118. Umrittener Wald

118. Umrittener Wald

Nicht gar weit von Dören, zwischen Köln und Aachen, liegt ein Dorf, das führt den Namen Arnoldsweiler, und denselben Namen führt es von einem frommen Sänger, der am Hofe Kaiser Karl des Großen lebte und sein Liebling war. Da forderte einst der große Kaiser von Arnold, seinem Sänger, derselbe möge sich einen Lohn erbitten für seine vielen und schönen Lieder, und der Sänger bat, Karl wolle ihn mit einem Stück Wald begaben, so viel, als Arnold werde umreiten können in der Zeit, wo Karl sein Mahl halte. Das ward ihm gewähret; Arnold hatte aber schon von Strecke zu Strecke, so weit ein Roß im gestreckten Lauf aushalten konnte, ausgeruhte Rosse, die seiner harrten, aufgestellt und damit eine Waldstrecke vom Bürgelwald umstellt, die ein Mann kaum in eines Tages Länge umschritten hätte. Darauf begann er, als der Kaiser sein Mittagmahl begann, sein Jagen, bezeichnete und bestreute allenden, wo er vorbeisauste, durch Schwerthiebe in die Äste seinen Weg mit grünen Brüchen von Eichen- und Buchenlaub und kam schon wieder und trat vor den Kaiser, bevor dieser noch sein Mahl beendet, dieweil er noch beim Apfelessen verweilte. Da sprach Karl: Du hast dir gewißlich ein zu kleines Stück erritten, da du so bald wiederkehrest. – Arnold aber antwortete: Mitnichten, ich umritt ein großes Stück, das ein Mann wohl kaum in Tageslänge umwandeln kann. – Da fiel auf den Sänger ein ernster Blick seines Herrn, welcher bei sich dachte, daß im Bürgelwald für Arnold die Blume der Bescheidenheit wohl nicht gewachsen sei, und der Kaiser schwieg. Da nahm aber Arnold das Wort und sprach: Du zürnest mir, mein hoher kaiserlicher Herr! Zürne nicht! Nicht für mich umritt ich deinen Bürgelwald. Sieh, alle den Dörfern von Dören bis Bredburg und von Jülich bis Bergheim gebricht es an Holz. Für sie habe ich den Wald, den du mir zu schenken angeboten, umritten. – Da freute sich Kaiser Karl über seines Sängers Biederherzigkeit und sagte ihm gern die ganze Waldstrecke zu.

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11. Die Bergmanndli schützen Herden und Fische

11. Die Bergmanndli schützen Herden und Fische

Die Bergzwerge schätzen und lieben die Gemsen, sie wollen nicht, daß die Jäger sie töten, und manchem Alpenjäger ist es deshalb schon gar schlecht ergangen. Guten Jägern, denen sie wohlwollten, haben sie wohl auch das eine und das andre Stück z’weg gestellt, der dürft‘ aber denn bei Leib und Leben nit mehr schießen, als mit den Bergmanndli verakkordiert war, sonst schmissen sie ihn die Felsen hinunter und bliesen ihm das Lebenslicht aus elendiglich. Da war einmal ein Gemsjäger, der verstieg sich hoch in die Felsen, auf einmal stand ein eisgraues Bergmanndli vor ihm da und sprach ihn zornig an: Was verfolgst du meine Herde? – Der Jäger war ganz erschrocken und sprach: Hab‘ ich doch nit gewußt, daß die Gemsen dein sind. – Sprach der Berggeist: Du sollst jede Woche vor deiner Hütte ein Grattier finden, aber du hütest dich und schießest mir kein andres. – So geschah’s, der Jäger fand alle Wochen den frischen Braten, der macht‘ ihm aber gar keine Freud, er konnte die Jagdlust nicht bezwingen, stieg wieder hinauf zu Berg und Holz, ward auch bald eines Gemsenleitbocks ansichtig, auf den legte er rasch an, zielte und schoß – aber wie er losdrückte, hob sich hinter ihm der Berggeist aus dem Boden und zog ihm die Haxen unterm Leib weg, daß er niederstürzte und in den Abgrund hinunterschmetterte.

