Verschwörung der Freier



Verschwörung der Freier

Während dies in Pylos und in Sparta vorging, freuten sich auf der Insel Ithaka die Freier von Tag zu Tag im Palaste des Odysseus wie zuvor und ergötzten sich mit Diskuswerfen, Speerschleudern und anderen Spielen. Einst, als nur Antinoos und Eurymachos, die Vornehmsten und Schmucksten unter ihnen, seitwärts vom Spiele saßen, trat zu diesen Noëmon, der Sohn des Phronios, und sprach zu ihnen: »Können wir etwa vermuten, ihr Freier, wann Telemach von Pylos zurückkehrt? Das Schiff, auf dem er fährt, habe ich ihm geliehen, und jetzt brauche ich es selbst, um damit nach Elis zu segeln, wo ich mir aus meinem Stutengarten gern ein Roß holte, um es zu zähmen und zuzurichten.«

Die beiden anderen staunten. Sie hatten gar nichts von der Abfahrt des Jünglings gewußt, sondern gemeint, er habe sich auf seine Besitzungen im Lande, auf seine Ziegenweiden und zu seinen Schweineherden begeben. Sie glaubten, er habe Noëmons Schiff mit Gewalt genommen, und fuhren zornig auf. Dieser aber besänftigte sie und sprach: »Ich selbst habe es ihm willig gegeben. Wer hätte auch einem bekümmerten Mann es versagen können? Das wäre gar zu hart gewesen! Zudem folgten ihm die edelsten Jünglinge, und als Führer trat Mentor mit ihm ins Schiff – oder war es vielleicht ein Gott, der dessen Gestalt angenommen; denn ich meine den Helden noch am gestrigen Morgen hier gesehen zu haben.« So sprach Noëmon, verließ die Freier und ging zurück in seines Vaters Haus. Diese aber wurden bestürzt und unmutig bei der unerwarteten Nachricht. Sie standen von ihren Sitzen auf und traten mitten unter die andern, die eben, vom Kampfspiele ruhend, im Kreise gelagert saßen. Zürnend vor Ärger stellte sich Antinoos unter sie und sprach mit funkelnden Augen: »Telemach hat ein großes Werk unternommen; trotzig ist er auf die Fahrt gegangen, an die wir nimmermehr glauben wollten. Möge ihn Zeus vertilgen, ehe er uns Schaden zufügt! Drum, wenn ihr mir einen Schnellsegler und zwanzig Ruderer schaffen wollt, ihr Freunde, so laure ich ihm auf der Meerstraße, die Ithaka von Same trennt, auf, und seine Entdeckungsreise soll mit Schrecken endigen!« Alle riefen dem Sprecher Beifall zu und versprachen, ihm alles zu verschaffen, was er bedürfte. Dann brachen die Freier auf und zogen sich von Spiel und Rat in den Palast zurück.

Aber ihre Beratschlagung war nicht unbelauscht geblieben. Medon, der Herold, der im Herzen den schändlichen Freiern längst abhold war, obgleich er in ihren Diensten stand, hatte außerhalb des Hofes, doch nahe genug gestanden und hatte jedes Wörtchen gehört, das Antinoos sprach. Er eilte nach den Gemächern Penelopes und erzählte seiner Herrin alles, was er vernommen. Herz und Knie erbebten der Fürstin, als sie die böse Kunde gehört, und lange blieb sie sprachlos; der Atem stockte ihr, und ihre Augen waren mit Tränen gefüllt. Spät erst begann sie: »Herold! Warum reiset aber auch mein Sohn? Ist ihm nicht genug, daß sein Vater untergegangen ist? Soll der Name unseres Hauses ganz von der Erde vertilgt werden?« Und da Medon ihr keinen Aufschluß zu geben vermochte, sank sie weinend an der Schwelle ihres Gemaches nieder, und ringsum schluchzten die Mägde mit ihr. »Warum ist er auch auf die Fahrt gegangen, ohne es mir zu sagen! Gewiß hätte ich ihn auf bessere Gedanken gebracht! Rufe mir doch eine den alten Knecht des Hauses, Dolios, daß er gehe und dem greisen Laërtes dies alles melde! Vielleicht daß der alte Mann einen Rat in seinem erfahrenen Herzen findet!« Da tat Eurykleia, die alte Schaffnerin, ihren Mund auf und sprach: »Und wenn du mich tötest, Herrin, ich will dir’s nicht verhehlen. Ich selbst habe um alles gewußt; ich reichte ihm, was er begehrte; aber ich mußte ihm einen Eidschwur tun, vor dem zwölften Tage, oder ehe du ihn selbst vermißtest, nichts von seiner Reise zu melden. Jetzt aber rate ich dir, dich gebadet und geschmückt auf den Söller mit deinen Dienerinnen zu begeben und Athene, Zeus‘ Tochter, um ihren göttlichen Schutz für deinen Sohn anzuflehen.«

Penelope gehorchte dem Rate der Greisin und legte sich nach dem feierlichen Gebet ungegessen und kummervoll schlafen. Da sandte ihr Athene im Traum das Gebilde ihrer Schwester Iphthime, der Gemahlin des Helden Eumelos, welche ihr Trost einsprach und die Wiederkehr ihres Sohnes verkündigte. »Sei getrost«, sprach sie, »deinen Sohn begleitet eine Führerin, um die ihn andere Männer beneiden dürften. Pallas Athene selbst ist an seiner Seite; sie wird ihn gegen die Freier schirmen, sie hat auch mich dir zugesandt.« So redete die Gestalt und verschwand an der verschlossenen Türe. Penelope erwachte aus dem Schlummer voll Freudigkeit und Mut. Sie baute auf den Wahrheit verkündenden Morgentraum.

Inzwischen hatten die Freier ungehindert ihr Schiff gerüstet, und Antinoos hatte es mit zwanzig tapferen Ruderern bestiegen. Mitten in der Meerstraße, welche die Inseln Ithaka und Same trennt, lag ein Felseneiland voll schroffer Klippen. Auf dieses steuerten sie los und legten sich dort in einen lauernden Hinterhalt.

Versuchung des Volkes durch Agamemnon



Versuchung des Volkes durch Agamemnon

Zeus gedachte des Winks, den er der Meeresgöttin Thetis zugenickt hatte. Er schickte den Traumgott in das Lager der Griechen und in das Zelt des schlummernden Königs Agamemnon. Dieser stellte sich in Nestors Gestalt, den der König vor allen andern Ältesten ehrte, zu seinen Häupten und sprach zu ihm: »Schläfst du, Sohn des Atreus? Ein Mann, der das ganze Volk beraten soll, darf nicht so lange schlafen. Höre mich, der ich als ein Bote des Zeus zu dir komme; er befiehlt dir, die Achiver zur Schlacht zu rüsten: jetzt sei die Stunde, wo Troja bezwungen werden kann. Die Himmlischen sind entschlossen, und Verderben schwebt über der Stadt.«

Agamemnon erwachte vom Schlafe und verließ eilig das Lager. Er band sich die Sohlen unter die Füße, zog das Gewand an, hängte das Schwert über die Schulter, ergriff den Zepter und wandelte in der Frühe des Morgens nach den Schiffen. Die Herolde gingen auf sein Geheiß, das Volk zur Versammlung zu rufen, von einer Lagerstatt zu der andern; die Fürsten des Heeres aber wurden am Schiffe Nestors in einen Rat gerufen. Hier eröffnete Agamemnon die Beratung mit den Worten: »Freunde, vernehmet! Ein gottgesandter Traum, in Nestors Gestalt zu mir tretend, hat mich belehrt, daß, von Zeus herabgeschickt, über Troja Verderben schwebe. Laßt uns nun sehen, ob es uns gelingt, die durch den Zorn des Achill entmutigten Männer zur Schlacht zu rüsten. Ich selbst will sie zuerst mit Worten versuchen und ihnen den Rat erteilen, zu Schiffe zu gehen und die trojanische Küste zu verlassen; dann sollt ihr euch, der eine da-, der andere dorthin eilend, verteilen und die Völker zum Bleiben zu bewegen suchen.« Nach Agamemnon erhob sich Nestor und sprach zu den Fürsten: »Wenn ein anderer Mann uns einen solchen Traum erzählte, so würden wir ihn der Lüge beschuldigen und uns verächtlich abwenden. So aber ist der, der diesen Traum gesehen hat, der erste Fürst aller Danaer; und darum glauben wir ihm und gehen ans Werk!« Nestor verließ den Rat, und alle Fürsten folgten ihm auf den Markt, wo das gesamte Volk sich schon wie ein Bienenschwarm versammelte. Neun Herolde ordneten dasselbe, daß es sich im Kreise lagerte und allmählich der Lärm und das Flüstern der Redenden verstummte. Dann sprach Agamemnon, in der Mitte der Versammlung stehend und auf seinen Herrscherstab sich lehnend: »Lieben Freunde, versammelte heldenmütige Streiter des Danaervolkes, der grausame Zeus hat mich in starke Schuld verstrickt, er, der mir einst so gnädig gelobt hatte, daß ich nur als Vertilger Trojas heimziehen sollte. Jetzt aber gefällt es ihm, der schon so viele Städte zu Boden geschmettert hat und in seiner Allmacht noch niederschmettern wird, mir zu befehlen, daß ich, nachdem so viel Volkes umsonst erlegen ist, ruhmlos nach Argos zurückkehren soll. Auch ist es freilich schmählich, wenn ein späteres Geschlecht vernehmen soll, daß dieses große Griechenvolk in einem heillosen Streite gegen soviel schwächere Feinde fortkämpfe. Denn wahrhaftig, wenn wir die Zahl der Trojaner im Frieden mit der Zahl der Unsrigen messen wollten, so daß je ein Trojaner einem Tische von zehn Griechen den Wein kredenzte: viele Tische, deucht mir, würden des Weines entbehren müssen. Aber freilich haben sie mächtige Bundesgenossen aus vielen Städten, deren Macht mir nicht erlaubt, ihre Stadt zu vertilgen, wie ich wohl möchte. Inzwischen sind neun Jahre herumgegangen, das Holz an unsern Schiffen wird anbrüchig, die Seile vermodern, unsere Weiber und Kinder sitzen zu Hause und schmachten nach uns: so ist es wohl das beste, wir fügen uns in des Zeus Gebot, gehen zu Schiffe und kehren ins liebe Land der Väter zurück.« Die Worte Agamemnons bewegten die Versammlung wie schwellende Meereswogen. Das ganze Heer geriet in Aufruhr; alles stürzte den Schiffen zu, daß der Staub in die Luft wirbelte; einer ermunterte den andern, die Schiffe ins Meer zu ziehen; die Balken unter diesen wurden hinweggezogen, die Gräben, die mit dem Meer in Verbindung standen, geräumt.

Den Freunden der Griechen im Olymp selbst wurde bange, als sie den Ernst der Völker sahen, und Hera ermahnte Athene, hinunterzueilen ins Heer der Achiver und durch ihre schmeichelnde Götterrede die Flucht derselben zu hemmen. Pallas Athene gehorchte ihr und flog von den Felsenhöhen des Olymp hinab ins Schiffslager der Griechen. Hier fand sie den Odysseus mit gramvollem Herzen regungslos vor seinem Schiffe stehend, das er nicht zu berühren wagte. Die Göttin näherte sich ihm, und indem sie sich seinen Blicken offenbarte, sprach sie freundlich zu ihm: »Also wollet ihr euch wirklich in die Schiffe stürzen und fliehen? Wollet dem Priamos den Ruhm und den Trojanern Helena lassen, die Griechin, um welche so viele Griechen fern vom Vaterlande dahingesunken sind? Nein, das wirst du nicht dulden, edler, kluger Odysseus! Eilig dich ins Heer der Danaer geworfen, nicht gezaudert! Brauche deiner Beredsamkeit, ermahne, hemme sie!« Auf den Ruf der Göttin warf Odysseus schnell seinen Mantel weg, welchen Eurybates, sein Herold, der ihm gefolgt war, aufnahm, und eilte unter das Volk. Stieß er nun an einen der Fürsten und edlern Männer, so hielt er ihn mit freundlichen Worten an und sprach ihm zu: »Ziemt es dir auch, mein Trefflicher, zu verzagen wie ein Feigling? Du solltest vielmehr ruhig bleiben und auch die andern beruhigen. Weißt du doch nicht, wie der Atride wirklich im Herzen gesinnt ist und ob er die Griechen nicht hat versuchen wollen!« Wenn er aber wo einen Mann vom Volke lärmend und schreiend antraf, den schlug er mit seinem Zepter und bedrohte ihn mit lauter Stimme: »Elender, rühre dich nicht; hör du, was andre sagen, du, den man weder im Kampf noch im Rate rechnen kann! Wir Griechen können doch nicht alle Könige sein! Vielherrschaft ist nichts nütze, nur einem hat Zeus den Zepter verliehen, und diesem sollen die andern gehorchen!«

So ließ Odysseus seine herrschende Stimme durchs Heer erschallen und bewog endlich das Volk, von den Schiffen auf den Versammlungsplatz zurückzuströmen. Allmählich wurde alles ruhig und verharrte geduldig auf den Sitzen. Nur eine einzige Stimme krächzte noch: es war Thersites, der sich, wie gewöhnlich, mit fordernden Scheltworten gegen die Fürsten vernehmen ließ. Dieser war der häßlichste Mann, der aus Griechenland mit vor Troja gekommen war; er schielte mit dem einen Auge und war lahm am andern Fuße, hatte einen Höcker auf dem Rücken, die Schultern gegen die Brust eingeengt, einen Spitzkopf, dessen Scheitel nur mit dünner Wolle spärlich besäet war. Besonders war der Haderer dem Peliden und Odysseus verhaßt; denn gegen diese Helden lästerte er unaufhörlich. Diesmal aber kreischte er seine Schmähungen dem Völkerfürsten Agamemnon entgegen: »Was hast du zu klagen, Atride«, schrie er; »wessen bedarfst du denn? Ist nicht dein Zelt voll von edlem Erz und voll von Weibern? Du lässest es dir wohl sein, und wir sollen uns von dir in allen Jammer hineinführen lassen? Viel besser tun wir, auf den Schiffen heimzusegeln und diesen hier allein vor Troja sich mit Ehrengeschenken mästen zu lassen! Hat er doch jetzt selbst den mächtigen Achill verunehrt und vorenthält ihm seine Ehrengabe. Aber der träge Pelide hat keine Galle in der Leber, sonst hätte der Tyrann zum letzten Male gefrevelt!«

Während Thersites so schalt, stellte sich Odysseus neben ihn und maß ihn mit finsterem Blick, dann hub er sein Zepter, bleute ihm Rücken und Schultern und rief. »Find ich dich noch einmal im Wahnsinne toben wie jetzt, du Schuft, so soll mein Haupt nicht auf meinen Schultern stehen und Telemachos nicht mein Sohn sein, wenn ich dir nicht die Kleider bis auf die Blöße vom Leibe ziehe und dich, mit Geißelhieben gestäupt, nackt zu den Schiffen sende!« Thersites krümmte sich unter den Streichen des Helden, mit blutigen Striemen auf Schulter und Nacken, und lief dann tobend vor Schmerz und heulend vor Wut von dannen. Im Volk aber stieß ein Nachbar den andern lachend an und freute sich darüber, daß der ekelhafte Mensch die verdiente Strafe erhielt.

