Die Kasperles kommen in Leipzig an

Die Kasperles standen ganz verloren auf dem Riesenbahnhof in Leipzig. Sie waren ganz benommen von dem Lärm ringsum und beinahe hätten sie angefangen zu heulen. Aber da kam auf dem andern Gleise ein Zug, der pfiff laut und Peringel pfiff ihm nach, so gellend, daß alle Leute erschraken.

Ein Schaffner schnauzte die beiden an: »Warum pfeift ihr denn so?«

»Ich pfiff nicht!« schrie Bimlim.

»Aber ich, wie der Herr Zug.« Kasperle fand, das Pfeifen sei eine rechte Heldentat gewesen, und er konnte nicht begreifen, warum der Schaffner so fürchterlich schalt. Das war überhaupt ein unguter Mann: »Wie seht ihr denn aus, wer seid ihr denn?« fuhr er die Kasperles an. Die wußten nun schon, daß sie immer ausgelacht wurden, wenn sie sich Kasperles nannten, darum sagte Peringel, der Schlingel: »Das ist ein Prinz und ich bin Herr Stopps. Wir wollen zur Messe.«

»So seht ihr aus. Wohl ein Prinz aus dem Affenlande?«

»Ja,« schrie Peringel und schnitt sein fürchterlichstes Gesicht.

Heisa, bekam der Schaffner einen Schreck!

Er trat gleich einer Dame auf den Fuß, die warf wieder ihren Koffer einem Herrn an den Magen, der stolperte und riß ein Fräulein um, die klammerte sich an einen Gepäckträger, der ließ seine Koffer fallen und etliche stolperten darüber und das alles nur, weil Kasperle ein Räubergesicht gemacht hatte.

Es war schon schlimm.

Der Schaffner schrie, das wären verdächtige Kerle, die müßten verhaftet werden. Da dachten die Kasperles, nun müssen wir ausreißen. Ihre Karten hatten sie verloren und weil sie sahen, daß alle ihre Karten abgaben, kobolzten sie auf einmal über Schaffner und alle Leute hinweg und waren jenseits der Sperre, ehe der Schaffner noch ausgeschrien hatte, man solle sie verhaften.

In dem Menschenstrom, der durch den Leipziger Bahnhof flutete, gelang es den Kasperles, zu entwischen. Es sagten zwar etliche Menschen: »Was sind denn das für komische Kerle?« Ehe sie aber noch recht hinschauten, waren die Kasperles schon ein Stück weiter. Und weil viele Reklameträger in diesen Tagen in Leipzig, seltsam angezogen, umherwimmelten, wurden die Kasperles von allen für Reklameträger gehalten, die sich auch ein bißchen das Meßtreiben ansehen wollten.

Die Kasperles kamen unten in die große Halle des Bahnhofs und ein Herr, der vor Peringel ging, sagte: »Ich nehme mir ein Auto.«

Flugs sagte Peringel: »Wir nehmen auch eins.«

Er sah den Herrn hinaustreten, der hatte eine Blechmarke bekommen, woher wußte Peringel nicht, er dachte aber, ich passe auf, was er sagt.

»Hundert!« schrie der Herr und gleich kam ein Auto.

Aha, dachte Peringel, man muß eine Zahl wählen, weil er aber mit dem Zählen nicht Bescheid wußte, stellte er sich hin und rief: »Eine Million!«

Da lachten alle, denn so weit gingen die Nummern der Leipziger Autos denn doch nicht.

»Du mußt dir ’ne Marke holen, Kleiner,« sagte ein Gepäckträger.

Kasperle machte so ein dummes, erstauntes Gesicht, daß wieder alle lachten.

Immer auslachen wollte sich Kasperle nicht lassen, also lief er in den Bahnhof und schrie da mit lauter Stimme: »Wo krieg’ ich ’ne Marke?«

»Oben links ist Post,« antwortete einer. Da rannten Peringel und Bimlim nach oben und forderten dort eine Marke.

»Zu wieviel?« fragte der Beamte.

Kasperle sperrte den Mund weit auf.

»Wieviel sie kosten soll?« Der Beamte dachte, der ist doch aus Dummsdorf.

»’n Gröschle!« schrie Peringel, der wohl mal wieder dachte, der Frager wäre stocktaub.

»Also hier eine Zehnpfennigmarke.«

Nun rannten die beiden Kasperles wieder in großer Eile hinab, unten stellten sie sich auf und Kasperle brüllte: »’n Auto!«

»Hast du ’ne Nummer?«

»Hier!« Kasperle hielt dem Frager seine Marke hin: »’n Gröschle hat sie gekostet.«

»Jemine, ihr seid wohl aus Schilda,« rief der Mann, »dort ’ne Blechmarke mußt du dir geben lassen, bei dem Schutzmann.«

Kasperle erschrak. Nach einem Schutzmann hatte vorhin der Schaffner gerufen, nun hatte er keine Lust, zu einem zu gehen, und sagte: »Bimlim, wir gehen.«

Da gingen sie beide, aber nach drei Schritten lagen sie schon auf der Straße, sie hatten einen Radler angerannt. Der schimpfte und stand glücklicherweise wieder unversehrt auf. Aber böse war er, jemine! Die Kasperles bekamen einen Heidenschreck. Sie wollten ausreißen, wären aber unter ein Auto geraten, wenn ein Schutzmann sie nicht gehalten hätte. »Wo wollt ihr denn hin?« Der Schutzmann sah die beiden verwundert an und die greinten kleinlaut: »Auf die Messe.«

»So seht ihr aus.«

Der freundliche Mann beschrieb nun den beiden den Weg, aber die wußten natürlich nicht, was rechts und links war, und statt rechts gingen sie links, gerieten beinahe wieder unter ein Auto und landeten endlich auf dem Augustusplatz.

Das war ein großer, weiter Platz, auf dem die Menschen sich drängten. Aus einem Hause kam ein süßer Duft und Peringels Nase bekam es gleich heraus, es roch nach Kuchen.

»Wir holen welchen,« sagte Peringel, und flugs gingen beide in das Haus. Da sahen sie nun an den Tischen Menschen sitzen, die Kaffee und Schokolade tranken und sehr viel Kuchen aßen. Das kam den beiden spaßhaft genug vor, sie hätten sich gern auch gesetzt, aber es war kein Tisch frei.

»Oben ist noch Platz,« sagte der Kellner.

»Wo denn?« Peringel guckte mit den Augen zur Decke empor. In diesem Augenblick standen etliche Damen und Herren auf und schwupp saßen die beiden schon. Zwei Damen setzten sich auch noch an den Tisch, und der Kellner kam und sah die Kasperles mißtrauisch an: »Habt ihr denn auch Geld?«

»Viel Geld.« Kasperle holte das Geldsäckchen heraus, das Oswald ihm gegeben hatte. Es war voll Kleingeld, aber ein Dreimarkstück war auch drin. Kasperle zog es heraus und sagte: »Für das große Gröschle Schokolade und Kuchen, viel Kuchen.«

»Den müßt ihr euch aussuchen, da.«

Er zeigte auf ein Büfett, das voller Kuchen stand, und die beiden ließen sich das Aussuchen nicht vergeblich sagen. Sie liefen hin und Kasperle tippte an einen Kuchen mit dem Finger: »Den da will ich und den da.« Das Fingerlein saß in Buttercreme tief drin, und die Dame am Büfett sagte ärgerlich: »Anfassen ist verboten.«

»Den da und den da.« Nun saß auch Bimlims Finger in Buttercreme, und das Fräulein fing heftig zu schelten an. Da zogen die beiden ab, obgleich sie sich gern noch mehr ausgesucht hätten. Sie mußten, als der Kellner mit den Kuchen kam, der schon in Schlagsahne schwamm, noch viele ihrer kleinen Gröschlein dafür geben, denn immer sagte der Kellner: »Es langt noch nicht.«

Endlich stand auch die Schokolade vor den beiden und Kasperle schrie: »So ein kleines Täßle!«

»Du bist ja ein rechter Nimmersatt,« sagte die eine Dame.

»Du auch,« antwortete Kasperle flugs und dachte, er wolle ein Späßchen machen, und flink fuhr er mit seinem Löffel der Dame in die Schlagsahne.

»Das ist empörend!« Die Dame war ganz entrüstet und sie sagte zu ihrer Gefährtin: »Über eine solche Tischgesellschaft kann man in Ohnmacht fallen.«

»Wenn du in Ohnmacht fällst, stell’ ich dich auf den Kopf, das ist gut.«

Die Dame wollte sich ärgern, aber auf einmal lachte Kasperle sie so vergnügt an, daß sie auflachen mußte, und da versenkte Kasperle seine Nase in die Schokolade. Er tauchte wirklich die ganze Nasenspitze hinein. Und dann fing er an, den Kuchen zu schlecken. Er schmatzte dabei wie ein Ferkelchen und an den Tischen nebenan wurden die Leute aufmerksam. So ein Geschmatze und Geschlürfe war man hier nicht gewöhnt. Die beiden Damen, die mit an dem Tisch saßen, ärgerten sich nun, aber allemal, wenn sie in die lustig blickenden Kasperleaugen sahen, mußten sie lachen.

»Wie die beiden so unmanierlich sind!« sagte ein Herr an einem Nebentisch und schaute grillig auf die Kasperles.

»Was sagt der?« fragte Peringel und deutete mit dem Fingerlein auf den Herrn.

»Er sagt, du ißt wie ein Schweinchen, das du auch bist,« antwortete die Dame.

