117. Die Pferde aus dem Bodenloch

117. Die Pferde aus dem Bodenloch

Zu Köln nahe dem Eingange der Kirche zu den heiligen zwölf Aposteln war ein Gemälde zu schauen, das stellte eine gar absonderliche Geschichte dar. Es war ein Bürgermeister daselbst, hieß Richmuth von Andocht, dem starb sein Eheweib und ward begraben, und da man am Grabe den Sarg nochmals öffnete, wie es sonst üblich war, und über der Leiche betete, so sähe der Totengräber, daß die Frau einen großen goldnen Ring am Finger hatte, mit Edelsteinen wohl geziert. Da wurde in dem Totengräber die Gier lebendig, zur Nacht das Grab wieder zu öffnen und der Leiche den Ring zu stehlen. Aber wie er das tat, drückte die Leiche ihm die Hand zusammen, denn sie war nicht tot, sondern lebend begraben, und wollte sich aus dem Sarge helfen. Eilend entfloh voller Schreck der Totengräber, die Begrabene aber wickelte sich aus den Grabtüchern los, trat aus dem Grabe und ging auf ihr Haus zu, klopfte und befahl dem Diener, zu öffnen, sie sei es. Der Diener vermeinte ein Gespenst zu sehen und zuhören und lief eilend zu seinem Herrn, ihm die Begebenheit zu melden, und stammelte: Ach Herr! Unsere Frau – drunten vorm Hause steht sie leibhaftig und will, daß ich ihr auftue. – Du bist ein Narr, antwortete der Bürgermeister, Herr Richmuth von Andocht. Ebenso wahr könntest du sagen, meine Schimmel stünden droben auf dem Heuboden. – Kaum hatte er das Wort ausgeredet, so erhob sich von unten nach oben ein grausamer Tumult, und als der Diener nachsah, so standen schon die sechs Kutschenpferde oben, ohne die andern, die noch nachkamen. Der Bürgermeister war ganz starr vor Schreck und glaubte nun, und die Frau ward eingelassen und ihrer mit warmen Tüchern und Arzeneien wohl gepflegt, daß sie sich wieder erholte. Am andern Tage schauten zu jedermanns Verwunderung die Pferde aus den Bodenlöchern heraus, und man mußte große Gerüste und Maschinen anwenden, um sie nur wieder herunter in den Stall zu bringen. Darauf wurden einige Pferde ausgestopft, die mußten zum Andenken auch fürder oben herausschauen. Und die Frau lebte noch sieben Jahre lang und spann und webte einen schönen großen Vorhang von weißem Linnen, den sie in die Apostelkirche verehrte.

Solche Sage ist an mehr als einem Orte gangbar, unter andern auch in der vormaligen alten Reichsstadt Schweinfurt, wo die Frau des Syndikus Albert Angetraute war, die als Wöchnerin beerdigt worden, und die der Totengräber durch seine Raubsucht erweckte, doch lebte sie samt ihrem Kindlein nicht lange, und ihr Grabmal wird noch auf dem Schweinfurter Gottesacker gezeigt.

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118. Umrittener Wald

118. Umrittener Wald

Nicht gar weit von Dören, zwischen Köln und Aachen, liegt ein Dorf, das führt den Namen Arnoldsweiler, und denselben Namen führt es von einem frommen Sänger, der am Hofe Kaiser Karl des Großen lebte und sein Liebling war. Da forderte einst der große Kaiser von Arnold, seinem Sänger, derselbe möge sich einen Lohn erbitten für seine vielen und schönen Lieder, und der Sänger bat, Karl wolle ihn mit einem Stück Wald begaben, so viel, als Arnold werde umreiten können in der Zeit, wo Karl sein Mahl halte. Das ward ihm gewähret; Arnold hatte aber schon von Strecke zu Strecke, so weit ein Roß im gestreckten Lauf aushalten konnte, ausgeruhte Rosse, die seiner harrten, aufgestellt und damit eine Waldstrecke vom Bürgelwald umstellt, die ein Mann kaum in eines Tages Länge umschritten hätte. Darauf begann er, als der Kaiser sein Mittagmahl begann, sein Jagen, bezeichnete und bestreute allenden, wo er vorbeisauste, durch Schwerthiebe in die Äste seinen Weg mit grünen Brüchen von Eichen- und Buchenlaub und kam schon wieder und trat vor den Kaiser, bevor dieser noch sein Mahl beendet, dieweil er noch beim Apfelessen verweilte. Da sprach Karl: Du hast dir gewißlich ein zu kleines Stück erritten, da du so bald wiederkehrest. – Arnold aber antwortete: Mitnichten, ich umritt ein großes Stück, das ein Mann wohl kaum in Tageslänge umwandeln kann. – Da fiel auf den Sänger ein ernster Blick seines Herrn, welcher bei sich dachte, daß im Bürgelwald für Arnold die Blume der Bescheidenheit wohl nicht gewachsen sei, und der Kaiser schwieg. Da nahm aber Arnold das Wort und sprach: Du zürnest mir, mein hoher kaiserlicher Herr! Zürne nicht! Nicht für mich umritt ich deinen Bürgelwald. Sieh, alle den Dörfern von Dören bis Bredburg und von Jülich bis Bergheim gebricht es an Holz. Für sie habe ich den Wald, den du mir zu schenken angeboten, umritten. – Da freute sich Kaiser Karl über seines Sängers Biederherzigkeit und sagte ihm gern die ganze Waldstrecke zu.

