Kapitel 55

 

55

 

Jim schaute lange auf die beiden belastenden Funde, ohne zu sprechen. Und dann versuchte er, eine Erklärung zu geben.

 

»Mr. Howett erzählte doch, daß er einen Mann nach dem Ufer rudern sah und ihn bat, ihm sein Boot zu überlassen.«

 

»War das nicht eine recht sonderbare Geschichte, die er da erzählte, Captain Featherstone?«

 

»Mir ist sie nicht besonders merkwürdig vorgekommen,« sagte Jim ein wenig kühl. »Es scheint mir sehr wahrscheinlich, daß der Mann, der ursprünglich in dem Boot war, überrascht war, als er Mr. Howett auf der Landungsbrücke stehen sah, und daß er entweder vergaß, seine Waffe herauszunehmen oder daß er sie absichtlich dort zurückließ, um nicht die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu lenken.«

 

sternchenland.com »Hm!« meinte Inspektor Fair. Aber man hörte seinen Worten an, daß er sich durch Jims Worte nicht überzeugen ließ. »Sie haben den Fall ja zu bearbeiten und ich möchte Ihnen dabei nicht in die Quere kommen, Captain. Aber wenn Sie meinen Rat annehmen wollten – und ich bin doch schon viel länger im Dienst tätig als Sie – so würden Sie Mr. Howett doch nicht ganz von dem Verdacht freisprechen, daß er den Tod von Coldharbour Smith auf dem Gewissen hat. Und unter uns gesagt, wäre es ja schließlich auch gerechtfertigt, wenn man daran denkt, daß dieser Schuft seine Tochter geraubt hat –«

 

»Mr. Howett sollte – nein, das ist ganz unmöglich!«

 

»Es mag unmöglich scheinen,« erwiderte Inspektor Fair, der sich nicht im mindesten einschüchtern ließ. »Aber was wollen Sie nun tun? Weiden Sie Mr. Howett zur Leichenschau laden? Das ist eine sehr wichtige Angelegenheit. Jeder, der unter solchen Umständen auf dem Fluß angetroffen wurde, hat sich verdächtig gemacht und müßte vorgeladen werden, um dem Leichenbeschauer zu sagen, was er gesehen und gehört hat.«

 

Jim war in einer schwierigen Lage. Es war unmöglich, Valeries Namen aus der Sache fernzuhalten, aber er wollte die Verbindung der Howetts mit der Geschichte möglichst beschränken. Wer mochte der Mann gewesen sein, den Valerie und Julius sahen, als er allein durch den Nebel ruderte? Den sie anriefen, ohne eine Antwort zu bekommen? War das Mr. Howett? Oder war das – der Mann, den er suchte? Er beschloß, Howett bei der nächsten Gelegenheit darüber auszufragen. Aber ebenso fest stand es bei ihm, daß es unter allen Umständen vermieden werden mußte, Mr. Howett zu der Leichenschau zu laden.

 

Es war ja auch noch der andere Mord des Bogenschützen aufzuklären, und das Publikum wurde schon ungeduldig, daß so viele Verbrechen ungesühnt blieben.

 

sternchenland.com Als Jim Smiths Papiere durchsah, entdeckte er, daß er eine sehr große Summe, meist in amerikanischen Banknoten, bei sich trug. Von wem er das Geld erhalten hatte, konnte man nicht ausfindig machen.

 

Die Leichenschau mußte vom Standpunkt der Polizei aus sehr vorsichtig behandelt werden. Alle Zeitungen waren schon voll von diesem geheimnisvollen Verbrechen und erinnerten in Artikeln und Abbildungen wieder an die Ermordung Creagers. An dem Morgen, an dem die Leichenschau stattfinden sollte, brachte der »Daily Globe« einen aufsehenerregenden großen Aufsatz. Es war eine nahezu vollständige Zusammenstellung aller Unternehmungen des Grünen Bogenschützen, und die Zeitung hatte sorgfältig vermieden, Abel Bellamy mit den beiden Verbrechen in Verbindung zu bringen.

 

»Die Schwierigkeit besieht darin,« sagte Spike, der wie gewöhnlich an diesem Morgen in Scotland Yard erschien, »Bellamy und einen oder beide Morde miteinander in Zusammenhang zu bringen. Die einzige Verbindung liegt in der Tatsache, daß Miß Howett in Lady’s Manor wohnt und sich infolgedessen im Bereiche des Grünen Bogenschützen befindet.«

 

»Ich habe mir bis jetzt noch nie die Mühe gemacht, die Artikel zu lesen,« erwiderte Jim. »Aber ich hoffe, Spike, daß Sie nicht ausgeplaudert haben, was Sie verschweigen sollten.«

 

»Diskretion ist meine größte Schwäche,« antwortete Holland, »und alles in allem ist die Geschichte einleuchtend wiedergegeben. Coldharbour Smith, ein Verbrecher, der schon viel auf dem Kerbholz hatte, nahm Miß Howett gefangen und wollte sie nur gegen ein Lösegeld freigeben. Durch eine List gelang es ihm, sie an Bord der ›Contessa‹ zu bringen und er war gerade dabei – wie wir vermuten, oder wenigstens wie der ›Daily Globe‹ vermutet, und darauf kommt es doch nur an – ihrem Vater einen Brief zu schicken, in dem er ihm sternchenland.com mitteilte, daß er sie gegen soundsoviel tausend Pfund freilassen würde. Die ganze Geschichte ist also als eine gewöhnliche Erpressung dargestellt – nichts ist erwähnt von einer Heirat, die dieser fürchterliche Kerl beabsichtigte, und es findet sich keine Andeutung, daß der alte Bellamy in die Angelegenheit verstrickt sein könnte.«

 

Jim nickte.

 

»Wenn ich die Dinge irgendwie arrangieren kann, so wird auf der Leichenschau die Sache ähnlich behandelt werden. Es besteht nur eine Gefahr –«

 

»Das ist Lacy,« platzte Spike heraus. »Der könnte uns noch die ganze Suppe versalzen, besonders da ich glaube, daß Sie ihn mit der Entführung Miß Howetts und deshalb auch mit dem Mord in Zusammenhang bringen müssen. Vielleicht hat er auch noch etwas über Sie auszusagen, Captain,« sagte er bedeutungsvoll. »Er erzählte mir eine haarsträubende Geschichte, wie er behandelt worden sei und auch, daß er sich schwer rächen wolle.«

 

Lacy war wirklich die große Gefahr, Jim erkannte das auch. Als aber bei der Leichenschau Lacys Name aufgerufen wurde und er sich nicht meldete, als man nach ihm suchte und ihn nicht fand, atmete Jim erleichtert auf, obwohl durch die Vertagung der Leichenschau der böse Augenblick für ihn doch nur hinausgeschoben wurde. Da Lacy nicht erschienen war, trotzdem er unter Strafandrohung vorgeladen war, blieb Jim nur eins übrig. Er mußte ihn verhaften lassen und in Gewahrsam behalten. Sehr unwillig händigte Jim seinem Assistenten den nötigen Verhaftungsbefehl aus. Aber Lacy war nicht aufzufinden, er war aus dem Hause, in dem er lebte, verschwunden, und man sah ihn nirgendwo in der Gegend.

 

Nach drei Tagen wurde die Leichenschau abgehalten. Spike Holland nahm auch daran teil und folgte den Vorgängen mit außerordentlichem Interesse. Aber es fiel kein Wort von sternchenland.com Garre Castle, und der Grüne Bogenschütze wurde überhaupt nicht erwähnt. Nur ein etwas neugieriger Geschworener machte den Versuch, die Sprache darauf zu bringen, wurde aber prompt von dem Leichenbeschauer zurückgewiesen. Es war eben ein Mord, zwar außergewöhnlich durch die Nebenumstände, aber sonst sehr nüchtern. Und als die einfältigen Geschworenen mit ihrem Spruch wieder erschienen, wurde der letzte Hauch von Romantik von dem Fall genommen, denn der Spruch lautete:

 

»Es wurde festgestellt, daß der verstorbene Henry Arthur Smith an Bord des Dampfers ›La Contessa‹ getötet wurde und zwar an einer Stelle, die zu der Gerichtsbarkeit von Rotherhithe in dem Bezirk von London gehört. Der Tod trat ein, weil er von einer oder mehreren unbekannten Personen mit einem spitzen Gegenstand durchbohrt wurde. Wir erheben gegen diese Personen die Anklage des vorsätzlichen Mordes.«

 

Es wurde nicht einmal gesagt, daß der spitze Gegenstand ein Pfeil war. Niemand sprach über Valerie Howett, die ihre Aussage mit leiser Stimme machte, so daß man sie nicht einmal auf den Sitzen der Zeitungsberichterstatter verstehen konnte.

 

»Das war ein wirklich idealer Spruch der Geschworenen,« sagte Jim mit einem Seufzer der Erleichterung, als alles vorüber war. »Ich möchte nur wissen, was Bellamy sich bei der ganzen Sache denkt.«

 

Mr. Howett lud ihn zum Wochenende nach Lady’s Manor ein, und Jim nahm sofort mit Freuden an. Mr. Howett, der schon früher sehr zurückhaltend gewesen war, schien ganz schweigsam geworden zu sein. Valerie beklagte sich bei Featherstone darüber, kurz nachdem er in Lady’s Manor angekommen war.

 

»Die Burg wird jetzt noch mehr bewacht wie früher,« erzählte sie ihm dann. »Mr. Bellamy laßt nicht einmal mehr die Geschäftsleute hereinkommen, sie müssen ihre Waren im sternchenland.com Pförtnerhaus abliefern. Mr. Savini ist eine Art Haushofmeister geworden und seine Frau –«

 

»Fay?« fragte Jim ungläubig. »Sie wollen doch nicht sagen, daß sie hier ist?«

 

»Sie kam letzten Dienstag und ist der weibliche Haushofmeister von Garre Castle geworden. Mr. Savini glaubt, daß dieser schreckliche Lacy irgendwo in der Burg versteckt ist. Ich versprach ihm, Ihnen nichts davon zu sagen.«

 

»Sagen Sie bitte, daß Sie mir nichts berichtet haben,« fiel ihr Jim hastig ins Wort. »Lacy ist der einzige Mann, dessen Aufenthaltsort ich nicht zu wissen wünsche, bis ich Abel Bellamy alle seine Verbrechen nachweisen kann.«

 

Sie standen im Garten, und sie war dabei, die verwelkten Blütenblätter einer großen, weißen Chrysantheme zu entfernen.

 

»Glauben Sie, daß ich die Hoffnung aufgeben muß, jemals meine Mutter wiederzufinden?« fragte sie.

 

Er wollte ihr nicht direkt antworten.

 

»Eine Hoffnung, die schon ein Teil der Gedanken geworden ist, die man jahrelang gehegt hat, soll man eigentlich nicht aufgeben,« sagte er schließlich.

 

Sie wollte ihm etwas mitteilen und hatte ihn deswegen in den schattigen Garten geladen. Aber so oft sie beginnen wollte, fiel ihr das Sprechen zu schwer. Wenn sie ihr Geheimnis verriet, brachte sie damit einen Menschen in Verdacht, den sie von Herzen liebte, und der ihr sehr teuer war. Und doch konnte nur eine Aussprache über das, was ihre Gedanken Tag und Nacht beschäftigte, ihre verstörten Gedanken wieder zur Ruhe bringen.

 

»Jim, ich gebe mir die größte Mühe, Ihnen alles Vertrauen entgegenzubringen, und doch fürchte ich mich ein wenig vor Ihnen. Es ist wegen meines – meines Vaters, Mr. Howett. Wollen Sie bitte vergessen, daß Sie ein Polizeibeamter sternchenland.com sind und nur daran denken, daß Sie mein Freund sind?«

 

Er nahm ihre kalte Hand in die seine, und sie verweigerte es ihm nicht.

 

»Erzählen Sie, was Sie bedrückt, Valerie,« sagte er freundlich. »Ich habe mich niemals weniger als Polizeibeamter gefühlt als gerade in diesem Augenblick.«

 

Sie ließ sich auf einer großen Holzbank an seiner Seite nieder und berichtete ihm zögernd von ihrem merkwürdigen nächtlichen Erlebnis, von den flüsternden Stimmen und dem Weinen.

 

»Als mein Vater mir sagte, daß er selbst im Wohnzimmer war, hätte ich zu Bett gehen sollen – aber ich war so neugierig und – Jim, ich wäre beinahe gestorben, als ich unten in der Eingangshalle den Grünen Bogenschützen stehen sah!«

 

Jim war erstaunt, aber nicht im mindesten beunruhigt.

 

»Haben Sie Mr. Howett gesehen, als er nachher die Treppe heraufkam?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Er ging direkt in sein Zimmer.«

 

»Langsam oder eilig?«

 

»Sehr schnell.«

 

»Hat er nicht an Ihre Türe geklopft oder Ihnen Gute Nacht gesagt?«

 

»Nein, er ging in sein Zimmer und schloß die Tür hinter sich zu.«

 

»Und die Frau – haben Sie die auch gesehen?«

 

»Nein, Mr. Holland glaubte, daß sie den Wagen lenkte, der an ihm vorbeikam und ihn aufweckte.«

 

Man sah Zweifel in Jims Gesicht.

 

»Eine hysterische Frau wird wohl kaum in der Lage sein, ein Auto zu lenken. Aber immerhin, manchmal erholen sich Frauen sehr schnell. Es ist eine ganz merkwürdige Geschichte.«

 

»Ich will Ihnen eine noch viel seltsamere Sache erzählen,« sternchenland.com sagte sie und teilte ihm nun zum erstenmal mit, daß sie in der Nacht, in der sie ihren abenteuerlichen Gang nach Garre Castle unternahm, sonderbare Geräusche gehört und den grünen Pfeil in der Küche gefunden hatte.

 

Auf seine dringende Bitte hin brachte sie die Waffe zum Wohnzimmer herunter. Er nahm sie in die Hand und maß sie.

 

»Dieser Pfeil ist länger als die drei, die ich bis jetzt gesehen habe,« sagte er schließlich. »Creager und Smith wurden durch Pfeile getötet, die wenigstens fünfzehn Zentimeter kürzer waren als dieser, der genau ein altes Yard mißt. Diese Pfeile wurden von den Bogenschützen im Mittelalter benützt.«

 

Er befühlte die nadelscharfe Spitze und untersuchte sie durch sein Vergrößerungsglas.

 

»Die Spitze ist handgefertigt,« erklärte er dann. »Nun verstehe ich auch, warum wir keinen Erfolg hatten, als wir alle Geschäfte untersuchten, die solche Sportartikel führen. Der Pfeilschaft ist auch selbst hergestellt – er ist außerordentlich kunstvoll geglättet.«

 

Er besah ihn neugierig und hielt ihn nahe ans Licht. »Ich sehe ein halb Dutzend Fingerabdrucke daran,« sagte er plötzlich. »Wahrscheinlich sind das Ihre eigenen, aber es wäre doch wichtig, wenn ich sie photographieren könnte. Darf ich den Pfeil mit mir zur Stadt nehmen?«

 

»Nein,« sagte sie mit einer Heftigkeit, über die er sich sehr wunderte, bis er sich wieder an die Zusammenhänge erinnerte. Sie fürchtete – daß die Fingerabdrücke die Identität des Grünen Bogenschützen ans Tageslicht bringen könnten.

 

Er gab ihr den Pfeil zurück, als sich plötzlich die Tür öffnete und Mr. Howett eintrat.

 

»Mein lieber –« begann er, brach aber plötzlich ab. »Was ist das?« fragte er düster.

 

»Ein Pfeil,« stotterte Valerie. Mr. Howett nahm ihr die sternchenland.com Waffe aus der Hand, wandte sich um, ohne ein Wort zu sagen, und verließ das Zimmer schnell.

 

Die Beiden sahen sich an, und Jim entdeckte in Valeries Blick einen Ausdruck von Angst und Furcht, der ihm ins Herz schnitt.

 

Kapitel 46

 

46

 

Es war schon spät am Abend, aber der Mann sah repräsentabel und unverdächtig aus. Valerie kam sofort in das Wohnzimmer herunter, wo er auf einer Ecke des Stuhles saß und das Teppichmuster betrachtete. Er erhob sich sofort als sie eintrat.

 

»Ich bin Sergeant Brown, Miß Howett. Captain Featherstone hat mich hierher geschickt, um Sie nach Scotland Yard zu begleiten. Wir glauben, daß wir Mrs. Held gefunden haben.«

 

Valerie blieb erstaunt stehen.

