479. Der Wittgenstein

479. Der Wittgenstein

Im Talgrund des Ruhlawassers zwischen den Dörfern Schönau und Farrenrode hängt eine Felswand, die heißt der Wittgenstein. Darauf stand vorzeiten ein Schloß, und darin lebte eine Prinzessin, und die wohnt jetzt im Wittgenstein. Alle sieben Jahre einmal tritt sie heraus aus dem Felsen; wer sie erblickt und nicht erschrickt und vor ihr sich fürchtet, dem gibt sie wohl eine gute Gabe, wer aber vor ihr flieht, hat Schlimmes zu gewärtigen. Rühler Choradjuvanten, die nachts am Wittgenstein vorüberzogen und ihr das Neujahr ansangen, fanden mitten im Schnee einen Haufen Knochen, aber nur einer von ihnen nahm ein paar davon, in Willens, sich ein paar Messerschalen davon zu machen, denn in Ruhla wohnen neben den Tabakskopf- und Pfeifenfabrikanten Messermacher in großer Zahl. Andern Tages fand er in seiner Tasche zwei dicke Goldstangen. Als er das seinen Gefährten erzählte, rannten sie alle wie besessen nach dem Wittgenstein – aber da lag nur der Schnee und von Knochen kein Splitter mehr da. Jener Glückliche wurde reich durch das Gold. Andere – Musikanten – empfingen grüne Zweige, die sie wegwarfen. Nur einer steckte den Zweig auf seinen Hut, der wurde zu Gold, und nun kam derselbige Mann erst recht auf einen grünen Zweig. Der Farrenröder Hirte fand bei seiner Herde oft eine schöne fremde Kuh, wußte nicht, woher sie kam, noch wohin sie ging. Früh war sie da, abends war sie hinweg. Endlich ging er ihr nach, und siehe, sie verschwand unter Erlen und Weidengebüsch und ging in eine Kluft des Wittgenstein. Der Hirte ging ihr nach und auch hinein, da kam er an eine Türe und klopfte an. Gleich stand die Jungfrau da und fragte: Was willst du? –

Ich wollte um das Hutgeld gebeten haben für die Kuh, die Ihr alle Tage zur Herde schickt, antwortete kecklich der Hirte. Darauf hat ihm die Prinzessin einen alten Silbertaler gereicht und gesprochen: So – habe deinen Lohn dahin! Hättest du ihn nicht geheischt, wäre er dir reichlicher zuteil geworden. – Die schöne Kuh kam nie wieder heraus und auf des Hirten Weide.

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480. Das Löttöpfchen

480. Das Löttöpfchen

In das Tal, darinne der Wittgenstein liegt, blickt ein niederer grauer Turm herab, der ist der Überrest des ehemaligen Schlosses Scharfenberg und heißt bei den Umwohnern wegen seiner Form das Löttöpfchen. Es spukt dort, manchmal walzt ein brennendes Faß vom Berge nieder, und am Bergesfuße, nahe beim Dorfe Thal, ist auch eine verrufene Stelle. Ein Stein steht dort, auf dem sind zwei Messer eingegraben. Dort haben zwei Brüder einander erstochen. Zur Zeit Landgraf Friedrich des Ernsten, welcher der Sohn Friedrich des Gebissenen war, ging es um den Scharfenberg bunt und noch mehr blutig her. Der Landgraf fehdete mit dem Grafen von Henneberg, die hatten Scharfenberg besetzt und plagten das Thüringer Land nach Eisenach und bis Gotha hinein: sein Gegner aber hatte Salzungen und die Herrschaften Frankenstein und Altenstein an sich gebracht und plagte das Henneberger Land im Werratal und nach Buchen zu; nun verband sich der Landgraf mit den Erfurtern, nahm viel Volk aus den thüringischen Städten und schloß den Scharfenberg ein. Der Graf von Henneberg aber fuhr mit einem großen Heer aus Franken über den Wald daher und schlug mit seinem Volk greulich auf die Thüringer los. Dem Landgrafen ging es hart an den Kragen, er wäre unfehlbar selbst erschlagen worden, denn es blieb viel Volks, wenn er nicht als ein gemeiner Wappner ohne Auszeichnung und Helmkleinod geritten wäre und nicht ein gewaltig tapferer Bürger, Hans von Frymar genannt (Friemar ist ein gothaisches Dorf), der hager und starkknochig war, auch ein solches Pferd ritt, ihm stets zur Seite geblieben wäre und mit der Wucht seiner Streitaxt jeden niedergeschmettert hätte, der dem Landgrafen feindlich zu nahe kam. Der Landgraf aber mußte dennoch endlich mit großem Verlust das Feld räumen, und die Besatzung des Scharfenberges ließ freudig vom Löttöpfchen die Siegesfahne hoch über die grünen Wälder wehen.

