Turnus stellt sich zum Zweikampf und erliegt. Ende



Turnus stellt sich zum Zweikampf und erliegt. Ende

Turnus setzte indessen auf dem äußersten Plane des Schlachtfeldes noch wenigen Fliehenden nach, aber seine Rosse liefen allmählich langsamer und müder. Da scholl ihm von ferne aus der zerrütteten Stadt verworrenes Geschrei und Getöse entgegen, und er fing an zu ahnen, daß dort sich ein großes Unglück ereignet haben müsse. Er fiel der Schwester, die noch immer in Gestalt des Wagenlenkers Metiskus neben ihm im Wagen saß, in die Zügel, zog sie an und hielt in dumpfer Betäubung die Rosse zurück. Juturna aber sprach ärgerlich zu ihm: »Was besinnst du dich, Turnus, willst du auf der Bahn des Sieges stillestehen? Hier laß uns die Trojaner verfolgen, für die Verteidigung der Häuser mögen andere sorgen!« Turnus blickte sie lange staunend an und sprach: »So hab ich mich doch nicht getäuscht! Mir war längst, als wenn nicht mein Wagenlenker Metiskus mir zur Seite säße, sondern als wenn du es wärest, geliebte Schwester! Ja, ich habe dich schon erkannt, als deine List das Bündnis der Könige trennte! Auch jetzt verbirgst du dich mir umsonst, o Göttliche! Aber sage mir, wer sandte dich vom Olymp herab und hieß dich um meinetwillen die Beschwerden der Sterblichen erdulden? Bist du etwa dazu abgeschickt, den Tod deines armen Bruders zu schauen? Denn habe ich eine andere Aussicht? Sah ich nicht die edelsten und tapfersten Rutuler um mich her fallen? Nun muß ich es auch noch mit ansehen, daß die Stadt erstürmt und verwüstet wird! Und ich sollte nicht mit meiner Faust die Worte des neidischen Drances widerlegen, sollte schimpflich mich dem Kampfe entziehen? Und mein Land, mein Volk sollte den Turnus fliehen? Ist denn der Tod so etwas gar Unseliges? Ihr Götter der Unterwelt, seid ihr mir wenigstens geneigt, weil die Neigung der Himmlischen sich von mir abkehrt! Vorwurfslos, ein fleckenfreier Geist, will ich, des Ruhmes meiner Altvordern wert, zu euch hinuntersteigen!«

Kaum hatte er die Worte gesprochen, als mitten durch die Feinde auf einem schäumenden Rosse der Rutuler Saces, dem das Angesicht von einem Pfeilwurfe blutete, herangestürmt kam und den Turnus flehend beim Namen rief. »Komm, Turnus, komm; du bist unsere letzte Hoffnung! Äneas ist in der Stadt, bedroht die Burg; Feuerbrände fliegen nach den Häusern; der König zweifelt schon, wen er zum Eidam wählen soll; die Königin ist durch eigene Hand gefallen, nur Messapus und Atinas halten das Treffen noch an den Toren auf.« Turnus hielt die Rosse wieder an und starrte, zwischen Scham, Kummer und rasender Liebe geteilt, in die Weite mit den irrenden Blicken hinaus. Endlich rollten seine Augen wieder in ihren Kreisen, und seine Blicke fielen auf die Latinerstadt. Siehe, dort wallte von Stockwerk zu Stockwerk des höchsten hölzernen Mauerturmes die Feuersäule des Brandes empor, jenes Turmes, den er selbst aus riesigen Balken gezimmert, auf Räder gesetzt und durch mächtige Zugbrücken mit der Stadt verbunden hatte. »Jetzt, Schwester«, rief er, »jetzt besiegt uns das Glück; halte mich nicht länger auf; laß uns folgen, wohin das strenge Geschick mich ruft! Ich bin entschlossen, mit Äneas zu kämpfen; mag kommen, was da will, ruhmlos sollst du mich nicht sehen!«

So sprach er, sprang vom Wagen auf die Erde, stürzte durch die Lanzen der Feinde dahin und durchbrach, die trauernde Schwester zurücklassend, die Scharen der Trojaner. Wie ein Felsblock, vom Gipfel des Gebirges losgerissen, in die Tiefe hinabrollt, vom Boden emporhüpft, Wälder, Herden und Männer im Sturze mit sich fortreißt, so stürmte Turnus durch die zersprengten Reitergeschwader heran zu den Stadtmauern, wo der Kampf am dichtesten war, winkte mit der Hand und begann laut zu rufen: »Hört auf zu kämpfen, Rutuler! Hemmt eure Geschosse, ihr Latiner! Mir allein gebührt es, mit den Waffen über das Bündnis zu entscheiden!« Als die Streitenden dieses hörten, entstand eine Gasse, und Äneas, der den Ruf des Turnus vernommen hatte, verließ die Höhen, brach jedes andere Geschäft ab, jubelte und rauschte in den schallenden Waffen einher. Der greise Latinus selbst mußte staunen, wie er die zwei gewaltigen Männer, aus zwei verschiedenen Weltteilen stammend, aufeinander zuschreiten sah, um den Hader durch das Schwert zu entscheiden.

Jene beiden aber stürzten, wo von den zurückweichenden Streitern ein offener Platz im Gefilde gelassen war, in reißendem Lauf hervor, warfen die Speere gegeneinander und rannten dann mit Schild und Schwert zum Kampfe an, daß der Grund erbebte. Nun folgte Hieb auf Hieb; die Kämpfenden riefen Glück und Tapferkeit zu Hilfe. Endlich streckte sich Turnus mit ganzem Leibe hervor und langte zuversichtlich, sich bloßgebend, zu einem entscheidenden Schwertstreiche aus. Trojaner und Latiner, in banger Erwartung, schrien laut auf. Aber die treulose Klinge brach dem Rutuler mitten im Hiebe und gab ihn preis, wenn er nicht das Heil in der Flucht suchte! Als er nämlich beim Wiederausbruche des Krieges den Streitwagen bestieg, da hatte Turnus in der Eile an der Stelle seines vom Vater ererbten Wunderschwertes die Klinge seines Wagenlenkers Metiskus ergriffen. Diese hielt ihm auch gut aus, solange er nur in den Rücken flüchtiger Trojaner einzuhauen hatte; aber sie war eben doch nur ein menschliches Schwert, und als sie auf der von dem Gotte Vulkanus geschmiedeten Wehr des Helden Äneas aufzusitzen kam, brach sie ihm wie mürbes Eisen mitten im Streich entzwei, und die Stücke lagen schimmernd im gelben Sande.

Nun warf sich Turnus, unsicher kreisend, bald da-, bald dorthin auf die Flucht; doch konnte er nicht entrinnen, denn auf zwei Seiten umschlossen ihn die Trojaner in dichtem Gedränge, auf der dritten hemmte seinen Lauf ein Sumpf, und auf der vierten, hinter Latinern und Rutulern, erhoben sich zugangslos die Mauern der Stadt. Auch verfolgte den Fliehenden, obgleich noch von der alten Pfeilwunde entkräftet und im Laufe selbst ermüdet, Äneas und bedrängte mit dem Fuße den Fuß des Bebenden. Jetzt erst entstand unter den zuschauenden Heeren ein rechtes Geschrei; Ufer und Hügel umher erschollen, und donnernd stieg der Ruf zum Himmelsgewölbe empor. Auf der Flucht rief der geängstete Turnus diesem und jenem Rutuler mit Namen zu und verlangte seinen eigenes Kampfschwert. Äneas aber bedrohte jeden, der ihm nahen würde, mit unausbleiblichem Verderben und schreckte mit der Drohung, sich auf die Stadt zu werfen und sie zu zerstören, alle Herannahenden zurück.

So durchkreisten sie die Bahn fünfmal, denn es galt kein Spiel und keinen geringen Kampfpreis. In einem wilden Ölbaume, der sich inmitten des Kampfplatzes befand und dem Faunus geweiht war, dem die glücklich gelandeten Schiffer hier Weihgeschenke aufzuhängen pflegten, steckte der Speer des Äneas vom ersten Kampfwurfe her und hatte sich in der Wurzel des Baumes gefangen. Beim Vorübereilen kam dem trojanischen Helden der Gedanke, seinen Speer herauszuziehen und den Feind, den er im Laufe nicht einzuholen vermochte, mit der Lanze zu verfolgen. Außer sich vor Schrecken sah dies Turnus und richtete sein Gebet an den einheimischen Gott Faunus mit den Worten: »O Faun und gütige Göttin des italischen Bodens, wenn ich euch immer die schuldigen Ehren erwiesen habe, erbarmt euch meiner jetzt, haltet den Speer des Gegners fest!« Die Landesgötter hörten den Flehenden, und Äneas bemühte sich vergebens, die Lanze aus dem fest zusammenhaltenden Holze des zähen Stammes herauszuziehen. Während sich nun der Held hitzig anstemmte und abquälte, rannte die Schwester des Turnus, die Nymphe Juturna, wieder in die Gestalt seines Wagenlenkers Metiskus verwandelt, vor und händigte ihrem Bruder sein rechtes, gefeietes Schwert ein. Venus aber, entrüstet, daß einer gewöhnlichen Nymphe ein so kühnes Werk erlaubt sein sollte, trat auch herbei und half dem Äneas den Speer aus der tiefen Wurzel hervorziehen.

