Straßburger Schießen und Züricher Brei

Im Zeughaus zu Straßburg wird ein eherner Topf gezeigt, den sandte dahin einstmals die Stadt Zürich voller Brei, den sie in Zürich gekocht hatten und der noch warm in Straßburg ankam. Das begab sich also.

Die Straßburger hielten großes Freischießen und luden dazu ein alle Nachbarstädte am Rhein, in der Rheinpfalz, im Elsaß und in der Schweiz. Die kamen auch durch Gesandte in großer Zahl und nahmen teil am Feste. Am weitesten hatten’s freilich die Schützen von Zürich, drei Tagereisen. Da war zu Zürich ein wackerer Kumpan, der hieß Hans im Weerd und sann ein lustig Stücklein aus: »Wir wollen gen Straßburg zu Wasser fahren; da brechen wir kein Rad und fällt keiner vom Roß. Und wir wollen das tun, so Gott will, in einem Tag, und einen heißen Brei, den wir allhier gekocht, den Straßburgern mitbringen.«

Dieser Rat fand großen Beifall. Alles ward vorgerichtet und gerüstet, der Brei wurde in einer Nacht gekocht, kam in einen warmen Topf von Erz, und der Topf wurde in heißen Sand gestellt, und nun ging es schnell zu Schiff, als die Sterne noch glänzten. Vom Schiffe wehten lustig die Wimpel mit Zürichs Farben, weiß und blau, und munter flog es über der Limmat rasche Wellen dahin. Von der Limmat lenkten die fröhlichen Schweizerschützen in die Aar, vorüber an mancher gefährlichen Stelle, und aus der Aar in den Rhein, am Höllenhaken kühn vorbei durch Strudel und Klippen. Da das glückhafte Schifflein gen Rheinfelden kam, wohin schon die Kunde von seiner Fahrt gelangt, ward zur Mauer herab ein Korb voll edlen Weines zum Morgentrunk herabgelassen und unverweilt eingenommen. Als die Basler Glocke zehn schlug, nahte das glückhafte Schiff mit seinen Zürichern schon der Brücke. Da schallte ihnen von aufgestellter Mannschaft und drängendem Volk herzlichfroher Bundesgruß entgegen, und die Geschütze krachten. Aber wie ein Pfeil schoß das Schiff, getrieben von den Ruderschlägen stets sich ablösender kräftiger Ruderer immer rheinabwärts, und vorn im Schiff am Steuer stand lugenden und sorgenden Blickes Hans im Weerd, und mitten im Schiff saß Kaspar Thomann, der Züricher erwählter Obmann und Sprecher beim Schützenfeste. So ging es weiter und immer weiter, an Neuenburg vorbei, an Breisach vorbei, durch die hundert Inseln und Werder und Riede im Rhein. Wohl sank der Abend nieder, wohl tauchte hinter der Vogesen blauer Bergkette das glühende Rad der Sonne unter; aber was leuchtete dort weit, weit her über die unermeßliche Stromtalfläche, eine rote Feuersäule? Im Sonnenscheidekuß flammte Unser Frauen Münsters Turmriese, und der Jubel der Schiffer grüßte das leuchtende ferne Ziel. Aber immer noch liegen Stunden zwischen dem Ziele und dem Schiffe. Der Tag schwindet, die Nacht bricht an, hell und rund steht der Mond am Abendhimmel. Das Münster taucht empor wie ein Geisterschiff; von der Schützenmatte her dringt dumpfer Lärm des Volksgewimmels. Jetzt beginnen auch die im Schiff zu blasen mit hellen Zinken und Posaunen, Pfeifen und Drommeten – jetzt endlich ist Straßburg erreicht, und am Guldenturm legt das Schifflein an.

Rheinsagen

Jubel begrüßt die nimmermüden Stromfahrer, die das nie Dagewesene vollbracht: in einem Tage die unendlichen Strecken gefahren, und der Brei im Topfe noch warm, gerade noch so recht mundrecht. Das war ein gar festliches Begrüßen; mit Musik und Fahnen wurden die werten Züricher Gäste auf die Maurerstube geleitet zum herzlichen Willkommen und frohen Mahle. Von da brachte man die Züricher, nachdem der Brei verzehrt war, in den güldnen Hirsch zur Rast, und am andern Tage beim Schießen wurden sie hoch geehrt vor allen Gästen, und der Topf blieb aufbewahrt für ewige Zeiten.

Sankt Ottilia

Es saß auf Hohenburg ein stolzer Graf, Herr Attich geheißen, dessen Frau gebar ihm ein Mägdlein, und das war blind. Darob ergrimmte Herr Attich und schrie: »Ein blindes Kind will ich nicht; fort mit dem Wurme, und schlagt ihm den Schädel an einem Felsen ein!« und tobte fort. Die Mutter aber sandte alsbald die Amme in Begleitung treuer Knechte mit dem blinden Kinde weit, weit von dannen, gen Palma, das liegt jenseits der Alpenberge in Friaul; dort war ein Frauenmünster, und dorthin ward Herrn Attichs Töchterlein gebracht.

Im Bayerlande aber war ein Bischof mit Namen Erhardus, der hörte im Traume eine Stimme: »Mache dich auf gen Palma in das Stift; dort findest du ein blindes Mägdelein, das sollst du taufen und Ottilia heißen!« Erhardus folgte ohne Weilen der Stimme des Herrn, so er im Traume vernommen, zog gen Palma in das Stift und fand das Kind und taufte es und segnete es. Und siehe, da gingen über der Taufe dem Kinde die Augen auf, und es ward sehend. Und Ottilia blieb im Frauenmünster zu Palma, erwuchs darinnen züchtiglich, erlernte die Orgel schön zu spielen, der Blumen zu pflegen und ihrer Pflichten treulich zu warten.