 

»Wirklich? Das ist doch nicht möglich! Sind Sie Ihrer Sache auch gewiß?«

 

»Ja. Wir haben sie im ›Goldenen Osten‹ gefunden, das ist ein Klub, der von einem gewissen Coldharbour Smith geführt wird. Allem Anschein nach ist sie dort schon zwei Jahre gefangengehalten worden.«

 

»Warten Sie!« rief sie, eilte in ihr Zimmer und kleidete sich um. Ihre Finger zitterten vor Aufregung.

 

Sie kam wieder herunter und wollte ihren Wagen bestellen, aber der Wann erwartete sie schon im Flur»

 

»Mein Auto steht zu Ihrer Verfügung,« sagte er. »Captain Featherstone dachte, es wäre bequemer, wenn Sie unseren Wagen benützten.«

 

»Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen,« sagte sie dankbar.

 

Sie nahm schnell ihren Pelz, schrieb noch eine eilige Botschaft für Mr. Howett, die ihm bei seiner Rückkehr gegeben werden sollte, und stieg dann in den Wagen. Den Chauffeur konnte sie nicht erkennen, er hatte seinen Kragen hochgeschlagen.

 

Als sie durch das Dorf fuhren, mußten sie einmal halten, um einen Lastwagen vorbeizulassen, der mit gefällten Bäumen beladen war. Julius Savini, der am Tor des Pförtnerhauses sternchenland.com stand, sah hinüber und erkannte in dem Lichte der Laternen, die über dem Eingangstor von Garre Castle brannten, Valerie und ihren Begleiter. Aber er wurde nicht von ihnen bemerkt, denn er stand im Schatten. Julius faßte sofort einen Entschluß. Der Lastwagen gab eben die Passage frei und das Auto fuhr an. Julius lief hinterher und schwang sich auf den hinteren Gepäckhalter. Es gelang ihm nur mit Aufbietung aller Kräfte, denn der Wagen war schon in voller Geschwindigkeit. Er war ganz außer Atem und fluchte leise, daß er diese Verrücktheit begangen hatte. Ein Polizist sah das Auto am Ende der Dorfstraße und war sehr verwundert, als er Julius hinten auf dem Gepäckhalter sitzen sah.

 

Die Eisenstangen schmerzten ihn, und manchmal klammerte sich Julius in Verzweiflung und Todesangst daran fest. Aber trotzdem er glaubte, daß jeder Augenblick der letzte sein könnte, hielt er doch mit großer Zähigkeit aus. Schmutzig und zerzaust fuhr er durch die hellerleuchteten Straßen der Londoner Vorstädte. Die Leute sahen ihm böse und aufgebracht nach, aber nun war er der Lage vollständig gewachsen und hatte sich entschlossen, auszuhalten, was auch kommen mochte.

 

Valerie sprach während der Fahrt nicht. Sie malte sich das Wiedersehen mit ihrer Mutter aus. Welche wunderbaren Möglichkeiten eröffneten ihr die letzten Ereignisse! Sie wollte sich nicht in diesen glücklichen Gedanken stören lassen. Erst als sie über den Fluß gefahren waren und sich dem Osten Londons näherten, brach sie das Schweigen.

 

»Fahren Sie nicht nach Scotland Yard?« fragte sie.

 

»Nein, mein Fräulein, der Captain wartet im ›Goldenen Osten‹ auf Sie.«

 

Sie erkannte den Klub wieder, aber der Eingang, vor dem der Wagen hielt, war nicht derselbe, den sie bei früheren Gelegenheiten benützt hatte. Der Mann neben ihr sprang aus dem Wagen und öffnete die Tür.

 

»Der Captain ist oben, mein Fräulein!«

 

sternchenland.com Sie zweifelte keine Sekunde daran, daß er die Wahrheit sprach, und selbst als sie in den kleinen Raum hinter der Bar kam und Coldharbour Smith sah, ahnte sie noch nichts von der Gefahr, in der sie sich befand. Sie kannte Smith nicht, obgleich sie schon einmal eine Ausfahrt unternommen hatte, um ihn auszufragen. Aber trotzdem wußte sie sofort, daß er es war.

 

»Sie sind doch Mr. Smith?« fragte sie lächelnd.

 

»Ja, das bin ich, mein Fräulein. Der Captain wird gleich kommen. Er sagte, ich sollte Ihnen inzwischen eine kleine Erfrischung anbieten.«

 

Eine Flasche Champagner stand auf dem Tisch, und mit starken Händen löste er Draht und Korken.

 

»Er meinte, es wäre möglich, daß Sie von der langen Fahrt ermüdet wären.«

 

»Ich bin aber nicht müde, und ich trinke auch keinen Champagner,« entgegnete sie.

 

Es wurde ihr plötzlich unheimlich zumute, und eine innere Stimme sagte ihr, daß Gefahr im Anzug sei. Zum erstenmal wurde ihr klar, wie unklug sie gehandelt hatte.

 

»Würden Sie so liebenswürdig sein, Captain Featherstone zu rufen?«

 

»Er ist noch nicht hier, mein Fräulein,« sagte Coldharbour und betrachtete mit gierigen Augen ihre schöne Gestalt. »Er hat Ihre Mutter gefunden – ja, es ist Ihre Mutter.«

 

»Meine Mutter!« rief das Mädchen. »Sind Sie auch sicher?« Sie hatte wieder alle Gefahr vergessen.

 

»Ja, es ist Ihre Mutter. Sie haben sie gefunden, gerade als der alte Bellamy sie nach Südamerika schicken wollte. Der Captain hat sie auf einem Schiff gefunden, sie ist sehr krank.« Er schüttelte traurig den Kopf. »Die kränkste Frau, die ich jemals gesehen habe, Miß Howett. Eine Krankenpflegerin ist Tag und Nacht bei ihr. Sie müssen die junge Dame zur ›Contessa‹ bringen.« Mit diesen Worten wandte er sich an den Mann, der Valerie begleitet hatte.

 

sternchenland.com »Auf ein Schiff? Aber das geht doch nicht … wie weit ist denn der Weg dahin?« fragte sie bestürzt.

 

»Es ist keine Meile von hier entfernt. Sie brauchen sich doch nicht zu fürchten, solange der Sergeant bei Ihnen ist. Außerdem ist doch die Themse voll von Polizeibooten.«

 

Hätte sie ruhig nachgedacht, so hätte sie sich sicher darüber wundern müssen, daß das Auto noch unten vor der Tür wartete. Aber in ihrem Eifer, die Frau zu sehen, die sie so lange gesucht hatte, fielen ihr diese Widersprüche nicht auf, und sie dachte nicht daran, daß dieser Trick Bellamy ähnlich sah.

 

Der Wagen bog in eine lange, enge Seitenstraße ein, wandte sich dann nach links, fuhr an den hohen Mauern eines Warenspeichers vorbei und hielt plötzlich vor einer schmalen Passage zwischen hohen Häusern. Sie konnte hinten den Fluß sehen. In der Nähe spielten ein paar schmutzige Kinder Soldaten. Sie wunderte sich im Vorbeifahren, woher der kleine Anführer wohl seinen blitzenden Säbel hatte.

 

»Ich glaube, daß das Boot auf Sie wartet, mein Fräulein,« sagte der angebliche Detektiv.

 

Sie stand unentschlossen da. Der enge Gang erschien ihr dunkel und drohend, und sie konnte nur undeutlich die Umrisse des Bootes sehen.

 

»Würden Sie nicht Captain Featherstone bitten, mich hier abzuholen?« sagte sie. Ihr Mut verließ sie plötzlich.

 

»Es ist besser, Sie fahren hin, mein Fräulein. Es ist wirklich keine Gefahr. Wahrscheinlich hat der Captain ein Boot von der Themsepolizei geschickt.«

 

Aber das stimmte nicht. Sie erkannte es gleich, als sie sich hinten in das zitternde Boot gesetzt hatte. Die Leute der Besatzung sahen gewöhnlich und gemein aus, und ein unangenehmer Geruch von Whisky machte sich bemerkbar.

 

»Ich will wieder aussteigen,« rief sie und erhob sich. »Bitte lassen Sie mich aussteigen.«

 

sternchenland.com »Setzen Sie sich hin! Sie werden das Boot zum Umkippen bringen, wenn Sie nicht vorsichtig sind, und wir werden alle ertrinken. Ich glaube nicht, daß Captain Featherstone sehr zufrieden mit Ihnen ist, wenn er erfährt, wie Sie sich benehmen.«

 

Es blieb ihr nichts anderes übrig, als stillzusitzen. Sie zitterte und fühlte sich furchtbar hilflos. Sie sah ein Ruderboot, das mit ziemlicher Geschwindigkeit gegen die Strömung ankämpfte. Die Ruder bewegten sich im Rhythmus, fast mit maschinenmäßiger Genauigkeit. Ein Schrei, und sie wäre gerettet gewesen, denn es war ein Patrouillenboot der Strompolizei, aber sie wußte es nicht. Sie erkannte auch die furchtbare Lage noch nicht, in der sie sich befand.

 

Sie mußte an einer senkrecht herunterhängenden Strickleiter in die Höhe klettern, um das verlassene Deck zu erreichen.

 

»Sie sind alle unten,« sagte der Mann, der sie begleitet hatte.

 

Sie war etwas außer Atem von der Anstrengung des Kletterns.

 

»Ich werde Ihnen den Weg zeigen.«

 

Sie folgte ihm über das schmutzige Deck. Er öffnete eine Tür und bevor sie wußte, was geschah, war sie hineingegangen, und die Tür schloß sich hinter ihr. Die Salonkabine war nicht sehr groß und roch unangenehm nach Knoblauch. Die runden Fenster waren dicht geschlossen, so daß nicht ein einziger Strahl der Petroleumhängelampe nach draußen fiel. Sie wollte die Tür wieder aufmachen, aber sie wußte schon, daß ihr Versuch vergeblich war. Wenn sie doch nur daran gedacht hätte, Spikes Revolver mitzunehmen, aber sie hatte es vergessen. Hier konnte sie keine Waffe finden, obgleich sie alles fieberhaft danach absuchte.

 

Auf der Treppe erklangen Schritte. Die Tür wurde aufgeschlossen, ein Mann kam herein, schloß die Tür wieder sternchenland.com hinter sich und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Dann sah er Valerie belustigt an.

 

»Mr. Smith,« sagte sie stotternd, »wo ist Captain Featherstone – und was hat dies alles zu bedeuten?«

 

»Was das zu bedeuten hat? Das will ich Ihnen gleich sagen. Wir beide, Sie und ich, werden uns heiraten, und wir fahren nach Rio, um dort unsere Flitterwochen zu verleben.«

 

Valerie starrte ihn an.

 

»Ich verstehe Sie nicht. Gehen Sie bitte von der Türe weg, ich will an Deck gehen. Ich muß das Schiff verlassen.«

 

In ihrer Aufregung versuchte sie, ihn von der Türe wegzuziehen, aber er packte sie, hielt sie in Armlänge von sich ab und lachte ihr ins Gesicht.

 

»Nein, meine Liebe, Sie gehen auf eine lange Reise mit mir, und ob Sie mich nun zu Anfang oder zu Ende der Reise heiraten, ist ganz gleich. Wenn Sie sich mir aber widersetzen und mir Unannehmlichkeiten machen –« sein Gesichtsausdruck änderte sich plötzlich – »dann sollen Sie sehen, was ich mit Ihnen anfange.«

 

Seine dicken unförmigen Hände umschnürten ihre Kehle. Sie versuchte sich loszureißen, aber seine grausamen Finger preßten sich um ihren Hals, bis sie keinen Atem mehr holen konnte und ihr das Blut in den Kopf stieg.

 

Plötzlich löste sich sein Griff, sie stürzte auf die Knie und rang nach Atem.

 

»Behandeln Sie mich anständig, dann werde ich es ebenso mit Ihnen machen,« warnte er sie. »Es gibt nichts, das ich nicht für Sie tun würde, wenn Sie mich darum bitten, aber wenn Sie niederträchtig sind, dann –« er biß die Zähne knirschend aufeinander.

 

Sie schauderte, schwankte zum nächsten Stuhl und setzte sich. Sie versuchte, ihre wilden Gedanken zu ordnen.

 

»Es ist nicht gut, hier Spektakel zu machen, besonders jetzt nicht,« sagte Coldharbour Smith. »Der Kapitän ist betrunken sternchenland.com und wenn er das nicht ist, dann ist er schlimmer als ich. Verhalten Sie sich ruhig, mein Fräulein –«

 

Es wurde an der Türe geklopft und eine erregte Stimme rief nach ihm. Er ging nach draußen, kam aber nach zwei Minuten wieder.

 

»Kommen Sie hierher,« rief er, und als sie nicht gleich gehorchte, brüllte er: »Kommen Sie hierher!«

 

Er packte sie am Arm, zerrte sie die Treppe hinauf und führte sie das unordentliche und schmutzige Deck entlang. Der Mann, der die Rolle des Sergeanten gespielt hatte, hob vorn am Schiff eine kleine eiserne Falltür auf und schlüpfte hinein, mit den Füßen zuerst.

 

»Machen Sie, daß Sie hineinkommen,« zischte Coldharbour Smith ihr zu.

 

Mechanisch kletterte sie an der eisernen Leiter nach unten. Ein scharfer Geruch von rostigem Eisen schlug ihr entgegen. Sie befand sich in einem engen Raum und trat auf Ketten. Es war kaum Platz genug, daß man aufrecht stehen konnte, trotzdem folgte ihr auch Smith noch und zog die eiserne Tür dicht hinter sich zu. Sie standen dicht beieinander. Coldharbour Smith war hinter ihr und hatte seine dicken Hände auf ihre Schultern gelegt.

 

»Ich dachte nicht, daß sie schon so bald kommen würden,« flüsterte er heiser. »Aber der Kapitän ist ja betrunken, der Kessel ist kalt, da werden sie nicht denken, daß ihnen ein Streich gespielt wird.«

 

»Wer hat die Sache verraten?« fragte der andere im selben Ton.

 

»Barnett … vielleicht hatten sie auch jemand zum Klub geschickt … Featherstone ist ein sehr umsichtiger Mensch, ein verdammter Kerl!«

 

Der kleine Raum, in dem sie standen, lief spitz nach vorne zu, und am engsten Teil sah Valerie zwei schmale, ovale Öffnungen, durch die die Ankerketten hindurchliefen. Von ihrem sternchenland.com Platz aus konnte sie den Fluß sehen, und sie hörte deutlich das Geräusch eines näherkommenden Motorboots.

 

Sie vernahmen den Anprall, als es an dem Dampfer anlegte, und dann hörte sie eine Stimme – es war Jim Featherstone. Sie öffnete den Mund und wollte schreien, aber Coldharbours Hand legte sich mit eisernem Griff auf ihren Mund.

 

»Wenn Sie rufen, drehe ich Ihnen das Genick um!«

 

Er fürchtete sich und sie konnte fühlen, wie er zitterte. Schritte tönten auf dem eisernen Deck, dann wurde es ganz ruhig.

 

»Sie sind nach unten gegangen,« flüsterte der andere Mann. Smith nickte ihm zu.

 

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die Leute, die das Schiff durchsuchten, wieder nach oben kamen. Sie hörte die Schritte über ihrem Kopf.

 

»Das ist der Raum für die Ankerketten, dort können sie nicht sein, aber ich will den Raum durchsuchen, wenn Sie es wünschen,« sagte eine Stimme, die Valerie nicht kannte.

 

»Ich glaube nicht, daß sie überhaupt an Bord sind. Barnett ist bestochen worden, uns auf eine falsche Fährte zu führen.«

 

Coldharbour grinste in der Dunkelheit.

 

Oben berieten sich die Leute, dann gingen sie nach der Seite des Schiffes. Man hörte, wie sie ins Motorboot kletterten und wie sich das Fahrzeug langsam entfernte. Das Geräusch wurde schwacher und schwächer.

 

»Sie sind fort,« sagte Coldharbour Smith und fühlte, wie das Mädchen unter seinen Händen zusammenbrach.

 

Sie hoben sie an Deck und brachten sie schnell wieder in die Kabine. Währenddessen legte ein kleines Boot an dem hinteren Teil des Dampfers an, und der Mann, der darin angekommen war, kletterte langsam an einem herunterhängenden Tau an Deck.

 

Er war vollständig beschmutzt von dem Staub der Landstraße, sternchenland.com und sein sonst so sorgfältig gebürstetes Haar war unordentlich und zerzaust. Seine zarten Hände waren zerkratzt und bluteten Von den ungewohnten Anstrengungen. Es war Julius Savini. Er hatte das Boot unten festgebunden und schritt nun behutsam auf dem Deck vorwärts. In den Händen trug er eine merkwürdige Waffe.

 

Kapitel 47

 

47

 

»Hierfür ist noch Strafporto zu zahlen, Fräulein,« sagte der Postbote. Fay war in ihrem Morgenrock an die Tür gekommen. Sein lautes Klopfen hatte sie aus dem Schlaf geweckt.

