Kapitel 24

 

24

 

Das kleine Haus lag am Abhang eines Hügels, und der Garten war von einem neuen, hübschen Zaun eingefaßt. Überall blühten die Kletterrosen.

 

Als die beiden ankamen, fanden sie den Teetisch gedeckt. Die alte Haushälterin bediente sie.

 

Der Nachmittag verging erträglich. Marjorie hatte viel Zeit nachzudenken, denn Pretoria-Smith sprach nur wenig und schien in Gedanken versunken zu sein. Eine Weile wanderte er ruhelos im Garten umher. Man hatte von dort aus einen schönen Blick auf das Meer. Später aßen sie zusammen Abendbrot, aber er blieb immer noch einsilbig. Marjorie wurde die Situation mit der Zeit unangenehm, und als die alte Haushälterin fragte, ob sie fortgehen dürfte, löhnte sie entsetzt ab. Die Frau wollte den Abend zu Hause mit ihrem Sohn verbringen, der bei der Marine diente und auf Urlaub war.

 

»Nein, nein, Sie können nicht gehen, Mrs. Parr. Sie müssen hier bleiben«, sagte sie verstört.

 

Pretoria-Smith sah erstaunt auf.

 

»Aber Marjorie, warum soll sie denn nicht gehen? Wenn ihr Sohn auf Urlaub ist, möchte sie doch gern mit ihm zusammen sein. Die Leute bekommen wenig Urlaub in letzter Zeit.«

 

»Aber ich kann doch nicht allein hier im Haus bleiben«, erwiderte die junge Frau, die dem Weinen nahe war. »Ich kann kein Feuer anmachen und weiß auch sonst nicht Bescheid.«

 

»Du brauchst doch auch kein Feuer anzumachen, höchstens in der Küche. Und wenn du es nicht kannst, koche ich morgen früh selbst den Tee.«

 

»Nein, Sie können nicht gehen, Mrs. Parr. Ich brauche Sie. Ich fühle mich nicht recht wohl, und mein Mann war heute auch krank.«

 

Die Frau sah ratlos und enttäuscht von einem zum andern. Als sie wieder in die Küche ging, folgte ihr Pretoria-Smith.

 

Fünf Minuten später kam er wieder, und gleich darauf brachte Mrs. Parr den Kaffee, servierte ihn und verschwand.

 

Sie sprachen noch über gleichgültige Dinge, dann horte Marjorie plötzlich, daß die Hintertür zugemacht wurde.

 

»Was hat denn das zu bedeuten?«

 

»Mrs. Parr ist nach Hause gegangen, um ihren Sohn zu sehen«, entgegnete er kühl. »Es ist doch kindisch, daß du dich so fürchtest, Marjorie. Die arme Frau hat wirklich Sehnsucht nach ihrem Jungen.«

 

Sie wußte nicht, was sie darauf antworten sollte.

 

»Schon gut«, sagte sie endlich und versuchte, ihre Angst zu meistern. Sie hatte sowieso noch etwas mit ihm zu besprechen, und plötzlich fühlte sie sich sicherer.

 

»Ich hörte, daß du Mrs. Parr heute nachmittag den Auftrag gabst, eine Flasche Whisky in dein Zimmer zu stellen.«

 

Er nickte und sah sie ernst an.

 

»Ich wünschte aber – ich möchte, daß du das nicht tust«, entgegnete sie ebenso ernst.

 

Er runzelte die Stirn.

 

»Es tut mir sehr leid, daß du das nicht haben willst. Und wenn es dir lieber ist, kannst du die Flasche ruhig in dein Zimmer mitnehmen.«

 

»Ich wäre dann viel ruhiger. Du hältst mich wohl für pedantisch?«

 

Er lachte.

 

Zwei Stunden blieben sie noch zusammen, und sie versuchte krampfhaft, sich mit ihm zu unterhalten. Sie sprach über alle möglichen Dinge, um nicht an die eine große Tatsache denken zu müssen, die alles andere in den Schatten stellte. Seit zehn Stunden war sie nun mit diesem Mann verheiratet!

 

Um halb elf erhob sie sich.

 

»Ich gehe jetzt zu Bett«, sagte sie, wandte sich ohne ein weiteres Wort um und verließ den Raum.

 

Als sie in ihrem Schlafzimmer war, machte sie die Tür zu und fühlte nach dem Schlüssel, aber es war keiner vorhanden. Dann erinnerte sie sich, daß ihre Mutter aus Angst vor Feuersgefahr niemals einen Schlüssel in einer Tür duldete. Sie suchte erregt in ihrem Gepäck nach ihrem Schlüsselring, aber keiner paßte. Verzweifelt sank sie auf das Bett und starrte vor sich hin.

 

Sie war sehr müde. Die Ereignisse des Tages hatten sie doch mehr angegriffen, als sie gedacht hatte. Aber sie konnte nicht schlafen. Sie lag auf der Seite und lauschte angestrengt. Plötzlich hörte sie Schritte auf der Treppe und hielt den Atem an. Pretoria-Smith ging vorüber und schloß seine Tür leise.

 

Sie wartete eine halbe Stunde, eine ganze Stunde, aber sie hörte keinen Laut mehr. Als die Uhr auf dem Kirchturm in Brightsea eins schlug, schlief Marjorie endlich ein.

 

Aber plötzlich fuhr sie entsetzt auf, strich sich das Haar aus Stirn und Gesicht und richtete sich auf. Sie hatte ein Geräusch gehört und wußte nicht, was es zu bedeuten hatte. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Jetzt vernahm sie es ganz deutlich auf dem Gang draußen krachte eine Diele. Sie konnte hören, wie schwer Pretoria-Smith atmete, und verstört beobachtete sie, wie sich die Klinke langsam nach unten senkte. Das Licht in ihrem Zimmer brannte noch. Die Tür öffnete sich leise und vorsichtig, als ob der Eindringling fürchtete, sie aufzuwecken. Pretoria-Smith kam herein. Er trug einen Schlafanzug und schwankte von einer Seite auf die andere.

 

Er sah zu dem Bett hinüber und hob den Blick langsam, bis er in Marjories bleiches Gesicht schaute.

 

»Was willst du denn?« brachte sie mühsam hervor.

 

»Ich möchte den Whisky haben«, erwiderte er mit belegter Stimme.

 

»Nein, nein, das gibt es nicht«, sagte sie und versuchte, einen scherzenden Ton anzuschlagen. »Du darfst nicht mehr trinken, wirklich, das mußt du nicht tun. Du hast gestern schon soviel getrunken, und wir haben doch abgemacht, daß die Flasche in meinem Zimmer bleiben soll.«

 

»Aber ich muß den Whisky haben«, entgegnete er müde. »Die Flasche ist hier – ich habe sie selbst hergebracht.«

 

Sie sah nach dem Waschtisch hinüber und entdeckte tatsächlich die Flasche.

 

»Es ist das einzige Mittel, das mir helfen kann«, sagte er halblaut.

 

Er schwankte und wäre gefallen, wenn er sich nicht an der Ecke des Bettes festgehalten hätte. Im gleichen Augenblick schlüpfte sie auf der anderen Seite hinaus und warf ihren Morgenrock um.

 

»Ich will dir die Flasche bringen. Aber bitte geh jetzt, ich komme dann in dein Zimmer.«

 

»Es ist das einzige, was mir hilft«, wiederholte er leise und zog sich höher, bis er ausgestreckt auf dem Bett lag. »Ach, mein Kopf – diese entsetzlichen Schmerzen!«

 

Sie sah ihn bestürzt an.

 

»Bist du krank?« fragte sie besorgt.

 

Er nickte.

 

»Mutter hat hier in der Hausapotheke verschiedene Medikamente.«

 

Sie ging rasch durchs Zimmer zu dem kleinen Wandschrank und öffnete ihn mit zitternden Fingern.

 

»Trinken darfst du nichts mehr. Was willst du denn haben?«

 

»Hast du etwas Chinin?« fragte er schwach.

 

Sie nahm ein Glas mit weißlichen Tabletten heraus und brachte sie ihm.

 

»Hier, bitte.«

 

»Gott sei Dank«, sagte er und griff hastig danach.

 

»Aber du darfst nicht trinken«, erklärte sie wieder.

 

»Trinken?« fragte er müde. »Ich habe seit acht Jahren nichts getrunken.«

 

Sie konnte ihren Ohren kaum trauen.

 

»Aber du warst doch betrunken, als du damals in den Saal kamst.«

 

»Betrunken?« wiederholte er und lächelte leicht. Dann schüttete er drei Tabletten in die Hand, legte den Kopf zurück und schluckte sie hinunter. »Bringe mir doch bitte etwas Wasser.«

 

Sie reichte ihm das Glas vom Nachttisch. Er trank begierig.

 

»Glaube mir, ich habe seit acht Jahren nichts getrunken. Denkst du wirklich, daß ich an dem Abend betrunken war, Marjorie? Frage doch den Prinzen selbst. Hast du nicht gehört, wie wir beide uns in Suaheli unterhielten? Wir sind alte Kameraden von den Jagdzügen in Südafrika her. Deshalb war er auch so nett zu mir. Ich hatte einen schweren Anfall von Malaria damals. Ich bin fieberkrank, seitdem ich nach England zurückkehrte. Zu dieser Jahreszeit leide ich immer darunter.«

 

»Malaria!« flüsterte sie, als sie den Zusammenhang plötzlich verstand. »Dann warst du auch während der Trauung nicht betrunken?«

 

Er lächelte wieder.

 

»Das hat mir gutgetan.« Er fuhr mit der Hand über die Stirne. »Die Kopfschmerzen sind schon fast weg. Du glaubst, ich wäre an unserem Hochzeitstag betrunken gewesen? Mein Gott, ich habe eine gefährliche Dosis Chinin genommen, um überhaupt für die Feier auf die Beine zu kommen. Fühle doch einmal meine Hand.«

 

Sie nahm sie in die ihre und hätte beinahe aufgeschrien, denn sie brannte wie Feuer.

 

»Ich habe beinahe vierzig Grad Fieber. Wenn du es messen willst, kannst du dich davon überzeugen«, sagte er schwach. »Könntest du mir nicht etwas heißen Kaffee geben?«

 

Sie eilte die Treppe hinunter und hatte im Nu ein Feuer in der Küche angemacht. Mit keinem Gedanken dachte sie daran, daß sie am vergangenen Abend erklärt hatte, nichts davon zu verstehen. Gleich darauf brachte sie ihm eine Tasse Kaffee. Er lag noch auf dem Bett, und sie deckte ihn zu.

 

»Du bleibst hier bis morgen früh«, erklärte sie entschieden. »Das Fieber steckt hoffentlich nicht an?«

 

»Ebensowenig wie das Trinken.«

 

Er lächelte sie noch einmal an und schlief dann ein.

 

Marjorie setzte sich neben das Bett und beobachtete ihn. Allmählich dämmerte der Morgen im Osten. All ihre Zweifel waren nun beseitigt, und ihr letzter Argwohn war verschwunden. In ihrem Innersten hatte sie bisher fest geglaubt, daß Pretoria-Smith der Mörder von Sir James Tynewood war, der unter anderem Namen in der Schloßkapelle begraben lag.

 

Kapitel 17

 

17

 

Lady Tynewood kam die Treppe herunter und trat in das eichengetäfelte Speisezimmer, wo sie Mr. Javot bei der Lektüre der Sportberichte störte.

 

Er war der alte geblieben und sah so schlank und stattlich aus wie früher. Die Zeit schien keinen Einfluß auf ihn zu haben. Trotz seines französischen Namens stammte er aus einer altenglischen Familie. Seine Verwandten schwiegen ihn allerdings am liebsten tot, denn sie waren nicht besonders stolz auf ihn. Man nahm im allgemeinen an, daß er die Stelle eines Sekretärs und Rechtsbeistands bei Lady Tynewood versah, aber er benahm sich ihr gegenüber sehr frei und durchaus nicht wie ein Angestellter.

 

Lady Tynewood war eine schöne Frau, und nicht einmal das wenig schmeichelhafte Morgenlicht beeinträchtigte ihr Aussehen.

 

»Javot!« sagte sie nervös.

 

Er schaute nicht auf.

 

»Javot!!« rief sie jetzt scharf.

 

Resigniert wandte er sich zu ihr um.

 

»Warum unterbrichst du mich denn immer?« fragte er vorwurfsvoll. »Du weißt doch, daß ich es nicht leiden kann, wenn man mich beim Lesen stört.«

 

Sie hatte eine kleine Zigarette aus ihrem goldenen Etui genommen und zündete sie jetzt an.

 

»Erinnerst du dich noch an alles, was ich dir gestern abend erzählte?«

 

»Ja, ich weiß es noch ganz genau. Es hat einen Spektakel gegeben, weil der fremde Herr aus Südafrika in den Saal kam. Nachher hat ihn der Prinz hinausgewiesen.«

 

»Du hast überhaupt nicht zugehört«, erwiderte sie heftig. »Der Prinz hat ihn in der liebenswürdigsten Weise aus dem Saal gebracht. Du verwechselst wieder einmal alles. Dein Gedächtnis leidet anscheinend unter Altersschwäche! Lance Kelman ist vom Prinzen fortgeschickt worden.«

 

»Ein alberner Mensch.«

 

»Aber wir können ihn vorzüglich für unsere Zwecke brauchen«, entgegnete Alma etwas ruhiger. »Er ist halb in das Mädchen verliebt, und wenn wir ein wenig nachhelfen und ihn aufputschen, tut er, was wir wollen. Ich kann dir nicht sagen, Javot, wie ich dieses kleine Biest hasse!«

 

Er lehnte sich zurück, steckte die Hände in die Taschen seiner Breeches und lächelte.

 

»Die kleine Stedman ist ein entzückendes Ding«, sagte er nachdenklich. »Ich besinne mich noch –« Er sprach nicht weiter.

