Die gestohlenen Zeichnungen

Die gestohlenen Zeichnungen

In der dritten Woche des November senkte sich ein dichter gelber Nebel auf London herunter. Vom Montag bis Donnerstag konnten wir nicht die Giebel der gegenüberliegenden Häuser in der Bakerstraße erkennen. Am ersten Tage verbrachte Holmes die Zeit mit Blättern in seinen verschiedenen Notizen. Den zweiten und dritten Tag widmete er seinem neuesten Steckenpferd, der Musik des frühen Mittelalters. Aber als wir dann zum viertenmal beim Frühstück jene schmierige gelbbraune Masse vor dem Fenster sahen, die ölige Tropfen am Fensterglas bildete, konnte die ungeduldige aktive Natur meines Freundes dieses graue Dasein nicht länger mehr ertragen. In einem Fieber unterdrückter Energie lief er in unserm Wohnzimmer hin und her, biß sich in die Fingerknöchel, beklopfte die Möbel und stieß Verwünschungen aus gegen die Untätigkeit, zu der er verdammt sei.

»Nichts Interessantes in der Zeitung, Watson?« fragte er.

Ich wußte, daß mit etwas »Interessantem« Holmes stets etwas kriminalistisch Interessantes meinte. In der Zeitung standen: eine Revolution, ein sehr wahrscheinlicher Krieg auf dem Balkan und ein Ministerwechsel. Aber dergleichen kam für meinen Freund nicht in Betracht. Etwas Kriminelles konnte ich aber in keiner Form entdecken, wenn ich von den üblichen Belanglosigkeiten des Polizeiberichtes absah. Holmes seufzte laut und nahm seine ruhelose Wanderung wieder auf. »Der Londoner Verbrecher ist nachgerade ein stumpfsinniger Bursche«, schalt er mit der verdrießlichen Stimme eines Sportsmannes, der das Spiel verloren hat. »Schau bloß aus dem Fenster, Watson. Wie hier die Gestalten aus dem Trüben auftauchen, vorüberhuschen und wieder untertauchen im Trüben. Der Dieb oder Mörder könnte an solch einem Tage in London herumschweifen wie der Tiger im Dschungel, unsichtbar, bis er springt, und dann nur wie ein Schatten sichtbar für sein Opfer.«

»Da sind zahlreiche kleine Diebstähle verübt worden, wie die Polizei berichtet.«

Holmes machte voller Verachtung »pah«.

»Diese großartig düstere Bühne verlangt nach etwas anderem als solch elendem Besitzwechsel«, sagte er. »Es ist wahrhaftig ein Glück für diese Stadt, daß ich kein Verbrecher bin.«

»Da hast du recht!« rief ich aufrichtig.

»Nimm an, ich wäre Brooks oder Woodhouse, oder irgendeiner von den fünfzig Männern, die guten Grund haben, mir nach dem Leben zu trachten – wie lange könnte ich wohl gegen meine eigene Verfolgung am Leben bleiben? Eine Finte, eine Verabredung unter falschem Namen und Vorwand, und alles wäre zu Ende. Es ist gut, daß sie in den romanischen Ländern keinen solchen Nebel haben, – in den Nordländern. Beim Himmel, hier kommt ja etwas, um endlich diese furchtbare Eintönigkeit zu unterbrechen.«

Es war das Mädchen mit einem Telegramm. Holmes riß es auf und brach in Lachen aus.

»Das ist ja – das ist ja – hahaha, das schlägt alles«, rief er belustigt. »Mein Bruder Mycroft kommt uns besuchen.«

»Warum nicht?« fragt« ich.

»Warum nicht? Das ist gerade so, wie wenn du auf einem Waldpfad einem Straßenbahnwagen begegnetest. Mycroft hat seine Schienen, und in denen läuft er. Seine Wohnung in Pall Mall, der Diogenes-Club, Whitehall, – das ist sein Kreislauf. Einmal, ein einziges Mal, ist er hier bei mir gewesen. Was für ein Erdbeben mag ihn aus dem Gleis geworfen haben?«

»Gibt er keinen Grund an?«

Holmes reichte mir seines Bruders Telegramm.

»Muß dich wegen Cadogan West sprechen. Komme sofort.

Mycroft.«

»Cadogan West? Den Namen habe ich doch schon gehört.«

»Mir sagt er gar nichts. Keine Erinnerung. Aber daß Mycroft auf solch erratische Weise ausbrechen kann! Ein Planet könnte ebenso gut seine Bahn verlassen. Weißt du übrigens, was Mycroft ist?«

Ich hatte eine dürftige Erinnerung, daß Holmes mir aus Anlaß des Abenteuers mit dem griechischen Dolmetscher davon gesprochen hatte.