 

»Ich nehme keinen unfrankierten Brief an,« sagte sie böse.

 

»Es ist kein Brief, und es ist auch keine Postkarte,« erwiderte der Postbote und betrachtete das abgerissene Stück Papier, das er in der Hand hielt.

 

»Wer hat es geschickt?«

 

Der Postbote grinste.

 

»Es ist gegen die Dienstvorschriften, Ihnen das zu sagen, aber hier hat sich jemand mit Julius unterschrieben.«

 

Sie riß ihm die Karte aus der Hand und gab ihm das Geld.

 

Es dauerte mindestens fünf Minuten, bis sie die Botschaft entziffert hatte. Sie war auf ein Stück Papier geschrieben, das aus einem Notizbuch herausgerissen war. Auf der einen Seite stand in Bleistiftschrift ihre Adresse. Die Schriftzüge waren kaum leserlich.

»Lacy hat Miß H. weggebracht, sah sie im Dorf, sprang auf den Wagen, fuhr mit ihnen zum G. Osten. Smith, L. und Miß H. kommen heraus und fahren im Boot zu einem Schiff. Ich folge. Featherstone mitteilen.«

Kaum hatte Fay den Inhalt verstanden, als sie rasch zum Telephon ging. Sie versuchte drei verschiedene Nummern, sternchenland.com ohne Featherstone zu erreichen. Aber sie hinterließ überall Nachricht, für ihn. Sie hatte sich eben angezogen, als das Telephon läutete. Sie nahm den Hörer ab. Jims müde Stimme antwortete ihr.

 

»Sie haben mich angerufen, Fay?«

 

Sie las ihm den Brief am Telephon ohne weitere Erklärung vor.

 

»Das hat Julius fein gemacht. Wo ist die Karte aufgegeben?«

 

Sie schaute nach.

 

»Postamt E 5,« sagte sie. »Haben Sie ihn nicht gesehen – Julius meine ich?«

 

»Nein, ich habe auch nichts von ihm gehört. Hat er nicht gesagt oder geschrieben, welchen Namen das Schiff hat?«

 

»Nein, wie er die Karte schrieb, konnte er es doch noch nicht wissen.«

 

»Ich komme sofort zu Ihnen.«

 

Zehn Minuten später war er in ihrer Wohnung. Er sah überarbeitet aus, war unrasiert und staubig.

 

»Wir haben ein Schiff unten an der Mündung des Flusses angehalten, aber sie waren nicht an Bord. Das war auch nicht möglich, wenn das Schiff, das Julius sah, vorigen Abend noch im Fluß lag. Es war nämlich Ebbe und vor vier Uhr heute morgen hätten sie überhaupt nicht ausfahren können.«

 

Sie machte sich in der Küche zu schaffen und brachte ihm heißen Kaffee, wofür er sehr dankbar war.

 

»Ihr Telephon klingelt,« sagte Jim plötzlich und sprang auf. »Vielleicht ist es Julius. Kann ich ihm antworten?«

 

»Ich werde einen schlechten Ruf bekommen,« erwiderte sie, »aber Sie können ihm ja erklären, daß ich nicht die Gewohnheit habe, Polizeibeamte zum Frühstück einzuladen.«

 

Jim Featherstone erkannte sofort die Stimme Abel Bellamys.

 

»Ist Savini dort?« fragte er.

 

sternchenland.com Jim winkte Fay an den Apparat und reichte ihr den Hörer.

 

»Wo ist Ihr Mann?« fragte Bellamy.

 

»Er ist nicht hier. Ist er denn nicht in Garre?«

 

»Würde ich denn nach ihm fragen, wenn er in Garre wäre? Er ist gestern abend ausgegangen und noch nicht zurückgekommen. Sie können ihm sagen, daß er seine Kleider und sein Geld abholen soll – er ist entlassen!«

 

»Vielleicht ist er mit Lacy zusammen,« sagte Fay in ihrer liebenswürdigsten Stimme. »Lacy ist nach Garre gefahren, um Miß Howett zu Coldharbour Smith zu bringen – die Polizei weiß alles!«

 

Ein langes Schweigen folgte auf der anderen Seite und sie dachte schon, er hätte angehängt. Aber dann antwortete er wieder.

 

»Ich weiß nichts von Lacy,« sagte er mit sanfterer Stimme, »und noch viel weniger etwas von Miß Howett. Was ist denn das für eine Geschichte, die Sie mir da erzählen?« Und nach einer Pause fragte er: »Was wird die Polizei denn unternehmen?«

 

Sie hielt den Empfänger zu und wiederholte flüsternd seine Frage.

 

»Sagen Sie ihm, daß alle Schiffe im Fluß angehalten werden.«

 

»Es ist jemand bei Ihnen in der Wohnung,« sagte der argwöhnische Bellamy. »Wer ist das?«

 

Jim nickte.

 

»Captain Featherstone,« rief Fay und hörte wie Bellamy fluchte und den Hörer wütend anhing.

 

»Jetzt ist die Frage, wo ist Julius,« meinte Jim. »Ich muß gestehen, daß ich schon ein wenig beruhigter bin, seit ich weiß; daß er in der Nähe ist. Ich hätte mir früher nicht im Traum einfallen lassen, daß ich mich jemals auf ihn verlassen würde!«

 

sternchenland.com »Da kennen Sie Julius nicht,« erwiderte Fay stolz.

 

Unglücklicherweise kannte aber Jim Julius Savini nur zu genau, aber er sprach jetzt lieber nicht darüber.

 

Er kehrte in sein Büro zurück, wo Mr. Howett auf ihn wartete. Ihr Stiefvater hatte die Nachricht von der Gefahr, in der sich Valerie befand, sehr tapfer aufgenommen.

 

»Ich kann nicht glauben, daß ihr Böses zustößt,« sagte er. »Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, Captain Featherstone, daß Sie keine Ausgaben zu scheuen brauchen, um sie wiederzufinden.«

 

»Wenn man sie mit Geld aus der Gefahr befreien könnte, dann wäre sie schon frei,« sagte Jim so ruhig und geduldig er nur konnte. »Verzeihen Sie, daß ich ein wenig aufgeregt bin, aber das ist ja nicht verwunderlich nach dieser Nacht. Sie waren nicht in Lady’s Manor, als Miß Howett fortfuhr?«

 

»Nein, ich war in London.« Mr. Howett fiel das Sprechen schwer. »Aber selbst wenn ich in Garre gewesen wäre, hätte ich sie nicht zurückgehalten, da sie ein Mann von Scotland Yard begleitete. Haben Sie schon irgendwelche Anhaltspunkte?«

 

»Ja, ich glaube,.« sagte Jim nach einigem Nachdenken. Er klingelte nach seinem Sekretär. »Gehen Sie ins Archiv und sehen Sie die Akten von Lacy nach, Henry Francis Lacy, wenn ich mich recht erinnere. Er wurde vor drei Jahren von den Geschworenen von Old Baley wegen Einbruchs verurteilt. Geben Sie seine Personalbeschreibung allen Polizeistationen auf, er soll festgenommen werden, wo er gefunden wird. Man soll mich sofort benachrichtigen, wenn er verhaftet worden ist. Lacy wird sich, wenn er keinen Verdacht schöpft, irgendwo in der Nähe des ›Goldenen Ostens‹ aufhalten. Dies ist um so wahrscheinlicher, als Barnett mir den Namen des Mannes nicht nannte, der Valerie Howett zum Schiff brachte. Lacy wird zuerst zum ›Goldenen Osten‹ gehen, um festzustellen, wie weit er verdächtigt wird.«

 

sternchenland.com »Was halten Sie von Julius Savinis Verschwinden?«

 

»Julius ist ein merkwürdiger Mensch – manchmal hält er sich ganz ordentlich und gerade dann, wenn es niemand vermutet. Ich bin überzeugt, daß die Nachricht, die er seiner Frau sandte, vollkommen richtig ist. Er ist jetzt irgendwo in der Nähe Valeries. Ich hätte mir nie einfallen lassen, daß ich Julius Savini einmal beneiden würde.«

 

Ein kaltes Bad, neue Wäsche und Kleider erfrischten Jim Featherstone und er machte sich sofort wieder an die Arbeit.

 

Die Themsepolizei hatte eine umfassende Durchsuchung aller Schiffe angeordnet, die im Pool lagen, von der Londonbrücke bis nach Greenwich hinunter. Jim befand sich auch auf der kleinen Dampfpinasse, mit der der Oberinspektor von Schiff zu Schiff fuhr. Aber alle Nachforschungen waren bisher erfolglos gewesen. Als sie auch wieder an der »Contessa« vorüberkamen, sah Jim gelben Rauch aus ihrem Schornstein aufsteigen, aber das einzige sichtbare menschliche Wesen an Deck war ein unordentlich aussehender Matrose, der mit verschränkten Armen an der Reling stand.

 

»Es hat wohl keinen Zweck, sie noch einmal zu durchsuchen,« meinte Jim.

 

»Ich glaube auch,« erwiderte der Inspektor. »Es wäre doch sehr unlogisch, eine Dame auf ein Schiff zu bringen, das nicht einmal zur Abfahrt bereit liegt. Barnett hat wieder gelogen.«

 

Jim nickte, aber er schaute doch nachdenklich auf den breiten, häßlich aussehenden Frachtdampfer. Er hätte gewünscht, daß Barnett die Wahrheit gesagt hätte. Als er später den Barmann im »Goldenen Osten« wieder aufsuchte, fand er ihn in Tränen aufgelöst.

 

»Und wenn ich in dieser Minute sterben soll, Captain, ich habe Sie nicht belogen! Wenn ich Ihnen etwas Falsches gesagt habe, so kann es nur daher kommen, daß Coldharbour wußte, daß ich am Schlüsselloch zuhörte.«

 

sternchenland.com »Haben Sie noch etwas anderes gehört, als daß sie an Bord der ›Contessa‹ gehen wollten?«

 

»Ja, Coldharbour sagte, daß er die junge Dame heiraten würde, wenn sie an Bord seien. Er erzählte diesem spanischen Kapitän, wie hübsch sie sei, und daß er eins der Mädchen, die hier im ›Goldenen Osten‹ verkehren, fortgeschickt habe, um einen ganzen Koffer voll schöner Kleider für sie zu kaufen, denn sie hatte doch nichts mit sich, als sie an Bord ging. – Ich habe nun all meine Ersparnisse in diesen Klub gesteckt,« sagte der niedergeschlagene Mann. »Und ich habe sogar Geld auf Zinsen geborgt – Sie können sich vorstellen, wie es mir geht, Captain. Ich hätte Coldharbour zehnmal im Stich gelassen, nur um mein Geld nicht zu verlieren. Alles, was ich Ihnen gesagt habe, ist richtig.«

 

Jim glaubte ihm. Wenn die Nachforschungen nach Valerie nicht zum Ziel geführt hatten, so war das nicht der Fehler des Barmanns. Coldharbour hatte vielleicht die Unterhaltung absichtlich so geführt, und die Tatsache, daß er englisch und nicht spanisch gesprochen hatte, war für Jim hinreichender Beweis.

 

Es kam noch etwas anderes dazu, das für Barnett von großem Vorteil war. Die Polizei hatte wenig Interesse daran, den »Goldenen Osten« zu schließen, wie Jim ihm gedroht hatte. Diese Lokale, in denen die Verbrecher verkehrten, starben mit der Zeit aus, und es dauerte sehr lange, bis diese Leute sich in einem neueröffneten Lokal heimisch fühlten. El Moro’s diente demselben Zwecke, und wie die Motten in die Flamme fliegen, so drängte alles, was irgendwie zur Verbrecherwelt gehörte, im Westen dorthin. Der »Goldene Osten« erfüllte dieselbe Aufgabe am anderen Ende der Stadt.

 

Jim fragte Barnett noch aus, als Spike Holland mit neuen Nachrichten kam. Er war hergekommen, um Erkundigungen nach dem Wagen einzuziehen, der Miß Howett und den angeblichen Polizeibeamten hierhergebracht hatte.

 

sternchenland.com »Hinten saß ein Mann auf dem Gepäckhalter, er ist an zwei oder drei Stellen beobachtet worden, besonders in der einen Vorstadt von London. Ein Polizist sah ihn und wollte ihn von dem Wagen entfernen. Nach der Personalbeschreibung besteht gar kein Zweifel, daß es Julius war.«

 

»Dieser Savini ist doch ein merkwürdiger Mensch,« meinte Jim nachdenklich, »aber diese Nachricht bestätigt seine Botschaft. Wo mag er jetzt sein? Wenn wir ihn finden können, ist es leicht, Miß Howett zu entdecken.«

 

»Der alte Bellamy ist in die Stadt gefahren – er kam heute morgen an,« sagte Spike. »Da Julius nun fort ist, kann man nur sehr schwer neue Nachrichten bekommen, denn der jetzige Pförtner ist eine armselige Aushilfe. Aber er hat mir wenigstens erzählt, daß Bellamy fortgefahren ist und in den nächsten Tagen nicht zurückkehren wird. Und das ist doch sehr seltsam, denn in den letzten acht Jahren hat er keine Nacht außerhalb der Burg verbracht. Julius hat mir davon nie etwas gesagt, das habe ich von dem Pförtner, Captain, ich habe jetzt einen wichtigen Anhaltspunkt für den Grünen Bogenschützen.«

 

Jim Featherstone war nicht in der Stimmung, im Augenblick mit ihm über den Grünen Bogenschützen zu diskutieren, aber er hörte so geduldig zu, wie er nur irgend konnte.

 

»Ein Mann, der Pfeil und Bogen so außerordentlich sicher handhabt, wie unser grüner Freund, muß sehr viel Übung gehabt haben,« erklärte Spike. »Ist Ihnen das noch nicht aufgefallen?«

 

»Ich habe noch nicht viel darüber nachgedacht,« sagte Jim ein wenig schroff. Er wollte seine Nachforschungen sobald wie möglich wieder aufnehmen, und Spike war ihm im Augenblick sehr hinderlich.

 

»Bogenschießen ist ein außergewöhnlicher Sport. In den Tagen des guten Königs Hokum, als die fröhliche Jugend ins Grüne hinauszog und alle Mädchen sich mit einem sternchenland.com Manne sehen lassen wollten, der ein goldenes Abzeichen trug – das bedeutete nämlich im Mittelalter, daß er das Zentrum der Scheibe getroffen hatte – da war es noch etwas anderes.«

 

»Worauf wollen Sie eigentlich hinaus, Holland?«

 

»Ich meine,« sagte Spike sehr ernst, »daß wir den grünen Mann herausfinden werden, wenn wir die Gesellschaften durchsuchen, die das Bogenschießen pflegen. Ich bin eigens zur Stadt gekommen, um heute den Sekretär einer solchen Gesellschaft zu sprechen. Wahrscheinlich kann ich etwas von ihm erfahren.«

 

»Das glaube ich auch,« sagte Jim, der außerordentlich froh war, als er den Zeitungsreporter wieder los wurde.

 

Die Gesellschaft für Bogenschießen hatte ihre Räume in Regent’s Park und Spike hatte Glück, daß er zu gleicher Zeit mit dem zweiten Sekretär dort ankam.

 

»Ja, ich kann Ihnen die Mitgliederlisten der letzten dreißig Jahre zeigen,« sagte der Beamte.

 

Spike brachte den ganzen Nachmittag damit zu, die Klubakten zu studieren.

 

Als er gerade einen Bericht über ein früheres Wettschießen durchlas, hielt er plötzlich erstaunt inne und ging wieder zu dem Sekretär.

 

»Der Name ist mir bekannt,« sagte Spike. »Ist er auch unter den Mitgliedern?«

 

Sie suchten alle Listen durch, ohne ihn zu finden.

 

»Es war ein offener Wettbewerb, das heißt, es konnten sich Nichtmitglieder daran beteiligen,« erklärte der Sekretär. »Es ist allerdings merkwürdig, daß der Name nicht in unseren Verzeichnissen steht, denn die Leistungen dieses Herrn müssen ganz außerordentlich gut gewesen sein. – Wie Sie sehen, hat er zehnmal hintereinander Zentrum geschossen. Kennen Sie ihn?«

 

»Ich glaube ja,« sagte Spike atemlos.

