Freund Röhrle.

Einunddreißigstes Stück.

Freund Röhrle.

Nach dem Mittagessen wollte Bengele seine Freunde im Städtchen aufsuchen und zum Feste laden.

Vor dem Weggehen mahnte ihn die Fee und sprach: »Achte darauf, daß du vor Dunkelheit wieder zu Hause bist!«

»In einer Stunde bin ich zurück«, sagte der Hampelmann zuversichtlich.

»Versprich nicht zu viel, Bengele! – Wer zu viel verspricht, hält gewöhnlich wenig.«

»Aber ich nicht! – Und erst, wenn ich ein Knabe bin …«

»Abwarten! – Jetzt bist du noch ein Hampelmann. Wenn du heute nicht gehorchst, ist es dein größter Schaden.«

»Warum?«

»Wer nicht hören will, muß fühlen.«

»Das ist wahr. Ich habe es genug erfahren. Aber ich mache keine dummen Streiche mehr.«

»Abwarten!«

Bengele verabschiedete sich von der guten Mutter, sang und sprang und ging zum Hause hinaus.

In einer Stunde hatte er wirklich all seine Freunde eingeladen. Die meisten nahmen gerne an; manche ließen sich auch bitten. Doch als sie hörten, daß es dickgestrichene Butterbrote mit Honig gebe, sagten sie gerne zu. Äußerlich zierten sie sich freilich und meinten: »Wir wollen dir deine Freude nicht verderben.«

Bengeles bester Freund war Friedrich. Die Knaben nannten ihn nur den »Röhrle«. Er war ein dünnes, zartes Kerlchen, aber in allen Streichen durch wie ein Blasröhrle. Gerade deshalb liebte ihn Bengele mehr als alle andern. Er hatte ihn auch zuerst einladen wollen, aber er traf ihn nicht zu Hause. Auch ein zweites und drittes Mal war sein Gang vergeblich.

Nun suchte der Hampelmann seinen Röhrle in allen Winkeln und Ecken, wo sie miteinander gespielt hatten. Schließlich fand er ihn vor dem Städtchen hinter der Scheune eines Bauernhofes.

»Röhrle«, rief Bengele schon von weitem, »wo steckst du nur? – Was treibst du denn hier außen?«

Röhrle hatte ein schlechtes Zeugnis erhalten und fürchtete sich vor seinem Vater, der abends nach Hause kam. Er antwortete seinem Freunde:

»Ich warte bis Mitternacht, um auszureißen.«

»Wohin?«

»Weit, weit fort!«

»Dreimal schon habe ich dich daheim gesucht.«

»Warum?«

»Hast du es noch nicht gehört, was morgen geschieht? – Weißt du nicht, was ich werden soll?«

»Was?«

»Morgen hat es mit dem Hampelmann ein Ende, und ich werde ein Knabe wie du und alle andern.«

»Ich gratuliere!«

»Also morgen kommst du zum Feste.«

»Ich habe dir schon gesagt, daß ich ausreiße.«

»Wann?«

»Bald!«

»Wohin?«

»In ein fremdes Land, ins schönste Land der Welt!«

»Wie heißt es?«

»Faulenzerland! – Willst du nicht mitgehen?«

»Nein!«

»Sehr dumm, Bengele! – Es wird dich einmal reuen. Faulenzerland ist das schönste Land der Welt. Schulen und Bücher sind dort verboten. Wer lernt, wird bestraft. Jeden Tag ist schulfrei. Die großen Ferien gehen vom 1. Januar bis 31. Dezember. – Das ist ein Leben nach meinem Geschmacke. Daran könnten sich die zivilisierten Länder ein Vorbild nehmen.«

»Aber was treibt man denn jeden Tag im Faulenzerland?«

»Man spielt von Morgen bis Abend; dann geht man schlafen und am andern Morgen fängt es von vorne an. Na!?«

»Hmm!« machte Bengele und neigte den Kopf zur Seite. Das bedeutete: »Es tät mir auch gefallen.«

»Gehst du also mit? Ja oder nein! – Sei nicht langweilig!«

»Nein, nein, nein! – Ich habe meiner guten Mutter Fee versprochen, ein richtiger Knabe zu werden, und jetzt wird es auch gehalten. – Übrigens geht die Sonne gleich unter. – Ich gehe heim. Adieu, glückliche Reise!«

»So wird es doch gerade nicht eilen?«

»Doch! Ich habe es meiner Mutter versprochen; bevor es dunkel wird, will ich daheim sein.«

»Bleibe nur noch ein wenig da!«

»Es wird zu spät!«

»Nur noch ein ganz klein wenig!«

»Dann schimpft die Mutter Fee!«

»Laß sie schimpfen; sie hört auch wieder auf«, sagte der schlimme Röhrle.

»Gehst du allein oder mit andern?« fragte Bengele.

»Wo denkst du hin? – allein! – Es sind über hundert Knaben.«

»Geht die Reise zu Fuß?«

»Nein, nein! Gleich kommt das Fuhrwerk, mit dem man bis ins Faulenzerland fahren kann.«

»Wenn es nur gleich käme!«

»Warum?«

»Ich möchte euch abfahren sehen.«

»Warte noch ein wenig, und du kannst alles sehen.«

»Nein, nein, nein, jetzt gehe ich heim.«

»Warte doch nur noch ein bißchen!«

»Ich habe lang genug gewartet. Die gute Mutter ängstigt sich um mich.«

»Die arme Fee! Sie wird vielleicht denken, daß dich der Nachtkrabb frißt.«

»Na also!« sagte Bengele; »aber weißt du auch bestimmt, daß es in jenem Lande keine Schulen gibt?«

»Keine Spur davon!«

»Auch keine Lehrer?«

»Keinen einzigen!«

»Muß man gar nie lernen?«

»Gar nie!«

»Ein schönes Land!« murmelte Bengele, – schon war er halb gefangen. – »Ein schönes Land! Ich habe es zwar noch nie gesehen, aber ich kann mir’s vorstellen.«

»Warum gehst du dann nicht mit?«

»Du kriegst mich nicht herum und brauchst darum gar keine Anstrengungen mehr zu machen. Nun habe ich es einmal der Mutter versprochen, ein guter Knabe zu werden; ich werde es halten.«

»Also, Adieu! Einen schönen Gruß an die Schulhäuser, wenn du dran vorbeigehst!«

»Adieu, Röhrle, gute Reise, viel Vergnügen, vergiß deine alten Freunde nicht!«

Bengele wollte gehen; aber er hatte keine drei Schritte gemacht, so drehte er sich noch einmal um und sprach:

»Sag, Röhrle, gibt es dort wirklich immer Ferien?«

»Gewiß!«

»Weißt du ganz sicher, daß die Ferien vom 1. Januar bis zum 31. Dezember gehen?«

»Ganz sicher!«

»Ein schönes Land!« seufzte Bengele und rückte seine Mütze zurecht. Aber er siegte noch einmal über sich selbst und sagte rasch:

»Also, Adieu! Gute Reise!«

»Adieu!« –

Gleich drehte sich Bengele noch einmal um und fragte:

»Wann geht es ab?«

»Gleich!«

»Schade! – Wenn es nicht über eine Stunde ginge, dann könnte ich vielleicht doch warten.«

»Aber die Fee!« bemerkte der schlaue Röhrte.

»Jetzt ist es sowieso zu spät, und auf eine Stunde mehr oder weniger kommt es nicht mehr an.«

»Armer Bengele, wenn die Fee dich ausschimpft!«

»Macht nichts; ich lasse sie schimpfen, sie hört schon wieder auf.«

Es war dunkle Nacht geworden. Nach langem Warten sahen die beiden von ferne her ein Lichtlein kommen; sie hörten tuten und blasen, aber es war so leise wie Fliegengesumme.

»Da, da!« rief Röhrle.

»Was?« fragte Bengele.

»Da kommt das Fuhrwerk! – Gehst du mit? – Ja oder nein!?«

»Muß man dort wirklich nicht lernen?«

»Gar nicht! Wirklich gar nicht!«

»Ein schönes Land, ein schönes Land! – Wirklich ein schönes Land!«

Auf dem Wunderfeld

Achtzehntes Stück.

Auf dem Wunderfeld

Die Fee verließ das Zimmer. Eine halbe Stunde blieb der Hampel allein. Er sollte einsehen, wie häßlich das Lügen ist, und seinen Fehler bereuen. – Ist es nicht garstig, wenn die Kinder lügen?

Bengele setzte sich in eine Ecke und schaute mit beiden Augen auf seine weitentfernte Nasenspitze. – O diese entsetzliche Nase! – Vor wem konnte er sich je wieder sehen lassen! – Das Hampelchen weinte laut.