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104. Rolandseck

104. Rolandseck

Es saß auf hoher Burg am Rhein hoch über dem Stromtal ein junger Rittersmann, Roland geheißen, manche sagen Roland von Angers, Neffe Karl des Großen, der liebte ein Burgfräulein, Hildegunde, die Tochter des Burggrafen Heribert, der auf dem nahen Schloß Drachenfels saß, und wurde wiederum auch von ihr geliebt. Da auch der alte Burggraf nichts gegen die Verbindung seiner Tochter mit Ritter Roland einzuwenden hatte, so verlobte er ihm seine geliebte Tochter herzlich gern. Da erscholl, noch bevor die Vermählung des Brautpaares erfolgen konnte, ein Aufgebot der Ritterschaft gegen Hunnen und Heidenscharen, die im Osten das Reich bedrohten, und dem Ritter Roland geboten Pflicht und Ehre, diesem Aufgebot zu folgen. Große Taten der Tapferkeit tat Roland gegen die Heidenschwärme, und seine tapfere Hand entschied den Kampf zugunsten des Christenheeres. Davon kam die erfreuliche Kunde bald an den Rhein und auf den Drachenfels und weckte dort große Freude. Dann aber ward wieder eine Zeitlang keine Kunde vom Ritter Roland vernommen. Endlich kam ein heimkehrender Ritter am Siebengebürge vorüber und sprach ein Nachtlager auf dem gastlichen Drachenfels an, der verkündete, ohne daß er wußte, wie schmerzlich für seine Wirte seine Kunde sei, daß Ritter Roland in einem der letzten Kämpfe an seiner Seite den Heldentod gefunden habe. Da entstand großes Leid und Wehklagen, und Hildegunde war so trauervoll, daß sie sogleich den Entschluß faßte, im Kloster Nonnenwerth den Schleier zu nehmen, und da der Bischof, der über dieses Kloster gebot, ihr Verwandter war, so willigte er in Hildegundens dringendes Verlangen, ihr das Probejahr zu erlassen, und ließ sie schon nach eines Monates Frist als Nonne einkleiden.

Am folgenden Tage stieg ein Gast zum Drachenfels empor, ward eingelassen und sah auf allen Mienen nur Trauer. Mit Schreck und Freude erkannte Ritter Heribert in dem Fremden den geliebten Ritter Roland. Wohl war dieser für tot vom Schlachtfeld getragen worden, aber wieder genesen, wohl hatte er Botschaft gesendet, aber der Bote war nicht angelangt, und nun fragte er nach seiner Hildegund und vernahm das Donnerwort: Sie ist eine Nonne!

Schrecklich war, was Roland empfand. Stumm vor Schmerz geht er vom Drachenfels herab, besteigt sein Roß, reitet nach Rolandseck hinauf, entläßt seine Diener, wählt sich droben einen Felsensitz, wo er herabschauen kann nach Nonnenwerth, und schaut herab nach der Geliebten, jeden Tag, und Mond um Mond, und Jahr um Jahr, lebt als Einsiedler und murmelt Gebete, wenn drunten im Tale die Klosterglocke klingt. Bisweilen erblickt er die Nonne Hildegund, die aus Trauer um ihn das ewig unlösbare Gelübde tat – bis er einst sie lange nicht mehr sieht, bis ein Leichenzug ihm sagt, daß sie geschieden aus dem irdischen Leben und zum ewigen Frieden eingegangen. Und bald danach ist Roland erblichen gefunden worden und ihr dahin nachgegangen, wo alle liebenden Seelen im Schoße der ewigen Liebe sich wieder einigen.