»Ich bin schon fertig.« Kasperle, der wohl wußte, was ein Schweinchen war, stopfte vor Verlegenheit ein halbes Stück Torte auf einmal in den Mund.

»Du wirst ersticken,« rief die Dame.

»Nä.« Kasperle grinste, tippte mit seinem Fingerlein der Dame auf ihre Torte: »Ißt du die nicht?«

»Nein, weil du davon gegessen hast.« Kasperle konnte das zwar nicht begreifen, aber er dachte, was andre nicht essen, kann ich essen, und eins, zwei, drei schnabulierte er der Dame ihre Torte vor der Nase weg.

»Das ist unerhört!« Der grillige Herr regte sich auf, obgleich es nicht seine Torte war, die Peringel mit großer Eile verspeiste. Er schmatzte dabei wieder und jemand rief: »Man muß die unmanierlichen Kinder nauswerfen!«

Da standen aber schon Peringel und Bimlim auf, denn die Geschichte schien ihnen gefährlich zu werden. Sie wollten geschwind naus, ein Kellner wollte geschwind rein. Es ging, wie es bei großer Eile geht, die drei stießen zusammen und es gab einen ungeheuren Krach. Auf einmal saß Bimlim in einem Berg Schlagsahne drin und er wollte sich gerade besinnen, was in dieser Lage zu tun wäre, als ihn Peringel emporzog und ihm zuflüsterte: »Ausreißen!« Ehe Kellner und Gäste noch wußten, wie und was, waren die beiden schon draußen und jagten draußen die Straße entlang. Auf einmal sagte Peringel zu Bimlim: »Bleib’ stehen, du hast Schlagsahne an der Hose, ich lecke sie ab.«

Da lag Bimlim schon auf der Erde, er war aber verkehrt herumgefallen und die Schlagsahne wischte auf der Straße herum. Da konnte sie selbst Peringel nicht mehr auflecken.

Inzwischen war es dämmrig geworden und die Kasperles sahen erstaunt, wie viele Lichter angezündet wurden. Die Stadt war bald ein Lichtermeer und die Kasperles gingen wie betäubt durch die schmucken Hauptstraßen der inneren Stadt. Was gab es da alles zu sehen! Dinge, von denen sie keine Ahnung hatten, was sie bedeuteten. Vor einem großen Strumpfgeschäft blieb Peringel stehen und schrie: »Da haben sie jemand die Beine abgeschnitten!«

Er schrie so laut, daß es die Vorübergehenden hörten und alle lachten. Ein Mann aber sagte: »Geh’ nur, für einen Taler schneiden sie dir auch deine Beine ab.«

Kasperle schrie laut und rannte die Straße entlang, gerade einem Schutzmann in die Arme. Der hielt ihn fest: »Was hast du denn?«

»Der will mir die Beine abschneiden,« schrie Kasperle.

»Wer denn?«

»Der da.«

Peringel deutete auf einen Mann, der dem Necklustigen ähnlich sah, der aber gar kein Wörtchen gesagt hatte.

»Wie können Sie das Kind mit einem so dummen Witz aufregen?«

»Was soll ich getan haben?«

»Du hast gesagt, für einen Taler wird mein Bein abgeschnitten,« schrie Kasperle.

»Unsinn, ist mir gar nicht eingefallen.«

»Du tust lügen.«

»So ein frecher Schlingel.«

»Peringel! Peringel!« schrie Bimlim mit lauter Stimme. Er hatte den Gefährten verloren und fürchtete sich entsetzlich.

»Peringel! Peringel! Du Schlingel, wo bist du denn?«

»Hier!« Peringel brüllte, daß dem Schutzmann beinahe die Ohren platzten, und im nächsten Augenblick sausten die Kasperles die Straße entlang und verschwanden.

»Wer war denn das?« fragte der Schutzmann verwundert.

»Zwei sehr unmanierliche Jungen,« antwortete ein Herr, der die Sache beobachtet hatte, »ich hab’ schon gesehen, wie sie sich bei Tische in der Konditorei benommen haben, unglaublich.«

Werde sie mir merken, dachte der Schutzmann, die gehen sicher auf die Messe und heute abend bin ich da, da werde ich aufpassen.

Die beiden wären wohl wer weiß wohin gelaufen, wenn nicht ein Spielwarenladen gekommen wäre, in dem lauter Kasperles ausgestellt waren.

Bums! blieben die beiden stehen, standen und staunten. So etwas hatten sie noch nie gesehen. Da gab es Puppen in allen Größen und Felltiere, Affen, Bären, Pferde und Wagen. Das Erstaunlichste aber waren doch die Kasperles, die hatten nämlich nach Ansicht der beiden gar keine Kasperlegesichter.

»Mach’s so!« schrie Peringel und tippte an die Scheibe, und dabei machte er ein Räubergesicht. Bimlim machte es ihm nach, aber das Kasperle im Laden blieb still bei seinem dummen Gesicht.

»So macht er’s.« Bimlim machte es dem im Laden nach.

»So macht’s der andere.« Peringel machte es auch einem Kasperle nach und die beiden fingen an zu lachen, weil die dummen Kasperles ihre Gesichter nicht veränderten.

»Sie sind von Holz,« sagte Bimlim verächtlich.

»Elende Holzdinger,« schrie Peringel.

»Wir wollen ihnen mal was vormachen.«

Die beiden schnitten Gesichter in den Laden hinein, das sahen ein paar Jungen, die blieben stehen und sagten: »Die können es fein.«

Andere Buben und Mädels kamen herzu, alle standen und bewunderten die Kasperles.

»Dreht euch doch um,« rief plötzlich ein Junge, »wenn ihr immer in den Laden guckt, können wir euch nicht ordentlich sehen.«

Da drehten sich die Kasperles um, und als sie die vielen Kinder sahen, schnitten sie die unglaublichsten Gesichter.

Das Gedränge vor dem Laden wurde immer größer.

»Die sind fein, die sind von der Messe,« redeten ein paar Stimmen.

»Jetzt kommt ein Schutzmann,« sagte jemand.

»Au! Au!« schrien etliche. Über ihre Köpfe weg turnten die Kasperles, schossen Purzelbäume gerade auf ein Auto hinauf.

»Halt, halt!« riefen dem Fahrer ein paar Leute zu, der aber schrie: »Ich war’s nicht!« Er dachte, es wäre jemand überfahren worden und er sollte angezeigt werden. Ein Schutzmann lief dem Wagen nach und schrie: »Halten, halten!« aber der Chauffeur schrie nur immer: »Ich war’s nicht, ich war’s nicht!«

In dem Auto saßen ein paar Damen, die auch nicht die Kasperles auf dem Verdeck sehen konnten.

Der Wagen hielt vor einem großen Hause, die Damen stiegen aus, und weil es schon recht dämmrig geworden war, sahen weder Chauffeur noch Damen die beiden Kasperles, und ein Herr, der das Auto anrief und »Meßplatz« verlangte, sah sie auch nicht.

So kamen die beiden zum Meßplatz, aber dort wurden sie gesehen und es gab ein großes Geschrei, als die beiden vom Verdeck herabpurzelten. Aber nicht lange hielt das Rufen an, die beiden waren im Umsehen verschwunden, hatten sich im Gewirr des Meßplatzes verloren.

War das ein Leben! Der Torburger Festplatz war dagegen ein Kinderspiel. Und diese Flut von Licht über den ganzen riesengroßen Platz! Den Kasperles wurde es ganz bang um die beiden kleinen Kasperleherzen, sie sehnten sich auf einmal schrecklich nach Torburg zurück. Peringel kam auf den Einfall, mit einem Auto nach Torburg zu fahren.

»Hast du Gröschlein genug?« fragte Bimlim.

»O ja,« sagte Peringel und holte seinen Geldbeutel heraus, da waren Gröschlein und Zweipfennige drin. Er ging ganz stolz auf einen Chauffeur zu und sagte: »Nach Torburg.«

»Du meinst wohl Tonberg?« (das ist ein Vorort von Leipzig) sagte der Chauffeur.

»Nä, Torburg.«

»Wo liegt denn das?«

»In Franken,« sagte ein Mann, der vorüberging.

»Dahin wollt ihr fahren, habt ihr auch Geld?«

»Ja, viel.«

Ein Schutzmann hörte das und er dachte, wenn zwei so kleine Jungen nach Torburg fahren wollen und sagen, sie hätten viel Geld, dann ist die Sache verdächtig.

»Zeigt mal das Geld,« sagte gerade der Chauffeur.

Kasperle hielt ihm sein Geldbeutelchen hin. Der Mann zählte: »70 Pfennige, aber Jungens, ihr seid wohl piepe! Damit wollt ihr Auto fahren?« Alle Leute, die herumstanden, lachten, und der Schutzmann lachte mit. »70 Pfennige, damit Auto fahren. Macht, daß ihr nach Hause kommt!« rief der Mann.

»Aber wir müssen doch zu Meister Drillhose und Meister Hirsebrei und Madame Käsewurm.«

Da lachten alle noch mehr und der Schutzmann sagte: »Wo wohnt ihr denn?«

Ja, er konnte gut fragen. Die beiden waren wie der Blitz verschwunden.

»Da stimmt etwas nicht,« sagte der Schutzmann.

»Nein, da stimmt etwas nicht,« sagte auch der Chauffeur.

