Kapitel 62

 

62

 

Das große Publikum hatte das Interesse an dem Grünen Bogenschützen verloren. Der Redakteur Mr. Syme sagte das mit nicht mißzuverstehendem Nachdruck, und Spike konnte im Augenblick keine neuen Ereignisse erfinden.

 

»Außerdem hat Bellamy in der letzten Woche geschrieben und mit einer Klage auf Schadenersatz gedroht,« erklärte der Redakteur am Telephon. »Er behauptet, daß Sie mit Ihren Artikeln den Wert des Schlosses heruntersetzen.«

 

»Blödsinn,« rief Spike ärgerlich. »Der Geist hat den Wert seiner Burg um mindestens zehntausend Dollar erhöht. sternchenland.com Aber ganz offen, Mr. Syme, die Geschichte ist wirklich wert, daß ich noch hier bleibe.«

 

»Kommen Sie sofort nach London und warten Sie in der Redaktion auf mich,« sagte Syme rücksichtslos. »Da können Sie Ihre Zeit wenigstens mit nützlicher Arbeit totschlagen.«

 

Der Telephonapparat war ziemlich öffentlich in der großen Halle des »Blauen Bären« angebracht, und wenn Spike telephonierte, standen gewöhnlich viele Leute am Schanktisch. Dies hatte gewisse Vorteile für ihn, denn bei der allgemeinen Unterhaltung hörte man nicht darauf, was er der Redaktion mitzuteilen hatte. Heute war der Raum leer, nur ein alter Farmer saß in einer Ecke und trank aus einem großen Zinnkrug. Der Mann nickte ihm freundlich zu, wie es alte Landleute häufig tun.

 

»Geister – sagten Sie nicht eben etwas von Geistern? In dieser Gegend gibt es sehr viele Geister und Gespenster. Erst vor einigen Tagen ist wieder ein neues im Klosterwald aufgetaucht, wie die Leute erzählen. Einer meiner Fuhrleute hat es gesehen, und seit der Zeit ist er ganz krank.«

 

»Donnerwetter,« sagte Spike. Der Grüne Bogenschütze war ja auch eine Legende; die hier schon lange im Volk existierte. Spike hatte allerdings seine drei letzten Vermutungen längst wieder aufgeben müssen. »Viele Leute hier behaupten, sie hätten den Grünen Bogenschützen gesehen.«

 

Der alte Mann lachte heiser.

 

»Dieses neue Gespenst ist aber nicht grün – auch ist es eine Frau. Mein Fuhrmann hat es aus der Nähe gesehen. Es hat ihn ganz aus der Fassung gebracht! Er war so verstört –«

 

»Wo liegt der Klosterwald?« fragte Spike, dessen Interesse in hohem Maße erwacht war.

 

»Wenn Sie auf der Landstraße gehen, dann sind es sechs Meilen. Aber wenn Sie Ihren Weg über das Mönchsfeld nehmen und die Adderley Road entlang gehen, ist es besser. sternchenland.com Es soll ein verwunschenes Haus im Walde liegen. Es scheint niemand dort zu wohnen, aber doch ist immer jemand in der Nähe.«

 

»Mir können Gespenster nichts anhaben, mein lieber Mann,« sagte Spike.

 

Der alte Mann schüttelte den Kopf.

 

»Das wollte ich auch nicht behaupten. Was mir am meisten auffällt, sind die Spuren eines großen Autos, die ich in der Gegend gesehen habe. Es ist kein Ford, es muß viel größer sein. Irgend jemand geht und kommt immer in einem großen Wagen.«

 

»Meinen Sie zu dem Hause? Hat man das Auto gesehen?«

 

»Nein. Aber nahe bei dem Hause auf demselben Grundstück liegt eine Scheune, und ich sah, daß die Spuren an einem feuchten Morgen, als der Boden weich war, gerade zu der Scheunentür führten.«

 

»Seit wann ist die Frau dort gesehen worden?«

 

»Ich habe noch nichts von ihr gehört bis zum letzten Sonnabend – da hat sie eben mein Knecht gesehen. Es war ganz früh am Morgen, als er durch den Wald ging, um zu meiner Farm zu kommen. Sie müssen nämlich wissen, daß ich Caddle Heath nun seit fünfundfünfzig Jahren bewirtschafte, und vor mir hat es mein Vater schon gehabt. Nun ja, also mein Fuhrmann heißt Tom – er ging so vor sich hin und dachte an nichts, als er plötzlich diese Frau sah. Er wäre beinahe vor Furcht umgefallen. Sie ging durch den Wald und weinte. Tom hat mir gesagt, er hat ganz genau gesehen, daß sie ein Geist ist. Dann ist er davongelaufen wie ein Hase.«

 

»War das in der Nähe des Hauses, von dem Sie eben sprachen?«

 

»Ja. Deshalb habe ich Ihnen die Sache erzählt. Später überlegte ich mir, daß sie wahrscheinlich dort wohnen wird.«

 

Spike war in einer so verzweifelten Lage, daß er nach jedem sternchenland.com Strohhalm griff, um seine weitere Anwesenheit in Garre zu rechtfertigen. Er hatte am Telephon seinem Redakteur nur die Wahrheit gesagt, als er ihm erzählte, daß er eine Entwicklung des Dramas in der Burg erwartete. Obgleich er rings um Garre Castle nur das gewöhnliche Alltagsleben sah, hatte er es doch in den Fingerspitzen, daß wichtige Ereignisse kommen würden. Wenn er diese Geschichte hätte aufgeben müssen, die er so liebevoll seit langer Zeit verfolgt, großgezogen und bemuttert hatte, so hätte ihm das den Rest gegeben.

 

Aber selbst unter diesen Umständen schien ihm die weinende Frau in dem Walde eine recht unbedeutende Angelegenheit zu sein. Trotzdem machte er sich auf, um in den Klosterwald zu gehen. Schließlich entdeckte er, daß es nicht einmal drei Meilen waren, als er den Richtsteig benützte, den ihm der alte Farmer angegeben hatte. Es war ein frischer Tag, Winterkälte lag in der Luft, und der schnelle Spaziergang war für ihn ein Vergnügen. Er war eher an seinem Ziel angekommen, als er erwartet hatte.

 

Der Wald war meistens eingezäuntes Privateigentum. Aber der Besitzer schien sich wenig um die Instandhaltung der Einfriedigung zu kümmern. Spike hätte leicht über den an manchen Stellen zusammengebrochenen Zaun hinübersteigen können. Dahinter lag nur dichtes Gehölz von Brombeerhecken, Sträuchern und niedrigen Föhren.

 

Von der Straße aus war das Haus nicht zu sehen. Schließlich entdeckte er es an der Ecke einer besonderen Zufahrtsstraße, die im rechten Winkel von der Hauptstraße abbog.

 

Der Weg hieß zwar ein Fahrweg, doch hatten Wagen ihn seit langen Jahren nicht mehr benützt. Die einzigen sichtbaren Radspuren waren die Eindrücke der Pneumatiks eines großen Autos, die ganz frisch waren, wie Spike sich durch Augenschein überzeugen konnte. Nun lag das Haus vor ihm, es hatte nur ein Geschoß, war ganz aus Holz gebaut und von Efeu überwuchert. In der Nähe lag hinter Bäumen versteckt sternchenland.com die Scheune. Kein Rauch stieg aus dem Kamin des Hauses auf. Die Fenster der Vorderseite waren mit Läden dicht geschlossen, und der ganze Platz machte einen leblosen und verlassenen Eindruck. Er ging direkt auf die Tür zu und klopfte. Es meldete sich aber niemand, obgleich er lange wartete. Dann machte er sich daran, das Gebäude naher zu untersuchen. Zunächst ging er um das Haus herum auf die Rückseite. Dort fand er zwei Fenster, deren Läden nicht geschlossen waren, so daß er in ein einfach möbliertes Schlafzimmer sehen konnte. Das Bett war nicht gemacht, es mußte erst kürzlich jemand darin geschlafen haben. Drei Paar Damenschuhe, die neben dem Bett in einer Reihe standen, zogen seine besondere Aufmerksamkeit auf sich. Selbst auf diese Entfernung konnte er erkennen, daß sie neu waren. Auf dem Boden lagen zwei große Pappschachteln, die mit weißem Seidenpapier gefüllt waren. Gleich darauf bemerkte er auch noch andere Kartons in einer Ecke des Raums. Er setzte seine Untersuchungen fort, fand die Hintertür und rüttelte daran. Aber als er auch dort keine Antwort erhielt, kehrte er zu den Fenstern des Schlafzimmers zurück.

 

Spike konnte sich zuerst nicht dazu entschließen, aber schließlich versuchte er es doch, die Fenster zu öffnen. Zu seiner größten Freude konnte er den einen Flügel nach innen drücken. Sollte er hineingehen? Das war ein richtiger Einbruch, und er hätte keine Entschuldigung gehabt, wenn ihm der wütende Besitzer plötzlich entgegengetreten wäre. Aber diese Reihen von Schuhen erregte doch seine Neugier. Er atmete tief auf und kletterte dann rasch über die Fensterbank in das Zimmer.

 

»Zuerst sichergehen!« sagte er zu sich selbst und machte eine Runde durch das ganze Haus, bevor er zurückkehrte, um das Schlafzimmer genauer zu untersuchen.

 

Im ganzen Hause waren nur zwei Räume möbliert – das Schlafzimmer und ein kleiner Raum, der nur einen Tisch, sternchenland.com einen Stuhl und ein Kleiderregal enthielt. An einem der Haken hing ein schwerer, pelzgefütterter Ledermantel. Der Tisch war nicht mit einem Tuch bedeckt, und außer einem Paar alter, abgetragener Lederhandschuhe war nichts auf der Platte zu sehen.

 

Spike ging in den Gang zurück.

 

»Ist jemand hier?« rief er.

 

Aber seine Worte schallten ohne Antwort durch die leeren Räume des Hauses.

 

»Also ist niemand hier!« sagte Spike laut und kehrte zu dem Schlafzimmer zurück.

 

In dem schmalen Bett lagen harte Matratzen, aber die Bezüge waren von dem besten Leinen. Spike hielt sie für ganz neu. Auf dem Tisch in der Nähe des Bettes stand eine Flasche Kognak, zwei Medizinflaschen und in einem kleinen Schächtelchen lag eine Morphiumspritze. Diese besichtigte er eingehend. Wie die Bettücher und die weichen Kamelhaardecken war auch dieses Instrument neu. Auch die Schuhe waren noch nicht gebraucht, denn als er sie aufhob und die Sohlen betrachtete, sah er, daß sie noch ganz unberührt waren. Sie stammten aus einem sehr teuren Geschäft im Westen Londons.

 

Spike machte plötzlich eine wichtige Entdeckung. Die Schuhe waren von verschiedener Größe, jedes Paar war eine halbe Plummer kleiner als das andere. Er stellte sie wieder hin und wandte seine Aufmerksamkeit den Medizinflaschen zu. Eine der beiden war halb leer, und auf den Etiketten las er den Namen einer Londoner Apotheke.

 

Als er das Bett aufschlug, fand er ein Frauenkleid darin liegen. Es war weit und aus einem Stück gemacht. Das graue Gewand schien sehr alt zu sein, die Ellenbogen waren abgenützt und sorgfältig repariert worden. Auch die Ärmelaufschlage waren neu aufgesetzt. Er fand auch in dem breiten, sternchenland.com unteren Saum des Kleides die Stelle, aus der der nötige Stoff zur Ausbesserung genommen war.

 

Spike kletterte wieder aus dem Fenster und schloß es, so gut er konnte. Dann ging er zu der kleinen Scheune, die sich in geringer Entfernung vom Hause erhob. Hier sah er wieder die Spuren des Autos, die direkt zu diesem unansehnlichen Gebäude führten. Die Tore waren mit einem Vorhängeschloß versehen, als er aber an der Kette zog, öffneten sich die beiden Flügel so weit, daß er einen Blick in das Innere werfen konnte.

 

Es war kein Auto darin zu entdecken, aber an den Wänden standen verschiedene Benzintanks und drei Reserveräder. An ihrer Größe konnte Spike sich die Abmessungen des Wagens ungefähr vorstellen.

 

Er ging in tiefen Gedanken nach Garre zurück. Warum sollte die Bewohnerin der Waldhütte schließlich keine teuren Schuhe tragen? Wenn sie Gefallen daran fand und es ihr besonderen Spaß machte, konnte sie ja jeden Tag Schuhe von anderer Größe anziehen! Aber es war ja auch möglich, daß man sie nur zur Anprobe geschickt hatte. Eine Dame mußte aber doch ihre Schuhgröße kennen! Plötzlich fand Spike die Lösung dieses kleinen Rätsels. Wer die Schuhe zu diesem Hause gebracht hatte, wußte eben nicht, welche Schuhgröße die Frau trug und hatte deswegen verschiedene Paare mitgenommen, damit sie sich das Richtige aussuchen konnte. Das war ihm jetzt ganz klar – und nun blieb nichts mehr zu entdecken übrig. Gewiß war es noch etwas geheimnisvoll, wer die Bewohner dieses Hauses waren, die man nie zu Gesicht bekam und die doch immer dort waren. Sie besaßen ein großes Auto und wohnten trotzdem in einem kleinen Häuschen, das höchstens fünfhundert Dollars wert war. Aber auch die Entwirrung all dieser Fragen hätte ihn der Geschichte des Grünen Bogenschützen um keinen Schritt näher gebracht.

 

sternchenland.com Spike seufzte. Unmöglich konnte er Mr. Syme durch diese Geschichte veranlassen, ihn noch länger in Garre Castle zu lassen.

 

Nach Einbruch der Dunkelheit ging er in sein Zimmer, um sich umzuziehen. Plötzlich klopfte es an seine Tür, und Jim Featherstone trat herein. Er hatte am Morgen Lady’s Manor verlassen und sein Gepäck nach dem »Blauen Bären« gebracht.

 

»Sie sind doch zum Abendessen bei Mr. Howett eingeladen, Holland? Würden Sie so liebenswürdig sein, mich zu entschuldigen, denn ich kann heute abend nicht kommen. Ich gehe nach London zurück, um die Savinis irgendwo aufzutreiben.«

 

»Ich sage Ihnen nur, Captain, die sind in der Burg,« entgegnete Spike mit Nachdruck. »Sie haben an jenem Morgen Garre Castle nicht verlassen, darauf kann ich einen Eid leisten.«

 

»Es ist sehr leicht möglich, daß sie dort sind,« sagte Jim ruhig. »Aber vergessen Sie nicht, daß Julius Savini, ein so netter Kerl er auch manchmal sein kann, nun einmal zur Verbrecherklasse gehört. Ich muß vor allen Dingen sicher gehen. Es ist ja möglich, daß auch noch andere Wege aus der Burg führen.«

 

»Aber Sie haben diese Wege doch auch nicht entdeckt, als Sie Hausmeister waren,« sagte Spike beharrlich. »Aber es führt doch ein Weg aus Garre heraus, und der alte Syme hat ihn gefunden. Morgen früh muß ich zur Stadt zurück, und dann entschwindet mir der Grüne Bogenschütze – und das wäre doch der größte Erfolg für mich gewesen, wenn ich seine Geschichte im ›Globe‹ hätte veröffentlichen können.«

 

Jim nickte.

 

»Vermutlich geht es zu langsam mit den neuen Ereignissen, und deshalb wird man in der Redaktion müde.«

 

»Aber warum haben Sie es denn so eilig?« Spike band sorgsam seine Krawatte vor dem Spiegel und drehte sich sternchenland.com dann zu Jim um, der sich für einen Augenblick auf die Bettkante gesetzt hatte. »Morgen haben Sie doch auch noch Zeit, nach London zu fahren. Ich weiß, daß Mr. Howett Sie erwartet, ich habe die junge Dame getroffen, als ich durchs Dorf ging, und sie erzählte mir, daß wir alle zusammen heute abend dort eingeladen sind. Mr. Wood wird auch da sein, er kommt von London.«

 

»Ja, das weiß ich,« sagte Jim. Sein Ton ließ Spike aufhorchen.

 

»Ein hoher Polizeibeamter und ein großer Philantrop, zwei Rivalen, die sich um die Hand derselben Millionärstochter bewerben.« Spike dachte immer in Zeitungsüberschriften.

 

Aber er irrte sich doch, denn es war nicht nur das unangenehme Gefühl, das Jim gegen diesen neuen Eindringling und die warme Anteilnahme Valeries an ihm empfand. Er hatte sich auch aus anderen Gründen entschieden, nach London zu gehen. Er hatte viel zu tun, denn er leitete eine große Abteilung von Scotland Yard. Er hatte erkannt, daß es nicht so weitergehen durfte und er seine Arbeit nicht dauernd vernachlässigen konnte. Er hätte dies freilich schon längst allein wissen können, aber heute morgen hatte er einen Brief seines Vorgesetzten bekommen, in dem erwähnt war, daß seine lange Abwesenheit von der Polizeidirektion unangenehm auffiel.

 

Als Spike herunterkam, wartete das Auto schon auf der Straße. Jim stand daneben und zündete sich eine Pfeife an.

 

»Sie können mir einen großen Gefallen tun, Featherstone,« sagte Spike. »Läuten Sie doch Mr. Syme in der Stadt an und sagen Sie ihm, daß es ein unerhörtes Unrecht und eine nationale Katastrophe sei, wenn er mich von Garre wegnähme, bevor die Geschichte aufgeklart ist.«

 

»Wenn es nötig ist, will ich auch kräftig für Sie lügen,« erwiderte Jim. »Aber ich bin auch vollkommen Ihrer Ansicht, daß das Geheimnis von Garre noch genau so wenig sternchenland.com gelöst ist als damals, als Sie zuerst hierherkamen. Also entschuldigen Sie mich bitte bei Miß Valerie!«

 

Spike wartete, bis der Wagen abgefahren war und ging dann nach Lady’s Manor hinüber. Dort erfuhr er, daß John Wood schon eine ganze Stunde da war und fand Miß Howett und ihn Seite an Seite auf dem Diwan sitzen. Sie lauschte in tiefem Stillschweigen seinen Erklärungen, als er ihr von seinem großen Plan erzählte. Die beiden waren so vertieft, daß sie kaum Spikes Kommen merkten.