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481. Das Backofenloch

481. Das Backofenloch

In der Gegend der Burgruine Scharfenberg hebt sich ein hoher Berg empor, der heißt der Wartberg oder auch Martberg; das ist gar ein eigentümlicher sagenumklungner Hochgipfel, von dem sein Nachbar, der Hörseelenberg, sich wunderkräftig ausnimmt. Da ist, recht dem Hörseelenloche gegenüber, auch eine Höhle, die heißt das Backofenloch, darinnen hat viel Goldsand gelegen, den die Venetianer hinweggetragen haben, und sonst sind noch um den Berg her viele alte versetzte Schachte und Stollen, denn da steckt noch edlen Metalles genug, wer es zu finden versteht. Da blühen am Trinitatissonntage, am Sommersonnenwendetag und am Johannistag die Wunderblumen, da öffnet ihrem Finder sich die Unterwelt und ist bereit, ihn reich zu machen ohne Verlust an seiner Seele. Vielen schon ist das geglückt. Das Backofenloch, das kann jeder finden und kann auch hineinkriechen, so tief er mag, aber Gold findet er nicht darin. Der alte Oberförster König hat das Folgende nicht nur erzählt, sondern es ist auch von ihm in das Ruhlaer Forstarchiv eingetragen worden. Als junger Bursche und Jägerlehrling beging König häufig das ausgedehnte Ruhlaer Forstrevier. Einmal auf dem Heimwege begegnet ihm ein fremder Mann und fragt nach dem Backofenloch. König geleitet den Fremden, der ein Venetianer war, zu der gewünschten Stelle, dieser kriecht in das Loch, holt einen Sack voll des gelbgrauen Sandes, der darin befindlich ist, und gibt dann seinem Führer ein in Papier befindliches Pulver, indem er ihm sagt: In dieser Berghöhle liegen große Schätze. Suche nur darin nach braunen und schwarzen Körnern, wirf sie dann in einen Schmelztiegel und setze etwas von diesem Pulver dazu. Damit ging der Fremde von König hinweg; der aber, als ein junger Bursche, achtete nicht sonderlich dieser Rede, noch des Pulvers, sondern steckte es ein und warf es daheim in seine Lade. Jahre vergingen, und er dachte gar nicht mehr daran. Da traf er eines Tags abermals einen Walen im Revier, der nach dem Backofenloch fragte. Auch diesen geleitete König hin, und auch dieser sprach wieder vom Reichtum der Höhle und erwähnte der schwarzen braunen Körner. Dadurch aufs neue aufmerksam gemacht, gedachte König doch einen Versuch zu machen, ging in die Höhle, suchte und fand auch von den beschriebenen Körnern, nahm sie mit und suchte daheim das Pulver. Nach langem Suchen fand er das Papier, das war aber mürb und zerrieben und das Pulver größtenteils herausgefallen, so daß nur noch ein kleiner Rest vorhanden war. Dies nahm er, warf’s mit den Körnern in einen Tiegel, glühte ihn und schmolz ein großes Goldkorn. Später habe er nur mit Mühe einige Körner gefunden und auch in diesen, ohne das Pulver, ein winzig Körnlein Gold gefunden.

