Zwölftes Kapitel.


Zwölftes Kapitel.

Grimaldi kehrt nach London zurück, erkältet sich und zahlt seine Miete daheim doppelt. – Mr. Charles Farley. – Grimaldis erstes Auftreten im Covent Garden. – Valentin und Orson. – Mutter Gans. – Das geheimnisvolle halbe Dutzend Herren und Damen.

Auf der Rückfahrt nach London hatte Grimaldi sehr schlechtes Wetter und kam durch ein Versehen im Holyheader Postbureau zu dem besonderen Vergnügen, sich mit einem Sitze auf Deck abfinden zu müssen. In Red Landford war er schon so steif gefroren, daß man ihn herunterheben mußte und erst am andern Morgen die Fahrt fortsetzen konnte. Indessen langte er ohne weitere Unfälle in London an. Dort sollte er bald nach seiner Ankunft von neuem inne werden, daß er wohl öfter recht viel Geld im Leben besessen, es aber immer und immer durch irgend einen ganz unvermuteten Zwischenfall auch wieder eingebüßt habe.

Als er nämlich am zweiten oder dritten Morgen nach seiner Heimkehr von einem Gange nach der Altstadt den Fuß in seine Wohnung setzte, fand er dort zur nicht geringen Verwunderung in seiner besten Stube einen Gerichtsvollzieher mit einem Gehilfen flott dabei, ein Inventar seines sämtlichen Mobiliars aufzunehmen. Auf seine erregte Frage, was denn solches Verfahren bedeuten solle, da er doch keinem Menschen etwas schuldig sei, wurde ihm der Bescheid, er sei mit der Miete im Rückstande und deshalb sei der Antrag auf Auspfändung gestellt und vom Gericht auch genehmigt worden.

Er zeigte seine Mietsquittung vor; der Gerichtsvollzieher besah sich dieselbe mit vergnügtem Lächeln, erklärte jedoch, der Mann, von dem Grimaldi gemietet habe, sei selbst nur Mietspartei und habe nicht gezahlt, daraufhin mache der eigentliche Hauseigentümer von seinem Rechte, alles, was sich im Hause vorfände, mit Beschlag zu belegen, Gebrauch.

Grimaldi lief schnell zu seinem treuen Berater, Mr. Hughes, hörte aber von diesem, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als den Mietsbetrag – beiläufig achtzig Pfund – noch einmal zu bezahlen, falls er nicht sein Mobiliar einbüßen wolle. Er rannte daraufhin nach Hause zurück und bezahlte den Mietsbetrag zum zweiten Male. Am andern Morgen fand sich der Hauswirt bei ihm ein und wußte ihn zu einem Abkommen zu bestimmen, Grimaldi hoffte dadurch wenigstens zu einem gewissen Teile Entschädigung zu erhalten, mußte zuletzt einsehen lernen, daß er der Betrogene war, und sich in eine ziemlich erkleckliche Einbuße finden.

Sein altes Engagement in Sadlers Wells ging in diesem Jahre zu Ende. Er verpflichtete sich auf weitere drei Jahre und bekam von nun an wöchentlich zwölf Pfund und zwei volle Benefize. Die Pantomime, die zum Osterfest gespielt wurde, betitelte sich »Harlekin und die vierzig Jungfrauen«. Sie hielt sich die ganze Saison hindurch. Grimaldi hatte ein Couplet darin zu singen: »Ich und mein Ede – Ede – Esel«, das sich außerordentlicher Beliebtheit erfreute und bald in jedermanns Munde war. Mehrere seiner Verehrer machten ihm wertvolle Präsente, unter anderm eine prächtige Uhr, deren Zifferblatt sein Porträt, von der ersten Couplet-Zeile umschlungen, zeigte.

In dieser Saison wurde immer zuerst die Pantomime gegeben, so daß er in den ihm bisher nie vergönnt gewesenen Genuß trat, von halb neun Uhr sein freier Herr zu sein. Von Kindesbeinen an hatte er es nie anders gekannt, als von sechs Uhr abends bis zwölf Uhr nachts ununterbrochen im Sadlers Wells-Theater zuzubringen. Es kam ihm ordentlich wunderbar vor, die schönen Frühlings- und Sommerabende in der schönen frischen Luft verleben zu können.

Im Oktober, bei der Eröffnung des Covent-Garden-Theaters, machte er die Bekanntschaft Farleys, des damals berühmten Pantomimen-Dichters und Darstellers, der aber immer nur in ersten und ernsten Rollen auftrat und lange Zeit das Publikum dadurch förmlich faszinierte, daß er während seines Spiels kein anderes Glied als seine Gesichtsmuskeln zu rühren pflegte.

Farley fragte Grimaldi, in welcher Rolle er zuerst aufzutreten gedächte. Grimaldi meinte, er habe immer am meisten Glück gehabt als Skaramuz im Don Juan. Aber Farley riet ihm davon ab und zu der Rolle des Orson in »Valentin und Orson«, einem Stücke, das mehrere Jahre lang nicht mehr gespielt worden, aber ehedem sehr beliebt gewesen sei. Er riet ihm um so mehr zu diesem Rollenwechsel, als der Orson ihm ohne Frage äußerst günstig läge und seinen Fähigkeiten höchst angemessen sei.

Grimaldi erklärte sich ohne weiteres damit einverstanden, den Orson zu geben, ersuchte indes Farley, ihm beim Einstudieren behilflich zu sein, da er das Stück noch gar nicht kenne. Dazu erklärte Farley sich von Herzen gern bereit und hielt auch getreulich Wort.

Es ist viel behauptet worden, Grimaldi sei ein Schüler von Dubois gewesen, was aber keineswegs zutrifft. Wenn man von irgend einem Lehrmeister Grimaldis sprechen will, so kann einzig und allein Farley in Betracht kommen, der ihm tatsächlich beim Studium von verschiedenen größeren Rollen mit Rat und Tat an die Hand gegangen ist.

Grimaldi studierte den Orson mit großem Eifer und gab ihn zum ersten Male am 10. Oktober 1806. Farley spielte den Valentin. Das Stück behauptete sich auf dem Repertoir bis Weihnachten, wo es der Weihnachts-Pantomime das Feld räumen mußte.

Der Orson war nach Grimaldis Meinung seine allerschwierigste Rolle. Es kamen in ihr die mannigfachsten Leidenschaften zum Ausdruck und zwar mit so raschem Wechsel, daß ein ungewöhnlicher Aufwand körperlicher und geistiger Anstrengung dabei notwendig war. Er gab den Orson oft, in London sowohl als in den Provinzstädten, allein die Folgen der Überanstrengung, die sie mit sich brachte, blieben immer die gleichen. Kaum war der Vorhang gefallen, so wankte er von der Bühne in einen kleinen Raum hinter der Souffleurloge, sank in einen Sessel und konnte kaum seiner Empfindungen Herr werden. Er weinte und schluchzte wie ein Kind und verfiel in der Regel in so heftige Krämpfe, daß er selbst diejenigen, die ihn schon öfter in solchem Zustande hochgradiger Nervosität gesehen, ihre Zweifel hatten, ob er auch im zweiten Aufzuge würde spielen können. Indessen fand er immer die notwendige Kraft dazu wieder. Immer wußte er sich, sobald sein Stichwort fiel, ganz zu bezwingen, immer siegte die Macht der Routine über die körperliche Schwäche.

Mit seinem Orson erzielte er großen und nachhaltigen Effekt. In dieser Rolle zeigte er sich dem Publikum von einer ganz neuen Seite. Sein Künstlerruf steigerte sich durch sie ganz bedeutend. Daß er wirklich bedeutend darin war, bezeugen die Urteile und Gratulationen, die ihm von berühmten Darstellern, Kritikern und Kennern zuteil wurden.

In diese Zeit fallen die Proben zu der Pantomime »Die Gans«, die eine ganz unerhörte Berühmtheit erlangen sollte.

Der Direktion des Drury-Lane-Theaters war es bekannt geworden, daß in Covent-Garden am 26. Dezember eine neue Harlekinade auf die Bühne gebracht werden sollte; sie fürchtete den Vorteil, den das andere Theater durch das Engagement Grimaldis gewonnen, und betrieb daher die Vorbereitungen zu ihrer Pantomime mit großem Eifer. Sie engagierte Montgomery, der es durch Vorstellungen im Zirkus zu einigem Renommee gebracht, für ein hohes Salär als Clown und erreichte es, daß ihre Pantomime schon am 23. zur erstmaligen Aufführung kam. Sie war jedoch mehr Spektakelstück, und so gut auch die Dekorationen sein mochten, so war doch die Handlung selbst so unbedeutend, so erbärmlich, daß das Auditorium gar bald zu zischen anfing und endlich solchen Lärm machte, daß die Regie es für geraten hielt, noch lange vor dem Schlusse des Stückes den Vorhang fallen zu lassen.

Grimaldi war mit seinem Freunde Bologna im Theater, und keiner von beiden war über diese Vorgänge sonderlich mißgestimmt. Das Drury-Lane-Theater war mit seinen Vorstellungen bislang immer glücklicher gewesen als Covent-Garden, und es dürfte nicht unwahrscheinlich sein, daß die Direktion von der Absicht geleitet wurde, sowohl die Pantomime selbst im andern Theater unmöglich zu machen, als auch Grimaldi selbst außer Kurs zu setzen.

Am 25. wurde in Covent-Garden eine Nachtprobe abgehalten. Die Darsteller waren in großer Ungewißheit über das Schicksal der »Mutter Gans«. Es war immer Brauch gewesen, bei Pantomimen den größten Glanz aufzubieten, und so hatten es sich Direktion wie Darsteller besonders in dem letzten Akte immer angelegen sein lassen, das beste zu bieten und die besten Kräfte einzusetzen, weil es die ganze Bevölkerung der Hauptstadt sich angewöhnt hatte, wochenlang darüber zu diskutieren, welche Pantomime mit dem schönsten Schlusse ausgestattet gewesen. Nun war aber »Mutter Gans« sehr nüchtern gehalten, von Prunk so gut wie nichts aufgewandt, auch im letzten Akte nicht, und darum war man über die Aufnahme der Pantomime in recht großer Sorge. Sogar der Harlekin hatte sich alles Flitterstaats enthalten sollen, wovon jedoch Grimaldi so entschieden abgeraten hatte, daß man ihn bezüglich des Kostüms letzter Stunde noch freie Hand gelassen hatte.

Man hatte jedoch geirrt. »Mutter Gans« wurde mit seltenem Jubel aufgenommen, auch bis zum Schlusse der Saison ohne Unterbrechung zweiundneunzig Abende unter ständig wachsendem Beifall und bei fast immer überfülltem Hause gegeben. Dies war ein abermaliges Beispiel für das unrichtige Urteil von Schauspielern in derartigen Fragen. Um nur einige Beispiele anzuführen, wurde dem Lustspiele »She stoops to conquer« von Oliver Goldsmith bis zur ersten Aufführung von Schauspielern sowohl wie von Kritikern und Literatoren ein unvermeidlicher Mißerfolg prophezeit. Ebenso lagen die »Flitterwochen« viele Jahre lang im Pulte des Theaterdirektors, weil man es für unmöglich hielt, einem Londoner Publikum ein solches Machwerk anzubieten, und als das Stück endlich auf die Bühne gebracht und mit höchstem Beifall aufgenommen worden war, hatte sein armer Dichter den Hungertod im Schuldgefängnisse erlitten.

An Grimaldis Meinung über die »Mutter Gans« konnten aber auch alle Erfolge nichts ändern. Er wollte dem Stücke nicht den geringsten Wert beimessen. Wie dem nun sein mag, jedenfalls trugen seine und Bolognas Leistungen als Harlekin und Clown in hervorragendem Maße zu der günstigen Aufnahme bei, die die Pantomime fand, denn sie wurde jedesmal vom Publikum abgelehnt, wenn die beiden Rollen von anderen Darstellern gegeben wurden.

Am 9. Juni erlebte sie die zweiundachtzigste Aufführung. Es war zugleich der Benefiz-Abend für Grimaldi und Bologna. Die Einnahme belief sich auf 680 Pfund.

Um diese Zeit herum machte Grimaldi eine neue und ziemlich mysteriöse Bekanntschaft. Damit verhielt es sich folgendermaßen:

An einem Januarmorgen des Jahres 1807 ließ sich ein Herr bei Grimaldi anmelden, und als ihn Grimaldi in seiner Wohnung empfing, war er nicht wenig verwundert, den ihm durch Bologna bekannt gewordenen Kenter Herbergssohn Mackintosh wiederzusehen, der sich wegen des kleinen Jagdscherzes, den er sich seinerzeit erlaubt hatte, mit ein paar höflichen Worten entschuldigte. Grimaldi bat ihn ebenso höflich, die Angelegenheit nicht weiter zu berühren. Mackintosh erzählte darauf, seine Mutter habe ihr Gasthaus verkauft und sei anderswohin gezogen, er selbst habe in London sich ein Geschäft gekauft und wohne jetzt in der Throgmorton-Straße.

Er war sehr manierlich gekleidet, hatte sich auch ein besseres Wesen angeeignet als damals, wo er im Barchentwamse auf dem Karren fuhr. Jedenfalls ließ sich nicht in Abrede stellen, daß er seine Gäste sehr gastfreundlich aufgenommen und anständig bewirtet hatte. Grimaldi lud ihn demnach am nächstfolgenden Sonntag zum Mittagessen ein. Er kam, unterhielt sich sehr manierlich und gewann die Freundschaft der ganzen Familie Grimaldi. Seine Einladung, ihn wieder zu besuchen, wurde angenommen. Seine Wohnung war einfach, aber geschmackvoll eingerichtet, und in seinem Hause schien alles darauf hinzudeuten, daß sein Geschäft sich eines recht flotten Ganges erfreute.

Ein paar Wochen nach seinem ersten Besuche kam er eines Morgens zu Grimaldi und sagte ihm, daß Freunde von ihm, die in der Charlottenstraße, Fitzroy-Square wohnten, sich außerordentlich freuen würden, Grimaldis Bekanntschaft zu machen, und ihn ersuchen ließen, sie eines Abends einmal nach Schluß des Theaters bei sich zu sehen.

Zuerst mochte Grimaldi nichts davon wissen, weil er damals mit Einladungen förmlich überlaufen wurde. Da aber Mackintosh ihn immer und immer wieder damit in den Ohren lag, ihm auch sagte, seine Bekannten wären sehr wohlsituierte Leute, deren Umgang ihm vielleicht in anderer Hinsicht noch von Nutzen werden könnte, auch allerhand andere Gründe noch zur Unterstützung seines Anliegens in das Gefecht führte, ließ sich Grimaldi schließlich doch bewegen, den Besuch bei den Leuten zu machen.

Es wurde also ein Abend vereinbart, an welchem die Leute Grimaldi erwarten sollten, und gleich nach Schluß des Theaters warf Grimaldi sich in eine Kutsche und ließ sich nach der Charlottenstraße fahren.

Der Kutscher hielt vor einem gar stattlichen, glänzend erleuchteten Hause. Grimaldi meinte im ersten Augenblicke, der Kutscher müsse vor einem falschen Hause vorgefahren sein. Aber während er sich darüber noch mit dem Kutscher hin und her stritt, erschien Mackintosh in höchst elegantem Anzuge, ersuchte ihn auszusteigen und führte ihn in ein glänzend möbliertes Zimmer, das mit einer Reihe anderer Gemächer im Zusammenhange stand, von denen eins noch immer vornehmer und eleganter als das andere aussah.

Überall, wohin Grimaldi den Blick lenkte, zeigten sich ihm die kostbarsten Geräte und Bilder, und auf der Tafel im Speisesaale standen die ausgesuchtesten Delikatessen und seltensten, teuersten Weine.

Außer Mackintosh und Grimaldi war ein volles Dutzend Leute in dem Saale, sechs Damen und sechs Herren, die ihm als Ehepaare vorgestellt wurden. Der Wirt und die Wirtin, die ihm unter dem Namen Farmer vorgestellt wurden, bewillkommneten ihn mit einer entzückenden Artigkeit und Herablassung. Alle anwesenden Herrschaften waren auf das beste gekleidet, die Damen trugen kostbare Geschmeide, von Lakaien in glänzender Livree wimmelte es förmlich – kurz, alles erwies sich so ganz anders als Grimaldi erwartet hatte, und übertraf seine Erwartungen in einem so hohen Maße, daß er ganz verwirrt wurde und seinen Sinnen nicht trauen mochte, ja die größten Zweifel zu fassen anfing, ob es auch wirklich Wirklichkeit sei, was seinen Augen sich zeigte.

Die Herren waren jedoch so überaus höflich und die Damen von so anmutigem Wesen und so gewandtem Benehmen, daß Grimaldi sich bald in die Situation fand und seine gewöhnliche Stimmung wiederfand, gaben ihm doch die köstlich duftenden Weine und Delikatessen auf der Tafel zum wenigsten die Überzeugung, sich in dieser Hinsicht in keiner Täuschung zu befinden.

Es wurde gegessen, getrunken, gesungen, gescherzt, gelacht bis zum grauenden Morgen, und erst in der fünften Stunde ließ man ihn gehen.

Als er seiner Frau erzählte, was er gesehen, geriet auch sie in nicht geringe Verwunderung und wollte kaum seinen Worten glauben. Nach ein paar Tagen fand sich Mackintosh aber wieder ein und bat Grimaldi auf den nächsten Abend um die abermalige Ehre seines Besuches.

Grimaldi wollte zuerst nichts davon wissen; aber Mackintosh hatte seine Einwendungen vorausgesehen, hatte schon Mr. Farmer davon unterrichtet, daß Grimaldi seine Frau nicht gern allein lasse, erklärte, daß Mr. Farmer sich danach sehne, die Bekanntschaft auch von Frau Grimaldi zu machen, und dringend bitten lasse, von der Förmlichkeit eines vorhergehenden Besuches Abstand zu nehmen etc. etc.

Solcher Liebenswürdigkeit ließ sich tatsächlich nicht widerstehen. Grimaldi begab sich also abends mit seiner Frau nach der Charlottenstraße, und dort fanden sie alles genau so wieder, wie Grimaldi es gesehen und seiner Frau geschildert hatte: die sechs Damen, die sechs Herren, die galonnierten Lakaien, die Kronleuchter usw.

Es folgten noch weitere Einladungen, und die sechs Herren und Damen ließen es sich nicht nehmen, ihren Besuch bei Grimaldis zu machen, was ihm und seiner Frau insofern nicht ganz erwünscht war, als sie nicht den zehnten Teil der Löffel wie Mr. und Mrs. Farmer, und Kronleuchter überhaupt nicht besaßen.

Nichtsdestoweniger gaben sie sich alle Mühe, ihren Pflichten als Wirt und Wirtin so gut wie möglich, nachzukommen, und die Gesellschaft ermangelte nicht, ihnen die Versicherung zu geben, daß sie einen schöneren Abend noch nie verlebt hätten. Es wurde viel geschwatzt und gelacht, und dann ging man auf das herzlichste auseinander.

Indessen konnten sich Grimaldi und seine Frau nicht verhehlen, daß sich um ihre vornehmen Freunde und Gönner ein Geheimnis wob, hinter das sie nicht zu gelangen vermochten. Die sechs Damen sowohl als die sechs Herren waren nicht etwa zusammen verwandt, aber immer beisammen, und hatten, außer Grimaldi und seiner Frau, niemals andere Gesellschaft bei sich. Sie blieben sich auch immer völlig gleich, bis auf den Umstand, daß sie nur dann und wann einmal in anderer Garderobe erschienen, die aber immer gleich kostbar und elegant war.

Die Herren schienen Leute zu sein, die kein Geschäft hatten, ihre Höflichkeit hatte einen seltsamen Anstrich, und die Redseligkeit der Damen fiel Grimaldi und seiner Frau nicht minder auf. Aber sich klar darüber zu werden, worin dieses seinen Grund haben möchte, wollte weder ihm noch ihr gelingen. Grimaldi merkte recht wohl, daß zwischen den Manieren der vornehmen Herren, die er in der Theatergarderobe traf, und jener anderen, mit denen er durch Mackintosh bekannt geworden war, ein merklicher Unterschied bestand; er wußte sich aber, soviel Mühe er sich auch gab, nicht darüber klar zu werden. Seiner Frau ging es genau so. Er unterhielt sich häufig mit ihr darüber, aber ohne irgend welchen Erfolg, und die Beziehungen wurden den Januar und Februar hindurch unterhalten.

Am 13. März hatte Grimaldi sich verpflichtet, in Woolwich aufzutreten, und zwar zum Benefiz eines ihm befreundeten Mr. Laud. Ein paar Tage vorher hatte er bei Mr. Farmer davon gesprochen, und dieser hatte die anderen fünf Herren sogleich aufgefordert, mit dem lieben Freunde zusammen nach Woolwich zu fahren, dort mit ihm zur Nacht zu speisen und erst am andern Tage nach London zurückzukehren.

Den Vorschlag hatten alle angenommen, einen einzigen Herren ausgenommen, der den bei einem so vornehmen Herrn etwas alltäglichen Namen Jones führte, und deshalb der Partie fern bleiben mußte, weil er, wie er sagte, sich mit einem Herrn vom Hochadel zu treffen versprochen hatte.

Die fünf anderen Herren waren pünktlich zur Stelle und fuhren zusammen mit Mackintosh und Grimaldi nach Woolwich, Dort aßen sie zusammen zu Mittag und begaben sich ins Theater. Dort unterhielten sich die Herren sehr laut, applaudierten sehr stark, und ihre glänzende Erscheinung erregte nicht bloß beim Publikum, sondern auch bei den Schauspielern großes Aufsehen.

Abends wurde zusammen gespeist, dann gemeinsam übernachtet, und erst am andern Tage die Rückfahrt nach London bewirkt.

Mr. Farmer und die anderen vier Herren nahmen einen Wagen. Mackintosh und Grimaldi zogen es vor, in Gesellschaft einiger anderer Herren vom Theater zu Fuße zu gehen.

Grimaldi nahm die Gelegenheit wahr, Mackintosh unterwegs über die Verhältnisse seiner Freunde auszufragen. Mackintosh wich aber allen Fragen aus und beschränkte sich auf seine ständige Rede, daß es sehr wohlsituierte Herren seien, die im Golde zu wühlen pflegten usw.

Nach ein paar Tagen ließ er sich wieder bei Grimaldi sehen, und auch diesmal bemühte sich Grimaldi zusammen mit seiner Frau, den Schleier des Geheimnisses zu lüften, doch auch diesmal wollte es nicht gelingen. Die Aufklärung sollte indessen nicht mehr lange auf sich warten lassen. Darüber im nächsten Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.


Dreizehntes Kapitel.

Wie sich das Geheimnis mit den sechs Damen und sechs Herren aufklärte.

Ungefähr drei Wochen waren vergangen, ohne daß die sechs Damen und sechs Herren etwas von sich hatten hören oder sehen lassen. Da ließ sich eines Morgens ein Herr bei Grimaldi melden, dessen Namen er noch nie vorher gehört hatte. Aber es kamen öfter einmal Leute zu ihm, mit denen er noch nie im Leben etwas zu tun gehabt hatte, und so bat er den Unbekannten, Platz zu nehmen, machte ein paar allgemeine Bemerkungen über Wetter und Tagesneuigkeiten und fragte dann, was ihm die Ehre dieses unverhofften Besuches verschaffe.

Der unbekannte Herr legte den Hut aus der Hand, augenscheinlich ein Zeichen, daß er nicht so bald wieder zu gehen gedächte, und erwiderte, nachdem er eine Weile nach Worten gesucht hatte:

»Hm, der Grund ist etwas eigentümlicher Art. Vielleicht ist es am besten, ich sage Ihnen zuerst, wer ich bin. Mein Name ist Harmer.«

»Harmer, Harmer?« wiederholte Grimaldi, sich besinnend, ob er etwa schon einmal im Theater den Namen gehört habe.

»James Harmer«, sagte der Unbekannte wieder, »aus Hatton Garden. Ich muß Sie leider in einer recht unangenehmen Angelegenheit belästigen.«

Grimaldi wurde verlegen, denn der unbekannte Herr sprach die Worte in einem merkwürdig feierlichen, wenn auch höflichen und ruhigen Tone; er ersuchte den Herrn, sich doch ohne Umstände erklären zu wollen.

»Ich will gleich zur Sache kommen«, sagte Mr. Harmer; »Sie sind wohl mit einem gewissen Mackintosh bekannt?«

»Jawohl, Herr«, antwortete Grimaldi, dessen Gedanken sogleich von dem genannten Herrn zu den sechs Damen und den sechs Herren wanderten.

»Besagter Mackintosh schwebt in ernstlicher Lebensgefahr«, sagte Mr. Harmer weiter, und zwar in einem Tone, der zwischen Ernst und Feierlichkeit die Wage hielt.

Grimaldi dachte nun nichts anderes, als daß er in dem Herrn einen Arzt vor sich habe, und erkundigte sich, seinem Bedauern über solch trübe Nachricht Ausdruck gebend, wie lange Mr. Mackintosh schon krank sei und was ihm fehle.

»Seine Gesundheit läßt wohl kaum zu wünschen«, erwiderte der Herr, und über sein Gesicht huschte ein eigentümliches Lächeln, »ich habe in meiner amtlichen Wirksamkeit gar viele Menschen kennen gelernt, die in Gefahr schwebten, um ihr Leben zu kommen, und sich doch der besten Gesundheit zu erfreuen hatten.«

Grimaldi meinte, Mr. Harmer beziehe sich mit diesen Worten ohne Frage auf Patienten, die ihm unter der Hand gestorben seien. Mr. Harmer versetzte, er habe allen Grund zu besorgen, daß Mackintosh einmal sehr jäh dieses irdische Jammertal werde verlassen müssen.

»Das ist mir recht schmerzlich zu hören«, sagte Grimaldi, »ich möchte Sie nun aber recht sehr bitten, mir über seinen Zustand reinen Wein einzuschenken. An was für einer Krankheit leidet er? Wie benennt sich seine Krankheit?«

»Klepto- oder, wohl richtiger, Ruptomanie«, antwortete Mr. Harmer.

»Kleptomanie?« rief Grimaldi, während er am ganzen Leibe zitterte.

»Die Geschichte liegt sehr einfach«, nahm Mr. Harmer wieder das Wort, »Mackintosh ist angeklagt, in Congleton einen Einbruch verübt zu haben. Ich bin Verteidiger in Strafsachen. Mackintosh hat sich an mich gewendet. Ich habe ja so manchem armen Teufel vom Galgen gerettet. Mills versuchen, ob es mir auch bei ihm gelingt. Die Aussagen belasten ihn freilich sehr stark, und wenn er – was mir vorderhand höchst wahrscheinlich dünkt – für schuldig erklärt wird, dann ist ihm der Galgen ohne Frage sicher.«

Grimaldi war wie vom Donner gerührt. Es brauchte Zeit und Weile, bis er die Unterhaltung weiterführen konnte. Als er wieder Herr über sich geworden war, beeilte er sich zu erklären, daß er Mackintosh immer für einen rechtschaffenen Menschen gehalten habe, sonst dürfe es ihm doch wahrlich nicht eingefallen sein, sich mit ihm zu befassen.

»Auf den Namen eines rechtschaffenen Menschen hat er wohl schon geraume Zeit nicht mehr Anspruch«, sagte Mr. Harmer, »er scheint sich aber ernstlich vorgenommen zu haben, sich zu bessern, und daß er zum wenigsten gerade diesen Einbruch, nicht begangen hat, davon meine ich fest überzeugt zu sein.«

»Barmherziger Gott!« rief Grimaldi, »und doch halten Sie es für wahrscheinlich, daß er deshalb gehangen werden wird?«

»Falls er sein Alibi nicht nachweisen kann«, antwortete Mr. Harmer, »jedenfalls. Das kann aber nur durch einen einzigen Menschen geschehen, und der sind Sie, Mr. Grimaldi.«

»Dann gebieten Sie über mich, Mr. Harmer«, rief Grimaldi.

Mr. Harmer teilte nun Grimaldi mit, daß der Einbruch am 13. März verübt worden sei, an welchem Abend Grimaldi in Woolwich aufgetreten sei und zusammen mit Mackintosh zur Nacht gespeist habe. Dieser Zufall war nun für Mackintosh begreiflicherweise von außerordentlicher Wichtigkeit, Grimaldi versprach Mr. Harmer, das erforderliche Zeugnis abzulegen, und dieser verabschiedete sich.

Nach einigen Tagen wurde Mackintosh, da sich ein Bürge für ihn fand, aus der Untersuchungshaft entlassen. Er begab sich sofort zu Grimaldi, ihm für seine Bereitwilligkeit als Zeuge aufzutreten, von Herzen zu danken. Grimaldi hatte begreiflicherweise nur einen Wunsch: allen Umgang mit einem solchen Menschen abzubrechen, war aber einerseits zu gutmütig, ihm harte Worte zu sagen, anderseits zu neugierig, um ihn ohne weiteres wegzuschicken. Er forderte ihn also auf, sich zu setzen, und sagte:

»Mr. Mackintosh, ich kann mir unmöglich einreden, daß Sie ein gemeines Verbrechen begangen haben könnten oder begehen würden. Dazu spricht doch zu vielerlei zu Ihren Gunsten. Ich meine aber, daß Sie sich, um Ihr Alibi zu erweisen, nicht auf mich armen Teufel, der doch für seinen Lebensunterhalt arbeiten muß, zu verlassen nötig, sondern ganz andere, und vornehmere Leute dazu verfügbar haben, beispielsweise doch den Mr. Farmer, und die anderen fünf feinen Herren aus Ihrer engeren Bekanntschaft, die doch vor Gericht von ganz anderer Bedeutung als ich sein dürften.«

Mackintosh wurde bleich, schüttelte heftig den Kopf und schien das Gesicht zu einem Lachen verziehen zu wollen. Grimaldi war zu harmlos, um schnell Unrat zu wittern, wartete auf Antwort, fügte aber, als Mackintosh damit zögerte, hinzu:

»Und nun gar die feinen Damen! Ich sollte meinen, die brauchten doch bloß vor Gericht zu erscheinen, um Sie augenblicklich zu entlasten, und vor jeder strafrechtlichen Verfolgung zu sichern.«

»Mr. Grimaldi«, nahm Mackintosh endlich das Wort, aber mit einer Stimme, der man ein gewisses Zittern anmerkte, und mit einem Gesicht, dem es immer schwerer zu werden schien, das Lachen fern zu halten, »die Damen, von denen Sie sprechen, sind ja gar nicht verheiratet.«

Grimaldi starrte ihn wie entgeistert an, Mackintosh aber fuhr fort:

»Im Ernste, nicht eine einzige davon ist verheiratet; ausgegeben für Frauen haben sie sich wohl, sinds aber nicht, sondern nur – Dirnen.«

Da fuhr Grimaldi zornig auf … »Und Sie konnten es wagen, meine Frau in die Gesellschaft solcher – Personen zu zitieren? Sie konnten mich dazu bereden, meine Frau mit dieser – Farmer bekannt zu machen?«

»Mir tut die Geschichte ja von Herzen leid«, sagte Macintosh kleinlaut. »Dann verlange ich, daß Sie mir die Wahrheit nicht länger vorenthalten! Ich will wissen, wer und was die Damen und Herren sind, und weshalb Sie den Kopf schüttelten, als ich davon sprach, daß Sie sich auf Ihr Zeugnis berufen könnten.«

»Mr. Grimaldi«, erwiderte Mackintosh, wenigstens dem Anschein nach sehr demütig, »auch wenn sie als Zeugen geladen würden, so würden sie doch nicht an Gerichtsstelle erscheinen, und täten sie es, dann hätte ich doch bloß mehr Schaden davon als Nutzen, denn sie sind der Polizei sämtlich sehr gut bekannt.«

»Der Polizei?« fragte Grimaldi.

»Was ich Ihnen sage, ist nur allzu wahr, Sir … es sind arge Bösewichter, einer wie alle.«

»Wie! Auch Farmer?« –

»Farmer ist unterm Galgen begnadigt worden.«

»Und Williams?«

»Williams ist ein Fälscher.«

»Und Jesson?«

»Jesson und Barber sind Räuber und Einbrecher.«

»Und der jüdisch aussehende Mensch? der Kellys Lieder singt? … Wie heißt er doch gleich?«

»Wir wissen selbst nicht, wie er heißt. Aber er hat schon dreimal am Schandpfahle gestanden. Für uns bringt er die nachgemachten Banknoten an den Mann.«

»Und Jones – was ist er? Wohl der Mörder unter der Sippe?«

»Nein. Jones ist Einbrecher. Besinnen Sie sich nicht, daß er die Fahrt nach Woolwich nicht mitmachen wollte? An dem Tage, da sie verabredet worden, begab er sich nach Cheshire, und dort in Congleton verübte er den Einbruch, dessen man mich anklagte. Erst heute bin ich dahinter gekommen, daß er es gewesen ist, kann aber den Beweis nicht erbringen, daß ich damals in Woolwich war, trotzdem alle Zerren und Damen aus der Charlottenstraße sich nach Kräften bemühen, mich an den Galgen zu bringen, weil ihnen an Jones mehr gelegen ist, als an mir.«

Durch diese fürchterlichen Mitteilungen, durch den Gedanken, mit dergleichen verruchten Gliedern der menschlichen Gesellschaft Umgang gepflogen zu haben, durch die Sorge endlich, daß auch auf ihn Verdacht fallen könnte, ganz überwältigt, blieb Grimaldi ein paar Minuten sprachlos, sprang dann wütend auf, packte Mackintosh an der Kehle und schrie ihm zu, wie er es sich hätte unterstehen können, ihn unter dem Bordwände, sein Freund zu sein, unter solche Verbrecherrotte zu bringen.

Mackintosh fiel, nicht minder außer sich vor Schrecken, vor Grimaldi auf die Knie nieder, flehte um Erbarmen und beteuerte, die schmerzlichste Neue zu empfinden.

»Beantworten Sie mir eine Frage«, sagte Grimaldi, von ihm ablassend, »und geben Sie eine offene, rückhaltlose Antwort, denn nur, wenn Sie mir die Wahrheit, die volle Wahrheit sagen, können Sie auf Nachsicht von meiner Seite hoffen. Was für einen Grund haben Sie gehabt, und welchen Zweck haben Sie damit verfolgt, mich in die Gesellschaft dieser schändlichen Subjekte einzuführen?«

»Bei Gott, Sir, ich will Ihnen die Wahrheit sagen«, erwiderte Mackintosh, »und nicht im mindesten versuchen, Ihnen etwas zu verhehlen. Die sechs Damen und sechs Herren meinten, Sie müßten doch einen ausgezeichneten Gesellschafter abgeben und wären so recht der Mann, Ihnen die Zeit zu verkürzen, da sie doch einmal sich in der Gesellschaft sehen lassen dürften. Als ich nun zufällig einmal im Gespräch die Bemerkung fallen ließ, daß ich bekannt mit Ihnen sei, gaben sie mir keine Ruhe, bis ich mich dazu bereit erklärte, Sie mit Ihnen bekannt zu machen. Aber, bei meiner Seele, ich tat es erst, nachdem sie mir ihr Wort verpfändet hatten, daß Ihnen nichts Böses widerfahren solle, und daß es Ihnen unbedingt verborgen bleiben solle, wer sie in Wahrheit seien, und was sie in Wahrheit seien. Mr. Grimaldi, die Leute waren enthusiasmiert von Ihnen und konnten sich an Ihren Anekdoten und Liedern nicht satt hören. Ich mußte versprechen, Sie noch öfter mitzubringen. Da haben Sie die volle Wahrheit!«

Obgleich Grimaldi sich durch diese Auseinandersetzung von einer schrecklichen Besorgnis befreit sah, diese Diebsbande möchte seine Gesellschaft aus ganz anderen Beweggründen gesucht haben, so war doch der Gedanke, Einbrechern und Landstreichern als Spaßmacher gedient zu haben, noch immer gallebitter. Er war fast außer sich vor Ärger und Zorn, und je seltener er in Zorn geriet, desto länger dauerte es, bis er seine Ruhe wiederfinden konnte.