Nun waren beide Kämpfer mit frischen Waffen versehen und von neuem Mute beseelt; beide richteten sich in die Höhe, der eine schwang sein Schwert, der andere bäumte sich mit dem Speer, und so standen sie mit fliegendem Atem einander zum letzten Kampfe gegenüber. Da sprach Jupiter, der aus dem goldenen Gewölke des Olymp dem Streite zusah, zu seiner Gemahlin Juno: »Setzen wir endlich diesem Krieg ein Ziel! Du weißt und bekennest es ja selbst, daß Äneas vom Geschicke dem Himmel bestimmt sei! Wozu steifest du nun seinen Feind und gibst ihm durch Juturna sein Schwert wieder in die Hand? Du hast die Trojaner über Land und Meer verfolgt, den Krieg entzündet, den Palast in Trauer versenkt, das Brautfest durch Jammer gestört. Weitere Versuche verbiet ich dir!« Juno antwortete dem zürnenden Gemahl mit gesenktem Antlitz: »Wider Willen habe ich, weil dein Befehl mir heilig war, die Erde und den Turnus verlassen. Hätte ich dir nicht gehorchen wollen, so würdest du mich jetzt nicht hier in den Wolken das Unrecht erdulden sehen, sondern ich stände, mit Flammen umgürtet, vorn im Trojanertreffen. Daß ich der Nymphe Juturna geraten, in der Not ihrem Bruder beizustehen, ist wahr; aber daß sie ohne mein Zutun dem Bruder das Schwert gereicht, das schwöre ich dir beim Styx! Auch will ich mich des Kampfes gar nicht mehr annehmen und bitte dich nur um eines: Wenn Turnus erlegen ist und Äneas die Königstochter heimführt, zwinge die Latiner nicht, ihren alten Volksnamen aufzugeben und sich Trojaner zu nennen, zwinge sie nicht, ihre Sprache zu vertauschen, nicht, fremde Gewande, Sitten und Gebräuche anzunehmen; laß sie das Volk bleiben, das sie gewesen sind, laß auch den Römerstamm aus italischer Wurzel emporwachsen! Troja aber sei und bleibe gefallen mitsamt seinem Namen!«

Lächelnd erwiderte der Göttervater seiner Gemahlin: »Kind des Saturnus, geliebte Schwester, was für Zorneswellen wälzest du noch in deinem Innern? Bezähme doch deinen vergeblichen Groll! Was du begehrest, soll dir ja gewährt sein. Latium soll Sprache, Sitten und Namen beibehalten. Der Trojaner soll sich mit dem Volke verschmelzen und nur so sich ansiedeln; er soll die Opfergebräuche des Landes annehmen, er soll ganz zum Latiner werden. Die Römer, das neue Geschlecht, das aus dem vermählten Blute der Italer und Teukrer entstehen wird, sollen das Volk sein, das dir, o Juno, die meiste Ehre erweisen wird!« Die Göttin nickte dem Gemahl freudig zu und änderte, zufriedengestellt, ihre Gesinnung.

Nun dachte Jupiter darauf, die Schwester des Turnus aus dem Kampfe zu entfernen. Drei Zwillingskinder, Töchter der Rache, mit Schlangengürteln und Windesflügeln, Diren genannt, stehen immer vor Jupiters Throne bereit und werden von ihm zu den Sterblichen hinabgesandt, wenn er Seuchen, Krieg und andere Todesnot unter ihnen erregen will. Eine von diesen schickte Jupiter vom Äther herab und befahl ihr, der Nymphe als ein unheilbringendes Zeichen zu begegnen. Die Dire flog zur Erde hinab wie ein Pfeil, und sobald sie die beiden feindlichen Heere erblickte, zog sie sich schnell in die Gestalt eines kleinen Käuzchens zusammen, wie es als Unglücksvogel auf Scheiterhaufen oder verlassenen Häusergiebeln zu sitzen pflegt. In dieser Gestalt umflatterte sie das Angesicht des Turnus, kreiste hernieder zu seinem Schild und schlug auch diesen mit den Fittichen. Dem kämpfenden Helden sträubte sich das Haupthaar, und seine Glieder erstarrten bei diesem unheilvollen Anblicke. Juturna aber raufte sich das Haar aus und schlug sich an die Brust; denn sie erkannte die Übermacht Jupiters und fluchte ihrer eigenen Unsterblichkeit. Sie bedeckte sich den Leib mit dem grünen Flutengewande und tauchte verzweifelt in den nahen Tiberstrom unter.

Äneas drang jetzt heran, schüttelte seinen baumlangen Speer voll Wut und rief dem Gegner zu: »Was zögerst du noch, Turnus, was sträubst du dich noch länger? Nicht zum Wettkampfe haben wir uns vereinigt, sondern zum Waffenkampf! Sammle jetzt, was du von Kunst und Mut besitzest!« Turnus schüttelte das Haupt und entgegnete: »Nicht deine hitzigen Worte schrecken mich, du Trotziger; mich schreckt das Götterzeichen und die Feindschaft Jupiters!« Mehr sprach er nicht, sondern faßte einen gewaltigen Stein ins Auge, der neben ihm im Felde lag und einen Markstein vorstellte. Zwölf Männer, wie sie jetzt sind, würden ihn kaum auf den Nacken heben können. Diesen faßte der Rutulerheld mit der Hand, richtete sich empor und wollte ihn im Laufe gegen den Feind schleudern. Aber er kannte sich selbst nicht mehr, denn er fühlte seine Arme kraftlos, seine Knie schlottern, sein Blut zu Eis erstarren. Der Felsenstein, durch die leere Luft gewirbelt, erreichte sein Ziel gar nicht; er sank entkräftet auf den Boden, wie man oft im Traume einen Anlauf nimmt und doch nicht gehen und nicht sprechen kann. Turnus wandte sich unwillkürlich zur Flucht um und säumte, die Rutuler und die Mauern der Stadt vor sich erblickend, in verzagender Angst und den Speerwurf des Feindes erwartend. Vergebens sah er sich nach seinem Wagen, vergebens nach der leitenden Schwester um.

Auch zauderte der Trojaner nicht und schleuderte aus Leibeskräften die Todeslanze, die wie ein Felsstück vom Geschütze abgesendet oder wie ein Blitzstrahl dahergesaust kam. Durch Schildrand und Panzer fuhr sie den Feind in die Hüfte, und getroffen vom Stoße, sank der gewaltige Turnus zusammenbrechend ins Knie.

Die Rutuler ächzten laut auf, daß die hohe Waldung umher widerhallte. Turnus lag gedemütigt auf dem Boden, streckte flehend seine Rechte zu dem Sieger empor und sprach: »Ich hab es so verdient; ich verlange keine Schonung für mich; brauche dein Glück! Aber wenn der Jammer meines Vaters dich zu rühren vermag – er ist mir, was dir Anchises war –, so erbarme dich des greisen Daunus. Gib mich – oder willst du dieses nicht, so gib meinen entseelten Leib den Meinigen zurück! Ich gebe mich ja besiegt; Lavinia sei dein; setze deinem Haß ein Ziel!«

Äneas stand ausholend zum Streich, seine Blicke rollten über den Liegenden hin, doch hielt er die bewehrte Rechte zurück; und schon wollte seine Seele sich zum Mitleid kehren, als er zum Unheil des Besiegten an dessen Schulter das Wehrgehenk des arkadischen Fürstensohnes Pallas erblickte, des holden Jünglings, den Turnus erschlagen hatte. Da entbrannte sein Schmerz und Zorn aufs neue, und schrecklich im Grimme rief er: »Wie? du, den der Raub der Meinigen schmückt, solltest mir entrinnen? Pallas, Pallas opfert dich mit diesem Stoß und nimmt Rache an dem verfluchten Blut!« So sprach Äneas und tauchte stürmisch sein Schwert in die ihm entgegengestreckte Brust des Feindes. Turnus sank zu Boden; Kälte durchrieselte ihm die Glieder, und unwillig floh sein Schatten aus dem erstarrenden Leibe hinab zur Unterwelt.

Turnus von Juno gerettet. Lausus und Mezentius von Äneas erschlagen



Turnus von Juno gerettet. Lausus und Mezentius von Äneas erschlagen

Die Rutuler wären verloren gewesen, wenn nicht Juno den Göttervater im Olymp demütig um die Erlaubnis angefleht hätte, Turnus, ihren Führer, aus der Hand des Äneas zu retten und der Schlacht zu entführen. »Verlangst du nur Verzug seines Todes«, sprach Jupiter, »so mag es immerhin sein! Wenn du aber damit das Schicksal des ganzen Krieges zu ändern vermeinst, so hegest du eine vergebliche Hoffnung.« Weinend erwiderte Juno: »O daß dein Herz mir gewährte, was dein Mund mir verweigert! Soll mein unschuldiger Schützling so traurig endigen? Doch ich danke dir schon für den Aufschub; vielleicht lenket dich deine Milde doch noch auf gnädigeren Beschluß!«

Juno, von Gewölken umgürtet, ließ sich vom Sturm durch die Lüfte tragen und hatte bald das Lager der Laurenter erreicht. Hier schuf sie aus einer hohlen Wolke ein wesenloses Schattenbild, das an Gestalt dem Helden Äneas täuschend ähnlich war, bekleidete es mit einem Schatten von Panzer, Schild und Helm, der herrlichen Rüstung des Göttersohnes nachgebildet, verlieh ihm den Schritt des Wandelnden und, ohne seinen Geist, den Hall seiner Stimme. So flog die Gestalt dahin wie ein Traumbild, das unsere Sinne trügt, mischte sich unter die vordersten Reihen der Kämpfenden, reizte den Turnus mit Geschossen und forderte ihn zum Kampfe heraus. Turnus eilte der Täuschenden entgegen und warf die Lanze nach ihr, da wandte jene den Tritt und bot ihm den Rücken. Mit gezogenem Schwerte, unter höhnischem Rufe, folgte Turnus und merkte nicht, daß er schon die Schlachtlinie verlassen hatte. Zunächst am Strande lag eines der etrurischen Schiffe; dorthin warf sich das fliehende Bild des Äneas und schien sich zagend in seine Schlupfwinkel zu verbergen. Nicht langsamer folgte Turnus, sprang über die Brücke und faßte Fuß auf dem Vorderverdeck. Jetzt hatte Juno ihren Zweck erreicht. Kaum hatte Turnus den Bord berührt, so riß sie das Seil ab und ließ das Schiff von der gerade zurückrollenden Ebbe hinaus in die See tragen.

Inzwischen tobte der rechte Äneas im Kampfe fort und begehrte umsonst nach dem entfernten Feind. Sein Schattenbild aber verließ den Winkel, in dem es sich geborgen, und flatterte, von Turnus ungesehen, in die Luft. Als dieser seinen Feind nicht fand und vom Meereswirbel dahingerissen wurde, schaute er nach dem Lande zurück, ratlos und ohne Dank für seine Rettung. »Allmächtiger Vater«, rief er, die Hände gen Himmel erhebend, »hieltest du mich so großer Schande würdig, wolltest du mich so hart bestrafen? Alle meine Freunde habe ich im grausamen Todeskampf zurückgelassen; wie kehr ich zu ihnen zurück? O daß der Meeresabgrund sich unter mir auftäte, daß die Winde mein Schiff an einer Klippe zerschellten!« Erst gedachte er sich ins Schwert zu stürzen und hatte es schon aus der Scheide gezogen, doch ein Versuch, zu den Seinigen zurückzukehren, deuchte ihm für diese selbst ersprießlicher, und so sprang er, gewaffnet wie er war, ins Meer. Aber Juno trieb die Wellen ihm entgegen. Der Strom nahm ihn mit sich fort; und erst bei seiner Vaterstadt Ardea spülten ihn die Wellen ans Land.

