Der Esel Bengele im Zirkus

Vierunddreißigstes Stück.

Der Esel Bengele im Zirkus

Das fette Männchen wollte nicht lange warten und schlug die Türe ein. Lachend trat es ins Zimmer und sprach:

»So ist’s recht, ihr Früchtchen! Ihr singt schon gut die Eselstöne; ich hab‘ euch gleich an der Stimme erkannt.«

Zerknirscht und geduckt standen die beiden Esel da. Sie zogen den Schwanz zwischen die Hinterbeine, senkten tief den Kopf und ließen die Ohren hängen.

Das Männchen streichelte und tätschelte sie. Dann bearbeitete er ihr struppiges Fell mit Striegel und Bürste, daß es glatt und glänzend wurde. – Nun sah man erst, wie hübsch sie geraten waren.

Noch am selben Tage bekamen die beiden Eselchen ein Halfter und wurden auf den Markt geführt. Das Männchen wollte sie bald verkaufen und Geld verdienen.

Käufer gab es stets genug. Ein Gärtner kaufte den Röhrle; Bengele ward von einem Zirkusdirektor erstanden. Dieser hatte die Absicht, ihn so zu dressieren, daß er in der Vorstellung auftreten konnte.

Begreift ihr jetzt, meine kleinen Leser, was für ein schändliches Gewerbe das fette Männchen trieb? – Hinter seinem zuckersüßen Gesichtlein verbarg sich ein wahres Scheusal. Seine Versprechungen waren falsch, seine Schmeicheleien pure Verstellung. – Er fuhr von Zeit zu Zeit in die Welt hinaus und nahm alle leichtsinnigen Knaben mit, die nicht mehr gehorchen und lernen wollten. Sie fuhren mit ihm ins Faulenzerland; dort vertrieben sie eine Zeitlang ihr Leben mit Spiel und Nichtstun. Weil sie kein Buch mehr anschauten und nichts arbeiteten, wurden sie immer dümmer und schließlich verwandelten sie sich in lauter kleine Esel. Das Männlein verkaufte sie und verdiente viel Geld. Man sagte, er sei bei seinem Geschäfte ein Millionär geworden.

Wie es dem Röhrle ging, werdet ihr später erfahren.

Für Bengele begann ein hartes, trauriges Leben. Er wurde zunächst in den Stall geführt, und der neue Herr warf ihm eine Handvoll Stroh in die Krippe. Bengele versuchte das Stroh, spuckte es aber gleich wieder aus. Der Herr brummte und warf ein Büschelchen Heu dazu. Aber auch das Heu schmeckte ihm nicht.

Nun schrie der Herr zornig:

»So! Nicht einmal Heu ist dir gut genug? Paß auf, du feinschmeckeriger Esel, ich werde dir solche Grillen aus dem Kopfe treiben.«

Mit diesen Worten nahm er die Peitsche und fitzte ihm um die Beine.

Das tat schrecklich weh und Bengele wollte weinen; aber sein Weinen ward wieder ein jämmerliches: »I-ah, I-ah!« – »Das Stroh kann ich nicht verdauen«, hatte er sagen wollen.

Zum Glück verstand der Zirkusdirektor die Eselssprache und erwiderte:

»Dann friß Heu!«

»Das Heu macht mir Leibweh«, iahte Bengele.

»Du glaubst wohl, daß ich die Esel mit Pasteten füttern kann«, versetzte der Herr ergrimmt und fitzte ihn ärger wie zuvor.

Jetzt verhielt sich Bengele ruhig. Es war das Klügste, was er tun konnte. – Der Stall wurde zugemacht; Bengele war allein mit seinen trüben Gedanken und mit seinem gräßlichen Hunger. – Es war schon lange her, daß er nichts mehr gegessen hatte; er fing wieder an vor Hunger zu gähnen. Wie sperrte der Esel das Maul auf! Denkt euch nur!

Am Ende trieb ihn der Hunger dazu, doch mal das Heu in der Krippe zu versuchen. Lange kaute er, schloß dann die Augen und schluckte es hinunter.

»So arg schlecht ist das Heu doch nicht«, dachte er; »aber wenn ich nur nicht ausgerissen und weiter auf die Schule gegangen wäre! Daheim bekäme ich jetzt statt Heu mindestens ein feines Wurstbrötchen mit Butter. – Was muß ich doch alles erleben!«

Als er am andern Morgen aufwachte, suchte er gleich, ob in der Krippe noch ein bißchen Heu übrig wäre. Aber er hatte alles verzehrt. Da probierte er ein wenig das Kurzfutter von Stroh. Er fraß es und es schmeckte ihm schließlich auch; aber er mußte doch immer wieder daran denken, daß Apfelkuchen und Schlagsahne besser wären.

»Ich will mich drein fügen«, sagte er sich und kaute weiter, »vielleicht nehmen sich andere faule Knaben eine Lehre, wenn sie hören, wohin das Faulenzen führt. – Ich muß mich drein schicken, ich muß mich drein fügen!«

»Drein fügen!?« rief der Herr, der eben in den Stall gekommen war, »bist du noch nicht zufrieden? – Meinst du, vornehmer Esel, daß ich dich bloß zum Fressen gekauft habe? Du sollst mir arbeiten und Geld verdienen! Verstanden! – Also, vorwärts! – Mit mir in den Zirkus! – Zunächst wirst du lernen, wie durch die Ringe gesprungen wird, dann kommt der Sprung durch das Faß mit den zwei papierenen Böden, schließlich lernst du Walzer und Polka auf den Hinterbeinen tanzen.«

Bengele, der arme Esel, mußte sich in all diesen schweren Künsten üben. Tag für Tag wurde exerziert ein volles Vierteljahr lang, und wenn es nicht gut ging, setzte es Hiebe ab, so viele … oh!

Endlich hatte Bengele ausgelernt. Er sollte bei der nächsten Vorstellung das erste Mal auftreten. An allen Plakatsäulen der Stadt hingen bunte Zirkuszettel, auf denen also zu lesen war:

Zirkus Spektakulini.

Heute abend bei festlich beleuchtetem Hause:

Große Galavorstellung.

Sämtliche Künstler und Künstlerinnen des Unternehmens werden ihre unübertrefflichen Leistungen vorführen. Auftreten des gesamten Pferdematerials!

Zum erstenmal!

Neu einstudiert, sensationell, ohne Konkurrenz:

Bengele, der tanzende Esel,

die Höhe der Dressur, vorgeführt vom Direktor selbst.

An diesem Abend war der Zirkus schon eine Stunde vor Beginn der Vorstellung vollständig ausverkauft. Für kein Geld hätte man noch einen Platz bekommen können. Die numerierten Sitze [Text der Vorlage unleserlich] Preisen bezahlt. –

[Text der Vorlage unleserlich] Zuschauer wimmelten von Knaben [Text der Vorlage unleserlich] wollten Bengele, den tanzende Esel sehen.

[Text der Vorlage unleserlich] Programms war erledigt. Da trat der Direktor in die Arena. Er trug [Text der Vorlage unleserlich] weiße Hosen, die bis zu den [Text der Vorlage unleserlich] Stiefeln steckten. Mit einer Verbeugung begrüßte er die Zuschauer

Liebes Publikum, meine sehr verehrten Damen und Herren!

Es ist mir eine große Ehre, auf der Durchreise durch die hiesige geehrte Stadt Ihnen den berühmtesten Esel der Welt vorzuführen. – Dieses Wunder der Tierwelt hatte bereits die Ehre, an vielen Fürstenhöfen Europas den diesbezüglichen Herrschaften seine Künste zu zeigen. – Ich danke ergebenst für das große Interesse und Ihr zahlreiches Erscheinen und bitte um Ihr geneigtes [Text der Vorlage unleserlich] und Ihre werte Aufmerksamkeit.«

Schon diese Rede löste einen Sturm von Beifall aus; aber der Beifall wurde ein rufender Orkan, als Bengele, der Esel, selbst im Zirkus erschien. Er war geschmackvoll aufgeputzt: ein neues Halfter von gewichstem Glanzleder, Schnallen und Knöpfe aus sauber geputztem Messing, zwei weiße Rosen an den Ohren, die Mähne elegant nach zwei Seiten gekämmt und auf beiden Seiten mit rotseidenen Schleifchen geziert, die Satteldecke von Silber, der gelbe Sattel mit goldenem Bande aufgeschnallt, der Schwanz mit blauen Samtschlüpfchen verschönert; kurz und gut: ein Esel, der jedem gefallen mußte. Bengele wurde dem Publikum vom Direktor vorgestellt mit diesen Worten:

»Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Ich brauche Ihnen nicht von den Schwierigkeiten reden, die ich überwinden mußte, um dieses Exemplar von Esel zu bekommen und abzurichten. – Sie haben es hier nicht mit einem unserer einheimischen Tiere zu tun, sondern mit einem wild eingefangenen Steppenesel aus den heißen Zonen. Noch glüht der Stolz der Freiheit aus dem funkelnden Blicke seiner Augen. Überzeugen Sie sich, wie sie blitzen! – Alle Mittel habe ich versucht, um Bengele an das Leben zivilisierter Esel zu gewöhnen; oft mußte ich zu körperlicher Züchtigung meine Zuflucht nehmen. Trotz alledem konnte ich mir die Liebe des edeln Tieres lange nicht gewinnen; im Gegenteil! Ich erfuhr nur um so mehr Hartsinn und Störrigkeit. – Da versuchte ich mein eigenes System. Ich maß und beobachtete den Kopf des Tieres nach allen Seiten und Richtungen. Ich fand hinter seinem rechten Ohr eine Unregelmäßigkeit in der Knochenbildung, eine Art Höcker oder Ansatz. Ich sandte meine Zeichnungen und eine Beschreibung meiner Auffassung an die Universität in Paris und erhielt von der dortigen philosophisch-medizinischen Fakultät die Bestätigung meiner Resultate. Jener Ansatz hinter dem rechten Ohr des kostbaren Tieres wies auf eine abnorme Befähigung zu künstlerischen Tanzbewegungen hin. Ich machte mir diese Tatsache zu nutze, unterrichtete meinen Esel nach dieser Richtung hin; alles ging mit einem Male überraschend leicht und die Resultate können Sie alle sogleich mit eigenen Augen erblicken. – Bevor ich aber das edle Tier vorführe, erlaube ich mir, Ihnen auch die folgenden Vorstellungen meines Zirkus mit stets neuem Programm in empfehlende Erinnerung zu bringen.« –

Der Direktor machte abermals einen tiefen Bückling, wandte sich sogleich an Bengele und sprach:

»Nun mal mutig zu, mein Bengele! – Begrüße zunächst die verehrten Herrschaften, Damen, Herren und Kinder, und zeige dann deine Kunst!«

Bengele kniete auf die beiden Vorderfüße, legte den Kopf auf den Boden und verharrte unbeweglich, bis der Direktor mit der Peitsche knallte und rief:

»Im Schritt!«

Das Eselchen stand auf und ging im fein abgemessenen Schritte durch die Bahn des Zirkus.

