Aufruhr in der Stadt durch Athene gestillt



Aufruhr in der Stadt durch Athene gestillt

In der Stadt Ithaka eilte inzwischen das Gerücht durch alle Straßen und verkündigte das grausame Verhängnis, das die Freier getroffen hatte. Von allen Seiten her drängten sich jetzt die Blutsverwandten der Gefallenen nach dem Palaste des Odysseus, wo sie an einer abgelegenen und abgesonderten Stelle des Hofes die Leichname der Ihrigen aufgeschichtet fanden. Unter lauten Wehklagen, darein sich Drohungen mischten, trugen sie die Toten, ein jeder den Seinigen, hinaus und bestatteten sie; die aber aus andern Städten und Inseln waren, wurden auf schnellen Fischerkähnen in ihre Heimat gesendet. Dann versammelten sich die Väter, Brüder und Anverwandten der Freier insgesamt auf dem Markte, und in der zahlreichen Volksversammlung trat Eupeithes auf. Dies war der Vater des Antinoos, des jugendlichsten und trotzigsten Freiers, des ersten, der von Odysseus‘ Pfeile gefallen war. Der Vater war ein mächtiger, hochangesehener, noch rüstiger Mann, dem unheilbarer Schmerz um den Tod seines Sohnes an der Seele nagte. Dieser vergoß Tränen vor dem Volke und sprach: »Freunde, gedenket an das mannigfaltige Unglück, das der Mann, den ich vor euch verklage, über Ithaka und die Nachbarstädte gebracht hat! Vor zwanzig Jahren entführte er uns so viele und so tapfere Männer auf seinen Schiffen, verlor die Schiffe, verlor die Genossen. Endlich allein wieder heimgekehrt, hat er die edelsten Jünglinge unseres Volksstamms erschlagen. Auf denn, ehe sich der Verbrecher hinüber auf die Pelopsinsel nach Pylos oder Elis rettet; folget ihm nach, ergreifet ihn! Wir könnten sonst vor Schmach die Augen nicht wieder aufschlagen, ja für unsere spätesten Geschlechter wäre es noch eine Schande, wenn wir, ihre Ahnen, die Mörder unserer leiblichen Söhne und Brüder nicht bestraft hätten. Ich wenigstens könnte nicht mehr mit gutem Gewissen leben: über ein kurzes, so zöge der Schatten des Sohnes mich zu sich hinab! Darum ihnen nach, wenn ihr Männer seid! Greifen wir Vater und Sohn, ehe sie uns übers Meer entrinnen!«

Erbarmen ergriff die ganze Versammlung, als sie den Mann unter Tränen so reden hörten. In diesem Augenblicke kamen aus des Königes Palaste Phemios der Sänger und der Herold Medon gewandelt und traten auf dem Markt in den Kreis der Versammelten. Die Männer staunten nicht wenig, die beiden längst auch verloren Geachteten noch am Leben zu sehen. Hierauf erbat sich Medon der Herold das Wort und sprach zu dem versammelten Volk: »Männer von Ithaka, höret meine Rede! Was Odysseus vollbracht hat, das hat er, ich kann es euch beschwören, nicht ohne den Ratschluß der Unsterblichen vollendet. Ich selbst habe den Gott gesehen, der ihm in Mentors Gestalt immer zur Seite war und bald dem Odysseus das Herz kräftigte, bald umhertobend im Saale die Besinnung der Freier zerrüttete. Das Werk dieses Gottes ist es, daß sie sterbend übereinandertaumelten.«

Entsetzen ergriff das versammelte Volk, wie es den Herold so sprechen hörte. Als der erste Eindruck vorüber war, nahm ein ergrauter Held, Halitherses, der Sohn Mastors, der allein unter allen auf die Vergangenheit zurückzublicken und hinüberzuschauen in die Zukunft verstand, in der Versammlung das Wort und sprach: »Höret, ihr Einwohner von Ithaka, was ich euch zu Gemüte führen will. Ihr selbst seid schuld an allem, was geschehen ist. Warum waret ihr so träge, warum habt ihr meinen und Mentors Rat nicht befolgt und habt eure üppigen Söhne nicht im Zaume gehalten, als sie Tag für Tag hingingen, dem abwesenden Manne sein Gut verpraßten und unwürdige Forderungen an seine Gemahlin richteten, als käme er nimmermehr zurück? Ihr selbst habt euch alles dasjenige zuzuschreiben, was jetzt im Palaste vorgefallen ist. Und wenn ihr klug seid, so werdet ihr mitnichten den Mann verfolgen, der sich nur der Feinde seines Hauses erwehrt hat. Tut ihr es, so komme das Unheil über euch, das ihr euch selbst herbeiziehet.«

Halitherses trat unter das Volk zurück, und unter der Versammlung entstand Getümmel und Zwiespalt. Die eine Hälfte erhob sich zornig und stürmisch, die andere beharrte bei der Beratung. Die aufgeregte Hälfte hielt es mit den Vorschlägen des Eupeithes; dieser Teil der Bürger warf sich in die Rüstungen, kam auf dem Blachfelde vor der Stadt zusammen, und nun stellte sich Eupeithes an die Spitze der Heerschar und machte sich mit ihr auf, den Tod seines Sohnes und der andern Freier zu rächen.

Sobald Pallas Athene vom Olymp herab den Auszug dieses Haufens gewahr wurde, trat sie vor ihren Vater Zeus und sprach: »Herr der Götter, eröffne mir, mit welchem Rate deine Weisheit sich trägt. Willst du die ruhigen Einwohner Ithakas durch Krieg und Zwietracht züchtigen, oder gedenkst du den Streit beider Parteien im Frieden beizulegen?« »Was willst du schon Beschlossenes erforschen, Tochter!« antwortete Zeus, »hast du nicht selbst mit meinem Willen den Beschluß gefaßt und vollzogen, daß Odysseus endlich als ein Rächer in seine Heimat zurückkehre? Nachdem dir dieses gewährt worden ist, so tue auch ferner, was dir gefällt; willst du aber mein Gutdünken wissen, so ist es dieses: Nachdem Odysseus die Freier gestraft hat, werde ein heiliger Bund beschworen, und er sei und bleibe ihr König für immer. Uns aber laß dafür sorgen, daß aus dem Geist aller Beteiligten die Ermordung ihrer Söhne und ihrer Brüder vertilgt werde; gegenseitige Liebe soll unter allen herrschen wie zuvor; Einigkeit und Wohlstand sollen unerschüttert bleiben.« Diese Entscheidung war der Göttin hochwillkommen. Sie verließ das Felsenhaupt des Olymp, durchflog die Luft und ließ sich auf der Insel Ithaka nieder.

Ausbruch des Kampfes – Protesilaos – Kyknos



Zweites Buch

Ausbruch des Kampfes – Protesilaos – Kyknos

Die Griechen waren noch mit dem Geleite des Königes Telephos beschäftigst, als die Tore Trojas sich auftaten und die völlig gerüstete Heeresmacht der Trojaner unter Hektors Anführung sich über die Skamandrische Ebene ergoß und ohne Widerstand gegen die Schiffe der sorglosen Achiver anrückte. Die Äußersten im Schiffslager, die zuerst zerstreut zu den Waffen griffen und den heranziehenden Feinden entgegeneilten, wurden von der Übermacht erdrückt. Doch hielt das Gefecht mit ihnen die Heerschar der Trojaner so lange auf, daß die Griechen im Lager sich sammeln und auch ihrerseits in einem geordneten Heerhaufen den Feinden entgegentreten konnten. Da gestaltete sich nun die Schlacht ganz ungleich. Denn wo Hektor selbst zugegen war, gewannen die Trojaner die Oberhand, in die Schlachtreihen aber, die ferne von ihm fochten, drangen die Griechen siegreich ein. Der erste namhafte Held unter den Griechen, der von der Hand des trojanischen Fürsten Äneas in dieser Schlacht fiel, war Protesilaos, des Iphiklos Sohn. Als verlobter Jüngling war er gen Troja gezogen und der erste Grieche, der bei der Landung ans Ufer sprang: so sollte er auch als das erste Heldenopfer fallen, und seine Braut Laodameia, die holdselige Tochter des Argonauten Akastos, sollte den Bräutigam, den sie mit banger Sorge in den Krieg hatte ziehen lassen, nicht wieder erblicken.

Noch war Achill vom Kampfplatz entfernt. Er hatte dem Mysier, den er einst mit dem Speere verwundet und jetzt mit dem Speere geheilt hatte, das Geleite ans Meer gegeben und sah nachdenklich dem Schiffe nach, das sich in die ferne Flut vertiefte. Da kam sein Freund und Kampfgeselle Patroklos auf ihn zugeeilt, faßte ihn bei der Schulter und rief. »Wo weilst du, Freund? Die Griechen bedürfen deiner. Der erste Kampf ist entbrannt: des Königes Priamos ältester Sohn Hektor rast an der Spitze der feindlichen Scharen wie ein Löwe, dessen Höhle Jäger umstellt haben. Äneas, der Eidam des Königes, hat aus der Mitte unserer Fürsten den edlen Protesilaos, der an Jugend und Mut dir glich, doch an Kraft dir nicht gleich war, erschlagen. Wenn du nicht kommst, so wird der Mord unter unsern Helden einreißen!« Aus seinen Träumen erwacht, blickte Achill hinter sich, sah den mahnenden Freund, und in diesem Augenblicke drang auch der Hall des Kampfgetümmels in sein Ohr. Da sprang er, ohne ein Wort zu erwidern, durch die Gassen des Schiffslagers seinem Zelte zu. Hier erst fand er die Sprache wieder, rief mit lauter Stimme seine Myrmidonen unter die Waffen und erschien mit ihnen wie ein donnerndes Wetter in der Schlacht. Seinem stürmischen Angriffe hielt selbst Hektor nicht stand. Zwei Söhne des Priamos erschlug er, und der Vater sah wehklagend von den Mauern herab den Tod seiner Kinder von des fürchterlichen Heldenjünglings Hand. Dicht an der Seite des Peliden kämpfte der Telamonier Ajax, dessen Riesenleib alle andern Danaer überragte; vor den Streichen der beiden Helden flohen die Trojaner wie eine Herde von Hirschen vor einer Hundekoppel daher; zuletzt wurde die Flucht der Feinde allgemein, und die Trojaner schlossen die Tore wieder hinter sich zu. Die Griechen aber begaben sich in Ruhe wieder zu ihren Schiffen und fuhren in Vollendung ihres Lagerbaues gemächlich fort. Achill und Ajax wurden von Agamemnon zu Wächtern der Schiffe bestimmt, und diese setzten wieder andere Helden zu Wächtern über einzelne Abteilungen der Flotte.