Mackintosh ergriff offenbar den besten Entschluß, indem er sich, gleich nach seinem Geständnis entfernte.

Etwa acht Tage nach diesem gräßlichen Ereignis saß Grimaldi eines Vormittags bei seinem Frühstück, als eine Dame sich, bei ihm melden ließ. Zu seinem maßlosen Erstaunen trat »Mrs. Farmer« bei ihm ein, setzte sich, ohne auf die Einladung dazu zu warten, unverfroren nieder und fragte:

»Nun, Mr. Grimaldi, steckt nicht der arme Jack Mackintosh in einer gar schlimmen Klemme?«

»Allerdings«, antwortete Grimaldi, noch immer außerstande, sich zu fassen, »solche Dinge müssen fürchterlich sein für einen Menschen. So schlecht er sein mag, so kann er mich doch leid tun.«

»Wirklich? Ist das Ihr Ernst? Nun, ich bin nicht weiter aufgeregt darüber, könnte auch nicht sagen, daß er mir sonderlich leid täte. Es ist nun einmal so in der Welt. Einmal kommt jeder an die Reihe, und Jack kann sagen, daß er recht lange verschont geblieben ist.«

Grimaldi meinte nicht anders, als daß die Diebsbande jetzt keine Hoffnung mehr hegen könne, unentdeckt zu bleiben, und deshalb darauf ausginge, ihn zu einem der ihrigen zu stempeln und die Sache so zu drehen, als sei er schon lange mit ihrem schändlichen Treiben vertraut. Deshalb nahm er sich vor, kein Blatt vor den Mund zu nehmen …

»Ich bin blind oder einfältig genug gewesen«, rief er, »mich zum Umgang mit Ihnen und Ihresgleichen verleiten zu lassen, Frauenzimmer. Ich beklage das tief, und zwar aus verschiedenen Gründen, vor allem aber, weil es mir höchst widerwärtig ist, mit Menschen seines Schlages bekannt zu sein, und weil ich mich hierdurch gezwungen sehe, gegen ein Weib die uns vorgeschriebenen Rücksichten außer acht zu setzen. Allein ich kann mich nicht anders verhalten, und deshalb verlange ich von Ihnen, daß Sie Ihren Bekannten, mit denen mein unglücklicher Stern mich zusammengeführt hat, bestellen, ich lasse mir jeden weiteren Versuch, mich in meiner Häuslichkeit zu belästigen, auf das ernsteste verbitten. Erdreisten sie sich, hiergegen zu verstoßen, so haben sie sich die weiteren Folgen selbst beizumessen. Jedenfalls dürfen sie sicher sein, daß ich mir Ruhe vor ihnen zu verschaffen wissen werde.«

Er hatte inzwischen geklingelt. Die Hausdienerin erschien auf der Schwelle, und Grimaldi fuhr fort:

»Sobald sich das Frauenzimmer drin ausgeruht hat, bringen Sie es vor die Tür und lassen es künftighin nicht mehr über die Schwelle! Auch keine von den Personen, die bisher von Zeit zu Zeit mit dem Frauenzimmer sich hier haben sehen lassen!«

Die Person ging, und Grimaldi war sehr froh, sie so schnell losgeworden zu sein. Ein paar Monate lang sah und hörte er nun nichts mehr von ihr und der Diebesbande. Seine ganze Zeit wurde von den beiden Theatern in Sadlers Wells und Covent Garden in Anspruch genommen, denn er war damals von beiden engagiert.

Im Juli gab sein Auftreten zu einem eigentümlichen Vorfalle Veranlassung.

Ein großer Teil der Mannschaft eines soeben von seiner Fahrt zurückgekehrten Schiffes hatte sich im Theater zu Sadlers Wells eingefunden, und es befand sich unter der Schar ein Matrose, der schon seit vielen Jahren taubstumm war. Grimaldis Spiel ließ die Leute nicht aus dem Lachen herauskommen, und niemand schien sich besser zu unterhalten als jener Taubstumme. Ein Kamerad von ihm fragte durch die bei Taubstummen üblichen Gebärden, wie ihm Grimaldi gefiele. Er antwortete auf die nämliche Weise, daß ihm so etwas Spaßiges noch nicht vorgekommen sei. Grimaldi überbot sich an diesem Abend, und der Taubstumme lachte und klatschte länger und stärker als alle anderen. Plötzlich drehte er sich um, packte den hinter ihm sitzenden Kameraden beim Schopfe und rief:

»Ist das ein Kerl! Ist das ein Kerl!«

»Aber, Jack«, rief drauf der Kamerad, vor Staunen schier außer sich: »Kannst Du denn sprechen?«

»O, nicht bloß sprechen«, antwortete der, der bisher taubstumm gewesen war, »sondern auch hören!«

Die ganze Matrosenschar brach in lautes Hurra-Geschrei aus und trug ihren Kameraden, als die Vorstellung zu Ende war, auf den Schultern hinaus; draußen lief das Volk zusammen, und von Mund zu Munde lief die Rede, Joe Grimaldi habe durch sein Spiel ein Wunder bewirkt, einem Taubstummen Gehör und Sprache wiedergegeben. Im Gasthause zum »Sir Middleton«, wohin ihn seine Kameraden getragen, erzählte er, daß er in den Tropen infolge der dort herrschenden Hitze Gehör und Sprache eingebüßt hätte, daß ihn aber Grimaldis Possenreißerei in solchen Taumel von Freude versetzt habe, daß er alle Sehnen habe anspannen müssen, es seinen Kameraden zu sagen, daß hierdurch zu seiner eigenen maßlosen Überraschung das Zungenband, das so lange gelähmt gewesen, wieder in Funktion gesetzt worden sei, und auch sein Gehör sich wieder eingefunden habe.

Sir Middleton war, nebenbei gesagt, ein Goldschmiedemeister, der sich um das Londoner Gemeinwesen sehr verdient gemacht hat, unter anderm die Stadt, was vor ihm als unmöglich galt, mit frischem Wasser durch große, von einem Hügel hergeleitete Röhren versah. Nach ihm sind mehrere Gasthäuser benannt. Dasjenige, in welchem sich der obige Vorgang mit dem Matrosen abspielte, findet sich auf einem Hogarthschen Stiche »Der Abend« dargestellt.

Im August bekam Grimaldi eine Vorladung auf das Bezirksgericht nach Stafford, zu der öffentlichen Verhandlung, die über Mackintoshs Schicksal entscheiden sollte. Mit Mr. Harmer fuhr er hinaus, tags vor der Verhandlung. Der öffentliche Ankläger gab sich alle Mühe, Grimaldis Zeugnis zu verdächtigen, wie auch ihn selbst außer Fassung zu bringen und einzuschüchtern.

Das Gesicht des Angeklagten verriet die größte Angst, daß sich sein Entlastungszeuge doch vielleicht ins Boxhorn jagen lassen oder ihm, um sich an ihm sein Mütchen zu kühlen, an den Galgen bringen möchte, statt zu seiner Lossprechung zu wirken. Aber Grimaldi hielt sich für verpflichtet, alle persönliche Rücksicht hintanzusetzen und seinem gegebenen Versprechen, ein ehrliches Zeugnis abzulegen, gewissenhaft nachzukommen, und lieferte hierdurch den Beweis, daß er sich ebenso pünktlich und angemessen als Mensch und Bürger im gewöhnlichen Leben zu benehmen wußte, wie er es verstand, als Clown auf der Bühne zu wirken.

Es waren nicht weniger als neun Belastungszeugen geladen, und alle beschworen zu Grimaldis Erstaunen die Identität des Angeklagten mit dem Einbrecher. Grimaldi legte sein Zeugnis mit einer Klarheit und Ruhe ab, die den ungeteiltesten Beifall fand, und das Alibi des Angeklagten völlig außer Frage stellte. Ohne im geringsten wider die Wahrheit zu verstoßen, vermied er jedes Wort und jede Anspielung, die dem Angeklagten hätte zum Schaden gereichen können. Seine Frau erhärtete das von ihm abgelegte Zeugnis durch ihr eigenes, und so erklärte der Staatsanwalt selbst, daß hier ein Irrtum in der Persönlichkeit obwalten müsse, und plädierte selbst auf Freispruch, worauf das Urteil auch nicht anders als »Nichtschuldig« lauten konnte.

Der Gerichtspräsident sprach sich über Grimaldis Verhalten als Zeuge auch privatim sehr lobend aus, und wer jemals Gelegenheit gehabt hat, sagt hierzu ein Zeitgenosse, Grimaldi öffentlich sprechen zu hören, wird gern glauben, daß ihm damit nicht bloß eine Schmeichelei erwiesen werden sollte. Er zeigte sich, wie überhaupt im Leben, auch als öffentlicher Redner als ein Mensch, der jedem sein Recht zuteil werden ließ, und jeden mit der ihm zukommenden Achtung behandelte. So war er auch, unter seinen Bühnenkollegen als Sprecher bekannt, und wurde immer herangezogen, wenn es galt, die Erkrankung eines Bühnenmitgliedes oder ein Bühnenunglück dem Publikum bekannt zu geben. Er trat dann immer mit so großer Würde und so echt leutseligem Anstande vor die Rampe, und sprach immer mit solcher Schlichtheit, ohne irgend welche Überhebung, oder gar Prahlsucht, daß jedermann, trotzdem er immer als Clown dabei erschien, nicht an seine Eigenschaft eines solchen, sondern nur an den Gentleman dachte.

Ehe Grimaldi nach London zurückreiste, hatte er noch eine kurze Zusammenkunft mit Mackintosh, in welcher er ihm die eindringlichsten Vorstellungen machte. Mackintosh dankte ihm tiefgerührt und versprach ihm aufs ernstlichste Besserung.

Grimaldi erwiderte ihm, daß von irgend welchen ferneren Beziehungen zwischen ihnen freilich keine Rede mehr sein könne, wolle ihm jedoch erlauben, hin und wieder einen Brief an ihn zu richten, worin er ihn von seinen weiteren Schicksalen unterrichten möge, versprach ihm auch Rat und Beistand, sobald er einmal solchen benötigen sollte, damit er sich nicht etwa, durch Hilflosigkeit oder Verzweiflung getrieben, abermals zu Verbrechen hinreißen ließe.

Grimaldi hörte aber nie wieder etwas von ihm, noch von den sechs Damen und Herren, in deren Gesellschaft er sich unbedachterweise nicht bloß selbst begeben, sondern sogar seine Frau mitgenommen hatte.

Vierzehntes Kapitel.


Vierzehntes Kapitel.

Clown Bradbury. – Dessen freiwillige Einsperrung in einem Irrenhause. – Dessen Befreiung, seltsames Benehmen, späteres Leben und Hinscheiden. – Schreckliches Unglück im Sadlers-Wells-Theater. – Die nächtlichen Fahrten nach Finchley. – Reise nach Birmingham. – Schauspieldirektor Macready und dessen kuriose Theater-Utensilien. – Plötzliche Rückkehr nach London.

Kaum in London wieder eingetroffen, begab er sich sogleich nach Sadlers-Wells, wo ihm jedoch Mr. Dibdin zu seiner nicht geringen Überraschung die Mitteilung machte, daß man seiner für den Augenblick nicht bedürfe, da man den Kollegen Bradbury auf vierzehn Tage engagiert habe und hiervon noch nicht die Hälfte abgelaufen sei. Es müsse Grimaldi hierbei auch bemerkt werden, daß Bradbury sich beim Publikum in sehr große Gunst gesetzt und auch Furore gemacht habe.

Das verdroß Grimaldi lebhaft, denn er fürchtete natürlich, daß Bradbury ihn am Ende gar in der Gunst des Publikums ausstechen möchte. Sein Unmut wuchs aber noch mehr, als ihm die Direktion den Wunsch nahelegte, an Bradburys Benefiz-Abende in der nämlichen Pantomime mit diesem zusammen aufzutreten.

Nur mit großem Widerstreben erklärte er sich schließlich dazu bereit, denn er konnte sich der Befürchtung nicht verschließen, daß ihm die Gunst des Publikums durch den neuen Stern entzogen werden möchte.

Auch Bradbury war mit diesem Wunsche der Direktion gar nicht zufrieden, obgleich ihm vorgestellt wurde, daß die vereinigten Leistungen der beiden Clowns doch unbedingt ein volles Haus erzielen müßten, was ihm doch nur recht sein könne, da er doch Anspruch auf die Hälfte der Einnahme habe.

Die Pantomime sollte am Abend zur Aufführung kommen, der Clown durch Bradbury im ersten, durch Grimaldi im zweiten und durch Bradbury wieder im dritten Aufzuge gegeben werden. Den ganzen Tag über konnte Grimaldi den Gedanken nicht los werden, daß es mit ihm und seinen Leistungen vorbei, daß sein Stern nicht bloß im Niedergange begriffen, sondern überhaupt schon untergegangen sei.

Der Verlauf des Abends bestätigte seine Befürchtungen indessen nicht, denn schon sein erstes Auftreten wurde mit stürmischem Beifall begrüßt. Grimaldi setzte seine besten Kräfte ein, und der Beifall des Publikums wollte tatsächlich kein Ende nehmen.

Hierüber geriet nun Bradbury außer sich, wollte seinen Rivalen partout ausstechen, scheiterte aber gerade dadurch und wurde schließlich, trotzdem Freunde von ihm in Menge bei der Vorstellung anwesend waren, ausgepfiffen, so daß ihm nichts übrig blieb, als schleunigst von der Bühne zu verschwinden. Grimaldi mußte an seiner Stelle den letzten Akt übernehmen und gewann dabei erst recht die Überzeugung davon, daß seine Befürchtungen völlig grundlos gewesen. Bradbury gab selbst zu, daß gegen Grimaldi als Clown niemand aufkommen könne, daß Grimaldi der beste Clown sei, der jemals aufgetreten sei, und daß er, hätte er sein Spiel und sein Genie gekannt, sich unter keiner Bedingung dazu verstanden hätte, neben ihm in dem gleichen Stücke aufzutreten.

Dabei war Bradbury ein ausgezeichneter Darsteller und ein ganz vorzüglicher Clown, jedoch so durchaus verschiedenen Genres, daß im Grunde ein Vergleich zwischen ihm und Grimaldi ganz ausgeschlossen war. Seine Komik war von geringer Bedeutung, dagegen zeichnete er sich durch halsbrechende Sprünge und dergleichen Kraftstückchen aus. So sprang er beispielsweise einmal von dem obersten Range auf die Bühne hinunter. Um solche Manöver ohne Gefahr für sein Leben ausführen zu können, widmete er immer seinem Anzuge die peinlichste Sorgfalt und wattierte Kopf und Schultern, Hüften, Ellbogen und Knie, auch wohl Sohlen und Fersen. Wer ihn dann bei solch einem Exerzitium sah, ohne von diesen Vorbereitungen Kenntnis zu haben, konnte sich der Meinung unmöglich verschließen, daß er auf ernstliches Unglück mit Absicht ausginge.

Grimaldi machte auf dergleichen künstlerische Betätigung keine Ansprüche, verzichtete auf Wattierung und ähnliche Beihilfen, und suchte auf andere, ohne Frage genialere Weise, als Clown zu wirken. Er erreichte durch seine Ruhe weit größeren Eindruck, und elektrisierte das Publikum gemeinhin im Spielen.

Bradbury war jedoch ebenfalls sehr originell, und suchte eine besondere Stärke in dem Rufe, niemand zu kopieren; auch er hatte sich seine besondere Manier gebildet, von der er nie abwich.

Eine Zeitlang hörte Grimaldi nichts von seinem einstigen Nebenbuhler, bis er eines Tages zu seinem nicht geringen Erstaunen ein Schreiben aus einem Irrenhause in Hoxton bekam und dringend um einen recht baldigen Besuch angegangen wurde. Das Schreiben war von Bradbury. Eine engere Bekanntschaft hatte unter ihnen zu keiner Zeit stattgefunden. Unschlüssig zeigte er das Schreiben dem mit ihm befreundeten Kassenführer beim Surrey-Theater namens Lawrence, der ihm aber riet, die Aufforderung nicht beiseite zu schieben, sich auch zur Begleitung erbot.

Grimaldi machte sich zufolgedessen mit Lawrence auf den Weg nach Hoxton. In dem Irrenhause angelangt, wurden sie zu Bradbury geführt, der ganz dieselbe Behandlung genoß wie alle übrigen dort internierten Kranken. Auch ihm hatte man den Kopf ratzekahl geschoren. Auch ihn hielt man hinter Schloß und Riegel.

Grimaldi fing die Unterredung in der Weise an, wie man Irren gegenüber zu tun pflegt; worauf jedoch Bradbury in ein schallendes Gelächter ausbrach.

»Aber, liebster Grimaldi«, rief er, »reden Sie doch vernünftig mit mir, und nicht auf solch abgeschmackte Weise … Ich bin doch ganz ebensowenig närrisch wie Sie!« –

Grimaldi hegte indessen Zweifel, wußte er doch, daß der Wahn, nicht verrückt zu sein, bei Verrückten sich sehr häufig vorfindet. Er hielt sich infolgedessen in gemessenem Abstande von seinem Kollegen, mußte sich jedoch alsbald überzeugen, daß es sich um Bradbury tatsächlich so verhielt, wie dieser gesagt hatte.

In Kürze erzählt, waren die Umstände, die Bradbury ins Irrenhaus geführt hatten, die folgenden:

Bradbury lebte auf ziemlich großartigem Fuße, hatte sehr vornehmen Umgang, hielt sich ein Tandem, usw. Als er einst in Plymouth aufgetreten war, war von Portsmouth ein Kriegsschiff angekommen, unter dessen Offizieren er verschiedene zu Freunden hatte, die ihn mit sich an Bord nahmen. Man hatte verabredet, in Portsmouth zusammen zu soupieren, und verlebte den größten Teil der Nacht in ungebundener Heiterkeit.

Als Bradbury aufstand, um sich zu verabschieden, vermißte er seine wertvolle goldene Schnupftabakdose, die er aus Jux, oder um den anderen Tischgästen das Nehmen einer Prise recht bequem zu machen, auf den Tisch gestellt hatte. Er fragte, wo sie geblieben sei, aber niemand wußte um ihren Verbleib, und alles Suchen danach blieb vergeblich.

Es wurden alle möglichen Vermutungen angestellt. Endlich besann man sich, daß sich ein Tischkamerad, ein junger Mann, mit Anwartschaft auf die Grafenkrone, kurz nach dem Essen entfernt hatte, und meinte nun, er möge die Dose, um ihrem Besitzer, dem Clown Bradbury, einen heilsamen Schrecken einzujagen, aus Jux eingesteckt und mitgenommen haben.

Mit ein paar guten Bekannten begab sich nun Bradbury in die Wohnung des dereinstigen Herrn Grafen, der es aber schlechtweg in Abrede stellte, von der Dose auch nur das geringste zu wissen, Bradbury im Gegenteil die bittersten Vorwürfe machte und sie bat, ihn in solcher Angelegenheit lieber nicht mehr aufzusuchen.

Am andern Morgen ließ er seinen Bekannten in Pourtsmouth sagen, daß ihn ihr Verdacht, auch nur aus Jux eine Dose mitgenommen zu haben, dermaßen alteriere, daß er auf weiteren Verkehr mit ihnen verzichte und es vorzöge, ohne besondere Verabschiedung sich wieder nach London zurück zu begeben.

Bradbury schöpfte nun erst recht Verdacht gegen ihn und erwirkte einen Haftbefehl gegen ihn. Gerade in dem Augenblick, als der junge Mann in die Postkutsche steigen wollte, ließ er denselben vollstrecken. Als der Sheriff den Mantelsack durchsuchen ließ, kamen allerhand, den Portsmouther Bekannten des Jünglings gehörige, Gegenstände zum Vorschein, zuletzt auch Bradburys Dose. Bradbury zeigte ihn nun ohne weiteres beim Friedensrichter des Diebstahls an, denn er sah den adeligen Ursprung des jungen Leichtfußes keineswegs als Entschuldigung für den von ihm begangenen Diebstahl an.

Sobald die böse Affäre bei den Verwandten des Leichtfußes ruchbar wurde, bekam Bradbury ein hohes Schweigegeld angeboten. Aber er blieb solange unzugänglich, bis man ihm ein Jahresgehalt in beträchtlicher Höhe zusicherte, das ihn auf Lebenszeit aller Sorgen und Mühen enthob. Da erklärte er sich bereit, von der strafgerichtlichen Verfolgung Abstand zu nehmen.

Nun verfällt aber nach englischem Gesetz derjenige in Strafe, der, ohne vom Gerichtshofe hierzu die Vollmacht zu besitzen, um zeitlicher Vorteile willen die Anzeige eines Verbrechens unterläßt. Um nun dieser Gefahr aus dem Wege zu gehen, kam Bradbury auf den kuriosen Einfall, sich so wunderlich zu benehmen, daß ein Gerücht, das er über sich ausstreute: daß er nämlich durch Überanstrengung in seinem Berufe sich um seinen Verstand gebracht habe, allgemeinen Glauben fand und er auf Antrag verschiedener Mitbewohner seines Hauses dingfest gemacht und in ein Narrenhaus abgeschoben wurde. –

Natürlich konnte er sich dann bei der Gerichtsverhandlung wider den spitzbübischen Grafen in spe nicht einstellen – und wegen Mangels an einem öffentlichen Ankläger mußte das Verfahren gegen denselben eingestellt werden. Nun setzte aber Bradbury Himmel und Hölle in Bewegung, aus dem Narrenhause wieder herauszukommen. Es gelang ihm auch, die ärztliche Bewilligung zu seiner Entlassung zu erwirken, und Grimaldis Besuch fiel gerade auf den hierfür festgesetzten Tag. Da er weder lesen noch schreiben konnte, hatte er Grimaldi nur deshalb um seinen Besuch bitten lassen, weil er ihm den Gefallen tun sollte, an dem für sein Benefiz gewählten Abend statt seiner im Surrey-Theater aufzutreten.

Grimaldi sagte es ihm ohne weiteres zu, gab der Hoffnung Ausdruck, daß sich seiner Entlassung nicht letzterhand noch Schwierigkeiten entgegenstellen möchten, und verabschiedete sich wieder von ihm. Er spielte und sang nicht nur für Bradbury die ganze Woche über, sondern kassierte auch Gelder für ihn ein.

Bradbury war an dem auf Grimaldis Besuch folgenden Tage wirklich entlassen worden. Im Theater war alles mittlerweile gut gegangen; Grimaldi konnte Bradbury, da er immer volle Häuser erzielte, ein sehr hübsches Stück Geld übergeben, und so wäre dort alles auch weiterhin gut gegangen, hätte sich Bradbury nicht durch einen wunderlichen Einfall bestimmen lassen, wieder an dem einen Abend mit Grimaldi zusammen aufzutreten. Künstler-Ambition trieb ihn nun, seinen Kollegen zu überbieten, und dabei verfiel er in ein Extrem solch edler Dreistigkeit gegenüber dem Publikum, daß diesem die Geduld riß, und er kläglich ausgepfiffen und ausgezischt, ja sogar mit faulen Äpfeln und Eiern beworfen wurde.

Das bedeutete das Ende seiner Künstlerlaufbahn. Jahrelang trat er in London nicht wieder auf, sondern beschränkte sich auf vereinzeltes Mitwirken bei Provinzbühnen, erlangte aber niemals seinen früheren Ruf wieder. Das ihm von der Familie jenes jugendlichen Leichtfußes, der ihm die Tabakdose entwandt hatte, zugesicherte Jahresgehalt überhob ihn aber der Notwendigkeit, seinem Berufe nachzugehen, indessen scheint es ihm aber in späteren Jahren entzogen worden zu sein, oder er müßte allzu verschwenderisch gelebt haben; fest steht, daß er im Jahre 1828 in wenig erfreulichen Umständen, wenn nicht gar in wirklicher Dürftigkeit, gestorben ist.

Im Oktober eröffnete das Covent-Garden-Theater die Saison wiederum mit der »Mutter Gans«, und bis zu Weihnachten wurde diese Pantomime 29mal wiederholt.

Am 15. Oktober ereignete sich in Sadlers-Wells ein entsetzlicher Vorfall. Die Pantomime wurde zuerst von den anderen Stücken, die diesen Abend füllen sollten, gegeben, und da Grimaldi an diesem Abend in Covent-Garden nichts weiter zu verrichten hatte, konnte er beizeiten heimgehen, was er auch tat. Um Mitternacht wurde er durch lautes Klopfen an der Haustür aus dem Schlafe geschreckt.

Zuerst hatte er gemeint, es hätten sich lose Burschen auf der Heimkehr von einem Zechgelage im Übermut erfrecht, ihn des Juxes halber mit solchem Lärm zu behelligen; als das Klopfen aber gar nicht aufhören wollte, hatte er sich den Schlafrock angezogen, und war an die Tür hinunter geeilt, um nachzusehen, wer ihn denn eigentlich störe.

Die meisten der Leute, die vor seiner Tür standen, waren gute Bekannte vom Theater, die ihm sagten,, sie seien nur gekommen, sich von seinem Wohlbefinden zu vergewissern, und ihrer Freude Ausdruck zu geben, daß er der Gefahr so glücklich entronnen sei.

Als er sich erkundigte, was solche Reden denn eigentlich zu bedeuten hätten, wurde ihm erzählt, daß während des letzten Stückes nichtsnutziges Volk im Theater »Feuer, Feuer!« geschrien habe, wodurch unter dem Publikum eine Panik hervorgerufen worden sei. In dem wilden Gedränge, die wenigen Ausgänge zu gewinnen, hätten verschiedene Menschen ihr Leben eingebüßt.

Grimaldi eilte auf der Stelle nach dem Theater. Dort staute sich noch immer eine so dichte Menschenmenge, daß er nicht bis zum Eingange gelangen konnte. Da warf er sich kurz entschlossen in den Kanal, durchschwamm ihn und sprang durch das erste beste Fenster, das er offen fand, in einen der Räume hinein.

Wer beschreibt sein Entsetzen, als er sich zwischen einem Dutzend von Leichen sah? Ja, da lagen sie, die Überreste von einem Dutzend menschlicher Wesen, ohne Leben und doch fast noch warm, die er vor nur wenigen Stunden noch zu schallendem Gelächter gestimmt hatte!

Eine Zeitlang stand er wie gelähmt. Dann wankte er nach der Tür, um sich von dem schrecklichen Anblicke zu befreien. Die Tür war von außen verschlossen, und vergeblich bemühte er sich, sie zu öffnen. Es wollte ihm nicht gelingen, so kräftig er sich auch dagegen stemmte. Nun versuchte er es mit lautem und anhaltendem Klopfen. Die Hausangehörigen, und Mr. Hughes nicht zum wenigsten, gerieten erst in heftigen Schrecken, bis sie nach einiger Zeit Grimaldis Stimme erkannten. Nun sah er sich endlich zu seiner lebhaften Freude aus dem schrecklichen Räume erlöst.

Erst am andern Tage ließ sich feststellen, wieviel Menschen bei der schrecklichen Katastrophe ihr Leben eingebüßt hatten: es waren ihrer dreiunddreißig! Zahllose andere waren, viele davon lebensgefährlich, verletzt worden. In der Hauptsache war das Unglück auf den Unbedacht von Leuten zurückzuführen, die zuerst die Türen gewonnen hatten und, als sie gesehen, daß es sich bloß um blinden Lärm handelte, wieder auf ihre Plätze zurückzugelangen gesucht hatten. Die hinter ihnen herdrangen, hatten gemeint, die Ausgänge seien versperrt, und nun gesucht, sich um so gewaltsamer Bahn zu brechen. Mehrere hatten sich von der Galerie hinunter ins Parterre gestürzt und waren erstickt oder zertrampelt worden. Daher die schreckliche Katastrophe.

Sie hatte sich am vierten Abend vor dem Schlusse der Saison ereignet, und so hielt die Direktion es für geraten, das Theater überhaupt zu schließen. Wer von den Darstellern noch Anspruch auf ein Benefiz hatte, wurde durch ein solches im Zirkus entschädigt, und so nahm die Saison des Jahres 1807 ein so trübseliges Ende, wie man es in Sadlers-Wells noch gar nicht erlebt hatte.

Am 26. Dezember wurde zum ersten Male »Harlekin in seinem Elemente, oder Feuer, Wasser, Erde, Luft« gegeben. Bologna und Grimaldi traten darin als Harlekin und als Clown auf. Die Pantomime fand großen und, wie Grimaldi meinte, verdienten Erfolg. Grimaldi hielt sie für eins der besten Stücke, in denen er je aufgetreten war. Er spielte während dieser Saison auch in einem Melodrama »Bonifazio und Bridgetino« – das sich keines Beifalls zu erfreuen hatte – und in einem Pantomimenballett von Farley, aus Lewis‘ »Mönch« entlehnt, »Raymond und Agnes« – das mehrere Wiederholungen erlebte – die Rolle des Baptist.

Zu dieser Zeit bewohnte er ein kleines Landhaus in Finchley, wohin er sich nach dem Schlusse des Theaters in einem Gig zu begeben pflegte. Fand keine Probe statt, so verweilte er bis zum nächsten Nachmittage dort. War eine solche angesetzt, so kehrte er unmittelbar nach eingenommenem Frühstück in die Stadt zurück. Er hatte das Landhaus gemietet, um seinem Söhnchen, das er aufs zärtlichste liebte, den Genuß der Landluft zu verschaffen; er verlängerte aber seinen Mietsvertrag freiwillig um mehrere Jahre, weil ihm und seiner Frau der Landaufenthalt sehr behagte und sehr gut bekam.

Auf seinen nächtlichen Fahrten nach Finchley erlebte er mancherlei Abenteuer: so schlief er zuweilen ein, wenn er die Stadt hinter sich hatte, und erwachte aus seinem Schlummer erst wieder vor seinem Gartentore.

Eines Abends war er von dem angestrengten Spiel so erschöpft, daß er noch weiter schlummerte, als sein Pferd vor dem Tore schon etwa zehn Minuten gehalten hatte. Das Possierlichste aber war, daß der auf ihn wartende Bediente, etwa sechs Schritte von ihm entfernt, hinter dem Tore gleichfalls eingeschlafen war und auch erst wieder zu sich kam, als das Pferd laut zu schnauben anfing.

Ein anderes Abenteuer, das ihm auf der Finchleyer Chaussee passierte, soll weiter unten erzählt werden.

Im März 1808 passierte es ihm, daß er, ohne es im geringsten zu beabsichtigen, Mr. Fawcett zu nahe trat. Fawcett sprach eines Nachmittags auf dem Wege von seinem Wohnhause in Totteridge, das nur etwa anderthalb Stunden von Grimaldis Domizil entfernt war, bei ihm vor und bat ihn, zu seinem Benefiz mitzuwirken, das in kurzer Zeit stattfinden sollte. Grimaldi versprach es ihm ohne weiteres.

»Aber wohlverstanden«, sagte Fawcett, »ich will nicht, daß Sie den Clown oder solch eine Rolle, sondern den Brocket in O’Keefes »Schwiegersohne« darstellen.«

Darauf einzugehen, nahm Grimaldi Abstand, denn er sagte sich sehr richtig, daß es unvorsichtig sei, den hohen Ruf, den er im Clown-Fache errungen, dadurch zu gefährden, daß er sich auf seine alten Tage noch in einem andern Fache versuchen wollte, um vielleicht ein Fiasko zu erleben, das ihm seine ganze Existenz gefährden könnte. Er mochte aber anderseits Fawcett nicht vor den Kopf stoßen, sondern beschränkte sich auf den Bescheid, daß er ihm nur augenblicklich noch keine feste Zusage machen könne, ihm aber in einigen Tagen schreiben werde.

Er nahm mit einigen Kollegen Rücksprache über den Fall, die ihm aber sämtlich dringend davon abrieten, sich auf eine solche Rolle einzulassen, wie Fawcett sie von ihm wünschte.

Unter Geltendmachung aller Gründe, die ihn zu ablehnendem Verhalten bestimmten, schrieb er nach einigen Tagen an Fawcett, den aber – so seltsam es erscheinen mag, diese Weigerung Grimaldis so wider ihn aufbrachte, daß er allen Umgang mit ihm abbrach und ihm, wenn ihn der Zufall mit ihm zusammenführte, in den ersten drei Jahren nicht einmal einen Gruß vergönnte.

Am 14. erteilte ihm Kemble die Erlaubnis, zum Benefiz seiner Schwägerin auf dem Birminghamer Theater mitzuwirken, dessen Direktion damals Macready, der Vater des großen Tragöden, führte. Mr. Macready empfing Grimaldi äußerst zuvorkommend und machte ihm, und zwar unter sehr annehmbaren Bedingungen, den Vorschlag, nach dem Benefiz-Abende noch ein paarmal aufzutreten.

Grimaldi hatte ein solches Ansinnen geahnt und sich deshalb in London befragt, wie man sich dort dazu stellen wolle, und ob in Covent-Garden an den nächsten Abenden etwas für ihn vorläge – was jedoch, sofern es bei den erstgetroffenen Anordnungen blieb, nicht der Fall sein konnte.

Er einigte sich, da er auf Bescheid warten mußte, nun ohne weitere Rücksichten auf London, mit Macready, begab sich, sobald er sein Frühstück eingenommen, zur Probe, fand aber im Birminghamer Schauspielhause unter allen Requisiten, mit denen es hier überhaupt traurig bestellt war, kaum eine, die er für seine Pantomime hätte brauchen können. Umsonst sann er auf ein Auskunftsmittel, das ihn über diese Schwierigkeiten hinweghälfe, konnte aber keines ausfindig machen.