»Trab!« befahl der Direktor und Bengele änderte gehorsam den Schritt.

»Galopp!« – Bengele holte zu flottem Galopp aus.

Einmal übers andere knallte jetzt der Direktor mit der Peitsche, so daß Bengele immer rasender rennen mußte. Als er wie ein Pfeil durch die Bahn flog, schoß der Direktor plötzlich eine Pistole ab. – Der brave Esel tat, als ob er getroffen wäre, und fiel wie tot in der Bahn nieder.

Ein wahrer Donner von Beifall und Händeklatschen erdröhnte im Zirkus.

Der Direktor setzte seinen Fuß auf das im Sande liegende Eselchen und schoß in die Luft.

Bengele durfte wieder aufstehen; er schaute sich unwillkürlich unter den Zuschauern um und – er blieb wie erstarrt stehen – unter der dichten Menge saß eine schöne Frau. Sie trug an schwergoldener Kette ein Medaillon auf der Brust; darauf war das Bild eines Hampelmanns.

»Das ist mein Bild und das ist die gute Mutter«, erkannte Bengele sofort ganz richtig; er war überwältigt von seinen Gefühlen und wollte rufen:

»Liebe Mutter, Mutter Fee!«

Aber es kam nichts anderes als ein gefühlvolles »I-ah« und noch einmal ein längeres »I-aah« aus des armen Esels Kehle; alle Zuschauer lachten laut, ganz besonders die Kinder.

Der Direktor war geärgert und wollte dem Esel zeigen, daß es kein Anstand sei, vor dem Publikum derart zu iahen; darum ging er zu Bengele hin, drehte seinen Peitschenstock um und schlug ihm mit dem dicken Teil kräftig über die Nase.

Das arme Eselein streckte seine Zunge weit heraus und leckte sich in einem fort die Nase ab, weil es dachte, so könne der Schmerz schneller nachlassen.

Dann schaute Bengele noch einmal in die Höhe; aber – o Jammer! – Die Mutter Fee war verschwunden.

Welcher Schmerz für das Eselein! Seine Augen füllten sich mit Tränen; er weinte still vor sich hin. Niemand merkte es aber, nicht einmal der Direktor. Der schwang vielmehr seine Peitsche, knallte und sprach:

»Aufgepaßt, Bengele! – Jetzt wirst du den Herrschaften zeigen, wie du durch die Ringe springen kannst!«

Zwei-, dreimal nahm Bengele einen Anlauf, aber jedesmal, wenn er vor den Ring kam, ging ihm der Mut aus, und statt durchzuspringen, schlüpfte er unter dem Ringe weg. Schließlich tat er einen mutigen Sprung und – wupps! durch! – Aber, o weh, er blieb mit den beiden Hinterbeinen im Ringe hängen und fiel vornüber auf den Sand.

Als er sich aufrichtete, hatte er ein Bein verstaucht und mit Mühe nur konnte er hinkend in den Stall zurückgebracht werden.

Alle Kinder, die im Zirkus waren, riefen: »Heraus den Bengele! – Vorwärts! noch einmal den Bengele!« – Sie hatten Mitleid mit dem unglücklichen Geschöpfe, wollten ihn noch einmal sehen und ihm Beifall klatschen.

Aber der Esel war nicht mehr zu gebrauchen. – Am andern Morgen kam der Tierarzt, untersuchte das Bein und erklärte, daß man es heilen könne, der Esel aber werde seiner Lebtage hinken.

Da sagte der Zirkusdirektor zum Stallburschen:

»Was fange ich mit einem lahmen Esel an? – Faulenzer kann ich keine füttern. Bring ihn auf den Markt und verkaufe ihn!«

Gleich fand sich ein Käufer. »Was willst du für den hinkenden Esel da?« fragte er.

»Zwanzig Mark!« sagte dieser.

»Zwanzig Pfennig, meinst du wohl! – Wozu kann ein hinkender Esel dienen? – Aber ich brauche gerade ein Fell, weil ich bei dem Verein ›Musikalia‹ mit Blechinstrumenten bin und mir eine Trommel machen möchte. Ich sehe, das Tier da hat eine dicke Haut.« –

Was mochte Bengele denken, als er hörte, daß man eine Trommel aus seinem Felle machen wolle! Für fünf Mark erhielt der Mann schließlich den hinkenden Esel und nahm ihn mit in sein Heimatsdorf am Meere. Dort führte er ihn auf ein Felsenriff, hing ihm einen schweren Stein an den Hals und band ihm ein langes Seil an das linke Hinterbein. Unversehens gab er dem Tiere einen Stoß und es sauste mit dem Steine tief ins Wasser hinein. – Der grausame Mensch hielt das Ende des Seiles fest und wollte abwarten, bis der Esel ertrunken war.

Die Fische fressen den Esel.

Fünfunddreißigstes Stück.

Die Fische fressen den Esel.

Nach einer halben Stunde dachte der Mann auf dem Felsen: »Jetzt muß der Esel tot sein.«

Behutsam zog er das Seil empor. Da erschien über dem Wasser – der tote Esel? – Nein, ein sehr lebendiger Hampelmann, der ausgelassen zappelte. Wie angewurzelt stand der Mann mit dem Stricke in beiden Händen auf seinem Platze. Er wußte nicht, wie ihm geschah. – Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen.

Endlich getraute er sich das Kerlchen in die Höhe zu ziehen, riß die Augen noch mehr auf und stammelte:

»Ich habe doch einen Esel ins Wasser geworfen.«

»Der Esel bin ich«, lachte vergnügt der Hampelmann.

»Du?«

»Ja!«

»Lausbube, willst mich noch foppen?«

»Foppen, mein lieber Herr?! – Nein, es ist mir Ernst!«

»Wie kannst du, hölzerner Hampelmann, ein Esel gewesen sein?«

»Das ist ein Geheimnis des Meeres! Im Wasser gibt es solche Wunder!«

»Nimm dich in acht! Ich lasse mich nicht uzen! – Wenn es mir zu stark wird …«

»Nun, lieber Herr, wenn Sie mir den Strick da am Beine lösen, will ich Ihnen den ganzen Vorgang haarklein erzählen.«

Der Mann war neugierig, eine solche Geschichte zu hören, und machte gleich den Knoten des Strickes auf. Bengele fühlte sich zum ersten Male wieder frei, und wohlgemut begann er seine Geschichte:

»Also hören Sie! – Ich war früher ein Hampelmann wie jetzt. Eben sollte ich ein richtiger Knabe werden, da – nun ich wollte nicht mehr lernen, hörte auf schlechte Kameraden und lief meiner Mutter davon. – Eines schönen Tages wachte ich auf und war ein Esel geworden mitsamt den langen Ohren und dem wüsten Schwanze. – Wie habe ich mich geschämt! – Behüt Euch Gott vor dem Eselsfieber! – Man hat mich auf den Markt geführt, und ein Zirkusdirektor hat mich gekauft! Der wollte aus mir mit aller Gewalt einen Tänzer und Ringspringer machen; aber bei der Vorstellung bin ich eklig gefallen und habe mir das Bein verstaucht. – Weil ich hinkte, konnte mich der Zirkusdirektor nicht mehr brauchen, ließ mich verkaufen und Sie haben mich gekauft.«

»Leider! Leider! – Wer gibt mir die fünf Mark wieder?«

»Warum haben Sie mich gekauft?! – Hören Sie, ein Trommelfell wollten Sie aus mir machen! – Ja, ein Trommelfell!!«

»Leider, leider! – Wer gibt mir jetzt ein Trommelfell; am Sonntag wollte ich schon die Trommel spielen.«

»Nur den Mut nicht verlieren, lieber Mann! – Es leben noch viele Esel auf der Welt!«

»Du unverschämter Schlingel! – Ist deine Geschichte jetzt fertig?«

»Noch lange nicht«, sagte Bengele, »ich fahre gleich weiter. – Sie haben mich also gekauft und hierher geführt. Erst wollten Sie mich totschlagen, aber dann bekamen Sie ein weiches Herz und wollten mich lieber ersäufen. Sie haben mir also einen schweren Stein an den Hals gehängt und einen langen Strick an den Fuß gebunden. – Dieses menschliche Mitgefühl ehrt Sie, allen Respekt davor! – Übrigens haben Sie aber Ihre Rechnung ohne meine – Mutter Fee gemacht.«

»Wer ist diese Fee?«

»Wie gesagt, meine Mutter. – Und sie ist gut wie alle Mütter. Sie lieben ihre Kinder und verlieren sie nie aus den Augen und stehen ihnen bei in allem Unglück, auch wenn die Kinder so eigensinnig und nichtsnutzig sind, daß sie eine gute Mutter gar nicht mehr verdienen und man sie laufen lassen sollte. – Wie gesagt also, die gute Fee sah, daß ich ersäuft werden sollte. Da sandte sie gleich eine unzählbare Schar von allerlei Fischen; diese meinten, ich sei wirklich ein toter Esel, und fraßen mich. – Wie sie die Mäuler voll nahmen! Für so freßsüchtig hätte ich die Fische nie gehalten! – Sie fraßen die langen Ohren, die Schnauze, den Schwanz, alles mit Stumpf und Stiel. – Es war sehr anständig von ihnen.« –

»Von heute ab«, warf da der Mann ein, »esse ich wahrhaftig nie mehr Fisch im Leben; wenn sie Eselsohren und Eselsschwänze fressen, nein, das ist zu arg, – puh!!«