»Hier stimmt auch etwas nicht, hier kriecht etwas herum,« sagte eine Pfefferkuchenfrau und sah unter ihren Verkaufstisch. Da saßen die Kasperles darunter und Peringel schmauste gerade einen Pfefferkuchen.

»Der hat da gelegen,« rief er erschrocken.

»Da liegen noch mehr, wenn du die alle aufessen willst, dann . . .«

»Ja,« rief Kasperle, der das für eine freundliche Aufforderung nahm.

»Nun,« rief die Frau, die es anders gemeint hatte, »dann hau’ ich dir den Buckel voll.« Das war unfreundlich. Die beiden Kasperles dachten wieder, es ist am besten, wieder auszureißen, denn man kann nie wissen, was so einer Pfefferkuchenfrau alles einfällt. Also rissen die beiden mal wieder aus, und weil sie nicht wußten, was sie tun sollten, krochen sie unter die Plane einer Bude. Diese Verkaufsbude war schon geschlossen und die beiden dachten, sie würden hier ordentlich ausschlafen können.

»Ich möchte hundert Jahre schlafen,« sagte Bimlim.

»Nä, bitte nicht, das ist zu lange,« schrie Peringel lauter, als gerade nötig war.

»Wer spricht denn hier?« fragte jemand.

»Stille,« tuschelte Peringel, »da steht ein Schutzmann.« Es stand wirklich einer da. Er kam auch heran und hob die Plane hoch. Aber die Kasperles hatten sich geschwind hinter eine große Kiste versteckt, da sah er sie nicht.

Ich werde die Bude im Auge behalten, dachte er, geheuer ist es da nicht.

Das war ein guter Vorsatz für einen Schutzmann, aber ein schlimmer für Kasperles, die gerne ausschlafen wollten.

Kasperle auf der Leipziger Messe

Es wurde auch nichts mit dem Ausschlafen. Auf einmal hörte nämlich der wachsame Schutzmann ein sonderbares Geräusch.

»Hörst du,« sagte er zu seinem Gefährten, »wer ist das?«

»Einbrecher.«

»Aber recht ungeschickte, die machen ja einen Höllenlärm.«

Währenddem kam eine Dame, die in der Schießbude half und schrie: »Bei mir brechen sie ein!«

»Schreien Sie doch nicht so, sonst fangen wir sie nicht,« tuschelte der Schutzmann.

Aber die Schießbudendame war etwas aufgeregt, sie rief laut: »Hilfe, Hilfe, Einbrecher!«

Die Einbrecher waren aber etwas komisch, die ließen sich gar nicht stören, sie sägten ruhig weiter.

Und wer waren die Einbrecher?

Die Kasperles, die lagen in einer Kiste mit Holzwolle und schnarchten, was sie nur konnten, als der Schutzmann die Plane hochhob.

»Kasperles!« riefen alle.

»Lebendige!« Die Schießbudendame sagte gleich: »Die sind sicherlich aus der Kasperlebude ausgerückt. – Steht ihr mal auf!«

Die beiden standen aber nicht auf, die schnarchten ruhig weiter.

»Hört ihr, steht auf!« der Schutzmann brüllte sie an, die beiden wachten nicht auf.

»Ihr steht auf!« rief ein Budenbesitzer.

Immer noch rührten sich die beiden nicht.

»Ich gieße ihnen mein Deppchen Goffee über den Gopp,« sagte ein Aufseher.

Und gesagt, getan. Der Kaffee war warm und davon wachten die beiden dann auch auf. Und als sie so viele fremde Menschen um sich stehen sahen und der Kaffee ihnen warm über die Nase lief, da brüllten sie los.

»Jemine, ja so’n Deppchen Goffee hilft immer, auswendig oder inwendig, je nach Bedarf,« sagte der Aufseher gemütlich.

»Wer seid ihr denn?«

»Kasperles.«

»Wohl aus der Bude da drüben?« fragte der Aufseher.

»Nä, wir sind geflogen.«

»Ach so, rausgeflogen?«

»Nä, durch die Luft.«

Nun erzählten die Kasperles ihr Abenteuer und niemand glaubte ihnen.

»Ihr seid mir scheene Schwindelmaiers,« sagte der Aufseher.

»Wir schwindeln nicht.«

»Doch, aber feste! Da kommt der Kasperlemann, der kann’s gleich sagen.« Den Kasperlemann hatte die Schießbudendame herbeigeholt. Aber die Kasperles hatten keine Lust mehr, etwas zu sagen, und sie hätten wohl geschwiegen, wenn nicht der Schutzmann, der sie sich gemerkt hatte, dazu gekommen wäre. Der machte den maulfaulen Kasperles Beine. Huppdihupp sprangen sie in die Höhe und wollten ausreißen, aber es standen diesmal zu viele Menschen da und zwei Männer packten die Schelme und herrschten sie an: »Hier geblieben, ihr Einbrecher!«

»Wir sind keine Einbrecher, wir sind Kasperles.«

»Wie heißt ihr?« Der Kasperlemann rannte vor Eile gleich einen Schutzmann um.

»Lebendige Kasperles!«

»Jemine, ihr seid wohl vom Himmel gefallen?«

»Ja, aus ’nem Flugzeug.«

»Glauben Sie doch den Schwindelpetern den Unsinn nicht,« sagte ein Herr, aber der Kasperlemann belehrte ihn, daß das wohl stimmen könnte. Es gibt auf der Welt zwei echte Kasperles, die einmal von der Kasperle-Insel geraubt worden waren und von Zeit zu Zeit lange schliefen und auf diese Weise lange lebten. »Stimmt das?« fragte er.

»Ja,« die beiden nickten, bei dem Gedanken an ihre Heimatinsel waren sie beide traurig geworden und ihre sonst so lustigen Kasperlegesichter sahen ganz wehmütig drein.

»Wie heißt ihr denn? Peringel und Bimlim?«

Auf einmal klärten sich die Gesichter der beiden auf, da war doch jemand, der ihre Namen kannte.

Sie wollten gerade anfangen zu erzählen, als der Kasperlemann rief: »Nicht erzählen, das kommt in die Zeitung.« Und dann bat er in beweglichen Tönen, die beiden sollten zu ihm kommen, er wäre ein ganz armer Mann und hätte nicht einmal Geld genug, die Platzmiete für sein Budchen zu zahlen und zu essen hätte er auch nichts.

»Ich hab’ aber Hunger,« schrie Peringel, und Bimlim echote: »Ich auch.« Das war schlimm und es war gut, daß sich unter den Zuschauern ein paar mitleidige Leute fanden, die gaben Geld für Semmeln und Würstchen und die beiden Kasperles aßen, so viel sie nur bekamen. Dann gingen sie mit dem Kasperlemann in die Bude und legten sich dort zum Schlaf nieder.

»Schlaft aber nicht hundert Jahre, so lange kann ich nicht warten.«

Das versprachen auch die beiden, und richtig wachten sie am nächsten Morgen zu rechter Zeit auf.

Am Vormittag brauchten sie nicht zu kaspern, denn das Publikum, das zusah, kam erst am Nachmittag.

»Jetzt fangt an,« sagte der Kasperlemann, als sich die beiden Faulpelze ihren Nachmittagsschlaf aus den Augen rieben, »es sind schon Kinder da.«

Peringel guckte zuerst hinaus.

»Da ist ’n neir Goasber,« riefen die Kinder.

»Ein Kasperle bin ich.«

»Nu ja, ’n Goasber.«

»Nä, ein Kasperle.«

»Nu freilich, ’n Goasbörlä.«

Da kam Bimlim heraus und rief: »Ich bin der berühmte Prinz Bimlim.«

»Uhjeh, Brinz Pimlim.«

»Nä, Bimlim.«

»Nu ja, Pimlim.«

Die Leipziger Kinder konnten gar nicht begreifen, warum die beiden immer ihre Namen wiederholten. Sie fragten:

»Woher kommt ihr denn?«

»Vom Monde,« rief Kasperle geärgert.

»Das ist aber weit.«

»Freilich, sehr weit.«

»Wie lange biste denn gereist?«

Mit Zählen durfte man Kasperle nicht kommen, er sagte aufs Geratewohl: »Ein Jahr.«

»Aber das ist lange. Wie biste denn gereist?«

»Ich habe Purzelbäume geschossen.«

»Ein Jahr immerzu?« Das Kasperle, das reden konnte und solche Geschichte erzählen, kam den Kindern sehr sonderbar vor und ein kleiner Junge sagte: »Ist dir denn nicht übel geworden?«

»Sehr übel. Darum habe ich jetzt Hunger und ihr müßt mir jetzt Gröschlein geben, denn ich muß Würstchen essen und Pfannkuchen und Pfefferküchlein.«

Aber die Geschichte war den Kindern zu schnell zu Ende. Gröschleins wollten sie schon geben, aber was sehen wollten sie auch. Sie verlangten eine Vorstellung und die beiden Faulpelze, die sich gedacht hatten, sie kämen ohne große Anstrengung zu ihren Gröschleins, mußten sich zum Kaspern bequemen.

»Jetzt fängt der Goasber an.«

»Ich heiße Kasperle Peringel.«

»Nu ja, Goasber Beringel. Nu fang aber an, sonst laufen wir weg.«

Da ließ Kasperle das Streiten um seinen Namen sein und fing an, Grimassen zu schneiden.

Die Kinder lachten erst ein wenig, dann aber, als Kasperle lachte, lachten sie mehr und mehr, und immer lauter tönte das Lachen vor der Kasperlebude.