»Ach was, Theater-Requisiten!« rief Macready unwillig, als Grimaldi ihm seine Bedenken dieserhalb mitteilte; »ihr Londoner habt immer allerhand Wünsche bei Euren Auftritten, auf die wir Provinzmenschen im ganzen Leben nicht kommen. Sie sollen aber haben, was Ihnen am Herzen liegt, Mr. Grimaldi! Heda, Willi!« rief er seinem Theaterdiener zu, »gehen Sie doch auf den Markt und kaufen Sie dort ein Ferkelchen, eine Gans und zwei Enten. Mr. Grimaldi besteht darauf, daß er ohne diese Viecher nicht spielen könne, und da müssen wir sie schon anschaffen.«

Grimaldi meinte nicht anders, als Macready hätte sich nur einiger Theaterworte bedient, als er seinem Diener den Auftrag gegeben hatte, ein Ferkel, eine Gans und ein Paar Enten zu besorgen, war deshalb nicht wenig erstaunt, als er den Diener mit diesen Tieren in natura auf die Bühne kommen sah, begrüßt von dem schallenden Gelächter des Publikums. Es blieb ihm nun nichts weiter übrig, als ein paar Solonummern einzulegen, die er natürlich extemporieren mußte und deren eine auf die Mitteilung fußte, die ihm Macready durch seinen Diener machen ließ, es tat ihm leid, ihm mit weiteren Requisiten nicht dienen zu können, da er selbst keine anderen hätte.

Das Publikum kam an diesem Abend aus dem Lachen wieder einmal nicht heraus, und Grimaldi hatte von neuem seinen Ruhm als unerreichter Clown begründet, der ihm hinfort auch ungeschmälert bleiben sollte. –

Am zündendsten wirkte die Art, wie er sein »exit« mit diesen lebendigen Requisiten bewirkte. »Der alte Mann« in der Pantomime kehrte mit seiner Tochter vom Markte heim, und Clown Grimaldi, ihr Diener, einen alten Livreerock mit mächtigen Taschen über seinem Clown-Kostüm, und einen mächtigen Dreimaster auf dem Kopfe, trug ihnen die auf dem Markte gemachten Einkäufe hinterher. Auf dem Rücken schleppte er einen Korb mit Möhren, die lang über den Rand herüberhingen; in den beiden Seitentaschen steckten die Enten, so daß sie mit den Köpfen herausguckten; unter dem einen Arme schleppte er das Spanferkel, unter dem andern die Gans. Immer und immer wieder wurden die Lieder da capo verlangt, die er dabei sang, darunter das damals sehr beliebte, allerdings etwas zotige »Tippitewitchet«, und für keine Pantomime hätte man sich einen bessern Erfolg denken können.

Das Haus war alle vier Abende, an denen er als Scaramuz auftrat, bis auf den letzten Platz gefüllt. Als er sich am letzten Abend anschickte, mit seinen lebendigen Requisiten auf die Bühne zu gehen, wurde ihm eine expresse Botschaft aus London, vom selbigen Tage datiert, behändigt. Sie stammte von einem seiner besten Freunde und hatte folgenden Inhalt:

»Mein lieber Joe! – Es ist angezeigt worden, daß Sie morgen abend in Covent-Garden als Clown auftreten würden. Ich fürchte aber, daß dies in feindseliger Absicht wieder Sie inszeniert ist, denn man weiß doch, daß Sie noch nicht von Birmingham zurückgekehrt sind. Verlieren Sie also keinen Augenblick!«

Grimaldi eilte auf der Stelle zum Direktor Macready, zeigte ihm den Eilbrief und erklärte, so leid es ihm täte, seinen Birminghamer Freunden und Gönnern einen weiteren Abend nicht widmen zu können.

»Was?« rief Macready, »das wäre mir recht! Das gibt’s nicht! Ich könnte ja riskieren, daß man mir das Haus demolierte! Auftreten müssen Sie heute noch, das läßt sich nicht ändern, aber ich will eine Postchaise mit Vieren für Sie bestellen, die gleich nach Schluß der Vorstellung für Sie bereit stehen soll.«

Grimaldi ließ sich bestimmen zu bleiben und spielte wieder mit ganz ungeheurem Beifall. Der Abend brachte ihm eine Einnahme von 294 Pfund, und mit weit über 800 Pfund Gesamterlös aus seinem Birminghamer Spiel warf er sich nach Schluß der Vorstellung in die Postchaise, die vorm Schauspielhause bereit stand, und befand sich um zwölf Uhr, wenige Minuten, nachdem er die Bühne verlassen, auf der Rückfahrt nach London.

Das Wetter war stürmisch, die Straße befand sich im schlechtesten Zustande, Grimaldi geizte nicht mit Trinkgeldern an die Postillone, um sie zu schnellem Fahren anzuspornen, und die Folge davon war, daß die Burschen schließlich so sternhagel betrunken wurden, daß sie auf dem Bocke einschliefen. So kam es, daß sie verkehrt fuhren, einen Umweg von fünfzehn bis achtzehn Stunden machten und Salt Hill erst am andern Abend in der siebenten Stunde erreichten.

Grimaldi nahm sich in Salt-Hill sofort Extrapost und erreichte nun das Theater in London gerade in dem Augenblicke, als die Musiker mit der Ouvertüre begannen. Sein Freund erwartete ihn in tausend Ängsten. Grimaldi gab ihm seinen aus Birmingham mitgebrachten Schatz in Verwahrung und eilte in die Garderobe, wo er Farley schon bei den Vorbereitungen traf, für ihn einzuspringen.

Rechtzeitig und zum nicht geringen Erstaunen seiner Freunde, wie auch gewisser, in der Direktion vertretenen Herren, die ein ganz anderes Ergebnis von Grimaldis Auftreten in Birmingham erwartet hatten, erschien er noch auf der Bühne.

65. Kapitel


65. Kapitel

Ein neues Leben

Die Session hatte begonnen, und mein Vormund erhielt die Meldung von Mr. Kenge, daß sein Prozeß übermorgen zur Verhandlung kommen würde. Da ich sehr gespannt war, wie die Sache ausfallen würde, kamen Allan und ich überein, an dem bestimmten Vormittag hinzugehen. Richard war außerordentlich aufgeregt und so schwach und matt, obgleich sich immer noch keine körperliche Krankheit an ihm nachweisen ließ, daß meine gute Ada der Unterstützung gar sehr bedurfte. Aber sie hoffte auf die Hilfe, die ihr jetzt binnen so kurzem in Aussicht stand, und ließ nie den Mut sinken.

Die Tagfahrt sollte in Westminster abgehalten werden. Der Prozeß war dort wohl schon hundert Mal verhandelt worden, aber ich konnte mich nicht von dem Gedanken befreien, daß es dies Mal zu einem Resultat kommen müßte. Wir eilten gleich nach dem Frühstück fort, um rechtzeitig nach der Westminsterhall zu gelangen, und gingen Arm in Arm – wie glücklich und seltsam es doch war! – durch die lebhaften Straßen dorthin.

Wir besprachen gerade, was wir für Richard und Ada tun könnten, da hörte ich jemanden rufen: »Esther! liebe Esther! Esther!« Und ich sah Caddy Jellyby, wie sie mir mit dem Kopf so lebhaft aus dem kleinen Wagen winkte, den sie in letzter Zeit gemietet hatte, um damit zu ihren Schülern zu fahren, deren sie jetzt eine große Anzahl hatte, als ob sie mich aus hundert Schritt Entfernung umarmen wollte.

Ich hatte ihr in einem Briefe alles erzählt, was mein Vormund getan, aber keinen Augenblick Zeit gefunden, sie zu besuchen. Natürlich kehrten wir um, und das herzensgute Kind war so entzückt und freute sich so sehr, von dem Abend sprechen zu können, wo sie mir die Blumen brachte, und war so sehr darauf erpicht, mein Gesicht – samt dem Hute – zwischen ihren Händen zu drücken und sich ganz wie außer sich zu benehmen und mir allerlei Kosenamen zu geben und Allan zu sagen, ich hätte, ich wisse gar nicht, was alles, für sie getan, daß ich mich durchaus einen Augenblick in den Wagen hineinsetzen und sie beruhigen mußte, indem ich ihre Zärtlichkeit über mich ergehen ließ. Endlich mußten wir aber doch gehen – die Zeit drängte –, und Caddy blickte uns aus dem Kutschenfenster nach, solange sie uns sehen konnte.

Dadurch verspäteten wir uns etwa eine Viertelstunde, und als wir die Westminsterhall erreichten, hatte die Verhandlung schon angefangen. Überdies war im Kanzleigericht ein so ungewöhnliches Gedränge, daß die Menschen bis an der Tür standen und wir weder hören noch sehen konnten, was drin vorging. Es schien etwas Komisches zu sein, denn dann und wann hörte man ein Lachen und den Ruf: Ruhe! Auch etwas Interessanteres als gewöhnlich, denn alles stieß sich und drängte vorwärts. Daß es etwas sein mußte, was den Herren vom Fach sehr spaßhaft vorkam, ersahen wir daraus, daß verschiedne junge Advokaten mit Perücken und Backenbärten, die abseits vom Gedränge standen, sich, während einer von ihnen die Sache erzählte, mit den Händen in die Taschen fuhren und sich geradezu vor Lachen krümmten und, mit den Füßen stampfend, in der Halle herumliefen.

Wir fragten einen Herrn in unsrer Nähe, ob er wisse, was für ein Prozeß verhandelt werde? Er sagte uns: »Jarndyce kontra Jarndyce.« Und ob er wüßte, wie die Sache stehe? Er sagte nein, das habe noch niemand gewußt, aber soviel er aus allem entnehmen könne, sei es vorbei damit.

»Vorbei für heute?« fragten wir.

»Nein«, sagte er, »vorbei für immer.«

Vorbei für immer!

Als wir diese überraschende Antwort hörten, sahen wir uns sprachlos vor Erstaunen an. Konnte es wirklich möglich sein, daß das neuaufgefundene Testament alles in Ordnung gebracht haben sollte und daß Richard und Ada jetzt reich seien? Es schien zu gut, um wahr zu sein. Und doch mußte es so sein.

Wir hatten nicht lange zu warten, denn das Gedränge geriet bald in Bewegung, und die Leute kamen mit roten erhitzten Gesichtern, mit einer förmlichen Wolke verdorbener Luft umgeben, herausgeströmt. Sie waren immer noch sehr lustig, wie Leute, die aus eine Komödie oder von einem Taschenspieler kommen, und nicht aus einem Gerichtshof. Wir traten beiseite und warteten, ob nicht ein Bekannter darunter wäre, und sahen, wie große Pakete Akten herausgetragen wurden, Pakete in Beuteln – Bündel, zu groß, um sie in Beutel zu stecken –, unermeßliche Papiermassen, zusammengeschnürt oder lose, unter deren Gewicht die Diener wankten und die sie vorläufig aufs Geratewohl aufs Pflaster der Halle warfen, wenn sie wieder hineingingen, um immer noch neue zu holen. Auch die Diener lachten. Wir warfen einen Blick auf die Bündel, und da wir überall »Jarndyce kontra Jarndyce« lasen, fragten wir einen wie eine Amtsperson aussehenden Mann, der mitten unter ihnen stand, ob der Prozeß aus sei. »Ja«, sagte er, »endlich hat er ein Ende gefunden!« und fing auch an zu lachen.

Endlich sahen wir Mr. Kenge, leutselig und würdevoll, aus dem Gericht kommen und Mr. Vholes zuhören, der sehr ehrerbietig auf ihn einsprach und seine Aktenmappe unter dem Arm trug. Mr. Vholes erblickte uns zuerst. »Hier ist Miß Summerson, Sir«, sagte er. »Und Mr. Woodcourt.«

»Was seh ich! Ja. Wahrhaftig!« rief Mr. Kenge und zog vor mir mit der größten Höflichkeit den Hut. »Wie steht das werte Befinden? Freut mich außerordentlich, Sie zu sehen. Mr. Jarndyce ist nicht hier?«

»Nein. Er kommt nie hierher«, erinnerte ich ihn.

»Nun«, sagte Mr. Kenge, »es ist vielleicht gut, daß er heute nicht hier ist, denn seine – soll ich in meines werten Freundes Abwesenheit sagen, seine hartnäckig verfochtene Ansicht? – wäre – wenn auch nicht mit Recht – heute bestärkt worden.«

»Bitte, was ist denn eigentlich geschehen?« fragte Allan.

»Ich bitte um Verzeihung, wie meinen?« fragte Mr. Kenge mit ausnehmender Höflichkeit.

»Was heute geschehen ist?«

»Was geschehen ist?« wiederholte Mr. Kenge. »Ja so. Hm. Nun, nichts Besonderes; hm, nichts Besonderes. Wir sind zu einem Stillstand gekommen – zu einem plötzlichen Stillstand auf der – wie soll ich sagen – auf der… Soll ich es – Schwelle nennen?«

»Ist das Testament als echt anerkannt, Sir?« fragte Allan. »Möchten Sie uns nicht wenigstens das sagen?«

»Gewiß würde ich das tun, wenn ich könnte«, sagte Mr. Kenge, »aber wir sind der Sache nicht weiter nachgegangen, nicht weiter nachgegangen.«

»Nicht weiter nachgegangen«, wiederholte Mr. Vholes mit seiner gedämpften Bauchrednerstimme wie ein fernes Echo.

»Sie müssen bedenken, Mr. Woodcourt«, bemerkte Mr. Kenge und schwenkte überredend und besänftigend seine silberne Kelle, »daß dies ein großer Prozeß, ein langer Prozeß, ein verwickelter Prozeß gewesen ist. Man hat ‚Jarndyce kontra Jarndyce‘ nicht mit Unrecht ein Denkmal der Kanzleigerichtspraxis genannt.«

»Und die Geduld hat lange darauf als Statue gesessen«, sagte Allan.

»Wahrhaftig, sehr gut, Sir«, entgegnete Mr. Kenge mit dem herablassenden Lächeln, das ihm eigen war. »Sehr gut! – Sie müssen ferner bedenken, Mr. Woodcourt«, – er wurde würdevoll bis zur Strenge – »daß auf die zahlreichen Schwierigkeiten, Zwischenfälle, meisterhaften Fiktionen und Einzelstadien in diesem großen Prozeß Studium, Geschicklichkeit, Beredsamkeit, Kenntnis und Geist, viel Geist, Mr. Woodcourt, verwendet worden sind. Viele Jahre lang hat ‚Jarndyce kontra Jarndyce‘ die – äh –, ich möchte sagen, die Blüte des Advokatenstandes – und die –äh –, ich möchte mir hinzuzusetzen erlauben, die gereiften herbstlichen Früchte des richterlichen Oberhauses in Anspruch genommen. Wenn die Allgemeinheit daraus Nutzen zieht und der Staat den Ruhm dieses großartigen Zusammenwirkens von geistigen Eigenschaften, so muß dafür bezahlt werden, Sir, in Geld oder Geldeswert.«

»Mr. Kenge«, sagte Allan, dem jetzt auf einmal ein Licht aufzugehen schien, »entschuldigen Sie mich, aber unsre Zeit ist gemessen. Wollen Sie damit sagen, daß die ganze Hinterlassenschaft in Kosten aufgeht?«

»Hm! Ich glaube«, entgegnete Mr. Kenge. – »Mr. Vholes, was meinen Sie?«

»Ich glaube auch«, bestätigte Mr. Vholes.

»Und daß auf diese Weise der Prozeß sozusagen in Rauch aufgeht?«

»Wahrscheinlich«, entgegnete Mr. Kenge. – »Mr. Vholes?«

»Wahrscheinlich«, sagte Mr. Vholes.

»Liebste Esther«, flüsterte mir Allan zu, »das bricht Richard das Herz.«

In seinem Gesicht drückte sich ein so plötzlicher Schrecken aus, und er kannte Richard so durch und durch, und auch ich hatte seinen allmählichen geistigen Verfall so deutlich bemerkt, daß mir die Worte, die meine Ada mit dem vorausahnenden Blick der Liebe zu mir gesprochen hatte, wie ein Totengeläute in den Ohren klangen.

»Im Falle Sie Mr. C. zu sehen wünschen sollten, Sir«, sagte Mr. Vholes, der hinter uns herkam, »so finden Sie ihn im Gerichtssaal. Ich ließ ihn dort, weil er ein wenig ruhen wollte. Guten Tag, Sir; guten Tag, Miß Summerson.« Wie er mich mit seinem langsam verzehrenden Blick ansah und dabei die Schnüre seines Aktenbeutels zusammendrehte, bevor er Mr. Kenge nacheilte, von dessen wohlwollendem Schatten er sich nicht gern zu trennen schien, schnappte er ein Mal, als schlänge er damit den letzten Bissen dieses Klienten hinunter. Dann glitt seine schwarze, zugeknöpfte, widerwärtige Gestalt hinweg nach der niedrigen Tür am Ende der Halle.

»Liebes Herz«, sagte Allan, »überlaß mir auf eine kleine Weile den, den du mir so lange anvertraut hast. Geh und melde alles zu Hause und komm dann zu Ada!«

Ich ließ ihn nicht erst einen Wagen holen, sondern bat ihn, ohne einen Augenblick Verzug Richard aufzusuchen und mich allein gehen zu lassen. Zu Hause angekommen, fand ich meinen Vormund vor und berichtete ihm schonend, was vorgefallen war.

»Kleines Frauchen«, sagte er, seinetwegen nicht im geringsten bekümmert, »den Prozeß endlich vom Halse zu haben, ist ein segensreicheres Resultat, als ich erwartet hätte. Aber das arme, arme junge Paar!«

Wir sprachen den ganzen Vormittag von Ada und Richard und berieten, was wir für sie tun könnten. Dann begleitete mich mein Vormund nach Symond’s-Inn und verließ mich an der Haustür. Ich ging hinauf. Als mein Liebling mich kommen hörte, kam sie auf den schmalen Gang heraus und warf sich an meine Brust; aber gleich faßte sie sich wieder und sagte mir, daß Richard mehrmals nach mir gefragt hätte. Wie sie mir erzählte, hatte ihn Allan in einer Ecke des Gerichtssaales sitzen gefunden, starr wie ein Steinbild. Als er ihn aus seinem Grübeln weckte, war er aufgesprungen und hatte eine Bewegung gemacht, als wollte er voll Zorn sich gegen die Richter wenden, aber ein Blutsturz hatte ihn daran gehindert, und er mußte nach Hause gebracht werden.

Er lag mit geschlossenen Augen auf dem Sofa, als ich eintrat. Medizinflaschen standen auf dem Tisch, das Zimmer war so luftig wie möglich gemacht und verdunkelt, sauber aufgeräumt und still. Allan stand hinter dem Kranken und beobachtete ernst sein Gesicht, in dem keine Spur von Farbe mehr war. Jetzt erst erkannte ich genau, wie hinfällig er war. Aber sein Gesicht war friedlicher, schöner, als ich es seit langem gesehen.

Ich setzte mich stumm neben ihn. Bald darauf schlug er die Augen auf und sagte mit schwacher Stimme und seinem alten Lächeln: »Mütterchen Durden, küssen Sie mich!«

Es war mir ein großer Trost, ihn in seinem geschwächten Zustande heiter und hoffnungsvoll zu sehen. Er sagte, unsre bevorstehende Heirat mache ihn glücklicher, als er mit Worten ausdrücken könne. Mein Bräutigam sei für ihn und für Ada ein Schutzengel gewesen, und er segne uns beide und wünsche uns alles Glück, das das Leben nur gewähren könnte.

Es war mir, als müsse mir das Herz brechen, als ich ihn Allans Hand ergreifen und an seine Brust drücken sah.

Wir sprachen so viel wie möglich von der Zukunft, und er sagte mehrere Male, daß er bei unsrer Hochzeit sein müsse, wenn er sich auf den Füßen halten könnte. Ada würde ihn schon irgendwie hinbringen, hoffte er. »Aber selbstverständlich, liebster Richard!« tröstete sie ihn. Aber wie sie ihm so hoffnungsvoll, so heiter und innig antwortete, aufrecht erhalten von der Hoffnung auf die Hilfe, von der sie zu mir gesprochen, da wußte ich, wie alles kommen werde.

Er durfte nicht zuviel sprechen; und wenn er schwieg, schwiegen wir ebenfalls. Wie ich neben ihm saß, tat ich, als ob ich etwas für mein Herzenskind arbeitete, da es ihm immer Spaß gemacht hatte, mich wegen meines Fleißes zu necken. Ada beugte sich über sein Kissen und hielt sein Haupt in ihrem Arme. Er fiel von Zeit zu Zeit in einen Halbschlummer; und so oft er aufwachte, war seine erste Frage: »Wo ist Woodcourt«, wenn er ihn nicht gleich sah.

Es war Abend geworden, als ich aufblickte und meinen Vormund in dem kleinen Vorzimmer stehen sah. »Wer ist da, Mütterchen Durden?« fragte mich Richard. Die Tür befand sich hinter ihm, aber er hatte es in meinem Gesicht gelesen, daß jemand da war.

Ich fragte Allan mit den Augen, und da er ein Ja nickte, beugte ich mich über Richard und sagte es ihm. Mein Vormund sah, was vorging, trat leise an mich heran und legte seine Hand auf Richards Hand.

»Ach, Vetter«, flüsterte Richard, »du bist so gut, so gut!« und brach zum ersten Mal in Tränen aus.

Mein Vormund, das Bild eines guten Menschen, nahm auf meinem Stuhle Platz und ließ seine Hand in Richards Hand ruhen.

»Lieber Rick«, sagte er, »die Wolken haben sich verzogen und es ist heller Tag geworden. Wir gingen alle irre, Rick, mehr oder weniger. Was liegt daran!… Und wie geht es dir, lieber Richard?«

»Ich bin sehr schwach, Vetter, aber ich hoffe, ich werde bald wieder zu Kräften kommen. Jetzt heißt es ein neues Leben beginnen.«

»Recht so, Rick.«

»Diesmal werde ich es nicht in der alten Weise anfangen«, sagte Richard mit einem trüben Lächeln. »Ich habe jetzt eine Lehre erhalten, Vetter. Es war eine harte Lehre, aber du kannst versichert sein, daß ich sie nicht vergessen werde.«

»Schon gut«, tröstete ihn mein Vormund. »Schon gut, lieber Junge!«

»Ich dachte mir eben, Vetter«, fing Richard wieder an, »daß ich nichts auf Erden so gern sehen würde als – Mütterchen Durdens und Woodcourts Haus. Wenn ich dorthin gebracht werden könnte, sobald ich wieder mehr Kraft habe, glaube ich, ich würde dort früher genesen als anderswo.«

»Daran habe ich auch schon gedacht, Rick!« sagte mein Vormund. »Und unser kleines Frauchen auch; sie und ich haben erst heute darüber gesprochen. Ich glaube nicht, daß ihr Bräutigam etwas dawider haben wird. Was meinen Sie, Woodcourt?«

Richard lächelte und erhob den Arm und tastete nach Allan, der hinter ihm zu Häupten seines Bettes stand.

»Ich sage nichts von Ada, aber ich denke an sie und habe sehr viel an sie gedacht. Sieh her! Sieh her, wie sie sich so sorgsam über das Kissen beugt, wo sie doch selbst der Ruhe so dringend bedarf! Meine heißgeliebte, meine arme Ada!« Er schloß sie in seine Arme, und keines von uns sprach ein Wort. Allmählich ließ er sie los, und sie sah uns an, blickte hinauf zum Himmel und bewegte die Lippen.

»Wenn ich nach Bleakhaus komme«, flüsterte Richard, »werde ich dir viel zu erzählen haben, und wir müssen vieles besprechen. Du kommst, nicht wahr, Vetter?«

»Sei überzeugt, lieber Rick.«

»Ich danke dir. So bist du immer. Immer. Sie haben mir erzählt, was du alles für sie getan, und daß du nicht die kleinste ihrer Lieblingsgewohnheiten außer acht gelassen hast. Es wird mir sein, als ob ich wieder das alte Bleakhaus besuchte.«

»Und auch dorthin wirst du kommen, hoffe ich, lieber Rick. Ich bin jetzt ein alleinstehender Mann, wie du weißt, und ein Besuch wird mir eine Wohltat sein. Eine Wohltat, meine Liebe«, wiederholte er, zu Ada gewendet, streichelte sanft ihr goldenes Haar und drückte eine Locke davon an seine Lippen. Ich ahnte, daß er innerlich gelobte, sich ihrer anzunehmen, wenn sie allein zurückblieb.

»Nicht wahr, es war nur ein böser Traum?« sagte Richard und faßte bittend meines Vormundes beide Hände.

»Nichts sonst, Rick; nichts sonst.«

»Und du kannst in deiner Güte dem Träumer wirklich verzeihen, ihn bemitleiden und nachsichtig zu ihm sein und ihm Mut zusprechen, jetzt, wo er erwacht ist?«

»Gewiß, mein lieber Junge. Bin ich denn nicht selbst nur ein Träumer, Rick?«

»Ich will ein neues Leben anfangen«, sagte Richard, und seine Augen leuchteten.

Allan trat näher an Ada heran, und ich sah, wie er feierlich die Hand erhob, um meinen Vormund vorzubereiten.

»Wann werde ich diesen Ort hier mit dem schönen Lande vertauschen und die alten Zeiten wieder vor mir sehen und Kraft genug haben, zu sagen, was Ada mir gewesen ist, und imstande sein, meine vielen Fehler und meine Verblendung wieder gut zu machen und mich vorbereiten können, meinem Kind ein Führer zu sein?« sagte Richard. »Wann glaubst du, kann ich reisen?«

»Lieber Rick, sowie wir wieder ein wenig bei Kräften sind«, entgegnete mein Vormund.

»Ada, meine Herzens-Ada.« Er versuchte sich ein wenig zu erheben. Allan kam seinem Wunsch zuvor und hob ihn so, daß er seinen Kopf an ihre Brust legen konnte.

»Ich habe dir viel Leid zugefügt, mein Alles. Ich bin wie ein armer verirrter Schatten auf deinen Lebenspfad gefallen. Ich habe dich mit Armut und Sorgen vermählt und dein Vermögen vergeudet. Vergibst du mir, meine Ada, ehe ich ein neues Leben beginne?«

Ein Lächeln erhellte sein Gesicht, als sie sich niederbeugte, um ihn zu küssen.

Er ließ langsam sein Gesicht an ihre Brust sinken, schlang seine Arme fest um ihren Nacken und fing mit einem Abschiedsseufzer das neue Leben an. Das Leben, das über das Grab hinausreicht und alles irdische verwischt.

Abends spät, als alles still war, kam die arme verrückte Miß Flite weinend zu mir und sagte, daß sie allen ihren Vögeln die Freiheit geschenkt habe.

66. Kapitel


66. Kapitel

Unten in Lincolnshire

Ein Schweigen herrscht in diesen so anders gewordenen Tagen über Chesney Wold wie über einem Teil der Familiengeschichte. Das Gerücht geht, Sir Leicester habe sich die Verschwiegenheit der Leute erkauft, die sprechen könnten, wenn sie wollten, aber es ist eine flügellahme Geschichte, die nicht flügge werden kann, und ihr Lebensfunke ist bald erstorben. Nur soviel weiß man gewiß, daß die stolze Lady Dedlock im Mausoleum im Park ruht, wo sich dunkel die Bäume wölben und nachts die Eule durch den Wald schreit; aber von wo sie nach Hause gebracht worden, um unter den Echos dieses einsamen Ortes bestattet zu werden, und wie sie gestorben, das ist ein Geheimnis.

Einige von ihren alten Freundinnen, vorzüglich unter den Jungfrauen mit den Pfirsichwangen und den dürren Hälsen, sagten einmal, wie sie scherzend gespensterhaft mit großen Fächern spielten – wie Jungfrauen, die mit dem grimmen Tod kokettieren müssen, weil ihnen kein andrer Liebhaber treu geblieben –, gelegentlich, als die vornehme Welt sich versammelte, sie wunderten sich, daß die Asche der Dedlocks im Mausoleum sich niemals gegen die Entweihung durch Myladys Gesellschaft erhöbe. Aber die abgeschiedenen Dedlocks nehmen es sehr ruhig hin, und man hat nie von einem Protest von ihnen gehört.

Durch das Farnkraut in den Wegmulden und den Reitweg unter den Bäumen herauf nähert sich manchmal dieser einsamen Stelle der Schall von Hufschlägen. Dann erscheint Sir Leicester – gelähmt, gebeugt und fast blind, aber noch immer eine würdige achtunggebietende Erscheinung – im Sattel, und neben ihm reitet ein Mann mit Sehnen von Stahl dicht an seiner linken Hand. Und wenn sie eine gewisse Stelle vor der Tür des Mausoleums erreichen, bleibt Sir Leicesters Leibpferd von selbst stehen, und Sir Leicester entblößt schweigend das Haupt und wartet still einige Augenblicke, ehe sie weiter reiten.

Der Kampf mit dem kühnen Boythorn tobt immer noch, wenn auch mit Intervallen, und bald heiß und bald schläfrig, aufflackernd wie ein unstetes Feuer. Die Wahrheit ist, daß, als Sir Leicester krank nach Lincolnshire kam, Mr. Boythorn offen den Wunsch zeigte, sein Wegerecht aufzugeben und alles zu tun, was Sir Leicester wünschte; aber Sir Leicester, der dies für Mitleid mit seiner Krankheit oder seinem Unglück hielt, nahm es so übel auf und fühlte sich in seinem Stolz so verletzt, daß Mr. Boythorn sich in die Notwendigkeit versetzt sah, das nachbarliche Gebiet offen zu verletzen, um ihn wieder zu sich selbst zu bringen. So fährt daher Mr. Boythorn fort, furchtbare Drohungen an dem umstrittenen Wege anzuschlagen und, während der Vogel auf seinem Kopf sitzt, sich in dem Heiligtum seines Hauses in leidenschaftlichen Wutausbrüchen gegen Sir Leicester zu ergehen. Auch trotzt er ihm wie vor alters in der kleinen Kirche, indem er eine vollständige Unkenntnis der Anwesenheit seines Feindes zur Schau trägt. Aber man flüstert sich zu, daß er, wenn er sich gegen seinen Gegner am wildesten ausspricht, in Wirklichkeit am rücksichtsvollsten gegen ihn ist und daß Sir Leicester in seiner Würde als unversöhnlicher Feind wenig ahnt, wie sehr man ihm zu Gefallen lebt. Ebensowenig ahnt er, in wie enger Verbindung er und Mr. Boythorn durch die Schicksale zweier Schwestern gelitten haben; und sein Gegner, der es jetzt weiß, ist der letzte, der es ihm verraten würde. So wird also der Streit zur Befriedigung beider fortgesetzt.

In einem der Portiershäuser des Parks, in dem Häuschen, das man vom Fenster des Herrenhauses erblickt, wo zu jener Zeit, als das Wasser in Lincolnshire so hoch stand, Mylady das Kind des Parkwärters sah, wohnt jetzt der sehnige, stahlharte Mann, der ehemalige Kavallerist. Einige Reliquien von seinem alten Berufe her hängen an den Wänden; und sie hellpoliert zu erhalten, ist die Lieblingserholung eines kleinen, lahmen Mannes, den man immer bei den Ställen findet. Rastlos ist er vor Geschirrkammern tätig mit dem Polieren von Steigbügeln, Gebissen, Kinnketten, Geschirrteilen und allen andern irgendwie zu den Ställen gehörigen Sachen, die sich polieren lassen – und sein Leben ist ein fortwährendes Reiben und Putzen. Es ist ein kleiner, zottiger, mehrfach beschädigter Mann, nicht unähnlich einem alten schlechtrassigen Bastardhund, der sich viel in der Welt herumgeschlagen hat und auf den Namen Phil hört.

Ein erfreulicher Anblick ist es, die würdige alte Haushälterin, die jetzt noch schwerhöriger ist, am Arme ihres Sohnes in die Kirche gehen zu sehen und das Verhältnis zwischen ihnen und Sir Leicester zu beobachten. Allerdings haben nur wenige Gelegenheit dazu, denn das Haus sieht jetzt selten Gäste. In den heißen Sommertagen zuweilen kommt Besuch mit einem Regenschirm und einem grauen Mantel, der früher in Chesney Wold unbekannt war. Dann sieht man manchmal in abgelegenen Sägegruben und ähnlichen versteckten Winkeln des Parks zwei junge Damen herumspringen, und vor des Kavalleristen Tür kräuselt sich der Rauch zweier Pfeifen in die duftende Abendluft hinauf. Dann hört man von einer Querpfeife im Portierhäuschen die wilden begeisternden Klänge von Englands Grenadieren spielen; und wenn der Abend anbricht, sagt eine tiefe Baßstimme, während zwei Männer miteinander auf und abschreiten:

»Aber ich gebe es vor der Alten nie zu. Disziplin muß sein.«

Der Haupttrakt des Hauses ist zugeschlossen, und es wird nicht länger Fremden gezeigt, aber Sir Leicester hält auch jetzt noch Hof in dem langen Salon und ruht auf seinem alten Platze vor dem Bilde Myladys. Des Abends, von breiten Schirmen eingeschränkt und nur in diesem Teile des Hauses brennend, scheint das Licht des Salons immer mehr zusammenzuschrumpfen, bis es eines Tages ganz aufhören wird. Ja, binnen sehr kurzem wird es für Sir Leicester ganz verlöschen; und die dumpfige Pforte des Mausoleums, die so fest schließt und so hartherzig aussieht, wird sich auftun und ihn aufnehmen. – – –

Volumnia, die immer rosiger wird, je mehr die Zeit verrauscht, liest Sir Leicester an den langen Abenden vor und muß, um ihr Gähnen zu verbergen, ihre Zuflucht zu verschiedenen Kunstgriffen nehmen, deren vornehmster und wirksamster darin besteht, daß sie das Perlenhalsband zwischen ihre Blütenlippen nimmt. Hauptsächlich liest sie langatmige Abhandlungen über die Buffy- und Boodlefrage, die zeigen, daß Buffy ein unbefleckter Patriot und Boodle ein Schurke ist, und wie das Vaterland zugrunde gehen muß, wenn es nur für Boodle und nicht für Buffy stimmt, oder wie es gerettet werden kann, wenn es nur für Buffy und nicht für Boodle ist, denn einer von den beiden muß es sein, und andre kommen nicht in Betracht. Sir Leicester ist es ziemlich gleich, was sie vorliest, und er scheint ihr nicht sehr aufmerksam zu folgen, aber doch wird er auf der Stelle munter, sowie sie wagt, aufzuhören, und fragt, jedes Mal mit sonorer Stimme ihr letztes Wort wiederholend, verdrießlich, ob sie müde sei. Volumnia ist nun aber bei Gelegenheit ihres vogelartigen Herumhüpfens und Anpickens von Papieren auf die Notiz einer sie betreffenden Testamentsklausel gestoßen (im Fall ihrem Verwandten »etwas passieren sollte«), und solche Chancen vor Augen als Entschädigung für einen langen Vorlesekursus, nimmt sie sogar den Kampf mit dem Drachen Langeweile auf.

Die Vettern im allgemeinen fürchten sich ein wenig vor Chesney Wold in der stillen Zeit, wagen sich aber in der Jagdsaison heran, wo man dann Schüsse im Park hört und ein paar Treiber und Jagdgehilfen auf den alten Sammelplätzen auf zwei oder drei schwermütige Cousins warten. Der hinfällige Vetter, den die Eintönigkeit des Ortes immer gräßlicher mitnimmt, verfällt dann in eine schrecklich niedergedrückte Stimmung, stöhnt in seinen jagdfreien Stunden unter Sofakissen und beteuert, daß so ein –ah – höllischer oller Kerker – äh – Menschenleben kosten könne.

