Kapitel 8

 

8

 

Die Nachricht verbreitete sich mit Windeseile in der Unterwelt von Chicago. Shaun O’Donnell hatte dran glauben müssen! Das war eine sehr interessante Neuigkeit, denn immerhin war Shaun unter vielen kleinen ein großer Gangster gewesen.

 

Seine Frau war völlig fassungslos, als ihr Captain Kelly die Mitteilung machte und sie im Wagen in das Krankenhaus brachte, in dem Shaun lag. Es bestand keine Hoffnung mehr, und man hatte bereits in aller Eile einen Priester rufen lassen.

 

Der Geistliche stand neben Kelly an dem Bett des Bewußtlosen. Der Arzt saß gelassen dabei; er wußte, daß jede Hilfe umsonst war.

 

Der Priester, noch jung und ein Idealist, holte tief Atem.

 

»Ich kann diese Art Verbrecher nicht verstehen«, sagte er traurig. »Jede Woche lese ich in den Zeitungen, daß jemand erschossen worden ist. Ist dies auch ein Bandenmord?«

 

Kelly nickte.

 

»Ja, der Mann gehört zu Tom Feeneys Leuten.« Er wandte sich zu dem Polizisten um, der an der Tür stand. »Hat er eigentlich noch irgend etwas gesagt?«

 

Der Polizist glaubte das Wort ›Jimmy‹ gehört zu haben. Er war auch sicher, daß Shaun noch leise vor sich hin geflucht hatte.

 

Kelly kam die ganze Angelegenheit sehr merkwürdig vor. Vor allem wunderte er sich darüber, daß Shaun ohne seine Leibwache, anscheinend sogar ohne einen einzigen Begleiter gekommen war. Es kam ihm der Gedanke, ob nicht Tom selbst seinen Schwager in den Tod geschickt hatte. Er äußerte diesen Verdacht auch laut.

 

»Was, seine eigenen Leute?« erwiderte der Priester bestürzt. »Aber warum denn?«

 

»Manchmal erkaufen sie damit einen Waffenstillstand«, erklärte ihm der Beamte. »Die Bandenchefs können natürlich nicht immer jede Handlung ihrer Leute kontrollieren, und wenn einer von ihnen auf eigene Faust auf ein Mitglied einer anderen Bande schießt, dann muß sich der Chef überlegen, ob er die Konsequenzen tragen will, oder ob er den Mann opfert – das heißt, daß er ihn mit einem Auftrag zu einer Stelle schickt, wo die Leute der anderen Bande ihn umlegen können.«

 

»Unmenschlich«, flüsterte der Priester.

 

»Ja, das wäre es«, entgegnete Kelly mit einem eisigen Lächeln, »wenn diese Leute den Begriff menschlich in irgendeiner Beziehung überhaupt kennen würden.«

 

Shaun rührte sich und murmelte einige undeutliche Worte. Der Arzt sah schnell auf.

 

»Sie haben nicht viel Zeit«, sagte er leise zu dem Kriminalbeamten.

 

Kelly setzte sich auf die andere Seite des Bettes und neigte sich über den Sterbenden.

 

»Hallo, Shaun, erkennen Sie mich? Captain Kelly …« Er sah ein schwaches Aufleuchten in den Augen Shauns. »Man hat Sie hereingelegt, mein Junge – sagen Sie mir, wer es getan hat.« Er neigte sich noch näher zu ihm und nickte. »Ja, Shaun, die eigenen Leute haben Sie in den Tod geschickt habe ich nicht recht?«

 

Er lauschte erwartungsvoll.

 

Shaun O’Donnell verstand ihn, aber er antwortete nicht.

 

»Sprechen Sie doch! War es Feeney selbst – oder waren es doch Perellis Leute?« Er sah Shaun durchdringend an und sprach geradezu beschwörend auf ihn ein. »Sagen Sie es mir doch – war es Con O’Hara, der Sie erledigt hat …?«

 

Er wartete, wartete …

 

Aber getreu der Tradition sprach Shaun nicht. Die Polizei bedeutete ihm nichts, und das Versprechen Kellys, ihn zu rächen, hatte keinen Wert für ihn. Er brauchte dieses Versprechen nicht, denn er wußte, daß seine eigenen Leute schnell genug diese Tat sühnen würden. Sicher waren schon jetzt alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihn zu rächen.

 

Kelly las die dunkle Entschlossenheit in den Augen des Sterbenden. Er wandte sich zu dem Priester und winkte ihn näher.

 

»So sind sie immer …«, sagte er bitter.

 

Es ging rasch mit Shaun zu Ende. Seine Frau erkannte er kaum noch, und schon nach einigen Minuten erhob sich der Arzt achselzuckend von dem Bett des Toten.

 

Mrs. O’Donnell hatte vorher geweint, aber jetzt zeigte sie sich gleich wieder gefaßt und gab nüchtern, fast herzlos ihre Anordnungen. Es schien sie abzulenken, das Begräbnis gleich in allen Einzelheiten festzulegen.

 

Der Arzt, in dessen kleinem Zimmer sie mit den drei zuverlässigsten Unterführern der Bande stand, lauschte erstaunt ihren Worten. Schließlich verabschiedete sie sich und fuhr mit ihren Begleitern in ihre eigene Wohnung zurück.

 

Der wichtigste der drei Männer war Spike Milligan, blond und noch verhältnismäßig jung. Er sah aus wie ein gutsituierter Bankbeamter, war aber um einiges gefährlicher. Energisch betonte er jetzt; daß es wichtig sei, sofort Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Tom Feeney war gerade in Indiana, wo er wichtige Geschäfte zu erledigen hatte. Milligan hatte ihn aber telefonisch schon erreichen können, und Tom raste nun in höchster Eile nach Chicago zurück.

 

»Es waren Jimmy McGrath und Con O’Hara«, sagte Mrs. O’Donnell. »Sie haben sie zurückkommen sehen, Spike?«

 

Der junge Mann nickte.

 

»Ich wußte, daß Shaun eine Verabredung mit Jimmy hatte«, fuhr sie fort. »Er hat mir vorher gesagt, wohin er ging, und ich versuchte ihn zurückzuhalten. Perelli hat Jimmy geschickt, weil er wußte, daß Shaun dem Jungen traute. Die beiden müssen erledigt sein, noch bevor Tom zurückkommt!«

 

»Das ist auch meine Meinung«, erklärte Spike, und die anderen nickten beifällig.

 

»Jimmy hat doch nichts zu bedeuten – der ist ja noch ein Anfänger …«

 

»Aber trotzdem soll er nicht davonkommen«, sagte Spike entschieden. »O’Hara hat eine Wohnung im Norden – er wohnt mit seiner Frau zusammen.«

 

»Und Perelli …?« fragte einer.

 

»Hat keiner von euch Mut genug, es ihm heimzuzahlen?« entgegnete Mrs. O’Donnell verächtlich.

 

Spike betrachtete nachdenklich seine sorgfältig manikürten Fingernägel.

 

»Das ist nicht so einfach«, meinte er dann fast entschuldigend. »Zumindest muß das genau überlegt werden. Bei den anderen beiden; ist es eine Kleinigkeit – sie denken wahrscheinlich, daß sie gar nicht erkannt worden sind. Wenn sie nicht geflohen sind, werde ich persönlich Con und Jimmy erledigen.«

 

Glühender Haß leuchtete aus den harten Augen der Frau.

 

»Und wenn es sonst niemand tut, werde ich Perelli niederschießen«, sagte sie heftig.

 

Es folgte ein langes Schweigen, dann erhob sie sich plötzlich. »Los, erledigt die zwei«, befahl sie kurz. Ihre Leute machten sich daran, den Auftrag auszuführen.

 

Kapitel 9

 

9

 

Jimmy McGrath reagierte sehr merkwürdig auf sein Erlebnis. Er war plötzlich völlig ruhig, und seine Gedanken hatten sich seit langer Zeit wieder einmal ganz geordnet, als er sich von Con O’Hara verabschiedete und zu Fuß nach Hause ging

 

Der Mord, an dem er teilgenommen hatte, stand kristallklar vor seinen Augen. Blut klebte jetzt an seinen Händen, das Blut eines Mannes, der ihn gern gemocht hatte. Doch ebenso klar war ihm, daß es einen Weg zurück von nun ab nicht mehr gab. Auf Gedeih und Verderb gehörte er jetzt zu den Alkoholschmugglern.

 

Er stieg die Treppe zu seinem Zimmer hinauf, schloß die Tür auf und machte Licht. Dann verriegelte er von innen und wusch sich die Hände. Rock, Weste und Schuhe zog er aus, löschte das Licht und warf sich auf das Bett.

 

Er versank sofort in einen traumlosen Schlaf, aus dem er erst hochschreckte, als hart an seine Tür geklopft wurde. Sofort hellwach, sprang er hoch und griff nach der Pistole, die noch auf dem Tisch lag. Sein Herz hämmerte wild. Wieder klopfte es, dann hörte er eine bekannte Stimme. Es war Angelo. »Machen Sie auf, Jimmy!«

 

Der junge Mann öffnete, und Angelo trat ein.

 

»Ach, haben Sie geschlafen?« fragte er verwundert. »Ziehen Sie schnell Ihre Schuhe und Ihren Rock an.«

 

»Schickt Tony nach mir?«

 

Angelo schüttelte ungeduldig den Kopf.

 

»Nein, das nicht – wir müssen jetzt vor allen Dingen einen anderen Unterschlupf für Sie ausfindig machen, wo Sie sich aufhalten können. Hier ist es nicht sicher.«

 

Jimmy hatte ein trockenes Gefühl in der Kehle.

 

»Wissen die anderen schon«, stammelte er, »daß ich Shaun …«

 

»Natürlich wissen sie es«, entgegnete Angelo kühl. »Man hat Sie gesehen, als Sie mit Con zur Stadt zurückfuhren.« Er sah auf die Uhr. »Beeilen Sie sich!«

 

Jimmy kleidete sich eilig an, steckte die Pistole ein und folgte Angelo.

 

Vorsichtig traten sie auf die Straße. In einiger Entfernung von der Haustür stand ein Wagen, an dem zwei Männer lehnten. Sie liefen eilig darauf zu und stiegen ein.

 

Eine Viertelstunde später hatte Jimmy ein neues Quartier in einem kleinen Hotel in der Nähe von Tonys Wohnung.

 

»Machen Sie keinem Menschen auf«, instruierte ihn Angelo. »Tony wird dann später mit Ihnen sprechen; das Hotel hier gehört ihm, und Sie sind für die Nacht völlig sicher.«

 

*

 

Spike Milligan wollte sich Jimmy McGrath für später aufsparen und erst den schwierigeren Teil seiner Aufgabe erledigen.

 

Er wußte, wo Con O’Haras Wohnung war. Als er dort ankam, sah er, daß Licht brannte. Er ging zur nächsten Telefonzelle und rief ihn an.

 

»Con, bist du’s?« Milligan kannte O’Hara, denn sie hatten in New York einmal der gleichen Bande angehört. »Hier spricht Spike.«

 

»Na, und?« entgegnete Con vorsichtig.

 

»Hör mal zu – ich muß dich unbedingt sprechen. Shaun O’Donnell ist diese Nacht umgelegt worden, und es sieht so aus, als ob unsere ganze Organisation zum Teufel ginge. Habe ich Chancen, bei euch unterzukommen?«

 

Con O’Hara war nicht gerade schlau, aber er hatte wie die meisten primitiven Menschen einen gewissen Instinkt für Gefahren.

 

»Schon möglich. Wir können ja morgen einmal miteinander reden. Ich habe gerade eine scheußliche Grippe am Hals und bin die ganze Nacht zu Hause gewesen.«

 

»Ich hab’s aber ziemlich eilig – können wir uns nicht gleich treffen?«

 

»Besser, wir verschieben es auf morgen früh.«

 

»Ich könnte ja auch zu dir kommen?« bohrte Spike hartnäckigweiter.

 

»Du weißt nicht, was du damit für ein Risiko eingehst, mein Junge«, sagte Con mit sonderbarer Betonung.

 

Spike hängte ab und überlegte. Wie alle anderen hatte er etwas Angst vor Mrs. O’Donnell. Keinesfalls traute er sich zu ihr zurückzukommen, ohne etwas erreicht zu haben.

 

Kurz entschlossen ging er zu seinen Begleitern zurück, und nach kurzer Beratung machten sie sich alle drei auf den Weg zu Con O’Haras Wohnung.

 

Aber als sie in der Nähe des Hauses waren, hielt vor der Haustür gerade eine schwere, dunkle Limousine. Die Scheinwerfer wurden auf Standlicht geschaltet, aber niemand stieg aus.

 

Spike, der im Schatten einer Toreinfahrt stand und den Vorgang beobachtete, grinste. Es wäre glatter Selbstmord gewesen, sich in das Haus zu wagen. Sie gingen deshalb zu ihren Autos zurück und fuhren zu Jimmys Wohnung. Wenn auch dort ein Wagen wartete, blieb nichts anderes übrig, als unverrichteter Dinge umzukehren.

 

Langsam fuhren sie an dem Haus vorbei, konnten aber nirgends etwas Verdächtiges bemerken. Hundert Meter entfernt stieg Spike aus, schlenderte langsam zurück und öffnete mit Hilfe seines Dietrichs und seiner beachtlichen Fingerfertigkeit die Haustür.

 

Im Hausflur war es stockdunkel. Leise stieg er die Treppe zum dritten Stock hinauf und klopfte vorsichtig an Jimmys Tür. Keine Antwort. Er klopfte wieder und lauschte angestrengt – nicht das geringste Geräusch, kein Knarren der Matratze, keine heimlichen Schritte. Er drückte die Klinke nieder und wußte sofort, daß niemand im Raum war, als sich die Tür öffnen ließ. Spike machte Licht und sah sich um. Aus allen Anzeichen konnte er schließen, daß das Zimmer eilig verlassen worden war. Perelli hatte gut für seinen Mann gesorgt. Und plötzlich sagte ihm ein Gefühl, daß Gefahr drohte. Wenn Perelli Jimmy fortgebracht hatte, dann wußte er auch, daß jemand hinter dem Jungen her war.

 

Er drehte das Licht aus und schlich sich leise die Treppe hinunter. Unwillkürlich umklammerten seine Finger noch fester den Kolben des Revolvers, den er in Hüfthöhe hielt.

 

Vorsichtig zog er die Haustür wieder auf und lauschte angestrengt. Dann blieb er plötzlich wie erstarrt stehen, denn unmittelbar vor ihm am Fuß der Treppenstufen, die er hinuntergehen mußte, stand die Limousine, die er schon vorher in der Nähe von Con O’Haras Wohnung gesehen hatte. Einen Moment lang verließ ihn seine ganze Geistesgegenwart – im nächsten Augenblick preßte sich ein harter Gegenstand in seinen Rücken.

 

»Vorwärts, Spike, keine Umstände«, flüsterte eine Stimme hinter ihm.

 

Er wurde auf die Stufen hinausgeschoben. Gleichzeitig packten zwei Leute, die neben der Haustür gestanden hatten, seine Arme und nahmen ihm den Revolver weg.

 

»Was soll das?« fragte er mit heiserer Stimme. Er schaute die Straße auf und ab, konnte aber nichts von seinen eigenen Leuten entdecken – er selbst hatte ihnen befohlen, zwei Häuserblocks entfernt mit dem Wagen zu warten.

 

Der Mann hinter ihm schloß leise die Haustür.

 

»Nur eine kleine Fahrt. Sie kennen das ja, Spike«, sagte er.

 

Man stieß ihn in den Wagen und schob ihn auf den Sitz neben dem Chauffeur. Das Auto fuhr an.

 

Eine Viertelstunde später hielten sie an einem einsamen Schuttabladeplatz. Spike hatte längst aufgegeben, er wußte, daß jeder Widerstand sinnlos war. Schließlich war er schon oft genug in ähnlichen Situationen gewesen; nur hatte dann immer er die Pistole in der Hand gehabt. Um den Begriff der ausgleichenden Gerechtigkeit hatte er sich eigentlich nie gekümmert, aber so etwas Ähnliches ging ihm jetzt durch den Kopf, kurz bevor, hinter ihm der Schuß knallte.

