Chorkönig

Das alte Münster zu Straßburg hatte Chlodwig erbaut, der Frankenkönig. Es war ursprünglich nur ein hölzern Gebäu, und im Jahre 1002 brannte es Hermann, Herzog von Elsaß und Schwaben, der mit Kaiser Heinrich um die Kaiserkrone stritt, fast ganz bis auf den Grund nieder; doch blieb der Chor Karls des Großen stehen. Aber 1007 schlug das Wetter hinein, und der Rest des Baues sank in Trümmer.

Da geschah es, daß Kaiser Heinrich II. im Jahre 1012 gen Straßburg kam. Er beklagte des Münsters Untergang und ließ sich die Regel und Ordnung der Chorherren vorlegen. Die gefiel ihm also wohl, daß er bei sich beschloß, der Bürde seiner Krone zu entsagen und ein Chorherr in »Unser lieben Frauen Münster« zu Straßburg zu werden. Das erschreckte gar sehr alle seine Getreuen; denn das Reich bedurfte seiner, und sie redeten ihm zu, von diesem Vorhaben abzustehen. Kaiser Heinrich aber, den man seines frommen Sinnes und seiner Mildtätigkeit gegen Klöster und Stifte wegen den Heiligen nannte, wollte nicht von seinem Vorsatz lassen.

Nun war zu Straßburg ein Bischof, der hieß Werinhard. Als dieser sah, daß der Kaiser sich nicht abbringen ließe von seinem Vorhaben, nahm er sich vor, ihm die geistlichen Gelübde abzunehmen, vor allem das Gelübde des Gehorsams. Wie der Kaiser das geleistet hatte, befahl er ihm kraft Gottes und in dessen Namen, die Kaiserkrone zu behalten, da das Reich seiner Herrschaft nicht entraten könne. Der Kaiser sah sich überlistet; doch gebot er, so solle fortan an seiner Statt ein anderer Chorherr im Frauenmünster Gott dienen und das Amt versehen und am Altar für ihn singen und beten, der solle der Chorkönig heißen. Er stiftete auch eine reiche Pfründe in das Gotteshaus, das war die Chorkönigspfründe, die hat bestanden weit über 600 Jahre.

Und Bischof Werinhard war es, der hernach im Jahre 1015 den Grundstein zu dem steinernen Münster in Straßburg legte.

Die Münsteruhr

Zu Straßburg im Münster ist ein kostbares und bewunderungswürdiges Uhrwerk, das seinesgleichen in der ganzen Welt nicht hat. Hoch und stolz, ein wundersames, figurenreiches Gebäu, steht es da vor aller Augen.

Am Fuße des Kunstwerks zeigt sich neben einem Himmelsglobus ein Pelikan; darüber erhebt sich ein Kalender, in dessen Mitte die Erdkugel ersichtlich ist. Zu beiden Seiten stehen der Sonnengott und die Mondgöttin, welche mit ihren Pfeilen die Tages- und Nachtstunden zeigen. Schildhalter an den vier Winkeln des Kalendariums lassen Wappen erblicken. Darüber fahren in Wagen, von verschiedenen Tiergespannen gezogen, die sieben Planetengötter als Tagesboten. Jeden Tag zeigt sich, sanft vorrückend, ein anderes Gespann, steht zur Mittagsstunde in der Mitte und gibt dann allmählich dem nachfolgenden Raum. Darüber befindet sich ein großer Viertelstundenzeiger, und zur Seite sieht man vier Gebilde: die Schöpfung, Tal Josaphat, Jüngstes Gericht und Verdammnis. Zur Rechten des Beschauers steht ein freier Treppenturm am Uhrgebäu, zur Linken ein ähnlicher von anderer Form mit Göttergestalten, auf der Spitze ein großer Hahn, welcher die Stunden kräht und mit den Flügeln schlägt. Am Sockel der Türme halten zwei große, aufrechtsitzende Löwen je einer den Helm mit dem Kleinod, der andere das Wappenschild Straßburgs. Rechts in der Mitte ist das riesiggroße, mannigfach verzierte und mit kunstvollem Triebwerk versehene Zifferblatt, umgeben von den Bildern der vier Jahreszeiten; darüber steht: Dominus lux mea, quem timeo28 . Den Zeiger bildet ein geschlängelter Drache, dessen Zungenpfeil auf die Stundenzahl deutet. Über dem Zifferblatte zeigt ein kleinerer Kreis mit der Mondesscheibe genau des Mondes wechselnde Zeiten. Darüber zeigen sich zwischen Schildhaltern und Wappenfiguren wandelnde Gestalten der Menschenalter, welche an die offen hängenden Viertelstundenglocken schlagen; über ihnen hängt die Stundenglocke. Nach jedem Viertelstundenschlage tritt der Tod hervor, die Stunde anzuschlagen; aber da begegnet ihm die Gestalt unsers Heilands und wehrt ihm. Erst wenn die Stunde voll ist, darf der Tod sein Stundenamt üben. Hoch über allem diesem erhebt sich eine gotische Krone mit den freistehenden Gestalten der vier Evangelisten, die Tiere der Offenbarung neben sich, und über diesen stehen zwei musizierende Engel. Dahinter aber birgt sich ein gar schönes, klangvolles Glockenspiel. Auch ist noch manch anderes künstliches Bildwerk an der Münsteruhr zu sehen und manch gedankenvoller Spruch daran zu lesen.