Die einzigen großen Lichtblicke für Volumnia in diesen veränderten Verhältnissen des Schlosses in Lincolnshire sind die seltenen Gelegenheiten, wo durch den Besuch eines öffentlichen Balles etwas für die Grafschaft oder das Vaterland getan werden muß. Dann zeigt sich die abgehetzte Sylphe in Feengestalt der Menschheit und fährt voller Freude unter vetterlicher Eskorte vierzehn lange Meilen weit nach dem alten Festlokale, das an dreihundertvierundsechzig Tagen und Nächten jedes Normaljahres eine Art antipodische Rumpelkammer voll auf den Kopf gestellter alter Tische und Stühle ist. Hier gewinnt sie alle Herzen durch ihre Leutseligkeit, ihre mädchenhafte Munterkeit und durch ihr Herumspringen, wie in den Tagen, wo der garstige alte General mit dem Prachtgebiß im Munde noch nicht einen einzigen der vierundsechzig falschen Zähne zu zwei Guineen das Stück sich hat einsetzen lassen müssen. Dann dreht und wirbelt sie als Hirtennymphe aus guter Familie durch das Gewühl der Tänzer, und die Schäfer nahen sich ihr mit Tee, Limonade, Sandwiches und Huldigungen. Dann kann sie freundlich und hartherzig sein, stolz und anspruchslos, veränderlich, reizend und jugendlich launenhaft, und eine auffallende Ähnlichkeit herrscht zwischen ihr und den kleinen gläsernen Armleuchtern aus einem vergangenen Zeitalter, die das Festlokal zieren und mit ihren dünnen Stengeln, ihren spärlichen Knöspchen, ihren kahlen Verästelungen und ihrem schwachen prismatischen Schillern wie lauter Volumnias erscheinen.

Im übrigen ist das Leben in Lincolnshire für Volumnia wie die ungeheure Leere des übergroßen Hauses, mit Bäumen davor, die seufzend die Hände ringen, die Köpfe senken und in eintöniger Trauer ihre Tränen gegen die Fensterscheiben werfen. Ein feierliches Labyrinth, das nicht mehr den letzten Repräsentanten einer alten Familie von menschlichen Wesen und ihren gespensterhaften Ebenbildern zu gehören scheint, sondern bewohnt wird von hallenden Klängen, die bei jedem Ton aus ihren Gräbern hervorkommen und durch das ganze Gebäude schallen. Eine Einöde von unbenutzten Korridoren und Treppen, wo, wenn man nachts einen Kamm auf den Boden des Schlafzimmers fallen läßt, es wie ein verstohlener Tritt erkundend durch das Haus geht. Ein Haus, wo es nicht jedermanns Sache ist, allein herumzugehen, wo das Dienstmädchen aufschreit, wenn eine Schlacke durch den Rost schlurrt, sich angewöhnt, zu allen Zeiten und bei allen Gelegenheiten zu weinen, schließlich das Opfer einer krankhaften Schwermut wird, kündigt und den Dienst verläßt.

So ist Chesney Wold.

Fast ganz der Nacht und der Leere überlassen, unverändert im strahlenden Sommer und im trüben Winter; immer düster und still. Kein Banner weht mehr bei Tage; und keine Lichterreihen glänzen mehr bei Nacht; keine Familie kommt oder geht mehr, keine Besucher sind mehr die Seelen der blassen kalten Zimmer, und kein Leben regt sich mehr in ihm. – Leidenschaft und Stolz sind selbst für das Auge des Fremden in dem Herrensitz in Lincolnshire erstorben und haben toter Ruhe Platz gemacht.

67. Kapitel


67. Kapitel

Der Schluß von Esthers Erzählung

Volle sieben glückliche Jahre bin ich Herrin von Bleakhaus gewesen. Die wenigen Worte, die ich dieser Niederschrift noch hinzuzufügen habe, sind bald geschrieben. Dann werde ich das Buch schließen und von den Freunden und Freundinnen, für die ich schreibe, für immer scheiden. Nicht ohne manche teure Rückerinnerung meinerseits, und nicht ohne so manche, hoffe ich, ihrerseits.

Sie legten mir meinen schönen Liebling ans Herz, und viele Wochen lang verließ ich meine liebe Ada auch nicht einen Tag. Der Säugling, auf den sie so viel Hoffnung gesetzt, kam zur Welt, ehe der Rasen seines Vaters Grab bedeckte. Es war ein Knabe; mein Mann, mein Vormund und ich gaben ihm den Namen Richard.

Die Hilfe, auf die meine liebe Ada so gebaut, wurde ihr zuteil, wenn auch von der ewigen Allweisheit zu einem andern Zweck bestimmt. Als ich sah, wie die kleine schwache Hand des Kindchens mit seiner Berührung das wunde Herz meiner lieben Ada genesen machte und wieder Hoffnung in ihr aufkeimen ließ, fühlte ich in einer neuen Bedeutung die Güte und Barmherzigkeit Gottes walten.

Allmählich sah ich meine Herzens-Ada in meinen ländlichen Garten kommen und dort, mit dem Kinde auf dem Arm, umherwandeln. Ich war nun verheiratet und die Glücklichste der Glücklichen.

Um jene Zeit kam mein Vormund zu uns und fragte Ada, wann sie zu ihm kommen würde.

»Beide Häuser sind jetzt dein Heim, mein Kind«, sagte er, »aber das ältere Bleakhaus hat den Vorrang. Wenn du und dein Knabe kräftig genug sind, kommt ihr und nehmt Besitz von ihm.«

Ada nannte ihn ihren lieben, teuern Vetter John; aber er bat sie, in ihm ihren Vormund zu sehen. Und er war von da an ihr und dem Knaben ein Vormund und fühlte sich glücklich, sich so nennen zu hören. So nannte sie ihn denn Vormund und hat ihn seitdem stets so genannt. Die Kinder kennen ihn unter keinem andern Namen – ich sage die Kinder, denn ich habe zwei kleine Töchter.

Es ist kaum zu glauben, daß Charley, die immer noch runde Augen macht und immer noch schwach in der Grammatik ist, mit einem Müller unsrer Gegend verheiratet ist, und doch ist es wahr. Selbst jetzt, in diesem Augenblick, wenn ich von meinem Schreibtisch im Morgensonnenschein zum Fenster hinausschaue, sehe ich, wie ihre Mühle zu gehen anfängt. Ich hoffe nur, der Müller verdirbt mir Charley nicht, denn er hat sie sehr gern. Charley ist etwas eitel seinetwegen, denn er hat sein gutes Auskommen, und es war ein großes Gereiße um ihn. Was die Erinnerung an die Zeit, wo sie meine kleine Zofe war, betrifft, so möchte ich fast meinen, daß die Zeit sieben Jahre lang ebenso still gestanden haben müßte wie die Mühle noch vor einer halben Stunde, denn die kleine Emma, Charleys Schwester, ist ganz ihr früheres Ebenbild. Wie weit es Tom, Charleys Bruder, in der Schule im Rechnen gebracht hat, wage ich nicht zu entscheiden, aber ich glaube, bis zu den Dezimalbrüchen. Aber wie weit es auch gewesen sein mag, jedenfalls ist er jetzt Lehrling bei dem Müller und ein guter, schüchterner Junge, der immer in irgendein Mädchen verliebt ist und sich jedes Mal mächtig darüber schämt.

Caddy Jellyby verlebte die eben verflossenen Feiertage bei uns und war liebenswürdiger als je. Beständig tanzte sie mit den Kindern im Hause herum, als ob sie nie in ihrem Leben Lektionen gegeben hätte. Sie hat jetzt ihren eignen Wagen anstatt des gemieteten und ist von Newman-Street zwei ganze Meilen weiter westlich gezogen. Sie arbeitet sehr angestrengt, denn ihr Mann, ein vortrefflicher Gatte, ist gelähmt und kann nur sehr wenig tun. Dennoch ist sie zufriedener als je und kommt allen ihren Pflichten getreu und freudig nach. Mr. Jellyby verbringt seine Abende in ihrem neuen Hause und lehnt den Kopf an die Wand, genau wie im alten. Mrs. Jellyby soll lange Zeit sehr unter der Mesalliance und dem »entwürdigenden« Beruf ihrer Tochter gelitten haben, wie ich hörte, aber ich hoffe, sie hat sich mit der Zeit von ihrem Verdruß erholt. Mit Afrika hat sie Pech gehabt, denn das Unternehmen schlug fehl, weil der König von Borriobula-Gha jeden, den das Klima am Leben ließ, für Schnaps zu verkaufen strebte. Sie ist jetzt tätig, der Frau das Recht, im Parlamente zu sitzen, zu erwirken, und Caddy sagt mir, daß diese Mission einen noch größeren Briefwechsel nach sich zieht als die alte.

Fast hätte ich Caddys armes kleines Mädchen vergessen. Es ist nicht mehr so winzig klein, aber taubstumm. Ich glaube, es hat nie eine bessere Mutter gegeben als Caddy, die in ihren kargbemessenen Mußestunden unzählige Taubstummenkünste lernt, um dem Kinde sein Los erträglicher zu gestalten.

Als ob ich niemals mit Caddy fertig werden sollte, fallen mir hier Peepy und der alte Mr. Turveydrop ein. Peepy ist beim Zollamte angestellt und befindet sich dabei außerordentlich wohl. Der alte Mr. Turveydrop, sehr apoplektisch geworden, trägt seinen Anstand immer noch in der Stadt spazieren, genießt das Leben auf die alte Weise und wird immer noch wie ehedem mit Ehrfurcht und gläubigen Auges angesehen. Er ist ein großer Gönner Peepys und soll ihm seine Lieblingsstutzuhr im Ankleidezimmer, die nicht ihm gehört, vermacht haben.

Mit dem ersten Gelde, das wir uns ersparten, bauten wir an unser hübsches Haus ein kleines Brummstübchen für meinen Vormund an, das wir dann, als er uns besuchen kam, mit großem Glänze einweihten. Ich versuche, alles das leichten Sinnes hinzuschreiben, weil mein Herz jetzt, wo es zu Ende geht, übervoll ist; aber wenn ich von ihm schreibe, treten mir immer wieder die Tränen in die Augen.

Nie kann ich ihn ansehen, ohne daß ich nicht im Geiste unsern armen, lieben Richard ihn einen guten Menschen nennen höre. Ada und ihrem hübschen Knaben ist er der zärtlichste Vater, mir, was er mir immer gewesen ist, und mit welchem Namen kann ich das ausdrücken! Er ist meines Mannes bester und teuerster Freund, er ist der Liebling unsrer Kinder, der Mittelpunkt unsrer innigsten Liebe und Verehrung. Aber trotzdem ich fast ein höheres Wesen in ihm sehe, bin ich doch so vertraut und unbefangen zu ihm, daß es mir fast wie ein Wunder vorkommt. Wir beide, sowohl er wie ich, haben unsre alten Namen noch, und wenn er bei uns zu Besuch ist, nehme ich keinen andern Platz als meinen alten auf dem Stuhle neben ihm ein. Mütterchen Hubbard, Frau Spinnweb, kleines Frauchen, so heißt es immer noch; und ich antworte: Ja, lieber Vormund, ganz wie früher.

Ich wüßte nicht, daß der Wind auch nur einen einzigen Augenblick aus Osten geweht hätte seit dem Tage, wo er mich an unsre Pforte, auf der das Wort Bleakhaus stand, geführt. Ich brachte einmal gelegentlich die Sprache darauf, daß jetzt niemals mehr Ostwind zu herrschen scheine, und er sagte: Nein, gewiß nicht; er habe seit jenem Tage aufgehört, aus dieser Himmelsrichtung zu wehen.

Ich glaube, mein Herzenskind ist schöner als je. Der Gram, der eine Zeit in ihrem Gesicht gelegen – er ist jetzt verschwunden –, scheint sogar seinen unschuldigen Ausdruck noch geläutert und ihm etwas Heiliges gegeben zu haben. Manchmal, wenn ich sie in ihrem Trauerkleid, das sie immer noch trägt, meinen Richard unterrichten sehe, kommt es mir vor – wie soll ich nur sagen –, als ob es gut wäre, zu wissen, daß sie ihrer lieben Esther in ihren Gebeten gedenkt.

Ich nenne ihn meinen Richard! Aber er sagt, er hätte zwei Mamas, und ich sei die eine.

Wir sind nicht reich an Geld, aber es ist uns stets gut gegangen, und wir haben, was wir brauchen. Nie gehe ich mit meinem Gatten aus, ohne zu hören, wie ihn die Leute segnen. Nie trete ich in ein Haus, vornehm oder gering, ohne sein Lob zu hören oder in dankerfüllten Augen zu lesen. Nie lege ich mich nachts nieder, ohne zu wissen, daß er im Laufe des Tages Schmerzen gelindert oder einem Nebenmenschen in seiner Not beigestanden hat. Ich weiß, daß von dem Lager hoffnungslos aufgegebener Kranker oft in Sterbestunden ein Dankgebet für seine geduldige Pflege zum Himmel geschickt worden ist. Heißt das nicht reich sein?

Die Leute preisen mich, bloß weil ich seine Frau bin! Sogar mich haben die Leute gern, wenn ich zu ihnen komme, und machen soviel Aufhebens mit mir, daß ich mich ordentlich schäme. Und das verdanke ich alles ihm, meinem Geliebten, meinem Stolz! Sie haben mich seinetwegen gern, wie ich alles, was ich auf Erden tue, seinetwegen tue.

Vor ein oder zwei Abenden, nachdem ich für meine Herzens-Ada und für meinen Vormund und den kleinen Richard, die morgen kommen, allerlei vorgerichtet hatte, saß ich vor der Tür, die ich in so teuerm Andenken halte, als Allan nach Hause kam. Er sagte: »Nun, mein kleines Frauchen, was machst du hier?« und ich erwiderte, »der Mond scheint so hell, und die Nacht ist so köstlich, daß ich mich hergesetzt und nachgedacht habe.«

»Und worüber hast du nachgedacht, mein Schatz?«

»Wie neugierig du bist. Ich schäme mich fast, es zu sagen, aber du sollst es wissen. Ich habe an mein altes Gesicht gedacht, wie es früher war.«

»Und was hast du davon gedacht, mein kleines fleißiges Bienchen?« fragte Allan.

»Ich habe mir gedacht, daß ich für unmöglich hielte, du könntest mich mehr lieben, selbst wenn ich mein altes Gesicht behalten hätte.«

»Wie es früher war?« sagte Allan lachend.

»Natürlich, wie es früher war.«

»Mein liebes Mütterchen«, fragte Allan und zog meinen Arm durch den seinen, »schaust du manchmal in den Spiegel?«

»Du weißt, daß ich es tue; du siehst es ja.«

»Und du weißt nicht, daß du hübscher bist als je?«

Ich wußte es nicht; ich weiß nicht einmal, ob ich es jetzt weiß. Aber ich weiß, daß meine lieben Kleinen sehr hübsch sind, und daß meine Herzens-Ada sehr schön ist, und daß mein Mann sehr hübsch ist, und daß das Gesicht meines Vormundes von Heiterkeit und Herzensgüte strahlt wie kein andres auf der Welt, und daß sie sehr gut ohne viel Schönheit bei mir auskommen können – selbst vorausgesetzt –.

7. Kapitel


7. Kapitel

Der Geisterweg

Esther schläft, Esther wacht, und immer noch ist Regenwetter auf dem Landsitz in Lincolnshire.

Der Regen fällt: trip, trip, trip, Tag und Nacht auf die breiten Steinplatten der Terrasse, die der »Geisterweg« heißt. Das Wetter unten in Lincolnshire ist so schlecht, daß auch die lebhafteste Phantasie daran verzweifelt, es könne jemals wieder schön werden. Nicht etwa, daß ein besonderer Überschuß an Phantasie in dem Landhaus vorhanden wäre, denn Sir Leicester ist nicht da – und wenn er da wäre, würde das die Sache auch nicht wesentlich ändern –, sondern in Paris mit Mylady; und die Einsamkeit hockt brütend mit grauem Fittich über Chesney Wold.

Einige Regungen von Phantasie sind möglicherweise in den niederen Geschöpfen in Chesney Wold lebendig. Die Pferde in den Ställen – in den langgestreckten Ställen in einem roten kahlen Ziegelhof, wo im Turm eine Glocke hängt und eine Uhr mit einem großen Gesicht, das die Tauben in der Nähe, die gern dort auf dem Simse sitzen, immer zu fragen scheinen – malen sich im Geiste vielleicht manchmal doch ein Bild von schönem Wetter aus und sind darin bessere Künstler als ihre Stallknechte.

Der Rotschimmel, der sich so ausgezeichnet für einen Jagdritt über schwieriges Terrain eignet, denkt vielleicht, wenn er mit seinen großen Augen nach dem vergitterten Fenster nicht weit von seiner Krippe blickt, an die frischgrünen Blätter, die zu andern Zeiten dort glänzen, an die Wohlgerüche, die dort hereinströmen, und an einen feinen Galopp mit den Hatzhunden, während das Menschenkind, das den Stand daneben auskehrt, niemals über seine Heugabel und seinen Besen hinauskommt.

Der Grauschimmel, der der Tür gegenübersteht, ungeduldig am Halfter rüttelt und erwartungsvoll die Ohren spitzt, wenn die Tür aufgeht und der Stallknecht sagt: »Ruhig, Schimmel, ruhig, heut braucht dich niemand«, weiß das vielleicht so gut wie der Mann selber. Das scheinbar so stumme und ungesellige halbe Dutzend im Stall bringt vielleicht die langen nassen Stunden, wenn die Stalltür geschlossen ist, in lebhafterer Unterhaltung zu als das Gesinde in seiner Stube oder in der Ortsschenke; – vertreibt sich vielleicht gar damit die Zeit, das kleine Pony in der Ecke in die Schule zu nehmen, um es zu bilden – oder vielleicht gar zu verderben.

Und der Hofhund, der draußen in seiner Hütte, den großen Kopf auf den Pfoten, im Halbschlummer dröselt, träumt vielleicht von der heißen Sonne, die, wenn die Schatten der Stallgebäude seine Geduld durch ewiges Wechseln ermüdet haben, ihm um die Mittagszeit nicht mehr Zuflucht gewähren will als den Schatten seiner eignen Hütte, in dem er dann steif dasitzt und keucht und jault und gar zu gern noch an etwas anderm reißen möchte als an seiner Kette.

Jetzt träumt er sich vielleicht im Halbschlummer das Haus voller Gesellschaft, den Schuppen voller Wagen, die Ställe voller Pferde und die Dienerschaftsgebäude voller Reitknechte und Kutscher, bis er über die Gegenwart seine Zweifel bekommt und heraustritt, um nach der Wirklichkeit zu sehen. Dann knurrt er, sich ungeduldig schüttelnd, vielleicht innerlich: »Regen, Regen, Regen, nichts als Regen – und keine Familie«, wie er wieder in die Hütte geht und sich mit einem mürrischen Gähnen hinstreckt.

Und die Hunde im Zwinger hinten im Park, deren klagende Stimmen, wenn der Wind auf das Haus zusteht, zuzeiten selbst bis in Myladys Zimmer dringen, sie jagen jetzt vielleicht in der Einbildung die ganze Umgebung ab, während der Regen rings um sie niederschauert. Und die Kaninchen mit ihren verräterischen Schwänzchen, die zu Löchern unter Baumwurzeln heraus- und hineinschlüpfen, werden vielleicht munter bei dem Gedanken an die luftigen Tage, wo es um ihre Ohren weht, oder an die interessanten Jahreszeiten, wo es junge süße Pflänzchen zu nagen gibt.

Der Truthahn auf dem Hühnerhof, der sich immer über irgendein sein Geschlecht seit ewigen Zeiten verfolgendes Unrecht –wahrscheinlich die Weihnachtsfeier – zu ärgern scheint, denkt vielleicht an einen versäumten Sommermorgen, wo er in den dunkeln Heckengang unter die gefällten Bäume geriet und nicht loskonnte, während in der Scheune alles voll von Gerstenkörnern lag. Die mißgestimmte Gans, die sich jedes Mal bückt, wenn sie unter dem zwanzig Fuß hohen alten Torweg hindurchwackelt, schnattert vielleicht, wenn wir es nur verstünden, ihre Vorliebe für Wetter, wo der Torweg schwarze Schatten wirft, heraus.

All das mag ja sein, aber sonst lebt nicht viel Phantasie in Chesney Wold. Wenn in einem seltenen Augenblick ein bißchen davon vorhanden ist, so hallt es wie ein kleines Geräusch in dem alten Gebäude lange Zeit nach und endet meist mit Geistergeschichten und Geheimnissen.

Es hat so stark und anhaltend unten in Lincolnshire geregnet, daß Mrs. Rouncewell, die alte Wirtschafterin in Chesney Wold, schon mehrere Male ihre Brille abgenommen und abgewischt hat, um sich zu vergewissern, ob es wirklich noch regnet oder die Gläser nur so streifig aussehen.

Mrs. Rouncewell hätte sich durch das Rauschen und Plätschern hinreichend überzeugen lassen können, aber sie ist etwas taub und will das nicht zugeben.

Sie ist eine schöne alte Frau, stattlich und unendlich sauber, und hat einen Rücken und einen Brustkasten, daß sich niemand wundern würde, wenn sich nach ihrem Tode herausstellte, ihr Schnürleib sei ein großer altmodischer Familienkamin gewesen.

Um die Witterung kümmert sich Mrs. Rouncewell wenig. Das Haus steht immer da, ob es regnet oder nicht, und um das Haus, sagt sie, habe sie sich zu kümmern und sonst um nichts. Sie sitzt in ihrem Zimmer, in einem Seitengang im Erdgeschoß, mit einem Bogenfenster und der Aussicht auf einen geschorenen viereckigen Rasenflecken, in regelmäßigen Zwischenräumen mit glatten runden Bäumen und glatten runden Steinpfeilern verziert, daß es aussieht, als wollten die Bäume mit den Steinen Kegel schieben.

Das ganze Haus ist ihr anvertraut. Sie kann es gelegentlich öffnen, kann herumschäftern und sich erhitzen; aber jetzt ist alles abgeschlossen, und das Haus ruht auf Mrs. Rouncewells eisernem Brustkasten in majestätischem Schlummer.

Fast so unmöglich, wie an eine Aufheiterung des Wetters zu glauben, ist es, sich Chesney Wold ohne Mrs. Rouncewell vorzustellen. Aber sie ist auch erst fünfzig Jahre hier. Fragt sie heute an diesem Regentag: »Wie lange sind Sie hier?« und sie wird antworten:

»Fünfzig Jahre, drei Monate und vierzehn Tage werden es sein, wenn es Gott gefällt, daß ich bis Dienstag lebe.«

Mr. Rouncewell starb, kurz bevor die hübsche Mode der Zöpfe abkam, und versteckte den seinigen, wenn er ihn überhaupt mitnahm, bescheiden in einer Ecke des Parkkirchhofs, nicht weit von der altersgrauen Eingangspforte. Er war im Marktflecken geboren wie seine junge Witwe. Ihre Laufbahn in der Familie begann zur Zeit des letzten Sir Leicester in der Säuglingsstube.

Der gegenwärtige Repräsentant der Dedlocks ist ein vortrefflicher Herr. Er setzt bei allen seinen Leuten eine vollständige Abwesenheit individuellen Charakters und eigner Absichten und Meinungen voraus und ist überzeugt, daß er dazu da ist, seinerseits alle diese Mängel zu ersetzen. Sollte er einmal das Gegenteil entdecken, würde er einfach perplex sein und das Bewußtsein verlieren und wahrscheinlich nur wieder zu sich kommen, um noch einmal aufzuatmen und dann zu sterben. Aber er ist trotzdem ein vortrefflicher Herr und hält das für eine Pflicht seiner vornehmen Geburt. Er hat Mrs. Rouncewell sehr gern. Er nennt sie eine respektable, treffliche Frau. Er schüttelt ihr jedes Mal die Hand, wenn er nach Chesney Wold kommt oder wenn er abreist; und wenn er überfahren werden sollte oder ihm sonst ein Unfall zustieße, so würde er sagen, vorausgesetzt, daß er noch sprechen könnte: Laßt mich allein und schickt Mrs. Rouncewell her; denn er würde bei ihr seine Würde sicherer als bei andern aufgehoben wissen.

Mrs. Rouncewell hat Leid im Leben gar wohl erfahren. Der eine ihrer beiden Söhne schlug aus der Art, ging unter die Soldaten und ließ nie wieder etwas von sich hören. Selbst heute noch verlieren Mrs. Rouncewells ruhige Hände ihre Fassung, wenn sie von ihm spricht, und sie fahren unruhig hin und her, wenn sie sagt: »Was für ein hübscher Bursche, was für ein munterer, gutherziger, geschickter Junge er doch war!«

Ihr zweiter Sohn sollte in Chesney Wold untergebracht werden und wäre mit der Zeit Hausverwalter geworden; aber schon als Schuljunge hatte er die Gewohnheit, Dampfmaschinen aus Pfannen zu machen und Kanarienvögel dazu abzurichten, sich mit möglichst geringem Aufwand von Arbeit ihr Wasser selbst heraufzuziehen (und er kam ihnen dabei mit so raffiniert berechnetem hydraulischem Druck zuhilfe, daß ein Vogel, wenn er durstig war, sich nur mit der Achsel an das Rad zu lehnen brauchte, und die Sache war geschehen). Dieser Hang hatte Mrs. Rouncewell große Sorge gemacht. Mit der Herzensangst einer Henne, die Enteneier ausgebrütet hat, erkannte sie, daß das eine revolutionäre Richtung sei, denn sie wußte, daß Sir Leicester von jedem Hang für eine Kunst so denkt, die mit Rauch und einem hohen Schornstein irgend etwas zu tun hat. Aber da der verstockte junge Rebell, obwohl er sonst ein sanftes geduldiges Kind war, beim Älterwerden kein Zeichen der Besserung erkennen ließ, sondern im Gegenteil ein Modell zu einem Maschinenspinnstuhl baute, mußte sie sich doch endlich entschließen, unter Tränen dem Baronet seine Unverbesserlichkeit einzugestehen.

»Mrs. Rouncewell«, hatte Sir Leicester gesagt, »Sie wissen, ich kann mich mit niemandem herumstreiten. Schauen Sie, daß Sie den Jungen los werden; am besten ist, Sie stecken ihn in eine Fabrik. Die Eisenbaugegenden weiter nördlich wären, wie ich glaube, das beste für einen Jungen von solchen Neigungen.« Der Knabe ging also weiter nördlich und wuchs weiter nördlich auf, und wenn ihn Sir Leicester Dedlock jemals zu Gesicht bekam, oder jemals wieder an ihn dachte, so sah er in ihm jedenfalls nur ein Individuum von tausend ruß- und rauchgeschwärzten Verschwörern, die zwei oder drei Mal in der Woche nachts bei Fackelschein zu ungesetzmäßigem Treiben ausziehen.

Trotzdem ist Mrs. Rouncewells Sohn im Lauf der Zeit herangewachsen, hat geheiratet und sich selbständig gemacht und Mrs. Rouncewells Enkelseele aus dem Universum zu sich gerufen.

Dieser Enkel hat nun ausgelernt, ist von einer Reise nach fernen Ländern, wo er seine Kenntnisse erweitern und die Vorbereitungen für das Wagestück dieses Lebens auf Erden vollenden sollte, zurückgekehrt und steht jetzt, auf Besuch bei seiner Großmutter, an den Kamin gelehnt in deren Zimmer in Chesney Wold.

»Und nochmals und nochmals, es freut mich von Herzen, dich zu sehen, Watt! Und abermals, ich freue mich, dich zu sehen, Watt«, sagt Mrs. Rouncewell. »Du bist ein hübscher junger Bursche, deinem armen Onkel Georg so ähnlich. Ach!« – Mrs. Rouncewells Hände werden wie gewöhnlich bei Erwähnung dieses Namens unruhig.

»Man sagt, ich sei meinem Vater ähnlich, Großmutter.«

»Auch ihm, liebes Kind. Aber am ähnlichsten siehst du deinem armen, armen Onkel Georg; und dein lieber Vater« – Mrs. Rouncewells Hände werden wieder ruhig – »geht es ihm gut?«

»Sehr gut. In jeder Hinsicht, Großmutter.«

»Da bin ich dem Himmel dankbar!«

Mrs. Rouncewell liebt auch ihren zweiten Sohn, aber sie denkt an ihn mit einem gewissen Bedauern, so wie von einem Soldaten, der zwar tapfer ist, aber zum Feinde überging.

»Ist er glücklich?« fragt sie.

»Vollkommen.«

»Ich danke dem Himmel dafür. Also er hat dich in seinem Sinn erzogen und dich in fremde Länder geschickt und so? Nun, er wird es wohl am besten wissen. Es mag ja eine Welt außerhalb von Chesney Wold geben, die ich nicht verstehe, obgleich ich nicht mehr jung bin und doch auch viel gute Gesellschaft zu Gesicht bekommen habe.«

»Großmutter«, sagt der junge Mann und läßt das Thema fallen, »was war das für ein hübsches Mädchen, das vorhin bei dir war? Du nanntest sie Rosa.«

»Ja, Kind. Sie ist die Tochter einer Witwe im Dorf. Mädchen sind heutzutage so begriffsstutzig, daß ich sie schon als junges Ding zu mir genommen habe. Sie lernt gut, und es kann etwas aus ihr werden. Sie zeigt dem Fremden das Haus schon recht hübsch. Sie wohnt und ißt bei mir.«

»Ich hoffe, ich habe sie nicht vertrieben.«

»Sie glaubt wahrscheinlich, wir hätten Familienangelegenheiten zu besprechen. Sie ist sehr bescheiden. Eine gute Eigenschaft bei einem jungen Mädchen. Und gegenwärtig seltner«, sagt Mrs. Rouncewell und dehnt ihren Schnürleib zu seiner größten Breite aus, »als früher.«

Der junge Mann neigt das Haupt in Anerkennung der weisen Lehre. Mrs. Rouncewell lauscht. »Räder, horch!« sagt sie. Die jüngeren Ohren haben das Geräusch längst gehört. »Mein Himmel, was für ein Wagen kann das bei solchem Wetter sein?«

Nach einer kurzen Weile klopft es an die Tür.

»Herein!«

Eine schüchterne Dorfschöne mit dunkeln Augen und dunkelm Haar, so frisch in ihrer rosigen und doch zarten Blüte, daß die Regentropfen in ihrem Haar wie Tau auf einer frisch gepflückten Blume aussehen, tritt herein.

»Was sind das für Fremde, Rosa?«

»Zwei junge Herrn in einem Gig, Maam. Wollten das Haus sehen… Jawohl, ich sagte es ihnen schon«, setzt sie rasch als Antwort auf eine verneinende Gebärde der Wirtschafterin hinzu. »Ich ging an die Gartenpforte und sagte ihnen, es sei ein schlechter Tag und eine ungeeignete Stunde, aber der junge Mann, der kutschiert, zog den Hut bei dem Regen ab und bat mich, Ihnen diese Karte zu bringen.«

»Lies sie, lieber Watt!« sagt die Wirtschafterin.

– Rosa ist so verlegen, daß sie die Karte fallen läßt, wie sie sie dem jungen Mann geben will, und beide stoßen beinahe mit den Köpfen zusammen, als sie sich bücken. Rosa wird noch verlegner. –

»Mr. Guppy. Weiter steht nichts auf der Karte.«

»Guppy?« wiederholt Mrs. Rouncewell, »Mr. Guppy? Unsinn. Ich habe den Namen nie gehört.«

»Wenn Sie erlauben, dasselbe sagte er auch, aber er und der andre junge Herr wären erst gestern abend mit der Post von London gekommen zur Magistratsversammlung, zehn Meilen von hier. Und da sie bald fertig geworden seien und viel von Chesney Wold gehört hätten und beim besten Willen nicht wüßten, was sie mit der Zeit anfangen sollten, so wären sie trotz des Regens hierhergefahren. Sie sind Advokaten. Er sagt, er wäre zwar nicht bei Mr. Tulkinghorn, glaube aber, sich nötigenfalls auf Mr. Tulkinghorn berufen zu dürfen.«

– Als Rosa jetzt, wo sie fertig ist, bemerkt, daß sie eine lange Rede gehalten hat, wird sie noch verlegner. –

Mr. Tulkinghorn gehört gewissermaßen mit zu dem Edelsitz, und außerdem geht die Sage, daß er das Testament der Mrs. Rouncewell gemacht habe. Die alte Dame wird milder gestimmt, bewilligt den Gästen den Eintritt und entläßt Rosa. Der Enkel fühlt plötzlich in sich den Wunsch, ebenfalls das Haus anzusehen, rege werden und möchte sich der Gesellschaft anschließen. Die Großmutter freut sich, daß er sich dafür interessiert, und begleitet ihn, obgleich er sie dringendst bittet, sich ja nicht in ihrer Ruhe stören zu lassen.

»Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden, Maam«, sagte Mr. Guppy und zieht in der Vorhalle seinen nassen, zottigen Überrock aus. »Wir Londoner Advokaten kommen nicht oft heraus, und wenn’s geschieht, nützen wir die Zeit so gut aus wie möglich.«

Die alte Wirtschafterin deutet mit gnädig stolzer Gebärde auf die große Treppe.

Mr. Guppy und sein Freund folgen Rosa, Mrs. Rouncewell und ihr Enkel kommen nach, und ein Gärtnerbursche eilt voraus, um die Jalousien aufzumachen.«

Wie es den meisten Leuten geht, wenn sie Häuser besichtigen, sind Mr. Guppy und sein Freund bereits tödlich abgespannt, ehe sie noch recht angefangen haben. Sie verlaufen sich in die falschen Gänge, besehen sich Überflüssigkeiten, kümmern sich nicht um wirkliche Sehenswürdigkeiten, gähnen, wenn neue Zimmerreihen aufgeschlossen werden, legen die größte Niedergeschlagenheit an den Tag und sind offenbar ganz und gar fertig. In jedem Zimmer, das gezeigt wird, zieht sich Mrs. Rouncewell, die so lotrecht steht wie das Haus selbst, in eine Fenstervertiefung oder sonst eine Nische zurück und hört mit stolzer Billigung Rosas Erklärungen zu. Ihr Enkel ist so aufmerksam, daß Rosa verlegner ist als je – und noch hübscher. So gehen sie von Zimmer zu Zimmer und beschwören die gemalten Dedlocks auf ein paar kurze Minuten herauf, wie der Gärtnerbursche das Tageslicht hereinläßt, und lassen sie wieder ins Grab sinken, wenn er wieder die Läden schließt.

Dem betrübten Mr. Guppy und seinem untröstlichen Freund kommt es vor, als ob es kein Ende nehmen wolle mit den Dedlocks, deren Familienruhm darin zu bestehen scheint, daß sie siebenhundert Jahre lang sich durch nichts ausgezeichnet haben.