Herr Attich aber ward vom Himmel heimgesucht, daß er Reue und Leid fühlte ob seines von ihm verstoßenen Kindes, und es trieb ihn zu einer Pilgerfahrt nach Welschland, sein Kind zu suchen. Und da er der Tochter Aufenthalt erfahren, zog er des rechten Weges und hörte nun in Andacht das Wunder, das sich mit ihr begeben, und führte sie zurück nach Hohenburg und an das Herz ihrer Mutter.

Glanz und Reichtum umgab das holde, fromme Kind; aber das alles lockte sie nicht. Und auch als der Ruf ihrer Schönheit und Lieblichkeit sich in der Gegend verbreitete und Freier angezogen kamen, die gern um ihre Hand werben mochten, zeigte sie sich allen abgewendet und wollte allein des Heilands Braut sein. Da nun unter diesen Freiern ein reicher Graf des Gaues war, so gelobte Herr Attich ihm sein Kind zum Ehegenoß und gebot Ottilien, sich nicht länger zu weigern. Das erschreckte die fromme Jungfrau gar sehr. Sie suchte Trost und Rettung im Gebet und fand endlich keinen andern Ratschluß, als schnelle Flucht.

Da nun der Bräutigam am Morgen angeritten kam, war die Braut abhanden und nirgend zu finden. Boten ritten und liefen wohl im Vogesengebirge umher und auf und ab all um den Rhein, und keiner fand Herrn Attichs Tochter, bis nach dreien Tagen endlich die Kunde kam, Ottilia sei in einem Schifflein über den Rhein gefahren, mutterseelenallein, und mochte wohl ein Engel ihr Ferge gewesen sein. Da forschten nun ihr Vater und der Graf gar fleißig nach ihr und waren weit aus und kamen bis gen Freiburg im Breisgau. Und als sie dort im Tale ritten, sahen sie auf einmal auf einer Bergeshöhe die Jungfrau wandeln, und sie sprengten eilend hinan.

Wie nun Ottilia ihre ihr schon nahen Verfolger erkannte, erschrak sie heftig, und sie rief den Himmel um seinen Schutz an. Und da sie an eine Felswand kam, die ihre Schritte gänzlich hemmte, da tat vor ihr die Wand sich auf und schloß sich wieder hinter ihr zu. Aus dem Felsen aber rieselte alsbald ein klarer Wasserquell, und die Verfolger standen davor und wußten nicht, wie ihnen geschehen war.

Nun begann Herr Attich aufs neue in sich zu gehen, seufzte nach der Tochter, blieb an der Quelle und rief dem starren Fels das Gelübde zu, wenn Ottilia wieder zu ihm komme, so wolle er an diesen Ort eine Kapelle bauen und aus seiner Burg ein Kloster machen und das mit reichem Gut begaben. Solches alles geschah, und der Brunnen aus dem Fels ward der Ottilienbrunnen geheißen und übte wundersame Kraft an kranken Augen. Ottilia aber wurde Äbtissin des neuen Klosters, pflegte und heilte Kranke, ward ein Schutzengel des ganzen Gaues und ließ an den Bergesfuß noch ein Kloster, Niedermünster, bauen. Und als sie endlich sanft und selig verschieden, ist sie heilig gesprochen worden, und sie ward die Patronin der Augen und von Augenleidenden insonderheit angerufen.

Trifels

Rheinsagen

Über dem Annweiler Tale bei Landau erhob sich eine stattliche Kaiserpfalz, Burg Trifels genannt. Es geht die Sage, daß König Richard Löwenherz von England darinnen gefangengehalten worden sei vom Kaiser Heinrich VI. Niemand wußte, wo er hingekommen, und es war große Sehnsucht nach Richards Wiederkehr in seinem Reiche.

Nun hatte Richard einen treuen Dienstmann, der hieß Blondel; der war ein Minnesänger und verstand sich meisterlich auf die Kunst des Gesanges und der Töne. Der machte sich mit einer Schar redlicher Männer auf, seinen König allüberall zu suchen. Reichen Schatz an Gold und Kleinodien, den das Volk geopfert, nahmen sie mit sich zum Lösegeld. Auch König Richard war ein Minnesänger, und Blondel kannte und konnte des Königs Lieder. Vor mancher Burg, darinnen er den König gefangen glaubte, hatte Blondel schon seine Weisen angestimmt, auf welche, wie er sicher voraussetzte, der König, wenn er ihn hörte, singend antworten mußte; aber es war still geblieben hinter den festen Mauern.

Schon war er am Donaustrom auf- und abgezogen und hatte auch rings um den Rhein gesucht und gesungen, da vernahm er, daß in der Nähe der Stadt Landau, allwo man dazumal des deutschen Reiches Kleinodien aufbewahrte, auf dreien Felsenzacken ein gar großes und stattliches Kaiserschloß stehe. Und da Blondel der Meinung war, nur in einem solchen Schloß werde der deutsche Kaiser seinen König und Herrn gefangenhalten, so wandte er sich dorthin mit den Seinen, umschlich spähend die Mauern und stimmte am Fuße der starken und hohen Türme, in deren Tiefen und Verliesen man gewöhnlich die Gefangenen schmachten ließ, jene Weisen an, die nur König Richard kannte. Und – o Freude! – endlich, endlich drang aus dem Gemäuer des Turmes auf Trifels antwortender Gesang in gleicher Weise. Hoch schlug vor Freude Blondels Herz: sein Richard, sein König, war gefunden und bald darauf auch aus seiner Haft befreit.

