717. Stelzen und die Riesen

717. Stelzen und die Riesen

Über Eisfeld zum Walde hinauf am Fuß des Bleß liegt ein Dorf, heißt Stelzen; dort war ein Heilbrunn, der heilte Blinde und Lahme; letztere hingen um den Brunnen, dessen Lage, in einer erdfallähnlichen Grotte, von uralten Bäumen umstanden, lebhaft an einen heiligen Hain erinnert, ihre Krücken und Stelzbeine auf, daher kommt des Dorfes Name. Der Brunnen war weit und breit berühmt, aber da sich nun allmählich eine Ortschaft in seiner Nähe angesiedelt hatte, so verblendete der Teufel der Habsucht die Einwohnerschaft, daß sie gedachten, von dem Heilbrunnen Gewinn zu ziehen, und wollten jetzt von den armen Kranken und Heilungbedürftigen, die oft weither gepilgert waren, Geld für das Wasser haben. Da versiegte zwar nicht die Quelle, aber es erlosch ihre Heilkraft, und das Wasser löschte bloß den Durst. Dieser Stelzenbaum ist die Quelle der Itz. In derselben Gegend um Eisfeld, Stelzen, Bachfeld und Burggrub haben vorzeiten gewaltige Riesen gewohnt. Die Sage vom Riesenspielzeug, wie sie so oft begegnet, im Elsaß, bei Blankenburg im Thüringerwald u. a., wiederholt sich getreu auch hier. Die Riesen über Stelzen spielten im Tossental, das eine halbe Stunde entfernt liegt, und kaulten (kegelten) miteinander; die Bahn hatte die Länge von Tossenthal bis Eisfeld. Riesen und Ritter – die Sage vermengt hier beide – warfen vom Schaumberg, darauf die Schaumburg stand, nach Burggrub einander ihre schweren Hämmer und Holzschlägel zu, oder sie bespritzten sich von einer Burg zur andern spaßeshalber mit Wasser, schleuderten einander auch goldne Kugeln zu.

Es ging auch die Sage, im Altar der Kirche zu Stelzen sei ein goldenes Hirschgeweih verborgen. Endlich öffnete man ihn, fand aber bloß ein kleines Trühlein von Kupfer, darin einige Heiligenknöchlein und ein altes vermodertes Blättchen Pergament. In Bachfeld ziehen, besonders zur Weihnachtszeit, Lichter in Prozession durch die ganze Kirche, ja sogar aus ihr heraus, aber niemand kann diejenigen erblicken, welche die Lichter tragen. Die Kirche zu Stelzen war sehr reich, das ganze Holz des mächtigen Bergstockes des Bleß gehört ihr, der Kirche, nicht der Gemeinde; daraus ist viel Prozessierens entstanden. Rechts am Bleß zieht sich eine schöne weite Waldwiese bis in die Ebene herab, die gehörte den Herren von Hanstein und war ein Asyl. Wer sie erreichte, den durften auf ihr weder Büttel noch Werber fassen, noch sonst jemand. In diesem Walde und auch sonst in den forstreichen Gegenden des Meininger Oberlandes geht die Sage von einer nächtlichen Säge, welche ganz allein arbeitet und schon manchen armen Holzarbeiter reich machte. Manche meinen, es seien Zwerge, die sie unsichtbar in Bewegung setzen, doch ist und bleibt solche Säge und ihr Segen ein unergründliches Waldesgeheimnis.