Da trat die Fee wieder ins Zimmer, öffnete das Fenster und klatschte in die Hände. Sofort kam eine Schar bunter Spechte geflogen. Wie Soldaten in Reih und Glied setzten sie sich auf die lange Nase und hämmerten mit ihrem starken Schnabel auf sie ein, daß die Späne flogen. In kurzer Zeit ward die unförmlich lange Nase kürzer und bekam schließlich ihre natürliche Größe wieder.

Jetzt wischte sich Bengele die Tränen aus den Augen und sagte:

»O liebe Fee, wie bist du doch so gut! Und ich habe dich so gern!«

»Ich bin dir auch ganz gut«, sprach die Fee, »und wenn du bei mir bleiben willst, so bist du mein liebes Brüderlein und ich deine gute Schwester.«

»Ich bliebe schon da, aber – mein armer Vater!«

»Es ist schon für alles gesorgt! Deinen Vater ließ ich benachrichtigen; bis heute abend kannst du ihn hier sehen.« Bengele schlug vor Freude einen Purzelbaum und rief: »Herrlich! Herrlich! – Ich will ihm entgegengehen; du erlaubst es mir doch, liebe Schwester Fee! Sieh, ich kann es nicht mehr erwarten, bis der arme Vater kommt, der so viel durch mich ausgestanden hat.«

»Geh nur, aber gib gut auf den Weg acht! Nimm den Fußpfad durch das Wäldchen, und du wirst sicher den Vater treffen.«

Bengele ging. – Im Wäldchen angelangt, begann er ein fröhliches Rennen. Er kam gegen die Große Eiche; da war es ihm, als hörte er etwas in den Büschen rascheln. Er wandte sich um und sah des Weges kommen – na ratet mal wen? – den Fuchs und die Katze, seine zwei Freunde, mit denen er im Gasthaus »Zum geleimten Vogel« zu Abend gespeist hatte.

»Da schau mal her, unser lieber Bengele!« rief der Fuchs schon von weitem, sprang auf ihn zu, fiel ihm um den Hals und küßte ihn. – »Wie kommst du nur hierher?«

»Hierher?« echote die Katze.

»Das ist eine lange Geschichte«, sagte der Hampelmann, »ich werde sie euch ein andermal erzählen, wenn wir bequemer Zeit haben. – Nur so viel will ich euch jetzt schon sagen, daß ich die letzte Nacht, als ihr mich im Gasthaus allein gelassen hattet, auf der Straße unter die Räuber gefallen bin.«

»Unter die Räuber!? – Du armer Kerl! – Was wollten sie von dir?«

»Die Goldstücke wollten sie mir nehmen!«

»Solche Lumpen!«

»Gemeine Lumpen!« verstärkte die Katze.

»Ich bin ihnen ausgekniffen«, erzählte Bengele weiter, »sie rannten aber immer hinter mir drein. Schließlich erwischten sie mich und hingen mich an diese Eiche.«

Bengele deutete mit dem Finger auf die »Große Eiche«.

»Könnte man noch Schlimmeres denken!« meinte der Fuchs kopfschüttelnd. – »Wie schlecht ist die Welt, in der wir leben müssen! Wo sind anständige Leute wie wir heutzutage noch sicher?«

Während des Gespräches merkte Bengele, daß die Katze am rechten Vorderbein hinkte; es fehlte ihr daran die Pfote mitsamt ihren Krallen. Er fragte darum:

»Was hast du an deiner Pfote?«

Die Katze wollte antworten, aber sie war ganz verwirrt. Da ergriff der Fuchs für sie das Wort und sagte:

»Meine liebe Freundin will in ihrer Bescheidenheit keine Antwort geben; ich will’s also an ihrer Stelle tun. – Denke dir nur, vor einer Stunde haben wir unterwegs einen alten Wolf getroffen; er war fast ohnmächtig vor Hunger und bat uns um ein Almosen. Wir hatten aber nicht einmal eine Brotkruste bei uns. Was tut meine Freundin! – Ja, wahrhaftig, sie hat ein goldenes Herz! – Die Brave biß sich eine Pfote ab und warf sie dem armen Wolf hin, damit er nicht Hungers sterbe.«

Dem Fuchse liefen bei dieser Erzählung die Augen über.

Auch Bengele war gerührt. Er ging auf die Katze zu und sagte ihr still ins Ohr:

»Wenn alle Katzen wären wie du, dann hätten’s die armen Mäuslein gut!«

»Was treibst du jetzt hier?« fragte da der Fuchs.

»Ich warte auf meinen Vater, der jeden Augenblick kommen muß.«

»Und deine Goldstücke?«

»Vier habe ich immer noch in der Tasche, mit einem habe ich im ›Geleimten Vogel‹ die Rechnung bezahlt.«

»Bedenke doch, daß die vier Goldstücke morgen tausend oder zweitausend sein könnten! – Warum willst du nicht mehr mit uns gehen aufs Wunderfeld?«

»Heute kann ich nicht; später einmal!«

»Später ist es zu spät!« sagte der Fuchs.

»Weshalb?«

»Weil ein reicher Herr das Wunderfeld gekauft hat; und von morgen an darf niemand mehr darauf sein Geld säen.«

»Wie weit ist es von hier aufs Wunderfeld?«

»Eine schwache halbe Stunde. Gehst du mit uns? – Wenn du die vier Goldstücke säest, in wenigen Minuten nachher pflückst du zweitausend vom Bäumchen, und heute abend kommst du mit vollen Taschen heim. Willst du’s wagen?«

Immer noch zauderte Bengele. Er dachte an die gute Fee, an seinen alten Vater, an die Worte des Lispel-Heimchens; aber dann ging’s wie bei allen Kindern: ohne Verstand und ohne Herz schlug er sich die guten Gedanken aus dem Kopf und sagte:

»Abgemacht, wir gehen!«

Und sie gingen. – Einen halben Tag mußten sie wandern, bis sie endlich in eine Stadt namens Dummersheim kamen. Bengele sah auf allen Straßen nichts wie ausgehungerte Hunde, die gähnend weit die Schnauze aufrissen, geschorene Schafe, die vor Kälte zitterten, Hühner ohne Kamm, die um ein Weizenkorn bettelten, große Schmetterlinge, die nicht mehr fliegen konnten, weil sie ihre bunten Flügel gebrochen hatten, Pfauen ohne Rad, die sich in ihrer Häßlichkeit schämen mußten, Fasanen, die traurig einhertrippelten und klagten, daß sie keine Silber- und Goldfedern mehr hatten.

Mitten durch dieses arme Volk von Straßenbettlern fuhr bisweilen eine feine Droschke. Drinnen saß eine diebische Elster, oder eine verschlagene Katze, oder ein stolzer Wolf, oder andere Raubtiere.

»Wo ist nun das Wunderfeld?« fragte Bengele.

»Gleich sind wir dort!«

Sie gingen durch die ganze Stadt und kamen auf ein ödes Feld, das genau so aussah wie alle andern Felder.

»Jetzt sind wir da!« sagte der Fuchs zu Bengele; »mache dich nun daran, grabe mit deinen Händen ein Loch in den Boden und lege die Goldstücke hinein!«

Bengele tat so. Er machte das Loch, legte die vier Goldstücke zusammen hinein und deckte sie schön mit Erde zu.

»Geh nun an den Graben«, ordnete der Fuchs weiter an, »nimm eine Gießkanne und spritze den Boden!«

Bengele ging zum Graben; eine Gießkanne war aber nirgends zu finden. Er zog sich also einen seiner Rindenschuhe aus, füllte ihn mit Wasser und begoß den Ort, wo die Goldstücke waren. Dann fragte er:

»Muß ich sonst noch etwas machen?«

»Gar nichts mehr!« sprach der Fuchs. »Jetzt können wir gehen. In zwanzig Minuten kehrst du zurück und wirst sehen, wie das Bäumchen schon aus dem Boden gewachsen ist und voll Goldstücke hängt.«

Der arme Hampelmann war außer sich vor Glück und Freude. Tausendmal dankte er dem Fuchse und der Katze und versprach ihnen ein reiches Geschenk.

Die beiden Gauner aber meinten: »Nein, nein! Wir nehmen nichts an; im Gegenteil! wir sind glücklich, daß wir dir zeigen durften, wie du ohne Mühe reich werden kannst.«

Sie verabschiedeten sich von Bengele, wünschten ihm eine gute Ernte und gingen ihres Weges.

Ein Holzscheit, das sprechen, lachen und weinen kann

Erstes Stück.

Ein Holzscheit, das sprechen, lachen und weinen kann

Es war einmal …

»Ein König!« – meinen gleich die klugen kleinen Leser.

