785. Seifriedsburg

785. Seifriedsburg

Es war ein Hirtenjunge, Fritz mit Namen, den seine Genossen Sau-Fritz nannten, weil er die Schweine hütete. Einst schwemmte er seine Herde im klaren Wasser der fränkischen Saale. Da fand er einen Stein, womit er sich rieb, und der machte ihn fest gegen Hieb und Stich. Er ging in den Krieg und tat, zumal er unverwundbar war, Taten der Tapferkeit und erwarb Rang und Reichtum. Vom Herrn des Gaues empfing er Erlaubnis, sich eine Burg zu erbauen, und wählte die Stätte in seiner Heimat, wo er unterhalb seines Geburtsortes auf demselben Berg eine Burg aufführen ließ, die nun nach seinem Jugendspitznamen samt dem Dorfe Säufritzburg benannt ward, daraus später die Schreibart Seifriedsburg geworden.

Lange stand die Burg, als einst ein schweres Unwetter heranzog, wie gerade das Burggesinde im Heuen war. Alles eilte hastvoll nach Hause, eine kecke Magd aber blieb und rief:

Ei, es mag donnern oder blitzen,
So muß ich meinen Heuhaufen spitzen!

Alsbald fuhr ein Wetterstrahl aus dem Gewölk, der die Magd niederschlug und die Burg in Brand steckte, und das Wetter riß das Heu auf der ganzen Wiese vom Berg ins Tal hinab. Seitdem ist Seifriedsburg eine Trümmer, doch das Dorf führt den Namen fort.

Zwischen Seifriedsburg und Schönau an der Saale liegt ein Wäldchen, welches den Namen Lindwurm führt. In der Nähe hauste, so kündet die Sage des Volkes, ein Lindwurm, welcher von dem Ritter auf der Seifriedsburg erlegt wurde.

Es leuchtet ein, wie in dieser Sage ein ganz später Widerhall der Siegfriedssage zu finden ist. Der angenommene niedere Stand, die Lindwurmtötung, die Unverwundbarkeit, der Ruhm großer Taten und der Besitz eines reichen Hortes, alles vereint sich hier und deutet sich naturgemäß. Aber woher der alten Sage Verjüngung nun gerade hier? Sollte der Name Seifried – soviel als Siegfried – allein sie hervorgerufen haben?

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786. Mespelbrunn

786. Mespelbrunn

Tief im Spessartwalde jagte ein Kurfürst von Mainz mit seinem Gefolge, und nach der Jagd ruhten sie in einem engen Talgrunde unter uralten Bäumen und an einem Quellbrunnen, der von Mispelbäumen umstanden war. Der Kurfürst sprach: Hier ist’s traun recht schauer – möcht immer da gut essen, um kein’n Wert! – Da sprach ein Weidwerkgenoß, des Geschlechts der Echter einer: Was Ihr wollt, das könnt Ihr. Gebt mir das Revier, so bau‘ ich allda ein Haus, das Euch stetig offensteht. – Das war dem Kurfürsten recht, er gab dem Ritter ein großes Jagdgebiet im Spessart, und der erbaute sich ein stattlich Schloß, gab ihm den Namen Mespelbrunn von den Mispelbäumen und dem Brunnen und fügte diesen Namen seinem eignen für alle Folge hinzu: Echter von Mespelbrunn. Es war ein mannlich und namhaft Geschlecht, das sich reichen Besitz erwarb und sicherte. Einer erbaute auch zu Hessenthal im Spessart, dahindurch die Straße von Würzburg nach Aschaffenburg zieht, ein Jagdschloß und eine Kapelle; dort liegen mehrere Echter begraben, und prächtige Grabsteine verewigen ihr Andenken.