 

Endlich hatte er den Grünen Bogenschützen entdeckt! sternchenland.com

 

Kapitel 48

 

48

 

Schiffe und alles, was dazu gehört, waren für Julius Savini ein tiefes Geheimnis. Er hatte allerdings schon einige Seereisen gemacht, aber er war noch niemals an Bord eines Dampfers wie die »Contessa« gewesen. Als er die Kajüte des Vorderschiffes erreichte, schaute er sich um. Eine Eisenleiter, die zu dem oberen Bootsdeck führte, schien ihm die günstigste Gelegenheit zu geben, sich zu verbergen. Schnell eilte er die Stufen empor. Seine Verteidigungswaffe trug er unter dem Arm, – es war ein Schwert mit kurzer Klinge, das er vor einer Viertelstunde einem kleinen Jungen abgenommen hatte. Es war alt, aber es hatte doch eine scharfe Spitze, und obgleich die Schneide manche Scharte aufwies, hätte man es doch im Falle der Gefahr als gefährliche Waffe gebrauchen können. Er wollte den Knaben bezahlen, aber da er gerade nicht das nötige Kleingeld besaß, hatte er es ihm einfach weggenommen und war damit davongeeilt. Die schreienden und schimpfenden Jungen liefen hinter ihm her, aber er entkam zu der kleinen Werft, von der Valerie zur »Contessa« gefahren war. Dort fand er ein kleines Ruderboot und machte sich damit auf den Strom. Er kam an dem Fahrzeug vorbei, das zur Werft zurückfuhr, um Coldharbour Smith abzuholen.

 

Julius war allerdings kein Fechter, auch war er sonst nicht mit Waffen vertraut, aber der Besitz dieses kleinen Säbels brachte ihm das Gefühl des Mutes und der Sicherheit, das er in diesem kritischen Augenblick so notwendig brauchte. Er war sich selbst nicht recht darüber klar, was er tun sollte. Valerie Howett war mit Lacy zusammen an Bord des Schiffes gegangen, und von Lacy wußte er aus früherer Zeit genug. Er hatte ihn sofort wiedererkannt, als er mit dem Wagen durch Garre fuhr. Er wußte, daß er ein Komplize von Coldharbour Smith war und mit diesem sternchenland.com zusammenarbeitete. Vielleicht hatte die Sucht nach persönlichem Vorteil Julius dazu veranlaßt, so kühn auf den Gepäckhalter des Autos zu springen. Er überlegte sich in seinem dunklen Versteck oben auf Deck, was ihn zu dieser Tat getrieben hatte.

 

Aber dann kam doch die Sicherheit über ihn, daß er aus menschlichem Mitgefühl gehandelt hatte.

 

Die Nacht war eben erst hereingebrochen, und er dachte darüber nach, was er jetzt tun sollte. Coldharbour Smith war an Bord, und auch andere Leute waren noch gekommen: ein Motorboot mit vier Mann Besatzung. Er hatte sie undeutlich bemerkt, als sie an der Seite des Schiffes anlegten, aber er wußte nicht, wer sie sein konnten.

 

Nach einiger Zeit hörte er das Boot wieder abfahren und schlich vorsichtig hinter dem Schornstein auf dem Bootsdeck entlang. Er hatte einen schmalen Lichtschimmer entdeckt und als er näherkam, erkannte er, daß er aus einem in den Boden eingelassenen Fenster hervorkam, das mit undurchsichtigem, gerilltem Glas geschlossen war. Leise hob er eine Ecke des Fensters ein wenig an, so daß er die eine Ecke eines unsauberen Salons sehen konnte. Julius hätte sich in seiner Erregung beinahe verraten, denn die erste, die er sah, war Valerie Howett! Sie saß auf einem Stuhl am Ende eines ungedeckten Tisches, und ein Blick in ihr weißes Gesicht mit den zusammengepreßten Lippen sagte ihm alles, was er wissen wollte.

 

Er hatte sich unangenehmer Gedanken nicht erwehren können. Es wäre ja möglich gewesen, daß sie Lacy freiwillig gefolgt wäre, und daß all seine Anstrengungen und die Gefahren, die er auf sich genommen hatte, umsonst waren. Aber nun durchschaute er die Sache. Coldharbour Smith saß an ihrer rechten Seite. Seine beringten Hände lagen auf dem Tisch, und er hatte ihr sein böses Gesicht zugekehrt. Sie sprachen miteinander, aber das Rauschen des Wassers war so laut, daß Julius kein Wort verstehen konnte. Er fand einen sternchenland.com Messinghaken, der offensichtlich dazu diente, das Fenster offenzuhalten. Mit großer Anstrengung befestigte er ihn, legte sich dann platt auf den Boden und lauschte angestrengt.

 

Coldharbour konnte ihn unter keinen Umstünden sehen. Der Salon unten wurde nur durch eine einfache Petroleumlampe erhellt, die obendrein noch durch einen Schirm abgeblendet war, der alles Licht nach unten auf den Tisch warf.

 

»Wir werden morgen abend abfahren,« sagte Smith. »Sie können es sich aus dem Kopf schlagen, daß Ihr Freund Featherstone noch im letzten Moment kommt und Sie von hier wegholt. Sie wissen doch, was das für mich bedeutet, wenn Sie gefunden werden?«

 

Sie wandte ihren Kopf nicht um, sondern starrte nur ins Leere.

 

»Dafür werde ich lebenslänglich ins Gefängnis gesteckt. Lieber würde ich mich aufhängen lassen! Hüten Sie sich, mir irgendwelche Schwierigkeiten zu machen!«

 

»Wenn Sie Geld haben wollen –« sagte sie, »so kann ich Ihnen mehr geben als –«

 

»Hat gar keinen Zweck! rief Smith verächtlich. »Ich habe soviel Geld als ich brauche. Sie glauben doch nicht etwa, daß Sie mich beschwatzen können, Sie laufen zu lassen? Schon eine halbe Stunde, nachdem ich Sie losgelassen hätte, wären Sie auf der Polizei gewesen und hätten mich angezeigt und ich hätte den Schaden davon. Sie scheinen das Gefängnis in Dartmoor nicht zu kennen, sonst wüßten Sie, daß ich es nicht riskieren will, dorthin zu kommen. Amerikanische Gefängnisse sind Paläste, wo die Menschen auch menschenwürdig behandelt werden. Aber Dartmoor ist die Hölle – nein, ich setze meinen Plan durch oder ich lasse mich aufhängen. Hatte eigentlich schon immer im Sinn, mich einmal häuslich niederzulassen,« fuhr er fort, »habe aber noch nie das richtige Mädchen gefunden, mit dem ich einen Hausstand hätte begründen mögen. Wir können an Bord des Schiffes heiraten.

 

sternchenland.com Jeder Kapitän kann die Trauung vollziehen, sobald das Schiff drei Seemeilen vom Land entfernt ist. Wenn Sie nicht heiraten wollen, so ist das Ihre Sache.«

 

»Das ist Abel Bellamys Werk,« sagte sie so leise, daß Julius es kaum hören konnte.

 

»Wir wollen hier keine Namen nennen, ich weiß nur, daß Sie mich auf der Reise begleiten werden, und ich glaube, daß Sie zur Vernunft gekommen sind, wenn wir unseren Bestimmungsort erreicht haben.«

 

Er erhob sich und schaute auf sie hinunter.

 

»Sie heißen doch Valerie – so werde ich Sie von jetzt ab nennen – und Sie können mich ja Coldharbour nennen oder lieber Harry, so heiße ich.«

 

Er wartete auf eine Antwort, aber sie schaute ihn nicht einmal an.

 

Dann setzte er seinen Hut wieder auf – es war ein großes Zeichen von Hochachtung, daß Coldharbour Smith ihn überhaupt in Gegenwart der jungen Dame abgenommen hatte. Gleich darauf schritt er zur Türe.

 

»Hinter dem Vorhang ist eine Schlafkabine und eine Waschtoilette. Es ist für allen Komfort auf diesem Schiff für Sie gesorgt, Sie können über alles verfügen.«

 

Er warf die Tür hinter sich ins Schloß und drehte den Schlüssel um. Julius wartete, bis er gegangen war, dann öffnete er das Deckfenster so weit wie möglich, schlüpfte hindurch und sprang auf den Tisch. Valerie war starr vor Schrecken.

 

»Sprechen Sie nicht,« flüsterte er ihr zu.

 

»Mr. – Mr. – Savini –« stammelte sie.

 

»Sprechen Sie nicht!« zischte Julius noch eindringlicher.

 

Er zog schnell seine Schuhe aus und ging zur Türe. Es war zwar nichts zu hören, aber Coldharbour Smith konnte jeden Augenblick zurückkommen. Schnell ging er zum Tisch zurück und löschte die Lampe aus. Die Kabine lag nun vollkommen sternchenland.com im Dunkel und er tastete sich an der Tischkante entlang zu dem Stuhl Valeries.

 

»Ich bin hinten auf dem Wagen mitgefahren,« erklärte er schnell.

 

»Können Sie mich von hier befreien?« fragte sie ebenso leise.

 

»Ich hoffe, aber ich weiß es noch nicht sicher.« Er schaute zu dem Deckfenster. »Sie könnten dort oben hinaus, aber es wird leichter sein, die Tür aufzubrechen oder solange zu warten, bis Smith zurückkommt und aufmacht. Sicherlich kommt er noch einmal her, bevor er sich zur Ruhe niederlegt.«

 

Sie warteten eine ganze Stunde, aber Smith kam nicht zurück. Julius mühte sich ab, das Schloß mit der Spitze seines alten Säbels aufzubrechen, aber nach einer Weile gab er den vergeblichen Versuch wieder auf.

 

»Ich bringe es nicht fertig.« Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Sie müssen oben durch das Dachfenster, Miß Howett, oder Sie bleiben hier eingeschlossen.«

 

Aber noch während er dies sagte, hörten sie einen schweren, schlürfenden Schritt oben auf dem Bootsdeck. Der Strahl einer Laterne kam von oben herein, jemand bückte sich und plötzlich fiel das Fenster krachend zu. Noch schlimmer war es, als sie hörten, wie der Mann oben einen Riegel vor das Fenster schob, so daß jede Möglichkeit, nach dort zu entkommen, entschwand.

 

»Der Weg wäre uns also abgeschnitten,« sagte Julius. »Ich fürchte, ich muß warten, bis Coldharbour kommt. Legen Sie sich ruhig nieder und schlafen Sie etwas, Miß Howett. Es ist sehr wahrscheinlich, daß er jetzt noch nicht kommt.«

 

Es dauerte ziemlich lange, bis er sie überredet hatte, seinem Rat zu folgen, aber schließlich ging sie doch. Sie fand ein kleines Licht in der Kabine hinter dem Vorhang, das Bett war gemacht, und die Bezüge waren sauber. Die ganze sternchenland.com Lagerstatt sah einladend aus. Sie legte sich nieder und erwartete nicht, daß sie auch nur einen Augenblick schlafen könnte. Aber kaum hatte sie die Augen geschlossen, als sie auch schon in tiefen Schlaf fiel. Julius Savini hatte einen Stuhl gegen die Tür gestellt und sich dort niedergelassen. Das kleine Schwert lag über seinen Knien. Seine Kleidung war unordentlich, seine Augen waren müde, und alle Glieder taten ihm weh. Er schlief kurze Zeit, dann wachte er wieder auf. So verging die Nacht, und der Tag brach an. Das Deckenlicht zeigte sich erst grau, dann weiß, und schließlich schien das goldene Sonnenlicht hindurch. Plötzlich wurde das Fenster aufgerissen, und das Gesicht von Coldharbour Smith erschien in der Öffnung.

 

»Guten Morgen, mein kleiner Liebling,« begann er. Dann sah er plötzlich Julius und verschwand.

 

Julius Savini, der auf alles gefaßt war, hörte, wie sich der Schlüssel im Schloß drehte. Er war bereit, Coldharbour Smith anzuspringen, aber plötzlich wurde die Tür aufgestoßen, und Julius sah sich plötzlich der Mündung einer Pistole gegenüber.

 

Vor dieser stärkeren Waffe ließ er die Hände sinken.

 

»Wir wollen uns einmal ein wenig unterhalten, Julius! Vor allen Dingen wird der Säbel auf den Tisch gelegt!«

 

Savini mußte wohl oder übel gehorchen.

 

»Was hat das alles zu bedeuten? Wer hat Sie denn hierhergeschickt?«

 

Julius war groß im Erfinden von Ausreden und hatte schon eine Lüge bei der Hand.

 

»Der Alte,« sagte er nachlässig. »Er hat schon Unannehmlichkeiten wegen des Mädels gehabt und gab mir den Auftrag, an Bord zu gehen, um mit Ihnen zu reden. Er will haben, daß Sie sie gehen lassen.«

 

Smith grinste.

 

»Da soll mich doch der Teufel holen, wenn ich das tue!« sternchenland.com Aber wenn er Sie an Bord geschickt hat, warum kamen Sie denn nicht geradenwegs zu mir?«

 

»Ich konnte Ihre Kabine nicht finden, und schließlich dachte ich, Sie wären hier drinnen und sprang herein, weil ich nicht wollte, daß mich die Matrosen sehen sollten. Kaum war ich hier unten, als jemand das Deckfenster schloß.«

 

Smith nickte.

 

»Ich habe den Befehl gegeben, es zu schließen. Aber ich hatte keine Ahnung, daß ich solch einen seltenen Vogel wie Sie fangen würde. Bellamy will also, daß ich sie wieder an Land bringe? Hat er denn auch Vorkehrungen getroffen, daß ich wegen der ganzen Sache nicht in Unannehmlichkeiten komme? – – Sie lügen, Julius!« Bei diesen Worten sah er ihn scharf an. »Ihre Kleider sind ganz mit Schmutz bedeckt – und was wollen Sie denn mit dem Säbel da? Ich werde Sie mal erst hier festsetzen und mich bei dem Alten erkundigen, was das mit Ihnen zu bedeuten hat! Für Geld machen Sie ja alles!« Plötzlich kam ihm ein Gedanke. »Sagen Sie, hat Featherstone Sie hierhergeschickt?« Er schlug sich auf den Schenkel. »Sicher, jetzt hab ich’s! Sie sind ein Lockspitzel! Na, das überrascht mich gar nicht.«

 

Er stieß einen schrillen Pfiff aus, und ein dunkler Matrose kletterte die Verbindungsleiter herunter. Smith sprach leise mit ihm. Dann ging der Mann fort und kam mit einem Paar rostigen Handschellen zurück.

 

»Manchmal mache ich so ein bißchen Polizeiarbeit auf eigene Faust,« sagte Coldharbour Smith, »strecken Sie die Hände aus, daß ich sie Ihnen anlegen kann.«

 

Die Eisen schnappten über Julius Handgelenken ein. Dann wurde er von den Matrosen nach vorne über das Deck gebracht und mußte durch die kleine Falltür in den dunklen Raum klettern, wo die Ankerketten aufbewahrt wurden.

 

»Setzen Sie sich mit dem Rücken zu der Öffnung,« befahl Smith, und als Julius gehorchte, band Smith ihm die Füße sternchenland.com zusammen. »Nenn der Alte bestätigt, daß Sie die Wahrheit gesagt haben, werde ich mich bei Ihnen entschuldigen,« sagte er fast liebenswürdig. »Aber inzwischen bleiben Sie hier, und ich werde mir noch überlegen, was ich mit Ihnen mache, wenn wir erst auf See sind.«

 

Er warf die Falltür zu und legte den eisernen Bolzen vor. Julius grinste, denn die Handschellen waren viel zu weit für ihn, und er hatte bereits seine Fesseln abgestreift, bevor Coldharbours Schritte vollständig verhallt waren.

 

Kapitel 49

 

49

 

Spät am Nachmittag stand ein Geheimpolizist, der sich scheinbar langweilte, auf der Commercial Road, als plötzlich ein ihm bekanntes Gesicht unter der Menge auftauchte.

 

»Lacy, wenn ich nicht irre?« fragte er. Dann verhaftete er seinen Mann ganz ordnungsgemäß.

 

»Was wollen Sie denn von mir, Johnson? Was soll ich denn schon wieder verbrochen haben?« fragte der Gefangene harmlos. »Ich kann mich nicht besinnen, daß ich etwas angestellt habe, warum mir die Polizei böse sein sollte.«

 

»Kommen Sie nur ein wenig mit mir,« sagte der Detektiv. Lacy, der nicht ahnte, was ihm bevorstand – sonst hätte er sich mit allen Kräften widersetzt – ging bescheiden und ruhig zur Station. Dort gab er seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß die Polizei unzufrieden mit ihm sei und daß er von nichts wisse.

 

Captain Featherstone ging zu ihm in die Zelle und fragte ihn möglichst unauffällig aus, ohne den Grund zu verraten, weshalb er verhaftet worden war. Es war für Jim einer der kritischsten Augenblicke seines Lebens. Da er aus Lacy auf diese Weise nichts herausbringen konnte, hatte er einen schwerwiegenden Entschluß gefaßt. Er wußte sehr wohl, daß er dadurch in große Unannehmlichkeiten kommen konnte und seinen Beruf sternchenland.com aufgeben mußte, wenn die Sache schief ging. Aber es gab nichts, das er nicht für Valerie Howett hingegeben hätte.