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482. Das Geißbeinsloch

482. Das Geißbeinsloch

In des Backofenlochs Nähe am großen Wartberge ist auch das von den Venetianern versetzte (verzauberte) Geißbeinsloch, voller Schätze, doch nimmer zu finden. Es ist mit dem Hinterbein einer Geiß versetzt und unsichtbar gemacht, deswegen heißt es das Geißbeinsloch. Nur alle vier Jahre ist es an zweien Tagen offen, das ist der Walpurgistag und der Johannistag, da kann hineingehen, wer es sieht. Noch in neuerer Zeit hat der Oberförster König das Loch bei einem Jagen offen gesehen und den Erzstock darin funkeln sehen, von dem ein Zentner dreißig Pfund Gold und fünfundvierzig Pfund Silber ausgibt. Der Oberförster war ganz allein, verwunderte sich, so plötzlich einen Höhleneingang an einem Ort zu finden, über den er, der das ganze Revier kannte wie seinen Handschuh, schon unzählige Male gegangen war, rief daher seinen Kreisern und ging, da sie ihn nicht hörten, ein Stück Weges zurück, bis sie zu ihm stießen, da er ihnen nun geschwind seine Entdeckung zeigen wollte. Aber da war das Glück im Geißbeinsloch selbst auf die Hinterbeine getreten, und Fels und Höhle waren verschwunden wie ein Nebelbild.

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483. Schlangensuppe

483. Schlangensuppe

Am Wartberg entspringt auch ein Brunnen, der heißt der Silberborn, an dem rastete an einem goldnen Sonntag (Trinitatissonntag) der Hirte von Schmerbach, da sah er aus dem Walde heraus einen Mann mit allerlei Gerät und in fremdländischer Tracht auf die maigrüne sonnige Bergestrift treten und sah auch gleich an einem Felsen nahebei eine früher nie daran wahrgenommene Öffnung. Der fremde Mann grüßte den Hirten, packte seinen Kram ab, winkte den Hirten zu sich und bat ihn, ihm behülflich zu sein, es solle sein Schade nicht sein, hieß ihn ein Feuerchen anmachen und schnitt sich von einem Haselnußstrauch eine Gabelgerte ab. Dann breitete er ein Tuch auf den Rasenteppich, zog drei Kreise mit einem weißen Stabe, den er in der Hand trug, und langte ein Pfeifchen hervor, darauf pfiff er in seltsamer Weise. Da kamen Schlangen und Würme in großer Zahl aus den Felsenklüften und Büschen und endlich auch ein großer Lindwurm, der setzte sich gerade vor den Beschwörer hin und riß den Rachen auf, und alle andern zischten greulich und ringelten sich in einem weg, und der Venetianer, denn ein solcher war der Schlangenbeschwörer, zitterte. Endlich erschien auf einer hohen Ulme eine ganz silberweiße Schlange mit einer goldnen Krone, die schlängelte sich von ihrem Baume herab, kroch über die Trift und auf das Tuch, da sprang der Beschwörer schnell hinzu, schlug das Tuch zusammen, nahm die Krone und barg sie und tötete den Lindwurm, den er festspießte, dann pfiff er wieder, und die Schlangen krochen von dannen. Die gefangene Otterkönigin tötete hierauf der Venetianer, zerstückte und kochte davon in seinem Kesselchen eine kräftige Suppe, dann setzte er sich hin, gemütlich seine Schlangenmahlzeit zu halten, zu der er den Hirten gastlich einlud. Dieser weigerte sich beharrlich, bis er sich endlich zureden ließ, mit vieler Überwindung einen Löffel voll zu genießen, doch als es nun ging wie bei jenem Kinde auf dem Thüringer Walde, zu dem der Hausunk kam und mit von seiner Milchsuppe aß, aber nur die Milch, und das Kind zu ihm sagte: Eß nett nu Nü, eß a Nocke! (Iß nicht nur Brühe, iß auch Brocken), und der Venetianer dem Hirten auch zuredete, von den Schlangenbrocken zu essen, da verweigerte das der Hirte durchaus. Gleichwohl wurden ihm schon von der guten Suppe, die viele Schlangenfettaugen hatte, die eignen Augen hell; er sah alles rings im überirdischen Glänze und in der Berghöhle, die sich aufgetan, alles voll Gold und Silber, das ist auch das Geißbeinsloch gewesen. Beide gingen nun und nahmen davon, und dann verschwand alles, wie hinweggeblasen. Hättest du von der Schlange selbst gegessen, sagte, als er fortging, der Venetianer, so hättest du immerfort die Höhle offen gesehen und immer wieder hineingehen und holen können, so aber nicht. Lebe wohl und besuche mich einmal in Venedig. Hier hast du ein Wünschtüchlein, das bindest du dir um den Kopf. Da hat sich hernach der Hirte bald da, bald dorthin gewünscht, und einmal auch nach Venedig; da kam er in einen Marmorpalast, vor welchem eine Wache stand, und da fand er in einem reichen Nobile seinen Schlangensuppenkoch wieder, der ihn gastlich empfing und herrlich beschenkte.