Auf einmal rief ein Herr: »Du Kasper, bist du wirklich ein Kasper?«

»Das sehnse doch.« Kasperle rief es patzig.

»Sei höflich,« mahnte der Kasperlemann, »das ist ein Herr, der setzt dich in die Zeitung.« Nun kam Kasperle eine Erinnerung an einen Professor, von dem er einst geglaubt hatte, er wolle ihn in Spiritus setzen und er dachte, das wäre etwas Ähnliches. Er brüllte los:

»Ich will nicht in die Zeitung, ich will in keiner Zeitung sitzen!«

»So ein Schafskopf,« sagte der Herr.

»Ich bin kein Schafskopf, ich bin ein Kasperle.«

»Sei doch still,« mahnte der Kasperlemann, »sonst kommst du ja nicht in die Zeitung.«

»Ich will nicht in der Zeitung sitzen!« Kasperle machte vor Angst lauter Räuber- und Menschenfresser-Gesichter. Immer eins nach dem andern.

»Warte, ich will dich photographieren,« sagte der Herr und richtete seinen Apparat auf Kasperle.

»Er schießt mich, er schießt mich!« schrie Kasperle entsetzt, der von der Kunst der Photographie ebensowenig eine Ahnung hatte wie von der Wichtigkeit einer Zeitung. Kasperle schoß einen Purzelbaum von der Bühne herab mitten unter die Kinder, und da stand er vor dem Herrn und riß dem den Apparat aus der Hand. »Du darfst mich nicht schießen.«

»Na höre mal, du bist aber dumm.«

»Ich bin nicht dumm, ich bin ein Kasperle.«

»Bist du wirklich eins, bist du nicht ein ganz gerissener Schwindler?«

Diese Frage ärgerte Kasperle so sehr, daß er auf einmal seine Zunge, und sie war lang, weit herausstreckte, worüber der Herr so erschrak, daß er samt seinem Apparat, den er eben wieder aufgehoben hatte, hintenüber fiel.

»Eener der Goasber hat die Zunge rausgestreckt,« jubelten die Kinder.

»Nochmal!« verlangten etliche.

Aber Kasperle war selbst erschrocken über seine Missetat. Er kobolzte zurück und kasperte oben weiter. Zu seiner Beruhigung verschwand der Herr, der ihn hatte in die Zeitung bringen wollen. Und so kam es, daß von Kasperle kein Sterbenswörtchen in den Leipziger Zeitungen stand und der Kasperlemann klagte: »Gar keine Reklame.«

»Was für ’ne Dame?« fragte Kasperle.

Ach Kasperle, dachte der Kasperlemann, du hast wirklich sehr viel verschlafen. Er sagte es aber nicht laut, denn er hatte Angst, Kasperle könnte noch mehr Dummheiten machen.

Er ließ die Kasperles kaspern und jeden Tag wuchs die Kinderschar und jeden Tag zankte sich Kasperle mit ihnen herum, wenn sie riefen: »Goasber, gomm.«

Aber die Gröschlein flogen und Kasperle litt keine Not. Es war merkwürdig, die verwöhnten, an vieles Merkwürdige gewöhnten Großstadtkinder standen wie festgerammt, wenn das Kasperle kam. Wenn er seine Gesichter schnitt, schnitten sie auch welche und wenn er lachte, lachten sie auch. Schlimm aber war es, wenn Kasperle traurig war, das steckte noch mehr an als Gesichterschneiden und Lachen, dann rollten die Tränen und die Taschentüchlein flogen. Und weil Kasperle nie ein Taschentuch hatte, war es allen eine Ehre, wenn Kasperle verlangte: »Gib mir dein’s.«

Dann flogen Kasperle die Tüchlein zu und Kasperle heulte wie ein kleiner Hofhund und erzählte dazu von seiner geliebten Kasperle-Insel.

»Warum biste nicht mehr dort?« fragten oft die Kinder.

Und Kasperle schwieg. Konnte er erzählen, daß man ihn dort Peringel, den Schlingel, nannte? Nein, da schwieg er lieber. Darum sagte er jedesmal kläglich: »Das weiß ich nicht mehr, das habe ich verschlafen.«

»O Kasperle, du Strick!«

Und Bimlim sagte auch jedesmal: »Ich hab’s auch verschlafen, aber Peringel war dran schuld.«

»Weiß ich nicht, hopple hopp, jetzt wird gekaspert.«

Und weg waren Tränen und Kummer, das Lachen tönte über den Platz und die andern Budeninhaber sagten wohl: »Der Kasperlemann hat’s gut, seit der die lebendigen Kasper hat, geht’s Geschäft.«

Die Kasperles im Kino

Auf der Messe war auch ein Lichtspieltheater. Und die Kasperles, neugierig wie die Elstern, beschlossen hineinzugehen. Der Besitzer hatte geboten: »Macht kein Aufhebens, wenn die Kasperles kommen.« Er dachte nämlich, die beiden könnten allerhand anstellen. Die beiden gingen also eines Tages mit den besten Vorsätzen in das Theater. Sie wollten ganz gewiß nichts anstellen, ja das wollten sie, aber . . . Als sie in den dunklen Zuschauerraum gelassen wurden, erschraken sie sehr und sie stolperten mit Getöse den Gang entlang.

»Da setzt euch,« sagte das Fräulein mit der Lampe.

Ja setzen, wenn man nicht sehen kann.

Auf einmal saß Kasperle einer Dame auf dem Schoß und Bimlim umarmte den dazu passenden Herrn.

»Hilfe, Hilfe, Mörder!« kreischte die Dame. Sie dachte, Kasperle wollte sie umbringen.

Weil Kasperle der Meinung war, zwei schrien immer besser als einer, schrie Kasperle auch um Hilfe, da er nicht wußte, daß er der Übeltäter war.

»Hilfe, Hilfe!« gellte es durch das Theater und ein Diener sprang herzu und drehte das Licht auf. Da saß Kasperle auf dem Schoß der Dame und beide schrien um die Wette.

»Er mordet mich!«

»Mich auch,« stöhnte der Herr, den Bimlim immer noch umhalst hatte.

»Ih nee, das tun die Kasperles nicht.«

»Kasperles!« Im Nu sahen so und so viele Kinderköpfe herum, Kinderaugen suchten, Kinderbeine zappelten, um zu Kasperle zu eilen, das ganze Publikum geriet in Unruhe.

»Was, der häßliche Kerl auf meinem Schoß soll ein Kasperle sein?« rief die Dame. Da schnitt Kasperle, empört über den Zweifel, ein Räuber- und ein Menschenfressergesicht, dabei neues Geschrei der Dame. Endlich setzte der Diener Kasperle und Bimlim neben die schreiende Dame und sagte ein bißchen streng: »Nun still.«

Nun wußten Kasperle, Dame, Bimlim und Herr nicht, wer gemeint war, und darum waren sie alle still, und es wurde wieder dunkel. Aber nicht lange hielt die Stille an, denn auf einmal ertönte Kasperles laute, kreischende Stimme: »’n bißchen lauter, ich kann gar nichts verstehen.«

Kasperle spricht. Wieder drehten sich Kinderköpfe um, wieder zwirbelten Buben- und Mädelbeine und Kindermünder lachten. Kasperle dachte, die Kinoleute sind lebendig. O das blitzdumme Kasperle!

»Lauter!« schrie nun auch Bimlim. Da sagte der Herr herablassend: »Das sind nur Bilder.«

»Nä,« sagte Kasperle laut, »die sind lebendig. Da!« Ein gellender Aufschrei: »Er schießt, er schießt!«

Kasperle fuhr aus dem Stuhle hoch und kreischte: »Mann, sieh doch, Mann, sieh doch, er schießt!«

Ein lautes Lachen brauste durch den Saal und Kasperle sah Bimlim erstaunt an und Bimlim sah ihn erstaunt an.

»Es sind Bilder, mein Sohn,« sagte der Herr mild.

»Du schwindelst.« Kasperle war entrüstet, daß ihm der Herr etwas weismachen wollte, und Bimlim war mit entrüstet, der rief: »Schwindelpeter!«

»Du bist ein ganz frecher Junge.«

»Ich bin kein Junge.«

»Na, was denn?«

»Ein Kasperle.«

»Stille!« tönte es durch den Saal, »Mund halten!«

»Siehste,« sagte Kasperle laut, »du sollst den Mund halten.«

Das ging dem Herrn doch über den Spaß und patsch bekam Kasperle eins auf den Mund.

Der arme Herr wußte nicht, was er angerichtet hatte, denn er hatte in seinem Leben noch kein Kasperle schreien hören. Kasperle schrie so, daß nun alle dachten, er werde wirklich umgebracht und Bimlim schrie mit.

Der Diener kam ganz aufgeregt herbei: »Was ist denn los?«

»Er haut mir, er haut mir!«

»Bloß einen Klaps,« sagte der Herr verlegen und die Dame sagte milde: »Aber Kasperle, es war ganz sanft.«

So war’s, und klapp hatte die Dame eins auf dem Mund und sie wollte gleich in Ohnmacht fallen, da sagte Kasperle: »Man muß sie auf den Kopf stellen,« und flugs war die Dame wieder munter.

»Ruhe,« rief ein ungeduldiger Zuschauer, »nicht so schreien.«

»Ich schreie nicht mehr!« Kasperle brüllte, als wären alle stocktaub, und der Diener sagte ganz streng: »Wenn du nicht gleich still bist, dann wirst du nausgestellt.«

»Es muß ihm gesagt werden, daß das nur Bilder sind,« flüsterte der Herr.

