Kapitel 12

 

12

 

Dewin hatte eine Menge Besuche zu absolvieren. Darunter waren sowohl wichtige als auch nebensächliche, deren Ergebnis man jedoch nicht voraussehen konnte. Im obersten Stock eines Geschäftshauses in der Winchester Street trat er in das Büro einer alteingesessenen Baufirma und wollte sich bei dem ersten Architekten, dessen Name auf dem Firmenschild stand, anmelden. Der Mann in der Pförtnerloge schüttelte aber den Kopf.

 

»Mr. Walber lebt nicht mehr. Das Geschäft wird jetzt von Mr. Denny allein geführt. Wollen Sie ihn sprechen?«

 

Peter stand bald darauf einem hageren, kurzsichtigen Mann gegenüber, der nervös und ungeduldig wirkte. Man hatte den Eindruck, daß er das Gespräch so bald wie möglich zu beenden wünschte. Selbst das Zauberwort »Redaktion des Postkurier« zog bei ihm nicht. Er war ein so vielbeschäftigter Mann, daß er wahrscheinlich von der Existenz dieser großen Zeitung keine Ahnung hatte.

 

Peter zog den Plan aus der Tasche, den er in der Schublade von Joe Farmers Schreibtisch gefunden hatte, und auf dem der Name der Firma »Walber & Denny« stand. Er zeigte ihn dem Architekten.

 

»Das ist einer der Baupläne, die noch Mr. Walber entworfen hat«, sagte Denny sofort und zeigte auf eine schwer leserliche Unterschrift in der Ecke des Blattes. »Ich kann Ihnen darüber leider keine Auskunft geben. Mr. Walber liebte es, an solche große Projekte heranzugehen. Was es sein soll? Anscheinend ein riesiger Wohnblock – du lieber Himmel –, die Londoner Baupolizei würde sich gegen einen solchen Unsinn entschieden verwahren. Das Ganze hat nur in Mr. Walbers lebhafter Phantasie existiert.«

 

»Können Sie vielleicht feststellen, für wen dieser Plan gezeichnet wurde?«

 

Denny beteuerte nachdrücklich, daß er das nicht wisse.

 

»Mr. Walber war ein gutherziger, aber unpraktischer Mensch. Als er starb, hinterließ er keinen Pfennig. Als Junggeselle brauchte er auch sehr wenig Geld.«

 

An Mr. Dennys düsterem Tonfall ließ sich unschwer erkennen, daß er kein Junggeselle war.

 

»Mr. Walber zeichnete häufig nur zu seinem Vergnügen solche weitläufigen Pläne. Er war von dem Gedanken besessen, daß er eines Tages einen Geldgeber finden würde, der ihm die nötigen Mittel zur Verwirklichung seiner Ideen zur Verfügung stellte. Aber Millionäre sind bekanntlich dünn gesät und außerdem meist praktisch veranlagt, und so hatte er keine Gelegenheit, seine verrückten Pläne zu verwirklichen. Wollen Sie sonst noch etwas wissen?«

 

Peter faltete den Plan zusammen und steckte ihn wieder ein. Etwas an der kurzangebundenen Art des anderen belustigte ihn.

 

»Sind Sie sicher, daß dieser Plan in Ihrem Büro nicht weiter bearbeitet wurde?« fragte Peter.

 

»Ganz sicher. Es war eine private Spielerei von Mr. Walber; ein offizieller Auftrag, der in unseren Akten festgehalten sein müßte, war es keinesfalls – außerdem verwenden wir hier im Büro ein ganz anderes Papier.«

 

Peter hatte eine unbestimmte Ahnung, auf wen Mr. Walber bei der Verwirklichung seiner Pläne gezählt hatte; daß er aber hier nichts Näheres darüber erfahren konnte, war ihm klar. Er fragte dann noch, ob Walber vielleicht den kürzlich ermordeten Mr. Farmer gekannt habe. Mr. Denny schaute in seiner Kundenliste nach und schüttelte dann den Kopf.

 

»Unter unseren Kunden befindet sich kein Mr. Farmer.«

 

Gleich darauf machte sich Peter auf den Weg zur City. In der Queen Victoria Street liegt ein altmodisches Gebäude aus der Zeit der Königin Anna – das Heraldische Amt. Dort verbrachte er fast eine Stunde, und als er herauskam, sah er bedeutend vergnügter aus. Einen Zipfel des Vorhangs, der das Geheimnis der gefiederten Schlange verbarg, hatte er lüften können.

 

Die schwierigste Aufgabe erwartete ihn aber erst noch. Buckingham Gate Nr. 10 war ein vornehmes, großes Haus mit einzelnen Mietswohnungen. Der Portier sagte ihm, daß Mrs. Staines zu Hause sei, und öffnete ihm die Tür des Aufzugs.

 

Als Peter oben an der Wohnungstür geklingelt hatte, öffnete ihm ein Dienstmädchen und führte ihn in eine kleine, geschmackvolle Diele; besonders fielen ihm an den Wänden eine Reihe von eingerahmten Zeichnungen auf.

 

Das Mädchen kam bald zurück und führte ihn in einen Raum, der das Meisterstück eines Innenarchitekten hätte sein können. Ein Blick auf Mrs. Paula Staines genügte Peter, um zu wissen, daß er hier einen ganz anderen Typ vor sich hatte, als die eingebildete Schauspielerin vom »Orpheum«.

 

Mrs. Staines saß an einem Tischchen, einen weißen Zeichenkarton vor sich. Er konnte nicht umhin, sie bewundernd anzuschauen; in ihrem ganzen Wesen drückte sich das aus, was man eben nur bei einer Dame findet.

 

Sie lehnte sich in ihren Sessel zurück und begrüßte ihn mit einem etwas spöttischen Lächeln.

 

»Eine große Ehre für mich, Mr. Dewin«, sagte sie. »Wollen Sie mich etwa interviewen?«

 

Bevor er antworten konnte, nahm sie den vor ihr liegenden Zeichenkarton und hob ihn in die Höhe.

 

»Ich zeichne gefiederte Schlangen – sehen sie nicht phantastisch aus?«

 

Er erkannte einige Skizzen von gefiederten Schlangen auf dem Blatt – zusammengerollt, den Kopf zurückgebogen, um auf ein Opfer loszustoßen, in seltsamer Verschlingung. Daneben Einzelstudien von Köpfen und Versuche, besonders das eigenartige Gefieder herauszuarbeiten.

 

»Reizend von Ihnen, daß Sie mir meine Aufgabe so leicht machen«, meinte Peter begeistert. »Deshalb bin ich ja Zu Ihnen gekommen.«

 

Ihre Lippen preßten sich für einen Augenblick zu einem dünnen Strich zusammen.

 

»Das vermutete ich schon, als ich Ihre Karte las«, entgegnete sie. »Aber glauben Sie mir, Mr. Dewin, Sie haben sich nicht gerade an eine kompetente Expertin gewandt. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas von gefiederten Schlangen gehört – bis dieser fürchterliche Mord geschah.«

 

Sie sah ihn offen an, und er war sich fast sicher, daß sie ihn nicht belog.

 

»Vermutlich sind Sie auch wegen des Mordes gekommen.«

 

Sie wischte die Zeichnungen vom Tisch und schauderte zusammen. »Es ist furchtbar!«

 

Er wußte ganz genau, warum die Tat dieser sonst so gelassenen Frau besonders naheging. Wäre er ein brutaler Mensch gewesen, so hätte er ihr sofort einiges auf den Kopf zugesagt; so erkundigte er sich vorerst nur nach dem Vorleben Mr. Farmers. Anscheinend hatte sie ihn gut genug gekannt, um auch über seine verschiedenen Straftaten im Bilde zu sein; trotzdem berührte sie diese Dinge aber nicht.

 

»Und jetzt, Mr. Dewin« – bei diesen Worten legte sie ihre schönen schlanken Hände auf den Tisch und zog die Augenbrauen zusammen –, »sagen Sie mir bitte, was Sie wirklich von mir wollen.«

 

Das war eine Herausforderung, und er nahm sie an.

 

»Ich will ganz offen sein. Ich brauche Informationen über die gefiederte Schlange.« Sie machte eine abwehrende Bewegung. »Vielleicht sind Sie selbst überzeugt davon, daß Sie nichts über diese Angelegenheit wissen – ich vermute das Gegenteil. Nun, vor vielen Jahren erregte eine große Betrugsaffäre viel Aufsehen …«

 

»Ich war nicht daran beteiligt«, erwiderte sie ruhig und bestimmt. »Natürlich kann ich nicht verlangen, daß Sie mir glauben, aber deswegen ist es doch wahr. Ich will nicht behaupten, daß ich in gewissem Sinn von dieser Angelegenheit damals nicht profitiert hätte – aber bis zur letzten Minute, in der man mich einweihen mußte, wurde ich über die eigentlichen Zusammenhänge im unklaren gelassen. Übrigens werde ich Ihnen über die Sache nichts weiter erzählen.«

 

»Warum haben Sie denn überhaupt schon so viel angedeutet.«

 

Sie überlegte einen Augenblick, bevor sie antwortete.

 

»Weil ich annehme, daß Sie irgend etwas entdeckt haben, was mich angeht. Ich wußte es nicht, bis Sie hier hereinkamen – erst als ich Ihren Gesichtsausdruck sah.«

 

Er nickte.

 

»Ja – Sie sind Paula Ricks.«

 

Sie erwiderte nichts, und er wiederholte die Worte. Wieder verzog sie den Mund zu einem spöttischen Lächeln.

 

»Ganz richtig, ich bin Paula Ricks – aber was kann Ihnen diese Tatsache helfen?«

 

»Sie kennen William Lane«, entgegnete er ernst. Aber zu seiner größten Verwunderung schüttelte sie den Kopf.

 

»Ich habe ihn niemals gesehen – ich wußte kaum etwas über ihn, bis er festgenommen wurde. Später habe ich dann natürlich alles erfahren, was es überhaupt über ihn zu wissen gab.« Sie lehnte sich vor und sah ihn groß an. »Ist es denn ein Verbrechen, daß ich Paula Ricks bin? Sie können mir doch nicht den Aufenthalt in England verbieten – und die Polizei kann mir nichts anhaben!« Forschend sah sie ihn an. »Soll ich Ihnen erzählen, was die Polizei vermutet, was aber bisher niemand weiß? Ich habe alle Platten selbst gestochen, die mein Vater brauchte, um die falschen französischen Banknoten nachzudrucken. Allerdings, was mir kaum jemand glauben wird, ich dachte damals, daß es nur ein Scherz sei … Ja sogar als ich den Ernst der Lage übersah, machte ich mir nicht viel Gewissensbisse, ich hielt es immer noch für einen großen Spaß. Vielleicht fühlte ich auch eine gewisse Genugtuung dabei … Übrigens habe ich nachher nie wieder eine solche Platte gestochen.«

 

Er betrachtete vielsagend die luxuriöse Einrichtung des Zimmers.

 

»Nun, das hier muß doch etwas gekostet haben – und nicht zu wenig. Nehmen Sie mir diese Frage nicht übel wie bringen Sie es fertig, von Ihren sicher nicht sehr großen Einnahmen als Künstlerin in diesem Stil zu leben?«

 

Er war von dieser Frau schon vorher beeindruckt gewesen, aber das größte Rätsel gab sie ihm erst jetzt auf.

 

»Das Geld, das ich besitze, diese Wohnung, alles, was Sie hier sehen, habe ich nur deshalb, weil ich ehrlich war! Und ich würde genau dasselbe haben, wenn ich nicht ehrlich gewesen wäre. Merken Sie sich – ich kann sagen, daß mein Vermögen der Preis für meine Ehrlichkeit und meine energische Weigerung ist, das alte Leben weiterzuführen.«

 

Er war davon überzeugt, daß sie die Wahrheit sagte, wenn er sich vorerst auch durchaus noch keinen Reim darauf machen konnte.

 

»Man sagt, daß Sie eine Vorliebe für Rätsel haben, Mr. Dewin – lösen Sie dieses!« Sie stand auf und drückte auf einen Klingelknopf. »Ich werde jetzt Tee trinken. Wollen Sie mir dabei Gesellschaft leisten? Ich war wirklich im Unrecht, als ich Ihrem Besuch mit einem gewissen Unbehagen entgegensah.«

 

Das Mädchen kam herein, und sie sprach erst weiter, als es einen Auftrag entgegengenommen und die Tür wieder geschlossen hatte.

 

»Ich fürchtete, Sie würden herausbekommen, wer ich in Wirklichkeit bin, und das haben Sie in der Tat ja auch getan; nur daß es jetzt gar nicht so schlimm ist, wie ich mir einbildete. Eigentlich war es sehr dumm von mir, daß ich so unruhig war … Sie sind heute morgen bei Scotland Yard gewesen – haben Sie dort Ihre Entdeckung mitgeteilt?«

 

Er sah sie erstaunt an.

 

»Woher wissen Sie das?«

 

»Aus einem ganz einfachen Grund«, entgegnete sie gelassen. »Ich habe Sie während der letzten sechsunddreißig Stunden überwachen lassen – und habe dabei eine ganze Menge über Sie und Ihr Privatleben erfahren. Miss Olroyd ist wirklich ein sehr hübsches Mädchen, nicht wahr, Mr. Dewin?«

 

Er hörte den heiteren Unterton in ihrer Stimme und wurde rot.

 

»Sie haben doch nicht etwa Mr. Stebbings engagiert, um mich beobachten zu lassen?«

 

»Aber natürlich – Mr. Stebbings in Person«, sagte sie mit der größten Selbstverständlichkeit. »Sie haben ihn also erkannt? Ich habe ihm doch gleich gesagt, daß sein Bart viel zu sehr auffällt!«

 

Der Tee wurde hereingebracht, und sie goß ein.

 

»Entsetzlich, diese Sache mit Mr. Farmer«, sagte sie nach einer längeren Pause. »Nicht, daß ich ihn besonders leiden konnte … Ich könnte Ihnen viel von ihm erzählen, aber es ist besser, wenn ich es nicht tue. Außerdem sind Sie ja so klug, daß Sie alle diese Dinge selbst herausbekommen werden.«

 

»Soll das eine Beleidigung oder ein Kompliment sein?«

 

»Ich weiß nicht – nehmen Sie es, wie Sie wollen.«

 

Er starrte in seine Tasse, dann trank er einen Schluck und schaute ihr von unten herauf in die Augen.

 

»Wenn wir Wein hätten, würde ich einen Trinkspruch auf Sie ausbringen«, meinte er mit einem seltsamen Unterton. »Ich brauchte Ihnen dabei nur das schöne alte Wort Gucumatz zu sagen!«

 

Klirrend fiel ihr die Tasse aus der Hand, und sie wurde plötzlich totenblaß.