Jetzt aber trat der Held Odysseus vor das Volk, neben ihn Pallas Athene, welche die Gestalt eines Herolds angenommen hatte und den Völkern Stillschweigen gebot. Er selbst hob seinen Fürstenstab in die Höhe, daß die Umstehenden aufmerkten, und sprach: »Sohn des Atreus! Wahrhaftig, so weit ist es gekommen, daß die Griechen dir Schmach bereiten und ihren Verheißungen ungetreu werden, sie, die versprochen haben, nicht eher von dannen zu ziehen, als bis sie Troja vertilgt hätten. Nun jammern sie wie Weiber und kleine Kinder nach der Heimkehr und klagen einander ihr Leid! Aber welche Schande wäre es für uns, nachdem wir so lange hier verweilt, leer heimzukehren! Darum, ihr Freunde, geduldet euch doch noch ein weniges; erinnert euch an das Zeichen, das uns vor unserer Abfahrt von Aulis zuteil wurde, als wir auf geweihten Altären, um jenen Sprudelquell her, Hekatomben unter dem schönen Ahornbaume opferten. Mir ist, als wäre es erst gestern geschehen! Ein gräßlicher Drache mit dunkelfarbigen Schuppen schlüpfte unter dem Altar hervor und fuhr schlängelnd an dem Ahornbaume hinauf. Dort hing ein Sperlingsnest mit nackten Jungen schwankend auf einem Aste: ihrer achte schmiegten sich in die Blätter, das neunte aber war die brütende Mutter der Vögel. Die umflog mit kläglichem Zwitschern die Kleinen, bis der Drache sein Haupt hindrehte und die Jammernde am Flügel erhaschte. Nachdem er die Mutter samt den Jungen verzehrt, verwandelte ihn Zeus, der den Drachen gesandt hatte, zum offenbaren Wunderzeichen in einen Stein; und ihr Achiver sahet es mit staunendem Grauen. Kalchas aber, der Seher, rief euch zu: ›Was stehet ihr verstummt, ihr Griechen? Wisset ihr nicht, daß dies Wunder eine Wahrsagung des Zeus ist? Die neun Sperlinge sind neun Jahre, die ihr um Troja kriegen werdet: im zehnten aber sollet ihr die prachtvolle Stadt erobern.‹ So weissagte damals Kalchas. Nun aber wird ja alles vollendet! Die neun Jahre des Kampfes sind vorüber, das zehnte Jahr ist erschienen, und der Sieg muß mit ihm kommen. So harret denn die kleine Weile miteinander noch aus, ihr Griechen! Bleibet, bis wir die Feste des Königes Priamos zerstört haben!«

Ein Jubel der versammelten Argiver beantwortete die Rede des Odysseus; der weise Nestor benützte die umgewandelte Stimmung der Völker und riet dem Könige Agamemnon, sofort, wenn sich etwa noch einer unbändig nach der Heimkehr sehnte, einem solchen nicht zu verweigern, zu Schiffe zu gehen und von dannen zu fahren. Dann aber sollte er die Männer nach Stamm und Geschlecht absondern und kämpfen lassen: so würde er am sichersten erfahren, wer von Kriegern und Führern der Mutigere oder der Feigere sei und ob Göttergewalt oder Furcht oder mangelnde Kriegserfahrung die Eroberung Trojas verhindere. Erfreut antwortete auf diesen Vorschlag der Völkerfürst:

»Fürwahr, Nestor, du, der Greis, übertriffst unsere Männer alle durch Einsicht. Hätte ich im Rate der Griechen noch zehn deinesgleichen, so sollte mir Trojas hochragende Burg bald zertrümmert in den Staub sinken! Ich selbst muß gestehen, daß ich unbesonnen gehandelt habe, mich mit Achill wegen des Mädchens zu entzweien. Zeus hatte mich damals mit Blindheit geschlagen. Versöhnen wir beide uns je wieder, so wird der Untergang Trojas nicht länger säumen! Doch nun wollen wir uns zum Angriffe rüsten; stärke sich jeder mit einem Mahl, bereite Schild und Lanze, füttre und tränke seine Rosse, besichtige den Streitwagen und gedenke der Schlacht, die bis zum Abend dauern wird. Bleibt mir einer absichtlich bei den Schiffen zurück, dessen Leib soll den Hunden und Vögeln nicht entgehen!«

Als Agamemnon ausgeredet, schrien die Danaer laut auf, daß es tönte wie die Meerflut, wenn sie sich beim Südwind am hohen Felsenstrande bricht. Das Volk sprang auf, jeder eilte zu seinen Schiffen, und bald sah man den Rauch des Frühstücks aus den Lagerhütten dampfen. Agamemnon selbst opferte dem Zeus einen Stier und lud die edelsten Achiver zum Mahle ein. Als dies vorüber war, gebot er den Herolden, die Griechen zur Schlacht zu rufen; und bald stürzten die Haufen, Scharen von Kranichen oder Schwänen gleich, die am Flußufer hinflattern, auf die Skamandrische Wiese. Die Führer, an ihrer Spitze der Atride, ordneten die Reihen. Herrlich war der Fürst der Fürsten Agamemnon anzuschauen, an Augen und Haupt dem Göttervater gleich, an breiter Brust dem Poseidon und gerüstet wie der streitbare Kriegsgott selbst.

Theseus als König



Theseus als König

Nachdem Theseus unter vielen Klagen seinen Vater bestattet hatte, weihte er dem Apollo, was er ihm gelobt hatte. Das Schiff, in welchem er mit den attischen Jünglingen und Jungfrauen abgefahren und gerettet zurückgekehrt war, ein Fahrzeug von dreißig Rudern, wurde zum ewigen Andenken von den Athenern aufbewahrt, indem das abgängige Holz immer wieder durch neues ersetzt ward. Und so wurde dieser heilige Überrest alter Heldenzeit noch geraume Zeit nach Alexander dem Großen den Freunden des Altertums gezeigt.

Theseus, der jetzt König geworden war, bewies bald, daß er nicht nur ein Held in Kampf und Fehde sei, sondern auch fähig, einen Staat einzurichten und ein Volk im Frieden zu beglücken. Hierin tat er es selbst seinem Vorbilde Herakles zuvor. Er unternahm nämlich ein großes und bewundernswürdiges Werk. Vor seiner Regierung wohnten die meisten Einwohner Attikas zerstreut um die Burg und kleine Stadt Athen herum, auf einzelnen Bauernhöfen und weilerartigen Dörfern. Sie konnten daher nur schwer zusammengebracht werden, um über öffentliche Angelegenheiten zu ratschlagen; ja bisweilen gerieten sie auch über kleinliche Gegenstände des Nachbarbesitzes miteinander in Streit. Theseus nun war es, der alle Bürger des attischen Gebietes in eine Stadt vereinigte und so aus den zerstreuten Gemeinden einen gemeinschaftlichen Staat bildete; und dieses große Werk brachte er nicht wie ein Tyrann durch Gewalt zustande, sondern er reiste bei den einzelnen Gemeinden und Geschlechtern herum und suchte ihre freiwillige Einstimmung zu erlangen. Die Armen und Niedrigen bedurften keiner langen Ermahnung, sie konnten bei dem Zusammenleben mit den Vermögenderen nur gewinnen; den Mächtigen und Reichen aber versprach er Beschränkung der Königsgewalt, die bisher zu Athen unbeschränkt gewesen war, und eine vollkommen freie Verfassung.«Ich selbst«, sprach er, »will nur euer Anführer im Kriege und Beschützer der Gesetze sein, im übrigen soll allen meinen Mitbürgern Gleichheit der Rechte gestattet werden.« Dieses leuchtete vielen der Vornehmen ein; andere, denen die Umwandlung der Staatsverhältnisse weniger willkommen war, fürchteten sich vor seiner Beliebtheit beim Volke, der großen Macht, die er bereits besaß, und seinem wohlbekannten kühnen Mute. Sie wollten daher lieber der Überredung desjenigen nachgeben, der sie zwingen konnte.

So hob er denn alle einzelnen Rathäuser und unabhängigen Obrigkeiten in den Gemeinden auf und gründete ein allen gemeinsames Rathaus mitten in der Stadt, stiftete auch ein Fest für alle Staatsbürger, welches er das Allathenerfest (Panathenäen) nannte. Erst jetzt wurde Athen zu einer förmlichen Stadt und auch sein Name Athen erst recht gangbar. Vorher war es nichts anders als eine Königsburg gewesen, Kekropsburg von ihrem Gründer benannt, und nur wenige Bürgerhäuser hatten darumher gestanden. Um diese neue Stadt noch mehr zu vergrößern, rief er unter Zusicherung gleicher Bürgerrechte aus allen Gegenden neue Ansiedler herbei; denn er wollte in Athen eine allgemeine Völkersiedlung gründen. Damit aber die zusammengeströmte Menschenmenge nicht Unordnung in den neubegründeten Staat brächte, teilte er das Volk zuerst in Edle, Landbauern und Handwerker und wies jedem Stande seine eigentümlichen Rechte und Pflichten zu, so daß die Edeln durch Ansehen und Amtstätigkeit, die Landbauern durch ihre Nützlichkeit, die Handwerker durch ihre Menge den Vorzug zu haben schienen. Seine eigene Gewalt als König beschränkte er, wie er versprochen hatte, und machte sie von dem Rate der Edeln und der Versammlung des Volkes abhängig.

Theseus auf Frauenraub



Theseus auf Frauenraub

Durch die Verbindung mit dem jungen Helden Peirithoos erwachte in dem verlassenen und alternden Theseus die Lust zu kühnen und selbst mutwilligen Abenteuern wieder. Dem Peirithoos war seine Gattin Hippodameia nach kurzem Besitze gestorben, und da auch Theseus jetzt ehelos war, so gingen beide auf Frauenraub aus. Damals war die nachher so berühmt gewordene Helena, die Tochter des Zeus und der Leda, die in dem Palaste ihres Stiefvaters Tyndareos zu Sparta aufwuchs, noch sehr jung. Aber sie war schon die schönste Jungfrau ihrer Zeit, und ihre Anmut fing an, in ganz Griechenland bekanntzuwerden. Diese sahen Theseus und Peirithoos, als sie auf dem genannten Raubzuge nach Sparta kamen, in einem Tempel der Artemis tanzen. Beide wurden von Liebe zu ihr entzündet. Sie raubten die Fürstin in ihrem Übermut aus dem Heiligtum und brachten sie zuerst nach Tegea in Arkadien. Hier warfen sie das Los über dieselbe, und einer versprach dem andern brüderlich, ihm, wenn das Los ihn verfehle, zum Raub einer andern Schönheit behilflich zu sein. Das Los teilte die Beute dem Theseus zu, und nun brachte dieser die Jungfrau nach Aphidnai im attischen Gebiete, übergab sie dort seiner Mutter Aithra und stellte sie unter den Schutz seines Freundes. Darauf zog Theseus weiter mit seinem Waffenbruder und beide sannen auf eine herkulische Tat. Peirithoos entschloß sich nämlich, die Gemahlin Plutos, Persephone, der Unterwelt zu entführen und sich durch ihren Besitz für den Verlust Helenas zu entschädigen. Daß ihnen dieser Versuch mißglückte und sie von Pluto zu ewigem Sitzen in der Unterwelt verdammt wurden, daß Herakles, der beide befreien wollte, nur den Theseus aus dem Hades erretten konnte, ist schon erzählt worden. Während nun Theseus auf diesem unglücklichen Zuge abwesend war und in der Unterwelt gefangen saß, machten sich die Brüder Helenas, Kastor und Pollux, auf und rückten in Attika ein, um ihre Schwester Helena zu befreien. Indessen verübten sie anfangs keine Feindseligkeiten im Lande, sondern kamen friedlich nach Athen und forderten hier die Zurückgabe Helenas. Als aber die Leute in der Stadt antworteten, daß sie weder die junge Fürstin bei sich hätten noch wüßten, wo Theseus sie zurückgelassen, wurden sie zornig und schickten sich, mit den sie begleitenden Scharen, zum wirklichen Kriege an. Jetzt erschraken die Athener, und einer aus ihrer Mitte, mit Namen Akademos, der das Geheimnis des Theseus auf irgendeine Art erfahren hatte, entdeckte den Brüdern, daß der Ort, wo sie verborgen gehalten werde, Aphidnai sei. Vor diese Stadt rückten nun Kastor und Pollux, siegten in einer Schlacht und eroberten den Platz mit Sturm.