Selbst der lange Gesellschaftssaal in Chesney Wold vermag Mr. Guppys Lebensgeister nicht aufzufrischen. Er ist so niedergeschlagen, daß er auf der Schwelle kleben bleibt und nicht Willenskraft genug aufbringen kann, um einzutreten. Aber ein Porträt über dem Kamin, von dem Modemaler des Tages gemalt, wirkt wie ein Zauber auf ihn. Er erholt sich im Augenblick. Er starrt es mit ungewöhnlichem Interesse an, er ist fasziniert davon und wie am Boden festgenagelt.

»Gott, wer ist das?« fragt er.

»Das Gemälde über dem Kamm stellt die gegenwärtige Lady Dedlock dar; es gilt für ausgezeichnet getroffen und als das beste Werk des Meisters«, leiert Rosa in einem Zug herunter.

»Ich will des Todes sein, wenn ich sie jemals gesehen habe«, flüstert Mr. Guppy und starrt seinen Freund erschrocken an, »und doch kenne ich sie! Gibt es Stahlstiche von dem Bild, Miß?«

»Das Porträt ist noch niemals vervielfältigt worden. Sir Leicester hat stets die Erlaubnis verweigert.«

»Hm«, sagt Mr. Guppy halblaut. »Ich will mich hängen lassen, wenn ich das Gesicht nicht schon irgendwo gesehen habe! So, so, das ist also Lady Dedlock.«

»Das Bild rechts stellt den gegenwärtigen Sir Leicester dar und das Bild links seinen Vater, den verstorbenen Sir Leicester.«

– Mr. Guppy hat kein Auge für die beiden Magnaten. –

»Es ist mir unerklärlich«, wiederholt er und starrt immer noch das erste Porträt an. »Wie gut ich das Bild kenne! Ich will verwünscht sein«, sagte er und sieht sich um, »wenn ich nicht glaube, ich muß von diesem Bilde geträumt haben.«

Da niemand von den Anwesenden ein besondres Interesse an Mr. Guppys Träumen nimmt, wird die Wahrscheinlichkeit nicht weiter erörtert. Aber der Herr ist so in das Porträt vertieft, daß er noch unbeweglich dasteht, als der Gärtnerbursche bereits die Läden zugemacht hat. Jetzt verläßt er das Zimmer ganz benommen und tritt mit den übrigen mit verwirrten, weitaufgerissenen Augen, als ob er sich überall nach Lady Dedlock umsähe, in die folgenden Gemächer.

Er bekommt nichts mehr von ihr zu Gesicht. Er sieht ihre Zimmer, die als besonders schön zuletzt gezeigt werden, und blickt aus dem Fenster hinaus, vor dem sie sich noch vor kurzer Zeit des Wetters wegen so tödlich langweilte.

Alle Dinge nehmen ein Ende, selbst die Besichtigung von Schlössern. Mr. Guppy hat das Ende der Sehenswürdigkeiten erlebt und die frische Dorfschöne das Ende ihrer Beschreibung, das da lautet:

»Die Terrasse unten findet die größte Bewunderung jedes Fremden; einer alten Familiensage zufolge nennt man sie den Geisterweg.«

»Wie?« fragt Mr. Guppy mit brennender Neugier. »Was ist das für eine Geschichte, Miß? Kommt etwas von einem Bild drin vor?«

»Bitte, erzählen Sie uns die Geschichte«, flüstert Watt halblaut.

»Ich weiß sie nicht, Sir«, – Rosa wird schon wieder verlegen.

»Sie wird den Fremden nicht erzählt und ist fast in Vergessenheit geraten«, meldet sich die Wirtschafterin dazwischentretend. »Sie ist niemals mehr als eine Familienanekdote gewesen.«

»Erlauben Sie mir nochmals die Frage, ob etwas von einem Bilde drin vorkommt, Maam«, forscht Mr. Guppy, »ich versichere Ihnen, je mehr ich an das Bild denke, desto bekannter kommt es mir vor, ohne daß ich einen Zusammenhang finden könnte.«

Ein Bild kommt in der Geschichte nicht vor, das kann die Wirtschafterin verbürgen.

Mr. Guppy ist ihr für die Auskunft sehr verbunden und außerdem für ihre Liebenswürdigkeit im allgemeinen. Er entfernt sich mit seinem Freund, wird von dem Gärtnerburschen eine andre Treppe hinabgeführt, und gleich darauf hört man ihn fortfahren.

Es dämmert bereits. Mrs. Rouncewell kann sich auf die Verschwiegenheit ihrer beiden jungen Zuhörer verlassen, und ihnen will sie daher gerne erzählen, wieso die Terrasse ihren gespenstischen Namen bekommen hat. Sie setzt sich in einen großen Lehnstuhl an dem rasch dunkel werdenden Fenster und erzählt:

»In den bösen Zeiten Karls I. – ich nenne sie natürlich nur deswegen böse, weil die Rebellen sich damals gegen den vortrefflichen König verschworen haben – war Sir Morbury Dedlock Besitzer von Chesney Wold. Ob man vor jener Zeit von einem Gespenst in der Familie gehört hat, weiß ich nicht. Ich halte es aber für sehr wahrscheinlich.«

– Mrs. Rouncewell ist dieser Meinung, weil sie überzeugt ist, daß eine Familie von so altem Adel und solcher Bedeutung ein Recht auf ein Gespenst hat. Sie betrachtet ein Gespenst als eines der Privilegien der höheren Stände, als eine vornehme Auszeichnung, auf die das gewöhnliche Volk keinen Anspruch hat. –

»Sir Morbury Dedlock stand, wie sich von selbst versteht, auf der Seite des heiligen Märtyrers. Aber man vermutet, daß seine Gemahlin, in deren Adern kein Tropfen des Familienblutes floß, die schlechte Sache begünstigte. Es geht die Sage, daß sie mit den Feinden König Karls in Verbindung stand, mit ihnen Briefe gewechselt und ihnen auf diese Weise Nachricht gegeben hat. Wenn Landedelleute von der Partei Seiner Majestät hier zusammenkamen, soll Mylady, wie man erzählt, der Tür des Beratungszimmers immer näher gewesen sein, als man ahnte… Hörst du nicht ein Geräusch wie Fußtritte auf der Terrasse, Watt?«

– Rosa rückt näher an die Wirtschafterin. –

»Ich höre den Regen auf die Steine tropfen«, gibt der junge Mann zu, »und ich höre ein sonderbares Echo –, ich glaube, es ist ein Echo. Es klingt fast wie ein hinkender Schritt.«

Die Wirtschafterin nickt ernst und fährt fort:

»Teils wegen dieser Gesinnungsverschiedenheit, teils aus andern Ursachen lebten Sir Morbury und seine Gemahlin nicht glücklich miteinander. Sie war von heftiger und stolzer Gemütsart. Sie paßten den Jahren und dem Charakter nach nicht zueinander und hatten keine Kinder, die zwischen ihnen hätten vermitteln können. Als ihr Lieblingsbruder als junger Mann von der Hand eines nahen Verwandten Sir Morburys fiel, empfand sie seinen Tod so tief, daß sie das ganze Geschlecht, in das sie geheiratet hatte, tödlich haßte. Als die Dedlocks im Begriff standen, von Chesney Wold für die Sache des Königs in den Kampf zu ziehen, soll sie mehr als ein Mal in der Stille der Nacht hinunter in die Ställe geschlichen sein und die Pferde lahm gemacht haben, und die Sage geht, ihr Gatte habe sie einmal zu solcher Stunde die Treppe hinunterschlüpfen sehen und sei ihr in den Stall gefolgt, wo sein Lieblingspferd stand. Er habe sie am Arm gepackt, und im Ringen oder Fallen oder durch das Pferd, das vielleicht erschrocken ausgeschlagen hat, getroffen, wurde sie lahm an der Hüfte und fing von dieser Stunde an zu siechen.«

Die Wirtschafterin hat ihre Stimme fast bis zum Flüsterton gedämpft.

»Sie war eine Dame von schöner Gestalt und edler Haltung gewesen. Sie klagte nie und sprach mit niemandem davon, daß sie ein Krüppel geworden war oder Schmerzen litt. Aber Tag für Tag versuchte sie auf die Terrasse zu gehen, und mit Hilfe eines Stocks und auf die steinerne Balustrade gestützt ging sie auf und ab, auf und ab, auf und ab, im Sonnenschein und im Schatten, und jeden Tag mit größerer Mühe. Da, eines Nachmittags, sah ihr Gatte, mit dem sie seit jener Nacht, mochte er sie bitten, wie er wollte, kein Sterbenswörtchen mehr gesprochen, aus dem großen Fenster an der Südseite, wie sie auf die steinernen Platten hinsank. Er eilte hinab, um sie aufzuheben, aber sie stieß ihn zurück, und als er sich über sie beugte, sah sie ihn fest und kalt an und sprach: ‚Ich will hier sterben, wo ich gegangen bin. Und ich will hier gehen, wenn ich auch im Grabe liege. Ich will hier gehen, bis der Stolz dieses Hauses gedemütigt ist. Und wenn Unglück und Schande es ereilen wird, dann sollen die Dedlocks meine Schritte hören.’«

Watt sieht Rosa an. Rosa blickt auf den im Dunkel verschwimmenden Fußboden nieder, halb von Grauen erfüllt, halb verlegen.

»Und auf dieser Stelle starb sie. Und aus jenen Tagen stammt der Name ‚Geisterweg‘. Wenn der Schritt ein Echo ist, so ist er ein Echo, das nur nach dem Dunkelwerden hörbar wird und selbst dann nur von Zeit zu Zeit. Aber manchmal kehrt es wieder, und jedes Mal hört man es, wenn Krankheit oder Tod der Familie bevorsteht.«

»– oder Schande, Großmutter«, ergänzt Watt.

»Schande kommt nie über Chesney Wold«, entgegnet die Wirtschafterin.

– Ihr Enkel macht seinen Vorstoß mit einem: »Natürlich! Natürlich!« wieder gut. –

»Das ist die Geschichte. Woher der Schall auch kommen mag, es ist ein angsterregendes Geräusch«, sagt Mrs. Rouncewell und steht vom Stuhle auf. »Und was das Merkwürdigste ist, man muß ihn hören. Mylady, die sich vor nichts fürchtet, gibt selbst zu, wenn er einmal da ist, sei man gezwungen, ihn zu hören. Man kann sich nicht verschließen dagegen. Watt, hinter dir steht eine große Stehuhr, sie hat einen sehr lauten Schlag und kann auch Musik machen. Du weißt mit solchen Dingen umzugehen.«

»So ziemlich, Großmutter.«

»Nun, so zieh sie auf.«

Watt zieht sie auf, das Musik- und das Schlagwerk.

»Jetzt komm hierher«, sagt die Wirtschafterin, »hierher an das Kopfkissen von Mylady. Ich weiß nicht, ob es schon dunkel genug ist, aber horch! Kannst du den Schall auf der Terrasse hören, durch die Musik und das laute Ticken und alles andre hindurch?«

»Ja!«

»Das sagt Mylady auch.«

8. Kapitel


8. Kapitel

deckt eine Menge Sünden zu.

Es war interessant, beim Ankleiden vor Tagesanbruch hinaus zum Fenster zu schauen, in dessen schwarzen Scheiben meine Kerzen sich wie zwei Leuchtfeuer spiegelten, und zu beobachten, wie beim Hellerwerden die Nacht draußen schwand.

Die Aussicht wurde allmählich deutlicher, und wie sich die Landschaft zeigte, über die der Wind die Nacht über hingestrichen, fand ich ein Vergnügen daran, die unbekannten Gegenstände zu entdecken, die mich im Schlafe umgeben hatten.

Anfangs waren sie im Nebel nur schwach erkennbar, und einige verspätete Sterne schimmerten über ihnen. Dann dämmerte das Bild schnell größer und voller hervor, unmerklich vertrugen sich meine Lichter mit der morgendlichen Umgebung nicht mehr, die Finsternis in den Ecken meines Zimmers verschwand, und hell schien der Tag auf eine heitere Landschaft, gekrönt von der alten Abteikirche mit ihrem dicken Turm.

Alles im Hause war so in Ordnung und jedermann so aufmerksam gegen mich, daß mir meine zwei Bund Schlüssel nicht viel Arbeit machten. Immerhin hatte ich so viel zu tun mit dem Aufschreiben des Inhalts jedes kleinen Faches und Kastens auf eine Schiefertafel und dem Notieren, was vorrätig war an Eingemachtem und Konserven, an Flaschen und Glaszeug, Porzellan und andern Dingen, daß ich gar nicht glauben wollte, es sei schon Frühstückszeit, als ich klingeln hörte.

Ich lief hinunter und bereitete den Tee, welches verantwortliche Amt mir bereits übertragen war, und da sich alle etwas verspätet hatten und sich noch nicht sehen ließen, wollte ich den Garten ein wenig kennenlernen. Wie allerliebst, vorn die hübsche Allee und die Auffahrt, hinten der Blumengarten, und meine liebe Freundin oben am Fenster mir zulächelnd, als ob sie mich aus der Ferne küssen wolle. In der Auffahrt waren die tiefen Einschnitte der Räder, die wir gestern bei der Ankunft mit dem Wagen gemacht hatten, noch sichtbar, und ich bat den Gärtner, den Sand wieder zu glätten. Hinter dem Blumengarten befanden sich Gemüsebeete, ein Grasplatz und hübsche kleine Ökonomiegebäude. Das Haus selbst mit seinen drei Giebeln auf dem Dach, seinen abwechslungsreich geschnittenen Fenstern – einige ganz groß, einige winzig klein, aber alle entzückend –, mit seinem Spalier aus Rosen und Jelängerjelieber an der Südfront und seinem heimlichen, behäbigen, gastfreundlichen Aussehen war, wie Ada sagte, als sie mir am Arm des Hausherrn entgegenkam, ihres Vetters John würdig. Ein gewagter Ausspruch, aber er kniff sie nur dafür in die Wange.

Mr. Skimpole war beim Frühstück wieder so gewinnend wie gestern abend. Es stand Honig auf dem Tisch, und er knüpfte daran eine Bemerkung über die Bienen. Er habe nichts gegen Honig einzuwenden – und das schien sehr wahr zu sein, denn er ließ sich ihn sehr gut schmecken –, aber er wolle den übermäßigen Fleiß der Bienen nicht als Vorbild gelten lassen. Jedenfalls müsse die Biene Gefallen am Honigsammeln finden, sonst würde sie sich doch damit nicht abgeben; es verlange es ja niemand von ihr. Es sei gar nicht notwendig, daß sie soviel Aufhebens von ihren Neigungen mache. Wenn jeder Zuckerbäcker in der Welt herumschwärmen und egoistischerweise alle Leute auffordern wolle, ihn ja nicht zu stören, würde die Welt zu einem ganz unerträglichen Aufenthalt werden. Im übrigen sei es doch wirklich eine lächerliche Sache, sich aus seinem Besitz, kaum daß man ihn erworben, herausräuchern zu lassen. Von einem Fabrikanten in Manchester würde man sehr gering denken, wenn er zu keinem andern Zweck Baumwolle spänne. – Die Drohne halte er dagegen für die Verkörperung einer viel schöneren und weiseren Idee. Die Drohne sage ganz ohne Ziererei: »Ihr müßt mich schon entschuldigen, ich kann mich wirklich nicht ums Geschäft bekümmern. Ich befinde mich in einer Welt, wo es so viel zu sehen gibt und so wenig Zeit dazu ist, daß ich mir schon die Freiheit nehmen muß, mich umzuschauen und zu bitten, daß jemand für mich sorgt, dem nichts daran liegt, sich umzuschauen.«

Das war nach Mr. Skimpole die Drohnenphilosophie, und sie erschiene ihm als eine sehr gute Philosophie – vorausgesetzt, daß es der Drohne passe, mit der Biene auf gutem Fuß zu stehen, und das sei, soviel er wisse, immer der Fall, wenn nur nicht der wichtigtuende fleißige Knirps zuweilen seinerseits Späne machen und sich soviel auf seinen Honig einbilden wolle. – Er malte das Bild bis ins Kleinste aus, und es belustigte uns sehr, obgleich er die Sache ungemein ernst zu nehmen schien. – Die andern hörten ihm noch zu, als ich mich entfernte, um meinen neuen Pflichten nachzukommen. Sie nahmen mich einige Zeit in Anspruch, und ich ging, das Schlüsselkörbchen am Arm, durch die Korridore, da rief mich Mr. Jarndyce in ein kleines Stübchen, das neben seinem Schlafzimmer lag und zum Teil eine kleine Bibliothek mit Büchern und Papieren war, teils ein kleines Museum von Stiefeln, Schuhen und Hutschachteln.

»Setzen Sie sich, liebes Kind«, sagte er. »Sie müssen wissen, das ist mein Brummstübchen. Wenn ich schlechter Laune bin, gehe ich hierher und brumme.«

»Dann müssen Sie also sehr selten hier sein, Sir«, sagte ich.

»O, Sie kennen mich noch nicht. Wenn ich enttäuscht bin oder verstimmt – es liegt am Wind –, so flüchte ich mich hierher. Das Brummstübchen wird von allen Zimmern im Hause am meisten benützt. Sie kennen meine Launen noch nicht zur Hälfte, aber Gott, wie Sie zittern, mein Kind.«

– Ich konnte nichts dafür, ich nahm mich sehr zusammen, aber als ich mich allein sah mit diesem gütigen Menschen und in seine wohlwollenden Augen blickte und mich so glücklich, so geehrt und mein Herz so voll fühlte, küßte ich ihm die Hand. –

Ich weiß nicht, was ich sagte, überhaupt nicht, ob ich sprach. Er geriet ganz außer Fassung und ging ans Fenster – ich glaubte fast in der Absicht hinauszuspringen –, dann drehte er sich um, und ich sah in seinen Augen, was er hatte verbergen wollen. Er streichelte mir sanft das Haar, und ich setzte mich.

»Gut, schon gut!« sagte er. »Es ist schon vorbei. Bah, seien Sie doch kein Kind!«

»Es soll nicht wieder geschehen, Sir«, stotterte ich, »aber anfangs ist es so schwer…«

»Unsinn, Esther. Es ist leicht, ganz leicht. Warum auch nicht? Ich höre von einem guten kleinen verwaisten Mädchen ohne Beschützer und setze mir in den Kopf, ihm beizustehen. Sie wächst, übertrifft noch meine gute Meinung, und ich bleibe ihr Vormund und ihr Freund. Was ist da weiter? Also! Jetzt haben wir die Geschichte erledigt.«

Ich sagte zu mir: Esther, ich wundere mich über dich. Das hätte ich nicht von dir erwartet. Und die gute Wirkung war, daß ich die Hände über mein Körbchen faltete und wieder ganz ruhig wurde. Mr. Jarndyce sah sehr froh darüber aus und fing an, so vertraulich mit mir zu sprechen, als ob wir schon seit langem jeden Morgen beisammen gewesen wären.

»Diese Kanzleigerichtsgeschichte verstehen Sie natürlich nicht, Esther?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Ich weiß nicht, wer sie überhaupt versteht«, fuhr er fort. »Die Advokaten haben sie so bodenlos verwirrt, daß die ursprüngliche Prozeßangelegenheit längst von der Erde verschwunden ist. Es handelte sich um ein Testament oder eine Hinterlassenschaft. Jetzt handelt es sich nur noch um Kosten. Wir werden beständig vorgeladen und wieder entlassen, müssen schwören, Eingaben machen und Gegeneingaben, irgend etwas beweisen, besiegeln, beantragen und berichten, uns um den Lordkanzler und alle seine Trabanten drehen und uns nach bestmöglicher Rechtsform in einen staubigen Tod walzen lassen. Alles nur wegen der Kosten. Darum handelt es sich jetzt. Alles übrige ist auf wunderbare Weise spurlos verschwunden.«

»Aber es handelte sich um ein Testament«, erinnerte ich ihn, da er wieder anfing, sich durch die Haare zu fahren.

»Nun ja, es handelte sich um ein Testament, wenn überhaupt um irgend etwas Greifbares. Ein gewisser Jarndyce erwarb sich in einer bösen Stunde ein großes Vermögen und machte ein langes Testament. Über der Frage, wie die durch dieses Testament gestifteten Legate zu verwalten seien, verfliegt das Vermögen selbst in der Luft; die Erben geraten in eine so jämmerliche Lage, als ob sie sich eines großen Verbrechens schuldig gemacht hätten, und das Testament selbst sinkt zu einem toten Buchstaben herab. In dem ganzen beklagenswerten Rechtsstreit wird alles, was jeder der Beteiligten mit Ausnahme eines einzigen bereits weiß, an diesen einzigen, der es nicht weiß, gewiesen, um es herauszufinden. Jeder einzelne muß immer und immer wieder Abschriften des ganzen Falles bekommen, was sich zu Wagenladungen von Papier aufhäuft, und muß sie bezahlen, auch wenn er sie nicht bekommt, was gewöhnlich der Fall ist, denn niemand verlangt danach, muß aber den höllischen Tanz von Kosten und Spesen und Unsinn und Korruption durchtanzen, wie ihn noch kein Hexensabbat je ausgeheckt hat. Das römische Recht fragt das bürgerliche Recht, und das bürgerliche Recht fragt wieder das römische. Das bürgerliche Recht entdeckt, daß es dies, und das römische Recht, daß es jenes nicht tun kann. Beide entschließen sich aber nicht zu sagen, daß sie beide zusammen nichts tun können, ehe nicht für A ein Solizitor bestellt ist und ein Advokat erscheint und für B desgleichen. So geht es das ganze Alphabet hindurch. Auf diese Art dauert es Jahre und Menschenalter und fängt immer wieder von vorne an und wird nie fertig. Und wir können uns unter keinen Umständen von dem Prozeß freimachen, denn man hat uns zu Parteien gepreßt, und wir müssen Parteien sein, ob wir wollen oder nicht… Aber es ist nicht gut, daran zu denken. Als mein Großonkel, der arme Tom Jarndyce, daran zu denken anfing, war es der Anfang vom Ende.«

»Derselbe Mr. Jarndyce, dessen Geschichte ich gehört habe?«

Er nickte ernst.

»Ich war sein Erbe, und dies ist sein Haus gewesen, Esther. Als ich hierherkam, war es wirklich unheimlich hier. Darum heißt es Bleakhaus, das unheimliche Haus. Er hatte die Zeichen seines Jammers allerwärts hier aufgedrückt.«

»Wie verändert muß es jetzt sein«, sagte ich.

»Es hat vordem das Hohe Haus geheißen. Er gab ihm seinen jetzigen Namen und wohnte hier ganz zurückgezogen. Tag und Nacht brütete er über den niederträchtigen Aktenhaufen des Prozesses und wähnte, allem gesunden Menschenverstand entgegen, ihn entwirren und zu Ende bringen zu können. Dabei verfiel das Haus. Der Wind pfiff durch die gesprungenen Mauern, der Regen strömte durch das baufällige Dach, und das Unkraut verwehrte den Weg zu den verfaulenden Türen. Als ich seine Leiche hierherbrachte, schien auch dem Hause das Gehirn aus dem Kopf geschossen zu sein, so zerfetzt und trümmerhaft sah es aus.«

Er ging ein Weilchen auf und ab, nachdem er dies mit einem Schauder mehr zu sich selbst gesagt hatte… Dann sah er mich an, seine Mienen hellten sich auf, und er setzte sich wieder hin, die Hände in die Taschen gesteckt.

»Ich sagte Ihnen, dies sei das Brummstübchen, mein Kind. Wo bin ich stehen geblieben?«

Ich erinnerte ihn an die wohltätige Veränderung in Bleakhaus.

»Ja richtig, Bleakhaus. In der City von London haben wir auch noch eine Besitzung, die jetzt so aussehen muß wie damals Bleakhaus. Ich sage, wir haben eine Besitzung, das heißt, der Prozeß hat sie, denn die Kosten sind die einzige Macht auf Erden, die jemals etwas anderes davon bekommen wird als Augenweh oder Herzeleid. Der Besitz besteht aus einer Straße verfallender blinder Häuser, denen die Augen ausgeschlagen sind – ohne Glasscheiben, ohne Fensterrahmen, nur mit kahlen Läden versehen, die aus ihren Angeln herunterhängen und auseinanderfallen. Der Rost schält sich in Flocken von dem Eisengitter ab; die Schornsteine fallen zusammen, die steinernen Stufen vor jeder Tür sind mit grünem Moder überzogen, und selbst die Stützen, die die Ruinen am Zusammenstürzen hindern, fangen schon an zu faulen. Obgleich Bleakhaus keinen Kanzleiprozeß hatte, so führte doch sein Herr einen, und es ist gebrandmarkt mit demselben Siegel. Das sind die Abdrücke des Großen Siegels, das in ganz England jedes Kind kennt.

»Wie verändert es ist«, sagte ich wiederum.

»Nun ja, das ist es«, antwortete er viel heiterer jetzt als vorhin, »und es ist sehr weise von Ihnen, mich immer wieder auf die Lichtseite des Bildes aufmerksam zu machen. Übrigens, das sind Angelegenheiten, von denen ich nie spreche, an die ich kaum denke, außer im Brummstübchen hier. Wenn Sie es für angezeigt halten, Rick und Ada davon zu erzählen, so überlasse ich es ganz Ihrem Urteil, Esther.«

»Ich hoffe, Sir, daß…«

»Wollen Sie mich nicht du und Vormund nennen, liebe Esther?«

Ich fühlte wieder, daß mir etwas die Kehle zuschnürte. Aber er gab sich den Anschein, als sage er es nur so leichthin, als bloße Laune und nicht als überlegte, aus Herzensgrund kommende Güte.

Ich ließ meine Wirtschaftsschlüssel klingeln, um mich an meine Schuldigkeit zu erinnern, und faltete meine Hände noch ein wenig entschlossener über dem Körbchen und zwang mich, ihn ruhig anzusehen.

»Ich hoffe, Vormund«, sagte ich, »du wirst auf meine Klugheit nicht zu viel bauen, und ich hoffe, ich werde dich nicht enttäuschen. Ich fürchte immer, du wirst unangenehm überrascht sein, wenn du herausfindest, daß ich nicht besonders gescheit bin – aber es ist wirklich so, und du würdest selbst bald dahinterkommen, wenn ich es dir jetzt nicht selbst eingestünde.«

Er schien von meinen Worten durchaus nicht unangenehm überrascht zu sein; ganz im Gegenteil. Er sagte mir, und sein Gesicht strahlte dabei vor Lächeln, daß er mich recht gut kenne und ich gescheit genug für ihn sei.

»Nun, so will ich hoffen, daß es wahr ist, aber ich fürchte doch, du irrst dich, Vormund.«

»Du bist gescheit genug, um unsre gute kleine Hausfrau hier zu sein, Kind«, versetzte er gutmütig, »kleine Alte aus dem Kinderlied.« Er trällerte:

‚Kleines altes Weibchen, und willst so hoch hinaus?
Willst die Spinnenweben fegen im blauen Himmelshaus?‘

»Du wirst sie im Lauf deiner Haushaltung, Esther, so rein von unserm Himmel fegen, daß wir einmal eines schönen Tages das Brummstübchen werden räumen und seine Tür zunageln müssen.«

Bei dieser Gelegenheit erhielt ich zuerst die Namen »altes Weibchen«, »kleine Alte« und »Spinnweb« und »Mutter Hubbard«, »Mütterchen Durden«, »Mrs. Shipton« und dergleichen, so daß »Esther« darüber ganz vergessen wurde.

»Um auf unsere frühere Rede zurückzukommen«, begann Mr. Jarndyce wieder. »Da haben wir Rick, einen vielversprechenden hübschen Jungen. Was sollen wir mit dem anfangen?«

– O du meine Güte, was für ein Einfall, mich deswegen um Rat zu fragen! –

»Er muß doch etwas lernen, Esther«, Mr. Jarndyce steckte die Hände in die Taschen und streckte die Beine aus. »Er muß sich einen Beruf wählen. Das wird noch eine lange komplizierte Zopfflechterei werden, das ahne ich schon, aber es muß geschehen.«

»Eine lange komplizierte… was, Vormund?«

»Zopfflechterei. Es ist das einzige Wort, mit dem man die Sache benennen kann. Er ist ein Kanzleigerichtsmündel, liebe Esther. Kenge & Carboy werden etwas davon zu erzählen wissen; Assessor Soundso – eine Art lächerlicher Totengräber, der in einem Hinterstübchen am Ende der Quality-Court, Kanzleigerichtsgasse, Gräber für Prozeßakten schaufelt – wird etwas dreinzureden haben; die Advokaten desgleichen; der Kanzler wird etwas drüber sagen, die Trabanten werden hineinreden, und jeder wird sich ein Honorar dabei machen, und die ganze Sache wird ausnehmend feierlich, wortreich, unzulänglich und kostspielig sein. Das nenne ich so im allgemeinen Zopfflechterei. Wie das Menschengeschlecht zu dieser Plage gekommen ist oder wessen Sünden diese jungen Leute abzubüßen haben, weiß ich nicht; aber es ist so.«

Er fing wieder an, sich wütend durch die Haare zu fahren und anzudeuten, daß er Ostwind zu spüren beginne. Es gab mir ein Beispiel seiner Herzensgüte, daß sein Gesicht, mochte seine Stimmung wechseln, wie sie wollte, mich immer mit gleich wohlwollendem Ausdruck ansah. Er wurde gleich wieder ruhig, steckte die Hände in die Taschen und streckte die Beine aus.

»Vielleicht wäre es das Beste, man würde Mr. Richard fragen, wozu er selbst am meisten Lust hat«, sagte ich.

»Sehr richtig. Das meine ich auch. Ich dächte, es wäre das Beste, wenn du mit ihm und Ada mit deinem angebornen Takt und deiner stillen Weise darüber sprechen würdest. Wir werden gewiß in dieser Angelegenheit durch deine Hilfe zum Ziele kommen, Frauchen.«

– Mir machte der Gedanke an die Verantwortung, die mir jetzt auferlegt wurde, und die vielen andern Dinge wirklich Sorge. –

Ich hatte das doch nicht gemeint; ich hatte gemeint, er solle mit ihm sprechen.

Natürlich sagte ich weiter nichts, als daß ich mein Bestes tun wolle, gab jedoch meiner Befürchtung Ausdruck, er halte mich für viel klüger, als ich in Wirklichkeit sei, aber er lachte nur herzlich darüber.

»Komm«, sagte er, stand auf und schob den Stuhl zurück. »Ich glaube, wir können das Brummstübchen für einen Tag zusperren. Und noch ein Wort zum Schluß, Esther: Wünschest du vielleicht irgend etwas von mir zu wissen?«

– Er sah mich aufmerksam an, und ich mußte ihm ebenso gespannt ins Auge schauen und fühlte gut, was er meinte. –

»Über mich selbst, Vormund?«

»Ja.«

»Vormund«, sagte ich und fühlte, daß meine Hände plötzlich kälter wurden, »Vormund, ich bin fest überzeugt, daß ich dich nicht erst zu bitten brauche, mir etwas zu sagen, wenn du es für nötig oder gut befindest. Wenn ich nicht meinen ganzen Glauben und mein ganzes Vertrauen auf dich setzte, müßte ich wahrhaftig wenig Gefühl haben. Ich habe dich wirklich nichts zu fragen. Gar nichts.«

Er zog meinen Arm durch den seinen, und wir gingen hinaus, nach Ada zu sehen. Von dieser Stunde an fühlte ich mich ihm gegenüber ganz unbefangen, war ganz zufrieden, nicht mehr zu wissen, und ganz glücklich.

Anfangs ging es in Bleakhaus ziemlich lebhaft zu, denn wir hatten Bekanntschaft mit den vielen nahen und entfernten Nachbarn, die Mr. Jarndyce kannten, zu machen. Es schien Ada und mir, als ob ihn jeder kenne, der etwas mit fremder Leute Geld anfangen wollte. Es setzte uns nicht wenig in Erstaunen, als wir frühmorgens anfingen, seine Briefe zu sortieren und im Brummstübchen einige derselben zu beantworten, daß das große Lebensziel fast aller seiner Korrespondenten zu sein schien, Komitees zu bilden und Geld zu sammeln und auszugeben. Die Damen waren darauf so versessen wie die Herren, ja, übertrafen sie noch bei weitem. Sie taten sich in leidenschaftlichster Weise zu Komitees zusammen und veranstalteten mit wahrer Wut Kollekten. Einige von ihnen schienen ihr ganzes Leben mit dem Verteilen von Subskriptionslisten, Schillingskarten, Halbkronenkarten, Halbsovereignkarten, Pennykarten usw. an das ganze Adreßbuch zuzubringen.

Sie baten um alles.

Sie baten um Kleider, um alte Leinwand, um Geld, um Kohlen, sie baten um Suppe, um persönliche Verwendung, sie baten um Autographen, um Flanell, kurz um alles, was Mr. Jarndyce hatte – oder nicht hatte. Ihre Zwecke waren so mannigfaltig wie ihre Wünsche. Sie wollten neue Gebäude errichten, Schulden von alten abzahlen, den mittelalterlichen Marienorden in einem malerischen Gebäude wieder aufleben lassen, sie wollten Mrs. Jellyby ein Ehrengeschenk überreichen, sie wollten den Sekretär des betreffenden Unternehmens malen lassen und das Porträt seiner Schwiegermutter schenken, deren große Verehrung für ihn allgemein bekannt sei; sie hatten vor, alles mögliche anzuschaffen, von fünfhunderttausend Traktätchen bis zu einer Leibrente und von einem Marmordenkmal bis zu einer silbernen Teekanne.

Und welche Menge von Namen sie annahmen. Da gab es: die Frauen von England, die Töchter von Britannien, die Schwestern jeder einzelnen Kardinaltugend, die Frauen von Amerika, die »Damen« von dem und jenen. Sie schienen beständig vor lauter Stimmwerben und Wählen außer sich vor Erregung zu sein. Unserm geringen Einblick und ihren eigenen Berichten nach schienen sie fortwährend Leute zehntausendeweis für ihre Wahlliste zu werben, aber nie ihre Kandidaten durchzubringen. Wir bekamen Kopfweh schon bei dem bloßen Gedanken, in welch fieberhafter Erregung ihr Leben vergehen müsse.

Unter den Damen, die sich ganz besonders durch solch habgierigen Wohltätigkeitstrieb auszeichneten, befand sich auch eine gewisse Mrs. Pardiggle, die, aus der Anzahl ihrer Briefe an Mr. Jarndyce zu schließen, eine ebenso gewaltige Briefschreiberin wie Mrs. Jellyby zu sein schien. Es fiel uns auf, daß sofort Ostwind eintrat, sowie die Rede auf Mrs. Pardiggle kam, und stets Mr. Jarndyce am Weiterreden hinderte. Er pflegte zu bemerken, daß es zwei Klassen wohltätiger Leute gäbe; die einen, die wenig tun und viel Lärm machen, die andern, die gar keinen Lärm machen und viel tun.