Dieses edlen Geschlechts ruhmreichster Sproß war Julius Echter von Mespelbrunn, Bischof zu Würzburg, Herzog in Franken. Als Bischof unvermählt und kinderlos und der Letzte seines Stammes, im Besitz ungeheuern Reichtums, machte er ein Testament. Eine Schwester- oder Bruderstochter war an einen Grafen von Ingelheim verheiratet und hatte den Bischof zum Paten ihres Sohnes erwählt. Diesem Paten nun dachte Julius seine Güter zu und setzte ihn zum Universalerben ein. Er legte das Testament in eine Schachtel und überdeckte es. Oben auf die Decke legte er drei Zitronen und sandte nun die versiegelte Schachtel durch einen eigenen Boten nach Mespelbrunn, wo seine Nichte mit ihrem Sohne wohnte. Als diese öffnete und nichts in der Schachtel sah als drei Zitronen, wurde sie etwas ärgerlich, wußte nicht, ob das ein Scherz oder ein Schimpf von dem geistlichen Oheim sein sollte, entschloß sich kurz und schickte die Schachtel samt den Zitronen sogleich zurück. Bischof Julius wunderte sich und entsendete mit der aufs neue versiegelten Schachtel nochmals den Boten nach Mespelbrunn. Die Gräfin von Ingelheim wußte nicht, was sie davon denken sollte, und ward noch ärgerlicher. Sie schnitt eine Zitrone auf, meinend, es stecke vielleicht etwas Geheimes in den Früchten, allein da sie nichts fand, schickte sie die Schachtel abermals zurück. Und zum dritten Male kam der Bote von Würzburg mit seiner Schachtel und mit drei frischen Zitronen darin. Die Gräfin hatte fast keine Lust, sie zu öffnen, und als ihr wieder die drei Zitronen entgegenblickten, fehlte wenig, daß sie dieselben nicht nahm und dem Boten an den Kopf warf. Sie besann sich aber doch, schnitt alle drei auf, da sie aber in allen dreien nichts fand, ward ihr Zorn grenzenlos. Sie warf die Zitronen alsbald zum Fenster hinaus, dem Boten die wieder zugeklappte Schachtel an den Kopf und drohte ihm, wenn er noch einmal vor ihre Augen komme, so wolle sie ihn zu Mespelbrunn hinauspeitschen lassen. Wie der Bote dem Bischof ansagte, was sich begeben, sprach Julius: Ich sehe wohl, Gott hat mein Vermögen zu anderer Verwendung bestimmt, entnahm der Schachtel das mit Papier bedeckte Testament und warf es ins Kamin. Hierauf gründete er von seinem Reichtum zu Würzburg das berühmte segensreiche Hospital, das seinen Namen trägt, durch welche Stiftung Julius Echter von Mespelbrunn seines Namens Gedächtnis groß und unsterblich gemacht hat für alle Zeiten.

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77. Taube zeigt den Tod an

77. Taube zeigt den Tod an

Zu Armsheim auf dem Kirchhof steht ein Grabstein, darauf ist ein Pflug, auf dem eine Taube sitzt, eingehauen. Vor vielen Jahren hat dort ein junges Ehepaar gelebt, und die Frau hatte eine zahme Taube, die war ihr Liebling und nahm ihr aus dem Munde, was sie der Taube darbot. Die junge Frau war in guter Hoffnung, und eines Frühlingsmorgens befiel sie ein Bangen, als eben ihr Mann hinaus an den Acker gehen wollte zur Saat, denn es war Säezeit und der Morgen windstill und heiter. Aber die Frau bat gar herzlich ihren Mann: Bleibe bei mir! – Doch er entschuldigte sich mit seiner Arbeit Dringlichkeit und verhieß sich zu eilen und baldige Heimkehr. – Er hatte aber den Samen noch nicht zur Hälfte ausgestreut, da kam die Lieblingstaube seiner Frau geflogen, und flatterte umher, und setzte sich auf den Pflug, der auf dem Acker stand, und sah den Sämann an, und schlug mit den Flügeln. Und da er nicht abließ von seiner Arbeit, so flog ihm die Taube gegen die Brust und pickte ihn in das Kinn, und da gedachte er an seine Frau und eilte heim. Da fand er seine junge schöne Frau tot im Bette, denn sie hatte ohne Hülfe geboren, und zwei lebende gesunde Kinder lagen in ihren Armen. Es war niemand da gewesen, den sie nach Hülfe senden konnte, und er hatte ihre zarte Bitte nicht verstanden. Und war die treue Taube nicht, so wären auch die Kindlein Todes verblichen. Der Mann trauerte, solange er lebte, freite nie wieder und zog die Zwillinge mit Liebe auf. Auf der Gattin Grab ließ er das Bild der Taube meißeln und betete oft um Mitternacht auf dem Grabe seiner Entschlafenen.

