Kapitel 25

 

25

 

Nachdem einige Tage friedlich verlaufen und keine neuen Ausschreitungen und Verbrechen vorgekommen waren, hörte man in Scotland Yard von den rotgedruckten Drohbriefen. Ein reicher Brauereibesitzer, Mitglied des Parlaments, hatte ein solches Schreiben erhalten, und die Erpresser hatten sogar die Frechheit besessen, es ins Parlament zu schicken. Das war allerdings eine Herausforderung, die nicht übersehen werden durfte. Der Mann hätte natürlich zu anderen Mitgliedern gesprochen, und auch Scotland Yard hatte davon erfahren.

 

Jiggs Allerman hielt das Schreiben in der Hand und las es aufmerksam Wort für Wort. »Sie sind zu einer Verständigung gekommen. Das habe ich erwartet. Der Wortlaut ist ungefähr derselbe wie in dem grünen Schreiben; nur haben sie aus dem blauen die Telefonidee herübergenommen und dafür das brennende Licht im Fenster ausgemerzt. Ist dieser Senator, oder was er sonst ist, ein reicher Mann?«

 

»Millionär!« sagte Terry. »Er hat eine Wohnung in der Parklane.«

 

Jiggs nickte bedächtig. »Wo ist er denn jetzt? Im Parlamentsgebäude? Ich gebe Ihnen den guten Rat, ihn in einem Panzerwagen abzuholen und in den Tower zu bringen. Das jedenfalls wäre die einzige Möglichkeit, ihn zu retten. Die Kerle wissen, daß der Brief zur Polizei geschickt wurde, und haben den Mann natürlich zum Tode verurteilt. Das wird wieder eine üble Geschichte werden, Terry!«

 

»Ich setze mich sofort mit dem Ausschuß in Verbindung.«

 

Eine Stunde lang blieb Terry fort, und als er wiederkam, konnte Jiggs schon an seinem Gesicht ablesen, daß er keinen Erfolg gehabt hatte.

 

»Die Herren sagen, wir würden durch diese Maßnahme unsre eigne Unfähigkeit eingestehen, den Mann zu beschützen. Sie haben schließlich eingewilligt, daß wir ihn jedesmal unter Schutzgeleit zum Parlament bringen und von dort wieder abholen. Außerdem soll seine Wohnung von einem Polizeiaufgebot bewacht werden.«

 

Jiggs schüttelte den Kopf. »Das ist unvorsichtig. Die Gangster können ihn doch auf dem Weg zum Parlament leicht schnappen, selbst wenn die Polizei mit Pauken und Trompeten vorwegmarschiert. Aber ich habe das Gefühl, daß sie das Ding anders drehen werden.«

 

»Der Innenminister meint, die Sache wäre nicht aussichtslos, da sie den Colonel Drood auch nicht geschnappt hätten.«

 

»Albernes Gewäsch!« rief Jiggs wütend. »Sie haben Drood in Ruhe gelassen, weil gerade an dem Abend Krieg zwischen den beiden Banden ausbrach, und nicht, weil sie ihm nichts hätten anhaben können. Die Burschen werden diesen Mr. Durcott fassen, so wahr ich hier sitze! Vielleicht nicht heute, aber sicher in den nächsten drei Tagen. Und ich gehe jede Wette mit Ihnen ein, daß sie keine weiteren Briefe ausschicken, ehe diese Sache erledigt ist. Das ist nämlich das Probestück für die erfolgreiche Zusammenarbeit der beiden Banden.«

 

Am Abend wurde Durcott unter starker Bewachung aus dem Parlament abgeholt. Motorradfahrer der Polizei begleiteten sein Auto auf beiden Seiten, und als er nach Hause kam, waren so viele Beamte in seiner Wohnung, daß er kaum zu seinem Schlafzimmer gelangen konnte. Wenigstens erzählte Jiggs das so.

 

Am nächsten Nachmittag begab sich der Abgeordnete wieder zu einer Sitzung ins Parlament. Eine große Menschenmenge jubelte ihm begeistert zu, als er vorüberkam, und Durcott sonnte sich in seiner neuen Berühmtheit.

 

»Können Sie mir eigentlich erklären«, fragte Jiggs, »warum ausgerechnet Inspektor Tetley die Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz Durcotts leitet?«

 

Terry zögerte. »Wembury ist etwas dickköpfig, und Sie scheinen ihn irgendwie verletzt zu haben.«

 

Jiggs grinste. »Natürliche Abneigung des Vorgesetzten gegen einen befähigteren Untergebenen!« erwiderte er großspurig. »Es tut mir leid«, fuhr er dann in verändertem Ton fort. »Ich habe Wembury gern – er ist wirklich ein famoser Kerl. Und wenn ich Polizeichef in Chikago wäre, und es käme eines guten Tages ein Engländer und wollte große Töne reden, würde ich es wahrscheinlich auch nicht anders machen. Trotzdem, Terry: Sie müssen Wembury davon überzeugen, daß dieser Tetley ein gemeingefährlicher Halunke ist! Ich habe auf eigne Faust ein bißchen Detektiv gespielt und herausgebracht, daß der saubere Kollege mit Kerky unter einer Decke steckt, und zwar seitdem die Tätigkeit der organisierten Banden in London begann. Könnten Sie Wembury das nicht beibringen?«

 

»Im Augenblick nicht. Er ist ganz aus dem Häuschen, und das läßt sich schließlich begreifen. Tetley versteht es außerdem, die Leute zu beschwatzen. Er hat sich aus einfachsten Verhältnissen emporgearbeitet – das wird ihm hier immer hoch angerechnet. Andererseits stand er vor fünf Jahren schon einmal unter Verdacht. Es handelte sich damals um eine anrüchige Spielhölle. Ein großer Skandal – doch wir konnten ihm nichts beweisen. Aber daß er sich jetzt mit Mördern verbündet, kann ich nicht recht glauben.«

 

»Das hat er, seiner Meinung nach, auch nicht getan. Er glaubt natürlich, daß er das Geld erhält, weiter gewisse Dinge nicht zur Anzeige bringt, auf die es nicht ankomme. Leute wie Tetley verstehen es immer ausgezeichnet, sich vor sich selbst zu rechtfertigen. Und glauben Sie ja nicht, daß er sich nicht fürchtet! Allmählich wird ihm klar, was er gemacht hat; aber nun hat er sich einmal auf die Sache eingelassen und kann nicht aus der Schlinge heraus. Er ist um so schlimmer dran, weil er nach und nach sieht, wie tief er in die Geschichte verstrickt ist. An einem der nächsten Tage wird sich sein Gewissen melden, und dann wird er die Gangster verraten. Aber wenn es soweit kommt, wäre es besser für ihn, den Schnabel zu halten.« –

 

Auch am zweiten Abend ereignete sich nichts. Am dritten lag Nebel über London, und als sich der Dunst in den Straßen immer mehr verdichtete, wußte Jiggs, daß jetzt die Entscheidung kommen würde.

 

Mr. Quigley, ein alter, weißhaariger Parlamentarier, der etwas gebeugt ging, war in der letzten Zeit häufig krank gewesen und deshalb nur selten zu den Sitzungen erschienen. Aber an diesem Abend ging er durch die Vorhalle in das Innere des großen Gebäudes. Der Polizist, der am Eingang Wache hielt, grüßte ihn und öffnete die Tür.

 

Einen Augenblick blieb Quigley stehen und putzte seine Brille. Als er in den Sitzungssaal trat, fand er das Haus nur mäßig besetzt. Mehrere Mitglieder debattierten eifrig über eine neue Gesetzesvorlage. Er ließ sich auf einer der fast leeren Regierungsbänke nieder.

 

Verschiedene der Anwesenden lächelten. »Quigley ist zur Regierung übergegangen!« tuschelten sie.

 

Er gehörte nämlich zur Opposition. Die für Regierungsmitglieder reservierte erste Sitzreihe im Parlament war fast vollkommen frei. Nur ein Unterstaatssekretär, der die Debatte führte, war zugegen.

 

Unerwartet erhob sich Mr. Quigley, ging mit unsicheren Schritten auf das Rednerpult zu und hatte schon den Gang erreicht, der zur Tür führte, als er eine Pistole zog und sich plötzlich umdrehte. In kurzer Aufeinanderfolge feuerte er dreimal, sprang über die vorgestreckten Beine des Unterstaatssekretärs, lief am Rednerpult vorbei und verschwand durch die hintere Tür. In wenigen Sekunden war alles vorüber – Mr. Durcott, der auf einer der vorderen Bänke gesessen hatte, brach zusammen.

 

Ein Polizist sah den alten Mann, der hinauslief, und versuchte ihn anzuhalten. Aber dazu kam er nicht; er stürzte mit einem Schuß in der Schulter zu Boden. Offenbar kannte der Mörder die Lage der einzelnen Räume im Parlament sehr genau. Er bog in einen Gang ab und eilte dann auf die Terrasse des Hauses. Rasch zählte er die Laternen von der Brücke aus und sprang bei der vierten in den Fluß.

 

Niemand sah es. Als Politiker, Beamte und Polizisten auf der Terrasse erschienen, war er verschwunden.

 

Ein Polizist schaute über das Geländer und entdeckte ein Motorboot, das auf die Mitte des Stromes hinausfuhr. Er rief es an, und als keine Antwort kam, zog er seinen Revolver und gab zwei Schüsse ab. Unmittelbar darauf blitzte das Mündungsfeuer eines Maschinengewehrs auf; unheimlich hallten die Schüsse über das Wasser. Ein Kugelregen prasselte gegen die Brüstungsmauer, ein paar Fenster im Parlamentsgebäude zerklirrten, aber weiterer Schaden wurde nicht angerichtet.

 

Jetzt war das Boot mitten auf dem Fluß. Kurz darauf sahen die Zuschauer auf der Terrasse wieder das Mündungsfeuer des Maschinengewehres und hörten das unheimliche. Rattern. Die Gangster waren auf ein Polizeiboot gestoßen, aber der Kampf blieb einseitig. Als Verstärkungen herbeikamen, war von dem Polizeiboot nichts mehr zu sehen: Es war in den Fluten verschwunden.

 

Wembury trat bleich in Westons Büro.

 

»Ist er tot?« fragte Terry.

 

Der Vorgesetzte nickte. »Er ist vollkommen erledigt. Und Scotland Yard auch. Wo steckt denn unser amerikanischer Freund?«

 

»Er ging vorhin fort, als der Bericht vom Parlamentsgebäude durchkam.«

 

»Er hatte doch nicht so ganz unrecht mit dem Panzerwagen und dem Tower«, meinte Wembury bitter, sank in einen Stuhl und verbarg das Gesicht in den Händen. »Mein Gott, für diese Aufgabe bin ich nicht geschaffen! Wenn ich daran denke, wie wir lachten, als wir die Nachrichten erhielten, daß die Chikagoer Polizei mit den Alkoholschmugglern nicht fertig werden konnte! Jetzt wissen wir, warum es ihnen nicht gelingt. Wir kämpfen mit Flederwischen gegen Revolver.« Er lehnte sich seufzend in seinem Stuhl zurück. »Das Motorboot, in dem der Kerl entkommen ist, muß die ganze Zeit im tiefen Schatten an der Ufermauer entlanggefahren sein, so daß es von der Themsepolizei nicht bemerkt wurde. Der Sergeant, der das Patrouillenboot steuerte, ist schwer verletzt und liegt in hoffnungslosem Zustand im Hospital; sie haben ihn noch lebend aus dem Wasser gefischt. Jiggs hatte uns den Rat gegeben, alle Polizeiboote auf der Themse mit Maschinengewehren zu bewaffnen, und ich habe nicht auf ihn gehört!«

 

Captain Allerman kam zur Tür herein. »Hallo, Chef! Tut mir leid, daß es so kommen müßte …«

 

Wembury nickte. »Irren ist nun mal menschlich. Sie können sich freuen, daß alles so eintraf, wie Sie sagten.«

 

Jiggs sah ihn düster an. »Ich freue mich nicht! Aber ich werde Ihnen sagen, was Sie tun müssen: Lassen Sie Eddie Tanner und Kerky Smith verhaften und zum Scotland Yard bringen!«

 

»Und was dann?« fragte Wembury nach einer kleinen Pause.

 

»Dann können Sie sie niederschießen, wenn sie entfliehen wollen.«

 

Wembury starrte ihn an. »Was? Wir sollen sie unterwegs erledigen?«

 

»Ja – wenn sie zu fliehen versuchen.«

 

»Aber wenn sie das nicht tun?«

 

»Falls Sie mir die Sache überlassen, sorge ich schon dafür, daß sie einen Fluchtversuch machen!«

 

Wembury schüttelte den Kopf. »Das wäre doch glatter Mord!«

 

»Was ist denn heute abend und während der ganzen Woche passiert? War das vielleicht ein Pfänderspiel? Sie haben es hier mit organisierten Verbrecherbanden zu tun, die Mord für eine ganz normale Sache halten. Meiner Schätzung nach gibt es zur Zeit ungefähr zweihundert solcher bezahlter Pistolenschützen in London, und sie alle sind geübte Spezialisten. Schon seit Monaten hat man ihre Wohnungen und Verstecke vorbereitet. Alles ist sorgfältig geplant. Über zwei Millionen Dollar sind in das Geschäft bereits hineingesteckt worden, aber es macht sich mehr als bezahlt. Heute abend wird das Geld in vollen Strömen hereinkommen!« –

 

Scotland Yard erließ eine Verordnung, wonach alle uniformierten Polizisten auf den Straßen bewaffnet wurden. Ferner wurde eine Anregung Allermans angenommen: Man richtete Luftpatrouillen ein, die Tag und Nacht über London Dienst taten. Die Beobachter im Flugzeug blieben stets in Verbindung mit gewissen Erdstationen. Bei Tag konnten sie jedes Auto verfolgen, so schnell es auch fuhr, und genau angeben, welches Ziel es hatte.

 

Endlich beauftragte Polizeidirektor Wembury auch seinen Chefinspektor Terry Weston, dem verdächtigen Tetley ernstlich auf den Zahn zu fühlen. »Ich habe ihm befohlen«, meinte Wembury, »sich in meinem Büro zu melden; aber ich werde ihn zu Ihnen schicken. Ich gebe Ihnen dem Mann gegenüber freie Hand. Bis morgen früh will ich wissen, welche Vorsichtsmaßregeln er getroffen hatte und wie es möglich war, daß der Verbrecher über die Terrasse des Parlamentsgebäudes fliehen konnte, ohne gefaßt zu werden. Captain Allerman soll Ihrer Unterredung beiwohnen.«

 

Kurze Zeit später kam Tetley zu den beiden in Terrys Büro. Er sah alt und verfallen aus; der sonst aufgezwirbelte Schnurrbart hing nach unten. Der Mann schien von Angst und Schrecken gepackt und dem Zusammenbruch nahe zu sein.

 

Tetley sah auf Allerman, dann auf Weston. »Ich möchte lieber mit Ihnen allein sprechen, Chefinspektor! Ich glaube, nicht, daß Fremde –«

 

»Wir haben jetzt keine Zeit, auf Ihre Gefühle Rücksicht zu nehmen, Tetley! Sie wissen außerdem sehr wohl, daß Captain Allerman unserm Präsidium als Beamter zugeteilt ist. Erklären Sie mir jetzt, wie dieses Unglück heute abend überhaupt geschehen konnte! Warum waren die Ausgänge nicht genügend besetzt? Wie war es möglich, daß der Verbrecher entkam?«

 

»Ich tat mein Bestes!« beteuerte Tetley weinerlich. »Ich hatte auf allen Korridoren Beamte aufgestellt, und ich kann nicht verstehen, daß ausgerechnet der Posten auf der Terrasse –«

 

»Wenn Sie es nicht verstehen können, dann will ich es Ihnen begreiflich machen!« erwiderte Terry streng. »Er war nicht auf seinem Platz, weil man ihn nicht richtig instruiert hatte!«

 

Tetley widersprach nicht. »Wir machen alle unsere Fehler«, entschuldigte er sich. »Ich habe eine sehr schwere Zeit hinter mir, und heute abend hatte ich so entsetzliche Kopfschmerzen, daß ich kaum noch wußte, was ich tat …«

 

»Sie melden sich morgen um zwölf wieder hier in meinem Büro!« erwiderte Terry scharf. »Bringen Sie Ihr Bankbuch mit – ebenso die Bankbücher Ihrer Frau! Sie hat zwei; eins davon unter ihrem Mädchennamen … Außerdem schaffen Sie mir den ganzen Inhalt Ihres Depotfachs 8497 von der Bank her! Es wartet bereits ein Beamter auf Sie, der Ihnen behilflich sein wird.«

 

Tetley verließ das Zimmer als gebrochener Mann.

 

»Das Merkwürdigste an der Sache war«, bemerkte Jiggs, »daß ich kein Wort zu sprechen brauchte …«

 

Kapitel 26

 

26

 

Mr. Kerky Smith hatte mit seiner Frau einen der eleganten Nachtklubs besucht und war erst spät nach Hause gekommen.

