Bengele geht betteln. – Die abgebrannten Füße.

Sechstes Stück.

Bengele geht betteln. – Die abgebrannten Füße.

Schauerlich kam die Nacht. Krachend rollte der Donner und es blitzte in einem fort, daß der Himmel aussah wie ein Feuermeer. Dazu pfiff ein schneidigkalter Wind, jagte Staubwolken vor sich her und schüttelte die Bäume, daß sie laut ächzten.

Bengele hatte schrecklich Angst bei Gewittern. Aber heute war sein Hunger größer als die Angst. Er schlug einen Feldweg ein und kam nach kurzer Zeit in ein Dörfchen. Alles war still und dunkel, die Haustüren und die Fenster samt und sonders geschlossen, kein Hund auf der Straße, die reinste Friedhofsruhe.

In seinem verzweifelten Hunger zog Bengele eine Hausglocke und läutete kräftig und lange.

»Irgend ein Mensch muß doch zum Vorschein kommen«, dachte er.

Richtig! – Ein alter Mann öffnete das Fenster. Er hatte die Nachtmütze auf dem Kopfe und brummte sehr ärgerlich:

»Wer kommt noch um diese Zeit?«

»Gebt mir doch um Gottes willen ein Stückchen Brot, ich muß sonst verhungern«, gab Bengele zur Antwort.

»Warte ein wenig, ich bringe es gleich.«

Der Mann aber dachte: »Das ist mal wieder einer von den nichtsnutzigen Schlingeln, die nachts die Hausglocken ziehen, weil sie ordentliche Leute im Schlafe stören wollen.«

Nach wenigen Augenblicken kam der Alte wieder ans Fenster und rief:

»Komm, halte deinen Hut hierher!«

Bengele hatte noch keinen Hut. Er trat also unter das Fenster und hielt beide Hände in die Höhe, um das herabfallende Stück Brot wie einen Ball aufzufangen. – Da ergoß sich über ihn der volle Inhalt eines Waschbeckens. Er wurde naß von oben bis unten und triefte wie ein Blumenstock, den man mit der Kanne abgespritzt hat.

Traurig wie ein verregneter Pudel trottelte der unglückliche Hampelmann nach Hause. Erschöpft von Hunger und Müdigkeit kam er heim; die Glieder schlotterten ihm vor Kälte.

Pinocchio

Noch waren ein paar glimmende Kohlen in dem Becken, über dem Vater Seppel den Leim kochte. Bengele blies sie ein wenig an und wärmte sich die Hände. Dann holte er den wackeligen Stuhl und setzte sich vor die Glut. Seine feuchtkalten Füße legte er auf den Rand des Beckens, und so schlief er ein.

Nach und nach fingen die Holzfüße Feuer über der Kohlenglut und verbrannten zu Asche. – Bengele schnarchte und merkte nichts. Erst bei Tagesanbruch wachte er auf; denn es hatte laut an der Türe geklopft.

»Wer ist draußen?« fragte Bengele noch ganz verschlafen, gähnte und rieb sich die Augen aus.

»Ich!« kam die Antwort. Es war der Vater Seppel.

Bengele sprang schnell auf, um den Riegel an der Türe zurückzuschieben; aber schon nach zwei, drei Stelzschritten fiel er auf den Boden.

Das gab einen Lärm, als wäre ein Sack voll Kochlöffel vom fünften Stock aufs Pflaster gefallen.

»Mach mal auf«, rief Seppel immerfort auf der Straße.

»Vater, lieber Vater, ich kann ja nicht«, heulte Bengele und rutschte auf dem Boden herum.

»Warum kannst du nicht?«

»Meine Füße sind abgefressen!«

»Wer hat sie abgefressen?«

»Die Katze«, sagte Bengele. – Denn er sah gerade die Katze vor sich, die mit ein paar Hobelspänen spielte.

»Ich sag dir’s zum letztenmal, mach auf, sonst geb‘ ich dir nachher die Katze!«

»O jeh! Ich kann nicht mehr stehen, glaub mir’s doch! – Jetzt muß ich mein Leben lang auf den Knieen rutschen.«

Seppel dachte, hinter all dem Gerede stecke nur eine neue Spitzbuberei des Hampelmanns, und wollte ihr gleich ein Ende machen. Er hielt sich am Fenstergesimse fest, zog sich an der Mauer empor und stieg wie ein Feuerwehrmann ins Zimmer hinein.

 

Bengeles Morgenbrot.

Siebtes Stück.

Bengeles Morgenbrot.

Die ganze Nacht hatte man den Vater Seppel im Gefängnis festgehalten. Am frühen Morgen wurde er vor den Richter geführt. Alsbald erkannte dieser, daß der alte Mann unschuldig sei, und ließ ihn frei. Frohen Mutes kam der Schnefler nach Hause. Er hatte dem kleinen Taugenichts alles verziehen; aber jetzt erlebte er eine neue Schlingelei, und dafür wollte er den Hampelmann kräftig bestrafen.

So dachte der Schnefler, als er zum Fenster hinein in seine Wohnung stieg; aber was mußte er hier erblicken! – Mit abgebrannten Füßen kauerte der arme Hampelmann auf dem Boden und weinte und schluchzte. Dieser Jammer ging dem Vater zu Herzen. Er hob den kleinen Holzmann auf, herzte und küßte ihn.

»Bengele, mein lieber Bengele«, sagte er dabei voll Mitleid, »wie hast du dir nur die Füße so verbrennen können! Du armer, kleiner Hampelmann!«

Da erzählte ihm das hölzerne Söhnchen seine Erlebnisse:

»Ich weiß es selber nicht, lieber Vater; aber glaub mir nur, es war eine schauerliche Nacht, und ich werde sie meiner Lebtag nicht vergessen. – Gedonnert hat es und geblitzt, und ich habe so arg Angst gehabt. Dann sagte Lispel-Heimchen: ›Es geschieht dir recht, du bist ein böser Bube und verdienst es!‹ Ich hab‘ ihm gesagt: ›Paß auf!‹… Und es sagte: ›Du bist ein Hampelmann und hast einen Holzkopf!‹ Und ich hab‘ ihm den Hammer nachgeworfen; und es starb. Aber es war selber schuld; ich habe es nicht umbringen wollen. Ich hab‘ auch ein Pfännchen auf das Kohlenbecken gestellt; aber das Hinkelchen ist davongeflogen und hat gesagt: ›Adieu! Ich laß den Vater grüßen; man muß es bitter büßen.‹ – Ich habe immer noch mehr Hunger bekommen, und dann hat der Alte mit der Nachtmütze zum Fenster herausgeguckt und gesagt: ›Komm, halte deinen Hut hierher!‹ Und ich bekam eine ganze Schüssel voll Wasser auf den Kopf. Es ist doch keine Schande gewesen, daß ich ein Stücklein Brot gebettelt habe, gelt nicht? – Ich ging gleich heim und hatte immer noch so arg Hunger. Und ich habe so nasse, kalte Füße gehabt. An den Kohlen wollte ich sie wärmen. Dann bist du heimgekommen, und meine Füße waren abgebrannt. Jetzt habe ich immer noch Hunger und keine Füße mehr, ojeh … eh … eh …!«

Dem guten Vater Seppel rannen die Tränen über die Wangen, als er die traurige Geschichte seines Zauberhampels hörte.

