übrigens hatte er sich in der Tiefe seiner Seele immer noch, bis zu diesem letzten Augenblick, gesträubt, daran zu glauben.

Man beschloß, energisch zu handeln. Dem Gehilfen des städtischen Polizeimeisters wurde sogleich aufgetragen, vier Ortsbewohner als Zeugen zu beschaffen, dann drang man nach allen für solche Fälle vorgeschriebenen Regeln, die ich hier nicht näher darlegen will, in Fjodor Pawlowitschs Haus ein und nahm die Untersuchung an Ort und Stelle vor. Der Kreisarzt, der ein hitziges Temperament hatte und noch ein Neuling in seinem Amt war, drängte sich geradezu auf, den Bezirkshauptmann, den Staatsanwalt und den Untersuchungsrichter zu begleiten. In aller Kürze: Fjodor Pawlowitsch wurde tot aufgefunden, mit zertrümmertem Schädel. Womit war er zertrümmert worden? Wahrscheinlich mit demselben Instrument, mit dem später auch Grigori niedergeschlagen worden war. Und siehe da, man fand dieses Instrument, nachdem Grigori, dem alle mögliche ärztliche Hilfe zuteil wurde, ziemlich zusammenhängend, wenn auch mit schwacher, oft versagender Stimme von dem Überfall auf ihn berichtet hatte. Man suchte mit einer Laterne am Zaun und fand den Messingstößel, auffällig auf dem Gartenweg liegend. In dem Zimmer, in dem Fjodor Pawlowitsch lag, bemerkte man keine besondere Unordnung; aber hinter dem Wandschirm, an seinem Bett, hob man vom Fußboden ein großes Kuvert aus dickem Papier in Kanzleiformat auf, mit der Aufschrift: »Ein kleines Geschenk von dreitausend Rubel für meinen Engel Gruschenka, wenn sie zu mir kommt.« Weiter unten stand, offenbar etwas später von Fjodor Pawlowitsch selbst hinzugeschrieben: »Für mein liebes Kücken.« Auf dem Kuvert waren drei große Siegel aus rotem Siegellack; doch das Kuvert war schon aufgerissen und leer – das Geld war herausgenommen. Man fand auf dem Fußboden auch ein dünnes rosa Bändchen, mit dem das Kuvert umwickelt gewesen war. Von Pjotr Iljitschs Aussagen machte auf Staatsanwalt und Untersuchungsrichter vor allem ein Moment einen außerordentlich starken Eindruck: nämlich die Vermutung, daß sich Dmitri Fjodorowitsch bei Tagesanbruch bestimmt erschießen werde. Er selbst hatte ja diesen Entschluß Pjotr Iljitsch gegenüber geäußert, die Pistole in seiner Gegenwart geladen, einen Zettel geschrieben und in die Tasche gesteckt, und so weiter und so fort. Und als ihm Pjotr Iljitsch, der ihm noch immer nicht hatte glauben wollen, drohte, er werde gehen und es anzeigen, damit der Selbstmord verhindert werde, hatte ihm Mitja lächelnd geantwortet: »Damit wirst du zu spät kommen!« Also mußte man sich schleunigst an seinen jetzigen Aufenthaltsort nach Mokroje begeben, um den Verbrecher zu überrumpeln, bevor er sich wirklich erschoß. »Das ist klar, das ist klar!« sagte der Staatsanwalt in großer Erregung. »Genauso spielt sich das bei solchen Lumpen ab: Morgen werde ich mich erschießen, aber vor dem Tod will ich noch einmal flott leben!« Der Bericht, wie er in dem Laden die Weine und die Delikatessen ausgesucht hatte, brachte den Staatsanwalt noch mehr in Fahrt. »Erinnern Sie sich an den Burschen, meine Herren, der den Kaufmann Olsufjew ermordete und tausendfünfhundert Rubel stahl? Der ließ sich gleich danach frisieren und begab sich dann zu irgendwelchen Huren, ohne vorher das Geld etwa zu verstecken; er hielt es ebenfalls beinahe offen in der Hand!« Durch die Nachforschungen in Fjodor Pawlowitschs Haus sowie durch allerlei Formalitäten und dergleichen wurde man allerdings doch noch aufgehalten. Alles dies erforderte Zeit; daher schickten sie, etwa zwei Stunden vor ihrer eigenen Abfahrt nach Mokroje, den Landkommissar Mawriki Mawrikijewitsch Schmerzow voraus, der gerade am Vormittag des vorigen Tages in die Stadt gekommen war, um sein Gehalt abzuholen. Sie instruierten ihn folgendermaßen: In Mokroje angekommen, sollte er, ohne Aufsehen zu erregen, den Verbrecher bis zum Eintreffen der zuständigen Beamten unausgesetzt beobachten und dafür sorgen, daß einige ortsansässige Zeugen, Dorfpolizisten und so weiter zur Stelle waren. So verfuhr denn auch Mawriki Mawrikijewitsch; er bewahrte sein Inkognito und weihte nur Trifon Borissowitsch, der ein alter Bekannter von ihm war, teilweise in das Geheimnis ein. Zeitlich fiel das kurz vor die Begegnung Mitjas und des Wirts auf der dunklen Galerie, wobei Mitja Trifon Borissowitschs Gesicht und in seiner Redeweise eine gewisse Veränderung aufgefallen war. Jedenfalls wußte weder Mitja noch sonst jemand, daß er beobachtet wurde; den Kasten mit den Pistolen aber hatte Trifon Borissowitsch bereits heimlich an einem unauffindbaren Ort versteckt. Erst zwischen vier und fünf Uhr morgens, als es beinahe schon Tag wurde, trafen die Vertreter der Obrigkeit, Bezirkshauptmann, Staatsanwalt und Untersuchungsrichter, in zwei dreispännigen Equipagen ein. Der Arzt war im Haus Fjodor Pawlowitschs geblieben, da er am Morgen den Leichnam des Ermordeten zu sezieren beabsichtigte, hauptsächlich aber, weil er sich für den Zustand des kranken Dieners Smerdjakow interessierte. »So heftige, lang andauernde epileptische Anfälle, die sich zwei volle Tage hindurch ununterbrochen wiederholen, begegnen einem nur selten – so ein Fall gehört der Wissenschaft!« sagte er aufgeregt zu den Amtspersonen, und diese beglückwünschten ihn lachend zu seinem Fund, bevor sie abfuhren. Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter erinnerten sich später genau, daß der Arzt in entschiedenem Ton hinzugefügt hatte, Smerdjakow werde den Morgen nicht mehr erleben.

Nach dieser langen, aber, wie ich glaube, unumgänglichen Auseinandersetzung kehren wir jetzt an den Punkt unserer Erzählung zurück, wo wir sie im vorigen Buch verlassen haben.

3. Die Wanderung einer Seele durch die Leiden.

Das erste Leid

Mitja saß also da und ließ seinen verstörten Blick bei allen Anwesenden herumirren, ohne zu begreifen, was zu ihm gesagt wurde. Plötzlich stand er auf, reckte die Arme in die Höhe und rief laut: »Ich bin unschuldig! An diesem Blut bin ich unschuldig! Am Blut meines Vaters bin ich unschuldig … Ich wollte ihn töten, aber ich bin unschuldig, ich habe es nicht getan!« Kaum hatte er das gerufen, stürzte Gruschenka hinter dem Vorhang hervor und warf sich wie von Sinnen dem Bezirkshauptmann zu Füßen.

»Ich bin schuld, ich Verfluchte!« schrie sie mit herzzerreißender Stimme, das Gesicht tränenüberströmt. »Meinetwegen hat er den Mord begangen! Ich habe ihn gequält und soweit gebracht. Und auch den armen ermordeten Alten habe ich aus Bosheit gequält und dahin gebracht. Ich bin schuld, ich zuallererst, ich bin schuld!«

»Jawohl, du bist die Schuldige! Du bist die Hauptverbrecherin! Du verdammtes, liederliches Frauenzimmer, du bist die Hauptschuldige!« brüllte der Bezirkshauptmann und drohte ihr mit der Faust.

Aber man brachte ihn schnell und mit aller Entschiedenheit zur Ruhe. Der Staatsanwalt umfaßte ihn sogar mit den Armen. »Das ist eine ganz unzulässige Verfahrensweise, Michail Makarowitsch!« rief er. »Sie stören geradezu die Untersuchung … Sie verderben die ganze Sache …« Er konnte kaum atmen.

»Dagegen müssen Maßnahmen ergriffen werden, dagegen müssen Maßnahmen ergriffen werden!« brauste auch Nikolai Parfjonowitsch auf. »Sonst ist positiv nichts möglich!«

»Richten Sie uns beide gemeinsam!« rief Gruschenka außer sich; sie lag noch immer auf den Knien. »Bestrafen Sie uns beide gemeinsam! Ich werde mit ihm gehen, wenn es sein muß, selbst bis aufs Schafott!«

»Gruscha, du mein Leben, mein Blut, mein Heiligstes!« rief Mitja, warf sich neben sie auf die Knie und umarmte sie fest. »Glauben Sie ihr nicht!« schrie er. »Sie trägt keine Schuld, weder an diesem Blut noch an sonst etwas!«

Er erinnerte sich später, daß ihn mehrere Männer mit Gewalt von ihr weggezogen hatten, daß man sie hinausgeführt hatte und er erst wieder zur Besinnung gekommen war, als er schon am Tisch saß. Neben und hinter ihm standen Männer mit Blechabzeichen. Ihm gegenüber auf dem Sofa, an der anderen Seite des Tisches, saß der Untersuchungsrichter Nikolai Parfjonowitsch und redete ihm zu, aus dem Glas auf dem Tisch etwas Wasser zu trinken. »Das wird Sie erfrischen, das wird Sie beruhigen! Fürchten Sie sich nicht, beunruhigen Sie sich nicht!« fügte er überaus höflich hinzu. Mitja erinnerte sich auch, daß er sich plötzlich für die großen Ringe des Untersuchungsrichters interessiert hatte; an dem einen war ein Amethyst, an dem anderen ein hellgrauer, durchsichtiger, sehr schön glänzender Stein. Und noch lange nachher erinnerte er sich mit Erstaunen, wie diese Ringe sogar während der furchtbaren Stunden des Verhörs seinen Blick unwiderstehlich angezogen hatten, so daß er außerstande war, sich von ihnen loszureißen … Links, seitwärts, auf dem Platz, wo zu Beginn des Abends Maximow gesessen hatte, saß jetzt der Staatsanwalt, und rechts von Mitja, auf Gruschenkas Platz, hatte sich ein rotbackiger junger Mann in einer abgetragenen Jagdjoppe niedergelassen, vor sich Tintenfaß und Schreibpapier. Es stellte sich heraus, daß das der Protokollführer des Untersuchungsrichters war, den dieser mitgebracht hatte. Der Bezirkshauptmann schließlich stand jetzt am Fenster, am anderen Ende des Zimmers, neben Kalganow, der sich dort ebenfalls auf einen Stuhl gesetzt hatte.

»Trinken Sie etwas Wasser!« wiederholte der Untersuchungsrichter, zum zehntenmal.

»Ich habe getrunken, meine Herren, ich habe getrunken … Aber … Nun gut, meine Herren, entscheiden Sie mein Schicksal, zerquetschen Sie mich, richten Sie mich!« rief Mitja und starrte den Untersuchungsrichter mit weitgeöffneten Augen an.

»Sie behaupten also entschieden, daß Sie am Tode Ihres Vaters Fjodor Pawlowitsch unschuldig sind?« fragte der Untersuchungsrichter sanft, aber energisch.

»Ja, ich bin daran unschuldig. Schuld bin ich an anderem Blut, am Blut eines anderen alten Mannes, aber nicht an dem meines Vaters. Und ich beweine meine Tat! Ich habe einen alten Mann totgeschlagen … Totgeschlagen und zu Boden gestreckt … Und es ist entsetzlich, daß ich nicht für dieses Blut, sondern für anderes Blut einstehen soll, an dem ich unschuldig bin … Das ist eine furchtbare Beschuldigung, meine Herren! Sie haben mich wie mit einem Keulenschlag vor die Stirn betäubt! Aber wer hat denn meinen Vater ermordet, wer hat es getan? Wer anders konnte ihn ermorden als ich? Da liegt ein Wunder vor, etwas Unbegreifliches, Unmögliches!«

»Ja, das ist es eben – wer anders konnte ihn ermorden … begann der Untersuchungsrichter, doch der Staatsanwalt Ippolit Kirillowitsch – er war eigentlich Gehilfe des Staatsanwalts, aber wir werden ihn der Kürze halber Staatsanwalt nennen – sagte zu Mitja, nachdem er mit dem Untersuchungsrichter einen Blick gewechselt hatte: »Sie beunruhigen sich ohne Grund wegen des alten Dieners Grigori Wassiljewitsch. Er lebt, ist wieder zu sich gekommen und scheint trotz der schweren Verletzung, die Sie ihm, nach seiner und nach Ihrer jetzigen Aussage beigebracht haben, am Leben zu bleiben, zumindest nach dem Urteil des Arztes.«

»Er lebt? Also er lebt?« rief Mitja und schlug die Hände zusammen. Sein ganzes Gesicht strahlte. »O Herr, ich danke dir für dieses große Wunder, das du auf mein Gebet hin für mich Sünder und Übeltäter getan hast! Ja, ja, das ist auf mein Gebet hin geschehen, ich habe die ganze Nacht darum gebetet!« Und er schlug dreimal ein Kreuz; dabei rang er mühsam nach Atem.

»Sehen Sie, und von diesem Grigori haben wir so bedeutsame Aussagen hinsichtlich, Ihrer Person erhalten, daß wir …«, fuhr der Staatsanwalt fort.

Mitja sprang plötzlich von seinem Stuhl auf.

»Einen Augenblick, meine Herren! Um Gottes willen, nur einen Augenblick! Ich will zu ihr …«

»Erlauben Sie! Jetzt geht das überhaupt nicht!« rief Nikolai Parfjonowitsch mit sich überschlagender Stimme. Die Männer mit den Blechabzeichen an der Brust hielten Mitja fest; übrigens setzte er sich auch von selbst wieder.

»Meine Herren, wie schade! Ich wollte nur einen Augenblick zu ihr … Ich wollte ihr mitteilen, daß dieses Blut, das die ganze Nacht mein Herz gemartert hat, weggewaschen, verschwunden ist, daß ich kein Mörder mehr bin! Meine Herren, sie ist doch meine Braut!« sagte er entzückt und andächtig und ließ seine Augen von einem zum anderen wandern. »Oh, ich danke Ihnen, meine Herren! Oh, Sie haben mir im Augenblick ein neues Leben geschenkt! Dieser alte Mann hat mich auf seinen Armen getragen, meine Herrn, er hat mich im Waschtrog gebadet, als sich sonst niemand um mich, ein dreijähriges Kind, kümmerte, er ist mir ein Vater gewesen!«

»Also Sie …«, begann der Untersuchungsrichter.

»Erlauben Sie, meine Herren, erlauben Sie noch einen kleinen Augenblick«, unterbrach ihn Mitja, stellte beide Ellenbogen auf den Tisch und bedeckte das Gesicht mit den Händen. »Gestatten Sie, daß ich noch ein wenig meine Gedanken sammle. Gestatten Sie mir, daß ich noch ein wenig zu mir komme, meine Herren! Das alles erschüttert einen ja furchtbar! Ein Mensch ist doch schließlich kein Trommelfell, meine Herren!«

»Sie sollten wieder ein bißchen Wasser …«, sagte Nikolai Parfjonowitsch liebenswürdig.

Mitja nahm die Hände vom Gesicht und lachte laut auf. Sein Blick war kühn und munter, der ganze Mensch schien urplötzlich verwandelt. Auch sein Ton war ein anderer geworden: Da saß nun wieder ein Mensch, der diesen Leuten, seinen früheren Bekannten, gleichgestellt war, so als wenn sie gestern, als noch nichts geschehen war, irgendwo in Gesellschaft zusammengekommen wären. Wir wollen bei dieser Gelegenheit vermerken, daß Mitja bei dem Bezirkshauptmann in der ersten Zeit sehr freundlich aufgenommen worden war, ihn jedoch später, besonders im letzten Monat, fast gar nicht mehr besucht hatte; der Bezirkshauptmann hatte von da an, wenn er ihm auf der Straße begegnete, ein finsteres Gesicht gemacht und seinen Gruß nur aus Höflichkeit erwidert, was Mitja nicht entgangen war. Mit dem Staatsanwalt war er noch oberflächlicher bekannt. Zwar hatte er seiner Gattin, einer nervösen, überspannten Dame, manchmal Besuche gemacht, jedoch nur solche von respektvollster Art, ohne selbst recht zu wissen, warum er eigentlich zu ihr ging; sie hatte ihn immer freundlich empfangen und sich aus irgendwelchem Grund bis zuletzt lebhaft für ihn interessiert. Mit dem Untersuchungsrichter bekannt zu werden, hatte er noch keine Gelegenheit gehabt; allerdings war er auch mit ihm schon in Gesellschaft zusammengekommen und hatte sich ein- oder zweimal mit ihm unterhalten, beide Male über das weibliche Geschlecht.

»Sie sind, wie ich sehe, ein außerordentlich geschickter Untersuchungsrichter, Nikolai Parfjonowitsch«, sagte Mitja auf einmal mit heiterem Lächeln. »Aber ich will Ihnen jetzt trotzdem behilflich sein. Oh, meine Herren, ich fühle mich wie neugeboren … Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich mich so geradezu an Sie wende. Außerdem bin ich ein bißchen betrunken, das sage ich Ihnen ganz offen. Ich glaube, ich hatte die Ehre und das Vergnügen, bei meinem Verwandten Miussow mit Ihnen zusammen zu sein, Nikolai Parfjonowitsch … Meine Herren, meine Herren, ich erhebe nicht den Anspruch, gleichberechtigt behandelt zu werden – ich verstehe sehr gut, wer ich jetzt für Sie bin. Auf mir ruht … Falls Grigori etwas über mich ausgesagt hat … So ruht auf mir ein furchtbarer Verdacht! Schrecklich, schrecklich, ich begreife das ja alles! Aber zur Sache, meine Herren! Ich bin bereit, und wir werden das alles in einer Sekunde erledigen … Hören Sie nur, meine Herren! Wenn ich weiß, daß ich unschuldig bin, werden wir es ja wohl in einer Sekunde erledigen! Nicht wahr?«

Mitja redete schnell, viel und nervös und so, als hielte er seine Zuhörer für seine besten Freunde.

»Also wir wollen einstweilen niederschreiben, daß Sie die gegen Sie erhobene Beschuldigung vollständig bestreiten«, sagte Nikolai Parfjonowitsch nachdrücklich und diktierte dem Schreiber halblaut, was er schreiben sollte.

»Niederschreiben? Sie wollen das niederschreiben? Nun gut, schreiben Sie es nieder, ich bin damit einverstanden, ich gebe meine völlige Einwilligung, meine Herren … Nur sehen Sie … Warten Sie, warten Sie, schreiben Sie so: ›Der Gewalttätigkeit ist er schuldig! Der schweren Mißhandlung eines armen alten Mannes ist er schuldig!‹ Na, und in meinem Innern, in der Tiefe meines Herzens, da ist noch etwas, noch eine Schuld, aber das brauchen Sie nicht hinzuschreiben …« Er wandte sich plötzlich an den Schreiber. »Das gehört zu meinem Privatleben, meine Herren! Das geht Sie weiter nichts an, diese Tiefen des Herzens, meine ich … ›Aber der Ermordung seines alten Vaters ist er nicht schuldig!‹ Das ist ein gemeiner Gedanke! Das ist ein ganz gemeiner Gedanke! Ich werde Ihnen das beweisen, und Sie werden sich im Nu davon überzeugen. Sie werden lachen, meine Herren! Sie werden selbst über Ihren Verdacht lachen!«

»Beruhigen Sie sich, Dmitri Fjodorowitsch!« ermahnte ihn der Untersuchungsrichter, der offenbar durch seine eigene Ruhe besänftigend auf Mitja einzuwirken wünschte. »Bevor wir mit dem Verhör fortfahren, möchte ich gern, falls Sie einwilligen, von Ihnen die Bestätigung der Tatsache hören, daß Sie den verstorbenen Fjodor Pawlowitsch offenbar nicht liebten, sondern ständig mit ihm Streit hatten … Zumindest haben Sie, glaube ich, hier vor einer Viertelstunde erklärt, daß Sie ihn töten wollten. ›Ich habe ihn nicht getötet‹, riefen Sie, aber ich wollte ihn töten!‹«

»Habe ich das gesagt? Nun, das ist wohl möglich, meine Herren! Ja, leider habe ich ihn töten wollen, viele Male habe ich das gewollt … Leider, leider!«

»Also Sie haben es gewollt. Möchten Sie uns nun vielleicht erklären, wodurch Sie eigentlich zu diesem Haß auf Ihren Vater veranlaßt wurden?

»Was ist da zu erklären, meine Herren!« rief Mitja mit finsterem Gesicht, zuckte die Achseln und blickte zu Boden. »Ich habe ja aus meinen Gefühlen kein Hehl gemacht, die ganze Stadt weiß es, alle Leute im Restaurant wissen es. Noch vor kurzem habe ich es im Kloster, in der Zelle des Starez Sossima, offen ausgesprochen … Am Abend desselben Tages schlug ich meinen Vater, erschlug ihn beinahe und schwor, ich würde wiederkommen und ihn totschlagen, vor Zeugen tat ich das alles … Oh, tausend Zeugen sind dafür vorhanden! Einen Monat lang habe ich solche Reden geführt, und alle sind Zeugen! Die Tatsache ist offenkundig, die Tatsache spricht und schreit – aber die Gefühle, meine Herren, die Gefühle, das ist dann doch etwas anderes. Sehen Sie, meine Herren …. Mir scheint, daß Sie nicht berechtigt sind, nach meinen Gefühlen zu fragen. Sie sind zwar mit Ihrer Amtsgewalt bekleidet, ich verstehe das – doch das ist meine eigene Angelegenheit, meine innere, intime Angelegenheit! Aber da ich meine Gefühle früher auch nicht verheimlicht habe, zum Beispiel im Restaurant, sondern mit jedem darüber gesprochen habe, so werde ich auch jetzt kein Geheimnis daraus machen … Sehen Sie, meine Herren, ich verstehe ja, daß im vorliegenden Fall schreckliche Verdachtsgründe gegen mich vorhanden sind; ich habe allen Leuten gesagt, ich würde ihn töten, und nun ist er plötzlich getötet worden – wie sollte ich da nicht der Täter sein? Hahaha! Ich entschuldige Sie, meine Herren; ich entschuldige Sie vollständig. Ich bin ja selbst verblüfft, denn wer soll ihn getötet haben, wenn nicht ich? Ist das nicht richtig? Wenn ich es nicht gewesen hin, wer dann, ja wer? Meine Herren, ich will wissen und fordere das sogar von Ihnen, meine Herren: Wo ist er ermordet worden? Wie ist er ermordet worden, womit und wie? Sagen Sie mir das!« Er stellte diese Fragen hastig und ließ seinen Blick zwischen dem Staatsanwalt und dem Untersuchungsrichter hin und her gehen.

»Wir fanden ihn in seinem Zimmer, mit dem Rücken auf dem Fußboden liegend, mit zertrümmertem Schädel«, sagte der Staatsanwalt.

Das ist furchtbar, meine Herren!« rief Mitja zusammenfahrend: er stützte den rechten Ellenbogen auf den Tisch und bedeckte das Gesicht mit der Hand.

»Wir wollen fortfahren«, unterbrach ihn Nikolai Parfjonowitsch.

»Also was veranlaßte Sie damals zu Ihrem Haßgefühl? Sie haben ja wohl öffentlich erklärt, daß es Eifersucht war?«

»Nun ja, Eifersucht … aber nicht bloß Eifersucht.«

»Geldstreitigkeiten?«

»Nun ja, Geldstreitigkeiten auch.«

»Wie es scheint, handelte es sich bei dem Streit um dreitausend Rubel, die Ihnen angeblich von Ihrem Erbteil zuwenig ausgezahlt worden waren.«

»Um dreitausend? Bewahre! Um mehr, viel mehr!« rief Mitja. »Um mehr als sechstausend, vielleicht um mehr als zehntausend. Ich habe das allen Leuten gesagt, laut gesagt! Aber ich hatte mich schon entschlossen, mich in Gottes Namen auch mit dreitausend zufriedenzugeben. Ich brauchte diese dreitausend Rubel sehr dringend, so daß ich das Kuvert mit dreitausend Rubeln, das unter seinem Kopfkissen für Gruschenka bereitlag, wie ich wußte, geradezu als mein Eigentum betrachtete, meine Herren, wie etwas, das mir gestohlen worden ist.«

Der Staatsanwalt wechselte mit dem Untersuchungsrichter heimlich einen bedeutsamen Blick.

»Wir werden auf diesen Gegenstand noch zurückkommen«, sagte der Untersuchungsrichter sogleich. »Gestatten Sie uns jetzt eben diesen Punkt festzuhalten: daß Sie das Geld in jenem Kuvert gewissermaßen als Ihr Eigentum betrachteten.«

»Halten Sie das fest, meine Herren! Ich sehe ein, daß das wieder ein Verdachtsgrund gegen mich ist, aber ich fürchte keine Verdachtsgründe und spreche selbst gegen mich. Hören Sie, ich selbst tue das … Sehen Sie, meine Herren, Sie halten mich offenbar für einen anderen Menschen, als ich wirklich bin«, fügte er plötzlich mit finsterer, trauriger Miene hinzu. »Mit Ihnen spricht ein edeldenkender Mensch, ein Mensch – lassen Sie das nicht außer acht! –, der zwar eine Menge Schändlichkeiten begangen hat, jedoch immer ein edeldenkendes Wesen war und geblieben ist, ich meine, im Kern, innerlich, in der Tiefe, na kurz … Ach, ich verstehe nicht, mich auszudrücken … Gerade das hat mich mein Leben lang gequält, daß ich nach dem Edlen dürstete! Ich war sozusagen ein Märtyrer des Edlen, ich suchte mit der Laterne danach, mit der Laterne des Diogenes – und trotzdem beging ich mein ganzes Leben nichts als Gemeinheiten, so wie wir alle, meine Herren … Das heißt wie ich allein, meine Herren, ich habe mich versprochen, ich allein, ich allein! Meine Herren, der Kopf tut mir weh … Sehen Sie, meine Herren, mir mißfiel sein Äußeres und das Ehrlose an ihm, und daß er alles Heilige in den Staub trat, und seine Spottsucht und sein Unglaube, ach, das war alles so gemein, so widerlich! Aber jetzt, wo er tot ist, denke ich darüber anders.«

»Inwiefern anders?«

»Nicht eigentlich anders. Ich bedaure, daß ich ihn so gehaßt habe.«

»Empfinden Sie Reue?«

»Nein, nicht Reue. Schreiben Sie das nicht nieder! Aber ich selbst bin nicht gut, meine Herren, das ist es! Und ich bin auch nicht sehr schön. Und darum hatte ich kein Recht, ihn für widerwärtig zu halten, das ist es! Das schreiben Sie meinetwegen nieder!«

Als Mitja das gesagt hatte, wurde er auf einmal sehr traurig. Schon während er auf die Fragen des Untersuchungsrichters geantwortet hatte, war er immer finsterer geworden. Und da, in diesem Moment, geschah wieder etwas Unerwartetes.

Zwar hatte man Gruschenka vorhin entfernt, aber nicht weit genug, nur drei Zimmer weiter, in ein kleines, einfenstriges Zimmerchen gleich hinter dem großen Raum, wo es in der Nacht so hoch hergegangen war. Dort saß sie, und bei ihr war einstweilen nur Maximow, der sehr bestürzt war, sich furchtbar ängstigte und nicht von ihrer Seite wich, als ob er bei ihr Rettung suchte. An der Tür dieses Zimmerchens stand ein Bauer mit einem Blechabzeichen an der Brust. Gruschenka weinte, und dann auf einmal, als ihre Seele den Kummer nicht mehr ertragen konnte, sprang sie auf und eilte hinaus, zu ihm, zu ihrem Mitja – und das geschah so unerwartet, daß niemand sie zurückhalten konnte. Mitja fuhr zusammen, als er ihren Schrei hörte, sprang auf und stürzte ihr wie im Unterbewußtsein Hals über Kopf entgegen. Aber man ließ die beiden wiederum nicht zusammenkommen. Man packte ihn fest bei den Armen; er schlug um sich und suchte sich loszureißen, und drei oder vier Männer waren nötig, ihn festzuhalten. Man ergriff auch sie, und er sah, wie sie schreiend die Arme nach ihm ausstreckte, als sie weggezogen wurde.

Nachdem die Szene beendet war, fand er sich auf seinem früheren Platz am Tisch wieder, dem Untersuchungsrichter gegenüber; da schrie er, an alle gewandt: »Was haben Sie denn mit ihr zu tun? Warum quälen Sie sie? Sie ist unschuldig!«

Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter redeten ihm freundlich zu. So verging einige Zeit, ungefähr zehn Minuten.

Dann kam Michail Makarowitsch, der sich eine Weile fortbegeben hatte, wieder ins Zimmer und sagte laut und aufgeregt zum Staatsanwalt: »Sie ist entfernt worden, sie ist unten. Würden Sie mir erlauben, meine Herren, diesem unglücklichen Menschen ein Wort zu sagen? In Ihrer Gegenwart, meine Herren, in Ihrer Gegenwart?«

»Bitte, Michail Makarowitsch«, antwortete der Untersuchungsrichter. »Unter diesen Umständen haben wir nichts dagegen.«

»Dmitri Fjodorowitsch, lieber Freund!« begann Michail Makarowitsch, und sein erregtes Gesicht drückte warme, beinahe väterliche Teilnahme aus. »Ich habe deine Agrafena Alexandrowna selbst nach unten gebracht und sie den Töchtern des Wirtes anvertraut, und auch dieser alte Maximow ist jetzt mit ihr unzertrennlich zusammen. Ich habe ihr gut zugeredet, hörst du? Ich habe ihr gut zugeredet und sie beruhigt. Ich habe ihr klargemacht, daß du dich rechtfertigen mußt, sie soll dich daher nicht stören und dich nicht traurig machen, sonst könntest du in Verwirrung geraten und zu deinem Nachteil falsch aussagen, verstehst du? Na, kurz, ich habe mit ihr geredet, und sie hat mich verstanden. Sie ist ein kluges Mädchen, lieber Freund, ein gutes Mädchen! Sie wollte mir altem Mann die Hände küssen! Und für dich gebeten hat sie! Sie selbst hat mich hergeschickt und mir aufgetragen, dir zu sagen, du möchtest ihretwegen ruhig sein. Und ich soll unbedingt wieder zu ihr kommen und ihr sagen, daß du ruhig und getröstet bist. Also beruhige dich! Sieh ein, daß es das beste ist! Ich habe ihr unrecht getan, sie ist eine christliche Seele. Ja, meine Herren, sie ist eine fromme Seele und hat keinerlei Schuld. Also was soll ich ihr sagen, Dmitri Fjodorowitsch? Wirst du ruhig sein oder nicht?«

Der gute Mensch hatte viel Überflüssiges geredet; doch Gruschenkas Kummer war ihm eben zu Herzen gegangen, und ihm standen sogar Tränen in den Augen. Mitja sprang auf und stürzte zu ihm hin.

»Verzeihen Sie, meine Herren! Erlauben Sie es! Erlauben Sie es!« rief er. »Sie sind ein Engel, ein Engel sind Sie, Michail Makarowitsch! Ich danke Ihnen für alles, was Sie ihr Gutes erwiesen haben! Ich werde ruhig sein, ich werde heiter sein! Bestellen Sie ihr in der grenzenlosen Güte Ihres Herzens, daß ich heiter bin, ganz heiter! Ich werde sogar gleich anfangen zu lachen, da ich weiß, daß so ein Schutzengel wie Sie bei ihr ist. Ich werde sogleich alles erledigen, und sobald ich frei bin, eile ich sofort zu ihr; sie soll nur noch ein wenig warten … Meine Herren!« wandte er sich plötzlich an den Staatsanwalt und an den Untersuchungsrichter. »Jetzt werde ich meine ganze Seele vor Ihnen aufdecken, Ihnen mein ganzes Herz ausschütten. Wir werden im Nu alles beenden, fröhlich beenden, und zuletzt werden wir alle lachen, nicht wahr? Aber, meine Herren, diese Frau ist die Königin meiner Seele! Oh, erlauben Sie, daß ich Ihnen das sage – wenigstens das will ich Ihnen enthüllen; ich sehe ja, daß ich es mit Männern von edelster Gesinnung zu tun habe! Sie ist mein Licht, mein Heiligstes! Und wenn Sie noch alles andere wüßten! Sie haben gehört, wie sie schrie:,Mit dir zusammen sogar bis aufs Schafott!‹ Aber was habe ich ihr gegeben, ich Bettler, ich Habenichts? Wofür liebt sie mich so? Verdiene ich plumpe Kreatur mit dem häßlichen Gesicht so viel Liebe, daß sie mit mir sogar zur Zwangsarbeit gehen will? Für mich hat sie sich Ihnen vorhin zu Füßen geworfen, sie, die keine Schuld trägt! Wie sollte ich sie da nicht vergöttern, nicht zu ihr hinstürzen, wie ich es soeben tat? O meine Herren, verzeihen Sie mir! Aber jetzt, jetzt bin ich getröstet!«

Er fiel auf den Stuhl zurück, bedeckte das Gesicht mit den Händen und brach laut schluchzend in Tränen aus; es waren jetzt aber Tränen der Glückseligkeit. Er kam auch gleich wieder zu sich. Der alte Bezirkshauptmann war sehr zufrieden, und die Juristen schienen es ebenfalls; sie fühlten, daß das Verhör jetzt in eine neue Phase trat. Nachdem Mitja den Bezirkshauptmann mit seinem Auftrag fortgeschickt hatte, wurde er geradezu heiter.

»Nun, meine Herren, jetzt bin ich der Ihrige, ganz der Ihrige. Und … Wenn nur nicht alle diese Kleinigkeiten wären, dann würden wir gleich einig sein. Ja, diese Kleinigkeiten! Ich bin der Ihrige, meine Herren. Aber glauben Sie mir: Es ist gegenseitiges Vertrauen nötig! Sie müssen mir vertrauen und ich Ihnen, sonst kommen wir nie zu Ende. Das sage ich in Ihrem eigenen Interesse. Zur Sache, meine Herren, zur Sache! Und vor allen Dingen, wühlen Sie nicht so in meiner Seele, quälen Sie mich nicht mit unerheblichen Nebensachen, sondern fragen Sie nur nach der Hauptsache, nach den Tatsachen – dann werde ich Sie sofort zufriedenstellen. Die Kleinigkeiten aber soll der Teufel holen!« Das sagte Mitja, und das Verhör begann von neuem.

4. Das zweite Leid

»Sie glauben gar nicht, Dmitri Fjodorowitsch, wie Sie uns durch diese Ihre Bereitwilligkeit ermutigen …«, begann Nikolai Parfjonowitsch lebhaft und sichtlich erfreut, was an seinen großen, hellgrauen, vorstehenden, sehr kurzsichtigen Augen abzulesen war, nachdem er kurz zuvor die Brille abgenommen hatte. »Und Sie haben soeben mit Recht die Notwendigkeit eines gegenseitigen Vertrauens hervorgehoben, ohne das man in Fällen von solcher Wichtigkeit nicht vorwärtskommt – falls der Verdächtigte wirklich wünscht, hofft und imstande ist, sich zu rechtfertigen. Wir von unserer Seite werden alles tun, was von uns abhängt, und Sie selbst haben ja schon sehen können, wie wir diese Sache behandeln … Sind Sie einverstanden, Ippolit Kirillowitsch?« wandte er sich auf einmal an den Staatsanwalt.

»O gewiß!« antwortete dieser, etwas trocken zwar im Vergleich zu Nikolai Parfjonowitschs schwungvollen Worten.

Nebenbei bemerkt: Nikolai Parfjonowitsch, der erst vor kurzem zu uns gekommen war, empfand gleich von Anfang an eine außerordentliche Hochachtung vor unserem Staatsanwalt Ippolit Kirillowitsch, sogar eine fast herzliche Zuneigung zu ihm. Er war beinahe der einzige Mensch, der bedingungslos an die ungewöhnliche psychologische und rednerische Begabung unseres nach seiner eigenen Meinung »im Dienste zurückgesetzten« Ippolit Kirillowitsch glaubte und von dessen »Zurücksetzung« überzeugt war. Dafür war nun der junge Nikolai Parfjonowitsch seinerseits auch der einzige Mensch, den unser »zurückgesetzter« Staatsanwalt aufrichtig liebgewonnen hatte. Auf der Herfahrt hatten sie bereits den vorliegenden Fall besprochen und Verabredungen getroffen; und jetzt, da sie am Tisch saßen, fing Nikolai Parfjonowitschs scharfer Geist jede Andeutung, jedes Zucken im Gesicht seines älteren Kollegen sofort auf und schloß schon aus einem halben Wort, aus einem Blick, aus einem Blinzeln auf dessen Meinung.

»Meine Herren, überlassen Sie es nur mir, alles zu erzählen, unterbrechen Sie mich nicht mit Fragen nach Nebensächlichem; dann werde ich Ihnen im Nu alles auseinandersetzen«, sagte Mitja, vor Eifer glühend.

»Sehr schön! Ich danke Ihnen. Aber bevor wir dazu übergehen, Ihre Mitteilungen anzuhören, erlauben Sie mir bitte noch eine kleine, für uns sehr interessante Feststellung zu den zehn Rubeln nämlich, die Sie gestern nachmittag gegen Verpfändung Ihrer Pistolen von Ihrem Freund Pjotr Iljitsch Perchotin entliehen haben.«

»Ich habe meine Pistolen für zehn Rubel verpfändet, meine Herren, das ist richtig. Aber was weiter? Das ist alles. Sowie ich von meiner Fahrt wieder in die Stadt zurückgekehrt war, habe ich die Pistolen verpfändet.«

»Sie waren von einer Fahrt zurückgekehrt? Sie hatten die Stadt verlassen?«

»Jawohl, meine Herren. Ich war vierzig Werst weit weggefahren, haben Sie das nicht gewußt?«

Der Staatsanwalt und Nikolai Parfjonowitsch wechselten einen Blick.

»Und überhaupt, wie wäre es, wenn Sie Ihren Bericht mit einer systematischen Schilderung alles dessen beginnen würden, was Sie gestern vom frühen Morgen an getan haben? Gestatten Sie zum Beispiel die Frage: Warum haben Sie sich aus der Stadt entfernt, und zu welchem Zeitpunkt sind Sie weggefahren und wiedergekommen? Und dergleichen Tatsachen mehr …«

»So hätten Sie gleich von Anfang an fragen sollen!« erwiderte Mitja laut lachend. »Und wenn es Ihnen recht ist, möchte ich nicht mit gestern beginnen, sondern mit vorgestern, mit vorgestern früh – dann werden Sie verstehen, wohin und wie und warum ich gegangen und gefahren bin … Ich ging also vorgestern vormittag zu dem hier ansässigen Kaufmann Samsonow, meine Herren, um mir von ihm gegen vollständige Sicherheit dreitausend Rubel zu borgen. Das war plötzlich dringend geworden, meine Herren, das war dringend …«

»Gestatten Sie mir eine Zwischenfrage«, unterbrach ihn der Staatsanwalt höflich. »Warum brauchten Sie so plötzlich Geld? Und warum gerade diese Summe, das heißt dreitausend Rubel?«

»Ach, meine Herren, Sie sollten doch nicht nach unwesentlichen Nebendingen fragen: wie und wann und warum, und warum gerade so viel Geld und nicht so viel, und dieser ganze Krimskrams! … Auf die Art kann man ja drei Bände füllen, und dann ist immer noch ein Anhang nötig.«

Alles dies sagte Mitja mit der gutmütigen, aber ungeduldigen Vertraulichkeit eines Menschen, der die ganze Wahrheit zu sagen wünscht und nur die besten Absichten hegt.

»Meine Herren!« fuhr er fort, als würde er sich auf einmal eines Mißgriffs bewußt. »Nehmen Sie mir mein ablehnendes Verhalten nicht übel, ich bitte nochmals darum! Seien Sie noch einmal versichert, daß ich den größten Respekt empfinde und die gegenwärtige Sachlage vollständig begreife. Halten Sie mich nicht für betrunken! Ich bin jetzt bereits wieder nüchtern. Selbst wenn ich betrunken wäre, würde das nichts schaden. Von mir gilt das Verschen:

Nüchtern nur von schwachem Grips
machte klüger ihn ein Schwips …

Haha! Übrigens sehe ich ein, meine Herren, daß es sich vorläufig für mich nicht schickt, Witze vor Ihnen zu machen … Vorläufig, das heißt, ehe wir uns nicht verständigt haben. Erlauben Sie, daß auch ich meine persönliche Würde wahre. Ich verstehe jetzt den Unterschied zwischen uns: Ich sitze vor Ihnen als Verbrecher und bin Ihnen also nicht im entferntesten gleichgestellt; Sie aber sind beauftragt zu prüfen, ob ich schuldig bin. Sie werden mich für das, was ich dem alten Grigori angetan habe, schon nicht zu sanft anfassen – man darf schließlich nicht ungestraft alten Leuten ein Loch in den Kopf schlagen! Dafür werden Sie mich wohl einsperren, ein halbes Jahr, na, oder auch ein ganzes, ich weiß nicht, wie das Strafmaß bei Ihnen gehandhabt wird, doch wohl ohne Aberkennung der Standesrechte, Herr Staatsanwalt? Also wie gesagt, meine Herren, ich verstehe diesen Unterschied … Aber Sie werden doch selbst zugeben müssen, daß Sie den Herrgott persönlich mit solchen Fragen konfus machen könnten: Wo bist du gegangen, wie bist du gegangen, wann bist du gegangen, wohin bist du gegangen? Ich gerate ja in Verwirrung, wenn Sie so fragen; Sie aber schreiben das alles Wort für Wort auf, und was kommt dann dabei heraus? Gar nichts kommt dabei heraus! Na und nun zu guter Letzt, wo ich einmal angefangen habe zu schwatzen, will ich mich auch ganz aussprechen, und Sie, meine Herren, wollen mir das als Männer von höchster Bildung und edelster Gesinnung freundlichst verzeihen! Ich möchte nämlich mit einer Bitte schließen: Gewöhnen Sie sich doch dieses schlaue Verfahren beim Verhör ab, meine Herren! Die übliche Vorschrift lautet ja wohl: Beginne mit etwas Geringfügigem, frag zum Beispiel, wie er aufgestanden sei, was er gegessen habe, wie er ausgespuckt habe, wohin er ausgespuckt habe … Und wenn du so die Aufmerksamkeit des Verbrechers eingeschläfert hast, dann überrumple ihn plötzlich mit der verblüffenden Frage: Wen hast du ermordet, wen hast du beraubt? Haha! Das ist Ihr schlaues Verfahren, das ist so Vorschrift bei Ihnen, darin besteht Ihre ganze List! Mit solchen Listen schläfern Sie wohl Bauern ein, aber nicht mich. Ich verstehe nämlich die Sache, habe selbst gedient, hahaha! Seien Sie mir nicht böse, meine Herren; verzeihen Sie mir meine Dreistigkeit?« rief er noch einmal und blickte sie mit bewundernswerter Gutmütigkeit an. »Der das gesagt hat, ist ja Mitka Karamasow – also kann man es auch verzeihen. Denn einem klugen Menschen könnte man es nicht verzeihen, wohl aber Mitka! Haha!«

Nikolai Parfjonowitsch hörte zu und lachte ebenfalls. Der Staatsanwalt lachte nicht, sondern betrachtete Mitja scharf, ohne die Augen von ihm zu wenden, als wollte er sich nicht das kleinste Wörtchen, nicht die kleinste Körperbewegung, nicht das kleinste Zucken des kleinsten Muskels in seinem Gesicht entgehen lassen.

»Wir haben doch aber«, erwiderte Nikolai Parfjonowitsch noch immer lachend, »gar nicht versucht, Sie durch Fragen dieser Art zu verwirren. Wie sind Sie am Morgen aufgestanden, was haben Sie gegessen? Wir haben vielmehr sogleich mit dem Kern der Sache begonnen.«

»Ich verstehe. Ich habe es begriffen und weiß es zu schätzen. Und noch höher schätze ich Ihre gegenwärtige beispiellose Güte mir gegenüber, die Ausdruck edelster Gesinnung ist. Wir haben uns hier zu dritt als Ehrenmänner zusammengefunden – möge nun unsere ganze Verhandlung einen guten Verlauf nehmen auf Grund des wechselseitigen Vertrauens gebildeter Männer höheren Standes, die einander durch ihre Zugehörigkeit zum Adel und durch ihre Ehre verbunden sind. Gestatten Sie mir jedenfalls, Sie in diesem Augenblick meines Lebens für meine besten Freunde zu halten, in diesem Augenblick, wo meine Ehre so tief erniedrigt wird! Sie werden sich doch dadurch nicht gekränkt fühlen, meine Herren, nicht wahr?«

»Im Gegenteil, Sie haben das alles so schön ausgedrückt, Dmitri Fjodorowitsch«, stimmte ihm Nikolai Parfjonowitsch in ernstem, beifälligem Ton zu.

»Aber die Kleinigkeiten, meine Herren, alle diese schikanösen Kleinigkeiten, die wollen wir beiseite lassen!« rief Mitja begeistert. »Sonst kommt einfach weiß der Teufel was heraus! Habe ich nicht recht?«

»Ich werde Ihren vernünftigen Ratschlägen durchaus folgen«, mischte sich der Staatsanwalt, an Mitja gewandt, ein. »Auf

meine Frage möchte ich allerdings doch nicht verzichten. Es ist für uns allzu dringend notwendig, daß wir erfahren, wozu Sie eigentlich so eine Summe brauchten? Das heißt, ausgerechnet dreitausend Rubel!«

»Wozu ich die brauchte? Nun, zu diesem und jenem Zweck … Um eine Schuld zurückzuzahlen.«

»An wen denn?«

»Das zu sagen weigere ich mich entschieden« meine Herren! Sehen Sie, nicht, weil ich es nicht sagen kann oder es nicht wage oder mich fürchte – denn das ist alles unerheblich und ohne jede Wichtigkeit –, sondern ich sage es nicht, weil ich damit gegen meine Grundsätze verstoßen würde! Das ist mein Privatleben, und ich erlaube niemandem, in mein Privatleben einzudringen. Das ist mein Grundsatz. Ihre Frage bezieht sich nicht auf die Sache, und alles, was sich nicht auf die Sache bezieht, ist mein Privatleben! Ich wollte eine Schuld zurückzahlen, eine Ehrenschuld wollte ich zurückzahlen. An wen, das sage ich nicht.«

»Gestatten Sie uns, das festzuhalten«, sagte der Staatsanwalt.

»Bitte, tun Sie das! Schreiben Sie, daß ich es schlechterdings nicht sagen will. Schreiben Sie, meine Herren, daß ich es sogar für unehrenhaft halte, es zu sagen. Sie haben ja viel Zeit zum Schreiben!«

»Gestatten Sie mir, mein Herr, Sie darauf hinzuweisen, falls Sie es nicht wissen sollten«, sagte der Staatsanwalt besonders ernst und nachdrücklich, »daß Sie durchaus berechtigt sind, eine Beantwortung der Ihnen vorgelegten Fragen zu verweigern, und daß wir unsererseits nicht berechtigt sind, Antworten von Ihnen zu erzwingen, wenn Sie selbst aus dem einen oder anderen Grund die Antwort verweigern. Das ist Sache Ihres persönlichen Ermessens. Uns obliegt es wiederum in einem Fall wie diesem, Ihnen vor Augen zu führen, welchen Schaden Sie sich dadurch zufügen, daß Sie die eine oder die andere Aussage verweigern … Nunmehr bitte ich Sie fortzufahren …«

»Meine Herren, ich nehme es Ihnen ja nicht übel … Ich …«, murmelte Mitja, etwas verwirrt durch diese eindringliche Belehrung. »Also, sehen Sie, meine Herren, dieser Samsonow, zu dem ich damals gegangen bin …«

Wir werden natürlich nicht alle dem Leser bereits bekannten Dinge im einzelnen wiedergeben. Mitja wollte alles bis in die kleinsten Einzelheiten berichten, gleichzeitig jedoch wünschte er in seiner Ungeduld möglichst schnell fertig zu werden. Und je mehr er aussagte, desto mehr wurde niedergeschrieben; infolgedessen mußte er häufig unterbrochen werden, damit der Schreiber nachkam. Dmitri Fjodorowitsch hielt das für ein verwerfliches Verfahren; aber er fügte sich; und wenn er sich ärgerte, so tat er es vorläufig noch in gutmütiger Weise. Allerdings rief er manchmal: »Meine Herren, das könnte selbst den Herrgott wütend machen!« Oder: »Meine Herren, wissen Sie, daß Sie mich ganz umsonst nervös machen?« Doch trotz solcher Zwischenrufe hatte sich seine freundschaftlich-mitteilsame Stimmung einstweilen noch nicht geändert. So erzählte er, wie er vor zwei Tagen von Samsonow »angeführt« worden war; denn daß der ihn »angeführt« hatte, war ihm jetzt völlig klar. Der Verkauf der Uhr für sechs Rubel, eine dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt bislang noch unbekannte Tatsache, erregte sogleich deren besondere Aufmerksamkeit, und sie hielten es für nötig – darüber entrüstete sich Mitja maßlos –, diese Tatsache ausführlich niederzuschreiben: als neue Bestätigung des Umstandes, daß er am Tag vor dem Mord fast kein Geld besessen hatte. Allmählich wurde Mitja ärgerlich. Nachdem er dann seine Fahrt zu Ljagawy und die Nacht in der vom Kohlendunst stickigen Stube beschrieben hatte, schilderte er auch seine Rückkehr in die Stadt und kam hierbei von selbst, ohne besondere Aufforderung, eingehend auf seine Eifersuchtsqualen wegen Gruschenka zu sprechen. Man hörte ihm schweigend und aufmerksam zu; besonderes Interesse erregte der Umstand, daß er auf Marja Kondratjewnas Grundstück schon seit langem einen Geheimposten zur Beobachtung Gruschenkas bei Fjodor Pawlowitsch eingerichtet hatte; auch daß ihm von Smerdjakow Nachrichten zugetragen worden waren, wurde sehr beachtet und niedergeschrieben. Von seiner Eifersucht sprach er leidenschaftlich und ausführlich, und obgleich er sich innerlich dafür schämte, daß er seine intimsten Gefühle sozusagen an den Pranger stellte, überwand er dieses Schamgefühl offenbar, um die volle Wahrheit zu sagen. Der teilnahmslose Ernst in den Blicken des Untersuchungsrichters und vor allem des Staatsanwaltes, die während seines Berichts unverwandt auf ihn gerichtet waren, ärgerte ihn bald ziemlich heftig. Dieser Knabe Nikolai Parfjonowitsch, mit dem ich noch vor ein paar Tagen über die Frauen gewitzelt habe, und dieser kränkliche Staatsanwalt sind es gar nicht wert, daß ich ihnen das erzählt habe! Dieser mißmutige Gedanke ging ihm durch den Kopf. Es ist eine Schmach und Schande! Er schloß seinen Gedanken ab mit dem Vers: »Dulde, füge dich und schweig!« und nahm sich erneut zusammen, um fortfahren zu können. Als er zu seinem Besuch bei Frau Chochlakowa überging, wurde er wieder zornig und wollte über diese Dame sogar ein unlängst in Umlauf gekommenes, nicht zur Sache gehöriges Anekdötchen zum besten geben. Doch der Untersuchungsrichter unterbrach ihn und ersuchte ihn, »zu Wichtigerem« überzugehen. Als er schließlich seine Verzweiflung schilderte und von dem Augenblick erzählte, wo er, das Haus von Frau Chochlakowa verlassend, erwogen hatte, notfalls sogar jemanden zu ermorden, wenn er sich dadurch nur die dreitausend Rubel verschaffen konnte, da unterbrachen sie ihn wieder, und es wurde niedergeschrieben, daß er morden wollte. Mitja ließ es schweigend geschehen. Endlich gelangte er zu dem Punkt, wo er erfahren hatte, daß Gruschenka ihn getäuscht hatte und von Samsonow gleich wieder weggegangen war, obgleich sie zu ihm gesagt hatte, sie würde bei dem Alten bis Mitternacht sitzen. »Meine Herren!« entfuhr ihm an dieser Stelle unwillkürlich. »Wenn ich diese Fenja damals nicht totschlug, so nur deshalb, weil ich keine Zeit hatte!« Auch das wurde sorgfältig aufgeschrieben. Mitja fuhr mit finsterer Miene fort und begann gerade zu berichten, wie er zu seinem Vater in den Garten gelaufen war, als ihn der Untersuchungsrichter plötzlich unterbrach, seine große Mappe, die neben ihm auf dem Sofa lag, öffnete und den Messingstößel herausnahm.

»Ist Ihnen dieser Gegenstand bekannt?« Er zeigte ihn Mitja.

»O ja!« erwiderte Mitja mit trübem Lächeln. »Wie sollte er mir nicht bekannt sein! Lassen Sie mal sehen … Ach, zum Teufel, nicht nötig!«

»Sie haben vergessen, ihn zu erwähnen!« bemerkte der Untersuchungsrichter.

»Ach, zum Teufel! Verheimlichen wollte ich nichts vor Ihnen, da können Sie sicher sein! Ohne das wäre es ja gar nicht gegangen, sagen Sie selbst! Mir ist es nur nicht in den Sinn gekommen.«

»Haben Sie die Güte, ausführlich zu erzählen, wie Sie sich damit bewaffneten?«

»Schön, ich werde die Güte haben, meine Herren.«

Und Mitja erzählte, wie er den Stößel genommen hatte und mit ihm davongelaufen war.

»Und welche Absicht hatten Sie, als Sie sich mit diesem Instrument bewaffneten?«

»Welche Absicht ich hatte? Gar keine! Ich ergriff es und lief damit davon!«

»Warum denn, wenn Sie keine Absicht dabei hatten?«

In Mitja wallte der Ärger auf. Er sah den »Knaben« unverwandt an und lächelte finster und zornig. Die Sache war die, daß er sich immer mehr schämte, so offenherzig und mit so viel Gefühl »solchen Menschen« die Geschichte seiner Eifersucht erzählt zu haben.

»Ich spucke auf den Stößel!« entfuhr es ihm plötzlich.

»Aber Sie müssen doch etwas damit gewollt haben.«

»Na, wegen der Hunde nahm ich ihn mit. Es war nämlich dunkel … Na, so für jeden Fall!«

»Haben Sie auch früher, wenn Sie nachts ausgingen, eine Waffe mitgenommen, weil Sie sich so vor der Dunkelheit fürchten?«

»Ach, zum Teufel! Pfui, meine Herren, mit Ihnen kann man aber auch gar nicht reden!« rief Mitja aufs äußerste gereizt; dann wandte er sich, rot vor Zorn, an den Schreiber und sagte hastig, mit einer Stimme, der man die innere Wut anhörte: »Schreib auf, daß ich den Stößel mitgenommen habe, um hinzulaufen und meinen Vater Fjodor Pawlowitsch … durch einen Schlag auf den Kopf zu ermorden! Na, sind Sie jetzt zufrieden, meine Herren? Ist Ihnen das Herz nun leichter?« sagte er und schaute Untersuchungsrichter und Staatsanwalt herausfordernd an.

»Wir begreifen sehr wohl, daß Sie diese Aussage soeben in der Erregung über uns und im Ärger über die Fragen abgegeben haben, die wir Ihnen vorlegen und die Sie für kleinlich halten, während sie in Wirklichkeit sehr wesentlich sind«, erwiderte ihm der Staatsanwalt trocken.

»Aber ich bitte Sie, meine Herren! Na also, ich habe den Stößel mitgenommen … Na, wozu nimmt man in solchen Fällen etwas in die Hand? Ich weiß nicht, wozu. Ich nahm ihn und ging weg. Das ist alles. Schämen Sie sich, meine Herren, passons! Sonst werde ich nicht weitererzählen, das schwöre ich Ihnen!«

Er setzte den Ellenbogen auf den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. Er saß im Profil zu ihnen und starrte die Wand an, wobei er sich bemühte, ein widerwärtiges Gefühl zu unterdrücken, das sich in ihm regte. In der Tat hatte er große Lust aufzustehen und zu erklären, daß er kein Wort weiter sagen werde – »und wenn Sie mich aufs Schafott führen«.

»Wissen Sie, meine Herren«, sagte er dann, sich mühsam zusammennehmend, »wissen Sie, ich höre Sie an, und es kommt mir vor, als ob … Sehen Sie, ich träume manchmal einen bestimmten Traum, einen eigenartigen Traum, den träume ich oft, er wiederholt sich. Ich träume, daß mich jemand verfolgt, jemand, vor dem ich mich sehr fürchte. Er verfolgt mich in der Dunkelheit, bei Nacht; er sucht mich, ich aber verstecke mich irgendwo vor ihm, hinter einer Tür oder hinter einem Schrank, verstecke mich auf unwürdige Weise; die Hauptsache jedoch ist, daß er ganz genau weiß, wo ich mich vor ihm versteckt habe, aber absichtlich so tut, als ob er es nicht wüßte, um mich länger zu quälen, um sich an meiner Angst zu weiden … Sehen Sie, so machen Sie es jetzt auch! Ganz ähnlich!«

»Also solche Träume haben Sie?« erkundigte sich der Staatsanwalt.

»Ja, solche Träume habe ich … Aber wollen Sie nicht auch das festhalten?« fragte Mitja mit einem schiefen Lächeln.

»Nein, festhalten wollen wir es nicht; aber es ist doch interessant, daß Sie so etwas träumen.«

»Jetzt ist es kein Traum mehr! Es ist die Realität, meine Herren, die Realität des wirklichen Lebens! Ich bin der Wolf, und Sie sind die Jäger. Na, und da hetzen Sie eben den Wolf.«

»Dieser Vergleich ist zu Unrecht gewählt …«, wandte Nikolai Parfjonowitsch in überaus sanftem Ton ein.

»Nein, nicht zu Unrecht, meine Herren, nicht zu Unrecht!« empörte sich Mitja wieder, doch hatte er sich durch den plötzlichen Zornesausbruch offenbar das Herz erleichtert, so daß er mit jedem Wort milder wurde. »Einem angeklagten Verbrecher, den Sie mit Ihren Fragen foltern, mögen Sie mißtrauen. Aber einem Menschen von edelster Gesinnung, das spreche ich kühn aus, meine Herren, seinen edelsten Herzensregungen dürfen sie nicht mißtrauen … Nein, dazu haben Sie kein Recht… Jedoch …

Schweig, mein Herz,
dulde, füge dich und schweig!

Nun, wie ist es? Soll ich fortfahren?« fragte er mit finsterer Miene.

»Aber gewiß, haben Sie die Güte!« antwortete Nikolai Parfjonowitsch.

5. Das dritte Leid

Obwohl Mitja in ziemlich düsterer Stimmung weitersprach, gab er sich offenbar noch größere Mühe als vorher, auch nicht die geringste Einzelheit in seinem Bericht auszulassen. Er erzählte, wie er über den Zaun in den Garten seines Vaters gestiegen und zum Fenster gegangen war und alles, was er am Fenster gesehen hatte. Klar und deutlich, gleichsam jedes Wort einzeln formend, berichtete er von den Gefühlen, die ihn in jenen Augenblicken im Garten erfüllt hatten, als er so sehnlichst zu erfahren wünschte, ob Gruschenka bei seinem Vater ist oder nicht. Aber seltsam, der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter hörten diesmal anscheinend mit großer Zurückhaltung zu, machten trockene Gesichter und stellten weit weniger Fragen. Mitja vermochte aus ihren Mienen nichts zu entnehmen. ›Sie haben sich geärgert und fühlen sich gekränkt‹, dachte er. ›Na, sollen sie, zum Teufel!‹ Als er erzählte, wie er sich endlich entschlossen hatte, dem Vater das Signal zu geben, daß Gruschenka gekommen sei und er das Fenster aufmachen möchte, da schenkten der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter dem Wort »Signal« gar keine Beachtung, als hätten sie überhaupt nicht verstanden, welche Bedeutung dieses Wort hier hatte. Als er endlich bei dem Punkt angekommen war, wo er beim Anblick seines aus dem Fenster gelehnten Vaters wild vor Haß den Stößel aus der Tasche geholt hatte, da brach er auf einmal wie absichtlich ab. Er saß da und starrte die Wand an und wußte, daß die anderen ihn jetzt mit den Augen geradezu verschlangen.

»Nun«, sagte der Untersuchungsrichter, »Sie nahmen also das Instrument heraus und … Und was geschah dann weiter?«

»Was dann weiter geschah? Dann schlug ich ihn tot … Ich schlug ihn auf den Scheitel und zerschmetterte ihm den Schädel … So ist es doch Ihrer Meinung nach zugegangen!« rief er mit funkelnden Augen.

Seine ganze Wut, die sich schon beinahe gelegt hatte, loderte auf einmal wieder mit größter Heftigkeit auf.

»Unserer Meinung nach«, erwiderte Nikolai Parfjonowitsch. »Nun, aber wie ist es Ihrer Meinung nach zugegangen?«

Mitja senkte den Blick und schwieg lange.

»Meiner Meinung nach, meine Herren, ging es so zu«, sagte er leise. »Hat jemand um mich geweint, oder hat meine Mutter für mich zu Gott gebetet, oder hat ein lichter Geist mich in jenem Augenblick umarmt und geküßt – ich weiß es nicht. Der Teufel wurde jedenfalls besiegt. Ich stürzte vom Fenster weg und lief zum Zaun … Mein Vater erschrak und erblickte mich da zum erstenmal. Er schrie auf und sprang vom Fenster zurück, daran erinnere ich mich sehr genau. Ich lief durch den Garten zum Zaun … Und da holte mich Grigori ein, als ich schon auf dem Zaun saß …«

Hier hob er endlich die Augen und sah seine Zuhörer an. Diese musterten ihn ganz ruhig und aufmerksam, wie es schien. Mitjas Herz krampfte sich vor Entrüstung zusammen.

»Aber Sie machen sich ja über mich lustig, meine Herren« unterbrach er sich plötzlich.

»Woraus schließen Sie das?« fragte Nikolai Parfjonowitsch.

»Sie glauben mir kein Wort, daraus schließe ich es! Ich begreife ja, daß ich nun zur Hauptsache gekommen bin: Der alte Mann liegt da mit zertrümmertem Schädel, und ich, der ich so dramatisch geschildert habe, wie ich ihn totschlagen wollte und wie ich schon den Stößel hervorholte, ich laufe auf einmal vom Fenster weg … Das ist geradezu ein Gedicht! In Versen! Das kann man dem braven jungen Mann aufs Wort glauben! Haha! Wie spottlustig Sie sind, meine Herren!«

Und er drehte sich mit dem ganzen Oberkörper auf dem Stuhl herum, daß der Stuhl krachte.

»Haben Sie nicht bemerkt«, begann plötzlich der Staatsanwalt, als ob er Mitjas Aufregung gar nicht bemerkt hätte. »Haben Sie, als Sie vom Fenster wegliefen, nicht bemerkt, ob die Tür zum Garten, die sich am anderen, hinteren Ende des Hauses befindet, offenstand oder nicht?«

»Sie stand nicht offen.«

»Nein?«

»Im Gegenteil, sie war geschlossen. Und wer hätte sie auch aufmachen können? Ha, die Tür, warten Sie mal!« rief er, als fiele ihm plötzlich etwas ein. »Haben Sie etwa die Tür offen gefunden?«

»Ja.«

»Wer konnte sie denn aufmachen, wenn nicht Sie selbst!« fragte Mitja in höchster Verwunderung.

»Die Tür stand offen, und der Mörder Ihres Vaters ist zweifellos durch diese Tür hindurchgegangen und nach dem Mord durch sie wieder herausgekommen«, sagte der Staatsanwalt langsam, jedes einzelne Wort deutlich aussprechend. »Das ist uns vollständig klar. Der Mord ist offenbar im Zimmer verübt worden, nicht vom Fenster aus. Das ist hundertprozentig klar nach der vorgenommenen Lokalbesichtigung, nach der Lage des Leichnams und nach allem übrigen. Ein Zweifel ist ausgeschlossen.«

Mitja war außerordentlich überrascht.

»Aber das ist unmöglich, meine Herren!« rief er fassungslos. »Ich … Ich bin nicht hineingegangen! Ich sage Ihnen mit aller Bestimmtheit, daß die Tür die ganze Zeit, während ich im Garten war und als ich aus dem Garten hinauslief, geschlossen war. Ich habe nur vor dem Fenster gestanden und durch das Fenster hineingesehen, weiter nichts, weiter nichts … Ich erinnere mich genau, bis zum letzten Augenblick. Und selbst. wenn ich mich nicht erinnern würde, so weiß ich es trotzdem, weil die Signale nur mir und dem Diener Smerdjakow und Ihm, dem Toten, bekannt waren. Und ohne die Signale hätte er keinem Menschen auf der Welt geöffnet!«

»Signale? Was für Signale?« fragte der Staatsanwalt mit eifriger, krampfhafter Neugier und verlor im Nu seine würdevolle Zurückhaltung.

Seine Frage klang, als ob er sich vorsichtig heranschleichen wollte. Er witterte eine wichtige, ihm noch unbekannte Tatsache und befürchtete sogleich, Mitja würde sie ihm nicht vollständig enthüllen wollen.

»Ah, davon haben Sie nichts gewußt?« erwiderte Mitja, ihm spöttisch zublinzelnd und boshaft lächelnd. »Wie nun, wenn ich es Ihnen nicht sage? Von wem werden Sie es dann erfahren? Von den Signalen wußten ja nur der Verstorbene, ich und Smerdjakow, weiter niemand. Nun, auch der Himmel hat noch davon gewußt, aber der wird Ihnen ja auch nichts sagen. Immerhin, eine interessante kleine Tatsache, auf der man weiß der Teufel was alles aufbauen kann, haha! Trösten Sie sich, meine Herren, ich werde Ihnen das Geheimnis enthüllen. Sie haben dumme Gedanken im Kopf und wissen nicht, mit wem Sie es zu tun haben! Sie haben mit einem Angeklagten zu tun, der gegen sich selbst aussagt, zu seinem eigenen Schaden! Ja, das tue ich, denn ich habe Ehre im Leib, was man von Ihnen nicht sagen kann!«

Der Staatsanwalt schluckte alle diese Pillen; er zitterte nur vor Ungeduld, etwas über die neue Tatsache zu erfahren. Mitja setzte ihnen genau und ausführlich alles auseinander, was die für Smerdjakow erfundenen Signale betraf, erzählte ihnen, was jede Art des Klopfens zu bedeuten hatte, und klopfte diese Signale sogar auf dem Tisch. Und auf Nikolai Parfjonowitschs Frage, ob er, Mitja, an das Fenster des alten Mannes tatsächlich jenes Signal geklopft habe, welches bedeutete: »Gruschenka ist gekommen«, antwortete er mit Bestimmtheit, jawohl, dieses und kein anderes habe er geklopft.

»Sehen Sie, nun wissen Sie es – jetzt bauen sie einen Turm darauf!« brach Mitja kurz ab und wandte sich wieder geringschätzig von ihnen weg.

»Und von diesen Signalen wußten nur Ihr verstorbener Vater, Sie und der Diener Smerdjakow? Sonst niemand?« erkundigte sich Nikolai Parfjonowitsch noch einmal.

»Ja, der Diener Smerdjakow und dann noch der Himmel. Schreiben Sie auch das von dem Himmel auf, es wird nicht überflüssig sein, auch das aufzuschreiben. Auch Sie werden Gott einmal gebrauchen können …«

Natürlich begann der Protokollführer wieder zu schreiben; als das erledigt war, sagte der Staatsanwalt, als wäre ihm plötzlich ein neuer Gedanke gekommen: »Wenn auch Smerdjakow von diesen Signalen wußte und Sie jede Schuld am Tod Ihres Vater auf das Bestimmteste bestreiten, hat dann nicht vielleicht er das verabredete Signal geklopft und Ihren Vater veranlaßt, ihm zu öffnen, und dann das Verbrechen begangen?«

Mitja sah ihn mit einem spöttischen und zugleich haßerfüllten Blick an, so lange, bis zuletzt die Augen des Staatsanwalts zu blinzeln begannen.

»Da haben Sie wieder mal einen Fuchs gefangen!« sagte Mitja endlich. »Sie haben der Kanaille den Schwanz eingeklemmt, hehe! Ich durchschaue Sie vollständig, Herr Staatsanwalt! Sie dachten, ich würde sofort aufspringen und mich an das klammern, was Sie mir da in die Hand geben, und aus voller Kehle schreien: ›Ja, Smerdjakow ist es gewesen! Er ist der Mörder!‹ Gestehen Sie, daß Sie das gedacht haben! Gestehen Sie es, dann werde ich fortfahren.«

Aber der Staatsanwalt gestand es nicht; er schwieg und wartete.

»Sie haben sich geirrt, ich werde Smerdjakow nicht beschuldigen!« sagte Mitja.

»Und Sie hegen nicht einmal Verdacht gegen ihn?«

»Tun denn Sie das?«

»Im Verdacht haben wir auch ihn gehabt.«

Mitja heftete die Augen auf den Fußboden.

»Scherz beiseite«, sagte er mit finsterer Miene. »Hören Sie, gleich von Anfang an, schon als ich vorhin hinter diesem Vorhang hervorkam und von der Ermordung meines Vaters hörte, schoß mir der Gedanke durch den Kopf: Smerdjakow! Und während ich hier am Tisch saß und rief, daß ich an diesem Blut unschuldig bin, dachte ich immerzu: Smerdjakow! Und ich wurde den Gedanken an ihn nicht mehr los. Und jetzt eben dachte ich plötzlich wieder: Smerdjakow! Aber nur eine Sekunde lang; gleich darauf sagte ich mir: Nein, Smerdjakow ist es nicht gewesen! Das ist nicht seine Tat, meine Herren!«

»Haben Sie vielleicht noch irgendeine andere Person im Verdacht?« fragte Nikolai Parfjonowitsch behutsam.

»Ich weiß nicht wer oder welche Person es getan hat, ob die Hand des Himmels oder die Hand des Satans – Smerdjakow ist es jedenfalls nicht gewesen!« erklärte Mitja kurz und entschieden.

»Und wieso behaupten Sie so fest und mit solcher Hartnäckigkeit, daß er es nicht gewesen ist?«

»Weil es meine Überzeugung ist. Weil mir das mein Gefühl sagt. Weil Smerdjakow ein Mensch von niedrigster Gesinnung und ein Feigling ist. Er ist nicht einfach ein Feigling, sondern der auf zwei Beinen gehende Inbegriff aller Feigheit, die es auf der Welt gibt. Ihn muß ein Huhn geboren haben. Wenn er mit mir sprach, zitterte er jedesmal, ich könnte ihn totschlagen, obwohl ich nie die Hand gegen ihn erhoben habe. Er fiel mir zu Füßen und weinte, er hat mir diese Stiefel geküßt, buchstäblich, und mich flehentlich gebeten, ich möchte ihn ›nicht ängstigen‹. Hören Sie das: ›Nicht ängstigen!‹ – was ist das für ein sonderbarer Ausdruck? Aber ich habe ihn sogar beschenkt. Er ist ein krankes Huhn, epileptisch, mit schwachem Verstand, ein achtjähriger Knabe kann ihn verprügeln. Ist das überhaupt rin Charakter? Smerdjakow ist es nicht gewesen, meine Herren. Er liebt auch das Geld gar nicht; wenn ich ihm welches schenken wollte, nahm er es nicht an … Und wofür hätte er auch den alten Mann totschlagen sollen? Er ist ja vielleicht sein Sohn, sein unehelicher Sohn, wissen Sie das?«

»Wir haben dieses Gerücht gehört. Aber Sie sind ja auch der Sohn Ihres Vaters, und trotzdem haben Sie selbst zu allen Leuten gesagt, Sie wollten ihn töten.«

»Da haben Sie einen Stein in meinen Garten geworfen! Und so einen unwürdigen, gemeinen Stein! O meine Herren, es ist vielleicht zu gemein von Ihnen, gerade mir das ins Gesicht zu sagen! Gemein deswegen, weil ich Ihnen das selbst gesagt habe. Ich wollte ihn nicht bloß töten – ich konnte es auch, und ich habe noch freiwillig gegen mich ausgesagt, daß ich ihn beinahe getötet hättet Aber ich habe ihn ja nicht getötet, mein Schutzengel hat mich davor bewahrt! Sehen Sie, das haben Sie dabei nicht beachtet … Und deshalb ist es gemein von Ihnen! Weil ich ihn nicht getötet habe! Hören Sie, Herr Staatsanwalt, ich habe ihn nicht getötet!« Er konnte kaum noch atmen. Während des ganzen Verhörs war er nie so erregt gewesen. »Was hat er Ihnen denn gesagt, meine Herren, dieser Smerdjakow?«, schloß er plötzlich, nachdem er eine kleine Weile geschwiegen hatte. »Darf ich Sie danach fragen?«

»Sie dürfen uns nach allem fragen«, erwiderte der Staatsanwalt mit kalter, strenger Miene. »Nach allem, was tatsächlich zur Sache gehört … Und wir sind, ich wiederhole, sogar verpflichtet, Ihnen auf jede Frage zu antworten. Wir haben den Diener Smerdjakow, nach dem Sie fragen, besinnungslos in seinem Bett gefunden; er hatte einen außerordentlich starken, sich vielleicht zum zehntenmal wiederholenden epileptischen Anfall. Der Arzt, der mit uns war, hat den Kranken untersucht und meinte sogar, er würde den Morgen nicht überleben.«

»Nun, dann muß der Teufel den Vater totgeschlagen haben!« entfuhr es Mitja plötzlich, als hätte er sich bis zu diesem Augenblick noch immer gefragt: ›Ist es Smerdjakow gewesen oder nicht?‹

»Wir werden auf diesen Punkt noch zurückkommen«, entschied Nikolai Parfjonowitsch. »Möchten Sie jetzt vielleicht in Ihren Aussagen fortfahren?«

Mitja bat um die Erlaubnis, sich einen Augenblick erholen zu dürfen; diese wurde ihm in höflicher Form erteilt. Nachdem er sich erholt hatte, fuhr er fort. Aber es fiel ihm augenscheinlich schwer. Er quälte sich, fühlte sich beleidigt und seelisch erschüttert. Außerdem begann ihn der Staatsanwalt jetzt wie absichtlich alle Augenblicke zu reizen, indem er bei »Kleinigkeiten« verweilte. Kaum hatte Mitja geschildert, wie er, auf dem Zaun sitzend, mit dem Stößel auf Grigoris Kopf geschlagen hatte und dann zu ihm hinabgesprungen war, unterbrach ihn der Staatsanwalt und bat ihn, eingehender zu beschreiben, wie er auf dem Zaun gesessen habe.