 

»Wo ist Captain Featherstone?« fragte sie.

 

»Er läßt sich entschuldigen, er mußte zur Stadt fahren. Seitdem er sich hier auf dem Lande aufhält, sind so viele neue Verbrechen begangen worden, daß Scotland Yard nach ihm geschickt hat.«

 

»Meinen Sie im Ernst – daß er zur Stadt gefahren ist?« fragte sie.

 

»Ganz bestimmt. Er beunruhigte sich auch sehr über Julius Savini – er ist der Ansicht, daß der alte Bellamy ihn irgendwo in der Burg gefangenhält. Ich bin übrigens davon fest überzeugt.«

 

Er sah, daß ihr Featherstones Abwesenheit nicht lieb war, aber als sie sich wieder mit Mr. Wood unterhielt, schien sie nach kurzer Zeit die Existenz Jims vollkommen vergessen zu haben. Spike dachte bei Tisch, daß er sie noch niemals so angeregt, liebenswürdig und schön gesehen hatte.

 

Wie gewöhnlich hörte Mr. Howett lieber zu und beteiligte sich kaum aktiv an der Unterhaltung. In letzter Zeit schienen seine Gedanken vollkommen mit irgendeiner anderen Sache beschäftigt zu sein. Auch Valerie hatte dies schon beobachtet, und es hatte ihr viel Kummer verursacht. Spike interessierte sich außerordentlich für Mr. Howett. Seine eigene Ansicht, wer der Grüne Bogenschütze sein könnte, war nun vollkommen gereift. Nach und nach hatte er die einzelnen Indizien zusammengesetzt und war seiner Sache jetzt ganz sicher, sternchenland.com trotzdem der bloße Gedanke ihm zuerst vollkommen phantastisch erschienen war.

 

Wood blieb über Nacht in Lady’s Manor. Es fuhr kein Zug mehr nach der Stadt, und Valerie wollte ihn durchaus nicht im Gasthaus logieren lassen. Merkwürdigerweise hatte sie früher nicht dagegen protestiert, daß Jim Featherstone im »Blauen Bären« wohnte. Spike merkte sich das genau.

 

Um neun Uhr zog sich Mr. Howett aus dem Wohnzimmer zurück, wohin sie nach Tisch gegangen waren. Unbeobachtet verließ er die kleine Gesellschaft, selbst Spike hatte nicht gemerkt, daß er gegangen war. Allmählich kam die Unterhaltung wieder einmal auf den Grünen Bogenschützen, wie es kaum anders zu erwarten war. John Wood brachte als erster die Sprache auf diese merkwürdige Erscheinung in Garre Castle.

 

»Haben Sie ihn schon einmal gesehen, Miß Howett?« fragte er halb im Scherz.

 

Sie zitterte.

 

»Ja, ich habe ihn gesehen.«

 

»Wie, Sie haben ihn gesehen?« fragte Spike erstaunt. »Das haben Sie mir aber noch gar nicht erzählt, Miß Howett! Täuschen Sie sich auch nicht – haben Sie tatsächlich den Grünen Bogenschützen gesehen?«

 

»Ich möchte nicht gern darüber sprechen,« sagte sie. »Besonders nicht über meine eigenen Erlebnisse. Aber ich habe ihn zweimal gesehen – einmal draußen in dem Park von Garre Castle.«

 

»Aber was haben Sie denn in dem Park von Garre Castle zu tun?« fragte Spike, der aufs neue überrascht war.

 

»Ich habe jemand gesucht. Es war allerdings eine ganz verwegene Sache, die ich mir vorher nicht genau überlegt hatte, und beinahe wäre sie böse für mich ausgegangen. Ich bin nachts in dem Park gewesen.«

 

»Wo haben Sie ihn denn gesehen?« fragte Spike erregt.

 

sternchenland.com Obgleich Valerie bei der Erinnerung noch zitterte, mußte sie doch über Spikes Neugierde lächeln.

 

»Wenn Sie das in Ihre Zeitung setzen, dann sage ich Ihnen kein Wort mehr, Mr. Holland. Wenn Sie aber versprechen, tiefes Stillschweigen darüber zu bewahren, dann will ich Ihnen zeigen, wo ich den Grünen Bogenschützen gesehen habe. Ich habe mir erst heute die Stelle wieder angesehen. Ich wußte nicht, daß man sie von unserem Grundstück aus sehen kann. Es war auf dem Abhang eines kleinen Hügels, Sie können den Platz von unserer Gartenmauer aus sehen. Dort steht ein kleines Gehölz – eine Art Boskett.« Plötzlich stand sie auf. »Ich will es Ihnen gleich zeigen – aber –« sie warnte Spike mit dem Finger – »Sie dürfen niemals, unter welchen Umständen es auch immer sein mag, erzählen, daß ich ihn gesehen habe. Ich kann Ihnen auch sagen, daß er kein Geist ist.«

 

Die beiden folgten ihr in die Halle, in die Küche und durch die Gartentür ins Freie. Der Garten lag im Dunkeln, und sie stand einen Augenblick still.

 

»Ich glaube nicht, daß wir die Stelle bei dieser Beleuchtung sehen können,« meinte sie.

 

»Wenn wir uns erst etwas an die Dunkelheit gewöhnt haben, ist es hell genug,« drängte Spike. »Wenn Sie mir die Stelle zeigen wollen, kann ich vielleicht später selbst näher nachforschen. Morgen früh ist ja Licht genug da. Ich muß jetzt den Beweis bringen, daß der Grüne Bogenschütze überhaupt existiert, oder ich habe mein Ansehen bei dem ›Daily Globe‹ für immer verloren!«

 

Spike hatte recht. Trotz der Dunkelheit konnten sie nicht nur die Umrißlinien der Burg, sondern auch das kleine Gehölz deutlich unterscheiden, als sie auf Leitern stiegen und über die Mauer schauten. Spike kletterte auf die Mauer und setzte sich rittlings darauf. Dann strengte er seine Augen an, um den Erklärungen Valeries folgen zu können. John Wood sternchenland.com stand zwischen den beiden und hatte die Ellenbogen auf den oberen Teil der Mauer gestützt.

 

»Das ist also die Burg,« sagte er.

 

»Und dort liegt das Gehölz.« Sie zeigte es ihm mit der Hand. »Sie können gerade noch die Silhouette des kleinen Hügels erkennen, wo ich ihn entdeckte.«

 

»Heute abend ist allerdings nicht viel zu sehen,« gab Spike zu. »Aber wenn Sie mich vielleicht morgen durch Ihren Garten gehen lassen –«

 

Spike zündete plötzlich ein Streichholz an. Einen Augenblick flackerte das Licht, aber als es hell brannte, hielt er es über den Rand der Mauer. Dann sah er etwas – Valerie stieß einen Schrei aus – er ließ das Streichholz fallen und hielt sie.

 

Nicht weiter als zwei Meter entfernt stand an einem Gebüsch der Grüne Bogenschütze und starrte mit seinen Weißen, geisterhaften Augen auf die Gruppe.

 

Kapitel 63

 

63

 

John Wood erholte sich zuerst von seinem Schrecken. Es waren nur einige Augenblicke vergangen, als er schon über die Mauer sprang. Spike hörte, wie seine Füße den Boden berührten und wie er den kleinen Pfad der Mauer entlanglief. Er selbst war vollständig mit dem halb ohnmächtigen Mädchen beschäftigt.

 

»Haben Sie ihn gesehen?« flüsterte sie und zitterte an allen Gliedern. Er mußte sie beinahe die Leiter hinuntertragen und in das Haus führen.

 

»Haben Sie ihn gesehen?« fragte sie noch einmal.

 

»Sicherlich habe ich etwas gesehen,« gab Spike zu.

 

»Wo ist Mr. Wood?«

 

»Er ist hinter ihm her.« Valerie schloß die Augen, als ob sie die schreckliche Erscheinung nicht sehen wollte. sternchenland.com »Was – was haben Sie gesehen, Mr. Holland?«

 

»Nun – es sah grün aus, vielleicht war es der Bogenschütze. Ich muß zugeben, daß ich vollständig verwirrt bin.«

 

Eine Viertelstunde später kam Wood etwas atemlos zurück.

 

»Ich mußte ohne Leiter über die Mauer zurückklettern,« sagte er.

 

»Es tut mir so leid, ich hätte eine andere Leiter für Sie auf der Seite nach der Burg herunterlassen sollen. Es war doch wirklich gedankenlos von mir!«

 

»Das macht nichts.« Mr. Wood staubte sich die Hände ab. Er lächelte, als ob die ganze Sache nur einen Scherz für ihn bedeutet hätte.

 

»Haben Sie ihn eingeholt und gesehen?«

 

»Ich habe nur etwas von ihm gesehen – nur einen kurzen Augenblick – aber ich habe ihn nicht erreichen können.«

 

Sie sahen einander an.

 

»War es der Grüne Bogenschütze, Miß Howett?« fragte Spike.

 

»Ich denke, daß darüber gar kein Zweifel bestehen kann. Wohin wollen Sie gehen, Holland?«

 

»Ich muß jetzt schnell den alten Bellamy aufsuchen,« sagte er entschieden. »Vor allem muß der Park sofort abgesucht werden, damit wir den Grünen Bogenschützen finden, oder der ›Globe‹ verliert seinen besten Berichterstatter.«

 

Er mußte den Pförtner aus dem Schlaf wecken, der sich schon zur Ruhe gelegt hatte. Dieser arme Mann weigerte sich lange Zeit, zu Mr. Bellamy hinaufzutelephonieren. Aber schließlich gelang es Spike, ihn zu überreden.

 

»Lassen Sie Mr. Holland ans Telephon kommen,« sagte Bellamy und als das geschehen war, fragte er: »Nun, was ist denn schon wieder los?«

 

»Ich habe Ihren Grünen Bogenschützen im Park gesehen, Mr. Bellamy.«

 

sternchenland.com »Kommen Sie herauf,« sagte Bellamy nach einer Pause.

 

Er erwartete Spike am Eingang der dunklen Halle.

 

»Was haben Sie denn da nun schon wieder für eine neue Mär mit dem Grünen Bogenschützen?«

 

»Ich habe ihn gesehen – und zwar viel deutlicher, als ich Sie jetzt sehen kann.«

 

»Sie haben ihn gesehen – wo standen Sie denn?«

 

»Ich schaute über die Mauer von Mr. Howetts Garten. Miß Howett zeigte mir gerade, wie schön das Schloß bei Nacht aussieht.«

 

»Das muß ja ein wunderbarer Anblick gewesen sein,« sagte der Alte sarkastisch, »wo gar kein Licht brannte. Haben Sie vielleicht auf ein Galafeuerwerk gewartet, das ich Ihnen zu Ehren abbrennen sollte? Aber nun erzählen Sie, was haben Sie gesehen?«

 

»Ich habe es Ihnen ja schon gesagt – den Grünen Bogenschützen. Er stand nicht drei Schritte weit von mir entfernt.«

 

»Haben Sie zuviel Wein zum Abendbrot getrunken?« fragte Bellamy wütend. »Sie möchten gern eine interessante Geschichte für Ihre Zeitung haben, Holland! Wenn Sie aber glauben, daß ich Ihnen dabei helfe, irgendeine Geistergeschichte zu erfinden, dann irren Sie sich! Sie hätten sich die Mühe sparen können, hierher zu kommen. Es gibt einen Grünen Bogenschützen,« sagte er belustigt. Spike wunderte sich, denn er hatte ihn noch nie so gesehen. »Aber es ist ein ganz merkwürdiges Gespenst, das nie aus dem Hause gehen kann, ohne sich zu erkälten. Es ist nämlich ein Hausgeist, der an frischer Luft stirbt. Nein, Holland, Sie müssen sich ein anderes Märchen ausdenken!«

 

»Würden Sie nicht wenigstens das Grundstück absuchen lassen?«

 

»Nein, ich lasse nichts absuchen,« erwiderte Bellamy ungeduldig. »Ich habe überhaupt nicht genug Leute dazu. Vielleicht sternchenland.com bringen Sie Ihren Freund Featherstone mit, der kann das ja machen.«

 

Bellamy stand bisher in der Türöffnung und drehte sich plötzlich um.

 

»Kommen Sie herein. Ich möchte Sie noch etwas fragen.«

 

Als sie einander in der Bibliothek gegenübersaßen, begann Bellamy sofort zu sprechen.

 

»Sie haben mir neulich etwas von einem Mann erzählt, den Creager gepeitscht haben soll. Ich war so böse auf Sie, daß ich Ihnen damals unangenehme Dinge sagte, aber nachdem ich mir die Sache reiflich überlegt habe, möchte ich doch noch etwas genauer wissen, was Sie damit eigentlich sagen wollten.«

 

»Ich habe Ihnen erzählt, daß der Mörder Creagers wahrscheinlich ein Mann war, den er einmal mit der Peitsche geschlagen hat. Creager war Gefängnisbeamter und hatte besonders die Pflicht, die dazu verurteilten Verbrecher zu peitschen. Jedenfalls ist es eine Annahme der Polizei, daß Creager von jemand getötet wurde, der schon lange darauf wartete, sich an ihm zu rächen.«

 

Bellamy schob seinem Besucher eine Kiste Zigarren über den Tisch hinüber, nahm sich selbst eine, biß das Ende ab und steckte sie an.

 

»Das ist leicht möglich,« sagte er dann. »Ich weiß ja gerade nicht viel darüber, wie es in den englischen Gefängnissen zugeht, aber ich entsinne mich, in den Zeitungen gelesen zu haben, daß Creager ein Gefängniswärter war. Die Ansicht, die Sie eben darüber äußerten, hat viel für sich.« Er blies die Rauchwolken seiner Zigarre in die Luft und beobachtete, wie sie sich im Räume verteilten. »Haben Sie irgendeinen Anhaltspunkt, wer der Grüne Bogenschütze sein könnte?«

 

»Ich habe schon zu viele Spuren,« erwiderte Spike kurz.

 

»Jede Woche finde ich wieder einen anderen heraus. Zunächst hatte ich Sie im Verdacht –«

 

sternchenland.com »Mich?« fragte Bellamy und mußte laut lachen. »Das ist allerdings spaßhaft. Haben Sie denn nicht Julius Savini einmal verdächtigt?«

 

Spike nickte.

 

»Ich habe schließlich alle Leute damit in Verbindung gebracht. Und bis heute abend war ich ganz sicher, daß ich wußte, wer es war.«

 

»Wen hatten Sie denn im Verdacht?« fragte der alte Bellamy und sah ihn scharf an.

 

»Nach meinen Erfahrungen möchte ich nicht einen unschuldigen Mann bezichtigen. Mr. Bellamy, nebenbei fällt mir ein, daß Sie meiner Zeitung mit einer Klage gedroht haben.«

 

»Ach, kümmern Sie sich nicht darum, ich werde nichts gegen Sie unternehmen. Sie sind ein netter Mensch und ein kluger Reporter – es ist möglich, daß Sie durch mich noch eine ganze Menge Geld verdienen.«

 

»Das ist ja großartig!« erwiderte Spike.

 

»Aber deswegen brauchen Sie nicht unverschämt zu werden,« brummte der Alte, dem es scheinbar wieder leid tat, daß er eben so liebenswürdig gewesen war. »Ich bin bereit, große Summen für große Dienste zu bezahlen, Holland. Und Sie sind gerissen genug, daß Sie leicht ein Vermögen zusammenbringen können. Wer hatte denn eigentlich die Ansicht, daß Creager von einem Mann getötet wurde, den er gepeitscht hatte – war das etwa Featherstone?«

 

»Ich kann Ihnen nur erzählen, daß es eine Ansicht der Polizeidirektion ist, Mr. Bellamy. Und Featherstone wird doch wohl wissen, was die Polizei denkt. Aber sagen Sie mir, wo hält sich Savini auf? Haben Sie nichts von ihm gehört?«

 

Bellamy schüttelte den Kopf.

 

»Warum sollte ich denn etwas von ihm hören? Ich habe sternchenland.com ihn hinausgeworfen, weil er versuchte, mich zu bestehlen. Es ist doch nicht sehr wahrscheinlich, daß er mir alle paar Tage ein Liebesbriefchen schickt. Was hält denn die Polizei von der Sache?«

 

»Die ist davon überzeugt, daß er sich immer noch hier in der Burg aufhält,« erwiderte Spike.

 

Der Alte lachte grimmig.

 

»Denken Sie denn, ich unterhalte hier ein Genesungsheim für Verbrecher?« fragte er verächtlich. »Diese dummen Leute hier glauben natürlich jeden Unsinn, sie glauben ja auch an den Grünen Bogenschützen.«

 

»Und an die graue Frau,« fügte Spike hinzu, der sich plötzlich an seinen Ausflug von heute nachmittag erinnerte.

 

Es trat eine Pause in der Unterhaltung ein, aber Gespräche mit Bellamy wurden häufig durch Schweigen unterbrochen. Spike konnte das Gesicht des Alten nicht sehen, der sich herumgedreht hatte und in das Kaminfeuer starrte. Aber plötzlich überkam Spike ein sonderbares Gefühl, als ob er fröre. Zuerst nahm er an, daß die Tür offenstände und ein kalter Luftzug von dort ihn träfe. Er wandte sich sogar um und wollte sie schließen, aber sie war fest zu. Dann begann Bellamy wieder zu sprechen, aber er hatte das Gesicht immer noch abgewandt.