Federzeichnungen von Otto Ubbelohde (1867 – 1922)


Rheinsagen

Hermann Schaffstein Verlag in Köln
1945
(Erstauflage 1912)

Dreiundzwanzigstes der Blauen Bändchen

Federzeichnungen von Otto Ubbelohde (1867 – 1922)

Rheinsagen

Vom deutschen Rheinstrom

Heilige Wasser rinnen von Himmelsbergen – singt die Edda, das uralte Götterlied. So auch der Rhein, des deutschen Vaterlandes heiliger Strom, rinnt vom Gottesberge (St. Gotthard), aus dem Schoße der Alpen, nieder als Strom des Segens. Durch Hohenrhätiens Alpentalschluchten stürzt er sich mit jugendlichem Ungestüm, frei und ungebunden, umwohnt von einem freien Bergvolke, das in Vorzeittagen hartlastende, schwerdrückende Fesseln brach.

Einst zwang ein Kastellan auf der Bärenburg die Bauern, mit den Schweinen aus einem Troge zu essen; ein anderer in Fardün trieb ihnen weidende Herden in die Saat; andere übten noch andere Frevel. Da traten Hohenrhätiens Männer zusammen, Alte mit grauen Bärten, und hielten Rat im Nachtgrauen unter den grauen Alpen. Auf einer felsenumwallten Wiese ohnfern Tavanasa will man noch Nägel in den Felsenritzen erblicken, an welche die Grauen, die Dorfältesten, ihre Brotsäcke hingen. Und dann tagten sie in Bruns vor der St. Annenkapelle unter freiem Himmel, nach der Väter Sitte, und beschwuren den Bund, der dem alten Lande den neuen Namen gab, den Namen Graubünden, und daß der Bund bestehen solle, solange Grund und Grat steht. Davon gehen im Bündnerlande noch alte Lieder.

Herzog Bernhard hält sein Wort

Im Dreißigjährigen Kriege kämpfte der Sachsenherzog Bernhard von Weimar in den Gefilden des Oberrheins. Da belagerte er das Städtchen Neuenburg zwischen Basel und Breisach, das noch gut kaiserlich war und sich tapfer hielt. Der langen Belagerung und des hartnäckigen Widerstandes der Neuenburger äußerst müde, ergrimmte der Sachsenherzog und verschwur sich hoch und teuer bei. Himmel und Hölle: »Komme ich in das Nest hinein, so soll weder Hund noch Katze mit dem Leben davonkommen!«

Bald darauf mußten sich die tapferen Neuenburger, da sie die Belagerung nicht länger aushalten konnten, ergeben, und die Soldaten wollten schon ihr Mütlein im Blute der Bürgerschaft kühlen und alles ermorden. Da gereute den Herzog seines vermessenen Eides und des vielen edeln, auch zum Teil unschuldigen Blutes, das hier vergossen werden sollte, und er sprach: »Nur was ich schwur, wird gehalten, und nicht mehr und nicht minder! Schont nicht Hunde, nicht Katzen; aber bei Leib und Leben gebiet‘ ich, daß der Menschen geschont werde!« Und also geschah es.

Herzog Bernhard, der große Kriegesheld, hat auch Breisach belagert und erobert, Freiburg eingenommen und bei Rheinfelden das Heer der Kaiserlichen geschlagen. Große Hoffnungen baute auf ihn das deutsche Volk, auch das im Elsaß, und jubelte ihm zu. Es begrüßte ihn überall als einen Retter und als einen Schirmvogt gegen das treulose Nachbarland. Aber er sprach ahnungsvoll: »Ich werde des großen Schwedenkönigs Gustav Adolf Schicksal teilen: sobald das Volk ihn mehr ehrte als Gott, mußte er sterben.« Und ein Jahr nach Neuenburgs Einnahme starb er alldort, wo er so menschlich gewaltet, der Sage nach an Gift. Die Zeichen dieser Tat aber deuten nach Frankreich hinüber.

Das Riesenspielzeug

21

An einem wilden Wasserfall in der Nähe des Breuschtales im Elsaß liegen die Trümmer einer alten Riesenburg, Schloß Nideck geheißen. Von der Burg herab ging einstmals ein Riesenfräulein bis schier gen Haslach; das war des Burgherrn Tochter, die hatte noch niemals Menschen gesehen. Da gewahrte sie unversehens einen Ackersmann, der mit zwei Pferden pflügte. Das dünkte ihr etwas sehr Spaßiges, das kleine Zeug. Sie kauerte sich zum Boden nieder, breitete ihre Schürze aus und raffte mit der Hand Bauer, Pflug und Pferde hinein. Dann schlug sie die Schürze zusammen, hielt’s mit der Hand recht fest und lief, was sie nur laufen konnte, den Berg hinauf. Mit wenigen Schritten war sie oben und trat jubelnd vor ihren Vater, der gerade beim Tische saß und sich am vollen Humpen labte.