 

Der Kammerdiener weckte ihn. Er war nicht besonders höflich, wenn er mit seinem Herrn allein war. »Kerky, der Polyp ist am Telefon!«

 

Smith erhob sich und sah den Mann unsicher an, der ihn in seinen Träumen gestört hatte. »Was für ein Polizist?« fragte er ärgerlich. »Doch nicht Tetley?«

 

»Er nennt sich ›Colonel Brunton‹ … Das ist doch Tetley, nicht wahr?«

 

Kerky ging ins Wohnzimmer und, nahm den Hörer ab.

 

»Ich muß Sie dringend sprechen, Mr. Smith! Kann ich in Ihr Hotel kommen?«

 

»Nein, das können Sie nicht! Das hab‘ ich Ihnen doch schon oft genug gesagt. Ich werde jemand schicken, der Sie mit dem Wagen abholt.«

 

»Ich werde scharf beobachtet!« erwiderte Tetley aufgeregt. »Ich hab‘ es erst erfahren, als der Chefinspektor –«

 

»Meinen Sie, ich werde nicht Tag und Nacht beobachtet?« zischte Smith böse. »Ich werde mit Ihnen sprechen, nachdem ich rasiert bin – in einer halben Stunde!«

 

Er ging zu seinem Friseur in Soho und ließ sich einseifen. Dann brachte der Friseur den Telefonapparat herein, ging wieder hinaus und schloß die Tür fest hinter sich.

 

Inspektor Tetley war nicht weit von Kerky entfernt. Er befand sich im ersten Geschoß, und zwar in einer schalldichten Telefonzelle. Kerky hörte, was am vergangenen Abend vorgefallen war.

 

»Ich muß meinen Abschied einreichen«, klagte Tetley. »Ich werde ins Ausland gehen. Ich bin erledigt. Wenn dieser verdammte Amerikaner mich nach Strich und Faden verhört, kann er alles aus mir herausholen. Gestern hat er kein Wort gesagt. Kerky, ich hab‘ noch ein paar tausend Pfund zu bekommen … Entschuldigen Sie, daß ich Sie beim Vornamen nenne!«

 

»Das paßt mir ganz und gar nicht!« fuhr Smith ihn an. »Aber es wird schon alles in Ordnung kommen«, fügte er freundlicher hinzu. »Warten Sie heute abend an der bekannten Stelle gegenüber dem Zoo! Ich schicke einen Mann, der Ihnen das Geld bringt. Aber achten Sie darauf, daß Sie von niemand gesehen werden, wenn Sie hingehen!« Er drückte auf eine Klingel, und als der Barbier wiederkam, reichte er ihm den Apparat. »Machen Sie jetzt schnell!« sagte er ärgerlich. »Die Seife trocknet schon ein.«

 

Kapitel 27

 

27

 

Coras Lebensphilosophie war sehr einfach: Als Frau mußte sie sich schön erhalten für den Mann, der ihre Rechnungen bezahlte, und ihm treu bleiben, solange er sie nicht betrog. Ihre früheren Ehemänner hatten sich nicht so stark für sie interessiert wie Kerky Smith, aber ihr war das gleichgültig. Wenn sie Kerky durch eine Kugel verlieren sollte, dann war dieses Kapitel eben abgeschlossen, und sie machte sich schön für den nächsten …

 

Aber jetzt sah sie sich einer anderen Gefahr gegenüber: Leslie Ranger! Mit dieser Nebenbuhlerin mußte man abrechnen! Sie begann Pläne zu schmieden, verwarf sie wieder, überlegte aufs neue und faßte endlich einen Entschluß.

 

»Warum gehst du eigentlich nicht mal aufs Land?« erkundigte sich Kerky eines Tages. »Wozu kaufe ich dir denn ein schönes Landhaus, wenn du nicht dort ausruhst?«

 

Sie lächelte ihn freundlich an, schüttelte aber den Kopf. Das kleine Haus, das Kerky ihr im vergangenen Sommer geschenkt hatte, lag am Flußufer zwischen Maidenhead und Cookham. Es war neu hergerichtet und gut ausgestattet. Bei ihrem ersten Besuch hatte Cora es entzückend gefunden, aber schon das zweitemal hatte es ihr nicht mehr gefallen.

 

»Ich habe heute über Lu Stein gelesen«, sagte sie jetzt. »Die Frau konnte hassen! Sie ließ das Mädchen erschießen.«

 

Kerky sah sie mißbilligend an. »Cora, merk dir eins: Von unserm Geschäft sollten sich die Frauen fernhalten! Du willst doch nicht etwa selbst eine solche Sache inszenieren?«

 

»Aber rede doch nicht so verrückt!« Wäre er gleichgültig geblieben, so hätte sie vielleicht ihren Plan aufgegeben; aber sein starkes Interesse bestätigte ihren Verdacht. –

 

Leslie pflegte stets auswärts zu Mittag zu essen. Sie kehrte gerade zum Büro zurück und bog nach Austin Friars ein, als sie plötzlich ihren Namen hörte. Ein kleines Auto hielt mit einem Ruck am Gehsteig an, und eine Dame stieg aus, Mrs. Smith war eine so glänzende Erscheinung in dieser verhältnismäßig düsteren Umgebung, daß alle Passanten sie staunend begafften. Leslie gefiel sie nicht, weil sie zu sehr einer Modepuppe glich.

 

»Das ist ja entzückend, daß ich Sie treffe!« rief Cora etwas zu freundlich. »Wollen Sie nicht mit mir speisen? Ich habe solche Langeweile! Kerky reist in geschäftlichen Angelegenheiten nach Paris, und ich dachte schon immer, daß es sehr nett wäre, wenn wir beide etwas vertrauter miteinander werden könnten. Wo liegt denn Ihr Geschäft? Und wann sind Sie mit Ihrer Arbeit fertig?«

 

»Um fünf.«

 

»Würden Sie dann eine Spazierfahrt mit mir machen? Ich fühle mich so allein und sehne mich nach Gesellschaft …«

 

Leslie hatte Mitleid. Man konnte der Frau ja schließlich den Gefallen tun. »Wenn Sie mich hier abholen, begleite ich Sie ganz gern.«

 

Mrs. Smith strahlte. –

 

Es stimmte allerdings, daß Kerky nach Paris reisen wollte, aber er änderte seine Absicht. »Du fährst noch aus?« fragte er, mit einem Blick auf die Uhr. »Es ist halb fünf, Kind. Es wäre besser, wenn du jemand zur Begleitung mitnähmst. Wohin willst du denn?«

 

»Ich hole das Mädel ab, diese Leslie …«

 

»Leslie Ranger?« Er runzelte die Stirn. »Was hast du mit der vor?«

 

»Ach, ich möchte sie ein bißchen kennenlernen …«

 

»Das wäre gar nicht so übel. Eine ganz gute Idee sogar Ruf mich um sechs an! Vielleicht erzählt sie dir etwas von diesem Beamten aus Scotland Yard? Aber verplappre dich nur nicht!«

 

Es war ein schöner Nachmittag, und Leslie freute sich, daß sie aus London herauskam. Cora hatte vorgeschlagen, eine kleine Spazierfahrt zu ihrem Landhaus zu machen.

 

Es war bereits dunkel, als sie in eine lange Landstraße einbog. Cora sagte ihrer Begleiterin, daß sie jetzt bald an Ort und Stelle wären. Nachdem sie mehrere Nebenwege passiert hatten, hielt der Wagen auch kurz darauf, vor einem hübschen, kleinen Gebäude, das von einem Garten eingefaßt war. Leslie stieg aus und öffnete das Tor. Das Auto fuhr weiter und hielt direkt vor dem Eingang.

 

»Lange kann ich leider nicht bleiben«, sagte Leslie.

 

»Aber Sie werden doch wenigstens einen Blick hineinwerfen?« bat Cora.

 

Sie öffnete die Küchentür. Dumpfe Luft schlug ihnen entgegen. Als sie ins Wohnzimmer kamen, bemerkte Leslie einen Käfig und auf dem Boden einen gelben Kanarienvogel.

 

»Ach, sehn Sie doch – ich habe ganz vergessen, ihm Futter und Wasser zu geben!« sagte Cora ohne das mindeste Mitleid. »Ich mag eigentlich solche Singvögel nicht leiden, aber Kerky glaubte, er würde mir eine Freude damit machen. Fünfundzwanzig Dollar hat er dafür gezahlt.«

 

Leslie sagte nichts.

 

»Gehen Sie nach oben!« befahl Cora plötzlich scharf. Sie stand hoch aufgerichtet und hatte die Augen weit aufgerissen. In ihrer Hand blitzte ein Browning. »Haben Sie nicht gehört? Sie sollen nach oben gehen!«

 

Leslie überlief ein Schauder, und ihre Knie zitterten. »Machen Sie doch keine Geschichten! Es ist höchste Zeit, daß wir wieder nach Hause fahren.«

 

»Wollen Sie wohl nach oben gehen, wenn ich es ihnen sage?« schrie Cora leidenschaftlich.

 

Leslie ging hinaus und stieg die Treppe hinauf.

 

»In das Zimmer links!«

 

Der Raum lag im Dunkeln, und Cora drehte das elektrische Licht an. Allem Anschein nach war dies ein Dienstbotenzimmer. Ein einfaches eisernes Bett, ein Tisch und ein Stuhl standen darin. Von einer offenen Tür aus konnte man in einen Baderaum sehen.

 

»So! Und jetzt werde ich Ihnen mal was sagen: Ich wäre Ihretwegen beinahe umgebracht worden … Wußten Sie das? Ihr Kerl da, der Eddie Tanner – wissen Sie, was der zu Kerky gesagt hat? Er würde mir den Kopf abschneiden und ihn Kerky in einem Obstkorb zum Frühstück schicken! Das hätte der Lump auch getan! Ich kenne Eddie genau – ich war früher mal mit ihm verheiratet … Und das hat er nur Ihretwegen gesagt!«

 

»Meinetwegen?« fragte Leslie. »Lächerlich!

 

»Das finden Sie auch noch lächerlich? Sie haben doch einen Brief bekommen, daß Sie fünfhundert Pfund zahlen sollen? Den haben Sie zur Polizei gebracht, und daraufhin sollten Sie niedergeknallt werden … Aber da hat Eddie eingegriffen, mich in der Stadt angehalten und einsperren lassen. Und hätten die Kerle Sie gefaßt, so hätte er mir die Gurgel durchgeschnitten …«

 

So unglaublich diese Geschichte auch klang – Leslie fühlte, daß sie auf Wahrheit beruhen mußte.

 

»Diese Rechnung haben wir also miteinander zu begleichen! Aber nun kommt noch was viel Schlimmeres: Was fällt Ihnen ein, Kerky den Kopf zu verdrehn? Sie brauchen mir nicht zu erzählen, daß Sie das nicht getan hätten! Ich weiß, genau, wie die Weiber sind …« Cora machte aus ihrem Herzen keine Mördergrube: Sie wählte die Worte nicht, und Leslie bekam die gemeinsten Ausdrücke zu hören. »Ich schließe Sie jetzt hier für ein Weilchen ein – genauso, wie ich selbst eingesperrt war. Wenn ich morgen wieder in besserer Stimmung bin, komme ich vielleicht zurück und lasse Sie heraus. Aber wenn mein Ärger noch nicht verflogen ist …« Ihr Gesicht sah plötzlich alt und verfallen aus, und sie atmete schwer. »Nun – ich werde wahrscheinlich zurückkommen …«

 

Sie öffnete ihre Handtasche und nahm zwei amerikanische Handschellen heraus, die sie vor einigen Tagen in einem Laden in der Oxford Street gekauft hatte. Die Pistole hielt sie immer noch in der einen Hand, mit der anderen legte sie Leslie die Fesseln an. Die beiden Handschellen waren an einer Kette befestigt, die sie hinter einer eisernen Röhre im Badezimmer entlangführte, bevor sie das Eisen schloß. »So, nun sind Sie gefangen! Ohne Schlüssel können Sie die Dinger nicht öffnen … Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen! Jetzt können Sie mal erfahren, wie mir zumute war, mein Kind!«

 

Cora fuhr zur Stadt zurück. Aber je mehr sie sich London näherte, desto unruhiger wurde sie. An ein solches Ende ihres Abenteuers hatte sie nicht gedacht; sie hatte sich so sehr auf den ersten Teil ihres Plans konzentriert, daß sie sich nur unklare Gedanken über den Abschluß gemacht hatte. Was würde Kerky sagen … Sie hielt an und war in größter Versuchung, umzukehren und Leslie zu befreien. Wenn das Mädel erst am nächsten Morgen herausgelassen wurde, schlug sie sicher Lärm. Und wenn Eddie davon hörte, würde er Kerky die Hölle heiß machen, und am Ende brach dann das ganze Geschäft zusammen …

 

Cora erschrak. Mit unsicheren Schritten ging sie zur nächsten Fernsprechzelle und rief ihren Mann an, der schon sehr besorgt um sie war. Er fragte, wo sie wäre und was sie gemacht hätte.

 

Ihre Nerven versagten. »Kerky, ich glaube, es wäre das beste, wenn ich – wenn ich wieder zum Landhaus zurückführe …«

 

»Du kommst sofort heim! Wo bist du? Ich werde einen Wagen schicken, dich abzuholen, du …!«

 

Er schimpfte, aber das machte ihr nichts aus. Im Gegenteil, sie fühlte sich erleichtert. »Ja, Kerky!« sagte sie zahm. »Ich komme zu dir!« Damit war das Los ihrer Gefangenen entschieden …

 

Als sie im Hotel ins Wohnzimmer trat, machte Kerky ein düsteres Gesicht. Er war ärgerlich. »Wo bist du gewesen?« fragte er und maß sie von Kopf bis Fuß. »Wo ist deine Handtasche geblieben?«Sie atmete schwer und taumelte einen Schritt zurück. Sie hatte die Tasche im Landhaus liegenlassen! Und es befand sich etwas darin, das niemand sehen durfte …

 

»Ach, Kerky, warum brüllst du mich denn so an? Ich hab‘ sie nicht mitgenommen; sie liegt in meiner Schublade … Brauchst du sie?«

 

Wenn er weniger erregt gewesen wäre, hätte er erkannt, daß sie ihn anlog. »Nein, ich brauche sie nicht … Setz dich hierher! Das Zimmer ist durchsucht worden, während ich fort war. Besinnst du dich auf das Buch, das ich dir neulich gab? Du solltest es auf die Bank bringen und dort einschließen …

 

Sie nickte verstört.

 

»Hast du das getan?«

 

Sie nickte wieder; sprechen konnte sie nicht.

 

»Dann ist alles in Ordnung, Cora! Es war eine Dummheit von mir, daß ich es dir gab. Ich weiß doch, was für ein Dummkopf du bist!« Er stand auf und schritt im Zimmer auf und ab. Die Spannung in seinen Zügen ließ allmählich nach, und schließlich lächelte er sogar. »Wie wär’s, wenn wir ins Theater gingen? Oder in ein Varieté?«

 

»Großartig, Kerky!« entgegnete sie erleichtert. Aber ihre Gedanken arbeiteten fieberhaft: Was würde nun geschehen, wenn sie Kerky erzählte, daß sie vergessen hatte, das Buch auf die Bank zu bringen? Daß es sich in der Handtasche befand und daß die Handtasche im gleichen Haus lag, in dem sie Leslie Ranger eingesperrt hatte? –

 

Leslie hatte die Handtasche wohl bemerkt, sich aber bemüht, nicht hinzusehen, um nicht Coras Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Die Tasche lag auf einem Stuhl im Mädchenzimmer, ungefähr eineinhalb Meter von ihr entfernt.

 

Leslie hörte, wie die Haustür zugeschlagen wurde und wie der Wagen davonfuhr. Die Schlüssel mußten sich in der Tasche befinden: sie waren mit einer kleinen roten Schnur an den Handschellen befestigt gewesen; Cora hatte sie abgerissen und in die Handtasche gelegt.

 

Der Stuhl war zu weit entfernt, als daß Leslie ihn ohne weiteres hätte erreichen können. Sie ließ die Kette so weit als möglich an der eisernen Röhre herabgleiten, legte sich dann auf den Boden und streckte sich aus, bis sie mit den Fußspitzen ein Stuhlbein berühren konnte. Noch einen Zentimeter – aber es reichte nicht.

 

In einer Ecke des kleinen Badezimmers stand ein Besen, den sie mit der Hand fassen konnte. Langsam schob sie ihn auf dem Boden entlang, hakte ein und zog den Stuhl näher. Zu ihrem größten Schreck stieß der Stuhl aber auf ein Hindernis im Boden und kippte um. Die Tasche lag nun ziemlich weit weg. – Leslie machte einen anderen Versuch: Sie legte sich der Länge nach auf den Boden und faßte den Besenstiel mit beiden Füßen. Sic konnte ihn nur ungeschickt bewegen, aber schließlich gelang es ihr doch, auf diese Weise die Tasche langsam näherzuziehen. Endlich hielt sie das brillantenbesetzte kleine Ding in ihren zitternden Händen … Sie öffnete es, fand die Schlüssel und war einige Sekunden später frei.

