Zwei neue Esel.

Dreiunddreißigstes Stück.

Zwei neue Esel.

Fünf Monate Faulenzerleben waren schon vergangen. Die Knaben hatten ohne Unterlaß gespielt und nie ein Buch angeschaut. – Da erwachte Bengele eines Morgens, und alle Freude am Faulenzerlande war mit einem Schlage vernichtet.

Was war vorgefallen? – Geduld, meine kleinen Leser, ich werde euch alles erzählen.

Bengele wachte also auf, und wie gewöhnlich, wenn er aus dem Bette steigen wollte, kratzte er sich zuerst hinter den Ohren. Wie er nun dieses Mal an den Kopf griff, merkte er – na ratet mal, was? – merkte er zu seinem Entsetzen, daß seine Ohren ein gutes Stück länger geworden waren.

Ihr erinnert euch noch, daß der Hampelmann ursprünglich kleine Öhrchen hatte, so winzig, daß man sie mit bloßem Auge kaum sehen konnte. – Seppel hatte ja vergessen, sie zu schnitzen. – Das dumme Gesicht Bengeles hättet ihr sehen sollen, als er merkte, daß seine Ohren über Nacht so sehr gewachsen waren, daß sie wie Hörner am Kopfe standen. – Gleich suchte sich der Hampelmann einen Spiegel. Es war keiner zu finden. Da füllte er die Waschschüssel mit Wasser und schaute hinein. – Welch entsetzliches Bild! Er hätte es lieber nie gesehen. An seinem Kopfe standen zwei richtige Eselsohren.

Wie ihm das in der Seele weh tat, wie er sich schämte, wie er verzweifelte! – Der arme Bengele! –

Weinen und jammern, mit dem Kopfe an die Wand rennen, an den langen Ohren zerren, alles war umsonst; sie wuchsen immer noch mehr und bekamen ihre Haarbüsche an der Spitze.

Ein hübsches Murmeltierchen, das ein Stockwerk höher wohnte, hatte das Jammergeheul gehört und kam zu Bengele, um ihn zu trösten. Es fand ihn ganz von Sinnen und fragte liebevoll:

»Was fehlt denn meinem Herrn Nachbar?«

»Ich bin krank, liebes Murmeltierchen, schlimm krank! – Diese Krankheit macht mir große Sorge; fühle doch mal meinen Puls!«

»Er ist etwas bewegt.«

»Habe ich vielleicht Fieber?«

Das Murmeltierchen setzte sich auf die Hinterbeine, fühlte genau den Puls, zählte und sagte traurig:

»Mein lieber Freund, das ist eine böse Sache!«

»Wirklich?«

»Du hast ein ekliges Fieber.«

»Was für eines?«

»Das Eselsfieber!«

»Von dem habe ich noch nie etwas gehört«, meinte Bengele; aber ihm ahnte das Unglück.

»Nun denn«, fuhr das Murmeltierchen fort, »so will ich dir alles erklären. – In zwei bis drei Stunden bist du kein Hampelmann mehr und wirst auch kein Knabe sein, sondern –«

»Sondern was?«

»Sondern ein richtiger, vierbeiniger Esel. – Vielleicht kommt dann ein Bauer, kauft dich und nimmt dich mit nach Hause. Du wirst vor sein Wägelchen gespannt und kannst das Gemüse und die Milch in die Stadt fahren.«

»O weh, o weh!« rief Bengele, packte die langen Ohren mit beiden Händen und riß daran, als ob sie gar nicht ihm gehörten.

»Lieber Freund«, beruhigte ihn das Murmeltierchen, »es ist nichts mehr zu machen. Das ist das Schicksal, und so ist es unabänderlich bestimmt, daß alle nichtsnutzigen Kinder, die von Büchern, von Lehrern und von der Schule nichts wissen wollen, nur faulenzen, spielen und den Tag totschlagen, früher oder später Esel werden müssen.«

»Ist das wirklich so?« schluchzte der Hampelmann.

»Leider ja! Mit Heulen ist hier nichts mehr gut zu machen. Du hättest früher daran denken müssen.«

»Aber ich bin nicht daran schuld, glaub es nur, liebes Murmeltierchen, der Röhrle und nur der Röhrle …«

»Wer ist der Röhrle?«

»Mein Schulkamerad. – Ich habe nach Hause gehen wollen, ich habe folgen wollen, ich habe gelernt und gute Noten bekommen; aber der Röhrle hat zu mir gesagt: ›Wozu willst du dich abplagen? Wozu willst du in die Schule gehen? Geh mit mir ins Faulenzerland! Dort spielt man Tag für Tag und ist immer lustig.‹«

»Warum hast du denn auf einen schlechten Freund und bösen Kameraden gehört?«

»Weil …, weil … o du liebes Murmeltier, weil ich ein unvernünftiger Hampelmann bin und gar kein Herz habe. – Ja, hätte ich nur einen Funken Liebe gehabt, dann wäre ich meiner lieben Mutter Fee nicht davongelaufen. – Sie war so gut gegen mich! – Jetzt wäre ich schon lange kein Hampelmann mehr, sondern ein braver Knabe wie viele andere. – Aber wenn ich den Röhrle erwische, wehe dem! Ich werde ihn gründlich verhauen.« –

Er wollte hinausgehen; aber unter der Türe fielen ihm die Eselsohren ein. Er schämte sich vor den Leuten. – Was tun? – Erfinderisch machte er sich eine hohe Mütze aus Pappdeckel und stülpte sie über die Ohren.

Jetzt suchte er den Röhrle überall: auf den Straßen, in den Theatern, in allen Winkeln; aber er war nicht zu finden. Er fragte andere Knaben nach ihm; keiner hatte ihn gesehen.

Schließlich ging er nach Röhrles Hause und klopfte an die Türe.

»Wer ist draußen?« fragte Röhrle.

»Ich bin’s«, antwortete Bengele.

»Warte ein wenig, ich mache dir gleich auf.«

Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis Röhrle fertig war. – Bengele war höchst erstaunt, als er den Röhrle mit einer ganz ähnlichen Pappdeckelmütze erblickte. Das tröstete den Hampelmann ein wenig; denn er dachte, daß Röhrle die gleiche Krankheit habe. Er tat aber, als merke er nichts, und fragte lachend:

»Wie geht es dir, Freund Röhrle?«

»Sehr gut, wie dem Vogel im Hanfsamen.«

»Sehr gut? im Ernste?«

»Ich hätte keinen Grund zu lügen.«

»Nimm mir’s nicht übel, Röhrle, warum trägst du dann diese Pappdeckelmütze über den Ohren?«

»Der Arzt hat sie mir verschrieben, weil ich Zahnweh hatte. Aber du, lieber Bengele, warum trägst du eine solche Mütze?«

»Mir hat sie der Arzt verordnet, weil ich Halsweh hatte.«

»Armer Bengele!«

»Armer Röhrle!«

Jetzt war es lange still im Zimmer; die beiden Freunde sahen schweigend einander an und einer wollte den andern auslachen. Schließlich ging der Hampelmann auf seinen Freund zu und flötete ihm zärtlich ins Ohr:

»Ich bin neugierig, Röhrle; sag mal, hast du je etwas an den Ohren gehabt?«

»Nie! – Du vielleicht?«

»Auch nie! – Aber seit heute früh habe ich etwas an einem Ohr.«

»Ich auch.«

»Du auch? An welchem?«

»An allen beiden! – Und du?«

»Auch an allen beiden. – Wir haben die gleiche Krankheit.«

»Ich glaube es auch.«

»Röhrle, tu mir einen Gefallen.«

»Gern!«

»Laß mich deine Ohren sehen!«

»Weshalb nicht; aber erst zeig mir deine!«

»Nein, zuerst du!«

»Nein, mein Lieber, erst du, dann ich!«

»Gut«, sagte da der Hampelmann, »wir wollen etwas miteinander ausmachen.«

»Nämlich?«

»Wir nehmen alle zwei auf einmal die Mütze ab.«

»Angenommen!«

»Also aufgepaßt!«

Bengele zahlte: »Eins, zwei, drei!«

Auf drei flögen zwei Pappdeckelmützen in die Luft. – Was darauf folgte, ist fast nicht zu glauben. Bengele und Röhrle sahen, daß sie wirklich beide die gleiche Krankheit hatten; aber sie konnten nicht traurig sein; zu drollig war’s, einander anzugucken. Sie wackelten mit dem Kopfe, ließen ihre Eselsohren aneinander bammeln, schüttelten sich und konnten aus dem Lachen nicht mehr herauskommen. – Plötzlich im größten Hallo wechselte Röhrle die Farbe, ward ganz still, knackte zusammen und rief:

»Hilf, Bengele, hilf!«

»Was hast du?«

»Ich kann nicht mehr aufrecht stehen.«

»Ich auch nicht mehr«, seufzte Bengele und wackelte ganz bedenklich.