Dieses herrlichen Werkes Meister hieß Jsaak Habrecht; der hatte gar lange gesonnen Tag und Nacht und unermüdlich gearbeitet, bis er es vollendet und bis es durch seinen lebendigen Gang alle Welt zum Erstaunen hinriß. Da es nun vollbracht war, gedachte der Meister auch anderswo seine unvergleichliche Kunst zu üben. Da blies der böse Feind dem Rate der Stadt Straßburg schlimmen Neid in das Herz; denn es sollte ihre Stadt solch Wunderwerk nur einzig und allein haben. Und weil die Herren im Rate glaubten, wenn sie dem Meister Habrecht auch verböten, der Stadt Weichbild zu verlassen, werde er Straßburg dennoch den Rücken kehren, so wurden sie miteinander eins, ihn des Augenlichts zu berauben. Das ward dem Meister angesagt, und wie er es vernahm, schauderte ihn, und er sprach: »Nur einmal noch muß ich mein Uhrwerk sehen! Ich möchte noch etwas daran verbessern, da ich’s später nicht mehr vermag, wenn ich nicht mehr sehend bin.« Das wurde ihm vergönnt, und so stieg der Meister zu seinem künstlichen Bau hinauf und trat hinein und schaffte was darin, eine kurze Weile. Und hernach haben sie auf dem Rathause den Meister des Augenlichts beraubt. Aber siehe – da stockte mit einem Male das Uhrwerk. Christus und der Tod und die Gestalten der Menschenalter wandelten nicht mehr, das Glockenspiel verstummte, der Hahn krähte nicht, die Uhrglocken tönten nicht, der Zeigerdrache zeigte nicht, die Götter fuhren nicht mehr – alles stand. Bald aber nach der grausamen Tat wurden Meister Habrechts geblendete Augen aufgetan zum ewigen Licht.

Vergebens sandte der Rat nach Künstlern umher, die das Uhrwerk wieder in Gang bringen sollten. Viele kamen, viele probten und pösselten daran und darin herum, aber keiner bracht’s in Gang, von alter Zeit zu neuer Zeit. Erst in den Jahren 1839–42 ist es gelungen, das Werk zu erneuern und wieder in Gang zu setzen.

  1. Der Herr ist mein Licht, den ich fürchte.

Straßburger Schießen und Züricher Brei

Im Zeughaus zu Straßburg wird ein eherner Topf gezeigt, den sandte dahin einstmals die Stadt Zürich voller Brei, den sie in Zürich gekocht hatten und der noch warm in Straßburg ankam. Das begab sich also.