»Du sagtest mir, er hätte, glaube ich, eine kleine Anstellung bei der englischen Regierung.«

Holmes lachte.

»Damals kannte ich dich noch nicht so gut, mein lieber Watson, und man muß diskret sein, wenn es sich um hohe Staatsangelegenheiten handelt. Du hast recht, er ist bei der englischen Regierung. Du würdest gelegentlich aber auch recht haben, wenn du sagtest: er ist die englische Regierung.«

»Mein bester Holmes!«

»Ich wußte, daß dich das überraschen würde. Mycroft bezieht vierhundertfünfzig Pfund Sterling jährliches Gehalt, bleibt in abhängiger Stellung, hat keinerlei Ehrgeiz, will weder Titel noch Orden, aber er bleibt der unentbehrlichste Mann im Lande.«

»Aber wie das?«

»Nun, seine Stellung ist einzigartig. Er hat sie sich extra geschaffen. Etwas Ähnliches hat es nie vorher gegeben, noch wird es das später je wieder geben. Er hat das bestgeordnete, übersichtlichste Hirn, das heutzutage existiert, mit der denkbar größten Aufnahmefähigkeit für Tatsachen, die es sauber registriert und aufbewahrt. Dieselben besonderen Eigenschaften, die mich zum erfolgreichsten Detektiv machten, haben ihn in seinem Amte zum unentbehrlichsten Mann gemacht. Die Entschließungen usw. jeder Abteilung gehen ihm zu, und er ist die Ausgleichsbörse, das Clearinghouse sozusagen, das den Saldo zieht. Alle anderen hohen Staatsbeamten sind Spezialisten, aber seine Spezialität ist Allwissenheit. Nehmen wir an, ein Minister benötigt eine Information in bezug auf irgend etwas, das zugleich die Marine angeht, sowie Indien, Kanada und die Silberwährung. Er könnte von den einzelnen Abteilungen je einen Sonderbericht erhalten, aber nur Mycroft allein kann diese alle in seinem Hirn zusammenfassen, mit einem Blick überschauen und ohne weiteres sagen, wie ein jeder Faktor den anderen beeinflussen würde. In seinem Hirn muß es aussehen wie in einer großen Kartothek; jede Einzelheit aller Regierungsfragen steht ihm sofort zur Verfügung. Oft und oft hat sein Wort unsere englische Politik entschieden. Er lebt in ihr und für sie. Er denkt nichts anderes, ausgenommen wenn er einmal ausspannt und als eine Art geistiger Gymnastik sich mit meinen Detektivproblemen befaßt, worum ich ihn gelegentlich bitte. Aber Jupiter begibt sich heute zu den Sterblichen hernieder. Was mag da los sein? Wer ist Cadogan West und was bedeutet er meinem Bruder Mycroft?«

»Ich hab’s«, rief ich und warf mich über den Haufen Zeitungen auf dem Sofa. – »Ja, hier steht es; ganz richtig, Cadogan West ist der Name des jungen Mannes, der am Dienstag früh tot auf der Untergrundbahn gefunden wurde.«

Holmes straffte sich wie ein Hühnerhund, der sein Wild wittert, und seine Hand hielt die Pfeife zwischen Tisch und Lippe, in ihrer Bewegung plötzlich erstarrt.

»Das muß etwas äußerst Ernstes sein, Watson. Ein Todesfall, der meinen Bruder veranlaßt, aus seinem Gleis zu springen, muß etwas ganz Besonderes sein. Was in aller Welt kann er damit zu tun haben? Der Fall sah ganz nichtssagend aus, soweit ich mich erinnere. Der junge Mann ist anscheinend aus dem Zug gefallen und dabei ums Leben gekommen. Er ist nicht beraubt worden, und es lag keinerlei Anlaß vor, ein Verbrechen in den Bereich der Erwägungen zu ziehen. So ungefähr war es doch?«

»Eine Untersuchung hat später noch stattgefunden«, sagte ich, »und dabei kam eine Menge neuer Tatsachen ans Licht. Aus der Nähe genauer betrachtet hat der Fall doch ein sehr merkwürdiges Aussehen.«

»Nach der Wirkung auf meinen Bruder zu urteilen, allerdings! Mycroft ist aus dem Gleis gesprungen – das bringt nur ein Erdbeben fertig!« Er machte es sich in seinem Lehnstuhl bequem. »Nun, alter Watson, laß die Tatsachen hören.«

»Der Name des Toten war Arthur Cadogan West. Er war siebenundzwanzig Jahre alt, ledig, Büroangestellter im Arsenal von Woolwich.«