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484. Die Reifsteigshalde

484. Die Reifsteigshalde

Über dem Marktflecken Ruhla liegt am Reifsteig eine große Waldwiese, die Reifsteigshalde. Diese kann man an gewissen Tagen nicht finden. So ging es dem alten Oberförster König in der Ruhl, der noch in aller Andenken lebt. Eines Tages im Spätherbst ging derselbe am Reifsteig hin, um ein feistes Stück Wild bei einer auf der Reifsteigshalde angelegten Salzlecke zu schießen. Im Walde war ein Schneisengang befindlich, und wenn man diesem folgte, konnte man nicht fehlen. Oben ging dann der Weg über eine Wiese hinweg, die man mußte rechts liegen lassen, dann wieder in das Holz hinein. Früh neun Uhr ging Oberförster König in Ruhl aus, ging anfangs in Gedanken, stand plötzlich mitten im Bergwald, glaubt zu weit links gegangen zu sein, geht zurück bis nahe an die Halde, sieht sie nicht, verirrt sich wieder zu weit rechts, geht noch mehr zurück, achtet auf die Schneis, kommt aber immer nicht zum Salz, und ob er gleich der kundigste Berggänger seines Wohnortes und diesen Weg mehr denn als fünfhundertmal gegangen, so ist er doch von früh neun Uhr bis nachmittags um drei Uhr im Walde umhergeirrt und diesen Tag doch nicht zum Salz gekommen. Am andern Tag hat er es, wie er oft selbst erzählt hat, ohne einen Schritt irre zu gehen gefunden.

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485. Wo der Hund begraben liegt