Zu Athen hatte sich inzwischen auch anderes begeben, was für Theseus ungünstig war. Menestheus, der Sohn des Peteos, ein Urenkel des Erechtheus, hatte sich als Volksführer und Schmeichler der Menge um den leerstehenden Thron beworben und auch die Vornehmen aufgewiegelt, indem er ihnen vorstellte, wie der König sie dadurch, daß er sie von ihren Landsitzen in die Stadt hereingezogen, zu Untertanen und Sklaven gemacht habe. Dem Volk aber hielt er vor, wie es, dem Traume der Freiheit zulieb, seine ländlichen Heiligtümer und Götter habe verlassen müssen und, statt von vielen guten einheimischen Herren abhängig zu sein, einem Fremdling und Despoten diene. Wie nun die Nachricht, Aphidnai sei von den Tyndariden genommen, Athen mit Schrecken erfüllte, da benützte Menestheus auch diese Stimmung des Volkes. Er bewog die Bürger, den Söhnen des Tyndareos, welche die Jungfrau Helena, ihren Wächtern entrissen, mit sich führten, die Stadt zu öffnen und sie freundlich zu empfangen, da dieselben nur gegen Theseus, als den Räuber des Mädchens, Krieg führten. Und tatsächlich zeigte sich, daß Menestheus wahr gesprochen hatte: denn obgleich sie durch offene Tore in Athen einzogen und alles dort in ihrer Gewalt war, so taten sie doch niemand etwas zuleide, verlangten vielmehr nur, wie andere vornehme Athener und Verwandte des Herakles, in den Geheimdienst der eleusinischen Mysterien aufgenommen zu werden, und zogen dann mit ihrer geretteten Helena, von den Bürgern, die sie liebten und ehrten, zur Stadt hinausgeleitet, wieder in ihre Heimat.

Theseus bei Minos



Theseus bei Minos

Die erste Tat, die Theseus verrichtete, seitdem er als Königssohn und Erbe des attischen Throns an seines Vaters Seite lebte, war die Aufreibung der fünfzig Söhne seines Oheims Pallas, welche früher gehofft hatten, den Thron zu erlangen, wenn Aigeus ohne Kinder stürbe, und welche ergrimmt waren, daß jetzt nicht bloß ein angenommener Sohn des Pandion, wie Aigeus war, König der Athener sei, sondern daß auch in Zukunft ein hergelaufener Fremdling die Herrschaft über sie und das Land führen sollte. Sie griffen daher zu den Waffen und legten dem Ankömmling einen Hinterhalt. Aber der Herold, den sie mit sich führten und der ein fremder Mann war, verriet diesen Plan dem Theseus, der nun plötzlich ihr Versteck überfiel und alle fünfzig niedermachte. Um durch diese blutige Notwehr die Gemüter des Volkes nicht von sich abzukehren, zog hierauf Theseus auf ein gemeinnütziges Wagestück aus, bezwang den marathonischen Stier, der den Bewohnern vier attischer Gemeinden nicht wenig Not verursacht hatte, führte ihn zur Schau durch Athen und opferte ihn endlich dem Apollo.

Um diese Zeit kamen von der Insel Kreta zum drittenmal Abgeordnete des Königs Minos, um den gebräuchlichen Tribut abzuholen. Mit demselben verhielt es sich also: Der Sohn des Minos, Androgeos, war, wie die Sage ging, im attischen Gebiete durch Hinterlist getötet worden. Dafür hatte sein Vater die Einwohner mit einem verderblichen Kriege heimgesucht, und die Götter selbst hatten das Land durch Dürre und Seuchen verwüstet. Da tat das Orakel Apollos den Spruch, der Zorn der Götter und die Leiden der Athener würden aufhören, wenn sie den Minos besänftigten und seine Verzeihung erlangen könnten. Hierauf hatten sich die Athener mit Bitten an ihn gewendet und Frieden erhalten unter der Bedingung, daß sie alle neun Jahre sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen als Tribut nach Kreta zu schicken hätten. Diese sollen nun von Minos in sein berühmtes Labyrinth eingeschlossen worden sein, und dort habe sie, erzählt man, der gräßliche Minotauros, ein zwitterhaftes Geschöpf, das halb Mensch und halb Stier war, getötet, oder man habe sie verschmachten lassen. Als nun die Zeit des dritten Tributes herbeigekommen war und die Väter, welche unverheiratete Söhne und Töchter hatten, diese dem entsetzlichen Lose unterwerfen mußten, da erneuerte sich der Unwille der Bürger gegen Aigeus, und sie fingen an, darüber zu murren, daß er, der Urheber des ganzen Unheils, allein seinen Teil an der Strafe nicht zu leiden habe, und nachdem er einen hergelaufenen Bastard zum Nachfolger ernannt, gleichgültig zusehe, wie ihnen ihre rechtmäßigen Kinder entrissen würden. Den Theseus, der sich schon gewöhnt hatte, das Geschick seiner Mitbürger nicht als ein fremdes zu betrachten, schmerzten diese Klagen. Er stand in der Volksversammlung auf und erklärte, sich selbst ohne Los hinzugeben. Alles Volk bewunderte seinen Edelmut und aufopfernden Bürgersinn; auch blieb sein Entschluß, obgleich sein Vater ihn mit den dringendsten Bitten bestürmte, daß er ihn des unerwarteten Glückes, einen Sohn und Erben zu besitzen, doch nicht so bald wieder berauben solle, unerschütterlich fest. Seinen Vater aber beruhigte er durch die zuversichtliche Versicherung, daß er mit den herausgelosten Jünglingen und Jungfrauen nicht in das Verderben gehe, sondern den Minotauros bezwingen werde. Bisher nun war das Schiff, das die unglücklichen Opfer nach Kreta hinüberführte, zum Zeichen ihrer Rettungslosigkeit mit schwarzem Segel abgesendet worden. Jetzt aber, als Aigeus seinen Sohn mit so kühnem Stolze sprechen hörte, rüstete er zwar das Schiff noch auf dieselbe Weise aus, doch gab er dem Steuermann ein anderes Segel von weißer Farbe mit und befahl ihm, wenn Theseus gerettet zurückkehre, dieses auszuspannen; wo nicht, mit dem schwarzen zurückzukehren und so das Unglück zum voraus anzukündigen. Als nun das Los gezogen war, führte der junge Theseus die Knaben und Mädchen, die es getroffen hatte, zuerst in den Tempel des Apollo und brachte dem Gott in ihrem Namen den mit weißer Wolle umwundenen Ölzweig, das Weihgeschenk der Schutzflehenden, dar. Nachdem das feierliche Gebet gesprochen war, ging er von allem Volk begleitet mit den auserlesenen Jünglingen und Jungfrauen ans Meeresufer hinab und bestieg das Trauerschiff.

Das Orakel zu Delphi hatte ihm geraten, er solle die Göttin der Liebe zur Führerin wählen und ihr Geleite sich erbitten. Theseus verstand diesen Spruch nicht, brachte jedoch der Aphrodite ein Opfer dar. Der Erfolg aber gab der Weissagung ihren guten Sinn. Denn als Theseus auf Kreta gelandet und vor dem Könige Minos erschienen war, zog seine Schönheit und Heldenjugend die Augen der reizenden Königstochter Ariadne auf sich. Sie gestand ihm ihre Zuneigung in einer geheimen Unterredung und händigte ihm einen Knäuel Faden ein, dessen Ende er am Eingange des Labyrinthes festknüpfen und den er während des Hinschreitens durch die verwirrenden Irrgänge in der Hand ablaufen lassen sollte, bis er an die Stelle gelangt wäre, wo der Minotauros seine gräßliche Wache hielt. Zugleich übergab sie ihm ein gefeites Schwert, womit er dieses Ungeheuer töten könnte. Theseus ward mit allen seinen Gefährten von Minos in das Labyrinth geschickt, machte den Führer seiner Genossen, erlegte mit seiner Zauberwaffe den Minotauros und wand sich mit allen, die bei ihm waren, durch Hilfe des abgespulten Zwirns aus den Höhlengängen des Labyrinthes glücklich heraus. Jetzt entfloh Theseus samt allen seinen Gefährten mit Hilfe und in Begleitung Ariadnes, die der junge Held, beglückt durch den lieblichen Kampfpreis, den er unerwartet errungen, mit sich führte. Auf ihren Rat hatte er auch den Boden der kretischen Schiffe zerhauen und so ihrem Vater das Nachsetzen unmöglich gemacht. Schon glaubte er seine holde Beute ganz in Sicherheit und kehrte mit Ariadne sorglos auf der Insel Dia ein, die später Naxos genannt wurde. Da erschien ihm der Gott Bakchos im Traum, erklärte, daß Ariadne die ihm selbst vom Schicksal bestimmte Braut sei, und drohte ihm alles Unheil, wenn Theseus die Geliebte nicht ihm überlassen würde. Theseus war von seinem Großvater in Götterfurcht erzogen worden; er scheute den Zorn des Gottes, ließ die wehklagende, verzagende Königstochter auf der einsamen Insel zurück und schiffte weiter. In der Nacht erschien Ariadnes rechter Bräutigam, Bakchos, und entführte sie auf den Berg Drios; dort verschwand zuerst der Gott, bald darauf ward auch Ariadne unsichtbar. Theseus und seine Gefährten waren über den Raub der Jungfrau sehr betrübt. In ihrer Traurigkeit vergaßen sie, daß ihr Schiff noch die schwarzen Segel aufgezogen hatte, mit welchen es die attische Küste verlassen; sie unterließen, dem Befehle des Aigeus zufolge die weißen Tücher aufzuspannen, und das Schiff flog in seiner schwarzen Trauertracht der Heimatküste entgegen. Aigeus befand sich eben an der Küste, als das Schiff herangesegelt kam, und genoß von einem Felsenvorsprunge die Aussicht auf die offene See. Aus der schwarzen Farbe der Segel schloß er, daß sein Sohn tot sei. Da erhub er sich von dem Felsen, auf dem er saß, und im unbegrenzten Schmerze des Lebens überdrüssig, stürzte er sich in die jähe Tiefe; zu seinem Andenken nannte man von da an dies Meer das Ägäische. – Indessen war Theseus gelandet, und nachdem er im Hafen die Opfer dargebracht hatte, die er bei der Abfahrt den Göttern gelobt, schickte er einen Herold in die Stadt, die Rettung der sieben Jünglinge und Jungfrauen und seine eigene zu verkündigen. Der Bote wußte nicht, was er von dem Empfange denken sollte, der ihm in der Stadt zuteil ward. Während die einen ihn voll Freude bewillkommten und als den Überbringer froher Botschaft bekränzten, fand er andere in tiefe Trauer versenkt, die seinen fröhlichen Worten gar kein Gehör schenkten. Endlich löste sich ihm das Rätsel durch die erst allmählich sich verbreitende Nachricht vom Tode des Königes Aigeus. Der Herold nahm nun zwar die Kränze in Empfang, schmückte aber damit nicht seine Stirne, sondern nur den Heroldsstab und kehrte so zum Gestade zurück. Hier fand er den Theseus noch im Tempel mit der Darbringung des Dankopfers beschäftigt; er blieb daher vor der Türe des Tempels stehen, damit die heilige Handlung nicht durch die Trauernachricht gestört würde. Sobald das Brandopfer ausgegossen war, meldete er des Aigeus Ende. Theseus warf sich, vom Schmerz wie vom Blitze getroffen, zur Erde, und als er sich wieder aufgerafft hatte, eilten alle, nicht unter Freudenjubel, wie sie es sich gedacht hatten, sondern unter Wehgeschrei und Klageruf in die Stadt.

Theseus‘ Ende



Theseus‘ Ende

Inzwischen war Theseus, von Herakles befreit, aus dem Hades zurückgekehrt. Ruhe war ihm auch jetzt nicht auf dem Thron beschieden; denn als er das Ruder das Staates wieder ergriff, brachen Empörungen gegen ihn aus, an deren Spitze immer Menestheus stand, welcher hinter sich die Partei der Edeln hatte, die immer noch von Pallas, seinem Oheime, und dessen besiegten und erschlagenen Söhnen sich die Pallantiden nannten. Diejenigen, welche ihn vorher gehaßt hatten, verlernten allmählich auch die Furcht vor ihm, und das gemeine Volk hatte Menestheus so verwöhnt, daß es, anstatt zu gehorchen, immer nur geschmeichelt werden wollte. Anfänglich versuchte nun Theseus gewaltsame Mittel; als aber aufwieglerische Umtriebe und offene Widersetzlichkeit alle seine Bemühungen vereitelten, da beschloß der unglückliche König, seine unbotmäßige Stadt freiwillig zu verlassen, nachdem er schon vorher seine Söhne Akamas und Demophoon heimlich nach Euböa zu dem Fürsten Elephenor geflüchtet hatte. In einem Flecken von Attika, Gargettos genannt, sprach er feierliche Verwünschungen gegen die Athener aus, da, wo man noch lange nachher das Verwünschungsfeld zeigte; dann schüttelte er den Staub von seinen Füßen und schiffte sich nach Skyros ein. Die Einwohner dieser Insel hielt er für seine besonderen Freunde, denn der König besaß darauf ansehnliche Güter, die er von seinem Vater geerbt hatte.

