Priamos bei Achill



Priamos bei Achill

Als sich die versammelten Völker getrennt hatten, sättigte sich jeder mit Speise und Schlaf. Nur Achill brachte eine Nacht ohne Schlummer im Andenken an seinen bestatteten Freund hin; er legte sich bald auf die Seite, bald auf den Rücken, bald aufs Angesicht; dann stand er plötzlich auf und schweifte am Meeresufer umher. Am frühen Morgen spannte er seine Rosse ins Joch, befestigte den Leichnam Hektors am Wagensitz und schleifte ihn dreimal um das Denkmal des Patroklos; aber Apollo deckte diesen mit dem goldenen Schirm seiner Ägide und sicherte den Leib vor allen Entstellungen. Achill verließ den Leichnam, in den Staub auf das Antlitz gestreckt. Das erbarmte die seligen Götter im Olymp, mit Ausnahme Heras, und Zeus beschickte die Mutter des Peliden, Thetis; er befahl ihr, schleunig zum Heere zu gehen und dem Sohne zu verkündigen, daß den Göttern insgesamt und Zeus selbst das Herz vor Zorn glühe, weil er Hektors Leib ohne Lösung bei den Schiffen zurückhalte. Thetis gehorchte, ging in das Zelt des Sohnes, setzte sich nahe zu ihm, und sanft mit der Hand ihn streichelnd, sprach sie: »Lieber Sohn, wie lange willst du mit Gram und Seufzern dir das Herz abzehren, des Schlafs und der Nahrung vergessen? Es wäre gut, wenn du dich der Freude des Lebens wieder zuwendetest, denn du wirst mir ja doch nicht lange mehr auf Erden einhergehen, und das grausame Verhängnis lauert schon an deiner Seite. Höre denn die Worte des Zeus, die ich dir melde: Er und alle Götter zürnen dir, daß du Hektors Leiche mißhandelst und bei den Schiffen zurückhältst. Wohlan, entlaß ihn, mein Sohn, gegen reiche Lösung.« Achill schaute auf, sah der Mutter ins Gesicht und sprach: »So sei es; was Zeus und der Rat der Himmlischen gebieten, muß geschehen. Wer mir die Lösung bringt, soll den Leichnam empfangen.« Zur selben Zeit schickte Zeus die schnelle Götterbotin Iris in die Stadt des Priamos mit seinen Aufträgen. Diese fand, dort angekommen, nichts als Geheul und Wehklage. Im Vorhofe saßen um den Vater im Kreise die Söhne, sich die Gewande feucht weinend; in der Mitte der Greis, straff in den Mantel gehüllt, Staub auf Nacken und Haupt gestreut. In den Wohnungen lagen Töchter und Schwiegertöchter auf den Knien und jammerten um die gemordeten Helden. Da trat plötzlich die Botin von Zeus vor den König und begann mit leiser Stimme, daß ihm ein Schauer durch die Glieder fuhr: »Fasse dich, Sohn des Dardanos, verzage nicht; ich habe dir kein übles Wort zu verkündigen. Zeus erbarmt sich deiner: er gebietet dir, zu Achill zu gehen und ihm Geschenke darzubringen, womit du den Leichnam deines Sohnes lösen sollst. Du allein sollst gehen, von keinem andern Trojaner begleitet als von einem der älteren Herolde, der dir den Wagen mit den Maultieren lenken und dich mit dem Toten wieder zur Stadt zurückführen kann. Fürchte weder Tod noch einen andern Schrecken; Zeus gesellt dir den mächtigen Argoswürger Hermes zum Schutze zu, daß er dich geleite, zum Peliden führe und auch dort beschirme. Doch ist Achill selbst ja nicht vernunftlos und kein blinder Frevler; er wird von selbst des Flehenden schonen und alles Leid von dir abwehren.«

Priamos vertraute den Worten der Göttin, befahl seinen Söhnen, den Wagen mit dem Maultiergespanne zu rüsten, und stieg dann in die duftige, mit Zedernholz getäfelte Kammer hinab, in welcher viel Kostbarkeiten aufbewahrt lagen. Dorthin berief er seine Gemahlin Hekabe und sprach zu ihr: »Armes Weib, wisse, daß mir Botschaft von Zeus kam: ich soll zu Achill nach den Schiffen wandeln, sein Gemüt mit Geschenken versöhnen und den Leichnam unseres lieben Sohnes Hektor einlösen. Wie deucht dir solches in deinem Herzen? Mich selbst, ich berge dir es nicht, drängt ein heftiger Trieb, nach den Schiffen zu gehen.« So sprach der Greis; aber seine Gemahlin erwiderte ihm schluchzend: »Wehe mir, Priamos, wohin ist dir dein einst so gepriesener Verstand entflohen? Welch ein Gedanke: du, der Greis, allein zu den Schiffen der Danaer zu wandeln und dem Manne vor Augen zu treten, der dir so viel tapfere Söhne erschlagen hat! Meinst du, der Falsche, Blutgierige werde Mitleid mit dir haben, wenn er dich erblickt? Viel besser, wir beweinen ihn fern, zu Hause, ihn, dem das Geschick schon bei der Geburt bestimmt hat, von den Hunden verzehrt zu werden!« »Halte mich nicht«, antwortete Priamos entschlossen, »werde mir nicht selbst im Hause zum drohenden Unglücksvogel; und erwartete mich auch der Tod bei den Schiffen: der Wüterich mag mich ermorden, wenn ich nur, mein Herz mit Tränen sättigend, den geliebten Sohn in den Armen halten darf.« Unter diesen Worten schlug er den Deckel von den Kisten und wählte zwölf köstliche Feiergewande, zwölf Teppiche, ebensoviel Leibröcke und prächtige Mäntel aus. Dann wog er zehn Talente Goldes dar, erlas weiter vier schimmernde Becken, zwei Dreifüße; ja selbst einen köstlichen Becher, den ihm die Thrakier geschenkt hatten, als er zu ihnen auf Gesandtschaft kam, sparte der Greis nicht. So begierig war er, seinen trautesten Sohn zu lösen! Dann scheuchte er sämtliche Trojaner, die ihn aufhalten wollten, aus der Halle und bedrohte sie: »Ihr Nichtswürdigen, habt ihr nicht Gram im Hause genug, daß ihr herkommt, um auch mich zu bekümmern? Achtet ihr es für etwas Kleines, daß Zeus den Jammer über mich verhängte, meinen tapfersten Sohn zu verlieren? Doch ihr werdet’s schon erfahren. Möchte nur ich in den Hades hinuntergehen, eh ich die Trümmerhaufen eurer Stadt schaue!« So scheuchte er sie mit dem Stabe hinaus; dann rief er scheltend seine Söhne: »Ihr Schändlichen, Untüchtigen, lägt ihr mir doch alle an Hektors Statt getötet bei den Schiffen! Alle Guten sind tot, nur die Schandflecke sind übrig, Lügner, Gaukler, Reigentänzer, die im Fette des Volkes schwelgen! Werdet ihr mir nicht sogleich den Wagen ausrüsten und alles dieses in den Korb hineinlegen, damit ich meinen Weg vollenden kann?« Erschrocken gehorchten die Söhne dem murrenden Vater, führten die Maultiere vor den Lastwagen und luden die Lösegeschenke auf. Alsdann spannten sie auch die sorglich gepflegten Rosse an den Wagen des Priamos, und der greise Herold, der ihn begleiten sollte, war auf der Stelle. Mit bekümmertem Herzen reichte Hekabe dem König den goldenen Becher zum Opfertrank; die Schaffnerin nahte ihm mit Waschgefäß und Kanne, und als Priamos sich die Hände mit lauterem Wasser besprengt, empfing er den Becher, stellte sich in die Mitte des Hofes, spendete vom Weine und betete mit erhobener Stimme zu Zeus: »Vater Zeus, Herrscher vom Ida, laß mich Barmherzigkeit und Gnade vor Peleus‘ Sohn finden! Gib mir auch ein Zeichen, daß ich getrost zu den Schiffen der Danaer gehen kann!« Kaum hatte er ausgesprochen, so stürmte mit ausgebreiteten Fittichen ein schwarzgeflügelter Adler rechts her über die Stadt. Alle Trojaner sahen es mit Wonne, und der Greis schwang sich voll Zuversicht in den Wagensitz. Vor ihm her zogen die Maultiere den schwerbepackten vierrädrigen Wagen, den der Herold Idaios lenkte. Hinter diesem trieb der Greis mit der Geißel sein Rossegespann an; die Seinigen aber folgten ihm alle wehklagend, als ob es zum Tode ginge. Als die Wagen draußen vor der Stadt waren und Priamos und der Herold am Denkmale des alten Königs Ilos vorbeieilten, hielten sie mit beiden Wagen ein wenig, um die Rosse und Maultiere unten am Strome zu tränken. Der Abend war eingebrochen, und das Gefilde lag rings in Dämmerung. Da bemerkte Idaios ganz in der Nähe die Gestalt eines Mannes, und erschrocken sprach er zu Priamos: »Merk auf, Herr, hier gilt’s Besonnenheit! Sieh den Mann dort; ich fürchte, er steht auf der Lauer und sinnt auf unsern Tod. Wir sind unbewaffnet, dazu Greise; laß uns entweder umkehren und schnell in die Stadt zurückfliehen oder seine Knie umfassen und ihn um Erbarmung flehen.« Den Greis durchfuhr ein banger Schauer, und seine Haare sträubten sich. Jetzt näherte sich die Gestalt; es war aber kein Feind, sondern der Abgesandte des Zeus, Hermes, der Bringer des Heiles, welcher auserwählte Sterbliche auf ihren Wegen zu begleiten hat. Dieser faßte die Hand des Königes, ohne daß er ihn erkannte, und sprach: »Vater, wohin lenkst du in tiefer Nacht, wo andere Sterbliche schlafen, deine Rosse und Maultiere? Fürchtest du dich denn gar nicht vor den erbitterten Argivern? Wenn dich einer von ihnen so viel köstliche Habe durchs Dunkel führen sähe, wie würde dir wohl zumute werden? Sorge jedoch nicht, daß ich dir etwas zuleide tue; vielmehr möchte ich dich auch vor andern beschirmen, gleichst du doch meinem lieben Vater an Gestalt! Aber sage mir, führst du soviel auserlesene Güter flüchtend nach einem fremden Lande? Oder verlasset ihr alle bereits Troja, nachdem ihr den tapfersten Mann verloren habt, der keinem Griechen an Mute wich?« Priamos schöpfte leichter Atem und antwortete: »Wahrlich, jetzt sehe ich, daß die Hand eines Gottes mich beschirmt, da mir ein so liebreicher und verständiger Gefährte auf meinem Weg begegnet, der so schön vom Tode meines Sohnes redet. Aber wer bist du, mein Guter, und welcher Eltern Kind?« »Mein Vater heißt Polyktor«, antwortete Hermes, »ich bin von sieben Söhnen der letzte, ein Myrmidone und Genosse des Achill; daher ich denn oft mit meinen Augen deinen Sohn kämpfen und die Argiver zu den Schiffen treiben sah, während wir bei unserm zürnenden Herrn standen und jenen aus der Ferne bewunderten.« »Wenn du ein Genosse des schrecklichen Peliden bist«, fragte Priamos jetzt voll Ungeduld, »o so verkündige mir, ob mein Sohn noch bei den Schiffen ist oder ob Achill ihn schon, in Stücke zerhauen, den Hunden vorgeworfen hat!« »Nein«, antwortete Hermes, »er liegt noch im Zelte des Achill, von Moder unberührt, obgleich schon der zwölfte Morgen verflossen ist und der Held ihn mit jedem Sonnenaufgang ohne Mitleid um das Grab seines Freundes schleift. Du würdest dich selbst verwundern, wenn du sähest, wie frisch und tauig er daliegt, vom Blute gereinigt, alle Wunden geschlossen. Selbst im Tode pflegen die Götter noch seiner.« Voll Freude langte Priamos den herrlichen Becher hervor, den er bei sich im Wagen liegen hatte. »Nimm ihn«, sprach er, »verleih mir deinen Schutz dafür und geleite mich zum Zelte deines Herrn.« Hermes, als scheute er sich, ohne Achills Wissen Geschenke zu nehmen, wies die Gabe ab, schwang sich jedoch zu dem Helden in den Wagen, ergriff Zaum und Geißel, und bald hatten sie Graben und Mauer erreicht. Hier fanden sie die Hüter eben mit dem Nachtmahle beschäftigt. Doch ein Wink des Gottes versenkte sie in tiefen Schlaf, und ein Druck seiner Hand schob den Riegel vom Tore. So gelangte Priamos mit seinem Lastwagen glücklich vor die Lagerhütte des Peliden, die hoch aus Balken gebaut und mit Schilf bedeckt, auch mit einem geräumigen Hofe umgeben war, den eine dichte Reihe von Pfählen umschloß. Nur ein einziger tannener Riegel verschloß die Pforte, aber so schwer, daß nur drei starke Griechen ihn vor- oder zurückschieben konnten; nur Achill selbst brauchte keine Beihilfe dazu. Jetzt aber öffnete Hermes das Tor ohne Mühe, stieg vom Wagen, gab sich als Gott zu erkennen und verschwand, nachdem er dem Greis geraten, des Helden Knie zu umfassen und ihn bei Vater und Mutter zu beschwören.