In Malters saß ein Untervogt, der hieß Hans Bucher, der wollt‘ auch gern einmal ein Herdmanndli sehen; war gar ein eifriger Fischer und Jäger, aber sonst ein frommer Mann, stieg eines Tages hinauf am Pilatus, folgte dem Rümligbach und wollte gern Forellen fangen, da sprang ihm jählings ein Herdmanndli hinterwärts auf den Rücken und drückte ihn mit solcher Gewalt mit dem Gesicht in den Bach nieder, daß er schier vermeinte, er müsse versaufen. Dabei sagte das Herdmanndli zürnend: Ich will dir wohl lehren meine Tierlein fangen und jagen. – Als der Untervogt nach Hause kam, war er halbtot und sah im Gesicht aus wie der Tod von Ypern; war auch auf der einen Seite erlahmt und kam nimmermehr auf den Berg, zu jagen oder zu fischen.

In Obwalden war ein alter Landammann, der hieß Heinrich Immlin, der hat selbst erzählt, wie er einmal zum Pilatus hinangestiegen auf die Gemsjagd, da begegnete ihm ein Zwergmanndli und heischte, er solle flugs umkehren. Nun ist der Landammann ein starker stattlicher Mann gewesen, der spottete des Zwergs und sagte: He, du wirst wohl große Macht haben, mir was zu wehren! – Kaum gesagt, so sprang ihn der Zwerg an, drückt‘ ihn an einen Felsen, schwer wie ein Pferd, daß ihm schier die Seele ausfuhr und die Sinne ihm vergingen. Lag da eine halbe Stunde für tot, bis die Seinen ihn fanden, erquickten und heimführten.

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105. Die Knappschaft im Lüderich

105. Die Knappschaft im Lüderich

Wie zum Bau des Kölner Domes der Drachenfels einen großen Teil seines Gesteins lieferte, so auch lieferte der Lüderich über Vollberg, der ein Eigentum des Domkapitels in Köln war, sein Gestein, aber ein edleres als der Drachenfels, zum großen Dombau, wie die Sage geht. Der Schoß des Lüderichs gebar unermeßliche Ausbeute seines Bergbaues, und auch früher, schon in den Heidenzeiten, daher ward auch die spätere christliche Knappschaft im Lüderich angesteckt von heidnischem Wesen und allerlei Frevel. Noch ist eine Stelle dort zu finden, welche der Heidenkeller heißt, und die Sage kündet und deutet darauf hin, daß der Bergbau im Lüderich Heidentum und Christentum wohl eine Zeitlang gegenseitig bekämpft habe, ehe es zusammenschmolz und das Christentum den völligen Sieg errang. So gottlos war die Knappschaft, daß sie die Räder an Karren und Göpeln aus holländischen Käsen machten, daß sie runde Weizenbrote den Berg hinabkollern ließen, denen etwa das Bild der heiligen Hostien aufgedrückt war, und hinterdrein riefen: Fall dich tot! Herrgott! fall dich tot!, dann Steine hinterdrein schickten und schrien: Teufel! lauf dem Herrgott nach! lauf dem Herrgott nach! – Über solche und zahllose andere Frevel erwachte endlich der rächende Zorn des Himmels. Einem frommen Hirten, der auf sonniger Trift des Lüderichs seine Schafe weidete, erklang eine Stimme aus der Höhe: Hirte, treibe weg vom Lüderich! – Den Herren des Bergbaues erschien verlockend ein Jagdtier, dem sie nacheilten, es flüchtete in die Höhle des Heidenkellers, jene folgten, und da brachen mit einem Male unter Donnerkrachen alle Schachte zusammen und erschlugen die ganze Knappschaft; die Schachte ersoffen, die Stollen wurden unfahrbar, und das Wasser, das an einer Stelle aus dem Geklüft eines verschütteten Stollens hervordrang, war rot vom Blute der Erschlagenen, und immer noch quillt es, und immer noch ist dessen Farbe rot wie Blut.