Mehr andere Sagen gehen von Tauben, deren eine einen Schatz angezeigt, die andere den Feind abgehalten, eine Stadt zu beschießen.

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779. Die Ritter des Ebersberges

779. Die Ritter des Ebersberges

An einer Abdachung des Ebersberges im Rhöngebirge ist ein kleiner Moorfleck; aus diesem kommen, vornehmlich zur Adventszeit und in den zwölf Nächten, große gespenstige Feuermänner mit Wehr und Waffen, die so heftig miteinander kämpfen, daß man in den nahen Höfen, welche am Fuß des Berges liegen, deutlich das Schwertgeklirr vernimmt. Dieser Kampf dauert vom Einbruch der Nacht bis tief in dieselbe, ja oft bis zur Morgendämmerung und bis zum Hahnenschrei. Gewöhnlich ziehen sich die streitenden Flammengestalten allmählich bis zur Ruine Ebersberg und den zerfallenen Türmen hinauf, wo sie endlich, immer heftiger fechtend, in dem einen offenstehenden Turme mit fürchterlichem Geprassel verschwinden. Die Umwohner sagen, daß es die noch unerlösten Geister der in wilden Kämpfen um die Burg und bei deren Verteidigung erschlagenen und gefallenen Ritter seien.

Von der Ebersburg, im Volke insgemein nur Eberszwackel geheißen, wäre viel zu schreiben, von den Fehden ihrer Ritter mit den fuldaischen Äbten, von ihrem unterirdischen Gange bis herab nach Weihers und von ihren vergrabenen Schätzen.

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780. Der verlorene Schleier

780. Der verlorene Schleier

Fast völlig gleichlautend mit der Schleiersage von der Gründung des berühmten Klosters Neuburg in Österreich barg sich deren Wiederholung in eine stille enge Talrinne der südlichen Rhöngebirgsabdachung. Darinne stand vormals ein Nonnenkloster, davon bis auf die Kirche jede Spur von der Zeit hinweggetilgt worden ist.

Eines Tages lustwandelten Herr Otto und Frau Beatrix, Graf und Gräfin von Henneberg, sie eine geborene Gräfin von Courtenay, Fürstin von Tiberias und Gräfin zu Edessa, die ihr Gemahl im Morgenlande sich erworben, auf ihrer Burg Botenlauben dicht über Kissingen. Da erhob sich ein starker Wind, welcher den Schleier der Gräfin von ihrem Haupte riß und denselben hoch in die Lüfte entführte. Da sie diesen Schleier hoch und wert hielt, so tat sie ein Gelübde, an der Stelle, wo er sich wiederfinden würde, ein Kloster zu erbauen, welchen frommen Vorsatz ihr Gemahl gern bestätigte. Es wurden nun talaufwärts, wohin der Schleier seinen Flug genommen, Boten ausgesandt, doch fanden diese den Schleier nicht, wohl aber fanden ihn nach drei Tagen einige Frauen in dem Tale, das von Burkardrode nach Waldaschach sich herabzieht, hängend auf einem blühenden Rosenstrauch. Als der Graf und die Gräfin davon Nachricht erhalten, begaben sie sich alsbald selbst an Ort und Stelle und legten bald darauf zu dem Kloster den Grund, das sie Unser Frauen Rod nannten, auf Latein: Novale sanctae Mariae. Beide Gatten begabten das Kloster sehr reichlich, und als sie nach einem gottseligen Leben starben, erst der Graf, dann später die Gräfin, sind beide im Kloster vor dem Altar begraben, und es sind ihnen steinerne Denkmäler errichtet worden, die noch heute in der Kirche zu sehen sind. Hierauf wurde ihr Sohn, auch Otto geheißen, welcher erst eine Dynastentochter des Geschlechts von Hiltenburg geheiratet, dann aber von ihr sich mit ihrer Bewilligung geschieden hatte, um sich ganz dem gottseligen Leben zu weihen, der Klosterfrauen zu Frauenrode Provisor. Nachdem das Kloster, welches lange Zeit sich im besten Flor befand, und in dessen Kirche sogar mehrere Hennebergische Grafen, die es mit Schenkungen bedacht, sich begraben ließen, in Verfall geraten, ist es endlich bis auf die Kirche ganz von der Erde verschwunden. Die Gebeine der Gründer aber sind nachmals wieder ausgegraben worden und in zwei Glaskästen auf dem Altar aufgestellt, während ein dritter Glaskasten, zwischen beiden, den Schleier enthält, welcher zur Gründung des Klosters den ersten Anlaß gegeben.