Die Straßburger hielten großes Freischießen und luden dazu ein alle Nachbarstädte am Rhein, in der Rheinpfalz, im Elsaß und in der Schweiz. Die kamen auch durch Gesandte in großer Zahl und nahmen teil am Feste. Am weitesten hatten’s freilich die Schützen von Zürich, drei Tagereisen. Da war zu Zürich ein wackerer Kumpan, der hieß Hans im Weerd und sann ein lustig Stücklein aus: »Wir wollen gen Straßburg zu Wasser fahren; da brechen wir kein Rad und fällt keiner vom Roß. Und wir wollen das tun, so Gott will, in einem Tag, und einen heißen Brei, den wir allhier gekocht, den Straßburgern mitbringen.«

Dieser Rat fand großen Beifall. Alles ward vorgerichtet und gerüstet, der Brei wurde in einer Nacht gekocht, kam in einen warmen Topf von Erz, und der Topf wurde in heißen Sand gestellt, und nun ging es schnell zu Schiff, als die Sterne noch glänzten. Vom Schiffe wehten lustig die Wimpel mit Zürichs Farben, weiß und blau, und munter flog es über der Limmat rasche Wellen dahin. Von der Limmat lenkten die fröhlichen Schweizerschützen in die Aar, vorüber an mancher gefährlichen Stelle, und aus der Aar in den Rhein, am Höllenhaken kühn vorbei durch Strudel und Klippen. Da das glückhafte Schifflein gen Rheinfelden kam, wohin schon die Kunde von seiner Fahrt gelangt, ward zur Mauer herab ein Korb voll edlen Weines zum Morgentrunk herabgelassen und unverweilt eingenommen. Als die Basler Glocke zehn schlug, nahte das glückhafte Schiff mit seinen Zürichern schon der Brücke. Da schallte ihnen von aufgestellter Mannschaft und drängendem Volk herzlichfroher Bundesgruß entgegen, und die Geschütze krachten. Aber wie ein Pfeil schoß das Schiff, getrieben von den Ruderschlägen stets sich ablösender kräftiger Ruderer immer rheinabwärts, und vorn im Schiff am Steuer stand lugenden und sorgenden Blickes Hans im Weerd, und mitten im Schiff saß Kaspar Thomann, der Züricher erwählter Obmann und Sprecher beim Schützenfeste. So ging es weiter und immer weiter, an Neuenburg vorbei, an Breisach vorbei, durch die hundert Inseln und Werder und Riede im Rhein. Wohl sank der Abend nieder, wohl tauchte hinter der Vogesen blauer Bergkette das glühende Rad der Sonne unter; aber was leuchtete dort weit, weit her über die unermeßliche Stromtalfläche, eine rote Feuersäule? Im Sonnenscheidekuß flammte Unser Frauen Münsters Turmriese, und der Jubel der Schiffer grüßte das leuchtende ferne Ziel. Aber immer noch liegen Stunden zwischen dem Ziele und dem Schiffe. Der Tag schwindet, die Nacht bricht an, hell und rund steht der Mond am Abendhimmel. Das Münster taucht empor wie ein Geisterschiff; von der Schützenmatte her dringt dumpfer Lärm des Volksgewimmels. Jetzt beginnen auch die im Schiff zu blasen mit hellen Zinken und Posaunen, Pfeifen und Drommeten – jetzt endlich ist Straßburg erreicht, und am Guldenturm legt das Schifflein an.

Rheinsagen

Jubel begrüßt die nimmermüden Stromfahrer, die das nie Dagewesene vollbracht: in einem Tage die unendlichen Strecken gefahren, und der Brei im Topfe noch warm, gerade noch so recht mundrecht. Das war ein gar festliches Begrüßen; mit Musik und Fahnen wurden die werten Züricher Gäste auf die Maurerstube geleitet zum herzlichen Willkommen und frohen Mahle. Von da brachte man die Züricher, nachdem der Brei verzehrt war, in den güldnen Hirsch zur Rast, und am andern Tage beim Schießen wurden sie hoch geehrt vor allen Gästen, und der Topf blieb aufbewahrt für ewige Zeiten.

Federzeichnungen von Otto Ubbelohde (1867 – 1922)


Rheinsagen

Hermann Schaffstein Verlag in Köln
1945
(Erstauflage 1912)

Dreiundzwanzigstes der Blauen Bändchen

Federzeichnungen von Otto Ubbelohde (1867 – 1922)

Rheinsagen

Vom deutschen Rheinstrom

Heilige Wasser rinnen von Himmelsbergen – singt die Edda, das uralte Götterlied. So auch der Rhein, des deutschen Vaterlandes heiliger Strom, rinnt vom Gottesberge (St. Gotthard), aus dem Schoße der Alpen, nieder als Strom des Segens. Durch Hohenrhätiens Alpentalschluchten stürzt er sich mit jugendlichem Ungestüm, frei und ungebunden, umwohnt von einem freien Bergvolke, das in Vorzeittagen hartlastende, schwerdrückende Fesseln brach.