Damals war Lykomedes Beherrscher von Skyros. Zu diesem ging Theseus und bat sich von ihm seine Güter aus, um auf denselben seinen Sitz zu nehmen. Aber das Geschick hatte ihn einen schlimmen Weg geführt. Lykomedes, sei es, daß er den großen Ruf des Mannes fürchtete, sei’s, daß er mit Menestheus in geheimem Einverständnisse war, dachte darauf, wie er den in seine Hände gegebenen Gast, ohne Aufsehen zu erregen, aus dem Wege räumen könnte. Er führte ihn deswegen auf den höchsten Felsengipfel der Insel, der schroff in das Land hinaussprang. Er wollte ihn, war sein Vorgeben, die schönen Güter, die sein Vater auf dem Eilande besessen hatte, mit einem Blick überschauen lassen. Theseus, oben angekommen, ließ seine Augen freudig über die herrlichen Gefilde streifen: da gab ihm der treulose Fürst einen Stoß von hinten, daß er über die Felsen hinabstürzte und nur sein zerschmetterter Leichnam in der Tiefe ankam.

Zu Athen war Theseus von dem undankbaren Volke bald vergessen, und Menestheus regierte, als wenn er den Thron von vielen Ahnen ererbt hätte. Die Söhne des Theseus zogen mit dem Helden Elephenor als gemeine Krieger vor Troja. Erst als dort Menestheus gefallen war, kehrten sie nach Athen zurück und brachten das Zepter des Königtums wieder in ihre eigne Hand.

Viele Jahrhunderte später sollte es kommen, daß die Athener Theseus als ihren Heros verehrten; als sie nämlich bei Marathon die schwere Schlacht gegen die Perser schlugen, da stieg der alte Recke aus dem Grabe, um gerüstet mit seinen alten Waffen, an der Spitze seines Volkes, gegen die Barbaren zu kämpfen. Darum befahl das Orakel von Delphi den Athenern, des Theseus Gebeine zu holen und ehrenvoll zu bestatten. Aber wo sollten sie dieselben suchen? Und wenn sie auch auf der Insel Skyros das Grab gefunden hätten, wie sollten sie seine Überreste aus den Händen roher und den Fremden unzugänglicher Barbaren erlosen? Da geschah es, daß der berühmte Athener Kimon, der Sohn des Miltiades, auf einem neuen Feldzuge die Insel Skyros eroberte. Während er nun mit großem Eifer das Grab des Nationalheros aufsuchte, bemerkte er über einem Hügel einen Adler schwebend. Er machte halt an dieser Stelle und sah bald, wie der Vogel herabschoß und die Erde des Grabhügels mit seinen Krallen aufscharrte. Kimon erblickte in diesem Zeichen eine göttliche Fügung, ließ nachgraben und fand tief in der Erde den Sarg eines großen Leichnams, daneben eine eherne Lanze und ein Schwert. Er und seine Begleiter zweifelten nicht daran, des Theseus Gebeine gefunden zu haben. Die heiligen Überreste wurden von Kimon auf ein schönes Kriegsschiff mit drei Ruderbänken gebracht und in Athen mit Jubel, unter glänzenden Aufzügen und Opfern empfangen. Es war, als ob Theseus selbst in die Stadt zurückkehrte. So bezahlten nach Jahrhunderten die Nachkommen dem Begründer der Freiheit und Bürgerverfassung Athens den Dank, den ihm eine schnöde Mitwelt schuldig geblieben war.

Theseus in Athen



Theseus in Athen

Zu Athen fand der junge Held nicht den Frieden und die Freude, die er erwartet hatte. Bei der Bürgerschaft herrschte Verwirrung und Zwietracht, und das Haus seines Vaters Aigeus selbst fand er in trauriger Lage. Medea, die auf ihrem Drachenwagen Korinth und den verzweifelnden Iason verlassen hatte, war zu Athen angekommen, hatte sich in die Gunst des alten Aigeus eingeschlichen und versprochen, durch ihre Zaubermittel ihm die Kraft seiner Jugend zurückzugeben. Deswegen lebte der König mit ihr in vertrautem Verhältnisse. Durch ihren Zauber hatte das furchtbare Weib vorher Kunde von der Ankunft des Theseus erhalten, und nun überredete sie den Aigeus, den der Parteizwist seiner Bürger mit Argwohn erfüllte, den Fremdling, in welchem er den Sohn nicht ahnte und den sie ihm als einen gefährlichen Späher darzustellen wußte, als Gast zu bewirten und mit Gift aus dem Wege zu räumen. So erschien denn Theseus unerkannt beim Frühmahle und freute sich, den Vater selbst entdecken zu lassen, wen er vor sich habe. Schon war ihm der Giftbecher vorgesetzt, und Medea harrte mit Ungeduld auf den Augenblick, wo der neue Ankömmling, von dem sie aus dem Hause vertrieben zu werden fürchtete, die ersten Züge daraus tun würde, die wirksam genug sein sollten, ihm die jungen wachsamen Augen für immer zu schließen. Theseus aber, den mehr nach der Umarmung seines Vaters als nach dem Becher verlangte, zog, scheinbar um das vorgelegte Fleisch zu zerschneiden, das Schwert, das sein Vater für ihn hinter den Felsblock hinterlegt hatte, damit Aigeus es gewahr werden und den Sohn in ihm erkennen sollte. Dieser sah nicht so bald die ihm wohlbekannte Waffe blinken, als er den Giftbecher umwarf, und nachdem er sich durch einige Fragen vollends überzeugt hatte, daß er den vom Schicksal ersehnten Sohn in junger Heldenblüte vor sich habe, so schloß er ihn in seine Arme. Sofort stellte der Vater ihn der Versammlung des Volkes vor, dem er die Abenteuer seiner Reise erzählen mußte und das den früh erprobten Helden mit freudigem Jauchzen begrüßte. Gegen die falsche Medea hatte der König Aigeus jetzt einen Abscheu gefaßt, und die mordlustige Zauberin wurde aus dem Lande vertrieben.

Theseus und Peirithoos Lapithen- und Zentaurenkampf



Theseus und Peirithoos Lapithen- und Zentaurenkampf

Theseus stand im Rufe außerordentlicher Stärke und Tapferkeit. Peirithoos, einer der berühmtesten Helden des Altertums, ein Sohn Ixions, empfand Lust, ihn auf die Probe zu setzen, und trieb Rinder, die jenem gehörten, von Marathon weg; und als ihm zu Ohren kam, daß Theseus, die Waffen in der Hand, ihm nachsetze, da hatte er, was er wollte, und floh nicht, sondern wandte sich um, ihm entgegenzusehen. Als die beiden Helden einander nahe genug waren, um einer den andern zu messen, da wurde jeder von Bewunderung der schönen Gestalt und der Kühnheit des Gegners so sehr ergriffen, daß sie wie auf ein gegebenes Zeichen die Streitwaffen zu Boden warfen und aufeinander zueilten. Peirithoos streckte dem Theseus die Rechte entgegen und forderte ihn auf, selbst als Schiedsrichter über den Raub der Rinder zu entscheiden: welche Genugtuung Theseus bestimmen werde, der wolle er sich freiwillig unterwerfen. »Die einzige Genugtuung, die ich verlange«, erwiderte Theseus mit leuchtendem Blicke, »ist die, daß du aus einem Feinde und Beschädiger mein Freund und Kampfgenosse werdest!« Nun umarmten sich die beiden Helden und schwuren einander treue Freundschaft zu.

Als hierauf Peirithoos die thessalische Fürstentochter Hippodameia, aus dem Geschlechte der Lapithen, freite, lud er auch seinen Waffenbruder Theseus zu der Hochzeit. Die Lapithen, unter denen die Festlichkeit gefeiert wurde, waren ein berühmter Stamm Thessaliens, rohe, zur Tiergestalt sich neigende Bergmenschen, die ersten Sterblichen, welche Pferde bändigen lernten. Die Braut aber, welche diesem Geschlechte entsproßt war, hatte nichts den Männern dieses Stammes Ähnliches. Sie war holdselig von Gestalt, zarten jungfräulichen Antlitzes und so schön, daß den Peirithoos alle Gäste um ihretwillen glückselig priesen. Sämtliche Fürsten Thessaliens waren bei dem Feste erschienen; aber auch die Verwandten des Peirithoos, die Zentauren, fanden sich ein, die Halbmenschen, die von dem Ungeheuer abstammten, das die Wolke, welche Ixion, der Vater des Peirithoos, anstatt der Hera umarmt hatte, diesem geboren; daher sie auch alle zusammen die Wolkensöhne hießen. Sie waren die beständigen Feinde der Lapithen. Diesmal aber hatte die Verwandtschaft mit dem Bräutigam sie den alten Groll vergessen lassen und zu dem Freudenfeste herbeigelockt. Die festliche Hofburg des Peirithoos erscholl von wirrem Getümmel; Brautlieder wurden gesungen, von Glut, Wein und Speisen dampften die Gemächer. Der Palast faßte nicht alle die Gäste. Lapithen und Zentauren, in bunten Reihen gemengt, saßen an geordneten Tischen in baumumschatteten Grotten zu Gaste.

Lange rauschte das Fest in ungestörter Fröhlichkeit. Da begann vom vielen Genusse des Weines das Herz des Wildesten unter den Zentauren, Eurytion, zu rasen; und der Anblick der schönen Jungfrau Hippodameia verführte ihn zu dem tollen Gedanken, dem Bräutigam seine Braut zu rauben. Niemand wußte, wie es gekommen war, niemand hatte den Beginn der unsinnigen Tat bemerkt, aber auf einmal sahen die Gäste den wütenden Eurytion, wie er die sich sträubende und hilferufende Hippodameia an den Haaren gewaltsam auf dem Boden schleifte. Seine Untat war für die weinerhitzte Schar der Zentauren ein Zeichen, gleiches zu wagen; und ehe die fremden Helden und Lapithen sich von ihren Sitzen erhoben hatten, hielt schon jeder der Zentauren eins der thessalischen Mädchen, die am Hofe des Königes dienten oder als Gäste bei der Hochzeit zugegen waren, mit rohen Händen als eine Beute gefaßt. Die Hofburg und die Gärten glichen einer eroberten Stadt. Das Geschrei der Weiber hallte durch das weite Haus. Schnell sprangen Freunde und Geschlechtsverwandte der Braut von ihren Sitzen empor. »Welche Verblendung treibt dich, Eurytion«, rief Theseus, »den Peirithoos zu reizen, während ich noch lebe, und so zwei Helden in einem zu kränken?« Mit diesem Worte drang er auf die Stürmenden ein und entriß dem wütenden Räuber die Geraubte. Eurytion sprach nichts darauf, denn er konnte seine Tat nicht verteidigen, sondern er hub seine Hand gegen Theseus auf und versetzte diesem einen Schlag auf die Brust. Aber Theseus ergriff, da ihm keine Waffe zur Hand war, einen ehernen Krug mit erhabener Arbeit, der zufällig neben ihm stand; diesen schmetterte er dem Gegner ins Antlitz, daß er rücklings in den Sand fiel und Gehirn und Blut zugleich aus der Kopfwunde drang. »Zu den Waffen!« scholl es jetzt von allen Seiten an den Zentaurentischen; zuerst flogen Becher, Flaschen und Näpfe, dann entriß ein tempelräuberisches Untier die Weihgeschenke den benachbarten heiligen Stätten; ein anderer riß die Lampe herab, die über dem Mahle voll Kerzen brannte, wieder ein anderer focht mit einem Hirschgeweih, das an den Wänden der Grotte als Schmuck und Weihgeschenk hing. Ein entsetzliches Gemetzel wurde unter den Lapithen angerichtet. Rhötos, der Schlimmste nach Eurytion, ergriff die größte Brandfackel vom Altare und bohrte sie einem schon verwundeten Lapithen wie ein Schwert in die klaffende Wunde, daß das Blut wie Eisen in der Esse zischte. Gegen diesen jedoch hub der tapferste Lapithe, Dryas, einen im Feuer geglühten Pfahl und durchbohrte ihn zwischen Nacken und Schulter. Der Fall dieses Zentauren tat dem Morden seiner rasenden Gesellen Einhalt, und Dryas vergalt nun den Wütenden, indem er fünf hintereinander niederstreckte. Jetzt flog auch der Speer des Helden Peirithoos und durchbohrte einen riesigen Zentauren, den Petraios, wie er gerade einen Eichenstamm aus der Erde zu rütteln bemüht war, und damit zu kämpfen; sowie er den Stamm eben umklammert hielt, heftete der Speer seine schwer atmende Brust ans knorrige Eichenholz. Ein zweiter, Diktys, fiel von den Streichen des griechischen Helden und zerknickte im Fallen eine mächtige Esche. Ein dritter wollte diesen rächen, wurde aber von Theseus mit einem Eichpfahl zermalmt. Der schönste und jugendlichste unter den Zentauren war Kyllaros; goldfarben sein langes Lockenhaar und sein Bart, sein Antlitz freundlich, Nacken, Schultern, Hände und Brust wie vom Künstler geformt, auch der untere Teil seines Körpers, der Roßleib, war ohne Fehler, der Rücken bequem zum Sitzen, die Brust hochgewölbt, die Farbe pechschwarz, nur Beine und Schweif lichtfarbig. Er war mit seiner Geliebten, der schönen Zentaurin Hylonome, beim Fest erschienen, die sich beim Mahle liebkosend an ihn lehnte und auch jetzt mit ihm vereint im wütenden Kampf an seiner Seite focht. Diesen traf, von unbekannter Hand, eine Wunde ins Herz, daß er, zum Tode verwundet, seiner Geliebten in die Arme sank. Hylonome pflegte seine sterbenden Glieder, küßte ihn und versuchte vergebens, den entfliehenden Atem aufzuhalten. Als sie ihn verscheiden sah, zog sie ihm den Wurfpfeil aus dem Herzen und stürzte sich darein.

Noch lange wütete der Kampf zwischen den Lapithen und den Zentauren fort, bis die letzteren ganz unterlegen waren und nur Flucht und Nacht dem weitern Gemetzel sie entrückte. Jetzt blieb Peirithoos im unbestrittenen Besitze seiner Braut, und Theseus verabschiedete sich am andere Morgen von seinem Freunde. Der gemeinschaftliche Kampf hatte das frischgeknüpfte Band dieser Verbrüderung schnell in einen unauflöslichen Knoten zusammengezogen.