Die Schlacht vor den Lagermauern wütete fort. Die Trojaner waren im Vorteile und jauchzten. Aber der vertriebene König von Agylla, der Etrusker Mezentius, der wildeste Bundesgenosse der Rutuler, der bisher bei der Hinterhut gehalten hatte, brach jetzt vor und stürzte sich auf die Feinde. Als die Etrusker ihren Todfeind herankommen sahen, stürmten sie in ihrem alten Hasse alle auf den einen los und bedrängten ihn von allen Seiten mit ihren Geschossen. Er aber stand wie ein Fels im Meere fest und streckte Etrusker und Phrygier, wer ihm nahte, zu Boden. Bald war der Kampf wieder ins Gleiche gesetzt; schon konnten sich die Trojaner nicht mehr Sieger nennen. Mezentius hatte eine Gasse in die Feinde gebrochen, und furchtbar schritt seine hohe Gestalt in den mächtigen Waffen einher. Da ward Äneas, der inzwischen auf der andern Seite des Treffens getobt hatte, den furchtbaren Feind aus der Ferne gewahr, ließ plötzlich vom Gefechte ab und kehrte sich ihm entgegen. Dieser aber hemmte seinen Schritt auf Schußweite von seinem Gegner, ergriff mit der Linken die Hand seines Sohnes Lausus, der ihm schon lang an der Seite gestritten hatte, hob mit der Rechten den Wurfspieß, schwenkte ihn in den Lüften und rief: »Wohlan, du mein Arm, der du von jeher mein Gott warst, denn ich kenne keinen andern, und du mein Speer, jetzt gilt’s! Du aber, mein Sohn Lausus, sollst das lebendige Siegeszeichen über diesen Räuber werden, wenn du mir in der erbeuteten Prachtrüstung desselben prangest!« Nun warf er den zischenden Wurfspieß seinem Gegner zu; dieser aber prallte vom Schilde des Äneas zurück und traf den Antores, einen edlen argivischen Auswanderer, der mit Euander nach Italien gekommen war und nun zusammensinkend seinem fernen griechischen Vaterlande einen Seufzer der Sehnsucht zuschickte. Darauf schleuderte auch Äneas seinen Speer ab. Der durchbohrte den dreifachen Erzschild des Feindes und fuhr diesem in die Weiche. Als Äneas das Blut des Etruskers fließen sah, riß er erfreut sein Schwert von der Hüfte und drang wütend auf den Bebenden ein. Gespießt von der Lanze und entkräftet, zog sich Mezentius mit dem durchbohrten Schilde zurück. Tränen rollten seinem guten Sohne Lausus aus den Augen, als er den Vater verwundet sah; er brach mit seinem Schilde vor und lief dem Trojaner, der schon mit seiner Rechten zum tödlichen Streich ausholte, unter die drohende Klinge, indem er dem Vater die Schutzwaffe vorhielt. Ihm folgten seine Genossen mit großem Geschrei, und alle schleuderten Geschosse, so daß Äneas mitten in seinem Grimm stillehalten und sich mit seinem Schilde bedecken mußte. Von Lanzen umhagelt, rief er dem Lausus zu: »Wahnsinniger, was rennest du in den Tod? Deine Liebe betrügt dich über deine Kräfte!« Als aber Lausus nicht wich, verdoppelte sich der Grimm des Helden, und nun rannte ihm Äneas das Schwert, tief eintauchend, mitten durch den Leib; es hatte den Weg ohne Mühe durch den leichten Schild und den goldgestickten Rock des Jünglings, das Kunstwerk der zärtlichen Mutter, gefunden. Aber als Äneas in das erbleichende Antlitz des sterbenden Knaben sah, da erbarmte ihn sein, und das Bild der kindlichen Liebe durchbebte sein eigenes Vaterherz. Er reckte die Hand nach dem Sinkenden aus und rief. »Unglückseliger Jüngling, du hättest eine bessere Gabe von mir für dein rühmliches Tun verdient! Deine leichte Rüstung und dein Goldkleid, dessen du dich freutest, soll nicht von dir genommen werden. Wie du bist, sollst du bei deinen Vätern schlafen dürfen, und so wenigstens sollst du innewerden, daß du einem großmütigen Feind erlegen bist!« So sprach Äneas, hob ihn selbst von der Erde empor, daß das schmucke Lockenhaar nicht von Staub und Blute besudelt würde, und ermahnte seine erschrockenen Genossen, den Leichnam in Empfang zu nehmen.

Der verwundete Mezentius hatte sich indessen an den Tiberstrand gerettet und stillte, an einen Uferbaum gelehnt, das Blut seiner Wunde mit dem Wasser des Flusses. Sein eherner Helm hing an einem Aste; seine schwere Rüstung lag im Grase; junge, erlesene Streitgenossen standen um ihn her; er selbst, schwach und keuchend, stützte sich das Haupt mit der Hand, und sein hangender Bart fiel ihm auf die Brust herab. Gar oft fragte er nach seinem Sohne Lausus, viele Boten sandte er, die ihn herbeirufen, die ihm seines geängsteten Vaters Befehle bringen sollten. Da nahte sich die weinende Schar der Freunde, die den entseelten Jüngling mit seiner klaffenden Brustwunde auf dem Schilde dahertrugen. Mezentius, Unheil vorahnend, verstand ihr Wehklagen schon in der Ferne. Als sie angekommen waren, streute er Staub auf sein graues Haar, streckte die Hände gen Himmel und klammerte sich dann um den Leichnam. »Ist’s möglich«, rief er, »geliebter Sohn, konnte mich die Lebenslust so betören, daß ich dich statt meiner in die Hand des Feindes rennen ließ? Muß dein Tod mein Leben sein? Wehe mir, jetzt erst wird mir die Verbannung aus dem Etruskerlande zur unerträglichen Qual! Jetzt erst fühle ich meine Wunde! Ist’s möglich, daß ich noch lebe, daß ich das Tageslicht und die Menschen nicht verlasse? Aber ich will sie verlassen!« Mit diesen Worten richtete er sich auf bis zur kranken Hüfte, und so tief die Wunde saß, verlangte er doch sein Roß. Dies war seine Lust, dies war sein Trost: noch aus allen Gefechten hatte es ihn siegreich zurückgetragen. Auch das Streitroß schien über den Jammer seines Herrn zu trauern, es stand mit gesenktem Haupte da, und die Mähne floß regungslos über den Hals. »Wir haben lange gelebt, guter Rhöbus«, redete der wunde Held sein Pferd an, »wenn irgend etwas auf der Erde lang ist; aber heute noch wirst du als Sieger mit mir den Lausus rächen und Haupt und Rüstung des Mörders blutig heimtragen, oder wir fallen miteinander; denn du wirst, hoff ich, keinen Trojaner tragen wollen!« Schnell waffnete sich der Greis, so gut es die Wunde erlaubte, wieder; das Erz des Helmes umleuchtete sein Haupt, der Roßschweif flatterte in den Lüften, seine Hand hielt ein Bündel Speere; so trug ihn Schmerz, Wahnsinn und Mut hoch zu Rosse wieder in die Schlacht.

»Das gebe Jupiter und Apollo«, rief Äneas erfreut, als er den Gegner wieder auf sich zukommen sah, »daß du den Zweikampf mit mir erneurest!« Und nun eilte er ihm mit gehobenem Speer entgegen. Mezentius rief dagegen: »Glaubst du mich noch schrecken zu können, nachdem du mir den Sohn entrissen hast? Ich fürchte den Tod nicht; ich frage nach keinem Gott; sterben will ich, aber dir sende ich zuvor diese Gabe!« Sprach’s und sandte seinen ersten Speer nach seinem Feind, und einen zweiten und einen dritten, indem er ihn dreimal dazu mit seinem Roß umkreiste. Äneas drehte seinen Schild nach den Würfen und fing die Geschosse, eins um das andere, mit der goldnen Schutzwaffe auf. Dann brach er hervor und schleuderte seine eigene Lanze dem Streitrosse des Feindes in die Schläfe. Das Tier bäumte sich, streckte seine Vorderhufe in die Lüfte, schüttelte den Reiter ab und deckte ihn fallend mit dem Rücken. Ein Schrei stieg aus den beiden Heeren gen Himmel. Äneas aber flog herbei, riß das Schwert aus der Scheide und rief höhnend: »Wo ist nun der wilde Mezentius, wohin hat sich der Trotzende verkrochen?« »Grausamer«, seufzte der Gefallene vom Boden empor, »Spottest du mein im Tode noch? Sterb ich doch den edlen Tod in der Schlacht! Nur um eine Gunst bitte ich dich: gönne meinem Leib die Decke des Bodens; du weißt, daß mich wilder Haß alter Untertanen umringt; wehre ihre Wut von mir ab, gönne mir ein Grab mit meinem Kind!« So sprach er und reichte den Hals dem Schwerte des Feindes dar; sein Blut strömte auf die Rüstung, und sein Leben war dahin.

Theseus als König



Theseus als König

Nachdem Theseus unter vielen Klagen seinen Vater bestattet hatte, weihte er dem Apollo, was er ihm gelobt hatte. Das Schiff, in welchem er mit den attischen Jünglingen und Jungfrauen abgefahren und gerettet zurückgekehrt war, ein Fahrzeug von dreißig Rudern, wurde zum ewigen Andenken von den Athenern aufbewahrt, indem das abgängige Holz immer wieder durch neues ersetzt ward. Und so wurde dieser heilige Überrest alter Heldenzeit noch geraume Zeit nach Alexander dem Großen den Freunden des Altertums gezeigt.

Theseus, der jetzt König geworden war, bewies bald, daß er nicht nur ein Held in Kampf und Fehde sei, sondern auch fähig, einen Staat einzurichten und ein Volk im Frieden zu beglücken. Hierin tat er es selbst seinem Vorbilde Herakles zuvor. Er unternahm nämlich ein großes und bewundernswürdiges Werk. Vor seiner Regierung wohnten die meisten Einwohner Attikas zerstreut um die Burg und kleine Stadt Athen herum, auf einzelnen Bauernhöfen und weilerartigen Dörfern. Sie konnten daher nur schwer zusammengebracht werden, um über öffentliche Angelegenheiten zu ratschlagen; ja bisweilen gerieten sie auch über kleinliche Gegenstände des Nachbarbesitzes miteinander in Streit. Theseus nun war es, der alle Bürger des attischen Gebietes in eine Stadt vereinigte und so aus den zerstreuten Gemeinden einen gemeinschaftlichen Staat bildete; und dieses große Werk brachte er nicht wie ein Tyrann durch Gewalt zustande, sondern er reiste bei den einzelnen Gemeinden und Geschlechtern herum und suchte ihre freiwillige Einstimmung zu erlangen. Die Armen und Niedrigen bedurften keiner langen Ermahnung, sie konnten bei dem Zusammenleben mit den Vermögenderen nur gewinnen; den Mächtigen und Reichen aber versprach er Beschränkung der Königsgewalt, die bisher zu Athen unbeschränkt gewesen war, und eine vollkommen freie Verfassung.«Ich selbst«, sprach er, »will nur euer Anführer im Kriege und Beschützer der Gesetze sein, im übrigen soll allen meinen Mitbürgern Gleichheit der Rechte gestattet werden.« Dieses leuchtete vielen der Vornehmen ein; andere, denen die Umwandlung der Staatsverhältnisse weniger willkommen war, fürchteten sich vor seiner Beliebtheit beim Volke, der großen Macht, die er bereits besaß, und seinem wohlbekannten kühnen Mute. Sie wollten daher lieber der Überredung desjenigen nachgeben, der sie zwingen konnte.