Wir waren daher sehr neugierig auf Mrs. Pardiggle, die wir für einen Typus der ersten Klasse halten mußten, und freuten uns sehr, als sie uns eines Tags mit ihren fünf jungen Söhnen einen Besuch abstatten kam.

Sie war eine Dame in gewaltigem Stil, mit einer Brille, einer Adlernase und einem lauten Organ behaftet, die den Eindruck machte, als habe sie sehr viel Platz nötig. Das war übrigens auch der Fall, denn sie verstand es, mit ihrer Schleppe kleine Stühle, selbst wenn sie in ziemlicher Entfernung standen, umzuwerfen. Da nur Ada und ich zu Hause waren, empfingen wir sie schüchtern, denn sie schien wie kaltes Wetter in das Haus zu kommen und den kleinen Pardiggles, die ihr nachfolgten, blaue Nasen zu machen.

»Hier sind, meine jungen Damen«, sprach Mrs. Pardiggle mit großer Geläufigkeit nach den ersten Begrüßungsphrasen, »meine fünf Knaben. Sie haben vielleicht ihre Namen auf einer der gedruckten Subskriptionslisten im Besitze unseres geschätzten Freundes Mrs. Jarndyce gelesen. Egbert, mein Ältester (zwölf), ist der Knabe, der sein ganzes Taschengeld, 5 sh. und 3 d., den Tokahupo-Indianern geschickt hat. Oswald, mein Zweiter (zehnundeinhalb), hat zu dem großen Nationalehrengeschenk für Smithers 2 sh. und 9 d. beigetragen; Francis, mein Dritter (neun), 1 sh. und 6½ d., mein Vierter (sieben) 8 d. für die altersschwachen Witwen, Alfred, mein Jüngster (fünf), ist freiwillig dem Kinderverein ‚Die Freude‘ beigetreten und hat gelobt, sich sein ganzes Leben hindurch des Tabaks in jeder Gestalt zu enthalten.«

Noch nie in meinem Leben sind mir so mißvergnügte Kinder vorgekommen. Sie waren nicht bloß schwächlich und welk, sondern sahen geradezu verbissen und haßerfüllt vor Unzufriedenheit aus. Bei der Erwähnung der Tokahupo-Indianer hätte ich wirklich Egbert für eines der wildesten Mitglieder dieses Stammes halten können, so wütend sah er mich an. Als die Beitragssumme der Kinder erwähnt wurde, nahm wohl das Gesicht jedes einzelnen einen besonders bösartigen Ausdruck an, aber bei ihm war es weitaus am schlimmsten. Nur den kleinen Rekruten des Kinderordens »Die Freude«, der sein Unglück in stumpfsinniger Ruhe zu tragen schien, muß ich ausnehmen.

»Sie haben Mrs. Jellyby einen Besuch gemacht, höre ich.«

Wir sagten ja, wir hätten eine Nacht dort zugebracht.

»Mrs. Jellyby«, fuhr die Dame in ihrem demonstrativen lauten harten Ton fort, so daß es mir vorkam, ihre Stimme habe auch eine Art Brille auf – ich möchte nicht zu bemerken versäumen, daß ihre Brille auf der Nase dadurch nicht verschönend wirkte, daß Mrs. Pardiggle gestielte Augen hatte, wie Ada sich ausdrückte –, »Mrs. Jellyby ist eine Wohltäterin der Menschheit und verdient hilfreiche Unterstützung. Meine Knaben haben zu dem afrikanischen Unternehmen beigetragen: Egbert 1 sh. und 6 d., das ganze Taschengeld für neun Wochen; Oswald 1 sh. und 1½ d., ebenfalls neunwöchentliches Taschengeld; die übrigen ihren bescheidenen Mitteln angemessen. Dessenungeachtet kann ich nicht in jeder Hinsicht mit Mrs. Jellyby übereinstimmen. Ich bin mit Mrs. Jellyby, was die Behandlung ihrer jungen Familie anbetrifft, nicht einverstanden. Es fängt übrigens an, die allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen. Man hat bemerkt, daß ihre junge Familie von der Teilnahme an der Sache, der sie sich widmet, ausgeschlossen ist. Sie kann recht haben, sie kann unrecht haben; aber ob sie nun recht oder unrecht hat, ich verfahre mit meinen Kindern anders. Ich nehme sie überallhin mit.«

Ich kam später zu der Überzeugung – ebenso wie Ada –, daß diese Worte es waren, die dem bösgelaunten Ältesten ein scharfes Geheul erpreßten. Er versteckte es schnell unter einem Gähnen, aber es fing als Geheul an.

»Sie gehen mit mir in die Frühmesse um halb sieben, das ganze Jahr hindurch mit Einschluß des tiefen Winters«, fuhr Mrs. Pardiggle im Galopp fort, »und sind um mich während der wechselnden Pflichten des Tages. Ich bin bei dem Schulkomitee, ich bin beim Besuchskomitee, ich bin beim Lehrkomitee, ich bin bei dem Almosenverteilungskomitee, ich bin Mitglied der lokalen Leinwandverteilungsgesellschaft und vieler allgemeiner Gesellschaften, und mit dem Wahlgeschäft hat vielleicht niemand soviel zu tun wie ich. Aber überall sind sie meine Begleiter und eignen sich auf diese Art die Kenntnis der Armen an und die allgemeine Geschäftskenntnis in Wohltätigkeitssachen – mit einem Wort, den Geschmack für diese Dinge, die ihnen im spätem Leben zur Befriedigung und ihren Nebenmenschen zur Hilfe gereichen werden. Meine Jungen sind nie leichtsinnig, sie verwenden ihr gesamtes Taschengeld unter meiner Anleitung zu Subskriptionen und haben so vielen öffentlichen Versammlungen beigewohnt, so viele Vorlesungen, Reden und Diskussionen mitangehört wie nur wenig Erwachsene. Alfred (fünf), der, wie Sie wissen, aus freier Wahl dem Kinderorden ‚Die Freude‘ beigetreten ist, war eins der wenigen Kinder, das nach einer zweistündigen, eindringlichen Anrede von dem Vorsitzenden des Abends bei dieser Gelegenheit noch bewußtes Empfinden an den Tag legte.«

– Alfred glimmerte uns so böse an, als ob er die Schmach dieses Abends nie vergessen könne noch wolle. –

»Sie werden bemerkt haben, Miß Summerson, daß auf einigen der erwähnten Listen im Besitz unseres geschätzten Freundes Mr. Jarndyce die Namensreihe meiner jungen Familie mit O. A. Pardiggle F. R. S. = 1 £ – schließt. Das ist ihr Vater. Wir beobachten meistens immer das gleiche Verfahren. Ich lege zuerst mein Scherflein hin, dann zeichnen meine Jungen ihre Beiträge je nach dem Alter und den bescheidnen Mitteln jedes einzelnen, und dann schließt Mr. Pardiggle den Zug. Mr. Pardiggle schätzt sich glücklich, unter meiner Anleitung seine kleine Gabe beizusteuern, und so gestalten wir die Sache nicht bloß für uns angenehm, sondern auch, schätze ich, erhebend für andere.«

Gesetzt, Mr. Pardiggle speise bei Mr. Jellyby und Mr. Jellyby schütte nach Tisch Mr. Pardiggle sein Herz aus, würde Mr. Pardiggle sich auch zu einer vertraulichen Mitteilung gegenüber Mr. Jellyby bewogen fühlen? Ich wurde ganz wirr, als ich mich bei diesem Gedanken ertappte; er kam mir so von selbst in den Kopf.

»Das Haus liegt sehr hübsch hier«, bemerkte Mrs. Pardiggle.

– Wir waren froh, daß die Rede auf etwas anderes kam, traten ans Fenster und machten die Dame auf die Schönheiten der Aussicht aufmerksam, aber ihre Brillengläser schienen mir mit auffallender Gleichgültigkeit hinzusehen. –

»Kennen Sie Mr. Gusher?«

Wir mußten leider eingestehen, daß wir nicht das Vergnügen von Mr. Gushers Bekanntschaft hätten.

»Da verlieren Sie viel«, versicherte uns Mrs. Pardiggle mit gebieterischem Blick. »Er ist ein höchst eindringlicher, leidenschaftlicher Redner – voller Feuer! In einem Wagen auf dieser Wiese hier, die nach der ganzen Terrainbildung von der Natur wie zu einer öffentlichen Versammlung geschaffen scheint, würde er fast jede mögliche Gelegenheit stundenlang benutzen! Nun, meine jungen Damen!« Mrs. Pardiggle trat von ihrem Stuhl zurück und warf wie durch unsichtbare magische Kraft das ziemlich entfernte runde Tischchen, auf dem mein Arbeitskörbchen stand, um… »Nun, meine jungen Damen, haben Sie mich jetzt ganz ergründet?« – Das war eine so verwirrende Frage, daß mich Ada ganz fassungslos ansah. Mein eignes Schuldbewußtsein nach dem, was ich gedacht hatte, muß sich in der Farbe meiner Wangen ausgesprochen haben. – »Ich meine, meinen hervorstechendsten Charakterzug ergründet. Ich weiß, er ist so hervorstechend, daß er auf der Stelle zu entdecken ist. Ich breite ihn selber offen hin. Ja, ich gestehe es frei und frank, ich bin eine Frau der Tat. Ich liebe anstrengende Arbeit, ich finde Genuß an anstrengender Arbeit. Aufregung tut mir gut. Ich bin anstrengende Arbeit so gewöhnt, daß ich nicht weiß, was Müdigkeit heißt.«

– Wir murmelten etwas, daß das erstaunlich und sehr hübsch sei, oder etwas derart. Wir wußten zwar nicht den Grund, warum es erstaunlich oder hübsch sei, aber taten es aus Höflichkeit. –

»Ich weiß nicht, was es heißt, müde zu sein. Sie können mich nicht müde machen, versuchen Sie es nur einmal!« fuhr Mrs. Pardiggle fort. »Die Menge von Anstrengungen, die mir keine sind, die Unsumme von Geschäften, die mir obliegen, setzen mich manchmal selbst in Erstaunen, aber sie werden für mich zu nichts. Manchmal sind meine Jungen und Mr. Pardiggle schon vom bloßen Zusehen aufs äußerste erschöpft, während ich mich noch rühmen kann, frisch wie eine Lerche zu sein.«

– Der finstere älteste Junge sah womöglich jetzt noch böswilliger aus als vorhin. Ich bemerkte, daß er die rechte Faust ballte und damit dem Deckel seiner Mütze, die er unter dem linken Arme trug, einen heimlichen Schlag versetzte. –

»Diese Eigenschaft kommt mir bei meinen Rundgängen vortrefflich zustatten. Wenn jemand nicht hören will, was ich ihm zu erzählen habe, so sage ich nur: Ermüdung kenne ich nicht, guter Freund; ich werde nie müde und werde fortreden, bis ich fertig bin. Dieses Verfahren versagt nie! Miß Summerson, ich hoffe, ich werde sogleich das Vergnügen Ihrer Begleitung auf meinem Rundgang haben, und Miß Clare wird doch auch mitkommen?«

Anfangs versuchte ich, mich mit dem Hinweis auf meine häuslichen Pflichten zu entschuldigen. Da ich damit nicht durchkam, wandte ich ein, ich zweifle an meiner Befähigung zu solchen Dingen, sei zu unerfahren darin, meinen Charakter anders Gearteten anzupassen, um vom passenden Gesichtspunkt aus auf sie einzuwirken, und daß mir die feine Kenntnis des menschlichen Herzens fehle, die doch eine wesentliche Erfordernis bei diesem Werke sei. Ich sagte, ich hätte selbst noch viel zu lernen, ehe ich andre lehren könnte, und daß mein guter Wille allein nicht ausreiche. Alles das brachte ich mit wenig Selbstvertrauen vor, denn Mrs. Pardiggle war viel älter als ich, hatte große Erfahrung und war höchst gebieterisch in ihrem Auftreten.

»Sie befinden sich im Irrtum, Miß Summerson«, sagte sie, »aber vielleicht können Sie anstrengende Arbeit oder die damit verbundene Aufregung nicht aushalten. Wenn Sie vielleicht sehen wollen, wie ich ans Werk gehe, so will ich Sie jetzt recht gern mitnehmen, denn ich bin eben im Begriff, mit meinen Jungen einen Ziegelstreicher in der Nähe hier, einen sehr schlechten Charakter, zu besuchen. Auch Miß Clare, wenn sie mir die Ehre erweisen will.«

Ada und ich wechselten einen Blick und nahmen, da wir ohnehin ausgehen wollten, das Anerbieten an. Wir setzten unsre Hüte auf, kehrten nach kurzer Abwesenheit zurück und fanden die »junge Familie« gelangweilt in einer Ecke hinschmachten, während Mrs. Pardiggle im Zimmer auf und nieder schritt und alle leichteren Gegenstände mit der Schleppe umfegte. Sie ergriff sofort von Ada Besitz, und ich folgte mit der »Familie«. Ada erzählte mir nachher, Mrs. Pardiggle habe ihr in ihrem lauten Ton auf dem ganzen Wege zu dem Ziegelstreicher von einem aufregenden Kampfe erzählt, den sie vor zwei oder drei Jahren gegen eine andre Dame ausgefochten habe. Es habe sich dabei um Vergebung einer Stelle in einem Stift an zwei rivalisierende Kandidaten gehandelt. Es sei außerordentlich viel gedruckt, geredet, bevollmächtigt und abgestimmt worden und habe große Lebhaftigkeit da und dort gesetzt, wenn auch die Folge war, daß keiner der beiden Kandidaten die Stelle erhielt.

Ich sehe es sehr gerne, wenn sich Kinder mir anvertrauen, und habe in dieser Hinsicht viel Glück, aber damals mußte ich viel darunter leiden. Kaum waren wir nämlich aus der Haustür draußen, forderte Egbert mit der Miene eines kleinen Straßenräubers einen Schilling von mir, weil ihm sein Taschengeld »von ihr« abgeschwindelt worden sei. Als ich ihn auf die Unangemessenheit dieses Wortes namentlich in Verbindung mit seiner Mutter aufmerksam machte, kniff er mich in den Arm und sagte: »O ja freilich! Würde es Ihnen vielleicht gefallen? Warum tut sie, als gäbe sie mir Geld, und nimmt es mir dann wieder weg? Warum heißt es mein Taschengeld, und ich darf es nicht ausgeben?« Diese aufregenden Fragen stiegen ihm und Oswald und Francis so zu Kopf, daß sie alle gleichzeitig an mir herumzwickten, und zwar auf so erschrecklich kunstfertige Weise, indem sie winzige Hautstücke auf meinen Armen zwischen die Nägel nahmen, daß ich mich kaum überwinden konnte, nicht laut aufzuschreien.

Überdies trat mir noch Felix auf die Zehen. Und das kleine Mitglied vom Orden der »Freude«, das sein gesamtes Einkommen schon im voraus unterzeichnet hatte und sich nicht nur des Tabaks, sondern auch des Kuchens enthalten mußte, raste so vor Schmerz und Wut, als wir bei einem Konditor vorbeigingen, daß es ganz feuerrot im Gesicht wurde und mich ordentlich in Schrecken versetzte.

– Ich habe noch nie auf einem Spaziergang mit Kindern an Leib und Seele so viel zu erdulden gehabt wie von diesen an Jugendfreude unterbundenen Jungen, die mir jetzt die Ehre erwiesen, natürlich zu sein. –

Ich war froh, als wir des Ziegelstreichers Wohnung erreichten, obgleich sie in einer Gruppe jämmerlicher Hütten vor einer Lehmgrube stand, mit einem Schweinestall dicht vor den zerbrochenen Fenstern und einem elenden kleinen Gärtchen neben der Tür, in dem nichts als lauter Pfützen gediehen. Hie und da war bei den Hütten ein altes Faß hingestellt, um das vom Dache abfließende Regenwasser aufzufangen. Die an den Türen und Fenstern lungernden Männer und Frauen beachteten uns nicht weiter, nur, daß sie manchmal einander anlachten oder bei unserm Vorbeigehen Worte über »vornehme Leute« fallenließen, die sich um ihre Sachen kümmern und sich mit den Angelegenheiten andrer nicht den Kopf zerbrechen sollten. Mrs. Pardiggle ging voran, trug sittliche Entschiedenheit zur Schau, ließ sich sehr wortreich über die unreinlichen Gewohnheiten der Leute aus – als ob irgend jemand an einem solchen Orte hätte reinlich sein können – und führte uns schließlich in eine Hütte am äußersten Ende, deren Stube wir fast ausfüllten.

Außer uns befanden sich in dem feuchten dumpfigen Zimmer eine Frau mit einem blaugeschlagenen Auge, die ein kleines ächzendes Kind am Feuer wiegte, ein Mann, ganz bedeckt von Lehm und Schlamm und von sehr liederlichem Aussehen, der lang hingerekelt auf dem Boden lag und eine Pfeife rauchte, ein athletischer junger Bursche, der einem Hunde ein Halsband umlegte, und ein frech aussehendes Mädchen, das in sehr schmutzigem Wasser irgend etwas wusch. Sie blickten alle auf, als wir hereintraten, und die Frau schien ihr Gesicht nach dem Feuer zu kehren, wie um ihr verletztes Auge nicht sehen zu lassen. Niemand hieß uns willkommen.

»Nun, meine Freunde«, begann Mrs. Pardiggle, aber ihre Stimme klang durchaus nicht freundschaftlich und viel zu geschäftsmäßig und systematisch, »wie geht es euch allen? Hier bin ich wieder. Ich habe euch schon gesagt, ich bin nicht müde zu machen. Ich liebe Anstrengung und halte Wort.«

»Kommen leicht noch mehr herein?« brummte der Mann auf dem Boden, den Kopf auf die Hand gestützt und uns anstierend.

»Nein, mein Freund«, sagte Mrs. Pardiggle, setzte sich auf einen Stuhl und fegte den andern um. »Wir sind alle hier.«

»Ich hab schon gmeint, es langt sonst net«, sagte der Mann mit der Pfeife im Mund und musterte uns.

Der junge Bursche und das Mädchen lachten. Zwei Bekannte von ihnen, die unser Kommen angelockt hatte, standen, die Hände in den Taschen, draußen vor der Tür und lachten laut mit.

»Ihr könnt mich nicht ermüden, liebe Leute«, sagte Mrs. Pardiggle zur Türe hinaus. »Ich habe Freude an angestrengter Arbeit, und je schwerer ihr sie mir macht, desto besser gefällt sie mir.«

»Dann machen wir sie ihr leicht«, brummte der Mann auf dem Boden, »damits schon ein End hat. Ich laß mir die Frechheiten in meinem Haus nicht mehr lang gefallen. Ich laß mich nicht länger verhören wie einen Spitzbuben. Jetzt wollen Sie wie gewöhnlich herumschnüffeln und herumspitzeln; ich weiß schon, woraufs hinausgeht. Schon gut, ich werd Ihnen keine Gelegenheiten geben, anzufangen. Ich will euch die Müh ersparen. Wascht meine Tochter? Ja, sie wascht. Schauen Sies Wasser an. Stinkts? Das trinken wir. Wie gfallts Ihnen und was halten Sie von Schnaps? Is meine Wohnung schmutzig? Ja, sie is schmutzig, sie ist von Natur schmutzig und ungsund, und wir haben fünf schmutzige und ungsunde Kinder ghabt; schon tot alle, und das ist für sie das beste und für uns auch. Ob ich Ihner kleines Buch glesen hab? Nein, ich hab Ihner kleines Buch nicht glesen. Hier kann keiner lesen, und dann paßts für ein Wickelkind, und ich bin kein Wickelkind. Und wie ich mich aufgführt hab? Drei Tag bsoffen gwesen! Und ich hätt mich vier Tag lang bsoffen, wenns Geld glangt hätt. Ob ich niemals dran denk in die Kirch zu gehen? Fallt mir net ein. Sie warten dort net auf mich. Der Kirchendiener ist zu vornehm für mich. Und woher hat meine Frau das blaue Äug? Hm. Von mir. Und wenn sie sagt nein, so lügts.«

Er hatte die Pfeife aus dem Mund genommen, während er sprach, legte sich jetzt auf die andre Seite und fing wieder an zu rauchen.

Mrs. Pardiggle, die ihn durch ihre Brille mit einer erkünstelten Fassung, die meiner Ansicht nach nur dazu angetan war, seine Widerspenstigkeit zu vermehren, angesehen hatte, zog jetzt ein Buch heraus wie einen Konstablerstab und nahm die ganze Gesellschaft in Haft. In geistige Haft natürlich. Aber sie tat es mit der Miene eines unerbittlichen Polizeimanns.

Ada und mir wurde es sehr unbehaglich zumute. Wir fühlten uns als Eindringlinge, und es kam uns beiden vor, als ob Mrs. Pardiggle viel mehr erreicht haben würde, wenn sie nicht so mechanisch zu Werke gegangen wäre. Die Kinder sahen mürrisch drein und starrten alles mit großen Augen an; die Familie nahm von uns nicht die geringste Notiz, außer, wenn der junge Bursche den Hund bellen ließ, was er meistens tat, wenn Mrs. Pardiggle mit besonderer Emphase sprach. Wir empfanden beide aufs schmerzlichste, daß zwischen uns und diesen Leuten eine eiserne unüberbrückbare Schranke bestand.

Durch wen oder wie sie beseitigt werden könnte, wußten wir nicht, aber durch Mrs. Pardiggle nicht, das sahen wir ein. Selbst was sie vorlas und sagte, schien uns für solche Zuhörer schlecht gewählt zu sein, selbst wenn man es ihnen noch so rücksichtsvoll und mit noch so viel Takt beigebracht hätte. Was das kleine Buch, von dem der Mann auf dem Boden gesprochen hatte, betraf, so bekamen wir es später zu Gesicht, und Mr. Jarndyce sagte, er zweifle, ob Robinson Crusoe es gelesen haben würde, auch wenn er kein andres auf seiner wüsten Insel gehabt hätte.

Unter diesen Umständen bedeutete es eine große, allgemeine Erleichterung, als Mrs. Pardiggle aufhörte. Der Mann auf dem Boden drehte wieder den Kopf und sagte mürrisch:

»Also sind S jetzt fertig?«

»Für heute ja, mein Freund. Aber ich werde nie müde. Ich werde regelmäßig wiederkommen«, antwortete Mrs. Pardiggle mit zur Schau getragener Leutseligkeit.

»Wenn S nur jetzt schon gehen«, sagte er, verschränkte mit einem Fluch die Arme und schloß die Augen, »können S von mir aus tun, was S mögen.«

Mrs. Pardiggle stand auf und erzeugte in dem engen Raum einen Wirbel, dem selbst die Pfeife des Mannes nur mit knapper Not entging. Sodann nahm sie zwei ihrer Jungen an der Hand, hieß die andern ihr auf dem Fuße folgen, sprach die Hoffnung aus, daß der Ziegelstreicher und sein ganzes Haus bei ihrem nächsten Besuche sich gebessert haben würden, und begab sich nach einer andern Hütte.

Sie glaubte wahrscheinlich, wir folgten ihr, aber als sie draußen war, gingen wir zu der am Feuer sitzenden Frau hin, um sie zu fragen, ob das Kleine krank sei.

Sie wandte keinen Blick von dem Kind, das jetzt auf ihrem Schoß lag. Wir hatten schon früher bemerkt, daß sie ihr verletztes Auge mit der Hand zudeckte, als wolle sie jede Erinnerung an Gewalttat und schlechte Behandlung von dem armen kleinen Wesen fernhalten.

Ada, deren weiches Herz bei dem Anblick gerührt wurde, beugte sich herab, um das kleine Gesicht zu berühren. Da bemerkte ich, was vor sich ging, und zog sie schnell zurück.

Das Kind starb.

»Ach, Esther!« rief sie und sank auf die Knie. »Sieh her! Ach, liebe Esther, das kleine Wesen! Das hübsche kleine stille Wesen! Es tut mir so leid. Und die Mutter tut mir so leid. Ich habe noch nie so etwas Trauriges gesehen. Ach das arme, arme Kind!«

Ihre Teilnahme und Milde, mit der sie sich weinend über das Kleine beugte und ihre Hand auf die der Mutter legte, hätten jedes Herz rühren müssen. Die Frau sah sie zuerst erstaunt an und brach dann in Tränen aus.

Ich nahm ihr die leichte Last von Schoße, tat, was ich konnte, um die kleine Leiche hübscher und friedlicher aussehen zu machen, legte sie auf ein Brett und deckte sie mit meinem Taschentuche zu. Wir versuchten die Mutter zu trösten und flüsterten ihr die Worte zu, die unser Heiland über die Kinder gesagt hatte. Sie antwortete nichts, sondern blieb sitzen und weinte – weinte bitterlich.

Als ich mich umdrehte, sah ich, daß der junge Bursche den Hund hinausgeführt hatte und an der Türe stand und auf uns blickte, mit trocknen Augen, aber still. Auch das Mädchen war stumm, saß in einer Ecke und blickte zu Boden. Der Mann war aufgestanden. Er rauchte noch immer mit trotziger Miene, aber er schwieg.

Ein häßliches Weib, sehr ärmlich angezogen, kam rasch herein, während ich noch die Szene betrachtete, ging auf die Mutter zu und rief: »Jenny, Jenny.« Die Mutter stand bei diesen Worten auf und fiel ihr um den Hals.

Auch diese Frau trug auf Gesicht und Armen die Spuren von Mißhandlungen. Sie hatte nichts Anmutiges an sich als die Anmut des Mitleids, aber wie sie die andere tröstete und ihr dabei die Tränen über die Wangen liefen, vermißte man die Schönheit nicht. Ich sage: tröstete; aber sie sagte nichts weiter als: »Jenny, Jenny.« Alles übrige lag in dem Ton, mit dem sie diese Worte sprach.

Es war rührend, wie diese beiden Frauen, arm, zerlumpt und zerschlagen, so einig waren, – zu sehen, was sie einander sein konnten, – wie sie füreinander fühlten, – wie ihre Herzen bei den harten Prüfungen des Lebens sanfter geworden waren. Ich glaube, die beste Seite solcher Leute bleibt uns fast immer verborgen. Was der Arme dem Armen ist, ist wenigen bekannt außer ihnen selbst und Gott.

Wir hielten es für das beste, uns zu entfernen und sie ungestört sich selbst zu überlassen. Wir stahlen uns still hinaus und wurden von niemand beachtet außer von dem Mann. Er stand an die Wand gelehnt, ganz nahe an der Tür, und als er bemerkte, daß wir nur mühsam an ihm vorbei konnten, ging er vor uns hinaus. Er schien nicht merken lassen zu wollen, daß er es unsertwegen tat, aber wir verstanden es gar wohl und dankten ihm. Er gab keine Antwort.

Ada war auf dem ganzen Nachhausewege so bekümmert, und Richard, den wir zu Hause fanden, schmerzte es so sehr, sie in Tränen zu sehen – wenn er auch einmal zu mir hinausging, um mir zu sagen, wie schön sie aussähe –, daß wir übereinkamen, abends ein paar Sachen mitzunehmen und unsern Besuch in der Hütte des Ziegelstreichers zu wiederholen. Wir sagten Mr. Jarndyce so wenig wie möglich davon, aber der Wind schlug sofort nach Osten um.

Richard begleitete uns abends nach dem Schauplatz unsres Morgenausfluges. Unterwegs mußten wir an einer lärmenden Schenke vorbei, wo eine Anzahl Männer um die Türe herumstanden. Unter ihnen und sich am lautesten herumstreitend der Vater des kleinen gestorbenen Kindes. Nicht weit davon trafen wir den jungen Burschen mit seinem Hund in ähnlich gestimmter Gesellschaft. Die Schwester lachte und plauderte mit ein paar andern Mädchen an einer Ecke der Hüttenreihe, aber sie schien sich zu schämen und wendete sich weg, als wir vorbeigingen.

Wir ließen Richard warten, als wir das Haus des Ziegelstreichers erblickten, und gingen allein weiter. Als wir die Tür erreichten, sahen wir das Weib, das die Mutter getröstet hatte, dort stehen und sich voll Angst umschauen.

»Ach so, Sie sinds, junge Damens«, sagte sie flüsternd. »Ich schau nach meinem Mann aus. Ich hab das Herz im Mund. Wenn er mich außer Haus trifft, schlägt er mich tot.«

»Ihr Ehegatte?« fragte ich.

»Ja, Miß, mein Mann. Jenny schläft. Sie ist todmüd. Seit sieben Tagen und Nächten ist das Kind kaum von ihrem Schoß gekommen, außer, wenn ich es ihr für ein paar Minuten hab abnehmen können.«

Sie machte uns Platz, wir traten leise ein und legten, was wir mitgebracht, neben das elende Bett, auf dem die Mutter schlief, hin. Man hatte keinen Versuch gemacht, die Stube zu reinigen; ihre Beschaffenheit schien jede Hoffnung auszuschließen, daß sie jemals rein werden könnte, aber die kleine starre Leiche, die soviel Feierlichkeit ringsum verbreitete, war gewaschen und reinlich in ein paar weiße Leinwandlappen gehüllt worden, und auf mein Taschentuch, das immer noch das arme Kind zudeckte, hatten dieselben rauhen narbenvollen Hände einen kleinen Strauß gelegt.

»Der Himmel möge es Ihnen vergelten!« sagten wir zu dem Weib. »Sie sind eine gute Frau.«

»Ich, junge Damens?« fragte sie mit Erstaunen. »Ruhig, Jenny!«

– Die Mutter hatte im Schlafe gestöhnt und bewegte sich. Der Klang der bekannten Stimme schien sie zu beruhigen. Sie war wieder ganz still. –

Ich ahnte nicht, als ich mein Taschentuch in die Höhe hob, um die kleine Leiche darunter zu betrachten, und Adas Haar, die sich mitleidig darüber gebeugt hatte, das Kind wie ein Glorienschein umgab – ich ahnte nicht, auf welch sturmdurchtobter Brust dieses Taschentuch noch einmal ruhen würde. Ich dachte nur daran, daß vielleicht der Engel des Kindes auf die Frau niederblicke, die es mit so mitleidiger Hand wieder darüber deckte und dann, als wir Abschied nahmen, an der Türe stehen blieb und sich abwechselnd umsah, in banger Angst hinauslauschte und wieder in ihrer beruhigenden Weise flüsterte: »Jenny, Jenny.«

9. Kapitel


9. Kapitel

Anzeichen

Ich weiß nicht, wie es zugeht, aber es kommt mir vor, als erzählte ich stets von mir selbst. Ich denke stets, ich schreibe von andern Leuten, und will so wenig wie möglich an mich denken, und plötzlich bin ich wieder mitten in der Geschichte drin und bin ärgerlich und sage: Aber, aber, du zudringliches, unbedeutendes Geschöpf!

Mein Liebling und ich lasen und arbeiteten und waren die ganze Zeit über so beschäftigt, daß die Wintertage wie froh beschwingte Vögel an uns vorüberflogen. Meistens nachmittags und jeden Abend leistete uns Richard Gesellschaft. Obgleich er einer der ruhelosesten Menschen war, die es nur geben konnte, so fühlte er sich doch sehr wohl in unsrer Gesellschaft.

Er hatte Ada sehr, sehr gern. Ich weiß es, und es ist besser, ich sage es gleich. Ich hatte noch nie junge Leute sich ineinander verlieben sehen, aber ich wußte ziemlich bald, wie es mit ihnen stand. Ich konnte natürlich nicht sagen oder merken lassen, daß ich etwas davon wußte. Im Gegenteil, ich tat so ernsthaft und stellte mich so blind, daß ich manchmal, wenn ich an der Arbeit saß, bei mir dachte, ob ich mich denn nicht gar zu hinterlistig benähme.

Aber es ging nicht anders. Ich hatte weiter nichts zu tun als still zu sein und war so still wie eine Maus. Sie waren auch so still wie Mäuse, was das Reden anbelangte, aber die unschuldige Art, mit der sie sich mehr und mehr auf mich verließen und einander immer lieber gewannen, war so entzückend, daß es mir sehr schwer wurde, zu verbergen, wie sehr es meine Teilnahme erregte.

»Unser kleines altes Hausmütterchen ist so ein vortreffliches Frauchen«, pflegte Richard zu sagen, wenn er mir frühmorgens im Garten mit seinem gewinnenden Lachen und vielleicht nicht ohne ein wenig zu erröten entgegenkam, »daß es ohne sie gar nicht geht. Ehe ich meine wilde Tageshetze beginne, mich mit Büchern und Instrumenten herumschlage und dann wie ein Straßenräuber im Galopp bergauf, bergab die ganze Gegend durchstreife, tut es mir immer so wohl, einen ruhigen Spaziergang mit unserer guten Freundin zu machen, daß ich schon wieder hier bin.«

»Du weißt, liebes Hausmütterchen«, sagte dann vielleicht Ada wieder vor dem Schlafengehen, ihren Kopf auf meiner Schulter gelehnt, während der Schein des Feuers sich in ihren nachdenklichen Augen widerspiegelte, »ich habe nicht vor zu plaudern, wenn wir abends heraufgehen, aber mit deinem lieben Gesicht als Gesellschaft eine kleine Weile dazusitzen und zu träumen und den Wind zu hören und an die armen Seeleute auf dem Meer zu denken…«

So, so, wollte vielleicht Richard Seemann werden?!

Wir hatten schon öfter besprochen, was er werden sollte, und es war von seiner alten Neigung für die See die Rede gewesen. Mr. Jarndyce hatte an einen Verwandten der Familie, einen gewissen hochgestellten Sir Leicester Dedlock, geschrieben und ihn um seine Verwendung für Richard gebeten. Und Sir Leicester hatte sehr gnädig geantwortet, er werde sich glücklich schätzen, wenn sich ihm Gelegenheit bieten sollte – was aber keineswegs wahrscheinlich sei –, dem jungen Gentleman irgendwie förderlich sein zu können. Und Mylady sende dem jungen Herrn, an dessen Verwandtschaft sie sich noch recht gut erinnere, die besten Wünsche. Sie hoffe, er werde seine Pflicht in jedem Beruf, den er zu ergreifen gedenke, tun.

»Daraus scheint klar hervorzugehen«, sagte Richard zu mir, »daß ich mir meinen eignen Weg zu bahnen haben werde. Tut nichts! Viele haben das vor mir versuchen müssen und haben es zuwege gebracht. Ich wünschte nur, ich wäre schon jetzt Kapitän eines Kaperschiffs und könnte den Lordkanzler entführen und auf schmale Kost setzen, bis er ein Urteil in unserm Prozeß fällt. Er sollte bald mager werden, wenn er sich nicht dazu hält.«

Neben einer Elastizität, Hoffnungsfreudigkeit und einem fröhlichen Sinn, der kaum jemals müde wurde, legte Richard eine Sorglosigkeit an den Tag, die mich beunruhigte, besonders, weil er sie seltsamerweise für Klugheit hielt. Sie mischte sich auf ganz merkwürdige Art in alles, was mit Rechnen und Geld zusammenhing, die ich nicht besser glaube erklären zu können, als wenn ich für einen Augenblick wieder auf unser Mr. Skimpole vorgeschossenes Darlehen zurückkomme. Mr. Jarndyce hatte den Betrag entweder von Mr. Skimpole selbst oder von »Coavinses« in Erfahrung gebracht und mir das Geld mit dem Auftrag übergeben, ich möge meinen Anteil zurückbehalten und den Rest Richard aushändigen. Die Menge gedankenlosen Geldverzettelns im kleinen, die Richard durch die Wiedererlangung seiner zehn Pfund rechtfertigte, und die vielen Male, die er diese zehn Pfund als eine Ersparnis oder einen Gewinn aufzählte, würden, einfach addiert, schon eine beträchtliche Summe ergeben haben.

