613. Der Graf von Eilenburg und die Zwerge

613. Der Graf von Eilenburg und die Zwerge

Zu Eilenburg im Sachsenlande, jetzt preußisch, wohnten unterm Schlosse Zwerglein, die mußten Hochzeit halten und wollten das in dem Saale tun, darin der alte Graf in einem hohen Himmelbette schlief, und da kamen sie und drangen und sprangen durch das Schlüsselloch, durch Türspalten und Fensterritzen herein, daß es nur so rasselte und prasselte, als schütte einer Erbsen auf die Tenne. Da erwachte der Graf und sah ein Männlein gleich einem Herold auf sich zutreten, das bat gar höfisch, das Fest zu erlauben und daran teilzunehmen, doch dürfe keins vom Gesinde oder sonstwer auch nur mit einem Blicke zusehen, wie dort im Städtlein Leuenburg auf dem Schlosse der Freiherrn von Eilenburg auf Prassen bei der Fingerlingsbraut auch unter solchem Beding verlangt ward. Der Graf war es zufrieden, und da er einmal wach war, sagte er zu, mitzuhalten. Da führten sie ihm eine so winzig kleine Tänzerin zu, daß er beim Tanze Mühe hatte, sie nicht zu verlieren, und es begann eine Heimchenmusik, die hatte hellen, schrillen Klang. Das kleine Weiblein tanzte aber ganz flott und wirbelte den alten Herrn herum, daß ihm der Odem stille stand und das Herz pochte; es war leicht wie ein Flederwisch, und deshalb hatte er an ihm zu halten. Auf einmal aber hörten Musik und Tanz plötzlich auf und war eine große Verstörung; alles schaute ängstlich nach der Saaldecke hinauf oder entfloh durch alle Ritzen. Die Saaldecke hatte ein Loch, und durch das Loch guckte die alte Gräfin, die oben überm Saale schlief, herunter in die lustige Wirtschaft. Dieses Lauschen verdroß die Zwerge sehr, und die zuzurückgebliebenen sagten:

Wolln nach dem Zimmermann schicken,
Zimmermann soll den Tanzboden flicken,
Tanzboden hat ein Loch! –

und da blies ein Zwerg hinauf. Gegen den Grafen aber neigte sich das kleine Völklein und dankten ihm und sprachen: Weil durch das alte Fell da droben unsere Hochzeitfreude und unser Tanz gestört worden, so soll euer Geschlecht nie mehr als sieben auf einmal zählen. Und dann schwanden auch die letzten hinweg, und war still im weiten Saale, und der Graf war allein. Als am andern Morgen die Gräfin erwachte, hatte sie auf dem Auge, mit dem sie herabgeblinzt, ein Fell. Stets starb von sechs lebenden Grafen von Eilenburg einer, bevor ein siebenter geboren ward.

Diese Sage hat ohne Zweifel Goethe seinem Hochzeitlied: Wir singen und sagen vom Grafen so gern – teilweise zum Grunde gelegt. Eigentümlich ist der Sage Wandlung, die in Ostpreußen zu Leuenburg, jetzt ein Dorf, sonst ein Städtlein, einem des Geschlechtes Eulenburg, welcher Name im Namen Leuenburg durch Buchstabenversetzung auch enthalten. Ähnliches widerfahren läßt wie dem alten Grafen von Eilenburg im Sachsenlande, dessen Geschlechtsname früher auch Eulenburg geschrieben ward.

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614. Der Name von Oschatz

614. Der Name von Oschatz

Vom Städtchen Oschatz zwischen Leipzig und Dresden wird diese Sage erzählt. Da es erbaut worden sei und noch keinen Namen gehabt, so habe der Herrscher des Sachsenlandes sehr am selben seine Freude gehabt, und da er mit seiner Gemahlin auf dem nahen Kalvariberg gestanden und von da das Städtlein überschaut, habe er gemeint, sie solle jenem einen Namen verleihen, da habe aber die Herrin verlegen den Blick gesenkt und sagen wollen, daß sie solches nicht vermöge, und schüchtern zu reden begonnen: O Schatz – da habe der Fürst und Gemahl sie unterbrochen und ausgerufen: Du hast es gesagt, meine Liebe, Oschatz soll diese Stadt hinfüro heißen, und dabei sei es geblieben, und sie heißt Oschatz bis auf den heutigen Tag.