Er hatte allerdings von der ganzen Erzählung nur so viel verstanden, daß der Kleine fast Hungers sterbe. Deshalb zog er drei Birnen aus der Tasche, gab sie ihm und sprach:

»Iß und werde wieder froh! – Ich habe mir das Obst zum Frühstück gekauft; aber du armes Hampelchen bist hungriger wie ich.« –

»Sei so gut und schäle mir die Birnen!« »Schälen?« – Verwundert schüttelte Vater Seppel den Kopf. – »Bist du so verwöhnt und heikel? Das taugt nichts, Bengele. Ein Feinschmecker darfst du mir nicht werden. Wer weiß, wie es dir noch gehen kann im Leben!«

»Du hast schon recht, Vater; aber ich esse nie Obst mit Schalen, sonst bekomme ich Leibweh.«

Seppel zog sein Taschenmesser heraus und schälte dem Kleinen die drei Birnen. Die Schalen legte er hübsch zusammen auf den Tisch.

Bengele hatte von der ersten Birne nur noch den Butzen in der Hand und wollte ihn wegwerfen. Seppel hielt ihm den Arm und sagte:

»Langsam, mein Lieber; das legen wir zu den Schalen.«

»Aber den Butzen esse ich niemals«, sagte das Hampelchen und tat dabei sehr entrüstet.

»Wer weiß? – Versprich nicht zu viel!« mahnte der kluge Vater.

Die Butzen kamen zu den Schalen auf den Tisch. Bengele hatte mit Heißhunger die drei Birnen verzehrt, machte ein verdrießliches Gesicht, gähnte weit und sprach:

»Ich habe noch mehr Hunger.«

»Aber, liebes Kind, es ist nichts mehr da.«

»Gar nichts mehr?«

»Nur noch diese Schalen und Butzen.«

»Dann will ich einmal eine Schale versuchen.«

Er aß sie, verzog anfangs ein wenig den Mund; aber dann ging’s auch an die andern, und schließlich schmeckten ihm sogar die Butzen mit den Kernen. Als der Tisch ganz leer war, streckte sich der Hampelmann, fuhr mit der Hand über sein Bäuchlein und meinte:

»So! – jetzt bin ich wieder hergestellt.«

»Na!« bemerkte Vater Seppel, »hatte ich nicht recht? Mit dem ›Niemals‹ muß man vorsichtig sein. Man weiß nie, wie es kommt in der Welt. – Bengele, du wirst noch manches erleben.«

Bengele erhält neue Füße. – Das ABC-Buch.

Achtes Stück.

Bengele erhält neue Füße. – Das ABC-Buch.

Nach dem Frühstück wäre der Hampelmann am liebsten ein wenig herumgesprungen. – Es ging nicht, weil er keine Füße hatte. Traurig und unzufrieden saß er eine Zeitlang auf dem Stuhle und fing dann an bitterlich zu weinen.

Den ganzen Vormittag kümmerte sich Vater Seppel gar nicht um das Gejammer; denn Bengele sollte für seinen Ungehorsam auch die Strafe spüren.

Schließlich sagte der Meister:

»Wozu soll ich dir neue Füße machen! Allenfalls rennst du mir wieder davon.«

»Nein, nein«, schluchzte Bengele, »von heute an werde ich ganz brav sein; ich verspreche es …«

»Ja, ja«, antwortete Vater Seppel, »so sagen die Kinder alle.«

»Sicher, im Ernste! ich verspreche es dir, Vater; ich gehe in die Schule und mache dir Freude.«

»Immer die gleiche Geschichte, wenn die bösen Buben etwas haben wollen.«

»Aber ich bin keiner von denen, ich bin bräver als alle und lüge nie. Ich verspreche es dir noch einmal: Ich will etwas Rechtes werden, dir Freude machen und dir helfen, wenn du einmal alt bist.«

Vater Seppel machte immer noch ein saueres Gesicht. In den Augen aber standen ihm die Tränen und sein Herz war voll Mitleid mit dem verkrüppelten Hampelmann.

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, nahm er sein Werkzeug, wählte zwei Stücke Holz und begann zu schnitzen. Nach einer Stunde waren die beiden Füße fertig. Kein Künstler hätte sie trefflicher formen können.

»Mache die Augen zu und schlafe ein wenig!« befahl der Vater Seppel.

Bengele stellte sich schlafend. Indes leimte der Meister so zierlich die neuen Füße an die Beine, daß man den Unterschied kaum bemerken konnte.

Als der Hampelmann wieder Füße hatte, war er grenzenlos glücklich. Er hüpfte im Zimmer herum, schlug ein Dutzend Purzelbäume, klatschte mit seinen Holzhänden und sprach:

»Vater, wie bist du so gut gegen mich! – Jetzt will ich auch gleich zur Schule gehen.«

»Recht so, mein Sohn!«

»Aber ich sollte ein Kleid haben.«

Vater Seppel war schrecklich arm. Den letzten Pfennig hatte er ausgegeben; aber er wußte sich zu helfen. Das Hampelchen erhielt ein Gewand von geblümtem Papier, Schuhe von Baumrinde und eine Kappe von weichem Brot.

Bengele goß Wasser in eine Schüssel und spiegelte sich darin. Er schaute an sich herunter, neigte sich nach links und rechts und meinte:

»Wie ein feiner Herr sehe ich jetzt aus!«

»Sei nicht eitel!« mahnte der Vater. »Wir sind arme Leute und können keine teuern Stoffe kaufen. Auch ein einfaches Kleid ist schön, wenn es rein ist. Das merke dir wohl und achte auf dein Gewand!«

Bengele hörte nie gern gute Lehren an. Er lenkte das Gespräch auf etwas anderes und sagte:

»Wenn ich zur Schule gehen soll, fehlt mir immer noch die Hauptsache.« –

»Nämlich?« –

»Das ABC-Buch!«

»Wahrhaftig! – Aber wie eines bekommen?«

»Man kauft es beim Buchhändler.«

»Wer bezahlt es?«

»Ich habe kein Geld!«

»Ich auch nicht«, sagte traurig der alte Vater.

Bengele war sonst immer lustig und froh; aber jetzt ward er ernst und unglücklich. – Auch ein Kind begreift und fühlt es, wie bitter die wahre Armut ist.

»Bleibe ein paar Minuten allein!« unterbrach Vater Seppel das düstere Schweigen. Er zog seinen groben Kittel an und ging zum Hause hinaus.

Bald kehrte der alte Mann zurück und brachte ein ABC-Buch für seinen Kleinen mit. Den Kittel hatte er nicht mehr an. – Der Arme ging hemdärmelig, und schon fing es an zu schneien. Als er ins Zimmer trat, fragte Bengele:

»Dein Kittel, Vater?«

»Ich habe ihn verkauft.«

»Warum hast du ihn nicht behalten?«

»Er machte mir zu warm. – Hier hast du dein ABC-Buch.«

Der hölzerne Hampelmann fühlte in diesem Augenblick die große, unergründliche Liebe, die aus dem Vaterherzen sprach.

»Vater, lieber Vater!« konnte er nur sagen, hing sich dem guten Alten an den Hals, küßte ihn und schmiegte sich zärtlich an seine Wangen.

Ein freudiges Wiedersehen.

Siebenunddreißigstes Stück.

Ein freudiges Wiedersehen.

Bengele wanderte durch den Bauch des Großen Hai. Vorsichtig und langsam versuchte er einen Schritt nach dem andern. Die Richtung gab ihm der ferne Lichtschein an.

