13. Der Dürst

13. Der Dürst

Um den moorigen See auf dem Pilatus und im ganzen Berggehege tobt der Dürst, das ist der wilde Nachtjäger, wie in Thüringen, im Vogtland und am Harz, der hat zur Gesellschaft auch ein gespenstig Weib, wie der Hackelberg die Tut-Osel, der wilde Jäger Thüringens die Frau Holle und der des Vogtlandes die Frau Berchta, die heißen sie drunten im Entlibuch, hart an des Bergstocks Westwand, das Posterli, und in Luzern kennen sie die Sträggele, die, wie die Hollefrau und die wilde Berchta, den faulen Mägden die Rocken wirrt. Mit gar wildem Saus und Braus fährt der Dürst über die Almen daher, reißt und rüttelt an den Sennhütten, bricht mächtige Baumstämme, wirft Felsen in die Gründe und führt wohl auch Kühe mit sich hoch in die Luft, die nimmer wieder herunterkommen oder halbtot und ausgemolken etwa erst am dritten Tag. Wenn ein Hirte das gewahr wurde, konnt‘ er noch Einhalt tun durch den Alpsegen, wenn er den zeitig durch einen Milchtrichter rief, daß der Dürst ihn noch hören konnte, so sank die entführte Kuh ganz sanft wieder auf die Matte nieder.

Auf der Bründler Alp über Eigenthal kann man wohl noch heute den Alpsegen im Abendruf der Sennhirten vernehmen, der lautet gar wunderbar durch die Feierstille der Natur, wie Orgeltöne und Glockenklang, und widerhallt aus allen Klüften die Flichbanden nieder, wie Geistermusik. Das ist der Ruf und der Segen: Ho – ho – ho – öh – ho! – Ho – hi – ho – ho! – Ho lobe! Ho lobe! – Nehmet alle Tritt in Gottes Namen, in unserer lieben Frauen Namen! Lobi Jesus, Jesus, Jesus Christ! Ave Maria! Ave Maria! Ave Maria! Ach, lieber Herr Jesus Christ, behüt Gott aller Leib, Seel, Ehr und Gut, was in die Alp gehören tut. Das walt Gott und unsre herzliebe Frau, das walt Gott und der heilige Sankt Wendel! Das walt Gott und der heilige Sankt Antoni! Das walt Gott und der heilige Sankt Loy! – (Aloysius.)

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139. Gangolfs Brunnen

139. Gangolfs Brunnen

Im Lande Languedoc war ein Graf, Gangolf mit Namen, der zog gegen die Sarazenen und Vandalen und kam in Welschland auf ein Blachfeld, wo ein klarer Brunnen sprang. Dort ließ er sich nieder, und ließ Gezelte schlagen, und trank mit all seinen Wappnern aus dem Brunnen, und ließ auch die Tiere tränken. Da kam des Feldes Eigentümer daher und schalt und sagte, das sei nicht des Landes Gewohnheit und Sitte, den Leuten das Gras zu vertreten, und sich ungefragt niederzulassen, und Menschen und Vieh aus fremden Brunnen zu tränken. Darauf sprach Gangolf sanftmütig und freundlich also: Es tut mir leid, mein guter Herr, daß es geschehen, doch zürnet nicht allzusehr, wenn es Euch genehm, so kaufe ich Euch den Brunnen ab. – Das, meinte jener Mann, sei ein Wort, das sich hören ließe, und lachte in seinem Herzen als ein Schalk, indem er meinte, den Brunnen möge der Fremde immerhin kaufen, wenn nur der Platz sein bliebe, auf dem er quelle. Und heischte des Geldes nicht allzuviel, und Gangolf zahlte es und hob sich hinweg mit den Seinen, nachdem er seinen Stab in den Quell eine Weile gestellt hatte.

Da nun Gangolf wieder in seine Heimat nach der Grafschaft Burgund kam, stieß er seinen Stab in seinem Hof in den eignen Grund und Boden, da sprang alsbald ein heller, wasserreicher Quell, und jener Brunnen, den Gangolf im welschen Lande gekauft, versiegte auf immerdar.