 

»Was ist denn das für eine graue Frau, Mr. Holland?«

 

»Es ist eine ganz neue Erscheinung, die ich erst heute entdeckt habe. Einer von den Landleuten hat eine Frau gesehen, die im Klosterwald umherwandert, ungefähr drei Meilen von hier entfernt.«

 

»Und wer ist sie?«

 

»Hier in diesen ländlichen Gefilden ist alles grün,« erwiderte Spike in Gedanken. »Die Leute dachten, es wäre ein Gespenst. Aber vielleicht ist es auch nur jemand, der viel frische Luft haben will und deshalb dorthin gegangen ist.«

 

sternchenland.com »Sie sagten doch eben ›graue Frau‹ – wo hält sie sich denn auf?«

 

»Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, daß sie in einem Haus dort im Walde wohnt. Ich habe mir heute die Mühe gemacht, dorthin zu gehen und nachzuforschen, ich habe die Stelle auch gefunden, das Haus war aber vollkommen leer. Heute morgen noch muß jemand dort gewesen sein, ich bin nämlich in das Haus hineingegangen und habe mich genau umgesehen.«

 

Spike wollte sich mit Bellamy gut stellen, und es schien ihm kein Grund vorzuliegen, warum er ihm dieses kleine Abenteuer nicht erzählen sollte.

 

»Neue Schuhe, Medizinflaschen und Spuren von Automobilen,« wiederholte Bellamy. »Das ist merkwürdig, sehr merkwürdig. Und sie war heute morgen da, wie Sie sagen?«

 

»Ich vermute es stark, denn die Spuren der Räder waren noch ganz frisch, sie hat scheinbar auch letzte Nacht in dem Bett geschlafen.

 

»Wahrscheinlich ist es so, wie Sie sagen – sie wird in der Natur leben wollen.«

 

Jetzt erst wandte sich Bellamy um. Spike wollte seinen Augen nicht trauen, denn Abel schien viel älter geworden zu sein und sah noch häßlicher und abstoßender aus als sonst.

 

»Sie sind wirklich ein netter Kerl, Holland,« sagte er langsam. »Als ich Ihnen neulich einmal Geld anbot, waren Sie so furchtbar beleidigt. Aber vielleicht kann ich Ihnen ein neues Auto kaufen. Fahren Sie gern Auto?«

 

»Ich bin gerade nicht so sehr davon entzückt, daß ich selbst einen Wagen brauchte,« erwiderte Spike und wunderte sich, aus welchem Grunde Bellamy plötzlich so liebenswürdig und freigebig wurde.

 

»Sie können doch dann überall hinfahren und sich die Gegend ansehen. Aber ich glaube, ich nehme Ihre Zeit zu sehr in Anspruch. Kommen Sie morgen wieder. Sie können sternchenland.com ruhig den Park absuchen. Ich werde dem Pförtner telephonische Anweisung geben, daß er Sie hereinläßt. Aber ich glaube, Sie werden nichts finden. Ich sagte Ihnen schon, das Gespenst hier in der Burg hält sich nur im Innern auf und kann besonders nasses, feuchtes Wetter nicht vertragen.«

 

Als Spike gegangen war, klingelte Bellamy nach Sen.

 

»Bringe mir einen Regenmantel und mache den Wagen fertig. Es ist möglich, daß ich lange Zeit fortbleibe.«

 

Diese ganze Nacht wartete Bellamy in strömendem Regen darauf, daß die Bewohnerin des einsamen Hauses im Klosterwald zurückkehren sollte. Er stand im tiefen Schatten der Bäume in der Nähe der Schlafzimmerfenster. Er kümmerte sich nicht um den kalten Wind, der durch den Wald heulte, auch nicht um den Regen, der ihm ins Gesicht schlug. Wenn sie zurückgekommen wäre, hätte Abel Bellamy in Zukunft sicher vor ihr sein können, aber der graue Morgen dämmerte herauf, ohne daß er etwas von ihr gesehen hatte, und er fuhr nach Garre zurück, ohne ein neues Verbrechen begangen zu haben.

 

Kapitel 56

 

56

 

Die Hunde waren nicht mehr in Garre. Eines Morgens war ein Hundezüchter gekommen, hatte sie an die Leine gelegt und mit sich fortgenommen. Das ganze Personal von Garre Castle atmete erleichtert auf. Abel Bellamy, der seinen Sekretär bei seiner Rückkehr begrüßte, erzählte ihm nur kurz, daß sie fortgebracht wären.

 

»Ich habe sie weggeschickt,« erklärte er. »Es waren schlechte Hunde, die sich betäuben ließen. Savini, ich brauche eigentlich eine Frau hier, die nach dem Haushalt sehen könnte. Ich möchte keinen Hausmeister mehr engagieren, aber es muß jemand die Dienstboten bei der Arbeit beaufsichtigen. Würden Sie nicht Ihre Frau nach Garre bringen?«

 

Zuerst wollte Julius ablehnen.

 

»Meine Frau wird wahrscheinlich die Stellung eines Hausmeisters nicht übernehmen wollen, sie wäre ja nicht mehr als ein besserer Dienstbote.«

 

»Fragen Sie nur,« sagte der alte Bellamy kurz.

 

Julius schrieb an Fay und hatte nie geglaubt, daß sie annehmen würde. Zu seiner großen Überraschung beantwortete sie seinen Brief durch einen Besuch und brachte schon ihr ganzes Gepäck mit.

 

»Ich bin das Alleinsein müde,« sagte sie, »und ich möchte doch auch gar zu gerne einmal diesen Geist sehen, Julius. Ich habe alte Schlösser und Burgen gern. Es ist zwar nicht so schön wie in Holloway, aber man hat hier doch größere Freiheit.«

 

sternchenland.com Julius zuckte zusammen. Es gab Augenblicke, in denen er nicht daran erinnert werden wollte, daß seine Frau jemals im Gefängnis gesessen hatte.

 

Er nahm sie mit in die Bibliothek, damit sie Bellamy begrüßen konnte. Der Alte schien nicht einmal überrascht zu sein, daß sie so schnell gekommen war. Er war sehr höflich, sogar liebenswürdig zu ihr und übergab ihr die Schlüssel der Burg. Aber dann warnte er sie auch.

 

»Ich habe einen Wachtmann, der nur in der Nacht Dienst tut. Sie müssen sich keine Gedanken machen, wenn Sie nachts Geräusche hören. Er schläft am Tage, und Sie werden ihn nicht zu sehen bekommen.«

 

Als Fay in ihrem Zimmer war, versuchte sie, noch mehr über diesen nächtlichen Wanderer zu erfahren.

 

»Ich weiß auch nicht, wer es ist,« antwortete Julius. »Der Alte hat mir dasselbe gesagt. Vermutlich ist es irgendein Meuchelmörder, ein Kerl, den er angestellt hat, um den Grünen Bogenschützen unschädlich zu machen.«

 

Am Abend las Julius den Bericht über die Totenschau.

 

»Jetzt weiß ich, wer der geheimnisvolle mitternächtliche Wanderer ist,« sagte er plötzlich. »Es kann kein anderer als Lacy sein.«

 

Fay gab ihm recht.

 

Daß weder sie noch Julius eine Vorladung zur Leichenschau erhalten hatten, war ihr unverständlich. Aber sie fand schließlich eine Erklärung, als sie auf der Kante ihres Bettes saß, eine Zigarette rauchte und sich die Sache durch den Kopf gehen ließ.

 

»Featherstone hat alles unterdrückt, um Bellamys Namen nicht mit dem Fall zu verknüpfen.«

 

»Warum denn?« fragte Julius erstaunt. »Das ist doch das Letzte, was Featherstone tun würde. Er will doch gerade Bellamy fassen!«

 

»Du bist sehr schlau, Julius, aber du könntest als Diplomat sternchenland.com niemals dein Vaterland im Ausland vertreten. Das ist nicht deine starke Seite. Nahmen wir an, Featherstone hätte den alten Teufel vor Gericht gestellt – woher hätte er denn die Beweise gegen ihn nehmen sollen? Und wie hätte er ihn zur Rechenschaft ziehen können, ohne die ganze Sache mit Valerie Howett aufzurollen? Und ich weiß ganz sicher, daß sie und Bellamy in eine große, geheime Geschichte verwickelt sind. Warum hätte sie dir denn sonst soviel Geld gegeben, bloß um ein paar Informationen über ihn zu bekommen?«

 

Sie schlüpfte ins Bett, zog die Knie hoch und grübelte angestrengt nach.

 

»Ich habe mir alles überlegt, Julius. Warum wollte er eigentlich, daß ich hierherkommen sollte?«

 

»Das mag der Himmel wissen. Vielleicht kann er einen gewissen Einfluß auf mich ausüben, wenn du hier bist.«

 

Sie antwortete nicht, und er war schon halb eingeschlafen, als sie wieder zu sprechen begann.

 

»Vielleicht war Holloway doch sicherer,« meinte sie. Julius brummte unzufrieden etwas vor sich hin.

 

Fay verbrachte die erste Nacht in Garre Castle nicht besonders gut. Um drei Uhr wachte sie auf und konnte nicht wieder einschlafen. Einmal ging auch jemand an der Tür vorbei. Es war ein geheimnisvolles Schlürfen, und Fay hörte, wie der nächtliche Wanderer vergeblich versuchte, einen Hustenanfall zu unterdrücken.

 

Schließlich stand sie auf, schlüpfte in ihren Morgenrock, ging ans Fenster, zog den Vorhang beiseite und schaute in die dunkle Nacht hinaus. Es regnete, und sie konnte draußen nichts erkennen. Aber um so lebhafter arbeitete ihre Phantasie. Schaudernd und fröstelnd ging sie wieder zu Bett.

 

Sie war halb eingeschlafen, als sie plötzlich ein schwaches, regelmäßiges Klopfen vernahm. Zuerst glaubte sie, es sei ein Geräusch im Zimmer, aber als sie genauer aufhorchte, merkte sie, daß es von unten kam.

 

sternchenland.com »Tap, tap, tap!« Eine Pause – dann wieder »tap, tap, tap!«

 

Sie stieß Julius an und er erwachte.

 

»Was ist das?« flüsterte sie.

 

Er saß aufrecht im Bett und lauschte.

 

»Ich weiß es nicht, – es klingt so, als ob unten jemand ist.«

 

»Was für ein Raum ist denn unter uns?«

 

Julius dachte eine Weile nach.

 

»Das Speisezimmer – nein, die Wachtstube. Ich habe dir doch den Platz gezeigt, als du ankamst.«

 

Sie schauderte.

 

»Du meinst den Eingang zu den Kerkern?« flüsterte sie ängstlich. »Ach, Julius, ich fürchte mich schrecklich.«

 

Er klopfte ihr auf die Schulter.

 

»Sei nicht verrückt. Vielleicht ist es auch nur eine Wasserröhre. – Bellamy behauptete stets, daß alle außergewöhnlichen Geräusche hier mit der Wasserleitung zu tun haben.«

 

Trotzdem war auch er verwundert.

 

»Es kann unmöglich aus dem Wachtraum kommen, es klingt, als ob man mit einem Hammer auf Eisen schlägt. Es muß ziemlich weit fort sein, sonst würde ich es genauer hören.«

 

»Wo kann es nur sein?« fragte sie besorgt.

 

Einige Sinne waren bei Julius Savini außergewöhnlich scharf entwickelt. Während seiner etwas stürmischen Vergangenheit hatte sich sein scharfes Gehör und die Fähigkeit festzustellen, woher ein Geräusch kam, von unschätzbarem Wert für ihn erwiesen. Er fand auch bald heraus, daß das Klopfen aus den unterirdischen Kerkern kommen mußte.

 

»Wo ist es denn?« fragte Fay noch einmal.

 

»Es können nur die Wasserröhren sein,« erwiderte Julius. »Versuche du nur wieder zu schlafen, ich will einmal sehen, ob ich sie nicht abstellen kann.«

 

sternchenland.com Er zog seinen Rock an, und sie hörte, wie er die Schublade seines Schreibtisches aufzog.

 

»Du brauchst aber doch keinen Revolver, um eine Wasserröhre abzustellen?« fragte sie erschrocken.

 

»Ich bin etwas nervös geworden,« antwortete er ihr sehr ruhig. »Ich will nicht in der Burg umherwandeln ohne –«

 

Sie stand schnell auf.

 

»Ich bleibe nicht allein hier,« sagte sie bestimmt.

 

Julius war ihre Begleitung nicht unangenehm, denn er war ebenso ängstlich wie sie, allein zu sein.

 

Als sie leise auf den Gang hinaustraten, sahen sie, daß eine Lampe brannte. Die Tür zu Bellamys Schlafzimmer stand weit offen.

 

»Er ist noch nicht zu Bett gegangen,« flüsterte Julius. »Sie stand genau so offen, als ich mich legte.«

 

Auch in der unteren Halle brannte Licht. Julius schlich langsam die Treppe hinunter. Die Bibliothekstür war geschlossen, aber nun konnte er das Hämmern deutlicher erkennen. Es kam aus der Richtung des Speisezimmers, und er ging die langen, dunklen Gänge entlang. Fay folgte ihm auf dem Fuße am Speisezimmer vorbei in den Wachtraum. Bevor er dorthin kam, sah er die Lichtstrahlen einer Laterne, die sich auf dem blanken Fußboden spiegelten. Auch von der Treppe, die zu den Kerkern hinunterführte, kam Lichtschein herauf. Julius schlich sich vorwärts und schaute hinunter, konnte aber niemand sehen, aber die Hammerschläge waren laut und deutlich zu hören.

 

Der Revolver in seiner Hand zitterte, als er den Fuß auf die ausgetretenen Steinstufen der Treppe setzte. Aber plötzlich hörte das Klopfen unten auf, und es erklangen Schritte auf dem unebenen Steinfußboden. Savini zog sich fluchtartig zurück, nahm seine Frau am Arm, und sie liefen den langen Gang entlang, die Treppe in die Höhe. Von dem oberen Podest aus hatte er einen guten Überblick über die Eingangshalle. sternchenland.com Sie mußten noch etwas warten, bevor der nächtliche Arbeiter erschien. Es war Abel Bellamy.

 

Er hatte keinen Rock an, sein Hemd war vorne geöffnet und zeigte seine starke Brust, die Ärmel waren bis zur Schulter aufgerollt. Julius sah auf den muskulösen, mächtigen Armen eine graue Staubschicht. Bellamy trug einen schweren Hammer in der einen Hand, eine Laterne in der anderen, und als er in die Halle heraufkam, wischte er sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirne. Julius und Fay eilten in ihr Zimmer und schlossen die Tür leise hinter sich zu.

 

»Was hat er nur gemacht?« flüsterte die erschrockene Frau.

 

»Er wird ein Wasserrohr verlegt haben,« meinte Julius beruhigend. Aber er hätte sich nicht träumen lassen, wie nahe sein Ausspruch der Wahrheit kam.

 