 

»Gucumatz!« stieß sie hervor und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Gucumatz …«

 

Sie atmete erregt. In der nächsten Sekunde würde sie zu reden beginnen …

 

Aber in diesem Augenblick klopfte es an die Tür, und das Mädchen kam herein. Mrs. Staines wurde am Telefon verlangt – die günstigste Gelegenheit für sie, um Zeit zu gewinnen.

 

Sie verließ schnell das Zimmer, war einige Minuten abwesend, und als sie wieder eintrat, hatte sie ihre alte, sichere Haltung bereits Zurückgewonnen.

 

»Ich glaube, wir müssen jetzt sehr vernünftig sein«, sagte Paula Staines mit einer Stimme, die ein wenig gezwungen fröhlich klang.

 

»Und aufrichtig!« fügte Peter hinzu.

 

»Auch aufrichtig!« wiederholte sie. »Und zwar gilt das für uns beide. Ich gestehe, daß Sie mich überrascht haben … Gleich darauf wurde mir klar, daß Sie das böse Wort bei Farmer gefunden haben, der es stets mit sich herumtrug. Sie erschreckten mich tatsächlich furchtbar! Solche unvermittelten Überraschungen gehören zu Ihrem Beruf, wie?«

 

»Das kann ich nicht abstreiten – und wenn ich von Gucumatz sprach …«

 

»Ein verrücktes Wort – ich schwöre Ihnen, daß ich es nicht gehört habe, bis ein Jahr nach …«, sie zögerte und suchte nach einem Ausdruck.

 

»Bis ein Jahr nach?« wiederholte Peter.

 

»… nach einem gewissen Ereignis«, vollendete sie den Satz. »Aber was bezwecken Sie eigentlich mit diesem Wort?«

 

Wußte sie es wirklich nicht, oder wollte sie ihn nur verblüffen? Es sah doch so aus, als ob sie dem Wort eine besondere Bedeutung zugrunde legte, und seine Vermutung wurde auf seinen nächsten Satz hin bestärkt.

 

»Gucumatz ist nur ein anderer Name für gefiederte Schlange«, sagte er langsam.

 

Sie schaute ihn lange an, dann ließ sie sich plötzlich in einen Sessel fallen und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Als sie wieder aufschaute, war sie so blaß wie vorher.

 

»Würden Sie mich morgen besuchen?« sagte sie und reichte ihm die Hand. »Nein, nein, ich will heute nicht mehr darüber sprechen, ich fühle mich nicht wohl – morgen …«

 

Sie begleitete ihn bis zur Tür und sah ihm nach, wie er die Treppe hinunterging. Dann klingelte sie ihrem Mädchen.

 

»Rufen Sie sofort bei Cooks Reisebüro an, und lassen Sie zwei Schlafwagenplätze im Orientexpreß belegen.«

 

Das Mädchen war anscheinend an derartige plötzliche Entschlüsse gewöhnt und antwortete nur mit einem zuvorkommenden Lächeln.

 

»Nita, niemand darf erfahren, daß wir morgen früh verreisen. Es wäre gut, wenn Sie sofort packen würden und die Koffer nachts zum Bahnhof brächten. Sagen Sie auch dem Portier erst im letzten Moment, daß wir fortfahren – für mindestens ein Jahr …«

 

Paula Staines ging zu ihrem Schreibtisch und verbrachte den ganzen Nachmittag damit, Briefe zu zerreißen und Schecks auszuschreiben. Sie hatte sich an einen Grundsatz erinnert, den ihr Vater ihr einmal eingeprägt hatte: »Gehe immer Verwicklungen aus dem Weg!« Und es waren böse Verwicklungen im Anzug, die schnell über die hereinbrechen würden, die dablieben.

 

Kapitel 13

 

13

 

Das Arbeitszimmer von Gregory Beale war ein großer Raum im Erdgeschoß mit hohen Bücherregalen an den Wänden. Das ganze Zimmer war bis zur Decke hinauf mit dunklem Eichenholz getäfelt. Hier hielt sich der Gelehrte die meiste Zeit des Tages auf.

 

Er hatte Daphne Olroyd ein kleines, freundliches Zimmer im ersten Stock angewiesen, aber die ersten Tage brachte sie hauptsächlich in seiner Bibliothek zu, die einen recht angenehmen Aufenthalt bot. Durch ein großes Fenster sah man in einen kleinen Garten, der von hohen roten Ziegelmauern eingefaßt wurde. Das Haus war ein Eckgrundstück, und eine Umfassungsmauer grenzte an die Straße. Die Mauern waren oben mit zerbrochenem Glas und Scherben versehen, um das Haus vor Einbrechern zu schützen.

 

Von einer Balkontür aus führten mehrere Stufen zu dem kleinen Kiesweg, der die Blumenbeete in zwei Hälften teilte. Späte Chrysanthemen blühten dort noch, und Mr. Beale machte sich ein Vergnügen daraus, täglich eine halbe Stunde lang in der kleinen Anlage umherzuwandeln.

 

Eigentümlicherweise duldete er in seinem Haus keinerlei Vorhänge. Auch die Rolläden an den Fenstern wurden nie heruntergelassen, sobald er daheim war. Ohne nähere Erklärung hatte er seine Sekretärin darauf gleich am ersten Tag ihres Eintritts aufmerksam gemacht. Soviel sie wußte, brauchte er einfach viel frische Luft und Sonne.

 

Er hatte auch noch andere kleine Eigenheiten. Kein Angehöriger des Hauspersonals betrat jemals sein Zimmer, wenn er nicht nach ihm geklingelt hatte. Wenn es notwendig war, benutzte der Butler ein Haustelefon, um sich mit seinem Herrn zu verständigen. Daphne wurde feierlich in alle diese Gebräuche eingeweiht.

 

»Nicht, daß ich etwas dagegen hätte, wenn Sie zu mir kommen«, sagte er lächelnd. »Dazu sehen Sie viel zu anziehend aus. Aber ich habe eine große Abneigung dagegen, bei der Arbeit unterbrochen zu wenden. Aus diesem Grund habe ich den Raum auch mit Doppeltüren versehen lassen.«

 

Als sie an diesem Morgen zu ihm kam, traf sie ihn bei seinem Spaziergang im Garten an. Die erste Frage, die er an sie richtete, betraf zu ihrer Verwunderung Peter Dewin, und obwohl sie sich mit Peter im Augenblick nicht so gut stand – ohne jeden Grund, wie sie genau wußte –, konnte sie ihn Mr. Beale gegenüber gar nicht genug loben. Frauen sind nun einmal unlogisch.

 

»Zweifellos, ich bin auch davon überzeugt, daß er sehr intelligent ist«, unterbrach sie Mr. Beale schließlich belustigt. »Er ist ein recht netter junger Mann – von Journalistik verstehe ich allerdings nicht genug, um seine Begabung für diesen Beruf beurteilen zu können. Er ist wohl Ihr Verlobter, wenn ich fragen darf?«

 

Sie errötete tief.

 

»Aber Mr. Beale, kein Gedanke daran – ich kenne ihn ja kaum länger als eine Woche!«

 

Er schaute sie vergnügt von der Seite an.

 

»Gibt es nicht so etwas wie Liebe auf den ersten Blick? Ich für meinen Teil würde nichts von einer langen Verlobungszeit halten – in der Ehe sieht dann doch alles anders aus.«

 

Sie fand es sonderbar, daß er Betrachtungen über die Ehe anstellte und mußte lachen.

 

»Darüber haben Mr. Dewin und ich noch nicht gesprochen«, dann fügte sie ein wenig neugierig hinzu: »Sie sprechen, als ob Sie eine Autorität auf diesem Gebiet wären, Mr. Beale.«

 

»Beim Himmel, ich habe keine Ahnung«, entgegnete er. Er verzog einen Moment lang das Gesicht, als ob er sich an etwas Unangenehmes erinnerte. »Ich war einmal verheiratet – aber die Sache ging nicht glücklich aus.«

 

Im Verlauf ihrer kurzen Bekanntschaft hatte Daphne Olroyd schon erkannt, daß er ein Mann von wirklich umfassendem Wissen war. Es gab kaum ein Gebiet, auf dem er sich nicht schon betätigt hatte, und gleich am ersten Tag half sie ihm bei einem kleinen Experiment: In einem Mörser zerstieß er einen Stein und schmolz in einem elektrisch geheizten Tiegel ein kleines Stückchen Silber heraus. Beim Ordnen verschiedener Akten fand sie das halbvollendete Manuskript eines Buches. Sie las eine Seite; es war eine Abhandlung über die Wirtschaftlichkeit kleinster Haushaltungen und enthielt Tabellen über Löhne in ihrem Verhältnis zum Lebensunterhalt. Sehr erstaunt war sie, als er ihr gleichgültig den Auftrag gab, es zu verbrennen.

 

»Es ist ja doch längst überholt – zehn Jahre sind auf diesem Gebiet eine große Zeitspanne.«

 

Die archäologischen Kenntnisse Mr. Beales über Süd- und Mittelamerika waren ausgezeichnet. Er zeigte ihr Kopien wertvoller Handschriften, die teils in Maya, teils in Altspanisch abgefaßt waren und von Sitten und Gebräuchen in dem Königreich Quiche berichteten.

 

»Verstehen Sie Spanisch? – Schade … Sie könnten sonst hier eine Menge über gefiederte Schlangen lesen«, sagte er gut gelaunt. »Sie würden auch feststellen, daß sich die Menschen im Grande genommen gleichgeblieben sind. Die komplizierten Zeremonien, die bei den aztekischen Kulthandlungen zelebriert wurden, sind nicht verwickelter, als die Aufnahmegebräuche der modernen Geheimgesellschaften – nur haben die Götter ihre Namen geändert.«

 

Als sie diesen Morgen in der Bibliothek arbeitete, entdeckte sie dort etwas, das nicht gerade zur Verschönerung des Raumes beitrug. Eine alte eichene Tür mit rostigen Angeln lehnte an der Wand, dem Fenster gegenüber; ihre eine Seite war mit Stahlblech beschlagen. Er erzählte ihr, daß er sie draußen im Schuppen gefunden und hereingebracht habe. Früher hatte sie einen Zugang an der hinteren Gartenmauer verschlossen, der aber zugemauert worden war. Wie er ihr auseinandersetzte, wollte er auf der verwitterten Oberfläche der Tür irgendeine seltsame aztekische Zeichnung anbringen. Wieder so eine neue Laune von ihm, über die sie heimlich den Kopf schüttelte.

 

Bei ihrer interessanten Tätigkeit verging ihr die Zeit wie im Flug, und Mr. Beale mußte sie abends darauf aufmerksam machen, daß sie ihre Arbeitszeit schon längst überschritten hatte.

 

Peter Dewin hatte nichts von sich hören lassen. Sie ging nach Hause, fand aber auch dort keine Nachricht vor.

 

Etwas unlustig zog sie sich um; da sie nicht wußte, ob Miss Creed sie zum Abendessen in ein vornehmes Restaurant einladen würde, hatte sie ihr schwarzes Cocktailkleid aus dem Schrank geholt und dazu einen dunklen italienischen Seidenschal umgelegt, den sie von ihrer verstorbenen Mutter geerbt hatte.

 

Es fröstelte sie, als sie in das kalte Taxi stieg, und sie überlegte sich noch einmal, daß sie eigentlich nicht viel Lust hatte, den Abend ausgerechnet mit Miss Creed zu verbringen. Ihre früheren Unterhaltungen waren immer äußerst oberflächlich verlaufen, denn Ella Creed fühlte sich in ihrer gesellschaftlichen Position haushoch über jede Angestellte erhaben. Dafür hätte Daphne heute abend, auch wenn sie eine Prinzessin gewesen wäre, keinen großartigeren Empfang erwarten können. Bereits am Eingang empfing sie ein Portier und brachte sie persönlich zu Miss Creed.

 

Ella Creed schloß sie überschwenglich in die Arme.

 

»Wie nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind! Setzen Sie sich doch – hier, der Sessel ist besonders bequem. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich mich umziehe …? Ist dies wirklich Ihr erster Besuch hinter den Kulissen eines Theaters? Ich zeige Ihnen dann gleich nachher die Bühne und alles übrige.«

 

Daphne war in der Pause zwischen zwei Akten gekommen; derselben Pause, die Peter Dewin am vergangenen Abend zu seinen Nachforschungen benutzt hatte. Während sie sich umzog, redete Miss Creed wie ein Wasserfall.

 

»Nach der Vorstellung gehen wir in den Rapee-Club. Sie haben doch Lust dazu? – Da es mir gerade einfällt … Sie kennen doch Peter Dewin? Er hat mich gestern besucht ein netter Kerl! Aber ein wenig überheblich, ich hasse überhebliche Menschen – sie denken immer nur an sich!«

 

Die ganze Zeit über saß sie vor dem Spiegel, betupfte ihr Gesicht und starrte wie gebannt auf ihr eigenes Bild. Daphne konnte sie in aller Ruhe beobachten und sich dabei noch einmal überlegen, was wohl die eigentliche Ursache dieses freundlichen Empfangs war. Als Miss Creed noch weiter über Peter sprach, fand sie die Lösung.

 

»Wie gesagt, er ist ein netter Kerl – Sie kennen ihn doch sehr gut, nicht wahr? Finden Sie nicht auch, daß es ihm Spaß macht, jemandem einen Streich zu spielen? Bei mir hat er es wenigstens versucht. Stellen Sie sich vor, er hat einen Schlüssel, der mir gehört und den er einfach nicht herausgibt – erzählt mir eine Geschichte von einem Einbrecher, der ihn gestohlen haben soll. Aus seiner Jackentasche! Und ich weiß doch, daß er überhaupt nicht dort steckte. Vielleicht erinnern Sie sich an die ganze Angelegenheit …? Es war ein Schlüssel, den der arme Mr. Farmer bei sich trug. Billy – Mr. Crewe – gab ihn aus Versehen Ihnen.«

 

Das alles erwähnte sie nur ganz nebenbei, aber Daphne wußte jetzt, warum sie zu der ungewöhnlichen Ehre einer solchen Einladung gekommen war. Miss Creed hatte herausgebracht, daß Daphne mit Peter befreundet war – und vermutlich sollte sie jetzt Peter überreden, den Schlüssel herauszugeben. Daphne amüsierte sich im stillen über diesen Plan.

 

Als Miss Creed fertig war, ging sie mit ihr durch ein Labyrinth von Gängen in einen hohen Raum, dessen eine Seite von Kulissen ausgefüllt war. Durch einen Wald von Pfosten, Requisiten und Versatzstücken drängte sie Ella Creed zu dem Pult des Regisseurs, von wo aus man die Vorgänge auf der Bühne aus nächster Nähe verfolgen konnte. Der Regisseur stellte einen Stuhl für Daphne zurecht, die vergnügt aus diesem neuen Blickwinkel der Vorstellung zusah. So vergingen fast zwei Stunden.