»Regierungsangestellter. Beachte das Bindeglied mit meinem Bruder!«

»Er verließ Woolwich plötzlich Montag abend. Zuletzt ist er von seiner Verlobten gesehen worden, Fräulein Violet Westbury, die er in dem Nebel ganz unvermittelt gegen sieben Uhr dreißig verließ. Sie hatten keinen Streit miteinander gehabt, und das Fräulein kann keinen Grund für sein Verhalten angeben. Das nächste, was von ihm dann bekannt wurde, war die Nachricht, daß ein Schienenleger namens Mason seine Leiche dicht außerhalb der Aldgatestation der Untergrundbahn in London gefunden hatte.«

»Wann?«

»Die Leiche wurde um sechs Uhr früh am Dienstag entdeckt. Sie lag weit ab von den Schienen, auf der linken Seite des Bahnkörpers (wenn man ostwärts schaut), nahe bei der Station, dort, wo die Bahn den Tunnel verläßt. Der Schädel war zerschmettert – eine Verletzung, die sehr wohl durch einen Sturz aus dem Zuge verursacht sein konnte. Nur so konnte überhaupt die Leiche dahin gekommen sein. Wäre sie von einer der angrenzenden Straßen her an den Fundort gebracht worden, so hätte sie die Stationsschranken passieren müssen, wo ständig ein Kontrolleur steht. In dieser Hinsicht scheint völlige Gewißheit zu herrschen.«

»Sehr gut. Die Grundlage ist einfach genug: der Mann ist, entweder tot oder lebend, aus einem Zug entweder hinausgefallen oder hinausgeworfen worden. Soviel ist mir klar. Bitte weiter!«

»Die Züge, die auf den Schienensträngen verkehren, neben denen der Tote gefunden wurde, sind solche, die von Westen nach Osten fahren, teils reine Stadtzüge, teils solche von Willesden und außerhalb liegenden Knotenpunkten. Es kann als erwiesen gelten, daß dieser junge Mann, ehe er seinen Tod fand, in der angegebenen Richtung zu später Nachtzeit fuhr, dagegen ist es nicht möglich, festzustellen, wo er den Zug bestiegen hat.«

»Seine Fahrkarte würde darüber Auskunft geben.«

»Man fand keine Fahrkarte bei ihm.«

»Keine Fahrkarte! Donnerwetter, Watson, das ist aber auffällig. Nach meinen Erfahrungen ist es nicht möglich, einen Untergrundbahnzug zu betreten, ohne eine Karte vorzuweisen. Ist ihm die seinige abgenommen worden, um die Station zu verheimlichen, von der er gekommen ist? Das ist möglich. Oder hat er sie im Zug verloren oder fortgeworfen? Auch das ist möglich. Aber dieser Punkt ist von besonderem Interesse. Nicht wahr, die Leiche war nicht beraubt?«

»Offenbar nicht. Hier ist ein Verzeichnis dessen, was man bei ihm fand. Seine Geldtasche enthielt zwei Pfund Sterling, fünfzehn Schilling. Er hatte auch ein Scheckheft der Woolwicher Zweigstelle der Stadt- und Landbank bei sich. Seine Identität wurde durch dieses Scheckheft festgestellt. Ferner zwei Karten für das Woolwicher Theater, für denselben Abend. Schließlich ein kleines Paket technischer Papiere.«

Holmes tat einen Ausruf der Befriedigung.

»Hier haben wir es endlich, Watson! Englische Regierung – Woolwich – Arsenal – technische Papiere – Bruder Mycroft. Der Ring schließt sich. Aber da kommt er ja wohl.«

Einen Augenblick später wurde die große stattliche Erscheinung Mycroft Holmes‘ unter der Türe sichtbar. Schwer und massiv gebaut, lag eine merkwürdige körperliche Trägheit in der ganzen Figur des Mannes angedeutet. Aber über dem mächtigen Körperbau thronte ein so ausgeprägter Charakterkopf: stahlgraue, tiefliegende, scharfblickende Augen, schmale, gerade Lippen, hohe Stirn und ein äußerst lebhaftes Mienenspiel, so daß man nach dem ersten Blick den massigen Körper ganz vergaß und nur noch den überlegenen Geist sah.

Gleich hinter Mycroft erschien unser alter Freund Lestrade von Scotland Yard – dünn und voll Erhabenheit. Der ernste Gesichtsausdruck beider Männer verriet eine schwerwiegende Angelegenheit. Der Detektiv reichte uns stumm die Hand; Mycroft Holmes schälte sich aus seinem Mantel und ließ sich in einen Sessel fallen.