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105. Die Knappschaft im Lüderich

105. Die Knappschaft im Lüderich

Wie zum Bau des Kölner Domes der Drachenfels einen großen Teil seines Gesteins lieferte, so auch lieferte der Lüderich über Vollberg, der ein Eigentum des Domkapitels in Köln war, sein Gestein, aber ein edleres als der Drachenfels, zum großen Dombau, wie die Sage geht. Der Schoß des Lüderichs gebar unermeßliche Ausbeute seines Bergbaues, und auch früher, schon in den Heidenzeiten, daher ward auch die spätere christliche Knappschaft im Lüderich angesteckt von heidnischem Wesen und allerlei Frevel. Noch ist eine Stelle dort zu finden, welche der Heidenkeller heißt, und die Sage kündet und deutet darauf hin, daß der Bergbau im Lüderich Heidentum und Christentum wohl eine Zeitlang gegenseitig bekämpft habe, ehe es zusammenschmolz und das Christentum den völligen Sieg errang. So gottlos war die Knappschaft, daß sie die Räder an Karren und Göpeln aus holländischen Käsen machten, daß sie runde Weizenbrote den Berg hinabkollern ließen, denen etwa das Bild der heiligen Hostien aufgedrückt war, und hinterdrein riefen: Fall dich tot! Herrgott! fall dich tot!, dann Steine hinterdrein schickten und schrien: Teufel! lauf dem Herrgott nach! lauf dem Herrgott nach! – Über solche und zahllose andere Frevel erwachte endlich der rächende Zorn des Himmels. Einem frommen Hirten, der auf sonniger Trift des Lüderichs seine Schafe weidete, erklang eine Stimme aus der Höhe: Hirte, treibe weg vom Lüderich! – Den Herren des Bergbaues erschien verlockend ein Jagdtier, dem sie nacheilten, es flüchtete in die Höhle des Heidenkellers, jene folgten, und da brachen mit einem Male unter Donnerkrachen alle Schachte zusammen und erschlugen die ganze Knappschaft; die Schachte ersoffen, die Stollen wurden unfahrbar, und das Wasser, das an einer Stelle aus dem Geklüft eines verschütteten Stollens hervordrang, war rot vom Blute der Erschlagenen, und immer noch quillt es, und immer noch ist dessen Farbe rot wie Blut.

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106. Die letzte Saat

106. Die letzte Saat

Bei Mülheim, nahe dem Rhein, lag vorzeiten ein Kloster namens Dünnwald, das war in Streit geraten über hundert Morgen Ackerlandes mit einem nachbarlichen Edeln, Junker Hall von Schlebusch. Das Kloster wie der Junker sprachen dieses große Grundstück als Eigentum an, doch hatte es der Junker im Besitz, aber alle Nutzung verzehrten die Kosten des vor Gericht geführten Rechtsstreites, die Anwälte, die Fürsprecher, die Richter, die Schöffen, die Schreiber. Da bot endlich der Junker Hall von Schlebusch gütlichen Vergleich an und sprach zu den frommen Vätern des Klosters Dünnwald: Fromme Väter, ich bin des langen Haders müde, der uns beiderseits nicht frommt. Die hundert Morgen sollen fürder und künftig für alle Zeiten des Klosters Eigen sein, nur eins bedinge ich: noch einmal eine, und zwar die letzte Aussaat. Ist die zur Ernte reif und gediehen und eingebracht, so begebe ich mich jedes Anspruchs an die hundert Morgen. – Der Himmel stärke Euch, edler Junker, in solch frommem Entschluß, sprach der Abt, doch seid Ihr wohl so gnädig, dieses Versprechen uns schriftlich zu geben. – Darauf wurde ein Brief auf Pergament doppelt geschrieben und ausgefertigt, und der Junker hing sein Siegel in Wachs daran, und der Abt des Klosters das seine, und das große Konventsiegel kam auch noch hinzu, und das des Priors, und noch zwölf Siegel erbetener ritterlicher Zeugen, und war ein sehr schöner Brief, diese Schenkungsurkunde auf ewige Zeiten nach der Ernte der letzten Aussaat, die noch des Junkers sein sollte. Junker Hall von Schlebusch ließ nun seinen Acker bestellen und die hundert Morgen besäen, das geschah im Herbst, und im Frühjahr ging die Saat auf, wollte aber gar nicht recht in die Höhe schießen wie andere Saat. Da nun das Fest der Hagelfeier kam, wo man mit Prozessionen und Fahnen die Felder umgeht und für sie betet, da sahen die Mönche nach der Saat auf dem künftigen Klostererbe – aber was sahen sie? – Eine Saat von Eicheln. – Betrug! Betrug! schrien Abt und Prior und Konvent – aber es half nichts, denn im Briefe stand: vnde bewilligen ihme deme edeln junkherrn Hall vom Sleehenbosche die letzte Vssaat sinder widerrede unde sinder alle geferde. deßez czo gezügen han wir erbeten etc. Lange noch freute Junker Hall von Schlebusch sich seines schönen herrlich gedeihenden jungen Eichenwaldes, er jagte noch Hasen und Hühner darin – die Bäume wuchsen, und Abt und Prior und der ganze damalige Konvent gingen einer nach dem andern zur ewigen Ruhe der Saat, von Gott gesäet – und immer noch wuchsen die Eichen, und im Archive der schöne Brief wurde grau, und die Siegel wurden voll Staub, und es dachte niemand mehr an ihn – und immer noch wuchsen die Eichen, und das Kloster versank in Schutt und Trümmer, und das neue Geschlecht, das gekommen war, konnte die Schrift des alten Briefes nicht mehr lesen.

