Botschaft der Griechen an Priamos



Botschaft der Griechen an Priamos

Unterdessen, solange die Ausrüstung der Griechen sich vorbereitete, ward von Agamemnon im Rate seiner Vertrauten und der Häupter des Volkes, um auch gütliche Mittel nicht unversucht zu lassen, beschlossen, daß eine Gesandtschaft nach Troja an den König Priamos abgehen sollte, um sich über die Verletzung des Völkerrechts und den Raub der griechischen Fürstin zu beschweren und die entrissene Gattin des Fürsten Menelaos samt ihren Schätzen zurückzufordern. Es wurden hierzu in der Versammlung der Kriegshäupter Palamedes, Odysseus und Menelaos auserwählt; und obgleich Odysseus im Herzen der Todfeind des Palamedes war, so unterwarf er sich doch zum gemeinen Besten der Einsicht dieses Fürsten, der in dem griechischen Heere um seines Verstandes und seiner Erfahrung willen hoch gefeiert war, und überließ ihm willig die Ehre, am Hofe des Königs Priamos als Sprecher aufzutreten.

Die Trojaner und ihr König waren über die Ankunft einer Gesandtschaft, die mit einer ansehnlichen Schiffsrüstung erschien, in kein geringes Staunen versetzt. Sie wußten von der unmittelbaren Ursache der Sendung noch nichts; denn Paris verweilte noch immer mit seiner geraubten Gattin auf der Insel Kranaë und war in Troja verschollen. Priamos und sein Volk glaubten deswegen nicht anders, als der trojanische Kriegszug, der die Gesandtschaft des Paris und die Zurückforderung der Hesione unterstützen sollte, habe Widerstand in Griechenland gefunden, und jetzt nach seiner Vernichtung würden die Griechen, übermütig geworden, über die See herbeikommen, die Trojaner in ihrem eigenen Lande anzufallen. Die Nachricht, daß sich griechische Gesandte der Stadt näherten, versetzte sie daher in nicht geringe Spannung. Indessen öffneten sich jenen die Tore willig, und die drei Fürsten wurden sofort in den Palast des Priamos und vor den König selbst geführt, der seine zahlreichen Söhne und die Häupter der Stadt zu einem Rate zusammenberufen hatte. Palamedes ergriff vor dem Könige das Wort und beklagte sich bitter im Namen aller Griechen über die schändliche Verletzung des Gastrechts, die sich sein Sohn Paris durch den Raub der Königin Helena zuschulden kommen lassen. Dann entwickelte er die Gefahren eines Krieges, die dem Reiche des Priamos aus dieser Untat erwüchsen, zählte die Namen der mächtigsten Fürsten Griechenlands auf, die mit allen ihren Völkern auf mehr als tausend Schiffen vor Troja erscheinen würden, und verlangte die gütliche Auslieferung der geraubten Fürstin. »Du weißt nicht, o König«, so schloß er seine Rede, »was für Sterbliche durch deinen Sohn beschimpft worden sind: es sind die Griechen, die alle lieber sterben, als daß einem einzigen von ihnen durch einen Fremdling ungerechte Kränkung widerfahre. Sie hoffen aber, indem sie dieses Unrecht zu rächen kommen, nicht zu sterben, sondern zu siegen, denn ihre Zahl ist wie der Sand am Meere, und alle sind von Heldenmut erfüllt, und alle brennen vor Begierde, die Schmach, die ihrem Volke widerfahren ist, in dem Urheber zu tilgen. Darum verkündigt euch unser oberster Feldherr, Agamemnon, König der mächtigen Landschaft Argos und der erste Fürst Griechenlands, und mit ihm lassen euch alle anderen Fürsten der Danaer sagen: Gebet die Griechin, die ihr uns gestohlen habt, heraus, oder seid alle des Untergangs gewärtig!«

Bei diesen trotzigen Worten ergrimmten die Söhne des Königes und die Ältesten von Troja, zogen ihre Schwerter und schlugen streitlustig an ihre Schilde. Aber König Priamos gebot ihnen Ruhe, erhob sich von seinem Königssitze und sprach: »Ihr Fremdlinge, die ihr im Namen eures Volkes so strafende Worte an uns richtet, gönnet mir erst, daß ich von meinem Staunen mich erhole. Denn wessen ihr mich beschuldiget, davon ist uns allen nichts bewußt; vielmehr sind wir es, die wir bei euch uns über das Unrecht zu beklagen haben, das ihr uns andichtet. Unsre Stadt hat euer Landsmann Herakles mitten im Frieden angefallen, aus unsrer Stadt hat er meine unschuldige Schwester Hesione als Gefangene mit sich geführt und sie seinem Freunde, dem Fürsten Telamon auf Salamis, als Sklavin geschenkt; und es ist der gute Wille dieses Mannes, daß sie von ihm zu seiner ehelichen Gemahlin erhoben worden ist und nicht als Magd und Kebsweib dient. Doch konnte dies den unehrlichen Raub nicht wiedergutmachen; und es ist schon die zweite Gesandtschaft, die diesmal unter meinem Sohne Paris nach eurem Lande abgegangen ist, meine freventlich geraubte Schwester zurückzuverlangen, damit ich wenigstens noch in meinem Greisenalter mich ihrer erfreuen könne. Wie mein Sohn Paris diesen meinen königlichen Auftrag ausgerichtet, was er getan hat und wo er weilt, weiß ich nicht. In meinem Palaste und in unserer Stadt befindet sich kein griechisches Weib, dies weiß ich gewiß. Ich kann euch also die verlangte Genugtuung nicht geben, auch wenn ich wollte. Kommt mein Sohn Paris, wie mein väterlicher Wunsch ist, glücklich nach Troja zurück und bringt er eine entführte Griechin mit sich, so soll euch diese ausgeliefert werden, wenn sie anders nicht als Flüchtling unsern Schutz anfleht. Aber auch dann werdet ihr sie unter keiner andern Bedingung und nicht eher zurückerhalten, als bis ihr meine Schwester Hesione aus Salamis wieder in meine Arme zurückgeführt habt!«

Der Rat der Trojaner stimmte zu diesen Worten des Königs; aber Palamedes sprach trotzig: »Die Erfüllung unserer Forderung, o König, läßt sich von keiner Bedingung abhängig machen. Wir glauben deinem ehrwürdigen Antlitz und der Rede deines Mundes, die uns versichert, daß die Gemahlin des Menelaos noch nicht in deinen Mauern angekommen ist. Sie wird aber kommen, zweifle nicht; ihre Entführung durch deinen unwürdigen Sohn ist nur allzu gewiß. Was zu unserer Väter Zeiten von Herakles geschehen ist, dafür sind wir nicht mehr verantwortlich. Aber was einer deiner Söhne uns jetzt eben von empörender Kränkung zugefügt hat, dafür verlangen wir Rechenschaft von dir. Hesione ist willig mit Telamon davongezogen, und sie selbst sendet einen Sohn in diesen Krieg, der euch bevorsteht, wenn ihr uns nicht Genugtuung gebet: den gewaltigen Fürsten Ajax. Helena aber ist wider Willen und freventlich geraubt worden. Danket dem Himmel, der euch durch eures Räubers Zögerung Bedenkzeit gegeben hat, und fasset einen Beschluß, der das Verderben von euch abwendet.«

Priamos und die Trojaner empfanden die übermütige Rede des Gesandten Palamedes übel, doch ehrten sie an den Fremdlingen das Recht der Gesandtschaft; die Versammlung wurde aufgehoben und ein Ältester von Troja, der Sohn des Aisyetes und der Kleomestra, der verständige Antenor, schirmte die fremden Fürsten vor allen Beschimpfungen des Pöbels, führte sie in sein Haus und beherbergte sie dort mit edler Gastlichkeit bis zum andern Morgen. Dann gab er ihnen das Geleite an den Strand, wo sie die glänzenden Schiffe wieder bestiegen, die sie herbeigeführt hatten.

Chryses, Apollo und der Zorn des Achill



Chryses, Apollo und der Zorn des Achill

Unter diesen Begebnissen war das zehnte Jahr des Krieges angebrochen und der griechische Held Ajax von vielen glücklichen Streifzügen zurückgekehrt. Mit der Ermordung des Polydoros flammte der Haß zwischen den beiden Nationen feuriger auf als zuvor, und die Götter des Himmels selbst, die einen durch die Grausamkeit der Griechen den Trojanern zugeneigt, die andern zum Schutze der Danaer aufgeregt, nahmen tätigen Anteil an dem Kampfe: Hera, Athene, Hermes, Poseidon, Hephaistos auf Seite der Griechen, auf der Gegenseite Ares und Aphrodite, so daß von diesem zehnten und letzten Jahre der Belagerung Trojas zehnmal mehr erzählt und gesungen wird als von den neun andern. Denn jetzt hebt das Lied des Fürsten der Dichter, des Homer, vom Zorne des Achill an und von allen Übeln, die der Groll ihres größten Helden über die Achiver brachte.

Die Veranlassung zum Zorne des Peliden war folgende: Die Griechen hatten nach der Rückkehr ihrer Gesandten die Drohung der Trojaner nicht vergessen und bereiteten sich in ihrem Lager zu entscheidenden Kämpfen vor, als der Priester Apollos, Chryses, dem seine Tochter von Achill geraubt und dem König Agamemnon überlassen worden war, den Lorbeer seines Gottes um den goldenen Friedensstab geschlungen, mit reichen Lösegeldern im Schiffslager der Griechen ankam, seine Tochter freizukaufen. Mit dieser Bitte stellte er sich vor die Atriden und das gesamte Heer und sprach: »Ihr Söhne des Atreus und andre Argiver, mögen euch die Olympischen Vertilgung Trojas und glückliche Heimkehr verleihen, wenn ihr, den fernhintreffenden Gott Apollo, dessen Priester ich bin, ehrend, mir gegen die Lösung, die ich bringe, die geliebte Tochter zurückgebet!«

Das ganze Heer gab seinen Worten Beifall und gebot, den ehrwürdigen Priester zu scheuen und die köstliche Lösung anzunehmen. Nur der König Agamemnon, der die liebliche Sklavin nicht verlieren wollte, wurde zornig und sprach: »Laß dich nicht mehr bei den Schiffen treffen, Greis, weder jetzt noch in Zukunft; deine Tochter ist und bleibt meine Dienerin und wird in meinem Königshause zu Argos bis ins Alter hinter dem Webstuhl sitzen! Geh, reize mich nicht, mache, daß du gesund in deine Heimat kommst!«

Chryses erschrak und gehorchte. Schweigend eilte er an den Meeresstrand; dort aber erhob er seine Hände zu dem Gotte, dem er diente, und flehte ihn an: »Höre mich, Smintheus, der du zu Chryse, Killa und Tenedos herrschest! Wenn ich je dir deinen Tempel zum Wohlgefallen geschmückt und dir auserlesene Opfer dargebracht habe, so vergilt jetzt den Achivern mit dem Geschosse!«

So betete er laut: und Apollo erhörte seine Bitte. Zorn im Herzen, verließ er den Olymp, Bogen und Köcher mit den hallenden Pfeilen auf der Schulter, so wandelte er einher wie die düstere Nacht; dann setzte er sich in einiger Entfernung von den griechischen Schiffen nieder und schnellte Pfeil um Pfeil ab, daß sein silberner Bogen grauenvoll erklang. Wen aber sein unsichtbarer Pfeil traf, der starb den plötzlichen Tod der Pest. Anfangs nun erlegte er im Lager nur Maultiere und Hunde, bald aber wandte er sein Geschoß auch gegen die Menschen, daß einer um den andern dahinsank und bald die Totenfeuer unaufhörlich aus den Scheiterhaufen loderten. Neun Tage lang wütete die Pest im griechischen Heere. Am zehnten Tage berief Achill, dem die Beschirmerin der Griechen, Hera, es ins Herz gelegt, eine Volksversammlung, nahm das Wort und riet, einen der Opferpriester, Seher oder Traumdeuter im Heere zu befragen, durch welche Opfer der Eifer Phöbos Apollos besänftigt und das Unheil abgewendet werden könne.