Theseus und Phädra



Theseus und Phädra

Theseus stand jetzt auf dem Wendepunkte seines Glücks. Gerade ein Versuch, dasselbe nicht nur auf Abenteuern zu suchen, sondern es sich an seinem eigenen Herde zu gründen, stürzte ihn in schwere Drangsal. Als der Held in der Blüte seiner Taten und in den ersten Jünglingsjahren die Geliebte seiner Jugend Ariadne ihrem Vater Minos aus Kreta entführte, wurde diese von ihrer kleinen Schwester Phädra begleitet, welche nicht von ihr weichen wollte und, nachdem Ariadne von Bakchos geraubt worden war, den Theseus nach Athen begleitete, weil sie nicht wagen durfte, zu ihrem tyrannischen Vater zurückzukehren. Erst als ihr Vater gestorben war, ging das aufblühende Mädchen in ihre Heimat Kreta zurück und erwuchs dort in dem Königshause ihres Bruders Deukalion, der als der älteste Sohn des Königes Minos die Insel jetzt beherrschte, zu einer schönen und klugen Jungfrau heran. Theseus, der nach dem Tode seiner Gemahlin Hippolyte lange Zeit unvermählt geblieben war, hörte viel von ihren Reizen und hoffte, sie an Schönheit und Anmut seiner ersten Geliebten, ihrer Schwester Ariadne, ähnlich zu finden; Deukalion, der neue König von Kreta, war auch dem Helden nicht abhold und schloß, als Theseus von der blutigen Hochzeit seines thessalischen Freundes zurückgekehrt war, ein Schutz-und-Trutz-Bündnis mit den Athenern. An ihn wandte sich nun Theseus mit seiner Bitte, ihm die Schwester Phädra zur Gemahlin zu geben. Sie wurde ihm nicht versagt, und bald führte der Sohn des Aigeus die Jungfrau aus Kreta heim, die wirklich von Gestalt und äußerer Sitte der Geliebten seiner Jugend so ähnlich war, daß Theseus die Hoffnung seiner jungen Jahre im späteren Mannesalter erfüllt glauben konnte. Damit zu seinem Glücke nichts fehlen konnte, gebar sie in den ersten Jahren ihrer Ehe dem Könige zwei Söhne, den Akamas und den Demophoon. Aber Phädra war nicht so gut und treu, als sie schön war. Ihr gefiel der junge Sohn des Königes, Hippolytos, der ihres Alters war, besser als der greise Vater. Dieser Hippolytos war der einzige Sohn, den die von Theseus entführte Amazone ihrem Gemahl geboren hatte. In früher Jugend hatte der Vater den Knaben nach Trözen geschickt, um ihn bei den Brüdern seiner Mutter Aithra erziehen zu lassen. Wie er erwachsen war, kam der schöne und züchtige Jüngling, der sein ganzes Leben der reinen Göttin Artemis zu weihen beschlossen und noch keiner Frau ins Auge geschaut hatte, nach Athen und Eleusis, um hier die Mysterien mitfeiern zu helfen. Da sah ihn Phädra zum ersten Male; sie glaubte ihren Gatten verjüngt wiederzusehen, und seine schöne Gestalt und Unschuld entflammte ihr Herz zu unreinen Wünschen; doch verschloß sie ihre verkehrte Leidenschaft noch in ihre Brust. Als der Jüngling abgereist war, erbaute sie auf der Burg von Athen der Liebesgöttin einen Tempel, von wo aus man nach Trözen blicken konnte und der später Tempel der Aphrodite Fernschauerin genannt ward. Hier saß sie tagelang, den Blick auf das Meer gerichtet. Als endlich Theseus eine Reise nach Trözen machte, seine dortigen Verwandten und den Sohn zu besuchen, begleitete ihn seine Gemahlin dorthin und verweilte geraume Zeit daselbst. Auch hier kämpfte sie noch lange mit dem unlautern Feuer in ihrer Brust, suchte die Einsamkeit und verweinte ihr Elend unter einem Myrtenbaume. Endlich aber vertraute sie sich ihrer alten Amme, einem verschmitzten und ihrer Gebieterin in blinder und törichter Liebe ergebenen Weibe an, die es bald über sich nahm, den Jüngling von der strafbaren Leidenschaft seiner Stiefmutter zu unterrichten. Aber der unschuldige Hippolytos hörte ihren Bericht mit Abscheu an, und sein Entsetzen stieg, als ihm die pflichtvergessene Stiefmutter sogar den Antrag machen ließ, den eigenen Vater vom Throne zu stoßen und mit der Ehebrecherin Zepter und Herrschaft zu teilen. In seinem Abscheu fluchte er allen Weibern und meinte schon durch das bloße Anhören eines so schändlichen Vorschlags entweiht zu sein. Und weil Theseus gerade abwesend von Trözen war – denn diesen Zeitpunkt hatte das treulose Weib erwählt –, so erklärte Hippolytos, auch keinen Augenblick mit Phädra unter einem Dache verweilen zu wollen, und eilte, nachdem er die Amme gebührend abgefertigt, ins Freie, um im Dienste seiner geliebten Herrin, der Göttin Artemis, in den Wäldern zu jagen und so lange dem Königshause nicht wieder zu nahen, bis sein Vater zurückgekehrt sein würde und er sein gepeinigtes Herz vor ihm ausschütten könnte.

Phädra vermochte die Abweisung ihrer verbrecherischen Anträge nicht zu überleben. Das Bewußtsein ihres Frevels und die unerhörte Leidenschaft stritten sich in ihrer Brust; aber die Bosheit gewann die Oberhand. Als Theseus zurückkehrte, fand er seine Gattin erhängt und in ihrer krampfhaft zusammengeballten Rechten einen von ihr vor dem Tode abgefaßten Brief, in welchem geschrieben stand: ›Hippolytos hat nach meiner Ehre getrachtet; seinen Nachstellungen zu entfliehen ist mir nur ein Ausweg geblieben. Ich bin gestorben, ehe ich die Treue meinem Gatten verletzt habe.‹ Lange stand Theseus vor Entsetzen und Abscheu wie eingewurzelt in der Erde. Endlich hub er seine Hände gen Himmel und betete: »Vater Poseidon, der du mich stets geliebt hast wie dein leibliches Kind, du hast mir einst drei Bitten freigegeben, die du mir erfüllen wollest und deine Gnade mir erzeigen unweigerlich. Jetzt gemahne ich dich an dein Versprechen. Nur eine Bitte will ich erfüllt haben: Laß meinem Sohn an diesem Tag die Sonne nicht mehr untergehen!« Kaum hatte er diesen Fluch ausgesprochen, als auch Hippolytos, von der Jagd heimgekehrt und von der Rückkehr seines Vaters unterrichtet, in den Palast einging und der Spur des Weheklagens nachgehend vor das Antlitz des Vaters und die Leiche der Stiefmutter trat. Auf die Schmähungen des Vaters erwiderte der Sohn mit sanfter Ruhe: »Vater, mein Gewissen ist rein. Ich weiß mich einer Untat nicht schuldig.« Aber Theseus hielt ihm den Brief seiner Stiefmutter entgegen und verbannte ihn ungerichtet aus dem Lande. Hippolytos rief seine Schutzgöttin, die jungfräuliche Artemis, zur Zeugin seiner Unschuld auf und sagte seinem zweiten Heimatlande Trözen unter Seufzern und Tränen Lebewohl.

Noch am Abende desselben Tages suchte den König Theseus ein Eilbote auf und sprach, als er vor ihn gestellt war: »Herr und König, dein Sohn Hippolytos sieht das Tageslicht nicht mehr!« Theseus empfing diese Botschaft ganz kalt und sagte mit bitterem Lächeln: »Hat ihn ein Feind erschlagen, dessen Weib er entehrt, wie er das Weib des Vaters entehren wollte?« »Nein, Herr!« erwiderte der Bote. »Sein eigener Wagen und der Fluch deines Mundes haben ihn umgebracht!« »O Poseidon«, sprach Theseus, die Hände dankend zum Himmel erhoben, »so hast du dich mir heute als ein rechter Vater bezeigt und meine Bitte erhört! Aber sprich, Bote, wie hat mein Sohn geendet, wie hat meinen Ehrenschänder die Keule der Vergeltung getroffen?« Der Bote fing an zu erzählen: »Wir Diener striegelten am Meeresufer die Rosse unseres Herrn Hippolytos, als die Botschaft von seiner Verbannung und bald er selbst kam, von einer Schar wehklagender Jugendfreunde begleitet, und uns Rosse und Wagen zur Abfahrt zu rüsten befahl. Als alles bereit war, hub er die Hände gen Himmel und betete: ›Zeus, mögest du mich vertilgen, wenn ich ein schlechter Mann war! Und möge, sei ich nun tot oder lebendig, mein Vater erfahren, daß er mich ohne Fug entehrt!‹ Dann nahm er den Rossestachel zur Hand, schwang sich auf den Wagen, ergriff die Zügel und fuhr, von uns Dienern begleitet, auf dem Wege nach Argos und Epidaurien davon. Wir waren so ans öde Meergestade gekommen, zu unserer Rechten die Flut, zur Linken von den Hügeln vorspringende Felsblöcke, als wir plötzlich ein tiefes Geräusch vernahmen, unterirdischem Donner ähnlich. Die Rosse wurden aufmerksam und spitzten ihr Ohr; wir alle sahen uns ängstlich um, woher der Schall käme. Als unser Blick auf das Meer fiel, zeigte sich uns hier eine Welle, die turmhoch gen Himmel ragte und alle Aussicht auf das weitere Ufer und den Isthmos uns benahm; der Wasserschwall ergoß sich bald mit Schaum und Tosen über das Ufer, gerade auf den Pfad zu, den die Rosse gingen. Mit der tobenden Welle zugleich aber spie die See ein Ungeheuer aus, einen riesenhaften Stier, von dessen Brüllen das Ufer und die Felsen widerhallten. Dieser Anblick jagte den Pferden eine plötzliche Angst ein. Unser Herr jedoch, ans Lenken der Rosse gewöhnt, zog den Zügel mit beiden Händen straff an und gebrauchte desselben, wie ein geschickter Steuermann sein Ruder regiert. Aber die Rosse waren läufig geworden, bissen in den Zaum und rannten dem Lenker ungehorsam davon. Aber wie sie nun auf ebener Straße fortjagen wollten, vertrat ihnen das Seeungeheuer den Weg; bogen sie seitwärts zu den Felsen um, so drängte es sie ganz hinüber, indem es den Rädern dicht zur Seite trabte. So geschah es endlich, daß auf der andern Seite die Radfelgen auf die Felsen aufzusitzen kamen und dein unglücklicher Sohn kopfüber herabgestürzt und mitsamt dem umgeworfenen Wagen von den Rossen, die ohne Führer dahinstürmten, über Sand und Felsgestein geschleift wurde. Alles ging viel zu schnell, als daß wir begleitenden Diener dem Herrn hätten zu Hilfe kommen können. Halbzerschmettert hauchte er den Zuruf an seine sonst so gehorsamen Rosse und die Wehklage über den Fluch seines Vaters in die Lüfte. Eine Felsecke entzog uns den Anblick. Das Meerungeheuer war verschwunden, wie vom Boden eingeschlungen. Während nun die übrigen Diener atemlos die Spur des Wagens verfolgten, bin ich hierhergeeilt, o König, das jammervolle Schicksal deines Sohnes dir zu verkünden!«

Theseus starrte auf diesen Bericht lange sprachlos zu Boden. »Ich freue mich nicht über sein Unglück; ich beklage es nicht«, sprach er endlich nachsinnend und in Zweifel vertieft. »Könnte ich ihn doch lebend noch sehen, ihn befragen, mit ihm handeln über seine Schuld.« Diese Rede wurde durch das Wehgeschrei einer alten Frau unterbrochen, die mit grauem, fliegendem Haar und zerrissenem Gewande herbeieilend die Reihen der Dienerschaft trennte und dem Könige Theseus sich zu Füßen warf. Es war die greise Amme der Königin Phädra, die auf das Gerücht von Hippolytos‘ jämmerlichem Untergange, von ihrem Gewissen gefoltert, nicht länger schweigen konnte und unter Tränen und Geschrei die Unschuld des Jünglings und die Schuld ihrer Gebieterin dem König offenbarte. Ehe der unglückliche Vater recht zur Besinnung kommen konnte, wurde auf einer Tragbahre von wehklagenden Dienern sein Sohn Hippolytos, zerschmettert, aber noch atmend, in den Palast und vor seine Augen getragen. Theseus warf sich reumütig und verzweifelnd über den Sterbenden, der seine letzten Lebensgeister zusammenraffte und an die Umstehenden die Frage richtete: »Ist meine Unschuld erkannt?« Ein Wink der Nächststehenden gab ihm diesen Trost. »Unglückseliger getäuschter Vater«, sprach der sterbende Jüngling, »ich vergebe dir!« und verschied.

Er wurde von Theseus unter denselben Myrtenbaum begraben, unter welchem einst Phädra mit ihrer Liebe gekämpft und dessen Blätter sie oft, in der Verzweiflung an den Ästen zerrend, zerrissen hatte und wo nun, als an ihrem Lieblingsplatz, auch ihre Leiche beigesetzt war; denn der König wollte seine Gemahlin im Tode nicht entehren.