Mitja war erstaunt. »Na, ich saß eben so, das eine Bein hier, das andere da …«

»Und der Stößel?«

»Den hatte ich in der Hand.«

»Nicht in der Tasche? Haben Sie das genau im Gedächtnis? Und dann haben Sie mit dem Arm weit ausgeholt?«

»Ich werde wohl weit ausgeholt haben. Aber wozu wollen Sie das wissen?«

»Wenn Sie sich einmal genauso auf den Stuhl setzen möchten, wie Sie damals auf dem Zaun gesessen haben, und uns anschaulich vormachen möchten, wie und wohin Sie ausgeholt haben, nach welcher Seite?«

»Machen Sie sich etwa wieder über mich lustig?« fragte Mitja und sah den Frager hochmütig an.

Da dieser jedoch mit keiner Wimper zuckte, drehte sich Mitja heftig um, setzte sich rittlings auf den Stuhl und holte mit dem Arm aus.

»Sehen Sie, so habe ich zugeschlagen! So habe ich ihn getroffen! Was wollen Sie nun noch?«

»Ich danke Ihnen. Würden Sie jetzt die Freundlichkeit haben, Uns zu erklären, warum Sie eigentlich hinabgesprungen sind, mit welcher Absicht und was Sie dabei eigentlich im Sinne hatten?«

»Na, zum Teufel … Ich bin zu dem hinuntergesprungen, den ich niedergeschlagen hatte … Ich weiß nicht, warum!« »Obwohl Sie so erregt und auf der Flucht waren?«

»Ja, obwohl ich so erregt und auf der Flucht war.«

»Wollten Sie ihm helfen?«

»Was war da zu helfen? Ja, vielleicht wollte ich ihm auch helfen. Ich erinnere mich nicht.«

»Das heißt, Sie befanden sich in einer Art Bewußtlosigkeit?«

»O nein, durchaus nicht, ich erinnere mich an alles. An die geringste Kleinigkeit. Ich bin hinuntergesprungen, um ihn mir anzusehen, und habe ihm mit dem Taschentuch das Blut abgewischt.«

»Wir haben Ihr Taschentuch gesehen. Hofften Sie, den zu Boden Geschlagenen wieder ins Leben zurückzurufen?«

»Ich weiß nicht, ob ich das hoffte. Ich wollte mich einfach davon überzeugen, ob er lebte oder nicht.«

»Ah, also davon wollten Sie sich überzeugen? Nun, und?«

»Ich bin kein Arzt, ich konnte mir nicht klarwerden. Ich lief davon und glaubte, ich hätte ihn totgeschlagen – dabei ist er ja wieder zu sich gekommen.«

»Sehr schön«, schloß der Staatsanwalt. »Ich danke Ihnen. Weiter wollte ich nichts wissen. Haben Sie nun die Güte fortzufahren!«

Leider hatte Mitja, obgleich er sich auch daran erinnerte, keine Lust zu erzählen, daß er aus Mitleid hinuntergesprungen war. Der Staatsanwalt jedoch zog aus der Darstellung nur den Schluß, daß dieser Mensch »in so einem Augenblick und in solcher Erregung« nur hinabgesprungen sei, um sich davon zu überzeugen, ob der einzige Zeuge seines Verbrechens noch am Leben war oder nicht. Wie groß mußte also die geistige Kraft, die Entschlossenheit, die Kaltblütigkeit und Kombinationsfähigkeit dieses Menschen sogar in einem solchen Augenblick gewesen sein … und so weiter und so fort.

Der Staatsanwalt war sehr zufrieden; er sagte sich: Ich habe einen nervösen Menschen durch Fragen nach Kleinigkeiten gereizt, und er hat sich verplappert.

Mitja fuhr unter Qualen fort zu erzählen. Doch er wurde gleich wieder unterbrochen, und zwar jetzt von Nikolai Parfjonowitsch:

»Wie konnten Sie zu dem Dienstmädchen Fedossja Markowna laufen, wo Sie doch blutige Hände und, wie sich später herausstellte, auch ein blutiges Gesicht hatten?«

»Ich hatte damals überhaupt nicht bemerkt, daß ich blutig war«, antwortete Mitja.

»Das hat etwas für sich, dergleichen kommt oft vor«, bemerkte der Staatsanwalt, wobei er mit Nikolai Parfjonowitsch einen Blick wechselte.

»Ich hatte es nicht bemerkt, das war eine sehr richtige Äußerung von Ihnen, Herr Staatsanwalt«, stimmte ihm plötzlich Mitja zu. Und dann folgte die Geschichte von Mitjas plötzlichem Entschluß, »beiseite zu treten« und »die Glücklichen vorbeizulassen«. Allerdings konnte er sich jetzt nicht mehr überwinden, sein Herz wieder aufzudecken und von der »Königin seiner Seele« zu erzählen, wie er es doch vor kurzem getan hatte. Ihn ekelten diese kalten Menschen an, die sich »wie Wanzen an ihm festsogen«. Daher antwortete er auf wiederholte Fragen kurz und in scharfem Ton: »Nun, ich faßte den Entschluß, mich zu töten. Wozu sollte ich leben bleiben? Diese Frage trat mir ganz von selbst entgegen. Ihr Früherer war erschienen; er hatte sie einst verführt, war aber nun voller Liebe zurückgekommen, um nach fünf Jahren durch eine gesetzliche Ehe wiedergutzumachen, was er ihr angetan hatte. Ich sah ein, daß für mich alles verloren war … Hinter mir lag eine schmähliche Tat, dieses Blut, das Blut Grigoris … Wozu sollte ich da noch leben bleiben? Also ging ich und löste meine versetzten Pistolen ein, um mir bei Tagesanbruch eine Kugel in den Kopf zu jagen …«

»In der Nacht aber wollten Sie noch ein üppiges Gelage veranstalten?«

»In der Nacht noch ein üppiges Gelage. Ach, zum Teufel, meine Herren, bringen Sie die Sache doch schneller zum Ende! Erschießen wollte ich mich bestimmt, nicht weit von hier, hinter einer Hecke, gegen fünf Uhr morgens, und in meiner Tasche hatte ich vorsorglich einen Zettel, den ich bei Perchotin geschrieben hatte, als ich die Pistolen lud … Da ist der Zettel, lesen Sie ihn! Für Sie erzählen möchte ich es nicht!« fügte er auf einmal geringschätzig hinzu. Er zog den Zettel aus der Westentasche und warf ihn auf den Tisch; der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter lasen ihn mit Interesse durch und nahmen ihn, wie es sich gehört, zu den Akten.

»Aber sich die Hände zu waschen, daran dachten Sie immer noch nicht, nicht einmal, als Sie bei Herrn Perchotin eintraten? Sie fürchteten also nicht, Verdacht zu erregen?«

»Was kümmerte mich der Verdacht? Mochte man mich in Verdacht haben oder nicht, ganz egal! Ich wäre doch hierhergefahren und hätte mich um fünf Uhr erschossen, und Sie hätten es nicht verhindern können. Wäre nicht der Fall mit dem Vater hinzugekommen, hätten Sie ja nichts erfahren und wären nicht hierhergekommen. Oh, das war der Teufel, der Teufel hat den Vater ermordet, durch den Teufel haben Sie es so schnell erfahren! Wie geht es nur zu, daß Sie so schnell hierhergekommen sind? Seltsam, unbegreiflich!«

»Herr Perchotin teilte uns mit, Sie hätten, als Sie zu ihm kamen, Ihr Geld in den Händen, in den blutigen Händen gehalten … Eine Menge Geld … Ein ganzes Päckchen Hundertrubelscheine … Und das habe auch sein Bursche gesehen.«

»Das ist richtig, meine Herren. Ich erinnere mich, daß das richtig ist.«

»Jetzt tritt uns eine kleine Frage entgegen. Könnten Sie uns mitteilen«, begann Nikolai Parfjonowitsch außerordentlich sanft, »woher Sie auf einmal so viel Geld hatten, während doch aus den Tatsachen und aus dem zeitlichen Ablauf hervorgeht, daß Sie nicht in Ihrer Wohnung vorbeigegangen sind?«

Der Staatsanwalt runzelte über diese allzu direkt gestellte Frage ein wenig die Stirn, unterbrach aber Nikolai Parfjonowitsch nicht.

»Nein, in meiner Wohnung bin ich nicht vorbeigegangen«, antwortete Mitja äußerlich sehr ruhig, aber er blickte dabei zur Erde.

»Gestatten Sie mir dann, die Frage zu wiederholen«, fuhr Nikolai Parfjonowitsch, sich gewissermaßen anschleichend, fort. »Woher konnten Sie auf einmal diese Summe erhalten, während Sie nach Ihrem eigenen Geständnis noch um fünf Uhr dieses Tages …«

»Während ich um fünf Uhr zehn Rubel brauchte und meine Pistolen bei Perchotin versetzte und dann zu Frau Chochlakowa ging und sie um dreitausend Rubel bat, die sie mir aber nicht gab, und so weiter der ganze Kram«, unterbrach ihn Mitja in scharfem Ton. »Ja, sehen Sie, meine Herren, eben war ich noch in Not, und auf einmal kamen bei mir Tausende zum Vorschein – wie ist das wohl zugegangen? Wissen Sie, meine Herren, Sie haben jetzt beide Angst: Wenn er uns nun nicht sagt, wo er das Geld herhatte, was dann? Und so ist es auch: Ich werde es Ihnen nicht sagen, meine Herren! Sie haben es erraten! Sie werden es nicht erfahren«, sagte Mitja klar und deutlich, und man hörte aus seinen Worten die feste Entschlossenheit heraus.

Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter schwiegen eine Weile.

»Sehen Sie doch ein, Herr Karamasow, daß es für uns unbedingt notwendig ist, das zu wissen«, sagte Nikolai Parfjonowitsch ruhig und sanft.

»Das sehe ich ein, aber ich sage es nicht.«

Nun mischte sich auch der Staatsanwalt ein und erinnerte abermals daran, daß der Verhörte natürlich die Antwort auf die Fragen verweigern könne, wenn er meine, daß das für ihn vorteilhafter sei, und so weiter, doch in Anbetracht des Schadens, den der Verdächtigte sich selbst durch sein Schweigen zuziehen könne, und besonders bei Fragen von solcher Wichtigkeit, die …

»Und so weiter, meine Herren, und so weiter. Genug! Ich habe diese erbauliche Predigt schon einmal gehört!« unterbrach ihn Mitja wieder. »Ich verstehe selbst, von welcher Wichtigkeit diese Sache ist, daß dies der Kardinalpunkt ist. Trotzdem sage ich es nicht.«

»Wir selbst haben ja nichts davon! Es ist schließlich nicht unsere Angelegenheit, sondern Ihre; Sie werden sich selber schaden«, bemerkte Nikolai Parfjonowitsch nervös.

»Sehen Sie, meine Herren, Scherz beiseite«, sagte Mitja, wobei er beide fest ansah. »Ich habe von Anfang an geahnt, daß wir an diesem Punkt mit den Stirnen zusammenstoßen werden. Aber am Anfang, als ich vorhin mit meinen Aussagen begann, lag das alles noch ganz verschwommen wie in einem fernen Nebel, und ich war sogar so naiv, Ihnen den Vorschlag gegenseitigen Vertrauens zu machen. Jetzt sehe ich selbst, daß dieses Vertrauen ein Ding der Unmöglichkeit war, da wir ja einmal an diesen verdammten Zaun kommen mußten! Es geht nicht, und damit basta! Übrigens mache ich Ihnen gar keinen Vorwurf; es ist auch Ihnen unmöglich, mir aufs Wort zu glauben, das sehe ich ein!«

Er versank in düsteres Schweigen.

»Aber könnten Sie nicht, ohne Ihrem Entschluß, über diesen hochwichtigen Punkt zu schweigen, irgendwie untreu zu werden, könnten Sie uns nicht wenigstens eine kleine Andeutung machen, welche starken Beweggründe Sie veranlassen, an einer für Sie so gefährlichen Stelle Ihrer Aussage zu schweigen?«

Mitja lächelte trüb und melancholisch.

»Ich bin viel gutmütiger, als Sie denken, meine Herren! Ich werde Ihnen den Grund meiner Weigerung mitteilen und Ihnen die gewünschte Andeutung machen, obgleich Sie das nicht wert sind. Ich schweige, meine Herren, weil hier, in der Antwort auf die Frage, wo ich dieses Geld herhatte, für mich eine solche Schmach liegt, daß sich mit ihr nicht einmal die Ermordung und Beraubung meines Vaters, wenn ich ihn ermordet und beraubt hätte, vergleichen ließe. Das ist der Grund, weswegen ich nicht reden kann. Aus Scham wegen der Schmach kann ich es nicht. Na, meine Herren? Wollen Sie das etwa auch festhalten?«

»Ja, das wollen wir festhalten«, sagte Nikolai Parfjonowitsch sanft.

»Das dürften Sie eigentlich nicht festhalten, das von der Schmach. Das habe ich Ihnen nur aus Gutmütigkeit mitgeteilt, ich hätte es auch verschweigen können. Ich habe Ihnen damit sozusagen ein Geschenk gemacht, aber Sie behandeln das gleich amtlich. Na, schreiben Sie es auf, schreiben Sie auf, was Sie wollen!« schloß er verächtlich. »Ich fürchte Sie nicht und bin Ihnen gegenüber viel zu stolz!«

»Wollen Sie uns nicht sagen, von welcher Art diese Schmach ist?« begann Nikolai Parfjonowitsch wieder.

Der Staatsanwalt runzelte heftig die Stirn.

»Nein, nein, c’est fini, geben Sie sich keine Mühe! Und ich möchte mich auch nicht beschmutzen. Ich habe mich ohnehin schon an Ihnen beschmutzt, Sie sind es nicht wert, Sie nicht und niemand … Genug, meine Herren, ich breche das Thema ab.«

Er sagte das in sehr entschiedenem Ton. Nikolai Parfjonowitsch setzte ihm nicht weiter zu, doch aus Ippolit Kirillowitschs Blicken merkte er sofort, daß dieser noch auf einen späteren Zeitpunkt hoffte.

»Können Sie uns nicht wenigstens angeben, welche Summe Sie in der Hand hatten, als Sie zu Herrn Perchotin kamen? Ich meine, wieviel Rubel?«

»Das kann ich nicht angeben.«

»Herrn Perchotin gegenüber haben Sie ja wohl von dreitausend Rubeln gesprochen, die Sie von Frau Chochlakowa erhalten hätten?«

»Vielleicht habe ich das getan. Hören Sie auf, meine Herren, ich sage nicht, wieviel.«

»Haben Sie dann die Güte, uns zu schildern, wie Sie hierhergefahren sind, was Sie nach Ihrer Ankunft hier getan haben?«

»Ach, fragen Sie danach doch die Leute von hier! Aber meinetwegen, ich kann es auch erzählen.«

Er erzählte; wir werden seinen Bericht jedoch nicht wiedergeben. Er erzählte trocken und flüchtig. Von den Wonnen seiner Liebe sagte er gar nichts. Er erwähnte allerdings, wie er seinen Entschluß, sich zu erschießen, »in Anbetracht neuer Tatsachen« aufgegeben habe; er berichtete das, ohne seine Motive anzugeben oder auf Einzelheiten einzugehen.

Und der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter störten ihn diesmal auch nicht sonderlich; es war klar, daß auch sie darin nicht das Wesentliche sahen.

»Wir werden das alles nachprüfen und darauf bei der Vernehmung der Zeugen noch einmal zurückkommen, die wird natürlich in Ihrer Gegenwart stattfinden«, schloß Nikolai Parfjonowitsch das Verhör. »Jetzt gestatten Sie, daß wir uns an Sie mit der Bitte wenden, alle Ihre Sachen, die Sie bei sich haben, hier auf den Tisch zu legen, besonders alles Geld, das Sie jetzt besitzen.«

»Das Geld, meine Herren? Nun, ich verstehe, daß das nötig ist. Ich wundere mich sogar, daß Sie sich nicht schon früher dafür interessiert haben. Allerdings konnte ich ja wohl kaum von hier weggehen; ich sitze schließlich vor Ihren Augen da. Nun also, da ist es, mein Geld! Hier, zählen Sie nach; ich glaube, es ist alles.«

Er nahm alles aus den Taschen heraus, sogar das Kleingeld, zwei Zwanzigkopekenstücke zog er noch aus der Westentasche. Das Geld wurde zusammengezählt; es stellte sich heraus, daß es achthundertsechsunddreißig Rubel und vierzig Kopeken waren.

»Ist das alles?« fragte der Untersuchungsrichter.

»Ja.«

»Sie sagten soeben in Ihren Aussagen, Sie hätten in dem Laden von Plotnikow dreihundert Rubel gelassen. Herrn Perchotin haben Sie zehn Rubel gegeben, dem Kutscher zwanzig, hier haben Sie zweihundert verspielt, ferner …«

Nikolai Parfjonowitsch stellte alle Posten zusammen. Mitja half ihm bereitwillig. Keine Kopeke wurde vergessen, auch der kleinste Betrag in die Rechnung aufgenommen. Nikolai Parfjonowitsch rechnete rasch zusammen.

»Mit diesen achthundert besaßen Sie also ursprünglich im ganzen etwa fünfzehnhundert Rubel?«

»So wird es sein«, antwortete Mitja kurz.

»Wie kommt es dann, daß alle behaupten, es sei weit mehr gewesen?«

»Sollen sie es behaupten!«

»Sie selbst haben es auch behauptet.«

»Allerdings.«

»Wir werden das alles noch durch weitere Zeugenaussagen nachprüfen. Wegen Ihres Geldes seien Sie ohne Sorge, es wird vorschriftsmäßig aufbewahrt und steht nach Beendigung des ganzen Verfahrens zu Ihrer Verfügung – sofern sich herausgestellt hat oder sozusagen bewiesen ist, daß Sie ein unbestreitbares Recht darauf haben. Jetzt aber …«

Nikolai Parfjonowitsch stand plötzlich auf und erklärte Mitja mit fester Stimme, er sei »genötigt und verpflichtet«, eine sehr eingehende, genaue Visitation »sowohl Ihrer Kleider als auch alles übrigen« vorzunehmen …

»Schön, meine Herren, ich werde alle Taschen umdrehen, wenn Sie wollen.«

Und er machte sich wirklich daran, die Taschen umzudrehen.

»Es ist unumgänglich, daß Sie auch die Kleider ablegen.«

»Wie? Ich soll mich ausziehen? Pfui Teufel! Visitieren Sie mich doch so! Geht es nicht so?«

»Keineswegs, Dmitri Fjodorowitsch. Sie müssen die Kleider ablegen.«

»Wie Sie wollen«, antwortete Mitja und fügte sich mit finsterer Miene. »Nur bitte nicht hier, sondern hinter dem Vorhang. Wer wird die Visitation ausführen?«

»Natürlich hinter dem Vorhang«, sagte Nikolai Parfjonowitsch und neigte zum Zeichen des Einverständnisses seinen Kopf; sein Gesicht drückte sogar eine besondere Würde aus.

6. Der Staatsanwalt fängt Mitja

Es begann ein Vorgang, der für Mitja gänzlich unerwartet und erstaunlich war. Er hätte auch nur eine Minute vorher nicht geglaubt, daß jemand mit ihm, Mitja Karamasow, so umgehen könnte! Vor allem lag darin für ihn etwas Demütigendes, während auf ihrer Seite »ein gewisser Hochmut und eine Verachtung seiner Person« zutage trat. Es wäre noch zu ertragen gewesen; hätte er nur den Rock auszuziehen brauchen; aber man bat ihn, sich noch weiter zu entkleiden. Oder eigentlich bat man ihn gar nicht, sondern befahl es ihm geradezu, er merkte das sehr wohl. Aus Stolz und Verachtung fügte er sich, ohne ein Wort dagegen zu sagen. Hinter den Vorhang trat außer Nikolai Parfjonowitsch auch der Staatsanwalt; auch einige Bauern waren anwesend. ›Natürlich um mich notfalls zwingen zu können‹, dachte Mitja. ›Vielleicht auch zu irgendeinem anderen Zweck.‹

»Wie ist es? Soll ich auch das Hemd ausziehen?« fragte er in scharfem Ton. Nikolai Parfjonowitsch gab jedoch keine Antwort; er hatte sich zusammen mit dem Staatsanwalt in Rock Hose, Weste und Mütze vertieft, und es war offenbar, daß sich beide sehr für die Visitation interessierten. ›Diese Menschen machen nicht die geringsten Umstände!‹ ging es Mitja durch den Kopf. ›Sie beachten nicht einmal die notwendigen Höflichkeitsregeln.‹

»Ich frage Sie zum zweiten Male, ob ich auch das Hemd ausziehen soll«, sagte er noch schärfer und gereizter.

»Seien Sie unbesorgt, wir werden es Ihnen schon sagen!« antwortete Nikolai Parfjonowitsch in dienstlichem Ton; zumindest schien es Mitja so.

Unterdessen fand zwischen dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt halblaut eine eifrige Beratung statt. Am Rock, besonders am linken Schoß, hinten, zeigten sich gewaltige Blutflecke, die getrocknet, verhärtet und noch nicht wieder biegsam geworden waren. Dasselbe traf für die Hose zu, Nikolai Parfjonowitsch fuhr außerdem eigenhändig in Gegenwart der Zeugen mit den Fingern über den Kragen und die Aufschläge des Rockes sowie über alle Nähte des Rockes und der Hose; er schien etwas zu suchen, höchstwahrscheinlich Geld. Was das Schlimmste war: sie machten vor Mitja kein Hehl aus dem Verdacht, daß er fähig gewesen wäre, Geld in seine Kleider einzunähen! »Die behandeln mich ja geradezu wie einen Dieb und nicht wie einen Offizier!« murmelte er vor sich hin. Sie teilten sich gegenseitig ihre Gedanken vor seinen Ohren mit seltsamer Offenheit mit. So lenkte zum Beispiel der Protokollführer, der sich ebenfalls geschäftig machte und zuhörte, Nikolai Parfjonowitschs Aufmerksamkeit auf die Mütze, die dann ebenfalls befühlt wurde. »Denken Sie an den Schreiber Gridenko!« bemerkte der Protokollführer. »Der war im Sommer zur Kasse gefahren, um das Gehalt für die ganze Kanzlei in Empfang zu nehmen, und als er zurückkam, erklärte er, er hätte es in betrunkenem Zustand verloren – und wo fand man es? In der Mütze! Die Hundertrubelscheine waren zu kleinen Röhrchen zusammengerollt und in den Mützenrand eingenäht.« An die Geschichte mit Gridenko erinnerten sich auch der Untersuchungsrichter und der Staatsanwalt sehr genau, und deshalb legten sie Mitjas Mütze beiseite und beschlossen, sie später gründlich zu visitieren, ebenso den ganzen Anzug.

»Erlauben Sie«, rief Nikolai Parfjonowitsch auf einmal, als er die blutbefleckte Manschette an Mitjas rechtem Hemdsärmel bemerkte. »Erlauben Sie, was ist denn das? Ist das Blut?«

»Ja, Blut«, antwortete Mitja kurz.

»Wie kommt denn das? Und warum ist die Manschette nach innen umgeschlagen?«

Mitja erzählte, daß die Manschette blutig geworden war, als er sich mit Grigori abgegeben hatte, und daß er sie schon bei Perchotin beim Waschen nach innen umgeschlagen hatte.

»Ihr Hemd müssen wir ebenfalls nehmen. Das ist sehr wichtig, als sachliches Beweisstück.« Mitja errötete und wurde wütend.

»Soll ich etwa nackt bleiben?« rief er.

»Seien Sie unbesorgt, wir werden das schon irgendwie in Ordnung bringen. Zunächst aber haben Sie die Güte, auch die Strümpfe auszuziehen.«

»Machen, Sie Witze? Ist das wirklich notwendig?« rief Mitja mit zornfunkelnden Augen.

»Wir sind nicht zu Witzen aufgelegt!« erwiderte Nikolai Parfjonowitsch streng.

»Na gut, wenn es nötig ist, dann…«, murmelte Mitja, setzte sich aufs Bett und begann sich die Strümpfe auszuziehen. Er war in unerträglicher Verlegenheit. Alle waren angekleidet, nur er nicht, und seltsam: Jetzt, wo er entkleidet war, fühlte er sich gewissermaßen selbst vor allen schuldig und gestand sich vor allem beinahe selbst ein, daß er auf einmal wirklich geringer war als die anderen und daß diese jetzt das volle Recht hatten, ihn zu verachten. ›Wenn alle nackt sind, braucht man sich nicht zu schämen, doch wenn man als einziger nackt ist und alle einen anstarren, ist das eine Schande!‹ ging es ihm immer wieder durch den Kopf. ›Es ist so wie im Traum; ich habe im Traum manchmal solche Schande durchgemacht‹ Aber jetzt die Strümpfe auszuziehen, das war ihm geradezu peinlich. Sie waren sehr unsauber, und sein Unterzeug ebenso, und nun sahen das alle. Die Hauptsache aber war, er mochte selbst seine Füße nicht leiden. Er hatte sein Leben lang seine beiden großen Zehen unförmig gefunden, besonders den plumpen, platten, nach unten gekrümmten Nagel am rechten Fuß – und nun sahen das alle! Vor unerträglicher Scham wurde er noch gröber als vorher und kehrte dies absichtlich heraus. Er riß sich selbst das Hemd ab.

»Wollen Sie nicht noch wo nachsuchen, wenn Sie sich nicht schämen?«

»Nein, vorläufig ist es nicht erforderlich.«

»Soll ich denn nackt bleiben?« fügte er wütend hinzu.

»Ja, das ist vorläufig notwendig … Haben Sie die Güte, sich einstweilen hier hinzusetzen. Sie können ja die Bettdecke nehmen und sich darin einhüllen. Ich werde dies alles zunächst mitnehmen.«

Alle Gegenstände wurden den Zeugen gezeigt, und es wurde ein Protokoll über die Visitation aufgenommen. Schließlich ging Nikolai Parfjonowitsch hinaus; die Kleider wurden ihm nachgetragen. Ippolit Kirillowitsch ging ebenfalls hinaus. Bei Mitja blieben nur die Bauern zurück; sie standen schweigend da, ohne die Augen von ihm zu lassen.

Mitja hüllte sich in die Bettdecke, er fror. Seine nackten Beine ragten heraus, er konnte die Decke beim besten Willen nicht so um sich schlagen, daß sie bedeckt wurden. Nikolai Parfjonowitsch blieb lange fort. ›Eine wahre Folter, dieses lange Warten, er behandelt mich wie einen Hund!‹ dachte Mitja zähneknirschend. ›Dieser Jammerkerl von Staatsanwalt ist auch weggegangen, sicher aus Verachtung; es wird ihm widerwärtig geworden sein, einen nackten Menschen zu sehen.‹ Mitja vermutete freilich, daß seine Kleider nur irgendwo visitiert würden und daß man sie ihm dann zurückbringen würde. Aber wie groß war seine Entrüstung, als Nikolai Parfjonowitsch auf einmal mit ganz anderen Sachen zurückkehrte, die ihm ein Bauer hinterhertrug.

»So, da haben Sie etwas zum Anziehen!« sagte er ungeniert; er schien mit dem Erfolg der Aktion sehr zufrieden. »Diese Kleider opfert Herr Kalganow für diesen interessanten Fall, dazu auch ein reines Hemd. Er hatte das zum Glück alles in

seinem Koffer mit. Ihr Unterzeug und Ihre Strümpfe können Sie behalten.«

Mitja brauste auf.

»Ich will keine fremden Kleider!« schrie er drohend. »Geben Sie mir meine!«

»Das ist unmöglich!«

»Geben Sie mir meine! Hol‘ der Teufel Kalganow mitsamt seinen Kleidern!«

Man redete ihm lange zu, und schließlich beruhigte er sich ein wenig. Man erklärte ihm, daß seine blutbefleckten Kleider in die Sammlung der Beweisstücke aufgenommen werden müßten; man sei nicht berechtigt, sie ihm zu belassen – in Anbetracht des möglichen Ausganges, den die Sache nehmen könnte. Mitja begriff einigermaßen. Er verstummte und begann, sich mit finsterer Miene anzukleiden. Er äußerte dabei nur, dieser Anzug sei wertvoller als sein alter, und er habe keine Lust zu »profitieren«; außerdem sei er entsetzlich eng. »Soll ich darin etwa zu Ihrem Vergnügen den Hanswurst spielen?« Man setzte ihm erneut auseinander, daß er wiederum übertreibe. Herr Kalganow sei nur wenig größer als er, höchstens die Beinkleider seien ein bißchen lang. Der Rock war allerdings tatsächlich etwas eng in den Schultern.

»Zum Teufel, er läßt sich ja kaum zuknöpfen«, brummte Mitja. »Tun Sie mir den Gefallen und bestellen Sie Herrn Kalganow von mir, daß nicht etwa ich um seinen Anzug gebeten habe, sondern daß ich wider meinen Willen als Hanswurst kostümiert worden bin.«

»Er sieht das durchaus ein, mit Bedauern … Das heißt, das Bedauern bezieht sich nicht auf seinen Anzug, sondern mehr auf diese ganze Lage«, erwiderte Nikolai Parfjonowitsch mit eigenartigen Kaubewegungen.

»Ich spucke auf sein Bedauern! Na und, wo soll ich jetzt hingehen? Oder soll ich hier ewig sitzen?«

Man ersuchte ihn, wieder in ›jenes Zimmer‹ zu gehen. Mitja trat hinter dem Vorhang hervor, grau vor Wut und bemüht, niemand anzusehen. In dem fremden Anzug fühlte er sich entehrt, sogar diesen Bauern und Trifon Borissowitsch gegenüber, dessen Gesicht plötzlich aus irgendeinem Grund in der Tür auftauchte und wieder verschwand. ›Er hat mich in meinem neuen Kostüm beglotzen wollen!‹ dachte Mitja. Er setzte sich auf seinen früheren Stuhl; dabei hatte er das Gefühl, als bedrücke ihn ein sinnloser Traum: Er glaubte, seinen Verstand verloren zu haben.

»Na, was haben Sie nun vor? Wollen Sie mich auspeitschen lassen, wie? Weiter bleibt ja wohl nichts mehr«, sagte er zähneknirschend, zum Staatsanwalt gewandt.

An Nikolai Parfjonowitsch mochte er sich gar nicht mehr wenden, so als hielte er ihn nicht mehr für wert, daß er mit ihm sprach. ›Pedantisch genau hat er meine Strümpfe betrachtet, er hat sie sogar umdrehen lassen, der Schuft! Das hat er absichtlich getan, damit alle sehen, was ich für schmutzige Wäsche trage!‹

»So, und jetzt werden wir zur Vernehmung der Zeugen übergehen müssen«, sagte Nikolai Parfjonowitsch gewissermaßen als Antwort auf Dmitri Fjodorowitschs Frage.

»Ja«, erwiderte der Staatsanwalt nachdenklich.

»Wir haben alles getan, was wir in Ihrem Interesse tun konnten, Dmitri Fjodorowitsch«, fuhr Nikolai Parfjonowitsch fort. »Aber da Sie sich so entschieden geweigert haben, uns die Herkunft der bei Ihnen vorgefundenen Geldsumme zu erklären, können wir in diesem Augenblick …«

»Was haben Sie da für einen Stein im Ring?« unterbrach ihn Mitja, als tauchte er aus tiefer Nachdenklichkeit empor, und zeigte mit dem Finger auf einen der drei großen Ringe, die Nikolai Parfjonowitschs rechte Hand schmückten.

»Was das für ein Stein ist?« fragte Nikolai Parfjonowitsch erstaunt zurück.

»Ja, der da … Am Mittelfinger, der mit den Äderchen, was ist das für ein Stein?« fragte Mitja hartnäckig und gereizt wie ein eigensinniges Kind.

»Das ist ein Rauchtopas«, erwiderte Nikolai Parfjonowitsch lächelnd. »Wenn Sie ihn ansehen wollen, kann ich ihn vom Finger ziehen …«

»Nein, nein, ziehen Sie ihn nicht vom Finger!« schrie Mitja wütend, der sich auf einmal wieder besann und über sich selbst ärgerte. »Ziehen Sie ihn nicht vom Finger, nicht nötig, zum Teufel … Meine Herren, Sie haben meine Seele besudelt! Glauben Sie wirklich, ich würde es Ihnen verheimlichen, wenn ich meinen Vater tatsächlich totgeschlagen hätte. Ich würde Winkelzüge machen, lügen, mich verstecken? O nein, das liegt nicht in Dmitri Karamasows Wesen, das würde er nicht fertigbringen. Und wenn ich schuldig wäre, dann hätte ich, das schwöre ich Ihnen, nicht bis zu Ihrer Ankunft und nicht bis zum Sonnenaufgang gewartet, wie ich das ursprünglich beabsichtigt hatte, sondern hätte schon früher ein Ende gemacht, ohne den Tagesanbruch abzuwarten! Das sagt mir mein innerstes Gefühl. Ich hätte in zwanzig Jahren meines Lebens nicht so viel lernen können wie in dieser einen verfluchten Nacht! Und wäre ich in dieser Nacht so ein Mensch gewesen, würde ich jetzt, da ich mit Ihnen zusammensitze, so ein Mensch sein, würde ich so reden und mich so benehmen, wenn ich wirklich ein Vatermörder wäre – wo mir doch schon der unbeabsichtigte Totschlag Grigoris die ganze Nacht keine Ruhe gelassen hat, nicht aus Angst, o nein, nicht aus Furcht vor Ihrer Strafe! Nein, die

Schandtat an sich hat mich so erregt! Und da wollen Sie, daß ich solchen Spöttern wie Ihnen, solchen blinden Maulwürfen und Spöttern, die nichts sehen und nichts glauben, noch eine neue Gemeinheit von mir erzählen soll, noch eine neue schmähliche Tat? Nein, und selbst wenn mich das vor Ihrer Anklage retten würde! Lieber will ich zur Zwangsarbeit! Derjenige, der diese Tür aufgemacht hat und durch sie hineingegangen ist, der hat ihn auch ermordet und beraubt. Wer es ist? Da stehe ich vor einem quälenden Rätsel – aber Dmitri Karamasow ist es nicht gewesen, das sollen Sie wissen! Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann! Und nun lassen Sie es genug sein, setzen Sie mir nicht länger zu! Schicken Sie mich nach Sibirien, richten Sie mich hin, bloß reizen Sie mich nicht länger! Ich werde nichts mehr sagen. Rufen Sie Ihre Zeugen!«

Mitja hatte seinen überraschenden Monolog so vorgetragen, als sei er schon fest entschlossen, von nun an konsequent zu schweigen. Der Staatsanwalt hatte ihn die ganze Zeit beobachtet und sagte dann mit der kühlsten und ruhigsten Miene, als handelte es sich um die gewöhnlichste Sache der Welt: »Apropos, hinsichtlich dieser offenstehenden Tür, die Sie soeben erwähnten, können wir Ihnen jetzt von einer interessanten, für Sie wie für uns höchst wichtigen Aussage des alten Grigori Wassiljewitsch berichten. Nachdem er wieder zur Besinnung gekommen war, hat er uns auf unsere Fragen mit aller Bestimmtheit erwidert, daß er zu der Zeit, als er vor die Haustür trat und im Garten ein Geräusch hörte, weshalb er sich entschloß, in den Garten zu gehen, daß er beim Eintritt in den Garten, noch bevor er Sie in der Dunkelheit laufen sah, einen Blick nach links geworfen und tatsächlich das geöffnete Fenster bemerkt habe, zugleich aber auch in weit geringerer Entfernung die offenstehende Tür. Jene Tür, von der Sie erklärt haben, sie sei die ganze Zeit, während Sie im Garten waren, geschlossen gewesen! Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß Grigori Wassiljewitsch selbst mit Bestimmtheit den Schluß zieht, Sie müßten durch die Tür gelaufen sein, obgleich er das natürlich nicht mit eigenen Augen gesehen hat, da Sie sich ja schon in einiger Entfernung befanden und auf den Zaun zuliefen, als er sie zuerst bemerkte.«

Mitja war schon während dieser Rede vom Stuhl aufgesprungen. »Unsinn!« brüllte er plötzlich empört. »Eine freche Lüge! Er konnte die Tür gar nicht offen sehen, weil sie geschlossen war! Er lügt!«

»Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen zu wiederholen, daß seine Aussage sehr bestimmt war. Er schwankte nicht. Er blieb dabei, wir haben ihn mehrere Male gefragt.«

»Gewiß, ich habe ihn mehrere Male gefragt!« bestätigte auch Nikolai Parfjonowitsch eifrig.

»Eine Lüge, eine Lüge! Das ist entweder eine Verleumdung oder die Halluzination eines Irren!« schrie Mitja weiter. »Es ist ihm einfach im Fieber, infolge des Blutverlustes, so vorgekommen! Und da redet er nun diesen Unsinn!«

»Ja, aber er hat doch die offenstehende Tür nicht erst bemerkt, als er wieder zu sich kam, sondern schon vorher, als er aus dem Seitengebäude in den Garten ging.«

»Das ist eine Lüge, das ist unmöglich! Er verleumdet mich, weil er wütend auf mich ist … Er konnte es nicht sehen … Ich bin nicht durch die Tür gelaufen«, sagte Mitja und rang mühsam nach Atem.

Der Staatsanwalt wandte sich an Nikolai Parfjonowitsch und sagte mit besonderem Nachdruck zu ihm: »Zeigen Sie es!«

»Kennen Sie diesen Gegenstand?« fragte Nikolai Parfjonowitsch, wobei er ein großes Kuvert auf den Tisch legte; aus dickem Papier im Kanzleiformat, mit drei noch wohlerhaltenen Siegeln. Das Kuvert selbst war leer und auf der einen Seite aufgerissen; Mitja starrte es mit weitgeöffneten Augen an.

»Das … muß das Kuvert des Vaters sein«, murmelte er. »Das, in dem die dreitausend Rubel lagen … Und dann die Aufschrift, erlauben Sie: ›Für mein liebes Küken‹ … Und da: ›Dreitausend‹!« rief er. »›Dreitausend‹, sehen Sie?«

»Gewiß, wir sehen es, das Geld aber haben wir nicht mehr darin gefunden, das Kuvert war leer und lag auf dem Fußboden am Bett, hinter dem Wandschirm.«

Einige Sekunden stand Mitja wie betäubt da.

»Meine Herren, das ist Smerdjakow gewesen!« schrie er auf einmal aus voller Kehle. »Der hat ihn ermordet, der hat ihn beraubt! Er allein wußte, wo der Alte das Kuvert versteckt hatte … Er ist es gewesen, jetzt ist es klar!«

»Aber Sie wußten ja auch, daß das Kuvert unter dem Kopfkissen lag.«

»Niemals habe ich das gewußt, ich habe es überhaupt nie gesehen, ich erblicke es jetzt zum erstenmal, vorher habe ich nur von Smerdjakow etwas darüber gehört … Er allein wußte, wo der Alte es versteckt hatte, ich wußte es nicht …

Mitja war ganz außer Atem gekommen.

»Und doch haben Sie selbst uns vorhin gesagt, das Kuvert hätte bei Ihrem verstorbenen Vater unter dem Kopfkissen gelegen. Sie sagten ausdrücklich: ›unter dem Kopfkissen‹ – also wußten Sie doch, wo es lag.«

»Wir haben es so auch festgehalten«, fügte Nikolai Parfjonowitsch bestätigend hinzu.

»Unsinn, reiner Unsinn! Ich wußte absolut nicht, daß es unter dem Kopfkissen lag. Und vielleicht hat es überhaupt nicht unter dem Kopfkissen gelegen … Ich habe aufs Geratewohl gesagt, es hätte unter dem Kopfkissen gelegen … Was sagt denn Smerdjakow? Haben Sie ihn gefragt, wo es gelegen hat? Was sagt Smerdjakow? Das ist die Hauptsache … Ich habe absichtlich gelogen, zu meinem Schaden … Ich habe Ihnen, ohne viel nachzudenken, vorgelogen, es hätte unter dem Kopfkissen gelegen, und das glauben Sie jetzt … Na, wissen Sie, da kommt einem so ein Wort auf die Zunge, man lügt. Aber gewußt hat es nur Smerdjakow, sonst niemand! Er hat auch mir nicht gesagt, wo es lag! Er ist es gewesen, er muß ihn totgeschlagen haben, hundertprozentig, das ist mir jetzt sonnenklar!« rief Mitja. Er geriet mehr und mehr außer sich, wiederholte sich, redete unzusammenhängend und hastig. »Begreifen Sie das doch, und verhaften Sie ihn so schnell wie möglich! Er hat ihn ermordet, als ich weglief und Grigori bewußtlos dalag, das ist jetzt klar … Er hat das Signal gegeben, und der Vater hat ihm aufgemacht … Denn er war auch der einzige, der die Signale kannte, und ohne die Signale hätte der Vater niemandem geöffnet …«

»Aber Sie vergessen wieder den Umstand«, bemerkte der Staatsanwalt, noch immer in der gleichen gemessenen Weise, nun jedoch schon fast triumphierend, »daß es nicht nötig war, Signale zu geben, wenn die Tür offenstand, schon als Sie sich im Garten befanden … »

»Die Tür, die Tür!« murmelte Mitja und starrte den Staatsanwalt schweigend an; dann sank er kraftlos auf den Stuhl zurück.

Alle schwiegen.

»Ja, die Tür! Das ist ein Phantom! Gott ist gegen mich!« rief er und blickte geistesabwesend vor sich hin.

»Sehen Sie und urteilen Sie selbst, Dmitri Fjodorowitsch«, sagte der Staatsanwalt in gewichtigem Ton. »Auf der einen Seite diese Aussage von der offenstehenden Tür, durch die Sie angeblich herausgelaufen sein sollen – eine Aussage, die Sie wie uns befremdet. Auf der anderen Seite Ihr unbegreifliches, hartnäckiges und beinahe erbittertes Schweigen über die Herkunft des Geldes, das plötzlich in Ihren Händen war, während Sie nach Ihrer eigenen Aussage noch drei Stunden vorher Ihre Pistolen versetzten, um nur zehn Rubel zu bekommen! Entscheiden Sie in Anbetracht aller dieser Umstände bitte selbst: Was sollen wir glauben, worauf sollen wir uns verlassen? Und machen Sie uns bitte keine Vorwürfe, wir seien kalte Zyniker und Spötter, außerstande, Ihren edelsten Herzensregungen zu glauben … Versetzen Sie sich vielmehr auch in unsere Lage …«

Mitja befand sich in unbeschreiblicher Erregung; er war ganz blaß geworden.

»Nun gut!« rief er plötzlich. »Ich werde Ihnen mein Geheimnis enthüllen! Ich werde Ihnen gestehen, wo ich das Geld herhatte, damit ich später weder Ihnen noch mir einen Vorwurf zu machen brauche.«

»Und Sie dürfen glauben, Dmitri Fjodorowitsch«, fiel Nikolai Parfjonowitsch mit gerührter und erfreuter Stimme ein, »daß Ihnen jedes aufrichtige, umfassende Geständnis, das Sie jetzt machen, Ihr Schicksal später außerordentlich erleichtern kann und daß außerdem …«

Doch da stieß ihn der Staatsanwalt leise unter dem Tisch an und konnte ihn noch rechtzeitig unterbrechen; Mitja allerdings hatte überhaupt nicht gehört, was eben gesagt worden war.

7. Mitjas großes Geheimnis wird nicht ernst genommen

»Meine Herren!« begann er, noch immer äußerst erregt. »Dieses Geld … Ich will ein vollständiges Geständnis ablegen … Dieses Geld gehörte mir!«

Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter machten lange Gesichter: sie hatten etwas ganz anderes erwartet.

»Wie kann es denn Ihnen gehört haben«, wandte Nikolai Parfjonowitsch ein, »wenn Sie noch um fünf Uhr desselben Tages nach Ihrem eigenen Geständnis …«

»Ach, zum Teufel mit diesem ›fünf Uhr desselben Tages‹ und mit meinem eigenen Geständnis – darum handelt es sich jetzt nicht! Dieses Geld war mein Geld, das heißt, mein gestohlenes Geld … Das heißt nicht mein Geld, sondern gestohlen, von mir gestohlen, und es waren fünfzehnhundert Rubel, und ich trug sie bei mir, trug sie die ganze Zeit bei mir …«

»Wo hatten Sie sie denn hergenommen?«

»Von meinem Hals hatte ich sie genommen, meine Herren, von meinem Hals, von diesem meinen Hals … Hier waren sie, an meinem Hals, in einen Lappen eingenäht! Schon lange, schon einen Monat lang hatte ich sie zu meiner Schmach und Schande am Hals getragen!«

»Und von wem haben Sie sich dieses Geld … angeeignet?«

»Sie wollten sagen ›gestohlen‹? Sprechen Sie dieses Wort jetzt nur getrost aus! Ja, ich bin der Ansicht, daß ich dieses Geld so gut wie gestohlen hatte; aber wenn Sie wollen, hatte ich es mir in Wirklichkeit nur ›angeeignet‹. Meiner Ansicht nach hatte ich es in der Tat bereits gestohlen. Und gestern, gestern abend, habe ich es nun endgültig gestohlen.«

»Gestern abend? Aber Sie sagten doch soeben, es sei schon einen Monat her, daß Sie es … sich angeeignet hätten!«

»Ja, aber nicht von meinem Vater, nicht von meinem Vater, seien Sie unbesorgt! Nicht meinem Vater hatte ich es gestohlen, sondern ihr. Lassen Sie mich erzählen, und unterbrechen Sie mich nicht! Es fällt mir ja ohnehin schon schwer! Sehen Sie: Vor einem Monat ließ mich Katerina Iwanowna Werchowzewa, meine frühere Braut, zu sich rufen … Kennen Sie sie?«

»Gewiß, ich bitte Sie.«

»Ich weiß, daß Sie sie kennen. Sie ist die edelste Seele, die es gibt; doch sie haßt mich schon lange, oh, schon lange … Und verdientermaßen, verdientermaßen haßt sie mich!«

»Katerina Iwanowna?« fragte der Untersuchungsrichter erstaunt. Auch der Staatsanwalt machte große Augen.

»Oh, sprechen Sie ihren Namen nicht unnütz aus! Ich bin ein Schuft, daß ich sie hier hineinbringe. Ja, ich merkte, daß sie mich haßte … Schon längst, schon vom erstenmal an, gleich seit jener ersten Begegnung in meiner Wohnung. Aber genug davon, Sie sind es gar nicht wert, das zu wissen, das ist durchaus nicht nötig … Gesagt werden muß nur, daß sie mich vor einem Monat rufen ließ und mir dreitausend Rubel übergab, die ich an ihre Schwester und noch eine Verwandte in Moskau abschicken sollte – als ob sie das nicht selbst hätte besorgen können! Es war gerade in der verhängnisvollen Zeit meines Lebens, als ich … Nun kurz, als ich mich in eine andere verliebt hatte, in sie, die jetzt auf Ihre Anordnung da unten sitzt, Gruschenka … Ich nahm sie damals mit nach Mokroje und brachte hier in zwei Tagen die Hälfte dieser verfluchten dreitausend Rubel durch, das heißt fünfzehnhundert; die andere Hälfte behielt ich zurück. Und diese fünfzehnhundert, die ich zurückbehalten hatte, die trug ich eingenäht wie ein Amulett am Hals; gestern nun machte ich das Säckchen auf und verjubelte einen Teil des Geldes. Den Rest, achthundert Rubel, haben Sie jetzt in Händen, Nikolai Parfjonowitsch – das ist der Rest der fünfzehnhundert von gestern.«

»Erlauben Sie, wie denn, Sie haben doch vor einem Monat hier dreitausend Rubel durchgebracht und nicht fünfzehnhundert? Das wissen ja alle Leute.«

»Wer weiß es? Wer hat es gezählt? Wen habe ich es nachzählen lassen?«

»Aber ich bitte Sie, Sie haben doch selbst allen Leuten gesagt, Sie hätten damals genau dreitausend Rubel durchgebracht.«

»Das ist richtig, gesagt habe ich es, der ganzen Stadt habe ich es gesagt, und die ganze Stadt hat es gesagt, und alle Leute haben geglaubt, daß es dreitausend gewesen sind, auch hier in Mokroje haben es alle geglaubt. Aber trotzdem habe ich nicht dreitausend durchgebracht, sondern nur fünfzehnhundert; die anderen fünfzehnhundert habe ich in ein Säckchen eingenäht. Sehen Sie, so war das, meine Herren. Nun wissen Sie, wo ich gestern das Geld herhatte …«

»Das klingt geradezu phantastisch …«, bemerkte Nikolai Parfjonowitsch.

»Gestatten Sie eine Frage«, sagte schließlich der Staatsanwalt. »Haben Sie nicht wenigstens irgendwem von diesem Umstand vorher Mitteilung gemacht … Ich meine davon, daß Sie diese fünfzehnhundert Rubel vor einem Monat übrigbehalten hätten?«

»Nein, ich habe es niemandem gesagt.«

»Das ist sonderbar. Wirklich keinem einzigen Menschen?«

»Nein, keinem einzigen Menschen. Absolut niemandem.«

»Aber welchen Zweck sollte denn dieses Stillschweigen haben? Was veranlaßte Sie, daraus ein solches Geheimnis zu machen? Ich will mich deutlicher ausdrücken: Sie haben uns endlich Ihr Geheimnis enthüllt, das nach Ihrer Ansicht so schmählich ist, obgleich diese Tat, das heißt die zweifellos nur zeitweilige Aneignung der fremden dreitausend Rubel in Wirklichkeit, das heißt natürlich nur relativ gesprochen, wenigstens meiner Ansicht nach nur höchst leichtsinnig ist, aber nicht eigentlich schmählich, besonders wenn man Ihren Charakter in Betracht zieht … Nun, allerdings, sie ist höchst tadelnswert, das gebe ich zu, aber doch nur tadelnswert, nicht eigentlich schmählich … Ich möchte nämlich speziell auf folgendes hinweisen: Daß diese von Ihnen so verschwenderisch ausgegebenen dreitausend Rubel Fräulein Werchowzewas Eigentum waren, haben in diesem Monat auch ohne Ihr Geständnis schon viele Leute vermutet, ich selbst habe auch dieses Gerücht gehört … Michail Makarowitsch zum Beispiel hat es ebenfalls gehört. So daß es schließlich kaum noch ein Gerücht, sondern allgemeines Stadtgespräch war. Außerdem sind Anzeichen vorhanden, daß

auch Sie selbst, wenn ich nicht irre, dies jemandem gestanden haben, nämlich daß dieses Geld Fräulein Werchowzewa gehörte. Und daher wundere ich mich, daß Sie bis zu diesem jetzigen Augenblick aus diesen angeblich beiseite gelegten fünfzehnhundert Rubeln so ein außerordentliches Geheimnis gemacht und ihm sogar einen schrecklichen Nimbus verliehen haben … Es ist unwahrscheinlich, daß Ihnen das Eingestehen eines solchen Geheimnisses so viel Qual bereiten konnte – haben Sie doch eben erst ausgerufen, Sie wollten sich lieber zur Zwangsarbeit schicken lassen, als das zugeben!«

Der Staatsanwalt schwieg. Er war in Feuer geraten und verbarg nicht, daß er ärgerlich, beinahe wütend war; er sprudelte alles heraus, was sich in ihm angesammelt hatte, sogar ohne sich um den Stil zu kümmern, sondern unzusammenhängend und fast konfus.

»Die Schande bestand nicht in den fünfzehnhundert Rubeln, sondern darin, daß ich diese fünfzehnhundert von den dreitausend weggenommen hatte«, antwortete Mitja in festem Ton.

»Aber sagen Sie doch bloß«, entgegnete der Staatsanwalt und lächelte gereizt, »was ist daran eigentlich schmählich, daß Sie von den dreitausend Rubeln, die Sie sich in tadelnswerter oder, wenn Sie es selbst so wünschen, in schmählicher Weise angeeignet hatten, die Hälfte zwecks Verwendung nach eigenem Ermessen abgezweigt haben? Die Hauptsache ist doch, daß Sie sich die dreitausend angeeignet und nicht, wie Sie darüber verfügt haben. Apropos, warum verfügten Sie eigentlich so, das heißt, warum zweigten Sie die Hälfte ab? In welcher Absicht, zu welchem Zweck taten Sie das? Können Sie uns das erklären?«

»Oh, meine Herren, gerade in der Absicht liegt ja die Wurzel!« rief Mitja. »Ich zweigte die Hälfte aus Gemeinheit ab, das heißt aus Berechnung, denn Berechnung ist in diesem Fall eben Gemeinheit … Und einen ganzen Monat dauerte sie, diese Gemeinheit!«

»Das ist unverständlich.«

»Ich wundere mich über Sie. Aber vielleicht drücke ich mich wirklich unverständlich aus? Passen Sie auf. Ich eigne mir dreitausend Rubel an, die mir im Vertrauen auf meine Ehrenhaftigkeit übergeben worden sind, verjuble sie völlig und gehe am Morgen zu ihr und sage: ›Katja, verzeih, ich habe deine dreitausend Rubel verjubelt!‹ Ist das schön? Nein, das ist nicht schön, das ist ehrlos und unwürdig, ich habe da gehandelt wie ein Mensch, der sich wie ein Tier nicht zu beherrschen weiß, nicht wahr? Aber trotzdem bin ich kein Dieb, nicht direkt ein Dieb, das werden Sie zugeben müssen! Ich habe das Geld verjubelt, aber nicht gestohlen! Jetzt der zweite, noch günstigere Fall. Hören Sie genau zu, sonst komme ich womöglich wieder aus dem Konzept, mir ist nämlich sehr schwindlig. Also der zweite Fall: Ich verjuble hier nur fünfzehnhundert Rubel von den dreitausend, das heißt die Hälfte. Am anderen Tag gehe ich zu ihr und bringe ihr die andere Hälfte. ›Katja‹, sage ich, ›nimm von mir Schurken und leichtsinnigem Patron diese Hälfte wieder zurück, denn die andere Hälfte habe ich durchgebracht. Ich fürchte, daß ich auch diese durchbringen werde; also nimm sie wieder, damit mir diese Sünde erspart bleibt!‹ Nun, was wäre ich in diesem Fall? Alles, was Sie wollen, ein unvernünftiges Tier, ein Schuft – doch kein Dieb, keineswegs ein Dieb. Denn wäre ich ein Dieb, hätte ich sicherlich die übriggebliebene Hälfte nicht zurückgebracht, sondern sie mir ebenfalls angeeignet. So aber sieht sie ein: Wenn ich so schnell die eine Hälfte zurückgebracht habe, werde ich auch den Rest, die verjubelte Summe, zurückbringen, werde mein Leben lang nach einer Möglichkeit suchen, arbeiten, sie schließlich finden und ihr das Geld zurückgeben. Unter diesen Umständen bin ich zwar ein Schuft, aber jedenfalls kein Dieb!«

»Ich will zugeben, daß da ein gewisser Unterschied vorhanden ist«, sagte der Staatsanwalt, kühl lächelnd. »Aber seltsam ist trotzdem, daß Sie diesen Unterschied für so verhängnisvoll halten.«

»Ja, ich halte ihn für verhängnisvoll. Ein Schuft kann jeder sein und ist vielleicht jeder; ein Dieb aber kann nicht jeder sein, sondern nur ein Erzschuft. Nun, ich verstehe mich nicht auf diese Feinheiten. Nur so viel kann ich sagen: Ein Dieb ist gemeiner als ein Schuft, das ist meine Überzeugung. Hören Sie, ich trage das Geld einen ganzen Monat mit mir herum; tagtäglich kann ich es zurückgeben und bin dann kein Dieb mehr. Aber ich kann mich nicht dazu entschließen, obgleich ich jeden Tag ansetze und mich selbst antreibe: ›Entschließ dich, entschließ dich, du Schuft!‹ Und sehen Sie, so kann ich mich den ganzen Monat nicht dazu entschließen, das ist es. Nun, ist das schön, ist das Ihrer Ansicht nach schön?«

»Das ist allerdings nicht gerade schön, das sehe ich ein und streite nicht«, erwiderte der Staatsanwalt mit Zurückhaltung. »Aber wir wollen den Disput über diese feinen Unterschiede lieber beiseite lassen und wieder zur Sache kommen, wenn es Ihnen gefällig ist. Es handelt sich darum, daß Sie trotz unserer wiederholten Fragen noch nicht bereit waren, zu erklären, zu welchem Zweck Sie eine solche Teilung der dreitausend Rubel ursprünglich vornahmen, nämlich, die eine Hälfte durchbrachten und die andere versteckten. Zu welchem Zweck versteckten Sie sie eigentlich? Welche Absicht hatten Sie eigentlich mit diesen abgezweigten fünfzehnhundert Rubeln? Ich möchte auf dieser Frage bestehen, Dmitri Fjodorowitsch.«

»Ja wahrhaftig!« rief Mitja und schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Verzeihen Sie, ich quäle Sie und erkläre die Hauptsache nicht; sonst hätten Sie sofort verstanden, daß eben in der Absicht, in dieser Absicht die Schmach besteht! Sehen Sie, dieser alte Mann, der Verstorbene, belästigte Agrafena Alexandrowna immer, und ich war eifersüchtig und dachte damals, sie schwanke zwischen mir und ihm, und da dachte ich jeden Tag: Wie nun, wenn sie plötzlich ihre Wahl trifft? Wie nun, wenn sie es plötzlich satt hat, mich zu quälen, und auf einmal zu mir sagt: ›Dich liebe ich, nicht ihn! Bring mich fort bis ans Ende der Welt!‹ Und ich besitze nur zwei Zwanzigkopekenstücke – womit soll ich sie dann fortbringen, was soll ich dann machen? Dann bin ich verloren … Ich kannte ja damals ihren Charakter noch nicht und dachte, ihre Wünsche gingen aufs Geld und sie würde mir meine Armut nicht verzeihen. Also zählte ich heimtückisch die Hälfte von den dreitausend Rubeln ab und nähte sie ein, kaltblütig, mit berechneter Absicht, noch ehe ich betrunken war, und erst dann fuhr ich weg, um die andere Hälfte zu verjubeln! Nein, das war eine Gemeinheit! Haben Sie nun verstanden?«

Der Staatsanwalt lachte laut auf, der Untersuchungsrichter ebenfalls.

»Meiner Meinung nach war es sogar vernünftig und moralisch, daß Sie sich gemäßigt und nicht das ganze Geld durchgebracht haben«, kicherte Nikolai Parfjonowitsch. »Was ist denn eigentlich dabei?«

»Daß ich gestohlen habe, das ist dabei! O mein Gott, ich bin entsetzt über Ihre Verständnislosigkeit! Während ich diese fünfzehnhundert Rubel eingenäht auf der Brust trug, sagte ich mir immerzu: ›Du bist ein Dieb, du bist ein Dieb!‹ Und deshalb war ich diesen Monat über auch so wütend, deshalb prügelte ich mich im Restaurant, deshalb schlug ich meinen Vater – weil ich mich als Dieb fühlte! Nicht einmal meinem Bruder Aljoscha gegenüber hatte ich den Mut, etwas von diesen fünfzehnhundert Rubeln anzudeuten, so sehr fühlte ich, daß ich ein Schuft und Gauner war! Sie müssen wissen, daß ich jeden Tag und jede Stunde, solange ich dieses Geld bei mir trug, zu mir sagte: ›Nein, Dmitri Fjodorowitsch, du bist vielleicht noch kein Dieb! Warum nicht? Weil du morgen hingehen und Katja diese fünfzehnhundert Rubel zurückgeben kannst!‹ Und erst gestern, als ich von Fenja zu Perchotin ging, entschloß ich mich, mir das Säckchen vom Hals zu reißen; bis zu jenem Augenblick hatte ich mich nicht dazu entschließen können. Und als ich es abriß, in diesem Moment wurde ich endgültig und unstreitig ein Dieb, ein Dieb und ein ehrloser Mensch fürs ganze Leben. Warum? Weil ich damit gleichzeitig auch meinen Plan zerstört hatte, zu Katja zu gehen und zu ihr zu sagen: ›Ich bin ein Schuft, aber kein Dieb!‹ Verstehen Sie es jetzt?«

»Und warum haben Sie sich nun gestern abend dazu entschlossen?« unterbrach ihn Nikolai Parfjonowitsch.

»Warum? Das ist eine lächerliche Frage! Weil ich mich zum Tode verurteilt hatte, um fünf Uhr morgens, hier, bei Tagesanbruch. Es ist ja ganz gleich, dachte ich, ob ich als Dieb sterbe oder als anständiger Mensch Aber so ist es nicht, es hat sich herausgestellt, daß das nicht ganz gleich ist! Können Sie es glauben, meine Herren: Nicht das hat mich in dieser Nacht am meisten gequält, daß ich den alten Diener totgeschlagen hatte, wie ich glaubte, und mir Sibirien drohte, und das ausgerechnet zu der Zeit, wo meine Liebe gekrönt wurde und der Himmel sich von neuem vor mir auftat! Oh, das hat mich gequält, ja, aber nicht so wie dieses verfluchte Bewußtsein, daß ich mir dieses verfluchte Geld von der Brust gerissen und verjubelt hatte und also jetzt endgültig zum Dieb geworden war! O meine Herren, ich wiederhole es Ihnen in tiefstem Schmerz: Vieles habe ich in dieser Nacht gelernt! Ich habe gelernt, daß es nicht nur unmöglich ist, als Dieb zu leben, sondern auch, als Dieb zu sterben … Nein, meine Herren, man muß als Ehrenmann sterben!«

Mitja war blaß. Sein Gesicht hatte einen erschöpften, zerquälten Ausdruck, obgleich er höchst erregt war.

»Ich fange an, Sie zu verstehen, Dmitri Fjodorowitsch«, sagte der Staatsanwalt gedehnt in sanftem, sogar teilnahmsvoll klingendem Ton. »Aber all das, nehmen Sie es mir nicht übel, sind meiner Ansicht nach nur Ihre kranken Nerven. Warum haben Sie zum Beispiel nicht, um sich von diesen, fast einen Monat andauernden Qualen zu befreien, diese fünfzehnhundert Rubel der Person zurückgegeben, die sie Ihnen anvertraut hatte? Warum haben Sie sich nicht zunächst mit ihr ausgesprochen und dann in Anbetracht Ihrer damaligen Lage den Versuch gemacht, der sich ganz natürlich anbietet, ich meine, warum haben Sie die Betreffende nach einem anständigen Geständnis nicht um die benötigte Summe gebeten, die sie Ihnen, hochherzig wie sie ist, angesichts der Zerrüttung Ihres ganzen Wesens gewiß nicht abgeschlagen hätte, zumal wenn Sie ihr etwas Schriftliches darüber ausgestellt oder ihr jene Sicherheit gegeben hätten, die Sie dem Kaufmann Samsonow und Frau Chochlakowa angeboten haben? Sie betrachten ja diese Sicherheit auch jetzt noch als wertvoll?«

Mitja errötete plötzlich. »Halten Sie mich wirklich für einen Schuft allerhöchsten Grades? Es ist doch nicht möglich, daß Sie das im Ernst gesagt haben?« rief er empört und blickte den Staatsanwalt an, als traute er seinen Ohren nicht.

»Ich versichere Sie, daß ich es im Ernst gesagt habe … Warum meinen Sie, daß das nicht der Fall wäre?« fragte der Staatsanwalt seinerseits erstaunt.

»Oh, wie gemein wäre das gewesen! Meine Herren, wissen Sie auch, daß Sie mich quälen? Nun gut, ich werde Ihnen alles sagen, meinetwegen! Ich werde Ihnen meine ganze teuflische Gesinnung bekennen, doch nur, um Sie zu beschämen! Und Sie werden sich wundern, bis zu welcher Gemeinheit sich die Gefühle eines Menschen versteigen können. Sie sollen wissen, daß ich diesen Plan schon selbst hatte, denselben Plan, den Sie soeben dargelegt haben, Herr Staatsanwalt! Jawohl, meine Herren, auch ich habe in diesem verfluchten Monat diesen Gedanken gehabt und war schon beinahe entschlossen, zu Katja zu gehen – so gemein war ich! Aber zu ihr zu gehen, ihr meine Untreue einzugestehen, für die aus dieser Untreue erwachsenden Ausgaben sie selbst, Katja, um Geld zu bitten und anschließend mit der anderen wegzulaufen, mit ihrer Nebenbuhlerin – ich bitte Sie, Sie haben wohl den Verstand verloren, Herr Staatsanwalt!«

»Das letztere mag dahingestellt bleiben; doch habe ich im Eifer wirklich nicht an die weibliche Eifersucht gedacht … Und am Ende liegt hier wirklich etwas Derartiges vor«, bemerkte der Staatsanwalt lächelnd.

»Das wäre so eine Gemeinheit«, rief Mitja und schlug wütend mit der Faust auf den Tisch. »Das würde so zum Himmel stinken, daß ich keine Worte dafür finde! Wissen Sie, daß sie es fertiggebracht hätte, mir dieses Geld zu geben, und es mir bestimmt gegeben hätte, aus Rachsucht, um des Genusses der Rache willen, aus Verachtung gegen mich? Denn sie ist ebenfalls eine teuflische Natur, ein Weib, das fähig ist zu gewaltigem Zorn! Ich aber hätte das Geld genommen, oh, ich hätte es genommen, und dann mein Leben lang … o Gott! Verzeihen Sie, meine Herren, ich schreie so, weil ich diesen Gedanken noch vor kurzem hatte, vorgestern, als ich mich in der Nacht mit Ljagawy abplagte, und dann gestern, ja, auch gestern, gestern den ganzen Tag, ich erinnere mich, bis zu diesem Vorfall …«

»Bis zu welchem Vorfall?« warf Nikolai Parfjonowitsch neugierig ein, aber Mitja hörte die Frage nicht.

»Ich habe Ihnen ein furchtbares Geständnis gemacht«, schloß er mit finsterer Miene. »Beachten Sie das, meine Herren! Doch das genügt nicht. Es genügt nicht, dieses Geständnis nur zu beachten, achten Sie es auch! Wenn Sie das nicht tun, ersehe ich daraus, daß Sie mich schon völlig verachten, und ich werde mich zu Tode schämen, weil ich solchen Menschen wie Ihnen gestanden habe! Oh, ich werde mich erschießen! Ja, ich sehe schon, daß Sie mir nicht glauben! Wie, wollen Sie auch das niederschreiben?« rief er ganz entsetzt.

»Ja, das, was Sie soeben gesagt haben«, erwiderte Nikolai Parfjonowitsch, ihn erstaunt ansehend. »Nämlich, daß Sie bis zuletzt immer noch die Absicht hatten, zu Fräulein Werchowzewa zu gehen und sie um diese Summe zu bitten … Ich versichere Sie, daß dies eine für uns sehr wichtige Aussage ist, Dmitri Fjodorowitsch, das heißt, in bezug auf diesen ganzen Fall … Und daß sie besonders für Sie wichtig ist.«

»Haben Sie Erbarmen, meine Herren!« rief Mitja und schlug die Hände zusammen. »Schreiben Sie wenigstens das nicht nieder, schämen Sie sich! Ich habe sozusagen meine Seele vor Ihren Augen in zwei Teile zerrissen, und Sie benutzen das nun und wühlen an der aufgerißnen Stelle mit den Fingern in den Hälften herum … O Gott!« Er bedeckte in seiner Verzweiflung das Gesicht mit den Händen.

»Regen Sie sich nicht so auf, Dmitri Fjodorowitsch«, sagte der Staatsanwalt. »Alles, was jetzt niedergeschrieben wird, werden Sie nachher selbst zu hören bekommen, und womit Sie nicht einverstanden sind, das werden wir nach Ihren Angaben ändern. Jetzt jedoch wiederhole ich eine kleine Frage zum drittenmal: Hat denn wirklich niemand aus Ihrem Munde etwas von dem Geld gehört, das Sie in das Säckchen eingenäht hatten? Das kann man sich, offen gesagt, kaum vorstellen.«

»Niemand, ich habe es schon gesagt. Sonst haben Sie ja nichts von allem begriffen! Lassen Sie mich in Ruhe!«

»Erlauben Sie, dieser Punkt muß aufgeklärt werden, und wir haben dafür viel Zeit zur Verfügung. Vorläufig aber überlegen Sie bitte selbst: Wir haben vielleicht ein paar Dutzend Zeugenaussagen dazu, daß Sie selbst überall herumerzählt haben, Sie hätten dreitausend Rubel ausgegeben, nicht fünfzehnhundert. Und auch gestern, als Sie das Geld sehen ließen, haben Sie vielen mitgeteilt, Sie hätten wieder dreitausend Rubel mitgebracht …«

»Nicht Dutzende, sondern Hunderte von Zeugenaussagen stehen Ihnen zu Gebote, ein paar hundert Zeugenaussagen! Ein paar hundert Leute haben es gehört, tausend Leute haben es gehört!« rief Mitja.