Schon neigten sich beide vornüber, schon liefen sie auf allen vieren im Zimmer herum. Die Arme wurden Beine, das Gesicht verzog sich zu einer langen Eselsschnauze, die Haut wurde mit einem grauschwarzen Fell bedeckt. – Das Ärgste kam zuletzt. – Wie sie sich schämten, als ihnen der Schwanz wuchs, dieser häßliche Eselsschwanz! – Sie wollten weinen und klagen über ihr maßloses Elend. – Hätten sie lieber geschwiegen! – Kein Klagelaut drang aus ihrer Kehle, und weinen konnten sie auch nicht mehr. Laut und schnarrend ertönte durch das Haus ein unbändiges: I-ah, I-ah, I-ah!

Bald klopfte es an die Türe und draußen brummte einer:

»Aufgemacht! Ich bin’s, der Kutscher des Wagens, auf dem ihr in dies Land gefahren seid. Gleich aufgemacht, oder paßt auf …!«

Der Richter von Dummersheim.

Neunzehntes Stück.

Der Richter von Dummersheim.

Bengele tat, wie der Fuchs angeordnet hatte. Er vertrieb sich die Zeit, bis das Bäumchen gewachsen war, in der Stadt. Die zwanzig Minuten wollten ihm gar nicht vorbeigehen. Sein Herz pochte laut: tick-tack, tick-tack, wie eine große Wanduhr; seine Gedanken alle drehten sich um das Gold.

»Wenn ich jetzt zweitausend Goldstücke finde! – oder fünftausend, vielleicht auch hunderttausend! – dann bin ich ein großer, reicher Herr – ich kaufe mir ein schönes Schloß – tausend Schaukelpferde zum Spielen – in meinem Keller halte ich mir die feinsten Weine – ich richte mir eine große Bibliothek ein; aber die Bücher müssen alle von Zucker sein oder von Torte, oder Schokolade, oder Schlagsahne.«

Endlich war die Zeit verstrichen. Bengele lief zurück zum Wunderfeld. Schon von weitem blieb er stehen, um sein Goldbäumchen zu erblicken; er sah nichts. – Er ging eine Strecke weiter und strengte die Augen an; es war noch nichts zu unterscheiden. Er trat ins Feld hinein, er stand vor dem Plätzchen, wo er das Gold gesät hatte; das Bäumchen war noch nicht gewachsen.

Der Hampelmann wurde sehr nachdenklich. Er neigte sich nieder und betrachtete lange Zeit die Erde, ob nicht endlich ein Blättchen hervorwachse.

Plötzlich hörte er über sich ein schallendes Gelächter. Bengele drehte sich um und sah auf einem Baume einen struppigen Papagei, der sich die paar Federn putzte, die er noch am Leibe hatte.

»Was lachst du da?« fragte ärgerlich der Goldsucher.

»Ich habe mich beim Kämmen eben ein bißchen unter den Flügeln gekitzelt und mußte lachen.«

Der Hampelmann sagte nichts darauf. Er ging an den Wassergraben, füllte seinen Schuh und begoß noch einmal die Erde über den vier Goldstücken.

Unverschämter wie das erste Mal erklang das Lachen des Papageis.

»Bitte, ungezogener Papagei, dürfte ich jetzt wissen, worüber du lachst?«

»Ich lache über die Dummen, die nicht alle werden, über jene Tölpel, die sich von jedem Gauner betrügen lassen.«

»Meinst du damit etwa mich?«

»Jawohl, armer Bengele! Du hattest so wenig Verstand, daß du glaubtest, man könne Goldstücke säen und ernten wie Erbsen und Bohnen. – Ich war auch einmal so einfältig, und jetzt muß ich es büßen. Zu spät habe ich es leider gelernt, daß man arbeiten muß mit Händen oder mit dem Kopfe, wenn man sich ein paar Pfennige ehrlich ersparen will.«

»Ich versteh‘ dein Geschwätze nicht«, sagte der Hampelmann; aber er hatte schon Angst für sein Geld bekommen.

»So paß mal auf; ich will dir alles erklären«, sprach der Papagei. »Die Sache ist höchst einfach: Als du in der Stadt warst, kamen der Fuchs und die Katze hierher, gruben dein Gold aus und liefen wie der Blitz davon.«

Bengele konnte nicht glauben, was der Papagei plauderte. Er scharrte mit den Händen die Erde wieder auf und suchte seine Goldstücke. So tief grub er das Loch, als er mit seinem Arme hineinreichen konnte. – Das Gold kam nicht mehr zum Vorschein.

Voll Zorn und Ärger lief der Hampelmann in die Stadt zurück und suchte den Staatsanwalt. Die zwei Strolche sollten es büßen, daß sie ihn so tückisch betrogen hatten.

Auf dem Marktplatze stand ein großes Gebäude; über dem Eingänge hing das Wappen von Dummersheim: ein schwerbeladener Esel, der von seinem Treiber geprügelt wird. Der Pförtner, ein schielender Fuchs, führte Bengele in ein großes Zimmer. Hier saß hinter einem grünbelegten Schreibtische der Herr Gorillius, ein alter Affe mit weißem Barte. Er hatte eine goldene Brille ohne Gläser weit vorn auf der Nase sitzen und sah dadurch sehr gelehrt und weise in die Welt. – Das war der Staatsanwalt von Dummersheim.

Bengele erzählte ihm, wie er vom Fuchse und von der Katze betrogen worden sei; er gab Vor- und Zunamen der Bösewichter an – ihr Geburtsdatum wußte er nicht – und verlangte Gerechtigkeit.

Der Staatsanwalt hörte ihn huldvoll an und nahm warmen Anteil an seinem Mißgeschick. – Als der Hampelmann nichts mehr zu sagen hatte, läutete Gorillius mit dem silbernen Glöcklein, das auf dem Tische stand.

Sofort erschienen zwei als Gendarmen gekleidete Bulldoggen.

Der Staatsanwalt deutete auf Bengele und sagte zu ihnen:

»Dem armen Kerlchen da haben sie vier Goldstücke geraubt; faßt ihn also und werft ihn sofort ins Gefängnis.«

Der Hampelmann war über dieses Urteil entrüstet. Er wollte sich dagegen verwahren, aber die beiden Gendarmen hatten keine Zeit zu verlieren, hielten ihm den Mund zu und führten ihn ab.

Vier lange Monate lag Bengele im Gefängnis; ein besonderes Ereignis brachte ihm endlich die Erlösung.

Der junge König Habicht XVII. von Dummersheim hatte einen glücklichen Krieg gegen das Land Hennanien geführt. Man feierte den Sieg mit großen Festlichkeiten: Straßenbeleuchtung, Feuerwerk, Pferderennen, Radfahrer-Wettrennen wurden veranstaltet. Alle Staatsgefangenen sollten die Freiheit erhalten.

»Wenn alles hinaus darf, dann will ich auch losgelassen werden«, sagte Bengele dem Gefangenwärter.

»Du bist nicht an der Reihe«, sagte dieser.

»Bitte sehr«, meinte Bengele, »bin ich denn ein Strolch gewesen?«

»Leute von deiner Sorte haben immer tausend Ausreden«, sagte der Wärter. – Schließlich aber machte er die Tür auf und ließ den Hampelmann laufen.

Die Riesenschlange

Zwanzigstes Stück.

Die Riesenschlange

Denkt euch Bengeles Freude, als er wieder frei war! Ohne sich umzusehen, ging er zur Stadt hinaus. Nach Hause trieb es ihn, fort von dem bösen Dummersheim. Er wollte seine gute Schwester Fee wieder sehen und seinen lieben Vater.

Es hatte viel geregnet. Der Weg war so durchweicht, daß das Hampelchen bis über die Knöchel in den Schlamm einsank. Was kümmerte sich Bengele darum! – Wenn der Weg zur Heimat führt, wird man nicht müde. – Das Holzmännlein sprang durch den Schmutz wie ein Windhund.

Noch einmal mußte er an all das denken, was er erlebt hatte, und sprach für sich selbst:

»Es ist mir viel Unglück passiert; aber verdient habe ich es auch. – Ich bin so ein eigensinniger, dickköpfiger Hampelmann; alles soll immer nur nach meiner Schnur gehen; nie höre ich auf die Leute, die es gut mit mir meinen, und wenn sie auch tausendmal klüger sind wie ich. – Aber jetzt wird es anders! Ich will mich bessern und ein artiger, folgsamer Knabe werden. Am eigenen Leibe habe ich es bitter genug erfahren müssen, daß die ungezogenen Kinder ins Unglück kommen und nie etwas Gutes erreichen.

Ob wohl mein Vater noch auf mich wartet? Wie wird es ihm ergangen sein? – Wahrscheinlich werde ich ihn bei der Fee wiederfinden. Ach wie lange habe ich den Armen nicht mehr gesehen! – Von jetzt an will ich gut gegen ihn sein und ihn von Herzen lieben.