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606. Die sieben Wunder von Jena

606. Die sieben Wunder von Jena

Jena ist eine berühmte Stadt wegen seiner Hochschule, seines thüringischen Weines und seiner sieben Wunder. Letztere besonders wurden in den früheren Zeiten gar sehr gepriesen und hochgehalten und in Versen aller Sprachen geschildert. Der bekannteste dieser Verse lautet:

Ars, caput, draco, mona, pons, vulpecula turris,
Weigeliana domus, spetem miracula Jenae.

Der Altar in der Hauptkirche ist als ein Wunder erachtet worden, weil unter ihm eine offene Torwölbung und Straße hindurchführt, was wohl kaum irgendwo bei einer Kirche der Welt stattfindet, daß dicht unterm Altar Heu- und Mistwagen durchfahren können. Der Kopf war ein Kunstwerk an der Rathausuhr, der die Kunst konnte, sovielmal zu gähnen, als die Uhr Schläge tat, welches aufmunternde Gaukelspiel einen ebenso langweiligen Distelkopf vermochte, von diesem Gähnen des Kopfes den Namen der Stadt herzuleiten, als habe sie jemals Gähna geheißen. Der Drache ist ein künstliches Monstrum, ein Gerippe, das in der Universitätsbibliothek steht und viele Hundeköpfe hat, ähnlich dem apokalyptischen Tiere. Der Berg ist der Hausberg, oder auch der Gleisberg, beide trugen alte Burgen. Die Brücke ist die Saalbrücke, an welcher sich einige Wahrzeichen befinden; dieselbe mochte in der Zeit, als sie neu war, wohl ein Wunder vorstellen. Der Fuchsturm ist allbekannt, er heißt auch der Riesensinger, und es geht von ihm eine Riesensage: der Riese habe seine Mutter geschlagen, da sei ein Berg über ihn zusammengebrochen und habe ihn bedeckt, doch den Zeigefinger mußte er warnend aus seinem Grabe hervorstecken, das ist der gewaltige hohe Turm. Das Weigelische Haus war wohl von allen diesen sogenannten Wundern das sehenswerteste. Man konnte in ihm die Sterne am hellen Tage sehen und von unten nach oben ohne Treppen gelangen.

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607. Fuchsturm und Fuchsname

607. Fuchsturm und Fuchsname

Der Turm, welcher heutzutage und schon geraume Zeit der Fuchsturm genannt wird, war die Warte des Stammschlosses der Grafen von Kirchberg, die diesen Landesteil inne hatten; das Schloß hieß Kirchberg, weil es über einer Kirche sich erhob, die schon der heilige Bonifazius gegründet hatte. Dieser Turm beherbergte vor grauen Zeiten einen gar hohen und berühmten Gast, das war Graf Konrad von Wettin, zubenannt der Große, aller Sachsenherrscher vieledler Stammherr. Graf Wiprecht von Groitzsch hatte Neigung gezeigt, sich die Markgrafschaft Meißen anzueignen, und das Gerücht verbreiten lassen, dessen rechtmäßiger Herr, der junge Markgraf Heinrich, sei an Gift gestorben, darüber kam es zu einer sehr verwickelten und unklaren Fehde, bei welcher Graf Konrad von Wettin nicht unbeteiligt blieb, zumal er selbst zum Markgrafen von Meißen sich ernennen ließ, indem er die Behauptung aufstellte, Heinrich der Jüngere, Markgraf von Meißen, sei mitnichten sein naher Verwandter, sondern der untergeschobene Sohn eines Kochs. Dies weckte wieder zwischen beiden eine ernste Fehde, in welcher Konrad von Wettin Heinrichs Gefangener wurde. Dieser rächte den Schimpf, der seiner Mutter und ihm durch Konrad angetan worden, sehr empfindlich; er hing ihn in einen festen Käfig, gleich einem raren Vogel, außen an den hohen Wartturm, und es wäre vielleicht um diesen Stammvater geschehen gewesen, wenn nicht Heinrich bald darauf kinderlos gestorben und Konrad, sein einziger und rechtmäßiger Erbe, dadurch befreit worden wäre.