Aber diesmal, Kinder, habt ihr weit daneben geraten. – Es war einmal: ein Stück Holz, ja, ein ganz gewöhnliches Holzscheit! Draußen lag es im Wald mit vielen andern Stücken auf der Beige. Ein Fuhrmann kam, lud sie alle auf den Wagen und fuhr damit zur Stadt dem Schreiner-Toni vor das Haus. Das Holz ward gesägt und gespaltet; denn im kalten Winter sollte es im knisternden Ofen die Stube wärmen. – Ein Glück, daß Toni das eine Scheit bemerkte. Es war so hübsch gerade und hatte keinen Ast; drum stellte es der Schreiner in eine Ecke seiner Werkstatt und dachte: »Ein gutes, glattes Stück, ’s wär schade, es zu verbrennen.«

Toni verstand sein Handwerk und war überall bekannt. – Man nannte ihn freilich nur den Meister Pflaum; doch das kam davon, daß seine zierlich runde Nasenspitze so duftig blau erglänzte wie eine reife Pflaume, die unberührt am Baume hängt.

Eines Tages war Meister Pflaum daran, einen Tisch zu verfertigen. Eben sah er sich in der Werkstatt nach dem passenden Holze um, erblickte das Scheit in der Ecke, rieb sich freudig die Hände und murmelte zufrieden vor sich hin: »Das Stück da kommt mir wie gerufen, es gibt einen Tischfuß.« Gleich nahm er das scharfe Beil, um die Rinde abzuschlagen. Der erste Hieb fiel auf das Holz, da – »Oje, oje«, wimmerte erbärmlich ein zartes Stimmchen, »nicht so arg schlagen, nicht so arg!« –

Potz Blitz! was war das? – Kalte Angst kam über den guten Schreiner, die Haare standen ihm zu Berge, er hatte nicht mehr Zeit, die ausgestreckte Hand mit dem Beile sinken zu lassen, und so stand er unbeweglich da wie das Einfahrtszeichen an der Eisenbahn, wenn es dem daherbrausenden Zuge »Halt!« gebietet.

Nach einiger Zeit erholte sich Meister Pflaum von seinem Schrecken, und nun durchsuchte er ängstlich die ganze Werkstatt. – Es war niemand zu sehen. Er guckte unter die Hobelbank, – niemand! in den stets verschlossenen Schrank, – niemand! in den Korb mit den Hobelspänen und dem Sägmehl, – niemand! er machte die Türe auf und sah auf die Straße, – auch niemand! Nanu? …

Mit erzwungenem Lachen kratzte sich der Schreiner hinter den Ohren und sprach:

»Ganz klar! Ich hab’s. – Das Stimmchen war eine närrische Einbildung. Nur wieder mutig an die Arbeit!«

Fest nahm er das Beil in die Hand, kräftiger noch wie das erste Mal führte er den Hieb auf das Holz, tief drang die scharfe Schneide ein: »Au! Wie hat das wehgetan!« klagte laut das gleiche Stimmchen.

Jetzt ward Meister Pflaum wie versteinert: seine Augen traten weit hervor aus den Höhlen, sein Mund stand sperroffen, die Zunge hing ihm über die Unterlippe herab so tief wie den Wasserspeiern am Springbrunnen.

Nach einiger Zeit fand er die Sprache wieder; aber er zitterte immer noch entsetzlich und fragte stotternd:

»Wo mag denn nur dies Jammerstimmchen hergekommen sein? Das Holz da wird doch nicht weinen und klagen können wie ein kleines Kind! – Unmöglich! – Schau mir’s nur einer an: ist es nicht ein Scheit wie jedes andere? Hätte man es gesägt und gespaltet, so wäre es vielleicht längst zu Asche verbrannt. – Nanu!? – Oder … wirklich! es könnte sein? – Einer versteckt in dem Holze? – Na! Der hätte sich einen ungeschickten Platz gesucht! Wart, dir will ich’s bequemer machen; gleich helf‘ ich dir heraus.«

Sprach’s, packte das unschuldige Scheit mit beiden Händen und warf es erbarmungslos an die Wand der Werkstatt.

Nun stand er da ganz still; er horchte, er neigte seinen Kopf gegen das Holz hin und lauschte. Zwei – drei – fünf Minuten waren schon vergangen – alles blieb ruhig, nichts regte sich – gar nichts.

»’s ist doch zum Lachen … haha!« sprach jetzt der mutige Schreiner und fuhr sich durch die struppigen Haare. »Wie man dumm sein kann! – Versteht sich! Das Stimmchen hab‘ ich mir eingebildet. – Nein! Schon so viel Zeit verloren! Jetzt geht es in allem Ernst an die Arbeit!«

Und doch hatte er immer noch Angst. Zwar fing er an, ein lustig Liedlein vor sich hin zu singen; aber er tat es nur, um sich Mut zu machen.

Mit dem Beile getraute er sich nicht mehr an das verhexte Holz; ein bißchen besser wollte er es doch behandeln. So spannte er das Scheit auf die Hobelbank, holte von der Wand einen langen Hobel und ließ ihn über das rauhe Holz hin und her gleiten.

Auf einmal kichert’s und lacht’s in der Werkstatt:

»Hör auf! – Ich bin so kitzelig!« Da war’s mit Meister Pflaums Mute vorbei. Wie vom Blitz getroffen sank er nieder und war wie tot. – Als er wieder zu sich kam und die Augen aufmachte, merkte er, daß er auf dem Boden saß.

Wenn ihr ihn hättet sehen können! Starr glotzten die Augen aus dem verstörten Gesichte, und die runde Nasenspitze saß mitten darin wie eine schwarzglänzende Tollkirsche.

Der Richter von Dummersheim.

Neunzehntes Stück.

Der Richter von Dummersheim.

Bengele tat, wie der Fuchs angeordnet hatte. Er vertrieb sich die Zeit, bis das Bäumchen gewachsen war, in der Stadt. Die zwanzig Minuten wollten ihm gar nicht vorbeigehen. Sein Herz pochte laut: tick-tack, tick-tack, wie eine große Wanduhr; seine Gedanken alle drehten sich um das Gold.

»Wenn ich jetzt zweitausend Goldstücke finde! – oder fünftausend, vielleicht auch hunderttausend! – dann bin ich ein großer, reicher Herr – ich kaufe mir ein schönes Schloß – tausend Schaukelpferde zum Spielen – in meinem Keller halte ich mir die feinsten Weine – ich richte mir eine große Bibliothek ein; aber die Bücher müssen alle von Zucker sein oder von Torte, oder Schokolade, oder Schlagsahne.«

Endlich war die Zeit verstrichen. Bengele lief zurück zum Wunderfeld. Schon von weitem blieb er stehen, um sein Goldbäumchen zu erblicken; er sah nichts. – Er ging eine Strecke weiter und strengte die Augen an; es war noch nichts zu unterscheiden. Er trat ins Feld hinein, er stand vor dem Plätzchen, wo er das Gold gesät hatte; das Bäumchen war noch nicht gewachsen.

Der Hampelmann wurde sehr nachdenklich. Er neigte sich nieder und betrachtete lange Zeit die Erde, ob nicht endlich ein Blättchen hervorwachse.

Plötzlich hörte er über sich ein schallendes Gelächter. Bengele drehte sich um und sah auf einem Baume einen struppigen Papagei, der sich die paar Federn putzte, die er noch am Leibe hatte.

»Was lachst du da?« fragte ärgerlich der Goldsucher.

»Ich habe mich beim Kämmen eben ein bißchen unter den Flügeln gekitzelt und mußte lachen.«

Der Hampelmann sagte nichts darauf. Er ging an den Wassergraben, füllte seinen Schuh und begoß noch einmal die Erde über den vier Goldstücken.

Unverschämter wie das erste Mal erklang das Lachen des Papageis.

»Bitte, ungezogener Papagei, dürfte ich jetzt wissen, worüber du lachst?«

»Ich lache über die Dummen, die nicht alle werden, über jene Tölpel, die sich von jedem Gauner betrügen lassen.«

»Meinst du damit etwa mich?«

»Jawohl, armer Bengele! Du hattest so wenig Verstand, daß du glaubtest, man könne Goldstücke säen und ernten wie Erbsen und Bohnen. – Ich war auch einmal so einfältig, und jetzt muß ich es büßen. Zu spät habe ich es leider gelernt, daß man arbeiten muß mit Händen oder mit dem Kopfe, wenn man sich ein paar Pfennige ehrlich ersparen will.«

»Ich versteh‘ dein Geschwätze nicht«, sagte der Hampelmann; aber er hatte schon Angst für sein Geld bekommen.

»So paß mal auf; ich will dir alles erklären«, sprach der Papagei. »Die Sache ist höchst einfach: Als du in der Stadt warst, kamen der Fuchs und die Katze hierher, gruben dein Gold aus und liefen wie der Blitz davon.«

Bengele konnte nicht glauben, was der Papagei plauderte. Er scharrte mit den Händen die Erde wieder auf und suchte seine Goldstücke. So tief grub er das Loch, als er mit seinem Arme hineinreichen konnte. – Das Gold kam nicht mehr zum Vorschein.