Diese burgundische Sage würde nicht unter den deutschen Sagen dieses Buches stehen, wenn sich nicht von ihr ein auffallender Widerhall, sogar bis auf den Namen, im östlichen Frankenlande fände. Am Felsenberge Milseburg im Rhöngebirge springt der von allem Volke wertgehaltene Gangolfsbrunnen. Da war ein Heiliger, Gangolf geheißen, der liebte diesen Berggipfel wegen seiner Einsamkeit und kam hinab nach Fulda, die uralte Bischofstadt, und fand bei einem Bürger einen klaren Brunnen, kaufte den dem Bürger ab, und derselbe meinte wunders, wie er den frommen Mann überlistet; denn, dachte er, der Brunnen mag immerhin sein eigen sein, mein bleibt doch der Platz, wo er quillt. Aber St. Gangolf ließ sich einen kleinen hölzernen Brunnenkasten machen, füllte den mit Wasser aus dem Brunnen, trug ihn eigenhändig auf die Milseburg, stellte dort den Kasten hin und durchstieß mit seinem Stabe den Boden. Siehe, da quoll das Wasser fort und fort von unten herauf in den Kasten, daß dieser überfloß, der Brunnen des Bürgers drunten in Fulda aber versiegte. Der Gangolfsbrunnen aber quillt noch unversiegbar fort bis auf den heutigen Tag, sein Wasser, wohl verstopft, soll sich jahrelang frisch erhalten, auch die sondere Tugend haben, für Frauen ein Kindleinsbrunnen werden zu können.

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127. Templerkirche zu Aachen

127. Templerkirche zu Aachen

Weit verbreitet war der Orden der Templer; auch zu Aachen erbauten sie ein Tempelhaus, dessen Stätte heißt noch heute der Tempelgraben. Als sich die Feinde des Ordens gegen den Templerbund erhoben, als der schreckliche Tag im Märzmond des Jahres 1314 den heldenherzigen Großmeister Jakob Molay nebst seinen Todesgenossen in Flammen zu Märtyrern verklärete, da versank zu Aachen plötzlich die Templerkapelle, an ihrer Stelle schoß ein Wasserstrahl aus dem Boden herauf, und ein Weiher bedeckte den Ort. Das war fast wieder volle hundert Jahre, seit Kaiser Friedrich Karl den Großen zum andern Male bestattet hatte. Immer noch quillt jene Quelle über der versunkenen Templerkirche, und im Märzen hört man wohl bei stiller Luft ihre tiefversunknen Glocken läuten, das klingt wie aus weiter Ferne und geisterhaft. Auch geht die Sage, daß in der Mitternachtstunde jenes Unheiltages drei Ritter in Templertracht, auf ihren Mänteln das rote Kreuz, von Blut gezeichnet, über den Tempelgraben wandeln.

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128. Die Hinzlein zu Aachen

128. Die Hinzlein zu Aachen

Allenden in Deutschland und den Nachbarländern gehen Sagen von Zwergen und Neckebolden, heißen da so und dort anders, Hinzelmännlein, Bergmanndli, Hütchen, Heinzchen, Wichtlein, Querchlein, Quarkse, stilles Volk, Unterirdische, sind ein wunderlich spukhaft Geistervolk, den Menschen gut und feindlich, je nachdem es kommt, hülfreich und zuwider, nütze und schädlich, doch am meisten den Guten mild und den Bösen feindlich gesinnt.