Hierauf stand der weiseste Vogelschauer im Heere, der Seher Kalchas, auf und erklärte, den Zorn des fernhintreffenden Gottes deuten zu wollen, wenn ihm der Held Achill Schutz zuspräche. Der Sohn des Peleus hieß ihn getrost sein, und Kalchas sprach: »Keine versäumte Gelübde oder Hekatomben haben den Gott erzürnt. Er ist ergrimmt über die Mißhandlung seines Priesters durch Agamemnon und wird seine Hand zu unserm Verderben nicht zurückziehen, bis das Mägdlein dem erfreuten Vater zurückgegeben und ohne Entgelt mit einem hundertfachen Sühnopfer nach Chryse heimgeführt wird. Nur auf diese Weise möchten wir die Gnade des Gottes wiedergewinnen.«

Im Blute des Königes Agamemnon kochte es bei diesen Worten des Sehers; sein Auge funkelte, und er begann mit drohendem Blicke: »Unglücksseher, der noch nie ein Wort gesprochen, das mir Gedeihen gebracht hätte, auch jetzt beredest du das Volk, der Fernhintreffer habe uns die Pest gesandt, weil ich das Lösegeschenk für die Tochter des Chryses verworfen habe. Wahr ist’s, ich behielte sie gern in meinem Hause; denn sie ist mir lieber als selbst Klytämnestra, das Weib meiner Jugend, und stehet ihr an Wuchs, Schönheit, Geist und Kunst nicht nach! Dennoch will ich sie eher zurückgeben, als daß ich das Volk verderben sehe. Aber ich verlange ein anderes Ehrengeschenk zum Ersatze für sie!«

Nach dem Könige nahm Achill das Wort. »Ich weiß nicht, ruhmvoller Atride«, sprach er, »welches Ehrengeschenk deine Habsucht von den Achivern verlangt. Wo ist denn noch viel Gemeinschaftliches aufgespeichert? Alle Beute aus den eroberten Städten ist längst verteilt, und den einzelnen kann man doch das Ausgeteilte nicht wieder nehmen! Darum entlaß die Tochter des Priesters! Wenn uns dereinst Zeus die Eroberung Trojas gönnt, so wollen wir dir den Verlust drei- und vierfach ersetzen!« »Tapferer Held«, rief ihm der König zu, »sinne nicht auf Trug! Meinst du, ich werde deinem Befehle folgen und mein Geschenk hergeben, während du das deinige behältst? Nein. Geben mir die Griechen keinen Ersatz, so gehe ich hin, mir einen aus eurer Beute zu holen, sei es ein Ehrengeschenk des Ajax oder des Odysseus oder auch das deinige, Pelide; möget ihr dann noch so sehr zürnen. Doch davon reden wir ein andermal. Jetzt aber immerhin ein Schiff und die Hekatombe gerüstet; sie selbst, die rosige Tochter des Chryses, möget ihr einschiffen, und einer der Fürsten, meinethalb du, Achill, mag das Schiff befehligen!«

Finster entgegnete Achill: »Schamloser, selbstsüchtiger Fürst, wie mag dir nur ein Grieche noch gehorchen! Ich selbst, dem die Trojaner nichts zuleide getan haben, bin dir nur gefolgt, um deinen Bruder Menelaos dir rächen zu helfen. Und das achtest du nun nicht, sondern willst mir mein Ehrengeschenk entreißen, das ich mir mit meinem Schweiße errungen und die Griechen mir geschenkt haben! Bekam ich doch nach keiner Städteeroberung je ein so herrliches Geschenk wie du; die schwerste Last des Kampfes hatte mein Arm stets zu tragen, aber wenn es zur Teilung kommt, trägst du das Beste davon, und ich kehre streitmüde und mit wenigem vergnügt zu den Schiffen zurück! Jetzt aber gehe ich heim nach Phthia; versuch es und häufe dir Güter und Schätze ohne mich!«

»Fliehe nur, wenn dir’s dein Herz gebeut«, rief ihm Agamemnon zu, »ich habe genug Helden ohne dich, du bist doch einer der zanksüchtigsten! Aber wisse, die Tochter des Chryses erhält zwar ihr Vater wieder, ich dagegen hole mir selbst die liebliche Brisëis aus deinem Zelte, damit du lernest, wieviel ich höher als du sei, und keiner mehr es wage, mir ins Antlitz zu trotzen, wie du tust!« Achill entbrannte, sein Herz ratschlagte unter seiner Männerbrust, ob er das Schwert ziehen und den Atriden auf der Stelle niederhauen oder seinen Zorn beherrschen solle. Da stand plötzlich unsichtbar hinter ihm die Göttin Athene, enthüllte sich ihm allein, indem sie ihn am braunen Lockenhaar faßte und sprach flüsternd: »Fasse dich, zücke das Schwert nicht, schelten magst du immerhin. Wenn du mir gehorchst, verspreche ich dir dreifache Gabe!«

Auf diese Mahnung hemmte Achill seine Rechte am silbernen Hefte seines Schwertes und stieß es in die Scheide zurück; aber seinen Worten ließ er freien Lauf. »Unwürdiger«, sprach er, »wann hat dein Herz dir eingegeben, mit den Edelsten Griechenlands in einen Hinterhalt zu ziehen oder in offener Schlacht zuvorderst zu kämpfen? Viel bequemer dünkt es dir, hier im Heereslager sein Geschenk dem zu entwenden, der es wagt, dir zu widersprechen! Aber ich schwöre dir bei diesem Fürstenzepter, so gewiß er nie wieder als Baumast grünen wird: hinfort siehest du den Sohn des Peleus nicht mehr in der Schlacht; umsonst wirst du Rettung suchen, wenn der männermordende Hektor die Griechen scharenweise niederwirft; umsonst wird alsdann an deiner Seele der Gram fressen, daß du den edelsten der Danaer keiner Ehre wert geachtet hast!« So sprach Achill, warf seinen Zepter auf die Erde und setzte sich nieder. Vergebens suchte der ehrwürdige Nestor die Streitenden mit milder Rede zu versöhnen. Endlich rief Achill, sich aus der Versammlung erhebend, dem Könige zu: »Tue, was du willst, nur mute mir keinen Gehorsam zu. Nie werde ich des Mägdleins wegen gegen dich oder andere die Arme zum Streit erheben. Ihr gabet sie mir, ihr könnt sie mir auch wieder nehmen. Aber laß dir nicht einfallen, das mindeste sonst bei meinen Schiffen anzutasten, wenn du nicht willst, daß dein Blut von meiner Lanze triefe!«

Die Versammlung trennte sich. Agamemnon ließ die Tochter des Chryses und die Hekatombe zu Schiffe bringen, und Odysseus führte beide ihrer Bestimmung zu. Dann aber berief der Atride die Herolde Talthybios und Eurybates und befahl ihnen, die Tochter des Brises aus dem Zelte des Peliden zu holen. Die Herolde gingen ungerne, jedoch dem drohenden Wort ihres Herrschers gehorchend zum Schiffslager. Sie fanden den Achill vor seinem Zelte sitzend, und er wurde ihres Anblickes nicht fröhlich; sie selbst aber wagten vor Scheu und Ehrfurcht nicht, zu verkündigen, weswegen sie kämen. Aber Achill hatte es ihnen im Geiste schon abgelauscht. »Freude sei mit euch«, rief er ihnen zu, »ihr Herolde des Zeus und der Menschen! Nahet euch immerhin; nicht ihr traget die Schuld eurer Forderung, sondern Agamemnon. Wohlan denn, Freund Patroklos, führe die Jungfrau heraus und übergib sie ihnen. Aber sie selbst sollen mir Zeugen sein vor den Göttern, den Menschen und jenem Wüterich: wenn man je wieder meiner Hilfe bedarf, so ist es nicht meine Schuld, sondern die Schuld des Atriden, wenn ich nicht erscheine.«

Patroklos brachte das Mädchen, die den Herolden widerstrebend folgte; denn sie hatte ihren milden Herrn liebgewonnen. Achill aber setzte sich weinend an den Strand, schaute hinunter in die dunkle Meeresflut und flehte seine Mutter Thetis um Hilfe an. Da ertönte ihre Stimme aus der Tiefe: »Wehe mir, mein Kind, daß ich dich gebar; so kurz währet dein Leben, und nun sollst du auch noch soviel Tränen und Kränkung erfahren! Aber ich selbst gehe hinauf zum Donnerer und flehe für dich um Hilfe. Zwar ist er gestern zum Mahle der frommen Äthiopier an den Strand des Okeanos gegangen, und erst nach zwölf Tagen wird er wiederkehren; dann aber eile ich hinauf zu ihm und umfasse ihm die Knie. So lange setze du dich zu deinen Schiffen, zürne den Danaern und enthalte dich des Krieges.« Achill verließ mit der Antwort seiner Mutter im Herzen den Strand und setzte sich grollend, mit verschlungenen Armen, in seinem Zelte nieder.

Inzwischen war Odysseus mit dem Schiffe zu Chryse angekommen und übergab dem freudig überraschten Vater sein holdseliges Kind. Dankbar hob Chryses seine Hände gen Himmel und flehte zu Phöbos um Abwendung der Plage, die er den Griechen zugesandt, und in diesem Augenblicke hörte die Pest unter dem griechischen Heere auf, und als Odysseus mit dem Schiffe ins Lager der Griechen zurückkam, fand er diese des Übels ledig.

Der zwölfte Tag, seit Achill sich in seine Lagerstätte zurückgezogen hatte, war angebrochen, und Thetis hatte ihr Versprechen nicht vergessen. Im frühesten Morgennebel tauchte sie aus dem Meere und stieg empor zum Olymp. Hier fand sie auf der höchsten Kuppe des gezackten Berges, abseits von den andern Göttern, den wartenden Zeus gelagert, setzte sich zu ihm, und mit der Linken seine Knie umschlingend, mit der Rechten nach der Sitte Flehender sein Kinn berührend, sprach sie zu ihm: »Vater Zeus, wenn ich dir je mit Worten oder Taten gedient habe, so gewähre mir mein Verlangen: Ehre meinen Sohn, dem vom Geschicke so früh zu welken bestimmt ist; Agamemnon hat ihn jetzt eben aufs tiefste gekränkt und ihm das Ehrengeschenk entzogen, das er selbst erbeutet hatte. Deswegen bitte ich dich, Göttervater, gib den Trojanern so lange den Sieg, bis die Griechen meinem Sohne wieder die verdiente Ehre erweisen!« Lange blieb Zeus unbeweglich und schweigend. Aber Thetis schmiegte sich ihm immer fester ans Knie und flüsterte: »So gewähre mir doch meine Bitte, Vater, oder verweigere sie mir rundweg, damit ich es wisse, ob ich mehr als alle andere Götter einer Ehre von dir gewürdigt werde!« So nötigte sie endlich den Vater der Götter zu der unmutigen Antwort: »Es ist nicht zum Heile, daß du mich zwingst, mit der Göttermutter Hera zu hadern, die ohnehin mir immer zuwider ist. Eile nur hinweg, daß sie dich nicht bemerke, und es genüge dir der Wink meines Hauptes, welcher der untrüglichsten Verheißung gleich ist.« So sprechend, nickte Zeus mit den Augenbrauen, und die Höhen des Olymps erbebten von dem Nicken seines Hauptes. Zufrieden fuhr Thetis hinab zur Meerestiefe. Hera aber, welche die Ratschlagung ihres Gemahles mit der Göttin wohl beachtet hatte, trat heran zu Zeus und reizte ihn mit Vorwürfen. Doch dieser antwortete der Göttin ruhig: »Getraue dir nicht, einzusehen, was ich beschließe; schweig und gehorche meinem Gebote!« Da erschrak Hera vor dem Wort ihres Gemahls, des Götter- und Menschenvaters, und wagte nicht weiter, Einsprache gegen seinen Entschluß zu tun.