Der Weg war schrecklich. Der Hampelmann trat in der Dunkelheit auf alle möglichen Dinge und erschrak sehr oft. Einmal patschte er in etwas Weiches und Schlüpfriges. Ein starker Fischgeruch stieg ihm in die Nase. – Unwillkürlich dachte er an das Netz des grünen Fischers, in dem er mit den vielen Fischen gezappelt hatte.

Immer deutlicher konnte Bengele die Dinge unterscheiden; mehr und mehr hellte der Weg sich auf. Endlich stand er vor dem Lichte und sah … na, was? – Nie würdet ihr es erraten. – Er sah einen gedeckten Tisch, auf ihm stand, in eine leere Weinflasche gesteckt, eine Kerze. Hinter dem Tische saß ein alter Mann. Ein langer Bart verdeckte seine Brust, das weiße Haar fiel in langen Strähnen von seinem Haupte. Er hatte ein Paar ungekochte Fischlein vor sich liegen und aß davon.

Einen Augenblick stand Bengele unbeweglich da wie eine Bildsäule. Er wollte lachen, weinen, reden; aber er brachte nichts fertig. Nur ein paar unverständliche Worte kamen über seine Lippen. – Endlich ein lauter Freudenschrei, und mit ausgebreiteten Armen flog er dem weißen Alten an den Hals. –

»O, lieber, lieber Vater! Jetzt habe ich dich doch noch gefunden, und jetzt gehe ich nie mehr von dir fort, nie, nie mehr.«

Der Alte wischte sich die Augen aus und sagte: »Ist es wahr? – Ist es keine Täuschung? – Bist du es wirklich, mein lieber Bengele?«

»Freilich bin ich’s. Ich bin’s, dein Bengele. – Gelt, du hast mir alles verziehen? – Lieber Vater, wie gut du bist! – Und ich … Aber wenn du wüßtest, wie ich es büßen mußte! Ich habe immer Unglück gehabt, und es ist mir immer schlecht gegangen. – An jenem Tage, wo du deinen Kittel verkauft hast, ging ich nicht in die Schule, sondern zum Kasperletheater. – Der Direktor Feuerschlund wollte mit mir seinen Hammel braten; aber am Schluß gab er mir fünf Goldstücke. Ich solle sie dem Vater bringen, hat er gesagt. Aber da kam der Fuchs und die Katze. Wir gingen in den ›Geleimten Vogel.‹ Dort haben sie wie ausgehungerte Wölfe gefressen. Ich ging in der Nacht weiter, und die Räuber haben mich angepackt. Ich bin davongerannt, aber sie kamen immer hinter mir her. Dann henkten sie mich an der ›Großen Eiche‹. Aber das schöne Mägdlein mit dem goldenen Haar hat mir seine Kutsche geschickt und die Ärzte sagten: ›Wenn er nicht tot ist, so lebt er noch‹ – Dann habe ich ein wenig gelogen, und meine Nase ist so schrecklich lang geworden, daß ich nicht mehr zur Tür hinauskam. Und dann ging ich mit dem Fuchs und der Katze aufs Wunderfeld mit vier Goldstücken, weil ich eines dem Wirt zum ›Geleimten Vogel‹ geben mußte. – Der Papagei hat mich ausgelacht, weil ich keine zweitausend Goldstücke bekam und die vier auch nicht wieder. Deshalb hat mich der Richter ins Gefängnis werfen lassen; er hat den Dieben noch geholfen. – Dann habe ich Hunger gehabt und wollte mir ein Traubenbeerchen abrupfen, und dort ist eine Marderfalle gewesen. Deshalb hat mich der Bauer zum Hofhund gemacht; aber ich war treu, und er hat mich fortgelassen. Die Schlange, die so arg mit dem Schwanze rauchte, hat auch lachen müssen, als ich in den Schmutz fiel, und dann ist sie gestorben. Auch die gute Fee war tot; aber der große Täuber hat mich ans Meer getragen und gesagt: ›Ich habe deinen Vater gesehen, er macht einen Kahn am Meer und will dich suchen.‹ Da habe ich gesagt: ›Wenn ich nur Flügel hätte wie du‹, und er hat gesagt: ›Willst du zu deinem Vater?‹ – ›Schon!‹ habe ich gesagt, ›aber wer trägt mich zu ihm?‹ ›Ich‹, hat der Täuber gesagt; deshalb bin ich ihm auf den Rücken gesessen, und wir sind Tag und Nacht geflogen. Aber am Meer haben die Fischer gesagt: ›Dort geht ein Mann mit seinem Kahne unter.‹ Ich habe dich gleich erkannt und dir gewinkt, du sollst ans Ufer kommen.«

»Ich habe dich auch erkannt«, sagte Seppel, »und wäre gern zurückgefahren; aber das Meer war wild, und eine große Welle hat mir den Kahn umgeschlagen. Es kam der schauerliche Große Hai und verschlang mich.«

»Wie lang bist du jetzt schon hier?« fragte Bengele. – »Heute sind es genau zwei Jahre – zwei Jahre, so lang wie die Ewigkeit.«

»Wie hast du leben können? Wo hast du die Kerze her und die Streichhölzer?«

»Das will ich dir alles erzählen. – In dem schrecklichen Unwetter ging auch ein großes Segelschiff unter. Die Seeleute retteten sich alle, als das Schiff sank. – Der Große Hai hatte gerade an diesem Tage einen Riesenhunger und verschlang das ganze Schiff.«

»Was! – Und hat es auf einmal hinuntergeschluckt?«

»Jawohl! – Nur der große Mastbaum blieb ihm wie ein Zahnstocher in den Zähnen hängen, er lockerte ihn mit der Zunge und spuckte ihn wieder aus. – Das Schiff war mein Glück. Ich fand darin Fleisch in Konservenbüchsen, Brot, Zwieback, Rosinen, Wein, Käse, Zucker, Kaffee und Kerzen. Auch einige Pakete Streichhölzer habe ich gefunden. Zwei Jahre lang hat mir dieser Vorrat ausgereicht; aber jetzt ist alles verbraucht und aufgezehrt. Die Kerze, die hier brennt, ist die letzte.«

»Und dann?«

»Dann, mein lieber Sohn, müssen wir im Dunkeln leben.«

»Nein, Vater! Jetzt ist keine Zeit zu verlieren; wir müssen uns retten.«

»Retten? – Unmöglich! – Wie?«

»Durch das Maul des Ungeheuers gehen wir zurück und springen ins Meer.«

»Du hast gut reden, Bengele; ich kann nicht schwimmen.«

»Macht nichts. Ich nehme dich auf den Rücken. Wir sind nah am Lande.«

»Es geht nicht, Bengele«, sagte Seppel und schüttelte traurig den Kopf. – »Du bist nicht stark genug, um mich zu tragen.«

»Den Mutigen hilft Gott. Wir wollen die Rettung wagen. Sollte es bestimmt sein, daß wir umkommen, so sterben wir miteinander.«

Bengele nahm die Kerze und leuchtete voran. Sie gingen durch den Magen des Fisches und kamen an den weiten Schlund. Hier wollten sie den günstigen Augenblick zur Flucht abwarten.