 

Dauernd lauschte sie angestrengt, weil sie fürchtete, das Auto könne zurückkehren; aber es regte sich nichts.

 

Sie leerte nun den Inhalt der Tasche auf den Tisch. Die kleine Browningpistole legte sie beiseite.

 

Sie fand ein rotledernes Buch. Merkwürdigerweise war es mit zwei dünnen Ketten befestigt, die kreuzweise darumgeschlungen und auf der Rückseite durch ein kleines Vorhängeschloß gesichert waren. Außerdem entdeckte sie fünfzig Pfund in Banknoten und all die kleinen Gegenstände, die eine Dame in ihrer Handtasche trägt: Lippenstift, Puder, einen goldenen Bleistift, ein paar Silbermünzen. Dann packte sie alles wieder ein. Es würde ihr besondere Genugtuung bereiten, am nächsten Morgen ins Hotel zu gehen und Cora ihr Eigentum zurückzugeben …

 

Der Schreck, der Leslie zuerst gepackt hatte, wich später der Empörung über die Gemeinheit, die ihr zugefügt worden war. Es dauerte einige Zeit, bis sie aus dem Haus herauskam. Schließlich kletterte sie durch ein Fenster ins Freie und machte sich zu Fuß auf den Rückweg. Sie traf niemand, und es war auch wenig wahrscheinlich, daß ihr ein Mensch begegnen würde, bevor sie die Hauptstraße erreichte.

 

Als sie zur Bath Road kam, hatte sie ihre Fassung fast wiedererlangt. In der Nähe befand sich eine Garage, und Leslie ging dorthin, um ein Auto zu mieten. Sie hatte ja die fünfzig Pfund von Cora, und sie konnte von dieser niederträchtigen Person zum wenigsten verlangen, daß sie ihr die baren Auslagen ersetzte.

 

Der Garagenbesitzer schüttelte den Kopf. »Tut mir leid. Einen Wagen kann ich Ihnen geben, aber ich habe keinen Chauffeur. Wenn Sie selbst fahren wollen …?«

 

Leslie nahm den Vorschlag mit Freuden an …Sie wollte lieber allein sein – die Fahrt nach London würde sie beruhigen. Sie hinterlegte eine größere Summe als Pfand, nebst ihrer Visitenkarte.

 

Der Mann deutete auf die Uhr am Armaturenbrett. »Zehn … Ich hab‘ noch nie eine Wagenuhr gesehen, die in Ordnung war!« meinte er lachend. »Aber es ist wirklich zehn – also muß diese richtig gehen!«

 

Jetzt erst kam Leslie zum Bewußtsein, daß sie fast drei Stunden in dem schrecklichen Haus zugebracht hatte. Der Mann war sehr liebenswürdig und versorgte sie mit allem. Nur hatte er vergessen, den Tank nachzufüllen …

 

Aber das. merkte sie erst, als sie in der Nähe von Colnbrook war: Der Wagen blieb stehen … Gewöhnlich herrschte hier starker Verkehr, aber an diesem Abend kamen in fünf Minuten nur zwei Wagen durch, und beide beachteten ihr Signal nicht.

 

In der Nähe lag ein Torweg. Sie löste die Bremse und ließ den Wagen die Böschung hinunterrollen, bis er auf dem Feld stand. Sie fürchtete, die Batterie würde auch ausbrennen, weil die Scheinwerfer schon flackerten, und drehte das Licht völlig aus. Dann wartete sie auf ein langsam fahrendes Auto, das sie anhalten konnte.

 

Plötzlich bemerkte sie einen Wagen, der über den Hügel kam. Merkwürdigerweise hielt er ein paar Schritt von der Stelle entfernt, an der sie im Dunkeln stand. Sie entdeckte, daß es ein leichtes Lastauto war, und wollte gerade vortreten und um Hilfe bitten, als sie eine Stimme vernahm.

 

»Sie werden doch das nicht tun – um Himmels willen!« flehte jemand.

 

Leslie schauderte und duckte sich verstört. Wo hatte sie nur diese Stimme schon gehört? In ihrer Erinnerung tauchte jäh eine Szene auf: Verkehrsstockung – rechts und links viele Wagen – ein Herr, der sie unerwartet ansprach … Es war Inspektor Tetley, der Mann mit dem aufgezwirbelten Schnurrbart! Gleich darauf hörte sie, wie er in Todesangst aufschrie …

 

Kapitel 2

 

2

 

»Es gibt zwei vorherrschende Triebkräfte im Leben der Männer: die Liebe und die Furcht vor dem Tode … Verstehen Sie?« Captain Jiggs Allerman von der Chikagoer Geheimpolizei lehnte sich im Sessel zurück und blies den Rauch seiner Zigarre zur Decke hinauf. Er war groß, schlank und von der Sonne gebräunt wie ein Indianer.

 

Terry Weston grinste. Er amüsierte sich immer über Jiggs.

 

»Sagen Sie mal: Sie sind doch Chefinspektor oder so etwas Ähnliches?« fuhr Jiggs fort, »Mir scheint, daß man nächstens hier noch Kinder zu höheren Beamten macht. Wie alt sind Sie denn jetzt, Terry?«

 

»Fünfunddreißig.«

 

Jiggs machte ein verächtliches Gesicht. »Das ist eine gemeine Lüge! Wenn Sie älter sind als dreiundzwanzig, dann lasse ich mich totschießen.«

 

»Immer wenn Sie Ihren jährlichen Besuch in Scotland Yard machen, erzählen Sie denselben faulen Witz. Man könnte doch meinen, daß Ihnen mit der Zeit etwas Neues einfallen sollte? Aber Sie haben eben von zwei Triebkräften im Leben gesprochen …«

 

»Ja – Liebe und Tod.« Jiggs nickte eifrig. »Mit der Liebe hat man immer schon viel Geld verdient; aber mit dem Tod haben bisher nur die Ärzte und die Beerdigungsinstitute ihr Geschäft gemacht. Doch passen Sie auf: Das wird jetzt anders, Terry! In den Vereinigten Staaten werden jedes Jahr Unsummen für den persönlichen Schutz wohlhabender Bürger verausgabt. Und was dort drüben ein gutes Geschäft ist, müßte sich auch in England, Frankreich, Deutschland oder sonstwo bezahlt machen. Die Menschen sind überall gleich, und es wird überall mit Wasser gekocht. Jedenfalls: Unsere großen Gangster – ich weiß das – haben sich inzwischen in England umgesehen, und zwar einer aus Chikago und einer aus New York. Und wenn die sich was in den Kopf setzen, führen sie’s auch durch. Denn diese Burschen, mit denen ich es drüben zu tun habe, denken in Millionen oder gar in achtstelligen Zahlen. Im vorigen Jahr wollten sie ein neues Geschäft in einem anderen Land aufmachen und haben allein für Vorarbeiten zwei Millionen Dollar ausgegeben. Die Sache rentierte sich dann aber nicht, und so haben sie einfach ihre ganzen Ausgaben auf Verlustkonto gesetzt … Da staunen Sie, was? Diese Leute könnten jedes Jahr aus England hundert Millionen Dollar ziehen, ohne daß es auffiele.«

 

Jiggs Allerman war bei seinem Lieblingsthema angelangt. Er hatte sich schon öfters mit Terry darüber unterhalten, der ihm jedesmal widersprach. Persönlich wäre er an dieser besonderen Art von Verbrechen interessiert gewesen, denn er arbeitete in Scotland Yard im Dezernat für Betrug, Erpressung und ähnliche Vergehen.

 

Kurz darauf ging er mit dem Amerikaner zu Tisch. Er hatte Jiggs Allerman gern und wußte, daß er noch viel von ihm lernen konnte.

 

Im Grill-Room des Carlton-Hotels erkannte Terry Mr. Elijah Decadon und machte seinen Begleiter auf ihn aufmerksam. »Das ist einer der gemeinsten und gefährlichsten Millionäre, die es auf der Welt gibt!«

 

»Na – mit dem würde ich schon fertig werden!« erklärte Jiggs. »Und wer ist der dunkle Herr, der bei ihm sitzt? Der kommt mir so merkwürdig bekannt vor …«

 

»Sein Neffe. Möglich, daß Sie ihn kennen; er wohnte früher in Chikago. Ist er nicht zufällig mal mit der Polizei in Berührung gekommen?« fragte Terry ironisch.

 

»Nein, aber das hat nichts zu sagen. Die ganz großen Verbrecher haben selten etwas mit der Polizei zu tun; die eigentlichen Drahtzieher, die hinter den Alkoholschmugglerbanden und ähnlichen Gesellschaften stehen, werden fast nie erwischt. Ach, jetzt fällt es mir ein! Tanner – Ed Tanner heißt der Mann! Ein durchtriebener Junge … Hab‘ mich schon oft gewundert, woher er das viele Geld hat. Aber sagten Sie nicht eben, sein Onkel wäre Millionär?«

 

»Von dem hat er es nicht!« erwiderte Terry grimmig.

 

Der alte Decador drüben saß aufrecht vor seiner einfachen Mahlzeit und sah seinen Neffen böse an. Er war ungewöhnlich groß und stattlich und hatte sich für sein Alter erstaunlich gut gehalten.

 

»Ich hoffe, du begreifst endlich, daß ich das Geld, das ich besitze, auch behalten will?« sagte er barsch. »Ich möchte nichts von diesen wilden amerikanischen Phantasien hören, durch die die Yankees schnell zu Reichtum kommen wollen.«

 

»Ich sehe auch keinen Grund, warum du dich damit abgeben solltest, Onkel«, entgegnete Ed gutgelaunt. »Aber ich habe eine private Nachricht über dieses Petroleumfeld erhalten, und ich glaube, daß es ein gutes Geschäft ist. Ich persönlich habe nichts davon, ob du einsteigst oder nicht. Aber ich dachte, du spekuliertest gern?«

 

»Mit derartig windigen Geschäften will ich nichts zu tun haben!« brummte der Alte.

 

Die beiden Detektive an der anderen Seite des Speisesaals sahen, wie er aufstand und fortging. Sie nahmen an, er habe sich mit seinem Neffen gestritten.

 

»Möchte bloß wissen, was die zwei da eben geredet haben. Decadon kenne ich nicht, aber Ed um so genauer. Er ist der beste Psychologe in Amerika, und … Donnerwetter, da ist ja auch der ›Große‹ selbst!«

 

Ein elegant gekleideter Herr von mittlerer Größe war in den Speisesaal getreten. Er trug das Haar kurz geschnitten; sein schmales Gesicht war von vielen Furchen durchzogen und sah nicht gerade vertrauenerweckend aus. Auch die beiden langen, dünnen Narben auf der linken Wange machten es nicht anziehender.

 

Jiggs pfiff leise vor sich hin. Er saß in gespannter Haltung; seine Augen glänzten. »Es ist wahrhaftig der ›Große‹ in eigener Person … Himmeldonnerwetter, was hat das nur zu bedeuten?«

 

»Wer ist denn der ›Große‹?« fragte Terry.

 

»Den müssen Sie kennenlernen! In einer Minute wird er bei uns sein.«

 

»Er hat Sie doch gar nicht gesehen?«

 

»Sie können Gift darauf nehmen, daß ich der erste war, den er hier gesehen hat! Der Kerl entdeckt jede Stecknadel auf dem Boden. Haben Sie noch nie von ihm gehört? Kerky Smith – oder Albuquerque Smith – oder Alfred J. Smith; kommt ganz darauf an, ob Sie ihn kennen oder von ihm lesen.«

 

Der Mann, über den sie sprachen, ging anscheinend ziellos durch den Saal. Plötzlich sah er auf und begegnete dem Blick Edwin Tanners, der ihn lächelnd anschaute.

 

»Hallo, Kerky! Wann sind Sie denn hierhergekommen? Ich habe nicht im mindesten erwartet, Sie hier zu treffen.«

 

Er reichte ihm die Hand, und Kerky drückte sie schwach.

 

»Wollen Sie nicht Platz nehmen?«

 

»Bleiben Sie lange?« fragte Kerky, ohne auf die Aufforderung einzugehen.

 

»Ich fahre zweimal im Jahr nach England. Mein Onkel wohnt hier.«

 

»Ach so? Aus Chikago haben Sie ziemlich plötzlich Reißaus genommen …«

 

»Durchaus nicht!« erwiderte Tanner eisig.

 

Kerky lehnte sich an den Tisch und sah auf ihn hinunter. Ein verständnisinniges Lächeln spielte um seine Lippen. »Hab‘ gehört, daß Sie hier Geschäfte machen wollen. Jemand sagte mir, Sie hätten zwei Millionen investiert. Bleiben Sie noch lange hier?«

 

Ed setzte sich bequem zurück und spielte mit einem Zahnstocher. »So lange, wie es mir Spaß macht!« erwiderte er vergnügt. »Jiggs dort drüben verschlingt uns geradezu mit den Augen …«

 

Kerky Smith nickte. »Ja – ich habe den verdammten Kerl schon gesehen. Wen hat er da eigentlich bei sich?«

 

»Irgendeinen Burschen von Scotland Yard.«

 

Kerky richtete sich auf und legte seine lange, dürre Hand auf Eds Schulter. »Sie werden nett und lieb sein, mein Junge: Entweder machen Sie mit, oder Sie verschwinden. Sie brauchen einen unheimlichen Haufen Geld für dieses Geschäft, Ed; mehr, als Sie haben.« Er klopfte ihm auf die Schulter und ging dann zu Allerman hinüber. »Sieh, da ist ja auch Jiggs!« rief er strahlenden Gesichts.

 

»Setzen Sie sich, Sie gemeiner Hund und Dieb!« entgegnete der Detektiv ruhig. »Was machen Sie denn in London? Ich muß sagen, daß die englische Regierung in der Erteilung von Visen sehr fahrlässig ist.«

 

Kerky lächelte. »Das sollten Sie eigentlich nicht sagen … Aber stellen Sie mich doch bitte Ihrem jungen Freund vor!« »Der kennt Sie schon genau. Chefinspektor Terry Weston … Wenn Sie eine Weile in London bleiben, wird er auch bald Ihre Fingerabdrücke besitzen. Was für einen Schwindel haben Sie jetzt wieder vor, Kerky?«

 

»Muß ich denn immer was vorhaben? Ich bin zur Erholung hier und sehe midi dabei natürlich auch nach geeigneten Objekten um. Ich habe in Baisse spekuliert und den Markt erschüttert. Sehen Sie, ich verdiene mein Geld auf diese Weise. Ich mache es nicht wie die Polizeibeamten in Chikago, die sich die Taschen von den Gangstern spicken lassen und dann noch so tun, als ob sie die Leute fangen wollten.«

 

Jiggs Allermans Züge nahmen einen harten Ausdruck an. »Das werde ich Ihnen nicht vergessen, mein Junge! Wenn ich Sie erst mal im Chikagoer Präsidium unter vier Augen habe, werde ich mit Ihnen abrechnen.«

 

Kerky Smith lächelte harmlos und unschuldsvoll. »Sie fassen immer alles falsch auf. Können Sie denn keinen Spaß versteh’n? Ich bin doch durchaus für Ordnung und Gesetz. Einmal hab‘ ich Ihnen sogar das Leben gerettet: einer von den Kerlen im Norden wollte Sie um die Ecke bringen, aber ich hab‘ dafür gesorgt, daß er seine Absicht nicht ausführen konnte.« Kerky verstand es, gelegentlich anderen Leuten die Hand auf die Schulter zu legen, und das tat er auch jetzt, als er sich erhob. »Mein Junge, Sie wissen nicht einmal, wer Ihr bester Freund ist!«

 

»Mein bester Freund ist mein Revolver«, sagte Jiggs, anscheinend gleichgültig, »und wenn ich Sie eines Tages damit zur Strecke bringe, lasse ich die Mündung in Diamanten fassen.«

 

Kerky lachte. »Sie bleiben doch immer derselbe!« meinte er und winkte vergnügt zum Abschied.

 

Jiggs folgte ihm mit den Blicken, bis sich der Amerikaner neben einer schönen, blonden jungen Dame an einem Tisch niederließ. »Diese Art Verbrecher kennen Sie in England noch nicht. Die Kerle schießen jeden rücksichtslos über den Haufen, der ihnen in den Weg tritt. Und trotz alledem ist der Mann noch nie verurteilt worden. Immer war er in Michigan, wenn in Illinois etwas passierte, oder er war auf der Tour in Indiana, wenn in Brooklyn jemand ermordet wurde. Sie ahnen nicht, wie kaltblütig diese Schurken sind. Hoffentlich erfahren Sie es auch niemals. Er sagte doch, daß er mein Leben gerettet hätte … Vier seiner Scharfschützen haben hintereinander versucht, mich kaltzumachen! Einer seiner Gehilfen, Dago Pete, hat mich mal zweitausend Kilometer weit verfolgt; aber es ist ihm doch nicht gelungen. Bis ich ihn dann selber zur Strecke brachte.«

 

»Gott sei Dank«, meinte Weston, »daß wir uns mit dieser verdammten Sorte nicht herumärgern müssen!«

 

»Warten Sie ab, was die Zukunft bringt«, erwiderte Jiggs düster.