Als Ruine hat sotane Turmwarte denen jenaischen Studenten oft zum Zielpunkt ihrer vergnüglichen Ausflüge dienen müssen. Als die Hochschule durch die Sachsenherzoge begründet worden, ward «in Gelehrter von der Schule zu Naumburg nach Jena als Professor der griechischen Sprache berufen, der hieß Brysomann,war ein kleines seltsames Männlein und trug Sommer und Winter ein Mäntelein, das mit Fuchspelzen verbrämt war. Weil er nun von einer Schule hergekommen, so nannten ihn die Studenten Schulfuchs, und dann nannten sie jeden so, der auf einer Schule war oder von der Schule kam, und hatten sie diese Ankömmlinge früherhin geplagt und gehänselt als Pennale – von der Federbüchse der Schüler –, so plagten und hänselten sie dieselben nun als Füchse, und da sie diese Schwänke gern im Freien an Lieblingsplätzen trieben und der hohe Gipfel des Kirchbergschlosses ein solcher Platz war, so bekam die Warte den Namen Fuchsturm, und wurde dort den armen unerfahrenen jungen Füchslein häufig gar übel mitgespielt.

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608. Die Jenaische Christnacht

608. Die Jenaische Christnacht

Zu Jena hat sich’s zugetragen, daß ein Student des Namens Weber aus Zwickau, der bereits in Leipzig studiert hatte, sich mit noch einigen Gesellen und einem Schäfer verband, in einem Weinbergshäuslein, allwo sich eine weiße Jungfer zum öftern blicken ließ und ein Schatz liegen sollte, den Teufel zu zitieren und Schätze oder Brutpfennige von ihm zu gewinnen. Es ging aber selbiges Kunststück gar übel aus, denn obschon sie sich Doktor Fausts Höllenzwang nebst anderem Zaubergerät verschafft und in der Christnacht des Jahres 1715 in dem Häuslein sich zusammenfanden, so sind sie doch am andern Morgen nicht in die Stadt zurückgekommen und nachmittags der Student ganz betäubt und sinnlos, der Schäfer und noch ein Bauer aber tot in dem Häuschen gefunden worden. Als nun solches Ereignis der Obrigkeit angezeigt wurde, geschah Verordnung, daß zu den Leichnamen, nachdem der Student in den Gasthof zum gelben Engel herabgeschafft worden war, drei Wächter bestellt wurden, zu denen sich noch zwei andere Personen freiwillig gesellten, die aber in der späten Nacht wieder herab in die Stadt gingen. Da nun die drei Gesellen beisammensaßen und wachten, hat es gar arg an die Türe des Häuschens gekratzt, und es ist ein Geist in Größe eines Knaben eingetreten, der sich her- und hinbewegte und dann die Türe mit einem Krachen zuwarf, als sei sie in tausend Stücke gefahren. Am andern Morgen lagen diese Wächter für tot bei den Leichnamen, und zwei davon blieben auch tot. Alle aber hatten blaue Flecken und Striemen auf der Haut. Diese Geschichte machte ringsum vieles Aufsehen und wurde viel darüber geschrieben und in Druck gegeben. Man nannte sie nicht anders als die Jenaische Christnachttragödie.

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60. Der Lindwurm auf Frankenstein