Kapitel 57

57

Am nächsten Morgen stand Julius schon sehr früh auf. Er hatte genügend Entschuldigungsgründe, um in den Wachtraum zu gehen, denn seine jetzigen Pflichten brachten ihn in alle Teile der Burg. Als er den Raum aber betrat, erwartete ihn eine Überraschung. Er sah eine schwere Gittertür dort, die aus starken Stahlstangen bestand. Bellamy mußte sie noch in der Nacht angebracht haben, um den Zugang zu den Kerkern zu schließen. Julius konnte sich nicht darauf besinnen, jemals früher diese Tür gesehen zu haben. Er sah auch, daß die Tür mit einem ganz neuen Vorhängeschloß gesichert war. Als er Bellamy später traf, erwähnte er seine Entdeckung. »Eins von Ihren verrückten Dienstmädchen wäre in Ihrer Abwesenheit beinahe die Treppe hinuntergefallen,« erklärte er. »Deshalb habe ich sie jetzt geschlossen, damit nichts mehr passieren kann. Aber warum fragen Sie?« sternchenland.com »Ich hätte meiner Frau gern die Kerker gezeigt,« log Julius. »Das geht jetzt nicht,« war die ablehnende Antwort. Aber als sie sich nach einiger Zeit wieder begegneten, brachte der alte Bellamy von selbst das Gespräch wieder darauf zurück. »Wenn Ihre Frau die Kerker sehen will, so werde ich sie ihr selbst eines Tages zeigen,« meinte er. Julius dankte ihm und berichtete Fay von seiner Unterhaltung. »Ich will die alten, verfluchten Kerker nicht sehen,« rief sie. »Julius, ich gehe von hier fort. Unsere Wohnung in Maida Vale ist sicher kein Palast, aber es ist doch nicht so schauerlich dort.« Julius nahm ihren Entschluß ohne Widerrede hin. Aber Bellamy wurde aufgebracht, als er davon hörte. »Sagen Sie ihr nur, daß sie nicht so ohne weiteres fortgehen kann,« rief er erregt. »Ich brauche sie hier. Auf alle Fälle muß sie eine Woche hier bleiben.« »Es wäre besser, wenn Sie ihr das selbst mitteilen, Mr. Bellamy,« erwiderte der kluge Julius. »Schicken Sie Ihre Frau zu mir.« Fay kam sofort. »Savini sagte mir eben, daß Sie die Burg verlassen wollen?« »Das stimmt – Ihr Garre Castle fällt mir auf die Nerven, Mr. Bellamy.« »Sie fürchten sich wohl vor Geistern?« brummte er. »Nein, vor Ihnen.« Abel Bellamy lachte. Wenn sie sich angestrengt hätte, ihm etwas Angenehmes zu sagen, so hätte sie es nicht besser machen können. »Was, Sie fürchten mich? Was ist denn an mir dran, sternchenland.com wovor Sie sich fürchten könnten? Vor häßlichen Männern haben die Frauen doch keine Furcht – im Gegenteil, die haben die Frauen doch gerne?« »Ich habe noch niemals an Höhlenmenschen Gefallen gefunden. Ich sehne mich nicht nur wegen Ihrer häßlichen Erscheinung nach meiner alten Wohnung. Sie sind gerade kein Adonis, das wissen Sie ja selbst, Mr. Bellamy, aber darum bekümmere ich mich nicht. Das ist die schreckliche alte Burg und vor allem die Geräusche in der Nacht.« »Julius hat mir gesagt, daß es die Wasserrohren sind, und vielleicht hat er auch recht. Aber ich kann bei dem Spektakel nicht schlafen, ich verliere mein hübsches Aussehen und das will ich nicht.« Er beobachtete sie durch halbgeschlossene Augenlider, und als sie zu Ende war, lachte er wieder leise in sich hinein, als ob er eine unbändige Freude meistern müßte. »Machen Sie es so, wie Sie wünschen, aber bleiben Sie noch bis zum Ende der nächsten Woche, dann können Sie gehen.« Sie hatte sich fest vorgenommen, die Burg sofort zu verlassen, aber merkwürdigerweise gab sie Bellamy doch ihre Einwilligung, noch solange zu bleiben. »Warum ich schließlich Ja sagte, kann ich mir eigentlich gar nicht erklären. Wenn ich noch eine Woche hier bleiben soll, bekomme ich graue Haare, Julius.« »Ach, du bist verrückt.« In der nächsten Nacht hörten sie das Klopfen wieder, aber es störte sie nicht weiter im Schlafe. In der dritten Nacht aber wachte Julius plötzlich auf und sah, daß auch Fay erschreckt im Bett saß. »Was war denn das?« fragte er. »Es klang wie eine Explosion.« Während sie noch sprach, kam wieder ein dumpfer Knall, der das ganze Gebäude erzittern ließ. sternchenland.com Savini eilte auf den Gang, die Treppe hinunter. Er war mitten in der Halle, als der Alte nach oben kam. »Was wollen Sie hier?« fragte er. Savini bemerkte irgendeinen sonderbaren Geruch. Sicher Waren es die Rauchgase einer Explosion. »Ist irgend etwas nicht in Ordnung?« »Alles in Ordnung – ich habe nur eine kleine Sprengung vorgenommen, aber deshalb brauchen Sie sich nicht zu fürchten.« »Eine Sprengung – mitten in der Nacht?« »Ist das nicht die beste Zeit dafür? Eine der Kerkerwände sah mir so aus, als ob etwas dahinter verborgen wäre. In all diesen alten Burgen gibt es Schatzräume, und ich hatte schon seit einiger Zeit beschlossen, diese Mauer niederzulegen.« Nun war aber Abel Bellamy nicht der Mann, der um drei Uhr in der Nacht auszog, um Schätze zu heben. »Ihre Frau fürchtet sich wohl wieder? Ich dachte, ich wäre der einzige, vor dem sie sich fürchtet. Gehen Sie wieder zu Bett, Savini.« Julius blieb nichts anderes übrig, als zu gehorchen. »Der Alte hat Löcher in die Mauern gesprengt,« erzählte er Fay. »Wenn das Loch, das er gesprengt hat, groß genug ist, daß ich hinauskommen kann, dann krieche ich sofort hinaus,« erwiderte Fay ganz bestimmt. »Und du kommst mit, Julius. Es ist ganz gleich, ob du hier viel Geld verdienst oder nicht. Warum wollte er dich denn wieder hier zurückhaben? – warum hat er mich hierhergerufen? Weil wir beide etwas wissen und ausplaudern könnten. Ich wußte, daß er hinter der Sache mit Smith steckte – hat er dich denn nicht zu mir gesandt, um mir Anweisungen zu geben? Smith hat mir das auch gesagt. Wegen seiner eigenen Sicherheit durfte er weder dich noch mich in der Stadt lassen. Wir sind blind gewesen! Er kann es doch durchaus nicht leiden, wenn Frauen sternchenland.com in seiner Nähe sind, und trotzdem hat er nach mir geschickt. Wenn ich nur soviel Verstand gehabt hätte wie eine Mücke, dann hätte ich das vorher durchschauen sollen. Aber sobald es hell wird, gehen wir.« Julius war es unheimlich zumute. Er ahnte, daß sie recht hatte und stimmte ihr zu. »Natürlich habe ich recht,« sagte sie zornig. »Julius, du bist ein verlorener Mann, wenn du länger hier bleibst. Der alte Fuchs führt irgend etwas Böses gegen uns im Schilde. Ich bin nicht beunruhigt wegen der Sprengungen, ich vermute, er hat nicht genug Dynamit, um ganz Garre Castle in die Luft zu sprengen. Aber hinter all diesem Klopfen und den Geräuschen steckt irgendein geheimer Plan.« Bellamy war in der Bibliothek, als die beiden zu ihm kamen. Er las gerade in einem Exemplar des »Daily Globe« den Bericht über die Leichenschau. »Wollen Sie ausgehen?« fragte er, als er ihre Kleidung sah. »Nein, wir gehen nach Haus,« antwortete Fay. Bellamy legte die Zeitung nieder. »Ich dachte, Sie wollten die Woche noch aushalten. Und Sie wollen auch fort, Savini?« Julius nickte. »Ach was, Sie sind wohl nicht ganz bei Verstand! Aber ich will keinen Streit mit Ihnen anfangen. Hier ist Ihr Lohn. Eigentlich haben Sie auf gar nichts Anspruch, wenn Sie mich so verlassen. Schreiben Sie mir eine Quittung über das Geld aus.« Julius gehorchte und setzte sich das letztemal an Abel Bellamys Schreibtisch. »Savini, erinnern Sie sich an die Ledermappe? Fragen Sie mich nicht, welche ich meine. Besinnen Sie sich darauf, wie Sie hier herumspioniert haben, wenn ich nicht da war? Wie Sie alle Schubladen im Schreibtisch geöffnet haben? sternchenland.com Wissen Sie noch, wieviel geheime Nachrichten Sie Valerie Howett gegeben haben? Und ich habe Ihnen nur Gutes für all dieses Böse getan.« Julius war auf der Hut. Er schaute ganz erstaunt auf, als der Alte plötzlich mit einem harten Ruck den Schreibtisch zurückstieß und den Teppich aufhob. »Ich bin ein verlorener Mann,« sagte Bellamy ruhig. »Dieser verdammte Spürhund, der Featherstone, hat alles über die Frau herausbekommen, die ich drunten gefangen halte. Und vermutlich wissen Sie es auch, sonst würden Sie nicht fortlaufen wollen.« Er bückte sich, nahm ein Stück des Parkettfußbodens heraus, steckte den Schlüssel ein und öffnete. Savini beobachtete aufgeregt alle seine Bewegungen. Verwundert sah er, wie der Stein sich um die Stahlachse drehte. Ohne ein Wort zu verlieren, stieg Bellamy die Treppe hinunter. »Kommen Sie und sehen Sie es sich an,« sagte er. Julius folgte ihm, und widerstrebend ging auch Fay hinter ihm her. Der Alte zündete unten einen Gasarm an und schloß die Türe auf. Die Lampen brannten unten, wie er sie verlassen hatte. »Kommen Sie ruhig herein,« sagte Bellamy, der am Eingang des Tunnels stand. »Ich bleibe hier,« erwiderte Julius. Er fühlte zitternd Fays Hand, die ihn am Arm zurückzog. Bellamy drehte sich gleichgültig um. »Nun ja, bleiben Sie dort, die Frau ist hier, wenn Sie sie sehen wollen –« Blitzschnell drehte sich Bellamy um. Er packte Julius mit der einen, Fay mit der anderen Hand, und bevor Julius zu sich kam, hatte Bellamy ihn und seine Frau durch den Tunnel hindurchgestoßen. Die Tür fiel krachend ins Schloß, und sie hörten, wie er die Riegel vorschob. sternchenland.com Dann schaute der Alte durch das kleine Gitter in der Tür. »Nach Hause gehen, was? Nun bei Gott, jetzt sind Sie zu Hause! Das ist Ihre letzte Heimat, Sie verdammter Nigger und Spürhund! Du Schmutzweib! Ihr meint wohl, ich hätte euch frei herumlaufen lassen, damit ihr überall Geschichten erzählt? Nun seid ihr hier, und da werdet ihr so lange bleiben, bis ihr krepiert!« Bellamys Stimme war heiser, er war fast wahnsinnig vor Aufregung. »Auf Sie habe ich gewartet, Savini! Und dieses Frauenzimmer –« begann er von neuem. Aber plötzlich sprang er beiseite, und zwar gerade noch zu rechter Zeit, denn es fiel ein Schuß, und ein Geschoß prallte hinter ihm an der Wand ab. Ein zweites Geschoß traf eine Eisenstange des Gitters in der Türe. Er hatte nicht geglaubt, daß Julius Waffen bei sich tragen könnte. Unversehens schloß er die Falltür, die das Gitter bedeckte, und befestigte es mit Riegeln. Dann stieg er die Treppe wieder hinauf. Oben schrieb er einen langen Brief und brachte ihn selbst zu dem Pförtnerhaus. »Sie fahren doch Rad?« fragte er den Pförtner. »Nehmen Sie diesen Brief und bringen Sie ihn nach Lady’s Manor.« Der Mann entfernte sich sofort und Bellamy sah ihm nach. Nach zehn Minuten kam der Bote zurück und gleich darauf erblickte Bellamy eine bekannte Gestalt. »Gehen Sie schnell und sagen Sie dem Herrn dort, daß ich ihn gern sehen möchte.« Kurze Zeit später kam der interessierte Spike mit dem Pförtner zum Tor. »Guten Morgen, Holland, Ihr Freund hat mich verlassen.« »Meinen Sie etwa Savini?« Bellamy nickte. sternchenland.com »Er ist eben mit seiner Frau gegangen. Ich überraschte sie dabei, wie sie über Nacht meinen Geldschrank aufbrechen wollten. Im Augenblick habe ich sie hinausgeworfen. Ich dachte, Sie können diese Nachricht vielleicht für Ihre Zeitung brauchen.« »Das ist ja eine große Neuigkeit,« sagte Spike ohne sichtliche Begeisterung. »Welchen Weg sind Sie denn gegangen? Am ›Blauen Bären‹ sind sie jedenfalls nicht vorbeigekommen.« »Nein, sie gingen in der Richtung nach Newbury. Wenigstens sagte Savini so. Er drohte auch, daß er dort zu einem Rechtsanwalt gehen würde. Ich habe jetzt genug von dieser Burg, Holland. Man kann diesen Engländern überhaupt nicht trauen – dieser Kerl, der Savini, ist doch auch ein halber Engländer.« »Was wollen Sie denn dann anfangen?« »Ach, ich werfe die ganze Dienerschaft hinaus – zahle die Gehälter bis zum nächsten Ersten und schließe die Bude. Ich behalte nur den Pförtner und einen Verwalter. Vielleicht kann ich Ihnen eines Tages, wenn Sie zu mir kommen, eine gute Geschichte erzählen.« Spike zwinkerte mit den Augen. »Und was wird aus dem Grünen Bogenschützen?« fragte er. »Das ist ja doch gerade mein neuer Verwalter,« antwortete Bellamy prompt. »Vielleicht kann ich Ihnen nächstens etwas mehr über ihn berichten, Holland. Er hat alle Leute an der Nase herumgeführt, nur mich nicht. Haben Sie sein Gesicht noch nie gesehen?« »Nein,« sagte Spike ruhig. »Ich möchte es auch nicht sehen. Was ich sehen möchte, ist sein Rücken.« Bellamy zog die Stirne kraus. »Was soll das heißen – Sie wollen seinen Rücken sehen?« sternchenland.com »Ich möchte die Narbe sehen, die Creager ihm schlug, als er ihn auspeitschte.« Er hatte nicht erwartet, daß seine Worte einen so großen Eindruck auf Bellamy machen würden. Der Alte taumelte, als ob er von einem Geschoß getroffen worden wäre, seine große Hand hob sich, und er stützte sich an dem Steinpfeiler des Tores, um sich aufrechtzuhalten. Sein Gesicht war vollkommen totenblaß, und sein Blick war leer. »Sie wollen seinen Rücken sehen … den Creager ausgepeitscht hat! …« flüsterte er. Dann wandte er sich um und eilte zu dem Eingang der Burg, als ob ihn ein leibhaftiges Gespenst verfolgte. Er eilte geradenwegs in die Bibliothek, warf die Tür donnernd hinter sich zu, taumelte zu seinem Sessel und fiel atemlos hinein. Der Mann, den Creager ausgepeitscht hatte! Ein Geist war in Garre aufgetaucht, schrecklicher als der Grüne Bogenschütze! Er saß zwei Stunden lang und schaute bewegungslos aus dem Fenster. Ein entsetzliches Gefühl des Schreckens hatte sich seiner bemächtigt – es war die Furcht vor dem Tode.

Kapitel 58

 

58

 

Jim Featherstone war im Garten, als Valerie ihm einen Brief brachte, den sie ihm wortlos übergab.

»Meine liebe Miß Howett, als Sie mich damals in der Burg besuchten, fragten Sie mich nach Ihrer Mutter, und ich sagte Ihnen, daß ich nichts über sie wüßte. Zu jener Zeit hatte ich allen Grund, Ihnen nichts über sie mitzuteilen. Aber Ihre Mutter lebt, und wie ich vermute, geht es ihr gut. Wenn Sie mich noch einmal mit Ihrem Besuch beehren wollen, werde ich Ihnen alle möglichen Aufschlüsse geben können. Darf ich Ihnen mein aufrichtiges sternchenland.com Bedauern aussprechen, daß Sie kürzlich so unangenehme Erfahrungen gemacht haben? Ich las die ganze Geschichte heute zum erstenmal in der Zeitung.

Mit besten Grüßen

Abel Bellamy.«

Jim las den Brief zweimal durch.

 

»Das ist ja wieder eine ganz moderne Version von der Fabel mit der Spinne und der Fliege,« sagte er. »Sie haben natürlich nichts Eiligeres zu tun, als zu ihm zu gehen?«

 

»Ich war schon gespannt, ob Sie das nicht sagen würden – aber trotzdem –«

 

»Es könnte ja etwas dafür sprechen, das gebe ich zu. Vielleicht will Bellamy sein Gewissen erleichtern, indem er Ihnen alles frei erzählt.«

 

»Welche Gefahr könnte denn damit verbunden sein?« fragte sie. Aber Jim war in diesem Punkt unerbittlich.

 

»Als Ihr Freund kann ich Sie nur bitten, nicht nach Garre Castle zu gehen, aber als Polizeibeamter muß ich es Ihnen direkt verbieten,« sagte er halb scherzend. »Bellamy würde zwar am hellen Tage keine Tricks versuchen, aber – eben sehe ich Spike Holland kommen.«

 

Spike kam eilig durch den Garten. Sein sommersprossiges Gesicht strahlte.

 

»Savini und seine Frau haben die Burg verlassen, und der Alte wirft seine ganze Dienerschaft auf die Straße,« sagte er atemlos. »Nur sind die Savinis noch nicht aus der Burg heraus. Ich habe das Tor seit heute morgen in aller Frühe beobachtet, denn Julius hatte mir versprochen, mir etwas zu berichten. Und um zehn Uhr erzählte mir Bellamy die Geschichte, daß er die beiden hinausgeworfen hat, weil er sie dabei ertappte, wie sie seinen Geldschrank berauben wollten.«

 

»Was vermuten Sie?«

 

sternchenland.com »Daß Bellamy lügt. Savini ist noch dort und er und seine Frau unterstützen entweder den Alten dabei, alle Leute an der Nase herumzuführen, oder –«

 

»Nun?«

 

»Oder die beiden Savinis sitzen als Gefangene auf der Burg. Ich bin über nichts mehr erstaunt, was sich in Garre ereignet.«

 

Jim wollte eigentlich am selben Tag zur Stadt zurück, aber er rief statt dessen im Bureau an und ließ sofort Nachforschungen nach Julius Savini anstellen. Als am Nachmittag der Bericht kam, daß weder Julius noch seine Frau gesehen worden war, sandte er den Polizeibeamten von Garre Castle zur Burg, um Erkundigungen einzuziehen. Der Mann kam mit der Nachricht zurück, daß alle Dienstboten, mit Ausnahme des Pförtners und des Chauffeurs Sen, an diesem Nachmittag weggegangen seien. Es waren meistens Leute aus London und sie hatten Garre mit dem Nachmittagszug verlassen. Bellamy hatte großzügig gehandelt und ihnen reichlich Geld gegeben. Von den Savinis hatte er nichts anderes erfahren, als daß er ebenfalls mit seiner Frau die Burg verlassen hätte.

 

»Das waren alle Informationen, die er mir gab.«

 

»Wer hat Ihnen denn die Tür aufgemacht?«

 

»Mr. Bellamy selbst, mein Herr. Als ich wieder wegging, hörte ich, wie er die Tür verriegelte und abschloß.«

 

Jim konnte nichts anderes tun als ruhig abwarten.

 

Aber Abel Bellamy konnte nicht warten. Es war nur noch ein Hindernis, das zwischen ihm und der Ausführung seines Planes stand.

 

Über der Bibliothek von Garre Castle befanden sich Räume, die meistens fensterlos waren. Früher hatten die Gefolgsleute der de Curcys hier gewohnt, aber jetzt wurden sie teils als Abstellraume benützt, teils standen sie ganz leer. In einem dieser Zimmer schlief am Tage ein Mensch mit einem sternchenland.com dunklen Gesicht, der böse dreinschaute, und dessen Anwesenheit in Garre Julius längst vermutet hatte.