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106. Die letzte Saat

106. Die letzte Saat

Bei Mülheim, nahe dem Rhein, lag vorzeiten ein Kloster namens Dünnwald, das war in Streit geraten über hundert Morgen Ackerlandes mit einem nachbarlichen Edeln, Junker Hall von Schlebusch. Das Kloster wie der Junker sprachen dieses große Grundstück als Eigentum an, doch hatte es der Junker im Besitz, aber alle Nutzung verzehrten die Kosten des vor Gericht geführten Rechtsstreites, die Anwälte, die Fürsprecher, die Richter, die Schöffen, die Schreiber. Da bot endlich der Junker Hall von Schlebusch gütlichen Vergleich an und sprach zu den frommen Vätern des Klosters Dünnwald: Fromme Väter, ich bin des langen Haders müde, der uns beiderseits nicht frommt. Die hundert Morgen sollen fürder und künftig für alle Zeiten des Klosters Eigen sein, nur eins bedinge ich: noch einmal eine, und zwar die letzte Aussaat. Ist die zur Ernte reif und gediehen und eingebracht, so begebe ich mich jedes Anspruchs an die hundert Morgen. – Der Himmel stärke Euch, edler Junker, in solch frommem Entschluß, sprach der Abt, doch seid Ihr wohl so gnädig, dieses Versprechen uns schriftlich zu geben. – Darauf wurde ein Brief auf Pergament doppelt geschrieben und ausgefertigt, und der Junker hing sein Siegel in Wachs daran, und der Abt des Klosters das seine, und das große Konventsiegel kam auch noch hinzu, und das des Priors, und noch zwölf Siegel erbetener ritterlicher Zeugen, und war ein sehr schöner Brief, diese Schenkungsurkunde auf ewige Zeiten nach der Ernte der letzten Aussaat, die noch des Junkers sein sollte. Junker Hall von Schlebusch ließ nun seinen Acker bestellen und die hundert Morgen besäen, das geschah im Herbst, und im Frühjahr ging die Saat auf, wollte aber gar nicht recht in die Höhe schießen wie andere Saat. Da nun das Fest der Hagelfeier kam, wo man mit Prozessionen und Fahnen die Felder umgeht und für sie betet, da sahen die Mönche nach der Saat auf dem künftigen Klostererbe – aber was sahen sie? – Eine Saat von Eicheln. – Betrug! Betrug! schrien Abt und Prior und Konvent – aber es half nichts, denn im Briefe stand: vnde bewilligen ihme deme edeln junkherrn Hall vom Sleehenbosche die letzte Vssaat sinder widerrede unde sinder alle geferde. deßez czo gezügen han wir erbeten etc. Lange noch freute Junker Hall von Schlebusch sich seines schönen herrlich gedeihenden jungen Eichenwaldes, er jagte noch Hasen und Hühner darin – die Bäume wuchsen, und Abt und Prior und der ganze damalige Konvent gingen einer nach dem andern zur ewigen Ruhe der Saat, von Gott gesäet – und immer noch wuchsen die Eichen, und im Archive der schöne Brief wurde grau, und die Siegel wurden voll Staub, und es dachte niemand mehr an ihn – und immer noch wuchsen die Eichen, und das Kloster versank in Schutt und Trümmer, und das neue Geschlecht, das gekommen war, konnte die Schrift des alten Briefes nicht mehr lesen.

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107. Der Alte-Berg

107. Der Alte-Berg

Hoch und herrlich stand, landbeherrschend, das stolze Grafenschloß Berg überm Tal der Dhüne und gab der ganzen Grafschaft Berg den Namen, die hinter Jülich und Cleve in so vielen Titeln deutscher Fürstenhäuser unsterblich fortgeführt wird. An der Wupper wohnte ein Vogt, Eberhard, aus dem Hause Teißerbant, der hatte einen lieben Bruder, Adolf mit Namen, beide besaßen die Schlösser Berg und Altena. Adolf vermählte sich, und Eberhard minnte ein schönes Fräulein auf Burg Odinthal, aber dieses starb in seiner Jugendblüte. Graf Eberhard von Berg suchte seinen tiefen Schmerz durch Waffenlärm zu übertäuben, und da der Herzog Gottfried von Brabant dem Ritter von Limburg und den Grafen von Berg Fehde bot, so führte Eberhard die Scharen an und erfocht einen vollständigen Sieg, ward aber verwundet und kam von den Seinen hinweg, die ihn tot glauben mußten. Graf Eberhard trat eine große Wallfahrt gen Rom an, wie auch gen Compostell, dann kam er auf seinem Pilgergange nach Thüringen zum Schlosse Käfernburg, wo ein Verwandter von ihm namens Sizzo, nach andern Sieghard, wohnte. Dieser Sizzo war es, welcher unter der St. Johanniskirche auf dem Altenberge, wo der heilige Bonifazius den Thüringern zuerst das Evangelium predigte, noch eine Kirche in des heiligen Georgs Ehre erbaute, hernach im Tale das Kloster Asolverod gründete, zu welcher Gründung Graf Eberhard riet, und vom Kirchlein auf dem Georgenberge das Kloster nun Georgenthal nannte. Und da wurde Graf Eberhard von Berg und von der Mark der erste Abt. Allein der demütige und fromme Sinn dieses Grafen litt nicht lange diesen hohen Rang; er wollte dienen, nicht herrschen, legte daher die Abtwürde zu Georgenthal in Thüringen freiwillig nieder und zog als ein büßender Pilgrim weiter. Da kam er zu dem Kloster Morimund (Morimont) in der Champagne und bat daselbst um den geringsten Dienst. Dort ließ man ihn um Knechteslohn die Schweine hüten, und dies trieb er unerkannt lange Jahre. Sein Bruder Adolf und nicht minder der Bruder seiner verstorbenen Braut trugen großes Sehnen nach dem Verlorenen, und der letztere fand ihn auf einer Pilgerfahrt, die er zum Grabe des heiligen Aegidius in Morimund machte, unversehens in seinem niedern Dienste. Da nun der Freund in Eberhard dringt, ihm zu folgen, ruft dieser aus: Ja, hin nach dem alten Berge! Und bat den Abt von Morimund, zwölf Klosterbrüder mit ihm in seine Heimat ziehen zu lassen, zog heim und wandelte Schloß Berg in ein Kloster um, das er nun, vielleicht mit aus Erinnerung an jenes thüringische Altenberge, wo er oft auf waldiger Höhe im Gebet gekniet hatte, auch Altenberge nannte. Sein Bruder Adolf trat als Mitbegründer auch in das neue Kloster, dem Eberhard vorstand, und da es mit ihm zum Sterben kam und sein Bruder weinend an seinem Lager stand, sagte er einen Tag und eine Stunde voraus, wo er Adolf wiedersehen werde, und genau zu derselben Stunde ging Adolf zum Tode ein und zum Wiedersehen in dem ewigen Leben.

