Kapitel 14

 

14

 

Marjorie Stedman wäre vor Scham am liebsten in die Erde gesunken, als sie diese demütigende Szene erleben mußte. Wie durch einen Schleier sah sie den großen Saal, der taghell erleuchtet, war, die mit den Landesflaggen dekorierten Wände, die weißen Tische und die prachtvollen Gedecke. Alle Gesichter wandten sich ihr zu, und vor ihr auf dem Boden lag Smith.

 

Er redete in einer fremden, ungewöhnlichen Sprache und mußte nur noch halb bei Bewußtsein sein. Der Prinz hatte beide Hände auf die Tischplatte gelegt und sich leicht vorgeneigt. Er war der erste, der sich rührte. Schnell ging er um den Tisch herum, und bevor die Kellner kommen konnten, hatte er Pretoria-Smith aufgehoben. Anderen Leuten, die nun zu Hilfe kommen wollten, winkte er ab, stützte Pretoria-Smith und führte ihn langsam in die Hotelhalle.

 

Sobald er den Saal verlassen hatte, setzte an allen Tischen lebhafte Unterhaltung ein. Alle sahen zu Marjorie hinüber, die noch starr vor Entsetzen und Furcht auf ihrem Platz saß.

 

Nach kurzer Zeit kam der Prinz ruhig und gelassen zurück, als ob nichts geschehen wäre, und setzte sich wieder an ihre Seite. Freundlich neigte er sich zu ihr und streichelte ihre Hand.

 

»Es tut mir so unendlich leid«, sagte er leise. »Wer ist denn eigentlich dieser junge Mann, der ihn hereingebracht hat?«

 

Er schaute sich um, und sein Blick traf Kelman. Lance fühlte sich nicht besonders wohl, als der Herzog ihn zu sich winkte. Nachdem er seinen niederträchtigen Plan ausgeführt hatte, packte ihn großer Schrecken. Mit zitternden Knien ging er zu dem Tisch und blieb an derselben Stelle stehen, an der Pretoria-Smith wenige Minuten vorher gelegen hatte.

 

»Ich kenne Ihren Namen nicht«, sagte der Prinz und sah ihn mit eisigem Blick an, »und ich wünsche ihn auch nicht zu erfahren. Aber ich möchte Ihnen erklären, daß Sie kein Gentleman sind und nicht in diese Gesellschaft gehören. Ich fordere Sie deshalb auf, den Saal zu verlassen.«

 

Lance Kelman ging hinaus, ohne sich umzusehen. Innerlich kochte er vor Wut, die jedoch zum größten Teil aus einer wahnsinnigen Angst vor den Folgen seiner Unbesonnenheit bestand. Ihn, Lance Kelman, einen vermögenden, angesehenen Mann, der wahrscheinlich später einmal im Parlament sitzen würde, hatte man aus dem Saal gewiesen! Diese öffentliche Schande war doch zu groß. Er hätte laut aufschreien mögen. Die Tränen waren ihm nahe, und er bemitleidete sich selbst, als er in den Wagen stieg und zu dem Haus zurückfuhr, das er für den Sommer gemietet hatte.

 

Nur wenige Leute hatten gesehen, daß er sich entfernte, oder den Grund für sein Verschwinden erkannt.

 

Marjorie hatte die Worte des Prinzen natürlich gehört. Der Herzog wandte sich jetzt wieder lächelnd an sie.

 

»Aber Miss Stedman, Sie essen und trinken ja gar nichts«, sagte er vergnügt. »Darf ich Sie bitten, sich durch dieses traurige Vorkommnis nicht weiter stören zu lassen?«

 

Sie hob das Weinglas, und er sah, daß ihre Hand zitterte.

 

»Es muß entsetzlich für Sie gewesen sein, und es tut mir aufrichtig leid, daß dieser Zwischenfall das schöne Fest gestört hat. Der junge Mann, den ich hinauswies, hat sich aber auch unglaublich betragen. Hat er denn irgendeinen Grund für seine Handlungsweise?«

 

»Ich verstehe nicht, was ihn dazu getrieben hat«, sagte sie und schüttelte den Kopf. »Lance Kelman und ich waren bisher ganz gute Freunde. Aber er scheint irgend etwas übelgenommen zuhaben.«

 

Mit großem Takt verstand es der Herzog,, ihr Vertrauen zu gewinnen, und schließlich erzählte sie ihm, was sie bedrückte. Er erfuhr von dem Brief ihres Onkels, von dem Heiratsbefehl, von ihrer Abneigung und dem Entsetzen, das sie vor diesem unbekannten Mann hatte. Sie erzählte ihm allerdings nicht, daß sie Pretoria schon von früher her kannte, und sie sprach auch nicht über den Leichtsinn ihrer Mutter. Aber er vermutete, daß nur ein äußerst wichtiger Grund sie bestimmt haben konnte, den Vorschlag Mr. Stedmans anzunehmen.

 

»Ich hatte keine Ahnung, daß er schon in England war. Aus dem Brief meines Onkels sah ich nur, daß er unterwegs sein mußte. Er ist wahrscheinlich mit demselben Schiff angekommen, der auch den Brief beförderte.«

 

Der Prinz nickte.

 

»Was soll ich nun tun?« fragte sie hilflos. »Wenn ich meiner eigenen Neigung folgen könnte, würde ich nach London zurückgehen und dort wieder eine Stellung annehmen, um mir mein Brot zu verdienen. Aber aus bestimmten Gründen geht das nicht. Ich muß deshalb den Wunsch meines Onkels erfüllen und mich mit – Pretoria-Smith abfinden.«

 

Der Herzog schwieg einen Augenblick. Alle Leute im Saal beobachteten, daß sich Marjorie anscheinend angeregt mit ihm unterhielt; nicht die geringste Bewegung der beiden interessanten Persönlichkeiten entging ihnen.

