Die Reise

 

Die Reise

 

Monte Christo stieß einen Freudenschrei aus, als er die jungen Leute beisammen sah. Ah! ah! sagte er. Nun, ich hoffe, es ist alles abgemacht, alles aufgeklärt, geordnet?

 

Ja, sagte Beauchamp. Alberne Gerüchte, die von selbst gefallen sind, und wenn sie sich wiederholen würden, mich nun zum ersten Gegner hätten. Reden wir nicht mehr davon!

 

Albert wird Ihnen sagen, daß dies meinem Rat entspricht, versetzte der Graf. Hören Sie, fügte er hinzu, Sie sehen mich den abscheulichsten Morgen vollenden, den ich, glaube ich, in meinem Leben gehabt habe.

 

Was machen Sie, sagte Albert, Sie bringen, wie mir scheint, Ordnung in Ihre Papiere?

 

In meine Papiere? Gott sei Dank, nein! In meinen Papieren herrscht stets eine wunderbare Ordnung, insofern ich keine habe, sondern in die Papiere des Herrn Cavalcanti.

 

Des Herrn Cavalcanti? fragte Beauchamp.

 

Ah! ja, wissen Sie nicht, daß dies ein junger Mann ist, den der Graf in die Gesellschaft bringt? fragte Morcerf.

 

Nein, verstehen wir uns wohl, entgegnete Monte Christo, ich bringe niemand in die Gesellschaft und Herrn von Cavalcanti noch viel weniger als irgend einen andern.

 

Und der Fräulein Danglars statt meiner heiraten wird, fuhr Albert lächelnd fort, was mich, wie Sie sich leicht denken können, furchtbar angreift.

 

Wie! Cavalcanti heiratet Fräulein Danglars? rief Beauchamp.

 

Ei! kommen Sie denn vom Ende der Welt? versetzte Monte Christo. Sie, ein Journalist, wissen nichts davon, während ganz Paris nur von dieser Angelegenheit spricht!

 

Und Sie, Graf, haben diese Heirat vermittelt?

 

Ich? Mein Herr Novellist, sagen Sie das ja nicht. Ich, guter Gott! und Heirat vermittelt! Nein, Sie kennen mich nicht; ich habe mich im Gegenteil mit aller Gewalt geweigert, die Bitte vorzubringen.

 

Ah! ich begreife, wegen unseres Freundes Albert.

 

Meinetwegen? sagte der junge Mann, meiner Treu, nein. Der Graf wird mir Gerechtigkeit widerfahren lassen und bezeugen, daß ich ihn im Gegenteil stets gebeten habe, diesen Plan zu vereiteln.

 

Hören Sie, sagte Monte Christo, ich bin so wenig der Vermittler, daß ich mit dem Schwiegervater und mit dem jungen Manne kalt stehe. Nur Fräulein Danglars, die mir keinen besonderen Beruf für die Ehe zu haben scheint, bewahrte mir ihre Zuneigung, als sie sah, wie wenig ich dazu beitrug, daß sie auf ihre liebe Freiheit Verzicht leisten sollte. Und Sie sagen, diese Heirat sei dem Abschluß nahe?

 

Mein Gott! ja, ungeachtet alles dessen, was ich einwenden mochte. Ich kenne den jungen Mann nicht; man behauptet, er sei reich und von guter Familie; für mich sind dies lauter unbewiesene Behauptungen. Ich habe dies Herrn Danglars sattsam wiederholt, aber er ist ganz verliebt in seinen Luckeser. Es war alles umsonst. Er beauftragte mich, an den Major zu schreiben und die Papiere zu verlangen, die Sie hier sehen. Ich schicke sie ihm, wasche mir aber, wie Pilatus, die Hände in Unschuld.

 

Beauchamp fing an, die Gemälde zu betrachten.

 

Doch, Sie scheinen mir merkwürdig aufgeregt, fuhr Monte Christo fort. Sprechen Sie, was haben Sie?

 

Ich habe Migräne, sagte Albert.

 

In diesem Fall, mein lieber Vicomte, kann ich Ihnen ein unfehlbares Mittel vorschlagen, ein Mittel, das mir geholfen hat, so oft ich mich mißgestimmt fühlte.

 

Welches? fragte der junge Mann.

 

Die Ortsveränderung.

 

In der Tat? rief Albert.

 

Ja, und da ich mich in diesem Augenblick gleichfalls im höchsten Grade mißgestimmt fühle, so ändere ich den Ort meines Aufenthaltes. Ist es Ihnen recht, wenn wir es gemeinschaftlich tun?

 

Sie mißgestimmt, Graf! warf Beauchamp ein, und worüber?

 

Bei Gott! Sie haben gut reden; ich wollte Sie sehen, wenn in Ihrem Hause eine Untersuchung angestellt würde.

 

Eine Untersuchung! Welche Untersuchung?

 

Die, welche Herr von Villefort gegen meinen Einbrecher führt, der, wie es scheint, ein aus dem Bagno entwichener Räuber ist.

 

Ah! es ist wahr, sagte Beauchamp, ich habe von der Sache gehört. Wie ist es denn mit diesem Caderousse?

 

Er scheint ein Provençale zu sein. Herr von Villefort hat von ihm sprechen hören, als er in Marseille war, und Herr Danglars erinnert sich, ihn gesehen zu haben. Die Folge davon ist, daß sich der Staatsanwalt die Sache sehr zu Herzen nimmt, daß dieselbe, wie es scheint, im höchsten Grade den Polizeipräfekten interessiert, der mir, bewogen durch dieses Interesse, für das ich ihm äußerst dankbar bin, seit vierzehn Tagen alle Banditen hierher schickt, deren man in Paris und Umgegend habhaft werden kann, unter dem Vorwande, es seien Genossen von Caderousse, so daß es in drei Monaten, wenn es so fortgeht, im schönen Frankreich keinen Dieb oder Mörder mehr gibt, der nicht den Plan meines Hauses an den Fingern kennt. Ich bin auch entschlossen, es ihnen ganz zu überlassen und so weit zu gehen, als mich die Erde tragen kann. Kommen Sie mit, Vicomte, ich nehme Sie mit.

 

Sehr gern, aber wohin?

 

Ans Meer, Vicomte, ans Meer. Ich bin ein Seemann und wurde als kleines Kind in den Armen des alten Ozeans und auf dem Schoße der schönen Amphitrite gewiegt. Ich habe mit dem grünen Mantel des einen und mit dem azurblauen Gewande der andern gespielt, ich liebe das Meer, wie man die Gebieterin seines Herzens liebt, und sehne mich oft danach. Nehmen Sie meinen Vorschlag an? – Ich nehme ihn an.

 

Herr Beauchamp, wollen Sie mit uns reisen? Ich nehme Sie mit. – Ich danke, ich komme von der See.

 

Wie! Sie kommen von der See? – Ja. Ich habe eine kleine Reise nach den Borromeischen Inseln gemacht.

 

Gleichviel, kommen Sie nur! sagte Albert.

 

Nein, mein lieber Morcerf, es geht nicht an. Überdies, fügte er, die Stimme dämpfend, hinzu, überdies ist es nötig, daß ich in Paris bleibe, um den Briefkasten meiner Zeitung zu bewachen.

 

Ah! Sie sind ein guter, vortrefflicher Freund, sagte Albert; ja, Sie haben recht, überwachen Sie, Beauchamp, und suchen Sie den Feind zu entdecken.

 

Albert und Beauchamp trennten sich; ihr letzter Händedruck enthielt alles, was ihre Lippen vor einem Fremden nicht aussprechen konnten.

 

Ein vortrefflicher Junge! sagte Monte Christo, nachdem der Journalist weggegangen war; nicht wahr. Albert?

 

Ja, ein Mann von Herz, dafür stehe ich Ihnen; ich liebe ihn auch von ganzer Seele. Nun aber, obgleich es mir ziemlich gleichgültig ist, wohin gehen wir?

 

Nach der Normandie, wenn Sie wollen, dort sind wir ganz unter uns, mit zwei Pferden, um zu rennen, mit Hunden, um zu jagen, und mit einer Barke, um zu fischen.

 

Das ist es, was ich brauche, ich benachrichtige meine Mutter und stehe dann zu Ihren Befehlen.

 

Aber wird man Ihnen erlauben, mit dem geheimnisvollen Grafen von Monte Christo zu reisen?

 

Sie haben ein kurzes Gedächtnis, Graf. Sprach ich Ihnen nicht von der vollen Sympathie meiner Mutter für Sie?

 

Die Frau ändert sich, sagte Franz I.; die Frau ist die Welle, sagt Shakespeare, der eine war ein großer König, der andere ein großer Dichter, und jeder von ihnen mußte die Frau kennen.

 

Ja, die Frau, doch meine Mutter ist nicht die Frau, es ist eine Frau. – Ich will sagen, daß meine Mutter mit ihren Gefühlen geizig ist, aber wenn sie diese einmal jemand zuwendet, auch für immer treu bleibt.

 

Ah, wirklich! sagte seufzend Monte Christo, und Sie glauben, sie erweise mir die Ehre, mir ein anderes Gefühl zuzuwenden, als das vollkommener Gleichgültigkeit?

 

Ich habe Ihnen gesagt und wiederhole Ihnen, Sie müssen in der Tat ein einziger Mann sein, daß Sie meiner Mutter ein solches Interesse einflößen können. Wenn wir allein sind, sprechen wir nur von Ihnen.

 

Und sie sagt Ihnen, Sie sollen mir mißtrauen?

 

Im Gegenteil, sie sagt: Ich glaube, der Graf ist eine edle Natur, bemühe dich, daß er dich liebt.

 

Ah, wirklich! rief Monte Christo und wandte die Augen ab.

 

Sie begreifen also, fuhr Albert fort, daß sie, statt sich meiner Reise zu widersetzen, sie im Gegenteil vollkommen billigen wird.

 

Heute abend also, sagte Monte Christo, seien Sie um fünf Uhr hier, wir kommen dann um Mitternacht, oder um ein Uhr in Treport an.

 

Sie sind offenbar der Mann der Wunder, und Sie werden noch die Eisenbahnen an Schnelligkeit übertreffen.

 

Damit entfernte sich Albert. Monte Christo blieb, nachdem er ihm lächelnd ein Zeichen mit dem Kopfe gemacht hatte, einen Augenblick nachdenkend und wie in eine tiefe Betrachtung versunken. Endlich aber fuhr er sich mit der Hand über die Stirn, als wollte er die Träumerei verscheuchen, ging auf das Glöckchen zu und schlug zweimal darauf. Zu dem eintretenden Bertuccio sagte der Graf: Ich reise heute abend nach der Normandie ab; bis fünf Uhr haben Sie mehr Zeit, als Sie brauchen. Sie lassen die Stallknechte an der ersten Haltestelle benachrichtigen; Herr von Morcerf begleitet mich. Gehen Sie.

 

Ehe der Graf sich entfernte, ging er zu Haydee hinauf, benachrichtigte sie von seiner Abreise, nannte ihr den Ort, wohin er ging, und stellte das ganze Haus zu ihren Befehlen.

 

Albert war pünktlich. Seine anfängliche Niedergeschlagenheit wich bald unter dem bloßen Einfluß der ganz unglaublichen Schnelligkeit.

 

Aber wo, zum Teufel, finden Sie denn solche Pferde? fragte Albert, es scheint, Sie lassen sie ausdrücklich züchten.

 

Ganz richtig, sagte der Graf, vor sechs Jahren fand ich in Ungarn einen ausgezeichneten, wegen seiner Schnelligkeit berühmten Hengst; ich kaufte ihn, ich weiß nicht, für wieviel. In demselben Jahre hatte er 32 Sprößlinge: alle gleich schwarz ohne einen einzigen Flecken, einen Stern auf der Stirn ausgenommen.

 

Doch was machen Sie mit allen diesen Pferden?

 

Sie sehen, ich reise damit.

 

Doch Sie reisen nicht immer.

 

Wenn ich sie nicht mehr brauche, so verkauft sie Bertuccio, und er behauptet, er gewinne 30 bis 40 000 Franken an ihnen.

 

Graf, soll ich Ihnen einen Gedanken mitteilen, der mir gekommen ist? – Tun Sie das.

 

Herr Bertuccio muß nach Ihnen der reichste Privatmann Europas sein.

 

Sie täuschen sich, Vicomte, ich bin fest überzeugt, daß Sie, wenn Sie die Taschen Bertuccios umdrehen, nicht für zehn Sous Wert darin fänden.

 

Warum? fragte der junge Mann; Bertuccio ist also ein Phänomen. Ah! lieber Graf, treiben Sie das Wunderbare nicht zu weit, oder ich glaube Ihnen nicht mehr.

 

Bei mir gibt es nichts Wunderbares, mein lieber Albert, Zahlen und Vernunft, sonst nichts. Antworten Sie mir: Warum stiehlt ein Intendant?

 

Verdammt! weil es in seiner Natur liegt, wie mir scheint; er stiehlt, um zu stehlen.

 

Nein, Sie täuschen sich, er stiehlt, weil er eine Frau, Kinder, eitle Wünsche für sich und seine Familie hat. Er stiehlt hauptsächlich, weil er nicht sicher ist, ob er seinen Herrn wieder verlassen muß, weil er sich eine Zukunft schaffen will. Bertuccio aber ist allein auf der Welt, er nimmt aus meiner Börse, ohne mir Rechenschaft zu geben, er ist sicher, daß er mich nie zu verlassen hat.

 

Warum? – Weil ich keinen Bessern finden werde.

 

Oho, sind Sie dessen so gewiß?

 

Ganz gewiß. Der gute Diener ist für mich der, bei dem ich ein Recht über Leben und Tod habe.

 

Und Sie haben das Recht über Leben und Tod bei Herrn Bertuccio? – Ja, antwortete kalt der Graf.

 

Es gibt Worte, die das Gespräch schließen, wie eine eiserne Tür; das Ja des Grafen war ein solches Wort. Der Rest der Reise vollzog sich mit derselben Geschwindigkeit; man kam mitten in der Nacht vor dem Tore eines schönen Parkes an. Der Hausmeister stand davor und hielt das Gitter offen.

 

Es war halb zwei Uhr morgens. Als man Morcerf in sein Zimmer führte, fand er ein Bad und ein Abendessen bereit. Ein Diener stand zu seinen Befehlen, und Baptistin bediente den Grafen. Albert nahm sein Bad, speiste und legte sich schlafen. Die ganze Nacht hindurch wurde er von dem schwermütigen Geräusche der Wellen gewiegt. Als er aufstand, ging er gerade auf das Fenster zu, öffnete es und befand sich auf einer kleinen Terrasse, wo man das Meer vor sich hatte und hinter sich einen hübschen Park, der nach einem kleinen Wäldchen führte.

 

In einer Bucht von mäßiger Größe schaukelte sich eine kleine Korvette mit schmalem Kiel und hohem Mast, die auf der Spitze eine Flagge mit dem Wappen des Grafen trug. Um die Korvette her lagen mehrere kleine Kähne, die den Fischern der benachbarten Dörfer gehörten. Hier, wie an allen andern Orten, wo sich der Graf aufhielt, war alles wunderbar bequem eingerichtet. Albert fand in seinem Vorzimmer zwei Flinten und alles für einen Jäger Erforderliche, ein anderes Zimmer im Erdgeschoß enthielt Fischereigeräte.

 

Der ganze Tag verging mit Jagen und Fischen; man schoß ein Dutzend Fasanen im Park, man fing Forellen in den Bächen, man speiste in einem Kiosk zu Mittag, der die Aussicht auf das Meer hatte, und servierte den Tee in der Bibliothek.

 

Am Abend des dritten Tages schlummerte Albert, den dieses Leben ermüdete, ein wenig in einem Lehnstuhl am Fenster, als das Geräusch eines auf der Straße heransprengenden Pferdes den jungen Mann erweckte und aufschauen ließ. Er sah durch das Fenster und erblickte zu seinem größten Erstaunen seinen Kammerdiener aus Paris.

 

 

Florentin hier! rief er von seinem Stuhle aufspringend, ist meine Mutter krank? Und er stürzte aus dem Zimmer.

 

Monte Christo folgte ihm mit den Augen und sah ihn auf den Diener zueilen, der, noch ganz atemlos, aus seiner Tasche einen Brief und eine Zeitung zog.

 

Von wem ist der Brief? fragte Albert rasch.

 

Von Herrn Beauchamp, antwortete Florentin. Er ließ mich zu sich kommen, gab mir das zur Reise erforderliche Geld und nahm nur das Versprechen ab, ohne Verzug zu Ihnen zu eilen.

 

Albert öffnete den Brief. Bei den ersten Zeilen stieß er einen Schrei aus und griff sichtbar zitternd nach der Zeitung. Plötzlich verfinsterten sich seine Augen, und seine Beine schienen unter ihm zu weichen.

 

Armer, junger Mann! murmelte Monte Christo so leise, daß er selbst den Klang dieser Worte des Mitleids nicht hören konnte; es ist also gewiß, daß die Sünde der Väter auf die Kinder bis in das dritte und vierte Geschlecht zurückfällt!

 

Inzwischen hatte Albert seine Kräfte wieder gesammelt; er fuhr fort zu lesen, schüttelte seine Haare auf dem schweißbedeckten Haupte und sagte, den Brief und die Zeitung zerknitternd: Florentin, ist dein Pferd imstande, den Weg nach Paris zurückzumachen?

 

Es ist eine schlechte, hinkende Märe.

 

Oh! mein Gott! und wie stand es zu Hause, als du fortgingst?

 

Ziemlich gut; doch als ich von Herrn Beauchamp zurückkam, fand ich die gnädige Frau in Tränen. Sie hatte mich rufen lassen, um sich zu erkundigen, wann Sie zurückkämen. Ich sagte ihr, ich sei im Begriff, Sie im Auftrage des Herrn Beauchamp zu holen. Ihre erste Bewegung war, den Arm auszustrecken, als wollte sie mich zurückhalten, aber nach kurzem Überlegen sagte sie: Ja, gehe, Florentin, und sage ihm, er möge zurückeilen.

 

Ja, meine Mutter, ja, sagte Albert, ich komme sogleich, sei unbesorgt und wehe dem Schändlichen! Doch vor allem muß ich abreisen. Hierauf kehrte er in das Zimmer zurück, wo er Monte Christo gelassen hatte.

 

Graf, sagte er, ich danke Ihnen für Ihre Gastfreundschaft, die ich gern noch länger genossen hätte, aber ich muß nach Paris zurückkehren.

 

Was ist denn vorgefallen? – Ein großes Unglück; doch erlauben Sie mir, abzureisen, es handelt sich um eine Sache, die viel kostbarer ist als mein Leben. Keine Frage, Graf, ich bitte Sie zugleich um ein Pferd!

 

Meine Ställe stehen zu Ihren Diensten, Vicomte, erwiderte Monte Christo; aber die Anstrengung eines ununterbrochenen Postrittes wird Sie töten, nehmen Sie lieber einen Wagen.

 

Nein, das würde zu lange dauern, und ich bedarf der Anstrengung, sie wird mir wohl tun.

 

Monte Christo stand am Fenster und rief: Ali, ein Pferd für Herrn von Morcerf! Schnell, es ist dringend!

 

Ich danke, rief der junge Mann, sich in den Sattel schwingend und wollte fortjagen, hielt aber noch einmal an und sagte: Sie finden vielleicht meine Abreise seltsam, unnatürlich, wahnsinnig! Sie begreifen vielleicht nicht, wie ein paar Zeilen in einem Journal einen Menschen in Verzweiflung bringen können; nun wohl, lesen Sie diese Nachricht hier, aber erst, wenn ich fort bin, damit Sie meine Schamröte nicht sehen.

 

Und während der Graf die Zeitung nahm, gab Morcerf dem Roß die Sporen und flog davon.

 

Der Graf schaute dem jungen Manne mit einem Gefühle unendlichen Mitleids nach, und erst, als er völlig verschwunden war, wandte er seine Blicke auf die Zeitung und las wie folgt:

 

Der französische Offizier im Dienste Alis, Paschas von Janina, über den vor drei Wochen der Impartial eine Mitteilung brachte, und der nicht nur die Schlösser von Janina übergab, sondern auch seinen Wohltäter an die Türken verkaufte, hieß wirklich Fernand, wie angegeben wurde. Doch seitdem hat er seinem Namen einen adeligen Titel hinzugefügt.

 

Er heißt gegenwärtig Graf von Morcerf und ist Mitglied der Kammer der Pairs

 

So erschien also das furchtbare Geheimnis, das Beauchamp so edelmütig begraben hatte, abermals wie ein schreckendes Gespenst zwei Tage, nachdem Albert nach der Normandie abgereist war, in einer andern Zeitung.

 

Das Urteil.

 

Das Urteil.

 

Um acht Uhr morgens traf Albert bei Beauchamp wie der Blitz ein. Der Kammerdiener war unterrichtet; er führte Morcerf in das Zimmer seines Herrn.

 

Nun! sagte Albert zu ihm.

 

Armer Freund, ich erwarte Sie, erwiderte Beauchamp.

 

Hier bin ich. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, Beauchamp, daß ich Sie für zu rechtschaffen und zu gut halte, um mit irgend jemand hierüber gesprochen zu haben; nein, mein Freund. Überdies ist mir der Bote, den Sie mir schickten, ein Bürge für Ihre Zuneigung, Verlieren wir also keine Zeit mit Umschweifen! Haben Sie eine Ahnung, von welcher Seite dieser Schlag kommt?

 

Ich werde Ihnen sogleich zwei Worte sagen.

 

Doch vorher, Freund, müssen Sie mir alle Einzelheiten dieses abscheulichen Verrates mitteilen.

 

Beauchamp berichtete hierauf dem vor Scham und Schmerz niedergebeugten jungen Mann kurz folgendes.

 

Zwei Tage vorher war der Artikel in einer Zeitung erschienen, die unter dem Einfluß der Regierung stand, was der Sache noch mehr Gewicht verlieh. Beauchamp frühstückte, als ihm die Nachricht zu Gesicht kam; er eilte, ohne sein Mahl zu vollenden, in das Bureau der Zeitung. Obgleich der Redakteur eine andere politische Richtung vertrat wie Beauchamp, war er doch dessen vertrauter Freund.

 

Als er zu ihm kam, las der Redakteur sein eigenes Blatt.

 

Ah, bei Gott! rief Beauchamp, da Sie Ihre Zeitung in der Hand haben, mein lieber so brauche ich Ihnen nicht zu sagen, was mich hierher führt.

 

Ich wüßte nicht; doch warum kommen Sie?

 

Wegen des Artikels über Morcerf.

 

Ah! ja; nicht wahr, das ist seltsam?

 

So seltsam, daß Sie sich der Gefahr aussetzen, einen sehr zweifelhaften Verleumdungsprozeß an den Hals zu bekommen.

 

Keineswegs; wir haben mit der Zuschrift alle Beweisstücke empfangen und sind fest überzeugt, daß Herr von Morcerf sich ruhig verhalten wird. Überdies heißt es dem Lande einen Dienst leisten, wenn man die Elenden bloßstellt, die der Ehre unwürdig sind, die man ihnen erweist.

 

Beauchamp war verblüfft.

 

Aber wer hat Sie denn so gut unterrichtet? fragte er, denn meine Zeitung, welche die Sache zuerst angeregt hatte, mußte sie in Ermangelung von Beweisen fallen lassen, und wir sind doch mehr dabei interessiert, als Sie, Herrn von Morcerf an den Pranger zu stellen, da er Pair von Frankreich ist und wir die Regierung angreifen.

 

Lieber Freund, wir sind dem Skandal nicht nachgelaufen, er hat uns aufgesucht. Es kam gestern ein Mensch von Janina an, der den ganzen Aktenstoß mitbrachte, und als wir Anstand nahmen, die Anklage gegen den Grafen zu erheben, bemerkte er, er werde sich an eine andere Zeitung wenden. Sie wissen, Beauchamp, was eine wichtige Nachricht ist; wir wollten uns diese nicht entgehen lassen. Nun ist der Schlag getan; er ist furchtbar und wird bis an das Ende Europas widerhallen.

 

Beauchamp entfernte sich in Verzweiflung, um einen Kurier an Morcerf abzuschicken.

 

Was er aber Albert nicht hatte schreiben können, – denn es geschah nach der Abreise seines Kuriers, – war, was an demselben Tage in der Kammer der Pairs vor sich ging. Fast alle Pairs waren früher erschienen und unterhielten sich über das unselige Ereignis, das die öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen und auf eines der bekanntesten Mitglieder des erhabenen Körpers lenken sollte.

 

Man las mit leiser Stimme den Artikel, man kommentierte ihn und tauschte Erinnerungen aus. Der Graf von Morcerf war unter seinen Standesgenossen nicht beliebt. Wie alle Emporkömmlinge zeigte er sich übermäßig hochmütig. Als er am andern Morgen zu seiner gewöhnlichen Stunde, ohne Ahnung von der Zeitungsnachricht – denn er hielt und las das Blatt nicht – vor der Kammer ankam, stieg er aus dem Wagen, schritt mit erhobenem Kopfe, herausforderndem Auge und stolzem Gange durch die Räume und trat in den Saal, ohne das Zögern des Saaldieners und die gezwungenen Grüße seiner Kollegen zu bemerken.

 

Seine Miene und sein Gang erschienen allen hochmütiger als gewöhnlich, und seine Gegenwart schien unter den Umständen so beleidigend für die auf ihre Ehre eifersüchtige Versammlung, daß alle dadurch noch mehr erbittert wurden. Die Kammer brannte offenbar vor Begierde, den Kampf zu beginnen. Man sah das anklagende Journal in allen Händen, doch wie gewöhnlich zögerte jeder, die Verantwortlichkeit des Angriffs auf sich zu nehmen. Endlich stieg einer von den ehrenwerten Pairs, ein erklärter Feind des Grafen von Morcerf, feierlich auf die Rednerbühne.