 

Mit einem Seufzer des Bedauerns sah sie den Vorhang zum letztenmal fallen, und ließ sich dann von dem Regisseur zu Miss Creeds Garderobe zurückbringen. Ella Creed legte ihr liebenswürdig den Arm um die Schultern und führte sie zu einem Herrn, der lässig in einem der Sessel lehnte. Es war Leicester Crewe, ausgerechnet der Mann, den sie am liebsten nie mehr zu Gesicht bekommen hätte.

 

Die beiden letzten Tage hatten ihn sehr mitgenommen; er war auffallend gealtert. Das Lächeln, mit dem er seine frühere Sekretärin begrüßte, wirkte gezwungen.

 

»Hallo, Miss Olroyd, haben Sie nun Bekanntschaft mit der Bühne geschlossen? Vielleicht werden auch Sie eines Tages noch ein berühmter Star!«

 

»Bitte unterhalte Miss Olroyd so lange, bis ich mich umgezogen habe!« rief Miss Creed aus der Nische herüber, in der sie sich umzog. »Später darfst du uns dann zum Essen ausführen und die Rechnung bezahlen.«

 

Anscheinend sollte dies ein Scherz sein, denn Miss Creed ließ ihren Worten ein ziemlich schrilles Gelächter folgen.

 

Natürlich war es kein Zufall, daß Mr. Crewe hier war. Ella Creed hatte es so eingerichtet, daß er der dritte bei dem Abendessen sein würde, und Daphne war dies um so unangenehmer, weil sie sich noch sehr genau an seine unverfrorenen Anträge erinnerte.

 

Während die Garderobieren sich mit Miss Creeds Gesicht beschäftigten, unterhielten sich Daphne und Mr. Crewe zehn Minuten lang über alle möglichen Nebensächlichkeiten – dann kam das Gespräch wieder auf den Mord.

 

»Farmers Tod ist wirklich eine harte Prüfung für mich«, sagte Leicester Crewe. »Eine ganze Kompanie von Polizeibeamten ist in mein Haus gekommen und hat sich dort geradezu häuslich eingerichtet. Und ein Heer von Zeitungsreportern quält mich unentwegt mit Fragen.«

 

Er betrachtete Daphne von der Seite.

 

»Es wundert mich eigentlich, daß Ihr Freund mich seit jenem Abend nicht mehr besucht hat – er interessiert sich doch sonst so brennend für jeden Mord!«

 

»Welchen Freund meinen Sie?«

 

Die Frage verblüffte ihn.

 

»Natürlich Mr. Dewin. Er ist ein intelligenter Mensch aber ein wenig voreilig und sehr geneigt, unbesonnene Schlüsse zu ziehen. Dadurch hat er mich in ernstliche Schwierigkeiten gebracht. Sie erinnern sich doch an die Sache mit dem Schlüssel? Ich sagte es Ihnen damals nicht, daß er Ella – Miss Creed – gehört; sie erinnert mich seitdem dauernd daran.«

 

Nachdenklich betrachtete er seine Zigarre.

 

»Es wäre mir ein paar hundert Pfund wert, wenn ich den Schlüssel zurückbekommen könnte. Soviel ich weiß, werden Zeitungsreporter nicht gerade fürstlich bezahlt, und ein paar hundert Pfund kann man immer mitnehmen – wenn er sie nicht selbst haben will, kann er ja ein hübsches Geschenk für eine Freundin davon kaufen. Was meinen Sie dazu?«

 

Sie war entrüstet über diese plumpe Anspielung, ließ sich aber nichts anmerken.

 

»Es ist wirklich sehr unangenehm für mich«, fuhr Crewe fort. Er sah sich um, ob Ella noch in ihrer Nische beschäftigt war, und senkte dann seine Stimme zu einem theatralischen Flüstern. »Sie sind doch eine Dame von Welt.« Daphne wußte zwar nicht, was er darunter verstand, erhob aber vorerst keinen Widerspruch. »Wir müssen unbedingt einen Skandal vermeiden … Es ist nämlich der Schlüssel zu Ellas Haus – verstehen Sie mich?«

 

Daphne begriff durchaus, was er sagen wollte und sah ihn bestürzt an.

 

»Wir waren nämlich jahrelang miteinander befreundet … Begreifen Sie nun, warum wir den Schlüssel zurückhaben müssen?«

 

Die Erklärung schien glaubwürdig zu sein, und Daphne hatte sich schon halb dazu entschlossen, Peter zu veranlassen, das verfängliche Beweisstück herzugeben.

 

»Zweihundert oder dreihundert Pfund …«, fing Crewe wieder an, aber sie unterbrach ihn sofort.

 

»Ich glaube nicht, daß Mr. Dewin Wert auf Ihr Geld legen wird«, erklärte sie. »Im übrigen bin ich mir auch völlig sicher, daß er den Schlüssel nicht dazu benutzen wird, Miss Creed irgendwie in Verlegenheit zu bringen.«

 

»Würden Sie wenigstens einmal über die Sache mit ihm reden?« drängte er.

 

Sie nickte.

 

In diesem Augenblick kam Ella Creed aus dem Nebenraum zurück. Anscheinend um ihrem Gast ein Kompliment zu machen, trug auch sie ein schwarzes Kleid und außer den blitzenden Ringen an ihren Händen keinen Schmuck. Sie wandte sich an Daphne.

 

»Gehen wir? Bei Rapee können wir uns nach dem Essen gleich noch die Kabarettvorstellung ansehen.«

 

Crewe nickte zustimmend.

 

»Hast du dich auch anständig betragen, Billy, und Miss Olroyd nichts Schlechtes über mich gesagt?«

 

Er lächelte.

 

»Ich bin viel zu gut mit dir befreundet, um dir etwas Schlechtes nachzusagen, Ella.«

 

Das alles gehörte zu der Komödie, die sie Daphne vorspielten, und sie hatten ihre Rollen sehr gut einstudiert. Vielleicht ein wenig zu gut, denn Daphne kam das ganze Gerede plötzlich sehr unglaubwürdig vor.

 

Das Mädchen kam herein und sagte, daß es draußen heftig regne.

 

»Haben Sie einen Regenumhang?« Als Daphne den Kopf schüttelte, sagte Ella Creed besorgt: »Sie werden durch und durch naß, wenn Sie über den Hof gehen … Jessie, geben Sie Miss Olroyd meinen roten Umhang! Bitte, Sie müssen ihn anziehen. Es kann höchstens sein, daß Sie dann vor der Tür einige Mädchen um ein Autogramm bitten, weil sie glauben, meine Wenigkeit vor sich zu haben – das ist nun mal die Strafe der Berühmtheit.«

 

Als sie durch den Gang zur Bühnentür schritten, hielt Leicester Crewe Ella etwas zurück und sprach leise auf sie ein.

 

Die Schauspielerin blieb plötzlich stehen.

 

»Warum konnte sie denn nicht kommen?« fragte sie ärgerlich. »In letzter Zeit tut Paula viel zu vornehm.« Dann sagte sie laut zu Daphne: »Gehen Sie nur voraus, Miss Olroyd; mein Wagen wartet vor der Tür.«

 

»Sie ließ am Telefon sagen, daß sie Kopfschmerzen hätte«, erklärte Leicester. »Ich konnte nur mit ihrem Mädchen sprechen.«

 

Ella biß sich nachdenklich auf die Lippen.

 

»Das sieht Paula nicht ähnlich. Aber komm jetzt – diese blöde Stenotypistin bekommt sonst kalte Füße!«

 

Sie gingen zusammen auf den dunklen Hof und traten auf die Straße, die an der Rückseite des Theaters entlangführte – ein menschenleeres, schmutziges Seitengäßchen. Neben dem Eingang lehnte ein Bettler, um Schutz vor dem Wetter zu suchen, aber von Daphne Olroyd und dem Wagen war nichts zu sehen. Ella wandte sich an den Eckensteher.

 

»Haben Sie nicht eine Dame hier herauskommen sehen?« »Natürlich – sie trug einen roten Umhang, und der Wagen fuhr gleich ab, als sie eingestiegen war.«

 

Ella schimpfte.

 

»Ich werde den Chauffeur entlassen! Billy, telefoniere nach einem Taxi!«

 

*

 

Kurz vorher war Daphne Olroyd aus der Tür getreten. Sie lief schnell über das nasse Trottoir und stieg in den Wagen, dessen Schlag von innen aufgehalten wurde. Dann erschrak sie, als sie an jemand anstieß, der in der Ecke saß.

 

»Ach, entschuldigen Sie, ich dachte …«

 

In diesem Moment zog der Chauffeur die Wagentür zu und fuhr an. Sie lehnte sich vor, klopfte ihm auf die Schulter.

 

»Warten Sie doch, warten Sie! Es kommen noch mehr Leute …«

 

Dann wurde sie von der dunklen Gestalt, die neben ihr saß, auf den Sitz zurückgezogen.

 

»Seien Sie ruhig und schreien Sie nicht – oder es wird Ihnen schlecht bekommen«, sagte eine rauhe Stimme.

 

In diesem Augenblick fuhr der Wagen gerade an einer hellen Straßenlaterne vorbei, und sie konnte einen Blick auf ihren Begleiter werfen. Es waren nur seine Augen und seine Stirn zu sehen, denn er hatte sich ein buntes Taschentuch vor das Gesicht gebunden.

 

Kapitel 14

 

14

 

Lange Zeit war Daphne Olroyd nicht fähig, ein einziges Wort hervorzubringen. Der Wagen fuhr sehr schnell durch die Straßen des West End. In den Regen mischten sich große Schneeflocken, die bald die Außenseite der Fenster bedeckten, so daß es nicht möglich war, draußen irgend etwas zu erkennen. Die Straße mußte jedoch am Themseufer entlangführen, denn sie sah den trüben Schein der Straßenlampen, die sich im Wasser spiegelten. Jetzt konnte man auch die Lichter eines Schleppdampfers erblicken, der langsam den Fluß hinunterglitt, und sie hörte den tiefen Ton der Sirene, mit der ein Polizeiboot seine Fahrtrichtung anzeigte.

 

Sie bogen in Blackfriars ab, und der Wagen fuhr nun durch die belebte City. Einen Augenblick tauchte der Umriß des Towers auf, dann wurde das Auto durch Seitenstraßen gelenkt. In einer hellerleuchteten Straße, die sie kurz darauf entlangfuhren, erkannte Daphne eines der Gebäude – es war das Zentralkrankenhaus von London.

 

»Was haben Sie mit mir vor?« begann sie mit zitternder Stimme.

 

»Stellen Sie jetzt keine Fragen – Sie werden es bald erfahren.«

 

Sie hielt es für besser, still zu sein. Die geschlossenen Häuserreihen hörten allmählich auf, und sie erreichten eine Gegend, in der freie Felder mit Fabriken abwechselten. Einmal merkte sie am Geruch, daß eine chemische Fabrik in der Nähe sein mußte. Die Straße wurde jetzt schmaler, sie war zu beiden Seiten mit hohen Bäumen bewachsen. Dann strichen die Scheinwerfer des Autos über Gebüsch und Unterholz, das sich links und rechts ausbreitete.

 

Es wurde ihr plötzlich klar, daß das die Gegend von Epping Forest sein mußte.

 

Kaum hatte sie diese Entdeckung gemacht, als der Wagen langsamer fuhr und nach rechts einbog. Es ging einen ebenen, engen Weg entlang, der viele Kurven hatte. Sie glaubte, daß sie schließlich wieder zu einer Hauptstraße kommen würden, aber das Auto fuhr weiter und weiter, und als sie endlich ins Freie kamen, befanden sie sich in der Nähe eines kleinen Dorfes.

 

Nachdem sie noch ein gutes Stück gefahren waren, hielt der Wagen auf einem Feldweg. Es war jetzt so dunkel, daß man kaum mehr etwas unterscheiden konnte. Der Chauffeur öffnete die Tür, sprang hinauf und half ihr beim Aussteigen.

 

Sie sah ein großes, halbfertiges Gebäude, das einen verwahrlosten Eindruck machte. Gleich darauf wurde die Tür von einer Frau geöffnet, die sie beim Arm nahm und einen kurzen Gang entlangführte, der bald nach rechts abbog.

 

»Gehen Sie hier hinein und verhalten Sie sich ruhig«, sagte die Frau. Sie hatte eine harte, rauhe Stimme und roch ziemlich stark nach Alkohol.

 

Daphne stand im Dunkeln. Eine Tür schlug zu, und kurz danach wurde der Raum, in den sie sich befand, durch ein in die Betondecke eingelassenes Licht erhellt. Anscheinend war der elektrische Schalter draußen auf dem Gang.

 

Es war eine kleine Kammer mit Wänden, Decke und Fußboden aus Beton. Sie mochte etwas größer sein als das kleine Schlafzimmer in ihrer Wohnung. Eine eiserne Bettstelle mit frisch überzogenem Bettzeug stand da, außerdem gab es nur noch einen Tisch und einen Stuhl in dem Raum. Auf einem Wandbrett lagen eine Bürste mit Kamm und ein Buch. Unter dem Tisch entdeckte sie eine Strohmatte. In einem kleinen Nebenraum befand sich ein vollständig eingerichtetes Badezimmer.

 

Ganz verwirrt ging sie in das Zimmer zurück und griff mechanisch nach dem Buch auf dem Wandbrett. Es war eine Bibel! Alles war vollkommen neu und unbenutzt. Sie staunte. Das ganze Gebäude konnte noch nicht lange stehen, denn es roch nach Zement und frischem Putz. Sie drückte die Klinke herunter, aber die Tür war verschlossen. Ein kleines Beobachtungsfenster war darin eingelassen.

 

Daphne Olroyd setzte sich auf das Bett. Der Schrecken über den plötzlichen Überfall hatte sie völlig aus der Fassung gebracht, und sie zitterte vor Angst. Nur der Gedanke an Peter Dewin hielt sie aufrecht. Sie wußte allerdings nicht, wie er ihr zu Hilfe kommen könnte. Was würde mit ihr geschehen? Was beabsichtigte man mit dieser Entführung?

 

Während der ganzen Fahrt hatte sie das unangenehme Gefühl, daß Leicester Crewe seine Hand im Spiel hatte. Sie wagte nicht, diesen Gedanken ganz zu Ende zu denken … Immerhin hatte er ihr oft genug ziemlich unzweideutige Anträge gemacht.

 

Andererseits war er nicht der Mann, der ein solches Risiko auf sich nahm. Sie traute ihm zwar jede Niederträchtigkeit zu, aber diese Entführung schien doch viel raffinierter geplant zu sein, als es seine Art war.