Dädalos und Ikaros



Dädalos und Ikaros

Auch Dädalos aus Athen war ein Erechthide, ein Sohn des Metion, ein Urenkel des Erechtheus. Er war der kunstreichste Mann seiner Zeit, Baumeister, Bildhauer und Arbeiter in Stein. In den verschiedensten Gegenden der Welt wurden Werke seiner Kunst bewundert, und von seinen Bildsäulen sagte man, sie leben, gehen und sehen und seien für kein Bild, sondern für ein beseeltes Geschöpf zu halten. Denn während an den Bildsäulen der früheren Meister die Augen geschlossen waren und die Hände, von den Seiten des Körpers nicht getrennt, schlaff herunterhingen, war er der erste, der seinen Bildern offene Augen gab, sie die Hände ausstrecken und auf schreitenden Füßen stehen ließ. Aber so kunstreich Dädalos war, so eitel und eifersüchtig war er auch auf seine Kunst, und diese Untugend verführte ihn zum Verbrechen und trieb ihn ins Elend. Er hatte einen Schwestersohn namens Talos, den er in seinen eigenen Künsten unterrichtete und der noch herrlichere Anlagen zeigte als sein Oheim und Meister. Noch als Knabe hatte Talos die Töpferscheibe erfunden; den Kinnbacken einer Schlange, auf den er irgendwo gestoßen, gebrauchte er als Säge und durchschnitt mit den gezackten Zähnen ein kleines Brettchen; dann ahmte er dieses Werkzeug in Eisen nach, in dessen Schärfe er eine Reihe fortlaufender Zähne einschnitt, und wurde so der gepriesene Erfinder der Säge. Ebenso erfand er das Drechseleisen, indem er zuerst zwei eiserne Arme verband, von welchen der eine stillestand, während der andere sich drehte. Auch andere künstliche Werkzeuge ersann er, alles ohne die Hilfe seines Lehrers, und erwarb sich damit hohen Ruhm. Dädalos fing an zu befürchten, der Name des Schülers möchte größer werden als der des Meisters; der Neid übermannte ihn, und er brachte den Knaben hinterlistig um, indem er ihn von Athenes Burg herabstürzte. Während Dädalos mit seinem Begräbnisse beschäftigt war, wurde er überrascht; er gab vor, eine Schlange zu verscharren. Dennoch wurde er vor dem Gerichte des Areopagos wegen eines Mordes angeklagt und schuldig befunden. Er entwich nun und irrte anfangs flüchtig in Attika umher, bis er weiter nach der Insel Kreta floh. Hier fand er bei dem Könige Minos eine Freistätte, ward dessen Freund und als berühmter Künstler hoch angesehen. Er wurde von ihm auserwählt, um dem Minotauros, einem Ungeheuer von abscheulicher Abkunft, der ein Doppelwesen war, das vom Kopfe bis an die Schultern die Gestalt eines Stieres hatte, im übrigen aber einem Menschen glich, einen Aufenthalt zu schaffen, wo das Ungetüm den Augen der Menschen ganz entrückt würde. Der erfindsame Geist des Dädalos erbaute zu dem Ende das Labyrinth, ein Gebäude voll gewundener Krümmungen, welche Augen und Füße des Betretenden verwirrten. Die unzähligen Gänge schlangen sich ineinander wie der verworrene Lauf des geschlängelten phrygischen Flusses Mäander, der in verzweifelndem Gange bald vorwärts-, bald zurückfließt und oft seinen eigenen Wellen entgegenkommt. Als der Bau vollendet war und Dädalos ihn durchmusterte, fand sich der Erfinder selbst mit Mühe zur Schwelle zurück, ein so trügerisches Irrsal hatte er gegründet. Im innersten dieses Labyrinthes wurde der Minotauros gehegt, und seine Speisen waren sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen, die, vermöge alter Zinsbarkeit, alle neun Jahre von Athen dem Könige Kretas zugesandt werden mußten.

Indessen wurde dem Dädalos die lange Verbannung aus der geliebten Heimat doch allmählich zur Last, und es quälte ihn, bei dem tyrannischen und selbst gegen seinen Freund mißtrauischen Könige sein ganzes Leben auf einem vom Meere rings umschlossenen Eilande zubringen zu sollen. Sein erfinderischer Geist sann auf Rettung. Nachdem er lange gebrütet, rief er endlich ganz freudig aus: »Die Rettung ist gefunden; mag mich Minos immerhin von Land und Wasser aussperren, die Luft bleibt mir doch offen; soviel Minos besitzt, über sie hat er keine Herrschergewalt. Durch die Luft will ich davongehen!« Gesagt, getan. Dädalos überwältigte mit seinem Erfindungsgeiste die Natur. Er fing an, Vogelfedern von verschiedener Größe so in Ordnung zu legen, daß er mit der kleinsten begann und zu der kürzeren Feder stets eine längere fügte, so daß man glauben konnte, sie seien von selbst ansteigend gewachsen. Diese Federn verknüpfte er in der Mitte mit Leinfäden, unten mit Wachs. Die so vereinigten beugte er mit kaum merklicher Krümmung, so daß sie ganz das Ansehen von Flügeln bekamen. Dädalos hatte einen Knaben namens Ikaros. Dieser stand neben ihm und mischte seine kindischen Hände neugierig unter die künstliche Arbeit des Vaters; bald griff er nach dem Gefieder, dessen Flaum von dem Luftzuge bewegt wurde, bald knetete er das gelbe Wachs, dessen der Künstler sich bediente, mit Daumen und Zeigefinger. Der Vater ließ es sorglos geschehen und lächelte zu den unbeholfenen Bemühungen seines Kindes. Nachdem er die letzte Hand an seine Arbeit gelegt hatte, paßte sich Dädalos selbst die Flügel an den Leib, setzte sich mit ihnen ins Gleichgewicht und schwebte leicht wie ein Vogel empor in die Lüfte. Dann, nachdem er sich wieder zu Boden gesenkt, belehrte er auch seinen jungen Sohn Ikaros, für den ein kleineres Flügelpaar gefertigt und bereit lag. »Flieg immer, lieber Sohn«, sprach er, »auf der Mittelstraße, damit nicht, wenn du den Flug zu sehr nach unten senktest, die Fittiche ans Meerwasser streifen und von Feuchtigkeit beschwert dich in die Tiefe der Wogen hinabziehen, oder wenn du dich zu hoch in die Luftregion verstiegest, dein Gefieder den Sonnenstrahlen zu nahe komme und plötzlich Feuer fange. Zwischen Wasser und Sonne fliege dahin, immer nur meinem Pfade durch die Luft folgend.« Unter solchen Ermahnungen knüpfte Dädalos auch dem Sohne das Flügelpaar an die Schultern, doch zitterte die Hand des Greisen, während er es tat, und eine bange Träne tropfte ihm auf die Hand. Dann umarmte er den Knaben und gab ihm einen Kuß, der auch sein letzter sein sollte.

Jetzt erhoben sich beide mit ihren Flügeln. Der Vater flog voraus, sorgenvoll wie ein Vogel, der eine zarte Brut zum erstenmal aus dem Neste in die Luft fährt. Doch schwang er besonnen und kunstvoll das Gefieder, damit der Sohn es ihm nachtun lernte, und blickte von Zeit zu Zeit rückwärts, um zu sehen, wie es diesem gelänge. Anfangs ging es ganz gut. Bald war ihnen die Insel Samos zur Linken, bald Delos und Paros, die Eilande, vorüberflogen. Noch mehrere Küsten sahen sie schwinden, als der Knabe Ikaros, durch den glücklichen Flug zuversichtlich gemacht, seinen väterlichen Führer verließ und in verwegenem Übermute mit seinem Flügelpaar einer höheren Zone zusteuerte. Aber die gedrohte Strafe blieb nicht aus. Die Nachbarschaft der Sonne erweichte mit allzukräftigen Strahlen das Wachs, das die Fittiche zusammenhielt, und ehe es Ikaros nur bemerkte, waren die Flügel aufgelöst und zu beiden Seiten den Schultern entsunken. Noch ruderte der unglückliche Jüngling und schwang seine nackten Arme; aber er bekam keine Luft zu fassen, und plötzlich stürzte er in die Tiefe. Er hatte den Namen seines Vaters als Hilferuf auf den Lippen; doch ehe er ihn aussprechen konnte, hatte ihn die blaue Meeresflut verschlungen. Das alles war so schnell geschehen, daß Dädalos, hinter sich nach seinem Sohne, wie er von Zeit zu Zeit zu tun gewohnt war, blickend, nichts mehr von ihm gewahr wurde. »Ikaros, Ikaros!« rief er trostlos durch den leeren Luftraum: »Wo, in welchem Bezirke der Luft soll ich dich suchen?« Endlich sandte er die ängstlich forschenden Blicke nach der Tiefe. Da sah er im Wasser die Federn schwimmen. Nun senkte er seinen Flug und ging, die Flügel abgelegt, ohne Trost am Ufer hin und her, wo bald die Meereswellen den Leichnam seines unglücklichen Kindes ans Gestade spülten. Jetzt war der ermordete Talos gerächt. Der verzweifelnde Vater sorgte für das Begräbnis des Sohnes. Es war eine Insel, wo er sich niedergelassen und wo der Leichnam ans Ufer geschwemmt worden war. Zum ewigen Gedächtnis an das jammervolle Ereignis erhielt das Eiland den Namen Ikaria.

Als Dädalos seinen Sohn begraben hatte, fuhr er von dieser Insel weiter nach der großen Insel Sizilien. Hier herrschte der König Kokalos. Wie einst bei Minos auf Kreta fand er bei ihm gastliche Aufnahme, und seine Kunst setzte die Einwohner in Erstaunen. Noch lange zeigte man da einen künstlichen See, den er gegraben und aus dem ein breiter Fluß sich in das benachbarte Meer ergoß; auf den steilsten Felsen, der nicht zu erstürmen war und wo kaum ein paar Bäume Platz zu haben schienen, setzte er eine feste Stadt und führte zu ihr einen so engen und künstlich gewundenen Weg empor, daß drei oder vier Männer hinreichten, die Feste zu verteidigen. Diese unbezwingliche Burg wählte dann der König Kokalos zur Aufbewahrung seiner Schätze. Das dritte Werk des Dädalos auf der Insel Sizilien war eine tiefe Höhle. Hier fing der den Dampf unterirdischen Feuers so geschickt auf, daß der Aufenthalt in einer Grotte, die sonst feucht zu sein pflegte, so angenehm war wie in einem gelinde geheizten Zimmer und der Körper allmählich in einen wohltätigen Schweiß kam, ohne dabei von der Hitze belästigt zu werden. Auch den Aphroditentempel auf dem Vorgebirge Eryx erweiterte er und weihte der Göttin eine goldene Honigzelle, die mit der größten Kunst ausgearbeitet war und einer wirklichen Honigwabe täuschend ähnlich sah.

