Ein Eierkuchen, der davonfliegt.

Fünftes Stück.

Ein Eierkuchen, der davonfliegt.

Indessen war es Abend geworden, und Bengele erinnerte sich, daß er noch nichts gegessen hatte. Er spürte eine Leere im Magen und fühlte starken Appetit. Im Handumdrehen war der Appetit schon Hunger und verlangte gestillt zu werden.

Auf dem eisernen Ofen in der Ecke stand ein Topf. Das Hampelchen hob den Deckel ab und schaute hinein. – Nichts als Wasser. Bengele sah sein dummes Gesicht darin abgespiegelt und setzte kopfschüttelnd den Deckel wieder auf den Topf.

Das hungrige Hampelchen rannte im Zimmer auf und ab, zog alle Schubladen aus, öffnete alle Kästchen. – O daß er doch ein Stückchen Brot finden könnte, wenn es auch ganz trocken wäre! Sogar mit einer alten, harten Kruste hätte er sich begnügt, aber gar nichts war da auf Vorrat bei seinem armen Vater Seppel.

Indes wurde der Hunger immer stärker und Bengele fing an zu gähnen. Er riß den Mund entsetzlich auf und glaubte, sein Magen gehe ihm davon. Mutlos und verzweifelt fing er an zu weinen und sprach:

»Ja, ja! Lispel-Heimchen hat doch recht gehabt und hat es so gut mit mir gemeint. – Aber ich war eigensinnig und unartig; ich habe dem Vater nicht gehorcht und bin ihm davongelaufen. – Wenn doch nur der Vater da wäre! – Durch meine Schuld ist er ins Gefängnis gekommen, und ich muß daheim vor Hunger sterben. – Der Hunger tut so weh; er ist eine schreckliche Krankheit.« –

Hurra! – Dort liegt etwas auf dem Kehrichthaufen. Bengele springt hin, hebt es auf und ruft:

»Ein Ei! Ein Ei!« – Der halbverhungerte Hampelmann kann sein Glück kaum fassen. Er hält das Ei in beiden Händen, drückt es an die Wangen, küßt und streichelt es.

»Jetzt mache ich mir einen Eierkuchen«, sagt er überglücklich, »oder soll ich es einschlagen? – oder weichkochen? – Das Einschlagen geht am schnellsten; ich kann nicht mehr lange warten mit meinem Hunger.«

An der Wand hing eine Bratpfanne. Er holte sie herab und stellte sie auf die Kohlenglut, über der Vater Seppel den Leim kochte. Butter oder anderes Fett war nicht da. Bengele goß Wasser in die Pfanne und blies die Kohlenglut neu an. Das Wasser begann ein wenig zu dampfen, da nahm er das Ei, schlug es auf den scharfen Rand der Pfanne und … –

»Pieps, pieps!« begrüßte ihn ein lustiges buntfarbiges Vögelchen; es kroch flink aus dem Ei, setzte sich auf den Pfannenstiel, schlug die Flügel und putzte sich. Dann machte es dem Bengele ein artiges Kompliment und sang mit heller Stimme:

Mein kleiner Freund, ich danke dir;
Du hast mich heut befreit.
Ich schwing‘ mich fort, weit fort von hier
Zur Waldeseinsamkeit.

Halbflügg‘ entflog dem Elternpaar
Ich aus dem Nest heraus
Und schlief verzaubert hundert Jahr‘
In diesem weißen Haus.

Adieu! Leb wohl, mein Bengelein!
Ich laß den Vater grüßen. –
Des Eigensinnes Diener sein,
Muß jeder bitter büßen.

Mit großen Augen und offenem Munde, die Eierschalen in der Hand, hörte der Hampelmann des Vögleins Lied. Der kleine Sänger flog fort durchs offene Fenster; der Hampelmann aber weinte zum Erbarmen und sprach: »Lispel-Heimchen und das Vögelein haben ganz recht. – Ich muß vor Hunger sterben. – Wäre ich doch nicht davongelaufen. – Ja, ich muß es büßen, ich sterbe vor Hunger.«

Immer schlimmer knurrte der Magen. Es war schon spät abends. Bengele wagte das Äußerste, ging zum Hause hinaus und lief aufs Geratewohl fort.

»Ich werde doch irgend einen guten Menschen finden, der mir ein wenig zu essen gibt«, das war sein einziger Gedanke.

Der Esel Bengele im Zirkus

Vierunddreißigstes Stück.

Der Esel Bengele im Zirkus

Das fette Männchen wollte nicht lange warten und schlug die Türe ein. Lachend trat es ins Zimmer und sprach:

»So ist’s recht, ihr Früchtchen! Ihr singt schon gut die Eselstöne; ich hab‘ euch gleich an der Stimme erkannt.«

Zerknirscht und geduckt standen die beiden Esel da. Sie zogen den Schwanz zwischen die Hinterbeine, senkten tief den Kopf und ließen die Ohren hängen.

Das Männchen streichelte und tätschelte sie. Dann bearbeitete er ihr struppiges Fell mit Striegel und Bürste, daß es glatt und glänzend wurde. – Nun sah man erst, wie hübsch sie geraten waren.

Noch am selben Tage bekamen die beiden Eselchen ein Halfter und wurden auf den Markt geführt. Das Männchen wollte sie bald verkaufen und Geld verdienen.

Käufer gab es stets genug. Ein Gärtner kaufte den Röhrle; Bengele ward von einem Zirkusdirektor erstanden. Dieser hatte die Absicht, ihn so zu dressieren, daß er in der Vorstellung auftreten konnte.

Begreift ihr jetzt, meine kleinen Leser, was für ein schändliches Gewerbe das fette Männchen trieb? – Hinter seinem zuckersüßen Gesichtlein verbarg sich ein wahres Scheusal. Seine Versprechungen waren falsch, seine Schmeicheleien pure Verstellung. – Er fuhr von Zeit zu Zeit in die Welt hinaus und nahm alle leichtsinnigen Knaben mit, die nicht mehr gehorchen und lernen wollten. Sie fuhren mit ihm ins Faulenzerland; dort vertrieben sie eine Zeitlang ihr Leben mit Spiel und Nichtstun. Weil sie kein Buch mehr anschauten und nichts arbeiteten, wurden sie immer dümmer und schließlich verwandelten sie sich in lauter kleine Esel. Das Männlein verkaufte sie und verdiente viel Geld. Man sagte, er sei bei seinem Geschäfte ein Millionär geworden.

Wie es dem Röhrle ging, werdet ihr später erfahren.

Für Bengele begann ein hartes, trauriges Leben. Er wurde zunächst in den Stall geführt, und der neue Herr warf ihm eine Handvoll Stroh in die Krippe. Bengele versuchte das Stroh, spuckte es aber gleich wieder aus. Der Herr brummte und warf ein Büschelchen Heu dazu. Aber auch das Heu schmeckte ihm nicht.

Nun schrie der Herr zornig:

»So! Nicht einmal Heu ist dir gut genug? Paß auf, du feinschmeckeriger Esel, ich werde dir solche Grillen aus dem Kopfe treiben.«

Mit diesen Worten nahm er die Peitsche und fitzte ihm um die Beine.

Das tat schrecklich weh und Bengele wollte weinen; aber sein Weinen ward wieder ein jämmerliches: »I-ah, I-ah!« – »Das Stroh kann ich nicht verdauen«, hatte er sagen wollen.

Zum Glück verstand der Zirkusdirektor die Eselssprache und erwiderte:

»Dann friß Heu!«

»Das Heu macht mir Leibweh«, iahte Bengele.

»Du glaubst wohl, daß ich die Esel mit Pasteten füttern kann«, versetzte der Herr ergrimmt und fitzte ihn ärger wie zuvor.

Jetzt verhielt sich Bengele ruhig. Es war das Klügste, was er tun konnte. – Der Stall wurde zugemacht; Bengele war allein mit seinen trüben Gedanken und mit seinem gräßlichen Hunger. – Es war schon lange her, daß er nichts mehr gegessen hatte; er fing wieder an vor Hunger zu gähnen. Wie sperrte der Esel das Maul auf! Denkt euch nur!

Am Ende trieb ihn der Hunger dazu, doch mal das Heu in der Krippe zu versuchen. Lange kaute er, schloß dann die Augen und schluckte es hinunter.

»So arg schlecht ist das Heu doch nicht«, dachte er; »aber wenn ich nur nicht ausgerissen und weiter auf die Schule gegangen wäre! Daheim bekäme ich jetzt statt Heu mindestens ein feines Wurstbrötchen mit Butter. – Was muß ich doch alles erleben!«

Als er am andern Morgen aufwachte, suchte er gleich, ob in der Krippe noch ein bißchen Heu übrig wäre. Aber er hatte alles verzehrt. Da probierte er ein wenig das Kurzfutter von Stroh. Er fraß es und es schmeckte ihm schließlich auch; aber er mußte doch immer wieder daran denken, daß Apfelkuchen und Schlagsahne besser wären.

»Ich will mich drein fügen«, sagte er sich und kaute weiter, »vielleicht nehmen sich andere faule Knaben eine Lehre, wenn sie hören, wohin das Faulenzen führt. – Ich muß mich drein schicken, ich muß mich drein fügen!«

»Drein fügen!?« rief der Herr, der eben in den Stall gekommen war, »bist du noch nicht zufrieden? – Meinst du, vornehmer Esel, daß ich dich bloß zum Fressen gekauft habe? Du sollst mir arbeiten und Geld verdienen! Verstanden! – Also, vorwärts! – Mit mir in den Zirkus! – Zunächst wirst du lernen, wie durch die Ringe gesprungen wird, dann kommt der Sprung durch das Faß mit den zwei papierenen Böden, schließlich lernst du Walzer und Polka auf den Hinterbeinen tanzen.«

Bengele, der arme Esel, mußte sich in all diesen schweren Künsten üben. Tag für Tag wurde exerziert ein volles Vierteljahr lang, und wenn es nicht gut ging, setzte es Hiebe ab, so viele … oh!