»Ich bin auch der Meinung«, entgegnete Bengele. »Übrigens hören Sie nun weiter! – Als die Fische meine ganze Eselei gefressen hatten, da kamen sie an die Knochen, oder besser gesagt ans Holz. – Wie Sie sehen, bin ich aus Holz und, Gott sei Dank, aus festem Holz gemacht. – Die Fische schnappten ein paarmal tüchtig; aber sie rannten sich die Nase an und merkten bald, daß das Eselsfleisch zu Ende sei. Einer nach dem andern schwamm davon. – Sie hätten sich für das feine Mahl schon bedanken dürfen; aber wer Eselsfleisch frißt, vergißt allen Anstand. – Nun begreifen Sie, mein Herr, daß man einen Esel ins Meer versenken und einen Hampelmann herausziehen kann. Das ist meine Geschichte.«

»Fünf Mark kostet mich deine Geschichte«, knurrte der Mann, »wer gibt mir mein Geld wieder? – Weißt du, was ich tue? – Ich bringe dich wieder auf den Markt und verkaufe dich als trockenes Holz zum Feueranmachen.«

»Ganz recht! Verkauf mich nur, wackerer Trommler!« sagte Bengele und hüpfte ins Wasser. Lustig schwamm er ins Meer hinaus und rief noch einmal zurück:

»Adieu, Blechmusiktrommler! – Wenn du mal wieder ein Fell brauchst, so laß es mir sagen!«

Als er schon weit vom Lande war, drehte er dem Manne noch eine lange Nase und schrie:

»Mit dem trockenen Holze kann ich dir nicht mehr dienen; es wird zu naß im Wasser.«

Der alte Schlingel war in dem Hampelmann wieder erwacht; er schwamm vergnügt fort und schlug im Wasser tausend Purzelbäume.

Belohnte Treue

Zweiundzwanzigstes Stück.

Belohnte Treue

Gegen Mitternacht wurde Bengele aus dem Schlafe geweckt. Er hörte ein Gezischel in der Nähe seiner Hundehütte und streckte vorsichtig die Nase hinaus. Da standen vier Tiere beisammen und schwatzten miteinander. Sie sahen aus wie schwarze Katzen; aber es waren die Marder. – Die blutgierigen Räuber hatten es wieder auf frische Eier und junge Hühner abgesehen und besprachen eben ihren Kriegsplan.

Da kam einer von ihnen zur Hundehütte geschlichen und lispelte:

»Phylax! – Phylax, guten Abend!«

»Ich heiße nicht Phylax«, sagte Bengele.

»Ja, wer bist du denn?«

»Ich bin Bengele!«

»Was machst du da?«

»Den Hofhund!«

»Und Phylax? Wo ist der gute Alte hingekommen?«

»Er ist heute früh gestorben!«

»Gestorben! – Armer Kerl. Er war so treu und gut! – Doch dir seh‘ ich es schon am Gesicht an; auch du bist ein anständiger Hund!«

»Bedaure sehr, ich bin kein Hund.«

»Was dann?«

»Ein Hampelmann.«

»Und machst den Hofhund?«

»Allerdings, zur Strafe!«

»Gut! – Ich mache dir das gleiche Anerbieten wie dem verstorbenen Phylax und denke, daß du einverstanden bist!« –

»Das wäre?«

»Wir kommen jede Woche einmal wie bisher und untersuchen diesen Hühnerstall. Acht Hühner nehmen wir jeweils mit. Sieben davon gehören uns, eines schenken wir dir unter der Bedingung, daß du dir nie einfallen läßt zu bellen und den Bauern zu wecken.«

»Das hat Phylax wirklich so gemacht?«

»Jawohl, und wir sind dabei stets gut miteinander ausgekommen. – Schlafe also ruhig. Bevor wir gehen, lassen wir dir vor der Hütte ein Huhn liegen, fein gerupft zum Frühstück für morgen. – Einverstanden, nicht wahr!« –

»Und wie!«… sagte Bengele. Aber er wackelte mit dem Kopfe in drohender Art und sagte für sich selbst: »Wir werden gleich deutlicher miteinander reden.«

Die vier Marder waren ihrer Sache sicher und gingen sofort zum Hühnerstall. Dieser lag ganz nahe bei der Hundehütte. Die Diebe öffneten die Türe mit ihren scharfen Zähnen und huschten einer nach dem andern hinein. – Kaum waren sie drinnen, so ward die Türe mit Wucht zugeschlagen.

Bengele hatte die Marder in den Hühnerstall gesperrt, und damit sie ja nicht auskamen, wälzte er vor das Holztürchen einen großen Stein.

Jetzt ging’s ans Bellen; er konnte es wahrhaftig wie ein Hofhund; laut dröhnte sein zorniges: bu, bu, bu – wau, wau, wau!

Gleich sprang der Bauer aus dem Bette, nahm sein Gewehr und guckte zum Fenster hinaus:

»Was ist los?«

»Diebe, Diebe!«

»Wo?«

»Im Hühnerstall.«

»Ich komme gleich hinunter.«

Schon war der Bauer da, ging in den Hühnerstall, packte alle vier Marder und steckte sie in einen Sack. Dann hielt er ihnen folgende Rede:

»So, hab‘ ich euch endlich erwischt! – Ich könnte nun kurzen Prozeß machen; aber ich will euch nicht gar zu grob behandeln. Morgen früh trage ich euch hinüber ins Wirtshaus. Der Wirt zieht euch dann das Fell ab und kocht euch, als Hasenpfeffer. Diese Ehre ist schier zu groß für Hühnerdiebe; aber seine Leute wie ich gönnen auch den Strolchen noch ein bißchen gute Behandlung.«

Darauf ging der Bauer hin zu Bengele, lobte ihn über alle Maßen, streichelte ihn und sprach:

»Aber sage mir nur, wie bist du der Diebesbande auf die Spur gekommen? – Mein armer Phylax hat sie nie erwischt und nie etwas gemerkt.«

Bengele hätte alles erzählen können; er hätte dem Bauern sagen können, wie niederträchtig Phylax unter einer Decke mit den Mardern steckte. Aber er dachte: Der Hund ist tot, und den Toten soll man nie Übles nachreden; es ist am besten, man läßt sie im Frieden ruhen. – Der Bauer drang weiter in Bengele ein: »Hast du gewacht oder geschlafen, als die Marder kamen?« »Geschlafen«, erwiderte Bengele; »aber die Marder haben mich mit ihrem Geschwätze geweckt. Einer kam auch zu mir an die Hütte und sagte: ›Wenn du nicht bellst und den Hausherrn nicht weckst, schenken wir dir ein feingerupftes Huhn‹ – So eine Frechheit! Mir ein solches Anerbieten machen! – Ich bin freilich ein Hampelmann und habe alle möglichen Untugenden; aber das tue ich nie, daß ich den Lumpen den Helfershelfer und dem Stehler den Hehler mache.«

»So ist’s recht!« sagte der Bauer und klopfte ihm auf die Schultern, »alle Achtung vor dir! Weil du ein so guter Hampelmann bist, so laß ich dich jetzt laufen, daß du nach Hause kannst.«

Er nahm ihm das Halsband ab. – Bengele war wieder frei.

Vom weißen Marmorstein ans brausende Meer

Dreiundzwanzigstes Stück.

Vom weißen Marmorstein ans brausende Meer

Querein durch die Felder lief der Hampelmann davon. Er suchte möglichst rasch die Hauptstraße zu erreichen, die zum Hause der Fee führte. Schon von weitem erkannte sein scharfes Auge das Wäldchen, er sah über die andern Bäume die Große Eiche emporragen, an der er einst Todesangst ausgestanden; aber wie er auch schaute und spähte, das weiße Häuschen war nirgends zu erblicken.

Eine traurige Ahnung beschlich ihn. Er fing einen schnelleren Schritt an und kam auf die grüne Wiese. Das Haus der Fee war nicht mehr da. Mitten im blumigen Grase aber lag ein weißer Marmorstein, der mit Goldbuchstaben beschrieben war. – Bengele konnte noch nicht lesen; aber schon beim Anblick des Steines kamen ihm die Tränen in die Augen.

Da kroch aus dem Grase neben dem Steine ein schwarzer Brummkäfer hervor und fing an unter den Buchstaben herzulaufen, so wie die Kinder den Zeilen mit dem Finger nachfahren, wenn sie noch nicht gut lesen können. Dabei brummte der Käfer wie die Orgel eine Trauermelodie und sang wehmütig und eintönig:

Hier ruht im süßen Schlummer
Das Mägdlein mit dem goldenen Haar.
Ihm brach das Herz vor Kummer,
Weil Bengele so treulos war.

Der Hampelmann zitterte; seine Beine wankten; er fiel nieder auf den kalten Marmorstein, küßte ihn hundertmal und weinte, – weinte den ganzen Tag und die ganze Nacht. Am andern Morgen waren seine Augen tränenleer; aber seine Seufzer klangen noch viel erbarmungswürdiger.

»O, du liebe Fee«, schluchzte er, »warum bist du gestorben? – Warum bin nicht lieber ich gestorben? – Ich bin so böse, und du warst so gut! – Wo wird mein Vater sein? Sag mir doch, liebe Fee, wo kann ich ihn finden? – Ich will immer bei ihm bleiben, nie mehr davonlaufen, nie, nie, nie! – Gute Fee, bist du wirklich tot? – Wenn du mir noch gut bist, dann komm doch und lebe wieder! Ich bin ja dein Brüderlein Bengele. – Kannst du mich allein lassen, so ganz allein in der Welt? – Die Räuber werden wieder kommen und mich wieder aufhängen. Dann muß ich für immer sterben! – Was tue ich allein auf der Welt? – Dich und den Vater habe ich verloren; wer wird mir zu essen geben? – Wo kann ich schlafen? Wer macht mir meine Kleider? – Lieber Gott, laß mich auch sterben, es ist viel besser! Ich will auch sterben, ja, … ja … ja …«

Siehe, da kam ein riesengroßer Täuber geflogen. Mit weitgespannten Flügeln blieb er über Bengele in der Luft schweben und rief ihm zu:

»Sag mal, Kleiner, was machst du da?«

»Du siehst es doch, ich weine!« sagte Bengele, schaute auf und wischte sich mit dem Ärmel die Augen aus.

»Sag mir«, fuhr der Täuber fort, »kennst du nicht einen Hampelmann, der Bengele heißt?«

»Bengele? – hab‘ ich wirklich recht verstanden: Bengele?« rief der Hampelmann und sprang in die Höhe. – »Ich bin ja selbst der Bengele.« Rasch flog der Täuber zur Erde nieder und stand vor dem Hampelmann. Er war größer wie ein Truthahn.