Als er die Tochter so mit freudestrahlendem Gesicht eintreten sah, fragte er: »Nu, min Kind, was hesch22 so Zwaselichs23 in di Furti24 ? Krom’s us, krom’s us25 !« – »O, min Vater!« rief die Riesentochter, »gar ze nettes Spieldings ha i funden!« Und da kramte sie aus ihrem Fürtuch aus, Bauer und Pferde und Pflug, und stellt’s auf den Tisch und hatte ihre Herzensfreude daran, daß das Spielzeug lebendig war, sich bewegte und zappelte. »Ja, min Kind,« sprach der alte Riese, »do hest de ebs26 Schöns gemacht! Dies is jo ken Spieldings nitt; dies is jo e Bur! Trog alles widder fort und stell’s widder hin ans nämlich Plätzli, wo du’s genommen hast!«

Das hörte das Riesenfräulein gar nicht gern, daß sie ihren Fund wieder forttragen sollte, und sie greinte. Der Riese aber ward zornig und schalt: »Potz tusig27 Daß de mir nett murrst! E Bur is nitt e Spieldings! Wenn die Burn nett ackern, so müssen die Riesen verhungern!« – Da mußte das Riesenfräulein seinen vermeintlichen Spielkram alsbald wieder forttragen, und sie stellte alles wieder an seinen Ort.

  1. vgl. dieselbe Sage von Grimm in Bl. 162 u. das gleichnamige Gedicht von Chamisso in Bl. 154
  2. hast
  3. Zappeliges
  4. Fürtuch, Schürze
  5. kram’s aus
  6. etwas
  7. Potz tausend!

Die Schlangenjungfrau im Heidenloch bei Augst

Zwischen Basel und Rheinfelden liegt ein uralter Ort, der heißt Augst, vom römischen Wort Augusta. Römerkaiser hatten dort ihren Hofhalt und bauten eine schöne Wasserleitung. An dieser ist ein Schlaufloch19 und unterirdischer Gang, der sich weit in die Erde hineinzieht. Niemand hat noch dessen Ende gesehen, und er heißt im Volke das Heidenloch.

Da war im Jahre 1520 ein Schneider zu Basel, der hieß Leonhard, der war auch eines Schneiders Sohn und fast ein Simpel20 . Er stammelte, statt zu reden, und war zu gar wenigen Dingen zu gebrauchen. Den trieb eines Tages die Neugier, doch zu versuchen, wie weit der hohle Gang eigentlich in die Erde hineingehe. Da nahm er eine Wachskerze, zündete sie an und ging in das Schlaufgewölbe hinein.

Leonhard kam an eine eiserne Pforte, die tat sich vor ihm auf. Und da kam er durch mehr als ein hohes und weites Gewölbe, endlich gar in einen Lustgarten, darinnen standen viele schöne Blumen und Bäume, und in der Mitte des Gartens stand ein wohlerbauter Palast. Alles umher aber war still und menschenleer. Die Türe zu dem stattlichen Lusthaus stand offen; da ging Leonhard hinein und trat in einen Saal. Darin erblickte er eine schöne Jungfrau, die trug auf ihrem Haupt ein goldig Krönlein und hatte fliegende Haare. Aber – o Scheuel und Greuel! – von des Leibes Mitte abwärts war sie eine häßliche Schlange mit langem Ringelschweif. Hinter der Jungfrau stand ein eiserner Kasten, darauf lagen zwei schwarze Hunde, die sahen aus wie Teufel und knurrten wie grimmige Löwen.

Die Jungfrau grüßte Leonhard sittiglich, nahm von ihrem Hals einen Schlüsselbund und sprach: »Siehe, ich bin von königlichem Stamme und Geschlecht, aber durch böse Macht also verwünscht und zur Hälfte in ein greulich Ungetüm verwandelt. Doch kann ich wohl erlöset werden. Wenn ein reiner Junggeselle mich trotz meiner Ungestalt dreimal auf den Mund küsset, dann erlange ich meine vorige Menschengestalt wieder, und mein ganzer Schatz ist sein.« Und da machte sie sich zu dem Kasten, stillete die murrenden Hunde, schloß den mittlern Deckel mit einem ihrer Schlüssel auf und zeigte Leonhard, welch ein großes Gut an Gold und Kleinodien darinnen enthalten sei. Sie nahm auch etliche goldne und silberne Münzen heraus und gab sie Leonhard und blickte ihn seufzend und gar inniglich an.

Leonhard hatte in seinem Leben noch keine Maid geküßt; es ward ihm jetzt warm ums Herz, und er wagte es, der Schlangenjungfrau einen Kuß auf ihren schönen Mund zu geben. Da erglühten ihre Wangen und erfunkelten ihre Augen; ihr Antlitz strahlte vor Freude, und sie lachte vor Lust und Hoffnung der Erlösung. Und da geschah der zweite Kuß, und dabei ringelte sich der Schlangenschweif um ihn. Da schauderte ihn, und er riß sich mit Gewalt los, nahm seine noch brennende Kerze und entwich. Die Jungfrau stieß hinter ihm ein wehklagendes Geschrei aus, das ihm durch Mark und Bein drang, und er kam aus dem Gang und Loch heraus, er wußte gar nicht wie.

Seitdem empfand der Jüngling eine brennende Sehnsucht nach der Schlangenjungfrau. Immerdar trieb es ihn zurück zu ihr, um das Werk der Erlösung zu vollbringen. Aber nun vermocht‘ er nimmer den Eingang zur Schlangenhöhle wiederzufinden, und es soll auch nach ihm keinem wieder geglückt sein.