 

Es herrschte ein furchtbares Stillschweigen; Morcerf allein wußte nichts von der Ursache der ernsten Aufmerksamkeit, die man diesmal einem Redner schenkte, dem man gewöhnlich nicht so gefällig zuhörte. Den Grafen ließ auch die Einleitung ruhig, in der der Redner äußerte, er habe von einer so heiligen, so ernsten Sache, von einer für die Kammer so bedeutungsvollen Frage zu sprechen, daß er die ganze Aufmerksamkeit seiner Kollegen in Anspruch nehme. Jedoch bei dem ersten Wort von Janina und vom Obersten Fernand erbleichte der Graf von Morcerf so, daß eine Bewegung durch die Versammlung ging, deren Blicke insgesamt auf den Grafen gerichtet waren.

 

Die moralischen Wunden haben das Eigentümliche, daß sie sich verbergen, aber nicht wieder schließen; stets schmerzhaft, stets bereit, zu bluten, wenn man sie berührt, bleiben sie frisch und klaffend im Herzen.

 

Als der Artikel bis zum Schlusse gelesen war, setzte der Ankläger seine Bedenken auseinander und machte einige Bemerkungen über die Schwierigkeit seiner Aufgabe. Es sei die Ehre des Herrn von Morcerf, es sei die Ehre der ganzen Kammer, die er verteidige, indem er eine Debatte über so heikle persönliche Fragen hervorrufe. Endlich schloß er mit dem Antrage auf eine Untersuchung, die schnell genug eingeleitet werden sollte, um die Verleumdung zu Schanden zu machen, ehe sie Zeit gehabt hätte zu wachsen, und um Herrn von Morcerf in der Stellung, die ihm die öffentliche Meinung längst eingeräumt, wiederherzustellen.

 

Morcerf war so niedergebeugt, er bebte dermaßen bei dem plötzlichen Hereinbrechen dieses ungeheuren und unerwarteten Ungemachs, daß er kaum mit irrem Auge ein paar Worte zu stammeln vermochte. Diese Verzagtheit, die man ebensogut dem Erstaunen des Unschuldigen, wie der Scham des Schuldigen zuschreiben konnte, erwarb ihm wieder einige Sympathien. Wahrhaft edle Menschen sind stets geneigt, mitleidig zu werden, wenn das Unglück ihres Feindes die Grenzen ihres Hasses überschreitet. Der Präsident ließ abstimmen, und es wurde eine Untersuchung beschlossen.

 

Man fragte den Grafen, wieviel Zeit er brauche, um seine Rechtfertigung vorzubereiten. Dieser hatte seinen Mut wiedergewonnen, sobald er nach diesem furchtbaren Schlage noch Leben in sich fühlte.

 

Meine Herren Pairs, antwortete er, nicht mit der Zeit schlägt man einen Angriff zurück, wie der, den in diesem Augenblicke unbekannte und im Dunkel sich bergende Feinde gegen mich richten; auf der Stelle, mit einem Donnerschlag muß ich den Blitz erwidern, der mich einen Augenblick geblendet hat. Warum wird es mir nicht vergönnt, statt einer solchen Rechtfertigung, mein Blut zu vergießen, um meinen edlen Kollegen zu beweisen, daß ich würdig bin, als ihresgleichen einherzuschreiten!

 

Diese Worte machten einen günstigen Eindruck.

 

Ich verlange also, rief er, daß die Untersuchung so bald als möglich stattfinde, und ich werde der Kammer alle erforderlichen Beweisstücke liefern.

 

Welchen Tag bestimmen Sie? fragte der Präsident.

 

Ich stelle mich von heute an zur Verfügung der Kammer.

 

Der Präsident rührte seine Glocke und fragte: Ist die Kammer der Ansicht, daß diese Untersuchung noch heute statthaben soll?

 

Ja! lautete die einstimmige Antwort der Versammlung.

 

Man ernannte eine Kommission von zwölf Mitgliedern, welche die von Morcerf zu liefernden Beweisstücke untersuchen sollte. Die Stunde der ersten Sitzung dieser Kommission wurde auf acht Uhr abends in den Büros der Kammer festgesetzt. Als diese Entscheidung gefaßt war, bat Morcerf um Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen; er mußte die Beweisstücke zusammenfassen, die er seit langer Zeit aufgehäuft, um einem unvorhergesehenen Sturme Trotz zu bieten.

 

Dies alles erzählte Beauchamp dem jungen Manne.

 

Albert hörte ihm zu, bald vor Hoffnung, bald vor Zorn, bald vor Scham zitternd, denn er fragte sich, wie es dem Schuldigen gelingen könne, seine Unschuld zu beweisen.

 

Als Beauchamp schwieg, fragte Albert: Und dann?

 

Mein Freund, dieses Wort versetzt mich in eine furchtbare Notwendigkeit. Fassen Sie Mut, Albert, nie haben Sie dessen mehr bedurft.

 

Albert fuhr mit der Hand über seine Stirn, als wollte er sich seiner eigenen Kraft versichern, wie ein Mensch, der sein Leben zu verteidigen sich anschickt, seinen Panzer versucht und seine Degenklinge biegt. Er fühlte sich stark, denn er hielt sein Fieber für Energie. Reden Sie, sagte er.

 

Es kam der Abend, fuhr Beauchamp fort, ganz Paris wartete auf den Ausgang der Sache. Viele behaupteten, Ihr Vater habe sich nur zu zeigen, um die Anklage zu Boden zu schlagen; viele sagten, er werde sich nicht einfinden, andere versicherten, sie hätten ihn nach Brüssel abreisen sehen, manche gingen sogar zur Polizei und fragten, ob es wahr sei, daß der Graf seine Pässe genommen habe.

 

Ich muß Ihnen gestehen, daß ich alles tat, um von einem der Mitglieder der Kommission, einem mir befreundeten jungen Pair, in die Kammer geführt zu werden. Um sieben Uhr holte er mich ab und empfahl mich, ehe jemand gekommen war, einem Saaldiener, der mich in eine Loge einschloß. Ich war durch eine Säule gedeckt und in völliger Dunkelheit und konnte hoffen, die furchtbare Szene, die sich entwickeln sollte, vom Anfang bis zum Ende zu hören und zu sehen.

 

Herr von Morcerf trat bei dem letzten Schlage der achten Stunde ein. Er hatte einige Papiere in der Hand, und seine Haltung schien ruhig. Gegen seine Gewohnheit war sein Gang einfach, sein Anzug würdig, und er trug nach Art alter Offiziere seinen Rock von oben bis unten zugeknöpft. Seine Erscheinung brachte die beste Wirkung hervor; die Kommission war durchaus nicht übelgesinnt, und mehrere Mitglieder gingen dem Grafen entgegen und reichten ihm die Hand.

 

Albert fühlte, wie sein Herz bei diesem Bericht beinahe brach, und dennoch regte sich unter seinem Schmerze ein Gefühl der Dankbarkeit; gern hätte er alle diese Menschen umarmen mögen, die seinem Vater während einer so großen Gefährdung seiner Ehre die Hand reichten.

 

In diesem Augenblick trat ein Diener ein und übergab dem Präsidenten einen Brief. – Sie haben das Wort, Herr von Morcerf, sagte der Präsident, den Brief entsiegelnd.

 

Der Graf begann seine Verteidigungsrede, und ich versichere Ihnen, Albert, fuhr Beauchamp fort, er entwickelte eine außerordentliche Beredsamkeit und Geschicklichkeit; er brachte Papiere vor, die bewiesen, daß ihn der Wesir von Janina bis zur letzten Stunde mit seinem ganzen Vertrauen beehrt und besonders mit einer Unterhandlung bei dem Sultan selbst beauftragt hatte, wobei es sich um Leben oder Tod gehandelt. Er wies den Ring vor, ein Zeichen des Oberbefehls, mit dem Ali selbst gewöhnlich seine Briefe siegelte und den er ihm gegeben, damit er bei seiner Rückkehr, zu welcher Stunde des Tages oder der Nacht es auch sei, und wäre er sogar in seinem Harem, zu ihm dringen könnte. Unglücklicherweise, sagte er, scheiterte seine Unterhandlung, und als er zurückkam, um seinen Wohltäter zu verteidigen, war er bereits tot. Doch sterbend, behauptete der Graf, habe ihm Ali Pascha, so groß sei sein Vertrauen gewesen, seine erste Favoritin und seine Tochter anvertraut.

 

Albert bebte bei diesen Worten; denn während Beauchamp sprach, trat ihm Haydees Erzählung vor sein geistiges Auge, und er erinnerte sich dessen, was die schöne Griechin von dieser Botschaft, von diesem Ringe und von der Art und Weise, wie sie verkauft und in die Sklaverei geführt worden war, gesagt hatte.

 

Und was war die Wirkung der Rede des Grafen?

 

Ich gestehe, daß sie mich erschütterte, und ebenso, wie mich, auch die ganze Kommission, sagte Beauchamp. Der Präsident warf die Augen kaum auf den Brief, den man ihm gebracht hatte; doch bei den ersten Zeilen wurde seine Aufmerksamkeit rege, er las das Schreiben, las es abermals, und sagte, seine Blicke auf Herrn von Morcerf heftend: Herr Graf, Sie sagen uns, der Wesir von Janina habe Ihnen seine Frau und seine Tochter anvertraut? – Ja, mein Herr, antwortete Morcerf; doch hierin, wie im übrigen, verfolgte mich das Unglück. Bei meiner Rückkehr waren Wasiliki und ihre Tochter Haydee verschwunden. – Sie kennen die beiden? – Mein vertrauter Umgang mit dem Pascha und der feste Glaube, den er zu meiner Treue hatte, erlaubten mir, sie mehr als zwanzigmal zu sehen. – Haben Sie irgend eine Ahnung, was aus ihnen geworden ist? – Ja, mein Herr, ich habe sagen hören, sie seien ihrem Kummer und vielleicht ihrer Armut unterlegen. Ich war nicht reich, ich sah mein Leben großen Gefahren preisgegeben und konnte zu meinem Bedauern keine Nachforschungen anstellen.

 

Der Präsident runzelte unmerklich die Stirn und sagte: Meine Herren, Sie haben den Herrn Grafen gehört. Herr Graf, können Sie zur Unterstützung Ihrer Angaben einige Zeugen liefern? – Nein, antwortete der Graf, alle die, welche den Wesir umgaben und mich an seinem Hofe kannten, sind tot oder zerstreut; soviel ich weiß, habe ich diesen furchtbaren Krieg allein überlebt. Ich besitze nur die Briefe von Ali Tependelini, die vor Ihren Augen liegen; ich besitze nur den Ring, das Pfand seines Willens, das Sie hier sehen; ich habe endlich den überzeugendsten Beweis, den ich liefern kann, nämlich die Anonymität des Angriffs, den Mangel jedes Zeugen gegenüber meinem Wort als dem eines ehrlichen Mannes und gegenüber der Unbeflecktheit meines militärischen Lebens.

 

Ein Gemurmel des Beifalls durchlief die ganze Versammlung; Albert, wäre nichts Neues dazwischen getreten, so hätte Ihr Vater die Sache gewonnen gehabt. Da nahm der Präsident das Wort und sagte: Meine Herren und Sie, Herr Graf, ich denke, es wird Ihnen nicht unangenehm sein, einen sehr wichtigen Zeugen zu hören, der sich von selbst einfindet; dieser Zeuge, wir zweifeln nicht daran, ist nach allem, was uns der Graf gesagt hat, berufen, die vollkommene Unschuld unseres Kollegen darzutun. Hier ist ein Brief, den ich soeben empfangen habe; soll er verlesen werden, oder entscheiden Sie, daß wir darüber weggehen und uns bei diesem Zwischenfalle nicht aufhalten?

 

Herr von Morcerf erbleichte und preßte krampfhaft die Papiere zusammen, die er in der Hand hielt. Die Kommission entschied sich für die Verlesung. Der Brief lautete:

 

Herr Präsident,

 

Ich kann der Untersuchungskommission, die mit der Prüfung des Benehmens des Herrn Grafen von Morcerf in Epirus und Macedonien beauftragt ist, die bestimmteste und sicherste Auskunft geben.

 

Ich war beim Tode Ali Paschas an Ort und Stelle; ich wohnte seinen letzten Augenblicken bei; ich weiß, was aus Wasiliki und Haydee geworden ist; ich stelle mich zur Verfügung der Kommission und fordere sogar die Ehre, gehört zu werden. Ich werde in dem Augenblick, wo man Ihnen dieses Billett übergibt, im Vorsaale der Kammer sein.

 

Und wer ist dieser Zeuge oder vielmehr dieser Feind? fragte der Graf mit einer Stimme, in der eine tiefe Erschütterung nicht zu verkennen war. – Wir werden es erfahren, antwortete der Präsident. Ist die Kommission der Ansicht, daß der Zeuge gehört werden soll? – Ja! ja! sprachen gleichzeitig alle Stimmen. Man rief den Saaldiener, und der Präsident fragte ihn, ob jemand im Vorsaale warte. – Ja, Herr Präsident, erwiderte der Diener, eine Frau, begleitet von einem Diener. – Alle schauten sich an. Lassen Sie die Frau eintreten, sagte der Präsident.

 

Fünf Minuten nachher erschien der Diener wieder. Aller Augen waren auf die Tür gerichtet, und ich selbst, sagte Beauchamp, teilte die allgemeine Spannung. Hinter dem Diener ging eine Frau, in einen großen Schleier gehüllt, der sie völlig verbarg.

 

Der Präsident bat die Unbekannte, den Schleier zurückzuschlagen, und nun sah man, daß die Frau griechische Kleidung trug, und daß sie jung und außerordentlich schön war.

 

Ah! rief Morcerf, Haydee!

 

Wer hat Ihnen das gesagt?

 

Ach! ich errate es. Doch fahren sie fort, Beauchamp, ich bitte Sie, Sie sehen, ich bin ruhig und stark.

 

Herr von Morcerf, fuhr Beauchamp fort, schaute diese Frau mit einer Mischung von Angst und Erstaunen an. Für ihn sollte Leben oder Tod aus diesem reizenden Munde kommen.

 

Der Präsident bot der jungen Frau mit der Hand einen Stuhl an; doch sie deutete durch ein Zeichen mit dem Kopfe an, sie wolle stehen bleiben.

 

 

Gnädige Frau, sagte der Präsident, Sie haben der Kommission geschrieben und sich angeboten, ihr Auskunft über die Begebenheiten in Janina zu geben; Sie sind Ihrer Behauptung nach Augenzeugin gewesen. – Das war ich auch, sagte die Unbekannte mit einem Tone voll rührender Traurigkeit und mit jenem den Orientalen eigenen Wohlklang. – Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie damals noch sehr jung waren, versetzte der Präsident. – Ich war vier Jahrs alt; doch da diese Ereignisse die höchste Bedeutung für mich hatten, so verlor sich kein Umstand aus meinem Geiste, entging keine Einzelheit meinem Gedächtnis. – Welche Bedeutung hatten für Sie diese Ereignisse, und wer sind Sie, daß diese große Katastrophe einen so tiefen Eindruck auf Sie hervorgebracht hat? – Es handelte sich um Leben oder Tod meines Vaters, antwortete das Mädchen; ich heiße Haydee und bin die Tochter von Ali Tependelini, Pascha von Janina, und von Wasiliki, seiner vielgeliebten Frau.

 

Die bescheidene und zugleich stolze Röte, die bei diesen Worten die junge Frau mit Purpur übergoß, das Feuer ihres Blickes, die Majestät ihrer Erscheinung brachten eine unaussprechliche Wirkung auf die Versammlung hervor. Der Graf aber konnte nicht entsetzter sein, wenn ein Blitz herabgefallen wäre und zu seinen Füßen einen Abgrund geöffnet hätte.

 

Gnädige Frau, sagte der Präsident, nachdem er sich ehrfurchtsvoll verbeugt hatte, erlauben Sie mir eine einfache Frage, die keinen Zweifel enthält und die letzte sein wird: Können Sie die Wahrheit Ihrer Behauptung erweisen?

 

Ich kann es, mein Herr, sagte Haydee, unter ihrem Schleier ein Säckchen von parfümiertem Atlas hervorziehend; denn hier ist mein Geburtsschein, von meinem Vater abgefaßt und von seinen obersten Offizieren unterzeichnet; und hier bei meinem Geburtsschein ist mein Taufschein; mein Vater hatte nämlich eingewilligt, daß ich in der Religion meiner Mutter erzogen würde, und der Archimandrit von Macedonien hat diesem Scheine sein Siegel aufgedrückt. Hier ist endlich die Urkunde über den Verkauf meiner Person und meiner Mutter an den armenischen Kaufmann El-Kobbir seitens des fränkischen Offiziers, der sich bei seinem schändlichen Handel mit der Pforte als seinen Beuteanteil Frau und Tochter seines Wohltäters vorbehalten hatte, die er für die Summe von 1000 Beuteln, d. h. für ungefähr 400 000 Franken, feil gab.

 

Bei diesen schrecklichen Anschuldigungen, welche die Versammlung mit finsterem Stillschweigen aufnahm, überzog sich das Gesicht des Grafen mit grünlicher Blässe, und seine Augen wurden von Blut unterlaufen.

 

Immer ruhig, aber viel drohender, als dies eine andere in ihrem Zorne gewesen wäre, überreichte Haydee dem Präsidenten die in arabischer Sprache abgefaßte Verkaufsurkunde.

 

Einer von den edlen Pairs, der die arabische Sprache während des Feldzuges in Ägypten erlernt hatte, las:

 

Ich, El-Kobbir, Sklavenhändler und Lieferant des Harems Seiner Hoheit, erkenne hiermit, daß ich von dem fränkischen Herrn Grafen von Monte Christo einen Smaragd im Werte von zweitausend Beuteln als Preis für eine christliche, elf Jahre alte Sklavin, namens Haydee, anerkannte Tochter des verstorbenen Ali Tependelini, Paschas von Janina, und von Wasiliki, seiner Favoritin, erhalten habe, welche an mich vor sieben Jahren mit ihrer bald darauf gestorbenen Mutter durch einen fränkischen Obersten, im Dienste des Wesire Ali Tependelini, namens Fernand Mondego, verkauft worden ist. Der erwähnte Verkauf ist für Rechnung unseres erhabenen Sultans geschehen, von dem ich den Auftrag hatte, den Smaragd zu erwerben.

 

Ausgefertigt in Konstantinopel mit Vollmacht Seiner Hoheit im Jahre 1247 der Hedschra.

 

Unterzeichnet:

 

El-Kobbir.

 

Die gegenwärtige Urkunde wird, um ihr volle Glaubwürdigkeit und Echtheit zu verleihen, mit dem kaiserlichen Siegel versehen werden, das der Verkäufer derselben beidrucken zu lassen sich verbindlich macht.

 

Neben der Unterschrift des Kaufmanns sah man das Siegel des Großherrn. Auf diese Vorlesung folgte ein furchtbares Stillschweigen; der Graf konnte seine Gedanken nur durch den Blick ausdrücken, und dieser unwillkürlich auf Haydee geheftete Blick schien von Flammen und Blut zu sein.

 

Gnädige Frau, sagte der Präsident, kann man nicht den Herrn Grafen von Monte Christo befragen, der sich, wie ich glaube, bei Ihnen in Paris findet?

 

Der Graf von Monte Christo, mein zweiter Vater, ist seit drei Tagen in der Normandie.

 

Doch wer hat Ihnen diesen Schritt geraten, für den Ihnen die Kammer dankbar ist, und der auch nach Ihren Leiden nur natürlich erscheinen kann.

 

Mein Herr, antwortete Haydee, dieser Schritt ist mir von meiner kindlichen Ehrfurcht und von meinem Schmerze eingegeben worden. Gott vergebe mir! Obgleich Christin, dachte ich stets daran, meinen erhabenen Vater zu rächen. Als ich den Fuß auf die Erde Frankreichs setzte, als ich erfuhr, der Verräter wohne in Paris, waren meine Augen und Ohren beständig offen. Ich lebe zurückgezogen in dem Hause meines edlen Beschützers, doch ich lebe so, weil ich den Schatten und die Stille liebe, die mir in meinen Gedanken und in der Sammlung meines Geistes zu leben gestatten. Aber der Graf von Monte Christo umgibt mich mit seiner väterlichen Sorge, und alles, was das Leben ausmacht, ist mir vertraut, wenn es auch nur, wie aus der Ferne an mein Ohr schlägt. So lese ich alle Zeitungen, wie man mir alle illustrierten Blätter und alle Musikalien zukommen läßt; ich erfuhr daher, was heute morgen in der Kammer der Pairs vorgefallen war, und was heute abend geschehen sollte … dann schrieb ich. Der Graf hatte während dieser ganzen Zeit keinen Teil an Ihrem Schritte?

 

Er weiß durchaus davon, und ich fürchte sogar, er mißbilligt ihn, wenn er ihn erfährt. Es ist indessen ein schöner Tag für mich, fuhr das Mädchen fort, einen flammenden Blick zum Himmel aufschlagend, dieser Tag, an dem ich endlich Gelegenheit finde, meinen Vater zu rächen!

 

Der Graf hatte während dieser ganzen Zeit nicht ein einziges Wort gesprochen; seine Kollegen schauten ihn an und beklagten ohne Zweifel den unter der Anklage einer Frau erfolgenden Zusammenbruch eines angesehenen Lebens: Sein Unglück prägte sich allmählich in den finsteren Zügen seines Antlitzes aus.

 

Herr von Morcerf, sagte der Präsident, erkennen Sie in dieser Frau die Tochter von Ali Tependelini, Pascha von Janina? – Nein, sagte Morcerf, indem er sich zu erheben versuchte, es ist dies ein von meinen Feinden angezetteltes Gewebe.

 

Haydee, die ihre Augen auf die Tür geheftet hatte, wandte sich ungestüm um, stieß, als sie den Grafen wieder aufrecht sah, einen furchtbaren Schrei aus und rief: Du erkennst mich, nicht; wohl, aber ich erkenne dich! Du bist Fernand Mondego, der fränkische Offizier, der die Truppen meines edlen Vaters unterrichtete. Du bist es, der die Schlösser von Janina übergeben hat! Du hast, von ihm nach Konstantinopel geschickt, um mit dem Sultan über Leben oder Tod deines Wohltäters zu unterhandeln, einen falschen Ferman zurückgebracht, in dem ihm vollständige Begnadigung zugestanden war. Du bist es, der mit diesem Ferman den Ring des Paschas erhielt, der dir bei Selim, dem Feuerwächter, Gehorsam verschaffen sollte; du bist es, der Selim erdolchte und meine Mutter und mich verkaufte! Mörder! Mörder! Du hast noch auf deiner Stirn das Blut deines Herrn; schaut alle!

 

Diese Worte wurden mit einer solchen Kraft und Begeisterung der Wahrheit gesprochen, daß aller Augen sich nach der Stirn des Grafen wandten und er selbst mit der Hand danach fuhr, als ob Alis Blut noch warm daran klebte.

 

Sie erkennen also ganz bestimmt in Herrn von Morcerf den Offizier Fernand Mondego?

 

Ob ich ihn erkenne! rief Haydee. Oh! meine Mutter! Sie sagte zu mir: Mein Kind! Du warst frei, du hattest einen Vater, der dich liebte, du warst bestimmt, beinahe eine Königin zu sein! Schau diesen Menschen wohl an, er hat dich zur Sklavin gemacht, er hat auf einem Spieße das Haupt deines Vaters fortgetragen, er hat uns verkauft! Schau genau seine rechte Hand an, sie hat eine breite Narbe; würdest du sein Gesicht vergessen, so müßtest du ihn an dieser Hand wiedererkennen, in die der Kaufmann El-Kobbir ein Goldstück nach dem andern hat fallen lassen! – Ob ich ihn wiedererkenne! Oh! er mag nur sagen, ob er mich nicht wiedererkennt!

 

Jede Silbe fiel wie ein Messer auf Morcerf und schnitt einen Teil seiner Energie ab; bei den letzten Worten verbarg er rasch und unwillkürlich seine in der Tat von einer Wunde verstümmelte Hand und fiel, in düstere Verzweiflung versunken, auf seinen Stuhl zurück.

 

Herr von Morcerf, sagte der Präsident, lassen Sie sich nicht niederbeugen, antworten Sie! Die Gerechtigkeit des Pairshofes ist erhaben und gleich für alle, wie die Gerechtigkeit Gottes; sie wird Sie nicht durch Ihre Feinde zu Boden treten lassen, ohne Ihnen die Mittel zu gönnen, sie zu bekämpfen. Wollen Sie neue Nachforschungen? Soll ich Befehle zu einer Reise von zwei Kammermitgliedern nach Janina geben?

 

Morcerf antwortete nicht. – Da schauten sich die Mitglieder der Kommission voll Schrecken an. Man kannte den energischen und heftigen Charakter des Grafen. Es bedurfte einer furchtbaren Niederschmetterung, um die Widerstandskraft dieses Mannes zu vernichten.

 

Die Tochter von Ali Tependelini, sagte der Präsident nach einer Pause, hat also wirklich die Wahrheit gesagt? Sie ist also wirklich der furchtbare Zeuge, dem der Schuldige kein Nein zu entgegnen wagt? Sie haben also wirklich dies alles begangen, dessen man Sie beschuldigt?

 

Der Graf warf einen Blick umher, dessen verzweifelter Ausdruck Tiger gerührt hätte, seine Richter aber nicht zu entwaffnen vermochte. Mit einer ungestümen Bewegung riß er seinen Rock auf, der ihn zu ersticken drohte, und stürzte wie ein Wahnwitziger aus dem Saal; einen Augenblick ertönte noch sein Tritt im Gange, dann erschütterte das Rollen des Wagens, der ihn im Galopp davonführte, den Palast.

