Die Limonade.

 

Die Limonade.

 

Morel war wirklich sehr glücklich. Herr Noirtier hatte nach ihm geschickt, und es drängte ihn, die Veranlassung dazu zu erfahren. Er begab sich also in größter Eile nach dem Faubourg Saint-Honoré, so daß der arme Barrois Mühe hatte, ihm zu folgen. Morel war einunddreißig Jahre alt, Barrois sechzig; Morel war liebestrunken, Barrois von der großen Hitze angegriffen. Als sie am Ziele waren, ließ der alte Diener Morel durch die besondere Tür eintreten, schloß die Tür des Kabinetts, und bald kündigte ein Streifen des Kleides auf dem Boden Valentines Besuch an, die in ihren Trauergewändern zum Entzücken schön war, Der Traum wurde so süß für Morel, daß er fast die Unterredung mit Noirtier ganz vergessen hätte: doch bald ließ sich der auf dem Boden rollende Lehnstuhl des Greises hören, und er erschien.

 

Noirtier nahm wohlwollend die Danksagungen entgegen, mit denen ihn Morel für die wunderbare Vermittelung überhäufte, die ihn und Valentine vor der Verzweiflung gerettet hatte. Dann begann Valentine, die schüchtern und fern von Morel da saß, nachdem Noirtiers Blick sie zum Reden aufgefordert hatte: Herr Morel, mein guter Papa Noirtier hat Ihnen tausend Dinge zu sagen, die er mir seit drei Tagen mitgeteilt hat. Heute läßt er Sie rufen, damit ich sie Ihnen mitteile; ich werde Ihnen alles, ohne ein Wort zu ändern, wiederholen, da er mich zu seiner Dolmetscherin gewählt hat.

 

Oh! ich höre mit der größten Ungeduld, antwortete der junge Mann, sprechen Sie, mein Fräulein.

 

Valentine schlug die Augen nieder, es war dies ein Vorzeichen, das Morel süß dünkte, denn Valentine war nur im Glücke schwach.

 

Mein Großvater will dieses Haus verlassen, sagte sie, Barrois sucht eine andere Wohnung für ihn.

 

Doch Sie, mein Fräulein, entgegnete Morel, Sie, die Sie Herrn Noirtier so teuer sind?

 

Ich, sagte das Mädchen, werde meinen Großvater nicht verlassen, das ist eine zwischen uns abgemachte Sache. Meine Wohnung wird bei der seinigen sein. Entweder erhalte ich die Einwilligung des Herrn von Villefort, meinen Aufenthalt bei Papa Noirtier zu nehmen, oder man verweigert es mir. Im ersten Falle gehe ich schon jetzt, im zweiten warte ich meine Volljährigkeit ab, die in zehn Monaten eintritt. Dann bin ich frei, dann besitze ich ein Vermögen, und mit Genehmigung meines guten Papas halte ich das Versprechen, das ich Ihnen geleistet habe.

 

Valentine sagte die letzten Worte so leise, saß Morel sie kaum zu hören im stande war.

 

Habe ich nicht Ihren Gedanken ausgedrückt, guter Papa? fügte Valentine, zum Greise gewendet, hinzu.

 

Ja, machte der Greis.

 

Bin ich einmal bei meinem Großvater, so wird Herr Morel mich in Gegenwart dieses guten und würdigen Beschützers sehen können, sagte Valentine. Wenn das Band, das unsere vielleicht launenhaften oder unwissenden Herzen zu knüpfen begonnen haben, uns nach unserer Erfahrung ein zukünftiges Glück gewährleistet, dann kann mich Herr Morel von mir verlangen … ich erwarte ihn.

 

Oh! rief Morel, versucht, vor dem Greise und Valentine niederzuknien; oh! was habe ich denn in meinem Leben Gutes getan, um so viel Glück zu verdienen.

 

Bis dahin, fuhr das Mädchen mit seiner reinen, ernsten Stimme fort, bis dahin werden wir die Schicklichkeit und den Willen unserer Eltern achten, insofern dieser Wille nicht dahin geht, uns für immer zu trennen; mit einem Worte, wir werden warten.

 

Und die Opfer, die dieses Wort auferlegt, mein Fräulein, ich schwöre Ihnen, sie zu erfüllen, nicht mit Resignation, sondern mit dem Gefühle des Glückes.

 

Also keine Unklugheiten mehr, sagte Valentine, mit einem für Maximilian süßen Blicke; gefährden Sie nicht die, mein Freund, die sich von heute an als bestimmt, rein und würdig betrachtet, Ihren Namen zu tragen.

 

Morel legte seine Hand auf sein Herz.

 

Noirtier schaute beide voll Zärtlichkeit an. Barrois, der im Hintergrunde stehen geblieben war, lächelte, große Schweißtropfen von seiner kahlen Stirn abtrocknend.

 

Mein Gott! wie heiß es dem guten Barrois ist! rief Valentine.

 

Ah! das kommt davon her, daß ich stark gelaufen bin, erwiderte Barrois; doch Herr Morel, ich muß ihm diese Gerechtigkeit widerfahren lassen, lief noch schneller als ich.

 

Noirtier bezeichnete mit dem Auge eine Platte, auf der eine Flasche mit Limonade und ein Glas standen. Was in der Flasche fehlte, war eine halbe Stunde vorher von Noirtier getrunken worden.

 

Nimm, guter Barrois, sagte das Mädchen, nimm, denn ich sehe, daß deine Augen gierig nach der Flasche zielen.

 

Ich sterbe allerdings vor Durst, erwiderte Barrois.

 

Trink also, versetzte Valentine, und komm in einem Augenblick wieder.

 

Barrois trug die Platte fort, und kaum war er im Gange, so sah man ihn durch die Tür, die er zu schließen vergessen hatte, das Haupt rückwärts neigen und das Glas, das ihm Valentine gefüllt, leeren.

 

Valentine und Morel nahmen in Noirtiers Gegenwart voneinander Abschied, als man die Glocke auf Villeforts Treppe ertönen hörte. Valentine schaute nach der Uhr.

 

Es ist Mittag, sagte sie, heute ist Samstag, guter Papa, ohne Zweifel kommt der Doktor; er wird hierher kommen, und Herr Morel muß gehen, nicht wahr, guter Papa? – Ja, antwortete der Greis.

 

Barrois! rief Valentine, Barrois, komm! Man hörte die Stimme des alten Dieners antworten: Ich komme.

 

Barrois wird Sie bis zur Tür zurückführen, sagte Valentine zu Morel; und nun erinnern Sie sich, mein Herr Offizier, daß mein guter Papa Ihnen einschärft, keinen Schritt zu wagen, der unser Glück gefährden könnte.

 

Ich habe versprochen, zu warten, sagte Morel, und ich werde warten.

 

In diesem Augenblick trat Barrois ein.

 

Wer hat geläutet? fragte Valentine.

 

Der Herr Doktor d’Avrigny, erwiderte Barrois, auf seinen Beinen wankend.

 

Aber was hast du denn, Barrois? fragte Valentine.

 

Der Greis antwortete nicht, er schaute nur seinen Herrn mit irren Augen an, während er mit seiner krampfhaft zusammengezogenen Hand eine Stütze suchte, um sich aufrecht halten zu können.

 

Er wird fallen, rief Morel.

 

Barrois‘ Zittern vermehrte sich wirklich zusehends, von krampfhaften Bewegungen der Gesichtsmuskeln verstört, verrieten seine Gesichtszüge einen sehr heftigen nervösen Anfall. Er machte einige Schritte auf seinen Herrn zu und sagte: Mein Gott! was habe ich denn? Ich leide … ich sehe nicht mehr … Tausend feurige Punkte durchkreuzen meinen Schädel. Oh! berühren Sie mich nicht, berühren Sie mich nicht!

 

Die Augen wurden wirklich stier und hervorspringend, und der Kopf fiel zurück, während der untere Teil des Körpers erstarrte.

 

Valentine stieß erschrocken einen Schrei aus. Morel faßte sie in seine Arme, als wollte er sie gegen eine unbekannte Gefahr beschützen.

 

Herr d’Avrigny! Herr d’Avrigny! rief Valentine mit erstickter Stimme, herbei! zu Hilfe!

 

Barrois drehte sich um, machte drei Schritte rückwärts, stolperte, fiel zu Noirtiers Füßen nieder, stützte seine Hand auf dessen Knie und rief: Mein Herr! mein guter Herr!

 

In diesem Augenblick erschien Herr von Villefort, durch das Geschrei herbeigezogen, auf der Schwelle.

 

Morel ließ die halb ohnmächtige Valentine los, warf sich zurück, drückte sich in die Ecke des Zimmers und verschwand fast hinter einem Vorhang.

 

Noirtier kochte in seinein Innern vor Ungeduld und Schrecken, seine Seele flog dem armen Greise zu Hilfe, der mehr sein Freund, als sein Diener war. Man sah den furchtbaren Kampf des Lebens und des Todes auf seiner Stirn. Das Gesicht heftig bewegt, die Augen mit Blut unterlaufen, den Hals zurückgeworfen, lag Barrois, mit den Händen auf den Boden schlagend, vor Noirtier, während seine steif gewordenen Beine eher brechen zu müssen, als sich zu biegen schienen. Ein leichter Schaum stieg auf seine Lippen, und er atmete schmerzhaft. Erstaunt verweilte Villefort einige Sekunden vor diesem Bilde, das bei seinem Eintritt in das Zimmer seine Blicke fesselte. Dann stürzte er mit bleichem Antlitz nach der Tür und rief: Doktor! Doktor! kommen Sie, kommen Sie!

 

Gnädige Frau! rief Valentine, zu ihrer Stiefmutter eilend, und sich dabei am Treppengeländer stoßend, kommen Sie schnell, und bringen Sie Ihr Flacon!

 

Was gibt es denn? fragte die metallartig klingende Stimme der Frau von Villefort.

 

Aber wo ist denn der Doktor? rief Villefort.

 

Fran von Villefort stieg langsam die Treppe herab; man hörte die Bretter unter ihren Füßen knacken. In einer Hand hielt sie ein Taschentuch, mit dem sie sich das Gesicht abtrocknete, in der andern ein Flacon mit englischem Salz. Ihr erster Blick war, als sie zur Tür kam, auf Noirtier gerichtet, dessen Gesicht, abgesehen von einer unter solchen Umständen natürlichen Aufregung, eine vollkommene Gesundheit andeutete; ihr zweiter Blick traf den Sterbenden. Sie erbleichte, und ihr Auge richtete sich wieder auf Noirtier.

 

Aber in des Himmels Namen! wo ist der Doktor? fragte Villefort; er ging zu Ihnen hinein. Sie sehen, es ist ein Schlaganfall; mit einem Aderlaß kann man ihn retten.

 

Hat er vor kurzem gegessen? sagte Frau von Villefort, der Frage ihres Gatten ausweichend.

 

Gnädige Frau, antwortete Valentine, er hat nicht gefrühstückt, doch er ist heute stark gelaufen, um einen Auftrag zu besorgen, den ihn: der gute Papa gegeben hatte. Bei seiner Rückkehr trank er ein Glas Limonade.

 

Ah! rief Frau von Villefort, warum nicht Wein? Limonade, das ist schlimm.

 

Die Limonade war gerade bei der Hand, in der Flasche des guten Papas; der arme Barrois hatte Durst und trank, was er eben fand.

 

Frau von Villefort bebte, Noirtier umfaßte sie gleichsam mit einem durchdringenden Blicke.

 

Er hat einen so kurzen Hals! sagte sie.

 

Gnädige Frau, sagte Villefort, wo ist Herr d’Avrigny? Antworten Sie mir, im Namen des Himmels!

 

Er ist bei Eduard, der nicht ganz wohl ist, erwiderte sie endlich.

 

Villefort stürzte nach der Treppe, um ihn selbst zu holen.

 

Höre, sagte die junge Frau, Valentine ihr Flacon übergebend, man wird ihm ohne Zweifel zur Ader lassen. Ich gehe in mein Zimmer hinaus, denn ich kann den Anblick des Blutes nicht ertragen.

 

Kaum war sie fort, so trat Morel aus der düstern Ecke hervor, in die er sich zurückgezogen und wo ihn bei der allgemeinen Bestürzung niemand bemerkt hatte.

 

Gehen Sie geschwind, Maximilian! sagte Valentine zu ihm, und warten Sie, bis ich Sie rufe.

 

Morel befragte Noirtier durch eine Gebärde. Noirtier, der seine ganze Kaltblütigkeit behalten hatte, machte ihm ein bejahendes Zeichen.

 

Er drückte Valentines Hand an sein Herz und entfernte sich durch den geheimen Gang. Zu gleicher Zeit traten Villefort und der Doktor durch die entgegengesetzte Tür ein.

 

Barrois kam allmählich wieder zu sich; die Krise war vorüber, er seufzte und erhob sich auf ein Knie. D’Avrigny und Villefort trugen ihn auf ein Ruhebett.

 

Was befehlen Sie, Doktor? fragte Villefort.

 

Man bringe mir Wasser und Äther, etwas Terpentinöl und ein Brechmittel, Sie haben doch alles im Hause? Sodann entferne sich jedermann!

 

Ich auch? fragte Valentine schüchtern.

 

Ja, mein Fräulein, Sie besonders, erwiderte der Doktor mit strengem Tone.

 

Valentine schaute Herrn d’Avrigny erstaunt an, küßte Herrn Noirtier auf die Stirn und ging hinaus. – Hinter ihr schloß der Arzt die Tür.

 

Sehen Sie! sagte Villefort, Doktor, er kommt wieder zu sich, es war nur ein Anfall ohne Bedeutung.

 

Herr d’Avrigny lächelte düster und fragte: Wie fühlen Sie sich, Barrois?

 

Ein wenig besser, mein Herr.

 

Können Sie dieses Glas Wasser mit Äther trinken?

 

Ich will es versuchen, doch berühren Sie mich nicht, es kommt mir vor, als müßte sich der Anfall wiederholen, wenn Sie mich berühren, und wäre es auch nur mit der Fingerspitze.

 

Barrois nahm das Glas, näherte es seinen blauen Lippen und leerte es ungefähr bis zur Hälfte.

 

Wo leiden Sie? – Überall; ich habe furchtbare Krämpfe.

 

Haben Sie Verdunkelungen, Blendungen? – Ja.

 

Ein Klingeln in den Ohren? – Gräßlich.

 

Wann ist dieser Anfall gekommen? – Soeben ganz plötzlich.

 

Nichts gestern? nichts vorgestern? – Nichts.

 

Keine Schlafsucht? Keine Schwere? – Nein.

 

Was haben Sie heute gegessen? – Ich habe nichts gegessen, ich habe nur ein Glas Limonade von dem Herrn getrunken und sonst nichts.

 

Barrois machte mit dem Kopfe eine Gebärde, um Herrn Noirtier zu bezeichnen, der von seinem Lehnstuhle diese furchtbare Szene betrachtete, ohne daß ihm die geringste Bewegung oder auch nur ein Wort entging.

 

Wo ist die Limonade? – In der Küche.

 

Soll ich sie holen, Doktor? fragte Villefort.

 

Nein, bleiben Sie hier und machen Sie, daß der Kranke den Rest dieses Glases Wasser trinke, ich gehe selbst.

 

D’Avrigny machte einen Sprung, öffnete die Tür, stürzte nach der Treppe, die nach der Küche führte, und hätte beinahe Frau von Villefort, die ebenfalls nach der Küche ging, umgeworfen. Sie stieß einen Schrei aus.

 

D’Avrigny achtete nicht daraus; von einem einzigen Gedanken fortgerissen, sprang er die letzten paar Stufen hinab, stürzte in die Küche und erblickte die zu drei Vierteln leere Flasche auf der Platte, auf die er sich warf, wie ein Adler auf seine Beute. Keuchend stieg er dann in das Erdgeschoß hinauf und kehrte ins Zimmer zurück, während Frau von Villefort langsam die Treppe emporstieg, die in ihre Wohnung führte.

 

Ist dies die Flasche? fragte er. – Ja, Herr Doktor.

 

Was für einen Geschmack fanden Sie in der Limonade? – Einen bittern Geschmack.

 

Der Doktor goß ein paar Tropfen Limonade in seine hohle Hand, schlürfte sie mit den Lippen ein und spuckte dann die Flüssigkeit wieder aus.

 

Es ist dieselbe, sagte er. Und Sie haben auch davon getrunken, Herr Noirtier? – Ja, machte der Greis.

 

Und Sie haben denselben bittern Geschmack gefunden? – Ja.

 

Ach! Herr Doktor, rief Barrois, es packt mich wieder! Mein Gott und Vater, habe Mitleid mit mir!

 

Der Doktor lief zu dem Kranken.

 

Das Brechmittel, Villefort, sehen Sie, ob es kommt.

 

Villefort stürzte hinaus und schrie: Das Brechmittel! das Brechmittel! Hat man es gebracht?

 

Niemand antwortete. Es herrschte der tiefste Schrecken im Hause.

 

Wenn ich nur imstande wäre, ihm Luft in die Lunge zu blasen, sagte d’Avrigny, im Zimmer umherschauend, vielleicht vermöchte man dem Schlage vorzubeugen. Doch nein! nein! nichts!

 

Oh! Herr, werden Sie mich so ohne Hilfe sterben lassen? rief Barrois. Oh, ich sterbe! mein Gott! ich sterbe!

 

Eine Feder! eine Feder! sagte der Doktor.

 

D’Avrigny erblickte eine auf dem Tische und suchte sie in den Mund des Kranken zu stecken, der mitten unter Krämpfen sich anstrengte, sich zu erbrechen; aber die Kinnbacken waren so zusammengepreßt, daß die Feder nicht hindurch gebracht werden konnte.

 

Barrois hatte einen noch heftigeren Anfall als das erstemal. Er war von dem Ruhebette auf die Erde herabgesunken und streckte sich steif auf dem Boden aus. Der Doktor überließ ihn diesem Anfalle, bei dem er ihm keine Erleichterung verschaffen konnte, ging auf Noirtier zu und sagte hastig und mit leiser Stimme zu ihm: Wie befinden Sie sich? Gut? – Ja.

 

Leicht im Magen oder schwer? Leicht? – Ja.

 

Wie wenn Sie die Pille genommen haben, die ich Ihnen jeden Sonntag geben lasse? – Ja.

 

Hat Barrois Ihre Limonade gemacht? – Ja.

 

Haben Sie ihn aufgefordert, davon zu trinken? – Nein.

 

Herr von Villefort? – Nein.

 

Valentine also? – Ja.

 

Ein Seufzer von Barrois, ein Gähnen, das die Knochen seines Kiefers krachen ließ, erregten d’Avrignys Aufmerksamkeit; er verließ Noirtier und lief zu dem Kranken.

 

Barrois, fragte der Doktor, können Sie sprechen?

 

Barrois stammelte ein paar unverständliche Worte.

 

Versuchen Sie es, mein Freund.

 

Barrois öffnete seine blutigen Augen.

 

Wer hat die Limonade gemacht? – Ich.

 

Haben Sie sie sogleich Ihrem Herrn gebracht, nachdem sie bereitet war? – Nein.

 

Sie haben sie irgendwo stehen lassen? – In der Küche; man rief mich.

 

Wer hat sie hierher gebracht? – Fräulein Valentine.

 

D’Avrigny schlug sich vor die Stirn und murmelte: Oh! mein Gott!

 

Doktor! Doktor! rief Barrois, der einen dritten Anfall kommen fühlte.

 

Wird man denn das Brechmittel nicht bringen! rief der Doktor.

 

Hier ist ein Glas, sagte Villefort, zurückkehrend.

 

Wer hat’s bereitet?

 

Der Apothekergehilfe, der mit mir gekommen ist.

 

Trinken Sie!

 

Unmöglich, Doktor, es ist zu spät: meine Kehle schnürt sich zusammen, ich ersticke! Oh mein Magen, Oh mein Kopf … Oh! welche Hölle … Werde ich lange so leiden?

 

Nein, nein, mein Freund, antwortete der Doktor, Sie werden bald nicht mehr leiden.

 

Oh! ich verstehe! rief der Unglückliche; mein Gott, erbarme dich meiner!

 

Und einen Schrei ausstoßend, fiel er rückwärts, als ob ihn der Blitz getroffen hätte.

 

D’Avrigny legte eine Hand auf sein Herz und hielt einen Spiegel an seine Lippen.

 

Nun? fragte Herr von Villefort.

 

Sagen Sie in der Küche, man soll sehr schnell Veilchensirup bringen.

 

Villefort eilte sogleich hinab.

 

Erschrecken Sie nicht, Herr Noirtier, sagte d’Avrigny, ich bringe den Kranken in ein anderes Zimmer, um ihm zur Ader zu lassen; dergleichen Anfälle sind gräßlich anzuschauen.

 

Und Barrois unter den Armen fassend, schleppte er ihn in ein anstoßendes Zimmer; doch beinahe in demselben Augenblick kehrte er zu Noirtier zurück, um den Rest der Limonade zu nehmen.

 

Noirtier schloß das rechte Auge.

 

Nicht wahr, Sie wollen Valentine? Ich will sagen, daß man nach ihr schickt.

 

Villefort kam wieder herauf; d’Avrigny begegnete ihm im Gange. Nun? fragte er.

 

Kommen Sie, sagte d’Avrigny und führte ihn in das Zimmer.

 

Immer noch ohnmächtig? – Er ist tot.

 

Villefort wich drei Schritte zurück, schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und sagte, den Leichnam anschauend, mit unzweideutigem Mitleid: So schnell gestorben!

 

Ja, sehr schnell, nicht wahr? entgegnete d’Avrigny; doch das darf Sie nicht in Erstaunen setzen: Herr und Frau von Saint-Meran sind ebenso plötzlich gestorben. Oh! man stirbt schnell in Ihrem Hause, Herr von Villefort.

 

Wie! rief der Staatsanwalt mit einem Ausdrucke des Abscheus und der Bestürzung, Sie kommen wieder auf diesen furchtbaren Gedanken zurück?

 

Immer, mein Herr, immer, sagte d’Avrigny feierlich, denn er hat mich nicht einen Augenblick verlassen; und damit Sie überzeugt sind, daß ich mich diesmal nicht täusche, so hören Sie wohl, Herr von Villefort: Es gibt ein Gift, das, beinahe ohne irgend eine Spur zurückzulassen, tötet. Ich kenne dieses Gift, ich habe es in allen Erscheinungen, die es erzeugt, studiert, und ich habe es soeben bei dem armen Barrois erkannt, wie ich es bei Frau von Saint-Meran erkannte. Es gibt ein Mittel, sein Vorhandensein festzustellen: es stellt die blaue Farbe des von der Säure geröteten Lackmuspapiers wieder her und färbt den Veilchensirup grün. Wir haben kein Lackmuspapier; doch man bringt mir soeben den Veilchensirup, den ich verlangt habe.

 

Der Doktor öffnete halb die Tür, nahm aus den Händen der Kammerfrau das Gefäß, auf dessen Boden ein paar Löffel Sirup waren, und schloß die Tür wieder.

 

Sehen Sie, sagte er zum Staatsanwalt, dessen Herz so heftig schlug, daß man es hätte hören können, hier in dieser Tasse ist Veilchensirup, und in dieser Flasche der Rest der Limonade, von der Barrois getrunken hat. Ist die Limonade rein und unschädlich, so wird der Sirup seine Farbe behalten; ist die Limonade aber vergiftet, so wird der Sirup grün werden. Schauen Sie!

 

 

Der Doktor goß langsam einige Tropfen Limonade aus der Flasche in die Tasse, und man sah auf der Stelle auf dem Grunde der Tasse eine Wolke sich bilden, die eine grünliche Farbe annahm. Der Versuch ließ keinen Zweifel übrig.

 

Der unglückliche Barrois ist mit der falschen Angostura oder mit Ignatiusbohnen vergiftet worden, sagte d’Avrigny, dafür bürge ich vor den Menschen und Gott.

 

Villefort sagte nichts, aber er streckte die Arme zum Himmel empor, öffnete seine stieren Augen und sank wie vom Blitze getroffen auf einen Stuhl nieder.

 

Die Anklage.

 

Die Anklage.

 

D’Avrigny hatte den Staatsanwalt, der eine zweite Leiche in diesem Totenzimmer zu sein schien, bald wieder zu sich gebracht.

 

Oh! der Tod ist in meinem Hause! rief Villefort.

 

Sagen Sie das Verbrechen, entgegnete der Doktor.