 

Plötzlich erhob sich der Prinz, und es herrschte sofort Stille. Würde er eine Erklärung für den sonderbaren Zwischenfall abgeben?

 

»Meine Damen und Herren«, begann der Herzog von Wight, »ich bringe einen Toast aus auf Seine Majestät den König.«

 

Die Sache wurde also mit Stillschweigen übergangen, und es blieb ihnen selbst überlassen, herauszubringen, was diese ungewöhnliche Szene bedeutet haben mochte.

 

Marjorie war mit niemandem verlobt, soweit ihnen bekannt war, und bestimmt würde dieses Mädchen nicht einen Vagabunden und Herumtreiber heiraten, der sich derartig benahm.

 

Es gab mindestens ein Dutzend junger Leute in der Umgebung, die Marjorie mit Freuden zum Altar geführt hätten. Sie hatte viele Freunde, denen der Auftritt so peinlich war wie ihr selbst. Sie nahmen sich alle vor, später über diese Angelegenheit noch ein ernstes Wort mit Mr. Lance Kelman zu sprechen. So leicht sollte er nicht davonkommen, nachdem er die junge Dame so schwer beleidigt hatte.

 

Schließlich vergaß man die unangenehme Sache, als die Tischreden begannen, und Marjorie hörte wie im Traum das große Lob, das ihr der Prinz in seiner Rede spendete. Nachdem er geendet hatte, wandte er sich zu ihr und heftete ihr die Insignien des Ordens vom Roten Kreuz an.

 

Die Versammlung brach in spontane und begeisterte Hochrufe aus. Nur Lady Tynewood blieb stumm auf ihrem Stuhl sitzen und rührte sich nicht. Sie beobachtete die Szene aber genau durch ihr brillantenbesetztes Opernglas, und ihre Wut und ihr Neid kannten keine Grenzen mehr.

 

»Der Mann muß sich tatsächlich selbst in das Mädchen verliebt haben«, sagte sie laut.

 

Ihr Tischnachbar, ein etwas altmodischer Herr, sah sie mit einem bösen Blick an.

 

»Solche Worte wünsche ich nicht wieder in diesem Saal zu hören«, erwiderte er und wandte ihr den Rücken zu.

 

Sie kümmerte sich aber nicht darum. Ihre Gedanken waren nur damit beschäftigt, wie sie sich an Marjorie rächen könnte. Dieser Pretoria-Smith mußte ihr dabei helfen. Sie hatte ihn an diesem Tag zum erstenmal gesehen, aber sie wollte ihn näher kennenlernen und ihn für ihre Zwecke ausnützen.

 

Kapitel 1

 

1

 

»Deinen Baron hast du dir ja nun glücklich erobert! Was hältst du denn jetzt von ihm?« fragte Javot und schaute sich mit einem zynischen Lächeln um.

 

Der verhältnismäßig kleine Gesellschaftsraum in Almas Wohnung bot ein Bild vollkommener Unordnung. Die Möbel waren an die Wände gerückt, um mehr Raum für die Tanzfläche zu schaffen. Einer der silbernen Armleuchter hing schief, weil ihn ein angetrunkener Gast in seinem Übermut verbogen hatte, und eine große, kostbare Vase mit weißem Flieder war umgeworfen worden. Die welken Blumen lagen zwischen den Porzellanscherben in einer Wasserlache auf dem Boden. Mit schrillem, metallischem Ton spielte ein Schallplattenspieler einen Twostep. Mehrere Paare tanzten mit etwas unsicheren Schritten nach der abgehackten Melodie, die ab und zu von der ausgelassenen, lauten Unterhaltung und dem Gelächter übertönt wurde. Der Sekt hatte seine Wirkung getan; selbst die Damen kicherten und sprachen hemmungslos.

 

Die hübsche Frau, die neben dem Schauspieler Javot stand, sah zu einem jungen Herrn hinüber, der mit hochrotem Gesicht den Versuch machte, auf den Händen zu stehen. Ein Freund, der nicht nüchterner zu sein schien als der Amateurakrobat, feuerte ihn durch laute Zurufe an.

 

Alma Trebizond hob die Augenbrauen leicht und warf Javot einen merkwürdigen Blick zu.

 

»Wenn man kein Geld hat, kann man eben nicht lange wählen«, erwiderte sie nachdenklich. »Großen Eindruck kann ich ja nicht mit ihm machen, aber er ist ein Baron von altenglischem Adel und hat ein jährliches Einkommen von vierzigtausend Pfund. Das fällt doch ins Gewicht.«

 

»Vergiß nicht das berühmte Diamantenhalsband aus dem Familienschmuck der Tynewoods«, entgegnete er leise. »Es wird ein ungewöhnlich entzückender Anblick sein, dich darin zu sehen. Schlecht gerechnet hat es einen Wert von hunderttausend Pfund, mein Liebling. Das gibt dir erst das nötige Profil.«

 

Sie seufzte befriedigt, denn sie hatte ein hohes Spiel gewagt und einen Erfolg errungen, der ihre kühnsten Hoffnungen weit übertraf.

 

»Ja, die Sache ist besser gegangen, als ich je erwartet hätte. Ich habe übrigens eine Vermählungsanzeige an die maßgebenden Zeitungen geschickt.«

 

Er sah sie scharf und durchdringend an. Kalte, habichtähnliche Augen belebten sein sonst sehr intelligentes, hageres Gesicht. Seine Haare hatten sich schon stark gelichtet.