 

Sie sah auf ihre Uhr – Viertel vor eins. Dann hörte sie, wie der Schlüssel umgedreht wurde und die Tür sich langsam öffnete. Im Korridor stand eine Gestalt, über die sie heftig erschrak. Von Kopf bis Fuß war der Mann in ein enganliegendes dunkles Gewand eingehüllt. Er hatte eine schwarze Kapuze über den Kopf gezogen, die auch das Gesicht vollständig bedeckte; in Augenhöhe waren zwei Schlitze hineingeschnitten. Der Unheimliche stand einige Zeit drohend an der Tür und starrte sie an, dann trat er plötzlich einen Schritt zur Seite, die Tür schloß sich, und der Schlüssel wurde wieder umgedreht. Alles blieb totenstill wie vorher. Zehn Minuten vergingen – die Tür öffnete sich von neuem. Daphne nahm allen Mut zusammen, um dem Unbekannten entgegenzutreten – aber diesmal stand ein anderer Mann vor ihr. An dem bunten Taschentuch vor seinem Gesicht erkannte sie ihren Entführer.

 

»Wissen Sie, weshalb Sie hierhergebracht wurden, Miss?« Die Stimme wurde durch das Tuch zu einem dumpfen Flüstern gedämpft.

 

Sie wollte sprechen, brachte aber keinen Ton heraus und konnte nur den Kopf schütteln.

 

»Weil Sie mit Leuten verkehren, die Feinde der gefiederten Schlange sind.«

 

Der Mann sprach langsam, als ob er eine auswendig gelernte Botschaft hersage.

 

»Wenn wir wollten, könnten wir Sie hier jahrzehntelang gefangenhalten, und niemand würde etwas davon erfahren.

 

Wenn Sie uns aber das feierliche Versprechen geben, niemand zu verraten, was sich heute abend zugetragen hat, wird Sie die gefiederte Schlange wieder gehen lassen ohne daß Ihnen irgend etwas passiert.«

 

Er wartete auf ihre Antwort. Endlich gelang es ihr, einige Worte zu sagen.

 

»Ich werde nichts verraten …, bestimmt nicht, ich verspreche es Ihnen!« rief sie atemlos.

 

»Werden Sie keinem Menschen was erzählen?«

 

»Nein, nein … Ich verspreche es!«

 

Der Mann verließ die Zelle, schloß ab und kam bald darauf wieder zurück. Er trug ein Tablett mit einer dampfenden Tasse Bouillon, einigen Brötchen und einem Glas Wein. Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, vielen Dank, ich möchte nur etwas Wasser haben.«

 

»Es wäre besser, wenn Sie sich etwas stärken würden.« Er ging hinaus, ließ diesmal die Tür offen und kam gleich darauf mit einem Glas Wasser zurück, das er ihr höflich reichte. Sie leerte es gierig in einem Zug.

 

»Sind Sie fertig?« fragte er.

 

»Ja«, entgegnete sie. Sie war so aufgeregt, daß ihr die eigene Stimme fremd vorkam.

 

Sie folgte ihm durch den Gang. Der Wagen wartete vor der Tür. Zu ihrer Erleichterung machte der Mann keinen Versuch, sie zu begleiten, sondern warnte sie nur noch einmal.

 

»Wenn Sie klug sind, dann verhalten Sie sich ruhig und versuchen nicht, die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu lenken. Die Polizei würde Ihnen die seltsame Geschichte, die Sie zu erzählen hätten, sowieso nicht glauben.«

 

Der Chauffeur fuhr sehr schnell. Sie kamen auf einer Straße nach London zurück, die sie nicht kannte. Nach und nach tauchten dann die bekannten Gebäude der Stadt auf, und es wurde ihr immer leichter ums Herz. Es war zwei, als der Wagen vor der Tür ihres Hauses hielt. Sie stieg aus – ringsum lag alles in tiefem Schlaf. Als sie sich wieder umdrehte, fuhr der Wagen schon an; sie versuchte noch das Nummernschild zu lesen, aber es war völlig mit Schmutz bedeckt.

 

Zitternd schloß Daphne die Haustür auf, schlug sie zu, rannte in ihr Zimmer und warf sich aufs Bett. Eine halbe Stunde lang lag sie dort und erholte sich nur langsam von dem Schrecken. Schließlich zog sie sich aus, hüllte sich so fest sie konnte in ihre Bettdecke, und fiel in einen tiefen Erschöpfungsschlaf. Es war elf Uhr am nächsten Morgen, als die Putzfrau an ihre Tür klopfte. Erschrocken fuhr sie in die Höhe, und der Gedanke, daß sie eine Stunde zu spät zur Arbeit kam, ließ sie für einen Augenblick fast die entsetzlichen Ereignisse der letzten Nacht vergessen.

 

Kapitel 8

 

8

 

Die Geschichte von der Narbe und dem Eindruck, den sie auf Mrs. Groat gemacht hatte,, stimmte Jim nachdenklich. Er versuchte die Sache auf seine Weise zu erklären, aber Eunice lachte.

 

»Ich werde diese Stelle wieder aufgeben«, sagte sie, »aber ich muß noch so lange dort bleiben, bis alle Papiere von Mrs. Groat geordnet sind. Es sind noch ganze Stöße von Briefen und Dokumenten aller Art zu ordnen und einzutragen. Mrs. Groat hat mir das schon gesagt. Und es scheint doch auch nicht gut zu sein, wenn ich meinen Dienst verlasse, während die alte Frau so krank ist. – Ihre Vermutung, daß ich die junge Dame sein soll, die das große Vermögen erbt, ist auf keinen Fall richtig. Meine Eltern lebten in Südafrika, Jim. Sie sind viel zu romantisch, als daß Sie ein guter Detektiv sein könnten.«

 

Er leistete sich den Luxus, ein Taxi zu nehmen und sie nach Grosvenor Square zurückzubringen. An der Haustür verabschiedete er sich von ihr.

 

Während sie sich noch auf der Treppe unterhielten, öffnete sich die Tür, und Jackson begleitete einen kleinen, starken Mann mit großem, braunem Bart heraus.

 

Offenbar sah Jackson die beiden Leute nicht, er sah sie jedenfalls nicht an.

 

»Mr. Groat wird erst um sieben Uhr nach Hause zurückkommen, Mr. Villa«, sagte er laut.

 

»Sagen Sie ihm, daß ich vorgesprochen hätte«, entgegnete der andere ebenso laut und ging an Jim vorbei.

 

»Wer ist denn der Mann mit dem Bart?« fragte Jim, aber Eunice konnte ihm keine Auskunft geben.

 

Jim war mit der Erklärung über ihre Herkunft nicht zufrieden. Einer seiner Schulfreunde lebte unten in Kapstadt, und als er zu dem Büro zurückging, sandte er ihm ein langes Telegramm mit bezahlter Antwort. Er fühlte, daß er hinter einem Schatten herjagte, aber trotzdem tat er es. Dann ging er mißmutig nach Hause und war bedrückt von der Hoffnungslosigkeit der Aufgabe, die er sich gestellt hatte.

 

Am nächsten Tage erhielt er eine Nachricht von Eunice, daß sie nicht zum Tee kommen könnte. Der Tag war für ihn langweilig und verloren. Obendrein erhielt er noch die Antwort auf sein Telegramm, die alle romantischen Träume zerstörte, soweit sie Eunice Weldons Anwartschaft auf das Millionenvermögen der Dantons betrafen. Eunice May Weldon war am 12. Juni 1910 in Rondebosch geboren. Ihre Eltern waren Henry Weldon, ein Musiker, und Margaret May Weldon. Sie war in der Kirche von Rondebosch getauft worden, und ihre beiden Eltern waren tot.

 

Über die beiden Endzeilen des Telegramms war Jim erstaunt.

 

»Eine ähnliche Anfrage wegen der Eltern Eunice Weldons kam vor sechs Monaten von der Firma Selenger & Co., Brade Street Buildings.«

 

»Selenger &. Co.«, sagte Jim nachdenklich. Das war ein neues Rätsel. Wer mochte denn sonst noch Nachforschungen über das junge Mädchen anstellen? Er nahm das Telefonadreßbuch, schlug die Firma nach und fand sie auch gleich. Schnell nahm er seinen Hut, rief ein Taxi an und fuhr zur Brade Street. Nach einigem Suchen entdeckte er auch das Geschäftshaus. Es war ein mittelgroßer Häuserblock, und auf dem umfangreichen Firmen Verzeichnis am Eingang war auch die Firma Selenger & Co. vermerkt. Ihre Büros befanden sich im Erdgeschoß, Zimmer Nr. 6.

 

Der Raum war verschlossen und wurde anscheinend nicht benützt. Jim suchte den Portier unten auf.

 

»Nein, Sir«, sagte der Mann kopfschüttelnd. »Selengers haben jetzt nicht auf. Am Tag ist niemand hier, nur nachts.«

 

»Nachts?« wiederholte Jim erstaunt. »Das ist aber eine etwas ungewöhnliche Zeit, um Geschäfte zu machen.«

 

Der Portier sah ihn unliebenswürdig an.

 

»Die Leute müssen wohl selbst am besten wissen, wie sie ihre Geschäfte machen«, sagte er mit Nachdruck.

 

Es dauerte einige Zeit, bevor Jim den beleidigten Mann beruhigen konnte. Dann erfuhr er aus der Unterhaltung mit ihm, daß Selengers offenbar bevorzugte Mieter waren. Wegen einer Beschwerde dieser Firma war sein Vorgänger entlassen worden, und die Neugierde einer Reinmachefrau über die nächtliche Tätigkeit dieser Leute führte zu der sofortigen Entlassung dieser Vorwitzigen.

 

»Ich glaube, sie handeln mit ausländischen Aktien«, sagte der Portier. »Es kommen viele Auslandstelegramme hier an, aber ich habe den Inhaber des Geschäfts noch niemals gesehen. Er kommt stets durch den Seiteneingang herein.«

 

Dieser zweite Eingang zu den Büroräumen der Firma ging von einem kleinen Hof aus. Selenger & Co. war die einzige Firma in diesem Gebäude, die zwei Eingänge zu ihren Büros hatte. Und außerdem war es nur ihnen gestattet, die ganze Nacht hindurch zu arbeiten.

 

»Selbst die Bankagenten in der zweiten Etage müssen um acht Uhr schließen«, erklärte der Portier. »Und das ist sehr hart für sie, besonders wenn eine Hausse in Aktien ist. Dann haben sie gewöhnlich so viel Arbeit, daß sie bis zwölf aufhalten könnten. Aber um acht wird ganz streng geschlossen. Die Mieten sind hier nicht besonders hoch, und es ist eine große Nachfrage nach Büros in der City heutzutage. Die Zeiten werden hier strikt innegehalten; das war schon so zu Mr. Dantons Zeit.«

 

»Mr. Dantons Zeit?« fragte Jim schnell. »War er denn der Eigentümer des Gebäudes? Sie meinen doch den Schiffsreeder Danton, der ein großes Millionenvermögen besaß?«

 

Der Mann nickte.

 

»Jawohl, Sir«, sagte der Portier, der anscheinend mit der Wirkung seiner Worte sehr zufrieden war. »Aber er hat es verkauft oder sonstwie veräußert – schon vor einigen Jahren. Ich weiß es zufällig, weil ich damals als Bürobote in demselben Hause angestellt war. Ich kann mich sehr genau auf Mr. Danton besinnen – sein Büro lag in der ersten Etage; es war ganz herrlich dort.«

 

»Wer bewohnt die Räume denn jetzt?«

 

»Ein Ausländer, Levenski. Er ist aber niemals hier.«

 

Jim hielt die Nachrichten, die er erhalten hatte, für so wichtig, daß er sich aufmachte, um Mr. Salter in seiner Wohnung zu besuchen. Er erfuhr nur, daß der Rechtsanwalt nichts von diesem Geschäftshaus in der Brade Street wußte. Er konnte sich lediglich darauf besinnen, daß es eine Privatspekulation Dantons war. Es kam in seinen Besitz, als die früheren Eigentümer in Konkurs gerieten. Er hatte das Gebäude später ohne Rücksprache mit seinem Anwalt veräußert. Jim stand wieder vor einem Rätsel.

 

Kapitel 9

 

9

 

Ich kann heute nicht im Büro bleiben, ich habe verschiedene wichtige Dinge zu erledigen«, sagte Jim.

 

Mr. Salter sah auf. »Geschäfte, Steele?« fragte er höflich.

 

»Nicht nur Geschäfte.« Jim hatte den Eindruck, daß Mr. Salter wußte, um was es sich handelte.

 

»Es ist gut.« Salter setzte seine Brille wieder auf und wandte sich der Arbeit zu.

 

»Ich möchte Sie aber noch etwas fragen, Mr. Salter. Deswegen kam ich ja eigentlich hierher, sonst hätte ich Ihnen meine Abwesenheit auch telefonisch erklären können.«

 

Der Rechtsanwalt legte geduldig die Feder wieder hin.

 

»Ich verstehe nicht recht, warum dieser Mr. Groat so viele spanische Freunde hat? Da ist zum Beispiel eine junge Dame, die er sehr häufig sieht, Comtessa Manzana. Haben Sie schon von ihr gehört?«

 

»Ich lese ihren Namen gelegentlich in der Zeitung.«

 

»Es verkehren noch andere Spanier bei ihm, besonders ein gewisser Villa. Auch habe ich erfahren, daß Mr. Groat fließend spanisch spricht.«

 

»Das ist merkwürdig.« Mr. Salter lehnte sich in seinen Sessel zurück. »Sein Großvater hatte auch viele spanische Freunde. Vielleicht ist irgendwie eine spanische Verwandtschaft in der Familie. Der alte Danton, ich meine damit Jonathan Dantons Vater, verdiente den größten Teil seines Vermögens in Spanien und Zentralamerika. Die Dantons waren eigentlich eine sonderbare Familie. Sie lebten alle sehr zurückgezogen und für sich, und ich glaube, Jonathan Danton hat während seiner letzten zwanzig Jahre nur ein Dutzend Worte mit seiner Schwester gewechselt. Sie waren nicht böse miteinander, das war nur eine seiner Eigentümlichkeiten. Ich kenne auch andere Familien, in denen dergleichen vorkommt. Schweigsame Leute, aber sehr ehrenhaft.«

 

»Hat der Großvater Dantons Mrs. Groat irgendein Vermögen hinterlassen? Er hatte doch nur zwei Kinder? Einen Sohn und diese Tochter?«

 

Septimus Salter nickte.

 

»Er hat ihr keinen Pfennig vermacht. Sie lebte in Wirklichkeit von der Mildtätigkeit ihres Bruders. Ich weiß nicht, aus welchem Grunde sie der alte Mann nicht leiden mochte. Jonathan wußte ebensowenig darüber wie ich, denn der Alte sprach nie darüber. Jonathan hat sich verschiedene Male mit mir darüber unterhalten, was seine Schwester wohl getan haben mochte, daß sie sich die Abneigung ihres Vaters zuzog. Diese Abneigung, um nicht zu sagen Feindschaft, war auch der Grund, warum er seine Tochter in seinem Testament vollständig überging.