»Du kennst doch auch Seppel?« fragte er weiter.

»Freilich! Das ist ja mein armer Vater. Hat er dir vielleicht etwas von mir gesagt? – Führe mich doch zu ihm! – Lebt er noch? – Sag mir, ums Himmels willen, lebt er noch?«

»Ich bin vor drei Tagen von ihm weggeflogen; er war am Meeresstrand.«

»Was machte er dort?«

»Einen kleinen Kahn, um über das Meer zu fahren. Über vier Monate schon zieht der arme Mann durch die Welt und sucht dich. Er hat dich nirgends finden können; jetzt will er übers Meer fahren und nach dir in fremden Ländern forschen; er meint, du seiest nach Amerika gegangen.«

»Ist es weit von hier ans Meer?« fragte Bengele.

»Über tausend Kilometer!«

»Über tausend Kilometer! – Lieber Täuber, wenn ich nur auch fliegen könnte!«

»Wenn du willst, trage ich dich ans Meer.«

»Was?«

»Du könntest dich auf meinen Rücken setzen; bist du schwer?«

»Ich schwer? Federleicht bin ich!«

Unverzüglich sprang Bengele dem Täuber auf den Rücken, setzte sich fest wie in einem Sattel, ein Bein links und ein Bein rechts, und rief laut:

»Nun mal los! Galopp, mein Pferdchen! Wir haben Eile und wollen bald am Ziele sein.«

Der Täuber flog auf und war in ein paar Minuten so hoch gestiegen, daß er fast an die Wolken stieß. Der Hampelmann wollte sehen, wie es unten auf der Erde aussah; aber er bekam solchen Schwindel und so große Angst, daß er beide Hände fester um den Federhals seines Luftpferdchens legte und sich ganz eng anschmiegte, um nicht herabzufallen.

Den ganzen Tag flogen sie schon. Gegen Abend sagte der Täuber: »Ich habe arg Durst.«

»Und ich arg Hunger«, meinte Bengele.

»Bei dem Taubenschlag dort wollen wir ein bißchen rasten; dann fliegen wir weiter, damit wir morgen früh ans Meer kommen.«

Sie flogen in den Taubenschlag. Drinnen fand sich nur eine Schüssel Wasser und ein Körbchen mit Linsen.

Der Hampelmann hatte nie in seinem Leben die Linsen leiden können. Wenn er ein Linsengericht nur roch, so war es ihm schon zuwider und machte ihm Brechreiz. An diesem Abend aber schmeckten ihm die rohen Linsen wie Pfeffernüsse, und als er mit dem ganzen Korbe so ziemlich fertig war, sagte er:

»Ich hätte nie geglaubt, daß Linsen so gut wären.«

»Mein lieber Freund«, sagte der Täuber, »Hunger ist der beste Koch.«

Sie ruhten sich rasch ein wenig aus, dann ging der Flug weiter. Am andern Morgen kamen sie ans Meer. Der Täuber setzte Bengele auf die feste Erde. Für seine Dienste wollte er keinen Dank und flog alsbald davon.

Am Strande drängte sich eine Menge Leute; sie schrieen, fuchtelten mit den Händen und schauten beständig aufs Meer hinaus.

»Was ist passiert?« fragte Bengele eine alte Frau.

»Ein armer Vater hat seinen Sohn verloren und ist mit einem Kahn aufs Meer hinausgefahren, ihn zu suchen. Aber das Meer ist heute sehr unruhig und das Schifflein wird untergehen.«

»Wo ist das Schifflein?«

»Dort außen, sieh, wo mein Finger hindeutet.«

Weit draußen konnte man eben noch eine Barke sehen. Sie schien nicht größer wie eine Nußschale, und klein wie ein Mücklein erkannte man darin einen Menschen.

Bengele strengte seine Augen an. Er sah den Kahn in weiter Ferne und stieß einen Schrei aus:

»Er ist’s, er ist’s, – mein armer Vater!«

Der Kahn wurde von den wütenden Wellen hin und her geworfen; bald verschwand er hinter den haushohen Wogen, bald schaukelte er über sie hin. Bengele stand auf der Spitze eines hohen Felsenriffs, winkte mit den Händen und mit dem Hute und rief immerfort: »Vater! Vater!«

Es schien, als habe Seppel trotz der großen Entfernung den Knaben erkannt; denn er winkte auch mit seiner Mütze.

Auf einmal wälzte sich eine entsetzlich große Welle daher und der Kahn verschwand. Die Leute warteten, ob er wieder über Wasser komme, aber er war nicht mehr zu sehen.

»Der arme Mann!« sagten die alten, erfahrenen Fischer am Strande, murmelten ein Gebet und gingen nach Hause.

Da hörte man einen verzweifelten Schrei. Die Leute drehten sich um und konnten eben noch sehen, wie sich der Hampelmann von seinem Felsen ins Meer stürzte. Laut rief er dabei:

»Ich will meinen Vater retten.«

Bengele war ganz von Holz, blieb von selbst über Wasser und konnte schwimmen wie ein Fisch. Manchmal verschwand er wohl unter den Wellen, aber bald kam er wieder obenauf; er ruderte aus Leibeskräften und war bald so weit vom Lande weg, daß man ihn nicht mehr sehen konnte.

»Das arme Kerlchen«, sagten die alten Fischer am Strande, murmelten nochmals ein Gebet und gingen nach Hause.

Fleißigenstadt

Vierundzwanzigstes Stück.

Fleißigenstadt

Weit draußen in der wilden See schwamm der mutige Hampelmann, als die Nacht hereinbrach. Haushoch peitschte der Sturm die donnernden Wogen. Ein furchtbares Gewitter tobte am Himmel. In einem Augenblicke glänzten die schäumenden Wellenberge taghell erleuchtet, im nächsten schon hüllten sich Wasser und Luft in undurchdringliche Dunkelheit.

Die Hoffnung, den Vater zu retten, gab Bengele ungewöhnliche Kraft. Die ganze Nacht kämpfte er mit den rasenden Wellen. In der Morgendämmerung zeigte sich ein Streifen Land; es war eine Insel. Das Hampelchen strengte alle Kräfte an, um ans Ufer zu kommen; immer wieder schlugen ihn die Wogen zurück und spielten mit dem Holzmännlein wie mit einem Strohhalm. Endlich wälzte sich eine Sturzwelle vom Meere her und warf den kleinen Schwimmer wuchtig in den Sand des Ufers.

Alle Rippen krachten dem Hampelmann; aber er war froh, wieder auf festem Boden zu sein, und meinte:

»Ich bin noch einmal gut davongekommen.«

Unterdessen war der Himmel wieder heiter geworden; die Sonne ging auf in ihrem vollen Glanze, und das Meer wurde ruhig und glatt wie ein Spiegel.

Unser Hampelmann legte seine Kleider zum Trocknen in die Sonne und schaute sich nach allen Seiten um, ob er nicht den Kahn mit seinem Vater erspähen könnte. Es war nichts zu sehen als Himmel und Meer, Meer und Himmel. Weit draußen fuhr ein Segelschiff vorbei; es schien so klein wie ein Fischerkahn.

Bengele ging am Strand entlang und dachte: »Wenn ich nur wüßte, wie dieses Land heißt und ob hier ordentliche Menschen wohnen, nicht etwa Räuber, die mich wieder an einen Baum hängen. Könnt‘ ich nur jemand fragen!«

Er wurde traurig, weil er glaubte, ganz allein wie Robinson auf unbewohntem Lande zu sein, und fing an zu weinen. Da sah er nah am Ufer einen großen Fisch vorbeischwimmen; er zog ruhig seines Weges und streckte den Kopf halb

aus dem Wasser. Bengele wußte nicht, wie er heiße, und rief:

»Heh! Herr Fisch, gestatte eine Frage!«

»Auch zwei, wenn’s beliebt«, erwiderte der Fisch.

Es war ein Delphin mit feinem Anstand; solcher gibt es nur wenige im Meere.

»Bitte, wolltest du mir sagen, ob man auf dieser Insel etwas zu essen haben kann, ohne daß man Angst haben muß, selbst gefressen zu werden?«

»Sei ohne Furcht! Es wohnen gute Leute hier«, sagte der Delphin. »Der Weg zum Städtchen ist allerdings ein bißchen weit.«

»Welchen Weg muß ich einschlagen?«

»Nimm den Fußweg links und gehe stets geradeaus! Du kannst gar nicht verirren.«

»Bitte, noch eine Frage! Du wanderst ständig durch die Straßen des Meeres; hast du vielleicht einen Kahn gesehen und meinen Vater drin?«

»Wer ist dein Vater?«

»Er ist der beste von allen Vätern, und ich bin der ungezogenste Sohn.«

»Bei dem Sturm in dieser Nacht«, sagte der Delphin, »wird der Kahn untergegangen sein.«

»Und mein Vater?«

»Vielleicht hat ihn der große Hai verschlungen, der seit einiger Zeit Tod und Verderben in unsere Fluten bringt.«

»Wie groß ist dieser Hai?« fragte Bengele und zitterte schon.

»Unheimlich groß!« antwortete der Delphin. »Du kannst dir eine Vorstellung von ihm machen, wenn ich dir sage, daß er größer ist als ein fünfstöckiges Haus. Sein Maul ist so weit, daß ein Eisenbahnzug mitsamt der dampfenden Maschine bequem hineinfahren könnte.«

»Du lieber Himmel!« entsetzte sich der Hampelmann; doch stellte er sich gleich wieder ruhig und sprach:

»Adieu, Herr Fisch! – Bitte sehr um Entschuldigung, wenn ich gestört habe. – Vielen Dank für deine Freundlichkeit.«

Gleich darauf schlug Bengele den Fußweg ein. Bei jedem Geräusch drehte er sich um und hatte Angst, daß der fünfstöckige Hai mit dem Eisenbahnzuge im Maule nach ihm schnappe.

Nach einer Stunde Weges kam der Kleine zu wohlbestellten Feldern. Der Kirchturm und die Dächer eines Städtchens, das von Wiesen umrahmt hinter Obstbäumen versteckt lag, schauten von ferne herüber. – Bengele traf einen Mann, der auf dem Felde neben der Straße arbeitete.