  1. Schlüpfloch
  2. einfältiger Mensch

Der Schwanritter

Da Herzog Gottfried von Brabant zum Sterben kam und hatte keinen Sohn, wollte er sein Land und Erbe seiner Gemahlin und seiner Tochter überlassen. Aber Gottfrieds Bruder Telramund wollte darein nicht willigen und sagte, das Land sei kein Weiberlehen, und nahm Brabant für sich. Da verklagte ihn die Herzogin bei König Heinrich dem Vogler, und der lud sie und auch ihren Schwager gen Nimwegen am linken Arm des Rheinstroms, die Waal geheißen. Und sie kam dahin mit ihrer Tochter, und auch ihr Gegner.

Da geschah es, daß König Heinrich durch ein Fenster hinausschaute und hinab auf den Strom; da sah er einen Schwan schwimmen, der hatte ein silbernes Halsband und zog mit diesem an silberner Kette einen Nachen nach sich, und in dem Nachen lag ein Ritter in gleißendem Harnisch. Sein Haupt ruhte auf seinem Schilde, seinen Helm und die Halsbrünne hatte er abgetan und neben sich gelegt, und der Schwan ruderte an das Ufer heran. Alle Hofleute, die das sahen, samt dem König verwunderten sich sehr, vergaßen den Rechtshandel und eilten nach dem Ufer hinunter. Der ritterliche Jüngling im Nachen erwachte, tat sein Gewaffen wieder an, erhob den Schild, auf dem acht Zepterlein um einen weißen Karfunkel gestellt waren, stieg aus der Barke und sprach zu dem Schwan: »Flieg deinen Weg wohl hin, lieber Schwan! So ich deiner bedarf, will ich dich rufen.« – Da wandte sich der Schwan und ruderte im Wasser und entschwand samt dem Nachen den Augen der ihm Nachschauenden.

Alles blickte ganz verwunderungsvoll nach dem Gast, dem der König selbst die Hand bot und ihn nach der Burg geleitete. Dann setzte er sich auf den Richterstuhl und hieß den Fremdling bei den Fürsten und Herren eine Stelle einnehmen. Es erhub nun die Herzogin ihre Klage, und ihr Schwager brachte seine Gegenrede vor und sprach, daß er bereit sei, für sein Recht zu kämpfen; die Herzogin solle ihm nur einen Kämpen stellen, der mit ihm für ihr und ihrer Tochter vermeintes Recht stritte. Der Herzog Telramund war aber ein gar mannlicher Held und dem Besten im Kampfe überlegen. Darum erbebte die Herzogin; denn sie wußte keinen Kämpen in ihrer Sippschaft aufzufordern, sich jenem gegenüberzustellen. Da weinte sie in bitterm Schmerz, und ihre Tochter weinte mit ihr, und es war ihr weh im Herzen.

Siehe, da erhob sich der junge Ritter, der mit dem Schwan gekommen war, von seinem Stuhl, neigte sich gegen den König und sprach: »So du es mir vergönnst, großer König, so will ich wohl dieser Frauen Kämpe sein!« Das wurde ihm gewährt, und er stritt darauf einen schweren Streit mit dem Herzog Telramund; doch besiegte er ihn endlich und machte so der Herzogin und ihrer Tochter Erbe frei und ledig. Die dankten ihm in Züchten, und die Herzogin bot ihm jeden Kampfeslohn, den sie gewähren könne, und wär‘ es selbst ihrer Tochter Hand und einstiges Erbe. Da sagte der Jüngling, Werteres könne ihm nimmer geboten werden; doch müsse er unerläßlich bedingen, daß seine Braut und Vermählte nie und nimmermehr ihn frage, wie er heiße, woher er gekommen, welches sein Geschlecht sei, wer ihm Vater und Mutter wäre und solcher Fragen mehr; denn sowie sie solche Fragen auch nur ein einziges Mal an ihn richte, müsse sie ihn auf immer verlieren.

Diese Bedingung deuchte der Prinzessin von Brabant gar leicht zu halten; sie gelobte ihm das und vermählte sich dem Schwanenritter. Sie zogen nach Kleve, der uralten Stadt, wo schon Julius Cäsar eine Burg erbaut, erneuten das Schloß und nannten es Schwanenburg und freuten sich des Lebens. Sie gewannen auch zwei blühende Kinder und waren sehr glücklich. Und sie wären es geblieben, wenn nicht der Weiber Erbsünde, die schlimme Neugier, die junge Herzogin gequält und immer mehr gequält hätte. Denn sie mochte gar zu gerne wissen, wer denn eigentlich ihrer Kinder Vater sei. Und so drückte es ihr fast das Herz ab, bis sie endlich die Frage tat, die ihr doch so ernst verboten war. Da sprach der Herzog: »Nun hast du dein Glück und mein Glück zerbrochen, und hast mich am längsten gesehen!« Und er waffnete sich und winkte zum Fenster hinaus.

Da kam schon der Schwan geschwommen mit seinem Schifflein. Und der Herzog küßte seine Kinder und drückte seiner Gemahlin stumm und schmerzlich die Hand. Die weinte überlaut und stürzte ihm voll Reue zu Füßen und wollte ihn zurückhalten, und auch alles Volk flehte ihn an, daß er bleiben sollte. Aber der Schwanritter konnte nicht bleiben. Er segnete alle, bestieg seinen Kahn und fuhr von dannen.

Tief drang der Kummer ins Gemüt der Herzogin. Doch erzog sie die Kinder zu tüchtigen Rittern, und ihnen entstammten alle späteren Herzöge von Kleve und Geldern und Rheineck; die führten meist den Schwan im Wappen. Des Landes Heerschild aber blieb der weiße Stein im roten Felde, um den die acht goldnen Zepterstäbe gestellt sind, bis auf diesen Tag. Auf dem Schwanenturme der Schwanenburg aber zeugt noch ein weißer Schwan, der sich im Winde dreht, von dieser Geschichte.