 

Vielleicht ärgerte sich der alte Mann über ihre Heirat mit Mr. Groat, denn dieser hatte keine große gesellschaftliche Stellung. Er war nur ein Angestellter in Dantons Liverpooler Büro. Er wußte sich in Gesellschaft nicht zu bewegen, hatte ein unfreundliches Wesen und stand mit seiner Frau niemals auf gutem Fuß. Die arme Lady Mary war die einzige, die immer gut zu ihm war. Seine Frau haßte ihn aus einem Grunde, den ich nicht näher kenne. Als er starb, hinterließ er sein ganzes Geld einem entfernten Vetter. Es waren ungefähr fünftausend Pfund. Der Himmel mag wissen, woher er die hatte. – Aber nun machen Sie, daß Sie fortkommen, Steele!« sagte Mr. Salter verzweifelt. »Sie bringen mich immer wieder auf diese alten Geschichten.«

 

Jim ging an diesem Morgen zuerst zum Ministerium des Innern. Er wollte das Geheimnis aufklären, das über Madge Benson lag. Weder das Polizeipräsidium noch die Zentraldirektion der Gefängnisse waren gewillt gewesen, einem Privatmann irgendwelche Auskunft zu geben, und in seiner Verzweiflung hatte er sich direkt ans Büro des Unterstaatssekretärs gewandt. Glücklicherweise hatte er dort einen Freund, einen Mann von mittlerem Alter, mit dem er während des Krieges in Frankreich war.

 

Er empfing ihn in seinem Büro mit einer Wärme, die Jim zeigte, daß er nicht vergessen war.

 

»Nehmen Sie Platz. Ich kann Ihnen leider nur wenig in dieser Angelegenheit mitteilen.« Er nahm ein Blatt Papier von seinem Schreibtisch auf. »Eigentlich dürfte ich Ihnen ja überhaupt nichts darüber sagen – aber hier ist die Auskunft, die mir die Gefängnisdirektion gesandt hat.«

 

Jim las die wenigen Zeilen, die darauf standen.

 

»Madge Benson, 26 Jahre alt, Hausmädchen. Ein Monat Gefängnis wegen Diebstahls. Verurteilt vom Polizeigericht in Marylebone. 5. Juni 1911. Überführt nach Holloway-Gefängnis. Entlassen am 2. Juli 1911.«

 

»Wegen Diebstahls?« sagte Jim nachdenklich. »Man weiß natürlich nicht, was sie gestohlen hat?«

 

Der Beamte schüttelte den Kopf.

 

»Ich würde Ihnen den Rat geben, den Gefängniswärter in Marylebone aufzusuchen. Diese Leute haben oft ein außerordentlich gutes Gedächtnis für Personen. Außerdem könnten Sie ja auch noch die Akten über ihre Verurteilung einsehen. Aber es wäre besser, wenn Sie Mr. Salter darum bitten, einen Antrag zu stellen. Einem Rechtsanwalt wird man die Auskunft nicht verwehren.«

 

Aber das war ja gerade das, was Jim nicht tun wollte.

 

Kapitel 49

 

49

 

Eine kleine Rauchfahne fern im Süden ließ Jim einer falschen Fährte nacheilen, denn das Schiff erwies sich nur als ein Frachtdampfer, der seinen drahtlosen Anruf nicht beantwortet hatte, weil der eine Mann, der den Apparat bedienen konnte, in seiner Kabine schlief. Jim erkannte, den Charakter des Schiffes, als er sich auf zwei Meilen genähert hatte. Sofort warf er seine Maschine herum und verfolgte einen Kurs nach Nordwesten.

 

Er sah sich nach seinem Passagier um; aber Inspektor Maynard fühlte sich sehr wohl auf seinem Sitz.

 

Jim wurde ängstlich. Er konnte höchstens vier Stunden in der Luft bleiben, und zwei waren schon vergangen. Er mußte noch genügend Brennstoff behalten, um das Land wieder zu erreichen. Er durfte höchstens noch eine halbe Stunde weitersuchen.

 

Er war schon fast verzweifelt, als er in großer Entfernung eine dünne Rauchfahne sah. Das Schiff selbst konnte er noch nicht erkennen. Er sandte einen Funkspruch, aber es kam keine Antwort. Er wartete eine Minute, dann klapperte der Sender wieder. Als das Stillschweigen anhielt, wurde er ärgerlich und funkte in scharfem Ton. Dann hörte er plötzlich einen hohen, schrillen Ton – der Dampfer antwortete.

 

»Was für ein Schiff ist das?«

 

Er wartete und zweifelte nicht, daß es irgendein kleiner Handelsdampfer sein würde. Wieder kam das hohe Summen.

 

»P-e-a-l-i-g-o«, war die Erwiderung.

 

*

 

Digby lehnte sich über die Brüstung, um zu sehen, was die Leute taten, die draußen in einem Boot niedergelassen wurden. Ais er entdeckte, daß sie den alten Namen ›Pealigo‹ zustrichen und ›Malaga‹ daraus machten, war er beruhigt und erfreut.

 

Er ging in bester Stimmung zum Kapitän. »Das war ein guter Gedanke von Ihnen!«

 

Der Kapitän nickte: »Natürlich in Ihrem Auftrag.«

 

»Selbstverständlich!« lächelte Digby. »Auf meinen Befehl.« Er stand neben dem Kapitän und unterhielt sich mit ihm. Es fiel ihm auf, daß der Mann dauernd nach Norden ausschaute und den Himmel absuchte.

 

Der Funker kam die Treppe zur Brücke herauf und überreichte dem Kapitän eine Botschaft.

 

Wenn sie aber entkommen sollten! – Es war immerhin möglich, daß sie allen Verfolgungen entgingen, die die Polizei gegen sie inszeniert hatte. Sie konnten auch das Land erreichen, daß er sich als Ziel gesteckt hatte. Vom Kapitän konnte er nicht erwarten, daß er dieses Risiko auf sich nahm, nachdem er die drahtlose Warnung erhalten hatte. Der wollte sich nach jeder Seite decken.

 

Wenn sie erst weit draußen auf dem offenen Meer waren, entfernt von den allgemeinen Schiffahrtswegen, würde der kleine Brasilianer seine Haltung ändern, und dann –! Digby nickte. Der Kapitän handelte eigentlich ganz klug. Es war Wahnsinn von ihm, daß er die Erfüllung seiner Wünsche jetzt erzwingen wollte.

 

Eunice konnte sich ja nicht vom Schiff entfernen. Sie fuhr mit ihm in derselben Richtung, zu demselben Ziel. Und es würden Wochen kommen, erfüllt von heißem, glühendem Sonnenschein, wo sie auf dem Vorderdeck nebeneinander sitzen und miteinander plaudern würden. Er nahm sich fest vor, jetzt vernünftig zu sein und sich nicht mehr wie ein Höhlenmensch zu gebärden. Wenn sie eine Woche lang hier auf dem Schiff zusammengelebt hatten, und er sie nicht in ihrer Freiheit störte, würde sie auch ihr Betragen ändern – aber immerhin gab es noch ein großes Wenn, das sah er wohl. Steele würde nicht ruhen, bis er ihn gefunden hatte. Aber zu der Zeit konnte sich Eunice auch schon an ihn gewöhnt haben und mit ihrem Los zufrieden sein.

 

Diese Gedanken beruhigten ihn. Er schloß das Glas wieder in den Schrank und schlenderte an Deck zurück. Zum ersten Male sah er das Schiff bei Tage. Es war eine wunderbare Jacht. Die Decks waren schneeweiß gestrichen, die blankgeputzten Messingstücke glänzten, und vorn auf dem Promenadendeck standen unter einem großen Sonnensegel Korbmöbel, die zum Sitzen einluden.

 

Er beobachtete den Horizont; es war kein Schiff in Sicht. Die vielen kleinen Wellen auf der See glitzerten im strahlenden Sonnenschein. Eine tiefschwarze Rauchfahne zog sich vom Schiff weit über das Meer hin, denn der ›Pealigo‹ raste jetzt mit einer Geschwindigkeit von zweiundzwanzig Knoten in der Stunde vorwärts. Der Kapitän betrog ihn also nicht; sie fuhren mit Volldampf nach Westen. Digby Groat war beruhigt.

 

Rechts in der Ferne zeigte sich ein unregelmäßiger, hellroter Streifen; es war die irische Küstenlinie.

 

Die Stühle sahen so schmuck und einladend aus, daß er sich niedersetzte und sich behaglich ausstreckte.

 

Wieder wandten sich seine Gedanken Eunice zu, die eben an Deck kam. Zuerst sah sie ihn nicht und ging zur Reling. Sie atmete freier in der erquickenden Morgenluft.

 

Wie schön sie doch war! Er konnte sich nicht darauf besinnen, einer Frau begegnet zu sein, die eine so schöne Haltung hatte.

 

Sie wandte sich um und machte eine Bewegung, als ob sie in ihre Kabine zurückgehen wollte. Aber er winkte ihr, und zu seinem Erstaunen kam sie näher. »Stehen Sie nicht auf«, sagte sie kühl. »Ich finde schon selbst einen Stuhl. Ich möchte mit Ihnen sprechen, Mr. Groat.«

 

Er schaute sie nur verwundert an.

 

»Ich habe nachgedacht, und ich kann Ihnen vielleicht einen Vorschlag machen, der Sie veranlaßt, den Kurs des Schiffes zu ändern und mich an der Küste von Irland oder England abzusetzen.«

 

»Was könnten Sie mir denn anderes bieten als sich selbst?«

 

»Ich biete Ihnen Geld«, erwiderte sie kurz. »Ich weiß nicht, durch welches Wunder es geschehen ist, aber ich bin die Erbin eines großen Vermögens, und Sie wissen, daß Sie durch meine Erbschaft arm geworden sind.«

 

»Aber abgesehen davon verfüge ich auch über große Mittel«, sagte er offensichtlich erheitert. »Was wollen Sie mir denn anbieten?«

 

»Die Hälfte meines Vermögens; wenn Sie mich nach England zurückbringen.«

 

»Und was wollen Sie mit der anderen Hälfte anfangen?« fragte er ironisch. »Wollen Sie mich damit vor dem Galgen retten? Nein, nein, meine junge Freundin, ich habe mich zu sehr verstrickt, als daß Ihr Plan ausführbar wäre. Ich werde Sie nicht mehr stören und werde warten, bis wir unser Ziel erreicht haben. Dann werde ich Sie um Ihre Hand bitten. Ihr Angebot war fair, das muß ich zugeben. Aber ich bin jetzt zu weit gegangen, um umkehren zu können. Im Augenblick hassen Sie mich, das Gefühl wird sich legen.«

 

»Niemals!« Sie erhob sich und wollte gehen; aber er ergriff sie bei der Hand und zog sie zurück. »Sie lieben einen anderen?«

 

»Sie haben kein Recht, diese Frage an mich zu stellen.«

 

»Ich frage Sie ja gar nicht – ich stelle nur fest. Sie lieben einen anderen – und zwar Jim Steele.« Er beugte sich vor. »Aber merken Sie sich, bevor ich Sie diesem Mann überlasse, bringe ich Sie um!«

 

Sie lächelte nur verächtlich.

 

»Was ist es?« fragte Digby schnell.

 

Ohne ein Wort reichte ihm der Brasilianer das Blatt.

 

›Weißes Schiff nach Westen, sendet Name, Nummer und Heimathafen.‹

 

»Woher kommt das?«

 

Der Kapitän erhob sein Fernglas und suchte wieder den nördlichen Himmel ab. »Ich kann nichts sehen«, sagte er stirnrunzelnd. »Möglicherweise ist es ein Anruf von einer Landstation. Ein Schiff kann ich auch nicht entdecken.«

 

»Wir wollen anfragen, wer es ist«, sagte Digby.

 

Die drei Männer gingen in die Funkkabine, und der Funker hängte die Hörer um. Plötzlich begann er zu schreiben. Digby beobachtete atemlos die Bewegung seines Bleistifts.

 

›Drehen Sie bei, ich komme an Bord.‹

 

»Was soll das heißen?« fragte Digby.

 

Der Kapitän trat unter dem Sonnensegel vor ins Freie und richtete sein Glas aufs neue zum Himmel. »Ich kann es nicht verstehen«, sagte er.

 

»Das Signal kam von ganz nahe, Kapitän, es war kaum drei Meilen entfernt«, unterbrach ihn der Funker.

 

Der Kapitän rieb sich das Kinn. »Dann wäre es das beste, wenn ich stoppte.«

 

»Sie werden keinen solchen Unsinn machen!« rief Digby stürmisch. »Sie werden weiterfahren, bis ich Ihnen den Befehl gebe, zu halten!«

 

Sie gingen zur Brücke zurück. Der Kapitän legte die Hand auf den Maschinentelegrafen. Er war unentschlossen.

 

Plötzlich fiel dicht vor ihnen, keine halbe Meile entfernt, etwas in die See, und das Wasser spritzte hoch auf.

 

»Was war denn das?« fragte Digby.

 

Als Antwort schoß an der Stelle eine große Rauchwolke empor, die sich immer mehr verbreiterte und einen undurchdringlichen Schleier bildete. Der Kapitän hielt sich die Hand über die Augen und schaute empor. Direkt über dem Schiff erblickte er ein silberhelles Flugzeug. Es war so klein, daß er es kaum ausmachen konnte.

 

»Sehen Sie, in der Luft kann sich viel ereignen.« Er drehte den Maschinentelegrafen auf ›Halt‹.

 

»Was war das?« fragte Digby wieder.

 

»Eine Rauchbombe. Und ich ziehe eine Rauchbombe in einer halben Meile Entfernung einer echten Bombe auf mein schönes Schiff vor!«

 

Digby starrte ihn einen Augenblick entsetzt an, dann sprang er mit einem Wutschrei auf ihn zu und riß den Maschinentelegrafen auf ›Volldampf voraus‹. Aber zwei Matrosen packten ihn sofort von hinten, und der Kapitän drehte den Maschinentelegrafen wieder auf ›Halt‹. »Melden Sie dem Flieger, dem Sie eben ja auch den Namen des Schiffes gesendet haben«, wandte er sich an den Funker, »daß ich Mr. Digby Groat in Ketten legen lasse.«

 

Aus dem blauen Himmelsgewölbe fiel das silberhelle Flugzeug herab, kreiste erst in großem Bogen um das Schiff und ging dann wie ein Vogel aufs Wasser nieder, ganz dicht neben der Jacht.

 

Schon vorher hatte der Kapitän ein Boot heruntergelassen, und während sich die Matrosen noch abmühten, Groat in Fesseln zu schließen, der wie ein Wahnsinniger um sich schlug, kam Jim Steele an Bord und folgte dem Kapitän nach unten.

 

Eunice hörte trotz, des Geräusches der Schiffsmaschinen das Summen des niedergehenden Flugzeuges. Sie eilte zum Fenster und zog die seidenen Gardinen fort.

 

Nun konnte sie das weiße Flugzeug sehen, das wie eine Mücke summte und jetzt aus der Sicht verschwand, weil es auf die andere Seite des Schiffes wechselte. Was hatte das wohl zu bedeuten? In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen. Ein Mann ohne Kragen und Weste, mit verwildertem Haar und zerrissenem Hemd, stand im Eingang. Sein verzerrtes Gesicht blutete. Ein Glied einer Handschelle war um sein Handgelenk befestigt. Es war Digby Groat, der von teuflischer Wut besessen war.