Nun erfuhr aber König Minos, dessen Insel der Baumeister heimlich verlassen hatte, daß Dädalos sich nach Sizilien geflüchtet habe, und faßte den Entschluß, ihn mit einem gewaltigen Kriegsheere zu verfolgen. Er rüstete eine ansehnliche Flotte aus und fuhr damit von Kreta nach Agrigent. Hier schiffte er seine Landtruppen aus und schickte Botschaften an den König Kokalos, welche die Auslieferung des Flüchtlings verlangen sollten. Aber Kokalos war über den Einfall des fremden Tyrannen entrüstet und sann auf Mittel und Wege, ihn zu verderben. Er stellte sich an, als ginge er auf die Absichten des Kreters ganz ein, versprach ihm in allem zu willfahren, und lud ihn zu dem Ende zu einer Zusammenkunft ein. Minos kam und wurde mit großer Gastfreundschaft von Kokalos aufgenommen. Ein warmes Bad sollte ihn von der Ermüdung des Weges heilen. Als er aber in der Wanne saß, ließ Kokalos diese so lange heizen, bis Minos in dem siedenden Wasser erstickte. Die Leiche überließ der König von Sizilien den Kretern, die mit ihm gekommen waren, unter dem Vorgeben, der König sei im Bade ausgeglitten und in das heiße Wasser gefallen. Hierauf wurde Minos von seinen Kriegern mit großer Pracht bei Agrigent bestattet und über seinem Grabmal ein offener Aphroditentempel erbaut. Dädalos blieb bei dem Könige Kokalos in ununterbrochener Gunst; er zog viele und berühmte Künstler und wurde der Gründer seiner Kunst auf Sizilien. Glücklich aber war er seit dem Sturze seines Sohnes Ikaros nicht mehr, und während er dem Lande, das ihm Zuflucht gewährt hatte, ein heiteres und lachendes Ansehen durch die Werke seiner Hand verlieh, durchlebte er selbst ein kummervolles und trübsinniges Alter. Er starb auf der Insel Sizilien und wurde dort begraben.

Aufruhr in der Stadt durch Athene gestillt



Aufruhr in der Stadt durch Athene gestillt

In der Stadt Ithaka eilte inzwischen das Gerücht durch alle Straßen und verkündigte das grausame Verhängnis, das die Freier getroffen hatte. Von allen Seiten her drängten sich jetzt die Blutsverwandten der Gefallenen nach dem Palaste des Odysseus, wo sie an einer abgelegenen und abgesonderten Stelle des Hofes die Leichname der Ihrigen aufgeschichtet fanden. Unter lauten Wehklagen, darein sich Drohungen mischten, trugen sie die Toten, ein jeder den Seinigen, hinaus und bestatteten sie; die aber aus andern Städten und Inseln waren, wurden auf schnellen Fischerkähnen in ihre Heimat gesendet. Dann versammelten sich die Väter, Brüder und Anverwandten der Freier insgesamt auf dem Markte, und in der zahlreichen Volksversammlung trat Eupeithes auf. Dies war der Vater des Antinoos, des jugendlichsten und trotzigsten Freiers, des ersten, der von Odysseus‘ Pfeile gefallen war. Der Vater war ein mächtiger, hochangesehener, noch rüstiger Mann, dem unheilbarer Schmerz um den Tod seines Sohnes an der Seele nagte. Dieser vergoß Tränen vor dem Volke und sprach: »Freunde, gedenket an das mannigfaltige Unglück, das der Mann, den ich vor euch verklage, über Ithaka und die Nachbarstädte gebracht hat! Vor zwanzig Jahren entführte er uns so viele und so tapfere Männer auf seinen Schiffen, verlor die Schiffe, verlor die Genossen. Endlich allein wieder heimgekehrt, hat er die edelsten Jünglinge unseres Volksstamms erschlagen. Auf denn, ehe sich der Verbrecher hinüber auf die Pelopsinsel nach Pylos oder Elis rettet; folget ihm nach, ergreifet ihn! Wir könnten sonst vor Schmach die Augen nicht wieder aufschlagen, ja für unsere spätesten Geschlechter wäre es noch eine Schande, wenn wir, ihre Ahnen, die Mörder unserer leiblichen Söhne und Brüder nicht bestraft hätten. Ich wenigstens könnte nicht mehr mit gutem Gewissen leben: über ein kurzes, so zöge der Schatten des Sohnes mich zu sich hinab! Darum ihnen nach, wenn ihr Männer seid! Greifen wir Vater und Sohn, ehe sie uns übers Meer entrinnen!«

Erbarmen ergriff die ganze Versammlung, als sie den Mann unter Tränen so reden hörten. In diesem Augenblicke kamen aus des Königes Palaste Phemios der Sänger und der Herold Medon gewandelt und traten auf dem Markt in den Kreis der Versammelten. Die Männer staunten nicht wenig, die beiden längst auch verloren Geachteten noch am Leben zu sehen. Hierauf erbat sich Medon der Herold das Wort und sprach zu dem versammelten Volk: »Männer von Ithaka, höret meine Rede! Was Odysseus vollbracht hat, das hat er, ich kann es euch beschwören, nicht ohne den Ratschluß der Unsterblichen vollendet. Ich selbst habe den Gott gesehen, der ihm in Mentors Gestalt immer zur Seite war und bald dem Odysseus das Herz kräftigte, bald umhertobend im Saale die Besinnung der Freier zerrüttete. Das Werk dieses Gottes ist es, daß sie sterbend übereinandertaumelten.«

Entsetzen ergriff das versammelte Volk, wie es den Herold so sprechen hörte. Als der erste Eindruck vorüber war, nahm ein ergrauter Held, Halitherses, der Sohn Mastors, der allein unter allen auf die Vergangenheit zurückzublicken und hinüberzuschauen in die Zukunft verstand, in der Versammlung das Wort und sprach: »Höret, ihr Einwohner von Ithaka, was ich euch zu Gemüte führen will. Ihr selbst seid schuld an allem, was geschehen ist. Warum waret ihr so träge, warum habt ihr meinen und Mentors Rat nicht befolgt und habt eure üppigen Söhne nicht im Zaume gehalten, als sie Tag für Tag hingingen, dem abwesenden Manne sein Gut verpraßten und unwürdige Forderungen an seine Gemahlin richteten, als käme er nimmermehr zurück? Ihr selbst habt euch alles dasjenige zuzuschreiben, was jetzt im Palaste vorgefallen ist. Und wenn ihr klug seid, so werdet ihr mitnichten den Mann verfolgen, der sich nur der Feinde seines Hauses erwehrt hat. Tut ihr es, so komme das Unheil über euch, das ihr euch selbst herbeiziehet.«

Halitherses trat unter das Volk zurück, und unter der Versammlung entstand Getümmel und Zwiespalt. Die eine Hälfte erhob sich zornig und stürmisch, die andere beharrte bei der Beratung. Die aufgeregte Hälfte hielt es mit den Vorschlägen des Eupeithes; dieser Teil der Bürger warf sich in die Rüstungen, kam auf dem Blachfelde vor der Stadt zusammen, und nun stellte sich Eupeithes an die Spitze der Heerschar und machte sich mit ihr auf, den Tod seines Sohnes und der andern Freier zu rächen.

Sobald Pallas Athene vom Olymp herab den Auszug dieses Haufens gewahr wurde, trat sie vor ihren Vater Zeus und sprach: »Herr der Götter, eröffne mir, mit welchem Rate deine Weisheit sich trägt. Willst du die ruhigen Einwohner Ithakas durch Krieg und Zwietracht züchtigen, oder gedenkst du den Streit beider Parteien im Frieden beizulegen?« »Was willst du schon Beschlossenes erforschen, Tochter!« antwortete Zeus, »hast du nicht selbst mit meinem Willen den Beschluß gefaßt und vollzogen, daß Odysseus endlich als ein Rächer in seine Heimat zurückkehre? Nachdem dir dieses gewährt worden ist, so tue auch ferner, was dir gefällt; willst du aber mein Gutdünken wissen, so ist es dieses: Nachdem Odysseus die Freier gestraft hat, werde ein heiliger Bund beschworen, und er sei und bleibe ihr König für immer. Uns aber laß dafür sorgen, daß aus dem Geist aller Beteiligten die Ermordung ihrer Söhne und ihrer Brüder vertilgt werde; gegenseitige Liebe soll unter allen herrschen wie zuvor; Einigkeit und Wohlstand sollen unerschüttert bleiben.« Diese Entscheidung war der Göttin hochwillkommen. Sie verließ das Felsenhaupt des Olymp, durchflog die Luft und ließ sich auf der Insel Ithaka nieder.

Ausbruch des Kampfes – Protesilaos – Kyknos



Zweites Buch

Ausbruch des Kampfes – Protesilaos – Kyknos

Die Griechen waren noch mit dem Geleite des Königes Telephos beschäftigst, als die Tore Trojas sich auftaten und die völlig gerüstete Heeresmacht der Trojaner unter Hektors Anführung sich über die Skamandrische Ebene ergoß und ohne Widerstand gegen die Schiffe der sorglosen Achiver anrückte. Die Äußersten im Schiffslager, die zuerst zerstreut zu den Waffen griffen und den heranziehenden Feinden entgegeneilten, wurden von der Übermacht erdrückt. Doch hielt das Gefecht mit ihnen die Heerschar der Trojaner so lange auf, daß die Griechen im Lager sich sammeln und auch ihrerseits in einem geordneten Heerhaufen den Feinden entgegentreten konnten. Da gestaltete sich nun die Schlacht ganz ungleich. Denn wo Hektor selbst zugegen war, gewannen die Trojaner die Oberhand, in die Schlachtreihen aber, die ferne von ihm fochten, drangen die Griechen siegreich ein. Der erste namhafte Held unter den Griechen, der von der Hand des trojanischen Fürsten Äneas in dieser Schlacht fiel, war Protesilaos, des Iphiklos Sohn. Als verlobter Jüngling war er gen Troja gezogen und der erste Grieche, der bei der Landung ans Ufer sprang: so sollte er auch als das erste Heldenopfer fallen, und seine Braut Laodameia, die holdselige Tochter des Argonauten Akastos, sollte den Bräutigam, den sie mit banger Sorge in den Krieg hatte ziehen lassen, nicht wieder erblicken.

Noch war Achill vom Kampfplatz entfernt. Er hatte dem Mysier, den er einst mit dem Speere verwundet und jetzt mit dem Speere geheilt hatte, das Geleite ans Meer gegeben und sah nachdenklich dem Schiffe nach, das sich in die ferne Flut vertiefte. Da kam sein Freund und Kampfgeselle Patroklos auf ihn zugeeilt, faßte ihn bei der Schulter und rief. »Wo weilst du, Freund? Die Griechen bedürfen deiner. Der erste Kampf ist entbrannt: des Königes Priamos ältester Sohn Hektor rast an der Spitze der feindlichen Scharen wie ein Löwe, dessen Höhle Jäger umstellt haben. Äneas, der Eidam des Königes, hat aus der Mitte unserer Fürsten den edlen Protesilaos, der an Jugend und Mut dir glich, doch an Kraft dir nicht gleich war, erschlagen. Wenn du nicht kommst, so wird der Mord unter unsern Helden einreißen!« Aus seinen Träumen erwacht, blickte Achill hinter sich, sah den mahnenden Freund, und in diesem Augenblicke drang auch der Hall des Kampfgetümmels in sein Ohr. Da sprang er, ohne ein Wort zu erwidern, durch die Gassen des Schiffslagers seinem Zelte zu. Hier erst fand er die Sprache wieder, rief mit lauter Stimme seine Myrmidonen unter die Waffen und erschien mit ihnen wie ein donnerndes Wetter in der Schlacht. Seinem stürmischen Angriffe hielt selbst Hektor nicht stand. Zwei Söhne des Priamos erschlug er, und der Vater sah wehklagend von den Mauern herab den Tod seiner Kinder von des fürchterlichen Heldenjünglings Hand. Dicht an der Seite des Peliden kämpfte der Telamonier Ajax, dessen Riesenleib alle andern Danaer überragte; vor den Streichen der beiden Helden flohen die Trojaner wie eine Herde von Hirschen vor einer Hundekoppel daher; zuletzt wurde die Flucht der Feinde allgemein, und die Trojaner schlossen die Tore wieder hinter sich zu. Die Griechen aber begaben sich in Ruhe wieder zu ihren Schiffen und fuhren in Vollendung ihres Lagerbaues gemächlich fort. Achill und Ajax wurden von Agamemnon zu Wächtern der Schiffe bestimmt, und diese setzten wieder andere Helden zu Wächtern über einzelne Abteilungen der Flotte.

