Dritter Gesang

Dritter Gesang

Telemachos von Nestor, der am Gestade opfert, gastfrei empfangen, fragt nach des Vaters Rückkehr, Nestor erzählt, wie er selbst, und wer sonst, von Troja gekehrt sei, ermahnt den Telemachos zur Tapferkeit gegen die Freier, und rät ihm, bei Menelaos sich zu erkundigen. Der Athene, die als Adler verschwand, gelobt Nestor eine Kuh. Telemachos von Nestor geherbergt. Am Morgen, nach vollbrachtem Opfer, fährt er mit Nestors Sohne Peisistratos nach Sparta, wo sie den anderen Abend ankommen.

Jetzo erhub sich die Sonn‘ aus ihrem strahlenden Teiche
Auf zum ehernen Himmel, zu leuchten den ewigen Göttern
Und den sterblichen Menschen auf lebenschenkender Erde.
Und die Schiffenden kamen zur wohlgebaueten Pylos,
5
Neleus‘ Stadt. Dort brachten am Meergestade die Männer
Schwarze Stiere zum Opfer dem bläulichgelockten Poseidon
Neun war der Bänke Zahl, fünfhundert saßen auf jeder;
Jede von diesen gab neun Stiere. Sie kosteten jetzo
Alle der Eingeweide, und brannten dem Gotte die Lenden.
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Jene steurten ans Land, und zogen die Segel herunter,
Banden das gleichgezimmerte Schiff, und stiegen ans Ufer.
Auch Telemachos stieg aus dem Schiffe, geführt von der Göttin.
Ihn erinnerte Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene:
Jetzo, Telemachos, brauchst du dich keinesweges zu scheuen!
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Darum bist du die Wogen durchschifft, nach dem Vater zu forschen,
Wo ihn die Erde verbirgt, und welches Schicksal ihn hinnahm.
Auf denn! und gehe gerade zum Rossebändiger Nestor;
Daß wir sehen, was etwa sein Herz für Rat dir bewahre.
Aber du mußt ihm flehn, daß er die Wahrheit verkünde.
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Lügen wird er nicht reden: denn er ist viel zu verständig!
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Mentor, wie geh ich doch, und wie begrüß‘ ich den König?
Unerfahren bin ich in wohlgeordneten Worten;
Und ich scheue mich auch, als Jüngling den Greis zu befragen!
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Drauf antwortete Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene:
Einiges wird dein Herz dir selber sagen, o Jüngling;
Anderes wird dir ein Gott eingeben. Ich denke, du bist nicht
Ohne waltende Götter geboren oder erzogen.
Als sie die Worte geredet, da wandelte Pallas Athene
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Eilend voran, und er folgte den Schritten der wandelnder Göttin.
Und sie erreichten die Sitze der pylischen Männer, wo Nestor
Saß mit seinen Söhnen, und rings die Freunde zur Mahlzeit
Eilten das Fleisch zu braten, und andres an Spieße zu stecken.
Als sie die Fremdlinge sahn, da kamen sie alle bei Haufen,
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Reichten grüßend die Händ‘, und nötigten beide zum Sitze.
Nestors Sohn vor allen, Peisistratos, nahte sich ihnen,
Nahm sie beid‘ an der Hand, und hieß sie sitzen am Mahle,
Auf dickwollichten Fellen, im Kieselsande des Meeres,
Seinem Vater zur Seit‘ und Thrasymedes dem Bruder;
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Legte vor jeden ein Teil der Eingeweide, und schenkte
Wein in den goldenen Becher, und reicht‘ ihn mit herzlichem Handschlag
Pallas Athenen, der Tochter des wetterleuchtenden Gottes:
Bete jetzt, o Fremdling, zum Meerbeherrscher Poseidon,
Denn ihr findet uns hier an seinem heiligen Mahle.
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Hast du, der Sitte gemäß, dein Opfer gebracht und gebetet,
Dann gib diesem den Becher mit herzerfreuendem Weine
Zum Trankopfer. Er wird doch auch die Unsterblichen gerne
Anflehn; denn es bedürfen ja alle Menschen der Götter.
Aber er ist der Jüngste, mit mir von einerlei Alter;
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Darum bring‘ ich dir zuerst den goldenen Becher.
Also sprach er, und reicht‘ ihr den Becher voll duftendes Weines.
Und Athene ward froh des gerechten verständigen Mannes,
Weil er ihr zuerst den goldenen Becher gereichet;
Und sie betete viel zum Meerbeherrscher Poseidon:
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Höre mich, Poseidaon, du Erdumgürter! Verwirf nicht
Unser frommes Gebet; erfülle, was wir begehren!
Nestorn kröne vor allen und Nestors Söhne mit Ehre;
Und erfreue dann auch die andern Männer von Pylos
Für ihr herrliches Opfer mit reicher Wiedervergeltung!
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Mich und Telemachos laß heimkehren als frohe Vollender
Dessen, warum wir hieher im schnellen Schiffe gekommen!
Also betete sie, und erfüllte selber die Bitte,
Reichte Telemachos drauf den schönen doppelten Becher.
Eben so betete jetzt der geliebte Sohn von Odysseus.
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Als sie das Fleisch nun gebraten, und von den Spießen gezogen,
Teilten sie’s allen umher, und feirten das prächtige Gastmahl.
Und nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war;
Sprach der gerenische Greis, der Rossebändiger Nestor:
Jetzo ziemt es sich besser, die fremden Gäste zu fragen,
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Wer sie sei’n, nachdem sie ihr Herz mit Speise gesättigt.
Fremdlinge, sagt, wer seid ihr? Von wannen trägt euch die Woge?
Habt ihr wo ein Gewerb‘, oder schweift ihr ohne Bestimmung
Hin und her auf der See: wie küstenumirrende Räuber,
Die ihr Leben verachten, um fremden Völkern zu schaden?
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Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen,
Ohne Furcht; denn ihm goß Athene Mut in die Seele,
Daß er nach Kundschaft forschte vom langabwesenden Vater,
Und sich selber ein gutes Gerücht bei den Menschen erwürbe:
Nestor, Neleus‘ Sohn, du großer Ruhm der Achaier
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Fragst, von wannen wir sei’n; ich will dir alles erzählen.
Siehe von Ithaka her am Neïon sind wir gekommen,
Nicht in Geschäften des Volks, im eigenen; dieses vernimm jetzt:
Meines edlen Vaters verbreiteten Ruhm zu erforschen,
Reis‘ ich umher, Odysseus des Leidengeübten, der ehmals,
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Sagt man, streitend mit dir, die Stadt der Troer zerstört hat.
Von den übrigen allen, die einst vor Ilion kämpften,
Hörten wir doch, wie jeder dem grausamen Tode dahinsank;
Aber von jenem verbarg sogar das Ende Kronion.
Niemand weiß uns den Ort zu nennen, wo er gestorben:
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Ob er auf festem Lande von feindlichen Männern vertilgt sei,
Oder im stürmenden Meere von Amphitritens Gewässern.
Darum fleh ich dir jetzo, die Knie‘ umfassend, du wollest
Seinen traurigen Tod mir verkündigen; ob du ihn selber
Ansahst, oder vielleicht von einem irrenden Wandrer
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Ihn erfuhrst: denn ach! zum Leiden gebar ihn die Mutter!
Aber schmeichle mir nicht, aus Schonung oder aus Mitleid;
Sondern erzähle mir treulich, was deine Augen gesehen.
Flehend beschwör‘ ich dich, hat je mein Vater Odysseus
Einen Wunsch dir gewährt mit Worten oder mit Taten,
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In dem troischen Lande, wo Not euch Achaier umdrängte:
Daß du, dessen gedenkend, mir jetzo Wahrheit verkündest!
Ihm antwortete drauf der Rossebändiger Nestor:
Lieber weil du mich doch an jene Trübsal erinnerst,
Die wir tapfern Achaier im troischen Lande geduldet;
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Wann wir jetzt mit den Schiffen im dunkelwogenden Meere
Irrten nach Beute umher, wohin Achilleus uns führte;
Jetzt um die große Stadt des herrschenden Priamos kämpften:
Dort verloren ihr Leben die tapfersten aller Achaier!
Dort liegt Ajas, ein Held gleich Ares; dort auch Achilleus;
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Dort sein Freund Patroklos, an Rat den Unsterblichen ähnlich;
Dort mein geliebter Sohn Antilochos, tapfer und edel,
Rüstig vor allen Achaiern im Lauf, und rüstig im Streite!
Und wir haben auch sonst noch viele Leiden erduldet!
Welcher sterbliche Mensch vermöchte sie alle zu nennen?
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Bliebest du auch fünf Jahr‘ und sechs nacheinander, und forschtest
Alle Leiden von mir der edlen Achaier; du würdest
Überdrüssig vorher in deine Heimat zurückgehn.
Denn neun Jahre hindurch erschöpften wir, ihnen zu schaden,
Alle Listen des Kriegs; und kaum vollbracht‘ es Kronion!
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Da war keiner im Heere, der sich mit jenem an Klugheit
Maß; allübersehend erfand der edle Odysseus
Alle Listen des Kriegs, dein Vater; woferne du wirklich
Seines Geschlechtes bist. – Mit Staunen erfüllt mich der Anblick!
Auch dein Reden gleichet ihm ganz; man sollte nicht glauben,
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Daß ein jüngerer Mann so gut zu reden verstünde!
Damals sprachen wir nie, ich und der edle Odysseus,
Weder im Rat verschieden, noch in des Volkes Versammlung;
Sondern eines Sinns ratschlagten wir beide mit Klugheit
Und mit Bedacht, wie am besten das Wohl der Achaier gediehe.
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Als wir die hohe Stadt des Priamos endlich zerstöret,
Gingen wir wieder zu Schiff, allein Gott trennte die Griechen.
Damals beschloß Kronion im Herzen die traurigste Heimfahrt
Für das argeiische Heer; denn sie waren nicht alle verständig,
Noch gerecht; drum traf so viele das Schreckenverhängnis.
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Siehe des mächtigen Zeus‘ blauäugichte Tochter entzweite,
Zürnender Rache voll, die beiden Söhne von Atreus.
Diese beriefen das Heer zur allgemeinen Versammlung;
Aber verkehrt, nicht der Ordnung gemäß, da die Sonne sich neigte,
Und es kamen, vom Weine berauscht, die Söhne der Griechen.
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Jetzo trugen sie vor, warum sie die Völker versammelt.
Menelaos ermahnte das ganze Heer der Achaier,
Über den weiten Rücken des Meers nach Hause zu schiffen,
Aber sein Rat mißfiel Agamemnon gänzlich: er wünschte,
Dort das Volk zu behalten, und Hekatomben zu opfern,
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Daß er den schrecklichen Zorn der beleidigten Göttin versöhnte.
Tor! er wußte nicht, daß sein Beginnen umsonst war!
Denn nicht schnell ist der Zorn der ewigen Götter zu wandeln.
Also standen sie beid‘, und wechselten heftige Worte;
Und es erhuben sich die schöngeharnischten Griechen
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Mit unendlichem Lärm, geteilt durch zwiefache Meinung.
Beide ruhten die Nacht, voll schadenbrütendes Grolles;
Denn es bereitete Zeus den Achaiern die Strafe des Unfugs.
Frühe zogen wir Hälfte die Schiff‘ in die heilige Meersflut,
Brachten die Güter hinein, und die schöngegürteten Weiber.
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Aber die andere Hälfte der Heerschar blieb am Gestade
Dort, bei Atreus‘ Sohn Agamemnon, dem Hirten der Völker.
Wir indes in den Schiffen entruderten eilig von dannen,
Und ein Himmlischer bahnte das ungeheure Gewässer.
Als wir gen Tenedos kamen, da opferten alle den Göttern,
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Heimverlangend; allein noch hinderte Zeus die Heimfahrt;
Denn der Zürnende sandte von neuem verderbliche Zwietracht.
Einige lenkten zurück die gleichberuderten Schiffe,
Angeführt von dem tapfern erfindungsreichen Odysseus,
Daß sie sich Atreus‘ Sohn‘ Agamemnon gefällig erwiesen.
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Aber ich flohe voraus mit dem Schiffsheer, welches mir folgte;
Denn es ahnete mir, daß ein Himmlischer Böses verhängte.
Tydeus‘ kriegrischer Sohn floh auch, und trieb die Gefährten.
Endlich kam auch zu uns Menelaos der Bräunlichgelockte,
Als wir in Lesbos noch ratschlagten wegen der Laufbahn:
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Ob wir oberhalb der bergichten Chios die Heimfahrt
Lenkten auf Psyria zu, und jene zur Linken behielten;
Oder unter Chios, am Fuße des stürmischen Mimas.
Und wir baten den Gott, uns ein Zeichen zu geben; und dieser
Deutete uns, und befahl, gerade durchs Meer nach Euböa
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Hinzusteuern, damit wir nur schnell dem Verderben entflöhen.
Jetzo blies ein säuselnder Wind in die Segel der Schiffe;
Und sie durchließen in Eile die Pfade der Fische, und kamen
Nachts vor Geraistos an. Hier brannten wir Poseidaon
Viele Lenden der Stiere zum Dank für die glückliche Meerfahrt.
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Jetzt war der vierte Tag, als in Argos mit seinen Genossen
Landete Tydeus‘ Sohn, Diomedes der Rossebezähmer.
Aber ich setzte den Lauf nach Pylos fort, und der Fahrwind
Hörte nicht auf zu wehn, den uns der Himmlische sandte.
Also kam ich, mein Sohn, ohn‘ alle Kundschaft, und weiß nicht,
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Welche von den Achaiern gestorben sind, oder noch leben.
Aber so viel ich hier im Hause sitzend erkundet,
Will ich, wie sich’s gebührt, anzeigen, und nichts dir verhehlen.
Glücklich kamen, wie’s heißt, die streitbaren Myrmidonen,
Angeführt von dem trefflichen Sohne des großen Achilleus;
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Glücklich auch Philoktetes, der glänzende Sohn des Pöas.
Auch Idomeneus brachte gen Kreta alle Genossen,
Welche dem Krieg‘ entflohn, und keinen raubte das Meer ihm.
Endlich von des Atreiden Zurückkunft habt ihr Entfernten
Selber gehört, wie Ägisthos den traurigsten Tod ihm bereitet.
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Aber wahrlich er hat ihn mit schrecklicher Rache gebüßet!
O wie schön, wenn ein Sohn von einem erschlagenen Manne
Nachbleibt! Also hat jener am Meuchelmörder Ägisthos
Rache geübt, der ihm den herrlichen Vater ermordet!
Auch du, Lieber, denn groß und stattlich bist du von Ansehn,
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Halte dich wohl, daß einst die spätesten Enkel dich preisen!
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Nestor, Neleus‘ Sohn, du großer Ruhm der Achaier,
Schreckliche Rache hat jener geübt, und weit in Achaia
Wird erschallen sein Ruhm, ein Gesang der spätesten Enkel.
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O beschieden auch mir so viele Stärke die Götter,
Daß ich den Übermut der rasenden Freier bestrafte,
Welche mir immer zum Trotz die schändlichsten Greuel ersinnen!
Aber versagt ward mir ein solches Glück von den Göttern,
Meinem Vater und mir! Nun gilt nichts weiter, als dulden!
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Ihm antwortete drauf der Rossebändiger Nestor:
Lieber, weil du mich doch an jenes erinnerst; man sagt ja,
Daß um deine Mutter ein großer Haufe von Freiern,
Dir zum Trotz, im Palaste so viel Unarten beginge.
Sprich, erträgst du das Joch freiwillig, oder verabscheun
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Dich die Völker des Landes, gewarnt durch göttlichen Ausspruch?
Aber wer weiß, ob jener nicht einst, ein Rächer des Aufruhrs,
Kommt, er selber allein, oder auch mit allen Achaiern.
Liebte sie dich so herzlich, die heilige Pallas Athene,
Wie sie einst für Odysseus den Hochberühmten besorgt war,
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In dem troischen Lande, wo Not uns Achaier umdrängte;
(Niemals sah ich so klar die Zeichen göttlicher Obhut,
Als sich Pallas Athene für ihren Geliebten erklärte!)
Liebte sie dich so herzlich, und waltete deiner so sorgsam:
Mancher von jenen vergäße der hochzeitlichen Gedanken!
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Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Edler Greis, dies Wort wird schwerlich jemals vollendet;
Denn du sagtest zu viel! Erstaunen muß ich! O nimmer
Würde die Hoffnung erfüllt, wenn auch die Götter es wollten!
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene:
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Welche Rede, o Jüngling, ist deinen Lippen entflohen?
Leicht bringt Gott, wenn er will, auch Fernverirrte zur Ruhe!
Und ich möchte doch lieber nach vielem Jammer und Elend
Spät zur Heimat kehren und schaun den Tag der Zurückkunft,
Als heimkehrend sterben am eigenen Herde, wie jener
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Durch Ägisthos‘ Verrat und seines Weibes dahinsank.
Nur das gemeine Los des Todes können die Götter
Selbst nicht wenden, auch nicht von ihrem Geliebten, wenn jetzo
Ihn die finstere Stunde mit Todesschlummer umschattet.
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
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Mentor, rede nicht weiter davon, wie sehr wir auch trauren!
Jener wird nimmermehr heimkehren; sondern es weihten
Ihn die Unsterblichen längst dem schwarzen Todesverhängnis.
Jetzo will ich Nestorn um etwas anderes fragen,
Ihn, der vor allen Menschen Gerechtigkeit kennet und Weisheit.
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Denn man saget, er hat drei Menschenalter beherrschet;
Darum scheinet er mir ein Bild der unsterblichen Götter.
Nestor, Neleus‘ Sohn, verkünde mir lautere Wahrheit!
Wie starb Atreus‘ Sohn, der große Held Agamemnon?
Wo war denn Menelaos? Und welchen listigen Anschlag
250
Fand der Meuchler Ägisthos, den stärkeren Mann zu ermorden?
War er etwa noch nicht im achaiischen Argos, und irrte
Unter den Menschen umher, daß der sich des Mordes erkühnte?
Ihm antwortete drauf der Rossebändiger Nestor:
Gerne will ich, mein Sohn, dir lautere Wahrheit verkünden.
255
Siehe, du kannst es dir leicht vorstellen, wie es geschehn ist.
Hätt‘ er Ägisthos noch lebendig im Hause gefunden,
Als er von Ilion kehrte, der Held Menelaos Atreides:
Niemand hätte den Toten mit lockerer Erde beschüttet;
Sondern ihn hätten die Hund‘ und die Vögel des Himmels gefressen,
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Liegend fern von der Stadt auf wüstem Gefild‘, und es hätte
Keine Achaierin ihn, den Hochverräter! beweinet.
Während wir andern dort viel blutige Schlachten bestanden,
Saß er ruhig im Winkel der rossenährenden Argos,
Und liebkoste dem Weib‘ Agamemnons mit süßem Geschwätze.
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Anfangs hörte sie zwar den argen Verführer mit Abscheu,
Klytämnestra die Edle; denn sie war gut und verständig.
Auch war ein Sänger bei ihr, dem Agamemnon besonders,
Als er gen Ilion fuhr, sein Weib zu bewahren vertraute.
Aber da sie die Götter in ihr Verderben bestrickten,
270
Führt‘ Ägisthos den Sänger auf eine verwilderte Insel,
Wo er ihn zur Beute dem Raubgevögel zurückließ;
Führte dann liebend das liebende Weib zu seinem Palaste;
Opferte Rinder und Schaf‘ auf der Götter geweihten Altären,
Und behängte die Tempel mit Gold und feinem Gewebe,
275
Weil er das große Werk, das unverhoffte, vollendet.
Jetzo segelten wir zugleich von Ilions Küste,
Menelaos und ich, vereint durch innige Freundschaft.
Aber am attischen Ufer, bei Sunions heiliger Spitze,
Siehe da ward der Pilot des menelaïschen Schiffes
280
Von den sanften Geschossen Apollons plötzlich getötet,
Haltend in seinen Händen das Steuer des laufenden Schiffes:
Phrontis, Onetors Sohn, der vor allen Erdebewohnern
Durch der Orkane Tumult ein Schiff zu lenken berühmt war.
Also ward Menelaos, wie sehr er auch eilte, verzögert,
285
Um den Freund zu begraben, und Totengeschenke zu opfern.
Aber da nun auch jener, die dunkeln Wogen durchsegelnd,
Seine gerüsteten Schiffe zum hohen Gebirge Maleia
Hatte geführt; da verhängte der Gott weithallender Donner
Ihm die traurigste Fahrt, sandt‘ ihm lautbrausende Stürme,
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Und hoch wogten, wie Berge, die ungeheuren Gewässer.
Plötzlich zerstreut‘ er die Schiffe; die meisten verschlug er gen Kreta,
Wo der Kydonen Volk des Jardanos Ufer umwohnet.
An der gordynischen Grenz‘, im dunkelwogenden Meere,
Türmt sich ein glatter Fels den dringenden Fluten entgegen,
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Die der gewaltige Süd an das linke Gebirge vor Phästos
Stürmt; und der kleine Fels hemmt große brandende Fluten.
Dorthin kamen die meisten; und kaum entflohn dem Verderben
Noch die Männer, die Schiffe zerschlug an den Klippen die Brandung.
Aber die übrigen fünfe der blaugeschnäbelten Schiffe
300
Wurden von Sturm und Woge zum Strom Ägyptos getrieben.
Allda fuhr Menelaos bei unverständlichen Völkern
Mit den Schiffen umher, viel Gold und Schätze gewinnend.
Unterdessen verübte zu Haus Ägisthos die Schandtat,
Bracht‘ Agamemnon um, und zwang das Volk zum Gehorsam.
305
Sieben Jahre beherrscht‘ er die schätzereiche Mykene.
Aber im achten kam zum Verderben der edle Orestes
Von Athenä zurück, und nahm von dem Meuchler Ägisthos
Blutige Rache, der ihm den herrlichen Vater ermordet;
Brachte dann mit dein Volk ein Opfer bei dem Begräbnis
310
Seiner abscheulichen Mutter und ihres feigen Ägisthos.
Eben den Tag kam auch der Rufer im Streit Menelaos,
Mit unendlichen Schätzen, so viel die Schiffe nur trugen.
Auch du, Lieber, irre nicht lange fern von der Heimat,
Da du alle dein Gut und so unbändige Männer
315
In dem Palaste verließest: damit sie nicht alles verschlingen,
Deine Güter sich teilend, und fruchtlos ende die Reise!
Aber ich rate dir doch, zu Atreus‘ Sohn Menelaos
Hinzugehn, der neulich aus fernen Landen zurückkam,
Von entlegenen Völkern, woher kein Sterblicher jemals
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Hoffen dürfte zu kommen, den Sturm und Woge so weithin
Über das Meer verschlugen, woher auch selbst nicht die Vögel
Fliegen können im Jahre: so furchtbar und weit ist die Reise!
Eil‘ und gehe sogleich im Schiffe mit deinen Gefährten!
Oder willst du zu Lande, so fodere Wagen und Rosse,
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Meine Söhne dazu: sie werden dich sicher gen Sparta
Führen, der prächtigen Stadt Menelaos‘ des Bräunlichgelockten.
Aber du mußt ihm flehn, daß er die Wahrheit verkünde.
Lügen wird er nicht reden; denn er ist viel zu verständig!
Also sprach er. Da sank die Sonn‘, und Dunkel erhob sich.
330
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene:
Wahrlich, o Greis, du hast mit vieler Weisheit geredet.
Aber schneidet jetzo die Zungen, und mischet des Weines,
Daß wir Poseidaon und allen unsterblichen Göttern
Opfern, und schlafen gehn; die Stunde gebeut uns zu ruhen;
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Denn schon sinket das Licht in Dämmerung. Länger geziemt sich’s
Nicht, am Mahle der Götter zu sitzen, sondern zu gehen.
Also die Tochter Zeus‘, und jene gehorchten der Rede.
Herolde gossen ihnen das Wasser über die Hände;
Jünglinge füllten die Kelche bis oben mit dem Getränke,
340
Teilten dann rechts herum die vollgegossenen Becher.
Und sie verbrannten die Zungen, und opferten stehend des Weines.
Als sie ihr Opfer vollbracht, und nach Verlangen getrunken,
Machte Athene sich auf und Telemachos, göttlich von Bildung,
Wieder von dannen zu gehn zu ihrem geräumigen Schiffe.
345
Aber Nestor verbot es mit diesen strafenden Worten:
Zeus verhüte doch dieses und alle unsterblichen Götter,
Daß ihr jetzo von mir zum schnellen Schiffe hinabgeht,
Gleich als wär‘ ich ein Mann in Lumpen, oder ein Bettler,
Der nicht viele Mäntel und weiche Decken besäße,
350
Für sich selber zum Lager, und für besuchende Freunde!
Aber ich habe genug der Mäntel und prächtigen Decken!
Wahrlich nimmer gestatt‘ ich des großen Mannes Odysseus‘
Sohne, auf dem Verdeck des Schiffes zu ruhen, so lang‘ ich
Lebe! Und dann auch werden noch Kinder bleiben im Hause,
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Einen Gast zu bewirten, der meine Wohnung besuchet!
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene:
Edler Greis, du hast sehr wohl geredet, und gerne
Wird Telemachos dir gehorchen, denn es gebührt sich!
Dieser gehe denn jetzo mit dir zu deinem Palaste,
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Dort zu ruhn. Allein ich muß zum schwärzlichen Schiffe
Gehen, unsere Freunde zu stärken, und alles zu ordnen.
Denn von allen im Schiffe bin ich der einzige Alte;
Jünglinge sind die andern, die uns aus Liebe begleiten,
Allesamt von des edlen Telemachos blühendem Alter.
365
Allda will ich die Nacht am schwarzen gebogenen Schiffe
Ruhn, und morgen früh zu den großgesinnten Kaukonen
Gehen, daß ich die Schuld, die weder neu noch gering ist,
Mir einfodre. Doch diesen, den Gastfreund deines Palastes,
Send‘ im Wagen gen Sparta, vom Sohne begleitet, und gib ihm
370
Zum Gespanne die schnellsten und unermüdlichsten Rosse.
Also redete Zeus‘ blauäugichte Tochter, und schwebte,
Plötzlich ein Adler, empor; da erstaunte die ganze Versammlung.
Wundernd stand auch der Greis, da seine Augen es sahen,
Faßte Telemachos‘ Hand, und sprach mit freundlicher Stimme:
375
Lieber, ich hoffe, du wirst nicht feige werden noch kraftlos;
Denn es begleiten dich schon als Jüngling waltende Götter!
Siehe kein anderer war’s der himmelbewohnenden Götter,
Als des allmächtigen Zeus‘ siegprangende Tochter Athene,
Die auch deinen Vater vor allen Achaiern geehrt hat!
380
Herrscherin, sei uns gnädig, und krön‘ uns mit glänzendem Ruhme,
Mich und meine Kinder, und meine teure Genossin!
Dir will ich opfern ein jähriges Rind, breitstirnig und fehllos,
Unbezwungen vom Stier, und nie zum Joche gebändigt:
Dieses will ich dir opfern, mit Gold die Hörner umzogen!
385
Also sprach er flehend; ihn hörete Pallas Athene.
Und der gerenische Greis, der Rossebändiger Nestor,
Führte die Eidam‘ und Söhne zu seinem schönen Palaste.
Als sie den hohen Palast des Königs jetzo erreichten,
Setzten sich alle in Reihn auf prächtige Thronen und Sessel.
390
Und den Kommenden mischte der Greis von neuem im Kelche
Süßen balsamischen Wein; im elften Jahre des Alters
Wählte die Schaffnerin ihn, und löste den spündenden Deckel.
Diesen mischte der Greis und flehete, opfernd des Trankes,
Viel zu der Tochter des Gottes mit wetterleuchtendem Schilde.
395
Als sie ihr Opfer vollbracht, und nach Verlangen getrunken,
Gingen sie alle heim, der süßen Ruhe zu pflegen.
Aber Telemachos hieß der Rossebändiger Nestor
Dort im Palaste ruhn, den Sohn des edlen Odysseus,
Unter der tönenden Hall‘, im schöngebildeten Bette.
400
Neben ihm ruhte der Held Peisistratos, welcher allein noch
Unvermählt von den Söhnen in Nestors Hause zurückblieb.
Aber er selber schlief im Innern des hohen Palastes,
Und die Königin schmückte das Eh’bett ihres Gemahles.
Als nun die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,
405
Da erhub sich vom Lager der Rossebändiger Nestor,
Ging hinaus, und setzte sich auf gehauene Steine,
Vor der hohen Pforte des schöngebauten Palastes,
Weiß und glänzend wie Öl. Auf diesen pflegte vor alters
Neleus sich hinzusetzen, an Rat den Unsterblichen ähnlich.
410
Aber er war schon tot und in der Schatten Behausung.
Nun saß Nestor darauf, der gerenische Hüter der Griechen,
Seinen Stab in der Hand. Da sammelten sich um den Vater
Eilend aus den Gemächern, Echephron, Stratios, Perseus,
Und Aretos der Held, und der göttliche Thrasymedes.
415
Auch der sechste der Brüder Peisistratos eilte zu Nestor.
Und sie setzten den schönen Telemachos neben den Vater.
Unter ihnen begann der Rossebändiger Nestor:
Hurtig, geliebteste Kinder, erfüllt mir dieses Verlangen,
Daß ich vor allen Göttern Athenens Gnade gewinne,
420
Welche mir sichtbar erschien am festlichen Mahle Poseidons!
Gehe denn einer aufs Feld, damit in Eile zum Opfer
Komme die Kuh, geführt vom Hirten der weidenden Rinder.
Einer gehe hinab zu des edlen Telemachos‘ Schiffe,
Seine Gefährten zu rufen, und lasse nur zween zur Bewahrung.
425
Einer heiße hieher den Meister in Golde Laerkes
Kommen, daß er mit Gold des Rindes Hörner umziehe.
Aber ihr übrigen bleibt hier allesamt, und gebietet
Drinnen im hohen Palaste den Mägden, ein Mahl zu bereiten,
Und uns Sessel und Holz und frisches Wasser zu bringen.
430
Also sprach er, und emsig enteilten sie alle. Die Kuh kam
Aus dem Gefild‘; es kamen vom gleichgezimmerten Schiffe
Auch Telemachos‘ Freunde: es kam der Meister in Golde,
Alle Schmiedegeräte, der Kunst Vollender, in Händen,
Seinen Hammer und Amboß und seine gebogene Zange,
435
Auszubilden das Gold. Es kam auch Pallas Athene
Zu der heiligen Feier. Der Rossebändiger Nestor
Gab ihm Gold; und der Meister umzog die Hörner des Rindes
Künstlich, daß sich die Göttin am prangenden Opfer erfreute.
Stratios führte die Kuh am Horn und der edle Echephron.
440
Aber Aretos trug im blumigen Becken das Wasser
Aus der Kammer hervor, ein Körbchen voll heiliger Gerste
In der Linken. Es stand der kriegrische Thrasymedes,
Eine geschliffene Axt in der Hand, die Kuh zu erschlagen.
Perseus hielt ein Gefäß, das Blut zu empfangen. Der Vater
445
Wusch zuerst sich die Händ‘, und streute die heilige Gerste,
Flehte dann viel zu Athenen; und warf in die Flamme das Stirnhaar.
Als sie jetzo gefleht und die heilige Gerste gestreuet,
Trat der mutige Held Thrasymedes näher, und haute
Zu; es zerschnitt die Axt die Sehnen des Nackens, und kraftlos
450
Stürzte die Kuh in den Sand. Und jammernd beteten jetzo
Alle Töchter und Schnür‘ und die ehrenvolle Gemahlin
Nestors, Eurydike, die erste von Klymenos Töchtern.
Aber die Männer beugten das Haupt der Kuh von der Erde
Auf; da schlachtete sie Peisistratos, Führer der Menschen.
455
Schwarz entströmte das Blut, und der Geist verließ die Gebeine.
Jene zerhauten das Opfer, und schnitten, nach dem Gebrauche,
Eilig die Lenden aus, umwickelten diese mit Fette,
Und bedeckten sie drauf mit blutigen Stücken der Glieder,
Und sie verbrannte der Greis auf dem Scheitholz, sprengte darüber
460
Dunkeln Wein; und die Jüngling‘ umstanden ihn mit dem Fünfzack.
Als sie die Lenden verbrannt, und die Eingeweide gekostet,
Schnitten sie auch das übrige klein, und steckten’s an Spieße,
Drehten die spitzigen Spieß‘ in der Hand, und brieten’s mit Vorsicht.
Aber den blühenden Jüngling Telemachos badet‘ indessen
465
Polykaste die Schöne, die jüngste Tochter des Nestor.
Als sie ihn jetzo gebadet, und drauf mit Öle gesalbet,
Da umhüllte sie ihm den prächtigen Mantel und Leibrock.
Und er stieg aus dem Bad‘, an Gestalt den Unsterblichen ähnlich,
Ging und setzte sich hin bei Nestor, dem Hirten der Völker.
470
Als sie das Fleisch nun gebraten, und von den Spießen gezogen,
Setzten sie sich zum Mahle. Die edlen Jünglinge schöpften
Aus dem Kelche den Wein, und verteilten die goldenen Becher.
Und nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war,
Sprach der gerenische Greis, der Rossebändiger Nestor:
475
Eilt, geliebteste Kinder, und bringt schönmähnichte Rosse;
Spannt sie schnell vor den Wagen, Telemachos‘ Reise zu fördern!
Also sprach er; ihn hörten die Söhne mit Fleiß, und gehorchten.
Eilend spannten sie vor den Wagen die hurtigen Rosse.
Aber die Schaffnerin legt‘ in den Wagen die köstliche Zehrung,
480
Brot und feurigen Wein und göttlicher Könige Speisen.
Und Telemachos stieg auf den künstlichgebildeten Wagen.
Nestors mutiger Sohn Peisistratos, Führer der Menschen,
Setzte sich neben ihn, und hielt in den Händen die Zügel;
Treibend schwang er die Geißel, und willig enteilten die Rosse
485
In das Gefild‘, und verließen die hochgebauete Pylos.
Also schüttelten sie bis zum Abend das Joch an den Nacken.
Und die Sonne sank, und Dunkel umhüllte die Pfade.
Und sie kamen gen Pherä, zur Burg des edlen Diokles,
Welchen Alpheios‘ Sohn Orsilochos hatte gezeuget,
490
Ruhten bei ihm die Nacht, und wurden freundlich bewirtet.
Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,
Rüsteten sie ihr Gespann, und bestiegen den prächtigen Wagen,
Lenkten darauf aus dem Tore des Hofs und der tönenden Halle.
Treibend schwang er die Geißel, und willig enteilten die Rosse,
495
Und durchliefen behende die Weizenfelder, und jetzo
War die Reise vollbracht: so flogen die hurtigen Rosse.
Und die Sonne sank, und Dunkel umhüllte die Pfade.