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108. Der Klosteresel

108. Der Klosteresel

Als die vormaligen Grafen und nun Klostermönche Eberhard und Adolf in Altenberge gestorben waren, wurde ein Mönch, der mit von Morimund gekommen und dort schon Subprior gewesen war, zum Abt von Altenberge erwählt, der hieß Berno. Unter ihm beschloß der Konvent, das Kloster von der steilen Berghöhe, auf der es lag, herab und in das Tal zu verlegen, durch das die Dhüne ihre raschen Wellen rollt. Einige schlugen nun diese, andere jene zum neuen Aufbau geeignete Stelle vor, aber die Meinungen waren sehr verschieden und ließen sich nicht vereinigen. Da riet Abt Berno, die Brüder sollten doch den Klosteresel entscheiden lassen. Da nun die Brüder mit dieser Entscheidung vollkommen einverstanden waren, so wurde der Esel an das Tor der alten Burg geführt und von da seinem Gang überlassen. Der Langohr schritt gemachsam den Berg hinab, und die Mönche folgten ihm. Im Tale, wo der Kaibach von der Spechtshard herunterkommt, und wo damals nur Wald und Waldwiesen waren, stand der Esel still, trank einmal, schaute sich um, iahte und legte sich. An dieser Stelle nun wurde das neue Kloster erbaut. Hundert Jahre hatte es dort bestanden, da war Konrad von Hochstaden, welcher zum Kölner Dome den ersten Stein legte, auch in Altenberge, und man legte dort den Grundstein zu einer Dom- und Klosterkirche von großer Pracht und Herrlichkeit, und in ihr sind die Grabstätten und Grabdenkmäler fast aller Grafen und spätern Herzoge von Berg und Mark, bis im Jahre 1511 das altberühmte edle Geschlecht erlosch.

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10. Der Pilatus und die Herdmanndli

10. Der Pilatus und die Herdmanndli

In der ganzen Schweiz, im Berner und Luzerner Land, im Haslital und fast allenthalben gehen Sagen von Zwergen und Berggeistern, die sich vielfach ähnlich sind. Absonderlich viel Redens ist von dem hohen Berge Pilatus und den Zwergen, die sonst in seinem Geklüft wohnen, die heißen Herdmanndli. Der Pilatus, das ist der rechte und wahre Broch- oder Brockenberg der Schweiz, auf welsch Fraxmont ( mons fractus) geheißen, auf lateinisch aber mons pileatus, Hutberg, weil im Land die bekannte Rede geht:

Hat der Pilatus einen Hut,
So steht im Land das Wetter gut.