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107. Der Alte-Berg

107. Der Alte-Berg

Hoch und herrlich stand, landbeherrschend, das stolze Grafenschloß Berg überm Tal der Dhüne und gab der ganzen Grafschaft Berg den Namen, die hinter Jülich und Cleve in so vielen Titeln deutscher Fürstenhäuser unsterblich fortgeführt wird. An der Wupper wohnte ein Vogt, Eberhard, aus dem Hause Teißerbant, der hatte einen lieben Bruder, Adolf mit Namen, beide besaßen die Schlösser Berg und Altena. Adolf vermählte sich, und Eberhard minnte ein schönes Fräulein auf Burg Odinthal, aber dieses starb in seiner Jugendblüte. Graf Eberhard von Berg suchte seinen tiefen Schmerz durch Waffenlärm zu übertäuben, und da der Herzog Gottfried von Brabant dem Ritter von Limburg und den Grafen von Berg Fehde bot, so führte Eberhard die Scharen an und erfocht einen vollständigen Sieg, ward aber verwundet und kam von den Seinen hinweg, die ihn tot glauben mußten. Graf Eberhard trat eine große Wallfahrt gen Rom an, wie auch gen Compostell, dann kam er auf seinem Pilgergange nach Thüringen zum Schlosse Käfernburg, wo ein Verwandter von ihm namens Sizzo, nach andern Sieghard, wohnte. Dieser Sizzo war es, welcher unter der St. Johanniskirche auf dem Altenberge, wo der heilige Bonifazius den Thüringern zuerst das Evangelium predigte, noch eine Kirche in des heiligen Georgs Ehre erbaute, hernach im Tale das Kloster Asolverod gründete, zu welcher Gründung Graf Eberhard riet, und vom Kirchlein auf dem Georgenberge das Kloster nun Georgenthal nannte. Und da wurde Graf Eberhard von Berg und von der Mark der erste Abt. Allein der demütige und fromme Sinn dieses Grafen litt nicht lange diesen hohen Rang; er wollte dienen, nicht herrschen, legte daher die Abtwürde zu Georgenthal in Thüringen freiwillig nieder und zog als ein büßender Pilgrim weiter. Da kam er zu dem Kloster Morimund (Morimont) in der Champagne und bat daselbst um den geringsten Dienst. Dort ließ man ihn um Knechteslohn die Schweine hüten, und dies trieb er unerkannt lange Jahre. Sein Bruder Adolf und nicht minder der Bruder seiner verstorbenen Braut trugen großes Sehnen nach dem Verlorenen, und der letztere fand ihn auf einer Pilgerfahrt, die er zum Grabe des heiligen Aegidius in Morimund machte, unversehens in seinem niedern Dienste. Da nun der Freund in Eberhard dringt, ihm zu folgen, ruft dieser aus: Ja, hin nach dem alten Berge! Und bat den Abt von Morimund, zwölf Klosterbrüder mit ihm in seine Heimat ziehen zu lassen, zog heim und wandelte Schloß Berg in ein Kloster um, das er nun, vielleicht mit aus Erinnerung an jenes thüringische Altenberge, wo er oft auf waldiger Höhe im Gebet gekniet hatte, auch Altenberge nannte. Sein Bruder Adolf trat als Mitbegründer auch in das neue Kloster, dem Eberhard vorstand, und da es mit ihm zum Sterben kam und sein Bruder weinend an seinem Lager stand, sagte er einen Tag und eine Stunde voraus, wo er Adolf wiedersehen werde, und genau zu derselben Stunde ging Adolf zum Tode ein und zum Wiedersehen in dem ewigen Leben.