 

»Hast du die Nachricht wirklich schon an die Redaktionen geschickt?« fragte er langsam. »Das wäre aber sehr unüberlegt von dir gewesen.«

 

»Warum denn?« erwiderte sie ärgerlich. »Ich brauche mich doch absolut nicht zu schämen! Ich bin genausoviel wert wie er, und es ist in unseren Tagen durchaus nichts Ungewöhnliches, wenn eine Schauspielerin von meinen Fähigkeiten einen Repräsentanten des hohen Adels heiratet!«

 

»Ein Baron gehört wirklich nicht zum hohen Adel«, verbesserte er sie ironisch. »Aber darauf kommt es im Augenblick ja nicht an. Viel wichtiger ist, daß er dich ausdrücklich gebeten hat, die Eheschließung mit ihm geheimzuhalten.«

 

»Aber ich wüßte gar nicht, warum ich das tun sollte.«

 

Ein sarkastisches Lächeln spielte um seinen Mund.

 

»Es gibt genug Gründe dafür!« sagte er bedeutungsvoll. »Ich könnte dir einen sehr triftigen nennen, der dich allein schon bestimmen müßte, über diese Vorgänge den Mund zu halten! Du wirst deine Vermählung mit dem Baron nicht veröffentlichen, Alma!«

 

»Aber ich habe es doch schon getan«, entgegnete sie düster.

 

Er schüttelte mißbilligend den Kopf.

 

»Du fängst die Sache gleich von vornherein verkehrt an. Sir James Tynewood war nicht betrunken, als er dich dringend bat, die Heirat für ein Jahr geheimzuhalten. Er war sogar sehr nüchtern, und sicher hat er wichtige Gründe.«

 

Mit einem ungeduldigen Achselzucken wandte sie sich von ihm ab und ging zu dem jungen Mann hinüber, der inzwischen seine akrobatischen Kunststücke aufgegeben hatte und mit unsicherer Hand ein Sektglas hielt. Sein Freund bemühte sich, es zu füllen, goß aber dauernd daneben, so daß der fliederfarbene Teppich bald häßliche Flecken zeigte.

 

»Jimmy, komm einmal mit mir«, sagte sie und legte ihren Arm in den seinen.

 

Sein Gesicht war rot und angeheitert, und er lächelte sie verständnislos an.

 

»Einen Augenblick, Schatz«, entgegnete er mit etwas belegter Stimme. »Ich muß noch ein Glas mit meinem lieben alten Mark zusammen trinken.«

 

»Du kommst jetzt mit mir. Ich muß mit dir sprechen«, erklärte sie entschieden.

 

Mit einem Grinsen ließ er den Sektkelch zu Boden fallen, und das Glas zersplitterte in tausend Stücke.

 

»Da merkt man erst, wie verheiratet man ist! Am Ende hat der Pfarrer bei der Trauung noch gesagt, daß man seiner Frau gehorchen soll!«

 

Sie führte ihn zu Javot.

 

»Jimmy«, sagte sie dann unvermittelt, »ich habe den großen Zeitungen und Gesellschaftsblättern unsere Verheiratung mitgeteilt.«

 

Er starrte sie nur erstaunt an und runzelte die Stirn. In seinem betrunkenen Zustand wurde ihm nicht klar, um was es sich eigentlich handelte.

 

»Sag doch – noch einmal –, was du willst.«

 

»Ich habe die Zeitungen davon benachrichtigt, daß sich die bekannte und beliebte Schauspielerin Alma Trebizond mit Sir James Tynewood auf Schloß Tynewood vermählt hat«, erwiderte sie kühl. »Es paßt mir nicht, daß meine Heirat mit dir geheimgehalten werden soll. Du schämst dich doch nicht etwa meinetwegen?«

 

Er zog seinen Arm aus dem ihren und fuhr nervös mit der Hand durch sein Haar. Anscheinend machte er den Versuch, intensiv nachzudenken.

 

»Verdammt noch einmal, ich habe dir doch aber ausdrücklich gesagt, daß du das unterlassen sollst«, entgegnete er mit plötzlicher Heftigkeit. »Zum Henker, habe ich dir das nicht ganz strikt befohlen, Alma?«

 

Plötzlich schlug seine Stimmung jedoch wieder um, und der düstere Ausdruck wich aus seinem Gesicht. Er warf den Kopf zurück und lachte übermäßig laut.

 

»Na, das ist ja der beste Witz, den ich jemals gehört habe«, brüllte er und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Javot, darauf müssen wir sofort ein Glas trinken.«

 

Aber Augustus Javot schüttelte den Kopf.

 

»Nein, danke vielmals, Sir James. Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf –«

 

»Lassen Sie das lieber«, sagte Sir James etwas anmaßend. »In diesen Tagen nehme ich überhaupt von niemandem einen Rat an. Ich habe Alma geheiratet – das ist das einzige, was augenblicklich für mich zählt, und wenn sich die ganze Welt auf den Kopf stellt. Habe ich nicht recht, Liebling?«

 

Als er wieder durch das Zimmer wankte, schaute Javot nachdenklich hinter ihm her.

 

»Ich möchte nur wissen, was seine Verwandten dazu sagen?« fragte er leise.

 

Alma wandte sich gereizt zu ihm um.

 

»Kommt es denn darauf an, was seine Verwandten dazu sagen?« fragte sie scharf. »Außerdem hat er gar keine Verwandten! Nur einen jüngeren Bruder, der sich in Afrika aufhält. Und obendrein ist der Junge nur ein Halbbruder von ihm. Javot, du bist heute abend wirklich unausstehlich. Du fällst mir direkt auf die Nerven mit deinem entsetzlichen Unken. Nimm dich doch ein wenig zusammen.«

 

Er erwiderte nichts und setzte sich nachlässig auf die Sofalehne, als sie ihrem Mann nachging. Seine Gedanken beschäftigten sich unablässig damit, wie dieses Abenteuer wohl noch enden würde.