 

Mr. Javot gehörte nicht zu den mitteilsamen Naturen und sprach sich auch Alma gegenüber nicht aus. Er hatte Marjorie sofort erkannt, als er sie zum erstenmal in Tynewood wiedersah, obwohl sie sich anscheinend nicht mehr an ihn erinnern konnte.

 

»Und sie will tatsächlich diesen Südafrikaner heiraten? Am Ende ist er selbst ein roher Diamant, der nur noch ein wenig geschliffen werden muß.«

 

Alma setzte sich auf die Tischkante und baumelte mit den Beinen, während sie den Zigarettenrauch in die Luft blies.

 

»Gestern bin ich zum Schloß gegangen, aber dieser unverschämte Pförtner hat mich wieder nicht hineingelassen.«

 

»Wozu gehst du denn überhaupt noch hin? Du blamierst dich doch nur jedesmal aufs neue. Ein dutzendmal habe ich dir mindestens schon gesagt, daß du das unterlassen sollst. Warum bist du nicht mit dem zufrieden, was du hast? Warte doch deine Zeit ab. Früher oder später wird dieser Sir James einmal sterben, dann erbst du die ganze Besitzung und obendrein das berühmte Brillanthalsband der Familie.«

 

Sie antwortete nicht darauf, denn sie war mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.

 

»Ich möchte eigentlich zu gern diesen Pretoria-Smith näher kennenlernen«, meinte sie nach einer Weile. »Er ist ein Mann, der viel in Afrika herumgekommen ist. Vielleicht hat er James getroffen. Er sieht übrigens gut aus, hat interessante Züge und gefällt mir gar nicht übel –«

 

»Du hast aber auch jeden Augenblick eine andere Marotte«, sagte er argwöhnisch.

 

Sie warf den Kopf zurück.

 

»Es wäre doch sehr leicht möglich, daß wir Nachricht über James von ihm bekommen könnten.«

 

»Das glaube ich nicht. Laß diesen James Tynewood in Frieden, und verhalte dich ruhig. Du hast doch ein glänzendes Einkommen, bist noch jung und kannst ein paar Jahre warten. Oder willst du mir vielleicht weismachen, daß du dir seinetwegen Sorgen machst und dich nach ihm sehnst?« fügte er ironisch hinzu. »Es kann dir doch ganz egal sein, ob er lebendig oder tot ist. Spiele bloß nicht die verliebte und verlassene Frau. Du hast ihn doch nur kurze Zeit gekannt, und er war total betrunken, als er dich heiratete.«

 

»Sei doch nicht so gemein und roh, Javot!« Sie sprang vom Tisch hinunter und warf die Zigarette fort. »Er war allerdings betrunken, als er mich heiratete, sonst hätte er diese Dummheit wahrscheinlich nicht gemacht. Wenn wir ihn nicht die Nacht vorher mit Kartenspiel unterhalten und ihm das nötige Quantum Absinth und Kognak beigebracht hätten, wäre aus der Sache nichts geworden. Du hast ihn schließlich so weit gebracht, daß er mit mir zum Standesamt in Marylebone ging. Das rechne ich, dir hoch an. Ohne deine Hilfe wäre diese Heirat wohl nie zustande gekommen, und ich säße jetzt nicht in aller Ruhe in einer so komfortablen Villa.«

 

Er strich sich über das Haar.

 

»Du hast vermutlich recht«, gab er zu. »Aber dasselbe sage ich doch auch. Laß diesen Sir James in Frieden.«

 

»Aber es ginge mir doch noch viel besser, wenn ich beweisen könnte, daß James Tynewood tot ist. Wir haben es beide früher nicht sehr glänzend gehabt und sind durch eine harte Schule gegangen. Wir wissen, wie schnell es mit Leuten zu Ende geht, die sich dem Trunk ergeben und derartig mit ihrer Gesundheit wüsten, wie es James machte. Ein heißes Klima mußte ihm eigentlich den Rest geben.«

 

»Wenn wir nur eine Fotografie von ihm hätten, die wir in Umlauf setzen könnten. Das wäre die einzige Möglichkeit, Nachrichten über ihn zu erhalten«, erwiderte Javot. »Aber es scheint kein Bild von ihm zu existieren. Ich habe schon bei allen bedeutenden Fotografen Londons nachgefragt, ob sie eine Aufnahme von ihm gemacht haben, aber überall mit negativem Erfolg.«

 

»Und doch sollte es nicht zu schwer sein, ihn aufzufinden«, entgegnete sie hartnäckig. »Er hat den kleinen Finger der linken Hand verloren, und das ist ein sicheres Kennzeichen.«

 

Er nickte.

 

»Er hat ihn sich einmal im Leichtsinn selbst abgeschossen, als er noch ein Junge war«, fuhr sie fort.

 

Javot beschäftigte sich wieder mit seiner Sportzeitung und brummte nur undeutlich ein paar Worte vor sich hin.

 

»Ich gehe jetzt aus.«

 

»Wohin?«

 

»Ich besuche meine liebe Maud Stedman«, sagte sie spöttisch und ahmte die Stimme der alten Dame nach.

 

»Wie steht es denn mit dem Geld?«

 

»Ich habe ihr geschrieben, daß ich große Rechnungen zu bezahlen hätte.«

 

»Glaubst du, daß sie zahlen kann?« fragte er plötzlich lebhaft, denn für Finanzangelegenheiten interessierte er sich stets.

 

»Sie wird schon zahlen. Ihre Tochter heiratet doch einen reichen Mann. Lance hat mir gestern abend alles haargenau erzählt. Es war eigentlich sehr dumm von mir, daß ich sie unter diesen Umständen gemahnt habe. Aber ich hatte den Brief schon in den Kasten gesteckt, bevor mir Lance sein Herz ausschüttete. Vor allem darf ich jetzt keinen schlechten Eindruck bei der Alten machen. Deshalb will ich zu ihr gehen und ihr sagen, daß ich das Geld vorläufig nicht brauche und daß sie sich deswegen keine Sorgen machen soll.«

 

Sie lachte laut auf, und auch Mr. Javot grinste vergnügt.

 

*

 

Mrs. Stedman stand auf dem Rasen und fütterte die Vögel, als Lady Tynewood in einem eleganten Straßenkostüm durch das Gartentor trat und ihren kleinen Spazierstock in der Luft wirbelte. Alma küßte die alte Dame und begrüßte sie aufs herzlichste.

 

»Ach, meine Liebste, wir müssen noch wegen des Geldes miteinander sprechen«, begann Mrs. Stedman nervös.

 

»Nein, das ist schon erledigt«, entgegnete Alma mit ihrem süßesten Lächeln. »Ich habe es so eingerichtet, daß ich meine Rechnungen bezahlen kann, ohne meine Freunde zu beunruhigen. Betrachten Sie die Sache bitte so, als ob ich den Brief gar nicht geschrieben hätte. Aber geben Sie mir eine Tasse Tee, die tut mir auch am Vormittag sehr gut.«

 

Mrs. Stedman machte ihr ein geheimnisvolles Zeichen und schaute unsicher zum Haus hinüber. Dann dämpfte sie die Stimme, obwohl sie allein auf dem Rasen stand und in einem Umkreis von fünfzig Metern kein Mensch zu sehen war.

 

»Wir können leider nicht hineingehen. Er – er ist da.«

 

»Er?« fragte Alma verwundert. »Von wem sprechen Sie denn eigentlich?«

 

»Von dem Verlobten meiner Tochter«, erklärte Mrs. Stedman naiv. »Es ist ein gewisser Smith.«

 

»Aber diesen Mann möchte ich doch gerade so gern kennenlernen«, erwiderte Alma und ging quer über den Rasen auf das Haus zu.

 

Kapitel 18

 

18

 

Er war gekommen. Marjorie hatte nicht geglaubt, daß er sich nach der peinlichen Szene des vergangenen Abends so schnell sehen lassen würde, aber offenbar schämte er sich nicht im mindesten.

 

Sie hatte gerade ihrer Mutter nachgesehen und sich dann an den Schreibtisch gesetzt; um einen Dankbrief an Lord Wadham zu schreiben, als es klopfte.

 

Das Dienstmädchen trat aufgeregt herein, als, ob auch sie etwas von den Geheimnissen der Familie wüßte.

 

»Mr. Smith«, meldete sie atemlos.

 

Er folgte ihr auf dem Fuße, und Marjorie erhob sich, um ihm entgegenzutreten.

 

Einige Sekunden lang standen sie sich schweigend gegenüber.

 

Er war erstaunt und betroffen über die ungewöhnliche Schönheit dieses Mädchens. Am vergangenen Abend hatte er sie nicht beachtet, und in den frühen Morgenstunden dieses Tages hatte er sie nur undeutlich am Fenster gesehen und auch nur vermuten können, wer sie war. Deshalb war seine Überraschung jetzt um so größer.

 

Auch Marjorie betrachtete den sonderbaren Mann nicht ohne Verwunderung. Er war nicht so breitschultrig, wie sie sich eingebildet hatte, und die Sonne Afrikas hatte sein Gesicht dunkelbraun gebrannt. Seine tiefblauen Augen waren etwas blutunterlaufen, und sie ahnte sofort den Grund dafür. Und doch hatte sie den Eindruck, als ob er eine Maske trüge, hinter der er seine wahre Persönlichkeit und seine Gefühle verbarg. In seinen Zügen lag eine gewisse Strenge, vielleicht sogar Unnahbarkeit. Er trug noch den einfachen, unansehnlichen, grauen Flanellanzug vom letzten Abend, der ihm schlecht paßte und für einen kleineren, korpulenten Mann gemacht zu sein schien.

 

Diese erste Begegnung war für beide peinlich.

 

»Ich bin der Mann, von dem Ihr Onkel geschrieben hat«, begann er schließlich nervös. »Man nennt mich allgemein Pretoria-Smith, aber das ist nicht mein eigentlicher Name.«

 

Das wußte sie bereits, aber sie machte keine Bemerkung darüber.

 

»Ich möchte aber unter diesem Namen heiraten«, fuhr er fort. »Die Rechtsgültigkeit der Ehe wird dadurch in keiner Weise beeinträchtigt. Ich könnte vielleicht in Schwierigkeiten kommen, aber die Ehe besteht zu Recht.«

 

Ihr erschien das Namensproblem unbedeutend im Vergleich zu der grauenvollen Tatsache, daß sie überhaupt heiraten mußte.

 

»Ich brauche mich ja nicht weiter vorzustellen«, erwiderte sie ruhig. »Sie wissen, daß ich Marjorie Stedman bin, die Nichte von Mr. Alfred Stedman. Ich habe Sie früher schon einmal gesehen – und zwar im Büro von Mr. Vance. Ich war damals seine Privatsekretärin.«

 

Er starrte sie verwundert an.

 

»Ja, richtig – ich entsinne mich jetzt.«

 

Er legte die Stirn in Falten, als ob er versuchte, sich genauer an ihre damalige Begegnung zu erinnern. Sie hatte den sehnlichsten Wunsch, daß er sie nicht mit jener schrecklichen Nacht in Schloß Tynewood in Verbindung bringen möchte. Aber daran dachte er offenbar nicht.

 

»Wollen Sie nicht Platz nehmen?«

 

Er setzte sich verlegen auf die Kante eines großen Armsessels. Es kam ihr zum Bewußtsein, daß er sie unverwandt ansah. Aber wenn ihr das auch nicht angenehm war, so zog sie es doch einem unruhigen, unsteten Blick vor, wie sie ihn eigentlich bei diesem Mann vorausgesetzt hatte.

 

»Sie sind also ein Freund meines Onkels?« fragte sie, um wenigstens eine Unterhaltung in Gang zu bringen.

 

»Ja, wir stehen uns sehr nahe«, erwiderte er und räusperte sich. »Wir kennen uns seit vier Jahren. Ich habe ihm einmal das Leben gerettet«, fügte er etwas unbeholfen hinzu.

 

»Ach, das ist ja interessant.«. Ihre Stimme verriet höfliches Interesse.

 

»Ihr Onkel durchzog damals die Kalahari-Wüste, um nach Gold zu suchen, und hatte die große Mine gefunden, die wir jetzt ausbeuten. Wir haben beide ein großes Vermögen daran verdient. Ich kam gerade dazu, als ihn seine Leute in der Nähe des Wasserlochs im Stich ließen. Es waren zwei gemeine Kerle, die ihn absichtlich in die Irre geführt hatten. Sie wollten ihn verdursten lassen, damit sie nachher sein Eigentum stehlen konnten. Aber ich kam noch zu rechter Zeit. Er war dem Tod schon ziemlich nahe. Dicht bei dem Wasserloch war er umgesunken und besaß nicht mehr die Kraft, dorthin zu gehen.«

 

»Haben Sie ihm dann Wasser zu trinken gegeben?« fragte sie und versuchte sich diese Szene in der Wüste vorzustellen.

 

»Ja, ich habe den beiden schon Beine gemacht, daß sie ihm Wasser gaben. Und dann habe ich ihn zur nächsten Stadt gebracht.«

 

»Und was wurde aus den Schwarzen?«

 

Sein Blick schweifte durch das Zimmer.

 

»Dem einen habe ich eine Kugel durch den Schädel jagen müssen. Der machte Schwierigkeiten«, sagte er leichthin.

 

Marjorie schauderte leicht.

 

»Vielleicht habe ich ihn getötet – genau weiß ich das nicht. Der andere war dann willig und trug das Gepäck Ihres Onkels. Dem ist weiter nichts passiert.«

 

Es folgte wieder ein verlegenes Schweigen, aber schließlich raffte sich Marjorie auf.