 

Herr d’Avrigny, rief Villefort, ich kann Ihnen nicht sagen, was alles in diesem Augenblicke in mir vorgeht; es ist Schrecken, es ist Schmerz, es ist Wahnsinn.

 

Ja, sagte Herr d’Avrigny mit ausdrucksvoller Ruhe; doch ich glaube, es ist Zeit, daß wir handeln. Ich glaube, es ist Zeit, daß wir dieser Sterblichkeit einen Damm entgegensetzen. Ich meinesteils fühle mich nicht fähig, länger solche Geheimnisse zu tragen, ohne die Hoffnung, bald die Rache für die Gesellschaft und für die Opfer daraus hervorgehen zu sehen.

 

Villefort schaute düster umher und murmelte: In meinem Hause! in meinem Hause!

 

Hören Sie, Staatsanwalt, sagte d’Avrigny, seien Sie ein Mann, Ausleger des Gesetzes, ehren Sie sich durch eine völlige Aufopferung!

 

Sie lassen mich beben, Doktor. Haben Sie jemand im Verdacht?

 

Ich habe niemand im Verdacht; der Tod klopft an Ihre Tür, er tritt ein und geht, nicht blind, sondern hinterlistig, von Zimmer zu Zimmer. Nun wohl! ich folge seiner Spur, ich erkenne seinen Gang; ich tappe im Finstern umher, denn meine Freundschaft für Ihre Familie, meine Achtung für Sie sind zwei Binden auf meinen Augen! wohl …

 

Oh! sprechen Sie, sprechen Sie, ich werde Mut haben.

 

Wohl! mein Herr, Sie haben bei sich, in dem Schoße Ihres Hauses, in Ihrer Familie vielleicht eines von jenen furchtbaren, gräßlichen Phänomenen, wie jedes Jahrhundert irgend eines hervorbringt. Locusta und Agrippina, Brunhilde und Fredegunde. Alle diese Frauen waren jung und schön. Auf ihren Stirnen blühte dieselbe Blume der Unschuld, die man auch auf der Stirn der Schuldigen erblickt, die in Ihrem Hause ist.

 

Villefort stieß einen Schrei aus, faltete die Hände und schaute den Doktor mit flehender Gebärde an. Dieser aber fuhr ohne Erbarmen fort: Suche, wem das Verbrechen nutzt, lautet ein Grundsatz der Rechtslehre.

 

Doktor! rief Villefort, ach! Doktor, wie oft ist nicht die Gerechtigkeit der Menschen durch diesen unseligen Grundsatz getäuscht worden. Ich weiß nicht, aber es scheint mir, dieses Verbrechen …

 

Ah! Sie gestehen doch endlich ein, daß ein Verbrechen obwaltet?

 

Ja, ich muß es anerkennen, ich kann nicht anders. Doch lassen Sie mich fortfahren! Es scheint mir, sage ich, daß dieses Verbrechen auf mich allein fällt und nicht auf die Opfer. Unter all diesem seltsamen Unglück ahne ich ein schweres Verhängnis für mich.

 

Oh! Mensch, selbstsüchtigstes von allen Wesen, persönlichstes von allen Geschöpfen, das stets glaubt, die Erde drehe sich, die Sonne glänze, der Tod mähe für seine Person allein. Herr von Saint-Meran, Frau von Saint-Meran, Herr Noirtier …

 

Wie, Herr Noirtier! …

 

Ah ja! glauben Sie vielleicht, es sei auf den unglücklichen Bedienten abgesehen gewesen? Nein, nein: er ist, wie Polonius bei Shakespeare, für einen andern gestorben. Noirtier sollte die Limonade trinken; Noirtier hat es auch, wie vorausgesehen, getan; der andere hat nur zufällig davon getrunken, und wenn auch Barrois gestorben ist, so sollte doch Noirtier sterben.

 

Wie kommt es dann, daß mein Vater nicht unterlag?

 

Ich habe es Ihnen bereits einmal, nach dem Tode der Frau von Saint-Meran, gesagt, weil sich sein Körper an den Gebrauch gerade dieses Giftes gewöhnt hatte; weil die Dose, unbedeutend für ihn, für jeden andern tödlich war; weil niemand, und auch der Mörder nicht, weiß, daß ich Herrn Noirtiers Lähmung mit Brucin behandle, während es dem Mörder nicht unbekannt blieb, daß Brucin ein heftiges Gift ist.

 

Mein Gott! murmelte Villefort, die Hände ringend.

 

Verfolgen Sie den Gang des Verbrechers; er tötete Herrn von Saint-Meran. – Oh, Doktor!

 

Ich würde darauf schwören; das, was man mir von den Symptomen gesagt hat, stimmt zu sehr mit dem überein, was ich mit eigenen Augen gesehen habe.

 

Villefort hörte auf zu widersprechen und stieß einen Seufzer aus.

 

Er tötete Herrn von Saint-Meran, wiederholte der Doktor, er tötete Frau von Saint-Meran; es ist eine doppelte Erbschaft zu machen.

 

Villefort wischte sich den Schweiß von der Stirn.

 

Herr Noirtier, fuhr Herr d’Avrigny fort, hatte kürzlich gegen Ihre Familie zu Gunsten der Armen testiert; Herr Noirtier wird verschont, man erwartet nichts von ihm. Doch, er hat sein erstes Testament umgestoßen und ein anderes gemacht, worauf man, ohne Zweifel aus Furcht, er könnte ein drittes machen, auch ihn angreift. Das Testament ist, glaube ich, von vorgestern, Sie sehen, man hat keine Zeit verloren.

 

Oh! Gnade, Herr d’Avrigny!

 

Keine Gnade, mein Herr! Ist das Verbrechen begangen worden, so kommt es dem Arzte zu, die Tatsache zu enthüllen.

 

Gnade für meine Tochter, Herr! murmelte Villefort.

 

Sie sehen, Sie haben sie genannt, Sie, ihr Vater?

 

Gnade für Valentine! Hören Sie, es ist unmöglich. Ich würde lieber mich selbst anklagen! Valentine, ein Herz von Diamant, eine Lilie der Unschuld!

 

Keine Gnade, Herr Staatsanwalt, das Verbrechen ist unleugbar. Fräulein von Villefort hat selbst die Medikamente eingepackt, die an Herrn von Saint-Meran abgeschickt worden sind, und Herr von Saint-Meran ist gestorben. – Fräulein von Villefort hat die Tisanen für Frau von Saint-Meran bereitet, und Frau von Saint-Meran ist gestorben. Fräulein von Villefort hat aus Barrois‘ Händen die Flasche mit Limonade genommen, die der Greis gewöhnlich am Morgen genießt, und der Greis ist nur durch ein Wunder entkommen. Fräulein von Villefort ist die Schuldige! Sie ist die Giftmischerin! Herr Staatsanwalt, ich zeige Fräulein von Villefort bei Ihnen an; tun Sie Ihre Pflicht!

 

Doktor, ich widerstehe nicht länger, ich verteidige mich nicht mehr, ich glaube Ihnen; doch haben Sie Mitleid, schonen Sie mein Leben, meine Ehre!

 

Herr von Villefort, erwiderte der Doktor mit wachsender Kraft, es gibt Umstände, wo ich alle Grenzen der albernen menschlichen Bedachtsamkeit überschreite. Hätte Ihre Tochter nur ein Verbrechen begangen, uns ich sähe sie auf ein neues sinnen, so würde ich zu Ihnen sagen: Warnen Sie Ihre Tochter, mag sie den Rest ihres Lebens in einem Kloster zubringen, um zu weinen und zu beten. Hätte sie ein zweites Verbrechen begangen, so würde ich Ihnen sagen: Hören Sie, Herr von Villefort, hier ist ein Gift, das die Giftmischerin nicht kennt, ein Gift, das kein bekanntes Gegengift hat, ein Gift, schnell wie der Gedanke, rasch wie der Blitz, geben Sie ihr dieses Gift, empfehlen Sie Ihre Seele Gott, und retten Sie so Ihre Seele und Ihr Leben, denn nunmehr gedenkt sie Ihre Tage abzukürzen, und ich sehe sie mit ihrem heuchlerischen Lächeln und ihren sanften Ermahnungen an Ihr Bett treten … Wehe Ihnen, Herr von Villefort, wenn Sie sich nicht beeilen, zuerst zu schlagen. Das würde ich Ihnen sagen, hätte sie nur zwei Personen getötet; aber sie hat drei Todeskämpfe gesehen, hat drei Sterbende betrachtet, bei drei Leichen gekniet; der Henker für die Giftmischerin! der Henker! Sie sprechen von Ihrer Ehre, tun Sie, was ich Ihnen sage!

 

Villefort rief: Hören Sie, ich besitze nicht die Kraft, die Sie haben, oder die Sie vielleicht nicht hätten, wenn es sich, statt um meine Tochter, um Ihre Tochter Madeleine handelte.

 

Der Doktor erbleichte.

 

Doktor, jeder Sohn einer Frau ist geboren, um zu leiden und zu sterben; ich werde leiden und den Tod erwarten.

 

Nehmen Sie sich in acht, sagte d’Avrigny, dieser Tod kann langsam sein; Sie werden ihn vielleicht herannahen sehen, nachdem Ihr Vater, Ihre Frau, Ihr Sohn getroffen ist.

 

Keuchend preßte Villefort den Arm des Doktors und rief:

 

Hören Sie mich, beklagen Sie mich, helfen Sie mir … Nein, meine Tochter ist nicht schuldig … Schleppen Sie uns vor ein Tribunal; ich werde abermals sagen: Nein, meine Tochter ist nicht schuldig … Es gibt kein Verbrechen in meinem Hause … Ich will nicht, hören Sie, ich will nicht, daß es ein Verbrechen in meinem Hause gibt; denn wenn das Verbrechen irgendwo eintritt, so ist es wie der Tod: es tritt nicht allein ein. Hören Sie, was ist Ihnen daran gelegen, wenn ich ermordet sterbe? … Sind Sie mein Freund, sind Sie ein Mensch, haben Sie ein Herz? … Nein, Sie sind Arzt! … Wohl! ich sage Ihnen, nein, meine Tochter wird nicht durch mich in die Hände des Henkers geschleppt werden … Ha! das ist ein Gedanke, der mich verzehrt, der mich wie einen Wahnsinnigen aufreibt. Und wenn Sie sich täuschten! Wenn es ein anderer wäre, als meine Tochter! … wenn ich eines Tages, bleich wie ein Gespenst, käme und zu Ihnen sagte: Mörder, du hast meine Tochter getötet! … Hören Sie, wenn dies geschähe, ich bin ein Christ, Herr d’Avrigny, und dennoch würde ich mich töten! …

 

Es ist gut, sagte der Doktor nach kurzem Schweigen, ich werde warten.

 

Villefort schaute ihn an, als zweifelte er noch an seinen Worten.

 

Doch wenn eine Person Ihres Hauses krank wird, fuhr Herr d’Avrigny langsam und feierlich fort, wenn Sie sich selbst getroffen fühlen, rufen Sie mich nicht, denn ich werde nicht kommen. Wohl will ich mit Ihnen das furchtbare Geheimnis teilen, aber die Schande und die Reue sollen nicht in meinem Gewissen wachsen und furchtbar werden, wie das Verbrechen und das Unglück in Ihrem Hause wächst und Früchte treibt.

 

Sie verlassen mich also, Doktor?

 

Ja, ich kann Ihnen nicht ferner folgen, und ich verweile nicht am Fuße des Blutgerüstes. Eine andere Enthüllung wird kommen und das Ende dieser furchtbaren Tragödie herbeiführen. Gott befohlen!

 

Doktor, ich flehe Sie an.

 

Alle Greuel, die meinen Geist beflecken, machen mir Ihr Haus verhaßt und unselig. Gott befohlen, mein Herr.

 

Ein Wort, nur ein einziges Wort, Doktor! Sie entfernen sich und überlassen mich allen Schrecknissen meiner Lage, Schrecknissen, die Sie durch Ihre Enthüllung noch vermehrt haben. Doch was wird man von dem plötzlichen Tode des armen alten Dieners sagen?

 

Es ist richtig, sagte der Arzt, geleiten Sie mich zurück!

 

Der Doktor ging zuerst hinaus, Herr von Villefort folgte ihm; die Bedienten standen unruhig in den Gängen und auf den Treppen, wo der Doktor vorbeikommen mußte.

 

Mein Herr, sagte d’Avrigny so laut, daß es jeder hörte, der arme Barrois mußte in der letzten Zeit zu viel im Zimmer sitzen; einst gewohnt, mit seinem Herrn sich zu Pferde oder zu Wagen in allen Ländern Europas umherzutreiben, hat ihn der eintönige Dienst am Lehnstuhl getötet. Das Blut ist schwer geworden, er wurde vom Schlage gerührt, und ich erhielt zu spät Nachricht. – Vergessen Sie nicht, fügte er leise hinzu, vergessen Sie nicht, die Tasse mit Veilchensirup in die Asche zu werfen.

 

Und ohne Villeforts Hand zu berühren, entfernte er sich, geleitet von den Tränen und Wehklagen der Zurückbleibenden.

 

Am Abend kamen alle Dienstboten Villeforts, die sich in der Küche versammelt und lange miteinander besprochen hatten, zu Frau von Villefort und baten um ihren Abschied. Keine Ermahnung, kein Versprechen höheren Lohnes vermochte sie zurückzuhalten; auf alles, was man sagte, erwiderten sie: Wir wollen gehen, weil der Tod im Hause ist.

 

Sie gingen also, trotz aller Bitten, die man an sie richtete, und äußerten nur, sie bedauerten lebhaft, so gute Gebieter und besonders Fräulein Valentine zu verlassen, die so mild, so wohltätig, so sanft wäre.

 

Villefort schaute bei diesen Worten Valentine an. Sie weinte.

 

Seltsam! Von den Tränen der Tochter erschüttert, schaute er auch Frau von Villefort an, und es kam ihm vor, als ob ein flüchtiges, düsteres Lächeln über ihre dünnen Lippen hingeschwebt wäre.

 

-Kapitelname unbekannt-

-Kapitelname unbekannt-


Der Graf von Monte Christo. Fünfter Band.





Man schreibt uns aus Janina.

 

Man schreibt uns aus Janina.

 

Franz verließ Noirtiers Zimmer so schwankend und verwirrt, daß Valentine selbst Mitleid mit ihm empfand.

 

Villefort, der nur einige Worte ohne Zusammenhang gesprochen hatte und in sein Kabinett entflohen war, erhielt zwei Stunden nachher folgenden Brief:

 

»Nach dem, was mir heute morgen enthüllt worden ist, kann Herr Noirtier von Villefort nicht annehmen, es sei eine Verbindung zwischen seiner Familie und der des Herrn Franz d’Epinay möglich. Herr Franz d’Epinay denkt mit Schrecken daran, daß Herr von Villefort, der, wie es scheint, die Ereignisse kannte, ihm nicht in diesem Gedanken zuvorgekommen ist.«

 

Wer den Staatsanwalt in diesem Augenblick in seiner Zerknirschung gesehen hätte, würde nicht geglaubt haben, daß er auch nur entfernt an diese Möglichkeit gedacht hätte. In der Tat hatte er ein solches Dazwischentreten seines Vaters schon deshalb für ganz ausgeschlossen gehalten, weil sich der alte Jakobiner nie die Mühe genommen hatte, ihn über den genauen Verlauf der Ereignisse aufzuklären, und der Staatsanwalt daher stets der Meinung gewesen war, der General von Quesnel sei ermordet worden.

 

Der schroffe Brief des jungen Mannes, der ihm bis dahin Ehrfurcht bewiesen hatte, verwundete Villeforts Stolz tödlich. Kaum befand er sich in seinem Kabinett, als seine Frau, deren Lage nach dem Verschwinden des Herrn d’Epinay dem Notar und den Zeugen gegenüber jeden Augenblick peinlicher geworden war, eintrat.

 

Herr von Villefort beschränkte sich darauf, ihr zu sagen, infolge einer Erklärung zwischen ihm, Herrn Noirtier und Herrn d’Epinay sei die Heirat als aufgegeben zu betrachten. Es war unangenehm, dies den Wartenden mitzuteilen. Als Frau von Villefort zurückkehrte, sagte sie auch nur, Herr Noirtier habe am Anfang der Besprechung eine Art von Schlaganfall gehabt, und die Unterzeichnung des Vertrags sei dadurch natürlich um einige Tage verschoben.

 

Die Zuhörer sahen einander bei dieser Mitteilung erstaunt an und entfernten sich, ohne ein Wort zu sagen.

 

Zugleich glücklich und erschrocken, umarmte Valentine den schwachen Greis, der mit einem Schlage die Kette zerbrochen hatte, die sie bereits für unauflöslich hielt, dankte ihm und bat ihn sodann um Erlaubnis, sich zu ihrer Erholung in ihr Zimmer zurückziehen zu dürfen. Doch statt in ihre Wohnung hinaufzugehen, eilte Valentine durch den Gang und von da durch die kleine Tür in den Garten. Inmitten aller der Ereignisse, die einander drängten, hatte ein dumpfer Schrecken beständig ihr Herz zusammengepreßt. Jeden Augenblick erwartete sie Morel bleich und drohend erscheinen zu sehen.

 

Es war in der Tat Zeit, daß sie zu dem Gitter kam. Da Morel das Kommende vermutete, als er Franz mit Herrn von Villefort den Kirchhof verlassen sah, war er ihm nachgefolgt. Er beobachtete dann, daß er wieder das Haus verließ und bald mit Albert und Chateau-Renaud zurückkehrte. Nun gab es für ihn keinen Zweifel mehr. Er eilte in sein Gehege, für jedes Ereignis bereit und fest überzeugt, Valentine werde im ersten freien Augenblick zu ihm eilen.

 

Er täuschte sich nicht; sein an die Bretter gedrücktes Auge sah nach langem, bangem Harren endlich das Mädchen erscheinen, das ohne die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln nach dem Gitter lief. Mit dem ersten Blicke auf sie war er beruhigt; bei dem ersten Worte, das sie sprach, hüpfte er vor Freude.

 

Gerettet! sagte Valentine.

 

Gerettet! wiederholte Morel, der kaum an ein solches Glück glauben konnte, und durch wen?

 

Durch meinen Großvater. Oh! du mußt ihn sehr lieb haben, Maximilian!

 

Doch wie war es möglich? fragte Morel; welches seltsame Mittel hat er angewendet?

 

Valentine öffnete den Mund, um alles zu erzählen; doch sie bedachte, daß dem allen ein furchtbares Geheimnis zu Grunde lag, das nicht ihrem Großvater allein gehörte.

 

Später werde ich dir alles erzählen, sagte sie.

 

Wann? – Wenn ich einmal deine Frau bin.

 

Dies hieß das Gespräch auf ein Kapitel bringen, das Morel leicht alles verstehen ließ; er verstand sogar, daß er sich mit dem, was er wußte, begnügen solle, und das fiel ihm auch bei der guten Nachricht nicht schwer. Er willigte jedoch erst ein, sich zu entfernen, als ihm Valentine für den nächsten Abend ein Wiedersehen versprach.

 

Frau von Villefort war mittlerweile zu Herrn Noirtier hinaufgegangen. Noirtier schaute sie mit dem strengen, düstern Auge an, mit dem er sie gewöhnlich empfing.

 

Mein Herr, sagte sie, ich brauche Ihnen nicht erst mitzuteilen, daß Valentines Heirat aufgegeben ist.

 

Noirtier blieb unbeweglich.

 

Doch, was Sie nicht wissen, ist der Umstand, daß ich stets gegen diese Heirat gewesen bin, die wider meinen Willen geschlossen werden sollte.

 

Noirtier schaute seine Schwiegertochter wie ein Mensch an, der eine Erklärung erwartet.

 

Da nun aus dieser Heirat, die Ihnen, wie ich weiß, so sehr widerstrebte, nichts wird, so komme ich, um bei Ihnen einen Schritt zu tun, den weder Herr von Villefort noch Valentine tun können.

 

Noirtiers Augen sahen sie fragend an.

 

Ich komme, Sie zu bitten, mein Herr, fuhr Frau von Villefort fort, denn nur ich, die nichts davon hat, bin dazu berechtigt, ich komme, Sie zu bitten, Ihrer Enkelin, ich sage nicht Ihre Gunst, die sie stets gehabt hat, sondern Ihr Vermögen zufließen zu lassen.

 

Noirtiers Augen blieben eine Zeitlang unschlüssig, er suchte offenbar die Beweggründe dieses Schrittes und konnte sie nicht finden.

 

Darf ich hoffen, mein Herr, daß Ihre Absichten im Einklang mit der Bitte standen, die ich soeben an Sie gerichtet habe? sagte Frau von Villefort.

 

Ja, machte der Greis.

 

Dann entferne ich mich, zugleich dankbar und glücklich, sagte sie, grüßte Herrn Noirtier und verließ das Zimmer.

 

In der Tat ließ der Greis schon andern Tags den Notar kommen. Das erste Testament wurde vernichtet und ein anderes abgefaßt, nach dem sein ganzes Vermögen Valentine unter der Bedingung zufiel, daß man sie nicht von ihm trennte.

 

Neugierige Leute berechneten hieraus, als Erbin des Marquis und der Marquise von Saint-Meran und als Begünstigte ihres Großvaters werde Fräulein von Villefort eines Tags eine Rente von 300 000 Franken haben.

 

Während die Heirat zwischen Valentine und Herrn d’Epinay in die Brüche ging, hatte der Graf von Morcerf den Besuch Monte Christos empfangen, und um Danglars seinen Eifer kundzugeben, zog jener seine große Generalsuniform an, die er mit allen seinen Kreuzen hatte schmücken lassen, und befahl, seine besten Pferde anzuspannen.

 

 

So geschmückt begab er sich in die Rue de la Chaussee d’Antin und ließ sich bei Danglars melden, der eben seinen Monatsabschluß berechnete. Es war seit einiger Zeit nicht der Augenblick, in dem man den Bankier bei guter Laune fand. Beim Anblicke seines alten Freundes nahm Danglars eine majestätische Miene an und setzte sich steif in seinem Lehnstuhle zurecht. Dagegen hatte der sonst so förmliche Morcerf eine freundliche Miene angenommen. In der Überzeugung, seiner Eröffnung würde ein guter Empfang zuteil werden, ging er nicht diplomatisch zu Werke, sondern sagte, mit einem Schritte auf das Ziel losgehend: Baron, hier bin ich. Seit geraumer Zeit drehen wir uns um das, was wir früher besprochen …

 

Morcerf erwartete, er würde bei diesen Worten das Gesicht des Bankiers, dessen Verdüsterung er seinem Stillschweigen zuschrieb, sich aufheitern sehen; aber Danglars‘ Gesicht wurde im Gegenteil noch viel kälter und unempfindlicher, weshalb Morcerf mitten in seinem Satze anhielt.

 

Was haben wir besprochen, Herr Graf? fragte der Bankier, als suchte er vergebens in seinem Geiste die Erklärung dessen, was der Graf sagen wollte.

 

Oh! Sie sind ein Formenmensch, versetzte der Graf, und Sie erinnern mich daran, daß das Zeremoniell beobachtet werden muß. Meinetwegen. Da ich nur einen Sohn habe und dies das erstemal ist, daß ich an seine Verheiratung denke, so bin ich noch ein Lehrling hierin; wohl, es mag sein! Und Morcerf erhob sich mit einem gezwungenen Lächeln, machte eine tiefe Verbeugung vor Danglars und sagte: Herr Baron, ich habe die Ehre, Sie um die Hand von Fräulein Eugenie Danglars, Ihrer Tochter, für meinen Sohn, den Vicomte Albert von Morcerf, zu bitten.

 

Doch statt diese Worte wohlwollend aufzunehmen, wie Morcerf sicher erwartet hatte, runzelte Danglars die Stirn, setzte sich, ohne den Grafen, der stehen geblieben war, zum Sitzen einzuladen, und sagte: Herr Graf, ehe ich Ihnen antworte, muß ich überlegen.

 

Überlegen? entgegnete Morcerf, immer mehr erstaunt, haben Sie seit den acht Jahren, da wir zum erstenmal von dieser Heirat sprachen, nicht Zeit gehabt, sich die Sache zu überlegen?

 

Herr Graf, sagte Danglars, es kommen täglich Dinge vor, die einen nötigen, eine einmal gemachte Überlegung zu wiederholen.

 

Wieso? Ich begreife Sie nicht, Baron.

 

Ich will damit sagen, mein Herr, daß seit vierzehn Tagen neue Umstände …

 

Erlauben Sie mir, spielen wir Komödie?

 

Wie, Komödie?