 

Meine Herren, sagte der Präsident, als es wieder still geworden war, ist der Herr Graf von Morcerf der Untreue, des Verrates und der Unwürdigkeit überwiesen? – Ja, antworteten einstimmig alle Mitglieder der Kommission.

 

Haydee hatte der Sitzung bis zum Ende beigewohnt; sie hörte über den Grafen das Urteil fällen, ohne daß ein Zug ihres Gesichtes Freude oder Mitleid ausdrückte. Dann zog sie ihren Schleier wieder vor das Gesicht, grüßte majestätisch und ging hinweg.

 

Die Forderung

 

Die Forderung

 

Nun benutzte ich das Stillschweigen und die Dunkelheit des Saales, um mich, ohne gesehen zu werden, zu entfernen, mit einem im Gedanken an dich gebrochenen Herzen, schloß Beauchamp seinen Bericht.

 

Albert hielt seinen Kopf zwischen seinen Händen, hob sein Antlitz rot und in Tränen gebadet empor, ergriff Beauchamp am Arm und sagte: Freund, mein Leben ist aus; ich muß den Menschen suchen, der mich mit seiner Feindschaft verfolgt. Sobald ich diesen Menschen kenne, töte ich ihn, oder er tötet mich; ich zähle jedoch auf die Stütze Ihrer Freundschaft, Beauchamp, wenn dieses Gefühl in Ihrem Herzen noch nicht durch Verachtung ertötet ist.

 

Verachtung, mein Freund? Wie können Sie so sprechen! Nein, Gott sei Dank, wir leben nicht mehr in einer Zeit, wo ein ungerechtes Vorurteil die Söhne für die Handlungen der Väter verantwortlich macht. Überschauen Sie Ihr ganzes Leben, Albert; es ist freilich erst ein Anfang, aber nie war die Morgenröte eines schönen Tages reiner, als Ihr Sonnenaufgang. Nein, Albert, glauben Sie mir, Sie sind jung, Sie sind reich; verlassen Sie Frankreich, alles vergißt sich schnell in diesem großen Babylon. Sie kommen in drei oder vier Jahren zurück, und niemand denkt mehr an das, was vorgefallen ist, noch viel weniger an das, was sich vor sechzehn Jahren ereignete.

 

Ich danke, lieber Beauchamp, ich danke für die vortreffliche Absicht, die Ihnen diese Worte eingibt; aber Sie begreifen, da ich in dieser Angelegenheit persönlich beteiligt bin, kann ich sie nicht aus demselben Gesichtspunkte ansehen, wie Sie. Ich wiederhole Ihnen, Beauchamp, wenn Sie noch mein Freund sind, wie Sie sagen, so helfen Sie mir die Hand finden, die den Schlag geführt hat.

 

Es sei! Ist es Ihre Absicht, Nachforschungen nach einem Feinde anzustellen, so stelle ich sie mit Ihnen an. Und ich werde ihn finden, denn meine Ehre ist hierbei beinahe ebensosehr beteiligt, wie die Ihrige.

 

Dann beginnen wir auf der Stelle, ohne Verzug unsere Nachforschungen. Jede Minute Verzug ist eine Ewigkeit für mich; der Denunziant ist noch nicht bestraft, er kann also hoffen, er werde nicht bestraft werden; und bei meiner Ehre! wenn er dies hofft, so täuscht er sich.

 

Wohl, so hören Sie, Morcerf.

 

Ah! Beauchamp, ich sehe, Sie wissen etwas; Sie geben mir das Leben wieder!

 

Ich sage Ihnen nicht, es sei Gewißheit, Albert, aber es ist wenigstens ein Licht im Dunkel; folgen wir diesem Lichte, und es wird uns vielleicht zum Ziele führen.

 

Sprechen Sie, die Ungeduld verzehrt mich.

 

Gut! ich will Ihnen erzählen, was ich Ihnen nicht sagen wollte, als ich von Janina zurückkam. Hören Sie also! Ich ging natürlich zum ersten Bankier der Stadt, um Erkundigungen einzuziehen; nach zwei Worten sagte er mir, ehe ich den Namen Ihres Vaters ausgesprochen hatte: Ah, sehr gut! ich errate, was Sie hierher führt. – Wieso? – Weil ich vor kaum vierzehn Tagen über denselben Gegenstand befragt worden bin und zwar von einem Pariser Bankier, namens Danglars.

 

Er? rief Albert; er verfolgt in der Tat seit langer Zeit meinen Vater mit seiner Eifersucht und seinem Hasse; er, der angebliche Volksmann, der es dem Grafen von Morcerf nicht verzeihen kann, daß er Pair von Frankreich ist. Und dann, das Abbrechen des Heiratsplanes, ohne irgend eine Ursache anzugeben … ja, ja, er ist’s.

 

Erkundigen Sie sich, aber erhitzen Sie sich nicht zum voraus; erkundigen Sie sich, und wenn die Sache wahr ist …

 

Oh, wenn die Sache wahr ist, rief der junge Mann, so soll er mir alles bezahlen, was ich gelitten habe.

 

Nehmen Sie sich in acht, Morcerf, er ist ein alter Mann.

 

Oh! seien Sie unbesorgt, Sie begleiten mich, Beauchamp; feierliche Dinge müssen vor Zeugen verhandelt werden. Ist Danglars der Schuldige, so hat er vor dem Ende dieses Tages zu leben aufgehört, oder ich bin tot. Bei Gott! Ich will meiner Ehre ein schönes Leichenbegängnis bereiten.

 

Wohl! Albert, sind solche Entschlüsse einmal gefaßt, so muß man sie auf der Stelle in Ausführung bringen. Sie wollen zu Herrn Danglars gehen? Vorwärts!

 

Vor dem Hause des Bankiers sahen sie den Wagen des Herrn Andrea Cavalcanti stehen.

 

Ah! bei Gott! das geht gut! sagte Albert düster. Will sich Herr Danglars nicht mit mir schlagen, so töte ich seinen Schwiegersohn. Ein Cavalcanti muß sich schlagen.

 

Man meldete Albert dem Bankier, der bei seinem Namen, da er wußte, was am Tage vorher vorgefallen war, ihm den Eintritt verweigern ließ. Aber es war zu spät; Albert folgte dem Bedienten, stieß die Tür auf und drang mit Beauchamp in das Kabinett des Bankiers.

 

Mein Herr! rief dieser, steht es mir nicht frei, zu empfangen, wen ich will? Es scheint mir, Sie vergessen sich auf eine sonderbare Weise.

 

Nein, mein Herr, erwiderte Albert mit kaltem Tone, es gibt Umstände, wo man, wenn man sich keiner Feigheit schuldig machen will, wenigstens für gewisse Personen zu Hause sein muß.

 

Was wollen Sie von mir, mein Herr?

 

Ich will, sagte Albert, sich dem Bankier nähernd, – ohne daß es schien, als bemerke er Cavalcanti, der am Kamin lehnte – ich will Ihnen eine Zusammenkunft in einem verborgenen Winkel vorschlagen, wo uns zehn Minuten lang niemand stören wird; von den zwei Personen, die sich treffen werden, bleibt eine unter den Bäumen.

 

Danglars erbleichte. Cavalcanti machte eine Bewegung. Albert wandte sich zu dem jungen Manne um und sagte: Mein Gott! kommen Sie auch, wenn Sie wollen, Herr Graf; Sie haben das Recht, dabei zu sein, Sie gehören ja fast zur Familie, und ich gewähre solche Zusammenkünfte so vielen Menschen, als sie annehmen wollen.

 

Cavalcanti schaute Danglars erstaunt an; dieser erhob sich mit Anstrengung und trat zwischen die jungen Leute. Der Angriff Alberts auf Andrea ließ ihn hoffen, Alberts Besuch sei einer andern Ursache zuzuschreiben, als der, die er zuerst vorausgesetzt hatte.

 

Mein Herr, sagte er zu Albert, wenn Sie hierher kommen, um mit diesem Herrn Streit zu suchen, weil er Ihnen vorgezogen wurde, so bemerke ich Ihnen, daß ich das vor den Staatsanwalt bringen werde.

 

Sie täuschen sich, mein Herr, entgegnete Morcerf mit düsterem Lächeln, ich spreche von nichts weniger, als Heiratsangelegenheiten, und ich wende mich an diesen Herrn nur, weil er sich in unsere Verhandlung mischen zu wollen schien. Und dann haben Sie recht, ich suche heute mit jedem Streit; doch seien Sie unbesorgt, Herr Danglars, der Vorrang gebührt Ihnen.

 

Mein Herr, sagte Danglars, bleich vor Zorn und Angst, ich bemerke Ihnen, wenn mir das Unglück widerfährt, einen wütenden Hund auf meinem Wege zu treffen, so töte ich ihn, und weit entfernt, mich schuldig zu fühlen, glaube ich damit der Gesellschaft einen Dienst zu leisten. Wenn Sie nun wütend sind und mich zu beißen versuchen, so sage ich Ihnen, ich werde Sie töten. Ist es denn meine Schuld, daß Ihr Vater entehrt ist?

 

Ja, Elender! rief Morcerf, es ist deine Schuld!

 

Danglars machte einen Schritt rückwärts.

 

Meine Schuld! sagte er, sind Sie verrückt? Was weiß ich davon? War ich in Griechenland? Habe ich Ihrem Vater geraten, die Schlösser Alis zu verkaufen, zu verraten …

 

Still! sagte Albert dumpf. Sie sind es, der die ganze schändliche Geschichte heuchlerisch und hinterlistig angezettelt hat. – Ich?

 

Ja, Sie! Woher kommt die Enthüllung?

 

Mir scheint, die Zeitung hat es Ihnen gesagt, aus Janina, bei Gott!

 

Wer hat nach Janina geschrieben, um Erkundigungen über meinen Vater einzuziehen?

 

Ich denke, jeder kann nach Janina schreiben.

 

Es hat nur eine Person geschrieben und zwar Sie!

 

Ich habe allerdings geschrieben; doch ich glaube, wenn man seine Tochter an einen jungen Mann verheiratet, kann man Erkundigungen über die Familie einziehen; es ist dies nicht bloß ein Recht, sondern auch eine Pflicht.

 

Sie haben geschrieben, während Sie doch schon wußten, welche Antwort Ihnen zukommen würde.

 

Ich! oh, ich schwöre Ihnen, rief Danglars mit einem Vertrauen und mit einer Sicherheit, die vielleicht weniger von seiner Furcht, als von der Teilnahme herrührten, die er im Grunde für den unglücklichen jungen Mann fühlte, ich schwöre Ihnen, nie hätte ich daran gedacht, dorthin zu schreiben. Kannte ich die Katastrophe von Ali Pascha?

 

Es hat Sie also jemand angetrieben, zu schreiben?

 

Gewiß.

 

Wer? … vollenden Sie …?

 

Bei Gott! das ist ganz einfach; ich sprach von der Vergangenheit Ihres Vaters, ich sagte, die Quelle seines Vermögens sei stets dunkel geblieben. Die Person fragte mich, wo sich Ihr Vater dieses Vermögen gemacht hätte. Ich antwortete: In Griechenland. Da sagte sie mir: Nun, so schreiben Sie nach Janina!

 

Und wer hat Ihnen diesen Rat gegeben?

 

Bei Gott! der Graf von Monte Christo, Ihr Freund.

 

Albert und Beauchamp schauten sich an.

 

Mein Herr, sagte Beauchamp, der noch nicht das Wort genommen hatte, es scheint mir, Sie klagen den Grafen an, weil er in diesem Augenblick von Paris entfernt ist und sich nicht rechtfertigen kann?

 

Ich klage niemand an, antwortete Danglars, und werde in Gegenwart des Herrn Grafen von Monte Christo wiederholen, was ich soeben vor Ihnen gesagt habe.

 

Und der Graf weiß, welche Antwort Ihnen zugekommen ist? – Ja, ich habe sie ihm gezeigt.

 

Wußte er, daß der Taufname meines Vaters Fernand und sein Familienname Mondego war?

 

Ja, ich hatte es ihm längst gesagt; übrigens tat ich hierbei nur, was jeder andere an meiner Stelle getan hätte, und vielleicht noch weniger. Als am Tage nach dieser Antwort Ihr Vater meine Tochter offiziell von mir verlangte, schlug ich ihm ihre Hand allerdings unumwunden ab, doch ohne Erklärung, ohne Lärm. Warum sollte ich auch Lärm machen! Was war mir an der Ehre oder der Schande des Herrn von Morcerf gelegen? Das ließ die Rente weder steigen noch fallen.

 

Albert fühlte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. Es unterlag keinem Zweifel mehr, Danglars verteidigte sich mit der Gemeinheit, aber zugleich auch mit der Sicherheit eines Menschen, der, wenn nicht die volle Wahrheit, doch wenigstens einen Teil der Wahrheit sagt, allerdings nicht aus Gewissenhaftigkeit, sondern aus Schrecken. Und dann stellte sich ihm alles, was er vergessen oder nicht beachtet hatte, wieder vor Augen. Monte Christo wußte alles, da er die Tochter Ali Paschas gekauft hatte, und hatte trotzdem Danglars den Rat gegeben, nach Janina zu schreiben. Während ihm die Antwort schon bekannt war, hatte er Alberts Wunsche, Haydee vorgestellt zu werden, nachgegeben; bei ihr hatte er das Gespräch auf Alis Tod gelenkt und Haydees Erzählung nicht verhindert. Hatte er nicht überdies ihn selbst gebeten, den Namen seines Vaters nicht vor Haydee auszusprechen? Endlich hatte er Albert in dem Augenblick, wo der Lärm losbrechen sollte, nach der Normandie geführt. Es unterlag keinem Zweifel mehr, alles beruhte auf Berechnung, und Monte Christo war ohne Zweifel im Einverständnis mit den Feinden seines Vaters.

 

Albert nahm Beauchamp in eine Ecke und teilte ihm alle seine Gedanken mit.

 

Sie haben recht, sagte Beauchamp, Herr Danglars ist an dem, was vorgefallen, nur äußerlich beteiligt, und Sie müssen von Monte Christo eine Erklärung verlangen.

 

Albert wandte sich um und sagte zu Danglars: Mein Herr, Sie begreifen, daß ich mich mit Ihrer Aussage nicht ohne weiteres begnügen kann; ich muß erst sehen, ob Ihre Anschuldigungen begründet sind, und ich will mich auf der Stelle hiervon bei Herrn von Monte Christo überzeugen.

 

Er entfernte sich mit Beauchamp, ohne sich im geringsten um Cavalcanti zu bekümmern. Danglars geleitete ihn zur Tür und erneuerte die Versicherung, daß kein Beweggrund persönlichen Hasses ihn gegen den Grafen von Morcerf antreibe.

 

Die Beleidigung

 

Die Beleidigung

 

Vor der Tür des Bankiers hielt Beauchamp Morcerf zurück und sagte: Sie wollen von Herrn von Monte Christo eine Erklärung verlangen. Überlegen Sie einen Augenblick, Morcerf, ehe Sie zu dem Grafen gehen, die ernste Bedeutung Ihres Schrittes.

 

Ist er ernster, als wenn ich zu Herrn Danglars gehe?

 

Ja; Herr Danglars ist ein Geldmensch, und Sie wissen, die Geldmenschen kennen zu genau das Kapital, das sie wagen, um sich so leicht zu schlagen. Der andere ist im Gegenteil ein Edelmann, wenigstens wie es scheint; doch fürchten Sie nicht, daß unter dem Edelmann ein Bravo steckt?

 

Ich fürchte nur, einen Menschen zu treffen, der sich nicht schlägt.

 

Oh! seien Sie unbesorgt, sagte Beauchamp, der wird sich schlagen. Nehmen Sie sich in acht, ich fürchte, er schlägt sich nur zu gut.

 

Freund, entgegnete Morcerf mit einem schönen Lächeln, das ist es, was ich wünsche; und das größte Glück, das mir widerfahren kann, ist, für meinen Vater getötet zu werden.

 

Ihre Mutter wird darüber sterben.

 

Arme Mutter! versetzte Albert, mit der Hand über seine Augen fahrend, ich weiß es wohl, doch besser, sie stirbt hierüber, als sie stirbt vor Schande.

 

Sie sind also fest entschlossen, Albert? – Vorwärts!

 

Sie stiegen in ihren Wagen und ließen sich zum Grafen fahren. Als sie ausgestiegen waren, eilte Albert so schnell vorwärts, daß ihm der Freund kaum zu folgen vermochte. Baptistin empfing sie. Der Graf war von der Reise zurückgekommen, aber er saß im Bade und hatte verboten, irgend jemand zu empfangen.

 

Doch nach dem Bade? – Wird der Graf in die Oper fahren.

 

Sind Sie dessen gewiß? – Vollkommen; der Herr Graf hat seine Pferde auf Punkt acht Uhr bestellt.

 

Sehr gut, versetzte Albert; mehr wollte ich nicht wissen. Dann sich zu Beauchamp wendend, sagte er: Beauchamp, ich zähle darauf, daß Sie mich in die Oper begleiten. Wenn Sie können, bringen Sie Chateau-Renaud mit.

 

Beauchamp verließ Albert, nachdem er ihm versprochen, ihn abzuholen.

 

Nach Hause zurückgekehrt, benachrichtigte Albert Franz, Debray und Morel von seinem Wunsche, sie ebenfalls in der Oper zu sehen. Dann besuchte er seine Mutter, die seit den Ereignissen des vorhergehenden Tages ihre Tür für jedermann verschlossen hatte. Er fand sie, vom Schmerz über die öffentliche Demütigung niedergeschmettert, im Bette. Alberts Anblick brachte auf sie die Wirkung hervor, die man davon erwarten konnte; sie drückte ihrem Sohne die Hand und brach in ein Schluchzen aus.

 

Albert blieb einen Augenblick stumm vor dem Bette seiner Mutter stehen. Man sah an seinem bleichen Gesichte und an seiner gerunzelten Stirne, daß sein Racheentschluß sich immer mehr in seinem Herzen abstumpfte.

 

Meine Mutter, sagte Albert, kennen Sie irgend einen Feind des Herrn von Morcerf?

 

Mercedes bebte, denn sie hatte bemerkt, daß der junge Mann nicht »von meinem Vater« sagte.

 

Mein Freund, sagte sie, die Menschen in der Stellung des Grafen haben viele Feinde, die sie nicht kennen. Und die Feinde, die man nicht kennt, sind die gefährlichsten.

 

Ja, ich weiß dies und wende mich daher an Ihren Scharfsinn. Meine Mutter, Sie sind eine so kluge Frau, daß Ihnen nichts entgeht.

 

Warum sagst du mir dies?

 

Weil Sie zum Beispiel bemerkten, daß an unserem Ballabend der Graf von Monte Christo nichts bei uns hat nehmen wollen.

 

Mercedes erhob sich zitternd und rief: Herr von Monte Christo? Wie hängt das mit der Frage zusammen, die du an mich richtest?

 

Sie wissen, Herr von Monte Christo ist fast ein Orientale, und um ihre volle Rachefreiheit zu bewahren, essen und trinken die Orientalen nichts bei ihren Feinden.

 

Herr von Monte Christo unser Feind, sagst du, Albert? entgegnete Mercedes, weißer werdend, als das Tuch, das sie bedeckte. Wer hat dir das gesagt? Warum? Du bist toll, Albert. Herr von Monte Christo hat uns nur Freundliches erwiesen; er hat dir das Leben gerettet, und du selbst hast ihn uns vorgestellt. Oh! ich bitte dich, mein Sohn, wenn du einen solchen Gedanken hegtest, so verbanne ihn, und wenn du auf meine Bitte etwas gibst, so bleibe in gutem Einvernehmen mit ihm.

 

Meine Mutter, versetzte der junge Mann mit düsterem Blicke, Sie haben Ihre Gründe, daß Sie mir sagen, ich solle diesen Mann schonen.

 

Ich! rief Mercedes … und sie errötete ebenso schnell wie sie erbleicht war, und wurde beinahe in demselben Augenblicke noch bleicher, als zuvor.

 

Ja, allerdings, Ihr Grund ist, daß der Graf uns Böses zufügen kann, nicht so?

 

Mercedes bebte und erwiderte, einen forschenden Blick auf ihren Sohn heftend: Du sprichst seltsam mit mir und hast, wie mir scheint, sonderbare Vorurteile. Was tat dir der Graf? Vor drei Tagen reistest du mit ihm in die Normandie; vor drei Tagen betrachtete ich ihn als deinen besten Freund, und du warst derselben Meinung.

 

Ein ironisches Lächeln umschwebte Alberts Lippen. Mercedes sah dieses Lächeln und erriet mit ihrem doppelten Instinkte der Frau und der Mutter alles; aber klug und stark, verbarg sie ihre Unruhe und ihr Beben.

 

Albert ließ das Gespräch fallen; nach einem Augenblick knüpfte es die Gräfin wieder an.

 

Du bist gekommen, um mich zu fragen, wie es mir gehe, sagte sie; ich antworte dir offen, ich fühle mich unwohl. Du solltest dich einrichten, Albert, mir Gesellschaft zu leisten, ich möchte nicht allein sein.

 

Meine Mutter, ich stände zu Ihren Befehlen, und Sie wissen wie gern, wenn mich nicht eine wichtige Angelegenheit zwänge, Sie heute abend zu verlassen.

 

Ah! gut, erwiderte Mercedes mit einem Seufzer, geh, Albert, ich will dich nicht zum Sklaven deiner kindlichen Liebe machen.

 

Albert stellte sich, als hörte er nicht, grüßte seine Mutter und ging.

 

Kaum war der junge Mann fort, als Mercedes einen vertrauten Diener rufen ließ; diesem befahl sie, Albert überall zu folgen, wohin er gehen würde, und ihr sogleich Meldung zu machen. Dann läutete sie ihrer Kammerfrau und ließ sich, so schwach sie war, ankleiden, um auf jeden Fall bereit zu sein.

 

Der dem Bedienten erteilte Auftrag war nicht schwer zu vollziehen. Albert kehrte in seine Wohnung zurück und kleidete sich äußerst sorglich an. Zehn Minuten vor acht Uhr kam Beauchamp.

 

Beide stiegen in Alberts Wagen, und dieser rief, da er keinen Grund hatte, zu verbergen, wohin er fuhr, ganz laut: In die Oper.

 

In seiner Ungeduld kam er vor dem Aufziehen des Vorhangs. Chateau-Renaud, von Beauchamp unterrichtet, saß auf seinem Sperrsitze. Er bemühte sich durchaus nicht, Albert abzuraten, sondern beschränkte sich darauf, dem Freunde die Versicherung zu wiederholen, er stehe zu seiner Verfügung.

 

Debray war noch nicht eingetroffen; doch Albert wußte, daß er selten bei einer Vorstellung der Oper ausblieb. Albert irrte bis zum Aufziehen des Vorhangs im Theater umher. Er hoffte, Monte Christo entweder im Gange oder auf der Treppe zu treffen. Dann ging er an seinen Platz und setzte sich im Orchester zwischen Chateau-Renaud und Beauchamp.

 

Doch seine Augen verließen Monte Christos Loge nicht, die während des ersten Aktes hartnäckig geschlossen blieb. Endlich am Anfange des zweiten Aktes, als Albert zum hundertsten Male seine Uhr befragte, öffnete sich die Tür der Loge: Monte Christo trat schwarzgekleidet ein und stützte sich auf das Geländer, um in den Saal zu schauen, dort gewahrte er einen bleichen Kopf und funkelnde Augen, die gierig seine Blicke anzuziehen schienen, und erkannte Albert. Ohne irgend eine seine Gedanken verratende Bewegung zu machen, setzte er sich, zog sein Opernglas hervor und schaute nach einer anderen Seite.

 

Doch während es den Anschein hatte, als bemerke er Albert nicht, verlor ihn der Graf nicht aus dem Auge, und als der Vorhang am Ende des zweiten Aktes fiel, folgte sein unfehlbarer Blick dem jungen Mann, der, begleitet von seinen Freunden, das Orchester verließ. Dann erschien derselbe Kopf wieder in einer Loge der seinigen gegenüber. Der Graf fühlte, daß der Sturm gegen ihn losbrach, und als er den Schlüssel im Schlosse seiner Loge drehen hörte, wußte er, obgleich er in diesem Augenblick lächelnd mit dem neben ihm sitzenden Morel sprach, was bevorstand, und war auf alles gefaßt.

 

Die Tür öffnete sich. Jetzt erst wandte sich Monte Christo um und erblickte Albert zitternd und leichenblaß. Hinter ihm standen Beauchamp und Chateau-Renaud.

 

Sieh da! rief er mit jener wohlwollenden Höflichkeit, die gewöhnlich seinen Gruß von den Alltagsgrüßen unterschied, mein Reiter ist am Ziele angelangt. Guten Abend, Herr von Morcerf.

 

Und das Gesicht dieses Mannes, der auf eine so seltsame Weise seiner Herr war, drückte die vollkommenste Herzlichkeit aus.

 

Nun erst erinnerte sich Morel des Briefes, den er vom Vicomte empfangen, und worin ihn dieser ohne eine andere Erklärung gebeten hatte, sich in der Oper einzufinden, und er begriff, daß etwas Furchtbares vor sich gehen sollte.

 

Wir kommen nicht hierher, um heuchlerische Höflichkeiten und falsche Freundschaftsbezeugungen auszutauschen, sagte der junge Mann; wir kommen, um eine Erklärung von Ihnen zu fordern, Herr Graf.

 

Die zitternde Stimme des jungen Mannes drang kaum durch seine geschlossenen Zähne.

 

Eine Erklärung in der Oper? sagte der Graf mit dem ruhigen Tone und dem durchdringenden Auge des stets seiner selbst sicheren Mannes. So wenig ich mit den Pariser Gewohnheiten vertraut bin, so hätte ich doch nicht geglaubt, daß man hier Erklärungen zu fordern pflege.