 

»Mr. Smith, mein Onkel wünscht, daß ich Sie heirate«, sagte sie mit erzwungener Ruhe. »Er schrieb mir, daß er Sie dazu überredet hätte.« Es kostete sie große Anstrengung, die letzten Worte über die Lippen zu bringen, und sie errötete tief.

 

Er nickte.

 

»Ich wünschte es zu Anfang allerdings nicht, und jetzt wünsche ich es noch viel weniger. Aber ich bin Ihrem Onkel zu großem Dank verpflichtet, und er hat sich diese Sache nun einmal in den Kopf gesetzt. Er ist nämlich ein ganz verrückter, alter Teufel.« Er sagte das halb zu sich selbst, aber sie hörte an seinem Ton, daß er ihren Onkel sehr gern haben mußte. Beinahe hätte sie gelächelt.

 

»Warum mußte er Sie denn dazu überreden?«

 

»Weil – ja, weil – ich überhaupt nicht heiraten wollte. Vor allem nicht eine Frau, die ich gar nicht kannte. Das war der eine Grund. Und dann dachte ich doch auch an das junge Mädchen. Es ist eine ungeheuerliche Zumutung, einfach einen unbekannten Mann heiraten zu müssen.«

 

Sie sah ihn verwundert an. Er mißverstand ihren Blick und wurde wieder verlegen.

 

»Entschuldigen Sie bitte meine Kleidung. Ich mußte sie unten in Südafrika in aller Eile vor meiner Abreise kaufen und kam gerade noch mit Mühe und Not zu dem Schiff. Und vor allem muß ich wegen des Vorfalls von gestern abend um Verzeihung bitten, Miss Stedman.«

 

»Es ist besser, wenn wir nicht darüber sprechen«, sagte sie höflich, »aber ich hoffe, daß –«, sie wußte kaum, wie sie fortfahren sollte – »Sie sich nicht wieder betrinken, wenn wir erst verheiratet sind.«

 

Er antwortete nicht gleich, und im nächsten Augenblick kam Lady Tynewood vom Garten herein.

 

»Guten Tag, meine Liebe«, wandte sie sich vergnügt an Marjorie. »Stellen Sie mich doch bitte auch Ihrem Verlobten vor.« Wenn ihre Blicke hätten töten können, wäre das junge Mädchen auf der Stelle leblos umgesunken.

 

Pretoria-Smith drehte sich langsam um und streckte die Hand aus.

 

»Darf ich Ihnen Mr. Smith vorstellen – Lady Tynewood«, sagte Marjorie, die sich die größte Mühe gab, auf den leichten Ton der anderen einzugehen.

 

Alma betrachtete mit Bewunderung die große, stattliche Gestalt des Mannes, aber Marjorie bemerkte plötzlich zu ihrem Schrecken, daß Pretoria-Smith Lady Tynewood haßerfüllt und feindlich ansah. Er trat einen Schritt zurück und hob die Hand wie zur Abwehr.

 

»Sie – Sie!« stieß er heiser und erregt hervor. »Mein Gott, ich würde lieber einem Aussätzigen die Hand geben als Ihnen!«

 

Kapitel 19

 

19

 

Lady Tynewood schrak vor dem wütenden Blick des Mannes zurück. Er wandte sich um, nahm seinen Hut vom Stuhl auf und verließ schnell das Zimmer.

 

Alma faßte sich zuerst wieder, während Marjorie noch bleich und mit weitaufgerissenen Augen zur Tür starrte, durch die Pretoria-Smith eben verschwunden war.

 

»Das ist also der junge Mann, den Sie heiraten wollen?« fragte sie verächtlich. »Ein feiner Gentleman, das muß man wohl sagen. Da kann man Ihnen ja gratulieren.«

 

Marjorie schwieg.

 

Mrs. Stedman war inzwischen auch hereingekommen. Sie hatte die Szene von weitem beobachtet und war in hellster Aufregung.

 

»Er war aber wirklich unhöflich und roh«, sagte sie atemlos.

 

»Sie haben ihn wahrscheinlich dazu aufgestachelt« wandte sich Lady Tynewood heftig an Marjorie. »Oder gehört es bei den Leuten aus den Kolonien zum guten Ton, sich derartig aufzuführen?«

 

Marjorie machte in dieser schwierigen Lage eine merkwürdige Erfahrung. Sie mußte nun obendrein noch den Mann verteidigen, gegen den sie die größte Abneigung fühlte.

 

»Mr. Smith wird wahrscheinlich aus guten Gründen so gehandelt haben«, erwiderte sie langsam. »Ich dachte schon im ersten Augenblick, Ihr lange vermißter Gatte wäre zurückgekehrt, Lady Tynewood.«

 

Sie war gehässig, niederträchtig, grausam. Aber es war ihr im Augenblick alles gleichgültig. Sie konnte sogar wegwerfend von dem Mann sprechen, der nicht mehr am Leben war.

 

»Was schwätzen Sie da?« ereiferte sich Alma. »Sir James war ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle – vielmehr er ist ein Gentleman«, verbesserte sie sich schnell. »Wenn so ein junges, unerfahrenes Ding wie Sie über solche Sachen reden will, kommt natürlich nichts Gutes dabei heraus. – Aber er kam mir doch so bekannt vor – ich möchte nur wissen, ob ich ihn früher schon getroffen habe.«

 

Sie sah Marjorie von der Seite an.

 

»Sie werden ja nicht viel Freude in Ihrer Ehe haben«, sagte sie noch verächtlich und verließ dann das Zimmer.

 

Marjorie hatte es kaum gehört. Sie wartete nicht auf das Mittagessen, sondern, ließ sofort ihr Pferd satteln und ritt zu Lord Wadham. Sie wußte, daß der Prinz schon am Morgen abgereist war, so daß sie dort ohne weiteres Besuch machen konnte. Sie fand den alten Herrn bei einem Spaziergang im Park.

 

»Hallo!« rief er laut. »Zum Kuckuck, was machen Sie denn schon am frühen Morgen hier?«

 

»Ich möchte mich trauen lassen«, sagte sie, »mit – mit einem entsetzlichen Menschen.«

 

»Teufel noch mal«, erwiderte er verhältnismäßig leise und schlug dann plötzlich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. »Jetzt weiß ich, wer es ist. Der betrunkene Mann, der gestern ins Hotel kam!«

 

Sie wurde rot.

 

»Ja, er ist mein Verlobter.«

 

»Ach, irgend so ein Johannesburg-Jones oder ein Maritzburg-Mike?«

 

»Pretoria-Smith.«

 

»Donnerwetter – aber das ist doch nicht Ihr Ernst. Wie kommen Sie bloß auf die verrückte Idee, einen Menschen von solchem Kaliber heiraten zu wollen? Ich habe ihn mir ja nicht genauer angesehen, aber ich wette, daß er einen schlechten Charakter hat. Ein Mann, der einen fertigen Anzug kauft, ist zu allem fähig, auch zu einem Mord.«

 

Sie lachte.

 

»Sie müssen ihn nicht so streng beurteilen. Vielleicht klärt sich alles noch ganz harmlos auf.« Eine Weile schwieg sie, dann wandte sie sich plötzlich wieder an ihn. »Lord Wadham«, fragte sie atemlos, »würden Sie mir einen großen Gefallen tun?«

 

»Für Sie tue ich alles, was in meinen Kräften steht, liebes Kind«, sagte er begeistert. »Wenn ich nicht schon eine Frau und vier Kinder hätte, würde ich Sie vom Fleck weg heiraten. Aber meine Frau ist gesund und vergnügt. Sie ist eine Wingley aus Norfolk und wird sicher neunzig Jahre alt«, fügte er schmunzelnd hinzu.

 

»Ich hätte Sie gern wegen der Trauung um Rat gebeten.«

 

»Ach, Sie wollen sich wohl sofort trauen lassen?« fragte er nachdenklich. »Na, das kann ich schon arrangieren. Aber liebes Kind, ich würde mir die Sache an Ihrer Stelle doch noch einmal reiflich überlegen. Selbst wenn Sie es –« Er zögerte. Auch er hatte schon verschiedene Gerüchte über Mrs. Stedman gehört, und er wußte, daß die Frau Spielschulden hatte. »Selbst um meinen nächsten Verwandten zu helfen, würde ich das nicht tun«, fuhr er fort. »Aber ich will Ihnen nicht das Herz schwermachen. Sie sind wahrscheinlich in einer sehr schwierigen, Situation, und ich will alles tun, um Ihnen zu helfen. Welchen Eindruck haben Sie denn von dem Mann? Haben Sie ihn schon einmal bei Tageslicht betrachtet?«

 

Sie lächelte ein wenig verlegen.

 

»Er ist eben – Pretoria-Smith«, sagte sie so gleichgültig wie möglich.

 

Lord Wadham rieb sich das Kinn.

 

»Na schön. Ich werde mich um die Heiratserlaubnis kümmern. Nennen Sie mir doch bitte die Namen.«

 

Sie konnte ihm auf keinen Fall sagen, daß sie den Namen ihres Verlobten nicht kannte.

 

»Ich werde Ihnen das alles schreiben.«

 

»Wenn Sie es heute noch tun, schicke ich Ihnen morgen mit der ersten Post die Lizenz zu«, sagte er freundlich.

 

»Wo können wir denn getraut werden?«

 

»Ach, in jeder Kirche. Mein Hauskaplan wird sich ein Vergnügen daraus machen, Sie zu trauen. Sie kennen doch den alten Stoneham? Ein guter Mensch. Nur schade, daß er halb blind und halb taub ist.«

 

Er lachte, als er an den Pfarrer dachte.

 

»Das ist der rechte Mann, der paßt für Sie. Er kennt Sie später überhaupt nicht wieder. Auch Ihren Mann nicht, und wenn sein Name mit großen Buchstaben auf der Stirn stände. Ja, aber wo könnte denn nun die Trauung stattfinden?« überlegte er. »Halt, das weiß ich jetzt auch«, sagte er nach einiger Zeit und klatschte vergnügt in die Hände. »Ich werde an meinen Freund Vance telegrafieren. Er ist der Rechtanwalt der Familie Tynewood. Den frage ich um Erlaubnis, daß Sie in der Schloßkapelle hier getraut werden dürfen.«

 

»Mr. Vance?« wiederholte sie erstaunt. »Den kenne ich auch sehr gut. Aber glauben Sie denn, daß er die Erlaubnis geben wird? Ich weiß, daß er in solchen Dingen recht eigentümlich ist.«

 

»Überlassen Sie das nur mir, ich bringe die Sache schon in Ordnung«, erklärte Lord Wadham. »Also, ich sorge dafür, daß die Kapelle zur Verfügung steht, und ich beschaffe den Pfarrer. Wie wäre es denn, wenn ich nun auch noch den Brautvater machte und Sie in die Ehe gäbe?«

 

Marjorie traten die Tränen in die Augen.

 

»Sie sind wirklich sehr lieb zu mir«, sagte sie mit bewegter Stimme.

 

Er klopfte ihr freundlich auf die Schulter.

 

»Es macht mir einen unheimlichen Spaß, junge Leute miteinander zu verheiraten, auch wenn ich mit dieser Trauung nicht ganz einverstanden bin. Also, sind Sie damit zufrieden, daß ich die Sache mit der Kirche und dem Pfarrer regele?«.

 

Sie nickte.

 

»Und um wieviel Uhr soll die Trauung stattfinden?«

 

»Darüber muß ich erst noch mit – Mr. Smith sprechen.«

 

Zu Hause setzte sich Marjorie verzweifelt an den Schreibtisch und schrieb kurzerhand: John Smith, Sohn von Henry und Mary Smith. Dem Vater gab sie den Beruf eines Mineningenieurs, und das Alter von Pretoria-Smith setzte sie einfach auf zweiunddreißig Jahre fest.

 

Sie adressierte die Mitteilung an Lord Wadham und schickte dann noch einen Brief. zu dem einzigen Gasthaus des Dorfes. Darin bat sie Smith, zu ihr zu kommen. Aber offenbar erreichte ihn diese Nachricht nicht.

 

Am Spätnachmittag machte sie einen Spaziergang, und bei einer Biegung des Weges sah sie plötzlich einen Mann im Gras sitzen. Er stützte den Kopf in die Hand und hatte sich weit vornüber gebeugt, so daß sein Kinn fast die Knie berührte. Als er ihre Schritte hörte, wandte er sich um. Es war Pretoria-Smith, und er sprang sofort auf.

 

»Es tut mir leid, daß ich mich heute so gehenließ«, sagte er etwas barsch. »Ich hätte dieser Dame gegenüber meine Fassung nicht verlieren dürfen.«

 

»Kennen Sie denn Lady Tynewood?«

 

»Ob ich sie kenne?« wiederholte er bitter. »Ja, die Frau kenne ich!«

 

»Sie ist doch die Gattin von Sir James Tynewood, der hier in der Gegend der größte Landbesitzer ist, obwohl er nie hier gelebt hat.«

 

Sie beobachtete ihn scharf, während sie sprach. Wie würde er sich verhalten, wenn er den Namen des Mannes wieder hörte, der vor Jahren auf so tragische Weise umgekommen war?

 

»Er wohnt nicht hier? Das ist aber seltsam. Ich halte die Gegend hier für eine der schönsten auf der ganzen Erde. Aber vielleicht kommt sie mir auch nur so herrlich vor, weil ich so lange in den traurigen Einöden von Südafrika lebte. Trotzdem ist Sir James töricht, wenn er sich diesen Genuß entgehen läßt.«

 

»Mr. Smith –«, es fiel ihr schwer, weiterzusprechen, »ich wollte Sie noch etwas fragen. Haben Sie etwas dagegen, daß unsere Trauung sehr bald stattfindet?«

 

»Nein, je eher, desto besser«, erwiderte er sofort. Er hatte das Gesicht von ihr abgewandt und schaute über das Tal hin.