 

Ja, wir wollen uns kategorisch erklären.

 

Das kann mir nur lieb sein.

 

Haben Sie Herrn von Monte Christo gesehen?

 

Ich sehe ihn sehr häufig, antwortete Danglars, er gehört zu meinen Freunden.

 

Wohl, bei einem seiner letzten Besuche in Ihrem Hause sagten Sie ihm, ich schiene vergeßlich, unentschlossen, in Beziehung auf diese Heirat. – Das ist wahr.

 

Nun! hier bin ich. Ich bin weder vergeßlich, noch unentschlossen, wie Sie sehen, denn ich komme, um Sie aufzufordern, Ihr Versprechen zu halten.

 

Danglars antwortete nicht.

 

Haben sich Ihre Ansichten so bald geändert? fügte Morcerf hinzu, oder haben Sie mich nur herausgefordert, um mich zu demütigen?

 

Danglars begriff, daß die Sache, wenn er das Gespräch in dem Tone, wie er es angefangen, fortsetzte, eine schlimme Wendung für ihn nehmen konnte.

 

Herr Graf, sagte er, Sie müssen mit vollem Rechte über meine Zurückhaltung erstaunt sein. Glauben Sie mir, ich begreife dies und bedaure es sehr. Seien Sie überzeugt, daß mir diese Zurückhaltung durch gebieterische Umstände vorgeschrieben wird.

 

Das sind Worte in die Luft gesprochen, mein lieber Herr, mit denen sich der erste beste begnügen könnte. Der Graf von Morcerf ist aber nicht der erste beste, und wenn ein Mann wie ich einen andern Mann aufsucht, ihn an ein gegebenes Wort erinnert, und dieser Mann sein Wort nicht hält, so hat er wenigstens das Recht, auf der Stelle zu verlangen, daß man ihm einen vernünftigen Grund angibt.

 

Danglars war feige, aber er wollte es nicht scheinen; von Morcerfs Ton gereizt, erwiderte er: Es fehlt mir auch nicht an einem vernünftigen Grunde.

 

Was wollen Sie damit sagen?

 

Daß ich einen vernünftigen Grund habe, daß er aber schwer anzugeben ist.

 

Sie fühlen doch, mein Herr, entgegnete Morcerf, daß ich mich damit nicht abspeisen lassen kann. Eines ist allerdings sehr klar, nämlich, daß Sie eine Verbindung mit mir ausschlagen.

 

Nein, mein Herr, sagte Danglars, ich verschiebe nur meinen Entschluß bis auf weiteres.

 

Doch Sie werden wohl nicht die Anmaßung haben, zu glauben, daß ich mich Ihren Launen füge und demütig auf die Rückkehr Ihrer Gunst warte?

 

Wenn Sie nicht warten können, Herr Graf, so wollen wir unsere Pläne als nicht geschehen betrachten.

 

Der Graf biß sich bis aufs Blut in die Lippen, um den Ausbruch zurückzudrängen, zu dem ihn sein stolzer, reizbarer Charakter trieb. Da er jedoch begriff, die Lächerlichkeit wäre unter diesen Umständen auf seiner Seite, so ging er bereits zur Tür des Salons, besann sich aber bald wieder eines andern und kehrte zurück. Eine Wolke zog über seine Stirn hin und ließ darauf, statt des beleidigten Stolzes, die Spur einer unbestimmten Unruhe zurück.

 

Lieber Herr Danglars, sagte er, wir kennen uns seit langen Jahren und müssen folglich einige Schonung gegeneinander üben. Sie sind mir eine Erklärung schuldig, und es ist doch das mindeste, daß ich erfahre, welchem Unglücklichen Ereignis mein Sohn den Verlust Ihrer guten Absichten in Beziehung auf ihn zuzuschreiben hat.

 

Es betrifft den Vicomte nicht persönlich, mehr kann ich Ihnen nicht sagen, antwortete Danglars, der wieder frech wurde, als er sah, daß Morcerf sich besänftigte.

 

Und wen betrifft es denn? fragte Morcerf, dessen Stirn sich mit Blässe bedeckte, bebend.

 

Danglars, dem keines dieser Symptome entging, heftete auf ihn einen ungewöhnlich festen Blick und sagte: Danken Sie mir, daß ich mich nicht näher erkläre.

 

Ein zweifellos dem unterdrückten Zorne entspringendes nervöses Zittern schüttelte Morcerf, und er erwiderte, sich gewaltsam bezwingend: Ich bin berechtigt, eine Erklärung von Ihnen zu verlangen. Haben Sie etwas gegen Frau von Morcerf? Ist mein Vermögen nicht hinreichend? Sind es meine politischen Ansichten …

 

Nichts von dem allem, sagte Danglars; ich wäre unentschuldbar, denn dies alles ist mir schon jahrelang bekannt. Nein, suchen Sie nicht weiter, lassen Sie uns hierbei stehen bleiben. Einigen wir uns auf dem Worte Aufschub, das weder einen Bruch noch eine zweifellose Verbindlichkeit bedeutet. Mein Gott! nichts drängt uns. Meine Tochter ist siebzehn Jahre alt, Ihr Sohn einundzwanzig. Inzwischen schreitet die Zeit fort, sie führt die Ereignisse herbei. Die Dinge, die noch gestern dunkel schienen, sind heute vielleicht klar; oft enthüllen sich an einem Tage die grausamsten Verleumdungen.

 

Verleumdungen, haben Sie gesagt, mein Herr? rief Morcerf leichenbleich. Man verleumdet mich also?

 

Herr Graf, wir wollen uns nicht weiter erklären.

 

Ich soll mich also ruhig dieser Weigerung unterwerfen?

 

Welche für mich peinlicher ist als für Sie, denn ich rechnete auf die Ehre einer Verbindung mit Ihnen, und eine fehlgeschlagene Heirat schadet immer mehr der Braut, als dem Bräutigam.

 

Es ist gut, mein Herr, sprechen wir nicht mehr davon, sagte Morcerf, und seine Handschuhe mit der größten Wut zerknitternd, verließ er das Zimmer.

 

Danglars bemerkte wohl, daß es Morcerf nicht ein einzigesmal gewagt hatte, ihn zu fragen, ob er, Morcerf, die Ursache sei, warum er sein Wort zurücknehme.

 

Am Abend fand eine lange Besprechung mit mehreren Freunden statt, und Herr Cavalcanti, der sich beständig im Damensalon aufgehalten hatte, verließ das Haus zuletzt. Am andern Morgen verlangte Danglars sofort nach den Zeitungen. Als man sie ihm brachte, schob er die andern beiseite und griff nach dem Impartial, dessen Redakteur Beauchamp war.

 

Er brach rasch den Umschlag auf, öffnete ihn mit nervöser Hast, ging gleichgültig über den Pariser Artikel weg und blieb mit boshaftem Lächeln bei einer kurzen Notiz stehen, die mit den Worten anfing: Man schreibt uns aus Janina …

 

Gut, sagte er, nachdem er gelesen hatte, das ist ein Artikelchen über den Obersten Fernand, das mich aller Wahrscheinlichkeit nach der Mühe überheben wird, ihm nähere Erläuterungen zu geben.

 

In demselben Augenblick, nämlich als es neun Uhr schlug, erschien Albert von Morcerf, schwarz gekleidet, mit entschiedenem Schritt in dem Hause in den Champs-Elysees.

 

Der Herr Graf ist vor etwa einer halben Stunde ausgefahren, sagte der Hausmeister.

 

Hat er Baptistin mitgenommen? fragte Morcerf.

 

Nein, Herr Vicomte.

 

Rufen Sie Baptistin, ich will mit ihm sprechen.

 

Der Hausmeister holte den Kammerdiener und kam einen Augenblick nachher mit ihm zurück.

 

Mein Freund, sagte Albert, entschuldigen Sie meine Unbescheidenheit, doch ich wollte Sie selbst fragen, ob Ihr Herr wirklich ausgegangen ist.

 

Ja, Herr Vicomte.

 

Auch für mich?

 

Ich weiß, wie glücklich mein Gebieter ist, den Herrn Vicomte zu empfangen, und würde mich Wohl hüten, ihn sonst abzuweisen.

 

Sie haben recht, denn ich muß ihn in einer sehr ernsten Angelegenheit sprechen. Glauben Sie, er wird lange ausbleiben?

 

Nein, denn er hat sein Frühstück auf zehn Uhr bestellt.

 

Gut, ich werde einen Gang auf den Champs-Elysees machen und um zehn Uhr wieder hier sein; sagen Sie dem Herrn Grafen, wenn er vor mir zurückkehrt, ich bitte ihn, mich zu erwarten.

 

Albert ließ vor der Tür des Grafen sein Kabriolett und ging zu Fuß spazieren. –

 

Als er an der Allee des Veuves vorüber kam, glaubte er die Pferde des Grafen zu erkennen, die vor der Tür einer dort liegenden Schießbahn standen; er näherte sich, und nachdem er die Pferde erkannt, erkannte er auch den Kutscher.

 

Ist der Herr Graf in der Schießbahn? fragte er diesen.

 

Als der Kutscher die Frage bejahte, trat Morcerf ein. In dem kleinen Garten stand der Aufwärter.

 

Verzeihen Sie, sagte dieser, der Herr Vicomte wird wohl die Gefälligkeit haben, einen Augenblick zu warten.

 

Warum, Philipp? fragte Albert, der als Stammgast über dieses Hindernis erstaunt war.

 

Weil der Herr, der in diesem Augenblick übt, die Schießbahn für sich allein nimmt und vor niemanden schießt.

 

Nicht einmal vor Ihnen, Philipp?

 

Sie sehen, ich bin vor der Tür meiner Loge. Sie kennen den Herrn?

 

Ich komme, um ihn zu holen; er ist mein Freund.

 

Ah! dann ist es etwas anderes. Ich will hineingehen und ihn benachrichtigen.

 

Und von seiner eigenen Neugierde getrieben, trat Philipp in die Schießhütte. Eine Sekunde nachher erschien Monte Christo auf der Schwelle.

 

Verzeihen Sie, lieber Graf, daß ich Sie bis hierher verfolge, sagte Albert; doch ich muß Ihnen vor allem sagen, daß es nicht der Fehler Ihrer Leute ist und daß ich allein indiskret bin. Ich begab mich zu Ihnen, man sagte mir, Sie seien ausgefahren, würden jedoch um zehn Uhr zum Frühstück zurückkehren. Ich wollte bis zehn Uhr spazieren gehn und sah hier zufällig Ihre Pferde und Ihren Wagen.

 

Was Sie mir sagten, gewährt mir die Hoffnung, daß Sie mit mir zum Frühstück kommen.

 

Nein, ich danke, es handelt sich jetzt nicht um ein Frühstück; vielleicht frühstücken wir später, doch bei Gott! in schlechter Gesellschaft.

 

Was zum Teufel reden Sie da?

 

Mein Lieber, ich schlage mich heute.

 

Sie? und warum?

 

Der Ehre wegen. – Ah! das ist ernst!

 

So ernst, daß ich komme, um Sie zu bitten, mir einen Dienst zu leisten. – Welchen?

 

Mein Zeuge zu sein. – Das ist eine wichtige Sache. Wir wollen hier nicht weiter darüber sprechen, sondern nach Hause zurückkehren. Ali, gib mir Wasser zum Händewaschen.

 

Treten Sie doch ein, Herr Vicomte, sagte Philipp ganz leise, Sie werden etwas Sonderbares sehen.

 

Morcerf trat in die Bahn. Statt der Plättchen waren Spielkarten an der Wand befestigt. Morcerf glaubte aus der Ferne, es sei ein völliges Spiel, denn er sah Karten vom Aß bis zum Zweier.

 

Ah! Ah! sagte Albert, Sie waren eben beim Piquetspielen.

 

Nein, sagte der Graf, ich war damit beschäftigt, ein Kartenspiel zu machen. – Wieso?

 

Ja, es sind Asse und Zweier, was Sie dort sehen, nur haben meine Kugeln Dreier, Fünfer, Siebener, Achter, Neuner und Zehner daraus gemacht.

 

Albert näherte sich. Die Kugeln hatten wirklich vollkommen genau und in vollkommen gleichen Entfernungen die fehlenden Zeichen ersetzt, und das Kartenpapier an den Stellen durchlöchert, wo es hätte bemalt sein sollen. Als Morcerf auf die Scheibe zuging, hob er auch noch ein paar Schwalben auf, welche die Unklugheit gehabt hatten, im Bereiche der Pistolen des Grafen vorüberzufliegen und von diesem geschossen worden waren.

 

Teufel! rief Morcerf.

 

Was wollen Sie, lieber Vicomte? sagte Monte Christo, ich muß wohl meine Augenblicke ausfüllen; doch kommen Sie, wir wollen gehen.

 

Beide stiegen in Monte Christos Wagen, der sie in wenigen Augenblicken zu seiner Wohnung brachte.

 

Monte Christo führte Morcerf in sein Kabinett und bezeichnete ihm einen Stuhl. Beide setzten sich.

 

Nun lassen Sie uns ruhig plaudern, sagte der Graf. Mit wem wollen Sie sich schlagen? – Mit Beauchamp. Mit einem Ihrer Freunde?

 

Man schlägt sich stets mit Freunden.

 

Es bedarf aber wenigstens eines Grundes.

 

In seiner Zeitung von gestern abend … doch nehmen Sie, lesen Sie!

 

Ali reichte Monte Christo eine Zeitung, und dieser las folgende Worte:

 

Man schreibt uns aus Janina:

 

»Eine bis jetzt in weiten Kreisen unbekannte Tatsache ist zu unserer Kenntnis gekommen: Die Schlösser, welche die Stadt beschützen, wurden den Türken von einem französischen Offizier übergeben, in den Ali Tependelini sein ganzes Vertrauen gesetzt hatte, er hieß Fernand.«

 

Nun? fragte Monte Christo, was sehen Sie darin so Ärgerliches für Sie? – Was ich darin sehe?

 

Ja. Was geht es Sie an, daß die Schlösser von Janina durch einen Offizier namens Fernand übergeben worden sind?

 

Es geht mich viel an, da mein Vater, der Graf von Morcerf, mit seinem Taufnamen Fernand heißt.

 

Und Ihr Vater diente Ali Pascha?

 

Das heißt, er kämpfte für die Unabhängigkeit der Griechen; darin liegt die Verleumdung.

 

Ei! mein lieber Vicomte, lassen Sie uns vernünftig reden.

 

Das will ich ja gerade.

 

Sagen Sie mir doch, wer zum Teufel weiß in Frankreich, daß der Offizier Fernand derselbe Mann ist, wie der Graf von Morcerf, und wer kümmert sich jetzt noch um Janina, das 1822 oder 1823 glaube ich, genommen wurde?

 

Das ist eben die Schändlichkeit. Man läßt die Zeit darüber hingehen und kommt heute auf vergessene Ereignisse zurück, um einen Skandal daraus hervorgehen zu lassen, der einen Mann in hoher Stellung befleckt. Ich, der Erbe des väterlichen Namens, will nicht, daß darüber auch nur der Schatten eines Zweifels schwebe. Ich werde zu Beauchamp, dessen Zeitung diese Note veröffentlicht hat, zwei Zeugen schicken, und er wird sie widerrufen.

 

Beauchamp wird nichts widerrufen.

 

Dann schlagen wir uns.

 

Nein, Sie werden sich nicht schlagen, denn er wird Ihnen antworten, es habe in der griechischen Armee vielleicht fünfzig Offiziere namens Fernand gegeben.

 

Wir werden uns trotz dieser Antwort schlagen. Oh! es ist mein unabänderlicher Wille, daß dies aufhöre … Mein Vater, ein so edler Soldat, eine so erhabene Laufbahn …

 

Oder er wird in seine Zeitung einrücken: Wir haben Grund, zu glauben, daß dieser Fernand mit dem Herrn Grafen von Morcerf, dessen Taufname ebenfalls Fernand ist, nichts gemein hat.

 

Ich muß einen vollständigen, unbeschränkten Widerruf haben und werde mich hiermit nicht begnügen.

 

Sie schicken ihm also Zeugen? – In.

 

Sie haben unrecht. – Das heißt, Sie verweigern mir den Dienst, den ich von Ihnen verlange?

 

Ah! Sie kennen meine Theorie in Beziehung auf das Duell; ich habe Ihnen, wie Sie sich vielleicht erinnern, mein Glaubensbekenntnis hierüber in Rom abgelegt.

 

Und dennoch, mein lieber Graf, habe ich Sie soeben bei einer Beschäftigung gefunden, welche mit dieser Theorie wenig im Einklange steht.

 

Mein lieber Freund, Sie begreifen, man muß nie ausschließlich sein. Wenn man mit den Narren lebt, muß man mit Narrheiten rechnen; jeden Augenblick kann irgend ein verbranntes Gehirn, das nicht mehr Ursache hat, mit mir Streit zu suchen, als Sie bei Beauchamp, wegen der ersten besten Lumperei zu mir kommen oder mir Zeugen schicken, oder mich an einem öffentlichen Orte beleidigen. Nun wohl, dieses verbrannte Gehirn muß ich töten.

 

Sie geben also zu, daß Sie sich selbst schlagen würden? – Bei Gott! ganz gewiß.

 

Warum soll ich mich dann nicht schlagen?

 

Ich sage durchaus nicht, Sie sollen sich nicht schlagen; ich sage nur, das Duell sei eine ernste Sache, die man überlegen müsse.

 

Hat er es überlegt, als er meinen Vater beschimpfte?

 

Wenn er es nicht überlegt hat und Ihnen dies zugesteht, so müssen Sie ihm nicht grollen.

 

Oh! lieber Graf, Sie sind viel zu nachsichtig!

 

Und Sie viel zu streng. Sehen Sie, ich setze voraus … hören Sie wohl, ich setze voraus … Ärgern Sie sich nicht über das, was ich Ihnen sagen werde.

 

Ich höre.

 

Ich setze voraus, die angegebene Sache sei wahr.

 

Ein Sohn darf eine solche Voraussetzung, wenn die Ehre seines Vaters in Betracht kommt, nicht zugeben.

 

Mein Gott! wir leben in einer Zeit, wo man so vieles zugeben muß. – Das ist gerade die Schmach dieser Zeit.

 

Haben Sie vielleicht die Anmaßung, sie reformieren zu wollen? – Ja, soweit es mich betrifft.

 

Mein Gott, welch ein Starrkopf sind Sie doch, lieber Freund! – So bin ich nun einmal.

 

Sind Sie unzugänglich für gute Ratschläge? – Nein, wenn sie von einem Freunde kommen.

 

Halten Sie mich für Ihren Freund? – Ja.

 

Nun wohl, so erkundigen Sie sich, ehe Sie Ihre Zeugen zu Beauchamp schicken. – Bei wem?

 

Bei Haydee zum Beispiel. – Warum eine Frau in diese ganze Geschichte mischen? Was kann sie dabei tun?

 

Ihnen erklären, daß Ihr Vater keinen Anteil an der Niederlage oder an dem Tode des ihrigen hat, oder Ihnen hierüber Aufklärung geben. Hätte Ihr Vater zufälligerweise das Unglück gehabt …

 

Ich sagte Ihnen bereits, mein lieber Graf, ich könnte eine solche Voraussetzung nicht zugeben.

 

Sie schlagen dieses Mittel also aus? – Ich schlage es aus.

 

Dann einen letzten Rat. – Es sei! doch den letzten.

 

Schicken Sie keine Zeugen zu Beauchamp! – Erklären Sie sich.

 

Sie müssen mit Beauchamp reden. Ist er geneigt, zu widerrufen, so muß man ihm das Verdienst des guten Willens lassen, und der Widerruf erfolgt ja trotzdem. Weigert er sich aber, so ist es immer noch Zeit, zwei Fremde ins Geheimnis zu ziehen.

 

Es werden nicht zwei Fremde, sondern zwei Freunde sein.

 

Die Freunde von heute sind die Feinde von morgen

 

Ah! zum Beispiel? – Beauchamp zum Beispiel.

 

Also … – Also empfehle ich Ihnen Klugheit.

 

Sie glauben somit, ich sollte Beauchamp selbst aufsuchen? – Ja, allein. Wenn man etwas von der Eitelkeit eines Menschen erhalten will, so muß man diese Eitelkeit bis zum Scheine eines Zwanges schonen.

 

Ich glaube, Sie haben recht. Gehen Sie! Doch es wäre am Ende besser, gar nicht zu gehen. – Das ist unmöglich.

 

Machen Sie es also auf diese Art; es wird immer noch besser sein, als das, was Sie tun wollten.

 

Doch lassen Sie hören. Wenn es trotz meiner Vorsicht und trotz meines Verfahrens zum Duell kommt, werden Sie mir als Zeuge dienen?

 

Nein, lieber Vicomte, entgegnete Monte Christo, Sie konnten sehen, daß ich geeigneten Ortes und zu geeigneter Zeit stets zu Ihren Diensten bereit war; doch der Dienst, den Sie heute von mir verlangen, liegt außerhalb des Kreises, den ich zu leisten imstande bin.

 

Warum? – Sie werden es eines Tages erfahren.

 

Doch inzwischen?

 

Bitte ich Sie um Nachsicht für ein Geheimnis.

 

Es ist gut. Ich nehme Franz und Chateau-Renaud.

 

Nehmen Sie Franz und Chateau-Renaud, das wird vortrefflich sein.

 

Doch wenn ich mich schlage, geben Sie mir wenigstens eine Lektion im Degen oder in der Pistole!

 

Nein, das ist abermals unmöglich.

 

Sonderbarer Mann! Sie wollen sich also in nichts mischen? – Durchaus in nichts.

 

So sprechen wir nicht mehr davon. Gott befohlen, Graf. – Gott befohlen, Vicomte.

 

Morcerf nahm seinen Hut und ging. Vor der Tür fand er sein Kabriolett, und seinen Zorn so gut wie möglich bewältigend, ließ er sich zu Beauchamp fahren, der sich in seinem Redaktionszimmer befand.

 

Man meldete ihm Albert von Morcerf. Er ließ sich die Meldung zweimal wiederholen; dann rief er: Herein! Albert erschien. Beauchamp stieß einen Ausruf der Überraschung aus, als er seinen Freund erblickte.

 

Willkommen, lieber Albert, rief er, dem jungen Manne die Hand reichend; was zum Teufel bringt Sie zu mir? Haben Sie sich verirrt, wie der kleine Däumling, oder wollen Sie nur mit mir frühstücken? Suchen Sie einen Stuhl zu bekommen; halt, dort, neben dem Geranium, das mich allein daran erinnert, daß es auf der Welt Blätter gibt, die keine Papierblätter sind.

 

Beauchamp, erwiderte Albert, ich komme, um über Ihr Journal mit Ihnen zu sprechen.

 

Sie, Morcerf, was wünschen Sie?

 

Ich verlange eine Berichtigung.

 

Sie, eine Berichtigung! Worüber, Albert? Aber setzen Sie sich doch!

 

Ich danke, erwiderte Albert zum zweiten Male mit einem leichten Zeichen des Kopfes.

 

Erklären Sie sich!

 

Eine Berichtigung über eine Tatsache, welche die Ehre eines Mitgliedes meiner Familie angreift.

 

Gehen Sie doch! rief Beauchamp erstaunt; was für eine Tatsache? Das kann nicht sein.

 

Die Tatsache, die man Ihnen aus Janina mitgeteilt hat. – Aus Janina?

 

Ja, aus Janina. Wahrlich, Sie sehen aus, als ob Sie nicht wüßten, was mich hierher führt. – Bei meiner Ehre! … Baptiste, eine Zeitung von gestern!

 

Es ist nicht nötig, ich bringe Ihnen die meine.

 

Beauchamp las: Man schreibt uns aus Janina u. s. w.

 

Sie begreifen, die Sache ist ernster Natur, sagte Morcerf, als Beauchamp geendigt hatte.

 

Dieser Offizier ist also Ihr Verwandter? fragte der Journalist.

 

Ja, antwortete Albert errötend.

 

Nun, was soll ich tun, um Ihnen angenehm zu sein? sagte Beauchamp mit weichem, freundlichem Tone.

 

 

Es wäre mir sehr lieb, Beauchamp, wenn Sie dies widerrufen würden.

 

Beauchamp schaute Albert mit wohlwollender Aufmerksamkeit an und erwiderte sodann: Hören Sie, das wird uns Anlaß zu einem langen Gespräche geben, denn es ist immer etwas Ernstes um einen Widerruf. Setzen Sie sich, ich will die paar Zeilen noch einmal lesen.