Tod des Patroklos



Tod des Patroklos

Indes um das Schiff, auf welchem Ajax stand, auf Tod und Leben gekämpft wurde, war Patroklos, als er das Zelt des wunden Eurypylos verlassen, zu seinem Freunde Achill geeilt, und als er in dessen Lagerhütte eintrat, stürzten ihm die Tränen aus den Augen, wie eine finstere Quelle, die ihr dunkles Wasser aus steilen Klippen gießt. Mitleidig sah ihn der Pelide an und sprach zu ihm: »Du weinst ja wie ein junges Mädchen, Freund Patroklos, das der Mutter nachläuft und: ›Nimm mich!‹ schreit und sich lang an ihr Kleid anklammert, bis die Mutter es aufhebt! Bringst du meinen Myrmidonen, mir oder dir selbst schlimme Botschaft aus Phthia? Ich weiß doch, dein Vater Menötios lebt, mein Vater Peleus lebt! Oder beklagst du vielleicht das Volk von Argos, daß es so jämmerlich zugrunde geht, zum Lohn seines eigenen Frevels? Rede nur immer ehrlich heraus und laß mich alles wissen!« Schwer seufzte bei dieser Frage Patroklos auf und sprach endlich: »Zürne mir nicht, erhabenster Held! Allerdings lastet der Gram der Griechen schwer auf meiner Seele! Alle Tapfersten liegen von Wurf oder Stoß getroffen bei den Schiffen umher; wund ist Diomedes; lanzenwund Odysseus und Agamemnon; den Euryplos traf ein Pfeil in den Schenkel: sie alle sind den Ärzten zur Heilung übergeben, statt daß sie in unsern Reihen kämpfen sollten. Du aber bleibst unerbittlich; nicht Peleus und Thetis, der Mensch und die Göttin, können deine Eltern sein; dich muß das finstre Meer oder ein starrer Fels geboren haben, so unfreundlich ist dein Herz! Nun denn, wenn die Worte deiner Mutter und ein Bescheid der Götter dich zurückhalten, so sende wenigstens mich und deine Krieger ab, ob wir den Griechen nicht vielleicht Trost bringen. Laß mich deine eigene Rüstung anlegen: leicht mag es sein, wenn die Trojaner mich sehen und dich zu erblicken glauben, daß sie vom Kampf abstehen und den Danaern Zeit lassen, sich zu erholen!«

Aber Achill erwiderte unmutig: »Wehe mir, Freund! Nicht das Wort meiner Mutter, auch kein Götterausspruch hindert mich; nur der bittere Schmerz frißt mir an der Seele, daß ein Grieche es gewagt hat, mich, den Ebenbürtigen, des Ehrengeschenks zu berauben. Dennoch habe ich mir nicht vorgesetzt, ewig zu grollen, und war von jeher entschlossen, wenn das Schlachtgetümmel bis zu den Schiffen gelangen sollte, meinem Groll Abschied zu sagen. Selber Anteil am Kampfe zu nehmen, kann ich mich zwar noch nicht entschließen; du aber hülle immerhin deine Schultern in meine Rüstung und führe auch unser streitbares Volk zum Kampfe. Stürze mit aller Macht auf die Trojaner und treibe sie aus den Schiffen fort! Nur an einen lege die Hände nicht, und dies ist Hektor; auch hüte dich, daß du nicht einem Gott in die Hände fallest; denn Apollo liebt unsre Feinde! Wenn du die Schiffe gerettet hast, kehre wieder um. Die andere mögen sich dann auf dem offenen Felde gegenseitig ermorden; denn eigentlich wäre es doch am besten, wenn gar kein Danaer davonkäme und wir zwei allein der Vertilgung entgingen und Trojas Mauern niederreißen könnten!«

Bei den Schiffen atmete inzwischen Ajax immer schwerer. Sein Helm rasselte von feindlichen Geschossen; die Schulter, vom aufliegenden Schilde beschwert, fing an ihm zu erstarren: der Angstschweiß floß ihm von den Gliedern herab, und keine Erholung durfte er sich gönnen. Als nun vollends Hektors Schwert ihm die Lanze dicht am Öhre durchschmetterte, daß der verstümmelte Teil in seiner Hand blieb und die eherne Spitze klirrend auf den Boden fiel, da erkannte Ajax, daß die Gewalt eines Gottes den Griechen entgegen sei, und entwich dem Geschoß. Und nun warf Hektor mit den Seinigen einen mächtigen Feuerbrand in das Schiff, und bald schlug die Flamme lodernd um das Steuerruder zusammen.

Als Achill in seinem Zelt Feuer von dem Schiffe auflodern sah, da durchzuckte auch den unbeugsamen Helden der Schmerz. »Auf, edler Patroklos«, rief er, »erhebe dich, daß sie die Schiffe nicht nehmen und den Unsrigen jeden Ausweg versperren! Ich selbst will hingehen, mein Volk zu versammeln.« Patroklos war des Wortes froh, das er aus dem Munde seines Freundes vernommen hatte: eilig legte er die Beinschienen an, schnallte den kunstvoll gearbeiteten Harnisch um die Brust, hing sich das Schwert um die Schulter, setzte den von Roßhaaren umwallten Helm aufs Haupt, griff mit der Linken zum Schilde, mit der Rechten faßte er zwei mächtige Lanzen. Gern hätte er den mörderischen Speer seines Freundes Achill selbst genommen, der aus einer Esche des thessalischen Berges Pelion gezimmert war und den der Zentaur Chiron dem Vater Peleus geschenkt hatte; dieser aber war so groß und schwer, daß ihn außer dem Peliden kein anderer Held schwingen konnte. Nun ließ Patroklos seinen Freund und Wagenlenker Automedon die Rosse Xanthos und Balios anschirren, die unsterblichen Kinder der Harpyie Podarge und des Zephyros, dazu das Roß Pedasos, das der Pelide einst aus der Stadt Theben als Beute fortgeführt hatte; Achill aber rief sein Myrmidonenvolk, hungrigen Wölfen gleich, herbei, je fünfzig Männer aus den fünfzig Schiffen; ihre Schlachtreihen führten fünf Kriegsobersten: Menesthios, der Sohn des Flußgottes Spercheios und der schönen Peleustochter Polydora; Eudoros, der Sohn des Hermes und der Jungfrau Polymele; Peisander, der Sohn des Maimalos, nach Patroklos der beste Kämpfer in der Schar; endlich der ergraute Phönix und Alkimedon, der Sohn des Laërkes.

Den Abziehenden rief der Pelide zu: »Vergesse mir keiner, ihr Myrmidonen, wie oft ihr während meines Zornes den Trojanern gedroht und unmutig meine Galle gescholten habt, welche die Streitgenossen mit Zwang vom Kampfe zurückhalte. Endlich ist die Stunde, nach der ihr geschmachtet, erschienen: Kämpfe nun, wem es das mutige Herz befiehlt!« Als er so gesprochen, zog er sich in sein Zelt zurück und holte aus dem Kasten, den voll von Leibröcken, Decken und Mänteln, auch andern kostbaren Dingen seine Mutter Thetis ihm mit aufs Schiff gegeben hatte, einen kunstreichen Becher hervor, aus dem kein anderer Mann je den funkelnden Wein getrunken hatte und kein anderer Gott Dankopfer empfangen hatte als der Donnerer. Aus diesem spendete er auch jetzt, in die Mitte seines Hofes tretend, unter Gebete dem Vater Zeus und bat ihn, den Griechen Sieg zu verleihen, seinen Waffengenossen Patroklos aber unverletzt zu den Schiffen zurückzugeleiten. Zu der ersten Bitte winkte Zeus Gewährung, zur zweiten schüttelte er sein Haupt, beides von dem Helden ungesehen. Achill ging in sein Zelt zurück, den Becher wieder aufzubewahren; dann stellte er sich vor sein Zelt, um dem blutigen Kampfe zwischen Griechen und Trojanern zuzusehen.

Die Myrmidonen zogen indessen, den Führer Patroklos an der Spitze, wie ein Wespenschwarm am Heerweg. Als die Trojaner ihn kommen sahen, schlug ihnen das Herz vor Schrecken, und ihre Geschwader gerieten in Verwirrung; denn sie glaubten, Achill selbst habe sich, den Groll aus der Seele verbannend, von den Zelten aufgemacht, und schon fingen sie an umherzublicken, wie sie dem Verderben entrinnen könnten. Patroklos benützte ihre Furcht und schwang seine blinkende Lanze gerade in ihre Mitte hinein, wo am Schiffe des Protesilaos das Getümmel am stärksten war. Sie traf den Päonier Pyraichmes, daß er, an der rechten Schulter durchbohrt, wehklagend rücklings auf den Boden taumelte und die Päonier um ihn her, alle betäubt, vor dem gewaltigen Patroklos flüchteten. Das Schiff blieb halbverbrannt stehen; angstvoll flohen alle Trojaner; die Danaerhaufen stürzten sich in die Schiffsgassen zur Verfolgung: allenthalben tobte der Aufruhr. Doch faßten sich die Trojaner bald wieder, und die Griechen sahen sich genötigt, Mann für Mann zu Fuß zu kämpfen: Patroklos durchschoß dem Areïlykos den Schenkel; Menelaos bohrte dem Thoas die Lanze in die Brust; Meges, der Sohn des Phyleus, durchstach dem Amphiklos die Wade; Antilochos, Nestors Sohn, durchstieß dem Atymnios die Weiche; da flog Maris, voll Zorn über den Fall des Bruders, auf Antilochos zu, stellte sich vor den Erschlagenen und drohte mit der Lanze; doch ihm durchbohrte Thrasimedes, Nestors andrer Sohn, Schulter und Oberarm mit dem Speer, daß er sterbend zusammensank. Als so Brüder die Brüder zu Boden gestreckt hatten, sprang auch der schnelle kleine Ajax hervor und hieb dem vom Gedränge gehinderten Kleobulos auf der Flucht das Schwert in den Nacken. Penelaos und Lykon rannten, beide sich verfehlend, mit den Lanzen gegeneinander; aber im Schwertkampf siegte der Danaer; Meriones traf den Akamas, als er eben den Wagen bestieg, und durchbohrte ihm die rechte Schulter; er stürzte vom Wagen, und Dunkel goß sich ihm über die Augen.

Der große Ajax sann auf nichts anderes, als wie er mit dem Speere Hektorn treffen könnte; dieser aber, voll Kriegserfahrung, deckte sich mit seinem stierledernen Schilde, daß Pfeile und Wurfspieße daran abprallten. Zwar hatte der Feldherr bereits erkannt, daß der Sieg sich von ihm und den Seinen abgewendet habe, dennoch verweilte er unerschüttert in der Schlacht und dachte wenigstens darauf, seine teuren Genossen zu beschützen und zu retten. Erst als der Andrang unwiderstehlich wurde, kehrte er mit seinem Wagen um und flog mit seinen vortrefflichen Rossen über den Graben. Die andern Trojaner waren nicht so glücklich; viele Rosse ließen hier und dort im Graben die Wagen ihrer Herren zerschmettert an der Deichsel zurück; doch was glücklich hinüberkam, stäubte in der eiligsten Flucht nach der Stadt zurück, und Patroklos sprengte mit tönendem Rufe den noch diesseits des Grabens Dahinfliegenden nach: viele stürzten kopfüber unter die Räder ihrer Wagen, und geborstene Sitze krachten. Endlich sprang das unsterbliche Rossegespann des Peliden auch über den Graben, und Patroklos trieb sie an, den auf seinem Wagen dahineilenden Hektor zu erreichen. Dabei mordete er zwischen Schiffen, Mauer und Strom, was er antraf. Pronoos, Thestor, Eryalos und neun andere Troer waren auf seinem stürmenden Weg teils dem Speerschwunge, teils dem Lanzenstiche, teils dem Steinwurfe des Siegers erlegen. Mit Schmerz und Ingrimm sah dies der Lykier Sarpedon, ermahnte scheltend seine Heerschar und sprang gerüstet von seinem Wagen zur Erde. Patroklos tat ein gleiches: und nun stürzten sie schreiend gegeneinander wie zwei scharfklauige, krummschnäblige Habichte. Mit Erbarmen sah Zeus auf seinen Sohn Sarpedon hernieder vom Olymp; aber Hera schalt ihn und sprach: »Was denkst du, Gemahl! Einen Sterblichen willst du schonen, der dem Tode doch schon längst verfallen ist? Bedenke, wenn alle Götter ihre Söhne aus der Schlacht entführen wollten, was aus den Geschicken, die du selber zu vollführen beschlossen hast, alsdann würde. Glaube mir, es ist besser, du lässest ihn in der Feldschlacht umkommen, übergibst ihn dem Schlaf und dem Tode und gestattest seinem Volk, ihn aus dem Getümmel zu tragen und dereinst in Lykien unter Grabhügel und Säule zu bestatten!« Zeus ließ die Göttin gewähren, und nur eine Träne fiel aus seinem Götterauge herab auf die Erde, dem fallenden Sohne geweiht.

Die beiden Kämpfer hatten sich jetzt einander auf Schußweite genähert. Patroklos aber traf zuerst den tapfern Genossen Sarpedons, Thrasydemos; Sarpedons Speer verfehlte zwar den Helden, stieß aber dafür dem Beirosse Pedasos, das sterblich war, den Speer in die rechte Schulter; bei dem Stürzen des Röchelnden waren auch die zwei unsterblichen Rosse scheu geworden; das Joch krachte schon, die Zügel verwirrten sich, und sie wären zerrissen, wenn nicht der Wagenlenker Automedon schnell sein Schwert von der Hüfte gezogen und den Strang des getöteten Rosses zerhauen hätte.