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718. Zinselhöhle und Zinselmännchen

718. Zinselhöhle und Zinselmännchen

Im Meininger Oberlande zwischen den Dörfern Meschenbach und Rabenäußig liegt eine ziemlich enge, aber sehr lange Tropfsteinhöhle, das Zinsel- oder Zinsenloch genannt, die hat ihren Namen von den Zinseln, Zinselmännchen oder Drigelein, das sind Bergzwerge, welche ehedem darinnen gewohnt haben. Nicht weit davon liegt eine andere unterirdische Grotte, welche die Zinselkirche heißt. Aber diese wurde, wie das Zinselloch, zu Anfang des vorigen Jahrhunderts von ihren Kirchkindern verlassen. Wie sich das zugetragen, wird unterschiedlich erzählt. Ein Bauer aus Meschenbach traf auf seinem Erbsenacker eine Menge Zinselmännchen; sie sprangen neckisch über die Furchen hin und her, verspeisten der grünen Erbsen aus den Schoten viele und ärgerten den Bauer sehr. Endlich glückte es ihm beim Haschen nach ihnen, einem sein Mützchen zu nehmen; da barmte das Zinselmännchen schrecklich, denn ohne das Mützchen konnte es nicht wieder nach Hause, und verhieß dem Bauer, wenn er ihm sein Mützchen wiedergebe, so wolle es ihm eine Wünschelrute auf seinen Acker stecken, mit deren Hülfe er einen großen Schatz finden solle. Darauf hat der Bauer dem Männchen sein Mützchen wiedergegeben, aber das falsche Drigelein hat sich als ein Trügerlein erwiesen und hat den ganzen Acker voll Ruten gesteckt, so daß der Bauer die Wünschelrute aus ihnen nicht heraus- und folglich auch keinen Schatz finden konnte. Andere sagen, der Bauer habe gleich anfangs, als er auf seinem Acker die Zinselchen gesehen, geschimpft und mit der Rute gedroht, wie man kleinen Kindern droht, und da habe das ganze Zwergenvolk ihm Ruten auf den Acker gepflanzt, daß er daran bei sotaner Prügellust keinen Mangel habe. Hierüber ergrimmt, paßte der Bauer, weil ihm sein Acker verdorben war, heimlich auf, und als er wieder einem Zinselmännchen das Mützchen genommen, wodurch dieses in seine Gewalt kam, schlug er das arme Männchen tot. Das betrübte die Zinselmännchen gar sehr. Über Nacht wuchsen die Ruten zu Bäumen auf, und zwar zu den alten götterheiligen Eschen, und in derselben Nacht sind die Zinselmännchen fortgezogen, und hat sich niemals auch nur ein allereinziges wieder in dieser Gegend blicken lassen.