485. Wo der Hund begraben liegt

In Winterstein liegt der Hund begraben; das ist ein Dorf hart am Fuße des Inselberges, durch den fließt die Emse, da haben früher auch viele Bergleute gewohnt, und die Herren von Wangenheim haben ein Bergschloß gehabt, das ist jetzt eine Trümmer, es sind aber noch drei wangenheimische Schlösser allda. Einer dieser Herren war, wie fast alle seine Vorfahren und Nachkommen, Jägermeister eines Herzogs von Gotha, der hatte einen sehr gescheiten und treuen Hund, des Name war Stutzel, und als der Herr von Wangenheim gestorben war, hatte seine Witwe den Hund noch lange. Stutzel war so geschickt und klug, daß er mit Briefen, die man an sein Halsband befestigte, ganz allein nach Gotha auf den Friedenstein und zur Herrschaft ging und wieder mit Briefen zurück, so daß sich der gothaische Bote den Weg über Winterstein fast ersparen konnte. Die Witwe war nun dem Stutzel über alle Maßen gut, und da er endlich den Zoll der Natur bezahlte, da ließ sie ihn in einen Sarg legen und weinte schmerzlich und wollte haben, daß auch die Dienerschaft weinen sollte. Die tat’s der Herrin und dem Stutzel auch zulieb und heulte und schrie aus Leibeskräften um den gar guten Hund, bis auf eine alte Köchin, die weinte, wie die Jette Thok in der Nordlandsmythe um Baldur, mit trocknen Augen – darob zürnte die Herrin und gab ihr auch kein Trauerkleid, wie das übrige Gesinde empfangen. Da sie aber in die Küche kam, wo die Köchin Zwiebeln schnitt, davon ihr die Augen tränten, so sprach sie schmerzvoll: Nicht wahr, nun weinst du doch noch um den guten Stutzel? Sollst nun auch ein Trauerkleid haben! Die alte Köchin lächelte durch die Tränen und sagte nicht nein. – Nun wollte die Frau von Wangenheim, Stutzel solle feierlich beerdigt werden, und zwar nirgend anders hin als auf den Gottesacker; da kam der Pfarrer aufs Schloß und sagte: Gnädige Frau, dieses gehet nicht an. Der Gottesacker ist für Christenleute und nicht für einen Hund. Nicht einmal einen Juden dürfte ich auf selbigem begraben lassen. – So! sagte die Frau Jägermeisterin von Wangenheim Witwe, gehet es nicht an? Das tut mir leid. Der selige Stutzel war gar kein Hund, er hatte Menschenverstand, hat auch sogar ein Testament gemacht und darin Seiner Kirche einhundert Taler vermacht und Ihme selbsten fünfzig Taler, notabene, wenn ihm ein Plätzchen auf dem Kirchhof würde, außer dem aber nichts. – Das ist freilich ein ander Ding, gnädige Frau, die Kirche ist sehr arm, sagte darauf der Pfarrer, ei der gute fromme Stutzel! Wer weiß, ob nicht in ihm ein lieber Mensch verzaubert war, da er so vielen Menschenverstand gehabt. Nun – ich denke – ein Eckchen im Kirchhof – Ihro Gnaden mich dienstwilligst zu erzeigen. – Wurde darauf ein feierliches Leichenbegängnis veranstaltet und mußten Knechte und Mägde, so alle in Trauer gekleidet, hinter dem Hundesarg hergehen. Aber das wurmte die Gemeinde und kam herum in der Gegend, und wo sich ein Wintersteiner sehen ließ, lachten die Leute und spotteten, wie ohnehin die Thüringer gern spotten: Na, bei euch zu Winterstein leigt ja der Hund uff’m Kerfich (Kirchhof) begraben! – und kam vor die gnädige Landesherrschaft, wurde selbige darob sehr ungnädig, kam eine Kommission vom herzoglichen Consistorio zu Gotha, wurde der Pfarrer amtlich vernommen. Sagte, er hätte es um des armen Kirchleins willen zugelassen, half ihm aber sotane Ausrede gar nichts; Pfarrer wurde abgesetzt, und Stutzet wurde ausgegraben, ob die Frau von Wangenheim aber das Geld zurückerhalten hat, ist sehr zu bezweifeln; ein Herr von Wangenheim, der dieses selbst erzählt hat, wußte davon nichts. Nun ließ die Frau Jägermeistern von Wangenheim Witwe den Stutzel zum zweiten Male beisetzen, und zwar im Garten, und ließ ihm einen Stein zum Denkmal setzen, darauf der unvergeßliche Stutzel abgebildet war, wie er leibte und lebte, und eine schöne Grabschrift war darauf zu lesen, die Stutzels Tugenden der Unsterblichkeit überlieferte. Und noch immer geht das Sprüchwort: In Winterstein – da liegt der Hund begraben.