Priamos sprang jetzt auch vom Wagen und übergab dem Idaios Rosse und Maultiere. Er selbst ging geraden Weges auf die Wohnung zu, wo Achill saß. Er traf ihn zu Hause, getrennt von den Seinigen, nur von den Helden Atomedon und Alkimos bedient, eben von der Mahlzeit ruhend, und die Tafel stand noch vor ihm. Unbemerkt trat der erhabene Greis ein, eilte auf den Peliden zu, umschlang seine Knie, küßte ihm die Hände, die entsetzlichen, die ihm so viele Söhne gemordet hatten, und sah ihm ins Antlitz. Staunend betrachteten ihn Achill und seine Freunde, da fing der Greis an zu flehen: »Göttergleicher Achill, gedenke deines Vaters, der alt ist wie ich, vielleicht auch bedrängt von feindlichen Nachbarn, in Angst und ohne Hilfe wie ich. Doch bleibt ihm von Tag zu Tag die Hoffnung, seinen geliebten Sohn von Troja heimkehren zu sehen. Ich aber, der ich fünfzig Söhne hatte, als die Argiver herangezogen kamen, und davon neunzehn von einer Gattin, bin der meisten in diesem Kriege beraubt worden, und zuletzt durch dich des einzigen, der die Stadt und uns alle zu beschirmen vermochte. Darum komme ich nun zu den Schiffen, ihn, meinen Hektor, von dir zu erkaufen, und bringe unermeßliches Lösegeld. Scheue die Götter, Pelide, erbarme dich mein, gedenke deines eigenen Vaters! Ich bin des Mitleids noch werter: dulde ich doch, was noch kein Sterblicher geduldet hat, und drücke die Hand an die Lippe, die meine Kinder mir getötet.« So sprach er und erweckte dem Helden sehnsüchtigen Gram um seinen Vater, daß er den Alten sanft bei der Hand anfaßte und zurückdrängte. Da gedachte der Greis seines Sohnes Hektor, wand sich zu den Füßen des Peliden und fing laut an zu weinen; Achill aber weinte bald über seinen Vater, bald über seinen Freund, und das ganze Zelt erscholl von Jammertönen. Endlich sprang der edle Held vom Sessel empor, hub den Greis voll Mitleid mit seinem grauen Haupt und Bart, an der Hand auf und sprach: »Armer, fürwahr, viel Weh hast du erduldet, und jetzt, welch ein Mut so allein zu den Schiffen der Danaer zu wandeln und einem Manne vor die Augen zu treten, der dir so viele und so tapfere Söhne erschlagen hat! Du mußt ja ein eisernes Herz im Busen tragen! Aber wohlan, setz dich auf den Sessel, laß uns den Kummer ein wenig beruhigen, sosehr er uns von Herzen geht; wir schaffen ja doch nichts mit unserer Schwermut. Das ist nun einmal das Schicksal, das die Götter den elenden Sterblichen bestimmt haben, Gram zu erdulden, während sie selbst ohne Sorge sind. Denn zwei Fässer stehen an der Schwelle von Zeus‘ Behausung, das eine voll Gaben des Unglücks, das andere voll Gaben des Heils. Wem der Gott vermischt austeilt, den trifft abwechselnd bald ein böses, bald ein gutes Los; wem er nur Weh austeilt, den stößt er in Schande, der wird von herzzerfressender Not über die Erde hin verfolgt. So schenkten die Götter dem Peleus zwar herrliche Gaben: Habe, Macht, ja selbst eine Unsterbliche zur Gattin; doch hat ihm ein Himmlischer auch Böses gegeben, denn ihm ward ein einziger Sohn, der frühe hinwelken wird, der des Alternden so gar nicht pflegen kann; denn hier in weiter Ferne sitze ich vor Troja und betrübe dich und die Deinigen. Auch dich, o Greis, priesen die Völker vormals glückselig, jetzt aber haben die Olympischen dir dieses Leid gesandt, und seitdem tobt nur Schlacht und Mord um deine Mauern. So duld es denn und jammere nicht unablässig, du kannst deinen edlen Sohn doch nicht wieder aufwecken!«

Da antwortete Priamos: »Heiß mich nicht sitzen, Liebling des Zeus, solange Hektor noch unbeerdigt in deinem Zelte liegt. Erlaß ihn mir eilig, denn mich verlangt, ihn zu schauen. Freue dich der reichlichen Lösung, schone meiner und kehre heim in dein Vaterland!«

Achill runzelte die Stirn bei diesen Worten und sprach: »Reize mich nicht mehr, o Greis! Ich selbst ja beabsichtige, dir Hektor zu erlassen, denn meine Mutter brachte mir Zeus‘ Botschaft; auch erkenne ich wohl im Geiste, daß dich selbst, o Priamos, zu unsern Schiffen ein Gott geführt hat. Denn wie sollte dies ein Sterblicher, und wäre es der kühnste Jüngling, wagen, wie unsern Wächtern entschlüpfen, wie die Riegel der Tore zurückschieben? Darum errege mir mein trauriges Herz nicht noch mehr, ich möchte sonst Zeus‘ Befehl vergessen und deiner nicht schonen, o Greis, so demütig du flehst!«

Zagend gehorchte Priamos. Achill aber sprang wie ein Löwe aus der Pforte und ihm nach seine Genossen. Vor dem Zelte spannten sie die Tiere aus dem Joch und führten den Herold herein. Dann huben sie die Lösegeschenke vom Wagen und ließen nur zwei Mäntel und einen Leibrock zurück, um damit die Leiche Hektors anständig zu verhüllen. Dann ließ Achill, fern und ungesehen vom Vater, den Leichnam waschen, salben und bekleiden. Achill selbst legte ihn auf ein unterbreitetes Lager; rief, während die Freunde den Toten auf den mit Maultieren bespannten Wagen hoben, den Namen seines Freundes an und sprach: »Zürn‘ und eifre mir nicht, Patroklos, wenn du etwa in der Nacht der Unterwelt vernimmst, daß ich Hektors Leiche seinem Vater zurückgebe! Er hat kein unwürdiges Lösegeld gebracht, und auch dir soll dein Anteil davon werden!«

Nun kehrte er zurück ins Zelt, setzte sich dem Könige wieder gegenüber und sprach: »Sieh, dein Sohn ist jetzt gelöst, o Greis, wie du es gewünscht hast; er liegt in ehrbare Gewande eingehüllt. Sobald der Morgen sich rötet, magst du ihn schauen und davonführen. Jetzt aber laß uns der Nachtkost gedenken; du hast noch Zeit genug, deinen lieben Sohn zu beweinen, wenn du ihn zur Stadt gebracht hast, denn wohl verdient er viele Tränen.« So sprach der Held, erhub sich wieder vom Sitz, eilte hinaus und schlachtete ein Schaf. Seine Freunde zogen die Haut ab, schnitten das Fleisch in Stücke und brieten es sorgfältig am Spieße. Dann setzten sie sich zu Tische: Automedon verteilte in zierlichen Körben das Brot, Achill das Fleisch, und alle sättigten sich nun mit Speise und Tranke. Staunend betrachtete Priamos Wuchs und Gestalt seines edlen Wirtes, denn er glich den Unsterblichen. Aber auch Achill staunte vor Priamos, wenn er ihm in das Angesicht voll Würde schaute und die weise Rede des Greisen vernahm. Als nun das Mahl vorüber war, sprach Priamos: »Bette mich jetzt, edler Held, daß wir uns am erquickenden Schlaf sättigen; denn seit mein Sohn gestorben ist, haben sich meine Augenlider nicht mehr geschlossen, und das erste Mal habe ich Fleisch und Wein gekostet.«

Sofort befahl Achill seinen Genossen und den Mägden, ein Bett unter die Halle zu stellen, mit Purpurpolstern zu belegen, Teppiche darüber zu breiten und zottige Mäntel als Decken darauf. So wurde jedem der Fremdlinge ein gesondertes Lager bereitet; und nun sprach Achill freundlich: »Lagere dich jetzt draußen, lieber Greis, es möchte dich einer der Danaerfürsten, die sich beständig in meinem Zelte zum Rat versammeln, durchs Dunkel hinschleichen sehen und es dem Völkerhirten Agamemnon melden. Der aber könnte dir den Leichnam streitig machen. Jetzt sage mir aber auch noch: wieviel Tage gedenkst du auf die Bestattung deines edlen Sohnes zu verwenden? Damit ich so lange ruhe und auch das Volk von jedem Angriff abhalte.« »Wenn du mir es vergönnst«, antwortete Priamos, »meinem Sohne eine Leichenfeier zu halten, so gestatte mir deine Güte elf Tage. Du weißt, wir sind in die Stadt eingeschlossen und müssen das Holz fern im Gebirge holen. So brauchen wir neun Tage zur Vorbereitung, am zehnten möchten wir ihn bestatten und das Totenmahl feiern, am eilften ihm einen Ehrenhügel auftürmen; am zwölften Tage, wenn es so sein muß, wollen wir wieder kämpfen.« »Auch dieses geschehe, wie du begehrst«, erwiderte Achill; »ich werde das Heer so lange zurückhalten, als du gefordert.« So sprechend, faßte er die Rechte des Greises am Knöchel, um seinem Herzen alle Furcht zu benehmen. Dann entließ er ihn zum Schlafe und legte sich selbst im innersten Raume seines Zeltes nieder.

Während so alles schlief, blieb Hermes der Gott schlummerlos und erwog im Geiste, wie er den König Trojas, von den Wächtern ungesehen, aus den Schiffen zurückführen möchte. Deswegen trat er zu dem Haupte des schlummernden Greises und sprach zu ihm: »Alter, du schläfst fürwahr sehr unbesorgt bei feindlichen Männern, nachdem dich alles verschont hat. Es ist wahr, du hast den Sohn teuer gelöst; aber wenn Agamemnon und die Griechen es wüßten, so müßten deine Söhne daheim dich, den Lebenden, mit dreimal größerem Lösegeld auskaufen!« Der Greis erschrak und weckte den Herold; Hermes selbst spannte ihnen Rosse und Mäuler ein und schwang sich zu dem König in den Wagen; Idaios lenkte die Maultiere mit dem Leichnam. So fuhren sie unbemerkt durch das Heer und hatten bald das griechische Lager hinter sich.

Priamos, Hekabe und Paris



Priamos, Hekabe und Paris

Das weitere Los des Königes Laomedon und seiner Tochter Hesione ist schon von uns berichtet worden. Ihm folgte sein Sohn Priamos in der Regierung. Dieser vermählte sich in zweiter Ehe mit Hekabe oder Hekuba, der Tochter des phrygischen Königes Dymas. Ihr erster Sohn war Hektor. Als aber die Geburt ihres zweiten Kindes herannahete, da schaute Hekabe in einer dunkeln Nacht im Traume ein entsetzliches Gesicht. Ihr war, als gebäre sie einen Fackelbrand, der die ganze Stadt Troja in Flammen setze und zu Asche verbrenne. Erschrocken meldete sie diesen Traum ihrem Gemahle Priamos. Der ließ seinen Sohn aus erster Ehe, Aisakos mit Namen, kommen, welcher ein Wahrsager war und von seinem mütterlichen Großvater Merops die Kunst, Träume zu deuten, erlernt hatte. Aisakos erklärte, seine Stiefmutter Hekabe werde einen Sohn gebären, der seiner Vaterstadt zum Verderben gereichen müsse. Er riet daher, das Kind, das sie erwartete, auszusetzen. Wirklich gebar die Königin einen Sohn, und die Liebe zum Vaterland überwog bei ihr das Muttergefühl. Sie gestattete ihrem Gatten Priamos, das neugeborne Kind einem Sklaven zu geben, der es auf den Berg Ida tragen und daselbst aussetzen sollte. Der Knecht hieß Agelaos. Dieser tat, wie ihm befohlen war; aber eine Bärin reichte dem Säugling die Brust, und nach fünf Tagen fand der Sklave das Kind gesund und munter im Walde liegen. Jetzt hob er es auf, nahm es mit sich, erzog es auf seinem Äckerchen wie sein eigenes Kind und nannte den Knaben Paris.

Als der Königssohn unter den Hirten zum Jünglinge herangewachsen war, zeichnete er sich durch Körperkraft und Schönheit aus und wurde ein Schutz aller Hirten des Berges Ida gegen die Räuber; daher ihn jene auch nur Alexander, das heißt Männerhilfe, nannten.

Nun geschah es eines Tages, als er mitten im abwegsamsten und schattigsten Tale, das sich durch die Schluchten des Berges Ida hinzog, zwischen Tannen und Steineichen, ferne von seinen Herden, die den Zugang zu dieser Einsamkeit nicht fanden, an einen Baum gelehnt mit verschränkten Armen hinabschaute durch den Bergriß, der eine Durchsicht auf die Paläste Trojas und das ferne Meer gewährte, daß er einen Götterfußtritt vernahm, der die Erde um ihn her beben machte. Ehe er sich besinnen konnte, stand, halb von seinen Flügeln, halb von den Füßen getragen, Hermes der Götterbote, den goldnen Heroldsstab in den Händen, vor ihm; doch war auch er nur der Verkündiger einer neuen Göttererscheinung; denn drei himmlische Frauen, Göttinnen des Olymp, kamen mit leichten Füßen über das weiche, nie gemähete und nie gewendete Gras einhergeschritten, daß ein heiliger Schauer den Jüngling überlief und seine Stirnhaare sich aufrichteten. Doch der geflügelte Götterbote rief ihm entgegen: »Lege alle Furcht ab; die Göttinnen kommen zu dir als zu ihrem Schiedsrichter: dich haben sie gewählt, zu entscheiden, welche von ihnen dreien die schönste sei. Zeus befiehlt dir, dich diesem Richteramte zu unterziehen; er wird dir seinen Schirm und Beistand nicht versagen!« So sprach Hermes und erhob sich auf seinen Fittichen, den Augen des Königssohnes entschwebend, über das enge Tal empor. Seine Worte hatten dem blöden Hirten Mut eingeflößt; er wagte es, den schüchternen gesenkten Blick zu erheben und die göttlichen Gestalten, die in überirdischer Größe und Schönheit seines Spruches gewärtig vor ihm standen, zu mustern. Der erste Anblick schien ihm zu sagen, daß eine wie die andere wert sei, den Preis der Schönheit davonzutragen; doch gefiel ihm jetzt die eine Göttin mehr, jetzt die andere, so wie er länger auf einer der herrlichen Gestalten verweilt hatte. Nur schien ihm allmählich eine, die jüngste und zarteste, holder und liebenswürdiger als die andern, und ihm war, als ob, aus ihren Augen ausgehend, ein Netz von Liebesstrahlen sich ihm um Blick und Stirne spänne. Indessen hub die stolzeste der drei Frauen, die an Wuchs und Hoheit über die beiden andern hervorragte, dem Jünglinge gegenüber an: »Ich bin Hera, die Schwester und Gemahlin des Zeus. Wenn du diesen goldenen Apfel, welchen Eris, die Göttin der Zwietracht, beim Hochzeitmahle der Thetis und des Peleus unter die Gäste warf, mit der Aufschrift: ›Der Schönsten‹, mir zuerkennest, so soll dir die Herrschaft über das schönste Reich der Erde nicht fehlen, ob du gleich nur ein aus dem Königspalaste verstoßener Hirte bist.« »Ich bin Pallas, die Göttin der Weisheit«, sprach die andere mit der reinen, gewölbten Stirne, den tiefblauen Augen und dem jungfräulichen Ernst im schönen Antlitz; »wenn du mir den Sieg zuerkennst, sollst du den höchsten Ruhm der Weisheit und Männertugend unter den Menschen ernten!« Da schaute die dritte, die bisher immer nur mit den Augen gesprochen hatte, den Hirten mit einem süßen Lächeln noch durchdringender an und sagte: »Paris, du wirst dich doch nicht durch das Versprechen von Geschenken betören lassen, die beide voll Gefahr und ungewissen Erfolges sind! Ich will dir eine Gabe geben, die dir gar keine Unlust bereiten soll; ich will dir geben, was du nur zu lieben brauchst, um seiner froh zu werden: das schönste Weib der Erde will ich dir als Gemahlin in die Arme führen! Ich bin Aphrodite, die Göttin der Liebe!«

Als Venus dem Hirten Paris dies Versprechen tat, stand sie vor ihm, mit ihrem Gürtel geschmückt, der ihr den höchsten Zauber der Anmut verlieh. Da erblaßte vor dem Schimmer der Hoffnung und ihrer Schönheit der Reiz der andern Göttinnen vor seinen Augen, und mit trunkenem Mute erkannte er der Liebesgöttin das goldene Kleinod, das er aus Heras Hand empfangen hatte, zu. Hera und Athene wandten ihm zürnend den Rücken und schwuren diese Beleidigung ihrer Gestalt an ihm, an seinem Vater Priamos, am Volk und Reiche der Trojaner zu rächen und alle miteinander zu verderben; und Hera insbesondere wurde von diesem Augenblicke an die unversöhnlichste Feindin der Trojaner. Venus aber schied von dem entzückten Hirten mit holdseligem Gruße, nachdem sie ihm ihr Versprechen feierlich und mit dem Göttereide bekräftiget wiederholt hatte.