 

Albert setzte sich, und Beauchamp las die Zeilen noch aufmerksamer als das erstemal.

 

Nun, Sie sehen, sagte Albert fest, ja schroff, Sie sehen man hat in Ihrer Zeitung ein Mitglied meiner Familie beleidigt, und ich will einen Widerruf.

 

Sie … wollen … –

 

Ja, ich will.

 

Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie durchaus nicht parlamentarisch sind, mein lieber Vicomte.

 

Ich will es nicht sein, erwiderte der junge Mann aufstehend, ich verlange den Widerruf einer Meldung, die Sie gestern veröffentlich haben, und ich werde ihn erhalten. Sie sind mein Freund, fuhr Albert mit gepreßten Lippen fort, als er sah, daß Beauchamp seinerseits das Haupt verächtlich zu erheben anfing, Sie sind mein Freund, und als solcher kennen Sie mich hoffentlich hinreichend, um meine Hartnäckigkeit unter solchen Umständen zu begreifen.

 

Bin ich Ihr Freund, Morcerf, so werden Sie durch Worte, wie ich sie eben gehört, am Ende machen, daß ich es vergesse … Doch ärgern wir uns nicht, oder wenigstens noch nicht, … Sie sind unruhig, gereizt, aufgebracht … Sagen Sie, wer ist der Verwandte, der Fernand heißt?

 

Es ist ganz einfach – mein Vater, Herr Fernand Mondego, Graf von Morcerf, ein alter Militär, der zwanzig Schlachten gesehen, und dessen edle Narben man nun gern mit Gassenkot bedecken möchte.

 

Ihr Vater? rief Beauchamp, dann ist es etwas anderes: ich begreife Ihre Entrüstung, mein lieber Albert … Lesen wir abermals …

 

Und er las die Note, auf jedes Wort einen Nachdruck legend.

 

Aber woraus sehen Sie, daß der Fernand dieser Zeitung Ihr Vater ist?

 

Nirgends, ich weiß es wohl, aber andere werden es sehen. Deshalb will ich, daß die Sache widerrufen wird.

 

Bei den Worten »will ich« schlug Beauchamp die Augen zu Morcerf auf, senkte sie aber sogleich wieder und verharrte einige Sekunden im Nachdenken.

 

Nicht wahr, Sie werden diese Note widerrufen, wiederholte Morcerf mit wachsendem, jedoch verhaltenem Zorn.

 

Ja, sagte Beauchamp.

 

Dann ist es gut! – Doch erst, wenn ich mich überzeugt habe, daß die Angabe falsch ist.

 

Wie? – Ja, die Sache verdient wohl, aufgeklärt zu werden.

 

Aber was finden Sie denn daran aufzuklären? versetzte Albert ganz außer sich. Wenn Sie nicht glauben, daß es mein Vater ist, so sagen Sie es auf der Stelle; glauben Sie, daß er es ist, so geben Sie mir Rechenschaft davon.

 

Beauchamp schaute Albert mit jenem ihm eigentümlichen Lächeln an, das die Schattierung aller Leidenschaften auszudrücken vermochte, und erwiderte: Mein Herr, wenn Sie gekommen sind, um Rechenschaft von mir zu verlangen, so hätten Sie nicht von Freundschaft und anderen Dingen sprechen sollen, die ich seit einer halben Stunde anzuhören die Geduld habe. Wollen Sie nun auf dieses Terrain übergehen?

 

Ja, wenn Sie die Verleumdung nicht widerrufen!

 

Einen Augenblick Geduld, keine Drohungen, wenn es gefällig ist, Herr Fernand Mondego, Vicomte von Morcerf, ich dulde sie nicht von meinen Feinden und noch viel weniger von meinen Freunden. Sie wollen also, daß ich die Behauptung über den General Fernand, an der ich bei meinem Ehrenworte keinen Anteil genommen habe, widerrufe?

 

Ja, ich will es! sagte Albert, dessen Kopf sich zu verwirren anfing.

 

Sonst werden wir uns schlagen? fuhr Beauchamp mit derselben Ruhe fort.

 

Ja, erwiderte Albert, die Stimme erhebend.

 

Wohl! hören Sie meine Antwort, mein lieber Herr: Diese Behauptung ist nicht von mir eingerückt worden, ich kannte sie nicht. Doch Sie haben durch Ihren Schritt meine Aufmerksamkeit auf die Tatsache gelenkt, an der ich festhalte; die Sache wird also bestehen bleiben, bis sie irgend jemand mit Fug und Recht widerlegt oder bestätigt hat.

 

Mein Herr, sagte Albert aufstehend, ich werde die Ehre haben, Ihnen meine Zeugen zu schicken; sie werden sich mit Ihnen über den Ort und die Waffen besprechen.

 

Sehr gut, mein lieber Herr.

 

Und heute abend, wenn es Ihnen beliebt, oder morgen spätestens treffen wir uns.

 

Nein! nein! Ich werde mich zur Stelle einfinden, wenn es sein muß, doch meiner Ansicht nach ist die Stunde noch nicht gekommen. Ich verlange drei Wochen; dann treffen wir uns, und ich sage Ihnen: Ja, die Behauptung ist falsch, und widerrufe sie, oder: Ja, die Sache ist wahr, und ich ziehe nach Ihrer Wahl den Degen aus der Scheide, oder nehme die Pistole aus dem Kasten.

 

Drei Wochen, rief Albert, drei Wochen sind drei Jahrhunderte, während deren ich entehrt bin.

 

Wären Sie mein Freund geblieben, so hätte ich gesagt: Geduld, Freund. Nun haben Sie sich zu meinem Feinde gemacht, und ich sage Ihnen: Was liegt mir daran, mein Herr!

 

Wohl, es sei, in drei Wochen! rief Morcerf. Doch bedenken Sie, nach drei Wochen kann Sie weder ein Aufschub, noch eine Ausflucht mehr frei machen …

 

Herr von Morcerf, sagte Beauchamp, ebenfalls aufstehend, ich kann Sie erst in drei Wochen zur Tür hinauswerfen, und Sie sind erst zu dieser Zeit berechtigt, mir den Kopf zu spalten. Bis dahin ersparen wir uns alles Gebelle zweier Doggen, die einander gegenüber an der Kette liegen.

 

Hierauf grüßte Beauchamp den jungen Mann mit ernster Miene und ging in seine Druckerei.

 

Albert entfernte sich, und während er über den Boulevard fuhr, erblickte er Morel, der mit erhobenem Haupte und strahlenden Augen in der Richtung nach der Madeleine vorüberging.

 

Ah! sagte er seufzend, das ist ein glücklicher Mensch.

 

Zufällig täuschte er sich nicht.

 

Die Forderung

 

Die Forderung

 

Nun benutzte ich das Stillschweigen und die Dunkelheit des Saales, um mich, ohne gesehen zu werden, zu entfernen, mit einem im Gedanken an dich gebrochenen Herzen, schloß Beauchamp seinen Bericht.

 

Albert hielt seinen Kopf zwischen seinen Händen, hob sein Antlitz rot und in Tränen gebadet empor, ergriff Beauchamp am Arm und sagte: Freund, mein Leben ist aus; ich muß den Menschen suchen, der mich mit seiner Feindschaft verfolgt. Sobald ich diesen Menschen kenne, töte ich ihn, oder er tötet mich; ich zähle jedoch auf die Stütze Ihrer Freundschaft, Beauchamp, wenn dieses Gefühl in Ihrem Herzen noch nicht durch Verachtung ertötet ist.

 

Verachtung, mein Freund? Wie können Sie so sprechen! Nein, Gott sei Dank, wir leben nicht mehr in einer Zeit, wo ein ungerechtes Vorurteil die Söhne für die Handlungen der Väter verantwortlich macht. Überschauen Sie Ihr ganzes Leben, Albert; es ist freilich erst ein Anfang, aber nie war die Morgenröte eines schönen Tages reiner, als Ihr Sonnenaufgang. Nein, Albert, glauben Sie mir, Sie sind jung, Sie sind reich; verlassen Sie Frankreich, alles vergißt sich schnell in diesem großen Babylon. Sie kommen in drei oder vier Jahren zurück, und niemand denkt mehr an das, was vorgefallen ist, noch viel weniger an das, was sich vor sechzehn Jahren ereignete.

 

Ich danke, lieber Beauchamp, ich danke für die vortreffliche Absicht, die Ihnen diese Worte eingibt; aber Sie begreifen, da ich in dieser Angelegenheit persönlich beteiligt bin, kann ich sie nicht aus demselben Gesichtspunkte ansehen, wie Sie. Ich wiederhole Ihnen, Beauchamp, wenn Sie noch mein Freund sind, wie Sie sagen, so helfen Sie mir die Hand finden, die den Schlag geführt hat.

 

Es sei! Ist es Ihre Absicht, Nachforschungen nach einem Feinde anzustellen, so stelle ich sie mit Ihnen an. Und ich werde ihn finden, denn meine Ehre ist hierbei beinahe ebensosehr beteiligt, wie die Ihrige.

 

Dann beginnen wir auf der Stelle, ohne Verzug unsere Nachforschungen. Jede Minute Verzug ist eine Ewigkeit für mich; der Denunziant ist noch nicht bestraft, er kann also hoffen, er werde nicht bestraft werden; und bei meiner Ehre! wenn er dies hofft, so täuscht er sich.

 

Wohl, so hören Sie, Morcerf.

 

Ah! Beauchamp, ich sehe, Sie wissen etwas; Sie geben mir das Leben wieder!

 

Ich sage Ihnen nicht, es sei Gewißheit, Albert, aber es ist wenigstens ein Licht im Dunkel; folgen wir diesem Lichte, und es wird uns vielleicht zum Ziele führen.

 

Sprechen Sie, die Ungeduld verzehrt mich.

 

Gut! ich will Ihnen erzählen, was ich Ihnen nicht sagen wollte, als ich von Janina zurückkam. Hören Sie also! Ich ging natürlich zum ersten Bankier der Stadt, um Erkundigungen einzuziehen; nach zwei Worten sagte er mir, ehe ich den Namen Ihres Vaters ausgesprochen hatte: Ah, sehr gut! ich errate, was Sie hierher führt. – Wieso? – Weil ich vor kaum vierzehn Tagen über denselben Gegenstand befragt worden bin und zwar von einem Pariser Bankier, namens Danglars.

 

Er? rief Albert; er verfolgt in der Tat seit langer Zeit meinen Vater mit seiner Eifersucht und seinem Hasse; er, der angebliche Volksmann, der es dem Grafen von Morcerf nicht verzeihen kann, daß er Pair von Frankreich ist. Und dann, das Abbrechen des Heiratsplanes, ohne irgend eine Ursache anzugeben … ja, ja, er ist’s.

 

Erkundigen Sie sich, aber erhitzen Sie sich nicht zum voraus; erkundigen Sie sich, und wenn die Sache wahr ist …

 

Oh, wenn die Sache wahr ist, rief der junge Mann, so soll er mir alles bezahlen, was ich gelitten habe.

 

Nehmen Sie sich in acht, Morcerf, er ist ein alter Mann.

 

Oh! seien Sie unbesorgt, Sie begleiten mich, Beauchamp; feierliche Dinge müssen vor Zeugen verhandelt werden. Ist Danglars der Schuldige, so hat er vor dem Ende dieses Tages zu leben aufgehört, oder ich bin tot. Bei Gott! Ich will meiner Ehre ein schönes Leichenbegängnis bereiten.

 

Wohl! Albert, sind solche Entschlüsse einmal gefaßt, so muß man sie auf der Stelle in Ausführung bringen. Sie wollen zu Herrn Danglars gehen? Vorwärts!

 

Vor dem Hause des Bankiers sahen sie den Wagen des Herrn Andrea Cavalcanti stehen.

 

Ah! bei Gott! das geht gut! sagte Albert düster. Will sich Herr Danglars nicht mit mir schlagen, so töte ich seinen Schwiegersohn. Ein Cavalcanti muß sich schlagen.

 

Man meldete Albert dem Bankier, der bei seinem Namen, da er wußte, was am Tage vorher vorgefallen war, ihm den Eintritt verweigern ließ. Aber es war zu spät; Albert folgte dem Bedienten, stieß die Tür auf und drang mit Beauchamp in das Kabinett des Bankiers.

 

Mein Herr! rief dieser, steht es mir nicht frei, zu empfangen, wen ich will? Es scheint mir, Sie vergessen sich auf eine sonderbare Weise.

 

Nein, mein Herr, erwiderte Albert mit kaltem Tone, es gibt Umstände, wo man, wenn man sich keiner Feigheit schuldig machen will, wenigstens für gewisse Personen zu Hause sein muß.

 

Was wollen Sie von mir, mein Herr?

 

Ich will, sagte Albert, sich dem Bankier nähernd, – ohne daß es schien, als bemerke er Cavalcanti, der am Kamin lehnte – ich will Ihnen eine Zusammenkunft in einem verborgenen Winkel vorschlagen, wo uns zehn Minuten lang niemand stören wird; von den zwei Personen, die sich treffen werden, bleibt eine unter den Bäumen.

 

Danglars erbleichte. Cavalcanti machte eine Bewegung. Albert wandte sich zu dem jungen Manne um und sagte: Mein Gott! kommen Sie auch, wenn Sie wollen, Herr Graf; Sie haben das Recht, dabei zu sein, Sie gehören ja fast zur Familie, und ich gewähre solche Zusammenkünfte so vielen Menschen, als sie annehmen wollen.

 

Cavalcanti schaute Danglars erstaunt an; dieser erhob sich mit Anstrengung und trat zwischen die jungen Leute. Der Angriff Alberts auf Andrea ließ ihn hoffen, Alberts Besuch sei einer andern Ursache zuzuschreiben, als der, die er zuerst vorausgesetzt hatte.

 

Mein Herr, sagte er zu Albert, wenn Sie hierher kommen, um mit diesem Herrn Streit zu suchen, weil er Ihnen vorgezogen wurde, so bemerke ich Ihnen, daß ich das vor den Staatsanwalt bringen werde.

 

Sie täuschen sich, mein Herr, entgegnete Morcerf mit düsterem Lächeln, ich spreche von nichts weniger, als Heiratsangelegenheiten, und ich wende mich an diesen Herrn nur, weil er sich in unsere Verhandlung mischen zu wollen schien. Und dann haben Sie recht, ich suche heute mit jedem Streit; doch seien Sie unbesorgt, Herr Danglars, der Vorrang gebührt Ihnen.

 

Mein Herr, sagte Danglars, bleich vor Zorn und Angst, ich bemerke Ihnen, wenn mir das Unglück widerfährt, einen wütenden Hund auf meinem Wege zu treffen, so töte ich ihn, und weit entfernt, mich schuldig zu fühlen, glaube ich damit der Gesellschaft einen Dienst zu leisten. Wenn Sie nun wütend sind und mich zu beißen versuchen, so sage ich Ihnen, ich werde Sie töten. Ist es denn meine Schuld, daß Ihr Vater entehrt ist?

 

Ja, Elender! rief Morcerf, es ist deine Schuld!

 

Danglars machte einen Schritt rückwärts.

 

Meine Schuld! sagte er, sind Sie verrückt? Was weiß ich davon? War ich in Griechenland? Habe ich Ihrem Vater geraten, die Schlösser Alis zu verkaufen, zu verraten …

 

Still! sagte Albert dumpf. Sie sind es, der die ganze schändliche Geschichte heuchlerisch und hinterlistig angezettelt hat. – Ich?

 

Ja, Sie! Woher kommt die Enthüllung?

 

Mir scheint, die Zeitung hat es Ihnen gesagt, aus Janina, bei Gott!

 

Wer hat nach Janina geschrieben, um Erkundigungen über meinen Vater einzuziehen?

 

Ich denke, jeder kann nach Janina schreiben.

 

Es hat nur eine Person geschrieben und zwar Sie!

 

Ich habe allerdings geschrieben; doch ich glaube, wenn man seine Tochter an einen jungen Mann verheiratet, kann man Erkundigungen über die Familie einziehen; es ist dies nicht bloß ein Recht, sondern auch eine Pflicht.

 

Sie haben geschrieben, während Sie doch schon wußten, welche Antwort Ihnen zukommen würde.

 

Ich! oh, ich schwöre Ihnen, rief Danglars mit einem Vertrauen und mit einer Sicherheit, die vielleicht weniger von seiner Furcht, als von der Teilnahme herrührten, die er im Grunde für den unglücklichen jungen Mann fühlte, ich schwöre Ihnen, nie hätte ich daran gedacht, dorthin zu schreiben. Kannte ich die Katastrophe von Ali Pascha?

 

Es hat Sie also jemand angetrieben, zu schreiben?

 

Gewiß.

 

Wer? … vollenden Sie …?

 

Bei Gott! das ist ganz einfach; ich sprach von der Vergangenheit Ihres Vaters, ich sagte, die Quelle seines Vermögens sei stets dunkel geblieben. Die Person fragte mich, wo sich Ihr Vater dieses Vermögen gemacht hätte. Ich antwortete: In Griechenland. Da sagte sie mir: Nun, so schreiben Sie nach Janina!

 

Und wer hat Ihnen diesen Rat gegeben?

 

Bei Gott! der Graf von Monte Christo, Ihr Freund.

 

Albert und Beauchamp schauten sich an.

 

Mein Herr, sagte Beauchamp, der noch nicht das Wort genommen hatte, es scheint mir, Sie klagen den Grafen an, weil er in diesem Augenblick von Paris entfernt ist und sich nicht rechtfertigen kann?

 

Ich klage niemand an, antwortete Danglars, und werde in Gegenwart des Herrn Grafen von Monte Christo wiederholen, was ich soeben vor Ihnen gesagt habe.

 

Und der Graf weiß, welche Antwort Ihnen zugekommen ist? – Ja, ich habe sie ihm gezeigt.

 

Wußte er, daß der Taufname meines Vaters Fernand und sein Familienname Mondego war?

 

Ja, ich hatte es ihm längst gesagt; übrigens tat ich hierbei nur, was jeder andere an meiner Stelle getan hätte, und vielleicht noch weniger. Als am Tage nach dieser Antwort Ihr Vater meine Tochter offiziell von mir verlangte, schlug ich ihm ihre Hand allerdings unumwunden ab, doch ohne Erklärung, ohne Lärm. Warum sollte ich auch Lärm machen! Was war mir an der Ehre oder der Schande des Herrn von Morcerf gelegen? Das ließ die Rente weder steigen noch fallen.

 

Albert fühlte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. Es unterlag keinem Zweifel mehr, Danglars verteidigte sich mit der Gemeinheit, aber zugleich auch mit der Sicherheit eines Menschen, der, wenn nicht die volle Wahrheit, doch wenigstens einen Teil der Wahrheit sagt, allerdings nicht aus Gewissenhaftigkeit, sondern aus Schrecken. Und dann stellte sich ihm alles, was er vergessen oder nicht beachtet hatte, wieder vor Augen. Monte Christo wußte alles, da er die Tochter Ali Paschas gekauft hatte, und hatte trotzdem Danglars den Rat gegeben, nach Janina zu schreiben. Während ihm die Antwort schon bekannt war, hatte er Alberts Wunsche, Haydee vorgestellt zu werden, nachgegeben; bei ihr hatte er das Gespräch auf Alis Tod gelenkt und Haydees Erzählung nicht verhindert. Hatte er nicht überdies ihn selbst gebeten, den Namen seines Vaters nicht vor Haydee auszusprechen? Endlich hatte er Albert in dem Augenblick, wo der Lärm losbrechen sollte, nach der Normandie geführt. Es unterlag keinem Zweifel mehr, alles beruhte auf Berechnung, und Monte Christo war ohne Zweifel im Einverständnis mit den Feinden seines Vaters.

 

Albert nahm Beauchamp in eine Ecke und teilte ihm alle seine Gedanken mit.

 

Sie haben recht, sagte Beauchamp, Herr Danglars ist an dem, was vorgefallen, nur äußerlich beteiligt, und Sie müssen von Monte Christo eine Erklärung verlangen.

 

Albert wandte sich um und sagte zu Danglars: Mein Herr, Sie begreifen, daß ich mich mit Ihrer Aussage nicht ohne weiteres begnügen kann; ich muß erst sehen, ob Ihre Anschuldigungen begründet sind, und ich will mich auf der Stelle hiervon bei Herrn von Monte Christo überzeugen.

 

Er entfernte sich mit Beauchamp, ohne sich im geringsten um Cavalcanti zu bekümmern. Danglars geleitete ihn zur Tür und erneuerte die Versicherung, daß kein Beweggrund persönlichen Hasses ihn gegen den Grafen von Morcerf antreibe.

 

Die Beleidigung

 

Die Beleidigung

 

Vor der Tür des Bankiers hielt Beauchamp Morcerf zurück und sagte: Sie wollen von Herrn von Monte Christo eine Erklärung verlangen. Überlegen Sie einen Augenblick, Morcerf, ehe Sie zu dem Grafen gehen, die ernste Bedeutung Ihres Schrittes.

 

Ist er ernster, als wenn ich zu Herrn Danglars gehe?

 

Ja; Herr Danglars ist ein Geldmensch, und Sie wissen, die Geldmenschen kennen zu genau das Kapital, das sie wagen, um sich so leicht zu schlagen. Der andere ist im Gegenteil ein Edelmann, wenigstens wie es scheint; doch fürchten Sie nicht, daß unter dem Edelmann ein Bravo steckt?

 

Ich fürchte nur, einen Menschen zu treffen, der sich nicht schlägt.

 

Oh! seien Sie unbesorgt, sagte Beauchamp, der wird sich schlagen. Nehmen Sie sich in acht, ich fürchte, er schlägt sich nur zu gut.

 

Freund, entgegnete Morcerf mit einem schönen Lächeln, das ist es, was ich wünsche; und das größte Glück, das mir widerfahren kann, ist, für meinen Vater getötet zu werden.

 

Ihre Mutter wird darüber sterben.

 

Arme Mutter! versetzte Albert, mit der Hand über seine Augen fahrend, ich weiß es wohl, doch besser, sie stirbt hierüber, als sie stirbt vor Schande.

 

Sie sind also fest entschlossen, Albert? – Vorwärts!

 

Sie stiegen in ihren Wagen und ließen sich zum Grafen fahren. Als sie ausgestiegen waren, eilte Albert so schnell vorwärts, daß ihm der Freund kaum zu folgen vermochte. Baptistin empfing sie. Der Graf war von der Reise zurückgekommen, aber er saß im Bade und hatte verboten, irgend jemand zu empfangen.

 

Doch nach dem Bade? – Wird der Graf in die Oper fahren.

 

Sind Sie dessen gewiß? – Vollkommen; der Herr Graf hat seine Pferde auf Punkt acht Uhr bestellt.

 

Sehr gut, versetzte Albert; mehr wollte ich nicht wissen. Dann sich zu Beauchamp wendend, sagte er: Beauchamp, ich zähle darauf, daß Sie mich in die Oper begleiten. Wenn Sie können, bringen Sie Chateau-Renaud mit.

 

Beauchamp verließ Albert, nachdem er ihm versprochen, ihn abzuholen.

 

Nach Hause zurückgekehrt, benachrichtigte Albert Franz, Debray und Morel von seinem Wunsche, sie ebenfalls in der Oper zu sehen. Dann besuchte er seine Mutter, die seit den Ereignissen des vorhergehenden Tages ihre Tür für jedermann verschlossen hatte. Er fand sie, vom Schmerz über die öffentliche Demütigung niedergeschmettert, im Bette. Alberts Anblick brachte auf sie die Wirkung hervor, die man davon erwarten konnte; sie drückte ihrem Sohne die Hand und brach in ein Schluchzen aus.

 

Albert blieb einen Augenblick stumm vor dem Bette seiner Mutter stehen. Man sah an seinem bleichen Gesichte und an seiner gerunzelten Stirne, daß sein Racheentschluß sich immer mehr in seinem Herzen abstumpfte.

 

Meine Mutter, sagte Albert, kennen Sie irgend einen Feind des Herrn von Morcerf?

 

Mercedes bebte, denn sie hatte bemerkt, daß der junge Mann nicht »von meinem Vater« sagte.

 

Mein Freund, sagte sie, die Menschen in der Stellung des Grafen haben viele Feinde, die sie nicht kennen. Und die Feinde, die man nicht kennt, sind die gefährlichsten.

 

Ja, ich weiß dies und wende mich daher an Ihren Scharfsinn. Meine Mutter, Sie sind eine so kluge Frau, daß Ihnen nichts entgeht.

 

Warum sagst du mir dies?