Solcher Kobolde hatte es auch zu Aachen, hießen dort Hinze, wie man auch hie und da in Deutschland die Katzen nennt, die Hexenlieblinge, wohnten im Felsgeklüft unter der Emmaburg, da waren viele Gänge und unterirdische Keller, daraus zog in gewissen Nächten der Hinzenschwarm hervor mit spukhaftem Gelärm und Gepolter, klapperten an die Haustüren und trieben viel Tückerei und bösen Mutwillen. Kein Geisterbannspruch, kein Kreidekreuz an Türen und Läden half gegen den Nachtspuk der Hinzemännlein; erst als man eine Kapelle dicht an die Felsen der Emmaburg baute und deren Glocken zum ersten Male erklangen, da war alles vorbei – denn Glockengeläute können die Unterirdischen nicht hören und vertragen, aber die guten Aachener ahneten nicht, daß sie sich mit dem Kapellenbau erst recht eine Rute auf den Hals gebunden hatten. Denn die Hinzlein zogen zwar aus den Felsen fort, aber wo zogen sie hin? – In die Stadt Aachen zogen sie, in einen alten Mauerturm, zu dem ein unterirdischer Gang nach dem Felsen unter der Emmaburg führte, und nun ging der Spuk erst recht an. Der alte Turm lag ohnweit der Kölner Straße, da klopfte es zur Nacht an die Häuser, da knisterte es auf dem Herd, da rasselte und klapperte es in den Küchengeschirren, und das ging stundenlang so fort, daß kein Mensch ein Auge zutun konnte. Wußten sich keines Rates zu erholen gegen die schlimmen Poltergeister. Da kam von auswärts her ein weit umgewanderter Gesell gen Aachen, der vernahm von dem Spuk und erzählte, solcher Zwergvölker gebe es in Thüringen und Sachsen vollauf, bei Jena, bei Königsee, bei Plauen, in der Grafschaft Hohnstein am Harzwald, bei Zittau in Sachsen, im Zobten in Schlesien, im Kuttenberg in Böheim und an vielen andern Orten, auch im ganzen Vogtland, in der Schweiz am Pilatus, im Erzgebirge, im Untersberg bei Salzburg, sowie am Rhein usw. Da sei nichts besser, als man stelle vor jedes Haus ein Geschirr, ehern oder irden, dessen wären die Hinzlein sehr froh, benutzten es zur Nacht und stellten es ungeschädigt wieder an seinen Ort, ließen dagegen die Leute in Ruhe. Der Rat des guten Gesellen ward probiert und war probat, man folgte ihm und hatte Ruhe. Kamen nachmals zwei fremde Kriegsgesellen nach Aachen, die hörten in ihrem Quartier von der Sache und der Sage, hatten Spottens kein Ende, daß die Aachner Töpfe und Kessel für die Zwergmännlein hinstellten, deren es doch auf der Welt keine gebe, und vermaßen sich, nachts Wache zu stehen, da sollten die Hinzen statt der blanken Kessel blanke Degen finden. Darauf bezechten sich die Kriegsgurgeln, setzten sich vor die Tür, sangen und hatten sich sehr lustiglich, schrien immer einer den andern an: He da! Hinz! Jetzt kommt der Hinz!, trieben einander zur Kurzweil auf der Straße um, jagten sich, traten sich, rannten durchs Hinzengäßlein hinter bis zu dem alten Mauerturm, da hörte man sie beide noch einmal brüllen, dann war alles still.

Am andern Morgen lagen die Prahlhänse tot vorm Hinzenturm, hatte einer den andern durch und durch gestochen. – Und noch lange nachher hat der Hinzenspuk gedauert, bis ein reguliertes Chorherrenstift erbaut ward in der Nähe der Spukgassen, da hat der abermalige mächtige Glockenschall die Hinzlein auf immer vertrieben.

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12. Die Herdmanndli ziehen weg