Alsdann wandten sie sich zum Begräbnisse des Protesilaos, legten den Leichnam auf einen schön geschmückten und aufgetürmten Scheiterhaufen und begruben seine Gebeine auf einer Halbinsel des Strandes unter schönen hohen Ulmbäumen. Noch waren sie mit der Bestattung nicht ganz fertig, als ein zweiter Überfall die sorglos Feiernden erschreckte.

In Kolonai bei Troja herrschte der König Kyknos, der, von einer Nymphe dem Meeresgotte Poseidon geboren, auf der Insel Tenedos wunderbarerweise von einem Schwan großgezogen worden war, daher er auch seinen Namen Kyknos, das heißt Schwan, bekommen hatte. Dieser war den Trojanern verbündet, und ohne besonders dazu von Priamos aufgefordert zu sein, hielt er sich verpflichtet, als er die Landung der fremden Kriegsvölker vor Troja gewahr wurde, seinen alten Freunden zu Hilfe zu kommen. Daher sammelte er in seinem Königreiche einen ansehnlichen Heerhaufen, legte sich in der Nähe des griechischen Schiffslagers in einen Hinterhalt und war mit seiner Schar eben erst in diesem Versteck angekommen, als die Griechen, aus dem ersten Treffen mit den Trojanern als Sieger zurückgekehrt, ihrem gefallenen Helden die letzte Ehre erwiesen. Während sie sorglos und nicht in der vollen Waffenrüstung um den Scheiterhaufen geschart standen, sahen sie sich plötzlich von Streitwagen und Bewaffneten umringt, und ehe sie sich nur besinnen konnten, ob der Boden die Streiter ausgespien habe oder woher sie sonst erschienen seien, hatte Kyknos mit seiner Heeresmacht ein furchtbares Blutbad unter den Griechen angerichtet.

Doch war nur ein Teil der Argiver bei der Leichenfeier des Protesilaos beschäftigt und zugegen. Die andern bei den Schiffen und in den Lagerhütten waren ihren Waffen näher und eilten, den Peliden Achill an der Spitze, den Ihrigen bald in voller Rüstung und in geschlossenen Kriegsreihen zu Hilfe. Ihr Anführer selbst stand auf dem Streitwagen, schrecklich anzuschauen, und seine todbringende Lanze traf mit ihrem Stoße bald diesen, bald jenen Kolonaier, bis er, in den Reihen der Schlacht nur den Feldherrn der Fremdlinge suchend, diesen im fernen Kampfgewühle an den gewaltigen Stößen erkannte, die er, auch auf einem hohen Streitwagen stehend, rechts und links an die Griechen austeilte. Dorthin lenkte der Held Achill seine schneeweißen Rosse, und als er nun dem Kyknos gegenüber auf dem Wagen stand, rief er, die bebende Lanze mit nervigem Arme schwingend: »Wer du auch seiest Jüngling! nimm diesen Trost mit in den Tod, daß du von dem Sohne der Göttin Thetis getroffen worden!« Diesem Ausruf folgte sein Geschoß. Aber so sicher er die Lanze abgezielt hatte, so rüttelte sie dem Sohne des Poseidon doch nur mit dumpfem Stoße an der Brust; und mit staunendem Blicke maß der Pelide seinen unverwundlichen Gegner. »Wundre dich nicht, Sohn der Göttin«, rief dieser ihm lächelnd zu; »nicht mein Helm, den du anzustaunen scheinst, oder mein hohler Schild in der Linken halten die Stöße von meinem Leibe ab; vielmehr trage ich diese Schutzwaffe als bloßen Zierat, wie auch wohl der Kriegsgott Ares zuweilen zum Scherze Waffen anzulegen pflegt, deren er doch gewiß nicht bedarf, seinen Götterleib zu schirmen. Wenn ich alle Bedeckung von mir werfe, so wirst du mir doch die Haut mit deinem Speere nicht ritzen können. Wisse, daß ich am ganzen Leibe fest wie Eisen bin und daß es etwas heißt, nicht etwa der Sohn einer Meernymphe zu sein, nein der geliebte Sohn dessen, der den Nereus und seinen Töchtern und allen Meeren gebeut. Erfahre, daß du dem Sohne Poseidons selbst gegenüberstehst!« Mit diesen Worten schleuderte er seinen Speer auf den Peliden und durchbohrte damit die Wölbung seines Schildes, so daß derselbe durch das Erz und die neun ersten Stierhäute der göttlichen Waffe hindurchdrang: erst in der zehnten Lage blieb das Wurfgeschoß stecken. Achill aber schüttelte den Speer aus dem Schilde und sandte dafür den seinigen gegen den Göttersohn ab. Aber der Leib des Feindes blieb unverwundet. Selbst das dritte Geschoß, das der Pelide absandte, blieb ohne Wirkung. Jetzt geriet Achill in Wut wie ein Stier im Tiergefechte, dem ein rotes Tuch vorgehalten wird und der mit den Hörnern in die Luft gestoßen hat. Noch einmal warf er die Lanze aus Eschenholz nach Kyknos, traf diesen auch wirklich an der linken Schulter und jubelte laut auf; denn die Schulter war blutig. Doch seine Freude war vergeblich, das Blut war nicht das Blut des Göttersohnes, es war der Blutstrahl des Menötes, eines neben Kyknos fechtenden und von anderer Hand getroffenen feindlichen Helden. Knirschend vor Wut, sprang jetzt Achill vom Wagen, eilte auf den Gegner zu und hieb mit gezücktem Schwerte auf ihn ein; aber selbst der Stahl prallte stumpf an dem zu Eisen gehärteten Körper ab. Da erhub Achill in der Verzweiflung den zehnhäutigen Schild und zerschlug dem unverwüstlichen Feinde, ganz auf ihn eingedrungen, drei-, viermal die Schläfe mit der Schildbuckel. Jetzt erst fing Kyknos an zu weichen, und Nebel schwamm ihm vor den Augen; er wandte seine Schritte rückwärts, strauchelte über einen Stein, darüber ergriff ihn Achill mit der Hand im Nacken und warf ihn vollends zu Boden. Dann stemmte er sich mit Schild und Knien auf die Brust des Liegenden und schnürte dem Feinde mit seinem eigenen Helmbande die Kehle zu.

Der Fall ihres göttlichen Führers nahm den Kolonaiern plötzlich den Mut; sie verließen den Kampfplatz in wilder Flucht, und bald war von dem ganzen Überfalle nichts mehr zu sehen als die vielen Leichen von Griechen und Barbaren, die auf dem Felde um den halbvollendeten Grabhügel des Protesilaos zerstreut umherlagen und den um viele der Ihrigen trauernden Argivern neue Arbeit machten.

Die Folge dieses Überfalls war, daß die Griechen in die Landschaft des erschlagenen Königes Kyknos einfielen und aus der Hauptstadt Mentora die Kinder desselben als Beute hinwegführten. Dann griffen sie das benachbarte Killa an, eroberten auch diese feste Stadt mit unermeßlicher Kriegsbeute und kehrten so beladen zu ihrem wohlbewachten Schiffslager zurück.

Ausbruch des Krieges. Äneas sucht bei Euander Hilfe



Ausbruch des Krieges. Äneas sucht bei Euander Hilfe

Ganz Italien, so ruhig und friedsam es vorher war, geriet in plötzlichen Brand. In allen Häusern wurden die Schilde geglättet, die Speere gespitzt, die Äxte am Schleifstein gewetzt; die Trompeten riefen zum Marsche, die Fahnen flatterten. Alle Männer griffen zu den Waffen, die einen zogen zu Fuß ins Feld, die andern wirbelten hoch zu Rosse den Staub des Weges auf, Streitwagen flogen hinter schnaubenden Pferden daher, die Ebenen glänzten von Gold und Eisen, von Panzer und Schwert. Aus allen Städten Hesperiens kamen die ersten Sprößlinge der alten Heldengeschlechter hervor, deren Ahnen zum Teile Götter und Göttersöhne waren. Unter den ersten schritt in männlicher Schönheit Turnus voran, seine herrlichen Waffen in der Hand, um einen ganzen Scheitel über die andern hervorragend. Ein dreifacher Busch wehte von seinem Helm, auf dessen Kuppel die glutatmende Chimära abgebildet war; auf seinem Schilde war in getriebener Arbeit Io abgebildet, wie sie eben zur Kuh wird, ihr Hüter Argus und ihr Vater Inachus, der den Strom aus der Urne gießt. Hinter Turnus und seinen Helden drängten sich die Latiner und Rutuler, Aurunker, Sikaner und eine Menge ausonischer Völkerschaften; beschildete Fußgänger, vor allen Mezentius mit seinem Sohne Lausus, Aventinus, der Sohn des Herkules und der Rhea, Katillus und Koras, die Brüder des Tiburtus aus Tibur, und viele andere; dann kam die Reiterei der Volsker, schimmernd in Erzpanzern, geführt von ihrer jungfräulichen Fürstin Kamilla. Diese hatte ihre weiblichen Hände nie an Minervas Rocken und Webstuhl gewöhnt, im rauhen Männerkampfe war sie aufgewachsen, auf ihrem flüchtigen Rosse hatte sie mit den Winden in die Wette laufen gelernt; sie flog so luftig dahin, daß sie über die Saatflur gesprengt wäre, ohne ein Hälmchen zu rühren, ohne eine Ähre zu knicken, und über die Meerflut, ohne die Sohlen zu netzen. Alt und jung blickte ihr verwundert nach, wie sie mit ihrer Schar durch Städte und Dörfer zog, den königlichen Purpur über die runden Schultern geworfen, das reiche Haar mit einer goldnen Nadel aufgebunden, Köcher und Bogen auf der Achsel und die scharfe Lanze in der Hand.