 

Kapitel 2

 

2

 

Von dem Dachgarten mit der venezianischen Balustrade konnte Tony Perelli die ganze Stadt überblicken, in der er der ungekrönte König der Alkoholschmuggler war. Und er liebte sein Königreich Chicago. Endlose Reihen von Autos brachten seine Untertanen täglich zur Arbeit; denn jeder, der an irgendeinem versteckten Plätzchen seiner Wohnung Alkohol lagerte, gehörte zu seinen Untertanen.

 

Es verstieß gegen das Prohibitionsgesetz, In den Vereinigten Staaten war es von 1917-1933 verboten, Alkohol herzustellen oder zu verkaufen. Alkohol herzustellen oder zu verkaufen; jede heimlich in den Keller geschmuggelte Weinkiste oder Schnapsflasche konnte zu Konflikten führen. Im Preis für Alkohol waren die Prozente des Schmugglers ebenso inbegriffen wie die des Pistolenschützen, der die Transporte begleitete. Seitdem es verboten war, hatten die Leute erst recht ihre Vorliebe für hochprozentige Getränke entdeckt. Sie nahmen achselzuckend davon Kenntnis, daß jeder, der den Alkoholschmuggel störte, damit rechnen mußte, erschossen und vom fahrenden Auto aus auf die Straße geworfen zu werden. Wahrscheinlich wären sie aber doch erschrocken, wenn man ihnen gesagt hätte, daß in dem Alkoholpreis auch die Munition der Mörder und die Blumenkränze für die Gräber der Opfer eingerechnet waren.

 

Perelli trat eben in den supervornehm eingerichteten Raum, der zugleich als Frühstücks- und Arbeitszimmer diente. Der japanische Diener hatte gerade den Kaffee gebracht. Nach der Hausordnung, die Perelli festgesetzt hatte, würde Minn Lee erst am Nachmittag erscheinen, und auch Angelo, der vor kurzem eine vornehme Wohnung gemietet hatte, kam erst später.

 

Perelli sah auf die Uhr. Es war erst acht, aber trotzdem erwartete er bereits einen Besucher. Im gleichen Augenblick wurde er durch das leichte Surren eines Summers auf seinem Schreibtisch angemeldet.

 

Red Gallway war die luxuriöse Umgebung nicht sympathisch, und an diesem Morgen fühlte er sich hier noch weniger wohl als sonst, weil er einen beträchtlichen Groll gegen Perelli aufgespeichert hatte. Die ganze Nacht über hatte er sich in seinen Zorn hineingesteigert, aber jetzt, im hellen Tageslicht, fiel es ihm schwer, diese Stimmung aufrechtzuerhalten.

 

»Setz dich, Red, und erzähle, was es im Westen Neues gibt.«

 

»Ich muß etwas wissen, Perelli – und wenn ich es nicht sofort erfahre, dann ist der Teufel los. Verstehst du?«

 

Tony sah ihn neugierig und ziemlich von oben herab an.

 

»Mach dich doch nicht lächerlich. Wirklich zu komisch, wenn du dich aufspielen willst … Aber schön, schieß los!«

 

Red rutschte unruhig in seinem Sessel hin und her.

 

»Du kennst Leeson – Mike Leeson. Das war mein Freund, Perelli. Und jetzt hat ihn einer über den Haufen geknallt. Ich möchte den Kerl sehen, der das getan hat!«

 

Antonio Perelli lächelte.

 

»Ich habe ihn umgelegt«, sagte er fast gemütlich.

 

Tiefes Schweigen folgte.

 

»Hast du vielleicht etwas dagegen?« erkundigte sich Perelli dann freundlich.

 

Red biß sich auf die Lippen.

 

»Aber das ist doch keine Art, einen so netten Kerl einfach mir nichts, dir nichts … Einen Freund von mir! Mike und ich waren wie Brüder …«

 

»Dann solltest du eigentlich Trauer tragen«, erklärte Perelli gelassen, »denn dein Bruder ist tot.«

 

»Warum hast du das getan?« fragte Red verbissen.

 

Perelli hielt es für nicht der Mühe wert zu antworten.

 

»Sag doch, warum du es getan hast? Mike war ein netter Kerl und hat mir viel geholfen.«

 

»Ich habe es eben für richtig gehalten.«

 

Tony lehnte sich nachlässig auf seinem Stuhl zurück, griff nach der Kaffeetasse, die vor ihm stand, und nahm einen Schluck.

 

»Ja – ich habe es für richtig gehalten. Und wenn ich erst einmal etwas für richtig halte, dann tue ich es auch.«

 

Red nagte an seiner Unterlippe. Er fürchtete Perelli, aber innerlich kochte er vor Wut.

 

»Du hast dich nicht besonders liebenswürdig mir gegenüber verhalten!«

 

Tony nickte.

 

»Na, wenn du willst, kondoliere ich dir. Warst du übrigens im Krankenhaus? Nein? Da liegt gerade ein anderer Freund von dir, der Grieche Ontropolos. Es geht ihm ziemlich schlecht – gestern abend hat ihm jemand mit dem Gummiknüppel eins übergezogen. Möchtest du wissen, warum? Er hat einem meiner Leute Koks verkauft.«

 

Red schwieg.

 

»Und ich will nicht, daß meine Leute trinken oder irgendwelche Rauschgifte nehmen!«

 

»Das brauchst du mir nicht zu sagen. Für mich selber kann ich allein sorgen …«, begann Red.

 

»Sicher kannst du das. Übrigens liegt niemand etwas daran, wenn du es nicht tust. Vor allem aber wirst du nicht dafür bezahlt, daß du für dich selbst sorgst, sondern daß du dich um mich und meine Leute kümmerst. Wenn deine Hände zittern und wenn du nicht ganz klar im Kopf bist, dann ist das schlimm. Wenn du trinkst und die Klappe nicht halten kannst, ist es noch viel schlimmer – denn ich weiß nur zu genau, daß ein Kokainsüchtiger jedes Geheimnis gegen eine entsprechende Menge Koks verkauft. So, nun weißt du es. Und das ist mein letztes Wort – laß die Finger von dem weißen Pulver oder mach, daß du fortkommst.«

 

Red erhob sich.

 

»Schön, in Ordnung, ich gehe!«

 

Ein rätselhaftes Lächeln spielte um Perellis Mundwinkel.

 

»Gut – wie du meinst!«

 

Wenn Red im allgemeinen auch nicht sehr sensibel veranlagt war, so fühlte er doch jetzt fast körperlich die Drohung, die in diesen Worten lag.

 

»Tony, ich bin kein Schuljunge, der sich in jede Ecke stoßen läßt! Und wenn sich zwei Partner nicht mehr miteinander vertragen, dann müssen sie sich eben trennen.«

 

»Da hast du recht«, entgegnete Tony und nickte.

 

Red ging. In seinem Kopf schwirrte es von Plänen. Er hatte verschiedene Tricks des Alkoholgeschäfts gelernt, von denen er nie etwas erfahren hätte, wenn Tony Perelli nicht etwas zu mitteilsam gewesen wäre.

 

Als nächstes ging er zu einem guten Bekannten, der auch der Schmugglerbande angehörte, und lud ihn zum Mittagessen bei Bellini ein. Dort erzählte er ihm alles, was ihm durch den Kopf ging.

 

Victor Vinsetti war ein gutgekleideter junger Mann mit merkwürdig ruhelosen Augen. Bezeichnend für ihn war, daß er immer den Verdacht zu haben schien, daß jemand hinter ihm stände. Nur sehr selten äußerte er eigene Ansichten, verstand dafür aber ausgezeichnet zuzuhören.

 

Er erfuhr, was Red Gallway bedrückte und was mit Mike Leeson passiert war. Red versuchte ihm klarzumachen, wie leicht es sein würde, ein eigenes Schmuggelunternehmen zu starten, Stoff über die Grenze zu bringen und neue Absatzgebiete zu finden. Wenn man nur ein paar tüchtige, smarte Jungen fand, die in den geheimen Kneipen als Vertreter fungierten, konnte man in lächerlich kurzer Zeit ein Vermögen verdienen.

 

Vinsetti hörte interessiert zu, weil er selbst auch schon ähnliche Gedanken gehabt hatte. Seit einiger Zeit befaßte er sich allerdings mit anderen Plänen.

 

»Habe ich recht oder nicht, Vic?« fragte Red am Schluß seiner langen Ausführung.

 

»Natürlich hast du recht – und ich verstehe dich durchaus. Aber die Sache ist doch nicht so einfach, wie du es dir vorstellst. Und auf jeden Fall bist du sehr unvorsichtig, wenn du so viel darüber sprichst.«

 

»Mike Leeson war ein tüchtiger Kerl …«

 

»Mike war gar nichts, höchstens eine große Null«, unterbrach ihn Vinsetti ruhig. »Er ist tot, und es ist auch nicht weiter schade um ihn – ich möchte nur wissen, wie Perelli darüber denkt …«

 

Er dachte intensiv nach, während Red ihn neugierig betrachtete. Vinsetti war selbst ein gefürchteter Pistolenschütze, wenn er auch nicht zu den ganz großen Leuten gehörte. Alle wußten, daß er reich war. Die Pläne, die ihn beschäftigten, bestanden einfach darin, daß er sich vom Alkoholschmuggel zurückziehen wollte – obwohl man sagte, daß dies selten jemand gelänge, der einmal daran beteiligt gewesen war. Auf der ›Empress of Australia‹ war eine Kabine für ihn belegt. Er wollte über Kanada reisen; alles, was wertvoll war, hatte er bereits zu Geld gemacht und stand auch schon wegen einer Villa an der Küste von San Remo in Unterhandlungen. Reds Offenheit war ihm peinlich; besonders weil er wußte, daß jeder zweite Kellner bei Bellini ein Spion war.

 

Noch am gleichen Abend ging er zu Perelli.

 

»Red ist wütend«, erzählte er. »Ich war mit ihm bei Bellini, und er hat mir dauernd etwas vorgejammert.«

 

»Ich möchte keine Schwierigkeiten mit ihm haben«, erwiderte Tony. Dies war zugleich seine Kampfansage und sein Alibi.

 

Immer wenn Red getrunken hatte, verwickelte er sich in Schwierigkeiten. Diesmal versuchte er, durch einen Mittelsmann in Verbindung mit Tom Feeney zu kommen, der den Alkoholschmuggel im südlichen Bezirk kontrollierte. Aber es gelang ihm nur, mit O’Donnell zu sprechen, der Toms Personalchef und Schwager war.

 

In Wirklichkeit war O’Donnell der leitende Kopf der Bande, und das war nach Perellis Ansicht der schwächste Punkt der Tom Feeney-Gesellschaft. O’Donnell war klein, hager und leicht erregbar. Zu schnell mit der Pistole bei der Hand, wie die einen sagten, und unverschämt frech mit seinem Mundwerk, wie andere wissen wollten.

 

Er hörte sich Reds Vorschläge sehr kühl und gelassen an.

 

»Red, Sie haben eigentlich für uns ebensowenig Wert wie für sonst jemand«, erklärte er schließlich sachlich. »Sie nehmen Koks, und Sie saufen. Bei unserem Geschäft kann man solche Leute nicht brauchen. Für Perelli habe ich durchaus nicht viel übrig – aber Schwierigkeiten will ich keine mit ihm haben. Wenn Sie allerdings in seinem Bezirk verkaufen wollen, stellen wir Ihnen genügend Alkohol zur Verfügung.«

 

Am nächsten Tag ereignete sich nichts Besonderes, außer daß Red Gallway nach anderer Richtung hin Anschluß suchte. In der frühen Dämmerung des Winternachmittags stand er im Polizeipräsidium und bat um eine Unterredung mit Kommissar Kelly. Er wollte sich über einen Polizeibeamten beschweren, erklärte er möglichst laut. Das Polizeipräsidium lag in Perellis Bezirk, und Spitzel berichteten ihm alles Wissenswerte.

 

Niemand außer Red wäre in dieser Lage zum Polizeipräsidium gegangen. Schließlich hätte er ja auch die Möglichkeit gehabt, anzurufen und einen Treffpunkt für eine geheime Zusammenkunft zu vereinbaren. Aber wenn Red Gallway Kokain genommen hatte, überlegte er nie lange. Eine Viertelstunde später saß er schon dem Chef der Kriminalpolizei gegenüber.

 

Er wollte seine Geschichte möglichst schlau erzählen und vor allem keine Namen nennen. Offen gab er nur zu, daß er in Lebensgefahr schwebe, und nachdem sich Kommissar Kelly einige Zeit mit ihm unterhalten hatte, war er auch davon überzeugt.

 

Red erzählte Kelly nichts, was Kelly nicht schon wußte; bittere Erfahrungen hatten den Beamten im übrigen gelehrt, daß es völlig sinnlos gewesen wäre, Red beim Wort zu nehmen und ihn als Zeugen in einem Prozeß auftreten zu lassen.

 

Kelly wußte ganz genau, wie und warum Mike Leeson ums Leben gekommen war. Er kannte die Namen der Leute, die den Abtransport der Leiche durchgeführt hatten, genauso wie die Nummer ihres Wagens.

 

Red hätte wahrscheinlich noch einige Stunden geredet, aber Kelly hatte viel zu tun, und an einseitigen Unterhaltungen, bei denen er nichts Neues erfuhr, lag ihm nicht viel.

 

»Wollen Sie bei uns bleiben?« fragte er.

 

Red sah ihn entrüstet an.

 

»Soll das heißen, daß Sie mich in Schutzhaft nehmen wollen? Ich bin groß genug, um auf mich selber aufzupassen. Nein, ich werde mich um den ganzen Laden hier nicht mehr kümmern. Chicago kann mir gestohlen werden – ich habe in andern Städten genug Freunde, die mir weiterhelfen.«

 

Als Red wieder auf die Straße trat, wurde er von drei Leuten beobachtet. Aber nur zwei davon waren Polizeibeamte.

 

»Verliert den Kerl bloß nicht aus den Augen«, hatte der Chef kurz vorher zu ihnen gesagt.

 

An der nächsten Straßenecke begrüßten zwei Männer freudig Gallway und nahmen ihn in die Mitte.

 

»Was fällt Ihnen denn ein?« fragte Red, als sie ihm liebenswürdig auf die Schulter schlugen und sich bei ihm einhängten.

 

»Wenn Sie den Mund aufmachen, knallt’s«, erwiderte der eine in herzlichstem Ton und preßte ihm die Mündung einer Pistole in die Seite.

 

»Sind Sie verrückt, Sie …!«

 

Die Beamten, die Red beschatten sollten, waren noch Neulinge. Sie sahen nur, daß zwei gute Freunde Red begrüßten und mit ihm in ein Auto einstiegen. Es fiel ihnen nichts Besseres ein, als schnell ein Taxi zu nehmen, aber noch bevor sie einen Wagen gefunden hatten, war das andere Auto schon abgefahren und außer Sicht.

 

Red überschaute die Lage nicht sofort. Er war sich nur darüber klar, daß der Mann, der direkt hinter ihm saß, einen harten, kühlen Gegenstand gegen sein Genick drückte. Dabei unterhielt sich dieser Mensch intensiv mit dem Chauffeur über ein Baseball-Match. Die beiden stritten miteinander, ob Südkalifornien oder Columbia gewinnen würde. Der Chauffeur war für Columbia.

 

»Dafür bin ich auch«, versuchte sich Red ängstlich einzuschalten.

 

»Halten Sie bloß die Klappe«, entgegnete der Chauffeur. »Ich kann mich nur wundern, daß Sie nicht heiser sind – Sie haben doch wirklich lange genug mit dem Polypen gequatscht! Möchte wissen, wen Sie alles verpfiffen haben.«

 

»Ich – verpfeifen?« protestierte Red ärgerlich.

 

Die Pistolenmündung preßte sich unbarmherzig gegen sein Genick.

 

»Schnauze!«

 

Sie ließen jetzt die Stadt hinter sich und kamen durch eine verlassene Gegend, in der nur einzelne Baracken standen. Schließlich hielt der Wagen bei einem kleinen Gehölz, das direkt neben der holperigen Straße lag.

 

»Raus mit Ihnen!« befahl der Mann hinter Red. Gallway gehorchte. Das Kokain wirkte jetzt nicht mehr, und er zitterte am ganzen Körper.

 

»Was wollen Sie denn eigentlich von mir?« stieß er mühsam hervor. »Ich habe der Polizei bestimmt nichts verraten! Fahren Sie mich sofort zu Tony. Er wird Ihnen sagen …«

 

Die beiden nahmen ihn wieder zwischen sich und schleppten ihn in das Gehölz.