 

Lacy war ein berufsmäßiger Dieb, der sich nicht viel Gedanken machte. Reue kannte er nicht, und seitdem er in Garre war, trug er eine ziemliche Gleichgültigkeit zur Schau, von der Bellamy jedoch keine Notiz nahm.

 

Der letzte der Dienstboten war kaum außer Sicht, als Lacy die Tür zur Bibliothek öffnete, ohne vorher anzuklopfen, und einfach zu seinem Herrn hineinging. Er hatte eine von Bellamys Zigarren im Munde. Die Hoffnung auf einen baldigen großen Erfolg hatte schon bessere Leute wie Lacy verdorben.

 

»Na, sind alle weg, Alter? Ich soll nun wahrscheinlich alles für Sie tun, was in meinen Kräften steht, wie? Aber glauben Sie ja nicht, daß ich jetzt noch den Diener spiele!«

 

»Habe ich Sie darum gefragt?« brummte Bellamy.

 

Lacy nahm die Zigarre aus dem Munde und schaute sie mürrisch an.

 

»Das ist keine von Ihren besten, Abel,« sagte er vorwurfsvoll. »Sie hätten sich im Traume nicht einfallen lassen, dem armen alten Smith Zigarren wie diese anzubieten! Und wenn ich nun sozusagen auch noch die Arbeit von Smith übernehmen soll, dann müssen Sie mich etwas besser behandeln.«

 

»Da steht eine Kiste Zigarren auf dem Tisch,« sagte der Alte. »Was wollen Sie denn, Lacy?«

 

»Ich wollte mal mit Ihnen reden,« antwortete der Mann und setzte sich bequem in Bellamys Armsessel. »Ich weiß noch nicht recht, was Sie vorhaben. Meinen Sie, daß ich für immer hier auf der Burg bleiben soll?«

 

»Wollen Sie nicht mit Featherstone abrechnen?«

 

Als Bellamy diesen Namen erwähnte, wurde Lacy ärgerlich und wütend.

 

»Ich werde ihn mir an einem der nächsten Tage kaufen,« sternchenland.com stieß er zwischen den Zähnen hervor, »und ich werde ein Hühnchen mit ihm rupfen!«

 

»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen,« sagte Bellamy. »Sie werden ihn zu sehen kriegen.« Und mit einem Stirnrunzeln fügte er hinzu: »Dann können Sie ja das Hühnchen mit ihm rupfen.«

 

Lacy rauchte unentwegt und schaute mit düsteren Gedanken dem Rauch seiner Zigarre nach, der zur Decke emporstieg. Bellamy beobachtete ihn forschend.

 

»Was soll ich denn nun für Sie tun?« fragte Lacy plötzlich.

 

»Helfen Sie Sen.« Lucy schnitt eine Grimasse.

 

»Ich habe niemals in meinem Leben mit einem Chinesenhund zusammengearbeitet,« erwiderte er. »Das fällt mir auch jetzt nicht ein.« Lacy war in aufsässiger Stimmung. Für gewöhnlich hatte Bellamy kein langes Federlesen mit ihm gemacht, aber gerade jetzt begegnete er ihm mit erstaunlicher Milde.

 

»Wann ist Julius fortgegangen?«

 

Bellamy hatte sich auf seinen Schreibtisch gesetzt und schaute langsam eine Anzahl von Rechnungen durch, die Julius unerledigt zurückgelassen hatte. Zuerst schien er die Frage nicht gehört zu haben und erst als Lacy sie wiederholte, bekam er eine Antwort.

 

»Heute morgen.«

 

Lacy rauchte schweigend weiter und überlegte sich scheinbar allerhand.

 

»Ich denke, das war nicht richtig, daß Sie Julius haben gehen lassen. Er ist doch solch ein Kerl, der Sie sofort anzeigt, bevor Sie noch wissen, was los ist. Das hat mich sehr in Erstaunen gesetzt – solche riskanten Sachen haben Sie früher nicht gemacht! Da ist Julius und seine Frau und dann bin ich da – wir alle wissen von Ihren Geheimnissen. Nehmen Sie nun einmal an, einer von uns würde zur sternchenland.com Polizei gehen, das würde Ihnen doch verdammt unangenehm sein.«

 

»Über Julius mache ich mir nicht die mindesten Sorgen und Ihretwegen erst recht nicht.«

 

Auf dem Tisch standen zwei Telephone. Die eine Leitung führte zu dem Pförtnerhaus. Plötzlich summte der eine Apparat und unterbrach Lacys Auseinandersetzungen.

 

»Ein Herr ist hier am Pförtnerhaus und wünscht Sie zu sprechen,« hörte Bellamy die Stimme des Portiers.

 

»Sagen Sie ihm, daß ich niemand empfange,« antwortete Bellamy grob. »Wer ist es denn?«

 

»Er sagt, daß er sich erkundigen wollte, ob die Burg verkauft wird.«

 

»Die ist doch überhaupt nicht zu verkaufen, Sie Dummkopf! Wer ist es denn?«

 

»Mr. John Wood. Er sagt, daß er direkt von Belgien gekommen ist, um Sie zu sprechen.«

 

Kapitel 59

 

59

 

Bellamys Gesichtsausdruck änderte sich.

 

»Sagen Sie ihm, er möchte heraufkommen.« Dann legte er den Hörer auf den Tisch und sah sich nach Lacy um. »Sie können währenddessen hinausgehen. Es wird gleich Besuch hier sein.«

 

Lacy erhob sich widerwillig.

 

»Mir gefällt die ganze Sache hier nicht mehr,« sagte er. »Ich muß mich Verstecken und in dunklen Löchern schlafen, seitdem ich hier bin. Mir wächst die Sache allmählich zum Halse heraus.«

 

Bellamy antwortete ihm nicht, sondern beobachtete ihn nur mit seinen kühlen, grauen Augen. Lacy verließ den Raum, aber er fühlte sich nicht wohl und wußte selbst nicht warum.

 

Sen öffnete die Tür und führte den Besucher in die Bibliothek. sternchenland.com Bellamy stand an den Kamin gelehnt, hatte die Hände auf dem Rücken und den Kopf auf eine Seite gelegt. Diese Haltung nahm er häufig ein. Er sprach auch kein Wort, bis Sen sich entfernt hatte und der Besucher direkt vor ihm stand.

 

»Mr. Wood?« brummte er.

 

»Ja, das ist mein Name. Ich habe doch die Ehre mit Mr. Bellamy? Ich habe gerüchtweise gehört, daß Sie die Burg verlassen und verkaufen wollen.«

 

»Nehmen Sie Platz,« unterbrach ihn der alte Mann.

 

»Ich ziehe es vor zu stehen, wenn Sie nichts dagegen haben.«

 

»Sie haben also gehört, daß die Burg verkauft werden sollte? Wer hat Ihnen denn diese Tartarennachricht erzählt? Ich beabsichtige nicht, Garre Castle zu verkaufen. Jetzt nicht und auch in Zukunft nicht. Warum wollten Sie es denn kaufen?«

 

»Ich habe von verschiedenen Seiten große Summen erhalten, um ein Kinderheim in England zu gründen,« entgegnete Mr. Wood. Seine ernsten Augen beobachteten gespannt das Gesicht Bellamys. »Und ich dachte mir, daß die Burg, wenn man sie modern einrichtete, ein sehr geeigneter Platz hierfür wäre. Es gibt hier viele große Räume, die, soviel ich weiß, niemals von Ihnen benutzt werden, und abgesehen davon ist ja genügend Land vorhanden, daß man Erweiterungsbauten aufführen könnte –«

 

»Aber ich verkaufe nicht.«

 

John Wood verbeugte sich zum Abschied und wollte gerade gehen, als Bellamy ihn wieder anredete.

 

»Mir kommt Ihr Name so bekannt vor, Mr. Wood – möglicherweise irre ich mich, aber ich glaube mich zu entsinnen, daß Sie einen Verwandten von mir kennen.«

 

»Meinen Sie Ihren Neffen?« fragte John Wood ruhig.

 

Bellamy nickte.

 

sternchenland.com »Ja, wir waren in derselben Fliegerstaffel.«

 

»Er ist wohl gefallen? Sind Sie sicher, daß er getötet wurde?«

 

»Sein Name stand in den Gefallenenlisten, und ich habe sein kleines Vermögen geerbt.«

 

»Glauben Sie nicht, daß er noch am Leben ist? Es kommt doch so häufig vor, daß Leute, die im Krieg als tot oder gefallen gemeldet wurden, später noch sehr lebendig waren.«

 

»Die amerikanischen Armeebehörden sind aber sehr gewissenhaft in ihren Berichten. Sie haben sich große Mühe gegeben, alle gemeldeten Todesnachrichten genau nachzuprüfen. Außerdem hat auch die deutsche Regierung seinen Tod bestätigt.«

 

Bellamy dachte nach.

 

»War mein Neffe ein mitteilsamer Mensch? Hat er Ihnen irgend etwas über –« er suchte nach Worten – »über seine eigene Vergangenheit mitgeteilt?«

 

»Er hat niemals darüber gesprochen.«

 

»Hm!« sagte Bellamy und schien beruhigt zu sein. Er begleitete Mr. Wood zur Tür und sah ihm nach, als er den Fahrweg entlangschritt, um die Ecke der Sträucher bog und bei dem Pförtnerhaus verschwand. Dann ging er zur Bibliothek zurück und fand dort Sen damit beschäftigt, ein Tablett auf den Tisch zu stellen. Als er näherkam, reichte ihm der Chinese ein Stück Papier.

 

»Keine Milch,« stand darauf.

 

»Ist keine mehr im Vorratsraum?«

 

Sen schüttelte den Kopf.

 

»Es muß doch kondensierte Milch dort sein,« brummte Bellamy. »Ich werde selbst gehen und nachsehen.«

 

Bei dieser Gelegenheit machte er eine wichtige Entdeckung.

 

Als es dunkel wurde, schickte er Lacy mit dem Auto nach London, um Einkäufe zu machen.

*

sternchenland.com Jim Featherstone machte einen Spaziergang durch die Hauptstraße, als er einen Mann bemerkte, der aus der Torfahrt von Garre Castle herauskam. Er hatte ihn nur kurz gesehen, aber sofort erkannt, und entschuldigte sich bei der Dame, die er begleitete. Er ging schnell vorwärts und überholte Mr. John Wood gerade, als er in den altertümlichen Omnibus steigen wollte, der die Verbindung zwischen Garre und der nächsten Eisenbahnstation aufrechterhielt.

 

»Ich bin hierhergekommen, um Garre Castle zu kaufen,« erklärte ihm Wood nach der ersten Begrüßung.

 

Jim mußte lachen.

 

»Ich hatte keine Ahnung, daß Sie wirklich die Absicht hatten – Miß Howett, darf ich Ihnen Mr. John Wood vorstellen? Er ist hierhergekommen, um Garre Castle zu kaufen, aber wie ich vermute, hat er keinen Erfolg gehabt. Was halten Sie nun von Bellamy, nachdem Sie ihn aus nächster Nähe gesehen haben?«

 

»Er besitzt gerade kein sehr angenehmes Äußere,« sagte Mr. Wood lächelnd.

 

Valerie nahm ein mehr als gewöhnliches Interesse an diesem eigenartigen Mann. Sie hatte sich selbst schon eingestanden, daß es seine prächtige Liebhaberei war, die sie so für ihn einnahm. Aber wenn sie ehrlich gewesen wäre, hätte sie noch zugeben müssen, daß es seine bedeutende Persönlichkeit war, die schon einen tiefen Eindruck auf sie gemacht hatte, bevor sie noch ein Wort mit ihm gewechselt hatte.

 

»Kehren Sie wieder zu Ihren kleinen Kindern zurück, Mr. Wood?« fragte sie.

 

»Noch nicht, ich habe noch viel in England zu erledigen, bevor ich heimfahren kann. Interessieren Sie sich für meine Liebhaberei?« fragte er und seine Augen leuchteten auf.

 

»So sehr, daß ich wünschte, Sie würden mir alles darüber erzählen. Würden Sie nicht mit uns speisen, Mr. Wood?«

 

Er zögerte.

 

sternchenland.com »Ja,« sagte er schließlich und entschuldigte sich schnell wegen seiner Unhöflichkeit.

 

Als sie an dem Tor der Burg vorbeikamen, wandte er sich nach dem Gebäude um.

 

»Schauen Sie sich nach dem bösen Riesen um?« fragte sie.

 

»Ich erwarte nicht, ihn zu sehen, aber wenn ich diese Burg hätte, würde ich auf jedem Turm die amerikanische Flagge hissen. Vermutlich ist Abel Bellamy ebensowenig patriotisch als menschenfreundlich.«

 

Während des ganzen Weges nach Lady’s Manor unterhielt sich Valerie anregend mit John Wood. Jim fühlte, daß er im Augenblick überflüssig war und das war eine unangenehme Erkenntnis.

 

Als sie bei Tisch saßen, schien es, als ob Valerie den Fremden schon ihr ganzes Leben lang gekannt hätte. Und wenn sie sich an Jim wandte, so war es nur, um eine Bestätigung für etwas von ihm zu erhalten, was Wood eben gesagt hatte.

 

Schon das allein hätte genügt, Captain Featherstone zu bedrücken, aber es kam noch das merkwürdige Verhalten Mr. Howetts dazu, der während der ersten Zeit des Essens ein tödliches Schweigen beobachtete und nicht einmal von seinem Teller aufsah. Er war doch sonst ein Mann, der gewöhnt war, Gäste bei sich zu sehen, der großes öffentliches Ansehen genoß und Gelassenheit und Gleichmut besaß. Selbst sein schlimmster Feind hätte ihn nicht der Teilnahmslosigkeit und Schüchternheit bezichtigt. Aber jetzt war er merkwürdig zurückhaltend, und erst als Spike auf der Bildfläche erschien, der seinen Bekannten auch begrüßen wollte und die Unterhaltung sich um Bogenschießen drehte, begann er zu sprechen.

 

Jim war überrascht, daß er von sich aus die Frage wieder anschnitt. Er schien dem Zeitungsmann eine Antwort auf seine Frage geben zu wollen, die er damals im Speisesaal des Carlton-Hotels an ihn gerichtet hatte.

 

»Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß ich mich sternchenland.com für diesen Sport interessiere, aber solche Zufälligkeiten finden Sie alle Tage. Wenn Sie zum Beispiel ein Buch aufschlagen und irgendeinen technischen Ausdruck finden, den Sie früher niemals gesehen oder angewandt haben und wenn Sie dann in einem Wörterbuch seine Bedeutung nachsehen, so treffen Sie dasselbe Wort in den nächsten zwölf Stunden wieder!«

 

»Als ich noch ein junger Mann war und noch so gute Augen wie Sie besaß, interessierte ich mich sehr für das Bogenschießen. In meinem Heimatdorfe waren wir ungefähr ein halbes Dutzend Jungens, die für sich selbst so eine Art Robin-Hood-Bande gründeten. Sie wurde allerdings aufgelöst, nachdem wir verschiedene Fenster zerschossen hatten. Damals hielt man mich für den besten Bogenschützen in unserem kleinen Kreis. Später habe ich diese Fähigkeit weiter entwickelt, bis ich einen gewissen Ruf darin erhielt. Und als ich wohlhabend wurde, nahm ich den Sport wieder auf und wurde Mitglied in einer Gesellschaft in Philadelphia. Aber mein schlechtes Sehvermögen bildete allmählich ein unüberwindliches Hindernis. Vor fünfzehn Jahren ging ich nach Deutschland, um einen bekannten Augenspezialisten aufzusuchen. Auf meiner Rückreise kam ich durch London mit der neuen Brille – es ist diese hier –« er nahm sein Glas ab und schaute nachsinnend darauf – »Ich las die Bekanntmachung in der Zeitung, daß ein Preisschießen für Bogenschützen stattfinden sollte, und da ich gerne mein neues Augenglas prüfen wollte, meldete ich mich und so kam es, daß ich wieder einen Bogen in die Hand nahm.«

 

»Das Gespräch scheint auf den Grünen Bogenschützen zu kommen,« meinte John Wood lächelnd. »Ist er in der letzten Zeit gesehen worden? In Belgien lese ich nur selten englische Zeitungen.«

 

Die Unterhaltung wurde nun allgemein. Valerie bekam durch vorsichtige und taktvolle Fragen heraus, daß Mr. sternchenland.com Wood einen freien Abend hatte und brachte es durch dauernde Querfragen fertig, daß Mr. Howett ihn einlud.

 

Jim ging nachdenklich nach Hause. Er war zu welterfahren, um traurig zu werden oder der Eifersucht Ausdruck zu geben, die zweifellos sein Herz beschlichen hatte.

 

Kapitel 52

 

52

 

Jim rief den Inspektor der Flußpolizei herein. Sie steckten die Lampe im Salon an, bevor sie sich an eine weitere Untersuchung machten.

 

Coldharbour Smith mußte sofort tot gewesen sein. Der Pfeil war durchs Herz gegangen, und zwar mit solcher Gewalt, daß er auch noch das Holz der Rückenlehne durchbohrt hatte.

 

»Er muß irgend etwas gesehen haben, so daß er nach dem Revolver griff,« sagte Jim. »Wie lange mag er schon tot sein?«

 

Smiths Hände waren noch warm.

 

»Er muß getötet worden sein, während wir uns dem Schiff näherten.«

 

Jim eilte, um den Kapitän zu suchen. Er fand ihn in Tränen, und als er ihm die Tragödie erzählte, brach der Mann in einen Weinkrampf aus.