»Ein sehr unangenehmes Geschäft, Sherlock«, redete er seinen Bruder an. »Es ist mir äußerst unangenehm, meine Gewohnheiten nicht einhalten zu können, aber es handelt sich hier um Dinge, die es gebieterisch verlangen, und so muß ich eben. Leider! Bei der augenblicklichen Lage Siams ist es ganz ungeschickt, daß ich vom Büro fort bin. Aber er ist eine richtige Krisis. Unsern Premier habe ich noch nie so außer Fassung gesehen. Die Admiralität – da summt es wie in einem umgestürzten Bienenkorb. Ist dir der Fall schon bekannt?«

»Wir haben uns eben aus der Zeitung darüber unterrichtet. Was sind das für technische Papiere?«

»Du triffst den Kernpunkt. Zum Glück ist noch nichts in die Öffentlichkeit gedrungen. Die Presse würde toben, sage ich dir. Die technischen Papiere, die man in den Taschen des Toten fand, sind die Zeichnungen zu dem Bruce-Partington-Unterseeboot.«

Mycroft Holmes sprach mit einer Feierlichkeit, die verriet, welche Bedeutung er dem Gegenstande beilegte. Sein Bruder und ich lauschten voller Spannung.

»Sicher hast du von ihm gehört? Ich dachte, jedermann hätte von ihm gehört.«

»Nur der Name ist mir bekannt.«

»Seine Bedeutung kann kaum übertrieben werden. Es ist das am eifersüchtigsten gehütete Geheimnis unserer Regierung. Du kannst es mir glauben, daß innerhalb des Aktionsradius eines Bruce-Partington keine Seekriegsführung mehr denkbar ist. Vor zwei Jahren wurde eine sehr große Summe durch das Budget geschmuggelt und wurde dafür verwendet, uns das Monopol der Erfindung zu sichern. Es geschah alles, um das Geheimnis zu wahren. Die Konstruktionspläne, die äußerst verwickelt sind, enthalten gegen dreißig einzelne Patente, jedes wesentlich für das Ganze, und werden in einen erstklassigen Stahlschrank in einem geheimen Büro neben dem Arsenal, mit einbruchsicheren Türen und Fenstern, aufbewahrt. Unter keinerlei Bedingungen durften die Zeichnungen aus dem Büro entfernt werden. Wenn der Erste Konstruktionsoffizier der Marine sie einsehen wollte, so war selbst er genötigt, zu dem Zweck nach Woolwich zu gehen. Und trotz alledem finden wir die Pläne in den Taschen eines jüngeren Bürobeamten mitten in London. Vom amtlichen Standpunkt aus ist es einfach gräßlich!«

»Aber du hast sie alle wieder?«

»Nein, Sherlock, nein! Da liegt ja der Hund begraben. Wir haben sie nicht. Zehn Pläne sind in Woolwich gestohlen worden. Sieben fand man in den Taschen von Cadogan West. Die wichtigsten drei –« Mycroft Holmes blies sich über die leere Fläche seiner Rechten. »Weg! Sherlock, du mußt alles andere liegen lassen. Vergiß deine üblichen kleinen Häkeleien mit der Polizei. Du hast eine Aufgabe von internationaler Bedeutung zu bewältigen. Warum hat Cadogan West die Papiere gestohlen, wo sind die drei fehlenden, wie ist er gestorben, wie kam seine Leiche an den Fundort, wie kann der Schaden wieder gut gemacht werden? Finde die richtige Antwort auf alle diese Fragen, und du wirst dem Vaterland einen großen Dienst erwiesen haben.«

»Warum lösest du die Aufgabe nicht selbst, Mycroft? Du siehst so weit wie ich.«

»Möglich, Sherlock. Aber es handelt sich hier um die Feststellung von Einzelheiten. Gib mir deine Einzelheiten, und von diesem Sessel aus will ich dir ein ausgezeichnetes fachmännisches Exposé zu dem Fall diktieren. Aber hierhin laufen, dorthin rennen, Eisenbahner ausfragen, auf dem Bauche liegen mit einer Lupe vor dem Auge – das ist nichts für mich. Nein, du bist der einzige Mensch, der den Fall aufklären kann. Wenn du Wert darauf legst, deinen Namen unter den nächsten Ordensverleihungen –«

Mein Freund lächelte und wehrte mit der Hand ab.

»Ich spiele das Spiel lediglich um des Spieles willen«, sagte er. »Aber der Fall scheint einige interessante Schwierigkeiten zu bieten, und es wird mir ein Vergnügen sein, sie anzupacken. Einige weitere Unterlagen, bitte.«

»Ich habe die wichtigsten Daten hier auf diesem Bogen aufgeschrieben, dazu einige Adressen, die dir nützlich sein können. Der gegenwärtige amtliche Hüter der Papiere ist der berühmte Marinefachmann Sir James Walter, dessen Orden und Titel mehrere Zeilen der Rangliste füllen. Er ist im königlichen Dienst ergraut, ist ein Gentleman, ein bevorzugter Gast in den ersten Häusern Englands und vor allem ein Mann, dessen Vaterlandsliebe über jeden Zweifel erhaben ist. Er ist einer von den zweien, die einen Schlüssel zu dem Stahlschrank haben. Ich will noch nachtragen, daß die Pläne am Montag während der Arbeitszeit unzweifelhaft da waren, und daß Sir James ungefähr um 3 Uhr nach London fuhr und den Schlüssel mitnahm. Er war den ganzen Abend im Hause des Admirals Sinclair am Barclay-Platz, während das Unglück geschah.«