»Nun, da sehen Sie es. Alle könnten es bezeugen. Das Wort ›alle‹ fällt doch sehr ins Gewicht.«

»Gar nichts fällt ins Gewicht. Ich habe geschwindelt, und alle haben es nachgeschwatzt.«

»Und wozu hatten Sie nötig zu ›schwindeln‹, wie Sie sich ausdrücken?«

»Das mag der Teufel wissen. Vielleicht bloß so aus Prahlerei … Um mit der Menge des verjubelten Geldes zu renommieren … Vielleicht um dieses eingenähte Geld zu vergessen … ja, genau das war der Grund … Zum Teufel, wie oft legen Sie mir diese Frage vor? Na, ich habe eben geschwindelt, und damit gut. Und nachdem ich einmal geschwindelt hatte, wollte ich es nicht wieder korrigieren. Warum schwindelt der Mensch manchmal?«

»Das ist schwer zu entscheiden, Dmitri Fjodorowitsch, warum ein Mensch schwindelt«, erwiderte der Staatsanwalt nachdrücklich. »Sagen Sie, war dieses Säckchen, wie Sie das nennen, was Sie am Hals trugen, groß?«

»Nein, es war nicht groß.«

»Von welcher Größe ungefähr?«

»Wenn man einen Hundertrubelschein einmal zusammenknifft, so groß.«

»Das beste wäre, wenn Sie uns die Lappen zeigen würden. Sie werden sie doch irgendwo haben.«

»Ach, zum Teufel … Was sind das für Dummheiten … Ich weiß nicht, wo sie sind.«

»Erlauben Sie noch eine Frage. Wo und wann haben Sie das Säckchen von Ihrem Hals genommen? Sie sind ja, wie Sie selbst angeben, nicht in Ihrer Wohnung vorbeigegangen?«

»Als ich von Fenja kam und zu Perchotin ging, da habe ich es mir unterwegs vom Hals gerissen und das Geld herausgenommen.«

»Im Dunkeln?«

»Wozu braucht man dabei Licht? Ich habe das in einem Augenblick mit dem Finger gemacht.«

»Ohne Schere? Auf der Straße?«

»Auf dem Marktplatz, glaube ich. Und wozu brauchte ich eine Schere? Es war ein alter Lappen, er ließ sich sofort zerreißen.«

»Wo haben Sie ihn gelassen?«

»Ich habe ihn weggeworfen.«

»Wo denn genauer?«

»Auf dem Marktplatz. Mag der Teufel wissen, wo auf dem Marktplatz. Wozu wollen Sie das wissen?«

»Das ist außerordentlich wichtig, Dmitri Fjodorowitsch. Das sind sachliche Beweisstücke zu ihren Gunsten. Daß Sie das nicht einsehen wollen! Wer hat Ihnen denn vor einem Monat beim Einnähen geholfen?«

»Niemand hat mir geholfen, ich habe es selbst eingenäht.«

»Können Sie nähen?«

»Ein Soldat muß nähen können, das ist kein Kunststück.«

»Wo haben Sie das Material hergenommen? Ich meine, den Lappen, in den Sie das Geld eingenäht haben?«

»Machen Sie sich auch nicht über mich lustig?«

»Durchaus nicht. Wir sind gar nicht in der Stimmung dazu, Dmitri Fjodorowitsch.«

»Ich erinnere mich nicht, wo ich den Lappen hergenommen habe. Irgendwoher werde ich ihn schon genommen haben.«

»Man sollte doch meinen, daran müßte man sich erinnern.«

»Weiß Gott, ich erinnere mich nicht. Vielleicht habe ich ein Stück von meiner Wäsche zerrissen?«

»Das ist sehr interessant, man könnte morgen in Ihrer Wohnung dieses Wäschestück suchen. Vielleicht findet sich ein Hemd, von dem Sie ein Stück abgerissen haben. Woraus war denn dieser Lappen, aus Baumwolle oder aus Leinwand?«

»Weiß der Teufel woraus. Warten Sie mal … Ich glaube, ich habe ihn von nichts abgerissen. Er war aus Kaliko … Ich glaube, ich habe das Geld in eine Haube meiner Wirtin eingenäht.«

»In eine Haube Ihrer Wirtin?«

»Ja, ich hatte sie ihr weggenommen.«

»Was heißt das, weggenommen?«

»Sehen Sie, jetzt fällt es mir ein. Ich hatte ihr tatsächlich einmal eine Haube weggenommen, als Wischlappen oder vielleicht um die Feder damit abzuwischen. Ich hatte sie, ohne ein Wort darüber zu sagen, an mich genommen, weil es ein ganz unbrauchbarer Fetzen war, der in meiner Stube herumlag. Und da hatte ich nun diese fünfzehnhundert Rubel, nahm das Ding und nähte sie darin ein … Ja, ich glaube, in diesen Fetzen habe ich sie eingenäht. Es war ein alter Kalikolumpen, schon tausendmal gewaschen.«

»Und Sie erinnern sich jetzt mit Sicherheit daran?«

»Ich weiß nicht, ob mit Sicherheit. Ich glaube, ich habe das Geld in die Haube eingenäht. Ach, ich spucke drauf.«

»Dann könnte sich wenigstens Ihre Wirtin erinnern, daß ihr dieser Gegenstand abhanden gekommen ist?«

»Gewiß nicht. Sie hat das Ding gar nicht vermißt. Es war ein alter Lappen, sage ich Ihnen, ein alter Lappen, der keinen Groschen wert war.«

»Und wo nahmen Sie Nadel und Faden her?‹

»Ich höre auf, ich will nicht mehr antworten. Jetzt ist es genug!« rief Mitja zornig.

»Und wiederum ist es seltsam, daß Sie so völlig vergessen haben, an welcher Stelle auf dem Marktplatz Sie dieses Säckchen weggeworfen haben.«

»Lassen Sie doch morgen den Platz fegen, vielleicht finden Sie es«, versetzte Mitja lächelnd. »Genug, meine Herren, genug!« fuhr er mit matter Stimme fort. »Ich sehe deutlich, daß Sie mir nicht glauben! Gar nichts, nicht für einen Groschen! Daran bin ich selber schuld, nicht Sie. Ich hätte Ihnen nicht damit kommen sollen. Warum habe ich mich bloß durch die Enthüllung meines Geheimnisses entehrt? Ihnen erscheint es lächerlich, das sehe ich Ihnen an den Augen an. Sie, Herr Staatsanwalt, haben mich dazu verleitet … Stimmen Sie ein Triumphlied an, wenn Sie können … Seid verflucht, ihr Folterknechte!«

Er senkte den Kopf und bedeckte das Gesicht mit den Händen; Staatsanwalt und Untersuchungsrichter schwiegen. Nach einer Minute hob er den Kopf wieder und blickte sie gedankenlos an. Auf seinem Gesicht zeigte sich jetzt totale Verzweiflung; er saß still und stumm und wie geistesabwesend da.

Die Sache mußte jedoch zu Ende gebracht werden; man mußte unverzüglich zur Vernehmung der Zeugen übergehen. Es war bereits acht Uhr morgens, die Kerzen waren längst gelöscht. Michail Makarowitsch und Kalganow, die während des Verhörs ständig herein- und hinausgelaufen waren, hatten gerade wieder einmal das Zimmer verlassen. Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter sahen ebenfalls sehr ermüdet aus. Der anbrechende Morgen hatte feuchte Witterung gebracht; der ganze Himmel war mit Wolken bedeckt, und der Regen goß wie aus Eimern herunter. Mitja starrte gedankenlos zu den Fenstern.

»Darf ich wohl einmal durchs Fenster sehen?« fragte er plötzlich Nikolai Parfjonowitsch.

»Oh, soviel Ihnen beliebt«, antwortete dieser.

Mitja stand auf und trat ans Fenster. Der Regen schlug heftig gegen die kleinen grünlichen Scheiben. Unter dem Fenster war die schmutzige Landstraße zu sehen und weiter hinten, durch den Regenschleier hindurch, schwarze, ärmliche, unansehnliche Reihen von Bauernhäusern, die von dem Regen noch schwärzer und ärmlicher auszusehen schienen. Mitja dachte an den »goldlockigen Phöbus«, bei dessem ersten Strahl er sich hatte erschießen wollen. ›Vielleicht wäre es an einem solchen Morgen noch besser gegangen‹, dachte er lächelnd; dann warf er mit einer Handbewegung gleichsam diese Gedanken von sich und kehrte zu den »Folterknechten« zurück.

»Meine Herren!« rief er. »Ich sehe ja ein, daß ich verloren bin. Aber sie? Ich flehe Sie an, sagen Sie mir, ob wirklich auch sie mit mir zugrunde gehen soll! Sie ist unschuldig! Sie war nicht bei Sinnen, als sie gestern schrie, sie sei an allem schuld. An nichts ist sie schuld, an nichts! Die ganze Nacht, während ich hier mit Ihnen saß, habe ich mir darüber Sorgen gemacht. Dürfen Sie mir nicht sagen, können Sie mir nicht sagen, was Sie jetzt mit ihr machen werden?«

»Sie können in dieser Hinsicht ganz beruhigt sein, Dmitri Fjodorowitsch«, antwortete der Staatsanwalt mit sichtlicher Eilfertigkeit. »Wir haben vorläufig keinerlei Veranlassung, die Person, für die Sie sich so interessieren, irgendwie zu beunruhigen. Und das wird im weiteren Verlauf des Prozesses auch so bleiben, hoffe ich. Wir tun in dieser Hinsicht alles, was von unserer Seite nur irgend möglich ist. Seien Sie ganz beruhigt!«

»Meine Herren, ich danke Ihnen! Ich wußte ja, daß Sie trotz allem doch ehrenhafte, rechtlich denkende Männer sind. Sie haben mir eine schwere Last vom Herzen genommen … Nun, was werden wir jetzt tun? Ich bin bereit.«

»Ja, sehen Sie, wir müssen uns beeilen. Wir müssen ohne Verzug zur Vernehmung der Zeugen schreiten. Das muß unbedingt in Ihrer Gegenwart geschehen, und daher …«

»Sollten wir nicht vorher ein bißchen Tee trinken?« unterbrach ihn Nikolai Parfjonowitsch. »Ich glaube, wir haben uns das redlich verdient.«

Sie beschlossen, falls der Tee unten fertig sein sollte – was sie annahmen, da Michail Makarowitsch wohl zu eben diesem Zweck gegangen war –, zuerst ein Gläschen Tee zu trinken und dann mit aller Energie fortzufahren. Der Tee war wirklich fertig, und es wurde schleunigst welcher heraufgebracht.

Mitja lehnte anfangs das Glas ab, das ihm Nikolai Parfjonowitsch liebenswürdig anbot; dann jedoch bat er selbst darum und trank es gierig aus. Überhaupt zeugte sein Aussehen von großer Erschöpfung. Bei seiner Körperkraft hätte man gemeint, eine durchschwärmte Nacht und selbst die stärksten Aufregungen würden ihm nicht allzuviel anhaben. Aber er fühlte selbst, daß er kaum noch sitzen konnte, und zeitweilig war es ihm, als fingen alle Gegenstände an, sich zu bewegen und vor seinen Augen zu tanzen. ›Noch ein bißchen, und ich rede am Ende noch irre!‹ mußte er denken.

8. Die Zeugenaussagen und der Traum vom »Kindelein«

Die Vernehmung der Zeugen begann, was wir allerdings nicht mit der bisherigen Ausführlichkeit schildern werden. Wir werden beispielsweise weglassen, wie Nikolai Parfjonowitsch jeden aufgerufenen Zeugen darauf hinwies, daß er wahrheitsgemäß und nach seinem Gewissen aussagen und seine Aussage später unter Eid wiederholen müsse. Ebenso werden wir weglassen, wie von jedem Zeugen verlangt wurde, daß er das Protokoll seiner Aussagen unterschrieb, und so weiter und so fort. Wir vermerken nur das eine: Die Aufmerksamkeit der vernommenen Zeugen wurde vorzugsweise immer auf die dreitausend Rubel gerichtet, das heißt, ob es bei Dmitri Fjodorowitschs erstem Gelage hier in Mokroje vor einem Monat dreitausend oder fünfzehnhundert waren und ebenso, ob bei seinem zweiten Gelage dreitausend oder fünfzehnhundert. Leider fielen ausnahmslos alle Zeugenaussagen zu Mitjas Ungunsten aus, und einige Zeugen brachten sogar neue, geradezu verblüffende, seine Angaben widerlegende Tatsachen vor. Der erste, der vernommen wurde, war Trifon Borissowitsch. Er stand ohne die geringste Furcht, mit der Miene ernsten, strengen Unwillens über den Angeklagten, vor den beiden Beamten und verlieh sich dadurch zweifellos den Anschein außerordentlicher Gerechtigkeitsliebe und persönlicher Würde. Er sprach wenig und zurückhaltend, wartete die Fragen ab und antwortete präzis und überlegt. Bestimmt und ohne Umschweife sagte er aus, daß die vor einem Monat ausgegebene Summe nicht weniger als dreitausend Rubel betragen haben konnte; alle Bauern des Dorfes würden aussagen, sie hätten aus Dmitri Fjodorowitschs eigenem Mund von dreitausend Rubeln gehört. »Wieviel Geld hat er schon allein den Zigeunerinnen hingeworfen! Denen sind allein sicherlich mehr als tausend Rubel zugefallen!«

»Ich habe ihnen vielleicht nicht einmal fünfhundert gegeben«, bemerkte Mitja finster. »Ich habe es damals nur nicht gezählt! Ich war betrunken, das ist das Malheur …«

Mitja saß diesmal seitwärts, mit dem Rücken zum Vorhang, hörte mürrisch zu und hatte eine traurige, müde Miene, als wollte er sagen: ›Ach, sagt doch aus, was ihr wollt – jetzt ist schon alles egal!‹

»Mehr als tausend haben die bekommen, Dmitri Fjodorowitsch«, widersprach Trifon Borissowitsch entschieden. »Sie warfen ja das Geld nur so hin, und die Weiber hoben es auf. Das ist ein diebisches, gaunerisches Volk, Pferdediebe sind sie, man hat sie von hier verjagt, sonst würden sie vielleicht selber aussagen, wieviel sie von Ihnen profitiert haben. Ich selbst habe damals in Ihren Händen eine Summe gesehen – gezählt habe ich sie freilich nicht, zum Zählen haben Sie sie mir nicht gegeben, das ist richtig … Aber nach dem Augenmaß waren es, wie ich mich erinnere, weit mehr als fünfzehnhundert … Wie sollten es denn bloß fünfzehnhundert … gewesen sein! Auch unsereiner hat ja Geld gesehen und kann das beurteilen …«

Über die gestrige Summe sagte Trifon Borissowitsch aus, Dmitri Fjodorowitsch hätte ihm, gleich nachdem er aus dem Wagen gestiegen sei, erklärt, er habe dreitausend Rubel mitgebracht.

»Nicht doch, Trifon Borissowitsch!« wandte Mitja ein. »Sollte ich wirklich so bestimmt erklärt haben, daß ich dreitausend mitbringe?«

»Ja, das haben Sie gesagt, Dmitri Fjodorowitsch. In Andrejs Gegenwart haben Sie es gesagt. Andrej ist ja noch da, er ist nicht weggefahren, lassen Sie ihn doch rufen! Und im Saal haben Sie geradezu geschrien, Sie ließen jetzt das sechste Tausend hier mit den früheren nämlich, so muß man das verstehen. Stepan und Semjon haben es gehört, und Pjotr Fomitsch Kalganow stand damals neben Ihnen, vielleicht erinnert der sich auch?«

Die Aussage von dem sechsten Tausend machte auf die beiden Beamten einen besonders starken Eindruck. Ihnen gefiel die neue Fassung: drei und drei, das sind sechs, also dreitausend damals und dreitausend jetzt – das macht sechstausend, die Sache war klar.

Sie befragten alle, auf die sich Trifon Borissowitsch berufen hatte, die Bauern Stepan und Semjon, den Kutscher Andrej und Pjotr Fomitsch Kalganow. Die Bauern und der Kutscher bestätigten ohne weiteres Trifon Borissowitschs Aussage. Außerdem wurde auf Grund von Andrejs Angabe ins Protokoll aufgenommen, daß Mitja mit ihm unterwegs darüber gesprochen habe, wohin er, Dmitri Fjodorowitsch, wohl kommen würde, in den Himmel oder in die Hölle, und ob ihm in jener Welt vergeben würde oder nicht. Der »Psychologe« Ippolit Kirillowitsch hörte das mit einem feinen Lächeln und ordnete schließlich an, die Aussage, wohin Dmitri Fjodorowitsch kommen würde, solle in die Akten aufgenommen werden.

Kalganow erschien mit angewiderter Miene und benahm sich mürrisch und launisch; mit dem Staatsanwalt und mit Nikolai Parfjonowitsch redete er so, als sähe er sie zum erstenmal im Leben, während er doch schon seit langer Zeit mit ihnen bekannt und täglich mit ihnen zusammengekommen war. Er begann mit der Erklärung, er wisse gar nichts und wolle auch gar nichts wissen. Aber das von dem sechsten Tausend hatte er gehört, wie sich herausstellte, und er gab zu, daß er in jenem Augenblick neben Mitja gestanden hatte. Nach seiner Ansicht hatte Mitja »ich weiß nicht wieviel« Geld bei sich gehabt. Die Frage, ob die Polen beim Kartenspiel betrogen hätten, bejahte er. Auch erklärte er auf wiederholte Fragen, nachdem die Polen hinausgejagt worden waren, habe sich das Verhältnis zwischen Mitja und Agrafena Alexandrowna tatsächlich gebessert, und sie habe selbst gesagt, daß sie ihn liebe. Über Agrafena Alexandrowna äußerte er sich zurückhaltend und respektvoll, wie über eine Dame aus der besten Gesellschaft; er erlaubte sich sogar kein einziges Mal, sie Gruschenka zu nennen. Obgleich der junge Mann seine Aussagen nur mit sichtlichem Widerwillen machte, verhörte Ippolit Kirillowitsch ihn lange und erfuhr erst von ihm viele Einzelheiten über den »Roman« Mitjas in dieser Nacht; Mitja unterbrach die Aussage nicht ein einziges Mal. Endlich entließ man den jungen Mann, und er entfernte sich mit unverhohlenem Unwillen.

Auch die Polen wurden vernommen. Sie hatten sich in ihrem Zimmer zwar hingelegt, waren aber die ganze Nacht nicht zum Schlafen gekommen und hatten sich nach der Ankunft der Amtspersonen schnell wieder angezogen und zurechtgemacht, da sie sich selbst sagten, daß man sie unweigerlich vorladen würde. Sie erschienen mit großer Würde, wiewohl nicht ohne einige Furcht. Der Höherstehende von ihnen, der kleine Herr, erwies sich als Beamter zwölfter Klasse außer Dienst; er war in Sibirien als Tierarzt angestellt gewesen und hieß Mussialowicz. Pan Wroblewski, stellte sich heraus, war privat praktizierender Dentist. Obwohl Nikolai Parfjonowitsch die Fragen an sie richtete, wandten sie sich beide mit ihren Antworten an Michail Makarowitsch, den sie wegen seiner Uniform aus Unkenntnis für die Hauptperson des Ganzen hielten; sie nannten ihn dauernd »Pan Oberst«. Und erst nach mehreren Fragen und nachdem Michail Makarowitsch selbst sie belehrt hatte, merkten sie, daß sie sich mit ihren Antworten ausschließlich an Nikolai Parfjonowitsch zu wenden hatten. Es zeigte sich, daß sie recht gut russisch konnten, abgesehen höchstens von der Aussprache einiger Wörter. Über seine früheren und jetzigen Beziehungen zu Gruschenka ließ sich Pan Mussialowicz so stolz aus, daß Mitja sofort außer sich geriet und schrie, er erlaube diesem Schuft nicht, in seiner Gegenwart so zu sprechen! Pan Mussialowicz lenkte die Aufmerksamkeit des Untersuchungsrichters sofort auf das Wort »Schuft« und bat ihn, dies in das Protokoll aufzunehmen. Mitja schäumte vor Wut.

»Und er ist doch ein Schuft! Schreiben Sie es nur hin! Und schreiben Sie auch, daß ich trotz des Protokolls laut schreie, daß er ein Schuft ist!« schrie er.

Obgleich Nikolai Parfjonowitsch dies ins Protokoll aufnehmen ließ, bewies er bei diesem unangenehmen Vorfall dennoch viel Sachkenntnis und große Geschicklichkeit im Verfahren. Nachdem er Mitja streng ermahnt hatte, brach er sogleich alle weiteren Fragen über die »romantische« Seite der Sache ab und ging schnellstens zu den sachlich wichtigen Dingen über. Als sachlich wichtig aber erschien den beiden Beamten die Aussage der Polen, daß Mitja in jenem Nebenzimmer versucht habe, Herrn Mussialowicz mit dreitausend Rubeln Abstandsgeld zu kaufen, und zwar mit siebenhundert Rubeln sofort in bar, während er die restlichen zweitausenddreihundert »morgen früh in der Stadt« erhalten sollte, wobei er sein Ehrenwort gegeben und erklärt habe, er habe hier in Mokroje zur Zeit nicht so viel Geld bei sich. Mitja bemerkte zuerst hitzig, er habe nicht gesagt, daß er das Geld bestimmt am nächsten Tag in der Stadt auszahlen werde. Pan Wroblewski aber bestätigte diese Aussage, und Mitja gab nach kurzem Überlegen schließlich mit finsterer Miene zu, daß es wahrscheinlich so war, wie die Polen sagten. Er sei damals sehr aufgeregt gewesen, und es sei daher tatsächlich möglich, daß er das gesagt habe. Der Staatsanwalt sog sich an dieser Aussage fest: Jetzt war es ihnen klar – und diese Folgerung sprachen sie später auch unumwunden aus –, daß die Hälfte oder ein Teil der dreitausend Rubel, die Mitja in die Hände gefallen waren, tatsächlich irgendwo in der Stadt oder vielleicht sogar irgendwo in Mokroje versteckt sein konnte; auf diese Art erklärte sich auch der für die Anklage mißliche Umstand, daß man bei Mitja nur achthundert Rubel gefunden hatte – ein Umstand, der bisher zwar ziemlich unerheblich gewesen war, aber doch einigermaßen zu Mitjas Gunsten gesprochen hatte. Jetzt aber brach auch dieses einzige für ihn günstige Zeugnis zusammen. Auf die Frage des Staatsanwalts, wo er denn die übrigen zweitausenddreihundert Rubel habe hernehmen wollen, um sie am nächsten Tag dem Polen »auf Ehrenwort« auszuzahlen, wo er doch nach seiner eigenen Versicherung nur fünfzehnhundert Rubel gehabt habe – auf diese Frage antwortete Mitja mit fester Stimme, er habe dem Polen kein Geld anbieten wollen, sondern eine formelle Urkunde über die Abtretung seiner Rechte auf das Gut Tschermaschnja, derselben Rechte, die er auch dem Kaufmann Samsonow und Frau Chochlakowa angeboten habe. Der Staatsanwalt lächelte über die »Naivität dieser Ausrede«.

»Und Sie glauben; daß er eingewilligt hätte, diese Abtretungsurkunde statt der zweitausenddreihundert Rubel in bar anzunehmen?«

»Zweifellos hätte er eingewilligt«, erwiderte Mitja hitzig. »Ich bitte Sie, dabei hätte er nicht nur zwei-, sondern vier- oder sechstausend Rubel herausschlagen können! Er hätte sogleich seine polnischen Advokaten zusammengetrommelt und dem Alten nicht bloß dreitausend Rubel, sondern das ganze Tschermaschnja abgenommen.«

Selbstverständlich wurde die Aussage von Pan Mussialowicz mit allen Einzelheiten ins Protokoll aufgenommen, dann wurden die beiden Polen entlassen. Der Betrug beim Kartenspiel wurde fast gar nicht erwähnt. Nikolai Parfjonowitsch war ihnen viel zu dankbar und wollte sie nicht noch mit Kleinigkeiten belästigen, zumal das alles nur ein unbedeutender Streit in betrunkenem Zustand beim Kartenspiel gewesen sein mochte und weiter nichts – was für Ausschweifungen und Ungehörigkeiten waren nicht vorgekommen in dieser Nacht! So behielten denn die Polen die zweihundert Rubel in der Tasche.

Dann wurde der alte Maximow hereingerufen. Er erschien in ängstlicher Haltung, trat mit kleinen Schritten näher und sah strubbelig und sehr traurig aus. Die ganze Zeit hatte er sich unten bei Gruschenka aufgehalten, schweigend und ab und zu aufschluchzend neben ihr gesessen und sich mit seinem blaukarierten Taschentuch die Augen gewischt, so daß sie ihm, wie Michail Makarowitsch später erzählte, schon beruhigend und tröstend zugeredet hatte. Der Alte gestand sofort unter Tränen, er sei schuldig. Er habe sich von Dmitri Fjodorowitsch zehn Rubel geborgt, »wegen meiner Armut«; er sei jedoch bereit, sie ihm zurückzugeben. Auf Nikolai Parfjonowitschs direkte Frage, ob er nicht bemerkt habe, wieviel Geld Dmitri Fjodorowitsch eigentlich in der Hand hatte, da er ihm doch bei Empfang des Darlehens näher gewesen sei als alle anderen, antwortete Maximow in entschiedenstem Ton, es seien zwanzigtausend Rubel gewesen.

»Haben Sie denn schon jemals früher zwanzigtausend Rubel gesehen?« fragte Nikolai Parfjonowitsch lächelnd.

»Gewiß, das habe ich, nur nicht gerade zwanzigtausend, sondern siebentausend, als meine Frau mein Gut verpfändete. Sie ließ mich das Geld nur von weitem sehen und prahlte damit, es war ein sehr dickes Päckchen, lauter regenbogenfarbene Scheine. Und auch Dmitri Fjodorowitsch hatte lauter solche …«

Man entließ ihn sehr bald wieder. Endlich kam die Reihe auch an Gruschenka. Die beiden Beamten waren offenbar besorgt wegen des Eindrucks, den ihr Erscheinen möglicherweise auf Dmitri Fjodorowitsch machen würde, und Nikolai Parfjonowitsch murmelte ihm sogar ein paar ermahnende Worte zu; doch Mitja neigte als Antwort nur schweigend den Kopf und gab dadurch zu verstehen, es werde nichts Ungehöriges geschehen.

Michail Makarowitsch persönlich führte Gruschenka herein. Sie trat mit ernstem, äußerlich fast ruhigem Gesicht ein und setzte sich still auf den ihr angewiesenen Stuhl, dem Untersuchungsrichter gegenüber. Sie war sehr blaß, schien zu frieren und hatte sich fest in ihren schönen schwarzen Schal gewickelt. Tatsächlich hatte sich bei ihr ein leichter Fieberschauer eingestellt, der Anfang einer langen Krankheit, die sie von dieser Nacht an durchmachte. Ihre strenge Miene, ihr offener, ernster Blick und ihr ruhiges Benehmen machten auf alle Anwesenden einen angenehmen Eindruck. Nikolai Parfjonowitsch war von ihr sogar auf Anhieb ein bißchen »enthusiasmiert«. Als er später von dieser Begegnung erzählte, gab er selber zu, er habe erst damals begriffen, daß dieses Weib »eine wirkliche Schönheit« sei; zwar habe er sie auch vorher des öfteren gesehen, doch habe er sie immer für eine Art »kleinstädtischer Hetäre« gehalten. »Sie hat Manieren wie eine Dame der höchsten Gesellschaft«, erklärte er entzückt in einem Kreis von Damen. Aber diese hörten das mit größter Entrüstung und nannten ihn dafür »Schwerenöter«, was er sich gern gefallen ließ. Als Gruschenka ins Zimmer trat, warf sie nur einen kurzen Blick auf Mitja, der sie seinerseits voller Unruhe ansah; ihre Miene beruhigte ihn jedoch im selben Augenblick. Nach den ersten notwendigen Fragen und Ermahnungen fragte Nikolai Parfjonowitsch etwas stockend, aber doch mit der höflichsten Miene, in welchen Beziehungen sie zu dem Leutnant außer Dienst Dmitri Fjodorowitsch Karamasow gestanden habe. Hierauf antwortete Gruschenka leise und fest: »Er war ein Bekannter von mir, und als Bekannten habe ich ihn im letzten Monat empfangen.«

Auf weitere neugierige Fragen erklärte sie offen, er habe ihr zwar zeitweilig gefallen, doch sie habe ihn nicht geliebt, sondern »aus schändlicher Bosheit« ihr Spiel mit ihm getrieben, genauso wie mit diesem alten Mann; sie habe gesehen, daß Mitja ihretwegen auf Fjodor Pawlowitsch und alle anderen Menschen sehr eifersüchtig war, habe sich aber darüber nur amüsiert. Zu Fjodor Pawlowitsch habe sie überhaupt niemals gehen wollen, sie habe sich über ihn nur lustig gemacht. »In diesem ganzen Monat stand mein Sinn gar nicht nach den beiden. Ich wartete auf einen anderen, der sich früher an mir vergangen hatte … Aber ich glaube«, schloß sie, »daß Sie keinen Anlaß haben, danach zu fragen, und daß ich keinen Anlaß habe, Ihnen darüber Auskunft zu geben, da das meine reine Privatangelegenheit ist.«

So verfuhr Nikolai Parfjonowitsch denn auch unverzüglich; er hielt sich nicht weiter bei den »romantischen« Punkten auf, sondern ging sofort zu etwas Ernstem über, das heißt, er kam wieder auf die Hauptfrage nach den dreitausend Rubeln zurück. Gruschenka bestätigte, daß in Mokroje vor einem Monat tatsächlich dreitausend Rubel ausgegeben worden waren; zwar habe sie das Geld nicht gezählt, doch habe sie von Dmitri Fjodorowitsch selbst gehört, daß es dreitausend Rubel gewesen seien.

»Hat er Ihnen das unter vier Augen gesagt oder in Gegenwart eines anderen Menschen, oder haben Sie nur gehört, wie er in Ihrer Gegenwart mit anderen darüber sprach?« erkundigte sich der Staatsanwalt.

Auf diese Frage erklärte Gruschenka, sie habe es von ihm in Gegenwart anderer gehört, und sie habe gehört, wie er mit anderen darüber sprach, und sie habe es von ihm selbst unter vier Augen gehört.

»Haben Sie es nur ein einziges Mal von ihm unter vier Augen gehört oder mehrmals?« fragte der Staatsanwalt wieder und erfuhr, daß Gruschenka es mehrmals gehört habe.

Ippolit Kirillowitsch war mit dieser Aussage sehr zufrieden. Bei weiteren Fragen stellte sich heraus, daß Gruschenka auch wußte, woher dieses Geld stammte, nämlich daß Dmitri Fjodorowitsch es Katerina Iwanowna weggenommen hatte.

»Und haben Sie vielleicht wenigstens einmal gehört, daß vor einem Monat nicht dreitausend Rubel ausgegeben worden sind, sondern weniger, und daß Dmitri Fjodorowitsch die andere Hälfte für sich aufbewahrte?«

»Nein, das habe ich nie gehört«, erklärte Gruschenka.

Im Gegenteil stellte sich ferner sogar heraus, daß Mitja im Laufe dieses Monats häufig zu ihr gesagt hatte, er habe kein Geld, nicht eine Kopeke. »Er erwartete immer, von seinem Vater welches zu bekommen«, schloß Gruschenka.

»Aber hat er nicht irgendwann einmal in Ihrer Gegenwart gesagt, und sei es auch nur beiläufig oder in der Erregung«, mischte sich plötzlich Nikolai Parfjonowitsch ein, »daß er einen Anschlag auf das Leben seines Vaters plante?«

»O ja, das hat er gesagt«, erwiderte Gruschenka seufzend.

»Einmal oder mehrmals?«

»Er hat mehrmals davon gesprochen und immer im Zorn.«

»Und haben Sie geglaubt, daß er es auch ausführt?«

»Nein, das habe ich nie geglaubt«, antwortete sie mit fester Stimme. »Ich verließ mich auf seine edle Gesinnung.«

»Meine Herren!« rief Mitja plötzlich. »Erlauben Sie, daß ich in Ihrer Gegenwart zu Agrafena Alexandrowna nur ein Wort sage?«

»Sprechen Sie«, entschied Nikolai Parfjonowitsch.

»Agrafena Alexandrowna!« sagte Mitja und stand von seinem Stuhl auf. »Glaube mir, was ich dir bei Gott sage: Am Blut meines ermordeten Vaters bin ich unschuldig!«

Nachdem er das gesagt hatte, setzte er sich wieder. Gruschenka erhob sich und bekreuzte sich andächtig, zu dem Heiligenbild gewandt.

»Gelobt seist du, mein Herrgott!« sagte sie warm und innig, und ehe sie sich wieder auf ihren Platz setzte, sagte sie noch zu Nikolai Parfjonowitsch: »Glauben Sie, daß es so ist, wie er es jetzt gesagt hat! Ich kenne ihn, er schwatzt vieles zusammen, sei es zum Spaß, sei es aus Trotz. Doch wenn es gegen das Gewissen geht, wird er nie lügen. Dann wird er immer die Wahrheit sagen, das können Sie glauben!«

»Ich danke dir, Agrafena Alexandrowna! Du hast mich wieder innerlich aufgerichtet! » sagte Mitja mit zitternder Stimme.

Auf die Fragen, die das Geld betrafen, erklärte sie, sie wisse nicht, wieviel es war, habe ihn aber gestern mehrmals zu den Leuten sagen hören, er habe dreitausend Rubel mitgebracht. Über die Herkunft des Geldes habe er ihr allein gesagt, er habe es Katerina Iwanowna gestohlen; und sie selbst habe ihm geantwortet, gestohlen habe er es nicht und er müsse das Geld nur gleich morgen zurückgeben. Auf die beharrliche Frage des Staatsanwalts, welches Geld er angeblich Katerina Iwanowna gestohlen habe, das gestrige oder die dreitausend Rubel, die hier vor einem Monat ausgegeben wurden, erklärte sie, er habe von dem letzteren gesprochen, und sie habe es so verstanden.

Endlich wurde Gruschenka entlassen, wobei ihr Nikolai Parfjonowitsch beflissen auseinandersetzte, sie könne jetzt in die Stadt zurückkehren, und wenn er ihr irgendwie behilflich sein könne, zum Beispiel mit einem Fuhrwerk oder mit einem Begleiter, so würde er seinerseits …

»Ich danke Ihnen verbindlich«, erwiderte Gruschenka mit einer Verbeugung, »aber ich werde mit dem alten Gutsbesitzer zurückkehren, das heißt, ich werde ihn hinbringen. Doch zunächst werde ich, wenn Sie erlauben, unten abwarten, wie Sie hier über Dmitri Fjodorowitsch entscheiden.«

Sie ging hinaus. Mitja war ruhig und schien sogar allen Mut wiedergewonnen zu haben, aber das dauerte nur einen Augenblick. Eine seltsame körperliche Schwäche überkam ihn mehr und mehr, die Augen fielen ihm vor Müdigkeit zu. Endlich war die Vernehmung der Zeugen abgeschlossen, und man schritt zur endgültigen Redaktion des Protokolls. Mitja stand auf und ging in die Ecke am Vorhang, legte sich auf eine große, mit einem Teppich bedeckte Truhe und war im nächsten Moment eingeschlafen. Da hatte er einen seltsamen Traum, der gar nicht zu dem Ort und der Zeit zu passen schien. Es war ihm, als fahre er irgendwo durch die Steppe, in der Gegend, wo er früher beim Militär gedient hatte, und ihn fahre auf einem zweispännigen Wagen bei einem Hundewetter ein Bauer. Mitja friert; es ist Anfang November, der Schnee fällt in dicken, feuchten Flocken und taut, sowie er auf die Erde kommt. Der Bauer fährt flott drauflos und schwingt munter die Peitsche; er hat einen langen, blonden Bart und ist ungefähr fünfzig Jahre alt, er trägt einen grauen Bauernkittel. Da taucht nicht weit entfernt ein Dorf auf. Mitja erblickt schwarze, ganz schwarze Hütten; die Hälfte der Hütten ist verbrannt, und nur die verkohlten Balken ragen in die Luft. An der Dorfeinfahrt haben sich an der Landstraße Frauen aufgestellt, viele Frauen, eine ganze Reihe, alle mager und abgezehrt; ihre Gesichter sehen ganz braun aus. Da ist besonders eine Frau am Ende der Reihe, eine knochige, hohe Gestalt: Sie scheint etwa vierzig Jahre alt zu sein, vielleicht aber auch erst zwanzig; sie hat ein langes, mageres Gesicht, und auf dem Arm trägt sie ein weinendes, kleines Kind, und ihre Brust ist wohl ganz ausgetrocknet, kein Tropfen Milch ist darin. Und das Kind weint und weint und streckt die nackten Ärmchen mit den kleinen Fäustchen aus, und die Ärmchen sind vor Kälte ganz blau.

»Warum weinen sie?« fragte Mitja, während er an ihnen vorüberfliegt.

»Das Kindelein«, antwortet ihm der Kutscher, »das Kindelein weint.«

Und es fällt Mitja auf, daß er »das Kindelein« gesagt hat. Und es gefällt ihm, daß der Bauer das gesagt hat: es klingt mitleidiger.

»Und weshalb weint es?« fragt Mitja wie dumm weiter. Warum sind seine Ärmchen nackt? Warum wickelt man sie ihm nicht ein?«

»Das Kindelein friert. Sein Kleidchen läßt die Kälte durch und wärmt nicht.«

»Aber warum ist das so? Warum?« Der dumme Mitja hört noch immer nicht auf zu fragen.

»Die Leute sind arm und abgebrannt, sie haben kein Brot. Sie bitten um milde Gaben für ihr abgebranntes Dorf.«

»Nein, nein«, sagt Mitja, als verstünde er immer noch nicht. »Sag mir doch, warum stehen da die Mütter, warum sind die Leute arm, warum ist das Kindelein arm, warum ist die Steppe kahl, warum umarmen und küssen sie sich nicht, warum singen sie nicht frohe Lieder, warum sind die Frauen so schwarz geworden von Not und Elend, warum ernähren sie das Kindelein nicht?«

Und er fühlt innerlich, daß seine Fragen zwar sinnlos und unvernünftig sind, daß er aber trotzdem unbedingt so fragen will – und daß so und nicht anders gefragt werden muß. Und er fühlt auch, daß in seinem Herzen eine Rührung aufkommt, wie er sie noch nie empfunden hat, daß er weinen möchte, daß es ihn verlangt, allen etwas Gutes zu tun, damit das Kindelein und die schwarze, vertrocknete Mutter des Kindes nicht mehr weinen, damit von diesem Augenblick an überhaupt niemand mehr zu weinen braucht; und er möchte das sofort tun, ohne Aufschub und trotz aller Hindernisse, mit allem Karamasowschen Ungestüm.

»Aber ich bin doch bei dir, ich werde dich nicht verlassen, mein ganzes Leben lang werde ich mit dir gehen«, ertönt neben ihm Gruschenkas liebe Stimme. Und da entbrennt sein Herz und strebt zu einem Licht, und ihn verlangt zu leben und den Weg zu dem neuen Licht, das ihn ruft, zu gehen, nur schnell, gleich jetzt, sofort …

»Was denn, wohin denn?« rief er, die Augen öffnend, und setzte sich auf seiner Truhe aufrecht. Ihm war zumute, als käme er aus einer Ohnmacht wieder zu sich, und ein helles Lächeln lag auf seinem Gesicht.

Neben ihm stand Nikolai Parfjonowitsch und forderte ihn auf, das Protokoll anzuhören und zu unterschreiben. Mitja ahnte, daß er eine Stunde oder länger geschlafen haben mußte, und er hörte kaum, was Nikolai Parfjonowitsch sagte. Es fiel ihm plötzlich auf, daß er ein Kissen unter dem Kopf hatte, das noch nicht dagewesen war, als er sich in seiner Schwäche auf die Truhe gelegt hatte.

»Wer hat mir das Kissen unter den Kopf gelegt? Wer war dieser gute Mensch?« rief er mit einem Gefühl grenzenloser Dankbarkeit und mit so gerührter Stimme, als ob man ihm Gott weiß was für eine Wohltat erwiesen hätte.

Dieser gute Mensch blieb auch später unbekannt; irgendeiner von den Zeugen, vielleicht auch Nikolai Parfjonowitschs Schreiber hatte ihm aus Mitleid das Kissen untergelegt. Mitja trat an den Tisch und erklärte, er wolle alles unterschreiben, was man von ihm verlange.

»Ich habe einen schönen Traum gehabt, meine Herren!« sagte er in seltsamem Ton und mit einem ganz neuen Gesicht, das von Freude verklärt schien.

9. Mitja wird abtransportiert

Nachdem das Protokoll unterschrieben war, wandte sich Nikolai Parfjonowitsch feierlich an den Angeklagten und las ihm eine »Verfügung« vor, welche besagte, daß im Jahre soundso, an dem und dem Tag, an dem und dem Ort, der Untersuchungsrichter des und des Distriktgerichts, nachdem er den und den (das heißt Mitja) als der und der Straftaten Beschuldigten (sorgfältige Aufzählung aller Beschuldigungen) verhört habe, in Anbetracht dessen, daß der Beschuldigte, der sich der ihm zur Last gelegten Verbrechen nicht schuldig bekenne, nichts zu seiner Entlastung vorgebracht habe, jedoch durch die Aussagen der Zeugen (Namen der Zeugen) und durch die Umstände (Angabe derselben) seine Schuld klar erwiesen sei, gestützt auf die und die Paragraphen des Strafgesetzbuches und so weiter, verfügt habe: Um dem und dem (Mitja) die Möglichkeit zu nehmen, sich der Untersuchung und dem Gericht zu entziehen, ihn in das und das Gefängnis zu setzen, dieses dem Angeschuldigten zu eröffnen und eine Abschrift dieser Verfügung dem Gehilfen des Staatsanwalts zuzustellen, und so weiter und so fort. Kurz, es wurde Mitja eröffnet, daß er von diesem Augenblick an verhaftet sei und sofort in die Stadt abtransportiert werde, wo er an einem sehr unangenehmen Ort eingesperrt werden solle. Mitja hörte aufmerksam zu, zuckte dann aber nur mit den Achseln.

»Nun gut, meine Herren, ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Ich bin bereit … Ich sehe ein, daß Ihnen nichts weiter übrigbleibt.«

Nikolai Parfjonowitsch teilte ihm in sanftem Ton mit, daß ihn der Landkommissar Mawriki Mawrikijewitsch, der gerade zufällig anwesend sei, sogleich wegbringen würde.

»Halt!«, unterbrach ihn Mitja plötzlich, dann wandte er sich, außerstande, seine Gefühle länger zu beherrschen, an alle Anwesenden und sagte: »Meine Herren, wir sind alle grausam, wir sind alle Unmenschen, wir alle bringen andere Menschen, Mütter und Säuglinge, zum Weinen – aber von allen bin ich das gemeinste Scheusal, dieses Urteil soll schon jetzt gefällt werden! Das sage ich selbst! An jedem Tag meines Lebens habe ich mir an die Brust geschlagen und mir vorgenommen, mich zu bessern, und an jedem Tag habe ich wieder dieselben Schändlichkeiten begangen. Ich sehe jetzt ein, daß für solche Menschen wie mich ein schwerer Schicksalsschlag vonnöten ist! Sie müssen wie mit einer Wurfschlinge gefangen und durch äußere Gewalt geknebelt werden. Niemals, niemals hätte ich mich aus eigener Kraft erhoben! Doch nun ist das Unwetter mit Blitz und Donner über mich niedergegangen. Ich nehme die Qual der Beschuldigung und der öffentlichen Schande auf mich, ich will leiden und durch das Leiden geläutert werden! Vielleicht kann ich doch noch geläutert werden, meine Herren, nicht wahr? Aber hören Sie zum letztenmal: An dem Blut meines Vaters bin ich unschuldig! Ich nehme die Strafe hin, nicht weil ich ihn getötet habe, sondern dafür, daß ich ihn töten wollte und es vielleicht auch wirklich getan hätte … Trotzdem beabsichtige ich mit Ihnen zu kämpfen und kündige Ihnen das an. Ich werde mit Ihnen kämpfen bis zum letzten Augenblick, und dann mag Gott entscheiden! Leben Sie wohl, meine Herren! Seien Sie mir nicht böse, daß ich Sie beim Verhör angeschrien habe, oh, ich war vorhin noch so dumm! Im nächsten Moment werde ich Gefangener sein, und jetzt reicht Ihnen Dmitri Karamasow zum letztenmal als freier Mensch seine Hand. Indem ich von Ihnen Abschied nehme, nehme ich von den Menschen Abschied!«

Die Stimme begann ihm zu zittern, und er streckte ihnen wirklich die Hand hin, doch Nikolai Parfjonowitsch, der ihm am nächsten stand, zog plötzlich seine Hände beinahe krampfhaft zurück und versteckte sie. Mitja bemerkte dies sofort und zuckte zusammen; er ließ seine ausgestreckte Hand sofort sinken.

»Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen«, sagte Nikolai Parfjonowitsch etwas verlegen. »Wir werden sie in der Stadt fortsetzen, und ich meinerseits wünsche Ihnen natürlich allen Erfolg bei Ihrer Rechtfertigung … Eigentlich bin ich immer geneigt gewesen, Dmitri Fjodorowitsch, Sie sozusagen mehr für einen unglücklichen als für einen schuldbeladenen Menschen zu halten … Wir alle hier – wenn ich wagen darf, im Namen aller zu sprechen –, wir alle sind bereit anzuerkennen, daß Sie im Grunde ein edeldenkender junger Mensch sind, der sich aber leider durch gewisse Leidenschaften allzusehr hinreißen läßt …«

Nikolai Parfjonowitschs kleines Figürchen nahm bei den letzten Worten den Ausdruck größter amtlicher Würde an, dabei huschte Mitja auf einmal ein seltsamer Gedanke durch den Kopf: Dieser »Knabe« würde ihn im nächsten Augenblick unter den Arm fassen, ihn in eine andere Ecke führen und dort mit ihm das Gespräch von neulich fortsetzen, über Mädchen. Aber was für nebensächliche, abwegige Gedanken gehen manchmal sogar einem Verbrecher, der zum Richtplatz geführt wird, durch den Kopf!

»Meine Herren, Sie sind ja gut und human … Kann ich sie noch einmal sehen und ihr zum letztenmal Lebwohl sagen?« fragte Mitja.

»Gewiß, doch in Anbetracht … Kurz, es geht jetzt nur in unserer Gegenwart …«

»Meinetwegen, bleiben Sie da!«

Gruschenka wurde hereingeführt, aber der Abschied gestaltete sich kurz und wortkarg und stellte Nikolai Parfjonowitsch ganz und gar nicht zufrieden. Gruschenka verbeugte sich tief vor Mitja.

»Ich habe dir gesagt, daß ich dir gehöre, und so wird es bleiben. Ich werde mein Leben lang mit dir gehen, wohin man dich auch bringen mag. Lebe wohl, du armer Mensch, der sich unschuldig zugrunde gerichtet hat!«

Ihre Lippen zitterten, Tränen traten ihr in die Augen.

»Lebe wohl, Gruscha! Verzeih mir, daß ich durch meine Liebe auch dich zugrunde gerichtet habe!«

Mitja wollte noch etwas sagen, brach jedoch plötzlich von selbst ab und ging hinaus. Um ihn herum erschienen sogleich Männer, die ihn nicht mehr aus den Augen ließen. Unten vor der Haustür, wo er am vorigen Tag lärmend auf Andrejs Troika vorgefahren war, standen schon zwei Bauernwagen bereit. Mawriki Mawrikijewitsch, ein untersetzter, stämmiger Mensch mit aufgedunsenem Gesicht, durch irgendeine plötzlich eingetretene Störung gereizt, ärgerte sich und schrie. In recht barschem Ton forderte er Mitja auf, einzusteigen. ›Früher, wenn ich ihn im Restaurant mit Getränken freihielt, machte dieser Mensch ein anderes Gesicht‹, dachte Mitja, während er einstieg. Auch Trifon Borissowitsch kam die Stufen vor der Haustür herunter. Am Tor drängte sich allerlei Volk, Bauern, Frauen, Fuhrleute; alle starrten Mitja an.

»Lebt wohl, liebe Leute!« rief ihnen Mitja vom Wagen aus zu.

»Verzeih auch du uns!« ließen sich zwei oder drei Stimmen vernehmen.

»Leb auch du wohl, Trifon Borissowitsch!«

Doch Trifon Borissowitsch drehte sich nicht einmal um, vielleicht hatte er zu viel zu tun. Er schrie ebenfalls etwas und war in geschäftiger Eile. An dem zweiten Wagen, auf dem zwei Dorfpolizisten Mawriki Mawrikijewitsch begleiten sollten, war nämlich noch nicht alles in Ordnung. Der Bauer, der für die zweite Troika als Kutscher beordert war, zog erst langsam seinen Kittel an und schimpfte heftig, er sei nicht an der Reihe zu fahren, sondern Akim. Aber Akim war nicht da; jemand war gelaufen, ihn zu holen, und der Bauer sträubte sich hartnäckig und bat, man möchte noch ein bißchen warten.

»Das Volk bei uns ist zu unverschämt, Mawriki Mawrikijewitsch!« rief Trifon Borissowitsch. »Akim hat dir vorgestern einen Viertelrubel gegeben, den hast du vertrunken, und nun machst du Geschrei! Ich staune nur über Ihre Geduld, Mawriki Mawrikijewitsch, weiter sage ich nichts!«

»Wozu brauchen wir denn überhaupt eine zweite Troika?« mischte sich Mitja ein. »Laß uns doch mit einer fahren, Mawriki Mawrikijewitsch. Sei unbesorgt, ich werde mich nicht widersetzen und dir nicht weglaufen. Wozu brauchst du einen ganzen Begleitschutz?«

»Lernen Sie gefälligst, wie Sie mit mir zu reden haben, mein Herr, wenn Sie das noch nicht wissen sollten. Ich bin nicht Ihr Du! Erlauben Sie sich nicht, mich zu duzen. Und auch Ihre Ratschläge können Sie für sich behalten …«, schnitt ihm Mawriki Mawrikijewitsch wütend das Wort ab, als ob er sich freute, seinen Ärger an ihm auslassen zu können.

Mitja schwieg. Er war ganz rot geworden. Einen Augenblick darauf wurde ihm auf einmal sehr kalt. Der Regen hatte aufgehört, aber der trübe Himmel war ganz mit Wolken bedeckt, und ein scharfer Wind blies Mitja ins Gesicht. ›Ich habe wohl einen Fieberanfall‹, dachte er und schüttelte die Schultern. Endlich stieg auch Mawriki Mawrikijewitsch ein. Er setzte sich schwerfällig und breit hin und schien gar nicht zu beachten, daß er Mitja durch seinen Körper stark bedrängte. Er war schlechter Laune, denn der ihm erteilte Auftrag mißfiel ihm sehr.

»Lebe wohl, Trifon Borissowitsch!« rief Mitja noch einmal und fühlte, daß er es jetzt nicht aus Gutmütigkeit getan hatte, sondern unwillkürlich, aus Bosheit.

Doch Trifon Borissowitsch stand stolz da, beide Hände auf dem Rücken, und starrte Mitja mitten ins Gesicht. Er machte eine strenge, ärgerliche Miene und antwortete nicht.

»Leben Sie wohl, Dmitri Fjodorowitsch, leben Sie wohl!« erscholl plötzlich die Stimme Kalganows, der von irgendwo hervorsprang.

Er lief zum Wagen und reichte Mitja die Hand; er hatte keine Mütze auf dem Kopf. Mitja konnte noch seine Hand ergreifen und sie ihm drücken.

»Lebe wohl, du lieber Mensch! Ich werde deine Hochherzigkeit nicht vergessen! » rief er bewegt. Doch der Wagen fuhr an, und ihre Hände wurden auseinandergerissen. Das Glöckchen des Mittelpferdes klingelte – Mitja wurde abtransportiert.

Kalganow aber lief in den Hausflur, setzte sich in eine Ecke, ließ den Kopf sinken, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte los. Lange saß er so da und weinte, als sei er noch ein kleiner Junge und kein Mann von zwanzig Jahren. Er war von Mitjas Schuld fast vollkommen überzeugt. ›Aber was sind das für Menschen, was soll man da von der Menschheit denken!‹ fragte er sich zutiefst betrübt und beinahe verzweifelt. Er mochte in diesem Augenblick überhaupt nicht mehr auf dieser Welt leben. »Lohnt es sich denn, lohnt es sich?« rief der junge Mann in seinem Kummer.

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Vorwort

Vorwort des Verfassers

Indem ich die Lebensbeschreibung meines Helden Alexej Fjodorowitsch Karamasow beginne, bin ich in einer gewissen Verlegenheit. Obgleich ich nämlich Alexej Fjodorowitsch als meinen Helden bezeichne, weiß ich doch selbst, daß er keineswegs ein großer Mann ist; daher sehe ich unweigerlich Fragen voraus wie etwa: Wodurch zeichnet sich Ihr Alexej Fjodorowitsch denn aus, daß Sie ihn zu Ihrem Helden erwählt haben? Was hat er schon geleistet? Wem ist er bekannt und wodurch? Warum soll ich, der Leser, meine Zeit mit dem Studium von Ereignissen aus seinem Leben vergeuden?

Die letzte Frage ist die heikelste; denn ich kann auf sie nur antworten: »Vielleicht entnehmen Sie das dem Roman.« Wenn nun jemand den Roman liest und es nicht entnimmt und meinen Alexej Fjodorowitsch nicht als bemerkenswert anerkennt? Ich sage das, weil ich es zu meinem Leidwesen voraussehe. Für mich ist er ein bemerkenswerter Mensch; aber ich zweifle stark, ob es mir gelingen wird, dies dem Leser zu beweisen. Das liegt daran, daß er zwar handelt, aber eben unsicher, ohne Klarheit. Allerdings wäre es seltsam, in einer Zeit wie unserer von jemandem Klarheit zu fordern. Eines steht aber wohl ziemlich fest: Er ist ein seltsamer Mensch, ja sogar ein Sonderling. Aber Seltsamkeit und Wunderlichkeit schaden eher, als daß sie ein Recht auf Beachtung geben, namentlich da alle bemüht sind, die Einzelerscheinungen zusammenzufassen und wenigstens darin irgendeinen gemeinsamen Sinn in der allgemeinen Sinnlosigkeit zu finden. Ein Sonderling aber ist in der Mehrzahl der Fälle etwas Vereinzeltes, Isoliertes. Ist es nicht so?

Wenn Sie nun aber mit dieser letzten These nicht einverstanden sind und antworten: Es ist nicht so! oder: Es ist nicht immer so! – dann würde ich hinsichtlich der Bedeutung meines Helden Alexej Fjodorowitsch doch wieder Mut fassen. Abgesehen davon, daß ein Sonderling »nicht immer« etwas Vereinzeltes und Isoliertes ist – es kommt sogar vor, daß gerade er den Kern des Ganzen in sich trägt, daß alle übrigen Menschen seiner Epoche aus irgendeinem Grund, durch irgendeinen andrängenden Wind zeitweilig von diesem Ganzen losgerissen sind …

Am liebsten hätte ich mich auf diese sehr uninteressanten und unklaren Darlegungen gar nicht eingelassen, sondern mein Werk ganz einfach ohne Vorwort begonnen: wem’s gefällt, der wird es sowieso lesen. Aber das Unglück besteht darin, daß ich zwar nur eine Lebensbeschreibung habe, dafür aber zwei Romane. Der Hauptroman ist der zweite; er enthält die Tätigkeit meines Helden in unserer Zeit, gerade in diesem jetzigen Augenblick. Der erste Roman jedoch hat sich schon vor dreizehn Jahren zugetragen; eigentlich ist er kaum ein Roman, eher ein Moment aus der frühen Jugend meines Helden. Diesen ersten Roman wegzulassen ist für mich unmöglich, vieles in dem zweiten wäre dann unverständlich. Aber auf diese Weise vergrößert sich für mich noch die ursprüngliche Schwierigkeit: Wenn schon ich, der Biograph selber, finde, ein einziger Roman ist für einen so bescheidenen und undeutlichen Helden vielleicht schon zuviel – wie soll ich da mit zwei Romanen auf den Plan treten, und womit soll ich eine solche Anmaßung entschuldigen?

Da mir die Beantwortung dieser Fragen schwerfällt, entschließe ich mich, sie überhaupt nicht zu beantworten. Selbstverständlich hat der scharfsinnige Leser längst bemerkt, daß ich von Anfang an dazu neigte, und nun ist er bloß ärgerlich auf mich, weil ich unnütze Worte und kostbare Zeit zwecklos vergeude. Darauf gebe ich eine klare Antwort: Ich habe unnütze Worte und kostbare Zeit erstens aus Höflichkeit und zweitens aus Schlauheit vergeudet. Immerhin könnte ich nachher sagen: Ich habe im voraus gewarnt! Übrigens freue ich mich sogar darüber, daß sich mein Roman von selbst in zwei Erzählungen gegliedert hat, »bei wesentlicher Einheitlichkeit des Ganzen«; wenn sich der Leser mit der ersten Erzählung bekannt gemacht hat, kann er selbst entscheiden, ob es lohnend für ihn ist, sich mit der zweiten zu befassen. Natürlich ist niemand zu etwas verpflichtet, jeder kann das Buch schon nach zwei Seiten der ersten Erzählung weglegen, um es nie wieder aufzuschlagen. Aber es gibt ja zartfühlende Leser, die durchaus bis zu Ende lesen wollen, um zu einem irrtumsfreien, unparteiischen Urteil zu gelangen; dazu gehören zum Beispiel alle russischen Kritiker. Gerade ihnen gegenüber fühle ich mich jetzt erleichtert: trotz aller Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit haben sie einen durchaus gesetzlichen Vorwand, die Erzählung bei der ersten Episode des Romans beiseite zu legen.

Nun das wäre mein ganzes Vorwort. Zugegeben, es ist überflüssig; aber da es einmal hingeschrieben ist, mag es stehenbleiben.

Doch nun zur Sache.

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Kapitel 2

Zweites Buch

Eine verfehlte Zusammenkunft

1. Ankunft im Kloster

Es war ein schöner, warmer, klarer Tag Ende August. Die Zusammenkunft mit dem Starez war gleich nach der Spätmesse verabredet, ungefähr halb zwölf. Die Besucher erschienen aber nicht zur Messe, sondern erst in dem Augenblick, als die Gläubigen die Kirche verließen. Man fuhr in zwei Wagen vor, im ersten, einer eleganten Kutsche mit zwei wertvollen Pferden, saß Pjotr Alexandrowitsch Miussow mit einem entfernten Verwandten, einem sehr jungen, erst zwanzigjährigen Menschen namens Pjotr Fomitsch Kalganow. Der junge Mann bereitete sich auf die Universität vor, aber Miussow, bei dem er vorläufig wohnte, redete ihm zu, mit ihm ins Ausland zu gehen, nach Zürich oder Jena, und dort sein Studium zu absolvieren. Der junge Mann hatte sich noch nicht entschieden. Er war nachdenklich und irgendwie zerstreut. Er hatte ein angenehmes Gesicht, war kräftig gebaut und ziemlich groß. In seinem Blick lag mitunter etwas seltsam Starres; Wie alle zerstreuten Menschen schaute er jemand lange Zeit an, ohne ihn überhaupt zu sehen. Er war schweigsam und etwas linkisch, wurde aber bisweilen – übrigens vor allem unter vier Augen – unvermittelt gesprächig, impulsiv und lachlustig; Gott weiß, über was alles er manchmal lachte. Seine Lebhaftigkeit erlosch jedoch ebenso plötzlich, wie sie entstanden war. Gekleidet war er stets gut, sogar elegant; er besaß schon ein kleines eigenes Vermögen und hatte noch weit mehr zu erwarten. Mit Aljoscha war er befreundet.

In einer alten klapprigen, aber geräumigen Droschke, die mit ihren zwei alten rötlich-grauen Gäulen weit hinter Miussows Kutsche zurückgeblieben war, kamen Fjodor Pawlowitsch und sein Sohn Iwan. Dem ältesten Sohn Dmitri Fjodorowitsch hatte man den Termin tags zuvor genau mitgeteilt, doch er verspätete sich. Die Besucher ließen ihre Wagen vor der Klostermauer beim Gasthaus stehen und traten durch das Klostertor ein. Außer Fjodor Pawlowitsch hatte anscheinend noch keiner von ihnen ein Kloster gesehen, und Miussow war vielleicht seit dreißig Jahren in keiner Kirche gewesen. Er sah sich mit einiger Neugier um, die nicht frei war von einer gewissen gespielten Ungeniertheit. Aber seinem beobachtenden Auge boten sich außer den sehr alltäglichen Kirchen- und Wirtschaftsgebäuden keine weiteren Objekte. Die letzten Besucher, die gerade aus der Kirche kamen, nahmen die Mützen ab und bekreuzigten sich. Unter dem einfachen Volk waren auch einige Mitglieder der höheren Gesellschaft: zwei oder drei Damen und ein sehr alter General; alle waren in dem Gasthaus abgestiegen. Bettler umringten sofort die Ankömmlinge, aber keiner gab ihnen etwas. Nur Petruscha Kalganow entnahm seiner Geldbörse ein Zehnkopekenstück, reichte es eilig und aus irgendeinem Grunde verlegen einer alten Frau und sagte dabei hastig: »Verteil das gleichmäßig.« Niemand aus seiner Begleitung sagte etwas darüber, so daß er eigentlich keinen Anlaß zur Verlegenheit hatte; doch, als er das selbst bemerkte, wurde er erst recht verlegen.

Es war sonderbar; eigentlich hätten die Klosterleute sie doch erwarten und womöglich mit gewissen Ehrenbezeigungen empfangen müssen; einer der Besucher hatte erst kürzlich tausend Rubel gespendet, und ein anderer war der reichste Gutsbesitzer und sozusagen der gebildetste Mensch weit und breit; hier hingen alle wegen des Fischfangs im Fluß zum Teil von ihm ab, falls der Prozeß eine solche Wendung nahm. Und trotzdem kam ihnen keine der offiziellen Persönlichkeiten entgegen. Miussow blickte zerstreut auf die Grabsteine neben der Kirche und wollte schon die Bemerkung fallenlassen, die Hinterbliebenen hätten für das Recht, ihre Toten an einem so »heiligen« Ort zu bestatten, gewiß gehörig zahlen müssen; aber er schwieg: die einfache Ironie des Liberalen hatte sich schon fast in Zorn verwandelt.

»Zum Teufel, bei wem können wir uns in diesem Durcheinander hier bloß erkundigen? Das müßten wir klären, sonst vergeht unnütz die Zeit«, murmelte er wie im Selbstgespräch.

Auf einmal trat ein ältlicher, kahlköpfiger Herr im bequemen Sommermantel, mit süßlichen kleinen Augen zu ihnen. Er lüftete den Hut und stellte sich mit honigsüßem Lispeln als Gutsbesitzer Maximow aus Tula vor. Sogleich ging er auf die Verlegenheit der Reisenden ein.

»Der Starez Sossima wohnt in der Einsiedelei, vollkommen abgeschlossen, vierhundert Schritte vom Kloster, durch das Wäldchen, durch das Wäldchen …«

»Das weiß ich auch, daß wir durch ein Wäldchen müssen«, erwiderte Fjodor Pawlowitsch, »aber ich habe den Weg vergessen; ich bin lange nicht hier gewesen.«

»Durch dieses Tor und dann geradeaus durch das Wäldchen … Durch das Wäldchen. Kommen Sie nur! Wenn es Ihnen recht ist. Ich muß selbst … Ich selbst … Bitte hier, hier …«

Sie gingen durch das Tor und schlugen die Richtung nach dem Wäldchen ein. Der Gutsbesitzer Maximow, ein Mann von etwa sechzig Jahren ging oder, richtiger, lief neben ihnen her, wobei er alle mit einer krampfhaften, schier unglaublichen Neugier betrachtete. Seine Augen hatten etwas Glotzendes.

»Wissen Sie, wir wollen in einer persönlichen Angelegenheit zu diesem Starez«, sagte Miussow in strengem Ton. »Wir haben sozusagen eine Audienz bei dieser Persönlichkeit bewilligt erhalten. Und daher möchten wir Sie doch bitten, so dankbar wir Ihnen für die Führerschaft sind, nicht gleichzeitig mit uns hineinzugehen.«

»Ich war schon drin, ich war schon … Un chevalier parfait!« Der Gutsbesitzer schnippte mit den Fingern in der Luft.

»Wer ist so ein chevalier?« fragte Miussow.

»Der Starez, dieser prächtige Starez. Der Starez. Die Ehre und der Ruhm des Klosters. Sossima. Das ist ein Starez, der …«

Sein wirres Gerede wurde durch einen Mönch, der die Besucher einholte, unterbrochen; er trug eine Kapuze, war von kleiner Statur und sah blaß und abgezehrt aus. Fjodor Pawlowitsch und Miussow blieben stehen, und der Mönch sagte mit überaus höflicher, tiefer Verbeugung: »Der Vater Abt bittet Sie, meine Herren, gehorsamst, nach Ihrem Besuch in der Einsiedelei bei ihm speisen zu wollen. Bitte um ein Uhr bei ihm, nicht später. Und Sie ebenfalls«, wandte er sich an Maximow.

»Das werde ich unbedingt tun!« rief Fjodor Pawlowitsch, der sich über die Einladung gewaltig freute. »Unbedingt. Und wissen Sie, wir haben uns das Wort gegeben, uns anständig zu betragen. Und Sie, Pjotr Alexandrowitsch, kommen Sie auch mit?«

»Warum denn nicht? Wieso bin ich sonst hergefahren, wenn ich nicht alle Bräuche hier kennenlerne! Nur eines stimmt mich bedenklich, Fjodor Pawlowitsch, daß ich jetzt mit Ihnen …«

»Ja, ja, Dmitri Fjodorowitsch ist noch nicht da.«

»Das beste wäre, er bliebe ganz weg. Glauben Sie vielleicht, Ihre Stümpereien machen mir Spaß, und dazu noch mit Ihnen? Also wir kommen zum Mittagessen; bestellen Sie dem Vater Abt unseren Dank!« wandte er sich an den Mönch.

»Es ist auch noch meine Pflicht, Sie zum Starez zu führen«, antwortete der Mönch.

»Ich aber will, wenn es so ist, zum Vater Abt. Ich werde inzwischen geradewegs zum Vater Abt gehen«, schnatterte der Gutsbesitzer Maximow.

»Der Vater Abt ist augenblicklich beschäftigt; aber wie es Ihnen beliebt …«, sagte der Mönch unsicher.

»Ein aufdringlicher alter Kerl« meinte Miussow, als der Gutsbesitzer Maximow zum Kloster zurücklief.

»Er hat Ähnlichkeit mit von Sohn«, sagte plötzlich Fjodor Pawlowitsch.

»Weiter wissen Sie wohl auch nichts! Wieso hat er Ähnlichkeit mit von Sohn? Haben Sie vielleicht von Sohn gesehen?«

»Eine Photographie von ihm. Die Ähnlichkeit liegt nicht in den Gesichtszügen, sondern – das läßt sich nicht erklären. Das vollkommenste Ebenbild des Herrn von Sohn. Ich erkenne das immer schon an der Physiognomie.«

»Na meinetwegen, Sie sind ja Kenner in solchen Dingen. Nur noch eines, Fjodor Pawlowitsch: Sie haben eben selbst gesagt, wir hätten versprochen, uns anständig zu benehmen. Sie erinnern sich. Ich rate Ihnen, beherrschen Sie sich! Sollten Sie anfangen, den Possenreißer zu spielen – ich bin nicht gewillt, mich mit Ihnen auf eine Stufe stellen zu lassen … Sehen Sie, was das für ein Mensch ist!« wandte er sich an den Mönch. »Ich fürchte mich, mit ihm unter anständige Leute zu gehen.«

Auf den blassen, blutlosen Lippen des Mönchs erschien ein leises, diskretes Lächeln, in seiner Art nicht ohne Schlauheit, doch er erwiderte nichts, und man spürte deutlich: er schwieg im Bewußtsein der eigenen Würde. Miussows Gesicht wurde noch finsterer.

›Ach, hol sie alle der Teufel!‹ dachte er. Ein bißchen Fassade, die sie sich im Laufe der Jahrhunderte erarbeitet haben – aber im Grunde ist das Scharlatanerie und dummes Zeug!‹

»Da ist die Einsiedelei; wir sind am Ziel!« rief Fjodor Pawlowitsch. »Aber das Tor in der Mauer ist zu.« Und er begann vor den Heiligen, die über und neben dem Tor gemalt waren, große Kreuze zu schlagen.

»Wenn man in ein fremdes Kloster geht, darf man sein eigenes Reglement nicht mit hineinnehmen«, sagte er. »Insgesamt fünfundzwanzig Heilige leben hier in der Einsiedelei für ihr Seelenheil, beobachten sich gegenseitig und essen Kohl. Und keine einzige Frau lassen sie durch dieses Tor, das ist besonders interessant! Es soll tatsächlich so sein. Bloß ich habe auch gehört, daß der Starez Damen empfängt?« fragte er auf einmal den Mönch.

»Frauen aus dem Volk sind auch jetzt hier. Sehen Sie, dort an der Galerie warten welche. Für bessere Damen sind auf der Galerie, aber außerhalb der Mauer, zwei kleine Zimmer angebaut; das dort sind die Fenster. Der Starez kommt, wenn er gesund ist, von innen durch einen Gang zu ihnen heraus, doch, wie gesagt, immer nur außerhalb der Mauer. Auch jetzt ist eine Dame da, eine Frau Chochlakowa, Gutsbesitzerin aus Charkow; sie wartet mit ihrer gelähmten Tochter. Wahrscheinlich hat er versprochen, zu ihnen herauszukommen, obgleich er in der letzten Zeit so schwach ist, daß er sich auch dem Volk kaum zeigt.«

»Es gibt also doch ein Schlupfloch aus der Einsiedelei zu den Damen! Glauben Sie nicht, daß ich etwas Böses denke, frommer Vater, ich meine nur so. Wissen Sie, auf dem Athos, von dem haben Sie doch schon gehört, sind nicht nur Weiberbesuche verboten, es sind überhaupt keine Weiber oder sonstige weibliche Wesen gestattet, keine Hennen, Puten, Kühe …«

»Fjodor Pawlowitsch, ich kehre gleich um und lasse Sie allein! Man wird Sie, wenn ich nicht dabei bin, zur Tür hinausführen; das prophezeie ich Ihnen!«

»Was habe ich Ihnen denn getan, Pjotr Alexandrowitsch? Sehen Sie nur«, rief er plötzlich, als er hinter die Mauer der Einsiedelei getreten war, »sehen Sie nur, in was für einem Rosental die Leute hier leben!«

In der Tat wuchsen dort zwar keine Rosen mehr, aber doch zahlreiche seltene, schöne Herbstblumen, wo immer man nur welche anpflanzen konnte. Offenbar wurden sie von kundiger Hand gepflegt. Auf dem Kirchenplatz und zwischen den Gräbern waren Blumenbeete angelegt. Das einstöckige, vor dem Eingang mit einer Galerie versehene Holzhäuschen, in dem die Zelle des Starez lag, war ebenfalls von Blumen umgeben.

»War das auch schon bei dem früheren Starez so, bei Warsonofi? Man sagt, er habe nichts Schönes leiden können? Aufgesprungen soll er sein, um mit dem Stock nach Frauen zu schlagen«, bemerkte Fjodor Pawlowitsch, als er die Stufen zur Eingangstür hinaufstieg.

»Der Starez Warsonofi machte wirklich mitunter den Eindruck eines frommen Irren; aber vieles, was von ihm erzählt wird, ist dummes Zeug. Mit dem Stock hat er niemand geschlagen«, antwortete der Mönch. »Jetzt bitte ich einen Augenblick zu warten, meine Herren; ich werde Sie melden.«

»Zum letztenmal die Bedingung, Fjodor Pawlowitsch, hören Sie gut zu! Benehmen Sie sich anständig, oder ich zahle es Ihnen heim!« brummte Miussow noch einmal.

»Ich verstehe nicht, warum Sie so aufgeregt sind«, erwiderte Fjodor Pawlowitsch spöttisch. »Haben Sie Angst ihrer Sünden wegen? Es heißt, er sieht jedem an den Augen an, weshalb er kommt. Und wie hoch Sie die Meinung dieser Leute schätzen, Sie, ein Pariser und Vorkämpfer des Fortschritts! Ich muß über Sie geradezu staunen, tatsächlich!«

Miussow konnte auf diese sarkastischen Worte nicht mehr antworten; sie wurden hereingebeten. In ziemlich gereizter Stimmung trat er ein.

›Na, ich kenne mich: ich bin gereizt und fange Streit an. Ich werde mich aufregen – und mich und die Idee entwürdigen!‹ ging es ihm durch den Kopf.

2. Ein alter Possenreißer

Sie betraten das Zimmer fast gleichzeitig mit dem Starez, der bei ihrem Erscheinen aus seiner Schlafkammer herauskam. In der Zelle warteten bereits zwei Priestermönche aus der Einsiedelei auf den Starez, der Vater Bibliothekar und der Vater Paissi, ein kranker, noch nicht einmal alter Mann, der als sehr gelehrt galt. Außerdem wartete in einer Ecke, die er in der ganzen folgenden Zeit nicht verließ, ein etwa zweiundzwanzigjähriger junger Mann in ziviler Kleidung, ein Seminarist und künftiger Theologe, der aus irgendeinem Grunde die Protektion des Klosters und der Brüderschaft genoß. Er war ziemlich groß und hatte ein frisches Gesicht, breite Backenknochen und kluge, aufmerksam blickende schmale braune Augen. Sein Gesicht drückte grenzenlose, dabei anständige, nicht buhlerische Ehrerbietung aus. Die eintretenden Gäste begrüßte er nicht einmal mit einer Verbeugung, als sei er nicht ihresgleichen, sondern untergeordnet und abhängig.

Der Starez Sossima trat in Begleitung Aljoschas und eines Novizen ein. Die Priestermönche erhoben sich und begrüßten ihn mit einer sehr tiefen Verbeugung, bei der sie mit den Fingern den Boden berührten; darauf empfingen sie den Segen und küßten ihm die Hand. Nach der Erteilung des Segens verbeugte sich auch der Starez tief vor jedem von ihnen, wobei er gleichfalls den Boden berührte, und erbat auch für sich von jedem den Segen. Die Zeremonie ging sehr ernsthaft vor sich, durchaus nicht wie ein alltäglicher Ritus, sogar mit einem gewissen Gefühl. Miussow schien es jedoch, als geschehe das mit der Absicht, Eindruck zu machen. Er stand vor den anderen, die mit ihm eingetreten waren; er hätte also, wie er ei sich am Abend auch vorgenommen hatte, ohne Rücksicht auf irgendwelche Ideen, einfach aus Höflichkeit, vortreten und sich, da es hier nun einmal Brauch war, von dem Starez segnen lassen müssen – der Handkuß konnte ja unterbleiben. Als er jedoch die Verbeugungen und Handküsse der Priestermönche sah, änderte er sofort seinen Entschluß; würdevoll und ernst machte er eine ziemlich tiefe Verbeugung nach weltlicher Art und ging dann zu einem Stuhl. Genau so verhielt sich Fjodor Pawlowitsch, der wie ein Affe Miussow kopierte. Iwan Fjodorowitsch verbeugte sich würdevoll und höflich, behielt aber ebenfalls die Hände an der Hosennaht; Kalganow endlich war so verlegen, daß er sich gar nicht verbeugte, Der Starez ließ die schon zum Segnen bereite Hand wieder sinken, verbeugte sich zum zweitenmal vor ihnen und bat sie, Platz zu nehmen. Aljoscha brannte das Blut in den Wangen; er schämte sich. Seine schlimmen Ahnungen erfüllten sich.