Bei der alten Klosterstätte zu Frauenrode ist es der Sage nach nicht geheuer. Lodernde Feuer oder bläuliche Flämmchen werden in gewissen Nächten brennend auf dem Kirchhof oder in der Nähe der Klosterkirche erblickt, welche einen großen dort vergrabenen Schatz anzeigen. Nicht weit von der Kirche erhebt sich ein Hügel, auf welchem vor langen Zeiten erst eine Burg, dann ein Teil des Klostergebäudes gestanden. Von dort führt ein bedeckter Gang nach der Kirche, über welchen die Nonnen schritten, wenn sie auf dem Chor sich versammelten, die Horas zu singen. Man sieht noch überm Portal die vermauerte Öffnung. Alljährlich in gewissen heiligen Nächten erblickt man diesen Gang durch die Luft und den Zug gespenstiger Nonnen und sieht die Kirche erleuchtet, doch ist es nicht gut, lange hinzusehen, noch viel weniger, die Kirche dann zu betreten, denn in dieser halten die Geister Mette, und es knieen vor dem Altar die Gestalten des Stifters und der Stifterin und hinter ihnen alle, die in der Kirche begraben wurden; von dem Haupte Beatricens weht der weiße Schleier, und auf Ottos Haupte rauschen die Blätter eines welken Kranzes geisterhaft im Hauche der Nacht. Nach der Mette ziehen die Nonnen alle still zurück und schwinden in Nebel, wie sie dem Hügel sich nähern.

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781. Jud Schwed

781. Jud Schwed

Am Rathaus der Stadt Kissingen schaut oben ein bärtiger Mannskopf, der sich in den Haaren rauft, als ein Wahrzeichen herab. Das nennen die Einwohner den Jud Schwed und erzählen davon folgende Sage. Im Dreißigjährigen Kriege, als die Schweden diese ganze Gegend heimsuchten, wurde auch Kissingen von ihnen belagert und hart bedroht. Doch widerstand die Stadt tapfer und wäre vielleicht nicht erobert worden, wenn nicht ein Jude an ihr zum Verräter geworden wäre. Dieser wußte einen unbewachten Ausgang durch die Mauer und führte die Feinde dort ein. Doch empfing er seinen Lohn, und zum Andenken wurde sein Bild, wie er sich aus Reue die Haare ausrauft, am Rathaus befestigt. Hernach kam es auch, daß man ihn und die Seinen nicht mehr bei ihrem wahren Namen, welcher der Vergessenheit überliefert wurde, rief, sondern Schwed, zur ewigen Erinnerung; und diese blieb auch, denn noch heute leben Nachkommen von ihm zu Kissingen, welche den Namen Schwed führen.

Eine andere Sage von diesem Juden kündet aber gerade das Gegenteil des Vorstehenden. Nach dieser goß der Jude für die Bürger Kugeln, welche die geheimnisvolle Eigenschaft hatten, unfehlbar zu treffen, und den Schweden so tödlich wurden, daß sie abziehen mußten. Darauf wurde des Juden Kopf als Erinnerungszeichen dankbar am Rathaus angebracht.