Endlich hatte Bengele ausgelernt. Er sollte bei der nächsten Vorstellung das erste Mal auftreten. An allen Plakatsäulen der Stadt hingen bunte Zirkuszettel, auf denen also zu lesen war:

Zirkus Spektakulini.

Heute abend bei festlich beleuchtetem Hause:

Große Galavorstellung.

Sämtliche Künstler und Künstlerinnen des Unternehmens werden ihre unübertrefflichen Leistungen vorführen. Auftreten des gesamten Pferdematerials!

Zum erstenmal!

Neu einstudiert, sensationell, ohne Konkurrenz:

Bengele, der tanzende Esel,

die Höhe der Dressur, vorgeführt vom Direktor selbst.

An diesem Abend war der Zirkus schon eine Stunde vor Beginn der Vorstellung vollständig ausverkauft. Für kein Geld hätte man noch einen Platz bekommen können. Die numerierten Sitze [Text der Vorlage unleserlich] Preisen bezahlt. –

[Text der Vorlage unleserlich] Zuschauer wimmelten von Knaben [Text der Vorlage unleserlich] wollten Bengele, den tanzende Esel sehen.

[Text der Vorlage unleserlich] Programms war erledigt. Da trat der Direktor in die Arena. Er trug [Text der Vorlage unleserlich] weiße Hosen, die bis zu den [Text der Vorlage unleserlich] Stiefeln steckten. Mit einer Verbeugung begrüßte er die Zuschauer

Liebes Publikum, meine sehr verehrten Damen und Herren!

Es ist mir eine große Ehre, auf der Durchreise durch die hiesige geehrte Stadt Ihnen den berühmtesten Esel der Welt vorzuführen. – Dieses Wunder der Tierwelt hatte bereits die Ehre, an vielen Fürstenhöfen Europas den diesbezüglichen Herrschaften seine Künste zu zeigen. – Ich danke ergebenst für das große Interesse und Ihr zahlreiches Erscheinen und bitte um Ihr geneigtes [Text der Vorlage unleserlich] und Ihre werte Aufmerksamkeit.«

Schon diese Rede löste einen Sturm von Beifall aus; aber der Beifall wurde ein rufender Orkan, als Bengele, der Esel, selbst im Zirkus erschien. Er war geschmackvoll aufgeputzt: ein neues Halfter von gewichstem Glanzleder, Schnallen und Knöpfe aus sauber geputztem Messing, zwei weiße Rosen an den Ohren, die Mähne elegant nach zwei Seiten gekämmt und auf beiden Seiten mit rotseidenen Schleifchen geziert, die Satteldecke von Silber, der gelbe Sattel mit goldenem Bande aufgeschnallt, der Schwanz mit blauen Samtschlüpfchen verschönert; kurz und gut: ein Esel, der jedem gefallen mußte. Bengele wurde dem Publikum vom Direktor vorgestellt mit diesen Worten:

»Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Ich brauche Ihnen nicht von den Schwierigkeiten reden, die ich überwinden mußte, um dieses Exemplar von Esel zu bekommen und abzurichten. – Sie haben es hier nicht mit einem unserer einheimischen Tiere zu tun, sondern mit einem wild eingefangenen Steppenesel aus den heißen Zonen. Noch glüht der Stolz der Freiheit aus dem funkelnden Blicke seiner Augen. Überzeugen Sie sich, wie sie blitzen! – Alle Mittel habe ich versucht, um Bengele an das Leben zivilisierter Esel zu gewöhnen; oft mußte ich zu körperlicher Züchtigung meine Zuflucht nehmen. Trotz alledem konnte ich mir die Liebe des edeln Tieres lange nicht gewinnen; im Gegenteil! Ich erfuhr nur um so mehr Hartsinn und Störrigkeit. – Da versuchte ich mein eigenes System. Ich maß und beobachtete den Kopf des Tieres nach allen Seiten und Richtungen. Ich fand hinter seinem rechten Ohr eine Unregelmäßigkeit in der Knochenbildung, eine Art Höcker oder Ansatz. Ich sandte meine Zeichnungen und eine Beschreibung meiner Auffassung an die Universität in Paris und erhielt von der dortigen philosophisch-medizinischen Fakultät die Bestätigung meiner Resultate. Jener Ansatz hinter dem rechten Ohr des kostbaren Tieres wies auf eine abnorme Befähigung zu künstlerischen Tanzbewegungen hin. Ich machte mir diese Tatsache zu nutze, unterrichtete meinen Esel nach dieser Richtung hin; alles ging mit einem Male überraschend leicht und die Resultate können Sie alle sogleich mit eigenen Augen erblicken. – Bevor ich aber das edle Tier vorführe, erlaube ich mir, Ihnen auch die folgenden Vorstellungen meines Zirkus mit stets neuem Programm in empfehlende Erinnerung zu bringen.« –

Der Direktor machte abermals einen tiefen Bückling, wandte sich sogleich an Bengele und sprach:

»Nun mal mutig zu, mein Bengele! – Begrüße zunächst die verehrten Herrschaften, Damen, Herren und Kinder, und zeige dann deine Kunst!«

Bengele kniete auf die beiden Vorderfüße, legte den Kopf auf den Boden und verharrte unbeweglich, bis der Direktor mit der Peitsche knallte und rief:

»Im Schritt!«

Das Eselchen stand auf und ging im fein abgemessenen Schritte durch die Bahn des Zirkus.

»Trab!« befahl der Direktor und Bengele änderte gehorsam den Schritt.

»Galopp!« – Bengele holte zu flottem Galopp aus.

Einmal übers andere knallte jetzt der Direktor mit der Peitsche, so daß Bengele immer rasender rennen mußte. Als er wie ein Pfeil durch die Bahn flog, schoß der Direktor plötzlich eine Pistole ab. – Der brave Esel tat, als ob er getroffen wäre, und fiel wie tot in der Bahn nieder.

Ein wahrer Donner von Beifall und Händeklatschen erdröhnte im Zirkus.

Der Direktor setzte seinen Fuß auf das im Sande liegende Eselchen und schoß in die Luft.

Bengele durfte wieder aufstehen; er schaute sich unwillkürlich unter den Zuschauern um und – er blieb wie erstarrt stehen – unter der dichten Menge saß eine schöne Frau. Sie trug an schwergoldener Kette ein Medaillon auf der Brust; darauf war das Bild eines Hampelmanns.

»Das ist mein Bild und das ist die gute Mutter«, erkannte Bengele sofort ganz richtig; er war überwältigt von seinen Gefühlen und wollte rufen:

»Liebe Mutter, Mutter Fee!«

Aber es kam nichts anderes als ein gefühlvolles »I-ah« und noch einmal ein längeres »I-aah« aus des armen Esels Kehle; alle Zuschauer lachten laut, ganz besonders die Kinder.

Der Direktor war geärgert und wollte dem Esel zeigen, daß es kein Anstand sei, vor dem Publikum derart zu iahen; darum ging er zu Bengele hin, drehte seinen Peitschenstock um und schlug ihm mit dem dicken Teil kräftig über die Nase.

Das arme Eselein streckte seine Zunge weit heraus und leckte sich in einem fort die Nase ab, weil es dachte, so könne der Schmerz schneller nachlassen.

Dann schaute Bengele noch einmal in die Höhe; aber – o Jammer! – Die Mutter Fee war verschwunden.

Welcher Schmerz für das Eselein! Seine Augen füllten sich mit Tränen; er weinte still vor sich hin. Niemand merkte es aber, nicht einmal der Direktor. Der schwang vielmehr seine Peitsche, knallte und sprach:

»Aufgepaßt, Bengele! – Jetzt wirst du den Herrschaften zeigen, wie du durch die Ringe springen kannst!«

Zwei-, dreimal nahm Bengele einen Anlauf, aber jedesmal, wenn er vor den Ring kam, ging ihm der Mut aus, und statt durchzuspringen, schlüpfte er unter dem Ringe weg. Schließlich tat er einen mutigen Sprung und – wupps! durch! – Aber, o weh, er blieb mit den beiden Hinterbeinen im Ringe hängen und fiel vornüber auf den Sand.

Als er sich aufrichtete, hatte er ein Bein verstaucht und mit Mühe nur konnte er hinkend in den Stall zurückgebracht werden.

Alle Kinder, die im Zirkus waren, riefen: »Heraus den Bengele! – Vorwärts! noch einmal den Bengele!« – Sie hatten Mitleid mit dem unglücklichen Geschöpfe, wollten ihn noch einmal sehen und ihm Beifall klatschen.

Aber der Esel war nicht mehr zu gebrauchen. – Am andern Morgen kam der Tierarzt, untersuchte das Bein und erklärte, daß man es heilen könne, der Esel aber werde seiner Lebtage hinken.

Da sagte der Zirkusdirektor zum Stallburschen:

»Was fange ich mit einem lahmen Esel an? – Faulenzer kann ich keine füttern. Bring ihn auf den Markt und verkaufe ihn!«

Gleich fand sich ein Käufer. »Was willst du für den hinkenden Esel da?« fragte er.

»Zwanzig Mark!« sagte dieser.