 

Sie wich nach dem Bett zurück, als er auf sie zukam. Heller Wahnsinn loderte in seinen Augen. Und plötzlich trat ein zweiter Mann in den Raum. Groat fuhr herum und begegnete dem stahlharten, kalten Blick Jim Steeles.

 

Mit einem markerschütternden Schrei sprang er wie ein wildes Tier den Mann an, den er so tödlich haßte. Aber er konnte den Schlag mit der schweren Handschelle nicht mehr ausführen, denn Jim traf ihn zweimal mit der Faust, so daß er bewußtlos zu Boden taumelte.

 

Im nächsten Augenblick lag Eunice in den Armen Jims.

 

 

Ende

 

Kapitel 5

 

5

 

Jim sprang auf und starrte verwundert auf diese unerwartete Erscheinung. Einen Augenblick lang standen sie sich schweigend gegenüber, Eunice war starr vor Schrecken und Überraschung.

 

»Jim – Mr. Steele!« sagte sie atemlos.

 

Im nächsten Augenblick legte er den Arm um ihre Schultern.

 

»Was ist geschehen?« fragte er schnell. Seine Stimme klang heiser.

 

Sie zitterte und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. »Ach, es ist schrecklich, ganz schrecklich!« flüsterte sie.

 

»Darf ich fragen, was das alles zu bedeuten hat?« fragte jemand leise. Eunice drehte sich um.

 

Ein Mann stand in der offenen Tür. Im ersten Augenblick erkannte sie ihn nicht. Selbst Jim, der doch Digby Groat schon oft aus der Nähe gesehen hatte, wußte nicht, wer es war, denn er war in einen langen, weißen Mantel gehüllt, der bis auf die Füße reichte. Eine weiße Kappe war so eng über seinen Kopf gezogen, daß die Haare vollständig bedeckt waren, Weiße Gummibänder hielten seine Ärmel nach oben, und seine Hände steckten in braunen Gummihandschuhen.

 

»Darf ich Sie fragen, Miss Weldon, warum Sie mitten in der Nacht vor meiner Haustür stehen, in so leichten Kleidern, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit geeignet sind? Kommen Sie herein und erklären Sie mir alles«, sagte er, als er zurückging. »Grosvenor Square ist nicht an solche nächtlichen Vorführungen gewöhnt.«

 

Sie klammerte sich an Jims Arm und ging mit ihm in die Halle zurück. Digby schloß die Haustür.

 

»Mr. Steele, Sie machen Ihren Besuch zu sehr früher Morgenstunde!«

 

Jim erwiderte nichts. Er achtete nur auf Eunice, die von Kopf bis Fuß zitterte. Er führte sie zu einem Stuhl.

 

»Sicher sind hier nähere Erklärungen notwendig«, sagte er dann kühl, »aber meiner Meinung nach von Ihrer Seite, Mr. Groat.«

 

»Von meiner Seite?« Auf diese Aufforderung war Digby offenbar nicht vorbereitet.

 

»Meine Anwesenheit hier ist schnell erklärt«, sagte Jim. Ich stand eben vor dem Haus, als die Tür aufging und Miss Weldon erschrocken herauseilte. Vielleicht sagen Sie mir, Mr. Groat, wie es kommt, daß diese Dame so außer sich ist?« Eine eisige Drohung lag in seinem Ton, »Ich habe nicht die geringste Ahnung, was das alles zu bedeuten hat. Ich arbeitete die letzte halbe Stunde in meinem Laboratorium. Erst als die Haustür geöffnet, wurde, kam mir zum Bewußtsein, daß irgend etwas nicht in Ordnung sein müßte.«

 

Eunice war wieder zu sich gekommen, und die Farbe kehrte allmählich in ihr Gesicht zurück. Aber ihre Stimme zitterte noch, als sie erzählte, was ihr zugestoßen war. Die beiden hörten ihr aufmerksam zu.

 

Jim beobachtete die Haltung Digbys und war beruhigt, als er sah, daß Digby sich ebensowenig wie er selbst die rätselhafte Erscheinung erklären konnte. Als Eunice zu Ende war, nickte Groat.

 

»Der fürchterliche Schrei, den Sie in meinem Laboratorium hörten«, sagte er lächelnd, »ist bald erklärt. Niemand wurde verletzt, oder wenn er verletzt wurde, war es zu seinem eigenen Vorteil. Mein kleiner Hund hatte sich einen Glassplitter in die Pfote getreten, und ich war gerade dabei, ihn herauszuziehen.«

 

Sie seufzte erleichtert auf.

 

»Es tut mir leid, daß ich soviel Unruhe gemacht habe«, sagte sie bedauernd, »aber ich – ich fürchtete mich zu sehr.«

 

»Sind Sie sicher, daß jemand in Ihrem Raum war?« fragte Digby.

 

»Ganz sicher.«

 

Aus einem ungewissen Gefühl heraus sagte sie ihm aber nichts von der Karte mit der blauen Hand.

 

»Und Sie glauben, daß die Person vom Balkon aus in Ihr Zimmer gekommen ist?«

 

Sie nickte.

 

»Kann ich Ihr Zimmer einmal ansehen?«

 

Sie zögerte einen Augenblick.

 

»Ich möchte erst gehen und ein wenig aufräumen«, sagte sie, denn sie erinnerte sich daran, daß sie die graue Karte auf ihrem Bett hatte liegenlassen. Und sie wollte unter keinen Umständen, daß Mr. Groat sie lesen sollte.

 

Ohne weitere Aufforderung folgte Jim Steele Digby nach oben und ging mit ihm zusammen in den prachtvoll ausgestatteten Raum. Auch er war über die ungewöhnlich schöne Einrichtung erstaunt. Aber der Eindruck, den sie auf ihn machte, sprach nicht zugunsten Digby Groats.

 

»Es stimmt, das Fenster ist nur angelehnt. Sie hatten es vorher bestimmt geschlossen?«

 

Das Mädchen nickte. »Ja, ich besinne mich genau, daß ich das große untere Fenster zugemacht habe. Ich öffnete die beiden Oberfenster, um in der Nacht frische Luft im Zimmer zu haben.«

 

»Aber wenn diese Person vom Balkon hereinkam«, meinte Digby, »wie ist sie denn dorthin gekommen?«

 

Er öffnete das bis zum Fußboden reichende Fenster, trat hinaus und ging den schmalen Balkon entlang bis zu dem viereckigen Balkon über dem Hauptportal. Hier befand sich eine andere große Fenstertür, die auf das Hauptpodest der großen Treppe führte. Er versuchte, sie zu öffnen, aber sie war fest geschlossen. Er ging durch das Zimmer des Mädchens zurück. »Merkwürdig«, sagte er vor sich hin.

 

Erst hatte er angenommen, daß seine Mutter vielleicht das Schlafzimmer des jungen Mädchens nach irgendwelchen glitzernden Schmuckstücken abgesucht hätte. Aber die alte Frau war nicht gewandt und beweglich genug, um den Balkon zu erklettern, auch hatte sie nicht den Mut, mitten in der Nacht einen solchen Raubzug zu unternehmen.

 

»Ich habe den Eindruck, daß Sie geträumt haben müssen, Miss Weldon«, sagte er lächelnd. »Und nun gebe ich Ihnen den guten Rat, sich zu Bett zu legen und zu schlafen. Es tut mir leid, daß Ihr Aufenthalt in meinem Hause mit einem so unangenehmen Vorfall beginnt.«.

 

Er hatte bis jetzt das zufällige Erscheinen Jim Steeles nicht erwähnt und sprach auch nicht darüber, bis sie sich von Eunice verabschiedet hatten und wieder unten in der Halle standen.

 

»Das ist ja ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß Sie gerade vor der Tür waren. Was machten Sie dort? Haben Sie etwa Daktyloskopie dort studieren wollen?«

 

»Ja, so etwas Ähnliches.«

 

Mr. Groat zündete sich eine Zigarette an.

 

»Ich dachte, Sie seien tagsüber so beschäftigt, daß Ihnen keine Zeit übrigbliebe, sich nachts auf dem Grosvenor Square herumzutreiben.«

 

»So, meinen Sie?«

 

Digby lachte plötzlich.

 

»Sie sind ein merkwürdiger Mensch«, sagte er. »Kommen Sie einmal mit, ich will Ihnen mein Laboratorium zeigen.«

 

Auch Jim hatte den Wunsch, es zu sehen, und die Einladung ersparte ihm die Frage, woher der schreckliche Schmerzenslaut gekommen war, den Eunice gehört hatte.

 

Sie gingen durch den langen Gang und traten durch die weiße, rohrgeflochtene Tür in einen großen Anbau. Die Wände waren fensterlos und mit weißen Kacheln bedeckt. Der Raum wurde tagsüber durch ein großes Oberlicht erleuchtet, das nachts von blauen Gardinen verhüllt war. Der Raum wurde durch zwei starke Lampen erhellt, die von der Decke herabhingen.

 

In der Mitte stand ein kleiner, eiserner Tisch, dessen Füße mit Hartgummirollen versehen waren. Die Platte war weiß emailliert, und merkwürdige Schrauben waren in Zwischenräumen auf der Oberfläche angebracht.

 

Jim interessierte sich weniger für den Tisch als für das Tier, das darauf geschnallt war. Sein Körper wurde durch zwei eiserne Federn darauf festgehalten, von denen sich eine, über den Hals und die andere über das Rückgrat spannte. Die vier Pfoten waren durch dünne Schnürbänder befestigt. Der rauhhaarige Terrier sah Jim mit einem flehenden Blick an, der fast menschlich war. Jim hatte sofort Mitgefühl mit dem armen Tier.

 

»Ist das Ihr Hund?«

 

Digby sah ihn von der Seite an.

 

»Ja, er gehört mir. Warum fragen Sie?«

 

»Sind Sie denn mit Ihrer Operation fertig, und haben Sie ihm den Glassplitter aus der Pfote gezogen?«

 

»Nein, ich bin noch nicht ganz fertig«, sagte Digby kühl.

 

»Sie halten Ihren Hund aber nicht sehr sauber, wenn ich mir die Bemerkung gestatten darf.«

 

Digby wandte sich um.

 

»Was, zum Teufel, wollen Sie damit sagen?«

 

Jim ließ sich nicht beirren. Er sah Digby fest an:

 

»Ich habe den Eindruck, daß das nicht Ihr Hund ist, sondern ein armer Terrier, der sich verlaufen hat. Sie haben ihn vor einer halben Stunde auf der Straße gefunden und ihn in das Haus gelockt.«

 

»Nun – und?«

 

»Ich will Ihnen alle weitere Mühe ersparen und Ihnen sagen, daß ich Sie dabei beobachtet habe.«

 

Digbys Augen wurden klein.

 

»Ach, sehen Sie einmal an«, sagte er höflich. »Dann sind Sie also hinter mir hergewesen und haben mich beobachtet?«

 

»Das gerade nicht«, erwiderte Jim ruhig. »Ich habe nur meine Neugierde etwas befriedigt.«

 

Bei diesen Worten legte er seine Hand auf den Hund und streichelte seine Ohren freundlich.

 

Digby lachte.

 

»Nun, wenn Sie das alles wissen, dann kann ich Ihnen auch sagen, daß ich im Begriff bin, eine interessante Operation an dem Tier vorzunehmen. Ich will einen Teil seines Gehirns entfernen, um zu sehen –«

 

Jim schaute sich um.

 

»Wo haben Sie denn Ihre Betäubungsmittel?« fragte er freundlich. Es war ein böses Anzeichen, wenn er so leise und liebenswürdig sprach.

 

»Betäubungsmittel? Großer Gott, Sie werden doch nicht glauben, daß ich mein Geld verschwende, um einen Hund zu chloroformieren?«

 

Digbys Hand lag dicht vor dem Kopf des Hundes, und das unvernünftige Tier neigte sich vor und leckte ihm die Hand.

 

»Du verdammtes, schmutziges Vieh!« rief er und wischte seine Hand mit einem Tuch ab. Er nahm eine dichte Gummikappe und streifte sie über Mund und Nase des Tieres.

 

»Nun versuche noch einmal zu lecken«, sagte er lachend. »Nun kann das Vieh auch keinen Spektakel mehr machen. Sie sind ein wenig zu weichherzig, Mr. Steele. Sie wissen doch, daß die medizinische Wissenschaft ihre großen Fortschritte den Tierversuchen verdankt.«

 

»Ich kenne wohl den Wert der Vivisektion, aber sie muß unter gewissen Vorsichtsmaßregeln vorgenommen werden. Alle anständig denkenden Ärzte, die mit lebenden Tieren experimentieren, betäuben sie, bevor sie das Messer gebrauchen. Und alle Ärzte müssen ein Zeugnis und einen Erlaubnisschein von der Ärzteschaft haben, bevor sie solche Experimente machen dürfen. Wollen Sie so liebenswürdig sein, mir diesen Schein zu zeigen?«

 

Digbys Züge verdüsterten sich.

 

»Belästigen Sie mich hier nicht«, sagt er unwirsch. »Ich brachte Sie hierher, um Ihnen mein Laboratorium –«

 

»Und wenn Sie mich nicht mitgenommen hätten«, unterbrach ihn Jim, »dann wäre ich doch hereingegangen, denn ich hätte mich unter keinen Umständen mit Ihrer Erklärung zufriedengegeben. Ich weiß schon, daß Sie mir sagen wollen, daß der Hund sich nur fürchtete und nur so furchtbar heulte und winselte, als Sie ihm dieses schreckliche Eisenband um den Hals legten. Ich gebe Ihnen drei Minuten Zeit, Mr. Groat, den Hund von seinen Fesseln zu befreien.«

 

Digby war furchtbar wütend.

 

»Und wenn ich es nicht tue?« fragte er, schwer atmend.

 

»Dann werde ich mit Ihnen dasselbe machen, was Sie mit dem Hund gemacht haben. Glauben Sie nicht, daß ich dazu, imstande wäre?«

 

Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen.

 

»Nehmen Sie jetzt die Klammern von dem Hund!«

 

Ihre Blicke maßen sich. Böser Haß glühte in Digbys Augen, aber dann fügte er sich, und in einer Minute war das Tier frei. Jim nahm den kleinen, zitternden Hund in seine Arme und streichelte ihn. Digby beobachtete die Szene düster, seine Zähne knirschten vor Wut.

 

»Ich werde Ihnen das nicht vergessen, und es soll Ihnen noch leid tun, daß Sie mich bei meiner Arbeit gestört haben!«

 

Jim sah ihn fest an.