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108. Der Klosteresel

108. Der Klosteresel

Als die vormaligen Grafen und nun Klostermönche Eberhard und Adolf in Altenberge gestorben waren, wurde ein Mönch, der mit von Morimund gekommen und dort schon Subprior gewesen war, zum Abt von Altenberge erwählt, der hieß Berno. Unter ihm beschloß der Konvent, das Kloster von der steilen Berghöhe, auf der es lag, herab und in das Tal zu verlegen, durch das die Dhüne ihre raschen Wellen rollt. Einige schlugen nun diese, andere jene zum neuen Aufbau geeignete Stelle vor, aber die Meinungen waren sehr verschieden und ließen sich nicht vereinigen. Da riet Abt Berno, die Brüder sollten doch den Klosteresel entscheiden lassen. Da nun die Brüder mit dieser Entscheidung vollkommen einverstanden waren, so wurde der Esel an das Tor der alten Burg geführt und von da seinem Gang überlassen. Der Langohr schritt gemachsam den Berg hinab, und die Mönche folgten ihm. Im Tale, wo der Kaibach von der Spechtshard herunterkommt, und wo damals nur Wald und Waldwiesen waren, stand der Esel still, trank einmal, schaute sich um, iahte und legte sich. An dieser Stelle nun wurde das neue Kloster erbaut. Hundert Jahre hatte es dort bestanden, da war Konrad von Hochstaden, welcher zum Kölner Dome den ersten Stein legte, auch in Altenberge, und man legte dort den Grundstein zu einer Dom- und Klosterkirche von großer Pracht und Herrlichkeit, und in ihr sind die Grabstätten und Grabdenkmäler fast aller Grafen und spätern Herzoge von Berg und Mark, bis im Jahre 1511 das altberühmte edle Geschlecht erlosch.

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10. Der Pilatus und die Herdmanndli

10. Der Pilatus und die Herdmanndli

In der ganzen Schweiz, im Berner und Luzerner Land, im Haslital und fast allenthalben gehen Sagen von Zwergen und Berggeistern, die sich vielfach ähnlich sind. Absonderlich viel Redens ist von dem hohen Berge Pilatus und den Zwergen, die sonst in seinem Geklüft wohnen, die heißen Herdmanndli. Der Pilatus, das ist der rechte und wahre Broch- oder Brockenberg der Schweiz, auf welsch Fraxmont ( mons fractus) geheißen, auf lateinisch aber mons pileatus, Hutberg, weil im Land die bekannte Rede geht:

Hat der Pilatus einen Hut,
So steht im Land das Wetter gut.