Ein zweiter Lanzenwurf Sarpedons verfehlte den Gegner wieder; der Speer des Patroklos aber traf diesmal den Lykier ins Zwerchfell, und er fiel zu Boden wie eine Bergtanne unter der Axt, knirschte mit den Zähnen und griff mit der Hand in den blutigen Staub. Sterbend rief er seinen Freund Glaukos auf, mit den Lykierscharen sich um seinen Leichnam zu werfen, und verschied. Da betete Glaukos zu Phöbos Apollo, ihm die Armwunde zu heilen, die Teucer ihm bei Erstürmung der Mauer mit dem Pfeile beigebracht hatte und die ihn noch immer quälte und zum Kampf untüchtig machte. Der Gott erbarmte sich seiner und stillte auf der Stelle den Schmerz. Nun durcheilte er die Reihen der Trojaner und rief die Helden Polydamas, Agenor und Äneas, Sarpedons Leichnam zu schützen, auf. Die Fürsten trauerten, als sie den Tod des Mannes vernahmen, der, obwohl aus fremdem Geschlechte, doch ihre Stadt wie eine Säule gestützt hatte; aber ihre Trauer war nicht feige. Wild drangen sie auf die Danaer ein, und ihnen allen flog Hektor voran. Die Griechen dagegen entflammte Patroklos, und so rannten sie gegeneinander mit grauenvollem Geschrei, um die Leiche des gefallenen Sarpedon kämpfend. Als einer ihrer tapfersten Krieger, Epeigeus, der Sohn des Agakles, von einem Steinwurfe Hektors gefallen war, fingen zuerst die Myrmidonen an zurückzugehen. Patroklos aber, den der Tod des Freundes bitter schmerzte, stürzte sich ins vorderste Gewühl, zerschmetterte dem Troer Sthenelaos den Rücken und brachte die Trojaner wieder zum Weichen. Endlich kehrte sich unter diesen Glaukos zuerst wieder um und durchstach den Myrmidonen Bathykles mit der Lanze; dagegen traf Meriones den Laogonos, dessen Vater Onetor Priester des idäischen Zeus war; den Meriones aber verfehlte der Speer des gewaltigen Äneas. Während diese Hohnworte miteinander wechselten, rief Patroklos ihnen zu: »Was schwatzet ihr, Helden? Im Arme sucht der Krieg die Entscheidung!« Und damit drang er an der Spitze der Seinigen auf den Leichnam ein, und die Troer erwehrten sich seiner, daß die Leiche bald vom Haupte bis an die Sohlen von Geschossen, Staub und Blut zugedeckt war.

Zeus, der dem Kampfe aufmerksam zuschaute, bedachte sich eine Weile über den Tod des Patroklos, aber es däuchte ihm besser, diesem vorerst noch Sieg zu verleihen; und so drängte denn der Freund des Peliden die Trojaner samt den Lykiern zurück und der Stadt zu. Die Griechen beraubten den gefallenen König Sarpedon der Rüstung; und eben wollte ihn Patroklos seinen Myrmidonen übergeben, als Apollo auf des Zeus Geheiß vom Gebirge in die Feldschlacht herunterfuhr, den Leichnam auf seine göttlichen Schultern nahm und ihn fern an den Strom des Skamander trug. Hier spülte er ihn im Gewässer rein, salbte ihn mit Ambrosia und gab ihn den Zwillingen Schlaf und Tod hinwegzutragen. Diese flogen mit ihm davon und brachten ihn in sein lykisches Heimatland.

Aber Patroklos, vom bösen Geschicke getrieben, munterte seinen Wagenlenker und seine Rosse auf und rannte den Trojanern und Lykiern nach, ins eigne Unheil. Neun Troern zog er ihre Rüstungen vom erlegten Leichnam ab und tobte so unaufhaltsam im Lanzenkampfe voran, daß er die getürmte Stadt Troja selbst erobert hätte, hätte nicht auf dem festesten Turme der Gott Apollo gestanden und auf das Verderben des Helden und auf die Beschirmung der Trojaner gesonnen. Dreimal stieg der Sohn des Menötios zur hervorragenden Mauerecke heran, und dreimal verdrängte ihn Apollo mit unsterblicher Hand, den leuchtenden Schild ihm entgegenhaltend und sein »Weiche!« rufend. Da entwich Patroklos mit eilendem Schritte vor dem Befehl des Gottes.

Am Skäischen Tore hielt der fliehende Hektor mit seinen Rossen inne und besann sich einen Augenblick, ob er sie ins Schlachtgetümmel zurücktreiben oder seinem Volke gebieten sollte, sich in die Mauern der Stadt einzuschließen. Während er so unentschlossen die Zügel anzog, nahte sich ihm Phöbos in der Gestalt von Hekabes Bruder Asios, der ein Oheim des Fürsten war, und sprach zu ihm: »Hektor, was entziehst du dich dem Kampfe? Wär ich so viel stärker denn du, als ich schwächer bin, ich wollte dich für deine Untätigkeit zum Hades senden. Aber wohlan, wenn du nicht gern solche Worte hörst, lenke deine Rosse dem Patroklos zu; wer weiß, ob dir Apollo nicht den Sieg schenkt.« So raunte ihm der vermummte Gott ins Ohr und verlor sich im Gewühl der Schlacht. Da ermunterte Hektor seinen Wagenlenker Kebriones, einen Bastard seines Vaters, die Rosse wieder in die Schlacht zu treiben, und Apollo drang vor ihm her in die Reihen der Griechen ein und richtete Verwirrung unter ihnen an. Hektor aber rührte keinen andern Achiver an, sondern ging geraden Laufes auf Patroklos allein los.

Als dieser ihn herannahen sah, sprang er aus dem Wagen, in der Linken den Speer, mit der Rechten einen zackigen Marmorstein vom Boden auflesend, mit dem er sofort den Kebriones zum Tod an die Stirne traf, daß der Wagenlenker auf den Boden hinabstürzte. Patroklos sandte dem Fallenden beißenden Spott nach und rief »Bei den Göttern, ein behender Mann! Wie leicht er sich in den Staub taucht! Hat er das Taucherhandwerk etwa auf dem Meere gelernt und einen Austerhandel getrieben?« Mit diesen Worten sprang er wie ein Löwe auf die Leiche des zu Boden Gesunkenen ein, und Hektor wehrte sich um seinen Halbbruder; er faßte das Haupt des Erschlagenen, Patroklos den Fuß; und von beiden Seiten schlugen Troer und Danaer drein, wie wenn Ost- und Südwind miteinander kämpfen. Gegen Abend entschied sich das Gefecht zugunsten der Achiver, sie entrissen die Leiche des Kebriones den Geschossen und beraubten ihn seiner Rüstung. Und nun warf sich Patroklos mit verdoppelter Wut auf die Trojaner und erschlug ihrer dreimal neun. Aber als er das viertemal angestürmt kam, lauerte der Tod auf ihn: denn Phöbos Apollo selbst begegnete ihm in der Schlacht. Patroklos bemerkte den Herannahenden nicht; denn er war in dichtes Nebelgewölk eingehüllt. Apollo aber stellte sich hinter ihn und versetzte dem Helden mit der flachen Hand einen Schlag auf Rücken und Schulter: da schwindelte es ihm vor den Augen; alsdann schlug der Gott ihm den Helm vom Haupte, daß er weithin in den Sand klingend unter die Pferdehufe dahinrollte und der Helmbusch mit Staub und Blut besudelt ward. Nun zerbrach er ihm die Lanze in der Hand, löste ihm den Schildriemen von der Schulter und den Harnisch vom Leibe und betäubte ihm sein Herz, daß er vor sich hinstarrend dastand. Da durchbohrte ihn Euphorbos, der Sohn des Panthoos, ein tapferer Krieger, der schon zwanzig Griechen gefällt hatte, von hinten mit der Lanze und eilte in die Heerschar zurück. Hektor aber rannte jetzt wieder aus der Schlachtreihe hervor und stieß dem schon Verwundeten von vorne den Speer in die Weiche des Bauchs, daß die Erzspitze hinten wieder hervordrang. So bezwang er ihn, wie ein Löwe den Eber am Gebirgsquell bezwingt, wohin sie beide zu trinken gekommen sind. Er entriß ihm mit dem Speere zugleich das Leben und rief frohlockend: »Ha, Patroklos! Du hattest im Sinn, unsre Stadt in einen Schutthaufen zu verwandeln und unsre Weiber als Mägde auf den Schiffen in eure Heimat zu führen! Nun habe ich ihnen den Tag der Knechtschaft wenigstens aufgeschoben, und dich werden die Geier fressen! Was hat dir nun dein Achill geholfen?«

Mit schwacher Stimme antwortete ihm der sterbende Patroklos: »Frohlocke du immerhin nach Herzenslust, Hektor! Zeus und Apollo haben dir Siegesruhm gewährt ohne Mühe, denn sie sind es, die mich entwaffnet haben; sonst hätte meine Lanze dich und zwanzig deinesgleichen gebändigt! Vor den Göttern hat mich Phöbos, vor den Menschen Euphorbos bezwungen. Du nimmst mir nur die Rüstung ab! Aber eines verkünde ich dir: du wirst nicht lange mehr so einhergehen, das Verhängnis steht dir schon zur Seite, und ich weiß, durch wen du sinkest!« Er brachte mit Mühe diese Worte hervor, und die Seele verließ die Glieder des Leibes und entflog hinunter zum Hades. Hektor aber rief dem Gestorbenen noch zu: »Was willst du mir da für Verderben weissagen, Patroklos? Wer weiß, ob nicht Achill selbst, von meiner Lanze durchbohrt, sein Leben aushauchen wird!« Unter solchen Worten zog er, die Ferse anstemmend, ihm den ehernen Speer aus der Wunde und schwang den Toten rücklings auf den Boden. Dann kehrte er die noch vom Blute des Patroklos triefende Lanze gegen seinen Wagenlenker Automedon. Doch diesen retteten die unsterblichen Rosse vor dem nachsprengenden Verfolger.

Um die Leiche des Patroklos zankten sich derweil mit den Waffen Euphorbos, der Trojaner, und Menelaos, der Atride. »Du sollst es mir büßen«, rief jener, »daß du mir den Bruder Hyperenor erschlagen und sein Weib zur Witwe gemacht!« Und damit rannte er mit der Lanze gegen den Schild des Atriden an; aber die Eisenspitze bog sich. Nun erhob auch Menelaos die Lanze und bohrte sie dem Feinde mitten in den Schlund, daß die Spitze zum Genicke herausdrang und sein zierlich gelocktes, mit Gold und Silber durchringeltes Haar vom Blute troff. So sank er in den Staub, unter dem Klirren seiner Waffen, deren ihn sofort Menelaos beraubte; und er hätte die Rüstung fortgetragen, wenn ihn nicht Apollo darum beneidet hätte. Dieser aber spornte den Hektor an, in Gestalt des Mentes, des Fürsten der Kikonen, von den unsterblichen Rossen des Peliden, die Automedon entführte, als einer unerreichbaren Beute abzulassen und sich wieder der Leiche des Euphorbos zuzuwenden. Er kehrte um, und plötzlich ward er den Fürsten Menelaos gewahr, wie er sich die herrliche Wehre des Euphorbos, über den blutenden Leichnam hingebückt, zueignete. Dieser vernahm den schmetternden Weheruf des trojanischen Helden und mußte sich gestehen, daß er dem mit seinen Troerscharen heranstürmenden Hektor nicht standhalten könne. So wich denn Menelaos, Leichnam und Rüstung lassend, doch nur unwillig, schaute sich, zurückeilend, von Zeit zu Zeit um, stand still und suchte den großen Ajax in der Schlacht. Als er ihn endlich zur Linken im Gemenge des Treffens erkannte, eilte er auf ihn zu und forderte ihn auf, mit ihm selbst dem Kampf um die Leiche des Patroklos zuzueilen.

Es war bereits die höchste Zeit, als beide sich wieder dem Platze näherten, wo der Sohn des Menötios gefallen war. Denn Hektor beschäftigte sich eben damit, nachdem er dem Leichnam des Patroklos die Rüstung abgezogen hatte, diesen an sich zu ziehen, um ihm mit dem Schwerte den Kopf von den Schultern zu hauen und den geschleiften Leib den Hunden zum Fraß vorzuwerfen. Wie er aber den Ajax unter seinem siebenhäutigen Stierschilde herannahen sah, ließ er von dem blutigen Vorhaben ab und flüchtete sich schnell in die Schar seiner Streitgenossen zurück. Dort sprang er empor in seinen Wagen und übergab die Rüstung des Patroklos den Freunden, damit sie ihm dieselbe zur Stadt trügen, wo sie als Denkmal seines Ruhmes aufbewahrt werden sollte. Vor die Leiche selbst warf sich Ajax wie ein Löwe vor seinen Jungen hin, und neben ihm stellte sich Menelaos auf.

Glaukos der Lykier aber heftete einen finstern Blick auf Hektor und sprach zu ihm die strafenden Worte: »Umsonst erhebt dich der Ruf, Hektor, wenn du dich so zagend vor dem Helden flüchtest! Denke nur darauf, wie du allein die Stadt verteidigst! Wenigstens ficht hinfort kein Lykier mehr an deiner Seite. Denn welchen geringeren Mann im Heere wirst du verteidigen, nachdem du unsern Fürsten Sarpedon, deinen Gastfreund und Kampfgenossen, den Danaern und den Hunden preisgegeben, hast liegen lassen? Wären die Trojaner an Kühnheit uns gleich, so würden wir bald die Leiche des Patroklos in die Mauern Trojas hereinziehen; dann würden die Achiver auch bald den Leichnam Sarpedons abliefern, um nur wieder seine Rüstung zu erhalten!« Es wußte nämlich Glaukos nicht, daß Apollo die Leiche Sarpedons den Griechen entführt hatte.