Zweiter Gesang

Zweiter Gesang

Am Morgen beruft Telemachos das Volk, und verlangt, daß die Freier sei Haus verlassen. Antinoos verweigert’s. Ein Vogelzeichen von Eurymachos verhöhnt. Telemachos bittet um ein Schiff, nach dem Vater zu forschen; Mentor rügt den Kaltsinn des Volks; aber ein Freier trennt spottend die Versammlung. Athene in Mentors Gestalt verspricht dem Einsamen Schiff und Begleitung. Die Schaffnerin Eurykleia gibt Reisekost. Athene erhält von Noemon ein Schiff, und bemannt es. Am Abend wird die Reisekost eingebracht; und Telemachos, ohne Wissen der Mutter, fährt mit dem scheinbaren Mentor nach Pylos.

Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,
Sprang er vom Lager empor der geliebte Sohn von Odysseus,
Legte die Kleider an, und hängte das Schwert um die Schulter,
Band die schönen Sohlen sich unter die zierlichen Füße,
5
Trat aus der Kammer hervor, geschmückt mit göttlicher Hoheit,
Und gebot den Herolden, schnell mit tönender Stimme
Zur Versammlung zu rufen die hauptumlockten Achaier.
Tönend riefen sie aus, und flugs war alles versammelt.
Als die Versammelten jetzt in geschlossener Reihe sich drängten,
10
Ging er unter das Volk, in der Hand die eherne Lanze,
Nicht allein, ihn begleiteten zween schnellfüßige Hunde.
Siehe mit himmlischer Anmut umstrahlt‘ ihn Pallas Athene,
Daß die Völker alle dem kommenden Jünglinge staunten.
Und er saß auf des Vaters Stuhl, ihm wichen die Greise.
15
Jetzo begann der Held Ägyptios vor der Versammlung,
Dieser gebückte Greis voll tausendfacher Erfahrung.
Dessen geliebter Sohn war samt dem edlen Odysseus
Gegen die Reisigen Trojas im hohlen Schiffe gesegelt,
Antiphos, tapfer und kühn; den hatte der arge Kyklope
20
In der Höhle zerfleischt, und zum letzten Schmause bereitet.
Noch drei andere hatt‘ er: der eine, Eurynomos, lebte
Unter den Freiern, und zween besorgten des Vaters Geschäfte;
Dennoch bejammert‘ er stets des verlorenen Sohnes Gedächtnis.
Tränend begann der Greis, und redete vor der Versammlung:
25
Höret mich jetzt, ihr Männer von Ithaka, was ich euch sage!
Keine Versammlung ward und keine Sitzung gehalten,
Seit der edle Odysseus die Schiffe gen Troja geführt hat.
Wer hat uns denn heute versammelt? Welcher der Alten
Oder der Jünglinge hier? Und welche Sache bewog ihn?
30
Höret‘ er etwa Botschaft von einem nahenden Kriegsheer,
Daß er uns allen verkünde, was er am ersten vernommen?
Oder weiß er ein andres zum Wohl des Landes zu raten?
Bieder scheinet er mir und segenswürdig! Ihm lasse
Zeus das Gute gedeihn, so er im Herzen gedenket!
35
Sprach’s; und Telemachos, froh der heilweissagenden Worte,
Saß nicht länger; er trat, mit heißer Begierde zu reden,
In die Mitte des Volks. Den Scepter reichte Peisenor
Ihm in die Hand, der Herold, mit weisem Rate begabet.
Und er wandte zuerst sich gegen den Alten, und sagte:
40
Edler Greis, nicht fern ist der Mann, gleich sollst du ihn kennen:
Ich versammelte euch; mich drückt am meisten der Kummer!
Keine Botschaft hört‘ ich von einem nahenden Kriegsheer,
Daß ich euch allen verkünde, was ich am ersten vernommen;
Auch nichts anderes weiß ich zum Wohl des Landes zu raten:
45
Sondern ich rede von mir, von meines eigenen Hauses
Zwiefacher Not. Zuerst verlor ich den guten Vater,
Euren König, der euch mit Vaterliebe beherrschte.
Und nun leid‘ ich noch mehr: mein ganzes Haus ist vielleicht bald
Tief ins Verderben gestürzt, und all mein Vermögen zertrümmert!
50
Meine Mutter umdrängen mit ungestümer Bewerbung
Freier, geliebte Söhne der Edelsten unseres Volkes.
Diese scheuen sich nun, zu Ikarios‘ Hause zu wandeln,
Ihres Vaters, daß er mit reichem Schatze die Tochter
Gäbe, welchem er wollte, und wer ihm vor allen gefiele;
55
Sondern sie schalten von Tag zu Tag‘ in unserm Palaste,
Schlachten unsere Rinder und Schaf‘ und gemästeten Ziegen
Für den üppigen Schmaus, und schwelgen im funkelnden Weine
Ohne Scheu; und alles wird leer; denn es fehlt uns ein solcher
Mann, wie Odysseus war, die Plage vom Hause zu wenden!
60
Wir vermögen sie nicht zu wenden, und ach auf immer
Werden wir hilflos sein, und niemals Tapferkeit üben!
Wahrlich ich wendete sie, wenn ich nur Stärke besäße!
Ganz unerträglich begegnet man mir, ganz wider die Ordnung
Wird mir mein Haus zerrüttet! Erkennt doch selber das Unrecht,
65
Oder scheuet euch doch vor andern benachbarten Völkern,
Welche rings uns umwohnen, und bebt vor der Rache der Götter,
Daß sie euch nicht im Zorne die Übeltaten vergelten!
Freunde, ich fleh euch bei Zeus, dem Gott des Olympos und Themis,
Welche die Menschen zum Rat versammelt, und wieder zerstreuet:
70
Haltet ein, und begnügt euch, daß mich der traurigste Kummer
Quält! Hat etwa je mein guter Vater Odysseus
Euch vorsätzlich beleidigt, ihr schöngeharnischten Griechen,
Daß ihr mich zum Vergelt vorsätzlich wieder beleidigt;
Warum reizet ihr diese? Mir wäre besser geraten,
75
Wenn ihr selber mein Gut und meine Herden hinabschlängt!
Täter ihr’s, so wäre noch einst Erstattung zu hoffen!
Denn wir würden so lange die Stadt durchwandern, so flehend
Wiederfodern das Unsre, bis alles wäre vergütet!
Aber nun häuft ihr mir unheilbaren Schmerz auf die Seele!
80
Also sprach er im Zorn, und warf den Scepter zur Erde,
Tränen vergießend, und rührte die ganze Versammlung zum Mitleid.
Schweigend saßen sie all‘ umher, und keiner im Volke
Wagte Telemachos Rede mit Drohn entgegen zu wüten.
Aber Eupeithes‘ Sohn Antinoos gab ihm zur Antwort:
85
Jüngling von trotziger Red‘ und verwegenem Mute, was sprachst du
Da für Lästerung aus? Du machtest uns gerne zum Abscheu!
Aber es haben die Freier an dir des keines verschuldet;
Deine Mutter ist schuld, die Listigste unter den Weibern!
Denn drei Jahre sind schon verflossen, und bald auch das vierte,
90
Seit sie mit eitlem Wahne die edlen Achaier verspottet!
Allen verheißt sie Gunst, und sendet jedem besonders
Schmeichelnde Botschaft; allein im Herzen denket sie anders!
Unter anderen Listen ersann sie endlich auch diese:
Trüglich zettelte sie in ihrer Kammer ein feines
95
Übergroßes Geweb‘, und sprach zu unsrer Versammlung:
Jünglinge, die ihr mich liebt, nach dem Tode des edlen Odysseus,
Dringt auf meine Vermählung nicht eher, bis ich den Mantel
Fertig gewirkt (damit nicht umsonst das Garn mir verderbe!)
Welcher dem Helden Laertes zum Leichengewande bestimmt ist,
100
Wann ihn die finstre Stunde mit Todesschlummer umschattet:
Daß nicht irgend im Lande mich eine Achaierin tadle,
Läg‘ er uneingekleidet, der einst so vieles beherrschte!
Also sprach sie mit List, und bewegte die Herzen der Edlen.
Und nun webete sie des Tages am großen Gewebe:
105
Aber des Nachts, dann trennte sie’s auf, beim Scheine der Fackeln.
Also täuschte sie uns drei Jahr, und betrog die Achaier.
Als nun das vierte Jahr im Geleite der Horen herankam
Und mit dem wechselnden Mond viel Tage waren verschwunden;
Da verkündet‘ uns eine der Weiber das schlaue Geheimnis,
110
Und wir fanden sie selbst bei der Trennung des schönen Gewebes.
Also mußte sie’s nun, auch wider Willen, vollenden.
Siehe nun deuten die Freier dir an, damit du es selber
Wissest in deinem Herzen, und alle Achaier es wissen!
Sende die Mutter hinweg, und gebeut ihr, daß sie zum Manne
115
Nehme, wer ihr gefällt, und wen der Vater ihr wählet.
Aber denkt sie noch lange zu höhnen die edlen Achaier,
Und sich der Gaben zu freun, die ihr Athene verliehn hat,
Wundervolle Gewande mit klugem Geiste zu wirken,
Und der erfindsamen List, die selbst in Jahren der Vorwelt
120
Keine von Griechenlands schönlockigen Töchtern gekannt hat,
Tyro nicht, noch Alkmene, und nicht die schöne Mykene;
(Keine von allen war der erfindsamen Penelopeia
Gleich an Verstand!) so soll ihr doch diese Erfindung nicht glücken!
Denn wir schmausen so lange von deinen Herden und Gütern,
125
Als sie in diesem Sinne beharrt, den jetzo die Götter
Ihr in die Seele gegeben! Sich selber bringet sie freilich
Großen Ruhm, dir aber Verlust an großem Vermögen!
Eher weichen wir nicht zu den Unsrigen oder zu andern,
Ehe sie aus den Achaiern sich einen Bräutigam wählet!
130
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Ganz unmöglich ist mir’s, Antinoos, die zu verstoßen,
Die mich gebar und erzog; mein Vater leb‘ in der Fremde,
Oder sei tot! Schwer würde mir auch des Gutes Erstattung
An Ikarios sein, verstieß‘ ich selber die Mutter.
135
Denn hart würde gewiß ihr Vater mich drücken, und härter
Noch die göttliche Rache, wenn von uns scheidend die Mutter
Mich den grausen Erinnen verfluchte! dann wär‘ ich ein Abscheu
Aller Menschen! – O nein! ich kann ihr das nicht gebieten!
Haltet ihr euch dadurch in eurem Herzen beleidigt,
140
Nun so geht aus dem Haus, und sucht euch andere Mähler!
Zehret von eurem Gut, und laßt die Bewirtungen umgehn!
Aber wenn ihr es so bequemer und lieblicher findet,
Eines Mannes Hab‘ ohn alle Vergeltung zu fressen;
Schlingt sie hinab! Ich werde die ewigen Götter anflehn,
145
Ob euch nicht endlich einmal Zeus eure Taten bezahle,
Daß ihr in unserem Haus auch ohne Vergeltung dahinstürzt!
Also sprach er, da sandte der Gott weithallender Donner
Ihm zween Adler herab vom hohen Gipfel des Berges.
Anfangs schwebten sie sanft einher im Hauche des Windes,
150
Einer nahe dem andern, mit ausgebreiteten Schwingen;
Jetzo über der Mitte der stimmenvollen Versammlung,
Flogen sie wirbelnd herum, und schlugen stark mit den Schwingen,
Schauten auf aller Scheitel herab, und drohten Verderben,
Und zerkratzten sich selbst mit den Klauen die Wangen und Hälse,
155
Und sie wandten sich rechts, und stürmten über die Stadt hin.
Alle staunten dem Zeichen, das ihre Augen gesehen,
Und erwogen im Herzen das vorbedeutete Schicksal.
Unter ihnen begann der graue Held Halitherses,
Mastors Sohn, berühmt vor allen Genossen des Alters,
160
Vögelflüge zu deuten, und künftige Dinge zu reden;
Dieser erhub im Volk die Stimme der Weisheit, und sagte:
Höret mich jetzt, ihr Männer von Ithaka, was ich euch sage!
Aber vor allen gilt die Freier meine Verkündung!
Ihre Häupter umschwebt ein schreckenvolles Verhängnis!
165
Denn nicht lange mehr weilet Odysseus fern von den Seinen;
Sondern er nahet sich schon, und bereitet Tod und Verderben
Diesen allen; auch droht noch vielen andern das Unglück,
Uns Bewohnern der Hügel von Ithaka! Laßt uns denn jetzo
Überlegen, wie wir sie mäßigen; oder sie selber
170
Mäßigen sich, und gleich! zu ihrer eigenen Wohlfahrt!
Euch weissaget kein Neuling, ich red‘ aus alter Erfahrung!
Wahrlich das alles geht in Erfüllung, was ich ihm damals
Deutete, als die Argeier in hohlen Schiffen gen Troja
Fuhren, mit ihnen zugleich der erfindungsreiche Odysseus:
175
Nach unendlicher Trübsal, entblößt von allen Gefährten,
Allen Seinigen fremd, würd‘ er im zwanzigsten Jahre
Wieder zur Heimat kehren. Das wird nun alles erfüllet!
Aber Polybos‘ Sohn Eurymachos sagte dagegen:
Hurtig zu Hause mit dir, o Greis, und deute das Schicksal
180
Deinen Söhnen daheim, daß ihnen kein Übel begegne!
Dieses versteh ich selber, und besser als du, zu deuten!
Freilich schweben der Vögel genug in den Strahlen der Sonne,
Aber nicht alle verkünden ein Schicksal! Wahrlich Odysseus
Starb in der Fern‘! O wärest auch du mit ihm ins Verderben
185
Hingefahren! Dann schwatztest du hier nicht so viel von der Zukunft,
Suchtest nicht Telemachos Groll noch mehr zu erbittern,
Harrend, ob er vielleicht dein Haus mit Geschenken bereichre!
Aber ich sage dir an, und das wird wahrlich erfüllet!
Wo du den Jüngling dort, kraft deiner alten Erfahrung,
190
Durch dein schlaues Geschwätz aufwiegelst, sich wild zu gebärden;
Dann wird er selber zuerst noch tiefer sinken in Drangsal,
Und im geringsten nichts vor diesen Männern vermögen.
Und du sollst es, o Greis, mit schwerer kränkender Buße
Uns entgelten, damit du es tief in der Seele bereuest!
195
Aber Telemachos höre statt aller nun meinen Rat an:
Zwing‘ er die Mutter zum Hause des Vaters wiederzukehren!
Dort bereite man ihr die Hochzeit, und statte sie reichlich
Ihrem Bräutigam aus, wie lieben Töchtern gebühret!
Eher werden gewiß der Achaier Söhne nicht abstehn,
200
Penelopeia zu drängen; denn siehe! wir zittern vor niemand,
Selbst vor Telemachos nicht, und wär‘ er auch noch so gesprächig!
Achten auch der Deutungen nicht, die du eben, o Alter,
So in den Wind hinschwatzest! Du wirst uns nur immer verhaßter
Unser schwelgender Schmaus soll wieder beginnen, und niemals
205
Ordnung im Hause bestehn, bis jene sich den Achaiern
Wegen der Hochzeit erklärt; wir wollen in steter Erwartung,
Künftig wie vor, um den Preis wetteifern, und nimmer zu andern
Weibern gehn, um die jedwedem zu werben erlaubt ist!
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
210
Hör, Eurymachos, hört ihr andern glänzenden Freier!
Hierum werd ich vor euch nicht weiter flehen noch reden;
Denn das wissen ja schon die Götter und alle Achaier.
Aber gebt mir ein rüstiges Schiff und zwanzig Gefährten,
Welche mit mir die Pfade des weiten Meeres durchsegeln.
215
Denn ich gehe gen Sparta und zu der sandigen Pylos,
Um nach Kunde zu forschen vom langabwesenden Vater;
Ob mir’s einer verkünde der Sterblichen, oder ich Ossa,
Zeus‘ Gesandte, vernehme, die viele Gerüchte verbreitet.
Hör‘ ich, er lebe noch, mein Vater, und kehre zur Heimat;
220
Dann, wie bedrängt ich auch sei, erduld‘ ich’s noch ein Jahr lang.
Hör‘ ich, er sei gestorben, und nicht mehr unter den Menschen;
Siehe, dann kehr‘ ich wieder zur lieben heimischen Insel,
Häufe dem Vater ein Mal, und opfere Totengeschenke
Reichlich, wie sich’s gebührt, und geb‘ einem Manne die Mutter.
225
Also sprach der Jüngling, und setzte sich. Jetzo erhub sich
Mentor, ein alter Freund des tadellosen Odysseus,
Dem er, von Ithaka schiffend, des Hauses Sorge vertrauet,
Daß er dem Greise gehorcht‘, und alles in Ordnung erhielte.
Dieser erhub im Volk die Stimme der Weisheit, und sagte:
230
Höret mich jetzt, ihr Männer von Ithaka, was ich euch sage!
Künftig befleiße sich keiner der scepterführenden Herrscher,
Huldreich, mild und gnädig zu sein, und die Rechte zu schützen;
Sondern er wüte nur stets, und frevle mit grausamer Seele!
Niemand erinnert sich ja des göttergleichen Odysseus
235
Von den Völkern, die er mit Vaterliebe beherrschte!
Aber ich eifre jetzt nicht gegen die trotzigen Freier,
Die so gewaltsame Taten mit tückischer Seele beginnen;
Denn sie weihen ihr Haupt dem Verderben, da sie Odysseus
Habe wie Räuber verprassen, und wähnen, er kehre nicht wieder.
240
Jetzo schelt‘ ich das übrige Volk, daß ihr alle so gänzlich
Stumm dasitzt, und auch nicht mit einem strafenden Worte
Diese Freier, die wenigen, zähmt, da euer so viel sind!
Aber Euenors Sohn Leiokritos sagte dagegen:
Mentor, du Schadenstifter von törichtem Herzen, was sprachst du
245
Da vor Lästerung aus, und befahlst, uns Freier zu zähmen?
Schwer, auch mehreren, ist der Kampf mit schmausenden Männern!
Wenn auch selbst Odysseus, der Held von Ithaka, käme,
Und die glänzenden Freier, die seine Güter verschmausen,
Aus dem Palaste zu treiben gedächte; so würde sich dennoch
250
Seine Gemahlin nicht, wie sehr sie auch schmachtet, der Ankunft
Freun! Ihn träfe gewiß auf der Stelle das Schreckenverhängnis,
Wenn er mit mehreren kämpfte! Du hast nicht klüglich geredet!
Aber wohlan! ihr Männer, zerstreut euch zu euren Geschäften!
Diesem beschleunigen wohl Halitherses und Mentor die Reise,
255
Welche von alters her Odysseus Freunde gewesen!
Aber ich hoffe, er sitzt noch lang‘, und spähet sich Botschaft
Hier in Ithaka aus; die Reise vollendet er niemals!
Also sprach der Freier, und trennte schnell die Versammlung.
Alle zerstreueten sich, ein jeder zu seinen Geschäften;
260
Aber die Freier gingen zum Hause des edlen Odysseus.
Und Telemachos ging beiseit ans Ufer des Meeres,
Wusch in der grauen Flut die Händ‘, und flehte Athenen:
Höre mich, Gott, der du gestern in unserm Hause erschienest,
Und mir befahlst, im Schiffe das dunkle Meer zu durchfahren,
265
Und nach Kunde zu forschen vom langabwesenden Vater:
Himmlischer, siehe! das alles verhindern nun die Achaier,
Aber am meisten die Freier voll übermütiger Bosheit!
Also sprach er flehend. Ihm nahte sich Pallas Athene,
Mentorn gleich in allem, sowohl an Gestalt wie an Stimme.
270
Und sie redet‘ ihn an, und sprach die geflügelten Worte:
Jüngling, du mußt dich hinfort nicht feige betragen noch töricht!
Hast du von deinem Vater die hohe Seele geerbet,
Bist du, wie jener einst, gewaltig in Taten und Worten;
Dann wird keiner die Reise dir hindern oder vereiteln.
275
Aber bist du nicht sein Samen und Penelopeiens;
Dann verzweifl‘ ich, du wirst niemals dein Beginnen vollenden.
Wenige Kinder nur sind gleich den Vätern an Tugend,
Schlechter als sie die meisten, und nur sehr wenige besser.
Wirst du dich aber hinfort nicht feige betragen noch töricht,
280
Und verließ dich nicht völlig der Geist des großen Odysseus;
Dann ist Hoffnung genug, du wirst das Werk noch vollenden.
Darum kümmre dich nicht das Sinnen und Trachten der Freier:
Toren sind sie, und kennen Gerechtigkeit weder noch Weisheit,
Ahnen auch nicht einmal den Tod und das schwarze Verhängnis,
285
Welches schon naht, um sie alle an einem Tage zu würgen.
Aber dich soll nichts mehr an deiner Reise verhindern.
Ich, der älteste Freund von deinem Vater Odysseus,
Will dir rüsten ein hurtiges Schiff, und dich selber begleiten,
Gehe nun wieder zu Haus, und bleib in der Freier Gesellschaft;
290
Dann bereite dir Zehrung, und hebe sie auf in Gefäßen:
Wein in irdenen Krügen, und Mehl, das Mark der Männer,
In dichtnähtigen Schläuchen. Ich will jetzt unter dem Volke
Dir Freiwillige sammeln zu Ruderern. Viel sind der Schiffe
An der umfluteten Küste von Ithaka, neue bei alten;
295
Hiervon will ich für dich der trefflichsten eines erlesen.
Hurtig rüsten wir dieses, und steuren ins offene Weltmeer.
Also sprach Athenaia, Kronions Tochter: und länger
Säumte Telemachos nicht; er gehorchte der Stimme der Göttin,
Und ging wieder zu Hause mit tiefbekümmertem Herzen.
300
Allda fand er die Schar der stolzen Freier: im Hofe
Streiften sie Ziegen ab, und sengten gemästete Schweine.
Und Antinoos kam ihm lachend entgegen gewandelt,
Faßte Telemachos Hand, und sprach mit freundlicher Stimme:
Jüngling von trotziger Red‘ und verwegenem Mute, sei ruhig,
305
Und bekümmre dich nicht um böse Taten und Worte!
Laß uns, künftig wie vor, in Wollust essen und trinken:
Dieses alles besorgen dir schon die Achaier, ein schnelles
Schiff und erlesne Gefährten; damit du die göttliche Pylos
Bald erreichst, und Kunde vom trefflichen Vater erforschest!
310
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
O wie ziemte mir das, Antinoos, unter euch Stolzen
Schweigend am Mahle zu sitzen, und ruhig im Taumel der Freude?
Ist es euch nicht genug, ihr Freier, daß ihr so lange
Meine köstlichen Güter verschwelgt habt, da ich ein Kind war?
315
Jetzt da ich größer bin, und tüchtig, anderer Reden
Nachzuforschen, und höher der Mut im Busen mir steiget,
Werd‘ ich streben, auf euch des Todes Rache zu bringen.
Ob ich gen Pylos geh, oder hier in Ithaka bleibe!
Reisen will ich, und nichts soll meinen Entschluß mir vereiteln,
320
Im gedungenen Schiffe! Denn weder Schiffe noch Rudrer
Hab‘ ich in meiner Gewalt: so schien es euch freilich am besten!
Also sprach er, und zog die Hand aus der Hand des Verräters
Leicht. Die Freier im Saale bereiteten emsig die Mahlzeit.
Und sie spotteten seiner, und redeten höhnende Worte.
325
Unter dem Schwarme begann ein übermütiger Jüngling:
Wahrlich, Telemachos sinnt recht ernstlich auf unsre Ermordung!
Gebt nur acht: er holet sich Hilf‘ aus der sandigen Pylos,
Oder sogar aus Sparta! Er treibt’s mit gewaltigem Eifer!
Oder er lenkt auch jetzo nach Ephyras fruchtbarem Lande
330
Seine Fahrt, und kauft sich tötende Gifte; die mischt er
Heimlich in unseren Wein, dann sind wir alle verloren.
Und von neuem begann ein übermütiger Jüngling:
Aber wer weiß, ob dieser nicht auch mit dem Leben die Schiffahrt,
Fern von den Seinen, bezahlt, umhergestürmt wie Odysseus?
335
Denkt, darin macht er uns hier noch sorgenvollere Arbeit!
Teilen müßten wir ja das ganze Vermögen, und räumen
Seiner Mutter das Haus, und ihrem jungen Gemahle!
Aber Telemachos stieg ins hohe weite Gewölbe
Seines Vaters hinab, wo Gold und Kupfer gehäuft lag,
340
Prächtige Kleider in Kasten, und Fässer voll duftendes Öles.
Allda stunden auch Tonnen mit altem balsamischen Weine,
Welche das lautre Getränk, das süße, das göttliche, faßten,
Nach der Reihe gelehnt an die Mauer, wenn jemals Odysseus
Wieder zur Heimat kehrte, nach seiner unendlichen Trübsal.
345
Fest verschloß das Gewölbe die wohleinfugende Türe,
Mit zween Riegeln verwahrt. Die Schaffnerin schaltete drinnen
Tag und Nacht, und bewachte die Güter mit sorgsamer Klugheit,
Eurykleia, die Tochter Ops, des Sohnes Peisenors.
Und Telemachos rief sie hinein ins Gewölb‘, und sagte:
350
Mütterchen, eil‘ und schöpfe mir Wein in irdene Krüge,
Mild und edel, den besten nach jenem, welchen du schonest
Für den duldenden König, den göttergleichen Odysseus,
Wenn er einmal heimkehret, dem Todesschicksal entronnen.
Hiermit fülle mir zwölf, und spünde sie alle mit Deckeln.
355
Ferner schütte mir Mehl in dichtgenähete Schläuche;
Zwanzig Maße gib mir des feingemahlenen Mehles.
Aber tu‘ es geheim, und lege mir alles zusammen.
Denn am Abende komm‘ ich und hol‘ es, wenn sich die Mutter
In ihr oberes Zimmer entfernt, und der Ruhe gedenket.
360
Denn ich gehe gen Sparta und zu der sandigen Pylos,
Um nach Kunde zu forschen von meines Vaters Zurückkunft.
Also sprach er. Da schluchzte die Pflegerin Eurykleia;
Laut wehklagend begann sie, und sprach die geflügelten Worte:
Liebes Söhnchen, wie kann in dein Herz ein solcher Gedanke
365
Kommen? Wo denkst du denn hin in die weite Welt zu gehen,
Einziger liebster Sohn? Ach ferne vom Vaterlande
Starb der edle Odysseus bei unbekannten Barbaren!
Und sie werden dir gleich, wenn du gehst, nachstellen, die Meuchler!
Daß sie dich töten mit List, und alles unter sich teilen!
370
Bleibe denn hier, und sitz‘ auf dem Deinigen! Lieber, was zwingt dich,
Auf der wütenden See in Not und Kummer zu irren?
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Mütterchen, sei getrost! Ich handle nicht ohne die Götter.
Aber schwöre mir jetzo, es nicht der Mutter zu sagen,
375
Ehe der elfte Tag vorbei ist oder der zwölfte,
Oder mich jene vermißt, und hört von meiner Entfernung:
Daß sie nicht durch Tränen ihr schönes Antlitz entstelle.
Also sprach er; da schwur sie bei allen unsterblichen Göttern.
Als sie es jetzo gelobt, und vollendet den heiligen Eidschwur;
380
Schöpfte sie ihm alsbald des Weines in irdene Krüge,
Schüttete ferner das Mehl in dichtgenähete Schläuche.
Und Telemachos ging in den Saal zu der Freier Gesellschaft.
Aber ein Neues ersann die heilige Pallas Athene:
In Telemachos‘ Bildung erscheinend, eilte sie ringsum
385
Durch die Stadt, und sprach mit jedem begegnenden Manne,
Und befahl, sich am Abend beim rüstigen Schiffe zu sammeln.
Hierauf bat sie Phronios‘ Sohn, den edlen Noemon,
Um ein rüstiges Schiff; und dieser versprach es ihr willig.
Und die Sonne sank, und Dunkel umhüllte die Pfade.
390
Siehe nun zog die Göttin das Schiff in die Wellen, und brachte
Alle Geräte hinein, die Rüstung segelnder Schiffe;
Stellt‘ es darauf am Ende der Bucht. Die tapfern Gefährten
Standen versammelt umher, und jeden ermahnte die Göttin.
Und ein Neues ersann die heilige Pallas Athene:
395
Eilend ging sie zum Hause des göttergleichen Odysseus,
Übertauete sanft mit süßem Schlafe die Freier,
Machte die Säufer berauscht, und den Händen entsanken die Becher.
Müde wankten sie heim durch die Stadt, und konnten nicht länger
Sitzen, da ihnen der Schlaf die Augenlider bedeckte.
400
Aber Telemachos rief die heilige Pallas Athene
Aus dem Saale hervor des schöngebauten Palastes,
Mentorn gleich in allem, sowohl an Gestalt wie an Stimme:
Jetzo, Telemachos, sitzen die schöngeharnischten Freunde
Alle am Ruder bereit, und harren nur deiner zur Abfahrt.
405
Laß uns zu Schiffe gehn, und die Reise nicht länger verschieben!
Als sie die Worte geredet, da wandelte Pallas Athene
Eilend voran; und er folgte den Schritten der wandelnden Göttin.
Und da sie jetzo das Schiff und des Meeres Ufer erreichten,
Fanden sie an dem Gestade die hauptumlockten Genossen.
410
Unter ihnen begann Telemachos‘ heilige Stärke:
Kommt, Geliebte, mit mir, die Zehrung zu holen. Sie liegt schon
Alle beisammen im Haus; und nichts argwöhnet die Mutter,
Noch die übrigen Mägde; nur eine weiß das Geheimnis.
Also sprach er, und eilte voran; sie folgten dem Führer,
415
Brachten alles, und legten’s im schöngebordeten Schiffe
Nieder, wie ihnen befahl der geliebte Sohn von Odysseus.
Und Telemachos trat in das Schiff, geführt von Athenen.
Diese setzte sich hinten am Steuer, nahe der Göttin
Setzte Telemachos sich. Die andern lösten die Seile,
420
Traten dann selber ins Schiff, und setzten sich hin auf die Bänke.
Einen günstigen Wind‘ sandt‘ ihnen Pallas Athene,
Leise streifte der West das rauschende dunkle Gewässer.
Aber Telemachos trieb und ermahnte die lieben Gefährten,
Schnell die Geräte zu ordnen. Sie folgeten seinem Befehle:
425
Stellten den fichtenen Mast in die mittlere Höhle des Bodens,
Richteten hoch ihn empor, und banden ihn fest mit den Seilen;
Spannten die weißen Segel mit starkgeflochtenen Riemen,
Hochauf wölbte der Wind das volle Segel, und donnernd
Wogte die purpurne Flut um den Kiel des gleitenden Schiffes;
430
Schnell durchlief es die Wogen in unaufhaltsamer Eile.
Als sie nun die Geräte des schwarzen Schiffes befestigt,
Stellten sie Kelche hin, bis oben mit Weine gefüllet.
Und sie gossen des Weins für alle unsterblichen Götter,
Aber am meisten für Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene,
435
Welche die ganze Nacht und den Morgen die Wasser beschiffte.