Alsdann wandten sie sich zum Begräbnisse des Protesilaos, legten den Leichnam auf einen schön geschmückten und aufgetürmten Scheiterhaufen und begruben seine Gebeine auf einer Halbinsel des Strandes unter schönen hohen Ulmbäumen. Noch waren sie mit der Bestattung nicht ganz fertig, als ein zweiter Überfall die sorglos Feiernden erschreckte.

In Kolonai bei Troja herrschte der König Kyknos, der, von einer Nymphe dem Meeresgotte Poseidon geboren, auf der Insel Tenedos wunderbarerweise von einem Schwan großgezogen worden war, daher er auch seinen Namen Kyknos, das heißt Schwan, bekommen hatte. Dieser war den Trojanern verbündet, und ohne besonders dazu von Priamos aufgefordert zu sein, hielt er sich verpflichtet, als er die Landung der fremden Kriegsvölker vor Troja gewahr wurde, seinen alten Freunden zu Hilfe zu kommen. Daher sammelte er in seinem Königreiche einen ansehnlichen Heerhaufen, legte sich in der Nähe des griechischen Schiffslagers in einen Hinterhalt und war mit seiner Schar eben erst in diesem Versteck angekommen, als die Griechen, aus dem ersten Treffen mit den Trojanern als Sieger zurückgekehrt, ihrem gefallenen Helden die letzte Ehre erwiesen. Während sie sorglos und nicht in der vollen Waffenrüstung um den Scheiterhaufen geschart standen, sahen sie sich plötzlich von Streitwagen und Bewaffneten umringt, und ehe sie sich nur besinnen konnten, ob der Boden die Streiter ausgespien habe oder woher sie sonst erschienen seien, hatte Kyknos mit seiner Heeresmacht ein furchtbares Blutbad unter den Griechen angerichtet.

Doch war nur ein Teil der Argiver bei der Leichenfeier des Protesilaos beschäftigt und zugegen. Die andern bei den Schiffen und in den Lagerhütten waren ihren Waffen näher und eilten, den Peliden Achill an der Spitze, den Ihrigen bald in voller Rüstung und in geschlossenen Kriegsreihen zu Hilfe. Ihr Anführer selbst stand auf dem Streitwagen, schrecklich anzuschauen, und seine todbringende Lanze traf mit ihrem Stoße bald diesen, bald jenen Kolonaier, bis er, in den Reihen der Schlacht nur den Feldherrn der Fremdlinge suchend, diesen im fernen Kampfgewühle an den gewaltigen Stößen erkannte, die er, auch auf einem hohen Streitwagen stehend, rechts und links an die Griechen austeilte. Dorthin lenkte der Held Achill seine schneeweißen Rosse, und als er nun dem Kyknos gegenüber auf dem Wagen stand, rief er, die bebende Lanze mit nervigem Arme schwingend: »Wer du auch seiest Jüngling! nimm diesen Trost mit in den Tod, daß du von dem Sohne der Göttin Thetis getroffen worden!« Diesem Ausruf folgte sein Geschoß. Aber so sicher er die Lanze abgezielt hatte, so rüttelte sie dem Sohne des Poseidon doch nur mit dumpfem Stoße an der Brust; und mit staunendem Blicke maß der Pelide seinen unverwundlichen Gegner. »Wundre dich nicht, Sohn der Göttin«, rief dieser ihm lächelnd zu; »nicht mein Helm, den du anzustaunen scheinst, oder mein hohler Schild in der Linken halten die Stöße von meinem Leibe ab; vielmehr trage ich diese Schutzwaffe als bloßen Zierat, wie auch wohl der Kriegsgott Ares zuweilen zum Scherze Waffen anzulegen pflegt, deren er doch gewiß nicht bedarf, seinen Götterleib zu schirmen. Wenn ich alle Bedeckung von mir werfe, so wirst du mir doch die Haut mit deinem Speere nicht ritzen können. Wisse, daß ich am ganzen Leibe fest wie Eisen bin und daß es etwas heißt, nicht etwa der Sohn einer Meernymphe zu sein, nein der geliebte Sohn dessen, der den Nereus und seinen Töchtern und allen Meeren gebeut. Erfahre, daß du dem Sohne Poseidons selbst gegenüberstehst!« Mit diesen Worten schleuderte er seinen Speer auf den Peliden und durchbohrte damit die Wölbung seines Schildes, so daß derselbe durch das Erz und die neun ersten Stierhäute der göttlichen Waffe hindurchdrang: erst in der zehnten Lage blieb das Wurfgeschoß stecken. Achill aber schüttelte den Speer aus dem Schilde und sandte dafür den seinigen gegen den Göttersohn ab. Aber der Leib des Feindes blieb unverwundet. Selbst das dritte Geschoß, das der Pelide absandte, blieb ohne Wirkung. Jetzt geriet Achill in Wut wie ein Stier im Tiergefechte, dem ein rotes Tuch vorgehalten wird und der mit den Hörnern in die Luft gestoßen hat. Noch einmal warf er die Lanze aus Eschenholz nach Kyknos, traf diesen auch wirklich an der linken Schulter und jubelte laut auf; denn die Schulter war blutig. Doch seine Freude war vergeblich, das Blut war nicht das Blut des Göttersohnes, es war der Blutstrahl des Menötes, eines neben Kyknos fechtenden und von anderer Hand getroffenen feindlichen Helden. Knirschend vor Wut, sprang jetzt Achill vom Wagen, eilte auf den Gegner zu und hieb mit gezücktem Schwerte auf ihn ein; aber selbst der Stahl prallte stumpf an dem zu Eisen gehärteten Körper ab. Da erhub Achill in der Verzweiflung den zehnhäutigen Schild und zerschlug dem unverwüstlichen Feinde, ganz auf ihn eingedrungen, drei-, viermal die Schläfe mit der Schildbuckel. Jetzt erst fing Kyknos an zu weichen, und Nebel schwamm ihm vor den Augen; er wandte seine Schritte rückwärts, strauchelte über einen Stein, darüber ergriff ihn Achill mit der Hand im Nacken und warf ihn vollends zu Boden. Dann stemmte er sich mit Schild und Knien auf die Brust des Liegenden und schnürte dem Feinde mit seinem eigenen Helmbande die Kehle zu.

Der Fall ihres göttlichen Führers nahm den Kolonaiern plötzlich den Mut; sie verließen den Kampfplatz in wilder Flucht, und bald war von dem ganzen Überfalle nichts mehr zu sehen als die vielen Leichen von Griechen und Barbaren, die auf dem Felde um den halbvollendeten Grabhügel des Protesilaos zerstreut umherlagen und den um viele der Ihrigen trauernden Argivern neue Arbeit machten.

Die Folge dieses Überfalls war, daß die Griechen in die Landschaft des erschlagenen Königes Kyknos einfielen und aus der Hauptstadt Mentora die Kinder desselben als Beute hinwegführten. Dann griffen sie das benachbarte Killa an, eroberten auch diese feste Stadt mit unermeßlicher Kriegsbeute und kehrten so beladen zu ihrem wohlbewachten Schiffslager zurück.

Ausbruch des Krieges. Äneas sucht bei Euander Hilfe



Ausbruch des Krieges. Äneas sucht bei Euander Hilfe

Ganz Italien, so ruhig und friedsam es vorher war, geriet in plötzlichen Brand. In allen Häusern wurden die Schilde geglättet, die Speere gespitzt, die Äxte am Schleifstein gewetzt; die Trompeten riefen zum Marsche, die Fahnen flatterten. Alle Männer griffen zu den Waffen, die einen zogen zu Fuß ins Feld, die andern wirbelten hoch zu Rosse den Staub des Weges auf, Streitwagen flogen hinter schnaubenden Pferden daher, die Ebenen glänzten von Gold und Eisen, von Panzer und Schwert. Aus allen Städten Hesperiens kamen die ersten Sprößlinge der alten Heldengeschlechter hervor, deren Ahnen zum Teile Götter und Göttersöhne waren. Unter den ersten schritt in männlicher Schönheit Turnus voran, seine herrlichen Waffen in der Hand, um einen ganzen Scheitel über die andern hervorragend. Ein dreifacher Busch wehte von seinem Helm, auf dessen Kuppel die glutatmende Chimära abgebildet war; auf seinem Schilde war in getriebener Arbeit Io abgebildet, wie sie eben zur Kuh wird, ihr Hüter Argus und ihr Vater Inachus, der den Strom aus der Urne gießt. Hinter Turnus und seinen Helden drängten sich die Latiner und Rutuler, Aurunker, Sikaner und eine Menge ausonischer Völkerschaften; beschildete Fußgänger, vor allen Mezentius mit seinem Sohne Lausus, Aventinus, der Sohn des Herkules und der Rhea, Katillus und Koras, die Brüder des Tiburtus aus Tibur, und viele andere; dann kam die Reiterei der Volsker, schimmernd in Erzpanzern, geführt von ihrer jungfräulichen Fürstin Kamilla. Diese hatte ihre weiblichen Hände nie an Minervas Rocken und Webstuhl gewöhnt, im rauhen Männerkampfe war sie aufgewachsen, auf ihrem flüchtigen Rosse hatte sie mit den Winden in die Wette laufen gelernt; sie flog so luftig dahin, daß sie über die Saatflur gesprengt wäre, ohne ein Hälmchen zu rühren, ohne eine Ähre zu knicken, und über die Meerflut, ohne die Sohlen zu netzen. Alt und jung blickte ihr verwundert nach, wie sie mit ihrer Schar durch Städte und Dörfer zog, den königlichen Purpur über die runden Schultern geworfen, das reiche Haar mit einer goldnen Nadel aufgebunden, Köcher und Bogen auf der Achsel und die scharfe Lanze in der Hand.

Diese gewaltigen Kriegsrüstungen erfüllten den Äneas und seine Trojaner mit schweren Sorgen. Da erschien jenem im Traume der Flußgott Tiberinus und stieg in meerblauem Kleide, die Haare mit einem Schilfkranze beschattet, zwischen Pappelstauden in Greisengestalt aus dem Strom empor. »Göttlicher Held«, sprach er, »verzage nicht! Der Groll der Himmlischen gegen dich ist verschwunden. Damit du nicht wähnest, ein nichtiges Traumbild zu schauen, will ich dir ein Zeichen sagen. Unter den Eichen des Ufers wirst du ein großes Mutterschwein liegend finden, das dreißig Frischlinge geboren hat: dort ist die Stelle, wo nach dreißig Jahren dein Sohn Askanius die verheißene Stadt Alba, Roms Mutterstadt, gründen wird. Für jetzt aber merke, wie du dich gegen die Gefahr zu schützen hast, die dich bedroht. Nicht weit von hier, im Tuskerlande, haben sich arkadische Pelasger, vom alten Könige Pallas abstammend, unter ihrem Fürsten Euander angesiedelt und auf einem hohen Hügel die Stadt Pallanteum nach dem Namen ihres Ahnherrn gegründet. Ob es gleich Griechen sind, so darfst du sie doch nicht scheuen, denn es sind unversöhnliche Feinde des Latinervolks. Mit diesen sollst du dich verbünden, und sie werden deine Kampfgenossen werden. Opfere der Göttermutter Juno, sobald du erwachst, und überwinde ihren Zorn durch Demut. Alsdann begib sich auf den Weg zu Euander.«

Der Gott verschwand, und der erwachte Äneas befolgte seinen Rat. Zwei Schiffe wurden aus der Flotte ausgewählt und mit auserlesenen Freunden bemannt. Noch ehe der Held mit ihnen abging, erfüllte sich das verkündigte Zeichen. Am Saume des Waldes, unter einer mächtigen Eiche, schneeweiß schimmernd, erblickte man ein Schwein mit dreißig Jungen. Der Mahnung des Stromgottes eingedenk, opferte Äneas die Mutter und ihre ganze Zucht der mächtigen Göttin Juno und versöhnte durch ein so herrliches Opfer ihr grollendes Herz. Dann schiffte er sich auf der Tiber ein, die, von dem Flußgotte gebändigt, glatt und eben dalag wie der Spiegel eines Landsees. Die Wellen selbst staunten und der Uferwald wunderte sich, als sie bunte Verdecke und Männer mit hellen Schilden den Strom fast ohne Ruderschlag heraufziehen sahen. Jene aber fuhren Tag und Nacht durch lange Krümmungen zwischen grünenden Hainen auf dem spiegelhellen Wasser dahin. Endlich am andern Morgen sahen sie von ferne Mauern, Häuser und eine Burg auf hohem Berge schimmern. Sogleich drehten sich ihre Schiffschnäbel dem Lande zu, wo der Berg, auf welchem die Stadt Pallanteum gelegen war, sich mit seinem Fuße in den Fluß verlor.