 

Kapitel 20

 

20

 

In Scotland Yard machte man sich die größten Sorgen, weil sich keiner der Bedrohten an die Polizei gewandt hatte. An einem Abend hatten die Polizisten allein acht brennende Kerzen an verschiedenen Fenstern gezählt; die Namen der Wohnungsinhaber waren sorgfältig notiert worden.

 

»Ich wünsche nur«, sagte Terry, »es käme ein Mutiger und sagte: ›Hier ist ein Brief, nun ist es Ihre Sache, mich zu beschützen!‹ Wenn ich morgen einen solchen Brief bekomme, bin ich glücklich.«

 

Am nächsten Morgen um zehn wurde sein Wunsch erfüllt, aber er fühlte sich durchaus nicht glücklich: Leslie Ranger nämlich hatte einen Drohbrief erhalten, in dem man von ihr eine Zahlung von fünfhundert Pfund verlangte …

 

Sie brachte den Brief persönlich ins Präsidium. Sie faßte die Sache mehr von der heiteren Seite auf und war keineswegs ängstlich.

 

Als Terry die blaue Formularfarbe sah, wußte er sofort, was das zu bedeuten hatte. Er wurde bleich und gab Jiggs Allerman das Schreiben.

 

»Haben Sie denn fünfhundert Pfund, Miss Ranger?« fragte Allerman stirnrunzelnd »Aber natürlich: Sie haben ja tausend Pfund geerbt! Sie brauchten also nur die Hälfte abzugeben …«

 

»Lächerlich!« erklärte Leslie. »Die Leute haben sich doch da nur einen Scherz erlaubt!«

 

Die beiden Detektive sahen sich an. »Halten Sie das für einen Scherz, Jiggs?«

 

»Nein, auf keinen Fall. Was werden Sie unternehmen, Terry?«

 

»Das weiß ich noch nicht. Vor allem werde ich dem Chef die Sache mitteilen. Miss Ranger bleibt am besten in Scotland Yard. Wir haben ein Reservezimmer, in dem man ein Bett aufschlagen kann. Ich werde mit der Frau sprechen, die dafür zu sorgen hat.« Er eilte hinaus.

 

»Ist es wirklich so ernst?« fragte sie, als sie mit Allerman allein war.

 

»Ach was, Miss Ranger!« versuchte Jiggs sie zu trösten. »Es ist nicht so schlimm. Aber man darf die Sache natürlich nicht leicht nehmen. Ich kenne einen Mann in London, der es nicht für einen Spaß hält.«

 

Er wartete, bis Terry zurückkehrte, entschuldigte sich dann und ließ sich von einem Polizeiauto zum Berkeley Square bringen.

 

Eddie Tanner wäre zu Hause und wollte ihn auch sofort empfangen, bestellte der untersetzte Diener, der ihn eingehend musterte.

 

»Es tut mir leid, daß ich Sie einen Augenblick habe warten lassen«, empfing ihn Tanner. »Nehmen Sie bitte Platz! Wollen Sie eine Importe rauchen?«

 

Jiggs nahm dankend an. »Gibt es was Neues?« fragte er.

 

»Im Augenblick nicht. Ich dachte schon daran, für eine Woche nach Berlin zu fahren. Man kann diese Rechtsanwälte nicht zur Eile antreiben.«

 

»In London passieren recht aufregende Dinge. Aber, ich habe bis jetzt noch nicht gewußt, daß diese Banden auch gegen Frauen arbeiten!«

 

»Wie meinen Sie das?«

 

»Die junge Dame, die früher hier war, Miss Ranger, hat heute morgen einen Drohbrief bekommen. Fünfhundert Pfund soll sie zahlen …«

 

»Leslie Ranger?« Eddie verlor einen Augenblick die Fassung. »Die hat einen Brief bekommen?« Er nahm langsam eine Zigarette aus seinem goldenen Etui und steckte sie an. »Aber ich nehme nicht an, daß das irgendwelche Folgen hat … Welche Maßnahmen wollen Sie ergreifen?«

 

Jiggs grinste. »Das werden wir heute in den Abendblättern mitteilen. Achten Sie genau darauf!«

 

Eddie lachte. »Das war allerdings eine dumme Frage. Gehen Sie schon wieder?«

 

Jiggs nickte. »Ich bin bloß auf einen Sprung zu Ihnen gekommen.«

 

An diesem Abend ging Kerky Smith um Viertel nach sieben in der großen Eingangshalle seines Hotels nervös auf und ab. Er war in Abendkleidung und trug eine Gardenie im Knopfloch.

 

»Kerky, Sie sehen wirklich großartig aus!«

 

Smith ließ wie von ungefähr die Hand in die Rocktasche gleiten. »Hallo, Eddie!«

 

»Kommen Sie mit in den Palmengarten! Trinken Sie ein Glas mit mir!« Eddie winkte einem Kellner. »Wollen Sie in die Oper?«

 

»Nein, ins Schauspieltheater. Diese verdammten Frauen! Immer muß man auf sie warten … Cora hat heute nachmittag Einkäufe gemacht.« Kerky sah wieder auf die Uhr. »Sie braucht gewöhnlich eine Stunde, um sich schön zu machen.«

 

»Merkwürdig, daß die Freuen einen immer warten lassen!« Ed blies einen Rauchring in die Luft und beobachtete, wie sich dieser zerteilte. »Können Sie sich auf meine Sekretärin besinnen? Miss Leslie Ranger? Ein entzückendes Mädchen! Ich habe den ganzen Nachmittag auf sie gewartet, aber sie ist in Scotland Yard. Irgendein Spaßvogel hat ihr einen Brief geschickt, in dem es heißt: ›Geld oder Leben!‹ Soviel ich weiß, sind Jiggs und Terry Weston sehr aufgeregt darüber. Ich habe ihnen gesagt, sie brauchten sich weiter keine Sorgen zu machen.«

 

»Ganz recht!« entgegnete Kerky, der dauernd den Eingang beobachtete.

 

»Ich werde Ihnen auch mitteilen, warum ich die beiden beruhigen konnte.« Eddie sah auf seine Zigarette, als ob er dort etwas ablesen wollte. »Es wird Miss Ranger nicht mehr geschehen als einer anderen Frau – sagen wir einmal: Cora. Nehmen wir an, man würde morgen Miss Ranger tot auffinden, dann gehe ich die größte Wette ein, daß Sie zum Frühstück auch Coras Kopf in einem Fruchtkorb präsentiert bekämen.«

 

Kerky hörte plötzlich mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Er konnte nicht verhindern, daß seine Lippen zitterten. Er liebte Cora und war sehr stolz auf sie. Aber er wußte auch, daß der Mann, der ihm gegenübersaß und so nachlässig seine Zigarette rauchte, vollkommen gefühllos war. Coras Kopf bedeutete Eddie so viel wie der eines Hammels.

 

»Gut, dann ist das abgemacht, Eddie!« Kerky räusperte sich, denn seine Stimme hatte merkwürdig heiser geklungen.

 

Tanner erhob sich und sah auf die Uhr. »Es tut mir leid, daß Sie Ihr Theater versäumt haben. Ich glaube, Cora ist irgendwo bei dem regen Verkehr in der Stadt aufgehalten worden. Gegen acht wird sie sicher zurückkommen.«

 

Fünf Minuten nach acht erschien Cora wütend, aber auch ein wenig verstört im Hotel. Sie sprach aufgeregt auf Kerky ein, als sie oben in ihren Räumen waren. »Du wirst diesen gemeinen Kerl zur Strecke bringen! Das ist doch die Höhe der Unverschämtheit, mich in ein Zimmer einzusperren! Die Lumpen haben mir vorgelogen, du wärst krank, und ich sollte schnell zu dir kommen …«

 

»Mach endlich den Mund zu, Liebling!« erwiderte Kerky.

 

»Ich habe furchtbare Kopfschmerzen.«

 

Er grinste. »Sei froh, daß du noch einen Kopf hast, in dem du Schmerzen fühlst! Glaube mir, Cora: Der Kerl ist schlau! Ich wünschte nur, er wäre auf unserer Seite.« –

 

Punkt acht wurde Jiggs Allerman ans Telefon gerufen; er erkannte Eddies Stimme.

 

»Sie brauchen sich um Miss Ranger keine Sorge zu machen! Ich halte die Sache bestimmt für einen Scherz!«

 

»Großartig!« sagte Jiggs und brachte Terry die Nachricht.

 

»Man kann sich doch aber auf das Wort eines solchen Menschen nicht verlassen?«

 

»Das kann man schon – glauben Sie mir nur!« entgegnete Jiggs mit Nachdruck.

 

Terry war aber doch nicht ganz überzeugt und ließ Leslie nur ungern wieder in ihre Wohnung zurückkehren. Sie erfuhr nichts von den näheren Umständen und war eigentlich froh, daß sie sich wieder frei bewegen konnte. Sie merkte auch nichts von der Anwesenheit des Detektivs, der die ganze Nacht vor ihrer Wohnung Wache hielt. Ebensowenig wußte sie, daß während derselben Zeit ein Auto ihrer Haustür gegenüberstand, in dem ein Maschinengewehr angebracht war. Jack Summers, der bekannteste Scharfschütze von Chikago, war der Chauffeur. –

 

Am nächsten Nachmittag bekam Leslie Besuch: Jiggs Allerman und Terry Weston erschienen zum Tee. Beide wollten sich die Wohnung genau ansehen, vor allem die Zugänge. Außerdem hätten sie gern erfahren, was sie vor drei Tagen in der City gemacht hatte.

 

Jiggs kam auf die Sache zu sprechen. »Vor ein paar Tagen haben Sie einen guten Bekannten von uns in der Stadt getroffen – Inspektor Tetley?« fragte er.

 

»Ja. Ich kam von Rotherhithe zurück und mußte an einer Straßenecke warten. Er kam ans Auto und sprach mit mir. Ich kannte ihn zuerst nicht …«

 

»Nun, vermutlich wartete er auf Sie. Er hat mindestens zehn Minuten an der Straßenkreuzung gestanden und Ausschau gehalten. Als dann Ihr Wagen kam, ging er sofort auf ihn zu. Wie er allerdings das Taxi herausfand, ist mir ein Rätsel.«

 

Plötzlich dachte Leslie wieder an die weißen Papierfetzen, die an das Auto geklebt waren, und erzählte den beiden davon. »Ich vermutete, daß der Mann auf dem Motorrad das getan hat«, schloß sie ihren Bericht.

 

»Nun müssen Sie uns den Mann und das Motorrad noch genau beschreiben!« verlangte Jiggs lebhaft.

 

Sie erfüllte seinen Wunsch und erwähnte auch, daß sie die Stimme des Betreffenden wieder erkannt hätte, als er sich in Rotherhithe mit einem andern unterhielt.

 

»Sie glauben also, daß es derselbe war, der Sie an jenem Abend nach Decadons Ermordung entführte?« Jiggs rieb sein Kinn. »Und die beiden Kerle trugen Wasserstiefel und blaues Zeug und trieben sich in der Nähe einer Werft herum? Wer hat denn den Möbelspeicher gekauft? Aber das können Sie wohl nicht wissen … Das war alles, was sie sagten?«

 

»Ja, sie machten dann nur noch einen Scherz über ein paar Mädchen. Aber das ist sicher zu unwichtig …«

 

»Nichts ist zu unwichtig! Wie war das denn?«

 

Sie erzählte es ihnen.

 

»Jane und Christabel?« Jiggs runzelte die Stirn. »Das klingt allerdings nach einem Liebesabenteuer.«

 

Er fing einen Blick Terrys auf und änderte das Gesprächsthema. Als sie wieder auf der Straße waren, kam er darauf zurück. »Warum haben Sie mir eigentlich vorhin zugezwinkert?«

 

»Ach, es ist nur eine vage Vermutung«, sagte Terry schnell. »Hierzulande haben alle Schlepper Doppelnamen – gewöhnlich sind es Mädchennamen; und ich möchte behaupten, daß irgendwo auf der Themse eine ›Jane und Christabel‹ fährt, auf der die beiden Kerle beschäftigt sind.«

 

Als sie nach Scotland Yard zurückgekehrt waren, setzte sich Terry mit dem Direktor der Strompolizei in Verbindung, der ein ausgezeichnetes Gedächtnis für Schiffe und Schiffsnamen hatte und alle Fahrzeuge kannte, die auf den Fluten der Themse schaukelten.

 

»Jane und Christabel? Ja, die kenne ich!« erwiderte der Beamte. »Ein großer Schlepper mit zwei Maschinen … Früher gehörte er der Calcraft-Concrete-Company, und als die Gesellschaft in Konkurs ging, wurde er verkauft. Ich werde sofort in den Listen nachschlagen.«

 

Zehn Minuten später meldete er, daß der Dampfer an einen Mister Grayshott aus Queensborough veräußert worden war und daß er gewöhnlich im Pool ankerte. Vor vierzehn Tagen hatte er eine Holzladung nach Teddington gebracht; seit der Zeit wurde ein Maschinendefekt repariert, und der Kapitän hatte infolgedessen alle Angebote zurückgewiesen.

 

»Wo liegt er jetzt?« fragte Terry.

 

»Wahrscheinlich im Pool; vielleicht aber auch bei Greenwich.«

 

Es dauerte noch drei Viertelstunden, bis die genaue Lage des Schiffes festgestellt wurde. Die ›Jane und Christabel‹ war mit eigener Kraft auf dem Strom weitergedampft und hatte bei der Isle of Dogs festgemacht. »Sie ist außerdem schon wieder verkauft und wird nach Amerika gehen«, berichtete der Direktor der Strompolizei. »Es ist auch bereits ein Teil der amerikanischen Besatzung an Bord, doch gibt es noch verschiedene Schwierigkeiten wegen der Schiffspapiere.«

 

 

Am Abend ließ sich Terry Weston in seinem Dienstwagen nach Greenwich bringen. Ein Polizeimotorboot wartete am Ufer schon auf ihn. Gleich darauf fuhr es in weitem Bogen auf den Fluß hinaus und dann stromauf.

 

»Dort ist er!« sagte plötzlich der Sergeant, der das Motorboot steuerte.

 

Terry richtete sein Nachtglas auf den großen, stattlichen Schleppdampfer mit den zwei Schornsteinen, der nahe am Ufer lag. Mit Ausnahme der Lichter, die die Vertäuung anzeigten, war alles dunkel.

 

»Wollen Sie an Bord?«

 

»Nein – ich möchte die Leute in keiner Weise beunruhigen, sie dürfen nicht wissen, daß sie beobachtet werden. Aber Sie, Sergeant, müssen das Schiff Tag und Nacht bewachen! Ich habe mit dem Direktor verabredet, daß er Ablösungsmannschaft in einem Privat-Motorboot herschickt. Wir wollen in diesem Fall alles vermeiden, was nach Polizei aussieht. Wenn etwas mit dem Schiff passiert, muß es sofort dem Präsidium gemeldet werden!«

 

Als Weston in seine Wohnung zurückkehrte, fand er dort Jiggs, der eine Abendzeitung las. Darin stand ein Artikel, der sich mit der augenblicklichen Lage befaßte und in dem die angekündigten Gesetzesvorschriften veröffentlicht wurden.

 

»Die Gangster werden wohl doch aufmerksam werden, wenn sie das lesen«, meinte Jiggs. »Todesstrafe für Bombenattentate; lebenslängliches Zuchthaus für Leute, die im Besitz von Bomben sind; fünfundzwanzig mit der neunschwänzigen Katze für Tragen geladener Feuerwaffen; sieben Jahre Zuchthaus und fünfundzwanzig Hiebe für Verschwörung zum Zweck der Erpressung … Außerdem sind fünfzigtausend Pfund Belohnung ausgesetzt für Mitteilungen, die zur Verurteilung der an den letzten Morden schuldigen Personen führen …« Er faltete die Zeitung. »Na, erst mal muß man die Schufte fangen, bevor man sie bestrafen kann! Das ist eine alte Wahrheit … Die Kerle kriegen meiner Meinung nach jeden Tag vierzigtausend Pfund herein. Überlegen Sie sich das mal, mein Junge! Die Schießerei hat sich gelohnt!«

 

Kapitel 21

 

21

 

Jiggs beschrieb Cora Smith sehr richtig als außergewöhnlich hübsch, aber etwas dumm. Wenn sie nicht so beschränkt gewesen wäre, hätte sie längst bemerkt, daß die Geduld ihres Mannes zu Ende ging. Nachdem sie ihm zum hundertstenmal vorgestöhnt hatte: »Kannst du denn nichts tun?« faltete er die Zeitung sorgfältig und warf sie in den Papierkorb.