Erster Gesang

Erster Gesang

Ratschluß der Götter, daß Odysseus, welchen Poseidon verfolgt, von Kalypsos Insel Ogygia heimkehre. Athene, in Mentes Gestalt, den Telemachos besuchend, rät ihm in Pylos und Sparta nach dem Vater sich zu erkundigen, und die schwelgenden Freier aus dem Hause zu schaffen. Er redet das erste Mal mit Entschlossenheit zur Mutter und zu den Freier. Nacht.

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat,
Und auf dem Meere so viel‘ unnennbare Leiden erduldet,
5
Seine Seele zu retten, und seiner Freunde Zurückkunft.
Aber die Freunde rettet‘ er nicht, wie eifrig er strebte,
Denn sie bereiteten selbst durch Missetat ihr Verderben:
Toren! welche die Rinder des hohen Sonnenbeherrschers
Schlachteten; siehe, der Gott nahm ihnen den Tag der Zurückkunft,
10
Sage hievon auch uns ein weniges, Tochter Kronions.
Alle die andern, so viel dem verderbenden Schicksal entflohen,
Waren jetzo daheim, dem Krieg‘ entflohn und dem Meere:
Ihn allein, der so herzlich zur Heimat und Gattin sich sehnte,
Hielt die unsterbliche Nymphe, die hehre Göttin Kalypso,
15
In der gewölbeten Grotte, und wünschte sich ihn zum Gemahle.
Selbst da das Jahr nun kam im kreisenden Laufe der Zeiten,
Da ihm die Götter bestimmt, gen Ithaka wiederzukehren;
Hatte der Held noch nicht vollendet die müdende Laufbahn,
Auch bei den Seinigen nicht. Es jammerte seiner die Götter;
20
Nur Poseidon zürnte dem göttergleichen Odysseus
Unablässig, bevor er sein Vaterland wieder erreichte.
Dieser war jetzo fern zu den Äthiopen gegangen;
Äthiopen, die zwiefach geteilt sind, die äußersten Menschen,
Gegen den Untergang der Sonnen, und gegen den Aufgang:
25
Welche die Hekatombe der Stier‘ und Widder ihm brachten.
Allda saß er, des Mahls sich freuend. Die übrigen Götter
Waren alle in Zeus‘ des Olympiers Hause versammelt.
Unter ihnen begann der Vater der Menschen und Götter;
Denn er gedachte bei sich des tadellosen Ägisthos,
30
Den Agamemnons Sohn, der berühmte Orestes, getötet;
Dessen gedacht‘ er jetzo, und sprach zu der Götter Versammlung:
Welche Klagen erheben die Sterblichen wider die Götter!
Nur von uns, wie sie schrein, kommt alles Übel; und dennoch
Schaffen die Toren sich selbst, dem Schicksal entgegen, ihr Elend.
35
So nahm jetzo Ägisthos, dem Schicksal entgegen, die Gattin
Agamemnons zum Weib‘, und erschlug den kehrenden Sieger,
Kundig des schweren Gerichts! Wir hatten ihn lange gewarnet,
Da wir ihm Hermes sandten, den wachsamen Argosbesieger,
Weder jenen zu töten, noch um die Gattin zu werben.
40
Denn von Orestes wird einst das Blut Agamemnons gerochen,
Wann er, ein Jüngling nun, des Vaters Erbe verlanget.
So weissagte Hermeias; doch folgte dem heilsamen Rate
Nicht Ägisthos, und jetzt hat er alles auf einmal gebüßet.
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugige Tochter Athene:
45
Unser Vater Kronion, der herrschenden Könige Herrscher,
Seiner verschuldeten Strafe ist jener Verräter gefallen.
Möchte doch jeder so fallen, wer solche Taten beginnet!
Aber mich kränkt in der Seele des weisen Helden Odysseus
Elend, welcher so lang‘, entfernt von den Seinen, sich abhärmt,
50
Auf der umflossenen Insel, der Mitte des wogenden Meeres.
Eine Göttin bewohnt das waldumschattete Eiland,
Atlas‘ Tochter, des Allerforschenden, welcher des Meeres
Dunkle Tiefen kennt, und selbst die ragenden Säulen
Aufhebt, welche die Erde vom hohen Himmel sondern.
55
Dessen Tochter hält den ängstlich harrenden Dulder,
Immer schmeichelt sie ihm mit sanft liebkosenden Worten,
Daß er des Vaterlandes vergesse. Aber Odysseus
Sehnt sich, auch nur den Rauch von Ithakas heimischen Hügeln
Steigen zu sehn, und dann zu sterben! Ist denn bei dir auch
60
Kein Erbarmen für ihn, Olympier? Brachte Odysseus
Nicht bei den Schiffen der Griechen in Trojas weitem Gefilde
Sühnender Opfer genug? Warum denn zürnest du so, Zeus?
Ihr antwortete drauf der Wolkenversammler Kronion:
Welche Rede, mein Kind, ist deinen Lippen entflohen?
65
O wie könnte doch ich des edlen Odysseus vergessen?
Sein, des weisesten Mannes, und der die reichlichsten Opfer
Uns Unsterblichen brachte, des weiten Himmels Bewohnern?
Poseidaon verfolgt ihn, der Erdumgürter, mit heißer
Unaufhörlicher Rache; weil er den Kyklopen geblendet,
70
Polyphemos, den Riesen, der unter allen Kyklopen,
Stark wie ein Gott, sich erhebt. Ihn gebar die Nymphe Thoosa,
Phorkyns Tochter, des Herrschers im wüsten Reiche der Wasser,
Welche Poseidon einst in dämmernder Grotte bezwungen.
Darum trachtet den Helden der Erderschüttrer Poseidon,
75
Nicht zu töten, allein von der Heimat irre zu treiben.
Aber wir wollen uns alle zum Rat vereinen, die Heimkehr
Dieses Verfolgten zu fördern; und Poseidaon entsage
Seinem Zorn: denn nichts vermag er doch wider uns alle,
Uns unsterblichen Göttern allein entgegen zu kämpfen!
80
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene:
Unser Vater Kronion, der herrschenden Könige Herrscher,
Ist denn dieses im Rate der seligen Götter beschlossen,
Daß in sein Vaterland heimkehre der weise Odysseus;
Auf! so laßt uns Hermeias, den rüstigen Argosbesieger,
85
Senden hinab zu der Insel Ogygia: daß er der Nymphe
Mit schönwallenden Locken verkünde den heiligen Ratschluß,
Von der Wiederkehr des leidengeübten Odysseus.
Aber ich will gern Ithaka gehn, den Sohn des Verfolgten
Mehr zu entflammen, und Mut in des Jünglings Seele zu gießen;
90
Daß er zu Rat berufe die hauptumlockten Achaier,
Und den Freiern verbiete, die stets mit üppiger Frechheit
Seine Schafe schlachten, und sein schwerwandelndes Hornvieh;
Will ihn dann senden gen Sparta, und zu der sandigen Pylos:
Daß er nach Kundschaft forsche von seines Vaters Zurückkunft,
95
Und ein edler Ruf ihn unter den Sterblichen preise.
Also sprach sie, und band sich unter die Füße die schönen
Goldnen ambrosischen Sohlen, womit sie über die Wasser
Und das unendliche Land im Hauche des Windes einherschwebt;
Faßte die mächtige Lanze mit scharfer eherner Spitze,
100
Schwer und groß und stark, womit sie die Scharen der Helden
Stürzt, wenn im Zorn sich erhebt die Tochter des schrecklichen Vaters.
Eilend fuhr sie hinab von den Gipfeln des hohen Olympos,
Stand nun in Ithakas Stadt, am Tore des Helden Odysseus,
Vor der Schwelle des Hofs, und hielt die eherne Lanze,
105
Gleich dem Freunde des Hauses, dem Fürsten der Taphier Mentes.
Aber die mutigen Freier erblickte sie an des Palastes
Pforte, wo sie ihr Herz mit Steineschieben ergötzten,
Hin auf Häuten der Rinder gestreckt, die sie selber geschlachtet.
Herold‘ eilten umher und fleißige Diener im Hause:
110
Jene mischten für sie den Wein in den Kelchen mit Wasser;
Diese säuberten wieder mit lockern Schwämmen die Tische,
Stellten in Reihen sie hin, und teilten die Menge des Fleisches.
Pallas erblickte zuerst Telemachos, ähnlich den Göttern.
Unter den Freiern saß er mit traurigem Herzen; denn immer
115
Schwebte vor seinem Geiste das Bild des trefflichen Vaters:
Ob er nicht endlich käme, die Freier im Hause zerstreute,
Und, mit Ehre gekrönt, sein Eigentum wieder beherrschte.
Dem nachdenkend, saß er bei jenen, erblickte die Göttin,
Und ging schnell nach der Pforte des Hofs, unwillig im Herzen,
120
Daß ein Fremder so lang‘ an der Türe harrte; empfing sie,
Drückt‘ ihr die rechte Hand, und nahm die eherne Lanze,
Redete freundlich sie an, und sprach die geflügelten Worte:
Freue dich, fremder Mann! Sei uns willkommen; und hast du
Dich mit Speise gestärkt, dann sage, was du begehrest.
125
Also sprach er, und ging; ihm folgete Pallas Athene.
Als sie jetzt in den Saal des hohen Palastes gekommen;
Trug er die Lanz‘ in das schöngetäfelte Speerbehältnis,
An die hohe Säule sie lehnend, an welcher noch viele
Andere Lanzen stunden des leidengeübten Odysseus.
130
Pallas führt‘ er zum Thron, und breitet‘ ein Polster ihr unter,
Schön und künstlich gewirkt; ein Schemel stützte die Füße,
Neben ihr setzt‘ er sich selbst auf einen prächtigen Sessel,
Von den Freiern entfernt: daß nicht dem Gaste die Mahlzeit
Durch das wüste Getümmel der Trotzigen würde verleidet;
135
Und er um Kundschaft ihn von seinem Vater befragte.
Eine Dienerin trug in der schönen goldenen Kanne,
Über dem silbernen Becken, das Wasser, beströmte zum Waschen
Ihnen die Händ‘, und stellte vor sie die geglättete Tafel.
Und die ehrbare Schaffnerin kam, und tischte das Brot auf,
140
Und der Gerichte viel aus ihrem gesammelten Vorrat.
Hierauf kam der Zerleger, und bracht‘ in erhobenen Schüsseln
Allerlei Fleisch, und setzte vor sie die goldenen Becher.
Und ein geschäftiger Herold versorgte sie reichlich mit Weine.
Jetzo kamen auch die mutigen Freier, und saßen
145
All‘ in langen Reihen auf prächtigen Thronen und Sesseln.
Herolde gossen ihnen das Wasser über die Hände.
Aber die Mägde setzten gehäufte Körbe mit Brot auf
Jünglinge füllten die Kelche bis oben mit dem Getränke,
Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle.
150
Und nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war,
Dachten die üppigen Freier auf neue Reize der Seelen,
Auf Gesang und Tanz, des Mahles liebliche Zierden.
Und ein Herold reichte die schöngebildete Harfe
Phemios hin, der an Kunst des Gesangs vor allen berühmt war,
155
Phemios, der bei den Freiern gezwungen wurde zu singen.
Prüfend durchrauscht‘ er die Saiten, und hub den schönen Gesang an.
Aber Telemachos neigte das Haupt zu Pallas Athene,
Und sprach leise zu ihr, damit es die andern nicht hörten:
Lieher Gastfreund, wirst du mir auch die Rede verargen?
160
Diese können sich wohl bei Saitenspiel‘ und Gesange
Freun, da sie ungestraft des Mannes Habe verschwelgen,
Dessen weißes Gebein vielleicht schon an fernem Gestade
Modert im Regen, vielleicht von den Meereswogen gewälzt wird.
Sähen sie jenen einmal zurück in Ithaka kommen;
165
Alle wünschten gewiß sich lieber noch schnellere Füße,
Als noch größere Last an Gold‘ und prächtigen Kleidern.
Aber es war sein Verhängnis, so hinzusterben; und keine
Hoffnung erfreuet uns mehr, wenn auch zuweilen ein Fremdling
Sagt, er komme zurück. Der Tag ist auf immer verloren!
170
Aber verkündige mir, und sage die lautere Wahrheit.
Wer, wes Volkes bist du? und wo ist deine Geburtstadt?
Und in welcherlei Schiff kamst du? wie brachten die Schiffer
Dich nach Ithaka her? was rühmen sich jene vor Leute?
Denn unmöglich bist du doch hier zu Fuße gekommen!
175
Dann erzähle mir auch aufrichtig, damit ich es wisse:
Bist du in Ithaka noch ein Neuling, oder ein Gastfreund
Meines Vaters? Denn unser Haus besuchten von jeher
Viele Männer, und er mocht‘ auch mit Leuten wohl umgehn.
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene:
180
Dieses will ich dir alles, und nach der Wahrheit, erzählen.
Mentes, Anchialos Sohn, des kriegserfahrenen Helden,
Rühm‘ ich mich, und beherrsche die ruderliebenden Taphos.
Jetzo schifft‘ ich hier an; denn ich steure mit meinen Genossen
Über das dunkle Meer zu unverständlichen Völkern,
185
Mir in Temesa Kupfer für blinkendes Eisen zu tauschen.
Und mein Schiff liegt außer der Stadt am freien Gestade,
In der reithrischen Bucht, all des waldichten Neïon Fuße.
Lange preisen wir, schon von dein Zeiten unserer Väter,
Uns Gastfreunde. Du darfst nur zum alten Helden Laertes
190
Gehn und fragen; der jetzt, wie man sagt, nicht mehr in die Stadt kommt,
Sondern in Einsamkeit auf dem Lande sein Leben vertrauret,
Bloß von der Alten bedient, die ihm sein Essen und Trinken
Vorsetzt, wann er einmal vom fruchtbaren Rebengefilde,
Wo er den Tag hinschleicht, mit müden Gliedern zurückwankt.
195
Aber ich kam, weil es hieß, dein Vater wäre nun endlich
Heimgekehrt; doch ihm wehren vielleicht die Götter die Heimkehr.
Denn noch starb er nicht auf Erden der edle Odysseus;
Sondern er lebt noch wo in einem umflossenen Eiland
Auf dem Meere der Welt; ihn halten grausame Männer,
200
Wilde Barbaren, die dort mit Gewalt zu bleiben ihn zwingen.
Aber ich will dir anitzt weissagen, wie es die Götter
Mir in die Seele gelegt, und wie’s wahrscheinlich geschehn wird;
Denn kein Seher bin ich, noch Flüge zu deuten erleuchtet.
Nicht mehr lange bleibt er von seiner heimischen Insel
205
Ferne, nicht lange mehr, und hielten ihn eiserne Bande;
Sinnen wird er auf Flucht, und reich ist sein Geist an Erfindung.
Aber verkündige mir, und sage die lautere Wahrheit.
Bist du mit dieser Gestalt ein leiblicher Sohn von Odysseus?
Wundergleich bist du ihm, an Haupt und Glanze der Augen!
210
Denn oft haben wir so uns zu einander gesellet,
Eh‘ er gen Troja fuhr mit den übrigen Helden Achaias.
Seitdem hab‘ ich Odysseus, und jener mich nicht gesehen.
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Dieses will ich dir, Freund, und nach der Wahrheit, erzählen.
215
Meine Mutter die sagt es, er sei mein Vater; ich selber
Weiß es nicht: denn von selbst weiß niemand, wer ihn gezeuget.
Wär ich doch lieber der Sohn von einem glücklichen Manne,
Den bei seiner Habe das ruhige Alter beschliche!
Aber der Unglückseligste aller sterblichen Menschen
220
Ist, wie man sagt, mein Vater; weil du mich darum befragest.
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene:
Nun so werden die Götter doch nicht den Namen des Hauses
Tilgen, da solchen Sohn ihm Penelopeia geboren.
Aber verkündige mir, und sage die lautere Wahrheit.
225
Was für ein Schmaus ist hier, und Gesellschaft? Gibst du ein Gastmahl,
Oder ein Hochzeitfest? Denn keinem Gelag‘ ist es ähnlich!
Dafür scheinen die Gäste mit zu unbändiger Frechheit
Mir in dem Saale zu schwärmen. Ereifern müßte die Seele
Jedes vernünftigen Manns, der solche Greuel mit ansäh!
230
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Fremdling, weil du mich fragst, und so genau dich erkundest;
Ehmals konnte dies Haus vielleicht begütert und glänzend
Heißen, da jener noch im Vaterlande verweilte:
Aber nun haben es anders die grausamen Götter entschieden,
235
Welche den herrlichen Mann vor allen Menschen verdunkelt!
Ach! ich trauerte selbst um den Tod des Vaters nicht so sehr,
Wär‘ er mit seinen Genossen im Lande der Troer gefallen,
Oder den Freunden im Arme, nachdem er den Krieg vollendet.
Denn ein Denkmal hätt‘ ihm das Volk der Achaier errichtet,
240
Und so wäre zugleich sein Sohn bei den Enkeln verherrlicht.
Aber er ward unrühmlich ein Raub der wilden Harpyen;
Weder gesehn, noch gehört, verschwand er, und ließ mir zum Erbteil
Jammer und Weh! Doch jetzo bewein‘ ich nicht jenen allein mehr;
Ach! es bereiteten mir die Götter noch andere Leiden.
245
Alle Fürsten, so viel in diesen Inseln gebieten,
In Dulichion, Same, der waldbewachsnen Zakynthos,
Und so viele hier in der felsichten Ithaka herrschen:
Alle werben um meine Mutter, und zehren das Gut auf.
Aber die Mutter kann die aufgedrungne Vermählung
250
Nicht ausschlagen, und nicht vollziehn. Nun verprassen die Schwelger
All mein Gut, und werden in kurzem mich selber zerreißen!
Und mit zürnendem Schmerz antwortete Pallas Athene:
Götter, wie sehr bedarfst du des langabwesenden Vaters,
Daß sein furchtbarer Arm die schamlosen Freier bestrafe!
255
Wenn er doch jetzo käm‘, und vorn in der Pforte des Saales
Stünde, mit Helm und Schild und zween Lanzen bewaffnet;
So an Gestalt, wie ich ihn zum erstenmale gesehen,
Da er aus Ephyra kehrend von Ilos, Mermeros‘ Sohne,
Sich in unserer Burg beim gastlichen Becher erquickte!
260
Denn dorthin war Odysseus im schnellen Schiffe gesegelt,
Menschentötende Säfte zu holen, damit er die Spitze
Seiner gefiederten Pfeile vergiftete. Aber sie gab ihm
Ilos nicht, denn er scheute den Zorn der unsterblichen Götter;
Aber mein Vater gab ihm das Gift, weil er herzlich ihn liebte:
265
Wenn doch in jener Gestalt Odysseus den Freiern erschiene!
Bald wär‘ ihr Leben gekürzt, und ihnen die Heirat verbittert!
Aber dieses ruhet im Schoße der seligen Götter,
Ob er zur Heimat kehrt, und einst in diesem Palaste
Rache vergilt, oder nicht. Dir aber gebiet‘ ich, zu trachten,
270
Daß du der Freier Schar aus deinem Hause vertreibest.
Lieber, wohlan! merk‘ auf, und nimm die Rede zu Herzen.
Fodere morgen zu Rat die Edelsten aller Achaier,
Rede vor der Versammlung, und rufe die Götter zu Zeugen.
Allen Freiern gebeut, zu dem Ihrigen sich zu zerstreuen;
275
Und der Mutter: verlangt ihr Herz die zwote Vermählung,
Kehre sie heim in das Haus des wohlbegüterten Vaters.
Dort bereite man ihr die Hochzeit, und statte sie reichlich
Ihrem Bräutigam aus, wie lieben Töchtern gebühret.
Für dich selbst ist dieses mein Rat, wofern du gehorchest.
280
Rüste das trefflichste Schiff mit zwanzig Gefährten, und eile,
Kundschaft dir zu erforschen vom langabwesenden Vater;
Ob dir’s einer verkünde der Sterblichen, oder du Ossa,
Zeus‘ Gesandte, vernehmest, die viele Gerüchte verbreitet.
Erstlich fahre gen Pylos, und frage den göttlichen Nestor,
285
Dann gen Sparta, zur Burg Menelaos‘ des Bräunlichgelockten,
Welcher zuletzt heim kam von dein erzgepanzerten Griechen.
Hörst du, er lebe noch, dein Vater, und kehre zur Heimat;
Dann, wie bedrängt du auch seist, erduld‘ es noch ein Jahr lang.
Hörst du, er sei gestorben, und nicht mehr unter den Menschen;
290
Siehe dann kehre wieder zur lieben heimischen Insel,
Häufe dem Vater ein Mal, und opfere Totengeschenke
Reichlich, wie sich’s gebührt, und gib einem Manne die Mutter.
Aber hast du dieses getan und alles vollendet,
Siehe dann denk‘ umher, und überlege mit Klugheit,
295
Wie du die üppige Schar der Freier in deinem Palaste
Tötest, mit heimlicher List, oder öffentlich! Fürder geziemen
Kinderwerke dir nicht, du bist dem Getändel entwachsen.
Hast du nimmer gehört, welch ein Ruhm den edlen Orestes
Unter den Sterblichen preist, seitdem er den Meuchler Ägisthos
300
Umgebracht, der ihm den herrlichen Vater ermordet?
Auch du, Lieber, denn groß und stattlich bist du von Ansehn,
Halte dich wohl, daß einst die spätesten Enkel dich loben!
Ich will jetzo wieder zum schnellen Schiffe hinabgehn,
Und den Gefährten, die mich, vielleicht unwillig, erwarten.
305
Sorge nun selber für dich, und nimm die Rede zu Herzen.
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Freund, du redest gewiß mit voller herzlicher Liebe,
Wie ein Vater zum Sohn, und nimmer werd‘ ich’s vergessen.
Aber verweile bei uns noch ein wenig, wie sehr du auch eilest;
310
Lieber, bade zuvor, und gib dem Herzen Erfrischung:
Daß du mit froherem Mut heimkehrest, und zu dem Schiffe
Bringest ein Ehrengeschenk, ein schönes köstliches Kleinod
Zum Andenken von mir, wie Freunde Freunden verehren.
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene:
315
Halte nicht länger mich auf; denn dringend sind meine Geschäfte.
Dein Geschenk, das du mir im Herzen bestimmest, das gib mir,
Wann ich wiederkomme, damit ich zur Heimat es bringe;
Und empfange dagegen von mir ein würdiges Kleinod.
Also redete Zeus‘ blauäugichte Tochter, und eilend
320
Flog wie ein Vogel sie durch den Kamin. Dem Jünglinge goß sie
Kraft und Mut in die Brust, und fachte des Vaters Gedächtnis
Heller noch an, wie zuvor. Er empfand es im innersten Herzen,
Und erstaunte darob; ihm ahnete, daß es ein Gott war.
Jetzo ging er zurück zu den Freiern, der göttliche Jüngling.
325
Vor den Freiern sang der berühmte Sänger; und schweigend
Saßen sie all‘, und horchten. Er sang die traurige Heimfahrt,
Welche Pallas Athene den Griechen von Troja beschieden.
Und im oberen Stock vernahm die himmlischen Töne
Auch Ikarios Tochter, die kluge Penelopeia.
330
Eilend stieg sie hinab die hohen Stufen der Wohnung,
Nicht allein; sie wurde von zwo Jungfrauen begleitet.
Als das göttliche Weib die Freier jetzo erreichte,
Stand sie still an der Schwelle des schönen gewölbeten Saales;
Ihre Wangen umwallte der feine Schleier des Hauptes,
335
Und an jeglichem Arm stand eine der stattlichen Jungfraun.
Tränend wandte sie sich zum göttlichen Sänger, und sagte:
Phemios, du weißt ja noch sonst viel reizende Lieder,
Taten der Menschen und Götter, die unter den Sängern berühmt sind;
Singe denn davon eins vor diesen Männern, und schweigend
340
Trinke jeder den Wein. Allein mit jenem Gesange
Quäle mich nicht, der stets mein armes Herz mir durchbohret.
Denn mich traf ja vor allen der unaussprechlichste Jammer!
Ach den besten Gemahl bewein‘ ich, und denke beständig