»Ist diese Tatsache bestätigt?«

»Ja; sein Bruder, Oberst Valentine Walter, hat seine Abfahrt von Woolwich bezeugt, und Admiral Sinclair seine Ankunft in London; also ist Sir James nicht länger mehr ein unsicherer Faktor in der Sache.«

»Wer ist der andere Mann, mit dem anderen Schlüssel?«

»Der Bürovorsteher und Zeichner Herr Sidney Johnson. Er ist ein Mann von vierzig Jahren, verheiratet, mit fünf Kindern. Das ist ein stiller, übellauniger Mann, aber er genießt in bezug auf Zuverlässigkeit den besten Ruf im öffentlichen Dienst. Er ist unbeliebt bei seinen Kollegen, aber ein tüchtiger Arbeiter. Nach seinen eigenen Angaben, die mir seine Frau bestätigt hat, war er den ganzen Montagabend nach Büroschluß zu Hause, und sein Schlüssel ist nicht von der Uhrkette gekommen, an der er hängt.«

»Erzähle mir noch von Cadogan West!«

»Er ist seit zehn Jahren im Dienst und hat sich bewährt. Er hat den Ruf, ein Heißsporn zu sein, aber ein ehrlicher, gerader Mann. Wir haben nichts gegen ihn. Er war nach Sidney Johnson der zweite im Büro. Seine Obliegenheiten brachten ihn täglich in persönliche Berührung mit den Zeichnungen. Nur er allein nahm sie aus den Fächern und ordnete sie wieder ein.«

»Wer hat in jener Nacht die Pläne eingeschlossen?«

»Herr Sidney Johnson, der Bürovorsteher.«

»Nun, es ist doch vollständig klar, wer sie gestohlen hat. Man hat sie in den Taschen Cadogan Wests gefunden – das ist eine Tatsache, und die macht doch alle weiteren Erwägungen überflüssig, nicht?«

»So scheint es, Sherlock, und doch bleibt da noch so vieles unaufgeklärt. Zu allererst: warum hat er sie gestohlen?«

»Ich nehme an, sie sind von Wert?«

»Er hätte sehr leicht viele Tausende dafür bekommen können.«

»Kannst du mir ein anderes Motiv dafür angeben, daß er die Zeichnungen nach London brachte – außer, um sie zu verkaufen?«

»Nein, das kann ich nicht.«

»Dann müssen wir das zu unserer Grundlage machen. Der junge West hat die Papiere entwendet. Das konnte aber nur geschehen unter Verwendung eines falschen Schlüssels –«

»Verschiedener falscher Schlüssel«, unterbrach Mycroft. »Er mußte außer dem Stahlschrank das Zimmer und das Haus aufschließen.«

»Gut, dann hatte er also verschiedene falsche Schlüssel. Er nahm die Papiere mit nach London, um das Geheimnis zu verkaufen und hatte vermutlich die Absicht, die Zeichnungen bis zum nächsten Morgen wieder in den Schrank zu legen, ehe sie vermißt wurden. Während er in London mit dieser lukrativen Aufgabe beschäftigt war, ereilte ihn der Tod.«

»Wie?«

»Wir wollen annehmen, daß er zurück nach Woolwich fuhr, als er getötet und aus dem Wagenabteil geworfen wurde.«

»Aldgate, wo die Leiche gefunden wurde, ist beträchtlich jenseits London Bridge Station, wo seine Linie nach Woolwich abzweigt«, bemerkte Mycroft.

»Man kann sich viele Umstände ausdenken, die ihn hätten veranlassen können, über London Bridge hinauszufahren. Da saß einer mit ihm im Wagen, mit dem er eine zu wichtige Verhandlung führte, um auf die Stationen zu achten; hm, und diese Verhandlung endigte in einer heftigen Szene, bei der er sein Leben verlor. Möglicherweise wollte er den Wagen verlassen, er fiel auf den Bahnkörper und zerschmetterte sich den Schädel. Der andere schloß die Tür hinter ihm. Es war bekanntlich ein dicker Nebel, und niemand konnte etwas deutlich sehen.«

»Mit unserer augenblicklichen Kenntnis der Tatsachen können wir auf keine bessere Erklärung kommen. Und doch bitte ich dich zu bedenken, wie vieles du dabei außer acht läßt. Bleiben wir z. B. einmal dabei, daß der junge West beschlossen hatte, die Pläne nach London zu bringen. Natürlich hatte er sich da vorher mit dem fremden Spionageagenten verabredet und sich diesen Abend freigehalten. Statt dessen nahm er zwei Karten fürs Theater, brachte seine Verlobte halbwegs dorthin und verschwand dann plötzlich.«

»Eine Finte«, bemerkte Lestrade, der nicht ohne Ungeduld das Zwiegespräch mit angehört hatte.