Diese gewaltigen Kriegsrüstungen erfüllten den Äneas und seine Trojaner mit schweren Sorgen. Da erschien jenem im Traume der Flußgott Tiberinus und stieg in meerblauem Kleide, die Haare mit einem Schilfkranze beschattet, zwischen Pappelstauden in Greisengestalt aus dem Strom empor. »Göttlicher Held«, sprach er, »verzage nicht! Der Groll der Himmlischen gegen dich ist verschwunden. Damit du nicht wähnest, ein nichtiges Traumbild zu schauen, will ich dir ein Zeichen sagen. Unter den Eichen des Ufers wirst du ein großes Mutterschwein liegend finden, das dreißig Frischlinge geboren hat: dort ist die Stelle, wo nach dreißig Jahren dein Sohn Askanius die verheißene Stadt Alba, Roms Mutterstadt, gründen wird. Für jetzt aber merke, wie du dich gegen die Gefahr zu schützen hast, die dich bedroht. Nicht weit von hier, im Tuskerlande, haben sich arkadische Pelasger, vom alten Könige Pallas abstammend, unter ihrem Fürsten Euander angesiedelt und auf einem hohen Hügel die Stadt Pallanteum nach dem Namen ihres Ahnherrn gegründet. Ob es gleich Griechen sind, so darfst du sie doch nicht scheuen, denn es sind unversöhnliche Feinde des Latinervolks. Mit diesen sollst du dich verbünden, und sie werden deine Kampfgenossen werden. Opfere der Göttermutter Juno, sobald du erwachst, und überwinde ihren Zorn durch Demut. Alsdann begib sich auf den Weg zu Euander.«

Der Gott verschwand, und der erwachte Äneas befolgte seinen Rat. Zwei Schiffe wurden aus der Flotte ausgewählt und mit auserlesenen Freunden bemannt. Noch ehe der Held mit ihnen abging, erfüllte sich das verkündigte Zeichen. Am Saume des Waldes, unter einer mächtigen Eiche, schneeweiß schimmernd, erblickte man ein Schwein mit dreißig Jungen. Der Mahnung des Stromgottes eingedenk, opferte Äneas die Mutter und ihre ganze Zucht der mächtigen Göttin Juno und versöhnte durch ein so herrliches Opfer ihr grollendes Herz. Dann schiffte er sich auf der Tiber ein, die, von dem Flußgotte gebändigt, glatt und eben dalag wie der Spiegel eines Landsees. Die Wellen selbst staunten und der Uferwald wunderte sich, als sie bunte Verdecke und Männer mit hellen Schilden den Strom fast ohne Ruderschlag heraufziehen sahen. Jene aber fuhren Tag und Nacht durch lange Krümmungen zwischen grünenden Hainen auf dem spiegelhellen Wasser dahin. Endlich am andern Morgen sahen sie von ferne Mauern, Häuser und eine Burg auf hohem Berge schimmern. Sogleich drehten sich ihre Schiffschnäbel dem Lande zu, wo der Berg, auf welchem die Stadt Pallanteum gelegen war, sich mit seinem Fuße in den Fluß verlor.

Es war gerade der Tag, an welchem der Arkadierkönig Euander, seinen Sohn Pallas an der Seite, mit dem Kleinen Rate seiner Stadt und den angesehensten Jünglingen in einem benachbarten Haine dem Herkules ein feierliches Opfer darbrachte. Der Weihrauch und das Blut dampfte auf den Altären, und das Opfermahl hatte schon begonnen. Als nun die Arkadier die hohen Schiffe zwischen den dunkeln Uferwäldern unter leisem Ruderschlage herbeischwimmen sahen, erschraken sie vor dem plötzlichen Anblicke und wollten den Schmaus verlassen. Doch der mutige Jüngling Pallas verbot ihnen, das Fest zu unterbrechen; er selbst ergriff seine Lanze, flog den Fremden entgegen und rief noch vom Hügel hinab: »Was führte euch auf diese ungewohnte Bahn, ihr Männer, woher seid ihr? Wohin trachtet ihr? Bringet ihr uns Krieg oder Frieden?« Äneas antwortete von dem hohen Verdecke seines Schiffes, indem er das Zeichen des Friedens, den Olivenzweig, hoch in der ausgestreckten Rechten hielt: »Trojaner siehest du, Jüngling; Männer, zum Kampfe mit den Latinern gerüstet, welche uns Flüchtlinge mit Waffengewalt aus ihrem Lande vertreiben wollen. Wir kommen zum Könige Euander, um ihn um sein Bündnis und um Hilfe zu bitten.« Als Pallas den großen Trojanernamen hörte, staunte er und rief in freudiger Bestürzung: »Willkommen, Gast, wer du auch seiest, tritt immerhin vor meinen Vater und nimm in unserer Wohnung fürlieb!«

Pallas hatte den Ausgestiegenen mit traulichem Handschlage begrüßt, und bald wiederholte der Held sein Gesuch vor dem Könige der Arkadier, ohne jedoch sich selbst zu nennen. Jener aber hatte Augen, Angesicht und Gestalt des Redenden lang mit Schärfe gemustert und erwiderte endlich: »Wie gern nehme ich dich auf, tapferer Sohn Trojas; dein Geschlecht, dein Name verbirgt sich mir nicht. Wort, Stimme und Gestalt deines großen Vaters Anchises steigt wieder in meiner Seele auf; wohl entsinne ich mich noch des Fürsten Priamus, als er, mit seinen Helden auf der Fahrt gen Salamis, das Reich seiner Schwester Hesione, der Gemahlin Telamons, zu besuchen, auch durch unser Arkadien gezogen kam. Mir sproßte damals der erste Flaum um die jungen Wangen, und mit Ehrfurcht betrachtete ich den König und die Häupter seines Volkes, vor allen aber den herrlichen Anchises. Ich konnte mein Verlangen nicht bezähmen, ihn anzureden und ihm meine Rechte darzubieten. Er folgte mir als Gastfreund in unsere Wohnung, und beim Abschied verehrte er mir Köcher und Pfeile, ein golddurchwirktes Kriegsgewand und zwei vergoldete Zäume, herrliche Gaben, die jetzt mein Sohn Pallas besitzt. Darum dürfet ihr euch zum voraus als meine Verbündeten betrachten, und morgen frühe schon sollt ihr, verstärkt durch unsern Beistand, nach eurem Lager zurückkehren. Unterdessen begehet mit uns dieses schöne Jahresfest, das wir nicht verschieben dürfen.« So sprach er, hieß die aufgeräumten Becher und Speisen wieder zurückbringen und die Trojaner auf den Rasenbänken Platz nehmen, den Äneas selbst aber führte er zu einem herrlichen gepolsterten Sessel aus Ahorn, über den ein zottiges Löwenfell gebreitet war. Der Priester des Altares und auserlesene Jünglinge brachten geröstete Stücke der Stiere herbei, häuften das Brot in Körben auf und reichten um die Wette Wein herum.

Den reichlichen Schmaus würzte der König Euander mit einer schönen Erzählung von der Veranlassung dieses Opfers, indem er mit den Fingern seinen Gästen eine Felsenkluft wies, in welcher der gräßliche Halbmensch Kakus, der Sohn des Vulkanus, gehaust, der dem Herkules die erbeutete Rinderherde des Riesen Geryones stahl und von jenem bezwungen wurde. Für den Sieg über dieses Untier brachten die dankbaren Arkadier noch immer dem Herkules als Schutzgott der Gegend ein Jahresopfer dar.

Über dieser Erzählung war der Abend herangerückt, und nach vollendetem Opfer begaben sich alle in die Stadt. Diese war nur klein; wer hätte ahnen können, daß einst die Weltstadt Rom an ihrer Stelle stehen sollte? denn die Arkadier waren ein ländliches Hirtenvolk und hatten aus ihrer Heimat keine Schätze mitgebracht. Aber Mut und nervige Arme konnten sie den Trojanern zum Beistand anbieten. Deswegen gefiel es dem Äneas doch in dem Hause Euanders, das mehr einer Hütte denn einem Palaste glich, und er sank auf einem weichen Blätterlager, über welches das zottige Fell eines Bären gebreitet war, in sanften Schlummer.