Aber es geht die Sage, daß nach Christi unseres Herrn Leiden, Tod und Auferstehung der römische Landpfleger Pilatus in dieses Land gezogen sei, oder gar, daß der Satan seinen Leichnam hergetragen, und da habe er am Berge den ungeheuerlichen See gefunden, der hat weder Zu- noch Abfluß und ist wegen der unergründlichen Tiefe schwarz und gräßlich anzusehen, ein unheimlicher Moorgrund. Lange hat die Sage gelebt, daß, wer etwas in den See werfe, alsbald ein heftiges Unwetter mit Hagel und Wolkenbrüchen errege, wie auch das Gewässer den Krienser Boden und Luzern, die Stadt, in den Jahren 1332 und 1475 in große Not gebracht, darum hat man Fremde nicht gern hinzugelassen, und das Hineinwerfen von Steinen oder Holz bei Leib- und Lebensstrafe verboten. In diesen See habe sich der römische Landpfleger gestürzt, weil sein Gewissen ihn fort und fort gepeinigt, andere sagen, der Teufel habe ihn hineingesteckt. Die Herdmanndli, die wohnten vielfach in der Pilatushöhle, die hoch oben liegt, tief und schaurig. Sie waren den Menschen gar gut und hülfreich, gar »gespäßige Lüet«, wie die Hirten sagen, sie verrichteten nachts der Menschen Arbeit; kamen vom Berg auch herunter in die Täler, schafften und ackerten redlich, und ein Herdmanndli konnte mehr verrichten als zehn Meister mit allen Knechten. Aber sehen ließen sich die Manndli wunderselten, und auch da hatten sie lange graue Kutten an, die bis auf die Erde reichten, daß man nimmer ihre Füße sah. Einem Hirten begegnete es, daß er einen reichtragenden Kirschbaum oben am Berge hatte, dem pflückten die geschäftigen Zwerglein die Kirschen ab und brachten sie zum Trocknen auf die Hürden, daß hernach gutes Kirschwasser gebrannt werden konnte, der Hirt ward aber neugierig, zumal mocht‘ er gern die Füße der Herdmanndli sehen, war her und streute Asche rings um den Baum, als die Früchte im nächsten Jahre wieder reiften. Die Herdmanndli kamen, pflückten redlich die Kirschen ab, und am Morgen sah der Hirt ihrer Füßlein Spur in der Asche. Es waren eitel kleine Gänsefüße. Der Hirte lachte und sagt‘ es freudig seinen Genossen an, daß er nun wisse, was für Füße die Herdmanndli haben. Die Zwerge aber ergrimmten, zerbrachen des Hirten Dach und Fach, versprengten seine Herde, zerknickten den Kirschbaum Ast um Ast, und ihrer keines kam jemals wieder herunter, den Menschen hülfreich zu sein. Sie blieben droben in ihrer tiefen Höhle und in ihrem Geklüft wohnen. Der Hirte aber wurde ganz tiefsinnig, schlich bleich umher und hat nicht lange gelebt.

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109. Der blühende Bischofstab

109. Der blühende Bischofstab

Aus dem Geschlechte der Grafen vom Berge und Altena stammte auch Bruno, der sechsundvierzigste Erzbischof von Köln, das war gar ein andächtiger und frommer Priester und von so großer Demut und Bescheidenheit, daß er sich lange weigerte, sein wichtiges Amt zu übernehmen. Es drückte ihn die hohe Würde, und nur drei Jahre behielt er sie, dann kam er nach Altenberge von Köln herüber, hielt noch einmal in pontificalibus in der herrlichen Kathedrale das Hochamt und trat dann als schlichter Zisterziensermönch in die Schar der Brüder des Klosters Altenberge ein. Seinen Bischofstab hing er zum Andenken hinter dem Hochaltar der Kirche auf, diente Gott in Treue und starb am Tage des heiligen Gregorius im Jahre des Herrn eintausendzweihundert. Als die Brüder früh in die Kirche kamen, die Vigilien zu singen, war sie mit Wohlgeruch erfüllt, und dem Bischofstabe waren Palmenzweige und weiße Lilien entsproßt, die also dufteten. Da erkannten alle, welch ein heiliger Mann ihr Bruder Bruno gewesen.