So hob er denn alle einzelnen Rathäuser und unabhängigen Obrigkeiten in den Gemeinden auf und gründete ein allen gemeinsames Rathaus mitten in der Stadt, stiftete auch ein Fest für alle Staatsbürger, welches er das Allathenerfest (Panathenäen) nannte. Erst jetzt wurde Athen zu einer förmlichen Stadt und auch sein Name Athen erst recht gangbar. Vorher war es nichts anders als eine Königsburg gewesen, Kekropsburg von ihrem Gründer benannt, und nur wenige Bürgerhäuser hatten darumher gestanden. Um diese neue Stadt noch mehr zu vergrößern, rief er unter Zusicherung gleicher Bürgerrechte aus allen Gegenden neue Ansiedler herbei; denn er wollte in Athen eine allgemeine Völkersiedlung gründen. Damit aber die zusammengeströmte Menschenmenge nicht Unordnung in den neubegründeten Staat brächte, teilte er das Volk zuerst in Edle, Landbauern und Handwerker und wies jedem Stande seine eigentümlichen Rechte und Pflichten zu, so daß die Edeln durch Ansehen und Amtstätigkeit, die Landbauern durch ihre Nützlichkeit, die Handwerker durch ihre Menge den Vorzug zu haben schienen. Seine eigene Gewalt als König beschränkte er, wie er versprochen hatte, und machte sie von dem Rate der Edeln und der Versammlung des Volkes abhängig.

Theseus auf Frauenraub



Theseus auf Frauenraub

Durch die Verbindung mit dem jungen Helden Peirithoos erwachte in dem verlassenen und alternden Theseus die Lust zu kühnen und selbst mutwilligen Abenteuern wieder. Dem Peirithoos war seine Gattin Hippodameia nach kurzem Besitze gestorben, und da auch Theseus jetzt ehelos war, so gingen beide auf Frauenraub aus. Damals war die nachher so berühmt gewordene Helena, die Tochter des Zeus und der Leda, die in dem Palaste ihres Stiefvaters Tyndareos zu Sparta aufwuchs, noch sehr jung. Aber sie war schon die schönste Jungfrau ihrer Zeit, und ihre Anmut fing an, in ganz Griechenland bekanntzuwerden. Diese sahen Theseus und Peirithoos, als sie auf dem genannten Raubzuge nach Sparta kamen, in einem Tempel der Artemis tanzen. Beide wurden von Liebe zu ihr entzündet. Sie raubten die Fürstin in ihrem Übermut aus dem Heiligtum und brachten sie zuerst nach Tegea in Arkadien. Hier warfen sie das Los über dieselbe, und einer versprach dem andern brüderlich, ihm, wenn das Los ihn verfehle, zum Raub einer andern Schönheit behilflich zu sein. Das Los teilte die Beute dem Theseus zu, und nun brachte dieser die Jungfrau nach Aphidnai im attischen Gebiete, übergab sie dort seiner Mutter Aithra und stellte sie unter den Schutz seines Freundes. Darauf zog Theseus weiter mit seinem Waffenbruder und beide sannen auf eine herkulische Tat. Peirithoos entschloß sich nämlich, die Gemahlin Plutos, Persephone, der Unterwelt zu entführen und sich durch ihren Besitz für den Verlust Helenas zu entschädigen. Daß ihnen dieser Versuch mißglückte und sie von Pluto zu ewigem Sitzen in der Unterwelt verdammt wurden, daß Herakles, der beide befreien wollte, nur den Theseus aus dem Hades erretten konnte, ist schon erzählt worden. Während nun Theseus auf diesem unglücklichen Zuge abwesend war und in der Unterwelt gefangen saß, machten sich die Brüder Helenas, Kastor und Pollux, auf und rückten in Attika ein, um ihre Schwester Helena zu befreien. Indessen verübten sie anfangs keine Feindseligkeiten im Lande, sondern kamen friedlich nach Athen und forderten hier die Zurückgabe Helenas. Als aber die Leute in der Stadt antworteten, daß sie weder die junge Fürstin bei sich hätten noch wüßten, wo Theseus sie zurückgelassen, wurden sie zornig und schickten sich, mit den sie begleitenden Scharen, zum wirklichen Kriege an. Jetzt erschraken die Athener, und einer aus ihrer Mitte, mit Namen Akademos, der das Geheimnis des Theseus auf irgendeine Art erfahren hatte, entdeckte den Brüdern, daß der Ort, wo sie verborgen gehalten werde, Aphidnai sei. Vor diese Stadt rückten nun Kastor und Pollux, siegten in einer Schlacht und eroberten den Platz mit Sturm.

Zu Athen hatte sich inzwischen auch anderes begeben, was für Theseus ungünstig war. Menestheus, der Sohn des Peteos, ein Urenkel des Erechtheus, hatte sich als Volksführer und Schmeichler der Menge um den leerstehenden Thron beworben und auch die Vornehmen aufgewiegelt, indem er ihnen vorstellte, wie der König sie dadurch, daß er sie von ihren Landsitzen in die Stadt hereingezogen, zu Untertanen und Sklaven gemacht habe. Dem Volk aber hielt er vor, wie es, dem Traume der Freiheit zulieb, seine ländlichen Heiligtümer und Götter habe verlassen müssen und, statt von vielen guten einheimischen Herren abhängig zu sein, einem Fremdling und Despoten diene. Wie nun die Nachricht, Aphidnai sei von den Tyndariden genommen, Athen mit Schrecken erfüllte, da benützte Menestheus auch diese Stimmung des Volkes. Er bewog die Bürger, den Söhnen des Tyndareos, welche die Jungfrau Helena, ihren Wächtern entrissen, mit sich führten, die Stadt zu öffnen und sie freundlich zu empfangen, da dieselben nur gegen Theseus, als den Räuber des Mädchens, Krieg führten. Und tatsächlich zeigte sich, daß Menestheus wahr gesprochen hatte: denn obgleich sie durch offene Tore in Athen einzogen und alles dort in ihrer Gewalt war, so taten sie doch niemand etwas zuleide, verlangten vielmehr nur, wie andere vornehme Athener und Verwandte des Herakles, in den Geheimdienst der eleusinischen Mysterien aufgenommen zu werden, und zogen dann mit ihrer geretteten Helena, von den Bürgern, die sie liebten und ehrten, zur Stadt hinausgeleitet, wieder in ihre Heimat.

Sieg der Trojaner



Sieg der Trojaner

Für den Augenblick jedoch hatte es Zeus anders in seinem Rate beschlossen. »Höret mein Wort«, sprach er zu den versammelten Göttern und Göttinnen am andern Morgen, »wer mir heute hingeht, den Trojanern oder den Griechen beizustehen, den fasse ich und schleudere ihn in den Abgrund des Tartaros unter das Erdreich, so tief hinab, als tief unter dem Himmel die Erde liegt; dann verschließe ich die eiserne Pforte, welche die eherne Schwelle der Unterwelt verwahrt, und der Missetäter kommt mir nicht mehr herauf. Und zweifelt ihr an meiner Allmacht, so versucht es: befestiget eine goldene Kette am Himmel, hängt euch alle daran und sehet zu, ob ihr mich auf den Erdboden herabzuziehen vermögend seid. Vielmehr würde ich euch selbst mitsamt Erd und Meer emporziehen, die Kette an der Felsenkuppe des Olymp festbinden und so das Weltall in der Schwebe tragen.« Die Götter demütigten sich unter dieses zornige Wort; Zeus selbst bestieg seinen Donnerwagen und fuhr nach dem Ida, wo er einen Hain und Altar hatte. Dort setzte er sich auf die Höhe und überschaute mit freudigem Trotze die Stadt der Trojaner und das griechische Schiffslager. An beiden Orten warfen sich die Männer in die Rüstung. Der Trojaner waren zwar weniger, doch waren auch sie nach der Schlacht begierig, galt es ja den Kampf für ihre Weiber und Kinder. Bald öffneten sich bei ihnen die Tore, und ihr Kriegsheer stürzte, zu Fuß und zu Wagen, unter Getümmel heraus. Den Morgen über wurde mit gleichem Glücke gekämpft, und auf beiden Seiten strömte viel Blut auf den Boden. Als aber die Sonne hoch am Mittagshimmel stand, legte Zeus zwei Todeslose in seine goldene Waage, faßte sie in der Mitte und wog in der Luft. Da sank das Verhängnis der Griechen, daß ihr Gewicht sich bis zur Erde niedersenkte und das der Trojaner zum Himmel emporstieg.