Voll Zorn und Ärger lief der Hampelmann in die Stadt zurück und suchte den Staatsanwalt. Die zwei Strolche sollten es büßen, daß sie ihn so tückisch betrogen hatten.

Auf dem Marktplatze stand ein großes Gebäude; über dem Eingänge hing das Wappen von Dummersheim: ein schwerbeladener Esel, der von seinem Treiber geprügelt wird. Der Pförtner, ein schielender Fuchs, führte Bengele in ein großes Zimmer. Hier saß hinter einem grünbelegten Schreibtische der Herr Gorillius, ein alter Affe mit weißem Barte. Er hatte eine goldene Brille ohne Gläser weit vorn auf der Nase sitzen und sah dadurch sehr gelehrt und weise in die Welt. – Das war der Staatsanwalt von Dummersheim.

Bengele erzählte ihm, wie er vom Fuchse und von der Katze betrogen worden sei; er gab Vor- und Zunamen der Bösewichter an – ihr Geburtsdatum wußte er nicht – und verlangte Gerechtigkeit.

Der Staatsanwalt hörte ihn huldvoll an und nahm warmen Anteil an seinem Mißgeschick. – Als der Hampelmann nichts mehr zu sagen hatte, läutete Gorillius mit dem silbernen Glöcklein, das auf dem Tische stand.

Sofort erschienen zwei als Gendarmen gekleidete Bulldoggen.

Der Staatsanwalt deutete auf Bengele und sagte zu ihnen:

»Dem armen Kerlchen da haben sie vier Goldstücke geraubt; faßt ihn also und werft ihn sofort ins Gefängnis.«

Der Hampelmann war über dieses Urteil entrüstet. Er wollte sich dagegen verwahren, aber die beiden Gendarmen hatten keine Zeit zu verlieren, hielten ihm den Mund zu und führten ihn ab.

Vier lange Monate lag Bengele im Gefängnis; ein besonderes Ereignis brachte ihm endlich die Erlösung.

Der junge König Habicht XVII. von Dummersheim hatte einen glücklichen Krieg gegen das Land Hennanien geführt. Man feierte den Sieg mit großen Festlichkeiten: Straßenbeleuchtung, Feuerwerk, Pferderennen, Radfahrer-Wettrennen wurden veranstaltet. Alle Staatsgefangenen sollten die Freiheit erhalten.

»Wenn alles hinaus darf, dann will ich auch losgelassen werden«, sagte Bengele dem Gefangenwärter.

»Du bist nicht an der Reihe«, sagte dieser.

»Bitte sehr«, meinte Bengele, »bin ich denn ein Strolch gewesen?«

»Leute von deiner Sorte haben immer tausend Ausreden«, sagte der Wärter. – Schließlich aber machte er die Tür auf und ließ den Hampelmann laufen.

Die Riesenschlange

Zwanzigstes Stück.

Die Riesenschlange

Denkt euch Bengeles Freude, als er wieder frei war! Ohne sich umzusehen, ging er zur Stadt hinaus. Nach Hause trieb es ihn, fort von dem bösen Dummersheim. Er wollte seine gute Schwester Fee wieder sehen und seinen lieben Vater.

Es hatte viel geregnet. Der Weg war so durchweicht, daß das Hampelchen bis über die Knöchel in den Schlamm einsank. Was kümmerte sich Bengele darum! – Wenn der Weg zur Heimat führt, wird man nicht müde. – Das Holzmännlein sprang durch den Schmutz wie ein Windhund.

Noch einmal mußte er an all das denken, was er erlebt hatte, und sprach für sich selbst:

»Es ist mir viel Unglück passiert; aber verdient habe ich es auch. – Ich bin so ein eigensinniger, dickköpfiger Hampelmann; alles soll immer nur nach meiner Schnur gehen; nie höre ich auf die Leute, die es gut mit mir meinen, und wenn sie auch tausendmal klüger sind wie ich. – Aber jetzt wird es anders! Ich will mich bessern und ein artiger, folgsamer Knabe werden. Am eigenen Leibe habe ich es bitter genug erfahren müssen, daß die ungezogenen Kinder ins Unglück kommen und nie etwas Gutes erreichen.

Ob wohl mein Vater noch auf mich wartet? Wie wird es ihm ergangen sein? – Wahrscheinlich werde ich ihn bei der Fee wiederfinden. Ach wie lange habe ich den Armen nicht mehr gesehen! – Von jetzt an will ich gut gegen ihn sein und ihn von Herzen lieben.

Wird mir die Fee meine Unart verzeihen? – Wie aufmerksam war sie gegen mich und mit welcher Liebe hat sie mich gepflegt! Ja, ihre Sorge hat mir das Leben gerettet! – Und ich! ich bin der undankbarste Hampelmann auf der Welt und habe kein Herz gehabt.« –

Erschrocken macht Bengele plötzlich Halt und weicht unwillkürlich drei Schritte zurück. Was ist geschehen? – Eine Riesenschlange lag quer über die Straße. Grün glänzte ihre schuppige Haut; die Augen sprühten Feuer; der Schwanz endete in einer Spitze, die wie ein Fabrikschlot rauchte.

Wundert ihr euch, daß der Hampelmann Angst bekam? – Hundert Schritte ging er zurück und setzte sich auf einen Steinhaufen. Von dort hielt er Ausschau und wartete, ob die Schlange nicht weiter krieche und die Straße freigebe.

Nach drei Stunden lag das Untier immer noch an dem gleichen Flecke. Auch von weitem konnte Bengele die glühenden Augen sehen und die Rauchwolke, die aus dem Schwanze aufstieg.

Der Hampelmann wurde des Wartens überdrüssig. – Mutig näherte er sich bis auf wenige Schritte dem schrecklichen Wurme und redete ihn mit süßer, freundlicher Stimme an:

»Bitte schön, geehrte Frau Riesenschlange, wolltest du dich nicht auf der einen Seite ein bißchen zusammenziehen, daß ich vorbeigehen kann!«

Er hätte ebensogut an eine Wand hin reden können. Das Tier rührte sich nicht von der Stelle.

Ein zweites Mal versuchte es Bengele und bat noch inständiger:

»Höre doch nur, beste Frau Schlange, ich will nach Hause gehen; mein Vater wartet auf mich, und ich habe ihn schon so lange nicht mehr gesehen. – Bitte, bitte, sei doch gut und laß mich weiter gehen!«

Kein Erfolg! Ja die Schlange, die bisher lustig und voll Leben schien, ward mit einem Male ganz unbeweglich und starr. Sie schloß die Feueraugen, und der Schwanz rauchte nicht mehr.

»Die ist jetzt richtig tot«, sagte Bengele und rieb sich vergnügt die Hände. – Ohne lange zu warten, machte er sich daran, über sie hinwegzuspringen. Aber kaum hatte er sich gerührt, so schnellte die Schlange auf wie ein Hupfteufel. Zum Tod erschrocken, machte das Hampelchen einen Sprung rückwärts, stolperte aber und schlug einen solchen Purzelbaum, daß er mit dem Kopfe in dem aufgeweichten Boden stecken blieb und die Beine in die Luft streckte. Er wollte sich aus seiner hilflosen Lage befreien, und wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt, fing er rasend an zu zappeln und zu strampeln. So etwas Lustiges hatte die Schlange noch nie gesehen. Sie fing an laut zu lachen, schüttelte sich und konnte nicht mehr aufhören. – Es war des Guten zu viel. Von dem übermäßigen Lachen platzte ihr eine Ader im Leibe, und diesmal sank sie wirklich tot auf den Weg.

Die Marderfalle – Bengele wird Hofhund

Einundzwanzigstes Stück.

Die Marderfalle – Bengele wird Hofhund

Der Hampelmann wollte noch vor Nacht zu Hause sein. Er sprang über die tote Riesenschlange weg und ging seines Weges weiter.

Nach einiger Zeit befiel ihn der Hunger so entsetzlich, daß er zu sterben glaubte. Mühsam schleppte er sich noch in einen Weinberg neben der Straße, um ein paar Traubenbeerchen zu pflücken.

Hätte er es doch nicht getan!

Das unglückliche Hampelchen war noch keine fünf Schritte von der Straße weg, da machte es: krack! – und seine Füße waren zwischen zwei Eisen eingeklemmt. Diese schlugen so fest zusammen, daß der Arme ohnmächtig niedersank.

Seit einiger Zeit trieben in dieser Gegend ein paar freche Marder ihr Unwesen. Sie drangen in die Hühnerställe ein, stahlen die Eier und mordeten das Federvieh. Darum legten die Bauern allenthalben Marderfallen. Unser Unglücksbengele war just in eine solche hineingetreten und konnte sich nicht mehr von der Stelle rühren.