Aber Kasperle hatte das Flüstern doch verstanden und das vermeintliche Geschwindle empörte ihn, er brüllte wieder: »Nä, das sind keine Bilder! Bilder kenne ich, die wackeln nicht, da spuckt man drauf, dann kleben sie.«

Ein lautes Gelächter durchbrauste den Saal und das Publikum verlangte, Kasperle sollte an die weiße Wand geführt werden und selbst sehen, daß es Bilder wären.

Der Herr des Lichtspielhauses mußte kommen und Kasperle wurde zur allgemeinen Freude wirklich an die weiße Wand geführt. Das erste, was er tat, war, daß er einen kräftigen Stoß gegen den Bösewicht des Stückes führte: »Das war der, der geschießt hat,« schrie er. Zu seiner Verwunderung traf er nur die Wand und keinen Menschen. Da fing er allmählich an zu glauben, daß es wirklich nur Bilder waren. Er ging suchend zu seinem Platz zurück, ein kleines feines Mädchen aber rümpfte die Nase, als Kasperle vorbeiging: »Wie der riecht.« Es ging wirklich ein unholdes Düftchen von Kasperle aus. Man konnte schon sagen, er stank.

»Nach was riechst du denn?« fragte die Dame, als er vorbeiging, aber Kasperle wollte sehen und sich nicht unterhalten, er sagte patzig: »Du riechst.«

Da drehten sich ein paar Leute um und sagten: »Es riecht wirklich entsetzlich.«

»Ich bin’s nicht, du bist es,« schrie Kasperle zum Entsetzen der Dame.

»Hier hat jemand Käse mit,« sagte ein alter Herr.

»Hinter mir ist es,« sagte ein Herr, der vor der Dame saß.

»Aber ich bin es nicht.«

»Doch, du bist es.«

Kasperle war sehr frech. Er steckte ein Käsepaketchen, das er vergessen hatte, dem Kasperlemann abzugeben, der Dame unter den Mantel und sagte wieder: »Du bist es.«

Da kam der Aufsichtsbeamte, hielt sich die Nase zu und sagte: »Käse mit ins Kino zu nehmen, ist nicht erlaubt.«

»Ich bin’s nicht,« die Dame stand auf und das Käsepaketchen fiel zu Boden.

»Da ist es,« sagte der Aufsichtsbeamte, »was so riecht.«

»Es gehört mir nicht,« die Dame war wütend und ihr Mann stand auf und sagte: »Wir wollen gehen.«

Sie gingen und die Kasperles hatten die Stuhlreihe für sich allein.

»Nun betragt euch anständig,« sagte der Aufsichtsbeamte und nahm den Käse mit.

Beinahe hätte Kasperle geschrien: »Mein Käse!« er schwieg aber und saß ganz steif und still auf seinem Platz, denn er hatte ein sehr schlechtes Gewissen.

»Kasperle ist fortgegangen,« riefen ein paar Kinder, »wie schade.«

Trotz seines schlechten Gewissens hörte Kasperle das gern und er brüllte laut: »Nä, ich bin da, aber der Käse ist fort.«

Nun lachten wieder alle und der Aufsichtsbeamte dachte: Warte Kasperle, dich kriege ich noch! Der den Käse gehabt hat, bist du gewesen.

»Stille!« mahnte er, denn Kasperle zeigte nicht geringe Lust, ein Gespräch mit den Kindern zu beginnen.

Da schwieg Kasperle muckstill, denn sein Gewissen war noch wach. Aber ein Kasperlegewissen schläft bald ein und Peringels Gewissen schlief ganz fest ein.

Die Vorstellung ging weiter. Ein Lustspiel löste das Drama ab und plötzlich lachte Kasperle und schrie: »Er hat sich in den Pudding gesetzt!«

Ein Mann hatte sich auf einen Zylinder gesetzt und Kasperle dachte, es wäre ein Pudding.

»Kasperle sei still!«

Aber Kasperle war nicht still. Der lachte und lachte sein echtes freches Kasperlelachen und das steckte an. Erst lachten ein paar Kinder mit, dann Erwachsene, immer mehr lachten und zuletzt dröhnte das Haus wider vom Lachen des Publikums.

Und je mehr die andern lachten, je mehr lachte Kasperle.

So war noch nie in einem Kino gelacht worden und ein dicker Herr rief: »Ich platze!«

»Ich platze auch!« rief eine Dame.

»Ich bin schon geplatzt!« rief Kasperle.

»Wo denn?« fragten die Kinder.

»An meinem Hösle ist ein Knöpfle abgesprungen.«

Da brauste das Lachen von neuem auf. Der Aufsichtsbeamte wollte »Stille« rufen, er mußte aber selbst so lachen, daß ihm die Tränen kamen.

Und dem dicken Herrn platzten drei Hosenknöpfe ab und er bat seine Frau um eine Sicherheitsnadel.

»Nun aber still,« flüsterte der Aufsichtsbeamte Kasperle zu, und weil Kasperles Gewissen wieder aufwachte, hielt er sich selbst den Mund zu.

Da erlosch das freche Kasperlelachen und alle sagten wieder: »Wie schade, Kasperle ist fort.«

»Nä, ich bin noch da.«

»Bleibst du noch?«

»Ja, noch lange.«

»Still.«

Schwupp war Kasperle wieder ganz still. Unheimlich still, dachte nach einer Weile der Aufsichtsbeamte. Was macht er nur?

Das Sehen nach der weißen Wand hatte Kasperle ermüdet und auf einmal sah er, daß Bimlim schlief. Da dachte er, das kann ich auch, schloß die Glitzeräuglein und auf einmal sagte jemand: »Was rasselt nur so?«

»Das ist die Maschine,« sagte eine andere Stimme.

»Eine Ratte ist’s,« kreischte ein Fräulein.

»Uh je,« quiekte eine andere.

»Es muß etwas an der Maschine kaputt sein,« sagte die erste Stimme.

»Es wird doch kein Unglück passieren.«

»Kasperle schnarcht,« rief der Aufsichtsbeamte und ein lautes Lachen brauste durch den Saal.

Davon erwachten die Kasperles und sie sahen verdutzt um sich, wußten gar nicht, wo sie waren.

»Ausgeschlafen?« fragte jemand.

»Nä,« schrie Peringel und Bimlim machte »uah.«

Der Aufseher aber nahm beide Kasperles beim Schlafittchen und führte sie hinaus, denn schnarchen im Kino, das ging nun doch nicht.

Draußen, als die beiden noch recht verdutzt dastanden, sagte er: »Hier ist auch der Käse.«

Eilfertig griff Peringel danach und der Aufseher lachte: »Also, du warst es doch,« sagte er.

Da merkte Kasperle, daß er sich verraten hatte und er brach in ein ungeheures Gelächter aus.

»Kasperle lacht draußen!« Die Kinder im Saal sprangen hoch und verlangten, Kasperle solle wieder hereinkommen. Das tat Kasperle gern und beinahe nahm er den Käse wieder mit in den Saal, aber der Aufseher merkte es noch zur rechten Zeit. Das war gut, denn wenn Käse und Kino auch beide einen Anfangsbuchstaben haben, so passen sie doch nicht zusammen wie Kasperle und Kino.

Der kleine alte Kasperlemann

Als der Weltkrieg zu Ende war, fing ein kleiner alter Mann wieder an zu arbeiten. Er hatte, wie so viele Leute, sein erarbeitetes Geld verloren und mußte nun wieder mit der Arbeit beginnen. Er war Kasperlemann, das heißt, er zog von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, von Messe zu Messe mit seiner Kasperlebude. Das Budchen besaß er noch, denn von dem hatte er sich nicht trennen mögen, auch die Puppen waren noch da und so zog nun Herr Hirsebrei mit seiner Frau Mariechen eines Tages auf die Leipziger Messe. Es war um die Osterzeit, alles blühte und grünte schon, die große Stadt lag eingebettet in einen Kranz frischer grüner Wälder und der Kasperlemann Hirsebrei sagte zu seiner Frau Mariechen: »Man sollte lieber spazierengehn als immer Kasperlespiele machen.« Ja, zum Spazierengehn hatte er auch reichlich Zeit, denn die Kinder, die vor der Kasperbude sitzen und lachen sollten, die fehlten.

Woher das nur kam?

Das Budchen war da, die Kasperles waren da, aber die Kinder kamen nicht. »Ich kann’s nicht mehr,« sagte Herr Hirsebrei zu Frau Mariechen, »ich hab’s verlernt.«

»Unsinn, es sind zu viele Kasperle-Theater da,« antwortete die Frau, »du kannst es noch sehr gut. Solche Witze wie du machen nicht viele, aber sieh nur, dort steht ein ganz großes neues Theater und dort eins und da stehen die Kinder herum, wir müssen unsere Kasperles neu anstreichen und neu anziehen.«

Damit war Meister Hirsebrei einverstanden, aber erst nach der Messe, sonst klebten sie, und mit Kasperles, die kleben, kann man nicht spielen.

»Mir ist’s recht.« Frau Mariechen war mit allem zufrieden, was ihr Mann wollte. Aber sie fing doch immer an, neue Anzüge für die Kasperlepuppen zu nähen, damit es schneller ging. So saß sie dann da und nähte Kasperlestaat und manchmal nahm sie auch den Teller und sammelte ein. Es kam aber wenig Geld ein und manchmal war der Gewinn nur ein Hosenknopf. Da hatte sich so ein Büblein gesagt: Geld ist rund und Hosenknöpfe sind auch rund, also kann man auch Hosenknöpfe geben.