60. Der Lindwurm auf Frankenstein

Überm Dorfe Eberstadt, zwei Stunden von Darmstadt, liegen die umfangreichen Trümmer der Burg Frankenstein. Darauf saß ein Ritter, der hieß Hans, nach andern aber Georg, drunten im Dorfe aber floß ein Brunnen, aus dem die Bauern ihr Wasser schöpften, und auch auf die Burg hinauf wurde solches Wasser geholt. Neben dem Brunnen wohnte ein greulicher Lindwurm, der ließ niemand zum Brunnen, es mußte ihm zuvor ein nicht zu kleines Tier geopfert werden, ein Schaf, ein Hund, ein Kalb, ein Schwein – er fraß alles und viel, und solange er fraß, konnte jedermann zum Brunnen – wenn er aber nichts hatte, so fraß er die Leute, die zum Brunnen kamen. Da entschloß sich der Ritter von Frankenstein, das Dorf und die Gegend von dem schädlichen Ungetüm zu befreien, wappnete sich und stritt mit dem Lindwurm, der wehrte sich gar wacker, spie so viel Feuer, als ihm möglich war, aber der Ritter schlug dem Wurm endlich den Kopf glatt ab, aber der spitze Pfeilschweif des Drachen kringelte sich um den Ritter und stach ihn hinterwärts, wo die Rüstung nicht deckte, in die Kniekehle, und da der ganze Wurm über und über, außen und innen giftig war, so mußte der wackere Ritter von Frankenstein am Drachengifte sterben. Danach ist er begraben worden zu seinen Vätern in die Kirche zu Niederbeerbach (andere sagen Oberbeerbach), wo die Frankensteiner schöne Grabmäler haben, und hat auch ein stattlich Monument erhalten im Harnisch mit Schwert und Streithammer, lebensgroß. Auf den Lindwurm, der seinen Schweif nach der Kniekehle richtet, tritt er, und Engel krönen ihn, ein echtes Bild des christlichen Märtyrers und Heiligen Ritter St. Georg.

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609. Die Studentenpassion

609. Die Studentenpassion

Eine noch weit schrecklichere Tragödie als die zu Jena im Weinbergshäuschen wurde im Jahre 1716 zu Halle aufgeführt. Der Schauplatz war der grüne Hut, ein Wirtshaus, die Zeit die heilige Karwoche und die Schauspieler leider Gottes Studenten. Diese Schar hatte sich zu einem Zechgelage zusammengefunden und saß schon Tag und Nacht beisammen, als einigen der Teufel den Gedanken eingab, die Passion unseres Herrn und Heilands zu agieren, und zogen in ihr ruchloses Spiel auch den Wirt und dessen zwei aufwartende Töchter. Sie ließen ein Lamm braten und nannten das ihr Osterlamm, und als sie dasselbige verzehrt, hielten sie das Nachtmahl, indem einer von ihnen sie nach der Reihe aus einem Bierglase als aus einem Kelche trinken ließ und Rettichscheiben statt der Oblaten darreichte und dazu die heiligen Einsetzungsworte gotteslästerlich verdreht und verkehrt sprach. Dann, wurde der eine, der dies getan, von ihnen verhöhnt, verspottet, zum Scherz gegeißelt, mit einem roten Mantel umhangen, dann an ein Kreuz, aus Brettern rasch zusammengenagelt, ausgestreckt angebunden, dann abgenommen und in einen Backtrog begraben. Aber Gott läßt sich nicht spotten, seine Gerichte sind schrecklich. Es erschien kein Teufel, es ließ kein Gespenst und kein Geist sich blicken, es vergingen nur wenige Stunden – und als diese wenigen Stunden vergangen waren, da waren eilf von diesen jammervollen Schächern tot, war der Wirt tot, waren dessen zwei junge Töchter auch tot, und die andern, so dabei gewesen, unter ihnen der Unselige, der die Rolle unseres Herrn und Heilands gespielt, lagen hie und da zum Tode krank umher, raseten in Verzweiflung und verfielen zum Teil in tiefe unheilbare Schwermut.

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600. Herr Augustin

600. Herr Augustin

Zu Gotha am Jakobsplatz steht ein steinern Haus mit einem Steingebilde, darauf ist ein Mann zu erblicken, der zweien Kindlein Brötchen darreicht, und stellt solches Bild den Herrn Augustin vor, welcher ein absonderlicher Kinderfreund war. Stets beschenkte er arme Kinder, ging niemals aus ohne die Taschen voll Gaben, und es war, als ob es aus sotanen Taschen quölle und sie nimmer leer würden. Selbiger Herr Augustin wurde achtzig Jahre alt unter solcher Liebe zu den Kindern und der Kinder zu ihm, und da es mit ihm zum Sterben gedieh, hat man zwei Knäblein an seinem Lager sitzen sehen, welche ihm die Augen schlossen, und auf seinem Grabe ist drei Tage lang ein Knäblein sitzend gesehen worden, niemand aber hat dasselbe gekannt.