Der Große Hai war sehr alt und schlief wegen seiner Atemnot stets mit weit geöffnetem Maule. Auch jetzt streckte er seinen Kopf über das Wasser und die beiden Flüchtlinge sahen vom Schlunde aus durch das offene Riesenmaul. Vom Himmel blickten freundlich helle die Sterne und der Mond; das Wasser mußte ganz ruhig sein, kein Rauschen war zu vernehmen.

»Wir haben es gut erraten«, lispelte Bengele dem Vater zu; »der Große Hai schläft wie ein Sack. Vorwärts mit Gott!«

Sie schlüpften durch den Schlund und traten auf die Zunge des Ungeheuers. Sie war so breit wie die Kieswege in den Anlagen. – Auf den Zehenspitzen gingen die beiden bis an die Zähne. – O weh! – Das Trippeln hatte den Großen Hai auf der Zunge gekitzelt, er nieste und schüttelte den Kopf so heftig aufwärts, daß Seppel und Bengele mit einem Ruck in den Magen zurückgeschleudert wurden.

Die Kerze ging bei dem Luftzuge aus und es war dunkler wie zuvor.

»Und jetzt?« fragte Bengele nachdenklich.

»Jetzt sind wir für immer verloren.«

»Ich gebe die Hoffnung nicht auf. – Gib mir die Hand, Vater! – Sieh zu, daß du nicht ausgleitest; wir versuchen es noch einmal.«

Ohne daß der Große Hai es merkte, kamen sie diesmal über die lange Zunge. Bengele half dem Vater über die drei Reihen Zähne; jetzt standen die zwei am Rande des Riesenmaules. Das Wasser spielte leise um ihre Füße, vor ihnen lag das weite, freie Meer.

»Setze dich auf meinen Rücken, Vater, und halte dich fest!« flüsterte Bengele.

Sanft glitt der Hampelmann ins Wasser und schwamm mit dem teuern Vater davon.

Der Große Hai schlief weiter und merkte nicht, was vorgefallen war.

Der gute Delphin. – Zwei bestrafte Räuber.

Achtunddreißigstes Stück.

Der gute Delphin. – Zwei bestrafte Räuber.

Bengele schwamm mit einer Sicherheit, die jedem Fische Ehre gemacht hätte. Vater Seppel saß rittlings auf dem hölzernen Kleinen; seine Beine hingen im Wasser; der alte Mann fröstelte und klapperte mit den Zähnen.

»Mut, Vater!« sagte Bengele, »bald sind wir am Ufer.« Seppel strengte seine Augen an wie ein alter Schneider, wenn er die Nadel einfädelt; er konnte kein Land erblicken.

Bengele tat so unerschrocken wie möglich; aber nach und nach schwand sein Mut, er atmete mühsam, seine Arme bewegten sich langsamer. Der Brave hielt aus, solange er konnte. Auf einmal verließen ihn die Kräfte und er stieß die Worte hervor:

»Hilf, Vater! – Ich sinke.«

In dieser höchsten Not kam unerwartete Hilfe. Es ließ sich eine Stimme vernehmen:

»Wer braucht Hilfe?«

»Mein Vater und ich.«

»Ist das nicht Bengeles Stimme?«

»Ja, wer bist du?«

»Der Delphin, euer Leidensgefährte im Bauche des Großen Hai.«

»Hilf uns, oder wir ertrinken.«

»Haltet euch an meinem Schwanze fest«, sagte der Delphin, »ich ziehe euch beide nach und schwimme ans Ufer.«

Bengele bat den freundlichen Fisch, daß er den Vater auf den Rücken nehme. Der Delphin war damit einverstanden und lud das Hampelchen ein, neben den Vater zu sitzen.

Ohne Anstrengung schwamm der starke Fisch wie ein Kahn dahin und spürte kaum die Last, die auf ihm ruhte.

Bengele fragte ihn:

»Wie bist du denn dem Großen Hai entkommen?«

»Ich habe es euch nachgemacht«, sagte er; »deiner Schlauheit verdanke ich meine Rettung.«

Sie erreichten rasch das Ufer. Bengele sprang von dem lebendigen Kahn und half dem Vater absteigen. Dann wandte er sich an den guten Delphin und sprach:

»Lieber Freund, mein Vater und ich verdanken dir das Leben. Ich bin ewig dein Schuldner; nimm als Zeichen der Dankbarkeit einen Kuß von mir an.«

Der Delphin streckte seinen Kopf aus dem Wasser, Bengele kniete nieder und drückte ihm einen lauten Kuß auf die Nase.

Solche Zärtlichkeit hatte der Delphin noch nie erlebt. Tränen trübten seine Augen. Er schämte sich seiner Rührung, zog den Kopf ins Wasser zurück und schwamm hinaus ins unendliche Meer.

Unterdessen war es heller Tag geworden. Vater Seppel war müde und kraftlos; kaum trugen ihn noch die Füße.

»Stütze dich auf meine Schulter, Vater«, sagte Bengele; »wir gehen ganz langsam und ruhen oft aus.«

»Was mag das für ein Land sein?« fragte Seppel.

»Mir scheint, es ist der Strand nahe bei unserer Heimat. – Wir wollen eine Fischerhütte suchen und die Leute bitten, daß sie uns einen Bissen Brot geben. Vielleicht finden wir auch ein Strohlager, um ein wenig zu rasten.«

Sie hatten noch keine hundert Schritte gemacht, so trafen sie am Wege zwei häßliche Bettler.

Es war der Fuchs und die Katze. – Man erkannte sie kaum wieder. Die heimtückische Katze hatte nun wirklich das Augenlicht verloren; der alte Fuchs war über und über räudig. An vielen Stellen fehlten schon alle Haare. Sogar um den stolzen Schwanz war er gekommen. Und das ging so zu:

Immer mehr geriet der schlaue Dieb und Räuber in Armut. Er hatte keinen einzigen Freund, der ihm helfen wollte. Der Hunger quälte ihn entsetzlich. Da verkaufte er einem vorbeiziehenden Händler um ein Paar Pfennige den buschigen Schwanz.

Als Bengele mit seinem Vater daherkam, fing der Fuchs mit heulender Stimme an:

»O Bengele, gib uns armen alten Leuten doch ein kleines Almosen.«

»– kleines Almosen«, jammerte die Katze hintendrein.

»Sieh mal diese alten Gauner!« sagte Bengele, »mich habt ihr einmal betrogen, das mag genügen.«

»Glaub es doch, Bengele, jetzt sind wir wirklich arm und elend.«

»– elend«, echote die Katze.

»Das habt ihr verdient«, sagte Bengele. »Kennt ihr das Sprichwort: ›Gestohlen Gut tut niemals gut‹?«

»Hast du kein Mitleid mit uns?«

»– Mitleid mit uns?«

»Laßt mich in Ruhe, ihr Gauner! Ihr verdient es nicht. – Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.«

»Bengele, sei barmherzig!«

»Barmherzig!«

So heulten die zwei Räuber und liefen dem Hampelmanne nach. Der aber ging mit Vater Seppel weiter und schaute sie nicht mehr an.

Bengele kommt auf die Welt. – Seine ersten Spitzbubereien

Drittes Stück.

Bengele kommt auf die Welt. – Seine ersten Spitzbubereien

Ein kleines Zimmer zu ebener Erde war Seppels ganze Wohnung. Es hatte ein einziges Fenster und war nur notdürftig ausgestattet. Ein wackeliger Stuhl, ein wurmstichiger Tisch, ein elendes Bett, das waren die Möbel des armen Schneflers. – In der Ecke stand ein kleiner eiserner Ofen; er brannte lustig, und das Wasser in dem Topfe, der darauf stand, kochte und dampfte, daß es eine Freude war.