Aber es geht die Sage, daß nach Christi unseres Herrn Leiden, Tod und Auferstehung der römische Landpfleger Pilatus in dieses Land gezogen sei, oder gar, daß der Satan seinen Leichnam hergetragen, und da habe er am Berge den ungeheuerlichen See gefunden, der hat weder Zu- noch Abfluß und ist wegen der unergründlichen Tiefe schwarz und gräßlich anzusehen, ein unheimlicher Moorgrund. Lange hat die Sage gelebt, daß, wer etwas in den See werfe, alsbald ein heftiges Unwetter mit Hagel und Wolkenbrüchen errege, wie auch das Gewässer den Krienser Boden und Luzern, die Stadt, in den Jahren 1332 und 1475 in große Not gebracht, darum hat man Fremde nicht gern hinzugelassen, und das Hineinwerfen von Steinen oder Holz bei Leib- und Lebensstrafe verboten. In diesen See habe sich der römische Landpfleger gestürzt, weil sein Gewissen ihn fort und fort gepeinigt, andere sagen, der Teufel habe ihn hineingesteckt. Die Herdmanndli, die wohnten vielfach in der Pilatushöhle, die hoch oben liegt, tief und schaurig. Sie waren den Menschen gar gut und hülfreich, gar »gespäßige Lüet«, wie die Hirten sagen, sie verrichteten nachts der Menschen Arbeit; kamen vom Berg auch herunter in die Täler, schafften und ackerten redlich, und ein Herdmanndli konnte mehr verrichten als zehn Meister mit allen Knechten. Aber sehen ließen sich die Manndli wunderselten, und auch da hatten sie lange graue Kutten an, die bis auf die Erde reichten, daß man nimmer ihre Füße sah. Einem Hirten begegnete es, daß er einen reichtragenden Kirschbaum oben am Berge hatte, dem pflückten die geschäftigen Zwerglein die Kirschen ab und brachten sie zum Trocknen auf die Hürden, daß hernach gutes Kirschwasser gebrannt werden konnte, der Hirt ward aber neugierig, zumal mocht‘ er gern die Füße der Herdmanndli sehen, war her und streute Asche rings um den Baum, als die Früchte im nächsten Jahre wieder reiften. Die Herdmanndli kamen, pflückten redlich die Kirschen ab, und am Morgen sah der Hirt ihrer Füßlein Spur in der Asche. Es waren eitel kleine Gänsefüße. Der Hirte lachte und sagt‘ es freudig seinen Genossen an, daß er nun wisse, was für Füße die Herdmanndli haben. Die Zwerge aber ergrimmten, zerbrachen des Hirten Dach und Fach, versprengten seine Herde, zerknickten den Kirschbaum Ast um Ast, und ihrer keines kam jemals wieder herunter, den Menschen hülfreich zu sein. Sie blieben droben in ihrer tiefen Höhle und in ihrem Geklüft wohnen. Der Hirte aber wurde ganz tiefsinnig, schlich bleich umher und hat nicht lange gelebt.

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109. Der blühende Bischofstab

109. Der blühende Bischofstab

Aus dem Geschlechte der Grafen vom Berge und Altena stammte auch Bruno, der sechsundvierzigste Erzbischof von Köln, das war gar ein andächtiger und frommer Priester und von so großer Demut und Bescheidenheit, daß er sich lange weigerte, sein wichtiges Amt zu übernehmen. Es drückte ihn die hohe Würde, und nur drei Jahre behielt er sie, dann kam er nach Altenberge von Köln herüber, hielt noch einmal in pontificalibus in der herrlichen Kathedrale das Hochamt und trat dann als schlichter Zisterziensermönch in die Schar der Brüder des Klosters Altenberge ein. Seinen Bischofstab hing er zum Andenken hinter dem Hochaltar der Kirche auf, diente Gott in Treue und starb am Tage des heiligen Gregorius im Jahre des Herrn eintausendzweihundert. Als die Brüder früh in die Kirche kamen, die Vigilien zu singen, war sie mit Wohlgeruch erfüllt, und dem Bischofstabe waren Palmenzweige und weiße Lilien entsproßt, die also dufteten. Da erkannten alle, welch ein heiliger Mann ihr Bruder Bruno gewesen.

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110. Immenkapelle

110. Immenkapelle

Im Kloster Altenberge lebte auch ein Klosterbruder, der war des Klosters Bienenvater und schien nicht mit sonders hellem Geist begabt, viel eher am Verstande beschränkt, doch gar sinnig treu vom Herzen. Da man nun das Allerheiligste durch die Fluren trug unter Gesängen und Litaneien, der Saaten Wachstum und Gedeihen zu fördern, so dachte der Bienenvater in seiner Einfalt, wenn die heilige Hostie dem Korn und Weizen Gedeihen gebe, so könne, werde und müsse sie das auch dem Honig und Wachse, nahm heimlich eine geweihte Hostie und legte sie in das Bienenhaus in einen leeren Korb von Glas. Da schwärmten alsbald die Immen herbei und bauten um das Heiligtum von eitel Wachs ein überaus kunstvolles Sakramenthäuschen mit Türen, Kuppeln, Türmchen, Spitzbogen, Pfeilern und gar wunderzierlichem Schmuck. Darauf kamen die Tiere des Feldes und beugten sich vor dieser wunderbaren Monstranz. Da nun die Brüder solches Wunder anstaunten, bekannte der Bruder Bienenvater, was er getan, und da erhob man das Sakramenthaus der Immen und stellte es unter Absingung frommer Hymnen in der Klosterkirche auf, das Bienenhaus aber ward abgebrochen und an seine Stätte eine Kapelle gebaut, die nannte man hernach stetig die Immenkapelle. Der Klosterbruder Bienenvater aber ward von der Zeit noch stiller und in sich gekehrter und starb bald darauf.

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