Ein anderer steinerner Kopf am Kissinger Rathaus ist, wie die Sage will, dem Andenken eines Bürgers namens Peter Heil gewidmet. Es war eben auch im Schwedenkriege, und zwar im Jahr 1643. Die Schweden hatten bereits die ganze Gegend von ihrem Lager über Bischofsheim aus verheert und geplündert und drohten nun unter ihrem Führer Reichwald auch der Stadt Kissingen mit einem heimlichen Überfall, der an einem Jahrmarkt geschehen sollte. Der Feind barg sich in dem nordöstlichen Bergwalde, wo ihn jedoch einige Krämer entdeckten und den Kissingern die nahe Gefahr anzeigten. So kam es, daß der Feind tapfern Widerstand fand, der nun aber die Stadt mehrere Tage lang beschoß und sie durch einen Sturm zu gewinnen suchte. Kaum vermochten die kampfesmüden Einwohner dem immer heftiger andringenden Feind Widerstand zu leisten, als Peter Heil den Rat gab, die zahlreichen Bienenkörbe, welche die Bürger besaßen, von der Mauer hinab auf den anstürmenden Feind zu stürzen. Dies geschah, und die Bienen, so gestört, fielen voll Grimm auf die Feinde und stachen manchen derselben bis zum Tode. Da ward schleuniger Rückzug anbefohlen, und die Stadt war gerettet, dem Peter Heil aber, dessen Rat ihr zum Heil geworden, setzten sie das verewigende Denkmal.

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771. Das tolle Dittis

771. Das tolle Dittis

Zwischen der Milseburg und der hohen Rhön liegt ein wohlhabender Ort, Ditges, in der Volkssprache Dittis genannt, von dessen Einwohnern sich die Nachbarn in der Runde viel seltsame Schnurren und Schnaken erzählen. Der ganze Ort dient dem Volkswitz der Rhönbewohner seit langen Jahren zur Zielscheibe, und es soll sich in ihm das Lalenbürgertum erblich niedergelassen haben. Alles, was die neckenden Nachbarn der bekannten Städte und Ortschaften, auf denen der Fluch des Lächerlichen ruht, den Bewohnern dieser Städte in Scherz und Schimpf nachreden, alle Schildbürger-, Karlstadter-, Krähwinkler-, Polkwitzer-, Wasunger- und andere Streiche, finden ihr nachhallendes Echo in diesem Gebirgswinkel und sprossen in Zutaten weiter. Manche neue Mär drängt sich keck hervor, neben den alten Bekannten, ein harmloses Kind des Volkswitzes, und macht sein Recht unbefangenen Daseins geltend.

Die Dittisser mögen sich sträuben, wie sie wollen, gegen die ihnen aufgebürdeten Lalenstreiche, so hilft es ihnen nichts, denn, so sagen die Nachbarn: ihre Glocken rufen ihnen allsonntäglich das zu, was sie nicht gerne hören. Es töne nämlich der Akkord Tall Dit-tis, Tall Dit-tis eu Närrn.

Dies heißt: Tolles Ditges! Tolles Ditges! Ihr Narren!