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601. Schatz auf dem Friedenstein

601. Schatz auf dem Friedenstein

Auf dem Schlosse Friedenstein zu Gotha, darinnen die Ahnfrau des herzoglichen Hauses umwandelt, war ein Mann vom Soldatenstande des Namens Eckart Hofverwalter, und pflegte bisweilen in der Hofstube auf einer Bank die Nacht hinzubringen, besonders dann, wenn langanhaltende Festlichkeiten bei Hofe seinen Dienst bis in die späte Nacht erfordert hatten. Der erblickte einst in dieser Stube einen Geist, der ihm zu folgen winkte. Eckart nahm das noch brennende Licht und ging ohne Furcht dem Geist nach. Dieser führte ihn durch mehrere Gänge in ein Gewölbe, da stand ein großer Kessel ganz voll Goldstücke, und der Geist bedeutete dem Mann, er solle zugreifen und den Schatz heben. Aber es kam ihm Grauen und Entsetzen an, und er wich nach der Hofstube zurück. Der Geist folgte ihm und suchte ihn unter beweglichen Gebärden zu vermögen, umzukehren. Er solle nur ein Drittel des Schatzes für sich nehmen und die beiden andern Dritteile der Landesherrschaft geben, aber Eckart ließ sich nicht darauf ein. Am folgenden Morgen eröffnete er den Vorgang seinem Herrn, dem Herzog Friedrich II., und bat um Verhaltungsbefehle in dieser Sache. Der Herzog sprach, er befehle ihm hierin nichts, wolle er fürder mit dem Geist gehen, so möge er es auf eigene Gefahr tun. Nach einiger Zeit fand man die Hofstube verschlossen, und der Hofverwalter war nicht zu sehen. Man klopfte und rief, so stark man konnte, und endlich ward die Türe aufgebrochen. Der Hofverwalter lag fast leblos mit dem Kopfe auf dem Tische; er wurde zwar wieder zu sich gebracht, doch war nichts aus ihm herauszubringen. Nur einem Geistlichen hat er hernachmals offenbart, daß der Geist ihm abermals erschienen und gar wehmütig gefleht, gleich wie das Gespenst bei der Edelfrau zu Gehofen, doch den ihm bescherten Schatz zu heben. Er solle sich nur nicht fürchten; es werde zwar eine Geistesgestalt wie ein welscher Hahn ihm zwischen den Beinen hindurchfahren, doch ohne Schaden, und der Wert des Schatzes betrage vierzigtausend Taler. Er, der Hofverwalter, habe aber gesagt, er tue es nicht, er liebe und lobe sich die welschen Hahnen gebraten vor ihm in der Schüssel und nicht also, wie der Geist zu verstehen gegeben, da habe der letztere schrecklich wehmütige und entsetzliche Gebärden gemacht, so daß er, Eckart, darüber ganz die Besinnung verloren habe. Der Geistliche gab den Rat, nicht mehr in der Hofstube zu schlafen, sich einen fetten Konsistorialvogel braten zu lassen und zur Stärkung eine Flasche Wein dazu zu trinken, wobei er ihm auf Verlangen Gesellschaft zu leisten gern erbötig; selbiges hat Eckart getan und ist nachher von dem Geist unbeschwert geblieben, sonach dürfte der Schatz noch zu heben sein, wenn der Geist nicht einen andern Mann gefunden hat. Eckart hat nachher noch manchen welschen Hahnen vor sich erscheinen lassen, dabei zum öftern sein Erlebnis erzählt und ist als herzoglicher Major zu Gotha nach einem löblichen Leben seliglich verstorben.