 

Jim wohnte in St. James Street, die besonders an einem Sonnabend eine der ruhigsten Straßen Londons ist, trotz des großen Verkehrs, der unaufhörlich die Stadt durchflutet.

 

»Ich werde diesen Mann mit nach Scotland Yard nehmen, um ihn dort zu verhören. Nein, ich brauche Ihre Hilfe nicht, Johnson, ich danke Ihnen. Ich werde dafür sorgen, daß man dem Polizeipräsidenten mitteilt, daß Sie die Verhaftung so gut durchgefühlt haben.«

 

Lacy wurde zu seinem größten Erstaunen aus der Zelle geholt und in ein vornehmes Auto gebracht, das Captain Featherstone steuerte.

 

»Sie können sich im Augenblick als nicht verhaftet betrachten,« sagte Jim.

 

»Wo fahren wir denn hin?«

 

»Sie kommen mit in meine Wohnung.« Lacy war aufs höchste erstaunt. »Was soll ich denn eigentlich getan haben, Captain?« fragte Lacy neugierig.

 

»Das werde ich Ihnen bald sagen,« antwortete Jim kurz.

 

Lacy überlegte alle nur denkbaren Möglichkeiten.

 

Der Wagen hielt nach einiger Zeit vor einem geschlossenen Laden, über dessen Räumen Jims Wohnung lag. Im ganzen Haus befanden sich keine anderen Mieter, und der Inhaber des Geschäftes wohnte in einer der Vorstädte.

 

Angus, der Kammerdiener, begrüßte die beiden oben auf dem Treppenabsatz.

 

»Geben Sie Mr. Lacy etwas zu trinken. Dann bringen Sie den Wagen zur Garage – Sie brauchen nicht wiederzukommen.«

 

Jim selbst ging in sein Zimmer, zog Rock und Weste aus und legte den Kragen ab. Als er zurückkam, hatte Angus seine Aufträge erledigt und wartete noch.

 

»Ich sagte Ihnen doch, Sie sollten das Auto in die Garage sternchenland.com fahren und heute abend nicht wiederkommen,« wiederholte Jim.

 

Lacy hielt ein Glas Whisky-Soda in der Hand, wunderte sich über Captain Featherstone und wurde ein wenig unruhig bei seinem Anblick.

 

»Haben Sie fertig getrunken?« fragte Jim, als sich die Tür hinter Angus schloß. »Nun werden wir einmal in mein Arbeitszimmer gehen.«

 

Als sie in das große Zimmer eintraten, sah Lacy, daß der Raum mehr einer Turnhalle glich. Kein Teppich lag auf dem Fußboden, und als er sich umschaute, entdeckte er ein Schwebereck und Ringe. Hinten sah er einen Punch-Ball. Jim schloß die Tür hinter sich und lud Lacy zum Sitzen ein.

 

»Ich weiß nicht, warum Sie die Ärmel so aufgerollt haben, Captain,« meinte Lacy bedrückt.

 

»Das ist auch nicht nötig, das werde ich Ihnen schon noch erklären. Sagen Sie mir mal erst, wo Miß Valerie Howett ist.«

 

»Welche Miß, mein Herr?«

 

Aber kaum hatte er die Worte ausgesprochen, als er plötzlich die eiserne Faust Jims unter seiner Kinnlade spürte und dröhnend gegen die Wand flog. Jammernd erhob er sich wieder.

 

»Warum haben Sie das getan? Sie haben mich elend geschlagen und bei Gott –«

 

»Wo ist Miß Valerie Howett?« fragte Jim ruhig.

 

»Ich weiß es nicht,« stöhnte Lacy trotzig.

 

Diesmal war er vorbereitet und versuchte auszuweichen, aber zwei blitzartige Schläge kamen durch seine Deckung, und er fiel wieder krachend zu Boden.

 

»Stehen Sie auf!« befahl Jim kurz.

 

»Ich stehe nicht auf,« sagte der Mann und strich über sein zerschlagenes Gesicht. »Ich werde Sie dafür anzeigen, Featherstone –«

 

»Stehen Sie auf,« wiederholte Jim, »und glauben Sie sternchenland.com nicht, daß ich Sie nicht schlagen kann, wenn Sie sitzen. Stehen Sie auf!«

 

»Ich will Sie in der Hölle sehen,« grollte Lacy und sprang auf, als Jims Schuhe ihn berührten. »Das werde ich Ihnen heimzahlen, bei Gott! Dafür sollen Sie büßen, Featherstone! Das werde ich am Montag Ihren Vorgesetzten berichten!«

 

»Wenn Sie dann noch am Leben sind!«

 

Lacy schaute ihn ängstlich an und sah den düsteren Blick, der Jims Worten Nachdruck gab.

 

»Ich kann Ihnen nur sagen –« schon hob er wieder die Hand – »daß ich Sie hier auf dem Fußboden fessele und Ihnen mit glühenden Eisen die Fußsohlen kitzle, bis Sie mir das verraten, was ich wissen will.«

 

»Sie werden mich doch nicht foltern!« schrie Lucy entsetzt auf. »Das können Sie doch nicht – das dürfen Sie nicht! Das ist gegen das Gesetz!«

 

»Bellamy hat mir neulich gesagt, daß er an die wohltuende Wirkung der Folter glaubt,« sagte Jim. »Damals hielt ich ihn für einen Unmenschen, aber ich sehe jetzt doch, daß er in gewissen Fällen recht hat. Seien Sie sicher, daß ich Ihnen das Fleisch von den Knochen herunterschäle, wenn Sie mir nicht bald sagen, wo Valerie Howett ist.«

 

Lacy starrte ihn einen Augenblick fassungslos an, dann sprang er mit einem gellenden Schrei zur Tür. Aber Jim stieß ihn wieder mit der Faust zurück.

 

Aber die Verzweiflung gab Lacy Mut, er griff seinen Gegner an. Jim holte kurz aus und brachte ihn mit einem Stoß vor die Brust zur Erde. Lacy schnaufte.

 

»Sagen Sie mir, wo Valerie Howett ist, dann bekommen Sie sogar noch tausend Pfund zur Belohnung von mir.«

 

»Ich sage es Ihnen auch nicht für eine Million,« keuchte Lucy. »Die können Sie doch nicht kriegen, Sie Schwein! Smith hat sie –«

 

sternchenland.com Jim hatte ihn mit der Faust am Genick gepackt, hochgehoben und schleuderte ihn jetzt wie eine Puppe gegen die Wand.

 

»Möchten Sie gerne noch etwas weiterleben, Lacy?« Jim sprach nicht laut, aber seine Stimme zitterte. »Haben Sie nicht Freunde, nicht eine Frau, die Sie gerne wiedersehen möchten?«

 

»Ich will sterben, bevor ich Ihnen das sage,« stöhnte Lacy.

 

»Sie werden krepieren, nachdem Sie es mir gesagt haben,« rief Jim und streckte ihn mit einem Faustschlag mitten ins Gesicht wieder zu Boden. Mit festem Griff riß er Lacy die Kleider vom Leibe, der den brutalen Mann entsetzt anstarrte.

 

»Ich will es Ihnen sagen,« brüllte er dann. »Sie ist an Bord der ›Contessa‹.«

 

»Sie lügen, dort ist sie nicht.«

 

»Ich schwöre es Ihnen, Captain, wir waren zusammen an Bord, als Sie gestern abend das Schiff durchsuchten. Wir waren in der Kammer für die Ankerketten versteckt. Sie wollte schreien, aber Smith hielt ihr den Mund zu. Ich kann es Ihnen auch beweisen, denn ich hörte Ihre Stimme, als Sie in die Nähe, kamen und sagten, daß sie nicht dort wäre.«

 

»Stehen Sie auf,« sagte Jim barsch und zeigte auf einen Stuhl. »Setzen Sie sich. Wann waren Sie zuletzt an Bord der ›Contessa‹?«

 

»Ich bin gestern abend von dort fortgegangen, ich fühle mich an Bord der kleinen Schiffe nicht wohl –«

 

»War die Dame denn noch dort?«

 

»Jawohl.«

 

»Wo ist sie? In welchem Teil des Schiffes wird sie versteckt?«

 

»Coldharbour Smith hat alles für sie vorbereitet. Die ›Contessa‹ soll Rum nach Amerika bringen – Smith ist eigentlich der Eigentümer. Er hat auch den Befehl gegeben, daß die Feuer unter den Kesseln gelöscht werden sollten, und sternchenland.com daß das Schiff ein oder zwei Tage lang im Pool vor Anker bleiben soll, bis die Geschichte vorüber wäre.«

 

Jim schloß die Türe auf und brachte Lacy wieder ins Wohnzimmer.

 

»So, nun trinken Sie Ihren Whisky aus.«

 

»Sie werden mich doch nicht anzeigen, Captain – nachdem Sie mich so behandelt haben?«

 

»Wenn das wahr ist, was Sie sagen, dann werden Sie nicht unter Anklage gestellt. Aber nun trinken Sie Ihren Whisky. Ich werde Sie die Nacht über gefangenhalten. Wenn Ihre Aussage stimmt, lasse ich Sie nach einigen Stunden frei. Sollten Sie aber gelogen haben, dann werde ich Sie mir kaufen und noch einmal unter vier Augen mit Ihnen reden.«

 

Lacy sagte nichts mehr.

 

Auf dem Weg nach Scotland Yard kühlte Lacy seinen geschwollenen Kopf.

 

»Haben Sie Julius Savini gesehen?« fragte Jim.

 

»Julius hat nichts mit der Sache zu tun,« sagte der andere verächtlich.

 

»Ich vermute aber, daß er sehr viel mit der Sache zu tun hat,« entgegnete Jim.

 

Kapitel 5

 

5

 

»Ist der Grüne Bogenschütze der Mörder Creagers?«

 

»Geheimnisvoller Mord folgt einem Streit mit dem Besitzer des Geisterschlosses.«

»Wer ist der Grüne Bogenschütze von Garre Castle? In welcher Beziehung steht er zu der Ermordung Charles Creagers, des früheren Gefängniswärters von Pentonville? Das sind die Fragen, die Scotland Yard zu beantworten versucht. Creager wurde gestern in seinem Garten von einem Berichterstatter des »Globe« aufgefunden, sternchenland.com nachdem er eine heftige Auseinandersetzung mit Abel Bellamy hatte, dem Chicagoer Millionär, in dessen Schloß der Grüne Bogenschütze umgeht. Creager wurde von einem grünen Pfeil getötet, wie sie vor sechshundert Jahren in Gebrauch waren …«

Abel Bellamy legte die Zeitung nieder und schaute über den Tisch zu seinem Sekretär.

 

»Wieviel von all diesen Nachrichten auf Ihr Konto kommen, weiß ich nicht,« brummte er. »Irgend jemand muß den Zeitungsberichterstattern von diesem verrückten Geist erzählt haben. Nun hören Sie einmal zu, Savini. All dieses verfluchte Geschwätz von Gespenstern macht mir gar nichts aus, haben Sie mich verstanden? Aber wenn dieses verrückte Affentheater mich nervös machen sollte und wenn Sie denken, daß Sie sich dadurch in Garre unentbehrlich machen, so will ich Ihnen etwas anderes sagen. Ich werde den Schwindel einfach zerschmettern, ohne im mindesten Scotland Yard zu fragen, glauben Sie mir!«

 

Er ging zum Fenster und starrte wütend auf die Straße. Dann drehte er sich plötzlich um.

 

»Savini, ich will Ihnen etwas sagen. Sie haben eine gute Stellung – sehen Sie zu, daß Sie sie nicht verlieren. Sie sind der einzige Sekretär, den ich jemals angestellt habe. Sie sind aalglatt und verstehen zu lügen, aber Sie passen mir gerade. Ich habe Sie aus dem Rinnstein aufgelesen – vergessen Sie das nicht! Ich weiß, daß Sie ein Schuft sind, Sie sind nie etwas anderes als ein Verbrecher gewesen – aber ich habe Sie angestellt, weil Sie ein Kerl sind, den ich gebrauchen kann. Ich habe Sie ganz und gar durchschaut, haben Sie das gehört? Sie waren damals mit einer Bande von Falschspielern zusammen, als ich Sie auflas. Die Polizei wartete nur auf eine Gelegenheit, Sie ins Gefängnis zu stecken. So habe ich alles über Sie erfahren. Als der Detektiv gestern abend kam, um mich über Creager auszufragen, war sternchenland.com eine seiner ersten Fragen an mich, ob ich wüßte, was für eine Art von Sekretär ich mir da angeschafft hätte. Wußten Sie das?«

 

Auf Savinis Gesicht konnte man die Antwort deutlich lesen. Die mattgelbe Farbe war einer aschgrauen Blässe gewichen.

 

»Ich hörte nicht zum erstenmal von Ihnen,« fuhr der Alte erbarmungslos fort, »es ist schon länger als ein Jahr her, als der Polizeichef oder Polizeiinspektor oder wie man immer solche Menschen nennt, mich wegen einer Kravattennadel aufsuchte, die ein Hotelangestellter gestohlen hatte. Ich lud ihn zum Essen ein, mit der Polizei habe ich mich immer gut vertragen, das lohnt sich. Und während wir speisten, hat er mir alles von Ihnen erzählt, so daß ich Ihre Vergangenheit genau kenne. Vermutlich glaubten Sie, daß Sie Ihre Sucht, leicht Geld zu verdienen, befriedigen könnten, als ich Sie anstellte? Aber darin hatten Sie sich geirrt. Mir gegenüber sind Sie immer ehrlich gewesen, und das hatte auch seinen guten Grund. Ich hatte Sie kaum eine Woche engagiert, als die Falschspielerbande, der Sie angehörten, aufgegriffen wurde, und Sie waren zufrieden, daß Sie nun eine Zuflucht bei mir gefunden hatten.«

 

Er ging langsam auf seinen Sekretär zu und hakte seinen dicken Finger in den Westenausschnitt Savinis ein.

 

»Das Geschwätz von dem Grünen Bogenschützen wird sehr bald sein Ende finden,« sagte er bedeutungsvoll. »Und das wäre auch besser. Ich schieße rücksichtslos auf alles Grüne, und ich brauche dem Leichenbeschauer nicht zu erklären, wie sich der Unglücksfall zutrug. In den Zeitungen konnten Sie lesen, daß schon einmal ein Grüner Bogenschütze eines schnellen Todes starb – es ist leicht möglich, daß sich das wiederholt!«

 

Bellamy packte seinen Sekretär fester und ohne sichtliche Anstrengung schüttelte er den hilflosen jungen Menschen hin und her.

 

sternchenland.com »Sie wissen, daß ich ein Raufbold bin, aber Sie denken, ich bin leicht zu durchschauen – Sie irren sich! Aber alle Ihre Schliche durchschaue ich und bin Ihnen über!«

 

Plötzlich streckte er seinen Arm aus und Savini taumelte rückwärts.

 

»Den Wagen um fünf Uhr!« Mit einer Seitwärtsbewegung des Kopfes entließ Bellamy seinen Sekretär für den Tag.

 

Savini ging auf sein Zimmer und kam geistig und körperlich allmählich wieder zu sich. Er war verstört und erholte sich nur allmählich von seiner Furcht. Er stützte die Arme auf den Schreibtisch und schaute nachdenklich auf sein braunes Gesicht im Spiegel.

 

Er hatte nur die Wahrheit gesprochen, als er die ganze Verantwortung für die Geschichte des Grünen Bogenschützen den Zeitungen zuschob. Er hatte viel gute Gründe, um das Neuauftauchen dieser sonderbaren Erscheinung nicht in die Öffentlichkeit kommen zu lassen. Der alte Bellamy wußte also alles! Diese Entdeckung erschreckte ihn zuerst, aber nun war sie ein Trost für ihn. Er hatte schon in Schrecken und Sorge gelebt, daß eines guten Tages sein Vorleben entdeckt werden könnte, aber warum er das fürchtete, ahnte selbst Abel Bellamy nicht. Die sanften, braunen Augen, die ihm aus dem Spiegel entgegenschauten, lächelten. Abel Bellamy vermutete es nicht! Er schaute auf seine Uhr. Es war kurz nach neun, und der ganze Tag bis fünf gehörte ihm. Alle die Entschuldigungen, die er sich zurechtgelegt hatte, um auszugehen, brauchte er nun nicht. Wenn man Bellamy dienen wollte, mußte man ihn absolut allein lassen, wenn er keine Gesellschaft wünschte. Und es gab Tage, an denen er den Alten von morgens bis abends nicht sah, an anderen Tagen wieder waren alle Stunden ausgefüllt mit Korrespondenz, denn Bellamy ließ die Beantwortung von Briefen zusammenkommen.