Wie es aber gekommen ist, daß das Dittisser Geläute diesen spottenden und verhöhnenden Klang angenommen, mag wohl seinen Grund im Kirchenbau zu Ditges haben, von dem auch eine Sage geht; denn als die Kirche zu Dittis erbaut wurde, ging allerlei absonderlich Komisches dabei vor. Die Kirche war zwar erbaut, aber die Fenster waren vergessen, und so kam es, daß niemand vor Dunkelheit darin sehen konnte. Lange ward hin und her beraten, wie es wohl anzufangen sei, den Tag in die Kirche zu bringen, und endlich nach langer Beratung in einer Dittisser Volksversammlung wurde beschlossen, einen Boten nach Fulda zu senden, daß er sich alldort den Tag erbitte. Der Stadtrat zu Fulda gab den Rat, die guten Dittisser möchten nur, da der Tag sich nicht in Säcken, wie das Ummerstädter Salz, versenden lasse, Fenster in die Kirche machen. Nun hatte aber selbiger Bote gar ein kurzes Gedächtnis und suchte, da ihm der Satz zu lang war, nur vor allem das Wort Fenster zu merken, merkte es auch, bis er auf den Hutrasen hart überm Dorfe kam, da stolperte er und fiel, und das Wort entfiel ihm zugleich. Da klagte er drunten im Dorfe traurig den Verlust, und da kamen die Dittisser mit Hacken und Schaufeln und gruben endlich glücklich das Wort und den Tag heraus. Man sieht heute noch die Löcher.

Von den Weiberstühlen beim Kirchenbau, von den Steuersimpeln, und wie die Rühlinge im Teich dem Gemeindeboten zuschrieen: Aicht, aicht – er aber schrie: Nün! – weil er meinte, die Rühlinge sprächen, er trage nur acht Simpla nach Fulda, und waren doch neun, und aus Zorn den Geldbeutel in den Teich schmiß, und daß die Rühlinge selber zählen sollten – vom Hupf ins Wasser, Schafe zu holen, die sich von einer nahen Weide darin abspiegelten – vom Ausbrüten der Kuheier, vom Poinzeküppel und andern lustigen Streichen der Dittisser mehr wäre noch viel zu erzählen.

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772. Die letzten Auersberge

772. Die letzten Auersberge

Am Fuß des Rhöngebirges lag zwischen dem Städtchen Tann und dem Dorfe Hilters eine Burg, die Auersburg geheißen. Auf diesem Schlosse wohnten lange Zeit würzburgische Burgmänner, später Amtmänner, daher ward auch ehedem das Amt Hilters nach diesem Schlosse Amt Auersberg benannt. Lange ging die Sage, es liege in einer Ecke des Hofraums der Burgruine ein großer Schatz vergraben, und so kam vor Jahren eine Gesellschaft Schatzgräber dorthin, um den Schatz zu holen. Allein sie wurden allesamt vertrieben von einer erschreckenden Erscheinung, und soll der Schatz noch immer zu heben und zu holen sein.

Der letzte von den Besitzern der Auersburg, der diese jetzt zertrümmerte Feste bewohnte, gehörte der evangelischen Kirche an. Eines Tages fuhr er mit seinem Kutscher, welcher katholisch war, über Feld, da überraschte beide ein furchtbares Gewitter, und es ergoß sich eine unendliche Wasserflut, so daß bald weder Weg noch Steg zu erblicken war. Der Kutscher kreuzte und segnete sich und betete, der Herr aber fluchte. Der Kutscher sprach: Gott helfe uns, ich kann nicht weiterfahren, sonst sind wir verloren! – Darauf rief der Herr zornig aus: Der Teufel wird dich nicht gleich holen! Fahre zu in des Teufels Namen! – Der Kutscher seufzete und sprach: So will ich denn hinfahren, doch nicht in des Teufels, sondern in Gottes Namen. – Bald kam die Kutsche in einen Wasserstrom, daß sie schwamm, die Pferde häkelten sich im Wasser ab, und der Kutscher entkam auf einem derselben. Der gottlose Herr aber mußte elendiglich ertrinken.

Nach einer andern Sage war eine kinderlose Witwe die letzte des Geschlechtes derer von Auersberg, die einsam die schon ganz öde Burg bewohnte. Sie fuhr bei einem starken Gewitter durch das Ulstertal und trieb mit heftigen lästerlichen Worten den Kutscher an, der sich weigerte, durch den überschwellenden Bergfluß zu fahren, bis er zu ihrem Verderben dann gehorchte. Die Wellen stürzten den Wagen um, die Witwe ertrank, der Kutscher entkam. Wieder andere sagen, das sei geschehen, als im Dreißigjährigen Kriege die Schweden Burg Auersberg hart berannt und bedrängt hätten. Die Dame sei nicht eine Witwe, sondern die Gemahlin des letzten Herren der Burg gewesen. Als der Ritter sahe, daß keine längere Verteidigung fruchte, ließ er in seinem tapfer verteidigten Schloß ein Fenster ausheben, ritt seinen Schimmel in den Saal und sprengte durch das Fenster hinaus. Niemand sah ihn wieder.