Mit einem Donnerschlage kündigte er die verwandelte Schickung dem Heere der Griechen an, indem ein Blitzstrahl mitten unter dasselbe herabfuhr. Bei diesem Anblicke durchschauderte ein ahnungsvoller Schrecken die Reihen der Griechen, und die größten Helden fingen an zu wanken. Idomeneus, Agamemnon, die beiden Ajax selbst hielten nicht mehr stand. Bald war nur noch der greise Nestor im Vorderkampf zu schauen, aber auch dieser nur gezwungen; denn Paris hatte sein Roß vorn am Mähnenbusch mit einem Pfeile tödlich getroffen. Das Pferd bäumte sich angstvoll und wälzte sich bald mit seiner Wunde; während nun Nestor dem Nebenroß die Stränge mit seinem Schwert abzuhauen bemüht war, kam Hektor mit seinem Wagen, in der Verfolgung der Griechen begriffen, auf ihn zugefahren; und jetzt war es um das Leben des edlen Greises geschehen, wenn nicht Diomedes herbeigeeilt wäre. Dieser schalt den mit umgewandtem Rücken den Schiffen zufliehenden Odysseus und ermunterte ihn vergebens zur Abwehr; dann stellte er sich selbst vor die Rosse Nestors, überantwortete sie dem Sthenelos und Eurymedon und nahm den Greis auf seinen eigenen Wagen. Hierauf ging er mit ihm gerade dem Hektor entgegen, schickte seinen Speer ab und verfehlte zwar den Helden selbst, durchschoß jedoch seinem Wagenlenker Eniopeus die Brust, daß er dem Wagen entsank. So tief ihn der Tod des Freundes schmerzte, ließ ihn Hektor doch liegen, rief einen andern Helden herbei, die Rosse zu lenken, und flog dem Diomedes entgegen. Hektor wäre verloren gewesen, wenn er sich mit dem Tydiden gemessen hätte, und der Göttervater wußte wohl, daß mit seinem Sturze sich die Schlacht gewendet und die Griechen noch an diesem Tage Ilion erobert hätten. Dies wollte Zeus nicht und schleuderte dicht vor dem Wagen des Diomedes einen Blitzstrahl in den Boden. Nestor ließ vor Schrecken die Zügel aus den Händen fahren und sprach: »Auf, Diomedes, wende deine Rosse zur Flucht; erkennst du nicht, daß Zeus dir heute den Sieg verweigert?« »Du hast recht, o Greis«, erwiderte dieser, »aber es empört mir das Herz, wenn Hektor einst in der Versammlung der Trojaner sagen darf: der Sohn des Tydeus hat sich vor mir in banger Flucht den Schiffen zugewendet!« Aber Nestor sprach: »Was denkst du, wenn dich Hektor auch feige schilt, werden ihm die Troer und Troerinnen glauben, deren Freunde und Gatten du in den Staub gestreckt hast?« Mit diesen Worten wandte er die Rosse zur Flucht, und Hektor, mit seinen Trojanern nachstürmend, rief. »Tydide, dich ehrten die Griechen in der Versammlung und beim Festmahl; künftig verachten sie dich wie ein zagendes Weib! Du bist es nicht, der Troja erobern und unsere Frauen zu Schiffe wegführen wird!« Da besann sich Diomedes dreimal, ob er die Rosse umlenken und dem Höhnenden entgegenfahren sollte; aber dreimal donnerte Zeus fürchterlich vom Ida her, und so setzte er die Flucht und Hektor die Verfolgung fort.

Vergebens wollte Hera, die dies mit Kummer sah, Poseidon, den besondern Schutzgott der Griechen, bewegen, seinem Volke beizustehen; er wagte es nicht, gegen das zornige Wort seines mächtigen Bruders zu handeln. Jetzt waren die Fliehenden mit Roß und Mann am Wall und Graben vor den Schiffen angekommen; und gewiß wäre Hektor eingedrungen und hätte die Brandfackel ins Schiffslager der Griechen geworfen, wenn nicht Agamemnon, von Hera ermutigt, die verstörten Griechen um sich gesammelt hätte. Er betrat das gewaltige Meerschiff des Odysseus, das in der Mitte stand und hoch über die andern hervorragte. Hier stand er auf dem Verdeck, den schimmernden Purpurmantel mit der nervigen Rechten sich über die Schulter schlagend, und rief, auf der einen Seite zu den Gezelten des salaminischen Ajax, auf der andern zu denen des Peliden hinab, wo auf beiden Seiten das flüchtende Heer sich zusammendrängte: »Schämet euch, Verworfene«, rief er, »wo ist euer Heldenmut jetzt, ihr Prahler bei den Krügen? Vor dem einen Hektor sind wir jetzt zunichte geworden; bald wird er unsere Schiffe in Brand stecken. O Zeus, mit welchem Fluche hast du mich beladen! Wenn ich dich je mit Gebeten und Opfern geehrt, so laß mich jetzt wenigstens entfliehen und entkommen und nicht hier bei den Schiffen von der Macht der Trojaner erdrückt werden!« So rief er unter Tränen, daß es den Göttervater selbst erbarmte und er den Griechen ein heilvolles Zeichen vom Himmel sandte, einen Adler, der ein junges Reh in den Klauen trug und vor dem Altar des Zeus selbst niederwarf.

Dieses Zeichen stärkte die Danaer, und aufs neue flogen sie vorwärts, dem Gewühl der eindringenden Feinde entgegen. Vor allen andern sprengte Diomedes mit seinen Rossen über den Graben hervor und stieß den Trojaner Agelaos, der vor ihm seinen Streitwagen zur Flucht wandte, mit dem Speere durch den Rücken. Nächst ihm drangen Agamemnon und Menelaos vor, ihnen zunächst die beiden Ajax; dann Idomeneus und Meriones; dann Eurypylos. Jetzt kam Teucer als der neunte; dieser hinter dem Schilde seines Halbbruders Ajax aufgestellt, schoß einen Trojaner um den andern mit seinen Pfeilen in den Staub. Schon hatte er ihrer achte zu Boden gestreckt, als Agamemnon einen freudigen Blick auf ihn warf und ihm zurief. »Triff so fort, edler Freund, und werde ein Licht der Danaer! Gewähren uns Zeus und Athene, Troja zu vertilgen, so sollst du der erste sein, dem ich ein Ehrengeschenk verleihe!« »Du brauchst mich nicht lange zu ermahnen, König«, antwortete ihm Teucer, »spare ich doch selbst nicht mit aller meiner Kraft! Nur den wütenden Hund zu treffen ist mir noch nicht gelungen!« Damit sandte er einen Pfeil gerade auf Hektor ab; dennoch fehlte das Geschoß und traf nur einen Bastard des Priamos, den Gorgythion, der sein helmbeschwertes Haupt zur Seite neigte, wie ein Mohnhaupt unter dem Regenschauer des Frühlings sich beugt. Einen zweiten Pfeil des Teucer lenkte Apollo ab; doch durchschoß er die Brust des Archeptolemos, der dem Hektor den Wagen lenkte. Auch diesen Freund ließ Hektor mit bitterem Schmerze liegen und rief einen dritten auf den Wagen. Dann drang er in heißer Begier auf Teucer los und traf ihn, als er eben den Bogen wieder spannte, mit einem langen, kantigen Stein am Schlüsselbeine, daß die Sehne ihm zerriß, die Hand am Knöchel erstarrte und er ins Knie sank. Aber Ajax vergaß des Bruders nicht, er umging ihn und deckte ihn so lange mit dem Schild, bis zwei Freunde den schwer Aufstöhnenden nach den Schiffen getragen hatten.

Nun aber stärkte Zeus den Trojanern den Mut wieder. Wütend und mit funkelnden Augen drang Hektor mit den ersten voran und verfolgte die Griechen, wie ein Hund den gehetzten Eber im Bergwalde verfolgt, indem er immer jeden Äußersten, der ihm in den Wurf kam, niederstreckte. Die Griechen wurden wieder zu den Schiffen zusammengedrängt und beteten geängstet zu ihren Göttern. Das erbarmte Hera, und zu Athene gewendet, sprach sie: »Wollen wir das sterbende Volk der Danaer immer noch nicht retten? Siehst du nicht, wie unerträglich Hektor dort unten wütet, welches Blutbad er schon angerichtet hat?« »Ja, mein Vater ist grausam«, antwortete Athene, »er hat ganz vergessen, wie getreulich ich seinem Sohne Herakles auf allen Abenteuern zur Seite gestanden habe. Aber die Schmeichlerin Thetis hat ihn mit ihren Liebkosungen bestochen, und nun bin ich ihm verhaßt geworden. Doch denke ich, nennt er mich einmal wieder sein blauäugiges Töchterlein. Hilf mir den Wagen anschirren, Hera; ich selbst will zum Vater nach dem Ida hinabeilen!«

Aber Zeus ergrimmte, als er dies innewurde, und seine windschnelle Botin Iris mußte den Wagen aufhalten, als er mit den beiden Göttinnen eben durch das vorderste Tor des Olymp hindurchfuhr. Auf seine zornige Botschaft lenkten diese um, und bald erschien Zeus auf dem Donnerwagen selbst wieder, daß die Höhen des Götterbergs vor seinem Nahen erbebten. Aber er blieb taub gegen die Bitten der Gemahlin und der Tochter. »Noch größeren Sieg der Trojaner sollst du morgen schauen«, sprach er zu Hera. »Nicht eher soll der gewaltige Hektor vom Streite ruhen, bis die Griechen in schrecklicher Bedrängnis, um die Steuerruder ihrer Schiffe zusammengedrängt, kämpfen und der zürnende Achill sich wieder in seinem Zelte erhebt. So ist es der Wille des Verhängnisses.« Hera ward traurig und verstummte.

Bei den Schiffen hatte die Nacht dem Kampf ein Ziel gesetzt. Hektor berief seine Krieger, seitwärts von den Schiffen, bei den Wirbeln des Skamander, zu einer Ratsversammlung und sprach: »Hätte uns die Nacht nicht ereilt, so wären die Feinde jetzt vertilgt. Aber auch so lasset uns nicht in die Stadt zurückkehren, sondern führet eilig aus derselben Hornvieh und Schafe herzu, auch Wein und Brot werde uns reichlich aus den Häusern herbeigeschafft; Wachtfeuer sollen uns rings vor einem Überfall der Feinde schützen, während wir des Mahles oder der Wunden pflegen. Mit Anbruch des Morgens erneuern wir den Angriff auf die Schiffe; dann will ich sehen, ob Diomedes mich zur Mauer hinwegdrängt oder ich ihm selbst die Rüstung vom Leichnam abziehe!« Die Trojaner rauschten ihm Beifall zu; es geschah nach seinem Rate; die ganze Nacht über rasteten sie, im Schutze von tausend Wachtfeuern, je fünfzig und fünfzig, bei Schmaus und Wein; ihre Rosse standen beim Geschirr und labten sich an Spelt und Gerste.

Sturm auf Troja



Sturm auf Troja

Während sich dieses auf dem Berg Ida ereignete, wurde der Kampf von seiten beider Heere mit Erbitterung und wechselndem Erfolg fortgesetzt. Apollo hauchte dem Äneas, dem Sohne des Anchises, und dem Eurymachos, dem Sohne Antenors, Mut und Stärke ein, daß sie die Achajer mit großem Verluste zurückdrängten und Neoptolemos nur mit Mühe das Treffen wiederherstellen konnte. Doch wichen die Trojaner nicht eher, bis Pallas Athene selbst den Griechen zu Hilfe eilte. Nun mischte sich auch die Göttin Aphrodite in den Kampf, und um das Leben ihres Sohnes Äneas besorgt, hüllte sie diesen in eine Wolke und entrückte ihn aus der Schlacht.