12. Die Herdmanndli ziehen weg

Es ist schon viel gesagt, wie gut gegen die guten Menschen die Berglütlenen des Pilatus waren; kleine, zwei Fuß hohe Männlein mit grünen oder grauen Röckchen, mit Füßen, die man nicht sah, langem Silberbart bis zur Erde herunter, die hüteten das edle Gestein im Berge, waren den Menschen hülfreich, kamen wohl auch und begehrten Speise, liebten insonderheit das Schweinefleisch, und wer ihnen gab, hatte es gut und erfreute sich ihrer Gunst. Wenn ihnen die Sennerinnen etwas Milch beiseite stellten, so molken und fütterten sie, und waren ganz heimisch bei den Mägden; sie konnten auch wahrsagen aus Karten und Händen und waren geschickt zu allen Dingen, aber erzürnen durfte man sie nicht. Wem sie im Sommer beim Heuen halfen, der konnte zufrieden sein, sie mehreten das Heu wunderbar. Manchmal sahen sie auch dem Heuen zu und halfen nicht. Einstmals verdroß das einen Heuer, der machte mit noch einem Kameraden, bevor die Arbeit anging, ein Feuer auf den Felsstein, darauf die Herdmanndli zu sitzen und zuzusehn pflegten, und kehrten dann geschwind Asche und Kohlen vom heißen Steine weg. Als die Manndli kamen und den Stein betraten, verbrannten sie sich ihre Füße. Da schrien sie überlaut: O böse Welt! O böse Welt! – und kamen nimmermehr wieder.

So auch kamen Bergmanndli vom Pilatus ins Haslital von der Flüh herunter, den Heuern zuzuschauen; die waren gewohnt, sich auf die Äste und Zweige eines schattigen Ahornbaumes zu setzen. Das merkten Schälke und sägten die Äste knapp durch, daß die armen Manndli herunterfielen. Da erhuben sie ein jämmerlich Geschrei und riefen:

O wie ist der Himmel so hoch!
O wie ist die Untreu so groß!
Heute hier und nimmermehr!

Und nachher hat sich im Haslital niemals wieder eins sehen lassen.

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129. Die buckligen Musikanten auf dem Pervisch

129. Die buckligen Musikanten auf dem Pervisch

Zu Aachen, in der alten Reichsstadt, haben einmal zwei Musikanten gelebt, von denen hatte jeder einen nicht kleinen Buckel; das war aber auch alles, was sie miteinander gemein hatten, denn der eine war gut und wohlgesinnt, der andere war neidisch und tückisch, scheelsüchtig und habsüchtig. Nun trug sich’s einstmals zu, daß der erstere auf ein Dorf erfordert war, dort zu einer Hochzeit mit aufzuspielen, und erst am späten Abend heimwanderte. Er mochte dort manch gutes Trünklein getan haben, denn er war ganz fröhlich, und als er auf seinem Wege am hohen Dome vorbeikam, pfiff er wohlgemut ein lustiges Schelmenstücklein. Indem schlug die Glocke Mitternacht, und alsbald war um ihn her ein Schwirren und Schweben, geisterhaft und grauenhaft, und die Gespensterfurcht ergriff den Spielmann und trieb ihn eilend vorwärts durch die Schmiedegasse vor auf den Pervisch, das ist der Fischmarkt. Siehe, da traf es der Spielmann ganz hell an, alle Fischbänke waren illuminiert, Wein und Speisen die Hülle und Fülle standen auf reich gedeckten Tafeln in köstlichen Gefäßen, und vornehme Frauen saßen da und schmausten und zechten. Da trat eine solche Dame auf den Spielmann zu und sprach: Holla, Fiedler! Du kommst gerade recht, jetzt geig uns eins auf, wir wollen tanzen! Doch zuvor trink erst einmal! – Und reichte ihm würzigen Wein in einem Goldpokal, und er trank und erglühte vor Lust, nahm sein Saitenspiel und geigte fröhlich darauf los. Und die Frauen begannen miteinander zu tanzen im wilden Reigen, und des Geigers Tanzweisen gellten wie toll durch die Nacht. Da schlug es drei Viertel auf Eins, und jetzt ließen allgemach die wirbelnden Paare vom Tanzen ab, wie ermüdet – und die Frau, die den Geiger angesprochen, trat jetzt wieder zu diesem und sprach: Habe Dank und auch Lohn – und dabei strich sie ihn mit ihrer Hand sanft über den Rücken, daß er vermeinte, sie wolle ihn an sich ziehen – aber indem war sie verschwunden, und alle andern Frauen desgleichen, und die Lichter, die Speisen, die Geräte – alles – und die Münsteruhr schlug eins. Der Spielmann ging nach Hause, so leicht, so wohlig – er wußte gar nicht, wie ihm geschehen. Und siehe, als er sich auskleidete, weg war sein Buckel, den hatte zum Lohn die nächtliche Tanzfrau ihm abgestreift. Bald lief durch ganz Aachen die Wundermär, die hörte nicht sobald der andere Buckelmusikant, als der Neid über ihn kam, und dachte, mir soll das doch wohl auch gelingen, was jenem Lump gelang. Konnte kaum die Nacht erharren, stand lange vor Mitternacht schon auf dem Pervisch, seine Geige mit dem Fiedelbogen in der Hand. Endlich schlug’s, und da glänzten auch die Fischbänke voll Lichter, da standen die kostbaren Geräte, da reichte ihm eine Dame würzigen Wein, alles wie vor geschehen, und forderte auch ihn auf, seine Tanzweisen aufzuspielen. Solches tat er, aber seine Tänze wurden, ohne daß er wollte, Grabmelodien, der Tanz wurde ein Totentanz, die holden Frauenbilder wurden zu Gerippen, und als es drei Viertel schlug, huschte ein molkiges Schattengebild an den Spielmann heran, das hatte zuvor aus einem Silbergefäß etwa ein Kleinod gehoben, und sprach: Habe Dank und auch Lohn – und hing ihm und drückte ihm das Kleinod an die Brust, schier wie einen Orden. Dann schwand alles hinweg, und der Spielmann wankte und schwankte nach Hause, und war ihm weh auf der Brust, und hatte kurzen Odem. Und als er sich auszog, da hatte er den Buckel seines Spielgesellen vorn auf der Brust, und seinen eigenen dahinten, den hatte er auch noch, und mußte beide Buckel tragen bis an sein Ende. –