 

sternchenland.com Ein Mietauto brachte ihn vor das Portal eines großen Häuserblocks in Maida Vale. Er ließ sich auch nicht von dem Liftboy hinauffahren, sondern ging zu Fuß die Treppe in die Höhe, zog einen Schlüssel aus seiner Tasche und öffnete Tür Nr. 12.

 

Bei dem Geräusch des Aufschließens trat eine Frau mit einer Zigarette im Mund in den Gang hinaus, um sich nach dem Besucher umzusehen.

 

»O, du bist es!« sagte sie gleichgültig, als er die Tür hinter sich schloß und seinen Hut an den Garderobenständer hing.

 

»Wer sollte denn sonst kommen?« fragte er.

 

»Ich habe das Mädchen ausgeschickt, um Eier zu holen,« antwortete sie, als er ihr in das kleine, gutmöblierte Wohnzimmer folgte. »Wo warst du gestern? Ich dachte, du würdest zum Abendbrot kommen.«

 

Sie hatte sich auf die Ecke des Tisches gesetzt und wippte mit den Füßen. Sie war von hübscher Gestalt, aber etwas unordentlich in ihrer Kleidung. Dichte blonde Haare umrahmten ihr Gesicht mit den schönen dunklen Augen. Die Puderschicht schien ein wenig unnötig, aber sie gab ihm die Erklärung.

 

»Sieh mich nicht an,« sagte sie, als er sie neugierig und eingehend betrachtete. »Ich war zum Tanzen aus bis drei Uhr, und ich habe noch nicht gebadet. Heute morgen bekam ich einen Brief von Jerry,« fügte sie plötzlich hinzu und lachte über das erstaunte Gesicht, das er machte.

 

Sie sprang vom Tisch und holte einen blauen Briefumschlag vom Kamin.

 

»Ich will es gar nicht sehen, ich hasse die Berührung von Dingen, die aus dem Gefängnis kommen.«

 

»Du kannst von Glück sagen, daß du selbst nicht dort bist, mein Junge,« sagte sie und steckte sich eine frische Zigarette mit dem Stummel an, den sie eben zu Ende geraucht hatte. »Jerry wird in sechs Monaten aus dem Gefängnis kommen. sternchenland.com Er möchte gerne wissen, was du für ihn tun wirst. Du bist ja jetzt ein Millionär, Julius.«

 

»Sei doch nicht verrückt,« sagte er rauh.

 

»Bellamy ist es wenigstens, und da kannst du doch verschiedenes erben.«

 

»Sicher gibt es dort viel zu erben.« Er steckte die Hände in die Hosentaschen, schlenderte zum Fenster und stellte sich so, daß sein Gesicht im Schatten war.

 

»Eine halbe Million gibt es für uns in Garre.«

 

»Meinst du Dollars oder Pfund?« fragte sie ohne große Begeisterung.

 

»Pfunde.«

 

Sie lachte leise.

 

»Der alte Bellamy würde sehr besorgt sein, wenn er wüßte –«

 

»Er weiß. Er ist von allem unterrichtet.«

 

Sie schaute ihn erstaunt an.

 

»Daß du – ?«

 

Er nickte.

 

»Daß ich viel auf dem Kerbholz habe –. Er sagte mir heute morgen, daß ich ein Verbrecher wäre.«

 

»Was ist das eigentlich für eine Geschichte mit dem Grünen Bogenschützen?« fragte sie und erhob sich, um die Tür zu schließen, als sie hörte, daß das Mädchen zurückkam. »Ich habe heute morgen die Sache in der Zeitung gelesen.«

 

Er antwortete nicht gleich.

 

»Ich habe nichts bemerkt,« sagte er dann. »Einer von den Dienstboten glaubt ihn gesehen zu haben, und der Alte hat mir gesagt, daß jemand seine Tür während der Nacht geöffnet hätte.«

 

»Das warst du natürlich!« Aber zu ihrem größten Erstaunen schüttelte er den Kopf.

 

»Es liegt doch gar kein Grund vor für solche nächtliche, Streifzüge. Ich kenne jeden Teil des Schlosses genau und sternchenland.com der Geldschrank ist ein Ding, das ich nicht allein übernehmen kann. Dazu gehört ein Sachverständiger.« Er legte die Stirn in nachdenkliche Falten. »Ich möchte dir sagen, was ich darüber denke. Unsere alte Gesellschaft löst sich auf. Jerry ist im Gefängnis, ebenso Ben; Walters ist nach dem Festland hinüber. Nur du und ich sind übriggeblieben. Die Sache ist erledigt, und wir wollen sie auch erledigt sein lassen. Was haben wir beide denn auch schon groß daran verdient? Ein paar Pfund die Woche mit harter Arbeit, davon kann man nichts zurücklegen, wenn wir alle die Unkosten abziehen. Die Sache war zu klein angelegt. Und dumme Leute, die man neppen kann, werden selten. Aber hier können wir eine halbe Million bekommen, wenn wir uns dranhalten. Ich kann dir nur versichern, ich bin schon halb entschlossen, selbst einen Mord zu riskieren, um das Geld zu bekommen!«

 

Er legte den Arm um sie und küßte sie, aber ihr Argwohn war schnell erwacht.

 

»Worin besteht denn dein großer Plan? Ich traue dir nicht, Julius, wenn du zärtlich wirst. Soll ich etwa hingehen und den Geldschrank aufbrechen oder so etwas Ähnliches?«

 

Er sah ihr gerade in die Augen.

 

»Ich weiß einen Ort – Sao Paolo – wo ein Mann wie ein Fürst leben kann, wenn er die Zinsen von hunderttausend Dollars zu verzehren hat. Das ist so ungefähr die Summe, die mir der alte Teufel zahlen wird, vielleicht auch mehr. Garre Castle birgt ein Geheimnis, Fay. Es mag auch sein, daß es hunderttausend Pfund wert ist und wenn es hart auf hart kommt, so habe ich eine Flasche unsichtbare Tinte und die ist mindestens Zwanzigtausend wert.«

 

Julius liebte es, sich geheimnisvoll auszudrücken und freute sich, als er die Verwunderung auf dem Gesicht seiner Frau las. sternchenland.com

 

Kapitel 50

 

50

 

Valerie Howett brachte den größten Teil des Tages in der Schlafkabine zu. Als sie sich näher umschaute, verstärkte sich ihre Überzeugung, daß dieser Platz besonders für sie vorbereitet worden war. Die Zeit wurde ihr lang, und der Tag wollte kein Ende nehmen.

 

Aus der Schlafkammer führte eine Öffnung, die erst vor kurzem in die Holzwand gesägt worden sein mußte, zu einem anderen kleinen Raum, den Smith als Waschraum bezeichnet hatte. Er war zugleich der einzige Baderaum auf dem sternchenland.com Dampfer. Die Tür auf der anderen Seite, die zu dem Verbindungsgang führte, war fest verschlossen, und die Deckel waren so dicht über die runden Kabinenfenster geschraubt, daß sie trotz aller Kraftanspannung nicht imstande war, sie zu öffnen.

 

Sie entdeckte, daß sich zwischen dem Salon und der Schlafkabine eine Schiebetür befand. Die Falten des Vorhangs hatten sie ihr zuerst verborgen. Diese Tür bot ihr wenigstens einen gewissen Schutz, denn sie konnte von innen geschlossen weiden. Aber sie sagte sich auch, daß es leicht war, sie einzuschlagen.

 

Sie hatte den Auftritt zwischen Smith und Julius beobachtet und später gewagt zu fragen, was aus ihm geworden sei.

 

»Der ist in Sicherheit« war alles, was Smith ihr erwiderte.

 

Es war eine der fürchterlichsten Qualen dieses Tages, daß Coldharbour Smith die Mahlzeiten mit ihr zusammen einnahm. Er war ohne jegliche Erziehung, und seine Manieren waren kaum zu ertragen.

 

»Sie werden sich mit der Zeit schon an mich gewöhnen, meine liebe Valerie,« sagte er, während er laut schmatzte. »Ich muß sagen, daß ich schon anfange, Sie gern zu haben, und ich bin nicht so veranlagt, daß ich mich so ohne weiteres in ein fremdes Mädel vergaffe. Nun sehen Sie, im ›Goldenen Osten‹ …«

 

Valerie hörte zu und schüttelte sich vor Widerwillen. Aber er schien ihre Abneigung gegen sein früheres Lokal als eine Ermutigung aufzufassen.

 

»Wir werden noch heute in See gehen. Der Kapitän glaubt, daß wir gegen Abend dicken Nebel haben und ohne bemerkt zu werden, den Fluß hinunterfahren können. Die Polizei wird uns nicht wieder anhalten.«

 

»Sie dürfen nicht hoffen, zu entkommen,« sagte sie plötzlich sternchenland.com heftig. »Bilden Sie sich etwa ein, daß ich Sie nicht sofort bei der Polizei anzeige, wenn ich dort angekommen bin, wohin Sie mich bringen wollen?«

 

Er lachte vergnügt.

 

»Dann werden Sie mit mir verheiratet sein, und Ihre Aussage steht dann gegen meine.«

 

»Wo ist meine Mutter?« fragte sie plötzlich sprunghaft.

 

Er mußte noch lauter lachen.

 

»Ich weiß nicht, der Alte hat sie vor Jahren beiseite geschafft. Es hat auch keinen Sinn, daß ich sage, ich wüßte nichts, denn sie hat früher in meinem Haus in Camden Town gewohnt, aber sie hat sich dort nur eine Woche lang versteckt.«

 

»Versteckt?«

 

Coldharbour nickte.

 

»Vor Bellamy. Er hat sie nämlich sehr gern gehabt, so wie ich Sie jetzt gern habe. Aber sie hat seine Anträge immer abgewiesen. Ich hatte gerade einen Auftrag für ihn ausgeführt und viel Geld verdient. Er wußte, daß sie sich nach einer anderen Wohnung umsah und bat mich, sie aufzusuchen. Und da habe ich ihr denn gesagt, daß ich gehört hätte, sie brauchte Räume, und ich hätte so eine kleine Wohnung, die für sie passen würde. Sie kam auch zu mir, und ich habe ihr nur eine kleine Miete abverlangt. Sie dachte, Bellamy wäre nach Amerika gegangen – der ist so schlau, er hat immer sechs Alibis für den Fall, daß es Unannehmlichkeiten gibt. Aber er ist damals nur scheinbar abgefahren, in Queenston ist er wieder umgekehrt. Aber sie fühlte sich sicher. Eines Abends habe ich ihr dann dieselbe Geschichte erzählt, mit der Lacy Sie weggebracht hat. Sie ging mit mir nach Garre, weil ich ihr erzählte, daß dort ein kleines Mädchen auf sie wartete –? und das waren Sie. Sie hätten aber gar nicht so klein sein können. Sie müssen mindestens sechzehn Jahre gewesen sein. Als ich sie damals in die Burg brachte, habe ich sie zum sternchenland.com letztenmal gesehen.« Dann lächelte er, als ob er mehr wüßte. »Der Alte sagt zwar, sie ist entkommen –«

 

»Entkommen!«

 

Valerie sprang auf, ihre Augen glühten vor Erregung.

 

»Bleiben Sie ruhig sitzen und regen Sie sich nicht weiter auf. Bellamy lügt. Sie ist gestorben, das ist nämlich der Sinn der ganzen Sache. Er hat einem niemals die Wahrheit gesagt.« Er runzelte die Stirn und sah noch gemeiner aus als sonst. »Ich bin dem Alten irgendwie zu Dank verpflichtet – aber ich mochte beinahe wünschen, sie wäre entwischt – aber das ist ja alles nur Erfindung. Das ganze Gerede vom Grünen Bogenschützen ist Unsinn. Abel hat die Geschichte nur aufgebracht, damit er eine Entschuldigung hat, daß die Frau verschwunden ist. Das wäre solch ein Spaß, der Grüne Bogenschütze!« Er lachte vor sich hin.

 

Valerie dachte angestrengt nach. Wenn es wahr wäre – und es konnte doch wahr sein – dann hätte sie wenigstens eine Erklärung dafür, daß Bellamy sich gerächt hatte. Aber dann überlegte sie sich, daß er ihre Entführung lange vor der Flucht der Frau geplant hatte. Er mußte schon daran gedacht haben, als ihm klar wurde, daß Valerie Howett das Kind war, das er vor dreiundzwanzig Jahren gestohlen hatte.

 

»Sie ist bestimmt tot,« sagte Coldharbour Smith überzeugt. »Man kann eine Frau nicht acht Jahre lang in einem unterirdischen Gefängnis einsperren, ohne daß sie stirbt. Selbst in Dartmoor, wo man doch frische Luft und Bewegung hat –«

 

»Dann war sie die ganze Zeit dort?« fragte Valerie aufgeregt.

 

»Na, selbstverständlich war sie die ganze Zeit dort!« sagte Smith verächtlich. »Ich weiß zwar nicht, in welchem Teil des Schlosses sie saß, aber sie war dort.«

 

Diese Unterhaltung war beim Mittagessen geführt worden. Sie hatte nichts von den Speisen anrühren können. Am sternchenland.com Nachmittag bemerkte sie, daß Leben an Bord des Schiffes kam. Sie hörte dauernd Kommandorufe und Schritte über sich. Man hatte eine Pumpe in Bewegung gesetzt, und ihr dauerndes Geräusch lenkte Valeries Aufmerksamkeit ab.

 

Sie hatte noch keinen der Offiziere oder der Mannschaften gesehen mit Ausnahme des schwarzen Stewards, der die Mahlzeiten servierte. Aber sie vermutete, daß es nur wenige sein konnten und dachte darüber nach, wo die Kabine des Kapitäns liegen könnte. Was mochte mit Julius geschehen sein? Es war ihr unmöglich, ihre Gedanken auf Jim, ihren Vater oder ihre eigene Lage zu konzentrieren.

 

Zum Abendessen kam Smith wieder in ihre Kabine, und sie bemerkte auf den ersten Blick, daß er getrunken hatte. Auf seinem ungesund weißen Gesicht zeigten sich zwei rote, scharf abgegrenzte Flecke. Er sah aus wie eine häßliche Puppe, der man die Backen schlecht angemalt hatte.

 

»Mein liebes, hübsches, kleines Mädchen, geht’s dir gut?« fragte er mit lauter Stimme. »Ich habe dir etwas Wein gebracht – verdammt noch mal, das ist ja Rum!«

 

Er kreischte laut vor Vergnügen über seinen eigenen Witz.

 

»Die Abstinenzler drüben sind eine verrückte Bande, aber wir haben eine Menge Geld an ihnen verdient.«

 

Er stellte geräuschvoll eine dunkle Flasche auf den Tisch, als er sich niedersetzte.

 

»Der olle Julius, was? Kommt hier ans Deck gekrochen, um mich der Polizei zu verraten! Hat seine kleine Frau im Stich gelassen, um auf dem Meer zu leben. Können Sie das verstehen? Aber seine Frau ist ja auch gar nicht so hübsch wie meine!«

 

Er schaute sie an und versuchte ihre Hand zu nehmen. Als ihm das nicht gelang, zog er mit seinen Zähnen den Korken aus der Flasche und goß sich ein Glas ein.

 

»Trinken!« befahl er.

 

Sie stellte das Glas zur Seite.

 

sternchenland.com »Trinken!«

 

»Ich will nicht trinken!« sagte sie und stieß das Glas fort, so daß es auf den Boden fiel.

 

Das machte ihm scheinbar den größten Spaß.

 

»Das habe ich gern – Temperament!« Er lachte. Und ohne weitere Worte machte er sich an die großen Schüsseln, die der Steward auf den Tisch gesetzt hatte.

 

Plötzlich wischte er sich den Mund ab und goß noch ein anderes Glas Kognak hinunter. Dann erhob er sich unsicher.

 

»Mein kleiner Liebling,« begann er wieder und kam auf sie zu.

 

Sie drehte sich schnell auf dem Drehstuhl herum und wich ihm aus.

 

»Na, so komm doch zu mir,« rief er. »Ich möchte –«

 

Aber mit dem Mut der Verzweiflung stieß sie ihn zurück, machte sich aus seinen Händen frei, lief in ihre Schlafkabine, zog die Türe zu und riegelte sie ab.

 

»Komm heraus!« brüllte er und schlug wild an die Türfüllung. Die Bretter bogen sich, aber sie brachen nicht durch. Coldharbour Smith wurde wütend. Er riß und zerrte mit seinen Händen an dem Holz, er stieß und schlug und führte drohende und schreckliche Reden.