 

Wenn sich jedoch die Leute verleugnen lassen, sagte Albert, unter dem Vorwande, sie seien im Bad, so muß man sich an sie wenden, wo man sie trifft.

 

Ich bin nicht so schwer zu treffen, denn noch gestern, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, waren Sie bei mir.

 

Gestern, mein Herr, entgegnete der junge Mann, dessen Kopf in Flammen geriet, gestern befand ich mich bei Ihnen, weil ich nicht wußte, wer Sie waren.

 

Bei diesen Worten hatte Albert die Stimme dergestalt erhoben, daß die Inhaber der benachbarten Logen, sowie die Personen, die sich in den Gängen befanden, ihn hörten, stehen blieben und sich umsahen.

 

Woher kommen Sie denn, mein Herr? sagte Monte Christo, scheinbar ohne jede Erregung. Ich glaube, Sie erfreuen sich nicht Ihres ganzen Verstandes.

 

Wenn ich Ihre Treulosigkeit begreife, und es mir gelingt, Ihnen begreiflich zu machen, daß ich mich rächen will, werde ich noch vernünftig genug sein, versetzte Albert wütend.

 

Mein Herr, ich verstehe Sie nicht, erwiderte Monte Christo, und wenn ich Sie auch verstände, so würden Sie immer noch zu laut sprechen. Ich bin hier bei mir und allein berechtigt, meine Stimme über andere zu erheben. Gehen Sie, mein Herr!

 

Und Monte Christo wies Albert mit einer bewundernswert gebieterischen Gebärde die Tür.

 

Ah! ich werde es wohl dahin bringen, daß Sie hinausgehen, sagte Albert, krampfhaft seinen Handschuh zerknitternd, den der Graf nicht aus dem Gesichte verlor.

 

Gut, gut! erwiderte phlegmatisch Monte Christo, Sie suchen Streit mit mir, mein Herr, das sehe ich; doch eines, Vicomte, merken Sie sich: es ist eine schlechte Sitte, mit Geschrei herauszufordern, Herr von Morcerf.

 

Ein Gemurmel des Erstaunens durchlief bei diesem Namen wie ein Schauer die Zuhörer dieser Szene. Seit dem vorhergehenden Tage war der Name Morcerf in aller Mund.

 

Besser als alle und zuerst von allen begriff Albert die Anspielung und machte eine Bewegung, seinen Handschuh dem Grafen ins Gesicht zu schleudern; aber Morel faßte ihn bei der Faust, während Beauchamp und Chateau-Renaud, in der Furcht, die Szene könne die Grenzen einer Herausforderung überschreiten, ihn von hinten zurückhielten.

 

Monte Christo aber streckte, ohne aufzustehen und nur seinen Stuhl neigend, die Hand aus, zog aus den krampfhaft zusammengepreßten Fingern des jungen Mannes den feuchten Handschuh und sagte mit einem furchtbaren Ausdrucke: Mein Herr, ich nehme Ihren Handschuh als geworfen an und werde Ihnen denselben um eine Kugel gewickelt zurückschicken. Nun gehen Sie von hier weg, oder ich rufe meine Diener und lasse Sie hinauswerfen.

 

Trunken, verwirrt, mit blutigen Augen machte Albert zwei Schritte rückwärts.

 

Morel benutzte diese Gelegenheit, um die Tür wieder zu schließen. Monte Christo ergriff sein Doppelglas und fing an hindurchzuschauen, als ob nichts Besonderes vorgefallen wäre. Dieser Mann hatte ein Herz von Erz und ein Gesicht von Marmor. Morel neigte sich an sein Ohr und sagte zu ihm: Was haben Sie ihm getan?

 

Ich? Nichts, persönlich wenigstens, sagte Monte Christo.

 

Diese seltsame Szene muß doch einen Grund haben?

 

Die Geschichte des Grafen von Morcerf bringt den unglücklichen jungen Mann ganz außer sich.

 

Haben Sie denn Anteil daran?

 

Die Kammer ist durch Haydee von dem Verrate seines Vaters unterrichtet worden.

 

Man hat mir in der Tat davon erzählt, sagte Morel, doch ich wollte nicht glauben, daß die griechische Sklavin die Tochter Ali Paschas ist. – Es ist die reine Wahrheit.

 

Oh! mein Gott, ich begreife nun alles, und diese Szene ist absichtlich herbeigeführt worden. – Wieso?

 

Ja. Albert schreibt mir, ich möchte mich heute abend in der Oper einfinden; er wollte mich also zum Zeugen der von ihm beabsichtigten Beleidigung haben.

 

Wahrscheinlich, sagte Monte Christo mit seiner unstörbaren Ruhe.

 

Aber was werden Sie mit ihm machen?

 

Mit Albert? versetzte Monte Christo in demselben Tone, was ich mit ihm machen werde, Maximilian? So wahr Sie hier sind und ich Ihnen die Hand drücke, töte ich ihn morgen vormittag um zehn Uhr; das werde ich machen.

 

Morel nahm ebenfalls Monte Christos Hand in die seinige und bebte, als er diese kalte und ruhige Hand fühlte.

 

Ah! Graf, sagte er, sein Vater liebt ihn so sehr!

 

Sagen Sie mir das nicht! rief Monte Christo mit der ersten Regung des Zornes, der ihn zu fassen schien, er mag leiden!

 

Morel ließ erstaunt die Hand fallen.

 

Graf! Graf! sagte er.

 

Lieber Maximilian, sagte der Graf, hören Sie doch, wie bewunderungswürdig Duprez die Worte singt: O Mathilde! idole de mon âme! … Bravo! Bravo!

 

Morel sah, daß hier jedes weitere Wort überflüssig war, und wartete. Der Vorhang, der am Ende der Szene mit Albert aufging, ging bald wieder herunter. Man klopfte an die Tür.

 

Herein, rief Moute Christo, ohne daß seine Stimme die geringste Bewegung erriet. Beauchamp trat ein.

 

Guten Abend, Herr Beauchamp, grüßte Moute Christo, als ob er den Journalisten an diesem Abend zum ersten Male sähe; setzen Sie sich doch!

 

Beauchamp grüßte, trat ein und setzte sich.

 

Mein Herr, sagte er zu Monte Christo, ich begleitete soeben, wie Sie wahrnehmen konnten, Herrn von Morcerf.

 

Das heißt, Sie wollen sagen. Sie haben miteinander zu Mittag gespeist, erwiderte lachend Monte Christo. Ich bin glücklich, zu bemerken, mein lieber Herr Beauchamp, daß Sie nüchterner sind, als er.

 

Mein Herr, sagte Beauchamp, ich gestehe, Albert hat unrecht gehabt, in Hitze zu geraten, und ich komme auf meine eigene Rechnung, um Entschuldigung zu bitten. Nun aber, da dies geschehen ist, hoffe ich, Sie werden mir eine Erklärung geben über Ihre Verbindungen mit den Leuten in Janina. Dann zwei Worte über die junge Griechin …

 

Genug, genug, mein Herr! fiel ihm der Graf ins Wort. Ich sehe, Sie verlangen für Ihren Freund Erklärungen von mir. So sagen Sie dem Vicomte. In unser beider Adern fließt Blut, das wir zu vergießen Lust haben, morgen vor zehn Uhr werde ich die Farbe des seinigen gesehen haben.

 

Es bleibt also nur noch übrig, die Anordnungen des Zweikampfes festzustellen.

 

Das ist mir vollkommen gleichgültig, entgegnete Monte Christo; es war also unnötig, mich im Schauspiel wegen einer solchen Lappalie zu stören. In Frankreich schlägt man sich mit Degen oder auf Pistolen; in den Kolonien greift man zur Büchse; in Arabien nimmt man den Dolch. Sagen Sie Ihrem Klienten, daß ich ihm, obgleich beleidigt, die Wahl der Waffen überlasse und alles ohne Widerrede annehme; alles, hören Sie wohl? Sogar den Zweikampf durch das Los, was immer albern ist. Doch bei mir ist es etwas anderes, ich bin sicher, zu gewinnen.

 

Sicher, zu gewinnen! wiederholte Beauchamp, den Grafen mit bestürztem Auge anschauend.

 

Ganz gewiß, sagte Monte Christo, leicht die Achseln zuckend. Sonst würde ich mich nicht mit Herrn von Morcerf schlagen. Ich werde ihn töten, es muß sein, es wird sein. Nur die Stunde und die Waffe lassen Sie mich heute abend wissen, ich lasse nicht gern auf mich warten.

 

Auf Pistolen, morgens um acht Uhr, im Walde von Vincennes, sagte Beauchamp, ganz aus der Fassung gebracht.

 

Gut, mein Herr, sagte Monte Christo; da nun alles in Ordnung ist, so lassen Sie mich dem Gesange zuhören, ich bitte Sie, und sagen Sie Ihrem Freunde Albert, er möge heute abend nicht wiederkommen; lassen Sie ihn nach Hause gehen und schlafen.

 

Beauchamp entfernte sich, im höchsten Grade erstaunt.

 

Sagen Sie, sprach Monte Christo, sich gegen Morel umwendend, nicht wahr, ich kann auf Sie zählen?

 

Gewiß, Sie können über mich verfügen, Graf; … und wer ist Ihr zweiter Zeuge?

 

Ich kenne niemand, dem ich diese Ehre erweisen möchte, als Ihnen, Morel, und Ihrem Schwager Emanuel. Glauben Sie, Emanuel würde mir diesen Dienst leisten?

 

Ich stehe für ihn, wie für mich, Graf.

 

Gut! mehr brauche ich nicht. Morgen früh um sieben Uhr bei mir, nicht wahr?

 

Wir werden uns einfinden.

 

Die Nacht

 

Die Nacht

 

Fünf Minuten nach Schluß der Oper war der Graf zu Hause und rief Ali, von dem er sich seine Pistolen bringen ließ, dann prüfte er die Waffen mit einer für einen Mann, der sein Leben ein wenig Pulver und Blei anvertraut, sehr natürlichen Sorgfalt.

 

Er war eben im Begriff, die Waffe in die Hand zu nehmen und sich den Zielpunkt auf einem kleinen Plättchen von Eisenblech, das ihm als Scheibe diente, zu wählen, als die Tür seines Kabinetts sich öffnete und Baptistin eintrat.

 

Doch ehe dieser ein Wort gesprochen hatte, erblickte der Graf durch die offengebliebene Tür eine verschleierte Frau, die Baptistin gefolgt war und im Halbschatten des anstoßenden Zimmers stand.

 

Sie gewahrte den Grafen, eine Pistole in der Hand, sie sah zwei Degen auf dem Tische und stürzte herein.

 

Baptistin befragte seinen Herrn mit dem Blicke. Der Graf machte ein Zeichen, Baptistin entfernte sich und schloß die Tür hinter sich.

 

Wer sind Sie, gnädige Frau? fragte der Graf.

 

Die Unbekannte schaute umher, um sich zu versichern, daß sie allein war, verneigte sich, als wollte sie niederknien, faltete die Hände und rief mit einem Tone der Verzweiflung: Edmond! Sie werden meinen Sohn nicht töten!

 

Der Graf machte einen Schritt rückwärts, stieß einen schwachen Schrei aus, ließ seine Waffe fallen und erwiderte: Welchen Namen haben Sie da ausgesprochen, Frau von Morcerf?

 

Den Ihrigen, rief sie, ihren Schleier zurückschlagend, den ich allein nicht vergessen habe. Edmond, nicht Frau von Morcerf kommt zu Ihnen, sondern Mercedes.

 

Mercedes ist tot, gnädige Frau, sagte Monte Christo, und ich kenne niemand dieses Namens mehr.

 

Mercedes lebt, mein Herr, und Mercedes erinnert sich, denn sie allein hat Sie erkannt, als sie Ihr Antlitz erblickte, und sogar ohne Sie zu sehen, Edmond, schon am Tone Ihrer Stimme, und seit dieser Zeit folgt sie Ihnen Schritt für Schritt, sie überwacht Sie, sie fürchtet Sie, und sie hatte nicht nötig, die Hand zu suchen, von der der Schlag ausging, der Herrn von Morcerf niederwarf.

 

Fernand wollen Sie sagen, versetzte Monte Christo mit bitterer Ironie; da wir uns der Namen wieder erinnern, so wollen wir diesen nicht vergessen.

 

Monte Christo sprach den Namen Fernand mit einem solchen Tone des Hasses aus, daß Mercedes fühlte, wie ein Schauer des Schreckens ihren Leib durchlief.

 

Sehen Sie, Edmond, daß ich mich nicht getäuscht habe, rief sie, und daß ich recht hatte, Ihnen zu sagen: Schonen Sie meinen Sohn!

 

Und wer sagt Ihnen, daß ich gegen Ihren Sohn aufgebracht bin?

 

Mein Gott! niemand; aber eine Mutter ist mit dem doppelten Gesichte begabt. Ich habe alles erraten, ich bin ihm in die Oper gefolgt und habe, in einer Loge verborgen, alles gesehen.

 

Wenn Sie alles gesehen haben, so haben Sie auch gesehen, daß mich Fernands Sohn öffentlich beleidigte, sagte Monte Christo mit furchtbarer Ruhe.

 

Hören Sie. Mein Sohn hat Sie auch erraten; er schreibt Ihnen die Unglücksfälle zu, die seinen Vater treffen.

 

Gnädige Frau, Sie verwechseln die Sache; es sind nicht Unglücksfälle, es ist eine Strafe. Nicht ich bin es, der Herrn von Morcerf schlägt, es ist die Vorsehung, die ihn bestraft.

 

Und warum treten Sie an die Stelle der Vorsehung? rief Mercedes. Warum erinnern Sie sich, wenn sie vergißt? Was ist Ihnen, Edmond, an Janina und seinem Wesir gelegen? Welches Unrecht hat Ihnen Fernand Mondego dadurch zugefügt, daß er Ali Tependelini verraten?

 

Das geht auch nur den fränkischen Kapitän und Wasilikis Tochter an. Sie haben recht, was kümmert’s mich? Und wenn ich geschworen habe, mich zu rächen, so ist es weder an dem fränkischen Kapitän, noch an dem Grafen von Morcerf, sondern an dem Fischer Fernand, dem Gatten der Katalonierin Mercedes.

 

Oh! rief die Gräfin, welch eine furchtbare Rache für einen Fehler, den ein Mißgeschick mich begehen ließ! Denn die Schuldige bin ich, Edmond, und wenn Sie sich an jemand zu rächen haben, so ist es an mir, weil es mir an Kraft gebrach, gegen Ihre Abwesenheit und meine Einsamkeit zu kämpfen.

 

Doch warum war ich abwesend, warum waren Sie einsam? – Weil Sie im Gefängnis saßen.

 

Und warum wurde ich verhaftet, warum saß ich im Gefängnis? – Ich weiß es nicht.

 

Ja, Sie wissen es nicht, gnädige Frau, wenigstens hoffe ich dies. Nun, ich will es Ihnen sagen. Ich wurde verhaftet, ich war Gefangener, weil unter der Laube der Reserve, am Vorabend des Tages, an dem ich Sie heiraten sollte, ein Mensch namens Danglars einen Brief geschrieben hatte, den der Fischer Fernand selbst auf die Post zu bringen übernahm.

 

Monte Christo ging an einen Sekretär, zog eine Schublade auf, aus der er ein vergilbtes Papier nahm und legte dieses Papier vor Mercedes‘ Angin. Es war der Brief von Danglars an den Staatsanwalt.

 

Mercedes las voll Schrecken die Denunziation.

 

Oh! mein Gott, rief sie, mit der Hand über ihre von Schweiß befeuchtete Stirn fahrend; dieser Brief …

 

Ich habe ihn um 200 000 Franken gekauft, und das war noch wohlfeil, da er mir heute gestattet, mich in Ihren Augen von jeder Schuld freizusprechen.

 

Und der Erfolg dieses Briefes?

 

Sie wissen, war meine Verhaftung; doch Sie wissen nicht, wie lange diese Haft gedauert hat; Sie wissen nicht, daß ich vierzehn Jahre, eine Viertelstunde von Ihnen entfernt, in einem Kerker des Kastells If geschmachtet habe. Sie wissen nicht, daß ich jeden Tag in diesen vierzehn Jahren das Gelübde der Rache erneuert habe, das ich am ersten Tage aussprach, und ich wußte nicht einmal, daß Sie Fernand, meinen Denunzianten, geheiratet hatten, und daß mein Vater gestorben, vor Hunger gestorben war!

 

Gerechter Gott! rief Mercedes wankend.

 

Aber ich habe dies erfahren, als ich das Gefängnis nach vierzehn Jahren wieder verließ, und darum habe ich geschworen, mich an Fernand zu rächen, und ich räche mich.

 

Und Sie wissen gewiß, daß Fernand dies getan hat?

 

Bei meiner Seele. Übrigens ist das nicht schlechter, als wenn man als Franzose durch Adoption zu den Engländern übergeht, als Spanier von Geburt gegen die Spanier kämpft und in Alis Solde Ali verrät und ermordet. Was war im Vergleich dazu der Brief, den Sie gelesen? Ein schlauer Kniff, den die Frau, die diesen Menschen heiratet, ich gestehe und begreife dies, verzeihen muß, den aber der Geliebte, der sie heiraten sollte, nicht vergißt. Wohl! die Franzosen haben sich nicht an dem Verräter gerächt, die Spanier haben den Verräter nicht erschossen, in seinem Grabe liegend, hat Ali den Verräter unbestraft gelassen; doch ich, verraten, ermordet, ebenfalls in ein Grab geworfen, bin aus diesem Grabe durch Gottes Gnade hervorgegangen und bin es Gott schuldig, daß ich mich räche; er schickt mich zu diesem Zwecke hierher, und hier bin ich.

 

Die arme Frau ließ ihren Kopf und ihre Hände sinken; ihre Beine bogen sich unter ihr, und sie fiel auf die Knie.

 

Verzeihen Sie mir, Edmond, sagte sie, verzeihen Sie, meinetwegen, denn ich liebe Sie noch!

 

Die Würde der Gattin zügelte den Ausdruck ihrer Worte. Ihre Stirn neigte sich, daß sie beinahe den Boden berührte. Der Graf eilte auf sie zu und hob sie auf. Auf einem Stuhle sitzend, konnte sie nur durch ihre Tränen sein männliches Gesicht betrachten, aus dem Schmerz und Haß abermals drohend sich ausprägten.

 

Daß ich das verfluchte Geschlecht nicht niedertrete! murmelte er, daß ich Gott ungehorsam werde, der mich zu seiner Bestrafung wiedererweckt hat, unmöglich, gnädige Frau, es kann nicht sein!

 

Edmond, sagte die arme Mutter, alle Mittel versuchend; mein Gott! wenn ich Sie Edmond nenne, warum nennen Sie mich nicht Mercedes?

 

Mercedes! wiederholte Monte Christo, Mercedes! ja wohl! Sie haben recht, es ist noch süß für mich, diesen Namen auszusprechen, und zum erstenmale seit langer Zeit klingt er so klar von meinen Lippen. Oh! Mercedes, ich habe Ihren Namen mit den Seufzern der Schwermut, mit dem Stöhnen des Schmerzes, mit dem Röcheln der Verzweiflung ausgesprochen; ich habe ihn ausgesprochen, von der Kälte zu Eis erstarrt, auf dem Stroh meines Kerkers kauernd; ich habe ihn ausgesprochen, verzehrt von der Hitze und mich auf den Platten meines Gefängnisses wälzend. Mercedes, ich muß mich rächen, denn vierzehn Jahre lang habe ich gelitten, vierzehn Jahre lang habe ich geweint, geflucht, nun muß ich mich rächen, Mercedes!

 

Rächen Sie sich, Edmond, rief die arme Mutter, aber rächen Sie sich an den Schuldigen, rächen Sie sich an mir, rächen Sie sich nicht an meinem Sohne!

 

Es steht geschrieben im heiligen Buche, antwortete Monte Christo, die Sünden der Eltern sollen auf ihre Kinder zurückfallen bis in das dritte und vierte Glied. Da Gott diese seine eigenen Worte seinem Propheten diktiert hat, warum sollte ich besser sein als Gott?

 

Weil Gott vor den Menschen die Zeit und die Ewigkeit hat.

 

Monte Christo stieß ein Stöhnen aus.

 

 

Edmond! fuhr Mercedes, die Arme gegen den Grafen ausstreckend, fort, seitdem ich Sie kenne, habe ich Ihren Namen angebetet, Ihr Andenken geehrt, Edmond! Oh, zwingen Sie mich nicht, dieses edle Bild zu trüben, das unablässig in dem Spiegel meines Herzens widerstrahlte. Edmond, wenn Sie alle Gebete kennen würden, die ich für Sie an Gott richtete, solange ich hoffte, Sie wären noch am Leben, und seitdem ich Sie für tot hielt! Ja für tot, man sagte, Sie hätten fliehen wollen, Sie wären in das Leichentuch eines Toten geschlüpft, und sodann vom Kastell herab in das Meer geschleudert worden; der Schrei, den Sie, auf den Felsen zerschellend, ausgestoßen, habe Ihre verwegene Tat und zugleich Ihren Tod verkündet. Wohl! Edmond, ich schwöre Ihnen bei dem Haupte des Sohnes, für den ich zu Ihnen flehe, Edmond, zehn Jahre lang sah ich jede Nacht Menschen, die etwas auf einem Felsen schaukelten; zehn Jahre lang hörte ich einen furchtbaren Schrei, der mich eisig erschauern ließ, so daß ich erwachte. Und auch ich, Edmond, oh! glauben Sie mir, auch ich, so sehr ich schuldig war, habe viel gelitten!

 

Haben Sie gefühlt, wie Ihr Vater während Ihrer Abwesenheit verhungert ist? rief Monte Christo, haben Sie die Frau, die Sie liebten, dem Nebenbuhler die Hand reichen sehen, während Sie in der Tiefe des Abgrundes röchelten?

 

Nein, doch ich habe den, welchen ich liebte, bereit gesehen, der Mörder meines Sohnes zu werden!

 

Mercedes sprach diese Worte mit einem so mächtigen Schmerz, mit einem so verzweiflungsvollen Ausdruck, daß sich der Brust des Grafen ein schmerzliches Schluchzen entriß. Der Löwe war bezähmt, der Rächer war besiegt.

 

Was verlangen Sie von mir? sagte er; daß Ihr Sohn lebe? Wohl! er wird leben! …

 

Mercedes stieß einen Schrei aus, der zwei Tränen unter den Augenlidern des Grafen hervorquellen ließ; doch sie verschwanden sofort wieder, denn ohne Zweifel hatte Gott einen Engel geschickt, um sie zu sammeln, da sie viel kostbarer waren in den Augen des Herrn, als die kostbarsten Perlen.

 

Oh! rief sie, die Hand des Grafen ergreifend und an ihre Lippen drückend, oh! Dank, Dank, Edmond! Nun bist du so, wie ich dich immer geträumt, wie ich dich geliebt habe. Oh! nun kann ich es dir sagen.

 

Um so eher, erwiderte Monte Christo, als der arme Edmond nicht mehr viel Zeit haben wird, von Ihnen geliebt zu werden. Der Tod kehrt in das Grab, das Gespenst kehrt in die Nacht zurück.

 

Was sagen Sie, Edmond? – Ich sage, da Sie es befehlen, Mercedes, so muß ich sterben.

 

Sterben! Und wer sagt dies? Wer spricht vom Sterben? Woher kommen Ihnen diese Todesgedanken?

 

Sie können nicht annehmen, daß ich, öffentlich, im Angesicht eines ganzen Saales, in Gegenwart der Freunde Ihres Sohnes herausgefordert und beleidigt, noch länger leben mag. Was ich nach Ihnen am meisten auf der Welt geliebt, Mercedes, das bin ich, das heißt, meine Würde, das heißt diese Kraft, durch die ich über andere Menschen erhaben war; diese Kraft war mein Leben; Sie brechen sie, und ich sterbe.

 

Doch der Zweikampf wird nicht stattfinden, Edmond, da Sie verzeihen.

 

Er wird stattfinden, sagte feierlich Monte Christo, nur wird statt des Blutes Ihres Sohnes meines fließen.

 

Mercedes stieß einen gewaltigen Schrei aus und stürzte auf Monte Christo zu, doch plötzlich hielt sie an und sagte: Edmond, es ist ein Gott über uns, da Sie leben, da ich Sie wiedergesehen, und ich baue auf ihn aus der Tiefe meines Herzens. Indem ich auf seine Hilfe hoffe, verlasse ich mich auf Ihr Wort. Sie haben gesagt, mein Sohn werde leben; nicht wahr, er wird leben?

 

Ja, er wird leben, sagte Monte Christo, erstaunt, daß Mercedes seine eigene Aufopferung ohne weiteren Protest angenommen hatte.

 

Mercedes reichte dem Grafen die Hand und sagte, während ihre Augen sich mit Tränen befeuchteten: Edmond, wie schön ist es von Ihnen, wie groß ist das, was Sie soeben getan, wie erhaben ist es, mit einer Frau Mitleid zu haben, die kaum mit einem Schimmer von Hoffnung vor Sie trat! Ach! ich bin mehr durch den Kummer als durch die Jahre alt geworden und kann meinen Edmond nicht einmal mehr durch einen Blick an jene Mercedes erinnern, die er nicht müde wurde anzuschauen. Oh! glauben Sie nur, Edmond, ich habe Ihnen gesagt, daß auch ich gelitten; ich wiederhole Ihnen, es ist sehr traurig, sein Leben hingehen zu sehen, ohne sich einer einzigen Freude zu erinnern, ohne eine einzige Hoffnung zu bewahren. Aber ich wiederhole Ihnen auch, Edmond, es ist groß, es ist schön, es ist erhaben, zu verzeihen, wie Sie es getan haben!