»Du bist nicht klug, Freund Glaukos«, erwiderte Hektor, »wenn du meinst, ich fürchte mich vor der Übermacht des Ajax. Noch kein Kampf je hat mir Grauen gemacht. Aber des Zeus Ratschluß ist mächtiger als unsere Tapferkeit. Jetzt jedoch tritt näher, mein Freund, schau mein Tun an und urteile, ob ich so verzagt sei, wie du soeben gesprochen!« Mit diesen Worten flog er seinen Freunden nach, welche die Waffen des Peliden, die Patroklos angetan hatte, als Beute der Stadt zutrugen. Er vertauschte, bei ihnen angekommen, seine eigene Rüstung mit der Rüstung Achills und zog die unsterbliche Wehre an, welche die Götter des Himmels selbst dem Helden Peleus bei seiner Hochzeit mit der Meeresgöttin Thetis geschenkt hatten und die der Vater dem Sohne übergeben, als er zu altern anfing. Aber der Sohn sollte nicht alt werden in den Waffen des Vaters.

Als der Herr der Götter und Menschen aus der Höhe zuschaute, wie Hektor die Waffen des göttergleichen Helden Achill anlegte, schüttelte er mit trübem Ernste sein Haupt und sprach in seines Herzens Tiefe: »Du Armer, du ahnest doch auch gar nichts von dem Todesgeschicke, das schon an deiner Seite geht. Du hast dem erhabenen Helden, vor dem auch andere zittern, seinen geliebten Freund erschlagen, hast ihm von Haupt und Schultern die Rüstung abgezogen und schmückest dich jetzt mit der unsterblichen Wehr des Sohnes der Göttin. Dennoch, weil dich keine Wiederkehr aus der Schlacht erwartet und dir deine Gattin Andromache diese schönen Waffen nicht ablösen und dich nie mehr begrüßen wird, so will ich dir zur Entschädigung noch einmal Siegesruhm verleihen.« Als Zeus so sprach, schloß sich die Rüstung enger an Hektors Leib, der kriegerische Geist des Ares durchdrang ihn, seine Glieder strotzten ihm innerlich von Kraft und Stärke. Mit lautem Zuruf sprengte er zu den Bundesgenossen und führte sie ermunternd, die Lanzen zum Stoß gefällt, gegen den Feind. Da entbrannte der Kampf aufs neue um des Patroklos Leiche, und Hektor wütete so mit Morden, daß Ajax selbst zu Menelaos sprach: »Trauter Held, ich bin nicht mehr so sehr um unsern toten Patroklos besorgt, der nun einmal die Speise trojanischer Vögel und Hunde werden muß, als um mein eigenes Haupt und um das deine. Denn Hektor umringt uns mit seinen Kriegsscharen wie eine Wolke. Versuch es daher, ob die Helden der Danaer unsern Hilferuf nicht hören!« Menelaos erhub seine Stimme, so laut er vermochte, und der erste, der den Ruf hörte, war Ajax der Lokrer, des Oïleus schneller Sohn; dieser flog zuerst herbei, dann kam Idomeneus mit seinem Streitgenossen Meriones und bald unzählige andere, so daß die Griechen nun wieder den Leichnam mit ihren Erzschilden umzäunt hielten. Doch wurden sie von den Trojanern so bedrängt, daß diese schon die Leiche hinwegzuziehen anfingen; endlich aber gelang es dem herrlichen Ajax, der Not zu steuern, und während Hippothoos, der Pelasger, ein troischer Bundesgenosse, die Sehnen des Leichnams unten am Knöchel mit Riemen umband, um ihn so fortzuschleppen, schlug ihm der Speer des Telamoniers durch die Kuppel des Helms, daß dieser zerbarst und das Gehirn aus der Wunde blutig am Speer emporspritzte. Hektor zielte jetzt auf Ajax, aber er traf nur den Phokäer Schedios; Ajax durchstieß dafür Phorkys, dem Sohne des Phainops, der um den Leichnam des Hippothoos kämpfte, den Panzer, daß die Spitze ihm schmetternd ins Eingeweide fuhr. Nun wichen die Trojaner und Hektor selbst, und gegen des Zeus Beschluß hätten die Griechen gesiegt, wenn nicht Apollo, in der Gestalt des Helden Periphas, des greisen Herolds, den gewaltigen Äneas zum Kampf angetrieben hätte. Dieser erkannte den Gott, feuerte die Seinigen mit mächtigem Zuruf an und focht, selbst weit voranspringend, bald der Vorderste im Streite. Jetzt wandten die Trojaner die Stirne wieder dem Feinde zu. Äneas durchstach den Leiokritos, den Genossen des Lykomedes; dieser rächte den Tod des Freundes an Apisaon dem Päonier; und jetzt streckten die Griechen ihre Lanzen alle dem Leichnam wieder vor.

So wetteiferten sie hier, während die Schlacht auch an anderen Punkten nicht feierte, den ganzen Tag in immer wütender Mordlust, und über Schenkel und Knie bis zu den Füßen hinab troff den Streitern der Schweiß. »Schlinge uns«, riefen die Danaer, »lieber der Boden hinab, als daß wir diesen Leichnam den Trojanern überlassen und ohne Ruhm zu den Schiffen kehren!« »Und müßten wir«, schrien dagegen die Trojaner, »alle miteinander bei diesem Manne sterben, so säume doch keiner im Kampf!«

Während sie so stritten, standen die unsterblichen Rosse des Achill abwärts vom Schlachtfeld. Als sie vernommen, daß ihr Wagenlenker Patroklos von der Hand Hektors ermordet im Staube gestreckt liege, fingen sie an zu weinen, wie Menschen tun. Vergebens bemühte sich Automedon, sie jetzt mit der Geißel zu beflügeln, jetzt mit Schmeichelworten, jetzt mit Drohungen anzutreiben. Nicht heim zu den Schiffen wollten sie gehen, nicht zu den Griechen in die Feldschlacht, sondern wie eine Säule, die unbeweglich über dem Grabhügel eines Verstorbenen steht, standen sie beide vor dem Wagensitze fest, ihre Häupter auf den Boden gesenkt; ihre Mähne quoll wallend und mit Staube besudelt aus dem Ringe des Jochs hervor, und aus den Wimpern tropften ihnen heiße Tränen. Nicht ohne Mitleid konnte sie Zeus von seiner Höhe herab erblicken. ›Ihr armen Tiere‹, sprach er bei sich selbst, ›warum haben wir euch ewig Junge, Unsterbliche dem sterblichen Peleus geschenkt! Etwa daß ihr mit den unseligen Menschen Gram ertragen solltet? Denn es gibt doch nichts Jammervolleres auf Erden von allem, was atmet und sich regt, als der Mensch. Aber umsonst hofft Hektor, euch zu bändigen und an seinen Wagen zu spannen. Nimmermehr gestatte ich dieses; ist es nicht genug, daß er in seiner Eitelkeit sich rühmt, des Peliden Waffen zu besitzen?‹ Da beseelte Zeus die Rosse mit Mut und edler Stärke. Plötzlich schüttelten beide den Staub von den Mähnen und sprengten mit dem Wagen rasch unter Trojaner und Griechen hinein. Automedon mußte sie gewähren lassen und wehrte sich, so gut er konnte. Aber allein auf dem hohen Wagensitze, war es ihm unmöglich, zugleich die Rosse zu lenken und die Lanze gegen den Feind zu schwingen. Endlich erspähte ihn sein Genosse Alkimedon, der Sohn des Laërkes, und verwunderte sich, daß der Einsame mit dem leeren Wagen sich dem Schlachtgetümmel aussetze. »Du bist nächst meinem erschlagenen Freunde Patroklos der beste Rossebändiger, Alkimedon«, rief ihm jener zur Antwort zu; »wolltest du Peitsche und Zügel nehmen, so überlasse ich dir die Rosse und warte des Kampfes.«

Wie sich Automedon aus dem Sitze schwang, bemerkte es Hektor und sprach zu seinem Nebenkämpfer Äneas: »Schau, dort sprengen die Rosse des Achill mit sehr unkriegerischen Lenkern in der Schlacht vor; ist es dir recht, so bestürmen wir sie; die Beute kann uns nicht fehlen!« Äneas winkte, und beide sprengten unter ihren Schilden heran, Chromios und Aretos ihnen nach. Aber Automedon betete zu Zeus, und dieser erfüllte ihm sein Herz mit ungewohnter Kraft: »Halt mir die schnaubenden Rosse dicht am Rücken, Alkimedon!« rief er, und: »Ajax herbei, Menelaos herbei! Überlaßt den Gestorbenen andern Tapfern und wehret von uns Lebendigen das Verderben! Uns bedrängen Hektor und Äneas, die tapfersten Helden Trojas!« Mit diesen Worten schwang er die Lanze gegen Aretos, und diese durchstürmte den Schild und drang dem Helden ins Gedärm, daß der Vorspringende in den Staub zurücksank. Dann warf Hektor seinen Speer auf Automedon, aber dieser fuhr über das Haupt des Gegners zitternd in die Erde. Und jetzt wären sie sich im Schwertkampfe begegnet, hätte nicht die Ankunft der beiden Ajax die Streitenden getrennt und die Trojaner zur Rückkehr nach der Leiche des Patroklos vermocht.

Dort flammte der Entscheidungskampf wieder heftiger auf. Dem Zeus hatte sich das Herz gewandt; in dunkler Wolke senkte sich seine Botin Athene hernieder und stellte sich, in des alten Phönix Gestalt sichtbar geworden, neben Menelaos. Dieser sprach, den Helden erblickend: »Vater Phönix, möchte mir Athene heute Kraft verleihen, so wollte ich dem toten Freunde wohl helfen; denn ich verstehe den Vorwurf deines Blickes.« Da freute sich die Göttin, daß er unwissend zu ihr selber vor allen Göttern gefleht, stärkte ihm Schultern und Knie mit Kraft und gab ihm ausdauernden Trotz ins Herz. Schnell eilte er, die Lanze schwingend, auf die Leiche zu, und als Hektors geehrtester Tischfreund, Podes, der Sohn des Eëtion, sich vor ihm zur Flucht wandte, traf ihn der Speer des Atriden durchbohrend am Gurt, daß er in dumpfem Falle zu Boden krachte. Jetzt trat Apollo in des Phainops Gestalt zu Hektor und ermahnte diesen: »Ei, Hektor, wer im ganzen Danaervolke wird dich künftig noch fürchten, wenn ein Menelaos dich zurückzuschrecken vermag? Er hat dir den besten Freund erschlagen, und jetzt wird er, der Weichlichste unter allen Griechen, dir auch die Leiche des Patroklos entführen!« Diese Worte versenkten das Herz Hektors in Schwermut, und er eilte im Glanze seiner Erzrüstung voran. Zeus aber schüttelte die Ägis, hüllte den Ida in Wolken und gab durch Blitz und Donner den Trojanern das Zeichen des Siegs.

Der Böotier Peneleos, dem der Speer des Polydamas die Schultern gestreift, war der erste, der zur Flucht umwendete. Den Leïtos machte Hektor kampfunfähig, indem er ihm die Hand am Knöchel durchstach; ihn selbst verfehlte der Speer des Idomeneus; und statt diesen, der eben erst zu Fuße von den Schiffen angekommen war, mit dem Gegenwurfe zu treffen, durchschmetterte Hektors Speer Ohr und Wange des Köranos, der mit Meriones und seinem Wagen dem Idomeneus zum Heile vorangefahren war. Der Speer stieß ihm die Zähne aus und durchschnitt die Zunge, und der Held entsank dem Wagen; Meriones hob die Zügel aus dem Staub auf und gab sie seinem Freund Idomeneus, der sich schnell in den Wagensitz schwang und das Gespann fliehend den Schiffen zutrieb. Als der herrliche Ajax dies sah, brachte er gegen seinen Nebenstreiter Menelaos in so lauten Jammer aus, daß Zeus selbst Mitleid mit ihm fühlte, das Nebelgewölk zerstreute und die Schlacht wieder von der Sonne beleuchten ließ. »Sieh doch zu, Menelaos«, sprach jetzt Ajax, »ob du nicht den Antilochos, den Sohn des Nestor, irgendwo noch lebend erblickst. Der wär uns ein tauglicher Bote zu Achill, ihm zu melden, daß sein Freund Patroklos tot im Staube liege.« Menelaos ging mit spähendem Blicke, wie ein Adler nach dem flüchtigen Hasen späht, der im Laubgesträuch hingeduckt sitzt, und bald erkannte er Nestors Sohn links im Gewühl des Treffens. »Weißt du noch nicht, Antilochos«, rief er ihm zu, »daß ein Gott den Danaern Unheil und den Trojanern Sieg zugeschleudert? Patroklos ist gesunken, und alle Griechen vermissen ihren tapfersten Helden; nur ein Kühnerer lebt noch, Achill. Eile du zu diesem ins Zelt und bring ihm die Trauerbotschaft; ob er nicht kommen wird, den nackten Leichnam zu retten, dem Hektor die Rüstung ausgezogen hat.«

Ein Schauer durchfuhr den Jüngling, sein Auge füllte sich mit Tränen bei der Nachricht; und lange blieb er stumm und ohne Sprache. Endlich gab er seinem Wagengenossen Laodokos die Rüstung und eilte fliegenden Laufes den Schiffen zu. Als Menelaos wieder bei der Leiche angekommen war, beredete er sich mit Ajax, wie sie beide den erschlagenen Freund hinwegziehen wollten; denn sie hofften selbst von Achills Ankunft wenig, da dieser seiner unsterblichen Wehre beraubt war. Sie huben den Leichnam mit Gewalt hoch von der Erde empor, und obgleich die Trojaner von hinten ein grauenvolles Geschrei hören ließen und mit Schwertern und Lanzen folgten, so brauchte sich Ajax doch nur umzuwenden, daß sie erblaßten und ihnen die Bürde nicht streitig zu machen wagten. So trugen sie mit großer Anstrengung den Leichnam aus der Schlacht zu den Schiffen, und mit ihnen flüchteten auch die andern Griechen aus dem Treffen. Hektor und Äneas waren ihnen auf den Fersen; und hier und dort entsank den Fliehenden ein Waffenstück, indem sie in wilder Unordnung über den Graben zurückgingen.