 

»Sie müssen verstehen, daß alles so unerwartet für mich kam und daß mir der Gedanke an diese Heirat zuerst entsetzlich erschien.« Sie spielte mit dem Verschluß ihrer Handtasche und schaute ihn nicht an. »Wenn ich sage entsetzlich, so meine ich das natürlich nicht im gewöhnlichen Sinne des Wortes.«

 

»Das. kann ich mir gut vorstellen, und Sie haben auch vollkommen, recht. Mir selbst ging es ja nicht anders. Ich sagte Ihnen schon, daß ich ebensowenig daran dachte, mich zu verheiraten, wie der Mann im Mond. Am liebsten wollte ich ganz allein auf der Mine bleiben und in Ruhe gelassen werden. Ich war zufrieden, wenn ich meine Pfeife hatte und nachdenken konnte. Meine Gedanken waren nicht immer angenehm, aber immerhin war ich damals zufrieden im Vergleich zu jetzt.«

 

Sie warf ihm einen schnellen Blick zu.

 

»Das ist allerdings kein Kompliment für mich«, sagte sie und lachte. »Aber ich erwarte von Ihnen ja auch keine Komplimente. Sie haben also nichts dagegen, daß wir sofort heiraten?«

 

»Sie möchten die Sache möglichst schnell hinter sich haben«, entgegnete er und sah zu einer Kuh hinüber, die auf dem nahen Hügel weidete. »Und ich kann Ihnen wirklich keinen Vorwurf daraus machen. Ich sage Ihnen ja, mir geht es genauso. Meinetwegen kann die Trauung sofort abgehalten werden.«

 

»Lord Wadham hat mir den Vorschlag gemacht, uns von seinem Pfarrer trauen zu lassen. Sind Sie damit einverstanden?«

 

»Ach, meinen Sie den alten Stoneham? Der war ja schon früher hier im Amt – der arme Mann ist aber halb blind.«

 

»Kennen Sie ihn denn?« fragte sie schnell.

 

Er kam in Verlegenheit.

 

»Ich habe gehört, wie sich die Leute im Dorf über ihn unterhielten. Nein, ich kenne Lord Wadham und, seinen Pfarrer nicht. Im Grunde genommen ist ja auch ein Pfarrer ebensogut wie der andere.«

 

»Ich habe Ihren Namen als John Smith angegeben – heißen Sie wirklich John?«

 

»So ähnlich. Darauf kommt es ja nicht an. Sie können mich ruhig John nennen. Dann haben Sie ja auch meine Eltern nennen müssen?«

 

»Ja, das habe ich auch getan. Ich habe geschrieben, daß Ihr Vater Mineningenieur ist.«

 

Er mußte lachen.

 

»Nun, das ist ganz gut. Er hat sich schließlich auch mit dem Erdboden beschäftigt – das heißt, gewöhnlich hat er nur Unkraut aus den Blumenbeeten ausgejätet. In diesem Punkt war er unerbittlich, und die Gärtner hatten große Angst vor ihm.«

 

»Noch eins. Es liegt doch weder Ihnen noch mir an einer großen Teilnahme der Öffentlichkeit, und es wäre besser, wenn die Hochzeit in aller Stille stattfände. Lord Wadham meinte, daß wir uns am besten in der Schloßkapelle von Tynewood trauen ließen.«

 

Er antwortete nicht gleich.

 

»Gibt es denn eine Schloßkapelle hier?« fragte er nach einer Weile.

 

Sie ärgerte sich, daß er sie täuschen wollte.

 

»Ja. Sie ist sehr hübsch. Ich hatte schon die Absicht, sie mir heute einmal anzusehen. Wollen Sie mich begleiten?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, das möchte ich eigentlich nicht tun.«

 

Diese Antwort hatte sie auch erwartet.

 

»Dann ist also alles soweit in Ordnung?« fragte sie. »Und an welchem Tag wollen Sie sich trauen lassen?«

 

»Mir ist jede Zeit recht.«

 

»Wollen wir sagen: morgen um elf?«

 

»Ja, das paßt mir.«

 

»Und – und –«, sie konnte kaum weitersprechen, »wohin wollen wir nachher gehen?«

 

Kapitel 2

 

2

 

Marjorie Stedman, die Privatsekretärin des Rechtsanwalts und Notars Vance, atmete erleichtert auf, als sie an diesem herrlichen Frühlingsabend wieder in die frische, kühle Luft hinaustreten konnte.

 

Das war also Sir James Tynewood. Wie oft hatte sie diesen Namen gelesen, der im Büro mit weißen Buchstaben auf einen schwarzen Aktenkasten gemalt war.

 

Und dieser Nachkomme eines alten, angesehenen Geschlechts, das sich in früheren Tagen im Dienste des Vaterlands ausgezeichnet hatte, war ein Trinker, ein Verschwender, der sich in unmöglicher, vulgärer Gesellschaft herumtrieb! Dieses Erlebnis war eine große Enttäuschung für sie, und sie schauderte noch bei der Erinnerung.

 

Als sie zu dem Büro in Bloomsbury zurückkam, waren schon alle Angestellten fortgegangen. Aber der alte Mr. Vance wartete in seinem Privatzimmer auf sie und sah sie neugierig an, als sie eintrat.

 

»Nun, Miss Stedman, haben Sie den Brief abgegeben?«

 

»Ja, Mr. Vance.«

 

»Haben Sie Sir James Tynewood persönlich angetroffen?«

 

Sie nickte.

 

Die Spannung in seinen Zügen steigerte sich.

 

»Was haben Sie denn – Sie sehen ja so blaß aus? Ist Ihnen etwas zugestoßen?«

 

Sie schüttelte den Kopf, erzählte ihm aber dann, was sie auf der ausgelassenen Gesellschaft gesehen und gehört hatte.

 

Mr. Vance biß sich auf die Lippe, er war sehr ärgerlich und erregt.

 

»Das tut mir wirklich leid. Ich dachte nicht, daß man es wagen würde, Sie so zu behandeln, sonst wäre ich natürlich selbst hingegangen. Sie verstehen doch, Miss Stedman, daß ich keinen der anderen Angestellten mit diesem Gang beauftragen konnte?«

 

»Natürlich. Ich weiß sehr gut, daß diese Mitteilung vertraulich war.« Sie verschwieg, daß sie sich darüber gewundert hatte. Es war ihr seltsam vorgekommen, daß ausgerechnet sie den Brief Sir James persönlich übergeben mußte.

 

Aber Mr. Vance las ihre Gedanken.

 

»Eines Tages werden Sie noch verstehen, warum ich gerade Ihnen den Auftrag gab, Sir James Tynewood aufzusuchen. Ich bin jedenfalls sehr dankbar, daß Sie die Sache erledigt haben. Hat Ihnen Sir James eigentlich eine Antwort mitgegeben oder etwas gesagt?«

 

Sie zögerte. »Was er sagte, möchte ich nicht gern wiederholen. Es war nämlich nicht sehr schmeichelhaft für Sie, Mr. Vance«, entgegnete sie lächelnd.

 

Der Rechtsanwalt nickte.

 

»Es ist eine recht unangenehme Angelegenheit«, meinte er nach einem kurzen Schweigen. »Hat denn Sir James wirklich nichts gesagt, was für mich von Bedeutung sein könnte?«

 

»Zu mir direkt hat er es nicht gesagt, er hat mehr im allgemeinen gesprochen –« Sie zögerte wieder. »Eine Dame fragte ihn, welche Nachricht der Brief enthalte, und darauf antwortete er, daß der Mann, den er am meisten von allen Menschen hasse, zurückgekommen sei.«

 

»Den er am meisten hasse«, wiederholte er mit einem traurigen Lächeln. Dann erhob er sich und zuckte die Schultern.

 

»Es ist tatsächlich eine sehr unangenehme Geschichte«, sagte er noch einmal und nahm den Mantel vom Haken. Dann wechselte er plötzlich das Thema. »Am Ende der Woche verlieren wir Sie also, Miss Stedman?«

 

»Ja, Mr. Vance. Es fällt mir selbst schwer genug zu gehen, denn ich habe mich in Ihrem Büro sehr wohl gefühlt«, erwiderte sie bedrückt.

 

»Von meinem egoistischen Standpunkt aus tut es mir natürlich auch unendlich leid.« Er schlüpfte in den Mantel. »Aber um Ihretwillen bin ich doch eigentlich recht froh. Hat Ihr Onkel denn nun die Goldmine entdeckt, nach der er so lange gesucht hat?«

 

Sie lächelte. »Nein, das nicht, aber er hat in Südafrika viel Geld verdient. Er war ja schon immer so großzügig zu meiner Mutter und zu mir. Sie müssen Onkel Alfred doch auch noch gekannt haben?«

 

»Ja, vor zwanzig Jahren habe ich ihn einmal gesehen. Ihr Vater brachte ihn eines Tages in mein Büro. Ich, hatte damals, soweit ich mich noch entsinnen kann, den Eindruck, daß er ein charaktervoller Mann war.«

 

Er ging zur Tür und blieb dort stehen, als ob er darauf wartete, daß Marjorie vor ihm hinausging.

 

»Sie haben doch heute nichts mehr zu tun?« fragte er etwas erstaunt, als sie keine Miene machte, ihm zu folgen.

 

»Ich muß noch den Schriftsatz in Sachen James Vesson abschreiben, bevor ich gehe.«

 

Er schüttelte ungeduldig den Kopf.

 

»Ach, das hatte ich ja ganz vergessen! Aber da hätte ich Sie doch gar nicht fortschicken dürfen! Können Sie es denn nicht morgen früh machen, Miss Stedman?«

 

Aber er wußte selbst nur zu gut, daß der Schriftsatz morgen in aller Frühe gebraucht wurde.

 

»Es kommt mir nicht darauf an, wenn ich heute ein wenig später nach Hause komme, Mr. Vance«, sagte sie und lachte. »Ich habe sowieso nichts weiter vor, und in zwei Stunden bin ich ja mit der Arbeit fertig. Es ist viel besser, ich schreibe die Sache heute abend noch, sonst müßte ich morgen schon sehr früh ins Büro kommen.«

 

»Na, dann ist es gut, Miss Stedman. Ich muß mich jetzt beeilen, daß ich meinen Zug nach Brighton noch erreiche. Morgen rufe ich Sie im Laufe des Vormittags an, dann können Sie mir sagen, ob irgend etwas Wichtiges vorgefallen ist. Also, gute Nacht.«

 

Als Marjorie allein war, ging sie in ihr kleines Büro, das an das Arbeitszimmer des Rechtsanwalts stieß, und kurze Zeit später klapperte ihre Schreibmaschine in rasendem Tempo. Sie wußte, daß sich ihre Mutter stets Sorgen machte, wenn sie nicht rechtzeitig nach Hause kam, und sie bemühte sich deshalb, so schnell wie möglich fertig zu werden.

 

Sie hatte gerade die vierte DIN-A-4-Seite des langen, trockenen Schriftsatzes hinter sich, als sie ein Klopfen an der äußeren Bürotür zu hören glaubte. Sie machte eine Pause und lauschte angestrengt.

 

Jetzt vernahm sie es deutlich und erhob sich. Sie war sehr gespannt, wer Mr. Vance zu so später Stunde noch geschäftlich aufsuchen wollte.

 

Als sie die Tür öffnete, erwartete sie eigentlich einen Telegrafenboten, aber zu ihrem Erstaunen sah sie sich einem großen, schlanken Herrn gegenüber.

 

Mit einem Blick umfaßte sie seine äußere Erscheinung und sah, daß er einen alten, grauen Flanellanzug und weder Kragen noch Krawatte trug. Sein weiches Hemd war am Hals offen und der etwas verbeulte, graue, breitkrempige Filzhut in den Nacken geschoben. Die Sonne hatte sein hübsches, hageres Gesicht außergewöhnlich dunkel gebräunt, und seine klugen, tiefblauen Augen standen in reizvollem Gegensatz zu der dunklen Hautfarbe.

 

»Ist Mr. Vance noch im Büro?« erkundigte er sich kurz, nachdem er den Hut abgenommen hatte;

 

»Nein, er ist vor etwa zwanzig Minuten gegangen.«

 

Der Fremde biß sich auf die Lippe.

 

»Wissen Sie vielleicht, wo ich, ihn heute abend noch treffen könnte?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Für gewöhnlich könnte ich es Ihnen sagen«, entgegnete sie lächelnd, wenn es auch eigentlich nicht gebräuchlich ist, Klienten seine Privatadresse mitzuteilen. »Aber heute abend ist er nach Brighton gefahren, wo er mit einem Freund das Wochenende verbringen will, und er hat keine Adresse hinterlassen.« Sie zögerte einen Augenblick. »Vielleicht nennen Sie mir Ihren Namen?«

 

Er sah sie unschlüssig an. »Setzt er sich morgen irgendwie mit Ihnen in Verbindung?«

 

Sie nickte.

 

»Er telefoniert morgen mit mir, um zu hören, ob etwas Wichtiges vorgefallen ist. Dann könnte ich ihm ja von Ihrem Besuch erzählen und ihm sagen, daß Sie ihn sprechen wollten.«

 

Er stand noch im Gang, und während sie ihn betrachtete, kam ihr plötzlich der Gedanke, daß er trotz seiner gerade nicht sehr vorteilhaften Kleidung vielleicht doch ein wichtiger Kunde sein könnte. Sie öffnete die Tür weiter.

 

»Wollen Sie nicht näher treten und einen Augenblick Platz nehmen? Vielleicht möchten Sie auch eine kurze schriftliche Mitteilung für Mr. Vance zurücklassen?«

 

Langsam ging er in den Büroraum und sah einen Augenblick auf den Stuhl, den sie ihm hinschob.