Als Seppel nach Hause kam, nahm er gleich sein Werkzeug und fing an, den Hampelmann zu schnitzen.

Es quälte ihn nur noch eine Sorge. Er wackelte mit dem Kopfe hin und her, sann und dachte und fragte sich: »Ein Name!? – Ein Name!? – Was für einen Namen soll ich meinem Hampel geben?« Plötzlich sprang er auf, griff sich an die Stirne und sagte:

»Ja! – ›Bengele‹ muß er heißen. Das ist ein schöner Name und er bringt ihm Glück. Ich habe eine ganze Familie Bengele gekannt: der brave Vater Bengele, die fleißige Mutter Bengele, die Bengele Buben, alle so tüchtig, und allen ist es in der Welt gut gegangen. Einer von ihnen hat sogar Kienholz in der Stadt verkauft.«

Als Seppel den Namen gefunden hatte, arbeitete er mit doppeltem Eifer. – Schon konnte man die Haare, die Stirne, die Augen des Hampelmannes erkennen.

Wie zittert da plötzlich die Hand des emsigen Schnitzers! – Die Holzaugen rollen wie Glaskugeln, bleiben stehen und schauen den Meister starr und steif an.

Seppel wurde stets ärgerlich, wenn ihn jemand fixierte, und sagte jetzt gereizt:

»Stiert mich nicht so blöde an, ihr hölzernen Glotzaugen!«

Allein die Augen kümmerten sich um des Meisters Worte nicht. – Verstimmt arbeitete Seppel weiter und formte die Nase.

Eine neue Überraschung! – Aus dem Gesichte heraus wächst und wächst das Holz, und in wenigen Minuten steht eine Nase da, so lang und spitz wie eine Gelbrübe.

Alle Mühe, sie kurz und stumpf zu schneiden, ist verloren; je mehr der arme Seppel schnitzt, desto schneller wächst die Nase. Er mußte sie schließlich lassen, wie sie wachsen wollte.

Geduldig fuhr er fort zu arbeiten und bildete den Mund. – Eine andere Ungezogenheit: der Hampelmann lacht und schneidet Grimassen.

»Laß das dumme Lachen!« gebietet der Meister; aber alles Reden ist umsonst.

»Laß mir das Lachen, ich sag‘ es dir zum letzten Male!« Siehe da! Der Kleine lacht nicht mehr, er streckt aber die Zunge weit heraus.

Seppel wollte sich nicht mehr stören lassen, tat, als merke er nichts, und schaffte ruhig weiter. Das Kinn, der Hals, die Schultern, der Leib, die Arme, die Hände des hölzernen Männleins gelangen dem Künstler tadellos. – Seppel schnitzte eben die Füße, als er merkte, daß ihm jemand die Perücke vom Kopfe zog. Er schaute auf und sah – nein, diese Buberei! – die Kopfbedeckung in der Hand des Hampelmanns.

»Bengele, setze mir gleich die Perücke wieder auf!«

Der Schlingel aber hatte sich die gelbe Mütze schon über den eigenen Kopf gezogen und stak so tief darin, daß er schier erstickte. All diese Unarten des Hampelmanns verdarben dem wackern Seppel die gute Laune. Traurig und wehmütig hielt er mit der Arbeit inne und sprach:

»Womit habe ich das verdient? – Wollte ich nicht einen schönen braven Hampelmann zuwege bringen? – Und nun! – Was soll das noch werden? – Er ist ein Schlingel, noch ehe er fertig ist. Ich fürchte, ach, er wird ein Unglücksbube.«

Tränen glänzten dem guten Alten in den Augen. Er hätte am liebsten aufgehört zu schnitzen; aber nun wollte er doch den Zauberhampel ganz ausführen.

Unter des tüchtigen Meisters Hand entstanden ein Paar zierliche Beine und Füße.

Seppel freute sich seiner Kunst, da – erhielt er einen Tritt auf die Nasenspitze.

»Ich habe es nicht besser verdient«, murmelte er, »ich hätte das alles früher erwägen müssen; jetzt ist es zu spät. – Hätte ich doch nie an einen Zauberhampel gedacht!«

Nun war das Werk vollendet, und der Meister sollte bald Zauber genug erleben.

Seppel nahm seinen hölzernen Bengele und stellte ihn auf den Boden, damit er das Gehen lerne.

Der Hampel hatte steife Glieder und konnte noch nicht marschieren. Vater Seppel führte ihn an der Hand und zeigte ihm, wie man einen Fuß vor den andern stellt.

Bald waren die Beine gelenkig und Bengele konnte allein im Zimmer einhergehen. Auf einmal bemerkte er die Türe, ein Sprung auf die Straße, und er rannte davon. Gleich lief ihm Seppel nach; aber er konnte ihn nicht mehr einholen. Der Hampelmann sprang wie ein Hase. Wie klapperten seine Holzfüße auf dem Straßenpflaster! Hundert Bauernkinder, die mit Holzschuhen zur Kirche kommen, hätten keinen ärgeren Lärm machen können.

»Haltet ihn! – Packt ihn!« schrie Vater Seppel. Aber die Leute auf der Straße blieben alle höchst verwundert stehen, als sie den hölzernen Hampelmann wie einen Pudel rennen sahen. Dann fingen sie an zu lachen, und lachten so toll, daß man sich’s gar nicht vorstellen kann.

Zum guten Glück kam ein Schutzmann. Der hatte den Spektakel gehört und dachte, es sei mal wieder ein Pferd durchgebrannt. Drum stellte er sich mit gespreizten Beinen mitten auf die Straße und war fest entschlossen, den Gaul zu halten und größeres Unglück zu verhüten.

Bengele hatte schon von weitem das Hindernis erkannt, das ihm die ganze Straße versperrte. Da kam dem Hampelmann ein schlauer Gedanke. Er rannte im vollen Laufe auf den Schutzmann zu, bückte sich flink und wollte ihm zwischen den weit gespreizten Beinen durchschlüpfen.

Aber er hatte sich verrechnet. Der stramme Polizist rührte sich nicht vom Platze. Mit einer geschickten Handbewegung hatte er schon den Durchbrenner gefaßt. Ratet mal, wie? – Die Nase war Bengeles Unglück. Sie war ja viel zu lang; der Schutzmann erwischte sie und hielt ihn daran fest.

Er übergab den Schlingel gleich dem Vater Seppel. Schon wollte ihm dieser eine kräftige Ohrfeige geben, aber es ging nicht. Ratet mal, warum? – In seiner Eile hatte der Schnefler dem Hampelmann keine Ohren geschnitzt.