 

»Wollen Sie mich etwa kaltblütig abknallen?« keuchte Red. »Hören Sie doch …«

 

Die Sicherung einer Pistole klickte. Gleichzeitig mit dem Schuß fiel Red auf die Knie und schwankte. Er hörte weder den ersten noch den zweiten Knall. Der Mann hinter ihm ließ die Pistole in die Tasche gleiten und steckte sich eine Zigarette an. Seine Hand zitterte nicht im geringsten.

 

»Los, fahren wir zurück«, sagte er zu seinem Begleiter. Schon als sie am Stadtrand waren, stritten sie sich wieder herum, ob Kalifornien oder Columbia gewinnen würde.

 

Der Fahrer sah das Polizeiauto als erster. Sowie er das Heulen der Sirene hörte, gab er Gas, daß ihr eigener Wagen einen Satz nach vorn machte.

 

»Nimm das Maschinengewehr – unter dem Sitz!«

 

Der Mann neben ihm kroch nach hinten, um seinem Freund zu helfen. Zusammen stießen sie die Mündung durch das hintere Fenster.

 

»Die beiden Polypen müssen Kelly verständigt und die Beschreibung unseres Wagens durchgegeben haben«, knurrte der Mann, der Red erschossen hatte, und klemmte sich hinter das Maschinengewehr.

 

Der Polizeiwagen kam näher.

 

»Los! Gib’s ihnen!«

 

Rat-a-tat-a-tat-a-tat!

 

Die Windschutzscheibe des anderen Wagens wurde zertrümmert. Er geriet leicht ins Schlingern, fing sich dann aber wieder und folgte ihnen in immer kürzerem Abstand. Die Polizeibeamten erwiderten jetzt das Feuer.

 

Der Mann am Maschinengewehr stieß einen unartikulierten Laut aus und glitt zu Boden. Der andere packte die Waffe und drückte auf den Abzug. Gleich darauf gab es einen scharfen Knall, das Polizeiauto rutschte quer über die Fahrbahn und kam an einem Laternenmast zum Stehen. Ein Reifen war getroffen worden.

 

»Sie sitzen fest!« rief der zweite Mann dem Chauffeur zu. »Ab jetzt, Joe!«

 

Mit einem Blick streifte er die zusammengekrümmte Gestalt am Boden. »Kopfschuß«, knurrte er und kletterte auf seinen Sitz neben dem Fahrer zurück.

 

Einige Zeit darauf waren sie schon wieder bei ihrem Baseballspiel, während der Tote hinter ihnen von einer Seite zur andern rollte.

 

Kapitel 20

 

20

 

Etwas fiel zu Boden – Tony war der Brieföffner, mit dem er gespielt hatte, aus der Hand geglitten. Was sollte das bedeuten? O’Hara war nicht dabei. Er wollte seinen Ohren nicht trauen.

 

»Ich bin sofort bei Ihnen, lassen Sie alles, wie es ist!« rief Kelly noch in den Hörer und donnerte ihn dann auf den Apparat.

 

»Morgen früh um neun erwarte ich Sie im Polizeipräsidium, Perelli«, sagte er und knallte die Tür hinter sich zu.

 

Tony wandte sich rasend vor Wut an Minn Lee.

 

»Hast du gehört, wie er mit mir umspringt? Mit mir – Tony Perelli! Als ob ich ein Hund wäre!«

 

Sie hörte ihn nicht. Sie sah in die Ferne, ihre Lippen waren leicht geöffnet.

 

»Jimmy! O Jimmy!«

 

»Er ist jetzt in der Hölle!«

 

»Vielleicht war er vorher noch im Himmel«, sagte sie leise.

 

»Du warst wohl in ihn verliebt?« fragte er höhnisch.

 

In Wirklichkeit zog er diese Möglichkeit eigentlich nicht ernsthaft in Betracht. Es war doch undenkbar, daß Minn Lee …

 

»Ich liebte immer nur dich, nicht ihn. Doch daß ich ihn glücklich gemacht habe, macht mich selbst glücklich. Wenn mein ganzes Leben verpfuscht war – für ihn bedeutete ich wenigstens etwas!«

 

Er wich vor ihr zurück.

 

»Was soll das alles heißen?«

 

»Er wußte, daß er in den Tod ging, und er war froh darüber«, sagte sie leise.

 

Tony wischte seine feuchte Stirn ab.

 

»Er wußte, daß er in den Tod ging? Wer hat ihm denn das gesagt?«

 

»Ich.« Aus ihrer Stimme klang weder Furcht noch Trotz, sie stellte nur eine Tatsache fest. »Er wollte nicht mehr leben, seine Schuld lastete zu schwer auf ihm. Vielleicht interessiert es dich noch, daß er so furchtlos in den Tod ging, weil ich ihm gesagt hatte, daß ich ihn liebe …«

 

»Du hast ihn geliebt?« Tony war starr vor Entsetzen. »Ich denke, du liebst mich. Weißt du nicht mehr, wem du gehörst? Mir!«

 

»Jetzt gehöre ich ihm.«

 

Er konnte nicht mehr reden vor Wut. Plötzlich sprang er auf sie los und packte sie an der Kehle.

 

»Überlege dir lieber, wo Con O’Hara ist …«, keuchte sie atemlos.

 

Diese Frage brachte ihn wieder zur Vernunft.

 

Con O’Hara – die Polizei hatte ihn nicht gefunden, er mußte noch am Leben sein. Und wenn Jimmy es gewußt hatte, dann wußte er es auch. Das bedeutete Gefahr, höchste Gefahr für Tony selbst, denn trotz mancher Schwächen war Con ein Mann, vor dem sich jeder hüten mußte. Ausgerechnet er war nicht in die Falle gegangen …

 

»Ich gehe in mein Zimmer«, sagte Minn Lee.

 

»Scher dich zum Teufel …« Plötzlich fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf. »Du hast doch mit Kelly gesprochen – hast du ihm etwas gesagt?«

 

Sie lehnte an der Wand, und er packte sie wild an den Schultern.

 

»Hast du ihm etwas gesagt? Vielleicht willst du mich verpfeifen, wie …?«

 

Seine Finger krampften sich wieder um ihre Kehle und erstickten ihre Worte.

 

»Du lügst, du schmutzige kleine …!«

 

Perellis Gesicht hatte sich verzerrt; sein wahrer Charakter, die ganze Gemeinheit und Hemmungslosigkeit seiner eigentlichen Natur kamen jetzt zum Vorschein.

 

»Du weißt wohl verdammt viel, was?«

 

Mit einer geschickten Drehung machte sie sich aus seinem Griff frei.

 

»Du hast recht. Ich weiß, daß du Vinsetti erschossen hast.«

 

»So? Woher willst du denn das wissen?«

 

»Du redest im Schlaf – manchmal läßt dir dein Gewissen anscheinend doch keine Ruhe.«

 

Er schleuderte sie über den Tisch und packte rasend vor Wut die schwere Bronzefigur, die neben ihm stand. Auch jetzt verlor sie noch nicht die Beherrschung.

 

»Besser, du bringst mich nicht um. Nicht wegen mir – aber Kelly sagte, daß man in Chicago zum Tod verurteilt wird, wenn man eine Frau ermordet. Ich sollte ihm alles erzählen, und er versprach mir hunderttausend Dollar Belohnung, aber ich sagte ihm – daß ich dich liebe.«

 

Perelli hörte ein schwaches Geräusch und warf einen Blick über die Schulter. Angelo lehnte an der Tür, die Hände leicht auf die Hüften gestemmt. In dem Augenblick, als Tony die Bronzefigur hob, war er dem Tod sehr nahe gewesen, denn Angelo Veronas Finger hatten sich bereits um den Griff seiner schweren Pistole geschlossen.

 

»Das hast du ihm gesagt?« fragte Tony heiser. Er sah sie an, dann wanderten seine Blicke zu Angelo. »Gut, Minn Lee. Es ist alles in Ordnung …« Er verabschiedete sie mit einer leichten Geste.

 

»Was gibt es hier?«

 

Perelli hörte die metallene Härte in Angelos Stimme.

 

»Schick alles fort, was nicht unmittelbar zu uns gehört, Angelo. Ist Tomasino oben? Ja? Wer noch?«

 

»Toni Ramano, Jake French, Al Mario …«

 

»Schicke sie sofort los! Sie sollen mit dem Wagen die Stadt absuchen und Con O’Hara auftreiben.«

 

»Aber …«

 

»Er ist ein Verräter. Er hat den Jungen allein gehen lassen. Jimmy ist tot. Keinesfalls will ich eine Schießerei hier in der Nähe haben, verstanden? Stelle einen Mann an die Haustür, der mir ein Signal gibt, wenn er von selber herkommen sollte. Ich möchte ihn dann persönlich erledigen.«

 

»Con hat doch nicht etwa gewußt, daß er in den Tod geschickt wurde?« fragte Angelo entsetzt.

 

»Du Schwachkopf – natürlich muß er es gewußt haben.«

 

»Soll ich alle Leute, die noch hier sind, fortschicken?«

 

»Ja – das heißt, O’Haras Frau bleibt hier.«

 

»Soll ich auch mit den anderen in die Stadt fahren?«

 

»Nein. Halte zwei oder drei Mann hier bereit. Die Couch muß hereingeschafft werden. Los jetzt – tausend Dollar Belohnung für den, der O’Hara erwischt.«

 

Angelo machte sich auf den Weg, und Tony Perelli traf seine Vorbereitungen. Er hatte schon öfters solche Krisen erlebt. Im Fall Vinsetti war es ähnlich gewesen, und die günstige Gelegenheit hatte sich ganz unerwartet geboten. Minn Lee hatte die ganze Zeit davon gewußt, das ging ihm jetzt wieder durch den Kopf. Doch sie würde nichts verraten, seltsamerweise war er davon fest überzeugt. Trotzdem, sie würde ihn verlassen müssen, und es war ihm sogar lieb, daß sie ihm durch ihr Verhalten einen Grund gegeben hatte. Das erleichterte die Trennung.

 

Bis auf eine Stehlampe schaltete er alle Lampen in dem Zimmer aus. Dann nahm er eine Pistole aus einer Schublade, zog das Magazin heraus und überzeugte sich, daß es gefüllt war. Er schob es wieder in den Griff der Waffe, lud durch und legte die Pistole unter seinen Hut, den er auf das Klavier geworfen hatte.

 

Als Angelo mit der Meldung zurückkam, daß Tonys Befehle ausgeführt wurden, traf Tony weitere Vorkehrungen. Vor allem mußte er wegen Mary zu einer Entscheidung kommen. Während er noch über sie nachdachte, kam sie ziemlich schlechter Laune ins Zimmer.

 

»Alles geht nach Hause – das ist mir ein netter Abend!«

 

»Sie müssen das verstehen, Mary; die Leute haben noch zu tun! Und wenn die andern auch gehen, so können Sie doch hierbleiben!«

 

Er war nicht in der Stimmung, sich auf lange Diskussionen mit ihr einzulassen, und sie erschrak über seinen herrischen Ton. Rasch erhob sie sich von der Couch, auf der sie sich malerisch niedergelassen hatte. »Ist denn etwas passiert?«

 

»Ja – etwas Entsetzliches. Jimmy, dieser nette Kerl, ist erschossen worden!«

 

»Jimmy McGrath?« rief sie und fuhr zusammen. »Er ist doch gemeinsam mit Con fortgegangen! Was ist los? Sagen Sie es mir!«

 

»Tom Feeneys Leute haben es getan.«

 

Ihre Knie zitterten, obwohl das wirklich nicht der erste Mord war, der in ihrer näheren Umgebung passierte.

 

»Was ist mit Con!« rief sie schrill. »So antworten Sie doch!«

 

»Es ist ja alles in Ordnung, Con ist nichts passiert.«

 

»Wo ist er? Lassen Sie mich gehen!«

 

Sie sprang auf, aber er hielt sie fest. Unter keinen Umständen durfte sie jetzt mit Con O’Hara zusammenkommen. Wenn sie schwatzte, konnte es schlimm ausgehen.

 

»Sie möchten wohl, daß er gleich wieder hier aufkreuzt?« fragte er wütend. »Vor einer Stunde dachten Sie noch anders darüber. Er wird wahrscheinlich die ganze Nacht wegbleiben, denn die Polizei ist hinter ihm her. Er steht im Verdacht, Jimmy erschossen zu haben.«

 

Er war stolz auf diese Ausrede, die ihm gerade im richtigen Moment eingefallen war.

 

»Ich gehe nach Hause und warte dort auf ihn«, erklärte sie.

 

»Sie haben hier doch alles, was Sie brauchen. Wozu wollen Sie also heimgehen? Es ist bestimmt viel besser, wenn Sie hierbleiben. Dort haben Sie doch nur die ganze Nacht die Polizei auf dem Hals. Also – Sie bleiben.«

 

»Das fällt mir gar nicht ein!«

 

Sie versuchte vergeblich, davonzulaufen. Tony Perelli war stärker als sie. Er nahm ihr Gesicht zwischen die Hände und küßte sie …

 

»Con wird dich erschießen«, stöhnte sie.

 

»Bleibst du jetzt bei mir?«

 

Statt einer Antwort schmiegte sie sich an ihn.

 

Kapitel 21

 

21

 

Später führte sie Tony höflich bis vor eine Tür im ersten Stock.

 

»Dies ist dein Zimmer – ich habe es für dich ausgesucht. Con ist mit dem Zug nach Indiana gefahren«, versuchte er sie zu trösten. »Er kommt vor morgen früh nicht zurück.«

 

»Wird ihm auch nichts passieren?«

 

»Bestimmt nicht.«

 

Er ging noch eine Weile auf dem Gang hin und her, als sie in ihrem Zimmer verschwunden war. Die Tür wurde von innen verschlossen, und er lächelte. Auch jetzt noch versuchte sie, die anständige Dame zu spielen.

 

Angelo erwartete ihn schon mit zwei Leuten. Als Tony zurückkam, stand eine große rote Couch auf dem Teppich. Vor der Couch lag eine Brücke in derselben Farbe.

 

Tony mußte plötzlich an Vinsetti denken. Er sprach auch mit Angelo darüber, der allein bei ihm blieb, nachdem die Vorbereitungen getroffen waren.

 

»Romano wird Con unter allen Umständen erledigen«, sagte Angelo.

 

»Ist der Alarm eingeschaltet?«

 

Angelo sah zu dem kleinen Schalter hinüber und nickte.

 

»Alles in Ordnung, aber ich glaube nicht, daß O’Hara hierherkommt. Wer hat es ihm eigentlich gesteckt?« Er stand an der Tür und horchte auf die Geräusche des Aufzugs.

 

»Jimmy.«

 

Angelo war aufs höchste überrascht.

 

»Was? Aber Jimmy hatte doch keine Ahnung, daß er in den Tod geschickt werden sollte. Sonst wäre er doch niemals gegangen!«

 

»Er wußte es.«

 

Die Spannung wurde allmählich unerträglich, und die beiden schauten bei jedem leisen Geräusch zur Tür.

 

»Das ist ja nicht zu glauben! Aber wer sollte ihm denn das verraten haben?«

 

»Minn Lee«, erwiderte Tony schroff. »Sie nahm ihn mit in ihr Zimmer, während wir alle hier waren.« Seine Stimme zitterte. »Verstehst du das? – Aber dafür wird sie mir noch büßen!«

 

Das schwache Lächeln, das um Angelo Veronas Mund spielte, war schwer zu deuten.

 

»Es wird besser sein, du hütest dich ein wenig vor ihr. Sie weiß sehr viel …«

 

In diesem Augenblick summte eine elektrische Klingel; es war das Signal, daß man Con O’Hara gesehen hatte.

 

Angelo zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe.

 

»Donnerwetter, hätte nicht gedacht, daß er herkommt! Ich nehme an, sie werden ihn gleich unten erledigen.«

 

»Ich will keinen Skandal hier haben«, erklärte Tony scharf.

 

Wieder ein Warnungssignal; Con O’Hara war jetzt im Haus. Perelli machte eine Handbewegung.