Es war gerade der Tag, an welchem der Arkadierkönig Euander, seinen Sohn Pallas an der Seite, mit dem Kleinen Rate seiner Stadt und den angesehensten Jünglingen in einem benachbarten Haine dem Herkules ein feierliches Opfer darbrachte. Der Weihrauch und das Blut dampfte auf den Altären, und das Opfermahl hatte schon begonnen. Als nun die Arkadier die hohen Schiffe zwischen den dunkeln Uferwäldern unter leisem Ruderschlage herbeischwimmen sahen, erschraken sie vor dem plötzlichen Anblicke und wollten den Schmaus verlassen. Doch der mutige Jüngling Pallas verbot ihnen, das Fest zu unterbrechen; er selbst ergriff seine Lanze, flog den Fremden entgegen und rief noch vom Hügel hinab: »Was führte euch auf diese ungewohnte Bahn, ihr Männer, woher seid ihr? Wohin trachtet ihr? Bringet ihr uns Krieg oder Frieden?« Äneas antwortete von dem hohen Verdecke seines Schiffes, indem er das Zeichen des Friedens, den Olivenzweig, hoch in der ausgestreckten Rechten hielt: »Trojaner siehest du, Jüngling; Männer, zum Kampfe mit den Latinern gerüstet, welche uns Flüchtlinge mit Waffengewalt aus ihrem Lande vertreiben wollen. Wir kommen zum Könige Euander, um ihn um sein Bündnis und um Hilfe zu bitten.« Als Pallas den großen Trojanernamen hörte, staunte er und rief in freudiger Bestürzung: »Willkommen, Gast, wer du auch seiest, tritt immerhin vor meinen Vater und nimm in unserer Wohnung fürlieb!«

Pallas hatte den Ausgestiegenen mit traulichem Handschlage begrüßt, und bald wiederholte der Held sein Gesuch vor dem Könige der Arkadier, ohne jedoch sich selbst zu nennen. Jener aber hatte Augen, Angesicht und Gestalt des Redenden lang mit Schärfe gemustert und erwiderte endlich: »Wie gern nehme ich dich auf, tapferer Sohn Trojas; dein Geschlecht, dein Name verbirgt sich mir nicht. Wort, Stimme und Gestalt deines großen Vaters Anchises steigt wieder in meiner Seele auf; wohl entsinne ich mich noch des Fürsten Priamus, als er, mit seinen Helden auf der Fahrt gen Salamis, das Reich seiner Schwester Hesione, der Gemahlin Telamons, zu besuchen, auch durch unser Arkadien gezogen kam. Mir sproßte damals der erste Flaum um die jungen Wangen, und mit Ehrfurcht betrachtete ich den König und die Häupter seines Volkes, vor allen aber den herrlichen Anchises. Ich konnte mein Verlangen nicht bezähmen, ihn anzureden und ihm meine Rechte darzubieten. Er folgte mir als Gastfreund in unsere Wohnung, und beim Abschied verehrte er mir Köcher und Pfeile, ein golddurchwirktes Kriegsgewand und zwei vergoldete Zäume, herrliche Gaben, die jetzt mein Sohn Pallas besitzt. Darum dürfet ihr euch zum voraus als meine Verbündeten betrachten, und morgen frühe schon sollt ihr, verstärkt durch unsern Beistand, nach eurem Lager zurückkehren. Unterdessen begehet mit uns dieses schöne Jahresfest, das wir nicht verschieben dürfen.« So sprach er, hieß die aufgeräumten Becher und Speisen wieder zurückbringen und die Trojaner auf den Rasenbänken Platz nehmen, den Äneas selbst aber führte er zu einem herrlichen gepolsterten Sessel aus Ahorn, über den ein zottiges Löwenfell gebreitet war. Der Priester des Altares und auserlesene Jünglinge brachten geröstete Stücke der Stiere herbei, häuften das Brot in Körben auf und reichten um die Wette Wein herum.

Den reichlichen Schmaus würzte der König Euander mit einer schönen Erzählung von der Veranlassung dieses Opfers, indem er mit den Fingern seinen Gästen eine Felsenkluft wies, in welcher der gräßliche Halbmensch Kakus, der Sohn des Vulkanus, gehaust, der dem Herkules die erbeutete Rinderherde des Riesen Geryones stahl und von jenem bezwungen wurde. Für den Sieg über dieses Untier brachten die dankbaren Arkadier noch immer dem Herkules als Schutzgott der Gegend ein Jahresopfer dar.

Über dieser Erzählung war der Abend herangerückt, und nach vollendetem Opfer begaben sich alle in die Stadt. Diese war nur klein; wer hätte ahnen können, daß einst die Weltstadt Rom an ihrer Stelle stehen sollte? denn die Arkadier waren ein ländliches Hirtenvolk und hatten aus ihrer Heimat keine Schätze mitgebracht. Aber Mut und nervige Arme konnten sie den Trojanern zum Beistand anbieten. Deswegen gefiel es dem Äneas doch in dem Hause Euanders, das mehr einer Hütte denn einem Palaste glich, und er sank auf einem weichen Blätterlager, über welches das zottige Fell eines Bären gebreitet war, in sanften Schlummer.

Auszug der Helden, Hypsipyle und Opheltes



Auszug der Helden, Hypsipyle und Opheltes

Auch die übrigen Helden rüsteten sich, und bald hatte Adrastos ein gewaltiges Heer um sich versammelt, das, in sieben Heerhaufen abgeteilt und von sieben Helden befehligt, unter dem Schalle der Zinken und Trompeten jauchzend und voll Hoffnung die Stadt Argos verließ. Aber schon auf dem Wege stellte sich das Unglück ein. Sie waren in den Wald von Nemea gelangt, wo alle Quellen, Flüsse und Seen ausgetrocknet waren und des Tages Hitze mit brennendem Durste sie quälte. Panzer und Schilde wurden ihnen zu schwer; der Staub, der sich von dem Zug auf der Straße erhob, setzte sich ihnen auf den dürren Gaumen, selbst ihren Rossen trocknete der Schaum von dem Maule hinweg, und sie bissen knirschend mit trockenen Nüstern in den Zaum. Während nun Adrastos nebst einigen Kriegern vom Heere vergebens nach Quellen die Waldungen durchirrte, stießen sie auf einmal auf ein trauerndes Weib von seltener Schöne, das einen Knaben an der Brust, mit wallenden Haaren und in ärmlicher Kleidung, doch mit königlicher Miene, unter dem Schatten eines Baumes saß. Der überraschte König glaubte nicht anders, als eine Nymphe des Waldes vor sich zu sehen, warf sich vor ihr auf ein Knie und flehte sie für sich und die Seinigen um Rettung aus der Not an, mit welcher der Durst sie bedrohe. Aber die Frau antwortete mit gesenktem Auge und demütiger Stimme: »Fremdling, ich bin keine Göttin; du magst, wie dein herrliches Aussehen mich vermuten läßt, von Göttern stammen; wenn an mir etwas Übermenschliches, so muß es nur mein Leiden sein, denn ich habe mehr geduldet, als sonst Sterblichen zu leiden auferlegt wird. Ich bin Hypsipyle, einst die gefeierte Königin der Frauen auf Lemnos, die Tochter des herrlichen Thoas, jetzt, nach unnennbarem Jammer von Seeräubern entführt und verkauft, die gefangene Sklavin des Königs Lykurgos von Nemea. Der Knabe, den ich säuge, ist nicht mein eigenes Kind; er ist Opheltes, der Sohn meines Herrn, und ich bin ihm zur Wärterin bestellt. Aber was ihr von mir begehret, will ich euch gerne verschaffen. Noch eine einzige Quelle sprudelt in dieser trostlosen Einöde, und ihren geheimen Zugang kennt niemand als ich. Sie ist ergiebig genug, euer ganzes Heer zu erquicken. Folget mir!« Die Frau stand auf, legte den Säugling sorglich ins Gras und lullte ihn mit einem Wiegenliede in den Schlaf. Die Helden riefen ihren Genossen, und nun drängte sich das ganze Heer Hypspyles Tritten nach auf geheimen Pfaden, die durchs dichteste Waldgebüsch führten. Bald gelangten sie zu einer felsigen Talschlucht, aus welcher kühler Wasserstaub empordrang und die erhitzten Angesichter der vordersten Krieger, die der Führerin und ihrem König vorangeeilt waren, mit leichtem Schaum erfrischte. Zugleich rauschte das Murmeln eines starken Wasserfalles an ihr Ohr. »Wasser!« so tönte der Freudenruf aus dem Munde der Vorangedrungenen, die mit einigen Sprüngen schon unten in der Schlucht und mitten auf dem bespülten Felsgesteine standen und die Strahlen des herabfließenden Quelles mit den Helmen auffaßten. »Wasser, Wasser!« wiederholte das ganze Heer, und der Jubelruf übertönte den Wasserfall und hallte von den Bergen wider, welche die Schlucht umgaben. Nun warfen sich alle am grünenden Ufer des weithin sich schlängelnden Baches nieder und genossen mit tiefen Zügen die langentbehrte Lust. Bald fand man auch für Wagen und Rosse Pfade, die durch den Wald bequem in die Tiefe hinabführten; und die Wagenlenker fuhren, ohne die Rosse auszuspannen, mitten in die wallende Flut hinein, da, wo der Bach sich zu ebenem Laufe ausbreitete, und ließen die Rosse, die ihren Leib in den Wellen kühlten, unausgeschirrt den langen Durst stillen.

Alles war erquickt, und die gute Führerin Hypsipyle, die Taten und Leiden der Frauen von Lemnos erzählend, führte den Adrastos und seine Helden, denen jetzt das Heer in ehrerbietiger Entfernung folgte, auf die breitere Straße zurück, dahin, wo sie selbst kurz vorher mit ihrem Pflegekind unter dem gewölbten Baume erblickt worden war. Aber ehe sie jener Stelle noch ansichtig wurden, erschreckte die feinhörende Pflegerin aus der Ferne ein klägliches Kindeswimmern, das ihre Begleiter kaum vernahmen, sie selbst aber sogleich als die Stimme ihres kleinen Opheltes erkannte. Hypsipyle war selbst die Mutter großer und kleiner Kinder, die sie, von den Räubern entführt, in Lemnos hatte zurücklassen müssen. Nun hatte sie ihre ganze Mutterliebe auf diesen Säugling übertragen, dem sie als Sklavin beigegeben war. Eine bange Ahnung durchzuckte ihr zärtliches Herz. Sie flog den Helden voraus und dem wohlbekannten Platze zu, wo sie mit dem Kind an der Brust zu ruhen pflegte. Aber ach, der Kleine war verschwunden, und ihre irrenden Augen fanden keine Spur von ihm, und sie vernahm auch die Stimme nicht mehr. Als sie ihre Blicke in weiterem Kreise umhersandte, ward ihr bald das entsetzliche Schicksal klar, das ihr Pflegekind getroffen hatte, während sie dem Heere der Argiver den frommen Liebesdienst leistete. Denn nicht weit von dem Baume lag eine gräßliche Schlange geringelt, ihren Kopf auf den schwellenden Bauch zurückgelegt, in träger Ruhe das eben abgehaltene Mahl verdauend. Der unseligen Pflegemutter sträubte sich das Haar, und ihr Jammerschrei erfüllte die Lüfte. Auf dieses waren auch die Helden herbeigeeilt; der erste, der den Drachen erblickte, war Hippomedon; ohne zu säumen, riß er ein Felsstück aus dem Boden und schleuderte es auf das Ungestüm; aber sein gepanzerter Rücken schüttelte den Wurf ab, als wäre es eine Handvoll Erde; da sandte Hippomedon seinem ersten Wurfe den Speer nach, und dieser verfehlte sein Ziel nicht; er fuhr der Schlange in den Rachen, durchs hervorspritzende Gehirn, und die Spitze drang heraus zum Kamme. Das Untier drehte sich wie ein Kreisel mit dem langvorragenden Speer in der Wunde und hauchte endlich zischend seinen Atem aus.