 

Die ausgelassene Stimmung war gerade auf dem Höhepunkt, als plötzlich eine Unterbrechung kam.

 

Almas Wohnung lag in einem vornehmen Häuserblock in der Nähe des Hyde Parks, und es wohnten im allgemeinen nur ruhige Leute in dieser Gegend. Als das Dienstmädchen in der Tür erschien, glaubte Javot daher, daß sich die Mieter der unteren Stockwerke über den Lärm beschweren wollten. Daran war er schon gewöhnt, denn solche Unterbrechungen kamen, regelmäßig bei den Gesellschaften vor, die Alma in ihrer Wohnung gab.

 

Diesmal schien Janet jedoch eine wichtige Nachricht zu haben, denn Alma brachte die angeheiterten Gäste zum Schweigen.

 

»Was, ich soll hier gestört werden?« fragte Sir James laut.

 

»Ja, die Dame wünscht, Sie dringend zu sprechen«, erwiderte Janet.

 

»Wer ist es denn?« fragte Alma.

 

»Ein hübsches, junges Mädchen, Mylady.« Janet gab sich Mühe, ihre Herrin mit dem neuen Titel anzureden.

 

Lady Tynewood lachte.

 

»Hast du schon wieder eine neue Eroberung gemacht, Jimmy?«

 

Sir James grinste selbstzufrieden, denn er war sehr stolz auf die Wirkung seiner Persönlichkeit.

 

»Na, dann bringen Sie die Dame mal herein«, befahl er gönnerhaft.

 

Janet zögerte.

 

»Haben Sie nicht gehört, was ich gesagt habe?« rief Tynewood übermäßig laut.

 

Janet verschwand.

 

Gleich darauf kam sie zurück und führte eine junge Dame herein.

 

Javots Augen leuchteten auf, als er das unbekannte Mädchen sah.

 

»Ein verdammt hübscher Käfer!« murmelte er halblaut vor sich hin.

 

Miss Stedman sah sich etwas verwirrt in der Gesellschaft um und schien sich in dieser Umgebung wenig wohl zu fühlen.

 

»Sir James Tynewood?« fragte sie leise.

 

»Ja, das bin ich.«

 

»Ich bringe einen Brief für Sie.«

 

»Für mich?« wiederholte er gedehnt. »Zum Teufel, woher kommen Sie denn?«

 

»Von den Rechtsanwälten Vance and Vance.«

 

Sir James Tynewoods Gesicht zuckte nervös.

 

»So, von Vance and Vance kommen Sie?« sagte er heiser.

 

Javot glaubte, einen angstvollen Unterton in der Stimme des jungen Mannes zu hören.

 

»Ich weiß wirklich nicht, wie Mr. Vance dazu kommt, mich zu so später Stunde noch zu stören.«

 

Zögernd nahm Sir James den Brief aus der Hand des Mädchens und betrachtete ihn von allen Seiten.

 

»Mach ihn doch auf, Jimmy«, rief Alma ungeduldig. »Du kannst doch die junge Dame nicht so lange warten lassen!«

 

Ein Herr mit Künstlerlocken trat näher, und bevor Miss Stedman seine Absicht erkennen konnte, hatte er sie schon um die Taille gefaßt.

 

»Das ist meine Partnerin zum Tanz, auf die habe ich schon den ganzen Abend gewartet!« erklärte er ausgelassen. »Dreh doch den Klapperkasten wieder an, Billy.«

 

Sie wollte sich freimachen, aber es gelang ihr nicht, und wohl oder übel mußte sie sich nach dem Takt der Musik bewegen. Hilfesuchend sah sie sich um, aber niemand nahm sich ihrer an. Die anderen grinsten nur und schauten vergnügt zu.

 

»Lassen Sie mich sofort gehen«, rief sie erregt. »Bitte, lassen Sie mich in Ruhe. Sie dürfen doch nicht –«

 

»Immer flott und elegant, meine kleine Puppe«, erwiderte der junge Mann. Aber plötzlich packte ihn eine starke Hand am Arm.

 

»Lassen Sie die Dame sofort los«, sagte Mr. Javot streng.

 

»Verdammt noch mal, kümmern Sie sich doch um Ihren eigenen Kram!« rief ihm der Gast ärgerlich zu.

 

Aber Javot hatte erreicht, daß er das Mädchen freiließ, und trat nun zwischen sie und ihn.

 

»Entschuldigen Sie vielmals«, wandte er sich freundlich an sie und schob den aufgeregten jungen Mann beiseite.

 

Tynewood riß den Umschlag auf, und Javot beobachtete ihn interessiert. Sir James konnte in seinem Rausch das Schreiben nur Wort für Wort lesen. Plötzlich wurde er bleich, und seine Unterlippe zitterte.

 

»Was hast du denn?« fragte Alma scharf, denn auch sie bemerkte die Veränderung in seinen Zügen.

 

Langsam zerknitterte James den Brief in der Hand, und ein häßlicher Ausdruck entstellte sein Gesicht.

 

»Verdammt noch mal, der Kerl ist tatsächlich zurückgekommen!« stieß er heiser hervor.

 

»Wer ist zurückgekommen?« wandte sich Javot schnell an ihn.

 

Sir James antwortete nicht gleich und biß die Zähne aufeinander.

 

»Der Kerl, den ich von allen Menschen auf der Welt am meisten hasse«, sagte er dann böse und schob das zerknüllte Papier in seine Tasche.

 

Dann drehte er sich plötzlich zu dem jungen Mädchen um.

 

»Soll ich etwas bestellen?« fragte sie ängstlich. Sie sah noch blaß aus und zitterte vor Erregung.