 

»Geh hinaus«, flüsterte er. »Wenn ich ihn verfehlen sollte, schieß du auf ihn. Verhalte dich ruhig!«

 

Angelo verließ den Raum. Tony stand an das Klavier gelehnt und wartete. Langsam öffnete sich die Tür, eine Hand mit einem Revolver schob sich durch den Spalt. Die Mündung zeigte auf ihn. Mit einem entschlossenen Ruck wurde die Tür aufgestoßen, und Con O’Hara kam furchtlos herein. Er hatte den Hut ins Genick geschoben, sein Gesicht war von äußerster Entschlossenheit.

 

Tony hatte nachlässig seinen Hut in die Hand genommen, als wäre er gerade im Begriff, fortzugehen.

 

»Hallo, Con«, sagte er in freundlichstem Ton. »Sind Sie schon wieder zurück? Die Gesellschaft hat sich schon in alle Winde zerstreut. Ich möchte noch einen kleinen Spaziergang machen – kommen Sie mit?«

 

Ohne Zögern ging Con O’Hara bis zu der roten Couch.

 

»Einer von uns beiden wird nicht weit gehen«, sagte er verbissen. Eine fast hemmungslose Wut hatte ihn gepackt; nur eines hielt ihn noch zurück: das unweigerliche Mißtrauen, das jeder Verbrecher Geschichten entgegensetzt, die ihm von seinesgleichen erzählt werden. Aber Jimmy mußte die Wahrheit gesprochen haben – er war gestorben, um sie zu beweisen.

 

Tony lächelte.

 

»Haben Sie sich auf dem Weg hierher einen genehmigt? Oder ist sonst etwas mit Ihnen los? Hat Jimmy dem Captain meinen Brief übergeben?«

 

O’Hara atmete schwer; er hatte Mühe, die Herrschaft über seine Stimme zu behalten.

 

»Tot ist er, wenn Sie das meinen! Ich habe ihm zuerst nicht geglaubt – aber er sagte, daß Sie uns ans Messer liefern wollten. Ich habe genau beobachtet, was geschah – ein Auto fuhr vorbei, und sie haben ihn mit einem Maschinengewehr umgelegt …, dann warteten sie noch eine Weile. Sie sahen sich nach noch jemand um – nämlich nach mir!«

 

Bestürzung spiegelte sich in Perellis Gesicht.

 

»Ich verstehe Sie nicht – was meinen Sie denn damit, Con? Sie glauben doch nicht etwa, daß ich, Antonio Perelli, Sie in den Tod …«

 

»Allerdings, das glaube ich«, entgegnete O’Hara grimmig.

 

»Sie sind verrückt – meinen besten Mann und meinen besten Freund!«

 

»Wo ist meine Frau?«

 

»Sie ist nach Hause gegangen.« Tony wischte ein Stäubchen von seiner Schulter.

 

»Nach Hause gegangen? – Sie ist hier!«

 

»Wirklich, Sie benehmen sich wie ein Idiot. Seien Sie doch vernünftig, Con. Würde ich vielleicht ausgehen, wenn Ihre Frau hier wäre?«

 

»Sie gehen nicht aus!« zischte O’Hara. »Her mit Ihrem Hut!«

 

Mit der Linken riß er Tony den Hut aus der Hand, doch im gleichen Augenblick drückte Perelli die Pistole ab, die er darunter verborgen gehalten hatte. Es gab keinen lauten Knall, der Schalldämpfer funktionierte ausgezeichnet, und außerhalb des Raumes hatte man wahrscheinlich gar nichts gehört. Cons Revolver fiel zu Boden – er griff sich mit beiden Händen an die Seite und drehte sich einmal um sich selbst. Perelli feuerte ein zweites Mal, und dieses Mal traf er ihn tödlich. Mit einem Stoß schleuderte er den schwankenden Mann auf die Couch, wo er regungslos liegenblieb.

 

Kapitel 22

 

22

 

Perelli spielte Klavier, und Mary ging hinunter, um ihm zuzuhören. Die große rote Couch war inzwischen wieder weggebracht worden, und sie hatte keine Ahnung, daß die Leiche ihres Mannes im anstoßenden Zimmer lag.

 

Nach einer angeregten Unterhaltung mit Tony sagte sie gute Nacht. Ihr Schlaf war sehr unruhig, und gegen Morgen lief sie nach Hause, um nachzusehen, ob ihr Mann nicht inzwischen zurückgekommen sei. Aufgeregt und nervös erschien sie wieder in Perellis Wohnung.

 

Angelo Verona saß in Hemdsärmeln am Eßtisch im Salon und war damit beschäftigt, Löhne abzurechnen, die am nächsten Vormittag ausgezahlt werden sollten. Drei Haufen Banknoten lagen vor ihm, und er sortierte sie gerade durch, als sie ankam.

 

Sie konnte Angelo gut leiden. Er war nahe daran, eine bedeutende Stellung in der Unterwelt von Chicago einzunehmen. Eines Tages würde er der Chef einer großen Organisation sein, wenn ihn nicht vorher einer von Tom Feeneys Freunden niederknallte.

 

»Noch nichts von Con gehört?« fragte Mary ängstlich.

 

»Ich glaube, er ist mit dem Zug weggefahren«, erwiderte Angelo, ohne aufzuschauen. »Er sprach gestern abend davon, daß er nach Detroit fahren wollte. Möchte bloß wissen, warum die Jungens alle nach Detroit gehen.«

 

»Wenn ich nur wenigstens eine Nachricht von ihm hätte!«

 

Angelo legte seinen Bleistift weg. Es hatte keinen Sinn zu arbeiten, solange dieses geschwätzige Frauenzimmer hier war.

 

»Was wollen Sie denn, Mrs. O’Hara? In unserem Geschäft muß man beweglich sein. Die Leute sind manchmal wochenlang verreist. Sie wissen doch, daß wir keinen Kaugummi verkaufen.«

 

Aber sie war nicht so leicht zu beruhigen.

 

»Steht nichts Neues in der Zeitung?«

 

Angelo fuhr sich mit der Hand durch das Haar und sah sie ärgerlich an.

 

»Über Jimmy können Sie eine ganze Menge lesen.«

 

Er selbst bedauerte es sehr, daß der junge Mann hatte dran glauben müssen. Jimmy war ein netter Kerl gewesen, der niemals seine Kameraden bei der Polizei verpfiffen hätte. Aber Angelo hielt es für klüger, zu schweigen.

 

»Ja, der arme Junge. Ich habe schon alles gelesen. Weil Con mit ihm weggegangen ist, bin ich so in Sorge. Sie verstehen das doch, Angelo, nicht wahr?«

 

Er nickte.

 

»Irgend etwas stimmt da nicht«, erklärte sie hartnäckig.

 

Angelo begann nervös zu werden.

 

»Also, hören Sie zu, Mrs. O’Hara. Ich muß Ihnen etwas anvertrauen. Con ist heute nacht zurückgekommen.«

 

Sie stand erregt auf.

 

»Was – er ist hier gewesen? Hat er nach mir gefragt?« rief sie atemlos. »War er zu Hause?«

 

»Nein.« Angelo konnte für gewöhnlich geschickte Ausreden erfinden, aber hier schien es Komplikationen zu geben.

 

»Ich sagte ihm, daß Sie bei Minn Lee schliefen und daß Tony ausgegangen sei.«

 

»Wollte er denn nicht heraufkommen?« fragte sie ängstlich.

 

Er lächelte.

 

»Nein. Das hätte ich auch nicht zugelassen.«

 

Sie atmete auf und schaute ihn dankbar an.

 

»Das war sehr nett von Ihnen – ich weiß nicht, was er getan hätte, wenn …«

 

»Jemand hätte wahrscheinlich ins Gras beißen müssen«, erwiderte Angelo trocken.

 

»Hat er denn gar keine Nachricht für mich hinterlassen?«

 

Er erinnerte sich an gewisse Anweisungen, die er am Morgen erhalten hatte.

 

»Ihr Mann läßt Ihnen bestellen, daß Sie bei Minn Lee bleiben sollen, bis Sie wieder von ihm hören.«

 

Sie wußte nicht recht, ob sie ihm glauben sollte oder nicht.

 

»Aber er hat doch kein Geld!«

 

»Ich habe ihm welches gegeben. Tony war wütend, als er davon erfuhr.«

 

Er legte seine Hand unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht hoch.

 

»Wie gefällt’s Ihnen hier?«

 

Diese Frage lenkte sie ab, und sie dachte an die Stellung, die sie vielleicht bald in diesem Haus einnehmen würde.

 

»Finger weg«, sagte sie und stieß ihn zurück. »Wo ist Mr. Perelli?«

 

»Sie meinen Tony«, erwiderte Angelo lächelnd. »Er ist jetzt gerade im Polizeipräsidium – zusammen mit seinem Rechtsanwalt. Ich glaube, Sie werden es hier sehr schön haben, Mary. Vergessen Sie nicht, daß Sie sich bald jeden Wunsch erfüllen können – ah, guten Morgen, Minn Lee.«

 

Die Chinesin sah strahlend und frisch aus wie eine Frau, die noch nie gewußt hat, was Sorgen sind. Sie nickte freundlich und setzte sich an einen kleinen Tisch; mit einem langen Dolch schnitt sie die Seiten eines französischen Romans auf, den sie mitgebracht hatte.

 

Mary sah sie einen Augenblick verwirrt an.

 

»Ach, Mrs. Perelli – ich habe Sie heute morgen ja noch gar nicht gesehen. Hoffentlich hat es Ihnen nichts ausgemacht, daß ich hier geschlafen habe – es war mir so unangenehm, aber mein Mann ist doch nicht zurückgekommen.«

 

»Minn Lee, müssen Sie ausgerechnet diesen Dolch benutzen? Er ist unheimlich scharf«, warnte Angelo.

 

»Tony hat gestern abend den Brieföffner zerbrochen.« Sie fuhr prüfend mit dem Daumen über die Klinge. »Glauben Sie, ich würde jemand damit erstechen?«

 

Mary ließ sich nicht von ihrem Thema abbringen.

 

»Ich bin so beunruhigt wegen Con – er hätte doch wenigstens aus Detroit anrufen können!«

 

»Tony weiß ganz bestimmt, wo er sich aufhält«, sagte Minn Lee. »Warum haben Sie ihn nicht gefragt?«

 

Mary zuckte die Schultern und warf den Kopf zurück.

 

»Ich möchte Mr. Perelli nicht dauernd belästigen – er hat so viel zu tun … Warum lachen Sie denn, Mrs. Perelli?«

 

»Ich lache durchaus nicht, ich fühle mich heute nur so glücklich – Sie auch?«

 

Angelo hörte interessiert zu und beobachtete Minn Lee scharf; ihr Blick war weder spöttisch noch boshaft, und auch ihre Stimme klang ganz normal. Mary sah sie verblüfft an.

 

»Glücklich? Haben Sie denn kein Herz? Denken Sie doch daran, daß der arme Jimmy erschossen wurde!«

 

Minn Lee lachte leise, nahm ihr Buch und ging auf den Balkon. Gleich darauf kam sie aber wieder zurück.

 

»Ich habe noch vergessen, Ihnen zu sagen, daß Tony in allem, was Geld betrifft, sehr großzügig ist. Stellen Sie sich vor, er hat zweihundert seidene Hemden!«

 

Das machte Eindruck auf Mary.

 

»Ich mag es sehr, wenn sich ein Mann gut anzieht.«

 

Die Haustür wurde zugeschlagen, und kurze Zeit später trat Tony ein. Er warf Mantel und Hut einem seiner wartenden Angestellten zu.

 

»Ah; Mr. Perelli«, sagte Mary, »da sind Sie ja.«

 

Er kümmerte sich nicht um sie, ging schnell auf den Balkon und schaute hinunter. Dann kam er zurück und ließ sich in einen Sessel fallen.

 

»Bist du müde?« fragte Minn Lee.

 

»Ich habe einen verdammt anstrengenden Tag hinter mir. Seit heute morgen um neun war ich im Polizeipräsidium.«

 

»Du hast dich wohl gut mit Mr. Kelly unterhalten?« bemerkte Angelo.

 

»Ich werde dir nachher schon erzählen, wie sich die Unterhaltung abgespielt hat. Verbinde mich sofort mit Oberrichter Raminski. Ich will diesem Polypen mal die Hölle heiß machen!«

 

Mary sah ihn verblüfft an. Oberrichter Raminski nahm eine hohe gesellschaftliche Stellung ein und gehörte zu den einflußreichsten Persönlichkeiten in Chicago.

 

»Ich bin völlig erledigt«, sagte Tony. »Sie haben mich durch halb Chicago gefahren, bis ich fast verrückt wurde. Von der Polizei zum Rathaus, vom Rathaus zur Polizei, dann zum Leichenschauhaus und schließlich zu der Stelle, wo Jimmy gefunden wurde.«

 

Angelo hatte inzwischen gewählt und reichte seinem Chef den Hörer.

 

»Ist dort Oberrichter Raminski …? Hier Perelli – Antonio Perelli. Zum Teufel, sagen Sie mal, was soll das bedeuten, daß Kelly mich durch die ganze Stadt schleifen darf?« rief Tony wütend. »Sie sind doch schließlich sein Vorgesetzter … Zwei Stadtbezirke habe ich bei der Wahl für Sie mobil gemacht, das scheinen Sie ganz vergessen zu haben, was …? Und daß ich fünfzigtausend Dollar für Ihren Wahlfonds gespendet habe, ist Ihnen auch nicht mehr bekannt …? Wie …? Also hören Sie – ich muß ganz entschieden bitten, daß bei der Polizei einmal aufgeräumt wird. Sie wollen doch Senator werden – also, sorgen Sie dafür, daß man Kelly hinauswirft! Das ist mein letztes Wort!«

 

Er warf den Hörer auf die Gabel. »Den Burschen soll es noch reuen, daß er so mit mir umgesprungen ist!«

 

Erst allmählich erkannte Mary, wieviel Macht Perelli besaß. Nur er konnte es wagen, so mit einem Richter zu sprechen,, der über Leben und Tod zu entscheiden hatte!

 

»Gib mir was zu trinken, Angelo – Chianti oder was du gerade findest.«

 

Minn Lee kam Angelo zuvor und ging aus dem Zimmer.

 

»Warst du in Cicero?« fragte Tony.

 

Angelo nickte.

 

»In der ›Skyline-Bar‹ ist überhaupt nichts passiert – Kelly hat die ganze Geschichte erfunden.«

 

Mary mischte sich ins Gespräch und machte einige abfällige Bemerkungen über Leute, die in zweifelhaften Nachtlokalen arbeiten. Als Minn Lee mit dem Wein zurückkam, wandte sich Mary an sie.

 

»Es muß doch furchtbar sein, als Animiermädchen in einem solchen Lokal zu arbeiten, Mrs. Perelli.«

 

»Von was reden Sie denn?« fragte Minn Lee.

 

»Ich meine diese Lokale in Cicero …«

 

»Ach, lassen Sie doch!« sagte Tony barsch. »Vielleicht gefällt den Mädchen dort ihr Beruf sogar!« Er sah Minn Lee mit einem ermutigenden Lächeln an. »Die Geschäftsführerin eines solchen Lokals hat das beste Leben – eine schöne Wohnung steht ihr zur Verfügung, und sie kann sich Freunde einladen, soviel sie will.«

 

Minn Lee schien ihm gar nicht zuzuhören.

 

»Hast du Jimmy noch einmal gesehen?« fragte sie so leise, daß es Mary nicht hören konnte.

 

Er wurde blaß – trotz seiner Abgebrühtheit wagte er es nicht, sie anzusehen. »Er sah ganz zufrieden aus«, flüsterte er schließlich ebenso leise mit abgewandtem Gesicht zurück. »Man hatte fast den Eindruck, daß er lächelte …«

 

»Ich dachte es mir«, erwiderte Minn Lee. »Hast du noch etwas darüber gehört, wie er starb?«

 

»Er lebte nur noch einige Sekunden, nachdem die Polizisten ihn gefunden hatten.«

 

»Der arme Junge«, warf Mary, die die letzten Sätze gehört hatte, in konventionellem Ton ein.

 

»Warum sagen Sie ›armer Junge‹?«

 

Minn Lee, die zur Tür gegangen war, blieb stehen und sah Mary mit einem so merkwürdigen Leuchten in ihrem Blick an, daß sie kein Wort mehr sprach.