»Bitte schön«, fragte er, »wie heißt das Städtchen dort?«

»Das ist Fleißigenstadt«, sagte der Bauersmann; »geh nur hinein, hier kannst du Arbeit finden.«

Bengele rümpfte die Nase und ging weiter. Bald begegnete er mehr Leuten. Emsig wie Ameisen liefen alle ihren Geschäften nach; alle hatten etwas zu tun; Faulenzer gab es da keine. Der leichtsinnige Hampelmann blieb stehen und sah sich das Getriebe an. Es gefiel ihm nicht und er dachte:

»Das ist keine Gegend für mich, so viel ist mir von vornherein schon klar. Zum Arbeiten bin ich nicht geboren.«

Aber der Hunger quälte ihn sehr; seit vierundzwanzig Stunden hatte er nichts mehr gegessen; nicht einmal eine Linse hatte er sich im Taubenschlage eingesteckt. – Was tun? – Er mußte entweder Arbeit suchen oder betteln.

Zum Betteln schämte er sich, denn sein Vater hatte ihm stets gesagt: »Wer arbeiten kann, soll sich sein Brot verdienen; wer aus Faulheit Hunger leidet, verdient kein Mitleid.«

Indes kam keuchend und schwitzend ein Mann die Straße daher, der zwei Gemüsekarren zog.

Bengele schaute ihn an und glaubte, daß es ein guter Mensch sei. Er ging auf ihn zu, senkte verschämt den Blick und sagte zaghaft:

»Gebt mir doch, bitte, drei Pfennig, daß ich mir einen Weck kaufen kann; ich muß sonst verhungern.«

»Bloß drei Pfennig!« entgegnete der Mann, »zwanzig will ich dir geben, wenn du mir die zwei Karren nach Hause schieben hilfst.«

Halb beleidigt sagte der Hampelmann: »Ich bin sehr erstaunt über Euer Angebot; aber ich habe noch nie im Leben den Zugochsen gemacht und Karren gezogen.«

»Glückliches Herrchen«, sprach der Gemüsemann, »wenn du trotzdem nicht Hungers sterben willst, so schneide dir zum Frühstück zwei gute Schnitten von deinem Hochmut herunter! Aber Paß auf, daß du kein Magendrücken bekommst.«

Bald darauf kam ein Maurer des Weges, der auf der Achsel einen Kübel Mörtel trug.

»Seid so gut, lieber Mann, und gebt einem armen hungernden Knaben doch drei Pfennig zu einem Stückchen Brot!«

»Mit Vergnügen!« sagte der Maurer; »komm nur mit mir und trage mir einige Zeit Mörtel, dann gebe ich dir fünfzig Pfennig.«

»Ja, aber der Mörtel ist schwer!« entgegnete der Hampelmann, »und ich will mich nicht schmutzig machen.«

»Dann, mein Lieber, gähne dich ruhig zu Tode! Adieu!«

Mindestens zwanzig andere Leute gingen im Verlaufe einer halben Stunde an Bengele vorbei; alle sprach er um eine Gabe an, aber alle sagten:

»Schäme dich doch, so faul auf der Straße herumzulungern; arbeite und verdiene dein Brot!«

Am Stadttor kam eine junge Frau, die in jeder Hand einen Krug Wasser trug.

»Bitte, gute Frau«, redete Bengele sie an, »erlaubt mir doch, einen Schluck Wasser zu trinken!« Er hatte einen brennenden Durst.

Die Frau sagte:

»Trinke nur, mein Kind!« und stellte die Gefäße auf den Boden.

Bengele trank aus dem Krug in vollen Zügen. Als er seinen Durst gefüllt hatte, wischte er sich den Mund ab und sagte:

»Der Durst wäre nun weg! – Aber der Hunger!«

Die gute Frau hörte es und sagte:

»Wenn du mir einen von den zwei Krügen nach Hause trägst, gebe ich dir ein großes Stück Brot.«

Bengele schaute sich daraufhin die Krüge von allen Seiten an und sagte nichts.

»Ich gebe dir auch einen Teller Suppe dazu«, versprach die gute Frau.

Bengele betrachtete immer noch unentschlossen das Gefäß.

»Nach der Suppe bekommst du ein großes Stück Apfelkuchen.«

Das war Bengeles Leibspeise. Rasch sagte er: »Bitte, ich trage den Krug.«

Wie war das Wasser so schwer! Mit beiden Händen faßte Bengele den Henkel; dann hob er den Krug auf den Kopf und schritt mutig voran.

Zu Hause setzte die Frau den Hampelmann hinter ein schön gedecktes Tischchen und gab ihm das Brot, die Suppe und den Apfelkuchen.

Bengele verschlang alles mit großer Gier. Als der Hunger gestillt war, schaute er zu der guten Frau auf, die vor dem Tischchen stand, und wollte ihr danken. Er sah ihr ins Gesicht, machte große Augen, sperrte den Mund weit auf und alles, was er sagen konnte, war ein langes, gurgelndes Oooh!

»Warum tust du so verwundert?« fragte lächelnd die Frau.

Bengele stotterte:

»Weil … weil … weil … Ihr … Ihr… Ihr gerade ausseht … ja, ja … so spricht sie … ja, ja … solches Haar … goldenes Haar wie … wie Ihr. – O liebe Fee, sage, bist du es wirklich. Sage es mir, dann will ich nicht mehr weinen; weißt du, ich habe so viel um dich geweint, so arg viel!«

Laut schluchzend warf sich das Hampelchen der guten Fee zu Füßen, umfaßte ihre Knie und bat, daß sie ihm verzeihe, daß sie ihm doch wieder gut sein möge und ihm helfe.

Bengele will sich bessern

Fünfundzwanzigstes Stück.

Bengele will sich bessern

Die gute Frau tat zuerst so, als wisse sie nichts von einer kleinen Fee mit goldenem Haare. – Dann aber gab sie sich zu erkennen, lachte und fragte Bengele:

»Du Sapperlottskerlchen, wie hast du mich erkennen können?«

»Ich habe dich doch so gern und darum vergesse ich dich nie.«

»Aber ich war doch ein kleines Mädchen, als du davonliefst; jetzt bin ich eine große Frau und könnte deine Mutter sein.«

»Das gefällt mir am meisten. – Früher wolltest du mein Schwesterlein sein; jetzt sage ich zu dir: liebe Mutter! – So lange schon wünschte ich mir ein Mütterlein! Alle Kinder haben eine gute Mutter; und ich allein hatte keine … Aber sage mir, wie bist du so rasch groß geworden?«

»Das ist mein Geheimnis.«

»Mach mich doch auch groß«, bat Bengele; »sieh nur, ich wachse gar nicht und bleibe stets drei Käse hoch.«

»Du kannst nicht größer werden.«

»Weshalb nicht?«

»Hampelmännchen wachsen nie; sie kommen als Hampelmänner auf die Welt, leben und sterben als Hampelmänner.«

»Aber jetzt bin ich lang genug ein Hampelmann gewesen«, klagte Bengele und fuchtelte mit seinen Händen; »ich möchte endlich ein Mensch werden.«

»Das kann geschehen, aber du mußt es verdienen.«

»Wie kann ich es anfangen?«

»Du mußt dich darin üben, ein braver Knabe zu werden.«

»Bin ich das vielleicht nicht?«

»Noch lange nicht, mein Lieber«, sprach die Fee, »höre nur einige Beispiele! – Gute Kinder sind stets folgsam und …«

»Ich folge nie!« –

»Gute Kinder haben Freude an der Arbeit, und …«

»Ich will immer faulenzen und spielen.« –

»Gute Kinder sagen stets die Wahrheit, und …«

»Ich lüge sehr oft.« –

»Gute Kinder gehen gern in die Schule, und …«

»Ich lief ins Kasperletheater. – Aber von heute an wird alles anders!«

»Ist es dir Ernst?«

»Heiliger Ernst! – Ich will ein guter Knabe werden, und meinem Vater Freude machen. – Ja, halt! – Wo ist denn mein armer Vater?«

»Ich weiß es nicht.«

»Werde ich ihn je wiedersehen?«

»Ich glaube, ja! – Wenn du brav bist, ganz sicher.«

Dankbar ergriff Bengele die Hand der guten Fee und bedeckte sie mit Küssen. Lange schaute er dann seinem lieben Mütterlein in die milden Augen und fragte:

»Sag mir nur noch das eine: bist du wirklich tot gewesen?«

»Es scheint nicht«, antwortete lächelnd die Fee.

Mit Tränen in den Augen fuhr Bengele weiter und sprach:

»Wenn du es wüßtest, wie weh es mir tat, wie mein Herz klopfte und wie ich weinte! – Ach, jener Marmorstein und das Lied des Käfers: ›Hier ruht im süßen Schlummer …‹«

Die gute Fee zog das Hampelchen an sich und tröstete es: »Ich weiß alles, mein liebes Kind. Ich habe deinen Schmerz gesehen und dein gutes Herz erkannt. – Du warst undankbar und unartig gegen mich; am Marmorsteine hast du deine Fehler bereut. Du liebtest mich, und darum habe ich dir alles verziehen. – Ich bin dir nachgegangen, ich habe dich hier gesucht, und jetzt will ich dir eine gute Mutter sein.«

»Du bist zu gut gegen mich«, sagte Bengele; »ich verdiene es nicht, daß du mich so herzlich liebst.«

»So sei mir dankbar«, erwiderte die Fee; »ich verlange von dir nur das eine, daß du mir gehorchest und stets befolgest, was ich dir sage.«

»Von Herzen gern!«

»Morgen«, sagte die Fee, »wirst du das erste Mal zur Schule gehen!«

Bengeles Freude ließ schon ein bißchen nach.

»Später kannst du nach eigener Wahl ein Handwerk lernen!«

Bengele ward nachdenklich und murmelte etwas in sich hinein.

»Was gibt’s darüber zu brummen?« – fragte die Fee in ernstem Tone.