 

»Sagen Sie Vance, daß er sich zum Teufel scheren soll! – He, Mark, gieß mir mal einen Kognak ein!«

 

Kapitel 10

 

10

 

Lance Kelman wartete in tadellosem Reitdreß am Gartentor. Er sah außerordentlich gut aus, aber seine affektierten Bewegungen verrieten seine Eitelkeit und seinen wenig männlichen Charakter. Sein sorgfältig frisiertes und gebürstetes Haar duftete nach Brillantine, und er war sehr stolz auf seine schmalen, gepflegten Hände.

 

Als Marjorie im Straßenanzug an das Tor kam, grüßte er sie in überschwenglicher Weise.

 

»Aber ich dachte doch, du wolltest heute morgen mit mir ausreiten?«

 

Lance Kelman war mit sich selbst sehr zufrieden und trat auch dementsprechend auf. Er hatte gehofft, durch dieses Benehmen auch auf Mr. Stedman einen so großen Eindruck zu machen, daß dieser ihm einen Teil seines Vermögens überlassen oder ihm wenigstens eine Anstellung geben würde, bei der er mit geringster Anstrengung möglichst viel verdiente. Aber er war sehr enttäuscht aus Südafrika nach Hause gekommen und hatte sich wenig schmeichelhaft über Mr. Stedman ausgesprochen.

 

Marjorie hatte eigentlich nicht die Absicht, ihre schwierige Lage mit Lance Kelman zu besprechen, aber sie mußte sich in diesem Augenblick irgendeinem Menschen anvertrauen, wenn sie nicht den letzten Rest ihrer Selbstbeherrschung verlieren sollte.

 

Sie wünschte, daß sie nur etwas stärker wäre, um nicht gerade in dieser Krise zusammenzubrechen.

 

»Ja, du hast recht«, sagte sie hastig. »Aber ich reite erst heute nachmittag.«

 

»Ich hätte dir gern einmal das Schloß Tynewood und den großen Park gezeigt.«

 

Er sprach so anmaßend und herablassend, als ob ihm das ganze Land gehörte und er es aus lauter Gnade und Barmherzigkeit seinen Mitmenschen zeigte. Aber heute machte sein Wesen, über das sie sich sonst amüsierte, nicht den geringsten Eindruck auf sie. Sie sah ihn nur traurig an.

 

»Ich bin aber wirklich nicht in der Stimmung, mir Tynewood anzusehen oder etwas, was mit diesem Namen zusammenhängt. Du kommst doch morgen abend auch zum Essen?«

 

Er nickte und runzelte die Stirn.

 

»Ich wundere mich nur, daß es dir nicht gelungen ist, Marjorie, mir einen Platz an deinem Tisch zu verschaffen. Ich will mich nicht an die Rockschöße des Prinzen hängen, das liegt mir ganz fern, aber ich möchte doch gern in deiner Nähe sein. Und dann noch eins. Was hast du bloß mit Lady Tynewood gemacht? Hast du dich schon wieder einmal mit ihr gezankt?« fragte er schnell.

 

»Nein, ich habe mich nicht mit ihr gezankt. Sie hat Streit angefangen, und zwar wegen derselben Sache, über die du dich eben auch bei mir beschwert hast. Sie wollte absolut an der Ehrentafel sitzen. Ich wünschte nur, daß ich überhaupt nicht hinzugehen brauchte.«

 

»Sitzt sie denn nicht bei den Honoratioren?«

 

»Nein.« Marjorie verlor die Geduld. »Und ich freue mich darüber. Ich habe gar nichts mit der Platzverteilung zu tun, ob es sich nun um große oder um kleine Tische handelt.«

 

Lance fühlte sich ebenso beleidigt wie Alma und machte deren Sache zu seiner eigenen.

 

»Ich weiß nicht, was du immer gegen Lady Tynewood hast. Sie ist wirklich eine sehr nette Dame, das kannst du mir glauben. Und sie hat große Weltkenntnis. Ich muß sagen, daß ich sie in jeder Weise respektiere. Mein Verhältnis zu ihr läßt sich allerdings in keiner Beziehung mit meinen Gefühlen dir gegenüber vergleichen«, fügte er schnell hinzu.

 

Marjorie sah ein, daß es sinnlos war, mit diesem jungen Mann ihre Sorgen zu besprechen.

 

»Ich muß jetzt ins Dorf gehen, Lance«, erwiderte sie ungeduldig. »Holst du mich um zwei ab? Du siehst in deinem Reitdreß wirklich recht smart aus«, lenkte sie dann ein und lächelte ein wenig. »Eigentlich solltest du dich gar nicht umziehen bis heute nachmittag.

 

Er strahlte.

 

»Schön, um zwei bin ich wieder hier. Aber kann ich dich denn nicht ins Dorf begleiten?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich habe etwas Wichtiges auf der Post zu erledigen und möchte lieber allein gehen.«

 

Sie wartete nicht mehr auf seine Antwort, wandte sich mit einem kurzen Kopfnicken um und ging schnell den Hügel zu dem Dorf hinunter.

 

Tynewood! Wie sie den Namen haßte! Obwohl sie in der letzten Zeit zufrieden und glücklich in dieser Gegend gelebt hatte, empfand sie doch jetzt eine unsägliche Bitterkeit gegen ihre Umgebung. Sie hatte das Gefühl, daß die Nähe Alma Tynewoods die herrliche Natur ringsum vergiftete und ihr das Leben unerträglich machte. Und ihre Mutter war in den Klauen dieser entsetzlichen Frau! Allein diese Tatsache zwang Marjorie gegen ihren Willen zu dem Schritt, gegen den sich ihr ganzes Inneres aufbäumte. Glühender Haß gegen Alma Tynewood packte sie.

 

An diesem Morgen verschwor sich alles gegen das junge Mädchen. Das Postamt lag am äußersten Ende der Dorfstraße, so daß sie durch den ganzen Ort gehen mußte. Sie machte diesen Weg nur selten, denn der Bahnhof lag näher am Schloß.