»Zwanzig Pfennig, meinst du wohl! – Wozu kann ein hinkender Esel dienen? – Aber ich brauche gerade ein Fell, weil ich bei dem Verein ›Musikalia‹ mit Blechinstrumenten bin und mir eine Trommel machen möchte. Ich sehe, das Tier da hat eine dicke Haut.« –

Was mochte Bengele denken, als er hörte, daß man eine Trommel aus seinem Felle machen wolle! Für fünf Mark erhielt der Mann schließlich den hinkenden Esel und nahm ihn mit in sein Heimatsdorf am Meere. Dort führte er ihn auf ein Felsenriff, hing ihm einen schweren Stein an den Hals und band ihm ein langes Seil an das linke Hinterbein. Unversehens gab er dem Tiere einen Stoß und es sauste mit dem Steine tief ins Wasser hinein. – Der grausame Mensch hielt das Ende des Seiles fest und wollte abwarten, bis der Esel ertrunken war.

Die Fische fressen den Esel.

Fünfunddreißigstes Stück.

Die Fische fressen den Esel.

Nach einer halben Stunde dachte der Mann auf dem Felsen: »Jetzt muß der Esel tot sein.«

Behutsam zog er das Seil empor. Da erschien über dem Wasser – der tote Esel? – Nein, ein sehr lebendiger Hampelmann, der ausgelassen zappelte. Wie angewurzelt stand der Mann mit dem Stricke in beiden Händen auf seinem Platze. Er wußte nicht, wie ihm geschah. – Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen.

Endlich getraute er sich das Kerlchen in die Höhe zu ziehen, riß die Augen noch mehr auf und stammelte:

»Ich habe doch einen Esel ins Wasser geworfen.«

»Der Esel bin ich«, lachte vergnügt der Hampelmann.

»Du?«

»Ja!«

»Lausbube, willst mich noch foppen?«

»Foppen, mein lieber Herr?! – Nein, es ist mir Ernst!«

»Wie kannst du, hölzerner Hampelmann, ein Esel gewesen sein?«

»Das ist ein Geheimnis des Meeres! Im Wasser gibt es solche Wunder!«

»Nimm dich in acht! Ich lasse mich nicht uzen! – Wenn es mir zu stark wird …«

»Nun, lieber Herr, wenn Sie mir den Strick da am Beine lösen, will ich Ihnen den ganzen Vorgang haarklein erzählen.«

Der Mann war neugierig, eine solche Geschichte zu hören, und machte gleich den Knoten des Strickes auf. Bengele fühlte sich zum ersten Male wieder frei, und wohlgemut begann er seine Geschichte:

»Also hören Sie! – Ich war früher ein Hampelmann wie jetzt. Eben sollte ich ein richtiger Knabe werden, da – nun ich wollte nicht mehr lernen, hörte auf schlechte Kameraden und lief meiner Mutter davon. – Eines schönen Tages wachte ich auf und war ein Esel geworden mitsamt den langen Ohren und dem wüsten Schwanze. – Wie habe ich mich geschämt! – Behüt Euch Gott vor dem Eselsfieber! – Man hat mich auf den Markt geführt, und ein Zirkusdirektor hat mich gekauft! Der wollte aus mir mit aller Gewalt einen Tänzer und Ringspringer machen; aber bei der Vorstellung bin ich eklig gefallen und habe mir das Bein verstaucht. – Weil ich hinkte, konnte mich der Zirkusdirektor nicht mehr brauchen, ließ mich verkaufen und Sie haben mich gekauft.«

»Leider! Leider! – Wer gibt mir die fünf Mark wieder?«

»Warum haben Sie mich gekauft?! – Hören Sie, ein Trommelfell wollten Sie aus mir machen! – Ja, ein Trommelfell!!«

»Leider, leider! – Wer gibt mir jetzt ein Trommelfell; am Sonntag wollte ich schon die Trommel spielen.«

»Nur den Mut nicht verlieren, lieber Mann! – Es leben noch viele Esel auf der Welt!«

»Du unverschämter Schlingel! – Ist deine Geschichte jetzt fertig?«

»Noch lange nicht«, sagte Bengele, »ich fahre gleich weiter. – Sie haben mich also gekauft und hierher geführt. Erst wollten Sie mich totschlagen, aber dann bekamen Sie ein weiches Herz und wollten mich lieber ersäufen. Sie haben mir also einen schweren Stein an den Hals gehängt und einen langen Strick an den Fuß gebunden. – Dieses menschliche Mitgefühl ehrt Sie, allen Respekt davor! – Übrigens haben Sie aber Ihre Rechnung ohne meine – Mutter Fee gemacht.«

»Wer ist diese Fee?«

»Wie gesagt, meine Mutter. – Und sie ist gut wie alle Mütter. Sie lieben ihre Kinder und verlieren sie nie aus den Augen und stehen ihnen bei in allem Unglück, auch wenn die Kinder so eigensinnig und nichtsnutzig sind, daß sie eine gute Mutter gar nicht mehr verdienen und man sie laufen lassen sollte. – Wie gesagt also, die gute Fee sah, daß ich ersäuft werden sollte. Da sandte sie gleich eine unzählbare Schar von allerlei Fischen; diese meinten, ich sei wirklich ein toter Esel, und fraßen mich. – Wie sie die Mäuler voll nahmen! Für so freßsüchtig hätte ich die Fische nie gehalten! – Sie fraßen die langen Ohren, die Schnauze, den Schwanz, alles mit Stumpf und Stiel. – Es war sehr anständig von ihnen.« –

»Von heute ab«, warf da der Mann ein, »esse ich wahrhaftig nie mehr Fisch im Leben; wenn sie Eselsohren und Eselsschwänze fressen, nein, das ist zu arg, – puh!!«

»Ich bin auch der Meinung«, entgegnete Bengele. »Übrigens hören Sie nun weiter! – Als die Fische meine ganze Eselei gefressen hatten, da kamen sie an die Knochen, oder besser gesagt ans Holz. – Wie Sie sehen, bin ich aus Holz und, Gott sei Dank, aus festem Holz gemacht. – Die Fische schnappten ein paarmal tüchtig; aber sie rannten sich die Nase an und merkten bald, daß das Eselsfleisch zu Ende sei. Einer nach dem andern schwamm davon. – Sie hätten sich für das feine Mahl schon bedanken dürfen; aber wer Eselsfleisch frißt, vergißt allen Anstand. – Nun begreifen Sie, mein Herr, daß man einen Esel ins Meer versenken und einen Hampelmann herausziehen kann. Das ist meine Geschichte.«

»Fünf Mark kostet mich deine Geschichte«, knurrte der Mann, »wer gibt mir mein Geld wieder? – Weißt du, was ich tue? – Ich bringe dich wieder auf den Markt und verkaufe dich als trockenes Holz zum Feueranmachen.«

»Ganz recht! Verkauf mich nur, wackerer Trommler!« sagte Bengele und hüpfte ins Wasser. Lustig schwamm er ins Meer hinaus und rief noch einmal zurück:

»Adieu, Blechmusiktrommler! – Wenn du mal wieder ein Fell brauchst, so laß es mir sagen!«

Als er schon weit vom Lande war, drehte er dem Manne noch eine lange Nase und schrie:

»Mit dem trockenen Holze kann ich dir nicht mehr dienen; es wird zu naß im Wasser.«

Der alte Schlingel war in dem Hampelmann wieder erwacht; er schwamm vergnügt fort und schlug im Wasser tausend Purzelbäume.

Bengele in der Schule

Sechsundzwanzigstes Stück.

Bengele in der Schule

Am andern Morgen ging Bengele zur Schule. War das ein Spektakel für die Schlingel in der Klasse, als sie einen Hampelmann unter sich sahen! Das Lachen wollte nicht mehr aufhören. Jeder hätte ihm gerne einen Streich gespielt: einer riß ihm die Mütze aus der Hand, ein anderer zog ihn hinten am Kittel, ein dritter wollte ihm mit Tinte einen Schnurrbart unter die Nase malen, und ein vierter war frech genug, ihm eine Schnur an Hände und Füße zu binden, um ihn wie einen Hampelmann zappeln zu lassen.

Eine Zeitlang tat Bengele harmlos und ließ sich alles gefallen. Dann aber ging ihm die Geduld aus; er wandte sich mit zornigem Blick gegen die Haupthelden und sagte:

»Nehmt euch in acht! – Ich komme nicht in die Schule, damit ihr mit mir Trödel treibt! Ich bin anständig gegen euch, seid es auch gegen mich!«

»Bravo, Hänsele! Du redest ja wie ein Buch!« schrie einer der Schlingel. Alle andern setzten mit ein, klatschten und johlten. Der Frechste von ihnen streckte sogar eine Hand aus, um Bengele an der Nase zu packen; aber der Hampelmann gab ihm unter der Bank einen kräftigen Tritt auf die Schienbeine.

»Autsch! Hat der harte Stiefel!« schrie der Getroffene und rieb sich die schmerzende Stelle.

»Und was für hölzerne Ellbogen!« heulte ein anderer, der sich durch seine Ungezogenheit einen Rippenstoß geholt hatte.

Die beiden Kraftleistungen verschafften dem Hampelchen bald Respekt bei den Kameraden, und nach einiger Zeit mochten sie ihn ganz gut leiden.

Auch der Herr Lehrer war mit ihm zufrieden; denn der Hampelmann war gescheit, fleißig und aufmerksam; er kam nie zu spät in die Schule und hielt sich treu an die Ordnung.

Nur den einen Fehler hatte Bengele, daß er mit zu viel Kameraden verkehrte; unter diesen waren ein paar bekannte Taugenichtse, die nie lernen wollten und alle möglichen Dummheiten im Kopfe hatten.