Aus diesem unbarmherzigen Kampfe entrannen nur wenige Trojaner, müde und verwundet, in die Stadt. Weiber und Kinder lösten ihnen wehklagend die blutigen Waffen vom Leibe, und die Ärzte hatten vollauf zu tun. Auch die Danaer waren vom Kampfe geschwächt und ermüdet, denn erst nach langem Zweifel hatte sich der Sieg ihnen zugewendet. Doch waren sie am andern Morgen wieder munter, und nachdem sie eine gehörige Wache bei den Verwundeten zurückgelassen, zogen sie lustig und kriegerisch von den Schiffen den Mauern Trojas wieder zu; und diesmal ging es zum Sturme. Die Griechen hatten ihre Scharen verteilt, und eine jede hatte den Angriff auf eines der Tore übernommen. Die Trojaner aber kämpften auf allen Seiten von Mauern und Türmen herab, und überall erhob sich ein gewaltiges Getümmel. An das Skäische Tor wagte sich zuerst Sthenelos, der Sohn des Kapaneus, mit dem göttergleichen Helden Diomedes. Über dem Tore aber wehrten der ausdauernde Deïphobos und der starke Polites samt vielen Genossen die Stürmenden mit Pfeilen und Steinen ab, daß Helme und Schilde von dem Wurfe klangen. Am Idäischen Tore focht Neoptolemos mit allen seinen Myrmidonen, die in den Künsten der Bestürmung wohlerfahren waren. In der Stadt munterten hier die Trojaner Helenos und Agenor auf und kämpften unermüdlich für die teure Heimat. An denjenigen Pforten, die zu der Ebene und zu dem Schiffslager der Griechen führten, waren Eurypylos und Odysseus in unaufhörlichem Kampfe; von der hoch emporragenden Mauer aber hielt sie durch Steinwürfe der tapfere Äneas entfernt. An dem Gewässer des Simois kämpfte unter mannigfaltigen Drangsalen Teucer, und so andere anderswo. Endlich kam Odysseus auf seinem Posten auf den glücklichen Gedanken, seine Streiter die Schilde über ihre Häupter gedrängt aneinander emporheben zu lassen, so daß das Ganze wie das wohlgewölbte Dach eines Hauses erschien. Unter diesem Schilddache zogen die Scharen der Danaer, eng geschlossen und wie zu einem einzigen Körper vereinigt, daher, und furchtlos hörten sie das Getöse der zahllosen Steine, Pfeile und Lanzen, die von der Mauer herab aus den Händen der Trojaner auf die Schilde herabprasselten, ohne einen einzigen Mann zu verwunden. So nahten sie sich, keiner von dem anderen getrennt, wie ein dunkles Wintersturmgewölk den Mauern; der Grund dröhnte unter ihren Tritten, der Staub wallte über ihren Häuptern, und unter dem Schilddache tönte vermischtes Gespräch durcheinander, wie Bienengesumse in den Körben. Freude erfüllte das Herz der Atriden, als sie das unerschütterliche Bollwerk einherziehen sahen: sie drängten ihre Krieger alle den Toren der Feste entgegen zum Sturmangriff und rüsteten sich, die Türen aus den Angeln zu heben, die Torflügel mit zweischneidigen Beilen zu durchbrechen und niederzuwerfen, und bei der neuen Erfindung des Odysseus schien der Sieg unzweifelhaft zu sein.

Da stärkten die Götter, die auf seiten der Trojaner waren, die Arme des Helden Äneas, daß er einen ungeheuren Stein mit beiden Händen herbeibrachte und voll Wut auf das Schilderdach hinunterschleuderte. Dieser Wurf richtete eine klägliche Niederlage unter den Stürmenden an, und sie sanken wie Ziegen des Berges, auf die ein losgerissener Fels herabrollt, zerschmettert unter ihren Schilden zu Boden. Äneas aber stand auf der Mauer mit strotzenden Gliedern, und seine Rüstung funkelte wie der Blitz; neben ihm stand unsichtbar in einer dunkeln Wolke der gewaltige Ares, der den Geschossen, die der Held dem Steine nachsendete, die rechte Richtung gab, daß Tod und Entsetzen unter die Reihen der Griechen fuhr. Laut ertönte von den Mauern herab der Ruf des Äneas, der die Seinigen anfeuerte, laut von unten herauf der Ruf des Neoptolemos, der die Myrmidonen ermahnte, standzuhalten, und so dauerte hier der Kampf den ganzen Tag fort ohne Erholung und Rast.

An einer entfernteren Seite der Mauer waren die Griechen glücklicher. Dort säuberte der kühne Lokrer Ajax die Zinnen allmählich von Verteidigern, indem er bald mit dem Pfeil einen wegschoß, bald mit dem Speer einen niederstieß. Und jetzt ersah sich sein tapferer Waffengefährte und Landsmann Alkimedon eine ganz leer gewordene Stelle der Mauer, legte eine Sturmleiter an und stieg, auf sein mutiges Herz und seine Jugend vertrauend, voll Kriegslust mit behendem Fuße die Stufen empor, den Schild über dem Haupte haltend. So gedachte er den Seinigen den Weg in die Stadt zu bahnen. Aber Äneas hatte aus der Ferne sein Beginnen beobachtet, und als jener nun eben über die Mauer hinwegsah und zum ersten und letzten Mal einen Blick in das Innere der Stadt warf, traf ihn ein Stein, aus der gewaltigen Hand des trojanischen Helden geschleudert, ans Haupt; die Leiter ward zertrümmert unter der Wucht des Stürzenden: wie ein Pfeil, von der Sehne geschnellt, wirbelte er durch die Luft und hauchte die Seele aus, noch ehe er unten am Boden ankam. Die Lokrer seufzten laut auf, als sie den Zermalmten auf der Erde liegen sahen. Jetzt faßte Philoktet den Sohn des Anchises, der wie ein reißendes Tier die Mauern entlang tobte, sich ins Auge und richtete sein gepriesenes Geschoß auf ihn. Auch verfehlte er sein Ziel nicht, ritzte jedoch nur ein wenig das Leder des Schildes und traf dann den Trojaner Menon, der von der Mauer herabfiel wie ein Wild, das des Jägers Pfeil erreicht hat. Äneas zertrümmerte dafür dem Toxaichmes, einem wackern Gefährten des Philoktet, Haupt und Knochen mit einem Steinwurfe. Grimmig blickte Philoktet zu dem feindlichen Helden empor und rief. »Äneas! du glaubst der Tapferste zu sein, wenn du, wie schwache Weiber, von der Mauer herab deine Feinde mit Steinen bekämpfst. Wohlan, wenn du ein Mann bist, so komm in der Rüstung vor die Tore heraus und erprobe deinen Bogen und deine Lanze im Kampfe mit dem mutigen Sohne des Pöas!« Der Trojaner hatte nicht Zeit, ihm zu antworten, denn die Verteidigung der Stadt rief ihn nach einer andern Stelle der Mauer, und auch Philoktet wurde zu neuem rastlosem Kampf hinweggerissen.

Sturm des Turnus abgeschlagen



Sturm des Turnus abgeschlagen

Schmetternd ertönten die Trompeten der Rutuler. Ein Schrei erhub sich in dem ganzen Lager, und der Widerhall von den Bergen antwortete. Von allen Seiten stürmten die Feinde heran, rückten unter den Schilddächern vor, mühten sich, die Gräben auszufüllen und die Schanzen einzureißen, und schon legten sie an den Stellen, wo die Vorfechter des Lagers dünner auf den Zinnen standen, die Sturmleitern an die Mauern. Die Trojaner dagegen, durch die lange Verteidigung ihrer Vaterstadt im Belagerungskampfe wohlgeübt, verstreuten Geschosse aller Art, wälzten Steine und Felsblöcke auf die Schilddächer und stießen die Emporkletternden mit Spießen darnieder. Schon setzten die angerückten Rutuler das blinde Gefecht nicht mehr fort, sondern lenkten ihre Schritte rückwärts von den Mauern und versuchten es nur mit Lanzenwürfen, die Teukrer vom Walle hinwegzutreiben. Endlich richteten sie alle ihre Streitkräfte auf einen hoch emporragenden Turm, der durch schwebende Brücken mit der Lagermauer verbunden war. Diesen zu erobern, strengten sich die Rutuler in die Wette an: die Trojaner aber verteidigten ihn, indem sie jetzt von der Zinne herab Steine wälzten, jetzt durch hohle Schießscharten Pfeile hinunterschnellten. Endlich schleuderte Turnus eine Brandfackel, die, an die Seite des Turmes sich anhängend, das Getäfel ergriff. Ehe die Verteidiger sich flüchten konnten, stürzte das unterhöhlte Gebälk zusammen, und krachend setzte sich der Turm zu Boden. Die einen fielen mit ihm, von den eigenen Waffen durchbohrt, die andern spießten sich in die Trümmer des Holzes; und viele von denen, die noch unversehrt waren, sahen sich bald von den Scharen des Turnus umringt und wurden niedergehauen. Endlich erwehrten sich die Trojaner der Zudrängenden. Der Knabe Askanius, der bisher nur fliehendes Wild mit seinen Pfeilen zu erlegen gewohnt war, durchbohrte dem Remulus, der kürzlich des Turnus jüngere Schwester gefreit hatte und auf diese Auszeichnung stolz prahlend auf die Teukrer eindrang und sie feige Phrygier schalt, das Haupt mit einem sicheren Pfeilschuß. Die Trojaner jubelten, und die erschreckten Feinde machten einen Schritt rückwärts. Julus wollte sie verfolgen. Da stellte sich ihm Apollo selbst, dem alten Waffenträger seines Großvaters, der ihm vom Vater beigegeben war, an Gestalt und Stimme gleich, in den Weg und sprach: »Sohn des Äneas, dir genüge, daß du einen Helden ungestraft erlegt hast; diesen Beginn deines Ruhmes hat Apollo dir vergönnt, für jetzt aber meide den Krieg!« Die Fürsten Iliums erkannten die Gegenwart des Gottes und hielten den Julus vom weitern Kampfe ab. Sie selbst aber erneuerten das Gefecht; und der Schlachtruf tönte um die äußersten Bollwerke der Mauer fort. Als die innerhalb der Tore aufgestellten trojanischen Wächter hörten und sahen, wie ihre Freunde draußen so mutig und kraftvoll kämpften, faßten Pandarus und Bitias, die Söhne Alcanors vom Berg Ida, stark und schlank wie ihre heimischen Tannen, den trotzigen Entschluß, das ihnen vom Feldherrn anvertraute Tor zu öffnen und im Übermute den Feind in die Mauern einzuladen. Sie selbst aber standen inwendig mit blinkenden Schwertern rechts und links am Eingang, und von ihren hohen Helmen nickten die Federbüsche. Als die Rutuler die Torflügel offen sahen, stürmten sie, ohne sich zu besinnen, hinein. Aber vier oder fünf ihrer Helden, mit einem ganzen Gefolge von Kriegern, fielen unter den Stößen und Streichen der beiden Jünglinge oder wurden in schmählicher Flucht zum offenen Tore hinausgetrieben.