Jenes Mannes, der weit durch Hellas und Argos berühmt ist!
345
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Meine Mutter, warum verargst du dem lieblichen Sänger,
Daß er mit Liedern uns reizt, wie sie dem Herzen entströmen?
Nicht die Sänger sind des zu beschuldigen, sondern allein Zeus,
Welcher die Meister der Kunst nach seinem Gefallen begeistert.
350
Zürne denn nicht, weil dieser die Leiden der Danaer singet;
Denn der neuste Gesang erhält vor allen Gesängen
Immer das lauteste Lob der aufmerksamen Versammlung:
Sondern stärke vielmehr auch deine Seele, zu hören.
Nicht Odysseus allein verlor den Tag der Zurückkunft
355
Unter den Troern; es sanken mit ihm viel andere Männer.
Aber gehe nun heim, besorge deine Geschäfte,
Spindel und Webestuhl, und treib an beschiedener Arbeit
Deine Mägde zum Fleiß! Die Rede gebühret den Männern,
Und vor allen mir; denn mein ist die Herrschaft im Hause!
360
Staunend kehrte die Mutter zurück in ihre Gemächer,
Und erwog im Herzen die kluge Rede des Sohnes.
Als sie nun oben kam mit den Jungfraun, weinte sie wieder
Ihren trauten Gemahl Odysseus; bis ihr Athene
Sanft mit süßem Schlummer die Augenlider betaute.
365
Aber nun lärmten die Freier umher in dem schattichten Saale,
Denn sie wünschten sich alle, mit ihr das Bette zu teilen.
Und der verständige Jüngling Telemachos sprach zur Versammlung:
Freier meiner Mutter, voll übermütiges Trotzes,
Freut euch jetzo des Mahls, und erhebt kein wüstes Getümmel!
370
Denn es füllt ja mit Wonne das Herz, dem Gesange zu horchen,
Wann ein Sänger, wie dieser, die Töne der Himmlischen nachahmt!
Morgen wollen wir uns zu den Sitzen des Marktes versammeln;
Daß ich euch allen dort freimütig und öffentlich rate,
Mir aus dem Hause zu gehn! Sucht künftig andere Mähler;
375
Zehret von euren Gütern, und laßt die Bewirtungen umgehn.
Aber wenn ihr es so bequemer und lieblicher findet,
Eines Mannes Hab‘, ohn‘ alle Vergeltung zu fressen;
Schlingt sie hinab! Ich werde die ewigen Götter anflehn,
Ob euch nicht endlich einmal Zeus eure Taten bezahle,
380
Daß ihr in unserm Haus‘ auch ohne Vergeltung dahinstürzt!
Also sprach er; da bissen sie ringsumher sich die Lippen,
Über den Jüngling erstaunt, der so entschlossen geredet.
Aber Eupeithes‘ Sohn Antinoos gab ihm zur Antwort:
Ei! dich lehren gewiß, Telemachos, selber die Götter,
385
Vor der Versammlung so hoch und so entschlossen zu reden!
Daß Kronion dir ja die Herrschaft unseres Eilands
Nicht vertraue, die dir von deinem Vater gebühret!
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
O Antinoos, wirst du mir auch die Rede verargen?
390
Gerne nähm‘ ich sie an, wenn Zeus sie schenkte, die Herrschaft!
Oder meinst du, es sei das Schlechteste unter den Menschen?
Wahrlich, es ist nichts Schlechtes, zu herrschen; des Königes Haus wird
Schnell mit Schätzen erfüllt, er selber höher geachtet!
Aber es wohnen ja sonst genug achaiische Fürsten
395
In dem umfluteten Reiche von Ithaka, Jüngling‘ und Greise;
Nehm‘ es einer von diesen, wofern Odysseus gestorben!
Doch behalt‘ ich für mich die Herrschaft unseres Hauses,
Und der Knechte, die mir der edle Odysseus erbeutet!
Aber Polybos‘ Sohn Eurymachos sagte dagegen:
400
Dies, Telemachos, ruht im Schoße der seligen Götter,
Wer das umflutete Reich von Ithaka künftig beherrschet;
Aber die Herrschaft im Haus und dein Eigentum bleiben dir sicher!
Komme nur keiner, und raube dir je mit gewaltsamen Händen
Deine Habe, so lange noch Männer in Ithaka wohnen!
405
Aber ich möchte dich wohl um den Gast befragen, mein Bester.
Sage, woher ist der Mann? und welches Landes Bewohner
Rühmt er sich? Wo ist sein Geschlecht und väterlich Erbe?
Bracht‘ er dir etwa Botschaft von deines Vaters Zurückkunft?
Oder kam er hieher in seinen eignen Geschäften?
410
Warum eilt‘ er so plötzlich hinweg, und scheute so sichtbar
Unsre Bekanntschaft? Gewiß, unedel war seine Gestalt nicht!
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Hin, Eurymachos, ist auf immer des Vaters Zurückkunft!
Darum trau‘ ich nicht mehr Botschaften, woher sie auch kommen,
415
Kümmre mich nie um Deutungen mehr, wen auch immer die Mutter
Zu sich ins Haus berufe, um unser Verhängnis zu forschen!
Dies war ein taphischer Mann, mein angeborener Gastfreund.
Mentes, Anchialos‘ Sohn, des kriegserfahrenen Helden,
Rühmt er sich, und beherrscht die ruderliebende Taphos.
420
Also sprach er; im Herzen erkannt‘ er die heilige Göttin.
Und sie wandten sich wieder zum Tanz und frohen Gesange,
Und belustigten sich, bis ihnen der Abend herabsank.
Als den Lustigen nun der dunkle Abend herabsank;
Gingen sie alle heim, der süßen Ruhe zu pflegen.
425
Aber Telemachos ging zu seinem hohen Gemache.
Auf dem prächtigen Hof‘, in weitumschauender Gegend;
Dorthin ging er zur Ruh mit tiefbekümmerter Seele.
Vor ihm ging mit brennenden Fackeln die tüchtige alte
Eurykleia, die Tochter Ops, des Sohnes Peisenors,
430
Welche vordem Laertes mit seinem Gute gekaufet,
In jungfräulicher Blüte, für zwanzig Rinder: er ehrte
Sie im hohen Palast, gleich seiner edlen Gemahlin,
Aber berührte sie nie, aus Furcht vor dem Zorne der Gattin.
Diese begleitete ihn mit brennenden Fackeln; sie hatt‘ ihn
435
Unter den Mägden am liebsten, und pflegt‘ ihn, als er ein Kind war.
Und er öffnete jetzt die Türe des schönen Gemaches,
Setzte sich auf sein Lager, und zog das weiche Gewand aus,
Warf es dann in die Hände der wohlbedächtigen Alten.
Diese fügte den Rock geschickt in Falten, und hängt‘ ihn
440
An den hölzernen Nagel zur Seite des zierlichen Bettes,
Ging aus der Kammer, und zog mit dem silbernen Ringe die Türe
Hinter sich an, und schob den Riegel vor mit dem Riemen.
Also lag er die Nacht, mit feiner Wolle bedecket,
Und umdachte die Reise, die ihm Athene geraten.

Achtes Kapitel.

II. Im Lande der Heiligen

Achtes Kapitel.

Auf der großen Alkali-Ebene

Im Innern des Festlandes von Nordamerika liegt eine dürre, unwirtliche Wüstengegend, die sich Jahrhunderte lang als ein unübersteigliches Hemmnis für jeden Fortschritt der Zivilisation erwiesen hat. Diese große Einöde, welche der Yellowstonefluß im Norden, der Colorado im Süden begrenzt, dehnt sich von der Sierra Nevada bis Nebraska in schauerlichem Todesschweigen aus. Es herrscht zwar auch hier keine Einförmigkeit in der Natur – hohe Schneeberge wechseln mit düstern Thalgründen, reißende Ströme stürzen durch zerklüftete Bergschluchten, die endlosen Ebenen, die der Winter in ungeheure Schneefelder verwandelt, sind im Sommer unter einer grauen Decke von salzigem Alkalistaub begraben – doch eine schrecklichere, trostlosere Gegend findet sich nirgends.

Dies Land des Grauens ist menschenleer. Einzelne Scharen von Pawnees oder Schwarzfuß-Indianern durchstreifen es wohl, um andere Jagdgründe aufzusuchen, aber selbst die tapfersten Rothäute frohlocken, wenn die gefürchteten Salzebenen hinter ihnen liegen und sie wieder über ihre geliebte Steppe schweifen. Hier lauert nur der Coyote im Gestrüpp, der Bussard fliegt schwerfällig durch die Luft und der täppische graue Bär sucht in den dunkeln Schluchten der Felsengebirge seine kärgliche Nahrung. Dies sind die einzigen Bewohner der schauerlichen Wüste.

Eine trübseligere Aussicht findet man auf Erden nicht, als den Blick von den nördlichen Höhen der Sierra Bianca. Soweit das Auge reicht, nichts als die endlose, flache Ebene, hier und da ein verkrüppeltes Chapparal-Gebüsch und Haufen von Alkalistaub, der die ganze Gegend bedeckt. Am fernsten Horizont zieht sich eine Gebirgskette hin, deren zerklüftete Gipfel mit Schnee bedeckt sind. Meist ist kein lebendiges Wesen zu erblicken, kein Laut unterbricht die fürchterliche Stille, starres, totes Schweigen herrscht rings umher.

Mitten in der Wüste aber gewahrt man, in der weiten Ferne sich verlierend, eine Karawanenstraße. Manches Fuhrwerk hat dort tiefe Räderspuren im Boden zurückgelassen, viele Glücksjäger haben mit wanderndem Fuß das Erdreich festgetreten. Hier und da glänzt etwas Weißes in der Sonne und hebt sich grell von der grauen Alkalischicht ab. Wir betrachten es näher und erkennen, daß es Gebeine sind – die derberen sind Knochen von Zugstieren, die feineren von Menschen. Fünfzehnhundert Meilen lang läßt sich diese Totenstraße an den irdischen Ueberresten derjenigen verfolgen, die hier am Wege niedergesunken sind.

Dies war der Ausblick, der sich am vierten Mai des Jahres 1847 einem einsamen Wanderer darbot, welcher von einer kleinen Anhöhe ins Thal hinabsah. Ob der Mann ein Vierziger oder Sechziger war, ließ sich schwer entscheiden. Sein eingefallenes, abgezehrtes Gesicht, die vorstehenden Backenknochen, die braune runzlige Haut, das lange, wie mit weißen Fäden durchzogene Haupt- und Barthaar, gaben ihm das Ansehen eines hinfälligen Greises. Seine Augen, die mit unnatürlichem Glanz funkelten, lagen tief in den Höhlen, die Hand, welche die Flinte hielt, war dürr und abgemagert wie bei einem Gerippe, seine Kleider schlotterten ihm am Leibe. Und doch, wie er so dastand, auf die Waffe gelehnt, ließ seine hohe, starkknochige Gestalt auf eine zähe, urkräftige Natur schließen. Das hagere Gesicht, die zusammengeschrumpften Glieder, verrieten nur zu deutlich den Grund seines verfallenen Aussehens. Der Mann war dem Tode nahe – er kam langsam um vor Hunger und Durst.

Mühselig hatte er sich in die Schlucht hinuntergeschleppt und den Hügel hinauf, in der vergeblichen Hoffnung, irgend ein Anzeichen zu entdecken, daß Wasser in der Nähe sei. Jetzt lag die große Salzwüste vor ihm, von der fernen Bergkette eingerahmt, rings umher weder Baum noch Kraut, keine Spur einer Feuchtigkeit. Er schaute nach Norden, nach Osten und Westen mit gierigen Blicken, aber wie weit sich das Land auch dehnte, nirgends war für ihn ein Schimmer von Hoffnung. Nun sah er ein, daß seine Wanderung ihr Ende erreicht habe, und er hier auf der öden Klippe seine Todesstunde erwarten müsse. »Ob jetzt auf hartem Stein, oder zwanzig Jahre später im weichen Bett – es macht wenig Unterschied,« murmelte er, sich an die Felswand lehnend.

Ehe er sich niedersetzte, hatte er zuvor seine Flinte auf den Boden gelegt und daneben ein großes Bündel, das er in einem grauen Shawl eingeknüpft über der rechten Schulter getragen. Das Bündel schien zu schwer für seine geschwächten Kräfte und fiel etwas unsanft zur Erde, als er es abnahm. Da ließ sich ein leiser Schmerzensschrei vernehmen und aus der grauen Umhüllung kam ein erschrecktes Gesichtchen mit hellen, braunen Augen zum Vorschein und zwei niedliche, kleine Fäustchen.

»Du hast mir wehgethan,« klagte eine Kinderstimme in vorwurfsvollem Ton.

»Wirklich?« erwiderte der Mann bedauernd, »das thut mir leid.« Dabei knüpfte er das Bündel auf, und heraus sprang ein etwa fünfjähriges Mädchen, dessen zierliche Schuhe, rosa Röckchen und weißleinenes Schürzchen auf mütterliche Sorgfalt deuteten. Die Kleine war bleich und mager, doch ließen die rundlichen Aermchen und Beinchen erkennen, daß sie weniger Mangel gelitten hatte, als ihr Gefährte.

»Ist’s denn noch nicht wieder gut?« fragte er ängstlich, als sie sich noch immer das goldgelbe Lockenhaar auf dem Hinterkopf rieb.

»Gieb mir einen Kuß drauf, dann wird es heil,« versetzte sie ernsthaft, auf die schmerzende Stelle zeigend. »So macht es meine Mutter immer. Wo ist denn Mama?«

»Fortgegangen. Aber du wirst sie bald wiedersehen, glaube ich.«

»Fort – sagst du?« rief die Kleine. »Na, so was – sonst ging sie nie zur Tante ‚rüber, ohne erst ›B’hüt Gott‹ zu sagen – und jetzt ist sie schon drei Tage weg. – Mir ist so trocken im Munde. Hast du kein Wasser oder etwas zu essen?«

»Nein, Herzchen, es ist nichts da. Hab nur noch ein Weilchen Geduld, dann wird alles gut. Leg dein Köpfchen auf meine Schulter, so, nun ist’s schon besser. Mir klebt die Zunge am Gaumen, daß ich kaum sprechen kann, aber ich muß dir doch sagen, wie die Sachen stehen. Was hast du denn da in der Hand?«

»So was Hübsches, das glänzt und funkelt,« rief die Kleine, entzückt zwei Stückchen Glimmerschiefer emporhaltend. »Wenn wir heimkommen, bring ich sie Bruder Bertel mit.«

»Du wirst bald schöneres Spielzeug kriegen,« sagte der Mann zuversichtlich, »wart‘ nur noch ein wenig. Aber, was ich dir sagen wollte – weißt du noch, wie wir vom Fluß fortzogen?«

»Freilich.«

»Siehst du, wir glaubten, es käme bald ein anderer Fluß – aber er kam nicht. Ich weiß nicht, waren die Karten falsch oder der Kompaß, oder woran lag es. Das Wasser ging uns aus; nur für dich war noch ein Tröpfchen da – und –«

»Du konntest dich gar nicht waschen,« sagte sie, ihm ernsthaft in das dunkle Gesicht blickend.

»Nein, und auch nicht trinken. Herr Bender sank zuerst um, und dann der Indianerpeter, dann Frau Gregor, dann Johanny Hones, und dann, Herzchen, auch deine Mutter.«

»Ist Mutter auch tot?« Die Kleine verbarg ihr Gesichtchen in der Schürze und schluchzte bitterlich.

»Ja, alle außer uns beiden. Ich hoffte, in dieser Richtung würde Wasser zu finden sein, so lud ich dich denn auf die Schulter und wanderte fort mit dir. Aber es hat nichts genützt und jetzt weiß ich keine Hilfe mehr.«

Das Kind hörte plötzlich auf zu weinen.

»Du meinst, wir werden auch sterben?« fragte es, die nassen Augen zu ihm aufschlagend.

»Dazu wird’s wohl kommen.«

»Warum hast du denn das nicht gleich gesagt?« rief die Kleine, und lachte hell auf. »Du hast mich so erschreckt. Natürlich kommen wir wieder zur Mutter, wenn wir sterben.«

»Du gewiß, Herzchen.«

»Und du auch. Ich will ihr sagen, wie schrecklich gut du gewesen bist. Sie kommt uns gewiß am Himmelsthor entgegen mit einem großen Krug Wasser und frisch gebackenen Buchweizenkuchen, heiß und knusperig, wie sie Bertel und ich gern haben. Wie lange müssen wir noch warten?«

»Ich weiß nicht – nur kurze Zeit.« Der Blick des Mannes war nach dem nördlichen Horizont zugewendet, wo in der blauen Luft drei dunkle Punkte schwebten, die jeden Augenblick an Umfang zunahmen. Jetzt erkannte man, daß es drei große Vögel mit braunem Gefieder waren, die über den Häuptern der Wanderer kreisten und sich dann auf den nächsten Felsspitzen niederließen. Es waren Bussarde, die Geier des Westens und Vorboten des Todes.

Die Kleine klatschte in die Hände. »Die können aber schön fliegen,« rief sie fröhlich. »Sag mal, hat denn der liebe Gott dies Land gemacht?«

»Versteht sich,« erwiderte ihr Gefährte, verwundert über die Frage.

»Er hat Illinois gemacht und Missouri, das weiß ich,« fuhr das Kind fort. »Aber diese Gegend ist lange nicht so hübsch, die hat gewiß jemand anders geschaffen und dabei das Wasser und die Bäume vergessen.«

»Willst du nicht jetzt dein Gebet sagen?« – Die Stimme des Mannes zitterte.

»Soll ich? – Es ist ja noch nicht Abend.«

»Das thut nichts. Wenn’s auch nicht die richtige Zeit ist, glaub‘ nur, Gott hört dich doch. Sag‘ dein Nachtgebet her, wie jeden Abend im Wagen, als wir über die Prairie fuhren.«

»Warum betest du denn nicht selbst?« fragte die Kleine verwundert zu ihm aufschauend.

»Ich weiß nicht mehr wie – es ist so lange her, seit ich’s gethan, ich hab‘ die Worte vergessen. Sag‘ du sie mir vor und ich bete mit – noch ist’s nicht zu spät.«

»Dann mußt du niederknieen und ich auch,« sagte sie, und breitete den Shawl auf die Erde. »Du mußt auch die Hände falten – so – du wirst sehen, wie gut das thut.«

Neben einander knieten sie am Boden, das kleine plaudernde Kind und der wetterharte Wanderer. Ihr Unschuldsblick und sein abgezehrtes Antlitz waren nach oben gerichtet, zu dem wolkenlosen Himmel. Vor Gottes Angesicht flehten sie um Gnade und Vergebung. Der Ton seiner tiefen, rauhen Stimme mischte sich in den hellen Klang der ihrigen. Nachdem das Gebet gesprochen war, nahmen sie wieder Platz im Schatten der Felswand und bald schlummerte die Kleine sanft ein, an die breite Brust ihres Beschützers geschmiegt. Seit drei Tagen und Nächten hatte er sich weder Ruhe noch Rast gegönnt, auch jetzt wollte er bei ihr wachen, aber die Natur forderte ihr Recht. Langsam fielen ihm die müden Augen zu, das Haupt sank ihm auf die Brust, sein grauer Bart mischte sich mit den blonden Locken des Kindes und beide lagen zusammen in tiefem, traumlosem Schlummer da.

Wäre der Wanderer noch eine halbe Stunde länger wach geblieben, er hätte ein seltsames Schauspiel erblickt. An dem äußersten Rande der großen Alkaliwüste stieg eine Staubwolke auf, die sich zuerst kaum von dem Dunst der Ferne unterschied, bis sie allmählich höher und breiter wurde und eine dichte, knarrten die Räder und die Rosse wieherten. Aber die beiden müden Wanderer oben am Felsenabhang weckte der Lärm nicht auf.

An der Spitze der Kolonne ritten etwa zwanzig ernste Männer mit eisenharten Zügen. Sie waren mit Flinten bewaffnet und in grobe Stoffe gekleidet. Am Fuß der Felswand machten sie Halt und versammelten sich zu einem Kriegsrat.

»Die Quellen liegen zur Rechten, meine Brüder,« sagte ein Mann mit glattem Gesicht und kurz geschorenem, grauem Haupthaar.

»Ja, rechts von der Sierra Bianca – das ist auch der Weg nach dem Rio Grande,« versetzte ein anderer.

»Fürchtet keinen Mangel!« rief ein Dritter, »Der Herr ließ einst Wasser aus dem Felsen fließen; er wird seine Auserwählten auch jetzt nicht verlassen.«

»Amen, Amen!« fiel die ganze Schar ein. Eben wollten sie die Wanderung fortsetzen, als einer der Jüngsten einen Ruf der Ueberraschung ausstieß und nach einer Felsklippe deutete, auf welcher sein scharfes Auge etwas Rotes flattern sah, das sich grell von dem dunkeln Gestein abhob. Wie auf Kommando faßten alle die Zügel ihrer Rosse fester und nahmen die Gewehre von der Schulter. Auch galoppierten von hinten neue Reiterscharen herbei, um den Vortrab zu verstärken. »Die Rothäute!« schallte es aus aller Munde.

»Es können keine Indianer hier in der Nähe sein,« sagte der ältere Mann, welcher den Oberbefehl zu haben schien. »An den Pawnees sind wir schon vorbeigekommen und andere Stämme giebt es hier nicht, bis wir jenseits der hohen Berge sind.«

»Ich will hinaufsteigen, Bruder Stangerson,« schlug einer aus der Schar vor, »und nachsehen, was es bedeutet.«

»Ich auch – ich auch,« riefen mehrere Stimmen.

»Laßt eure Pferde unten, wir wollen hier auf euch warten,« gebot der Alte. Schnell stiegen die jungen Männer ab, banden ihre Pferde fest und kletterten die steile Anhöhe hinauf, rasch und geräuschlos, mit der Sicherheit und Geschicklichkeit geübter Kundschafter. Die Leute in der Ebene sahen ihre Gestalten, die sich klar gegen den Himmel abhoben, von Fels zu Fels aufwärts steigen. Jetzt hatten sie die Stelle erreicht. Es mußte wohl ein seltsamer Anblick sein, der sich ihnen bot – sie hoben ihre Arme in die Höhe und gaben auch sonst durch allerlei Zeichen die höchste Verwunderung zu erkennen.

Auf der Platte, die den Gipfel des kahlen Hügels krönte, erhob sich ein einziger Felskegel; an diesem lehnte ein Mann mit langem Bart und verwittertem Gesicht; seine tiefen, regelmäßigen Atemzüge zeigten, daß er in festem Schlafe lag. Neben ihm aber, die Aermchen um seinen braunen, sehnigen Hals geschlungen, den goldenen Lockenkopf an seine Brust gebettet, ruhte ein schlummerndes Kind. Die rosigen Lippen der Kleinen waren halb geöffnet, und um ihre lieblichen Züge spielte ein friedliches Lächeln.

Drei Raubvögel, die auf der Felsenspitze über ihnen gesessen hatten, flogen erschreckt auf, als sie der neuen Ankömmlinge ansichtig wurden. Ihr heiseres Geschrei weckte die Schläfer, die verwirrt um sich blickten. Der Mann richtete sich schlaftrunken auf und starrte in die Ebene hinunter, die noch vor kurzem so verödet gewesen war und auf der es jetzt wimmelte von Menschen und Tieren. »Ein Fieberwahn,« murmelte er, die Hand an die Stirn legend. Das Kind stand neben ihm, hielt sich an seinem Rock fest und sah mit großen, verwunderten Augen umher.

Den Rettern gelang es schnell, die beiden Wanderer zu überzeugen, daß, was sie sahen, keine Täuschung ihrer Sinne, sondern Wirklichkeit sei. Einer der jungen Leute hob das kleine Mädchen auf seine Schulter, während zwei andere ihrem hageren Gefährten stützend unter die Arme griffen.

»Mein Name ist John Ferrier,« sagte der Gerettete; »ich und die Kleine hier, wir sind die einzig Ueberlebenden von einundzwanzig Personen. Alle übrigen sind auf dem Wege vom Süden her vor Hunger und Durst verschmachtet.«

»Ist es Ihr Kind?« fragten die, welche ihn führten.

»Ja, mir gehört es,« rief er mit entschlossener Miene, »ich habe es gerettet. Von heute an heißt die Kleine Lucy Ferrier und niemand, außer mir, hat ein Recht an sie. – Wer seid denn aber ihr?« fuhr er fort, seine mannhaften, sonnverbrannten Retter neugierig betrachtend, »das sind ja ganz endlose Schwärme, die da herangezogen kommen.«

»Fast zehntausend,« versetzte einer der jungen Leute. »Wir sind die verfolgten Kinder Gottes, die Auserwählten des Engels Merona.«

»Von dem habe ich noch nie gehört,« meinte der Wanderer. »Eine schöne Masse Menschen hat er auserwählt.«

»Scherze nicht über heilige Dinge,« sagte der andere streng. »Du siehst vor dir das Volk, welches an die geoffenbarten Schriften glaubt, die auf goldenen Tafeln dem heiligen Josef Smith in Palmyra übergeben wurden. Im Staate Illinois in Nauvoo hatten wir unsern Tempel gegründet. Jetzt sind wir ausgezogen, um vor den gottlosen und gewaltthätigen Menschen eine neue Zufluchtsstätte zu suchen, und wenn es auch mitten in der Wüste wäre.«

Die Erwähnung von Nauvoo schien bei John Ferrier eine Erinnerung zu wecken. »O, jetzt verstehe ich,« rief er, »seid ihr nicht die Mormonen?«

»Jawohl, die Mormonen sind wir,« riefen alle einstimmig.

»Und wohin geht ihr?«

»Das wissen wir nicht. Die Hand Gottes führt uns durch unsern Propheten. Wir bringen euch zu ihm; er muß entscheiden, was mit euch geschehen soll.«

Sie hatten inzwischen den Fuß des Hügels erreicht, wo die Pilger sie umdrängten – bleiche Frauen mit demütiger Miene, muntere, kräftige Kinder und ernste Männer. Die große Jugend des Mädchens und die völlige Erschöpfung ihres Begleiters entlockte der Menge Ausrufe der Verwunderung und des Mitleids. Von neugierigen Scharen geleitet, schritten die Führer der Geretteten unverweilt vorwärts, bis sie einen Wagen erreichten, der sich durch besondere Größe und prächtige Zierate vor allen andern auszeichnete. Auch war er mit sechs Pferden bespannt, während die andern nur zwei oder höchstens vier hatten. Auf dem Wagen saß ein Mann von etwa dreißig Jahren, mit gewaltigem Haupt und entschlossenem Blick – der Führer des Volkes. Er las in einem Buch mit braunem Einband, das er bei dem Herannahen der Menge beiseite legte, um dem Bericht über das Ereignis ein aufmerksames Ohr zu leihen. Dann wandte er sich in feierlichem Ton an die beiden Wanderer.

»Wenn wir euch mit uns nehmen sollen,« sagte er, »so müßt ihr auch unsern Glauben bekennen. Wir dulden keine Wölfe in unserer Hürde. Weit besser, eure Gebeine bleichen hier in der Wüste, als daß ihr wie räudige Schafe die Ansteckung in die ganze Herde traget. Wollt ihr unter dieser Bedingung mit uns ziehen?«

»Ich ziehe mit, unter jeder Bedingung, die ihr stellt,« rief Ferrier mit solchem Eifer, daß die Aeltesten ein Lächeln nicht unterdrücken konnten. Der Anführer allein bewahrte sein ernstes, feierliches Wesen.