 

»Hör zu, Cora! Es kommt nicht oft vor, daß ich über mein Geschäft mit jemand spreche. Das weißt du sehr gut. Sicher war es unangenehm für dich, daß sie dich in ein Zimmer sperrten und dir einschärften, du solltest warten. Soll ich dir sagen, warum das geschah? Jemand muß einen Drohbrief an Leslie Ranger geschickt haben. Du kennst sie, weil du mit ihr gesprochen hast. Sie sollte doch meine Sekretärin werden. Du weißt, was das bedeutet, und brauchst also keine weiteren Fragen zu stellen.«

 

»Was hat das denn mit mir zu tun?«

 

»Nun gut, ich will es dir sagen. Die Leute glaubten, daß ich Einfluß auf die Banden hätte, die hier in London an der Arbeit sind. Deshalb haben sie dich eingesperrt, bis jemand den Brief an Leslie Ranger zurückzog und erklärte, daß es ein Scherz sei. Wenn dieser Jemand den Brief nicht zurückgezogen hätte – willst du wissen, was dann geschehen wäre, Cora? Dann hätten sie dir den Kopf abgeschnitten!«

 

»Mir?« Sie sah ihn entsetzt an.

 

Er nickte ernst. »Ja. Sie wollten ihn mir zum Frühstück schicken.«

 

Sie lachte verächtlich.

 

»Hör auf zu lachen, mein Kind! Glaube mir – die hätten es wirklich getan!«

 

Sie kochte vor Wut. »Und das alles wegen dieser verdammten Stenotypistin? Was weißt du sonst noch von der Sache, Kerky? Du sitzt hier herum und tust, als ob das gar nichts wäre …«

 

»Es wird etwas geschehen – früher, als du glaubst. Das laß ich dem Jungen nicht durchgehen – darauf kannst du dich verlassen!«

 

»Und von dem Mädel darfst du dir das auch nicht gefallen lassen!« rief sie wild.

 

Kerky lächelte. – »Warte nur!« sagte er bedeutungsvoll.

 

Aber am nächsten Morgen trat ein Ereignis ein, das den Gedanken an Leslie Ranger bei ihm ausschaltete. –

 

 

Cuthbert Drood war ein Forschungsreisender von internationalem Ruf. Er galt als ein tüchtiger Jäger und hatte schon manche Expedition nach Afrika und Indien unternommen – ein Mann jedenfalls, dessen Mut über jeden Zweifel erhaben war. Außerdem gehörte er zu den wenigen Colonels, die ihren Titel nicht führten. Er war groß und schlank und hatte blonde Haare, eine verhältnismäßig helle Gesichtsfarbe, verstand ausgezeichnet zu boxen, war einer der besten Pistolenschützen und Junggeselle.

 

Cuthbert Drood wandte sich nicht sofort an die Polizei, als er eines Morgens gleich zwei Drohbriefe erhielt, einen blauen und einen grünen. Etwas Besseres konnte ihm nicht passieren: Die Sache machte ihm ungeheuren Spaß, und er rief sofort eine Nachrichtenagentur an. »In der letzten Zeit scheinen sich die Leute, die Drohbriefe erhalten, nicht mehr vorzuwagen«, sagte er. »Lieber zahlen sie. Die Polizei hat auch eine Heidenangst und sucht die Geschichte zu vertuschen. Deshalb möchte ich Ihnen, bevor ich mich an Scotland Yard wende, davon Mitteilung machen, daß ich sogar zwei Drohbriefe zu gleicher Zeit bekommen habe.«

 

Ein paar Minuten später hatte er sich mit Terry Weston verbinden lassen und erklärte dein Chefinspektor, was sich zugetragen hatte. Er verschwieg auch nicht, daß er die Presse verständigt habe. »Meiner Meinung nach kann die Öffentlichkeit gar nicht genug davon erfahren!« erklärte er.

 

Terry machte Drood später einen Besuch und wurde in die Bibliothek geführt, wo der Colonel mit einem halben Dutzend sonnengebräunter Männer von verschiedenem Alter saß. Vor jedem stand ein Glas Whisky. Terry wurde vorgestellt und erfuhr, daß die Herren Jagdgefährten des mutigen Cuthbert waren.

 

»Wir wollen diese Kerle schon in die Flucht schlagen, wenn sie ihr Geld holen kommen!« meinte Drood. »Meine Freunde werden hier schlafen. Dem Personal habe ich so lange Urlaub gegeben. Wir freuen uns schon auf eine tüchtige Schießerei!«

 

Als Terry ihn verließ, hatte er eine interessante Tatsache festgestellt. Der blaue Brief war einen Tag früher abgeschickt als der grüne. Weil er aber an eine andere Wohnung Droods adressiert war, die dieser zur Zeit vermietet hatte, wurde er gleichzeitig mit dem grünen Brief ausgetragen.

 

Terry holte Jiggs ab und erzählte ihm alles.

 

»Ich habe«, sagte Allerman, »schon in den Abendblättern davon gelesen. Es wird jetzt Komplikationen geben. Eines ist gewiß: Die Blauen und die Grünen haben ein Abkommen getroffen – vermutlich kurze Zeit nach der Ermordung Decadons. Sie haben das wohlhabende London unter sich aufgeteilt und ausgemacht, daß die eine Bande der anderen nicht in die Quere kommen darf. Die doppelte Adresse erklärt, warum Drood zwei Aufforderungen erhielt. Die Blauen haben ihren Brief in die Ebury Street geschickt, weil sie glaubten, daß er dort wohne; und die Grünen sandten ihre Drohung in die Park Street. Die Frage dreht sich jetzt nicht darum, ob Herr Drood und seine Freunde mit den Gangstern fertig werden, sondern darum, wie sich die Grünen zu den Blauen stellen und umgekehrt. Ich würde viel Geld dafür geben, wenn ich jetzt die Telefongespräche belauschen könnte, die zwischen den beiden Lagern geführt werden!«

 

Der Captain hatte nur zu recht: Kerky Smith sprach eben von seinem Hotel aus mit Eddie Tanner, der sich in Leslies früherem Büro befand. Drei sehr gut aussehende junge Leute saßen ihm gegenüber und hielten die Hüte auf dem Schoß.

 

»Ganz gewiß«, sagte Eddie gerade, »ich habe es in der Zeitung gelesen … Jemand hat Briefe von beiden Parteien bekommen.«

 

»Ja«, entgegnete Kerky freundlich. »Die Blauen haben fünftausend Pfund verlangt; der kleine Gangster, der die Grünen befehligt, wäre mit zweitausend zufrieden gewesen. Ich glaube, daß der Größere hier den Vorrang hat.«

 

Eddie lächelte. »Nein, das haben Sie falsch verstanden! Der größere Mann ist nicht derjenige, der das Maul am weitesten aufreißt!«

 

Kerky dachte eine Weile nach, bevor er antwortete: »Nun, auf jeden Fall wird keiner etwas bekommen. Dieser Drood ist ein alter Kriegsveteran, und Revolver sind für ihn nichts Außergewöhnliches.«

 

»Das stimmt!« pflichtete Eddie bei. »Vielleicht könnten sich die Blauen und die Grünen die Sache überlegen und einen geheimen Beschluß fassen?«

 

»Möglich«, meinte Kerky. »Aber ich glaube das kaum. Sie können doch nicht von weitblickenden Geschäftsleuten erwarten, daß sie sich mit kleinen Pinschern abgeben?«

 

»Betrachten Sie die Sache von dem Standpunkt, Kerky?«

 

»Ja, durchaus!« Smith legte den Hörer auf.

 

Er blieb weiterhin in schlechter Stimmung. Die Frage nach den Grenzen zwischen den Gebieten der zwei Banden war noch nicht zur Zufriedenheit gelöst. Und nun mußte vor allem Cuthbert Droods Herausforderung beantwortet werden. Alle Leute wußten, daß er gegen beide Banden kämpfen wollte, und er durfte auf keinen Fall straflos ausgehen. Es war sogar notwendig, ihn möglichst auffällig und eindringlich zu bestrafen. Beide Banden hatten sich vorbereitet, aber keine wußte etwas von den Methoden der anderen.

 

Kerky war ärgerlich. Eddie wurde, seiner Meinung nach, immer unverschämter; er hatte sich bereits unverzeihliche Übergriffe zuschulden kommen lassen. Dazu kam nun obendrein noch diese neue Geschichte mit Drood. Für zwei Banden war nicht genügend Raum in London. Entweder mußte man zu einer Verständigung kommen, oder eine Partei mußte aus, dem Geschäft ausscheiden. Und Kerky wußte, welche Partei das sein würde.

 

Schließlich besuchte er einen kleinen Friseurladen in Soho. In einem Privatsalon wurden dort bevorzugte Kunden bedient, und ein Friseur machte sich daran, Kerky die Haare zu schneiden. Dabei hatten sie aber eine sehr eingehende Unterredung.

 

Wenn Kerky die Tätigkeit in einer neuen Stadt aufnahm, so erschien zunächst jemand und kaufte einen Friseurladen. Ein Innenraum wurde dann durch eine Safetür abgeschlossen, und man stellte zwei Gehilfen an. Dieser Friseurladen diente als Zentrale für seinen Nachrichtendienst. Im oberen Stockwerk richtete er stets ein Wettbüro für Rennen ein. Es gab darin ein Dutzend Telefonapparate, die von zwei bis drei Angestellten bedient wurden.

 

Kerky hatte die Unterredung beendet, fuhr mit der Bürste noch einmal übers Haar und verließ den Laden. Sein Wagen, der in einer kleinen Seitenstraße gewartet hatte; fuhr geräuschlos vor. Kerky stieg ein, und das Auto fuhr an. Im selben Augenblick glitt ein anderes Auto vorüber.

 

Kerky witterte Gefahr und duckte sich, bevor drüben das Maschinengewehr ratterte. Er hörte, wie die Glasscheiben zerklirrten. Sein Chauffeur brach am Steuerrad zusammen.

 

Die Leute auf der Straße schrien; Signalpfeifen schrillten. Ein Polizist rannte herbei und half Kerky aus dem Wagen.

 

Er war ziemlich verstört, aber unverletzt. »Meinen Chauffeur haben sie erschossen!« knurrte er.

 

Man legte den Toten aufs Pflaster. Jemand telefonierte nach einem Krankenwagen.

 

Kerky gab die Sache zu denken: Er bekam nun doch Respekt vor einem Feind, den er unterschätzt hatte …

 

»Ein bißchen Feuerwerk mit grünen und blauen Raketen, und Kerky Smith ist nicht mehr so sicher, wie er war«, faßte Jiggs das Ergebnis zusammen. »Er wird etwas Bedeutendes unternehmen müssen, um seine Selbstachtung zurückzugewinnen.«

 

»Glaub‘ ich auch«, entgegnete Terry. »Ich bin nicht mehr so zuversichtlich wie heute nachmittag.«

 

»Denken Sie dabei an Drood?«

 

»Nun … Wer seine Nase da hineinsteckt, wird einen unangenehmen Empfang haben!«

 

Kapitel 22

 

22

 

Leslie Ranger hatte in der Zeitung auch von Droods Herausforderung gelesen. Sie interessierte sich besonders für diesen Fall, weil der Colonel ihr gegenüber auf der anderen Straßenseite wohnte und sie von ihrer hochgelegenen Wohnung aus sein Hausdach übersehen konnte.

 

Die Dunkelheit brach herein. Die Regenwolken verzogen sich, die Luft war merkwürdig klar, und man hatte eine gute, weite Sicht. Leslie saß am Fenster, als sie plötzlich drüben auf einem Dach eine Gestalt bemerkte, die vorsichtig hinter einem Schornstein hervorkam und dann wieder verschwand. Von dort aus konnte man auf das flache Dach des Droodschen Hauses gelangen. Vielleicht ein Polizist? Sie nahm an, daß die Polizei alle nur möglichen Vorsichtsmaßregeln ergriffen und überall in der Gegend Posten aufgestellt hatte. Der Mann erschien aber nicht mehr, obwohl sie noch eine Weile Ausschau hielt.

 

Sie folgte dann einer plötzlichen Eingebung und rief Terry Weston an. »Meine Frage klingt vielleicht etwas komisch – aber haben Sie irgendwelche Posten bei Mr. Droods Haus aufgestellt?«

 

»Ja, wir haben ein paar Beamte hingeschickt«, entgegnete er überrascht. »Warum fragen Sie?«

 

»Ich kann das Haus von meinem Fenster aus beobachten, auch das Dach, und es kam mir so vor, als ob ich einen Mann auf dem Hausdach gesehen hätte. Ob das ein Polizist war?«

 

Sie hörte, wie Weston mit jemand sprach, der gleich darauf fluchte. »Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mit Captain Allerman zu Ihnen komme?«

 

Ein halbe Stunde später stellten die beiden sich ein. »Es« muß wohl Tetley gewesen sein«, erklärte Terry. »Er ist schon den ganzen Abend hier in der Gegend, und wahrscheinlich haben Sie ihn da oben gesehen.«

 

»Hat er auch die Lichter auf dem Dach angebracht?«

 

»Was sagen Sie da?« fragte Jiggs schnell. »Lichter …?«

 

Leslie führte ihn zum Fenster. Auf dem gegenüberliegenden flachen Dach brannten drei rote Lichter.

 

»Merkwürdig!« meinte Jiggs nachdenklich. »Zum Teufel – was soll das nun wieder bedeuten?«

 

»Wahrscheinlich hat Tetley einige seiner Leute da oben und will ihnen dadurch ihre Aufgabe erleichtern. Er sagte mir, er habe in den umliegenden Gebäuden ein halbes Dutzend Scharfschützen verteilt, die Droods Behausung bewachen sollen.«

 

»Gewiß«, erwiderte Jiggs langsam, das ist eine sehr annehmbare Idee.« Plötzlich schlug er sich mit der Hand aufs Knie. »Wer sollte es wagen, in dieses Haus einzudringen und die Leute niederzuknallen? Es wimmelt da von todsicheren Schützen, und ehe sie Drood erledigen, verlieren sie bestimmt ein halbes Dutzend Leute. Kommen Sie, Terry!« Ohne sich zu verabschieden, stürmte er aus der Wohnung.

 

Terry eilte hinter ihm her. Wenige Sekunden später klopfte Jiggs an Droods Portal.

 

Zu seinem Erstaunen öffnete sich eine Füllung in der Tür, und ein Gesicht erschien dahinter. »Was wollen Sie?« Am Nachmittag hatte der unternehmungslustige Colonel das Schiebefenster anbringen lassen. »Sie können nicht herein! Herr Drood will keine Polizei im Haus! Er hat seine Freunde hier und kann sich schon selber verteidigen!«

 

»Aber es ist sehr wichtig! Ich muß aufs Dach …!«

 

»Sie können weder aufs Dach noch in den Keller! Es ist alles abgesperrt!« Krachend schloß sich die Türfüllung.

 

»Das ist allerdings verteufelt unangenehm«, meinte Terry und klopfte aufs neue.

 

Wieder öffnete sich der Schieber, und diesmal zeigte sich der Lauf eines Armeerevolvers. »Ich weiß, wer Sie sind, Mr. Weston; aber ich habe strikten Befehl, Sie abzuweisen. Sie können nicht vor morgen früh hier herein! Colonel Drood hat seine eignen Pläne und braucht keine Polizei!«

 

»Da wären wir also abgefertigt«, sagte Terry, als sie die Stufen wieder hinunterstiegen. Er war teils ärgerlich, teils belustigt und fragte einen Detektiv an der Ecke, wo Inspektor Tetly zu finden sei. Von einer Telefonzelle aus rief er ihn dann an.

 

»Geht alles in Ordnung, Weston! Ich habe Herrn Drood erlaubt, sich auf seine Weise zu verteidigen.«

 

»Sind Sie heute nachmittag oder abend auf dem Dach gewesen?«

 

Eine Pause entstand. »Nein … Wie kommen Sie darauf?«

 

»Haben Sie angeordnet, daß auf dem Dach Lampen angebracht werden?«

 

Wieder folgte ein ungewöhnlich langes Schweigen.

 

»Nein … Vielleicht ist der Colonel auf den Einfall gekommen? Er scheint sehr erfinderisch zu sein.«

 

Terry legte auf.

 

»Haben Sie was dagegen, wenn ich das Präsidium anläute und mir ein Gewehr kommen lasse?« fragte Jiggs. »An welche Abteilung muß ich mich dazu wenden?«

 

Terry gab ihm erstaunt Antwort und stand neben dem Apparat, während Jiggs mit dem Beamten sprach.