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71. Die Eppsteiner

71. Die Eppsteiner

Es hauste vordessen in den wirren Felsenschluchten und dunkeln Gebirgstälern um das heutige Eppstein ein wilder Riese, der lauerte den Jungfrauen auf, und wenn er eine fing, geschah ihr mehr nach seinem Willen als nach dem ihren. Einstmals gelang es ihm, ein Fräulein von Falkenstein, welches ein edler Ritter minnte, hinwegzuführen. Der Ritter, welcher Eppo hieß, folgte eilend dem Riesen nach, mit ihm zu kämpfen oder ihn durch List zu besiegen, und hatte ein eisernes Netz, das er an einem gewissen Ort aufstellte. Damit der Riese, wenn er ihn wahrnehme, ihn nicht sogleich erkenne, mußte der Knappe Eppos Gewand und Rüstung anlegen, und Eppo trug die des Knappen. Der Riese achtete sich keinen Deut um den Ritter, der ihm nachfolgen wollte, er war mit all seinen Gedanken nur bei seiner Gefangenen und trachtete danach, ihr zu tun wie den andern, aber ein Schutzgeist war mit und bei ihr, gegen den weder des Riesen Stärke noch seine Zaubermacht, denn er war auch ein Zauberer, etwas vermochte. Voll Grimm darüber wandte sich nun der Riese Eppo entgegen, und da er diesen daherkommen sah, so gebrauchte er sich seiner Zauberkunst und Macht und verwandelte Eppos Dienstmann in einen Felsen, meinte so, seinen Feind für genugsam lange Zeit an eine Stelle gebannt zu haben, und eilte vorwärts, um auch alles Gefolge des Ritters unschädlich zu machen. Darüber aber stürzte der Riese in das eiserne Netz, zappelte darin gar gewaltig, konnt‘ es aber nicht zerreißen, und nun kam der Ritter in Knappentracht, der sich verborgen gehalten, hervor, schleppte den Riesen auf einen hohen Felsen und stürzte ihn von da herunter, worauf er die Gefangene des Riesen aus ihrem Bann befreite und sie zum Ehgenoß gewann. Den verzauberten Dienstmann konnte Eppo leider nicht lösen, der steht heute noch starr und steif wie ein Felsen und ist ein Felsen und heißt der Mannstein. Darauf erbaute Ritter Eppo eine neue Burg auf den Fels, von welchem herab er den Riesen gestürzt, und das wurde der Eppstein, und zu den Gewölbrippen im Tor wurden statt der gebogenen Steine die Rippen des Riesen eingemauert und angeschmiedet. Dem Ritter aber und seiner Gemahlin entsproßte ein gewaltig Geschlecht mannlicher Helden und großer Kirchenfürsten; die Ritter empfingen aus des Kaisers Hand das Waldbotenamt am obern Taunus zu Lehen, und fünf Eppsteiner behaupteten nach und nach den erzbischöflichen Stuhl zu Mainz, drei davon hießen Siegfried, einer Werner und einer Gerhard. Dieser Gerhard, der zweite des Namens in der Mainzer Bischofreihe, war gar ein fester trutziglicher Herr, und wenn ein deutscher Kaiser anders wollte wie er, so schlug er an seine Tasche und rief: Potz Velten! Wenn ein Kaiser nicht will, wie ich will, so hab‘ ich schon einen andern Kaiser in der Tasche. – Einstmals, als auch ein Kaiser ihm nicht zu Willen war, ergriff er zornig sein Jagdhorn und schrie: Daß den Kaiser Gottes Marter schände! So mir’s beliebt, so blase ich aus diesem Horne einen andern Kaiser heraus! – Er sprach auch solche Worte keineswegs in den Wind, er war es, der dem Grafen Adolf zur Kaiserkrone verhalf und ihm auch wieder davon half, doch hat es ihm später nicht geglückt, und fand Ursache genug, seine Keckheit zu bereuen.

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711. Neunerlei Dinge

711. Neunerlei Dinge

Neunerlei Dinge

Zu Koburg ist mit neunerlei Dingen manch abergläubischer Brauch geübt worden. Einige Edeljungfräulein stellten neunerlei Essen auf, und zwar in der Christnacht, damit wollten sie zuwege bringen, ihre Liebhaber zu erschauen, und diese erschienen auch, aber jeder brachte ein Messer mit, und die Jungfrauen liefen erschrocken und schreiend davon. Einer warf den Entfliehenden sein Messer nach, eine der Jungfrauen sah sich um, blickte den Werfenden an und hob das Messer auf. Diese bekam dann auch denselben Mann, dessen Gestalt ihr erschienen war; aber nicht immer glückte es so. Mancher Jungfrau, die sich solchen Zauberdinges unterfing, erschien ein unwillkommener Liebster, der blasse Tod, setzte sein Stundenglas vor sie hin, und sie mußte prophetisch schauen, wie ihr Leben rasch und noch im Jahreslaufe verrann.

Andere Jungfern daselbst nahmen, auch am Christabend, neunerlei Holz, das zündeten sie an, dann entkleidete sich die eine, zog zuletzt auch noch ihr Hemde aus, warf es vor die Stubentüre, setzte sich an das Feuerlein aus neunerlei Holz und sprach:

Hier sitz‘ ich splitterfasernackt und bloß;
Wenn doch mein Liebster käme
Und würfe mir mein Hemde in den Schoß. –