»Nimm ihn mit, Bruder Stangerson,« befahl er, »gieb ihm Speise und Trank, dem Kinde auch. Es soll deine Aufgabe sein, ihn in unserer heiligen Lehre zu unterweisen. – Doch jetzt haben wir lange genug gezögert. Vorwärts. Auf nach Zion!«

»Auf, nach Zion!« riefen die Mormonen im Chor, und der Ruf pflanzte sich in der langen Karawane von Mund zu Mund fort, bis nur noch ein dumpfes Gemurmel aus der Ferne herüberklang. Die Peitschen knallten, die Räder der großen Fuhrwerke setzten sich in Bewegung und bald zog die ungeheure Schar wieder ihres Weges dahin. Der Aelteste, der die Sorge für die beiden Verirrten übernommen hatte, führte sie zu seinem Wagen, wo ihrer schon eine Mahlzeit wartete.

»Ihr dürft hier bleiben,« sagte er. »In wenigen Tagen werdet ihr euch von euren Anstrengungen erholt haben. Vergeßt aber nicht, daß ihr euch von jetzt an zu den Bekennern unseres Glaubens zählt. Brigham Young hat es gesagt und aus ihm hat die Stimme Josef Smiths geredet, welche die Stimme Gottes ist.«

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Neuntes Kapitel

Neuntes Kapitel

Die Blume von Utah.

Dies ist nicht der Ort, um die Drangsale und Beschwerden zu schildern, welche die ausgewanderten Mormonen zu erdulden hatten, bevor sie ihren neuen Zufluchtshafen erreichten. Von den Ufern des Mississippi waren sie nach den westlichen Abhängen des Felsengebirges gezogen, und hatten dabei eine Ausdauer und Zähigkeit bewiesen, die einzig in der Geschichte dasteht. Gegen reißende Tiere und feindliche Wilde, gegen allerlei Mühsal, Krankheit, Hunger, Durst und jedes Hindernis, das die Elemente ihnen in den Weg legten, hatten sie siegreich gestritten, obwohl unter den Schrecknissen der langen Wanderung auch dem Mutigsten bange ums Herz geworden sein mochte. Als endlich das weite Thal von Utah im Sonnenschein zu ihren Füßen ausgebreitet lag, und sie aus dem Munde des Führers vernahmen, daß es das Land der Verheißung sei, der jungfräuliche Boden, welcher ihnen auf ewige Zeiten zu eigen gehören solle, da gab es wohl keinen unter der großen Schar, der nicht freudig auf die Knie gesunken wäre, um ein Dankgebet für seine Rettung emporzusenden.

Brigham Young zeigte bald in der Verwaltung der Ländereien ebensoviel Geschick, als er bei der Führung des Volkes bewiesen. Er ließ Vermessungen vornehmen und Pläne entwerfen, auf welchen die künftige Stadt verzeichnet war. Ringsumher wurde Ackerland abgesteckt und jedem, ohne Rücksicht auf Rang und Stand, zugeteilt. Der Arbeiter erhielt Beschäftigung in seinem Handwerk, der Handelsmann in seinem Gewerbe. In der Stadt entstanden wie durch Zauberschlag Straßen und Plätze; auf dem Lande wurden Bäume gefällt, Wiesen entwässert, eingezäunt und bepflanzt, so daß schon im nächsten Sommer der goldene Weizen auf den Feldern wogte. Alles gedieh in der wunderbaren Ansiedlung. Mitten in der Stadt wurde der große Tempel erbaut, welcher einen immer erstaunlicheren Umfang annahm. Vom ersten Morgengrauen bis zur sinkenden Dämmerung waren dort Hammer und Säge unermüdlich beschäftigt, denn es galt ja, ein Denkmal zu errichten zu Ehren dessen, der sie durch alle Gefahren sicher geleitet hatte.

John Ferrier und seine kleine Schicksalsgefährtin, die er an Kindesstatt angenommen, hatten die Mormonen bis ans Ende ihrer Pilgerfahrt begleitet. Die kleine Lucy war unterwegs keinen allzugroßen Fährlichkeiten ausgesetzt gewesen. Sie durfte den Zug in dem Wagen des Aeltesten Stangerson mitmachen, in welchem sich außer ihr noch die drei Frauen des Mormonen befanden und sein Sohn, ein eigenwilliges, zwölfjähriges Bürschchen. Mit leichtem Kindersinn hatte sie sich schnell von dem Kummer erholt, den ihr der Mutter Tod bereitet. Sie wurde der Liebling der Frauen und gewöhnte sich bald an das neue Leben unter dem beweglichen Leinwandzelt. Auch Ferrier erholte sich nach kurzer Zeit von den ausgestandenen Beschwerden; er wußte sich als erfahrener Führer und unermüdlicher Jäger seinen neuen Gefährten nützlich zu machen und ihre Achtung zu erwerben. Als man das Ziel der Wanderung endlich erreicht hatte, wurde ihm ein ebenso großes und fruchtbares Ackerland zugewiesen wie allen übrigen Ansiedlern. Außer Brigham Young selbst erhielten nur die vier Hauptältesten Stangerson, Kemball, Johnston und Drebber ansehnlichere Besitztümer.

Auf dem ihm zugefallenen Strich Landes baute sich John Ferrier ein festes Blockhaus, das er im Laufe der Jahre vergrößerte, bis es ein geräumiger Landsitz wurde. Er war eine durchaus praktische Natur, geschickt zu jedem Handgriff, klug und besonnen in allem, was er unternahm. Eine eiserne Gesundheit setzte ihn in den Stand, von früh bis spät thätig zu sein beim Anbau seines Grund und Bodens. Dieser angestrengte Fleiß brachte ihm reichliche Früchte, und sein Hab und Gut mehrte sich zusehends.

Nach Ablauf von drei Jahren besaß er mehr als seine Nachbarn, nach sechs Jahren war er wohlhabend, nach neun Jahren reich, und als zwölf Jahre um waren, gab es in der ganzen Stadt am Salzsee kaum ein Dutzend Leute, die sich mit ihm vergleichen konnten. Von dem großen Binnensee bis zu dem Wahsatch-Gebirge kannte und schätzte man John Ferriers Namen allgemein.

Einen Punkt gab es jedoch, in welchem er den Anforderungen seiner Glaubensbrüder nicht genügte. Kein Drängen und keine Ueberredungskunst konnte ihn bewegen, sich einen weiblichen Hausstand nach Art seiner Gefährten einzurichten. Er gab für seine hartnäckige Weigerung keine Gründe an, sondern begnügte sich damit, unerschütterlich bei seinem Entschluß zu verharren. Manche beschuldigten ihn deshalb der Lauheit gegen die Religionsgemeinschaft, der er beigetreten war, andere meinten, er handle aus Habgier und wünsche die Kosten zu sparen. Wieder andere sprachen von einer früheren Liebesgeschichte, und sagten, er habe im Osten ein blondes Mädchen zurückgelassen, das er nicht vergessen könne. Eins nur war sicher – Ferrier blieb ein für allemal unvermählt. In jeder andern Hinsicht unterwarf er sich aber den herrschenden Gebräuchen und galt für ein strenggläubiges Mitglied der jungen Ansiedlung.

Lucy Ferrier wuchs in dem Blockhaus auf und half ihrem Pflegevater bei allen seinen Unternehmungen. Das Kind gedieh in der scharfen Bergluft und den balsamischen Fichtenwäldern besser, als wenn es die Pflege der besorgtesten Mutter und Wärterin genossen hätte. Wie die Jahre flohen, wurde ihre Gestalt schlanker und kräftiger, ihre Wangen röteten sich, ihr Schritt gewann an Elastizität; allmählich und unmerklich hatte sich die Knospe zur Blume entfaltet. Mancher Wanderer, den sein Weg auf der Landstraße an Ferriers Besitztum vorbeiführte, sah dem anmutigen Mädchen mit Wohlgefallen nach, wenn sie durch die Weizenfelder schritt oder auf ihres Vaters Mustang einhergeritten kam, den sie leicht und sicher zu regieren verstand, wie ein echtes Kind des Westens.

Zur Zeit, als John Ferrier für den reichsten Farmer an den westlichen Abhängen des Felsengebirges galt, war Lucy zur Jungfrau erblüht; unversehens hatte sie die Schwelle der Kindheit überschritten, und nun kam auch für sie der Tag, an dem sie das Erwachen eines neuen, schöneren Lebens in ihrem Innern mit Stolz und Freude empfand. Ein Ereignis trat ein, das nicht nur für Lucys Zukunft von den wichtigsten Folgen war, sondern auch auf das Schicksal vieler anderer einen entscheidenden Einfluß übte.

An einem warmen Junimorgen waren die ›Heiligen des Jüngsten Tages‹ nach ihrer Gewohnheit geschäftig wie die Bienen, die sie sich zum Vorbild erwählt haben. Ueberall auf den Feldern und in den Werkstätten vernahm man das Gewirr und Gesumme menschlicher Thätigkeit. Auch auf den staubigen Landstraßen herrschte ein buntes Leben; dort trabten lange Züge schwerbeladener Maultiere einher, die alle nach dem Westen zogen, denn das Goldfieber war in Kalifornien ausgebrochen und wer zu Lande dorthin wollte, den führte sein Weg an der Stadt ›der Auserwählten‹ vorbei. Zugleich mit den Scharen dieser Einwanderer, die sich mit ihren ermatteten Tieren mühsam weiter schleppten auf der endlosen Fahrt, begegnete man großen Herden von Schafen und Jungvieh, welche die ferner gelegenen Weideplätze verlassen hatten.

Auf der Straße war ein dichtes Gedränge von Menschen und Tieren entstanden, aber mitten durch das Gewühl hindurch galoppierte Lucy Ferrier, sich als geschickte Reiterin einen Weg bahnend; ihre Wangen waren gerötet von der raschen Bewegung, ihre kastanienbraunen Locken flogen im Winde. Der Vater hatte sie mit einem Auftrag nach der Stadt geschickt, und sie jagte in jugendlichem Mute, wie sie schon so oft gethan, furchtlos dahin, um ihn auszurichten. Mehr als einer der wegemüden Abenteurer blickte dem kühnen Mädchen bewundernd nach; ja, selbst der stoische Indianer, der mit seinem erbeuteten Pelzwerk beladen heimkehrte, ward von Staunen ergriffen über die Schönheit des lieblichen Bleichgesichts.

Schon hatte Lucy die ersten Häuser der Stadt erreicht, als eine große Rinderherde, die in der Hut ihrer wildblickenden Treiber von der Steppe daherzog, ihr plötzlich den Weg versperrte. Ungeduldig über dies Hindernis, sprengte sie in die erste beste Lücke hinein, die sich zu öffnen schien. Kaum aber hatte sie das gethan, als die gehörnten Scharen hinter ihr nachdrängten und sie sich mit ihrem Pferde fest eingekeilt sah in dem unaufhaltsam vorwärts flutenden Strome. Ohne über ihre Lage zu erschrecken, benutzte sie geschickt jeden Vorteil, der sich ihr bot, um weiter zu kommen, und trieb ihr Pferd an, in der Hoffnung, sich einen Weg durch die Herde zu bahnen.

Dabei geriet jedoch ein junger, feuriger Stier in allzu nahe Berührung mit dem Mustang und stieß seine Hörner in dessen Weichen. Das Pferd ward wild, stieg auf die Hinterbeine, schnaubte und schüttelte sich mit solcher Heftigkeit, daß Lucy ihre ganze Kunst anwenden mußte, um sich im Sattel zu halten. Die Gefahr, in der sie schwebte, war groß, bei jedem Sprunge stieß das Pferd wieder gegen die spitzigen Hörner und wurde zu neuer Wut gereizt. Wenn es seine Reiterin abwarf, wäre diese ohne Erbarmen von den Hufen der ungefügen, erschreckten Stiere zu Tode getreten worden. Der aufgewirbelte Staub drohte sie zu ersticken, ein Schwindel ergriff sie, und schon begann ihre Hand, die den Zügel hielt, zu erlahmen. Die Kraft würde ihr versagt haben, wenn nicht in diesem Augenblick ein herzhafter Zuruf dicht neben ihr sie mit neuem Mut erfüllt hätte. Eine braune, sehnige Faust ergriff den Mustang beim Zaume und machte ihm Bahn mitten durch die Herde, bis er wieder freien Spielraum vor sich sah und sich ungehindert bewegen konnte.

»Ich hoffe, Sie haben keinen Schaden genommen, Fräulein,« sagte Lucys Retter in ehrfurchtsvollem Ton.

Sie sah ihm beherzt in das dunkle, kühne Antlitz und erwiderte unbefangen: »Einen furchtbaren Schrecken habe ich gehabt, wer hätte auch denken können, Poncho würde sich von einer Herde Ochsen ins Bockshorn jagen lassen.«

»Gottlob, daß Sie sich fest im Sattel hielten,« sagte der andere ernst. Er war ein junger Bursche von kräftigem Gliederbau und etwas verwildertem Aeußern, trug ein grobes Jägerwams, eine lange Büchse über der Schulter und ritt auf einem mächtigen Braunfuchs.

»Sie sind wohl John Ferriers Tochter,« fuhr er fort, »ich sah Sie unten von seinem Hause wegreiten. Fragen Sie ihn doch einmal, ob er sich noch an Jefferson Hope aus St. Louis erinnert. Wenn er der Ferrier ist, den ich meine, müssen mein Vater und er gute Freunde gewesen sein.«

»Wollen Sie nicht lieber kommen und ihn selbst danach fragen?« entgegnete sie mit freundlicher Miene.

Dem jungen Manne schien der Vorschlag zu behagen, seine dunklen Augen glänzten vor Vergnügen. »Das will ich thun,« sagte er; »ich bin zwar jetzt mit meinen Kameraden zwei Monate im Gebirge gewesen, da sehen wir nicht gerade besuchsmäßig aus, vielleicht nimmt Herr Ferrier aber mit uns fürlieb wie wir sind.«

»Mein Vater ist Ihnen großen Dank schuldig,« erwiderte sie, »und ich gleichfalls. Er hat mich sehr lieb, und wenn mich die Tiere zu Boden getreten hätten, wäre er nie wieder froh geworden.«

»Ich auch nicht,« versicherte der Jäger.

»Sie? – Ja, was sollten Sie sich denn groß darum kümmern? Sie gehören ja nicht einmal zu unsern Freunden.«

Die Miene des jungen Mannes verfinsterte sich so sichtlich, als Lucy Ferrier diese Aeußerung that, daß sie hell auflachte.

»Nein, so meine ich das nicht; natürlich sind Sie jetzt ein Freund unseres Hauses. Kommen Sie nur recht bald uns zu besuchen. Doch ich muß weiter, sonst läßt mich Vater nie wieder ein Geschäft für ihn besorgen. Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen,« sagte er, sich über ihre kleine Hand beugend, und nahm seinen breiten Sombrero ab. Sie ließ ihren Mustang eine kühne Schwenkung machen, versetzte ihm einen leichten Schlag mit der Peitsche und flog davon, die Landstraße hinunter, eine hohe Staubwolke hinter sich aufwirbelnd.

Der junge Jefferson Hope ritt mit seinen Gefährten langsam und schweigend weiter. Sie waren im Gebirge von Nevada gewesen, um nach Silber zu suchen, und kamen jetzt in die Salzseestadt zurück, mit der Hoffnung, dort ein Kapital zusammenzubringen, um die Erzgänge ausbeuten zu können, welche sie entdeckt hatten. Er war voll Eifer für das Unternehmen gewesen, bis das heutige Erlebnis seinen Gedanken eine andere Richtung gab. Der Anblick des schönen jungen Mädchens, das so frisch und frei war wie die Luft im Gebirge, hatte sein ungestümes, leidenschaftliches Herz bis in die innersten Tiefen erregt. Als sie ihm aus den Blicken entschwunden war, wußte er, daß ein Wendepunkt in seinem Leben eingetreten sei, und daß weder die Silbermine noch sonst etwas auf der Welt für ihn von Bedeutung war, neben dem neuen, ihn ganz beherrschenden Gefühl. Die Liebe, die in seinem Innern erwachte, glich nicht der plötzlichen und veränderlichen Laune eines Knaben, es war die wilde, unbezwingbare Leidenschaft eines Mannes von stolzem Sinn und starkem Willen. Alles was er bisher unternommen hatte, war von Erfolg gekrönt gewesen. In seinem Herzen gelobte er sich, auch dies höchste Gut zu erringen, wenn es für sein feuriges Streben irgend erreichbar war.

Noch am selben Abend besuchte er John Ferrier und ward seitdem ein häufig gesehener Gast in seinem Hause. Der alte Farmer war in den letzten zwölf Jahren ausschließlich mit seiner Arbeit beschäftigt gewesen und hatte sich wenig um die Außenwelt gekümmert. Durch Jefferson Hope erhielt er nun Kunde von dem, was sich draußen zugetragen, und alles, was dieser erzählte, zog Lucy ebenso sehr an, wie ihren Vater. Der junge Mann war als Pionier nach Kalifornien gegangen und wußte seltsame Dinge davon zu berichten, wie Reichtümer gewonnen und wieder verloren wurden in jenen Tagen wilder Begierde. Auch Pfadfinder war er gewesen und Pelzjäger, Silbergräber und Landwirt. Wo es galt, kühne Abenteuer zu bestehen, war Jefferson Hope überall als einer der ersten zu finden. Der alte John Ferrier, dem er bald lieb und wert wurde, ergriff jede Gelegenheit, um Gutes von ihm zu reden und ihm Lob zu spenden. Lucy schwieg dann meist still, aber ihre glühenden Wangen und hellen, glückstrahlenden Augen verrieten nur zu deutlich, daß die Liebe in ihrem Herzen Einzug gehalten hatte. Ihr wackerer Vater gewahrte vielleicht nichts von solchen Anzeichen, aber dem Manne, welcher das holde Mädchen für sich zu gewinnen trachtete, blieben sie nicht verborgen.

An einem Sommerabend stand Lucy auf der Schwelle des Hauses und sah Jefferson die Straße herabreiten und am Gitterthor halten. Als sie die Stufen hinunter eilte, um ihn zu begrüßen, band er rasch sein Pferd an den Zaun, und kam ihr auf dem Fußsteig entgegen.

»Ich muß fort, Lucy,« sagte er, ihre Hand ergreifend und ihr zärtlich ins Auge blickend. »Ich will dich nicht bitten, mir schon jetzt zu folgen, wirst du aber bereit sein, mit mir zu ziehen, wenn ich zurückkehre?«

»Und wann wird das sein?« fragte sie mit freudigem Erröten.

»In einigen Monaten. Dann komme ich, Geliebte, und bitte um deine Hand.«

»Was wird aber der Vater sagen?«

»Er hat seine Einwilligung gegeben, wenn es uns mit den Silberminen glückt. Davor ist mir nicht bange.«

»Nun, wenn ihr darüber eines Sinnes seid, der Vater und du, so darf ich keinen Einspruch erheben,« flüsterte sie und barg ihre glühenden Wangen an seiner starken Brust.

»Gottlob!« rief er beglückt, und drückte ihr einen innigen Kuß auf die Lippen, »soweit ist alles gut. Lebe wohl, mein Herz, ich darf nicht länger bleiben, sonst wird mir das Scheiden zu schwer. Die Kameraden warten auf mich in der Bergschlucht. In zwei Monaten sehen wir uns wieder. Lebe wohl!«

Er riß sich aus ihrer Umarmung, sprang in den Sattel und trabte mit Windeseile davon. Nicht einen Blick warf er noch zurück, als fürchte er, die Kraft möchte ihm versagen, wenn er sich noch einmal umschaute nach dem Glück, welches er verließ. Sie blieb am Gitterthor stehen und sah ihm nach, bis er ihren Augen entschwunden war. Dann kehrte sie ins Haus zurück. Ein glückseligeres Mädchen als Lucy Ferrier gab es in jenem Abend in ganz Utah nicht.

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Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Die Kunst der Schlußfolgerung

Unsere verabredete Besichtigung des Quartiers in der Bakerstraße Nr. 221b fand am nächsten Tage statt. Es gefiel mir außerordentlich; das große, luftige Wohnzimmer, welches sich an zwei behagliche Schlafstuben anschloß, war freundlich möbliert und sehr hell, da es sein Licht durch zwei große Fenster erhielt. Unter uns beide geteilt, erschien auch der Preis der Wohnung so gering, daß wir sie auf der Stelle mieteten und sogleich einzuziehen beschlossen. Noch am selben Abend ließ ich meine Besitztümer vom Hotel hinüberschaffen und Sherlock Holmes folgte bald darauf mit verschiedenen Koffern und Reisetaschen. In den ersten Tagen waren wir eifrig beschäftigt, auszupacken und unsere Sachen auf das vorteilhafteste unterzubringen. Als dann die Einrichtung fertig war, begannen wir uns in Ruhe an unsere neue Umgebung zu gewöhnen.

Holmes war ein Mensch, mit dem sich leicht leben ließ, von stillem Wesen und regelmäßig in seinen Gewohnheiten. Selten blieb er abends nach zehn Uhr auf, und wenn ich morgens zum Vorschein kam, hatte er immer schon gefrühstückt und war ausgegangen. Den Tag über war er meist im chemischen Laboratorium oder im Seziersaal, zuweilen machte er auch weite Ausflüge, welche ihn bis in die verrufensten Gegenden der Stadt zu führen schienen. Seine Thatkraft war unverwüstlich, so lange die Arbeitswut bei ihm dauerte; von Zeit zu Zeit trat jedoch ein Rückschlag ein, dann lag er den ganzen Tag im Wohnzimmer auf dem Sofa, fast ohne ein Glied zu rühren oder ein Wort zu reden. Dabei nahmen seine Augen einen so traumhaften, verschwommenen Ausdruck an, daß sicher der Verdacht in mir aufgestiegen wäre, er müsse irgend ein Betäubungsmittel gebrauchen, hätte nicht seine Mäßigkeit und Nüchternheit im gewöhnlichen Leben diese Annahme völlig ausgeschlossen.

Nach den ersten Wochen unseres Beisammenseins war mein Interesse für ihn und der Wunsch zu ergründen, welche Zwecke er eigentlich verfolgte, in hohem Maße gestiegen. Schon seine äußere Erscheinung fiel ungemein auf. Er war über sechs Fuß groß und sehr hager; sein scharfkantig vorstehendes Kinn drückte Festigkeit des Charakters aus, der Blick seiner Augen war lebhaft und durchdringend, außer in den schon erwähnten Zeiten völliger Erschlaffung, und eine spitze Habichtsnase gab seinem Gesicht etwas Aufgewecktes und Entschlossenes. Die Hände schonte er nicht, sie trugen fortwährend Spuren von Tinten und Chemikalien, auch hatte ich oft Gelegenheit, seine große Geschicklichkeit bei allen Handgriffen zu bewundern, wenn er mit seinen feinen physikalischen Instrumenten experimentierte.

Kein Wunder, daß meine Neugier in hohem Grade rege war und ich immer wieder versuchte, die strenge Zurückhaltung zu durchbrechen, die er in allem beobachtete, was ihn selbst betraf. Das Geheimnis, welches meinen Gefährten umgab, beschäftigte mich um so mehr, als mein eigenes Leben damals völlig zweck- und ziellos war und wenige Zerstreuungen bot. Mein Gesundheitszustand erlaubte mir nur bei besonders günstiger Witterung auszugehen, und Freunde, die mich hätten besuchen können, um etwas Abwechslung in mein einförmiges Dasein zu bringen, besaß ich nicht.

Daß Holmes nicht Medizin studiere, wußte ich aus seinem eigenen Munde. Auch schien er keinen bestimmten Kursus in irgend einer andern Wissenschaft durchgemacht zu haben, der ihm auf herkömmliche Weise die Eingangspforte in die Gelehrtenwelt geöffnet hätte. Trotzdem verfolgte er gewisse Studien mit wahrem Feuereifer und besaß innerhalb ihrer Grenzen ein so ausgedehntes und umfassendes Wissen, daß er mich oft höchlich dadurch überraschte. – War es denkbar, daß ein Mensch so angestrengt arbeitete, sich so genau zu unterrichten suchte, ohne einen bestimmten Zweck vor Augen zu haben? – Ein planloses Studium ist meist auch oberflächlich, und wer sich den Kopf mit hunderterlei Einzelheiten anfüllt, thut dies schwerlich ohne einen triftigen Grund.

Merkwürdigerweise war seine Unwissenheit auf manchen Gebieten ebenso erstaunlich, als seine Kenntnisse in anderen Fächern. Von Astronomie und Philosophie z. B. wußte er so viel wie gar nichts. Mußte es mir schon auffallen, als er sagte, er habe noch nie etwas von Thomas Carlyle gelesen, so erreichte meine Verwunderung doch den Gipfelpunkt, als sich zufällig herausstellte, daß er sich über unser Sonnensystem ganz falsche Vorstellungen machte. Wie in unserem neunzehnten Jahrhundert irgend ein zivilisiertes menschliches Wesen darüber im unklaren sein kann, daß die Erde sich um die Sonne dreht, war mir völlig unbegreiflich.

»Setzt Sie das in Erstaunen?« fragte er lächelnd. »Nun Sie es mir gesagt haben, werde ich suchen, es so schnell wie möglich wieder zu vergessen.«

»Es zu vergessen?!«

»Ja. – Sehen Sie, meiner Ansicht nach gleicht ein Menschenhirn ursprünglich einer leeren Dachkammer, die man nach eigener Wahl mit Möbeln und Geräten ausstatten kann. Nur ein Thor füllt sie mit allerlei Gerümpel an, wie es ihm gerade in den Weg kommt und versperrt sich damit den Raum, welchen er für die Dinge braucht, die ihm nützlich sind. Ein Verständiger giebt wohl acht, was er in seine Hirnkammer einschachtelt. Er beschränkt sich auf die Werkzeuge, deren er bei der Arbeit bedarf, aber von diesen schafft er sich eine große Auswahl an und hält sie in bester Ordnung. Es ist ein Irrtum, wenn man denkt, die kleine Kammer habe dehnbare Wände und könne sich nach Belieben ausweiten. Glauben Sie mir, es kommt eine Zeit, da wir für alles Neuhinzugelernte etwas von dem vergessen, was wir früher gewußt haben. Daher ist es von höchster Wichtigkeit, daß unsere nützlichen Kenntnisse nicht durch unnützen Ballast verdrängt werden.«

»Aber das Sonnensystem –« warf ich ein.

»Was zum Kuckuck kümmert mich das?« unterbrach er mich ungeduldig. »Sie sagen, die Erde dreht sich um die Sonne. Wenn sie sich um den Mond drehte, so würde das für meine Zwecke nicht den geringsten Unterschied machen.«

Mir schwebte schon die Frage auf der Zunge, was denn eigentlich seine Zwecke wären, doch behielt ich sie für mich, um ihn nicht zu verdrießen. Unser Gespräch gab mir indessen viel zu denken, und ich begann meine Schlüsse daraus zu ziehen. Wenn er sich nur Kenntnisse aneignete, die ihm für seine Arbeit Nutzen brachten, so mußte man ja aus den Zweigen des Wissens, mit denen er am vertrautesten war, auf den Beruf schließen können, dem er sich gewidmet hatte. Ich zählte mir nun alles auf, was er mit besonderer Gründlichkeit studierte, ja, ich machte mir ein Verzeichnis von den einzelnen Fächern. Lächelnd überlas ich das Schriftstück noch einmal, es lautete:

Geistiger Horizont und Kenntnisse von Sherlock Holmes.

  1. Litteratur – Mit Unterschied.
  2. Philosophie – Null.
  3. Astronomie – Null.
  4. Politik – Schwach.
  5. Botanik – Mit Unterschied. Wohl bewandert in allen vegetabilischen Giften, Belladona, Opium u. drgl. Eigentliche Pflanzenkunde – Null.
  6. Geologie – Viel praktische Erfahrung, aber nur auf beschränktem Gebiet. Er unterscheidet sämtliche Erdarten auf den ersten Blick. Von Ausgängen zurückgekehrt, weiß er nach Stoff und Farbe der Schmutzflecke auf seinen bespritzten Beinkleidern die Stadtgegend von London anzugeben, aus welcher die Flecken stammen.
  7. Chemie – Sehr gründlich.
  8. Anatomie – Genau, aber unmethodisch.
  9. Kriminalstatistik – Erstaunlich umfassend. Er scheint alle Einzelheiten jeder Greuelthat, die in unserem Jahrhundert verübt worden ist, zu kennen.
  10. Ist ein guter Violinspieler.
  11. Ein gewandter Boxer und Fechter.
  12. Ein gründlicher Kenner der britischen Gesetze.

Weiter las ich nicht; ich zerriß meine Liste und warf sie ärgerlich ins Feuer, »Wie kann der Mensch behaupten, daß es einen Beruf giebt, in dem sich alle diese verschiedenartigen Kenntnisse verwerten und unter einen Hut bringen lassen,« rief ich. »Es ist vergebliche Mühe, dies Rätsel lösen zu wollen.«

Holmes‘ Fertigkeit auf der Violine war groß, aber ganz eigener Art, wie alles bei diesem ungewöhnlichen Menschen. Gelegentlich spielte er mir wohl des Abends von meinen Lieblingsstücken vor, was ich verlangte; war er aber sich selbst überlassen, so ließ er selten eine bekannte Melodie hören. Er lehnte sich dann in den Armstuhl zurück, schloß die Augen und fuhr mechanisch mit dem Bogen über das Instrument, welches auf seinen Knieen lag. Die Töne, die er dann den Saiten entlockte, waren stets der Ausdruck seiner augenblicklichen Empfindung, bald leise und klagend, bald heiter, bald schwärmerisch. Ob er dabei nur den wechselnden Launen seiner Einbildung folgte oder durch die Musik die Gedanken, welche ihn gerade beschäftigten, besser in Fluß bringen wollte, vermochte ich nicht zu sagen. Ich hätte sicherlich gegen seine herzzerreißenden Solovorträge Einspruch erhoben, allein, um mich einigermaßen für die Geduldsprobe zu entschädigen, die er mir auferlegte, endigte er gewöhnlich damit, daß er rasch hintereinander eine ganze Reihe meiner Lieblingsmelodien spielte und das versöhnte mich wieder.