 

»Schicken Sie mir ein tadellos, genau schießendes Gewehr! Ich habe verschiedene gesehen, als mich Mr. Brown in die Waffenkammer führte … Ja: mit Zielfernrohr und Schalldämpfer. Senden Sie es sofort nach Cavendish Square 174! Großes Haus mit vielen Wohnungen … Es soll bei Miss Ranger abgegeben werden! Inspektor Terry wird dort sein … Also gut: Chefinspektor Terry – wenn Sie so pinselig mit den Titeln sind!«

 

»Was haben Sie denn vor?« fragte Terry, als sie über den Platz wieder zu Leslies Haus gingen.

 

»Ach, ich habe da nur eine Idee …«

 

Leslie war überrascht, als die beiden zurückkamen, fühlte sich aber erleichtert.

 

»Also – was wollen Sie nun machen?« fragte Terry.

 

»Ich hätte Scotland Yard noch um ein Fernglas bitten sollen«, erwiderte Jiggs unwirsch. »Mein Verstandesapparat funktioniert anscheinend nicht mehr richtig.«

 

»Ich habe ein Fernglas«, sagte Leslie. Sie ging in ihr Schlafzimmer und kehrte mit einem alten Feldstecher zurück, den sie von ihrem Vater geerbt hatte.

 

Jiggs stellte ihn auf das gegenüberliegende Dach ein. »Großartig! Nun sehe ich auch, daß ein Geländer um das Dach gezogen ist. Das konnte ich vorher nicht richtig erkennen. Schaun Sie mal, Terry, wie grell die Lichter in der Dunkelheit herauskommen! Sie wirken doppelt so hell, wenn man sie von oben sieht … Das eine an der Ecke wirft einen Schein auf das nächste Haus.« Er sah seufzend auf die Uhr. »Wie lange wird es wohl dauern, bis die Leute von Scotland Yard hier sein können?«

 

»Zwanzig Minuten … Was haben Sie denn bloß für ein Geheimnis, Mensch? Reden Sie doch endlich! Was wollen Sie mit dem Gewehr?«

 

»Ich bin ein vorzüglicher Schütze – ein verdammt tüchtiger Kerl, wenn ich so sagen darf … Ich werde die Lichter dort drüben ausblasen!«

 

»Aber Jiggs, das können Sie doch nicht mitten in London machen?«

 

»Wenn der Schalldämpfer was taugt, wird London davon nicht aufwachen!«

 

Der Bote kam, und Jiggs befestigte sachkundig den Schalldämpfer auf der Schußwaffe.

 

»Ich nehme meinen Hut ab vor der Polizei. Ich habe nicht um Patronen gebeten, aber sie haben mir freiwillig ein Paket mitgeschickt. Die Beamten von Scotland Yard haben wirklich Verstand …«

 

Er lud das Magazin und zielte. Man konnte den Schuß kaum hören, aber eins der roten Lichter ging aus.

 

Terry sah zum Fenster hinaus: Die Leute auf der Straße gingen ruhig weiter; niemand schien etwas bemerkt zu haben.

 

Jiggs zielte aufs neue, man hörte das Pfeifen des Geschosses. Prompt erlosch die zweite Lampe. »Das dritte ist am leichtesten!« Wieder hob er das Gewehr, und gleich darauf verschwand drüben die letzte Flamme. Jiggs nahm den Schalldämpfer vom Gewehr und grinste zufrieden. »Es ist gut, Miss Ranger! Sie können die Beleuchtung wieder einschalten!«

 

»Aber bereits im nächsten Augenblick verbesserte er sich: »Oder – halt: Lassen Sie es bitte noch! Terry, hören Sie nichts?«

 

Terry lehnte sich zum Fenster hinaus und lauschte.

 

»Ein Flugzeug …«

 

Jiggs atmete erregt. »Da haben wir die Lichter ja gerade noch rechtzeitig gelöscht!« Er lud aufs neue.

 

Jetzt konnte man das Geräusch der Maschine schon deutlicher hören; sie kam auf den Cavendish Square zu: ein kleines, schwarzes Flugzeug, das so niedrig flog, daß es fast die Dächer zu streifen schien. Es senkte sich noch tiefer, hielt auf die nördliche Seite des Platzes zu, flog darüber hinweg, drehte und kam zurück.

 

»Der kann seine drei roten Lichter nicht finden!« lachte Jiggs.

 

Er riß das Gewehr an die Backe. Diesmal war kein Schalldämpfer auf der Mündung. Der Schuß fiel schnell und unvermutet, und Leslie taumelte, halb betäubt, zurück. Im nächsten Augenblick hatte Jiggs durchgeladen und feuerte aufs neue.

 

Das Flugzeug war gerade über dem Cavendish Square, als es absackte. Der Schwanz senkte sich und krachte mitten in die Gartenanlagen des Platzes.

 

»Den haben wir erwischt!« rief Jiggs triumphierend.

 

Ein großer Baum milderte den Aufprall beim Sturz der Maschine. Polizeipfeifen schrillten von allen Seiten.

 

»Um Himmels willen, was haben Sie da gemacht?« fragte Terry erschrocken.

 

»Ich habe den Kerl heruntergeschossen, der, eine Bombe auf Colonel Droods Haus geworfen hätte, wenn er die Lichter hätte finden können. Die waren nur angebracht, um ein sicheres Ziel zu geben. Diese Burschen haben eben ihre besonderen Methoden; sie sind nicht nur auf ihre Revolver angewiesen!«

 

Die Polizeibeamten, die über das Geländer des Platzes geklettert waren, fanden mitten unter den Trümmern einen Verwundeten, der kläglich stöhnte. Als sie weitersuchten, entdeckten sie auch eine zentnerschwere Bombe, die mit hochexplosivem Alanit geladen war.

 

Der Verletzte wurde zum nächsten Hospital transportiert. Jiggs und Terry begleiteten ihn. Er nannte seinen Namen nicht. Ein Geschoß hatte ihm den Arm durchschlagen; außerdem hatte er ein Bein gebrochen.

 

»Es ist gleichgültig, ob Sie sagen, wer Sie sind, oder nicht«, erklärte Jiggs. »Ich kenne Sie sehr gut. Sie sind Stunts Amuta, mein Junge! Haben früher Kunstflüge gemacht und unterhielten später eine Luftverbindung von Kanada nach den Staaten. Sie flogen für Hymie Weiss. Der ist inzwischen abgekratzt; aber niemand weint ihm eine Träne nach. Sie stammen aus Indiana.«

 

Der Mann warf ihm einen bösen Blick zu, erwiderte aber nichts.

 

»Stunts, Sie stecken tief in der Patsche. Wenn Sie nur einen Funken Vernunft haben, dann gestehen Sie!«

 

»Ich habe Ihnen nichts zu sagen!« stöhnte der Mann.

 

»Wollen abwarten. Vielleicht hab‘ ich die Kugel in Knoblauchsaft gekocht …«

 

Stunts‘ Züge verzerrten sich vor Entsetzen.

 

Der Arzt kam und erklärte, daß man den Verwundeten jetzt allein lassen müsse.

 

»Was haben Sie da vorhin von Knoblauchsaft geredet?« fragte Terry, als sie aus dem Hospital traten.

 

»Ich wollte ihn damit ein bißchen aufmuntern. Die Kerle haben nämlich den Aberglauben, daß man mit Knoblauch Geschosse vergiften könne.«

 

Der Inhalt des Flugzeuges war zum Scotland Yard gebracht worden, und die Bombe wurde bereits von Sachverständigen untersucht. Was Stunts in den Taschen gehabt hatte, lag auf einem Tisch in Wemburys Büro. Darunter befanden sich ein Paß, von einem südamerikanischen Staat auf den Namen Thomas Filipo ausgestellt, und eine Fahrkarte von Paris nach Cadiz. Ferner hatte man einen Lederkoffer gefunden, der im Innern des Flugzeugs festgeschnallt war. Er enthielt einen Anzug, Wäsche und dergleichen, außerdem eine Brieftasche mit sechstausend Francs, dreitausend Pesetas und Reiseschecks im Wert von zweitausend Pfund. Den Heimatflugplatz der Maschine konnte man nicht feststellen; die Nummer war übermalt. Man gab sie dem Luftamt an, aber auch dort konnte man nichts weiter herausfinden. Der angebliche Besitzer hieß Jones.

 

»Wir können keine Anklage wegen Mordversuchs erheben«, sagte Terry, nachdem er sich mit Wembury beraten hatte. »Denn es läßt sich nicht beweisen, daß er die Absicht hatte, das Haus zu bombardieren. Höchstens könnten wir ihn zur Rechenschaft ziehen, weil er eine Bombe bei sich führte. Wir fanden auch zwei Revolver; das wäre eine weitere Gesetzesübertretung. Aber Wembury glaubt, daß es kaum Wert hat, ihn vor Gericht zu stellen.«

 

»Das Interessante an der Sache ist, daß die Blauen den Bombenangriff planten«, meinte Jiggs. »Heute abend werden sie keinen weiteren Versuch mehr machen, gegen Drood vorzugehen. Kerky wird schon gehört haben, daß wir das Flugzeug herunterholten, und er wird sich ruhig verhalten. Stunts ist der erste seiner Leute, der in unsre Hände fiel. Übrigens würden Sie gut daran tun, ein halbes Dutzend Polizeibeamte zum Spital zu schicken, die Stunts bewachen.«

 

»Ich habe mit Wembury darüber gesprochen; aber wenn er keine Anklage gegen den Mann erheben kann, darf er ihn auch nicht bewachen lassen.«

 

»Kerky wird abwarten, was Sie unternehmen. Wenn er vermutet, daß Stunts vor Gericht gestellt wird, holt er ihn aus dem Krankenhaus, bevor Sie nur mit den Augen zwinkern können.«

 

Kapitel 23

 

23

 

Den ganzen Abend hatte die Polizei erfolglos nach dem Wagen gesucht, von dem aus Kerky Smith beschossen worden war. Die schöne Limousine von Kerky war von Kugeln durchlöchert, der Chauffeur war tot.

 

Inzwischen hatte das Innenministerium einen Ausschuß zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit gebildet. Man überlegte dort, ob man Mr. Smith ausweisen und an Bord des ersten Schiffes bringen sollte, das nach den Staaten fuhr.

 

Auch Jiggs wurde um seinen Rat gefragt. Aber er sprach sich entschieden gegen einen derartigen Schritt aus. »Kerky ist darauf vorbereitet, England zu verlassen, und wenn Sie ihn ausweisen, geht er nach Paris. Daran können Sie ihn nicht hindern. Nein, lassen Sie ihn nur in London! Er wird schon zu gegebener Zeit verschwinden. Und glauben Sie mir: In der nächsten Woche haben wir Ruhe! Die Blauen und die Grünen müssen zunächst ihre eignen Streitigkeiten austragen. Und wenn sie sich nicht einigen können, kratzen sie sich gegenseitig die Augen aus.«

 

Jiggs hatte seine Erfahrungen mit den Methoden der Gangster, und die folgenden Ereignisse gaben ihm recht.

 

Am Morgen nach dem Angriff auf Kerkys Auto fand ein Polizist in der Seven-Sisters-Road, einer belebten Verkehrsstraße, im Vorgarten eines besseren Hauses einen Mann, der drei Schußwunden hatte und schon seit einiger Zeit tot war. Der Polizeiarzt wurde gerufen und erklärte, daß der Mann an einer anderen Stelle ermordet und später in den Garten geschleppt worden war.

 

Beinahe gleichzeitig hörten drei Arbeiter, die an einem der Abzugskanäle im Norden der Stadt beschäftigt waren, zwei schwere Plumpse im Wasser. Sie gingen dem Schall nach und fanden im Kanal zwei Tote. Als sie in die Höhe sahen, bemerkten sie gerade noch, wie oben der Deckel auf den Einstiegschacht geschoben wurde. Die beiden waren mit Gummiknüppeln niedergeschlagen und dann durch den Kopf geschossen worden. Man fand keine Papiere in ihren Taschen, aber als man die Kleider durchsuchte, entdeckte man bei dem einen die Firmenmarke eines Schneiders in Cincinnati.

 

Terry besah sich die Toten am nächsten Morgen im Schauhaus. Eines der beiden grauen Gesichter kam ihm merkwürdig bekannt vor. Wenige Stunden vorher hatte man die Leute fotografiert, und mit den Abzügen ging er zu Leslie.

 

Als er eintrat, hatte sie gerade ihr Frühstück beendet. »Vielleicht können Sie mir helfen – das heißt: falls es Ihnen möglich ist, die Fotografie eines Mannes zu betrachten, der gestern erschossen wurde?«

 

Sie verzog das Gesicht, nahm aber den Abzug.

 

Terry sah sofort, daß sie den Toten wiedererkannte.

 

»Wer ist es?«

 

»Einer der neuen Dienstboten, die ich in Mr. Tanners Haus sah. Vor zwei Tagen war ich dort, um einige Bücher zurückzubringen, die Mr. Decadon mir geliehen hatte.«

 

»Etwas Ähnliches habe ich erwartet.«

 

Sie schauderte. »Das sind ja fürchterliche Zustände! Gestern abend wurde mit einem Maschinengewehr auf Albuquerque Smith geschossen …«

 

»Deshalb würde ich mir keine grauen Haare wachsen lassen«, sagte Terry.

 

Er brachte die Fotos zum Berkeley Square.

 

Eddie Tanner identifizierte die beiden Leute, ohne zu zögern: »Sie waren bei mir angestellt und gingen gestern abend frühzeitig fort. Als ich heute erfuhr, daß sie die Nacht ausgeblieben waren, wollte ich sie entlassen. Wo hat man sie gefunden?«

 

Terry erzählte es ihm.

 

»Tut mir leid«, bedauerte Eddie. »Es waren willige Leute, arbeitsam und zuvorkommend. Aber keine Engländer. Wahrscheinlich hatten sie einen Streit mit Landsleuten? Ich möchte nur wissen, wann es der Polizei gelingt, diesen Bandenkrieg in London zu stoppen.«

 

»Wir wollen lieber fragen, wann Sie damit aufhören«, sagte Terry geradezu.

 

Eddie lächelte. »Ich fürchte, Jiggs Allerman hat Ihnen eine falsche Meinung von mir beigebracht.«

 

Terry verabschiedete sich.

 

»Ich möchte Sie nicht zum Portal begleiten«, erklärte Tanner. »Auf der anderen Seite irgendwo – wo, weiß ich selber nicht – lauert jemand mit einem Maschinengewehr, das genau auf meine Haustür eingestellt ist … Aber ich werde die Tür vorher weit öffnen lassen, damit der Bursche genau sieht, wer Sie sind, und Ihnen nicht ein paar Bleibrocken entgegenschickt.«

 

Terry begab sich sofort zur benachbarten Polizeistation und sprach dort mit dem Bezirksinspektor.

 

»Irgendwo am Berkeley Square hat sich ein Kerl mit einem Maschinengewehr eingenistet. Nehmen Sie alle Leute, die Ihnen zur Verfügung stehen, und suchen Sie jedes leere Haus, alle Dächer und die Gartenanlagen ab! Ich glaube zwar nicht, daß Sie ihn fangen; aber wir dürfen nichts außer acht lassen. Berichten Sie mir telefonisch nach Scotland Yard!« –

 

An diesem Tag jagten sich die Ereignisse in wildem Tempo. In der Park Lane brach plötzlich ein Mann blutend zusammen. Er war erschossen worden, obwohl kein Mensch eine Detonation gehört hatte und der Täter nicht zu entdecken war.

 

In einem italienischen Restaurant trafen sich vier Leute und ließen sich ihre Getränke in ein Privatzimmer bringen; sie gaben an, daß sie eine halbe Stunde geschäftlich miteinander zu sprechen hätten. Als der Inhaber später nach oben ging, weil er den Raum anderweitig vergeben wollte, antwortete ihm niemand auf sein Klopfen; und bei seinem Eintritt fand er zu seinem Entsetzen zwei der Leute ermordet vor. Die beiden anderen waren verschwunden.

 

Terry hörte von den Verbrechen, als er von einer fruchtlosen Reise zurückkam. Er hatte den Eigentümer eines verdächtigen Flugzeugs einem Verhör unterworfen.

 

»Die Sache verläuft durchaus normal«, erklärte Jiggs. »Genau nach den alten Spielregeln: Ein Mörder wird seinerseits von einem anderen ermordet.« –

 

Noch vor Mitternacht erlebte London eine neue Aufregung. Zwei Autos rasten in schnellster Fahrt Piccadilly entlang, fuhren auf der falschen Seite und sausten durch den regen Verkehr in die Coventry Street. Direkt dem Eckhaus gegenüber eröffnete ein Mann, der neben dem Chauffeur des zweiten Wagens saß, das Maschinengewehrfeuer auf den ersten, von dem es sofort erwidert wurde. Beide Fahrzeuge bogen, ständig feuernd, in den Leicester Square ein. Aus dem Empire-Theater kamen gerade die letzten Besucher. Sie ergriffen die Flucht, und es entstand eine wüste Panik. Die Wagen jagten zum Trafalgar Square, dann die Northumberland Avenue hinunter zum Themseufer. Plötzlich geriet das erste Auto ins Schleudern, prallte krachend gegen einen Laternenpfahl und ging in Flammen auf. Das zweite raste weiter; aber Zeugen wollen gesehen haben, daß der Maschinengewehrschütze noch in den brennenden Wagen hineinschoß.