»Mein kluges Mütterchen Hubbard, warum nicht?« sagte er einmal zu mir, als er ohne die mindeste Überlegung dem Ziegelstreicher fünf Pfund schenken wollte. »Ich habe doch bei der Coavinsesgeschichte reine zehn Pfund verdient.«

»Wieso denn?« fragte ich.

»Nun, ich wurde zehn Pfund los, an denen mir nichts lag und auf die ich nie wieder rechnete. Das können Sie doch nicht leugnen.«

»Nein.«

»Also gut. Und dann bekam ich wieder zehn Pfund…«

»Dieselben zehn Pfund«, verbesserte ich.

»Das hat nichts damit zu tun! Ich habe zehn Pfund mehr bekommen, als ich erwarten konnte, und darf sie daher ausgeben, ohne mir viel daraus zu machen.«

Ganz in derselben Weise schrieb er sich fünf Pfund gut, als er von der Nutzlosigkeit, sie dem Ziegelstreicher zu schenken, überzeugt war, und addierte sie dazu.

»Schauen Sie mal her«, sagte er. »Ich habe fünf Pfund bei der Ziegelstreichergeschichte erspart. Wenn ich mir nun den Spaß mache und mit der Extrapost nach London und zurückfahre und dafür vier Pfund rechne, so erspare ich eins. Und es ist eine sehr hübsche Sache, ein Pfund zu sparen, behaupte ich; ein Penny gespart, ist ein Penny verdient.«

Ich glaube, Richard war eine so offne und hochherzige Natur, wie man sie nur irgend finden konnte. Temperamentvoll und mutig und bei all seiner wilden Ruhelosigkeit so mild und sanft, daß ich ihn in wenigen Wochen wie einen Bruder kannte. Seine Liebenswürdigkeit war ihm angeboren und hätte sich selbst ohne Adas Einfluß im besten Lichte gezeigt. Aber unter diesem wurde er einer der gewinnendsten Gesellschafter, immer zur Teilnahme geneigt und immer glücklich, hoffnungsfreudig und leichtherzig.

Wie ich mit ihnen zusammensaß, mich mit ihnen unterhielt und spazierenging und von Tag zu Tag sie sich immer mehr ineinander verlieben sah, trotzdem sie nichts davon zueinander verlauten ließen und ihre Liebe für das größte aller Geheimnisse hielten, war ich kaum weniger als sie von dem hübschen Traum bezaubert und erfreut.

In dieser Weise lebten wir fort, da erhielt Mr. Jarndyce eines Morgens beim Frühstück einen Brief, sagte mit einem Blick auf die Adresse: »Ah! Von Boythorn«, öffnete ihn mit sichtlichem Vergnügen und las ihn.

Ehe er noch damit zu Ende war, sagte er, Boythorn käme auf Besuch.

»Wer ist Boythorn?« fragten wir alle. Und ich glaube, wir dachten auch alle – ich wenigstens tat es –, wird Boythorn vielleicht einen Einfluß auf das, was jetzt, vorgeht, ausüben?«

»Ich bin mit Lawrence Boythorn in die Schule gegangen«, erzählte Mr. Jarndyce und legte den Brief auf den Tisch. Das sind jetzt mehr als fünfundvierzig Jahre. Er war damals der ungestümste Junge von der Welt und ist jetzt der ungestümste Mann. Er war damals der herzhafteste und wackerste Junge von der Welt und ist jetzt dasselbe als Mann. Er ist ein kolossaler Bursche.«

»An Wuchs, Sir?« fragte Richard.

»Auch in dieser Hinsicht, Rick. Er ist etwa zehn Jahre älter als ich und ein paar Zoll größer; er trägt den Kopf zurückgeworfen wie ein alter Soldat, die eiserne Brust frei heraus; Hände hat er wie ein Schmied, und Lungen!… Solche Lungen gibt es nur einmal. Mag er sprechen, lachen oder schnarchen, so zittern die Balken des Hauses.«

– Wie sich Mr. Jarndyce an dem Bilde seines Freundes Boythorn erfreute, bemerkten wir als günstiges Omen, daß sich nicht das mindeste Anzeichen von Ostwind zeigte. –

»Aber eigentlich meine ich die Seele des Mannes, das warme Herz, die Leidenschaftlichkeit, das feurige Blut des Mannes, Rick und Ada und auch du, kleine Spinnwebe, denn euch alle wird der Besuch interessieren. Seine Sprache ist so volltönend wie seine Stimme. Er bewegt sich immer in Extremen; er kommt nicht aus dem Superlativ heraus. In seinen Verdammungsurteilen kennt er keine Grenzen. Nach seinen Reden könnte man ihn für einen Menschenfresser halten, und ich glaube, einige Leute halten ihn auch dafür. So! Ich sage euch für jetzt nichts weiter von ihm. Ihr dürft euch nicht wundern, wenn er mich wie seinen Schützling behandelt, denn er kann nicht vergessen, daß ich in der Schule einer von den Kleinsten war und unsre Freundschaft damit begann, daß er meinem Obertyrannen vor der Frühstückspause zwei Zähne (er sagt sechs) ausschlug. Boythorn und sein Bedienter«, sagte er zu mir gewendet, »werden heute nachmittag hier eintreffen, liebe Esther.«

Ich trug Sorge, daß die nötigen Anstalten für Mr. Boythorns Empfang getroffen wurden, und wir sahen neugierig seiner Ankunft entgegen. Der Nachmittag verging jedoch, und er erschien nicht. Die Speisestunde kam, und er erschien immer noch nicht. Das Essen wurde eine Stunde verschoben, und wir saßen um den Kamin, ohne ein andres Licht als seine Glut, als das Haustor plötzlich aufgerissen wurde und die Halle von einer Stentorstimme erdröhnte, die mit größter Heftigkeit rief:

»Jarndyce, ein gottvergessener Schurke hat uns einen falschen Weg gewiesen. Rechts statt links. Er ist der bodenloseste Halunke, den die Erde trägt. Sein Vater muß ein vollendeter Schuft gewesen sein, daß er so einen Sohn bekommen konnte. Ich würde den Kerl ohne den leisesten Gewissensbiß erschießen lassen.«

»Hat er es absichtlich getan?« hörten wir Mr. Jarndyce fragen.

»Ich zweifle nicht im geringsten, daß der Schurke sein ganzes Leben lang nichts andres getan hat, als Reisende irrezuführen. Bei meiner Seele, er kam mir wie der falscheste Hund, den ich je gesehen, vor, als er uns riet, rechts zu fahren. Und dennoch hab ich dem Kerl gegenübergestanden, Auge in Auge, und ihm nicht das Gehirn herausgeschlagen.«

»Zähne, meinst du«, sagte Mr. Jarndyce.

»Hahaha!« lachte Mr. Lawrence Boythorn, daß die Wände zitterten. »Was, das hast du immer noch nicht vergessen? Hahaha!… Das war auch so ein unglaublicher Schuft! Bei meiner Seele, das Gesicht dieses Kerls war schon damals das schwärzeste Bild der Hinterlist, Feigheit und Grausamkeit, das man nur als Vogelscheuche in einem Felde von Halunken hätte aufstellen können. Und wenn ich morgen diesem beispiellosen Despoten auf der Straße begegnete, ich würde ihn fällen wie einen verfaulten Baum.«

»Ich zweifle nicht im geringsten«, sagte Mr. Jarndyce, »aber willst du nicht heraufkommen?«

»Bei meiner Seele, Jarndyce« – der Gast schien auf die Uhr zu sehen – »wenn du verheiratet wärst, würde ich lieber an der Gartentür umgekehrt sein und auf die entlegensten Gipfel des Himalayagebirges gegangen, als daß ich mich zu solch unpassender Stunde eingefunden hätte.«

»Doch wohl nicht ganz so weit«, sagte Mr. Jarndyce.

»Bei meinem Leben und bei meiner Ehre, ja! Um keinen Preis der Welt würde ich mich der unglaublichen Unverschämtheit schuldig machen, eine Dame vom Hause solang warten zu lassen. Lieber hinrichten würde ich mich lassen.«

Bei diesen Worten gingen sie die Treppen hinauf, und gleich darauf hörten wir den Gast oben in seinem Schlafzimmer losdonnern: »Hahaha!« und wieder »Hahaha!« bis das leiseste Echo in der Nachbarschaft davon angesteckt wurde und so lustig zu lachen schien wie er und wie wir.

Wir alle faßten ein Vorurteil zu Mr. Boythorns Gunsten, denn es lag ein gewisser innerer Wert in seinem Lachen, seiner kräftigen, gesunden Stimme und der Wucht, mit der jedes seiner Worte aus seinem Munde kam, und selbst in der Wut seiner Superlative, die wie blindgeladene Kanonen loszugehen und niemanden zu verletzen schienen, aber wir waren kaum daraufgefaßt, dieses Vorurteil so durch seine äußere Erscheinung gerechtfertigt zu sehen, als ihn Mr. Jarndyce vorstellte.

Er war nicht nur ein schöner alter Herr, aufrecht und kraftvoll, wie er uns beschrieben worden, mit einem massiven grauen Kopf, einer schönen Ruhe im Gesicht, wenn er schwieg, einer Gestalt, die ein wenig zur Korpulenz geneigt hätte, wenn er sie nicht so beständig in Leben erhalten haben würde, einem Kinn, das, ohne die heftige Emphase, in der er sich beständig befand, ein Doppelkinn hätte werden können – er war auch ein echter Gentleman in seinem Benehmen, so ritterlich höflich, das Gesicht von einem freundlichen liebenswürdigen Lächeln erhellt, und es schien so klar zu sein, daß er nichts zu verbergen hatte und sich immer so gab, wie er war –, unfähig, etwas in beschränktem Maßstabe zu tun, und immer die blindgeladenen Kanonen abfeuernd, weil er keine kleinern Waffen hatte, daß ich wirklich nicht anders konnte als ihn bei Tisch stets mit gleicher Freude anzusehen, mochte er nun lächeln, sich mit Ada oder mir unterhalten oder sich von Mr. Jarndyce zu einer großen Salve von Superlativen verleiten lassen oder den Kopf wie ein Bluthund emporwerfen und das gewaltige Hahaha ertönen lassen.

»Du hast doch deinen Vogel mitgebracht?« fragte Mr. Jarndyce.

»Bei Gott! Es ist der erstaunlichste Vogel in ganz Europa«, rief Mr. Boythorn. »Er ist das allerwunderbarste Geschöpf. Ich gebe diesen Vogel nicht für zehntausend Guineen her. Ich habe ihm in meinem Testament eine Leibrente ausgesetzt, falls er mich überleben sollte. Er ist, was Verstand und Anhänglichkeit betrifft, ein Phänomen. Und sein Vater war einer der fabelhaftesten Vögel, die jemals gelebt haben.«

Der Gegenstand dieser Lobeshymne war ein außerordentlich kleiner Kanarienvogel, so zahm, daß ihn Mr. Boythorns Bedienter auf dem Zeigefinger herunterbrachte und daß er jetzt seinem Herrn auf den Kopf flog, nachdem er vorher in der Stube herumgeflattert war.

Den alten Herrn die unversöhnlichsten und leidenschaftlichsten Aussprüche tun zu hören, während das winzige schwache Geschöpfchen ruhig auf seiner Stirne saß, war die beste Illustration zu seinem Charakter, wie mir vorkam.

»Meiner Seel, Jarndyce«, sagte Mr. Boythorn und hielt dem Kanarienvogel zärtlich ein Stückchen Brot zum Picken hin, »wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich alle Kanzleigerichtsassessoren morgen früh an der Kehle packen und sie schütteln, bis ihnen das Geld aus der Tasche fiele und die Knochen im Leibe schepperten. Ich würde mir eine Entscheidung erzwingen durch gute Mittel oder durch schlimme. Wenn du mich dazu ermächtigen willst, so werde ich es mit dem größten Vergnügen verrichten.«

– Die ganze Zeit über fraß ihm der winzige Kanarienvogel aus der Hand. –

»Ich danke dir, Lawrence«, lachte Mr. Jarndyce, »aber der Prozeß ist auf einem Punkt angelangt, wo ihn nichts weiter vorwärts bringen könnte, selbst wenn man das ganze Richterkollegium und das gesamte Barreau durchrütteln würde.«

»Es hat auf der ganzen Welt noch keinen so höllischen Hexenkessel gegeben wie dieses Kanzleigericht«, stimmte Mr. Boythorn bei. »Nur eine Mine darunter gelegt, während der Gerichtszeit, wenn alle Urkunden und Dekrete und Präzedenzien und alle dazugehörigen Beamten groß und klein, aufwärts und abwärts gezählt von dem Sohne, dem Generalrevisor, bis zu seinem Vater, dem Teufel, darin sind, und dann das Ganze mit zehntausend Zentnern Pulver in die Luft gesprengt, würde seinen Mängeln ein wenig abhelfen.«

Man konnte nicht anders, man mußte über den tiefen Ernst lachen, mit dem er diese umfassende Reformmaßregel vorschlug. Und er lachte mit, warf den Kopf in die Höhe und schüttelte die breite Brust, und wieder hallte ringsumher alles sein Hahaha wider.

Er störte damit nicht im mindesten den Vogel, der sich vollkommen sicher fühlte und auf dem Tische herumhüpfte und von Zeit zu Zeit das kleine Köpfchen auf die Seite legte und mit einem schnellen Blick seinen Herrn wie seinesgleichen ansah.

»Aber wie steht es mit dem Wegerecht, um das du dich mit deinem Nachbarn streitest?« fragte Mr. Jarndyce. »Du leidest doch selbst unter der Last der Gesetze.«

»Der Kerl hat mich wegen Eigentumsverletzung verklagt, und ich habe ihn wegen Eigentumsverletzung verklagt«, erwiderte Mr. Boythorn. »Bei Gott, er ist der stolzeste Bursche, der jemals gelebt hat. Es ist ganz unmöglich, daß er wirklich Sir Leicester heißt, er sollte Sir Lucifer heißen.«

»Ein Kompliment für unsern entfernten Verwandten«, sagte mein Vormund lachend zu Ada und Richard.

»Ich würde Miß Clare und Mr. Carstone um Entschuldigung bitten«, fuhr unser Besuch fort, »wenn mir nicht das freundliche Gesicht der Dame und das Lächeln des Herrn sagten, daß es nicht angebracht ist und sie sich ihren entfernten Verwandten in respektvoller Entfernung vom Leibe zu halten wissen.«

»Er hält sich uns vom Leibe«, verbesserte Richard.

»Meiner Seel«, gab Mr. Boythorn wieder eine Breitseite ab. »Dieser Kerl ist – und sein Vater und sein Großvater waren es ebenfalls – der steifnackigste, arroganteste, einfältigste, dickköpfigste Pinsel, der jemals durch ein unerklärliches Mißverständnis der Natur zu etwas anderm als zu einem Spazierstock geboren wurde. Die ganze Familie besteht aus den eingebildetsten Strohköpfen… Aber es macht nichts, er soll mir meinen Weg nicht versperren und wenn er der Extrakt von fünfzig Baronets wäre und in hundert Chesney Wolds, eins in das andre geschachtelt wie die geschnitzten chinesischen Elfenbeinkugeln, wohnte. Schreibt mir der Kerl durch seinen Agenten oder seinen Sekretär oder sonst jemanden: Sir Leicester Dedlock, Baronet, empfiehlt sich Mr. Lawrence Boythorn und macht ihn auf den Umstand aufmerksam, daß der Wiesenpfad bei dem alten Pfarrhause, gegenwärtig in Mr. Lawrence Boythorns Besitz, Sir Leicesters Wegerecht ist, da er in Wirklichkeit einen Teil des Parks von Chesney Wold bildet, und daß Sir Leicester es für angemessen erachtet, ihn zu schließen. Ich schreibe an den Kerl: Mr. Lawrence Boythorn empfiehlt sich Sir Leicester Dedlock, Baronet, und macht ‚ihn‘ auf den Umstand aufmerksam, daß er die Richtigkeit von Sir Leicester Dedlocks Ansprüchen auf irgend etwas in jeder Hinsicht leugnet und in bezug auf das Sperren des Wiesenpfades hinzusetzt, daß er sich freuen würde, den Mann zu sehen, der es zu unternehmen wagt.

Der Kerl schickt einen gottverlassenen Strolch mit einem Auge, um ein Gitter bauen zu lassen. Ich bearbeite den Burschen mit der Feuerspritze, bis er fast keinen Atem mehr im Leibe hat. Der Bursche baut während der Nacht ein Gitter. Ich hacke es um und verbrenne es am andern Morgen. Der Baronet schickt seine Myrmidonen, läßt sie über das Gehege klettern und schickt sie hin und her. Ich fange sie in unschädlichen Fallen, schieße ihnen gespaltene Erbsen in die Beine, bearbeite sie mit einer Feuerspritze und bin entschlossen, die Menschheit von der unerträglichen Last des Daseins dieser wegelagernden Schurken zu befreien. Er klagt wegen unrechtmäßigen Betretens fremder Grundstücke, ich tue desgleichen. Er klagt wegen Realinjurie; ich verteidige meinen Grund und Boden und fahre unbeirrt mit Realinjurien fort. Hahaha!«

Wer ihn das mit seiner unerhörten Energie sagen hörte, hätte ihn für den größten Wüterich halten müssen. Und wer ihn zur selben Zeit dem Vogel auf seinem Daumen die Federn glattstreichen gesehen hätte, würde ihn für den sanftmütigsten aller Menschen gehalten haben. Ihn lachen zu hören und sein offenes gutmütiges Gesicht zu sehen, hieß, überzeugt sein, daß er auf der Welt keine Sorge, keinen Streit, keine Abneigung kenne und daß sein ganzes Dasein ein sonniger Scherz sei.

»Nein, nein«, schwor er. »Meine Wege lasse ich mir von keinem Dedlock absperren, obgleich ich gerne zugestehe« – hier wurde er einen Augenblick milde – »daß Lady Dedlock eine vollendete Weltdame ist, der ich jede Huldigung darbringen würde, die ein einfacher Gentleman und kein Baronet mit einem siebenhundert Jahr alten Dickkopf darbringen kann. Ein Mann, der mit zwanzig Jahren zum Regiment kam und acht Tage darauf den frechsten und anmaßendsten Bengel von einem kommandierenden Offizier, der jemals durch eine geschnürte Taille Atem holte, forderte – und dafür kassiert wurde –, ist nicht der Mann, sich von allen Sir Lucifers zusammengenommen auf der Nase herumtanzen zu lassen. Hahaha!«

»Auch nicht der Mann, der duldet, daß man seinem Jüngern Kameraden auf der Nase herumtanzt«, fügte mein Vormund hinzu.

»Ganz gewiß nicht!« Mr. Boythorn schlug Mr. Jarndyce mit einer Gönnermiene, die, trotzdem er lachte, etwas Ernstes hatte, auf die Schulter. »Er wird stets dem kleinen Jungen beistehen, Jarndyce! Du kannst dich auf ihn verlassen. Aber, um wieder von der Eigentumsverletzung zu sprechen – ich muß Miß Clare und Miß Summerson um Verzeihung bitten, daß ich solange bei dem trocknen Thema verweile –, ist nichts von deinen Anwälten Kenge & Carboy für mich gekommen?«

»Ich glaube nicht, Esther?«

»Nichts, Vormund.«

»Sehr verbunden. Hätte nicht zu fragen brauchen, selbst bei meiner geringen Erfahrung von Miß Summersons Fürsorglichkeit für jeden, der in ihre Nähe kommt. Ich fragte nur, weil ich von Lincolnshire herüberfuhr und natürlich nicht in London gewesen bin. Ich glaubte, man habe vielleicht einige Briefe hierher geschickt. Wahrscheinlich wird morgen früh Nachricht kommen.«

Im Verlauf des Abends, der uns sehr angenehm verging, sah ich ihn oft Richard und Ada mit einer sympathischen Teilnahme und Befriedigung betrachten. Er saß in geringer Entfernung vom Piano und hörte der Musik zu, die er leidenschaftlich liebte, wie sein Gesicht verriet. Mein Vormund saß mit mir am Pochbrett, und ich fragte ihn, ob Mr. Boythorn jemals verheiratet gewesen sei.«

»Nein«, sagte er, »nein.«

»Aber er hat heiraten wollen?«

»Wie hast du das erraten?« fragte Mr. Jarndyce lächelnd.

»Siehst du, Vormund«, gab ich zur Antwort und mußte ein wenig erröten, »es liegt etwas so Zartes in seinem Benehmen, und er ist so höflich und liebenswürdig zu uns und…«

Mr. Jarndyce blickte nach ihm hin.

Ich sagte weiter nichts.

»Du hast recht, Mütterchen. Er stand einmal dicht vor dem Heiraten. Vor langer Zeit. Nur ein Mal.«

»Starb die Dame?«

»Nein… Aber sie starb für ihn. Diese Zeit hat auf sein ganzes späteres Leben Einfluß gehabt. Würdest du glauben, daß sein Kopf und sein Herz jetzt noch voll Romantik stecken?«

»Ich glaube, Vormund, ich hätte das angenommen. Aber jetzt läßt es sich leicht sagen, wo du es mir verraten hast.«

»Er ist seitdem nie gewesen, was er hätte sein können, und jetzt in seinem Alter hat er niemand um sich als seinen Bedienten und seinen kleinen, gelben Freund. – Du bist am Wurf, liebe Esther. Da hast du den Würfelbecher.«

Ich merkte an der Stimmung meines Vormunds, daß ich, sollte nicht Ostwind eintreten, das Thema nicht weiter verfolgen dürfe. Ich stand daher von weiteren Fragen ab. Meine Teilnahme war erregt, aber nicht meine Neugierde. Des Nachts, als mich Mr. Boythorns lautes Schnarchen weckte, mußte ich ein wenig über diese alte Liebesgeschichte nachdenken und versuchte etwas sehr Schweres, nämlich, mir alte Leute jung und in den Reizen der Jugend vorzustellen. Aber ich schlief wieder ein, ehe es mir gelang, und träumte von der Zeit, wo ich bei meiner Patin gewesen war. Ich bin in derlei Dingen nicht bewandert genug, um zu wissen, ob es überhaupt merkwürdig ist, daß ich fast immer von diesem Lebensabschnitt träumte.

Am Morgen kam ein Brief von den Herren Kenge & Carboy an Mr. Boythorn, worin sie ihn benachrichtigten, daß einer ihrer Angestellten ihm mittags seine Aufwartung machen werde. Da es der Tag in der Woche war, wo ich die Rechnungen bezahlte, meine Bücher abschloß und alle Wirtschaftsangelegenheiten soweit wie möglich in Ordnung brachte, blieb ich zu Hause, während Mr. Jarndyce, Ada und Richard den schönen Tag zu einem Ausflug benutzten. Mr. Boythorn wollte auf Mr. Kenge & Carboys Angestellten warten und ihnen dann zu Fuß entgegengehen.

Ich hatte vollauf zu tun, prüfte Rechnungsauszüge, addierte Zwischenreihen, zahlte Geld aus, ordnete Quittungen und sah ungeheuer beschäftigt aus, als Mr. Guppy angemeldet und hereingelassen wurde. Ich hatte so eine leise Ahnung gehabt, daß der erwartete Angestellte der junge Gentleman sein könnte, der mich im Postkutschenbureau abgeholt hatte, und ich freute mich, ihn wiederzusehen, weil er zu meiner gegenwärtigen glücklichen Lage in gewisser Beziehung stand.

Ich erkannte ihn kaum wieder, so hatte er sich herausgeputzt. Er trug einen funkelnagelneuen Anzug, einen glänzenden Hut, lila Glacehandschuhe, ein vielfarbiges Halstuch, eine große Gewächshausblume im Knopfloch und einen dicken goldnen Ring am kleinen Finger. Außerdem durchduftete er das ganze Speisezimmer mit Bärenpomade und andern Parfümerien. Er betrachtete mich mit einer Aufmerksamkeit, die mich ordentlich verwirrte, als ich ihn bat, sich zu setzen, bis der Bediente wieder herunterkomme. Er saß in einer Ecke, schlug abwechselnd ein Bein über das andre, und so oft ich aufsah, während ich ihn das und jenes fragte, bemerkte ich stets, daß er mich in derselben forschenden und sonderbaren Weise anstarrte.

Als der Bediente mit der Nachricht, Mr. Boythorn lasse bitten, herunterkam, sagte ich Mr. Guppy, er werde nach Erledigung seiner Geschäfte hier ein Frühstück vorfinden, das Mr. Jarndyce für ihn befohlen habe. Als er den Türgriff schon in der Hand hielt, fragte er ein wenig verlegen:

»Werde ich die Ehre haben, Sie hier zu finden, Miß?«

Ich bejahte, und er ging mit einer Verbeugung zur Türe hinaus.

Ich hielt ihn für etwas linkisch und schüchtern, denn er war sichtlich verwirrt, und glaubte, es sei das beste, zu warten und mich zu überzeugen, ob er alles habe, was er brauche, und dann ihn sich selbst zu überlassen.

Das Frühstück wurde bald aufgetragen und blieb einige Zeit auf dem Tische stehen. Die Unterredung mit Mr. Boythorn dauerte sehr lange und verlief, wie mir vorkam, sehr stürmisch, denn obgleich sein Zimmer ziemlich entfernt lag, hörte ich seine laute Stimme sich dann und wann wie einen Sturmwind erheben und offenbar volle Breitseiten von Beschuldigungen abgeben.

Endlich kam Mr. Guppy, wie es schien, von der Konferenz stark mitgenommen, wieder herunter. »O Gott, Miß«, sagte er halblaut zu mir, »das ist ja der reinste Menschenfresser.«

»Bitte nehmen Sie etwas zu sich, Sir«, sagte ich.

Mr. Guppy nahm am Tische Platz und begann nervös das Tranchiermesser an der Vorleggabel zu schärfen, wobei er mich immer noch in derselben ungewöhnlichen Weise ansah, wie ich recht wohl merkte, trotzdem ich nicht aufsah. Das Messerwetzen dauerte so lang, daß ich endlich eine Art Verpflichtung fühlte, aufzublicken, um den auf Mr. Guppy liegenden Zauber, der ihn gar nicht aufhören ließ, zu lösen.

Er blickte sofort auf die Gerichte und fing an, vorzuschneiden.

»Was darf ich Ihnen anbieten, Miß? Sie werden doch einen Bissen genießen?«

»Nein, ich danke Ihnen.«

»Darf ich Ihnen denn gar nichts vorlegen, Miß?« fragte Mr. Guppy und stürzte ein Glas Wein hinunter.

»Nein, ich danke Ihnen. Ich habe nur gewartet, um zu sehen, ob Sie alles haben, was Sie brauchen. Wünschen Sie noch irgend etwas?«

»Nein, ich danke Ihnen, Miß. Ich bin Ihnen wirklich sehr verbunden. Ich habe alles, was ich mir nur wünschen könnte… wenigstens… Alles, ach, das hab ich nie.« Er trank noch zwei Gläser Wein hintereinander aus.

Ich hielt es für angezeigt, zu gehen.

»Ich bitte um Entschuldigung, Miß«, sagte Mr. Guppy und stand ebenfalls auf, »aber würden Sie nicht die Liebenswürdigkeit haben, mir ein paar Worte unter vier Augen zu gestatten?«

Ich wußte nicht, was ich antworten sollte, und nahm wieder Platz.

»Was ich sagen möchte, ist ohne Präjudiz, Miß«, sagte Mr. Guppy und schob in großer Aufregung einen Stuhl an meinen Tisch.

»Ich verstehe nicht, was Sie meinen«, bemerkte ich verwundert.

»Es ist einer unsrer juristischen Fachausdrücke. Sie werden doch von der Sache keinen Gebrauch zu meinem Schaden, weder bei Kenge & Carboy noch anderswo, machen? Wenn unsre Unterredung resultatlos verläuft, so bin ich, was ich früher war, und bitte Sie, mir in meiner Stellung oder meinen Zukunftschancen nicht zu schaden. Mit einem Wort, ich spreche im vollsten Vertrauen.«

»Ich kann mir durchaus nicht vorstellen, Sir, was Sie mir, wo Sie mich nur ein einziges Mal gesehen haben, so im strengsten Vertrauen mitteilen könnten, aber selbstverständlich würde es mir sehr leid tun, wenn ich Ihnen irgendwie einen Schaden zufügen sollte.«

»Ich danke Ihnen, Miß. Ich bin davon überzeugt… Das genügt vollkommen.«

Die ganze Zeit hindurch polierte sich Mr. Guppy entweder die Stirn mit seinem Taschentuch oder rieb sich sehr erregt die Hände.

»Wenn Sie mir gestatten würden, noch ein Glas Wein zu trinken, Miß, so würde es mich instand setzen, fortzufahren, ohne von dem beständigen Würgen in der Kehle gehindert zu werden, das für uns beide nur unangenehm sein kann.«

Er stand auf, trank und kam wieder zurück. Ich benützte die Gelegenheit, um mich möglichst hinter dem Tisch zu verschanzen.

»Sie würden mir also nicht erlauben, Ihnen ein Glas anzubieten, Miß?« fragte Mr. Guppy, sichtlich erfrischt.

»Ich danke.«

»Auch nicht ein halbes Glas? Ein Viertel?«

»Nein!«

»Also vorwärts. Mein gegenwärtiges Gehalt bei Kenge & Carboy, Miß Summerson, beträgt zwei Pfund wöchentlich. Als ich zuerst das Glück hatte, Sie zu sehen, betrug es 1 £ 15 sh. und war schon längere Zeit auf dieser Höhe geblieben. Seitdem hat eine Erhöhung von 5 sh. stattgefunden, und eine weitere von 5 sh. ist mir nach Ablauf eines Termins, der zwölf Monate vom heutigen Tag an nicht übersteigen soll, garantiert. Meine Mutter hat ein kleines Vermögen in Form einer kleinen Leibrente; sie lebt davon in unabhängiger, wenn auch bescheidener Weise in Oldstreet-Road. Sie eignet sich vortrefflich zu einer Schwiegermutter. Sie mischt sich nie ein, ist sehr für den Frieden und gutmütig. Sie hat ihre Fehler – wer hätte keinen –, aber ich wüßte nie, daß sie es in Gesellschaft getan hätte, und wenn Gesellschaft da ist, können Sie ihr hinsichtlich Wein, Likör oder Bier das vollste Vertrauen schenken. Ich selbst habe meine Zimmer in Penton-Place, Pentonville, und es ist eine bescheidene, aber luftige Wohnung nach hinten hinaus mit der Aussicht ins Freie und in einer der gesündesten Lagen… Miß Summerson!… Gelinde gesagt, ich bete Sie an! Wollen Sie mir freundlichst gestatten, Ihnen, um mich juristisch auszudrücken, eine Erklärung zu unterbreiten, Sie um Ihre Hand zu bitten?«

Mr. Guppy sank vor mir auf die Knie nieder. Ich fühlte mich hinter meinem Tisch sicher und war nicht sonderlich erschrocken. Ich sagte:

»Machen Sie dieser lächerlichen Szene ein Ende, Sir, oder Sie nötigen mich, mein gegebenes Versprechen zu brechen und zu klingeln.«

»Lassen Sie mich ausreden, Miß«, flehte Mr. Guppy und faltete bittend die Hände.

»Ich kann nicht ein Wort mehr anhören, Sir, wenn Sie nicht sofort aufstehen und sich wieder an den Tisch setzen.«

Er sah mich mit einem kläglichen Blick an, stand aber langsam auf und setzte sich an den Tisch.

»Welch ein Hohn des Schicksals, Miß«, sagte er, die Hand auf dem Herzen und mich über den Speisetisch hinüber melancholisch anblickend, »in einem solchen Augenblick am Eßtisch zu sitzen. Die Seele stößt in solchen Augenblicken die Nahrung von sich, Miß!«

»Ich bitte Sie, aufzuhören«, sagte ich. »Sie haben mich gebeten, Sie zu Ende zu hören, und ich muß Sie bitten, jetzt Schluß zu machen.«

»Ich will es tun, Miß. Wen ich liebe und ehre, dem gehorche ich auch. Wollte Gott, ich könnte Sie zum Gegenstand dieses Gelübdes vor dem Altare machen.«

»Das ist ganz unmöglich und vollkommen ausgeschlossen.«

»Ich weiß es«, sagte Mr. Guppy, beugte sich über das Servierbrett und starrte mich wieder mit dem alten gespannten Blick an, wie ich seltsamerweise fühlte, obgleich ich ihn nicht ansah. »Ich weiß allerdings, daß vom rein materiellen Gesichtspunkt aus alles, was ich zu bieten vermag, nur armselig ist. Aber Miß Summerson! Engel! – Nein, bitte klingeln Sie nicht! – Ich bin in einer harten Schule aufgewachsen und in allen möglichen Sätteln gerecht. Obgleich noch jung, habe ich schon mancherlei Beweise aufgespürt, Material gesammelt und das Leben vielfach kennengelernt. An Ihrer Seite, was könnte ich da nicht alles ausfindig machen, Ihre werten Interessen zu fördern. Was könnte ich nicht alles in Erfahrung bringen, was Sie nahe angeht! Allerdings weiß ich jetzt noch nichts, aber was könnte ich nicht alles herausbringen, wenn ich Ihr Vertrauen besäße und Sie mir ein Sporn wären!«

Ich sagte ihm, daß er sich an mein Interesse oder an das, was er für mein Interesse halte, ebenso erfolglos wende wie an meine Neigung und daß ich ihn jetzt auf das entschiedenste bitten müsse, sich gefälligst sofort zu entfernen.