Einst zwang ein Kastellan auf der Bärenburg die Bauern, mit den Schweinen aus einem Troge zu essen; ein anderer in Fardün trieb ihnen weidende Herden in die Saat; andere übten noch andere Frevel. Da traten Hohenrhätiens Männer zusammen, Alte mit grauen Bärten, und hielten Rat im Nachtgrauen unter den grauen Alpen. Auf einer felsenumwallten Wiese ohnfern Tavanasa will man noch Nägel in den Felsenritzen erblicken, an welche die Grauen, die Dorfältesten, ihre Brotsäcke hingen. Und dann tagten sie in Bruns vor der St. Annenkapelle unter freiem Himmel, nach der Väter Sitte, und beschwuren den Bund, der dem alten Lande den neuen Namen gab, den Namen Graubünden, und daß der Bund bestehen solle, solange Grund und Grat steht. Davon gehen im Bündnerlande noch alte Lieder.

Herzog Bernhard hält sein Wort

Im Dreißigjährigen Kriege kämpfte der Sachsenherzog Bernhard von Weimar in den Gefilden des Oberrheins. Da belagerte er das Städtchen Neuenburg zwischen Basel und Breisach, das noch gut kaiserlich war und sich tapfer hielt. Der langen Belagerung und des hartnäckigen Widerstandes der Neuenburger äußerst müde, ergrimmte der Sachsenherzog und verschwur sich hoch und teuer bei. Himmel und Hölle: »Komme ich in das Nest hinein, so soll weder Hund noch Katze mit dem Leben davonkommen!«

Bald darauf mußten sich die tapferen Neuenburger, da sie die Belagerung nicht länger aushalten konnten, ergeben, und die Soldaten wollten schon ihr Mütlein im Blute der Bürgerschaft kühlen und alles ermorden. Da gereute den Herzog seines vermessenen Eides und des vielen edeln, auch zum Teil unschuldigen Blutes, das hier vergossen werden sollte, und er sprach: »Nur was ich schwur, wird gehalten, und nicht mehr und nicht minder! Schont nicht Hunde, nicht Katzen; aber bei Leib und Leben gebiet‘ ich, daß der Menschen geschont werde!« Und also geschah es.

Herzog Bernhard, der große Kriegesheld, hat auch Breisach belagert und erobert, Freiburg eingenommen und bei Rheinfelden das Heer der Kaiserlichen geschlagen. Große Hoffnungen baute auf ihn das deutsche Volk, auch das im Elsaß, und jubelte ihm zu. Es begrüßte ihn überall als einen Retter und als einen Schirmvogt gegen das treulose Nachbarland. Aber er sprach ahnungsvoll: »Ich werde des großen Schwedenkönigs Gustav Adolf Schicksal teilen: sobald das Volk ihn mehr ehrte als Gott, mußte er sterben.« Und ein Jahr nach Neuenburgs Einnahme starb er alldort, wo er so menschlich gewaltet, der Sage nach an Gift. Die Zeichen dieser Tat aber deuten nach Frankreich hinüber.

Das Riesenspielzeug

21

An einem wilden Wasserfall in der Nähe des Breuschtales im Elsaß liegen die Trümmer einer alten Riesenburg, Schloß Nideck geheißen. Von der Burg herab ging einstmals ein Riesenfräulein bis schier gen Haslach; das war des Burgherrn Tochter, die hatte noch niemals Menschen gesehen. Da gewahrte sie unversehens einen Ackersmann, der mit zwei Pferden pflügte. Das dünkte ihr etwas sehr Spaßiges, das kleine Zeug. Sie kauerte sich zum Boden nieder, breitete ihre Schürze aus und raffte mit der Hand Bauer, Pflug und Pferde hinein. Dann schlug sie die Schürze zusammen, hielt’s mit der Hand recht fest und lief, was sie nur laufen konnte, den Berg hinauf. Mit wenigen Schritten war sie oben und trat jubelnd vor ihren Vater, der gerade beim Tische saß und sich am vollen Humpen labte.