 

Mercedes schaute noch einmal den Grafen mit einer Miene an, die zugleich ihr Erstaunen, ihre Bewunderung und ihre Dankbarkeit ausdrückte. Dann sagte sie innig:

 

Edmond, ich habe Ihnen nur noch ein Wort zu sagen. Sie werden sehen, daß, wenn meine Stirn erbleicht ist, wenn meine Augen erloschen sind, wenn Mercedes in ihren Zügen sich selbst nicht mehr gleicht, Sie werden sehen, daß das Herz immer noch das gleiche Gefühl hegt! Leben Sie wohl, Edmond; ich habe vom Himmel nichts mehr zu verlangen! … Ich habe Sie wiedergesehen, und so groß und edel gesehen wie einst. Gott befohlen, Edmond … und Dank!

 

Doch der Graf antwortete nicht.

 

Mercedes öffnete die Tür des Kabinetts und war verschwunden, ehe er aus der tiefen, schmerzlichen Träumerei erwachte, in die ihn die plötzliche Verrückung seines Rache- und Lebenszieles versenkt hatte.

 

Es schlug ein Uhr im Invalidenhause, als der Graf von Monte Christo bei dem Geräusch des Wagens, der Frau von Morcerf fortführte, den Kopf erhob.

 

Ich Wahnsinniger, sagte er, daß ich mir nicht an dem Tage, wo ich mich zu rächen beschloß, das Herz ausgerissen habe!

 

Das Duell

 

Das Duell

 

Nach Mercedes Entfernung versank bei Monte Christo altes wieder in Schatten. Wie! sagte er zu sich selbst, während sich die Lampe und die Kerzen traurig verzehrten und die Diener ungeduldig im Vorzimmer warteten; wie, das so langsam vorbereitete, mit so viel Mühe und so vielen Sorgen errichtete Gebäude ist mit einem einzigen Schlage, mit einem einzigen Worte, mit einem Hauche eingestürzt! Wie! Dieses Ich, das ich für etwas hielt, dieses Ich, auf das ich so stolz war, dieses Ich, das ich in den Kerkern des Schlosses If so klein gesehen und dann so groß zu machen gewußt hatte, wird morgen ein Häuflein Staub sein! Ach! es ist nicht der Tod des Körpers, was ich beklage. Was ist der Tod für mich? Eine weitere Stufe in der Ruhe und zwei weitere in der Stille. Nein, es ist nicht das Dasein, was ich beklage, es ist die Zertrümmerung meiner so mühsam ausgearbeiteten und aufgebauten Entwürfe. Die Vorsehung, von der ich glaubte, sie sei mit mir, war also dagegen?

 

Die Last, fast so schwer wie eine Welt, die ich aufhob und bis an das Ziel tragen zu können glaubte, entsprach meinem Wunsche, aber nicht meiner Kraft; meinem Willen, aber nicht meiner Macht, und ich muß sie schon auf der Hälfte des Weges niederlegen. Oh! ich werde wieder Fatalist werden, ich, den vierzehn Jahre der Verzweiflung und sechzehn Jahre der Hoffnung zu einem Gottesverehrer gemacht haben!

 

Und dies alles, mein Gott! weil mein Herz, das ich für tot hielt, nur entschlummert war, weil es erwachte, weil es schlug, weil ich dem Schmerze dieses Herzschlages nachgab, den die Stimme einer Frau in der Tiefe meiner Brust wieder zum Leben erweckte. Und dennoch, fuhr der Graf, sich immer mehr in die Gedanken an den nächsten Tag vertiefend, fort, und dennoch ist es unmöglich, daß diese Frau, ein so edles Herz, aus Selbstsucht eingewilligt hat, mich, den Mann voll Kraft und Leben, töten zu lassen! Es ist unmöglich, daß sie bis zu diesem Grade die mütterliche Liebe, oder vielmehr den mütterlichen Wahnsinn treibt! Es gibt Tugenden, deren Übertreibung ein Verbrechen wäre. Nein, sie wird irgend eine pathetische Szene ersonnen haben, sie wird kommen und sich zwischen die Degen werfen, uns das wird das Erhabene lächerlich machen.

 

Die Röte des Stolzes stieg Monte Christo auf die Stirn.

 

Lächerlich, wiederholte er, und die Lächerlichkeit wird auf mich zurückfallen … Ich, lächerlich! Lieber sterben. Dummheit! Dummheit! rief er endlich, so den Edelmut üben und sich wie eine träge Zielscheibe vor den Pistolenlauf eines jungen Mannes stellen! Nie wird er glauben, daß mein Tod ein Selbstmord sei, und dennoch bin ich es der Ehre meines Andenkens schuldig, daß die Welt erfährt, ich habe freiwillig meinen bereits zum Schlage erhobenen Arm aufgehalten, und mich mit dem gegen andere so mächtig bewaffneten Arm selbst geschlagen. Es muß sein, und ich werde es tun.

 

Und er nahm eine Feder, zog ein Papier aus dem geheimen Fache seines Büros und fügte unten an die Schrift, die nichts anderes war, als sein nach seiner Ankunft in Paris gemachtes Testament, einen Nachtrag, der die Ursache seines Todes auch dem Blödesten klar legte.

 

Mein Gott! ich tue dies, sagte er, die Augen zum Himmel aufschlagend, ich tue dies ebensowohl für deine Ehre, als für die meinige. Oh, mein Gott! ich habe mich seit zehn Jahren als den Abgesandten deiner Rache betrachtet, und es soll sich kein Elender wie dieser Morcerf, es soll sich kein Danglars, kein Villefort einbilden, der Zufall habe sie von ihrem Feinde befreit. Sie mögen erfahren, daß die Vorsehung, die bereits ihre Bestrafung beschlossen, nur durch die Macht meines Willens eine Änderung gestattete, daß die Strafe nur aufgeschoben ist und in der andern Welt ihrer harrt, und daß sie für die Zeit nur die Ewigkeit eingetauscht haben.

 

Während er so in der düsteren Ungewißheit und den üblen Träumen eines durch den Schreck erweckten Menschen schwebte, begann der Tag an den Fenstern zu erscheinen und unter seinen bleichen Händen das Papier zu erhellen, auf das er diese seine letzte Rechtfertigung geschrieben hatte. Plötzlich drang ein leichtes Geräusch an sein Ohr. Er glaubte etwas wie einen erstickten Seufzer gehört zu haben; er wandte den Kopf, schaute umher und sah niemand. Nun wiederholte sich aber das Geräusch deutlich.

 

Da stand er auf, öffnete sacht die Tür des Salons und sah auf einem Lehnstuhle mit niederhängenden Armen und geneigtem bleichem Kopf Haydee, die sich quer vor die Tür gesetzt hatte, damit er nicht, ohne sie zu sehen, hinausgehen könnte, die aber nach langem Wachen von dem übermächtigen Schlaf bezwungen worden war.

 

Das Geräusch der Tür weckte sie nicht, und Monte Christo heftete einen Blick voll Weichheit und Mitleid auf sie.

 

Sie hat sich erinnert, daß sie einen Sohn besitzt, sagte er, und ich habe vergessen, daß ich eine Tochter besitze. Dann fuhr er, traurig den Kopf schüttelnd, fort: Arme Haydee! sie wollte mich sehen, sie wollte mich sprechen, sie hat etwas befürchtet oder erraten … Ah! ich kann nicht von hinnen, ohne ihr Lebewohl zu sagen, ich kann nicht sterben, ohne sie irgend jemand anzuvertrauen.

 

Und er kehrte sacht an seinen Platz zurück und schrieb unter die ersten Zeilen:

 

Ich vermache Maximilian Morel, Kapitän der Spahis und Sohn meines ehemaligen Patrons Pierre Morel, Reeders in Marseille, zwanzig Millionen, wovon ein Teil von ihm seiner Schwester Julie und seinem Schwager Emanuel angeboten werden soll, wenn er nicht glaubt, ein solcher Vermögenszuwachs könne ihrem Glücke schaden. Diese zwanzig Millionen sind in meiner Grotte in Monte Christo vergraben, deren Geheimnis Bertuccio kennt.

 

Ist sein Herz frei, und er will Haydee, die Tochter Alis, des Paschas von Janina, heiraten, die ich mit der Liebe eines Vaters erzogen habe, und die für mich die Liebe und Zärtlichkeit einer Tochter gehabt hat, so wird er dadurch meinen letzten Wunsch erfüllen.

 

Gegenwärtiges Testament hat bereits Haydee zur Erbin meines übrigen Vermögens gemacht, das in Ländereien, englischen, und holländischen Renten und in dem Mobiliar in meinen verschiedenen Palästen und Häusern besteht, was sich nach Abzug dieser zwanzig Millionen und der verschiedenen Legate zu Gunsten meiner Diener immer noch auf sechzig Millionen belaufen mag.

 

Er vollendete eben die letzte Zeile, als ein hinter ihm ausgestoßener Schrei die Feder seinen Händen entfallen ließ. Haydee, sagte er, du hast gelesen?

 

Erweckt vom Tageslicht, das auf ihre Augenlider fiel, hatte sie sich in der Tat erhoben und dem Grafen genähert, ohne daß er ihre leichten und überdies vom Teppich gedämpften Tritte gehört hatte.

 

Oh! Herr, sprach sie, die Hände faltend, warum schreibst du zu einer solchen Stunde? Warum vermachst du mir dein ganzes Vermögen? Du verläßt mich?

 

Ich will eine Reise machen, liebes Kind, sagte Monte Christo mit einem Ausdrucke voll unendlicher Schwermut und Zärtlichkeit, und wenn mir Unglück widerführe … Der Graf hielt inne.

 

Nun? … fragte Haydee mit einer Bestimmtheit, die der Graf nicht an ihr kannte.

 

Nun, wenn mir das Unglück widerführe, sagte Monte Christo, so will ich, daß meine Tochter glücklich sei.

 

Haydee schüttelte traurig den Kopf und sagte: Du denkst an den Tod, oh Herr?

 

Es ist ein heilsamer Gedanke, wie der Weise sagt. Wohl! wenn du stirbst, sagte sie, so vermache dein Vermögen anderen, denn ich brauche nichts mehr.

 

Und sie nahm das Papier und zerriß es in vier Stücke, die sie mitten in das Zimmer warf. Doch diese für eine Sklavin so ungewöhnliche Energie hatte ihre Kräfte erschöpft, und sie fiel ohnmächtig zu Boden. Monte Christo neigte sich auf sie herab und hob sie in seinen Armen empor; und als er dieses schöne, bleiche Antlitz, diese schönen, geschlossenen Augen, diesen schönen, unbelebten Körper sah, kam ihm zum erstenmale der Gedanke, sie liebe ihn vielleicht auf andere Weise, als wie eine Tochter ihren Vater liebt.

 

Ach! murmelte er mit einer tiefen Entmutigung, ich hätte vielleicht noch glücklich sein können!

 

Dann trug er Haydee in ihr Gemach, übergab sie hier, noch ohnmächtig, den Händen ihrer Frauen, kehrte in sein Kabinett zurück, das er rasch schloß, und schrieb nun das zerrissene Testament noch einmal. Als er vollendete, ließ sich das Geräusch eines in den Hof fahrenden Wagens hören. Monte Christo näherte sich dem Fenster und sah Maximilian und Emanuel aussteigen.

 

Gut, sagte er, es war Zeit! Und er versiegelte sein Testament mit einem dreifachen Siegel.

 

Nach einem Augenblick hörte er das Geräusch von Tritten im Salon und öffnete selbst. Morel erschien auf der Schwelle, zwanzig Minuten vor der verabredeten Stunde.

 

Ich komme vielleicht zu bald, Herr Graf, sagte er, aber ich gestehe offen, ich konnte keine Minute schlafen, und so war es im ganzen Hause. Um wieder ich selbst zu werden, mußte ich Sie stark in Ihrer mutigen Sicherheit sehen.

 

Monte Christo vermochte diesem Beweise von Zuneigung nicht zu widerstehen, und er reichte dem jungen Manne nicht die Hand, sondern öffnete ihm seine Arme.

 

Morel, sagte er mit bewegter Stimme, es ist ein schöner Tag für mich, der Tag, an dem ich mich von einem Manne, wie Sie sind, geliebt fühle … Guten Morgen, Herr Emanuel. Sie kommen also mit mir, Maximilian?

 

Bei Gott! erwiderte der junge Mann, haben Sie daran gezweifelt?

 

Ich hatte jedoch unrecht …

 

Hören Sie, ich beobachtete Sie gestern während der ganzen Herausforderungsszene, ich dachte die ganze Nacht hindurch an Ihre Sicherheit und sagte mir, wenn nicht alles trügt, muß die Gerechtigkeit für Sie sein.

 

Ich danke, Morel.

 

Dann schlug der Graf einmal auf das Glöckchen und sagte zu Ali, der sogleich eintrat: Laß dies zu meinem Notar tragen. Es ist mein Testament, Morel. Wenn ich tot bin, nehmen Sie Kenntnis davon.

 

Wie! rief Morel, Sie tot?

 

Ei! muß man nicht auf alles gefaßt sein, lieber Freund? Doch, Morel, sagte der Graf, Sie sahen mich nie mit Pistolen schießen? – Nein.

 

Wohl, wir haben noch Zeit, sehen Sie!

 

Monte Christo nahm seine Pistolen, klebte ein Kreuzaß an die Scheibe und schoß mit vier aufeinander folgenden Schüssen, die vier Zweige des Kreuzes weg. Bei jedem Schusse erbleichte Morel.

 

Er untersuchte die Kugeln, mit denen Monte Christo dieses Kraftstück ausführte, und sah, daß sie nicht dicker waren, als Rehschrote.

 

Das ist furchtbar, sagte er, sehen Sie, Emanuel! Dann wandte er sich an Monte Christo mit den Worten: Graf, im Namen des Himmels, töten Sie Albert nicht, der Unglückliche hat eine Mutter!

 

Das ist richtig, sagte Monte Christo, und ich habe keine.

 

Diese Worte wurden in einem Tone gesprochen, der Morel beben ließ.

 

Sie sind der Beleidigte, Graf, und schießen zuerst.

 

Ich schieße zuerst.

 

Oh! das habe ich erlangt, oder vielmehr gefordert.

 

Auf wieviel Schritte? – Auf zwanzig.

 

Ein furchtbares Lächeln zog über die Lippen des Grafen hin, als er sagte: Morel, vergessen Sie nicht, was Sie soeben gesehen haben.

 

Ich rechne nur auf Ihre Aufregung, um Albert zu retten, sprach der junge Mann.

 

Ich aufgeregt? entgegnete Monte Christo.

 

Oder auf Ihren Edelmut, mein Freund; bei der Sicherheit Ihres Schusses kann ich Ihnen nur eines sagen, was lächerlich wäre, wenn ich es einem anderen sagen würde.

 

Was?

 

Zerschmettern Sie ihm den Arm, verwunden Sie ihn, aber töten Sie ihn nicht.

 

Morel, hören Sie noch folgendes; ich bedarf keiner Aufmunterung, Herrn von Morcerf zu schonen; Herr von Morcerf, das künde ich Ihnen zum voraus an, wird so geschont sein, daß er ruhig mit seinen Freunden zurückkommt, während ich …

 

Nun! Sie?

 

Oh! Mich wird man zurücktragen.

 

Gehen Sie! rief Maximilian außer sich.

 

Es ist, wie ich Ihnen sage, mein lieber Morel, Herr von Morcerf wird mich töten.

 

Morel schaute den Grafen wie ein Mensch an, der nicht mehr begreift.

 

Was ist Ihnen seit gestern abend begegnet?

 

Es ist mir begegnet, was Brutus am Vorabend der Schlacht von Philippi begegnete: ich habe ein Gespenst gesehen.

 

Und dieses Gespenst?

 

Dieses Gespenst sagte mir, ich habe genug gelebt.

 

Maximilian und Emanuel schauten einander an; Monte Christo zog seine Uhr und sagte: Gehen wir, es ist sieben Uhr, und die Zusammenkunft ist auf Punkt acht Uhr bestellt.

 

Ein angespannter Wagen wartete; Monte Christo stieg mit seinen Zeugen ein. Als man durch den Flur ging, blieb Monte Christo vor einer Tür stehen, um zu horchen; Maximilian und Emanuel, die aus Diskretion einige Schritte vorausgegangen waren, glaubten ihn seufzen zu hören. Schlag acht war man an dem verabredeten Platze.

 

Wir sind an Ort und Stelle und kommen zuerst, sagte Morel, den Kopf durch den Kutschenschlag steckend.

 

Der Herr wird mich entschuldigen, versetzte Baptistin, der seinem Gebieter mit unsäglichem Schrecken gefolgt war, ich glaube dort unter den Bäumen einen Wagen zu bemerken.

 

Monte Christo sprang leicht aus seiner Kalesche und gab Emanuel und Maximilian die Hand, um ihnen aussteigen zu helfen. Maximilian hielt die Hand des Grafen in der seinigen zurück und sagte: Das gefällt mir, das ist eine Hand, wie ich sie gern bei einem Manne sehe, dessen Leben auf seiner guten Sache beruht.

 

Ich erblicke wirklich zwei junge Männer, die auf und ab gehen und zu warten scheinen, sagte Emanuel.

 

Monte Christo zog Morel ein paar Schritte hinter seinen Schwager zurück und fragte ihn: Max, ist Ihr Herz frei?

 

Morel schaute Monte Christo erstaunt an.

 

Ich verlange kein Geständnis von Ihnen, mein Freund, ich richte eine einfache Frage an Sie; antworten Sie ja oder nein, mehr verlange ich nicht von Ihnen.

 

Ich liebe ein Mädchen, Graf.

 

Lieben Sie es innig? – Mehr als mein Leben.

 

Da entgeht mir abermals eine Hoffnung, sagte Monte Christo. Dann murmelte er mit einem Seufzer: Arme Haydee!

 

In der Tat, Graf, rief Morel, wenn ich Sie weniger kennen würde, müßte ich Sie für minder tapfer halten, als Sie sind.

 

Weil ich an jemand denke, den ich verlassen soll, und seufze? Morel, versteht sich ein Soldat so wenig auf den Mut! Beklage ich das Leben? Was ist mir an Leben oder Sterben gelegen, mir, der zwanzig Jahre zwischen Leben und Tod zugebracht hat? Seien Sie übrigens unbesorgt, diese Schwäche, wenn man es eine Schwäche nennen darf, ist nur für Sie vorhanden. Ich weiß, daß die Welt ein Salon ist, den man höflich und anständig, das heißt grüßend und seine Spielschulden bezahlend, verlassen muß.

 

Gut! das heiße ich sprechen, sagte Morel. Doch haben Sie Ihre Waffen mitgebracht?

 

Ich? Warum? Ich hoffe, diese Herren werden die ihrigen haben.

 

Ich will mich erkundigen.

 

Morel ging auf Beauchamp und Chateau-Renaud zu. Als diese Maximilians Bewegung bemerkten, traten sie ihm einige Schritte entgegen. Die drei jungen Leute grüßten sich, wenn nicht freundlich, doch höflich.

 

Verzeihen Sie, meine Herren, sagte Morel, doch ich sehe Herrn von Morcerf nicht.

 

Er hat uns heute morgen sagen lassen, er würde erst an Ort und Stelle mit uns zusammentreffen.

 

Übrigens kommt hier ein Wagen, bemerkte Chateau-Renaud.

 

Es kam wirklich in scharfem Trabe ein Wagen herbei.

 

Meine Herren, sagte Morel, ohne Zweifel haben Sie Pistolen bei sich, Herr von Monte Christo erklärt, er leiste auf sein Recht, sich der seinigen zu bedienen, Verzicht.

 

Wir sahen diese Zartheit von seiten des Grafen vorher, Herr Morel, antwortete Beauchamp, und ich brachte die Pistolen mit, die ich mir vor acht Tagen gekauft habe. Sie sind ganz neu und haben noch niemand gedient; wollen Sie sie untersuchen?

 

Herr Beauchamp, erwiderte Morel, sich verbeugend, wenn Sie mir versichern, Herr von Morcerf kenne diese Waffen nicht, so genügt mir natürlich Ihr Wort.

 

Meine Herren, sagte Chateau-Renaud, nicht Morcerf ist in diesem Wagen angekommen, sondern Franz und Debray.

 

Sie hier, meine Herren! sagte Chateau-Renaud, mit jedem einen Händedruck austauschend, und durch welchen Zufall?

 

Albert hat uns bitten lassen, wir möchten uns hier einfinden.

 

Beauchamp und Chateau-Renaud sahen sich erstaunt an.

 

Meine Herren, versetzte Morel, ich glaube zu begreifen.

 

Lassen Sie hören.

 

Gestern nachmittag erhielt ich einen Brief von Herrn von Morcerf, der mich bat, in die Oper zu kommen.

 

Und ich auch, sagte Debray.

 

Und ich auch, sprach Franz.

 

Und wir auch, sagten Chateau-Renaud und Beauchamp.

 

Sie sollten nach seinem Willen bei der Herausforderung gegenwärtig sein, fuhr Morel fort, und sollen nun auch seinem Zweikampfe beiwohnen.

 

Ja, meinten alle, so wird es sein.

 

Doch Albert kommt immer noch nicht, murmelte Chateau-Renaud, es sind zehn Minuten darüber.

 

Hier kommt er, rief Beauchamp, er ist zu Pferde und reitet, von seinem Bedienten begleitet, mit Windeseile.

 

Welche Unklugheit, sagte Chateau-Renaud, zu Pferde zu kommen, um sich auf Pistolen zu schlagen! Ich habe ihm doch eine so gute Lektion gegeben!

 

Und dann, sehen Sie, sagte Beauchamp, mit einem Kragen an der Halsbinde, mit offenem Rock und weißer Weste; warum hat er sich nicht einen schwarzen Fleck auf den Magen zeichnen lassen, das wäre noch einfacher gewesen.

 

Währenddessen war Albert bis auf zehn Schritte herangekommen? er hielt sein Pferd an, sprang zu Boden und warf die Zügel seinem Bedienten zu.

 

Albert war bleich und hatte rote, geschwollene Augen; man sah, daß er die ganze Nacht keine Sekunde geschlafen. Über sein ganzes Antlitz war ein Ausdruck traurigen Ernstes gebreitet, wie man ihn sonst nie bei ihm sah.

 

Ich danke, meine Herren, daß Sie die Güte gehabt haben, meiner Einladung zu entsprechen, sagte er, glauben Sie mir, ich bin Ihnen für dieses Zeichen der Freundschaft im höchsten Maße erkenntlich.

 

Morel hatte, als sich Morcerf näherte, zehn Schritte rückwärts gemacht und stand entfernt.

 

Auch Ihnen gebührt mein Dank, Herr Morel, sagte Albert. Kommen Sie zu uns, Sie sind nicht zuviel hier.

 

Mein Herr, erwiderte Maximilian, Sie wissen vielleicht nicht, daß ich Zeuge Ihres Gegners bin.

 

Ich war dessen nicht gewiß, doch vermutete ich es. Desto besser! je mehr Ehrenmänner hier anwesend sind, desto mehr werde ich mich befriedigt fühlen.

 

Herr Morel, sagte Chateau-Renaud, Sie können dem Herrn Grafen von Monte Christo ankündigen, daß Herr von Morcerf eingetroffen ist und daß wir zu seiner Verfügung stehen.

 

Morel machte eine Bewegung, um sich seines Auftrages zu entledigen. Beauchamp zog zu gleicher Zeit sein Pistolenkästchen aus dem Wagen.

 

Warten Sie, meine Herren, sagte Albert, ich habe Herrn von Monte Christo ein paar Worte zu sagen.

 

Unter vier Augen? fragte Morel.

 

Nein, vor allen.

 

Alberts Zeugen schauten sich erstaunt an; Franz und Debray wechselten leise ein paar Worte, und Morel kehrte, freudig über diesen unerwarteten Zwischenfall, zu dem Grafen zurück, der mit Emanuel spazieren ging.

 

Was will er von mir? fragte Monte Christo.

 

Ich weiß nicht; er verlangt mit Ihnen zu sprechen.

 

Oh! er versuche Gott nicht durch eine neue Beleidigung!

 

Ich glaube nicht, daß dies seine Absicht ist, entgegnete Morel.

 

Der Graf ging, von Maximilian und Morel begleitet, vorwärts; sein ruhiges, heiteres Antlitz stand in seltsamem Widerspruch zu dem verstörten Antlitz Alberts, der sich ihm mit den vier jungen Leuten näherte.

 

Drei Schritte voneinander blieben Albert und der Graf stehen.

 

Meine Herren, nähern Sie sich, sagte Albert; kein Wort von dem, was ich Herrn von Monte Christo zu sagen die Ehre haben werde, soll verloren gehen, denn was ich sage, mögen Sie jedem wiederholen, der es hören will, so seltsam meine Rede auch erscheinen mag.

 

Ich warte, mein Herr, sagte der Graf.

 

Herr Graf, begann Albert mit einer anfangs zitternden Stimme, die jedoch immer mehr Sicherheit gewann, Herr Graf, ich machte Ihnen zum Vorwurf, daß Sie das Benehmen des Herrn von Morcerf in Epirus bekannt machten, denn so schuldig auch Herr von Morcerf war, so glaubte ich doch nicht, Sie seien berechtigt, ihn zu bestrafen. Heute aber weiß ich, daß Sie dieses Recht haben. Nicht der Verrat Fernand Mondegos gegen Ali Pascha macht mich so bereitwillig, Sie zu entschuldigen, sondern der Verrat des Fischers Fernand gegen Sie und das unerhörte Unglück, das die Folge dieses Verrats gewesen ist. Auch sage ich und erkläre ich laut: Ja, mein Herr, Sie haben recht gehabt, sich an meinem Vater zu rächen, und ich, sein Sohn, danke Ihnen, daß Sie nicht mehr getan haben.

 

Hätte der Blitz mitten unter die Zuschauer dieser unerwarteten Szene geschlagen, sie wären sicherlich nicht erstaunter gewesen, als bei dieser Erklärung.