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130. Der fliegende Holländer

130. Der fliegende Holländer

Im Lande Limburg liegt ein altes Schloß, das ist Falkenberg genannt, darin es spukt und umgeht. Eine Stimme ruft gegen die vier Wände den Klageruf: Mörder! Mörder! – Zwei kleine Flämmchen flackern vor der Stimme her, aber den Rufer sieht keiner. Und das ist also seit sechshundert Jahren. Damals, vor so langer Zeit, stand das Schloß noch in seinem Glanze, zwei Brüder von Falkenberg wohnten darin, die hießen Waleram und Reginald und liebten beide die schöne Tochter eines Grafen von Cleve, Alix. Waleram war der Glückliche, den die Jungfrau erkor, und feierte mit ihr glänzende Hochzeit. Dem verschmähten Reginald aber wandte der Rachegeist das Herz im Busen, und er ging und ermordete die Liebenden in ihrem Brautbette. Im Todeskampfe griff Waleram in des Bruders Mordwaffe, schlug ihm die blutende Hand ins Gesicht und sank dann tot zurück. Der Mörder schnitt vom Haupt der von ihm erdolchten Braut eine Locke und entwich, war auch nimmer zu finden, als man die Toten fand und bejammerte und den Mörder ahnete. Es lebte dazumal nicht allzuweit vom Schlosse Falkenberg ein frommer Einsiedel, dessen Klause neben einer kleinen Kapelle stand. Bei dem klopfte es an um Mitternacht und begehrte Einlaß im Namen des Himmels. Reginald war’s, den die Reue marterte, und auf dessen Gesicht die Spur einer blutigen Hand unaustilgbar sichtbar war, ein Wahrzeichen, was kein Wasser abwusch. Reginald beichtete dem Einsiedel seine schwere Schuld, und der hieß ihn mit ihm gehen, und führte ihn in die Kapelle, und kniete mit ihm am Altare, und betete mit ihm die ganze Nacht. Am andern Morgen gebot der Einsiedel dem Grafen Reginald von Falkenberg: Wandelt als büßender Pilger gen Norden und immer gen Norden, bis Ihr keine Erde mehr unter den Füßen habt, dann wird Gott Euch durch ein Zeichen offenbaren, was Ihr weiter beginnen sollt. Da sprach Reginald kein anderes Wort als Amen und verbrannte an der ewigen Ampel des Altars Alixens Locke und ging von dannen, gen Norden und immer gen Norden, und büßte und betete. Und da sind zwei Gestalten mit ihm gegangen, eine weiße zu seiner Rechten und eine schwarze zu seiner Linken; die zur Rechten bestärkte ihn im Büßen und Beten, die zur Linken aber flüsterte ihm zu, davon abzulassen und den Freuden der Welt zu leben, und so kämpften sie um seine Seele, und dieser Kampf, den er im Herzen fühlte und mitkämpfte, war seine Buße. So ging er Tage lang, und Wochen lang, und Monden lang, bis er am Meere stand und kein Erdreich mehr vor sich sah, darauf er seinen Fuß hätte setzen können. Aber da fuhr ein Nachen heran, da saß einer drin, der winkte Reginald und sprach: Exspectamus te! Und das war das Zeichen, und Reginald stieg in den Kahn, und die zwei Gestalten mit ihm. Und der Mann im Nachen stieß ab und fuhr nach einem großen Schiffe hin, das im Meere lag und alle Segel aufgespannt hatte und alle Flaggen aufgezogen. Da stiegen die drei an Bord, und der Mann samt dem Nachen verschwand, und das Schiff segelte durch das Meer. Reginald aber ging unter das Verdeck des Schiffes, das ganz menschenleer war und ohne alle Bemannung; da stand eine Tafel und Stühle, und die drei setzten sich, und die schwarze Gestalt legte drei beinerne Würfel auf den Tisch und sprach: Jetzt wollen wir um deine Seele würfeln bis zum Jüngsten Tag.