In der ersten Woche bekamen wir keinen Besuch, und ich fing schon an zu glauben, mein Gefährte stehe ebenso allein in der Welt, wie ich selber. Bald stellte sich jedoch heraus, daß er viele Bekannte hatte und zwar in allen Schichten der Gesellschaft. Der kleine Mensch mit dem blaßgelben Gesicht, der einer Ratte ähnelte und mir als Herr Lestrade vorgestellt wurde, kam im Lauf von acht Tagen mindestens drei- oder viermal. Eines Morgens erschien ein elegant gekleidetes junges Mädchen, das über eine halbe Stunde dablieb. Am Nachmittag desselben Tages fand sich ein schäbiger Graubart ein, der wie ein jüdischer Hausierer aussah und hinter dem ein häßliches, altes Weib hereinschlürfte. Bei einer späteren Gelegenheit hatte ein ehrwürdiger Greis eine längere Unterredung mit Holmes und dann wieder ein Eisenbahnbeamter in Uniform. Jedesmal, wenn sich einer dieser merkwürdigen Besucher einstellte, bat mich Holmes, ihm das Wohnzimmer zu überlassen, und ich zog mich in meine Schlafstube zurück. Er entschuldigte sich vielmals, daß er mir diese Unbequemlichkeit auferlege. »Ich muß das Zimmer als Geschäftslokal benützen, die Leute sind meine Klienten.«

Auch diese Gelegenheit, mir Aufschluß über sein Thun zu verschaffen, ließ ich aus Zartgefühl ungenützt vorübergehen. Mir widerstand es, ein Vertrauen zu erzwingen, das er mir nicht von selbst entgegenbrachte, und schließlich bildete ich mir ein, er habe einen bestimmten Grund, mir sein Geschäft zu verheimlichen. Daß ich mich hierin getäuscht hatte, sollte ich indessen bald erfahren.

Am vierten März – der Tag ist mir im Gedächtnis geblieben – war ich früher als gewöhnlich aufgestanden und fand Sherlock Holmes beim Frühstück. Mein Kaffee war noch nicht fertig, und ärgerlich, daß ich warten mußte, nahm ich ein Journal vom Tisch, um mir die Zeit zu vertreiben, während mein Gefährte schweigend seine gerösteten Brotschnitten verzehrte.

Mein Blick fiel zuerst auf einen Artikel, der mit Blaustift angestrichen und ›Das Buch des Lebens‹ betitelt war. Der Verfasser versuchte darin auseinanderzusetzen, daß es für einen aufmerksamen Beobachter von Menschen und Dingen im alltäglichen Leben unendlich viel zu lernen gäbe, wenn er sich nur gewöhnen wollte, alles, was ihm in den Weg käme, genau und eingehend zu prüfen. Die Beweisführung war kurz und bündig, aber die Schlußfolgerungen schienen mir weit hergeholt und ungereimt, das Ganze eine Mischung von scharfsinnigen und abgeschmackten Behauptungen. Ein Mensch, der zu beobachten und zu analysieren verstand, mußte danach befähigt sein, die innersten Gedanken eines jeden zu lesen und zwar mit solcher Sicherheit, daß es dem Uneingeweihten förmlich wie Zauberei vorkam.

»Das Leben ist eine große, gegliederte Kette von Ursachen und Wirkungen,« hieß es weiter; »an einem einzigen Gliede läßt sich das Wesen des Ganzen erkennen. Wie jede andere Wissenschaft, so fordert auch das Studium der Deduktion und Analyse viel Ausdauer und Geduld; ein kurzes Menschendasein genügt nicht, um es darin zur höchsten Vollkommenheit zu bringen. Der Anfänger wird immer gut thun, ehe er sich an die Lösung hoher geistiger und sittlicher Probleme wagt, welche die größten Schwierigkeiten bieten, sich auf einfachere Aufgaben zu beschränken. Zur Hebung möge er zum Beispiel bei der flüchtigen Begegnung mit einem Unbekannten den Versuch machen, auf den ersten Blick die Lebensgeschichte und Berufsart des Menschen zu bestimmen. Das schärft die Beobachtungsgabe und man lernt dabei richtig sehen und unterscheiden. An den Fingernägeln, dem Rockärmel, den Manschetten, den Stiefeln, den Hosenknieen, der Hornhaut an Daumen und Zeigefinger, dem Gesichtsausdruck und vielem andern, läßt sich die tägliche Beschäftigung eines Menschen deutlich erkennen. Daß ein urteilsfähiger Forscher, der die verschiedenen Anzeichen zu vereinigen weiß, nicht zu einem richtigen Schluß gelangen sollte, ist einfach undenkbar.«

»Was für ein thörichtes Gewäsch,« rief ich, und warf das Journal auf den Tisch; »meiner Lebtag ist mir dergleichen nicht vorgekommen.«

Sherlock Holmes sah mich fragend an.

»Sie haben den Artikel angestrichen,« fuhr ich fort, »und müssen ihn also gelesen haben. Daß er geschickt abgefaßt ist, will ich nicht bestreiten. Mich ärgern aber solche widersinnige Theorien, die daheim im Lehnstuhl aufgestellt werden und dann an der Wirklichkeit elend scheitern. Der Herr Verfasser sollte nur einmal in einem Eisenbahnwagen dritter Klasse fahren und probieren, das Geschäft eines jeden seiner Mitreisenden an den Fingern herzuzählen. Ich wette tausend gegen eins, er wäre dazu nicht imstande.«

»Sie würden Ihr Geld verlieren,« erwiderte Holmes ruhig. »Was übrigens den Artikel betrifft, so ist er von mir.«

»Von Ihnen?«

»Ja; ich habe ein besonderes Talent zur Beobachtung und Schlußfolgerung. Die Theorien, welche ich hier auseinandersetze und die Ihnen so ungereimt erscheinen, finden in der Praxis ihre volle Bestätigung, ja, was noch mehr ist – ich verdiene mir damit mein tägliches Brot.«

»Wie ist das möglich?« fragte ich unwillkürlich.

»Mein Handwerk beruht darauf. Ich bin beratender Geheimpolizist – wenn Sie verstehen, was das heißt – vielleicht bin ich der einzige meiner Art. Es giebt hier in London Detektivs die Menge, welche teils im Dienst der Regierung stehen, teils von Privatpersonen gebraucht werden. Wenn diese Herren nicht mehr aus noch ein wissen, kommen sie zu mir, und ich helfe ihnen auf die richtige Fährte. Sie bringen mir das ganze Beweismaterial, und ich bin meist imstande, ihnen mit Hilfe meiner Kenntnis der Geschichte des Verbrechens den rechten Weg zu weisen. Die Missethaten der Menschen haben im allgemeinen eine starke Familienähnlichkeit unter einander und wenn man alle Einzelheiten von tausend Verbrechen im Kopfe hat, so müßte es wunderbar zugehen, vermöchte man das tausend und erste nicht zu enträtseln. Lestrade ist ein bekannter Detektiv. Er hat sich kürzlich mit einer Falschmünzergeschichte herumgequält und mich deshalb so häufig aufgesucht.«

»Und die andern Leute?«

»Sie kamen meist auf Veranlassung von Privatleuten. Jeder von ihnen hat irgend eine Sorge auf dem Herzen und holt sich Rat bei mir. Sie erzählen mir ihre Geschichte und hören auf meine erklärenden Bemerkungen und dann streiche ich mein Honorar ein.«

»Können Sie wirklich, während Sie ruhig auf Ihrem Zimmer bleiben, die verwickelten Knoten lösen, welche die andern nicht zu entwirren vermögen, selbst, wenn sie mit eigenen Augen gesehen haben, wo sich alles zugetragen hat?«

»Das habe ich oft gethan: es ist bei mir eine Art innerer Eingebung. Liegt ein besonders schwieriger Fall vor, so besehe ich mir den Schauplatz der That wohl auch einmal selbst. Ich habe so mancherlei Kenntnisse, die mir die Arbeit wesentlich erleichtern. Meine große Uebung in der Schlußfolgerung, wie sie jener Artikel darlegt, ist für mich zum Beispiel von hohem praktischem Wert. Mir ist die Beobachtung zur zweiten Natur geworden. Als ich Ihnen bei unserer ersten Begegnung sagte, Sie kämen aus Afghanistan, schienen Sie sich darüber zu verwundern.«

»Irgend jemand muß es Ihnen gesagt haben.«

»Bewahre; ich wußte es ganz von selbst. Da mein Gedankengang meist sehr schnell ist, kommen mir die Schlüsse in ihrer Reihenfolge kaum zum Bewußtsein. Und doch steht alles in logischem Zusammenhang. Ich folgerte etwa so: Der Herr sieht aus wie ein Mediziner und hat dabei eine soldatische Haltung. Er muß Militärarzt sein. Die dunkle Gesichtsfarbe hat er nicht von Natur, denn am Handgelenk ist seine Haut weiß, also kommt er geradeswegs aus den Tropen. Daß er allerlei Beschwerden durchgemacht hat, zeigen seine abgezehrten Wangen; sein linker Arm muß verwundet gewesen sein, er hält ihn unnatürlich steif. In welcher Gegend der Tropen kann ein englischer Militärarzt sich Wunden und Krankheit geholt haben? – Versteht sich in Afghanistan. – In weniger als einer Sekunde war ich zu dem Schluß gelangt, der Sie in Erstaunen setzte.«

»Wie Sie die Sache erklären, scheint sie sehr einfach. In Büchern liest man wohl von solchen Dingen, aber daß sie in Wirklichkeit vorkämen, hätte ich nicht gedacht.«

»Wenn es nur noch Verbrechen gäbe, zu deren Entdeckung man besonderen Scharfsinn braucht,« fuhr Holmes mißmutig fort. »Ich weiß, es fehlt mir nicht an Begabung, um meinen Namen berühmt zu machen. Kein Mensch auf Erden hat jemals so viel natürliche Anlage für mein Fach besessen oder ein so tiefes Studium darauf verwendet. Aber was nützt mir das alles? Die Missethäter sind sämtlich solche Stümper und ihre Zwecke so durchsichtig, daß der gewöhnliche Polizeibeamte sie mit Leichtigkeit zu ergründen vermag.«

Es verdroß mich, ihn mit solcher Selbstüberschätzung reden zu hören. Um der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, trat ich ans Fenster.

»Was mag wohl der Mann da drüben suchen?« fragte ich, auf einen einfach gekleideten, stämmigen Menschen deutend, welcher sämtliche Häusernummern auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu mustern schien. Er hielt einen großen, blauen Umschlag in der Hand und hatte offenbar eine Botschaft auszurichten.

»Sie meinen den verabschiedeten Marinesergeanten?« fragte Sherlock Holmes.

Ich machte große Augen. »Er hat gut mit seiner Weisheit prahlen,« dachte ich bei mir; »wer will ihm denn beweisen, daß er falsch geraten hat?«

In dem Augenblick hatte der Mann, den wir beobachteten, unsere Nummer erblickt, und kam rasch quer über die Straße gegangen. Gleich darauf klopfte es laut an der Haustüre unten, man vernahm eine tiefe Stimme und dann schwere Schritte auf der Treppe.

Der Mann trat ein.

»Für Herrn Sherlock Holmes,« sagte er, meinem Gefährten den Brief einhändigend.

Ich ergriff die günstige Gelegenheit, um Holmes von seiner Einbildung zu heilen. An die Möglichkeit hatte er wohl nicht gedacht, als er den raschen Schuß ins Blaue that. »Darf ich Sie wohl fragen, was Sie für ein Geschäft betreiben?« redete ich den Boten freundlich an.

»Dienstmann,« lautete die kurze Antwort. »Uniform gerade beim Schneider zum Ausbessern.«

»Und früher waren Sie –« fuhr ich mit einem schlauen Blick auf Holmes fort.

»Sergeant bei der leichten Infanterie der königlichen Marine. – Keine Rückantwort? – Sehr wohl. Zu Befehl.«

Er schlug die Fersen aneinander, erhob die Hand zum militärischen Gruß und fort war er.

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Drittes Kapitel

Drittes Kapitel

Brixtonstraße Nummer drei

Dieses neue Beispiel von der praktischen Anwendbarkeit der Theorien meines Freundes überraschte mich höchlich und flößte mir großen Respekt vor seiner Beobachtungsgabe ein. Zwar wollte mich ein leiser Argwohn beschleichen, ob die Sache nicht doch am Ende ein zwischen den beiden abgekartetes Spiel sei, aber welchen möglichen Zweck hätte das haben können? – Als ich mich nach Holmes umwandte, hatte er eben den Brief durchgelesen und starrte mit ausdruckslosem Blick, wie geistesabwesend, vor sich hin.

»Wie in aller Welt haben Sie denn das wieder erraten?« fragte ich.

»Erraten – was?« rief er gereizt auffahrend.

»Nun, daß der Mann ein abgedankter Marinesergeant war.«

»Jetzt ist keine Zeit zu Spielereien,« stieß er in rauhem Ton hervor, fuhr aber gleich darauf lächelnd fort: »Entschuldigen Sie meine Grobheit, Sie haben meinen Gedankengang unterbrochen; doch das schadet vielleicht nichts. – Also Sie haben wirklich nicht sehen können, daß der Mann Sergeant in der Marine gewesen ist?«

»Wie sollte ich?«

»Es scheint mir doch sehr einfach. Freilich ist es nicht leicht zu erklären, wie ich zur Kenntnis solcher Thatsachen komme. Daß zweimal zwei vier ist, leuchtet jedem ein, forderte man Sie aber auf, es zu beweisen, so würden Sie es schwierig finden. Schon über die Straße hatte ich den blauen tätowierten Anker auf der Hand des Mannes gesehen und die See gewittert; zudem bemerkte ich seine militärische Haltung und das verriet mir den Marinesoldaten. Er trug den Kopf hoch und schwang seinen Stock mit Selbstbewußtsein und einer gewissen Befehlshabermiene; dabei trat er fest und würdevoll auf und war ein Mann in mittleren Jahren – natürlich mußte er Sergeant gewesen sein.«

»Wunderbar!« rief ich.

»Höchst alltäglich,« versetzte Holmes, doch sah ich ihm am Gesicht an, daß er sich geschmeichelt fühlte. »Eben noch behauptete ich,« fuhr er fort, »es gäbe keine geheimnisvollen Verbrechen mehr zu enträtseln. Das scheint ein Irrtum gewesen zu sein – hiernach zu urteilen.« Er schob mir den Brief hin, welchen der Dienstmann gebracht hatte.

»Wie schrecklich,« rief ich, ihn überfliegend.

»Es klingt allerdings etwas ungewöhnlich; wären Sie so gut, mir den Brief noch einmal vorzulesen?«

Der Brief lautete wie folgt:

»Lieber Herr Holmes!

Heute nacht hat sich in der Brixtonstraße Nummer 3 ein schlimmer Fall zugetragen. Unser Posten sah dort auf seinem Rundgang gegen zwei Uhr einen Lichtschimmer, und da das Haus unbewohnt ist, schöpfte er Verdacht. Er fand die Thür offen und in dem unmöblierten Vorderzimmer den Leichnam eines gutgekleideten Herrn am Boden liegen. Enoch J. Drebber, Cleveland, Ohio U.S.A. stand auf den Visitenkarten, die er in seiner Brusttasche trug, Eine Beraubung ist nicht erfolgt und die Todesursache noch unermittelt, denn es finden sich zwar Blutspuren im Zimmer, aber keine Wunde an dem Toten. Wir wissen nicht, wie er in das leere Haus gekommen sein kann, und die ganze Angelegenheit ist uns ein Rätsel.

Wären Sie geneigt, vor zwölf Uhr den Schauplatz zu besichtigen, so finden Sie mich dort. Ich lasse alles in statu quo bis zu Ihrer Ankunft. Sind Sie verhindert zu kommen, so werde ich Ihnen alle Einzelheiten berichten, und Sie thäten mir einen großen Gefallen, wenn Sie mir Ihre Ansicht mitteilen wollten.

Ihr ergebener Tobias Gregson.«

»Gregson ist der schlaueste Fuchs in der ganzen Polizeimannschaft,« bemerkte mein Freund. »Er und Lestrade sind rasch und tatkräftig, aber durch nichts aus dem einmal hergebrachten Geleise zu bringen; dabei sind sie einander fortwährend in den Haaren und sind eifersüchtig wie zwei gefeierte Ballschönheiten. Wenn sie etwa beide auf dieselbe Fährte kommen, giebt es einen Hauptspaß.«

Die behagliche Ruhe, mit der er sprach, schien mir unbegreiflich. »Es ist doch sicherlich kein Augenblick zu verlieren,« rief ich; »soll ich Ihnen eine Droschke holen?«

»Noch weiß ich gar nicht, ob ich hingehen werde. Ich habe gerade einen Anfall von Trägheit und dann bin ich der faulste Kerl unter der Sonne; ein andermal kann ich freilich flink genug bei der Hand sein.«

»Aber dies ist doch gerade ein Fall, wie Sie ihn sich gewünscht haben.«

»Jawohl; aber was kommt schließlich dabei heraus, liebster Freund? Gelänge es mir auch, den Knoten zu lösen, so würden doch Gregson, Lestrade und Co. sich alles auf ihr Konto schreiben. Das hat man davon, wenn man kein Angestellter ist.«

»Aber er bittet ja um Ihre Hilfe.«

»Ja, er weiß, daß ich mehr verstehe als er, und giebt das mir gegenüber auch zu; doch würde er sich lieber die Zunge abbeißen, als vor einem Dritten meine Ueberlegenheit anzuerkennen. Wir wollen uns die Sache indessen doch ansehen. Ich übernehme sie vielleicht auf eigene Faust. Dann kann ich die beiden wenigstens auslachen, wenn ich auch sonst nichts davon habe. Also vorwärts!«

Er fuhr rasch in seinen Ueberzieher und ging so geschäftig hin und her, daß ich wohl sah, die gleichgültige Stimmung war bei ihm vorüber und seine volle Tatkraft zurückgekehrt.

»Wo ist Ihr Hut?« fragte er.

»Wünschen Sie denn, daß ich mitkomme?«

»Ja, wenn Sie nichts Besseres vorhaben.«

Schon im nächsten Augenblick saßen wir in einer Droschke und fuhren mit Windeseile nach der Brixtonstraße.

Es war ein bewölkter, nebliger Morgen, alle Häuser lagen in einen Schleier gehüllt, von derselben grauen Schmutzfarbe wie die Straßen. Jetzt ließ die Laune meines Gefährten nichts mehr zu wünschen übrig; er sprach mit großer Zungengeläufigkeit über Cremoneser Geigen und den Unterschied zwischen einer Amati und einer Stradivarius. Ich verhielt mich ziemlich still; das trübe Wetter und das traurige Geschäft, welches wir vorhatten, drückten auf mein Gemüt.

»Es scheint, daß Sie sich in Ihren Gedanken gar nicht mit der Sache beschäftigen, um die es sich handelt,« unterbrach ich Holmes endlich in seinen musikalischen Auseinandersetzungen.

»Noch fehlen mir alle Einzelheiten,« erwiderte er; »es ist ein großer Irrtum, sich eine Theorie zu bilden, ehe man sämtliches Beweismaterial in Händen hat; das beeinflußt das Urteil.«

»Sie werden bald genug Gelegenheit bekommen, Ihre Beobachtungen anzustellen,« sagte ich; »hier sind wir schon in der Brixtonstraße und das dort muß das Haus sein, wenn ich nicht sehr irre.«

»Kein Zweifel. – Halt, Kutscher, halt! –« Wir waren noch eine ziemliche Strecke entfernt, doch bestand er darauf, daß wir ausstiegen und das letzte Ende zu Fuß zurücklegten.

Das Haus Nummer 3 machte einen düstern, unheimlichen Eindruck. Es gehörte zu einer Gruppe von vier Gebäuden, die etwas abseits von der Straße lagen; zwei waren bewohnt, zwei standen leer. An den trüben Fensterscheiben der letzteren fielen nur hier und da die angeklebten Zettel in die Augen, auf denen ›Zu vermieten‹ stand. Jedes der Häuser hatte ein kleines Vorgärtchen, mit wenigen kränklichen Pflanzen auf den Beeten; mitten hindurch führte ein schmaler mit Kies bestreuter Pfad von gelblichem Lehm, der durch die Regengüsse der vergangenen Nacht völlig aufgeweicht worden war. Eine drei Fuß hohe Backsteinmauer, die ein hölzernes Gitter trug, bildete die Einfassung des Gartens. Am Gitterthor lehnte ein handfester Polizist, von einer Schar Neugieriger umringt, die ihre Hälse reckten und sich vergeblich abmühten, zu sehen, was drinnen im Hause vorging.

Ich hatte erwartet, Sherlock Holmes würde sich sofort hineinbegeben, um seine Untersuchungen zu beginnen. Nichts schien ihm jedoch ferner zu liegen. Mit einer Gelassenheit, welche mir unter den obwaltenden Umständen unnatürlich erschien, schlenderte er vor dem Hause auf und ab, den Blick bald auf den Boden gerichtet, bald in die Luft, bald wieder nach dem Gitterzaun oder den gegenüberliegenden Häusern. Nach einer Weile betrat er den Kiesweg, das heißt, er ging auf dem Grasstreifen neben dem Pfad, die Augen forschend zur Erde gesenkt. Zweimal blieb er lächelnd stehen und ein Ausruf der Befriedigung entfuhr ihm. Es waren zwar viele Fußspuren in dem nassen Lehmboden eingedrückt, sie konnten jedoch von den Polizisten herrühren, die gekommen und wieder gegangen waren. Wie mein Gefährte hoffen konnte, da noch etwas Wesentliches zu entdecken, begriff ich nicht; allein nach den Proben seiner Beobachtungskunst, die ich schon von ihm erhalten hatte, mußte ich mir sagen, daß er ohne Zweifel vieles sah, was mir gänzlich verborgen blieb.

An der Hausthüre kam uns ein großer, blasser, flachshaariger Mann mit einem Notizbuch entgegen. Er eilte auf Holmes zu und schüttelte ihm mit großer Wärme die Hand. »Sehr freundlich von Ihnen, daß Sie kommen,« sagte er, »alles ist noch ganz unberührt geblieben.«

»Nur nicht der Fußweg,« erwiderte mein Freund. »Wäre eine Büffelherde drübergelaufen, sie hätte ihn kaum mehr zertrampeln können. Natürlich haben Sie erst genaue Beobachtungen angestellt, Gregson, bevor Sie das zuließen.«

»Ich hatte drinnen im Haus zu viel zu thun,« sagte der Detektiv ausweichend. »Mein Kollege Lestrade ist hier; ich dachte, er würde sich darum kümmern.«

Holmes zog die Augenbrauen spöttisch in die Höhe und sah mich an. »Wo zwei Männer wie Sie und Lestrade an Ort und Stelle sind, hat ein Dritter nicht mehr viel zu suchen,« bemerkte er.

Gregson schmunzelte selbstgefällig, und rieb sich die Hände. »Wir haben gethan, was wir konnten; aber es ist ein wunderlicher Fall – ich kenne ja Ihre Vorliebe für dergleichen.«

»Sind Sie in einer Droschke hergekommen?«

»Nein, ich nicht.«

»Aber Lestrade?«

»Der kam auch zu Fuß.«

»So? – Dann können wir wohl das Zimmer besehen.«

Wie das zusammenhing, war mir nicht recht ersichtlich, auch Gregson machte ein verwundertes Gesicht, während er Holmes in das Haus folgte.

Ein sehr staubiger, gedielter Korridor führte nach Küche und Speisekammer, rechts und links befanden sich noch zwei Thüren. Die eine mochte wohl wochenlang nicht geöffnet worden sein, die andere führte in das Zimmer, wo die geheimnisvolle Missethat verübt worden war. Holmes trat dort ein, und ich begleitete ihn, von unheimlichen Gefühlen ergriffen, wie sie die Gegenwart des Todes uns einzuflößen pflegt. Das große, viereckige Gemach sah noch geräumiger aus, weil keine Möbel darin standen. Die grelle Tapete an den Wänden war hie und da mit Schimmel überzogen, an einigen Stellen hing sie in Fetzen herunter, so daß der helle Kalkbewurf zum Vorschein kam. Der Thüre gegenüber befand sich ein großer, offener Kamin mit einem Gesims, an dessen einer Ecke ein rotes Wachslichtstümpchen klebte. Das einzige Fenster, welches den Raum erhellte, war mit einer Schmutzkruste überzogen, die nur ein mattes, ungewisses Licht hindurchließ. Die düstere, graue Beleuchtung paßte so recht zu der dicken Staubschicht, welche auf der Zimmerdiele lagerte.

Alle diese Einzelheiten fielen mir jedoch erst später auf. Anfangs richtete ich mein ganzes Augenmerk auf die leblose Gestalt, welche ausgestreckt am Boden lag, den stieren Blick nach der Decke gerichtet. Es war ein mittelgroßer Mann von etwa vierundvierzig Jahren, breitschulterig, mit krausem, schwarzem Haar und kurzem Stoppelbart. Sein Anzug bestand aus Rock und Weste von schwerem Doppeltuch, hellen Beinkleidern und tadellosem Weißzeug. Auch gehörte ihm wohl der glatt gebürstete, hohe Hut, den ich neben ihm sah. Er hatte die Arme weit von sich gestreckt, die Fäuste geballt und die Beine fest übereinander geschlagen, wahrscheinlich im Todeskampf. In seinen starren Zügen lag ein Ausdruck des Entsetzens und eines so grimmigen Hasses, wie ich ihn noch nie zuvor in einem Menschenantlitz erblickt zu haben glaubte. Dieser bösartige Zug, dazu die niedere Stirn, die breite Stumpfnase und das vorstehende Kinn, gaben dem Toten ein widerliches, tierisches Aussehen, das durch seine gekrümmte, unnatürliche Lage noch abschreckender wurde. Ich habe den Tod schon in mancher Gestalt gesehen, aber nie hat er mir einen so grauenvollen Eindruck gemacht, wie in jenem öden Hause der Londoner Vorstadt.

Der Geheimpolizist Lestrade hatte uns an der Stubenthüre empfangen. »Der Fall wird Aufsehen machen,« sagte er mit Nachdruck; »ich bin wahrhaftig kein Neuling mehr, aber etwas Aehnliches habe ich noch nie erlebt.«

»Wir suchen vergeblich nach einem Aufschluß,« fiel Gregson ein.

Sherlock Holmes war neben dem Leichnam niedergekniet, den er genau untersuchte.

»Eine Wunde haben Sie also nicht entdeckt?« fragte er, auf die zahlreichen Blutspuren am Fußboden deutend.

»Nein, es ist keine zu finden,« versicherten beide.

»So rührt das Blut also von einem andern Menschen her, von dem Mörder vermutlich, wenn nämlich ein Mord verübt worden ist. Der Fall erinnert mich an Van Jansens Tod in Utrecht im Jahre 1834. Haben Sie den im Gedächtnis, Gregson?«

»Nein, ich weiß nichts davon.«

»Sie sollten die Geschichte nachlesen. Es giebt nichts Neues unter der Sonne, alles ist schon dagewesen.«

Während er sprach, fuhren seine geschickten Finger bald hierhin, bald dorthin; er drückte, befühlte, betastete alle Glieder und zwar mit solcher Schnelligkeit, daß ich kaum begriff, wie er die einzelnen Ergebnisse seiner Untersuchung aufzufassen vermochte. Sein Blick trug dabei denselben geistesabwesenden Ausdruck, den ich schon öfter an ihm bemerkt hatte. Schließlich roch er an den Lippen des Toten und betrachtete die Sohlen seiner feinen Lederstiefel.

»Liegt er noch genau so, wie man ihn gefunden hat?« fragte er.

»Wir haben ihn untersucht, ohne ihn von der Stelle zu bewegen.«

»Gut, dann lassen Sie ihn jetzt nur ins Leichenhaus schaffen. Es ist nichts Thatsächliches mehr zu ermitteln.«

Eine Tragbahre stand schon in Bereitschaft, und auf Gregsons Ruf kamen vier seiner Leute herbei. Als sie die Leiche aufluden, um sie fortzutragen, fiel ein Ring zu Boden und rollte über die Diele. Lestrade fuhr wie ein Stoßvogel darauf zu, hob ihn auf und betrachtete ihn mit verblüffter Miene.

»Der Trauring einer Frau – wie kommt der hierher?« rief er.

Wir starrten alle nach dem goldenen Reif auf seiner flachen Hand; welche Braut mochte den am Finger getragen haben?

»Die ohnehin schon verwickelte Angelegenheit wird durch diesen Fund noch schwieriger,« bemerkte Gregson.