 

»Nein, schreiben möchte ich nichts«, sagte er nach einer Pause. »Aber wenn Mr. Vance morgen anrufen sollte, dann sagen Sie ihm doch bitte, daß Mr. Smith von Pretoria gekommen ist.«

 

Die letzten Worte hatte er sehr deutlich und mit besonderem Nachdruck gesprochen. »Also, bitte vergessen Sie es nicht – Mr. Smith von Pretoria. Bestellen Sie ihm auch, daß ich so bald wie möglich mit ihm in Verbindung treten möchte.«

 

»Mr. Smith von Pretoria«, wiederholte sie und machte eine Notiz auf ein Blatt Papier. Sie hatte den Eindruck, daß es sich um eine wichtige Sache handeln müßte.

 

Er stand vor ihr und schaute sie an, aber sie hatte das merkwürdige Gefühl, daß er durch sie hindurchsähe. Die Falten auf seiner Stirn ließen erkennen, daß er tief in Gedanken versunken war.

 

Plötzlich schien er sich wieder an die Wirklichkeit zu erinnern und machte eine impulsive Bewegung zum Tisch hin.

 

»Ich habe es mir doch überlegt. Ich werde eine kleine Mitteilung für Mr. Vance zurücklassen. Geben Sie mir bitte Papier und Feder.«

 

»Beides liegt schon vor Ihnen«, erwiderte sie mit einem leichten Lächeln.

 

Er wurde verlegen über seine Unachtsamkeit.

 

»Es tut mir leid«, entschuldigte er sich. »Ich bin heute etwas zerstreut.«

 

»Ja, das habe ich auch schon bemerkt.«

 

Sie ging in den anderen Teil des Zimmers, um nicht den Anschein der Neugierde zu erwecken.

 

Offenbar fiel es ihm schwer, seine Gedanken in Worte zu fassen, denn er saß fünf Minuten vor dem Schreibtisch und grübelte.

 

»Nein, ich werde doch nicht schreiben«, erklärte er dann, legte die Feder auf den Tisch und stand auf. »Es genügt, wenn Sie Ihrem Chef sagen, daß Mr. Smith von Pretoria im Büro vorgesprochen hat. Er weiß, wo er mich finden kann.«

 

Vom Gang her ertönten plötzlich Schritte, und gleich darauf wurde die Türklinke hastig heruntergedrückt. Der Besucher mußte in ungewöhnlicher Aufregung sein, da er zu klopfen vergessen hatte.

 

»Wo ist Rechtsanwalt Vance?« fragte er schnell, als er eintrat.

 

Das Licht fiel voll auf sein Gesicht, und Marjorie erkannte in dem Mann mit dem zerwühlten Haar und dem roten Gesicht Sir James Tynewood wieder.

 

»Mr. Vance ist schon gegangen«, entgegnete sie.

 

Sir James antwortete nicht gleich. Er starrte entsetzt Mr. Smith von Pretoria an.

 

»Mein Gott!« stieß er dann verstört hervor. »Du bist es – Jot!«

 

Die beiden standen einander gegenüber und maßen sich mit den Blicken. Mr. Smiths Züge wurden plötzlich hart und undurchdringlich.

 

Als das Schweigen andauerte, wurde Marjorie die Situation sehr peinlich. Sie ahnte, daß sich eine Tragödie hinter diesen Worten und Blicken verbarg, und rein gefühlsmäßig nahm sie für den Mann aus Südafrika Partei.

 

»Kennen Sie Sir James Tynewood?« fragte sie verlegen.

 

Langsam wandte sich Mr. Smith von Pretoria um und lächelte bitter.

 

»Ja, ich kenne Sir James Tynewood sehr gut.« Er drehte sich wieder dem anderen zu. »Wir werden uns morgen abend in Schloß Tynewood sprechen, Sir James.«

 

Der junge Baron hatte den Kopf gesenkt und zitterte am ganzen Körper. Sein Gesicht war totenbleich.

 

»Ja, ich werde kommen«, erwiderte er heiser und verließ mit unsicheren Schritten das Zimmer.

 

Kapitel 20

 

20

 

»Es tut mir so leid«, sagte er liebenswürdig. »Sie halten mich wahrscheinlich für einen rohen, ungebildeten Menschen, Miss Stedman. Aber ich war in Südafrika so lange allein mit meinen Gedanken, daß ich nicht mehr in die europäische Gesellschaft passe und auch nicht mehr weiß, wie ich mich mit den Leuten unterhalten soll. Es ist sehr gut, daß Sie wegen der Trauung schon alles verabredet haben.«

 

Er sah sie so freundlich an, wie sie es niemals von ihm erwartet hatte.

 

»Ich werde dafür sorgen, daß nach der Trauung ein Auto auf uns wartet.«

 

»Im Augenblick habe ich keinen besseren Anzug als diesen hier. Aber ich habe mir bereits einige in London bestellt. Sie heißen doch Marjorie?«

 

»Ja.«

 

Er wiederholte den Namen leise.

 

»In Zukunft muß ich Sie ja wohl Marjorie nennen. Sie haben doch nichts dagegen?«

 

Sie mußte lachen.

 

»Ich glaube, es ist Brauch, daß sich Eheleute beim Vornamen nennen.«

 

Sie hatte das Gefühl, daß er noch etwas sagen wollte, und zögerte. Aber er schwieg, bis sie ihm die Hand zum Abschied reichte.

 

»Ich werde Sie noch ein wenig begleiten. Gehen Sie nach Hause zurück?«

 

Sie nickte.

 

Als sie dann neben ihm herging, kam sie sich selbst sonderbar vor. Er war einen Kopf größer als sie, und große Leute waren ihr immer sympathisch gewesen. Aber sie wollte diese Sympathie nicht auf Pretoria-Smith ausdehnen.

 

»Es klang unhöflich, als ich Ihnen sagte, daß ich eigentlich gegen meinen Willen nach England reiste, um mich mit Ihnen trauen zu lassen«, sagte er plötzlich, »aber es war die reine Wahrheit. Ich verdanke Ihrem Onkel so viel, daß ich seinen Wunsch schließlich erfüllen mußte. Und wenn ich Ihnen jetzt ein Angebot mache und sage, was ich eigentlich denke, betrüge und hintergehe ich ihn.«

 

»Welches Angebot wollen Sie mir denn machen?« fragte sie überrascht.

 

»Ein sehr einfaches«, erklärte er ruhig. »Es ist mir klar, daß Sie mich heiraten, weil Sie die jährliche Unterstützung Ihres Onkels nicht entbehren können. Ich erfuhr von seiner häßlichen Drohung erst in dem Augenblick, als ich von Afrika abreiste. Er hat sich diese Heirat nun einmal in den Kopf gesetzt, weil er fürchtet, sein Geld könnte in die Hände eines Mannes fallen, der Sie nur wegen Ihres Reichtums heiratet. Miss Stedman, ich kann Ihnen versichern, daß Ihr Onkel zuerst nur Ihr Glück im Auge hatte. Er hat mir so oft von Ihnen erzählt, und er freute sich immer so sehr, wenn er Briefe von Ihnen erhielt. Er hat sie noch alle aufbewahrt.«

 

Marjorie war gerührt.

 

»Der arme Onkel«, sagte sie leise. »Ich bin davon überzeugt, daß er seiner Meinung nach das Beste für mich tut.«

 

»Denken Sie immer daran«, fuhr er fort, »dann werden Sie auch verstehen, in welchem Dilemma ich mich befinde. Ich würde Ihnen ja gern eine Viertelmillion Pfund geben, um es Ihnen zu ermöglichen, diese Heirat abzulehnen – mit oder ohne Ihren Dank.« Er lächelte ein wenig und sah plötzlich viel hübscher und jünger aus.

 

Sie war stehengeblieben und schaute ihn erstaunt an.

 

»Nein, das geht nicht, das dürfte ich doch nicht tun. Ich habe meinem Onkel schon mein Wort gegeben. An dem Tag, an dem ich seinen Brief erhielt, ist mein Telegramm an ihn abgegangen.«

 

»Das fürchtete ich«, erwiderte er düster, »aber ich fürchtete auch, daß Sie mein Angebot annehmen würden, und das wäre dem alten Stedman gegenüber sehr unfair gewesen. Er war nicht um das Geld besorgt, sondern er wollte Sie vor gewissenlosen Menschen schützen, die nur Ihrem Vermögen nachjagten. Und wenn ich Sie nun reich machte – ich kann es, denn ich besitze ebensoviel, wenn nicht mehr als Ihr Onkel –, dann wären Sie derselben Gefahr ausgesetzt wie vorher.«

 

Sie ging wieder langsam neben ihm her. Plötzlich hörten sie Pferdegetrappel und traten zur Seite, um die Reiter vorüberzulassen.

 

Es waren Lance Kelman und Lady Tynewood. Kelman wurde dunkelrot vor Zorn, als er Marjorie und Pretoria-Smith zusammen sah. Er hatte sich schon vorher für seine Kusine stark interessiert, aber jetzt glaubte er, daß sie die große Liebe seines Lebens sei. Almas Reden und Bemerkungen hatten ihn aufgestachelt.

 

Er ritt nicht vorbei, sondern hielt mitten im Weg an. Lady Tynewood beobachtete die Szene belustigt.

 

»So, da hast du nun endlich deinen Pretoria-Smith!« schrie Kelman laut. Er hatte bei Alma zu Mittag gegessen und viel Wein getrunken.

 

Marjorie war blaß geworden. Sie sah ihn fest an, aber sie schwieg.

 

»Jetzt muß ich allerdings wirklich annehmen, daß du in diesen Menschen verliebt bist«, führ Lance fort und lachte pöbelhaft. »Er hat ja wohl das nötige Kleingeld, und deine Mutter, kennt sich nicht mehr aus vor Schulden. Da kommt es ja schließlich auch nicht darauf an, daß du einen alten Trinker heiratest. Hast du nicht gesehen, was für ein Kerl das ist, als ich ihn gestern abend in den Saal brachte?«

 

Pretoria-Smith stand plötzlich an seiner Seite. Er hatte die Hand auf das Knie des Reiters gelegt.

 

»Sie haben mich in den Saal gebracht?« fragte er ruhig. »Ich habe heute morgen etwas davon gehört, welche Szene sich dort abgespielt hat. Ich selbst kann mich nicht darauf besinnen. Sie haben mich also hineingeführt?«

 

»Nehmen Sie Ihre Hand weg, Sie Schwein!«

 

Marjorie schrie auf, aber die Peitsche traf nicht. Pretoria-Smith hatte Kelman am Handgelenk gepackt und hielt ihn mit eisernem Griff fest.

 

»Es gibt gewisse Dinge, die Sie nicht tun dürfen«, sagte er ruhig. »Können Sie schwimmen?«

 

»Lassen Sie mich los!« schrie Lance und versuchte, sich freizumachen.

 

»Können Sie schwimmen?« wiederholte Pretoria-Smith. Aber er zog ihn schon vom Pferd, bevor der junge Mann etwas antworten konnte.

 

Einen Augenblick zappelte Lance in der Luft, dann warf ihn Pretoria-Smith wie einen Stein in einen großen, grünen Teich, der dicht neben der Straße lag. Das Wasser spritzte hoch auf, und die beiden Frauen sahen entsetzt hinüber, als ein angstvoller Schrei ertönte. Aber nach wenigen Sekunden tauchte Kelman in etwas sonderbarer Verfassung wieder auf und kam ans Ufer. »Das werde ich Ihnen heimzahlen, Sie verdammter Hund – Sie Negermörder! Erzählen Sie doch Marjorie, wie viele Leute Sie schon zu Tode gepeitscht haben!«

 

Pretoria-Smith war bleich geworden, und seine Stimme zitterte.

 

»Es tut mir leid, daß ich meine Fassung verloren habe«, sagte er leise, als Kelman näher kam. Er sah nicht zu Lady Tynewood auf. »Sie sind in schlechter Gesellschaft, junger Mann.«

 

»Ich glaube allerdings, daß Sie auf der Höhe sind, wenn es gilt, schlechte Gesellschaft zu beurteilen«, mischte sich Alma nun ein.

 

Langsam schaute er zu ihr auf.

 

»Ich freue mich wenigstens, daß ich früher niemals auf Ihren Gesellschaften war, Miss Trebizond«, erwiderte er gelassen.

 

Sie versuchte zu lächeln, aber dann sah sie Marjorie an und schrak zusammen. In diesem Augenblick erst erkannte sie in ihr die Stenotypistin, die an dem Abend ihrer Hochzeit in ihre Wohnung gekommen war.

 

Kapitel 15

 

15

 

Lord Wadham brachte Marjorie spät in der Nacht in seinem Wagen nach Hause. Er war von dem Verlauf des Festes begeistert und daher in der fröhlichsten Stimmung. Dauernd schrie er ihr mit seiner lauten Stimme in die Ohren, so daß sie schon halb taub war.

 

»Das ist ein feiner, großartiger Vertreter, dieser Prinz. Einer von der alten, guten Art. Wenn wir solche Leute an der Spitze des Staates haben, brauchen wir uns nicht um Revolution und Anarchie zu kümmern. Und Sie haben sich auch glänzend gehalten, meine Liebe, wirklich glänzend! Ich habe noch nie eine Dame gesehen, die eine derartig schwierige Situation so fabelhaft gemeistert hätte wie Sie.«

 

Sie lächelte schwach und tastete mit der Hand nach dem Orden an ihrer Brust, denn sie war menschlich genug, sich über diese Auszeichnung und Ehrung zu freuen. Im Augenblick hatte sie vergessen, wie schwer man sie beleidigt hatte, und dachte nur an angenehme Dinge.