Als er die Tochter so mit freudestrahlendem Gesicht eintreten sah, fragte er: »Nu, min Kind, was hesch22 so Zwaselichs23 in di Furti24 ? Krom’s us, krom’s us25 !« – »O, min Vater!« rief die Riesentochter, »gar ze nettes Spieldings ha i funden!« Und da kramte sie aus ihrem Fürtuch aus, Bauer und Pferde und Pflug, und stellt’s auf den Tisch und hatte ihre Herzensfreude daran, daß das Spielzeug lebendig war, sich bewegte und zappelte. »Ja, min Kind,« sprach der alte Riese, »do hest de ebs26 Schöns gemacht! Dies is jo ken Spieldings nitt; dies is jo e Bur! Trog alles widder fort und stell’s widder hin ans nämlich Plätzli, wo du’s genommen hast!«

Das hörte das Riesenfräulein gar nicht gern, daß sie ihren Fund wieder forttragen sollte, und sie greinte. Der Riese aber ward zornig und schalt: »Potz tusig27 Daß de mir nett murrst! E Bur is nitt e Spieldings! Wenn die Burn nett ackern, so müssen die Riesen verhungern!« – Da mußte das Riesenfräulein seinen vermeintlichen Spielkram alsbald wieder forttragen, und sie stellte alles wieder an seinen Ort.

  1. vgl. dieselbe Sage von Grimm in Bl. 162 u. das gleichnamige Gedicht von Chamisso in Bl. 154
  2. hast
  3. Zappeliges
  4. Fürtuch, Schürze
  5. kram’s aus
  6. etwas
  7. Potz tausend!

Die Schlangenjungfrau im Heidenloch bei Augst

Zwischen Basel und Rheinfelden liegt ein uralter Ort, der heißt Augst, vom römischen Wort Augusta. Römerkaiser hatten dort ihren Hofhalt und bauten eine schöne Wasserleitung. An dieser ist ein Schlaufloch19 und unterirdischer Gang, der sich weit in die Erde hineinzieht. Niemand hat noch dessen Ende gesehen, und er heißt im Volke das Heidenloch.

Da war im Jahre 1520 ein Schneider zu Basel, der hieß Leonhard, der war auch eines Schneiders Sohn und fast ein Simpel20 . Er stammelte, statt zu reden, und war zu gar wenigen Dingen zu gebrauchen. Den trieb eines Tages die Neugier, doch zu versuchen, wie weit der hohle Gang eigentlich in die Erde hineingehe. Da nahm er eine Wachskerze, zündete sie an und ging in das Schlaufgewölbe hinein.

Leonhard kam an eine eiserne Pforte, die tat sich vor ihm auf. Und da kam er durch mehr als ein hohes und weites Gewölbe, endlich gar in einen Lustgarten, darinnen standen viele schöne Blumen und Bäume, und in der Mitte des Gartens stand ein wohlerbauter Palast. Alles umher aber war still und menschenleer. Die Türe zu dem stattlichen Lusthaus stand offen; da ging Leonhard hinein und trat in einen Saal. Darin erblickte er eine schöne Jungfrau, die trug auf ihrem Haupt ein goldig Krönlein und hatte fliegende Haare. Aber – o Scheuel und Greuel! – von des Leibes Mitte abwärts war sie eine häßliche Schlange mit langem Ringelschweif. Hinter der Jungfrau stand ein eiserner Kasten, darauf lagen zwei schwarze Hunde, die sahen aus wie Teufel und knurrten wie grimmige Löwen.

Die Jungfrau grüßte Leonhard sittiglich, nahm von ihrem Hals einen Schlüsselbund und sprach: »Siehe, ich bin von königlichem Stamme und Geschlecht, aber durch böse Macht also verwünscht und zur Hälfte in ein greulich Ungetüm verwandelt. Doch kann ich wohl erlöset werden. Wenn ein reiner Junggeselle mich trotz meiner Ungestalt dreimal auf den Mund küsset, dann erlange ich meine vorige Menschengestalt wieder, und mein ganzer Schatz ist sein.« Und da machte sie sich zu dem Kasten, stillete die murrenden Hunde, schloß den mittlern Deckel mit einem ihrer Schlüssel auf und zeigte Leonhard, welch ein großes Gut an Gold und Kleinodien darinnen enthalten sei. Sie nahm auch etliche goldne und silberne Münzen heraus und gab sie Leonhard und blickte ihn seufzend und gar inniglich an.