 

Weil Sie zum Beispiel bemerkten, daß an unserem Ballabend der Graf von Monte Christo nichts bei uns hat nehmen wollen.

 

Mercedes erhob sich zitternd und rief: Herr von Monte Christo? Wie hängt das mit der Frage zusammen, die du an mich richtest?

 

Sie wissen, Herr von Monte Christo ist fast ein Orientale, und um ihre volle Rachefreiheit zu bewahren, essen und trinken die Orientalen nichts bei ihren Feinden.

 

Herr von Monte Christo unser Feind, sagst du, Albert? entgegnete Mercedes, weißer werdend, als das Tuch, das sie bedeckte. Wer hat dir das gesagt? Warum? Du bist toll, Albert. Herr von Monte Christo hat uns nur Freundliches erwiesen; er hat dir das Leben gerettet, und du selbst hast ihn uns vorgestellt. Oh! ich bitte dich, mein Sohn, wenn du einen solchen Gedanken hegtest, so verbanne ihn, und wenn du auf meine Bitte etwas gibst, so bleibe in gutem Einvernehmen mit ihm.

 

Meine Mutter, versetzte der junge Mann mit düsterem Blicke, Sie haben Ihre Gründe, daß Sie mir sagen, ich solle diesen Mann schonen.

 

Ich! rief Mercedes … und sie errötete ebenso schnell wie sie erbleicht war, und wurde beinahe in demselben Augenblicke noch bleicher, als zuvor.

 

Ja, allerdings, Ihr Grund ist, daß der Graf uns Böses zufügen kann, nicht so?

 

Mercedes bebte und erwiderte, einen forschenden Blick auf ihren Sohn heftend: Du sprichst seltsam mit mir und hast, wie mir scheint, sonderbare Vorurteile. Was tat dir der Graf? Vor drei Tagen reistest du mit ihm in die Normandie; vor drei Tagen betrachtete ich ihn als deinen besten Freund, und du warst derselben Meinung.

 

Ein ironisches Lächeln umschwebte Alberts Lippen. Mercedes sah dieses Lächeln und erriet mit ihrem doppelten Instinkte der Frau und der Mutter alles; aber klug und stark, verbarg sie ihre Unruhe und ihr Beben.

 

Albert ließ das Gespräch fallen; nach einem Augenblick knüpfte es die Gräfin wieder an.

 

Du bist gekommen, um mich zu fragen, wie es mir gehe, sagte sie; ich antworte dir offen, ich fühle mich unwohl. Du solltest dich einrichten, Albert, mir Gesellschaft zu leisten, ich möchte nicht allein sein.

 

Meine Mutter, ich stände zu Ihren Befehlen, und Sie wissen wie gern, wenn mich nicht eine wichtige Angelegenheit zwänge, Sie heute abend zu verlassen.

 

Ah! gut, erwiderte Mercedes mit einem Seufzer, geh, Albert, ich will dich nicht zum Sklaven deiner kindlichen Liebe machen.

 

Albert stellte sich, als hörte er nicht, grüßte seine Mutter und ging.

 

Kaum war der junge Mann fort, als Mercedes einen vertrauten Diener rufen ließ; diesem befahl sie, Albert überall zu folgen, wohin er gehen würde, und ihr sogleich Meldung zu machen. Dann läutete sie ihrer Kammerfrau und ließ sich, so schwach sie war, ankleiden, um auf jeden Fall bereit zu sein.

 

Der dem Bedienten erteilte Auftrag war nicht schwer zu vollziehen. Albert kehrte in seine Wohnung zurück und kleidete sich äußerst sorglich an. Zehn Minuten vor acht Uhr kam Beauchamp.

 

Beide stiegen in Alberts Wagen, und dieser rief, da er keinen Grund hatte, zu verbergen, wohin er fuhr, ganz laut: In die Oper.

 

In seiner Ungeduld kam er vor dem Aufziehen des Vorhangs. Chateau-Renaud, von Beauchamp unterrichtet, saß auf seinem Sperrsitze. Er bemühte sich durchaus nicht, Albert abzuraten, sondern beschränkte sich darauf, dem Freunde die Versicherung zu wiederholen, er stehe zu seiner Verfügung.

 

Debray war noch nicht eingetroffen; doch Albert wußte, daß er selten bei einer Vorstellung der Oper ausblieb. Albert irrte bis zum Aufziehen des Vorhangs im Theater umher. Er hoffte, Monte Christo entweder im Gange oder auf der Treppe zu treffen. Dann ging er an seinen Platz und setzte sich im Orchester zwischen Chateau-Renaud und Beauchamp.

 

Doch seine Augen verließen Monte Christos Loge nicht, die während des ersten Aktes hartnäckig geschlossen blieb. Endlich am Anfange des zweiten Aktes, als Albert zum hundertsten Male seine Uhr befragte, öffnete sich die Tür der Loge: Monte Christo trat schwarzgekleidet ein und stützte sich auf das Geländer, um in den Saal zu schauen, dort gewahrte er einen bleichen Kopf und funkelnde Augen, die gierig seine Blicke anzuziehen schienen, und erkannte Albert. Ohne irgend eine seine Gedanken verratende Bewegung zu machen, setzte er sich, zog sein Opernglas hervor und schaute nach einer anderen Seite.

 

Doch während es den Anschein hatte, als bemerke er Albert nicht, verlor ihn der Graf nicht aus dem Auge, und als der Vorhang am Ende des zweiten Aktes fiel, folgte sein unfehlbarer Blick dem jungen Mann, der, begleitet von seinen Freunden, das Orchester verließ. Dann erschien derselbe Kopf wieder in einer Loge der seinigen gegenüber. Der Graf fühlte, daß der Sturm gegen ihn losbrach, und als er den Schlüssel im Schlosse seiner Loge drehen hörte, wußte er, obgleich er in diesem Augenblick lächelnd mit dem neben ihm sitzenden Morel sprach, was bevorstand, und war auf alles gefaßt.

 

Die Tür öffnete sich. Jetzt erst wandte sich Monte Christo um und erblickte Albert zitternd und leichenblaß. Hinter ihm standen Beauchamp und Chateau-Renaud.

 

Sieh da! rief er mit jener wohlwollenden Höflichkeit, die gewöhnlich seinen Gruß von den Alltagsgrüßen unterschied, mein Reiter ist am Ziele angelangt. Guten Abend, Herr von Morcerf.

 

Und das Gesicht dieses Mannes, der auf eine so seltsame Weise seiner Herr war, drückte die vollkommenste Herzlichkeit aus.

 

Nun erst erinnerte sich Morel des Briefes, den er vom Vicomte empfangen, und worin ihn dieser ohne eine andere Erklärung gebeten hatte, sich in der Oper einzufinden, und er begriff, daß etwas Furchtbares vor sich gehen sollte.

 

Wir kommen nicht hierher, um heuchlerische Höflichkeiten und falsche Freundschaftsbezeugungen auszutauschen, sagte der junge Mann; wir kommen, um eine Erklärung von Ihnen zu fordern, Herr Graf.

 

Die zitternde Stimme des jungen Mannes drang kaum durch seine geschlossenen Zähne.

 

Eine Erklärung in der Oper? sagte der Graf mit dem ruhigen Tone und dem durchdringenden Auge des stets seiner selbst sicheren Mannes. So wenig ich mit den Pariser Gewohnheiten vertraut bin, so hätte ich doch nicht geglaubt, daß man hier Erklärungen zu fordern pflege.

 

Wenn sich jedoch die Leute verleugnen lassen, sagte Albert, unter dem Vorwande, sie seien im Bad, so muß man sich an sie wenden, wo man sie trifft.

 

Ich bin nicht so schwer zu treffen, denn noch gestern, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, waren Sie bei mir.

 

Gestern, mein Herr, entgegnete der junge Mann, dessen Kopf in Flammen geriet, gestern befand ich mich bei Ihnen, weil ich nicht wußte, wer Sie waren.

 

Bei diesen Worten hatte Albert die Stimme dergestalt erhoben, daß die Inhaber der benachbarten Logen, sowie die Personen, die sich in den Gängen befanden, ihn hörten, stehen blieben und sich umsahen.

 

Woher kommen Sie denn, mein Herr? sagte Monte Christo, scheinbar ohne jede Erregung. Ich glaube, Sie erfreuen sich nicht Ihres ganzen Verstandes.

 

Wenn ich Ihre Treulosigkeit begreife, und es mir gelingt, Ihnen begreiflich zu machen, daß ich mich rächen will, werde ich noch vernünftig genug sein, versetzte Albert wütend.

 

Mein Herr, ich verstehe Sie nicht, erwiderte Monte Christo, und wenn ich Sie auch verstände, so würden Sie immer noch zu laut sprechen. Ich bin hier bei mir und allein berechtigt, meine Stimme über andere zu erheben. Gehen Sie, mein Herr!

 

Und Monte Christo wies Albert mit einer bewundernswert gebieterischen Gebärde die Tür.

 

Ah! ich werde es wohl dahin bringen, daß Sie hinausgehen, sagte Albert, krampfhaft seinen Handschuh zerknitternd, den der Graf nicht aus dem Gesichte verlor.

 

Gut, gut! erwiderte phlegmatisch Monte Christo, Sie suchen Streit mit mir, mein Herr, das sehe ich; doch eines, Vicomte, merken Sie sich: es ist eine schlechte Sitte, mit Geschrei herauszufordern, Herr von Morcerf.

 

Ein Gemurmel des Erstaunens durchlief bei diesem Namen wie ein Schauer die Zuhörer dieser Szene. Seit dem vorhergehenden Tage war der Name Morcerf in aller Mund.

 

Besser als alle und zuerst von allen begriff Albert die Anspielung und machte eine Bewegung, seinen Handschuh dem Grafen ins Gesicht zu schleudern; aber Morel faßte ihn bei der Faust, während Beauchamp und Chateau-Renaud, in der Furcht, die Szene könne die Grenzen einer Herausforderung überschreiten, ihn von hinten zurückhielten.

 

Monte Christo aber streckte, ohne aufzustehen und nur seinen Stuhl neigend, die Hand aus, zog aus den krampfhaft zusammengepreßten Fingern des jungen Mannes den feuchten Handschuh und sagte mit einem furchtbaren Ausdrucke: Mein Herr, ich nehme Ihren Handschuh als geworfen an und werde Ihnen denselben um eine Kugel gewickelt zurückschicken. Nun gehen Sie von hier weg, oder ich rufe meine Diener und lasse Sie hinauswerfen.

 

Trunken, verwirrt, mit blutigen Augen machte Albert zwei Schritte rückwärts.

 

Morel benutzte diese Gelegenheit, um die Tür wieder zu schließen. Monte Christo ergriff sein Doppelglas und fing an hindurchzuschauen, als ob nichts Besonderes vorgefallen wäre. Dieser Mann hatte ein Herz von Erz und ein Gesicht von Marmor. Morel neigte sich an sein Ohr und sagte zu ihm: Was haben Sie ihm getan?

 

Ich? Nichts, persönlich wenigstens, sagte Monte Christo.

 

Diese seltsame Szene muß doch einen Grund haben?

 

Die Geschichte des Grafen von Morcerf bringt den unglücklichen jungen Mann ganz außer sich.

 

Haben Sie denn Anteil daran?

 

Die Kammer ist durch Haydee von dem Verrate seines Vaters unterrichtet worden.

 

Man hat mir in der Tat davon erzählt, sagte Morel, doch ich wollte nicht glauben, daß die griechische Sklavin die Tochter Ali Paschas ist. – Es ist die reine Wahrheit.

 

Oh! mein Gott, ich begreife nun alles, und diese Szene ist absichtlich herbeigeführt worden. – Wieso?

 

Ja. Albert schreibt mir, ich möchte mich heute abend in der Oper einfinden; er wollte mich also zum Zeugen der von ihm beabsichtigten Beleidigung haben.

 

Wahrscheinlich, sagte Monte Christo mit seiner unstörbaren Ruhe.

 

Aber was werden Sie mit ihm machen?

 

Mit Albert? versetzte Monte Christo in demselben Tone, was ich mit ihm machen werde, Maximilian? So wahr Sie hier sind und ich Ihnen die Hand drücke, töte ich ihn morgen vormittag um zehn Uhr; das werde ich machen.

 

Morel nahm ebenfalls Monte Christos Hand in die seinige und bebte, als er diese kalte und ruhige Hand fühlte.

 

Ah! Graf, sagte er, sein Vater liebt ihn so sehr!

 

Sagen Sie mir das nicht! rief Monte Christo mit der ersten Regung des Zornes, der ihn zu fassen schien, er mag leiden!

 

Morel ließ erstaunt die Hand fallen.

 

Graf! Graf! sagte er.

 

Lieber Maximilian, sagte der Graf, hören Sie doch, wie bewunderungswürdig Duprez die Worte singt: O Mathilde! idole de mon âme! … Bravo! Bravo!

 

Morel sah, daß hier jedes weitere Wort überflüssig war, und wartete. Der Vorhang, der am Ende der Szene mit Albert aufging, ging bald wieder herunter. Man klopfte an die Tür.

 

Herein, rief Moute Christo, ohne daß seine Stimme die geringste Bewegung erriet. Beauchamp trat ein.

 

Guten Abend, Herr Beauchamp, grüßte Moute Christo, als ob er den Journalisten an diesem Abend zum ersten Male sähe; setzen Sie sich doch!

 

Beauchamp grüßte, trat ein und setzte sich.

 

Mein Herr, sagte er zu Monte Christo, ich begleitete soeben, wie Sie wahrnehmen konnten, Herrn von Morcerf.

 

Das heißt, Sie wollen sagen. Sie haben miteinander zu Mittag gespeist, erwiderte lachend Monte Christo. Ich bin glücklich, zu bemerken, mein lieber Herr Beauchamp, daß Sie nüchterner sind, als er.

 

Mein Herr, sagte Beauchamp, ich gestehe, Albert hat unrecht gehabt, in Hitze zu geraten, und ich komme auf meine eigene Rechnung, um Entschuldigung zu bitten. Nun aber, da dies geschehen ist, hoffe ich, Sie werden mir eine Erklärung geben über Ihre Verbindungen mit den Leuten in Janina. Dann zwei Worte über die junge Griechin …

 

Genug, genug, mein Herr! fiel ihm der Graf ins Wort. Ich sehe, Sie verlangen für Ihren Freund Erklärungen von mir. So sagen Sie dem Vicomte. In unser beider Adern fließt Blut, das wir zu vergießen Lust haben, morgen vor zehn Uhr werde ich die Farbe des seinigen gesehen haben.

 

Es bleibt also nur noch übrig, die Anordnungen des Zweikampfes festzustellen.

 

Das ist mir vollkommen gleichgültig, entgegnete Monte Christo; es war also unnötig, mich im Schauspiel wegen einer solchen Lappalie zu stören. In Frankreich schlägt man sich mit Degen oder auf Pistolen; in den Kolonien greift man zur Büchse; in Arabien nimmt man den Dolch. Sagen Sie Ihrem Klienten, daß ich ihm, obgleich beleidigt, die Wahl der Waffen überlasse und alles ohne Widerrede annehme; alles, hören Sie wohl? Sogar den Zweikampf durch das Los, was immer albern ist. Doch bei mir ist es etwas anderes, ich bin sicher, zu gewinnen.

 

Sicher, zu gewinnen! wiederholte Beauchamp, den Grafen mit bestürztem Auge anschauend.

 

Ganz gewiß, sagte Monte Christo, leicht die Achseln zuckend. Sonst würde ich mich nicht mit Herrn von Morcerf schlagen. Ich werde ihn töten, es muß sein, es wird sein. Nur die Stunde und die Waffe lassen Sie mich heute abend wissen, ich lasse nicht gern auf mich warten.

 

Auf Pistolen, morgens um acht Uhr, im Walde von Vincennes, sagte Beauchamp, ganz aus der Fassung gebracht.

 

Gut, mein Herr, sagte Monte Christo; da nun alles in Ordnung ist, so lassen Sie mich dem Gesange zuhören, ich bitte Sie, und sagen Sie Ihrem Freunde Albert, er möge heute abend nicht wiederkommen; lassen Sie ihn nach Hause gehen und schlafen.

 

Beauchamp entfernte sich, im höchsten Grade erstaunt.

 

Sagen Sie, sprach Monte Christo, sich gegen Morel umwendend, nicht wahr, ich kann auf Sie zählen?

 

Gewiß, Sie können über mich verfügen, Graf; … und wer ist Ihr zweiter Zeuge?

 

Ich kenne niemand, dem ich diese Ehre erweisen möchte, als Ihnen, Morel, und Ihrem Schwager Emanuel. Glauben Sie, Emanuel würde mir diesen Dienst leisten?

 

Ich stehe für ihn, wie für mich, Graf.

 

Gut! mehr brauche ich nicht. Morgen früh um sieben Uhr bei mir, nicht wahr?

 

Wir werden uns einfinden.

 

Die Nacht

 

Die Nacht

 

Fünf Minuten nach Schluß der Oper war der Graf zu Hause und rief Ali, von dem er sich seine Pistolen bringen ließ, dann prüfte er die Waffen mit einer für einen Mann, der sein Leben ein wenig Pulver und Blei anvertraut, sehr natürlichen Sorgfalt.

 

Er war eben im Begriff, die Waffe in die Hand zu nehmen und sich den Zielpunkt auf einem kleinen Plättchen von Eisenblech, das ihm als Scheibe diente, zu wählen, als die Tür seines Kabinetts sich öffnete und Baptistin eintrat.

 

Doch ehe dieser ein Wort gesprochen hatte, erblickte der Graf durch die offengebliebene Tür eine verschleierte Frau, die Baptistin gefolgt war und im Halbschatten des anstoßenden Zimmers stand.

 

Sie gewahrte den Grafen, eine Pistole in der Hand, sie sah zwei Degen auf dem Tische und stürzte herein.

 

Baptistin befragte seinen Herrn mit dem Blicke. Der Graf machte ein Zeichen, Baptistin entfernte sich und schloß die Tür hinter sich.

 

Wer sind Sie, gnädige Frau? fragte der Graf.

 

Die Unbekannte schaute umher, um sich zu versichern, daß sie allein war, verneigte sich, als wollte sie niederknien, faltete die Hände und rief mit einem Tone der Verzweiflung: Edmond! Sie werden meinen Sohn nicht töten!

 

Der Graf machte einen Schritt rückwärts, stieß einen schwachen Schrei aus, ließ seine Waffe fallen und erwiderte: Welchen Namen haben Sie da ausgesprochen, Frau von Morcerf?

 

Den Ihrigen, rief sie, ihren Schleier zurückschlagend, den ich allein nicht vergessen habe. Edmond, nicht Frau von Morcerf kommt zu Ihnen, sondern Mercedes.

 

Mercedes ist tot, gnädige Frau, sagte Monte Christo, und ich kenne niemand dieses Namens mehr.

 

Mercedes lebt, mein Herr, und Mercedes erinnert sich, denn sie allein hat Sie erkannt, als sie Ihr Antlitz erblickte, und sogar ohne Sie zu sehen, Edmond, schon am Tone Ihrer Stimme, und seit dieser Zeit folgt sie Ihnen Schritt für Schritt, sie überwacht Sie, sie fürchtet Sie, und sie hatte nicht nötig, die Hand zu suchen, von der der Schlag ausging, der Herrn von Morcerf niederwarf.

 

Fernand wollen Sie sagen, versetzte Monte Christo mit bitterer Ironie; da wir uns der Namen wieder erinnern, so wollen wir diesen nicht vergessen.

 

Monte Christo sprach den Namen Fernand mit einem solchen Tone des Hasses aus, daß Mercedes fühlte, wie ein Schauer des Schreckens ihren Leib durchlief.

 

Sehen Sie, Edmond, daß ich mich nicht getäuscht habe, rief sie, und daß ich recht hatte, Ihnen zu sagen: Schonen Sie meinen Sohn!

 

Und wer sagt Ihnen, daß ich gegen Ihren Sohn aufgebracht bin?

 

Mein Gott! niemand; aber eine Mutter ist mit dem doppelten Gesichte begabt. Ich habe alles erraten, ich bin ihm in die Oper gefolgt und habe, in einer Loge verborgen, alles gesehen.

 

Wenn Sie alles gesehen haben, so haben Sie auch gesehen, daß mich Fernands Sohn öffentlich beleidigte, sagte Monte Christo mit furchtbarer Ruhe.

 

Hören Sie. Mein Sohn hat Sie auch erraten; er schreibt Ihnen die Unglücksfälle zu, die seinen Vater treffen.

 

Gnädige Frau, Sie verwechseln die Sache; es sind nicht Unglücksfälle, es ist eine Strafe. Nicht ich bin es, der Herrn von Morcerf schlägt, es ist die Vorsehung, die ihn bestraft.

 

Und warum treten Sie an die Stelle der Vorsehung? rief Mercedes. Warum erinnern Sie sich, wenn sie vergißt? Was ist Ihnen, Edmond, an Janina und seinem Wesir gelegen? Welches Unrecht hat Ihnen Fernand Mondego dadurch zugefügt, daß er Ali Tependelini verraten?

 

Das geht auch nur den fränkischen Kapitän und Wasilikis Tochter an. Sie haben recht, was kümmert’s mich? Und wenn ich geschworen habe, mich zu rächen, so ist es weder an dem fränkischen Kapitän, noch an dem Grafen von Morcerf, sondern an dem Fischer Fernand, dem Gatten der Katalonierin Mercedes.

 

Oh! rief die Gräfin, welch eine furchtbare Rache für einen Fehler, den ein Mißgeschick mich begehen ließ! Denn die Schuldige bin ich, Edmond, und wenn Sie sich an jemand zu rächen haben, so ist es an mir, weil es mir an Kraft gebrach, gegen Ihre Abwesenheit und meine Einsamkeit zu kämpfen.

 

Doch warum war ich abwesend, warum waren Sie einsam? – Weil Sie im Gefängnis saßen.

 

Und warum wurde ich verhaftet, warum saß ich im Gefängnis? – Ich weiß es nicht.

 

Ja, Sie wissen es nicht, gnädige Frau, wenigstens hoffe ich dies. Nun, ich will es Ihnen sagen. Ich wurde verhaftet, ich war Gefangener, weil unter der Laube der Reserve, am Vorabend des Tages, an dem ich Sie heiraten sollte, ein Mensch namens Danglars einen Brief geschrieben hatte, den der Fischer Fernand selbst auf die Post zu bringen übernahm.

 

Monte Christo ging an einen Sekretär, zog eine Schublade auf, aus der er ein vergilbtes Papier nahm und legte dieses Papier vor Mercedes‘ Angin. Es war der Brief von Danglars an den Staatsanwalt.

 

Mercedes las voll Schrecken die Denunziation.

 

Oh! mein Gott, rief sie, mit der Hand über ihre von Schweiß befeuchtete Stirn fahrend; dieser Brief …

 

Ich habe ihn um 200 000 Franken gekauft, und das war noch wohlfeil, da er mir heute gestattet, mich in Ihren Augen von jeder Schuld freizusprechen.

 

Und der Erfolg dieses Briefes?

 

Sie wissen, war meine Verhaftung; doch Sie wissen nicht, wie lange diese Haft gedauert hat; Sie wissen nicht, daß ich vierzehn Jahre, eine Viertelstunde von Ihnen entfernt, in einem Kerker des Kastells If geschmachtet habe. Sie wissen nicht, daß ich jeden Tag in diesen vierzehn Jahren das Gelübde der Rache erneuert habe, das ich am ersten Tage aussprach, und ich wußte nicht einmal, daß Sie Fernand, meinen Denunzianten, geheiratet hatten, und daß mein Vater gestorben, vor Hunger gestorben war!

 

Gerechter Gott! rief Mercedes wankend.

 

Aber ich habe dies erfahren, als ich das Gefängnis nach vierzehn Jahren wieder verließ, und darum habe ich geschworen, mich an Fernand zu rächen, und ich räche mich.

 

Und Sie wissen gewiß, daß Fernand dies getan hat?

 

Bei meiner Seele. Übrigens ist das nicht schlechter, als wenn man als Franzose durch Adoption zu den Engländern übergeht, als Spanier von Geburt gegen die Spanier kämpft und in Alis Solde Ali verrät und ermordet. Was war im Vergleich dazu der Brief, den Sie gelesen? Ein schlauer Kniff, den die Frau, die diesen Menschen heiratet, ich gestehe und begreife dies, verzeihen muß, den aber der Geliebte, der sie heiraten sollte, nicht vergißt. Wohl! die Franzosen haben sich nicht an dem Verräter gerächt, die Spanier haben den Verräter nicht erschossen, in seinem Grabe liegend, hat Ali den Verräter unbestraft gelassen; doch ich, verraten, ermordet, ebenfalls in ein Grab geworfen, bin aus diesem Grabe durch Gottes Gnade hervorgegangen und bin es Gott schuldig, daß ich mich räche; er schickt mich zu diesem Zwecke hierher, und hier bin ich.