 

Vorüberkommende Chauffeure bemühten sich, die Flammen zu löschen. Ein Polizist riß die brennende Autotür auf und versuchte, die Leute, die in dem Wagen zusammengebrochen waren, herauszuziehen; aber erst als die Flammen mit einem Feuerlöscher erstickt waren, gelang es. Drei Männer hatten auf dem Rücksitz gesessen. Die Geschosse hatten sie wahrscheinlich schon niedergemäht, bevor der Wagen in Brand geriet. Der Lenker atmete noch, aber auch er war siebenmal getroffen worden. –

 

Am nächsten Morgen Heß sich Kerky Smith sehr frühzeitig mit Berkeley Square verbinden. »Sind Sie dort, Eddie? Darf ich Sie vielleicht heute zum Essen einladen?«

 

»Hoffentlich gibt es was Anständiges?«

 

»Alles, was Sie nur haben wollen, Eddie! Die schönsten Pfirsiche, echt russischen Kaviar und so weiter. Kommen Sie ruhig, alter Junge.«

 

»Ich werde mir die Sache überlegen.«

 

Eine halbe Stunde später wurde Eddie in Kerkys Privaträume geführt. Mr. Smith war allein; der Tisch war für zwei gedeckt.

 

»Was wollen Sie trinken: Kaffee oder Tee?« fragte Kerky vergnügt, »Ich mache Sie höflichst darauf aufmerksam, daß beides vergiftet ist … Sie hätten Ihren Privatchemiker mitbringen sollen! Na, es freut mich, daß wir endlich mal zusammensitzen und uns aussprechen können. – In der letzten Zeit ist allerhand Verschwendung in London getrieben worden. Das muß aufhören!«

 

»Dafür wird vermutlich die Polizei sorgen«, meinte Eddie Tanner und warf zwei Stück Zucker in seine Kaffeetasse.

 

»Glaub‘ ich auch … Vorige Nacht hatte ich übrigens einen merkwürdigen Traum, Eddie, und zwar: daß sich die Leute mit den grünen und den blauen Briefen auf einer Basis von vierzig zu sechzig verständigten und dann nur noch eine Art von Warnungen ausschickten – rot gedruckt …«

 

»Ich halte nichts von sechzig und vierzig. Das sind meine Unglückszahlen. Ich bin Mitglied eines Fünfzig-Fünfzig-Klubs … Und wenn ich diesen verdammten Burschen trauen könnte, die mir ›Fünfzig-Fünfzig!‹ in die Ohren schreien, wäre ich bestimmt für die rote Farbe.«

 

»Also: abgemacht!« grinste Kerky. »Von jetzt ab werden nur noch rote Briefe versandt … Wer ist eigentlich im Augenblick Ihr Adjutant? Wie ich hörte, hat man Tomaso in einem Abzugskanal gefunden … Wirklich schade!«

 

»Ich wiederum«, lächelte Eddie, »habe gehört, daß der Junge, der ihn hineingeworfen hat, gestern in einem Auto verbrannte … Wirklich schade!«

 

Smith reichte ihm die Hand über den Tisch, und Tanner schüttelte sie. Mit einem bedeutungsvollen, harten Griff wurde der Friede besiegelt.

 

Dann sprach Kerky über andere Dinge. »Ich habe heute morgen von Ihrem Onkel in der Zeitung gelesen. In dem Artikel steht, er hätte starke Geschäftsinteressen in Amerika gehabt. Ich möchte nur wissen, wie viele Leute eine Ahnung davon haben, daß er Alkoholschmuggelbanden finanzierte und daß er damals das Geld dafür gab, als sie Al Capone in Cicero beinahe erwischten …«

 

»Ja, er war ein unternehmungslustiger alter Herr! Aber warum reden Sie eigentlich von diesen Geschichten? Sie scheinen nur daran zu denken, wie die Grünen und die Blauen die Sache teilen, weil Sie meinen, das Teilen beginne schon beim Tod des Alten. Ausgeschlossen, mein Lieber! Wir ziehen einen Strich unter alles, was bisher war, und fangen von vom an. Einverstanden?«

 

Kerky nickte. »Ich mußte die Sache doch nur mal zur Sprache bringen«, entschuldigte er sich.

 

Von diesem Zeitpunkt an wurden nur noch rote Briefe gedruckt. Man nahm die besten Ausdrücke und Wendungen aus den blauen und grünen Formularen und setzte den Text neu.

 

Und es wäre sicherlich ein glattes, glänzendes Geschäft geworden, wenn nicht – Leslie Ranger gewesen wäre …

 

Kapitel 24

 

24

 

Leslie Ranger war an dem Morgen in froher Stimmung in ihre Wohnung zurückgekehrt. Sie hatte eine Besprechung mit dem Personalchef einer sehr vornehmen alten Finanzfirma gehabt, und halb und halb hatte man ihr den Posten einer Sekretärin mit einem Jahresgehalt von siebenhundert Pfund schon zugesagt.

 

Als sie in den Vorraum trat, sah sie, daß ein Brief unter der Tür durchgeschoben worden war. An der Handschrift erkannte sie, daß die Nachricht von Eddie Tanner kam.

 

Würden Sie so liebenswürdig sein und mich um elf Uhr dreißig besuchen? Ich glaube, ich habe eine gute Sache für Sie.

 

Sie atmete erleichtert auf bei dem Gedanken, daß sie bereits eine Stellung gefunden hatte. Eddie Tanner war ihr sympathisch, aber sein Wesen beunruhigte sie. Sie hätte ihn anrufen und ihm sagen können, daß sie bereits bei der Firma Dorries untergekommen war. Aber das wäre zu unhöflich gewesen. So machte sie sich also zum Berkeley Square auf.

 

Ein livrierter Diener begrüßte sie lächelnd, und sie folgte ihm in ihr früheres kleines Büro, das Eddie sich jetzt als Arbeitszimmer eingerichtet hatte.

 

Er schob einen Stuhl an den Schreibtisch. »Nehmen Sie Platz, Miss Ranger, und erzählen Sie mir, was es Neues gibt!«

 

»Das ist nett, daß Sie mich zuerst erzählen lassen. Ich habe nämlich eine Stelle in Aussicht. Bei Dorries, einer der ältesten Firmen der City …«

 

Er lächelte. »Ja, alt ist die Firma, aber bißchen in Verfall geraten. Früher hatte sie viele Niederlassungen in Indien. Neulich sagte mir jemand, sie sei wieder saniert. Ich kann mir vorstellen, daß das eine gute, anständige Stellung ist.« Er sah sie merkwürdig an. »Aber hören Sie deshalb doch ruhig an, was ich Ihnen anzubieten habe!« Er stand am Schreibtisch und klopfte mit den Fingern leise auf die polierte Fläche. »Haben Sie schon mal daran gedacht, zu heiraten?«

 

Sie war so erstaunt, daß sie nicht gleich antworten konnte.

 

»Eine komische Frage – nicht wahr? Aber haben Sie nicht etwa doch an eine Ehe gedacht, und zwar im Zusammenhang mit mir? Sie könnten an meiner Seite ein glänzendes Leben führen …«

 

Endlich fand sie die Sprache wieder. »Sie wollen – Sie haben doch nicht die Absicht … Sie möchten mir einen Antrag machen, Mr. Tanner?«

 

»Sie können ruhig ›Eddie‹ sagen, wenn Sie nichts dagegen haben! Das verpflichtet Sie zu nichts, und es klingt viel freundlicher. Als Terry Weston Sie zum erstenmal traf, hat er Sie auch, ihn beim Vornamen zu nennen … Stimmt das nicht?«

 

Woher wußte er das nur?

 

»Es kommt nicht darauf an, woher ich das weiß.« Er lächelte über, ihre Verwirrung. »Manchmal kann ich Gedanken lesen … Ich habe Sie wirklich gern, und das ist mehr wert als eine uferlose Leidenschaft. Sie würden es gut bei mir haben …«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein?« fragte er. Merkwürdigerweise war er nicht verletzt über ihre Ablehnung; er schien nicht einmal enttäuscht zu sein. »Können Sie sich nicht dazu entschließen …? Wirklich schade!« Er lächelte sie wieder freundlich an.

 

»Es tut mir so unendlich leid«, erwiderte sie stockend. »Es ist eine große Ehre …«

 

»Nein, es ist keine Ehre!« unterbrach er sie. »Glauben Sie mir! Ich bin schon dreimal verheiratet gewesen … Es ist wirklich keine Ehre für eine Frau, mich zu heiraten.« Er steckte die Hände in die Taschen und schritt im Zimmer auf und ab. »Sie hätten meinen Antrag ja auch nur angenommen, weil Sie wissen, daß ich Ihnen ein angenehmes Leben verschaffen kann; nicht, weil Sie mich lieben. Ich weiß genau, wann eine Frau mich liebt. Ich fühle das. Nur ein einziges Mal habe ich das erlebt. Drei Wochen nach der Hochzeit kam die Frau ins Irrenhaus. Sie hatte sich falsche Vorstellungen vom Leben gemacht – Illusionen. Auch über mich … Nach der Scheidung wurde sie geheilt, heiratete aufs neue und hatte drei Kinder. Jetzt ist sie Erste Vorsitzende des Frauenverbandes gegen den Alkohol. Seit vielen Jahren bezieht sie eine jährliche Unterstützung von mir, obwohl sie weiß, daß ich mein Geld mit Alkoholschmuggel verdiene …«

 

Leslie starrte ihn an. »Waren Sie – Alkoholschmuggler?«

 

Er nickte. »Das war auch der Alte – ich meine meinen Onkel Decadon. Sie glauben nicht, was der alles gemacht hat!« Er lachte. Zum erstenmal sah sie ihn so vergnügt. »Onkel Elijah hat mehr Alkohol nach den Staaten verfrachtet als irgendein andrer Bürger von England. Er war Eigentümer der beiden ersten heimlichen Kneipen in Chikago, finanzierte den berüchtigten Dean O’Banion und gab eine Million Dollar aus, um dessen Gegner Scarface über den Haufen zu knallen. Ja, ich glaube wohl, daß Sie das nicht geahnt haben. Und doch hat er alles von London aus dirigiert; er war in seinem ganzen Leben nur dreimal in Chikago. Ich war sein Agent und Hauptvertreter dort, und oft hat er versucht, mich übers Ohr zu hauen. Deshalb kam ich auch so häufig nach London.«

 

»Wer hat Mr. Decadon erschossen?« fragte Leslie ernst.

 

Eddie schien nicht im geringsten verwirrt oder verlegen. »Er hat sich selber umgebracht«, entgegnete er kühl. »Vergießen Sie nur keine Träne um Onkel Elijah! Er war ein ganz hartgesottener Sünder!«

 

»Aber jetzt haben Sie es nicht mehr nötig, Ihr Geld mit Schmuggel zu verdienen?«

 

Er lächelte belustigt. »Nein. Ich lasse mich jetzt als Landjunker in England nieder, kaufe ein Gut und verbringe meine Tage in Frieden.«

 

Sie schüttelte den Kopf. »Ich glaube, das liegt, Ihnen nicht.«

 

»Sie beurteilen mich richtig!« Er reichte ihr die Hand. Sehr bedauerlich, daß wir nicht zu einer Verständigung gekommen sind! Meiner Meinung nach ist es töricht von Ihnen, mein Angebot nicht anzunehmen; aber ich muß Sie trotzdem bewundern … Ich begleite Sie nicht bis zur Haustür, und zwar aus Gründen, die ich Ihnen nicht näher erklären kann. Alberto wird Ihnen ein Taxi besorgen; er ist tapfrer als ich.«

 

Sie wunderte sich über diese sonderbare Bemerkung.

 

Als sie später am Vormittag Terry sah, sagte sie ihm nichts von Eddies Angebot und ihrem Besuch am Berkeley Square. Er war mit einem Ingenieur zum Cavendish Square gekommen, um den Absturz des Flugzeugs noch genauer zu untersuchen. Nachher versäumte er natürlich nicht, bei ihr vorzusprechen.

 

Als er von der guten Stellung hörte, die sie in Aussicht hatte, war er begeistert. »Dorries? Gute, alte Firma … Und Sie haben wirklich Glück, daß man Ihnen ein derartiges Gehalt bietet! Wie sind Sie denn dazu gekommen?«

 

»Wahrscheinlich durch die Vermittlungszentrale. Ich erhielt eine telefonische Aufforderung, mich vorzustellen. Die Büroräume liegen in einem ruhigen, stillen Haus in Austin Friars. Es gehört eine kleine Bank dazu und ein Exportgeschäft. Morgen trete ich meine Stellung hoffentlich schon an.« –

 

Und am nächsten Tag war sie pünktlich um neun bei der Firma und wurde fest angestellt.

 

Als man ihr das Büro zeigte, in dem sie arbeiten sollte, glaubte sie zu träumen. Es war ein vornehmer, mit dunklem Eichenholz getäfelter Raum. An den Wänden hingen die Bilder der großen Dorries, die früher einmal die Firma geleitet hatten.

 

»Ja, es stimmt, Miss Ranger!« erwiderte der Prokurist auf ihre Frage. »Mr. Dorries hat ausdrücklich Anweisung gegeben, daß Sie in diesem Hauptbüro arbeiten sollen.«

 

»Ist er hier?«

 

»Nein, er kommt niemals her. Er wohnt in Kent. Unser Geschäft geht nicht mehr so flott wie früher und hat leider nicht mehr seine einstige Bedeutung.«

 

Der alte Prokurist unterhielt sich eine Stunde lang mit ihr und erklärte ihr die bei Dorries üblichen Geschäftsmethoden. Sie erkannte sofort, daß die Firma bei diesem Betrieb allmählich sanft entschlummern würde. Ein deprimierender Gedanke!

 

Am Nachmittag hatte sie eine Unterredung mit dem Leiter der Bankabteilung. Dabei entdeckte sie zu ihrem Erstaunen, daß sie gewissermaßen die Leiterin der Firma geworden war. Sie hatte Vollmacht, Schecks in jeder Höhe zu zeichnen und rechtsgültige Verträge zu schließen, Sie unterstand nur der etwas undeutlich umschriebenen Kontrolle Dorries und seines Partners Pattern.

 

»Für eine junge Dame Ihres Alters eine außerordentlich große Verantwortung!« meinte der Bankleiter freundlich. »Wir haben ein offenes Kontokorrent von achtzigtausend Pfund, außerdem ein Deposit von über hunderttausend.«

 

Auch den übrigen Angestellten wurde sie vorgestellt. Unter ihnen war auch ein energischer, verhältnismäßig junger Mann, ein Mr. Morris. Er erregte sofort ihr Interesse, denn er war verschlossen und schweigsam. Bei dem Prokuristen und den älteren Angestellten war er höchst unbeliebt, obwohl er erst seit drei Monaten als Kassierer in der Firma arbeitete.

 

 

Leslie hatte noch nicht einen Tag in der Firma verbracht, als sie schon herausfand, daß dieser wenig beliebte Kassierer der einzige Tüchtige im Haus war. Er leitete das im Augenblick wieder ziemlich bedeutende Importgeschäft und entschied über Kredite, die die Firma gab. In allen Dingen wußte er Bescheid, verabredete die Besprechungen, die Leslie mit den Vertretern anderer Firmen führen mußte, hielt sie auf dem laufenden über den Bankkredit und beriet sie bei allen Transaktionen.

 

Als sie abends das Büro verließ, bat sie der Prokurist noch um eine Unterredung. »Ich muß Ihnen noch etwas mitteilen, was ich heute morgen vergessen habe, Miss Ranger. Unser Mr. Dorries läßt Sie bitten, unter keinen Umständen die Geschäfte der Firma mit irgend jemand Außenstehendem zu besprechen.«

 

»Die Warnung ist überflüssig!« erwiderte sie, fast ein wenig verletzt. –

 

Die ersten drei Tage vergingen ihr sehr schnell. Sie versuchte, neuere Methoden einzuführen, den Geschäftsgang zu verbessern und Vorurteile beiseite zu räumen. Aber dadurch machte sie sich natürlich ebenso unbeliebt wie der Kassierer.

 

Am Sonnabend erhielt sie einen Brief von dem Rechtsanwalt der Firma. Darin wurde ihr mitgeteilt, daß ihre Chefs mit ihrer Tätigkeit außerordentlich zufrieden wären und ihr Gehalt auf zweitausend Pfund jährlich erhöht hätten.

 

Als sie fortging, kam der Prokurist zu ihr und rieb sich vergnügt die Hände.