Auszug der Helden, Hypsipyle und Opheltes



Auszug der Helden, Hypsipyle und Opheltes

Auch die übrigen Helden rüsteten sich, und bald hatte Adrastos ein gewaltiges Heer um sich versammelt, das, in sieben Heerhaufen abgeteilt und von sieben Helden befehligt, unter dem Schalle der Zinken und Trompeten jauchzend und voll Hoffnung die Stadt Argos verließ. Aber schon auf dem Wege stellte sich das Unglück ein. Sie waren in den Wald von Nemea gelangt, wo alle Quellen, Flüsse und Seen ausgetrocknet waren und des Tages Hitze mit brennendem Durste sie quälte. Panzer und Schilde wurden ihnen zu schwer; der Staub, der sich von dem Zug auf der Straße erhob, setzte sich ihnen auf den dürren Gaumen, selbst ihren Rossen trocknete der Schaum von dem Maule hinweg, und sie bissen knirschend mit trockenen Nüstern in den Zaum. Während nun Adrastos nebst einigen Kriegern vom Heere vergebens nach Quellen die Waldungen durchirrte, stießen sie auf einmal auf ein trauerndes Weib von seltener Schöne, das einen Knaben an der Brust, mit wallenden Haaren und in ärmlicher Kleidung, doch mit königlicher Miene, unter dem Schatten eines Baumes saß. Der überraschte König glaubte nicht anders, als eine Nymphe des Waldes vor sich zu sehen, warf sich vor ihr auf ein Knie und flehte sie für sich und die Seinigen um Rettung aus der Not an, mit welcher der Durst sie bedrohe. Aber die Frau antwortete mit gesenktem Auge und demütiger Stimme: »Fremdling, ich bin keine Göttin; du magst, wie dein herrliches Aussehen mich vermuten läßt, von Göttern stammen; wenn an mir etwas Übermenschliches, so muß es nur mein Leiden sein, denn ich habe mehr geduldet, als sonst Sterblichen zu leiden auferlegt wird. Ich bin Hypsipyle, einst die gefeierte Königin der Frauen auf Lemnos, die Tochter des herrlichen Thoas, jetzt, nach unnennbarem Jammer von Seeräubern entführt und verkauft, die gefangene Sklavin des Königs Lykurgos von Nemea. Der Knabe, den ich säuge, ist nicht mein eigenes Kind; er ist Opheltes, der Sohn meines Herrn, und ich bin ihm zur Wärterin bestellt. Aber was ihr von mir begehret, will ich euch gerne verschaffen. Noch eine einzige Quelle sprudelt in dieser trostlosen Einöde, und ihren geheimen Zugang kennt niemand als ich. Sie ist ergiebig genug, euer ganzes Heer zu erquicken. Folget mir!« Die Frau stand auf, legte den Säugling sorglich ins Gras und lullte ihn mit einem Wiegenliede in den Schlaf. Die Helden riefen ihren Genossen, und nun drängte sich das ganze Heer Hypspyles Tritten nach auf geheimen Pfaden, die durchs dichteste Waldgebüsch führten. Bald gelangten sie zu einer felsigen Talschlucht, aus welcher kühler Wasserstaub empordrang und die erhitzten Angesichter der vordersten Krieger, die der Führerin und ihrem König vorangeeilt waren, mit leichtem Schaum erfrischte. Zugleich rauschte das Murmeln eines starken Wasserfalles an ihr Ohr. »Wasser!« so tönte der Freudenruf aus dem Munde der Vorangedrungenen, die mit einigen Sprüngen schon unten in der Schlucht und mitten auf dem bespülten Felsgesteine standen und die Strahlen des herabfließenden Quelles mit den Helmen auffaßten. »Wasser, Wasser!« wiederholte das ganze Heer, und der Jubelruf übertönte den Wasserfall und hallte von den Bergen wider, welche die Schlucht umgaben. Nun warfen sich alle am grünenden Ufer des weithin sich schlängelnden Baches nieder und genossen mit tiefen Zügen die langentbehrte Lust. Bald fand man auch für Wagen und Rosse Pfade, die durch den Wald bequem in die Tiefe hinabführten; und die Wagenlenker fuhren, ohne die Rosse auszuspannen, mitten in die wallende Flut hinein, da, wo der Bach sich zu ebenem Laufe ausbreitete, und ließen die Rosse, die ihren Leib in den Wellen kühlten, unausgeschirrt den langen Durst stillen.

Alles war erquickt, und die gute Führerin Hypsipyle, die Taten und Leiden der Frauen von Lemnos erzählend, führte den Adrastos und seine Helden, denen jetzt das Heer in ehrerbietiger Entfernung folgte, auf die breitere Straße zurück, dahin, wo sie selbst kurz vorher mit ihrem Pflegekind unter dem gewölbten Baume erblickt worden war. Aber ehe sie jener Stelle noch ansichtig wurden, erschreckte die feinhörende Pflegerin aus der Ferne ein klägliches Kindeswimmern, das ihre Begleiter kaum vernahmen, sie selbst aber sogleich als die Stimme ihres kleinen Opheltes erkannte. Hypsipyle war selbst die Mutter großer und kleiner Kinder, die sie, von den Räubern entführt, in Lemnos hatte zurücklassen müssen. Nun hatte sie ihre ganze Mutterliebe auf diesen Säugling übertragen, dem sie als Sklavin beigegeben war. Eine bange Ahnung durchzuckte ihr zärtliches Herz. Sie flog den Helden voraus und dem wohlbekannten Platze zu, wo sie mit dem Kind an der Brust zu ruhen pflegte. Aber ach, der Kleine war verschwunden, und ihre irrenden Augen fanden keine Spur von ihm, und sie vernahm auch die Stimme nicht mehr. Als sie ihre Blicke in weiterem Kreise umhersandte, ward ihr bald das entsetzliche Schicksal klar, das ihr Pflegekind getroffen hatte, während sie dem Heere der Argiver den frommen Liebesdienst leistete. Denn nicht weit von dem Baume lag eine gräßliche Schlange geringelt, ihren Kopf auf den schwellenden Bauch zurückgelegt, in träger Ruhe das eben abgehaltene Mahl verdauend. Der unseligen Pflegemutter sträubte sich das Haar, und ihr Jammerschrei erfüllte die Lüfte. Auf dieses waren auch die Helden herbeigeeilt; der erste, der den Drachen erblickte, war Hippomedon; ohne zu säumen, riß er ein Felsstück aus dem Boden und schleuderte es auf das Ungestüm; aber sein gepanzerter Rücken schüttelte den Wurf ab, als wäre es eine Handvoll Erde; da sandte Hippomedon seinem ersten Wurfe den Speer nach, und dieser verfehlte sein Ziel nicht; er fuhr der Schlange in den Rachen, durchs hervorspritzende Gehirn, und die Spitze drang heraus zum Kamme. Das Untier drehte sich wie ein Kreisel mit dem langvorragenden Speer in der Wunde und hauchte endlich zischend seinen Atem aus.

Als die Schlange erlegt war, getraute sich erst die arme Pflegemutter der Spur ihres Kindes nachzugehen, sie fand weithin die Gräser vom Blute gerötet und endlich fernab von dem Ort ihrer Ruhe das nackte Gebein des Kindleins. Die Verzweifelnde sammelte es in ihren Schoß und übergab es den Helden, die mit ihrem ganzen Heere dem unglücklichen Knaben, der ihnen zum Opfer gefallen war, nachdem sie seine Überreste feierlich bestattet, herrliche Leichenspiele bereiteten, ihm zu Ehren die Nemeischen heiligen Kämpfe stifteten und ihn unter dem Namen Archemoros, das heißt der Frühvollendete, zuerst als Halbgott verehrten.

Hypsipyle entging der Wut nicht, in welche die Mutter des Kindes, Lykurgs Gemahlin, Eurydike, der Verlust ihres Sohnes versetzte. Sie wurde von ihr in ein grausames Gefängnis geworfen, und der fürchterlichste Tod war ihr geschworen. Das Glück wollte, daß die verlassenen ältesten Söhne Hypsipyles ihrer Mutter schon auf der Spur waren und nicht lange nach dieser Begebenheit in Nemea eintrafen, wo sie die gefangene Mutter befreiten.

Bellerophontes



Fünftes Buch

Bellerophontes

Sisyphos, der Sohn des Aiolos, der listigste aller Sterblichen, baute und beherrschte die herrliche Stadt Korinth auf der schmalen Erdzunge zwischen zwei Meeren und zwei Ländern. Für allerlei Betrug traf ihn in der Unterwelt die Strafe, daß er einen schweren Marmorstein, mit Händen und Füßen angestemmt, von der Ebene eine Anhöhe hinaufwälzen mußte. Wenn er aber schon glaubte, ihn auf den Gipfel gedreht zu haben, so wandte sich die Last um, und der tückische Stein rollte wieder in die Tiefe hinunter. So mußte der gepeinigte Verbrecher das Felsstück wieder von neuem und immer von neuem emporwälzen, daß der Angstschweiß von seinen Gliedern floß.