Paris lebte seiner Hoffnung geraume Zeit als unerkannter Hirte auf den Höhen des Ida; aber da die Wünsche, welche die Göttin in ihm rege gemacht hatte, so lange nicht in Erfüllung gingen, so vermählte er sich hier mit einer schönen Jungfrau, namens Önone, die für die Tochter eines Flußgottes und einer Nymphe galt und mit welcher er auf dem Berge Ida bei seinen Herden glückliche Tage in der Verborgenheit verlebte. Endlich lockten ihn Leichenspiele, die der König Priamos für einen verstorbenen Anverwandten hielt, zu der Stadt hinab, die er früher nie betreten hatte. Priamos setzte nämlich bei diesem Feste als Kampfpreis einen Stier aus, den er bei den Hirten des Ida von seinen Herden holen ließ. Nun traf es sich, daß gerade dieser Stier der Lieblingsstier des Paris war, und da er ihn seinem Herrn dem Könige nicht vorenthalten durfte, so beschloß er, wenigstens den Kampf um denselben zu versuchen. Hier siegte er in den Kampfspielen über alle seine Brüder, selbst über den hohen Hektor, der der Tapferste und Herrlichste von ihnen war. Ein anderer mutiger Sohn des Königs Priamos, Deïphobos, von Zorn und Scham über seine Niederlage überwältigt, wollte den Hirtenjüngling niederstoßen. Dieser aber flüchtete sich zum Altare des Zeus, und die Tochter des Priamos, Kassandra, welche die Wahrsagergabe von den Göttern zum Angebinde erhalten hatte, erkannte in ihm ihren ausgesetzten Bruder. Nun umarmten ihn die Eltern, vergaßen über der Freude des Wiedersehens die verhängnisvolle Weissagung bei seiner Geburt und nahmen ihn als ihren Sohn auf.

Vorerst kehrte nun Paris zu seiner Gattin und seinen Herden zurück, indem er auf dem Berge Ida eine stattliche Wohnung als Königssohn erhielt. Bald jedoch fand sich Gelegenheit für ihn zu einem königlicheren Geschäfte, und nun ging er, ohne es zu wissen, dem Preis entgegen, den ihm seine Freundin, die Göttin Aphrodite, versprochen hatte.

Prokne und Philomela



Prokne und Philomela

In Athen herrschte einst der König Pandion, der Sohn des erdgeborenen Erichthonios und der Nymphe Pasithea. Er vermählte sich mit der schönen Najade namens Zeuxippe, die ihm die Zwillinge Erechtheus und Butes und zwei Töchter, Prokne und Philomela, gebar. Da begab es sich, daß der König von Theben, Labdakos, mit Pandion in Streit geriet und verheerend in Attika einbrach. Trotz tapferen Widerstandes wurden die Athener in ihre Stadt zurückgedrängt, und Pandion wandte sich in der Not um Hilfe an den streitbaren thrakischen Fürsten Tereus, einen Sohn des Kriegsgottes Ares. Dieser kam schnell über das Meer gefahren und verjagte mit seinen trotzigen Kriegern die Thebaner bald aus dem attischen Lande. Dem ruhmgekrönten Befreier gab der dankbare Pandion seine Tochter Prokne zur Gattin. Aber nicht Hymenäos, der bräutliche Gott, nicht Hera, die Schutzgöttin der Ehe, nicht die holdseligen Grazien nahten dem Hochzeitsgemache; die schrecklichen Erinnyen schwenkten die düstern Fackeln, die sie von einem Leichenbegängnis geraubt hatten; der unheilkündende Uhu saß auf dem Giebel des Hauses, in welchem Tereus und Prokne Hochzeit hielten. Freilich zogen die jungen Gatten frohgemut über die Meereswogen, den Göttern dankend, und wurden von den Thrakiern jubelnd empfangen. Und als Prokne einem Sohne, dem Itys, das Leben schenkte, da ward der Tag in ganz Thrakien festlich gefeiert.

Fünf Jahre waren vergangen; da ergriff Proknen, die sich im Barbarenlande fern von der lieben Heimat oft gar einsam fühlte, eine unendliche Sehnsucht nach Philomela, ihrer einzigen Schwester. Sie ging zu ihrem Gemahle und sprach: »Wenn du mich noch ein wenig liebst, so sende mich nach Athen, daß ich die teure Schwester hieher hole, oder reise du selbst und bringe sie mir, wenn auch nur auf kurze Zeit, zum Besuch. Eine göttliche Gnade wird mir’s scheinen, wenn ich ihr trautes Antlitz wieder schauen darf. Versprich dem Vater, sie bald zurückzuführen; denn zärtlich liebt er die Tochter und wird sie nicht lange vermissen wollen.« Tereus ließ sich leicht erbitten und fuhr zu Schiffe gen Athen. Bald gelangte er in den Hafen Piräus, wo sein Schwäher ihn bewillkommnete. Schon als sie Hand in Hand nach der Stadt wandelten, begann Tereus die unheilvolle Bitte vorzubringen und gelobte dem Könige, daß er für Philomelas baldige Heimkehr sorgen werde. Siehe, da nahte sie selbst; im Schmuck strahlender Schönheit, einer lieblichen Nymphe nicht unähnlich, kam sie herbeigeeilt, den Schwager zu begrüßen und tausend Fragen nach der fernen Schwester zu tun. Kaum aber ward Tereus die reizende Jungfrau gewahr, da entbrannte sein Herz von stürmischer Liebe zu ihr, so wie die Flamme das geschichtete Heu und die dürren Dachsparren ergreift und verzehrt. Rasch war sein Entschluß gefaßt, um jeden Preis Philomela zu entführen, sei es im Guten oder mit Gewalt. Während so zügellose Leidenschaft im Busen des Barbaren wogte, hub er wieder an, von den Wünschen der Prokne zu sprechen, sie sterbe vor Sehnsucht nach der Schwester, um seiner Gattin willen flehe er. Der Schändliche! Während er ruchlose Pläne brütete, schien er ein zärtlicher Ehemann, so daß selbst Pandion seinen Eifer lobte. Ja, auch Philomela ward betört; kosend schlang sie die Arme um des Vaters Nacken und flehte ihn unermüdlich, ihr die Reise zu gestatten. So ward der Greis von den vereinten Bitten der beiden endlich besiegt und gab seine Einwilligung, obwohl mit schwerem Herzen. Philomela aber dankte ihm voll Entzücken, und nun gingen die drei in den Königspalast, sich an köstlichem Wein und trefflichen Speisen zu erquicken. Dann, als die Sonne längst hinter den Horizont gesunken war, trennten sie sich, um der Ruhe zu pflegen.

Der Morgen erschien. Beim Abschied drückte der ehrwürdige Pandion die Hand des Schwiegersohnes und sprach, während heiße Tränen über seine Wangen rollten: »Mein teurer Sohn, nur weil zärtliche Liebe mich zwingt und ihr alle es wünschet, vertraue ich dir mein Liebstes an, die traute Tochter. Nun beschwöre ich dich bei deiner Ehre und unsrer Verwandtschaft, bei den unsterblichen Göttern flehe ich dich an, beschütze sie wie ein liebevoller Vater und sende sie mir bald zurück. Ach, sie ist der süßeste Trost meines vielfach leidvollen Alters.« So sprach er und küßte das geliebte Kind mit Inbrunst. Darauf forderte er von beiden die Hand zum Zeichen der Treue, trug ihnen herzliche Grüße an Tochter und Enkel auf, rief noch einmal mit schluchzender Stimme Lebewohl und blieb allein am Ufer zurück. Vom Ruderschlag rauschten die Wogen, das Schiff fuhr mit vollen Segeln in die offene See hinaus. Kaum konnte Tereus sich enthalten, laut aufzujauchzen vor wilder Lust, daß sein Plan gelungen sei. ›Mein ist der Sieg! ‹ rief er im Herzen und betrachtete die Arglose mit funkelndem Blicke. So blitzt des gierigen Adlers Auge, wenn er den zappelnden Hasen aus den krummen Klauen in sein hohes Felsennest niederwirft, aus dem keine Flucht möglich ist.

Bald zeigten sich die Gestade Thrakiens, die Schiffer lenkten zum sichern Hafen und sprangen ans Land; ermüdet von der Fahrt, eilte jeder der Heimat zu. Tereus aber schleppte Philomelen in ein einsames, tief im Urwald verstecktes Hirtengehöft. Dort schloß er die Erblassende ein, und als sie weinend nach der Schwester fragte, log der Verräter mit erheuchelter Trauer, Prokne sei gestorben; um den alten Pandion zu schonen, habe er das Märchen von der Einladung ersonnen; in Wahrheit sei er gekommen, um sie, Philomelen, zu seiner Gattin zu machen. Kein Jammern und Flehen fruchtete, die rührendsten Worte prallten wirkungslos an dem steinernen Herzen des Barbaren ab. So fügte sie sich unter bittern Tränen der Gewalt und ward seine Gemahlin. Aber es währte nur kurze Zeit, bis sie zur Besinnung kam, und nun stiegen schreckliche Ahnungen und bange Zweifel in ihr auf. ›Warum‹, fragte sie sich, ›hält Tereus mich hier, fern von seinem Hofe, wie eine Gefangene? Warum läßt er mich so ängstlich bewachen? Warum fährt er mich nicht als Königin in seinen Königspalast?‹- Da erfuhr sie, als sie einst ungesehen das Gespräch ihrer Diener belauschte, das Furchtbare: Prokne lebt! Ihre eigne Vermählung mit Tereus ist Verbrechen; sie ist die Nebenbuhlerin der totgeglaubten Schwester! Da faßte sie namenloser Jammer und glühender Haß gegen den Verräter, mit fliegender Hast stürzte sie in sein Gemach, erzählte ihm, was sie erfahren, und schwur unter heißen Verwünschungen, das gräßliche Geheimnis, seine Schuld und ihre Schande, aller Welt zu verkünden. So erregte sie den Zorn und zugleich die Furcht des Verruchten. Da faßte er einen teuflischen Entschluß. Sicher wollte er sein, daß seine Schmach niemand erfahre; doch scheute er sich, die Wehrlose zu morden. Also riß er sein Schwert aus der Scheide, band der Unglücklichen die Arme auf den Rücken und zückte den Stahl, als ob er sie töten wollte. Sie erwartete freudig den Streich, der sie dem verhaßten Leben entreißen sollte; aber wie sie schmerzlich den Namen des lieben Vaters ausrief, schnitt der Unmensch ihr – schrecklich ist es zu sagen – die Zunge aus. Nun brauchte er keinen Verrat mehr zu fürchten. Kalt, als wäre nichts geschehen, verließ er die Ärmste, den Dienern strenge Bewachung einschärfend. Er selbst ging zurück an den Hof zu seinem Weibe Prokne. Diese fragte, wo die Schwester denn bleibe. Da seufzte der Nichtswürdige und erzählte mit erheuchelten Tränen, Philomela sei tot und begraben. Prokne riß voll unendlichen Schmerzes die goldgestickten Gewänder herab, hüllte sich in schwarze Trauergewande, baute ein leeres Grabmal und brachte, die geliebte Schwester beweinend, ihrer Seele Totenopfer.

So verging ein Jahr, und noch immer lebte die grausam verstümmelte Philomela. Wächter und Mauern versperrten ihr die Flucht; ach, und der Mund war stumm, unfähig, die Schandtat zu verkünden. Aber das Elend schärft den Verstand und lehrt Erfindungen. Am Webstuhl spannte sie das Linnen aus und wirkte purpurne Zeichen hinein, in denen sie das Gräßliche offenbarte. Und als sie es vollendet hatte, gab sie das Gewebe einem Diener, indem sie ihn durch stumme Gebärden anflehte, es der Königin Prokne zu überbringen. Jener gehorchte ihr, ohne zu wissen, was er tat. Prokne entrollte das Gewand und las das entsetzliche Geheimnis. Da entfuhr kein Seufzer ihrem Munde, keine Träne vergoß sie – ihr Jammer war zu groß dazu; nur eines konnte sie denken, nur eines fassen: Rache, fürchterliche Rache an dem Verbrecher!

Die Nacht nahte, in der die thrakischen Frauen das Fest des Bakchos in wilder Begeisterung zu feiern pflegten. Auch die Königin eilte, mit Reben bekränzt, den Thyrsosstab in den Händen schwingend, mit der Schar der Weiber hinaus in die waldigen Berge. Wütenden Schmerz im Innern, heuchelte sie bakchantische Wut. So kam sie an das einsame Gehöft, wo Philomela gefangen war. Mit Evoeruf brach sie hinein, riß die Schwester mit sich fort und führte sie, das Antlitz ihr mit Efeuranken verbergend, in den Palast des Königs Tereus. Da erst erkannte die arme Philomela ihre Schwester, die sie in ein abgelegenes Gemach brachte. »Nicht Tränen helfen uns«, rief Prokne, als die Unglückliche ihr bleiches Antlitz verhüllte, »nein, Blut, Stahl, gräßlichster Mord. Zu jedem Greuel bin ich bereit, o Schwester, um dem verruchten Manne seine Schandtat zu vergelten.« Während sie so redete, trat ihr kleiner Sohn Itys herein, der die Mutter begrüßen wollte. Sie aber starrte ihn düsteren Blickes an und murmelte: »Ha, wie gleicht er dem Vater!« Da plötzlich verstummte sie, traurige Tat im Busen bedenkend. Jetzt sprang der Kleine an ihr in die Höhe, hängte sich ihr schmeichelnd an den Hals und bedeckte ihr den Mund mit Küssen. Aber nur einen Augenblick bebte das Herz der Mutter, nur eine Träne fiel auf das Antlitz ihres Sohnes. Dann riß sie ihn mit sich fort in ein anderes Gemach. »Ach Mutter, liebe Mutter, was tust du?« rief das Kind, ängstlich sie umhalsend. Sie aber war taub, wahnsinnige Rachgier drängte sie zu rasender Wut, sie erfaßte ein Messer und stieß es in die Brust des eignen Kindes, das Philomela vollends umbrachte.