Und da schaute ein Mannsbild zur Türe herein und warf das Hemde. Das war der nachherige Freund der Magd. Jetzt hatten die andern nichts eiliger, als ihrer Freundin es nachzutun, jede wollte die erste sein, warfen ihre Hemden auch vor die Türe der Stube und setzten sich um das Feuerlein; nun aber kamen die entrückten Geister der Liebhaber alle auf einmal und begannen draußen gräßlichen Lärm und Hader, daß den Mägden himmelangst wurde. Schnell löschten sie das Feuer aus neunerlei Holz, und keine wagte die Türe zu öffnen. Sie krochen ohne Hemden in die Betten. Am andern Morgen fanden sie vor der Türe ihre Hemden all durcheinandergewirrt, und jedes in Fetzen. Keine bekam einen Mann.

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712. Die versunkene Kirche

712. Die versunkene Kirche

Nahe bei Koburg fließt die Lauter in einem friedlichen Talgrunde, in welchem vorzeiten eine Stadt lag, darinnen wohnten lauter glückliche Menschen, die kein Leid kannten. Da nun der Tag Allerseelen kam, an dem man Leid trägt um die Verstorbenen, so sprachen die Leute in jener Stadt: Wozu sollen wir ein Fest der Wehklage feiern, da wir nichts zu wehklagen haben? Wir wollen diesen Tag nicht feiern. Da hat Gott der Herr ein Kindersterben gesandt, daß jene Leute einen großen und tiefen Schmerz haben sollten und sollten den Allerseelentag in Demut begehen und für die Gestorbenen beten – und es starben die Kinder alle und alle, und wurde der ganze Kirchhof voll neue Gräber an einem Tag, und war fast Mangel an Särgen. Da ging ein großer Trauerzug zur Kirche hin am Allerseelentag, und war in ihr nichts als Seufzen und Weinen und Wehklagen und ein unnennbares Gefühl des Schmerzes. Und wie der Herr den Schmerz dieser Väter und Mütter ansah, denen in den Kindern all ihr Glück genommen war, so jammerten sie sein, und erbarmte sich ihrer und ließ die Kirche und den Friedhof mit seinen Kindergräbern in die Tiefe versinken. Darauf ist die Stätte im Lautertale, wo die Stadt der Glücklichen stand, verödet. An manchen Feiertagen, und zumeist am Allerseelentag, hört man aus der Tiefe die Glocken der versunkenen Kirche läuten, und die Kinder der Dörfer im Lautergrunde wissen die Stelle, und erzählen einander die Sage, und lauschen still hinunter, und schauern und beten.

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713. Die vierzig Ritter

713. Die vierzig Ritter

Zu Eisfeld zwischen dem Schwan und dem Adler floß vor alten Zeiten die Werra vorüber und bildete einen sumpfigen Weiher. In diesen gerieten vierzig geharnischte Ritter, welche von Feinden verfolgt wurden; sie blieben, gehemmt durch ihre schweren Rüstungen, samt ihren Pferden im Sumpf und Morast stecken und starben eines jämmerlichen Todes.

Diese Sage, die so einfach und seltsam aus ferner Zeit herüberklingt, scheint eigentümlich nach jenen vierzig römischen Rittern hinzudeuten, deren Martyrertag der neunte März, welche Kaiser Licinius im Jahr 320 nach Christo im kalten Winter, aber nackend, auf einen gefrornen Weiher setzen und elend umkommen ließ.