Da faßte der Meister den Kleinen im Genicke und schob ihn fort. Bengele sperrte sich, so gut er konnte; aber es half ihm nichts. Seppel wackelte ganz bedenklich mit dem Kopfe und sprach:

»Marsch, nach Hause! Paß nur auf, daheim wollen wir miteinander abrechnen.«

Da der Wind von dieser Seite pfiff, wollte Bengele nicht mehr weiter und legte sich langwegs auf den Boden. Es dauerte nicht lange, so kamen auch schon ein Paar Straßenbummler und stellten sich um die beiden herum. Sie schwatzten hin und her. – »Armes kleines Hampelchen«, meinte einer, »du hast ganz recht, wenn du nicht nach Hause willst. Der Seppel ist ein Grobian und wird dich halbtot schlagen.«

Andere spöttelten boshaft und sagten:

»Der Schnefler-Seppel! – Ja, ja! – Er hat ein zuckersüßes Gesicht. Aber man kennt ihn. Ein Unmensch ist er, ein Rabenvater. Bei diesem Ungeheuer wird der unschuldige Kleine gut aufgehoben sein! Seht doch mal wieder die kluge Polizei.«

Immer größer ward die Menschenmenge, immer lauter ihr Schimpfen. Da kam der Schutzmann wieder, verhaftete den Meister Seppel und führte ihn fort ins Gefängnis.

Der unglückliche Alte tat keine Widerrede. Er weinte still und sprach:

»Der Zauberhampel wird mein Sorgenkind. – Wie habe ich mir doch Mühe gegeben, einen ordentlichen Kleinen aus dem Holze zu schneiden! – Wenn man doch nur an alles vorher denken könnte! Jetzt bin ich selber schuld an meiner Schande.«

Guter Vater Seppel, das war nur ein schwacher Anfang. Wenn du ahnen könntest, was für Sorgen und Leiden dein Zauberhampel noch über dich bringt, du müßtest völlig verzweifeln.

Neues Leben.

Neununddreißigstes Stück.

Neues Leben.

Nach einiger Zeit kamen die beiden Wanderer zu einer einfachen Hütte am Wege.

»Da drinnen muß jemand wohnen«, sagte Bengele, ging an die Haustüre und klopfte.

»Wer ist draußen?« rief eine feine Stimme.

»Ein armer Vater und sein Sohn«, sprach Bengele.

»Dreht nur den Schlüssel um, dann geht die Türe auf.«

Sie machten es so und traten in die Hütte ein. – Überall schauten sie sich um; es war niemand zu erblicken.

»Ist jemand daheim?« fragte Bengele.

»Freilich! Ich bin hier oben.«

Sie schauten auf und sahen auf einem Balken das – Lispel-Heimchen.

»Das gute Lispel-Heimchen! Wer hätte das gedacht? Guten Tag, Lispel-Heimchen«, sagte Bengele und zog anständig die Mütze ab.

»Das gute Lispel-Heimchen, sagst du jetzt, nicht wahr? Erinnerst du dich noch daran, wie du mich aus dem Hause gejagt und den Hammer nach mir geworfen hast?«

»Es ist wahr, liebes Heimchen. – Jag mich nur auch fort und wirf mir einen Hammer nach, ich habe es verdient; aber hilf meinem armen Vater!« –

»Ich werde dem armen Vater helfen und auch dem Söhnchen; doch sollst du daran denken, wie unhöflich du dich damals gegen mich benommen. – Jetzt zeigt dir die Erfahrung, daß man gegen alle Leute artig sein soll.«

»Du hast recht, Lispel-Heimchen. Ich habe schon oft an dich gedacht. Es war stets richtig, was du mir gesagt hast. Ich war oft unartig und habe es immer bereuen müssen. – Doch, seit wann wohnst du in diesem hübschen Häuschen?«

»Eine Ziege hat es mir gestern geschenkt, eine wunderschöne Ziege mit goldenem Haar.«

»Und wo ist sie jetzt?«

»Ich weiß es nicht.«

»Kehrt sie zurück?«

»Sie kommt nie mehr wieder. Traurig ging sie weg und sprach: ›Armer Bengele, jetzt bist du mir für immer verloren. – Der Große Hai hat dich nun doch gefressen‹.«

»Das hat die Ziege gesagt? – O, sie war’s! Es war meine liebe Mutter Fee.« Bengele weinte laut.

Er dachte zurück an das glückliche Leben im Hause der guten Mutter. – Er selbst hatte alles verdorben mit seinem Ausreißen, hatte Unglück über Unglück erlebt und nun auch die Mutter Fee verloren. – Sein einziger Trost war jetzt der alte Vater; er nahm sich vor, ganz für ihn zu leben und zu arbeiten.

Das Lispel-Heimchen gab die Hütte als Wohnung. Bengele richtete für den Vater ein Strohlager auf der Erde zurecht. Dann fragte er das gastfreundliche Tierchen:

»Hast du nicht eine Tasse Milch für meinen armen, kranken Vater?«

»Ich brauche nie Milch«, sagte Lispel-Heimchen; »aber eine Viertelstunde von hier wohnt der Gärtner Mäxle, der Kühe hält und Milch verkauft.«

Bengele ging hin und verlangte eine Tasse Milch.

»Kostet fünf Pfennig«, sprach der Mann, »hast du einen Fünfer?«

»Ich habe kein Geld«, gestand Bengele und ward traurig.

»Dann kann ich dir auch keine Milch geben.«

»Ach Gott«, sagte der Hampelmann und wollte wieder gehen.

Mäxle rief ihn zurück und sprach: »Warte ein wenig! Wir könnten es doch machen. Ich weiß eine Arbeit, mit der du dir einen Fünfer verdienen kannst. – Willst du mir das Rad treten?«

»Was ist das?«

»Ein Rad, das die Pumpe treibt, mit der ich das Wasser zum Gießen aus dem Boden ziehe.«

»Ich will es versuchen.«

»Gut! – Wenn du mir zwanzig Kannen Wasser pumpst, so erhältst du eine Tasse Milch.«

Mäxle führte den Hampelmann in den Garten und zeigte ihm, wie das Rad getreten wurde. – Im Schweiße seines Angesichtes arbeitete Bengele, bis die zwanzig Kannen gepumpt waren. So hatte er sich noch nie angestrengt.

Als er aus dem Rade stieg, sprach der Gärtner: »Bisher hat mein Esel dies Geschäft besorgt, aber jetzt liegt er am Sterben.«

»Den Esel möchte ich gerne sehen«, sagte Bengele.

»Komme nur, ich will ihn dir zeigen.«

Sie gingen miteinander in den Stall. Da lag das Tier erschöpft auf dem Boden. Bengele schaute ihn lange an, ward verlegen und sagte:

»Den Esel kenne ich, ich habe ihn schon einmal gesehen.«

Er beugte sich zu ihm nieder und fragte ihn in der Eselssprache: »Wer bist du?«

Der Sterbende schaute auf und röchelte in der gleichen Sprache:

»De… de… der Röhrle!«

Dann machte er die Augen für immer zu und war tot.

»Der arme Röhrle!« sagte Bengele, und wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus den Augen.

»Mir scheint, du weinst um einen fremden Esel«, bemerkte Mäxle. – »Mich hat er viel Geld gekostet. Ein ganzes Jahr muß ich arbeiten und sparen, bis ich einen andern kaufen kann. – Das wäre Grund zum Weinen!«

»Was kümmert mich das Geld«, sagte Bengele. – »Der Esel war mein Freund.«

»Dein Freund?«

»Ja! und mein Schulkamerad.«

»Ha-Ha-Ha«, lachte Mäxle, »das muß eine niedliche Schule gewesen sein! – Da kann man sich denken, was du gelernt hast.«

Bengele schwieg. Er nahm seine Tasse Milch und ging zurück zur Hütte.