Leonhard hatte in seinem Leben noch keine Maid geküßt; es ward ihm jetzt warm ums Herz, und er wagte es, der Schlangenjungfrau einen Kuß auf ihren schönen Mund zu geben. Da erglühten ihre Wangen und erfunkelten ihre Augen; ihr Antlitz strahlte vor Freude, und sie lachte vor Lust und Hoffnung der Erlösung. Und da geschah der zweite Kuß, und dabei ringelte sich der Schlangenschweif um ihn. Da schauderte ihn, und er riß sich mit Gewalt los, nahm seine noch brennende Kerze und entwich. Die Jungfrau stieß hinter ihm ein wehklagendes Geschrei aus, das ihm durch Mark und Bein drang, und er kam aus dem Gang und Loch heraus, er wußte gar nicht wie.

Seitdem empfand der Jüngling eine brennende Sehnsucht nach der Schlangenjungfrau. Immerdar trieb es ihn zurück zu ihr, um das Werk der Erlösung zu vollbringen. Aber nun vermocht‘ er nimmer den Eingang zur Schlangenhöhle wiederzufinden, und es soll auch nach ihm keinem wieder geglückt sein.

  1. Schlüpfloch
  2. einfältiger Mensch

Der Dom zu Aachen

Da der Dom zu Aachen erbauet ward, hehr und prächtig, drohte es zu gehen wie beim Dombau zu Köln; es gebrach an Geld, der Bau konnte nicht fortgeführt werden, und unvollendet stand das herrliche Münster. Da erschien vor dem hohen Rat ein reicher Fremder, der sagte, er habe wohl Geldes die Fülle und wolle es auch geben zum Dombau, aber der hohe Rat müsse ihm auch etwas dafür versprechen. Als nun der Rat den Fremden fragte, was es denn sei, das er begehre, da antwortete jener: »Nicht viel; nur die Seele des ersten, der nach der Vollendung den Dom betreten wird, verlange ich zu eigen.« Der Rat aber merkte nun, daß der Fremde der Teufel sei, schauderte und zauderte, sagte aber doch zu, unter der Bedingung, daß der Pakt geheim gehalten werde.

So ward nun mit besonderer Kunst und Hilfe das Münster schnell und herrlich ausgebaut. Bald ward aber auch das Geheimnis ruchbar unter den Leuten, und wollte niemand in den Dom gehen, weder Priester noch Laien. Der Teufel lauerte Tag für Tag auf die erste arme Seele, und ward ihm schier Zeit und Weile lang; denn es kam niemand. Da bedräuete er den hohen Rat, daß er einen aus seiner Mitte holen werde, wenn er nicht bald einen ersten Kirchgänger schaffe.

Da ward dem Rat bange, und er sann auf eine List. Er ließ im Gebirge einen Wolf fangen und diesen an das Haupttor des Domes bringen; dann ließ er die Glocken läuten, wie zum hohen Feste, und stieß, nachdem das Portal geöffnet war, den Wolf ins Gotteshaus, wo der Teufel schon solange lauerte, da es noch nicht geweiht war. Alsbald fuhr der Teufel zu und packte mit einem Griff den armen Wolf, daß ihm alsbald die Seele aus dem Halse fuhr.

Wie aber der Teufel sah, daß er nur eine schlechte Wolfsseele erlangt hatte, fuhr er mit Gebrüll aus dem Tempel und schlug die eherne Türpforte so heftiglich zu, daß sie barst und sich spaltete, und ist der Spalt noch heute zu sehen. Der Rat aber war froh, daß er des Teufels ledig war, und ließ den Wolf und dessen arme Seele in Erz gießen und im Dome befestigen.

Kaiser Karl kehrt heim

Im Dome zu Aachen steht ein Stuhl, der ist elfenbeinern, daran ist uraltes Bildwerk zu erschauen, und das ist der Stuhl Kaiser Karls des Großen.

Als zu einer Zeit der starke Held auszog in das Heidenland, die Heiden zum Christentum zu bekehren, schied er sich von seinem Ehegemahl und gab ihr auf, seiner in Züchten zu harren zehn Jahre lang; käme er dann nicht zurück, so wäre sein Tod gewiß. Werde er ihr aber einen Boten mit seinem Ringlein senden, dann solle sie dem vertrauen und tun, was er ihr entbieten ließe.