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714. Frau Holle verbrannt

714. Frau Holle verbrannt

Zu Eisfeld ist ein alter Brauch, daß am Sonntage Epiphanias nach der Nachmittagskirche unter Musikbegleitung ein kirchliches Lied abgesungen wird; dabei ist die ganze Bevölkerung zugegen, und Kinder und Alte rufen einander zu: Frau Holle wird verbrannt! Über diesen Brauch wissen die Leute nichts Bestimmtes zu sagen, und eine Mär, die sie berichten, läßt über den Namen Frau Holle und deren Verbrennung im unklaren. Vor uralten Zeiten, sagen sie, war zu Eisfeld ein Mönchskloster und ein Nonnenkloster, die lagen einander gegenüber und waren miteinander durch einen unterirdischen Gang verbunden. Dieser Gang soll bis zum vorletzten großen Brande noch offen, dann aber verschüttet worden sein. Durch diesen Gang nun besuchten die Münchlein die Nünnelein, und da trug sich’s zu, daß auch die Frau Äbtissin selbst in andere Umstände kam, die ihr mitnichten lieb waren, und sogar zweier Knäblein aus einmal genas, und konnte die Schmach nicht verhehlt werden. Da nun der Täter unenthüllt blieb, so mußte der Allerweltsbuhlgeist, der arme Teufel, ihr Buhle gewesen sein, der eigentliche Sündenbock, auf dessen Rücken Last und Laster in Fülle geschoben wurden. Er trug auch diese neue Last geduldig, aber die Frau Äbtissin wurde nachmittags am Sonntag nach dem Neujahr auf öffentlichem Markt verbrannt. Möglich, daß sie Hulda hieß, so wäre das Rätsel der Hollenverbrennung gelöst.

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715. Der Erbsenacker

715. Der Erbsenacker

Hoch über dem Dorfe Krock, eine Stunde von Eisfeld, steht auf einem steilen Hügel die alte Kirche des Ortes, die man vorzeiten Irmenkirche nannte. In ihrer Nähe ist auch ein tiefer Brunnen befindlich, der wird der Irmenbrunnen genannt. Dort soll, so geht die Sage, eine Königstochter gewohnt haben, die an diesen Ort geflüchtet war aus heimlicher Liebe. Endlich aber war ihre ganze Habe verzehrt, der Liebste von hinnen, und sie besaß nichts weiter als ein Mäßchen Erbsen, das nahm sie und ging traurig von dannen nach Eisfeld. Aber das Säcklein, darin die Erbsen waren, hatte ein Loch, und am Krocker Berge verlor sie fast alle. Wo die Prinzessin, die am Irminborn gewohnt, hingekommen ist, das weiß man nicht, aber die Erbsen wurden alle zu Steinen und zeugen noch von ihr, denn tagtäglich findet man deren noch an jener Stelle, kleine runde Kieselsteine, erbsengroß und erbsenfarben, wohl auch bisweilen etwas größer. Diese Sage der Erbsenverwandlung in Steine deutet, wenn man sie deuten will und darf, darauf hin, daß der Arme auch sein Letztes verliert, und an die versteinernde Kraft des Schmerzes. In der Sage von den Erbsensteinen ist die Versteinerung Strafe des Geizes, und in einer Sage aus Palästina wird sie zur Strafe der Lüge. Dort liegt, am Wege von Jerusalem nach Bethlehem, auch ein Erbsenacker, öde und unfruchtbar. Darauf säete ein Bauer Erbsen.

Maria mit dem Christuskinde ging vorüber und fragte den Bauer: Was säest du? – Die Lümmelhaftigkeit des arabischen Bauers wollte ohne Zweifel der seiner deutschen Vettern nicht nachstehen, und er antwortete grob und kurz: Steine! – So trage fortan dein Acker solche Frucht! rief Maria – und seitdem trägt jener Acker nur Erbsen von Stein, die kein Mensch genießen kann. Die alten Naturforscher nannten diese erbsengroßen Steingebilde Pisa bethlehemitica.