Auf dem Throne seiner Ahnen saß der König Tereus und schmauste von dem Mahle, das sein Weib selber ihm auftrug. »Wo ist mein Itys?« rief er, als er den Hunger gestillt hatte. »Er ist ja hier«, erwiderte mit Hohnlachen das Weib, »nicht näher könnt er dir sein.« Mit fragenden Blicken schaute Tereus sich um, da trat Philomela, noch triefend vom gräßlichen Mord, herein und warf das blutige Haupt des Kindes dem Vater vor die Füße. Nun ward’s dem König furchtbar klar; wahnsinnig schreiend stieß er den Tisch mit dem scheußlichen Mahle um, riß sein Schwert aus der Scheide und stürzte den fliehenden Schwestern nach. Sie schienen von Fittichen getragen zu werden. Ja, wirklich hoben Flügel sie empor: die eine floh in den Wald, die andere schwang sich unter das Dach. Prokne war zur Nachtigall, Philomela zur Schwalbe geworden; noch trägt sie am Brustgefieder blutige Flecken, die Spur des Mordes. Aber auch der ruchlose Tereus, der sie verfolgte, sollte nicht mehr unter Menschen wandeln, er ward zum Wiedehopf. Mit hoch emporragendem Helmbusch und langem, spitzigem Schnabel verfolgt er auf ewig die Nachtigall und die Schwalbe [Fußnote].

Prokris und Kephalos



Prokris und Kephalos

Die schönste unter den Töchtern des Erechtheus war Prokris. Mit ihr war Kephalos, ein Sohn des Hermes und der Kekropstochter Herse, durch innige Liebe verbunden, und als Erechtheus ihre Hände am Hochzeitstag aneinandergelegt hatte, priesen sie alle Athener als die glücklichsten Gatten. Doch dieses Glück sollte nicht von langer Dauer sein. Kaum war der zweite Monat vergangen, als Kephalos eines Morgens auf die Hirschjagd hinauszog in die Wälder des Hymettos. Da erblickte den göttergestalteten Jüngling die rosige Eos (Aurora), und von zärtlicher Leidenschaft ergriffen, entführte sie ihn durch die Luft in ihren strahlenden Palast. Aber so schön sie war, das Herz des Kephalos vermochte sie nicht zu umstricken; er dachte nur an seine traute Gattin, mit Tränen im Auge rief er ihren Namen und flehte die Göttin an, ihn seiner geliebten Prokris wiederzugeben. Traurig, doch nicht ungerührt, hörte ihn Eos und sprach: »Still, Liebloser! Genug der Klagen! Du sollst deine Prokris wieder besitzen. Doch ich ahn es, es kommt die Zeit, wo du sie nie gesehen zu haben wünschest.« So sprach sie grollend und entließ ihn. Während er nun nach der Heimat eilte, kamen ihm die Worte der Göttin nicht aus dem Sinne, und indem er über ihre Bedeutung nachgrübelte, stieg allmählich Furcht in ihm auf und Argwohn, ob auch Prokris ihm den Schwur der Treue unverbrüchlich gehalten. Endlich beschloß er, in verwandelter Gestalt das heimische Haus zu betreten, um die Gattin zu prüfen, und Eos selbst schien die Züge seines Angesichts zu verändern. So ging er nach Athen und trat in sein Haus. Dort fand er nichts Tadelnswürdiges; alles verkündete die sittsame Zucht der Herrin und ihre Sorge um den verschwundenen Gatten. Durch manche Listen gelang es ihm, sich Eingang bei der Tochter des Erechtheus zu verschaffen, aber alle seine Künste scheiterten an ihrer Treue. Da ward es ihm schwer, seine Verstellung nicht aufzugeben. Am liebsten hätte er sich dem edlen Weibe an die Brust geworfen, sie mit Küssen und Tränen bedeckt. Aber in unheilvoller Verblendung genügte ihm die bestandene Probe nicht, und als er nun immer reichere Geschenke versprach und sie überredete, Kephalos sei nicht mehr am Leben, da begann zuletzt Prokris‘ standhafter Sinn zu wanken. Alsbald übermannte ihn unbilliger Zorn, und er rief: »Treulose, du bist entlarvt! Wisse, ich bin dein Gatte, den du verraten wolltest.« Sie antwortete ihm nichts; gekränkt und von Scham und Trauer gebeugt, floh sie das Haus des arglistigen Mannes. Auf der fernen Insel Kreta irrte sie in den Bergen umher, im Gefolge der jagdliebenden Artemis, der jungfräulichen Göttin, denn alle Männer waren ihr verhaßt. Kephalos aber ward von bittrer Reue ergriffen; er sagte sich selbst, daß er schändlich und unwürdig gehandelt, und heiße Sehnsucht nach der Geliebten zehrte an seinem Herzen. Ach, auch sie konnte die alte Liebe nicht vergessen. Als Artemis einst die bevorzugte Genossin mit einem nie fehlenden Wurfspieß und dem berühmten, windschnellen Hunde Lälaps beschenkt hatte, kehrte Prokris samt den Wundergaben nach Athen zurück, verzieh dem reuigen Gatten von Herzen gern und lebte mit ihm selige Jahre der Eintracht und innigster Liebe. Hund und Wurfspieß, deren sie nun nicht mehr bedurfte, schenkte sie ihm gleichsam als Morgengabe zur zweiten Vermählung [Fußnote].

Das Glück der beiden zärtlichen Gatten dauerte einige Jahre, aber ein trauriges Ende war ihm beschieden. Wenn früh die Dämmerung am Himmel aufstieg, pflegte Kephalos als rüstiger Jäger sich vom Lager zu erheben und in den waldigen Bergen dem Weidwerk obzuliegen; ohne Diener, ohne Roß und Hunde zog er hinaus. Wenn er nun erwünschte Beute gemacht hatte, so suchte er erquickenden Schatten und rief, ermüdet und heiß von der Jagd, die kühle Luft an, daß sie mit labendem Hauch die glühenden Schläfen ihm umfächle. »Komm, liebliche Aura« – denn Aura nannte der Grieche den frischen Morgenwind –, »komm, du Freundliche«, rief er oftmals, »erquicke und stärke mich! Laß den Verschmachtenden deinen süßen Hauch einatmen, du Holde!« Dies vernahm einst ein Horcher; getäuscht vom doppelsinnigen Wort, glaubte er, Kephalos rufe die Nymphe des Ortes, mit der er heimlich im Walde sich zu treffen pflege. Eilends ging der Unbesonnene zu Prokris und vertraute ihr alles, was er gehört hatte. Leicht läßt die Liebe sich täuschen. Prokris sank ohnmächtig zu Boden, von Herzensjammer überwältigt, und als sie wieder zur Besinnung kam, schluchzte und weinte sie um ihres Gatten Verrat. ›Aura also heißt die Nebenbuhlerin, die das zärtlichste Herz betört hat! Aber‹, so dachte die Gute, ›nicht ungesehen will ich den Geliebten verdammen; vielleicht ist der Unglücksbote getäuscht, oder er täuscht mich selbst mit falschem Bericht.‹ So von Zweifeln, Schmerz und Hoffnung bestürmt, nahm sie sich vor, selber den Gemahl zu belauschen.

Am andern Morgen zog Kephalos wie immer hinaus, streckte sich nach vollendeter Jagd in den Rasen und sang: »Komm, du freundliche Aura, erquicke den Müden!« Aber plötzlich brach er ab, – es raschelte im nahen Gebüsch. Gewiß ist es ein Reh, das durch das Dickicht leise dahinhüpft; schnell springt er auf, schleudert den niemals fehlenden Speer und trifft – ach, die zärtliche Gattin. »Weh mir!« stöhnte die Arme und preßte die Hand auf die todwunde Brust. Kaum erkannte Kephalos die geliebte Stimme, so stürzte er wie wahnsinnig nach der Stelle hin, wo seine treue Prokris in ihrem Blute lag. Umsonst zerriß er jammernd sein Gewand, die schreckliche Wunde zu verbinden. Der Getroffenen schwanden die Kräfte, und mühsam mit flüsternder Stimme sprach sie: »Grausamer, höre mein Flehn! Bei den unsterblichen Göttern, bei dem heiligen Bund, den du treulos gebrochen, beschwör ich dich: Laß, wenn ich tot bin, nicht Aura unser stilles Gemach betreten!« Jetzt erst erkannte Kephalos den unseligen Irrtum, der die Ärmste befangen hielt. Schluchzend belehrte er sie und beteuerte mit heißen Tränen seine Treue und Unschuld. Ach, es war zu spät. Noch einmal blickte sie zärtlich zu ihm auf, ein schmerzliches Lächeln umspielte den bleichen Mund; beruhigt, fast heiter schien ihr sterbendes Antlitz, – so hauchte sie in den Armen des trostlosen Gatten ihre Seele aus.

Prometheus



Erster Teil

Erstes Buch

Prometheus

Himmel und Erde waren geschaffen: das Meer wogte in seinen Ufern, und die Fische spielten darin; in den Lüften sangen beflügelt die Vögel; der Erdboden wimmelte von Tieren. Aber noch fehlte es an dem Geschöpfe, dessen Leib so beschaffen war, daß der Geist in ihm Wohnung machen und von ihm aus die Erdenwelt beherrschen konnte. Da betrat Prometheus die Erde, ein Sprößling des alten Göttergeschlechtes, das Zeus entthront hatte, ein Sohn des erdgebornen Uranossohnes Iapetos, kluger Erfindung voll. Dieser wußte wohl, daß im Erdboden der Same des Himmels schlummre; darum nahm er vom Tone, befeuchtete denselben mit dem Wasser des Flusses, knetete ihn und formte daraus ein Gebilde nach dem Ebenbilde der Götter, der Herren der Welt. Diesen seinen Erdenkloß zu beleben, entlehnte er allenthalben von den Tierseelen gute und böse Eigenschaften und schloß sie in die Brust des Menschen ein. Unter den Himmlischen hatte er eine Freundin, Athene, die Göttin der Weisheit. Diese bewunderte die Schöpfung des Titanensohnes und blies dem halbbeseelten Bilde den Geist, den göttlichen Atem ein.

So entstanden die ersten Menschen und füllten bald vervielfältigt die Erde. Lange aber wußten diese nicht, wie sie sich ihrer edlen Glieder und des empfangenen Götterfunkens bedienen sollten. Sehend sahen sie umsonst, hörten hörend nicht; wie Traumgestalten liefen sie umher und wußten sich der Schöpfung nicht zu bedienen. Unbekannt war ihnen die Kunst, Steine auszugraben und zu behauen, aus Lehm Ziegel zu brennen, Balken aus dem gefällten Holze des Waldes zu zimmern und mit allem diesem sich Häuser zu erbauen. Unter der Erde, in sonnenlosen Höhlen, wimmelte es von ihnen, wie von beweglichen Ameisen; nicht den Winter, nicht den blütenvollen Frühling, nicht den früchtereichen Sommer kannten sie an sicheren Zeichen; planlos war alles, was sie verrichteten. Da nahm sich Prometheus seiner Geschöpfe an; er lehrte sie den Auf- und Niedergang der Gestirne beobachten, erfand ihnen die Kunst zu zählen, die Buchstabenschrift; lehrte sie Tiere ans Joch spannen und zu Genossen ihrer Arbeit brauchen, gewöhnte die Rosse an Zügel und Wagen; erfand Nachen und Segel für die Schiffahrt. Auch fürs übrige Leben sorgte er den Menschen. Früher, wenn einer krank wurde, wußte er kein Mittel, nicht was von Speise und Trank ihm zuträglich sei, kannte kein Salböl zur Linderung seiner Schäden; sondern aus Mangel an Arzneien starben sie elendiglich dahin. Darum zeigte ihnen Prometheus die Mischung milder Heilmittel, allerlei Krankheiten damit zu vertreiben. Dann lehrte er sie die Wahrsagerkunst, deutete ihnen Vorzeichen und Träume, Vogelflug und Opferschau. Ferner führte er ihren Blick unter die Erde und ließ sie hier das Erz, das Eisen, das Silber und das Gold entdecken; kurz, in alle Bequemlichkeiten und Künste des Lebens leitete er sie ein.

Im Himmel herrschte mit seinen Kindern seit kurzem Zeus, der seinen Vater Kronos entthront und das alte Göttergeschlecht, von welchem auch Prometheus abstammte gestürzt hatte.