»Ich habe gesagt –, daß – daß«, stotterte Bengele, »daß ich jetzt doch zu alt bin für die Schule.«

»Nein, mein Sohn, zum Lernen ist man nie zu alt!«

»Aber ich will auch kein Handwerk lernen!«

»Warum?«

»Weil man beim Arbeiten müde wird!«

»Liebes Kind«, mahnte die weise Fee, »wer so denkt, der endigt gewöhnlich im Krankenhaus oder im Zuchthaus. Müßiggang ist aller Laster Anfang. Der Mensch muß arbeiten auf dieser Welt, ob er arm sei oder reich. Das Faulenzen ist eine Schande. Es ist eine schlimme Krankheit; wenn man sie in der Jugend nicht heilt, so geht man mit ihr durchs ganze Leben.«

Bengele glaubte den Worten seiner guten Mutter und sagte:

»Ja, ich will lernen; ich will arbeiten; ich will alles tun, was du von mir verlangst. Und überhaupt – dieses Hampelleben gebe ich auf; ich will unbedingt ein Knabe werden. Du hilfst mir, Mütterlein, gelt? – Du hast es mir versprochen!«

»Jawohl, mein Kind; von dir allein hängt es nun ab, daß ich mein Versprechen erfülle.«

Das Mägdlein mit dem goldenen Haar.

Sechzehntes Stück.

Das Mägdlein mit dem goldenen Haar.

In diesem Augenblicke, als Bengele zu sterben glaubte, trat das Mägdlein mit dem goldenen Haar wieder ans Fenster. Es hatte Mitleid bekommen mit dem armen Hampelchen, das vom Winde gefaßt hin und her schaukelte.

Zierlich klatschte das holde Kind dreimal in die Hände und schlug dreimal leicht mit dem Fuß auf den Boden.

Auf dies Zeichen entstand sogleich ein Flügelrauschen; ein großer Falke kam und setzte sich auf den Fenstersims.

»Was befiehlt mir meine schöne Fee?« – fragte der Falke und setzte den Schnabel zwischen die Füße als Zeichen der Ehrfurcht.

Das Mägdlein mit dem goldenen Haar war nämlich eine herzensgute Fee und wohnte schon über tausend Jahre lang im Häuschen am Walde.

»Siehst du das Hampelchen dort an der Großen Eiche hängen?«

»Jawohl, gnädige Fee!«

»Gut! – Fliege sogleich hin, beiße mit deinem scharfen Schnabel den Strick durch, mit dem es aufgehängt ist, und bette den Kleinen vorsichtig im Grase.«

Rasch wie der Wind flog der Falke davon und war schon nach zwei Minuten zurück mit der Meldung:

»Ich habe getan, wie Ihr mir befohlen!«

»In welchem Zustand hast du das Hampelchen gefunden? – Lebt es noch?«

»Es war wie tot; aber es muß doch nicht ganz tot sein. Als ich den Knoten durchgebissen hatte, tat es einen kleinen Seufzer und lispelte: ›Jetzt geht es besser.‹«

Da schlug die Fee wieder in die Hände und klopfte viermal auf den Boden. Alsbald erschien ein artiger Pudelhund. Er lief auf den Hinterbeinen gerade wie ein Mensch und trug die Livree eines fürstlichen Kutschers. Ein goldbordiertes Hütchen bedeckte den Kopf, um den in zarten Wellen die Locken der blonden Perücke spielten. Das schokoladefarbige Samtröckchen war mit Knöpfen von Edelsteinen besetzt und hatte zwei tiefe Taschen. – Da steckte der treue Pudel die Knochen hinein, welche er von der Herrin beim Mittagessen erhielt. – Rote Samthosen, grünseidene Strümpfe und ein Paar spiegelblanke, gelbe Lederstiefel kleideten ihn allerliebst. Zwischen den Rockflügeln hatte ihm die Herrin eine Art blauseidenes Schirmfutteral angebracht, damit er den Schwanz hineinstecken konnte bei Regenwetter oder wann er sonst wollte.

»Flugs, Mäusel!« sagte die Fee, »spanne den schönsten Wagen ein und fahre zum Wäldchen. Unter der Großen Eiche liegt ein armes, halbtotes Hampelchen im Gras. Hebe es sorgfältig in die Polster des Wagens und führe es hierher. Verstanden?«

Der Pudel drehte dreimal das blauseidene Schirmfutteral, ein Zeichen, daß er alles begriffen hatte, und lief, was er laufen konnte.

Gleich darauf fuhr eine glänzendweiße Droschke aus dem Hause. Ihre Polster waren mit Schlagsahne gefüllt und der Überzug bestand aus Fellen von Kanarienvögeln. Dreihundert Paare weißer Mäuslein zogen sie und der Pudel saß auf dem Bocke. Er knallte hin und her mit der Peitsche wie ein wirklicher Kutscher, wenn er Eile hat.

Keine Viertelstunde verging, da war die Droschke schon zurück. Die Fee wartete am Hauptportale, nahm den armen Hampel gleich in die Arme, trug ihn hinauf in ein Zimmer, das ganz mit Perlmutter tapeziert war, und ließ alsbald die berühmtesten Ärzte des Landes rufen.

Sogleich erschienen sie, einer nach dem andern: ein Rabe, eine Eule und ein Lispel-Heimchen.

Die Fee empfing alle drei am Bette des Hampelchens und sagte: »Wollen Sie gütigst entscheiden, ob das arme Hampelmännchen hier tot ist oder noch lebt.«

Zuerst trat hierauf der Rabe vor, fühlte Bengele den Puls, betastete die Nase und die beiden kleinsten Zehen. Dann stellte er sich geheimnisvoll vor die andern und sagte ernst und feierlich:

»Nach gewissenhafter Untersuchung meinerseits ist der Hampel tot. Sollte er allenfalls nicht tot sein, dann hätten wir den interessanten Fall, daß er noch lebt.«

»Ich bedaure unendlich«, sagte da die Eule, »meinem verehrten Freunde und Kollegen, dem Herrn Raben, mit meiner Ansicht entgegentreten zu müssen. Nach meiner Auffassung befindet sich der Hampelmann immer noch am Leben. Fände sich aber gegebenenfalls kein Lebenszeichen mehr vor, dann hätten wir zweifelsohne mit sichern Anzeichen des Todes zu rechnen.«

»Wollen Sie uns nicht auch Ihre Ansicht mitteilen?« fragte die Fee das Lispel-Heimchen.

»Ich meine, wenn ein vernünftiger Arzt nichts zu sagen weiß, dann sollte er schweigen. – Übrigens ist der Hampel da für mich keine Neuerscheinung; ich kenne ihn schon ziemlich lange.« –

Bengele war bisher unbeweglich wie ein richtiges Stück Holz liegen geblieben; jetzt aber bekam er plötzlich eine Art Krämpfe und das ganze Bett fing an zu wackeln.

»Dieser Hampel hier«, fuhr Lispel-Heimchen fort, »ist ein richtiger Schlingel …«

Bengele sah das Heimchen an, schloß aber rasch wieder die Augen.

»Er ist ein Nichtsnutz, ein eigensinniger Tunichtgut, ein Durchbrenner.«

Bengele versteckte sich unter der Bettdecke.

»Dieser Hampel ist ein ungezogener Bube, der seinen Vater vor Leid noch unter den Boden bringt.«

Da hörte man im Zimmer ein leises Schluchzen und Weinen. Die Fee zog Bengele die Bettdecke vom Gesicht, und siehe da, dem Hampelmann flossen Tränen über die hölzernen Wangen.

»Wenn ein Toter weint, ist es ein sicheres Zeichen, daß er wieder gesund wird!« verkündete feierlich der Rabe.

»Bedaure sehr, meinem verehrten Freund und Kollegen nochmals widersprechen zu müssen«, sagte die Eule. »Wenn ein Toter weint, so folgt daraus, daß er nicht gern sterben möchte.«

Die Totengräber. – Das Lügen und die lange Nase.

Siebzehntes Stück.

Die Totengräber. – Das Lügen und die lange Nase.

Die drei Ärzte gingen. Bengele atmete schnell und kurz und sein Gesicht war glühend heiß; er hatte ein gefährliches Fieber.

Liebevoll trat die Fee zu ihm heran, legte ihm die Hand auf die Stirne und sprach:

»Armes, krankes Hampelchen, ich will dich wieder gesund machen.«

Sie holte aus einem goldenen Schränkchen ein weißes Pulver, löste es in einem Glase Wasser auf und reichte es Bengele mit den Worten:

»Trinke dieses Wasser, und morgen bist du wieder wohl.«

»Ist es bitter?«

»Ja, aber es tut dir gut!«

»Bittere Sachen mag ich nicht.«

»Folge mir doch und trinke!«

»Ich kann aber bittere Getränke nicht ertragen.«

»Trinke es nur! Dann gebe ich dir gleich ein Stück Zucker, daß du einen süßen Mund bekommst.«

»Wo ist der Zucker?«

»Da!« sagte die Fee und zeigte eine goldene Zuckerdose.

»Ich will erst den Zucker, dann trinke ich auch das bittere Zeug da.«

»Versprichst du’s mir?«

»Ja!«

Die Fee gab ihm den Zucker; Bengele zerbiß und schluckte ihn in einem Atemzuge, leckte sich die Lippen ab und meinte:

»Wenn Zucker eine Medizin wäre, möchte ich ganz gerne krank sein.«

»Trinke jetzt das bißchen Wasser und halte dein Versprechen!«

Mit Widerwillen nahm Bengele das Glas in die Hand und fing an daran zu riechen; er setzte es an die Lippen, aber gleich roch er noch einmal und sagte:

»Nein! Es ist zu bitter, viel zu bitter; ich kann es nicht trinken.«

»Das weißt du doch gar nicht; du hast es ja noch nicht einmal versucht.«

»Ich merke es doch! Ich habe es gerochen! – Erst noch ein Stück Zucker, dann will ich’s trinken.«

Mit der Liebe einer geduldigen Mutter steckte ihm die Fee ein zweites Stück Zucker in den Mund und reichte ihm wieder das Glas.

Da rückte der Hampel im Bett hin und her und sagte: »So geht es nicht, so kann ich nicht trinken.«

»Warum denn nicht?«

»Die Federdecke auf den Füßen ist mir zu schwer!«

Da nahm die Fee die Decke weg.

»Ich kann doch nicht trinken.«

»Was behagt dir sonst nicht?«

»Die Zimmertür ist halb auf; das kann ich nicht ertragen.«

Da ging die Fee und schloß die Tür.