Der Herr Lehrer bemerkte es wohl; auch die gute Fee warnte fortwährend und sagte:

»Sei vorsichtig, Bengele; deine bösen Kameraden bringen es zuwege, daß sie dir die Freude am Lernen nehmen und dich zu dummen Streichen verführen.«

»Nicht daran zu denken!« entgegnete Bengele selbstbewußt; er legte seinen Zeigefinger an die Stirn und sagte: »Da kämen sie an den Rechten, ich bin viel zu gescheit!«

Eines Tages traf es sich, daß er zur Schule ging und unterwegs einigen seiner gewöhnlichen Kameraden begegnete. Wichtigtuend rannten sie ihm entgegen und fragten:

»Hast du das Neueste schon gehört?«

»Was?«

»Daß in unserem Meer ein Fisch sich zeigt so groß wie ein Berg?«

»Was du nicht sagst! – Das ist sicher der ›Große Hai‹, der meinen armen Vater verschlungen hat.«

»Hinaus ans Meer! Wir müssen ihn sehen! Gehst du mit?«

»Nein! Ich gehe zur Schule.«

»Was! – Schule! – Morgen gehen wir wieder in die Schule; einen Tag Schule mehr oder weniger, darauf kommt es gar nicht an.«

»Was wird der Herr Lehrer sagen?«

»Laß ihn sagen, was er will; ob er einmal mehr brummt oder nicht, das ist egal!«

»Und meine Mutter?«

»Die Mütter verstehen von solchen Dingen überhaupt nichts«, sagten die Schlingel.

Bengele war noch nicht besiegt und sagte: »Wißt ihr, was? – Ich muß unbedingt den ›Großen Hai‹ sehen; dafür habe ich meine besondern Gründe; aber – jetzt gehe ich in die Schule!«

»Dummer Kerl,« sagte da einer, »meinst du, der ›Große Hai‹ warte gerade, bis es dir paßt, ihn anzugucken? – Der wird bald genug in unsern Wassern haben und sich wo anders hin verziehen. Dann hast du ihn gesehen!«

Jetzt lenkte Bengele ein: »Wie lange braucht man von hier ans Meer?«

»Wir rennen und sind in einer Stunde schon zurück.«

»Also zu! – Vorwärts! – Wer kann am besten springen?« schrie Bengele, und gleich ging der Wettlauf los.

Die Schlingel rannten mitten durch die bestellten Felder. Bengele war stets voran; denn keiner konnte laufen wie er.

Von Zeit zu Zeit drehte sich der Hampelmann um und lachte die Kameraden aus, daß sie so weit zurückblieben, pusteten und keuchten. Und ihm ging das Rennen so leicht. – Hätte er ahnen können, wie schlimm die Sache ausging!

Die Rauferei am Meere.

Siebenundzwanzigstes Stück.

Die Rauferei am Meere.

Bengele kam zuerst an den Strand. – Die aufgehende Sonne spiegelte sich tausendfältig in der leichtbewegten See, die Luft war so rein und hell, daß man meilenweit hinaussehen konnte über das glänzende Wasser. Der Hampelmann strengte seine Augen an; aber es war nichts zu erspähen, nicht einmal ein Schifferkahn.

»Wo ist jetzt der ›Große Hai‹? fragte Bengele.

»Er wird noch Kaffee trinken!« gab einer spöttisch zur Antwort; ein anderer machte es noch ärger und sagte:

»Er hat vielleicht noch nicht ausgeschlafen.«

Über diese blöden Antworten und das boshafte Gelächter der Kameraden ward Bengele wütend. Er sah ein, daß sie ihn an der Nase geführt hatten, und fuhr sie zornig an:

»Mir so einen Bären aufzubinden! Ihr Gauner! – Was hatte das für einen Sinn?«

»Einen feinen Sinn!« schrien sie alle.

»Nämlich?«

»Wir haben dich heute auch einmal in unsere Gesellschaft bekommen. – Schäme dich doch, jeden Tag so pünktlich zur Schule zu laufen und alle Aufgaben zu machen!«

»Was habt ihr daran auszusetzen?«

»Sehr viel! – Durch dich sind wir immer blamiert!«

»Weshalb?«

»Weil du zu viel lernst, sind wir stets hinten dran. Das lassen wir uns nicht mehr länger gefallen. Auch wir wollen etwas gelten in der Schule.«

»Was muß ich also tun?«

»Du mußt die Schule ebenso satt bekommen wie wir und auch denken, daß es bloß drei Ekel gibt: die Schule, den Lehrer und die Aufgaben.«

»Wenn ich aber nach wie vor meine Sachen lerne?«

»Dann schauen wir dich gar nicht mehr an, und eines schönen Tages wirst du es teuer büßen.«

Da schüttelte sich der Hampelmann vor Lachen und sagte: »Ihr seid doch zu einfältig!«

Jetzt ging der größte von der Schar drohend auf Bengele zu und sagte:

»Du brauchst den Großhans nicht zu spielen! – Wenn du keine Angst vor uns hast, so haben wir noch viel weniger Angst vor dir. Wir sind sieben gegen einen!«

»Die reinsten sieben Hauptsünden!« sagte Bengele und lachte spöttisch.

»Habt ihr’s gehört? – Der will uns so kommen! Sieben Hauptsünden hat er uns geschimpft! – Bengele, nimm’s gleich zurück! – Oder –!«

»Gigigs!« gab der zurück, zog den Mund schief und rieb den einen Zeigefinger über dem andern.

»Bengele, hör auf, sonst geht dir’s schlecht!«

»Gigigs!«

»Wir verhauen dich wie einen Esel!«

»Gigigs!«

»Wir schlagen dir die Beine ab!«

»Ich gebe dir jetzt gleich Gigigs«, schrie da der Frechste, »hier hast du ein Gigigs, gleich kannst du noch mehr haben!«

Eine kräftige Ohrfeige schallte auf den Kopf des Hampelmanns. Bengele ließ sich das natürlich nicht gefallen. Sofort gab er den Schlag zurück, und es kam zu einer allgemeinen Rauferei.

Der Hampelmann war allein; aber er verteidigte sich wie ein Löwe. Mit seinen Holzfüßen und Holzfäusten führte er so kräftige Streiche, daß die andern bald alle zurückwichen. Wo seine Hiebe trafen, gab es einen blauen Fleck zum Andenken.

Die Knaben waren wütend, daß sie Bengele nicht zwingen konnten, und wollten ihm auf eine andere Art beikommen. – Rasch machten sie ihre Schulsäcke auf und warfen ihre Bücher gegen ihn. Da kam eine Grammatik geflogen, da ein Rechenbuch, da eine Naturgeschichte, da ein Geographiebuch, ein Atlas und sogar ein Federkasten. – Aber der Hampelmann hatte scharfe Augen und war sehr flink; er bückte sich und sprang beiseite, so daß die Geschosse alle über ihn weg oder an ihm vorbeiflogen ins Meer hinein.

Wie waren die Fische erstaunt, als die Bücher geflogen kamen! – Sie glaubten, es sei etwas zum Fressen, und schwammen scharenweise herbei. Als sie aber ein paarmal an den Büchern herumgeschnuppert hatten, verzogen sie die Schnauze und dachten: »Das ist nichts für uns, wir sind bessere Sachen gewöhnt.« –

Der Kampf zwischen den Knaben ward indes immer hitziger. Da kroch eine dicke Seekrabbe auf den Sand und fing mit rauher, etwas erkälteter Stimme an zu reden:

»Lausbuben, die ihr seid, und nichts anderes! Wollt ihr gleich aufhören! Bei solchen Prügeleien geht es gewöhnlich schief; muß denn wirklich noch etwas passieren?«

Die arme Krabbe redete in den Wind. – Niemand hörte auf sie; ja der nichtsnutzige Bengele drehte sich um, guckte sie schief an und sprach ganz unverschämt:

»Halt deinen Schnabel, alter Brummkasten! Schlotze lieber ein Paar Lakritzen, daß deine Heiserkeit vergeht, oder lege dich ins Bett und schwitze!«

Die Buben hatten ihre eigenen Bücher alle geworfen und machten sich in die Nähe von Bengeles Schulranzen. Gleich hatten sie ihn und räumten ihn aus.

Unter den Büchern war ein besonders großes, schön gebunden mit festen Lederecken. Es war ein Rechenbuch und sehr schwer.

Einer der Stricke nahm dies Buch und zielte damit nach Bengeles Kopf. Mit aller Kraft schleuderte er es, aber er traf unglücklicherweise einen Kameraden; dieser wurde kreideweiß und konnte nur noch sagen: »Mutter, Mutter! hilf mir, ich muß sterben.« Dann fiel er langgestreckt in den Sand.

Erschreckt liefen die Knaben davon. Bengele allein blieb zurück. Auch er war zum Tode erschrocken beim Anblick des getroffenen Knaben; aber trotzdem ging er gleich ans Wasser, tunkte sein Taschentuch hinein und legte es dem Schulkameraden auf den Kopf. Nochmals wiederholte er diese Arbeit, weinte, jammerte und rief dem Armen beständig:

»Eugen! – Eugen! – Armer Eugen! – Mach doch die Augen auf und schau mich an! Gib mir doch Antwort! Ich habe es ja nicht getan! Ich bin’s sicher nicht gewesen! – Mach die Augen doch auf, Eugen! Wenn du die Augen nicht aufmachst, muß ich auch sterben! – O Gott, wenn ich nach Hause komme! Was wird meine liebe Mutter sagen? Was soll aus mir werden? Wohin soll ich davonlaufen? Wo kann ich mich verstecken? – Wenn ich nur in die Schule gegangen wäre! Warum mußte ich auf die Kameraden hören? Die sind mein Unglück! – Der Herr Lehrer hat es mir immer gesagt und die Mutter auch: ›Geh nicht mit bösen Kameraden!‹ – Ja! Aber ich bin ein eigensinniger Holzkopf! Ich lasse alle reden und tue immer, was ich will. Mit meinem Eigensinn habe ich noch keine glückliche Stunde im Leben gehabt. Lieber Himmel! Wie soll das noch gehen! Wie wird diese Geschichte enden?«

So heulte und jammerte Bengele in einem fort, schlug sich an den Kopf vor Verzweiflung und rief immer wieder dem armen Eugen. – Dumpfe Schritte waren auf einmal zu vernehmen; der Hampelmann drehte sich um, vor ihm standen zwei Gendarmen.