Der Starez setzte sich auf ein kleines, lederbezogenes Mahagonisofa von altmodischer Bauart; die Gäste hatte er bis auf die beiden Priestermönche an der gegenüberliegenden Wand Platz nehmen lassen, in einer Reihe, auf vier Lehnstühlen, die mit stark abgewetztem schwarzem Leder ausgeschlagen waren. Die Priestermönche setzten sich etwas abseits, der eine an die Tür, der andere ans Fenster. Der Seminarist, Aljoscha und der Novize blieben stehen. Die Zelle bot nicht allzu viel Raum und sah gewissermaßen verfallen aus. Die Möbel waren schlicht und ärmlich, es war nur das Nötigste vorhanden. Auf dem Fensterbrett standen zwei Blumentöpfe, in der einen Ecke befanden sich viele Ikonen; eine davon, eine Darstellung der Muttergottes, war sehr groß, sie war offenbar lange vor der Kirchenspaltung gemalt worden. Vor diesem Bild brannte ein Lämpchen. Daneben hingen zwei andere Heiligenbilder in glänzenden Rahmen, und außerdem gab es zwei holzgeschnitzte Cherubim, Ostereier aus Porzellan, ein Kruzifix mit der Mater dolorosa und aus Elfenbein einige ausländische Stiche nach berühmten italienischen Meistern früherer Jahrhunderte. Neben diesen schönen und kostbaren Stichen prangten ein paar vulgäre russische Lithographien von Heiligen, Märtyrern, Metropoliten und so weiter, wie sie für wenige Kopeken auf den Jahrmärkten verkauft werden. Auch einige lithographierte Porträts zeitgenössischer und früherer russischer Bischöfe waren vorhanden, allerdings an den anderen Wänden. Miussow ließ seine Augen flüchtig über »den ganzen Kram« hingleiten und blickte dann unverwandt auf den Starez. Er hatte von seinem eigenen Blick eine hohe Meinung, eine verzeihliche Schwäche, wenn man bedenkt, daß er schon fünfzig war – ein Alter, in dem kluge und in gesicherter Stellung lebende Leute von Welt sich selbst mehr und mehr zu verehren pflegen, manchmal ganz unwillkürlich.

Im ersten Augenblick mißfiel ihm der Starez wirklich. In seinem Gesicht lag etwas, was Miussow und vielen anderen mißfallen mußte. Er war ein kleiner, gebeugter Mann auf sehr schwachen Beinen, zwar erst fünfundsechzig Jahre alt, doch infolge seiner Kränklichkeit mindestens zehn Jahre älter wirkend. Sein mageres Gesicht war übersät mit kleinen Runzeln, besonders um die Augen. Die Augen waren nicht groß, aber hell, sehr beweglich und glänzend wie leuchtende Punkte. Das graue Haar hatte sich nur an den Schläfen erhalten; das spitze Bärtchen war klein und dünn, die Lippen, die öfters zu lächeln pflegten, waren schmal wie zwei Schnürchen. Die Nase war nicht sehr lang, dafür spitz wie der Schnabel eines Vogels.

›Allen Anzeichen nach ist das ein boshaftes und kleinlich anmaßendes Seelchen‹, schoß es Miussow durch den Kopf. Und überhaupt war er mit sich sehr unzufrieden.

Das Schlagen einer Uhr half, das Gespräch in Gang zu bringen. Eine kleine billige Wanduhr mit Gewichten schlug in schnellen Schlägen zwölf.

»Genau die festgesetzte Stunde«, rief Fjodor Pawlowitsch, »aber mein Sohn Dmitri Fjodorowitsch ist noch nicht da. Ich bitte für ihn um Entschuldigung, heiliger Starez!« (Bei dem Ausdruck »heiliger Starez« zuckte Aljoscha zusammen.) »Ich selbst bin immer pünktlich, auf die Minute, denn Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.«

»Sie sind aber doch kein König«, brummte Miussow, der sich von vornherein nicht beherrschen konnte.

»Ja, das ist richtig, ich bin kein König. Denken Sie nur, Pjotr Alexandrowitsch, ich wußte das selbst, bei Gott! Sehen Sie, ich rede immerzu unpassende Dinge! Euer Ehrwürden«, rief er mit plötzlichem Pathos, »Sie sehen einen echten Possenreißer vor sich! So empfehle ich mich denn auch. Eine alte Angewohnheit von mir, ach ja! Daß ich aber manchmal am unrechten Ort Unsinn schwatze, liegt sogar in meiner Absicht; ich will die Leute erheitern und mich beliebt bei ihnen machen. Man muß sich doch etwas beliebt machen, wie? Kam ich da vor sieben Jahren in ein Städtchen, wo ich so meine Geschäfte hatte; ich wollte mit irgendwelchen Kaufleuten ein Kompaniegeschäft gründen. Wir gehen also zum Isprawnik, zum Bezirkshauptmann, denn wir mußten ihn um dies und jenes bitten und ihn zum Essen einladen. Der Bezirkshauptmann tritt in das Zimmer, in dem wir warten: ein großer, dicker, blonder, finsterer Mensch – in solchen Fällen die gefährlichsten Typen, denen läuft leicht eine Laus über die Leber. Ich sprach ihn ohne weiteres an, mit weltmännischer Ungeniertheit! ›Wissen Sie was, Herr Isprawnik, seien Sie sozusagen unser Naprawnik!‹ ›Was für ein Naprawnik?‹ fragte er. Ich sah augenblicks, daß mein Witz nicht gewirkt hatte; er stand ernst da und sah mich starr an. ›Ich wollte‹, sagte ich, ›zur allgemeinen Erheiterung einen kleinen Scherz machen, da Herr Naprawnik ein berühmter russischer Kapellmeister ist und wir, damit sich unser Unternehmen harmonisch gestalte, gleichfalls so was wie einen Kapellmeister nötig haben.‹ Ein ganz vernünftiger Vergleich und eine ganz vernünftige Erklärung, nicht wahr? ›Entschuldigen Sie‹, sagte er, ›ich bin Isprawnik und erlaube niemand, mit meinem Amtstitel Späße zu treiben!‹ Damit drehte er sich um und ging weg. Ich lief hinter ihm her und rief: ›Ja, ja, Sie sind Isprawnik und nicht Naprawnik!‹ – ›Nein‹, sagte er, ›wenn Sie es nun einmal gesagt haben, bin ich eben Naprawnik!‹ Und denken Sie, unsere Sache ging wirklich in die Brüche! So mache ich es immer. Immer! Ich schade mir unweigerlich durch meine eigene Liebenswürdigkeit! Einmal, vor vielen Jahren, sagte ich zu einer einflußreichen Persönlichkeit: ›Ihre Frau Gemahlin ist eine sehr kitzlige Dame!‹ Ich meinte das in bezug auf Ehre, im geistigen Sinne; er aber erwiderte sofort: ›Haben Sie sie denn gekitzelt?‹ Ich konnte mich nicht beherrschen. ›Nur zu!‹ dachte ich. ›Ich will mal liebenswürdig sein‹ ›Ja‹, sage ich, ›ich habe sie gekitzelt.‹ Na, da hat er mich auch ein bißchen gekitzelt. Aber das ist schon lange, lange her, so daß ich mich deswegen nicht mehr zu schämen brauche. Mein Leben lang schade ich mir selbst.«

»Das tun Sie, auch jetzt«, brummte Miussow voll Widerwillen. Der Starez sah schweigend von einem zum anderen.

»Na, so was! Denken Sie nur, Pjotr Alexandrowitsch, das habe ich gewußt. Mehr noch: ich habe sogar geahnt, daß Sie der erste sein würden, der es mir sagt. In dem Augenblick, Ehrwürden, wo ich sehe, daß eines meiner Späßchen nicht einschlägt, beginnen meine beiden Backen am unteren Zahnfleisch festzutrocknen, und ich bekomme fast eine Art Krampf. Das habe ich schon seit meiner Jugend, als ich Kostgänger bei Adligen war und mich auf diese Art ernährte. Ich bin von Kindesbeinen an ein Possenreißer, und das ist beinahe dasselbe, Ehrwürden, wie Wahnsinn. Möglich, daß wirklich ein unreiner Geist in mit wohnt, wenn auch nur einer von kleinem Kaliber. Ein großer hätte sich eine andere Wohnung gesucht, nur nicht die Ihrige, Pjotr Alexandrowitsch, denn Sie sind ebenfalls keine großartige Wohnung. Dafür bin ich aber gläubig; ich glaube an Gott. Nur in der letzten Zeit habe ich manchmal gezweifelt, aber deshalb sitze ich nun auch hier und warte auf große Aussprüche. Es geht mir wie dem Philosophen Diderot, Ehrwürden. Kennen Sie, heiligster Vater, die Geschichte, wie Diderot zur Zeit der Zarin Katharina zum Metropoliten Platon kam? Er kam herein und sagte geradezu: ›Es gibt keinen Gott!‹ Worauf der große Kirchenfürst den Finger erhob und antwortete: ›Nur ein Tor spricht, in seinem Herzen sei kein Gott!‹ Da warf sich Diderot, wie er ging und stand, auf die Knie und rief: ›Ich glaube und will mich taufen lassen!‹ Und er wurde auf der Stelle getauft. Die Fürstin Daschkowa war seine Patin, Potjomkin sein Pate…«

»Fjodor Pawlowitsch, das ist nicht zu ertragen! Sie wissen selbst, daß Sie Unsinn schwatzen und daß diese dumme Anekdote nicht wahr ist; weshalb schauspielern Sie also?« sagte Miussow mit bebender Stimme und fast schon außer sich.

»Mein ganzes Leben lang habe ich geahnt, daß sie nicht wahr ist!« rief Fjodor Pawlowitsch begeistert. »Ich will Ihnen, meine Herren, dafür auch die ganze Wahrheit sagen. Großer Starez! Verzeihen Sie mir, ich habe das letzte, das von Diderots Taufe, soeben selbst hinzuerfunden, erst diesen Augenblick, als ich das Geschichtchen erzählte; früher ist mir das nie in den Kopf gekommen. Der Pikanterie halber habe ich es hinzuerfunden. Das ist auch der Grund, Pjotr Alexandrowitsch, weswegen ich schauspielere: Ich will mich beliebt machen. Ich weiß übrigens manchmal selber nicht, weshalb ich es tue. Was aber Diderot anlangt, so habe ich dieses ›Nur ein Tor spricht‹ in jungen Jahren an die zwanzigmal von den Gutsbesitzern gehört, bei denen ich lebte; unter anderem hörte ich es von Ihrer Tante Mawra Fominitschna, Pjotr Alexandrowitsch. Sie alle sind heute noch überzeugt, daß Diderot, der Gottesleugner, zum Metropoliten Platon kam, um mit ihm über die Existenz Gottes zu streiten …«

Miussow stand auf, weil er die Geduld verloren hatte und die Kontrolle über sich verloren zu haben schien. Er war wütend und war sich dabei bewußt, daß er infolgedessen eine lächerliche Figur abgab. In der Tat – etwas Unerhörtes ging vor in der Zelle. Seit vierzig oder fünfzig Jahren, seit der Zeit der früheren Starzen, pflegten sich Besucher hier zu versammeln, aber niemals geschah es anders als in tiefster Ehrfurcht. Fast alle Zugelassenen begriffen beim Betreten der Zelle, daß ihnen eine große Gnade widerfuhr. Viele sanken auf die Knie und standen während des gesamten Besuches nicht auf. Viele hochstehende Persönlichkeiten und hochgelehrte Männer, ja selbst Freidenker, die aus Neugier oder einem anderen Grunde gekommen waren, empfanden Respekt und taktvolles Benehmen als erste Pflicht, wenn sie in Begleitung oder zu einem Gespräch unter vier Augen die Zelle betraten, zumal es hier nicht um Geld ging: Auf der einen Seite war nur Liebe und Gnade und auf der anderen Reue und der sehnliche Wunsch, eine schwere seelische Frage zu entscheiden oder dem eigenen Herzen über einen schweren Moment hinwegzuhelfen. Fjodor Pawlowitschs Possenreißerei, die großen Mangel an Respekt vor dem Ort bekundete, rief deshalb bei den Zeugen, zumindest bei manchen, größtes Befremden und Erstaunen hervor. Die Priestermönche, die übrigens ihren Gesichtsausdruck nicht veränderten, warteten mit gespannter Aufmerksamkeit auf die Worte des Starez, machten sich aber anscheinend schon bereit, wie Miussow aufzustehen. Aljoscha, der mit gesenktem Kopf dastand, war nahe daran, in Tränen auszubrechen. Am sonderbarsten erschien ihm, daß sein Bruder Iwan Fjodorowitsch, der einzige, auf den er gehofft hatte, weil er allein genügend Einfluß auf den Vater hatte, ihn zurückzuhalten, jetzt regungslos, mit niedergeschlagenem Blick auf dem Stuhl saß und offenbar halb interessiert, halb neugierig abwartete, wie alles enden würde, so als wäre er selbst ganz unbeteiligt. Den Seminaristen Rakitin, mit dem er sehr gut bekannt war, mochte Aljoscha erst gar nicht ansehen: er kannte seine Gedanken, und zwar als einziger im ganzen Kloster.

»Verzeihen Sie mir«, wandte sich Miussow an den Starez, »wenn ich Ihnen gleichfalls an den unwürdigen Späßen beteiligt scheine. Ich bin nur insofern schuldig, als ich geglaubt habe, sogar ein Mensch wie Fjodor Pawlowitsch würde seine Pflicht begreifen, wenn er bei einer so geachteten Persönlichkeit zu Besuch ist. Ich ahnte nicht, daß ich mich allein, weil ich mit ihm hergekommen bin, würde entschuldigen müssen.«

Pjotr Alexandrowitsch sprach nicht zu Ende; er geriet völlig in Verwirrung und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen.

»Beunruhigen Sie sich nicht, ich bitte Siel« sagte auf einmal der Starez, erhob sich auf seine schwachen Beine, nahm beide Hände Pjotr Alexandrowitschs und nötigte ihn, sich wieder in den Lehnstuhl zu setzen. »Beruhigen Sie sich. Ich bitte Sie ganz, besonders, mein Gast zu sein.« Er machte eine Verbeugung, wandte sich um und setzte sich wieder auf das kleine Sofa.

»Großer Starez, sagen Sie offen: Kränke ich Sie durch meine Lebhaftigkeit?« rief plötzlich Fjodor Pawlowitsch und umfaßte mit beiden Händen die Seitenlehnen des Sessels, bereit, aufzuspringen, je nachdem, wie die Antwort ausfallen würde.

»Ich bitte auch Sie inständig, sich nicht zu beunruhigen und sich keinen Zwang anzutun«, sagte der Starez in eindringlichem Ton. »Tun Sie sich keinen Zwang an, fühlen Sie sich wie zu Hause! Und was die Hauptsache ist, schämen Sie sich nicht so sehr vor sich selbst; denn davon kommt alles.«

»Ganz wie zu Hause? Das heißt in meiner ganzen Natürlichkeit? Oh, das ist viel, allzuviel; trotzdem, ich bin gerührt und nehme an! Aber wissen Sie, gesegneter Vater, rufen Sie nicht nach meiner ganzen Natürlichkeit, riskieren Sie das nicht; so weit möchte selbst ich nicht gehen. Ich warne Sie in Ihrem eigenen Interesse. Na, und alles übrige liegt noch im Dunkel des Unbekannten, obgleich gewisse Leute gern eine genaue Schilderung von mir geben möchten. Das geht an Ihre Adresse, Pjotr Alexandrowitsch. Ihnen aber, heiligstes Wesen, sage ich nur das eine: Ich fließe über vor Entzücken!« Er stand auf und sagte mit erhobenen Händen: »Selig der Leib, der dich trug, und die Brüste, die dich tränkten. Besonders die Brüste! Sie haben soeben durch Ihre Bemerkung: ›Schämen Sie sich nicht so sehr vor sich selbst; denn davon kommt alles das!‹ bewiesen, daß Sie mich durchschaut haben. Wenn ich nämlich irgendwo unter Leuten bin, will es mir immer scheinen, als sei ich gemeiner als sie, als hielten mich alle für einen Possenreißer. Und dann sage ich mir: Also gut, spiele ich eben den Possenreißer; ich fürchte mich nicht vor eurem Urteil, ihr seid doch allesamt gemeiner als ich! Darum bin ich dann ein Possenreißer: aus Scham, großer Starez, aus Scham. Und einzig und allein aus Mißtrauen schlage ich Krakeel. Könnte ich überzeugt sein, daß mich alle für den liebenswürdigsten und klügsten Menschen halten – Herrgott, was wäre ich für ein guter Mensch! Meister!« rief er plötzlich. und fiel auf die Knie: »Was muß ich tun, damit ich das ewige Leben erhalte?«

Auch jetzt war schwer zu entscheiden, ob er Possen trieb oder wirklich gerührt war.

Der Starez richtete seine Augen auf ihn und antwortete lächelnd: »Sie wissen längst selbst, was Sie tun müssen. Sie haben genug Verstand. Geben Sie sich nicht der Trunksucht hin, zügeln Sie Ihre Zunge, frönen Sie nicht der Sinnenlust, vergöttern Sie nicht das Geld und schließen Sie Ihre Branntweinschenken. Sofern Sie nicht alle schließen können, wenigstens zwei oder drei. Die Hauptsache aber, das Allerwichtigste: Lügen Sie nicht!«

»Sie meinen das von Diderot, nicht wahr?«

»Nein, nicht nur das von Diderot. Vor allen Dingen: belügen Sie nicht sich selbst! Wer sich selbst belügt und an seine eigene Lüge glaubt, der kann zuletzt keine Wahrheit mehr unterscheiden, weder in sich noch um sich herum; er achtet schließlich weder sich selbst noch andere. Wer aber niemand achtet, hört auch auf zu lieben und ergibt sich den Leidenschaften und rohen Genüssen, um sich auch ohne Liebe zu beschäftigen und zu zerstreuen. Er sinkt unweigerlich auf die Stufe des Viehs hinab, und all das, weil er sich und die Menschen unaufhörlich belogen hat. Wer sich selbst belügt, ist auch leichter beleidigt als andere. Sich beleidigt fühlen, ist manchmal sehr angenehm, nicht wahr? Ein solcher Mensch weiß genau, daß ihn niemand beleidigte, daß er sich die Beleidigung vielmehr selber ausdachte und mit Lügen ausschmückte und so aus der Mücke einen Elefanten machte. Er weiß das selbst und ist doch der erste, der sich beleidigt fühlt, beleidigt in einem Maße, daß er Vergnügen und Lust dabei empfindet. Und von da ist es dann nicht weit bis zu wirklicher Feindschaft … Aber bitte, erheben Sie sich doch und setzen Sie sich; das sind doch auch nur verlogene Gesten!«

»Gottgefälliger Mensch! Lassen Sie mich Ihre Hand küssen!« rief Fjodor Pawlowitsch, sprang auf und drückte dem Starez schnell einen schmatzenden Kuß auf die magere Hand. »Ja, ja, so ist es, genauso; es ist angenehm, sich beleidigt zu fühlen, Sie haben das so schön gesagt, wie ich es noch nie gehört habe. Ganz so, genauso habe ich mich mein Leben lang beleidigt gefühlt, bis ich Genuß empfand. Auch aus ästhetischen Gründen, denn es ist manchmal auch schön, beleidigt zu sein. Das haben Sie noch vergessen, großer Starez: schön! Das werde ich mir ins Notizbuch schreiben! Und gelogen habe ich mein Leben lang, täglich und stündlich. Wahrlich, ich bin die Lüge selbst, ich bin der Vater der Lüge! Nein, nicht der Vater der Lüge, da habe ich mich im Ausdruck vergriffen, vielleicht eher der Sohn der Lüge, das reicht ja auch schon. Nur wissen Sie, mein Schutzengel: So etwas wie das über Diderot darf man doch manchmal sagen? So etwas kann doch keinen Schaden anrichten? Wohl aber sagt man manches andere, und das schadet dann. Apropos, großer Starez, das hätte ich fast vergessen – schon seit drei Jahren habe ich mir vorgenommen, mich hier zu erkundigen, herzufahren und dringend um Auskunft zu bitten. Verbieten Sie bloß diesem Pjotr Alexandrowitsch, mich zu unterbrechen. Wonach ich fragen möchte, ist dies: Ist es wahr, großer Vater, was irgendwo in den ›Lebensbeschreibungen der Heiligen‹ über einen heiligen Wundertäter berichtet wird? Er soll wegen des Glaubens gemartert worden sein, und als man ihm den Kopf abgeschlagen hatte, soll er aufgestanden sein, seinen Kopf aufgehoben und ihn ›liebevoll geküßt‹ haben. Er soll lange so mit dem Kopf umhergegangen sein; ihn ›liebevoll küssend‹. Ist das nun wahr oder nicht, meine ehrenwerten Väter?«

»Nein, das ist nicht wahr«, sagte der Starez.

»Es steht nichts Derartiges in den ›Lebensbeschreibungen der Heiligen‹. Von welchen Heiligen soll denn das geschrieben stehen?« fragte einer der Priestermönche, der Vater Bibliothekar.

»Das weiß ich selbst nicht, weiß ich wirklich nicht. Ich bin getäuscht worden; man hat es mir erzählt. Ich habe es gehört, und wissen Sie, wer es erzählt. hat? Hier, Pjotr Alexandrowitsch Miussow, der sich soeben über Diderot ereifert hat, der hat’s erzählt.«

»Ich habe Ihnen das nie erzählt; ich rede überhaupt nicht mit Ihnen.«

»Das ist richtig, mir haben Sie es nicht erzählt, wohl aber in einer Gesellschaft, in der ich anwesend war, vor drei oder vier Jahren. Ich erwähne das, weil Sie durch diese lächerliche Geschichte meinen Glauben erschüttert haben, Pjotr Alexandrowitsch. Sie wußten es nicht; aber ich bin mit erschüttertem Glauben nach Hause zurückgekehrt, und seitdem ist mein Glauben immer mehr wankend geworden. Ja, Pjotr Alexandrowitsch, Sie waren die Ursache eines verhängnisvollen Falles. Das ist denn doch was anderes als das Geschichtchen über Diderot!«

Fjodor Pawlowitsch hatte sich in ein hitziges Pathos hineingesteigert; doch war es allen klar, daß er sich wieder nur verstellte. Trotzdem fühlte sich Miussow tief verletzt.

»Was ist das für Unsinn; das ist alles lauter Unsinn!« brummte er. »Ich habe es vielleicht wirklich einmal erzählt, aber nicht Ihnen. Es ist mir selbst erzählt worden. Ich hörte es in Paris von einem Franzosen; er sagte, es stehe in unseren ›Lebensbeschreibungen der Heiligen‹ und werde bei der Messe vorgelesen … Es war ein sehr gelehrter Mann, der sich besonders mit dem Studium der Statistik Rußlands beschäftigte und lange in Rußland gelebt hatte … Ich selbst habe die ›Lebensbeschreibungen der Heiligen‹ nicht gelesen und werde sie auch nicht lesen. Was plaudert man nicht alles bei Tische. Wir speisten damals gerade …«

»Ja, Sie speisten damals gerade, und ich verlor meinen Glauben!« reizte ihn Fjodor Pawlowitsch.

»Was schert mich Ihr Glaube!« schrie Miussow, gewann dann aber schnell die Selbstbeherrschung zurück und fuhr voll Verachtung fort: »Sie besudeln buchstäblich alles, womit Sie in Berührung kommen.«

Der Starez erhob sich auf einmal von seinem Platz.

»Verzeihen Sie, meine Herren, daß ich Sie für ein Weilchen verlasse, nur auf ein paar Minuten«, wandte er sich an die Besucher. »Es warten Leute auf mich, die schon vor Ihnen da waren. Sie aber bitte ich, nicht zu lügen«, fügte er, zu Fjodor Pawlowitsch gewandt, mit heiterer Miene hinzu.

Er verließ die Zelle; Aljoscha und der Novize sprangen hinzu, um ihn die Stufen vor der Tür hinunterzuführen. Aljoscha atmete nur mühsam; er war froh hinauszukommen, aber er freute sich auch, daß der Starez sich nicht gekränkt fühlte, sondern heiter war.

Der Starez wollte sich zur Galerie begeben, um die Wartenden zu segnen. Aber Fjodor Pawlowitsch hielt ihn doch noch an der Tür der Zelle fest.

»Gottgefälligster Mensch!« rief er gefühlvoll. »Erlauben Sie mir, Ihnen noch einmal die Hand zu küssen! Mit Ihnen kann man noch reden, mit Ihnen kann man leben! Sie glauben wohl, daß ich immer so dumm bin und den Possenreißer spiele? So sollen Sie wissen, daß ich mich die ganze Zeit absichtlich verstellte, um Sie auszuforschen. Ich habe die ganze Zeit an Ihnen herumgetastet, ob man wohl mit Ihnen leben könnte, ob mein bescheidenes Persönchen neben Ihrer stolzen Person einen Platz fände. Ich stelle Ihnen ein Belobigungszeugnis aus: Man kann mit Ihnen leben. Und jetzt werde ich schweigen; die ganze Zeit werde ich schweigen. Ich werde auf dem Lehnstuhl sitzen und schweigen. Jetzt, Pjotr Alexandrowitsch, ist es an Ihnen, zu reden; jetzt sind Sie die Hauptperson – für zehn Minuten.«

3. Gläubige Weiber

Unten an der kleinen hölzernen Galerie, die an die Außenseite der Ringmauer angebaut war, hatten sich diesmal nur Weiber aus dem einfachen Volk versammelt, etwa zwanzig. Man hatte sie benachrichtigt, daß der Starez endlich herauskommen werde, und so drängten sie sich erwartungsvoll. Die Gutsbesitzerin Frau Chochlakowa und ihre Tochter, die auch auf den Starez warteten, waren auf die Galerie herausgekommen, befanden sich aber in jenem Teil, der für vornehmere Besucher bestimmt war. Frau Chochlakowa, eine reiche, stets geschmackvoll gekleidete junge Dame, war eine sehr angenehme Erscheinung, ein wenig blaß, mit sehr lebhaften, fast ganz schwarzen Augen. Sie war erst dreiunddreißig Jahre alt und schon seit fünf Jahren Witwe. Ihre vierzehnjährige Tochter litt an einer Lähmung der Beine. Das arme Mädchen konnte seit einem halben Jahr nicht gehen und mußte auf einem bequemen Rollstuhl gefahren werden. Sie hatte ein entzückendes Gesichtchen, das zwar infolge der Krankheit etwas schmal, aber trotzdem sehr lustig war. In ihren großen dunklen Augen mit den langen Wimpern lag etwas Schelmisches. Die Mutter hatte schon seit dem Frühjahr die Absicht, sie ins Ausland zu bringen, doch hatte die Verwaltung des Gutes sie aufgehalten. Etwa eine Woche hielten sie sich schon in unserer Stadt auf, mehr in geschäftlichen Angelegenheiten als zu einer Pilgerfahrt, und schon einmal, vor drei Tagen, hatten sie den Starez besucht. Jetzt waren sie plötzlich wiedergekommen, obgleich sie wußten, daß der Starez kaum noch jemand empfangen konnte, hatten sie inständig das Glück erfleht, »den großen Heilbringer sehen zu dürfen«. Während sie auf den Starez warteten, saß die Mama neben dem Rollstuhl der Tochter, und zwei Schritte entfernt stand ein alter Mönch, der aus einem fernen, wenig bekannten Kloster im Norden gekommen war. Er wollte sich gleichfalls vom Starez segnen lassen.

Als der Starez auf der Galerie erschien, schritt er an allen eben erwähnten Personen vorbei und ging zunächst zum einfachen Volk. Die Menge drängte zu den drei Stufen, die auf die niedrig gelegene Galerie führten. Der Starez trat auf die oberste Stufe, legte das Schultertuch um und segnete die herandrängenden Frauen. Auch eine Schreikranke wurde an beiden Armen zu ihm hingezogen. Kaum hatte sie den Starez erblickt, begann sie unbändig zu winseln und zu schluchzen und zuckte wie bei einem epileptischen Anfall am ganzen Körper. Der Starez legte ihr das Schultertuch auf den Kopf und sprach ein kurzes Gebet über sie, worauf sie gleich verstummte und sich beruhigte. Ich weiß nicht, wie es jetzt damit steht, aber in meiner Kindheit hatte ich oft Gelegenheit, diese Schreikranken auf dem Lande und in Klöstern zu sehen und zu hören. Man führte sie zur Messe, und sie kreischten oder bellten wie Hunde, so daß es durch die ganze Kirche schallte; brachte man sie aber zum Sakrament, hörte die »Besessenheit« sofort auf, und die Kranken beruhigten sich für einige Zeit. Das machte auf mich als Kind einen außerordentlichen Eindruck und erfüllte mich mit großem Erstaunen. Aber damals hörte ich auf meine Fragen von einigen Gutsbesitzern und besonders von meinen Lehrern in der Stadt, das alles sei nur Verstellung, Arbeitsscheu, und lasse sich jederzeit durch Strenge beseitigen, zur Bekräftigung wurden allerlei Geschichtchen erzählt. Später hörte ich zu meiner Verwunderung von Fachärzten, daß es sich hierbei ganz und gar nicht um Verstellung handle, sondern um eine schreckliche Frauenkrankheit, die vor allem bei uns in Rußland auftritt und von dem schweren Los unserer Dorfbewohnerinnen zeugt! Ursache der Krankheit sei, daß nach schweren Entbindungen, die nicht ordnungsgemäß und ohne ärztlichen Beistand vorgenommen werden, zu früh wieder anstrengende Arbeit aufgenommen werde; hinzu kämen ausweglose Sorgen, Schläge und so weiter, was manche Frauennaturen nicht wie so viele andere ertragen könnten. Die seltsame augenblickliche Heilung »besessener« und um sich schlagender Frauen angesichts des Sakraments – eine Heilung, die man mir als von den Pfaffen inszenierten Hokuspokus erklärt hatte – erfolge wahrscheinlich ebenfalls auf natürliche Weise. Die Frauen, die die Kranken zum Sakrament brachten, und vor allem die Kranken selbst seien fest überzeugt, daß der unreine Geist es niemals erträgt, wenn sie zum Sakrament geführt werden und vor ihm ihre Knie beugen. Aus diesem Grunde vollziehe sich in den nervösen und natürlich geisteskranken Frauen im Augenblick des Kniefalls vor dem Sakrament eine unvermeidliche Erschütterung des gesamten Organismus, hervorgerufen durch den festen Glauben an das Wunder der Heilung. Und so trete sie denn auch ein, wenngleich nur für sehr kurze Zeit.

Und sie trat auch jetzt ein, sobald der Starez die Kranke mit dem Schultertuch bedeckt hatte.

Viele der ihn umdrängenden Frauen waren vom Eindruck des Augenblicks überwältigt und brachen in Tränen der Rührung und des Entzückens aus. Andere wollten wenigstens den Saum seines Gewandes küssen. Manche sprachen Gebete. Der Starez erteilte allen den Segen und ließ sich mit einigen in ein Gespräch ein. Die Schreikranke kannte er schon; sie war nicht zum erstenmal und nicht von weit her, sondern aus einem nur sechs Werst entfernten Dorf zu ihm gebracht worden.

»Aber da ist eine, die kam von weit her!« sagte er und zeigte auf eine noch gar nicht alte, aber sehr magere, abgezehrte Frau, deren Gesicht von der Sonne verbrannt, ja geradezu schwarz war. Sie lag auf den Knien und sah den Starez starr an. In ihrem Blick lag etwas wie Verzückung.

»Ja, von weit her, Väterchen, von weit her, dreihundert Werst von hier. Von weit her, Väterchen, von weit her«, erwiderte sie in singendem Tonfall und wiegte den Kopf gleichmäßig von einer Seite zur anderen; eine Wange stützte sie dabei mit der Hand. Ihre Worte klangen wie Klagegesang.

Es gibt beim einfachen Volk einen schweigenden und geduldigen Kummer; er tritt in sich zurück und bleibt stumm. Aber es gibt auch einen hervorbrechenden Kummer; der macht sich einmal in Tränen Luft und geht dann über in Klagegesang. Das ist besonders bei Frauen der Fall. Aber er ist nicht leichter als der schweigende Kummer. Der Klagegesang wirkt nur insofern lindernd, als er das Herz noch mehr zerreißt. Ein solcher Kummer verlangt nicht nach Trost; er nährt sich von dem Gefühl seiner Untröstbarkeit. Der Klagegesang entspringt dem Bedürfnis, die Wunde immer von neuem zu reizen.

»Du gehörst gewiß zum Kleinbürgerstand?« fuhr der Starez fort und sah die Frau teilnahmsvoll an.

»Wir sind aus der Stadt, Vater, aus der Stadt; wir stammen vom Land, aber wir sind jetzt Städter, wohnen in der Stadt. Um dich zu sehen, bin ich gekommen, Vater. Wir haben von dir gehört, Vater, wir haben von dir gehört. Mein kleines Söhnchen habe ich begraben, und da bin ich gegangen, zu Gott zu beten. In drei Klöstern bin ich gewesen, und nun haben mir die Leute geraten: Geh auch noch dorthin, Nastasjuschka! Das heißt, zu Ihnen, Täubchen, zu Ihnen. Da bin ich also hergekommen. Gestern war ich im Nachtgottesdienst, und heute bin ich zu Ihnen gekommen.«

»Worüber weinst du denn?«

»Um mein Söhnchen gräme ich mich, Väterchen. Beinahe drei Jahre war es alt, es fehlten nur drei Monate. Um mein Söhnchen quäle ich mich, Vater, um mein Söhnchen. Er war der letzte Sohn, der mir geblieben war. Vier hatten wir, Nikituschka und ich. Aber die Kinderchen bleiben nicht bei uns. Teuerster, sie bleiben nicht. Die drei ersten habe ich begraben und mich nicht allzusehr gegrämt, den letzten aber kann ich nicht vergessen. Er steht immer vor mir und weicht nicht. Er hat mir die Seele ausgesogen. Ich sehe seine Wäsche an, seine Hemdchen oder seine Stiefelchen und heule. Ich lege alles vor mich hin, was von ihm übriggeblieben ist; jedes Stück, das ihm gehört hat, sehe ich an und heule. Ich habe zu Nikituschka, meinem Mann, gesagt: ›Laß mich fort, lieber Mann, laß mich wallfahrten gehen!‹ Er ist Droschkenkutscher, wir sind nicht arm, wir betreiben das Fuhrgeschäft selbständig, alles gehört uns, die Pferde und der Wagen. Aber was haben wir jetzt von unserem Hab und Gut? Er hat in meiner Abwesenheit sicher angefangen zu trinken, mein Nikituschka, ganz sicher, das war auch früher schon so, kaum wandte ich den Rücken, wurde er schwach. Aber jetzt denke ich gar nicht an ihn. Jetzt bin ich schon drei Monate von Hause fort. Ich habe alles vergessen, alles vergessen und mag mich nicht erinnern; was sollte ich jetzt auch bei ihm? Ich habe mit ihm abgeschlossen, ganz und gar abgeschlossen, mit allen Menschen habe ich abgeschlossen. Und ich möchte jetzt mein Haus und mein Hab und Gut nicht sehen, am liebsten möchte ich jetzt überhaupt nichts sehen!«

»Hör zu, Mutter!« sagte der Starez. »In alten Zeiten sah einmal ein großer Heiliger im Gotteshaus so eine Mutter wie dich, die weinte auch um ihr einziges Kind, das Gott zu sich gerufen hatte. ›Weißt du denn nicht‹, sagte der Heilige ›wie keck diese Kindlein vor Gottes Thron sind? Niemand ist kecker als sie im Himmelreich. Du hast uns das Leben geschenkt, Herr, sagen sie zu Gott, aber kaum hatten wir es erschaut, hast du es uns schon wieder genommen! Und dann bitten und flehen sie so keck, daß ihnen der Herr ohne Verzug den Rang von Engeln verleiht. Und darum‹, sagte der Heilige, ›freue auch du dich, Weib, und weine nicht; denn auch dein Kindlein ist jetzt beim Herrn in der Schar der Engel.‹ So sprach in alten Zeiten der Heilige zu der weinenden Frau. Er war ein großer Heiliger und konnte unmöglich die Unwahrheit sagen. Daher wisse auch du, Mutter, daß dein Kindlein jetzt froh und heiter vor Gottes Thron steht und für dich betet. Und darum weine nicht, sondern freue dich!«

Das Weib hörte ihn an mit gesenktem Kopf, die eine Wange in die Hand gestützt. Sie seufzte tief:

»Genauso hat mich Nikituschka getröstet; Wort für Wort wie du hat er gesagt: ›Du Unvernünftige, was weinst du? Unser Söhnchen singt jetzt bei Gott dem Herrn zusammen mit den Engeln.‹ Das sagte er zu mir, aber er selbst weint, das sehe ich, er weint genauso wie ich. ›Das weiß ich‹, sage ich, ›Nikituschka. Wo sollte er denn auch anders sein als bei Gott dem Herrn? Nur hier, hier bei uns ist er jetzt nicht, Nikituschka, hier neben uns, wo er früher saß!‹ Ach, wenn ich ihn doch nur ein einziges Mal, nur einen einzigen Augenblick wieder sehen könnte! Ich würde nicht zu ihm hingehen, würde kein Wort sagen, in einer Ecke würde ich mich verstecken. Nur ein einziges Augenblickchen möchte ich ihn sehen und hören, wie er auf dem Hof spielt und wie er dann gelaufen kommt und mit seinem kleinen Stimmchen ruft: ›Mütterchen, wo bist du?‹ Wenn ich nur ein einziges Mal hören könnte, wie er mit seinen Füßen tapp tapp durchs Zimmer läuft, nur ein einziges Mal! So schnell, so schnell kam er manchmal zu mir gelaufen und schrie und lachte! Wenn ich doch nur seine Füßchen hören könnte, ich würde sie gleich erkennen! Aber er lebt nicht mehr, Väterchen, ich werde ihn nie wieder hören. Hier, das ist ein Gürtelchen, aber er selbst ist nicht mehr, ich werde ihn nie wieder sehen und hören!«

Sie zog aus ihrem Busen ein kleines gesticktes Gürtelchen, doch kaum hatte sie einen Blick darauf geworfen, begann sie krampfhaft zu schluchzen, sie bedeckte die Augen mit den Fingern und konnte die Tränen nicht halten.

»Das ist das alte Wort«, sagte der Starez, »Rahel beweint ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen; denn es ist aus mit ihnen. Das ist nun einmal das Los, das euch Müttern auferlegt ist. Laß dich nicht trösten, du brauchst dich nicht trösten zu lassen. Laß dich nicht trösten und weine, nur erinnere dich jedesmal, wenn du weinst, daß dein Söhnchen einer der Engel Gottes ist und von dort auf dich herabschaut, dich sieht, sich deiner Tränen freut und sie Gott dem Herrn zeigt. Noch lange wird dir dieses große mütterliche Weinen beschieden sein; zuletzt aber wird es sich in eine stille Freude verwandeln, und deine bitteren Tränen werden nur noch Tränen stiller Rührung und der Läuterung des Herzens sein, die dich vor Sünden bewahrt. Deines Sohnes aber werde ich in meinem Gebet gedenken, ich will für die Ruhe seiner Seele beten. Wie hieß er denn?«

»Alexej, Väterchen.«

»Ein lieber Name. Nach Alexej, dem Gottesmann?«

»Ja, Väterchen, nach Alexej, dem Gottesmann.«

»Das ist ein großer Heiliger! Ich werde deines Sohnes in meinem Gebet gedenken, Mutter, und deiner Trauer werde ich gedenke, und deines Mannes, daß er gesund bleiben möge. Aber daß du ihn verläßt, ist eine Sünde. Geh zu deinem Mann und behüte ihn! Sonst wird dein Sohn von dort sehen, daß du seinen Vater verlassen hast, und er wird über euch weinen. Warum willst du seine Seligkeit stören? Er lebt ja, er lebt; denn die Seele lebt ewig. Wenn er auch leiblich nicht mehr im Hause weilt, ist er doch unsichtbar um euch. Aber wie wird er ins Haus kommen, wenn du sprichst, dir sei dein Haus verhaßt geworden? Zu wem wird er kommen, wenn er den Vater und die Mutter nicht zusammen findet? Sieh, jetzt träumst du von ihm und quälst dich im Traum; dann aber wird er dir sanfte Träume senden. Geh zurück zu deinem Mann, Mutter! Gleich heute geh zu ihm!«

»Ich werde zu ihm gehen, du mein Bester, auf dein Wort hin werde ich zu ihm gehen. Du hast mein Herz ergründet. Nikituschka, du mein Nikituschka, du wartest ja auf mich, du wartest auf mich!« redete die Frau vor sich hin; doch der Starez hatte sich schon zu einer alten Frau gewandt, die nicht wie eine Pilgerin, sondern eher städtisch gekleidet war. Man sah es ihr an den Augen an, daß sie ein Anliegen hatte und gekommen war, um eine Mitteilung zu machen. Sie war, wie sie angab, die Witwe eines Unteroffiziers aus unserer Stadt. Ihr Sohn Wassenka habe in einem Militärbüro gedient und sei nach Sibirien gekommen, nach Irkutsk. Zweimal habe er geschrieben, aber seit einem Jahr nicht mehr. Sie habe sich nach ihm erkundigen wollen, wisse aber in Wirklichkeit nicht, wie sie das anstellen solle.

»Da sagte mir neulich Stepanida Iljinitschna Bedrjagina, eine sehr reiche Kaufmannsfrau: ›Weißt du was, Prochorowna, schreibe den Namen deines Sohnes auf einen Zettel für das Verzeichnis der Verstorbenen‹, sagte sie, ›bring den Zettel in die Kirche und laß eine Messe für die Ruhe seiner Seele lesen. Dann‹, sagte sie, ›wird er sich in seiner Seele beunruhigt fühlen und dir einen Brief schreiben. Das ist ein zuverlässiges, ein vielfach erprobtes Mittel‹, sagte Stepanida Iljinitschna. Ich habe aber doch meine Zweifel … Du unser Licht, ist das wahr oder nicht? Und ist es recht, so was zu tun?«

»Wirf den Gedanken von dir! Du solltest dich schämen, danach überhaupt zu fragen. Wie ist es denn möglich, daß man für einen Lebenden eine Seelenmesse lesen läßt, und noch dazu als leibliche Mutter! Das ist eine ähnlich große Sünde wie Zauberei; nur wegen deiner Unwissenheit kann sie dir verziehen werden. Bete lieber zur Himmelskönigin, der willigen Beschützerin und Helferin, für seine Gesundheit und daß sie dir deinen unrechten Gedanken verzeihen möge. Und dann noch eines, Prochorowna: Entweder kommt dein Sohn bald selbst zurück, oder er schickt einen Brief. Das wisse! Geh und verhalte dich von nun an ruhig! Dein Sohn ist am Leben, sage ich dir.«

»Du unser Lieber, Gott belohne dich, du unser Wohltäter, der du für uns und unsere Sünden betest!«

Der Starez hatte in der Menge bereits die glühenden Augen einer abgezehrten, offenbar schwindsüchtigen jungen Bäuerin bemerkt. Schweigend sah sie ihn an, ihre Augen baten um etwas, aber sie schien sich zu fürchten, näher zu kommen.

»Was führt dich her, meine Liebe?«

»Erlöse meine Seele, Vater!« sagte sie leise und langsam, fiel auf die Knie und beugte sich bis zu seinen Füßen. »Ich habe gesündigt, Vater. Ich fürchte mich wegen der Sünde.«

Der Starez setzte sich auf die unterste Stufe, und die Frau näherte sich ihm, ohne sich von den Knien zu erheben.

»Ich bin das dritte Jahr Witwe«, begann sie fast flüsternd und schien dabei am ganzen Körper zu zittern. »Ich hatte es schwer in der Ehe, er war alt und schlug mich. Dann lag er krank, ich sah ihn an und dachte: Wenn er nun wieder gesund wird und aufsteht, was dann? Und da kam mir dieser Gedanke …«

»Warte!« sagte der Starez und brachte sein Ohr ganz dicht an ihre Lippen. Die Frau sprach flüsternd weiter, so daß die anderen kaum ein Wort auffangen konnten. Sie war bald fertig.

»Das dritte Jahr?« fragte der Starez.

»Ja, das dritte. In der ersten Zeit dachte ich nicht daran; doch dann wurde ich krank und kränker und verlor meine Ruhe.«

»Kommst du von weit her?«

»Fünfhundert Werst.«

»Hast du es in der Beichte gesagt?«

»Ja, ich habe es gesagt. Zweimal habe ich es gesagt.«

»Hat man dich zum Abendmahl zugelassen?«

»Ja, man hat mich zugelassen. Aber ich habe Angst. Ich fürchte mich vor dem Tod.«

»Fürchte dich vor nichts und fürchte dich niemals, beunruhige dich nicht! Wenn die Reue in deinem Herzen nicht schwächer wird, so wird Gott dir verzeihen. Auf der ganzen Erde ist keine Sünde, die Gott einem, der aufrichtig bereut, nicht vergibt. Der Mensch kann auch gar keine so große Sünde begehen, daß die unendliche Liebe Gottes durch sie erschöpft würde. Oder kann es eine so große Sünde geben, daß sie über Gottes Liebe hinausgeht? Sorge nur, daß du bereust, ohne Unterlaß. Und vertreibe die Furcht! Glaube, daß Gott dich unausdenkbar liebt, trotz deiner Sünde und in deiner Sünde. Steht doch schon in der Schrift, daß über einen Sünder, der Buße tut, im Himmel mehr Freude ist als über zehn Gerechte. Gehe hin und fürchte dich nicht mehr! Sei nicht erbittert wider die Menschen und zürne nicht wegen erlittener Kränkung! Vergib von ganzem Herzen dem Verstorbenen, was er dir Leides angetan hat, und versöhne dich mit ihm aufrichtig. Wenn du bereust, so liebst du auch. Liebst du aber, so gehörst du schon Gott. Durch Liebe wird alles gutgemacht, alles gerettet. Wenn ich, ein sündiger Mensch wie du, schon über dich gerührt bin und Mitleid empfinde, um wieviel mehr dann erst Gott? Die Liebe ist ein unermeßlicher Schatz, für den man die ganze Welt kaufen kann. Nicht nur seine eigenen, auch fremde Sünden kann man damit loskaufen. Gehe hin und fürchte dich nicht!«

Er schlug über ihr dreimal das Zeichen des Kreuzes, nahm ein kleines Heiligenbild von seinem Hals und hängte es ihr um. Sie verbeugte sich schweigend vor ihm bis zur Erde. Er erhob sich und schaute heiter eine kräftige Frau an, die einen Säugling auf dem Arm trug.

»Ich bin aus Wyschegorje, lieber Mann.«

»Immerhin sechs Werst von hier! Mit dem Kindchen wird dir der Weg nicht leicht geworden sein. Was wünschst du?«

»Ich bin nur gekommen, um dich zu sehen. Ich bin schon früher manchmal, hier gewesen; hast du’s vergessen? Dann mußt du kein gutes Gedächtnis haben. Die Leute bei uns sagten, du wärst krank. ›Ach was‹, dachte ich, ›ich gehe hin, sehe ihn mit selber an.‹ Und da sehe ich dich nun; wie kann man nur sagen, du bist krank! Du lebst sicher noch zwanzig Jahre! Gott, ist mir dir! Und du hast ja so viele, die für dich beten – wie könntest du denn krank sein?«

»Ich danke dir für alles, meine Liebe.«

»Bei der Gelegenheit habe ich noch eine kleine Bitte. Hier sind sechzig Kopeken, lieber Mann. Gib sie einer Frau, die ärmer ist als ich. ›Das beste ist, ich lasse sie jemandem durch ihn zukommen‹, dachte ich auf dem Weg hierher, er wird schon wissen, wem er sie geben muß.‹«

»Ich danke dir, meine Liebe. Ich danke dir, meine Gute. Ich habe dich lieb. Ich werde deine Bitte ausführen. Ist das ein Mädchen auf deinem Arm?«

»Ein Mädchen, du unser Licht, und heißt Lisaweta.«

»Gott segne euch beide, dich und die kleine Lisaweta! Du hast mein Herz fröhlich gemacht, Mutter. Lebt wohl, meine Lieben! Lebt wohl, meine Teuren!«

Er erteilte allen den Segen und verbeugte sich tief vor ihnen.

4. Eine kleingläubige Dame

Die Gutsbesitzerin hatte aufmerksam verfolgt, wie der Starez mit den einfachen Frauen gesprochen und sie gesegnet hatte; sie vergoß stille Tränen und trocknete sie mit ihrem Taschentuch. Sie war eine mitfühlende Dame von Welt mit vielen aufrichtig guten Neigungen. Als der Starez zuletzt auch an sie herantrat, begrüßte sie ihn voll Begeisterung: »Der Anblick der ganzen rührenden Szene hat mich so tief, so tief ergriffen …« Sie konnte vor Erregung nicht weitersprechen. »Oh, ich verstehe, daß das Volk Sie liebt. Ich selbst liebe das Volk, wie sollte man auch das Volk, unser prächtiges, in seiner Größe so schlichtes russisches Volk nicht lieben!«

»Wie steht es um die Gesundheit Ihrer Tochter? Sie wünschten mich wieder zu sprechen?«

»Oh, ich habe inständig darum gebeten und gefleht: Ich war bereit, auf die Knie zu fallen und notfalls drei Tage lang vor Ihrem Fenster liegenzubleiben, bis Sie mich vorlassen würden. Wir sind gekommen, großer Heilspender, um Ihnen begeistert Dank zu sagen. Sie haben meine Lisa geheilt, völlig geheilt nur dadurch, daß Sie am Donnerstag über sie beteten und Ihre Hände auf sie legten. Wir sind gekommen, um diese Hände zu küssen und unseren Gefühlen und unserer Verehrung Ausdruck zu geben!«

»Wieso habe ich sie geheilt? Sie liegt ja immer noch im Rollstuhl?«

»Aber das nächtliche Fieber hat aufgehört, schon seit zwei Tagen, seit Donnerstag«, erwiderte die Dame in nervöser Hast. »Ja, noch mehr: ihre Beine haben sich gekräftigt. Heute früh stand sie gesund auf, nachdem sie die ganze Nacht geschlafen hatte. Sehen Sie nur ihre rote Gesichtsfarbe und ihre glänzenden Augen! Sonst weinte sie immer, jetzt aber lacht sie und ist vergnügt. Heute verlangte sie hartnäckig, auf die Füße gestellt zu werden, und stand eine ganze Minute allein da, ohne Stütze. Sie will mit mir wetten, daß sie in vierzehn Tagen eine Quadrille tanzen kann. Ich ließ unseren Doktor Herzenstube kommen; er zuckte die Achseln und sagte: ›Ich bin erstaunt, das verstehe ich nicht!‹ Und da wollen Sie, wir sollen Sie nicht weiter stören? Wir mußten einfach hereilen und Ihnen danken. So bedanke dich doch, Lisa, bedanke dich!«

Lisas liebes, lachendes Gesicht wurde auf einmal ernst; sie richtete sich nach besten Kräften im Rollstuhl auf, schaute den Starez an und faltete vor ihm die Hände. Sie konnte sich jedoch nicht beherrschen und brach unvermittelt in Lachen aus.

»Ich lache nur über ihn, über ihn!« sagte sie und deutete auf Aljoscha. Sie ärgerte sich wie ein Kind über sich selbst, weil sie sich nicht hatte beherrschen können. Wer Aljoscha beobachtete, der einen Schritt hinter dem Starez stand, konnte auf seinem Gesicht eine hektische Röte bemerken, die urplötzlich seine Wangen übergoß. Seine Augen leuchteten auf, und er senkte den Kopf.

»Sie hat einen Auftrag an Sie, Alexej Fjodorowitsch. Wie steht es mit Ihrer Gesundheit?« wandte die Mama sich plötzlich an Aljoscha und streckte ihm ihre kleine Hand mit dem eleganten Handschuh hin. Der Starez drehte sich um und sah Aljoscha aufmerksam an. Dieser näherte sich Lisa und reichte ihr mit seltsam ungeschicktem Lächeln die Hand. Lisa machte eine wichtige Miene.

»Katerina Iwanowna schickt Ihnen das durch mich«, sagte sie und übergab ihm ein kleines Briefchen. »Sie läßt Sie sehr bitten, so schnell wie möglich zu ihr zu kommen und ihre Erwartung nicht zu enttäuschen.«

»Sie läßt mich bitten, zu ihr zu kommen? Mich, zu ihr … Warum denn?« murmelte Aljoscha aufs höchste erstaunt. Sein Gesicht drückte auf einmal starke Beunruhigung aus.

»Oh, das ist alles wegen Dmitri Fjodorowitsch. Wegen all der letzten Ereignisse«, erklärte eilfertig die Mama. »Katerina Iwanowna ist zu einem festen Entschluß gelangt. Und daher muß sie unbedingt Sie sehen. Warum? Das weiß ich allerdings nicht; aber sie ließ bitten, Sie möchten so schnell wie möglich kommen. Und das werden Sie doch auch tun? Bestimmt werden Sie das tun, das gebietet schon die Christenpflicht.«

»Ich habe sie nur ein einziges Mal gesehen«, sagte Aljoscha, noch immer verständnislos.

»Oh, sie ist ein so hohes, unerreichbares Wesen! Schon in Anbetracht ihrer Leiden … Stellen Sie sich nur vor, was sie schon ertragen hat und was sie jetzt erträgt! Und stellen Sie sich vor, was sie noch erwartet! Das ist alles schrecklich, schrecklich!«

»Nun gut, ich werde kommen«, sagte Aljoscha, nachdem er das kurze, rätselhafte Billett überflogen hatte; es enthielt nur die dringende Bitte zu kommen, aber keine Erklärungen.

»Ach, das wäre liebenswürdig von Ihnen, großartig!« rief Lisa, auf einmal ganz lebhaft. »Ich sagte noch zu Mama: ›Er wird bestimmt nicht kommen; er denkt nur an sein Seelenheil.‹ Was sind Sie für ein lieber Mensch! Ich habe schon immer gewußt daß Sie ein lieber Mensch sind, es ist mir angenehm, es Ihnen jetzt zu sagen.«

»Lisa!« rief die Mama vorwurfsvoll, lächelte aber gleich wieder. »Sie haben auch uns ganz vergessen, Alexej Fjodorowitsch! Sie wollen uns gar nicht mehr besuchen – und dabei hat Lisa mir zweimal gesagt, daß sie sich nur in Ihrer Gegenwart wohl fühlt.«

Aljoscha hob den Blick, errötete plötzlich und lächelte wieder, ohne zu wissen, warum. Der Starez beobachtete ihn aber nicht mehr. Er sprach mit dem fremden Mönch, der neben Lisas Rollstuhl auf sein Erscheinen gewartet hatte. Es war offenbar ein sehr einfacher Mönch, das heißt aus einfachem Stande, mit einer beschränkten, unerschütterlichen Weltanschauung, aber auf seine Weise gläubig und hartnäckig. Er sagte, er sei aus dem hohen Norden gekommen, aus Obdorsk, aus dem armen, von nur neun Mönchen bewohnten Kloster »Zum Heiligen Silvester«. Der Starez erteilte ihm den Segen und lud ihn, wenn es ihm gefällig sei, zu sich in seine Zelle.

»Wie machen Sie es nur möglich, solche Taten zu vollbringen?« fragte plötzlich der Mönch, wobei er nachdrucksvoll und feierlich auf Lisa wies. Er spielte auf ihre »Heilung« an.

»Es ist noch zu früh, davon zu reden. Eine leichte Besserung ist noch keine Heilung; sie kann auch andere Ursachen haben. Wenn aber wirklich etwas geschehen wäre, so nicht durch menschliche Kraft, sondern durch Gottes Ratschluß. Alles kommt von Gott. Besuchen Sie mich, Vater«, fügte er hinzu. »Doch kann ich nicht zu jeder Zeit Besuche empfangen; ich bin krank und weiß, daß meine Tage gezählt sind.«

»Nein, nein, Gott wird Sie nicht von uns nehmen! Sie werden noch lange, lange leben!« rief die Mama. »Was fehlt Ihnen denn auch? Sie sehen so gesund aus, so heiter und glücklich.«

»Ich fühle mich heute viel wohler. Aber ich weiß, das dauert nicht lange. Ich kenne jetzt meine Krankheit. Durch nichts aber konnten Sie mich so erfreuen wie durch die Bemerkung, ich käme Ihnen so glücklich vor. Die Menschen sind zum Glücklichsein geschaffen, und wer ganz glücklich ist, der darf sagen: Ich habe Gottes Gebot erfüllt. Alle Gerechten, alle Heiligen, alle heiligen Märtyrer waren glücklich.«

»Wie Sie das sagen! Was für kühne, erhabene Worte!« rief die Mama. »Es dringt einem mitten ins Herz, wenn Sie reden. Und doch, das Glück – wo ist das Glück? Wer kann von sich sagen, er sei ganz glücklich? Da Sie uns gütigst erlaubt haben, Sie heute noch einmal zu sehen, so hören Sie denn alles, was ich Ihnen das vorige Mal verschwiegen habe, weil ich nicht den Mut hatte, es Ihnen zu sagen: alles, worunter ich leide, schon lange, lange leide! Ich leide, verzeihen Sie mir, ich leide …« Ungestüm faltete sie ihre Hände vor ihm.

»Worin besteht Ihr Leiden?«

»Mein Leiden besteht im Unglauben … «

»Im Unglauben an Gott?«

»O nein, so etwas wage ich gar nicht zu denken! Aber das zukünftige Leben, das ist mir ein Rätsel! Und niemand kann es mir lösen, dieses Rätsel! Hören Sie, Sie Heilsspender, Sie Kenner der menschlichen Seele! Ich kann natürlich nicht verlangen, daß Sie mir völlig glauben, aber ich versichere Ihnen hoch und teuer, daß ich nicht leichtfertig zu Ihnen rede, daß mich vielmehr der Gedanke an ein Leben nach dem Tode aufregt bis zu tatsächlichem Leiden, ja bis zu Schrecken und Angst … Ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll. Ich hatte mein Leben lang nicht den Mut. Und jetzt, jetzt wage ich es, mich an Sie zu wenden … O Gott, wofür werden Sie mich halten!« Sie schlug die Hände zusammen.

»Sorgen Sie sich nicht um meine Meinung«, antwortete der Starez. »Ich glaube durchaus an die Aufrichtigkeit Ihres Kummers.«

»Oh, wie dankbar bin ich Ihnen! Sehen Sie, ich schließe oft die Augen und denke: Wie kommt es, daß alle Menschen glauben? Es wird vielfach gesagt, das habe seinen Ursprung in der Furcht vor schrecklichen Naturerscheinungen, weiter gar nichts. Und nun denke ich: Wenn ich mein ganzes Leben geglaubt habe und dann sterbe, und dann ist da nichts, und auf dem Grabe wächst die Klette, wie ich bei einem Dichter las? Das wäre doch entsetzlich! Wodurch kann ich den Glauben wiedererlangen? Übrigens habe ich nur geglaubt, als ich noch klein war, mechanisch, ohne etwas dabei zu denken. Aber wie und wodurch läßt sich das beweisen? Ich bin gekommen, um vor Ihnen niederzufallen und Sie um Auskunft zu bitten. Denn wenn ich jetzt die Gelegenheit verstreichen lasse, wird mir mein Leben lang niemand mehr meine Frage beantworten. Wie läßt es sich beweisen, wie kann man zur Überzeugung gelangen? Oh, das ist mein Unglück! Ich stehe da und sehe, daß allen oder fast allen rings um mich her die ganze Sache gleichgültig ist und daß niemand sich darum Sorge macht – nur ich kann das nicht ertragen. Das richtet mich zugrunde, völlig zugrunde!«

»Ohne Zweifel richtet das einen Menschen zugrunde. Beweisen läßt sich hier allerdings nichts; doch zur Überzeugung zu gelangen, das ist möglich.«

»Wie das? Wodurch?«

»Durch die Erfahrung der tätigen Liebe. Bemühen Sie sich, Ihre Nächsten tätig und unermüdlich zu lieben! Je größere Fortschritte Sie in der Liebe machen, desto mehr werden Sie sich überzeugen von dem Dasein Gottes und von der Unsterblichkeit Ihrer Seele. Und wenn Sie in Ihrer Nächstenliebe bei völliger Selbstverleugnung angelangt sind, dann werden Sie auch zuversichtlich glauben, und kein Zweifel wird mehr in Ihre Seele Eingang finden. Das ist erprobt, das ist sicher.«

»Tätige Liebe? Das ist auch wieder eine Frage, und zwar eine schwere, schwere Frage! Sehen Sie, ich liebe die Menschheit so sehr, daß ich – werden Sie mir das glauben? – manchmal daran denke, alles, was ich besitze, von mir zu werfen, Lisa zu verlassen und Barmherzige Schwester zu werden. Ich schließe die Augen, denke und träume; in solchen Augenblicken fühle ich eine unwiderstehliche Kraft in mir. Keine Wunde, kein eiterndes Geschwür könnte mich schrecken. Ich würde sie verbinden und mit meinen eigenen Händen waschen, ich würde die Wärterin dieser Leidenden sein, ich wäre bereit, diese Geschwüre zu küssen.«

»Es ist schon viel und gut, wenn Ihr Geist davon träumt und nicht von etwas anderem. Nein, nein, Sie, werden wirklich eine gute Tat tun, bevor Sie sich dessen versehen.«

»Aber könnte ich so ein Leben lange führen?« fuhr die Dame erregt, beinahe außer sich fort. »Das ist die Hauptfrage, das ist die Frage, die mich am meisten quält. Ich schließe die Augen und frage mich: Würdest du es lange auf diesem Weg aushalten? Und wenn der Kranke, dessen Geschwüre du wäschst, dies nicht sogleich durch Dankbarkeit vergilt, sondern dich im Gegenteil anschreit, ohne deine Menschenfreundlichkeit zu bemerken und zu würdigen; wenn er in grobem Ton dies und das verlangt und sich sogar bei den Vorgesetzten beschwert. Wie es bei Schwerkranken häufig vorkommt? Was dann? Wird deine Liebe fortdauern oder nicht? Und denken Sie, ich habe mir mit Zittern und Zagen bereits die Antwort auf diese Frage gegeben: Wenn irgend etwas meine tätige Liebe zur Menschheit sofort auslöschen kann, so ist es einzig und allein der Undank. Ich bin eben eine Lohnarbeiterin: ich fordere augenblicklich Bezahlung, Lob und Vergeltung meiner Liebe durch Gegenliebe. Anders kann ich niemanden lieben!«

Es war ein Anfall aufrichtigster Selbstanklage, und sie blickte, als sie geendet hatte, den Starez mit herausfordernder Entschlossenheit an.

»Genau dasselbe hat mir schon vor langer Zeit ein Arzt erzählt«, erwiderte der Starez. »Er war ein schon bejahrter Mann und unstreitig klug. Er sprach ebenso offen wie Sie, zwar scherzend, aber dabei traurig. ›Ich liebe die Menschheit‹, sagte er, ›aber ich wundere mich über mich selbst: je mehr ich die Menschen liebe, desto weniger liebe ich den einzelnen Menschen, das Individuum. Wenn ich mich so meinen Träumereien hingab‹, sagte er, ›hatte ich manchmal die seltsamsten Absichten, der Menschheit zu dienen. Ich würde mich vielleicht für die Menschen kreuzigen lassen, wenn das einmal irgendwie nötig wäre – und dabei bin ich außerstande, auch nur zwei Tage mit jemand dasselbe Zimmer zu teilen. Ich weiß das aus Erfahrung. Kaum kommt er mir nahe, verletzt seine Persönlichkeit schon meine Eigenliebe und beeinträchtigt meine Freiheit. Ein einziger Tag genügt schon, mich den besten Menschen hassen zu lehren: den einen, weil er mittags zu langsam ißt, den anderen, weil er Schnupfen hat und sich fortwährend schneuzt. Sobald die Menschen mit mir in Berührung kommen, werde ich ein Menschenfeind‹, sagte er. ›Und dabei wurde meine Liebe zur Menschheit bisher desto flammender, je mehr ich die einzelnen Menschen haßte.‹«

»Was aber soll man tun? Was soll man in solchen Fällen tun? Muß man da nicht verzweifeln?«

»Nein, es genügt schon, daß Sie sich darum sorgen. Tun Sie, was Sie können, und es wird Ihnen angerechnet werden. Sie haben schon viel dadurch getan, daß Sie sich selbst so tief und aufrichtig erkennen lernten! Sollten Sie aber jetzt nur deshalb so offen mit mir gesprochen haben, um wie jetzt ein Lob für Ihre Wahrheitsliebe zu empfangen, dann werden Sie es allerdings in den Großtaten der tätigen Liebe zu nichts bringen; dann wird das alles nur Träumerei für sie bleiben und Ihr ganzes Leben wird vorüberhuschen wie eine Vision. Dann werden Sie natürlich auch das künftige Leben vergessen und sich schließlich selbst auf irgendeine Weise beruhigen.«

»Sie haben mich zerschmettert! Erst jetzt, während Sie sprachen, erkannte ich, daß ich tatsächlich nur gehofft habe, Sie würden mich loben für meine Offenheit, mit der ich erzählte, daß ich Undank nicht ertragen kann. Sie haben mir gesagt, wie es in mir aussieht! Sie haben mich ertappt und mir mein innerstes Wesen erklärt!«

»Ist das die Wahrheit? Nun, nach einem solchen Bekenntnis glaube ich, daß Sie aufrichtig und von Herzen gut sind. Wenn Sie das Glück nicht erlangen sollten, so bleiben Sie dessen eingedenk, daß Sie auf gutem Wege sind, und hüten Sie sich, von ihm abzuweichen. Vor allem hüten Sie sich vor der Lüge, besonders vor sich selbst. Geben Sie acht auf Ihre Lüge, behalten Sie sie zu jeder Stunde, zu jeder Minute im Auge. Meiden Sie auch den Ekel vor anderen wie vor sich selbst. Was Ihnen an Ihrem Innern häßlich erscheint, wird allein schon dadurch, daß Sie es bemerkten, geläutert. Meiden Sie ferner die Furcht, obgleich sie nur eine Folge der Lüge ist. Erschrecken Sie, wenn Sie nach Liebe streben, nie über Ihren eigenen Kleinmut; erschrecken Sie nicht einmal allzusehr über die schlechten Handlungen, die Sie dabei begehen. Ich bedaure, daß ich Ihnen nichts Tröstlicheres sagen kann, denn die tätige Liebe ist im Vergleich zu der nur geträumten ein hartes, schreckliches Ding. Die träumerische Liebe dürstet nach einer Großtat, rasch ausgeführt und von allen gesehen. Es kommt so weit, daß man sogar sein Leben hingibt, nur wenn die Sache schnell erledigt wird und so, daß alle es sehen und loben – wie auf der Bühne. Die tätige Liebe dagegen ist Arbeit und Geduld; sie ist für manche Menschen gewissermaßen eine richtige Wissenschaft. Ich kann es Ihnen im voraus sagen: Sobald Sie mit Schrecken wahrnehmen, daß Sie all Ihrem Bemühen zum Trotz dem Ziel nicht nur nicht näher kamen, sondern sich scheinbar von ihm entfernten – in diesem selben Augenblick, das prophezeie ich Ihnen, werden Sie plötzlich das Ziel erreichen und deutlich Gottes wundertätige Kraft erkennen! Gott hat Sie die ganze Zeit geliebt, die ganze Zeit insgeheim geleitet. Verzeihen Sie, daß ich mich Ihnen nicht länger widmen kann; man erwartet mich. Auf Wiedersehen!«

Die Dame weinte. »Bitte, segnen Sie Lisa, segnen Sie Lisa!« rief sie und sprang auf.

»Die dürfte man eigentlich gar nicht liebhaben«, sagte der Starez scherzend. »Ich sah, wie sie die ganze Zeit dummes Zeug trieb. Warum haben Sie sich fortwährend über Alexej lustig gemacht?«

Lisa hatte wirklich die ganze Zeit mit irgendwelchen Streichen ausgefüllt. Sie hatte schon das vorige Mal bemerkt, daß Aljoscha vor ihr verlegen wurde und sich nicht traute, sie anzusehen; das amüsierte sie gewaltig. Sie wartete aufmerksam und fing seinen Blick auf; Aljoscha hielt es nicht aus und sah ab und zu unwillkürlich, von einer unwiderstehlichen Macht gezwungen, zu ihr hin, worauf sie ihm dann sofort triumphierend ins Gesicht lachte. So wurde Aljoscha immer verlegener und ärgerte sich noch mehr. Zuletzt wandte er sich ganz von ihr ab und verbarg sich hinter dem Starez. Kurze Zeit später machte er, abermals unwiderstehlich angezogen, eine kleine Wendung, als wollte er sehen, ob sie ihn noch anschaute. Da bemerkte er, wie Lisa sich fast ganz aus dem Rollstuhl herausbeugte, ihn von der Seite ansah und gespannt wartete, ob er zu ihr hinblicken würde. Und kaum hatte sie seinen Blick aufgefangen, lachte sie derart auf, daß sich sogar der Starez nicht enthalten konnte zu sagen: »Warum bringen Sie ihn so schamlos in Verwirrung?«

Lisa errötete ganz plötzlich, ihre Augen blitzten, ihr Gesicht wurde ernst, und sie sagte im Ton einer heftigen, unwilligen Klage nervös und hastig: »Warum hat er denn alles vergessen? Er hat mich als kleines Kind auf dem Arm getragen und mit mir zusammen gespielt. Später kam er zu uns, um mich lesen zu lehren; wissen Sie das? Vor zwei Jahren sagte er beim Abschied, er würde nie vergessen, daß wir lebenslänglich Freunde sind, lebenslänglich! Und jetzt auf einmal fürchtet er sich vor mir – will ich ihn etwa auffressen, wie? Warum will er nicht näher zu mir kommen, warum redet er nicht mit mir? Warum besucht er uns nicht? Ja, wenn Sie ihn nicht wegließen; aber wir wissen, er geht überall hin. Es schickt sich für mich nicht, ihn rufen zu lassen; er müßte zuerst daran denken, wenn er es nicht vergessen hat. Aber nein, er sorgt jetzt nur für sein Seelenheil! Sagen Sie mal, warum haben Sie ihm die lange Kutte angezogen? Er fällt ja hin, wenn er laufen will …«

Auf einmal konnte sie sich nicht mehr beherrschen, bedeckte das Gesicht mit der Hand und brach in ein langes, unaufhaltsames, nervöses, lautloses Lachen aus, das ihren ganzen Körper erschütterte. Der Starez hatte sie lächelnd angehört und erteilte ihr nun zärtlich seinen Segen. Als sie sich aber anschickte, seine Hand zu küssen, preßte sie diese auf einmal an ihre Augen und fing an zu weinen. »Seien Sie mir nicht böse, ich bin ein dummes Ding, das nichts taugt. Aljoscha hat vielleicht ganz recht, wenn er zu so einer lächerlichen Person nicht kommen will.«

»Ich werde ihn bestimmt zu Ihnen schicken«, sagte der Starez.