 

Die arme Frau ließ ihren Kopf und ihre Hände sinken; ihre Beine bogen sich unter ihr, und sie fiel auf die Knie.

 

Verzeihen Sie mir, Edmond, sagte sie, verzeihen Sie, meinetwegen, denn ich liebe Sie noch!

 

Die Würde der Gattin zügelte den Ausdruck ihrer Worte. Ihre Stirn neigte sich, daß sie beinahe den Boden berührte. Der Graf eilte auf sie zu und hob sie auf. Auf einem Stuhle sitzend, konnte sie nur durch ihre Tränen sein männliches Gesicht betrachten, aus dem Schmerz und Haß abermals drohend sich ausprägten.

 

Daß ich das verfluchte Geschlecht nicht niedertrete! murmelte er, daß ich Gott ungehorsam werde, der mich zu seiner Bestrafung wiedererweckt hat, unmöglich, gnädige Frau, es kann nicht sein!

 

Edmond, sagte die arme Mutter, alle Mittel versuchend; mein Gott! wenn ich Sie Edmond nenne, warum nennen Sie mich nicht Mercedes?

 

Mercedes! wiederholte Monte Christo, Mercedes! ja wohl! Sie haben recht, es ist noch süß für mich, diesen Namen auszusprechen, und zum erstenmale seit langer Zeit klingt er so klar von meinen Lippen. Oh! Mercedes, ich habe Ihren Namen mit den Seufzern der Schwermut, mit dem Stöhnen des Schmerzes, mit dem Röcheln der Verzweiflung ausgesprochen; ich habe ihn ausgesprochen, von der Kälte zu Eis erstarrt, auf dem Stroh meines Kerkers kauernd; ich habe ihn ausgesprochen, verzehrt von der Hitze und mich auf den Platten meines Gefängnisses wälzend. Mercedes, ich muß mich rächen, denn vierzehn Jahre lang habe ich gelitten, vierzehn Jahre lang habe ich geweint, geflucht, nun muß ich mich rächen, Mercedes!

 

Rächen Sie sich, Edmond, rief die arme Mutter, aber rächen Sie sich an den Schuldigen, rächen Sie sich an mir, rächen Sie sich nicht an meinem Sohne!

 

Es steht geschrieben im heiligen Buche, antwortete Monte Christo, die Sünden der Eltern sollen auf ihre Kinder zurückfallen bis in das dritte und vierte Glied. Da Gott diese seine eigenen Worte seinem Propheten diktiert hat, warum sollte ich besser sein als Gott?

 

Weil Gott vor den Menschen die Zeit und die Ewigkeit hat.

 

Monte Christo stieß ein Stöhnen aus.

 

 

Edmond! fuhr Mercedes, die Arme gegen den Grafen ausstreckend, fort, seitdem ich Sie kenne, habe ich Ihren Namen angebetet, Ihr Andenken geehrt, Edmond! Oh, zwingen Sie mich nicht, dieses edle Bild zu trüben, das unablässig in dem Spiegel meines Herzens widerstrahlte. Edmond, wenn Sie alle Gebete kennen würden, die ich für Sie an Gott richtete, solange ich hoffte, Sie wären noch am Leben, und seitdem ich Sie für tot hielt! Ja für tot, man sagte, Sie hätten fliehen wollen, Sie wären in das Leichentuch eines Toten geschlüpft, und sodann vom Kastell herab in das Meer geschleudert worden; der Schrei, den Sie, auf den Felsen zerschellend, ausgestoßen, habe Ihre verwegene Tat und zugleich Ihren Tod verkündet. Wohl! Edmond, ich schwöre Ihnen bei dem Haupte des Sohnes, für den ich zu Ihnen flehe, Edmond, zehn Jahre lang sah ich jede Nacht Menschen, die etwas auf einem Felsen schaukelten; zehn Jahre lang hörte ich einen furchtbaren Schrei, der mich eisig erschauern ließ, so daß ich erwachte. Und auch ich, Edmond, oh! glauben Sie mir, auch ich, so sehr ich schuldig war, habe viel gelitten!

 

Haben Sie gefühlt, wie Ihr Vater während Ihrer Abwesenheit verhungert ist? rief Monte Christo, haben Sie die Frau, die Sie liebten, dem Nebenbuhler die Hand reichen sehen, während Sie in der Tiefe des Abgrundes röchelten?

 

Nein, doch ich habe den, welchen ich liebte, bereit gesehen, der Mörder meines Sohnes zu werden!

 

Mercedes sprach diese Worte mit einem so mächtigen Schmerz, mit einem so verzweiflungsvollen Ausdruck, daß sich der Brust des Grafen ein schmerzliches Schluchzen entriß. Der Löwe war bezähmt, der Rächer war besiegt.

 

Was verlangen Sie von mir? sagte er; daß Ihr Sohn lebe? Wohl! er wird leben! …

 

Mercedes stieß einen Schrei aus, der zwei Tränen unter den Augenlidern des Grafen hervorquellen ließ; doch sie verschwanden sofort wieder, denn ohne Zweifel hatte Gott einen Engel geschickt, um sie zu sammeln, da sie viel kostbarer waren in den Augen des Herrn, als die kostbarsten Perlen.

 

Oh! rief sie, die Hand des Grafen ergreifend und an ihre Lippen drückend, oh! Dank, Dank, Edmond! Nun bist du so, wie ich dich immer geträumt, wie ich dich geliebt habe. Oh! nun kann ich es dir sagen.

 

Um so eher, erwiderte Monte Christo, als der arme Edmond nicht mehr viel Zeit haben wird, von Ihnen geliebt zu werden. Der Tod kehrt in das Grab, das Gespenst kehrt in die Nacht zurück.

 

Was sagen Sie, Edmond? – Ich sage, da Sie es befehlen, Mercedes, so muß ich sterben.

 

Sterben! Und wer sagt dies? Wer spricht vom Sterben? Woher kommen Ihnen diese Todesgedanken?

 

Sie können nicht annehmen, daß ich, öffentlich, im Angesicht eines ganzen Saales, in Gegenwart der Freunde Ihres Sohnes herausgefordert und beleidigt, noch länger leben mag. Was ich nach Ihnen am meisten auf der Welt geliebt, Mercedes, das bin ich, das heißt, meine Würde, das heißt diese Kraft, durch die ich über andere Menschen erhaben war; diese Kraft war mein Leben; Sie brechen sie, und ich sterbe.

 

Doch der Zweikampf wird nicht stattfinden, Edmond, da Sie verzeihen.

 

Er wird stattfinden, sagte feierlich Monte Christo, nur wird statt des Blutes Ihres Sohnes meines fließen.

 

Mercedes stieß einen gewaltigen Schrei aus und stürzte auf Monte Christo zu, doch plötzlich hielt sie an und sagte: Edmond, es ist ein Gott über uns, da Sie leben, da ich Sie wiedergesehen, und ich baue auf ihn aus der Tiefe meines Herzens. Indem ich auf seine Hilfe hoffe, verlasse ich mich auf Ihr Wort. Sie haben gesagt, mein Sohn werde leben; nicht wahr, er wird leben?

 

Ja, er wird leben, sagte Monte Christo, erstaunt, daß Mercedes seine eigene Aufopferung ohne weiteren Protest angenommen hatte.

 

Mercedes reichte dem Grafen die Hand und sagte, während ihre Augen sich mit Tränen befeuchteten: Edmond, wie schön ist es von Ihnen, wie groß ist das, was Sie soeben getan, wie erhaben ist es, mit einer Frau Mitleid zu haben, die kaum mit einem Schimmer von Hoffnung vor Sie trat! Ach! ich bin mehr durch den Kummer als durch die Jahre alt geworden und kann meinen Edmond nicht einmal mehr durch einen Blick an jene Mercedes erinnern, die er nicht müde wurde anzuschauen. Oh! glauben Sie nur, Edmond, ich habe Ihnen gesagt, daß auch ich gelitten; ich wiederhole Ihnen, es ist sehr traurig, sein Leben hingehen zu sehen, ohne sich einer einzigen Freude zu erinnern, ohne eine einzige Hoffnung zu bewahren. Aber ich wiederhole Ihnen auch, Edmond, es ist groß, es ist schön, es ist erhaben, zu verzeihen, wie Sie es getan haben!

 

Mercedes schaute noch einmal den Grafen mit einer Miene an, die zugleich ihr Erstaunen, ihre Bewunderung und ihre Dankbarkeit ausdrückte. Dann sagte sie innig:

 

Edmond, ich habe Ihnen nur noch ein Wort zu sagen. Sie werden sehen, daß, wenn meine Stirn erbleicht ist, wenn meine Augen erloschen sind, wenn Mercedes in ihren Zügen sich selbst nicht mehr gleicht, Sie werden sehen, daß das Herz immer noch das gleiche Gefühl hegt! Leben Sie wohl, Edmond; ich habe vom Himmel nichts mehr zu verlangen! … Ich habe Sie wiedergesehen, und so groß und edel gesehen wie einst. Gott befohlen, Edmond … und Dank!

 

Doch der Graf antwortete nicht.

 

Mercedes öffnete die Tür des Kabinetts und war verschwunden, ehe er aus der tiefen, schmerzlichen Träumerei erwachte, in die ihn die plötzliche Verrückung seines Rache- und Lebenszieles versenkt hatte.

 

Es schlug ein Uhr im Invalidenhause, als der Graf von Monte Christo bei dem Geräusch des Wagens, der Frau von Morcerf fortführte, den Kopf erhob.

 

Ich Wahnsinniger, sagte er, daß ich mir nicht an dem Tage, wo ich mich zu rächen beschloß, das Herz ausgerissen habe!

 

Das Duell

 

Das Duell

 

Nach Mercedes Entfernung versank bei Monte Christo altes wieder in Schatten. Wie! sagte er zu sich selbst, während sich die Lampe und die Kerzen traurig verzehrten und die Diener ungeduldig im Vorzimmer warteten; wie, das so langsam vorbereitete, mit so viel Mühe und so vielen Sorgen errichtete Gebäude ist mit einem einzigen Schlage, mit einem einzigen Worte, mit einem Hauche eingestürzt! Wie! Dieses Ich, das ich für etwas hielt, dieses Ich, auf das ich so stolz war, dieses Ich, das ich in den Kerkern des Schlosses If so klein gesehen und dann so groß zu machen gewußt hatte, wird morgen ein Häuflein Staub sein! Ach! es ist nicht der Tod des Körpers, was ich beklage. Was ist der Tod für mich? Eine weitere Stufe in der Ruhe und zwei weitere in der Stille. Nein, es ist nicht das Dasein, was ich beklage, es ist die Zertrümmerung meiner so mühsam ausgearbeiteten und aufgebauten Entwürfe. Die Vorsehung, von der ich glaubte, sie sei mit mir, war also dagegen?

 

Die Last, fast so schwer wie eine Welt, die ich aufhob und bis an das Ziel tragen zu können glaubte, entsprach meinem Wunsche, aber nicht meiner Kraft; meinem Willen, aber nicht meiner Macht, und ich muß sie schon auf der Hälfte des Weges niederlegen. Oh! ich werde wieder Fatalist werden, ich, den vierzehn Jahre der Verzweiflung und sechzehn Jahre der Hoffnung zu einem Gottesverehrer gemacht haben!

 

Und dies alles, mein Gott! weil mein Herz, das ich für tot hielt, nur entschlummert war, weil es erwachte, weil es schlug, weil ich dem Schmerze dieses Herzschlages nachgab, den die Stimme einer Frau in der Tiefe meiner Brust wieder zum Leben erweckte. Und dennoch, fuhr der Graf, sich immer mehr in die Gedanken an den nächsten Tag vertiefend, fort, und dennoch ist es unmöglich, daß diese Frau, ein so edles Herz, aus Selbstsucht eingewilligt hat, mich, den Mann voll Kraft und Leben, töten zu lassen! Es ist unmöglich, daß sie bis zu diesem Grade die mütterliche Liebe, oder vielmehr den mütterlichen Wahnsinn treibt! Es gibt Tugenden, deren Übertreibung ein Verbrechen wäre. Nein, sie wird irgend eine pathetische Szene ersonnen haben, sie wird kommen und sich zwischen die Degen werfen, uns das wird das Erhabene lächerlich machen.

 

Die Röte des Stolzes stieg Monte Christo auf die Stirn.

 

Lächerlich, wiederholte er, und die Lächerlichkeit wird auf mich zurückfallen … Ich, lächerlich! Lieber sterben. Dummheit! Dummheit! rief er endlich, so den Edelmut üben und sich wie eine träge Zielscheibe vor den Pistolenlauf eines jungen Mannes stellen! Nie wird er glauben, daß mein Tod ein Selbstmord sei, und dennoch bin ich es der Ehre meines Andenkens schuldig, daß die Welt erfährt, ich habe freiwillig meinen bereits zum Schlage erhobenen Arm aufgehalten, und mich mit dem gegen andere so mächtig bewaffneten Arm selbst geschlagen. Es muß sein, und ich werde es tun.

 

Und er nahm eine Feder, zog ein Papier aus dem geheimen Fache seines Büros und fügte unten an die Schrift, die nichts anderes war, als sein nach seiner Ankunft in Paris gemachtes Testament, einen Nachtrag, der die Ursache seines Todes auch dem Blödesten klar legte.

 

Mein Gott! ich tue dies, sagte er, die Augen zum Himmel aufschlagend, ich tue dies ebensowohl für deine Ehre, als für die meinige. Oh, mein Gott! ich habe mich seit zehn Jahren als den Abgesandten deiner Rache betrachtet, und es soll sich kein Elender wie dieser Morcerf, es soll sich kein Danglars, kein Villefort einbilden, der Zufall habe sie von ihrem Feinde befreit. Sie mögen erfahren, daß die Vorsehung, die bereits ihre Bestrafung beschlossen, nur durch die Macht meines Willens eine Änderung gestattete, daß die Strafe nur aufgeschoben ist und in der andern Welt ihrer harrt, und daß sie für die Zeit nur die Ewigkeit eingetauscht haben.

 

Während er so in der düsteren Ungewißheit und den üblen Träumen eines durch den Schreck erweckten Menschen schwebte, begann der Tag an den Fenstern zu erscheinen und unter seinen bleichen Händen das Papier zu erhellen, auf das er diese seine letzte Rechtfertigung geschrieben hatte. Plötzlich drang ein leichtes Geräusch an sein Ohr. Er glaubte etwas wie einen erstickten Seufzer gehört zu haben; er wandte den Kopf, schaute umher und sah niemand. Nun wiederholte sich aber das Geräusch deutlich.

 

Da stand er auf, öffnete sacht die Tür des Salons und sah auf einem Lehnstuhle mit niederhängenden Armen und geneigtem bleichem Kopf Haydee, die sich quer vor die Tür gesetzt hatte, damit er nicht, ohne sie zu sehen, hinausgehen könnte, die aber nach langem Wachen von dem übermächtigen Schlaf bezwungen worden war.

 

Das Geräusch der Tür weckte sie nicht, und Monte Christo heftete einen Blick voll Weichheit und Mitleid auf sie.

 

Sie hat sich erinnert, daß sie einen Sohn besitzt, sagte er, und ich habe vergessen, daß ich eine Tochter besitze. Dann fuhr er, traurig den Kopf schüttelnd, fort: Arme Haydee! sie wollte mich sehen, sie wollte mich sprechen, sie hat etwas befürchtet oder erraten … Ah! ich kann nicht von hinnen, ohne ihr Lebewohl zu sagen, ich kann nicht sterben, ohne sie irgend jemand anzuvertrauen.

 

Und er kehrte sacht an seinen Platz zurück und schrieb unter die ersten Zeilen:

 

Ich vermache Maximilian Morel, Kapitän der Spahis und Sohn meines ehemaligen Patrons Pierre Morel, Reeders in Marseille, zwanzig Millionen, wovon ein Teil von ihm seiner Schwester Julie und seinem Schwager Emanuel angeboten werden soll, wenn er nicht glaubt, ein solcher Vermögenszuwachs könne ihrem Glücke schaden. Diese zwanzig Millionen sind in meiner Grotte in Monte Christo vergraben, deren Geheimnis Bertuccio kennt.

 

Ist sein Herz frei, und er will Haydee, die Tochter Alis, des Paschas von Janina, heiraten, die ich mit der Liebe eines Vaters erzogen habe, und die für mich die Liebe und Zärtlichkeit einer Tochter gehabt hat, so wird er dadurch meinen letzten Wunsch erfüllen.

 

Gegenwärtiges Testament hat bereits Haydee zur Erbin meines übrigen Vermögens gemacht, das in Ländereien, englischen, und holländischen Renten und in dem Mobiliar in meinen verschiedenen Palästen und Häusern besteht, was sich nach Abzug dieser zwanzig Millionen und der verschiedenen Legate zu Gunsten meiner Diener immer noch auf sechzig Millionen belaufen mag.

 

Er vollendete eben die letzte Zeile, als ein hinter ihm ausgestoßener Schrei die Feder seinen Händen entfallen ließ. Haydee, sagte er, du hast gelesen?

 

Erweckt vom Tageslicht, das auf ihre Augenlider fiel, hatte sie sich in der Tat erhoben und dem Grafen genähert, ohne daß er ihre leichten und überdies vom Teppich gedämpften Tritte gehört hatte.

 

Oh! Herr, sprach sie, die Hände faltend, warum schreibst du zu einer solchen Stunde? Warum vermachst du mir dein ganzes Vermögen? Du verläßt mich?

 

Ich will eine Reise machen, liebes Kind, sagte Monte Christo mit einem Ausdrucke voll unendlicher Schwermut und Zärtlichkeit, und wenn mir Unglück widerführe … Der Graf hielt inne.

 

Nun? … fragte Haydee mit einer Bestimmtheit, die der Graf nicht an ihr kannte.

 

Nun, wenn mir das Unglück widerführe, sagte Monte Christo, so will ich, daß meine Tochter glücklich sei.

 

Haydee schüttelte traurig den Kopf und sagte: Du denkst an den Tod, oh Herr?

 

Es ist ein heilsamer Gedanke, wie der Weise sagt. Wohl! wenn du stirbst, sagte sie, so vermache dein Vermögen anderen, denn ich brauche nichts mehr.

 

Und sie nahm das Papier und zerriß es in vier Stücke, die sie mitten in das Zimmer warf. Doch diese für eine Sklavin so ungewöhnliche Energie hatte ihre Kräfte erschöpft, und sie fiel ohnmächtig zu Boden. Monte Christo neigte sich auf sie herab und hob sie in seinen Armen empor; und als er dieses schöne, bleiche Antlitz, diese schönen, geschlossenen Augen, diesen schönen, unbelebten Körper sah, kam ihm zum erstenmale der Gedanke, sie liebe ihn vielleicht auf andere Weise, als wie eine Tochter ihren Vater liebt.

 

Ach! murmelte er mit einer tiefen Entmutigung, ich hätte vielleicht noch glücklich sein können!

 

Dann trug er Haydee in ihr Gemach, übergab sie hier, noch ohnmächtig, den Händen ihrer Frauen, kehrte in sein Kabinett zurück, das er rasch schloß, und schrieb nun das zerrissene Testament noch einmal. Als er vollendete, ließ sich das Geräusch eines in den Hof fahrenden Wagens hören. Monte Christo näherte sich dem Fenster und sah Maximilian und Emanuel aussteigen.

 

Gut, sagte er, es war Zeit! Und er versiegelte sein Testament mit einem dreifachen Siegel.

 

Nach einem Augenblick hörte er das Geräusch von Tritten im Salon und öffnete selbst. Morel erschien auf der Schwelle, zwanzig Minuten vor der verabredeten Stunde.

 

Ich komme vielleicht zu bald, Herr Graf, sagte er, aber ich gestehe offen, ich konnte keine Minute schlafen, und so war es im ganzen Hause. Um wieder ich selbst zu werden, mußte ich Sie stark in Ihrer mutigen Sicherheit sehen.

 

Monte Christo vermochte diesem Beweise von Zuneigung nicht zu widerstehen, und er reichte dem jungen Manne nicht die Hand, sondern öffnete ihm seine Arme.

 

Morel, sagte er mit bewegter Stimme, es ist ein schöner Tag für mich, der Tag, an dem ich mich von einem Manne, wie Sie sind, geliebt fühle … Guten Morgen, Herr Emanuel. Sie kommen also mit mir, Maximilian?

 

Bei Gott! erwiderte der junge Mann, haben Sie daran gezweifelt?

 

Ich hatte jedoch unrecht …

 

Hören Sie, ich beobachtete Sie gestern während der ganzen Herausforderungsszene, ich dachte die ganze Nacht hindurch an Ihre Sicherheit und sagte mir, wenn nicht alles trügt, muß die Gerechtigkeit für Sie sein.

 

Ich danke, Morel.

 

Dann schlug der Graf einmal auf das Glöckchen und sagte zu Ali, der sogleich eintrat: Laß dies zu meinem Notar tragen. Es ist mein Testament, Morel. Wenn ich tot bin, nehmen Sie Kenntnis davon.

 

Wie! rief Morel, Sie tot?

 

Ei! muß man nicht auf alles gefaßt sein, lieber Freund? Doch, Morel, sagte der Graf, Sie sahen mich nie mit Pistolen schießen? – Nein.

 

Wohl, wir haben noch Zeit, sehen Sie!

 

Monte Christo nahm seine Pistolen, klebte ein Kreuzaß an die Scheibe und schoß mit vier aufeinander folgenden Schüssen, die vier Zweige des Kreuzes weg. Bei jedem Schusse erbleichte Morel.

 

Er untersuchte die Kugeln, mit denen Monte Christo dieses Kraftstück ausführte, und sah, daß sie nicht dicker waren, als Rehschrote.

 

Das ist furchtbar, sagte er, sehen Sie, Emanuel! Dann wandte er sich an Monte Christo mit den Worten: Graf, im Namen des Himmels, töten Sie Albert nicht, der Unglückliche hat eine Mutter!

 

Das ist richtig, sagte Monte Christo, und ich habe keine.

 

Diese Worte wurden in einem Tone gesprochen, der Morel beben ließ.

 

Sie sind der Beleidigte, Graf, und schießen zuerst.

 

Ich schieße zuerst.

 

Oh! das habe ich erlangt, oder vielmehr gefordert.

 

Auf wieviel Schritte? – Auf zwanzig.

 

Ein furchtbares Lächeln zog über die Lippen des Grafen hin, als er sagte: Morel, vergessen Sie nicht, was Sie soeben gesehen haben.

 

Ich rechne nur auf Ihre Aufregung, um Albert zu retten, sprach der junge Mann.

 

Ich aufgeregt? entgegnete Monte Christo.

 

Oder auf Ihren Edelmut, mein Freund; bei der Sicherheit Ihres Schusses kann ich Ihnen nur eines sagen, was lächerlich wäre, wenn ich es einem anderen sagen würde.

 

Was?

 

Zerschmettern Sie ihm den Arm, verwunden Sie ihn, aber töten Sie ihn nicht.

 

Morel, hören Sie noch folgendes; ich bedarf keiner Aufmunterung, Herrn von Morcerf zu schonen; Herr von Morcerf, das künde ich Ihnen zum voraus an, wird so geschont sein, daß er ruhig mit seinen Freunden zurückkommt, während ich …

 

Nun! Sie?

 

Oh! Mich wird man zurücktragen.

 

Gehen Sie! rief Maximilian außer sich.

 

Es ist, wie ich Ihnen sage, mein lieber Morel, Herr von Morcerf wird mich töten.

 

Morel schaute den Grafen wie ein Mensch an, der nicht mehr begreift.

 

Was ist Ihnen seit gestern abend begegnet?

 

Es ist mir begegnet, was Brutus am Vorabend der Schlacht von Philippi begegnete: ich habe ein Gespenst gesehen.

 

Und dieses Gespenst?

 

Dieses Gespenst sagte mir, ich habe genug gelebt.

 

Maximilian und Emanuel schauten einander an; Monte Christo zog seine Uhr und sagte: Gehen wir, es ist sieben Uhr, und die Zusammenkunft ist auf Punkt acht Uhr bestellt.