»Was machst du da auf dem Boden?« fragten sie.

»Ich helfe meinem armen Schulkameraden.«

»Ist ihm übel geworden?«

»Ich glaube, ja.«

Da bückte sich der eine Gendarm nieder und schaute Eugen an: »Was!« sagte er darauf, »übel geworden? Allerdings! man kann auch so sagen. – Dieser Knabe hat einen Schlag an die Schläfe bekommen! Wer hat ihn geschlagen?«

»Ich nicht!« stotterte Bengele; schon nahm ihm die Angst den Atem.

»Wer dann?«

»Ich nicht!« beteuerte Bengele.

»Womit ist er geschlagen worden?«

»Mit diesem Buch!« sagte der Hampelmann, und hob das schwere Rechenbuch auf.

»Wem gehört das Buch?«

»Mir!«

»Das sagt alles! Es bedarf keines weiteren Beweises mehr! Vorwärts! Auf! Du gehst jetzt mit uns!«

»Ja, aber …«

»Vorwärts!«

»Ich bin doch unschuldig!«

»Keine Redensarten! – Du gehst mit uns!«

Die Gendarmen riefen ein paar Fischer herbei, die gerade am Ufer mit ihren Kähnen vorbeifuhren, und sagten zu ihnen:

»Nehmt diesen ohnmächtigen Knaben mit nach Hause und pfleget ihn; morgen werden wir kommen und nach ihm sehen.«

Dann nahmen sie Bengele in die Mitte und kommandierten nach Soldatenart:

»Vorwärts! Gut ausgeschritten! Sonst kannst du Schlimmeres erleben!«

Ohne Widerrede ging Bengele voran ins Land hinein. Es war derselbe Weg, auf dem er einst das erste Mal nach Fleißigenstadt gekommen war. Das arme Kerlchen wußte nicht mehr, wo ihm der Kopf stand. Alles erschien ihm wie ein böser Traum. Er war halb von Sinnen, sah alles doppelt, seine Beine wackelten, die Zunge war ihm wie gelähmt; er hätte kein Wort mehr herausbringen können. – Ein Gedanke aber ging ihm wie ein Nadelstich durch die Seele: »Was wird die gute Fee sagen, wenn sie mich zwischen den Gendarmen am Hause vorbeigehen sieht? Ich möchte lieber sterben als diese Schande erleben!«

Sie kamen schon zu den ersten Häusern des Städtchens. Da riß ein Windstoß dem Bengele die Mütze vom Kopfe und trug sie zehn Schritte ins Feld hinein.

»Darf ich, bitte, meine Kappe holen?« – fragte er die Gendarmen.

»Geh! Aber flink!«

Bengele ging, hob die Mütze auf und – lief davon. In großen Sprüngen rannte er durch die Felder dem Meere zu.

Die Gendarmen versuchten es gar nicht, den leichtfüßigen Hampelmann zu fangen. Sie hetzten ihm eine schreckliche Bulldogge nach, und nun begann ein lustiges Jagen. Die Leute auf der Straße blieben stehen und schauten den beiden Rennern nach. – Aber weit konnte man den Wettlauf nicht verfolgen. Bengele und die Bulldogge wirbelten einen Staub auf wie ein rasendes Auto und waren bald verschwunden.

Der grüne Fischer.

Achtundzwanzigstes Stück.

Der grüne Fischer.

Für Bengele war das Rennen nicht so lustig wie für die Zuschauer. – Die Bulldogge hieß Bollo und konnte entsetzlich laufen. Der Augenblick mußte kommen, wo sie den Hampelmann einholte.

Schon hörte Bengele hinter sich den wutschnaubenden Hund, schon fühlte er den heißen Atem des grimmigen Tieres, – da kamen sie ans Meer.

Wie ein Frosch sprang Bengele sofort weit hinein ins Wasser. Plumps! fiel er auf und schwamm davon.

Bollo liebte das Wasser nicht. – Er schnupperte daran, sprang ein paar Mal am Ufer auf und ab; aber als er den Hampelmann wegschwimmen sah, erfaßte ihn aufs neue die Wut und er sprang ins Meer.

Rasend zappelte der Hund mit den Tatzen, bald war er müde und sank unter. Mit der letzten Kraft arbeitete er sich noch einmal über Wasser und rief:

»Hilf, hilf! – Ich muß ertrinken.«

»Ersaufe nur«, entgegnete Bengele. – Er war ein gut Stück weiter und außer Gefahr.

»Hilf mir doch, Bengele; rette mich vom Tode!«

Der Hampelmann bekam Mitleid mit seinem Feinde, schwamm zurück und fragte in einiger Entfernung:

»Wirst du mich unbehelligt laufen lassen, wenn ich dich rette?«

»Gewiß! Ich verspreche es dir! Aber jetzt mache schnell! Wenn du noch länger säumst, dann ist es mit mir vorbei.«

Noch zögerte Bengele; aber es fiel ihm ein, daß sein Vater stets gesagt hatte: »Geh nie einer guten Tat aus dem Wege!« Er schwamm darum rasch auf Bollo zu, faßte ihn am Schwanze, und mit wenigen kräftigen Schwimmzügen hatte er ihn aufs trockene Ufer gesetzt.

Der arme Hund konnte nicht mehr auf den Beinen stehen; denn er hatte zu viel Salzwasser geschluckt und einen kugelrunden Bauch bekommen. Bengele traute ihm aber doch noch nicht und hielt es für das klügste, gleich wieder ins Wasser zu hüpfen und davonzuschwimmen.

»Adieu, Bollo! Komm gut nach Hause!« rief er noch und ruderte ins Meer hinein.

»Adieu, Bengele«, erwiderte der Hund, »ich danke dir tausendmal; du hast mir das Leben gerettet! – Ein Dienst ist den andern wert! Vielleicht kann ich dir deine edle Tat einmal vergelten.«

Bengele schwamm am Ufer entlang. Nach einer Stunde glaubte er vor den Verfolgern sicher zu sein und näherte sich dem Strande. Er gewahrte eine Felsengrotte, aus der Rauch aufstieg.

»Wo Rauch ist, da ist auch Feuer«, dachte der Hampelmann; »dort geh‘ ich hinein und trockne mich ein bißchen; dann will ich weiter sehen, was sich tun läßt.«

Er schwamm ans felsige Ufer und hatte sich schon an einem Steine festgeklammert. Da fühlte er unter seinen Füßen etwas emportauchen, und im Nu war er hoch in die Luft gehoben. Er wollte ins Wasser zurückspringen; doch es war zu spät. Der Unglückliche war in ein Fischernetz geraten, und um ihn zappelte und trappelte es von Fischen aller Art.

Gleich kam auch oben vor der Felsenhöhle der Fischer zum Vorschein, ein grausiges Geschöpf, ein entsetzlich häßliches Ungetüm. Er hatte keine Haare auf dem Kopf, sondern einen Busch von grünem Seegras, seine Haut, seine Augen, sein langer Bart, alles war meergrün. Im ganzen sah er aus wie ein Laubfrosch, der auf den Hinterbeinen steht; aber er war schrecklich wild und unbeschreiblich garstig.

Als der Fischer das Netz ans Land gezogen hatte, grunzte er zufrieden und sprach:

»Ein guter Fang! Auch heute kann ich mich an einem feinen Mahle gütlich tun.« –

»Ein Glück für mich, daß ich kein Fisch bin«, dachte Bengele bei diesen Worten und faßte etwas Mut. Der Fischer trug das Netz in seine Höhle. – Diese war ganz ausgeräuchert schwarz und unheimlich. In der Mitte brannte ein Herdfeuer; darauf stand eine Pfanne. Der ranzige Tran, der darin brodelte, verpestete die Luft.