Jetzt wurden die neuen Götter aufmerksam auf das eben entstandene Menschenvolk. Sie verlangten Verehrung von ihm für den Schutz, welchen sie demselben angedeihen zu lassen bereitwillig waren. Zu Mekone in Griechenland ward ein Tag gehalten zwischen Sterblichen und Unsterblichen, und Rechte und Pflichten der Menschen bestimmt. Bei dieser Versammlung erschien Prometheus als Anwalt seiner Menschen, dafür zu sorgen, daß die Götter für die übernommenen Schutzämter den Sterblichen nicht allzu lästige Gebühren auferlegen möchten. Da verführte den Titanensohn seine Klugheit, die Götter zu betrügen. Er schlachtete im Namen seiner Geschöpfe einen großen Stier, davon sollten die Himmlischen wählen, was sie für sich davon verlangten. Er hatte aber nach Zerstückelung des Opfertieres zwei Haufen gemacht; auf die eine Seite legte er das Fleisch, das Eingeweide und den Speck, in die Haut des Stieres zusammengefaßt, und den Magen oben darauf, auf die andere die kahlen Knochen, künstlich in das Unschlitt des Schlachtopfers eingehüllt. Und dieser Haufen war der größere. Zeus, der Göttervater, der allwissende, durchschaute seinen Betrug und sprach: »Sohn des Iapetos, erlauchter König, guter Freund, wie ungleich hast du die Teile geteilt!« Prometheus glaubte jetzt erst recht, daß er ihn betrogen, lächelte bei sich selbst und sprach: »Erlauchter Zeus, größter der ewigen Götter, wähle den Teil, den dir dein Herz im Busen anrät zu wählen.« Zeus ergrimmte im Herzen, aber geflissentlich faßte er mit beiden Händen das weiße Unschlitt. Als er es nun auseinandergedrückt und die bloßen Knochen gewahrte, stellte er sich an, als entdeckte er jetzt eben erst den Betrug, und zornig sprach er: »Ich sehe wohl, Freund Iapetionide, daß du die Kunst des Truges noch nicht verlernt hast!«

Zeus beschloß, sich an Prometheus für seinen Betrug zu rächen, und versagte den Sterblichen die letzte Gabe, die sie zur vollendeteren Gesittung bedurften, das Feuer. Doch auch dafür wußte der schlaue Sohn des Iapetos Rat. Er nahm den langen Stengel des markigen Riesenfenchels, näherte sich mit ihm dem vorüberfahrenden Sonnenwagen und setzte so den Stengel in glostenden Brand. Mit diesem Feuerzunder kam er hernieder auf die Erde, und bald loderte der erste Holzstoß gen Himmel. In innerster Seele schmerzte es den Donnerer, als er den fernhinleuchtenden Glanz des Feuers unter den Menschen emporsteigen sah. Sofort formte er, da des Feuers Gebrauch den Sterblichen nicht mehr zu nehmen war, ein neues Übel für sie. Der seiner Kunst wegen berühmte Feuergott Hephaistos mußte ihm das Scheinbild einer schönen Jungfrau fertigen; Athene selbst, die, auf Prometheus eifersüchtig, ihm abhold geworden war, warf dem Bild ein weißes, schimmerndes Gewand über, ließ ihr einen Schleier über das Gesicht wallen, den das Mädchen mit den Händen geteilt hielt, bekränzte ihr Haupt mit frischen Blumen und umschlang es mit einer goldenen Binde, die gleichfalls Hephaistos seinem Vater zulieb kunstreich verfertigt und mit bunten Tiergestalten herrlich verziert hatte. Hermes, der Götterbote, mußte dem holden Gebilde Sprache verleihen und Aphrodite allen Liebreiz. Also hatte Zeus unter der Gestalt eines Gutes ein blendendes Übel geschaffen; er nannte das Mägdlein Pandora, das heißt die Allbeschenkte, denn jeder der Unsterblichen hatte ihr irgendein unheilbringendes Geschenk für die Menschen mitgegeben. Darauf führte er die Jungfrau hernieder auf die Erde, wo Sterbliche vermischt mit den Göttern lustwandelten. Alle miteinander bewunderten die unvergleichliche Gestalt. Sie aber schritt zu Epimetheus, dem argloseren Bruder des Prometheus, ihm das Geschenk des Zeus zu bringen. Vergebens hatte diesen der Bruder gewarnt, niemals ein Geschenk vom olympischen Herrscher anzunehmen, damit dem Menschen kein Leid dadurch widerführe, sondern es sofort zurückzusenden. Epimetheus, dieses Wortes uneingedenk, nahm die schöne Jungfrau mit Freuden auf und empfand das Übel erst, als er es hatte. Denn bisher lebten die Geschlechter der Menschen, von seinem Bruder beraten, frei vom Übel, ohne beschwerliche Arbeit, ohne quälende Krankheit. Das Weib aber trug in den Händen ihr Geschenk, ein großes Gefäß mit einem Deckel versehen. Kaum bei Epimetheus angekommen, schlug sie den Deckel zurück, und alsbald entflog dem Gefäße eine Schar von Übeln und verbreitete sich mit Blitzesschnelle über die Erde. Ein einziges Gut war zuunterst in dem Fasse verborgen, die Hoffnung; aber auf den Rat des Göttervaters warf Pandora den Deckel wieder zu, ehe sie herausflattern konnte, und verschloß sie für immer in dem Gefäß. Das Elend füllte inzwischen in allen Gestalten Erde, Luft und Meer. Die Krankheiten irrten bei Tag und bei Nacht unter den Menschen umher, heimlich und schweigend, denn Zeus hatte ihnen keine Stimme gegeben; eine Schar von Fiebern hielt die Erde belagert, und der Tod, früher nur langsam die Sterblichen beschleichend, beflügelte seinen Schritt.

Darauf wandte sich Zeus mit seiner Rache gegen Prometheus. Er übergab den Verbrecher dem Hephaistos und seinen Dienern, dem Kratos und der Bia (dem Zwang und der Gewalt). Diese mußten ihn in die skythischen Einöden schleppen und hier, über einem schauderhaften Abgrund, an eine Felswand des Berges Kaukasus mit unauflöslichen Ketten schmieden. Ungerne vollzog Hephaistos den Auftrag seines Vaters, er liebte in dem Titanensohne den verwandten Abkömmling seines Urgroßvaters Uranos, den ebenbürtigen Göttersprößling. Unter mitleidsvollen Worten und von den roheren Knechten gescholten, ließ er diese das grausame Werk vollbringen. So mußte nun Prometheus an der freudlosen Klippe hängen, aufrecht, schlaflos, niemals imstande, das müde Knie zu beugen. »Viele vergebliche Klagen und Seufzer wirst du versenden«, sagte Hephaistos zu ihm, »denn des Zeus Sinn ist unerbittlich, und alle, die erst seit kurzem die Herrschergewalt an sich gerissen [Fußnote], sind hartherzig.« Wirklich sollte auch die Qual des Gefangenen ewig oder doch dreißigtausend Jahre dauern. Obwohl laut aufseufzend und Winde, Ströme, Quellen und Meereswellen, die Allmutter Erde und den allschauenden Sonnenkreis zu Zeugen seiner Pein aufrufend, blieb er doch ungebeugten Sinnes. »Was das Schicksal beschlossen hat«, sprach er, »muß derjenige tragen, der die unbezwingliche Gewalt der Notwendigkeit einsehen gelernt hat.« Auch ließ er sich durch keine Drohungen des Zeus bewegen, die dunkle Weissagung, daß dem Götterherrscher durch einen neuen Ehebund [Fußnote] Verderben und Untergang bevorstehe, näher auszudeuten. Zeus hielt Wort; er sandte dem Gefesselten einen Adler, der als täglicher Gast an seiner Leber zehren durfte, die sich, abgeweidet, immer wieder erneuerte. Diese Qual sollte nicht eher aufhören, bis ein Ersatzmann erscheinen würde, der durch freiwillige Übernahme des Todes gewissermaßen sein Stellvertreter zu werden sich erböte.

Jener Zeitpunkt erschien früher, als der Verurteilte nach dem Spruch des Göttervaters erwarten durfte. Als er viele Jahre an dem Felsen gehangen, kam Herakles des Weges, auf der Fahrt nach den Hesperiden und ihren Äpfeln begriffen. Wie er den Götterenkel am Kaukasus hängen sah und sich seines guten Rates zu erfreuen hoffte, erbarmte ihn sein Geschick, denn er sah zu, wie der Adler, auf den Knien des Prometheus sitzend, an der Leber des Unglücklichen fraß. Da legte er Keule und Löwenhaut hinter sich, spannte den Bogen, entsandte den Pfeil und schoß den grausamen Vogel von der Leber des Gequälten hinweg. Hierauf löste er seine Fesseln und führte den Befreiten mit sich davon. Damit aber Zeus‘ Bedingung erfüllt würde, stellte er ihm als Ersatzmann den Zentauren Chiron, der erbötig war, an jenes Statt zu sterben; denn vorher war er unsterblich. Auf daß jedoch des Kroniden Urteil, der den Prometheus auf weit längere Zeit an den Felsen gesprochen hatte, auch so nicht unvollzogen bliebe, so mußte Prometheus fortwährend einen eisernen Ring tragen, an welchem sich ein Steinchen von jenem Kaukasusfelsen befand. So konnte sich Zeus rühmen, daß sein Feind noch immer an den Kaukasus angeschmiedet lebe.


Salmoneus



Salmoneus

Salmoneus, der Herrscher in Elis, war ein reicher, ungerechter und in seinem Herzen übermütiger Fürst. Er hatte eine herrliche Stadt, Salmonia genannt, gegründet und ging in seinem Stolze so weit, daß er von seinen Untertanen göttliche Ehren und Opfer forderte und für Zeus gehalten sein wollte. Als Zeus durchzog er auch sein Land und die griechischen Völkerschaften auf einem Wagen, der dem Wagen des Donnerers gleichen sollte. Er ahmte dabei des Gottes Blitz durch emporgeworfene Fackeln, seinen Donner durch den Hufschlag wilder Rosse nach, die er über eherne Brücken trieb. Menschen ließ er niedermachen und gab vor, der Blitz habe sie getötet. Zeus sah vom Olymp herab das törichte Beginnen. Aus dichten Wolken griff er einen echten Blitz heraus und schleuderte ihn wirbelnd auf den im wahnsinnigen Übermute dahinfahrenden Sterblichen herunter. Der Donnerstrahl zerschmetterte den König und vertilgte die von ihm erbaute Stadt samt allen ihren Bewohnern.

Schlacht der Götter und Menschen



Schlacht der Götter und Menschen

Im Olymp hatte Zeus eine Götterversammlung berufen, in welcher er den Olympischen erlaubte, beiden Teilen, Trojanern und Griechen, zu helfen, wie einen jeden die Gesinnung triebe; denn wenn Achill, ohne daß die Götter Anteil an der Schlacht nähmen, die Trojaner jetzt bekämpfte, so würde er selbst gegen das Schicksal Troja auf der Stelle erobern. Auf dies Zugeständnis gingen die Götter sogleich zweierlei Wege: Hera die Göttermutter, Pallas Athene, Poseidon, Hermes und Hephaistos eilten zu den Schiffen der Griechen; Ares ging unter die Trojaner und mit ihm Phöbos und Artemis, beider Mutter Leto, der Flußgott Skamander, bei den Göttern Xanthos genannt, und Aphrodite.

Solange die Götter sich noch nicht unter die heranrückenden Heere gemischt hatten, trugen die Griechen das Haupt hoch, weil der schreckliche Achill wieder in ihrer Mitte war. Den Trojanern zitterten die Glieder vor Angst, als sie von ferne den Peliden in seinen blinkenden Waffen erblickten, dem furchtbaren Kriegsgott ähnlich. Plötzlich aber erschienen die Götter in beiden Heeren und drohten den Kampf wieder unentschieden zu machen. Da stand Athene bald außerhalb der Mauer am Graben, bald am Meeresstrand und ließ ihren mächtigen Ausruf hören. Auf der andern Seite ermahnte Ares bald von der obersten Höhe der Stadt die Trojaner brüllend wie ein Sturm, bald durchflog er die Reihen am Simoisfluß. Durch beide Scharen tobte Eris, die Göttin der Zwietracht; dazu donnerte gräßlich vom Olymp herab Zeus, der Beherrscher der Schlachten; Poseidon erschütterte die Erde von unten, daß die Häupter aller Berge und die Wurzeln des Ida wankten und Pluto selbst, der Fürst der Nacht, erschrak und bebend von Throne sprang, weil er fürchtete, ein Erdriß möchte sein geheimnisvolles Reich Sterblichen und Göttern offenbaren. Nun stellten sich die Götter einander unmittelbar im Kampfe entgegen: dem Meergotte Poseidon begegnete Phöbos Apollo mit seinen Pfeilen, dem Kriegsgotte Pallas Athene, der Göttermutter Artemis mit dem Bogen, Hermes der Leto, dem Hephaistos Skamander.

Während so Götter auf Götter zurückten, suchte Achill im Gewühle nur den Hektor auf, Apollo aber, in den Sohn des Priamos Lykaon verkleidet, schickte ihm den Helden Äneas entgegen, daß dieser von Mut beseelt, im schimmernden Erzpanzer, schnell in die vordersten Reihen vordrang. Doch blieb der Held im Getümmel der Heranziehenden nicht unbemerkt von Hera; schnell sammelte sie die ihr befreundeten Götter um sich und sprach: »Überleget ihr beide, du, Poseidon, und Athene, du, wohin unsere Sache sich jetzt wende. Dort kommt, von Phöbos gereizt, Äneas gegen den Peliden angestürmt: diesen müssen wir entweder verdrängen, oder es muß einer von uns die Kraft des Achill erhöhen, daß er spüre, die mächtigsten der Götter seien mit ihm. Heute nur soll ihm nichts vom Trojanervolke geschehen, nur deswegen sind wir alle ja vom Olymp herabgekommen. Künftig mag er erdulden, was die Parze ihm bei seiner Geburt gesponnen hat.« »Sei besonnen, Hera«, erwiderte Poseidon, »ungerne möcht ich, daß wir, ich und ihr anderen, vereinigt gegen die Götter anrennten; es wäre nicht ziemlich, denn wir sind die weit Überlegenen: laßt uns vielmehr abseits vom Wege dort auf die Warte uns niedersetzen. Wenn aber Ares oder Apollo zuerst den Kampf anheben, wenn sie den Achill hindern und sich ihn nicht frei im Streite bewegen lassen, alsdann haben auch wir ein Recht, am Gefechte teilzunehmen, und gewiß kehren unsere Gegner, von unserer Kraft gebändigt, eilig in den Olymp zur Schar der andern Götter zurück!« Der Meergott wartete nicht auf die Antwort, sondern schüttelte seine finstern Locken und ging voran auf den Wall des Herakles, den vorzeiten Pallas und die Trojaner diesem zum Schutze gegen die Meerungeheuer aufgetürmt hatten. Dorthin eilte Poseidon, die andern Götter folgten ihm, und hier saßen sie nun, die Schultern in undurchdringlichen Nebel gehüllt. Gegenüber auf dem Hügel Kallikolone setzten sich Mars und Apollo; und so lagerten die Unsterblichen säumend und sinnend, getrennt, aber kampfbereit und nicht ferne voneinander.