»Grausames Fräulein. Nur noch ein einziges Wort! Ich glaube, Sie müssen gesehen haben, wie Ihre werten Reize schon an dem Tag, wo ich am Whytorseller wartete, mein Herz in Fesseln schlugen. Sie müssen doch bemerkt haben, daß ich Ihren werten Reizen meine ergebene Huldigung nicht versagen konnte, als ich den Tritt des Fiakers herunterließ. Es war nur ein schwacher Tribut, aber er kam von Herzen. Seitdem war dein Bild, Angebetete, auf ewig in mein Herz gegraben! Ich bin des Abends vor Jellybys Haus auf und ab gegangen, nur um die Ziegelmauer zu betrachten, die einst dich beschützte. Die heutige Reise, die bezüglich des in Rede stehenden Geschäftes ganz unnötig war, ist von mir allein ausgegangen. Wenn ich von Interessen sprach, so geschah es nur, um mich in meiner Armseligkeit in Ihren werten Augen zu heben. Liebe geht und ging dem allen voraus.«

»Es würde mir peinlich sein, Mr. Guppy«, unterbrach ich, stand auf und legte die Hand an den Klingelzug, »gegen Sie oder gegen wen immer, der es aufrichtig meint, so ungerecht zu sein, eine ehrlich gemeinte Empfindung zu verletzen, mag sie auch noch so unangenehm ausgedrückt sein. Wenn Sie wirklich beabsichtigt haben, mir einen Beweis Ihrer guten Meinung zu geben, so fühle ich mich, so schlecht auch Zeit und Ort gewählt sein mögen, verpflichtet, Ihnen zu danken. Ich habe keinen Grund, stolz zu sein, und bin es auch nicht. Ich hoffe, daß Sie mich jetzt verlassen werden, als ob Sie nie diesen törichten Streich begangen hätten, und sich Ihren Obliegenheiten bei Kenge & Carboy wieder zuwenden werden.«

»Nur eine halbe Minute, Miß!« rief Mr. Guppy mit einer abwehrenden Bewegung, als ich klingeln wollte. »Das war ohne Präjudiz?«

»Ich werde gegen niemanden etwas davon erwähnen«, sagte ich, »wenn Sie mir nicht selbst in Zukunft Veranlassung dazu geben.«

»Noch eine Viertelminute, Fräulein! Im Falle Sie sich’s doch noch überlegen sollten – zu jeder beliebigen Zeit, wenn sie auch noch so fern liegt, denn das hat nichts zu sagen, da meine Gefühle sich nie ändern können –, wenn Sie auf etwas, was ich gesagt habe, hauptsächlich über das, was ich alles tun könnte, einmal mehr Gewicht legen sollten, so wird Mr. William Guppy, 86, Pentonplace, oder wenn er ausgezogen oder an enttäuschten Hoffnungen oder dergleichen gestorben sein sollte: per Adresse Mrs. Guppy, 302, Oldstreet-Road, vollkommen genügen.«

Ich klingelte, der Bediente trat ein, und Mr. Guppy verabschiedete sich mit einer kummervollen Verbeugung, nachdem er seine selbst geschriebene Karte auf den Tisch gelegt hatte.

Als ich aufblickte, während er hinausging, fiel mir auf, daß er mich noch immer scharf anblickte, selbst, nachdem er bereits die Tür passiert hatte.

Ich blieb noch ein paar Stunden sitzen, ordnete meine Bücher und Zahlungen und erledigte eine ganze Menge. Dann räumte ich mein Schreibpult auf, schloß alles ab und war so gefaßt und heiter, daß ich den unerwarteten Zwischenfall ganz vergessen zu haben glaubte.

Aber als ich hinauf in mein Zimmer ging, da kam es zu meiner Überraschung über mich; ich mußte zuerst lachen und dann zu meiner noch größern Verwunderung weinen; mit einem Wort, ich war eine Weile lang ziemlich außer mir und hatte die Empfindung, als ob eine rauhe Hand eine alte Saite in mir berührt habe, rauher als jemals seit den Tagen meiner lieben, alten, im Garten begrabenen Puppe.

64. Kapitel


64. Kapitel

Esthers Erzählung

Eines Morgens, kurz nach unsrer letzten Unterredung, drückte mir mein Vormund ein versiegeltes Kuvert in die Hand und sagte: »Das ist für nächsten Monat, mein Kind.« Ich fand zweihundert Pfund darin.

In aller Ruhe begann ich alle nötigen Vorbereitungen zu treffen und richtete mich dabei nach dem Geschmack meines Vormundes, den ich natürlich ganz genau kannte. Auch bei Beschaffung meiner Garderobe nahm ich darauf Bedacht und hoffte, daß mir alles gut gelingen sollte. Ich besorgte alles ganz im geheimen, weil ich von meiner alten Befürchtung nicht vollkommen frei war, Ada könne meinetwegen bekümmert sein, und weil mein Vormund ebenfalls nicht weiter davon sprach. Ich nahm an, daß wir jedenfalls in aller Stille getraut werden würden. Vielleicht würde ich nur zu Ada zu sagen haben: Mein Liebling, möchtest du nicht morgen zu unserm Hochzeitsmahl kommen? Vielleicht würde unsre Trauung ebenso bescheiden sein wie die ihrige, und ich brauchte ihr nicht eher etwas zu sagen, als bis alles vorbei war. Ich dachte, wenn ich zu bestimmen hätte, würde ich es so arrangieren.

Nur Mrs. Woodcourt gegenüber machte ich eine Ausnahme. Ich sagte ihr, daß ich in Bälde meinen Vormund heiraten würde und daß wir schon seit einiger Zeit verlobt wären. Sie billigte dies höchlichst. Sie konnte nicht genug um mich sein und war gegen früher, als wir sie zuerst kennen gelernt hatten, merkwürdig sanft geworden. Es gab keine Mühe, der sie sich nicht meinetwegen unterzogen hätte; aber ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich ihr nur soviel zu machen gestattete, als gerade unumgänglich nötig war, sie ihren guten Willen beweisen zu lassen.

Natürlich durfte ich bei all dem meinen Vormund nicht vernachlässigen, und auch mein Herzenskind nicht. Immerhin hatte ich also sehr viel zu tun – was mir ganz angenehm war –, und was Charley betraf, so kam sie vor lauter Näherei gar nicht mehr zum Vorschein. Sich mit großen Haufen von Garderobestücken – Körbe und Tische voll – zu umgeben und ein wenig daran zu arbeiten und sehr viel Zeit darauf zu verwenden, mit großen runden Augen das anzusehen, was noch zu machen war, und sich einzureden, sie habe alle Hände voll zu tun, das waren so Charleys große Würden und Freuden.

Was das Testament anbetraf, muß ich sagen, konnte ich mit meinem Vormund nicht recht derselben Meinung sein und hatte einige sanguinische Hoffnungen auf »Jarndyce kontra Jarndyce« gesetzt. Wer von uns recht hatte, mußte sich bald zeigen. Ich meinesteils war jedenfalls hoffnungsfroh gestimmt. Bei Richard hatte die Entdeckung einen Anfall von Geschäftigkeit und Aufregung zur Folge, der ihn eine Zeitlang aufrecht erhielt, aber die wirkliche Elastizität der Hoffnung schien er verloren zu haben und nur mehr in fieberischer Wartestimmung zu sein. Aus einer Äußerung meines Vormundes, als wir eines Tages von dieser Sache sprachen, schloß ich, daß unsre Vermählung erst nach dem Beginn der angekündigten Session stattfinden sollte, und ich malte mir meine Hochzeitsfeier um so schöner aus, als ich hoffte, dann Richard und Ada bereits in besseren Umständen zu wissen.

Die Tagfahrt stand schon sehr nahe bevor, als mein Vormund eine Reise nach Yorkshire in Mr. Woodcourts Angelegenheiten machte. Er hatte mir schon früher gesagt, daß seine Anwesenheit notwendig sein würde.

Ich war gerade eines Abends von meiner lieben Ada nach Hause gekommen und saß mitten unter allen meinen neuen Kleidern, sah sie mir an und dachte über allerlei nach, als ich einen Brief von ihm erhielt. Er forderte mich darin auf, zu ihm zu kommen, bezeichnete mir die Kutsche, mit der ich fahren und zu welcher Stunde des Morgens ich die Stadt verlassen müßte. Er setzte in einer Nachschrift hinzu, daß ich nur wenige Stunden von Ada weg sein würde.

Ich war damals auf nichts weniger als auf eine Reise gefaßt, aber in kurzer Zeit machte ich mich fertig und fuhr mit dem Schlag der bezeichneten frühen Morgenstunde ab. Ich reiste den ganzen Tag und grübelte wohl ununterbrochen, wozu man mich in Yorkshire brauchen würde; einmal dachte ich mir dies, dann wieder jenes aus, aber nie kam ich der Wahrheit nahe.

Es war Nacht, als ich das Ziel meiner Reise erreichte, und mein Vormund erwartete mich. Das war mir eine große Erleichterung, denn gegen Abend hatte ich zu fürchten angefangen – um so mehr, da sein Brief nur kurz gewesen war –, daß er krank sein könnte. Ich fand ihn jedoch so wohl wie nur möglich, und als ich sein gutmütiges Gesicht wieder vor Freundlichkeit strahlen sah, sagte ich mir, daß er gewiß wieder heimlich eine gute Tat verrichtet haben müßte. Es gehörte kein großer Scharfsinn dazu, denn sein Hiersein war schon an und für sich eine gute Tat.

Das Abendessen stand im Gasthof bereit, und als wir bei der Tafel saßen, sagte er:

»Bist gewiß sehr neugierig, kleines Frauchen, warum ich dich hierher gerufen habe.«

»Nun ja«, gab ich zu, »ich halte mich zwar für keine Fatime und dich für keinen Blaubart, aber neugierig bin ich doch ein wenig.«

»Nun, damit du ruhig schlafen kannst, mein Liebling«, entgegnete er heiter, »wollen wir nicht erst bis morgen warten, um es dir zu sagen. Es hat mir immer sehr auf dem Herzen gelegen, Woodcourt irgendwie meinen Dank für seine Menschlichkeit gegenüber dem armen unglücklichen Jo und für die unschätzbaren Dienste, die er Richard und uns allen geleistet hat, zu beweisen. Als es ausgemacht war, daß er hierher ziehen würde, fiel es mir ein, ihn zu bitten, ein anspruchsloses und passendes Häuschen, worin er wohnen könnte, von mir anzunehmen. Deshalb gab ich den Auftrag, ein solches zu suchen, und es hat sich wirklich eins unter sehr annehmbaren Bedingungen gefunden, und ich habe es für ihn herrichten und bewohnbar machen lassen. Als ich nun vorgestern Nachricht erhielt, daß es fertig sei, und es mir ansehen kam, fand ich, daß ich doch nicht Wirtschaftskenntnisse genug besäße, um zu wissen, ob alles so sei, wie es sein müßte. Ich schickte daher nach der besten kleinen Hausfrau, die nur zu haben ist, damit sie ihr Urteil ausspräche und ihren Rat erteilte. Und da sitzt sie«, sagte mein Vormund, »und lacht und weint schon wieder in einem Atem!«

Weil er so lieb, so gut, so bewunderungswürdig war. Ich versuchte, ihm zu sagen, wie sehr es mich ergriff, konnte aber kein Wort über die Lippen bringen.

»Still, still!« sagte er. »Du machst zu viel Aufhebens davon, kleines Frauchen. Wie du schluchzst, schluchzst, Mütterchen, wie du schluchzst!«

»Vor unaussprechlicher Freude, aus dankerfülltem Herzen.«

»Nun, nun, schon gut, schon gut«, besänftigte er mich. »Es freut mich, daß du es billigst. Ich dachte es mir gleich. Es sollte eine angenehme Überraschung für die kleine Herrin von Bleakhaus sein.«

Ich küßte ihn und trocknete mir die Tränen. »Ich weiß es!« sagte ich. »Ich habe seit langer Zeit auf deinem Gesicht gelesen, daß du so etwas Ähnliches vorhattest.«

»So? Hast das wirklich, mein Liebling?« fragte er. »Nein, wie gut Mütterchen Durden einem etwas vom Gesicht ablesen kann!«

Er lächelte verschmitzt heiter, daß ich bald wieder fröhlich war und mich fast schämte, es nicht gleich von Anfang gewesen zu sein. Als ich zu Bett ging, weinte ich. Ich muß gestehen, ich weinte; aber ich hoffe, es war vor Freude, wenn ich mir auch dessen nicht ganz gewiß bin. Ich wiederholte mir im Geist jedes Wort des Briefes, den er mir damals geschrieben, zwei Mal.

Ein wunderschöner Sommermorgen folgte diesem Abend, und nach dem Frühstück gingen wir Arm in Arm nach dem Hause, über das ich mein gewichtiges Hausfrauenurteil abgeben sollte. Wir traten durch eine Tür in einer Mauer, zu der mein Vormund den Schlüssel hatte, in einen Blumengarten, und das erste, was ich sah, war, daß die Beete und Blumen alle so angeordnet waren wie die in Bleakhaus.

»Du siehst, mein Kind«, bemerkte er und blieb mit erfreutem Gesicht stehen, um mich zu beobachten, »da ich keine bessere Einteilung kannte, habe ich deine nachgemacht.«

Wir gingen durch einen hübschen kleinen Obstgarten, wo die Kirschen aus dem grünen Laube hervorglänzten und der Schatten der Apfelbäume auf dem Rasen zitterte, nach dem Hause – einem Häuschen, einem ganz ländlichen Häuschen mit Zimmern wie für Puppen. Ein so allerliebster Ort, so still und so schön, mit so fruchtbarer und freundlicher Gegend rings umher, mit glänzenden Wassern im Hintergrunde, hier von frischem Sommergrün überschattet, dort eine brausende Mühle drehend, dann wieder in der Nähe glitzernd durch eine Wiese fließend, an der heitern Stadt vorbei, wo Ballspieler sich in munteren Gruppen sammelten und über einem weißen Zelt eine Fahne wehte, mit der der linde Westwind spielte. Und überall, wie wir durch die hübschen Zimmer und zu den kleinen ländlichen Verandatüren hinaus und unter dem niedlichen hölzernen Säulengang, von Waldrebe, Jasmin und Jelängerjelieber umschlungen, gingen, sah ich in den Tapeten, in den Farben des Hausrats und in der Anordnung aller der hübschen Gegenstände meine kleinen Arrangements und Erfindungen, die sie immer so belachten und in den Himmel hoben, kurz, ganz meinen eigenen Geschmack berücksichtigt.

Ich konnte nicht genug meine Bewunderung ausdrücken, wie schön alles war, mich aber eines geheimen inneren Zweifels nicht erwehren, als ich es sah. Ich dachte, wird es Mr. Woodcourt glücklich machen? Würde es nicht für seinen Seelenfrieden besser sein, wenn ihn nicht alles so an mich erinnerte? Wenn ich auch nicht das war, wofür er mich hielt, so liebte er mich doch innig, das wußte ich, und es mußte ihn alles hier schmerzlich an das mahnen, was er verloren zu haben glaubte. Ich wünschte ja nicht, daß er mich vergäße – vielleicht würde er es auch ohne diese Erinnerungen nicht tun –, aber mein Weg war leichter als der seine, und ich hätte mich selbst damit aussöhnen können, wenn es ihn nur glücklicher gemacht hätte.

»Und jetzt, kleines Frauchen«, sagte mein Vormund, den ich nie so stolz und froh gesehen hatte, als wie er mir dies alles zeigte und beobachtete, welchen Eindruck es auf mich machte, »nun kommt das letzte, der Name des Hauses.«

»Und wie heißt es, lieber Vormund?«

»Liebes Kind», sagte er, »sieh selbst nach.«

Er führte mich nach der Eingangspforte, der er bis jetzt ausgewichen war, und fragte mich, indem er stillstand, ehe wir hinausgingen:

»Liebes Kind, du errätst wirklich den Namen nicht?«

»Nein!« sagte ich.

Wir gingen zur Pforte hinaus; und darüber stand geschrieben: »Bleakhaus«

Er führte mich zu einer Laubenbank in der Nähe, setzte sich neben mich, ergriff meine Hand und sprach:

»Mein Herzenskind, bei dem, was zwischen uns bestanden hat, habe ich, wie ich hoffe, wahrhaft dein Glück im Auge gehabt. Als ich dir den Brief schrieb, auf den du selbst die Antwort brachtest«, – er lächelte, wie er davon sprach – »hatte ich mein eignes Glück wohl sehr im Auge, aber das deinige auch. Ob ich unter andern Verhältnissen den alten, von mir so oft, als du fast noch ein Kind warst, geträumten Traum erneuern würde, dich einmal zu meiner Gattin zu machen, brauche ich mich nicht zu fragen. Ich erneuerte ihn und schrieb meinen Brief, und du brachtest die Antwort. Verstehst du, mein Kind, was ich meine?«

Mich fröstelte, und ich zitterte heftig, verlor aber kein Wort von dem, was er sprach. Wie ich dasaß und ihn fest ansah und die Sonnenstrahlen durch das Laub hindurch auf sein Haupt fielen, kam es mir vor, als ob der Glorienschein um ihn wie der Glanz der Engel sein müßte.

»Höre mir zu, mein Liebling, aber sprich jetzt nicht. Die Reihe zu sprechen ist an mir. Wann ich anfing zu zweifeln, ob das, was ich beabsichtigte, dir wirklich zum Glück gereichen würde, tut nichts zur Sache. Woodcourt kam zurück, und ich hatte bald keinen Zweifel mehr.«

Ich schlang meine Arme um ihn, barg mein Haupt an seiner Brust und weinte.

»Bleib hier still und vertrauensvoll ruhen, mein Kind«, sagte er und drückte mich sanft an sich. »Ich bin jetzt dein Vormund und dein Vater wieder. Bleib hier ruhen.«

Besänftigend wie das leise Rauschen der Blätter, ruhig wie die Sommerluft und heiter und strahlend wie der Sonnenschein, fuhr er fort:

»Versteh mich recht, mein liebes Kind. Ich zweifelte nie, daß du zufrieden und glücklich an meiner Seite sein würdest, wo du so voller Pflichttreue und Hingebung bist, aber ich sah auch, mit wem du glücklicher sein müßtest. Daß ich sein Geheimnis durchschaute, als unser Hausmütterchen noch nichts davon ahnte, ist kein Wunder – kannte ich doch alles Gute an ihr, das immer bleiben wird, viel besser als sie selbst. Allan Woodcourt hat mir schon längst sein Vertrauen geschenkt, wenn ich ihn auch erst gestern wenige Stunden vor deiner Ankunft in meine Pläne einweihte. Aber meiner Esther glänzendes Beispiel durfte nicht verloren gehen; es durfte kein Jota ihrer hohen Eigenschaften ungesehen und ungeehrt bleiben; sie durfte in dem Geschlechte der Morgan-ap-Kerrigs nicht bloß geduldet werden, nein, nicht um soviel Gold wie alle Berge von Wales zusammen!«

Er hielt inne, um mich auf die Stirn zu küssen, und ich schluchzte und weinte von neuem. Ich glaubte die schmerzliche Wonne seines Lobes nicht ertragen zu können.

»Still, kleines Frauchen! Weine nicht; heute soll ein Tag der Freude sein. Ich habe mich Monate und Monate darauf gefreut«, sagte er frohlockend. »Nur noch ein paar Worte, Mütterchen, und ich habe gesagt, was ich zu sagen habe. Entschlossen, auch kein Atom des Wertes meiner Esther verloren gehen zu lassen, nahm ich mir Mrs. Woodcourt besonders vor. ‚Hören Sie, Madam‘, sagte ich, ‚ich sehe klar – und weiß es außerdem auch –, daß Ihr Sohn mein Mündel liebt. Ich weiß auch, daß mein Mündel Ihren Sohn liebt, aber ihre Liebe einem Gefühl der Pflicht und der Hingebung opfern will, und zwar so vollständig und so unselbstsüchtig, daß Sie es nie ahnen werden, wenn Sie sie auch Tag und Nacht beobachten.‘ Dann erzählte ich ihr unsre ganze Geschichte –unsre, deine und meine. ‚Nun mache ich Ihnen den Vorschlag, Madam‘, sagte ich, ‚besuchen Sie uns, nachdem Sie dies erfahren haben, und wohnen Sie bei uns. Kommen Sie zu uns und sehen Sie mein Kind zu jeder Stunde; halten Sie das, was Sie sehen, gegen ihren Stammbaum, der so und so ist‘, – ich verschmähte, ihr etwas zu verhehlen – ‚und sagen Sie mir, was echtes, reines Blut ist, wenn Sie sich die Sache recht ordentlich überlegt haben.’« Aber Ehre sei ihrem alten welschen Blute, meine Liebe!« rief mein Vormund voll Begeisterung. »Ich glaube, ihr Herz schlägt nicht weniger warm, nicht weniger bewundernd, nicht weniger liebevoll für Mütterchen Durden als mein eignes!«

Er hob zärtlich meinen Kopf in die Höhe und küßte mich auf seine alte väterliche Weise wieder und wieder. Welch ein Licht ging mir jetzt auf, wenn ich an die Beschützermiene dachte, die mir so oft an ihm aufgefallen war!

»Und noch ein letztes Wort. Als Allan Woodcourt mit dir sprach, meine Liebe, geschah es mit meinem Wissen und meiner Zustimmung – aber ich ermutigte ihn in keiner Weise, durchaus nicht, denn diese kleinen Überraschungen waren meine große Belohnung, und ich war zu geizig, um nur ein Jota davon zu missen. Er sollte mir alles erzählen, was vorgegangen war, und er tat es. Ich habe weiter nichts mehr zu sagen, mein Herzlieb. Allan Woodcourt stand neben der Leiche deines Vaters – stand neben der deiner Mutter. Dies ist Bleakhaus. Heute gebe ich diesem Hause seine kleine Herrin, und ich schwöre es zu Gott, es ist der schönste Tag meines ganzen Lebens!«

Er stand auf und zog mich an seine Brust.

Wir waren nicht länger allein.

Mein Gatte – volle sieben glückliche Jahre sind es jetzt, daß ich ihn so genannt – stand neben mir.

»Allan«, sagte mein Vormund, »nehmen Sie von mir als freiwillige Gabe das beste Weib, das jemals ein Mann gehabt hat. Kann ich Ihnen mehr sagen, als daß ich weiß, daß Sie es verdienen?! Nehmen Sie mit ihr das Häuschen, das sie Ihnen zubringt. Sie wissen, wie glücklich sie es machen wird, Allan; Sie wissen, was sie für das andre Bleakhaus gewesen ist. Erlauben Sie, mich manchmal in sein Glück zu teilen, und was opfere ich dann? Nichts, nichts.« Er küßte mich noch einmal, und Tränen standen ihm im Auge, als er mit gedämpfterer Stimme sagte: »Liebe Esther, nach so vielen Jahren bedeutet dies doch eine Art Trennung. Ich weiß, daß mein Irrtum dir Schmerzen verursacht hat. Verzeihe deinem alten Vormund und räume ihm wieder seinen alten Platz in deinem Herzen ein; und lösche den Irrtum aus deinem Gedächtnis. Allan, hier, nehmen Sie mein liebes Kind hin!«

Er trat unter dem grünen Blätterdach hervor in den Sonnenschein draußen, wendete sich heiter nach uns um und sagte:

»Ich werde hier irgendwo in der Nähe zu finden sein. Es ist Westwind, kleines Frauchen, reiner Westwind! Es darf mir niemand mehr danken; denn ich kehre wieder zu meinen Junggesellengewohnheiten zurück, und wenn jemand auf diese Warnung nicht achtet, laufe ich fort und komme nie wieder!«

Oh, dieser Tag mit seinem Glück, seiner Freude, seinem Frieden, seiner Hoffnung, seiner dankerfüllten Seligkeit!

Wir sollten noch vor Ende dieses Monats getraut werden, aber der Zeitpunkt, wo wir unser Heim beziehen sollten, hing von Richard und Ada ab.

Am nächsten Tage reisten wir alle drei zusammen nach Hause. Sowie wir in der Stadt angekommen waren, begab sich Allan zu Richard, um ihm und meinem Herzenskinde die freudige Botschaft zu überbringen. So spät es war, gedachte ich sie doch vor dem Schlafengehen noch auf ein paar Minuten zu besuchen, ging aber zuerst mit meinem Vormund heim, um ihm seinen Tee zu bereiten und meinen alten Platz an seiner Seite einzunehmen, denn ich wollte nicht daran denken, daß er so bald leer werden sollte.

Als wir zu Hause ankamen, hörten wir, daß ein junger Mann im Laufe des Tages drei Mal nach mir gefragt hatte, und als er bei seinem dritten Besuch erfahren, daß ich nicht vor zehn Uhr abends zurückkehren würde, zurückgelassen habe, er werde um diese Zeit wiederkommen. Er hatte seine Karte drei Mal abgegeben. »Mr. Guppy.«

Da ich mir natürlich über den Zweck seiner Besuche Gedanken machte und in meinen Vorstellungen immer etwas Lächerliches mit seiner Person verband, kam es dazu, daß ich meinem Vormund lachend von Mr. Guppys früherem Heiratsantrag und seinem späteren Rücktritt erzählte.

»Oh, wenn sich die Sache so verhält, müssen wir diesen Helden unbedingt empfangen«, sagte mein Vormund.

So wurde also Befehl gegeben, Mr. Guppy vorzulassen, wenn er wieder erscheinen sollte, und kaum war das geschehen, meldete man ihn auch schon.

Er geriet sehr in Verlegenheit, als er meinen Vormund bei mir fand, faßte sich aber bald und sagte: »Wie geht es Ihnen, Sir?«

»Wie geht es Ihnen, Sir?« entgegnete mein Vormund.

»Ich danke Ihnen, Sir, es macht sich. Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Mutter, Mrs. Guppy von Old-Street-Road und meinen Freund Mr. Weevle vorstelle. Mein Freund hat den Namen Weevle nur angenommen, wirklich und eigentlich heißt er Jobling.«

Mein Vormund bat die Herrschaften, Platz zu nehmen, und alle drei setzten sich.

»Tony«, begann Mr. Guppy zu seinem Freund nach einer Verlegenheitspause. »Willst du den Fall vortragen?«

»Tu es doch selber«, entgegnete der Freund, ein wenig kurz angebunden.

»Sehen Sie, Mr. Jarndyce, – ehüm –«, fing Mr. Guppy nach kurzem Besinnen an, zum großen Entzücken seiner Mutter, was sie dadurch an den Tag legte, daß sie Mr. Jobling einen Stoß mit dem Ellbogen versetzte und mir auf die merkwürdigste Weise mit den Augen zuzwinkerte. »Ich hoffte, Miß Summerson allein zu finden, und war auf Ihre geehrte Gegenwart nicht vorbereitet. Miß Summerson hat Ihnen vielleicht gesagt, daß bei früheren Gelegenheiten etwas zwischen uns vorgefallen ist?«

»Miß Summerson hat mir allerdings eine derartige Mitteilung gemacht«, bestätigte mein Vormund lächelnd.

»Das erleichtert die Sache«, sagte Mr. Guppy. »Sir, ich habe meine Lehrzeit bei Kenge & Carboy absolviert und, wie ich glaube, zur Zufriedenheit aller Beteiligten. Ich bin jetzt, nach einem Examen in einem Haufen von überflüssigem Unsinn, bei dem der Mensch blau anlaufen könnte, in der Anwaltsliste eingetragen und habe mein Zertifikat bekommen. Wenn Sie irgend wünschen sollten, kann ich es Ihnen zeigen.«

»Ich danke Ihnen, Mr. Guppy«, wehrte mein Vormund ab. »Ich nehme – ich glaube, so lautet der juristische Ausdruck – die Existenz des Zertifikates als erwiesen an.«

Mr. Guppy ließ also das Papier, das er eben aus der Tasche ziehen wollte, stecken und fuhr fort:

»Ich selbst besitze zwar kein Kapital, aber meine Mutter hat ein kleines Vermögen in Form einer Leibrente«, – Mr. Guppys Mutter wackelte mit dem Kopfe, als ob sie sich über die Bemerkung gar nicht genug freuen könnte, hielt sich das Taschentuch vor den Mund und zwinkerte mir wieder mit den Augen zu – »und an ein paar Pfund für die Barauslagen im Geschäft – unverzinslich natürlich – wird es nie fehlen. Und das ist immerhin etwas, wie Sie wissen«, hob Mr. Guppy mit Gefühl hervor.

»Gewiß, ohne Zweifel«, erwiderte mein Vormund.

»Auch habe ich einige Beziehungen, hauptsächlich in der Gegend von Walcot-Square, Lambeth, und habe daher in jener Gegend ein Haus gemietet, das nach dem Urteil meiner Freunde spottbillig ist (die Abgaben lächerlich gering, und die Benutzung des unbeweglichen Besitzes im Zins mit eingeschlossen), und gedenke mich dort zu etablieren.«

Bei diesen Worten nahm Mrs. Guppys Kopfwackeln geradezu bedenkliche Dimensionen an, und schelmisch lächelnd blickte sie uns der Reihe nach an.

»Das Haus umfaßt sechs Räume, die Küche nicht mitgerechnet, und ist nach dem Urteil meiner Freunde eine bequeme Wohnung. Wenn ich von meinen Freunden spreche, so meine ich damit vor allem Mr. Jobling, der mich, glaube ich«, – Mr. Guppy sah ihn mit sentimentalem Gesicht an – »schon von Kindheit an kennt.«

Mr. Jobling bestätigte dies mit einem Kratzfuß unter dem Stuhle.

»Mein Freund Jobling wird mir seine Unterstützung als Substitut leihen und mit im Hause wohnen. Meine Mutter wird ebenfalls dort wohnen, wenn der Kontrakt ihres gegenwärtigen Quartiers in Old-Street-Road abgelaufen ist. An Gesellschaft wird es daher nicht fehlen. Mein Freund Jobling ist von Natur aristokratisch gesinnt; und außer daß er mit allem, was in den vornehmen Kreisen vorgeht, vertraut ist, teilt er die Ansichten, die ich jetzt entwickle.«

Mr. Jobling bestätigte: »Gewiß«, und zog sich ein wenig aus dem Ellbogenbereich der Mutter Mr. Guppys zurück.

»Da Sie Miß Summerson ins Vertrauen gezogen hat, so habe ich keine Veranlassung, Ihnen nochmals zu wiederholen – Mutter, sei so gut, und sei still –, daß Miß Summersons Bild früher meinem Herzen eingeprägt war und daß ich ihr einen Heiratsantrag machte.«

»Das habe ich gehört«, entgegnete mein Vormund.

»Umstände«, fuhr Mr. Guppy fort, »auf die ich keinen Einfluß hatte – sogar ganz das Gegenteil –, drängten eine Zeitlang dies Bild in den Hintergrund. Damals war Miß Summersons Benehmen höchst gentil, ich darf sogar hinzusetzen, edelmütig.«

Mein Vormund klopfte mir auf die Achsel und schien sich köstlich zu amüsieren.

»Ich bin nun selbst in einen solchen Gemütszustand gelangt«, sagte Mr. Guppy, »so daß ich mich meinerseits nicht weniger edelmütig zu benehmen wünsche. Es liegt mir viel daran, Miß Summerson zu beweisen, daß ich mich zu einer Höhe erheben kann, deren sie mich vielleicht kaum für fähig hält. Ich habe herausgefunden, daß das Bild, das, wie ich glaubte, aus meinem Herzen herausgerissen war, in Wirklichkeit nicht herausgerissen ist. Es übt immer noch einen gewaltigen Einfluß auf mich aus, und indem ich diesem Gefühle nachgebe, bin ich bereit, über die Verhältnisse wegzusehen, über die keiner von uns gebieten kann, und Miß Summerson den Antrag zu wiederholen, den ich die Ehre hatte, ihr früher zu machen. Ich bitte Miß Summerson hiermit um die Erlaubnis, das Haus in Walcot-Square, das Geschäft und mich selbst ihr zu Füßen legen zu dürfen.«

»Ungemein edelmütig. In der Tat, Sir«, bemerkte mein Vormund.

»Nun ja, Sir«, entgegnete Mr. Guppy mit Offenheit, »ich wünsche auch, edelmütig zu sein. Ich bin nicht der Ansicht, daß ich mir durch diesen Antrag bei Miß Summerson nichts vergebe. Durchaus nicht; und auch mein Freund ist dieser Ansicht. Aber doch liegen Verhältnisse vor, die ich gehorsamst bitte, als eine Art Gegenrechnung gegen etwaige kleine Mängel meinerseits in Erwägung zu ziehen, damit wir auf diese Weise zu einem glatten und unparteiischen Abschluß gelangen.«

»Ich übernehme es selbst, Sir, Ihre Miß Summerson gemachten Anträge zu beantworten«, sagte mein Vormund und griff lachend nach der Klingel. »Sie erkennt Ihre großmütige Absicht an und wünscht Ihnen guten Abend und fernerhin Wohlergehen.«

»Oh!« sagte Mr. Guppy mit verblüfftem Gesicht. »Heißt das soviel wie Annahme oder Verwerfung oder eventuelle Inbetrachtnahme?«

»Entschieden Verwerfung, wenn Sie gestatten«, entgegnete mein Vormund.

Mr. Guppy sah ratlos abwechselnd seinen Freund und seine Mutter, die plötzlich sehr zornig wurde, und den Fußboden und die Decke an.

»Wirklich ? – Dann, Jobling, wenn du der Freund bist, für den du dich ausgibst, solltest du eigentlich meine Mutter hinausführen und sie aus dieser Situation befreien.«

Mrs. Guppy weigerte sich jedoch entschieden, hinauszugehen, und wollte nichts davon hören. »Machen Sie doch selbst, daß Sie fortkommen«, sagte sie zu meinem Vormund. »Was soll das heißen? Ist mein Sohn nicht gut genug für Sie? Sie sollten sich schämen. Machen Sie selbst, daß Sie fortkommen.«

»Meine gute Frau«, entgegnete mein Vormund, »es ist doch wohl kaum vernünftig, mich aus meinem eignen Hause zu weisen.«

»Mir ganz wurst«, sagte Mrs. Guppy. »Hinaus mit Ihnen. Wenn wir Ihnen net gut gnug sin, so suchen Sie sich jemand, wo Ihnen gut genug is. Gehen Sie doch und suchen Sie einen.«

– Ich war ganz überrascht von der Plötzlichkeit, mit der Mrs. Guppys Lustigkeit in Angriffsstimmung umschlug. –

»Gehen Sie und suchen Sie sich einen, wo gut genug für Sie is«, wiederholte Mrs. Guppy. »Schauen Sie, daß Sie hinauskommen!« wiederholte sie in einem fort. »Hinaus!« Nichts schien sie so in Erstaunen zu setzen und so sehr zum Zorn zu reizen, als daß mein Vormund absolut nicht gehen wollte. »Warum schauen Sie denn nicht, daß Sie fortkommen? Worauf warten Sie eigentlich noch?«

»Mutter«, mischte sich jetzt ihr Sohn ein, der sich bis dahin immer nur stumm vor sie gestellt und sie mit einer Schulter zurückzuschieben versucht hatte, als sie auf meinen Vormund los wollte, »wirst du denn nicht endlich den Mund halten?«

»Nein, William«, rief sie, »nein! Ich will nicht. Erst muß er machen, daß er fortkommt. Ich will nicht.«

Mr. Guppy und Mr. Jobling nahmen schließlich die alte Dame, als sie gar zu arg zu schelten anfing, in die Mitte und brachten sie sehr gegen ihren Willen die Treppe hinunter. Ihre Stimme wurde mit jeder Stufe, die sie sie hinabschleiften, eine Oktave höher, und sie bestand beharrlich darauf, daß wir sofort gehen und jemand suchen sollten, »wo für uns gut genug wäre«, und vor allem, daß wir schauen sollten, daß wir fortkämen.