 

Auch Tony war wieder nachdenklich geworden. Wie würde das Leben ohne Minn Lee sein? Könnte er es wirklich ertragen, daß eine Frau, die ihm so viel bedeutet hatte, einfach vor die Hunde ging – und daß er selbst es so wollte? Er rühmte sich zwar, ein guter Geschäftsmann zu sein, und er hatte niemals gezögert, das Glück anderer Menschen zu opfern, wenn es sich um die Durchführung seiner Pläne handelte, aber in diesem Fall fühlte er Gewissensbisse.

 

An und für sich schien alles so leicht zu gehen – alle Entschuldigungen, die er brauchte, hatte sie selbst ihm geliefert. Und trotzdem wurde er ein unbehagliches Gefühl nicht los – ein Gefühl, wie er es noch nie empfunden hatte.

 

Er sah auf die schöne Frau, die Minn Lees Nachfolgerin werden sollte. Wenigstens war Mary nicht so kompliziert; er setzte sich neben sie und legte ihr den Arm um die Schultern.

 

»Ich habe dich den ganzen Tag noch nicht richtig gesehen, Liebling«, sagte er.

 

Sie sah ihn mit einem koketten Blick von der Seite her an.

 

»Liebst du mich auch noch?«

 

Er zog sie an sich und küßte sie; plötzlich sprang sie auf.

 

»Wenn Con zurückkommt, werde ich ihm alles sagen«, erklärte sie. »Ich halte es nicht für richtig, einen Mann zu hintergehen. Vor dem Krach, den er schlagen wird, graust mir allerdings – du wirst mir helfen müssen! – Was willst du übrigens mit ihr machen?« fragte sie und sah auf die Tür, hinter der Minn Lee verschwunden war. »Das muß doch auch in Ordnung gebracht werden.«

 

Das war durchaus auch seine Meinung, aber es war eben nicht so leicht in Ordnung zu bringen, wie er gedacht hatte. Nervös zuckte er die Schultern.

 

»Ich bin mit ihr fertig. Sie liebt mich nicht mehr – hat mich sogar betrogen!« setzte er leise hinzu.

 

»Da sieht man wieder einmal, wie unzuverlässig diese Asiaten sind«, erwiderte Mary entrüstet. »Aber du mußt ihr trotz allem eine anständige Abfindung geben.«

 

Tony schaute sie lächelnd an.

 

»Ich freue mich, daß du so denkst.«

 

»Ja, ich war, schon immer dafür, daß alle Leute anständig behandelt werden.«

 

Sie sprach noch mehr von ihrer großzügigen Art, um sich bei Tony ins rechte Licht zu setzen, aber er hörte kaum zu. Mit seinen Gedanken war er schon wieder bei Kelly.

 

»Ich werde Sie demnächst besuchen, um Ihre neue Frau zu begrüßen«, hatte dieser Mann mit brutaler Offenheit gesagt.

 

Tony sprach mit Mary darüber und warnte sie.

 

»Er wird wahrscheinlich von Jimmy sprechen und auch nach Con fragen. Aber laß dich nur nicht von ihm einschüchtern. Er hat nämlich eine gewisse Art, die Leute so weit zu bringen, daß sie wütend werden, und dann reden sie gewöhnlich.«

 

»Plötzlich stand Angelo in der offenen Tür und winkte ihm.

 

»Tom Feeney ist da – willst du mit ihm sprechen?«

 

Tony schaute ihn ungläubig an.

 

»Tom Feeney? Hat er seine Leute dabei?«

 

Angelo Verona lachte. »Er ist allein gekommen. Wahrscheinlich warten sie draußen.«

 

Tony war sprachlos. Shaun O’Donnell wäre niemals so unvorsichtig gewesen.

 

»Was will er denn?« fragte er, aber plötzlich fiel ihm etwas ein, was er mit Angelo seit einigen Tagen besprechen wollte. Er schickte Mary mit einer Entschuldigung in den kleinen Salon.

 

»Angelo, ich habe erfahren, daß du eine Million Dollar nach Europa geschickt hast.«

 

Angelo nickte. Er hatte es erwartet, daß Tony hinter seine Schliche kommen würde. Das Geld gehörte zwar ihm, aber Tony wollte nicht erlauben, daß er es auf eine europäische Bank einzahlte. Er hatte sich Zeit gelassen und die Überweisung so vorsichtig wie möglich vorgenommen, aber Tonys Spitzel waren überall; wahrscheinlich hatte er es von einem Bankangestellten erfahren. Aber darauf kam es jetzt nicht an.

 

»Sicher«, erwiderte er. »Meine alte Mutter und meine Schwester sollen auch mal in besseren Verhältnissen leben.«

 

»Ich habe auch erfahren, daß du einen Platz auf einem kanadischen Schiff belegt hast?«

 

Tony sprach freundlich und liebenswürdig, aber seiner Stimme fehlte eine gewisse Sicherheit. Angelo wußte sofort, daß sein Chef nur eine Vermutung ausgesprochen hatte.

 

»Das ist nicht wahr«, erklärte er.

 

Es war unmöglich, daß Tony oder einer seiner Leute entdeckt haben konnten, daß er eine Kabine durch ein Londoner Reisebüro hatte belegen lassen.

 

Tony Perelli biß sich auf die Unterlippe und studierte aufmerksam das Teppichmuster. Dann wechselte er plötzlich das Thema. Das war ein schlechtes Zeichen. »Besetze alle Ausgänge, falls etwas passiert. Irgendwann kommt die Auseinandersetzung mit Feeney doch. Laß ihn herein.«

 

Als er allein war, nahm er einen Browning und steckte ihn in die Jackettasche. Dann ging er mit den Händen auf dem Rücken auf und ab. Tom trat ein; er begrüßte ihn freundlich.

 

»Wie geht’s Ihnen, Tom?«

 

Feeney sah sich vorsichtig um.

 

»Ausgezeichnet«, sagte er dann.

 

Sie schauten einander mißtrauisch an.

 

»Hol das Buch«, befahl Tony feierlich.

 

Angelo öffnete eine Schublade und nahm eine große Bibel heraus, die er auf den Tisch legte und aufschlug. Dann zog Tony eine Pistole aus der Hüfttasche und legte sie auf das offene Buch. »So, da ist mein Schießeisen.«

 

Feeney zögerte etwas, zog aber dann auch eine Pistole heraus und legte sie dazu. Aber dann nahm er sie wieder weg, weil er sich daran erinnerte, daß er es mit einem Sizilianer zu tun hatte, der mit allen Wassern gewaschen war.

 

»Einen Moment, Tony – ist das eine italienische oder eine irische Bibel?«

 

»Sie ist hundertprozentig amerikanisch«, erklärte Tony salbungsvoll.

 

Feeney schaute auf das reich ornamentierte Titelblatt.

 

»Das letztemal bin ich bemogelt worden. Der Lump hatte die Zehn Gebote herausgeschnitten.«

 

»Keine Sorge, hier ist noch alles drin«, entgegnete Perelli. »In einem Antiquariat haben sie mir hundert Dollar für das Buch abgeknöpft.« Brummend gab sich Feeney zufrieden und legte seine Pistole wieder auf den Tisch.

 

Dann wartete er, bis Angelo hinausging; er hatte Shaun O’Donnells Warnung nicht vergessen: »Behalte Tony Perelli gut im Auge – aber Angelo Verona gegenüber mußt du doppelt vorsichtig sein.«

 

Um das Zimmer besser überschauen zu können, lehnte er mit dem Rücken an der Wand, von wo er auch die Tür beobachten konnte.

 

»Tony, Sie haben gestern abend Ihr Versprechen nicht gehalten.« Unentwegt schaute er auf die Tür und nicht auf seinen Gesprächspartner. »Sie haben nur einen geschickt.«

 

Perelli schüttelte den Kopf.

 

»Irrtum. Es tut mir selber leid – aber Con O’Hara hat Lunte gerochen und hat sich gedrückt.«

 

Tony hatte den Eindruck, daß Feeney nur deswegen gekommen war, weil ihn seine Schwester dazu gezwungen hatte.

 

»Man sagt, daß Sie Con O’Hara einen Wink gegeben haben …«

 

»Kann mir schon denken, was für ein Blödsinn wieder geredet wird«, unterbrach ihn Tony verächtlich. »Aber sagen Sie selbst, welchen Zweck sollte es denn haben, ihn erst hinzuschicken und ihm nachher einen Tip zu geben?«

 

Tom schaute sich unablässig im Zimmer um, als ob er eine verborgene Gefahr fürchtete.

 

»Es ist wirklich niemand hier«, versicherte Tony.

 

»Das hat Vinsetti wahrscheinlich auch gedacht – und wurde doch tot hinausgetragen, obwohl er ein besserer Pistolenschütze war als ich.«

 

»Die Geschichte ist doch wirklich abgedroschen, wer denkt schon noch daran? Sie sind zu ängstlich, Tom. Ich habe ja nicht einmal ein Schießeisen.«

 

Feeney gab sich einen Ruck.

 

»Schon gut. Ich will Ihnen glauben. Entweder soll man jemandem trauen oder nicht.« Er nahm sich einen Stuhl und setzte sich seinem Rivalen gegenüber.

 

»Ich würde Sie überhaupt nicht belästigen, Tony, aber meine Schwester läßt mir keine Ruhe. Sie hat es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß der Mord an ihrem Mann gerächt wird.«

 

»Das verstehe ich durchaus.«

 

»Was ist mit Con O’Hara? Seien Sie doch einmal offen.«

 

Tony antwortete nicht sofort. Er betrachtete aufmerksam den vierschrötigen Mann, der vor ihm saß, und wunderte sich im stillen, durch welche merkwürdigen Umstände Tom Feeney der Chef einer solch mächtigen Organisation geworden war. Schließlich waren die Mitglieder seiner Bande nicht lauter Dummköpfe.

 

»Machen Sie sich keine Sorgen mehr um O’Hara«, meinte er schließlich. »Der ist bereits erledigt.«

 

Feeney schaute ihn erstaunt an.

 

»Das ist was anderes«, sagte er dann.

 

»Ich mag Leute nicht, die sich zu viel herausnehmen.«

 

»Wohin haben Sie ihn bringen lassen?«

 

»Hören Sie mal, Tom, kümmere ich mich vielleicht um Ihre Angelegenheiten? Können Sie nicht tun und lassen, was Ihnen beliebt?«

 

Tom hob abwehrend die Hand.

 

»Ist ja gut, Tony. Ich wollte Sie nicht beleidigen und weiß, daß ich mich auf Sie verlassen kann.«

 

Die Alarmglocke summte, und im Bruchteil einer Sekunde war Feeney auf den Füßen und hielt einen Revolver in der Hand. Tony wußte nicht, woher die Waffe plötzlich kam. Aber es war ihm nun klar, weshalb Tom Feeney der Führer einer Bande war.

 

»Zum Teufel, was hat das zu bedeuten?« rief Tom. »Nehmen Sie sofort die Hände hoch!«

 

Tony seufzte.

 

»Aber Tom, weshalb diese Aufregung?«

 

»Was bedeutet dieses Summen?«

 

»Wahrscheinlich kommt Mr. Kelly. Der Portier hat mir ein Signal gegeben. Weiter nichts.«

 

»Wozu kommt Kelly denn hierher?«

 

Tony stöhnte.

 

»Ich nehme an, daß er Mrs. O’Hara ausfragen will.«

 

Feeney steckte den Revolver in die Tasche.

 

»Entschuldigen Sie …«, begann er.

 

»Sie trauen mir nicht, Tom. Das tut mir aufrichtig leid«, erklärte Tony betrübt.

 

Wieder hörte man das Summen.

 

»Ich möchte Kelly nicht begegnen«, sagte Tom.

 

»Glauben Sie vielleicht, der wüßte nicht, daß Sie da sind? Aber gehen Sie hier in den Salon. Unterhalten Sie Mrs. O’Hara ein bißchen.«

 

Er öffnete die Tür.

 

»Sie können sich nicht vorstellen, Tom, wie Sie mich eben verletzt haben.«

 

Tom verließ kleinlaut das Zimmer.

 

Kapitel 23

 

23

 

Kommissar Kelly verlor im allgemeinen nicht so schnell die Fassung. Die Lage der Polizei in Chicago war alles andere als beneidenswert. Sie mußte gegen Verbrecherbanden kämpfen, die ausgezeichnet organisiert waren und Freunde in den exklusivsten Kreisen hatten. Sie finanzierten den Wahlkampf von Politikern und konnten die ganze Stadtverwaltung nach ihrer Pfeife tanzen lassen. Außerdem wurde ihre Tätigkeit von allen Bürgern gebilligt, die sich heimlich Alkohol kauften.

 

Auf wen konnte er sich stützen? Auf eine Polizeitruppe, die durch und durch korrupt war? Auf die hohen Beamten, die bei Perelli und anderen Bandenführern Anleihen machten?

 

»Die Sache ist völlig hoffnungslos«, sagte er zu seinem Assistenten, bevor er das Büro verließ. »Eben hat Oberrichter Raminski angerufen und mir Verhaltungsmaßregeln gegenüber Tony Perelli gegeben. Ich muß mich danach richten oder gleich mein Entlassungsgesuch einreichen. Aber mein Entschluß ist gefaßt«, sagte er grimmig. »Ich gehe lieber! Soll ein anderer sich die Zähne an diesem Posten ausbeißen – oder sich bestechen lassen. Was mich betrifft, so hat Perelli sein Spiel gewonnen.«

 

Er wollte gerade das Polizeipräsidium verlassen, als ihm ein Beamter nachlief. Er ging zurück und notierte sich etwas. Dann stieg er in ein Polizeiauto und fuhr zu Perelli. Harrigan begleitete ihn, blieb aber vorläufig unten.

 

Als Kelly eintrat, bemerkte er die beiden Stühle in der Mitte und wußte gleich, daß hier eine typische Konferenz zwischen zwei Bandenführern abgehalten worden war. Die offene Bibel bestätigte seine Vermutung. Von Feeney war allerdings keine Spur zu entdecken. Er betrachtete das Buch, blätterte ein wenig darin und wandte sich dann an Perelli.

 

»Hoffentlich habe ich hier keine Familienandacht gestört«, meinte er ironisch.

 

Tony lächelte. »Nein, wir sind bereits fertig«, entgegnete er mit betonter Höflichkeit.

 

»Unten habe ich Ihre Leute und Toms Leibwache gesehen; Sergeant Harrigan habe ich den Auftrag gegeben, jeden zu verhaften, der im Besitz einer Waffe ist, ohne einen Waffenschein zu haben.«

 

Er schob die Bibel zurück und stützte sich auf den Tisch, während Tony die Stühle wieder an ihren Platz stellte. Angelo sah heute in einem neuen Anzug besonders gut aus. Hemd, Krawatte und Schuhe konnte man nur als geschmackvoll bezeichnen.

 

»Direkt elegant sind Sie, Angelo. Könnten Sie mir nicht Ihren Schneider verraten?« sagte Kelly.

 

Angelo nickte.

 

»Wenn Sie unbedingt wollen, gern. Im übrigen mag ich es gar nicht, wenn Sie so zufrieden ausschauen – das bedeutet nichts Gutes für irgend jemand.«

 

Kelly strahlte.

 

»Haben Sie sich das schon gemerkt? – Wo ist denn die schöne Dame?«

 

»Im Salon«, entgegnete Tony, der genau wußte, wer gemeint war.

 

»Ausgezeichnet. Würden Sie so liebenswürdig sein, Mrs. O’Hara hierher zu bitten?«

 

Tony fühlte sich ein wenig unbehaglich.

 

»Sie spricht gerade mit einem Freund von mir …«, begann er zu erklären, aber Kelly unterbrach ihn lässig.

 

»Ich weiß, ich weiß – Mr. Feeney. Mit dem möchte ich auch ein Wörtchen reden.«

 

»Was wollen Sie denn von ihm?«

 

»Oh, ich hätte nur gern sein Autogramm gehabt; derartige Raritäten sammle ich.«

 

Er hörte den Seufzer Angelos und schaute auf.

 

»Wirklich, Sie beunruhigen mich, wenn Sie so, vergnügt sind«, sagte Tonys Adjutant. »Da finde ich es noch angenehmer, wenn Sie jemand beim Verhör scharf aufs Korn nehmen.«

 

»Nun, das können Sie auch haben!« rief Kelly Angelo nach, der zur Tür ging.

 

Dann legte der Beamte seinen Hut auf den Tisch, steckte sich eine Zigarre an und betrachtete Tony Perelli ausgesprochen unfreundlich.