Der grüne Fischer holte mit seiner plumpen Hand einen Fisch nach dem andern aus dem Netze. Jeder wurde genau untersucht:

»Barben sind gut«, sagte er, hielt eine vor seine Augen, beschnupperte sie und warf sie in einen leeren Kübel. Das Wasser lief dem Höhlenmenschen im Munde zusammen, ehe die Fische noch gekocht waren. Er wurde immer lustiger und sprach:

»Fein diese Nasen! – Ausgezeichnete Äschen! – Und diese Zungen! – Ha! – Solch seine Barsche erst! – Hurra, auch noch Sardellen!« –

Alles flog unbarmherzig in den großen Kübel. Jetzt war Bengele noch übrig. Der grüne Fischer zog ihn heraus; unbeschreibliches Erstaunen erfaßte ihn, seine grünen Augen wurden groß wie Pflugrädchen, und er fragte verwundert:

»Was ist das für eine Sorte? Diesen Fisch habe ich noch nie gegessen!«

Aufmerksam schaute er den Neuling von allen Seiten an und meinte schließlich:

»Ja, ja, es muß eine Art Meerkrebs sein!«

Daß er ein Meerkrebs sein sollte, war dem Bengele doch zu viel, und er schrie beleidigt:

»Was?! – Ein Meerkrebs! – Dich soll das Mäusle beißen! Merke es dir ein für allemal: ich bin ein Hampelmann.«

»Ein Ham-pel-mann?« – sagte der Fischer in langgezogenem Tone, »ich muß schon sagen, einen Hampelmannfisch habe ich noch nie gegessen. Aber gerade deshalb wirst du mir um so besser schmecken.«

»Wie! Essen willst du mich! – Ich bin doch gar kein Fisch. Begreifst du nicht, daß ich reden kann wie du?«

»Das schon«, meinte der Fischer, »aber weil du doch ein Fisch bist und dazu reden kannst wie ich, so will ich dich auch entsprechend behandeln.«

»Das heißt?«

»Als ein Zeichen von Freundschaft und besonderer Hochachtung lasse ich dir die Wahl, wie du gekocht sein willst. Willst du gebraten, gesotten oder geräuchert werden?«

»In diesem Fall fällt mir die Wahl nicht schwer: am liebsten möchte ich losgelassen werden, weil ich nach Hause will.«

»Mach doch keine dummen Witze!« sagte der Fischer, »ich muß dich unbedingt versuchen; die Gelegenheit kommt selten wieder, daß mir ein Hampelmannfisch ins Netz gerät. – Vertraue nur ruhig auf mich; ich brate dich zusammen mit allen andern in der Pfanne, und damit kannst du wohl zufrieden sein. Es ist immerhin ein Trost, wenn man in Gesellschaft gebraten wird.«

Bengele weinte und flehte den Fischer an, daß er ihn frei gebe; er wolle nach Hause gehen zu seiner Mutter. Das grüne Scheusal hatte kein Herz und hörte gar nicht auf des Hampelmanns Gejammer. Verzweifelt drehte und wand sich Bengele; die grünen Tatzen ließen ihn nicht mehr los. – Der grausame Fischer machte schließlich dem Zappeln ein Ende; er nahm ein paar Weidenzweige und band dem Hampelchen Hände und Füße fest. Darauf warf er den neuen Fisch zu den andern in den Kübel.

Bengele ergab sich seinem traurigen Geschicke. Leise wimmerte er:

»Wäre ich doch in die Schule gegangen! – Hätte ich doch nicht auf schlechte Kameraden gehört! – Ach, wie muß ich meine Fehler büßen!«

Der Grüne machte sich daran, die Fische zu braten. Er holte sie der Reihe nach aus dem Kübel, drehte jeden zuerst in einer Schüssel voll Paniermehl und legte ihn dann in den siedenden Tran. Bengele war wieder der letzte. Er zitterte und konnte nicht mehr reden. Aber er schaute den Fischer mit einem Blicke an, der einen Stein erweichen mußte. – Das Ungetüm hatte kein fühlendes Herz. Der Hampelmann wurde ins Paniermehl gesteckt, bis er von allen Seiten dicht davon bedeckt war. – Max und Moritz sahen nicht schlimmer aus, als sie in den Teig fielen. – Der grüne Unmensch faßte den Hampelmannfisch und …

Meister Seppel erhält das Stück Holz

Zweites Stück.

Meister Seppel erhält das Stück Holz

Es klopfte an.

»Nur zu!« rief der Schreiner; er saß noch immer auf dem Boden.

Ein lustiger Alter kam zur Türe herein; es war der Seppel. Von seinem Handwerk hatte er den Namen »Schnefler«, denn er war ein geschickter Holzschnitzer. Die bösen Buben in der Nachbarschaft hießen ihn freilich nur den »Gälfinken«. Seine gelbe Perücke hatte diesen Übernamen verschuldet.

Der »Schnefler-Seppel« war sehr jähzornig. Gnad‘ Gott dem, der ihn »Gälfink« nannte. Das machte ihn teufelswild, und im Zorne kannte er sich selbst nicht mehr.

»Guten Tag, Meister Toni!« grüßte Seppel artig, »was schaffst du denn auf dem Boden?«

»Ich will den Ameisen das ABC beibringen.«

»Ein neuer Beruf! – Guten Erfolg!«

»Was bringt dich heute zu mir, Seppel?«

»Eine kleine Sorge, Toni; ich möchte dich um einen Gefallen bitten. – Heute früh ist mir ein neuer Gedanke in den Kopf gekommen.«

»Laß hören!« sagte der Schreiner und stand vom Boden auf.

»Ich möchte mir einen hölzernen Hampelmann schnitzen; denn ich habe eine neue Art erfunden, den Zauberhampel. Fechten und seiltanzen muß er mir lernen. Dann reise ich mit ihm durch die Welt und verdiene mein Brot. – Was meinst du dazu, Toni?«

»Sehr gut, Gälfink!« kreischte ein feines Stimmchen.

Seppel hörte »Gälfink«, ward vor Zorn rot wie eine Himbeere und fuhr den Schreiner wütend an:

»Warum sagst du mir eine Grobheit?«

»Wer?« –

»Du! – Gälfink hast du mich geheißen!«

»Aber ich nicht!«

»Wer denn? vielleicht ich selber? – Lüg nicht! – Du hast’s gesagt!«

»Nein!«

»Doch!«

»Nein!!«

»Doch!!«

Immer hitziger wird der Streit. Mit Worten ist ihr Zorn nicht mehr zufrieden: schon packen sie sich an den Kitteln; der eine schlägt, der andere beißt; jetzt ringen sie miteinander auf dem Boden; jetzt schnellen sie beide auf und lassen einander los. Zwei Siegern gleich stehen sie da, einer stolzer wie der andere. Der Schnefler zerknittert Tonis Zipfelmütze in seiner Faust; Meister Pflaum aber schwingt als Siegesfahne den künstlichen Haarwuchs des »Gälfinken«.

Eine Zeitlang schauen sie sich triumphierend an; dann sagt der Schreiner:

»Gib mir meine Mütze her!«

»Wenn du mir meine Perücke gibst.«

Lachend tauschten die beiden Alten ihre Beute aus, gaben einander die Hand und versprachen treu und fest, nie mehr zu raufen, sondern stets gute Freunde zu bleiben.

»Nun denn, lieber Seppel«, fing der Schreiner an, »womit kann ich dir dienen?« –

»Ich suche ein Stück Holz für meinen Hampelmann; hast du ein passendes?«

Toni nahm das Scheit von der Hobelbank, das ihm so viel Angst eingejagt hatte, und wollte es dem Freunde in die Hand geben.

Wupp!! – Das Scheit schnellt dem guten Meister Pflaum aus der Hand, überschlägt sich und versetzt dem armen Seppel einen derben Hieb auf die harten Knochen seiner Schienbeine.

»Au!! – au!! – So, Toni! – Ist das die Freundschaft? Die Beine hast du mir halb abgeschlagen! – Au!«

»Ich habe es nicht getan; du kannst es mir glauben.«

»Dann bin ich es wieder selbst gewesen!«

»Das Holzscheit war’s.«

»Rede nicht so einfältig! Du hast es mir an die Beine geschlagen!«

»Es ist nicht wahr!«

»Verlogener Kerl!«

»Seppel, keine Unarten! – Sonst heiße ich dich Gälfink.«

»Esel!«

»Gälfink!«

»Ochs!«

»Gälfink!«

»Dummer Affe!«

»Gälfink!«

Dreimal »Gälfink«, das war für Seppel zu viel. Es ging ihm Hören und Sehen aus, er stürzte auf den Schreiner los, und der Kampf entbrannte hitziger als zuvor.

Schließlich hatte der Schreiner-Toni zwei rote Kratzer mehr auf seiner blauen Pflaumennase; dem Seppel aber fehlten zwei weitere Knöpfe an der Weste. – Ihre Rechnung war damit ausgeglichen; sie drückten einander die Hand und gelobten sich aufs neue ewige Freundschaft.

Seppel nahm sein Holzscheit, dankte dem guten Meister Pflaum, und obgleich ihn sein Bein noch schmerzte, hinkte er doch fröhlich nach Hause.

Bollos Dankbarkeit.

Neunundzwanzigstes Stück.

Bollos Dankbarkeit.

Eben wollte der grüne Fischer den panierten Hampelmann in die Pfanne legen, da kam ein fremder Hund in die Höhle. Er hatte Bratenduft gerochen und war ihm nachgegangen.

»Hinaus da!« – schrie der Grüne; er hatte immer noch den Hampelmann in den Händen.

Der arme Hund hatte schrecklich Hunger; er kauerte sich nieder, winselte und wedelte und bat um ein Stückchen Fisch.

»Marsch hinaus!« rief der Unmensch zum zweiten Male, »sonst! …« schon hob er ein Bein hoch und wollte dem hungrigen Tiere einen Tritt versetzen.

Der Hund war empört über die Grobheit. Knurrend zeigte er dem Grünen seine beiden Reihen spitzer Zähne und stellte sich auf zum Angriffe.

Da erklang in der Höhle eine leise Stimme:

»Bollo, hilf mir, ich werde gebraten.«

Sofort erkannte der Hund Bengeles Stimme und merkte, daß sie aus dem panierten Dinge kam, das der Fischer in der Hand hielt.

Was tut der treue Hund? – Er springt hoch, faßt den panierten Bengele mit seinen Zähnen, reißt ihn dem erstaunten Fischer rasch aus der Hand und trägt ihn schnellen Laufes davon.

Der Fischer war wütend, daß ihm der seltene Leckerbissen entgangen war; er wollte dem Hunde nachrennen, aber nach wenigen Sprüngen ging ihm schon der Atem aus und er keuchte verärgert in seine Höhle zurück.

Bollo blieb erst stehen, als er an den Fußweg gekommen war, der vom Meer nach Fleißigenstadt führte. Dort legte er seinen Freund Bengele sanft auf die Erde nieder.