 

»Ich habe mich noch niemals im Leben vor einer Drohung gefürchtet«, erwiderte er ruhig, »ich tue es auch jetzt nicht. Ich gebe gern zu, daß die Wissenschaft die Vivisektion braucht, aber nur unter gewissen Voraussetzungen. Leute Ihrer Art, die nur darauf bedacht sind, harmlose Tiere zu quälen, um ihre grausamen, wollüstigen Begierden zu befriedigen, bringen selbst die vornehmste Wissenschaft in Mißkredit. Mr. Groat, ich habe Sie durchschaut, Sie haben nicht die leiseste Absicht, der Wissenschaft zu dienen oder der leidenden Menschheit zu helfen. Als ich in dieses Laboratorium trat«, sagte er, als er schon auf der Türschwelle stand, »habe ich zwei Tiere gesehen – das größere von beiden lasse ich zurück.«

 

Er schlug die Tür zu und trat in den Gang hinaus. Digbys Eitelkeit war maßlos gekränkt.

 

Plötzlich kam Jim wieder zurück zu ihm.

 

»Haben Sie die Tür nach der Straße geschlossen, als Sie nach oben gingen?«

 

Digby runzelte die Stirn und vergaß im Augenblick die Beleidigung, die Jim ihm zugefügt hatte.

 

»Ja – warum fragen Sie?«

 

»Sie steht weit offen. Vermutlich hat der mitternächtliche Besucher Ihr Haus verlassen.«

 

Kapitel 6

 

6

 

Im hellen Sonnenschein des Morgens vergaß Eunice ihre Furcht und schämte sich wegen ihres Betragens in der Nacht. Aber die graue Karte war eine Tatsache. Sie zog sie unter ihrem Kissen hervor und grübelte darüber nach. Es mußte jemand in ihrem Zimmer gewesen sein. Und der Betreffende war nicht ihr Feind. Plötzlich kam ihr ein Gedanke, der ihr Herzklopfen verursachte. Konnte Jim –? Aber sie schüttelte den Kopf. Eine innere Stimme sagte ihr, daß es Jim nicht gewesen war. Unmöglich konnte es seine Hand gewesen sein, die sie berührt hatte, denn sie kannte deren Form ganz genau und erinnerte sich zu gut an seinen warmen und starken Händedruck.

 

Sie ging zum Frühstück ins Speisezimmer und fand dort Mr. Groat, einen tadellos gekleideten Weltmann. Er war froh und guter Laune, und man konnte ihm nicht das geringste Zeichen von Ermüdung anmerken, obgleich er sich erst um vier Uhr zur Ruhe gelegt hatte.

 

Er begrüßte sie höflich.

 

»Guten Morgen, Miss Weldon, ich hoffe, Sie haben sich von Ihrem nächtlichen Schrecken erholt?«

 

»Es tut mir so leid, daß ich Ihnen Umstände und Mühe gemacht habe«, sagte sie bedauernd und lächelte ihn an.

 

»Ach, das ist nicht der Rede wert«, entgegnete er herzlich. »Ich war nur froh, daß unser Freund Steele zugegen war, der Sie beruhigen konnte. – Miss Weldon, ich muß mich noch bei Ihnen entschuldigen ich habe Ihnen gestern abend eine kleine Lüge gesagt.«

 

Sie sah ihm voll ins Gesicht.

 

»So? Es wird nicht so schlimm gewesen sein«, meinte sie lachend.

 

»Ich erzählte Ihnen doch, daß ich meinem kleinen Hund einen Glassplitter aus der Pfote gezogen hätte. Es war aber in Wirklichkeit gar nicht mein Hund, ich hatte ihn auf der Straße aufgelesen und wollte ein kleines Experiment mit ihm machen. Sie wissen, daß ich Arzt bin?«

 

Sie zitterte.

 

»Also daher kamen die entsetzlichen Laute?« fragte sie etwas erschreckt.

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, der Hund fürchtete sich nur. Ich hatte ihn überhaupt noch nicht verwundet und wollte es auch gar nicht tun. Ihr Freund hat mich dann aber überredet, den armen Kerl laufen zu lassen.«

 

Sie atmete erleichtert auf.

 

»Darüber freue ich mich sehr. Es wäre mir schrecklich gewesen, wenn Sie es getan hätten.«

 

Er lachte leise, als er seinen Platz bei Tisch einnahm.

 

»Steele dachte zuerst, daß ich meine Tierversuche mache, ohne die Tiere zu chloroformieren, aber das ist natürlich absurd. Es ist sehr schwer, Leuten, die nicht vom Fach sind, zu erklären, welche Fortschritte die medizinische Wissenschaft durch die Tierversuche gemacht hat. Natürlich werden alle diese Experimente durchgeführt, ohne daß die Tiere auch nur den geringsten Schmerz spüren«, sagte er leichthin. »Ich würde ebensowenig daran denken, einen kleinen Hund zu verletzen, als Sie mit dem Messer zu schneiden.«

 

»Davon bin ich auch überzeugt«, sagte sie dankbar.

 

Digby Groat war ein schlauer Mann. Er wußte genau, daß Jim wieder mit Eunice zusammentreffen und ihr von seinem Erlebnis im Laboratorium auf seine Art erzählen würde. Es war daher notwendig, daß er ihr die Geschichte zuerst mitteilte, denn er wollte sie nicht irgendwie verletzen, sondern in möglichst gute Beziehungen zu ihr kommen. Er hatte sie zu seinem eigenen Vorteil und zu seinem Amüsement in das Haus gebracht, und er erkannte jetzt, daß sie noch viel schöner und begehrenswerter war, als er sich jemals vorgestellt hatte.

 

Digby war ein Kenner weiblicher Schönheit und war eigentlich vor dem Frühstück etwas bange gewesen, denn das schöne Aussehen der Frauen verträgt selten helles Tageslicht. Er war noch niemals wirklich verliebt gewesen, obgleich er schon viele Frauen kennengelernt und wieder verabschiedet hatte. Aber Miss Weldon hatte von allen bis jetzt den tiefsten Eindruck auf ihn gemacht. Sicher würde sie ihm einige Wochen die Langeweile verkürzen und ihn den grauen Alltag vergessen lassen, bis wieder eine neue Sensation kam.

 

Die Probe fiel glänzend für sie aus. Ihre zarte Haut, durch kein Verschönerungsmittel berührt, war fleckenlos rein, ihre glänzenden Augen strahlten, und ihr ganzes Aussehen sprach von Gesundheit und Natürlichkeit. Ihre Hände waren vollkommen.

 

Eunice selbst fühlte sich weder von ihm angezogen noch durch ihn abgestoßen. Digby Groat war für sie einer der vielen, denen man im Leben begegnet, die man sieht oder nicht sieht, die interessant oder unangenehm wirken können. Mit einigen wird man vorübergehend bekannt, spricht mit ihnen, einige sieht man nur im Vorübergehen, und sie verschwinden aus dem Gesichtskreis, um nie wieder aufzutauchen.

 

»Meine Mutter kommt niemals zum Frühstück herunter«, erwähnte Digby im Laufe der Unterhaltung. »Glauben Sie, daß Ihre Beschäftigung Sie befriedigen wird?«

 

»Ich weiß noch nicht, worum es sich handelt.«

 

»Meine Mutter ist ein wenig sonderbar, ich möchte fast sagen, exzentrisch. Aber ich glaube, Sie sind verständig genug, um mit ihr fertig zu werden. Die Arbeit wird in der ersten Zeit gerade nicht sehr schwer sein. Ich hoffe, daß Sie später vielleicht fähig sein werden, mir bei meinen anthropologischen Studien zu helfen.«

 

»Das klingt schrecklich wichtig. Was bedeutet das?«

 

»Ich studiere Gesichter und Köpfe«, sagte er leichthin, »und habe zu diesem Zweck viele Fotografien aus allen Teilen der Welt gesammelt. Mit der Zeit will ich eine Sammlung von über einer Million Bildern zusammenbringen. Diese Wissenschaft ist in unserem Lande bis jetzt sehr vernachlässigt worden. Die Italiener haben viel darin geleistet. Wahrscheinlich haben Sie schon von Mantegazza und Lombroso gehört?«

 

Sie nickte.

 

»Das sind die großen Kriminalisten, nicht wahr?« sagte sie zu seinem Erstaunen.

 

»Ach, Sie haben sich schon etwas damit beschäftigt?«

 

»Das ist sehr verlockend für mich!« Sie sah ihn begeistert an.

 

»Ich würde Ihnen sehr gern bei dieser Arbeit helfen, wenn Ihre Mutter nicht zu viel Arbeit für mich hat.«

 

»Die wird Ihnen schon freigeben können.«

 

Ihre Hand lag auf dem Tisch ganz nahe bei der seinen, und er war in Versuchung, sie zu streicheln. Aber er beherrschte sich und berührte sie nicht. Er wußte menschliche Charaktere gut und schnell zu beurteilen. Wenn es eine andere Frau gewesen wäre, hätte er seine Hand liebenswürdig auf die ihre gelegt; sie hätte verwirrt gelacht, die Augen niedergeschlagen, und das übrige hätte sich dann schon gefunden. Aber bei Eunice durfte er nicht so vorgehen, sonst würde sie wahrscheinlich heute abend nicht mehr im Hause sein. Aber er konnte ja warten, und sie war es auch wert, daß man auf sie wartete, denn sie war wirklich entzückend. Die halbe Freude des Lebens liegt in der Jagd nach Vergnügen, und die Jagd danach ist nur eine Form heftigen Vorgenusses. Manche Menschen finden die größte Befriedigung darin, sich in ihrer Phantasie Freuden auszumalen, die früher oder später in Erfüllung gehen müssen, und Digby Groat gehörte zu diesen.

 

Als sie aufschaute, begegnete sie einem seiner brennenden Blicke und errötete. Mit Überwindung sah sie ihn noch einmal an; aber nun war nichts Ungewöhnliches mehr an ihm zu sehen.

 

Kapitel 7

 

7

 

Die ersten Tage in ihrer neuen Stellung waren eine harte Probe für Eunice Weldon.

 

Sie beklagte sich am dritten Tag während des Frühstücks bei Digby, daß Mrs. Groat ihr überhaupt nichts zu tun gebe.

 

»Ich fürchte, daß ich hier überflüssig bin«, sagte sie. »Es ist nicht recht, daß ich unter diesen Umständen Gehalt von Ihnen annehme.«

 

»Warum denn?« fragte er schnell.

 

»Ihre Mutter zieht es vor, ihre Briefe allein zu schreiben. Außerdem scheint ihre Korrespondenz wenig umfangreich zu sein!«

 

»Ach was, Unsinn!« erwiderte er scharf. Als er aber sah, daß er sie durch seinen Ton beleidigte, sprach er liebenswürdig weiter. »Meine Mutter ist nicht daran gewöhnt, daß man ihr hilft, sie ist eine der Frauen, die alles allein tun wollen. Deshalb sieht sie ja auch so angegriffen und alt aus, weil sie sich so sehr abgearbeitet hat. Es gibt hundert Aufgaben, die sie Ihnen übertragen könnte. Aber Sie müssen es der alten Frau zugute halten, Miss Weldon. Es dauert lange Zeit, bevor sie Zutrauen zu fremden Menschen faßt.«

 

»Das kann ich verstehen«, erwiderte sie und nickte.

 

»Meine arme Mutter ist ganz auf sich beschränkt«, meinte er lächelnd, »aber ich bin sicher, daß sie Ihnen noch genügend zu tun gibt, wenn sie Sie erst kennenlernen wird.«

 

Nach dem Frühstück ging er gleich in das kleine Wohnzimmer seiner Mutter. Er fand sie nicht dort, sondern in ihrem Ankleidezimmer, wo sie dicht am Kamin neben einem offenen Feuer saß. Er schloß die Tür sorgfältig und ging zu ihr hinüber. Sie schaute ihn furchtsam an.

 

»Warum gibst du dem Mädchen nichts zu tun?« fragte er. scharf.

 

»Ich habe doch nicht so viel zu tun«, entgegnete sie weinerlich. »Hör, Digby, das ist eine ganz überflüssige Ausgabe, ich kann sie gar nicht leiden.«

 

»Du wirst ihr von heute ab Arbeit geben – ich möchte dir das nicht noch einmal sagen müssen!«

 

»Sie wird mich nur ausspionieren. Du weißt doch, daß ich seit Jahren keine Briefe mehr geschrieben habe, mit Ausnahme des Briefes an den Rechtsanwalt, den ich auf deine Veranlassung hin schrieb.«

 

»Also du wirst ihr Arbeit geben«, wiederholte Digby Groat. »Hast du mich verstanden? Lasse sie doch alle die Rechnungen durchsehen, die du in den letzten Jahren bekommen hast. Sie soll sie sortieren und alle Ausgaben sorgfältig in ein Buch eintragen. Auch deine Bankabrechnungen kannst du ihr geben. Sie soll die Schecks damit vergleichen. Verdammt noch einmal – wenn du nur wolltest, hättest du wirklich genug für sie zu tun! Das kannst du doch wahrhaftig veranlassen; es ist schauderhaft, daß ich dich immer beaufsichtigen muß!«

 

»Ich will es tun, Digby«, erwiderte sie schnell. »Du bist wieder recht hart und böse zu mir. Ich hasse dies ganze Haus!«, rief sie plötzlich heftig. »Ich hasse die Leute hier im Hause. Heute morgen habe ich in ihr Zimmer gesehen, das sieht ja aus wie ein Palast. Es muß ja Tausende von Pfund gekostet haben, nur diesen Räum einzurichten. Das ist doch einfach eine Sünde, so viel für ein einfaches Mädchen auszugeben!«

 

»Das geht dich gar nichts an! Du sollst ihr für die nächsten vierzehn Tage Arbeit geben!«

 

Eunice war überrascht, als Mrs. Groat sie rufen ließ.

 

»Ich habe etwas für Sie zu tun, Miss – ich kann mir Ihren Namen nicht merken.«

 

»Eunice«, sagte das junge Mädchen lächelnd.

 

»Ich kann den Namen Eunice nicht leiden«, murmelte die alte Frau vor sich hin. »Die letzte hieß Lola, eine Ausländerin – ich war froh, als sie ging. – Haben Sie denn keinen anderen Namen?«

 

»Weldon ist mein Familienname. Sie können mich ›Weldon‹ oder ›Eunice‹ nennen, oder wie es Ihnen beliebt, Mrs. Groat.«

 

Die alte Frau räusperte sich.

 

Vor ihr stand eine große Schublade mit Schecks, die von der Bank zurückgekommen waren.

 

»Sehen Sie diese Papiere durch«, sagte sie, »und machen Sie irgend etwas damit. Ich weiß nicht, was.«

 

»Soll ich sie vielleicht an die Rechnungen heften, zu denen sie gehören?«

 

»Ja, das meine ich. Sie wollen es doch nicht hier machen? Aber es ist doch besser, daß Sie nicht damit aus meinem Zimmer gehen; ich wünsche nicht, daß die Dienstboten in meinen Abrechnungen herumschnüffeln.«

 

Eunice stellte die Schublade auf den Tisch, nahm die Rechnungen und die Abschnitte des Scheckbuches, holte sich eine kleine Flasche Leim und machte sich an die Arbeit. Ihre goldene Armbanduhr, ein Geschenk ihres verstorbenen Vaters, legte sie auf den Tisch, weil sie sie bei der Arbeit störte. Mrs. Groats habgierige Blicke waren sofort darauf gerichtet, und mit einem Male rückte sie näher.