 

Als sie an dem Laden des Fleischers Perkins vorüberkam, trat dieser aus seiner Tür und grüßte sie höflich.

 

»Es tut mir leid, daß ich Sie belästigen muß, Miss Stedman. Aber schon seit vierzehn Tagen habe ich versucht, einmal mit Ihnen zu sprechen.«

 

»Warum denn?« fragte sie erstaunt.

 

»Nun, sehen Sie, ich dränge ja meine guten Kunden nicht«, entgegnete der Mann verlegen, »vor allem da Sie doch im ganzen Ort so geachtet sind. Aber ich wäre Ihnen doch sehr dankbar, wenn Ihre Mutter die Rechnung bezahlte, die noch bei mir steht.

 

Marjories Herz wurde schwer.

 

»Ist sie hoch?«

 

»Ach, es sind im ganzen hundertzwanzig Pfund. Die sind im Lauf der Zeit zusammengekommen. Für Sie bedeutet es ja nicht viel, aber für mich ist das schon eine andere Sache, denn ich muß auch meinen Verpflichtungen nachkommen. Sie wissen vielleicht auch, wie schwer es heutzutage ist, bares Geld hereinzubringen.«

 

Sie nahm sich zusammen und sah ihn freundlich an.

 

»Schon gut, Mr. Perkins, ich will sehen, daß Ihre Rechnung bald beglichen wird.«

 

Ein paar Minuten später wurde sie von dem kleinen Mr. Grain angehalten, der ein Baugeschäft hatte.

 

»Miss Stedman«, sagte er ebenso höflich wie der Fleischer, »würden Sie so liebenswürdig sein und Ihre Mutter daran erinnern, daß meine Rechnung immer noch nicht bezahlt ist? Ich habe sie schon vor zwölf Monaten geschickt. Sie wissen doch, daß ich umfangreiche Reparaturen an Ihrem Hause ausgeführt habe. Im vergangenen Frühjahr habe ich es innen und außen neu gestrichen.«

 

»Ist Ihre Rechnung hoch?« fragte Marjorie leise.

 

»Etwa hundertachtzig Pfund. Ich habe Ihrer Mutter schon mehrmals geschrieben, aber sie hat mir nie geantwortet.«

 

»Ich werde dafür sorgen, daß die Sache in Ordnung kommt, Mr. Grain. Meine Mutter war in der letzten Zeit sehr beschäftigt und hat es wahrscheinlich vergessen.«

 

Es bedrückte Marjorie tief, daß all diese armen, bescheidenen Leute, die selbst schwer kämpfen mußten, Geld von ihrer Mutter zu bekommen hatten. Wenn sie noch irgendeine Bestärkung für ihren Vorsatz brauchte, so hätte sie sie jetzt erhalten. Es blieb ihr kein Ausweg.

 

Mit hoch erhobenem Kopf ging sie in das Postamt und nahm ein Telegrammformular.

 

»Aber das ist ein Auslandstelegramm, Miss Stedman«, sagte die Beamtin freundlich.

 

»Ja, das weiß ich.«

 

Die Ausführung ihres Entschlusses fiel ihr aber doch sehr schwer. Mit größter Selbstüberwindung tauchte sie schließlich die Feder ein und schrieb die Adresse.

 

»Alfred Stedman, Stedman’s Mine, Vrykloof, Südafrika.«

 

Dann hielt sie wieder inne und starrte ein paar Minuten verzweifelt auf das Blatt. Endlich riß sie sich gewaltsam zusammen.

 

»Nehme Vorschlag betreffend Pretoria-Smith an«, stand plötzlich auf dem Blatt, und mit fester Hand setzte sie ihren Namenszug darunter.

 

Kapitel 11

 

11

 

»Was ist nur mit Marjorie los?« fragte Lance Kelman nachlässig und zündete sich eine Zigarette an.

 

Mrs. Stedman saß mit ihrem Neffen im Empfangszimmer. Sie zuckte die Schultern, was andeuten sollte, daß sie darüber nichts wüßte.

 

»Ich kann das Mädchen überhaupt nicht verstehen. Je älter sie wird, desto mehr lebt sie für sich«, klagte sie. »Sie nimmt nicht mehr die geringste Rücksicht auf mich und weiß auch nicht, was sie mir schuldig ist.«

 

»Ach, sie ist noch sehr jung«, meinte Lance wohlwollend. »Wenn sie erst einmal etwas mehr reist und die Welt kennenlernt, bekommt sie auch einen weiteren Gesichtskreis und bessere Urteilsfähigkeit.«

 

Er tröstete seine Tante stets, und sie bewunderte dafür immer aufs neue seine elegante Erscheinung.

 

»Ich wünschte nur, Marjorie käme endlich einmal zur Vernunft. Das beste wäre doch wirklich, wenn sie sich verheiraten würde. Ich hoffte eigentlich damals, als du diese gefährliche Reise nach Südafrika machtest, daß mein Schwager dir irgendeine Lebensstellung verschaffte, damit du heiraten könntest.«

 

»Du meinst, damit ich Marjorie heiraten könnte?« fragte Lance ruhig, denn dieser Gedanke erschien ihm vollkommen selbstverständlich. »Ich dachte auch schon daran. Sie ist ein ganz nettes Mädel, nur leider etwas engherzig und einseitig, Tante.«

 

»Genau meine Meinung«, entgegnete sie und schaute nervös nach der Uhr. »Ich möchte nur wissen, wie lange sie wieder fortbleibt.«

 

»Gehst du heute nachmittag aus?«

 

»Ja«, erwiderte sie leise. »Aber bitte sage nichts davon zu Marjorie. Sie hat ein so unvernünftiges Vorurteil gegen Lady Tynewood.«

 

»Ach, willst du Lady Alma besuchen? Nun, da tust du ganz recht. Sie ist eine sehr liebenswürdige Dame. Ich habe ihr neulich einmal von meiner Reise nach Südafrika erzählt, und da fragte sie mich, ob ich nicht zufällig ihren Mann, Sir James, dort getroffen hätte. Du weißt doch, daß er sie verlassen hat. Ich bin aber nie ganz hinter die Geschichte gekommen.«

 

»Ja, die Leute haben viel darüber gesprochen«, begann Mrs, Stedman gerade, als sie durch das plötzliche Erscheinen Marjories gestört wurde. Das junge Mädchen trug Reitkleidung und sah in dem hellgrauen Anzug vorzüglich aus. Lance betrachtete sie mit aufrichtiger Bewunderung.