Als er wieder zu sich kam, weinte er laut und rief um Hilfe.

Es war alles vergeblich; in der Nähe wohnte niemand und kein Mensch ging den einsamen Feldweg.

Unterdessen wurde es Nacht.

Die Eisen preßten Bengele die Beine zusammen, und er litt große Schmerzen. Überdies bekam er Angst, als er so ganz allein in der Nacht auf dem Felde war. – Da flog ein Leuchtkäferchen über seinen Kopf; er rief ihm und sagte:

»Leuchtkäferchen, tu mir doch den Gefallen und befreie mich aus dieser Qual!«

»Armes Kerlchen!« sagte dieses und schaute sich den Hampelmann mitleidig an; »wie bist du nur mit den Beinen zwischen diese beiden Eisen geraten?«

»Ich bin von der Straße gegangen, weil ich mir zwei Traubenbeerchen abzupfen wollte und …«

»Ist das dein Weinberg?«

»Nein!«

»Wer hat dir denn gesagt, daß man den andern ihre Sachen nehmen darf?«

»Ich hatte doch so sehr Hunger!«

»Die bösen Kinder finden immer einen Grund, den andern Leuten ihre Sachen wegzunehmen!«

»Du hast recht«, seufzte Bengele; »aber ich werde es auch nie mehr tun.«

Das Zwiegespräch ward jäh abgebrochen; denn von der Straße hörte man Schritte, und das Leuchtkäferchen flog davon. – Auf den Zehenspitzen kam der Bauer angeschlichen, um nachzusehen, ob ein Marder in die Falle gegangen sei.

Sein Erstaunen war unbeschreiblich, als er die Laterne unter seinem Mantel hervorzog und statt eines Marders einen Hampelmann in der Falle fand.

»So, du Tropf«, sagte der Bauer wütend, »du stiehlst mir meine Hühner!?«

»Aber nein, ich nicht!« schluchzte Bengele, »ich bin hierher gekommen, weil ich mir ein paar Traubenbeerchen abzupfen wollte.«

»Wer Trauben stiehlt, kann auch Hühner stehlen. Du wirst schon sehen, was ich jetzt mit dir anfange! – Den Denkzettel vergissest du so schnell nicht wieder!«

Der Bauer machte die Falle auf, faßte den Hampelmann am Genick, wie man eine Katze packt, und trug ihn nach Hause.

Vor dem Hoftore warf er den Gefangenen auf den Boden, stand mit einem Fuße auf seinen Hals und sagte:

»Heute ist es mir zu spät; ich will jetzt zu Bett gehen. – Morgen werden wir abrechnen. Einstweilen machst du mir den Hofhund! Ich habe heute früh meinen treuen Phylax tot in seiner Hütte gefunden. Von jetzt an übernimmst du sein Wächteramt.«

Der Bauer hob das Hundeband auf und legte es Bengele so eng um den Hals, daß er es nicht über den Kopf streifen konnte. Der Lederriemen hing an einer langen Kette, und diese war mit dem andern Ende in die Mauer geschmiedet.

»Wenn es regnet, kannst du in die Hundehütte kriechen. Phylax hat das auch so gemacht. Stroh liegt genug drinnen. Wenn Diebe kommen, so mußt du die Ohren spitzen und laut bellen! – Verstanden?«

Mit diesen Worten ging der Bauer in sein Haus.

Bengele verging fast vor Kälte; es quälten ihn Hunger und Angst. Er wollte das Halsband abstreifen; aber es saß fest und schnürte ihm die Kehle zusammen.

Der Hampelmann ergab sich in sein Schicksal. Er setzte sich auf einen Stein vor der Hundehütte und schaute in die stille Nacht hinein. Hell glänzte der Mond, freundlich blinkten die Sternlein vom Himmel hernieder. Bengele wurde traurig. Er dachte wieder über sein Leben nach und sagte:

»Es geschieht mir recht, ganz recht! Ich war eigensinnig und bin von zu Hause weggelaufen. Ich habe auf schlechte Kameraden gehört, und darum kommt all das Unglück über mich. Wäre ich ein ordentlicher Knabe gewesen, hätte ich gelernt und gearbeitet, wäre ich beim Vater daheim geblieben, dann müßte ich jetzt nicht einem Bauern den Hofhund machen. Wenn ich nur noch einmal auf die Welt kommen könnte! – Aber jetzt ist mit dem besten Willen nichts mehr zu ändern!«

Weinend stillte Bengele seinen quälenden Hunger mit der kalten Hundesuppe, die Phylax übriggelassen hatte. Dann kroch er müde in die Hütte und schlief ein.

Belohnte Treue

Zweiundzwanzigstes Stück.

Belohnte Treue

Gegen Mitternacht wurde Bengele aus dem Schlafe geweckt. Er hörte ein Gezischel in der Nähe seiner Hundehütte und streckte vorsichtig die Nase hinaus. Da standen vier Tiere beisammen und schwatzten miteinander. Sie sahen aus wie schwarze Katzen; aber es waren die Marder. – Die blutgierigen Räuber hatten es wieder auf frische Eier und junge Hühner abgesehen und besprachen eben ihren Kriegsplan.

Da kam einer von ihnen zur Hundehütte geschlichen und lispelte:

»Phylax! – Phylax, guten Abend!«

»Ich heiße nicht Phylax«, sagte Bengele.

»Ja, wer bist du denn?«

»Ich bin Bengele!«

»Was machst du da?«

»Den Hofhund!«

»Und Phylax? Wo ist der gute Alte hingekommen?«

»Er ist heute früh gestorben!«

»Gestorben! – Armer Kerl. Er war so treu und gut! – Doch dir seh‘ ich es schon am Gesicht an; auch du bist ein anständiger Hund!«

»Bedaure sehr, ich bin kein Hund.«

»Was dann?«

»Ein Hampelmann.«

»Und machst den Hofhund?«

»Allerdings, zur Strafe!«

»Gut! – Ich mache dir das gleiche Anerbieten wie dem verstorbenen Phylax und denke, daß du einverstanden bist!« –

»Das wäre?«

»Wir kommen jede Woche einmal wie bisher und untersuchen diesen Hühnerstall. Acht Hühner nehmen wir jeweils mit. Sieben davon gehören uns, eines schenken wir dir unter der Bedingung, daß du dir nie einfallen läßt zu bellen und den Bauern zu wecken.«

»Das hat Phylax wirklich so gemacht?«

»Jawohl, und wir sind dabei stets gut miteinander ausgekommen. – Schlafe also ruhig. Bevor wir gehen, lassen wir dir vor der Hütte ein Huhn liegen, fein gerupft zum Frühstück für morgen. – Einverstanden, nicht wahr!« –

»Und wie!«… sagte Bengele. Aber er wackelte mit dem Kopfe in drohender Art und sagte für sich selbst: »Wir werden gleich deutlicher miteinander reden.«

Die vier Marder waren ihrer Sache sicher und gingen sofort zum Hühnerstall. Dieser lag ganz nahe bei der Hundehütte. Die Diebe öffneten die Türe mit ihren scharfen Zähnen und huschten einer nach dem andern hinein. – Kaum waren sie drinnen, so ward die Türe mit Wucht zugeschlagen.

Bengele hatte die Marder in den Hühnerstall gesperrt, und damit sie ja nicht auskamen, wälzte er vor das Holztürchen einen großen Stein.

Jetzt ging’s ans Bellen; er konnte es wahrhaftig wie ein Hofhund; laut dröhnte sein zorniges: bu, bu, bu – wau, wau, wau!