 

Monte Christo erhob langsam die Augen zum Himmel mit einem Ausdrucke unendlicher Dankbarkeit und konnte nicht genug bewundern, wie die aufbrausende Natur Alberts, dessen Mut er in Rom kennen gelernt hatte, sich so völlig unter diese Demütigung beugte. Er erkannte Mercedes‘ Einfluß und begriff, wie deren edles Herz sich dem Opfer nicht widersetzt hatte, von dem es zum voraus wußte, daß es unnötig sein sollte.

 

Wenn Sie nun meine Entschuldigungen genügend finden, mein Herr, sagte Albert, so bitte ich Sie, geben Sie mir Ihre Hand.

 

 

Das Auge feucht, die Brust beklommen, den Mund halb geöffnet, reichte Monte Christo Albert seine Hand, die dieser mit einem Gefühle drückte, das einem ehrfurchtsvollen Schrecken glich.

 

Meine Herren, sagte er, Herr von Monte Christo hat die Güte, meine Entschuldigungen anzunehmen; ich hatte voreilig gegen ihn gehandelt. Die Eile ist eine schlechte Ratgeberin, ich handelte schlecht. Nun ist mein Fehler wieder gutgemacht. Ich hoffe, die Welt wird mich nicht für feig halten, weil ich getan, was mir mein Gewissen befohlen. Doch in jedem Falle, sollte man meinen Schritt falsch auffassen, sagte der junge Mann, stolz das Haupt erhebend, und als richtete er eine Aufforderung an seine Freunde und an seine Feinde, in jedem Fall würde ich diese Ansicht über mich in das rechte Geleise zu bringen wissen.

 

Was hat sich denn in der letzten Nacht ereignet? fragte Beauchamp Chateau-Renaud; es scheint mir, wir spielen hier eine traurige Rolle.

 

In der Tat, was Albert getan, ist entweder sehr erbärmlich oder sehr schön, antwortete der Baron.

 

Ah! lassen Sie hören? fragte Franz Debray, was soll das bedeuten? Wie! der Graf von Monte Christo entehrt Herrn von Morcerf, und er hat recht in den Augen seines Sohnes? Hätte ich zehn Janina in meiner Familie, so würde ich mich verpflichtet fühlen, mich zehnmal zu schlagen.

 

Die Stirn gesenkt, die Arme schlaff, niedergebeugt unter der Last von vierundzwanzig Jahren der Erinnerung, dachte Monte Christo weder an Albert, noch an Beauchamp, noch an Chateau-Renaud, noch an irgend einen von denen, die sich auf dem Platze fanden, sondern er dachte an die mutige Frau, die ihn um das Leben ihres Sohnes gebeten, der er das seinige angeboten, und die es ihm durch das furchtbare Geständnis eines Familiengeheimnisses gerettet, das in dem jungen Manne das Gefühl der Sohnesliebe für immer austilgte.

 

Stets die Vorsehung, murmelte er. Ah! heute erst weiß ich ganz gewiß, daß ich der Abgesandte Gottes bin.

 

Mutter und Sohn.

 

Mutter und Sohn.

 

Der Graf von Monte Christo grüßte die fünf jungen Männer mit einem Lächeln voll Schwermut und Würde und stieg mit Emanuel und Maximilian wieder in seinen Wagen.

 

Albert, Beauchamp und Chateau-Renaud blieben allein zurück. Der junge Mann heftete auf seine Zeugen einen Blick, der sie, ohne schüchtern zu sein, doch um ihre Ansicht über das, was vorgefallen war, zu fragen schien.

 

Meiner Treu, Freund! sagte Beauchamp, erlauben Sie mir, Ihnen Glück zu wünschen; das ist eine sehr unerwartete Entwickelung einer höchst unangenehmen Geschichte.

 

Albert blieb stumm und in Träumerei versunken. Chateau-Renaud begnügte sich, seinen Stiefel mit seinem Stocke zu peitschen. Gehen wir nicht? sagte er nach peinlichem Stillschweigen.

 

Wann es Ihnen beliebt, erwiderte Beauchamp; lassen Sie mir nur Zeit, Herrn von Morcerf mein Kompliment zu machen, er hat heute einen Beweis von so ritterlichem, von so … seltenem Edelmut abgelegt!

 

Sicher; ich für meine Person wäre dazu unfähig gewesen, versetzte Chateau-Renaud mit immer kälterem Tone.

 

Meine Herren, unterbrach sie Albert, ich glaube, Sie haben nicht begriffen, daß zwischen Herrn von Monte Christo und mir etwas sehr Ernstes vorgefallen ist …

 

Doch! doch! entgegnete Beauchamp rasch; es werden aber nicht alle Pariser imstande sein, Ihren Heldenmut zu begreifen, und früher oder später dürften Sie sich genötigt sehen, ihnen die Sache energischer zu erklären, als es für die Gesundheit Ihres Körpers und für die Dauer Ihres Lebens zuträglich sein möchte. Soll ich Ihnen einen Freundesrat geben? Gehen Sie nach Neapel, nach St. Petersburg, in Länder, wo man im Punkte der Ehre vernünftiger ist, als unsere verbrannten Pariser Gehirne. Sind Sie einmal dort, so schießen Sie mit der Pistole aus Leibeskräften und üben sich in Quarten und Terzen vom Morgen bis in die Nacht. Dann hat man Sie so weit vergessen, daß Sie in einigen Jahren unbehelligt nach Frankreich zurückkehren können, oder Sie sind geübt genug in der Handhabung der Waffen, um Ihre Ruhe wiederzuerobern. Nicht wahr, ich habe recht, Herr von Chateau-Renaud?

 

Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, antwortete der Edelmann, nichts ruft so viele ernste Duelle hervor, als der Rücktritt von einem Duell.

 

Ich danke, meine Herren, erwiderte Albert mit kaltem Lächeln, ich werde Ihren Rat befolgen, nicht weil Sie mir ihn geben, sondern weil es meine Absicht war, Frankreich zu verlassen. Ich danke Ihnen auch für den Dienst, den Sie mir dadurch geleistet, daß Sie mir als Zeugen dienten. Er ist tief in mein Herz eingegraben, da ich nach den Worten, die ich soeben gehört, mich mir noch seiner erinnere.

 

Chateau-Renaud und Beauchamp schauten sich an, der Eindruck war bei beiden derselbe, und der Ton, mit dem Morcerf seinen Dank ausgedrückt, trug das Gepräge solcher Entschlossenheit an sich, daß die Lage für alle peinlich geworden wäre, wenn das Gespräch fortgedauert hätte.

 

Gott befohlen, Albert, sagte plötzlich Beauchamp, dem jungen Manne eine Hand reichend, ohne daß dieser aus seiner Lethargie zu erwachen schien.

 

Er ergriff in der Tat die Hand nicht.

 

Gott befohlen! sagte Chateau-Renaud, in der linken Hand sein Stöckchen haltend und mit der rechten grüßend.

 

Alberts Lippen murmelten kaum: Gott befohlen! Sein Blick war deutlicher, er enthielt ein ganzes Kapitel von gepreßtem Zorn, stolzer Verachtung und edler Entrüstung. Er beobachtete noch eine Zeitlang eine unbewegliche, schwermütige Haltung; dann machte er sein Pferd vom Baume los, sprang leicht in den Sattel und ritt im Galopp nach Paris zurück. Eine Viertelstunde nachher war er im Hofe des Hotels der Rue du Helder.

 

Als er vom Pferde stieg, glaubte er das bleiche Gesicht seines Vaters in dessen Schlafzimmer zu erblicken; Albert wandte seufzend den Kopf ab und kehrte in seinen Pavillon zurück.

 

Hier warf er einen letzten Blick auf alles, was ihm das Leben seit seiner Kindheit so süß und so glücklich gemacht hatte. Er beschaute noch einmal diese Gemälde, deren Gesichter ihm zu lächeln, deren Landschaften Saft und glühende Farben anzunehmen schienen. Dann holte er das Porträt seiner Mutter herunter und nahm es aus dem goldenen Rahmen. Hierauf ordnete er seine schönen türkischen Waffen, seine Gewehre, seine Trinkschalen, seine kunstreichen Bronzen, durchsuchte seine Schränke, warf in eine Schublade seines Sekretärs alles Taschengeld, das er bei sich trug, fügte die tausend Nippsachen hinzu, die sein Zimmer belebt hatten, machte von allem ein genaues Inventar und legte dieses auf die am meisten in die Augen fallende Stelle eines Tisches.

 

Als er diese Arbeit begann, war sein Diener, trotz Alberts Befehl, ihn allein zu lassen, in sein Zimmer getreten.

 

Was wollen Sie? fragte ihn Morcerf mit mehr traurigem, als zornigem Tone.

 

Verzeihen Sie, Herr Vicomte, erwiderte der Kammerdiener, Sie haben mir allerdings verboten, Sie zu stören, aber der Herr Graf von Morcerf läßt mich rufen. Ich wollte mich nicht zu dem Herrn Grafen begeben, ohne vorher Ihre Befehle zu hören.

 

Warum dies?

 

Weil der Herr Graf ohne Zweifel weiß, daß ich den Herrn Vicomte auf den Platz begleitet habe, und wenn er mich rufen läßt, so geschieht es ohne Zweifel, um mich über das, was vorgefallen ist, zu befragen. Was soll ich antworten?

 

Die Wahrheit.

 

Also werde ich sagen, das Duell habe nicht stattgefunden?

 

Sie sagen, ich habe mich bei dem Herrn Grafen von Monte Christo entschuldigt; gehen Sie!

 

Der Kammerdiener verbeugte sich und verließ das Zimmer. Albert ging wieder an sein Inventar. Als er damit fertig war, näherte er sich dem Fenster und sah seinen Vater in seine Kalesche steigen und ausfahren.

 

Kaum war die Tür des Hotels wieder hinter dem Grafen geschlossen, als Albert sich nach dem Zimmer seiner Mutter wandte, und da niemand anwesend war, ihn zu melden, so drang er bis in Mercedes‘ Schlafzimmer und blieb, während ihm das Herz anschwoll von dem, was er sah, und von dem, was er erriet, auf der Schwelle stehen.

 

Als ob diese beiden Körper eine Seele belebt hätte, machte Mercedes in ihrer Wohnung, was Albert in der seinigen getan hatte. Alles war in Ordnung gebracht: die Spitzen, die Schmucksachen, die Juwelen, das Weißzeug und das Geld lagen im Grunde der Schubladen aufgereiht, deren Schlüssel die Gräfin sorgfältig sammelte.

 

Albert sah alle diese Vorbereitungen; er begriff sie und fiel mit dem Ausrufe: Meine Mutter! Mercedes um den Hals.

 

Dieser ganze Aufwand von energischer Entschlossenheit, den er ohne weiteres für sich aufgewendet hatte, erschreckte ihn bei seiner Mutter. Was tun Sie denn? fragte er.

 

Was hast du getan? erwiderte sie.

 

Oh! meine Mutter, rief Albert so bewegt, daß er kaum sprechen konnte, es ist bei Ihnen etwas anderes, als bei mir; nein, Sie können nicht das gleiche beschlossen haben, wie ich; denn ich will Ihnen eben mitteilen, daß ich Ihrem Hause und … Ihnen Lebewohl sage.

 

Albert, ich reise auch. Ich gestehe, ich rechnete darauf, mein Sohn würde mich begleiten. Habe ich mich getäuscht?

 

Meine Mutter, erwiderte Albert mit Festigkeit, ich kann Sie dieses Schicksal nicht teilen lassen, das ich mir erwähle. Ich muß fortan ohne Namen und ohne Vermögen leben. Um die Lehrzeit dieses rauhen Daseins durchzumachen, muß ich von einem Freunde das Brot entleihen, das ich bis zu dem Augenblick essen werde, wo ich anderes verdiene.

 

Du, mein armes Kind, rief Mercedes, du sollst Armut erdulden, sollst Hunger fühlen? Oh! sage dies nicht, du würdest alle meine Entschließungen umstoßen.

 

Doch nicht die meinigen, Mutter, entgegnete Albert. Ich bin jung, stark und mutig und habe seit gestern gelernt, was der Wille vermag. Es gibt Menschen, die so viel gelitten, und nicht nur nicht gestorben sind, sondern sich sogar ein neues Glück auf den Trümmern aller Hoffnungen, die ihnen Gott gegeben, aufgebaut haben! Ich habe dies erfahren, meine Mutter, ich habe diese Menschen gesehen, ich weiß, daß sie sich aus der Tiefe des Abgrundes, in den sie ihre Feinde gestoßen, mit so viel Kraft und Ruhm wieder erhoben, daß sie ihre ehemaligen Besieger beherrschten. Nein, meine Mutter, nein; ich habe von diesem Augenblick an mit der Vergangenheit gebrochen und nehme nichts mehr von ihr an, nicht einmal meinen Namen; denn Sie begreifen, Ihr Sohn kann nicht den Namen eines Menschen führen, der vor andern erröten muß!

 

Albert, mein Kind, wenn ich ein stärkeres Herz gehabt hätte, so würde ich dir diesen Rat gegeben haben; dein Gewissen hat gesprochen, während meine erloschene Stimme schwieg; höre auf dein Gewissen! Du hattest Freunde, Albert, brich für den Augenblick mit ihnen, aber im Namen deiner Mutter, verzweifle nicht! Das Leben ist noch schön in deinem Alter, mein Albert, denn du bist kaum zweiundzwanzig Jahre alt, und da ein so reines Leben wie das deine eines fleckenlosen Namens bedarf, so nimm den meines Vaters an; er hieß Herrera. Ich kenne dich, Albert, welche Laufbahn du auch verfolgen magst, du wirst diesen Namen in kurzer Zeit berühmt machen. Dann erscheine wieder in der Welt, glänzender durch den Schimmer deines vergangenen Unglücks, und wenn dies trotz aller meiner Voraussetzungen nicht so sein soll, so laß mir wenigstens die Hoffnung, mir, die nur noch diesen einen Gedanken hat, mir, die keine Zukunft mehr vor sich sieht und für die das Grab auf der Schwelle dieses Hauses beginnt.

 

Ich werde nach Ihren Wünschen tun, meine Mutter, sagte der junge Mann; ja, ich teile Ihre Hoffnungen; der Herr des Himmels wird uns bei Ihrer Reinheit und bei meiner Unschuld nicht verfolgen. Doch da wir entschlossen sind, handeln wir schnell. Herr von Morcerf hat das Hotel vor ungefähr einer halben Stunde verlassen; die Gelegenheit ist günstig, um Lärm und Erklärungen zu vermeiden.

 

Ich erwarte dich, mein Sohn, sagte Mercedes.

 

Albert lief sogleich nach dem Boulevard, von wo er einen Fiaker zurückbrachte, der sie aus dem Hotel wegfahren sollte. Er erinnerte sich eines kleinen Hauses in der Rue des Saints Pères, wo seine Mutter eine bescheidene, aber anständige Wohnung finden würde; er kehrte also zurück, um die Gräfin zu holen.

 

In dem Augenblick, wo der Fiaker vor dem Hause anhielt und Albert ausstieg, näherte sich ihm ein Mann und übergab ihm einen Brief. Albert erkannte den Intendanten.

 

Vom Grafen, sagte Bertuccio und entfernte sich sogleich.

 

Albert nahm den Brief, öffnete ihn, las ihn, ging mit Tränen in den Augen und erschüttertem Herzen zu Mercedes und gab ihr das Schreiben, ohne ein Wort zu sprechen. Mercedes las:

 

Albert!

 

Wenn ich Ihnen zeige, daß ich den Plan durchschaut habe, den Sie eben ausführen wollen, so glaube ich Ihnen damit auch zu zeigen, daß ich das Zartgefühl begreife. Sie sind nun frei, Sie verlassen das Hotel des Grafen und wollen Ihre Mutter an einen verborgenen Ort bringen; doch bedenken Sie wohl, Sie sind ihr mehr schuldig, als Sie ihr je vergelten können, Sie armes, edles Herz. Behalten Sie für sich den Kampf, fordern Sie für sich das Leiden, aber ersparen Sie ihr das Elend, das von Ihren ersten Anstrengungen untrennbar ist; denn sie verdient nicht einmal den Widerschein des Unglücks, das sie heute trifft, und nach dem Willen der Vorsehung soll nicht der Unschuldige mit dem Schuldigen leiden.

 

Ich weiß, daß Sie beide im Begriffe sind, Ihr Haus zu verlassen, ohne etwas mitzunehmen. Suchen Sie nicht zu entdecken, wie ich es erfahren habe. Ich weiß es.

 

Hören Sie, Albert! Ich kam vor vierundzwanzig Jahren freudig und stolz in mein Vaterland zurück; ich hatte eine Braut, Albert, eine heilige Jungfrau, die ich anbetete, und ich brachte ihr 150 Louisd’or zurück, die ich mühsam durch rastlose Arbeit gesammelt hatte. Dieses Geld war für sie bestimmt, und da ich wußte, wie treulos das Meer ist, so begrub ich unsern Schatz in dem Gärtchen des Hauses, das mein Vater in Marseille bewohnte.

 

Ihre Mutter, Albert, kennt das kleine, liebe Haus ganz gut. Als ich kürzlich nach Paris reiste, kam ich durch Marseille. Ich besuchte dieses Haus mit den schmerzlichsten Erinnerungen und untersuchte am Abend mit dem Spaten in der Hand den Winkel, wo ich meinen Schatz begraben hatte. Die eiserne Kassette war noch an demselben Platz, niemand hatte sie berührt; sie liegt in der Ecke, die ein schöner, von meinem Vater an meinem Geburtstage gepflanzter Feigenbaum mit seinem Schatten bedeckt.

 

Nun, Albert, dieses Geld, das einst das Leben und die Ruhe der Frau unterstützen sollte, die ich anbetete, findet durch einen seltsamen und schmerzlichen Zufall heute dieselbe Anwendung. Oh! verstehen Sie meinen Gedanken, verstehen Sie den Gedanken des Mannes, der dieser armen Frau Millionen bieten könnte und ihr ein Stück schwarzes Brot zurückgibt, das unter meinem Dache seit dem Tage vergessen worden ist, wo ich von der Geliebten getrennt wurde.

 

Sie sind ein edler Mensch, Albert, doch vielleicht nichtsdestoweniger von Stolz oder Groll verblendet; wenn Sie mich zurückweisen, wenn Sie von einem andern das fordern, was ich Ihnen zu bieten berechtigt bin, so sage ich, es sei nicht edelmütig von Ihnen, das Leben Ihrer Mutter zurückzuweisen, wenn es von einem Manne geboten wird, dessen Vater Ihr Vater in den Schrecknissen des Hungers und der Verzweiflung hat sterben lassen.

 

Als Mercedes dies gelesen, schlug sie die Augen mit einem unaussprechlichen Ausdruck zum Himmel auf. Ich willige ein, sagte sie; er ist berechtigt, die Mitgift zu bezahlen, die ich in ein Kloster bringen werde.

 

Und indem sie den Brief auf ihr Herz legte, nahm sie ihren Sohn am Arm und ging mit festerem Schritte, als sie vielleicht selbst erwartet hatte, zur Treppe.

 

Der Selbstmord.

 

Der Selbstmord.

 

Monte Christo war indessen mit Maximilian ebenfalls in die Stadt zurückgefahren. Am Tor trafen sie Bertuccio, der hier unbeweglich wie eine Schildwache wartete. Monte Christo streckte den Kopf durch den Kutschenschlag, wechselte mit leiser Stimme ein paar Worte mit ihm, und der Intendant verschwand.

 

Sehen Sie, wie ich Ihnen Glück gebracht habe! sagte Morel, als er mit dem Grafen allein war.

 

Gewiß; deshalb möchte ich Sie stets bei mir haben.

 

Das ist wunderbar! fuhr Morel, seinen eigenen Gedanken beantwortend, fort.

 

Was denn? fragte Monte Christo.

 

Was soeben vorgefallen ist.

 

Ja, versetzte der Graf mit einem Lächeln. Sie haben das wahre Wort gesagt, Morel, es ist wunderbar.

 

Denn Albert ist sonst mutig.

 

Sehr mutig, sagte Monte Christo, ich habe ihn schlafen sehen, während der Dolch über seinem Haupte hing.

 

Und ich weiß, daß er sich zehnmal geschlagen und sehr gut geschlagen hat; bringen Sie das mit seinem Benehmen an diesem Morgen in Einklang!

 

Stets Ihr Einfluß, versetzte Monte Christo lächelnd.

 

Es ist ein Glück für Albert, daß er nicht Soldat ist. Entschuldigungen an Ort und Stelle! bemerkte der junge Kapitän den Kopf schüttelnd.

 

Oh, sagte der Graf mit sanftem Tone, verfallen Sie nicht in die Vorurteile gewöhnlicher Menschen, Morel; bedenken Sie, daß Albert, da er tapfer ist, nicht feig sein kann, daß er irgend einen Grund haben muß, zu handeln, wie er gehandelt hat, und daß folglich sein Benehmen mehr heldenmütig, als sonst etwas ist.

 

Ganz gewiß; doch ich sage, wie der Spanier: Er ist heute minder tapfer gewesen, als gestern.

 

Nicht wahr, Sie frühstücken mit mir, Morel? fragte der Graf, das Gespräch abbrechend.

 

Morel lächelte und schüttelte den Kopf.

 

Sie müssen aber doch irgendwo frühstücken?

 

Wenn ich jedoch keinen Hunger habe?

 

Ah! rief der Graf, ich kenne nur zwei Gefühle, welche so den Appetit abschneiden: den Schmerz – und der scheint mir bei Ihrer Heiterkeit ausgeschlossen – und die Liebe. Nach dem, was Sie mir über Ihr Herz gesagt haben, ist es mir Wohl erlaubt, zu glauben …

 

Meiner Treu! Graf, ich sage nicht nein.

 

Und Sie erzählen mir das nicht, Maximilian? versetzte der Graf so lebhaft, daß man sah, welchen Anteil er an dem Herzensgeheimnis nahm.

 

Nicht wahr, Graf, ich zeigte Ihnen heute morgen, daß ich ein Herz habe?

 

Statt jeder Antwort reichte Monte Christo dem jungen Manne die Hand.

 

Wohl! fuhr Maximilian fort, seitdem dieses Herz nicht mehr mit Ihnen im Walde von Vincennes ist, ist es anderswo, wo ich es wiederfinden werde.

 

Gehen Sie, sagte langsam der Graf, lieber Freund, doch ich bitte Sie, wenn Sie auf ein Hindernis stoßen, so erinnern Sie sich, daß ich einige Macht auf dieser Welt besitze, daß ich glücklich bin, diese Macht für die Leute anzuwenden, die ich liebe, und daß ich Sie liebe, Morel.

 

Gut! sagte der junge Mann, ich werde mich dessen erinnern, wie sich selbstsüchtige Kinder ihrer Eltern erinnern, wenn sie ihrer bedürfen. Bedarf ich Ihrer, so wende ich mich an Sie, Graf.

 

Gut! ich verlasse mich auf Ihr Wort, Gott befohlen!

 

Auf Wiedersehen!

 

Man war vor die Tür des Hauses der Champs-Elysées gelangt, vor dem Bertuccio wartete. Monte Christo öffnete den Schlag, Morel sprang auf das Pflaster und entfernte sich sofort, während Monte Christo rasch Bertuccio voran die Treppe hinaufschritt.

 

Nun? fragte er den Intendanten.

 

Sie ist im Begriff, ihr Haus zu verlassen.

 

Und ihr Sohn?

 

Sein Kammerdiener denkt, er werde dasselbe tun.

 

Monte Christo nahm Bertuccio mit sich in sein Kabinett, schrieb den erwähnten Brief an Albert und übergab ihn dem Intendanten.

 

Gehen Sie rasch, sagte er; doch lassen Sie auch Haydee benachrichtigen, daß ich zurückgekehrt bin.

 

Hier bin ich, sagte Haydee. Sie war bei dem Geräusch des Wagens schnell herabgestiegen, und ihr Gesicht strahlte vor Freude, als sie den Grafen unversehrt wiedersah. Bertuccio entfernte sich.

 

Alles Entzücken eines Mädchens, das einen geliebten Vater wiedersieht, die ganze wahnsinnige Freude einer Liebenden, deren angebeteter Geliebte wiederkehrt, fühlte Haydee während der ersten Augenblicke dieser von ihr so ungeduldig erwarteten Rückkehr.

 

Wenn auch weniger laut sich äußernd, war darum die Freude Monte Christos doch nicht minder groß; für die Herzen, die lange gelitten haben, ist die Freude, was der Tau für die Erde, wenn die Sonne sie ausgetrocknet hat. Seit einigen Tagen begriff Monte Christo etwas, woran er lange nicht zu glauben wagte, daß es nämlich zwei Mercedes auf der Welt gab, daß er noch glücklich sein könnte.

 

Sein von Wonne entflammtes Auge tauchte sich sehnsuchtsvoll in Haydees feuchte Blicke, als plötzlich die Tür sich öffnete. Der Graf faltete die Stirn.

 

Herr von Morcerf! sagte Baptistin, als ob dieses einzige Wort seine Entschuldigung enthielte.

 

Das Antlitz des Grafen hellte sich in der Tat auf.

 

Welcher? sagte er, der Vicomte oder der Graf?

 

Mein Gott! rief Haydee, ist es denn noch nicht zu Ende!

 

Ich weiß nicht, ob es zu Ende ist, vielgeliebtes Kind, sagte Monte Christo, das Mädchen bei den Händen fassend; aber ich weiß, daß du nichts zu fürchten hast.

 

Oh! es ist doch der Elende …

 

Dieser Mensch vermag nichts über mich, Haydee, nur von seinem Sohne hattest du etwas zu fürchten.

 

Wie habe ich auch gelitten, du wirst es nie erfahren, Herr.