 

»Ich wußte, daß eine Dame an Bord war,« schluchzte er. »Aber bei –« und dann nannte er mit unglaublicher Schnelligkeit eine Anzahl von Heiligen – »wußte ich nicht, daß etwas nicht in Ordnung war. Ich bin ein vernünftiger und ruhiger Mann, mein Herr. Wenn ich geahnt hätte, daß die Dame nicht die Frau von Senor Smith war …«

 

»Wo ist sie jetzt?« fragte Jim scharf. »Ich warne Sie – wenn Sie mich hinters Licht führen wollen, werden Sie Vigo sobald nicht wiedersehen!«

 

In diesem Augenblick legte ein großes Polizeiboot am Schiff an, und gleich darauf waren die Decks mit uniformierten Leuten gefüllt. Der Dampfer wurde vom Kiel bis zum Mastkorb durchsucht, aber Valerie war nicht zu finden.

 

»Das Deckenfenster im Salon stand weit auf,« berichtete einer der Polizisten. »Das ist sehr merkwürdig in einer solchen Nacht wie heute.«

 

sternchenland.com Jim hatte dies auch bemerkt. Bei der Besichtigung des Bootsdecks fand er eine lange Strickleiter, die scheinbar von einer unkundigen Hand an einer eisernen Stütze befestigt worden war. Obendrein entdeckte der Kapitän auch noch, daß ein Boot fehlte. Es war halb heruntergelassen gewesen, damit Leute darin stehen konnten, um die Schiffswand zu teeren. Jetzt sah man aber, daß die Haltetaue leer in der Luft hingen.

 

Valerie konnte das Boot nicht allein hinuntergelassen haben, das war Jim klar.

 

Wo mochte Julius Savini geblieben sein? Der Kapitän gab ihm die Erklärung.

 

»Der arme Smith hat ihn in dem kleinen Raum eingeschlossen, wo die Ankerketten verwahrt werden, er ist aber entkommen und an Land geschwommen.«

 

Der Mann, der Julius das Essen brachte, hatte ihn im Wasser schwimmen sehen. Er berichtete auch, daß er mit einem schweren Eisenbolzen nach ihm geworfen habe. Smith hätte er nicht sagen dürfen, daß der Gefangene so entkommen war.

 

Jim ging zum Salon zurück und ließ noch einige Lampen in den Raum bringen, um eine genaue Untersuchung durchzuführen.

 

»Das ist ein typischer Mord des Grünen Bogenschützen,« sagte er, als er zu Ende war. »Der Pfeil ist an genau derselben Stelle eingedrungen wie bei Craeger. Nicht einmal einen Fingerabdruck haben wir entdeckt, um den Mörder identifizieren zu können. Henker wäre vielleicht die richtigere Bezeichnung für diesen Mann.«

 

»Aber wie ist er wieder an Land gekommen?« fragte der Inspektor verwundert. »Wenn er den Fluß nicht ganz genau kennt, kann er sich in einer so nebligen Nacht nicht zurechtfinden.«

 

Jims Mut sank, als er sich klar machte, daß dasselbe für sternchenland.com Valerie galt – es sei denn, daß sie mit dem Grünen Bogenschützen gegangen war.

 

Wenn erst das Ufer zu sehen war, konnte man sehr leicht landen, denn in dieser Gegend hatte jede kleine Straße, die von den langen Werften herunterkam, am Ende einen Landungsplatz.

 

Aller Wahrscheinlichkeit nach war der Grüne Bogenschütze im Augenblick noch auf dem Fluß, er ruderte wohl durch den Nebel und suchte sich vergeblich zu retten.

 

Jim ließ eine Polizeimannschaft zur Bewachung des Schiffs zurück, bestieg dann wieder das Motorboot und begann eine systematische Absuchung des Flusses. Nur einmal sahen sie undeutlich durch den Nebel ein Schiff, das langsam den Strom herunterkam und ihnen einen Warnungsruf mit der Sirene gab, als sie fast schon mit ihm zusammengestoßen waren.

 

»Das ist die ›Gaika‹ – ein Fischdampfer,« sagte der Inspektor. »Wir hätten sie schon vorher am Geruch erkennen müssen.«

 

Von Zeit zu Zeit ließ Jim den Motor abstellen und sie lauschten, ob sie nicht das Geräusch von Rudern hören könnten. Aber erst als sie in die Nähe des Nordufers kamen, waren ihre Anstrengungen von Erfolg gekrönt.

 

»Hier ist ein Boot in der Nähe – hören Sie!« flüsterte der Inspektor und beugte seinen Kopf weit vor. Jim hörte auch unregelmäßige Ruderschläge.

 

»Der versteht sich nicht aufs Rudern, das ist kein Seemann,« sagte der Inspektor. »Mit einem Ruder kommt er immer eher ins Wasser!«

 

Jetzt konnten sie die Richtung feststellen, aus der das Geräusch kam. Das Motorboot fuhr langsam auf die Stelle zu. Als die Umrißlinien eines großen Warenspeichers durch den Nebel sichtbar wurden, sah Jim auch das Boot. Ein sternchenland.com Mann saß darin und ruderte. Er steuerte auf eine der Landungsbrücken zu, die an den Enden der Straßen lagen.

 

Das Motorboot nahm die Verfolgung mit größter Geschwindigkeit auf, und sie kamen gerade an, als der Mann ausstieg.

 

»Halt!« rief Jim und sprang mit einem Satz auf den engen Landungssteg.

 

Der Mann drehte sich um und starrte ihn an.

 

»Sind Sie nicht Captain Featherstone?« fragte er. Jim war höchst erstaunt, denn er erkannte die Stimme von Mr. Howett.

 

»Aber … Mr. Howett, was machen Sie denn hier?«

 

»Ich hörte, daß Sie an Bord der ›Contessa‹ gehen wollten und folgte Ihnen,« sagte Howett ruhig. »Ich fand dieses Boot oder richtiger, ich sah einen Mann rudern, als ich mich nach einem Boot umsah und fragte, ob ich es nehmen könnte.«

 

Das klang sehr merkwürdig, und Jim hätte es sofort als eine Ausrede angesehen, wenn ihm ein anderer das erzählt hätte.

 

»Haben Sie Valerie gefunden?« fragte Mr. Howett.

 

»Nein, sie war nicht an Bord. Smith ist tot.«

 

»Tot? Und Valerie ist nicht an Bord? Wie starb Smith?«

 

»Er wurde vom Grünen Bogenschützen getötet.«

 

Mr. Howett antwortete nicht.

 

»Valerie ist entweder entkommen, oder man hat sie von dem Schiff entführt,« fuhr Jim fort. »Ich gehe nach Scotland Yard zurück – wollen Sie mich begleiten, Mr. Howett?«

 

Der andere nickte.

 

»Tot?« murmelte er. »Vollständig tot?«

 

»Ja, der ist für immer tot.«

 

Eine Stunde später erreichten sie Scotland Yard, denn sie kamen nur langsam vorwärts, da in der Stadt dichter Nebel sternchenland.com herrschte. Im Bureau waren keine neuen Nachrichten eingetroffen. Jim hatte die Aufklärung des Mordes der Flußpolizei überlassen. Aber trotzdem er sehr müde war, machte er doch einen kurzen Bericht, nachdem er Mr. Howett in sein Hotel gebracht hatte.

 

Alle Stationen suchten nach Valerie, und während er schrieb, wurde er mindestens ein dutzendmal durch die Meldungen unterbrochen, die ihm telephonisch durchgegeben wurden.

 

Als er fertig war und das Bureau gerade verlassen wollte, wurde ihm Fay Clayton gemeldet.

 

Sie trat ein, verhärmt und mit geröteten Augen.

 

»Haben Sie Julius gefunden?« fragte sie.

 

Jim schüttelte den Kopf.

 

»Ich hoffe, daß er in Sicherheit ist. Smith hatte ihn an Bord der ›Contessa‹ gefangengesetzt. Das ist ein kleiner Dampfer, der auf dem Fluß verankert lag. Aber allem Anschein nach ist es ihm gelungen, davonzukommen. Sagen Sie mir, Fay, ist Savini ein guter Schwimmer?«

 

Fay lächelte trotz ihres Kummers.

 

»Mein Julius kann schwimmen wie ein Fisch,« sagte sie stolz. »Er ist der beste Schwimmer, den Sie jemals sahen, Featherstone. Wenn er mitten im Atlantischen Ozean Schiffbruch litte, würde er an Land schwimmen – aber warum fragen Sie mich das?«

 

»Weil er über Bord gesprungen ist. Es war etwas neblig, aber wenn er schwimmen kann, ist er ja in Sicherheit.«

 

Sie wurde wieder unsicher.

 

»Er wird ertrinken! Warum bemühen Sie sich nicht um ihn, Featherstone? Sie lassen ihn allein im Wasser und niemand sucht nach ihm – das ist Mord!«

 

Jim klopfte ihr auf die Schulter.

 

»Julius ist in Sicherheit,« erwiderte er freundlich. »Ich wünschte, ich könnte dasselbe von Miß Howett sagen.«

 

Er hatte schon auf der Zunge, daß es Julius nicht bestimmt sternchenland.com war, zu ertrinken, aber er verschwieg es taktvollerweise. Er erzählte ihr aber von Coldharbour Smiths Tod.

 

»Das hat er verdient,« sagte sie schnell. »Der Mann war zu schlecht, um leben zu können, Featherstone. Er war ein abscheulicher Kerl. Aber Sie glauben doch nicht etwa, daß Julius ihn umgebracht hat?« fragte sie plötzlich. »Julius würde Bogen und Pfeil überhaupt nicht erkennen, wenn er sie sehen würde.«

 

Jim beruhigte sie darüber, daß auf Julius nicht der leiseste Verdacht fallen könnte. Dann schickte er sie nach Hause.

 

Die Autobusse und Untergrundbahnen gingen zu dieser Nachtstunde nicht mehr, und sie konnte auch keinen freien Wagen entdecken. So ging sie zu Fuß, obwohl es ihr Mühe machte, den Weg zu finden. Es war weit nach zwei Uhr, als sie müde und mit wunden Füßen den Hausblock erreichte, in dem ihre Wohnung lag. Vor der Tür hielt ein Auto, und sie erinnerte sich, daß dieser Wagen ein paar Minuten vorher an ihr vorbeigefahren war.

 

Im Schatten des Hauseingangs stand ein Mann. Sie erkannte sofort Abel Bellamy.

 

»Ich möchte ins Haus,« brummte er. »Einer meiner Freunde wohnt hier. Ich wußte nicht, daß die äußere Haustür nachts geschlossen wird.«

 

»Sie können nicht hereinkommen, Mr. Bellamy,« sagte sie böse. »Nachdem Sie meinen Mann so behandelt haben, wundere ich mich wirklich, daß Sie noch die Kühnheit haben hierherzukommen, obendrein zu einer solchen Stunde!«

 

Er schaute sie wild an.

 

»Ach so, Sie sind die Frau … Mrs. Savini? Ich bin hierher gekommen, um Ihrem Mann etwas mitzuteilen.«

 

»Das können Sie mir auch sagen. Und sagen Sie es schnell, denn ich bin sehr müde.«

 

»Ich habe entdeckt, daß dreitausend Dollars aus meinem sternchenland.com Geldschrank gestohlen sind, und ich werde ihn verhaften lassen! Das ist alles, was ich zu sagen habe, Mrs. Savini.«

 

Sie packte ihn am Arm, als er sich umwandte, um zu gehen.

 

»Warten Siel Das ist eine Falle, aber Sie sind ja viel zu gerissen, um ihm einen Ausweg gelassen zu haben. Kommen Sie herein und erzählen Sie mir alles.«

 

Er folgte ihr die Treppe hinauf in die Wohnung.

 

»Kommen Sie hier herein.« Sie drehte das Licht im Wohnzimmer an.

 

»Mein Gott, sehen Sie hübsch aus,« sagte sie, als sie sein häßliches Gesicht in der Nähe betrachtete.

 

»Ich soll wohl auch noch schön sein,« sagte er unwirsch und setzte sich auf einen Stuhl.

 

»Nun, was ist das für eine Geschichte mit dem Diebstahl, Mr. Bellamy? Ich bin davon überzeugt, daß Julius es nicht getan hat, denn er ist nicht von der Sorte.«

 

»Was, der wäre nicht so?« fragte er ärgerlich. »Das wissen Sie doch ganz genau. Aber immerhin, ich werde ihn nicht zur Anzeige bringen – und ich habe auch kein Geld eingebüßt. Aber ich möchte einmal mit Ihnen sprechen – junge Frau.«

 

»Na, das ist aber doch ein starkes Stück,« fuhr sie ihn an. »Sie lügen mich an, um ins Haus zu kommen – jetzt können Sie aber machen, daß Sie verschwinden, sonst werde ich sofort der Polizei telephonieren.«

 

Einen Augenblick trafen sie seine kalten Blicke, und unter diesem unheimlichen Einfluß verflog ihr Mut.

 

»Das werden Sie nicht tun! Ich muß Julius sprechen.«

 

»Er ist nicht hier.«

 

Der alte Mann sah sich um.

 

»Schauen Sie doch einmal in der Wohnung nach.«

 

Sie zögerte.

 

»Sehen Sie doch nach,« sagte er noch einmal, und sie sternchenland.com ging aus dem Zimmer. Sie wußte nicht, warum sie die Tür zu dem früheren Zimmer Jerrys öffnete, vielleicht weil sie am nächsten lag. Sie machte Licht an und blieb erstaunt stehen. Julius lag auf dem Bett, schmutzig, ohne Kragen, unrasiert, aber er schlief fest.

 

Zuerst wollte sie ihren Augen nicht trauen, aber dann sprang sie mit einem Schrei auf ihn zu, nahm ihn in ihre Arme, weinte vor Freude und drückte ihr Gesicht an seinen schmutzigen Anzug. Julius erwachte langsam und blinzelte in dem Licht.

 

»Fay, du bist hoffentlich nicht böse … ich sagte ihr, sie sollte in dein Zimmer gehen.«

 

Fay eilte in ihr eigenes Schlafzimmer und sah, daß eine Frau in ihrem Bett lag. Sie erkannte sie sofort.

 

Valerie bewegte sich im Schlaf und seufzte, und Fay Clayton, so böse und niederträchtig sie auch manchmal sein konnte, beugte sich über sie und küßte sie auf die Wange.

 

Kapitel 53

 

53

 

Als sie zu Julius zurückkehrte, saß er auf der Bettkante und stützte den Kopf in die Hände.

 

»Was ist los, Fay?« fragte er schnell.

 

»Bellamy ist hier in der Wohnung.«

 

Er schaute sie an und versuchte, seine Gedanken zu konzentrieren.

 

»Bellamy – Abel Bellamy ist hier? Was will er denn?«

 

»Er möchte dich sprechen. Wie lange bist du denn schon hier, Julius?«

 

»Ich weiß es wirklich nicht, sicher ist es schon einige Zeit her.«

 

Er hatte die Schuhe ausgezogen, bevor er sich niedergelegt hatte und schaute sich nun hilflos nach ihnen um. Er war noch halb im Schlaf. Sie reichte ihm seine Pantoffeln.

 

sternchenland.com »Du brauchst ihn nicht zu sprechen, wenn du nicht willst, Julius.«

 

»Doch, ich werde zu ihm gehen,« sagte er und lächelte merkwürdig. »Geht es Miß Howett gut?«

 

Fay nickte, und unter vielem Gähnen stand Julius auf und folgte ihr in das Wohnzimmer. Es war eine gewisse Genugtuung für ihn, dem Mann, den er bis jetzt so gefürchtet hatte, gegenüberzutreten.

 

»Nun, was können Sie zu Ihrer Entschuldigung sagen?« fragte Bellamy.

 

»Sprechen Sie nicht in diesem Ton zu mir,« sagte Julius und machte eine Handbewegung, als ob er Abel Bellamys Anblick verscheuchen wollte.

 

»Wo ist das Mädchen?«

 

»Welches Mädchen?« fragte Julius unschuldig.

 

»Sie sind ihr doch auf die ›Contessa‹ gefolgt!«

 

»Ach, die ist nach Hause gefahren,« sagte Julius leichthin.

 

»Das Lügen ist Ihnen vermutlich schon zur zweiten Natur geworden! Ich weiß, daß sie hier ist in dieser Wohnung. Man hat Sie beobachtet, wie Sie sie hergebracht haben.«

 

»Warum zum Teufel fragen Sie denn noch, wenn Sie es so genau wissen?« sagte Julius gereizt. »Ja, sie ist hier.«

 

Der Alte biß sich auf die Lippen.

 

»Wie sind Sie denn von dem Schiff weggekommen?«

 

»Das geht Sie gar nichts an,« erwiderte Julius kühl.

 

Bellamy schluckte seinen Ärger hinunter.

 

»Hat Smith Sie denn nicht gesehen?«

 

»Smith ist tot.« Fay warf diese Äußerung dazwischen. Julius starrte sie an.

 

»Tot?« fragte er ungläubig.

 

Sie nickte.

 

»Woher wissen Sie das?« fragte Bellamy.

 

»Featherstone sagte es mir vor etwa einer Stunde.«

 

»Aber wie starb er denn? Ist er ermordet worden?«

 

sternchenland.com »Der Grüne Bogenschütze hat ihn erschossen!«

 

Abel Bellamy sprang mit einem Fluch auf.

 

»Sie sind verrückt,« rief er. »Der Grüne Bogenschütze? – Hat ihn denn jemand gesehen?«

 

»Wozu fragen Sie mich denn soviel? Nun hören Sie mal zu, Mr. Bellamy, das ist hier kein Auskunftsbureau. Ich sage Ihnen nur, wag ich erfahren habe. Coldharbour Smith wurde in dem Salon des Schiffes tot aufgefunden. Ein grüner Pfeil hatte ihn mitten ins Herz getroffen. Das ist alles, was ich darüber weiß.«

 

Bellamy war durch die Nachricht ganz verstört.