Sein Enkel war Bellerophontes, der Sohn des Korintherköniges Glaukos. Wegen eines unvorsätzlichen Mordes flüchtig, wandte sich der Jüngling nach Tiryns, wo der König Prötos regierte. Bei diesem wurde er gütig aufgenommen und von seinem Morde gereinigt. Aber Bellerophontes hatte von den Unsterblichen schöne Gestalt und männliche Tugenden empfangen. Deswegen entbrannte die Gemahlin des Königes Prötos, Anteia, in unreiner Liebe zu ihm und wollte ihn zum Bösen verführen. Aber der edelgesinnte Bellerophontes gehorchte ihr nicht. Da verwandelte sich ihre Liebe in Haß; sie sann auf Lüge, ihn zu verderben, erschien vor ihrem Gemahl und sprach zu ihm: »Erschlage den Bellerophontes, o Gemahl, wenn dich nicht selbst unrühmlicher Tod treffen soll, denn der Treulose hat mir seine strafbare Neigung bekannt und mich zur Untreue gegen dich verleiten wollen.« Als der König solches vernommen, bemächtigte sich seiner ein blinder Eifer. Weil er jedoch den verständigen Jüngling so liebgehabt hatte, vermied er den Gedanken, ihn zu ermorden, denn er machte ihm Grauen. Aber dennoch sann er auf sein Verderben. Er schickte daher den Unschuldigen zu seinem Schwiegervater Iobates, dem Könige von Lykien, und gab ihm ein zusammengefaltetes Täfelchen mit, das er dem letzteren bei seiner Ankunft in Lykien gleichsam als einen Empfehlungsbrief vorweisen sollte; auf dieses waren gewisse Zeichen eingeritzt, die den Wink enthielten, den Überbringer hinrichten zu lassen. Arglos wandelte Bellerophontes dahin, aber die allwaltenden Götter nahmen ihn in ihren Schutz. Als er, übers Meer nach Asien gefahren, am schönen Strome Xanthos angekommen war und also Lykien erreicht hatte, trat er vor den König Iobates. Dieser aber, ein gütiger, gastfreundlicher Fürst nach der alten Sitte, nahm den edeln Fremdling auf, ohne zu fragen, wer er sei, noch, woher er komme. Seine würdige Gestalt und sein fürstliches Benehmen genügten ihm zur Überzeugung, daß er keinen gemeinen Gast beherberge. Er ehrte den Jüngling auf jede Weise, gab ihm alle Tage ein neues Fest und brachte den Göttern von Morgen zu Morgen ein neues Stieropfer. Neun Tage waren so vorübergegangen, und erst als die zehnte Morgenröte am Himmel aufstieg, fragte er den Gast nach seiner Herkunft und seinen Absichten. Da sagte ihm Bellerophontes, daß er von seinem Eidam Prötos komme, und wies ihm als Beglaubigungsschreiben das Täfelchen vor. Als der König Iobates den Sinn der mörderischen Zeichen erkannte, erschrak er in tiefster Seele; denn er hatte den edlen Jüngling sehr liebgewonnen. Doch mochte er nicht denken, daß sein Schwiegersohn ohne gewichtige Ursache die Todesstrafe über den Unglücklichen verhänge; glaubte also, dieser müsse durchaus ein todeswürdiges Verbrechen verübt haben. Aber auch er konnte sich nicht entschließen, den Menschen, der so lange sein Gast gewesen war und durch sein ganzes Benehmen sich seine Zuneigung zu erwerben gewußt hatte, geradezu umzubringen. Er gedachte ihm deswegen nur Kämpfe aufzutragen, in denen er notwendig zugrunde gehen müßte. Zuerst ließ er ihn das Ungeheuer Chimära erlegen, das Lykien verwüstete und das göttlicher, nicht menschlicher Art emporgewachsen war. Der gräßliche Typhon hatte es mit der riesigen Schlange Echidna gezeugt. Vorn war es ein Löwe, hinten ein Drache, in der Mitte eine Ziege; aus seinem Rachen ging Feuer und entsetzlicher Gluthauch. Die Götter selbst trugen Mitleiden mit dem schuldlosen Jüngling, als sie sahen, welcher Gefahr er ausgesetzt wurde. Sie schickten ihm auf seinem Wege zu dem Ungeheuer das unsterbliche Flügelroß Pegasus, das Poseidon mit der Medusa gezeugt hatte. Wie konnte ihm aber dieses helfen? Das göttliche Pferd hatte nie einen sterblichen Reiter getragen. Es ließ sich nicht einfangen und nicht zähmen. Müde von seinen vergeblichen Anstrengungen war der Jüngling am Quell Pirene, wo er das Roß gefunden hatte, eingeschlafen. Da erschien ihm im Traume seine Beschirmerin Athene; sie stand vor ihm, einen köstlichen Zaum mit goldenen Buckeln in der Hand, und sprach: »Was schläfst du, Abkömmling des Aiolos? Nimm dieses rossebändigende Werkzeug; opfre dem Poseidon einen schönen Stier und brauche des Zaums.« So schien sie dem Helden im Traume zuzusprechen, schüttelte ihren dunklen Ägisschild und verschwand. Er aber erwachte aus dem Schlafe, sprang auf und faßte mit der Hand nach dem Zaume. Und, o Wunder, der Zaum, nach dem er im Traume gegriffen, der Wachende hielt ihn wirklich und leibhaft in der Hand. Bellerophontes suchte nun den Seher Polyidos auf und erzählte ihm seinen Traum sowie das Wunder, das sich in demselben zugetragen. Der Seher riet ihm, das Begehren der Göttin ungesäumt zu erfüllen, dem Poseidon den Stier zu schlachten und seiner Schutzgöttin Athene einen Altar zu bauen. Als dies alles geschehen war, fing und bändigte Bellerophontes das Flügelroß ohne alle Mühe, legte ihm den goldenen Zaum an und bestieg es in eherner Rüstung. Nun schoß er aus den Lüften herab und tötete die Chimära mit seinen Pfeilen. Hierauf schickte ihn Iobates gegen das Volk der Solymer aus, ein streitbares Männergeschlecht, das an den Grenzen von Lykien wohnte, und nachdem er wider Erwarten den härtesten Kampf mit diesen glücklich bestanden, so wurde er von dem Könige gegen die männergleiche Schar der Amazonen gesandt. Auch aus diesem Streite kam er unverletzt und siegreich zurück. Nun legte ihm der König, um dem Verlangen seines Eidams doch endlich nachzukommen, eben auf diesem Rückwege einen Hinterhalt, wozu er die tapfersten Männer des lykischen Landes ausersehen hatte. Aber keiner von ihnen kehrte zurück, denn Bellerophontes vertilgte alle, die ihn überfallen hatten, bis auf den letzten. Nunmehr erkannte der König, daß der Gast, den er beherbergt, kein Verbrecher, sondern ein Liebling der Götter sei. Statt ihn zu verfolgen, hielt er ihn in seinem Königreiche zurück, teilte den Thron mit ihm und gab ihm seine blühende Tochter Philonoe zur Gemahlin. Die Lykier überließen ihm die schönsten Äcker und Pflanzungen zum Bebauen. Seine Gemahlin gebar ihm drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter.

Aber jetzt hatte das Glück des Bellerophontes ein Ende. Sein ältester Sohn Isander wuchs zwar auch zu einem gewaltigen Helden auf, aber er fiel in einer Schlacht gegen die Solymer. Seine Tochter Laodameia wurde, nachdem sie dem Zeus den Helden Sarpedon geboren, durch einen Pfeil der Artemis erschossen. Nur sein jüngerer Sohn Hippolochos gelangte zu ruhmvollem Alter und schickte im Kampfe der Trojaner einen heldenmütigen Sohn, Glaukos, den auch sein Vetter Sarpedon begleitete, mit einer stattlichen Schar von Lykiern den Troern zu Hilfe.

Bellerophontes selbst, durch den Besitz des unsterblichen Flügelrosses übermütig gemacht, wollte sich auf demselben zum Olymp emporschwingen und, der Sterbliche, sich in die Versammlung der Unsterblichen eindrängen. Aber das göttliche Roß selbst widersetzte sich dem kühnen Unterfangen, bäumte sich in der Luft und schleuderte den irdischen Reiter hinunter auf den Boden. Bellerophontes erholte sich zwar von diesem Fall, aber den Himmlischen seitdem verhaßt und vor den Menschen sich schämend, irrte er einsam umher, vermied die Pfade der Sterblichen und verzehrte sich in einem ruhmlosen und kummervollen Alter.

Bestattung der thebanischen Helden



Bestattung der thebanischen Helden

Vom ganzen Stamme des Ödipus war jetzt, außer zwei Söhnen der gefallenen Brüder, nur noch Ismene übrig. Von ihr erzählt die Sage nichts; sie starb unvermählt oder kinderlos, und mit ihrem Tode erlosch das unselige Geschlecht. Von den sieben Helden, die gegen Theben ausgezogen waren, entkam dem unglücklichen Sturme und der letzten Schlacht der König Adrastos allein, den sein unsterbliches Roß Arion, von Poseidon und Demeter erzeugt, auf geflügelter Flucht rettete. Er erreichte glücklich Athen, nahm dort seine Zuflucht als Schutzflehender an den Altar der Barmherzigkeit und beschwor, einen Ölzweig in der Hand, die Athener, ihn zu unterstützen, daß er die vor Theben gefallenen Helden und Mitbürger zu ehrlicher Bestattung sich erstreiten könnte. Die Athener erhörten seinen Wunsch und zogen unter Theseus mit ihm zu Felde. Die Thebaner wurden gezwungen, die Beerdigung zu gestatten. Nun errichtete Adrastos den Leichnamen der gefallenen Helden sieben getürmte Scheiterhaufen und hielt am Asopos, dem Apollo zu Ehren, ein Wettrennen. Als der Scheiterhaufen des Kapaneus brannte, stürzte sich seine Gattin, Euadne, des Iphis Tochter, hinein und verbrannte zugleich mit ihm. Der Leichnam des Amphiaraos, den die Erde verschlungen hatte, war nicht zum Begräbnisse aufgefunden worden. Es schmerzte den König, seinem Freunde diese letzte Ehre nicht bezeigen zu können. »Ich vermisse«, sprach er, »das Auge meines Heeres, den Mann, der beides war, der trefflichste Seher und der tapferste Kämpfer im Streit!« Als die feierliche Bestattung vorüber war, errichtete Adrastos der Nemesis oder Vergeltung einen schönen Tempel vor Theben und zog mit seinen Bundesgenossen, den Athenern, wieder aus dem Lande.

Bestrafung der Mägde



Bestrafung der Mägde

Odysseus blickte umher und sah keinen lebenden Feind mehr. Sie lagen hingestreckt in Menge wie Fische, die der Fischer aus dem Netz geschüttet. Da ließ Odysseus durch seinen Sohn die Pflegerin berufen. Sie fand ihren Herrn unter den Leichen wie einen Löwen stehen, der Stiere zerrissen hat, dem der Rachen und die Brust von schwarzem Blute triefen und dessen Auge funkelt. So stand Odysseus, an Händen und Füßen mit Blut befleckt. Frohlockend jauchzte die Schaffnerin, denn der Anblick war groß und fürchterlich. »Freue dich, Mutter«, rief ihr der Held ernsthaft entgegen, »aber jauchze nicht: kein Sterblicher soll über Erschlagene jubeln! Diese hier hat das Gericht der Götter gefället, nicht ich. Jetzt aber nenne mir die Weiber des Palasts: welche mich verachtet haben, welche treu geblieben sind.« »Es sind fünfzig Dienerinnen im Hause«, antwortete Eurykleia, »die wir Kleider wirken, Wolle kämmen, das Hauswesen bestellen gelehrt haben. Von diesen haben sich zwölfe von euch abgewendet und weder mir noch Penelope gehorcht, denn dem Sohn überließ die Mutter das Regiment über die Mägde nicht. – Nun aber laß mich meine schlummernde Herrin erwecken, o König, und ihr die Freudenbotschaft verkünden.« »Wecke jene noch nicht«, antwortete Odysseus, »sondern schicke mir die zwölf treulosen Mägde herunter.« Eurykleia gehorchte, und zitternd erschienen die Dienerinnen. Da rief Odysseus seinen Sohn und die treuen Hirten zu sich heran und sprach: »Traget nun die Leichname hinaus und heißet die Weiber Hand anlegen. Dann lasset sie die Sessel und Tische mit Schwämmen säubern und den ganzen Saal reinigen. Wenn dies geschehen ist, führt mir die Mägde hinaus zwischen Küche und Hofmauer und machet sie alle mit dem Schwerte nieder, daß ihnen der Mutwill ausgetrieben wird, dem sie sich mit den Freiern überlassen haben!« Wehklagend und weinend sammelten sich die Weiber auf einen Haufen, aber Odysseus trieb sie zum Werke und herrschte sie an, bis sie die Toten hinausgetragen, Sessel und Tische gesäubert, den Estrich reingeschaufelt und den Unrat vor die Türe geschleppt hatten. Dann wurden sie von den Hirten zum Palaste hinaus, zwischen Küche und Hofmauer gedrängt, wo kein Ausweg war. Und nun sprach Telemach: »Diese schändlichen Weiber, die mein und meiner Mutter Haupt verunehrt haben, sollen keines ehrlichen Todes sterben!« Mit diesen Worten knüpfte er von Pfeiler zu Pfeiler, das Küchengewölbe entlang, ein ausgespanntes Seil, und bald hingen die Mägde, mit der Schlinge um den Hals, alle zwölf nebeneinander, wie ein Zug Drosseln im Netze und zuckten nur noch eine kurze Weile mit den Füßen in der Luft.