 

»Ich habe Sie doch heute morgen nicht etwa beleidigt, Mr. Perelli? Wäre mir schrecklich, wenn ich Ihr empfindsames Gemüt verletzt hätte. Vielleicht haben Sie erwartet, daß ich einen Blumenstrauß mitbringe, aber ich wußte im Moment nicht mehr, welche Blumen Sie bei Ihren Beerdigungen vorziehen.«

 

»Wie amüsant Sie heute sind!« Tony verzog spöttisch den Mund.

 

»Die Hauptsache ist, daß Sie sich dabei wohl fühlen. Es scheint, daß ich in Zukunft viel höflicher mit Ihnen sein muß, Mr. Perelli. Sonst erhalte ich wieder Klagen, wie schlecht es ›meinem lieben Freund Antonio Perelli‹ geht.«

 

Tony heuchelte Erstaunen.

 

»Ich verstehe Sie nicht. Wer hat mich denn so genannt?«

 

»Oberrichter Raminski – das wissen Sie ganz genau. Er hat mich angerufen, weil er glaubte, daß wir Sie nicht richtig behandeln.«

 

Perelli zuckte die Schultern. Vielleicht war er mit seiner Beschwerde doch etwas zu voreilig gewesen.

 

»Das nächste Mal, wenn Sie zu uns kommen, werden wir ein paar Kissen für Sie besorgen«, fuhr Kelly fort. »Es wäre mir wirklich sehr unangenehm, wenn die Polizei als unhöflich verschrien würde.«

 

Er sah sich um, als Mary ins Zimmer trat. Tom Feeney, der sich offensichtlich sehr unbehaglich fühlte, folgte ihr.

 

»Welche Überraschung!« begrüßte ihn der Kommissar. »Guten Morgen.«

 

Tom grinste verlegen.

 

»Guten Tag, Mr. Kelly.«

 

»Darf Ich mir die Frage erlauben, warum Sie plötzlich lebensmüde geworden sind und hierher kommen?«

 

»Oh, Tony und ich sind jetzt Freunde.«

 

Kelly lachte schallend.

 

»Ach so, deshalb hat die ganze Michigan Avenue geflaggt!«

 

Feeney sah ihn mißtrauisch an und näherte sich langsam der Tür.

 

»Sie wollen mich doch nicht etwa verhaften?«

 

»Das möchte ich nur zu gern, aber ich kann es leider noch nicht.« Er klopfte dem Iren auf die Schulter. »Ich fürchte, daß mir jemand anders zuvorkommt; und wenn Sie erst im Schauhaus liegen, sind Sie nicht mehr viel für mich wert. Der arme Shaun ist ja diesen Weg gewandert.«

 

»Ja«, entgegnete Tom traurig.

 

»Wirklich ein schwerer Schlag.« Es gelang Kelly vortrefflich, eine Leichenbittermiene aufzusetzen. »Wieder ein Märtyrer mehr für den Alkoholschmuggel. Dafür haben dann Sie den einen Täter über den Haufen geschossen, und Tony den anderen, nicht wahr?«

 

Mary drehte sich schnell nach Tony um, aber der lächelte sie so unbekümmert an, daß ihr Verdacht für den Augenblick noch einmal beschwichtigt wurde.

 

»Kümmere dich nicht um Mr. Kelly«, sagte er. »Einer seiner Späße! – Was willst du denn hier?« fragte er Minn Lee, die in diesem Augenblick hereinkam.

 

Sie antwortete nicht, sondern sah nur neugierig Kelly an.

 

»Sie haben Jimmy McGrath erledigt und Tony Con O’Hara, stimmt’s?« fuhr der Beamte zu Tom gewandt fort.

 

Mary verfärbte sich.

 

»Das ist eine gemeine Lüge! Tony würde so etwas nie tun! Mein Mann hält sich gerade in Detroit auf.«

 

Tony sah sie scharf an, aber es gelang ihm nicht, ihr einen Wink zu geben. Er fügte sich deshalb mit philosophischer Gelassenheit in die Situation – einmal mußte es Mary ja doch erfahren.

 

»Ich glaube kaum, daß Sie wissen, wo er ist«, sagte Kelly. »Der Mann, der ihn kaltmachte, hat Ihnen einen Bären aufgebunden.«

 

»Das ist nicht wahr!« schrie sie. »Er ist in Detroit!«

 

Der Beamte sah sie kalt an und ging langsam auf sie zu.

 

»Er liegt im Leichenschauhaus in Lake Side!«

 

Sie wurde totenbleich und sank auf die Couch.

 

»Während der Nacht wurde er dort ans Ufer gelegt. Man fand ihn, kurz bevor ich mein Büro verließ.«

 

Angelo und Minn Lee führten die hysterisch schluchzende Mary aus dem Zimmer.

 

Tom Feeney schnalzte mit den Fingern. Er hatte interessiert zugehört und machte ein zufriedenes Gesicht.

 

»Das gefällt Ihnen, wie?« fragte Kelly. »Nun, wir werden schon noch sehen – fürs erste können Sie verschwinden.«

 

»Hören Sie mal, ich weiß nichts von dieser Geschichte«, protestierte Feeney.

 

»Kann schon stimmen. Dafür wissen Sie aber alles über Jimmy McGrath«, entgegnete Kelly ernst.

 

»Hab‘ den Mann niemals getroffen«, jammerte Feeney.

 

»Niemals getroffen?« Kelly musterte ihn mit einem scharfen Blick. »Natürlich, Sie sind jetzt ein großer Mann und lassen andere Leute die schmutzige Arbeit tun.«

 

Feeney hielt es für besser, das Thema zu wechseln.

 

»Darf ich die Gelegenheit gleich benützen und Sie zu meiner Geburtstagsfeier bei Bellini einladen? Es kommen lauter feine Leute – Richter Grichson, Oberrichter Aschen …«

 

»Danke bestens«, entgegnete Kelly kurz. »Ich studiere nicht Recht, ich übe es aus.«

 

Tom Feeny schnalzte mit den Fingern. Er hatte inter Zeile fehlt im Buch. Re. fühlen. Er wedelte verlegen mit der Hand, als er zur Tür ging. »Also, auf Wiedersehen …«

 

»Ich würde meine Geburtstagsfeier an Ihrer Stelle nicht bei Bellini abhalten!« rief ihm Kelly noch nach.

 

Tony und Angelo wechselten einen schnellen Blick.

 

»Warum denn nicht?« fragte Feeney bestürzt.

 

»Es gibt doch genug andere schöne Lokale in der Stadt, und wenn Sie meinem Rat folgen, haben Sie wenigstens Aussicht, nächstes Jahr wieder Geburtstag zu feiern.«

 

Feeney schaute von einem zum anderen, und plötzlich verstand er, was Kelly meinte.

 

»Ich danke Ihnen, Kommissar.«

 

»Nicht nötig – ich möchte nur haben, daß Sie einmal ganz rechtmäßig um die Ecke gebracht werden; das heißt durch das Gesetz. Sie haben doch einen große Anteil an Bellinis Restaurant, nicht wahr, Tony?«

 

Perelli antwortete nicht, und Feeney holte tief Luft.

 

»Man lernt doch nie aus«, murmelte er und ging.

 

»So, jetzt hätte ich gerne noch einmal mit Mrs. O’Hara gesprochen«, meinte Kelly.

 

»Das geht jetzt nicht.« Minn Lee war wieder hereingekommen und hatte die letzten Worte gehört. »Sie hat anscheinend einen Nervenzusammenbruch.«

 

»Was – und dann läßt du sie allein?« rief Tony heftig. »Man muß sofort einen Arzt holen …!«

 

Er stürzte aus dem Zimmer.

 

»Hat er nicht ein goldenes Herz?« sagte Kelly sarkastisch. »Eigentlich sollte er ein Kinderheim leiten.«

 

Minn Lee lächelte ihn freundlich an. Kelly überlegte einige Sekunden, ging dann zu der Tür, durch die Tony verschwunden war, öffnete sie und schaute hinaus. Leise schloß er sie dann wieder und kam zu Minn Lee zurück.

 

»Als die Polizeistreife Jimmy fand, lebte er noch einen Augenblick – das letzte, was er sagte, war Ihr Name …«

 

Ihre Augen strahlten, und als er sich zum Gehen wandte, nahm sie seine Hand und drückte sie fest. Ungeschickt klopfte er ihr auf die Schulter, drehte sich dann brüsk um und ging. Bewegungslos blieb sie stehen.

 

Nach einiger Zeit wurde die Tür aufgestoßen, und Tony führte Mary herein. Minn Lee verließ schnell das Zimmer durch die gegenüberliegende Tür. Mary war so mitgenommen, daß sie kaum laufen könnte. Sanft setzte sie Tony in einen Sessel und sprach tröstend auf sie ein.

 

»Mein armes, liebes Kind!« sagte er zärtlich. »Hier, trink ein Gläschen Cognac …« Vorsichtig strich er ihr übers Haar.

 

»Diese gemeinen Kerle!« seufzte sie unter Tränen. »Sie haben meinen Con ermordet!«

 

»Er soll ein prachtvolles Begräbnis haben, Mary. Ich werde Tom und seiner Bande einmal zeigen, was eine richtige Leichenfeier ist! Zwanzigtausend Dollar oder mehr soll sie kosten – auf Geld kommt es gar nicht an!«

 

»Und den gemeinen Kerl, der ihn erschossen hat, mußt du umbringen. Versprichst du mir das?«

 

»Aber natürlich! Im nächsten Telefonbuch wird man keinen Tom Feeney mehr finden, dafür garantiere ich dir.«

 

Angelo kam herein, und Tony wandte sich an ihn.

 

»Arrangiere alles für den armen Con«, befahl er ihm eindringlich. »Er soll das schönste Begräbnis haben, das man in Chicago je gesehen hat. Geld spielt keine Rolle! Kaufe Rosen, Lilien, Orchideen – was dir einfällt …«

 

Angelo, der sich Notizen gemacht hatte, sah auf.

 

»Es würde sich tatsächlich lohnen, wenn wir nächstens eine eigene Gärtnerei aufmachten«, meinte er.

 

»Auch einen Silbersarg soll er haben«, fuhr Tony begeistert fort. »Bestelle ihn sofort telefonisch in Philadelphia. Aber er muß besser sein als der von Shaun – viel besser, viel kostbarer!«

 

»Der hatte Engel drauf«, sagte Angelo geschäftsmäßig.

 

»Besorge einen besseren!«

 

»Gibt es denn noch etwas Besseres als Engel?« fragte Angelo verwundert.

 

»Natürlich – Erzengel!« fuhr ihn Tony an. »Also, bestelle den Sarg sofort.«

 

Kapitel 24

 

24

 

Mary ließ sich nicht beruhigen, und Tony brachte sie schließlich in ihr Zimmer. Angelo stand in der offenen Tür und sah nachdenklich hinter ihnen her.

 

Es war ihm ganz klar, daß die Zustände hier einer Krise zusteuerten. Der Wechsel von Minn Lee zu Mary würde auch noch andere entscheidende Veränderungen nach sich ziehen.

 

Lange Zeit stand Angelo, die Hand auf der Türklinke, und sah den Korridor entlang. Ganz in der Nähe stand in einer Garage ein schwerer Sportwagen. Eine Treppe, von der die Polizei keine Ahnung hatte, führte zu einem Geheimausgang. Alles war gut vorbereitet.

 

Angelo sah den Tatsachen ins Auge und machte sich keine Illusionen. Er hatte Tony in den vergangenen Jahren sehr gut kennengelernt, und einige untrügbare Anzeichen in seinem Benehmen hatten ihn gewarnt. Er wußte, daß er an der Reihe war und daß er heute abend unter einem Leichentuch liegen würde, wenn er keine Vorsichtsmaßregeln traf. Mit einem Seufzer drehte er sich um und schloß leise die Tür. Im Zimmer stand Minn Lee, die ihre Stickerei hatte holen wollen.

 

»Entsetzlich, wie Sie sich wegen Con aufführt«, sagte er.

 

Minn Lee lächelte.

 

»Wer weiß, vielleicht hat sie ihn doch geliebt.«

 

Angelo schüttelte den Kopf.

 

»Ich habe genug von diesen ganzen Weibergeschichten.« Er lachte vor sich hin und ließ sich in einen Sessel fallen. »Wirklich, ein großartiges Leben hier!«

 

»Wo werden Sie einmal enden, Angelo?«

 

»Darüber dachte ich gerade auch nach. Es war Aussicht vorhanden, daß ich eines Tages die Leitung dieser ruhmvollen Organisation übernehmen würde – und ich kann Ihnen versichern, daß dann manches anders geworden wäre. Aber jetzt …« Er machte eine vielsagende Geste.

 

Dann stand er auf und ging zu Minn Lee hinüber, die an der Wand lehnte.

 

»Tony sagte mir etwas von einer neuen Geschäftsführerin, die er für eines seiner schmutzigen Lokale in Cicero braucht.«

 

»So?« fragte sie gleichgültig.

 

»Ich hoffe, daß er nicht jemand auswählt, den ich kenne.«

 

»Er wird schon die richtige Frau dafür finden – ich werde es auf jeden Fall nicht sein.«

 

»Hoffentlich nicht – um unser aller willen.«

 

Sie sah ihn erstaunt an.

 

»Was soll das heißen, Angelo? Was würden Sie denn tun, wenn er …?«

 

»Nichts, was mir später leid täte.« Er setzte sich auf den Klavierstuhl und drehte sich einmal im Kreis herum.

 

»Ich denke, Sie schätzen Tony sehr.«

 

Angelo lächelte.

 

»Teils, teils. Zugegeben, er ist tüchtig – aber jetzt hat er einige Sachen gemacht, die nicht hätten vorkommen dürfen.«

 

Nur selten hatte er so offen mit ihr gesprochen.

 

»Sie müssen sehr viel Vertrauen zu mir haben, daß Sie mir das alles sagen. Wenn Tony wüßte, wie Sie denken …«

 

Wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht.

 

»Er wäre tot, bevor er die Hand an der Pistole hätte.«

 

In diesem Augenblick trat Tony ins Zimmer und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Angelo betrachtete ihn kritisch.

 

»Wie steht’s? Geht es Mutter und Kind gut?« erkundigte er sich.

 

»Werde nicht zu frech!« fuhr ihn Tony an. Hätten ihn die augenblicklichen Ereignisse nicht so stark in Anspruch genommen, dann wäre ihm die auffallende Veränderung in Angelos Wesen sicher nicht entgangen.

 

»Was wird sie tun?« fragte Minn Lee.

 

»Sie bleibt hier«, erwiderte Perelli kurz.

 

»Hat sie denn keine Freunde?«

 

»Doch – mich«, knurrte er ärgerlich. Angelo war ihm im Weg, und er wandte sich zu ihm. »Laß mich mal mit Minn Lee allein – und noch eines, Angelo: Um sechs Uhr muß ein Wagen für Minn Lee vor der Haustür stehen.«

 

Angelo nickte gleichmütig mit dem Kopf und ging hinaus. Tony sah ihm mit zusammengekniffenen Augen nach.

 

»Der Kerl wird zu frech«, murmelte er vor sich hin. »Na, an einem der nächsten Tage …«

 

Es fiel ihm nicht leicht, das zu erledigen, was jetzt erledigt werden mußte. Mit einer Handbewegung winkte er Minn Lee zu sich.

 

»Komm her, Liebling. Mir fällt da gerade etwas ein …« Er nahm ihre Hand und betrachtete prüfend die prachtvollen Ringe. »Es sind wertvolle Steine«, fuhr er langsam fort. »Meinst du nicht, daß sie einmal neu gefaßt werden müßten? Am besten, ich lasse das gleich morgen bei Tiffany erledigen.«

 

Er hielt die Hand auf, und ohne Widerstreben streifte sie einen Ring und ein Armband nach dem andern ab und gab sie ihm. Zufrieden schob er sie in die Tasche.

 

»Sie werden großartig aussehen, wenn sie neu gefaßt sind. Ich gebe sie dir natürlich zurück, keine Sorge! Die Arbeit wird ausgeführt, während du fort bist.«

 

Auf seinen letzten Satz hatte er besonderen Nachdruck gelegt, und sie sah ihn groß an.