Und das tun sie noch heute, ohne Ruder und ohne Steuer fährt das Schiff durch den Ozean im Norden, zur Nacht webern Flammen auf seinen Masten und tanzen auf den Rahen. Seine Segel sind grau wie Erde, und seine Flaggen sind fahl wie abgebleichte Bänder an Totenkränzen. Sein Bord ist leer, und am Steuer steht kein Steuermann. Sein Gang ist Flug, und sein Begegnen ist Fluch, Unheil verheißend dem Fahrzeug, dem es begegnet. Mancher Schiffer hat es schon gesehen, und es hat ihm Grausen erregt. Selbst bei Windstille fliegt es wie ein Pfeil über die Meeresglätte. Und sie nennen es den fliegenden Holländer.

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122. Vom Loosberg über Aachen

122. Vom Loosberg über Aachen

Als der Teufel mit der Wolfsseele arg betrogen worden war, ergrimmte er heftiglich über die Stadt Aachen und fuhr auf Sturmwindsflügeln bis zum Meeresstrande im Niederland, sah da die weißen Dünen im fahlen Lichte schimmern und brütete einen Rachegedanken aus. Mit einer ganzen breiten Düne belud er sich, die hing ihm über die Schultern, wie einem Bauer der Querchsack, und nun ging es mit Teufelsgewalt auf Aachen los; schon war er über die Maas und gelangte an das Soerstal, da erhob sich ein starker Wirbelwind, der schmiß ihm aus der Düne vielen Sand in die Augen, und da hätte der Teufel sich fast verirrt. Da begegnete ihm ein altes Weib, das kam des Wegs von Aachen her, und der Teufel fragte es: Wie weit ist’s noch bis Aachen? – Die Alte sah ihren Mann an, erkannte ihn am Pferdefuß, zeigte ihm ihren Schuh und sagte: Schauet, Herr! Die Schuhe zog ich zu Aachen neu an, und jetzt sind sie zerschlissen – so weit habt Ihr noch. Darob ergrimmte der Teufel, denn er war müd und matt und hatte die Schlepperei und den Sand in den Augen satt, und rief: Ins Teufels Namen, liege hier, Lausesand! – Und warf die ganze Düne hin, daß es krachte und stäubte, und hub sich von dannen. Das sind die beiden Berge, der Loos- oder Luisberg und neben ihm, niedriger, St. Salvatorsberg, und in Aachen sagen sie, entweder sei der Loosberg nach dem losen Sinn, mit dem das alte Weib den Teufel betrogen, und weil ein alt Weib loser sein kann wie der Teufel selbst, genannt, oder nach des Teufels Wort und Namengebung.