»Bollo, du hast mir das Leben gerettet«, sagte der Hampelmann; »ich kann dir nie genug danken.«

»Gar nicht notwendig!« entgegnete der treue Hund; »ich habe nur meine Schuld abgetragen. – Schau dort das Meer!«

»Wie bist du nur in jene Höhle gekommen?« fragte Bengele.

»Ich lag immer noch halbtot am Ufer, da trug mir der Wind von weitem einen Bratengeruch daher. Weil ich Appetit hatte, ging ich diesem Dufte nach. Wäre ich eine Minute später gekommen, –«

»Sei still:« – sagte Bengele und fing von neuem an zu zittern. »Sprich nicht mehr davon! Wärst du eine Minute später gekommen, dann wäre ich jetzt schon gebraten und verspeist. Brrr! – Es schauert mich jetzt noch, wenn ich nur daran denke.«

Bollo mußte lachen! – Er reichte dem Hampelmann seine rechte Pfote zum Abschiede. Dieser drückte sie fest und liebevoll dem treuen Freunde; dann gingen sie auseinander.

Nächtliche Heimkehr. – Die gemütliche Schnecke.

Dreißigstes Stück.

Nächtliche Heimkehr. – Die gemütliche Schnecke.

Der Hund lief heim; Bengele wandte sich einer nahegelegenen Hütte zu. Dort saß ein alter Mann vor der Haustüre, und Bengele fragte ihn:

»Sagt, lieber Mann, habt ihr nichts gehört von einem Knaben, der Eugen hieß und an den Kopf geschlagen wurde?«

»Man hat ihn dort zu den Fischersleuten gebracht und jetzt …«

»Wird er tot sein«, fiel Bengele schmerzlich bewegt dem Alten in die Rede.

»Nein, nein! Er ist wieder gesund und schon nach Hause gegangen.«

»Wirklich? – Wirklich?« rief Bengele und tat einen Freudensprung. – »Also war die Verletzung nicht so schlimm?«

»Es hätte schlimmer gehen können«, sagte der Alte; »das Buch war gar zu schwer, das sie ihm an den Kopf geworfen haben.«

»Wer hat es geworfen?«

»Einer von seinen Schulkameraden, ein gewisser Bengele.«

»Wer ist dieser Bengele?« fragte der Hampelmann.

»Man sagt, er sei ein Schlingel, ein Bummler, ein ganz lotteriger Bube.«

»Alles erlogen!«

»Kennst du Bengele?«

»Vom Sehen, ja!«

»Was hältst du von ihm?« fragte der Alte weiter.

»Ich halte ihn für einen braven Knaben, einen fleißigen Schüler, ein folgsames Kind, das sehr an seinem Vater und an seiner Mutter hängt.«

Plötzlich griff Bengele nach seiner Nase: sie war durch diese Schwindelei eine Spanne länger geworden. Voller Angst sagte er darum gleich:

»Nein, nein, lieber Mann, ich habe nur Spaß gemacht; Ihr dürft nicht glauben, was ich gesagt habe. Ich kenne nämlich Bengele sehr gut und weiß, daß er wirklich ein nichtsnutziger Strick ist, ein eigensinniger Schlingel, der die Schule schwänzt und mit schlechten Kameraden herumbummelt.«

Sofort bekam die Nase ihre richtige Größe wieder. –

Es ging gegen Abend. Ein kühler Wind kam vom Meere her und der Hampelmann fing an zu frieren. Der grüne Fischer hatte ihm alle Kleider vom Leibe gerissen; überall klebte ihm noch das Paniermehl an. Er schämte sich, so nach Hause zu gehen, und bat den Alten um ein Gewand.

Der Mann war arm und sagte:

»Mein lieber Kleiner, ich kann dir nichts geben als einen alten Sack.«

Bengele nahm das Anerbieten dankbar an. Der Alte holte einen Sack in seiner Hütte, schnitt mit der Schere an den Zipfeln zwei Löcher für die Arme und dazwischen in der Mitte ein größeres für den Hals. – Der Hampelmann zog den Sack über den Kopf, streckte die Hände bei den Zipfeln heraus und trottelte in diesem Kleide der Heimat zu.

Das Herz pochte ihm laut, manchmal wollte er wieder umkehren; denn er dachte:

»Wie kann ich so zu meiner guten Mutter Fee zurückkommen? Was wird sie sagen, wenn sie mich sieht? Sie wird mir nicht mehr verzeihen, sicher nicht! Aber ich bin selbst daran schuld; ich bin ein Schlingel; ich verspreche immer, mich zu bessern, aber ich halte es nie!«

Als Bengele nach Fleißigenstadt kam, war es schon dunkel. Kein Sternlein war am Himmel zu sehen und bald fing es an zu regnen. Der Hampelmann nahm den nächsten Weg zum Hause der Mutter Fee. Er stand vor der Haustüre und wollte klopfen. Der Mut verließ ihn, und er ging zehn Schritte weiter. – Er kehrte zurück, stand wieder vor der Türe und – ging wieder weg. Erst das vierte Mal pochte er zaghaft und leise.

Er wartete und wartete. Nach einer halben Stunde wurde im vierten Stock ein Fenster geöffnet. Eine große Schnecke kroch über die Fensterbrüstung. Sie trug zwischen den Hörnchen eine brennende Kerze, blickte zur Haustüre und fragte:

»Wer kommt noch so spät?«

»Ist die Herrin zu Hause?« rief Bengele empor.

»Die Frau Fee schläft und will nicht geweckt werden; – wer bist du denn?«

»Ich bin’s!«

»Wer ich?«

»Bengele.«

»Was für ein Bengele?«

»Der Hampelmann, der bei der Frau Fee wohnt.«

»Ah so!« sagte die Schnecke. »Warte ein bißchen, ich komme gleich hinunter und mache dir auf.«

»Spute dich, sonst muß ich in diesem Wetter erfrieren.«

»Mein Lieber, ich bin eine Schnecke, und den Schnecken pressiert es nie.«

Eine Stunde verging, es verging eine zweite, und die Türe war immer noch zu. Bengele klapperte mit den Zähnen und litt unsäglich durch die Kälte und Nässe. Er faßte Mut und klopfte noch einmal und diesmal viel fester.

Da ging im dritten Stock das Fenster auf, und die Schnecke zeigte sich wieder:

»Liebe Schnecke«, rief Bengele, »zwei Stunden warte ich schon, und in diesem Hundewetter ist eine Stunde so lang wie ein Jahr. – Mach vorwärts, ums Himmels willen beeile dich!«

Die Schnecke aber regte sich nicht auf. So langsam und gemächlich wie zuvor sagte sie: »Ich bin eine Schnecke, mein Lieber, und den Schnecken pressiert es nie.« – Und wieder ging das Fenster zu.

Gleich danach schlug es Mitternacht, dann 1 Uhr, dann 2 Uhr, und die Haustüre war immer noch zu.

Jetzt ging dem Bengele die Geduld aus, er klopfte und rüttelte mit aller Gewalt an der Türklinke; aber auf einmal verwandelte sich der eiserne Griff in einen lebendigen Aal, quietschte ihm aus der Hand und verschwand in der Wasserrinne neben der Straße.

»Auch das noch!« schrie Bengele, immer mehr vom Zorn erfaßt. – »Jetzt muß ich mir schon mit den Füßen helfen.«

Er nahm einen Anlauf und tat einen kräftigen Tritt gegen die Türe. Da gab ein Brett nach, der Fuß ging durch und blieb wie ein Nagel im Holze stecken. Vergeblich waren alle Anstrengungen des Hampelmannes; er brachte sein Bein nicht mehr heraus.

Mit einem Fuß auf dem Boden stehen und mit dem andern in einer Türe festgeklemmt sein, ist kein Vergnügen. Aber Bengele mußte aushalten.

Beim Morgengrauen wurde endlich die Türe geöffnet. Die wackere Schnecke war in neun Stunden vom vierten Stock herunter gekrochen; sie hatte sich wirklich beeilt.

»Was machst du denn mit dem Fuß in der Türe?« fragte sie Bengele.

»Das war eine dumme Geschichte. Schau mal, liebe Schnecke, ob du mir nicht heraushelfen kannst.«

»Mein Lieber, da muß ich schon den Schreiner kommen lassen; auf solche Arbeit verstehe ich mich nicht.«

»Dann geh und bitte die Mutter Fee, daß sie mich losmache.«

»Die Herrin schläft und will Ruhe haben.«

»Aber ich kann doch nicht den ganzen Tag wie ein Nagel in der Türe stecken!«

»Zähle zur Unterhaltung die Käfer, die auf der Straße vorbeilaufen!«

»Bring mir lieber etwas zu essen, ich bin halbverhungert!«

»Sofort!« sagte die Schnecke.

In der Tat kam sie nach drei Stunden wieder und trug eine Silberplatte auf dem Kopf. Darauf lag ein Brötchen, ein Stück Fleisch und vier schöne Aprikosen.

Für Bengele war das der erste Trost nach dem vielen Unglück. Aber auf seine Freude folgte sogleich die bitterste Enttäuschung: das Brot wurde in seiner Hand ein Stein, das Fleisch verwandelte sich in rostiges Eisen und die Aprikosen erwiesen sich als bunte Glaskugeln.

Der Hampelmann schäumte vor Zorn. Er faßte die Platte und wollte sie mit dem ganzen Inhalt hinaus auf die Straße werfen. Doch die Kräfte gingen ihm aus; ohnmächtig sank er zusammen und war wie tot.