 

»Während ich fort bin?«

 

»Ja, du wirst mich ein wenig verlassen müssen. Weißt du, so schnell komme ich nicht über die Sache mit Jimmy weg … Ich liebe dich zu sehr«, sagte er vorwurfsvoll. »Hoffen wir, daß ich das mit der Zeit vergessen kann …«

 

Ein langes Schweigen folgte. Minn Lee sah mit ihrem unergründlichen, rätselvollen Lächeln auf ihren nackten Arm.

 

»Wohin soll ich denn gehen?« fragte sie sanft.

 

Er nahm ihre Hände in die seinen.

 

»Ich will es dir sagen. Du möchtest mir doch gern helfen, nicht wahr? In der letzten Zeit habe ich viel Schwierigkeiten in Cicero gehabt. Diese verdammten Mädchen haben mich bestohlen, wo sie nur konnten – die Geschäftsführerin des großen Lokals mußte ich hinauswerfen. Sie taugte nichts.«

 

Er hörte, daß Minn Lee scharf die Luft einzog und erwartete einen Tränenausbruch; doch er hatte sich getäuscht.

 

»Du möchtest, daß ich ihre Stelle einnehme?« fragte sie und schüttelte den Kopf.

 

»Nur für kurze Zeit«, bat er in seinem freundlichsten Ton. »Du bist sehr gewissenhaft, Minn Lee, und könntest dort alles für mich in Ordnung halten. Natürlich erhältst du eine schöne Wohnung, Autos, was du willst …«

 

Sie schüttelte wieder den Kopf, und diesmal sah er sie scharf an und redete im Befehlston.

 

»Minn Lee, ich bin sehr gut zu dir gewesen!«

 

»Ja, du hast recht …«, sie sprach jetzt so leise, daß er sie kaum verstehen konnte.

 

»Also, sei lieb und mach mir keinen Kummer!«

 

Seine Worte klangen bestimmt; die Sache war für ihn erledigt. Mit einem vergnügten Lächeln stand er auf.

 

»Ich spiele ein wenig Klavier; du kannst mir zuhören.«

 

»Spiele nur, Tony«, sagte sie. »Ich muß meiner Schneiderin noch schreiben …«

 

»Gut.« Er setzte sich an das Instrument und sprach, während er spielte. »Natürlich werden deine Rechnungen, die noch offenstehen, alle bezahlt. Leg sie nur auf den Tisch, damit Angelo sie findet!«

 

Sie hörte ihm nicht mehr zu. Vor ihr lag ein großer Block, und sie begann schnell zu schreiben, während Tony sich seinem Spiel widmete.

 

Plötzlich fühlte er ihre Hand auf seiner Schulter und schaute auf. Ihr Gesicht war bleich.

 

»Du bist doch nicht krank?« fragte er bestürzt. Das hätte die Angelegenheit im Augenblick unangenehm kompliziert. – »Nein, nein – ich bin nicht krank.«

 

»Schön, Minn Lee, du bist ein tüchtiges Mädchen.« Er streichelte ihre Hand. »Aber du siehst so blaß aus.«

 

»Ein wenig Kopfschmerzen, Tony …«

 

»Leg dich doch hin!«

 

Er sah, wie sie sich auf die Couch legte, und begann wieder zu spielen. Angelo kam ihm in den Sinn, und er redete halb über die Schulter zu Minn Lee hin.

 

»Dieser Angelo macht mir Sorgen! Der Kerl spielt sich zu sehr auf – es ist immer dasselbe mit den kleinen Leuten, denen man eine Chance gibt. Er wird sich wundern! – Hörst du eigentlich zu, Minn Lee? Minn Lee, bist du eingeschlafen? Du wirst noch packen müssen, der Wagen ist um sechs Uhr da.«

 

Er stand auf und streckte sich. Dabei sah er den Briefbogen, den sie seitlich auf das Klavier gelegt hatte. Nachlässig nahm er ihn auf und las ihn flüchtig – aber dann fuhr er entsetzt herum. Sein Gesicht war aschgrau.

 

»Minn Lee! Minn Lee!« rief er heiser.

 

Sie lag ganz still. Ihr Gesicht war totenbleich.

 

»Minn Lee, um Himmels willen, was hast du getan!« schrie er verzweifelt und lief zu ihr. »Minn Lee …!«

 

Es klopfte scharf an die Tür, und bevor er einen klaren‘ Gedanken fassen konnte, stand Kelly vor ihm.

 

Der Beamte überflog die Szene mit einem Blick – die Tote, die friedlich und ruhig auf dem Sofa lag, den vor Schreck zitternden Perelli.

 

»Was ist …«

 

Dann sah er die Hand Perellis auf Minn Lees Brust – sie hielt den Griff des Dolches umklammert, mit dem sie sich getötet hatte.

 

»Lassen Sie das Ding los!«

 

Tony sah ihn wie betäubt an. Er öffnete seine Hand …

 

»Rühren Sie sich nicht!«

 

Kelly hatte eine Pistole gezogen und hielt Tony damit in Schach.

 

»Nein, nein! Ich habe es doch nicht getan!« stammelte Perelli. »Wirklich nicht … Es ist Selbstmord – dort liegt der Brief. Lesen Sie doch – sie hat es selbst geschrieben …«

 

Kelly nahm das Blatt und las die wenigen Worte.

 

›Leb wohl, Tony. So ist es besser für mich.

Deine Minn Lee‹

 

Es war ihre Schrift. Kelly schaute Tony an – dann holte er sein Feuerzeug heraus, knipste es an und hielt es an das Blatt Papier.

 

»Ich weiß nicht, wieviel Menschen Sie getötet haben, ohne dafür bestraft zu werden«, sagte er mit haßerfüllter Stimme und sah zu, wie das Blatt Feuer fing. »Komisch, daß Sie jetzt für eine Tat auf den elektrischen Stuhl kommen werden, die Sie nicht begangen haben – wirklich originell, wie?«

 

Diese Worte wirkten auf Perelli wie eine kalte Dusche; plötzlich gewann er seine Besinnung wieder. Er lief zum Telefon, wählte eine Nummer und sprach gleich darauf mit einem Mann, den Kelly gut kannte – es war einer der bekanntesten Rechtsanwälte Chicagos. Der Beamte zuckte hilflos die Schultern – einen Augenblick lang hatte er geglaubt, daß es nun mit Perelli aus sei, aber jetzt erkannte er, daß es überhaupt kein Ende gab. Perelli wußte zu gut Bescheid – und hatte zu viel Geld. Er würde verhaftet werden, sicher – aber bei der Verhandlung würde man ihn mangels Beweisen wieder freilassen. Welchen Zweck hatten alle seine Bemühungen noch? Perellis Worte fielen ihm ein, daß sich die Unterwelt eigene Gesetze geschaffen habe.

 

Mit einer resignierten Handbewegung drehte er sich um und ging zur Tür. Er sah nicht, daß Angelo durch die gegenüberliegende Tür hereinschaute und mit einem langen Blick die Situation erfaßte. Von Minn Lee, die er geliebt hatte, schaute er zu Perelli, den er haßte …

 

»Da haben Sie es, Kelly!« rief Tony triumphierend. »Sagte ich Ihnen nicht, daß ich selbst das Gesetz bin? Sie sind zwar sehr geschickt, aber noch lange nicht so geschickt wie ich. Ich habe meinem Rechtsanwalt alles erzählt … Na, was meinen Sie, was jetzt passiert? Gar nichts werden Sie mir anhaben können …«

 

Angelo öffnete die Tür ein wenig weiter, in der Hand hielt er eine schwere Pistole.

 

»Also, hören Sie mal zu, Kelly …« begann Tony wieder.

 

Zwei, drei Schüsse krachten. Angelo schlug die Tür zu und drehte den Schlüssel um. Dann eilte er zu dem Geheimausgang, vor dem sein Wagen wartete.

 

Kelly, der noch unter der Tür stand, war herumgefahren. Gleich darauf schaute er düster auf den Toten, der zu seinen Füßen lag.

 

»Das hatte er vergessen«, sagte er langsam, »die Strafe seines eigenen Gesetzes.«

 

Kapitel 3

 

3

 

Victor Vinsetti nahm eine recht außergewöhnliche Stellung in der Unterwelt von Chicago ein. Seit zwei Jahren war er der Unterhändler einiger großen Banden, die den Schmuggelbetrieb auf den großen Seen Kanadas aufrechterhielten. Seine Haupttätigkeit bestand außerdem darin, die vielen Streitigkeiten zu schlichten, die für gewöhnlich unter den Geschäftspartnern auszubrechen drohten.

 

Er sah gut aus und stand in dem Ruf, zu Damen besonders höflich zu sein.

 

Zu seinem Unglück machte er den Fehler, sich in Kanada mit einer jungen Dame zu verloben, die sich nicht ohne weiteres abschütteln ließ, als er ihrer überdrüssig wurde. Sie verklagte ihn wegen Bruchs des Heiratsversprechens, und obwohl er mit Hilfe eines geschickten Rechtsanwaltes die Sache durch einen Vergleich beizulegen versuchte, wurde er zur Zahlung einer beachtlich großen Schadenersatzsumme verurteilt. Er zahlte, ohne mit der Wimper zu zucken. Viel schlimmer war es für ihn, daß er durch diese Sache seinen Posten als Agent verlor, was ihn um einen großen Teil seiner Einnahmen brachte.

 

»Skandale liegen mir nicht«, erklärte ihm Tony Perelli, als die Angelegenheit zwischen ihnen zur Sprache kam. »Sie sind in Kanada jetzt bekannt wie ein bunter Hund, und das kann ich begreiflicherweise nicht gebrauchen.«

 

»Das ist doch unsinnig«, entgegnete Vinsetti, für den allerhand auf dem Spiel stand.

 

»Möglich. Das ist wenigstens Ihre Ansicht – ich denke anders darüber. Gehen Sie eine Zeitlang nach dem Osten und seien Sie froh, daß ich Ihnen nichts weiter nachtrage.«

 

Er klopfte Vinsetti liebenswürdig auf die Schulter.

 

Als er am Abend allein mit Minn Lee zusammensaß, unterhielt er sich eingehend mit ihr über den Vorfall. Sie saßen Seite an Seite auf einer breiten Couch; der Raum war matt erleuchtet vom Schimmer einiger bernsteinfarbiger Lampen.

 

»Dieser Vinsetti läuft zu sehr den Weibern nach. Unentwegt diese Liebeleien und ähnlicher Unsinn.«

 

»Ist denn Liebe Unsinn?« fragte sie lächelnd.

 

Er schmunzelte. »Die Liebe zu dir natürlich nicht! Aber wo in der Welt findet man auch eine solche Frau wie dich?«

 

Er streichelte vorsichtig ihre kleine Hand und schaute sie zärtlich an; dann ging er zum Klavier und spielte eine Stunde lang. Sie lauschte ihm hingegeben; er war ein hervorragender Pianist. Auch Geigenspielen konnte er virtuos, aber vor allem Klaviermusik war seine Leidenschaft.

 

Als Tony zu Minn Lee zurückkehrte und sich an ihrer Seite niederließ, fing er noch einmal von Vinsetti an.

 

»Der Junge ist tatsächlich ein wenig zu unbeständig – aber trotzdem war er mir sehr nützlich. Er konnte wenigstens wie ein vornehmer Mann auftreten und mit vornehmen Leuten verhandeln. Vielleicht überlege ich mir die Sache doch noch. Schließlich macht jeder einmal einen Fehler…«

 

Ein paar Tage später hatte er Victor Vinsetti schon beauftragt, mit dem Polizeichef Kelly über die Freilassung eines Bandenmitglieds zu verhandeln, das die Polizei geschnappt hatte. Es war ein Triumph für Vinsetti, daß er den Mann durch seine geschickte Verhandlungstaktik freibekam.

 

»Eigentlich hätten wir den Burschen ja hierbehalten sollen«, sagte Kelly, als er mit Harrigan die Sache besprach.

 

»Vielleicht – vielleicht auch nicht«, erwiderte Sergeant Harrigan. »Meiner Meinung nach hat Perelli nur deshalb so viel Wert darauf gelegt, daß dieser Bursche freikommt, weil er fürchtet, man könnte dem Mann noch ein anderes Verbrechen zur Last legen. Heute morgen wurde Red Gallway gefunden – er ist von hinten niedergeknallt worden.«

 

»Das war zu erwarten – der Mensch hat auch wirklich zu viel geredet. Übrigens, es ist zwar Zeitvergeudung, aber vielleicht besuche ich doch einmal Perelli.«

 

»Wissen Sie, daß er eine neue Frau im Haus hat?«

 

»Ja, ich weiß – Minn Lee, Mrs. Waite oder wie sie sonst heißt. Eines muß man Perelli schon lassen – er ist das, was es eigentlich gar nicht gibt: ein Gentleman Verbrecher. Eine nette Auswahl von Rohlingen hat er ja um sich versammelt, aber niemals hat einer seiner Bande etwas verraten.«

 

Harrigan sah ihn bedeutungsvoll an.

 

»Früher oder später wird wenigstens einer pfeifen«, meinte er leise.

 

»Denken Sie an Vinsetti? Wenn der Fall eintreten sollte, weiß Perelli früher davon als wir – und wenn erst Perelli etwas davon weiß …«

 

Er lächelte und vollendete den Satz nicht.

 

Harrigan zündete sich eine Zigarre an.

 

»Natürlich wird Vinsetti niemals als Zeuge vor Gericht zu gebrauchen sein. Immerhin will er sich aber gut mit der Polizei stellen, und ganz bestimmt wird er uns eines Tages Einzelheiten sagen, die uns Perelli vielleicht ans Messer liefern.«

 

»Glauben Sie? Dann sagen Sie ihm, wenn Sie ihn das nächstemal sehen, daß Perelli ganz genau weiß, was für ein unsicherer Kantonist er ist. Sichern Sie Vinsetti zu, daß wir ihm jeden Schutz gewähren, wenn er beichtet.«

 

Harrigan versuchte während der beiden nächsten Tage ein zufälliges Zusammentreffen mit Victor Vinsetti herbeizuführen. Er hatte keinen Erfolg, weil Vinsetti inzwischen Minn Lee getroffen und prompt Feuer gefangen hatte.

 

Minn Lee hatte zwar etwas eigenartige Begriffe von Ehrenhaftigkeit, aber man mußte ihr lassen, daß sie sich wenigstens streng danach richtete. Zum Beispiel wäre es ihr nie eingefallen, den Mann zu betrügen, dem sie angehörte. So hinterbrachte sie alles, was Vinsetti tat und was er ihr vorschlug, getreulich Tony. Ohne viel Aufhebens davon zu machen, erzählte sie ihm, was sich jeden Tag zugetragen hatte. Gerade ihre Bescheidenheit und Zurückhaltung waren es, was Tony Perelli so an ihr leiden mochte.

 

Vinsetti hatte über viele Dinge mit ihr gesprochen; vor allem natürlich über seine Liebe und über das glanzvolle und abwechslungsreiche Leben in Europa, das er ihr bieten wollte. Aber er hatte auch andere Dinge berührt, die Antonio Perelli nicht im günstigsten Licht erscheinen ließen. Zum Beispiel erzählte er ihr von einigen Gebäuden im Stadtteil Cicero, die eine ganze Reihe sehr übel beleumdeter Lokale enthielten.

 

Minn Lee war nicht sehr aufgebracht darüber. Was Tony Perelli auch tat, war für sie richtig.

 

Tony dagegen, dem sie berichtete, war ernstlich böse; als er Vinsetti am nächsten Tag traf, war er kurz angebunden.

 

»Wenn du mit Minn Lee sprechen willst«, sagte er zu ihm, »dann benütze in Zukunft am besten das Telefon. Du bist zwar brauchbar – aber auch du redest zuviel!«

 

Als Vinsetti Tony ansah, erschrak er. War er diesmal zu weit gegangen?

 

An und für sich war Tony Perelli durchaus nicht sehr nachtragend. Man konnte mit ihm streiten, und er war nicht der Mann, der sich ewig über eine solche Zwistigkeit ärgerte. Anders war es, wenn gewisse Grenzen überschritten wurden – dann konnte er erbarmungslos sein.