»Eine sehr merkwürdige Finte«, sagte Sherlock Holmes. »Das ist Einwurf Nummer eins. Einwurf Nummer zwei: Wir wollen annehmen, er fährt nach London und trifft sich mit dem fremden Agenten. Er muß die Pläne bis zum andern Morgen wieder zurückschaffen, oder ihr Fehlen wird entdeckt werden. Er nahm zehn mit sich von Woolwich; nur sieben hat man bei ihm gefunden. Was ist mit den übrigen drei geschehen? Sicher würde er sie nicht freiwillig zurückgelassen haben, denn das bedeutete ja Entdeckung mit allen unheilvollen Folgen. Schließlich, wo ist der Preis für seinen Verrat? Man hätte doch eigentlich eine große Summe bei ihm finden müssen.«

»Mir scheint das völlig klar«, sagte Lestrade. »Ich habe keinen Zweifel, wie die Dinge sich abspielten. Er nahm die Papiere weg, um sie zu verkaufen. Er traf sich mit dem Agenten. Sie konnten sich über den Preis nicht einig werden. West fuhr wieder nach Hause, aber der Agent fuhr mit. Im Zug ermordete ihn der Agent, nahm die drei wichtigsten Pläne an sich, und warf die Leiche aus dem Wagen. Das würde sich mit allen Tatsachen decken, nicht?«

»Warum hatte er keine Fahrkarte?«

»Die Karte würde gezeigt haben, welche Station dem Haus des Agenten am nächsten gelegen ist. Deshalb nahm er sie aus der Tasche des Ermordeten.«

»Gut, Lestrade, sehr gut«, sagte Holmes. »Ihre Theorie hält zusammen. Aber wenn sie richtig ist, dann ist der Fall zu Ende. Auf der einen Seite ist der Hochverräter tot, auf der anderen sind die wichtigsten Zeichnungen im Besitz eines Spions und wahrscheinlich schon längst auf dem Festland. Was bleibt uns da noch zu tun übrig?«

»An die Arbeit, Sherlock!« rief Mycroft und sprang auf die Füße, »an die Arbeit! Alle meine Instinkte sind gegen diese Erklärung. Laß deine Fähigkeiten spielen! Geh an den Ort des Verbrechens, sprich mit den Leuten, die davon berührt wurden, laß keinen Stein ununtersucht. In deinem ganzen Leben hast du noch keine so glänzende Gelegenheit gehabt, deinem Vaterlande zu dienen.«

»Schön, schön«, sagte Holmes und zuckte die Achseln. »Komm, Watson! Und Sie, Lestrade, würden Sie uns gütigst eine Stunde oder zwei schenken? Wir wollen unsere Nachforschungen mit einem Besuch der Aldgate Station beginnen. Leb‘ wohl, Mycroft. Noch vor Abend werde ich dir einen Bericht senden, aber ich mache dich im voraus darauf aufmerksam, daß du nur wenig zu erwarten hast.«


Eine Stunde später standen wir drei auf der Untergrundbahnstrecke dort, wo sie den Tunnel bei der Aldgate Station verläßt. Ein freundlicher alter Herr mit rotem Gesicht vertrat bei uns die Bahngesellschaft.

»Dort ist die Leiche des jungen Mannes gefunden worden«, sagte er und wies auf einen Fleck ungefähr einen Meter von der Beschotterung. »Von oben her konnte sie nicht gefallen sein, denn wie Sie sehen, ist da alles lückenlose Mauer. Also konnte sie nur von einem Zuge kommen, und dieser Zug lief, soweit wir feststellen konnten, am Montag um Mitternacht hier durch.«

»Sind die Wagen auf irgendwelche Anzeichen eines Kampfes untersucht worden?«

»Wir konnten keinerlei Anzeichen dafür finden; ebensowenig die Fahrkarte.«

»Keine Meldung, daß eine Tür offenstehend gefunden wurde?«

»Nein.«

»Wir haben heute morgen neue Tatsachen festgestellt«, sagte Lestrade. »Ein Herr, der Aldgate in einem gewöhnlichen Stadtzuge ungefähr um elf Uhr vierzig Montagnacht passierte, sagt aus, daß er einen starken dumpfen Schlag hörte, als ob ein Körper auf dem Boden aufschlüge, gerade ehe der Zug die Station erreicht hatte. Bei dem dicken Nebel konnte er leider nichts sehen. Er machte damals keine Anzeige. Ha, was ist mit Herrn Holmes?«