5. Amen, es soll also geschehen!

Der Starez war etwa fünfundzwanzig Minuten der Zelle ferngeblieben. Es war schon halb eins, aber Dmitri Fjodorowitsch, um dessentwillen sich alle versammelt hatten, war immer noch nicht zur Stelle; man schien ihn fast vergessen zu haben. Als der Starez wieder in die Zelle trat, fand er seine Gäste in einem lebhaften Gespräch, an dem sich vor allem Iwan Fjodorowitsch und die beiden Priestermönche beteiligten. Auch Miussow, der sehr erregt schien, mischte sich ein, aber er hatte wieder kein rechtes Glück; er befand sich offenbar im Hintertreffen, und da die anderen ihm kaum antworteten, steigerte sich noch die Gereiztheit in ihm. Er hatte auch früher schon mit Iwan Fjodorowitsch an Kenntnis rivalisiert und eine gewisse Geringschätzung, die dieser ihm entgegenbrachte, nicht gleichgültig ertragen können. ›Bisher stand ich in allem, was den europäischen Fortschritt anlangt, in der ersten Linie der Vorkämpfer, doch diese neue Generation ignoriert uns völlig!‹ dachte er. Fjodor Pawlowitsch, der von sich aus versprochen hatte, still auf seinem Stuhl sitzenzubleiben, hatte tatsächlich eine Zeitlang geschwiegen; er hatte aber seinen Nachbarn Pjotr Alexandrowitsch mit leisem, spöttischem Lächeln beobachtet und sich sichtlich an dessen Reizbarkeit erfreut. Er hatte ihm schon lange dies und jenes heimzahlen wollen und fand jetzt die Gelegenheit dazu. Schließlich konnte er sich nicht mehr beherrschen, neigte sich zu seinem Nachbarn und begann erneut halblaut zu sticheln: »Warum sind Sie vorhin nach der Küsserei nicht gegangen? Warum sind Sie in einer so unpassenden Gesellschaft geblieben? Weit Sie sich erniedrigt und beleidigt fühlten? Um zur Revanche Ihren Verstand leuchten zu lassen? Sie werden nicht gehen, bevor Sie das getan haben.«

»Fangen Sie schon wieder an? Ich werde sofort gehen.«

»Als letzter, als allerletzter werden Sie sich fortbegeben«, stichelte Fjodor Pawlowitsch noch einmal. Das war in demselben Augenblick, als der Starez zurückkehrte.

Die Diskussion verstummte für einen Moment; der Starez nahm seinen Platz wieder ein und sah alle der Reihe nach an, als ermuntere er sie, sich nicht stören zu lassen. Aljoscha, der jeden Ausdruck seines Gesichts kannte, sah, daß er müde war und sich Gewalt antat. In der letzten Zeit waren bei ihm Ohnmachtsanfälle aus Erschöpfung vorgekommen. Eine Art Ohnmachtsblässe lag auch jetzt auf seinem Gesicht, und seine Lippen waren weiß. Er wollte jedoch die Versammelten offenbar nicht wegschicken, er schien noch eine besondere Absicht zu haben aber welche? Aljoscha beobachtete ihn unverwandt.

»Wir sprechen über einen höchst interessanten Aufsatz dieses Herrn«, sagte der Priestermönch Jossif, der Bibliothekar, zu dem Starez und deutete auf Iwan Fjodorowitsch. »Er bringt darin viel Neues, aber es scheint, daß seine Idee ihre zwei Seiten hat. Er hat in einem Zeitschriftenaufsatz über kirchlich-weltliche Gerichtsbarkeit und die Ausdehnung dieses Rechts einem Geistlichen geantwortet, der über diese Frage ein großes Buch verfaßt hat.«

»Leider habe ich Ihren Aufsatz nicht gelesen, aber ich habe davon gehört«, antwortete der Starez, wobei er Iwan Fjodorowitsch aufmerksam ansah.

»Er steht auf einem interessanten Standpunkt«, fuhr der Vater Bibliothekar fort. »Er verwirft nämlich, wie es scheint, in der Frage der kirchlich-weltlichen Gerichtsbarkeit völlig die Trennung der Kirche vom Staat.«

»Das ist interessant, in welchem Sinne meinen Sie das?« fragte der Starez.

Iwan Fjodorowitsch antwortete ihm: nicht belehrend, von oben herab, wie Aljoscha es tags zuvor noch befürchtet hatte, sondern bescheiden und ruhig, mit sichtlicher Zuvorkommenheit und anscheinend ganz ohne Hintergedanken.

»Ich gehe von der These aus, daß die Vermischung zweier Elemente wie Kirche und Staat zwar unzulässig, doch sicher für alle Zeiten unabänderlich ist und daß man so nie einen normalen oder auch nur einigermaßen erträglichen Zustand herstellen kann, weil alledem eine Unwahrheit zugrunde liegt. Ein Kompromiß zwischen Staat und Kirche, beispielsweise in Fragen der Gerichtsbarkeit, ist meines Erachtens schon an sich unmöglich. Der Geistliche, gegen den ich polemisiere, behauptet, die Kirche nehme im Staat einen fest bestimmten Platz ein. Ich erwidere ihm, die Kirche müsse vielmehr selbst den Staat in sich einschließen, statt nur ein Eckchen in ihm einzunehmen. Und wenn das jetzt unmöglich wäre, so müsse es doch von Anfang an als direktes und wichtigstes Ziel jeder Weiterentwicklung der christlichen Gesellschaft hingestellt werden.«

»Durchaus richtig«, sagte Vater Paissi, der schweigsame, gelehrte Priestermönch, entschieden und nervös.

»Das ist ja der reinste Ultramontanismus!« rief Miussow und schlug vor Aufregung die Beine abwechselnd übereinander.

»Wir haben ja gar keine Berge bei uns!« rief Vater Jossif, dann fuhr er, zum Starez gewandt, fort: »Er antwortet unter anderem auf folgende ›fundamentale und essentielle‹ Thesen des Gegners – eines Geistlichen, wohlbemerkt! Erstens: keine gesellschaftliche Vereinigung kann und darf sich die Macht anmaßen, über die bürgerlichen und politischen Rechte ihrer Mitglieder zu verfügen. Zweitens: die kriminalgerichtliche und zivilgerichtliche Macht darf nicht der Kirche gehören; sie ist unvereinbar mit ihrem Wesen als göttliche Einrichtung und Vereinigung von Menschen zu religiösen Zwecken. Und drittens endlich: die Kirche ist kein Reich von dieser Welt … «

»Ein Spiel mit Worten, das eines Geistlichen unwürdig ist!« unterbrach Vater Paissi, der sich nicht mehr beherrschen konnte, den Sprecher erneut. »Ich kenne das Buch, gegen das Sie polemisieren«, wandte er sich an Iwan Fjodorowitsch. »Ich war erstaunt über die Behauptung eines Geistlichen, die Kirche sei kein Reich von dieser Welt. Wenn sie kein Reich von dieser Welt ist, so darf sie überhaupt nicht existieren auf Erden. Im heiligen Evangelium haben die Worte ›nicht von dieser Welt‹ einen anderen Sinn, und mit solchen Worten zu spielen ist unzulässig. Unser Herr Jesus Christus ist zu dem Zweck in die Welt gekommen, die Kirche auf Erden zu begründen. Das Himmelreich ist nicht von dieser Welt, das ist klar; aber eingehen ins Himmelreich kann man nur durch die Kirche, die auf der Erde gegründet ist. In diesem Sinne sind weltliche Spiele mit Worten daher unzulässig und unwürdig. Die Kirche ist in der Tat ein Reich, und zwar ein Reich, das bestimmt ist, zu herrschen und sich zuletzt über die ganze Erde auszudehnen. Das unterliegt überhaupt keinem Zweifel, darüber gibt es eine Verheißung …«

Er verstummte plötzlich, als hielte er sich mit Gewalt zurück, und Iwan Fjodorowitsch, der ihm respektvoll und aufmerksam zugehört hatte, fuhr, zum Starez gewandt, mit größter Ruhe und Schlichtheit fort: »Der in meinem Aufsatz ausgeführte Gedanke ist folgender: In seiner frühesten Zeit, das heißt in den ersten drei Jahrhunderten, erschien das Christentum auf der Erde nur in Gestalt der Kirche und war nur Kirche. Als nun der heidnische römische Staat christlich zu werden wünschte, nahm er beim Übergang zum Christentum notwendigerweise die Kirche in sich auf, obgleich er in sehr vielen Einrichtungen ein heidnischer Staat blieb. Es mußte im Grunde auch so sein. Es war noch viel heidnische Kultur und Weisheit im römischen Staat zurückgeblieben, ja, heidnisch waren sogar die Grundlagen und Ziele des Staates. Die christliche Kirche aber konnte bei ihrem Eintritt in den Staat von ihren Grundlagen, von dem Stein, auf dem sie stand, nichts aufgeben. Sie konnte nur ihre eigenen Ziele verfolgen, die ihr der Herr gesetzt und gewiesen hatte, und die waren unter anderen, die ganze Welt, und folglich auch den ganzen alten heidnischen Staat, zur Kirche zu machen. Nicht die Kirche muß sich also künftig wie ›jede gesellschaftliche Vereinigung‹ oder wie eine ›Vereinigung von Menschen zu religiösen Zwecken‹ (um mit dem Autor, dem ich widerspreche, zu reden) einen Platz im Staat suchen, vielmehr muß in der Folgezeit jeder irdische Staat zur Kirche werden und nichts als Kirche sein; auf Ziele, die nicht mit den kirchlichen vereinbar sind, muß er verzichten. Das alles erniedrigt ihn durchaus nicht; es nimmt ihm weder seine Ehre noch seinen Ruhm als großer Staat, noch den Ruhm seiner Herrscher; es weist ihm nur statt des unrechten heidnischen Weges den richtigen und wahren Weg, den einzigen Weg zu den ewigen Zielen. Der Verfasser des Buches hätte also richtig geurteilt, wenn er die von ihm dargelegten Grundlagen als vorübergehenden, für unsere sündige, unreife Zeit noch unentbehrlichen Kompromiß betrachtet hätte. Wenn er sich aber erkühnt zu behaupten, die Grundlagen, die er dargelegt hat und die Vater Jossif uns teilweise aufzählte, seien unerschütterlich, elementar und ewig, so wendet er sich direkt gegen die Kirche und ihre heilige, ewige, unerschütterliche Bestimmung. Das ist mein ganzer Aufsatz, und das ist sein gesamter Inhalt.«

»Mit anderen Worten«, sagte wieder Vater Paissi, jede Silbe betonend, »die Kirche soll sich nach Theorien, die in unserem neunzehnten Jahrhundert entstanden sind, in den Staat umwandeln, gleichsam aus einer niederen Gestalt in eine höhere, um dann im Staat aufzugehen; sie soll der Wissenschaft, dem Zeitgeist und der Kultur einfach weichen. Will sie das nicht und sträubt sie sich, wird ihr zur Strafe eine Art Ecke inmitten des Staates angewiesen, auch das natürlich nur unter Aufsicht, wie es gegenwärtig überall in den westeuropäischen Ländern der Fall ist. Nach der russischen Vorstellung und Zuversicht soll sich jedoch nicht die Kirche in den Staat umwandeln wie aus der niederen in eine höhere Form, vielmehr soll der Staat zuletzt vollkommen in der Kirche aufgeben. Amen, das heißt: es soll also geschehen!«

»Nun, ich muß gestehen, Sie haben mich wieder ein wenig ermutigt«, sagte Miussow lächelnd und legte die Beine wieder anders. »Soweit ich verstehe, handelt es sich um die Verwirklichung eines fernen Ideals, bei der Wiederkunft Christi. Halten Sie es damit, wie Sie wollen. Ein schöner utopischer Traum vom Ende der Kriege, Diplomaten, Banken und so weiter. Das hat sogar einige Ähnlichkeit mit dem Sozialismus. Ich glaubte schon, das wäre alles ernst gemeint, und die Kirche sollte zum Beispiel gleich jetzt über kriminelle Verbrechen richten und ihre Angeklagten zu Durchpeitschung und Zuchthaus, vielleicht gar zum Tode verurteilen.«

»Gäbe es eine kirchlich-weltliche Gerichtsbarkeit, würde auch jetzt die Kirche nicht zu Zuchthaus oder zum Tode verurteilen. Das Verbrechen und die Ansichten darüber würden sich zweifellos ändern müssen, allmählich zwar, nicht mit einemmal, jedoch ziemlich schnell«, sagte Iwan Fjodorowitsch ruhig und ohne mit einer Wimper zu zucken.

»Meinen Sie das im Ernst?« fragte Miussow und starrte ihn unverwandt an.

»Wäre alles Kirche geworden, würde die Kirche den Verbrecher einfach ausschließen, ihm aber nicht den Kopf abschlagen«, fuhr Iwan Fjodorowitsch fort. »Nun frage ich Sie, wohin sollte der Ausgeschlossene gehen? Er müßte nicht nur von den Menschen, er müßte auch von Christus weggehen. Er hätte sich ja mit seinem Verbrechen auch gegen die Kirche aufgelehnt. Im Grunde ist das auch jetzt der Fall, doch wird es nicht deutlich ausgesprochen. Der Verbrecher von heute beruhigt sein Gewissen häufig durch Erwägungen wie diese: ›Ich bin zwar ein Dieb, doch kein Dieb an der Kirche. Ich bin kein Feind Jesu Christi!‹ das sagt sich heute jeder Verbrecher. Sobald aber die Kirche an die Stelle des Staates getreten ist, dürfte es schwer sein, so zu sprechen; es müßte denn der Verbrecher die Kirche der ganzen Erde verneinen und schlechthin behaupten: ›Es irren alle; alle sind vom rechten Wege abgewichen und bilden eine falsche Kirche; nur ich, der Mörder und Dieb, bin die wahre christliche Kirche.‹ Sich das zu sagen, ist aber doch schwer und nur in besonderen seltenen Fällen möglich. Nun nehmen Sie auf der anderen Seite die kirchliche Auffassung vom Verbrechen: Muß sie nicht wesentlich anders sein als die jetzige, beinahe heidnische? Und muß nicht die mechanische Abstoßung des kranken Gliedes, wie sie heute zum Schutz der Gesellschaft üblich ist, allmählich ersetzt werden durch die Idee einer Wiedergeburt des Menschen, seiner Auferstehung und seiner Rettung?«

»Was soll denn das heißen? Ich verstehe wieder nichts mehr!« unterbrach ihn Miussow. » Das ist wieder so eine Träumerei! Etwas Formloses, das kein Mensch versteht! Was heißt denn das: Ausschließung? Welch eine Ausschließung meinen Sie? Ich fürchte, Sie machen sich über uns lustig, Iwan Fjodorowitsch.«

»Eigentlich findet ja jetzt dasselbe statt«, begann auf einmal der Starez, zu dem sich sofort alle wandten. »Denn gäbe es jetzt keine Kirche Christi, so gäbe es für den Verbrecher kein Einhalten, nicht einmal eine Strafe für seine Tat – das heißt keine wirkliche, denn die mechanische, wie Sie sie nannten, regt doch meistens nur das Herz auf. Die einzig wirksame, abschreckende und friedenbringende Strafe liegt im Bewußtsein des eigenen Gewissens.«

»Gestatten Sie die Frage: Wie meinen Sie das‹?« fragte Miussow lebhaft interessiert.

»Ich meine es folgendermaßen«, entgegnete der Starez. »Alle Verbannungen zur Zwangsarbeit, zu denen früher noch Körperstrafen kamen, bessern niemand und schrecken keinen Verbrecher ab; denn die Zahl der Verbrechen vermindert sich nicht, sondern wächst immer mehr. Das müssen Sie zugeben. Infolgedessen ist die Gesellschaft auf diese Weise gar nicht geschützt; man sondert wohl ein schädliches Mitglied ab und verbannt es weit weg, daß es niemand mehr zu sehen bekommt, aber an seiner Stelle erscheint sogleich ein anderer Verbrecher, womöglich gar zwei. Wenn irgend etwas sogar in unserer Zeit die Gesellschaft schützt und den Verbrecher bessert und in einen anderen Menschen verwandelt, so allein das Gesetz Christi, das sich im Bewußtsein des eigenen Gewissens kundtut. Nur wer sich seiner Schuld als Sohn der Gemeinschaft Christi, das heißt der Kirche, bewußt ist, wird die Schuld auch vor der Gemeinschaft, das heißt vor der Kirche, bekennen. Nur vor der Kirche vermag der heutige Verbrecher seine Schuld zu bekennen, nicht vor dem Staat. Läge also die Gerichtsbarkeit in den Händen einer Gemeinschaft wie der Kirche, würde diese Gemeinschaft wissen, wen sie aus der Verbannung zurückzurufen und wiederaufzunehmen hat. Solange aber die Kirche keine tatsächliche Gerichtsbarkeit ausübt, sondern nur die Möglichkeit einer moralischen Verurteilung besitzt, solange hält sie sich von jeder tatsächlichen Bestrafung des Verbrechers fern. Sie schließt ihn nicht aus ihrer Mitte aus, sie verweigert ihm nicht ihren mütterlichen Trost. Ja mehr noch, sie bemüht sich sogar, die christliche Gemeinschaft mit dem Verbrecher in vollem Umfang aufrechtzuerhalten; sie läßt ihn zum Gottesdienst und zum Abendmahl zu, gibt ihm Almosen und verkehrt mit ihm wie mit einem Verblendeten, nicht wie mit einem Schuldigen. O Gott, was würde aus dem Verbrecher, wenn ihn die christliche Gemeinschaft, das heißt die Kirche, ebenso verstoßen würde wie das bürgerliche Gesetz? Was würde geschehen, wenn ihn die Kirche nach jeder Bestrafung durch das bürgerliche Gesetz auch ihrerseits mit Ausschluß aus der Gemeinschaft bestrafen würde? Eine größere Strafe für den russischen Verbrecher wäre nicht denkbar, denn die russischen Verbrecher sind noch gläubig. Doch wer weiß, vielleicht würde dann etwas Furchtbares eintreten? Vielleicht würde das verzweifelte Herz des Verbrechers den Glauben verlieren – und was dann? Als zärtliche, liebende Mutter hält sich die Kirche von einer tatsächlichen Bestrafung fern, da der Schuldige ohnehin durch das staatliche Gericht schon schwer gestraft ist und einer ihn doch bemitleiden muß. Der Hauptgrund aber, weshalb sich die Kirche fernhält, ist, daß das Gericht der Kirche als einziges die Wahrheit in sich einschlieft und es sich deshalb mit keinem anderen Gericht materiell und moralisch vereinbaren läßt, auch nicht vorübergehend. Auf Kompromisse kann man sich nicht einlassen. Der ausländische Verbrecher, sagt man, bereut nur selten, bestärken ihn doch gerade die modernen Lehren in der Anschauung, daß sein Verbrechen kein Verbrechen sei, sondern nur eine Auflehnung gegen die ihn zu Unrecht unterdrückende Macht. Die Gesellschaft sondert ihn kraft ihrer Macht mechanisch aus und begleitet den Ausschluß mit ihrem Haß (so berichtet man wenigstens in Westeuropa von sich selbst); man haßt diesen Bruder, bleibt seinem weiteren Schicksal gegenüber gleichgültig und vergißt ihn völlig. Alles geht ohne das geringste Mitleid der Kirche vonstatten, denn vielfach gibt es dort keine Kirchen mehr, nur noch ein Kirchenpersonal und prächtige kirchliche Gebäude; die Kirchen selbst aber suchen längst aus der niederen Form in die höhere überzugehen, das heißt in den Staat – zumindest in den lutherischen Ländern. In Rom wird schon seit tausend Jahren der Staat an Stelle der Kirche verkündet. Der Verbrecher fühlt sich daher nicht als Glied der Kirche, sondern als Ausgestoßener und verfällt der Verzweiflung. Und wenn er in die Gesellschaft zurückkehrt, geschieht es nicht selten mit solchem Haß, daß ihn die Gesellschaft von selber meidet. Wie das schließlich endet, können Sie sich selbst sagen. In vielen Fällen scheint es bei uns nicht anders zu sein, der Unterschied ist jedoch der, daß es außer den eingesetzten Gerichten bei uns noch eine Kirche gibt, die niemals die Verbindung mit dem Verbrecher als ihrem lieben, immer noch teuren Sohn aufgibt. Außerdem besteht und erhält sich noch theoretisch ein kirchliches Gericht; und wenn es jetzt auch nicht tätig ist, so lebt es doch jedenfalls für die Zukunft, und zweifellos erkennt es auch der Verbrecher selbst mit innerem Instinkt an. Es ist ganz richtig gesagt worden: Würde das Gericht der Kirche in seiner ganzen Kraft eingesetzt, das heißt, würde sich die ganze Gesellschaft in eine einzige Kirche verwandeln, so hätte nicht nur das Kirchengericht einen wesentlich stärkeren Einfluß auf die moralische Besserung des Verbrechers, auch die Zahl der Verbrechen würde sich wahrscheinlich ungeahnt vermindern. Die Kirche würde den künftigen Verbrecher in vielen Fällen zweifellos ganz anders beurteilen als jetzt; sie wäre fähig, den Ausgeschlossenen zurückzuholen, den Bösen Planenden zu warnen und den Gefallenen aufzurichten. Allerdings…«, lächelte der Starez. »Vorläufig ist die christliche Gemeinschaft noch nicht fertig und beruht nur auf sieben Gerechten; da diese jedoch nicht abnehmen werden, wird sie unbeirrt fortbestehen, und ihre Umwandlung aus einer beinahe noch heidnischen Vereinigung in eine einzige, die Welt umspannende und beherrschende Kirche abzuwarten. Amen, es soll also geschehen, und sei es auch erst am Ende der Zeiten … es ist das einzige, dem eine Erfüllung vorherbestimmt ist! Die langen Zeiten brauchen uns nicht zu beirren; denn das Geheimnis der Zeiten ist in der Weisheit Gottes, in seiner Voraussicht und seiner Liebe eingeschlossen. Und was nach menschlicher Rechnung vielleicht noch sehr fern ist, das steht nach göttlicher Vorherbestimmung vielleicht schon vor der Tür. Amen, es soll also geschehen!«

»Amen, es soll also geschehen!« wiederholte andächtig, aber mit finsterer Miene, Paissi.

»Seltsam, höchst seltsam«, sagte Miussow nicht zornig, sondern eher seinen Unwillen verhehlend.

»Was scheint Ihnen denn so seltsam?« erkundigte sich vorsichtig Vater Jossif.

»Was soll das eigentlich alles bedeuten?« rief Miussow und schien plötzlich zu explodieren. »Der Staat wird auf der Erde beseitigt und die Kirche in den Rang des Staates erhoben! Das ist nicht mehr Ultramontanismus, das ist Erzultramontanismus! Soweit hat sich nicht einmal Papst Gregor der Siebente in seinen Zukunftsträumen verstiegen!«

»Wollen Sie das bitte genau umgekehrt verstehen!« sagte Vater Paissi streng. »Nicht die Kirche verwandelt sich in einen Staat, begreifen Sie doch! Das ist Rom und sein Zukunftstraum! Das ist die dritte Versuchung des Teufels! Im Gegenteil – der Staat wandelt sich in eine Kirche, erhebt sich zur Kirche, wird auf der ganzen Erde zur Kirche! Das ist das genaue Gegenteil von Ultramontanismus und Rom und Ihrer Auffassung; es ist die größte Vorbestimmung der rechtgläubigen Kirche auf Erden. Von Osten her wird diese Erde ihr Licht erhalten.«

Miussow schwieg vielsagend. Seine ganze Haltung drückte eine große persönliche Würde aus. Ein hochmütiges, herablassendes Lächeln spielte um seine Lippen. Aljoscha beobachtete alles mit klopfendem Herzen. Das Gespräch erregte ihn bis in die innersten Tiefen seiner Seele. Als er zufällig zu Rakitin schaute, stand dieser regungslos auf seinem früheren Platz an der Tür und hörte und sah aufmerksam zu, obwohl er den Blick gesenkt hatte. An der lebhaften Röte der Wangen merkte Aljoscha, daß auch Rakitin aufgeregt war, und offenbar nicht weniger als er. Aljoscha kannte den Grund seiner Aufregung.

»Erlauben Sie, daß ich Ihnen eine kleine Geschichte erzähle, meine Herren«, sagte Miussow plötzlich mit großem Nachdruck und auffallend würdevoll. »In Paris besuchte ich einmal, schon vor einigen Jahren, kurz nach dem Dezemberstaatsstreich, einen hochstehenden, zur Regierung gehörenden Herrn, mit dem ich gut bekannt war, und bei ihm traf ich zufällig mit einem sehr interessanten Menschen zusammen. Er war kein gewöhnlicher Detektiv, sondern so etwas wie der Chef eines ganzen Kommandos politischer Detektive – eine in ihrer Art recht bedeutsame Stellung. Ich ließ mich aus Neugier in ein Gespräch mit ihm ein. Und da er nicht als Bekannter empfangen wurde, sondern als untergebener Beamter, der eine Meldung zu überbringen hatte, und da er andererseits sah, wie liebenswürdig sein Chef mich empfing, würdigte er mich einer gewissen Offenheit – natürlich in bestimmten Grenzen. Eigentlich war er eher höflich als offen, die Franzosen verstehen ja, höflich zu sein, und er war um so höflicher, als er in mir einen Ausländer sah. Aber ich verstand ihn ganz gut. Unser Gespräch drehte sich um die sozialistischen Revolutionäre, die damals verfolgt wurden. Ohne auf den Hauptinhalt des Gespräches einzugehen, will ich nur eine interessante Bemerkung anführen, die ihm entschlüpfte

›Wir fürchten‹, sagte er, ›alle diese Sozialisten, Anarchisten, Atheisten und Revolutionäre eigentlich recht wenig; wir beobachten sie, und ihr Tun und Treiben ist uns bekannt. Es gibt unter ihnen jedoch einige, nicht viele Menschen, von besonderer Art, die glauben an Gott und sind Christen, zugleich aber auch Sozialisten. Sehen Sie, die fürchten wir am meisten; die sind gefährlich! Der christliche Sozialist ist schrecklicher als der atheistische!‹ Diese Worte frappierten mich schon damals. Jetzt, meine Herren, sind sie mir plötzlich, ich weiß nicht wieso, wieder eingefallen…«

»Soll das heißen, daß Sie sie auf uns anwenden und in uns Sozialisten sehen?« fragte Vater Paissi geradezu.

Ehe ihm Pjotr Alexandrowitsch antworten konnte, öffnete sich die Tür, und Dmitri Fjodorowitsch trat ein. Man schien ihn nicht mehr erwartet zu haben; sein Erscheinen rief im ersten Augenblick sogar eine gewisse Verwunderung hervor.

6. Wozu lebt ein solcher Mensch?

Dmitri Fjodorowitsch, ein junger Mann von achtundzwanzig Jahren, mittelgroß, mit sympathischem Gesicht, sah wesentlich älter aus, als er war. Er hatte einen muskulösen Körper und besaß offenbar große Kräfte. Trotzdem wirkte sein Gesicht kränklich, die Backen waren eingefallen und zeigten eine ungesunde gelbliche Färbung. Seine Augen, ziemlich groß und dunkel und leicht vorstehend, hatten einen festen, dabei eigentümlich unbestimmten Blick. Selbst wenn er in lebhafter Erregung sprach, hatte man den Eindruck, als gehorche der Blick seiner Stimmung nicht, als drücke er etwas anderes, nicht zur Situation Passendes aus. »Schwer zu sagen, woran er eigentlich denkt«, sagten mitunter die Leute, die mit ihm gesprochen hatten. Manche, die in seinem Blick etwas Melancholisches, Düsteres sahen, waren überrascht, wenn er plötzlich auflachte; denn dieses Lachen, das von heiteren, lustigen Gedanken zeugte, erschien gerade, wenn er so düster aussah. Übrigens war ein gewisses krankhaftes Aussehen seines Gesichtes begreiflich; alle wußten oder hatten wenigstens davon reden hören, daß er in letzter Zeit ein überaus wildes, ausschweifendes Leben geführt hatte. Ebenso bekannt war die Heftigkeit, zu der er sich in dem Geldstreit mit seinem Vater hatte hinreißen lassen. In der Stadt waren darüber wilde Gerüchte im Umlauf. Allerdings war er schon von Natur reizbar, »ein impulsiver, nicht normaler Geist«, wie ihn unser Friedensrichter Semjon Iwanowitsch Katschalnikow in einer Gesellschaft treffend charakterisierte. Tadellos und elegant gekleidet trat er ein; im zugeknöpften Oberrock, mit schwarzen Handschuhen, den Zylinder in der Hand. Als unlängst verabschiedeter Offizier trug er nur einen Schnurrbart. Sein kurzgeschnittenes dunkelblondes Haar war an den Schläfen nach vorn gekämmt. Sein Gang war fest, weit ausgreifend, wie beim Marschieren mit der Truppe. Einen Augenblick blieb er auf der Schwelle stehen, ließ den Blick über die Anwesenden gleiten und ging dann direkt auf den Starez zu, in dem er den Hausherrn erkannt hatte. Nachdem er sich tief verbeugt hatte, bat er um den Segen. Der Starez erhob sich und segnete ihn. Dmitri Fjodorowitsch küßte ihm respektvoll die Hand und sagte dann erregt, fast heftig: »Verzeihen Sie großmütig, daß ich so lange auf mich warten ließ. Der Diener Smerdjakow, den mein Vater zu mir schickte, antwortete auf meine Frage nach der Zeit zweimal auf das bestimmteste, die Zusammenkunft finde um ein Uhr statt. Jetzt höre ich auf einmal …«

»Beunruhigen Sie sich nicht!« unterbrach ihn der Starez. »Das macht nichts. Sie haben sich ein wenig verspätet, das ist kein Unglück …«

»Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar und konnte auch von Ihrer Güte nichts anderes erwarten.«

Nach diesen kurz herausgestoßenen Worten verbeugte sich Dmitri Fjodorowitsch noch einmal vor dem Starez und wandte sich dann zum Vater, um auch vor ihm sich ebenso respektvoll und tief zu verbeugen. Es war klar, daß er diese Verbeugung von vornherein beabsichtigt und sie aufrichtig gemeint hatte; er hielt es einfach für seine Pflicht, auf diese Weise seinen Respekt und seine guten Absichten auszudrücken. Fjodor Pawlowitsch machte diese Überraschung verlegen, doch fand er sich sofort auf seine Art wieder zurecht: Er sprang von seinem Lehnstuhl auf und verbeugte sich ebenso tief vor seinem Sohn. Sein Gesicht wurde plötzlich vielsagend ernst, was außerordentlich böse wirkte. Darauf begrüßte Dmitri Fjodorowitsch alle anderen Anwesenden mit einer allgemeinen Verbeugung, ging mit seinen großen, festen Schritten zum Fenster und setzte sich dort auf den einzigen noch freigebliebenen Stuhl, nicht weit von Vater Paissi. Er saß mit vorgebeugtem Oberkörper, bereit, die Fortsetzung des durch ihn unterbrochenen Gespräches mit anzuhören.

Die Störung hatte kaum zwei Minuten gewährt, und man konnte nicht umhin, das Gespräch wiederaufzunehmen. Doch Pjotr Alexandrowitsch hielt es jetzt nicht für nötig, auf Vater Paissis nachdrückliche, beinahe gereizte Frage zu antworten.

»Gestatten Sie mir, die weitere Erörterung dieses Themas abzulehnen«, sagte er mit einer gewissen weltmännischen Lässigkeit. »Das Thema ist ohnehin besonders schwierig. Sehen Sie, Iwan Fjodorowitsch lächelt. Offenbar hat er bei dieser Gelegenheit etwas Interessantes vorzubringen. Fragen Sie lieber ihn!«

»Ich habe nichts Besonders zu sagen«, antwortete Iwan Fjodorowitsch. »Ich wollte nur die kurze Bemerkung machen, daß der westeuropäische Liberalismus und sogar unser russischer liberaler Dilettantismus seit längerer Zeit die Endziele des Sozialismus des öfteren mit denen des Christentums verwechselt. Dieser Fehlschluß ist allerdings charakteristisch. Übrigens schienen nicht nur die Liberalen und die Dilettanten den Sozialismus mit dem Christentum zu verwechseln, sondern vielfach auch die Gendarmen, natürlich die ausländischen. Ihr Pariser Geschichtchen ist sehr bezeichnend, Pjotr Alexandrowitsch.«

»Ich bitte nochmals um die Erlaubnis, dieses Thema verlassen zu dürfen«, wiederholte Pjotr Alexandrowitsch. »Statt dessen will ich Ihnen ein anderes hochinteressantes und charakteristisches Geschichtchen über Iwan Fjodorowitsch selbst erzählen meine Herren. Vor fünf Tagen erklärte er bei einem Disput in einer hiesigen, vorwiegend aus Damen bestehenden Gesellschaft nachdrücklich, es gebe auf der ganzen Erde nichts, was die Menschen zwingen könne, ihresgleichen zu lieben. Ein Naturgesetz, das dem Menschen befehle, die Menschheit zu lieben, existiere überhaupt nicht. Wenn es auf Erden Liebe gebe oder gegeben habe, so sei das nicht die Folge eines Naturgesetzes, sondern lediglich des Umstandes, daß die Menschen an die Unsterblichkeit glauben. Iwan Fjodorowitsch fügte in Klammern hinzu, eben darin bestehe das ganze Naturgesetz, so daß die Menschheit, raubt man ihr den Glauben an die Unsterblichkeit, sofort die Liebe und jede lebendige Kraft zur Fortführung des irdischen Lebens verliere. Ja noch mehr, es gebe dann nichts Unsittliches mehr; alles sei dann erlaubt, sogar die Menschenfresserei. Aber auch das genügte ihm nicht; er schloß mit der Behauptung, für jede Privatperson, die weder an Gott noch an die Unsterblichkeit glaube, zum Beispiel für uns jetzt, verwandle sich das sittliche Naturgesetz sofort in das Gegenteil. Der Egoismus, gesteigert bis zum Verbrechen, müsse dem Menschen dann erlaubt und sogar als unvermeidlicher, vernünftigster und womöglich edelster Ausweg aus einer schwierigen Lage anerkannt werden. Aus einem solchen Paradoxon können Sie, meine Herren, auf das übrige schließen, was dieser exzentrische Freund von Paradoxen, unser lieber Iwan Fjodorowitsch, zu proklamieren beliebt.«

»Erlauben Sie«, rief plötzlich Dmitri Fjodorowitsch, »ich möchte doch feststellen, ob ich mich nicht verhört habe! ›Das Verbrechen muß erlaubt sein und für jeden Atheisten sogar als unvermeidlicher, vernünftigster Ausweg aus einer schwierigen Lage anerkannt werden.‹ War es nicht so?«

»Genauso«, sagte Vater Paissi.

»Das will ich mir merken.«

Nach diesen Worten verstummte Dmitri Fjodorowitsch ebenso plötzlich, wie er sich vorher ins Gespräch gemischt hatte. Alle blickten ihn neugierig an.

»Glauben Sie wirklich, daß dies die Folgen wären, wenn die Menschen den Glauben an die Unsterblichkeit ihrer Seelen verlieren würden?« fragte der Starez Iwan Fjodorowitsch.

»Ja, das behaupte ich. Es gibt keine Tugend, wenn es keine Unsterblichkeit gibt.«

»Gesegnet sind Sie, wenn Sie das glauben! Oder aber sehr unglücklich!«

»Warum unglücklich?« fragte Iwan Fjodorowitsch lächelnd.

»Weil Sie selbst wahrscheinlich ebensowenig an die Unsterblichkeit Ihrer Seele glauben wie an das, was Sie über die Kirche und die Kirchenfrage geschrieben haben.«

»Vielleicht haben Sie recht! Es war aber doch nicht nur Scherz von mir …«, gestand Iwan Fjodorowitsch dann merkwürdigerweise, dabei überzog eine flüchtige Röte sein Gesicht.

»Es war nicht nur Scherz, das ist richtig. Dieser Gedanke ist in Ihrem Herzen noch nicht zur Klarheit gelangt und quält das Herz. Aber auch der Gequälte treibt zuweilen gern mit seiner Verzweiflung Kurzweil, gewissermaßen wiederum aus Verzweiflung. Vorläufig treiben auch Sie aus Verzweiflung Kurzweil, wenn Sie für Monatsschriften Aufsätze verfassen und in weltlichen Gesellschaften disputieren, während Sie selber nicht an Ihre Dialektik glauben, ja sogar mit wehem Herzen heimlich darüber lächeln … In Ihrem Innern ist diese Frage noch ungelöst, und darin besteht Ihr großer Kummer; denn sie verlangt gebieterisch eine Lösung …«

»Aber kann sie denn in meinem Innern gelöst werden? Gelöst in bejahendem Sinne?« fragte Iwan Fjodorowitsch weiter, wobei er den Starez fortwährend mit einem unerklärlichen Lächeln anblickte.

»Kann sie nicht in bejahendem Sinne gelöst werden, so wird sie auch niemals verneinend gelöst! Diese Eigenheit Ihres Herzens kennen Sie selbst, und darin besteht seine ganze Qual. Aber danken Sie dem Schöpfer, daß er Ihnen ein edleres Herz gab, das nicht nur fähig ist, solche Qual zu ertragen, sondern auch über das, was droben ist, nachzudenken und nach dem, was droben ist, zu trachten; denn unser Leben ist im Himmel. Gebe Gott, daß Ihr Herz die Lösung dieser Frage noch auf Erden finde, und segne Gott Ihre Wege!«

Der Starez hob die Hand und schickte sich an, Iwan Fjodorowitsch von seinem Platz aus zu bekreuzen. Der jedoch stand plötzlich auf, trat zu ihm, empfing den Segen, küßte ihm die Hand und kehrte schweigend auf seinen Platz zurück. Sein Gesichtsausdruck war fest und ernst. Dieses Auftreten, und das vorhergehende Gespräch mit dem Starez, das man von Iwan Fjodorowitsch nie erwartet hätte, machte in seiner Rätselhaftigkeit und Feierlichkeit auf alle starken Eindruck; auf Aljoschas Gesicht lag etwas wie Schrecken. Dann zuckte Miussow plötzlich mit den Achseln, und Fjodor Pawlowitsch sprang im selben Augenblick von seinem Stuhl auf.

»Göttlicher, heiliger Starez!« rief er und zeigte auf Iwan Fjodorowitsch. »Das ist mein Sohn, Fleisch von meinem Fleische, Fleisch, das mir lieb ist! Das ist mein respektvollster, ich möchte sagen, Karl Moor! Der aber, mein Sohn Dmitri Fjodorowitsch, der eben hereinkam und gegen den ich bei Ihnen Recht suche, das ist ein ganz respektloser Franz Moor! Beides Personen aus Schillers ›Räubern‹, und ich selbst bin der regierende Graf Moor! Richten Sie, retten Sie! Wir brauchen nicht nur Ihre Gebete, sondern auch Ihr prophetisches Urteil!«

»Sprechen Sie nicht so wirr, und beginnen Sie nicht mit Beleidigungen Ihrer Angehörigen!« erwiderte der Starez schwach und matt. Seine Müdigkeit schien mit jeder Minute zuzunehmen; man sah förmlich, wie seine Kräfte schwanden.

»Eine unwürdige Komödie, die ich vorausgeahnt habe, als ich herkam!« rief Dmitri Fjodorowitsch unwillig und sprang ebenfalls von seinem Platz auf. »Verzeihen Sie, ehrwürdiger Vater«, wandte er sich an den Starez, »ich bin ein ungebildeter Mensch und weiß nicht einmal, wie man Sie anreden muß. Man hat Sie getäuscht! Es war allzu gütig von Ihnen, uns die Zusammenkunft bei Ihnen zu erlauben. Mein Väterchen hat es auf einen Skandal abgesehen – in welcher Absicht, wird er schon wissen. Er hat immer eine Absicht. Ich glaube, ich kenne sie auch jetzt …«

»Alle beschuldigen mich, alle!« schrie Fjodor Pawlowitsch. »Auch Pjotr Alexandrowitsch. Sie haben mich beschuldigt, Pjotr Alexandrowitsch, Sie haben mich beschuldigt!« Er wandte sich plötzlich an Miussow, obgleich dieser nicht daran gedacht hatte, ihn zu unterbrechen. »Ich werde beschuldigt, das Geld meiner Kinder im Stiefel versteckt und sie dadurch benachteiligt zu haben. Aber erlauben Sie, gibt es denn keine Gerichte? Dmitri Fjodorowitsch, man wird Ihnen an Hand Ihrer eigenen Quittungen, Briefe und Verträge vorrechnen, wieviel Sie besaßen, wieviel Sie verbraucht haben und was dann noch bleibt! Warum versäumt es Pjotr Alexandrowitsch, ein Gerichtsurteil herbeizuführen? Dmitri Fjodorowitsch ist für ihn doch kein Fremder. Er vermeidet es nur, weil sie alle gegen mich sind. Das Schlußresultat der Rechnung ist, daß Dmitri Fjodorowitsch mir etwas schuldet, und zwar keine unbedeutende Summe, sondern mehrere tausend Rubel, ich habe dafür alle erforderlichen Beweise. Die ganze Stadt spricht von seinen ausschweifenden Gelagen! Wo er früher beim Militär stand, da mußte er tausend und zweitausend Rubel Strafe wegen Verführung ehrbarer Mädchen bezahlen! Ich weiß das, Dmitri Fjodorowitsch, mit allen intimen Einzelheiten, und ich werde es beweisen! Können Sie das glauben, heiligster Vater? Er machte ein anständiges Mädchen in sich verliebt, ein vermögendes Mädchen aus gutem Hause, die Tochter seines früheren Chefs, eines tapferen, verdienten Obersten, der den Anna-Orden mit Schwertern besaß; er kompromittierte das Mädchen mit einem Heiratsantrag. Jetzt ist sie hier; jetzt ist sie eine Waise, seine Braut – er aber geht vor ihren Augen zu einer anderen, allerdings sehr verführerischen Frau! Obgleich diese Frau mit einem achtbaren Mann sozusagen in bürgerlicher Ehe lebte, besitzt sie doch einen selbständigen Charakter und ist für alle eine uneinnehmbare Festung wie eine legitime Ehefrau. Sie ist tugendhaft, fromme Väter, sie ist tugendhaft! Aber Dmitri Fjodorowitsch will diese Festung mit einem goldenen Schlüssel aufschließen und trumpft zu diesem Zweck gegen mich auf, um Geld aus mir herauszuquetschen. Einstweilen hat er schon Tausende für die Verführerin verschwendet; zu diesem Zweck borgt er fortwährend Geld, und bei wem unter anderem? Was meinen Sie? Soll ich es sagen, Mitja? Soll ich?«

»Schweigen Sie!« schrie Dmitri Fjodorowitsch. »Warten Sie, bis ich draußen bin! Wagen Sie nicht, in meiner Gegenwart dieses edelmütige Mädchen zu beschmutzen! Schon daß Sie es wagen, von ihr zu sprechen, ist eine Beschimpfung für sie! Ich lasse das nicht zu!« Er konnte kaum atmen.

»Mitja, Mitja!« rief Fjodor Pawlowitsch in kläglichem Ton und preßte sich Tränen aus der Augen. »Wozu gibt es einen väterlichen Segen? Wenn ich dich nun verfluche, was wird dann aus dir?«

»Schamloser Heuchler!« brüllte Dmitri Fjodorowitsch.

»So behandelt er seinen Vater, seinen Vater! Und wie geht er erst mit anderen Leuten um! Stellen Sie sich vor, meine Herren, hier lebt ein armer, aber achtenswerter Mann, ein Hauptmann a. D. Er hat Unglück gehabt, ist entlassen worden, aber nicht infolge eines öffentlichen Gerichtsverfahrens. Seine Ehre blieb unbefleckt, und er hat eine große Familie am Halse … Vor drei Wochen packte ihn Dmitri Fjodorowitsch in einem Restaurant am Bart, zog Ihn auf die Straße und verprügelte ihn vor den Leuten – und alles nur, weil jener in einer geschäftlichen Angelegenheit mein heimlicher Bevollmächtigter war.«

»Lüge! Von außen Wahrheit, von innen Lüge!« rief Dmitri Fjodorowitsch, zornbebend. »Vater, ich will meine Handlungsweise nicht rechtfertigen. Ja, ich bekenne vor aller Ohren: Ich habe mich wie ein Tier benommen gegen diesen Hauptmann, ich bedaure das und verachte mich selber deswegen. Aber dieser Hauptmann, Ihr Herr Bevollmächtigter, war zu derselben Dame gegangen, die Sie soeben ›allerdings verführerisch‹ nannten. Er hatte ihr in Ihrem Auftrag vorgeschlagen, sie möchte meine in Ihrem Besitz befindlichen Wechsel einklagen, um mich dann einsperren zu lassen, sollte ich Ihnen bei der Abrechnung über mein Vermögen zu sehr zusetzen. Sie wollen mir jetzt den Vorwurf machen, ich hätte für diese Dame eine Schwäche; dabei haben Sie selbst ihr beigebracht, mich anzulocken! Das erzählt sie den Leuten ganz offen! Auch mir hat sie es erzählt und sich über Sie lustig gemacht! Einsperren wollen Sie mich nur, weil Sie auf mich eifersüchtig sind! Sie haben sich nämlich selbst an diese Dame herangemacht! Auch das ist mir bekannt, auch das hat sie mir wieder lachend, hören Sie, über Sie lachend, erzählt. Da haben Sie nun diesen Menschen, fromme Männer, diesen Vater, der seinem liederlichen Sohn Vorwürfe macht! Verzeihen Sie mir den Zorn, meine Herren Zeugen! Ich ahnte schon, daß dieser heimtückische alte Mann Sie nur zusammenkommen ließ, um einen Skandal herbeizuführen. Ich kam mit der Absicht zu verzeihen, sobald er mir die Hand entgegenstreckt. Ich wollte verzeihen und um seine Verzeihung bitten! Aber da er soeben nicht nur mich, sondern auch ein höchst anständiges Mädchen beleidigt hat, dessen Namen ich aus Achtung vor ihr nicht ohne Grund auszusprechen wage, bin ich entschlossen, sein ganzes Spiel öffentlich aufzudecken, obgleich er mein Vater ist …«

Er war nicht imstande weiterzusprechen. Seine Augen funkelten, sein Atem ging schwer. Aber auch die anderen Anwesenden waren erregt. Alle außer dem Starez hatten sich unruhig von den Plätzen erhoben. Die Priestermönche machten finstere Gesichter und warteten auf eine Willensäußerung des Starez. Der aber saß da, schon völlig blaß, nicht etwa vor Aufregung, sondern vor Schwäche. Ein flehendes Lächeln zuckte um seine Lippen, und ab und zu erhob er die Hand, als wollte er die Streitenden zurückhalten. Freilich, eine einzige befehlende Geste hätte genügt, um dieser Szene ein Ende zu machen, aber er selbst schien etwas zu erwarten und beschränkte sich deshalb auf das aufmerksame Beobachten, als suchte er noch eine Erklärung, als wäre ihm irgendein Punkt noch nicht klar. Pjotr Alexandrowitsch, Miussow fühlte sich schließlich im höchsten Grade erniedrigt und beschimpft.

»An diesem Skandal sind wir alle schuld!« sagte er heftig. »Als ich herkam, habe ich so etwas nicht geahnt, obwohl ich wußte, mit wem ich es zu tun hatte. Der Sache muß ein Ende gemacht werden. Glauben Sie mir, Ehrwürden, daß ich alle hier aufgedeckten Einzelheiten nicht näher kannte. Was ich vorher gehört hatte, mochte ich nicht glauben; und vieles erfahre ich heute zum erstenmal. Ein Vater ist auf seinen Sohn eifersüchtig wegen einer liederlichen Frauensperson. Er trifft mit diesem Geschöpf eine Verabredung, um seinen Sohn ins Gefängnis zu bringen … In solcher Gesellschaft mußte ich also hier erscheinen! Ich bin getäuscht worden. Ich erkläre, daß ich nicht weniger getäuscht worden bin als alle anderen Leute … «

»Dmitri Fjodorowitsch!« schrie plötzlich Fjodor Pawlowitsch mit fremd klingender Stimme. »Wären Sie nicht mein Sohn, ich würde Sie augenblicklich zum Duell fordern! Pistolen, drei Schritt Distanz, übers Tuch!« schloß er und stampfte mit beiden Beinen auf. Es gibt bei alten Lügnern, die ihr Leben lang geschauspielert haben, Minuten, da gehen sie so sehr in ihrer Rolle auf, daß sie wirklich vor Aufregung zittern und weinen, obwohl sie sich im gleichen Augenblick (oder eine Sekunde später) zuflüstern könnten: Du lügst ja, du schamloser alter Kerl! Du bist ja auch jetzt ein Komödiant, trotz deines »heiligen« Zorns in diesem »heiligen« Augenblick!

Dmitri Fjodorowitsch zog furchterregend die Brauen zusammen und blickte seinen Vater mit unendlicher Verachtung an.

»Ich glaubte«, sagte er leise und beherrscht, »ich würde mit dem Engel meiner Seele, mit meiner Braut, in die Heimat zurückkehren, um ihn im Alter zu pflegen – aber ich sehe nur einen liederlichen Wüstling und gemeinen Komödianten!«

»Zum Duell!« brüllte der Alte wieder. Er bekam kaum Luft, und bei jedem Wort spritzte der Speichel. »Und Sie, Pjotr Alexandrowitsch Miussow, sollen wissen, daß es vielleicht in Ihrer ganzen Verwandtschaft keine ehrenhaftere Frau gibt und je gegeben hat als dieses ›Geschöpf‹, wie Sie diese Dame zu nennen wagten! Und Sie, Dmitri Fjodorowitsch, haben für dieses ›Geschöpf‹ Ihre Braut hingegeben. Sie haben damit selbst eingestanden, daß Ihre Braut nicht wert ist, ihr die Schuhriemen zu lösen. Ja, so ein ›Geschöpf‹ ist das!«

»Es ist eine Schmach!« entfuhr es unwillkürlich dem Priestermönch Jossif.

»Eine Schmach und Schande!« rief mit jugendlicher, vor Aufregung zitternder Stimme Kalganow, der die ganze Zeit geschwiegen hatte; er war dunkelrot geworden.

»Wozu lebt ein solcher Mensch!« stieß Dmitri Fjodorowitsch dumpf und außer sich vor Wut hervor; dabei zog er die Schultern so sehr nach oben, daß er wie verkrüppelt aussah. »Soll man ihm noch erlauben, die Erde durch seine Person zu entehren?« Er deutete mit der Hand auf seinen Vater und ließ seinen Blick in die Runde geben. Er hatte langsam und gemessen gesprochen.

»Hören Sie diesen Vatermörder, Sie Mönche!« schrie Fjodor Pawlowitsch, auf Vater Jossif zustürzend. »Da haben Sie die Antwort auf Ihre Meinung: ›Es ist eine Schmach!‹ Was ist eine Schmach? Dieses ›Geschöpf‹ diese liederliche Frauensperson ist vielleicht heiliger als Sie selbst, meine Herren Priestermönche, die Sie hier Ihrem Seelenheil leben! Durch schlechten Umgang wurde sie vielleicht in der Jugend verleitet; aber sie hat viel geliebt – und einer, die viel liebte, hat Christus vergeben.«

»Christus hat nicht solcher Liebe wegen vergeben!« rief der sanfte Vater Jossif ungeduldig und heftig.

»Doch! Um solcher Liebe, gerade um solcher Liebe willen, meine Herren Mönche! Sie suchen durch Kohlessen Ihre Seelen zu retten und halten sich für Gerechte! Sie essen Gründlinge, täglich einen, und glauben mit den Gründlingen Gottes Gnade zu gewinnen!«

»Das ist unerträglich!« rief es von allen Seiten der Zelle.

Die ungehörige Szene fand ein unerwartetes Ende. Auf einmal erhob sich der Starez. Aljoscha, der aus Angst um ihn und die anderen beinahe den Kopf verloren hatte, fand gerade noch Zeit, ihn am Arm zu stützen. Der Starez ging auf Dmitri Fjodorowitsch zu und ließ sich, als er ganz nahe vor ihm stand, auf die Knie nieder. Aljoscha glaubte, es geschähe aus Schwäche, aber das war nicht der Fall. Nachdem der Starez niedergekniet war, verbeugte er sich tief und mit voller Absicht vor Dmitri Fjodorowitsch, wobei seine Stirn sogar den Boden berührte. Aljoscha war so erstaunt, daß er nicht einmal rechtzeitig zugriff, als sich der Starez wieder erhob. Ein schwaches, kaum wahrnehmbares Lächeln schimmerte auf dessen Lippen.

»Verzeihen Sie! Verzeihen Sie alle!« sagte er und verbeugte sich vor allen Gästen.

Dmitri Fjodorowitsch stand einen Augenblick wie vom Donner gerührt, vor ihm eine tiefe Verbeugung, was sollte das heißen? Dann rief er: »O Gott!«, verbarg das Gesicht in den Händen und stützte aus dem Zimmer. Ihm nach drängten auch alle anderen Gäste, ohne sich in der Verwirrung vom Hausherrn zu verabschieden und sich vor ihm zu verbeugen. Nur die Priestermönche traten an ihn heran und ließen sich segnen.

»Was wollte er sagen mit dieser tiefen Verbeugung? Es war wohl eine symbolische Handlung?« Mit diesen Worten versuchte Fjodor Pawlowitsch, plötzlich merkwürdig friedlich, ein Gespräch anzuknüpfen, wagte aber nicht, sich direkt an jemand zu wenden. In diesem Augenblick hatten sie die Mauer erreicht und verließen die Einsiedelei.

»Ich verstehe mich nicht auf Irrenhäuser und Irre«, antwortete Miussow erbost. »Aber ich verzichte nunmehr auf Ihre Gesellschaft, Fjodor Pawlowitsch, und zwar für immer. Wo ist denn dieser Mönch von vorhin?«

»Dieser Mönch von vorhin«, derjenige, der sie zum Mittagessen beim Abt eingeladen hatte, ließ nicht auf sich warten. Als die Gäste aus der Haustür des Starez traten, empfing er sie, als hätte er sie die ganze Zeit erwartet.

»Haben Sie die Güte, geehrter Vater, dem Vater Abt meine größte Hochachtung auszusprechen und mich für meine Person, Miussow, bei Seiner Hochehrwürden zu entschuldigen. Ich kann wegen unvorhergesehener Umstände trotz meines aufrichtigsten Wunsches nicht die Ehre haben, an seinem Mittagsmahl teilzunehmen«, sagte Pjotr Alexandrowitsch gereizt zu dem Mönch. »Ich bin der unvorhergesehene Umstand!« unterbrach ihn Fjodor Pawlowitsch. »Hören Sie, Vater. Pjotr Alexandrowitsch möchte nur nicht mit mir zusammenbleiben, sonst würde er sofort hingehen. Aber Sie werden hingehen, Pjotr Alexandrowitsch. Gehen Sie ruhig zum Vater Abt, ich wünsche Ihnen guten Appetit! Ich lehne nämlich die Einladung ab, also brauchen Sie es nicht zu tun. Nach Hause, nach Hause! Zu Hause werde ich essen! Hier bin ich außerstande, mein liebenswürdiger Verwandter Pjotr Alexandrowitsch!«

»Ich bin nicht Ihr Verwandter! Bin es niemals gewesen. Sie sind ein gemeiner Mensch!«

»Ich habe das absichtlich gesagt, um Sie zu ärgern, weil Sie die Verwandtschaft ableugnen! Und Sie sind doch mein Verwandter, Sie können sich drehen und wenden, wie Sie wollen, ich werde es Ihnen aus den Kirchenregistern beweisen! Iwan Fjodorowitsch, ich werde dir rechtzeitig den Wagen schicken, bleib also ebenfalls, wenn du willst! Und Ihnen, Pjotr Alexandrowitsch, gebietet schon der Anstand, beim Vater Abt zu erscheinen. Einer muß doch um Entschuldigung bitten wegen der Dinge, die Sie und ich dort angestellt haben…«

»Ist es wahr, daß Sie wegfahren? Lügen Sie auch nicht?«

»Pjotr Alexandrowitsch, wie könnte ich mich dort zeigen – nach allem, was vorgefallen ist? Ich habe mich hinreißen lassen! Verzeihen Sie, meine Herren, ich habe mich hinreißen lassen! Und außerdem bin ich erschüttert. Und ich schäme mich. Meine Herren, der eine hat ein Herz wie Alexander der Große und der andere eins wie das Schoßhündchen Fidelka. Ich habe eins wie das Schoßhündchen Fidelka. Ich habe den Mut verloren! Wie könnte ich nach solchen Eskapaden zu einem Essen ins Kloster gehen? Ich schäme mich; ich kann nicht, entschuldigen Sie mich!«

›Der Teufel mag sich in dem auskennen! Wenn er mich nun betrügt?‹ dachte Miussow, blieb nachdenklich stehen und sah argwöhnisch zu, wie der Possenreißer sich entfernte. Dieser drehte sich noch einmal um, und als er bemerkte, daß Pjotr Alexandrowitsch ihm nachsah, warf er ihm eine Kußhand zu.

»Und Sie? Gehen Sie auch zum Abt?« fragte Miussow schroff Iwan Fjodorowitsch.

»Warum nicht? Ich bin ohnehin schon gestern vom Abt besonders eingeladen worden.«

»Leider fühle ich mich tatsächlich fast gezwungen, dieses verdammte Diner mitzumachen«, fuhr Miussow mit derselben erbitterten Gereiztheit fort, ohne sich um den zuhörenden Mönch zu kümmern. »Wir müssen uns wenigstens entschuldigen wegen der vorgefallenen Dinge und erklären, daß wir nicht schuld waren … Wie denken Sie darüber?«

»Ja, wir müssen allerdings erklären, daß uns keine Schuld trifft. Außerdem ist mein Vater nicht dabei«, bemerkte Iwan Fjodorowitsch.

»Das fehlte noch, daß Ihr Vater dabei wäre! Dieses verdammte Diner!«

Dennoch gingen alle hin. Der Mönch hörte schweigend zu. Au dem Weg durch das Wäldchen ließ er die Bemerkung fallen, der Vater Abt warte schon lange, sie kämen über eine halbe Stunde zu spät. Er erhielt jedoch keine Antwort. Miussow blickte voll Haß auf Iwan Fjodorowitsch.

›Da geht er nun zum Essen, als wäre nicht das geringste geschehen!‹ dachte er. ›Eine eherne Stirn und ein Karamasowsches Gewissen!‹

7. Ein Seminarist und Karrierist

Aljoscha führte den Starez ins Schlafgemach und ließ ihn sich aufs Bett setzen. Das Schlafzimmer war sehr klein und besaß nur die notwendigsten Möbel; auf dem schmalen Eisenbett lag statt einer Matratze nur eine Filzdecke. In der Ecke, bei den Ikonen, stand ein Lesepult mit einem Kreuz und einem Evangelienbuch darauf. Der Starez ließ sich kraftlos aufs Bett sinken, seine Augen glänzten, er atmete nur mühsam. Als er sich gesetzt hatte, schaute er Aljoscha lange und nachdenklich an.

»Geh nur, mein Lieber, geh nur. Mir genügt auch Porfiri. Du beeile dich! Du wirst dort benötigt. Geh zum Vater Abt und warte beim Mittagsmahl auf!«

»Erlauben Sie mir hierzubleiben!« bat Aljoscha.

»Du wirst dort nötiger gebraucht. Dort ist kein Friede. Du wirst dort aufwarten und nützlich sein. Wenn sich die bösen Geister erheben, so sprich ein Gebet! Und wisse, lieber Sohn …« So nannte ihn der Starez gern. »Auch künftig ist hier nicht dein Platz. Vergiß das nicht, Jüngling! Sobald mich Gott gewürdigt haben wird, in die Ewigkeit hinüberzuwandeln, geh fort aus dem Kloster! Ganz fort!«

Aljoscha zuckte zusammen.

»Was hast du? Vorläufig ist dein Platz nicht hier. Ich segne dich für einen großen Dienst in der Welt. Du wirst noch viel wandern müssen. Auch heiraten wirst du müssen, das wird deine Pflicht sein. Viel wirst du ertragen müssen, bis du von neuem hier anlangst. Und viel zu tun wirst du haben. Aber ich zweifle nicht an dir, und darum sende ich dich aus. Christus sei mit dir! Bewahre Ihn, und Er wird dich bewahren. Du wirst großes Leid erfahren und wirst in diesem Leid glücklich sein. Höre mein Vermächtnis: Such das Glück im Leid! Arbeite, arbeite unermüdlich! Bewahre diese meine Worte in deinem Gedächtnis! Zwar werde ich auch noch weiter mit dir reden, doch sind bereits meine Tage, ja sogar meine Stunden gezählt.«

Auf Aljoschas Gesicht zeigte sich wieder eine starke seelische Erregung. Seine Mundwinkel zuckten.

»Was hast du denn wieder?« fragte der Starez leise lächelnd. »Mögen die Weltlichen ihre Verstorbenen mit Tränen begleiten, wir hier freuen uns, wenn ein Vater von uns geht. Wir freuen uns und beten für ihn. So verlaß mich denn! Ich muß beten. Geh hin und beeile dich. Bleib deinen Brüdern nahe! Nicht einem, sondern allen beiden!«

Der Starez erhob die Hand zum Segen. Eine Entgegnung war unmöglich, obgleich Aljoscha nur zu gern geblieben wäre. Es drängte ihn auch zu fragen – und die Frage sprang ihm fast von der Zunge: Was hatte jene tiefe Verbeugung vor Dmitri zu bedeuten? Er wagte aber doch nicht zu fragen. Er wußte, der Starez würde es ihm auch erklären, wenn es möglich wäre. Es war also nicht sein Wille. Die Verbeugung hatte jedenfalls gewaltigen Eindruck auf Aljoscha gemacht; er glaubte fest, in ihr liege ein geheimer Sinn. Ein geheimer, vielleicht aber auch ein schrecklicher Sinn. Als er die Einsiedelei verließ, um rechtzeitig zum Mittagessen im Kloster zu sein – natürlich nur, um bei Tisch aufzuwarten –, zog sich ihm plötzlich das Herz zusammen, und er blieb stehen. Er glaubte erneut die Worte der Starez zu hören, der seinen nahen Tod verkündete. Was der Starez vorhersagte, und noch dazu mit solcher Bestimmtheit, das mußte unbedingt eintreten; daran glaubte Aljoscha fest. Was sollte aus ihm werden, wenn er allein blieb, den Starez nicht mehr sah, nicht mehr hörte? Wohin sollte er gehen? Der Starez hatte ihm befohlen, nicht zu weinen, das Kloster zu verlassen, o Gott! Seit langem schon hatte Aljoscha nicht solches Leid erfahren. Er lief so schnell wie möglich durch das Wäldchen, das die Einsiedelei vom Kloster trennte, und da er die niederdrückenden Gedanken nicht ertragen konnte, schaute er auf zu den alten Fichten an beiden Seiten des Waldweges. Der Weg war nicht lang, etwa fünfhundert Schritt, und es war um diese Tageszeit kaum anzunehmen, daß man hier jemandem begegnen würde. Dennoch erblickte er plötzlich an der ersten Wegbiegung Rakitin, der auf jemand wartete.

»Wartest du etwa auf mich?« fragte Aljoscha, als er herangekommen war.

»Allerdings«, erwiderte Rakitin lächelnd. »Du eilst zum Vater Abt. Ich weiß, bei dem ist heute Diner. Seit er den Bischof und den General Pachatow bewirtete, erinnerst du dich, hat es so ein Diner nicht mehr gegeben. Ich bin nicht dabei, aber du kannst ja hingehen und die Soßen reichen! Eins aber sag mir, Aljoscha: Was bedeutete das vorhin – oder war es ein Traum? Das war’s, wonach ich dich fragen wollte.«

»Was war ein Traum?«

»Nun, jene tiefe Verbeugung vor deinem Bruder Dmitri. Er bumste sogar mit der Stirn auf die Diele!«

»Sprichst du von Vater Sossima?«

»Jawohl, von Vater Sossima.«

»Was hat er mit der Stirn getan?«

»Ich habe mich etwas respektlos ausgedrückt. Trotzdem – was hat diese Verbeugung zu bedeuten?«

»Ich weiß es nicht, Mischa!«

»Ich wußte doch, er würde es dir nicht erklären. Etwas Kluges steckt nicht dahinter. Es scheinen immer die gleichen heiligen Dummheiten zu sein. Aber der Hokuspokus war Absicht. Jetzt werden alle Frömmler in der Stadt davon reden und es im ganzen Gouvernement herumtragen: Was hat diese Verbeugung zu bedeuten? Nach meiner Ansicht besitzt der Alte wirklich eine prophetische Gabe. Er wittert ein Verbrechen. Es stinkt bei euch!«

»Was für ein Verbrechen?«

Rakitin hatte offenbar Lust, mehr zu sagen.

»In eurer Familie wird es geschehen, dieses Verbrechen. Zwischen deinen Brüdern und deinem reichen Vater. Und deshalb hat Vater Sossima für jeden künftigen Fall mit der Stirn auf die Diele gebumst. Mag sich später ereignen, was da will – man wird sagen: Der heilige Starez hat es vorhergesagt, hat es prophezeit! Im Grunde – was ist das schon für eine Prophezeiung, wenn er mit der Stirn auf die Diele bumst? Aber man wird es für eine symbolische, allegorische Handlung nehmen, der Teufel mag wissen, wofür! Man wird es ausposaunen und im Gedächtnis behalten. Er hat das Verbrechen geahnt und den Verbrecher bezeichnet, wird es heißen. Die religiösen Irren machen es immer so: Sie segnen die Schenke und bewerfen das Gotteshaus mit Steinen. Und ebenso macht es dein Starez: Den Gerechten vertreibt er mit dem Stock, und vor dem Mörder verbeugt er sich.«

»Von welchem Verbrechen sprichst du? Von welchem Mörder? Was meinst du eigentlich?« Aljoscha stand wie angewurzelt da, und auch Rakitin blieb stehen.

»Von welchem? Als ob du das nicht wüßtest! Ich möchte wetten, daß du schon selber daran gedacht hast. Apropos, das wäre interessant! Hör mal, Aljoscha, du sagst ja immer die Wahrheit, obgleich du dich immer zwischen zwei Stühle setzt – hast du daran gedacht oder nicht? Antworte!«

»Ja, ich habe daran gedacht«, antwortete Aljoscha leise. Sogar Rakitin bekam einen Schreck.

»Was? Auch du hast wirklich daran gedacht?« rief er.

»Ich … Ja, eigentlich habe ich nicht daran gedacht«, murmelte Aljoscha. »Aber als du eben so sonderbar davon sprachst, da war mir, als hätte ich wirklich daran gedacht.«

»Siehst du wohl, wie klar du das ausdrückst! Als du heute deinen Papa und deinen Bruder Mitenka ansahst, hast du an ein Verbrechen gedacht? Ich irre mich also nicht?«

»Warte mal, warte mal«, unterbrach ihn Aljoscha aufgeregt. »Woran siehst du das alles? Warum interessiert dich das so? Das ist die erste Frage.«

»Das sind zwei verschiedene, aber sehr natürliche Fragen. Ich werde dir auf jede besonders antworten. Woran ich das sehe? Ich hätte nichts gesehen, wenn ich deinen Bruder Dmitri heute nicht plötzlich durchschaut hätte, ganz und gar, mit einem Schlag, so wie er ist. Bei diesen ehrenhaften, aber sinnlichen Menschen gibt es eine Grenze, die nicht überschritten werden darf. Sonst … Sonst stößt er auch seinen Papa mit dem Messer nieder. Der Papa hingegen ist eine versoffene, hemmungslose Schlampe – die beiden werden sich nicht beherrschen und werden, plumps, im Graben landen!«

»Nein, Mischa, wenn du nur das meinst, bin ich beruhigt. Dazu wird es nicht kommen.«

»Warum zitterst du dann am ganzen Körper? Weißt du, wie so was vor sich geht? Wenn er auch ein ehrenhafter Mensch ist, dieser Mitenka, dumm, aber ehrenhaft – er ist doch ein Lüstling Das ist meine Definition, damit ist sein ganzes Wesen gekennzeichnet. Diese gemeine Sinnlichkeit hat er von seinem Vater geerbt. Ich wundere mich nur über dich, Aljoscha. Wie kommt es, daß du so ein reiner Jüngling bist? Du bist doch auch ein Karamasow! In eurer Familie hat sich doch die Sinnlichkeit zu einer Art Krankheit entwickelt. Drei Lüstlinge beobachten sich nun gegenseitig, jeder mit dem Messer im Stiefel. Drei sind schon mit den Köpfen zusammengerannt, du wirst vielleicht der vierte sein.«

»Über diese Frau bist du im Irrtum. Dmitri verachtet sie«, sagte Aljoscha und schien dabei zu zittern.

»Wen, Gruschenka? Nein, Bruder, die verachtet er nicht. Wenn er ihretwegen schon seine Braut ganz offen verläßt, dann verachtet er sie sicher nicht. Da ist etwas … Da ist etwas, Bruder, was du noch nicht verstehst. Wenn sich ein Mensch in eine schöne Frau, in einen weiblichen Körper oder auch nur in einen Körperteil verliebt – nur ein sinnlich Veranlagter wird das begreifen –, so gibt er für diese Frau seine eigenen Kinder hin und verkauft für sie seinen Vater und seine Mutter und sein russisches Vaterland! Wenn er noch so ehrenhaft war, er wird hingehen und stehlen! Wenn er einen noch so sanften Charakter besaß, er wird morden! Wenn er noch so treu war, er wird zum Verräter werden! Puschkin, der Sänger der Frauenfüßchen, hat diese in seinen Gedichten gefeiert; andere besingen die Füßchen zwar nicht, können sie aber nicht sehen, ohne in Krämpfe zu verfallen. Und es geht ja nicht nur um die Füßchen … Da hilft keine Verachtung, Bruder, selbst wenn er Gruschenka verachten sollte. Wenn er sie auch verachtet, losreißen kann er sich doch nicht von ihr.«

»Das verstehe ich«, entfuhr es Aljoscha unwillkürlich.

»Wahrhaftig? Ja, ja, du mußt es wohl wirklich verstehen, wenn du so herausplatzt, daß du es verstehst«, erwiderte Rakitin schadenfroh. »Es ist dir ganz unwillkürlich herausgefahren. Um so wertvoller ist das Geständnis, daß dir dieses Thema bereits bekannt ist und daß du schon über die Sinnlichkeit nachgedacht hast. O du reiner Jüngling! Du bist so ein stiller Patron, Aljoschka, so ein Heiliger, das gebe ich zu. Aber du hast schon, weiß der Teufel worüber nachgedacht und weiß der Teufel, was dir alles schon bekannt ist. Ein reiner Jüngling, und doch schon in solche Tiefen vorgedrungen – ich beobachte dich schon lange! Du bist ein Karamasow, ein echter Karamasow, die Abstammung hat doch etwas zu bedeuten. Vom Vater hast du die Sinnlichkeit, von der Mutter die religiöse Verrücktheit. Warum zitterst du? Habe ich die Wahrheit getroffen? Weißt du, Gruschenka hat mich gebeten: ›Bring ihn zu mir, ich werde ihm schon die Kutte ausziehen.‹ Und wie dringend hat sie gebeten. ›Bring ihn her, auf alle Fälle bring ihn her!‹ Ich frage mich, wodurch magst du ihr eigentlich so interessant sein? Weißt du, sie ist nämlich auch eine ungewöhnliche Frau!«

»Bestell ihr meine Empfehlung und sage ihr, ich komme nicht«, sagte Aljoscha mit schiefem Lächeln. »Sprich bitte zu Ende, Michail, was du vorhin angefangen hast, ich sage dir dann auch meine Gedanken.«

»Was ist da zu Ende zu sprechen, es ist ja alles sonnenklar. Die alte Geschichte, Bruder. Wenn schon in dir ein Lüstling steckt, was soll man dann von deinem Bruder Iwan sagen, den dieselbe Mutter geboren hat? Auch er ist ein Karamasow. Da liegt Euer ganzes Karamasow-Problem! Sinnlichkeit, Habgier und religiöse Verrücktheit! Dein Bruder Iwan druckt einstweiIen aus Spaß mit irgendeinem törichten, unverständlichen Hintergedanken theologische Aufsätze, obwohl er Atheist ist, und er gesteht diese Gemeinheit selber ein – dein Bruder Iwan! Nebenbei versucht er seinem Bruder Mitja die Braut abspenstig zu machen, und er scheint das auch zu erreichen. Und noch etwas: Er tut es mit Mitenkas Zustimmung! Mitenka selbst tritt ihm die Braut ab, um möglichst bald von ihr loszukommen und zu Gruschenka zu gehen. Und das trotz seiner selbstlosen, edlen Gesinnung, wohlgemerkt! Da sieht man es, gerade solche Leute sind die schlimmsten! Mag der Teufel klug werden aus solchem Benehmen! Er erkennt die Gemeinheit seines Benehmens, und trotzdem benimmt er sich so, nun erst recht! Höre weiter! Diesem Mitenka kommt jetzt der Alte in die Quere, der Vater, der plötzlich vor Begierde nach Gruschenka den Verstand verloren hat. Der Speichel läuft ihm aus dem Mund, sobald er sie ansieht. Nur ihretwegen hat er eben in der Zelle einen solchen Skandal gemacht, weil Miussow sie liederlich zu nennen wagte. Er ist schlimmer verliebt als ein Kater. Früher half sie ihm gegen Bezahlung bei allerlei lichtscheuen Geschäftchen, die seine Schenken betrafen. Jetzt ist ihm plötzlich eingefallen, sie näher anzusehen – schon ist er wie toll nach ihr und bedrängt sie mit Anträgen, selbstverständlich mit unanständigen. Auf diesem Weg werden sie wohl zusammenstoßen, der Papa und sein Sohn. Und Gruschenka schenkt ihre Gunst weder diesem noch jenem; vorläufig hält sie beide zum Narren: Sie überlegt, welcher besser ist. Aus dem Papa läßt sich zwar viel Geld herauspressen, dafür heiratet er sie nicht und macht vielleicht zu guter Letzt vor lauter Geiz sein Portemonnaie zu. In so einem Fall hat auch Mitenka seinen Wert: Geld hat er zwar nicht, aber er ist imstande, sie zu heiraten. Er ist imstande, seine reiche, adlige Braut Katerina Iwanowna, eine unvergleichliche Schönheit, eine Oberstentochter, aufzugeben und Gruschenka zu heiraten, die frühere Mätresse des liederlichen, ungebildeten alten Krämers Samsonow. Alles das kann zu einem Zusammenstoß führen, ja, zu einem Verbrechen. Und darauf wartet dein Bruder Iwan, denn erst dann hat er gewonnenes Spiel: Er bekommt Katerina Iwanowna, nach der er sich verzehrt, und er schluckt ihre sechzigtausend Rubel Mitgift – für einen armen Teufel wie ihn ein verlockender Anfang. Hinzu kommt, daß er Mitja nicht einmal kränkt, er verpflichtet ihn sich sogar zu lebenslänglichem Dank! Weiß ich doch zuverlässig, daß Mitenka erst vorige Woche, als er mit Zigeunerinnen betrunken in einem Wirtshaus saß, laut hinausgeschrien hat, er sei seiner Braut Katenka nicht würdig, sein Bruder Iwan dagegen, der sei ihrer würdig. Und Katerina Iwanowna wird selbstverständlich einen so entzückenden Menschen wie Iwan Fjodorowitsch nicht abweisen, sie schwankt jetzt schon zwischen beiden … Wodurch euch dieser Iwan nur so bezaubert, daß ihr in Ehrfurcht vor ihm vergeht! Er selber lacht euch einfach aus! Er sagt sich: Ich sitze in den Himbeeren und schmause nach Herzenslust auf eure Kosten.«

»Woher weißt du das alles? Wie kannst du das mit solcher Bestimmtheit sagen?« fragte Aljoscha plötzlich in scharfem Ton und mit finsterer Miene.