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773. Der Weiber Wetzstein

773. Der Weiber Wetzstein

Nicht weit vom Auersberg in den Vorbergen der Rhön liegt das Dorf Kaltenwestheim, das ist weit und breit berühmt wegen seines Weiberwetzsteins, der schon in alten Schriften erwähnt wird wie folgt: »Wann man oben zu dem Dorff hinein reitet, so stehet lincker Hand der Straße ein Sandstein wie eine viereckigte Säule gehauen, etwa drei Ellen hoch, welcher vor wenig Jahren neu aufgerichtet worden, weil ein Schalck zu Nachts den vorigen heimlich weggetragen hatte. Und das ist der Wetzstein, an welchem aber Niemand zum Schabernack oder raillerie wetzen darf. Denn wo einer dieses thut, und man wird deßen inne, so kömmt von Stund an die ganze Schaar der Weiber im Dorffe, denen eine Frau als Oberhaupt commandiret, die Stein-Schulzin genannt, welche ausdrücklich zu diesem Amte erwehlet wird, herbei gelauffen, mit ihrem Gewehr, wie sie es nennen, von Holtz gemacht, darunter eine große lange Beiß-Zange, Gabeln und dergleichen militairische Werckzeüge; diese verfolgen nun den Thäter so lange, bis sie ihn erhaschen, da er denn mit der Zange angefaßt, zum Wasser geführet, und gebadet wird, er mag nun wollen oder nicht; wehtet er sich, so bekömmt er noch Stöße darzu, und muß doch hernach diese vexirerey mit einer Geld- discretion ablösen. Ihm wird überdieß ein Stroh-Crantz aufgesetzt, und ein Bund Heu vorgelegt; und mit solchen Possen Legitimiren die Weiber ihr vermeintes Privilegium, bey muthwillig veranlaßeter Gelegenheit, welches, der gemeinen Rede nach, sie daher erlanget, weil zu der Zeit, da obbenahmter Fürst Henrich von Henneberg mit seinen Vettern in Unfriede gelebt, diese aber einst das Schloß zu Kalten Northeim belagert, unter andern auch die Weiber von Kalten Westheim daßelbige dermaßen wohl defendiret, daß die Feinde unverrichteter Sachen abziehen müßen. Dahero als Fürst Henrich ihnen eine Gnade zu thun angebothen, sie nichts mehr als dieses seltzsame Privilegium verlanget, und auch erhalten. Der Brief selbst aber, saget man, wäre im Dreyßigjährigen Krieg verlohren worden. Einmahl ist gewiß, daß es niemand noch bis dato wagen darf, an den Stein zu wetzen, will er sich nicht gezwungen sehen, wenn man es gewahr wird, der obbeschriebenen vexation zu unterwerffen, immaßen denn, wie von glaubwürdigen Augen-Zeugen versichert worden, des Höchstseel. Herzogs zu Sachßen Eisenach Herrn Johann Georgen Hochfürstl. Durchl. zu mehr mahlen dergleichen Ergötzung mit einem oder andern von Dero Svite, angestellet hat. Nebstdem hat der Wetzstein auch dieses vor sich, daß ihn niemand weder loben noch schelten darff, so lange man im Dorff ist; denn wer das thut, der hat ein gleichmäßiges Tractament zu gewarten. Dahero sagt man im Sprüchwort: Man muß ihn nur gehen laßen, wie den Kalten Westheimer Wetzstein, das ist, weder loben noch schelten. Item, sagt man von einem wunderlichen und morosen Menschen, dem es niemand recht machen kann: Bistu doch wie der Wetzstein zu Kalten Westheim; als welchen man nicht krumm ansehen, viel weniger loben oder schelten darff.«