Jetzt fing Bengele laut an zu schluchzen, und zwischen den Schluchzern grollte er:

»Ho! ho! … überhaupt! … ho! ho! das bittere Zeug, ho! ho! ho! … das trink‘ ich nicht, ho! nein, nein, nein! ho! ho! ho!« …

»Liebes Kind, es wird dich reuen!«

»Mir ist alles gleich!«

»Mit deinem Fieber mußt du in ein paar Stunden sterben.«

»Ist mir auch gleich.«

»Hast du keine Angst vor dem Sterben?«

»Ich! Angst? – Lieber sterben, als diese schlechte Medizin trinken.« –

Leise ging die Tür auf. Vier schwarze Hasen kamen und trugen einen kleinen Sarg herein.

»Was wollt ihr hier?« rief Bengele und setzte sich voller Schrecken im Bette auf.

»Wir wollen dich mitnehmen«, sagte der größte von den schwarzen Hasen.

»Mitnehmen? – Ich bin ja noch gar nicht tot.« –

»Noch ein paar Minuten, und du wirst es sein! Denn du hast die Medizin nicht getrunken, die dir das Fieber nehmen sollte.«

»Liebe, liebe Fee!« flehte Bengele, »o gib mir schnell das Glas! Schnell! – ums Himmels willen! – Schnell! Ich will nicht sterben! Nein! – nicht sterben!«

Mit beiden Händen nahm er das Glas und trank es auf einen Zug leer.

»Ein anderes Mal!« sagte der größte Hase. »Heute sind wir umsonst gekommen.« Sie drehten sich mit ihrem Sarge um und gingen brummend und schimpfend zur Tür hinaus.

Nach wenigen Minuten sprang Bengele aus dem Bett und war gesund. Die Hampelmänner werden nämlich selten krank und sehr rasch wieder gesund.

Als die Fee ihn im Zimmer herumspringen sah so lustig und froh wie ein junges Geislein, sagte sie:

»Meine Medizin hat dir also doch gut getan?«

»Und wie! – Sie hat mich wieder lebendig gemacht.«

»Warum konntest du dich dann so lange bitten lassen, bis du sie getrunken hast?«

»Das machen alle Kinder so, weil sie vor der Medizin mehr Angst haben als vor der Krankheit.«

»Schämt euch, ihr dummen Kinder! – Ihr solltet bedenken, daß eine bittere Medizin die Krankheit nimmt und vor dem Sterben bewahrt.«

»Ja, ja! Ein anderes Mal laß ich mich nicht mehr bitten; ich werde schon an die schwarzen Hasen denken … dann nehme ich gleich das Glas und – drunten ist schon die Medizin!«

»Komm jetzt ein wenig her zu mir und erzähle, wie du unter die Räuber geraten bist.«

Bengele fing an:

»Es war so. Der Direktor Feuerschlund gab mir fünf Goldstücke und sagte: ›Da! bring das deinem Vater!‹ Aber auf der Straße habe ich den Fuchs und die Katze getroffen; es sind zwei gute Leutchen. – Sie haben zu mir gesagt: ›Willst du, daß diese fünf Stücke tausend oder zweitausend werden? Geh mit uns, wir führen dich aufs Wunderfeld!‹ – Da habe ich gesagt: ›Ich gehe mit.‹ Und sie sagten: ›Wir wollen im »Geleimten Vogel« einkehren; um Mitternacht gehen wir weiter.‹ Als ich erwachte, waren sie nicht mehr da, weil sie schon fort waren. Dann lief ich die ganze Nacht; es war stockdunkel. Auf der Straße traf ich zwei Räuber in schwarzen Säcken. Sie schrien: ›Das Geld heraus!‹ – ›Ich habe keines in der Tasche‹, habe ich gesagt, weil ich es in den Mund gesteckt hatte. Da wollte mir einer von den Räubern das Messer in den Mund stecken; aber ich habe ihm die Hand abgebissen. Als ich sie wegspuckte, war es eine haarige Pfote. Dann rannten die Räuber mir nach. Ich lief, was ich laufen konnte; aber sie bekamen mich doch und hängten mich an den Baum im Wäldchen. Dann gingen sie fort und sagten: ›Morgen, wenn wir wieder kommen, wird er schon das Maul aufhaben, und wir kriegen das Gold!‹«

»Wo hast du jetzt die vier Goldstücke?« fragte die Fee. – »Verloren!« log Bengele. Er hatte sie nämlich in der Tasche.

Kaum war die Lüge gesagt, da wuchs seine lange Nase und ward zwei Finger länger.

»Wo hast du sie verloren?«

»Im Wäldchen!«

Bei dieser zweiten Lüge wuchs die Nase noch mehr. – »Wenn du sie im Wäldchen verloren hast, können wir sie gleich suchen. Alles, was man in diesem Wäldchen verliert, findet man sicher wieder.«

»Richtig! – Nun fällt es mir ein«, log der Hampel darauf los, »ich habe sie nicht verloren, sondern unvermerkt mit der Medizin hinuntergeschluckt.«

Bei dieser dritten Lüge wurde die Nase so lang, daß Bengele sich nicht mehr im Zimmer umdrehen konnte. Überall stieß er mit der Nase an: am Bett, am Fenster, an der Wand, an der Türe. Ein Glück, daß die Fee sich in acht nahm, sonst hätte er ihr mit der Nasenspitze ein Auge ausgestochen. Die Nase wuchs immer weiter; Bengele machte ein so drollig dummes Gesicht, daß die Fee laut lachen mußte. Ängstlich fragte der Hampelmann:

»Warum lachst du?«

»Über deine Lügnerei.«

»Weißt du, daß ich gelogen habe?«

»Jawohl, mein Freund, die Lügen erkennt man gleich. Alle haben kurze Beine und die meisten dazu noch eine lange Nase. – Deine gehören zu dieser Sorte.« –

Bengele wäre am liebsten vor Scham in ein Mausloch gekrochen. Er wollte davonlaufen, aber er kam mit seiner Lügennase nicht mehr zur Tür hinaus.

Auf dem Wunderfeld

Achtzehntes Stück.

Auf dem Wunderfeld

Die Fee verließ das Zimmer. Eine halbe Stunde blieb der Hampel allein. Er sollte einsehen, wie häßlich das Lügen ist, und seinen Fehler bereuen. – Ist es nicht garstig, wenn die Kinder lügen?

Bengele setzte sich in eine Ecke und schaute mit beiden Augen auf seine weitentfernte Nasenspitze. – O diese entsetzliche Nase! – Vor wem konnte er sich je wieder sehen lassen! – Das Hampelchen weinte laut.

Da trat die Fee wieder ins Zimmer, öffnete das Fenster und klatschte in die Hände. Sofort kam eine Schar bunter Spechte geflogen. Wie Soldaten in Reih und Glied setzten sie sich auf die lange Nase und hämmerten mit ihrem starken Schnabel auf sie ein, daß die Späne flogen. In kurzer Zeit ward die unförmlich lange Nase kürzer und bekam schließlich ihre natürliche Größe wieder.

Jetzt wischte sich Bengele die Tränen aus den Augen und sagte:

»O liebe Fee, wie bist du doch so gut! Und ich habe dich so gern!«

»Ich bin dir auch ganz gut«, sprach die Fee, »und wenn du bei mir bleiben willst, so bist du mein liebes Brüderlein und ich deine gute Schwester.«

»Ich bliebe schon da, aber – mein armer Vater!«

»Es ist schon für alles gesorgt! Deinen Vater ließ ich benachrichtigen; bis heute abend kannst du ihn hier sehen.« Bengele schlug vor Freude einen Purzelbaum und rief: »Herrlich! Herrlich! – Ich will ihm entgegengehen; du erlaubst es mir doch, liebe Schwester Fee! Sieh, ich kann es nicht mehr erwarten, bis der arme Vater kommt, der so viel durch mich ausgestanden hat.«

»Geh nur, aber gib gut auf den Weg acht! Nimm den Fußpfad durch das Wäldchen, und du wirst sicher den Vater treffen.«

Bengele ging. – Im Wäldchen angelangt, begann er ein fröhliches Rennen. Er kam gegen die Große Eiche; da war es ihm, als hörte er etwas in den Büschen rascheln. Er wandte sich um und sah des Weges kommen – na ratet mal wen? – den Fuchs und die Katze, seine zwei Freunde, mit denen er im Gasthaus »Zum geleimten Vogel« zu Abend gespeist hatte.

»Da schau mal her, unser lieber Bengele!« rief der Fuchs schon von weitem, sprang auf ihn zu, fiel ihm um den Hals und küßte ihn. – »Wie kommst du nur hierher?«

»Hierher?« echote die Katze.

»Das ist eine lange Geschichte«, sagte der Hampelmann, »ich werde sie euch ein andermal erzählen, wenn wir bequemer Zeit haben. – Nur so viel will ich euch jetzt schon sagen, daß ich die letzte Nacht, als ihr mich im Gasthaus allein gelassen hattet, auf der Straße unter die Räuber gefallen bin.«

»Unter die Räuber!? – Du armer Kerl! – Was wollten sie von dir?«

»Die Goldstücke wollten sie mir nehmen!«

»Solche Lumpen!«

»Gemeine Lumpen!« verstärkte die Katze.

»Ich bin ihnen ausgekniffen«, erzählte Bengele weiter, »sie rannten aber immer hinter mir drein. Schließlich erwischten sie mich und hingen mich an diese Eiche.«

Bengele deutete mit dem Finger auf die »Große Eiche«.

»Könnte man noch Schlimmeres denken!« meinte der Fuchs kopfschüttelnd. – »Wie schlecht ist die Welt, in der wir leben müssen! Wo sind anständige Leute wie wir heutzutage noch sicher?«

Während des Gespräches merkte Bengele, daß die Katze am rechten Vorderbein hinkte; es fehlte ihr daran die Pfote mitsamt ihren Krallen. Er fragte darum:

»Was hast du an deiner Pfote?«

Die Katze wollte antworten, aber sie war ganz verwirrt. Da ergriff der Fuchs für sie das Wort und sagte:

»Meine liebe Freundin will in ihrer Bescheidenheit keine Antwort geben; ich will’s also an ihrer Stelle tun. – Denke dir nur, vor einer Stunde haben wir unterwegs einen alten Wolf getroffen; er war fast ohnmächtig vor Hunger und bat uns um ein Almosen. Wir hatten aber nicht einmal eine Brotkruste bei uns. Was tut meine Freundin! – Ja, wahrhaftig, sie hat ein goldenes Herz! – Die Brave biß sich eine Pfote ab und warf sie dem armen Wolf hin, damit er nicht Hungers sterbe.«

Dem Fuchse liefen bei dieser Erzählung die Augen über.