Wird mir die Fee meine Unart verzeihen? – Wie aufmerksam war sie gegen mich und mit welcher Liebe hat sie mich gepflegt! Ja, ihre Sorge hat mir das Leben gerettet! – Und ich! ich bin der undankbarste Hampelmann auf der Welt und habe kein Herz gehabt.« –

Erschrocken macht Bengele plötzlich Halt und weicht unwillkürlich drei Schritte zurück. Was ist geschehen? – Eine Riesenschlange lag quer über die Straße. Grün glänzte ihre schuppige Haut; die Augen sprühten Feuer; der Schwanz endete in einer Spitze, die wie ein Fabrikschlot rauchte.

Wundert ihr euch, daß der Hampelmann Angst bekam? – Hundert Schritte ging er zurück und setzte sich auf einen Steinhaufen. Von dort hielt er Ausschau und wartete, ob die Schlange nicht weiter krieche und die Straße freigebe.

Nach drei Stunden lag das Untier immer noch an dem gleichen Flecke. Auch von weitem konnte Bengele die glühenden Augen sehen und die Rauchwolke, die aus dem Schwanze aufstieg.

Der Hampelmann wurde des Wartens überdrüssig. – Mutig näherte er sich bis auf wenige Schritte dem schrecklichen Wurme und redete ihn mit süßer, freundlicher Stimme an:

»Bitte schön, geehrte Frau Riesenschlange, wolltest du dich nicht auf der einen Seite ein bißchen zusammenziehen, daß ich vorbeigehen kann!«

Er hätte ebensogut an eine Wand hin reden können. Das Tier rührte sich nicht von der Stelle.

Ein zweites Mal versuchte es Bengele und bat noch inständiger:

»Höre doch nur, beste Frau Schlange, ich will nach Hause gehen; mein Vater wartet auf mich, und ich habe ihn schon so lange nicht mehr gesehen. – Bitte, bitte, sei doch gut und laß mich weiter gehen!«

Kein Erfolg! Ja die Schlange, die bisher lustig und voll Leben schien, ward mit einem Male ganz unbeweglich und starr. Sie schloß die Feueraugen, und der Schwanz rauchte nicht mehr.

»Die ist jetzt richtig tot«, sagte Bengele und rieb sich vergnügt die Hände. – Ohne lange zu warten, machte er sich daran, über sie hinwegzuspringen. Aber kaum hatte er sich gerührt, so schnellte die Schlange auf wie ein Hupfteufel. Zum Tod erschrocken, machte das Hampelchen einen Sprung rückwärts, stolperte aber und schlug einen solchen Purzelbaum, daß er mit dem Kopfe in dem aufgeweichten Boden stecken blieb und die Beine in die Luft streckte. Er wollte sich aus seiner hilflosen Lage befreien, und wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt, fing er rasend an zu zappeln und zu strampeln. So etwas Lustiges hatte die Schlange noch nie gesehen. Sie fing an laut zu lachen, schüttelte sich und konnte nicht mehr aufhören. – Es war des Guten zu viel. Von dem übermäßigen Lachen platzte ihr eine Ader im Leibe, und diesmal sank sie wirklich tot auf den Weg.

Die Marderfalle – Bengele wird Hofhund

Einundzwanzigstes Stück.

Die Marderfalle – Bengele wird Hofhund

Der Hampelmann wollte noch vor Nacht zu Hause sein. Er sprang über die tote Riesenschlange weg und ging seines Weges weiter.

Nach einiger Zeit befiel ihn der Hunger so entsetzlich, daß er zu sterben glaubte. Mühsam schleppte er sich noch in einen Weinberg neben der Straße, um ein paar Traubenbeerchen zu pflücken.

Hätte er es doch nicht getan!

Das unglückliche Hampelchen war noch keine fünf Schritte von der Straße weg, da machte es: krack! – und seine Füße waren zwischen zwei Eisen eingeklemmt. Diese schlugen so fest zusammen, daß der Arme ohnmächtig niedersank.

Seit einiger Zeit trieben in dieser Gegend ein paar freche Marder ihr Unwesen. Sie drangen in die Hühnerställe ein, stahlen die Eier und mordeten das Federvieh. Darum legten die Bauern allenthalben Marderfallen. Unser Unglücksbengele war just in eine solche hineingetreten und konnte sich nicht mehr von der Stelle rühren.

Als er wieder zu sich kam, weinte er laut und rief um Hilfe.

Es war alles vergeblich; in der Nähe wohnte niemand und kein Mensch ging den einsamen Feldweg.

Unterdessen wurde es Nacht.

Die Eisen preßten Bengele die Beine zusammen, und er litt große Schmerzen. Überdies bekam er Angst, als er so ganz allein in der Nacht auf dem Felde war. – Da flog ein Leuchtkäferchen über seinen Kopf; er rief ihm und sagte:

»Leuchtkäferchen, tu mir doch den Gefallen und befreie mich aus dieser Qual!«

»Armes Kerlchen!« sagte dieses und schaute sich den Hampelmann mitleidig an; »wie bist du nur mit den Beinen zwischen diese beiden Eisen geraten?«

»Ich bin von der Straße gegangen, weil ich mir zwei Traubenbeerchen abzupfen wollte und …«

»Ist das dein Weinberg?«

»Nein!«

»Wer hat dir denn gesagt, daß man den andern ihre Sachen nehmen darf?«

»Ich hatte doch so sehr Hunger!«

»Die bösen Kinder finden immer einen Grund, den andern Leuten ihre Sachen wegzunehmen!«

»Du hast recht«, seufzte Bengele; »aber ich werde es auch nie mehr tun.«

Das Zwiegespräch ward jäh abgebrochen; denn von der Straße hörte man Schritte, und das Leuchtkäferchen flog davon. – Auf den Zehenspitzen kam der Bauer angeschlichen, um nachzusehen, ob ein Marder in die Falle gegangen sei.

Sein Erstaunen war unbeschreiblich, als er die Laterne unter seinem Mantel hervorzog und statt eines Marders einen Hampelmann in der Falle fand.

»So, du Tropf«, sagte der Bauer wütend, »du stiehlst mir meine Hühner!?«

»Aber nein, ich nicht!« schluchzte Bengele, »ich bin hierher gekommen, weil ich mir ein paar Traubenbeerchen abzupfen wollte.«

»Wer Trauben stiehlt, kann auch Hühner stehlen. Du wirst schon sehen, was ich jetzt mit dir anfange! – Den Denkzettel vergissest du so schnell nicht wieder!«

Der Bauer machte die Falle auf, faßte den Hampelmann am Genick, wie man eine Katze packt, und trug ihn nach Hause.

Vor dem Hoftore warf er den Gefangenen auf den Boden, stand mit einem Fuße auf seinen Hals und sagte:

»Heute ist es mir zu spät; ich will jetzt zu Bett gehen. – Morgen werden wir abrechnen. Einstweilen machst du mir den Hofhund! Ich habe heute früh meinen treuen Phylax tot in seiner Hütte gefunden. Von jetzt an übernimmst du sein Wächteramt.«

Der Bauer hob das Hundeband auf und legte es Bengele so eng um den Hals, daß er es nicht über den Kopf streifen konnte. Der Lederriemen hing an einer langen Kette, und diese war mit dem andern Ende in die Mauer geschmiedet.

»Wenn es regnet, kannst du in die Hundehütte kriechen. Phylax hat das auch so gemacht. Stroh liegt genug drinnen. Wenn Diebe kommen, so mußt du die Ohren spitzen und laut bellen! – Verstanden?«

Mit diesen Worten ging der Bauer in sein Haus.

Bengele verging fast vor Kälte; es quälten ihn Hunger und Angst. Er wollte das Halsband abstreifen; aber es saß fest und schnürte ihm die Kehle zusammen.

Der Hampelmann ergab sich in sein Schicksal. Er setzte sich auf einen Stein vor der Hundehütte und schaute in die stille Nacht hinein. Hell glänzte der Mond, freundlich blinkten die Sternlein vom Himmel hernieder. Bengele wurde traurig. Er dachte wieder über sein Leben nach und sagte:

»Es geschieht mir recht, ganz recht! Ich war eigensinnig und bin von zu Hause weggelaufen. Ich habe auf schlechte Kameraden gehört, und darum kommt all das Unglück über mich. Wäre ich ein ordentlicher Knabe gewesen, hätte ich gelernt und gearbeitet, wäre ich beim Vater daheim geblieben, dann müßte ich jetzt nicht einem Bauern den Hofhund machen. Wenn ich nur noch einmal auf die Welt kommen könnte! – Aber jetzt ist mit dem besten Willen nichts mehr zu ändern!«

Weinend stillte Bengele seinen quälenden Hunger mit der kalten Hundesuppe, die Phylax übriggelassen hatte. Dann kroch er müde in die Hütte und schlief ein.

Belohnte Treue

Zweiundzwanzigstes Stück.

Belohnte Treue

Gegen Mitternacht wurde Bengele aus dem Schlafe geweckt. Er hörte ein Gezischel in der Nähe seiner Hundehütte und streckte vorsichtig die Nase hinaus. Da standen vier Tiere beisammen und schwatzten miteinander. Sie sahen aus wie schwarze Katzen; aber es waren die Marder. – Die blutgierigen Räuber hatten es wieder auf frische Eier und junge Hühner abgesehen und besprachen eben ihren Kriegsplan.