Die Tellensage

Lieder und Chroniken des Schweizerlandes preisen den Tell als den Schöpfer der Schweizer Freiheit, und in alle Lande ist sein Ruhm erklungen.

Es war zu den Zeiten, da Kaiser Albrecht von Österreich regierte; der war ein strenger und heftiger Herr und suchte, daß er sein Land mehre. So kaufte er viele Städte, Flecken und Burgen in dem Schweizerlande und setzte Landvögte ein, die in seinem Namen regierten. Drei Schweizerstädte und Landschaften aber wollten nichts von dem Österreicher wissen. Da sandte ihnen der Kaiser zwei edle Boten, den Herrn von Lichtenstein und den Herrn von Ochsenstein, die mußten den Orten vortragen, daß sie sich doch sollten in Österreich Schutz und Schirm begeben, da könnten sie es mit der ganzen Welt aufnehmen; wollten sie das aber nicht, so wolle der Österreicher ihr Feind sein, und sie sollten sich nichts Gutes von ihm zu versehen haben. Aber da sprachen die Männer von Schwyz: »Liebe Herren, wir wollen dem Hause Österreich gern in allen Ehren zu Lieb und zu Dienst sein; aber wir wollen doch bei unsrer alten Freiheit bleiben, die noch niemalen ein Fürst oder Herzog angetastet hat.« – Auf diese Rede brachen die Abgesandten rasch auf und ritten stracks nach Uri und Unterwalden; dort, dachten sie, würden sich die Städte gleich der Braut mit Österreich vermählen. Es kam aber ganz anders; denn die drei Orte hatten sich schon miteinander verbunden und sich verschworen, treulich zusammenzuhalten. Sie sagten, daß ihre Freiheit ihnen verbrieft sei von dem Kaiser Friedrich dem Hohenstaufen und Rudolf dem Habsburger, und so ritten die Abgesandten unverrichteter Sache von dannen.

Bald darauf sandte Albrecht von Österreich zwei Vögte, die hießen Geßler und Landenberger. Von denen sollte Geßler ein Amtmann zu Schwyz und Uri sein, der Landenberger aber zu Unterwalden; doch sollten sie sich zu Anfang gut und freundlich erzeigen, ob sie vielleicht das Volk in Güte bewegten. Allein dieses ließ sich nicht bewegen, und da erhielten die Landvögte Befehl, den Bauern alles gebrannte Herzeleid anzutun. Als das nun geschah, da sandte das Volk Klageboten an Albrecht; der aber ließ sie gar nicht vor sein Angesicht. Nun gingen die Sendboten zu des Kaisers Räten und baten sie freundlich und ernstlich, sie sollten dem Mutwillen und der Plackerei der Vögte steuern und verhindern, daß sie mit neuer und unerhörter Schatzung das Volk bedrückten. Aber die Räte sprachen: »Ihr Männer seid selber schuld an allem Übel. Warum wollt ihr euch nicht auch in unsers Herrn Schutz und Schirm begeben? Tätet ihr solches, so hättet ihr Ruhe und guten Frieden!« – Da kehrten die Gesandten traurig heim und ohne Hoffnung und sagten den Ihrigen die schlimme Botschaft an.

Damals wohnte in Unterwalden ein gar redlicher Mann, der niemals Untreue verübte; der war dem Landenberger insonderheit verhaßt, und sein Name war Heinrich vom Melchthal an der Halde. Zu dem sandte der Landenberger, der auf Burg Sarnen saß, einen seiner Knechte mit dem Gebot, dem Melchthaler die Ochsen vom Pfluge abzuspannen. Flugs gehorchte der Knecht und wollte dem Manne die Ochsen vom Pfluge wegführen. Heinrich vom Melchthal aber sprach: »Laß ab; meine Ochsen behalte ich! Hab‘ ich was Sträfliches getan, so soll man mich vorfordern und richten!« Der Knecht sprach: »Bauer, ich tue, was meines Herrn Gebot ist; frag ihn um die Ursach‘! Ihr Bauern seid selber Ochsen genug, daß ihr den Pflug selbst ziehen könnt.« – Diese lose Rede hörte des Alten Sohn, der hieß Arnold. Und er nahm alsbald einen Stecken und schlug dem Knecht des Landenbergers einen Finger entzwei, daß ihm das Ochsenausspannen verging. Der Knecht entwich, die Tat dem Landvogt anzusagen, und der junge Arnold vom Melchthal entwich nach Uri. Der Landenberger ließ alsbald Heinrich vom Melchthal vor sich bringen und begehrte von ihm des Sohnes Aufenthalt zu erfahren. Da nun der Alte nicht sagen wollte oder nicht wußte, wohin sein Sohn sich geflüchtet, so ließ der Landenberger dem Alten beide Augen ausstechen, nahm ihm sein Gut und trieb ihn ins Elend.