»Warum fragst du jetzt danach? Warum hast du im voraus Angst vor meiner Antwort? Du gibst also zu, daß ich die Wahrheit gesagt habe.«

»Du kannst Iwan nicht leiden, Iwan läßt sich nicht durch Geld verführen.«

»Wirklich? Und Katerina Iwanownas Schönheit? Es geht nicht allein um Geld, obwohl auch sechzigtausend Rubel eine verführerische Sache sind.«

»Iwan richtet seinen Blick auf Höheres. Er läßt sich auch durch Tausende nicht verführen. Er sucht nicht Geld und sucht nicht Ruhe. Vielleicht sucht er Qualen.«

»Was ist das nun wieder für eine Träumerei? Ach, ihr … Ihr Adligen!«

»Ach, Mischa, seine Seele hat etwas Stürmisches. Sein Geist liegt gefangen. In ihm lebt eine große, noch nicht ausgereifte Idee. Er ist einer von denen, die nicht nach Millionen gieren, sondern danach, eine Idee zur Reife zu bringen.«

»Das ist literarischer Diebstahl, Aljoschka. Mit diesen Phrasen hast du deinen Starez noch übertroffen. Dieser Iwan hat euch ja ein Rätsel aufgegeben!« rief Rakitin mit unverhohlener Bosheit. Selbst sein Gesicht hatte sich verändert, die Lippen waren schief gezogen. »Dabei ist das Rätsel dumm, es ist gar nichts dabei zu raten. Nimm dein Gehirn ein bißchen zusammen, dann hast du es sofort heraus. Sein Aufsatz ist lächerlich und dumm. Hast du vorhin seine törichte Theorie gehört: Wenn es keine Unsterblichkeit der Seele gibt, so gibt es auch keine Tugend, also ist alles erlaube? Und erinnerst du dich, wie dein Bruder Mitenka dabei ausrief: ›Das werde ich mir merken!‹? Eine verführerische Theorie für Schurken! Aber ich schimpfe, und das ist dumm. Sagen wir lieber nicht Schurken, sondern für knabenhafte Renommierer mit ›unergründlich tiefen Ideen‹. Ein Prahlhans ist er, und der ganze Kern seiner Theorie ist der: Einerseits muß man zugestehen, andererseits muß man bekennen! Seine ganze Theorie ist eine Gemeinheit! Die Menschheit wird in sich selbst die Kraft finden, für die Tugend zu leben, auch ohne den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele! In der Liebe zu Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wird sie diese Kraft finden …«

Rakitin hatte sich in Feuer geredet und konnte sich kaum noch beherrschen. Aber auf einmal schwieg er, als sei ihm etwas eingefallen.

»Na, genug nun!« sagte er mit einem noch schieferen Lächeln als vorher. »Warum lachst du? Meinst du, daß ich ein Schwätzer bin?«

»Nein, es ist mir nicht in den Sinn gekommen, das zu denken. Du bist klug; aber … Laß gut sein, ich habe nur so aus Dummheit gelächelt. Ich weiß, warum du hitzig wirst, Mischa. An deinem Eifer merke ich, daß Katerina Iwanowna dir selber nicht ganz gleichgültig ist, Bruder. Ich habe das schon seit langem vermutet, und deshalb kannst du Iwan nicht leiden. Du bist wohl eifersüchtig auf ihn?«

»Und dann habe ich es wohl auch auf das Geld abgesehen? Das fügst du noch hinzu, wie?«

»Nein, von dem Geld sage ich nichts. Ich will dich nicht beleidigen.«

»Ich glaube es dir, weil du es sagst. Aber der Teufel mag wissen, warum ihr alle solch einen Narren an diesem Iwan gefressen habt! Keiner von euch begreift, daß man ihn auch ohne seine Beziehungen zu Katerina Iwanowna nicht lieben kann. Und wofür soll ich ihn auch lieben, hol ihn der Teufel! Er hält es ja für richtig, selbst auf mich zu schimpfen. Warum soll ich nicht berechtigt sein, auch auf ihn zu schimpfen?«

»Ich habe nie gehört, daß er irgend etwas Über dich gesagt hätte, weder Gutes noch Schlechtes; er spricht überhaupt nicht von dir.«

»Ich aber habe gehört, daß er mich vorgestern bei Katerina Iwanowna aus Leibeskräften schlechtgemacht hat. Da sieht man, wie sehr er sich doch für meine Wenigkeit interessiert. Und ich weiß nicht, wer von uns beiden auf den anderen eifersüchtig ist. Er beliebte den Gedanken auszusprechen, wenn ich mich nicht in sehr naher Zukunft entschließe, die Laufbahn eines hohen Klostergeistlichen einzuschlagen und Mönch zu werden, so würde ich unbedingt nach Petersburg fahren und Mitarbeiter bei einer großen Monatsschrift werden, und zwar bestimmt in der Abteilung für Kritik; ich würde etwa zehn Jahre lang schreiben und zu guter Letzt die Monatsschrift selbst übernehmen. Dann würde ich sie selbst redigieren, und zwar ganz sicher in liberaler und atheistischer Richtung mit einem sozialistischen Schimmer, ja sogar mit ein bißchen sozialistischer Politur; aber ich würde dabei auf meiner Hut sein, es mit keiner Partei verderben und den Dummköpfen Sand in die Augen streuen. Das Ende meiner Karriere würde nach deines Bruders Meinung darin bestehen, daß der Schimmer von Sozialismus mich nicht hindern würde, mir von den Abonnementsgeldern ein laufendes Konto anzulegen und mit diesem Geld bei Gelegenheit unter Anleitung irgendeines Juden Geschäfte zu machen. Das würde ich so lange tun, bis ich mir in Petersburg ein großes Haus bauen könnte, um die Redaktion dorthin zu verlegen und die übrigen Etagen zu vermieten. Sogar den Platz für das Haus hat er bestimmt: an der Neuen Steinbrücke über die Newa, die angeblich in Petersburg projektiert wird, von der Litejnaja zur Wyborgskaja …«

»Ach, Mischa, vielleicht wird das alles genauso geschehen, bis aufs letzte Tüpfelchen!« rief Aljoscha plötzlich; er konnte sich nicht halten und lächelte vergnügt.

»Jetzt werden Sie auch noch sarkastisch, Alexej Fjodorowitsch!«

»Nein, nein, ich mache nur Spaß, nimm es mir nicht übel! Ich habe ganz andere Dinge im Kopf. Aber gestatte mir eine Frage: Wer konnte dir solche Einzelheiten mitteilen, von wem hast du sie gehört? Du konntest doch nicht selber bei Katerina Iwanowna gewesen sein, als er über dich sprach?«

»Ich selbst war nicht da, aber Dmitri Fjodorowitsch war da, und ich habe es mit eigenen Ohren von Dmitri Fjodorowitsch gehört, das heißt, genaugenommen hat er es mir nicht erzählt, sondern ich habe es mit angehört, natürlich unfreiwillig, ich saß nämlich in Gruschenkas Schlafzimmer und konnte nicht hinausgehen, solange Dmitri Fjodorowitsch im Nebenzimmer war.«

»Ach ja, ich hatte ganz vergessen, sie ist ja mit dir verwandt …«

»Verwandt? Diese Gruschenka mit mir verwandt?« schrie Rakitin, der ganz rot geworden war. »Bist du verrückt geworden? Dein Gehirn ist wohl nicht in Ordnung?«

»Ist sie nicht mit dir verwandt? Ich habe es doch gehört …«

»Wo kannst du das gehört haben? Nein, ihr Herren Karamasow spielt euch als vornehme alte Edelleute auf, und dabei lief dein Vater als Possenreißer herum, um sich an fremden Tischen zu sättigen, froh war er, wenn man ihn aus Barmherzigkeit in der Küche sitzen ließ. Ich bin zwar nur ein Popensohn und euch Edelleuten gegenüber ein Dreck; trotzdem dürft ihr mich nicht munter drauflos beleidigen. Auch ich habe meine Ehre, Alexej Fjodorowitsch! Ich kann nicht mit Gruschenka, einer öffentlichen Dirne, verwandt sein! Das bitte ich zu begreifen!« Rakitin war sehr aufgebracht.

»Um Gottes willen, sei mir nicht böse, ich konnte das doch nicht ahnen! Außerdem, warum nennst du sie eine öffentliche … ? Ist sie so eine?« Aljoscha wurde plötzlich rot. »Ich wiederhole, ich habe gehört, sie sei mit dir verwandt. Du gehst oft zu ihr und hast mir selbst gesagt, du hättest mit ihr kein Verhältnis … Ich habe nie gedacht, daß du sie so verachtest. Verdient sie das wirklich?«

»Wenn ich sie besuche, kann ich dafür meine Gründe haben. Das mag dir genügen. Was die Verwandtschaft anlangt, so wird dein Bruder oder gar dein Vater selbst sie dir vielleicht bald als Verwandte an den Hals hängen, aber nicht mir. Na, da sind wir ja am Ziel. Geh lieber gleich in die Küche! Oho! Was gibt es denn da? Was geht hier vor? Sind wir zu spät gekommen? Sie können doch nicht schon mit dem Mittagessen fertig sein? Oder haben die Karamasows da wieder etwas angerichtet? Gewiß wird es so sein. Da kommt dein Vater, und hinter ihm Iwan Fjodorowitsch. Sie kommen aus der Zelle des Abtes gestürmt. Vater Isidor ruft ihnen von der Haustür etwas nach. Und auch dein Vater schreit und fuchtelt mit den Armen, offenbar schimpft er. Und da ist auch schon Miussow in seinem Wagen davongefahren! Siehst du, da fährt er. Und da läuft auch der Gutsbesitzer Maximow. Sicher hat es einen Skandal gegeben, und das Mittagessen hat gar nicht stattgefunden! Sie werden den Abt doch nicht verprügelt haben? Oder sind sie am Ende selbst verprügelt worden? Das könnte nichts schaden!«

Rakitins Ausrufe waren nicht unbegründet. Es hatte sich tatsächlich ein Skandal zugetragen, ein unerhörter, unerwarteter Skandal. Alles war »intuitiv« geschehen.

8. Der Skandal

Miussow und Iwan Fjodorowitsch hatten soeben das Haus des Abtes betreten, da vollzog sich in Pjotr Alexandrowitsch, einem grundanständigen, feinfühligen Menschen, ein eigenartiger, nobler Denkprozeß: er begann sich seines Zorns zu schämen. Er hätte, das fühlte er, diesen armseligen Fjodor Pawlowitsch im stillen eigentlich nur verachten sollen, anstatt in der Zelle des Starez seine Kaltblütigkeit zu verlieren und außer sich zu geraten. ›Wenigstens können die Mönche nichts dafür!‹ sagte er sich auf den Stufen vor der Haustür des Abtes. ›Und wenn ich hier anständigen Leuten begegne – Vater Nikolai, der Abt, ist wohl gleichfalls ein Adliger –, warum soll ich nicht nett, liebenswürdig und höflich zu ihnen sein. Streiten werde ich nicht; ich werde ihnen sogar nach dem Munde reden, sie durch Liebenswürdigkeit bezaubern – und ihnen schließlich beweisen, daß ich mit diesem alten Satyr, diesem Possenreißer und Clown nichts gemein habe und wie sie alle in diese Sache hineingeraten bin …‹ Das umstrittene Recht des Holzschlagens im Wald und des Fischfangs beschloß er ihnen endgültig abzutreten, ein für allemal, gleich heute, zumal das alles sehr geringen Wert besaß. Was es mit diesen Rechten auf sich hatte und wo überhaupt sie auszuüben waren, wußte er ohnehin nicht. Und er beschloß ferner, alle gerichtlichen Klagen gegen das Kloster zurückzuziehen.

In diesen guten Absichten wurde er noch bestärkt, als sie das Speisezimmer des Vaters Abt betraten. Ein Speisezimmer hatte er eigentlich gar nicht, denn er bewohnte in Wirklichkeit nur zwei Zimmer des Gebäudes, allerdings geräumigere und bequemere als die des Starez. Aber die Einrichtung der Zimmer war ebenfalls nicht sonderlich komfortabel. Die Mahagonimöbel waren nach der Mode der zwanziger Jahre mit Leder bezogen, die Dielen sogar ungestrichen; dafür war alles blitzblank und sauber, und auf den Fensterbrettern standen viele kostbare Blumen. Den Hauptluxus bildete in diesem Augenblick natürlich der üppig ausgestattete Tisch (wobei auch dies nur relativ gemeint ist). Das Tischtuch war rein, das Geschirr glänzte, auf dem Tisch lagen drei verschiedene Sorten vorzüglich gebackenes Brot, außerdem standen dort zwei Flaschen Wein, zwei Flaschen prächtiger Klostermet und eine große gläserne Kanne Klosterkwaß, der in der ganzen Gegend berühmt war. Branntwein gab es nicht. Rakitin berichtete später, es sei diesmal ein Essen aus fünf Gängen zubereitet gewesen: Sterletsuppe mit Fischpastetchen, dann ein besonders vorzüglich angerichteter gekochter Fisch, dann Störkoteletts, Gefrorenes und Kompott und schließlich noch eine säuerliche Mehlspeise, ähnlich wie Blancmanger. Alles das hatte Rakitin herausspioniert, er hatte sich nicht enthalten können, eigens zu diesem Zweck einen Blick in die Küche des Abtes zu werfen, wo er ebenfalls seine Verbindungen hatte. Er hatte überall seine Verbindungen und war in der Lage, sich überall Auskunft zu verschaffen. Er hatte ein unruhiges, neidisches Herz. Seiner bedeutenden Fähigkeiten war er sich bewußt, und vor lauter Eigendünkel überschätzte er sie noch. Er wußte, daß er auf seine Weise einmal ein tüchtiger Mensch sein würde; Aljoscha jedoch, der sehr an ihm hing, quälte der Umstand, daß sein Freund Rakitin unehrlich und sich dessen allerdings gar nicht bewußt war. Im Gegenteil: da er von sich wußte, daß er kein Geld von einem Tisch stehlen würde, hielt er sich tatsächlich für höchst ehrlich. Daran konnte weder Aljoscha noch sonst jemand etwas ändern.

Rakitin, als untergeordnete Person, hatte nicht zu dem Essen eingeladen werden können; dafür waren Vater Jossif und Vater Paissi und noch ein Priestermönch geladen. Sie warteten bereits in dem Speisezimmer des Abtes, als Pjotr Alexandrowitsch, Kalganow und Iwan Fjodorowitsch eintraten. Etwas abseits wartete auch der Gutsbesitzer Maximow. Der Vater Abt trat in die Mitte des Zimmers, um die Gäste zu begrüßen. Er war ein hochgewachsener, hagerer, aber noch kräftiger alter Mann, mit schwarzem, schon stark mit Grau vermischtem Haar und einem langen, würdevollen, etwas wichtigtuerischen und förmlichen Gesicht. Er verbeugte sich schweigend vor den Gästen, die nun vortraten, um den Segen zu empfangen. Miussow wollte ihm schon die Hand küssen, doch der Abt zog sie zurück, und der Kuß kam nicht zustande. Dafür ließen sich Iwan Fjodorowitsch und Kalganow diesmal in aller Form segnen, das heißt mit einem treuherzigen, hörbaren Handkuß nach Art des einfachen Volkes.

»Wir müssen sehr um Entschuldigung bitten, Hochehrwürden«, begann Pjotr Alexandrowitsch mit einem liebenswürdigen Lächeln, aber in würdigem, respektvollem Ton, »daß wir allein erscheinen, ohne unseren ebenfalls geladenen Gefährten Fjodor Pawlowitsch. Er sah sich genötigt, Ihrem Tisch fernzubleiben, und das nicht ohne Grund. In seinem unseligen Hader mit seinem Sohn ließ er sich in der Zelle des ehrwürdigen Vaters Sossima zu einigen ganz unpassenden … kurz gesagt, zu ganz unanständigen Äußerungen hinreißen!« Und, mit Blick auf die Priestermönche: »Was Euer Hochehrwürden bereits bekannt sein dürfte … Von Schuldgefühl und aufrichtiger Reue erfüllt, schämte er sich. Und da er dieses Gefühl nicht überwinden konnte, bat er uns, mich und seinen Sohn Iwan Fjodorowitsch, Ihnen sein aufrichtiges Bedauern, seinen Kummer und seine Reue auszudrücken. Kurz, er hofft und beabsichtigt, später alles wiedergutzumachen; jetzt aber erfleht er Ihren Segen und bittet Sie, das Vorgefallene zu vergessen …«

Miussow schwieg. Bei den letzten Worten seiner Tirade angelangt, war er mit sich äußerst zufrieden, und zwar dermaßen, daß in seiner Seele von der früheren Gereiztheit auch nicht die Spur zurückgeblieben war. Er liebte die Menschen jetzt wieder aufrichtig.

Der Abt, der ihn würdevoll angehört hatte, neigte leicht den Kopf und erwiderte: »Ich bedauere sein Nichterscheinen von ganzem Herzen. Vielleicht hätte er uns beim gemeinsamen Mahl liebgewonnen, ebenso wie wir ihn. Haben Sie nun die Güte zu speisen, meine Herren!«

Er trat vor das Heiligenbild und begann laut ein Gebet zu sprechen. Alle neigten ehrfurchtsvoll die Köpfe, und der Gutsbesitzer Maximow trat besonders weit vor und legte aus besonderer Andacht die Hände mit den Innenflächen vor der Brust zusammen.

Und ausgerechnet in diesem Augenblick erlaubte sich Fjodor Pawlowitsch seinen letzten Streich. Es sei bemerkt, daß er tatsächlich wegfahren wollte und tatsächlich empfand, wie unmöglich es wäre, nach seinem schmählichen Benehmen in der Zelle des Starez nun zum Abt zum Essen zu gehen, als ob nichts geschehen wäre. Nicht daß er sich besonders geschämt und schuldig gefühlt hätte, vielleicht war sogar das Gegenteil der Fall; aber er spürte doch, daß es sich einfach nicht gehörte, jetzt an dem Mittagessen teilzunehmen. Kaum war jedoch sein klappernder Wagen vor der Tür des Gasthauses vorgefahren, als er, schon im Begriff einzusteigen, auf einmal innehielt. Ihm waren seine eigenen Worte vor dem Starez eingefallen: ›Wenn ich irgendwo unter Leuten bin, scheint es mir immer, als sei ich gemeiner als sie, als hielten mich alle für einen Possenreißer. Und dann sage ich mir: Also gut, spiele ich eben den Possenreißer, ich fürchte mich nicht vor eurem Urteil, ihr seid doch allesamt gemeiner als ich!‹ Er bekam Lust, sich an allen für seine eigene Niedertracht zu rächen. Er erinnerte sich bei dieser Gelegenheit, wie er einmal, schon vor langer Zeit gefragt worden war: ›Warum hassen Sie den und den so?‹ und wie er damals in einem Anfall seiner possenreißerischen Schamlosigkeit geantwortet hatte: ›Ich will Ihnen sagen, warum. Er hat mir zwar nichts getan, aber dafür habe ich eine gewissenlose Gemeinheit gegen ihn begangen, und kaum hatte ich die begangen, fing ich sofort an, ihn zu hassen.‹ Als ihm jetzt diese Erinnerung kam, lächelte er, kurz nachdenkend, leise und boshaft vor sich hin. Seine Augen funkelten, und seine Lippen zuckten. ›Wenn man eine Sache einmal angefangen hat, so muß man sie auch zu Ende führen‹, sagte er sich plötzlich. Sein geheimstes Gefühl in diesem Augenblick hätte man mit folgenden Worten ausdrücken können: ›Rehabilitieren kann ich mich jetzt doch nicht mehr – da will ich sie wenigstens schamlos verhöhnen; zeigen will ich ihnen: Ich schäme mich vor euch nicht! Weiter nichts!‹

Er befahl dem Kutscher zu warten; er selbst kehrte mit schnellen Schritten zum Kloster zurück und begab sich geradewegs zum Abt. Er wußte noch nicht recht, was er tun würde; aber er wußte, daß er sich nicht mehr in der Gewalt hatte, und daß er, sobald nur ein Anstoß erfolgte, augenblicklich bis zur äußersten Grenze der Gemeinheit gehen würde; daß er jedoch nur eine Gemeinheit begehen würde – und keineswegs ein Verbrechen oder sonst eine unzulässige Handlung, für die er gerichtlich bestraft werden könnte. In dieser Hinsicht wußte er sich immer zu beherrschen, darüber wunderte er sich manchmal selbst.

Er erschien in dem Speisezimmer des Abtes, als das Gebet gerade zu Ende war und sich alle zu Tisch begaben. Er blieb auf der Schwelle stehen, ließ seinen Blick über die Versammelten schweifen und brach in ein langes, boshaftes Lachen aus; dabei sah er allen dreist in die Augen.

»Und die dachten, ich wäre weggefahren! Aber da bin ich!« rief er, daß es durch den ganzen Saal schallte.

Einen Augenblick starrten ihn alle schweigend an. Man fühlte plötzlich, daß sofort etwas Widerwärtiges, Sinnloses geschehen, daß es zweifellos einen Skandal geben würde. Pjotr Alexandrowitsch verfiel aus seiner edelmütigen Stimmung augenblicklich in Wut. Alles, was in seinem Herzen schon erloschen und besänftigt war, wurde mit einem Schlag wieder lebendig und brach heraus.

»Nein, ich kann das nicht ertragen!« schrie er. »Das kann ich absolut nicht … Unter keinen Umständen!«

Das Blut war ihm in den Kopf geschossen. Er verwirrte sich sogar beim Sprechen, aber es war ihm jetzt nicht um den Stil zu tun. Er griff nach seinem Hut.

»Was kann er denn nicht?« rief Fjodor Pawlowitsch. »Was kann er denn absolut nicht und unter keinen Umständen? Darf ich eintreten, Ehrwürden, oder nicht? Nehmen Sie noch einen Tischgenossen an?«

»Ich bitte von ganzem Herzen darum«, antwortete der Abt. »Meine Herren!« fügte er hinzu. »Ich möchte Sie aus ganzer Seele bitten, Ihre zufälligen Zwistigkeiten beiseite zu lassen und sich im Gebet, in Liebe und in verwandtschaftlicher Eintracht bei unserem friedlichen Mahl zu vereinigen.«

»Nein, nein, das ist unmöglich!« schrie Pjotr Alexandrowitsch außer sich.

»Wenn es für Pjotr Alexandrowitsch unmöglich ist, dann ist es auch für mich unmöglich, und ich werde nicht bleiben. In dieser Absicht, bin ich hergekommen. Ich werde von jetzt an überall mit Pjotr Alexandrowitsch zusammen sein: Wenn Sie weggehen, Pjotr Alexandrowitsch, gehe auch ich weg. Wenn Sie bleiben, bleibe ich ebenfalls. Mit der verwandtschaftlichen Eintracht haben Sie ihm einen besonders empfindlichen Stich versetzt, Vater Abt! Er gibt nicht zu, mein Verwandter zu sein. Nicht wahr, Herr von Sohn? Ach, da steht ja Herr von Sohn. Guten Tag, Herr von Sohn!«

»Meinen Sie mich damit?« murmelte der Gutsbesitzer Maximow erstaunt.

»Natürlich meine ich dich«, schrie Fjodor Pawlowitsch. »Wen sonst? Der Vater Abt kann doch nicht Herr von Sohn sein.«

»Aber ich bin auch nicht Herr von Sohn! Ich heiße Maximow!«

»Nein, du bist Herr von Sohn. Wissen Sie, Ehrwürden, was es mit Herrn von Sohn für eine Bewandtnis hat? Es war einmal ein Kriminalprozeß: An einer Stätte der Unzucht – so werden diese Orte bei Ihnen genannt, glaube ich – war ein Herr von

Sohn ermordet und beraubt und trotz seines ehrwürdigen Alters in eine Kiste verpackt worden, und diese Kiste hatte man dann zugenagelt und als Passagiergut im Gepäckwagen von Petersburg nach Moskau geschickt. Und während die Kiste zugenagelt wurde, sangen unzüchtige Tänzerinnen Lieder und spielten dazu auf der Laute, das heißt auf dem Klavier. Also dieser selbe Herr von Sohn ist er. Er ist von den Toten auferstanden, nicht wahr, Herr von Sohn?«

»Was soll denn das heißen?« riefen mehrere Priestermönche.

»Wir wollen gehen!« rief Pjotr Alexandrowitsch, an Kalganow gewandt.

»Nein, erlauben Sie!« unterbrach ihn Fjodor Pawlowitsch kreischend und trat dabei noch einen Schritt weiter ins Zimmer. »Erlauben Sie mir, zu Ende zu reden. Zum Schaden meines Rufes haben Sie erzählt, ich hätte mich dort in der Zelle respektlos benommen, vor allem mit dem, was ich über die Gründlinge gesagt habe. Pjotr Alexandrowitsch Miussow, mein Verwandter, hat in seiner Rede gern plus de noblesse que de sincerité. Bei mir ist es umgekehrt, ich habe in meiner Rede gern plus de sincerité que de noblesse, und ich spucke auf die noblesse! Nicht wahr, Herr von Sohn? Erlauben Sie, Vater Abt, ich bin zwar ein Possenreißer und spiele den Possenreißer, aber ich bin doch ein Ritter mit Ehre im Leibe und will mich aussprechen. Ja, ich bin ein Ritter mit Ehre im Leibe, aber in Pjotr Alexandrowitsch steckt nur Eigenliebe, mit der ist er vollgestopft, mit weiter nichts. Ich bin vielleicht nur deswegen hierhergefahren, um mir alles anzusehen und mich auszusprechen. Ich habe hier einen Sohn, Alexej, der sucht seine Seele zu retten, ich bin der Vater, ich mache mir Sorgen um sein Schicksal, und es ist meine Pflicht, mir Sorgen darum zu machen. Ich habe alles mitangehört und meine Rolle gespielt und im stillen meine Beobachtungen angestellt, und jetzt will ich Ihnen auch den letzten Akt der Vorstellung vorführen. Wie geht es bei uns zu? Was fällt, das bleibt liegen. Was einmal gefallen ist, das liegt für alle Zeit da. Ja, so ist das! Ich will aber aufstehen. Fromme Väter, ich bin über Sie empört. Die Beichte ist ein großes Sakrament, vor dem auch ich mich willig und ehrfürchtig beuge, aber dort in der Zelle fallen alle auf einmal in die Knie und beichten laut. Ist es etwa erlaubt, laut zu beichten? Von den heiligen Kirchenvätern ist die Ohrenbeichte eingeführt, nur dann wird die Beichte ein Sakrament sein, und so ist das von alten Zeiten her gewesen. So aber, wie soll ich ihm in Gegenwart aller sagen, daß ich zum Beispiel das und das … Na, das heißt, das und das, verstehen Sie? Manchmal ist es ja unanständig, es auch nur zu sagen. Das ist doch ein Skandal! Nein, Väter, wenn man sieht, wie es hier bei Ihnen zugeht, dann möchte man beinahe lieber in die Sekte der Geißler eintreten … Ich werde bei der ersten Gelegenheit an den Synod schreiben! Und meinen Sohn Alexej werde ich von hier fortnehmen!«

Hier mache ich eine Anmerkung. Fjodor Pawlowitsch hatte einmal so etwas läuten hören. Auch dem Bischof waren böse Redereien zu Ohren gekommen, nicht nur über unser Kloster, sondern auch über andere, in denen die Institution der Starzen bestand: Die Starzen würden ein zu großes Ansehen genießen, sogar zum Schaden der Stellung der Äbte; sie mißbrauchten unter anderem das Sakrament der Beichte, und so weiter, und so weiter. Alberne Beschuldigungen, die seinerzeit bei uns wie überall von selbst zusammengebrochen waren. Aber der dumme Teufel, der Fjodor Pawlowitsch gepackt hatte und an seinen eigenen Nerven immer tiefer in Schmach und Schande hineinzog, hatte ihm diese alte Beschuldigung zugeflüstert, die Fjodor Pawlowitsch nicht im geringsten begriff. Und er verstand auch nicht einmal, sie richtig vorzubringen; hinzu kam noch, daß in der Zelle des Starez diesmal niemand auf Knien gelegen und laut gebeichtet hatte, so daß Fjodor Pawlowitsch nichts Derartiges gesehen haben konnte und nur alte Gerüchte und Redereien wiederholte, an die er sich ungenau erinnerte. Doch kaum hatte er seine Dummheit ausgesprochen, fühlte er, daß er Unsinn geschwatzt hatte, und bekam plötzlich Lust, den Zuhörern und vor allem sich selbst auf der Stelle zu beweisen, daß er keinen Unsinn gesprochen habe. Und obgleich er wußte, daß er mit jedem weiteren Wort nur noch törichteres Zeug zu dem schon vorgebrachten Unsinn hinzufügte, konnte er sich nicht mehr halten und stürzte wie von einem Berg in die Tiefe.

»Was für eine Gemeinheit!« rief Pjotr Alexandrowitsch.

»Verzeihen Sie«, sagte auf einmal der Abt. »Es steht geschrieben: ›Und sie redeten gegen mich vielerlei, auch einige häßliche Dinge. Aber ich hörte alles an und sagte mir: diese Arznei hat mir Jesus gesandt, um meine eitle Seele zu heilen.‹ Und darum sprechen auch wir Ihnen unsern ergebensten Dank aus, werter Gast.« Und er verbeugte sich tief vor Fjodor Pawlowitsch.

»Papperlappapp! Scheinheiligkeit und alte Phrasen! Alte Phrasen und alte Gebärden! Die alte Lüge, die gewohnten komödienhaften Verbeugungen! Diese Verbeugungen kennen wir! ›Küsse auf die Lippen, den Dolch ins Herz!‹, wie es in Schillers ›Räubern‹ heißt. Ich liebe keine Falschheit, Väter; ich will Wahrheit! Aber die Wahrheit liegt nicht in den Gründlingen, das habe ich verkündet. Warum fastet ihr denn, ihr Mönche? Warum erwartet ihr dafür Belohnungen im Himmel? Für eine solche Belohnung würde auch ich anfangen zu fasten! Nein, du heiliger Mönch, sei im Leben tugendhaft, nutze der Gesellschaft, ohne daß du dich bei freier Kost im Kloster einschließt und eine Belohnung dort oben erwartest – das wird etwas schwerer sein! Ich kann ebenfalls klar und logisch reden, Vater Abt. Na, was haben wir denn vorbereitet?« sagte er und trat an den Tisch.

»Portwein old factory, Medoc, Abzug der Gebrüder Jelissejew. Ei, ei, meine Väter! Das hat ja wenig Ähnlichkeit mit

Gründlingen! Sieh mal an, solche Fläschchen haben die Väter auf den Tisch gestellt, hehehe! Und wer hat das alles geliefert? Der russische Bauer, der Arbeitssklave, der bringt die paar Groschen, die er mit seinen schwieligen Händen erarbeitet, hierher und entzieht sie seiner Familie und den Bedürfnissen des Staates! Ja, sie saugen das Volk aus, heilige Väter!«

»Das ist ein ganz unwürdiges Gerede von Ihnen«, sagte Vater Jossif.

Vater Paissi schwieg hartnäckig. Miussow rannte aus dem Zimmer, Kalganow folgte.

»Nun, Väter, auch ich werde Pjotr Alexandrowitsch folgen. Ich werde nie wieder zu Ihnen kommen, und wenn Sie mich auf den Knien darum bitten, ich werde nicht kommen. Tausend Rubel habe ich Ihnen geschickt, nun spitzen Sie sich wohl auf mehr, hehehe! Nein, mehr werde ich Ihnen nicht geben! Ich werde mich für meine dahingegangene Jugend und meine ganze Demütigung rächen.« Er schlug in einem fingierten Gefühlsausbruch mit der Faust auf den Tisch. »Viel hat dieses Kloster in meinem Leben bedeutet! Viele bittere Tränen habe ich um seinetwillen vergossen! Meine Frau, die Schreikranke, haben Sie gegen mich aufgehetzt. Auf sieben Synoden haben Sie mich verflucht und mich in der ganzen Umgegend schlechtgemacht! Aber das hat nun ein Ende, Väter! Wir leben jetzt im Zeitalter des Fortschritts, im Zeitalter der Dampfschiffe und Eisenbahnen. Nicht tausend Rubel und nicht hundert Rubel und nicht hundert Kopeken – nichts werden Sie von mir kriegen!«

Noch eine Anmerkung. Unser Kloster hatte niemals in seinem Leben etwas Besonderes bedeutet, und er hatte keine bitteren Tränen um seinetwillen vergossen. Er ließ sich aber von seinen ausgedachten Tränen so sehr hinreißen, daß er einen Augenblick wohl selbst glaubte, was er sagte. Er fing sogar vor Rührung fast an zu weinen, doch gleichzeitig wurde er sich bewußt, daß es Zeit sei, den Rückzug anzutreten. Der Abt senkte den Kopf und erwiderte auf seine boshafte Lüge nachdrücklich: »Wiederum steht geschrieben: ›Ertrage mit Freuden den dir angetanen Schimpf und laß dich nicht beirren, noch auch hasse den, der dich beschimpft hat.‹ Danach handeln auch wir.«

»Papperlappapp, Böses mit Gutem vergelten! Und all der übrige Unsinn! Na, dann vergelten Sie Böses mit Gutem, Väter,

aber ich gehe. Und meinen Sohn Alexej nehme ich kraft meiner väterlichen Gewalt für immer von hier weg. Iwan Fjodorowitsch, mein respektvoller Sohn, erlaube, daß ich dir befehle, mit mir mitzukommen! Herr von Sohn, wozu willst du noch hier bleiben? Komm gleich zu mir in die Stadt! Bei mir soll es lustig zugehen. Es ist nur eine kleine Werst weit. Statt des Fastenöles werde ich ein Spanferkel mit Grütze auftragen lassen, da wollen wir zu Mittag essen, auch Kognak werde ich aufsetzen und danach Likör, ich habe einen Himbeerlikör. Herr von Sohn, laß dein Glück nicht aus den Händen gleiten!«

Er ging schreiend und gestikulierend hinaus.

Und eben in diesem Augenblick bemerkte ihn Rakitin und zeigte ihn seinem Begleiter Aljoscha.

»Alexej!« rief der Vater von weitem, sobald er ihn erblickt hatte. »Du ziehst noch heute zu mir! Dein Kopfkissen und deine Matratze bring auch mit, und laß dich hier nie wieder blicken!«

Aljoscha blieb wie angewurzelt stehen und beobachtete schweigend und aufmerksam die Szene. Fjodor Pawlowitsch war unterdessen in den Wagen gestiegen, und nach ihm schickte sich Iwan Fjodorowitsch an, einzusteigen, ohne sich zum Abschied nach Aljoscha umzuwenden. Da ereignete sich noch eine possenhafte, fast unglaubliche Szene, ein passendes Finale zu diesem ganzen Skandal. Am Wagentritt erschien plötzlich atemlos, um nicht zu spät zu kommen, der Gutsbesitzer Maximow. Rakitin und Aljoscha sahen ihn laufen. Er hatte es so eilig, daß er in seiner Ungeduld den einen Fuß schon auf den Wagentritt setzte, als Iwan Fjodorowitsch noch seinen linken Fuß darauf stehen hatte. Er hielt sich am Kutschbock fest, hüpfte und versuchte, in den Wagen hineinzugelangen.

»Ich komme auch mit!« rief er hüpfend und ließ dabei ein kurzes, fröhliches Lachen vernehmen. Sein Gesicht strahlte vor Glückseligkeit, und er war offenbar zu allem bereit. »Nehmen Sie mich auch mit!«

»Na, habe ich es nicht gesagt?« rief Fjodor Pawlowitsch entzückt. »Das ist Herr von Sohn! Der richtige, von den Toten auferstandene Herr von Sohn! Wie hast du dich denn losgemacht? Was für einen Grund, der eines Herrn von Sohn würdig wäre, hast du angegeben? Und wie konntest du von einem Diner weglaufen? Dazu muß man ja eine eiserne Stirn haben! Ich habe eine solche Stirn, aber ich staune über deine, Bruder! Spring auf, schnell, spring auf! Laß ihn herein, Wanja, es wird sehr fidel werden. Er wird sich hier im Wagen zu unseren Füßen hinlegen. Wirst du das tun, Herr von Sohn? Oder wollen wir ihn neben dem Kutscher plazieren? Spring auf de Kutschbock, Herr von Sohn!«

Doch Iwan Fjodorowitsch, der sich inzwischen schon gesetzt hatte, stieß den Gutsbesitzer Maximow auf einmal wortlos aus voller Kraft vor die Brust, daß dieser ein paar Schritte zurücktaumelte. Daß er nicht stützte, war Zufall.

»Fahr zu!« schrie Iwan Fjodorowitsch ärgerlich dem Kutscher zu.

»Was machst du denn? Was machst du denn? Warum behandelst du ihn so?« empörte sich Fjodor Pawlowitsch, aber der Wagen rollte schon dahin. Iwan Fjodorowitsch antwortete nicht.

»Sieh mal an, was du für einer bist!« sagte Fjodor Pawlowitsch wieder, nachdem er zwei Minuten lang geschwiegen hatte, und schielte zu seinem Sohn hinüber. »Du hast doch diesen ganzen Klosterbesuch selbst ausgedacht. Du hast uns dazu angestiftet, hast ihn uns plausibel gemacht! Warum bist du denn jetzt so ärgerlich?«

»Sie haben genug Unsinn geschwatzt, erholen Sie sich wenigstens jetzt ein bißchen!« antwortete Iwan Fjodorowitsch schroff und mürrisch.

Fjodor Pawlowitsch schwieg wieder zwei Minuten lang.

»Ein kleiner Kognak wäre jetzt nicht übel«, bemerkte er sentenziös.

Iwan Fjodorowitsch antwortete nicht.

»Wenn wir nach Hause kommen, wirst du auch gern einen trinken.«

Iwan Fjodorowitsch schwieg.

Fjodor Pawlowitsch wartete noch zwei Minuten, dann sagte er: »Aber Aljoschka werde ich doch aus dem Kloster fortnehmen, obwohl Ihnen das sehr unangenehm sein wird, ehrerbietigster Karl von Moor.«

Iwan Fjodorowitsch zuckte verächtlich die Achseln, wandte sich ab und blickte auf den Weg. Dann sprachen sie nicht mehr miteinander, bis sie nach Hause kamen.

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Kapitel 3

Drittes Buch

Wollüstlinge

1. In der Gesindestube

Das Haus Fjodor Pawlowitsch Karamasows stand zwar nicht im Zentrum der Stadt, aber auch nicht ganz am Rande. Es war schon ziemlich baufällig, hatte jedoch ein hübsches Äußeres. Es war einstöckig mit einem Zwischengeschoß, grau angestrichen und hatte ein rotes Blechdach. Übrigens konnte es noch lange stehen; es war geräumig und behaglich. Es gab darin allerlei Rumpelkammern, allerlei Verstecke und heimliche Treppchen. Ratten hausten darin; Fjodor Pawlowitsch ärgerte sich jedoch über diese Tiere nicht besonders. ›Es ist dann nicht so langweilig abends, wenn man allein im Hause ist‹, dachte er. Er hatte tatsächlich die Gewohnheit, die Dienerschaft für die Nacht in das Seitengebäude zu entlassen und sich selbst die ganze Nacht allein im Haus einzuschließen. Dieses Seitengebäude stand auf dem Hofe; es war geräumig und solide gebaut. Auf Fjodor Pawlowitschs Anordnung wurde dort das Essen bereitet, obgleich auch im Haus eine Küche vorhanden war. Er konnte den Küchengeruch nicht leiden, also wurden die Speisen im Sommer und im Winter über den Hof getragen. Überhaupt war das Haus für eine große Familie berechnet, und man hätte fünfmal soviel Herrschaft und Dienerschaft darin unterbringen können. Aber zur Zeit, da diese Erzählung spielt, wohnten im Haus nur Fjodor Pawlowitsch und Iwan Fjodorowitsch, und im Gesindehaus nur drei Dienstboten: der alte Grigori, die alte Marfa, seine Frau, und der Diener Smerdjakow, ein junger Mann. Es wird erforderlich sein, etwas ausführlicher von diesen Bediensteten zu sprechen. Über den alten Grigori Wassiljewitsch Kutusow haben wir bereits genug gesagt. Er war ein fester, unbeugsamer Mann, der hartnäckig und geradlinig auf sein Ziel losging, wenn nur dieses Ziel aus irgendwelchen Gründen (die oft erstaunlich unlogisch waren) als unumstößliche Wahrheit vor ihm stand. Er war durchaus ehrlich und unbestechlich. Seine Frau Marfa Ignatjewna beugte sich zwar ihr ganzes Leben lang widerspruchslos dem Willen ihres Mannes, bestürmte ihn aber gleich nach der Bauernbefreiung mit der Bitte, von Fjodor Pawlowitsch weg nach Moskau zu ziehen und dort ein kleines Geschäftchen zu eröffnen; sie hatten nämlich ein bißchen Geld. Grigori erklärte ihr gleich damals ein für allemal, sie rede Unsinn, kein Weib verstehe etwas von Ehre, es gezieme sich für sie nicht, ihren Herrn zu verlassen. Möge er sein, wie er wolle: sie hätten jetzt die Pflicht, bei ihm zu bleiben.

»Verstehst du überhaupt, was das ist: Pflicht?« fragte er Marfa Ignatjewna.

»Was Pflicht ist, verstehe ich schon, Grigori Wassiljewitsch. Inwiefern es aber unsere Pflicht ist hierzubleiben, das verstehe ich allerdings nicht«, antwortete Marfa Ignatjewna mit fester Stimme.

»Na, dann verstehst du es eben nicht! Aber geschehen wird es so, wie ich es gesagt habe. Und künftig halte deinen Mund!«

Und es geschah auch wirklich so. Sie zogen nicht fort, und Fjodor Pawlowitsch setzte ihnen einen nicht allzu hohen Lohn aus, den er ihnen wirklich bezahlte. Außerdem wußte Grigori, daß er auf seinen Herrn einen unbestreitbaren Einfluß ausübte. Er fühlte das, und es war wirklich so. Der schlaue, eigensinnige Possenreißer Fjodor Pawlowitsch, der »in manchen Dingen des Lebens«, wie er sich selbst ausdrückte, einen sehr festen Charakter besaß, war zu seiner eigenen Verwunderung in manchen anderen »Dingen des Lebens« recht charakterschwach. Und er selbst wußte, in welchen. Er wußte es, und er hatte Angst vor mancherlei. In gewissen Dingen des Lebens mußte man auf der Hut sein, dabei war es dann schwer, ohne einen treuen Menschen auszukommen; Grigori war aber ein sehr treuer Mensch. Es kam sogar im Verlauf von Fjodor Pawlowitschs Karriere oftmals vor, daß er nahe daran war, ganz gehörig durchgeprügelt zu werden, und immer half ihm Grigori aus der Klemme, obwohl er ihm jedesmal nachher eine Strafpredigt hielt. Die Prügel allein hätten Fjodor Pawlowitsch nicht so sehr erschreckt, doch gab es höhere und sogar sehr feine und komplizierte Fälle, in denen Fjodor Pawlowitsch selbst nicht imstande gewesen wäre, jenes außerordentliche Bedürfnis nach einem treuen, ihm nahestehenden Menschen zu erklären, das er manchmal momentan unwiderstehlich in sich verspürte. Das waren fast krankhafte Anfälle: Obwohl Fjodor Pawlowitsch ein grundliederlicher Mensch und in seiner Wollust oft grausam wie ein böses Insekt war, empfand er doch manchmal in Augenblicken der Trunkenheit plötzlich eine geistige Angst und eine moralische Erschütterung, die sozusagen physisch auf seine Seele wirkten. »Die Seele zittert mir bei diesen Anfällen ordentlich in der Kehle«, sagte er manchmal. In diesen Augenblicken also hatte er es gern, wenn neben ihm oder doch in seiner Nähe, wenn auch nicht im selben Zimmer, wenigstens im Seitengebäude, ein solcher Mensch vorhanden war, ein ihm ergebener, charakterfester Mensch, nicht so ein verkommener Mensch wie er selbst, ein Mensch, der zwar all dieses sittenlose Treiben mit ansah und alle Geheimnisse kannte, aber doch aus Ergebenheit alles geschehen ließ, sich nicht widersetzte und, was die Hauptsache war, ihm keine Vorwürfe machte und mit nichts drohte, weder in diesem noch im zukünftigen Leben, sondern im Notfall ihn auch noch beschützte – wovor? Vor etwas Unbekanntem, aber Schrecklichem und Gefährlichem. Eben darauf kam es ihm an, daß ein anderer Mensch da war, ein älterer, freundlich gesinnter Mensch, den er in einem krankhaften Augenblick rufen kann, nur um ihm ins Gesicht zu sehen und vielleicht ein paar gleichgültige Worte mit ihm zu wechseln; würde dieser dann freundlich bleiben und nicht böse werden, dann würde ihm gewissermaßen leichter ums Herz; würde er aber böse, nun, dann wäre es allerdings noch trauriger. Es kam vor, allerdings nur sehr selten, daß Fjodor Pawlowitsch sogar nachts zum Seitengebäude ging, um Grigori zu wecken: Dieser sollte auf ein Augenblickchen zu ihm kommen. Der kam dann auch, und Fjodor Pawlowitsch begann mit ihm ein Gespräch über die nichtigsten Dinge und entließ ihn bald wieder, manchmal sogar mit einem kleinen Spottwort oder einem Späßchen; er selbst aber spuckte dann aus, legte sich schlafen und schlief den Schlaf des Gerechten. Etwas Ähnliches widerfuhr ihm auch bei der Ankunft Aljoschas. Aljoscha »griff ihm ans Herz« dadurch, daß er »da wohnte, alles mit ansah und nicht verdammte«. Ja noch mehr, er brachte etwas noch nie Dagewesenes mit sich: Er verachtete ihn, den Alten, nicht, im Gegenteil, er empfand eine stete Freundschaft und ganz natürliche Anhänglichkeit für ihn, der das so wenig verdiente. Alles das war für den alten Herumtreiber und familienlos dastehenden Menschen eine große Überraschung, etwas, was ihm, der bis dahin nur den »Schmutz« geliebt hatte, ganz unerwartet kam. Als dann Aljoscha wegzog, gestand sich Fjodor Pawlowitsch, daß er etwas begriffen hatte, was er vorher nicht hatte begreifen wollen.

Ich habe schon zu Anfang meiner Erzählung erwähnt, daß Grigori Adelaida Iwanowna, die erste Gemahlin Fjodor Pawlowitschs und Mutter seines ersten Sohnes Dmitri Fjodorowitsch, haßte und daß er im Gegensatz dazu dessen zweite Gemahlin, die Schreikranke Sofja Iwanowna, sogar gegen seinen Herrn in Schutz nahm und überhaupt gegen jeden, der sich etwa einfallen lassen sollte, ein schlechtes oder leichtfertiges Wort über sie zu sagen. Die Teilnahme, die er für diese Unglückliche empfand, ging bei ihm in eine Art von geheiligtem Gefühl über, so daß er noch zwanzig Jahre später keine tadelnde Bemerkung über sie, aus wessen Munde auch immer, ertragen hätte; vielmehr hätte er dem Beleidiger sogleich energisch erwidert. Nach seinem Äußeren zu urteilen, war Grigori ein kalter, ernster Mensch, der nicht viel redete, sondern nur gewichtige, bedeutsame Worte von sich gab. Es war unmöglich, auf den ersten Blick herauszufinden, ob er seine nie widersprechende, gehorsame Frau liebte oder nicht. Er liebte sie tatsächlich, und sie wußte das auch. Diese Marfa Ignatjewna war durchaus keine dumme Frau, sie war vielleicht noch klüger als ihr Mann; wenigstens besaß sie in Dingen des praktischen Lebens ein richtigeres Urteil. Dennoch hatte sie sich ihm gleich von Beginn ihrer Ehe an untergeordnet, ohne zu murren und ohne zu widersprechen, und sie hatte wegen seiner geistigen Überlegenheit zweifellos eine gewisse Achtung vor ihm. Bemerkenswert ist, daß die beiden ihr ganzes Leben außerordentlich wenig miteinander sprachen, nur über die notwendigsten Dinge des täglichen Lebens. Grigori mit seinem würdevollen Wesen überdachte alle Angelegenheiten und Sorgen stets allein, so daß Marfa Ignatjewna schon längst begriffen hatte, daß er ihre Ratschläge gar nicht brauchte. Sie fühlte, ihr Mann schätzte ihr Schweigen und hielt es für ein Zeichen von Verstand. Er schlug sie nie; dergleichen war nur ein einziges Mal vorgekommen, und auch da war es nicht der Rede wert. Im ersten Jahr der Ehe Adelaida Iwanownas mit Fjodor Pawlowitsch hatten sich einmal Mädchen und Frauen des Dorfes, damals noch Leibeigene, auf dem Hof des Herrenhauses zusammengefunden, um zu singen und zu tanzen. Sie begannen das Tanzlied »Auf den Auen«, und plötzlich sprang Marfa Ignatjewna, damals noch eine junge Frau, aus der Reihe heraus vor den Chor und tanzte die »Russkaja« auf eine besondere Art, nicht wie die Dorfweiber sie zu tanzen pflegten, sondern wie sie sie als Gutsmädchen im Haustheater der reichen Miussows getanzt hatte, wo ein aus Moskau engagierter Tanzmeister die Mitwirkenden im Tanzen unterwies. Grigori sah, wie seine Frau tanzte, und eine Stunde später, bei sich zu Hause, »belehrte« er sie, in dem er sie ein wenig an den Haaren zog. Damit war die körperliche Bestrafung zu Ende und wiederholte sich in ihrem ganzen Leben nicht mehr; außerdem hatte Marfa Ignatjewna seither dem Tanzen abgeschworen.

Kinder hatte ihnen Gott nicht gegeben; nur ein einziges Kleines hatten sie gehabt, aber auch das war gestorben. Grigori liebte jedoch Kinder offenbar sehr; er schämte sich nicht, das zu zeigen. Als Adelaida Iwanowna weggelaufen war, nahm er den damals dreijährigen Dmitri Fjodorowitsch in seine Pflege und mühte sich fast ein Jahr lang mit ihm ab, kämmte ihn selbst und badete ihn sogar selbst im Waschtrog. Später wartete er auch Iwan Fjodorowitsch und Aljoscha, wofür er auch eine Ohrfeige bekam, aber das habe ich alles schon berichtet. Das eigene Kindchen machte ihm nur Freude, während Marfa Ignatjewna schwanger war. Doch als es geboren war, erfüllte es das Herz des Vaters mit Kummer und Schrecken. Der Grund: der Sohn war mit sechs Fingern auf die Welt gekommen. Als Grigori das sah, war er dermaßen betroffen, daß er die ganze Zeit bis zum Tag der Taufe schwieg und sogar absichtlich in den Garten ging, weil er dort leichter schweigen konnte. Es war Frühling, und er grub während der ganzen drei Tage die Beete auf dem Gemüsefeld und im Garten um. Am dritten Tag mußte der Kleine getauft werden. Grigori hatte sich inzwischen etwas ausgedacht. Als er in die Stube kam, wo sich die kirchlichen Personen und die Gäste versammelt hatten und wo schließlich auch Fjodor Pawlowitsch in seiner Eigenschaft als Pate persönlich erschien, da erklärte er plötzlich, das Kind brauche überhaupt nicht getauft zu werden. Er erklärte das nicht mit erhobener Stimme und verbreitete sich nicht weiter, er preßte mühsam jedes einzelne Wort heraus, blickte aber dabei den Geistlichen mit stumpfsinniger Miene unverwandt an.

»Warum denn?« erkundigte sich der Geistliche mit heiterer Verwunderung.

»Weil das … ein Drache ist…«, murmelte Grigori.

»Wieso denn ein Drache? Was für ein Drache?«

Grigori schwieg eine Weile.

»Es ist eine Verwechslung der Natur vorgegangen …«, murmelte er, zwar undeutlich, aber mit sehr fester Stimme er wollte offenbar nicht näher auf die Sache eingehen.

Man lachte, und selbstverständlich wurde das arme Kindchen getauft. Grigori betete andächtig beim Taufbecken, ohne jedoch seine Meinung über den Neugeborenen zu ändern. Übrigens ließ er alles ruhig geschehen, nur sah er den kränklichen Knaben während der ganzen zwei Wochen, die er lebte, beinahe gar nicht an, wollte ihn nicht einmal bemerken und hielt sich größtenteils außerhalb des Zimmers auf. Als aber der Knabe nach zwei Wochen am Milchfieber gestorben war, legte er ihn selbst in einen kleinen Sarg und schaute ihn tief bekümmert an. Und als das kleine flache Grab zugeschüttet war, fiel er auf die Knie und verbeugte sich vor dem kleinen Hügel bis zur Erde. Seitdem sprach er viele Jahre lang nicht ein einziges Mal von seinem Kindchen, und auch Marfa Ignatjewna erwähnte es in Gegenwart ihres Mannes nie; und wenn es sich traf, daß sie mit jemand von ihrem »Kleinchen« sprach, so nur im Flüsterton, auch wenn Grigori Wassiljewitsch nicht dabei war. Wie Marfa Ignatewna wahrnahm, begann er sich schon am Begräbnistag vorzugsweise mit »göttlichen Dingen« zu beschäftigen; er las die Lebensbeschreibungen der Heiligen, meist schweigend und allein, wobei er jedesmal seine silberne Brille mit den großen, runden Gläsern aufsetzte. Nur selten las er laut, höchstens in den Großen Fasten. Er liebte das Buch Hiob; auch hatte er sich irgendwoher eine geschriebene Sammlung von Aussprüchen und Predigten »unseres von Gott erleuchteten Vaters Isaak Syrer« verschafft und las darin beharrlich viele Jahre lang, obwohl er so gut wie nichts davon verstand, aber vielleicht schätzte und liebte er dieses Buch gerade deshalb um so mehr. In der allerletzten Zeit hatte er angefangen, sich mit der Sekte der Geißler bekannt zu machen, wozu sich in der Nachbarschaft Gelegenheit bot. Er war davon augenscheinlich tief erschüttert, hielt es aber doch nicht für ratsam, zu einem neuen Glauben überzugehen. Seine Beschäftigung mit »göttlichen Dingen« verlieh seinem Gesicht natürlich den Ausdruck noch größerer Würde.

Vielleicht neigte er zum Mystizismus. Und da fielen die Geburt seines sechsfingrigen Knaben und dessen Tod ausgerechnet mit einem anderen seltsamen, unerwarteten und eigenartigen Ereignis zusammen, das in seiner Seele, wie er sich später einmal selbst ausdrückte, einen »Abdruck« hinterließ. Gerade an dem Tag, da das sechsfingrige Würmchen begraben war, erwachte nämlich Marfa Ignatjewna mitten in der Nacht und glaubte das Weinen eines neugeborenen Kindes zu hören. Sie erschrak und weckte ihren Mann. Dieser horchte und meinte, da stöhne wohl jemand, vermutlich ein Weib. Er stand auf und zog sich an; es war eine warme Mainacht. Als er vor die Haustür trat, hörte er deutlich, daß das Stöhnen aus dem Garten kam. Aber die Tür vom Hof zum Garten wurde nachts immer verschlossen, und in den Garten anders als durch diesen Eingang zu gelangen war nicht möglich, weil den ganzen Garten ein starker, hoher Plankenzaun umgab. Grigori kehrte in das Haus zurück, zündete die Laterne an, nahm den Gartenschlüssel und ging schweigend in den Garten, ohne sich um die Angst seiner Frau zu kümmern, die immer noch glaubte, sie höre das Weinen eines Kindes und da weine bestimmt ihr Knabe und rufe nach ihr. Dort hörte er deutlich, daß das Stöhnen aus ihrem Badehäuschen kam, welches im Garten nahe bei der kleinen Pforte stand, und daß es wirklich eine Frau war, die da stöhne. Er öffnete das Badehäuschen und erblickte ein Schauspiel, das ihn erstarren ließ. Eine stadtbekannte Irrsinnige, die sich auf den Straßen herumzutreiben pflegte und Lisaweta die Stinkende genannt wurde, hatte sich Eingang in das Badehäuschen verschafft und soeben ein Kind geboren. Das Kind lag neben ihr, sie lag im Sterben. Sie redete nichts, schon deswegen nicht, weil sie überhaupt nicht reden konnte. Aber das alles bedarf einer besonderen Erläuterung.

2. Lisaweta die Stinkende

Es gab da einen besonderen Umstand, der Grigori tief erschütterte und ihn endgültig in einem unangenehmen, ekelhaften Verdacht von früher bestärkte. Diese Lisaweta die Stinkende, zwanzig Jahre alt, war ein sehr kleines Mädchen »wenig mehr als zwei Arschin groß«, wie sie nach ihrem Tode viele gottesfürchtige alte Weiblein unserer Stadt beschrieben haben. Ihr gesundes, breites, rotbackiges Gesicht war völlig schwachsinnig, ihre Augen blickten starr und unangenehm, allerdings friedlich. Sie ging ihr ganzes Leben lang, im Sommer und im Winter, barfuß und nur in einem Leinenhemd. Ihr fast schwarzes, sehr dichtes Haar war kraus wie bei einem Schaf und bildete auf ihrem Kopf eine Art Mütze. Außerdem war dieses Haar immer voller Erde, Schmutz, Blättchen und Spänchen, weil sie ständig auf der Erde und im Schmutz schlief. Ihr Vater war ein heruntergekommener, siecher Kleinbürger namens Ilja, der stark trank, kein eigenes Haus hatte und schon seit vielen Jahren als Arbeiter bei einem wohlhabenden Kleinbürger unserer Stadt lebte. Lisawetas Mutter war schon lange tot. Der stets kränkliche, bösartige Ilja schlug Lisaweta jedesmal, wenn sie nach Hause kam, in unmenschlicher Weise. Aber sie kam nur selten, da sie sich als irres und nach der Meinung des Volkes gottgeweihtes Menschenkind in der ganzen Stadt ihre Nahrung suchte. Iljas Wirtsleute und Ilja selbst, ja sogar viele mitleidige Kaufleute und namentlich Kaufmannsfrauen hatten wiederholt versucht, Lisaweta mit anständiger Kleidung zu versehen, und hatten ihr im Winter einen Schafpelz und Stiefel angezogen, sie ließ das alles widerspruchslos mit sich geschehen, ging dann jedoch für gewöhnlich weg, zog irgendwo, meist in der Vorhalle der Hauptkirche, alles, was ihr geschenkt worden war, wieder aus: Tuch, Rock, Pelz, Stiefel, ließ alles liegen und verschwand – barfuß und im Hemd wie vorher. Einmal besuchte der neue Gouverneur unseres Gouvernements zufällig unser Städtchen und wurde durch Lisawetas Anblick in seinen edelsten Gefühlen beleidigt. Obgleich er erkannte, daß sie ein geistesschwaches Kind Gottes war, wie ihm auch mitgeteilt wurde, machte er doch tadelnd darauf aufmerksam, daß ein junges Mädchen, welches nur im Hemd herumlaufe, den Anstand verletze, und verlangte die Beseitigung dieses Ärgernisses. Aber der Gouverneur reiste ab, und man ließ Lisaweta, wie sie war. Endlich starb ihr Vater, und dadurch wurde sie allen gottesfürchtigen Leuten in der Stadt noch lieber, da sie ja nun eine Waise war. In der Tat schienen alle sie gern zu haben; selbst die Jungen hänselten und kränkten sie nicht; und im allgemeinen sind doch die Jungen, besonders die Schüler, bei uns eine ungezogene Bande. Sie ging in unbekannte Häuser, und niemand jagte sie hinaus; im Gegenteil, jeder war freundlich zu ihr und gab ihr ein paar Kopeken. Wenn man ihr Geld gab, trug sie es sofort davon und steckte es in eine Sammelbüchse an der Kirche oder am Gefängnis. Gab man ihr auf dem Markt einen Kringel oder ein Weißbrot, so gab sie es sofort dem ersten Kind, das ihr begegnete, oder sie hielt eine unserer reichsten Damen an und gab es der, und die Damen nahmen es sogar mit Freuden an. Sie selbst aber nährte sich nur von Schwarzbrot und Wasser. Sie trat manchmal in einen reichen Laden und setzte sich hin; da lag teure Ware, auch Geld, die Ladeninhaber jedoch hielten es nie für nötig, vor ihr auf der Hut zu sein: Sie wußten, wenn man auch Tausende vor ihren Augen hinlegte und vergäße, würde sie nicht eine Kopeke davon nehmen. In die Kirche ging sie nur selten; doch schlief sie entweder in der Vorhalle einer Kirche oder sie stieg über einen geflochtenen Zaun – bei uns gibt es selbst noch heutzutage viele geflochtene Zäune statt der Plankenzäune – und nächtigte in einem Gemüsegarten. Nach Hause, das heißt in das Haus der Leute, bei denen ihr verstorbener Vater gewohnt hatte, kam sie im Sommer, etwa einmal in der Woche, im Winter aber täglich, jedoch nur zur Nacht, und schlief dann entweder auf dem Flur oder im Kuhstall. Man wunderte sich über sie, daß sie ein solches Leben aushielt, aber sie war es nun einmal gewohnt, war zwar klein, doch besaß sie eine außerordentlich kräftige Konstitution. Manche Herrschaften behaupteten bei uns auch, sie tue das alles nur aus Stolz, aber dies Behauptung fand keinen rechten Glauben: sie konnte nicht einmal ein Wort sprechen und bewegte nur ab und zu die Zunge und brummte etwas – wie konnte da von Stolz die Rede sein!

Da begab es sich nun, daß einstmals (schon vor geraumer Zeit) in einer hellen warmen Septembernacht bei Vollmond, zu einer nach unseren Begriffen späten Stunde eine angetrunkene Rotte, bestehend aus fünf oder sechs unserer nachtschwärmenden flotten Herren, aus dem Klub »hinten herum« nach Hause zurückkehrte. Auf beiden Seiten der Gasse zogen sich Flechtzäune hin, hinter denen die Gemüsegärten der anstoßenden Häuser lagen, und die Gasse mündete auf einen Fußsteg über unsere übelriechende, lange Pfütze, die man bei uns herkömmlicherweise manchmal das »Flüßchen« nennt. An dem Flechtzaun, in Nesseln und Kletten, erblickte unsere Gesellschaft die schlafende Lisaweta. Die fidelen Herren blieben lachend neben ihr stehen und begannen höchst ungenierte Witze zu reißen. Eines der Herrchen kam auf den Einfall, eine ganz exzentrische Frage aufzuwerfen, nämlich: kann irgend jemand ein solches Stück Vieh als Weib betrachten, zum Beispiel jetzt gleich, und so weiter. Alle meinten mit stolzem Ekel, das sei unmöglich. Aber in diesem Häufchen befand sich zufällig auch Fjodor Pawlowitsch, der augenblicklich erklärte, man könne dieses Wesen als Weib betrachten, sogar sehr wohl, und es liege darin sogar etwas besonders Pikantes, und so weiter, und so weiter. In der Tat drängte er sich in jener Zeit schon auf affektierte Weise in die Rolle des Possenreißers; er tat sich gern hervor und amüsierte die Herren, anscheinend zwar völlig gleichberechtigt, in Wirklichkeit aber ganz und gar als Knecht. Das war gerade zu der Zeit, als er aus Petersburg die Nachricht vom Tod seiner ersten Frau, Adelaida Iwanowna, erhalten hatte und mit dem Trauerflor am Hut dermaßen trank und sumpfte, daß manche Leute in der Stadt, sogar manch der zügellosesten Gesellen, sich über diesen Anblick empörten. Die Bande lachte natürlich laut über die unerwartete Behauptung, und einer von ihnen begann sogar Fjodor Pawlowitsch zu animieren, die übrigen, obwohl noch immer in maßloser Heiterkeit, spuckten noch mehr angeekelt aus, und endlich gingen sie ihres Weges. Später hat Fjodor Pawlowitsch eidlich versichert, auch er sei damals mit allen zusammen fortgegangen. Vielleicht war das wirklich so – zuverlässig weiß es niemand und hat es niemand jemals gewußt –, aber fünf oder sechs Monate darauf begann die ganze Stadt mit starker, aufrichtiger Empörung davon zu reden, daß Lisaweta schwanger sei. Man fragte und suchte herauszubekommen, wer diese Sünde begangen habe, wer der Übeltäter sei. Und da verbreitete sich auf einmal in der Stadt das schreckliche Gerücht, der Übeltäter sei eben dieser Fjodor Pawlowitsch. Woher kam dieses Gerücht? Von jener Rotte nachtschwärmender Herren war zu jener Zeit zufällig nur ein einziger Teilnehmer in der Stadt geblieben, und das war ein bejahrter, geachteter Staatsrat, der eine Frau und erwachsene Töchter hatte und dergleichen bestimmt nicht in Umlauf gebracht hätte, selbst wenn es wahr gewesen wäre. Die übrigen Teilnehmer aber, etwa vier an der Zahl, hatten damals, der eine hierhin, der andere dorthin, die Stadt verlassen. Aber das Gerücht zielte direkt und beharrlich auf Fjodor Pawlowitsch. Allerdings kümmerte sich dieser nicht sonderlich darum: Irgendwelchen Kaufleuten oder Kleinbürgern gegenüber hätte er sich auch gar nicht verantwortet. Er war damals stolz und redete nur mit seiner Gesellschaft von Beamten und Adligen, die er so eifrig belustigte. Zu jener Zeit verteidigte Grigori seinen Herrn energisch und aus voller Kraft und nahm ihn nicht nur gegen diese üblen Nachreden in Schutz, sondern ließ sich um seinetwillen sogar auf Streit und Schimpfereien ein und brachte wirklich viele von ihrer Überzeugung ab. Sie selbst, diese gemeine Person, sei schuld daran, sagte, er mit aller Bestimmtheit, und der Übeltäter sei niemand anders als »Karp mit der Schraube«, so wurde ein damals stadtbekannter gefürchteter Sträfling genannt, der zu jener Zeit aus dem Gouvernementsgefängnis entsprungen war und sich heimlich in unserer Stadt aufhielt. Diese Lösung des Rätsels schien glaublich. An Karp erinnerte man sich, man erinnerte sich vor allem, daß er sich gerade in jenen Herbstnächten in der Stadt herumgetrieben und drei Personen ausgeplündert hatte. Dieses Ereignis und alle diese Ausdeutungen beraubten die Schwachsinnige keineswegs der allgemeinen Sympathie; im Gegenteil alle begannen sie noch mehr zu beschützen und zu behüten. Die wohlhabende Kaufmannswitwe Kondratjewa richtete es sogar ein, daß sie Lisaweta Ende April zu sich nahm, um sie vor der Entbindung nicht wieder fortzulassen. Man überwachte sie sorgsam, doch trotz aller Überwachung brachte es Lisaweta fertig, sich am letzten Abend heimlich von Frau Kondratjewa zu entfernen und in Fjodor Pawlowitschs Garten zu gelangen. Wie sie in ihrem Zustand über den hohen, festen Plankenzaun gestiegen war, blieb einigermaßen rätselhaft. Die einen behaupteten, Menschen hätten ihr herübergeholfen, andere, eine übernatürliche Macht habe die Hand im Spiele gehabt. Das Wahrscheinlichste ist, daß alles auf eine zwar sehr seltsame, aber doch natürliche Weise zugegangen war: daß Lisaweta, die über Flechtzäune in fremde Gärten zu steigen verstand, um dort zu nächtigen, irgendwie auch auf Fjodor Pawlowitschs Gartenzaun hinaufgeklettert und von dort, allerdings zu ihrem Schaden, trotz ihres Zustandes in den Garten hinabgesprungen war.

Grigori eilte zu Marfa Ignatjewna und schickte sie zu Lisaweta, damit sie ihr half. Er selbst lief zu einer alten Hebamme, die zum Glück in der Nähe wohnte. Das Kind wurde gerettet, aber Lisaweta starb bei Tagesanbruch. Grigori nahm das Kind, trug es ins Haus, legte seiner Frau das Kind auf die Knie, unmittelbar an die Brust, und sagte: »Eine Waise ist Gottes Kind und mit allen verwandt, diese hier aber mit mir und dir ganz besonders. Dieses Kind hat uns unser kleiner Verstorbener geschickt. Es stammt ab von einem Sohn des Teufels und von einer Gerechten. Nähre es und weine nicht mehr!« So zog denn Marfa Ignatjewna den Knaben auf. Sie ließen ihn taufen und nannten ihn Pawel, mit Vatersnamen aber nannte man ihn allmählich ganz von selbst, ohne daß es jemand angeordnet hätte, Fjodorowitsch. Fjodor Pawlowitsch erhob keinen Einspruch und fand das alles sogar amüsant, obgleich er weiterhin energisch bestritt, mit der Sache etwas zu tun zu haben. Den Einwohnern unserer Stadt gefiel es, daß er den verwaisten Knaben aufgenommen hatte. Später erfand Fjodor Pawlowitsch für ihn auch einen Familiennamen; er nannte ihn Smerdjakow, nach dem Beinamen »Smerdjastschaja« – die Stinkende, den seine Mutter Lisaweta gehabt hatte. Dieser Smerdjakow also wurde dann Fjodor Pawlowitschs zweiter Diener und wohnte zu Beginn unserer Erzählung im Seitengebäude, zusammen mit dem alten Grigori und der alten Marfa. Er war als Koch eingesetzt. Gern würde ich noch dies und das speziell über ihn berichten, aber ich schäme mich, die Aufmerksamkeit meines Lesers so lange für gewöhnliche Dienstboten in Anspruch zu nehmen, und gehe daher wieder zu meiner Erzählung über, hoffend, daß der weitere Verlauf der Geschichte ganz von selbst Anlaß zu weiteren Mitteilungen über Smerdjakow geben wird.

3. Beichte eines heißen Herzens (in Versen)

Als Aljoscha den Befehl seines Vaters hörte, den dieser ihm bei der Abfahrt vom Kloster aus dem Wagen zuschrie, blieb er eine Weile in verständnislosem Staunen auf dem Fleck stehen. Nicht daß er lange wie ein Pfahl dagestanden hätte, das war nicht der Fall. Im Gegenteil: trotz aller Beunruhigungen brachte er es bald fertig, in die Küche des Abtes zu gehen und sich zu erkundigen, was sein Papa angerichtet habe. Dann machte er sich auf den Weg in die Stadt, in der Hoffnung, es könnte ihm unterwegs irgendwie gelingen, das quälende Rätsel zu lösen. Dies im voraus: Das Geschrei seines Vaters und der Befehl, »mit Kopfkissen und Matratze« nach Hause umzuziehen, schreckten ihn nicht im mindesten. Er wußte, dieser laute und ostentativ herausgebrüllte Befehl zum Umzug war »in der Hitze« erteilt worden, sozusagen um der Schönheit willen – ähnlich wie unlängst ein betrunkener Kleinbürger unseres Städtchens an seinem Namenstag, wütend darüber, daß man ihm keinen Branntwein mehr gab, in Gegenwart seiner Gäste plötzlich sein eigenes Geschirr zerschlug, seine und seiner Frau Kleider zerriß, seine Möbel zerbrach und zuletzt die Fensterscheiben im Hause einschlug – und alles nur um des schönen Scheins willen. Etwas ganz Ähnliches war jetzt auch bei Aljoschas Papa der Fall. Als der betrunkene Kleinbürger am anderen Tage wieder nüchtern geworden war, tat es ihm natürlich leid um seine zerschlagenen Tassen und Teller. Aljoscha wußte, der Alte würde ihn schon am nächsten Tag wieder ins Kloster lassen, vielleicht sogar schon an diesem. Und er war auch fest davon überzeugt, daß der Vater eher jeden anderen als ihn kränken wollte. Aljoscha war davon überzeugt, daß ihn niemand auf der ganzen Welt jemals würde kränken wollen, ja daß niemand, selbst wenn er die Absicht hätte, es fertigbrächte. Das war für ihn ein Axiom, das ein für allemal gegeben war und keinen Zweifel zuließ, und in diesem Gedanken ging er ohne Zaudern und Schwanken seinen Weg.