In Aachen aber ward das Münster herrlich geweiht durch den Papst und Kaiser Karl den Großen, im Beisein vieler Bischöfe und allen Volkes. Auf den einen Sandhügel ließ Karl der Große eine Kapelle und ein Kloster erbauen und weihete sie dem Erlöser, weil die Stadt Aachen von der ihr durch den Bösen drohenden Gefahr erlöst worden, das ist die Kapelle St. Salvator.

Als Aachens Münster geweiht wurde, sollten so viele Bischöfe dasselbe weihen helfen, als das Jahr Tage zählt, es kamen aber deren nur dreihundertunddreiundsechzig zusammen. Da erhoben sich zwei gestorbene Bischöfe aus Maastricht aus ihren Gräbern, dienten mit und legten sich dann wieder nieder zur ewigen Ruhe.

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123. Schlangenring

123. Schlangenring

Kaiser Karl der Große, da er in Jürch im Hause »Zum Loch« genannt wohnte, ließ eine Rügesäule aufrichten mit einer Glocke und einem Seile daran und gebot, wer Recht begehre, das ihm irgend geweigert werde, der solle an diesem Seile ziehen und diese Glocke läuten, es sei, wenn es sei, und selbst wenn der Kaiser am Mittagmahle sitze. Nun geschah es eines Tages, daß die Glocke erklang und des Kaisers Diener an die Säule eilten, da fanden sie niemand. Bald aber erschallte von neuem die Glocke, und fort und fort, und der Kaiser sandte abermals hin. Da fanden die Diener eine große Schlange, die hatte das Seil im Rachen gefaßt und läutete. Wie die Diener dieses Wunderbare dem Herrn überbrachten, erhub er sich alsbald und wollte auch dem Tiere Recht sprechen, so dieses solches begehre. Und siehe, der Wurm neigete sich vor dem Kaiser und wandelte von der Säule fort hinab zum Rand eines Wassers; dort fanden sie das Schlangennest, und auf den Eiern der Schlange saß eine übergroße Kröte, die wollte nicht herab. Alsbald gebot der Kaiser, ein Feuer zu schüren, die Kröte mit Zangen zu packen und zu verbrennen. Als dieses geschehen war und der Kaiser eines Tages bei Tische saß, ringelte sich dieselbe Schlange ins Gemach, kroch zur Tafel hinan, hob von einem Pokal den Deckel und ließ einen Ring mit einem kostbaren Edelstein aus ihrem Munde hineinfallen, verneigete sich gegen den Kaiser und schlüpfte schnell von bannen. Kaiser Karl nahm den Ring und schenkte ihn seiner Gemahlin Fastrada, die er sehr liebte und nun noch mehr liebte, denn es lag in dem Schlangenring ein heimlicher, wundersamer Zauber. Auch gebot der Kaiser, an dem Orte, wo er der Schlange Recht gesprochen, eine Kirche zu erbauen, dieses geschah, und hieß man dieselbe Wasserkilch.

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124. Kaiser Karl kehrt heim

124. Kaiser Karl kehrt heim

Im Dome zu Aachen steht ein Stuhl, der ist elfenbeinern, daran ist uraltes Bildwerk zu erschauen, und das ist der Stuhl Kaiser Karl des Großen. Als zu einer Zeit der starke Held auszog in das Heidenland, die Heiden zum Christentum zu bekehren, schied er sich von seinem Ehegemahl und gab seiner Hausfrauen auf, seiner in Züchten zu harren zehen Jahre lang, käme er dann nicht zurück, so wäre sein Tod gewiß. Werde er aber ihr einen Boten senden mit seinem Ringelein, das er ihr wies, dann solle sie dem alles vertrauen und tun, was er ihr entbieten ließ.