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110. Immenkapelle

110. Immenkapelle

Im Kloster Altenberge lebte auch ein Klosterbruder, der war des Klosters Bienenvater und schien nicht mit sonders hellem Geist begabt, viel eher am Verstande beschränkt, doch gar sinnig treu vom Herzen. Da man nun das Allerheiligste durch die Fluren trug unter Gesängen und Litaneien, der Saaten Wachstum und Gedeihen zu fördern, so dachte der Bienenvater in seiner Einfalt, wenn die heilige Hostie dem Korn und Weizen Gedeihen gebe, so könne, werde und müsse sie das auch dem Honig und Wachse, nahm heimlich eine geweihte Hostie und legte sie in das Bienenhaus in einen leeren Korb von Glas. Da schwärmten alsbald die Immen herbei und bauten um das Heiligtum von eitel Wachs ein überaus kunstvolles Sakramenthäuschen mit Türen, Kuppeln, Türmchen, Spitzbogen, Pfeilern und gar wunderzierlichem Schmuck. Darauf kamen die Tiere des Feldes und beugten sich vor dieser wunderbaren Monstranz. Da nun die Brüder solches Wunder anstaunten, bekannte der Bruder Bienenvater, was er getan, und da erhob man das Sakramenthaus der Immen und stellte es unter Absingung frommer Hymnen in der Klosterkirche auf, das Bienenhaus aber ward abgebrochen und an seine Stätte eine Kapelle gebaut, die nannte man hernach stetig die Immenkapelle. Der Klosterbruder Bienenvater aber ward von der Zeit noch stiller und in sich gekehrter und starb bald darauf.

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111. Nibelung von Hardenberg und der Zwerg Goldemar

111. Nibelung von Hardenberg und der Zwerg Goldemar

I Jülicher Lande saß ein Edler, des Namens Nibelung von Hardenberg, dem waren die Schlösser Hardenberg, Hardenstein und Rauenthal, und bei ihm wohnte ein Zwergenkönig oder Elbe, der hieß Goldemar, der war dem Nibelung von Hardenberg und nicht minder dessen schöner Schwester gar sehr zugetan, gab Ratschläge und war hülfreich in allen Sachen. Und obschon der Elb Goldemar sich nicht sehen ließ, vielmehr stets unsichtbar blieb, so ließ er sich doch deutlich wahrnehmen, er trank Wein mit dem Ritter, spielte mit ihm und seiner Schwester im Brett und selbst mit Würfeln und spielte auch die Harfe gar wundersam, daß kein Mensch auf Erden ihr solche Töne entlocken konnte. Wollte Nibelung sich überzeugen, ob wirklich der Elbe bei ihm sei, so fühlte er nach dessen Hand, und die war sehr klein, zart, weich und warm. Dieser Elb trieb es also drei Jahre lang auf Hardenbergs Schlössern und beleidigte niemand, da geschah es, daß er beleidigt wurde, denn die Hausgenossen, denen seine Anwesenheit unverborgen war, wurden von Neugierde geplagt, ihn zu sehen und doch zu erfahren, wie der Elbe aussähe. Da streuten sie heimlich Asche auf den Fußboden und Erbsen, und Goldemar der Zwerg kam, sich nichts versehend, in den Saal und trat auf die Erbsen und glitt aus und fiel, und seine Gestalt drückte sich in die Asche ab. Die war aber gestaltet wie eines sehr jungen Kindes Gestalt, und die Füße waren ungestaltet. Da kam der Elbe Goldemar nimmer wieder auf des Hardenbergs Schlösser. Er wandte sich anderswohin und entführte eine Königstochter, die hieß Hertlin. Die Mutter dieser Königstochter starb vor Leid über der Tochter Verlust, letztere aber ward durch den sieghaften Helden Dietrich von Bern, den alte Lieder feiern, befreit und von ihm geehelichet. Manche sagen, daß dieses Bern, wovon der Held Dietrich den Namen geführt, nicht das Bern in der Schweiz, auch nicht das welsche Bern, Verona, gewesen, sondern das rechte Dietrichs-Bern sei Bonn gewesen, der älteste Teil dieser Stadt habe auch Verona oder Bern geheißen, und da in dieses rheinische Land und Gefilde so viele Taten Dietrichs von Bern fallen, von denen in alten Heldenbüchern viel zu lesen, so dürfte wohl etwas Wahres an der Sache und Sage sein. Der Gezwerg Goldemar aber habe, nachdem ihm Dietrich die Beute abgedrungen, die Riesen zu Hülfe gerufen und Berge und Wälder ringsum schrecklich verwüstet. Die Stadt Elberfeld soll ihren Namen von nichts anderm tragen als von den Elben, auf deren Felde sie begründet ward.

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