 

»Um so besser,« sagte er schließlich. »Savini, wir verstehen uns doch beide, ich will keine langen Redensarten machen. Ich biete Ihnen zehntausend Pfund, das sind fünfzigtausend Dollars, und ich biete Ihrer Frau dieselbe Summe, wenn Sie mir einen Dienst erweisen wollen, Sie wissen doch, was das zu bedeuten hat – hunderttausend Dollars geben im Jahr sechs- bis siebentausend Dollars Zinsen. Damit können Sie in aller Ruhe und in allem Luxus in einem anderen Lande leben.«

 

»Umsonst bieten Sie mir das doch nicht an,« sagte Fay fest. »Was sollen wir dafür tun?«

 

Abel Bellamy wies auf die Tür.

 

»Bringen Sie das Mädchen noch heute nacht nach Garre Castle. Wir werden alle zusammen dorthinfahren, mein Wagen wartet vor der Tür.«

 

Julius schüttelte den Kopf.

 

»Es gibt sehr vieles, was ich für Geld tue, Mr. Bellamy, aber das gehört nicht dazu. Sie können gar keine Summe nennen, die groß genug wäre, das zu tun.«

 

Fay nickte zustimmend, um die Worte ihres Mannes zu bekräftigen.

 

»Niemand wird etwas davon erfahren,« sagte Bellamy und dämpfte seine Stimme zu einem heiseren Flüstern. »Sie sternchenland.com ist vom Schiff verschwunden, niemand weiß, daß Sie mit ihr zusammen waren. Das Geld können Sie sich doch leicht verdienen, Savini. Ich will mein Angebot auf fünfzehntausend für jeden erhöhen –«

 

»Und wenn Sie es auf fünfzehn Millionen erhöhten, würde es auch nichts ausmachen,« erwiderte Fay. »Und ich würde es Julius sehr verdenken, wenn er es täte. Wir haben jahrelang von Betrügereien gelebt, aber wir haben höchstens Männer hereingelegt, die weiter nichts verloren als ihr Geld.«

 

Abel Bellamy schaute auf die Tischdecke und stand eine Weile nachdenklich da. Dann schlug er den Kragen seines Mantels hoch.

 

»Nun gut, dann wollen wir die Sache fallen lassen, Julius. Sie können am Montag morgen nach Garre Castle zurückkommen. Ich will sehen, daß ich Ihnen eine bessere Stellung und mehr Gehalt geben kann.«

 

»Ich komme nicht mehr zu Ihnen zurück.«

 

Bellamy drehte sich hastig nach ihm um.

 

»Wie, Sie wollen nicht?« fragte er drohend. »Vermutlich glauben Sie, daß Sie aus Howett mehr herauspressen können als Sie von mir bekommen?«

 

»Es ist mir ganz gleich, auch wenn ich von Howett überhaupt nichts bekomme,« sagte Julius ärgerlich. »Ich habe es nicht für Geld getan und außerdem –« Er dachte plötzlich an seinen früheren Plan, hielt mitten im Reden an und sagte dann zu der größten Überraschung seiner Frau: »Also, Mr. Bellamy, ich werde am Montag morgen nach Garre kommen.«

 

Bellamy schaute ihn an und nickte.

 

»Das ist auch das Beste, was Sie tun können.«

 

Fay begleitete ihn bis zur Tür und verschloß und verriegelte sie hinter ihm. Bevor sie aber zu Julius ins Wohnzimmer zurückkehrte, telephonierte sie an Jim Featherstone, der daraufhin ohne Hut und Mantel in den Nebel hinauseilte. sternchenland.com »Machen Sie keinen Lärm,« flüsterte ihm Fay zu, als sie die Tür öffnete. »Sie schläft noch. Was habe ich Ihnen gesagt, Featherstone? Julius hat sie von dort fortgebracht. Julius ist wirklich ein feiner Mensch.« Und sie lobte ihn weiter, wahrend er mit ihr zum Wohnzimmer ging.

 

Julius war noch im Schlafrock. Die Unterredung mit Bellamy hatte ihn vollständig wach gemacht, aber er sah müde und hohläugig aus.

 

»Sie ist wirklich wundervoll, Captain,« sagte er und drückte Jim die Hand. »Ich habe eben mit Mr. Howett telephoniert und ihm erzählt, daß seine Tochter sicher und wohlbehalten in meiner Wohnung schläft.«

 

»Wie sind Sie denn aber von dem Schiff entkommen?«

 

»Es war leicht und doch zugleich schwierig,« sagte Julius geheimnisvoll. »Es gelang mir, die Handschellen abzustreifen und meine Füße freizumachen. Nun war nur noch die Tür zu öffnen und ich mußte warten, bis einer von den Kerlen mir am Abend Essen brachte. Als er die Tür aufmachte, sprang ich auf ihn zu und bevor er wußte, was geschah, war ich an ihm vorbei auf Deck und ins Wasser gesprungen. Beinahe hätte er mich mit einem schweren Gegenstand getroffen, den er hinter mir herwarf. Aber ich tauchte unter. Der Nebel war sehr dicht und das Wasser kalt, und ich überlegte mir schnell genug, daß ein halbverhungerter Mann kaum schwimmend das Ufer erreichen würde, besonders nicht im Nebel. Und dann dachte ich auch, daß es eigentlich nicht recht sei, Miß Howett im Stich zu lassen, und so wandte ich wieder um und schwamm auf die andere Seite des Schiffes. Ich hielt mich an einer Vertäuungskette fest, die ins Wasser herunterhing. Ich war schon halb erfroren, als ich plötzlich ein Tau von einem halb heruntergelassenen Boot herabhängen sah. Schnell kletterte ich hinein, aber ich war so schwach wie eine verhungerte Ratte. Ich legte mich erst eine Weile hin und überlegte, was ich nun anfangen sollte. Haben sternchenland.com Sie jemals schon naß bis auf die Haut in einem offenen Boot gesessen? Dazu der feuchte Nebel! Schließlich konnte ich es doch in dem Boot nicht mehr aushalten und kletterte an Deck. Ich hörte Stimmen im Salon und öffnete das Deckenfenster. Smith war betrunken und stritt sich mit Miß Howett. Aber sie machte sich von ihm los, lief in den Schlafraum und schloß die Tür. Ich entdeckte eine lange Strickleiter und befestigte sie an einem der Deckenpfosten. Als ich dann sah, daß Smith den Salon verließ, um sich nach mir umzusehen, öffnete ich das Deckenlicht weit, ließ die Strickleiter hinunter in den Salon und kletterte schnell hinab, trotzdem ich vor Kälte ganz steif war. Ich mußte ja auch immer fürchten, daß der Kerl zurückkommen würde. Nach ein paar aufregenden Augenblicken hatte ich Miß Howett davon überzeugt, daß ich im Zimmer sei und nicht Coldharbour Smith. Sie öffnete die Tür, und ich hielt ihr die Leiter, als sie nach oben stieg. Dann folgte ich ihr sobald sie oben auf dem Deck angekommen war. Im Handumdrehen waren wir in dem Boot. Ich wußte nicht, wie die Flaschenzüge in Gang gebracht weiden sollten, aber Miß Howett, die sich im Segeln genau auskennt, zeigte mir, wie die Seile gebraucht werden und wie man das Boot aufs Wasser bringen konnte. Sie nahm das eine Tau und ich das andere, und gleich darauf hatten wir das Boot klargemacht. Das ist alles, was ich über unsere Flucht berichten kann. Nur hat es noch sehr lange gedauert, bis wir einen Landungsplatz fanden. Aber dann hatten wir Glück und fanden schnell ein Auto. Ich hielt es für das Beste, Miß Howett hierherzubringen, da ich nicht wußte, wo sich ihr Vater augenblicklich befand. Und hier konnte Fay für sie sorgen.«

 

»Haben Sie nicht noch ein anderes Boot gesehen, als sie von der ›Contessa‹ fortruderten?« fragte Jim.

 

»Wir sahen noch ein anderes kleines Boot, das ein einzelner Mann ruderte. Es war auf der Südseite des Schiffes, sternchenland.com und wir wunderten uns, wer es sein könnte. Er war aber nicht nahe genug, daß wir ihn hätten erkennen können. Glauben Sie, daß es der Grüne Bogenschütze war?«

 

»Das ist möglich.«

 

»Es ist doch merkwürdig – wir riefen ihn an, weil wir die Richtung nicht wußten. Er muß uns sicher gehört haben, aber er antwortete uns nicht.«

 

Jim stand auf.

 

»Gott sei Dank, daß Sie von dem Schiff entkommen sind,« sagte er. »Nun wäre es aber für Sie besser, wenn Sie sich zur Ruhe legten, Savini. Mr. Howett wird früh am Morgen hierherkommen. Fay –« er nahm ihre Hand in die seine – »wenn wir uns jemals wieder dienstlich treffen sollten, was ich unter allen Umständen beklagen würde, dann werden Sie einen guten Freund bei der Polizei und beim Gericht haben.«

 

Julius hatte ihm nichts von dem Besuch des alten Bellamy gesagt, und Fay erinnerte ihn daran, als Featherstone gegangen war.

 

»Ich glaube nicht, daß es klug gewesen wäre, ihm das mitzuteilen,« meinte er. »Du hast doch gehört, was er sagte. Er könnte ganz brauchbar sein, wenn wir einmal schnell fort wollten. – Ich habe eine Idee, daß man doch viel Geld von gewissen Leuten bekommen könnte. Aber das scheint mir heute wirklich nicht mehr so verlockend. Ich nehme lieber meinen alten ersten Plan wieder auf und ich denke, Bellamy wird es noch leid tun, daß er mich einlud, wieder zurückzukommen.«

 

»Und vielleicht wirst du es noch mehr bereuen, daß du wieder zu ihm gingst,« sagte Fay prophetisch.

 

Kapitel 54

 

54

 

Am nächsten Tag saßen fünf Menschen vergnügt im Carlton-Hotel zusammen. Es war Sonntag, und das große sternchenland.com Lokal war weniger besucht, aber für Jim und Valerie waren noch viel zu viel Leute da.

 

Mr. Howett sah düster und nachdenklich aus und war so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er jedesmal aufmerksam gemacht werden mußte, wenn ein Kellner seinen Teller wechselte und ein neues Gericht angeboten wurde. Es war merkwürdig, daß er sich erst an der Unterhaltung beteiligte, als Julius ihn ansprach. Savini erzählte gerade noch von der Flucht, als Spike Holland in den Speisesaal kam. Wenn sich der Reporter hier sehen ließ, so war es unweigerlich ein Zeichen, daß er von irgend jemand eingeladen war, der sich im Hintergrund hielt. Sein Gastgeber war jener vornehme Herr, den Valerie vor ihrer Übersiedlung nach Lady’s Manor im Carlton-Hotel gesehen hatte.

 

Jim erhob sich und grüßte John Wood, als er an ihrem Tisch vorüberging. Nach einer Weile kam Spike zu ihm herüber.

 

»Wer am Sonnabend einen Mord begeht, müßte sofort aufgehangen werden,« sagte er böse. »Alle Sonntagszeitungen sind voll von der Geschichte mit dem Grünen Bogenschützen, und das ist doch eigentlich mein Reservatrecht, Captain Featherstone. Ich habe von Ihnen nicht ein Wort erfahren, bis ich es in den Zeitungen las.«

 

»Das ist nicht schön,« lächelte Jim. »Aber ich bin nicht dafür verantwortlich, Spike, sonst hatten Sie den Löwenanteil der Nachrichten bekommen. Aber nach dem Essen werde ich Ihnen erzählen, wie es sich wirklich abgespielt hat. Wie ich sehe, sind Sie in der Begleitung Ihres Kinderfreundes?«

 

»Ja, Mr. Wood ist gestern angekommen und verbrachte die Nacht in meiner Wohnung. Er gründet jetzt ein Kinderheim in England und möchte dazu mit dem alten Bellamy verhandeln – er will nämlich Garre Castle kaufen. Was halten Sie von der Idee? Er sagte mir, er würde nicht eher ruhen, als bis er die ganzen zinnenbekrönten Mauern mit sternchenland.com zweijährigen Kindern besetzt hätte, die den Grünen Bogenschützen mit ihren Klappern in die Flucht jagen sollen. Es ist doch merkwürdig, daß er annimmt, Garre Castle würde ein idealer Sitz für ein solches Heim sein. Und obwohl er Bellamy ganz und gar nicht leiden kann, will er ihn doch diese Woche noch aufsuchen.«

 

»Kennen Sie ihn genau?« fragte Mr. Howett, der plötzlich Interesse an dieser Unterhaltung zeigte.

 

»Nicht gerade sehr gut. Aber er ist wirklich ein lieber Mensch und es lohnt sich schon, ihn kennenzulernen. Nebenbei bemerkt, Mr. Howett,« fragte Spike obenhin, »waren Sie vor fünfzehn Jahren schon einmal in London?«

 

Mr. Howett nickte.

 

»Ich war neulich in der Gesellschaft für Bogenschießen,« fuhr Spike fort, »und habe dort Nachforschungen angestellt, um dem Grünen Bogenschützen auf die Spur zu kommen. Dabei sah ich Ihren Namen – L. B. Howett. Sie haben ja damals bei einem Preisschießen am besten abgeschnitten.«

 

»Ja, ich habe mich in jener Zeit ein wenig dafür interessiert,« erwiderte Howett kurz. »Schon vor vielen Jahren hatten wir eine Gesellschaft für Bogenschießen in Philadelphia. Ich glaube, sie ist jetzt eingegangen. Ich erinnere mich auch, daß ich mich während meines Besuches hier an einem Preisschießen beteiligte. Ich fühlte mich damals sehr vereinsamt und las die Ankündigung der Veranstaltung in den Zeitungen. Ich kann mich aber nicht mehr darauf besinnen, mit welchem Erfolg ich daran teilnahm.«

 

»Aber, lieber Vater, ich wußte niemals, daß du dich für Bogenschießen interessiertest,« sagte Valerie erstaunt.

 

»Es interessiert mich auch jetzt nicht mehr,« antwortete Mr. Howett und suchte der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben.

 

Julius horchte aufgeregt zu, aber das Gespräch wandte sich anderen Dingen zu.

 

sternchenland.com »Mr. Wood sieht doch sehr gut aus,« sagte Valerie, als sie Spike nachsah, der zu seinem Tisch zurückging. »Ich kann mich nicht besinnen, jemals ein so faszinierendes Gesicht gesehen zu haben.«

 

»Es tut mir leid, das zu hören,« sagte Jim.

 

»Für wie alt halten Sie ihn?« fragte sie, ohne auf seine Bemerkung zu achten.

 

»Das ist schwer zu sagen. Er kann achtunddreißig sein, er kann aber auch ebensogut achtundzwanzig sein. Offenbar ist sein Haar vor der Zeit grau geworden.«

 

»Erzählen Sie mir mehr von ihm,« bat sie.

 

Kein Mann rühmt einer geliebten Frau gegenüber gern die Vorzüge eines anderen, aber Jim sprach mit bewunderungswürdiger Selbstüberwindung von John Wood und seiner auffallenden Vorliebe für kleine Kinder.

 

»Ich dachte, ich hätte Ihnen das alles schon früher berichtet,« sagte er schließlich. »Sicher hat er ein bemerkenswertes Gesicht und ist ein hervorragender Mensch. Er hat kein anderes Interesse im Leben als sich um die Wohlfahrt der Kinder zu kümmern. Ich habe wohl niemals einen Mann getroffen, der sich mehr für seine Liebhaberei interessiert? als er.«

 

»Er soll Bellamy nicht gern haben, kennt er ihn denn?«

 

»O ja, er kennt ihn sehr gut. Er war doch ein Freund von Bellamys Neffen, der ihm all sein Vermögen hinterließ, als er starb. Ich habe das Testament durchgesehen, es wurde in England aufgesetzt und ist in Somerset House registriert, und obgleich die Erbschaft keinen großen Wert besaß – sie bestand hauptsächlich aus Büchern und wissenschaftlichen Instrumenten – bestätigt doch die Tatsache, daß er ihn zum Universalerben einsetzte, seine Zuneigung zu ihm. Zufällig konnte Wood mir einige Hinweise geben, die wertvoll für die Auffindung Ihrer Eltern sein können, Valerie,« setzte er mit leiser Stimme hinzu. Dann erzählte er ihr kurz die Geschichte sternchenland.com von dem geraubten Kind und dem Eisenbahnunglück. »Zuerst dachte ich, es handelte sich um Sie, aber Sie hätten in diesem Fall schon drei Jahre alt sein müssen, während Sie doch offenbar kaum ein Jahr alt waren, als Sie zu den Howetts kamen.«

 

Sie nickte nachdenklich.

 

»Ich glaube, ich habe auch etwas von dem River Bend-Unglück gehört, aber ich kann es nicht gewesen sein, denn ich habe später die Kleider gesehen, die ich trug, als ich zu meinen Pflegeeltern kam.«

 

Jim war überrascht, daß Mr. Howett nach Lady’s Manor zurückkehren wollte. Ei dachte, er hätte sich durch die schrecklichen Erfahrungen, die seine Pflegetochter dort gemacht hatte, warnen lassen und würde sie nun entweder in der Stadt lassen oder sie nach Amerika schicken – diese letzte Möglichkeit stimmte ihn allerdings sehr traurig.

 

Aber Mr. Howett fuhr schon am Nachmittag mit Valerie nach Lady’s Manor ab. Jim begleitete sie zum Wagen. Die Leichenschau für Coldharbour Smith war auf Mittwoch festgesetzt, und obgleich er Valerie gern die Zeugenaussage erspart hätte, waren doch gerade ihre Angaben dringend notwendig.