 

Ein angespannter Wagen wartete; Monte Christo stieg mit seinen Zeugen ein. Als man durch den Flur ging, blieb Monte Christo vor einer Tür stehen, um zu horchen; Maximilian und Emanuel, die aus Diskretion einige Schritte vorausgegangen waren, glaubten ihn seufzen zu hören. Schlag acht war man an dem verabredeten Platze.

 

Wir sind an Ort und Stelle und kommen zuerst, sagte Morel, den Kopf durch den Kutschenschlag steckend.

 

Der Herr wird mich entschuldigen, versetzte Baptistin, der seinem Gebieter mit unsäglichem Schrecken gefolgt war, ich glaube dort unter den Bäumen einen Wagen zu bemerken.

 

Monte Christo sprang leicht aus seiner Kalesche und gab Emanuel und Maximilian die Hand, um ihnen aussteigen zu helfen. Maximilian hielt die Hand des Grafen in der seinigen zurück und sagte: Das gefällt mir, das ist eine Hand, wie ich sie gern bei einem Manne sehe, dessen Leben auf seiner guten Sache beruht.

 

Ich erblicke wirklich zwei junge Männer, die auf und ab gehen und zu warten scheinen, sagte Emanuel.

 

Monte Christo zog Morel ein paar Schritte hinter seinen Schwager zurück und fragte ihn: Max, ist Ihr Herz frei?

 

Morel schaute Monte Christo erstaunt an.

 

Ich verlange kein Geständnis von Ihnen, mein Freund, ich richte eine einfache Frage an Sie; antworten Sie ja oder nein, mehr verlange ich nicht von Ihnen.

 

Ich liebe ein Mädchen, Graf.

 

Lieben Sie es innig? – Mehr als mein Leben.

 

Da entgeht mir abermals eine Hoffnung, sagte Monte Christo. Dann murmelte er mit einem Seufzer: Arme Haydee!

 

In der Tat, Graf, rief Morel, wenn ich Sie weniger kennen würde, müßte ich Sie für minder tapfer halten, als Sie sind.

 

Weil ich an jemand denke, den ich verlassen soll, und seufze? Morel, versteht sich ein Soldat so wenig auf den Mut! Beklage ich das Leben? Was ist mir an Leben oder Sterben gelegen, mir, der zwanzig Jahre zwischen Leben und Tod zugebracht hat? Seien Sie übrigens unbesorgt, diese Schwäche, wenn man es eine Schwäche nennen darf, ist nur für Sie vorhanden. Ich weiß, daß die Welt ein Salon ist, den man höflich und anständig, das heißt grüßend und seine Spielschulden bezahlend, verlassen muß.

 

Gut! das heiße ich sprechen, sagte Morel. Doch haben Sie Ihre Waffen mitgebracht?

 

Ich? Warum? Ich hoffe, diese Herren werden die ihrigen haben.

 

Ich will mich erkundigen.

 

Morel ging auf Beauchamp und Chateau-Renaud zu. Als diese Maximilians Bewegung bemerkten, traten sie ihm einige Schritte entgegen. Die drei jungen Leute grüßten sich, wenn nicht freundlich, doch höflich.

 

Verzeihen Sie, meine Herren, sagte Morel, doch ich sehe Herrn von Morcerf nicht.

 

Er hat uns heute morgen sagen lassen, er würde erst an Ort und Stelle mit uns zusammentreffen.

 

Übrigens kommt hier ein Wagen, bemerkte Chateau-Renaud.

 

Es kam wirklich in scharfem Trabe ein Wagen herbei.

 

Meine Herren, sagte Morel, ohne Zweifel haben Sie Pistolen bei sich, Herr von Monte Christo erklärt, er leiste auf sein Recht, sich der seinigen zu bedienen, Verzicht.

 

Wir sahen diese Zartheit von seiten des Grafen vorher, Herr Morel, antwortete Beauchamp, und ich brachte die Pistolen mit, die ich mir vor acht Tagen gekauft habe. Sie sind ganz neu und haben noch niemand gedient; wollen Sie sie untersuchen?

 

Herr Beauchamp, erwiderte Morel, sich verbeugend, wenn Sie mir versichern, Herr von Morcerf kenne diese Waffen nicht, so genügt mir natürlich Ihr Wort.

 

Meine Herren, sagte Chateau-Renaud, nicht Morcerf ist in diesem Wagen angekommen, sondern Franz und Debray.

 

Sie hier, meine Herren! sagte Chateau-Renaud, mit jedem einen Händedruck austauschend, und durch welchen Zufall?

 

Albert hat uns bitten lassen, wir möchten uns hier einfinden.

 

Beauchamp und Chateau-Renaud sahen sich erstaunt an.

 

Meine Herren, versetzte Morel, ich glaube zu begreifen.

 

Lassen Sie hören.

 

Gestern nachmittag erhielt ich einen Brief von Herrn von Morcerf, der mich bat, in die Oper zu kommen.

 

Und ich auch, sagte Debray.

 

Und ich auch, sprach Franz.

 

Und wir auch, sagten Chateau-Renaud und Beauchamp.

 

Sie sollten nach seinem Willen bei der Herausforderung gegenwärtig sein, fuhr Morel fort, und sollen nun auch seinem Zweikampfe beiwohnen.

 

Ja, meinten alle, so wird es sein.

 

Doch Albert kommt immer noch nicht, murmelte Chateau-Renaud, es sind zehn Minuten darüber.

 

Hier kommt er, rief Beauchamp, er ist zu Pferde und reitet, von seinem Bedienten begleitet, mit Windeseile.

 

Welche Unklugheit, sagte Chateau-Renaud, zu Pferde zu kommen, um sich auf Pistolen zu schlagen! Ich habe ihm doch eine so gute Lektion gegeben!

 

Und dann, sehen Sie, sagte Beauchamp, mit einem Kragen an der Halsbinde, mit offenem Rock und weißer Weste; warum hat er sich nicht einen schwarzen Fleck auf den Magen zeichnen lassen, das wäre noch einfacher gewesen.

 

Währenddessen war Albert bis auf zehn Schritte herangekommen? er hielt sein Pferd an, sprang zu Boden und warf die Zügel seinem Bedienten zu.

 

Albert war bleich und hatte rote, geschwollene Augen; man sah, daß er die ganze Nacht keine Sekunde geschlafen. Über sein ganzes Antlitz war ein Ausdruck traurigen Ernstes gebreitet, wie man ihn sonst nie bei ihm sah.

 

Ich danke, meine Herren, daß Sie die Güte gehabt haben, meiner Einladung zu entsprechen, sagte er, glauben Sie mir, ich bin Ihnen für dieses Zeichen der Freundschaft im höchsten Maße erkenntlich.

 

Morel hatte, als sich Morcerf näherte, zehn Schritte rückwärts gemacht und stand entfernt.

 

Auch Ihnen gebührt mein Dank, Herr Morel, sagte Albert. Kommen Sie zu uns, Sie sind nicht zuviel hier.

 

Mein Herr, erwiderte Maximilian, Sie wissen vielleicht nicht, daß ich Zeuge Ihres Gegners bin.

 

Ich war dessen nicht gewiß, doch vermutete ich es. Desto besser! je mehr Ehrenmänner hier anwesend sind, desto mehr werde ich mich befriedigt fühlen.

 

Herr Morel, sagte Chateau-Renaud, Sie können dem Herrn Grafen von Monte Christo ankündigen, daß Herr von Morcerf eingetroffen ist und daß wir zu seiner Verfügung stehen.

 

Morel machte eine Bewegung, um sich seines Auftrages zu entledigen. Beauchamp zog zu gleicher Zeit sein Pistolenkästchen aus dem Wagen.

 

Warten Sie, meine Herren, sagte Albert, ich habe Herrn von Monte Christo ein paar Worte zu sagen.

 

Unter vier Augen? fragte Morel.

 

Nein, vor allen.

 

Alberts Zeugen schauten sich erstaunt an; Franz und Debray wechselten leise ein paar Worte, und Morel kehrte, freudig über diesen unerwarteten Zwischenfall, zu dem Grafen zurück, der mit Emanuel spazieren ging.

 

Was will er von mir? fragte Monte Christo.

 

Ich weiß nicht; er verlangt mit Ihnen zu sprechen.

 

Oh! er versuche Gott nicht durch eine neue Beleidigung!

 

Ich glaube nicht, daß dies seine Absicht ist, entgegnete Morel.

 

Der Graf ging, von Maximilian und Morel begleitet, vorwärts; sein ruhiges, heiteres Antlitz stand in seltsamem Widerspruch zu dem verstörten Antlitz Alberts, der sich ihm mit den vier jungen Leuten näherte.

 

Drei Schritte voneinander blieben Albert und der Graf stehen.

 

Meine Herren, nähern Sie sich, sagte Albert; kein Wort von dem, was ich Herrn von Monte Christo zu sagen die Ehre haben werde, soll verloren gehen, denn was ich sage, mögen Sie jedem wiederholen, der es hören will, so seltsam meine Rede auch erscheinen mag.

 

Ich warte, mein Herr, sagte der Graf.

 

Herr Graf, begann Albert mit einer anfangs zitternden Stimme, die jedoch immer mehr Sicherheit gewann, Herr Graf, ich machte Ihnen zum Vorwurf, daß Sie das Benehmen des Herrn von Morcerf in Epirus bekannt machten, denn so schuldig auch Herr von Morcerf war, so glaubte ich doch nicht, Sie seien berechtigt, ihn zu bestrafen. Heute aber weiß ich, daß Sie dieses Recht haben. Nicht der Verrat Fernand Mondegos gegen Ali Pascha macht mich so bereitwillig, Sie zu entschuldigen, sondern der Verrat des Fischers Fernand gegen Sie und das unerhörte Unglück, das die Folge dieses Verrats gewesen ist. Auch sage ich und erkläre ich laut: Ja, mein Herr, Sie haben recht gehabt, sich an meinem Vater zu rächen, und ich, sein Sohn, danke Ihnen, daß Sie nicht mehr getan haben.

 

Hätte der Blitz mitten unter die Zuschauer dieser unerwarteten Szene geschlagen, sie wären sicherlich nicht erstaunter gewesen, als bei dieser Erklärung.

 

Monte Christo erhob langsam die Augen zum Himmel mit einem Ausdrucke unendlicher Dankbarkeit und konnte nicht genug bewundern, wie die aufbrausende Natur Alberts, dessen Mut er in Rom kennen gelernt hatte, sich so völlig unter diese Demütigung beugte. Er erkannte Mercedes‘ Einfluß und begriff, wie deren edles Herz sich dem Opfer nicht widersetzt hatte, von dem es zum voraus wußte, daß es unnötig sein sollte.

 

Wenn Sie nun meine Entschuldigungen genügend finden, mein Herr, sagte Albert, so bitte ich Sie, geben Sie mir Ihre Hand.

 

 

Das Auge feucht, die Brust beklommen, den Mund halb geöffnet, reichte Monte Christo Albert seine Hand, die dieser mit einem Gefühle drückte, das einem ehrfurchtsvollen Schrecken glich.

 

Meine Herren, sagte er, Herr von Monte Christo hat die Güte, meine Entschuldigungen anzunehmen; ich hatte voreilig gegen ihn gehandelt. Die Eile ist eine schlechte Ratgeberin, ich handelte schlecht. Nun ist mein Fehler wieder gutgemacht. Ich hoffe, die Welt wird mich nicht für feig halten, weil ich getan, was mir mein Gewissen befohlen. Doch in jedem Falle, sollte man meinen Schritt falsch auffassen, sagte der junge Mann, stolz das Haupt erhebend, und als richtete er eine Aufforderung an seine Freunde und an seine Feinde, in jedem Fall würde ich diese Ansicht über mich in das rechte Geleise zu bringen wissen.

 

Was hat sich denn in der letzten Nacht ereignet? fragte Beauchamp Chateau-Renaud; es scheint mir, wir spielen hier eine traurige Rolle.

 

In der Tat, was Albert getan, ist entweder sehr erbärmlich oder sehr schön, antwortete der Baron.

 

Ah! lassen Sie hören? fragte Franz Debray, was soll das bedeuten? Wie! der Graf von Monte Christo entehrt Herrn von Morcerf, und er hat recht in den Augen seines Sohnes? Hätte ich zehn Janina in meiner Familie, so würde ich mich verpflichtet fühlen, mich zehnmal zu schlagen.

 

Die Stirn gesenkt, die Arme schlaff, niedergebeugt unter der Last von vierundzwanzig Jahren der Erinnerung, dachte Monte Christo weder an Albert, noch an Beauchamp, noch an Chateau-Renaud, noch an irgend einen von denen, die sich auf dem Platze fanden, sondern er dachte an die mutige Frau, die ihn um das Leben ihres Sohnes gebeten, der er das seinige angeboten, und die es ihm durch das furchtbare Geständnis eines Familiengeheimnisses gerettet, das in dem jungen Manne das Gefühl der Sohnesliebe für immer austilgte.

 

Stets die Vorsehung, murmelte er. Ah! heute erst weiß ich ganz gewiß, daß ich der Abgesandte Gottes bin.

 

Mutter und Sohn.

 

Mutter und Sohn.

 

Der Graf von Monte Christo grüßte die fünf jungen Männer mit einem Lächeln voll Schwermut und Würde und stieg mit Emanuel und Maximilian wieder in seinen Wagen.

 

Albert, Beauchamp und Chateau-Renaud blieben allein zurück. Der junge Mann heftete auf seine Zeugen einen Blick, der sie, ohne schüchtern zu sein, doch um ihre Ansicht über das, was vorgefallen war, zu fragen schien.

 

Meiner Treu, Freund! sagte Beauchamp, erlauben Sie mir, Ihnen Glück zu wünschen; das ist eine sehr unerwartete Entwickelung einer höchst unangenehmen Geschichte.

 

Albert blieb stumm und in Träumerei versunken. Chateau-Renaud begnügte sich, seinen Stiefel mit seinem Stocke zu peitschen. Gehen wir nicht? sagte er nach peinlichem Stillschweigen.

 

Wann es Ihnen beliebt, erwiderte Beauchamp; lassen Sie mir nur Zeit, Herrn von Morcerf mein Kompliment zu machen, er hat heute einen Beweis von so ritterlichem, von so … seltenem Edelmut abgelegt!

 

Sicher; ich für meine Person wäre dazu unfähig gewesen, versetzte Chateau-Renaud mit immer kälterem Tone.

 

Meine Herren, unterbrach sie Albert, ich glaube, Sie haben nicht begriffen, daß zwischen Herrn von Monte Christo und mir etwas sehr Ernstes vorgefallen ist …

 

Doch! doch! entgegnete Beauchamp rasch; es werden aber nicht alle Pariser imstande sein, Ihren Heldenmut zu begreifen, und früher oder später dürften Sie sich genötigt sehen, ihnen die Sache energischer zu erklären, als es für die Gesundheit Ihres Körpers und für die Dauer Ihres Lebens zuträglich sein möchte. Soll ich Ihnen einen Freundesrat geben? Gehen Sie nach Neapel, nach St. Petersburg, in Länder, wo man im Punkte der Ehre vernünftiger ist, als unsere verbrannten Pariser Gehirne. Sind Sie einmal dort, so schießen Sie mit der Pistole aus Leibeskräften und üben sich in Quarten und Terzen vom Morgen bis in die Nacht. Dann hat man Sie so weit vergessen, daß Sie in einigen Jahren unbehelligt nach Frankreich zurückkehren können, oder Sie sind geübt genug in der Handhabung der Waffen, um Ihre Ruhe wiederzuerobern. Nicht wahr, ich habe recht, Herr von Chateau-Renaud?

 

Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, antwortete der Edelmann, nichts ruft so viele ernste Duelle hervor, als der Rücktritt von einem Duell.

 

Ich danke, meine Herren, erwiderte Albert mit kaltem Lächeln, ich werde Ihren Rat befolgen, nicht weil Sie mir ihn geben, sondern weil es meine Absicht war, Frankreich zu verlassen. Ich danke Ihnen auch für den Dienst, den Sie mir dadurch geleistet, daß Sie mir als Zeugen dienten. Er ist tief in mein Herz eingegraben, da ich nach den Worten, die ich soeben gehört, mich mir noch seiner erinnere.

 

Chateau-Renaud und Beauchamp schauten sich an, der Eindruck war bei beiden derselbe, und der Ton, mit dem Morcerf seinen Dank ausgedrückt, trug das Gepräge solcher Entschlossenheit an sich, daß die Lage für alle peinlich geworden wäre, wenn das Gespräch fortgedauert hätte.

 

Gott befohlen, Albert, sagte plötzlich Beauchamp, dem jungen Manne eine Hand reichend, ohne daß dieser aus seiner Lethargie zu erwachen schien.

 

Er ergriff in der Tat die Hand nicht.

 

Gott befohlen! sagte Chateau-Renaud, in der linken Hand sein Stöckchen haltend und mit der rechten grüßend.

 

Alberts Lippen murmelten kaum: Gott befohlen! Sein Blick war deutlicher, er enthielt ein ganzes Kapitel von gepreßtem Zorn, stolzer Verachtung und edler Entrüstung. Er beobachtete noch eine Zeitlang eine unbewegliche, schwermütige Haltung; dann machte er sein Pferd vom Baume los, sprang leicht in den Sattel und ritt im Galopp nach Paris zurück. Eine Viertelstunde nachher war er im Hofe des Hotels der Rue du Helder.

 

Als er vom Pferde stieg, glaubte er das bleiche Gesicht seines Vaters in dessen Schlafzimmer zu erblicken; Albert wandte seufzend den Kopf ab und kehrte in seinen Pavillon zurück.

 

Hier warf er einen letzten Blick auf alles, was ihm das Leben seit seiner Kindheit so süß und so glücklich gemacht hatte. Er beschaute noch einmal diese Gemälde, deren Gesichter ihm zu lächeln, deren Landschaften Saft und glühende Farben anzunehmen schienen. Dann holte er das Porträt seiner Mutter herunter und nahm es aus dem goldenen Rahmen. Hierauf ordnete er seine schönen türkischen Waffen, seine Gewehre, seine Trinkschalen, seine kunstreichen Bronzen, durchsuchte seine Schränke, warf in eine Schublade seines Sekretärs alles Taschengeld, das er bei sich trug, fügte die tausend Nippsachen hinzu, die sein Zimmer belebt hatten, machte von allem ein genaues Inventar und legte dieses auf die am meisten in die Augen fallende Stelle eines Tisches.

 

Als er diese Arbeit begann, war sein Diener, trotz Alberts Befehl, ihn allein zu lassen, in sein Zimmer getreten.

 

Was wollen Sie? fragte ihn Morcerf mit mehr traurigem, als zornigem Tone.

 

Verzeihen Sie, Herr Vicomte, erwiderte der Kammerdiener, Sie haben mir allerdings verboten, Sie zu stören, aber der Herr Graf von Morcerf läßt mich rufen. Ich wollte mich nicht zu dem Herrn Grafen begeben, ohne vorher Ihre Befehle zu hören.

 

Warum dies?

 

Weil der Herr Graf ohne Zweifel weiß, daß ich den Herrn Vicomte auf den Platz begleitet habe, und wenn er mich rufen läßt, so geschieht es ohne Zweifel, um mich über das, was vorgefallen ist, zu befragen. Was soll ich antworten?

 

Die Wahrheit.

 

Also werde ich sagen, das Duell habe nicht stattgefunden?

 

Sie sagen, ich habe mich bei dem Herrn Grafen von Monte Christo entschuldigt; gehen Sie!

 

Der Kammerdiener verbeugte sich und verließ das Zimmer. Albert ging wieder an sein Inventar. Als er damit fertig war, näherte er sich dem Fenster und sah seinen Vater in seine Kalesche steigen und ausfahren.

 

Kaum war die Tür des Hotels wieder hinter dem Grafen geschlossen, als Albert sich nach dem Zimmer seiner Mutter wandte, und da niemand anwesend war, ihn zu melden, so drang er bis in Mercedes‘ Schlafzimmer und blieb, während ihm das Herz anschwoll von dem, was er sah, und von dem, was er erriet, auf der Schwelle stehen.

 

Als ob diese beiden Körper eine Seele belebt hätte, machte Mercedes in ihrer Wohnung, was Albert in der seinigen getan hatte. Alles war in Ordnung gebracht: die Spitzen, die Schmucksachen, die Juwelen, das Weißzeug und das Geld lagen im Grunde der Schubladen aufgereiht, deren Schlüssel die Gräfin sorgfältig sammelte.

 

Albert sah alle diese Vorbereitungen; er begriff sie und fiel mit dem Ausrufe: Meine Mutter! Mercedes um den Hals.

 

Dieser ganze Aufwand von energischer Entschlossenheit, den er ohne weiteres für sich aufgewendet hatte, erschreckte ihn bei seiner Mutter. Was tun Sie denn? fragte er.

 

Was hast du getan? erwiderte sie.

 

Oh! meine Mutter, rief Albert so bewegt, daß er kaum sprechen konnte, es ist bei Ihnen etwas anderes, als bei mir; nein, Sie können nicht das gleiche beschlossen haben, wie ich; denn ich will Ihnen eben mitteilen, daß ich Ihrem Hause und … Ihnen Lebewohl sage.

 

Albert, ich reise auch. Ich gestehe, ich rechnete darauf, mein Sohn würde mich begleiten. Habe ich mich getäuscht?

 

Meine Mutter, erwiderte Albert mit Festigkeit, ich kann Sie dieses Schicksal nicht teilen lassen, das ich mir erwähle. Ich muß fortan ohne Namen und ohne Vermögen leben. Um die Lehrzeit dieses rauhen Daseins durchzumachen, muß ich von einem Freunde das Brot entleihen, das ich bis zu dem Augenblick essen werde, wo ich anderes verdiene.

 

Du, mein armes Kind, rief Mercedes, du sollst Armut erdulden, sollst Hunger fühlen? Oh! sage dies nicht, du würdest alle meine Entschließungen umstoßen.

 

Doch nicht die meinigen, Mutter, entgegnete Albert. Ich bin jung, stark und mutig und habe seit gestern gelernt, was der Wille vermag. Es gibt Menschen, die so viel gelitten, und nicht nur nicht gestorben sind, sondern sich sogar ein neues Glück auf den Trümmern aller Hoffnungen, die ihnen Gott gegeben, aufgebaut haben! Ich habe dies erfahren, meine Mutter, ich habe diese Menschen gesehen, ich weiß, daß sie sich aus der Tiefe des Abgrundes, in den sie ihre Feinde gestoßen, mit so viel Kraft und Ruhm wieder erhoben, daß sie ihre ehemaligen Besieger beherrschten. Nein, meine Mutter, nein; ich habe von diesem Augenblick an mit der Vergangenheit gebrochen und nehme nichts mehr von ihr an, nicht einmal meinen Namen; denn Sie begreifen, Ihr Sohn kann nicht den Namen eines Menschen führen, der vor andern erröten muß!

 

Albert, mein Kind, wenn ich ein stärkeres Herz gehabt hätte, so würde ich dir diesen Rat gegeben haben; dein Gewissen hat gesprochen, während meine erloschene Stimme schwieg; höre auf dein Gewissen! Du hattest Freunde, Albert, brich für den Augenblick mit ihnen, aber im Namen deiner Mutter, verzweifle nicht! Das Leben ist noch schön in deinem Alter, mein Albert, denn du bist kaum zweiundzwanzig Jahre alt, und da ein so reines Leben wie das deine eines fleckenlosen Namens bedarf, so nimm den meines Vaters an; er hieß Herrera. Ich kenne dich, Albert, welche Laufbahn du auch verfolgen magst, du wirst diesen Namen in kurzer Zeit berühmt machen. Dann erscheine wieder in der Welt, glänzender durch den Schimmer deines vergangenen Unglücks, und wenn dies trotz aller meiner Voraussetzungen nicht so sein soll, so laß mir wenigstens die Hoffnung, mir, die nur noch diesen einen Gedanken hat, mir, die keine Zukunft mehr vor sich sieht und für die das Grab auf der Schwelle dieses Hauses beginnt.

 

Ich werde nach Ihren Wünschen tun, meine Mutter, sagte der junge Mann; ja, ich teile Ihre Hoffnungen; der Herr des Himmels wird uns bei Ihrer Reinheit und bei meiner Unschuld nicht verfolgen. Doch da wir entschlossen sind, handeln wir schnell. Herr von Morcerf hat das Hotel vor ungefähr einer halben Stunde verlassen; die Gelegenheit ist günstig, um Lärm und Erklärungen zu vermeiden.

 

Ich erwarte dich, mein Sohn, sagte Mercedes.