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774. Die goldnen Erbsen

774. Die goldnen Erbsen

Hohe Basaltgipfel stehen wie Warttürme vor der Rhön in der Gegend, wo dieses Gebirge nordwärts endet, und mancherlei Sagen gehen von ihren Gipfeln bis in die Talgründe. Über dem Dorfe Geismar erhebt sich der bewaldete Rockenstuhl, der einst ein Bergschloß trug. Darauf erscheinen Berggeister in Gestalt grauer Männer, und der wilde Jäger fährt oft über den Berg mit seinen Hatzhunden und Gefolge dahin. Ein buchonischer Gaugraf des Namens Roggo, der sich stets tragen ließ, soll sich gern auf diesen Berg haben tragen lassen und darauf seinen Sitz als Stuhl gehabt haben, daher der Name Roggos-Stuhl – aber Rokkinstul schon 1186 geschrieben.

Auf dem Ochsenberge auch nur eingebildete Reste einer dort nie vorhandenen Burg mit der Wunderblumenfundsage und Fässern voll gelber Erbsen, mit der wandelnden Jungfrau und einem blöden Schäfer, der so albern war wie andere seinesgleichen und das Beste vergaß. Sehr übel soll es einem armen Esel auf dem Öchsenberge ergangen sein, der zum Wasserholen gebraucht wurde. Da das Wasser droben so rar war, so wurde vorausgesetzt, der Esel saufe sich drunten satt, wenn er das Wasser hole, und gaben ihm droben wohl zu fressen, aber nichts zu saufen. Unten aber dachten sie, wenn sie überhaupt an des Esels Verköstigung dachten, nicht anders, als wo der Esel frißt, daselbst säuft er auch, das ist natürlich, und ließen ihn nicht trinken. Und da ist der arme Grauschimmel zwischen zwei Wasserfässern Durstes verblichen und war weniger glücklich wie sein Vetter, der zwischen Heubündeln Hungers starb – wer weiß, ob’s wahr ist! – denn letzterer konnte doch zulangen, wäre er nicht ein Esel gewesen.

Des Öchsen Nachbar ist der Baier, der ist besonders sagenreich. Noch quillt an ihm der Goldborn, wo ein Venetianer viel reiches Gut hinwegtrug. Lengsfelder Bürger fanden droben edle Gesteine und güldiges Erz unter schreckenden Erscheinungen. Am Baier, am Öchsenberge, am Dietrichsberg und an der Sachsenburg waren vorzeiten Bergwerke im Betrieb.

Ein Korbmacher ging einst am Baier da vorüber, wo man es bei der Schacht nennt, da fand er eine Blume von ausnehmender Schönheit. Er pflückte sie ab, und da er an die Wand der Schacht kam, so öffnete sich eine Türe zu einem weiten und geräumigen Gewölbe. Der Mann trat hinein und sah eine Menge Fässer, die, mit Erbsen, Korn, Weizen, Gerste und anderen Feldfrüchten gefüllt, in Reihen standen. Er legte die Blume, die er in der Hand hielt, auf ein Faß und steckte sich seinen Brotsack voll Erbsen, die ihm ein willkommenes Gericht abgeben sollten. Als er sich genug und sehr verwundert in dem Gewölbe umgeschaut, schickte er sich an herauszugehen, da hörte er plötzlich eine Stimme laut rufen: Vergiß das Beste nicht! Darüber erschrickt der Kützenmacher so sehr, daß er eilend herausspringt, und hinter ihm schließt sich mit Donnerkrachen der Bergeseingang und schießt jählings ein schwarzer Hund her. Voll Angst schüttet der Mann seinen Sack mit Erbsen wieder aus, und der Hund frißt sie alle auf und bleibt zurück. Zu Hause angelangt, klingelt noch etwas im Sack. Er schüttelt ihn aus, und es rollen einige goldne Erbsen auf die Diele. Hätte er die Blume nicht im Berge vergessen, konnte er überreich werden.

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