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473. Die verfluchte Jungfer

473. Die verfluchte Jungfer

Nahe der Wartburg ist eine Felsenhöhle, die wird allgemein das verfluchte Jungfernloch geheißen, und geht von ihr manche Sage. Es war eine Jungfrau zu Eisenach von übergroßer Schönheit, die hatte goldgelbes langes Haar wie Seide, wie die alten Maler so gern es malten, und auf selbiges Haar wie auf ihre Schönheit war die Maid überaus eitel und wußte wenig anderes zu tun, als sich zu strählen und zu putzen und im Spiegel zu besehen und sich zu freuen, was sie doch für ein prächtiges, liebholdes Frauenbild sei, darüber vergaß sie aber aller Frömmigkeit und Gottesfurcht, und ging ihr gerade umgekehrt wie jener Maid zu Bartenstein, die nicht in die Messe wollte, weil sie zu geringe Kleider hatte und deshalb von ihrer Mutter zu Stein verwünscht wurde. Diese Eisenacher Jungfrau ging nicht in die Kirche, weil sie zu viele und zu schöne Gewände hatte und mit ihrem Putz darob niemals fertig wurde, und da hat ihre Mutter sie auch – nicht zu Stein – sondern mit all ihrer Pracht, mit Hab und Gut in das alte Steinloch hinein verflucht und verwunschen. Alle sieben Jahre einmal erscheint die also verfluchte Jungfrau dort, da sitzt sie und weint, und seidne Kleider umwallen sie, und darüber fließt ihr goldnes Haar, das kämmt sie mit goldnem Kamme, wie die Lurlei am Rheinstrom. Vor der Höhle ist ein Platz, da wächst nimmermehr Gras, weil das der Platz ist, wo sie sitzt, und es ist dort nicht geheuer. Manchmal ist ein rotes Hündlein bei ihr erblickt worden. Einem Schäfer sind die Schafe dort geschreckt worden, daß die ganze Herde auseinanderlief und vierundzwanzig Stück von den Felsklippen herunterfielen. Einer Hirtenfrau, die ihrem Manne Essen brachte, ward die Jungfrau sichtbar und bat sie, ihr das Haar zu strählen, das tat die Frau und pries die Jungfrau ob ihrer Schönheit und rühmte sich, daß auch sie sehr schön gewesen sei, und sang dazu gar artlich:

Ja dieweil ech noch jungk woar,
da ech en zoartes, nettes, schienes Fräuchen woar,
hatt‘ mech jiedermoann liep!

und da wollte die Jungfrau der guten Frau recht reichlich lohnen, führte sie in die Höhle und ließ ihr von ihrem Schatze nehmen, so viel sie wollte. Aber als das Hirtenfrauchen sich wandte, fortzugehen, da sah sie einen großen Hund und erschrak und ließ alles fallen und rief: Ach Herr Jehchen! Bießt hä dann? – da verschwand Schatz und Jungfrau und Hund und alles. Ei du verflucht’ges Jungfernloch! rief die Frau und entrann. Hernachmals hatte sich dieser selben Frauen Kind dort herum im Walde verirrt, acht Tage lang wurde es vermißt und nicht aufgefunden. Endlich fand es der Vater im Waldesdickicht munter und wohlauf, und als es befragt ward, wie es sich denn diese lange Zeit über erhalten, da sagte es: Eine schöne Jungfer ist kommen, die hat mir zu essen und trinken geben und hat mich zudeckt. – Ein Fuhrmann, der des Weges fuhr, hörte droben an der Felskluft laut niesen. Er rief hinauf: Gott helf! – Es nieste wieder – Gott helf! – noch einmal – Gott helf! – und so eilfmal hintereinander, und der gute Fuhrmann rief jedesmal: Gott helf! – Da es aber den zwölften Nieser tat, so hatte er es satt, Gott helf! zu sagen, tat einen Knaller mit der Peitsche, daß der Schall von allen Felsen im Marientale zurückprallte, und rief hinauf: Alle Tausendschockschwerenot! Wenn dir Gott nicht hilft, so helfe dir der Teufel! – Da gellte droben ein lauter schmerzlicher Aufschrei einer weiblichen Stimme. Das war die verfluchte Jungfer. Hätte der Fuhrmann nur noch einmal Gott helf! gerufen, so wäre sie erlöst gewesen.