 

»Der junge Kelman ist ein alberner, nichtsnutziger Schlingel!« brüllte Lord Wadham. »Aber ich bin davon überzeugt, daß er von anderer Seite aus zu dieser Gemeinheit angestiftet worden ist. Diese Tynewood steckt dahinter! Ich sage Ihnen, das ist eine ganz gefährliche Frau.«

 

Er schimpfte noch eine Weile über Alma, und wenn seine Sprache auch nicht restlos salonfähig war, so nahm ihm Marjorie das im Moment nicht übel. Sie glaubte, daß er recht hatte, und sie war ihm dankbar, daß er sie verteidigte. Der Wagen hielt schließlich vor dem Haus, und Wadham begleitete sie noch bis zur Tür. Marjories gute Stimmung dauerte an, bis sie ins Wohnzimmer kam, aber als sie sich dann ganz allein fühlte, erschien ihr das Schicksal fast unerträglich. Sie sank in einen Sessel und war dem Zusammenbruch nahe.

 

Gerade in diesem Augenblick erschien Mrs. Stedman, die in ausgezeichneter Laune war.

 

»Nun, wie ist alles gegangen?« erkundigte sie sich eifrig. »Sicher hast du großen Erfolg in deinem Kleid gehabt. Ich hätte nur gewünscht, daß dein armer Vater dich noch so hätte sehen können. Persönlich finde ich allerdings die Zusammenstellung von Silber und Weiß nicht schön. Es ist ein wenig zu auffällig. Aber die jungen Mädchen sind ja heutzutage ganz anders als früher. Mein Gott, wenn ich an die Zeiten denke, als ich noch jung war! Ist der Prinz eigentlich nett zu dir gewesen?«

 

Marjorie erhob sich mühsam.

 

»Er hat mir diesen Orden überreicht«, sagte sie und zeigte ihrer Mutter die Dekoration.

 

Auf Mrs. Stedman machte diese Auszeichnung großen Eindruck.

 

»Das ist ja entzückend von dem Prinzen. Ist es Gold oder nur vergoldetes Messing? Dein armer Onkel John, der von dem Autobus überfahren wurde, besaß einen persischen Orden, den ihm der Schah verliehen hatte. Es war aber nur wertloses Zeug, einfach vergoldetes Blech.«

 

»Mutter«, sagte Marjorie und nahm den Orden ab, »ich werde mich verheiraten.«

 

Mrs. Stedman sah sie verblüfft an.

 

»Was sagst du da – du willst dich verheiraten?« erwiderte sie vorwurfsvoll. »Aber Liebling, davon hast du mir ja überhaupt noch nichts erzählt! Das mußt du doch schon gewußt haben! Ich habe dir doch immer gesagt, die beste Freundin eines jungen Mädchens ist seine Mutter, und deiner Mutter solltest du doch so wichtige Dinge zuallererst mitteilen.«

 

»Ich heirate Pretoria-Smith«, erklärte Marjorie rücksichtslos. »Er heißt aber nicht Smith, und ich weiß auch nicht, wer er eigentlich ist. Vielleicht war er früher in Südafrika ein Bankräuber oder ein Dieb oder etwas Ähnliches. Er ist sehr reich, und außerdem trinkt er.«

 

Mrs. Stedman sah ihre Tochter entsetzt an.

 

»Marjorie, du hast doch nicht etwa zuviel Alkohol getrunken? Mein armes Kind, das ist ja furchtbar. Das sollten junge Mädchen niemals tun. Als ich noch jung war, tranken wir zu dreien ein Glas Portwein, und ich muß sagen, das war eigentlich auch schon zuviel für mich, denn mein Kopf war nachher ganz benommen.«

 

Marjorie verließ das Zimmer rasch, kam aber gleich darauf mit dem Brief ihres Onkels zurück.

 

»Bitte, lies das einmal«, forderte sie ihre Mutter auf.

 

Mrs. Stedman sah ihre Tochter argwöhnisch an und nahm die Brille aus der Tasche.

 

»Willst du Lance heiraten?«

 

»Lance!« rief Marjorie so wütend, daß Mrs. Stedman entsetzt zurückfuhr.

 

»Ich begreife dich nicht. Er ist doch ein netter, lieber Junge«, erklärte die alte Frau.

 

»Lies erst den Brief, bevor du wieder sprichst. Ich werde noch verrückt, wenn du immer weiterredest.«

 

Mrs. Stedman hatte inzwischen die Brille aufgesetzt. Als sie zu Ende gelesen hatte, sah sie bleich aus.

 

»Aber natürlich wirst du doch den Wunsch deines Onkels erfüllen, mein Liebling. Du kennst diesen Herrn zwar nicht, aber ich bin fest davon überzeugt, daß dein Onkel nur eine sehr respektable Persönlichkeit für dich aussucht.«

 

»Meinst du?« entgegnete Marjorie bitter. »Diese Persönlichkeit ist so respektabel, daß sie heute abend während des Festessens in vollständig betrunkenem Zustand in den Saal kam und aussah wie ein Strauchdieb!

 

Ich weiß nicht, was der Prinz von allem gedacht haben muß. Denke dir, direkt vor unserem Tisch ist dieser Pretoria-Smith auf den Boden gefallen, Und kein anderer als der gemeine Lance Kelman hat ihn hereingebracht!«

 

»Der arme, gute Junge würde sich niemals derartig, skandalös benehmen, davon bin ich überzeugt. Aber du wirst doch Pretoria-Smith heiraten, nicht wahr?«

 

»Vermutlich.«

 

»Nun, das ist lieb von dir«, sagte Mrs. Stedman befriedigt, nahm ihre Brille ab und steckte sie in die Hülle. »Es mag dein Glück sein. Diese romantischen Eheschließungen geben meistens sehr glücklich aus.«

 

»Romantisch nennst du die Geschichte obendrein noch?« rief Marjorie verzweifelt. »Mutter, siehst du denn nicht, was eine solche Heirat für mich bedeutet? Ahnst du nicht, wie sehr ich darunter leide? Glaubst du vielleicht, ich habe diesen entsetzlichen Vorschlag meines Onkels mit leichtem Herzen angenommen, weil ich ihn für romantisch halte? Mein Leben lang werde ich unglücklich sein!«

 

»Warum tust du es dann?« fragte Mrs. Stedman mit weinerlicher Stimme. »Meinethalben kann man mich ja aus dem Hause weisen«, sagte sie und wischte sich eine Träne ab. »Mir soll es recht sein, wenn ich auf der Landstraße verhungern muß. Tue es nicht, wenn du dich so bitter darüber beschwerst. Ich will später keine Vorwürfe von dir hören, auf mich brauchst du keine Rücksicht zu nehmen! Ich bin ja sowieso in deinen Augen nichts.«

 

Und nun begann sie regelrecht zu schluchzen und preßte das Taschentuch vors Gesicht.

 

Glücklicherweise klopfte es in diesem Augenblick an die Tür. Marjorie hörte es, ebenso Mrs. Stedman, die sofort ihren Kummer vergaß.

 

»Ich möchte nur wissen, wer uns jetzt noch besucht?« fragte sie. »Es ist doch schon entsetzlich spät.«

 

Marjorie fürchtete, daß Pretoria-Smith zur Tür hereintreten würde, und mußte sich zusammennehmen, um nicht umzusinken. Aber als das Dienstmädchen verschlafen hereinkam und meldete, daß Lance Kelman die Damen zu sprechen wünsche, wich der Alpdruck von ihr.

 

Kapitel 16

 

16

 

Lance kam verstört und aufgeregt ins Zimmer.

 

»Marjorie«, begann er, »dieser Herzog hat mich ganz schamlos behandelt. Ich habe zwar nie etwas von königlichen Hoheiten gehalten, aber er –«

 

Sie brachte ihn durch eine energische Handbewegung zum Schweigen.

 

»Lance, du hast dich heute abend abscheulich benommen«, erwiderte sie ruhig. »Was dich dazu gebracht haben könnte, weiß ich nicht. Aber vielleicht war deine Eitelkeit verletzt, als du erfuhrst, daß ich einen anderen Mann heiraten würde. Bitte, unterbrich mich nicht«, fuhr sie mit erhobener Stimme fort, als er etwas sagen wollte. »Du hast mich vor der ganzen Gesellschaft beleidigt und lächerlich gemacht. In deiner kleinlichen, selbstsüchtigen Art hast du dir eingebildet, du könntest Pretoria-Smith in meinen Augen so herabsetzen, daß ich ihn ablehnen und dich heiraten würde. Aber ich sage dir nur das eine, Lance«, ihre Augen blitzten so gefährlich, daß er vor ihr zurückschrak, »ich heirate noch eher Pretoria-Smith oder zwanzig Leute wie ihn als einen Mann wie dich. Es ist ja möglich, daß er keine Erziehung genossen hat und es eben nicht besser versteht. Aber du hast auf der Universität studiert, und man hält dich im allgemeinen für einen Gentleman. Nur um deiner Eitelkeit zu frönen, hast du mich vor der ganzen Versammlung lächerlich gemacht. Du hast jedes Wort redlich verdient, das der Prinz zu dir sagte – und nun mach, daß du hinauskommst!«

 

Sie zeigte auf die Tür.

 

Lance Kelman machte noch den vergeblichen Versuch, etwas zu erwidern, aber dann entfernte er sich, und erst als er zu Hause angekommen war und im Bett lag, fiel ihm ein, was er eigentlich hätte sagen sollen.

 

*

 

Marjorie Stedman brachte eine schlaflose Nacht zu. Ruhelos warf sie sich von einer Seite auf die andere, und beim Morgengrauen saß sie in ihrem Kimono am Fenster, sah zum westlichen Himmel und beobachtete, wie die Sterne allmählich ihren Glanz verloren. Die Luft war wunderbar mild, und schwerer Blütenduft wurde vom Wind zu ihr hereingetragen. Sie fühlte sich nicht im mindesten müde. Die Stille der Morgenstunde stärkte und beruhigte sie, und allmählich zog wieder Friede in ihr zerrissenes Gemüt.

 

Von ihrem Zimmer aus konnte sie die Chaussee übersehen. Das eine Ende des Hauses lag nur zehn Meter von der hohen Hecke entfernt, die das Grundstück ihrer Mutter von der Landstraße trennte. Das Fenster gewährte Ausblick auf einen großen Teil des Weges, der von Tynewood zum Schloß, führte, und plötzlich entdeckte Marjorie einen Wanderer, der mitten auf der Straße näher kam. Sie dachte, es wäre ein Landarbeiter, der frühzeitig aufs Feld ging. Aber an seinen elastischen, schwingenden Schritten und an der Leichtigkeit, mit der er sich bewegte, erkannte sie bald, daß sie sich getäuscht hatte. Sie saß still und beobachtete ihn, bis er ganz nahe herangekommen war. Er trug den Hut in der Hand, und nun wußte sie, daß dort unten Pretoria-Smith ging. Er schien jetzt vollkommen nüchtern zu sein. Vielleicht machte er diesen Spaziergang in der Morgenluft, um seine heiße Stirn zu kühlen.

 

Er sah weder nach rechts noch nach links, und erst als er dicht vor ihrem Hause stand, schaute er auf. Sie hatte vom Fenster zurücktreten wollen, damit er sie nicht sehen sollte, aber seine unerwartete Bewegung überraschte sie. Auch er schrak offenbar zusammen, blieb, dann verlegen stehen und sagte etwas. Sie verstand nur die Worte »sehr leid«, dann sprang sie auf und schlug das Fenster geräuschvoll zu.

 

Pretoria-Smith zuckte die Schultern und ging weiter.

 

Unruhe und Angst hatten Marjorie wieder erfaßt. Sie warf sich aufs Bett und verbarg das Gesicht in den Armen. Aber sie war so traurig, daß sie nicht weinen konnte. Diesen Mann sollte sie doch heiraten! Es war töricht und schlecht von ihr gewesen, ihn so zu behandeln und sich ihm gegenüber so feindselig zu verhalten.

 

Mit diesem Mann sollte sie zusammenleben. Sie fuhr schaudernd zusammen und zog die Daunendecke höher.

 

Schließlich fiel sie doch in Schlaf und wachte an diesem Morgen erst um zehn Uhr auf. Sie badete, zog sich langsam an und ging dann die Treppe hinunter.

 

Mrs. Stedman saß im Wohnzimmer, hatte ein Buch in der Hand und rauchte eine Zigarette. Diese Gewohnheit hatte sie erst angenommen, nachdem sie die Bekanntschaft der Lady Tynewood gemacht hatte, Marjorie fühlte sich nicht wohl, aber sie mußte doch heimlich lächeln. Sie wußte, daß ihre Mutter nur rauchte, wenn sie etwas Unangenehmes erlebt hatte.

 

»Bist du schon auf, mein Liebling?« bemerkte Mrs. Stedman unnötigerweise. »Es sind einige Briefe für dich gekommen.«

 

Marjorie warf einen gleichgültigen Blick auf die Post.

 

»Hast du schon gefrühstückt?«

 

»Ja, ich habe mir Kaffee nach oben bringen lassen«, erwiderte Marjorie kurz und beschloß, der Sache sofort auf den Grund zu gehen. »Was ist denn los, Mutter?«

 

»Ach, es ist entsetzlich«, klagte die alte Frau nervös. »Ich habe einen Brief von Alma bekommen – sie schreibt sehr liebenswürdig – aber – sie – sie –«

 

»Sie will ihr Geld haben – das wolltest du doch sagen?«

 

Es hatte sich aber auch alles gegen sie verschworen – alles.

 

Selbst wenn sie nach dieser fürchterlichen Szene am vergangenen Abend ihre Meinung doch noch hätte ändern wollen, hätte die erneut verschärfte Lage sie gezwungen, davon abzusehen. Sie konnte ihrem grauenvollen Geschick nicht mehr entgehen.