Aber in diesem Augenblick regte sich in ihm eine Furcht von ganz anderer Art, die ihn um so mehr quälte, als er sie selbst nicht zu definieren vermochte: nämlich die Furcht vor einer Frau, vor Katerina Iwanowna, die ihn in dem von Frau Chochlakowa ausgehändigten Billett so dringend gebeten hatte, in irgendeiner Angelegenheit zu ihr zu kommen. Diese Bitte und die Notwendigkeit, unbedingt hinzugehen, hatten Qual in seinem Herzen hervorgerufen, und diese Qual war den Tag über immer schmerzlicher geworden, trotz aller folgenden Szenen und Vorfälle in der Einsiedelei und beim Abt. Was ihn ängstigte, war nicht der Umstand, daß er nicht wußte, worüber sie mit ihm sprechen und was er ihr antworten würde. Er hatte auch keine Angst vor Frauen im allgemeinen. Zwar kannte er die Frauen nur wenig, doch er hatte sein ganzes Leben, von der frühesten Kindheit bis zum Eintritt ins Kloster, nur mit ihnen zusammen gelebt. Er fürchtete speziell dieses eine weibliche Wesen, diese Katerina Iwanowna. Er fürchtete sie schon, seit er sie zum erstenmal gesehen hatte. Gesehen hatte er sie im ganzen dreimal, und gesprochen hatte er mit ihr nur einmal: zufällig ein paar Worte. Ihr Bild war ihm als das eines schönen, stolzen, energischen Mädchens im Gedächtnis geblieben. Aber nicht ihre Schönheit war es, was ihn quälte, sondern etwas anderes. Gerade diese Unklarheit trug jetzt dazu bei, seine Angst zu steigern. Die Absichten dieses jungen Mädchens waren edel, das wußte er. Sie wollte lediglich aus Großmut seinen Bruder Dmitri retten, obwohl der ihr gegenüber eine Schuld trug. Aber obwohl er das einsah und obwohl er nicht umhinkonnte, allen diesen großmütigen Gedanken Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, lief ihm doch ein Schauer über den Rücken, je näher er ihrem Hause kam.

Er sagte sich, daß er dort seinen Bruder Iwan Fjodorowitsch, der ihr so nahestand, nicht antreffen würde; er vermutete ihn jetzt beim Vater. Noch unwahrscheinlicher war es, daß er Dmitri antreffen würde, und er ahnte den Grund. Also würde das Gespräch unter vier Augen stattfinden. Gern wäre er vor diesem verhängnisvollen Gespräch noch bei seinem Bruder Dmitri vorbeigegangen, um ihn zu sehen. Auch ohne ihm den Brief zu zeigen, hätte er manches mit ihm besprechen können. Aber Dmitri wohnte weit weg und war jetzt wahrscheinlich nicht zu Hause. Nachdem er einen Augenblick verweilt hatte, faßte er einen endgültigen Entschluß. Er bekreuzigte sich in gewohnt schneller Art und mußte dabei über irgend etwas lächeln, dann schlug er mit festen Schritten den Weg zu der Dame ein.

Ihr Haus kannte er. Aber der Weg zur Großen Straße und dann über den Platz und so weiter wäre ziemlich weit gewesen. Unser kleines Städtchen ist außerordentlich verbaut, und die Entfernungen sind zum Teil recht groß. Außerdem erwartete ihn sein Vater; vielleicht hatte er seinen Befehl noch nicht vergessen und verrannte sich möglicherweise in seine Schrullen. Daher mußte sich Aljoscha beeilen, um noch rechtzeitig zu der einen und der anderen Stelle zu kommen. Also beschloß er den Weg abzukürzen und »hinten herum« zu gehen; er kannte aber alle diese Wege und Stege im Städtchen wie seine fünf Finger. »Hinten herum« bedeutete: fast ohne Weg, an einsamen Plankenzäunen entlang, manchmal sogar über fremde Flechtzäune und durch fremde Höfe, wo ihn übrigens jeder kannte und mit ihm freundliche Grüße wechselte. Auf diesem Weg konnte er in der Hälfte der Zeit zur Großen Straße gelangen. An einer Stelle mußte er dabei sogar ganz nahe am Hause seines Vaters vorbeigehen, nämlich an einem Garten entlang, der an den seines Vaters grenzte und zu einem alten, kleinen, schiefen Häuschen mit nur vier Fenstern gehörte. Die Besitzerin dieses Häuschens war, wie Aljoscha wußte, eine städtische Kleinbürgerin, eine beingelähmte alte Frau, die dort mit ihrer Tochter lebte; letztere war früher als Stubenmädchen in der Residenz in Stellung gewesen, und zwar noch unlängst bei Generalsfamilien, hielt sich aber jetzt schon ungefähr ein Jahr wegen der Krankheit der alten Frau zu Hause auf und stolzierte in modischen Kleidern umher. Diese alte Frau und ihre Tochter waren in schreckliche Armut geraten und gingen als Nachbarinnen täglich in die Küche zu Fjodor Pawlowitsch, um sich Suppe und Brot zu holen. Marfa Ignatjewna gab ihnen gern. Aber die Tochter verkaufte, obwohl sie Suppe holte, dennoch keines ihrer Kleider, und eines von ihnen hatte sogar eine sehr lange Schleppe. Dieses letztere hatte Aljoscha ganz zufällig von seinem Freund Rakitin erfahren, dem schlechterdings alles in unserem Städtchen bekannt war, er hatte es jedoch sogleich wieder vergessen. Aber als er jetzt den Garten der Nachbarin erreicht hatte, fiel ihm auf einmal diese Schleppe ein, er hob seinen nachdenklich gesenkten Kopf – und hatte plötzlich eine unerwartete Begegnung.

Hinter dem Flechtzaun stand, irgendwie erhöht, so daß er bis zur Brust herüberragte, sein Bruder Dmitri. Er machte ihm mit aller Kraft Zeichen mit den Händen, rief und winkte, wollte aber offenbar nicht schreien oder auch nur ein lautes Wort sagen, um nicht gehört zu werden. Aljoscha lief sogleich zu dem Flechtzaun.

»Nur gut, daß du dich von selbst umgesehen hast, sonst hätte ich dich beinahe laut gerufen«, flüsterte Dmitri Fjodorowitsch erfreut und eilig. »Steig hier herüber! Schnell! Schön, daß du gekommen bist! Ich hatte eben noch an dich gedacht …«

Aljoscha, freute sich ebenfalls und war nur in Verlegenheit, wie er über den Flechtzaun hinübersteigen sollte. Aber Mitja packte ihn mit seiner Reckenhand am Ellbogen und half ihm beim Sprung. Aljoscha raffte seine Kutte und sprang mit der Gewandtheit eines barfüßigen Gassenjungen hinüber.

»Na, dann komm; dann wollen wir gehen!« flüsterte Mitja hocherfreut.

»Wohin denn?« flüsterte Aljoscha. Er blickte sich nach allen Seiten um, sah aber nur einen völlig leeren Garten, in dem außer ihnen beiden niemand war. Der Garten war klein, doch das Häuschen der Besitzerin stand immerhin nicht weniger als fünfzig Schritt entfernt. »Es ist ja niemand hier, warum flüsterst du denn?«

»Warum ich flüstere? Ach, hol’s der Teufel!« schrie Dmitri Fjodorowitsch plötzlich aus voller Kehle. »Ja, warum flüstere ich denn? Na, da siehst du selbst, was für Dummheiten man manchmal macht. Ich bin hier auf Geheimposten und lauere auf etwas. Ich werde dir das bald erklären. Aber weil ich mir bewußt bin, daß es ein Geheimnis ist, fing ich auf einmal an, geheimnisvoll zu sprechen und zu flüstern wie ein Narr, wo es gar nicht nötig ist. Komm! Dorthin! Bis dahin schweig! Ich möchte dich küssen!

Ruhm dem Höchsten, der die Welten
all erfüllt und meine Brust!

Das habe ich eben, während ich hier saß, ein paarmal wiederholt …«

Der Garten mochte etwa eine Deßjatine groß sein oder etwas darüber, war aber nur ringsherum, an den vier Zäunen, mit Bäumen bepflanzt: mit Apfelbäumen, Ahorn, Linden und Birken. Die Mitte des Gartens war leer und bildete eine Wiese, auf der im Sommer einige Pud Heu gemäht wurden. Der Garten wurde von der Eigentümerin vom Frühling an für einige Rubel verpachtet. Auch Beete mit Himbeerstauden, Stachelbeer- und Johannisbeersträuchern waren da, ebenfalls sämtlich an den Zäunen; kleine Beete mit Gemüse, erst kürzlich angelegt, befanden sich dicht am Haus. Dmitri Fjodorowitsch führte seinen Gast in eine vom Haus besonders weit entfernte Ecke des Gartens. Dort wurde plötzlich mitten unter dichtstehenden Linden und alten Johannisbeer-, Holunder-, Schneeball- und Fliedersträuchern etwas wie die Ruine einer uralten grünen Laube sichtbar, schon schwärzlich und schief geworden, mit Gitterwänden und einem Dache, so daß man darin Schutz vor Regen finden konnte. Errichtet war die Laube Gott weiß wann, der Überlieferung nach vor etwa fünfzig Jahren, von dem damaligen Besitzer des Häuschens, einem Oberstleutnant a. D. Alexander Karlowitsch von Schmidt. Alles war schon verfault, der Fußboden vermodert, die Dielen schwankten, das Holz roch nach Nässe. In der Laube war ein hölzerner grüner Tisch, und um ihn herum liefen ebenfalls grüngestrichene Bänke, auf denen man noch sitzen konnte. Aljoscha hatte sofort die begeisterte Stimmung seines Bruders, bemerkt. Als er in die Laube trat, erblickte er auf dem Tischchen eine halbe Flasche Kognak und ein kleines Gläschen.

»Das ist Kognak!« sagte Mitja lachend. »Und du machst ein Gesicht, als ob du sagen wolltest: Säuft er schon wieder? Glaub nicht dem Schein, der trügt!

Glaub nicht der lügenhaften Menge,
vergiß den Zweifel, der dich quält …

Ich saufe nicht, ich ›nippe‹ nur, wie sich dieser Schweinehund ausdrückt, dein Freund Rakitin, der noch als Staatsrat sagen wird: ›Ich nippe‹ … Setz dich! Ich möchte dich nehmen, Aljoscha, und dich an meine Brust drücken, aber so, daß ich dich erdrücke! Denn auf der ganzen Welt, wahrhaftig, wahr-haftig … liebe ich nur dich!«

Er hatte die letzten Worten beinahe verzückt gesprochen.

»Nur dich! Und dann noch eine ›Verworfene‹, in die ich mich verliebt habe! Und dadurch bin ich denn auch ins Verderben gestürzt. Aber sich verlieben, das bedeutet nicht dasselbe wie lieben. Sich verlieben kann man, auch wenn man haßt. Vergiß das nicht! Jetzt sage ich das noch heiter! Setz dich, hier an den Tisch, und ich werde mich neben dich setzen und werde dich ansehen und werde reden. Du wirst immerzu schweigen, ich aber werde immerzu reden, weil die richtige Zeit dafür gekommen ist. Übrigens, weißt du, ich habe mir überlegt, daß ich tatsächlich leise sprechen muß, weil hier … hier … ganz unerwartet offene Ohren sein können. Ich werde dir alles erklären. Wie sagt man: Fortsetzung folgt. Warum habe ich mich auf dich gestürzt, mich nach dir gesehnt, alle fünf Tage und noch soeben? Es sind nämlich schon fünf Tage, daß ich hier vor Anker liege. Warum also? Weil ich dir allein alles sagen will, weil das notwendig ist, weil ich dich brauche, weil morgen mein Leben zu Ende geht und neu beginnt. Kennst du das aus eigener Erfahrung? Hast du einmal geträumt, wie man von einem Berg in eine Grube stürzt? So gleite auch ich jetzt hinab, bloß nicht im Traum. Und ich fürchte mich nicht, und fürchte du dich auch nicht! Das heißt, ich fürchte mich, aber es ist ein süßes Gefühl. Das heißt, es ist kein süßes Gefühl, sondern ich bin begeistert … Na, zum Teufel, es ist ja ganz egal, was das für ein Gefühl ist. Ganz egal, ob mein Geist stark oder schwach oder weibisch ist! Laß uns die Natur preisen! Sieh, nur, wieviel Sonne wir noch haben und wie rein der Himmel ist und wie grün noch alle Blätter, es ist noch ganz Sommer, und jetzt um vier Uhr nachmittags diese Stille! Wohin wolltest du gehen?«

»Zum Vater. Und vorher wollte ich noch bei Katerina Iwanowna vorbeigehen.«

»Sie und der Vater! Na so was! Ist das ein Zusammentreffen! Warum habe ich dich gerufen? Warum habe ich mich nach dir gesehnt, nach dir gehungert und gedürstet mit allen Kammern meines Herzens und sogar mit allen meinen Rippen? Um dich mit einem Auftrag zum Vater zu schicken und dann zu ihr, zu Katerina Iwanowna! Damit ich auf diese Weise mit ihr wie auch mit dem Vater zu Ende komme. Einen Engel wollte ich schicken. Ich könnte ja jeden beliebigen schicken, aber ich wollte einen Engel schicken. Und da bist du nun von selber auf dem Weg zu ihr und zum Vater!«

»Wolltest du mich wirklich hinschicken?« entfuhr es Aljoscha, und auf seinem Gesicht drückte sich Schmerz aus.

»Warte mal, du hast es gewußt. Ich sehe, daß du alles mit einem Schlag begriffen hast. Aber schweig, schweig vorläufig! Bedauere mich nicht und weine nicht!«

Dmitri Fjodorowitsch stand auf, dachte nach und hielt den Finger an die Stirn. »Sie selbst hat dich rufen lassen. Sie hat dir einen Brief oder sonst etwas geschrieben. Deshalb wolltest du zu ihr gehen. Denn sonst wärst du noch nicht gegangen?«

»Da ist das Billett«, sagte Aljoscha und zog es aus der Tasche. Mitja überflog es.

»Und du bist hinten herum gegangen! O ihr Götter! Ich danke euch, daß ihr seine Schritte hinten herum gelenkt habt und er gerade auf mich gestoßen ist – wie im Märchen das goldene Fischchen auf den alten dummen Fischer. Hör zu, Aljoscha! Hör zu, Bruder! Jetzt werde ich dir alles sagen. Denn irgend jemandem muß ich es doch sagen, ich muß. Meinem Schutzengel im Himmel habe ich es schon gesagt, aber ich muß es auch einem Engel auf Erden sagen. Du bist ein Engel auf Erden. Du wirst mich anhören, du wirst dein Urteil fällen, und du wirst mir verzeihen. Und das ist mir eben ein Bedürfnis. Jemand, der über mir steht, soll mir verzeihen. Höre. Wenn zwei Menschen sich plötzlich von allem Irdischen losreißen und in ungewöhnliche Regionen fliegen, oder wenigstens der eine von ihnen, und wenn dann dieser eine vorher zu dem anderen kommt und sagt: Tu für mich das und das, etwas, worum man niemand bittet, worum man nur auf dem Sterbebett bitten darf – wird dieser andere seine Bitte unbedingt erfüllen? Wenn er sein Freund, sein Bruder ist?«

»Ich würde sie erfüllen. Aber sag, worum es sich handelt, und sag es schnell!« erwiderte Aljoscha.

»Schnell. Hm. Nicht so eilig, Aljoscha. Du hast es eilig und beunruhigst dich. Jetzt ist kein Grund zur Eile. Jetzt ist die Welt auf eine neue Straße gekommen. Schade, Aljoscha, daß du mit deinem Denken nicht bis zur Begeisterung angelangt bist! Doch, was rede ich da? Du, du wärst nicht dahin gelangt? Was rede ich da, ich Tölpel!

Edel sei der Mensch!

Von wem ist dieser Vers?«

Aljoscha beschloß abzuwarten. Er begriff, es war seine einzige Aufgabe, jetzt tatsächlich hier zu sein. Mitja dachte einen Augenblick nach, dabei stützte er sich mit dem Ellbogen auf den Tisch und legte den Kopf in die hohle Hand. Beide schwiegen.

»Ljoscha«, sagte Mitja, »du bist der einzige, der mich nicht auslachen wird! Ich möchte meine Beichte mit Schillers Hymne ›An die Freude‹ beginnen. Aber ich kann nicht Deutsch, deutsch kenne ich nur die Überschrift ›An die Freude‹. Glaube nicht, daß ich betrunken bin und deshalb allerlei zusammenschwatze. Ich bin ganz und gar nicht betrunken. Kognak ist Kognak, aber ich brauche zwei Flaschen, um betrunken zu werden. Und ich habe noch keine Viertelflasche getrunken und bin nicht betrunken. Sondern ich habe einen Entschluß für mein ganzes Leben gefaßt! Sei unbesorgt, ich gerate nicht ins Salbadern, ich werde sachlich reden und sofort zur Sache kommen. Ich werde dir schon nicht auf die Nerven gehen! Warte mal, wie war das doch …«

Er hob den Kopf, überlegte und begann auf einmal begeistert zu rezitieren:

»Scheu in des Gebirges Klüften
barg der Troglodyte sich;
der Nomade ließ die Triften
wüste liegen,wo er strich.
Mit dem Wurfspieß, mit dem Bogen
schritt der Jäger durch das Land;
weh dem Fremdling, den die Wogen
warfen an den Unglücksstrand!

Und auf ihrem Pfad begrüßte,
irrend nach des Kindes Spur,
Ceres die verlaßne Küste.
Ach, da grünte keine Flur!
Daß sie hier vertraulich weile,
ist kein Obdach ihr gewährt;
keines Tempels heitre Säule zeuge,
daß man Götter ehrt.

Keine Frucht der süßen Ähren
lädt zum reinen Mahl sie ein;
nur auf gräßlichen Altären
dorret menschliches Gebein.
Ja, so weit sie wandernd kreiste,
fand sie Elend überall,
und in ihrem großen Geiste
jammert sie des Menschen Fall.«

Mitja schluchzte plötzlich auf und ergriff Aljoschas Hand.

»Lieber Bruder, lieber Bruder, auch jetzt ist Elend überall, Elend überall! Furchtbar viel hat der Mensch auf Erden zu erdulden, furchtbar viel Unglück muß er durchmachen! Glaub nicht, daß ich nur eine Knechtsseele im Offiziersrang bin und weiter nichts tue als Kognak trinken und sumpfen. Nein, Bruder, ich denke fast nur an diesen erniedrigten Menschen, wenn ich damit nicht lüge. Gott gebe, daß ich jetzt nicht lüge und mich nicht selber lobe. Ich denke an diesen Menschen deswegen, weil ich selbst ein solcher Mensch bin.

Daß der Mensch zum Menschen werde,
stift‘ er einen ew’gen Bund
gläubig mit der frommen Erde,
seinem mütterlichen Grund.

Nun, siehst du, das ist die Schwierigkeit: wie soll ich mit der Erde einen ewigen Bund stiften? Ich küsse die Erde doch nicht, ich kann mir ihretwegen nicht die Brust aufreißen, soll ich etwa Bauer werden oder Hirt? Ich gehe so dahin und weiß nicht, bin ich in Kot und Schande geraten oder in Licht und Freude? Da steckt eben das Unglück: alles auf der Welt ist ein Rätsel! Und wenn ich im allerallertiefsten Sumpf der Ausschweifung versank – das ist bei mir oft genug vorgekommen –, dann habe ich immer dieses Gedicht von der Ceres und dem Menschen gelesen. Hat es mich gebessert? Nein, niemals! Weil ich ein Karamasow bin. Weil ich, wenn ich schon in den Abgrund stürze, das geradezu tue, mit dem Kopf nach unten und den Fersen nach oben. Weil ich sogar damit zufrieden bin, daß ich in einer so unwürdigen Haltung falle und das als eine Schönheit an mir betrachte. Und mitten in dieser Schmach sage ich auf einmal die Hymne an die Freude auf. Mag ich auch verflucht sein, mag ich auch ein niedriger, gemeiner Mensch sein – auch ich möchte den Saum des Gewandes küssen, das meinen Gott umhüllt! Und mag ich auch zur gleichen Zeit dem Teufel folgen, so bin ich doch auch dein Sohn, Herr, und liebe dich und fühle die Freude, ohne die die Welt nicht stehen und existieren kann.

Freude heißt die starke Feder
in der ewigen Natur.
Freude, Freude, treibt die Räder
in der großen Weltenuhr.

Blumen lockt sie aus den Keimen,
Sonnen aus dem Firmament,
Sphären rollt sie aus den Räumen,
die des Sehers Rohr nicht kennt.

Freude trinken alle Wesen
an den Brüsten der Natur;
alle Guten, alle Bösen
folgen ihrer Rosenspur.

Küsse gab sie uns und Reben,
einen Freund, geprüft im Tod;
Wollust ward dem Wurm gegeben,
und der Cherub steht vor Gott.

Aber genug der Verse Mir sind die Tränen gekommen, aber laß mich weinen! Mag das eine Dummheit sein, über die alle lachen – du wirst nicht lachen. Dir brennen ja auch die Augen. Genug der Verse! Ich will dir jetzt von den ›Würmern‹ erzählen, von denen, die Gott mit Wollust begabt hat.

Wollust ward dem Wurm gegeben!

Ich, Bruder, bin eben dieser Wurm! Das ist speziell auf mich gemünzt! Und wir Karamasows sind allesamt solche Würmer! Und auch in dir Engel lebt dieser Wurm und ruft Stürme in deinem Blut hervor. Ja, Stürme, denn die Wollust ist ein Sturm, schlimmer als ein Sturm! Die Schönheit, das ist ein furchtbares, schreckliches Ding! Furchtbar, weil sie undefinierbar ist, und definieren kann man sie nicht, weil Gott uns nur Rätsel aufgegeben hat. Da kommen die Ufer zusammen, da leben alle Widersprüche beieinander. Ich bin ein sehr ungebildeter Mensch, Bruder, aber ich habe viel darüber nachgedacht. Furchtbar viele Geheimnisse gibt es! Zu viele Rätsel bedrücken den Menschen auf Erden. Sie zu erraten ist ebenso leicht, wie trocken aus dem Wasser zu steigen. Die Schönheit! Ich kann es nicht ertragen, daß mancher Mensch, sogar mancher, der viel Herz und viel Verstand besitzt, zuerst in der Madonna und zuletzt in Sodom sein Ideal sieht. Noch furchtbarer ist es, wenn jemand schon Sodom als Ideal im Herzen trägt und doch die Madonna als Ideal nicht aufgibt, wenn sein Herz für dieses Ideal lodert, wirklich und wahrhaftig lodert wie in jungen, lasterlosen Jahren. Nein, der Mensch ist ein gar zu weites Feld – ich hätte ihn etwas verengt! Und nun noch etwas. Weiß der Teufel, wie das zugeht: was der Verstand als Schmach ansieht, erscheint dem Herzen oft als Schönheit. Steckt in Sodom etwa irgendwelche Schönheit? Glaub mir, die überwiegende Mehrzahl der Menschen sieht in Sodom das Schöne – hast du dieses Geheimnis gekannt oder nicht? Schrecklich, daß die Schönheit nicht nur furchtbar, sondern auch geheimnisvoll ist. Da kämpft der Teufel mit Gott, und das Schlachtfeld ist das Herz der Menschen. Übrigens, was einem weh tut, davon redet man. Hör zu, ich komme jetzt zur Sache.«

4. Beichte eines heißen Herzens (in Prosa)

»Ich habe ein ausschweifendes Leben geführt. Vorhin hat der Vater gesagt, ich hätte mehrere tausend Rubel, für die Verführung von Mädchen ausgegeben. Das ist eine gemeine Lüge, das ist nie geschehen. Doch was geschehen ist, dafür war eigentlich kein Geld erforderlich. Bei mir ist das Geld nur etwas Nebensächliches, etwas Dekoratives. Heute ist eine vornehme Dame mein Liebchen, morgen an ihrer Stelle eine Straßendirne. Ich amüsiere die eine wie die andere, werfe das Geld mit vollen Händen weg, da muß Musik her, Lärm, Zigeunerinnen. Notfalls gebe ich auch meinen Liebsten etwas, denn sie nehmen es, nehmen es begierig, das muß man zugeben, dann sind sie zufrieden und dankbar. Vornehme Damen haben mich geliebt, nicht alle, aber vorgekommen ist es, vorgekommen ist es. Doch besonders habe ich immer die Gäßchen gemocht, die stillen, dunklen Sackgäßchen, abseits von den großen Plätzen. Da gibt es Abenteuer, da gibt es unerwartete Erlebnisse, da liegt Gold im Schmutz. Ich rede nur bildlich, Bruder. In unserem Städtchen gab es solche Gassen eigentlich nicht, nur im übertragenen Sinn gab es welche. Wenn du so ein Mensch wärst wie ich, würdest du verstehen, was ich damit meine. Ich liebte die Ausschweifungen, ich liebte auch den Skandal der Ausschweifungen. Ich liebte die Grausamkeit, ich bin ja eine Wanze, ein boshaftes Insekt, eben ein Karamasow! Einmal wurde von der ganzen Stadt ein Picknick veranstaltet, wir fuhren in sieben Troikas. Es war Winter und dunkel, und ich begann im Schlitten eine nahe Mädchenhand zu drücken. Dann nötigte ich dieses Mädchen, die Tochter eines Beamten, ein armes, liebes, sanftes stilles Geschöpf, sich küssen zu lassen. Sie gestattete es; sie gestattete mir viel in der Dunkelheit. Das arme Kind dachte, ich würde am nächsten Tag kommen und ihr einen Antrag machen, man betrachtete mich nämlich als schätzbaren Heiratskandidaten. Ich aber sprach danach kein Wort mit ihr, fünf Monate lang keine Silbe. Wenn getanzt wurde, und bei uns wurde fortwährend getanzt, sah ich, wie mir aus einer Ecke des Saales ihre Augen folgten. Ich sah, wie in ihnen ein Fünkchen glühte, ein Fünkchen sanften Unwillens. Dieses Spiel amüsierte die Wollust des Wurmes in mir. Fünf Monate darauf heiratete sie einen Beamten und zog fort – zürnend und vielleicht immer noch liebend. Jetzt leben sie glücklich. Beachte, daß ich niemand etwas davon gesagt, es nicht ausposaunt habe! Also – wenn ich auch gemeine Gelüste habe und die Gemeinheit liebe, bin ich doch kein ehrloser Mensch. Du errötest, und deine Augen glänzen. Ich will dich nicht weiter mit diesem Schmutz behelligen. Und doch sind das alles nur so kleine Blüten im Stil von Paul de Kock, während der grau arme Wurm in meiner Seele wuchs und immer größer wurde. Ich habe da ein ganzes Album voll solcher Erinnerungen. Möge Gott diesen lieben weiblichen Wesen Gesundheit schenken! Wenn ich mit einer Schluß machte, dann am liebsten ohne Streit und Zank. Und nie habe ich eine verraten, nie eine in üblen Ruf gebracht. Aber genug davon! Hast du wirklich geglaubt, daß ich dich wegen solcher Lappalien gerufen habe? Nein, ich werde dir eine interessantere Geschichte erzählen! Wundere dich aber nicht, daß ich mich nicht vor dir schäme, sondern darüber sogar froh erscheine.«

»Das sagst du, weil ich rot geworden bin«, bemerkte Aljoscha plötzlich. »Aber ich bin nicht wegen deiner Reden und deiner Taten rot geworden, sondern weil ich genau so ein Mensch bin wie du.«

»Du? Na, das dürfte übertrieben sein.«

»Nein, durchaus nicht«, erwiderte Aljoscha eifrig; offenbar hatte er diesen Gedanken schon lange mit sich herumgetragen. »Das ist alles ein und dieselbe Treppe. Ich stehe auf der untersten Stufe und du oben, so etwa auf der dreißigsten. So sehe ich die Sache. Wer die unterste Stufe betreten hat, wird mit Sicherheit auch die oberste erreichen.«

»Also sollte man die Treppe gar nicht erst betreten?«

»Wer es schafft, sollte sie gar nicht erst betreten.«

»Und du – schaffst du es?«

»Ich glaube, nein.«

»Schweig, Aljoscha. Schweig, mein Lieber, ich möchte dir die Hand küssen vor Rührung. Diese schlaue Gruschenka ist doch eine Menschenkennerin! Sie hat zu mir gesagt, einmal würde sie auch dich in ihren Bann ziehen. Aber ich bin schon still! Lassen wir die Schandtaten, dieses mit Fliegenschmutz besudelte Blatt Papier. Gehen wir zu meiner Tragödie über, die ebenfalls so ein mit Fliegenschmutz, das heißt mit allen möglichen Gemeinheiten, besudeltes Blatt Papier ist. Die Sache ist nämlich die: Mag das von der Verführung unschuldiger Mädchen auch von dem Alten erlogen sein, im Grunde ist es in meiner Tragödie so und nicht anders gewesen, wenn auch nur einmal, und dann auch bloß halb. Der Alte, der mir Ungeschehenes zum Vorwurf macht, hat davon keine Kenntnis. Ich habe niemand davon erzählt, du bist der erste, dem ich jetzt davon erzähle. Natürlich außer Iwan. Iwan weiß alles, schon längst. Aber Iwan schweigt wie das Grab.«

»Iwan schweigt wie das Grab?«

»Ja.«

Aljoscha hörte mit höchster Aufmerksamkeit zu.

»Wenn ich auch in diesem Linienbataillon den Rang eines Fähnrichs hatte, stand ich doch gewissermaßen unter Aufsicht, ähnlich wie ein Verbannter. Das Städtchen aber hatte mich außerordentlich gut aufgenommen. Mit dem Geld warf ich nur so um mich; man hielt mich für reich und ich mich selber auch. Ich muß den Leuten noch durch etwas anderes gefallen haben. Sie schüttelten zwar die Köpfe über mich, doch sie hatten mich wirklich gern. Mein Oberstleutnant, ein älterer Mann, mochte mich plötzlich nicht mehr. Er suchte mir etwas am Zeug zu flicken, aber ich verstand meinen Dienst; außerdem stand die ganze Stadt auf meiner Seite, so konnte er mir nicht allzuviel anhaben. Schuld war ich selbst, ich verweigerte ihm absichtlich den gebührenden Respekt. Ich war stolz. Dieser alte Starrkopf, übrigens ein braver Mensch und großzügiger Gastgeber, hatte zwei Frauen gehabt; beide waren gestorben. Die erste, aus einfachem Stand, hatte ihm eine Tochter hinterlassen, die ebenfalls sehr einfach wirkte. Sie war damals etwa vierundzwanzig und lebte bei ihrem Vater, zusammen mit einer Tante, der Schwester ihrer verstorbenen Mütter. Die Tante strahlte eine stille Einfachheit aus. Die Nichte hingegen, die älteste Tochter des Oberstleutnants, eher eine frische, energische Einfachheit. Wenn ich mich in meinen Erinnerungen ergehe, wage ich gern über jemand ein gutes Wort: Niemals, mein Täubchen, habe ich einen prächtigeren Frauencharakter kennengelernt als dieses Mädchen, Agafja hieß sie, Agafja Iwanowna. Sie war auch ziemlich hübsch, richtig nach russischem Geschmack, groß, kräftig, nicht so dünn, mit schönen Augen, das Gesicht allerdings etwas grob. Sie hatte nicht geheiratet, obwohl ihr zwei Anträge gemacht worden waren. Sie hatte sie abgelehnt, ohne jedoch ihre Heiterkeit zu verlieren. Ich war mit ihr näher zusammengekommen – nicht auf diese Art, nein, es war alles sauber, wir verkehrten freundschaftlich miteinander. Ich habe mit Frauen oft nur so verkehrt, ganz freundschaftlich, ohne Sünde. Ich konnte mit ihr erstaunlich offenherzig plaudern, und sie lachte nur immer. Viele Frauen lieben die Offenherzigkeit, merk dir das. Sie war noch dazu ein junges Mädchen, und das machte mir besonderen Spaß. Und noch eins: Ich konnte sie unmöglich als ›Gnädiges Fräulein‹ anreden. Sie wohnte mit ihrer Tante bei dem Vater, und beide Frauen stellten sich in einer Art freiwilliger Selbsterniedrigung niemals mit der übrigen Gesellschaft auf eine Stufe. Alle hatten Agafja Iwanowna gern und brauchten sie, denn sie war als Schneiderin geradezu ein Talent, Geld verlangte sie für ihre Dienste nicht, sie tat es aus Freundlichkeit. Wenn man ihr etwas gab, lehnte sie es nicht ab. Der Oberstleutnant, zugegeben, der Oberstleutnant war eine der ersten Personen in unserer Stadt. Er lebte auf großem Fuß, empfing die ganze Stadt, gab Soupers und Tanzgesellschaften. Als ich in das Bataillon eintrat, redete das ganze Städtchen davon, die zweite Tochter des Oberstleutnants, ein sehr schönes Mädchen, hätte den Kursus in einem aristokratischen Erziehungsinstitut in der Hauptstadt beendet und käme nun bald zurück. Diese zweite Tochter, die schon aus der zweiten Ehe des Oberstleutnants stammt, das ist Katerina Iwanowna. Die zweite, schon verstorbene Frau des Oberstleutnants kam aus einer vornehmen Generalsfamilie, obgleich sie, wie ich glaubwürdig erfuhr, ihrem Mann ebenfalls kein Geld mitbrachte. Sie hatte eben nur ihre Verwandtschaft, weiter nichts, höchstens noch irgendwelche Aussichten auf Erbschaften, aber nichts Bares. Trotzdem geriet unser ganzes Städtchen in Bewegung, als das Fräulein ankam – nur zu Besuch, nicht für immer. Unsere vornehmsten Damen, zwei Exzellenzen, die Frau eines Obersten und nach ihrem Beispiel auch alle anderen interessierten sich sogleich für sie, rissen sich förmlich um sie und suchten ihr Vergnügungen zu verschaffen. Sie war die Königin der Bälle. Picknicks wurden arrangiert und lebende Bilder zugunsten irgendwelcher Gouvernanten. Ich schwieg, setzte mein liederliches Leben fort und leistete mir zu eben diesem Zeitpunkt einen Streich, über den die ganze Stadt aus dem Häuschen geriet. Ich sah, wie sie mich einmal mit ihrem Blick maß, das war beim Batteriechef. Ich ließ mich ihr damals nicht vorstellen: ›Ich mache mir nichts aus deiner Bekanntschaft!‹ sollte das heißen. Erst einige Zeit später ließ ich mich vorstellen, ebenfalls auf einer Abendgesellschaft. Ich wollte ein Gespräch mit ihr anknüpfen, sie sah mich kaum an und preßte verächtlich die Lippen zusammen. ›Warte nur‹ dachte ich, ›ich werde mich rächen!‹ Ich war damals in solchen Fällen meist furchtbar flegelhaft und fühlte das selbst. Die Hauptsache war, ich fühlte, Katenka war kein harmloses Institutsdämchen, sondern eine charakterfeste Persönlichkeit, stolz und tatsächlich tugendhaft und vor allem klug und gebildet – und ich war weder das eine noch das andere. Du glaubst, ich wollte ihr einen Heiratsantrag machen? Keineswegs. Ich wollte mich einfach dafür rächen, daß ich so ein toller Kerl war und sie das nicht fühlte. Einstweilen aber fuhr ich in meinem Treiben fort. Schließlich steckte mich der Oberstleutnant drei Tage in Arrest. Ausgerechnet da schickte mir der Vater sechstausend Rubel, nachdem ich formell auf alles verzichtet hatte, das heißt, ich hatte erklärt, wir seien quitt, ich würde nichts mehr fordern. Ich verstand damals von der ganzen Geschichte nichts, Bruder! Bis zu meiner Ankunft in dieser Stadt, ja vielleicht bis heute habe ich von allen meinen Geldstreitigkeiten mit dem Vater nichts begriffen. Aber hol’s der Teufel, davon nachher. Nachdem ich diese sechstausend Rubel erhalten hatte, erfuhr ich plötzlich durch den Brief eines Freundes etwas höchst Interessantes, nämlich daß man höheren Ortes mit unserem Oberstleutnant unzufrieden sei, daß man vermute, seine Kasse sei nicht in Ordnung, kurz, daß seine Feinde dabei seien, ihm einen Strick zu drehen. Und der Divisionskommandeur kam auch wirklich angereist und wusch ihm ganz gehörig den Kopf. Bald darauf legte man ihm nahe, sein Abschiedsgesuch einzureichen. Ich will dir nicht erzählen, wie sich das alles im einzelnen zugetragen hat – er hatte eben tatsächlich seine Feinde. In der Stadt trat jedenfalls plötzlich eine außerordentliche Abkühlung gegen ihn und seine ganze Familie ein, alle zogen sich auf einmal von ihnen zurück. Da führte ich meinen ersten Streich aus. Ich sagte zu Agafja Iwanowna, mit der ich immer ein freundschaftliches Verhältnis unterhalten hatte: ›Ihrem Papa fehlen also viertausendfünfhundert Rubel Staatsgelder?‹ – ›Was sagen Sie da? Wie kommen Sie zu einer solchen Behauptung? Vor kurzem war der General hier, da war doch alles Geld vorhanden.‹ – ›Damals ja, aber jetzt nicht!‹ Sie bekam einen furchtbaren Schreck. ›Machen Sie mir nicht Angst! Ich bitte Sie, von wem haben Sie das gehört?‹ – ›Beunruhigen Sie sich nicht‹, erwiderte ich. ›Ich werde es niemandem sagen. Sie wissen ja, daß ich in solchen Dingen stumm wie ein Grab bin. Aber ich wollte Ihnen sozusagen für alle Fälle nur noch eines sagen: Wenn Ihrem Papa die viertausendfünfhundert Rubel abverlangt werden und sich herausstellt, daß er sie nicht hat, dann lassen Sie es, bitte, nicht dazu kommen, daß er vor Gericht gestellt und auf seine alten Tage zum Gemeinen degradiert wird, schicken Sie lieber Ihr Institutsfräulein heimlich zu mir! Ich habe gerade Geld bekommen, ich werde gern viertausend Rubel geben und das Geheimnis wie ein Heiligtum hüten …‹ – ›Ach, was sind Sie für ein Schuft!‹ So drückte sie sich aus. ›Was sind Sie für ein dreckiger Schuft! Wie können Sie sich unterstehen, so etwas zu sagen!‹ Sie ging empört weg, und ich rief ihr noch einmal nach, das Geheimnis würde heilig und unverletzlich bewahrt. Die beiden Frauen, Agafja und ihre Tante, zeigten sich, wie ich im voraus bemerken will, in dieser ganzen Geschichte als wahre Engel. Nur vergötterten sie geradezu die stolze Schwester Katja. Sie erniedrigten sich vor ihr und waren ihre Dienstboten. Agafja erzählte ihr trotzdem von unserem Gespräch. Ich erfuhr das später ganz genau. Sie verheimlichte es nicht, und so hatte ich es auch gewollt.

Auf einmal traf der neue Major ein, um das Bataillon zu übernehmen. Er übernahm es. Der alte Oberstleutnant wurde plötzlich krank, konnte sich nicht bewegen, saß zwei Tage lang zu Hause und gab die Staatsgelder nicht ab. Unser Arzt Krawtschenko versicherte, er sei tatsächlich krank. Ich wußte jedoch insgeheim schon lange aus guter Quelle, daß das Geld nach einer Revision seitens der vorgesetzten Dienststelle jedesmal für gewisse Zeit verschwand und so schon seit vier Jahren. Der Oberstleutnant lieh es einem zuverlässigen Mann, einem hiesigen Kaufmann mit goldener Brille und Bart, einem alten Witwer, namens Trifonow. Dieser fuhr damit auf den Jahrmarkt, setzte es dort um, wie es ihm paßte, und erstattete das Geld dem Oberstleutnant wenig später wieder zurück; zugleich brachte er ihm ein hübsches Geschenk mit und auch Prozente. Diesmal gab Trifonow nach seiner Rückkehr vom Jahrmarkt nichts zurück; das erfuhr ich zufällig von einem halbwüchsigen Bengel, dem widerwärtigen Söhnchen Trifonows, dem liederlichsten Bürschchen, das die Welt je hervorgebracht hat. Der Oberstleutnant stürzte zu ihm. ›Ich habe nie etwas von Ihnen erhalten und durfte auch gar nichts erhalten!‹ war die Antwort. Na, so saß denn unser Oberstleutnant zu Hause, ein Handtuch um den Kopf gewickelt, und alle drei Frauen legten ihm Eis an die Schläfen. Auf einmal erschien eine Ordonnanz mit dem Befehlsbuch: Das Staatsgeld sei sofort abzuliefern, unverzüglich, innerhalb von zwei Stunden! Er unterschrieb (ich habe die Unterschrift später gesehen), stand auf, angeblich um sich seine Uniform anzuziehen, lief in sein Schlafzimmer, nahm sein doppelläufiges Jagdgewehr, lud es, zog den Stiefel vorn rechten Fuß, stemmte das Gewehr gegen die Brust und suchte mit dem Zeh nach dem Hahn. Agafja jedoch erinnerte sich an meine Worte, schöpfte Verdacht, schlich ihm nach, sah alles noch rechtzeitig. Sie stürzte hinein, warf sich von hinten auf ihn, umschlang ihn, und das Gewehr entlud sich nach oben, in die Decke, ohne jemand zu verwunden. Die übrigen kamen herbeigelaufen, nahmen ihm das Gewehr weg und hielten ihm die Hände fest. Dies habe ich später in allen Einzelheiten erfahren …

Ich befand mich gerade zu Hause. Es war gegen Abend, und ich wollte gerade ausgehen. Ich hatte mich angezogen, frisiert und parfümiert und griff nach meiner Mütze, als sich plötzlich die Tür öffnete und Katerina Iwanowna vor mir, in meiner Wohnung, stand.

Es passieren manchmal sonderbare Dinge. Niemand auf der Straße hatte damals bemerkt, daß sie zu mir ging, so daß dies in der Stadt völlig unbekannt blieb. Ich wohnte bei zwei steinalten Beamtenwitwen, die auch die Aufwartung bei mir verrichteten. Sie hatten vor mir großen Respekt, gehorchten mir in allem und schwiegen, wenn ich es befahl, wie Bordsteinkanten …

Ich begriff natürlich sofort. Sie kam herein und sah mir ins Gesicht; ihre dunklen Augen blickten entschlossen, ja sogar kühn, aber auf den Lippen und um sie herum lag ein Ausdruck von Unentschlossenheit, das sah ich.

›Meine Schwester hat mir gesagt, Sie würden viertausendfünfhundert Rubel geben, wenn ich sie … selber abhole. Ich bin gekommen … Geben Sie das Geld!‹ Sie konnte es nicht länger ertragen, die Luft blieb ihr weg, ihre Angst wuchs, die Stimme versagte ihr, und die Mundwinkel und die Linien um die Lippen zuckten … Aljoscha, hörst du zu, oder schläfst du?«

»Mitja, ich weiß, daß du die ganze Wahrheit sagen wirst«, sagte Aljoscha erregt.

»Die werde ich sagen. Ich werde die ganze Wahrheit sagen, ich werde mich selbst nicht schonen. Mein erster Gedanke war ein Karamasowscher. Mich hat einmal eine Tarantel gestochen, Bruder, zwei Wochen lag ich damals im Fieber – genauso fühlte ich in jenem Augenblick! Als ob mich eine Tarantel ins Herz stach, so ein böses Insekt, verstehst du? Ich maß Katerina Iwanowna mit den Augen. Hast du sie gesehen? Sie ist eine Schönheit. Aber nicht dadurch war sie damals so schön. Schön war sie in jenem Augenblick dadurch, daß sie edel war – und ich ein Schuft. Dadurch, daß sie großmütig und bereit war, für den Vater ein Opfer zu bringen, während ich eine Wanze war. Und sie hing von mir ab, von der Wanze und dem Schuft, vollständig, mit Seele und Leib. Sie kam mir vor wie ein zum Fällen bezeichneter Baum. Ich sage dir geradeheraus: Dieser Tarantelgedanke packte mein Herz dermaßen, daß es vor Qual fast verging. Ein innerer Kampf schien gar nicht mehr stattfinden zu können, es trieb mich, zu handeln wie eine Wanze, wie eine böse Tarantel, ohne jedes Mitleid. Es verschlug mir sogar den Atem. Paß auf, ich wäre selbstverständlich gleich am folgenden Tag hingegangen und hätte um ihre Hand angehalten, um alles sozusagen auf die anständigste Weise zum Abschluß zu bringen. Denn ich bin zwar ein Mensch mit niederen Trieben, aber doch ein ehrenhafter Mensch. Und da schien mir in derselben Sekunde plötzlich jemand ins Ohr zu flüstern: Und wenn du morgen mit deinem Heiratsantrag kommst, wird ein solches Mädchen dich nicht einmal empfangen, sondern dem Kutscher befehlen, dich vom Hof zu jagen. Das würde bedeuten: Magst du mich auch in der ganzen Stadt in üblen Ruf bringen – ich fürchte dich nicht! Ich sah das Mädchen an. Meine innere Stimme hatte nicht gelogen: so würde die Sache sicherlich verlaufen. Man würde mich mit Schlägen fortjagen, das konnte man schon aus dem Ausdruck ihres Gesichts schließen. Die Wut kochte in mir, ich hatte Lust zu einem grundgemeinen, abscheulichen Streich. Sie mit spöttischer Miene anzusehen und ihr, während sie so vor mir stand, mit dem Tonfall eines Kaufmanns mitten ins Gesicht zu sagen: Viertausend Rubel! Was sagen Sie da! Ich habe doch nur gescherzt! Sie sind zu leichtgläubig, gnädiges Fräulein. Zweihundert Rubel könnte ich gut und gern lockermachen, aber viertausend Rubel sind eine Summe, gnädiges Fräulein, die man für einen solchen Leichtsinn nicht wegwirft. Sie haben sich vergebens bemüht …

Siehst du, ich hätte natürlich alles verloren, sie wäre weggelaufen, aber dafür hätte ich eine teuflische Rache genommen, die mich für alles übrige entschädigt hätte. Mag ich später mein ganzes Leben vor Reue heulen, wenn ich nur jetzt diesen Streich verübe! Glaub mir, noch nie war es mir begegnet, mit keiner einzigen Frau, daß ich sie in so einem Augenblick haßte. Sie habe ich damals drei oder fünf Sekunden lang furchtbar gehaßt – mit jenem Haß, der von der wahnsinnigsten Liebe nur ein Haar breit entfernt ist! Ich trat ans Fenster, legte die Stirn an die gefrorene Scheibe, und ich erinnere mich, daß das Eis mir an der Stirn wie Feuer brannte. Lange hielt ich sie nicht auf, beunruhige dich nicht! Ich wandte mich wieder um, ging zum Tisch, öffnete den Schubkasten und nahm ein Wertpapier über fünftausend Rubel, fünfprozentiges, nicht auf den Namen ausgestelltes heraus, das in meinem französischen Lexikon lag. Das zeigte ich ihr schweigend, faltete es zusammen, reichte es ihr, öffnete ihr selbst die Tür zum Flur und verbeugte mich vor ihr, ganz tief in der respektvollsten Weise. Ich war tief ergriffen, glaub mir! Sie zitterte am ganzen Körper, sah mich eine Sekunde lang starr an und wurde furchtbar blaß wie ein Tischtuch. Und auf einmal, ebenfalls ohne ein Wort zu sagen, verbeugte sie sich ganz tief und sank mit geradezu zu Füßen, so daß sie mit der Stirn den Boden berührte, nicht mit einer heftigen Bewegung, sondern ganz weich, nicht so wie es im Institut gelehrt wird, sondern auf echt russische Art. Sie sprang auf und lief hinaus. Als sie weg war, zog ich den Degen und wollte mich durchbohren – warum, weiß ich nicht. Es wäre natürlich eine furchtbare Dummheit gewesen. Sicher wohl vor Entzücken. Hast du Verständnis dafür, daß man sich auch vor Entzücken das Leben nehmen kann? Aber ich durchbohrte mich nicht, ich küßte nur den Degen und steckte ihn wieder in die Scheide was ich dir übrigens gar nicht zu erzählen brauchte. Ich bin eben bei der Erzählung meiner Seelenkämpfe wohl ein bißchen weitschweifig geworden, um mich selbst zu loben. Aber meinetwegen, mag es so sein! Hole der Teufel alle Spione des Menschenherzens! Das ist alles, was ich damals mit Katerina Iwanowna gehabt habe. Bruder Iwan weiß davon und du – sonst niemand.«

Dmitri Fjodorowitsch stand auf, machte in starker Erregung ein paar Schritte, zog das Taschentuch heraus, wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich wieder, aber nicht auf den vorigen Platz, sondern auf die Bank an der Wand gegenüber, so daß sich Aljoscha zu ihm umdrehen mußte.

5. Beichte eines heißen Herzens (»Mit den Fersen nach oben«)

»Jetzt«, sagte Aljoscha, »kenne ich die erste Hälfte dieses Vorganges.«

»Die erste Hälfte verstehst du jetzt, das ist ein Drama, und es hat sich dort abgespielt. Die zweite Hälfte aber ist ein Trauerspiel und wird sich hier abspielen.«

»Von der zweiten Hälfte verstehe ich bis jetzt noch nichts«, sagte Aljoscha.

»Und ich? Verstehe ich es etwa?«

»Einen Augenblick, Dmitri, da ist noch ein wichtiger Punkt. Du bist doch ihr Bräutigam, auch jetzt ihr Bräutigam?«

»Ihr Bräutigam wurde ich nicht gleich, sondern erst drei Monate nach dem damaligen Ereignis. Am nächsten Tag sagte ich mir: Der Fall ist nun beendigt und erledigt, eine Fortsetzung wird es nicht geben. Hingehen und ihr einen Heiratsantrag machen – das erschien mir gemein. Sie ihrerseits ließ während der ganzen sechs Wochen, die sie noch in der Stadt blieb, kein Sterbenswörtchen von sich hören. Allerdings mit einer einzigen Ausnahme. Einen Tag nach ihrem Besuch schlüpfte das Dienstmädchen ihrer Familie zu mir und überreichte mir wortlos ein Kuvert. Auf dem Kuvert stand meine Adresse: Herrn Soundso. Ich öffnete es, es war das Geld, das von den fünftausend Rubeln übriggeblieben war. Man hatte nur viertausendfünfhundert Rubel gebraucht, doch bei dem Verkauf des Wertpapiers über fünfhundert Rubel war ein Verlust von mehr als zweihundert Rubel entstanden. So schickte sie mir nur zweihundertsechzig Rubel, glaube ich, genau erinnere ich mich nicht, und zwar nur das Geld – keine Zuschrift, kein Wörtchen, keine Erklärung. Ich suchte in dem Kuvert irgendeine Bleistiftnotiz – nichts! Nun gut, ich lebte dann für die mir verbliebenen Rubel toll drauflos, so daß sich auch der neue Major schließlich genötigt sah, mir einen Verweis zu erteilen. Der Oberstleutnant hatte das Staatsgeld jedenfalls ordnungsgemäß abgeliefert – zur allgemeinen Verwunderung, da kein Mensch mehr geglaubt hatte, daß er das Geld noch besaß. Nachdem er es abgeliefert hatte, fing er an zu kränkeln, mußte sich hinlegen und lag etwa drei Wochen. Dann trat eine Gehirnerweichung ein; und in fünf Tagen war er tot. Er wurde mit militärischen Ehren begraben, da er seinen Abschied noch nicht bekommen hatte. Katerina Iwanowna, ihre Schwester und ihre Tante verzogen zehn Tage nach der Beerdigung nach Moskau. Und da erhielt ich ganz kurz vor ihrem Umzug, am Tag ihrer Abreise – ich hatte die Damen nicht gesehen und sie nicht begleitet – ein winziges Kuvert. Es enthielt ein bläuliches Blatt Briefpapier mit Spitzenrand und darauf nur eine Zeile mit Bleistift: ›Ich werde Ihnen schreiben: warten Sie! K.‹ Das war alles.

Das übrige werde ich dir jetzt mit wenigen Worten erklären. In Moskau änderten sich ihre Verhältnisse sehr schnell, unerwartet wie in einem arabischen Märchen. Die Generalin, ihre wichtigste Verwandte, hatte plötzlich gleichzeitig ihre beiden nächsten Erbinnen, zwei Nichten, verloren; beide waren in derselben Woche an Pocken gestorben. Die erschütterte alte Dame freute sich über Katja wie über eine leibliche Tochter, wie über einen Rettungsstern, klammerte sich an sie und änderte sofort ihr Testament zu Katjas Gunsten. Und da dies erst für die Zukunft Wert hatte, händigte sie ihr augenblicklich achtzigtausend Rubel aus. ›Hier hast du eine Mitgift‹, sagte sie, ›mach damit, was du willst!‹ Ein hysterisches Weib; ich habe sie später in Moskau beobachtet. Na, da bekomme ich nun einmal durch die Post viertausendfünfhundert Rubel zugeschickt; selbstverständlich war ich vor Verwunderung sprachlos. Drei Tage darauf kam auch der versprochene Brief. Ich besitze ihn jetzt noch; ich trage ihn immer bei mir und werde mit ihm sterben – soll ich ihn dir zeigen? Du mußt ihn unbedingt lesen! Sie bietet sich mir als Braut an, ganz von selbst. ›Ich liebe Sie sinnlos!‹ schreibt sie. ›Wenn Sie mich auch nicht lieben, ganz gleich, werden Sie mein Mann! Fürchten Sie sich nicht; ich werde Sie in keiner Hinsicht behindern, ich werde Ihr Möbel sein, ich werde der Teppich sein, über den Sie hinwegschreiten. Ich will Sie lebenslänglich lieben, will Sie vor sich selbst retten … Aljoscha, ich bin nicht würdig, diese Zeilen mit meinem gemeinen Worten wiederzugeben, mit meinem gemeinen Ton, meinem stets gemein klingenden Ton, den ich niemals habe verbessern können! Dieser Brief hat mich bis auf den heutigen Tag tief beeindruckt, und ist mir etwa jetzt leicht ums Herz, ist mir etwa heute leicht ums Herz? Damals schrieb ich sogleich eine Antwort; es war mir einfach nicht möglich, nach Moskau zu fahren. Unter Tränen schrieb ich diese Antwort, und über eines werde ich mich lebenslänglich schämen! Ich erwähnte, daß sie jetzt eine Mitgift habe und reich sei, ich dagegen nur ein armer ungebildeter Mensch – ich erwähnte das Geld! Ich hätte diese Bemerkung unterdrücken sollen, doch sie kam mir unwillkürlich in die Feder. Dann schrieb ich gleich an Iwan nach Moskau und setzte ihm alles nach Möglichkeit auseinander, der Brief war sechs Seiten lang. Kurz, ich schickte Iwan zu ihr. Warum machst du solche Augen, warum siehst du mich so an? Na ja, Iwan verliebte sich in sie, ist auch jetzt in sie verliebt, das weiß ich. Ich habe eine Dummheit gemacht nach eurer Ansicht, nach der Ansicht der Welt, aber vielleicht wird gerade diese Dummheit jetzt das einzige sein, was uns alle rettet! Siehst du nicht, wie sie ihn achtet, wie hoch sie ihn schätzt? Kann sie denn, wenn sie uns beide miteinander vergleicht, so einen wie mich lieben, und noch dazu nach allem, was hier vorgefallen ist?«

»Ich bin aber davon überzeugt, daß sie gerade so einen wie dich liebt und nicht so einen wie ihn.«

»Sie liebt ihre Tugend, nicht mich«, entfuhr es Dmitri Fjodorowitsch unwillkürlich und beinahe zornig. Er lachte auf, doch eine Sekunde später fingen seine Augen an zu funkeln, sein ganzes Gesicht rötete sich, und er schlug heftig mit der Faust auf den Tisch.

»Ich schwöre, Aljoscha«, rief er mit schrecklichem aufrichtigem Zorn auf sich selbst, »ob du es glaubst oder nicht – so wahr Gott heilig und Christus unser Herr ist, schwöre ich: Obgleich ich soeben über ihre höchsten Gefühle gelächelt habe, weiß ich doch, daß meine Seele millionenmal niedriger ist als ihre, daß ihre Gefühle aufrichtig und echt sind wie bei einem Engel des Himmels! Darin liegt eben die Tragik, daß ich das sehr genau weiß. Was tut es denn, wenn der Mensch ein bißchen pathetisch redet? Tue ich das denn nicht auch? Und doch bin ich aufrichtig, ganz aufrichtig. Was Iwan betrifft, so verstehe ich vollkommen, mit welcher Wut ihn jetzt diese Laune der Natur erfüllen muß, und noch dazu bei seinem Verstand! Wem ist der Vorzug gegeben worden? Einem Unmenschen, der auch hier, obwohl er schon Bräutigam ist und alle ihn beobachten, sein wüstes Leben nicht aufgeben kann – und noch dazu vor den Augen seiner Braut! Und doch wird so einem Menschen wie mir der Vorzug gegeben, und er wird verschmäht. Und warum eigentlich? Weil das Mädchen aus Dankbarkeit ihrem Leben und ihrem Schicksal Gewalt antun will. Eine Torheit! Ich habe zu Iwan nie in diesem Sinne gesprochen, und Iwan hat selbstverständlich zu mir ebenfalls darüber kein Wort gesagt, nicht die leiseste Andeutung gemacht, das Schicksal wird sich jedoch vollenden, und der Würdige wird den ihm gebührenden Platz einnehmen, der Unwürdige aber wird sich lebenslänglich in einer Gasse verbergen, in seiner schmutzigen Gasse, die ihm lieb ist, in der er sich heimisch fühlt; und dort, in Schmutz und Gestank, wird er freiwillig und mit Genuß zugrunde gehen. Ich habe da allerlei dahergeschwatzt, lauter abgenutzte Worte, die ich so aufs Geratewohl hinwerfe. Aber wie ich es bestimmt habe, so mag es geschehen: Ich werde in der Gosse untergehen, und sie wird Iwan heiraten.«

»Warte mal, Bruder«, unterbrach ihn Aljoscha, erneut aufs höchste beunruhigt. »Du hast mir einen Punkt bis jetzt noch nicht erklärt. Du bist ihr Bräutigam, und wie willst du mit ihr brechen, wenn sie, die Braut, es nicht will?«

»Ich bin ihr Bräutigam, ihr legitimer Bräutigam. Die Verlobung fand in Moskau gleich nach meiner Ankunft statt, mit Gepränge, mit Heiligenbildern und allem Drum und Dran. Die Generalin segnete uns, und – ob du es glaubst oder nicht – sie beglückwünschte Katja sogar: ›Du hast eine gute Wahl getroffen‹, sagte sie. ›Ich durchschaue sein ganzes Wesen.‹ Und wirst du es glauben – unseren Iwan hat sie nicht liebgewonnen und nicht beglückwünscht. Noch dort in Moskau habe ich mit Katja über vieles gesprochen, ich habe ihr alles über mich erzählt, ehrenhaft genau und aufrichtig. Sie hörte alles an.

Und in lieblicher Verwirrung
sagte sie manch zärtlich Wort …

Nun ja, stolze Worte sprach sie auch. Sie nötigte mir das heilige Versprechen ab, mich zu bessern. Ich gab ihr dieses Versprechen. Und nun…«

»Was denn?«

»Und nun habe ich dich heute gerufen und hierher geschleppt, am heutigen Tage – merk dir das Datum! –, um dich gleich heute noch zu Katerina Iwanowna zu schicken und …«

»Was denn?«

»Ihr durch dich sagen zu lassen, daß ich nie mehr zu ihr komme. Brauchst ihr nur zu bestellen, ich lasse sie grüßen …«

»Ist denn so etwas möglich?«

»Deswegen schicke ich ja dich und gehe nicht selber, weil das unmöglich ist. Wie sollte ich ihr das selber sagen?«

»Und wohin willst du gehen?«

»In die Gasse.

»Also zu Gruschenka?« rief Aljoscha traurig und schlug die Hände zusammen. »Hat Rakitin wirklich die Wahrheit gesagt? Und ich glaubte, du wärst zu ihr gegangen, ohne es ernst zu nehmen, und hättest das Verhältnis schon wieder gelöst.«

»Kann ein Bräutigam denn zu so einer geben? Ist das überhaupt möglich bei so einer Braut und vor den Augen der Leute? Ich habe doch auch meine Ehre, das kannst du glauben. Sowie ich anfing, zu Gruschenka zu gehen, hörte ich auf, ein Bräutigam und ehrenhafter Mensch zu sein, das begreife ich. Warum schaust du mich so an? Siehst du, als ich das erstemal zu ihr ging, tat ich es mit der Absicht, sie zu verprügeln. Ich hatte erfahren und weiß es jetzt zuverlässig, daß diese Gruschenka von dem Stabskapitän, dem Bevollmächtigten des Vaters, einen von mir ausgestellten Wechsel erhalten hatte; sie sollte ihn einklagen, mich so zur Ruhe bringen, es sollte aus sein mit mir, Angst wollten sie mir machen. Ich ging also hin, um Gruschenka zu verprügeln. Ich hatte sie schon früher flüchtig gesehen. Sie hatte nichts Imponierendes. Über den alten Kaufmann wußte ich Bescheid; der ist jetzt krank und liegt darnieder, wird ihr jedoch ein erkleckliches Sümmchen hinterlassen. Ich wußte auch, daß sie gern Geld verdient, daß sie auch wirklich welches verdient. Sie verleiht es gegen hundsgemein hohe Prozente, das durchtriebene, schlaue, rücksichtslose Wesen. Ich ging also hin, um sie zu verprügeln, aber ich blieb dann bei ihr hängen. Es war ein losbrechendes Gewitter, eine Pest. Ich wurde angesteckt, und die Ansteckung dauert bis jetzt, und ich weiß, daß schon alles zu Ende ist und daß es nie mehr etwas anderes geben wird. Der Ring der Zeit hat sich vollendet. So steht es mit mir. Damals mußte es sich gerade treffen, daß ich Bettler dreitausend Rubel in der Tasche hatte. Ich fuhr mit ihr nach Mokroje, das sind fünfundzwanzig Werst, ich ließ Zigeuner und Zigeunerinnen kommen, bestellte Champagner, machte alle Bauernweiber und Bauernmädchen mit Champagner betrunken und warf mit den Tausendern nur so um mich. In drei Tagen war ich kahl, aber froh wie ein Falke. Du denkst vielleicht, der Falke hätte etwas erreicht? Nicht mal von weitem hat sie mir was gezeigt. Ich sage dir, sie hat eine wundervolle Figur. Gruschenka hat Formen – selbst an ihrem Füßchen kommen sie zur Geltung, sogar an der kleinen Zehe des linken Füßchens. Ich habe diese Zehe gesehen und geküßt, aber weiter auch nichts, das schwöre ich dir! Sie sagte: ›Wenn du willst, werde ich dich heiraten, obwohl du ein Bettler bist. Versprich, daß du mich nicht schlägst und mir alles erlaubst, was ich will – dann werde ich dich vielleicht heiraten!‹ Dabei lachte sie. Und auch jetzt lacht sie!«

Dmitri Fjodorowitsch erhob sich plötzlich, wie in einem Anfall von Wut von seinem Platz, er schien auf einmal betrunken. Seine Augen waren blutunterlaufen.

»Und du willst sie wirklich heiraten?«

»Wenn sie will, auf der Stelle. Will sie nicht, bleibe ich auch so bei ihr, als Hausknecht bei ihr auf dem Hof. Du, Aljoscha …« Er blieb plötzlich vor ihm stehen, packte ihn bei den Schultern. und schüttelte ihn. »Weißt du auch, du unschuldiger Knabe, daß das alles nur Fieberphantasie ist, sinnlose Fieberphantasie? Da liegt eben die Tragik. Weißt du, Alexej, ich kann ein niedriger Mensch sein, mit niedrigen, verderblichen Leidenschaften, aber ein Dieb, ein Taschendieb, so ein elender Dieb, der Mäntel aus den Vorzimmern stiehlt – so einer kann doch Dmitri Karamasow niemals sein, nicht wahr? Nun sollst du aber wissen, daß ich doch ein elender Dieb bin, ein Taschendieb und Vorzimmerdieb! Bevor ich hinging, um Gruschenka zu verprügeln, an demselben Morgen hatte mich Katerina Iwanowna rufen lassen – in größter Heimlichkeit, damit es vorläufig niemand erfuhr, warum, das weiß ich nicht; offenbar hielt sie es so für nötig. Sie bat mich, in die Gouvernementsstadt zu fahren, von dort per Post dreitausend Rubel an Agafja Iwanowna nach Moskau zu senden. In die Gouvernementsstadt sollte ich fahren, damit es hier niemand erfuhr. Und eben diese dreitausend Rubel hatte ich noch in der Tasche, als ich bei Gruschenka war, und für dieses Geld fuhren wir dann auch nach Mokroje. Nachher tat ich so, als wäre ich wirklich in die Gouvernementsstadt gefahren. Die Postquittung legte ich ihr nicht vor. Ich sagte, ich hätte das Geld abgeschickt und würde ihr die Quittung noch bringen. Ich habe sie bis heute nicht gebracht; ich habe es angeblich vergessen. Du sollst also nun heute zu ihr gehen und sagen: ›Er läßt Sie grüßen!‹ Sie wird dich fragen: ›Und was ist mit dem Geld?‹ Du könntest dann sagen: ›Er ist ein niedriger Lüstling, ein gemeines Subjekt, ohne Gewalt über seine Sinnlichkeit. Er hat Ihr Geld damals nicht abgesandt, sondern durchgebracht, weil er sich nicht beherrschen konnte, wie ein niedriges Stück Vieh.‹ Und dann, könntest du, noch hinzufügen: ›Aber ein Dieb ist er doch nicht, da sind Ihre dreitausend Rubel, er schickt sie Ihnen zurück. Senden Sie sie selber an Agafja Iwanowna. Er selbst läßt Sie grüßen!‹ Und dann wird sie auf einmal fragen: ›Wo haben Sie denn das Geld?‹ »

»Mitja, du bist unglücklich, ja! Aber doch nicht so unglücklich, wie du glaubst – bring dich nicht aus Verzweiflung um, bring dich nicht um!«

»Aber was denkst du denn? Daß ich mich erschieße, wenn ich die dreitausend Rubel nicht auftreibe? Das ist es ja eben, daß ich mich nicht erschieße. Jetzt bin ich nicht dazu imstande, später vielleicht. Jetzt gehe ich jedenfalls zu Gruschenka! O schmölze doch dies allzu feste Fleisch!«

»Und was willst du bei ihr?«

»Ihr Mann sein. Sie wird mich würdigen, ihr Gatte zu sein, und wenn ein Liebhaber kommt, gehe ich in ein anderes Zimmer. Ihren Freunden werde ich die schmutzigen Überschuhe reinigen, ich werde ihr den Samowar anfachen, ihr Laufbursche sein …«

»Katerina Iwanowna wird für alle diese Dinge Verständnis haben«, sagte Aljoscha auf einmal feierlich, »sie wird den tiefsten Grund dieses Kummers verstehen und sich versöhnen lassen. Sie hat einen scharfen Verstand und wird einsehen, daß man nicht unglücklicher sein kann, als du es bist.«

»Alles wird sie nicht verzeihen«, erwiderte Mitja lächelnd. »Es gibt da einen Punkt, Bruder, mit dem sich keine Frau abfindet. Weißt du, was das beste wäre?«

»Nun, was?«

»Ihr die dreitausend Rubel zurückzugeben.«

»Wo willst du sie hernehmen? Hör mal, ich habe zweitausend, Iwan wird ebenfalls tausend geben, das sind dreitausend. Nimm sie und gib ihr das Geld zurück.«

»Aber wann sind sie greifbar, deine dreitausend Rubel? Außerdem bist du noch nicht volljährig. Du mußt ihr jedoch heute, unbedingt noch heute, meinen Gruß bestellen, mit dem Geld oder ohne das Geld! Länger kann ich das nicht hinziehen, die Sache ist am äußersten Punkt angelangt. Morgen ist es schon zu spät. Ich möchte dich zum Vater schicken.«

»Zum Vater?«

»Ja, zum Vater, noch ehe du zu ihr gehst. Bitte ihn um die dreitausend Rubel!«

»Er wird sie nicht geben, Mitja.«

»Natürlich nicht! Ich weiß, daß er sie nicht geben wird. Weißt du, Alexej, was Verzweiflung ist?«

»Ja, ich weiß es.«

»Paß auf. Juristisch schuldet er mir nichts mehr. Ich habe alles von ihm bekommen, alles, das weiß ich. Aber moralisch ist er mir noch etwas schuldig; ist es nicht so? Er hat ja die achtundzwanzigtausend Rubel meiner Mutter als Anlagekapital benutzt und hunderttausend daraus gemacht. Soll er mir nur dreitausend davon geben, nur dreitausend, und er wird meine Seele aus der Hölle erretten; das würde ihm für viele Sünden angerechnet werden. Diese dreitausend werden dann meine letzte Forderung sein, darauf gebe ich dir mein heiliges Wort, er soll danach nichts mehr von mir zu hören bekommen. Zum letztenmal gebe ich ihm eine Gelegenheit, Vater zu sein. Sag ihm, daß Gott selbst ihm diese Gelegenheit sendet.«

»Mitja, er wird dir das Geld unter keinen Umständen geben.«

»Ich weiß, daß er es nicht tun wird, ich weiß es ganz genau. Und nach der heutigen Szene erst recht nicht. Ja, ich weiß noch mehr. Jetzt, erst in diesen Tagen, mag sein erst gestern, hat er zum erstenmal ernsthaft erfahren, daß Gruschenka wirklich nicht scherzt und gewillt ist, zu heiraten. Er kennt diesen Charakter, er kennt diese Katze. Na, wird der mir nun auch noch Geld geben, um dieses Ereignis zu befördern, während er selbst nach ihr wie von Sinnen ist? Aber auch das ist noch nicht alles, ich kann dir noch mehr mitteilen. Ich weiß, daß er vor fünf Tagen aus seiner Kasse dreitausend Rubel in Banknoten zu je hundert Rubeln herausgenommen hat. Die hat er in ein großes Kuvert gesteckt, es fünffach versiegelt und obendrein noch mit einem roten Bändchen kreuzweise zugebunden. Du siehst, wie genau ich das weiß! Die Aufschrift auf dem Kuvert lautet: ›Für meinen Engel Gruschenka, wenn er zu mir kommen will.‹ Er hat es selbst draufgeschrieben, in aller Heimlichkeit, und niemand weiß, daß dieses Geld bereitliegt, außer seinem Diener Smerdjakow, von dessen Ehrlichkeit er wie von seiner eigenen Existenz überzeugt ist. Nun erwartet er Gruschenka schon seit drei oder vier Tagen. Er hofft, daß sie kommt, um das Kuvert zu holen. Er hat ihr eine entsprechende Nachricht zukommen lassen, und sie hat geantwortet: ›Vielleicht.‹ Wenn sie jetzt wirklich zu dem Alten geht, kann ich sie dann etwa noch heiraten? Verstehst du jetzt, warum ich hier auf Geheimposten sitze? Wem ich auflauere?«

»Ihr?«

»Ja, ihr. Bei den Schlampen, denen dieses Haus und das Grundstück gehört, hat ein gewisser Foma ein Kämmerchen gemietet. Foma stammt aus der Gegend meiner früheren Garnison und hat in unserm Bataillon gedient. Er ist bei ihnen jetzt Diener und nachts Wächter. Am Tage geht er Birkhühner schießen, davon bestreitet er seinen Unterhalt. Ich habe mich hier bei ihm niedergelassen. Weder ihm noch seinen Wirtinnen ist das Geheimnis bekannt, nämlich, daß ich hier jemandem auflauere.«

»Nur Smerdjakow weiß es?«

»Ja, nur er. Er wird mich auch benachrichtigen, wenn sie zu dem Alten kommt.«

»Ist er es gewesen, der dir von dem Kuvert erzählt hat?«

»Ja. Es ist das tiefste Geheimnis. Selbst Iwan weiß nichts von dem Geld noch von sonst etwas. Der Alte schickt Iwan für zwei oder drei Tage nach Tschermaschnja. Es hat sich ein Käufer für den Wald gefunden, für achttausend Rubel will er ihn abholzen lassen, und da hat der Alte Iwan gebeten, ihm behilflich zu sein und selber hinzufahren, nämlich für zwei oder drei Tage. Er möchte, daß Gruschenka kommt, wenn Iwan nicht da ist.«

»Also erwartet er Gruschenka auch heute?«

»Nein, heute wird sie allem Anschein nach nicht kommen. Sie wird bestimmt nicht kommen!« schrie Mitja plötzlich. »Das ist auch Smerdjakows Ansicht. Der Vater säuft jetzt, er sitzt mit Bruder Iwan zu Tisch. Geh hin, Alexej, und bitte ihn um diese dreitausend Rubel …«

»Mitja, lieber Mitja, was hast du nur?« rief Aljoscha, sprang von seinem Platz auf und blickte in das verzerrte Gesicht seines Bruders. Einen Augenblick glaubte er, dieser habe den Verstand verloren.