 

»Bei deinen sonst soliden Ansichten kleidest du dich manchmal etwas gewagt, Marje.«

 

»Darüber kannst du nicht urteilen. Und nenne mich doch vor allem nicht Marje. Das klingt so gewöhnlich, ich will es nicht hören.«

 

»Aber Marjorie, wie kannst du nur so schroff sein!« rief ihre Mutter entrüstet.

 

»Bist du fertig, Lance?« fragte Marjorie kurz und ging, ohne seine Antwort abzuwarten, nach draußen, wo die Pferde bereitstanden.

 

Er eilte ihr nach, um ihr behilflich zu sein, aber schon ehe er ankam, hatte sie den Fuß in den Steigbügel gesetzt und sich in den Sattel geschwungen.

 

»Du bist ja kolossal selbständig geworden«, beschwerte er sich, da er sich zurückgesetzt fühlte.

 

Sie ritten durch eine lange Allee, die von hohen Hecken eingefaßt war, und Marjorie blieb zunächst schweigsam. Sie hatte die Absicht, Lance kurz mitzuteilen, was sie telegrafiert hätte, und sie zweifelte natürlich nicht daran, daß er ihre Handlungsweise verurteilen würde.

 

»Deine Mutter hat von Schloß Tynewood gesprochen«, begann er schließlich, und sie ärgerte sich, daß dieser Name fiel.

 

»Ich hoffe nur, daß sie heute nachmittag nicht wieder zu Lady Tynewood geht«, sagte sie plötzlich, aber Lance schwieg über diesen Punkt.

 

»Hast du das Schloß eigentlich schon einmal gesehen?«

 

Sie erinnerte sich gut genug an den schrecklichen Abend, den sie dort zugebracht hatte, und schauderte leicht.

 

»Nein, ich kenne es nicht.«

 

»Es ist ein schönes, altes Gebäude aus der Tudorzeit, und der Park ist wirklich großartig. Ich verstehe nicht, daß Sir James es fertigbringt, seine hübsche Frau und eine solche Besitzung im Stich zu lassen und in der Wildnis umherzustreifen. Ich halte das direkt für Wahnsinn!«

 

»Du scheinst ja mit den Verhältnissen der Familie Tynewood ziemlich gut Bescheid zu wissen.«

 

»Ja, man erfährt so allerlei. Der Baron hat seine Frau verlassen, und zwar einige Tage nach der Hochzeit. Die wirklichen Zusammenhänge sind hier allerdings nicht bekannt. Er hat nämlich zwei große Güter und hält sich meistens auf dem anderen auf. Hier in Schloß Tynewood ist nur der alte Pförtner, der ihn schon seit seiner frühen Jugend kennt. Vor vier Jahren hat Sir James ganz plötzlich geheiratet. Lady Tynewood war früher Schauspielerin, das weißt du wohl auch.«

 

»Ja, ich habe davon gehört.«

 

»Er muß nicht ganz bei Verstand gewesen sein. Ohne daß er ihr die geringste Mitteilung machte, hat er sie einfach verlassen. Die beiden haben in London geheiratet.«

 

»Wer hat dir denn das alles erzählt?«

 

»Nun, wenn ich offen sein soll – Lady Tynewood selbst. Sie hat mich in diese traurige Angelegenheit eingeweiht, als ich neulich zum Tee bei ihr war«, sagte Lance gleichgültig.

 

»Ach so, jetzt verstehe ich.« Marjorie lächelte ein wenig. »Aber sprich nur ruhig weiter. Ich interessiere mich sehr für Sir James Tynewood.«

 

»Also, der Mann ist unbegreiflicherweise auf und davon gegangen«, fuhr Lance fort. Er war sehr stolz darauf, daß er die Geschichte aus erster Hand hatte. »Soweit ich die Sache beurteilen kann, hatte er einen etwas aufbrausenden Charakter und war in mehrere unangenehme Affären verwickelt, bevor er Alma traf – ich meine Lady Tynewood. Man hat seinerzeit viel in den Zeitungen über ihn geschrieben. In einem Artikel wurde auch erwähnt, daß Lady Tynewood in den Besitz des berühmten Halsbandes kommen würde. Es ist ein herrliches Brillantkollier.«

 

»Ich weiß, daß es kein Hundehalsband ist«, erwiderte sie ironisch.

 

Er sah sie mißtrauisch von der Seite an.