»Vielleicht vereinfacht er sie auch,« äußerte Holmes bedächtig. »Jedenfalls nützt es nichts, den Ring noch länger anzusehen; wir werden nicht klüger davon. Haben Sie nichts in den Taschen gefunden?«

»Im Flur liegt alles beisammen!« erwiderte Gregson, »kommen Sie!« Wir verließen das Zimmer. »Hier ist der ganze Inhalt,« fuhr er fort, auf einen Haufen verschiedener Gegenstände deutend. »Eine goldene Uhr No. 97 163 von Barrand in London, eine kurze Uhrkette von massivem Gold, ein goldener Ring mit dem Freimaurerzeichen; ein Hundekopf mit Rubinaugen als Vorstecknadel; ein Visitenkartentäschchen von russischem Leder, auf den Karten steht Enoch J. Drebber aus Cleveland, das stimmt mit den Zeichen der Wäsche überein. Kein Portemonnaie, aber loses Geld in der Westentasche im Betrag von sieben Pfund dreizehn Schilling. Eine Taschenausgabe von Boccaccios Decamerone, auf dem Titelblatt der Name Joseph Stangerson. Zwei Briefe, einer an E. J. Drebber, der andere an Joseph Stangerson.«

»Wohin adressiert?«

»An die amerikanische Wechselbank. Beide Briefe kommen von der Dampfschiffgesellschaft Guion und betreffen die Abfahrt ihres Dampfers von Liverpool. Offenbar stand der Unglückliche im Begriff, nach New York zurückzukehren.«

»Haben Sie über jenen Stangerson Erkundigungen eingezogen?«

»Versteht sich,« versetzte Gregson; »an sämtliche Zeitungen sind Anzeigen geschickt worden; auch ist einer meiner Leute nach der Wechselbank gegangen, ich erwarte ihn bald zurück.«

»Haben Sie in Cleveland angefragt?«

»Ja, die Depesche ist heute früh abgegangen.«

»Was war der Wortlaut?«

»Wir gaben einfach die Umstände an und baten um Mittheilung der einschlägigen Thatsachen.«

»Sie haben nicht etwa über einen Punkt, der Ihnen besonders wichtig schien, eingehendere Nachricht verlangt?«

»Ich habe nach Stangerson gefragt.«

»Weiter nichts? Liegt nicht eine Thatsache vor, um die sich der ganze Fall dreht? Wollen Sie nicht noch einmal telegraphieren?«

»Meine Depesche enthielt alles Erforderliche,« versetzte Gregson in beleidigtem Ton.

Sherlock Holmes lachte in sich hinein und wollte eben noch eine Bemerkung machen, als Lestrade, der inzwischen im Zimmer geblieben war, zu uns in den Flur kam.

»Soeben habe ich eine Entdeckung gemacht, Gregson,« sagte er, sich mit selbstgefälliger Miene die Hände reibend. »Hätte ich nicht die Stubenwände genau untersucht, wir wären schwerlich darauf aufmerksam geworden.«

Die Augen des kleinen Detektivs funkelten vor innerem Triumph, daß er seinem Kollegen den Rang abgelaufen hatte. »Kommen Sie,« sagte er, in das Zimmer zurückeilend, das uns weit weniger grausig erschien, seit die Leiche fortgeschafft war; »so, jetzt treten Sie dorthin.«

Er strich ein Schwefelholz an seiner Stiefelsohle an und hielt es gegen die Wand. In einer Ecke war die Tapete abgerissen und auf dem hellen Kalkbewurf, der darunter zum Vorschein kam, stand mit großen, blutroten Buchstaben das Wort

Rache

zu lesen.

»Das hat der Mörder mit seinem eigenen Blut geschrieben,« fuhr Lestrade fort, »hier auf der Diele sieht man noch, wo es hinuntergetropft ist. Einen besseren Beweis, daß kein Selbstmord vorliegt, könnten wir gar nicht haben. Sehen Sie das abgebrannte Licht auf dem Kaminsims? Beim Scheine desselben ist das Wort in dieser sonst so dunkeln Ecke geschrieben worden!«

»Ich habe noch keine Zeit gehabt, mich in dem Zimmer umzusehen,« sagte Holmes, ein Vergrößerungsglas und ein Zentimetermaß aus der Tasche ziehend. »Sie erlauben mir wohl, das jetzt nachzuholen.«

Geräuschlos ging er in dem Raume hin und her; bald stand er still, bald kauerte er am Boden, einmal legte er sich sogar mit dem Gesicht platt auf die Diele.

Er war so vertieft in seine Beobachtungen, daß er unsere Anwesenheit ganz vergessen zu haben schien; auch hielt er fortwährend leise Selbstgespräche, dazwischen stöhnte er laut oder pfiff wohlgefällig vor sich hin und feuerte sich durch ermutigende Ausrufe zu neuer Hoffnung an. Er kam mir vor wie ein edler Jagdhund, der rückwärts und vorwärts durch das Dickicht springt, vor Begierde heult und winselt und keine Ruhe findet, bis er die verlorene Fährte wieder aufgespürt hat. Wohl zwanzig Minuten lang setzte er seine Untersuchungen fort, maß mit der größten Genauigkeit die Entfernung zwischen verschiedenen Punkten am Boden, die für mein Auge ganz unsichtbar waren und dann die Höhe und Breite der Wände. Was er damit bezweckte, war mir unerklärlich. An einer Stelle las er behutsam ein Häufchen grauen Staubes von der Erde auf und verwahrte es sorgfältig in einem Briefumschlag. Zuletzt richtete er sein Vergrößerungsglas auf das rätselhafte Wort an der Wand und betrachtete jeden Buchstaben aufs genaueste. Das Ergebnis schien ihn zu befriedigen und er steckte das Glas wieder ein.

»Man sagt, das Genie sei nichts als unermüdliche Ausdauer,« bemerkte er lächelnd; »so falsch das an und für sich auch ist, auf die Arbeit des Geheimpolizisten laßt es sich doch anwenden!«

Gregson und Lestrade waren dem seltsamen Gebahren des eifrigen Dilettanten mit neugierigen, aber etwas verächtlichen Blicken gefolgt. Sie schienen sich nicht klar zu machen, was ich längst wußte, daß nämlich Sherlock Holmes, selbst bei seinen scheinbar unbedeutendsten Handlungen, stets ein bestimmtes Ziel fest im Auge behielt.

»Nun, was halten Sie von dem Fall?« fragten beide jetzt in einem Atem.

»Sie sind auf so gutem Wege, meine Herren,« erwiderte Holmes nicht ohne einen leisen Anflug von Spott, »da wäre es die größte Anmaßung von meiner Seite, wollte ich mich Ihnen zur Hilfe anbieten. Den Ruhm, der Ihren Verdiensten gebührt, sollen Sie auch allein ernten. Vielleicht kann ich Ihnen im weiteren Verlauf Ihrer Forschungen noch von Nutzen sein, dann stehe ich gern zu Diensten. Es wäre mir übrigens doch erwünscht, wenn ich den Schutzmann sprechen könnte, der die Leiche gefunden hat. Sagen Sie mir, bitte, wie er heißt und wo er wohnt.«

Lestrade schlug sein Notizbuch auf. »John Rance hat jetzt keinen Dienst; Sie werden ihn sicher in seiner Wohnung am Kennington Parkthor, Audley Court No. 46 finden.« Holmes notierte sich die Adresse.

»Kommen Sie mit, Doktor,« rief er mir zu, »wir suchen ihn auf.« Dann verabschiedete er sich von den beiden Geheimpolizisten. »Ich will Sie noch auf einiges aufmerksam machen, was Ihnen vielleicht einige Mühe ersparen kann,« sagte er. »Hier ist ein Mord begangen worden; der Täter ist sechs Fuß groß, im besten Mannesalter, hat verhältnismäßig kleine Füße, trug Stiefel mit breiten Spitzen und rauchte eine Trichinopolly-Cigarre. Er kam mit seinem Opfer in einer Droschke angefahren; von den Hufeisen des Pferdes waren drei alt und das am linken Vorderfuß neu. Der Mörder hat eine rötliche Gesichtsfarbe und ungewöhnlich lange Fingernägel an der rechten Hand. – Das sind nur ganz unbedeutende Einzelheiten, aber sie könnten Ihnen doch einen Anhaltspunkt geben.«

Lestrade und Gregson sahen einander ungläubig lächelnd an.

»Wie ist denn der Mann umgebracht worden, wenn ein Mord vorliegt?« fragte ersterer.

»Vergiftet,« gab Holmes kurz zur Antwort. Nach diesem kategorischen Ausspruch entfernte er sich rasch, und seine beiden Nebenbuhler blickten ihm mit offenem Munde nach.

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Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Was uns John Rance erzählte.

Es war ein Uhr, als wir das Haus in der Brixtonstraße verließen, um uns sofort auf das nächste Telegraphenbureau zu begeben. Holmes schickte eine lange Depesche ab, dann fuhren wir zusammen nach der Wohnung des Schutzmanns.

»Man muß sich die Zeugenaussagen womöglich immer aus erster Hand holen,« bemerkte er. »Wenn mir der Fall auch im allgemeinen ganz klar ist, so halte ich es doch für richtig, mich auch von allem übrigen so viel als thunlich zu unterrichten.«

»Aber Holmes,« rief ich in höchster Verwunderung, »Sie können doch unmöglich über alle jene Einzelheiten zu so unumstößlicher Gewißheit gelangt sein, wie Sie uns glauben machen wollen.«

»Jawohl, jeder Zweifel ist ausgeschlossen,« entgegnete er. »Als wir ankamen, war das Erste, was mir auffiel, die doppelte Räderspur einer Droschke, die bis an das Gitterthor führte. Seit einer Woche hatte es vergangene Nacht zum erstenmal geregnet, und die tiefen Wagengeleise konnten erst entstanden sein, nachdem das Erdreich gehörig aufgeweicht war. Auch die Spuren der Pferdehufe waren erkennbar, drei nur undeutlich, die vierte klar ausgeprägt, folglich war das Eisen neu. War die Droschke erst nach dem Regen am Hause vorgefahren und am Morgen nicht mehr da, wie Gregson versichert, so hatte sie also die beiden Leute während der Nacht dahin befördert.«

»Das klingt sehr einleuchtend,« sagte ich; »wie aber konnten Sie auf das Aeußere des Mannes schließen?«

»Die Größe eines Menschen läßt sich in den allermeisten Fällen nach seinem Schritt bestimmen. Die Berechnung ist schnell gemacht, aber ich will Sie nicht mit Zahlen plagen. Ich fand die Schrittweite des Mannes sowohl draußen im weichen Erdreich als auf der staubigen Stubendiele. Außerdem konnte ich noch die Probe anstellen: Wer auf eine Wand schreibt, thut dies unwillkürlich in der Höhe seiner Augen. Die Schrift aber ist gerade sechs Fuß hoch über dem Boden. Sie sehen, es war kinderleicht.«

»Aber sein Alter?«

»Nun, wenn ein Mann ohne Mühe fünftehalb Fuß weit ausschreiten kann, ist er schwerlich schon sehr altersschwach. So breit war nämlich die Pfütze auf dem Gartenweg, über die er weggeschritten ist. Die feinen Lederstiefel waren am Rande hingegangen, die grobe Fußbekleidung mit den breiten Spitzen aber darüber weggeschritten. Ein Geheimnis ist gar nicht dabei; alles beruht auf den Grundsätzen der Beobachtung und Schlußfolgerung, die ich in meiner Abhandlung auseinandergesetzt habe. – Macht Ihnen sonst noch etwas Kopfzerbrechen?«

»Die Fingernägel und die Trichinopolly-Cigarre.«

»Der Mann hatte den langen Nagel seines Zeigefingers in Blut getaucht und damit an die Wand geschrieben. Die Buchstaben waren wie eingekratzt in den Kalkbewurf. Auf der Diele fand ich etwas verstreute Asche, die dunkel und flockig aussah und nur von einer Trichinopolly-Cigarre herrühren konnte. Ueber Cigarrenasche habe ich ganz besondere Studien gemacht, ja sogar einen Aufsatz geschrieben; ich schmeichle mir, jede Sorte Cigarren- oder Tabaksasche auf den ersten Blick zu erkennen. Gerade in solcher speziellen Kenntnis zeigt sich der Unterschied zwischen dem wahrhaft gebildeten Detektiv und der Sorte, zu welcher die Gregson und Lestrade gehören.«

»Aber die rötliche Gesichtsfarbe?«

»Das war eine etwas kühne Folgerung, über die ich bei dem jetzigen Stand der Dinge noch keinen Aufschluß geben kann, obgleich ich überzeugt bin, daß ich recht habe.«

Ich faßte mir unwillkürlich mit der Hand an die Stirn. »Es schwirrt mir förmlich im Kopfe,« rief ich, »je mehr ich über die Angelegenheit nachdenke, um so rätselhafter erscheint sie mir. Wie kamen die beiden Männer – wenn es ihrer zwei waren – in das leere Haus? Was ist aus dem Kutscher geworden, der sie gefahren hat? Wie konnte der eine den andern zwingen, Gift zu nehmen? Woher stammen die Blutspuren? Was bewog den Mörder zu seiner That, da er keinen Raub beabsichtigte? Welcher Frau hat der Trauring gehört? Warum schrieb der Missetäter das Wort Rache an die Wand, bevor er die Flucht ergriff? – Daß jemand imstande sein sollte, alle die Thatsachen in Einklang zu bringen, geht wahrhaftig weit über mein Verständnis.«

Mein Gefährte lächelte beifällig.

»Sie haben sämtliche Schwierigkeiten unserer Lage kurz und bündig zusammengefaßt,« sagte er. »Ueber die Hauptsache bin ich zwar im reinen, aber manches ist noch unaufgeklärt. Die Schrift, auf deren Entdeckung Lestrade so stolz war, ist meiner Meinung nach nur eine Kriegslist, um die Polizei auf falsche Fährte zu locken, als sei die That im Auftrag einer geheimen Gesellschaft von irgend einem Sozialisten ausgeführt worden. – So – nun wissen Sie aber genug über den Fall, Watson, ich werde mich hüten, Ihnen noch mehr zu verraten. Mit dem Ansehen eines Taschenspielers ist es aus, sobald er sein Kunststück einmal erklärt hat, und wenn ich Ihnen mein Verfahren allzu genau beschreibe, werden Sie mich in kürzester Frist für einen höchst alltäglichen Menschen halten.«

»Bewahre,« rief ich, das wird nie geschehen. Sie haben die polizeiliche Forschung auf die Höhe der Wissenschaft erhoben und bis zu einer Vollkommenheit gebracht, wie sie bisher unerreicht war.«

Mein Gefährte wurde rot vor Freude über mein Urteil, das ich im Tone aufrichtigster Ueberzeugung aussprach. Schon früher hatte ich bemerkt, daß er für jedes Lob, welches man seiner Kunst zollte, empfänglich war, wie eine jugendliche Schönheit, deren Reize man bewundert.

»Etwas will ich Ihnen doch noch sagen,« rief er; »die feinen Lederstiefel kamen mit dem groben Schuhwerk in derselben Droschke angefahren und schritten zusammen höchst freundschaftlich den Gartenweg hinunter, wahrscheinlich sogar Arm in Arm. Im Hause gingen sie im Zimmer hin und her, oder richtiger gesagt: die feinen Lederstiefel standen still und das grobe Schuhwerk ging auf und ab und geriet dabei mehr und mehr in Leidenschaft. Das war in dem Staub, der auf der Diele lag, an den immer länger werdenden Schritten deutlich zu erkennen. Dabei sprach der Mann unaufhörlich, sein Zorn steigerte sich zur Wut und dann beging er die Unthat. Mehr weiß ich jetzt selbst noch nicht; das übrige beruht größtenteils auf bloßer Vermutung; doch ist immerhin ein guter Grund gelegt, auf dem sich sicher weiter bauen läßt – Ich darf mich übrigens jetzt nicht lange aufhalten, denn ich will heute nachmittag noch in Halles Konzert gehen, um die Neruda spielen zu hören.«

Die Droschke war während unseres Gesprächs durch zahllose düstere Gäßchen und enge Straßen gefahren; in der allerschmutzigsten und trübseligsten Stadtgegend hielt der Kutscher plötzlich still. »Da drüben ist Audley Court,« sagte er, auf eine Reihe räucheriger Backsteinhäuser deutend. »Ich will hier warten, bis Sie wieder herauskommen.«

Audley Court bot wenig Anziehendes. Eine schmale Gasse führte auf einen großen, gepflasterten Hof, der rings von ärmlichen Wohnhäusern umgeben war. Nach No. 46 suchend, gingen wir an Scharen schmutziger Kinder vorbei und krochen unter aufgehängter, mißfarbener Wäsche durch, bis wir auf einem kleinen Messingschild den Namen ›Rance‹ bemerkten.

Der Schutzmann hatte sich nach dem Nachtdienst zu Bette gelegt und wir wurden gebeten, in dem kleinen Wohnzimmer ein wenig zu warten. Bald darauf kam Rance zum Vorschein, mißmutig, daß man ihn im Schlaf gestört hatte. »Ich habe doch schon auf dem Bureau Bericht erstattet,« brummte er verdrießlich.

Holmes zog ein Goldstück aus der Tasche und drehte es nachlässig zwischen den Fingern.

»Wir wünschten den Sachverhalt aus Ihrem eigenen Munde zu hören, wenn Sie nichts dagegen haben,« sagte er verbindlich.

Der goldene Talisman verfehlte seine Wirkung nicht. »Ich werde Ihnen mit Vergnügen sagen, was ich weiß,« beeilte sich Rance zu erwidern.

»Gut, dann erzählen Sie mir bitte, wie sich alles zugetragen hat.«

Der Schutzmann nahm auf dem alten Roßhaarsofa Platz und legte die Stirn in bedächtige Falten. »Ich will beim Anfang beginnen,« sagte er. »Meine Dienstzeit ist von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Um elf Uhr war eine Schlägerei im ›Weißen Hirsch‹ aber sonst fiel zuerst nichts Besonderes vor während meiner Runde. Gegen ein Uhr fing es an zu regnen, und etwas nach zwei Uhr kam ich die Brixtonstraße hinunter, um zu sehen, ob dort alles ruhig wäre. Keine Seele traf ich unterwegs, die Gegend war wie ausgestorben, nur ein paar Droschken kamen an mir vorbeigerasselt. Eben dachte ich daran, daß ein Schluck heißer Grog zur Magenstärkung wohl angebracht wäre – da sah ich einen Lichtschimmer in dem gewissen Hause. Nun wußte ich genau, daß da niemand wohnt, denn der Besitzer läßt die Abzugsröhren nicht nachsehen, obgleich der letzte Mieter am Typhus gestorben ist. Na, wie ich das Licht sehe, denke ich gleich, daß etwas nicht geheuer sein muß. Als ich an die Thüre kam – –«

»Sie sind stehen geblieben und nach dem Gartenthor zurückgegangen – aus welchem Grunde?« fragte Holmes.

Rance fuhr zusammen und riß die Augen weit auf.

»Woher wissen Sie denn das?« stammelte er. »Freilich that ich es, denn, sehen Sie, als ich an die Hausthür kam und alles so still und unheimlich war, fiel mir ein, daß wir doch eigentlich unser zwei sein sollten, und so ging ich zurück, um zu sehen, ob nicht vielleicht ein Kamerad mit seiner Laterne des Weges käme. Furcht kenne ich wahrhaftig nicht, aber wenn es etwa der verstorbene Mieter war, der dort umging, so hätte ich gern Gesellschaft gehabt.«

»War denn gar niemand auf der Straße?«

»Kein Mensch, Herr; nicht einmal ein verlaufener Hund. Ich nahm mich zusammen, ging wieder an die Thür und stieß sie auf. Drinnen war alles still; ich trat in das Zimmer, aus dem der Lichtschein gekommen war. Auf dem Kaminsims stand ein rotes Wachslicht – es flammte hell auf und da sah ich – –«

»Ich weiß schon, was Sie gesehen haben. Sie sind mehrmals rings um das Zimmer gegangen, dann bei dem Leichnam hingekniet, haben versucht, die Küchenthür zu öffnen und dann – –«

Rance schnellte wie besessen von seinem Sitz in die Höhe. »Von wo aus haben Sie mich belauscht? Sie müssen doch irgendwo versteckt gewesen sein, sonst könnten Sie das nicht alles wissen.«

Mein Gefährte zog seine Visitenkarte heraus und reichte sie dem Schutzmann. »Denken Sie nur nicht, daß ich der Mörder bin und Sie mich festnehmen müssen,« sagte er lachend. »Ich bin nicht der Wolf, sondern nur einer von den Spürhunden, wie Ihnen die Herren Gregson und Lestrade bestätigen werden. Aber, nur weiter – was thaten Sie zunächst?«

»Ich ging hinunter auf die Straße,« sagte Rance, der wieder Platz genommen hatte, aber noch immer verwundert dreinschaute. »Auf das Alarmzeichen, das ich mit meiner Pfeife gab, kamen drei von den Kameraden herbeigelaufen.«

»War die Straße noch immer leer?«

»Ja oder nein, wie man’s nimmt.«

»Was soll das heißen?«

Der Schutzmann verzog das Gesicht zu einem gutmütigen Grinsen. »Na,« sagte er, »als ich aus dem Gartenthor trat, lehnte ein Mensch am Gitter, der aus vollem Halse etwas von ›Kolumbias neuem Sternenbanner‹ oder dergleichen sang. Ich hab‘ in meinem Leben schon manchen gesehen, der zu schwer geladen hatte, aber ein Betrunkener, wie der Kerl, ist mir noch nicht vorgekommen. Er hatte mir keine Hilfe leisten können, hielt er sich doch kaum selber auf den Füßen.«

»Wie sah denn der Mann aus?« fiel ihm Holmes ins Wort.

Den Schutzmann schien die unnütze Frage zu verdrießen. »Es war eben ein sinnlos betrunkener Mensch,« sagte er, »den wir hätten auf die Polizeiwache bringen müssen, wären wir nicht anderweitig beschäftigt gewesen.«

»Aber Sie werden doch sein Gesicht, seinen Anzug gesehen haben,« rief Holmes ungeduldig.

»Natürlich – Murcher und ich mußten ihm ja unter die Arme greifen, um ihn aufzurichten. Ein langer Kerl mit rotem Gesicht, um das Kinn ein Tuch gewickelt und –«

»Schon gut – was ist denn aus ihm geworden?«

»Was weiß ich! wir hatten ohnehin genug zu thun. Er wird schon den Weg nach Hause gefunden haben, da können Sie ganz ruhig sein.«

»Wie war er denn angezogen?«

»Er trug einen braunen Ueberrock.«

»Hatte er eine Peitsche in der Hand?«

»Eine Peitsche – bewahre!«

»Die muß er zurückgelassen haben,« murmelte Holmes. »Kam nicht gleich darauf eine Droschke gefahren?«

»Nein.«

Mein Gefährte nahm seinen Hut zur Hand. »Hier, das Goldstück ist für Sie, Rance,« sagte er; »aber ein andermal seien Sie nicht ganz so kopflos. Ich fürchte, Sie bringen es sonst Ihr Lebtag zu nichts Rechtem und Sie hätten sich doch letzte Nacht mit Leichtigkeit Ihre Beförderung zum Sergeanten verdienen können. Statt dessen haben Sie den Mann entwischen lassen, nach welchem wir suchen und der den Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis in Händen hält. Wozu noch lange hin und her streiten – es verhält sich so, wie ich Ihnen sage, verlassen Sie sich darauf. Kommen Sie, Watson, wir wollen gehen.«

Der Schutzmann machte zwar ein ungläubiges Gesicht, aber man sah, die Sache war ihm nicht ganz geheuer. Wir ließen ihn verblüfft stehen und gingen unserer Wege.

»Der Hans Narr,« rief Holmes ärgerlich, als wir wieder in der Droschke saßen, um nach Hause zu fahren. »Ein Glück sondergleichen fällt ihm ungesucht in den Schoß und er versteht nicht, es festzuhalten.«

»Sind Sie Ihrer Sache aber auch ganz gewiß?« fragte ich. »Rances Beschreibung des Betrunkenen paßt zwar im allgemeinen zu Ihrer Vorstellung von dem zweiten Menschen, der in das Geheimnis verwickelt ist, aber was sollte ihn wieder nach dem Hause zurückgeführt haben? Das sieht nicht aus, als wäre er der Verbrecher.«

»Der Ring, Freund, der Ring – den wollte er holen. Wenn wir kein anderes Mittel finden, ihn zu fangen, müssen wir den Ring als Köder brauchen. Ich sage Ihnen, Doktor, er geht mir ins Netz, ich habe ihn sicher. Und Ihnen verdanke ich das alles. Hatten Sie mir nicht zugeredet, ich wäre um die schönste Gelegenheit gekommen, meine Kriminalstudien zu vervollständigen. – Jetzt aber, erst zum Lunch und dann ins Konzert. Die Neruda hat einen famosen Ansatz und spielt köstlich. Wie geht doch das kleine Ding von Chopin, das ich von ihr gehört habe? Tra–la–lira–lira–la.«

Er lehnte sich in die Wagenkissen zurück und trillerte wie eine Lerche, während ich über die Vielseitigkeit dieses Menschen nachdachte, der von der Natur zum Detektiv bestimmt schien und seine Forschungen mit dem Eifer eines Kunstliebhabers betrieb.

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Fünftes Kapitel

Fünftes Kapitel

Wir bekommen Besuch

Die Anstrengungen des Morgens waren zu groß gewesen für meine schwache Gesundheit. Ich fühlte mich sehr angegriffen, und sobald Holmes ins Konzert gegangen war, legte ich mich auf das Sofa, um mich durch einige Stunden Schlafs zu stärken. An Ruhe war jedoch nicht zu denken, denn wirre Vorstellungen und Bilder drängten sich unablässig in meinem aufgeregten Gehirn. Sobald ich die Augen schloß, sah ich vor mir die verzerrten, pavianähnlichen Gesichtszüge des Ermordeten. Der Eindruck war so abstoßend, daß ich mich kaum eines Dankgefühls gegen denjenigen erwehren konnte, der den Unhold aus der Welt geschafft hatte. Mir war noch nie ein Mensch vorgekommen, dessen Gesicht ein so deutliches Gepräge von Laster und Bosheit trug. Doch sah ich wohl ein, daß man der Gerechtigkeit ihren Lauf lassen müsse. Mochte dieser Enoch J. Drebber noch so verworfen gewesen sein, das rechtfertigte die Missethat, deren Opfer er war, nicht in den Augen des Gesetzes.

Je mehr ich über die Behauptung meines Freundes nachdachte, daß der Mann vergiftet worden sei, um so sonderbarer erschien sie mir. Holmes mußte auf den Gedanken gekommen sein, als er an den Lippen des Toten roch. Freilich blieb kaum eine andere Annahme übrig – erdrosselt war er nicht, eine Wunde ließ sich auch nicht entdecken. Und doch – wo kam das Blut her, das auf dem Fußboden verspritzt war? Es schien kein Kampf stattgefunden zu haben, wenigstens war keine Waffe da, mit welcher Drebber seinen Angreifer verwundet haben konnte. Holmes hatte sich wohl schon eine bestimmte Theorie über den ganzen Vorgang gebildet, das glaubte ich an seinem ruhigen, zuversichtlichen Benehmen zu erkennen. Auf welche Weise er sich aber die verschiedenen Thatsachen erklärte, die mir so rätselhaft schienen, ahnte ich auch nicht von ferne.

Es war schon spät, als er zurückkam – unmöglich konnte er die ganze Zeit über im Konzert gewesen sein. Das Essen stand bereits auf dem Tisch, und er nahm sogleich Platz.

»Ein herrlicher Genuß!« rief er. »Nichts übt doch solchen Zauber auf den Menschen aus, wie die Tonkunst. – Aber, was ist unterdessen mit Ihnen geschehen, Watson? Sie sehen schrecklich angegriffen aus. Hat die Geschichte in der Brixtonstraße Sie aus dem Gleichgewicht gebracht?«

»Wahrhaftig, ja – mehr als ich für möglich gehalten hätte. Seit meinen Erlebnissen in Afghanistan, wo ich meine Kameraden in Stücke hauen sah, glaubte ich weniger schwach besaitet zu sein.«

»Derartige rätselhafte Vorgänge erhitzen die Einbildungskraft und erzeugen ein leicht erklärliches Grauen,« meinte Holmes. »In der Abendzeitung steht ein ziemlich ausführlicher Bericht über die Begebenheit, doch freut mich, daß der gefundene Trauring nicht erwähnt wird.«

»Wieso?«

»Wegen der Anzeige, die ich heute abend in sämtliche Zeitungen habe einrücken lassen. Hier, lesen Sie.«

Er reichte mir das Blatt und unter der Rubrik ›Gefunden‹ las ich folgendes:

»Ein einfacher, goldener Trauring ist heute früh auf der Brixtonstraße zwischen dem Gasthaus zum ›Weißen Hirsch‹ und dem Holland-Hain gefunden worden. Zu erfragen bei Dr. Watson, Bakerstraße 221 b. zwischen 8 und 9 Uhr abends.«

»Sie entschuldigen wohl, daß ich auf Ihren Namen verwiesen habe! Hätte ich meinen eigenen genannt, ich wäre vor der Einmischung des einen oder andern unserer professionellen Dummköpfe nicht sicher gewesen.«

»Wie aber, wenn der Eigentümer sich meldet? Ich habe keinen Ring, den ich ihm geben könnte.«

»Dafür ist schon gesorgt,« sagte er, mir einen Ring einhändigend. »Er gleicht dem andern auf ein Haar und wird dieselben Dienste thun.«

»Wer wird sich denn auf die Anzeige hin melden – was glauben Sie?«

»Natürlich der Mann mit dem braunen Ueberrock – unser Freund mit dem roten Gesicht und dem groben Schuhwerk. Kommt er nicht selbst, so schickt er einen Spießgesellen.«

»Sollte er nicht Gefahr wittern?«

»Bewahre. Und wenn auch – meiner Ansicht nach würde er jeder Gefahr trotzen, um den Ring wieder zu bekommen. Ich denke mir, er hat ihn verloren, während er sich über Drebbers Leichnam beugte, und es nicht gleich bemerkt. Erst als er draußen war, entdeckte er seinen Verlust, und eilte zurück. Da er aber die Thorheit begangen hatte, das Licht brennen zu lassen, fand er die Polizei bereits an Ort und Stelle. Um keinen Argwohn zu erregen, verfiel er auf den Ausweg, sich betrunken zu stellen. Nun versetzen Sie sich einmal in seine Lage. Er überlegt sich die Sache und hält es nicht für unmöglich, daß er den Ring erst verloren hat, nachdem er wieder auf der Straße angelangt war. Was ist natürlicher, als daß er sich in den Abendblättern nach den gefundenen Sachen umsieht – er liest unsere Anzeige und ist überglücklich. Warum sollte er fürchten, in eine Falle zu geraten? Er hat nicht den geringsten Grund, anzunehmen, daß der Verlust des Rings in Beziehung zu dem Mord gebracht werden könnte, und wird sein Eigentum abholen wollen. Noch vor Ablauf einer Stunde kann er hier sein.«

»Und dann?«

»Dann lassen Sie mich nur mit ihm verhandeln – das ist meine Sache. – Sind Sie mit Waffen versehen?«

»Ich habe noch einen alten Revolver und einige Patronen.«

»Putzen und laden Sie ihn auf alle Fälle; wir haben es mit einem verzweifelten Menschen zu thun. Zwar hoffe ich, ihn zu überrumpeln, aber es ist immer besser, vorbereitet zu sein.«

Ich ging in mein Schlafzimmer und folgte seinem Rat. Als ich mit der Pistole in der Hand wieder eintrat, fand ich Holmes bei seiner Lieblingsbeschäftigung – er kratzte auf der Geige.