Unterdessen füllte sich ringsum das Gefilde und strahlte vom Erz der Streiter und der Wagen, und der Boden dröhnte vom Fußtritte der Herankommenden. Doch bald erschienen zwei Männer, einer aus jedem Heere, kampfbegierig hervorgerannt: Äneas, der Sohn des Anchises, und Achill der Pelide. Zuerst schritt Äneas heraus; vom schweren Helme nickte sein Federbusch, den riesigen Stierschild hielt er vor die Brust und schwenkte seinen Wurfspieß drohend. Als der Pelide dies sah, drang auch er wie ein grimmiger Löwe mit Ungestüm vor. Wie sie ganz nahe aneinander waren, rief er: »Was wagst du dich so weit aus der Menge hervor, Äneas? Hoffst du etwa, das Volk der Trojaner zu beherrschen, wenn du mich erregst? Törichter, diese Ehre wird dir Priamos nie einräumen, hat er doch Söhne die Fülle, und er selbst der Alte, gedenkt noch nicht vom Throne zu steigen. Oder versprachen dir vielleicht die Trojaner ein köstliches Landgut, wenn du mich erschlügest? Habe ich dich doch, wie ich meine, im Beginne dieses Kampfes schon einmal mit meiner Lanze verfolgt! Denkst du nicht mehr daran, wie ich dich, den Vereinzelten, dort von den Rinderherden weg die Höhen des Ida hinabjagte? Da schautest du dich im Fliehen nicht einmal um, und bis nach der Stadt Lyrnessos trugen dich deine Füße. Ich aber warf diese mit Pallas und Zeus in Trümmer; und nur die Barmherzigkeit des letzteren rettete dich, während ich Weiber und Beute genug davonführte. Doch heute werden dich die Götter nicht zum zweiten Male retten; ich rate dir, begib du dich schleunig wieder unter die Menge zurück und hüte dich, mir zu begegnen, daß dir kein Leid geschehe!« Dagegen rief Äneas: »Hoffe mich nicht mit Worten, wie einen Knaben, abzuschrecken, Pelide; herzzerschneidende Worte könnte auch ich dir zurufen. Kennt doch einer vom Rufe des andern Geschlecht wohl: daß dich die Meeresgöttin Thetis gebar, weiß ich; ich aber rühme mich, Aphroditens Sohn und Zeus‘ Enkel zu sein. Auch werden wir nicht mit kindischen Worten voneinander aus dem Schlachtfelde scheiden; laß uns deswegen nicht länger hier, gleich albernen Kindern, schwatzend in der Mitte des Getümmels stehen! Die ehernen Kriegslanzen sind es, die wir einander zu kosten geben wollen.« So sprach er und schwang den Speer zum Wurfe, von dem der entsetzliche Schild des Achill ringsum nachhallte; doch durchstürmte das Geschoß nur die zwei äußeren Schichten von Erz; die beiden inneren waren von Zinn, und von der mittleren goldenen wurde die Lanze gehemmt. Jetzt schwang auch der Pelide seinen Speer; dieser traf den Schild des Äneas am äußersten Rande, wo das Erz und die Stierhaut am dünnsten war; Äneas duckte sich und streckte in der Angst den Schild in die Höhe: so sauste ihm die Lanze, die beiden Schildränder durchfahrend, über die Schulter hin und bohrte sich aufrecht dicht neben ihm in den Boden ein, daß den Sohn Aphroditens vor der Todesgefahr schwindelte. Und schon rannte Achill mit gezücktem Schwerte, laut schreiend, herbei. Da ergriff Äneas einen ungeheuren Feldstein, wie ihn zwei jetzige Sterbliche nicht aufheben könnten; er aber schwang ihn ganz behende. Hätte er nun mit dem Steine nur des Gegners Helm oder Schild getroffen, so wäre er unfehlbar dem Schwerte des Peliden erlegen.

Das erbarmte selbst die Götter, die, den Trojanern abhold, auf dem Herakleswalle saßen. »Es wäre doch schade«, sprach Poseidon, »wenn Äneas, weil er Apollos Wort gehorcht hat, zum Hades hinabfahren sollte; auch fürchte ich, Zeus könnte zürnen, dann haßt er gleich den Stamm des Priamos, so will er ihn doch nicht ganz vertilgen, und durch Äneas soll das Herrschergeschlecht in Kindern und Kindeskindern fortdauern.« »Tue, was du willst«, erwiderte Hera, »ich und Pallas, wir haben es mit einem Eidschwur beteuert, daß wir kein Unglück, welches es auch sei, von den Trojanern abhalten wollen,«

Diese Unterredung war das Werk eines Augenblicks; Poseidon flog in den Kampf, zog unsichtbar den Speer aus dem Schilde des Äneas und legte diesen dem Achill quer vor die Füße, nachdem er die Augen des Helden mit einem dichten Nebel umgossen hatte. Den Trojaner selbst schleuderte er, ihn hoch von der Erde aufhebend, über Wagen und Streiter hinweg an die Grenzen der Schlachtordnung, wo das Volk der kaukonischen Bundesgenossen kampfgerüstet einherzog. »Welcher Gott«, so schalt Poseidon hier den geretteten Helden, »verblendete dich, Äneas, gegen den Liebling der Götter, den weit mächtigeren Peliden, kämpfen zu wollen? Weich in Zukunft zurück, sooft du ihm begegnest; hat ihn einmal das Schicksal erreicht, dann magst du dich getrost in den vordersten Reihen schlagen!« Jetzt verließ ihn der Gott und zog den Nebel vor Achills Augen hinweg, der verwundert seine Lanze an der Erde liegen und den Mann verschwunden sah. »Troll er sich immerhin mit eines Gottes Hilfe«, sprach er verdrießlich, »ich bin sein Fliehen schon gewohnt.« Dann sprang er in die Reihen der Seinigen zurück und ermunterte sie zur Schlacht. Drüben aber feuerte Hektor die Seinigen an, und nun folgte ein wilder gemischter Angriff. Als Phöbos Apollo sah, wie gierig Hektor dem Peliden entgegenstrebte, flüsterte er ihm ein Warnungswort ins Ohr, vor welchem Hektor erschrocken in den Haufen seiner Streiter zurückwich. Achill aber drang stürmend unter die Feinde ein, und sein erster Speerwurf spaltete dem tapfern Iphition das Haupt, daß er zu Boden fiel und, von den Wagenrädern der Danaer zermalmt, im vordersten Gewühle dalag. Dann stieß er dem Sohn Antenors, Demoleon, den Speer in den Schlaf, dem Hippodamas stach er, als er eben vom Wagen herabsprang, die Lanze in den Rücken; dem Pammon, dem Sohne des Priamos, bohrte er sie, wie er gerade an ihm vorüberflog, in das Rückgrat an der Spange des Gurtes, daß sie vorn herausdrang und der Jüngling heulend ins Knie sank.

Als Hektor seinen Bruder auf der Erde gekrümmt sah, das eigene Gedärm in den Händen, wurde es Nacht vor seinen Augen; er konnte nicht länger entfernt vom Kampfe bleiben und stürmte trotz der Warnung des Gottes gerade auf Achill los, seinen Speer wie einen Blitzstrahl zückend. Achill frohlockte, als er ihn sah. »Dies ist der Mann«, sprach er, »der meinem Herzen in der tiefsten Tiefe wehe getan hat. Wollen wir länger voreinander fliehen, Hektor? Näher heran, daß du auf der Stelle das Todesziel erreichest!« »Wohl weiß ich, wie tapfer du bist«, antwortete Hektor unerschrocken, »und wie weit ich dir nachstehe; doch wer weiß, ob die Götter mein Geschoß nicht begünstigen, daß es dir, obwohl vom schwächeren Manne abgesendet, dennoch dein grausames Leben raubt.« Seinen Worten schickte er die Lanze nach. Aber Athene stand hinter dem Peliden und trieb sie mit einem leisen Anhauche gegen Hektor zurück, daß sie ihm kraftlos zu Füßen sank. Nun stürzte Achill heran, den Gegner mit einem Speerstoße zu durchbohren: doch Apollo schlug einen Nebel um Hektor, entrückte ihn, und dreimal stach der heranstürmende Pelide in die leere Luft. Als er das viertemal vergebens anrannte, rief er mit drohender Stimme: »So entrannst du abermals dem Tode, du Hund, und hast gewiß zu deinem Phöbos gebetet; aber wenn anders ein Gott auch mich begleitet, entrinnst du künftig dem Verderben von meiner Hand nicht! Für jetzt gehe ich, andere zu erhaschen.« So sprach er und stach dem Dryops die Lanze in den Hals, daß er ihm vor die Füße taumelte, durchbohrte dem Demuchos das Knie mit einem Speerwurf, stürzte den Laogonos und Dardanos, die Söhne des Bias, jenen mit einem Lanzenwurfe, diesen mit einem Schwerthiebe, vom Wagen; dem Tros, dem Sohne Alastors, spaltete er die Leber, obgleich der Held ihm die Knie flehend umfaßte; dem Mulios fuhr seine Lanze durch ein Ohr bis zum andern; dem Sohne Agenors, Echeklos, hieb er das Schwert tief in den Schädel; den Deukalion traf seine Lanzenspitze unter dem Armbug, und sein Haupt flog vor seinem Schwerte mitsamt dem Helm in den Staub; Rhigmos, dem Thrakier, schoß er die Lanze in den Bauch, und seinen Wagenlenker Areïthoos warf er mit einem Speerstoße vom Sitz. So wütete der göttergleiche Held, wie ein Wind im entsetzlichen Waldbrande; seine Rosse trabten stampfend über Schilde und Leichname dahin, die Achse seiner Wagenräder troff von Blut, und bis zu den schmucken Rändern des Sitzes spritzten die Tropfen empor.

Schlacht der Götter



Schlacht der Götter

Den andern Göttern tobte dafür das Herz in ungestümer Feindschaft, und im Sturme prallten sie aneinander, daß der Erdkreis dröhnte und die Luft rings wie von Posaunen erscholl. Zeus, auf der Spitze des Olymp gelagert, vernahm es, und sein Herz erbebte vor Wonne, als er die Unsterblichen zum riesenhaften Kampf aufeinander losrennen sah. Zuerst drang Ares, der Kriegsgott, vor und stürmte mit seinem ehernen Speer auf Pallas Athene ein, indem er ihr schmähende Worte entgegenrief: »Du schamloseste Fliege, was treibst du voll stürmischer Dreistigkeit die Götter zum Kampfe? Weißt du noch, wie du den Tydiden gereizt, daß er mich mit der Lanze verwundete, ja wie du selbst mit dem strahlenden Speere mir den unsterblichen Leib verletzt? Jetzt wollen wir die Rechnung miteinander abschließen, du Unbändige!« So sprach er, schlug an seinen schrecklichen Ägisschild und stieß mit dem Speer nach der Göttin. Diese wich aus, griff nach einem großen rauhen Markstein, der dort im Gefilde lag, und traf damit den Wüterich an den Hals, daß er klirrend in seinen ehernen Waffen zu Boden sank, sieben Hufen Landes im Fall bedeckend, und sein göttliches Haar vom Staube besudelt ward. Da lächelte Athene und sprach jubelnd: »Törichter, du hast wohl nie bedacht, wieviel ich dich an Kraft übertreffe, da du es gewagt hast, dich mit mir zu messen! Büße jetzt ganz deiner Mutter Hera Verwünschungen, die voll Zornes über dich ist, daß du dich den Griechen entzogen hast und die übermütigen Trojaner verteidigen magst.« So redete sie und wandte ihre strahlenden Götteraugen ab. Den schwer aufstöhnenden Kriegsgott, dem erst allmählich der Atem wiederkehrte, führte Zeus‘ Tochter, Aphrodite, aus der Schlacht; als aber Hera die beiden gewahr wurde, begann sie zu Athene: »Wehe mir, Pallas, siehest du nicht, wie dreist dort die weichliche Liebesgöttin den wilden Mörder mitten aus dem entscheidenden Kampfe durchs Getümmel hinwegführt? Wirst du sie nicht schnell verfolgen?« Nun stürmte Pallas Athene nach und versetzte der zarten Göttin mit mächtiger Hand einen Schlag auf die Brust, daß sie zu Boden sank und der verwundete Kriegsgott mit ihr. »Mögen alle so stürzen«, rief Athene, »die es wagen, den Trojanern beizustehen! Wäre es jedem der Unsern gelungen wie mir, so hätten wir längst Ruhe, und Troja wäre zum Schutthaufen unter unsern Händen geworden.« Ein Lächeln flog über Heras Gesicht, als sie dieses sah und hörte. Darauf sprach der Erderschütterer Poseidon zu Apollo gewendet: »Phöbos, warum stehen wir so entfernt, da doch andere den Kampf schon begonnen haben? Es wäre doch eine Schmach für uns, wenn wir beide zum Olymp zurückkehren wollten, ohne unsere Kraft aneinander versucht zu haben. So hebe denn du an, bist du doch der Jüngere! Was säumst du? Hat dein Herz ganz vergessen, wieviel wir beide vor allen Göttern bereits Böses um Troja geduldet haben, seit wir dein stolzen Laomedon bei dem Bau der Stadtmauer frönten und er unsere Dienste so schnöde vergalt? Du denkst wohl nicht mehr daran, sonst würdest du mit uns andern auf die Vernichtung der Trojaner bedacht sein und nicht dem Volke des trügerischen Laomedon willfahren.« »Beherrscher des Meeres«, antwortete ihm Phöbos, »ich selbst würde dir nicht bei Besinnung dünken, wenn ich der Sterblichen wegen, die hinfällig sind wie das Laub im Walde, mit dir, dem ehrfurchtgebietenden Gotte, kämpfen wollte.« So sprach Apollo und wandte sich, voll Scheu, wider den Bruder seines Vaters gewaltsam den Arm aufzuheben. Da spottete seiner die Schwester Artemis und rief höhnend: »Fliehest du schon vor der Schlacht, du Fernhintreffer, und räumst dem prahlerischen Poseidon den Sieg ein? Du Tor, was trägst du alsdann auf der Schulter den Bogen, das nichtige Kinderspiel?« Aber Hera verdroß die Spottrede: »Gedenkst du etwa, weil du dein Geschoß auf dem Rücken trägst, dich mit mir an Stärke zu messen, du Schamlose?« sprach sie, »wahrlich, dir wäre besser, du gingst in die Wälder, einen Eber oder Hirsch zu erlegen, als frech gegen höhere Götter anzukämpfen! Und doch, weil du so trotzig bis, so magst du meine Hand fühlen.« So schalt sie, ergriff mit der Linken beide Hände der Göttin am Knöchel, mit der Rechten zog sie ihr den Köcher samt den Pfeilen von der Schulter und versetzte damit der Zurückgewendeten schimpfliche Streiche um die Ohren, daß die Pfeile klirrend aus dem Köcher sanken. Wie eine schüchterne Taube, vom Habicht verfolgt, ließ Artemis Köcher und Pfeile liegen und floh unter Tränen davon. Ihre Mutter Leto wäre ihr zu Hilfe geeilt, wenn nicht Hermes in der Nähe auf der Lauer gestanden wäre. Als dieser das inneward, sprach er zu ihr: »Ferne sei von mir, daß ich mit dir streiten wollte, Leto; gefahrvoll ist der Kampf mit den Frauen, die der Donnerer seiner Liebe gewürdigt hat. Deswegen magst du dich immerhin im Kreise der Unsterblichen rühmen, mir obgesiegt zu haben.« So sprach er freundlich: da eilte Leto herbei, hub den Bogen, den Köcher und die Pfeile, wie sie wirbelnd da- und dorthin in den Staub gefallen waren, sie sammelnd, auf und eilte der Tochter nach, zum Olymp hinan. Dort hatte sich Artemis weinend auf die Knie des Vaters gesetzt, und ihr feines, von Ambrosia duftendes Gewand bebte ihr noch vom Zittern der Glieder. Zeus schloß sie liebkosend in die Arme und sprach unter freundlichem Lächeln zu ihr: »Welcher von den Göttern hat es gewagt, dich zu mißhandeln, mein zartes Töchterchen?« »Vater«, antwortete sie, »dein Weib hat mir ein Leids getan, die zornige Hera, die alle Götter zu Streit und Hader empört.« Da lachte Zeus, streichelte sie und sprach ihr Trost ein.