 

»Ja, sie will das Geld haben«, sagte Mrs. Stedman unsicher. »Alma hat natürlich auch viele Ausgaben, und gerade im Augenblick ist ihr etwas Unerwartetes dazwischengekommen. Ich will dir den Brief vorlesen, wenn es dir recht ist.«

 

»Nein, mache dir weiter keine Mühe. Ich weiß doch schon im voraus, was diese Lady Tynewood zu sagen hat. Vergiß nicht, daß ich in der letzten Zeit an Tausende von Leuten um Geld geschrieben habe, als ich für den Unterstützungsfonds sammelte. Ich bin im Bilde darüber, was man in solchen Fällen zu schreiben pflegt.«

 

»Aber Alma hat doch eine große Summe für deinen Fonds gezeichnet«, entgegnete Mrs. Stedman vorwurfsvoll. »Sie war wirklich großzügig.«

 

»Ja, sie hat hundert Pfund gezeichnet und so getan, als ob sie tausend gegeben hätte«, erwiderte Marjorie bitter. »Und sie würde ihre hundert Pfund am liebsten wieder zurücknehmen, wenn sie könnte. Wann sollst du ihr denn das Geld zurückzahlen?«

 

»Nächsten Montag. Es ist ganz furchtbar, daß ich meine eigene Tochter bitten muß, mir in dieser Sache zu helfen«, jammerte Mrs. Stedman wieder unter Tränen. »Ich dachte schon, daß ich die ganze Sache arrangieren könnte, ohne dir etwas davon zu sagen, denn gestern nachmittag hatte ich beim Spiel wirklich Glück.«

 

»Was, gespielt hast du auch wieder? Aber Mutter, wie konntest du das nur tun!«

 

»Warum soll ich denn nicht spielen?« begehrte Mrs. Stedman auf. »Du lieber Himmel, man sollte fast glauben, ich wäre nicht mehr imstande, mich um mich selbst zu kümmern.«

 

Marjorie seufzte, trat ans Fenster und sah in den Garten hinaus, um ruhiger zu werden. Nach einer Weile wandte sie sich wieder um.

 

»Wie schnell kann man heiraten?«

 

»Wie schnell?« wiederholte Mrs. Stedman. »Ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis die Schneiderin deine Kleider gemacht hat –«

 

»Ich denke jetzt nicht an die Schneiderin. Ich denke an eine Heirat. Wie lange vorher muß man das Aufgebot bestellen, bis die Zeremonie selbst stattfinden kann?«

 

»Wenn du natürlich eine besondere Erlaubnis bekommst aber ich halte nichts von diesen überstürzten Trauungen –, kann man die Sache beschleunigen. In ein oder zwei Tagen läßt sich alles erledigen.«

 

Marjorie lachte verächtlich.

 

»Es bleibt doch gar nichts anderes übrig, als die Trauung zu beschleunigen. Telefoniere bitte an Rechtsanwalt Curtis, daß er diese Sondererlaubnis beschafft.«

 

Mrs. Stedman schaute ihre Tochter betroffen an.

 

»Du schuldest doch nicht am Ende Mr. Curtis auch Geld?« fragte Marjorie schnell.

 

»Mein Liebling, die letzten Hypothekenzinsen –«, stammelte die alte Frau. »Ich habe dir doch gestern gesagt, daß ich Hypotheken aufgenommen habe.«

 

»Sind vermutlich nicht bezahlt.« Marjorie schüttelte den Kopf.

 

»Aber ich kann die Sache natürlich arrangieren«, erklärte Mrs. Stedman plötzlich mit Würde. »Ich werde mit Mr. Curtis sprechen und ihm meine Wünsche auseinandersetzen.«

 

Sie ging zum Schreibtisch und griff nach einem Blatt Papier.

 

»Marjorie Mary Stedman«, sagte sie laut, während sie schrieb, »Tochter von Maud und John Francis Stedman.« Plötzlich drehte sie sich um. »Wie heißt dein Verlobter?« fragte sie so gleichgültig, als ob eine so phantastische Eheschließung etwas Alltägliches wäre.

 

»Wie mein Verlobter heißt?« wiederholte Marjorie und atmete schwer. »Das weiß ich nicht.«

 

Kapitel 1

 

1

 

»Deinen Baron hast du dir ja nun glücklich erobert! Was hältst du denn jetzt von ihm?« fragte Javot und schaute sich mit einem zynischen Lächeln um.

 

Der verhältnismäßig kleine Gesellschaftsraum in Almas Wohnung bot ein Bild vollkommener Unordnung. Die Möbel waren an die Wände gerückt, um mehr Raum für die Tanzfläche zu schaffen. Einer der silbernen Armleuchter hing schief, weil ihn ein angetrunkener Gast in seinem Übermut verbogen hatte, und eine große, kostbare Vase mit weißem Flieder war umgeworfen worden. Die welken Blumen lagen zwischen den Porzellanscherben in einer Wasserlache auf dem Boden. Mit schrillem, metallischem Ton spielte ein Schallplattenspieler einen Twostep. Mehrere Paare tanzten mit etwas unsicheren Schritten nach der abgehackten Melodie, die ab und zu von der ausgelassenen, lauten Unterhaltung und dem Gelächter übertönt wurde. Der Sekt hatte seine Wirkung getan; selbst die Damen kicherten und sprachen hemmungslos.

 

Die hübsche Frau, die neben dem Schauspieler Javot stand, sah zu einem jungen Herrn hinüber, der mit hochrotem Gesicht den Versuch machte, auf den Händen zu stehen. Ein Freund, der nicht nüchterner zu sein schien als der Amateurakrobat, feuerte ihn durch laute Zurufe an.

 

Alma Trebizond hob die Augenbrauen leicht und warf Javot einen merkwürdigen Blick zu.

 

»Wenn man kein Geld hat, kann man eben nicht lange wählen«, erwiderte sie nachdenklich. »Großen Eindruck kann ich ja nicht mit ihm machen, aber er ist ein Baron von altenglischem Adel und hat ein jährliches Einkommen von vierzigtausend Pfund. Das fällt doch ins Gewicht.«

 

»Vergiß nicht das berühmte Diamantenhalsband aus dem Familienschmuck der Tynewoods«, entgegnete er leise. »Es wird ein ungewöhnlich entzückender Anblick sein, dich darin zu sehen. Schlecht gerechnet hat es einen Wert von hunderttausend Pfund, mein Liebling. Das gibt dir erst das nötige Profil.«

 

Sie seufzte befriedigt, denn sie hatte ein hohes Spiel gewagt und einen Erfolg errungen, der ihre kühnsten Hoffnungen weit übertraf.

 

»Ja, die Sache ist besser gegangen, als ich je erwartet hätte. Ich habe übrigens eine Vermählungsanzeige an die maßgebenden Zeitungen geschickt.«

 

Er sah sie scharf und durchdringend an. Kalte, habichtähnliche Augen belebten sein sonst sehr intelligentes, hageres Gesicht. Seine Haare hatten sich schon stark gelichtet.

 

»Hast du die Nachricht wirklich schon an die Redaktionen geschickt?« fragte er langsam. »Das wäre aber sehr unüberlegt von dir gewesen.«

 

»Warum denn?« erwiderte sie ärgerlich. »Ich brauche mich doch absolut nicht zu schämen! Ich bin genausoviel wert wie er, und es ist in unseren Tagen durchaus nichts Ungewöhnliches, wenn eine Schauspielerin von meinen Fähigkeiten einen Repräsentanten des hohen Adels heiratet!«

 

»Ein Baron gehört wirklich nicht zum hohen Adel«, verbesserte er sie ironisch. »Aber darauf kommt es im Augenblick ja nicht an. Viel wichtiger ist, daß er dich ausdrücklich gebeten hat, die Eheschließung mit ihm geheimzuhalten.«

 

»Aber ich wüßte gar nicht, warum ich das tun sollte.«

 

Ein sarkastisches Lächeln spielte um seinen Mund.

 

»Es gibt genug Gründe dafür!« sagte er bedeutungsvoll. »Ich könnte dir einen sehr triftigen nennen, der dich allein schon bestimmen müßte, über diese Vorgänge den Mund zu halten! Du wirst deine Vermählung mit dem Baron nicht veröffentlichen, Alma!«

 

»Aber ich habe es doch schon getan«, entgegnete sie düster.

 

Er schüttelte mißbilligend den Kopf.

 

»Du fängst die Sache gleich von vornherein verkehrt an. Sir James Tynewood war nicht betrunken, als er dich dringend bat, die Heirat für ein Jahr geheimzuhalten. Er war sogar sehr nüchtern, und sicher hat er wichtige Gründe.«

 

Mit einem ungeduldigen Achselzucken wandte sie sich von ihm ab und ging zu dem jungen Mann hinüber, der inzwischen seine akrobatischen Kunststücke aufgegeben hatte und mit unsicherer Hand ein Sektglas hielt. Sein Freund bemühte sich, es zu füllen, goß aber dauernd daneben, so daß der fliederfarbene Teppich bald häßliche Flecken zeigte.

 

»Jimmy, komm einmal mit mir«, sagte sie und legte ihren Arm in den seinen.

 

Sein Gesicht war rot und angeheitert, und er lächelte sie verständnislos an.

 

»Einen Augenblick, Schatz«, entgegnete er mit etwas belegter Stimme. »Ich muß noch ein Glas mit meinem lieben alten Mark zusammen trinken.«

 

»Du kommst jetzt mit mir. Ich muß mit dir sprechen«, erklärte sie entschieden.

 

Mit einem Grinsen ließ er den Sektkelch zu Boden fallen, und das Glas zersplitterte in tausend Stücke.

 

»Da merkt man erst, wie verheiratet man ist! Am Ende hat der Pfarrer bei der Trauung noch gesagt, daß man seiner Frau gehorchen soll!«

 

Sie führte ihn zu Javot.

 

»Jimmy«, sagte sie dann unvermittelt, »ich habe den großen Zeitungen und Gesellschaftsblättern unsere Verheiratung mitgeteilt.«

 

Er starrte sie nur erstaunt an und runzelte die Stirn. In seinem betrunkenen Zustand wurde ihm nicht klar, um was es sich eigentlich handelte.

 

»Sag doch – noch einmal –, was du willst.«

 

»Ich habe die Zeitungen davon benachrichtigt, daß sich die bekannte und beliebte Schauspielerin Alma Trebizond mit Sir James Tynewood auf Schloß Tynewood vermählt hat«, erwiderte sie kühl. »Es paßt mir nicht, daß meine Heirat mit dir geheimgehalten werden soll. Du schämst dich doch nicht etwa meinetwegen?«

 

Er zog seinen Arm aus dem ihren und fuhr nervös mit der Hand durch sein Haar. Anscheinend machte er den Versuch, intensiv nachzudenken.

 

»Verdammt noch einmal, ich habe dir doch aber ausdrücklich gesagt, daß du das unterlassen sollst«, entgegnete er mit plötzlicher Heftigkeit. »Zum Henker, habe ich dir das nicht ganz strikt befohlen, Alma?«

 

Plötzlich schlug seine Stimmung jedoch wieder um, und der düstere Ausdruck wich aus seinem Gesicht. Er warf den Kopf zurück und lachte übermäßig laut.

 

»Na, das ist ja der beste Witz, den ich jemals gehört habe«, brüllte er und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Javot, darauf müssen wir sofort ein Glas trinken.«

 

Aber Augustus Javot schüttelte den Kopf.

 

»Nein, danke vielmals, Sir James. Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf –«

 

»Lassen Sie das lieber«, sagte Sir James etwas anmaßend. »In diesen Tagen nehme ich überhaupt von niemandem einen Rat an. Ich habe Alma geheiratet – das ist das einzige, was augenblicklich für mich zählt, und wenn sich die ganze Welt auf den Kopf stellt. Habe ich nicht recht, Liebling?«

 

Als er wieder durch das Zimmer wankte, schaute Javot nachdenklich hinter ihm her.

 

»Ich möchte nur wissen, was seine Verwandten dazu sagen?« fragte er leise.

 

Alma wandte sich gereizt zu ihm um.

 

»Kommt es denn darauf an, was seine Verwandten dazu sagen?« fragte sie scharf. »Außerdem hat er gar keine Verwandten! Nur einen jüngeren Bruder, der sich in Afrika aufhält. Und obendrein ist der Junge nur ein Halbbruder von ihm. Javot, du bist heute abend wirklich unausstehlich. Du fällst mir direkt auf die Nerven mit deinem entsetzlichen Unken. Nimm dich doch ein wenig zusammen.«

 

Er erwiderte nichts und setzte sich nachlässig auf die Sofalehne, als sie ihrem Mann nachging. Seine Gedanken beschäftigten sich unablässig damit, wie dieses Abenteuer wohl noch enden würde.

 

Die ausgelassene Stimmung war gerade auf dem Höhepunkt, als plötzlich eine Unterbrechung kam.

 

Almas Wohnung lag in einem vornehmen Häuserblock in der Nähe des Hyde Parks, und es wohnten im allgemeinen nur ruhige Leute in dieser Gegend. Als das Dienstmädchen in der Tür erschien, glaubte Javot daher, daß sich die Mieter der unteren Stockwerke über den Lärm beschweren wollten. Daran war er schon gewöhnt, denn solche Unterbrechungen kamen, regelmäßig bei den Gesellschaften vor, die Alma in ihrer Wohnung gab.

 

Diesmal schien Janet jedoch eine wichtige Nachricht zu haben, denn Alma brachte die angeheiterten Gäste zum Schweigen.

 

»Was, ich soll hier gestört werden?« fragte Sir James laut.

 

»Ja, die Dame wünscht, Sie dringend zu sprechen«, erwiderte Janet.

 

»Wer ist es denn?« fragte Alma.

 

»Ein hübsches, junges Mädchen, Mylady.« Janet gab sich Mühe, ihre Herrin mit dem neuen Titel anzureden.

 

Lady Tynewood lachte.