 

»Sie haben uns wirklich Glück gebracht! In der letzten Woche haben wir achtzehn neue Konten eröffnet!«

 

Leslie kam ihren Instruktionen getreulich nach und sprach auch mit Terry nicht über geschäftliche Angelegenheiten. Er wußte nur, daß sie sich in ihrer neuen Stellung außerordentlich wohl fühlte.

 

Kapitel 13

 

13

 

Am nächsten Morgen erhielt Terry einen unerwarteten Anruf von Eddie Tanner:

 

»Haben Sie vielleicht Zeit, mich mal aufzusuchen? Es handelt sich um eine rein persönliche Angelegenheit. Ich würde gern nach Scotland Yard kommen, aber ich halte das im Augenblick nicht für ratsam.«

 

Terry folgte der Aufforderung und fand Tanner an dem Schreibtisch, an dem vor kurzem sein Onkel so kaltblütig erschossen worden war.

 

Eddie rauchte eine Zigarette und hatte eine aufgeschlagene Zeitung vor sich liegen. »Eine böse Sache!« meinte er und zeigte auf die fettgedruckten Zeilen. »Sie müssen zur Zeit sicher allerhand zu tun haben in Scotland Yard?«

 

Terry war ihm nicht gerade freundlich gesinnt, aber selbst jetzt konnte er noch nicht glauben, daß Tanner seinen Onkel an dieser Stelle mitleidlos erschossen hatte. »Möchten Sie mit mir über den Feuerüberfall sprechen?«

 

»Nein – das geht mich ja gar nichts an!« Eddie schob die Zeitung zur Seite. »Miss Ranger wird in einer halben Stunde kommen, und ich habe die Absicht, sie zu entlassen.«

 

Tanner wartete, aber Terry machte keine Bemerkung.

 

»Ich habe mir die Sache eingehend überlegt und bin zu der Überzeugung gelangt, daß die Stellung ziemlich gefährlich für sie ist. Einige Stunden nach dem Tod meines Onkels ist sie von einer Bande verschleppt worden, die wahrscheinlich mit den Mördern unter einer Decke steckt oder sogar mit ihnen identisch ist. Der Schreck über dieses Erlebnis hat sie stark mitgenommen. Allem Anschein nach sind die Leute, die für diese Morde verantwortlich sind«, er tippte auf die Zeitung, »mir nicht sonderlich gut gesinnt. Und ich wünsche nicht, daß Miss Ranger noch einmal in eine so unglückliche Lage kommt. Sie sind ein Freund von ihr – wenigstens sind Sie gut mit ihr bekannt, und ich bitte Sie, mir in dieser Angelegenheit zu helfen.«

 

»In welcher Weise?«

 

Eddie warf den Rest der Zigarette in eine Vase und steckte sich eine neue an. »Die junge Dame wohnt in einer abgelegenen Gegend in einem billigen Quartier und hat kein Telefon. Das halte ich für gefährlich, falls diese Leute glauben, noch wichtige Nachrichten aus ihr herausholen zu können. Deshalb wäre es mir lieb, wenn die junge Dame in einer besseren Gegend im Westen wohnte. Es ist schwierig, ihr diesen Vorschlag zu machen, da ich bereit bin, die Mietzahlung für diese Wohnung zu übernehmen. Sie ist ein hübsches Mädel und wird über dieses Ansinnen natürlich empört sein. Denn ich will nicht nur ihre Miete zahlen, sondern ihr auch die Wohnung einrichten …«

 

»Warum wollen Sie das tun?«

 

Tanner zuckte die Schultern. »Es ist eine verhältnismäßig geringe Ausgabe, und ich wäre dann beruhigt«, erwiderte er lächelnd. »Mit anderen Worten: Ich möchte nicht schuld daran sein, wenn ihr etwas passiert.«

 

»Ein sehr großzügiges Angebot! Ich verstehe Ihren Standpunkt vollkommen – obwohl Sie vielleicht eine Nebenabsicht damit verbinden, die Sie mir verschwiegen haben.«

 

»Nein, Sie irren sich! Ich habe keine Hintergedanken. Ich habe die junge Dame gern – damit ist nicht gesagt, daß ich sie etwa liebe oder näher mit ihr bekannt werden möchte. Sie gehört zu den seltenen Frauen, denen ich unter allen Umständen vertrauen würde; obwohl sie Ihnen gegen meinen Willen eine bestimmte Mitteilung gemacht hat. Aber da die Umstände so außergewöhnlich waren, kann ich das begreifen. Soweit als irgend möglich möchte ich sie vor neuen Zwischenfällen bewahren … Überreden Sie also bitte Miss Ranger, mein Anerbieten anzunehmen!«

 

»Aber ich habe doch keinen Einfluß auf sie!«

 

Wieder glitt ein flüchtiges Lächeln über Eddies Züge. »Meiner Meinung nach haben Sie einen größeren Einfluß auf sie, als Sie selber ahnen. Wollen Sie mir helfen, wenn meine Annahme stimmt?«

 

»Das muß ich mir erst überlegen.« –

 

Als Leslie eine Viertelstunde später erschien, fand sie Eddie Tanner an ihrem Schreibtisch.

 

»Heute habe ich keine Arbeit für Sie«, sagte er vergnügt. »Und ich werfe Sie hiermit in aller Freundschaft hinaus!«

 

Sie sah ihn betroffen an, »Soll das heißen, daß Sie mich nicht mehr brauchen können?«

 

»Nein, es ist noch sehr viel zu tun. Aber ich mußte mich zu diesem Schritt entschließen, weil die Stellung bei mir für Sie zu gefährlich ist.« Er wiederholte nun alles, was er schon Terry gesagt hatte. »Chefinspektor Weston kam auf meine Bitte heute morgen hierher«, erklärte er offen. »Ich bat ihn, Ihnen die Lage in meinem Sinn klarzumachen.«

 

»Aber ich kann doch kein Geld von Ihnen annehmen für –«

 

»Ich weiß, was Sie sagen wollen. Das habe ich übrigens erwartet: Eine anständige junge Dame kann sich nicht gut eine möblierte Wohnung von einem Herrn einrichten lassen. Ich bin Ihnen jetzt sogar zu Dank verbunden, daß Sie nicht böse und ausfallend gegen mich werden. Doch das, was ich Ihnen gesagt habe, ändert sich dadurch in keiner Weise, Miss Ranger, und Sie würden mir eine große Sorge abnehmen, wenn Sie auf meinen Vorschlag eingingen. Ich schulde Ihnen sowieso fünfzigtausend Pfund …«

 

»Sie schulden mir fünfzigtausend Pfund?« wiederholte sie verblüfft. Sie hatte sein Versprechen vergessen.

 

Er nickte. »Im Augenblick bin ich nicht in der Lage, Ihnen die Summe zu geben. Es wird verhältnismäßig lange dauern, bis ich das Vermögen meines Onkels in die Hand bekomme.«

 

»Mr. Tanner, Sie wissen genau, was Mr. Weston denkt, und ich fürchte, ich werde der gleichen Ansicht sein müssen. Sie haben das Testament irgendwie an sich gebracht und es nachher absichtlich in das Lexikon gelegt, damit ich es an der betreffenden Stelle finden sollte. Da Sie, meiner Meinung nach, das Testament vor mir gefunden haben, sind Sie von Ihrem Versprechen –«

 

»Nein, durchaus nicht!« unterbrach er sie. »Selbst wenn Westons phantastische Theorie zutreffen sollte. Jedenfalls bin ich aber der Testamentsvollstrecker meines Onkels. Er hat Ihnen tausend Pfund hinterlassen, die ich Ihnen baldigst auszahlen werde. Aber ich möchte Sie bitten, mich auch noch in der angedeuteten Weise für Sie sorgen zu lassen.«

 

Sie schüttelte den Kopf, »Ich hatte sogar die tausend Pfund vergessen«, erwiderte sie mit einem schwachen Lächeln. »Diese Summe bedeutet eine beachtliche Unterstützung für mich. Ich verspreche Ihnen auch, in eine andere Gegend zu ziehen, in der ich mich sicherer fühlen kann. Ich hatte beinahe selbst schon den Entschluß gefaßt. Aus dem Nachlaß meiner Mutter besitze ich einige Möbel und kann mir ein gemütliches Heim einrichten. Daß ich Ihr Anerbieten nicht annehmen kann, werden Sie hoffentlich verstehen?«

 

»Ich achte Sie um so mehr!« entgegnete er. Er zahlte ihr für zwei Wochen Gehalt aus, als Ausgleich für die Kündigung.

 

Eine halbe Stunde später war sie bereits in ihrer Wohnung und packte für den Umzug. Sie hatte den ganzen Tag für sich und nahm sich vor, ein paar Einkäufe zu machen, dann in der Stadt zu Mittag zu essen und nachher den Möbelspeicher aufzusuchen, in dem ihre Sachen aus dem Nachlaß der Mutter seit drei Jahren untergebracht waren. Allerdings war dieser Speicher sehr unbequem zu erreichen. Unangenehm, daß sie zu diesem Zweck bis nach Rotherhithe hinausfahren mußte! Aber dann entschloß sie sich, das Unangenehme zuerst zu erledigen, verschob die Einkäufe auf den Nachmittag, nahm ein Taxi und befand sich eine Weile später in der traurigen Umgebung von Rotherhithe.

 

Sie wußte nicht mehr genau, wo der Speicher lag, und ließ deshalb den Chauffeur halten, um einen Polizisten zu fragen.

 

»Zaymens Möbellager?« wiederholte der Beamte und gab dann die genaue Richtung an. »Wollen Sie etwa Ihre Sachen dort abholen? Da kommen Sie gerade noch zur rechten Zeit! Seit einer Woche annonciert die Firma, daß sie das Möbellager auflöst. Der alte Herr ist vor zwei Jahren gestorben, und der junge Zaymen …« Er zuckte die Schultern. »Manche Leute sagen, die Firma wäre bankerott … Aber wie es auch sein mag – stimmen tut die Geschichte nicht!«

 

Nach einiger Zeit fand der Chauffeur den Speicher. Auf dem Grundstück herrschte rege Tätigkeit. Leslie meldete sich im Büro und legte den Empfangsschein für die Möbel und alle Quittungen für die Aufbewahrung vor.

 

Ein Angestellter prüfte die Papiere umständlich. »Na, das langt ja gerade noch«, sagte er. »Morgen sollte das Möbeldepot versteigert werden.«

 

»Das wäre Ihnen schlecht bekommen!« entgegnete Leslie.

 

Gleich darauf erschien ein anderer junger Angestellter, der äußerst liebenswürdig war. Mit seiner Hilfe konnte sie auch ihre Möbel herausfinden, Sie gab den Auftrag, die Sachen abzutransportieren.

 

»Ein Skandal, daß die alte Firma Zaymen so enden muß!« bedauerte der junge Mann. »Aber wahrscheinlich war das Angebot zu verlockend. Die Firma ist eine der bedeutendsten hier am Fluß, hat eine eigene kleine Werft, sehr schöne Kaimauern …«

 

»Ja, ich verstehe. Es ist ein massives Lagerhaus, das man zu vielem verwenden kann.«

 

»Nur der junge Zaymen ist daran schuld!« Er seufzte schwer und erzählte dann, daß Mr. Zaymen leichtsinnig spiele und dadurch in Schulden geraten sei.

 

Leslie beobachtete, wie ihre Möbel auf ein Lastauto geladen wurden, und gab dem Chauffeur die Adresse an, obgleich sie die in Aussicht genommene kleine Wohnung noch nicht fest gemietet hatte. Als sie die Arbeiter bezahlt hatte und gerade gehen wollte, hörte sie zwei Männer, die miteinander sprachen. Es mußten Amerikaner sein.

 

»Man kann dieses Wässerchen doch nicht mit dem Hudson vergleichen! Der ist mindestens sechsmal so breit wie die Themse.«

 

Leslie erkannte die Stimme des Mannes, der sie neulich entführt hatte …! Er machte noch eine Bemerkung über die Farbe des Wassers, und nun war sie ihrer Sache sicher. Unauffällig sah sie sich um, denn sie wünschte nicht, daß die Leute sie wiedererkannten. Sie trugen saubere Pullover, blaue Hosen und Wasserstiefel, die bis zu den Knien reichten.

 

»Wir wollen uns beeilen, Junge! Wenn wir fertig sind, holen wir Jane und Christabel, und dann gehen wir ins Kino!«

 

Der andere lachte rauh und abgerissen. Die beiden mittelgroßen Männer waren schlank und sahen ungewöhnlich aus. Sie gingen an den Arbeitern vorbei, die die Möbel aufluden, und verschwanden hinter einem Lastauto.

 

Leslie ging zu ihrem Wagen zurück und war unschlüssig, was sie tun sollte. Ob sie sich etwa doch täuschte? Eine Amerikanerin hatte ihr einmal gesagt, daß alle englischen Stimmen ihr gleich vorkämen, daß sie aber eine amerikanische Stimme unter Tausenden heraushören könne. Leslie erschien im Augenblick das Gegenteil richtig: Alle amerikanischen Stimmen ähnelten einander, und nur eine rein englische schien ihr deutlich erkennbar.

 

Wer mochte Jane und Christabel sein? Sie dachte darüber nach, als sie in den Wagen stieg und auf dem unebenen Weg zur Hauptstraße zurückfuhr. Als sie dort ankam, mußte ihr Chauffeur halten, um einen Lastwagen vorbeizulassen.

 

Plötzlich hörte sie neben sich das Geräusch eines Motorrads, das unmittelbar neben dem Fenster ihres Autos zum Stehen kam. Der Fahrer stützte sich mit der Hand an den Wagen und sah herein. Es war der Mann, den sie eben hatte sprechen hören. Er sah sie durchdringend an, und sie erwiderte seinen Blick. »Was wollen Sie?« fragte sie. Er murmelte etwas Unverständliches und blieb zurück, als das Taxi wieder anfuhr.

 

Sie suchte sich sein Verhalten zu erklären. Wahrscheinlich hatte er vor dem Speicher ihren Namen gehört, als die Möbel aufgeladen wurden, und war ihr nachgefahren, um sich zu vergewissern, ob sie es auch wirklich sei. In dem Fall war sie also wiedererkannt worden. Was machte der Mann nur auf dem Grundstück am Fluß? Vielleicht war er ein Matrose, auf einem kleineren Handelsdampfer beschäftigt?

 

In der Nähe der Victoria Street wurde ihr Auto durch den Verkehr aufgehalten. Zu ihrem Erstaunen hörte sie plötzlich ihren Namen. Als sie sich umsah, entdeckte sie einen Mann neben dem offenen Fenster.

 

Er hatte ein schmales Gesicht mit auf gezwirbeltem Schnurrbart und zog den Hut besonders höflich.

 

»Sie kennen mich nicht, Miss Ranger, aber ich weiß, wer Sie sind. Ich bin Inspektor Tetley von Scotland Yard, Kollege von Mr. Weston.« Er grinste, als er das sagte. »Was hatten Sie denn in diesem Teil der Welt zu tun?«

 

»Ich habe meine Möbel abtransportieren lassen. Sie waren in einem Speicher untergestellt.«

 

»Wo lag denn der Möbelspeicher? Ach, in Rotherhithe? Eine entsetzliche Gegend! Haben Sie nicht zufällig einen Bekannten dort gesehen?«

 

»Nein. Das hätte ich auch nicht erwartet.«

 

»Ich weiß nicht«, sagte er mit merkwürdiger Betonung und beobachtete sie scharf. »Es ist sonderbar, aber in Rotherhithe trifft man immer Leute, die man vorher mal gesehen hat. Das ist direkt sprichwörtlich.«

 

»Ich kann das nicht bestätigen«, entgegnete sie kühl.

 

Im nächsten Augenblick fuhr ihr Auto an. Sie erinnerte sich nun dunkel, Tetley schon gesehen zu haben: Er war nach Decadons Ermordung ins Haus gekommen. Sie überlegte, ob sie Terry ihr Erlebnis berichten sollte, wurde sich aber nicht schlüssig.

 

Am Cavendish Square stieg sie aus. Auch der Chauffeur verließ seinen Sitz, um sich ein wenig zu bewegen. »Hallo, was ist denn das?« rief er plötzlich.

 

Sie folgte seinem Blick. An den beiden Seitenteilen und an der Rückseite des Wagens waren runde weiße Zettel aufgeklebt.

 

Als der Chauffeur sie abriß, sahen die beiden, daß der Leim noch feucht war. »Das war noch nicht daran, als wir Rotherhithe verließen«, meinte er. »Vielleicht hat dieser Motorradfahrer –«

 

Ein kalter Schauer überlief Leslie.

 

Nachdem sie den Mietvertrag für ihre neue kleine Wohnung abgeschlossen hatte, war sie in größter Versuchung, Terry anzurufen. Sie glaubte jetzt, einige gute Entschuldigungsgründe dafür zu haben.