 

»Lady Tynewood bestand darauf, daß James es ihr bringen sollte. Das war in ihrer Londoner Wohnung. Er kam bis hierher zum Schloß, und von dem Augenblick an« – er machte eine dramatische Pause – »hat man nie wieder etwas von ihm gesehen. Am nächsten Morgen erhielt sie einen Brief von seinem Rechtsanwalt, daß sie unter keinen Umständen den Versuch machen dürfte, das Schloß und den Park von Tynewood zu betreten. Und dabei war sie doch rechtmäßig verheiratet! Es wurde ihr ein jährliches Einkommen ausgesetzt, aber es ist viel zu gering für eine Frau von ihrer Stellung. Und dann las sie in der Zeitung, daß James Tynewood nach Südafrika gereist sei.«

 

»Nach Südafrika?« wiederholte sie mit besonderer Betonung. »Natürlich, das Schiff ›Carisbrooke Castle‹ fährt ja nach Kapstadt.«

 

»Den Namen des Schiffes habe ich doch gar nicht erwähnt«, entgegnete Lance etwas verblüfft. Aber er war zufrieden mit der Wirkung seiner Worte und machte sich nicht die Mühe, Marjorie näher auszufragen. »Warum hast du denn eigentlich eben so merkwürdig ›Südafrika‹ gesagt?«

 

»Weil ich mich dafür interessiere«, erwiderte sie schroff.

 

Er sah sie erstaunt an.

 

»Ich heirate nämlich einen Pretoria-Smith«, fuhr sie fort.

 

»Pretoria-Smith?« rief er atemlos. »Aber was soll denn das heißen?«

 

»Hier – lies bitte.«

 

Sie nahm den Brief aus der Tasche und gab ihn Lance, der sein Pferd anhielt.

 

»Du wirst doch nicht einen derartigen Unsinn machen«, sagte er heftig, als er die Zeilen überflogen hatte. »Diesen Pretoria-Smith kenne ich sehr gut, er ist ein entsetzlicher Mensch! Furchtbar aufdringlich, spricht nur von sich selbst, verprügelt die Neger und ist ein roher, wüster Kerl. Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er einen Eingeborenen geschlagen hat. Es war so schlimm, daß ich dazwischentreten mußte. Einmal stand er auch vor Gericht, weil er einen Buschmann erschossen hatte. Den Namen habe ich vergessen, aber auf jeden Fall bleibt die Tatsache bestehen, daß er vor Gericht stand. Und dann trinkt der Mensch. Ich war mehrmals Zeuge, wie er stockbesoffen durch die Straßen wankte. Man sagt auch –«

 

»Ach, hör doch auf!« sagte sie schaudernd und fuhr mit der Hand über die Augen.

 

»Aber Marjorie, das kann doch nicht dein Ernst sein. Du wirst diesen Mann nicht heiraten! Ich selbst hoffe, dich in allernächster Zeit um deine Hand bitten zu können.«

 

»Dich könnte ich niemals heiraten, Lance«, erwiderte sie ruhig. »Bitte, mache die Sache nicht noch komplizierter, als sie schon ist.«

 

»Aber das ist doch Wahnsinn! Das erlaube ich nicht!«

 

Sie lächelte bitter.

 

»Du kannst doch gar nichts dagegen tun., Und es bleibt mir wirklich nichts anderes übrig.«

 

Sie erzählte ihm nichts von den Torheiten ihrer Mutter und von ihrem eigenen Kummer, als sie weiterritten. Lance war wütend und fühlte sich persönlich gekränkt, während sich Marjorie hilflos dem unabwendbaren Schicksal gegenübersah.

 

Schließlich kamen sie an das Parktor von Tynewood.

 

»Ich möchte mir den Park heute nicht ansehen«, sagte sie abgespannt. »Aber wir wollen einen Augenblick hier ausruhen.«

 

Sie hatten einen schönen Blick auf die großen Wiesen, die alten, mächtigen Bäume mit den weitausladenden Ästen und das graue Haus, dessen Fenster in der Nachmittagssonne glänzten.

 

»Es ist wirklich herrlich hier«, sagte sie leise.

 

Während sie die wundervolle Aussicht genoß, vergaß sie für einen Augenblick ihre Sorgen.

 

Plötzlich kam ein Auto in Sicht und hielt gleich darauf vor dem Parktor. Eine Dame stieg aus.

 

»Lady Tynewood«, flüsterte Lance.

 

Marjorie wollte eigentlich davonreiten, ohne sich umzusehen, aber ihre Neugierde hielt sie doch zurück.

 

Der Pförtner öffnete, blieb aber mitten im Weg stehen.

 

»Kann ich etwas für Sie tun, Mylady?« fragte er und legte die Hand an die Mütze.

 

»Ich möchte mir den Park ansehen«, erwiderte Alma.

 

Der Mann rührte sich jedoch nicht von der Stelle.

 

»Es tut mir sehr leid, Mylady, aber ich habe strengen Befehl, Sie unter keinen Umständen einzulassen.«

 

»Und ich gebe Ihnen jetzt den strikten Auftrag, zur Seite zu treten und mir den Weg freizugeben«, entgegnete sie aufgeregt. »Ich habe mich allzu lange den Wünschen von Sir James gefügt, aber jetzt bestehe ich auf meinem Recht. Ich will den Schloßpark betreten, wann es mir paßt.«

 

Der Pförtner trat einen Schritt zurück und schloß das schwere Tor vor ihrer Nase.

 

»Es tut mir sehr leid, Mylady, aber meine Instruktionen sind eindeutig. Ich kann Ihnen nicht gestatten näherzutreten.«

 

Als sich Lady Tynewood wütend umdrehte, entdeckte sie Marjorie.

 

»Wie kommen Sie denn hierher?« fragte sie mit heiserer Stimme und legte die Hand an die Kehle, als ob ihr das Atmen schwerfiele. »Das ist eine neue Unverschämtheit von Ihnen, daß Sie mir hier nachspüren! Aber das soll Ihnen schlecht bekommen?«

 

Marjorie sagte zunächst nichts, und es entstand eine peinliche Pause.

 

»Ich spüre Ihnen nicht nach«, erwiderte das junge Mädchen schließlich gelassen. »Nicht einmal, wenn Sie meiner Mutter beim Bridgespiel das Geld abnehmen.«

 

Sie wandte ihr Pferd und ritt davon.