Da kam einer von ihnen zur Hundehütte geschlichen und lispelte:

»Phylax! – Phylax, guten Abend!«

»Ich heiße nicht Phylax«, sagte Bengele.

»Ja, wer bist du denn?«

»Ich bin Bengele!«

»Was machst du da?«

»Den Hofhund!«

»Und Phylax? Wo ist der gute Alte hingekommen?«

»Er ist heute früh gestorben!«

»Gestorben! – Armer Kerl. Er war so treu und gut! – Doch dir seh‘ ich es schon am Gesicht an; auch du bist ein anständiger Hund!«

»Bedaure sehr, ich bin kein Hund.«

»Was dann?«

»Ein Hampelmann.«

»Und machst den Hofhund?«

»Allerdings, zur Strafe!«

»Gut! – Ich mache dir das gleiche Anerbieten wie dem verstorbenen Phylax und denke, daß du einverstanden bist!« –

»Das wäre?«

»Wir kommen jede Woche einmal wie bisher und untersuchen diesen Hühnerstall. Acht Hühner nehmen wir jeweils mit. Sieben davon gehören uns, eines schenken wir dir unter der Bedingung, daß du dir nie einfallen läßt zu bellen und den Bauern zu wecken.«

»Das hat Phylax wirklich so gemacht?«

»Jawohl, und wir sind dabei stets gut miteinander ausgekommen. – Schlafe also ruhig. Bevor wir gehen, lassen wir dir vor der Hütte ein Huhn liegen, fein gerupft zum Frühstück für morgen. – Einverstanden, nicht wahr!« –

»Und wie!«… sagte Bengele. Aber er wackelte mit dem Kopfe in drohender Art und sagte für sich selbst: »Wir werden gleich deutlicher miteinander reden.«

Die vier Marder waren ihrer Sache sicher und gingen sofort zum Hühnerstall. Dieser lag ganz nahe bei der Hundehütte. Die Diebe öffneten die Türe mit ihren scharfen Zähnen und huschten einer nach dem andern hinein. – Kaum waren sie drinnen, so ward die Türe mit Wucht zugeschlagen.

Bengele hatte die Marder in den Hühnerstall gesperrt, und damit sie ja nicht auskamen, wälzte er vor das Holztürchen einen großen Stein.

Jetzt ging’s ans Bellen; er konnte es wahrhaftig wie ein Hofhund; laut dröhnte sein zorniges: bu, bu, bu – wau, wau, wau!

Gleich sprang der Bauer aus dem Bette, nahm sein Gewehr und guckte zum Fenster hinaus:

»Was ist los?«

»Diebe, Diebe!«

»Wo?«

»Im Hühnerstall.«

»Ich komme gleich hinunter.«

Schon war der Bauer da, ging in den Hühnerstall, packte alle vier Marder und steckte sie in einen Sack. Dann hielt er ihnen folgende Rede:

»So, hab‘ ich euch endlich erwischt! – Ich könnte nun kurzen Prozeß machen; aber ich will euch nicht gar zu grob behandeln. Morgen früh trage ich euch hinüber ins Wirtshaus. Der Wirt zieht euch dann das Fell ab und kocht euch, als Hasenpfeffer. Diese Ehre ist schier zu groß für Hühnerdiebe; aber seine Leute wie ich gönnen auch den Strolchen noch ein bißchen gute Behandlung.«

Darauf ging der Bauer hin zu Bengele, lobte ihn über alle Maßen, streichelte ihn und sprach:

»Aber sage mir nur, wie bist du der Diebesbande auf die Spur gekommen? – Mein armer Phylax hat sie nie erwischt und nie etwas gemerkt.«

Bengele hätte alles erzählen können; er hätte dem Bauern sagen können, wie niederträchtig Phylax unter einer Decke mit den Mardern steckte. Aber er dachte: Der Hund ist tot, und den Toten soll man nie Übles nachreden; es ist am besten, man läßt sie im Frieden ruhen. – Der Bauer drang weiter in Bengele ein: »Hast du gewacht oder geschlafen, als die Marder kamen?« »Geschlafen«, erwiderte Bengele; »aber die Marder haben mich mit ihrem Geschwätze geweckt. Einer kam auch zu mir an die Hütte und sagte: ›Wenn du nicht bellst und den Hausherrn nicht weckst, schenken wir dir ein feingerupftes Huhn‹ – So eine Frechheit! Mir ein solches Anerbieten machen! – Ich bin freilich ein Hampelmann und habe alle möglichen Untugenden; aber das tue ich nie, daß ich den Lumpen den Helfershelfer und dem Stehler den Hehler mache.«

»So ist’s recht!« sagte der Bauer und klopfte ihm auf die Schultern, »alle Achtung vor dir! Weil du ein so guter Hampelmann bist, so laß ich dich jetzt laufen, daß du nach Hause kannst.«

Er nahm ihm das Halsband ab. – Bengele war wieder frei.

Vom weißen Marmorstein ans brausende Meer

Dreiundzwanzigstes Stück.

Vom weißen Marmorstein ans brausende Meer

Querein durch die Felder lief der Hampelmann davon. Er suchte möglichst rasch die Hauptstraße zu erreichen, die zum Hause der Fee führte. Schon von weitem erkannte sein scharfes Auge das Wäldchen, er sah über die andern Bäume die Große Eiche emporragen, an der er einst Todesangst ausgestanden; aber wie er auch schaute und spähte, das weiße Häuschen war nirgends zu erblicken.

Eine traurige Ahnung beschlich ihn. Er fing einen schnelleren Schritt an und kam auf die grüne Wiese. Das Haus der Fee war nicht mehr da. Mitten im blumigen Grase aber lag ein weißer Marmorstein, der mit Goldbuchstaben beschrieben war. – Bengele konnte noch nicht lesen; aber schon beim Anblick des Steines kamen ihm die Tränen in die Augen.

Da kroch aus dem Grase neben dem Steine ein schwarzer Brummkäfer hervor und fing an unter den Buchstaben herzulaufen, so wie die Kinder den Zeilen mit dem Finger nachfahren, wenn sie noch nicht gut lesen können. Dabei brummte der Käfer wie die Orgel eine Trauermelodie und sang wehmütig und eintönig:

Hier ruht im süßen Schlummer
Das Mägdlein mit dem goldenen Haar.
Ihm brach das Herz vor Kummer,
Weil Bengele so treulos war.

Der Hampelmann zitterte; seine Beine wankten; er fiel nieder auf den kalten Marmorstein, küßte ihn hundertmal und weinte, – weinte den ganzen Tag und die ganze Nacht. Am andern Morgen waren seine Augen tränenleer; aber seine Seufzer klangen noch viel erbarmungswürdiger.

»O, du liebe Fee«, schluchzte er, »warum bist du gestorben? – Warum bin nicht lieber ich gestorben? – Ich bin so böse, und du warst so gut! – Wo wird mein Vater sein? Sag mir doch, liebe Fee, wo kann ich ihn finden? – Ich will immer bei ihm bleiben, nie mehr davonlaufen, nie, nie, nie! – Gute Fee, bist du wirklich tot? – Wenn du mir noch gut bist, dann komm doch und lebe wieder! Ich bin ja dein Brüderlein Bengele. – Kannst du mich allein lassen, so ganz allein in der Welt? – Die Räuber werden wieder kommen und mich wieder aufhängen. Dann muß ich für immer sterben! – Was tue ich allein auf der Welt? – Dich und den Vater habe ich verloren; wer wird mir zu essen geben? – Wo kann ich schlafen? Wer macht mir meine Kleider? – Lieber Gott, laß mich auch sterben, es ist viel besser! Ich will auch sterben, ja, … ja … ja …«

Siehe, da kam ein riesengroßer Täuber geflogen. Mit weitgespannten Flügeln blieb er über Bengele in der Luft schweben und rief ihm zu:

»Sag mal, Kleiner, was machst du da?«

»Du siehst es doch, ich weine!« sagte Bengele, schaute auf und wischte sich mit dem Ärmel die Augen aus.

»Sag mir«, fuhr der Täuber fort, »kennst du nicht einen Hampelmann, der Bengele heißt?«

»Bengele? – hab‘ ich wirklich recht verstanden: Bengele?« rief der Hampelmann und sprang in die Höhe. – »Ich bin ja selbst der Bengele.« Rasch flog der Täuber zur Erde nieder und stand vor dem Hampelmann. Er war größer wie ein Truthahn.

»Du kennst doch auch Seppel?« fragte er weiter.

»Freilich! Das ist ja mein armer Vater. Hat er dir vielleicht etwas von mir gesagt? – Führe mich doch zu ihm! – Lebt er noch? – Sag mir, ums Himmels willen, lebt er noch?«

»Ich bin vor drei Tagen von ihm weggeflogen; er war am Meeresstrand.«

»Was machte er dort?«

»Einen kleinen Kahn, um über das Meer zu fahren. Über vier Monate schon zieht der arme Mann durch die Welt und sucht dich. Er hat dich nirgends finden können; jetzt will er übers Meer fahren und nach dir in fremden Ländern forschen; er meint, du seiest nach Amerika gegangen.«

»Ist es weit von hier ans Meer?« fragte Bengele.