Jetzt wurde auch der boshafte Ziegenhirt Melanthios über den Vorhof herbeigeschleppt und in Stücke gehauen. Als Telemach und die Hirten dies vollbracht hatten, war das Werk der Rache beendigt, und sie kehrten zu Odysseus in den Saal zurück.

Hierauf befahl Odysseus der Schaffnerin Eurykleia, Glut und Schwefel auf einer Pfanne zu bringen und Saal, Haus und Vorhof zu durchräuchern. Noch ehe sie aber dieses Geschäft vornahm, brachte sie ihrem königlichen Herrn Mantel und Leibrock. »Du sollst mir«, sprach sie, »lieber Sohn und unser aller Herr, nicht mehr so mit Lumpen bedeckt im Saale dastehen, du, die herrliche Heldengestalt! Das wäre ja ganz unziemlich.« Odysseus aber ließ die Kleider noch liegen und hieß die Alte an ihr Geschäft gehen. Während diese nun den Saal und das ganze Haus durchräucherte, rief sie auch die treu gebliebenen Dienerinnen herbei. Diese drängten sich bald um ihren geliebten Herrn, hießen ihn mit Freudentränen willkommen, drückten ihr Angesicht auf seine Hände und konnten sich mit Küssen nicht ersättigen. Odysseus aber weinte und schluchzte vor Freuden; denn jetzt erkannte er, wer ihm treu geblieben war.

Botschaft der Griechen an Achill



Botschaft der Griechen an Achill

Im griechischen Lager hatte sich der Schrecken von der Flucht noch nicht gelegt, als Agamemnon die Fürsten Mann für Mann, doch nicht laut, zu einer Ratsversammlung rufen ließ. Tiefbekümmert saßen sie bald beisammen, und unter schweren Seufzern sprach der Völkerfürst: »Freunde und Pfleger des Volkes, in schwere Schuld hat mich Zeus verstrickt. Er, dessen gnädiger Wink mir verheißen hatte, daß ich als Sieger nach Vertilgung Trojas heimgehen sollte, hat mich betrogen und befiehlt mir jetzt, so viele tapfere Männer auf der Walstatt zurücklassend, ruhmlos nach Argos heimzukehren. Vergebens widersetzen wir uns dem Willen dessen, der schon so vielen Städten das Haupt zerschmettert hat und noch zerschmettern wird. Aber Troja sollen wir nicht erobern. So gehorchet mir denn, und laßt uns auf den schnellen Schiffen zum Lande der Väter fliehen!«

Lang blieben die bekümmerten Helden Griechenlands stumm, als sie das traurige Wort vernommen hatten, bis endlich Diomedes zu reden begann: »Zwar schmähtest du jüngst«, sprach er, »meinen Mut und meine Tapferkeit vor den Griechen, o König, jetzt aber will mir bedünken, daß dir selbst Zeus mit dem Zepter der Macht die Tapferkeit nicht verliehen hat. Glaubst du denn im Ernste, die Männer Griechenlands seien so unkriegerisch, wie du geredet? Wohl, wenn dich das Herz so sehr nach der Heimat drängt, so wandre! der Weg ist frei, und dein Schiff steht bereit! Wir andern Achiver wollen bleiben, bis wir die Burg des Priamos zerstört haben. Ja, wenn sie alle davongingen, so blieben doch wir, ich und mein Freund Sthenelos, und kämpften fort, im Glauben, daß eine Gottheit uns hierhergeführt!« Die Helden jubelten bei diesem Worte, und Nestor sprach: »Du könntest mein jüngster Sohn sein, o Jüngling, und doch hast du lauter Verständiges gesprochen. Auf daher, Agamemnon, gibt den Führern ein Mahl, du hast ja Weins genug in den Zelten; die Scharenhüter sollen sich am Graben draußen vor der Mauer lagern, du aber horche beim Becher auf den Rat der Besten unter dem Volke.«

So geschah es. Die Fürsten schmausten bei Agamemnon getrösteteren Muts, und nach dem Mahle sprach Nestor wieder in der Versammlung: »Agamemnon, du weißt, was seit dem Tage geschehen ist, an welchem du dem zürnenden Peliden die schöne Tochter des Brises aus den Zelten raubtest, wider unsern Sinn; denn ich habe dich mit großem Ernst abgemahnt. Jetzt ist es Zeit, darauf zu sinnen, wie wir das Herz des Gekränkten zur Versöhnung bewegen mögen.« »Du hast recht, o Greis«, antwortete Agamemnon, »ich habe gefehlt und leugne es nicht. Auch will ich es gerne gutmachen und dem Beleidigten unendliche Sühnung bieten: zehn Talente Goldes, sieben Dreifüße, zwanzig Becken, zwölf Rosse, sieben blühende lesbische Weiber, die ich selbst erobert, endlich die liebliche Jungfrau Brisëis selbst, die ich, obgleich ich sie dem Achill entrissen, doch immer in Ehren gehalten habe, wie ich mit heiligem Eide beschwören kann. Erobern wir dann Troja und teilen den Siegesraub, so will ich ihm selbst sein Schiff mit Erz und Gold vollfüllen, und er mag sich zwanzig Trojanerinnen, die schönsten nach Helena, zur Beute heraussuchen. Kommen wir nach Argos heim, so soll er sich eine von meinen Töchtern zur Gattin erwählen; er wird mir ein lieber Eidam sein, und meinen eigenen einzigen Sohn Orestes will ich nicht höher halten. Sieben Städte werde ich ihm zum Brautschatz geben. Solches alles will ich tun, sobald er von seinem Zorn abläßt.«

»Fürwahr«, antwortete ihm Nestor, »du bietest dem Fürsten Achill keine verächtlichen Gaben. Senden wir denn auf der Stelle auserlesene Männer, Phönix als Führer, dann den großen Ajax und den edlen Odysseus und mit ihnen die Herolde Hodios und Eurybates, zu den Zelten des zürnenden Helden.«

Nach einem feierlichen Trankopfer verließen wirklich die von Nestor ausgewählten Fürsten die Versammlung und gelangten in kurzem zu den Schiffen der Myrmidonen. Hier fanden sie den Achill, wie er auf der schönen gewölbten Leier mit silbernem Stege, einer Beute aus Eëtions Stadt, sein Herz erlabend spielte und Siegestaten der Helden dazu sang. Ihm gegenüber saß sein Freund Patroklos und harrte schweigend, bis jener den Gesang beendigt hätte. Als der Pelide die Abgesandten, Odysseus an der Spitze, kommen sah, erhub er sich staunend von seinem Sitze, die Leier in der Hand behaltend. Auch Patroklos stand auf, sobald er ihrer ansichtig wurde; beide gingen ihnen entgegen, und Achill faßte den Phönix und den Odysseus bei den Händen und rief »Freude sei mit euch, ihr Teuren! Zwar führt euch gewiß irgendeine Not zu mir her; doch ich liebe euch so sehr vor allen Griechen, daß ihr auch dem Zürnenden willkommen seid.« Schnell brachte jetzt Patroklos einen großen Krug Weines herbei. Achill selbst steckte den Rücken einer Ziege und eines Schafes und das Schulterblatt eines Mastschweins an den Spieß und briet alles mit Hilfe seines Gefährten Automedon. Nachdem sie sich nun, um das Mahl gelagert, an Speise und Trank gelabt hatten, winkte Ajax dem Phönix; Odysseus aber kam diesem zuvor, füllte den Becher mit Wein und trank dem Peliden mit einem Handschlage zu; dann begann er: »Heil dir, Pelide, deinem Schmaus gebricht es nicht an Fülle; aber nicht das liebliche Mahl ist’s, wonach uns verlangt, sondern unser großes Unglück führt uns zu dir. Denn jetzt gilt es unsere Rettung oder unsern Untergang, je nachdem du mit uns gehest oder nicht. Die Trojaner bedrohen den Steinwall und unsere Schiffe; Hektor, die Augen voll Mordlust, wütet, auf Zeus vertrauend. Erhebe dich denn, die Griechen wenn auch spät, zu befreien; bändige den Stolz deines Herzens; glaube mir, freundlicher Sinn ist besser als verderblicher Zank. Hat dir doch dein Vater Peleus selbst solche Ermahnungen mit auf den Zug gegeben!« Dann zählte ihm Odysseus alle die herrlichen Gaben auf, die Agamemnon ihm zur Sühne anbieten ließ und noch weiter versprach.