 

Bis jetzt war Tony Perellis Streit mit Vinsetti rein privater Natur. Man hatte ihn in den Augen seiner Frau herabgesetzt, und er fühlte sich deshalb in seiner persönlichen Ehre angegriffen. Allerdings schien er auch diese Sache noch einmal vergessen zu wollen. Doch Vinsetti hatte den Haß in Perellis Augen gesehen, und das hatte genügt, um seine Leidenschaft abkühlen zu lassen. Er wurde vorsichtig. Als geborener Diplomat wußte er, daß man seinem Gegner schmeichelte, wenn man sich vor ihm in acht nahm. Nach einer Weile schien auch wieder alles im alten Geleise zu sein, wenigstens war Perelli liebenswürdig wie immer. Vinsetti aber war trotzdem beunruhigt.

 

Er sollte recht behalten.

 

Für gewöhnlich war Tony großzügig, gleichzeitig lag aber etwas von der Hinterlist einer Katze in seinem Charakter: Ohne vorher zu warnen, schlug er rücksichtslos zu. Diesmal machte er eine Ausnahme und deutete bei Vinsettis nächstem Besuch an, was er wußte.

 

»Dein Urlaub fällt dieses Jahr ins Wasser«, sagte er. »Gib deinen Platz auf der ›Empress of Australia‹ lieber zurück. Du hättest das Geld zum Fenster hinausgeworfen, verstehst du?«

 

Mehr sagte er nicht. Er machte Vinsetti seltsamerweise keinerlei Vorhaltungen und geriet nicht in Wut über dessen unverzeihliche Handlungsweise. Unverzeihlich war sie, denn wenn ein Mann sich heimlich von seiner Bande zu drücken versucht, der er angehört, ist er für immer bei seinen früheren Freunden geächtet. Früher oder später ist ihm eine Kugel sicher.

 

Perellis Nachrichtensystem hatte auch diesmal wieder vorzüglich gearbeitet. In jeder Bank, auf jedem Reisebüro hatte er Leute sitzen, die ihn informierten, wenn ein Mitglied seiner Bande irgendeinen verdächtigen Schritt unternahm.

 

Eigentlich war es schade um Vinsetti, auch nach Angelos Meinung. In seiner Art hatte ihn niemand übertroffen. Man brauchte Leute, die sich so zu kleiden verstanden wie er und die vor allem mit den nach außen hin sehr ehrenwerten Schuften umgehen konnten, die den Rohstoff für Perellis Handel lieferten. Auch als Verbindungsmann zwischen den einzelnen Schmugglerbanden war Vinsetti unbezahlbar. Er war der einzige, der sich ohne weiteres in jedem Bezirk sehen lassen konnte. Sowohl zu dem Polen Joe als auch zu Tom Feeney und den Chefs anderer Organisationen stand er in guten Beziehungen. Schwierige Angelegenheiten behandelte er diskret; wenn er etwas versprochen hatte, konnte man sich darauf verlassen – und außerdem verstand er ausgezeichnet, mit Pistolen aller Kaliber umzugehen.

 

Perellis Tätigkeit erstreckte sich auf die verschiedensten Gebiete. Fast überall war er an erlaubten und unerlaubten Geschäften beteiligt; einen scharfen Trennungsstrich zog er aber zwischen sich und der gewöhnlichen Sorte von Gangstern. Er hatte seinen eigenen Ehrenkodex, von dem er unter keinen Umständen abwich. Das Geld der Leute, die er aus irgendwelchen Gründen hatte beseitigen lassen, fand man stets unberührt. Vor allem aber schätzten es seine Geschäftspartner, daß man sich sowohl als Käufer wie als Verkäufer unbedingt auf ihn verlassen konnte. Seinen ›Angestellten‹ zahlte er unheimliche Gehälter, aber obgleich er eine kleine Armee beschäftigte, hatte er doch alle Einzelheiten seiner vielen geschäftlichen Transaktionen selbst im Kopf.

 

Er war klug, am meisten nützte ihm aber sein sechster Sinn, der ihn fast immer rechtzeitig vor Gefahren warnte. Deshalb gehorchte er auch seinen Eingebungen blindlings. Auch Red hatte er nicht etwa erschießen lassen, weil dieser zur Polizei gegangen war, sondern weil er das Gefühl hatte, daß er für ihn in Zukunft eine große Gefahr bedeuten könne.

 

Kapitel 18

 

18

 

Angelo öffnete Kommissar Kelly die Wohnungstür. Es gelang ihm nicht ganz, seinen Schreck über den Besuch zu verbergen, denn er hatte schon lange klar erkannt, welche Gefahr der Organisation durch diesen Mann drohte.

 

Zwischen Kelly und Angelo bestand eine gewisse Sympathie, die man nur schwer definieren konnte. Kelly betrachtete Angelo als zukünftigen Leiter der Gesellschaft, die jetzt Perelli unterstand, und er wußte auch, daß sich dann nicht nur die Methoden ändern, sondern sogar eine Wendung zum Besseren eintreten würde, wenn Angelo die Führung übernahm.

 

»Wo ist Perelli?« fragte er barsch.

 

Er schaute sich um und sah die ausgetrunkenen Flaschen und Gläser. Auch ohne die Musik, die aus den hinteren Räumen drang, wäre ihm klar gewesen, daß hier eine Party gegeben wurde.

 

»Er ist vor einiger Zeit weggegangen, um einen Freund aufzusuchen«, erwiderte Angelo schnell.

 

Kelly lächelte.

 

»Perelli geht doch nicht zu Fuß, und sein Wagen steht drunten in der Garage.«

 

Angelo nahm die Zurechtweisung gelassen hin. Es gehörte zu seinen Aufgaben, die Polizei stets über Tonys Aufenthaltsort im unklaren zu lassen.

 

»Er ist mit einer Dame nach oben gegangen«, erklärte er dann in vertraulichem Ton. »Sie kennen Perelli doch! Wollen Sie etwas trinken?«

 

Kelly ging auf und ab.

 

»Tom Feeney war heute hier.«

 

Angelo nickte.

 

»Ja. Wir haben uns jetzt endlich mit ihm geeinigt.«

 

»Aha, die feindlichen Brüder vertragen sich plötzlich! Sagen Sie mal, wo steckt eigentlich der junge McGrath?«

 

Angelo lächelte verbindlich.

 

»Er ist auch irgendwo im Haus – ein wirklich netter Junge.«

 

»Im Haus? Wenn ich nicht irre, haben ich ihn unten an der Tür gesehen, als ich kam. Holen Sie Perelli – ich muß sofort mit ihm sprechen.«

 

Angelo wandte sich zur Tür.

 

»Aus welchem Anlaß findet denn diese Party heute abend statt?« fragte Kelly.

 

»Tony hielt es für gut, die Verständigung zwischen Tom und ihm ein wenig zu feiern«, entgegnete Angelo. »Shaun wurde ja heute nachmittag schon beerdigt. Haben Sie die Blumen gesehen? Ganze Wagenladungen voll!«

 

In diesem Augenblick kam Minn Lee herein und setzte sich mit ihrer Stickerei auf die Couch. Kelly begrüßte sie mit einem freundlichen Nicken. Angelo verließ das Zimmer.

 

»Sie sehen sehr hübsch aus«, sagte Kelly höflich.

 

Lächelnd schaute sie auf ihr Pariser Modellkleid und blickte dann zu dem Kommissar auf.

 

»Gefällt Ihnen das Kleid?«

 

»Vorzüglich«, erwiderte Kelly bewundernd.

 

Sie lachte vergnügt, und er betrachtete sie erstaunt.

 

»Ich habe Sie noch gar nie so lustig gesehen, Minn Lee.«

 

Er wollte keine nähere Erklärung.

 

»Minn Lee, Sie wissen, daß ich Sie trotz der Umgebung, in der Sie leben, recht gern habe. Wann gehen Sie denn nun fort?«

 

»Wie kommen Sie darauf, daß ich fortgehe?« fragte sie.

 

»Nun, es wäre jetzt allmählich an der Zeit. Sie sind immerhin die dritte Frau, die ich hier kennenlernte … Einmal ist noch jede verschwunden.«

 

»Ich weiß es. Die armen Mädchen!« Ihre Stimme klang sorglos.

 

»Vielleicht wissen Sie auch, woher Mr. Perelli das Geld zu seinem luxuriösen Leben nimmt?«

 

Sie zuckte die Achseln.

 

»Alkoholschmuggel!«

 

»Stimmt. Es gibt aber auch noch andere Einnahmequellen – er ist zum Beispiel Besitzer von drei Nachtlokalen, deren Hauptattraktionen sehr zweifelhafte Animierdamen sind.«

 

Ihre Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß, und sie schaute ihn nicht an.

 

»Auch das weiß ich«, erwiderte sie leise. »Ich bin doch kein Kind mehr. Aber warum erzählen Sie mir das?«

 

Er hatte seine guten Gründe dafür. Sie sollte etwas hören, was ihr panischen Schrecken einjagen würde.

 

»Die Geschäftsführerin eines dieser Lokale, die besonders auf die Mädchen aufpassen muß, hat Geld unterschlagen ihre Stelle ist frei.«

 

Es war ihr äußerlich nichts anzumerken, und er staunte über ihre Haltung.

 

»Das ist mir gleichgültig. Wenn Sie mir gestern so etwas gesagt hätten, wäre ich traurig geworden. Aber jetzt kann mich nichts mehr kränken.«

 

Er schaute auf ihre Hand, an der ein großer Diamant blitzte.

 

»Da haben Sie ja einen fabelhaften Ring.«

 

Sie nickte zerstreut, und er merkte, daß sie mit ihren Gedanken weit weg war.

 

»Ich habe ihn schon früher gesehen. Jede Frau, die mit Perelli zusammenlebte, hat ihn getragen.«

 

Allmählich fand sie wieder in die Wirklichkeit zurück. Sie lächelte ein wenig und seufzte.

 

»Ja, das glaube ich auch.«

 

»Eines Tages wird Perelli den Ring zurückverlangen.«

 

Sie betrachtete den Ring so aufmerksam, als ob sie ihn noch nie gesehen hätte.

 

»Ich brauche ihn nicht – er bedeutet mir nichts.«

 

»Eines Tages schickt er auch Sie nach Cicero hinaus«, fuhr er ernst fort. »Sie wissen, was dort auf Sie wartet?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Sie werden zuerst in dem vornehmeren Lokal sein, in dem nur reiche Leute verkehren.«

 

»Nein!«

 

Sie stieß das Wort so heftig hervor, daß er einen Augenblick glaubte, er habe sie wirklich erschreckt.

 

»Und nach einem Jahr steckt man Sie dann in eine bessere Kneipe, wo nur Bier und Schnaps getrunken wird.«

 

»Nein!«

 

Er faßte sie an den Schultern und drehte sie um, so daß er ihr ins Gesicht sehen konnte.

 

»Das ist der Weg, den alle gegangen sind, Minn Lee. Alle, die sich einmal Mrs. Perelli nannten, haben auf die gleiche Weise geendet.«

 

Eine lange Pause folgte.

 

»Aber ich sehe einen Ausweg für Sie«, sagte er dann.

 

Auch sie kannte einen Ausweg – doch davon wußte Kelly nichts. Er dachte nur daran, wie er Perelli fangen könnte.

 

»Auf der Bank liegen hunderttausend Dollar, auf die bisher niemand Anspruch erhoben hat. Es ist die Belohnung für denjenigen, der den Mörder Vinsettis angeben kann. Tony Perelli hat es getan – und zwar ganz allein. Sie wissen es doch?«

 

Sie machte eine abwehrende Handbewegung und setzte sich müde auf einen Stuhl.

 

»Jetzt sind Sie wieder der Polizeibeamte – ich habe es viel lieber, wenn Sie anders mit mir reden.«

 

Kelly sah sich um und dämpfte seine Stimme. Er wußte noch viel besser als Minn Lee, was sich schon alles in diesem Haus abgespielt hatte; auch über die Affaire Tonys mit Mary hatte er schon Informationen erhalten. Vielleicht konnte er sie dadurch zum Reden bringen.

 

»Sie hätten nichts zu fürchten, Minn Lee – kein Gangster würde es wagen, Sie anzurühren. Das einzige Vergehen, für das man in Chicago mit Sicherheit hingerichtet wird, ist die Ermordung einer Frau. Und außerdem würde ich Ihnen für Ihr Leben garantieren.«

 

»Geben Sie sich keine Mühe, Mr. Kelly. Ich fürchte mich nicht vor Tonys Nachtlokalen – denn ich werde niemals dort hingehen. Dazu ist meine Selbstachtung doch noch zu groß.«

 

»Sie kennen Tony Perelli immer noch nicht!«

 

»Ich weiß schon – Sie wollen mich ein wenig aus der Ruhe bringen. Aber wenn ich gehe, will ich von allen Leuten in Frieden scheiden.«

 

Das war ihm neu.

 

»Sie gehen also wirklich?« fragte er eifrig.

 

Sie nickte.

 

»Weiß Tony davon?«

 

»Nein.«

 

Sie sah an ihm vorbei. Tony stand in der Tür und lächelte sie an.

 

»Aha, Minn Lee unterhält Sie ein wenig«, sagte er. »Ich hörte, daß Sie mich sprechen wollten?« Er nahm Minn Lee die Stickerei aus der Hand. »Der alte chinesische Drache wächst ja gar nicht mehr. Schauen Sie mal her.« Er zeigte Kelly stolz das Werk. »Hat sie das nicht hübsch gemacht?« Er küßte sie. »Jetzt geh, Kleine – nachher habe ich Zeit für dich.«

 

Kelly gab Minn Lee die Hand.

 

»Leben Sie wohl.«

 

Sie zögerte einen Augenblick, nahm dann seine Hand und machte einen kleinen Knicks.

 

Tony sah ihn erstaunt an.

 

»Ich sehe zum erstenmal, daß Sie jemand die Hand geben, Mr. Kelly.«

 

»Und ich habe zum erstenmal jemand in Ihrer Wohnung getroffen, der einen Händedruck wert ist«, erklärte der Beamte kurz. »Sie erwarten doch nicht, daß ich einen Gauner wie Sie auf diese Weise begrüße?«

 

Einen Augenblick lang sah ihn Perelli mit mörderischer Wut an, aber dann beherrschte er sich und wandte sich mit seinem üblichen Lächeln an Angelo, der auch hereingekommen war.

 

»Hast du das gehört? Das reicht für eine Beleidigungsklage.«

 

Angelo war ein aufmerksamer Beobachter und schwieg. Er fühlte instinktiv, daß sich die Beziehungen zwischen dem Polizeibeamten und Tony geändert hatten. Kelly sprach wie ein Mann, der etwas wußte.

 

»Kommen Sie auf mein Büro, wenn Sie die Klage einreichen wollen. Ich bin allerdings nicht so luxuriös eingerichtet wie Sie – und die letzten acht Bandenchefs, die mir dort im Laufe der Zeit gegenübersaßen, sind tot.«

 

Tony Perelli lächelte ungläubig.

 

»Die hätten sich eben wehren sollen! Angelo, findest du nicht auch, daß Mr. Kelly sehr schlecht über uns denkt? Immer muß ich. an allem schuld sein – sogar daß Vinsetti ermordet wurde, will man mir in die Schuhe schieben.«

 

Es sah Perelli ähnlich, Vinsetti zu erwähnen; diese Kühnheit verblüffte Kelly.

 

»Vinsetti? Hm. Er hob dreihunderttausend Dollar von seiner Bank ab, kam hierher und wurde nie wieder lebend gesehen.«

 

»Nun; den ganzen Morgen saß er schließlich bei Ihnen und verpfiff seine Freunde, dieser Verräter!«

 

»Und dann ging er hierher, in dieses Zimmer – das er nicht mehr lebend verließ«, konterte Kelly.

 

Perelli wurde es jetzt doch etwas ungemütlich, und er schaute sich nach seinem Adjutanten um, der auch sofort einsprang.

 

»Keine falschen Beschuldigungen, Mr. Kelly – schließlich waren Sie zehn Minuten später hier.«

 

»Und haben Sie vielleicht Blutspuren gefunden?« fuhr Tony zornig fort. »Haben Sie eine Leiche gesehen, einen Schuß gehört?«

 

»Niemand hätte den Schuß hören können«, erwiderte Kelly. »Den Schalldämpfer auf Ihrer Pistole kenne ich ganz genau.«

 

Perelli lachte gezwungen.

 

»Ganz wie Sie meinen – ich töte eben alle Leute! Wenn ich nicht da wäre, hätten die Zeitungen überhaupt nichts zu schreiben!«