»Über tausend Kilometer!«

»Über tausend Kilometer! – Lieber Täuber, wenn ich nur auch fliegen könnte!«

»Wenn du willst, trage ich dich ans Meer.«

»Was?«

»Du könntest dich auf meinen Rücken setzen; bist du schwer?«

»Ich schwer? Federleicht bin ich!«

Unverzüglich sprang Bengele dem Täuber auf den Rücken, setzte sich fest wie in einem Sattel, ein Bein links und ein Bein rechts, und rief laut:

»Nun mal los! Galopp, mein Pferdchen! Wir haben Eile und wollen bald am Ziele sein.«

Der Täuber flog auf und war in ein paar Minuten so hoch gestiegen, daß er fast an die Wolken stieß. Der Hampelmann wollte sehen, wie es unten auf der Erde aussah; aber er bekam solchen Schwindel und so große Angst, daß er beide Hände fester um den Federhals seines Luftpferdchens legte und sich ganz eng anschmiegte, um nicht herabzufallen.

Den ganzen Tag flogen sie schon. Gegen Abend sagte der Täuber: »Ich habe arg Durst.«

»Und ich arg Hunger«, meinte Bengele.

»Bei dem Taubenschlag dort wollen wir ein bißchen rasten; dann fliegen wir weiter, damit wir morgen früh ans Meer kommen.«

Sie flogen in den Taubenschlag. Drinnen fand sich nur eine Schüssel Wasser und ein Körbchen mit Linsen.

Der Hampelmann hatte nie in seinem Leben die Linsen leiden können. Wenn er ein Linsengericht nur roch, so war es ihm schon zuwider und machte ihm Brechreiz. An diesem Abend aber schmeckten ihm die rohen Linsen wie Pfeffernüsse, und als er mit dem ganzen Korbe so ziemlich fertig war, sagte er:

»Ich hätte nie geglaubt, daß Linsen so gut wären.«

»Mein lieber Freund«, sagte der Täuber, »Hunger ist der beste Koch.«

Sie ruhten sich rasch ein wenig aus, dann ging der Flug weiter. Am andern Morgen kamen sie ans Meer. Der Täuber setzte Bengele auf die feste Erde. Für seine Dienste wollte er keinen Dank und flog alsbald davon.

Am Strande drängte sich eine Menge Leute; sie schrieen, fuchtelten mit den Händen und schauten beständig aufs Meer hinaus.

»Was ist passiert?« fragte Bengele eine alte Frau.

»Ein armer Vater hat seinen Sohn verloren und ist mit einem Kahn aufs Meer hinausgefahren, ihn zu suchen. Aber das Meer ist heute sehr unruhig und das Schifflein wird untergehen.«

»Wo ist das Schifflein?«

»Dort außen, sieh, wo mein Finger hindeutet.«

Weit draußen konnte man eben noch eine Barke sehen. Sie schien nicht größer wie eine Nußschale, und klein wie ein Mücklein erkannte man darin einen Menschen.

Bengele strengte seine Augen an. Er sah den Kahn in weiter Ferne und stieß einen Schrei aus:

»Er ist’s, er ist’s, – mein armer Vater!«

Der Kahn wurde von den wütenden Wellen hin und her geworfen; bald verschwand er hinter den haushohen Wogen, bald schaukelte er über sie hin. Bengele stand auf der Spitze eines hohen Felsenriffs, winkte mit den Händen und mit dem Hute und rief immerfort: »Vater! Vater!«

Es schien, als habe Seppel trotz der großen Entfernung den Knaben erkannt; denn er winkte auch mit seiner Mütze.

Auf einmal wälzte sich eine entsetzlich große Welle daher und der Kahn verschwand. Die Leute warteten, ob er wieder über Wasser komme, aber er war nicht mehr zu sehen.

»Der arme Mann!« sagten die alten, erfahrenen Fischer am Strande, murmelten ein Gebet und gingen nach Hause.

Da hörte man einen verzweifelten Schrei. Die Leute drehten sich um und konnten eben noch sehen, wie sich der Hampelmann von seinem Felsen ins Meer stürzte. Laut rief er dabei:

»Ich will meinen Vater retten.«

Bengele war ganz von Holz, blieb von selbst über Wasser und konnte schwimmen wie ein Fisch. Manchmal verschwand er wohl unter den Wellen, aber bald kam er wieder obenauf; er ruderte aus Leibeskräften und war bald so weit vom Lande weg, daß man ihn nicht mehr sehen konnte.

»Das arme Kerlchen«, sagten die alten Fischer am Strande, murmelten nochmals ein Gebet und gingen nach Hause.

Fleißigenstadt

Vierundzwanzigstes Stück.

Fleißigenstadt

Weit draußen in der wilden See schwamm der mutige Hampelmann, als die Nacht hereinbrach. Haushoch peitschte der Sturm die donnernden Wogen. Ein furchtbares Gewitter tobte am Himmel. In einem Augenblicke glänzten die schäumenden Wellenberge taghell erleuchtet, im nächsten schon hüllten sich Wasser und Luft in undurchdringliche Dunkelheit.

Die Hoffnung, den Vater zu retten, gab Bengele ungewöhnliche Kraft. Die ganze Nacht kämpfte er mit den rasenden Wellen. In der Morgendämmerung zeigte sich ein Streifen Land; es war eine Insel. Das Hampelchen strengte alle Kräfte an, um ans Ufer zu kommen; immer wieder schlugen ihn die Wogen zurück und spielten mit dem Holzmännlein wie mit einem Strohhalm. Endlich wälzte sich eine Sturzwelle vom Meere her und warf den kleinen Schwimmer wuchtig in den Sand des Ufers.

Alle Rippen krachten dem Hampelmann; aber er war froh, wieder auf festem Boden zu sein, und meinte:

»Ich bin noch einmal gut davongekommen.«

Unterdessen war der Himmel wieder heiter geworden; die Sonne ging auf in ihrem vollen Glanze, und das Meer wurde ruhig und glatt wie ein Spiegel.

Unser Hampelmann legte seine Kleider zum Trocknen in die Sonne und schaute sich nach allen Seiten um, ob er nicht den Kahn mit seinem Vater erspähen könnte. Es war nichts zu sehen als Himmel und Meer, Meer und Himmel. Weit draußen fuhr ein Segelschiff vorbei; es schien so klein wie ein Fischerkahn.

Bengele ging am Strand entlang und dachte: »Wenn ich nur wüßte, wie dieses Land heißt und ob hier ordentliche Menschen wohnen, nicht etwa Räuber, die mich wieder an einen Baum hängen. Könnt‘ ich nur jemand fragen!«

Er wurde traurig, weil er glaubte, ganz allein wie Robinson auf unbewohntem Lande zu sein, und fing an zu weinen. Da sah er nah am Ufer einen großen Fisch vorbeischwimmen; er zog ruhig seines Weges und streckte den Kopf halb

aus dem Wasser. Bengele wußte nicht, wie er heiße, und rief:

»Heh! Herr Fisch, gestatte eine Frage!«

»Auch zwei, wenn’s beliebt«, erwiderte der Fisch.

Es war ein Delphin mit feinem Anstand; solcher gibt es nur wenige im Meere.

»Bitte, wolltest du mir sagen, ob man auf dieser Insel etwas zu essen haben kann, ohne daß man Angst haben muß, selbst gefressen zu werden?«

»Sei ohne Furcht! Es wohnen gute Leute hier«, sagte der Delphin. »Der Weg zum Städtchen ist allerdings ein bißchen weit.«

»Welchen Weg muß ich einschlagen?«

»Nimm den Fußweg links und gehe stets geradeaus! Du kannst gar nicht verirren.«

»Bitte, noch eine Frage! Du wanderst ständig durch die Straßen des Meeres; hast du vielleicht einen Kahn gesehen und meinen Vater drin?«

»Wer ist dein Vater?«

»Er ist der beste von allen Vätern, und ich bin der ungezogenste Sohn.«

»Bei dem Sturm in dieser Nacht«, sagte der Delphin, »wird der Kahn untergegangen sein.«

»Und mein Vater?«

»Vielleicht hat ihn der große Hai verschlungen, der seit einiger Zeit Tod und Verderben in unsere Fluten bringt.«

»Wie groß ist dieser Hai?« fragte Bengele und zitterte schon.

»Unheimlich groß!« antwortete der Delphin. »Du kannst dir eine Vorstellung von ihm machen, wenn ich dir sage, daß er größer ist als ein fünfstöckiges Haus. Sein Maul ist so weit, daß ein Eisenbahnzug mitsamt der dampfenden Maschine bequem hineinfahren könnte.«

»Du lieber Himmel!« entsetzte sich der Hampelmann; doch stellte er sich gleich wieder ruhig und sprach:

»Adieu, Herr Fisch! – Bitte sehr um Entschuldigung, wenn ich gestört habe. – Vielen Dank für deine Freundlichkeit.«

Gleich darauf schlug Bengele den Fußweg ein. Bei jedem Geräusch drehte er sich um und hatte Angst, daß der fünfstöckige Hai mit dem Eisenbahnzuge im Maule nach ihm schnappe.