 

»Ich werde dich schon herausholen,« hörte sie ihn mit heiserer Stimme schreien. Sie zitterte an allen Gliedern. »Savini hat dir Grillen in den Kopf gesetzt – Savini …!«

 

Er verließ die Kabine und ging mit schweren Schritten quer über das Deck, das zwischen dem Salon und der Kammer für die Ankerketten lag. Vollkommen betrunken, aufgeregt und wahnsinnig vor Wut, wollte er Savini umbringen.

 

Er schob die Riegel zurück und riß die Tür auf.

 

»Savini, ich drehe Ihnen das Genick um – hören Sie?«

 

Es kam keine Antwort. Er tastete den dunklen Raum ab, wo er seinen Gefangenen gelassen hatte.

 

Aber Savini war verschwunden. sternchenland.com

 

Kapitel 43

 

43

 

Bellamy wartete im Park auf Savinis Rückkehr. Er schien ungeduldig zu sein, denn er hielt den Wagen mit vorgestreckter Hand an, als er erst halbwegs eingefahren war. Julius sprang sofort heraus.

 

»Haben Sie mit Ihrer Frau gesprochen?« fragte Bellamy barsch.

 

»Jawohl, mein Herr, ich habe sie gesehen.«

 

»Wird sie das tun, was Mr. Smith ihr aufgetragen hat?«

 

»Nein,« erwiderte Julius kühl. »Sie will die Aufgabe nicht übernehmen.«

 

»Vermutlich wissen Sie, daß ich Sie dann hinauswerfe!«

 

»Das wird mir sehr leid tun, mein Herr –« begann Julius.

 

»Geben Sie mir das Geld,« brummte Bellamy und sein Sekretär zahlte ihm die Scheine in die Hand, die er von der Bank geholt hatte.

 

Julius war schon nahe am Hauseingang, als er von Bellamy zurückgerufen wurde.

 

»Hat Ihnen Ihre Frau erzählt, was Mr. Smith von ihr wollte?«

 

»Nein.«

 

Bellamy sah ihn scharf an.

 

»Dann ist es gut,« sagte er.

 

Er bestellte sich das Abendessen ausnahmsweise früh, denn er hatte nicht zu Mittag gespeist. Das machte aber der grauen Dame nichts aus, sie hatte einen Vorrat an Konserven, den sie benutzen konnte, wenn Bellamy sie eines Tages, wie es öfter vorkam, nicht besuchte. Einst hatte er absichtlich ihre Vorräte ausgehen lassen und ihr zwei Tage lang keine Nahrung gebracht. Aber sie hatte sich zu seinem größten Ärger nicht im mindesten über seine Niedertracht beschwert.

 

sternchenland.com Die Burg war sein Augapfel, aber das Geheimnis des unterirdischen Gefängnisses war ihm das Wichtigste. Mit seinen eigenen Händen hatte er die Möbel hineingetragen, die Gasleitung angeschlossen und die Entlüftungsanlage eingebaut. Er hätte auch elektrisch Licht hineingelegt, wenn es nicht so gefährlich gewesen wäre. Neugierige Elektriker wären dann in die Burg gekommen, vor denen er elektrische Leitungsdrähte nicht gut hätte verbergen können. Er hatte eine Woche lang daran gearbeitet, einen der alten Kamine des Hauptgebäudes mit dem unterirdischen Raum zu verbinden und die Entlüftungsanlage in Gang zu bringen.

 

Das Abendessen wurde ihm in der gewöhnlichen Menge um sechs Uhr gebracht. Julius, der das Auftragen des Eßtisches überwacht hatte, zog sich zurück. Diesen Abend hatte Bellamy zuerst gegessen, bevor er die Speiseschüsseln nach unten trug. Er dachte über den Grünen Bogenschützen nach. Wie wundervoll wäre es doch, wenn er ihn gefangen nehmen und drunten in den untersten Kerkern einsperren könnte. Ein festes Eisengitter müßte vor seiner Zelle sein, und er würde ihn dann jahrelang jeden Tag besuchen bis zu seinem Tode. Er malte sich das alles in den glühendsten Farben aus. Er konnte ihn dort unten solange gefangen halten, bis ihn der Wahnsinn überkam. Bellamys Atem ging schneller bei diesem Gedanken. Wer mochte nur der Grüne Bogenschütze sein? Zuerst hatte er Julius im Verdacht, dann glaubte er, daß es der naseweise Polizeibeamte Featherstone wäre, vielleicht war es aber auch eine Frau. Valerie? Dann würde seine Rache süß sein. Er wollte einen neuen Kerker für sie auf der untersten Kellersohle anlegen. Aber er verwarf den Gedanken gleich wieder. Sein anderer Plan war viel besser. Smith! Er schüttelte sich vor Lachen, als er sich erhob und den Schreibtisch zurückschob.

 

Er nahm sich viel Zeit, denn er war nicht in der Stimmung, sich zu beeilen. Er drehte den Stein wieder um seine schwingende sternchenland.com Achse, aber dann zögerte er und stieg die Treppe nicht gleich hinunter. Er versuchte erst, sich über Valerie Howett klar zu werden. Was war das Beste? Sollte Smith sie mit sich nehmen? Aber er traute Smith nicht recht. Konnte er sich darauf verlassen, daß er der Tochter von Elaine Held das Leben zur Hölle machte?

 

Er nahm das Tablett mit den Schüsseln, stieg in die Dunkelheit hinab, steckte das Gaslicht an und öffnete die Türe. Als er das Tablett auf den Tisch stellte, rief er die Frau bei Namen. Er ging direkt in ihr Schlafzimmer und stieß die Tür auf.

 

»Hier ist dein Essen! Antworte mir doch, wenn ich dich rufe!« brüllte er.

 

Aber nur das Echo seiner Stimme kam zurück.

 

»Elaine!« rief er.

 

Hatte sie seinen Rat befolgt? War sie tot? War sie ihrer Gefangenschaft entronnen? Hatte sie die Gashähne aufgedreht? – Aber er konnte keinen Gasgeruch wahrnehmen.

 

Er stieß die Küchentür auf, sie war leer, ebenso der Baderaum. Er eilte wie ein Wahnsinniger von einem Raum zum andern. Er lief um die großen Steinpfeiler des Hauptraums herum, als ob es möglich wäre, daß sie sich hinter ihnen versteckt hielt. Er warf mit einem Fußtritt das Sofa um, dann eilte er zur Türe zurück und schaute hindurch.

 

»Elaine!« schrie er wild.

 

Aber sie war nicht mehr da. Die graue Dame war verschwunden!

 

Wo mochte sie sein? Sie mußte sich doch hier unten in den Räumen aufhalten – es war gar nicht anders möglich! Es gab keinen anderen Ausweg! Die Wände waren aus starkem, massiven Mauerwerk, keine geheimen Türen oder Gänge führten in dieses Gefängnis, obwohl man ihm erzählt hatte, daß es solche in Garre Castle in großer Menge sternchenland.com geben sollte. Aber er hatte noch nichts davon gefunden, obgleich er jeden Stein und jede Platte in den Gängen und Räumen untersucht hatte.

 

Er eilte in ihr Schlafzimmer und zog dag Bett von der Wand weg. Vielleicht hatte sie sich dort verborgen, um ihm einen Schrecken einzujagen. Aber auch hier war niemand. Ihre wenigen Kleidungsstücke hingen an zwei Haken an der Wand, die er einst mit großer Mühe dort befestigt hatte.

 

Er setzte sich verwirrt nieder und vergrub den Kopf in den Händen. Elaine war fort – aber wohin konnte sie entflohen sein? Wie war sie herausgekommen? Es gab doch nur den einen Weg, der durch die Bibliothek führte. Aber selbst wenn sie durch die verriegelte Tür gekommen wäre, hätte sie den Ausweg in die Bibliothek nicht gefunden. Es war unmöglich, daß sie auf diesem Weg entkommen war.

 

Der Grüne Bogenschütze … immer wieder kehrten seine Gedanken zu ihm zurück. Aber auch er hatte nicht durch den Boden zu ihr kommen können. Kein anderer Schlüssel konnte dieses Schloß öffnen, das ein deutscher Schlosser auf besondere Bestellung gefertigt hatte. Auch den Geldschrank öffnete der schmale, dünne Schlüssel, der die schweren Schließbolzen bewegte und den großen Stein festhielt.

 

Er trug die Speiseschüsseln zur Bibliothek zurück und untersuchte die Platte genau, bevor er sie wieder schloß. Aber er konnte keinen Riß oder Kratzer auf der Oberfläche entdecken, woraus er hätte schließen können, daß sie geöffnet worden war. Es gab kein Duplikat dieses Schlüssels und es war unmöglich, daß Elaine diesen Weg genommen hatte.

 

Es war fast neun Uhr, als er wieder aus der Bibliothek herauskam. Julius starrte ihn entsetzt an, denn in den letzten drei Stunden hatte sich das Aussehen des Alten vollständig verändert. Seine Augen lagen tief und waren verschüttet, und sein Gesicht hatte eine schreckliche graue Farbe angenommen.

 

sternchenland.com »Stellen Sie eine Verbindung mit Limehouse für mich her,« sagte er. »Und sagen Sie Sen, daß er zu mir kommen soll.«

 

Julius wunderte sich. Niemals vorher hatte der Chauffeur Sen die Schwelle von Garre Castle überschritten.

 

Sen war Chinese. Bellamy hatte ihn entdeckt, als er einen kurzen Besuch in Seattle machte. Es war ein schlanker, wohlgebauter Mann, der auf der amerikanischen Missionsschule in Hankow erzogen worden war. Er konnte vier Sprachen verstehen, aber nicht selbst sprechen, denn er war von Geburt an stumm, Und aus diesem Grund, nicht wegen seiner Erziehung, hatte Bellamy ihn auch engagiert. Er ließ ihn in einer Autofahrschule unterrichten. Der Chinese war nun schon achtzehn Jahre in seinen Diensten. Er wohnte über der Garage, die Bellamy in der äußersten Ecke des Parkes erbaut hatte. Hier lebte er einfach und hielt seine Wohnung äußerst sauber. Seine ganze freie Zeit, in der er sich nicht dem Rolls Royce-Wagen widmen mußte, brachte er mit der Übersetzung des »Lun Yii«, dieses »Buchs der Bücher«, zu. Welches Gehalt Sen bekam, wußte außer ihm nur Bellamy, und wozu er es verwendete, ahnte nicht einmal sein Herr.

 

Sen verehrte Bellamy abgöttisch, obgleich dieser im Lauf eines Jahres nicht ein Dutzend Sätze zu ihm sprach. Sen war der einzige Mann in der Welt, den Abel nicht quälte und peinigte. Er bekam seine Befehle durch ein Privattelephon und drückte einmal auf eine Glocke zum Zeichen, daß er den Auftrag verstanden hatte, oder zweimal, wenn man ihm die Botschaft wiederholen sollte. Für einen Chinesen sah er sehr gut aus, hatte dunkle, geheimnisvolle Augen und schöne, regelmäßige Züge. Wenn er seine Uniform trug, konnte man seine Nationalität nicht erkennen. In einer Seitentasche am Führersitz bewahrte er eine Anzahl großer Karten auf. »Ich bin stumm, aber ich verstehe Sie«, stand auf der einen, auf der anderen Karte waren all die verschiedenen Gegenstände sternchenland.com und Dinge angegeben, die er unterwegs anschaffen mußte, z. B. Benzin, Gummireifen usw.

 

Sen wurde vollständig von dem Haushalt im Schloß ferngehalten. Er vermied es selbst, Julius zu treffen, und der einzige Versuch, den der Privatsekretär gemacht hatte, sich mit ihm anzufreunden, wurde durch einen kalten Blick und einen eiligen Rückzug Sens beantwortet.

 

Featherstone hatte manches von den Beziehungen dieses Mannes zu Bellamy herausgebracht. Als Sen seinen Herrn einmal zu einer benachbarten Stadt brachte, hatte Jim seine Wohnung durchsucht, aber er hatte nichts besonderes gefunden außer einer großen Bibliothek chinesischer Bücher und einer musterhaft sauberen Wohnung.

 

Bellamy hatte sich schon einmal überlegt, ob er nicht den Chinesen als Wachtposten in der Burg gegen den Grünen Bogenschützen brauchen könnte, aber dann hatte er den Plan doch wieder fallen lassen. Da es Sen unmöglich war, sich durch Worte oder Schreie verständlich zu machen, konnte man ihn nicht dazu verwenden.

 

Julius rief den Chauffeur an, der sich sofort durch ein Zeichen meldete.

 

»Mr. Bellamy wünscht, daß Sie sofort zu ihm kommen. Er braucht den Wagen nicht, er will Sie selbst sehen.«

 

Sen kam sofort. Er trug einen seidenen Chinesenrock mit großen Ärmeln, in dessen Falten er seine Hände verbarg.

 

»Bringe den zweiten Wagen nach Newbury Junction, warte dort in der dunklen Straße, die zu der Station führt, und ändere die Nummerntafel. Dort wirst du einen Mann finden, der in das Auto einsteigt. Fahre ihn zu dem Ziel, das er dir bezeichnet und komme in der Nacht noch nach Garre zurück.«

 

Sen neigte den Kopf und wartete auf weitere Instruktionen. Als er keine weiteren Befehle erhielt, entfernte er sich. sternchenland.com

 

Kapitel 44

 

44

 

Jim Featherstone kleidete sich an, um an einem Festessen teilzunehmen. Sein Diener machte eine Bemerkung, daß sich sein Herr nicht sehr auf den Abend zu freuen scheine, an dem er so viele alte Kriegskameraden wiedersehen sollte. Er ging nämlich heute zu dem Jahresdiner seines alten Regimentes.

 

»Angus, Sie haben die Wahrheit gesagt. Ich bin im Augenblick gar nicht begierig, patriotische Reden zu hören, in denen von den Kriegsgefahren gesprochen wird, die wir zusammen durchgemacht haben.«

 

»Vielleicht, wenn Sie ein oder zwei Glas getrunken haben?« begann der Diener.

 

»Wenn Sie damit meinen, daß ich nur glücklich bin, wenn ich mich betrinke,« entgegnete Jim ärgerlich, »dann kann ich Ihnen nur sagen, Angus, daß das eine große Lüge ist. Ich möchte bloß nicht zu diesem Essen gehen, weil ich lieber wo anders wäre.«

 

»Heute abend ist eine Premiere im neuen Operettentheater.«

 

»Da möchte ich erst recht nicht dabei sein, um Operettenpremieren kümmere ich mich im allgemeinen wenig.«

 

»Sie werden sich sicher besser in Ihrem Klub amüsieren, wenn Sie eine Partie Bridge spielen.«

 

»Dabei würde ich mich sehr langweilen,« entgegnete Jim ungeduldig. »Mischen Sie sich nur nicht in meine Angelegenheiten, Angus.«

 

»Nein, mein Herr, das wäre das Letzte, was ich täte. Sie haben Ihre Krawatte aber nicht gut umgebunden.«

 

Während Jim sie schnell und geschickt in Ordnung brachte, überlegte er, was wohl der gesetzte Angus sagen würde, wenn er wüßte, daß er viel lieber in einem Wohnzimmer in Garre säße und in die Augen des schönsten Mädchens schauen sternchenland.com möchte, das es auf der Welt gab. Angus würde ihn wahrscheinlich verachten, denn er war zufrieden, wenn er zu Hause bei seiner Mutter war und Kaninchen großziehen konnte, um dadurch einen Nebenverdienst zu haben.

 

Später wurde Jim wahrend des Festessens doch von der allgemeinen freudigen Stimmung angesteckt, und es tat ihm leid, daß er vorher so geringschätzig davon gedacht hatte. Er traf viele alte Freunde wieder, mit denen er schwere Zeiten in Flandern verlebt hatte.

 

Der offizielle Teil des Festes war um elf Uhr zu Ende. Jim verließ die Gesellschaft und begab sich nach Scotland Yard, um zu prüfen, was inzwischen für Berichte eingelaufen waren, denn er vertrat augenblicklich einen höheren Beamten, der auf Urlaub war.

 

In seinem Büro las er schnell die kurzen Nachrichten der Polizeistationen und die Protokolle der Verhaftungen durch, als plötzlich der Beamte vom Nachtdienst hereinkam.

 

»Eine Dame möchte Sie sprechen, mein Herr,« sagte er.

 

»Hat sie denn schon auf mich gewartet?«

 

»Nein, sie ist eben erst gekommen.«

 

»Wer ist es denn?« fragte Jim und dachte plötzlich an Valerie.

 

»Ich kenne sie nicht. Sie sagt, sie müßte Sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen. Es ist eine Miß Clayton.«

 

»Fay?« fragte Jim erstaunt. »Führen Sie die Dame bitte herein.«

 

»Das ist ja eine unerwartete Überraschung,« sagte er, als sie eintrat.