Mein Freund stand da mit einem Ausdruck angespanntesten Nachdenkens auf dem Gesicht und starrte auf die Eisenbahnschienen, wo sie im Bogen aus dem Tunnel herauskamen. Aldgate ist ein Knotenpunkt, und da war also ein ganzes Netzwerk von Weichen. Auf diese waren seine starren Augen gerichtet, und ich bemerkte auf seinem belebten, gespannten Gesicht die zusammengekniffenen Lippen, das Beben seiner Nasenflügel und das mir so wohlbekannte Stirnrunzeln.

»Die Weichen«, sagte er halblaut vor sich hin; »die Weichen.«

»Was ist’s mit ihnen? Was meinen Sie?«

»Ich nehme an, daß nur wenige Ihrer Stationen ein solches System von Weichen haben.«

»Nur ganz wenige, Herr Holmes.«

»Und eine Kurve auch noch. Weichen, und eine Kurve. Bei Gott, wenn es nur so wäre!«

»Was überlegen Sie, Herr Holmes? Haben Sie etwas entdeckt?«

»Eine Idee – eine Ahnung, nicht mehr. Aber der Fall wird immer interessanter. Einzigartig, völlig einzigartig, und doch, warum nicht? Ich sehe keinerlei Anzeichen von Blut hier an der Fundstelle.«

»Es werden auch kaum welche vorhanden sein.«

»Aber der Kopf war doch zerschmettert.«

»Die Schädelknochen ja, aber äußerlich waren die Verletzungen nicht schwer.«

»Und doch hätte man etwas Blut finden müssen. Könnten Sie es mir ermöglichen, den Zug zu besichtigen, mit dem der Herr fuhr, der den Fall eines Körpers im Nebel gehört hat?«

»Leider ist das nicht möglich, Herr Holmes. Der Zug ist schon längst aufgelöst, und die Wagen sind neu verteilt.«

»Ich kann Sie versichern, Herr Holmes«, sagte Lestrade, »daß jedes Abteil aufs genaueste untersucht worden ist. Es geschah unter meiner Aufsicht.«

Eine der hervorstechendsten Schwächen meines Freundes war es, daß er oft ungeduldig mit solchen war, die einen weniger scharfen Geist hatten als er.

»Ach ja«, seufzte er laut und wandte sich ab. »Natürlich wollte ich nicht die Abteile untersuchen. Watson, komm‘, wir haben alles getan, was hier zu tun ist. Herr Lestrade, wir brauchen Sie nicht mehr zu bemühen. Unsere Nachforschungen müssen wir jetzt in Woolwich fortsetzen.«

Auf dem Londoner Bridge-Bahnhof schrieb Holmes ein Telegramm an seinen Bruder, das er mir zu lesen gab, ehe er es abschickte. Es lautete:

»Sehe etwas Licht in dem Dunkel, aber es kann wieder verlöschen. Schicket mit Boten Bakerstraße wartend vollständige Liste aller fremden Spione, Agenten usw., die gewöhnlich in England arbeiten, mit genauer Adresse. Sherlock.«

»Solch eine Liste wäre uns von Vorteil, Watson«, sagte Holmes, als wir in den Zug nach Woolwich stiegen. »Meinem Bruder sind wir Dank schuldig, daß er uns mit einer Staatsangelegenheit bekannt gemacht hat, die ein ganz hervorragend interessanter Kriminalfall zu sein scheint.«

Sein eifriges Gesicht zeigte noch immer die angespannte lebhafte Energie, die mir offenbarte, daß irgendein neuer und bedeutungsvoller Umstand eine Kette anregender Gedanken in ihm ausgelöst hatte. Schau einen Fuchshund an, wie er mit gesenktem Schweif und hängenden Ohren im Rinnstein herumlungert und vergleiche ihn mit demselben Hund, wenn er mit glitzernden Augen und straffesten Muskeln hinter dem Fuchs her ist – so war die Veränderung in Holmes seit dem Morgen. Er war völlig verschieden von dem schlappen, indolenten Mann im mausgrauen Schlafrock, der noch wenige Stunden vorher so verdrossen in dem von Nebel umhüllten Zimmer herumgelaufen war.