Nach einer Stunde Weges kam der Kleine zu wohlbestellten Feldern. Der Kirchturm und die Dächer eines Städtchens, das von Wiesen umrahmt hinter Obstbäumen versteckt lag, schauten von ferne herüber. – Bengele traf einen Mann, der auf dem Felde neben der Straße arbeitete.

»Bitte schön«, fragte er, »wie heißt das Städtchen dort?«

»Das ist Fleißigenstadt«, sagte der Bauersmann; »geh nur hinein, hier kannst du Arbeit finden.«

Bengele rümpfte die Nase und ging weiter. Bald begegnete er mehr Leuten. Emsig wie Ameisen liefen alle ihren Geschäften nach; alle hatten etwas zu tun; Faulenzer gab es da keine. Der leichtsinnige Hampelmann blieb stehen und sah sich das Getriebe an. Es gefiel ihm nicht und er dachte:

»Das ist keine Gegend für mich, so viel ist mir von vornherein schon klar. Zum Arbeiten bin ich nicht geboren.«

Aber der Hunger quälte ihn sehr; seit vierundzwanzig Stunden hatte er nichts mehr gegessen; nicht einmal eine Linse hatte er sich im Taubenschlage eingesteckt. – Was tun? – Er mußte entweder Arbeit suchen oder betteln.

Zum Betteln schämte er sich, denn sein Vater hatte ihm stets gesagt: »Wer arbeiten kann, soll sich sein Brot verdienen; wer aus Faulheit Hunger leidet, verdient kein Mitleid.«

Indes kam keuchend und schwitzend ein Mann die Straße daher, der zwei Gemüsekarren zog.

Bengele schaute ihn an und glaubte, daß es ein guter Mensch sei. Er ging auf ihn zu, senkte verschämt den Blick und sagte zaghaft:

»Gebt mir doch, bitte, drei Pfennig, daß ich mir einen Weck kaufen kann; ich muß sonst verhungern.«

»Bloß drei Pfennig!« entgegnete der Mann, »zwanzig will ich dir geben, wenn du mir die zwei Karren nach Hause schieben hilfst.«

Halb beleidigt sagte der Hampelmann: »Ich bin sehr erstaunt über Euer Angebot; aber ich habe noch nie im Leben den Zugochsen gemacht und Karren gezogen.«

»Glückliches Herrchen«, sprach der Gemüsemann, »wenn du trotzdem nicht Hungers sterben willst, so schneide dir zum Frühstück zwei gute Schnitten von deinem Hochmut herunter! Aber Paß auf, daß du kein Magendrücken bekommst.«

Bald darauf kam ein Maurer des Weges, der auf der Achsel einen Kübel Mörtel trug.

»Seid so gut, lieber Mann, und gebt einem armen hungernden Knaben doch drei Pfennig zu einem Stückchen Brot!«

»Mit Vergnügen!« sagte der Maurer; »komm nur mit mir und trage mir einige Zeit Mörtel, dann gebe ich dir fünfzig Pfennig.«

»Ja, aber der Mörtel ist schwer!« entgegnete der Hampelmann, »und ich will mich nicht schmutzig machen.«

»Dann, mein Lieber, gähne dich ruhig zu Tode! Adieu!«

Mindestens zwanzig andere Leute gingen im Verlaufe einer halben Stunde an Bengele vorbei; alle sprach er um eine Gabe an, aber alle sagten:

»Schäme dich doch, so faul auf der Straße herumzulungern; arbeite und verdiene dein Brot!«

Am Stadttor kam eine junge Frau, die in jeder Hand einen Krug Wasser trug.

»Bitte, gute Frau«, redete Bengele sie an, »erlaubt mir doch, einen Schluck Wasser zu trinken!« Er hatte einen brennenden Durst.

Die Frau sagte:

»Trinke nur, mein Kind!« und stellte die Gefäße auf den Boden.

Bengele trank aus dem Krug in vollen Zügen. Als er seinen Durst gefüllt hatte, wischte er sich den Mund ab und sagte:

»Der Durst wäre nun weg! – Aber der Hunger!«

Die gute Frau hörte es und sagte:

»Wenn du mir einen von den zwei Krügen nach Hause trägst, gebe ich dir ein großes Stück Brot.«

Bengele schaute sich daraufhin die Krüge von allen Seiten an und sagte nichts.

»Ich gebe dir auch einen Teller Suppe dazu«, versprach die gute Frau.

Bengele betrachtete immer noch unentschlossen das Gefäß.

»Nach der Suppe bekommst du ein großes Stück Apfelkuchen.«

Das war Bengeles Leibspeise. Rasch sagte er: »Bitte, ich trage den Krug.«

Wie war das Wasser so schwer! Mit beiden Händen faßte Bengele den Henkel; dann hob er den Krug auf den Kopf und schritt mutig voran.

Zu Hause setzte die Frau den Hampelmann hinter ein schön gedecktes Tischchen und gab ihm das Brot, die Suppe und den Apfelkuchen.

Bengele verschlang alles mit großer Gier. Als der Hunger gestillt war, schaute er zu der guten Frau auf, die vor dem Tischchen stand, und wollte ihr danken. Er sah ihr ins Gesicht, machte große Augen, sperrte den Mund weit auf und alles, was er sagen konnte, war ein langes, gurgelndes Oooh!

»Warum tust du so verwundert?« fragte lächelnd die Frau.

Bengele stotterte:

»Weil … weil … weil … Ihr … Ihr… Ihr gerade ausseht … ja, ja … so spricht sie … ja, ja … solches Haar … goldenes Haar wie … wie Ihr. – O liebe Fee, sage, bist du es wirklich. Sage es mir, dann will ich nicht mehr weinen; weißt du, ich habe so viel um dich geweint, so arg viel!«

Laut schluchzend warf sich das Hampelchen der guten Fee zu Füßen, umfaßte ihre Knie und bat, daß sie ihm verzeihe, daß sie ihm doch wieder gut sein möge und ihm helfe.

Bengele will sich bessern

Fünfundzwanzigstes Stück.

Bengele will sich bessern

Die gute Frau tat zuerst so, als wisse sie nichts von einer kleinen Fee mit goldenem Haare. – Dann aber gab sie sich zu erkennen, lachte und fragte Bengele:

»Du Sapperlottskerlchen, wie hast du mich erkennen können?«

»Ich habe dich doch so gern und darum vergesse ich dich nie.«

»Aber ich war doch ein kleines Mädchen, als du davonliefst; jetzt bin ich eine große Frau und könnte deine Mutter sein.«

»Das gefällt mir am meisten. – Früher wolltest du mein Schwesterlein sein; jetzt sage ich zu dir: liebe Mutter! – So lange schon wünschte ich mir ein Mütterlein! Alle Kinder haben eine gute Mutter; und ich allein hatte keine … Aber sage mir, wie bist du so rasch groß geworden?«

»Das ist mein Geheimnis.«

»Mach mich doch auch groß«, bat Bengele; »sieh nur, ich wachse gar nicht und bleibe stets drei Käse hoch.«

»Du kannst nicht größer werden.«

»Weshalb nicht?«

»Hampelmännchen wachsen nie; sie kommen als Hampelmänner auf die Welt, leben und sterben als Hampelmänner.«

»Aber jetzt bin ich lang genug ein Hampelmann gewesen«, klagte Bengele und fuchtelte mit seinen Händen; »ich möchte endlich ein Mensch werden.«

»Das kann geschehen, aber du mußt es verdienen.«

»Wie kann ich es anfangen?«

»Du mußt dich darin üben, ein braver Knabe zu werden.«

»Bin ich das vielleicht nicht?«

»Noch lange nicht, mein Lieber«, sprach die Fee, »höre nur einige Beispiele! – Gute Kinder sind stets folgsam und …«

»Ich folge nie!« –

»Gute Kinder haben Freude an der Arbeit, und …«

»Ich will immer faulenzen und spielen.« –

»Gute Kinder sagen stets die Wahrheit, und …«

»Ich lüge sehr oft.« –

»Gute Kinder gehen gern in die Schule, und …«

»Ich lief ins Kasperletheater. – Aber von heute an wird alles anders!«

»Ist es dir Ernst?«

»Heiliger Ernst! – Ich will ein guter Knabe werden, und meinem Vater Freude machen. – Ja, halt! – Wo ist denn mein armer Vater?«

»Ich weiß es nicht.«

»Werde ich ihn je wiedersehen?«

»Ich glaube, ja! – Wenn du brav bist, ganz sicher.«

Dankbar ergriff Bengele die Hand der guten Fee und bedeckte sie mit Küssen. Lange schaute er dann seinem lieben Mütterlein in die milden Augen und fragte:

»Sag mir nur noch das eine: bist du wirklich tot gewesen?«

»Es scheint nicht«, antwortete lächelnd die Fee.