»Das Netz zieht sich zusammen,« sagte er; »eben erhalte ich aus Amerika eine Antwort auf mein Telegramm. Meine Ansicht über den Fall war ganz richtig.«

»Ja, was denken Sie denn eigentlich darüber?« fragte ich eifrig.

Er schien es zu überhören. »Ich muß wirklich meine Violine mit neuen Saiten beziehen,« murmelte er vor sich hin. »Wenn der Mensch kommt,« fuhr er gelassen fort, »so sprechen Sie mit ihm in Ihrem ganz gewöhnlichen Ton; sehen Sie ihn auch nicht forschend an, damit er keinen Verdacht schöpft.«

»Es ist schon acht vorbei,« sagte ich, meine Uhr herausziehend.

»In wenigen Minuten wird er wohl hier sein. Oeffnen Sie die Thür ein wenig und stecken Sie den Schlüssel inwendig ins Schlüsselloch. Danke sehr – jetzt kann er kommen. Ich glaube gar, da ist er schon.«

Draußen wurde stark an der Klingel gezogen, Sherlock Holmes stand geräuschlos auf und schob seinen Stuhl näher nach der Thüre hin. Wir hörten die Dienerin durch den Vorsaal gehen und die Hausthür öffnen.

»Wohnt Doktor Watson hier?« fragte eine laute, etwas scharfe Stimme; dann ward die Thür geschlossen, und es kam jemand mit schlürfendem Gang die Treppe herauf. Verwundert horchte mein Gefährte auf den langsamen, unsichern Schritt im Korridor; nun wurde leise angeklopft.

»Herein!« rief ich.

Die Thüre ging auf und statt des gewaltthätigen Menschen, den wir erwarteten, hinkte ein runzliges, altes Mütterchen ins Zimmer, das, wie von dem plötzlichen Lichtschein geblendet, uns mit matten, glanzlosen Augen anblinzelte.

Während die Alte stumm vor uns stand, und mit den zitternden Fingern ängstlich in ihrer Tasche nach etwas zu suchen schien, nahm das Gesicht meines Gefährten einen so trostlosen Ausdruck an, daß ich Mühe hatte, meine Fassung zu bewahren. Jetzt zog sie ein Zeitungsblatt heraus und deutete auf unsere Anzeige.

»Deswegen komme ich, werte Herren,« sagte sie mit einem tiefen Knix, »der goldene Trauring in der Brixtonstraße gehört meiner Tochter Sally; erst seit elf Monaten ist sie verheiratet und wenn ihr Mann nach Hause kommt – er ist nämlich Proviantmeister auf einem Uniondampfer – und sie hat ihren Ring nicht mehr, da giebt’s ein Donnerwetter. Schon an guten Tagen ist er sehr kurz angebunden, besonders wenn er getrunken hat. Das kam nämlich so: gestern abend war sie im Zirkus mit –«

»Ist das der verlorene Ring?« fragte ich.

»Unser Herrgott sei gepriesen,« rief die Alte. »Wie wird sich Sally freuen. Ja, das ist ihr Ring.«

Ich griff nach einem Bleistift: »Wo wohnen Sie?«

»In Houndsditch, Dunkanstraße 13. Ein weiter Weg von hier.«

»Wenn man von Houndsditch in den Zirkus will, kommt man nicht durch die Brixtonstraße,« mischte sich hier Sherlock Holmes in das Gespräch.

Die Alte warf ihm einen scharfen Blick aus ihren kleinen, rotgeränderten Augen zu. »Der Herr hat mich nach meiner Adresse gefragt. Sally wohnt in Peckham auf dem Mayfield-Platz Nummer 3.«

»Und Sie heißen? –«

»Mein Name ist Sawyer, – sie heißt Dennis weil sie Tom Dennis geheiratet hat. Ein wackerer, sauberer Bursche, solange er auf See ist; kein Proviantmeister gilt mehr bei den Herren von der Dampfschiffsgesellschaft. Aber, kommt er ans Land, so thun’s ihm die Weiber an und die Branntweinschenken und –«

»Hier ist Ihr Ring, Frau Sawyer,« unterbrach ich sie auf ein Zeichen meines Freundes; »er gehört ohne Zweifel Ihrer Tochter, und ich freue mich, ihn der rechtmäßigen Eigentümerin zustellen zu können.«

Allerlei Dankesworte und Segenswünsche murmelnd, versenkte die Alte den Ring in ihre Tasche und schlürfte wieder zur Thüre hinaus und die Treppe hinunter. Kaum war sie fort, so sprang Sherlock Holmes vom Stuhle auf und verschwand in sein Schlafzimmer. Eine Minute später erschien er wieder mit Hut und Ueberrock. »Ich gehe ihr nach,« sagte er, »sie muß mit ihm unter einer Decke stecken und wird mir auf meine Spur verhelfen. Bitte, bleiben Sie auf, bis ich wieder da bin.«

Als Holmes die Treppe hinunter ging, hatte sich die Hausthür eben hinter der Alten geschlossen. Vom Fenster aus konnte ich sehen, wie sie sich langsamen, schlürfenden Schrittes entfernte, während ihr Verfolger auf der andern Straßenseite hinterdrein schlich. »Entweder ist seine ganze Theorie falsch,« dachte ich bei mir, »oder es wird ihm jetzt gelingen, das Rätsel zu lösen.«

Es hätte der Aufforderung, daß ich seine Rückkunft abwarten möchte, nicht bedurft, denn von Schlaf konnte bei mir keine Rede sein, bis ich wußte, wie sein Unternehmen abgelaufen wäre. Als er sich auf den Weg machte, war es fast neun Uhr; ich steckte mir eine Pfeife an und blätterte in einem französischen Roman. Es schlug zehn, und ich hörte wie das Dienstmädchen zu Bett ging; um elf Uhr kam die Wirtin durch den Korridor, um sich zurückzuziehen; erst kurz vor Mitternacht knarrte drunten der Schlüssel in der Hausthür.

Als Holmes bei mir eintrat, sah ich es ihm gleich an, daß er kein Glück gehabt hatte. Verdruß und heitere Laune stritten in seinen Gesichtszügen um die Herrschaft, bis schließlich letztere die Oberhand behielt und er in ein herzliches Gelächter ausbrach.

»Um nichts in der Welt möchte ich, daß die Geheimpolizisten von meinem Erlebnis Wind bekämen,« rief er, und sank auf einen Stuhl. »Ich habe sie so oft gehänselt, daß sie froh wären, sich einmal schadlos halten zu können. Da ich aber weiß, daß ich ihnen am Ende aller Enden doch den Rang ablaufe, lache ich trotz alledem.«

»Was ist denn geschehen?« fragte ich.

»Sie sollen die ganze Geschichte hören, wie wenig sie mir auch zum Ruhm gereicht: Die Person war erst eine kleine Strecke weit gegangen, da fing sie an zu hinken und konnte allem Anschein nach nicht mehr vom Fleck. Sie blieb stehen und winkte eine vorüberfahrende Droschke herbei. Um die Adresse zu hören, lief ich näher herzu, doch das hatte ich mir sparen können. ›Nach Houndsditch, Dunkanstraße 13‹, rief sie, daß es weithin schallte. Kaum war sie eingestiegen, so sprang ich hinten auf; das ist eine Kunst, in der jeder Detektiv gründlich bewandert sein sollte. Fort rasselte die Droschke in gleichmäßiger Geschwindigkeit. Schon ehe sie das Ende der Fahrt erreichte, war ich abgesprungen und schlenderte gemächlich die Straße hinunter. Jetzt hielt der Kutscher, er stieg vom Bock, öffnete die Wagenthür und wartete. Aber es kam niemand heraus. Als ich näher trat, sah ich ihn wie wild in der leeren Droschke herumfahren, wobei er die kräftigsten Verwünschungen hören ließ, die mir je zu Ohren gekommen sind. Von der Insassin war keine Spur mehr zu sehen, und ich fürchte, er wird lange auf sein Fahrgeld warten müssen. Das Haus Nummer 13 gehört, wie ich erfuhr, einem ehrsamen Tapezierer Namens Keswig, von einer Frau Sawyer oder Frau Dennis aber wußte kein Mensch dort etwas.«

»Sie wollen doch nicht behaupten,« rief ich starr vor Staunen, »daß das alte, gebrechliche Weib aus dem Wagen gesprungen ist, während er in voller Bewegung war, und daß weder der Kutscher noch Sie etwas davon gemerkt haben?«

»Zum Henker mit dem alten Weibe,« rief Holmes ärgerlich. »Die alten Weiber waren wir, daß wir uns so anführen ließen. Es muß ein junger, noch dazu ein sehr gelenkiger Mensch gewesen sein und ein vollendeter Schauspieler. Die Verkleidung war ganz vorzüglich! Ohne Zweifel hatte er den Verfolger bemerkt und war auf dies Mittel verfallen, mir zu entwischen. Es ist ein Beweis, daß der Mann, den wir suchen, nicht so allein steht, wie ich glaubte, sondern Freunde hat, die sich im Notfall nicht scheuen, um seinetwillen ein Wagnis zu unternehmen. Nun gehen Sie aber schnell zu Bett, Doktor, Sie sehen ganz abgemattet aus.«

Ich war in der That todmüde und folgte seinem Rat. Holmes blieb bei dem glimmenden Feuer sitzen, und noch bis tief in die Nacht hinein hörte ich die schwermütigen Klänge seiner Geige und wußte, daß er fort und fort das seltsame Problem in seinem Haupte wälzte, dessen Lösung er sich nun einmal vorgesetzt hatte.

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Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Tobias Gregson thut große Thaten.

Tags darauf waren alle Zeitungen voll von dem ›Brixton-Geheimnis‹, wie sie es nannten. Viele brachten außer einem langen Bericht noch Leitartikel darüber. Sie erzählten mancherlei, was mir neu war, und ich bewahre in meiner Brieftasche eine ganze Sammlung von Ausschnitten und Auszügen über den Fall. Das Wesentlichste lasse ich hier folgen:

Der ›Daily Telegraph‹ behauptete, daß die Verbrecherchronik nur wenige Tragödien aufzuweisen habe, die von so seltsamen Umständen begleitet seien. Der deutsche Name des Opfers, der Mangel jedes Beweggrunds, die furchtbare Schrift an der Wand, ließen deutlich erkennen, daß die That im Auftrag der Revolutionspartei begangen worden. Die Sozialisten besäßen weitverzweigte Verbindungen in Amerika, wahrscheinlich habe der Ermordete eines ihrer ungeschriebenen Gesetze übertreten und sei dafür zum Tode verurteilt worden. Der Artikel schloß damit, die Regierung zu ermahnen, sie möge ein wachsames Auge auf die Ausländer haben, die nach England kämen.

Geheimpolizisten bald gelingen wird, die rätselhafte Angelegenheit aufzuklären.«

›Daily News‹ versicherte, es läge ohne allen Zweifel ein politisches Verbrechen vor. Dies werde sich bald genug herausstellen, wenn der Aufenthaltsort des Sekretärs Stangerson ermittelt sei und man Genaueres über die Lebensgewohnheiten des Ermordeten erfahren habe. Von wesentlicher Bedeutung sei es, daß man bereits wisse, in welcher Pension er sich aufgehalten, eine Kunde, die man einzig und allein dem Scharfsinn und der Thatkraft des Geheimpolizisten Gregson verdanke.

Diese und ähnliche Artikel, welche ich mit Sherlock Holmes zusammen beim Frühstück las, schienen ihn sehr zu belustigen.

»Sagte ich Ihnen nicht, daß Lestrade und Gregson unter allen Umständen Kapital aus der Sache herausschlagen würden?«

»Das kommt doch noch sehr auf den Ausgang an,« meinte ich.

»Bewahre, der ist dabei höchst gleichgültig. Wird der Mann gefangen, so geschieht es infolge ihrer Bemühungen, gelingt es ihm zu entkommen, so thut er es trotz ihrer Bemühungen. Die Anerkennung fehlt ihnen nie, sie mögen anstellen, was sie wollen.«

»Was geht denn da vor, was soll der Lärm bedeuten? Hören Sie nur,« rief ich, als sich in diesem Augenblick im Hausflur und auf der Treppe das Stampfen vieler Füße vernehmen ließ und dazwischen die unwillige Stimme unserer Wirtin.

»Das ist die kleine Detektivmannschaft aus der Bakerstraße,« sagte mein Gefährte mit lächelnder Miene, und ehe ich mich’s versah, kam ein halbes Dutzend der schmutzigsten und zerlumptesten Gassenjungen hereingepoltert, die ich je im Leben zu Gesicht bekommen habe.

»Achtung!« rief Holmes im Kommandoton, und die sechs schmutzigen Bengel standen in Reih und Glied wie wohldressierte Soldaten. »Künftig schickt ihr Wiggins allein herauf, um Bericht zu erstatten; ihr andern wartet unten auf der Straße! – Habt ihr sie gefunden, Wiggins?«

»Nee,« lautete die Antwort, »gefunden haben wir se nich.«

»Das dachte ich mir wohl. Sucht nur weiter, bis ihr sie findet; hier ist euer Geld.« Er händigte jedem der Buben einen Schilling ein. »Jetzt fort mit euch, und bringt mir das nächstemal bessern Bescheid.«

Auf seinen Wink machten sie rechtsumkehrt, und polterten wieder die Treppe hinunter. Gleich darauf hörte man sie schon unten auf der Straße durcheinander gröhlen und schreien.

»Jeder einzige von den kleinen Halunken bringt mehr vor sich als ein Dutzend Polizisten,« bemerkte Holmes. »Die Leute haben gleich ein Schloß vor dem Mund, sobald sich nur ein Beamter von fern blicken läßt. Diese Schlingel kommen aber überall hin und hören alles. Sie sind glatt wie Aale und schlau wie Füchse, es fehlt ihnen nur die Disziplin.«

»Betrifft denn der Auftrag, den Sie ihnen gegeben haben, den Brixton-Fall?«

»Ja, es handelt sich um einen Punkt, über den ich Gewißheit haben muß. Die werden sie mir verschaffen – es ist nur eine Frage der Zeit. – Aber, holla! jetzt werden wir Neuigkeiten zu hören bekommen. Eben steuert Gregson mit vollen Segeln die Straße herunter. Er strahlt förmlich vor Glückseligkeit. Richtig, er will zu uns – da ist er schon.«

Es ward heftig an der Hausglocke gezogen, und gleich darauf kam der blonde Detektiv die Treppe heraufgesprungen, immer drei Stufen auf einmal, und platzte in unser Wohnzimmer.

»Wünschen Sie mir Glück, werter Freund,« rief er, Holmes eifrig die Hand schüttelnd; »ich habe jetzt Licht in die Sache gebracht – alles liegt klar zu Tage.«

Ein düsterer Schatten glitt über die ausdrucksvollen Züge meines Gefährten. »Glauben Sie die rechte Spur gefunden zu haben?« fragte er.

»Die rechte Spur? Was denken Sie – ich habe den Verbrecher schon hinter Schloß und Riegel.«

»Wer ist es denn?«

Gregson warf sich stolz in die Brust. »Arthur Charpentier, Unterleutnant bei der königlichen Marine,« rief er, sich die fleischigen Hände reibend.

Sherlock Holmes atmete sichtlich erleichtert auf.

»Setzen Sie sich, und hier ist eine Cigarre. Wir sind sehr gespannt zu hören, wie Sie es angefangen haben. Ist Ihnen vielleicht ein Glas Grog gefällig?«

»Habe nichts dagegen,« versetzte der Detektiv; »wer solche Anstrengungen durchgemacht hat, wie ich in den letzten Tagen, bedarf wohl einer Erfrischung. Besonders die geistige Ermüdung war übergroß. Sie werden das verstehen, Herr Holmes, denn auch Sie arbeiten mit dem Kopfe.«

Gregson hatte im Lehnstuhl Platz genommen, und begann mit Wohlgefallen seine Cigarre zu rauchen. Plötzlich schlug er sich mit der Hand auf das Knie und brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Es ist wirklich zu komisch,« rief er, »daß Lestrade, der Narr, der für so ungeheuer klug gilt, sich ganz und gar auf dem Holzweg befindet. Er hat es auf den Sekretär Stangerson abgesehen, der doch so unschuldig an dem Verbrechen ist, wie ein neugeborenes Kind. Sicherlich hat er ihn jetzt schon dingfest gemacht.« Und wieder wollte er sich vor Lachen ausschütten.

»Wie haben Sie denn aber die richtige Spur gefunden?« fragte Holmes.

»Ich will Ihnen alles erzählen. Es bleibt natürlich ganz unter uns, Doktor Watson. Die erste Schwierigkeit, die es zu überwinden galt, war, Kenntnis von Drebbers Vorleben in Amerika zu erlangen. Mancher würde gewartet haben, bis Antwort auf seine Anzeige kam, oder irgend jemand ihm von selbst Mitteilungen machte. Aber das ist nicht Tobias Gregsons Art und Weise. Erinnern Sie sich an den Hut, der neben dem Toten auf dem Boden lag?«

»Gewiß; aus dem Geschäft von John Underwood & Söhne, Camberwell-Straße 129.«

Gregson machte ein höchst verblüfftes Gesicht. »Haben Sie das wirklich auch bemerkt? Sind Sie da gewesen?«

»Nein!«

»Das wundert mich. Mein Grundsatz ist, keine Gelegenheit unbenutzt vorbeigehen zu lassen, wie geringfügig sie auch erscheint.«

»Für einen großen Geist ist selbst das Kleinste von Bedeutung,« bemerkte Holmes salbungsvoll.

»Ich ging also zu Underwood,« fuhr Gregfon fort, »und fragte ihn, ob er kürzlich einen Hut, wie ich ihn beschrieb, verkauft habe Er schlug in seinen Büchern nach und fand sogleich, was ich wollte. Der Hut war an einen Herrn Drebber nach Madame Charpentiers Pension in Torquay Terrace geschickt worden. So bekam ich seine Adresse.«

»Schlau, sehr schlau,« murmelte Sherlock Holmes.

»Nun suchte ich Madame Charpentier auf, die ich sehr blaß und angegriffen fand. Auch ihre Tochter, ein ungewöhnlich hübsches Mädchen, war zugegen; sie hatte rotgeweinte Augen, und als ich sie anredete, bebten ihre Lippen. Das entging mir nicht, und ich witterte gleich Unrat. Sie kennen das Gefühl, Holmes, wenn man plötzlich auf die richtige Spur gerät, es fährt einem durch alle Glieder.

»›Haben Sie schon etwas von dem rätselhaften Tode des Herrn Drebber aus Cleveland gehört, der bei Ihnen gewohnt hat?‹ fragte ich.

»Die Mutter nickte bloß, sie schien außer stande, einen Laut hervorzubringen, die Tochter aber brach in Thränen aus. Kein Zweifel, die beiden wußten Näheres über die Sache.

»›Um welche Zeit verließ Herr Drebber Ihr Haus, um sich auf die Eisenbahn zu begeben?‹ fuhr ich in meinem Verhör fort.

»›Um acht Uhr,‹ erwiderte sie, ihre Aufregung mühsam bezwingend. ›Herr Stangerson, sein Sekretär, sagte, es gäbe zwei Züge, einen um 9,15 und einen um 11 Uhr. Er wollte mit dem ersten abreisen.‹

»›Und haben Sie ihn seitdem nicht mehr gesehen?‹

»Bei dieser Frage wurde die Frau leichenblaß, und es dauerte mehrere Sekunden, bevor sie das einzige Wort: ›Nein!‹ hervorstieß. Ihre Stimme klang leise und unnatürlich.

»›Mutter,‹ sagte die Tochter nach einem Augenblick tiefster Stille, ›laß uns dem Herrn gegenüber aufrichtig sein. Aus einer Unwahrheit kann nie etwas Gutes kommen: Ja, wir haben Herrn Drebber noch einmal wiedergesehen.‹

»›Verzeih dir Gott,‹ rief Frau Charpentier, und sank händeringend auf einen Stuhl. ›Du hast deinen Bruder ums Leben gebracht.‹

»›Arthur würde selbst wollen, daß wir die Wahrheit sagten,‹ entgegnete sie mit Festigkeit.

»›Sprechen Sie frei heraus,‹ ermahnte ich, ›ein halbes Vertrauen ist schlimmer als gar keines. Auch weiß die Polizei vielleicht schon mehr, als Sie ahnen.‹

»›Mein Sohn ist völlig unschuldig,‹ beteuerte sie. ›Wenn ich seinetwegen besorgt bin, so ist das nur, weil ich fürchte, daß er in Ihren Augen und vielleicht in denen anderer Leute, verdächtig erscheinen könnte. Aber das ist ja undenkbar. Sein vortrefflicher Ruf, sein Stand, sein ganzes früheres Leben, bürgen dafür, daß er an dieser gräßlichen That keinen Anteil hat.‹

»›Sagen Sie mir nur alles, was Sie wissen,‹ bedeutete ich sie; ›wenn Ihr Sohn unschuldig ist, hat er nichts zu fürchten.‹

»›Laß uns allein, Mary,‹ gebot Madame Charpentier. Die Tochter verließ das Zimmer und die Mutter berichtete nun in heftiger Erregung: ›Herr Drebber hat drei Wochen lang bei uns im Hause gewohnt. Vorher war er mit seinem Sekretär Stangerson auf Reisen; nach den Zetteln an ihren Koffern zu schließen, kamen sie zuletzt aus Kopenhagen. Stangerson zeigte sich schweigsam und zurückhaltend, Drebber aber benahm sich höchst anstößig. Er war ein gemeiner Mensch von rohen Sitten. Gleich am Abend seiner Ankunft hat er sich sinnlos betrunken und nach zwölf Uhr mittags sah man ihn selten nüchtern. Im Verkehr mit den Zimmermädchen war er widerlich frech und vertraulich, ja sogar meiner Tochter Mary gegenüber erlaubte er sich ein ähnliches Betragen und sprach mehrmals in einer Weise mit ihr, die sie in ihrer Unschuld zum Glück nicht verstand. Einmal war er sogar unverschämt genug, sie in meinem Beisein zu umarmen und zu küssen, so daß sein eigener Sekretär sich ins Mittel legte und ihm seine Frechheit verwies.‹

»›Aber warum ließen Sie sich das alles gefallen? Sie hätten doch den lästigen Menschen los werden können, sobald Sie wollten.‹

»›Ich weiß wohl,‹ sagte Madame Charpentier errötend; ›hätte ich ihn nur gleich am ersten Tage aus dem Hause gewiesen. Allein die Versuchung war groß. Sie bezahlten mir zusammen vierzehn Pfund die Woche, und ich hielt es für meine Pflicht, in diesen schlechten Zeiten mir eine solche Einnahme nicht entgehen zu lassen. Ich bin Witwe und mein Sohn in der Marine hat viel Geld gekostet. Nach dem letzten Auftritt zögerte ich aber nicht länger, ihm zu kündigen, das war der Grund seiner Abreise.‹

»›Nun, und wie wurde es weiter?‹

»›Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich ihn wird uns voraussichtlich nicht mehr belästigen,‹ sagte er; ›ich will mich nur noch überzeugen, was aus ihm geworden ist.‹ Mit diesen Worten eilte er die Treppe hinunter. Am nächsten Morgen brachte man uns die Nachricht von Drebbers geheimnisvollem Tode.‹

»›Um wieviel Uhr ist Ihr Sohn nach Hause gekommen?‹ fragte ich, als Madame Charpentier mit ihrem Bericht zu Ende war. ›Das weiß ich nicht,‹ stammelte sie; ›er hat sich selbst mit dem Hausschlüssel hereingelassen.‹

»›Nachdem Sie zu Bett waren?‹

»›Ja.‹

»›Wann begaben Sie sich zur Ruhe?‹

»›Gegen elf Uhr.‹

»›So blieb Ihr Sohn also wenigstens noch zwei Stunden fort?‹

»›Ja.‹

»›Möglicherweise auch vier oder fünf?‹

»›Ja.‹

»›Wo war er inzwischen?‹

»›Ich weiß nicht,‹ flüsterte sie mit bleichen Lippen.

»Unter diesen Umständen war ich natürlich nicht länger im Zweifel, was zu thun sei. Ich nahm zwei Polizisten mit, suchte Leutnant Charpentier auf und ließ ihn festnehmen. Als ich seine Schulter berührte und ihn ermahnte, uns ohne Widerstand zu folgen, richtete er sich stolz in die Höhe. ›Man hegt vermutlich Verdacht, ich sei an der Ermordung des schurkischen Drebber beteiligt,‹ waren seine ersten Worte. Sie werden mir zugeben, daß das höchst verdächtig aussah.«

»Versteht sich,« pflichtete Holmes bei.

»Er hielt den Stock in der Hand, von dem seine Mutter gesprochen hatte, einen schweren eichenen Knittel.«

»Wie denken Sie sich denn den Verlauf der Sache?«

»Nun, er ist Drebber bis zur Brixtonstraße gefolgt. Dort hat sich ein neuer Streit zwischen ihnen entsponnen, Drebber hat mit dem Stock einen Schlag erhalten, wahrscheinlich in die Magenhöhle, der seinen Tod verursachte, ohne eine Spur zu hinterlassen. In der regnerischen Nacht war kein Mensch unterwegs, Charpentier konnte daher die Leiche ungesehen nach dem leeren Hause schaffen. Was aber das Licht betrifft, das vergossene Blut, die Schrift an der Wand und den Ring, so sind das wahrscheinlich alles nur Finten, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu locken.«

»Vortrefflich,« rief Holmes beifällig. »Sie machen wirklich Fortschritte, Gregson; es kann noch etwas aus Ihnen werden.«

»Ich schmeichle mir, daß ich alles ganz glatt abgewickelt habe,« sagte der Polizist voll Selbstgefühl. »Der junge Mann behauptete zwar steif und fest, er sei Drebber nur eine kurze Strecke weit nachgegangen, dann habe dieser ihn entdeckt und sei in eine Droschke gestiegen, um ihm zu entkommen. Auf dem Heimweg wollte er dann einem früheren Kameraden vom Schiff begegnet sein und einen langen Spaziergang mit ihm gemacht haben. Als ich aber nach der Wohnung dieses Bekannten fragte, wußte er sie nicht anzugeben. Wie gesagt, der Fall ist mir ganz klar; es macht mir nur Spaß, daß Lestrade eine so falsche Spur verfolgt, die zu nichts führen kann. – Aber, wahrhaftig, ich glaube, da ist er selbst.«

Lestrade war wirklich während unseres Gesprächs die Treppe heraufgekommen und trat jetzt ins Zimmer. Sein für gewöhnlich so selbstbewußtes Wesen war kaum wieder zu erkennen; seine Mienen waren verstört, sein sonst so peinlich sauberer Anzug in Unordnung. Er wollte sich offenbar bei Holmes guten Rat holen; seinen Kollegen da zu finden, hatte er nicht erwartet. Unschlüssig blieb er mitten im Zimmer stehen und drehte seinen Hut krampfhaft

in den Händen. »Ein höchst verwickelter, unverständlicher Fall,« sagte er endlich.

»Meinen Sie, Lestrade?« rief Gregson triumphierend, »das habe ich mir wohl gedacht. Ist es Ihnen denn gelungen, den Aufenthalt des Sekretärs Josef Stangerson zu entdecken?«

»Den Sekretär Stangerson,« erwiderte Lestrade mit tiefem Ernst, »hat man in Hallidays Privathotel heute früh gegen acht Uhr in seinem Schlafzimmer ermordet gefunden.«

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