Auf der Burg Roßberg hatte der Landenberger einen Pfleger sitzen, der hieß von Wolfenschießen, der war auch einer von den Pressern. Der kam in Konrad Baumgartens Behausung und traf, wie er schon im voraus wußte, nicht den Mann, sondern nur dessen frommes und schönes Weib an, zu der er ein sonderlich Gelüsten hatte. Er rief sie an, indem er vom Pferde stieg, sie solle nach einem Zuber umschauen und ihm ein Bad rüsten, es sei ihm heiß vom starken Ritt. Und als er nun im Bade saß, da winkte er ihr, sie solle zu ihm sitzen. Sie aber tat, als wolle sie ihm gehorchen, und lief alsbald nach dem nahen Walde, wo ihr Mann Holz haute. Der hatte gerade Feierabend gemacht und kam ihr mit der Axt entgegen. Er hörte ihre Not und Klage und sprach: »Dem Bader will ich das Bad wohl gesegnen!« Und er lief einen nahen Pfad, traf den Wolfenschießen noch im Zuber und schlug ihn mit der Axt dermaßen, daß der Kopf in zwei Hälften auseinander spaltete.

Der Landvogt Geßler, der zu Uri saß, hub an auf einem Bühel12 über Altdorf eine neue Burg zu bauen, die sollte genannt werden »Zwing-Uri«, um so das Landvolk recht zu quälen und zu reizen. Und weil der Geßler wußte, daß er allem Volke verhaßt war, und mutmaßte, es möge sich schon etwas Heimliches gegen ihn angesponnen haben, so ließ er mitten auf einem freien Platze, wo jedermann vorüberwandelte, eine hohe Stange aufrichten, mit einem Hute darauf, und befehlen, daß jedermann, wer es immer sei, dem Hute Reverenz13 erzeigen solle mit Bücken und Hutabnehmen, als ob es der Vogt selbst sei. Und er ließ heimlich spüren und aufpassen, wer es etwa nicht täte.

Darauf ritt er gen Schwyz und kam über Steinen; da wohnte ein gar frommer Mann, der hieß Werner Stauffacher, der hatte noch nicht lange zuvor ein neues Haus an seines alten Statt gebaut. Da nun der Vogt vorüberritt, fragte er: »Wem gehört dieses Haus?« Der Stauffacher wollte recht höflich sein und sagte nicht, daß es ihm gehöre, sondern antwortete: »Meinem Kaiser und Euch, Herr Landvogt, ich trag’s nur von Euch zu Lehen! Beliebt Euch, einzutreten?« – Aber der Landvogt fuhr den Stauffacher scheltend an: »Ich bin hier an des Kaisers Statt! Hast du um Erlaubnis gefragt zu diesem Bau? – Nein! Und baut ihr Bauern nicht Häuser, als wenn Herren darinnen wohnen sollten? Das will ich euch wohl wehren!« Sprach’s und ritt trutziglich weiter.

Den Stauffacher schmerzte die Rede sehr; aber sein kluges Weib tröstete ihn und sagte zu ihm, er solle sich doch umtun bei anderen Freunden und mit ihnen Rats pflegen, daß es anders werde. Da ging Werner Stauffacher gen Uri zu einem Freund, der hieß Walter Fürst, und bei diesem fand er Arnold vom Melchthal, der sich noch flüchtig hielt. Und da ratschlagten die drei miteinander und wurden eins, daß sie noch andere treue und vertraute Männer aufsuchen und mit ihnen einen Bund gegen den Druck der Vögte schließen wollten. Das gelang ihnen vortrefflich, und es ward ein großer heimlicher Bund, zu dem traten auch viele von ritterlichem Geschlecht; denn die Vögte waren auch ihnen aufsässig und nannten sie Bauernadel und adelige Kuhmelker.

Darauf erkieseten die Männer des Bundes zwölf aus ihrer Mitte als ihren Vorstand, die kamen zusammen und tagten in ihren Sachen auf einer Matte, die man nennt das »Rütli«, am Vierwaldstätter See. Da rieten die von Unterwalden, man solle noch verziehen und warten, weil es schwer wäre, in aller Schnelle die festen Plätze, wie Sarnen und Roßberg, zu gewinnen, und wolle man sie belagern, so gewinne der Kaiser Zeit, ein Heer zu senden, das sie allzumal aufreiben werde. Man solle lieber die Schlösser mit List gewinnen, niemand töten, der sich nicht bewaffnet widersetze, allen übrigen freien Abzug gewähren und dann die Festen bis auf den Boden schleifen. Als die Männer so tagten und den großen Bund beschwuren, da entsprangen der Matte heilige Quellen.

Nun geschah es, daß ein Mann aus Uri, Wilhelm Tell geheißen, etliche Male achtlos an Geßlers Hut vorüberging und ihm keine Reverenz machte. Kaum ward das angezeigt, so ließ der Vogt ihn vor sich kommen. Tell aber sprach: »Ich bin ein Bauersmann und vermeint‘ nit, daß soviel an dem Hut lieg‘; hab‘ auch nit sonder acht darauf gehabt.« Da ergrimmte der Vogt, schickte nach des Tellen allerliebstem Kind und sagte: »Du bist ja ein Schütz und trägst Geschoß und Gewaffen mit dir herum; jetzt schieße diesem deinem Kind einen Apfel vom Kopf!« – Dem Tell erschrak das Herz, und er sprach: »Ich schieße nicht; nehmt lieber mein Leben!« – »Du schießest, Tell!« schrie der Landvogt, »oder ich lasse dein Kind vor deinen Augen und dich hinterdrein niederstoßen.« Da betete der Tell innerlich zu Gott, daß er seine Hand führe und des liebsten Kindes Haupt schirme. Und der Knabe stand still und zuckte nicht, und Tell schoß und traf den Apfel. Da jauchzte das Volk laut auf und umjubelte den Tell, den meisterlichen Schützen.