Als Bengele wieder zu sich kam, lag er in seinem Bette. Die Mutter Fee saß neben ihm und sprach:

»Mein Kind, du bist sehr unartig gewesen; die Strafe dafür hast du heute nacht erhalten. Ich verzeihe dir deinen Leichtsinn; aber dies ist das letzte Mal.«

Bengele weinte und küßte der guten Mutter die Hand. Er versprach ihr fest, daß er keine Streiche mehr mache, und wurde sehr ernst.

Die gute Fee machte ihm neue Kleider, und Bengele ging wieder zur Schule. Bis zum Schlusse des Schuljahres lernte er mit großem Fleiße und war musterhaft brav.

In der Prüfung wurde er belobt und erhielt ein schönes Buch als Preis.

Die Mutter Fee war sehr zufrieden und sprach zu ihm:

»Von mir sollst du die schönste Gabe empfangen; morgen will ich deinen Herzenswunsch erfüllen. Nun verdienst du es nicht mehr, ein Hampelmann zu sein; über Nacht sollst du ein Knabe werden. – Wir machen morgen nachmittag ein kleines Fest in unserem Garten. Du darfst deine Schulkameraden dazu einladen. Es gibt Kaffee mit Kuchen, Butterbrot und Honig.«

Unbeschreiblich groß war Bengeles Freude. Was er als Hampelmann verübt und ausgestanden hatte, das alles soll vergangen und vergessen sein. Morgen fängt er als Knabe ein neues, glückliches Leben an.

Kein Hindernis schien mehr im Wege; aber … In Bengeles Leben gab es immer wieder ein »Aber«, das alles Schöne verdarb.

Freund Röhrle.

Einunddreißigstes Stück.

Freund Röhrle.

Nach dem Mittagessen wollte Bengele seine Freunde im Städtchen aufsuchen und zum Feste laden.

Vor dem Weggehen mahnte ihn die Fee und sprach: »Achte darauf, daß du vor Dunkelheit wieder zu Hause bist!«

»In einer Stunde bin ich zurück«, sagte der Hampelmann zuversichtlich.

»Versprich nicht zu viel, Bengele! – Wer zu viel verspricht, hält gewöhnlich wenig.«

»Aber ich nicht! – Und erst, wenn ich ein Knabe bin …«

»Abwarten! – Jetzt bist du noch ein Hampelmann. Wenn du heute nicht gehorchst, ist es dein größter Schaden.«

»Warum?«

»Wer nicht hören will, muß fühlen.«

»Das ist wahr. Ich habe es genug erfahren. Aber ich mache keine dummen Streiche mehr.«

»Abwarten!«

Bengele verabschiedete sich von der guten Mutter, sang und sprang und ging zum Hause hinaus.

In einer Stunde hatte er wirklich all seine Freunde eingeladen. Die meisten nahmen gerne an; manche ließen sich auch bitten. Doch als sie hörten, daß es dickgestrichene Butterbrote mit Honig gebe, sagten sie gerne zu. Äußerlich zierten sie sich freilich und meinten: »Wir wollen dir deine Freude nicht verderben.«

Bengeles bester Freund war Friedrich. Die Knaben nannten ihn nur den »Röhrle«. Er war ein dünnes, zartes Kerlchen, aber in allen Streichen durch wie ein Blasröhrle. Gerade deshalb liebte ihn Bengele mehr als alle andern. Er hatte ihn auch zuerst einladen wollen, aber er traf ihn nicht zu Hause. Auch ein zweites und drittes Mal war sein Gang vergeblich.

Nun suchte der Hampelmann seinen Röhrle in allen Winkeln und Ecken, wo sie miteinander gespielt hatten. Schließlich fand er ihn vor dem Städtchen hinter der Scheune eines Bauernhofes.

»Röhrle«, rief Bengele schon von weitem, »wo steckst du nur? – Was treibst du denn hier außen?«

Röhrle hatte ein schlechtes Zeugnis erhalten und fürchtete sich vor seinem Vater, der abends nach Hause kam. Er antwortete seinem Freunde:

»Ich warte bis Mitternacht, um auszureißen.«

»Wohin?«

»Weit, weit fort!«

»Dreimal schon habe ich dich daheim gesucht.«

»Warum?«

»Hast du es noch nicht gehört, was morgen geschieht? – Weißt du nicht, was ich werden soll?«

»Was?«

»Morgen hat es mit dem Hampelmann ein Ende, und ich werde ein Knabe wie du und alle andern.«

»Ich gratuliere!«

»Also morgen kommst du zum Feste.«

»Ich habe dir schon gesagt, daß ich ausreiße.«

»Wann?«

»Bald!«

»Wohin?«

»In ein fremdes Land, ins schönste Land der Welt!«

»Wie heißt es?«

»Faulenzerland! – Willst du nicht mitgehen?«

»Nein!«

»Sehr dumm, Bengele! – Es wird dich einmal reuen. Faulenzerland ist das schönste Land der Welt. Schulen und Bücher sind dort verboten. Wer lernt, wird bestraft. Jeden Tag ist schulfrei. Die großen Ferien gehen vom 1. Januar bis 31. Dezember. – Das ist ein Leben nach meinem Geschmacke. Daran könnten sich die zivilisierten Länder ein Vorbild nehmen.«

»Aber was treibt man denn jeden Tag im Faulenzerland?«

»Man spielt von Morgen bis Abend; dann geht man schlafen und am andern Morgen fängt es von vorne an. Na!?«

»Hmm!« machte Bengele und neigte den Kopf zur Seite. Das bedeutete: »Es tät mir auch gefallen.«

»Gehst du also mit? Ja oder nein! – Sei nicht langweilig!«

»Nein, nein, nein! – Ich habe meiner guten Mutter Fee versprochen, ein richtiger Knabe zu werden, und jetzt wird es auch gehalten. – Übrigens geht die Sonne gleich unter. – Ich gehe heim. Adieu, glückliche Reise!«

»So wird es doch gerade nicht eilen?«

»Doch! Ich habe es meiner Mutter versprochen; bevor es dunkel wird, will ich daheim sein.«

»Bleibe nur noch ein wenig da!«

»Es wird zu spät!«

»Nur noch ein ganz klein wenig!«

»Dann schimpft die Mutter Fee!«

»Laß sie schimpfen; sie hört auch wieder auf«, sagte der schlimme Röhrle.

»Gehst du allein oder mit andern?« fragte Bengele.

»Wo denkst du hin? – allein! – Es sind über hundert Knaben.«

»Geht die Reise zu Fuß?«

»Nein, nein! Gleich kommt das Fuhrwerk, mit dem man bis ins Faulenzerland fahren kann.«

»Wenn es nur gleich käme!«

»Warum?«

»Ich möchte euch abfahren sehen.«

»Warte noch ein wenig, und du kannst alles sehen.«

»Nein, nein, nein, jetzt gehe ich heim.«

»Warte doch nur noch ein bißchen!«

»Ich habe lang genug gewartet. Die gute Mutter ängstigt sich um mich.«

»Die arme Fee! Sie wird vielleicht denken, daß dich der Nachtkrabb frißt.«

»Na also!« sagte Bengele; »aber weißt du auch bestimmt, daß es in jenem Lande keine Schulen gibt?«

»Keine Spur davon!«

»Auch keine Lehrer?«

»Keinen einzigen!«

»Muß man gar nie lernen?«

»Gar nie!«

»Ein schönes Land!« murmelte Bengele, – schon war er halb gefangen. – »Ein schönes Land! Ich habe es zwar noch nie gesehen, aber ich kann mir’s vorstellen.«

»Warum gehst du dann nicht mit?«

»Du kriegst mich nicht herum und brauchst darum gar keine Anstrengungen mehr zu machen. Nun habe ich es einmal der Mutter versprochen, ein guter Knabe zu werden; ich werde es halten.«

»Also, Adieu! Einen schönen Gruß an die Schulhäuser, wenn du dran vorbeigehst!«

»Adieu, Röhrle, gute Reise, viel Vergnügen, vergiß deine alten Freunde nicht!«

Bengele wollte gehen; aber er hatte keine drei Schritte gemacht, so drehte er sich noch einmal um und sprach:

»Sag, Röhrle, gibt es dort wirklich immer Ferien?«

»Gewiß!«

»Weißt du ganz sicher, daß die Ferien vom 1. Januar bis zum 31. Dezember gehen?«

»Ganz sicher!«

»Ein schönes Land!« seufzte Bengele und rückte seine Mütze zurecht. Aber er siegte noch einmal über sich selbst und sagte rasch:

»Also, Adieu! Gute Reise!«

»Adieu!« –

Gleich drehte sich Bengele noch einmal um und fragte:

»Wann geht es ab?«

»Gleich!«

»Schade! – Wenn es nicht über eine Stunde ginge, dann könnte ich vielleicht doch warten.«

»Aber die Fee!« bemerkte der schlaue Röhrte.

»Jetzt ist es sowieso zu spät, und auf eine Stunde mehr oder weniger kommt es nicht mehr an.«

»Armer Bengele, wenn die Fee dich ausschimpft!«

»Macht nichts; ich lasse sie schimpfen, sie hört schon wieder auf.«

Es war dunkle Nacht geworden. Nach langem Warten sahen die beiden von ferne her ein Lichtlein kommen; sie hörten tuten und blasen, aber es war so leise wie Fliegengesumme.

»Da, da!« rief Röhrle.

»Was?« fragte Bengele.

»Da kommt das Fuhrwerk! – Gehst du mit? – Ja oder nein!?«

»Muß man dort wirklich nicht lernen?«

»Gar nicht! Wirklich gar nicht!«

»Ein schönes Land, ein schönes Land! – Wirklich ein schönes Land!«