Das stimmte nun nicht, und die arme kleine Frau Mariechen ärgerte sich nur, wenn sie einen Hosenknopf fand, denn alle konnte sie ihrem Manne doch nicht annähen.

So ging die Leipziger Messe vorbei und das Ende vom Lied war, daß die armen Kasperleleute nur wenig Geld hatten, nicht einmal so viel, um mit der Bahn nach Weimar zum Jahrmarkt zu fahren. Da zog Herr Hirsebrei seinen alten Kasperlewagen aus dem Schuppen und das Ehepaar zog wieder wie ehedem mit dem Karren übers Land. Zuerst nach Thüringen und dann nach Franken. Dort in dem Städtchen Torburg lernte Meister Hirsebrei einen uralten Kasperlespieler kennen. Der wohnte in einem kleinen uralten Hause, er zog nicht mehr zu Jahrmarkt und Messe hinaus, denn dazu war er zu alt. Er ging also und sah sich Meister Hirsebreis Spiel an und so lernte ihn Meister Hirsebrei kennen. »Ich spiele schlecht,« sagte Meister Hirsebrei traurig, »ich hab’s verlernt.« »Sie spielen ganz gut,« antwortete der alte Meister, der Drillhose hieß. »Aber die Kinder kommen nicht mehr zu mir!«

»Die Kinder wissen nicht, was ein gutes Kasperlespiel ist, es sind neumodische Kinder, die für Kino und Rundfunk schwärmen. Ja, wenn sie mein altes Kasperle sehen würden, da würde ihnen ein Licht aufgehen!«

»Was ist denn das, Ihr altes Kasperle?«

»Ja, das ist ein echtes Kasperle.«

»Das gibt es ja gar nicht.«

»Doch, es ist davon geschrieben worden.«

»Ach, die Leser sind dumm, echte Kasperles gibt es nicht.«

»Doch, die gibt es: ich habe eins.«

Meister Hirsebrei machte große Augen, dann aber lachte er und spottete: »Wenn Sie ein echtes Kasperle hätten, dann wohnten Sie nicht in einem so armen, kleinen Häuschen, sondern hätten viel Geld verdient, denn ein echtes Kasperle würde die Leute anlocken.«

»Da haben Sie recht, aber mein Kasperle schläft. Als mein Vater ein ganz junger Bursche war, ist es eingeschlafen, es hatte sich müde gekaspert.«

»Warum haben Sie es nicht aufgeweckt?«

»Weil es dann stirbt.«

»Ja, vom Aufwecken stirbt man doch nicht.«

»O doch, wenn man ein Kasperle ist.«

»Wissen Sie das so genau?«

»So ziemlich. Mein Großvater war der alte Kasperlemann, mit dem das echte Kasperle einmal herumgezogen ist, der es damals gerettet hat: Peringel, den Schlingel.«

»Was? Peringel, den Schlingel, das weltberühmte Kasperle wollen Sie haben? Das glaube ich nicht!«

»Glauben Sie es nur, es ist so.«

»Aber wo ist der Peringel?«

»In meinem Kasten.«

»Den muß ich sehen.«

»Wenn ich es erlaube, es hat noch niemand Peringel, den Schlingel, gesehen als mein Vater und ich und meine Frau Luise, die ist aber schon tot.«

»Wie alt sind Sie denn?«

»Fünfundsiebzig Jahre. Als ich geboren wurde, schlief Peringel, der Schlingel, ein, und seitdem warte ich auf das Aufwachen.«

»Fünfundsiebzig Jahre!«

»Ja, fünfundsiebzig Jahre. Eine lange Zeit, aber Peringel, der Schlingel, war auch so müde, als er einschlief, er konnte gar nicht mehr richtig kaspern, es fielen ihm keine Späßchen mehr ein und mein Vater sagte, er wird lange schlafen, hoffentlich erlebst du es noch, daß er aufwacht.«

»Wie kann man so lange schlafen!« Der Meister Hirsebrei kam aus dem Verwundern nicht heraus.

»Oh,« sagte Meister Drillhose, »das vorige Mal hat er über achtzig Jahre geschlafen, und ich weiß noch ein Geheimnis.«

»Was für ein Geheimnis?«

»Das darf ich nicht sagen.«

»Hängt es mit Kasperle zusammen?«

»Mit einem anderen Kasperle. Aber ich sage nichts weiter.«

»Wo ist denn das andere Kasperle?«

»Das sage ich nicht.«

»Hier in Torburg?«

»Das sage ich nicht.«

»Auch in Ihrem Kasten?«

»Das sage ich nicht.«

»Ist’s auch ein echtes Kasperle?«

»Das sage ich nicht.«

»Steht es auch in den Kasperlebüchern?«

»Das sage ich nicht.«

Dem Meister Hirsebrei wurde das ewige »Das sage ich nicht« zu dumm, er stand auf und sagte, er müsse nun kaspern lassen.

»Das ist gut, ich sehe zu.«

»Soll ich Ihnen etwas vorkaspern? Sie können es ja doch besser.«

»Ich kann nicht mehr spielen, nur Kasperle konnte es.«

»Zeigen Sie ihn mir?«

»Vielleicht!«

»Wann?«

»Ich sage es nicht.«

Da fing Meister Hirsebrei zu kaspern an und dachte, der alte Drillhose belügt mich, der hat gar kein Kasperle. Er spielte mit seinen Puppen, so gut er konnte, und die paar Kinder, die gekommen waren, lachten. Auf einmal aber rief ein rechter Dreikäsehoch: »Das sind keine echten Kasperle!«

»Gibt’s gar nicht!« brummte Meister Hirsebrei.

»Doch, in Büchern steht es.«

»Da steht viel Unsinn.« Meister Hirsebrei war schlechter Laune, so ärgerte er sich, und die Kinder ärgerten sich noch mehr. Die liefen fort und vergaßen selbst die Hosenknöpfe in den Sammelteller zu tun. Als Frau Mariechen kam, liefen sie davon wie die Mäuse, wenn die Katze um die Ecke blickt.

Da weinte Frau Mariechen und Meister Drillhose legte eine Mark in den Sammelteller, er sagte dabei: »Ihr Mann spielt sehr gut, beinahe als hätte er es von Peringel, dem Schlingel, gelernt. Er soll heute abend zu mir kommen und Sie sollen mitkommen.«

Da dankte Frau Mariechen sehr für die freundliche Einladung, sie fragte auch nicht, ob sie das Kasperle sehen würde, sie dachte, kommt Zeit, kommt Rat.

Am Abend gingen dann die Kasperleleute zu Meister Drillhose. Von den Leuten, die noch auf dem Festplatz waren, blieb niemand vor dem Kasperlebudchen stehen, Meister Hirsebrei konnte es zuschließen, denn die Kinder waren alle im Bett.

Meister Drillhose hatte schon auf seine Gäste gewartet. Er bewohnte in dem uralten Häuschen, das ihm gehörte, im Erdgeschoß zwei Zimmer. In dem einen stand eine große, buntbemalte Truhe.

»Darin liegt Kasperle,« sagte Meister Drillhose gleich, als das Ehepaar eingetreten war.

»Kann ich es sehen?« Meister Hirsebrei war sehr neugierig, am liebsten hätte er den Kasten gleich aufgemacht, aber Meister Drillhose wehrte ab: »Sachte, sachte, erst muß Madame Käsewurm kommen.«

»Wer ist denn das?«

»Na eben Madame Käsewurm. Da drüben in dem Häuschen wohnt sie, sie ist meine Nachbarin.«

Meister Drillhose sah zum Fenster hinaus und sah drüben ein windschiefes, uraltes Häuschen, an dem sich ein Rosenstock emporrankte. Schneeweiße Gardinen schimmerten hinter den Fenstern, die spiegelblank geputzt waren. Vor den Fenstern blühten bunte Blumen, überhaupt sah das ganze Häuschen blitzsauber aus.

»Dort wohnt meine Nachbarin Madame Käsewurm.«

»Wie kann man Käsewurm heißen!« rief Meister Hirsebrei.

»Wie kann man Hirsebrei heißen!« rief Meister Drillhose, und der Kasperlemann rief lachend: »Wie kann man Drillhose heißen!« Da lachten alle drei über die wunderlichen Namen und Frau Mariechen sagte: »Ich bin eine geborene Schlippermilch, das ist auch so ein kurioser Name. Aber wer ist das?«

Aus dem Hause gegenüber war ein altes Dämchen getreten, klein und fein, in ein staubgraues Kleid gehüllt, stand sie vor ihrem Häuschen wie ein Bild aus alter Zeit.

Als sie Herrn Drillhose sah, winkte sie und sagte: »Ist der Kasperlemann da?«

»Ja,« antwortete Meister Drillhose.

»Ist er nett?«

»Ja,« klang’s wieder zurück.

»Ist er wert, Kasperle zu sehen?«

»Ja.«

»Das ist gut, dann komme ich.«

Und das feine kleine Dämchen stelzte in ihrem weitgebauschten Kleid über die Gasse und trat nach ein paar Minuten bei Meister Drillhose ein.