Aber Achill erwiderte: »Edler Sohn des Laërtes, ich muß deine schöne Rede von der Brust weg mit Nein beantworten. Agamemnon ist mir verhaßt wie die Pforte des Hades, und weder er noch die Griechen werden mich bereden, wieder in ihren Reihen zu kämpfen; denn wann habe ich einen Dank für meine Heldenarbeit davongetragen? Wie eine Mutter den nackten Vögelchen den gefundenen Bissen darbringt, auch wenn sie selbst hungert, so habe ich unruhige Nächte und blutige Tage genug zugebracht, um jenen Undankbaren ein Weib zu erobern, und was ich erbeutet hatte, brachte ich dem Atriden zur Gabe dar; er aber nahm die Schätze, behielt das meiste und verteilte davon nur weniges; mir selbst hat er auch die lieblichste Beute entrissen. Darum will ich morgen schon Zeus und den Göttern opfern; noch im Morgenrote sollen meine Schiffe im Hellespont schwimmen, und in dreien Tagen hoffe ich in Phthia zu Hause zu sein. Einmal hat er mich betrogen, zum zweiten Male wird er mich nicht täuschen; er begnüge sich! Gehet und meldet den Fürsten diese Botschaft, Phönix aber bleibe, wenn es ihm gefällt, und schiffe heim mit mir ins Land der Väter!«

Vergebens suchte Phönix, sein alter Freund und Führer, den jungen Helden auf andere Gedanken zu bringen. Dieser winkte dem Patroklos, dem alten Helden ein warmes Bette zurechtzumachen. Da stand Ajax auf und sprach: »Odysseus, laß uns gehen, in der Brust des Grausamen wohnt keine Milde; den Unbarmherzigen bewegt nicht die Freundschaft der Genossen, er trägt ein unversöhnliches Herz im Busen!« Auch Odysseus erhob sich nun vom Mahle, und nachdem sie den Göttern das Trankopfer dargebracht, verließen sie mit den Herolden das Zelt des Achill, bei dem nur Phönix zurückblieb.

Botschaft der Griechen an Priamos



Botschaft der Griechen an Priamos

Unterdessen, solange die Ausrüstung der Griechen sich vorbereitete, ward von Agamemnon im Rate seiner Vertrauten und der Häupter des Volkes, um auch gütliche Mittel nicht unversucht zu lassen, beschlossen, daß eine Gesandtschaft nach Troja an den König Priamos abgehen sollte, um sich über die Verletzung des Völkerrechts und den Raub der griechischen Fürstin zu beschweren und die entrissene Gattin des Fürsten Menelaos samt ihren Schätzen zurückzufordern. Es wurden hierzu in der Versammlung der Kriegshäupter Palamedes, Odysseus und Menelaos auserwählt; und obgleich Odysseus im Herzen der Todfeind des Palamedes war, so unterwarf er sich doch zum gemeinen Besten der Einsicht dieses Fürsten, der in dem griechischen Heere um seines Verstandes und seiner Erfahrung willen hoch gefeiert war, und überließ ihm willig die Ehre, am Hofe des Königs Priamos als Sprecher aufzutreten.

Die Trojaner und ihr König waren über die Ankunft einer Gesandtschaft, die mit einer ansehnlichen Schiffsrüstung erschien, in kein geringes Staunen versetzt. Sie wußten von der unmittelbaren Ursache der Sendung noch nichts; denn Paris verweilte noch immer mit seiner geraubten Gattin auf der Insel Kranaë und war in Troja verschollen. Priamos und sein Volk glaubten deswegen nicht anders, als der trojanische Kriegszug, der die Gesandtschaft des Paris und die Zurückforderung der Hesione unterstützen sollte, habe Widerstand in Griechenland gefunden, und jetzt nach seiner Vernichtung würden die Griechen, übermütig geworden, über die See herbeikommen, die Trojaner in ihrem eigenen Lande anzufallen. Die Nachricht, daß sich griechische Gesandte der Stadt näherten, versetzte sie daher in nicht geringe Spannung. Indessen öffneten sich jenen die Tore willig, und die drei Fürsten wurden sofort in den Palast des Priamos und vor den König selbst geführt, der seine zahlreichen Söhne und die Häupter der Stadt zu einem Rate zusammenberufen hatte. Palamedes ergriff vor dem Könige das Wort und beklagte sich bitter im Namen aller Griechen über die schändliche Verletzung des Gastrechts, die sich sein Sohn Paris durch den Raub der Königin Helena zuschulden kommen lassen. Dann entwickelte er die Gefahren eines Krieges, die dem Reiche des Priamos aus dieser Untat erwüchsen, zählte die Namen der mächtigsten Fürsten Griechenlands auf, die mit allen ihren Völkern auf mehr als tausend Schiffen vor Troja erscheinen würden, und verlangte die gütliche Auslieferung der geraubten Fürstin. »Du weißt nicht, o König«, so schloß er seine Rede, »was für Sterbliche durch deinen Sohn beschimpft worden sind: es sind die Griechen, die alle lieber sterben, als daß einem einzigen von ihnen durch einen Fremdling ungerechte Kränkung widerfahre. Sie hoffen aber, indem sie dieses Unrecht zu rächen kommen, nicht zu sterben, sondern zu siegen, denn ihre Zahl ist wie der Sand am Meere, und alle sind von Heldenmut erfüllt, und alle brennen vor Begierde, die Schmach, die ihrem Volke widerfahren ist, in dem Urheber zu tilgen. Darum verkündigt euch unser oberster Feldherr, Agamemnon, König der mächtigen Landschaft Argos und der erste Fürst Griechenlands, und mit ihm lassen euch alle anderen Fürsten der Danaer sagen: Gebet die Griechin, die ihr uns gestohlen habt, heraus, oder seid alle des Untergangs gewärtig!«

Bei diesen trotzigen Worten ergrimmten die Söhne des Königes und die Ältesten von Troja, zogen ihre Schwerter und schlugen streitlustig an ihre Schilde. Aber König Priamos gebot ihnen Ruhe, erhob sich von seinem Königssitze und sprach: »Ihr Fremdlinge, die ihr im Namen eures Volkes so strafende Worte an uns richtet, gönnet mir erst, daß ich von meinem Staunen mich erhole. Denn wessen ihr mich beschuldiget, davon ist uns allen nichts bewußt; vielmehr sind wir es, die wir bei euch uns über das Unrecht zu beklagen haben, das ihr uns andichtet. Unsre Stadt hat euer Landsmann Herakles mitten im Frieden angefallen, aus unsrer Stadt hat er meine unschuldige Schwester Hesione als Gefangene mit sich geführt und sie seinem Freunde, dem Fürsten Telamon auf Salamis, als Sklavin geschenkt; und es ist der gute Wille dieses Mannes, daß sie von ihm zu seiner ehelichen Gemahlin erhoben worden ist und nicht als Magd und Kebsweib dient. Doch konnte dies den unehrlichen Raub nicht wiedergutmachen; und es ist schon die zweite Gesandtschaft, die diesmal unter meinem Sohne Paris nach eurem Lande abgegangen ist, meine freventlich geraubte Schwester zurückzuverlangen, damit ich wenigstens noch in meinem Greisenalter mich ihrer erfreuen könne. Wie mein Sohn Paris diesen meinen königlichen Auftrag ausgerichtet, was er getan hat und wo er weilt, weiß ich nicht. In meinem Palaste und in unserer Stadt befindet sich kein griechisches Weib, dies weiß ich gewiß. Ich kann euch also die verlangte Genugtuung nicht geben, auch wenn ich wollte. Kommt mein Sohn Paris, wie mein väterlicher Wunsch ist, glücklich nach Troja zurück und bringt er eine entführte Griechin mit sich, so soll euch diese ausgeliefert werden, wenn sie anders nicht als Flüchtling unsern Schutz anfleht. Aber auch dann werdet ihr sie unter keiner andern Bedingung und nicht eher zurückerhalten, als bis ihr meine Schwester Hesione aus Salamis wieder in meine Arme zurückgeführt habt!«

Der Rat der Trojaner stimmte zu diesen Worten des Königs; aber Palamedes sprach trotzig: »Die Erfüllung unserer Forderung, o König, läßt sich von keiner Bedingung abhängig machen. Wir glauben deinem ehrwürdigen Antlitz und der Rede deines Mundes, die uns versichert, daß die Gemahlin des Menelaos noch nicht in deinen Mauern angekommen ist. Sie wird aber kommen, zweifle nicht; ihre Entführung durch deinen unwürdigen Sohn ist nur allzu gewiß. Was zu unserer Väter Zeiten von Herakles geschehen ist, dafür sind wir nicht mehr verantwortlich. Aber was einer deiner Söhne uns jetzt eben von empörender Kränkung zugefügt hat, dafür verlangen wir Rechenschaft von dir. Hesione ist willig mit Telamon davongezogen, und sie selbst sendet einen Sohn in diesen Krieg, der euch bevorsteht, wenn ihr uns nicht Genugtuung gebet: den gewaltigen Fürsten Ajax. Helena aber ist wider Willen und freventlich geraubt worden. Danket dem Himmel, der euch durch eures Räubers Zögerung Bedenkzeit gegeben hat, und fasset einen Beschluß, der das Verderben von euch abwendet.«

Priamos und die Trojaner empfanden die übermütige Rede des Gesandten Palamedes übel, doch ehrten sie an den Fremdlingen das Recht der Gesandtschaft; die Versammlung wurde aufgehoben und ein Ältester von Troja, der Sohn des Aisyetes und der Kleomestra, der verständige Antenor, schirmte die fremden Fürsten vor allen Beschimpfungen des Pöbels, führte sie in sein Haus und beherbergte sie dort mit edler Gastlichkeit bis zum andern Morgen. Dann gab er ihnen das Geleite an den Strand, wo sie die glänzenden Schiffe wieder bestiegen, die sie herbeigeführt hatten.

Agamemnons Ende



Agamemnons Ende

Als der König Agamemnon im Sturme von dem Vorgebirge Malea zurückgeworfen worden war, trieb ihn der Wind mit seinem Schiffzuge nach dem südlichen Gestade des Landes, wo einst sein Oheim Thyestes geherrscht hatte und jetzt der Fürstensitz des Ägisth war. Er warf die Anker aus und wartete günstigen Fahrwind in einer sicheren Hafenbucht ab. Ausgeschickte Kundschafter brachten ihm die Nachricht, daß der König des Landes, Ägisth, mit seiner Gemahlin Klytämnestra, seit diese von Aulis zurückgekehrt, in nachbarlicher Freundschaft gelebt habe, ja daß derselbe, schon seit geraumer Zeit nach Mykene berufen, in der Königin Namen das Reich Agamemnons verwalte. Der Völkerfürst erfreute sich dieser Nachricht und suchte nichts Arges darunter. Er dankte den Göttern, daß der alte Rachegeist aus seinem Hause verschwunden sei. Ihm selbst, der so viel Griechen- und Barbarenblut vor Troja notgedrungen vergossen hatte, war der Durst nach Blutrache vergangen, und sein Inneres dachte nicht daran, den Mörder seines Vaters, der doch selbst nur gerechte Rache genommen hatte, zu strafen. Auch das Herz seiner Gemahlin glaubte er durch den langen Zeitraum beschwichtiget. Unter fröhlichen Hoffnungen lichtete er die Anker bei günstigem Wind und lief mit seinen Kriegern wohlbehalten in den Hafen seiner Heimat ein.