Mit Tränen in den Augen fuhr Bengele weiter und sprach:

»Wenn du es wüßtest, wie weh es mir tat, wie mein Herz klopfte und wie ich weinte! – Ach, jener Marmorstein und das Lied des Käfers: ›Hier ruht im süßen Schlummer …‹«

Die gute Fee zog das Hampelchen an sich und tröstete es: »Ich weiß alles, mein liebes Kind. Ich habe deinen Schmerz gesehen und dein gutes Herz erkannt. – Du warst undankbar und unartig gegen mich; am Marmorsteine hast du deine Fehler bereut. Du liebtest mich, und darum habe ich dir alles verziehen. – Ich bin dir nachgegangen, ich habe dich hier gesucht, und jetzt will ich dir eine gute Mutter sein.«

»Du bist zu gut gegen mich«, sagte Bengele; »ich verdiene es nicht, daß du mich so herzlich liebst.«

»So sei mir dankbar«, erwiderte die Fee; »ich verlange von dir nur das eine, daß du mir gehorchest und stets befolgest, was ich dir sage.«

»Von Herzen gern!«

»Morgen«, sagte die Fee, »wirst du das erste Mal zur Schule gehen!«

Bengeles Freude ließ schon ein bißchen nach.

»Später kannst du nach eigener Wahl ein Handwerk lernen!«

Bengele ward nachdenklich und murmelte etwas in sich hinein.

»Was gibt’s darüber zu brummen?« – fragte die Fee in ernstem Tone.

»Ich habe gesagt –, daß – daß«, stotterte Bengele, »daß ich jetzt doch zu alt bin für die Schule.«

»Nein, mein Sohn, zum Lernen ist man nie zu alt!«

»Aber ich will auch kein Handwerk lernen!«

»Warum?«

»Weil man beim Arbeiten müde wird!«

»Liebes Kind«, mahnte die weise Fee, »wer so denkt, der endigt gewöhnlich im Krankenhaus oder im Zuchthaus. Müßiggang ist aller Laster Anfang. Der Mensch muß arbeiten auf dieser Welt, ob er arm sei oder reich. Das Faulenzen ist eine Schande. Es ist eine schlimme Krankheit; wenn man sie in der Jugend nicht heilt, so geht man mit ihr durchs ganze Leben.«

Bengele glaubte den Worten seiner guten Mutter und sagte:

»Ja, ich will lernen; ich will arbeiten; ich will alles tun, was du von mir verlangst. Und überhaupt – dieses Hampelleben gebe ich auf; ich will unbedingt ein Knabe werden. Du hilfst mir, Mütterlein, gelt? – Du hast es mir versprochen!«

»Jawohl, mein Kind; von dir allein hängt es nun ab, daß ich mein Versprechen erfülle.«

Das Mägdlein mit dem goldenen Haar.

Sechzehntes Stück.

Das Mägdlein mit dem goldenen Haar.

In diesem Augenblicke, als Bengele zu sterben glaubte, trat das Mägdlein mit dem goldenen Haar wieder ans Fenster. Es hatte Mitleid bekommen mit dem armen Hampelchen, das vom Winde gefaßt hin und her schaukelte.

Zierlich klatschte das holde Kind dreimal in die Hände und schlug dreimal leicht mit dem Fuß auf den Boden.

Auf dies Zeichen entstand sogleich ein Flügelrauschen; ein großer Falke kam und setzte sich auf den Fenstersims.

»Was befiehlt mir meine schöne Fee?« – fragte der Falke und setzte den Schnabel zwischen die Füße als Zeichen der Ehrfurcht.

Das Mägdlein mit dem goldenen Haar war nämlich eine herzensgute Fee und wohnte schon über tausend Jahre lang im Häuschen am Walde.

»Siehst du das Hampelchen dort an der Großen Eiche hängen?«

»Jawohl, gnädige Fee!«

»Gut! – Fliege sogleich hin, beiße mit deinem scharfen Schnabel den Strick durch, mit dem es aufgehängt ist, und bette den Kleinen vorsichtig im Grase.«

Rasch wie der Wind flog der Falke davon und war schon nach zwei Minuten zurück mit der Meldung:

»Ich habe getan, wie Ihr mir befohlen!«

»In welchem Zustand hast du das Hampelchen gefunden? – Lebt es noch?«

»Es war wie tot; aber es muß doch nicht ganz tot sein. Als ich den Knoten durchgebissen hatte, tat es einen kleinen Seufzer und lispelte: ›Jetzt geht es besser.‹«

Da schlug die Fee wieder in die Hände und klopfte viermal auf den Boden. Alsbald erschien ein artiger Pudelhund. Er lief auf den Hinterbeinen gerade wie ein Mensch und trug die Livree eines fürstlichen Kutschers. Ein goldbordiertes Hütchen bedeckte den Kopf, um den in zarten Wellen die Locken der blonden Perücke spielten. Das schokoladefarbige Samtröckchen war mit Knöpfen von Edelsteinen besetzt und hatte zwei tiefe Taschen. – Da steckte der treue Pudel die Knochen hinein, welche er von der Herrin beim Mittagessen erhielt. – Rote Samthosen, grünseidene Strümpfe und ein Paar spiegelblanke, gelbe Lederstiefel kleideten ihn allerliebst. Zwischen den Rockflügeln hatte ihm die Herrin eine Art blauseidenes Schirmfutteral angebracht, damit er den Schwanz hineinstecken konnte bei Regenwetter oder wann er sonst wollte.

»Flugs, Mäusel!« sagte die Fee, »spanne den schönsten Wagen ein und fahre zum Wäldchen. Unter der Großen Eiche liegt ein armes, halbtotes Hampelchen im Gras. Hebe es sorgfältig in die Polster des Wagens und führe es hierher. Verstanden?«

Der Pudel drehte dreimal das blauseidene Schirmfutteral, ein Zeichen, daß er alles begriffen hatte, und lief, was er laufen konnte.

Gleich darauf fuhr eine glänzendweiße Droschke aus dem Hause. Ihre Polster waren mit Schlagsahne gefüllt und der Überzug bestand aus Fellen von Kanarienvögeln. Dreihundert Paare weißer Mäuslein zogen sie und der Pudel saß auf dem Bocke. Er knallte hin und her mit der Peitsche wie ein wirklicher Kutscher, wenn er Eile hat.

Keine Viertelstunde verging, da war die Droschke schon zurück. Die Fee wartete am Hauptportale, nahm den armen Hampel gleich in die Arme, trug ihn hinauf in ein Zimmer, das ganz mit Perlmutter tapeziert war, und ließ alsbald die berühmtesten Ärzte des Landes rufen.

Sogleich erschienen sie, einer nach dem andern: ein Rabe, eine Eule und ein Lispel-Heimchen.

Die Fee empfing alle drei am Bette des Hampelchens und sagte: »Wollen Sie gütigst entscheiden, ob das arme Hampelmännchen hier tot ist oder noch lebt.«

Zuerst trat hierauf der Rabe vor, fühlte Bengele den Puls, betastete die Nase und die beiden kleinsten Zehen. Dann stellte er sich geheimnisvoll vor die andern und sagte ernst und feierlich:

»Nach gewissenhafter Untersuchung meinerseits ist der Hampel tot. Sollte er allenfalls nicht tot sein, dann hätten wir den interessanten Fall, daß er noch lebt.«

»Ich bedaure unendlich«, sagte da die Eule, »meinem verehrten Freunde und Kollegen, dem Herrn Raben, mit meiner Ansicht entgegentreten zu müssen. Nach meiner Auffassung befindet sich der Hampelmann immer noch am Leben. Fände sich aber gegebenenfalls kein Lebenszeichen mehr vor, dann hätten wir zweifelsohne mit sichern Anzeichen des Todes zu rechnen.«

»Wollen Sie uns nicht auch Ihre Ansicht mitteilen?« fragte die Fee das Lispel-Heimchen.

»Ich meine, wenn ein vernünftiger Arzt nichts zu sagen weiß, dann sollte er schweigen. – Übrigens ist der Hampel da für mich keine Neuerscheinung; ich kenne ihn schon ziemlich lange.« –

Bengele war bisher unbeweglich wie ein richtiges Stück Holz liegen geblieben; jetzt aber bekam er plötzlich eine Art Krämpfe und das ganze Bett fing an zu wackeln.

»Dieser Hampel hier«, fuhr Lispel-Heimchen fort, »ist ein richtiger Schlingel …«

Bengele sah das Heimchen an, schloß aber rasch wieder die Augen.

»Er ist ein Nichtsnutz, ein eigensinniger Tunichtgut, ein Durchbrenner.«

Bengele versteckte sich unter der Bettdecke.

»Dieser Hampel ist ein ungezogener Bube, der seinen Vater vor Leid noch unter den Boden bringt.«

Da hörte man im Zimmer ein leises Schluchzen und Weinen. Die Fee zog Bengele die Bettdecke vom Gesicht, und siehe da, dem Hampelmann flossen Tränen über die hölzernen Wangen.