 

Die Arbeit schien sehr umfangreich zu sein, aber Eunice ging methodisch vor, und als der Gong zu Tisch rief, war sie schon fertig.

 

»Bitte, Mrs. Groat«, sagte sie lächelnd, »ich habe alle Schecks aufgearbeitet.«

 

Sie stellte die Schublade beiseite und wollte ihre Armbanduhr wieder anlegen, aber sie war verschwunden. In diesem Augenblick öffnete sich die große Tür, und Digby Groat trat herein.

 

»Hallo, Miss Weldon«, sagte er zuvorkommend, »es ist Zeit zum Lunch. Hast du nicht den Gong gehört, Mutter? Du mußt Miss Weldon jetzt gehen lassen.«

 

Eunice schaute sich überall um.

 

»Haben Sie irgend etwas verloren?« fragte Digby schnell.

 

»Ich kann meine Armbanduhr nicht finden; ich habe sie vor einiger Zeit hier auf den Tisch gelegt, und sie ist jetzt nicht mehr da.«

 

»Vielleicht ist sie in der Schublade«, stammelte die alte Frau und vermied es, ihren Sohn anzusehen.

 

Digby schaute sie einen Augenblick an und wandte sich dann an Eunice.

 

»Würden Sie so liebenswürdig sein und Jackson den Auftrag geben, meinen Wagen um drei Uhr bereitzuhalten?« sagte er freundlich.

 

Er wartete, bis das Mädchen die Tür geschlossen hatte.

 

»Wo ist die Uhr?« fragte er rauh.

 

»Die Uhr, Digby?«

 

»Willst du die Uhr hergeben?« schrie er, und sein Gesicht wurde dunkel vor Wut.

 

Sie steckte die Hand zögernd in die Tasche und holte die Uhr hervor. »Sie sieht doch so schön aus«, stotterte sie.

 

Digby riß sie ihr aus der Hand.

 

Gleich darauf kam Eunice wieder zurück.

 

»Wir haben sie gefunden«, sagte Digby lächelnd. »Sie war unter den Tisch gefallen.«

 

»Ich dachte, da hätte ich auch nachgesehen. Sie ist nicht sehr wertvoll, aber sie dient einem doppelten Zweck.« Sie legte die Uhr um ihr Handgelenk.

 

»Welchen anderen Zweck hat sie denn noch; als die Zeit anzugeben?« fragte Digby.

 

»Ich verdecke damit eine häßliche Narbe«, sagte sie und zeigte ihr Handgelenk. Er sah einen runden, roten Fleck, etwa so groß wie ein Halbschillingstück, der wie eine alte Brandnarbe aussah.

 

»Das ist ja merkwürdig«, meinte Digby, als er darauf schaute. Plötzlich hörte er einen unterdrückten Aufschrei seiner Mutter. Sofort wandte er sich nach ihr um und blickte in ihr verzerrtes Gesicht. Ihre Augen starrten auf Eunice.

 

»Digby, Digby!« schrie sie mit gebrochener Stimme. »O mein Gott!«

 

Sie fiel über den Tisch, und bevor er sie erreichen konnte, war sie auf den Boden gesunken.

 

Er beugte sich über seine Mutter und wandte sich dann langsam zu dem erschrockenen Mädchen.

 

»Sie hat sich so über die kleine Narbe auf Ihrer Hand aufgeregt«, sagte er langsam. »Was bedeutet das?«

 

Kapitel 48

 

48

 

Digby Groat wußte nichts von dem Besuch des Kapitäns und war zufrieden, daß der Wachtposten von der Kabine zurückgezogen war. Jetzt stand nichts mehr zwischen ihm und der Frau – nur noch ihre eigene Kraft und Stärke. Er liebte sie in seiner Art, so verworfen er auch sonst war. Er kam den Gang entlang und klopfte an die Tür, denn er fand einen Gefallen daran, diese gesellschaftliche Form aufrechtzuerhalten, die doch im Augenblick bedeutungslos war. Als aber keine Antwort kam, öffnete er die Tür langsam und trat ein.

 

Eunice stand am anderen Ende der Kabine. Die seidenen Vorhänge waren zurückgezogen, und die Tür zu ihrem Salon stand weit offen. Sie war vollständig angekleidet und hielt die Hände auf dem Rücken.

 

»Mein Liebling«, sagte Digby schmeichelnd und liebenswürdig, »warum ermüden Sic Ihre schönen Augen? Sie hätten sich zu Bett legen und schlafen sollen.«

 

»Was wollen Sie?«

 

»Was könnte ein Mann, der eine so schöne Frau hat, anderes wünschen, als sich mit ihr zu unterhalten und das Vergnügen ihrer Gesellschaft zu genießen?« fragte er heiter.

 

»Bleiben Sie stehen«, rief sie ihn scharf an, als er den Versuch machte, weiter vorzudringen. Ihre gebieterische Stimme veranlaßte ihn, zu gehorchen.

 

»Aber Eunice«, sagte er kopfschüttelnd. »Sie machen soviel Unannehmlichkeiten und Umstände – das ist doch in dieser Situation nur töricht von Ihnen. Sie brauchen nur vernünftig zu sein, dann gibt es nichts in der Welt, was ich Ihnen nicht geben könnte und möchte!«

 

»Sie können mir nichts geben und haben nichts zu verschenken außer dem Geld, das Sie mir gestohlen haben«, sagte sie eisig. »Warum sprechen Sie denn vom Schenken, wenn ich doch diejenige bin, der alles gehört? Sie können höchstens mein Mitleid erregen.«

 

Er starrte sie an und war verblüfft über ihre Ruhe, da sie doch in größter Gefahr schwebte. Er lachte auf und ging langsam auf sie zu. Seine dunklen Augen glühten.

 

»Bleiben Sie stehen!« rief Eunice wieder und zeigte nun die Waffe, um ihrer Aufforderung Nachdruck zu verleihen.

 

Digby starrte auf die Mündung der Pistole, die auf ihn gerichtet war und taumelte zurück. »Legen Sie das Ding weg«, schrie er heiser. »Verdammt, wollen Sie es wohl tun? Sie sind doch überhaupt nicht gewöhnt, mit Feuerwaffen umzugehen! Das Ding könnte ja losgehen!«

 

»Es wird auch losgehen«, sagte Eunice mit tiefer, eindringlicher Stimme. All der Abscheu, der in ihr aufgespeichert war, kam zum Durchbruch. »Digby Groat, ich sage Ihnen, daß ich Sie wie einen Hund erschießen werde und daß ich mich freue, wenn Sie niederstürzen. Ich werde weniger Erbarmen mit Ihnen haben als Sie mit dem Spanier, den Sie ermordeten.«

 

»Legen Sie die Waffe fort! Wer hat sie Ihnen gegeben? Um Gottes willen, Eunice, machen Sie keinen Unsinn damit!«

 

»Es gab Zeiten, da ich Sie sehr gern getötet hätte«, sagte sie. »Hätte ich damals eine Waffe gehabt, lebten Sie nicht mehr.« Als sie sah, wie er sich feige zurückzog, senkte sie die Pistole.

 

Er wischte sich mit einem seidenen Taschentuch den kalten Schweiß von der Stirn. Seine Knie zitterten.

 

»Wer hat Ihnen die Pistole gegeben?« fragte er heftig. »Sie hatten sie noch nicht, als wir von Kennett Hall abfuhren. Wo haben Sie sie her? Haben Sie sie in einer der Schubladen gefunden?« Er sah nach dem Schreibtisch. Eine der Schubladen stand halb offen.

 

»Darauf kommt es gar nicht an, Mr. Groat. Gehen Sie jetzt aus meiner Kabine und lassen Sie mich in Ruhe.«

 

»Ich hatte gar nicht die Absicht, Ihnen irgendwie zu nahe zu treten«, sagte er furchtsam. Er sah noch sehr bleich aus. »Es war nicht nötig, mich mit der Pistole zu bedrohen. Ich wollte Ihnen Gute Nacht sagen.«

 

»Da hätten Sie sechs Stunden früher kommen sollen«, sagte sie ironisch.

 

»Hören Sie mich an, Eunice«, beharrte er und wollte sich ihr wieder nähern. Aber als sie die Pistole wieder auf ihn richtete, sprang er zur Tür. »Wenn Sie mir so drohen, gehe ich«, rief er und schlug die Tür hinter sich zu.

 

Sie lehnte sich gegen die silbernen Bettpfosten, denn sie war am Ende ihrer Kraft. Sie mußte sich jetzt niederlegen und wenigstens etwas ruhen. Schlafen durfte sie ja nicht, da ihr immer noch Gefahr drohte. Sie ging in das nebenan liegende Wohnzimmer, dann in das Bad, um zu sehen, ob man von dort aus in ihre Räume eindringen könne, aber sie war von dieser Seite aus sicher. Sie hatte alle Paneele untersucht, ob sie keine Geheimtüren fände.

 

Kaum hatte sie wieder ihr Schlafzimmer erreicht, als sie plötzlich von hinten angefallen wurde. Digby Groat hatte sich heimlich hereingeschlichen und neben der Tür auf sie gewartet. Seine Hand entwand ihr die Pistole, die Waffe fiel polternd zu Boden. Im nächsten Augenblick schloß er sie in seine Arme.

 

»Ich werde deinen Widerstand brechen«, sagte er atemlos. »Dein Gesicht soll nahe an dem meinen sein, ich will deine schönen Augen sehen, deinen herrlichen Mund fühlen!«

 

Er preßte seine Lippen auf die ihren und drückte begehrliche Küsse auf ihre Wangen, ihren Hals, ihre Augen.

 

Sie fühlte, wie ihre Kräfte versagten. Er preßte sie so stark an sich, daß ihr Rückgrat schmerzte. Der plötzliche Schrecken hatte sie so gelähmt, daß sie sich nicht mehr gegen seine Liebkosungen wehren konnte. Sie blickte starr auf seine Augen, die ihr so nahe waren. Sie war gelähmt wie ein Vogel durch den Blick einer Schlange.

 

»Du bist jetzt mein – hörst du – du wirst Jim Steele vergessen – du wirst alles vergessen und nur noch daran denken, daß ich dich anbete!« Als er sah, daß sie zur Tür schaute, wandte er sich plötzlich um.

 

Der kleine Kapitän stand dort, hatte die Hände in die Hüften gestemmt und beobachtete den Vorgang. Seine Züge waren undurchdringlich und hart.

 

Digby ließ Eunice los.

 

»Was, zum Teufel, haben Sie denn hier zu tun? Machen Sie, daß Sie hinauskommen!« schrie er.

 

»Ein Flugzeug ist hinter uns her. Wir haben einen Funkspruch von ihm bekommen.«

 

Digby erschrak. Mit dieser Möglichkeit hatte er nicht gerechnet.

 

»Was ist es für ein Flugzeug? Wie heißt der Funkspruch?«

 

»›Nichts gesichtet. Fliege nach Süden.‹ Dann ist noch die genaue Lage des Flugzeugs angegeben. Wenn es weiter nach Süden kommt, wird Mr. Steele uns finden.«

 

Digby taumelte einen Schritt zurück.

 

»Steele?« fragte er heiser.

 

Der Kapitän nickte.

 

»Mit diesem Namen war die Botschaft unterzeichnet. Ich glaube, es ist ratsam für Sie, an Deck zu kommen.«

 

»Ich komme an Deck, wann es mir beliebt«, schrie Digby. Der Teufel in ihm erwachte, und er verlor seine Selbstbeherrschung vollständig.

 

»Werden Sie jetzt so gut sein und an Deck kommen?«

 

»Ich werde kommen, wenn ich diese Angelegenheit hier geregelt habe.«

 

»Sie haben erst Ihre Angelegenheiten an Deck zu regeln!«

 

»Machen Sie, daß Sie hinauskommen!« brüllte Digby.

 

Er hatte nicht gesehen, daß der Kapitän eine Bewegung machte; aber plötzlich ertönte ein Schuß, dessen betäubender Knall die enge Kabine erfüllte. Ein Holzpaneel hinter Digbys Kopf splitterte.

 

Groat starrte auf den Revolver in der Hand des Brasilianers. Er hatte die Zusammenhänge im Augenblick noch nicht erfaßt.

 

»Ich hätte Sie ebensogut auch erschießen können«, sagte der Kapitän ruhig. »Aber ich habe zuerst einmal einen Warnungsschuß dicht an Ihrem Ohr vorbei abgegeben. Kommen Sie bitte mit an Deck!«

 

Digby gehorchte.

 

Verstört und bleich lehnte er an der Reling und sah finster auf den Brasilianer, der zwischen ihn und die Frau getreten war, die er hatte demütigen wollen.

 

»Nun sagen Sie mir, was das alles heißen soll, Sie Schwein!«

 

»Ich habe Ihnen vieles zu sagen, was Sie nicht gern hören werden«, entgegnete der Kapitän.

 

Plötzlich dämmerte Digby eine Erkenntnis auf. »Haben Sie ihr den Revolver gegeben?«

 

»Ja. Ich wollte Sie davor bewahren, unüberlegte Handlungen zu begehen, mein Freund. Spätestens in einer Stunde wird Steele uns gesichtet haben. Ich kann Ihnen auf der Karte zeigen, wo er schon ist. Wollen Sie noch mehr Verbrechen begangen haben, wenn er an Bord kommt?«

 

»Das ist meine Sache«, zischte Digby Groat. Sein Atem ging schnell; er fühlte, daß er ersticken würde, wenn die Wut, die sich in ihm aufgespeichert hatte, nicht irgendwie zur Entladung kam.

 

»Aber es ist auch meine Sache, denn ich beabsichtige nicht, in ein englisches Gefängnis zu ziehen. In England ist es mir zu kalt, ich würde den Winter nicht überleben. Es bleibt jetzt nur noch eins übrig. Wir müssen strikt unseren westlichen Kurs einhalten. Hoffentlich bemerkt uns das Flugzeug nicht; wenn es uns entdeckt, ist es zu Ende.«

 

»Machen Sie, was Sie wollen«, sagte Digby, wandte sich kurz um und ging in seine Kabine.

 

Er war geschlagen, und das Ende kam heran. Er nahm aus einer Schublade eine kleine Flasche mit einer farblosen Flüssigkeit und entleerte sie in ein Glas, das er in Reichweite auf den Tisch stellte. Er würde keine großen Schmerzen spüren – ein Schluck, dann schlief er ein, und alles war vorbei. Dieser Gedanke beruhigte ihn.