Von da an stand der fleißige Hampelmann jeden Morgen sehr früh auf und trat fünf Monate lang Tag für Tag das Pumprad. Damit erwarb er für seinen kranken Vater und sich selbst den Lebensunterhalt. Wenn er abends müde aus der Gärtnerei kam, arbeitete er noch zu Hause. Er lernte Körbe flechten und verdiente ein kleines Taschengeld. – Für den alten Vater fertigte Bengele selbst einen bequemen Fahrstuhl an, und darin brachte er den kranken Mann an sonnigen Tagen ins Freie, daß er sich in der frischen Luft wohler fühlen und an der schönen Welt Freude haben konnte.

Die langen Abende benützte der fleißige Kleine, um noch besser lesen und schreiben zu lernen. Für ein paar Pfennige kaufte er sich sogar ein altes Rechenbuch, und er löste der Reihe nach alle die Aufgaben.

Der Hampelmann hatte sich völlig verändert und lebte ein neues Leben.

Bengele und Lispel-Heimchen

Viertes Stück.

Bengele und Lispel-Heimchen

Seppel wurde unschuldig ins Gefängnis geführt, Bengele, der Schlingel, war frei.

Hättet ihr ihn sehen können, wie er davonlief! Er wollte keinen einzigen Menschen mehr sehen, sprang zur Stadt hinaus in die Felder, setzte über hohe Dornhecken und dichte Brombeerstücke, er machte Sprünge über Löcher und Wassergräben wie ein flinkes Reh und irrte ziellos umher wie ein gehetzter Hase.

Endlich kam er nach Hause. Die Türe stand noch offen. Er trat ein und schlug sie hinter sich zu. Dann setzte er sich mitten in der Stube auf den Boden, holte tief Atem und stieß die Luft wieder aus mit einem langen, zufriedenen: Aaah!

Leider dauerte seine Behaglichkeit nicht lange. Es gab ein Geräusch im Zimmer, ein Zirpsen: Kri-kri-kri! – Bengele schaute überall herum und fragte furchtsam:

»Was soll das heißen? – Wer ist denn hier?«

»Ich!« lispelte ein zartes Stimmchen. Bengele drehte sich um und sah eine schwarze Grille langsam die Wand hinaufklettern.

»Wer bist du?«

»Ich bin das Lispel-Heimchen und wohne seit hundert Jahren in diesem Zimmer.«

»Das aber von heute an mir gehört«, ergänzte Bengele grob diese Worte. – »Bitte, mache dich aus dem Staube und laß es dir nicht zweimal sagen.«

»Wenn es sein muß, kann ich gehen. – Darf ich dir vor dem Abschied noch eine gute Lehre geben?«

»Meinetwegen! – aber kurz!«

»Schlecht geht es allen Kindern, die nicht auf ihre Eltern hören und eigenmächtig aus dem Hause laufen. Sie rennen ins Unglück und müssen einmal ihren Ungehorsam bereuen.«

»Predige nur, du Grillenkopf, und quiekse, solange es dir beliebt. Trotzdem gehe ich morgen früh schon wieder fort. Dann kannst du hier wieder einziehen. Mir gefällt es nicht. Wenn ich bleibe, so schickt man mich morgen zur Schule, und – gern oder ungern – müßte ich etwas lernen. Aber, offen gestanden, dazu habe ich gerade am wenigsten Lust. Schmetterlinge jagen und Vogelnester ausheben ist viel schöner!«

»O du Gescheitele! Weißt du, wieweit man es damit bringt? – Du wirst bald ein großer Esel sein und alle lachen dich aus!«

»Hältst du gleich den Schnabel, du schwarze Unglücksgrille«, schimpfte Bengele.

Aber Lispel-Heimchen bewahrte sein kaltes Blut und seine ernste Ruhe; es nahm dem Schlingel die Unart nicht übel und fuhr in ernstem Tone fort:

»Wenn es dir nicht paßt, in die Schule zu gehen, so lerne ein Handwerk; dann kannst du dir doch das Brot verdienen!«

Dem Bengele ging jetzt die Geduld aus und er sagte spitz:

»Weißt du, Piepser, welches Handwerk mir am besten gefällt?«

»Nein!«

»Also paß auf! – Gut essen und trinken, schlafen und spielen und den lieben langen Tag auf der Straße herumstreichen, das ist das schönste Handwerk!«

»Mag sein, aber merke dir wohl: alle, die es treiben, endigen einmal im Krankenhaus oder im Zuchthaus.« So sagte mit kalter Seelenruhe Lispel-Heimchen.

»Nimm dich in acht, Grillenköter, mit deiner bösen Zunge! Wenn mir die Galle steigt! … Nimm dich zusammen! …«

»Armer Bengele, du tust mir wirklich leid!«

»Warum soll ich dir leid tun?«

»Du bist halt ein Hampelmann und hast einen Holzkopf.«

Jetzt schnellte Bengele wütend vom Boden auf, riß einen Holzhammer von der Schnitzelbank und schleuderte ihn gegen das Lispel-Heimchen.

Vielleicht wollte er daneben zielen; aber der Hammer flog dem Tierchen gerade auf den Kopf. – Lispel-Heimchen zirpte eben noch: kri-kri-kri, dann ging ihm der letzte Atem aus, und es blieb wie eine getatschte Fliege an der Wand hängen.

Ein Eierkuchen, der davonfliegt.

Fünftes Stück.

Ein Eierkuchen, der davonfliegt.

Indessen war es Abend geworden, und Bengele erinnerte sich, daß er noch nichts gegessen hatte. Er spürte eine Leere im Magen und fühlte starken Appetit. Im Handumdrehen war der Appetit schon Hunger und verlangte gestillt zu werden.

Auf dem eisernen Ofen in der Ecke stand ein Topf. Das Hampelchen hob den Deckel ab und schaute hinein. – Nichts als Wasser. Bengele sah sein dummes Gesicht darin abgespiegelt und setzte kopfschüttelnd den Deckel wieder auf den Topf.

Das hungrige Hampelchen rannte im Zimmer auf und ab, zog alle Schubladen aus, öffnete alle Kästchen. – O daß er doch ein Stückchen Brot finden könnte, wenn es auch ganz trocken wäre! Sogar mit einer alten, harten Kruste hätte er sich begnügt, aber gar nichts war da auf Vorrat bei seinem armen Vater Seppel.

Indes wurde der Hunger immer stärker und Bengele fing an zu gähnen. Er riß den Mund entsetzlich auf und glaubte, sein Magen gehe ihm davon. Mutlos und verzweifelt fing er an zu weinen und sprach:

»Ja, ja! Lispel-Heimchen hat doch recht gehabt und hat es so gut mit mir gemeint. – Aber ich war eigensinnig und unartig; ich habe dem Vater nicht gehorcht und bin ihm davongelaufen. – Wenn doch nur der Vater da wäre! – Durch meine Schuld ist er ins Gefängnis gekommen, und ich muß daheim vor Hunger sterben. – Der Hunger tut so weh; er ist eine schreckliche Krankheit.« –

Hurra! – Dort liegt etwas auf dem Kehrichthaufen. Bengele springt hin, hebt es auf und ruft:

»Ein Ei! Ein Ei!« – Der halbverhungerte Hampelmann kann sein Glück kaum fassen. Er hält das Ei in beiden Händen, drückt es an die Wangen, küßt und streichelt es.