Kasperle steigt aufwärts und wieder abwärts

Man muß sagen, trotzdem Kasperle keine Heimstätte hatte, schlief er in der Nacht wie ein Murmeltier und wachte am nächsten Morgen purzelvergnügt wieder auf. Es sollte gleich zum Jahrmarkt gehen. Meister Drillhose wollte es, obgleich Meister Hirsebrei sagte: »Es lohnt sich nicht, es ist niemand da.« Aber dem alten Kasperlespieler hatte das bunte Treiben so gefallen, daß er es bald wiedersehen wollte. Wenn er gewußt hätte, was er damit anrichten würde, er hätte es nicht getan. Auf dem Jahrmarktsplatz war es noch ganz still. Viele Buden waren noch geschlossen und Meister Drillhose, den das ärgerte, sagte etwas mißmutig zu den Kasperles: »Seht euch einmal die Flugzeuge dort an.«

»Nä,« schrie Peringel.

»Warum denn nicht?«

»Weil du uns foppen willst. Flugzeuge gibt es nicht.«

»Gibt es doch, geht nur und seht sie euch an. Ihr habt eben viel verschlafen.«

Da gingen sie, die merkwürdigen Dinge anzusehen. Ein Eindecker flog ihnen gerade wie ein großer Vogel vor der Nase weg, und die Kasperles staunten ihm mit weit aufgerissenen Mündern nach.

»So was habt ihr wohl noch nie gesehen?« fragte ein Herr. Es war der Pilot eines Passagierflugzeuges, der bald in die Lüfte segeln sollte.

»Nä,« schrie Kasperle, »das war ’n Vogel.«

»Das war ein Flugzeug, mein Junge.«

»Ich bin kein Junge.«

»Na, was bist du dann?«

»Ein Kasperle.«

Da lachte der Luftschiffer hellauf, denn er hatte gestern von dem Kasperle gehört. »Willst du mitfahren?« fragte er. »In einer halben Stunde steige ich auf.«

»Ja!« schrie Kasperle.

»Darfst du denn?«

»Es gibt ja nichts zu spielen.«

»Dann lauf und hole deine Sachen.«

»Ich habe keine.«

»Na, du kannst auch in deinen roten Kasperlehosen fahren. Geh aber erst und frage, ob du darfst.«

Kasperle aber dachte, wer viel fragt, bekommt viel Antwort, und Bimlim dachte gar nichts. Da sagte Kasperle: »Geh, frage du, ob wir mit dem Flugzeug nach – ja wohin?«

»Nach Leipzig,« rief der Pilot.

»Also frage es, Bimlim, hörst du?«

Bimlim nickte und Kasperle dachte, er findet gar nicht den Meister Drillhose, aber Bimlim fand wirklich hin. Nach einer halben Stunde kam er zurück: »Nun hast du ihn gefunden?«

»Ja.«

»Hast du gefragt?«

»Nä.«

»Warum nicht.«

»Sie schlafen gerade.«

Damit war Kasperle vollständig beruhigt. Wenn einer schläft, kann man ihn nicht um Erlaubnis fragen, und darum antwortete er vergnügt: »Ja,« als der Luftschiffer nochmals fragte: »Darfst du auch bis Leipzig mitfahren? Heute abend komme ich erst zurück.«

Ach, dachte das leichtsinnige Kasperle, dann warten eben die Kinder auf mich.

Er zog Bimlim mit hinein und beide setzten sich in dem Doppeldecker hin, als säßen sie in ihrer Kasperlebude.

Auf einmal fing der Propeller an zu spektakeln und Kasperle bekam einen kleinen Schreck. Bimlim aber sagte: »Wohin fahren wir denn?«

»Wir fahren doch nicht, wir fliegen.«

»Ih nä,« schrie Bimlim.

»Ja, da geht es schon los.«

Die Maschine hob sich langsam vom Erdboden und auf einmal sah Kasperle den Festplatz unter sich liegen. Da sprang er in die Höhe und schrie: »Ich will nicht.« Ein Herr aber nahm das Kasperle, wickelte es ganz und gar in eine Decke und sagte: »Sitz still, sonst fällst du naus.«

Bimlim wurde auch eingewickelt, und da saßen die zwei und unter ihnen rauschten die Wälder, flossen die Flüsse, sie waren bald über allem. Kasperle schnitt vor lauter Aufregung die merkwürdigsten Gesichter und Bimlim schnitt mit. Auf einmal rumpelte es in Kasperles Mäglein und auch Bimlim stöhnte: »Mir wird so komisch.«

Selbst einem Kasperle kann es in dem Flugzeug übel werden, und die Herren, die ihren Spaß an Kasperle hatten, hatten auch Mühe genug mit ihm. Kasperle wollte hinaus, wollte nach Torburg zurück, wollte lieber auf dem Jahrmarkt kaspern, statt in dem Flugzeug zu sein. Und die Welt unter ihm war ihm so fremd und unheimlich.

»Jetzt kommt Leipzig bald,« sagte der eine Herr, »dort müßt ihr uns was vorspielen.«

»Ja, ich schon,« schrie Kasperle, und ehe ihn einer halten konnte, kobolzte er zum Flugzeug hinaus und Bimlim faßte ihn am Hosenzipfel, aber statt Kasperle zu halten, kobolzte er ihm nach.

»Die sind verloren,« sagte der Luftschiffer.

»Schade, es wäre etwas Besonderes gewesen, in Leipzig mit zwei Kasperles zu landen.«

»Ja, schade.«

Und die vier Herren schauten betrübt den Kasperles nach. Es war ihnen wirklich leid um die kleinen drolligen Kerle. Und sie sagten zu einander: »Nun liegen sie irgendwo zerschlagen, schade, sehr schade.« Sie wußten aber nicht, wie gut ein Kasperle purzelbaumen kann. Die beiden purzelbaumten durch die Luft wie durch Meister Drillhoses Wohnstube und landeten unzerschlagen, nur etwas dösig, auf einer großen Strohmiete, inmitten eines Feldes. Da lagen sie und mußten sich erst besinnen, wie sie hergekommen waren.

Das erste, was Kasperle sagte, war: »Ich habe Hunger.«

»Ich auch,« schrie Bimlim.

»Wer redet da oben?« fragte eine grobe Stimme. Ein Bauer stand mit Sohn, Tochter, Knecht und Magd an der Strohmiete und sagte zu den Seinen: »Da oben sitzen zwei Bummler, die wollen wir ordentlich vornehmen.«

»Wir machen Teufelsgesichter,« flüsterte Kasperle, und auf einmal grinsten zwei rotbehoste Teufel von oben herab.

Die Magd riß zuerst aus, die Tochter folgte.

Bauer, Sohn und Knecht blieben noch stehen und sagten: »Das sind aber komische Kerle, vielleicht sind es Räuber.«

»Ja,« kreischte Kasperle und griff dem Bauern in die Haare.

Bimlim wollte das beim Knecht nachmachen, er faßte aber dessen Nase und zerrte so gewaltig daran, daß der Knecht sich laut schreiend losriß und davonlief.

Zwei gegen zwei, dachte der Sohn, ich laufe auch davon. Da rannte der Sohn davon und der Vater lief hintendrein, ihnen nach aber schrien die Kasperles, daß den Ausreißern himmelangst wurde.

Sie liefen ins Dorf und schrien dort: »Räuber sind auf der Strohmiete, die dem Ortsvorsteher gehört.«

»Nein, Teufel sind’s,« schrie die Magd.

»Ja, Teufel.«

»Die Feuerspritze anspannen lassen,« gebot der Ortsvorsteher.

»Alle müssen mit, die freiwillige Feuerwehr soll aufmarschieren.«

»Los, eins, zwei, drei!«

Und hinaus zum Dorf marschierte die freiwillige Feuerwehr und hintendrein Buben und Mädels. Die durften nicht fehlen.

Leichtsinnig wie sie waren, hatten sich die zwei erst einmal auf dem Stroh gehörig ausgestreckt, dann waren sie eingeschlafen. Sie schnarchten sich gegenseitig etwas vor und merkten nichts von dem, was um sie herum vorging.

Auf einmal sagte unten eine Stimme: »Los, sie liegen noch oben,« und schschsch, schschsch, sauste ein Wasserstrahl über die beiden.

Davon wachten sie freilich auf und sie fingen ungeheuerlich zu brüllen an.

»Das müssen ein paar Riesenkerle sein, die so brüllen können,« sagten die Dorfleute, »die müssen noch ein Güßlein haben,« und schschsch, schschsch, ging es wieder über die beiden hin.

O je! Laut brüllten sie, sie dachten, es wäre ein ungeheurer Regen über sie gekommen.

»Jetzt die große Leiter angesetzt,« sagte nun der Ortsvorsteher.

»Zwei müssen hinauf! Wer?«

Es hatte aber keiner Lust, zu den brüllenden Ungeheuern hinaufzusteigen, und die Bauerntochter schrie auch immer: »Es sind Teufel, nehmt euch in acht.«

Sie berieten unten so lange, daß die beiden oben den ersten Schreck überwunden hatten.

»Mach ein Teufelsgesicht, Bimlim,« flüsterte Kasperle.

»Hört ihr sie reden?« sagte unten der Ortsvorsteher. Und weil er doch der Ortsvorsteher war, wollte er seinen Mut zeigen und begann langsam, sehr langsam die Leiter emporzusteigen.

»Schschiiii!« fuhren die beiden mit ihren Teufelsgesichtern an den Rand des Strohlagers.

Da lag der Ortsvorsteher am Boden und die freiwillige Feuerwehr ergriff die Flucht. Heidi riß alles aus!

Es waren aber unter den Kindern zwei Buben, die ergriffen den Schlauch, und da noch Wasser im Wasserwagen war, bekamen die beiden oben wieder ein tüchtiges Güßlein.