Jetzt wagten die Trojaner sich schon in dichtern Scharen zusammenzurotten; ein regelmäßigeres Handgemenge entspann sich; und die Rutuler wurden rückwärtsgedrängt. Als Turnus, der auf einer andern Seite stritt, die Nachricht von dieser neuen Wendung des Kampfes erhielt, stürzte er, von gräßlichem Zorne gespornt, mit einer auserlesenen Schar von Kriegern herbei und warf sich über eine Bahn von trojanischen Leichen auf das geöffnete Lagertor. Seine mächtige Lanze, aus der Ferne geschleudert, durchbohrte den Bitias, daß der Boden von seinen fallenden Riesengliedern bebte und der Schild auf den Liegenden herniederrasselte. Die Trojaner flohen zurück in das Tor, und nach drängten sich die siegenden Rutuler. Da faßte Pandarus mit einem Blick auf die ausgestreckte Leiche seines Bruders die Torflügel in ihren Angeln und warf sie, mit den Schultern angestemmt, in die Wölbung zurück, daß das Tor verschlossen war und viele Trojaner im Gefechte draußen, viele Rutuler in die Mauern eingezwängt, zurückblieben. Aber der Unbesonnene hatte nicht bedacht, daß mitten unter den Eingeschlossenen Turnus selbst sich befand wie ein Tiger, der in den Stall eingelassen ist. Voll Entsetzens erkannten die Trojaner das schreckliche Gesicht und die riesigen Glieder. Nur Pandarus, ein Riese wie er, erschrak nicht. Voll Erbitterung über die Ermordung seines Bruders stellte er sich ihm entgegen und rief. »Hier bist du nicht im Palaste der Latinerkönigin, schmachtender Bräutigam; im Feindeslager stehest du und wirst nicht wieder hinauskommen!« Turnus lächelte nur und erwiderte ganz ruhig: »Bind an, wenn du es wagst, und beginne nur den Zweikampf; und wenn du ein Hektor wärest, so sollst du deinen Achilles finden!« Pandarus schleuderte darauf seinen Wurfspieß, in dem die Rinde noch mit allen Knoten saß; aber Juno lenkte das Geschoß ab, und die Lanze flog in den Torflügel. Jetzt bäumte sich Turnus und schwang sein Schwert: »Diesem Streiche wirst du nicht entfliehen!« schrie er und spaltete ihm die Schläfe mitten durch die Stirne, daß das Haupt, in gleiche Teile zerhauen, dem Zusammensinkenden von den Schultern herunterhing.

Zitternd stäubten die Trojaner auseinander; und wäre dem Sieger jetzt der Gedanke gekommen, das Tor wieder zu öffnen und seine Freunde hereinzulassen, so wäre es um die neue Ansiedlung Trojas geschehen gewesen. So aber ließ er sich von der Mordlust betören und drang von Sieg zu Siege mit den Seinen immer tiefer in das Innere des Lagers ein. Schon war die Verwirrung bis zu Serestus und Mnestheus gedrungen, die in der Mitte der Mauern befehligten. Da brachte zuerst Mnestheus die fliehenden Freunde mit den Worten zur Besinnung: »Wohin wendet ihr euch, Unsinnige, was für andere Mauern, was für andere Burgen besitzet ihr? Soll ein einziger Mann, rings umschlossen von euren Wällen, ungestraft ein solches Gemetzel unter euch anrichten? Habt ihr euer Vaterland, euren Führer Äneas, die Götter eurer Heimat so schamlos vergessen?« Mit solchen Reden beschämte und kräftigte er die Fliehenden, daß sie, in eine dichte Rotte zusammengedrängt, wieder standhielten. Den Turnus hatte der siegreiche Kampf selbst allmählich ermüdet. Zum Tore zurückzudringen konnte er nicht mehr hoffen; so kämpfte er sich mühsam vorwärts, wo das Lager ohne Mauern an den Fluß grenzte. An den Sandbänken des Stromes angelangt, zog er sich mit schnelleren Schritten, doch noch ohne Flucht, zurück, und wenn ihm der Feind zu nahe auf den Leib kam, trieb er ihn immer noch siegreich mit dem Schwerte zurück. Nun flogen aus der Ferne von allen Seiten Geschosse nach ihm; von den anprallenden Steinen erklang sein Helm, der Busch war zerfetzt; der Schild steckte voll Speere und ward so schwer, daß seine Linke ihn kaum mehr zu halten vermochte. In diesem Augenblicke stürmte auch Mnestheus in blitzenden Waffen auf ihn zu, und wie flüssiges Pech rann ihm der Schweiß über den Leib. So war er fechtend am Rande des Flusses angekommen. Da zum ersten Male kehrte Turnus dem Feinde den Rücken und warf sich in voller Rüstung in die Wogen des Tiberstroms. Dieser nahm den Kommenden willig auf und trug ihn mit sanften Wellen aus dem Bereiche des Lagers ans Gestade, wo er bald, von Blut und Staube rein gewaschen, bei den Seinigen eintraf.

Sturm und Irrfahrten. Die Harpyien



Sturm und Irrfahrten. Die Harpyien

Als kein Land mehr sichtbar und ringsherum nur Himmel und Gewässer war, sammelte sich über den Häuptern der Schiffenden ein graues Gewölk, das Nacht und Sturm herbeiführte, und die Woge fing in schwarzer Finsternis zu schauern an. Sofort brachten Orkane das Meer in Aufruhr; Berge von Fluten stiegen auf; die Flotte ward auseinandergeworfen, und die Schiffe trieben zerstreut über den strudelnden Abgrund hin. Die schwarzen Wetterwolken raubten das Tageslicht und hüllten alles in eine dichte Regennacht, welche nur Blitz auf Blitz aus den zerrissenen Wolken erhellte. Dieses fürchterliche Ungewitter dauerte drei Tage und drei sternlose Nächte, und während dieser Zeit wußte selbst der erfahrene Steuermann der Flotte, Palinurus, nicht mehr, wo sich in dem blinden Dunkel die Schiffenden befanden und welcher Himmelsgegend die umhergeworfenen Fahrzeuge zugetrieben wurden. Endlich am vierten Tage legte sich der Sturm allmählich, ein fernes Gebirg zeigte sich am Horizont. Dieser Anblick gab den Verzweifelnden den geschwundenen Mut wieder. Als sie dem Lande näher gekommen waren, zogen sie die Segel ein, warfen sich über die Ruder und wühlten mit aller Anstrengung in dem noch immer empörten Meeresschaum.

Das Land, welches die Verirrten aufnahm, gehörte einer der beiden Strophadeninseln an, die sich im großen Ionischen Meere befinden, der Pelopsinsel gegenüber. Es war ein unwirtliches, durch schauerliche Bewohner verrufenes Land. Die Harpyien, die gefräßigen Ungeheuer, seitdem sie die Wohnung des Königes Phineus verlassen hatten und von seinem unglücklichen Tische verscheucht worden waren, hatten an diesem Gestade den häßlichen Sitz aufgeschlagen. Diese grausenhaften Scheusale waren, wie bekannt, ein Vogelgezücht mit Jungfrauengesichtern, die aber, beständig vom Hunger gebleicht, entsetzlich anzuschauen waren. An den Händen hatten sie Krallen, mit welchen sie alle Speise ergriffen, deren sie sich bemächtigen konnten; und mit dem ekelhaften Abfluß ihres Leibes besudelten sie jeden Ort, an dem sie erschienen.

Von diesen Bewohnerinnen des ihnen gänzlich unbekannten Ufers hatten Äneas und seine Fluchtgenossen keine Ahnung. Sie liefen in den Hafen ein, der vor ihnen lag, und waren ganz fröhlich, als sie sich wieder auf festem Lande befanden. Der erste Anblick des Gestades zeigte ihnen auch nichts Unheimliches: Herden von Rindern und Ziegen gingen lustig auf der Weide, ohne alle Hüter. Der ausgestandene Hunger hieß die Gelandeten nicht lange zögern, sie fuhren mit dem Schwert unter das Vieh, brachten Jupiter und den Göttern ein Schlachtopfer dar und setzten sich selbst zum leckeren Schmaus am Ufer in die Runde. Sie erfreuten sich aber des Mahles noch nicht lange, als sie von den nahen Hügeln her einen lauten Flügelschlag wie von vielen Vögeln vernahmen. Als wären sie vom Sturmwinde herbeigeführt, erschienen plötzlich die Harpyien, fielen über die Speisen her, zerrten daran herum und besudelten alles mit ihrer abscheulichen Berührung. Allenthalben ertönte ihre gräßliche Stimme und verbreitete sich ihr scheußlicher Pesthauch. Die Tafelnden flüchteten sich mit ihrer Opfermahlzeit an eine abgelegene Stelle, unter einen hohlen Felsen, der rings von schattigen Bäumen eingeschlossen war. Hier zündeten sie Feuer auf neuen Rasenaltären an und stellten auch ihr Mahl wieder auf. Aber aus den heimlichsten Winkeln und von ganz anderer Himmelsgegend her kam wieder derselbe sausende Schwarm, machte sich mit seinen Krallenfüßen an die Beute und befleckte das Mahl auf alle Weise. Äneas und die Seinigen griffen endlich zu dem letzten Mittel: sie verbargen ihre Schwerter und Schilde ringsumher im Gras, und als die häßlichen Vögel sich wieder im Schwarme herniedersenkten und die krummen Ufer umflatterten, brachen seine Genossen auf das Zeichen eines ihrer Freunde, der vom Felsen herab seine Beobachtungen anstellte, los und versuchten es, die Untiere mit ihren Schwertern zu erlegen. Aber keine Gewalt vermochte das Gefieder zu durchdringen, keine Wunde saß auf ihrem Rücken fest; eilige Flucht entzog sie den Streichen, sie ließen ihre Beute angefressen zurück und überall Spuren voll Unflats. Nur eine von den Harpyien, Celäno mit Namen, setzte sich auf den höchsten Felsen und brach in die prophetischen Fluchworte aus: »Ist es nicht genug, uns Rinder und Ziegen gemordet zu haben, ihr trojanischen Fremdlinge? Müßt ihr uns unschuldige Harpyien auch noch aus dem Heimatlande vertreiben? Nun, so höret die Prophezeiung, die mir Phöbus anvertraut hat und die ich euch als Rachegöttin verkündige: Ihr fahret nach Italien, ihr werdet es auch erreichen, sein Hafen wird euch aufnehmen; aber nicht eher umgebet ihr die euch verheißene Stadt mit Mauern, als bis euch ein gräßlicher Hunger, die Strafe für das Unrecht, das ihr an uns beginget, zwingen wird, von euren eigenen Tischen zu nagen und dieselben aufzuzehren.« So sprach sie, schwang die Fittiche und floh in die Waldung zurück. Den Trojanern erstarrte das Blut in den Adern vor Schrecken; sie wußten nicht, hatten sie es mit fluchwürdigen Vögeln oder mit mächtigen Göttinnen zu tun. Endlich hub der Vater Anchises seine Hände flehend gen Himmel und betete zu den Göttern um Abwendung alles Unheils. Dann riet er seinem Sohn und den Genossen der Flucht, sich in aller Eile wieder einzuschiffen.