Neun Jahre und viele Monden darüber stritt und siegte Kaiser Karl im Ungarlande gegen die Heiden, und daheim hielten sie ihn für tot. Und weil das Land keinen Zuchtherrn hatte, erhob sich um Aachen und gegen den Rhein eitel Raub und Mord und Brand. Da traten die Räte zu der Herrin, Karls Gemahlin, und lagen ihr an, einen andern Herrn und König zu erkiesen, damit das Land nicht zugrunde gehe. Lange weigerte sich die Frau, weil ihr noch kein Wahrzeichen gesendet war; aber endlich, da die Herren und Räte allzumal heftig in sie drangen, ließ sie es zu, daß ihre Vermählung mit einem reichen König anberaumt wurde. Und es kam die Zeit heran, daß nur noch drei Tage waren vor der Hochzeit, welche festlich begangen werden sollte.

Da sandte Gott der Herr einen seiner Boten ins Lager nach dem Ungarland, der sagte Kaiser Karl an, was sich daheim begebe, und sprach zu ihm: »Rüste dich und reite heim; binnen dreien Tagen ist Hochzeit.« – »Wie soll ich reiten,« fragte Karolus, »in dreien Tagen hundert Tagereisen weit und darüber?« – »Reite, und Gott wird mit dir sein!« sprach der himmlische Bote. Und da gewann der Kaiser ein gutes Roß, damit ritt er an einem Tag aus Bulgarien bis gen Raab und am andern Tag von Raab bis gen Passau. Dort gewann er ein frisches Roß und kam gen Aachen vor das Burgtor, und Gott war mit ihm.

Ganz Aachen war schon ein Sang und ein Schall von eitel Hochzeitglanz und Klang, denn andern Tages sollte die Hochzeit sein und die Trauung früh im Dom. Da ging Kaiser Karl bei guter Zeit, da es noch Nacht war, in den Dom, setzte sich auf seinen elfenbeinernen Stuhl und legte sein großes Schwert quer über seine Knie, saß allda ganz ruhig wie ein Steinbild und ruhete von seinem weiten Ritt.

Da kam zuerst der Mesner in den Dom, der trug die Bücher vor und beschickte die Altäre und steckte Kerzen auf. Und mit einem Male sah er auf dem Kaiserstuhle einen greisen Mann sitzen in ernster Stille und mit blankem Schwert. Da kam ihn ein Grauen an, und er ging und sagte es den Domherren an. Die wollten solche Mär nicht glauben; denn auf dem Stuhle durfte niemand sitzen, er wäre denn Kaiser. Sie kamen daher mit Licht, und der Kühnste unter ihnen nahte dem Stuhle unerschrocken. Aber als er den Mann darauf sitzen sah, so still und wie steinern, entfiel der Leuchter seiner Hand, und er zitterte und entwich aus der Kirche und sagte dem Bischof von dem Ereignis.

Der Bischof nahm sogleich zwei Kerzenträger der Kirche, ließ sie vorangehen mit brennenden Kerzen und folgte ihnen hin zum Kaiserstuhle. Da sah er den Greis da sitzen, und er hub bänglich an zu sprechen: »Sag an, wer bist du, Mann, und durch wessen Gewalt unterfängst du dich, diesen Stuhl zu behaupten? Weißt du nicht, daß dies der Sessel ist unsers Herrn und Kaisers?« – Darauf erwiderte der Kaiser: »Wie du sagst, so ist es. Da ich noch Kaiser Karl hieß, war ich euch allen wohlbekannt; da durfte keiner diesen Stuhl mir wehren!« Und er erhob sich und stand vor dem Bischof in seiner stattlichen Größe, eines Kopfes höher als der größte Mann, und der Bischof rief frohlockend aus: »Seid Gott willkommen, mein kaiserlicher Herr! Segen sei mit Eurer Wiederkunft!«

Rheinsagen

Da läuteten von selbst alle Glocken. Des erschraken die Hochzeitsgäste und zogen eilend von dannen. Und der Bischof bat für die Kaiserin und sagte, daß sie gedrungen worden sei. Da verzieh ihr Karolus gerne und gab ihr seine Huld zu erkennen; denn er liebte sie unabänderlich und konnte nimmer von ihr lassen.