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602. Thüringer Fluten

602. Thüringer Fluten

Große und greuliche Wasserfluten haben oft das Thüringerland heimgesucht. Eine der schrecklichsten war die am 17. Maimond 1558; die Erde erbebte, und die Schleusen des Himmels gössen stromgleiche Fluten auf die Fluren zwischen Gotha und Langensalza nieder. Im Orte der Grafen von Gleichen, Burgtonna, wurden fast vierzig Häuser und Scheunen zumal und von Grund aus verwüstet, daß man hernach nicht mehr sah, wo Haus oder Scheuer gestanden. Starke Bäume wurden mit den Wurzeln ausgerissen und davongeführt, sechsundvierzig Personen fanden nur allein in Burgtonna ihren Tod. In einem der hinweggerissenen Häuser, des Hirten Wohnung, lag eine Wöchnerin, die Tags vorher geboren hatte. Das Kindlein lag in einer Mulde, das Haus stürzte zusammen, die Mutter verdarb, das Neugeborene schwamm in seiner Mulde unversehrt neunzig Schritte weit davon, blieb im Gezweig eines Apfelbaumes hangen und ward gefunden lebend und ohne Leid. An manchen Stellen im Dorfe hat das Wasser dreier Männer Höhe übereinander erreicht. Ein Mann sang noch im Untersinken: Nun bitten wir den Heiligen Geist; ein anderer reckte seine Hand im Sinken aus dem Wasser und segnete die, so noch lebendig. Ein Knabe, ein Knecht und ein Futterschneider gewannen einen hohen Birnbaum, die erhielten ihr Leben. Ein im Lande umwandernder Buchträger, heutzutage neumodisch Kolporteur genannt, kam auf einen Balken rittlings zu sitzen, schwemmte fünf Ackerlängen hinweg und brachte sich und seinen Bücherranzen glücklich und unversehrt ins Trockne.

Das war aber alles nichts gegen eine Flut, dergleichen nie vorher und nie nachher erhöret worden im Thüringer Lande, die geschahe am 29. Mai 1613. Da kamen Wetter von allen Seiten und standen viele Meilen in die Runde über dem Lande und tobten gegeneinander, daß alle Leute glaubten, der Erde jüngster und letzter Tag sei herbeigekommen, das reichte von der Saale bis zum Harz und von der Werra bis zur Elbe. Die Ilm überschwoll ihr Bette zehn bis zwölf Ellen hoch, riß in Weimar vierundvierzig Häuser und Scheuern weg, ertränkte vierundsiebzig Menschen und zweihundert Stück Vieh; noch ist am Kegeltor daselbst der schwarze Strich, das Wahrzeichen, wie hoch dort die Flut stand. In Oberweimar ertranken vierzehn Menschen, stürzten zweiundzwanzig Häuser ein; in Mellingen raffte die Flut zweiundzwanzig Menschen hinweg und zertrümmerte sechsunddreißig Häuser. Eines Hirten Weib ertrank mit zugleich vier Kindern; der Vater, der sich rettete, hörte noch, wie das jüngste, als seine kleine Lagerstätte schon schwamm, die Mutter fragte: Kommen wir auch in den Himmel, wenn wir ertrinken? – und als jene mit Ja! antwortete, hat das Kindlein gerufen: Ei, so will ich gern mit ertrinken! Gut Nacht, lieb Vater und Mutter! – Mehrere Dörfer wurden fast ganz hinweggerissen, so daß nur wenige Häuser stehenblieben. In Gotha blieb kaum ein Fenster ganz von den Schloßen, kein Halm auf den Äckern. Mühlhausen litt ungemein; der Schade, den Wetter und Flut in Langensalza tat, ward allein auf eine Tonne Goldes geschätzt, aber der ganze Schade im Thüringer Lande auf mehrere Millionen Taler. Nur allein zwischen Jena und Magdeburg ertranken über zweitausend Personen oder wurden von einstürzenden Häusern begraben. Diesen furchtbaren Wassererguß nannte man hernachmals die Thüringer Sündflut und erkannte in ihr ein strafendes Gottesurteil, um so mehr, als alle römischen Zahlbuchstaben dieses strafenden Jahres in einem einzigen Worte enthalten waren, und das war das Wort IVDICIVM (MDCXIII).

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