Und während der eine spritzte, stieg der andre die Leiter empor, und da sah er die Kasperles. Ein unbändiges Lachen tönte den Fliehenden nach; die drehten sich um und sahen den Buben auf der Leiter stehen und lachen.

Kasperle schnitt zwar alle Teufels- und Räubergesichter, die er kannte, aber Oswald, so hieß der Bube, ließ sich kein bißchen schrecken. Er griff zu und packte das spuckende, schreiende Kasperle fest im Genick und zog es über die Leiter. »Ein Junge, der sich als Kasperle angezogen hat,« rief er.

»So ein frecher Bengel,« schrie der Ortsvorsteher.

»Nä,« schrie Kasperle, »ich bin ein Kasperle und bin aus dem Flugzeug gefallen und . . .«

»Warum nicht vom Monde?« spottete Oswald.

»Nä, daher komme ich nicht, ich bin eben ein Kasperle.«

»Ich bin auch ein Kasperle.« Bimlim kam auch zum Vorschein, und wie die beiden mit ihren großen Nasen und den drolligen Gesichtern vor den Dorfleuten standen, mußten die lachen. »Sie sehen wirklich wie Kasperles aus.«

Da dachten die beiden, es ist am besten, wir zeigen ihnen, was wir können, und sie fingen an, Gesichter zu schneiden und Arme, Beine, Ohren, Nasen und sonst noch etwas zu verrenken. Dabei lachten sie ihr vergnügtes Kasperlelachen und bald hallte das Feld wider vom Gelächter der Dorfleute.

Der Ortsvorsteher sagte: »Ihr wollt wohl nach Leipzig zur Messe?«

»Ja, essen,« schrie Peringel, der es falsch verstanden hatte, und Bimlim schrie mit.

»Habt ihr Hunger?«

»Ja!« »Aber feste,« setzte Peringel, der Schlingel, hinzu.

»Dann kommt herunter, wir wollen euch etwas zu essen geben,« sagte der Ortsvorsteher.

Das Herunterkommen war einfach, die beiden purzelbaumten von ihrer Feste herab und rissen drei Kinder, einen Bauern und eine Ziege um, die auch neugierig gewesen war.

Das gab ein Hallo!

Die gefallen waren, schimpften, die anderen, die aufrechtstanden, lachten, zuletzt aber lachten alle, und die beiden Kasperles wurden ins Dorf geführt. Dort sagte der Ortsvorsteher: »Wollt ihr bei mir essen?«

»Ja,« rief Kasperle Peringel.

»Ich dachte bei mir, wir haben Kaffee und Kuchen.«

»Das essen wir auch,« schrie Kasperle.

»Ich dachte bei mir, wir haben Schweinebraten und Sauerkraut.«

»Essen wir auch,« Kasperle nickte.

»Wir haben Klöße mit Birnen.«

»Und wir Milchreis und Apfelschnitze.«

»Wir Kartoffelbrei mit Leber.«

Und zu allem nickte Kasperle, denn eins schien ihm verlockender als das andre.

»Na, dann sagt doch, wo ihr essen wollt,« sagte der Ortsvorsteher ein bißchen ungeduldig.

»Überall,« schrien die Kasperles wie aus einem Munde.

»Überall, ja ihr wollt doch nicht sechsmal zu Mittag essen?«

»Doch, ist doch fein,« riefen die Kasperles vergnügt, »da wird man mal satt.«

»Na, die sind gut,« sagten die Bauern. Sie glaubten aber nicht an die sechs Mittagessen, doch als die Kasperles begannen, da sagte jeder Bauer zum andern: »Gut, daß sie bei dir auch essen, sonst hätten sie bei mir alles aufgegessen.«

Bimlim konnte nur fünfmal essen, Peringel, der Schlingel, klopfte sich nach dem sechsten Mal auf sein Bäuchlein und sagte: »Endlich mal satt.«

»Nun seid ihr so dick gegessen, nun könnt ihr keine Vorstellung geben, worauf alle Kinder warten,« sagte Oswald betrübt.

»Ich kann schon.« Peringel fing schon zu zappeln an.

Und er konnte.

Fein konnte er spielen. Zuletzt tat Bimlim doch mit, und die Dorfkinder kamen aus dem Lachen nicht heraus. Sie belachten jeden Witz und glaubten alles, was die Kasperles sagten. Am liebsten wären sie alle mit nach Leipzig auf die Messe gezogen. Das ging nun nicht, aber Gröschleins brachten sie und Zweipfennige, keine Hosenknöpfe, da bekamen die Kasperles genug Geld, um mit der Eisenbahn nach Leipzig zu fahren.

Kasperle war noch nie mit der Eisenbahn gefahren. Ja, er erinnerte sich nicht, überhaupt eine gesehen zu haben. Und nun sollte er in den langen Zug steigen, der auf der kleinen Dorfstation hielt. Die Kinder hatten alle die Kasperles hingebracht auf den Bahnhof und Kasperle fragte aufgeregt: »Wo ist denn der, der uns fährt?«

»Da ist der Herr Zug,« schrie Oswald, als der Zug brausend einfuhr. Kasperle machte eine tiefe Verbeugung, so wie er sie einst vor dem Herzog August Erasmus gemacht hatte. Und er stupste Bimlim, der mußte auch eine machen.

»Vor wem verbeugt ihr euch denn?« fragte ein Schaffner, der das sah.

»Na, vor dem Herrn Zug.«

»Donnerwetter, ihr seid aber höfliche Fahrgäste.« Der Schaffner lachte, öffnete ein Abteil vierter Klasse und schob die beiden hinein: »Einsteigen, der Herr Zug wartet nicht.«

»Ich muß erst Abschied nehmen,« rief Kasperle und eins, zwei, drei, kobolzte er aus dem Zug wieder heraus, Bimlim ihm nach.

Da fuhr der Zug los, und Schaffner, Kinder, alles schrie: »Hier bleiben!« aber die beiden blieben nicht. Wuppdiwupp waren sie wieder drin, diesmal aber waren sie in ein Abteil zweiter Klasse geturnt und Kasperle saß einer alten Dame auf dem Schoß, während Bimlim einem Herrn den Hut vom Kopf stieß.

»Was sind das für freche Jungen!« rief die Dame.

»Huch, wir sind keine Jungen.«

»Was seid ihr denn?«

»Kasperles!«

Die Dame mußte lachen, denn Kasperle sah sie so unglaublich verschmitzt an.

»Die sind von Holz.«

»Nä, von Holz sind wir nicht. Wir sind echte Kasperles.«

»Kann denn das stimmen, Herr Professor?« fragte die Dame einen Herrn, der eine große Brille auf der Nase hatte.

»Unmöglich,« sagte der, »so eine Gestalt gehört in die Märchenwelt, es sind zwei Jungen, die sich den Spaß machen, als Kasperles verkleidet zu gehen. Wissenschaftlich lehne ich sie ab.«

»Nä, wir sind keine Jungen, wir sind Kasperles.«

»Stille!«

»Nä!« Die beiden schrien und zappelten, und auf einmal sah Kasperle zum Fenster hinaus und rief: »Da, die Bäume laufen weg!«

Er wollte zum Fenster hinausspringen, den fliehenden Bäumen nach, aber die Dame hielt ihn am Hosenbödle: »Du fällst ja hinaus.«

»Ich bin heute schon mal aus dem Flugzeug gefallen,« erzählte Kasperle.

»Unsinn, da müßtest du doch zerschlagen sein.«

»Nä, bin ich nicht.« Und nun erzählte Kasperle seine Erlebnisse, und dann erzählte er von Meister Hirsebrei und Meister Drillhose und daß die auch nach Leipzig zur Messe kommen wollen.

Und plötzlich sagte der Professor: »Es ist unglaublich, wie der Junge schwindeln kann.«

»Ich schwindle nicht.«

»Alles ist erlogen.«

»Nä!« Kasperle zitterte vor Ärger. Auf einmal machte er ein Teufelsgesicht und die Dame erschrak so, daß sie umfiel und eine Ohnmacht bekam.

War das eine Begebenheit!

Der Professor goß gleich eine ganze Flasche Kölnisches Wasser über sie und Kasperle wurde gescholten, er hätte mit seinen Faxen das Unglück verschuldet. Gleich machte Kasperle ein Prinzessin-Gundolfine-Gesicht. Darüber erschrak nun der Professor gewaltig. Alle seine Wissenschaft konnte sich die seltsamen Kasperlegesichter nicht erklären und er sagte streng: »Sie müssen Haue haben.«

»Nä,« schrie Kasperle, sah das offene Fenster und purzelbaumte hinaus und Bimlim ihm nach, gerade an der Nase des Professors vorbei.

»Sie werden überfahren,« schrien alle.

Aber die beiden wurden nicht überfahren. Sie landeten gerade auf dem Bahnsteig, als der Zug in die Riesenhalle des Leipziger Bahnhofs einfuhr. »Herrjeses,« rief ein Gepäckträger, »da fliegen ja die Goffer schon zum Fenster raus.«

Und dann, als die Kasperles auf ihren Beinen standen, sah er sie erstaunt an und brummelte: »Wees Gnebchen, das sind gar keene Goffer, das sind Jungen.«

»Nä, wir sind keine Jungen.«

»Na, was seid ihr dann?«

»Kasperles!«

»Ihr gehört wohl auf die Messe?«

»Ja.«

»Na, da macht mal hin. Sie hat gerade angefangen.«