Sobald er hier den Göttern ein Dankopfer für Rettung und beglückte Fahrt am Ufer dargebracht hatte, folgte er mit seiner Kriegerschar dem abgesandten Herold. Vor der Stadt Mykene kam ihm das gesamte Volk entgegen, seinen Vetter Ägisth, der im ganzen Lande als königlicher Verwalter des Reiches galt, an der Spitze. Alsdann erschien auch, von den Frauen ihres Hauses begleitet und von den streng bewachten Kindern umgeben, die Königin Klytämnestra. Wie man bei erheuchelter Freude pflegt, empfing sie den Gemahl mit allen ersinnlichen Ehrenbezeugungen und mit übertriebener Ehrfurcht; ja statt ihn zu umfangen, warf sie sich vor ihm auf die Knie nieder und ergoß sich in Glückwünschungen und Lobsprüchen. Agamemnon aber eilte freudig auf sie zu, erhob sie vom Boden, umarmte sie und sprach: »Was denkst du, Ledas Tochter, daß du wie eine Sklavin den Barbarenherrn, fußfällig im Staube dich wälzend, mich empfängst? Und was sollen diese herrlichen gestickten Teppiche, die unter meinen Fußtritt gebreitet sind? So empfängt man unsterbliche Götter und nicht sterbliche schwache Menschen. Ehre mich so, daß die Himmlischen mich nicht beneiden!«

Nachdem er die Gattin so begrüßt und die Kinder umarmt und geküßt, wandte er sich um zu Ägisth, der mit den Häuptlingen der Stadt seitwärts stand, reichte ihm brüderlich die Hand und sagte ihm freundlichen Dank für die sorgfältige Verwaltung des Landes. Dann löste er die Riemen seiner Schuhe und ging barfuß über das kostbare Gewebe der Teppiche durch die ganze Stadt bis zu seinem Palaste. In seinem Gefolge befand sich auch Kassandra, die weissagende Tochter des Priamos, die in der Beute dem Völkerfürsten, der sie von den ruchlosen Händen Ajax‘ des Lokrers befreit hatte, zuteil geworden war. Sie saß mit gesenktem Haupt und niedergeschlagenen Augen auf einem hohen, auch mit anderer Beute beladenen Wagen. Als Klytämnestra die edle Gestalt der Jungfrau gewahr wurde, überschlich sie ein Gefühl der Eifersucht, zu welchem sie freilich am wenigsten berechtigt war; gewaltiger aber noch befiel sie ein Schrecken, als sie den Namen der Gefangenen erkundet und erfahren hatte, daß sie die wahrsagende Priesterin der Pallas in ihrem durch Ehebruch entweihten Hause beherbergen sollte. Die höchste Gefahr deuchte ihr deswegen, länger mit ihrem verruchten Vorhaben zu zögern, und schnell war ihr arglistiger Entschluß gefaßt, die fremde Jungfrau auf eine Stunde mit dem Gatten zu verderben. Doch verbarg sie sorgfältig ihr Inneres vor der Seherin, und als der ganze Zug vor dem Königspalaste zu Mykene angekommen war, trat sie freundlich zu dem Wagen und rief ihr zu: »Steige herab, traurige Jungfrau, und gib dem Verdrusse Abschied! Mußte doch selbst Alkmenes unbezwinglicher Sohn, Herakles, einst in die Knechtschaft wandern und sein Haupt unter das Joch einer fremden Herrin beugen! Wem das Schicksal einen solchen Zwang zugedacht hat, der darf sich glücklich preisen, wenn er unter Herren kommt, bei denen alter Reichtum zu Hause ist; denn wer das Glück erst kurz und unverhofft geerntet hat, pflegt hart und übermütig gegen Knechte zu sein. Sei getrost, du sollst alles bei uns erhalten, was billig ist!«

Kassandra veränderte ihre Miene nicht bei diesen Worten; lange blieb sie ohne Regung auf dem Stuhl ihres Wagens sitzen, die Dienerinnen mußten sie nötigen, ihren Platz zu verlassen. Endlich sprang sie vom Sitze wie ein gescheuchtes Wild, ihr Herz wußte alles, was ihr bevorstand; sie war gewiß, daß der Schluß des Schicksals nicht zu ändern sei; und hätte sie ihn ändern können, sie hätte der Rachegöttin den Feind ihres Volkes nicht entziehen wollen, und weil er doch ihr Retter war, so verdroß es sie nicht, mit ihm zu sterben. Im Palaste wurden der Fürst Agamemnon und alle mit ihm Angekommenen durch Zurüstungen zu einem prächtigen Gastmahle getäuscht. Bei diesem Mahle hatte er von den gedungenen Knechten des Ägisth wie ein Stier an der Krippe erschlagen werden sollen. Die Ankunft der Wahrsagerin aber bestimmte die Königin und ihren Ehebrecher, die Entscheidung nicht auf diesen Hinterhalt auszusetzen, sondern rascher und einsamer zu Werke zu gehen.

Agamemnon, von der Fahrt ermüdet und vom Wege durch das Land nach der Stadt bestäubt, verlangte nach einem erquickenden Bade, und Klytämnestra erklärte ihm mit liebreicher Zuvorkommenheit, daß sie dieses Bedürfnis längst vorhergesehen und daß ein warmes Bad für ihn bereitgehalten sei. Der König betrat ahnungslos das Badegewölbe seines Palastes, legte Panzer, Waffen und alle Gewande ab und bestieg wehrlos und entkleidet den Badebehälter. Da brachen Ägisth und Klytämnestra aus ihrem Verstecke hervor, warfen ihm ein festgewundenes Netz über den Leib und durchbohrten ihn mit wiederholten Dolchstichen. Sein Hilferuf drang aus dem unterirdischen Gemache, wo die Bäder sich befanden, nicht hinauf in den obern Palast. Unmittelbar nachher ward Kassandra, die einsam durch die dunkeln Vorhallen des Königspalastes hin und her irrte, das Geschehende sah und in Rätselsprüchen verkündete, niedergemacht.

Sobald die doppelte Untat geschehen war, gedachten die Mörder, auf ihren Anhang vertrauend, sie nicht länger zu verbergen. Die beiden Leichname wurden im Palaste ausgestellt; Klytämnestra berief die Häupter der Stadt und sprach ohne Rückhalt und ohne Scheu: »Verarget mir, Freunde, meine bisherige Verstellung nicht. Ich habe dem Todfeinde meines Hauses, dem Mörder meines geliebtesten Kindes, seine Blutschuld nicht anders bezahlen können; ja ich habe ihn ins Netz gelockt, wie einen Fisch habe ich ihn gefangen; mit drei Dolchstichen, im Namen des unterirdischen Pluton geführt, habe ich meine Tochter gerächt. Es ist Agamemnon, mein Gatte, von meiner eigenen Hand umgebracht; ich leugne es nicht. Hat er doch, als handelte es sich um den Tod eines Schlachtviehes, sein eigenes Kind, mir das liebste, geopfert, um mit meinem Mutterschmerze die thrakischen Winde zu besänftigen. Verdiente ein solcher Frevler zu leben, verdiente er ein so schönes, ein so frommes Land zu beherrschen? Ist’s nicht gerechter, daß Ägisth euch befehle, der keinen Kindermord auf dem Gewissen hat, der in Atreus und im Atriden nur Erbfeinde seines Vaters gerächt hat? Ja es ist billig, daß ich ihm die Hand reiche, daß ich Palast und Thron mit ihm teile, der das Werk der beleidigten Mutterliebe, das Werk der Gerechtigkeit mir vollbringen half. Er ist ein Schild meiner Kühnheit; solang er und sein Anhang mich beschützt, wird niemand es wagen, mich wegen meiner Tat zur Rechenschaft ziehen zu wollen. Was jene Sklavin betrifft« – mit diesen Worten deutete sie auf Kassandras Leichnam –, »so war sie die Buhlerin des Treulosen; sie hat die Strafe des Ehebruchs erlitten und soll den Hunden zum Zerfleischen vorgeworfen werden.«

Die Häupter der Stadt blieben auf diese Rede stumm. An Gegenwehr war nicht zu denken: die Bewaffneten des Ägisth umgaben den Palast; Waffengeklirr ertönte, und drohende Laute ließen sich hören. Die Krieger Agamemnons, deren eine weit kleinere Schar aus dem männervertilgenden Kampfe von Troja heimgekehrt war, hatten sich in der Stadt zerstreut und sorglos die Waffen von sich gelegt. Der wilde Anhang des Ägisth durchzog Mykene in voller Rüstung und metzelte jeden nieder, der gegen den gräßlichen Mord seines Fürsten sich auflehnte.

Die Frevler versäumten auch nichts, ihre Herrschaft zu befestigen. Alle Ehrenstellen, alle Kriegsämter wurden unter ihre treuesten Anhänger verteilt. Die Töchter Agamemnons betrachteten sie als gefahrlose Weiber; aber zu spät fiel ihnen ein, daß in dem jungen Orestes, dem jüngsten Kinde Agamemnons und Klytämnestras, dem Vater ein Rächer nachwachse. Obgleich er kaum zwölfjährig war, hätte sie ihn doch gerne getötet, um sich von aller Furcht der Strafe zu befreien. Aber seine kluge Schwester Elektra, besonnener als die Mörder, hatte sogleich nach der Tat Sorge für ihn getragen und ihn heimlich dem Sklaven, dem seine Aufsicht anvertraut war, übergeben. Dieser hatte ihn nach Phanote im Lande Phokis gebracht und ihn dort als ein heiliges Unterpfand dem befreundeten Könige Strophios übergeben, der sein zweiter Vater wurde und ihn mit seinem eigenen Sohne Pylades sorgfältig erzog.