 

»Hast du schon wieder eine neue Eroberung gemacht, Jimmy?«

 

Sir James grinste selbstzufrieden, denn er war sehr stolz auf die Wirkung seiner Persönlichkeit.

 

»Na, dann bringen Sie die Dame mal herein«, befahl er gönnerhaft.

 

Janet zögerte.

 

»Haben Sie nicht gehört, was ich gesagt habe?« rief Tynewood übermäßig laut.

 

Janet verschwand.

 

Gleich darauf kam sie zurück und führte eine junge Dame herein.

 

Javots Augen leuchteten auf, als er das unbekannte Mädchen sah.

 

»Ein verdammt hübscher Käfer!« murmelte er halblaut vor sich hin.

 

Miss Stedman sah sich etwas verwirrt in der Gesellschaft um und schien sich in dieser Umgebung wenig wohl zu fühlen.

 

»Sir James Tynewood?« fragte sie leise.

 

»Ja, das bin ich.«

 

»Ich bringe einen Brief für Sie.«

 

»Für mich?« wiederholte er gedehnt. »Zum Teufel, woher kommen Sie denn?«

 

»Von den Rechtsanwälten Vance and Vance.«

 

Sir James Tynewoods Gesicht zuckte nervös.

 

»So, von Vance and Vance kommen Sie?« sagte er heiser.

 

Javot glaubte, einen angstvollen Unterton in der Stimme des jungen Mannes zu hören.

 

»Ich weiß wirklich nicht, wie Mr. Vance dazu kommt, mich zu so später Stunde noch zu stören.«

 

Zögernd nahm Sir James den Brief aus der Hand des Mädchens und betrachtete ihn von allen Seiten.

 

»Mach ihn doch auf, Jimmy«, rief Alma ungeduldig. »Du kannst doch die junge Dame nicht so lange warten lassen!«

 

Ein Herr mit Künstlerlocken trat näher, und bevor Miss Stedman seine Absicht erkennen konnte, hatte er sie schon um die Taille gefaßt.

 

»Das ist meine Partnerin zum Tanz, auf die habe ich schon den ganzen Abend gewartet!« erklärte er ausgelassen. »Dreh doch den Klapperkasten wieder an, Billy.«

 

Sie wollte sich freimachen, aber es gelang ihr nicht, und wohl oder übel mußte sie sich nach dem Takt der Musik bewegen. Hilfesuchend sah sie sich um, aber niemand nahm sich ihrer an. Die anderen grinsten nur und schauten vergnügt zu.

 

»Lassen Sie mich sofort gehen«, rief sie erregt. »Bitte, lassen Sie mich in Ruhe. Sie dürfen doch nicht –«

 

»Immer flott und elegant, meine kleine Puppe«, erwiderte der junge Mann. Aber plötzlich packte ihn eine starke Hand am Arm.

 

»Lassen Sie die Dame sofort los«, sagte Mr. Javot streng.

 

»Verdammt noch mal, kümmern Sie sich doch um Ihren eigenen Kram!« rief ihm der Gast ärgerlich zu.

 

Aber Javot hatte erreicht, daß er das Mädchen freiließ, und trat nun zwischen sie und ihn.

 

»Entschuldigen Sie vielmals«, wandte er sich freundlich an sie und schob den aufgeregten jungen Mann beiseite.

 

Tynewood riß den Umschlag auf, und Javot beobachtete ihn interessiert. Sir James konnte in seinem Rausch das Schreiben nur Wort für Wort lesen. Plötzlich wurde er bleich, und seine Unterlippe zitterte.

 

»Was hast du denn?« fragte Alma scharf, denn auch sie bemerkte die Veränderung in seinen Zügen.

 

Langsam zerknitterte James den Brief in der Hand, und ein häßlicher Ausdruck entstellte sein Gesicht.

 

»Verdammt noch mal, der Kerl ist tatsächlich zurückgekommen!« stieß er heiser hervor.

 

»Wer ist zurückgekommen?« wandte sich Javot schnell an ihn.

 

Sir James antwortete nicht gleich und biß die Zähne aufeinander.

 

»Der Kerl, den ich von allen Menschen auf der Welt am meisten hasse«, sagte er dann böse und schob das zerknüllte Papier in seine Tasche.

 

Dann drehte er sich plötzlich zu dem jungen Mädchen um.

 

»Soll ich etwas bestellen?« fragte sie ängstlich. Sie sah noch blaß aus und zitterte vor Erregung.

 

»Sagen Sie Vance, daß er sich zum Teufel scheren soll! – He, Mark, gieß mir mal einen Kognak ein!«

 

Kapitel 10

 

10

 

Lance Kelman wartete in tadellosem Reitdreß am Gartentor. Er sah außerordentlich gut aus, aber seine affektierten Bewegungen verrieten seine Eitelkeit und seinen wenig männlichen Charakter. Sein sorgfältig frisiertes und gebürstetes Haar duftete nach Brillantine, und er war sehr stolz auf seine schmalen, gepflegten Hände.

 

Als Marjorie im Straßenanzug an das Tor kam, grüßte er sie in überschwenglicher Weise.

 

»Aber ich dachte doch, du wolltest heute morgen mit mir ausreiten?«

 

Lance Kelman war mit sich selbst sehr zufrieden und trat auch dementsprechend auf. Er hatte gehofft, durch dieses Benehmen auch auf Mr. Stedman einen so großen Eindruck zu machen, daß dieser ihm einen Teil seines Vermögens überlassen oder ihm wenigstens eine Anstellung geben würde, bei der er mit geringster Anstrengung möglichst viel verdiente. Aber er war sehr enttäuscht aus Südafrika nach Hause gekommen und hatte sich wenig schmeichelhaft über Mr. Stedman ausgesprochen.

 

Marjorie hatte eigentlich nicht die Absicht, ihre schwierige Lage mit Lance Kelman zu besprechen, aber sie mußte sich in diesem Augenblick irgendeinem Menschen anvertrauen, wenn sie nicht den letzten Rest ihrer Selbstbeherrschung verlieren sollte.

 

Sie wünschte, daß sie nur etwas stärker wäre, um nicht gerade in dieser Krise zusammenzubrechen.

 

»Ja, du hast recht«, sagte sie hastig. »Aber ich reite erst heute nachmittag.«

 

»Ich hätte dir gern einmal das Schloß Tynewood und den großen Park gezeigt.«

 

Er sprach so anmaßend und herablassend, als ob ihm das ganze Land gehörte und er es aus lauter Gnade und Barmherzigkeit seinen Mitmenschen zeigte. Aber heute machte sein Wesen, über das sie sich sonst amüsierte, nicht den geringsten Eindruck auf sie. Sie sah ihn nur traurig an.

 

»Ich bin aber wirklich nicht in der Stimmung, mir Tynewood anzusehen oder etwas, was mit diesem Namen zusammenhängt. Du kommst doch morgen abend auch zum Essen?«

 

Er nickte und runzelte die Stirn.

 

»Ich wundere mich nur, daß es dir nicht gelungen ist, Marjorie, mir einen Platz an deinem Tisch zu verschaffen. Ich will mich nicht an die Rockschöße des Prinzen hängen, das liegt mir ganz fern, aber ich möchte doch gern in deiner Nähe sein. Und dann noch eins. Was hast du bloß mit Lady Tynewood gemacht? Hast du dich schon wieder einmal mit ihr gezankt?« fragte er schnell.

 

»Nein, ich habe mich nicht mit ihr gezankt. Sie hat Streit angefangen, und zwar wegen derselben Sache, über die du dich eben auch bei mir beschwert hast. Sie wollte absolut an der Ehrentafel sitzen. Ich wünschte nur, daß ich überhaupt nicht hinzugehen brauchte.«

 

»Sitzt sie denn nicht bei den Honoratioren?«

 

»Nein.« Marjorie verlor die Geduld. »Und ich freue mich darüber. Ich habe gar nichts mit der Platzverteilung zu tun, ob es sich nun um große oder um kleine Tische handelt.«

 

Lance fühlte sich ebenso beleidigt wie Alma und machte deren Sache zu seiner eigenen.

 

»Ich weiß nicht, was du immer gegen Lady Tynewood hast. Sie ist wirklich eine sehr nette Dame, das kannst du mir glauben. Und sie hat große Weltkenntnis. Ich muß sagen, daß ich sie in jeder Weise respektiere. Mein Verhältnis zu ihr läßt sich allerdings in keiner Beziehung mit meinen Gefühlen dir gegenüber vergleichen«, fügte er schnell hinzu.

 

Marjorie sah ein, daß es sinnlos war, mit diesem jungen Mann ihre Sorgen zu besprechen.

 

»Ich muß jetzt ins Dorf gehen, Lance«, erwiderte sie ungeduldig. »Holst du mich um zwei ab? Du siehst in deinem Reitdreß wirklich recht smart aus«, lenkte sie dann ein und lächelte ein wenig. »Eigentlich solltest du dich gar nicht umziehen bis heute nachmittag.

 

Er strahlte.

 

»Schön, um zwei bin ich wieder hier. Aber kann ich dich denn nicht ins Dorf begleiten?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich habe etwas Wichtiges auf der Post zu erledigen und möchte lieber allein gehen.«

 

Sie wartete nicht mehr auf seine Antwort, wandte sich mit einem kurzen Kopfnicken um und ging schnell den Hügel zu dem Dorf hinunter.

 

Tynewood! Wie sie den Namen haßte! Obwohl sie in der letzten Zeit zufrieden und glücklich in dieser Gegend gelebt hatte, empfand sie doch jetzt eine unsägliche Bitterkeit gegen ihre Umgebung. Sie hatte das Gefühl, daß die Nähe Alma Tynewoods die herrliche Natur ringsum vergiftete und ihr das Leben unerträglich machte. Und ihre Mutter war in den Klauen dieser entsetzlichen Frau! Allein diese Tatsache zwang Marjorie gegen ihren Willen zu dem Schritt, gegen den sich ihr ganzes Inneres aufbäumte. Glühender Haß gegen Alma Tynewood packte sie.

 

An diesem Morgen verschwor sich alles gegen das junge Mädchen. Das Postamt lag am äußersten Ende der Dorfstraße, so daß sie durch den ganzen Ort gehen mußte. Sie machte diesen Weg nur selten, denn der Bahnhof lag näher am Schloß.

 

Als sie an dem Laden des Fleischers Perkins vorüberkam, trat dieser aus seiner Tür und grüßte sie höflich.

 

»Es tut mir leid, daß ich Sie belästigen muß, Miss Stedman. Aber schon seit vierzehn Tagen habe ich versucht, einmal mit Ihnen zu sprechen.«

 

»Warum denn?« fragte sie erstaunt.

 

»Nun, sehen Sie, ich dränge ja meine guten Kunden nicht«, entgegnete der Mann verlegen, »vor allem da Sie doch im ganzen Ort so geachtet sind. Aber ich wäre Ihnen doch sehr dankbar, wenn Ihre Mutter die Rechnung bezahlte, die noch bei mir steht.

 

Marjories Herz wurde schwer.

 

»Ist sie hoch?«

 

»Ach, es sind im ganzen hundertzwanzig Pfund. Die sind im Lauf der Zeit zusammengekommen. Für Sie bedeutet es ja nicht viel, aber für mich ist das schon eine andere Sache, denn ich muß auch meinen Verpflichtungen nachkommen. Sie wissen vielleicht auch, wie schwer es heutzutage ist, bares Geld hereinzubringen.«

 

Sie nahm sich zusammen und sah ihn freundlich an.

 

»Schon gut, Mr. Perkins, ich will sehen, daß Ihre Rechnung bald beglichen wird.«

 

Ein paar Minuten später wurde sie von dem kleinen Mr. Grain angehalten, der ein Baugeschäft hatte.

 

»Miss Stedman«, sagte er ebenso höflich wie der Fleischer, »würden Sie so liebenswürdig sein und Ihre Mutter daran erinnern, daß meine Rechnung immer noch nicht bezahlt ist? Ich habe sie schon vor zwölf Monaten geschickt. Sie wissen doch, daß ich umfangreiche Reparaturen an Ihrem Hause ausgeführt habe. Im vergangenen Frühjahr habe ich es innen und außen neu gestrichen.«

 

»Ist Ihre Rechnung hoch?« fragte Marjorie leise.

 

»Etwa hundertachtzig Pfund. Ich habe Ihrer Mutter schon mehrmals geschrieben, aber sie hat mir nie geantwortet.«

 

»Ich werde dafür sorgen, daß die Sache in Ordnung kommt, Mr. Grain. Meine Mutter war in der letzten Zeit sehr beschäftigt und hat es wahrscheinlich vergessen.«

 

Es bedrückte Marjorie tief, daß all diese armen, bescheidenen Leute, die selbst schwer kämpfen mußten, Geld von ihrer Mutter zu bekommen hatten. Wenn sie noch irgendeine Bestärkung für ihren Vorsatz brauchte, so hätte sie sie jetzt erhalten. Es blieb ihr kein Ausweg.

 

Mit hoch erhobenem Kopf ging sie in das Postamt und nahm ein Telegrammformular.

 

»Aber das ist ein Auslandstelegramm, Miss Stedman«, sagte die Beamtin freundlich.

 

»Ja, das weiß ich.«

 

Die Ausführung ihres Entschlusses fiel ihr aber doch sehr schwer. Mit größter Selbstüberwindung tauchte sie schließlich die Feder ein und schrieb die Adresse.

 

»Alfred Stedman, Stedman’s Mine, Vrykloof, Südafrika.«

 

Dann hielt sie wieder inne und starrte ein paar Minuten verzweifelt auf das Blatt. Endlich riß sie sich gewaltsam zusammen.

 

»Nehme Vorschlag betreffend Pretoria-Smith an«, stand plötzlich auf dem Blatt, und mit fester Hand setzte sie ihren Namenszug darunter.