Tantalos



Tantalos

Tantalos, ein Sohn des Zeus, herrschte zu Sipylos in Phrygien und war außerordentlich reich und berühmt. Wenn je einen sterblichen Mann die olympischen Götter geehrt haben, so war es dieser. Seiner hohen Abstammung wegen wurde er zu ihrer vertrauten Freundschaft erhoben; zuletzt durfte er an der Tafel des Zeus speisen und alles mit anhören, was die Unsterblichen unter sich besprachen. Aber sein eitler Menschengeist vermochte das überirdische Glück nicht zu tragen, und er fing an, mannigfaltig gegen die Götter zu freveln. Er verriet den Sterblichen die Geheimnisse der Himmlischen; er entwandte von ihrer Tafel Nektar und Ambrosia und verteilte den Raub unter seine irdischen Genossen; er barg den köstlichen goldenen Hund, den ein anderer aus dem Tempel des Zeus zu Kreta gestohlen hatte; und als dieser ihn zurückforderte, leugnete er mit einem Eide ab, ihn erhalten zu haben. Endlich lud er im Übermute die Götter wieder zu Gaste, und um ihre Allwissenheit auf die Probe zu setzen, ließ er ihnen seinen eigenen Sohn Pelops schlachten und zurichten. Nur Demeter verzehrte von dem gräßlichen Gericht ein Schulterblatt, die übrigen Götter aber merkten den Greuel, warfen die zerstückelten Glieder des Knaben in einen Kessel, und die Parze Klotho zog ihn mit erneuter Schönheit hervor. Anstatt der verzehrten Schulter wurde eine elfenbeinerne eingesetzt.

Jetzt hatte Tantalos das Maß seiner Frevel erfüllt und wurde von den Göttern in die Hölle gestoßen. Hier wurde er von quälenden Leiden gepeinigt. Er stand mitten in einem Teiche, und die Wasser spielten ihm um das Kinn, dennoch litt er den brennendsten Durst und konnte den Trank, der ihm so nahe war, niemals erreichen. Sooft er sich bückte und den Mund gierig ans Wasser bringen wollte, entschwand vor ihm die Flut versiegend; der dunkle Boden erschien zu seinen Füßen; ein Dämon schien den See ausgetrocknet zu haben. So litt er zugleich den peinigendsten Hunger. Hinter ihm strebten am Ufer des Teiches herrliche Fruchtbäume empor und wölbten ihre Äste über seinem Haupte. Wenn er sich emporrichtete, so lachten ihm saftige Birnen, rotwangige Äpfel, glühende Granaten, liebliche Feigen und grüne Olivenbeeren ins Auge; aber sobald er hinauflangte, sie mit seiner Hand zu fassen, so riß ein Sturmwind, der plötzlich angeflogen kam, die Zweige hoch hinauf zu den Wolken. Zu dieser Höllenpein gesellte sich beständige Todesangst; denn ein großes Felsenstück hing über seinem Haupte in der Luft und drohte unaufhörlich, auf ihn herabzustürzen.

So ward dem Verächter der Götter, dem ruchlosen Tantalos, dreifache Qual, niemals endend, in der Unterwelt beschieden.

Taten des Achill und Ajax



Taten des Achill und Ajax

Von den nächsten Kriegsjahren vor Troja erzählt die Sage nichts Ausführliches. Die Griechen lagen nicht untätig vor Troja, da aber die Bewohner dieser Stadt ihre Kräfte schonten und selten Ausfälle machten, so wandten die Danaer ihre Macht gegen die Umgegend. Achill zerstörte und plünderte allmählich zwölf Städte mit seiner Flotte, elf nahm er zu Lande ein. Dem Priester Chryses führte er auf einem Streifzuge nach Mysien seine schöne Tochter Astynome oder Chrysëis gefangen fort. Bei der Einnahme von Lyrnessos überfiel er den Palast des Königes oder Priesters Brises, der in der Verzweiflung den Strick um den Hals schlang und sich den Tod gab. Sein holdseliges Kind Brisëis oder Hippodameia wurde dem Sieger zuteil, und er führte sie als eine Liebslingsbeute ins griechische Lager mit sich davon. Auch die Insel Lesbos und die Stadt Theben in Kilikien, am Fuße des Berges Plakos gegründet, unterlagen seinen Angriffen. In der letztern Stadt herrschte der Eidam des Königes Priamos, der König Eëtion, dessen Tochter Andromache mit dem tapfersten Helden Trojas, mit Hektor, vermählt war. Sieben blühende Söhne wuchsen noch in seinem Königshause. Da kam Achill, stürmte die hochragenden Tore der Stadt und erschlug den König mit den sieben Söhnen. Als der Leichnam des hohen Fürsten, der von herrlicher, Ehrfurcht gebietender Gestalt war, vor dem jungen Helden ausgestreckt lag, bemächtigte sich desselben ein Grauen und eine Scheu, und er wagte es nicht, den Liegenden der Waffen zu berauben und sich dieselben als rühmliche Siegesbeute anzueignen. Er verbrannte daher den Leichnam zur ehrlichen Bestattung im vollen, kunstreich gearbeiteten Waffengeschmeide und türmte ihm ein mächtiges Denkmal auf, das noch lange, von hohen Ulmen umschattet, die Gegend schmückte. Die Gemahlin des Königes, die Mutter Andromaches, führte er mit sich fort in die Sklaverei; doch gab er sie später gegen ein reiches Lösegeld frei, und sie kehrte nach der Heimat zurück, wo ein Pfeil der Göttin Artemis sie am Webstuhl traf und tötete. Aus dem Stalle des Königes führte Achill sein treffliches Pferd, Pedasos genannt, mit sich fort, das, obwohl sterblich gezeugt, es doch an Kraft und Schnelligkeit seinen eigenen unsterblichen Rossen gleichtat und mit ihnen um die Wette am Wagen einherlief; aus der Rüstkammer des Königes Eëtion aber nahm er viel andere Herrlichkeiten mit, unter andern auch eine ungeheure eiserne Wurfscheibe, so groß, daß sie einem Bauer fünf Jahre lang Eisen zu seinem Ackergeräte würde gegeben haben.

Nächst Achill war der tapferste und riesigste Held unter den Griechen der Telamonsohn Ajax. Auch er feierte nicht. Er führte seinen Schiffszug nach der thrakischen Halbinsel, wo die Königsburg Polymnestors prangte. Diesem hatte der König Priamos von Troja seinen jüngsten Sohn Polydoros, den er mit der Laothoë, einem Kebsweibe, gezeugt hatte, zur Pflege übersandt und dadurch seinen Liebling dem Waffendienst entzogen, auch dem thrakischen Könige zur Beköstigung des Kindes Gold und Kostbarkeiten genug übergeben. Dieser Schätze und des ihm anvertrauten Unterpfandes bediente sich nun der treulose Barbar, als sein Land von dem Helden Ajax überfallen und seine Burg belagert wurde, den Frieden zu erkaufen; er verleugnete seine Freundschaft mit dem Könige Priamos, verfluchte ihn, teilte Geld und Getreide, das er zur Nahrung des Knaben von ihm empfangen, unter die griechischen Streiter aus; dem Ajax selbst aber überlieferte er das Gold und alle Kostbarkeiten seines Verbündeten und endlich den Knaben Polydoros selbst.

Ajax kehrte mit seiner Beute nicht sogleich zum griechischen Schiffslager zurück, sondern wandte sich auf seinen Schiffen nach der phrygischen Küste. Dort griff er das Reich des Königes Teuthras an, tötete den König, der ihm an der Spitze eines Heerhaufens entgegenzog, in der Schlacht und schleppte die Tochter des Teuthras, die königliche Jungfrau Tekmessa, die edelgesinnt und von herrlicher Gestalt war, als Kriegsbeute mit sich fort. Doch ward sie ihm bald wegen ihrer Schönheit und ihres Edelsinnes lieb; er hielt sie hoch wie eine Gemahlin und hätte sich feierlich mit ihr vermählt, wenn es Griechengebrauch gewesen wäre, eine Barbarin zu freien.

Achill und der Telamonier trafen von ihren glücklichen Streifzügen, ihre Lastschiffe voll Beute, zu gleicher Zeit im griechischen Schiffslager vor Troja wieder ein. Alle Danaer gingen ihnen unter Lobgesängen entgegen; bald umringte sie eine ganze Versammlung von Streitern; man stellte die Helden in die Mitte, und unter jubelndem Zuruf wurde ihnen als Lohn der Siege ein Olivenkranz aufs Haupt gesetzt. Alsdann hielten die Helden einen Rat, um über die mitgebrachte Beute, die von den Griechen als Gemeingut angesehen wurde, einen Beschluß zu fassen. Da wurden denn auch die gefangenen Frauen vorgeführt, und alle Danaer staunten über ihre Schönheit. Das Anrecht auf die holde Brisestochter wurde dem Achill, dem Helden Ajax der Besitz der königlichen Tekmessa bestätigt. Überdies durfte der Pelide auch die Gespielin seiner Geliebten, die holde Jungfrau Diomedea, behalten, welche sich von der Königstochter nicht trennen wollte, mit der sie von zarter Kindheit an im Hause des Brises aufgewachsen war; sie hatte sich, vor die griechischen Helden geführt, zu Achills Füßen geworfen und flehte ihn unter Tränen an, sie nicht von ihrer lieben Herrin trennen zu lassen. Nur Astynome, die Tochter des Priesters Chryses, wurde dem Völkerhirten Agamemnon, seine Königswürde zu ehren, zugesprochen und von Achill auch willig abgetreten. Die andre Kriegsbeute an Gefangenen und Mundvorrat ward Mann für Mann unter das griechische Heer verteilt.

Dann brachte Ajax, von Odysseus und Diomedes aufgefordert, die Schätze des Königes Polymnestor aus seinen Schiffen herbei, und es wurde auch davon dem Könige Agamemnon ein schöner Teil an Gold und Silber zugeschieden.