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701. Der Feilenhauer von Weißdorf

701. Der Feilenhauer von Weißdorf

Zu Weißdorf hat ein Mann gelebt, der war ein gelernter Feilenhauer, gab aber das Geschäft auf und legte sich auf ein anderes, das er für einträglicher hielt, nämlich auf das Geisterbannen. Damals gab es noch Geister, die sich zitieren und bannen ließen, heutzutage wollen sie sich nicht mehr bannen lassen, und es ging dem Feilenhauer nicht wie jenem Schulmeisterlein, das, gleicher Kunst obliegend, gefragt wurde: Können Sie wirklich Geister zitieren? – mit einem stolzen O ja antwortete, aber als nun weiter gefragt ward: Kommen denn auch Geister auf Ihr Zitieren? – ein trübseliges Nein vernehmen ließ – des Feilenhauers Zitierte kamen wirklich. Der Feilenhauer war ein langer hagerer Mann, gruslich anzusehen; er trug einen abgeschabten Schinderranzen von Fischotterfell und sah einem Rattenfänger ähnlicher als einem Staatsrat, vermochte auch mehr, und gefürchtet wurde er von Alt und Jung, weil er so verrufenen Umgang hatte. Wo nun ein Poltergeist sich zeigte, da wurde der Feilenhauer hingerufen, und wo er in einen Ort kam, war auch gleich ein Poltergeist da, den jener beschwur, und da kroch der Geist so demütig in den Fischotterranzen wie im Kindermärchen vom Meisterdieb Pfarrer und Schulmeisterlein in den großen Sack. Alle die eingefangenen Poltergeister trug nun der Geisterjäger gleich gefangenen Katzen hinauf auf Burg Waldstein; dort bannte er sie alle hinein und hielt gute Zucht und Ordnung; da sitzen sie manchmal noch immer um einen großen Steintisch im Burghofe und spielen mit eisernen Karten, die der Feilenhauer selbst verfertigt hat. Die Karten müssen etwas heiß sein, denn man findet ihre Spuren dem Steine eingebrannt.

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702. Das Bimmelglöckchen

702. Das Bimmelglöckchen

Im Kapellenturme der Burg Waldstein, andere sagen auf Epprechtstein, hat ein Betglöcklein gehangen, dessen Schall hat man an bestimmten Tagen im Jahre gar deutlich gehört, daß man in Zell, am Bergesfuße, öfters geglaubt hat, es hänge im dasigen Kirchturme. Das hat zur Geisterkirche geläutet. Mancher hörte es erklingen, stieg zum Berge hinan und sah und hörte droben nichts. Eine Frau, die ihrem im Walde arbeitenden Mann das Mittagsbrot brachte, hörte den Schall und ging ihm nach. Und wie sie droben um eine Mauerecke der Burg biegt, da erblickt sie die Geisterkirche offen und in hehrer Pracht, und auf dem Turme darüber schwingt sich hin und her das bimmelnde Glöcklein. Orgelton und Chorgesang dringt aus der Kirche; dem Altare zugekehrt steht der Priester, und am Boden knieen die Geharnischten und die Frauen in weißen Schleiern. Da ergreift es die arme Frau gar mächtig, auch niederzuknieen und im Staube mit anzubeten den, welchen alle guten Geister loben, doch zugleich grauset ihr, denn sie fühlt, daß sie nicht zu dieser Gemeinde gehöre. Aber der Andacht frommer Drang zieht sie dennoch hinein in das Heiligtum, und mit Händefalten knieet sie nieder. Da wendet der Priester am Altare sich um, da fällt sein Blick eisigkalt und streng auf sie, er hebt den Arm empor und ruft mit dumpfer Stimme: Wehe! wehe! – und im Nu verschwinden Altar und Priester, Orgel und Chor, Männer und Frauen, der Kirche Schmuck; das Glöcklein sinkt vom Turme und dicht vor der Frau in den Boden – ein Wetter grollt und donnert um die Trümmer, und auf ihren Mauern stehen wieder hoch und stark die seit Jahrhunderten darauf emporgeschoßten Bäume. Ganz bestürzt, mehr tot als lebend, kommt die Frau zu ihrem Manne zurück, lange versagte ihr die Sprache. Der Mann hat nichts von Sturm und Unwetter gehört, der Himmel ist hell und klar. Bebend wankte die Frau nach Hause – nach drei Tagen lag sie auf der Bahre.

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