Drunten aber ging Phöbos Apollo hinein in die Stadt der Trojaner; denn ihm war ernstlich bange, die Danaer möchten, dem Schicksale zum Trotz, noch heute die Mauer der schönen Feste niederreißen. Die übrigen Götter eilten, die einen voll Siegeslust, die andern voll Zorn und Gram, in den Olymp zurück und setzten sich um den Vater, den Donnergott, im Kreise.

Perseus



Perseus

Perseus, der Sohn des Zeus, wurde mit seiner Mutter Danae von dem Großvater Akrisios, Könige von Argos, dem ein Orakelspruch gesagt hatte, daß ein Enkel ihm Leben und Thron rauben würde, in einen Kasten eingeschlossen und ins Meer geworfen; Zeus behütete sie in den Stürmen des Meeres, und sie schwammen bei der Insel Seriphos ans Land. Dort herrschten zwei Brüder, Diktys und Polydektes. Diktys fischte eben, als der Kasten angeschwommen kam, und zog ihn ans Land. Beide Brüder nahmen sich der Verlassenen liebreich an; Polydektes erhob die Mutter zu seiner Gemahlin, und der Sohn des Zeus, Perseus, wurde von ihm sorgfältig erzogen.

Als Perseus herangewachsen war, überredete ihn sein Stiefvater, auf Taten auszuziehen und etwas Großes zu unternehmen. Der mutige Jüngling zeigte sich willig, und bald waren sie einig darüber, daß Perseus der Medusa ihr furchtbares Haupt abschlagen und dem Könige nach Seriphos bringen sollte. Perseus machte sich auf den Weg und kam unter Leitung der Götter in die ferne Gegend, wo Phorkys, der Vater vieler entsetzlicher Ungeheuer, hauste. Zuerst traf er auf drei seiner Töchter, die Graien oder Grauen; diese waren grauhaarig von Geburt an; alle drei miteinander hatten sie nur ein Auge und einen Zahn, den sie einander gegenseitig abwechslungsweise zum Gebrauche liehen. Perseus nahm ihnen beides weg, und als sie ihn flehentlich baten, das Unentbehrlichste ihnen doch wiederzugeben, zeigte er sich zur Zurückerstattung nur unter der Bedingung bereit, daß sie ihm den Weg zu den Nymphen zeigen sollten. Diese waren andere Wundergeschöpfe, die Flügelschuhe, einen Schubsack als Tasche und einen Helm von Hundefell besaßen. Wer sich damit bekleidete, konnte fliegen, wohin er wollte, sah, wen er wollte, und wurde von niemand gesehen. Die Töchter des Phorkys zeigten dem Perseus den Weg zu den Nymphen und erhielten Zahn und Auge von ihm zurück. Bei den Nymphen fand und nahm er, was er wollte, warf den Schubsack um, schnallte die Flügelschuhe an seine Knöchel und setzte den Helm aufs Haupt. Dazu erhielt er von Hermes eine eherne Sichel, und so ausgerüstet flog er zu dem Ozean, wo die andern drei Töchter des Phorkys, die Gorgonen, hausten. Die dritte, die Medusa hieß, war allein sterblich; darum war auch Perseus ausgesandt worden, ihr Haupt zu holen. Er fand die Ungeheuer schlafend, ihre Häupter waren mit Drachenschuppen übersäet, mit Schlangen statt Haaren bedeckt; große Hauzähne hatten sie, wie Schweine, eherne Hände und goldene Flügel, mit welchen sie flogen. Jeden, der sie ansah, verwandelte dieser Anblick in Stein. Das wußte Perseus. Mit abgewandtem Gesicht stellte er sich deswegen vor die Schlafenden und fing nur in seinem ehernen, glänzenden Schilde ihr dreifaches Bild auf So erkannte er die Gorgo Medusa heraus, Athene führte ihm die Hand, und schnitt dem schlafenden Ungeheuer ohne Gefährde das Haupt ab. Kaum war dies vollbracht, so entsprang dem Rumpfe ein geflügeltes Roß, der Pegasus, und ein Riese, Chrysaor. Beides waren Geschöpfe des Poseidon oder Neptunus. Perseus schob nun das Haupt der Medusa in den Schubsack und entfernte sich rücklings, wie er gekommen war. Indessen hatten sich die Schwestern Medusas vom Lager erhoben. Sie erblickten den Rumpf der getöteten Schwester und erhoben sich auf ihren Fittichen, den Räuber zu verfolgen. Diesen aber verbarg der Nymphenhelm vor ihren Augen, und sie konnten ihn nirgends innewerden. In der Luft faßten inzwischen den Perseus die Winde und schleuderten ihn, wie Regengewölk, bald da-, bald dorthin. Als er über den Sandwüsten Libyens schwebte, rieselten blutige Tropfen vom Medusenhaupte auf die Erde nieder, welche sie auffing und zu bunten Schlangen belebte. Seitdem ist jenes Erdreich an feindseligen Nattern so ergiebig. Perseus flog nun weiter westwärts und senkte sich endlich im Reiche des Königes Atlas nieder, um ein wenig zu rasten. Dieser hütete einen Hain voll goldener Früchte mit einem gewaltigen Drachen. Umsonst bat der Besieger der Gorgone ihn um ein Obdach. Für sein goldenes Besitztum bange, stieß ihn Atlas unbarmherzig von seinem Palaste fort. Da ergrimmte Perseus und sprach: »Du willst mir nichts gönnen; empfange du wenigstens ein Geschenk von mir.« Er holte die Gorgo aus seinem Schubsacke hervor, wandte sich ab und streckte sie dem König Atlas entgegen. Groß wie der König war, wurde er augenblicklich zu Stein und in einen Berg verwandelt; Bart und Haupthaar dehnten sich zu Wäldern aus; Schultern, Hände und Gebein wurden Felsrücken; sein Haupt wuchs als hoher Gipfel in die Wolken. Perseus nahm seine Fittiche wieder und schnallte sie sich an die Sohlen, hängte sich den Schubsack um, setzte den Helm auf und schwang sich in die Lüfte. Auf seinem Fluge kam er an eine Küste Äthiopiens, wo der König Kepheus regierte. Hier sah er an eine hervorragende Meeresklippe eine Jungfrau angebunden. Wenn nicht ihr Haupthaar ein Lüftchen bewegt hätte und in ihren Augen Tränen gezittert, so würde er sie für ein Marmorbild gehalten haben. Fast hätte er in der Luft die Flügel zu bewegen vergessen, so bezaubert war er von dem Reize ihrer Schönheit. »Sprich, schöne Jungfrau«, redete er sie an, »du, die du ganz anderes Geschmeide verdientest, warum bist du hier in Banden? Nenne mir doch den Namen deines Landes, nenne mir deinen eigenen Namen!« Das gefesselte Mädchen schwieg verschämt; sie scheute sich, den fremden Mann anzureden, und hätte gern ihr Angesicht mit den Händen bedeckt, wenn sie sich hätte regen können. So aber konnte sie nur ihre Augen mit quellenden Tränen füllen. Endlich, damit der Fremdling nicht glauben möchte, sie habe eine eigene Schuld vor ihm zu verbergen, erwiderte sie: »Ich bin Kepheus‘, des Königs der Äthiopier, Tochter und heiße Andromeda. Meine Mutter hatte gegen die Töchter des Nereus, die Meeresnymphen, geprahlt, schöner zu sein als sie alle. Darüber zürnten die Nereiden, und ihr Freund, der Meeresgott, ließ eine Überschwemmung und einen alles verschlingenden Haifisch über das Land kommen. Ein Orakelspruch versprach uns Befreiung von der Plage, wenn ich, die Tochter der Königin, dem Fische zum Fraße hingeworfen würde. Das Volk drang in meinen Vater, dieses Rettungsmittel zu ergreifen, und die Verzweiflung zwang ihn, mich an diesen Felsen zu binden.«

Sie hatte die letzten Worte noch nicht ausgesprochen, als die Wogen aufrauschten und aus der Tiefe des Meeres ein Scheusal auftauchte, das mit seiner breiten Brust die ganze Wasserfläche umher einnahm. Das Mädchen jammerte laut auf; zugleich sah man Vater und Mutter herbeieilen, beide trostlos, doch in der Mutter Zügen drückte sich noch dazu das Bewußtsein der Schuld aus. Sie umarmten die gefesselte Tochter, aber sie brachten ihr nichts mit als Tränen und Wehklagen. Jetzt begann der Fremdling: »Zum Jammern wird euch noch Zeit genug übrigbleiben; die Stunde der Rettung ist kurz. Ich bin Perseus, der Sprößling des Zeus und der Danae; ich habe die Gorgone besiegt; und wunderbare Flügel tragen mich durch die Luft. Selbst wenn die Jungfrau frei wäre und zu wählen hätte, wäre ich kein verächtlicher Eidam! Jetzt werbe ich um sie mit dem Erbieten, sie zu retten. Nehmet ihr meine Bedingung an?« Wer hätte in solcher Lage gezaudert? Die erfreuten Eltern versprachen ihm nicht nur die Tochter, sondern auch ihr eigenes Königreich zur Mitgift.

Während sie dieses verhandelten, war das Untier wie ein schnellruderndes Schiff herangeschwommen und nur noch einen Schleuderwurf von dem Felsen entfernt. Da plötzlich, das Land mit dem Fuße abstoßend, schwang sich der Jüngling hoch empor in die Wolken. Das Tier sah den Schatten des Mannes auf dem Meere. Während es tobend auf diesen losging, als auf einen Feind, der ihm die Beute zu entreißen drohte, fuhr Perseus aus der Luft wie ein Adler herunter, trat schwebend auf den Rücken des Tieres und senkte das Schwert, mit dem er die Meduse getötet hatte, dem Haifisch unter dem Kopf in den Leib, bis an den Knauf. Kaum hatte er es wieder herausgezogen, so sprang der Fisch bald hoch in die Lüfte, bald tauchte er wieder unter in die Flut, bald tobte er nach beiden Seiten wie ein von Hunden verfolgter Eber. Perseus brachte ihm Wunde um Wunde bei, bis ein dunkler Blutstrom sich aus seinem Rachen ergoß. Indessen troffen die Flügel des Halbgotts, und Perseus wagte nicht länger, sich dem wasserschweren Gefieder anzuvertrauen. Glücklicherweise erblickte er ein Felsriff, dessen oberste Spitze aus dem Meere hervorragte. Auf diese Felswand stützte er sich mit der Linken und stieß das Eisen drei- bis viermal in das Gekröse des Ungetüms. Das Meer trieb die ungeheure Leiche fort, und bald war sie in den Fluten verschwunden. Perseus hatte sich indessen ans Land geschwungen, hatte den Felsen erklommen und die Jungfrau, die ihn mit den Blicken des Dankes und der Liebe begrüßte, der Fesseln entledigt. Er brachte sie den glücklichen Eltern, und der goldene Palast empfing ihn als Bräutigam. Noch dampfte das Hochzeitsmahl, und die Stunden strichen dem Vater und der Mutter, dem Bräutigam und der geretteten Braut in sorgenfreier Eile dahin, als plötzlich die Vorhöfe der Königsburg mit einem dumpfen, brausenden Getümmel sich füllten. Phineus, der Bruder des Königs Kepheus, der früher um seine Nichte Andromeda geworben, aber in der letzten Not sie verlassen hatte, nahte mit einer Schar von Kriegern und erneuerte seine Ansprüche. Den Speer schwingend, trat er in den Hochzeitssaal und rief dem erstaunten Perseus zu: »Sieh mich hier, der ich komme, die mir entrissene Gattin zu rächen; weder deine Flügel noch dein Vater Zeus sollen dich mir entreißen!« So rief er, schon zum Speerwurfe sich anschickend: da hub sich Kepheus, der König, vom Mahle. »Rasender Bruder«, rief er, »welcher Gedanke treibt dich zur Untat? Nicht Perseus raubt dir die Geliebte; sie wurde dir schon damals entrissen, als wir sie dem Tode preisgaben, als du zusahest, wie sie gefesselt wurde, und weder als Oheim noch als Geliebter ihr deinen Beistand liehest. Warum hast du nicht selbst dir den Preis von dem Felsen geholt, an den er geschmiedet war? So laß wenigstens den, der ihn sich errungen hat, der mein Alter durch die Rettung meiner Tochter getröstet, in Ruhe!«