Auch Bengele war gerührt. Er ging auf die Katze zu und sagte ihr still ins Ohr:

»Wenn alle Katzen wären wie du, dann hätten’s die armen Mäuslein gut!«

»Was treibst du jetzt hier?« fragte da der Fuchs.

»Ich warte auf meinen Vater, der jeden Augenblick kommen muß.«

»Und deine Goldstücke?«

»Vier habe ich immer noch in der Tasche, mit einem habe ich im ›Geleimten Vogel‹ die Rechnung bezahlt.«

»Bedenke doch, daß die vier Goldstücke morgen tausend oder zweitausend sein könnten! – Warum willst du nicht mehr mit uns gehen aufs Wunderfeld?«

»Heute kann ich nicht; später einmal!«

»Später ist es zu spät!« sagte der Fuchs.

»Weshalb?«

»Weil ein reicher Herr das Wunderfeld gekauft hat; und von morgen an darf niemand mehr darauf sein Geld säen.«

»Wie weit ist es von hier aufs Wunderfeld?«

»Eine schwache halbe Stunde. Gehst du mit uns? – Wenn du die vier Goldstücke säest, in wenigen Minuten nachher pflückst du zweitausend vom Bäumchen, und heute abend kommst du mit vollen Taschen heim. Willst du’s wagen?«

Immer noch zauderte Bengele. Er dachte an die gute Fee, an seinen alten Vater, an die Worte des Lispel-Heimchens; aber dann ging’s wie bei allen Kindern: ohne Verstand und ohne Herz schlug er sich die guten Gedanken aus dem Kopf und sagte:

»Abgemacht, wir gehen!«

Und sie gingen. – Einen halben Tag mußten sie wandern, bis sie endlich in eine Stadt namens Dummersheim kamen. Bengele sah auf allen Straßen nichts wie ausgehungerte Hunde, die gähnend weit die Schnauze aufrissen, geschorene Schafe, die vor Kälte zitterten, Hühner ohne Kamm, die um ein Weizenkorn bettelten, große Schmetterlinge, die nicht mehr fliegen konnten, weil sie ihre bunten Flügel gebrochen hatten, Pfauen ohne Rad, die sich in ihrer Häßlichkeit schämen mußten, Fasanen, die traurig einhertrippelten und klagten, daß sie keine Silber- und Goldfedern mehr hatten.

Mitten durch dieses arme Volk von Straßenbettlern fuhr bisweilen eine feine Droschke. Drinnen saß eine diebische Elster, oder eine verschlagene Katze, oder ein stolzer Wolf, oder andere Raubtiere.

»Wo ist nun das Wunderfeld?« fragte Bengele.

»Gleich sind wir dort!«

Sie gingen durch die ganze Stadt und kamen auf ein ödes Feld, das genau so aussah wie alle andern Felder.

»Jetzt sind wir da!« sagte der Fuchs zu Bengele; »mache dich nun daran, grabe mit deinen Händen ein Loch in den Boden und lege die Goldstücke hinein!«

Bengele tat so. Er machte das Loch, legte die vier Goldstücke zusammen hinein und deckte sie schön mit Erde zu.

»Geh nun an den Graben«, ordnete der Fuchs weiter an, »nimm eine Gießkanne und spritze den Boden!«

Bengele ging zum Graben; eine Gießkanne war aber nirgends zu finden. Er zog sich also einen seiner Rindenschuhe aus, füllte ihn mit Wasser und begoß den Ort, wo die Goldstücke waren. Dann fragte er:

»Muß ich sonst noch etwas machen?«

»Gar nichts mehr!« sprach der Fuchs. »Jetzt können wir gehen. In zwanzig Minuten kehrst du zurück und wirst sehen, wie das Bäumchen schon aus dem Boden gewachsen ist und voll Goldstücke hängt.«

Der arme Hampelmann war außer sich vor Glück und Freude. Tausendmal dankte er dem Fuchse und der Katze und versprach ihnen ein reiches Geschenk.

Die beiden Gauner aber meinten: »Nein, nein! Wir nehmen nichts an; im Gegenteil! wir sind glücklich, daß wir dir zeigen durften, wie du ohne Mühe reich werden kannst.«

Sie verabschiedeten sich von Bengele, wünschten ihm eine gute Ernte und gingen ihres Weges.

Ein Holzscheit, das sprechen, lachen und weinen kann

Erstes Stück.

Ein Holzscheit, das sprechen, lachen und weinen kann

Es war einmal …

»Ein König!« – meinen gleich die klugen kleinen Leser.

Aber diesmal, Kinder, habt ihr weit daneben geraten. – Es war einmal: ein Stück Holz, ja, ein ganz gewöhnliches Holzscheit! Draußen lag es im Wald mit vielen andern Stücken auf der Beige. Ein Fuhrmann kam, lud sie alle auf den Wagen und fuhr damit zur Stadt dem Schreiner-Toni vor das Haus. Das Holz ward gesägt und gespaltet; denn im kalten Winter sollte es im knisternden Ofen die Stube wärmen. – Ein Glück, daß Toni das eine Scheit bemerkte. Es war so hübsch gerade und hatte keinen Ast; drum stellte es der Schreiner in eine Ecke seiner Werkstatt und dachte: »Ein gutes, glattes Stück, ’s wär schade, es zu verbrennen.«

Toni verstand sein Handwerk und war überall bekannt. – Man nannte ihn freilich nur den Meister Pflaum; doch das kam davon, daß seine zierlich runde Nasenspitze so duftig blau erglänzte wie eine reife Pflaume, die unberührt am Baume hängt.

Eines Tages war Meister Pflaum daran, einen Tisch zu verfertigen. Eben sah er sich in der Werkstatt nach dem passenden Holze um, erblickte das Scheit in der Ecke, rieb sich freudig die Hände und murmelte zufrieden vor sich hin: »Das Stück da kommt mir wie gerufen, es gibt einen Tischfuß.« Gleich nahm er das scharfe Beil, um die Rinde abzuschlagen. Der erste Hieb fiel auf das Holz, da – »Oje, oje«, wimmerte erbärmlich ein zartes Stimmchen, »nicht so arg schlagen, nicht so arg!« –

Potz Blitz! was war das? – Kalte Angst kam über den guten Schreiner, die Haare standen ihm zu Berge, er hatte nicht mehr Zeit, die ausgestreckte Hand mit dem Beile sinken zu lassen, und so stand er unbeweglich da wie das Einfahrtszeichen an der Eisenbahn, wenn es dem daherbrausenden Zuge »Halt!« gebietet.

Nach einiger Zeit erholte sich Meister Pflaum von seinem Schrecken, und nun durchsuchte er ängstlich die ganze Werkstatt. – Es war niemand zu sehen. Er guckte unter die Hobelbank, – niemand! in den stets verschlossenen Schrank, – niemand! in den Korb mit den Hobelspänen und dem Sägmehl, – niemand! er machte die Türe auf und sah auf die Straße, – auch niemand! Nanu? …

Mit erzwungenem Lachen kratzte sich der Schreiner hinter den Ohren und sprach:

»Ganz klar! Ich hab’s. – Das Stimmchen war eine närrische Einbildung. Nur wieder mutig an die Arbeit!«

Fest nahm er das Beil in die Hand, kräftiger noch wie das erste Mal führte er den Hieb auf das Holz, tief drang die scharfe Schneide ein: »Au! Wie hat das wehgetan!« klagte laut das gleiche Stimmchen.

Jetzt ward Meister Pflaum wie versteinert: seine Augen traten weit hervor aus den Höhlen, sein Mund stand sperroffen, die Zunge hing ihm über die Unterlippe herab so tief wie den Wasserspeiern am Springbrunnen.

Nach einiger Zeit fand er die Sprache wieder; aber er zitterte immer noch entsetzlich und fragte stotternd:

»Wo mag denn nur dies Jammerstimmchen hergekommen sein? Das Holz da wird doch nicht weinen und klagen können wie ein kleines Kind! – Unmöglich! – Schau mir’s nur einer an: ist es nicht ein Scheit wie jedes andere? Hätte man es gesägt und gespaltet, so wäre es vielleicht längst zu Asche verbrannt. – Nanu!? – Oder … wirklich! es könnte sein? – Einer versteckt in dem Holze? – Na! Der hätte sich einen ungeschickten Platz gesucht! Wart, dir will ich’s bequemer machen; gleich helf‘ ich dir heraus.«

Sprach’s, packte das unschuldige Scheit mit beiden Händen und warf es erbarmungslos an die Wand der Werkstatt.

Nun stand er da ganz still; er horchte, er neigte seinen Kopf gegen das Holz hin und lauschte. Zwei – drei – fünf Minuten waren schon vergangen – alles blieb ruhig, nichts regte sich – gar nichts.

»’s ist doch zum Lachen … haha!« sprach jetzt der mutige Schreiner und fuhr sich durch die struppigen Haare. »Wie man dumm sein kann! – Versteht sich! Das Stimmchen hab‘ ich mir eingebildet. – Nein! Schon so viel Zeit verloren! Jetzt geht es in allem Ernst an die Arbeit!«

Und doch hatte er immer noch Angst. Zwar fing er an, ein lustig Liedlein vor sich hin zu singen; aber er tat es nur, um sich Mut zu machen.

Mit dem Beile getraute er sich nicht mehr an das verhexte Holz; ein bißchen besser wollte er es doch behandeln. So spannte er das Scheit auf die Hobelbank, holte von der Wand einen langen Hobel und ließ ihn über das rauhe Holz hin und her gleiten.

Auf einmal kichert’s und lacht’s in der Werkstatt:

»Hör auf! – Ich bin so kitzelig!« Da war’s mit Meister Pflaums Mute vorbei. Wie vom Blitz getroffen sank er nieder und war wie tot. – Als er wieder zu sich kam und die Augen aufmachte, merkte er, daß er auf dem Boden saß.

Wenn ihr ihn hättet sehen können! Starr glotzten die Augen aus dem verstörten Gesichte, und die runde Nasenspitze saß mitten darin wie eine schwarzglänzende Tollkirsche.