»Jetzt mache ich mir einen Eierkuchen«, sagt er überglücklich, »oder soll ich es einschlagen? – oder weichkochen? – Das Einschlagen geht am schnellsten; ich kann nicht mehr lange warten mit meinem Hunger.«

An der Wand hing eine Bratpfanne. Er holte sie herab und stellte sie auf die Kohlenglut, über der Vater Seppel den Leim kochte. Butter oder anderes Fett war nicht da. Bengele goß Wasser in die Pfanne und blies die Kohlenglut neu an. Das Wasser begann ein wenig zu dampfen, da nahm er das Ei, schlug es auf den scharfen Rand der Pfanne und … –

»Pieps, pieps!« begrüßte ihn ein lustiges buntfarbiges Vögelchen; es kroch flink aus dem Ei, setzte sich auf den Pfannenstiel, schlug die Flügel und putzte sich. Dann machte es dem Bengele ein artiges Kompliment und sang mit heller Stimme:

Mein kleiner Freund, ich danke dir;
Du hast mich heut befreit.
Ich schwing‘ mich fort, weit fort von hier
Zur Waldeseinsamkeit.

Halbflügg‘ entflog dem Elternpaar
Ich aus dem Nest heraus
Und schlief verzaubert hundert Jahr‘
In diesem weißen Haus.

Adieu! Leb wohl, mein Bengelein!
Ich laß den Vater grüßen. –
Des Eigensinnes Diener sein,
Muß jeder bitter büßen.

Mit großen Augen und offenem Munde, die Eierschalen in der Hand, hörte der Hampelmann des Vögleins Lied. Der kleine Sänger flog fort durchs offene Fenster; der Hampelmann aber weinte zum Erbarmen und sprach: »Lispel-Heimchen und das Vögelein haben ganz recht. – Ich muß vor Hunger sterben. – Wäre ich doch nicht davongelaufen. – Ja, ich muß es büßen, ich sterbe vor Hunger.«

Immer schlimmer knurrte der Magen. Es war schon spät abends. Bengele wagte das Äußerste, ging zum Hause hinaus und lief aufs Geratewohl fort.

»Ich werde doch irgend einen guten Menschen finden, der mir ein wenig zu essen gibt«, das war sein einziger Gedanke.

Der Große Hai.

Sechsunddreißigstes Stück.

Der Große Hai.

Ohne ein bestimmtes Ziel schwamm Bengele dahin. Da zeigte sich seinem Blicke ein blendend weißer Marmorfelsen, der weit über den Wasserspiegel emporragte. Auf der Spitze stand eine wunderhübsche Ziege; der Hampelmann hörte sie meckern und sah, wie sie ihm mit dem rechten Vorderfuße winkte. Er schwamm näher und erkannte deutlich, daß das Fell der Ziege so golden glänzte wie das Haar der Mutter Fee.

Dem Hampelmann pochte das Herz laut. Mit verdoppelter Kraft schwamm er dem Felsen zu. Schon war er nahe am Ziel, da erblickte er von der Seite den Kopf eines riesigen Tieres. Dreireihig blinkten die Zähne aus dem weitaufgerissenen Maule. Den Mutigsten hätte die Angst erfaßt.

Kennt ihr dieses Ungeheuer? – Das war der Große Hai, von dem ihr schon gehört habt.

Bengele entsetzte sich in der tiefsten Seele. Näher und näher kam der grausige Rachen und gähnte ihm entgegen wie ein todbringender Abgrund.

»Schnell, schnell, Bengele«, meckerte die Ziege auf dem Felsen. Der Hampelmann strampelte mit Händen und Füßen.

»Rasch, Bengele, das Untier kommt! – Rasch, oder du bist verloren.«

Bengele schwamm so schnell er konnte; wie ein Pfeil schoß er durchs Wasser; schon hatte er die Hand am Felsen; die Ziege streckte ihm einen Fuß entgegen, um ihm herauszuhelfen, da …

Es war zu spät. Das Ungetüm hatte ihn erschnappt. Es zog den Atem ein und der arme Bengele zappelte mit dem Wasser in den Rachen des Großen Hais. Das ging so rasch, wie man ein rohes Ei austrinkt. Bengele rutschte mit solcher Geschwindigkeit durch den Schlund des Ungeheuers, daß er wie ein Sack in eine Ecke des Magens fiel. Ohnmächtig lag er über eine Viertelstunde da.

Als der Hampelmann wieder zu sich kam, begriff er lange nicht, wo er war. Um ihn herum lagerte eine Dunkelheit, so undurchdringlich wie in einem Tintenfaß. Nebenan ließ sich ein gleichmäßiges Brausen hören. Es dröhnte wie ein ferner Wasserfall. Nach einiger Zeit erfaßte Bengele die Ursache des Getöses. – Der Große Hai litt an Atemnot. Sein Schnaufen brauste wie ein Wintersturm in den gewaltigen Kiemen.

Bengele war kein Hasenfuß. – Aber je mehr er darüber nachdachte, daß er im Bauche des Seeungeheuers lebendig begraben sei, desto banger wurde ihm ums Herz.

»O ich Unglückseliger!« jammerte er; »nun ist alles verloren. Hier kann niemand mehr helfen – niemand!«

»Das scheint mir auch der Fall«, ließ sich aus der Dunkelheit eine heisere Summe vernehmen.

»Wer spricht da?« fragte Bengele und zitterte noch mehr.

»Ich, ein armer Delphin. Der Große Hai hat uns zusammen verschluckt. – Was für ein Fisch bist du?«

»Ich bin kein Fisch, sondern ein Hampelmann.«

»Warum hast du dich dann verschlucken lassen, wenn du kein Fisch bist?«

»Ich habe mich doch nicht verschlucken lassen, sondern das Ungetüm hat mich verschluckt. Was sollen wir jetzt machen in diesem dunklen Loch?«

»Abwarten, bis wir zusammen verdaut werden.«

»Aber ich will nicht verdaut werden«, heulte Bengele.

»Ich habe auch kein besonderes Verlangen danach«, meinte der Delphin; »aber ich ergebe mich in alles. – Ich bin ein Delphin; im Wasser ward ich geboren und, wenn es sein muß, will ich auch im Wasser sterben. – Was ist schlimmer für mich: vom Großen Hai im blauen Meer verdaut zu werden, oder daß mich die tückischen Menschen fangen und auf der Erde verzehren?«

»Dumme Redensarten!« versetzte Bengele dem weisen Fische.

»Das ist nun einmal meine Auffassung«, sagte dieser gelassen, »und eine Weltanschauung sollte man immerhin respektieren.«

Bengele dachte an andere Dinge und sprach: »Überhaupt will ich da wieder hinauskommen; ich werde fliehen.«

»Fliehe nur, wenn du kannst!«

»Ist dieser Große Hai sehr groß?«

»Ohne Schwanz mißt er ein Kilometer; nun mache dir ein Bild!«

Bengele glaubte auf einmal von weitem ein Licht zu sehen.

»Was mag das dort für ein Licht sein?« fragte er den Delphin.

»Wohl auch ein armer Verschluckter, der mit uns aufs Verdautwerden wartet.«

»Ich werde ihn aufsuchen. Vielleicht ist es ein alter, kluger Fisch, der sagen kann, wie wir uns am besten davonmachen.«

»Ja gehe, liebes Hampelchen, Gott schütze dich auf dem Wege.«

»Adieu, Delphin!«

»Adieu, Hampelchen, viel Glück!«

»Wo treffen wir uns wieder?«

»Das weiß der Himmel; es ist besser, gar nicht darüber nachzudenken.«