 

Er kehrte in die Vorhalle zurück, um Mantel und Hut zu holen, nachdem das Auto abgefahren war. Er traf dort auch Mr. Wood und Spike Holland, die leise miteinander sprachen. Er wollte sie in ihrer Unterhaltung nicht stören und ging mit einem Lächeln an ihnen vorüber.

 

Am Sonntag war Jims Besuch in Scotland Yard gewöhnlich eine Formsache. Aber infolge der neuen Entwicklungen im Falle des Grünen Bogenschützen wartete diesmal viel Arbeit auf ihn. Der wachthabende Beamte hielt ihn am Eingang an, als er vorüberging.

 

»Inspektor Fair von der Flußpolizei wartet in Ihrem Bureau. Ich sagte ihm, daß Sie bald kommen würden. Er sternchenland.com hat Ihnen sicher Wichtiges mitzuteilen. Ich habe deswegen auch schon an Ihre Wohnung telephoniert.«

 

Jim hatte diesen Besuch erwartet, aber er war erstaunt, daß der Mann ihn so dringend zu sprechen wünschte. Der Inspektor war ein wetterharter Wann, der mehr nach einem Seemann als nach einem Polizeibeamten aussah.

 

»Tut mir leid, daß ich Sie stören muß, Captain Featherstone. Aber Sie besinnen sich doch darauf, daß wir letzte Nacht einen Freund von Ihnen in dem Boot trafen, – es war doch Mr. Howett, wenn ich nicht irre?«

 

»Mr. Howett, jawohl.«

 

Inspektor Fair nahm zwei Gegenstände von dem Boden auf; die hinter dem Klubsessel verborgen lagen und legte sie auf Jim Featherstones Schreibtisch. Der eine war ein kurzer, starker Stahlbogen, der andere ein dazugehöriger grüner Pfeil.

 

»Wo haben Sie dies gefunden?« fragte Jim überrascht.

 

»In Mr. Howetts Boot,« antwortete Inspektor Fair.

 

Kapitel 55

 

55

 

Jim schaute lange auf die beiden belastenden Funde, ohne zu sprechen. Und dann versuchte er, eine Erklärung zu geben.

 

»Mr. Howett erzählte doch, daß er einen Mann nach dem Ufer rudern sah und ihn bat, ihm sein Boot zu überlassen.«

 

»War das nicht eine recht sonderbare Geschichte, die er da erzählte, Captain Featherstone?«

 

»Mir ist sie nicht besonders merkwürdig vorgekommen,« sagte Jim ein wenig kühl. »Es scheint mir sehr wahrscheinlich, daß der Mann, der ursprünglich in dem Boot war, überrascht war, als er Mr. Howett auf der Landungsbrücke stehen sah, und daß er entweder vergaß, seine Waffe herauszunehmen oder daß er sie absichtlich dort zurückließ, um nicht die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu lenken.«

 

sternchenland.com »Hm!« meinte Inspektor Fair. Aber man hörte seinen Worten an, daß er sich durch Jims Worte nicht überzeugen ließ. »Sie haben den Fall ja zu bearbeiten und ich möchte Ihnen dabei nicht in die Quere kommen, Captain. Aber wenn Sie meinen Rat annehmen wollten – und ich bin doch schon viel länger im Dienst tätig als Sie – so würden Sie Mr. Howett doch nicht ganz von dem Verdacht freisprechen, daß er den Tod von Coldharbour Smith auf dem Gewissen hat. Und unter uns gesagt, wäre es ja schließlich auch gerechtfertigt, wenn man daran denkt, daß dieser Schuft seine Tochter geraubt hat –«

 

»Mr. Howett sollte – nein, das ist ganz unmöglich!«

 

»Es mag unmöglich scheinen,« erwiderte Inspektor Fair, der sich nicht im mindesten einschüchtern ließ. »Aber was wollen Sie nun tun? Weiden Sie Mr. Howett zur Leichenschau laden? Das ist eine sehr wichtige Angelegenheit. Jeder, der unter solchen Umständen auf dem Fluß angetroffen wurde, hat sich verdächtig gemacht und müßte vorgeladen werden, um dem Leichenbeschauer zu sagen, was er gesehen und gehört hat.«

 

Jim war in einer schwierigen Lage. Es war unmöglich, Valeries Namen aus der Sache fernzuhalten, aber er wollte die Verbindung der Howetts mit der Geschichte möglichst beschränken. Wer mochte der Mann gewesen sein, den Valerie und Julius sahen, als er allein durch den Nebel ruderte? Den sie anriefen, ohne eine Antwort zu bekommen? War das Mr. Howett? Oder war das – der Mann, den er suchte? Er beschloß, Howett bei der nächsten Gelegenheit darüber auszufragen. Aber ebenso fest stand es bei ihm, daß es unter allen Umständen vermieden werden mußte, Mr. Howett zu der Leichenschau zu laden.

 

Es war ja auch noch der andere Mord des Bogenschützen aufzuklären, und das Publikum wurde schon ungeduldig, daß so viele Verbrechen ungesühnt blieben.

 

sternchenland.com Als Jim Smiths Papiere durchsah, entdeckte er, daß er eine sehr große Summe, meist in amerikanischen Banknoten, bei sich trug. Von wem er das Geld erhalten hatte, konnte man nicht ausfindig machen.

 

Die Leichenschau mußte vom Standpunkt der Polizei aus sehr vorsichtig behandelt werden. Alle Zeitungen waren schon voll von diesem geheimnisvollen Verbrechen und erinnerten in Artikeln und Abbildungen wieder an die Ermordung Creagers. An dem Morgen, an dem die Leichenschau stattfinden sollte, brachte der »Daily Globe« einen aufsehenerregenden großen Aufsatz. Es war eine nahezu vollständige Zusammenstellung aller Unternehmungen des Grünen Bogenschützen, und die Zeitung hatte sorgfältig vermieden, Abel Bellamy mit den beiden Verbrechen in Verbindung zu bringen.

 

»Die Schwierigkeit besieht darin,« sagte Spike, der wie gewöhnlich an diesem Morgen in Scotland Yard erschien, »Bellamy und einen oder beide Morde miteinander in Zusammenhang zu bringen. Die einzige Verbindung liegt in der Tatsache, daß Miß Howett in Lady’s Manor wohnt und sich infolgedessen im Bereiche des Grünen Bogenschützen befindet.«

 

»Ich habe mir bis jetzt noch nie die Mühe gemacht, die Artikel zu lesen,« erwiderte Jim. »Aber ich hoffe, Spike, daß Sie nicht ausgeplaudert haben, was Sie verschweigen sollten.«

 

»Diskretion ist meine größte Schwäche,« antwortete Holland, »und alles in allem ist die Geschichte einleuchtend wiedergegeben. Coldharbour Smith, ein Verbrecher, der schon viel auf dem Kerbholz hatte, nahm Miß Howett gefangen und wollte sie nur gegen ein Lösegeld freigeben. Durch eine List gelang es ihm, sie an Bord der ›Contessa‹ zu bringen und er war gerade dabei – wie wir vermuten, oder wenigstens wie der ›Daily Globe‹ vermutet, und darauf kommt es doch nur an – ihrem Vater einen Brief zu schicken, in dem er ihm sternchenland.com mitteilte, daß er sie gegen soundsoviel tausend Pfund freilassen würde. Die ganze Geschichte ist also als eine gewöhnliche Erpressung dargestellt – nichts ist erwähnt von einer Heirat, die dieser fürchterliche Kerl beabsichtigte, und es findet sich keine Andeutung, daß der alte Bellamy in die Angelegenheit verstrickt sein könnte.«

 

Jim nickte.

 

»Wenn ich die Dinge irgendwie arrangieren kann, so wird auf der Leichenschau die Sache ähnlich behandelt werden. Es besteht nur eine Gefahr –«

 

»Das ist Lacy,« platzte Spike heraus. »Der könnte uns noch die ganze Suppe versalzen, besonders da ich glaube, daß Sie ihn mit der Entführung Miß Howetts und deshalb auch mit dem Mord in Zusammenhang bringen müssen. Vielleicht hat er auch noch etwas über Sie auszusagen, Captain,« sagte er bedeutungsvoll. »Er erzählte mir eine haarsträubende Geschichte, wie er behandelt worden sei und auch, daß er sich schwer rächen wolle.«

 

Lacy war wirklich die große Gefahr, Jim erkannte das auch. Als aber bei der Leichenschau Lacys Name aufgerufen wurde und er sich nicht meldete, als man nach ihm suchte und ihn nicht fand, atmete Jim erleichtert auf, obwohl durch die Vertagung der Leichenschau der böse Augenblick für ihn doch nur hinausgeschoben wurde. Da Lacy nicht erschienen war, trotzdem er unter Strafandrohung vorgeladen war, blieb Jim nur eins übrig. Er mußte ihn verhaften lassen und in Gewahrsam behalten. Sehr unwillig händigte Jim seinem Assistenten den nötigen Verhaftungsbefehl aus. Aber Lacy war nicht aufzufinden, er war aus dem Hause, in dem er lebte, verschwunden, und man sah ihn nirgendwo in der Gegend.

 

Nach drei Tagen wurde die Leichenschau abgehalten. Spike Holland nahm auch daran teil und folgte den Vorgängen mit außerordentlichem Interesse. Aber es fiel kein Wort von sternchenland.com Garre Castle, und der Grüne Bogenschütze wurde überhaupt nicht erwähnt. Nur ein etwas neugieriger Geschworener machte den Versuch, die Sprache darauf zu bringen, wurde aber prompt von dem Leichenbeschauer zurückgewiesen. Es war eben ein Mord, zwar außergewöhnlich durch die Nebenumstände, aber sonst sehr nüchtern. Und als die einfältigen Geschworenen mit ihrem Spruch wieder erschienen, wurde der letzte Hauch von Romantik von dem Fall genommen, denn der Spruch lautete:

 

»Es wurde festgestellt, daß der verstorbene Henry Arthur Smith an Bord des Dampfers ›La Contessa‹ getötet wurde und zwar an einer Stelle, die zu der Gerichtsbarkeit von Rotherhithe in dem Bezirk von London gehört. Der Tod trat ein, weil er von einer oder mehreren unbekannten Personen mit einem spitzen Gegenstand durchbohrt wurde. Wir erheben gegen diese Personen die Anklage des vorsätzlichen Mordes.«

 

Es wurde nicht einmal gesagt, daß der spitze Gegenstand ein Pfeil war. Niemand sprach über Valerie Howett, die ihre Aussage mit leiser Stimme machte, so daß man sie nicht einmal auf den Sitzen der Zeitungsberichterstatter verstehen konnte.

 

»Das war ein wirklich idealer Spruch der Geschworenen,« sagte Jim mit einem Seufzer der Erleichterung, als alles vorüber war. »Ich möchte nur wissen, was Bellamy sich bei der ganzen Sache denkt.«

 

Mr. Howett lud ihn zum Wochenende nach Lady’s Manor ein, und Jim nahm sofort mit Freuden an. Mr. Howett, der schon früher sehr zurückhaltend gewesen war, schien ganz schweigsam geworden zu sein. Valerie beklagte sich bei Featherstone darüber, kurz nachdem er in Lady’s Manor angekommen war.

 

»Die Burg wird jetzt noch mehr bewacht wie früher,« erzählte sie ihm dann. »Mr. Bellamy laßt nicht einmal mehr die Geschäftsleute hereinkommen, sie müssen ihre Waren im sternchenland.com Pförtnerhaus abliefern. Mr. Savini ist eine Art Haushofmeister geworden und seine Frau –«

 

»Fay?« fragte Jim ungläubig. »Sie wollen doch nicht sagen, daß sie hier ist?«

 

»Sie kam letzten Dienstag und ist der weibliche Haushofmeister von Garre Castle geworden. Mr. Savini glaubt, daß dieser schreckliche Lacy irgendwo in der Burg versteckt ist. Ich versprach ihm, Ihnen nichts davon zu sagen.«

 

»Sagen Sie bitte, daß Sie mir nichts berichtet haben,« fiel ihr Jim hastig ins Wort. »Lacy ist der einzige Mann, dessen Aufenthaltsort ich nicht zu wissen wünsche, bis ich Abel Bellamy alle seine Verbrechen nachweisen kann.«

 

Sie standen im Garten, und sie war dabei, die verwelkten Blütenblätter einer großen, weißen Chrysantheme zu entfernen.

 

»Glauben Sie, daß ich die Hoffnung aufgeben muß, jemals meine Mutter wiederzufinden?« fragte sie.

 

Er wollte ihr nicht direkt antworten.

 

»Eine Hoffnung, die schon ein Teil der Gedanken geworden ist, die man jahrelang gehegt hat, soll man eigentlich nicht aufgeben,« sagte er schließlich.

 

Sie wollte ihm etwas mitteilen und hatte ihn deswegen in den schattigen Garten geladen. Aber so oft sie beginnen wollte, fiel ihr das Sprechen zu schwer. Wenn sie ihr Geheimnis verriet, brachte sie damit einen Menschen in Verdacht, den sie von Herzen liebte, und der ihr sehr teuer war. Und doch konnte nur eine Aussprache über das, was ihre Gedanken Tag und Nacht beschäftigte, ihre verstörten Gedanken wieder zur Ruhe bringen.

 

»Jim, ich gebe mir die größte Mühe, Ihnen alles Vertrauen entgegenzubringen, und doch fürchte ich mich ein wenig vor Ihnen. Es ist wegen meines – meines Vaters, Mr. Howett. Wollen Sie bitte vergessen, daß Sie ein Polizeibeamter sternchenland.com sind und nur daran denken, daß Sie mein Freund sind?«

 

Er nahm ihre kalte Hand in die seine, und sie verweigerte es ihm nicht.

 

»Erzählen Sie, was Sie bedrückt, Valerie,« sagte er freundlich. »Ich habe mich niemals weniger als Polizeibeamter gefühlt als gerade in diesem Augenblick.«

 

Sie ließ sich auf einer großen Holzbank an seiner Seite nieder und berichtete ihm zögernd von ihrem merkwürdigen nächtlichen Erlebnis, von den flüsternden Stimmen und dem Weinen.

 

»Als mein Vater mir sagte, daß er selbst im Wohnzimmer war, hätte ich zu Bett gehen sollen – aber ich war so neugierig und – Jim, ich wäre beinahe gestorben, als ich unten in der Eingangshalle den Grünen Bogenschützen stehen sah!«

 

Jim war erstaunt, aber nicht im mindesten beunruhigt.

 

»Haben Sie Mr. Howett gesehen, als er nachher die Treppe heraufkam?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Er ging direkt in sein Zimmer.«

 

»Langsam oder eilig?«

 

»Sehr schnell.«

 

»Hat er nicht an Ihre Türe geklopft oder Ihnen Gute Nacht gesagt?«

 

»Nein, er ging in sein Zimmer und schloß die Tür hinter sich zu.«

 

»Und die Frau – haben Sie die auch gesehen?«

 

»Nein, Mr. Holland glaubte, daß sie den Wagen lenkte, der an ihm vorbeikam und ihn aufweckte.«

 

Man sah Zweifel in Jims Gesicht.

 

»Eine hysterische Frau wird wohl kaum in der Lage sein, ein Auto zu lenken. Aber immerhin, manchmal erholen sich Frauen sehr schnell. Es ist eine ganz merkwürdige Geschichte.«

 

»Ich will Ihnen eine noch viel seltsamere Sache erzählen,« sternchenland.com sagte sie und teilte ihm nun zum erstenmal mit, daß sie in der Nacht, in der sie ihren abenteuerlichen Gang nach Garre Castle unternahm, sonderbare Geräusche gehört und den grünen Pfeil in der Küche gefunden hatte.

 

Auf seine dringende Bitte hin brachte sie die Waffe zum Wohnzimmer herunter. Er nahm sie in die Hand und maß sie.

 

»Dieser Pfeil ist länger als die drei, die ich bis jetzt gesehen habe,« sagte er schließlich. »Creager und Smith wurden durch Pfeile getötet, die wenigstens fünfzehn Zentimeter kürzer waren als dieser, der genau ein altes Yard mißt. Diese Pfeile wurden von den Bogenschützen im Mittelalter benützt.«

 

Er befühlte die nadelscharfe Spitze und untersuchte sie durch sein Vergrößerungsglas.

 

»Die Spitze ist handgefertigt,« erklärte er dann. »Nun verstehe ich auch, warum wir keinen Erfolg hatten, als wir alle Geschäfte untersuchten, die solche Sportartikel führen. Der Pfeilschaft ist auch selbst hergestellt – er ist außerordentlich kunstvoll geglättet.«

 

Er besah ihn neugierig und hielt ihn nahe ans Licht. »Ich sehe ein halb Dutzend Fingerabdrucke daran,« sagte er plötzlich. »Wahrscheinlich sind das Ihre eigenen, aber es wäre doch wichtig, wenn ich sie photographieren könnte. Darf ich den Pfeil mit mir zur Stadt nehmen?«

 

»Nein,« sagte sie mit einer Heftigkeit, über die er sich sehr wunderte, bis er sich wieder an die Zusammenhänge erinnerte. Sie fürchtete – daß die Fingerabdrücke die Identität des Grünen Bogenschützen ans Tageslicht bringen könnten.

 

Er gab ihr den Pfeil zurück, als sich plötzlich die Tür öffnete und Mr. Howett eintrat.

 

»Mein lieber –« begann er, brach aber plötzlich ab. »Was ist das?« fragte er düster.

 

»Ein Pfeil,« stotterte Valerie. Mr. Howett nahm ihr die sternchenland.com Waffe aus der Hand, wandte sich um, ohne ein Wort zu sagen, und verließ das Zimmer schnell.

 

Die Beiden sahen sich an, und Jim entdeckte in Valeries Blick einen Ausdruck von Angst und Furcht, der ihm ins Herz schnitt.