Das verdroß erst recht den Geßler, und er schrie den Tell an, der noch einen Pfeil im Koller hatte: »Du hast noch einen Pfeil, Tell; sag an, was hätt’st du getan, wenn du dein Kind getroffen?« Tell antwortete: »Das ist so Schützenbrauch, Herr.« – »Nein, das ist eine Ausrede, Tell!« antwortete der Landvogt. »Sag es frei; ich sichere dich deines Lebens.« – »Wenn Ihr es denn wissen müßt,« sprach Tell, »und mich meines Lebens versichert, so höret denn: traf ich mein Kind, so hätte dieser Pfeil Euer wahrlich nicht, fehlen sollen!« – »Ha, du Schalk und Erzbösewicht!« schrie der Landvogt, »das Leben hab‘ ich dir versichert, aber nicht die Freiheit. Ich will dich an einen Ort bringen, wo weder Sonne noch Mond dich bescheinen soll!« Hieß alsobald seine Knechte den Tell binden und ihn in sein Schiff bringen, darin er über den Vierwaldstätter See fahren wollte und von Weggis nach Küßnacht reiten.

Da schuf Gott der Herr einen Sturmwind und ein schrecklich Ungewitter, daß das Wasser ins Schiff schlug. Da sagten die Schiffsleute dem Landvogt, daß der Tell der beste Schiffslenker sei, der allein könne sie noch aus der Todesgefahr retten. Darauf ließ der Landvogt den Tell losbinden; der ruderte flugs mit starken Armen und brachte das Schifflein nach dem rechten Ufer, wo das Schwyzer Gelände sich hinabsenkt. Da war ein Vorsprung mit einer Felsenplatte, auf diese sprang plötzlich der Tell mit seinem Geschoß, das er rasch ergriff, stieß mit Gewalt das Schifflein von sich und ließ es durch die Wellen treiben. Des erschraken der Landvogt und seine Leute mächtig; Tell aber entfloh eilend auf Pfaden, die ihm wohlbekannt waren.

Rheinsagen

Als die im Schiff bei Laupen14 waren, legte sich der Sturm. Geßler ließ aber dennoch bei Brunnen14 anlegen; denn er fürchtete sich vor dem Ungestüm der Seen. Tell wandelte auf Bergpfaden hoch über den Seetälern und sah, wohin der Landvogt zog. Und da fand sich zwischen dem Art16 und Küßnacht eine hohle Gasse, dort harrte Tell des Vogts. Und als er durch die hohle Gasse dahergeritten kam, schoß ihn der Tell mit dem aufgesparten Pfeil vom Rosse herunter, wie ein Jäger eine wilde Katze vom Baume schießt. Nach solcher Tat wich der Tell von hinnen, kam im Dunkel der Nacht im Lande Schwyz in des Stauffachers Haus zu Steinen, eilte dann durchs Gebirg zu Walter Fürst in Uri und sagte allen an, was sich zugetragen und daß es jetzt an der Zeit sei, loszuschlagen und das fremde Joch abzuschütteln.

Nun war es nicht mehr weit hin bis zum neuen Jahr; denn als der Bund auf dem Rütli tagte, war schon Wintermond. Und da ward zuerst Roßberg mit List eingenommen von den Unterwaldnern und darauf Sarnen ohne Schwertschlag. Und es mußten alle Dienstleute der Vögte Urfehde geloben und schwören, nimmer wieder in das Schweizerland zu kommen. Das noch nicht fertig ausgebaute Schloß Zwing-Uri wurde wie die genannten Schlösser der Erde gleichgemacht, und Werner Stauffacher brach Schloß Louvers, das in den See hineingebaut stand.

Da nun Kaiser Albrecht von allen diesen Dingen die Kunde vernahm, geriet er in großen Zorn und nahm gleich ein Kriegsheer, die Schweizer zu züchtigen. Aber auf diesem Zuge, da er durch den Aargau ritt und gen Brugg wollte, wurde er von seinem eigenen Neffen, Johann, Herzog von Schwaben, ohnweit Königsfelden meuchlings erschlagen. Darum behielten die Schweizer Frieden und ihre Freiheit bis auf den heutigen Tag.

Das ist die Sage von der Schweizer Bündnis und der Tat des Tell. Ja, die drei ersten Gründer des Bundes der Schwyzer, Unterwaldner und derer von Uri – denen sich dann Zürich, Luzern, Zug, Glarus, Freiburg und Solothurn anschlossen, denen endlich Schaffhausen und Appenzell folgten – galten und gelten dem Landvolke als drei Telle, die in einer Felskluft verzaubert schlafen, wie Kaiser Friedrich im Kyffhäuser und Kaiser Karl im Untersberge. Sollte das Schweizer Vaterland in Not kommen, so werden die drei Telle aus ihrer Gruft hervorgehen und es aufs neue befreien. Den Weg zu ihrer Höhle weiß keiner. Nur zufällig kam einst ein Hirte, der einer verlaufenen Ziege nachging, an eine Höhle; da fand er die drei Männer, und der eine Tell richtete sich vom Schlummer auf und fragte: »Welch‘ Zeit ist’s auf der Welt?« – »Hochmittag!« antwortete der Hirte. »So ist’s noch nicht an der Zeit!« sprach der Tell und legte sich wieder zum Schlummer hin. Keiner hat nachher die Höhle wiedergefunden.

  1. Hügel
  2. Ehrerbietung
  3. am Vierwaldstätter See
  4. am Vierwaldstätter See
  5. Flecken am Zuger See