Gleich sprang der Bauer aus dem Bette, nahm sein Gewehr und guckte zum Fenster hinaus:

»Was ist los?«

»Diebe, Diebe!«

»Wo?«

»Im Hühnerstall.«

»Ich komme gleich hinunter.«

Schon war der Bauer da, ging in den Hühnerstall, packte alle vier Marder und steckte sie in einen Sack. Dann hielt er ihnen folgende Rede:

»So, hab‘ ich euch endlich erwischt! – Ich könnte nun kurzen Prozeß machen; aber ich will euch nicht gar zu grob behandeln. Morgen früh trage ich euch hinüber ins Wirtshaus. Der Wirt zieht euch dann das Fell ab und kocht euch, als Hasenpfeffer. Diese Ehre ist schier zu groß für Hühnerdiebe; aber seine Leute wie ich gönnen auch den Strolchen noch ein bißchen gute Behandlung.«

Darauf ging der Bauer hin zu Bengele, lobte ihn über alle Maßen, streichelte ihn und sprach:

»Aber sage mir nur, wie bist du der Diebesbande auf die Spur gekommen? – Mein armer Phylax hat sie nie erwischt und nie etwas gemerkt.«

Bengele hätte alles erzählen können; er hätte dem Bauern sagen können, wie niederträchtig Phylax unter einer Decke mit den Mardern steckte. Aber er dachte: Der Hund ist tot, und den Toten soll man nie Übles nachreden; es ist am besten, man läßt sie im Frieden ruhen. – Der Bauer drang weiter in Bengele ein: »Hast du gewacht oder geschlafen, als die Marder kamen?« »Geschlafen«, erwiderte Bengele; »aber die Marder haben mich mit ihrem Geschwätze geweckt. Einer kam auch zu mir an die Hütte und sagte: ›Wenn du nicht bellst und den Hausherrn nicht weckst, schenken wir dir ein feingerupftes Huhn‹ – So eine Frechheit! Mir ein solches Anerbieten machen! – Ich bin freilich ein Hampelmann und habe alle möglichen Untugenden; aber das tue ich nie, daß ich den Lumpen den Helfershelfer und dem Stehler den Hehler mache.«

»So ist’s recht!« sagte der Bauer und klopfte ihm auf die Schultern, »alle Achtung vor dir! Weil du ein so guter Hampelmann bist, so laß ich dich jetzt laufen, daß du nach Hause kannst.«

Er nahm ihm das Halsband ab. – Bengele war wieder frei.

Vom weißen Marmorstein ans brausende Meer

Dreiundzwanzigstes Stück.

Vom weißen Marmorstein ans brausende Meer

Querein durch die Felder lief der Hampelmann davon. Er suchte möglichst rasch die Hauptstraße zu erreichen, die zum Hause der Fee führte. Schon von weitem erkannte sein scharfes Auge das Wäldchen, er sah über die andern Bäume die Große Eiche emporragen, an der er einst Todesangst ausgestanden; aber wie er auch schaute und spähte, das weiße Häuschen war nirgends zu erblicken.

Eine traurige Ahnung beschlich ihn. Er fing einen schnelleren Schritt an und kam auf die grüne Wiese. Das Haus der Fee war nicht mehr da. Mitten im blumigen Grase aber lag ein weißer Marmorstein, der mit Goldbuchstaben beschrieben war. – Bengele konnte noch nicht lesen; aber schon beim Anblick des Steines kamen ihm die Tränen in die Augen.

Da kroch aus dem Grase neben dem Steine ein schwarzer Brummkäfer hervor und fing an unter den Buchstaben herzulaufen, so wie die Kinder den Zeilen mit dem Finger nachfahren, wenn sie noch nicht gut lesen können. Dabei brummte der Käfer wie die Orgel eine Trauermelodie und sang wehmütig und eintönig:

Hier ruht im süßen Schlummer
Das Mägdlein mit dem goldenen Haar.
Ihm brach das Herz vor Kummer,
Weil Bengele so treulos war.

Der Hampelmann zitterte; seine Beine wankten; er fiel nieder auf den kalten Marmorstein, küßte ihn hundertmal und weinte, – weinte den ganzen Tag und die ganze Nacht. Am andern Morgen waren seine Augen tränenleer; aber seine Seufzer klangen noch viel erbarmungswürdiger.

»O, du liebe Fee«, schluchzte er, »warum bist du gestorben? – Warum bin nicht lieber ich gestorben? – Ich bin so böse, und du warst so gut! – Wo wird mein Vater sein? Sag mir doch, liebe Fee, wo kann ich ihn finden? – Ich will immer bei ihm bleiben, nie mehr davonlaufen, nie, nie, nie! – Gute Fee, bist du wirklich tot? – Wenn du mir noch gut bist, dann komm doch und lebe wieder! Ich bin ja dein Brüderlein Bengele. – Kannst du mich allein lassen, so ganz allein in der Welt? – Die Räuber werden wieder kommen und mich wieder aufhängen. Dann muß ich für immer sterben! – Was tue ich allein auf der Welt? – Dich und den Vater habe ich verloren; wer wird mir zu essen geben? – Wo kann ich schlafen? Wer macht mir meine Kleider? – Lieber Gott, laß mich auch sterben, es ist viel besser! Ich will auch sterben, ja, … ja … ja …«

Siehe, da kam ein riesengroßer Täuber geflogen. Mit weitgespannten Flügeln blieb er über Bengele in der Luft schweben und rief ihm zu:

»Sag mal, Kleiner, was machst du da?«

»Du siehst es doch, ich weine!« sagte Bengele, schaute auf und wischte sich mit dem Ärmel die Augen aus.

»Sag mir«, fuhr der Täuber fort, »kennst du nicht einen Hampelmann, der Bengele heißt?«

»Bengele? – hab‘ ich wirklich recht verstanden: Bengele?« rief der Hampelmann und sprang in die Höhe. – »Ich bin ja selbst der Bengele.« Rasch flog der Täuber zur Erde nieder und stand vor dem Hampelmann. Er war größer wie ein Truthahn.

»Du kennst doch auch Seppel?« fragte er weiter.

»Freilich! Das ist ja mein armer Vater. Hat er dir vielleicht etwas von mir gesagt? – Führe mich doch zu ihm! – Lebt er noch? – Sag mir, ums Himmels willen, lebt er noch?«

»Ich bin vor drei Tagen von ihm weggeflogen; er war am Meeresstrand.«

»Was machte er dort?«

»Einen kleinen Kahn, um über das Meer zu fahren. Über vier Monate schon zieht der arme Mann durch die Welt und sucht dich. Er hat dich nirgends finden können; jetzt will er übers Meer fahren und nach dir in fremden Ländern forschen; er meint, du seiest nach Amerika gegangen.«

»Ist es weit von hier ans Meer?« fragte Bengele.

»Über tausend Kilometer!«

»Über tausend Kilometer! – Lieber Täuber, wenn ich nur auch fliegen könnte!«

»Wenn du willst, trage ich dich ans Meer.«

»Was?«

»Du könntest dich auf meinen Rücken setzen; bist du schwer?«

»Ich schwer? Federleicht bin ich!«

Unverzüglich sprang Bengele dem Täuber auf den Rücken, setzte sich fest wie in einem Sattel, ein Bein links und ein Bein rechts, und rief laut:

»Nun mal los! Galopp, mein Pferdchen! Wir haben Eile und wollen bald am Ziele sein.«

Der Täuber flog auf und war in ein paar Minuten so hoch gestiegen, daß er fast an die Wolken stieß. Der Hampelmann wollte sehen, wie es unten auf der Erde aussah; aber er bekam solchen Schwindel und so große Angst, daß er beide Hände fester um den Federhals seines Luftpferdchens legte und sich ganz eng anschmiegte, um nicht herabzufallen.

Den ganzen Tag flogen sie schon. Gegen Abend sagte der Täuber: »Ich habe arg Durst.«

»Und ich arg Hunger«, meinte Bengele.

»Bei dem Taubenschlag dort wollen wir ein bißchen rasten; dann fliegen wir weiter, damit wir morgen früh ans Meer kommen.«

Sie flogen in den Taubenschlag. Drinnen fand sich nur eine Schüssel Wasser und ein Körbchen mit Linsen.

Der Hampelmann hatte nie in seinem Leben die Linsen leiden können. Wenn er ein Linsengericht nur roch, so war es ihm schon zuwider und machte ihm Brechreiz. An diesem Abend aber schmeckten ihm die rohen Linsen wie Pfeffernüsse, und als er mit dem ganzen Korbe so ziemlich fertig war, sagte er:

»Ich hätte nie geglaubt, daß Linsen so gut wären.«

»Mein lieber Freund«, sagte der Täuber, »Hunger ist der beste Koch.«

Sie ruhten sich rasch ein wenig aus, dann ging der Flug weiter. Am andern Morgen kamen sie ans Meer. Der Täuber setzte Bengele auf die feste Erde. Für seine Dienste wollte er keinen Dank und flog alsbald davon.

Am Strande drängte sich eine Menge Leute; sie schrieen, fuchtelten mit den Händen und schauten beständig aufs Meer hinaus.

»Was ist passiert?« fragte Bengele eine alte Frau.

»Ein armer Vater hat seinen Sohn verloren und ist mit einem Kahn aufs Meer hinausgefahren, ihn zu suchen. Aber das Meer ist heute sehr unruhig und das Schifflein wird untergehen.«

»Wo ist das Schifflein?«

»Dort außen, sieh, wo mein Finger hindeutet.«

Weit draußen konnte man eben noch eine Barke sehen. Sie schien nicht größer wie eine Nußschale, und klein wie ein Mücklein erkannte man darin einen Menschen.