 

Monte Christo lächelte und sagte, die Hand über dem Haupte des Mädchens ausstreckend: Bei dem Grabe meines Vaters schwöre ich dir, Haydee, wenn Unglück geschieht, so widerfährt es nicht mir.

 

Ich glaube dir, Herr, als ob Gott zu mir spräche, sagte das junge Mädchen und reichte dem Grafen seine Stirn. Monte Christo drückte auf diese reine und schöne Stirn einen Kuß, der zwei Herzen heftiger schlagen ließ.

 

Oh, mein Gott! solltest du es denn gestatten, daß ich noch einmal lieben könnte? murmelte der Graf und führte die schöne Griechin zu einer Geheimtreppe, während er zu Baptistin sagte: Lassen Sie den Grafen von Morcerf in den Salon treten.

 

Während Mercedes in ihrer Wohnung ihre Juwelen zusammenlegte, ihre Schubladen verschloß, ihre Schlüssel sammelte, um alles in Ordnung zurückzulassen, bemerkte sie nicht, daß ein bleicher, düsterer Kopf an der Glasscheibe einer Tür erschien, der, ohne gesehen zu werden, alles gewahrte, was drinnen vorging.

 

Von dieser Glasscheibe begab sich der Mann mit dem bleichen Gesichte in das Schlafzimmer des Grafen von Morcerf, wo er mit krampfhafter Hand den Vorhang eines auf den Hof gehenden Fensters aufhob. Er blieb zehn Minuten unbeweglich, stumm, auf die Schläge seines Herzens horchend.

 

Da kam Albert zurück, bemerkte, daß sein Vater seine Rückkehr hinter einem Vorhang beobachtete, und wandte den Kopf ab. Das Auge des Grafen erweiterte sich; er wußte, daß Albert den Grafen furchtbar beleidigt hatte und daß eine solche Beleidigung in allen Ländern der Welt einen Zweikampf auf Leben und Tod nach sich zog. Albert kehrte aber unversehrt zurück, und er selbst war folglich gerächt.

 

Ein Blitz unbeschreiblicher Freude erleuchtete sein finsteres Antlitz; aber vergebens hoffte er, sein Sohn werde in sein Zimmer kommen, ihm seinen Triumph mitzuteilen.

 

Da ließ der Graf Alberts Diener holen, den, wie erwähnt, sein Herr ermächtigt hatte, nichts vor dem Grafen zu verbergen.

 

Zehn Minuten nachher sah man auf der Freitreppe den General von Morcerf in einem schwarzen Oberrocke, mit schwarzen Beinkleidern und schwarzen Handschuhen erscheinen.

 

Er hatte ohne Zweifel vorher seine Befehle gegeben, denn kaum berührte er die letzte Stufe der Treppe, als sein Wagen vorfuhr. Sein Kammerdiener warf zwei umhüllte Degen in den Wagen; dann schloß er den Schlag und setzte sich neben den Kutscher.

 

Nach den Champs-Elysées, rief der General, zu dem Grafen von Monte Christo. Rasch!

 

Die Pferde bäumten sich unter dem Peitschenschlage und hielten nach fünf Minuten vor dem Hause des Grafen. Herr von Morcerf öffnete selbst den Schlag, sprang, während der Wagen noch rollte, wie ein junger Mensch in die Allee, läutete und verschwand mit seinem Diener in der Tür.

 

Eine Sekunde später meldete Baptistin Herrn von Monte Christo den Grafen von Morcerf, und Monte Christo gab, Haydee zurückführend, den Befehl, den Grafen von Morcerf in den Salon treten zu lassen. Der General maß zum dritten Male den Salon in seiner ganzen Länge, als er, sich umwendend, Monte Christo auf der Schwelle erblickte.

 

Ah! es ist Herr von Morcerf, sagte ruhig Monte Christo ich glaubte, schlecht gehört zu haben.

 

Ja, ich bin es, sagte der Graf, wobei er seine Lippen furchtbar zusammenzog.

 

Ich habe also nur noch die Ursache zu erfahren, die mir das Vergnügen verschafft, den Herrn Grafen von Morcerf so frühzeitig bei mir zu sehen, versetzte Monte Christo.

 

Sie haben heute morgen einen Gang mit meinem Sohn getan, sagte der General.

 

Sie wissen dies?

 

Ich weiß auch, daß mein Sohn gute Gründe gehabt hat, einen Zweikampf mit Ihnen zu wünschen und alles zu tun, was er vermochte, um Sie zu töten.

 

In der Tat, er hatte sehr gute Gründe; doch Sie sehen, daß er mich trotz dieser Gründe nicht getötet und sich nicht einmal geschlagen hat.

 

Und er betrachtete Sie doch als die Ursache der Schande seines Vaters, als die Ursache des gräßlichen Unheils, das in diesem Augenblick mein Haus niederbeugt.

 

Es ist wahr, sagte Monte Christo mit furchtbarer Ruhe; als mitwirkende, nicht als hauptsächlichste Ursache.

 

Ohne Zweifel haben Sie eine Entschuldigung vorgebracht oder ihm eine Erklärung gegeben?

 

Ich habe ihm keine Erklärung gegeben, und er hat sich entschuldigt.

 

Welchem Umstande schreiben Sie dieses Benehmen zu?

 

Ohne Zweifel der Überzeugung, daß ein anderer mehr schuldig ist in dieser Angelegenheit als ich.

 

Und wer war dieser andere? – Sein Vater.

 

Es mag sein, sagte der Graf erbleichend; doch Sie wissen, daß sich der Schuldigste nicht gern von seiner Schuld überzeugen läßt.

 

Ich weiß es … ich erwartete auch, was in diesem Augenblicke geschieht.

 

Sie erwarteten die Feigheit meines Sohnes?

 

Herr Albert von Morcerf ist kein Feiger!

 

Ein Mensch, der einen Degen in der Hand hält, und im Bereiche dieses Degens einen Todfeind hat, ist ein Feigling, wenn er sich nicht schlägt! Warum ist er nicht hier, daß ich es ihm sagen könnte!

 

Mein Herr, entgegnete Monte Christo, ich nehme an, Sie haben mich nicht aufgesucht, mir Ihre Familienangelegenheiten mitzuteilen. Sagen Sie dies Herrn Albert selbst, er weiß vielleicht, was er Ihnen zu antworten hat.

 

Oh! nein! nein! versetzte der General mit einem schnell verschwindenden Lächeln auf seinen Lippen; Sie haben recht, ich bin nicht deshalb gekommen! Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie ebenfalls als meinen Feind betrachte! Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie aus Instinkt hasse, daß es mir scheint, als hätte ich Sie stets gekannt, stets gehaßt; daß es an uns ist, uns zu schlagen, da sich die jungen Leute jetzt nicht mehr schlagen … Ist dies auch Ihre Ansicht, mein Herr?

 

Vollkommen. Als ich Ihnen sagte, ich hätte dies vorhergesehen, meinte ich vor allem die Ehre Ihres Besuchs.

 

Desto besser … Ihre Vorkehrungen sind also getroffen?

 

Sie sind es stets, mein Herr.

 

Sie wissen, daß wir uns schlagen, bis einer auf der Stelle bleibt! sagte der General, vor Wut mit den Zähnen knirschend.

 

Bis einer auf der Stelle bleibt, wiederholte Monte Christo, den Kopf leicht von oben nach unten bewegend.

 

Vorwärts also, wir bedürfen keine Zeugen.

 

In der Tat, das ist unnötig, wir kennen uns so gut! Im Gegenteil, wir kennen uns nicht.

 

Bah! sagte Monte Christo, wir wollen doch sehen. Sind Sie nicht der Soldat Fernand, der am Vorabend der Schlacht von Waterloo desertiert ist? Sind Sie nicht der Leutnant Fernand, der der französischen Armee in Spanien als Spion gedient hat? Sind Sie nicht der Kapitän Fernand, der seinen Wohltäter Ali verraten, verkauft, ermordet hat? Und machen nicht alle diese Fernand zusammen den Generalleutnant, Grafen von Morcerf, Pair von Frankreich, aus?

 

Oh! rief der General, durch diese Worte wie durch ein glühendes Eisen getroffen. Elender, der du mir meine Schande in dem Augenblick vorwirfst, wo du mich töten willst, nein, ich habe dir nicht gesagt, ich sei dir unbekannt. Ich weiß wohl, Dämon, daß du in die Nacht meiner Vergangenheit gedrungen bist und jede Seite meines Lebens beleuchtet hast. Aber vielleicht liegt noch mehr Ehre in mir bei meiner Schmach, als in dir, bei deiner prunkhaften Außenseite. Denn dich kenne ich nicht, mit Gold und Edelsteinen gestickter Abenteurer! Du läßt dich in Paris den Grafen von Monte Christo nennen, in Italien Simbad den Seefahrer, in Malta, was weiß ich? Doch ich frage dich nach deinem wirklichen Namen, um ihn in dem Augenblicke auszusprechen, wo ich dir mit meinem Degen das Herz durchbohre.

 

Der Graf von Monte Christo erbleichte furchtbar, sein wildes Auge entzündete sich in verzehrendem Feuer; er machte einen Sprung in das anstoßende Kabinett, riß in einer Sekunde seinen Oberrock, seine Weste und seine Halsbinde vom Leibe, zog eine kleine Seemannsjacke an und setzte einen Matrosenhut auf, unter dem seine langen, schwarzen Haare herabrollten.

 

So kehrte er furchtbar, unversöhnlich zurück und schritt mit gekreuzten Armen auf den General zu, der, sein Verschwinden nicht begreifend, ihn erwartete und nun seine Zähne klappern und seine Beine unter sich brechen fühlte, zurückwich und erst still stand, als seine krampfhaft zusammengezogene Hand auf einem Tische einen Stützpunkt fand.

 

Fernand! rief der Graf von Monte Christo, von meinen hundert Namen brauche ich dir nur einen zu sagen, um dich niederzuschmettern; doch diesen Namen, nicht wahr, du errätst ihn? Oder vielmehr, du erinnerst dich seiner? Denn, trotz meines Kummers, trotz meiner Qualen, zeige ich dir heute ein Gesicht, welches das Glück der Rache verjüngt, ein Gesicht, das du seit deiner Verheiratung mit Mercedes, meiner Verlobten, oft in deinen Träumen gesehen haben mußt.

 

Mit zurückgeworfenem Kopf, ausgestreckten Händen und starrem Blick verschlang der General schweigend dieses furchtbare Schauspiel; dann suchte er die Wand als Stütze, wankte langsam bis zur Tür, durch die er rückwärts hinausging, wobei ihm nur ein finsterer, kläglicher, herzzerreißender Schrei entfuhr, der Schrei: Edmond Dantes.

 

Dann schleppte er sich mit Seufzern, die nichts Menschliches hatten, bis in den Säulengang des Hauses, durchschritt den Hof wie ein Trunkener und fiel in die Arme seines Kammerdieners, mit unverständlicher Stimme die Worte: Nach Hause! nach Hause! murmelnd.

 

Die frische Luft und die Scham vor seinen Leuten setzten ihn unterwegs instand, seine Gedanken zu sammeln; die Fahrt war jedoch kurz, und je mehr sich der Graf seiner Wohnung näherte, desto mehr fühlte er seine Schmerzen sich erneuern. Einige Schritte vom Hause ließ er halten und stieg aus.

 

Das Tor des Hotels war weit geöffnet; sehr erstaunt darüber, daß man ihn zu diesem herrlichen Gebäude rief, stand ein Fiakerkutscher neben seinem Gefährt im Hofe. Der Graf schaute den Fiaker voll Schrecken an und eilte in seine Zimmer.

 

 

Zwei Personen stiegen die Treppe herab; er konnte ihnen eben noch, in sein Kabinett schleichend, ausweichen. Es waren Mercedes und ihr Sohn, die das Hotel verließen. Sie gingen dicht an dem Unglücklichen vorüber, der hinter dem Damastvorhange fast vom seidenen Kleide Mercedes‘ gestreift wurde und in seinem Gesichte den warmen Atem seines Sohnes fühlte, als dieser die Worte sprach: Mut, meine Mutter! Kommen Sie, wir sind hier nicht mehr zu Hause.

 

Die Worte verklangen, die Tritte entfernten sich. Der General erhob sich, mit seinen Händen krampfhaft an dem Damastvorhange hängend; er preßte das furchtbarste Schluchzen zurück, das je der Brust eines zugleich von seiner Frau und seinem Sohne verlassenen Mannes entstiegen.

 

Bald hörte er den eisernen Kutschenschlag des Fiakers zuschlagen. Dann vernahm er die Stimme des Kutschers, das Rollen des schweren Wagens erschütterte die Fensterscheiben, und der Graf von Morcerf stürzte in sein Schlafzimmer, um noch einmal alles, was er in der Welt geliebt hatte, zu sehen. Doch der Fiaker entfernte sich, ohne daß Mercedes‘ oder Alberts Kopf am Schlage erschien, um dem einsamen Hause, dem verlassenen Gatten und Vater den letzten Blick, das letzte Lebewohl, das letzte Bedauern, das heißt die Verzeihung zu gönnen.

 

In der Sekunde, wo die Räder des Fiakers über das Straßenpflaster davonrollten, erscholl ein Schuß, und ein dunkler Rauch drang durch eine von der Gewalt der Lufterschütterung zerbrochene Scheibe des Schlafzimmers.

 

Valentine

 

Valentine

 

Man errät, wo Morel zu tun hatte, und wem sein Eilen galt. Als er Monte Christo verließ, ging er jedoch langsam nach dem Villefortschen Hause – langsam, denn es drängte ihn, mit seinen Gedanken allein zu sein.

 

Er kannte die Stunde gut, zu der Valentine, an Noirtiers Frühstück teilnehmend, vor Störung sicher war. Noirtier und Valentine hatten ihm zwei Besuche in der Woche zugestanden, und er kam, von seinem Rechte Gebrauch zu machen.

 

Valentine erwartete ihn. Unruhig, fast verwirrt, nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn zu ihrem Großvater. Diese heftige Unruhe rührte davon her, daß Valentine von dem bevorstehenden Duell zwischen Morcerf und Monte Christo gehört hatte. Sie ahnte schon, Morel würde Monte Christos Zeuge sein, und fürchtete, er werde bei seiner Unerschrockenheit ebenfalls in einen Zweikampf verwickelt werden.

 

Man begreift, welche unbeschreibliche Freude Morel in den Augen seiner Geliebten lesen konnte, als sie erfuhr, die furchtbare Angelegenheit habe einen ebenso glücklichen, wie unerwarteten Ausgang gehabt.

 

Valentine ließ Morel neben dem Greise sitzen, setzte sich selbst auf den Sessel, worauf seine Füße ruhten, und sagte: Nun lassen Sie uns ein wenig von unsern Angelegenheiten reden. Sie wissen, daß der gute Papa den Gedanken gehabt hat, das Haus zu verlassen und seine Wohnung außerhalb des Villefortschen Hauses zu nehmen.

 

Ja, gewiß, ich erinnere mich und habe diesem Plan meinen vollen Beifall geschenkt.

 

Und wissen Sie, sagte Valentine, welchen Grund der gute Papa für seine Absicht angibt?

 

Noirtier schaute seine Enkelin an, um ihr mit dem Auge Schweigen aufzuerlegen; doch Valentine sah ihn nicht an, ihre Augen, ihr Blick, ihr Lächeln gehörten nur Morel.

 

Oh! welchen Grund auch Herr Noirtier angeben mag, rief Morel, ich erkläre, daß er gut ist.

 

Vortrefflich; er behauptet, die Luft des Faubourg Saint Honoré sei für mich nicht gesund.

 

In der Tat, Valentine, Herr Noirtier könnte recht haben; ich finde, daß Ihre Gesundheit seit vierzehn Tagen etwas gelitten hat.

 

Ja, ein wenig, das ist wahr, antwortete Valentine; auch hat sich der gute Papa zu meinem Arzte gemacht, und da er alles weiß, so habe ich das größte Vertrauen zu ihm.

 

Sie leiden also wirklich, Valentine? fragte Morel rasch. Oh! mein Gott, das nennt man nicht leiden; ich fühle eine allgemeine Unbehaglichkeit, und sonst nichts. Ich habe den Appetit verloren, und es kommt mir vor, als hielte mein Magen einen Kampf aus, um sich an etwas zu gewöhnen.

 

Noirtier verlor keines von Valentines Worten.

 

Und welche Behandlung befolgen Sie für diese unbekannte Krankheit?

 

Oh! das ist ganz einfach, ich verschlucke jeden Morgen einen Löffel von dem Trank, den man für meinen Großvater bringt; wenn ich sage einen Löffel, so meine ich, ich habe mit einem angefangen, und nun bin ich beim vierten. Mein Großvater behauptet, es sei ein Heilmittel für alles.

 

Valentine lächelte, doch es lag etwas Trauriges, Leidendes in diesem Lächeln. Trunken vor Liebe schaute sie Maximilian schweigend an; sie war sehr schön, doch ihre Blässe hatte einen matten Ton angenommen, ihre Augen glänzten von einem glühenderen Feuer als gewöhnlich, und ihre sonst perlmutterweißen Hände schienen von gelblichem Wachs zu sein.

 

Von Valentine richtete der junge Mann seine Augen auf Noirtier. Dieser betrachtete mit innigem, prüfendem Blick das geliebte, liebende Mädchen und folgte, wie Morel, den Spuren eines tiefen Leidens, das, für das Auge der andern unsichtbar, dem des Großvaters und des Geliebten nicht entging.

 

Doch ich dachte, der Trank, von dem Sie bereits vier Löffel nehmen, sei für Herrn Noirtier verschrieben?

 

Ich weiß, daß er sehr bitter ist, erwiderte Valentine, so bitter, daß mir alles, was ich darauf trinke, denselben Geschmack zu haben scheint.

 

Noirtier schaute seine Enkelin mit fragendem Blicke an.

 

Ja, guter Papa, versetzte Valentine, es ist so. Soeben, ehe ich zu Ihnen ging, trank ich ein Glas Zuckerwasser; ich ließ die Hälfte davon stehen, so bitter schmeckte das Wasser.

 

Noirtier erbleichte und bedeutete durch ein Zeichen, er wolle sprechen. Valentine stand auf, um das Wörterbuch zu holen, und Noirtier folgte ihr in sichtbarer Angst mit den Augen.

 

Das Blut stieg in der Tat dem Mädchen in den Kopf, seine Wangen färbten sich. Halt! rief sie, immer noch voll Heiterkeit, das ist sonderbar! bin ich blind? Hat mich etwa die Sonne in die Augen getroffen?

 

Und sie stützte sich auf das Fenstersims.

 

Es scheint keine Sonne her, sagte Morel, noch mehr durch den Ausdruck Noirtiers als durch Valentines Unpäßlichkeit beunruhigt, und lief auf seine Braut zu.

 

Das Mädchen lächelte und sagte: Beruhige dich, guter Papa, beruhigen Sie sich, Maximilian, es ist nichts, es ist schon vorbei; stille doch! … Ist das nicht das Geräusch eines Wagens, was ich im Hofe höre?

 

Sie öffnete die Tür, lief an ein Fenster im Gange und kehrte eilig zurück.

 

Ja, sagte sie, es ist Frau Danglars und ihre Tochter, die uns einen Besuch machen wollen. Gott befohlen, ich fliehe, denn man würde mich doch holen, oder vielmehr auf Wiedersehen! Bleiben Sie bei dem guten Papa, ich verspreche Ihnen, den Besuch nicht zurückzuhalten.

 

Morel folgte ihr mit den Augen, sah sie die Tür zumachen und hörte sie die kleine Treppe hinaussteigen, die zugleich zu Frau von Villefort und in ihr Zimmer führte.

 

Sobald sie verschwunden war, bedeutete der Greis Morel, er solle das Wörterbuch nehmen. Nach Verlauf von zehn Minuten hatte der junge Mann Noirtiers Gedanken folgendermaßen übersetzt: Suchen Sie das Glas Wasser und die Flasche in Valentines Zimmer.

 

Morel läutete sogleich dem Diener, der Barrois ersetzt hatte, und erteilte ihm in Noirtiers Namen den Befehl.

 

Der Diener kam nach einem Augenblick zurück. Er hatte Flasche und Glas völlig leer gefunden. Noirtier machte hierauf ein Zeichen, daß er sprechen wolle.

 

Warum sind das Glas und die Flasche leer? fragte er mit Hilfe des Wörterbuchs. Valentine sagte, sie habe nur die Hälfte des Glases getrunken.

 

Ich weiß es nicht, antwortete der Bediente; doch die Kammerfrau ist in Valentines Zimmer; vielleicht hat sie es geleert.

 

Fragen Sie die Kammerfrau, sagte Morel.

 

Der Diener ging hinaus, kam beinahe in derselben Minute wieder zurück und meldete: Fräulein Valentine ist durch ihr Zimmer gegangen, um sich in das der Frau von Villefort zu begeben, und da sie Durst hatte, so trank sie, was im Glase übrig war; die Flasche hat Herr Eduard geleert, um einen Teich für seine Enten daraus zu machen.

 

Noirtier schlug die Augen zum Himmel auf, wie ein Spieler, der seine ganze Habe auf einen Wurf setzt. Von da an hefteten sich die Augen nach der Tür und verließen diese Richtung nicht mehr.

 

Die befreundeten Damen waren eben in den Salon getreten und hatten Frau von Villefort begrüßt, als Valentine eintrat.

 

Liebe Freundin, sagte die Baronin, während sich die jungen Mädchen bei den Händen nahmen, ich bin gekommen, um Ihnen die nahe bevorstehende Verheiratung meiner Tochter mit dem Prinzen Cavalcanti mitzuteilen.

 

So erlauben Sie mir, Ihnen meine aufrichtigen Glückwünsche auszusprechen, antwortete Frau von Villefort. Der Herr Prinz Cavalcanti scheint ein junger Mann von seltenen Eigenschaften zu sein.

 

Hören Sie, versetzte die Baronin lächelnd, wenn wir als Freundinnen sprechen, so muß ich Ihnen sagen, daß uns der Prinz noch nicht das zu sein scheint, was er sein soll. Es ist an ihm noch etwas von dem Ungelenken, woran wir Französinnen auf den ersten Blick einen italienischen oder deutschen Edelmann erkennen. Er offenbart jedoch ein sehr gutes Herz, viel Feinheit des Geistes, und was die sonstigen Verhältnisse betrifft, so behauptet Herr Danglars, sein Vermögen sei majestätisch; dies ist sein Ausdruck.

 

Und dann, sagte Eugenie, in einem Album blätternd, setzen Sie nur noch dazu, daß Sie eine ganz besondere Neigung für den jungen Mann haben.

 

Ich brauche Sie wohl nicht zu fragen, ob Sie diese Neigung teilen? versetzte Frau von Villefort.

 

Ich! entgegnete Eugenie mit ihrer gewöhnlichen Bestimmtheit; oh, nicht im mindesten, gnädige Frau. Ich fühle mich nicht für den Beruf geschaffen, mich an die Sorgen einer Haushaltung und die Launen eines Mannes zu ketten. Ich möchte Künstlerin werden und frei über mein Herz, meine Person und meine Gedanken verfügen. Da ich indessen wohl oder übel heiraten muß, so kann ich nur der Vorsehung danken, daß sie mir wenigstens Herrn Albert von Morcerfs Abneigung verschafft hat; ohne diese Vorsehung wäre ich heute die Frau eines seiner Ehre verlustigen Mannes.

 

Es ist wahr, sagte die Baronin, es fehlte wenig, so hätte meine Tochter Herrn Albert geheiratet. Dem General lag viel daran; er kam sogar, um von Herrn Danglars ihre Hand zu erzwingen; wir ließen ihn aber schön ablaufen.

 

Aber fällt denn die Schande des Vaters auch auf den Sohn? sagte schüchtern Valentine. Herr Albert scheint mir ganz unschuldig an dem Verrat des Generals.

 

Verzeihen Sie, liebe Freundin, versetzte die Männerfeindin; Albert verdient sein Teil davon. Nachdem er gestern Herrn von Monte Christo in der Oper herausgefordert, hat er sich heute auf dem Kampfplatze bei ihm entschuldigt.

 

Unmöglich! rief Frau von Villefort.

 

Ach! teure Freundin, sagte Frau Danglars, es ist so, ich habe es durch Herrn Debray erfahren, der bei der Erklärung zugegen war.

 

Valentine wußte auch die Wahrheit, aber sie sagte nichts. Durch ein Wort in ihre Erinnerungen zurückversetzt, befand sie sich in Gedanken wieder in Noirtiers Zimmer, wo sie Morel erwartete.

 

In diese innere Betrachtung versunken, hatte sie aufgehört, an dem Gespräche teilzunehmen, als plötzlich Frau Danglars‘ Hand sich auf ihren Arm stützte und sie ihrer Träumerei entzog.

 

Was wünschen Sie, gnädige Frau? fragte Valentine, bei der Berührung zusammenfahrend wie von einem elektrischen Schlage.

 

Meine liebe Valentine, sagte die Baronin, Sie sind jedenfalls leidend?

 

Ich? entgegnete das Mädchen, mit der Hand über seine glühende Stirne fahrend.

 

Ja, beschauen Sie sich nur im Spiegel; Sie sind drei- bis viermal hintereinander im Verlaufe einer Minute erbleicht und errötet.

 

Du bist in der Tat sehr bleich! rief Eugenie.

 

Oh, das tut nichts, Eugenie, ich bin seit einigen Tagen so.

 

So wenig schlau Valentine auch war, so begriff sie doch, daß sie nun Gelegenheit hatte, sich zu entfernen. Überdies kam ihr Frau von Villefort zu Hilfe, indem sie sagte: Entferne dich, Valentine, du leidest wirklich; trinke ein Glas Wasser, und du wirst dich erholen.

 

Valentine küßte Eugenie, verbeugte sich vor Frau Danglars und verließ das Zimmer.