»Wenn ein Toter weint, ist es ein sicheres Zeichen, daß er wieder gesund wird!« verkündete feierlich der Rabe.

»Bedaure sehr, meinem verehrten Freund und Kollegen nochmals widersprechen zu müssen«, sagte die Eule. »Wenn ein Toter weint, so folgt daraus, daß er nicht gern sterben möchte.«

Die Totengräber. – Das Lügen und die lange Nase.

Siebzehntes Stück.

Die Totengräber. – Das Lügen und die lange Nase.

Die drei Ärzte gingen. Bengele atmete schnell und kurz und sein Gesicht war glühend heiß; er hatte ein gefährliches Fieber.

Liebevoll trat die Fee zu ihm heran, legte ihm die Hand auf die Stirne und sprach:

»Armes, krankes Hampelchen, ich will dich wieder gesund machen.«

Sie holte aus einem goldenen Schränkchen ein weißes Pulver, löste es in einem Glase Wasser auf und reichte es Bengele mit den Worten:

»Trinke dieses Wasser, und morgen bist du wieder wohl.«

»Ist es bitter?«

»Ja, aber es tut dir gut!«

»Bittere Sachen mag ich nicht.«

»Folge mir doch und trinke!«

»Ich kann aber bittere Getränke nicht ertragen.«

»Trinke es nur! Dann gebe ich dir gleich ein Stück Zucker, daß du einen süßen Mund bekommst.«

»Wo ist der Zucker?«

»Da!« sagte die Fee und zeigte eine goldene Zuckerdose.

»Ich will erst den Zucker, dann trinke ich auch das bittere Zeug da.«

»Versprichst du’s mir?«

»Ja!«

Die Fee gab ihm den Zucker; Bengele zerbiß und schluckte ihn in einem Atemzuge, leckte sich die Lippen ab und meinte:

»Wenn Zucker eine Medizin wäre, möchte ich ganz gerne krank sein.«

»Trinke jetzt das bißchen Wasser und halte dein Versprechen!«

Mit Widerwillen nahm Bengele das Glas in die Hand und fing an daran zu riechen; er setzte es an die Lippen, aber gleich roch er noch einmal und sagte:

»Nein! Es ist zu bitter, viel zu bitter; ich kann es nicht trinken.«

»Das weißt du doch gar nicht; du hast es ja noch nicht einmal versucht.«

»Ich merke es doch! Ich habe es gerochen! – Erst noch ein Stück Zucker, dann will ich’s trinken.«

Mit der Liebe einer geduldigen Mutter steckte ihm die Fee ein zweites Stück Zucker in den Mund und reichte ihm wieder das Glas.

Da rückte der Hampel im Bett hin und her und sagte: »So geht es nicht, so kann ich nicht trinken.«

»Warum denn nicht?«

»Die Federdecke auf den Füßen ist mir zu schwer!«

Da nahm die Fee die Decke weg.

»Ich kann doch nicht trinken.«

»Was behagt dir sonst nicht?«

»Die Zimmertür ist halb auf; das kann ich nicht ertragen.«

Da ging die Fee und schloß die Tür.

Jetzt fing Bengele laut an zu schluchzen, und zwischen den Schluchzern grollte er:

»Ho! ho! … überhaupt! … ho! ho! das bittere Zeug, ho! ho! ho! … das trink‘ ich nicht, ho! nein, nein, nein! ho! ho! ho!« …

»Liebes Kind, es wird dich reuen!«

»Mir ist alles gleich!«

»Mit deinem Fieber mußt du in ein paar Stunden sterben.«

»Ist mir auch gleich.«

»Hast du keine Angst vor dem Sterben?«

»Ich! Angst? – Lieber sterben, als diese schlechte Medizin trinken.« –

Leise ging die Tür auf. Vier schwarze Hasen kamen und trugen einen kleinen Sarg herein.

»Was wollt ihr hier?« rief Bengele und setzte sich voller Schrecken im Bette auf.

»Wir wollen dich mitnehmen«, sagte der größte von den schwarzen Hasen.

»Mitnehmen? – Ich bin ja noch gar nicht tot.« –

»Noch ein paar Minuten, und du wirst es sein! Denn du hast die Medizin nicht getrunken, die dir das Fieber nehmen sollte.«

»Liebe, liebe Fee!« flehte Bengele, »o gib mir schnell das Glas! Schnell! – ums Himmels willen! – Schnell! Ich will nicht sterben! Nein! – nicht sterben!«

Mit beiden Händen nahm er das Glas und trank es auf einen Zug leer.

»Ein anderes Mal!« sagte der größte Hase. »Heute sind wir umsonst gekommen.« Sie drehten sich mit ihrem Sarge um und gingen brummend und schimpfend zur Tür hinaus.

Nach wenigen Minuten sprang Bengele aus dem Bett und war gesund. Die Hampelmänner werden nämlich selten krank und sehr rasch wieder gesund.

Als die Fee ihn im Zimmer herumspringen sah so lustig und froh wie ein junges Geislein, sagte sie:

»Meine Medizin hat dir also doch gut getan?«

»Und wie! – Sie hat mich wieder lebendig gemacht.«

»Warum konntest du dich dann so lange bitten lassen, bis du sie getrunken hast?«

»Das machen alle Kinder so, weil sie vor der Medizin mehr Angst haben als vor der Krankheit.«

»Schämt euch, ihr dummen Kinder! – Ihr solltet bedenken, daß eine bittere Medizin die Krankheit nimmt und vor dem Sterben bewahrt.«

»Ja, ja! Ein anderes Mal laß ich mich nicht mehr bitten; ich werde schon an die schwarzen Hasen denken … dann nehme ich gleich das Glas und – drunten ist schon die Medizin!«

»Komm jetzt ein wenig her zu mir und erzähle, wie du unter die Räuber geraten bist.«

Bengele fing an:

»Es war so. Der Direktor Feuerschlund gab mir fünf Goldstücke und sagte: ›Da! bring das deinem Vater!‹ Aber auf der Straße habe ich den Fuchs und die Katze getroffen; es sind zwei gute Leutchen. – Sie haben zu mir gesagt: ›Willst du, daß diese fünf Stücke tausend oder zweitausend werden? Geh mit uns, wir führen dich aufs Wunderfeld!‹ – Da habe ich gesagt: ›Ich gehe mit.‹ Und sie sagten: ›Wir wollen im »Geleimten Vogel« einkehren; um Mitternacht gehen wir weiter.‹ Als ich erwachte, waren sie nicht mehr da, weil sie schon fort waren. Dann lief ich die ganze Nacht; es war stockdunkel. Auf der Straße traf ich zwei Räuber in schwarzen Säcken. Sie schrien: ›Das Geld heraus!‹ – ›Ich habe keines in der Tasche‹, habe ich gesagt, weil ich es in den Mund gesteckt hatte. Da wollte mir einer von den Räubern das Messer in den Mund stecken; aber ich habe ihm die Hand abgebissen. Als ich sie wegspuckte, war es eine haarige Pfote. Dann rannten die Räuber mir nach. Ich lief, was ich laufen konnte; aber sie bekamen mich doch und hängten mich an den Baum im Wäldchen. Dann gingen sie fort und sagten: ›Morgen, wenn wir wieder kommen, wird er schon das Maul aufhaben, und wir kriegen das Gold!‹«

»Wo hast du jetzt die vier Goldstücke?« fragte die Fee. – »Verloren!« log Bengele. Er hatte sie nämlich in der Tasche.

Kaum war die Lüge gesagt, da wuchs seine lange Nase und ward zwei Finger länger.

»Wo hast du sie verloren?«

»Im Wäldchen!«

Bei dieser zweiten Lüge wuchs die Nase noch mehr. – »Wenn du sie im Wäldchen verloren hast, können wir sie gleich suchen. Alles, was man in diesem Wäldchen verliert, findet man sicher wieder.«

»Richtig! – Nun fällt es mir ein«, log der Hampel darauf los, »ich habe sie nicht verloren, sondern unvermerkt mit der Medizin hinuntergeschluckt.«

Bei dieser dritten Lüge wurde die Nase so lang, daß Bengele sich nicht mehr im Zimmer umdrehen konnte. Überall stieß er mit der Nase an: am Bett, am Fenster, an der Wand, an der Türe. Ein Glück, daß die Fee sich in acht nahm, sonst hätte er ihr mit der Nasenspitze ein Auge ausgestochen. Die Nase wuchs immer weiter; Bengele machte ein so drollig dummes Gesicht, daß die Fee laut lachen mußte. Ängstlich fragte der Hampelmann:

»Warum lachst du?«

»Über deine Lügnerei.«

»Weißt du, daß ich gelogen habe?«

»Jawohl, mein Freund, die Lügen erkennt man gleich. Alle haben kurze Beine und die meisten dazu noch eine lange Nase. – Deine gehören zu dieser Sorte.« –

Bengele wäre am liebsten vor Scham in ein Mausloch gekrochen. Er wollte davonlaufen, aber er kam mit seiner Lügennase nicht mehr zur Tür hinaus.