Bengele strengte seine Augen an. Er sah den Kahn in weiter Ferne und stieß einen Schrei aus:

»Er ist’s, er ist’s, – mein armer Vater!«

Der Kahn wurde von den wütenden Wellen hin und her geworfen; bald verschwand er hinter den haushohen Wogen, bald schaukelte er über sie hin. Bengele stand auf der Spitze eines hohen Felsenriffs, winkte mit den Händen und mit dem Hute und rief immerfort: »Vater! Vater!«

Es schien, als habe Seppel trotz der großen Entfernung den Knaben erkannt; denn er winkte auch mit seiner Mütze.

Auf einmal wälzte sich eine entsetzlich große Welle daher und der Kahn verschwand. Die Leute warteten, ob er wieder über Wasser komme, aber er war nicht mehr zu sehen.

»Der arme Mann!« sagten die alten, erfahrenen Fischer am Strande, murmelten ein Gebet und gingen nach Hause.

Da hörte man einen verzweifelten Schrei. Die Leute drehten sich um und konnten eben noch sehen, wie sich der Hampelmann von seinem Felsen ins Meer stürzte. Laut rief er dabei:

»Ich will meinen Vater retten.«

Bengele war ganz von Holz, blieb von selbst über Wasser und konnte schwimmen wie ein Fisch. Manchmal verschwand er wohl unter den Wellen, aber bald kam er wieder obenauf; er ruderte aus Leibeskräften und war bald so weit vom Lande weg, daß man ihn nicht mehr sehen konnte.

»Das arme Kerlchen«, sagten die alten Fischer am Strande, murmelten nochmals ein Gebet und gingen nach Hause.

Fleißigenstadt

Vierundzwanzigstes Stück.

Fleißigenstadt

Weit draußen in der wilden See schwamm der mutige Hampelmann, als die Nacht hereinbrach. Haushoch peitschte der Sturm die donnernden Wogen. Ein furchtbares Gewitter tobte am Himmel. In einem Augenblicke glänzten die schäumenden Wellenberge taghell erleuchtet, im nächsten schon hüllten sich Wasser und Luft in undurchdringliche Dunkelheit.

Die Hoffnung, den Vater zu retten, gab Bengele ungewöhnliche Kraft. Die ganze Nacht kämpfte er mit den rasenden Wellen. In der Morgendämmerung zeigte sich ein Streifen Land; es war eine Insel. Das Hampelchen strengte alle Kräfte an, um ans Ufer zu kommen; immer wieder schlugen ihn die Wogen zurück und spielten mit dem Holzmännlein wie mit einem Strohhalm. Endlich wälzte sich eine Sturzwelle vom Meere her und warf den kleinen Schwimmer wuchtig in den Sand des Ufers.

Alle Rippen krachten dem Hampelmann; aber er war froh, wieder auf festem Boden zu sein, und meinte:

»Ich bin noch einmal gut davongekommen.«

Unterdessen war der Himmel wieder heiter geworden; die Sonne ging auf in ihrem vollen Glanze, und das Meer wurde ruhig und glatt wie ein Spiegel.

Unser Hampelmann legte seine Kleider zum Trocknen in die Sonne und schaute sich nach allen Seiten um, ob er nicht den Kahn mit seinem Vater erspähen könnte. Es war nichts zu sehen als Himmel und Meer, Meer und Himmel. Weit draußen fuhr ein Segelschiff vorbei; es schien so klein wie ein Fischerkahn.

Bengele ging am Strand entlang und dachte: »Wenn ich nur wüßte, wie dieses Land heißt und ob hier ordentliche Menschen wohnen, nicht etwa Räuber, die mich wieder an einen Baum hängen. Könnt‘ ich nur jemand fragen!«

Er wurde traurig, weil er glaubte, ganz allein wie Robinson auf unbewohntem Lande zu sein, und fing an zu weinen. Da sah er nah am Ufer einen großen Fisch vorbeischwimmen; er zog ruhig seines Weges und streckte den Kopf halb

aus dem Wasser. Bengele wußte nicht, wie er heiße, und rief:

»Heh! Herr Fisch, gestatte eine Frage!«

»Auch zwei, wenn’s beliebt«, erwiderte der Fisch.

Es war ein Delphin mit feinem Anstand; solcher gibt es nur wenige im Meere.

»Bitte, wolltest du mir sagen, ob man auf dieser Insel etwas zu essen haben kann, ohne daß man Angst haben muß, selbst gefressen zu werden?«

»Sei ohne Furcht! Es wohnen gute Leute hier«, sagte der Delphin. »Der Weg zum Städtchen ist allerdings ein bißchen weit.«

»Welchen Weg muß ich einschlagen?«

»Nimm den Fußweg links und gehe stets geradeaus! Du kannst gar nicht verirren.«

»Bitte, noch eine Frage! Du wanderst ständig durch die Straßen des Meeres; hast du vielleicht einen Kahn gesehen und meinen Vater drin?«

»Wer ist dein Vater?«

»Er ist der beste von allen Vätern, und ich bin der ungezogenste Sohn.«

»Bei dem Sturm in dieser Nacht«, sagte der Delphin, »wird der Kahn untergegangen sein.«

»Und mein Vater?«

»Vielleicht hat ihn der große Hai verschlungen, der seit einiger Zeit Tod und Verderben in unsere Fluten bringt.«

»Wie groß ist dieser Hai?« fragte Bengele und zitterte schon.

»Unheimlich groß!« antwortete der Delphin. »Du kannst dir eine Vorstellung von ihm machen, wenn ich dir sage, daß er größer ist als ein fünfstöckiges Haus. Sein Maul ist so weit, daß ein Eisenbahnzug mitsamt der dampfenden Maschine bequem hineinfahren könnte.«

»Du lieber Himmel!« entsetzte sich der Hampelmann; doch stellte er sich gleich wieder ruhig und sprach:

»Adieu, Herr Fisch! – Bitte sehr um Entschuldigung, wenn ich gestört habe. – Vielen Dank für deine Freundlichkeit.«

Gleich darauf schlug Bengele den Fußweg ein. Bei jedem Geräusch drehte er sich um und hatte Angst, daß der fünfstöckige Hai mit dem Eisenbahnzuge im Maule nach ihm schnappe.

Nach einer Stunde Weges kam der Kleine zu wohlbestellten Feldern. Der Kirchturm und die Dächer eines Städtchens, das von Wiesen umrahmt hinter Obstbäumen versteckt lag, schauten von ferne herüber. – Bengele traf einen Mann, der auf dem Felde neben der Straße arbeitete.

»Bitte schön«, fragte er, »wie heißt das Städtchen dort?«

»Das ist Fleißigenstadt«, sagte der Bauersmann; »geh nur hinein, hier kannst du Arbeit finden.«

Bengele rümpfte die Nase und ging weiter. Bald begegnete er mehr Leuten. Emsig wie Ameisen liefen alle ihren Geschäften nach; alle hatten etwas zu tun; Faulenzer gab es da keine. Der leichtsinnige Hampelmann blieb stehen und sah sich das Getriebe an. Es gefiel ihm nicht und er dachte:

»Das ist keine Gegend für mich, so viel ist mir von vornherein schon klar. Zum Arbeiten bin ich nicht geboren.«

Aber der Hunger quälte ihn sehr; seit vierundzwanzig Stunden hatte er nichts mehr gegessen; nicht einmal eine Linse hatte er sich im Taubenschlage eingesteckt. – Was tun? – Er mußte entweder Arbeit suchen oder betteln.

Zum Betteln schämte er sich, denn sein Vater hatte ihm stets gesagt: »Wer arbeiten kann, soll sich sein Brot verdienen; wer aus Faulheit Hunger leidet, verdient kein Mitleid.«

Indes kam keuchend und schwitzend ein Mann die Straße daher, der zwei Gemüsekarren zog.

Bengele schaute ihn an und glaubte, daß es ein guter Mensch sei. Er ging auf ihn zu, senkte verschämt den Blick und sagte zaghaft:

»Gebt mir doch, bitte, drei Pfennig, daß ich mir einen Weck kaufen kann; ich muß sonst verhungern.«

»Bloß drei Pfennig!« entgegnete der Mann, »zwanzig will ich dir geben, wenn du mir die zwei Karren nach Hause schieben hilfst.«

Halb beleidigt sagte der Hampelmann: »Ich bin sehr erstaunt über Euer Angebot; aber ich habe noch nie im Leben den Zugochsen gemacht und Karren gezogen.«

»Glückliches Herrchen«, sprach der Gemüsemann, »wenn du trotzdem nicht Hungers sterben willst, so schneide dir zum Frühstück zwei gute Schnitten von deinem Hochmut herunter! Aber Paß auf, daß du kein Magendrücken bekommst.«

Bald darauf kam ein Maurer des Weges, der auf der Achsel einen Kübel Mörtel trug.