Als die Schlange erlegt war, getraute sich erst die arme Pflegemutter der Spur ihres Kindes nachzugehen, sie fand weithin die Gräser vom Blute gerötet und endlich fernab von dem Ort ihrer Ruhe das nackte Gebein des Kindleins. Die Verzweifelnde sammelte es in ihren Schoß und übergab es den Helden, die mit ihrem ganzen Heere dem unglücklichen Knaben, der ihnen zum Opfer gefallen war, nachdem sie seine Überreste feierlich bestattet, herrliche Leichenspiele bereiteten, ihm zu Ehren die Nemeischen heiligen Kämpfe stifteten und ihn unter dem Namen Archemoros, das heißt der Frühvollendete, zuerst als Halbgott verehrten.

Hypsipyle entging der Wut nicht, in welche die Mutter des Kindes, Lykurgs Gemahlin, Eurydike, der Verlust ihres Sohnes versetzte. Sie wurde von ihr in ein grausames Gefängnis geworfen, und der fürchterlichste Tod war ihr geschworen. Das Glück wollte, daß die verlassenen ältesten Söhne Hypsipyles ihrer Mutter schon auf der Spur waren und nicht lange nach dieser Begebenheit in Nemea eintrafen, wo sie die gefangene Mutter befreiten.

Bellerophontes



Fünftes Buch

Bellerophontes

Sisyphos, der Sohn des Aiolos, der listigste aller Sterblichen, baute und beherrschte die herrliche Stadt Korinth auf der schmalen Erdzunge zwischen zwei Meeren und zwei Ländern. Für allerlei Betrug traf ihn in der Unterwelt die Strafe, daß er einen schweren Marmorstein, mit Händen und Füßen angestemmt, von der Ebene eine Anhöhe hinaufwälzen mußte. Wenn er aber schon glaubte, ihn auf den Gipfel gedreht zu haben, so wandte sich die Last um, und der tückische Stein rollte wieder in die Tiefe hinunter. So mußte der gepeinigte Verbrecher das Felsstück wieder von neuem und immer von neuem emporwälzen, daß der Angstschweiß von seinen Gliedern floß.

Sein Enkel war Bellerophontes, der Sohn des Korintherköniges Glaukos. Wegen eines unvorsätzlichen Mordes flüchtig, wandte sich der Jüngling nach Tiryns, wo der König Prötos regierte. Bei diesem wurde er gütig aufgenommen und von seinem Morde gereinigt. Aber Bellerophontes hatte von den Unsterblichen schöne Gestalt und männliche Tugenden empfangen. Deswegen entbrannte die Gemahlin des Königes Prötos, Anteia, in unreiner Liebe zu ihm und wollte ihn zum Bösen verführen. Aber der edelgesinnte Bellerophontes gehorchte ihr nicht. Da verwandelte sich ihre Liebe in Haß; sie sann auf Lüge, ihn zu verderben, erschien vor ihrem Gemahl und sprach zu ihm: »Erschlage den Bellerophontes, o Gemahl, wenn dich nicht selbst unrühmlicher Tod treffen soll, denn der Treulose hat mir seine strafbare Neigung bekannt und mich zur Untreue gegen dich verleiten wollen.« Als der König solches vernommen, bemächtigte sich seiner ein blinder Eifer. Weil er jedoch den verständigen Jüngling so liebgehabt hatte, vermied er den Gedanken, ihn zu ermorden, denn er machte ihm Grauen. Aber dennoch sann er auf sein Verderben. Er schickte daher den Unschuldigen zu seinem Schwiegervater Iobates, dem Könige von Lykien, und gab ihm ein zusammengefaltetes Täfelchen mit, das er dem letzteren bei seiner Ankunft in Lykien gleichsam als einen Empfehlungsbrief vorweisen sollte; auf dieses waren gewisse Zeichen eingeritzt, die den Wink enthielten, den Überbringer hinrichten zu lassen. Arglos wandelte Bellerophontes dahin, aber die allwaltenden Götter nahmen ihn in ihren Schutz. Als er, übers Meer nach Asien gefahren, am schönen Strome Xanthos angekommen war und also Lykien erreicht hatte, trat er vor den König Iobates. Dieser aber, ein gütiger, gastfreundlicher Fürst nach der alten Sitte, nahm den edeln Fremdling auf, ohne zu fragen, wer er sei, noch, woher er komme. Seine würdige Gestalt und sein fürstliches Benehmen genügten ihm zur Überzeugung, daß er keinen gemeinen Gast beherberge. Er ehrte den Jüngling auf jede Weise, gab ihm alle Tage ein neues Fest und brachte den Göttern von Morgen zu Morgen ein neues Stieropfer. Neun Tage waren so vorübergegangen, und erst als die zehnte Morgenröte am Himmel aufstieg, fragte er den Gast nach seiner Herkunft und seinen Absichten. Da sagte ihm Bellerophontes, daß er von seinem Eidam Prötos komme, und wies ihm als Beglaubigungsschreiben das Täfelchen vor. Als der König Iobates den Sinn der mörderischen Zeichen erkannte, erschrak er in tiefster Seele; denn er hatte den edlen Jüngling sehr liebgewonnen. Doch mochte er nicht denken, daß sein Schwiegersohn ohne gewichtige Ursache die Todesstrafe über den Unglücklichen verhänge; glaubte also, dieser müsse durchaus ein todeswürdiges Verbrechen verübt haben. Aber auch er konnte sich nicht entschließen, den Menschen, der so lange sein Gast gewesen war und durch sein ganzes Benehmen sich seine Zuneigung zu erwerben gewußt hatte, geradezu umzubringen. Er gedachte ihm deswegen nur Kämpfe aufzutragen, in denen er notwendig zugrunde gehen müßte. Zuerst ließ er ihn das Ungeheuer Chimära erlegen, das Lykien verwüstete und das göttlicher, nicht menschlicher Art emporgewachsen war. Der gräßliche Typhon hatte es mit der riesigen Schlange Echidna gezeugt. Vorn war es ein Löwe, hinten ein Drache, in der Mitte eine Ziege; aus seinem Rachen ging Feuer und entsetzlicher Gluthauch. Die Götter selbst trugen Mitleiden mit dem schuldlosen Jüngling, als sie sahen, welcher Gefahr er ausgesetzt wurde. Sie schickten ihm auf seinem Wege zu dem Ungeheuer das unsterbliche Flügelroß Pegasus, das Poseidon mit der Medusa gezeugt hatte. Wie konnte ihm aber dieses helfen? Das göttliche Pferd hatte nie einen sterblichen Reiter getragen. Es ließ sich nicht einfangen und nicht zähmen. Müde von seinen vergeblichen Anstrengungen war der Jüngling am Quell Pirene, wo er das Roß gefunden hatte, eingeschlafen. Da erschien ihm im Traume seine Beschirmerin Athene; sie stand vor ihm, einen köstlichen Zaum mit goldenen Buckeln in der Hand, und sprach: »Was schläfst du, Abkömmling des Aiolos? Nimm dieses rossebändigende Werkzeug; opfre dem Poseidon einen schönen Stier und brauche des Zaums.« So schien sie dem Helden im Traume zuzusprechen, schüttelte ihren dunklen Ägisschild und verschwand. Er aber erwachte aus dem Schlafe, sprang auf und faßte mit der Hand nach dem Zaume. Und, o Wunder, der Zaum, nach dem er im Traume gegriffen, der Wachende hielt ihn wirklich und leibhaft in der Hand. Bellerophontes suchte nun den Seher Polyidos auf und erzählte ihm seinen Traum sowie das Wunder, das sich in demselben zugetragen. Der Seher riet ihm, das Begehren der Göttin ungesäumt zu erfüllen, dem Poseidon den Stier zu schlachten und seiner Schutzgöttin Athene einen Altar zu bauen. Als dies alles geschehen war, fing und bändigte Bellerophontes das Flügelroß ohne alle Mühe, legte ihm den goldenen Zaum an und bestieg es in eherner Rüstung. Nun schoß er aus den Lüften herab und tötete die Chimära mit seinen Pfeilen. Hierauf schickte ihn Iobates gegen das Volk der Solymer aus, ein streitbares Männergeschlecht, das an den Grenzen von Lykien wohnte, und nachdem er wider Erwarten den härtesten Kampf mit diesen glücklich bestanden, so wurde er von dem Könige gegen die männergleiche Schar der Amazonen gesandt. Auch aus diesem Streite kam er unverletzt und siegreich zurück. Nun legte ihm der König, um dem Verlangen seines Eidams doch endlich nachzukommen, eben auf diesem Rückwege einen Hinterhalt, wozu er die tapfersten Männer des lykischen Landes ausersehen hatte. Aber keiner von ihnen kehrte zurück, denn Bellerophontes vertilgte alle, die ihn überfallen hatten, bis auf den letzten. Nunmehr erkannte der König, daß der Gast, den er beherbergt, kein Verbrecher, sondern ein Liebling der Götter sei. Statt ihn zu verfolgen, hielt er ihn in seinem Königreiche zurück, teilte den Thron mit ihm und gab ihm seine blühende Tochter Philonoe zur Gemahlin. Die Lykier überließen ihm die schönsten Äcker und Pflanzungen zum Bebauen. Seine Gemahlin gebar ihm drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter.

Aber jetzt hatte das Glück des Bellerophontes ein Ende. Sein ältester Sohn Isander wuchs zwar auch zu einem gewaltigen Helden auf, aber er fiel in einer Schlacht gegen die Solymer. Seine Tochter Laodameia wurde, nachdem sie dem Zeus den Helden Sarpedon geboren, durch einen Pfeil der Artemis erschossen. Nur sein jüngerer Sohn Hippolochos gelangte zu ruhmvollem Alter und schickte im Kampfe der Trojaner einen heldenmütigen Sohn, Glaukos, den auch sein Vetter Sarpedon begleitete, mit einer stattlichen Schar von Lykiern den Troern zu Hilfe.

Bellerophontes selbst, durch den Besitz des unsterblichen Flügelrosses übermütig gemacht, wollte sich auf demselben zum Olymp emporschwingen und, der Sterbliche, sich in die Versammlung der Unsterblichen eindrängen. Aber das göttliche Roß selbst widersetzte sich dem kühnen Unterfangen, bäumte sich in der Luft und schleuderte den irdischen Reiter hinunter auf den Boden. Bellerophontes erholte sich zwar von diesem Fall, aber den Himmlischen seitdem verhaßt und vor den Menschen sich schämend, irrte er einsam umher, vermied die Pfade der Sterblichen und verzehrte sich in einem ruhmlosen und kummervollen Alter.