Neun Jahre und viele Monden darüber stritt und siegte Kaiser Karl im Ungarlande gegen die Heiden, und daheim hielten sie ihn für tot, und weil das Land keinen Zuchtherrn hatte, erhob sich um Aachen und gegen den Rhein eitel Raub und Mord und Brand, und traten die Räte zu der Herrin, Karls Gemahlin, und lagen ihr an, einen andern Herrn und König zu erkiesen, damit das Land nicht zugrunde gehe. Lange weigerte sich die Frau, weil ihr noch kein Wahrzeichen gesendet war, aber endlich, da die Herren und Räte allzumal heftig in sie drangen, ließ sie es zu, daß ihre Vermählung mit einem reichen König anberaumt wurde, und kam die Zeit heran, daß nur noch drei Tage waren vor der Hochzeit, welche festlich begangen werden sollte. Da sendete Gott der Herr einen seiner Boten ins Lager nach dem Ungarland, der sagte Kaiser Karl an, was sich daheim begebe, und sprach zu ihm: Rüste dich und reite heim, binnen dreien Tagen ist Hochzeit! – Wie soll ich reiten, fragte Karolus, in dreien Tagen hundert Tagereisen weit und darüber? – Reite, und Gott wird mit dir sein! sprach der himmlische Bote, und da gewann der Kaiser ein gutes Roß, damit ritt er an einem Tag aus Bulgarien bis gen Raab, und am andern Tag von Raab bis gen Passau. Dort gewann er ein frisches Roß und kam gen Aachen vor das Burgtor, und Gott war mit ihm. Ganz Aachen war schon ein Sang und ein Schall von eitel Hochzeitglanz und Klang, denn andern Tages sollte die Hochzeit sein, und die Trauung früh im Dom. Da ging Kaiser Karl bei guter Zeit, da es noch Nacht war, in den Dom, setzte sich auf seinen elfenbeinernen Stuhl und legte sein großes Schwert quer über seine Kniee, saß allda ganz ruhig wie ein Steinbild und ruhete von seinem weiten Ritt. Da kam zuerst der Mesner in den Dom, der trug die Bücher vor und beschickte die Altäre und steckte Kerzen auf, und mit einem Male sah er auf dem Königsstuhle einen greisen Mann sitzen, in ernster Stille und mit blankem Schwert, da kam ihm ein Grauen an, und ging und sagte es den Domherren an. Die wollten solche Mär nicht glauben, denn auf dem Stuhle durfte niemand sitzen, er wäre denn König, kamen daher mit Licht, und der Kühnste unter ihnen nahte dem Stuhle unerschrocken. Aber als er den Mann darauf sitzen sah so still und wie steinern, entfiel der Leuchter seiner Hand, und er zitterte und entwich aus der Kirche und sagte dem Bischof von dem Ereignis. Der Bischof nahm sogleich zwei Kerzenträger der Kirche, ließ die vorangehen mit brennenden Kerzen und folgte ihnen hin zum Kaiserstuhle. Da sah er den Greisen sitzen und hub bänglich an zu sprechen: Sag an, wer bist du Mann, und durch wessen Gewalt unterfängst du dich, diesen Stuhl zu behaupten? Weißt du nicht, daß dies der Sessel ist unsers Herrn und Kaisers? – Darauf erwiderte der Kaiser: Wie du sagst, so ist es, da ich noch König Karl hieß, war ich euch allen wohlbekannt, da durfte keiner diesen Stuhl mir wehren! – Und erhob sich und stand vor dem Bischof in seiner stattlichen Größe, eines Kopfes höher als der größte Mann, und der Bischof rief frohlockend aus: Seid gottwillkommen, mein königlicher Herr! Segen sei mit Eurer Wiederkunft. – Da läuteten von selbst alle Glocken, des erschraken die Hochzeitgäste und zogen eilend von dannen, und der Bischof bat für die Königin und sagte, daß sie gedrungen worden sei, da verzieh ihr Karows gerne und gab ihr seine Huld zu erkennen, denn er liebte sie unabänderlich und konnte nimmer von ihr lassen.

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