Phineus antwortete ihm nichts, er betrachtete nur abwechselnd mit grimmigen Blicken bald seinen Bruder, bald seinen Nebenbuhler, als besänne er sich, auf wen er zuerst zielen sollte. Endlich nach kurzem Verzuge schwang er mit aller Kraft, die der Zorn ihm gab, den Speer gegen Perseus; aber er tat einen Fehlwurf, und die Waffe blieb im Polster hängen. Jetzt fuhr Perseus vom Lager empor und schleuderte seinen Spieß nach der Türe, durch welche Phineus eingedrungen war, und er würde die Brust seines Todfeindes durchbohrt haben, wenn dieser sich nicht mit einem Sprunge hinter den Hausaltar geflüchtet hätte. Das Geschoß hatte die Stirne eines seiner Begleiter getroffen, und jetzt kam das Gefolge des Eingedrungenen mit den längst von der Tafel aufgestörten Gästen ins Handgemenge. Lang und mörderisch war der Kampf; aber der Eingebrochenen war die Mehrzahl. Zuletzt wurde Perseus, an dessen Seite sich umsonst die Schwiegereltern und die Braut schutzflehend stellten, von Phineus und seinen Tausenden umringt. Die Pfeile flogen an ihnen von allen Seiten vorbei wie Hagelkörner im Sturme. Perseus hatte die Schultern an einen Pfeiler gelehnt und sich so den Rücken gedeckt. Von da zur Heerschar der Feinde gewendet, hielt er den Anlauf der Feinde ab und streckte einen um den andern nieder. Erst als er sah, daß die Tapferkeit der Menge erliegen müsse, entschloß er sich, das letzte, aber untrügliche Mittel, das ihm zu Gebote stand, zu gebrauchen. »Weil ihr mich genötigt«, sprach er, »will ich mir die Hilfe bei meinem alten Feinde holen! Wende sein Antlitz ab, wer noch mein Freund ist!« Mit diesen Worten zog er aus der Tasche, die ihm immer an der Seite hing, das Gorgonenhaupt und streckte es dem ersten Gegner zu, der jetzt eben auf ihn eindrang. »Suche andere«, rief dieser verächtlich beim ersten flüchtigen Blicke, »die du mit deinen Mirakeln erschüttern kannst.« Aber als seine Hand sich heben wollte, den Wurfspieß abzusenden, blieb er mitten in dieser Gebärde versteinert wie eine Bildsäule. Und so widerfuhr es einem nach dem andern. Zuletzt waren nur noch zweihundert übrig. Da hub Perseus das Gorgonenhaupt hoch in die Luft empor, daß alle es erblicken konnten, und verwandelte die zweihundert auf einmal in starres Gestein. Jetzt erst bereut Phineus den unrechtmäßigen Krieg. Rechts und links erblickt er nichts als Steinbilder in der mannigfaltigsten Stellung. Er ruft seine Freunde mit Namen, er berührt ungläubig die Körper der Zunächststehenden: alles ist Marmor. Entsetzen faßte ihn, und sein Trotz verwandelte sich in demütiges Flehen. »Laß mir nur das Leben, dein sei das Reich und die Braut!« rief er und kehrte sein verzagendes Angesicht seitwärts. Aber Perseus, über den Tod seiner neuen Freunde erbittert, kannte kein Erbarmen. »Verräter«, schrie er zornig, »ich will dir für alle Ewigkeit ein bleibendes Denkmal in meines Schwähers Hause stiften!« Und sosehr Phineus bemüht war, dem Anblicke zu entgehen, so traf doch bald das ausgestreckte Schreckensbild sein Auge: sein Hals erstarrte, sein feuchter Blick erharschte zu Stein. So blieb er stehen mit furchtsamer Miene, die Hände gesenkt, in knechtischer, demütiger Stellung. Ohne Hindernis führte jetzt Perseus seine Geliebte, Andromeda, heim. Lange glückliche Tage erwarteten ihn, und er fand auch seine Mutter Danae wieder. Doch sollte er an seinem Großvater Akrisios das Verhängnis erfüllen. Dieser war aus Furcht vor dem Orakelspruche zu einem fremden Könige ins Pelasgerland geflohen. Hier half er Kampfspiele feiern, als eben Perseus ankam, der auf der Fahrt nach Argos begriffen war, wo er seinen Großvater begrüßen wollte. Ein unglücklicher Wurf mit der Scheibe traf den Großvater von des Enkels Hand, ohne daß dieser jenen kannte oder treffen wollte. Nicht lange blieb ihm verborgen, was er getan. In tiefer Trauer begrub er den Akrisios außerhalb der Stadt und vertauschte das Königreich, das ihm durch des Großvaters Tod zugefallen war. Doch verfolgte ihn der Neid des Geschickes nicht länger. Andromeda gebar ihm viele herrliche Söhne, und der Ruhm des Vaters lebte in ihnen fort.

Phaëton



Phaëton

Auf herrlichen Säulen erbaut stand die Königsburg des Sonnengottes, von blitzendem Gold und glühendem Karfunkel schimmernd; den obersten Giebel umschloß blendendes Elfenbein, gedoppelte Türen strahlten in Silberglanz, darauf in erhabener Arbeit die schönsten Wundergeschichten zu schauen waren. In diesen Palast trat Phaëthon, der Sohn des Sonnengottes Phöbos, und verlangte den Vater zu sprechen. Doch stellte er sich nur von ferne hin, denn in der Nähe war das strahlende Licht nicht zu ertragen. Der Vater Phöbos, von Purpurgewand umhüllt, saß auf seinem fürstlichen Stuhle, der mit glänzenden Smaragden besetzt war; zu seiner Rechten und seiner Linken stand sein Gefolge geordnet, der Tag, der Monat, das Jahr, die Jahrhunderte und die Horen; der jugendliche Lenz mit seinem Blütenkranze, der Sommer mit Ährengewinden bekränzt, weinfarben der Herbst, der eisige Winter mit schneeweißen Haaren. Phöbos, in ihrer Mitte sitzend, wurde mit seinen allschauenden Augen bald den Jüngling gewahr, der über so viele Wunder staunte. »Was ist der Grund deiner Wallfahrt«, sprach er, »was führt dich in den Palast deines göttlichen Vaters, mein Sohn?« Phaëthon antwortete: »Erlauchter Vater, man spottet mein auf Erden und beschimpft meine Mutter Klymene. Sie sprechen, ich heuchle nur himmlische Abkunft und sei der Sohn eines dunklen Vaters. Darum komme ich, von dir ein Unterpfand zu erbitten, das mich vor aller Welt als deinen wirklichen Sprößling darstelle.« So sprach er; da legte Phöbos die Strahlen, die ihm rings das Haupt umleuchteten, ab und hieß ihn näher herantreten; dann umarmte er ihn und sprach: »Deine Mutter Klymene hat die Wahrheit gesagt, mein Sohn, und ich werde dich vor der Welt nimmermehr verleugnen. Damit du aber ja nicht ferner zweifelst, so erbitte dir ein Geschenk! Ich schwöre beim Styx, dem Flusse der Unterwelt, bei welchem alle Götter schwören, deine Bitte, welche sie auch sei, soll erfüllt werden!« Phaëthon ließ den Vater kaum ausreden. »So erfülle mir denn«, sprach er, »meinen glühendsten Wunsch, und vertraue mir nur auf einen Tag die Lenkung deines geflügelten Sonnenwagens.«

Schrecken und Reue ward sichtbar auf dem Angesichte des Gottes. Drei-, viermal schüttelte er sein umleuchtetes Haupt und rief endlich: »O Sohn, du hast mich ein sinnloses Wort sprechen lassen! O dürfte ich dir doch meine Verheißung nimmermehr gewähren! Du verlangst ein Geschäft, dem deine Kräfte nicht gewachsen sind; du bist zu jung; du bist sterblich, und was du wünschest, ist ein Werk der Unsterblichen! Ja, du erstrebest sogar mehr, als den übrigen Göttern zu erlangen vergönnt ist. Denn außer mir vermag keiner von ihnen auf der glutensprühenden Achse zu stehen. Der Weg, den mein Wagen zu machen hat, ist gar steil, mit Mühe erklimmt ihn in der Frühe des Morgens mein noch frisches Rossegespann. Die Mitte der Laufbahn ist zuoberst am Himmel. Glaube mir, wenn ich auf meinem Wagen in solcher Höhe stehe, da kommt mich oft selbst ein Grausen an, und mein Haupt droht ein Schwindel zu erfassen, wenn ich so herniederblicke in die Tiefe und Meer und Land weit unter mir liegt. Zuletzt ist dann die Straße ganz abschüssig, da bedarf es gar sicherer Lenkung. Die Meeresgöttin Thetis selbst, die mich in ihren Fluten aufzunehmen bereit ist, pflegt alsdann zu befürchten, ich möchte in die Tiefe geschmettert werden. Dazu bedenke, daß der Himmel sich in beständigem Umschwunge dreht und ich diesem reißenden Kreislaufe entgegenfahren muß. Wie vermöchtest du das, wenn ich dir auch meinen Wagen gäbe? Darum, geliebter Sohn, verlange nicht ein so schlimmes Geschenk und bessere deinen Wunsch, solange es noch Zeit ist. Sieh mein erschrecktes Gesicht an. O könntest du durch meine Augen in mein sorgenvolles Vaterherz eindringen! Verlange, was du sonst willst von alle Gütern des Himmels und der Erde! Ich schwöre dir beim Styx, du sollst es haben! – Was umarmst du mich mit solchem Ungestüm?«

Aber der Jüngling ließ mit Flehen nicht ab, und der Vater hatte den heiligen Schwur geschworen. So nahm er denn seinen Sohn bei der Hand und führte ihn zu dem Sonnenwagen, Hephaistos‘ herrlicher Arbeit. Achse, Deichsel und der Kranz der Räder waren von Gold, die Speichen Silber; vom Joche schimmerten Chrysolithen und Juwelen. Während Phaëthon die herrliche Arbeit beherzt anstaunte, tat im geröteten Osten die erwachte Morgenröte ihr Purpurtor und ihren Vorsaal, der voll Rosen ist, auf. Die Sterne verschwanden allmählich, der Morgenstern ist der letzte, der seinen Posten am Himmel verläßt, und die äußersten Hörner des Mondes verlieren sich am Rande. Jetzt gibt Phöbos den geflügelten Horen den Befehl, die Rosse zu schirren; und diese führen die glutsprühenden Tiere, von Ambrosia gesättigt, von den erhabenen Krippen und legen ihnen herrliche Zäume an. Während dies geschah, bestrich der Vater das Antlitz seines Sohnes mit einer heiligen Salbe und machte es dadurch geschickt, die glühende Flamme zu ertragen. Um das Haupthaar legte er ihm seine Strahlensonne, aber er seufzte dazu und sprach warnend: »Kind, schone mir die Stacheln, brauche wacker die Zügel; denn die Rosse rennen schon von selbst, und es kostet Mühe, sie im Fluge zu halten; die Straße geht schräg in weit umbiegender Krümmung; den Südpol wie den Nordpol mußt du meiden. Du erblickst deutlich die Gleise der Räder. Senke dich nicht zu tief, sonst gerät die Erde in Brand; steige nicht zu hoch, sonst verbrennst du den Himmel. Auf, die Finsternis flieht, nimm die Zügel zur Hand; oder – noch ist es Zeit; besinne dich, liebes Kind; überlaß den Wagen mir, laß mich der Welt das Licht schenken, und bleibe du Zuschauer!«

Der Jüngling schien die Worte des Vaters gar nicht zu hören, er schwang sich mit einem Sprung auf den Wagen, ganz erfreut, die Zügel in den Händen zu haben, und nickte dem unzufriedenen Vater einen kurzen, freundlichen Dank zu. Mittlerweile füllten die vier Flügelrosse mit glutatmendem Wiehern die Luft, und ihr Huf stampfte gegen die Barren. Ohne etwas vom Lose ihres Enkels zu ahnen, öffnete Thetis, die Mutter Klymenes, die Schranken; die Welt lag in unendlichem Raume vor den Blicken des Knaben, die Rosse flogen die Bahn aufwärts und spalteten die Morgennebel, die vor ihnen lagen.

Inzwischen fühlten die Rosse wohl, daß sie nicht die gewohnte Last trugen und das Joch leichter sei als gewöhnlich; und wie Schiffe, wenn sie das rechte Gewicht nicht haben, im Meere schwanken, so machte der Wagen Sprünge in der Luft, ward hoch emporgestoßen und rollte dahin, als wäre er leer. Als das Rossegespann dies merkte, rannte es, die gebahnten Räume verlassend, und lief nicht mehr in der vorigen Ordnung. Phaëthon fing an zu erbeben, er wußte nicht, wohin die Zügel lenken, wußte den Weg nicht, wußte nicht, wie er die wilden Rosse bändigen sollte. Als nun der Unglückliche hoch vom Himmel abwärts sah, auf die tief, tief unter ihm sich hinstreckenden Länder, wurde er blaß, und seine Knie zitterten von plötzlichem Schrecken. Er sah rückwärts; schon lag viel Himmel hinter ihm, aber noch mehr vor seinen Augen. Beides ermaß er in seinem Geiste. Unwissend, was beginnen, starrte er in die Weite, ließ die Zügel nicht nach, zog sie auch nicht weiter an; er wollte den Rossen rufen, aber er kannte ihre Namen nicht. Mit Grauen sah er die mannigfaltigen Sternbilder an, die in abenteuerlichen Gestalten am Himmel herumhingen. Da ließ er, von kaltem Entsetzen gefaßt, die Zügel fahren, und wie diese herabschlotternd den Rücken der Pferde berührten, so verließen die Rosse ihre Spur, schweiften seitwärts in fremde Luftgebiete, gingen bald hoch empor, bald tief hernieder; jetzt stießen sie an den Fixsternen an, jetzt wurden sie auf abschüssigem Pfade in die Nachbarschaft der Erde herabgerissen. Schon berührten sie die erste Wolkenschicht, die bald entzündet aufdampfte. Immer tiefer stürzte der Wagen, und unversehens war er einem Hochgebirge nahe gekommen. Da lechzte vor Hitze der Boden, spaltete sich, und weil plötzlich alle Säfte austrockneten, fing er an zu glimmen; das Heidegras wurde weißgelb und welkte hinweg; weiter unten loderte das Laub der Waldbäume auf, bald war die Glut bei der Ebene angekommen; nun wurde die Saat weggebrannt; ganze Städte loderten in Flammen auf, Länder mit all ihrer Bevölkerung wurden versengt; rings brannten Hügel, Wälder und Berge. Damals sollen auch die Mohren schwarz geworden sein. Die Ströme versiegten oder flohen erschreckt nach ihrer Quelle zurück, das Meer selbst wurde zusammengedrängt, und was jüngst noch See war, wurde trockenes Sandfeld.

An allen Seiten sah Phaëthon den Erdkreis entzündet; ihm selbst wurde die Glut bald unerträglich; wie tief aus dem Innern einer Feueresse atmete er siedende Luft ein und fühlte unter seinen Sohlen, wie der Wagen erglühte. Schon konnte er den Dampf und die vom Erdbrand emporgeschleuderte Asche nicht mehr ertragen; Qualm und pechschwarzes Dunkel umgab ihn; das Flügelgespann riß ihn nach Willkür fort; endlich ergriff die Glut seine Haare, er stürzte aus dem Wagen, und brennend wurde er durch die Luft gewirbelt, wie zuweilen ein Stern bei heiterer Luft durch den Himmel zu schießen scheint. Ferne von der Heimat nahm ihn der breite Strom Eridanos auf und bespülte ihm sein schäumendes Angesicht. Phöbos, der Vater, der dies alles mit ansehen mußte, verhüllte sein Haupt in brütender Trauer. Damals, sagt man, sei ein Tag der Erde ohne Sonnenlicht vorübergeflogen. Der ungeheure Brand leuchtete allein.