Bestattung der thebanischen Helden



Bestattung der thebanischen Helden

Vom ganzen Stamme des Ödipus war jetzt, außer zwei Söhnen der gefallenen Brüder, nur noch Ismene übrig. Von ihr erzählt die Sage nichts; sie starb unvermählt oder kinderlos, und mit ihrem Tode erlosch das unselige Geschlecht. Von den sieben Helden, die gegen Theben ausgezogen waren, entkam dem unglücklichen Sturme und der letzten Schlacht der König Adrastos allein, den sein unsterbliches Roß Arion, von Poseidon und Demeter erzeugt, auf geflügelter Flucht rettete. Er erreichte glücklich Athen, nahm dort seine Zuflucht als Schutzflehender an den Altar der Barmherzigkeit und beschwor, einen Ölzweig in der Hand, die Athener, ihn zu unterstützen, daß er die vor Theben gefallenen Helden und Mitbürger zu ehrlicher Bestattung sich erstreiten könnte. Die Athener erhörten seinen Wunsch und zogen unter Theseus mit ihm zu Felde. Die Thebaner wurden gezwungen, die Beerdigung zu gestatten. Nun errichtete Adrastos den Leichnamen der gefallenen Helden sieben getürmte Scheiterhaufen und hielt am Asopos, dem Apollo zu Ehren, ein Wettrennen. Als der Scheiterhaufen des Kapaneus brannte, stürzte sich seine Gattin, Euadne, des Iphis Tochter, hinein und verbrannte zugleich mit ihm. Der Leichnam des Amphiaraos, den die Erde verschlungen hatte, war nicht zum Begräbnisse aufgefunden worden. Es schmerzte den König, seinem Freunde diese letzte Ehre nicht bezeigen zu können. »Ich vermisse«, sprach er, »das Auge meines Heeres, den Mann, der beides war, der trefflichste Seher und der tapferste Kämpfer im Streit!« Als die feierliche Bestattung vorüber war, errichtete Adrastos der Nemesis oder Vergeltung einen schönen Tempel vor Theben und zog mit seinen Bundesgenossen, den Athenern, wieder aus dem Lande.

Äneas verläßt die trojanische Küste



Viertes Buch

Äneas – Erster Teil

Äneas verläßt die trojanische Küste

Seinen Vater Anchises auf den Schultern, seinen Sohn Askanius an der Hand, geschützt von seiner Mutter Venus, war der trojanische Held Äneas dem Brande seiner eroberten Vaterstadt entronnen und am Fuße des Idagebirges, wo dieses in das Meer ausläuft, in der kleinen Hafenstadt Antandrus angekommen. Hier sammelten sich um ihn befreundete Flüchtlinge in großer Anzahl, Männer, Frauen und Kinder, lauter unglückliche, des Vaterlands verlustige Menschen, und alle bereit, unter seiner Anführung eine neue Heimat aufzusuchen. Noch ungewiß, wohin sie das Geschick führen, wo es ihnen Ruhe vergönnen würde, fingen sie mit Hilfe der geretteten und zusammengeschossenen Habe sich eine Flotte zu zimmern an, die mit dem ersten Beginne des Frühlings fertig war, unter Segel zu gehen. Der älteste Trojaner, der sich in ihrer Mitte befand, der greise Held Anchises selbst, gab das Zeichen zum Aufbruch und sagte zuerst dem unterjochten Geburtsland ein ewiges Lebewohl. Weinen und Wehklagen ertönte von den Schiffen, als sie sich von der Heimatküste losrissen, und bald war diese aus den Blicken der Flüchtlinge verschwunden.

Nach einer ununterbrochenen Fahrt von mehreren Tagen landete die Flotte an dem Gestade Thrakiens, das vorzeiten der wilde Verächter des Bacchus, der König Lykurgus, beherrscht hatte, dessen jetzige Bewohner aber, solange der Staat der Trojaner noch bestand, durch gleichen Götterdienst und Gastfreundschaft mit diesen aufs genaueste verbunden waren. Doch hatte dies Verhältnis eine grausame Störung erlitten; denn als das Glück von Troja zu wanken begann und Ajax der Telamonier vom Schiffslager der Griechen aus einen Streifzug zur See gegen die mit Priamus verbündeten Thrakier unternommen hatte, lieferte Polymnestor, der treulose König des Landes, den jungen Sohn des trojanischen Königs, Polydorus, den Griechen aus und erkaufte sich mit dieser Gabe den Frieden. Der Jüngling aber wurde von den Belagerern unter den Mauern Trojas und vor den Augen des Vaters gesteinigt.

Doch Äneas wußte nicht, an welchem Ufer er mit seinen Schiffen vor Anker gegangen war. Voll Freude, eine wirtliche Küste erreicht zu haben, betrat er mit seinen Freunden das Land, und ohne von den Eingeborenen gehindert zu werden, schritten sie zu einer Niederlassung und legten den Grund zu einer neuen Stadt, in deren ruhigem Besitze sie sich von den Schlägen des Schicksals zu erholen gedachten und welcher Äneas, als das Haupt der Auswanderer, seinem eigenen Namen nach den Namen Änus beilegte. Der Bau war schon im Werden, und der fromme Held wollte für sein Werk den Schutz der Unsterblichen erflehen; er brachte Jupiter dem Göttervater und seiner eigenen Mutter Venus einen untadligen Stier am Gestade zum Opfer. In der Nähe befand sich ein heiterer Hügel, auf welchem Kornellen und Myrten in üppigem Wuchse wucherten. Nach diesem Wäldchen hatte sich Äneas begeben, um die frisch errichteten Rasenaltäre mit Laub und Zweigen zu bedecken. Da erfuhr er ein Grausen erregendes Wunder. Sobald er einen Strauch aus den Wurzeln reißen wollte, quollen aus diesen schwarze Blutstropfen und flossen auf den grünen Waldboden, daß dem Helden selbst in den Adern das Blut erstarrte. Angstvoll warf sich Äneas auf die Erde und flehte zu den Nymphen des Waldes und zu Bacchus, dem Schutzgotte der thrakischen Fluren, die Schrecken abzuwenden, mit welchen dieses Wunderzeichen ihm drohte. Dann ergriff er mit erneuter Kraft ein drittes Bäumchen, und mit dem Knie auf den Boden gestemmt, versuchte er, es zu entwurzeln. Da ließ sich ein klägliches Stöhnen aus dem Boden vernehmen, und endlich kam ihm eine Stimme zu Ohren, welche in verlorenen Tönen sprach: »Was quälest du mich, unglücklicher Äneas? Meine Seele wohnt in diesem Boden, in den Wurzeln und Ästen dieses Waldes, in welchem ich als Kind einst ahnungslos spielte. Ich bin dein Stammesgenosse, dein Verwandter, Äneas, bin Polydorus, der Sohn des Priamus, der einst von seinem Pflegevater an die Griechen verraten und vor deinen Augen unter Trojas Mauern zerschmettert ward. Mein Gebein ist von mitleidigen Thrakiern gesammelt und hier im Vaterlande bestattet worden. Verletze meine Freistätte nicht, du selbst aber fliehe dieses Ufer, das dir und allen Trojanern mit Unheil droht; denn noch herrscht das Geschlecht des Verräters in diesem Lande.«

Als Äneas sich vom ersten Schrecken erholt hatte, kehrte er zu den Seinigen zurück und meldete das Gesicht zuerst seinem Vater und dann den andern Häuptlingen des ausgezogenen Volkes. Alle vereinigten sich, mit ihm die verruchte Stätte des entweihten Gastrechts zu verlassen. Die begonnenen Arbeiten wurden eingestellt, und nachdem sie dem unglücklichen Polydorus ein Totenfest gefeiert, schoben die Trojaner ihre Schiffe wieder vom Strande, bestiegen sie und verließen mit ihnen den Hafen. Günstiger Wind führte sie bald weit in die offene See hinaus, und nach glücklicher Fahrt erschien ihnen mitten im Meer, unter vielen andern Inseln, ein wunderliebliches kleines Eiland, das sich lachend aus den Fluten emporhob. Sein Name war Delos, es war einst eine schwimmende Insel gewesen; Apollo war hier geboren und hatte sich ihrer, als sie wie unentschlossen um andere Inseln und Küstenländer herumirrte, mitleidig angenommen und sie in der Mitte der Zykladeninseln in dem Meeresgrunde befestigt, daß sie hinfort den Stürmen trotzen und glückliche Bewohner nähren konnte. Die Menschen, die sich dort ansiedelten, hatten dankbar ihre Stadt dem Apollo geweiht und waren gastliche, gute Leute. Dorthin steuerte Äneas mit seiner Flotte, und ein sicherer Hafen nahm die müden Seefahrer auf. Sie landeten und betraten die Stadt, die dem Fernhintreffer Phöbus Apollo gewidmet war, mit tiefer Ehrfurcht. Ihr König Anius, der zugleich Priester des Phöbus war, wandelte, mit der heiligen Binde um die Schläfe und dem Lorbeer in der Hand, den Ankömmlingen entgegen und erkannte in dem greisen Anchises einen alten Gastfreund. Unter Gruß und Handschlag wurden Äneas und seine Genossen in die Mauern aufgenommen und wallfahrteten vor allem andern in den altertümlichen Tempel des Schutzgottes der Insel. Äneas warf sich in tiefer Ehrfurcht vor dem Haus Apollos nieder und betete mit aufgehobenen Händen: »Gib uns, du großer Beschützer des trojanischen Volkes, ein eigenes Haus, gönn uns eine bleibende Statt; laß das Geschlecht deiner Schützlinge nicht aussterben, hilf ihnen, ein zweites Troja zu gründen! Sprich, wer soll unser Führer sein? Wohin schickst du uns? Gib uns ein Zeichen, großer Gott, offenbare dich unsern Seelen!«

Kaum hatte der Held solches gesprochen, als die Schwelle des Gottes, der Lorbeerhain, der den Tempel umgab, und das ganze Gebirge ringsumher sichtlich und fühlbar erbebte, und aus den offenen Hallen des Tempels ertönte vom Dreifuße das Orakel heraus: »Ausdauerndes Volk der Dardaner, ihr kehret in den Schoß eines Landes zurück, das schon den Stamm eurer Ahnherren getragen hat. Eure alte Mutter suchet ihr auf: von dort wird das Haus des Äneas in seinen spätesten Enkeln alle Länder der Erde beherrschen.«

Bei der Stimme des Gottes hatten sich alle demütig zur Erde niedergeworfen. Als sie den günstigen Ausspruch vernommen hatten, sprangen sie freudig wieder auf; ein jubelndes Getümmel entstand, und sie befragten sich untereinander, von welchem Lande wohl Apollo spreche und wo den Irrenden eine neue Heimat winke.

Als sie so untereinander beratschlagten, erhob der ehrwürdige Held Anchises, der Vater des Äneas, der in die Kunde der Vorwelt eingeweiht war, seine Stimme: »Laßt mich euch, ihr Häupter des Volkes«, sprach er, »eure Hoffnungen deuten. Mitten im inselreichsten Meere liegt eine Insel, aus welcher Jupiter der Göttervater selbst abstammt. Sie heißt Kreta und ist auch die Wiege unseres Volksstammes. Und wie Trojas Hauptgebirg heißt auch die waldige Bergkette, die sich durch dieses Inselland zieht, das Idagebirg. Zu seinen Füßen dehnen sich die fruchtbarsten Fluren, und mit hundert Städten ist das Land geschmückt. Dorther soll unser Stammvater Teucer ins troische Land gekommen sein, dorther all unser Götterdienst stammen, und gewiß, dorthin führt uns auch jetzt Apollos Befehl: lasset uns ihm folgen! Die Reise dorthin ist nicht allzuweit; schickt uns Jupiter Fahrwind, so befindet sich unsere Flotte am dritten Morgen im Angesichte der Insel Kreta.«