»Seid so gut, lieber Mann, und gebt einem armen hungernden Knaben doch drei Pfennig zu einem Stückchen Brot!«

»Mit Vergnügen!« sagte der Maurer; »komm nur mit mir und trage mir einige Zeit Mörtel, dann gebe ich dir fünfzig Pfennig.«

»Ja, aber der Mörtel ist schwer!« entgegnete der Hampelmann, »und ich will mich nicht schmutzig machen.«

»Dann, mein Lieber, gähne dich ruhig zu Tode! Adieu!«

Mindestens zwanzig andere Leute gingen im Verlaufe einer halben Stunde an Bengele vorbei; alle sprach er um eine Gabe an, aber alle sagten:

»Schäme dich doch, so faul auf der Straße herumzulungern; arbeite und verdiene dein Brot!«

Am Stadttor kam eine junge Frau, die in jeder Hand einen Krug Wasser trug.

»Bitte, gute Frau«, redete Bengele sie an, »erlaubt mir doch, einen Schluck Wasser zu trinken!« Er hatte einen brennenden Durst.

Die Frau sagte:

»Trinke nur, mein Kind!« und stellte die Gefäße auf den Boden.

Bengele trank aus dem Krug in vollen Zügen. Als er seinen Durst gefüllt hatte, wischte er sich den Mund ab und sagte:

»Der Durst wäre nun weg! – Aber der Hunger!«

Die gute Frau hörte es und sagte:

»Wenn du mir einen von den zwei Krügen nach Hause trägst, gebe ich dir ein großes Stück Brot.«

Bengele schaute sich daraufhin die Krüge von allen Seiten an und sagte nichts.

»Ich gebe dir auch einen Teller Suppe dazu«, versprach die gute Frau.

Bengele betrachtete immer noch unentschlossen das Gefäß.

»Nach der Suppe bekommst du ein großes Stück Apfelkuchen.«

Das war Bengeles Leibspeise. Rasch sagte er: »Bitte, ich trage den Krug.«

Wie war das Wasser so schwer! Mit beiden Händen faßte Bengele den Henkel; dann hob er den Krug auf den Kopf und schritt mutig voran.

Zu Hause setzte die Frau den Hampelmann hinter ein schön gedecktes Tischchen und gab ihm das Brot, die Suppe und den Apfelkuchen.

Bengele verschlang alles mit großer Gier. Als der Hunger gestillt war, schaute er zu der guten Frau auf, die vor dem Tischchen stand, und wollte ihr danken. Er sah ihr ins Gesicht, machte große Augen, sperrte den Mund weit auf und alles, was er sagen konnte, war ein langes, gurgelndes Oooh!

»Warum tust du so verwundert?« fragte lächelnd die Frau.

Bengele stotterte:

»Weil … weil … weil … Ihr … Ihr… Ihr gerade ausseht … ja, ja … so spricht sie … ja, ja … solches Haar … goldenes Haar wie … wie Ihr. – O liebe Fee, sage, bist du es wirklich. Sage es mir, dann will ich nicht mehr weinen; weißt du, ich habe so viel um dich geweint, so arg viel!«

Laut schluchzend warf sich das Hampelchen der guten Fee zu Füßen, umfaßte ihre Knie und bat, daß sie ihm verzeihe, daß sie ihm doch wieder gut sein möge und ihm helfe.

Bengele will sich bessern

Fünfundzwanzigstes Stück.

Bengele will sich bessern

Die gute Frau tat zuerst so, als wisse sie nichts von einer kleinen Fee mit goldenem Haare. – Dann aber gab sie sich zu erkennen, lachte und fragte Bengele:

»Du Sapperlottskerlchen, wie hast du mich erkennen können?«

»Ich habe dich doch so gern und darum vergesse ich dich nie.«

»Aber ich war doch ein kleines Mädchen, als du davonliefst; jetzt bin ich eine große Frau und könnte deine Mutter sein.«

»Das gefällt mir am meisten. – Früher wolltest du mein Schwesterlein sein; jetzt sage ich zu dir: liebe Mutter! – So lange schon wünschte ich mir ein Mütterlein! Alle Kinder haben eine gute Mutter; und ich allein hatte keine … Aber sage mir, wie bist du so rasch groß geworden?«

»Das ist mein Geheimnis.«

»Mach mich doch auch groß«, bat Bengele; »sieh nur, ich wachse gar nicht und bleibe stets drei Käse hoch.«

»Du kannst nicht größer werden.«

»Weshalb nicht?«

»Hampelmännchen wachsen nie; sie kommen als Hampelmänner auf die Welt, leben und sterben als Hampelmänner.«

»Aber jetzt bin ich lang genug ein Hampelmann gewesen«, klagte Bengele und fuchtelte mit seinen Händen; »ich möchte endlich ein Mensch werden.«

»Das kann geschehen, aber du mußt es verdienen.«

»Wie kann ich es anfangen?«

»Du mußt dich darin üben, ein braver Knabe zu werden.«

»Bin ich das vielleicht nicht?«

»Noch lange nicht, mein Lieber«, sprach die Fee, »höre nur einige Beispiele! – Gute Kinder sind stets folgsam und …«

»Ich folge nie!« –

»Gute Kinder haben Freude an der Arbeit, und …«

»Ich will immer faulenzen und spielen.« –

»Gute Kinder sagen stets die Wahrheit, und …«

»Ich lüge sehr oft.« –

»Gute Kinder gehen gern in die Schule, und …«

»Ich lief ins Kasperletheater. – Aber von heute an wird alles anders!«

»Ist es dir Ernst?«

»Heiliger Ernst! – Ich will ein guter Knabe werden, und meinem Vater Freude machen. – Ja, halt! – Wo ist denn mein armer Vater?«

»Ich weiß es nicht.«

»Werde ich ihn je wiedersehen?«

»Ich glaube, ja! – Wenn du brav bist, ganz sicher.«

Dankbar ergriff Bengele die Hand der guten Fee und bedeckte sie mit Küssen. Lange schaute er dann seinem lieben Mütterlein in die milden Augen und fragte:

»Sag mir nur noch das eine: bist du wirklich tot gewesen?«

»Es scheint nicht«, antwortete lächelnd die Fee.

Mit Tränen in den Augen fuhr Bengele weiter und sprach:

»Wenn du es wüßtest, wie weh es mir tat, wie mein Herz klopfte und wie ich weinte! – Ach, jener Marmorstein und das Lied des Käfers: ›Hier ruht im süßen Schlummer …‹«

Die gute Fee zog das Hampelchen an sich und tröstete es: »Ich weiß alles, mein liebes Kind. Ich habe deinen Schmerz gesehen und dein gutes Herz erkannt. – Du warst undankbar und unartig gegen mich; am Marmorsteine hast du deine Fehler bereut. Du liebtest mich, und darum habe ich dir alles verziehen. – Ich bin dir nachgegangen, ich habe dich hier gesucht, und jetzt will ich dir eine gute Mutter sein.«

»Du bist zu gut gegen mich«, sagte Bengele; »ich verdiene es nicht, daß du mich so herzlich liebst.«

»So sei mir dankbar«, erwiderte die Fee; »ich verlange von dir nur das eine, daß du mir gehorchest und stets befolgest, was ich dir sage.«

»Von Herzen gern!«

»Morgen«, sagte die Fee, »wirst du das erste Mal zur Schule gehen!«

Bengeles Freude ließ schon ein bißchen nach.

»Später kannst du nach eigener Wahl ein Handwerk lernen!«

Bengele ward nachdenklich und murmelte etwas in sich hinein.

»Was gibt’s darüber zu brummen?« – fragte die Fee in ernstem Tone.

»Ich habe gesagt –, daß – daß«, stotterte Bengele, »daß ich jetzt doch zu alt bin für die Schule.«

»Nein, mein Sohn, zum Lernen ist man nie zu alt!«

»Aber ich will auch kein Handwerk lernen!«

»Warum?«

»Weil man beim Arbeiten müde wird!«

»Liebes Kind«, mahnte die weise Fee, »wer so denkt, der endigt gewöhnlich im Krankenhaus oder im Zuchthaus. Müßiggang ist aller Laster Anfang. Der Mensch muß arbeiten auf dieser Welt, ob er arm sei oder reich. Das Faulenzen ist eine Schande. Es ist eine schlimme Krankheit; wenn man sie in der Jugend nicht heilt, so geht man mit ihr durchs ganze Leben.«

Bengele glaubte den Worten seiner guten Mutter und sagte:

»Ja, ich will lernen; ich will arbeiten; ich will alles tun, was du von mir verlangst. Und überhaupt – dieses Hampelleben gebe ich auf; ich will unbedingt ein Knabe werden. Du hilfst mir, Mütterlein, gelt? – Du hast es mir versprochen!«

»Jawohl, mein Kind; von dir allein hängt es nun ab, daß ich mein Versprechen erfülle.«