 

Das arme Kind, sagte Frau von Villefort, als Valentine verschwunden war, es beunruhigt mich ernstlich, und es sollte mich nicht wundern, wenn ihr irgend ein Unfall widerführe.

 

Valentine war indessen in einer Aufregung, von der sie sich keine Rechenschaft geben konnte, durch Eduards Zimmer gegangen und hatte sodann die kleine Treppe zu Noirtiers Wohnung erreicht. Sie stieg alle Stufen bis auf die letzten drei hinab; sie hörte bereits Morels Stimme, als plötzlich eine Wolke vor ihren Augen hinzog, ihr starrer Fuß verfehlte die Stufe, ihre Hände hatten nicht mehr die Kraft, sich am Geländer zu halten, sie streifte an der Wand hin und rollte die drei letzten Stufen hinab.

 

 

Morel machte einen Sprung, öffnete die Tür und sah die Geliebte auf dem Boden liegen. Rasch hob er sie in seine Arme und trug sie in einen Lehnstuhl. Dann öffnete sie wieder die Augen.

 

Oh, ich Ungeschickte! sagte sie, fieberhaft schnell sprechend, ich weiß mich also nicht mehr zu halten.

 

Sie haben sich doch nicht verletzt, Valentine? rief Morel. Oh, mein Gott! mein Gott!

 

Valentine schaute umher; sie sah in Noirtiers Augen den größten Schrecken sich abspiegeln.

 

Beruhige dich, guter Papa, sagte sie, indem sie zu lächeln suchte; es ist nichts … nur ein Schwindel.

 

Abermals eine Ohnmacht! sagte Morel, die Hände faltend. Oh! nehmen Sie sich in acht, Valentine, ich flehe Sie an.

 

Nein, versetzte Valentine, nein, ich sage Ihnen, daß alles vorüber ist, und daß es nichts war. Nun lassen Sie mich Ihnen eine Neuigkeit mitteilen: in acht Tagen verheiratet sich Eugenie, und in drei Tagen findet ein großes Fest, ein Verlobungsmahl, statt. Wir alle sind eingeladen, mein Vater, Frau von Villefort und ich … wenigstens soviel ich verstanden habe.

 

Wann wird die Reihe an uns kommen? Oh! Valentine, Sie, die Sie so viel über Ihren guten Papa vermögen, bemühen Sie sich, daß er Ihnen antwortet: Bald! Solange Sie nicht mir gehören, Valentine, ist es mir immer, als ob Sie mir entgehen könnten.

 

Oh! antwortete Valentine mit einer krampfhaften Bewegung, Maximilian, Sie sind zu ängstlich für einen Offizier, der, wie man sagt, nie die Furcht gekannt hat. Und sie brach in ein scharfes, schmerzliches Gelächter aus, ihre Arme wurden steif, ihr Kopf fiel auf den Stuhl zurück, und sie blieb ohne Bewegung.

 

Morel rief bei diesem Anblick um Hilfe, worauf die Kammerfrau und die Bedienten sofort herbeieilten.

 

Valentine war so kalt, so bleich, so leblos, daß die Diener, ohne zu hören, was man ihnen sagte, von der Furcht erfaßt wurden, die beständig in einem verfluchten Hause wachte, und um Hilfe rufend, in die Gänge stürzten.

 

Frau Danglars und Eugenie entfernten sich soeben und erfuhren gerade noch die Ursache des Aufruhrs.

 

Ich sagte es Ihnen! rief ihnen Frau von Villefort zu; die arme Kleine!

 

Das Geständnis.

 

Das Geständnis.

 

In demselben Augenblick hörte man die Stimme des Herrn von Villefort aus seinem Kabinett rufen: Was gibt es denn?

 

Morel befragte mit dem Blicke Noirtier; dieser hatte wieder seine ganze Kaltblütigkeit erlangt und bezeichnete ihm mit dem Auge das Kabinett, in das er sich schon einmal unter ähnlichen Umständen geflüchtet hatte.

 

Gleich darauf stürzte Villefort in das Zimmer, lief auf Valentine zu und faßte sie in seine Arme. Einen Arzt! … Herrn d’Avrigny! Oder ich gehe vielmehr selbst, rief er und lief aus dem Zimmer.

 

Durch die andere Tür entfloh Morel. Eine schreckliche Erinnerung regte sich in seinem Herzen: die Unterredung zwischen Villefort und dem Doktor, die er in der Nacht, in der Frau von Saint-Meran starb, gehört hatte. Die Symptome, die dem Tode Barrois‘ vorhergegangen, schienen ihm dieselben zu sein, die er, wenn auch in etwas geringerem Grade, bei Valentine wahrgenommen hatte. Zugleich tönte an sein Ohr die Stimme des Grafen von Monte Christo, der ihm kaum zwei Stunden vorher gesagt hatte: Wenn Sie etwas brauchen, Morel, so kommen Sie zu mir, ich vermag viel. Diesen Helfer wollte er nun aufsuchen.

 

Inzwischen fuhr Herr von Villefort bei Herrn d’Avrigny vor; er läutete so heftig, daß ihm der Portier mit erschrockener Miene öffnete. Villefort stürzte nach der Treppe, ohne daß er die Kraft hatte, etwas zu sagen. Der Portier kannte ihn und rief ihm nur nach: In seinem Kabinett, Herr Staatsanwalt!

 

Villefort stieß bereits die Tür auf.

 

Ah! sagte der Doktor, Sie sind es? –

 

Ja, ich bin es und frage Sie, ob wir allein sind. Doktor, mein Haus ist ein verfluchtes Haus!

 

Wie! sagte dieser scheinbar kalt, jedoch mit tiefer innerer Erschütterung, haben Sie abermals einen Kranken?

 

Ja, Doktor! rief Villefort, mit krampfhafter Hand seine Haare fassend, ja!

 

In d’Avrignys Blick lag: Ich habe es Ihnen vorher gesagt. Dann sprachen seine Lippen langsam: Wer soll denn in Ihrem Hause sterben, und welches neue Opfer wird Sie vor Gott der Schwäche anklagen?

 

Ein schmerzliches Schluchzen entwand sich dem Herzen des Geängsteten, er näherte sich dem Arzte, faßte ihn am Arm und antwortete: Valentine! die Reihe ist an Valentine! Ihre Tochter! rief d’Avrigny, erschreckt.

 

Sie sehen, daß Sie sich täuschten, murmelte der Staatsanwalt, kommen Sie, schauen Sie meine Tochter an, und Sie werden sie wegen Ihres Verdachtes auf ihrem Schmerzenslager um Verzeihung bitten.

 

So oft Sie mich benachrichtigten, war es zu spät, sagte Herr d’Avrigny; doch gleichviel, ich gehe. Eilen wir!

 

Oh! diesmal, Doktor, werden Sie mir meine Schwäche nicht mehr vorwerfen. Diesmal werde ich den Mörder kennen lernen und treffen.

 

Suchen wir das Opfer zu retten, ehe wir an die Rache denken, sagte d’Avrigny; kommen Sie!

 

Inzwischen war Morel bei Monte Christo angekommen. Der Graf saß in seinem Kabinett und las sorgenvoll ein Billett, das ihm Bertuccio in der Eile geschickt hatte. Als er Morel, der ihn vor kaum zwei Stunden verlassen hatte, melden hörte, erhob der Graf das Haupt.

 

Für Morel, wie für den Grafen hatte sich während dieser zwei Stunden ohne Zweifel viel ereignet, denn der junge Mann, der ihn mit einem Lächeln auf den Lippen verlassen, kam mit verstörtem Gesichte zurück.

 

Er stand auf, eilte Morel entgegen und rief: Was gibt es denn, Maximilian? Sie sind bleich, und Ihre Stirn trieft von Schweiß.

 

Morel fiel auf einen Stuhl und erwiderte: Ja, ich bin schnell gelaufen, ich mußte Sie sprechen. Ich bedarf Ihrer. Sie können mir vielleicht bei einer Sache Hilfe leisten, wo sonst niemand helfen kann. – Reden Sie! – Graf, wollen Sie mir erlauben, Baptistin wegzuschicken und in einem Ihnen bekannten Hause Nachrichten einzuziehen? – Ich bin zu Ihrer Verfügung, und Sie mögen also noch viel mehr über meine Bedienten verfügen.

 

Morel ging hinaus, rief Baptistin und sagte ihm leise einige Worte. Der Kammerdiener eilte fort.

 

Morel erzählte nun, ohne die Namen zu nennen, dem Grafen, welches Geheimnis er aus dem im Garten des Staatsanwalts belauschten nächtlichen Gespräch erfahren habe, und Monte Christo hörte scheinbar mit der größten Ruhe zu.

 

Nun! endete Maximilian, der Tod ist zum dritten Male eingekehrt, und weder der Herr des Hauses, noch der Doktor hat etwas gesagt; der Tod wird vielleicht zum vierten Male treffen. Graf, wozu glauben Sie, daß mich die Kenntnis dieses Geheimnisses verpflichtet?

 

Mein lieber Freund, Sie scheinen mir eine Geschichte zu erzählen, die jeder von uns auswendig weiß. Ich kenne das Haus, wo Sie dies gehört haben, oder kenne wenigstens ein ähnliches: ein Haus, wo sich ein Garten, ein Familienvater, ein Doktor findet, ein Haus, wo sich drei seltsame, unerwartete Todesfälle ereignet haben. Wohl, schauen Sie mich an, mich, der nichts erlauscht hat, und dennoch dies alles so gut weiß wie Sie … habe ich Gewissensbedenken? Nein! das geht mich nichts an. Sie sagen, ein Würgeengel scheine dieses Haus dem Zorne des Herrn zu bezeichnen; wer sagt Ihnen denn, daß Ihre Voraussetzung nicht Wirklichkeit ist? Wenn die Gerechtigkeit und nicht der Zorn Gottes dieses Haus trifft, Maximilian, so wenden Sie den Kopf ab und lassen Sie die Gerechtigkeit Gottes ihren Gang gehen.

 

Morel bebte. Es lag zugleich etwas Finsteres, Feierliches und Furchtbares in dem Tone des Grafen.

 

Überdies, fuhr er mit so scharf veränderter Stimme fort, daß man hätte glauben sollen, diese letzten Worte kämen nicht mehr aus dem Munde desselben Menschen, – überdies, wer sagt Ihnen, daß es wieder anfangen wird?

 

Es fängt wieder an, Graf, rief Morel, und deshalb bin ich zu Ihnen gelaufen.

 

Was soll ich tun, Morel? Soll ich etwa den Herrn Staatsanwalt in Kenntnis setzen?

 

Monte Christo sprach diese Worte mit solchem Ausdrucke, daß Morel plötzlich aufstand und rief: Graf! Graf! nicht wahr, Sie wissen, von wem ich spreche? Allerdings, mein guter Freund, und ich will es Ihnen dadurch beweisen, daß ich Namen nenne. Sie sind am Todesabend des Herrn von Saint-Meran im Garten des Herrn von Villefort gewesen. Sie haben Herrn von Villefort mit Herrn d’Avrigny über den Tod des Herrn von Saint-Meran und über den nicht minder erstaunlichen Tod seiner Gattin sprechen hören. Herr d’Avrigny sagte, er glaube an eine Vergiftung, oder sogar an zwei Vergiftungen, und Sie, der vor allen ehrliche Mann, sind seitdem in Gewissensnöten, ob Sie dieses Geheimnis enthüllen, oder ob Sie schweigen sollen. So lassen Sie doch die Leute schlafen, wenn sie schlafen, und schlummern Sie selbst um Gotteswillen, Sie, den keine Gewissensbisse am Schlummern hindern.

 

Ein furchtbarer Schmerz prägte sich in Morels Zügen aus; er ergriff die Hand des Grafen und rief: Aber, es fängt wieder an, sage ich Ihnen!

 

Nun wohl, erwiderte der Graf, erstaunt über diese Hartnäckigkeit, die er nicht begriff, während er Maximilian noch aufmerksamer anschaute, lassen Sie es wieder anfangen; es ist eine Atriden-Familie! Gott hat sie verurteilt, und sie werden seinem Spruche unterliegen, sie werden verschwinden. Vor drei Monaten war es Herr von Saint-Meran; vor zwei Monaten war es Frau von Saint-Meran; kürzlich war es Barrois; heute ist es der alte Noirtier oder die junge Valentine.

 

Sie wußten es? rief Morel so erschrocken, daß Monte Christo bebte, er, den des Himmels Einsturz unempfindlich gefunden hätte. Sie wußten es und sagten nichts?

 

Was ist mir denn daran gelegen! versetzte Monte Christo, die Achseln zuckend, kenne ich diese Leute?

 

Aber ich, rief Morel, brüllend vor Schmerz, ich liebe sie!

 

Sie lieben, wen? rief Monte Christo aufspringend und Morels Hände ergreifend.

 

Ich liebe bis zur Raserei, ich liebe wie ein Mensch, der all sein Blut hingeben würde, um ihr eine Träne zu ersparen, ich liebe Valentine von Villefort, die man in diesem Augenblicke ermordet! Hören Sie wohl, ich liebe sie, und frage Gott und Sie, wie ich sie retten kann?

 

Monte Christo stieß einen Schrei aus und rief, die Hände ringend: Unglücklicher! du liebst die Tochter eines verfluchten Geschlechtes!

 

Nie hatte Morel einen ähnlichen Ausdruck gesehen, nie hatte ein so furchtbares Auge vor seinem Gesicht geflammt, nie hatte der Geist des Schreckens, den er so oft auf den Schlachtfeldern oder in den mörderischen Nächten Algeriens erschaut, so düstere Flammen um ihn her geschleudert. – Er wich erschrocken zurück.

 

Monte Christo schloß ein paar Sekunden lang nach diesem Ausbruche, wie von inneren Blitzen geblendet, die Augen. Während dieser Sekunden sammelte er sich mit solcher Gewalt, daß man nach und nach die wellenförmigen Bewegungen seiner von Stürmen schwellenden Brust sich legen sah, wie sich nach dem Gewitter unter der Sonne die stürmischen, schäumenden Wogen glätten.

 

Dann hob er seine bleiche Stirn empor und sagte mit leicht bebender Stimme: Ich, der unempfindlich, und neugierig dastand, ich, der die Entwickelung dieser furchtbaren Tragödie betrachtete; ich, der einem schlimmen Genius ähnlich über das Böse lachte, das die Menschen unter dem Schutze des Geheimnisses tun – ich fühle mich nun selbst gebissen von der Schlange, deren krummen Gang ich betrachtete, und zwar ins Herz gebissen.

 

Morel stieß einen dumpfen Seufzer aus.

 

Auf! auf! genug der Klagen, fuhr der Graf fort, seien Sie stark, seien Sie ein Mann, seien Sie voll Hoffnung, denn ich bin da, ich wache über Sie.

 

Morel schüttelte traurig den Kopf.

 

Ich sage Ihnen, Sie sollen hoffen, verstehen Sie mich? rief Monte Christo. Erfahren Sie, daß ich nie lüge, daß ich mich nie täusche. Es ist Mittag, Maximilian, danken Sie dem Himmel, daß Sie am Mittag gekommen sind, statt erst am Abend zu kommen. Hören Sie, was ich Ihnen sagen werde, Morel; es ist Mittag; wenn Valentine noch nicht tot ist, so wird sie nicht sterben.

 

Oh! mein Gott! mein Gott! rief Morel, ich habe sie sterbend zurückgelassen.

 

Monte Christo legte seine Hand an die Stirn. Was ging in diesem von furchtbaren Geheimnissen beschwerten Kopfe vor? Er hob die Stirn noch einmal, und diesmal war er ruhig wie das Kind beim Erwachen.

 

Maximilian, sagte er, kehren Sie still nach Hause zurück; ich befehle Ihnen, nichts zu tun, keinen Schritt zu versuchen, über Ihr Antlitz nicht den Schatten einer Unruhe schweben zu lassen, ich werde Ihnen Nachricht geben.

 

Mein Gott! mein Gott! Graf, Sie erschrecken mich mit Ihrer Kaltblütigkeit. Vermögen Sie etwas gegen den Tod? Sind Sie mehr als ein Mensch?

 

Und der junge Mann, den keine Gefahr je einen Schritt zurückweichen ließ, wich, von einem unsäglichen Schrecken erfaßt, zurück. Doch Monte Christo schaute ihn jetzt mit einem zugleich so schwermütigen und so sanften Lächeln an, daß Maximilian Tränen in seinen Augen fühlte.

 

Ich vermag viel, antwortete der Graf. Gehen Sie, ich muß allein sein, mein Freund.

 

Ohne Widerstreben drückte Morel dem Grafen die Hand und entfernte sich.

 

Villefort und d’Avrigny waren indessen in größter Eile nach dem Hotel des Staatsanwalts gefahren. Bei ihrer Rückkehr war Valentine noch ohnmächtig, und der Arzt untersuchte die Kranke mit der von den Umständen gebotenen Sorgfalt.

 

An seinen Lippen und seinen Blicken hängend, erwartete Villefort das Resultat der Prüfung. Bleicher, als das Mädchen, gieriger auf eine Lösung, als Villefort selbst, wartete Noirtier ebenfalls.

 

Endlich sprach d’Avrigny langsam die Worte: Sie lebt noch.

 

Noch? rief Villefort, oh! Doktor, welch ein furchtbares Wort haben Sie da ausgesprochen!

 

Ja, sagte der Doktor, ich wiederhole meine Behauptung; sie lebt noch, und ich bin darüber erstaunt.

 

Doch sie ist gerettet? – Ja, da sie lebt.

 

In diesem Moment begegnete der Blick d’Avrignys dem Blicke Noirtiers. Er erglänzte von so außerordentlicher Freude, daß der Arzt sich dadurch betroffen fühlte.

 

Er ließ das Mädchen, dessen bleiche, weiße Lippen sich kaum noch vom übrigen Gesicht abhoben, wieder auf den Stuhl fallen und sagte zu Villefort: Rufen Sie gefälligst die Kammerjungfer des Fräuleins.

 

Villefort ließ den Kopf seiner Tochter los, den er unterstützte, und lief weg, um die Kammerjungfer zu rufen.

 

Sobald Villefort die Tür zugemacht hatte, näherte sich d’Avrigny Herrn Noirtier und fragte ihn: Sie haben mir etwas zu sagen?

 

Der Greis blinzelte auf eine ausdrucksvolle Weise mit den Augen; es war dies, wie man sich erinnert, sein bejahendes Zeichen.

 

Gut, ich werde bei Ihnen bleiben.

 

In diesem Augenblick kehrte Villefort mit der Kammerjungfer zurück; hinter dieser ging Frau von Villefort.

 

Aber was hat denn das liebe Kind? rief sie: … sie ging von mir weg, beklagte sich zwar etwas über Unpäßlichkeit, doch ich glaubte, es sei von keiner Bedeutung.

 

Und die junge Frau näherte sich Valentine mit Tränen in den Augen und mit allen Zeichen der Zuneigung einer wahren Mutter, und nahm sie bei der Hand.

 

D’Avrigny schaute Noirtier fortwährend an; er sah, wie seine Augen sich erweiterten, wie seine Wangen zitterten und erbleichten, wie der Schweiß auf seiner Stirn perlte.

 

Oh! stieß er unwillkürlich hervor, während er der Richtung der Blicke des Greises folgte, das heißt, seine Augen auf Frau von Villefort heftete. Diese sagte wiederholt: Das arme Kind wird besser in seinem Zimmer sein. Kommen Sie, Fanny, wir wollen Valentine zu Bette bringen.

 

Der Arzt, der in diesem Vorschlag ein Mittel sah, mit Noirtier allein zu bleiben, erklärte dies für das beste, verbot aber, sie irgend etwas anderes nehmen zu lassen, als was er verordnen würde.

 

Man trug Valentine weg; sie hatte wieder das Bewußtsein erlangt, vermochte aber weder sich zu bewegen, noch zu sprechen, so sehr waren ihre Glieder durch die Erschütterung, die sie erlitten, gelähmt. Sie hatte indessen die Kraft, mit einem Blicke ihren Großvater zu grüßen, dem man, als man sie wegtrug, die Seele zu entreißen schien.

 

D’Avrigny folgte der Kranken, gab weitere Vorschriften, hieß Villefort selbst zum Apotheker fahren, dort die verordneten Tränke bereiten lassen, sie selbst zurückbringen und ihn im Zimmer seiner Tochter erwarten.

 

Nachdem er abermals eingeschärft, Valentine nichts nehmen zu lassen, ging er wieder zu Herrn Noirtier hinab, schloß sorgfältig die Tür, überzeugte sich, daß niemand horchte, und sagte: Mein Herr, Sie wissen etwas über die Krankheit Ihrer Enkelin? – Ja, machte der Greis.

 

Hören Sie, wir haben keine Zeit zu verlieren, ich will Sie fragen, und Sie antworten mir. Haben Sie den Unfall vorhergesehen, der heute Valentine begegnet ist? – Ja.

 

D’Avrigny dachte einen Augenblick nach, näherte sich sodann Noirtier und fuhr fort: Verzeihen Sie mir, was ich Ihnen sagen werde; doch in der furchtbaren Lage, in der wir uns befinden, darf kein Anzeichen vernachlässigt werden. Haben Sie den armen Barrois sterben sehen?

 

Noirtier schlug die Augen zum Himmel auf.

 

Wissen Sie, woran er gestorben ist? – Ja.

 

Glauben Sie, sein Tod sei natürlich gewesen?

 

Etwas wie ein Lächeln trat auf die trägen Lippen Noirtiers. Es ist Ihnen also der Gedanke gekommen, Barrois sei vergiftet worden? – Ja. – Glauben Sie, das Gift, dem er unterlegen ist, sei für ihn bestimmt gewesen? – Nein.

 

Meinen Sie, dieselbe Hand, die Barrois statt eines andern getroffen, treffe heute Valentine? – Ja. – Sie wird also ebenfalls unterliegen? fragte d’Avrigny, einen tiefen Blick auf Noirtier heftend. – Nein, erwiderte dieser mit triumphierender Miene. – Sie hoffen also? fragte d’Avrigny erstaunt. – Ja. – Was hoffen Sie?

 

Der Greis machte durch die Augen begreiflich, er könne nicht antworten.

 

Ah! ja, das ist wahr, murmelte d’Avrigny.

 

Dann sagte er: Sie hoffen, der Mörder würde müde werden? – Nein. – Also hoffen Sie, das Gift werde ohne Wirkung auf Valentine sein? – Ja. – Denn nicht wahr, ich belehre Sie nicht, wenn ich Ihnen sage, man habe sie in der Tat zu vergiften gesucht?

 

Der Greis machte mit den Augen ein Zeichen, das keinen Zweifel in dieser Beziehung übrig ließ.

 

Wie hoffen Sie dann, daß Valentine entkommen werde?

 

Noirtier hielt hartnäckig seine Augen auf einen Punkt geheftet; d’Avrigny folgte der Richtung seiner Augen und sah, daß sie auf eine Flasche zielten, die den Trank enthielt, den man ihm jeden Morgen brachte.

 

Ah! ah! sagte d’Avrigny, plötzlich von einem Gedanken erleuchtet, sollten Sie den Einfall gehabt haben … – Noirtier ließ ihn nicht vollenden. Ja, machte er. – Sie gegen das Gift zu verwahren? – Ja. – Indem Sie Valentine allmählich daran gewöhnten, da Sie mich haben sagen hören, es komme Brucin in den Trank, den ich Ihnen gebe. – Ja, ja, ja, machte der Greis, entzückt, verstanden zu werden. – Und Sie gewöhnten sie an dieses Getränk und wollten dadurch die Wirkungen eines solchen Giftes aufheben?

 

Dieselbe triumphierende Freude bei Noirtier.

 

Und es ist Ihnen wirklich gelungen! rief d’Avrigny. Ohne diese Vorsichtsmaßregel wäre Valentine heute getötet, getötet ohne die Möglichkeit einer Hilfe; der Schlag war heftig, doch sie wurde nur erschüttert, und diesmal wenigstens wird Valentine nicht sterben.

 

Eine übermenschliche Freude glänzte in den mit einem Ausdrucke unsäglicher Dankbarkeit zum Himmel aufgeschlagenen Augen des Greises.

 

In dieser Minute kam Villefort zurück.

 

Hier, Doktor, sagte er, hier ist das Verlangte. – Dieser Trank ist in Ihrer Gegenwart bereitet worden? – Ja. – Er ist nicht aus Ihren Händen gekommen? – Nein.

 

D’Avrigny nahm die Flasche, goß ein paar Tropfen von ihrem Inhalt in seine hohle Hard und verschluckte sie.

 

Gut, sagte er, gehen wir zu Valentine! Ich werde dort meine Vorschriften geben, und Sie selbst, Herr von Villefort, wachen darüber, daß niemand davon abgeht.

 

In dem Augenblick, wo der Doktor in das Zimmer Valentines, von Villefort begleitet, zurückkehrte, mietete ein italienischer Priester das an das Hotel des Herrn von Villefort anstoßende Haus.

 

Man konnte nicht erfahren, was die drei Mieter dieses Hauses bewogen hatte, zwei Stunden nachher auszuziehen. Aber es ging allgemein das Gerücht in der Gegend, das Haus ruhe nicht fest auf seinem Grunde und drohe einzustürzen, was den neuen Mieter aber durchaus nicht abhielt, noch an demselben Tage gegen fünf Uhr einzuziehen.

 

Der Mietvertrag wurde für drei Jahre abgeschlossen und der Hauszins von dem neuen Mieter namens Signor Giacomo Busoni sechs Monate vorausbezahlt.

 

Es wurden sogleich Arbeiter gerufen, und noch in derselben Nacht sahen einige Verspätete beim Vorübergehen mit Erstaunen Zimmerleute und Maurer mit Ausbesserung des wankenden Hauses beschäftigt.