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474. Vom Inselberg

474. Vom Inselberg

Einer der höchsten Berge des Thüringer Waldes ist der Inselberg. Vor alters schrieben manche seinen Namen Heunselberg und wollten ihn von den Heunen, Hünen, ableiten, andere Emsenberg, weil ein Flüßchen, die Emse, nahe seinem Gipfel entspringe; näher kamen die, so ihn Einzelberg nannten, weil sein hohes Haupt über alle seine Nachbarberge vereinzelt emporragt, ja häufig erscheint es wie eine Insel über dem Nebelmeere, das rings um seinen Gipfel flutet, wie sein Haupt sich zuerst über der Flut erhoben, die einst ganz Thüringen bedeckte. Über ihn dahin zieht die alte Hochstraße, der Rennsteig, Rennsteg, Rennweg, Rinneweg, der über das ganze Thüringer Waldgebirge viele Meilen weit sich erstreckt. Es geht die Sage, daß jeder Landgraf von Thüringen diesen Weg mit seiner Ritterschaft reiten mußte, sobald er die Regierung Thüringens angetreten hatte. Nahe dem Inselberg haben in alten Zeiten Bergleute vom Harz den Bergbau begonnen und Orte angebaut, deren Namen eigentümlich fremdländisch klingt: Tabarz, Cabarz, und mögen wohl Einwanderer von weither auch andere Bergorte im Schoß des Waldgebirges begründet haben, die in Sprachlauten und Trachten sich von den eigentlichen Thüringern merklich unterscheiden. Viele Venetianer sind nachderhand in das Gebirge gekommen, welche die Leute Erzmännerchen und Walen nannten, die haben manch reichen Schatz hinweggetragen, denn im Inselberggraben, im Bärenbruch, im ungeheuern Grund, an der Schönleite und weiter hin nach der Ruhl zu, in der Ruhl, dem Flüßchen, und sonst, auch im Backsteinsloch, gab es Goldsand, obschon minder viel als in Kalifornien, doch hat er manchen reich gemacht. Seit die Walen dagewesen sind, findet man nichts mehr.

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475. Der Venetianer

475. Der Venetianer

Ein Wale kam alljährlich in das Lauchatal, der wußte, daß das Sprüchwort wahr sei, das am Inselberge üblich ist: Es wirft oft ein Hirte mit einem Stein nach der Kuh, der mehr wert ist als die Kuh selbst. Ein junger Bursch aus Cabarz oder Tabarz mußte dem Walen als Führer dienen, der wurde hernachmals, da der Venetianer längst nicht mehr kam, ein Fuhrmann und kam weit in der Welt herum, einmal sogar mit Gütern bis nach Venedig. Da fiel ihm ein Kaufladen in das Auge, darin blitzte und funkelte an einem Schaufenster alles von Gold und Edelsteinen, und wohnte da ein reicher Juwelier. Dieser sah den Thüringer stehen und gaffen und grüßte ihn in deutscher Sprache und war kein anderer als jener Gold- und Steinsucher, den er früher im Gebirge geleitet, der sagte ihm, all dieses Gold und alle diese Steine habe er in dem schönen Thüringen gewonnen, die Thüringer verständen nicht, es auch zu finden und die Steine zu schleifen, man finde dort nur ungeschliffene. Mit reichem Geschenk entließ der Venetianer den Thüringer. Ahnliche Sagen werden viele erzählt; eine fast gleichlautende auch vom Bayerberg vor der Rhön.

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