 

Sie stand in der Türöffnung und sah ihn an. Selbst gegen ihren Willen mußte sie ihn bewundern, denn Jim machte in seinem Frack eine gute Figur. Die Kriegsauszeichnungen und Orden blitzten auf seiner Brust.

 

»Niemand würde denken, daß Sie ein Polizeibeamter sind, Featherstone. Sie sehen beinah wie ein Gentleman aus.«

 

sternchenland.com »Wollen Sie nicht Platz nehmen? Weshalb kommen Sie hierher, Fay?«

 

»Ich wünschte nur, Sie würden mich endlich einmal nicht mehr Fay nennen,« sagte sie etwas geziert. »Es ist Ihnen doch bekannt, daß ich verheiratet bin. Nicht daß ich die Sache tragisch nehme. Aber Featherstone,« fuhr sie plötzlich ernst fort, »Sie müssen sehr vorsichtig sein, daß dem Mädchen nichts zustößt.«

 

»Welchem Mädchen? Meinen Sie Miß Howett?«

 

Sie nickte.

 

»Irgendeine Gefahr ist im Anzug, aber ich weiß noch nicht genau, was es sein wird. Coldharbour Smith hat mich diesen Morgen besucht. Wahrscheinlich kennen Sie ihn. Natürlich müssen Sie ihn kennen!«

 

»Was war es denn mit Coldharbour Smith?« fragte er ungeduldig. »Worum handelt es sich? Seien Sie nicht böse, daß ich so brüsk frage,« sagte er, als er sah, daß sie seine aufgeregten Worte verletzten. »Aber ich bin wirklich in großer Sorge.«

 

»Er erzählte mir von einem großen Plan, sich einen Spaß mit Miß Howett zu machen. Aber ich glaube, das ist nur ein Vorwand. Er sagte, daß Miß Howett nach ihrer Mutter sucht, und ich sollte ihr mitteilen, daß sich diese Dame in Coldharbours Club, im ›Goldenen Osten‹ aufhielte. Wenn ich dadurch ihr Interesse erweckt hätte, sollte ich sie nach Limehouse bringen und dann wäre meine Aufgabe beendet. Fünfhundert Pfund wollte er mir dafür geben. Was denken Sie darüber, Captain Featherstone?«

 

Sein Gesichtsausdruck machte die Beantwortung der Frage überflüssig.

 

»Wann sollte dieser Plan ausgeführt werden?«

 

»Ich weiß es nicht, mir ist kein bestimmter Abend angegeben worden, aber es sollte wohl noch diese Woche geschehen.«

 

sternchenland.com Er war aufgestanden, ging zu dem Kamin und schaute auf die glühenden Kohlen. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen und vermutete, daß er es nicht sehen lassen wollte. Aber nach einer Weile drehte er sich zu ihr um.

 

»Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr ich Ihnen für Ihr Vertrauen danke, Mrs. Savini. Sie haben wie jede anständige Frau gehandelt, als Sie dieses Angebot ablehnten, und ich kann Ihnen nur sagen, daß ich auch nichts anderes von Ihnen erwartet hatte.«

 

Fays Wangen färbten sich rot. Das war das erste Kompliment, das sie seit langen Jahren gehört hatte.

 

»Ich weiß wohl, daß dies ein Verrat ist. Ich hätte früher nie im Traum daran gedacht, so etwas zu tun.«

 

»Aber Sie haben es nun getan und es soll nur zu Ihrem Vorteil gereichen.« Er schaute auf seine Uhr, es war halb zwölf. »Ich will versuchen, Spike Holland anzurufen.«

 

»Heute morgen telephonierte ich –« begann sie.

 

Er wandte sich schnell um.

 

»Sie waren es, Fay? Miß Howett sagte mir, daß jemand sie anrufen wollte. Was für eine gute Seele Sie doch sind.«

 

Er ging zu ihr und reichte ihr die Hand. Und obwohl sie die Stirn in Falten legte, gab sie ihm doch die ihre.

 

»Wenn Sie mich zu Ihrer Hochzeit einladen, Featherstone, und es fehlen einige von den Hochzeitsgeschenken, dann dürfen Sie nicht denken, daß ich daran schuld bin.«

 

»Können Sie so lange warten, bis ich telephoniert habe?«

 

Sie nickte.

 

Er bekam sofort Verbindung mit dem »Blauen Bären«, und zu seiner größten Verwunderung kam Spike gleich an den Apparat.

 

»Ich dachte, Sie wären auf Wachtposten, Holland.«

 

»Das ist doch nicht nötig, Captain. Miß Howett ist schon um sieben Uhr fortgefahren.«

 

sternchenland.com »Mit wem ist sie denn weggefahren?« fragte Jim schnell.

 

»Mit dem Beamten, den Sie von Scotland Yard geschickt haben. Ist sie denn noch nicht bei Ihnen angekommen?«

 

»Nein,« sagte Jim heiser und hängte den Hörer an.

 

»Was ist los?« fragte Fay mit leiser Stimme.

 

»Miß Howett ist nicht in Garre, sie ist heute abend mit einem Manne fortgefahren, der behauptete, daß er ein Detektiv von Scotland Yard sei,« erwiderte er langsam.

 

Einige Augenblicke war er vollkommen bestürzt über diese Nachricht, aber seine alte Energie kam bald wieder über ihn. Er klingelte und ein Beamter in Uniform erschien. Schnell gab er seine Befehle.

 

»Rufen Sie sofort Abteilung K an. Alle Mannschaften, auch die Reserven, sollen den ›Goldenen Osten‹ einschließen. Unter den Plänen für Razzias ist es Nr. 37 … Haben Sie verstanden?«

 

»Jawohl, mein Herr,« sagte der Beamte und notierte die Befehle auf.

 

»Alle Reserven der Abteilung im Dienst oder auf der Station sollen sofort in zwei Dienstautos zu mir kommen – aber schnell.«

 

Aus einer Schublade seines Schreibtisches zog er eine große Browningpistole, nahm sie aus dem Lederetui und schob einen Patronenrahmen hinein. Dann steckte er sie in die Tasche und nahm seinen Mantel.

 

»Ich wollte Sie eigentlich bitten, mitzukommen, aber ich glaube, es ist besser, wenn Sie hier bleiben. Es hat doch niemand gesehen, daß Sie nach Scotland Yard kamen?«

 

»Featherstone –« Fays Stimme war erregt. »Dieser Coldharbour Smith weiß verschiedenes von mir, es wird Sie nicht sehr interessieren, aber es würde mir sehr unangenehm sein, wenn Julius es erfahren würde. Wenn es zu einer Schießerei kommen sollte, knallen Sie ihn nieder!«

 

sternchenland.com Jim mußte trotz allem leise lachen.

 

»Sie sind eine blutdürstige Frau,« sagte er kurz und ging. Als er auf den Hof kam, war schon ein Dutzend Leute vom Spezialdienst versammelt, und er erklärte ihnen schnell den Zweck der Razzia.

 

»Ich verstehe, wir gehen offiziell darauf aus, die Leute abzufangen, die verbotene Glücksspiele spielen. Ich habe seit drei Monaten einen Durchsuchungsbefehl in der Tasche, und ich führe ihn heute abend ans. Ich vermute, daß wir in dem Gebäude eine Dame finden, die dort gefangengehalten wird. Sollte das der Fall sein, so bin ich jedem dankbar, der mich davon abhält, Coldharbour Smith über den Haufen zu schießen.«

 

Kapitel 45

 

45

 

In diesem Augenblick kam das erste Dienstauto, und sie stiegen ein. Sie fuhren schon in schneller Fahrt das Themseufer entlang, bevor der zweite Wagen erschien. Ihr Weg führte sie durch die verlassene City, und dann kamen sie zu den hellerleuchteten Straßen von Whitechapel. Die Theater waren eben aus und sie kamen nur langsam vorwärts. Aber schon nach einer Viertelstunde waren sie in der Straße, in der der ›Goldene Osten‹ lag. Jim sprang auf die Straße, bevor der Chauffeur den Wagen zum Stehen bringen konnte. Die ganze Gegend war schon umstellt und schien mit einfachen, unauffälligen Männern angefüllt zu sein, die sich jetzt dem Gebäude näherten, als das Polizeiauto eintraf. Jim eilte an dem Portier vorbei die Treppe in die Höhe. Die Jazzkapelle spielte, ein Dutzend Paare tanzten auf dem spiegelglatten Parkett. Aber ohne sich um sie zu kümmern, eilte er an ihnen vorbei in den Raum, wo der Barmann in seiner weißen Kleidung gegen den Schanktisch lehnte und den Tänzern durch die offene Tür zuschaute.

 

sternchenland.com »Wo ist Smith?« fragte Jim schnell.

 

»Er ist heute abend nicht hier, Captain.«

 

Jim nickte, wandte sich zu dem Tanzsaal und gab dem Kapellmeister ein Zeichen. Sofort hörte die Musik auf.

 

»Alle Leute in diesem Saal sollen ihre Garderobe nehmen und einzeln an mir vorbeikommen,« befahl er.

 

Die Gäste gehorchten auffallend schnell, obgleich ein oder zwei düster dreinschauende, unangenehme Individuen dabei waren, die diese Störung ihres Vergnügens übel aufnahmen.

 

In der Zwischenzeit waren die Leute vom Spezialdienst in das Lokal gekommen und zwei von ihnen folgten Jim hinter die Bar.

 

»Die Tür ist geschlossen, Coldharbour hat den Schlüssel,« sagte der Barmann ärgerlich.

 

Jim Featherstone trat mit aller Macht mit dem Fuß gegen die Tür und sie sprang krachend auf.

 

Das elektrische Licht brannte in dem Raum. Auf dem Tisch stand eine halbleere Flasche Champagner. Nur ein Glas stand daneben.

 

»Durch die Türe,« rief Jim und zeigte den Ausgang, der zur Straße führte.

 

Er selbst ging in das Treppenhaus. Oben war ein schmales Podest und eine Tür zu sehen, durch die Licht schimmerte. Er klopfte und plötzlich wurde es drinnen dunkel. Er wartete nicht, sondern stieß die Tür auf, indem er sich mit der ganzen Wucht seines Körpers dagegen warf.

 

»Licht machen!« befahl er mit scharfer Stimme. »Jeder, der mich anzugreifen versucht, wird sofort erschossen!«

 

Einer der Detektive hinter ihm beleuchtete den Raum mit einer Taschenlampe. Man sah bestürzte Leute um einen grünen Tisch sitzen, auf dem die Spielkarten unordentlich durcheinanderlagen. Dann wurde es hell.

 

»Sie sind alle verhaftet!« rief Jim. »Was spielen Sie hier?«

 

sternchenland.com »Wir spielen nur Bridge,« sagte jemand.

 

»Sagen Sie das dem Mann, der Sie morgen früh verhört!«

 

Eine Tür führte aus dem Raum hinaus. Er ging darauf zu und kam in die Küche. Es war aber nichts Verdächtiges zu entdecken. Von da aus kam er wieder in den Privatraum hinter der Bar, wo er den vollständig verzweifelten Barmann fand.

 

»Das ist ein großes Unglück für mich, Captain, ich habe das Lokal von Coldharbour gerade vor einer Woche gekauft. Alle meine Ersparnisse stecken in dem Geschäft.«

 

»Dann haben Sie das Geld verloren,« sagte Jim böse.

 

Er sah, daß der Mann die Wahrheit sprach und erinnerte sich jetzt daran, daß Coldharbour davon gesprochen hatte.

 

»Ich werde diesen Klub schließen, sobald ich die Leute, die ich oben beim Spiel abfaßte, überführt habe. Was denken Sie darüber, Barnett?«

 

Barnett schien nicht sehr erfreut zu sein.

 

»Das ist ein Trick, den man mir spielt,« begann er.

 

»War Coldharbour heute abend hier? Wer war bei ihm?«

 

Der Barmann antwortete nicht.

 

»Hören Sie – ich werde Ihnen eine Chance geben – ich werde den Fall gegen Sie so leicht wie möglich behandeln und Sie sollen die Lizenz, den Klub fortzuführen, nicht verlieren, wenn Sie mir jetzt antworten. Wann war Coldharbour Smith hier?«

 

»Etwa vor einer halben Stunde.«

 

»War jemand bei ihm?«

 

»Eine Dame.«

 

»Wer noch?«

 

»Der Mann, der sie herbrachte. Der ist aber fortgegangen.«

 

»Und wo sind sie jetzt?«

 

»Das weiß ich nicht, Captain, ich schwöre Ihnen, daß ich sternchenland.com es nicht weiß. Ich kann Ihnen nur sagen, daß Coldharbour alles Geld, jeden Cent, den er ausstehen hatte, einkassiert und sich davon gemacht hat. Er sagte noch, daß er nach Amerika oder sonstwohin gehen wollte.«

 

»Wie ist er denn fortgekommen? Seit Montag ist doch kein Postdampfer nach Nord- oder Südamerika in See gegangen.

 

»Das weiß ich nicht.« Der Mann zögerte. »Aber er hat immer diese Schiffskapitäne getroffen, die verkehren hier regelmäßig. Besonders mit dem einen hat er immer stundenlang zusammengesteckt.«

 

»Wer war das?«

 

»Er hieß Fernandez. Er ist Mitbesitzer eines kleinen Frachtdampfers ›Contessa‹, den er selbst fährt. Sie liegt unten im Pool oder wenigstens diesen Nachmittag lag sie noch dort.«

 

Jim ging zum Telephon und verlangte eine Nummer.

 

»Der Polizeiinspektor der Themse-Division? … Captain Featherstone am Apparat. Die ›Contessa‹ soll angehalten werden, es ist ein Frachtdampfer, der im Pool liegt … ach Sie kennen sie?«

 

Er wartete einen Augenblick, bis der Polizeiinspektor ihm mit der Uferstation verbinden ließ.

 

»Jawohl … Captain Featherstone am Apparat … halten Sie die ›Contessa‹ an. Ja, sie liegt im Pool … gut!«

 

Das Polizeiauto brachte ihn zu einer kleinen Station der Wasserpolizei am Themseufer. Er sprang in das kleine Motorboot, das ihn dort erwartete.

 

»Es sind keine Anzeichen vorhanden, daß sie abfahren will,« sagte der Inspektor, der ihn begleitete. »Sie liegt noch vor Anker.«

 

»Hat irgendein Schiff den Pool verlassen?«

 

»Ja, heute früh, die ›Messina‹, auch ein Frachtdampfer, der nach Südamerika fuhr.«

 

sternchenland.com Die »Contessa« lag in der Mitte des Pool, dieses breiten Arms der Themse, wo die Schiffe der ganzen Welt verkehren. Das Motorboot legte langsam an und machte an der Leiter fest. Die Strompolizisten gingen an Bord, und Jim kletterte hinter ihnen her.

 

Offensichtlich war kein Wachtposten auf dem Schiff ausgestellt, denn das ganze Deck war leer. Ohne Umschweife gingen die Leute gleich in das Innere des Schiffes, der Kapitän der »Contessa« wurde aus dem Schlaf geweckt und in den Salon gebracht. Er schien ziemlich betrunken zu sein und hatte nach seinen Angaben niemand gesehen. Das Verhör machte ihn allmählich wieder nüchtern und er sagte aus, daß seine ganze Mannschaft, bestimmt aber seine Offiziere, betrunken seien, und damit hatte er recht.

 

»Das kann unmöglich das richtige Schiff sein,« sagte Jim aufgeregt, als sie wieder an Deck kamen. »Die Leute haben wirklich zuviel Alkohol zu sich genommen, und es ist niemand an Bord, der den Dampfer den Fluß hinuntersteuern könnte.«

 

Man durchsuchte den ganzen Dampfer, aber nur kurz, denn die Beamten fanden, daß das Schiff keinen Dampf aufhatte. Die Feuer waren ausgeblasen, die Kessel kalt, und es war eine physikalische Unmöglichkeit, daß es bald abfahren konnte, selbst wenn der Kapitän die Absicht haben sollte.

 

»Es muß das andere Schiff gewesen sein, das heute nachmittag den Strom hinunterfuhr,« sagte Jim.

 

Der Inspektor der Strompolizei schüttelte den Kopf.

 

»Es wird jetzt schon auf See sein, wenn es nicht an der Mündung gewartet hat, um den Passagier aufzunehmen. Smith konnte sie noch sehr leicht erreichen, wenn er ein schnelles Auto benutzte und in Tilbury an Bord ging.«

 

Sie kletterten wieder die Strickleiter hinunter zu dem Motorboot. Valerie Howett hörte das Geräusch des kleinen Motors, als sie zum Ufer zurückfuhren, und sie verzweifelte. sternchenland.com