 

Albert lief sogleich nach dem Boulevard, von wo er einen Fiaker zurückbrachte, der sie aus dem Hotel wegfahren sollte. Er erinnerte sich eines kleinen Hauses in der Rue des Saints Pères, wo seine Mutter eine bescheidene, aber anständige Wohnung finden würde; er kehrte also zurück, um die Gräfin zu holen.

 

In dem Augenblick, wo der Fiaker vor dem Hause anhielt und Albert ausstieg, näherte sich ihm ein Mann und übergab ihm einen Brief. Albert erkannte den Intendanten.

 

Vom Grafen, sagte Bertuccio und entfernte sich sogleich.

 

Albert nahm den Brief, öffnete ihn, las ihn, ging mit Tränen in den Augen und erschüttertem Herzen zu Mercedes und gab ihr das Schreiben, ohne ein Wort zu sprechen. Mercedes las:

 

Albert!

 

Wenn ich Ihnen zeige, daß ich den Plan durchschaut habe, den Sie eben ausführen wollen, so glaube ich Ihnen damit auch zu zeigen, daß ich das Zartgefühl begreife. Sie sind nun frei, Sie verlassen das Hotel des Grafen und wollen Ihre Mutter an einen verborgenen Ort bringen; doch bedenken Sie wohl, Sie sind ihr mehr schuldig, als Sie ihr je vergelten können, Sie armes, edles Herz. Behalten Sie für sich den Kampf, fordern Sie für sich das Leiden, aber ersparen Sie ihr das Elend, das von Ihren ersten Anstrengungen untrennbar ist; denn sie verdient nicht einmal den Widerschein des Unglücks, das sie heute trifft, und nach dem Willen der Vorsehung soll nicht der Unschuldige mit dem Schuldigen leiden.

 

Ich weiß, daß Sie beide im Begriffe sind, Ihr Haus zu verlassen, ohne etwas mitzunehmen. Suchen Sie nicht zu entdecken, wie ich es erfahren habe. Ich weiß es.

 

Hören Sie, Albert! Ich kam vor vierundzwanzig Jahren freudig und stolz in mein Vaterland zurück; ich hatte eine Braut, Albert, eine heilige Jungfrau, die ich anbetete, und ich brachte ihr 150 Louisd’or zurück, die ich mühsam durch rastlose Arbeit gesammelt hatte. Dieses Geld war für sie bestimmt, und da ich wußte, wie treulos das Meer ist, so begrub ich unsern Schatz in dem Gärtchen des Hauses, das mein Vater in Marseille bewohnte.

 

Ihre Mutter, Albert, kennt das kleine, liebe Haus ganz gut. Als ich kürzlich nach Paris reiste, kam ich durch Marseille. Ich besuchte dieses Haus mit den schmerzlichsten Erinnerungen und untersuchte am Abend mit dem Spaten in der Hand den Winkel, wo ich meinen Schatz begraben hatte. Die eiserne Kassette war noch an demselben Platz, niemand hatte sie berührt; sie liegt in der Ecke, die ein schöner, von meinem Vater an meinem Geburtstage gepflanzter Feigenbaum mit seinem Schatten bedeckt.

 

Nun, Albert, dieses Geld, das einst das Leben und die Ruhe der Frau unterstützen sollte, die ich anbetete, findet durch einen seltsamen und schmerzlichen Zufall heute dieselbe Anwendung. Oh! verstehen Sie meinen Gedanken, verstehen Sie den Gedanken des Mannes, der dieser armen Frau Millionen bieten könnte und ihr ein Stück schwarzes Brot zurückgibt, das unter meinem Dache seit dem Tage vergessen worden ist, wo ich von der Geliebten getrennt wurde.

 

Sie sind ein edler Mensch, Albert, doch vielleicht nichtsdestoweniger von Stolz oder Groll verblendet; wenn Sie mich zurückweisen, wenn Sie von einem andern das fordern, was ich Ihnen zu bieten berechtigt bin, so sage ich, es sei nicht edelmütig von Ihnen, das Leben Ihrer Mutter zurückzuweisen, wenn es von einem Manne geboten wird, dessen Vater Ihr Vater in den Schrecknissen des Hungers und der Verzweiflung hat sterben lassen.

 

Als Mercedes dies gelesen, schlug sie die Augen mit einem unaussprechlichen Ausdruck zum Himmel auf. Ich willige ein, sagte sie; er ist berechtigt, die Mitgift zu bezahlen, die ich in ein Kloster bringen werde.

 

Und indem sie den Brief auf ihr Herz legte, nahm sie ihren Sohn am Arm und ging mit festerem Schritte, als sie vielleicht selbst erwartet hatte, zur Treppe.

 

Der Selbstmord.

 

Der Selbstmord.

 

Monte Christo war indessen mit Maximilian ebenfalls in die Stadt zurückgefahren. Am Tor trafen sie Bertuccio, der hier unbeweglich wie eine Schildwache wartete. Monte Christo streckte den Kopf durch den Kutschenschlag, wechselte mit leiser Stimme ein paar Worte mit ihm, und der Intendant verschwand.

 

Sehen Sie, wie ich Ihnen Glück gebracht habe! sagte Morel, als er mit dem Grafen allein war.

 

Gewiß; deshalb möchte ich Sie stets bei mir haben.

 

Das ist wunderbar! fuhr Morel, seinen eigenen Gedanken beantwortend, fort.

 

Was denn? fragte Monte Christo.

 

Was soeben vorgefallen ist.

 

Ja, versetzte der Graf mit einem Lächeln. Sie haben das wahre Wort gesagt, Morel, es ist wunderbar.

 

Denn Albert ist sonst mutig.

 

Sehr mutig, sagte Monte Christo, ich habe ihn schlafen sehen, während der Dolch über seinem Haupte hing.

 

Und ich weiß, daß er sich zehnmal geschlagen und sehr gut geschlagen hat; bringen Sie das mit seinem Benehmen an diesem Morgen in Einklang!

 

Stets Ihr Einfluß, versetzte Monte Christo lächelnd.

 

Es ist ein Glück für Albert, daß er nicht Soldat ist. Entschuldigungen an Ort und Stelle! bemerkte der junge Kapitän den Kopf schüttelnd.

 

Oh, sagte der Graf mit sanftem Tone, verfallen Sie nicht in die Vorurteile gewöhnlicher Menschen, Morel; bedenken Sie, daß Albert, da er tapfer ist, nicht feig sein kann, daß er irgend einen Grund haben muß, zu handeln, wie er gehandelt hat, und daß folglich sein Benehmen mehr heldenmütig, als sonst etwas ist.

 

Ganz gewiß; doch ich sage, wie der Spanier: Er ist heute minder tapfer gewesen, als gestern.

 

Nicht wahr, Sie frühstücken mit mir, Morel? fragte der Graf, das Gespräch abbrechend.

 

Morel lächelte und schüttelte den Kopf.

 

Sie müssen aber doch irgendwo frühstücken?

 

Wenn ich jedoch keinen Hunger habe?

 

Ah! rief der Graf, ich kenne nur zwei Gefühle, welche so den Appetit abschneiden: den Schmerz – und der scheint mir bei Ihrer Heiterkeit ausgeschlossen – und die Liebe. Nach dem, was Sie mir über Ihr Herz gesagt haben, ist es mir Wohl erlaubt, zu glauben …

 

Meiner Treu! Graf, ich sage nicht nein.

 

Und Sie erzählen mir das nicht, Maximilian? versetzte der Graf so lebhaft, daß man sah, welchen Anteil er an dem Herzensgeheimnis nahm.

 

Nicht wahr, Graf, ich zeigte Ihnen heute morgen, daß ich ein Herz habe?

 

Statt jeder Antwort reichte Monte Christo dem jungen Manne die Hand.

 

Wohl! fuhr Maximilian fort, seitdem dieses Herz nicht mehr mit Ihnen im Walde von Vincennes ist, ist es anderswo, wo ich es wiederfinden werde.

 

Gehen Sie, sagte langsam der Graf, lieber Freund, doch ich bitte Sie, wenn Sie auf ein Hindernis stoßen, so erinnern Sie sich, daß ich einige Macht auf dieser Welt besitze, daß ich glücklich bin, diese Macht für die Leute anzuwenden, die ich liebe, und daß ich Sie liebe, Morel.

 

Gut! sagte der junge Mann, ich werde mich dessen erinnern, wie sich selbstsüchtige Kinder ihrer Eltern erinnern, wenn sie ihrer bedürfen. Bedarf ich Ihrer, so wende ich mich an Sie, Graf.

 

Gut! ich verlasse mich auf Ihr Wort, Gott befohlen!

 

Auf Wiedersehen!

 

Man war vor die Tür des Hauses der Champs-Elysées gelangt, vor dem Bertuccio wartete. Monte Christo öffnete den Schlag, Morel sprang auf das Pflaster und entfernte sich sofort, während Monte Christo rasch Bertuccio voran die Treppe hinaufschritt.

 

Nun? fragte er den Intendanten.

 

Sie ist im Begriff, ihr Haus zu verlassen.

 

Und ihr Sohn?

 

Sein Kammerdiener denkt, er werde dasselbe tun.

 

Monte Christo nahm Bertuccio mit sich in sein Kabinett, schrieb den erwähnten Brief an Albert und übergab ihn dem Intendanten.

 

Gehen Sie rasch, sagte er; doch lassen Sie auch Haydee benachrichtigen, daß ich zurückgekehrt bin.

 

Hier bin ich, sagte Haydee. Sie war bei dem Geräusch des Wagens schnell herabgestiegen, und ihr Gesicht strahlte vor Freude, als sie den Grafen unversehrt wiedersah. Bertuccio entfernte sich.

 

Alles Entzücken eines Mädchens, das einen geliebten Vater wiedersieht, die ganze wahnsinnige Freude einer Liebenden, deren angebeteter Geliebte wiederkehrt, fühlte Haydee während der ersten Augenblicke dieser von ihr so ungeduldig erwarteten Rückkehr.

 

Wenn auch weniger laut sich äußernd, war darum die Freude Monte Christos doch nicht minder groß; für die Herzen, die lange gelitten haben, ist die Freude, was der Tau für die Erde, wenn die Sonne sie ausgetrocknet hat. Seit einigen Tagen begriff Monte Christo etwas, woran er lange nicht zu glauben wagte, daß es nämlich zwei Mercedes auf der Welt gab, daß er noch glücklich sein könnte.

 

Sein von Wonne entflammtes Auge tauchte sich sehnsuchtsvoll in Haydees feuchte Blicke, als plötzlich die Tür sich öffnete. Der Graf faltete die Stirn.

 

Herr von Morcerf! sagte Baptistin, als ob dieses einzige Wort seine Entschuldigung enthielte.

 

Das Antlitz des Grafen hellte sich in der Tat auf.

 

Welcher? sagte er, der Vicomte oder der Graf?

 

Mein Gott! rief Haydee, ist es denn noch nicht zu Ende!

 

Ich weiß nicht, ob es zu Ende ist, vielgeliebtes Kind, sagte Monte Christo, das Mädchen bei den Händen fassend; aber ich weiß, daß du nichts zu fürchten hast.

 

Oh! es ist doch der Elende …

 

Dieser Mensch vermag nichts über mich, Haydee, nur von seinem Sohne hattest du etwas zu fürchten.

 

Wie habe ich auch gelitten, du wirst es nie erfahren, Herr.

 

Monte Christo lächelte und sagte, die Hand über dem Haupte des Mädchens ausstreckend: Bei dem Grabe meines Vaters schwöre ich dir, Haydee, wenn Unglück geschieht, so widerfährt es nicht mir.

 

Ich glaube dir, Herr, als ob Gott zu mir spräche, sagte das junge Mädchen und reichte dem Grafen seine Stirn. Monte Christo drückte auf diese reine und schöne Stirn einen Kuß, der zwei Herzen heftiger schlagen ließ.

 

Oh, mein Gott! solltest du es denn gestatten, daß ich noch einmal lieben könnte? murmelte der Graf und führte die schöne Griechin zu einer Geheimtreppe, während er zu Baptistin sagte: Lassen Sie den Grafen von Morcerf in den Salon treten.

 

Während Mercedes in ihrer Wohnung ihre Juwelen zusammenlegte, ihre Schubladen verschloß, ihre Schlüssel sammelte, um alles in Ordnung zurückzulassen, bemerkte sie nicht, daß ein bleicher, düsterer Kopf an der Glasscheibe einer Tür erschien, der, ohne gesehen zu werden, alles gewahrte, was drinnen vorging.

 

Von dieser Glasscheibe begab sich der Mann mit dem bleichen Gesichte in das Schlafzimmer des Grafen von Morcerf, wo er mit krampfhafter Hand den Vorhang eines auf den Hof gehenden Fensters aufhob. Er blieb zehn Minuten unbeweglich, stumm, auf die Schläge seines Herzens horchend.

 

Da kam Albert zurück, bemerkte, daß sein Vater seine Rückkehr hinter einem Vorhang beobachtete, und wandte den Kopf ab. Das Auge des Grafen erweiterte sich; er wußte, daß Albert den Grafen furchtbar beleidigt hatte und daß eine solche Beleidigung in allen Ländern der Welt einen Zweikampf auf Leben und Tod nach sich zog. Albert kehrte aber unversehrt zurück, und er selbst war folglich gerächt.

 

Ein Blitz unbeschreiblicher Freude erleuchtete sein finsteres Antlitz; aber vergebens hoffte er, sein Sohn werde in sein Zimmer kommen, ihm seinen Triumph mitzuteilen.

 

Da ließ der Graf Alberts Diener holen, den, wie erwähnt, sein Herr ermächtigt hatte, nichts vor dem Grafen zu verbergen.

 

Zehn Minuten nachher sah man auf der Freitreppe den General von Morcerf in einem schwarzen Oberrocke, mit schwarzen Beinkleidern und schwarzen Handschuhen erscheinen.

 

Er hatte ohne Zweifel vorher seine Befehle gegeben, denn kaum berührte er die letzte Stufe der Treppe, als sein Wagen vorfuhr. Sein Kammerdiener warf zwei umhüllte Degen in den Wagen; dann schloß er den Schlag und setzte sich neben den Kutscher.

 

Nach den Champs-Elysées, rief der General, zu dem Grafen von Monte Christo. Rasch!

 

Die Pferde bäumten sich unter dem Peitschenschlage und hielten nach fünf Minuten vor dem Hause des Grafen. Herr von Morcerf öffnete selbst den Schlag, sprang, während der Wagen noch rollte, wie ein junger Mensch in die Allee, läutete und verschwand mit seinem Diener in der Tür.

 

Eine Sekunde später meldete Baptistin Herrn von Monte Christo den Grafen von Morcerf, und Monte Christo gab, Haydee zurückführend, den Befehl, den Grafen von Morcerf in den Salon treten zu lassen. Der General maß zum dritten Male den Salon in seiner ganzen Länge, als er, sich umwendend, Monte Christo auf der Schwelle erblickte.

 

Ah! es ist Herr von Morcerf, sagte ruhig Monte Christo ich glaubte, schlecht gehört zu haben.

 

Ja, ich bin es, sagte der Graf, wobei er seine Lippen furchtbar zusammenzog.

 

Ich habe also nur noch die Ursache zu erfahren, die mir das Vergnügen verschafft, den Herrn Grafen von Morcerf so frühzeitig bei mir zu sehen, versetzte Monte Christo.

 

Sie haben heute morgen einen Gang mit meinem Sohn getan, sagte der General.

 

Sie wissen dies?

 

Ich weiß auch, daß mein Sohn gute Gründe gehabt hat, einen Zweikampf mit Ihnen zu wünschen und alles zu tun, was er vermochte, um Sie zu töten.

 

In der Tat, er hatte sehr gute Gründe; doch Sie sehen, daß er mich trotz dieser Gründe nicht getötet und sich nicht einmal geschlagen hat.

 

Und er betrachtete Sie doch als die Ursache der Schande seines Vaters, als die Ursache des gräßlichen Unheils, das in diesem Augenblick mein Haus niederbeugt.

 

Es ist wahr, sagte Monte Christo mit furchtbarer Ruhe; als mitwirkende, nicht als hauptsächlichste Ursache.

 

Ohne Zweifel haben Sie eine Entschuldigung vorgebracht oder ihm eine Erklärung gegeben?

 

Ich habe ihm keine Erklärung gegeben, und er hat sich entschuldigt.

 

Welchem Umstande schreiben Sie dieses Benehmen zu?

 

Ohne Zweifel der Überzeugung, daß ein anderer mehr schuldig ist in dieser Angelegenheit als ich.

 

Und wer war dieser andere? – Sein Vater.

 

Es mag sein, sagte der Graf erbleichend; doch Sie wissen, daß sich der Schuldigste nicht gern von seiner Schuld überzeugen läßt.

 

Ich weiß es … ich erwartete auch, was in diesem Augenblicke geschieht.

 

Sie erwarteten die Feigheit meines Sohnes?

 

Herr Albert von Morcerf ist kein Feiger!

 

Ein Mensch, der einen Degen in der Hand hält, und im Bereiche dieses Degens einen Todfeind hat, ist ein Feigling, wenn er sich nicht schlägt! Warum ist er nicht hier, daß ich es ihm sagen könnte!

 

Mein Herr, entgegnete Monte Christo, ich nehme an, Sie haben mich nicht aufgesucht, mir Ihre Familienangelegenheiten mitzuteilen. Sagen Sie dies Herrn Albert selbst, er weiß vielleicht, was er Ihnen zu antworten hat.

 

Oh! nein! nein! versetzte der General mit einem schnell verschwindenden Lächeln auf seinen Lippen; Sie haben recht, ich bin nicht deshalb gekommen! Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie ebenfalls als meinen Feind betrachte! Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie aus Instinkt hasse, daß es mir scheint, als hätte ich Sie stets gekannt, stets gehaßt; daß es an uns ist, uns zu schlagen, da sich die jungen Leute jetzt nicht mehr schlagen … Ist dies auch Ihre Ansicht, mein Herr?

 

Vollkommen. Als ich Ihnen sagte, ich hätte dies vorhergesehen, meinte ich vor allem die Ehre Ihres Besuchs.

 

Desto besser … Ihre Vorkehrungen sind also getroffen?

 

Sie sind es stets, mein Herr.

 

Sie wissen, daß wir uns schlagen, bis einer auf der Stelle bleibt! sagte der General, vor Wut mit den Zähnen knirschend.

 

Bis einer auf der Stelle bleibt, wiederholte Monte Christo, den Kopf leicht von oben nach unten bewegend.

 

Vorwärts also, wir bedürfen keine Zeugen.

 

In der Tat, das ist unnötig, wir kennen uns so gut! Im Gegenteil, wir kennen uns nicht.

 

Bah! sagte Monte Christo, wir wollen doch sehen. Sind Sie nicht der Soldat Fernand, der am Vorabend der Schlacht von Waterloo desertiert ist? Sind Sie nicht der Leutnant Fernand, der der französischen Armee in Spanien als Spion gedient hat? Sind Sie nicht der Kapitän Fernand, der seinen Wohltäter Ali verraten, verkauft, ermordet hat? Und machen nicht alle diese Fernand zusammen den Generalleutnant, Grafen von Morcerf, Pair von Frankreich, aus?

 

Oh! rief der General, durch diese Worte wie durch ein glühendes Eisen getroffen. Elender, der du mir meine Schande in dem Augenblick vorwirfst, wo du mich töten willst, nein, ich habe dir nicht gesagt, ich sei dir unbekannt. Ich weiß wohl, Dämon, daß du in die Nacht meiner Vergangenheit gedrungen bist und jede Seite meines Lebens beleuchtet hast. Aber vielleicht liegt noch mehr Ehre in mir bei meiner Schmach, als in dir, bei deiner prunkhaften Außenseite. Denn dich kenne ich nicht, mit Gold und Edelsteinen gestickter Abenteurer! Du läßt dich in Paris den Grafen von Monte Christo nennen, in Italien Simbad den Seefahrer, in Malta, was weiß ich? Doch ich frage dich nach deinem wirklichen Namen, um ihn in dem Augenblicke auszusprechen, wo ich dir mit meinem Degen das Herz durchbohre.

 

Der Graf von Monte Christo erbleichte furchtbar, sein wildes Auge entzündete sich in verzehrendem Feuer; er machte einen Sprung in das anstoßende Kabinett, riß in einer Sekunde seinen Oberrock, seine Weste und seine Halsbinde vom Leibe, zog eine kleine Seemannsjacke an und setzte einen Matrosenhut auf, unter dem seine langen, schwarzen Haare herabrollten.

 

So kehrte er furchtbar, unversöhnlich zurück und schritt mit gekreuzten Armen auf den General zu, der, sein Verschwinden nicht begreifend, ihn erwartete und nun seine Zähne klappern und seine Beine unter sich brechen fühlte, zurückwich und erst still stand, als seine krampfhaft zusammengezogene Hand auf einem Tische einen Stützpunkt fand.

 

Fernand! rief der Graf von Monte Christo, von meinen hundert Namen brauche ich dir nur einen zu sagen, um dich niederzuschmettern; doch diesen Namen, nicht wahr, du errätst ihn? Oder vielmehr, du erinnerst dich seiner? Denn, trotz meines Kummers, trotz meiner Qualen, zeige ich dir heute ein Gesicht, welches das Glück der Rache verjüngt, ein Gesicht, das du seit deiner Verheiratung mit Mercedes, meiner Verlobten, oft in deinen Träumen gesehen haben mußt.

 

Mit zurückgeworfenem Kopf, ausgestreckten Händen und starrem Blick verschlang der General schweigend dieses furchtbare Schauspiel; dann suchte er die Wand als Stütze, wankte langsam bis zur Tür, durch die er rückwärts hinausging, wobei ihm nur ein finsterer, kläglicher, herzzerreißender Schrei entfuhr, der Schrei: Edmond Dantes.

 

Dann schleppte er sich mit Seufzern, die nichts Menschliches hatten, bis in den Säulengang des Hauses, durchschritt den Hof wie ein Trunkener und fiel in die Arme seines Kammerdieners, mit unverständlicher Stimme die Worte: Nach Hause! nach Hause! murmelnd.

 

Die frische Luft und die Scham vor seinen Leuten setzten ihn unterwegs instand, seine Gedanken zu sammeln; die Fahrt war jedoch kurz, und je mehr sich der Graf seiner Wohnung näherte, desto mehr fühlte er seine Schmerzen sich erneuern. Einige Schritte vom Hause ließ er halten und stieg aus.

 

Das Tor des Hotels war weit geöffnet; sehr erstaunt darüber, daß man ihn zu diesem herrlichen Gebäude rief, stand ein Fiakerkutscher neben seinem Gefährt im Hofe. Der Graf schaute den Fiaker voll Schrecken an und eilte in seine Zimmer.

 

 

Zwei Personen stiegen die Treppe herab; er konnte ihnen eben noch, in sein Kabinett schleichend, ausweichen. Es waren Mercedes und ihr Sohn, die das Hotel verließen. Sie gingen dicht an dem Unglücklichen vorüber, der hinter dem Damastvorhange fast vom seidenen Kleide Mercedes‘ gestreift wurde und in seinem Gesichte den warmen Atem seines Sohnes fühlte, als dieser die Worte sprach: Mut, meine Mutter! Kommen Sie, wir sind hier nicht mehr zu Hause.

 

Die Worte verklangen, die Tritte entfernten sich. Der General erhob sich, mit seinen Händen krampfhaft an dem Damastvorhange hängend; er preßte das furchtbarste Schluchzen zurück, das je der Brust eines zugleich von seiner Frau und seinem Sohne verlassenen Mannes entstiegen.

 

Bald hörte er den eisernen Kutschenschlag des Fiakers zuschlagen. Dann vernahm er die Stimme des Kutschers, das Rollen des schweren Wagens erschütterte die Fensterscheiben, und der Graf von Morcerf stürzte in sein Schlafzimmer, um noch einmal alles, was er in der Welt geliebt hatte, zu sehen. Doch der Fiaker entfernte sich, ohne daß Mercedes‘ oder Alberts Kopf am Schlage erschien, um dem einsamen Hause, dem verlassenen Gatten und Vater den letzten Blick, das letzte Lebewohl, das letzte Bedauern, das heißt die Verzeihung zu gönnen.

 

In der Sekunde, wo die Räder des Fiakers über das Straßenpflaster davonrollten, erscholl ein Schuß, und ein dunkler Rauch drang durch eine von der Gewalt der Lufterschütterung zerbrochene Scheibe des Schlafzimmers.