»Was willst du? Ich bin nicht verrückt geworden«, erwiderte Dmitri Fjodorowitsch und schaute ihn unverwandt und beinahe triumphierend an. »Sei unbesorgt! Ich schicke dich zum Vater, denn … Ich weiß, was ich sage: Ich glaube an ein Wunder!«

»An ein Wunder?«

»Ja, an ein Wunder der göttlichen Vorsehung. Gott kennt mein Herz. Er sieht meine ganze Verzweiflung, er sieht das ganze Bild. Sollte er wirklich zulassen, daß etwas Schreckliches geschieht? Aljoscha, ich glaube an ein Wunder. Geh zu ihm!«

»Ich werde gehen. Sag, wirst du hier warten?«

»Ja, das werde ich. Ich sehe ein, daß die Sache nicht so schnell gehen wird, daß du nicht so ohne weiteres mit der Tür ins Haus fallen kannst. Er ist jetzt betrunken. Ich werde nötigenfalls drei bis vier Stunden warten, vier, fünf, sechs, sieben Stunden. Du aber vergiß nicht, daß du heute, und sei es um Mitternacht, bei Katerina Iwanowna mit dem Geld oder ohne das Geld erscheinen und ihr sagen mußt: ›Er läßt Sie grüßen.‹ Ich will, daß du diese und keine anderen Worte sagst: ›Er läßt Sie grüßen.‹«

»Aber wenn nun Gruschenka heute doch kommt? Und wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen?«

»Gruschenka. Ich werde aufpassen. Ich werde hineinstürzen und dazwischenfahren.

»Aber wenn …«

»Aber wenn … Dann begehe ich Mord. Sonst werde ich das nicht überleben.«

»Wen willst du ermorden?«

»Den Alten. Sie nicht!«

»Bruder, was redest du da!«

»Ich weiß es ja nicht, ich weiß es nicht … Vielleicht ermorde ich ihn nicht, aber vielleicht doch. Ich fürchte, er wird mir gerade in dem Augenblick durch sein Gesicht verhaßt. Ich hasse sein Doppelkinn, seine Nase, seine Augen, sein schamloses Lachen. Ich empfinde einen physischen Ekel vor ihm. Das ist es, was ich befürchte. Ich werde mich wohl nicht beherrschen können …«

»Ich werde zu ihm gehen, Mitja. Ich glaube, Gott, der da weiß wie es am besten ist, wird es so einrichten, daß es nicht zu etwas Schrecklichem kommt.«

»Und ich werde hier sitzen und auf ein Wunder warten. Wenn jedoch keines geschieht, dann …«

Aljoscha begab sich zum Vater, er war sehr nachdenklich.

6. Smerdjakow

Er traf den Vater wirklich noch beim Essen an. Der Tisch war wie üblich im Saal gedeckt, obwohl im Hause auch ein richtiges Speisezimmer vorhanden war. Dieser Saal, das größte Zimmer des Hauses, war altmodisch prunkvoll möbliert. Die Möbel waren sehr alt, weiß lackiert und mit roter Halbseide bezogen. An den Pfeilern zwischen den Fenstern standen Spiegel in altertümlichen Rahmen, ebenfalls weiß mit verschnörkelter Goldschnitzerei. An den Wänden, die mit weißen, an vielen Stellen schon rissigen Tapeten beklebt waren, prangten zwei große Porträts, das eine irgendein Fürst, der vor etwa dreißig Jahren Generalgouverneur dieses Landesteiles gewesen war, das andere ein gleichfalls schon längst verstorbener Bischof. In der anderen Ecke des Saales waren einige Ikonen angebracht, vor denen zur Nacht ein Lämpchen angezündet wurde, nicht so sehr aus Frömmigkeit, eher damit das Zimmer in der Nacht beleuchtet war. Fjodor Pawlowitsch legte sich nachts sehr spät schlafen, etwa um drei oder vier Uhr morgens; bis dahin pflegte er im Zimmer auf und ab zu gehen oder in einem Lehnstuhl zu sitzen und sich seinen Gedanken zu überlassen. Das war ihm zur Gewohnheit geworden. Nicht selten war er nachts allein im Hause, da er die Dienerschaft ins Seitengebäude schickte. Meist blieb jedoch nachts der Diener Smerdjakow bei ihm, der dann im Vorzimmer auf einer Wandbank schlief.

Als Aljoscha eintrat, war das eigentliche Mittagessen schon beendet, aber es wurde noch Eingemachtes und Kaffee gereicht. Fjodor Pawlowitsch aß nach dem Mittagessen gern noch Süßigkeiten und trank Kognak. Iwan Fjodorowitsch saß auch am Tisch und trank Kaffee. Die Diener, Grigori und Smerdjakow, standen neben dem Tisch. Die Herren wie die Diener waren offensichtlich in ungewöhnlich heiterer Stimmung. Fjodor Pawlowitsch lachte laut. Aljoscha hatte schon vom Flur sein wohlbekanntes quiekendes Lachen gehört und aus den Lauten sofort geschlossen, daß der Vater noch lange nicht betrunken, sondern vorläufig bloß angeheitert war.

»Der ist ja auch da! Der auch!« kreischte Fjodor Pawlowitsch, der sich über Aljoschas Kommen gewaltig freute. »Gesell dich zu uns, setz dich, trink ein Täßchen Kaffee, das ist ja ein Fastengetränk, und heiß ist er und ausgezeichnet! Kognak biete ich dir nicht an, du hast die Fasten einzuhalten. Oder willst du welchen, willst du? Nein, ich will dir lieber einen kleinen Likör, geben, der ist ganz vorzüglich. Smerdjakow, geh doch mal zum Schränkchen, auf dem zweiten Regal rechts sind die Schlüssel, schnell!«

Aljoscha lehnte auch den Likör ab.

»Gebracht soll er doch werden! Wenn nicht für dich, dann für uns«, entschied Fjodor Pawlowitsch mit strahlendem Gesicht. »Aber halt, hast du schon zu Mittag gegessen?«

»Ja, ich habe gegessen«, antwortete Aljoscha, der in Wirklichkeit in der Küche des Abtes nur ein Stück Brot gegessen und ein Glas Kwaß getrunken hatte. »Aber eine Tasse heißen Kaffee trinke ich gern.«

»Du lieber Junge! Du braver Junge! Er trinkt ein Täßchen Kaffee! Ob wir den Kaffee noch einmal anwärmen? Aber nein, er ist ja noch kochend. Es ist vorzüglicher Kaffee, Smerdjakows Leistung. In Kaffee und Fischpasteten ist mein Smerdjakow ein wahrer Künstler, und dann auch noch in Fischsuppe, wahrhaftig. Du mußt mal unsere Fischsuppe essen kommen, gib uns nur vorher Bescheid. Aber warte mal, warte mal … Ich hatte dir heute mittag befohlen, noch heute endgültig hierher überzusiedeln, mit Matratze und Kopfkissen. Hast du deine Matratze hergeschleppt? Hehehe!«

»Nein, ich habe sie nicht mitgebracht«, antwortete Aljoscha, ebenfalls lächelnd.

»Aber einen Schreck hast du heute mittag doch bekommen, einen Schreck hast du doch bekommen, nicht wahr? Ach du, mein Täubchen, ich kann dir ja nichts zuleide tun. Hör mal, Iwan, ich kann einfach nicht gleichgültig bleiben, wenn er mir so in die Augen sieht und lacht! Ich kann es nicht. Das ganze Herz muß über ihn lachen, ich habe ihn zu lieb! Aljoscha komm her, ich will dir meinen väterlichen Segen geben.«

Aljoscha stand auf, doch Fjodor Pawlowitsch hatte sich bereits eines anderen besonnen.

»Nein, nein, ich will jetzt nur ein Kreuz über dir machen. So, und nun setz dich wieder hin. Na, jetzt wirst du einen Spaß haben, wir reden gerade über ein Thema, das in dein Fach schlägt. Du wirst dich satt lachen. Bei uns hat Bileams Eselin angefangen zu reden, und wie sie redet, wie sie redet!«

Bileams Eselin war, wie sich herausstellte, der Diener Smerdjakow. Ein noch junger Mensch, erst ungefähr vierundzwanzig Jahre alt, war er in hohem Grade ungesellig und schweigsam. Nicht daß er schüchtern war oder sich über irgend etwas schämte, im Gegenteil, er hatte einen hochmütigen Charakter und schien auf alle Menschen herabzusehen. Aber ich kann jetzt nicht umhin, wenigstens ein paar Worte über ihn zu sagen. Das dürfte gerade jetzt angebracht sein. Erzogen hatten ihn Marfa Ignatjewna und Grigori Wassiljewitsch, doch der Knabe wuchs »ohne jede Dankbarkeit« auf, wie Grigori sich ausdrückte, als ein scheues Kind, das aus seinem Winkel die anderen anschaute. In seiner Kindheit liebte er es, Katzen aufzuhängen, und beerdigte sie dann mit allen Zeremonien. Er drapierte sich zu diesem Zweck mit einem Bettlaken, das ein Meßgewand darstellen sollte, und sang und schwenkte etwas über der toten Katze hin und her, als ob er mit Weihrauch räucherte. Alles das tat er ganz leise, mit größter Heimlichkeit. Grigori überraschte ihn einmal bei dieser Beschäftigung und züchtigte ihn empfindlich. Der Knabe ging in eine Ecke und sah eine Woche lang alle schief an. »Er mag uns nicht, dieser Unmensch«, sagte Grigori zu Marfa Ignatjewna. »Er liebt überhaupt niemand. Bist du eigentlich ein Mensch?« wandte er sich plötzlich an Smerdjakow. Du bist kein Mensch, du bist aus der schleimigen Nässe des Badehauses entstanden! So einer bist du …« Diese Worte hatte ihm Smerdjakow, wie sich später herausstellte, nie verziehen. Grigori lehrte ihn lesen und schreiben und unterrichtete ihn, als er zwölf Jahre alt war, in der biblischen Geschichte. Aber die Sache nahm bald ein jähes Ende. Schon in der zweiten oder dritten Unterrichtsstunde fing der Knabe auf einmal an zu lächeln.

»Was hast du?« fragte Grigori und blickte ihn unter der hochgeschobenen Brille hervor drohend an.

»Nichts. Gott der Herr schuf das Licht am ersten Tage, aber die Sonne, den Mond und die Sterne am vierten Tage. Woher leuchtete das Licht denn am ersten Tage?«

Grigori war verblüfft. Der Knabe blickte seinen Lehrer spöttisch an. In seinem Blick lag sogar etwas Hochmütiges. Das ertrug Grigori nicht.

»Daher, siehst du wohl!« rief er und schlug den Schüler wütend auf die Backe. Der Knabe nahm die Ohrfeige wortlos hin, verkroch sich aber wieder einige Tage in seinen Winkel. Doch eine Woche darauf trat bei ihm zum erstenmal die Epilepsie auf, die ihn dann sein ganzes Leben lang nicht wieder verließ.

Als Fjodor Pawlowitsch davon erfuhr, änderte er plötzlich sein Verhalten dem Knaben gegenüber. Früher hatte er ihn immer wieder mit einer gewissen Gleichgültigkeit angesehen, obwohl er ihn nie gescholten und ihm, wenn er ihm begegnete, stets eine Kopeke gegeben hatte. Wenn er gut gelaunt war, hatte er dem Knaben manchmal etwas Süßes von seinem Tisch geschickt. Nachdem er von der Krankheit gehört hatte, fing er an, sich wirklich um ihn zu kümmern, ließ einen Arzt rufen und wollte den Knaben heilen lassen, doch es stellte sich heraus, daß eine Heilung unmöglich war. Im Durchschnitt stellten sich die Anfälle einmal im Monat ein, und zwar zu verschiedenen Zeiten. Sie waren verschieden heftig, manche leicht, andere schwer. Fjodor Pawlowitsch verbot seinem Diener Grigori nun aufs strengste, den Knaben zu züchtigen, und ließ ihn von jetzt an häufig in seine eigene Wohnung kommen. Auch untersagte er einstweilen, ihn irgendwie zu unterrichten. Aber einmal, als der Knabe schon fünfzehn Jahre alt war, bemerkte Fjodor Pawlowitsch, daß er sich in der Nähe des Bücherschrankes umhertrieb und durch die Glasscheibe die Titel der Bücher las. Fjodor Pawlowitsch besaß ziemlich viele Bücher, über hundert Bände, doch hatte ihn selbst noch niemand mit einem Buch in der Hand gesehen. Er gab dem kleinen Smerdjakow sogleich den Schlüssel zum Schrank. »Na, dann lies, du sollst mein Bibliothekar sein! Statt auf dem Hof herumzubummeln – setz dich, hin und lies! Da, lies mal dieses Buch!« Und Fjodor Pawlowitsch nahm Gogols »Abende auf dem Vorwerk bei Dikanka« heraus.

Der Knabe las das Buch. Doch es befriedigte ihn nicht, er lächelte kein einziges Mal, im Gegenteil. Als er fertig war, machte er ein finsteres Gesicht.

»Nun, ist das nicht lustig?« fragte Fjodor Pawlowitsch.

Smerdjakow schwieg.

»So antworte doch, Dummkopf!«

»Was da drinsteht ist ja alles nicht wahr«, murmelte Smerdjakow lächelnd.

»Na, scher dich zum Teufel, du Dienerseele! Warte mal, da hast du Smaragdows ›Allgemeine Weltgeschichte‹. Lies die, darin ist alles wahr.«

Aber Smerdjakow las nicht einmal zehn Seiten im Smaragdow, es kam ihm langweilig vor. So wurde denn der Bücherschrank wieder zugeschlossen.

Bald darauf berichteten Marfa und Grigori ihrem Herrn von einer eigentümlichen Angewohnheit Smerdjakows. Bei ihm hatte sich eine seltsame, peinliche Mäkligkeit herausgebildet. Wenn er Suppe aß, nahm er den Löffel und rührte und suchte mit ihm in der Suppe herum, beugte sich vor, sah genauestens hin, schöpfte einen Löffel voll und hielt ihn ans Licht.

»Hast wohl eine Schabe drin?« fragte Grigori.

»Vielleicht eine Fliege«, bemerkte Marfa.

Der sauberkeitsliebende Bursche gab darauf nie eine Antwort, doch auch mit dem Brot, dem Fleisch und allen anderen Speisen war es nicht anders. Er hob oft einen Bissen auf der Gabel ans Licht, betrachtete ihn wie unter dem Mikroskop, überlegte lange und entschloß sich endlich, ihn in den Mund zu stecken. »Sieh einer an, was sich da für ein Herrensöhnchen entpuppt hat!« brummte Grigori, wenn er das mit ansah.

Als Fjodor Pawlowitsch von Smerdjakows neuer Eigenheit gehört hatte, beschloß er sofort, er solle Koch werden, und gab ihn nach Moskau in die Lehre. Dort bliebt er mehrere Jahre und kehrte mit stark verändertem Gesicht zurück. Er sah weit über seine Jahre gealtert aus, er hatte Runzeln und eine gelbe Hautfarbe bekommen und ähnelte einem Verschnittenen. In geistiger Hinsicht kehrte er fast als derselbe zurück, der er vor seiner Abreise gewesen war: noch ebenso ungesellig und ohne das geringste Bedürfnis nach irgendeinem Umgang. Auch in Moskau hatte er, wie später berichtet wurde, immer geschwiegen. Die Stadt selbst hatte ihn außerordentlich wenig interessiert, so daß er von ihr nur sehr weniges kennengelernt und alles übrige unbeachtet gelassen hatte. Er war zwar einmal im Theater gewesen, doch schweigsam und unbefriedigt zurückgekommen. Dafür kehrte er aus Moskau in einem guten Anzug, mit sauberem Rock und anständiger Weste zurück. Er reinigte seine Kleider selbst sorgfältig zweimal täglich mit der Bürste, und seine eleganten Kalbslederstiefel putzte er hingebungsvoll mit einer besonderen englischen Wichse, daß sie wie Spiegel glänzten. Als Koch leistete er Ausgezeichnetes. Fjodor Pawlowitsch setzte ihm ein Gehalt aus, und dieses Gehalt verwendete Smerdjakow fast ausschließlich auf seine Kleidung sowie auf Pomade, Parfüms und so weiter. Allerdings schien er das weibliche Geschlecht ebenso zu verachten wie das männliche; er verhielt sich ihm gegenüber sehr gemessen, beinahe unzugänglich. Fjodor Pawlowitsch begann ihn unter einem anderen Gesichtspunkt zu beobachten. Seine epileptischen Anfälle verschlimmerten sich nämlich, und an solchen Tagen mußte Marfa Ignatjewna das Essen zubereiten, wovon Fjodor Pawlowitsch ganz und gar nicht erbaut war.

»Woher kommt das, daß deine Anfälle jetzt häufiger sind?« fragte er manchmal den neuen Koch und schaute ihn von der Seite ins Gesicht. »Du solltest heiraten, soll ich dir eine Frau besorgen?«

Smerdjakow aber wurde bei solchen Reden nur blaß vor Ärger und gab keine Antwort.

Fjodor Pawlowitsch ließ dann von ihm ab und machte eine Handbewegung, als ob er sagen wollte: ›Mit dir ist eben nichts anzufangen.‹

Die Hauptsache war ihm, daß er von Smerdjakows Ehrlichkeit überzeugt war, und zwar ein für allemal. Er glaubte fest, dieser werde ihm nie etwas wegnehmen und stehlen. Fjodor Pawlowitsch hatte einmal in betrunkenem Zustand auf seinem eigenen Hof drei Hundertrubelscheine, die er kurz vorher erhalten hatte, im Schmutz verloren und vermißte sie erst am anderen Tage. Kaum begann er in seinen Taschen zu suchen, als er sie alle drei in seinem Zimmer auf dem Tisch vorfand. Wie war das zugegangen? Smerdjakow hatte sie aufgehoben und schon am Tag vorher hingelegt.

»Na, mein Freund, solche wie dich habe ich noch nicht viele gesehen!« bemerkte Fjodor Pawlowitsch kurz und schenkte ihm zehn Rubel.

Es muß noch hinzugefügt werden, daß er nicht nur von seiner Ehrlichkeit überzeugt war, sondern ihn sogar aus einem nicht recht verständlichen Grund mochte, obgleich der Bursche ihn ebenso scheel ansah wie andere Leute und immer schwieg. Nur selten kam es vor, daß er überhaupt redete. Wäre es bei seinem Anblick damals jemand in den Sinn gekommen zu fragen, wofür sich dieser junge Mensch eigentlich interessiert und was für Gedanken er im Kopf hatte, es wäre wirklich unmöglich gewesen, diese Fragen zu beantworten. Und doch kam es manchmal vor, daß er im Haus oder auf dem Hof oder auf der Straße offenbar gedankenversunken stehenblieb und an die zehn Minuten so dastand. Hätte ihn jemand, der sich auf Physiognomien versteht, so gesehen, würde er gesagt haben, daß es sich dabei gar nicht um wirkliches Denken handelt, sondern um eine Art Versonnenheit. Von dem Maler Kramskoi gibt es ein beachtenswertes Bild mit dem Titel: »Ein Versonnener!« Dargestellt ist ein Wald zur Winterszeit, und auf einem Weg in diesem Wald steht ein armer Bauer in einem dürftigen zerrissenen Kaftan, in alten abgetragenen Bastschuhen, mutterseelenallein, in tiefster Einsamkeit, in Träumereien versunken und anscheinend nachdenklich; doch er denkt nicht nach, er ist, nur »versonnen«. Würde man ihn anstoßen, würde er zusammenfahren und einen anblicken, als ob er aus dem Schlafe erwachte, ohne etwas von allem zu begreifen. Zwar würde er sofort wieder zu sich kommen; würde man ihn aber fragen, woran er soeben gedacht habe, würde er sich gewiß an nichts erinnern. Die Empfindung, unter deren Bann er während seiner »Versonnenheit« stand, würde er wohl allerdings heimlich in seinem Innern bewahren. Diese Empfindungen sind ihm teuer, und er bewahrt sie, ohne daß es jemand merkt und ohne daß er selbst sich dessen bewußt wird; zu welchem Zweck er das tut, weiß er natürlich auch nicht. Vielleicht läßt er, nachdem er solche Empfindungen viele Jahre bewahrt hat, auf einmal alles im Stich und geht nach Jerusalem, um ein Pilgerleben zu führen und seine Seele zu retten; vielleicht zündet er auch plötzlich sein Heimatdorf an; vielleicht tut er auch beides. Es gibt unter dem einfachen Volk ziemlich viel derartiger »Versonnener«. Sicher war auch Smerdjakow einer von ihnen, und sicher bewahrte auch er seine Empfindungen sorgsam, ohne selber zu wissen, wozu.

7. Eine Kontroverse

Wie gesagt, Bileams Eselin hatte auf einmal angefangen zu reden. Es ging um ein seltsames Thema. Als Grigori am Morgen beim Kaufmann Lukjanow einkaufte, hatte er von diesem die Geschichte eines russischen Soldaten gehört, der irgendwo in der Ferne, an der Grenze, bei den Asiaten in Gefangenschaft geraten war. Sie hätten ihn unter Androhung eines qualvollen Todes zwingen wollen, seinem christlichen Glauben abzuschwören und zum Islam überzutreten, er jedoch habe sich geweigert, seinen Glauben zu verraten, habe sich den Foltern unterworfen, sich die Haut abziehen lassen und sei, Christus lobend und preisend, gestorben. Von dieser Heldentat hatte soeben am selben Tage auch eine Zeitung berichtet, und nun hatte auch Grigori davon am Tisch erzählt. Fjodor Pawlowitsch liebte es schon, seit eh und je, nach dem Mittagessen, beim Nachtisch, ein bißchen zu lachen und zu schwatzen, sei es auch nur mit Grigori. Diesmal aber befand er sich in besonders heiterer und redseliger Stimmung. Nachdem er bei einem Glas Kognak zugehört hatte, bemerkte er, einen solchen Soldaten müßte man sofort heiligsprechen und seine abgezogene Haut in irgendein Kloster überführen. »Dann strömt das Volk zusammen, und es kommt Geld ein!« Grigori runzelte die Stirn, als er sah, daß Fjodor Pawlowitsch keineswegs gerührt war, sondern nach seiner alten Gewohnheit über die Religion zu spotten begann. Smerdjakow, der an der Tür stand, lächelte plötzlich. Er hatte auch früher während der Mahlzeit, das heißt gegen deren Ende, oft dabeistehen dürfen. Seit Iwan Fjodorowitsch in unsere Stadt gekommen war, erschien er fast jedesmal zum Mittagessen.

»Was hast du?« fragte Fjodor Pawlowitsch, der das Lächeln sofort bemerkt und natürlich erkannt hatte, daß es sich auf Grigori bezog.

»Meine Ansicht darüber ist die«, begann Smerdjakow ganz unerwartet mit lauter Stimme. »Wenn die Tat dieses braven Soldaten auch sehr heldenhaft war, wäre es doch andererseits auch keine Sünde gewesen, wenn er sich in dieser Lage von Christus und von seiner eigenen Taufe losgesagt hätte, um dadurch sein Leben für spätere gute Taten zu retten. Durch die hätte er im Laufe der Jahre auch seine Kleinmütigkeit wiedergutmachen können.«

»Wie sollte das denn keine Sünde sein? Du redest Unsinn, dafür kommst du geradewegs in die Hölle und wirst wie Hammelfleisch gebraten!« erwiderte ihm Fjodor Pawlowitsch.

In diesem Augenblick trat Aljoscha ein. Fjodor Pawlowitsch freute sich, wie wir gesehen haben, über sein Kommen außerordentlich.

»Wir sind bei einem Thema, das in dein Fach schlägt!« rief er lustig kichernd und forderte Aljoscha auf, sich hinzusetzen und zuzuhören.

»Was das Hammelfleisch anlangt, so ist das nicht so. Es wird mir nichts passieren, und es darf mir auch nichts passieren wenn es gerecht zugeht«, bemerkte Smerdjakow gemessen.

»Was soll das heißen: gerecht?« schrie Fjodor Pawlowitsch noch vergnügter und stieß Aljoscha mit dem Knie an.

»Er ist ein Schuft! Jawohl!«, entfuhr es Grigori, er blickte Smerdjakow zornig in die Augen.

»Was den Schuft anlangt, so warten Sie damit bitte noch ein Weilchen, Grigori Wassiljewitsch«, erwiderte Smerdjakow ruhig und beherrscht. »Sie sollten sich lieber selbst folgendes sagen: Würde ich bei den Peinigern der Christenheit in Gefangenschaft geraten und würden sie von mir verlangen, daß ich den Namen Gottes verfluche und mich von meiner heiligen Taufe lossage, dann hätte ich kraft meiner eigenen Vernunft das volle Recht dazu, denn von einer Sünde kann da keine Rede sein …«

»Das hast du schon einmal gesagt. Rede nicht unnütze Worte, sondern beweise es!« rief Fjodor Pawlowitsch.

»Bouillonkoch!« flüsterte Grigori verächtlich.

»Was den Bouillonkoch anlangt, so warten Sie bitte damit ebenfalls noch ein Weilchen! Und überlegen Sie selbst, anstatt zu schimpfen, Grigori Wassiljewitsch! In dem Augenblick, wo ich zu meinen Peinigern sage: ›Nein, ich bin kein Christ! Und ich verfluche meinen wahrhaftigen Gott‹, in demselben Augenblick bin ich bereits durch das allerhöchste Gericht Gottes verflucht und aus der heiligen Kirche ausgeschlossen, ganz wie ein Heide. Sogar schon in dem Augenblick, wo ich es noch nicht ausgesprochen, sondern nur beabsichtigt habe, nicht einmal eine Viertelsekunde später, bin ich ausgeschlossen – ist das so oder nicht, Grigori Wassiljewitsch?«

Er wandte sich mit sichtlichem Vergnügen an Grigori, obwohl er in Wirklichkeit nur auf Fjodor Pawlowitschs Fragen antwortete und das sehr wohl wußte. Doch er tat absichtlich, als hätte Grigori diese Fragen an ihn gerichtet.

»Iwan!« rief Fjodor Pawlowitsch plötzlich. »Beug dich mal ganz nah zu mir her! Das hat er alles nur für dich gesagt. Er möchte, daß du ihn lobst. Lob ihn doch!«

Iwan Fjodorowitsch hörte die Mitteilung, die ihm der Papa so entzückt machte, mit ernstem Gesicht an.

»Halt, Smerdjakow, sei mal ein Weilchen still!« rief Fjodor Pawlowitsch wieder. Iwan, beug dich noch mal zu mir herüber!«

Iwan Fjodorowitsch beugte sich von neuem mit sehr ernster Miene zu ihm.

»Ich liebe dich ebenso, wie ich Aljoschka liebe. Glaub ja nicht, ich hätte dich nicht lieb. Willst du Kognak?«

»Geben Sie her!« erwiderte Iwan Fjodorowitsch, dabei sagte sein starrer Blick: ›Du selber hast dich schon gehörig angesäuselt!‹

Smerdjakow beobachtete er mit außerordentlichem Interesse.

»Verflucht bist du jetzt schon«, brach Grigori plötzlich los. »Wie kannst du unter diesen Umständen noch wagen zu streiten, du Schuft, wenn …«

»Schimpf nicht, Grigori, schimpf nicht!« unterbrach ihn Fjodor Pawlowitsch.

»Warten Sie noch, Grigori Wassiljewitsch, wenn auch nur ganz kurze Zeit, und hören Sie weiter! Denn ich bin noch nicht zu Ende. Also in dem Augenblick, wo ich von Gott verflucht werde, bin ich schon ganz ein Heide geworden, und meine Taufe wird mir nicht angerechnet – geben Sie wenigstens das zu?«

»Komm zu Ende, lieber Freund, schneller! Komm zu Ende!« drängte Fjodor Pawlowitsch und nippte genußvoll an seinem Gläschen.

»Wenn ich aber kein Christ mehr bin, so folgt daraus, daß ich die Peiniger auch nicht belogen habe, als sie mich fragten, ob ich Christ sei oder nicht. Denn ich war schon von Gott selbst meines Christentums entkleidet, auf Grund meiner bloßen Absicht, ehe ich den Peinigern ein Wort hätte sagen können. Wenn ich aber schon degradiert war, auf welche Weise und mit welcher Gerechtigkeit kann dann von mir in jener Welt wie von einem Christen Rechenschaft dafür verlangt werden, daß ich Christus verleugnet hätte, da ich doch schon für diese bloße Absicht, noch vor der Verleugnung, meiner Taufe ledig geworden war? Wenn ich nicht mehr Christ bin, so folgt daraus, daß ich Christus nicht verleugnen kann, denn es wird überhaupt nichts geben, was ich verleugnen könnte. Wer wird denn, und sei es auch im Himmel, einen heidnischen Tataren dafür zur Rechenschaft ziehen, Grigori Wassiljewitsch, daß er nicht als Christ geboren ist? Und wer wird ihn dafür bestrafen, da man doch sagen muß, daß man einem Ochsen nicht zwei Häute abziehen kann? Und selbst wenn der allmächtige Gott den Tataren nach dem Tode zur Rechenschaft ziehen sollte, so vermute ich, daß Er in Anbetracht dessen, daß er doch nichts dafür kann, wenn er, von heidnischen Eltern erzeugt, als Heide auf die Welt gekommen ist, nur eine ganz kleine Strafe über ihn verhängen wird – ganz ohne Strafe wird es wohl nicht abgehen. Gott der Herr kann doch nicht ohne weiteres von dem Tataren sagen, auch er sei ein Christ gewesen? Das würde ja heißen, daß der allmächtige Gott eine glatte Unwahrheit sagt. Und kann Gott der Herr, der allmächtige Erhalter des Himmels und der Erde etwa eine Lüge sagen, und sei es auch nur mit einem einzigen Wort?«

Grigori war ganz starr geworden und sah Smerdjakow mit aufgerissenen Augen an. Obgleich er nicht alles so recht verstanden hatte, begriff er doch wenigstens etwas von dem ganzen Gewäsch und stand da mit dem Gesicht eines Menschen, der auf einmal mit der Stirn gegen eine Wand gerannt ist.

Fjodor Pawlowitsch trank sein Gläschen aus und brach in ein quiekendes Lachen aus.

»Aljoschka, Aljoschka, was sagst du dazu? Ach, du Sophist! Er muß irgendwo bei den Jesuiten in die Schule gegangen sein, Iwan. Ach, du stinkender Jesuit, wer hat dir das nur beigebracht? Aber du lügst nur, du Sophist, du lügst, du lügst, du lügst! Weine nicht, Grigori, wir werden ihn gleich total zerschmettern. Beantworte mir eine Frage, Eselin: Den Peinigern gegenüber magst du recht haben, aber du hast ja selbst in deinem Innern deinen Glauben verleugnet. Du sagst selbst, daß du in demselben Augenblick ein Verfluchter, ein Ausgestoßener geworden bist. Wenn du nun einmal ein Verfluchter, ein Ausgestoßener bist, wird man dich in der Hölle nicht allzu zart behandeln. Wie denkst du darüber, mein prächtiger Jesuit?«

»Daß ich mich selbst in meinem Innern losgesagt habe, daran ist kein Zweifel. Doch das war keinerlei persönliche Sünde. Und wenn ja, so nur eine ganz einfache.«

»Wieso eine ganz einfache?«

»Du lügst, Verfluchter!« knirschte Grigori.

»Überlegen Sie doch selbst, Grigori Wassiljewitsch«, fuhr Smerdjakow ruhig und gemessen fort. Er war sich seines Sieges bewußt, übte aber gewissermaßen Großmut mit dem geschlagenen Gegner. »Überlegen Sie doch selbst, Grigori Wassiljewitsch! Es steht doch in der Heiligen Schrift geschrieben:,Wenn ihr Glauben habt auch nur von der Größe eines kleinen Körnchens und dann zu dem Berg sagt, er solle sich ins Meer begeben, so wird er das ohne Zaudern auf euren Befehl hin tun.‹ Nun gut, Grigori Wassiljewitsch, wenn ich ein Ungläubiger bin und Sie ein solcher Gläubiger, daß Sie mich ständig beschimpfen, dann versuchen Sie doch selbst einmal, diesem Berg zu befehlen, er soll sich zwar nicht gleich, ins Meer – bis zum Meer ist es recht weit –, aber doch wenigstens in das übelriechende Flüßchen hinter unserem Garten begeben. Sie werden selber sehen, daß sich nichts von der Stelle bewegt, sondern alles in der bisherigen Ordnung und dem bisherigen Zusammenhang bleibt, mögen Sie auch noch so viel schreien. Das bedeutet aber doch, daß auch Sie, Grigori Wassiljewitsch, nicht richtig glauben, sondern statt dessen nur andere beschimpfen. Und wenn man außerdem in Betracht zieht, daß in unserer Zeit niemand von den höchsten Persönlichkeiten bis hinab zum niedrigsten Bauer, Berge ins Meer schieben kann, vielleicht außer einem oder höchstens zwei Menschen auf der ganzen Erde, und auch die leben, auf die Rettung ihrer Seele bedacht, wahrscheinlich irgendwo in der ägyptischen Wüste, wo man sie überhaupt nicht finden kann – wenn es sich also so verhält, wenn alle übrigen sich als Ungläubige erweisen, wird Gott der Herr dann alle übrigen, das heißt die Bevölkerung der ganzen Erde außer jenen beiden Einsiedlern, verfluchen und trotz seiner allbekannten Barmherzigkeit keinem von ihnen verzeihen? Also hoffe auch ich, daß mir, sollte auch ich einmal gezweifelt haben, verziehen wird, wenn ich Tränen der Reue vergieße.«

»Halt!« kreischte Fjodor Pawlowitsch auf dem Höhepunkt des Entzückens. »Du nimmst also an, daß es zwei Menschen gibt, die Berge versetzen können? Iwan, notiere dir das, schreib es dir auf! Darin zeigt sich der ganze Russe!«

»Sie haben durchaus recht, das ist ein charakteristischer Zug im Glauben des Russen«, stimmte Iwan Fjodorowitsch mit beifälligem Lächeln zu.

»Du stimmst zu! Also muß es sich so verhalten, wenn sogar du zustimmst! Aljoschka, das ist doch richtig? Das ist doch ein echt russischer Glaube?«

»Nein, Smerdjakow hat überhaupt keinen russischen Glauben« antwortete Aljoscha ernsthaft und in festem Ton.

»Ich rede nicht von seinem Glauben. Ich rede von dem charakteristischen Zug, von den beiden Einsiedlern. Nur von einem kleinen charakteristischen Zug! Das ist doch wohl echt russisch, echt russisch!«

»Ja, dieser Zug ist sehr russisch«, bestätigte Aljoscha lächelnd.

»Dein Ausspruch ist einen Dukaten wert, Eselin! Ich werde dir noch heute einen schicken. Aber was du sonst gesagt hast, ist Unsinn, Unsinn, Unsinn! Du mußt wissen, du Dummkopf, daß wir hier alle nur aus Leichtsinn ungläubig sind. Weil wir keine Zeit haben. Erstens sind uns die Geschäfte über den Kopf gewachsen, und zweitens gab Gott uns zu wenig Zeit. Er gab dem Tag nur vierundzwanzig Stunden, so daß man nicht einmal ordentlich ausschlafen, geschweige denn bereuen kann. Du aber hast vor den Peinigern deinen Glauben zu einer Zeit verleugnet, wo du an nichts zu denken hattest als an den Glauben, wo du den Glauben erst recht hättest zeigen müssen! Ich meine, das stimmt so, mein Lieber, nicht wahr?«

»Es wird wohl so stimmen. Aber bedenken Sie, Grigori Wassiljewitsch, gerade dadurch wird meine Ansicht noch bestärkt. Hätte ich damals gehörig an die heilige Wahrheit geglaubt, wäre es in der Tat Sünde gewesen, die Foltern nicht um des Glaubens willen auf mich zu nehmen, sondern zum heidnischen Glauben Mohammeds überzugehen. Aber zu Foltern wäre es dann gar nicht gekommen. Ich hätte ja in jenem Moment bloß zum Berg zu sagen brauchen: Beweg dich und erdrück den Peiniger. Er hätte sich dann in Bewegung gesetzt und ihn augenblicklich wie eine Schabe zerquetscht, ich aber wäre, Gott preisend und lobsingend, davongegangen, als ob nichts geschehen wäre. Doch wenn ich das alles versucht und den Berg aufgefordert hätte, diese Peiniger zu erdrücken, und er hätte sie nicht erdrückt – sagen Sie selbst, wie hätte ich da nicht zweifeln sollen, und noch dazu in einer so furchtbaren Stunde der Todesangst? Wüßte ich doch ohnehin, daß ich das Himmelreich nicht voll erlangen würde, denn der Berg hätte sich nicht in Bewegung gesetzt, Beweis genug, daß man meinem Glauben dort nicht recht traute und daß mich in jener Welt keine besonders große Belohnung erwartete – warum sollte ich mir da obendrein nutzlos die Haut abziehen lassen? Selbst wenn sie mir die Haut bis zur Hälfte des Rückens abziehen, der Berg würde sich auch dann auf mein Wort oder auf mein Geschrei hin nicht in Bewegung setzen. In so einem Augenblick können einem nicht nur Zweifel kommen, man kann sogar vor Angst den Verstand verlieren, so daß das Überlegen überhaupt unmöglich wird. Inwiefern mache ich mich also besonders schuldig, wenn ich wenigstens meine Haut rette, wo ich von etwaiger Standhaftigkeit weder in dieser noch in jener Welt einen Vorteil oder einen Lohn zu erwarten habe? Also hoffe ich zuversichtlich auf Gottes Barmherzigkeit und Vergebung …«

8. Beim Kognak

Der Streit war zu Ende. Aber seltsam, Fjodor Pawlowitsch, der anfangs so vergnügt gewesen war, wurde plötzlich verdrießlich. Er machte ein finsteres Gesicht und trank sein Kognakgläschen aus; er hatte schon mehr als genug getrunken.

»Schert euch hinaus, ihr Jesuiten!« schrie er die Diener an. »Mach, daß du hinauskommst, Smerdjakow! Den versprochenen Dukaten schicke ich dir noch heute, aber jetzt geh! Weine nicht Grigori, geh zu Marfa, sie wird dich trösten und zu Bett bringen. Die Kanaillen lassen einen nach Tische doch nicht ruhig sitzen«, räsonierte er verärgert, als sich die Diener auf seinen Befehl sofort entfernt hatten. »Smerdjakow kommt jetzt immer beim Essen angeschlichen. Du bist ihm so interessant, womit hast du ihn denn geködert?« fügte er, zu Iwan Fjodorowitsch gewandt hinzu.

»Mit gar nichts«, antwortete dieser. »Er ist auf den Einfall gekommen, mich zu verehren. Er ist eine Bedientenseele, eine Knechtsseele. Kanonenfutter für den Fortschritt, sobald die Zeit dafür gekommen ist!«

»Für den Fortschritt?«

»Es wird andere und bessere Kämpfe geben, aber auch solche. Zuerst wird es solche geben, und nach ihnen bessere.«

»Und wann wird die Zeit kommen?«

»Eine Rakete wird aufflammen, aber vielleicht nicht zu Ende brennen. Das niedere Volk hört einstweilen noch nicht gern auf die Bouillonköche.«

»Ja, ja, mein Lieber, Bileams Eselin denkt und denkt, und der Teufel weiß, wo sie hindenkt.«

»Sie sammelt Gedanken«, sagte Iwan lächelnd. »Siehst du, ich weiß, er kann auch mich nicht leiden, so wenig wie alle anderen und wie dich, obgleich du meinst, er sei auf den Einfall gekommen, dich zu verehren. Und nun zu Aljoschka: Aljoschka verachtet er. Aber er stiehlt nicht, das ist das Gute an ihm. Er ist kein Klatschmaul, er schweigt, er trägt keinen Streit aus dem Haus und bäckt famose Fischpasteten. Aber hol‹ ihn trotz alledem der Teufel! Ist er’s denn wert, daß man so viel von ihm spricht?«

»Wert ist er’s allerdings nicht.«

»Und was die Gedanken betrifft, die er im stillen aussinnt, so muß man den russischen Bauern im allgemeinen mit Ruten peitschen. Das habe ich immer gesagt. Unsere Bauern sind Spitzbuben, sie verdienen nicht, daß man sie bedauert. Es ist ein Glück, daß sie auch jetzt manchmal noch verprügelt werden. Unser russisches Vaterland ist stark durch die Birke. Holzt man die Birkenwälder ab, geht Rußland zugrunde. Ich stehe auf der Seite der Klugen. Wir haben aus Klugheit aufgehört, die Bauern zu verprügeln, sie jedoch prügeln sich selbst weiter. Und sie tun gut daran. Mit dem Maß, mit dem man mißt, wird man wieder gemessen, oder so ähnlich. Kurz, es wird einem alles vergolten. Rußland ist eine Schweinerei. Wenn du wüßtest, mein Freund, wie ich Rußland hasse! Das heißt, nicht Rußland, sondern all diese Laster … Meinetwegen auch Rußland. Tout cela, c’est de la cochonnerie. Weißt du, was ich liebe? Den Esprit!«

»Sie haben schon wieder ein Glas ausgetrunken. Sie sollten aufhören.«

»Warte ein bißchen. Ich trinke noch eins und dann noch eins, und dann mache ich Schluß. Nein, halt mal, du hast mich unterbrochen. In Mokroje sprach ich einmal auf der Durchreise mit einem alten Mann, und der sagte: ›Wir verurteilen die jungen Mädchen gern zu Rutenhieben und übertragen die Exekution gern jungen Burschen. Oft nimmt so einer das Mädchen, das er heute durchgepeitscht hat, morgen zur Braut, so daß selbst die Auspeitschung für die Mädchen etwas Verlockendes hat.‹ Was sagst du zu diesem Marquise de Sade? Mag man darüber denken, wie man will, auf jeden Fall ist es geistreich. Wollen wir nicht hinfahren und es uns ansehen, he? Du bist rot geworden, Aljoschka? Schäm dich nicht, Söhnchen! Schade daß ich heute nicht beim Abt geblieben bin und den Mönchen nicht von den jungen Mädchen in Mokroje erzählt habe. Sei nicht böse, Aljoschka daß ich deinen Abt heute gekränkt habe. Das Böse wird mitunter zu mächtig in mir, mein Lieber. Wenn es einen Gott gibt, wenn Gott existiert, na, dann habe ich mich freilich schuldig gemacht und muß es verantworten. Wenn er jedoch überhaupt nicht existiert, wozu brauchen wir dann deine frommen Väter? Ihnen die Köpfe abzuschlagen, wäre dann doch zu wenig, denn sie hemmen die geistige Entwicklung. Glaubst du

wohl, Iwan, daß mich das in meinen Gefühlen schmerzlich berührt? Du glaubst, was die Leute sagen: Ich sei nur ein Possenreißer. Aber du, Aljoscha, du glaubst, daß ich nicht nur ein Possenreißer bin.«

»Ja, ich glaube, daß Sie nicht nur ein Possenreißer sind.«

»Und ich glaube, daß du das glaubst und aufrichtig redest. Du hast einen ehrlichen Blick und redest aufrichtig. Iwan dagegen nicht. Iwan ist hochmütig. Und trotzdem würde ich deinem Klösterchen ein Ende bereiten. Man sollte diese ganze Mystik im russischen Reich mit einem Schlag beseitigen, um alle Dummköpfe endgültig zur Vernunft zu bringen. Und wieviel Gold und Silber käme dann in den Münzhof?«

»Aber warum sollte man sie denn beseitigen?« fragte Iwan.

»Damit die Wahrheit schneller erstrahlt, darum!«

»Und wenn die Wahrheit erstrahlt, sind Sie der erste, der ausgeraubt und … beseitigt wird!«

»Pah! Doch vielleicht hast du recht. Ach, ich Esel!« rief Fjodor Pawlowitsch und schlug sich leicht vor die Stirn. »Na gut, wenn es so ist, dann mag dein Klösterchen bestehenbleiben, Aljoscha. Wir Klugen aber wollen im Warmen sitzen und uns am Kognak erfreuen. Weißt du, Iwan, daß Gott selber es so gewollt hat? Sag, Iwan, gibt es einen Gott oder nicht? Warte noch, sprich aufrichtig, sprich ernsthaft! Warum lachst du wieder?«

»Weil Sie selbst vorhin über Smerdjakows Glauben gewitzelt haben, es existierten zwei Einsiedler, die Berge versetzen könnten!«

»Habe ich denn mit ihm Ähnlichkeit?«

»Große Ähnlichkeit!«

»Na, dann bin ich also auch ein Russe mit einem russischen Charakterzug. Aber auch an dir Philosophen kann man einen derartigen Charakterzug entdecken. Wenn du willst, tue ich es. Wetten wir, daß es mir gleich morgen gelingt? Aber sage mir trotzdem, gibt es einen Gott oder gibt es keinen? Aber ernsthaft! Ich möchte ein ernsthaftes Gespräch führen.«

»Nein, es gibt keinen Gott.«

»Aljoscha, gibt es einen Gott?«

»Ja, es gibt einen Gott.«

»Und gibt es Unsterblichkeit, Iwan? Irgendeine, und sei sie noch so klein?«

»Nein, es gibt keine Unsterblichkeit.«

»Gar keine?«

»Nein, gar keine.«

»Das heißt, da ist ein völliges Nichts. Ist nicht vielleicht doch irgend etwas vorhanden? So daß da nicht ein reines Nichts ist?«

»Nein, da ist ein reines Nichts.«

»Gibt es Unsterblichkeit, Aljoschka?«

»Ja.«

»Einen Gott und Unsterblichkeit?«

»Ja, einen Gott und Unsterblichkeit. In Gott ist auch Unsterblichkeit.«

»Hm! Wahrscheinlicher ist, daß Iwan recht hat. Herr Gott, wenn man bedenkt, wieviel Glauben, wie viele Kräfte aller Art die Menschen umsonst auf dieses Traumbild verwendet haben, und das schon seit vielen Jahrtausenden! Wer macht sich dann über den Menschen so lustig, Iwan? Zum letztenmal und definitiv: Gibt es einen Gott oder gibt es keinen? Ich frage zum letztenmal!«

»Und zum letztenmal sage ich nein.«

»Wer macht sich dann über die Menschen lustig, Iwan?«

»Wahrscheinlich der Teufel!«, erwiderte Iwan Fjodorowitsch lächelnd.

»Also einen Teufel gibt es auch?«

»Nein, es gibt auch keinen Teufel.«

»Schade. Zum Teufel, was würde ich unter diesen Umständen demjenigen antun, der Gott zuerst erdacht hat! Ihn aufzuhängen wäre zuwenig.«

»Es gäbe keine Zivilisation, hätte man Gott nicht erdacht.«

»Keine Zivilisation ohne Gott?«

»Nein. Auch Kognak nicht. Aber den muß man Ihnen nun doch wegnehmen.«

»Halt, halt, mein Lieber, ein Gläschen noch! Ich habe Aljoscha gekränkt. Du bist mir doch nicht böse, Alexej? Du mein Alexejtschik, mein lieber Alexejtschik!«

»Nein, ich bin Ihnen nicht böse. Ich kenne ihre Gedanken. Ihr Herz ist besser als Ihr Kopf.«

»Mein Herz ist besser als mein Kopf? Herrgott, und wer sagt mir das? Iwan, hast du Aljoschka lieb?«

»Ja, ich habe ihn lieb.«

»Hab ihn lieb!« Fjodor Pawlowitsch war jetzt stark betrunken. »Hör mal, Aljoscha, ich habe mich heute unpassend gegenüber deinem Starez benommen. Ich war aufgeregt. Dabei hat dieser Starez doch Esprit. Was meinst du, Iwan?«

»Schon möglich, das er welchen hat!«

»Er hat welchen, er hat welchen, il y a du Piron la-dedans. Er ist Jesuit, das heißt ein russischer. Da er eine anständige, vornehme Gesinnung besitzt, kocht in ihm eine geheime Entrüstung, daß er sich verstellen und die Rolle eines Heiligen spielen muß.«

»Aber er glaubt doch wirklich an Gott.«

»Nicht die Bohne! Das weißt du nicht? Er sagt es ja allen Leuten selbst, das heißt nicht allen, aber den Gescheiten, die zu ihm kommen. Zum Gouverneur Schulz hat er offenbar gesagt: ›Credo. Aber ich weiß nicht, an was.‹«

»Wirklich?«

»Genauso. Aber ich schätze ihn sehr. Er hat etwas Mephistophelisches oder, richtiger, etwas von dem ›Helden unserer Zeit‹, von Arbenin oder wie er heißt … Du mußt nämlich wissen, er ist ein Lüstling. Er ist ein so schlimmer Wüstling, daß ich auch jetzt noch für meine Tochter oder meine Frau fürchten würde, wenn sie zu ihm zur Beichte ginge. Weißt du, wenn der anfängt zu erzählen … Vor zwei, drei Jahren hat er uns zum Tee eingeladen, Likör gab es auch, die Damen schicken ihm immer welchen, und als er da anfing, von den alten Zeiten zu erzählen, haben wir uns geradezu krank gelacht. Besonders über die Geschichte, wie er eine Gelähmte geheilt hat. ›Würden mir die Füße nicht weh tun, würde ich Ihnen was vortanzen‹, sagte er. Na, was meint ihr dazu? ›Ich habe in meinem Leben tolle Sachen gemacht‹, sagte er. Dem Kaufmann Demidow hat er sechzigtausend Rubel abgeknöpft.«

»Wie, gestohlen?«

»Der brachte ihm das Geld, weil er ihn für einen guten Menschen hielt. Er hat es mir selbst erzählt: ›Ich sage zu ihm, nimm es in Verwahrung, Bruder, bei mir findet morgen eine Haussuchung statt. Er nimmt es auch in Verwahrung. Und als ich es, wiederhaben will, sagt er, du hast es doch der Kirche geschenkt. Ich erwidere, du bist ein Schuft. Nein, sagt er, ich bin kein Schuft, ich habe nur großzügige Anschauungen …‹ Übrigens war er das gar nicht … Es war jemand anders. Ich habe ihn mit jemand anders verwechselt, ohne es zu merken. Na, noch ein Gläschen, dann soll es genug sein! Nimm die Flasche weg, Iwan! Ich habe Unsinn geschwatzt, warum hast du mich nicht unterbrochen, Iwan, und mit gesagt, daß ich Unsinn schwatze?«

»Ich wußte, Sie hören von selber auf.«

»Du lügst! Du hast es aus Bosheit gegen mich getan, nur aus Bosheit. Du verachtest mich. Du bist zu mir gezogen und verachtest mich in meinem eigenem Haus.«

»Ich fahre auch wieder weg. Der Kognak ist Ihnen zu Kopf gestiegen.«

»Ich habe dich um Gottes und Christi willen gebeten, nach Tschermaschnja zu fahren, für ein oder zwei Tage. Aber du fährst nicht.«

»Morgen werde ich fahren, wenn Ihnen so viel daran liegt.«

»Du wirst nicht fahren. Du willst hier auf mich aufpassen. Das ist es, was du willst, du schlechter Mensch. Deshalb fährst du nicht.«

Der Alte konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Er war in seiner Betrunkenheit an dem Punkt angelangt, wo sich sogar bei sonst friedlichen Menschen manchmal das jähe Verlangen regt, sich zu ereifern und sich zu brüsten.

»Was siehst du mich so an? Was machst du für Augen? Deine Augen sagen: Du besoffener Lump! Deine Augen blicken mißtrauisch und verächtlich. Du bist in einer bestimmten Absicht gekommen. Aljoschka sieht mich mit leuchtenden Augen an. Aljoscha verachtet mich nicht. Alexej, du darfst Iwan nicht liebhaben.«

»Seien Sie nicht böse auf den Bruder! Kränken Sie ihn nicht weiter!« sagte Aljoscha auf einmal nachdrücklich.

»Na gut, meinetwegen. Ah, mein Kopf tut mir weh. Nimm den Kognak weg, Iwan, ich sage es schon, zum drittenmal!« Er dachte nach und lächelte plötzlich schlau mit breitgezogenem Mund. »Sei dem alten kranken Mann nicht böse, Iwan! Ich weiß, daß du mich nicht leiden kannst, aber sei mir trotzdem nicht böse – wenn ich auch nichts an mir habe, weshalb man mich liebhaben könnte. Wenn du in Tschermaschnja bist, werde ich dich besuchen und dir ein Geschenk mitbringen. Ich werde dir ein junges Mädchen nachweisen, das ich schon vor längerer Zeit ausgekundschaftet habe. Vorläufig geht sie noch barfuß. Schrick nicht zurück vor barfüßigen Mädchen, verachte sie nicht – sie sind oft wahre Perlen!«

Er küßte sich schmatzend auf die Hand.

»Für mich«, fuhr er fort und wurde auf einmal lebhaft, als sei er plötzlich nüchtern geworden, sobald er sein Lieblingsthema berührte. »Für mich … Ach, meine Jungs, meine kleinen Ferkelchen! Für mich hat es mein Leben lang keine häßlichen Frauen gegeben, das ist mein Grundsatz! Begreift ihr das? Aber nein, wie sollt ihr das begreifen, euch fließt ja statt Blut noch Milch in den Adern, ihr seid ja kaum aus dem Ei gekrochen! Nach meiner Maxime, hol’s der Teufel, kann man in jeder Frau etwas Interessantes finden, etwas, was man bei keiner anderen entdeckt! Man muß es nur zu finden wissen, das ist das Kunststück! Dazu gehört Talent! Für mich hat nie ein häßliches Weib existiert! Allein schon der Umstand, daß eine eine Frau ist, das allein ist schon die Hälfte des Ganzen … Aber das bereift ihr ja nicht! Sogar bei alten Jungfern findet man manchmal etwas, daß man sich nur wundern muß, wie die dummen anderen Männer so eine alt werden lassen konnten, ohne sie zu bemerken! Barfüßige und Häßliche muß man zuerst in Erstaunen versetzen – das ist die Art, wie man sich an sie ranmacht. Wußtest du das noch nicht? So eine muß man derart in Erstaunen versetzen, daß sie entzückt und ergriffen ist und sich schämt, daß sich in sie ein so vornehmer Herr verliebt hat. Es ist wirklich vortrefflich eingerichtet, daß es immer Herren und Knechte gibt und geben wird. Dann gibt es auch stets kleine Scheuermägde und stets einen Herrn für die: – und weiter braucht man nichts zum Glück! Halt … hör mal, Aljoschka. Ich, habe deine verstorbene Mutter stets in Erstaunen versetzt, es kam bloß anders heraus. Manchmal schenkte ich ihr lange Zeit keine Liebkosung, und dann auf einmal, im richtigen Augenblick, konnte ich mir nicht genug tun mit Zärtlichkeiten. Ich rutschte vor ihr auf Knien, küßte ihr die Füße und brachte sie dann immer zu einem kleinen, abgebrochenen, besonderen Lachen, wohlklingend, leise, nervös. Nur sie konnte so lachen. Ich wußte, daß so immer ihre Krankheit begann, daß sie am folgenden Tage wie alle Schreikranken anfangen würde zu schreien, daß das kleine Lachen vorher kein wirkliches Entzücken bedeutete, wenigstens aber ein eingebildetes. Da seht ihr, was es heißt, in allem seinen Genuß zu finden wissen! Ein gewisser Beljawski, ein hübscher, steinreicher junger Mann, hatte angefangen, ihr den Hof zu machen und bei mir zu verkehren; er gab mir einmal in meinem eigenen Hause eine Ohrfeige – in ihrer Gegenwart! Da hättet ihr das Lämmchen sehen müssen! Ich dachte, sie wollte mich verprügeln wegen der Ohrfeige, so stürzte sie auf mich los: ›Man hat dich geschlagen!‹ sagte sie. ›Du hast von ihm eine Ohrfeige bekommen Hast mich an ihn verkauft‹, sagte sie. ›Wie durfte er wagen, dich, in meiner Gegenwart zu schlagen! Untersteh dich nicht, mir jemals wieder nahe zu kommen, niemals! Lauf sofort zu ihm und fordere ihn zum Duell!‹ Ich brachte sie damals ins Kloster, damit sie sich beruhigte. Die frommen Väter lasen ihr Gebete und heilten sie dadurch. Aber ich schwöre dir bei Gott, Aljoscha, ich habe meine kleine Schreikranke niemals gekränkt! Nur einmal, höchstens ein einziges Mal, noch im ersten Jahr. Sie betete damals schon sehr viel, vor allem hielt sie die Muttergottesfeste heilig und vertrieb mich dann immer in mein Zimmer. Warte mal, dachte ich, ich werde dir diese Mystik verleiden! ›Siehst du‹, sagte ich, ›da ist dein Heiligenbild, da ist es. Ich nehme es herunter, nun paß auf. Du hältst es für wundertätig, aber ich werde es vor deinen Augen anspucken, und nichts wird mir dafür geschehen!‹ Als sie das sah – Herrgott, ich dachte, jetzt schlägt sie dich tot! Aber sie sprang nur auf, schlug die Hände zusammen, bedeckte mit ihnen das Gesicht und fiel, am ganzen Körper zitternd, zu Boden … Sie stürzte einfach hin … Aljoscha, Aljoscha! Was hast du, was hast du?«

Der Alte sprang erschrocken auf. Aljoschas Gesicht hatte sich seit dem Augenblick, wo von seiner Mutter gesprochen wurde, allmählich verändert. Er war rot geworden, seine Augen brannten, seine Lippen zuckten. Der betrunkene Alte hatte, speichelspritzend, weitergeredet und nichts bemerkt, bis mit Aljoscha auf einmal etwas Seltsames geschah. Bei ihm wiederholte sich nämlich dasselbe, was soeben von der Schreikranken erzählt worden war. Aljoscha sprang plötzlich vom Tisch auf, ganz wie seine Mutter, schlug die Hände zusammen, bedeckte mit ihnen das Gesicht und sank wie gebrochen zurück auf den Stuhl; sein ganzer Körper wurde von einem lautlosen Weinkrampf erschüttert. Die auffallende Ähnlichkeit mit der Mutter überraschte den Alten zutiefst.

»Iwan, Iwan! Gib ihm schnell Wasser! Das ist genau wie bei ihr, genauso wie damals bei seiner Mutter! Bespritz ihn aus dem Mund mit Wasser, so habe ich es mit ihr auch gemacht! Die Worte über seine Mutter haben ihn ergriffen!« fügte er murmelnd hinzu.

»Aber war denn seine Mutter nicht auch meine Mutter? Meinen Sie nicht?« brach Iwan plötzlich in ungehemmter Wut und Verachtung los.

Der Alte zuckte vor Iwans wütendem Blick zusammen. Und da geschah etwas sehr Seltsames, allerdings nur für ein paar Sekunden.

Dem Alten schien tatsächlich das Wissen abhanden gekommen zu sein, daß Aljoschas Mutter auch Iwans Mutter war.

»Wieso deine Mutter?« murmelte er verständnislos. »Wie meinst du das? Von welcher Mutter redest du? War sie etwa … Ah, zum Teufel? Ja, sie war ja auch deine Mutter! Na, das war eine Geistesverwirrung, lieber Freund, wie ich sie noch nie erlebt habe! Entschuldige nur, ich dachte … Iwan … hehehe!«

Er verstummte. Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten, trunkenen, fast gedankenlosen Lächeln. Doch plötzlich ertönte auf dem Flur ein furchtbares Lärmen und Poltern, ein wütendes Geschrei war zu hören, die Tür wurde aufgestoßen, und herein stürmte Dmitri Fjodorowitsch. Der Alte stürzte erschrocken zu Iwan und klammerte sich an seinen Rockschoß.

»Er will mich töten, er will mich töten! Schütze mich, schütze mich!« schrie er.

9. Die Wüstlinge

Unmittelbar hinter Dmitri Fjodorowitsch eilten Grigori und Smerdjakow in den Saal. Sie hatten auf dem Flur mit ihm gerungen und ihm den Eintritt verwehrt – gemäß einer Instruktion, die ihnen Fjodor Pawlowitsch schon einige Tage vorher erteilt hatte. Grigori benutzte den Umstand, daß Dmitri Fjodorowitsch nach dem Betreten des Saales kurze Zeit stehenblieb, um sich umzusehen, lief um den Tisch herum, schloß beide Flügel der in die inneren Räume führenden Tür und stellte sich mit ausgebreiteten Armen davor, bereit, den Eingang bis zum letzten zu verteidigen.

Als Dmitri das sah, stieß er einen Schrei oder vielmehr eine Art Kreischen aus und stürzte sich auf Grigori.

»Sie ist hier! Sie haben sie versteckt! Aus dem Weg, Schurke!«

Er wollte Grigori fortreißen, aber der stieß ihn zurück. Außer sich vor Wut, holte Dmitri aus und versetzte seinem Gegner mit voller Kraft einen Schlag. Der alte Mann stürzte jäh zu Boden, und Dmitri sprang über ihn hinweg und stieß die Tür auf. Smerdjakow blieb im Saal, am anderen Ende; blaß und zitternd näherte er sich Fjodor Pawlowitsch.

»Sie ist hier!« schrie Dmitri Fjodorowitsch. »Ich habe sie soeben selbst zum Haus einbiegen sehen, konnte sie nur nicht einholen. Wo ist sie? Wo ist sie?«

Diese Rufe machten auf Fjodor Pawlowitsch einen unbegreiflichen Eindruck. All seine Angst war im Nu verschwunden.

»Haltet ihn, haltet ihn!« brüllte er und stürzte hinter Dmitri Fjodorowitsch her.

Unterdessen hatte sich Grigori erhoben, war jedoch geistig noch wie abwesend. Iwan Fjodorowitsch und Aljoscha liefen dem Vater nach. Man hörte, wie im dritten Zimmer etwas zu Boden fiel und zerklirrte. Dmitri Fjodorowitsch hatte beim Vorbeilaufen eine große gläserne Vase von einem Marmorsockel gestoßen.

»Packt ihn!« brüllte der Alte. »Zu Hilfe!«

Doch Iwan Fjodorowitsch und Aljoscha holten den Alten ein und brachten ihn mit Gewalt in den Saal zurück.

»Warum rennen Sie ihm nach? Er wird Sie totschlagen!« rief Iwan Fjodorowitsch zornig dem Vater zu.

»Wanetschka, Ljoschetschka, sie ist also hier! Gruschenka ist hier! Er sagt, er hat selbst gesehen, wie sie herlief …«

Er konnte nicht weiterreden vor Erregung. Er hatte Gruschenka diesmal nicht erwartet, und die plötzliche Nachricht, sie sei da, brachte ihn fast um den Verstand. Er zitterte am ganzen Körper und war wie von Sinnen.

»Aber Sie haben doch selbst gesehen, daß sie nicht gekommen ist!« rief Iwan.

»Vielleicht ist sie durch den anderen Eingang gekommen?«

»Der ist verschlossen, und den Schlüssel haben Sie selbst …«

Auf einmal erschien Dmitri erneut im Saal. Er hatte den anderen Eingang in der Tat verschlossen gefunden, und der Schlüssel steckte wirklich in Fjodor Pawlowitschs Tasche. Die Fenster aller Zimmer waren ebenfalls geschlossen; Gruschenka konnte also nirgends hindurchgegangen sein.

»Haltet ihn!« kreischte Fjodor Pawlowitsch, als er Dmitri wieder erblickte. »Er hat mir im Schlafzimmer Geld gestohlen!« Und er riß sich von Iwan los und stürzte abermals auf Dmitri los. Der aber hob beide Hände, packte den Alten an den beiden letzten Haarbüscheln, die ihm an den Schläfen verblieben waren, riß ihn hoch und schmetterte ihn dann mit einem Faustschlag zu Boden. Er fand noch Zeit, ihm zwei- oder dreimal mit dem Absatz ins Gesicht zu treten. Der Alte stöhnte laut. Iwan Fjodorowitsch umfaßte seinen Bruder Dmitri, obwohl er nicht so stark war wie dieser, und riß ihn mit aller Kraft von dem Alten weg. Auch Aljoscha, half ihm, so gut er konnte, indem er den Bruder von vorn umklammerte.

»Du Wahnsinniger, hast ihn totgeschlagen!« rief Iwan.

»Geschieht ihm ganz recht!« schrie Dmitri keuchend. »Sollte er nicht vollkommen tot sein, komme ich wieder und hole es nach. Ihr werdet ihn nicht davor bewahren!«

»Dmitri. Geh augenblicklich von hier fort!« rief Aljoscha gebieterisch.

»Alexej. Du bist der einzige, dem ich glaube. Sag mir, war sie hier oder nicht? Ich habe sie aus der Seitengasse am Zaun entlang herschlüpfen sehen. Ich rief sie an, aber sie rannte davon …«

»Ich schwöre dir, sie war nicht hier. Es hat sie auch niemand hier erwartet!«

»Aber ich habe sie gesehen … Also muß sie … Ich werde gleich erfahren, wo sie ist … Leb wohl, Alexej! Sag dem alten Satyr kein Wort von dem Geld, geh sofort zu Katerina Iwanowna und bestell ihr, ich lasse sie grüßen! Und ihr Lebewohl sagen! Schildere ihr diese Szene!«

Unterdessen hatten Iwan und Grigori den Alten auf einen Lehnstuhl gesetzt. Sein Gesicht war blutig, aber er war bei Bewußtsein und hörte Dmitri begierig zu. Er glaubte immer noch, Gruschenka sei wirklich irgendwo im Haus. Dmitri Fjodorowitsch warf ihm beim Hinausgehen einen haßerfüllten Blick zu.

»Ich fühle keine Reue wegen deines Blutes!« rief er. »Nimm dich in acht, Alter! Nimm dich in acht mit deiner Hoffnung, ich hege auch welche! Ich verfluche dich und sage mich für immer von dir los …« Er lief aus dem Zimmer.

»Sie ist hier, bestimmt ist sie hier! Smerdjakow, Smerdjakow!« rief der Alte kaum vernehmbar mit heiserer Stimme und winkte dabei mit dem Finger.

»Nein, sie ist nicht hier, Sie verrückter alter Mann!« schrie Iwan ärgerlich. »So, nun wird er ohnmächtig! Wasser, Handtuch! Schnell, Smerdjakow!«

Smerdjakow holte das Verlangte. Dann entkleideten sie den Alten, trugen ihn in das Schlafzimmer und legten ihn auf das Bett. Um den Kopf wurde ihm ein nasses Handtuch gewickelt. Entkräftet von dem Kognak, der großen Aufregung und den Mißhandlungen, schloß er die Augen, sowie er das Kissen berührte, und verlor das Bewußtsein. Iwan Fjodorowitsch und Aljoscha kehrten in den Saal zurück. Smerdjakow trug die Scherben der Vase hinaus, Grigori stand am Tisch und sah finster zu Boden.

»Du solltest dir auch einen feuchten Umschlag machen und dich ins Bett legen«, wandte sich Aljoscha an Grigori. »Wir werden schon auf ihn achtgeben. Der Bruder hat dir ja einen furchtbaren Schlag versetzt, genau auf den Kopf!«

»Er … hat sich … an mir vergriffen!« sagte Grigori finster und stockend.

»Er hat sich auch am Vater vergriffen, nicht nur an dir!« bemerkte Iwan Fjodorowitsch und verzog den Mund.

»Ich habe ihn im Waschtrog gebadet, und er vergreift sich an mir!« wiederholte Grigori.

»Zum Teufel, hätte ich ihn nicht weggerissen, er hätte den Alten am Ende erschlagen! Viel gehört nicht dazu bei dem alten Satyr«, flüsterte Iwan Fjodorowitsch seinem Bruder zu.

»Davor behüte uns Gott!« rief Aljoscha.

»Warum soll er uns davor behüten?« fuhr Iwan, noch immer flüsternd, mit boshaft verzogenem Antlitz fort. »Ein Reptil frißt das andere auf, und beiden geschieht recht!«

Aljoscha zuckte zusammen.

»Ich werde selbstverständlich keinen Mord geschehen lassen, wie ich ihn auch jetzt verhindert habe. Bleib hier, Aljoscha, ich will ein bißchen auf dem Hof auf und ab gehen. Ich habe Kopfschmerzen bekommen.«

Aljoscha ging zum Vater ins Schlafzimmer und saß ungefähr eine Stunde am Kopfende des Bettes. Der Alte schlug plötzlich die Augen auf und sah Aljoscha lange an, offenbar suchte er sich zu erinnern und seine Gedanken zu ordnen. Auf einmal malte sich eine ungewöhnliche Aufregung auf seinem Gesicht.

»Aljoscha«, flüsterte er, »wo ist Iwan?«

»Auf dem Hof, er hat Kopfschmerzen. Er schützt uns.«

»Gib mal das Spiegelchen her; da steht es!«

Aljoscha reichte ihm den kleinen runden Klappspiegel, der auf der Kommode stand. Der Alte sah hinein. Die Nase war stark geschwollen, und auf der Stirn, über der linken Braue, befand, sich eine auffällige, blutunterlaufene Stelle.

»Was sagt Iwan? Aljoscha, mein lieber, einziger Sohn, ich fürchte mich vor Iwan, mehr als vor dem anderen. Du bist der einzige, vor dem ich keine Furcht habe …«

»Fürchten Sie sich auch vor Iwan nicht. Er ist zwar reizbar, doch er beschützt Sie.«

»Aber der andere? Er ist Gruschenka nachgelaufen! Sag mir die Wahrheit, du mein lieber Engel – war Gruschenka vorhin hier oder nicht?«

»Kein Mensch hat sie gesehen. Es ist ein Irrtum, sie war nicht hier.«

»Mitka will sie heiraten. Jawohl, er will sie heiraten!«

»Sie wird ihn gar nicht nehmen.«

»Sie wird ihn gar nicht nehmen … Sie wird ihn gar nicht nehmen. Um keinen Preis wird sie ihn nehmen!« platzte der Alte erfreut heraus, als hätte man ihm in diesem Augenblick nichts Angenehmeres sagen können. In seinem Entzücken erfaßte er Aljoschas Hand und drückte sie fest an sein Herz. Ihm schimmerten sogar Tränen im Auge. »Das kleine Bild der Muttergottes, von dem ich vorhin erzählt habe, soll dir gehören, nimm es an dich. Auch in das Kloster darfst du zurückkehren. Ich habe vorhin nur gescherzt, sei mir nicht böse deswegen! Der Kopf tut mir weh, Aljoscha. Ljoscha, tröste mein Herz, sei mein Schutzengel, sag die Wahrheit!«

»Sie reden immer noch davon, ob sie hier war oder nicht?« fragte Aljoscha betrübt.

»Nein, nein, ich glaube dir. Aber ich will dir etwas sagen! Geh selbst zu Gruschenka, oder sieh zu, daß du sie irgendwie triffst. Frag sie recht bald, sobald wie möglich, oder errate mit eigenen Augen, zu wem sie will – zu mir oder zu ihm. Wie ist es? Was magst du? Kannst du es, oder kannst du es nicht?«

»Wenn ich sie sehe, werde ich sie fragen«, murmelte Aljoscha verlegen.

»Nein, sie wird es dir nicht sagen«, unterbrach ihn der Alte. »Sie ist ein mutwilliges Geschöpf. Sie wird dich küssen und dir sagen, dich wolle sie heiraten. Sie ist eine Betrügerin, schamlos. Nein, du darfst nicht zu ihr gehen, du darfst nicht!«

»Es wäre auch unschicklich, Vater, höchst unschicklich.«

»Wohin schickte er dich, als er hinauslief? Zu wem solltest du gehen?«

»Zu Katerina Iwanowna.«

»Um Geld zu holen? Solltest du sie um Geld bitten?«

»Nein, nicht um Geld.«

»Er hat kein Geld, keine Kopeke. Hör mal, Aljoscha, ich werde die Nacht hier liegenbleiben und mir etwas überlegen. Du geh einstweilen. Vielleicht triffst du sie … Komm aber morgen vormittag bestimmt wieder her, komm bestimmt! Ich werde dir morgen etwas sagen. Kommst du, Aljoscha?«

»Ja, ich komme.«

»Wenn du kommst, tu so, als kämest du von selbst. Um mich zu besuchen. Sag niemand,