»Hier ist Material. Hier sind Aussichten«, sagte er. »Mir saß noch der Nebel im Kopfe, daß ich diese Möglichkeiten nicht früher erblickte.«

»Mir sind sie auch jetzt noch dunkel.«

»Das Ende ist mir ebenfalls dunkel, aber ich habe da einen Gedanken, der uns weit bis ans Ende führen kann. Cadogan West hat seinen Tod ganz wo anders gefunden, und seine Leiche war auf dem Dach eines Wagens.«

»Auf dem Dache?«

»Sonderbar, was? Aber laß die Tatsachen sprechen: ist es ein Zufall, daß die Leiche gerade da gefunden wurde, wo der Zug in der Kurve schleudert und in den Weichen hin- und hergeworfen wird? Ist nicht das der Ort, wo ein Gegenstand vom Dache eines Wagens herunterfallen muß? Entweder der Leichnam ist vom Dach gefallen, oder es ist eine ganz merkwürdige Zufälligkeit. Aber nun betrachte die Frage der Blutspuren, die nicht vorhanden sind. Sie können natürlich nicht da sein, wenn der Tote sich schon vorher anderswo ausgeblutet hat. Jede Tatsache ist für sich bedeutungsvoll. Zusammen haben sie eine durchschlagende Beweiskraft.«

»Und die Fahrkarte, Holmes!« rief ich.

»Ja, das ist auch wichtig. Wir konnten uns das Fehlen der Karte nicht erklären. Aber meine Annahme erklärt sie ganz zwanglos: Der Tote war gar kein Passagier, hatte also auch keine Karte. Es paßt alles zusammen, Watson.«

»Aber angenommen, es wäre alles so, so sind wir doch noch ebenso weit wie früher von der Lösung des Rätsels entfernt: Wie hat West seinen Tod gefunden? Das Rätsel wird in der Tat nicht leichter, sondern immer schwieriger.«

»Vielleicht«, sagte Holmes gedankenvoll; »vielleicht«. Er verfiel in eine stille Träumerei, die ihn gefangen hielt, bis der langsame Zug endlich in die Woolwich-Station einfuhr. Hier rief er eine Droschke heran und zog Mycrofts Notizen aus der Tasche.

»Wir haben eine ganz nette Runde von Nachmittagsbesuchen zu machen«, sagte er. »Ich denke, Sir James Walter gebührt an erster Stelle die Ehre.«

Das Haus des berühmten Beamten war eine schöne Villa, umgeben von Rasen und Park, die sich auf einer Seite bis an die Themse-Ufer hinuntererstreckten. Als wir ankamen, begann der Nebel sich zu verziehen, und ein dünner wässeriger Sonnenschein brach hervor. Ein Diener empfing uns.

»Sir James«, sagte er mit feierlicher Miene. »Ich bitte sehr, Sir James ist heute früh gestorben.«

»Ums Himmels willen!« rief Holmes in entsetztem Staunen. »An was ist er gestorben?«

»Vielleicht darf ich die Herrschaften bitten, einzutreten? Der Bruder Sir James‘, Herr Oberst Valentine ist zugegen.«

»Jawohl, ich möchte den Herrn Oberst sprechen.«

Wir wurden in ein dämmeriges Zimmer geführt, wo uns gleich darauf ein sehr großer, schön gewachsener Mann von etwa fünfzig Jahren, der jüngere Bruder des Marinefachmannes, begrüßte. Seine wilden Augen, die fleckigen Backen und das verwirrte Haar verrieten uns deutlich, wie schwer der plötzliche Schlag die Familie betroffen hatte. Er mußte mit den Worten ringen, als er uns davon berichtete.

»Es war dieser gräßliche Skandal«, sagte er. »Mein Bruder, Sir James, war ein Mann von höchstem Ehrgefühl, und er konnte solch eine Geschichte einfach nicht überleben. Sie hat ihm das Herz gebrochen. Er war stets so stolz auf die tadellose Leistungsfähigkeit seiner Abteilung, und dieser Hochverrat hat ihn zu schwer betroffen.«

»Wir hatten gehofft, er würde uns einige Angaben machen können, die es uns ermöglicht hätten, die geheimnisvolle Angelegenheit aufzuklären.«

»Ich versichere Sie, die ganze Sache war für ihn ein vollständiges Rätsel, wie für Sie und uns alle. Alles, was er zur Aufklärung beitragen konnte, hat er bereits der Polizei gegenüber getan. Natürlich, auch er zweifelte nicht daran, daß Cadogan West der Schuldige war. Aber alles übrige war ihm unfaßbar und unbegreiflich.«

»Auch Sie selbst können kein neues Licht auf den Fall werfen?«

»Ich selbst weiß nichts außer dem, was ich gelesen oder gehört habe. Ich möchte nicht für unhöflich gehalten werden, aber Sie werden es mir glauben, Herr Holmes, daß wir augenblicklich sehr der Ruhe bedürfen, und ich muß Sie daher bitten, diese Unterredung bald zu einem Ende zu bringen.« –

»Das ist wahrhaftig eine sehr unerwartete Entwicklung«, sagte mein Freund, als wir wieder im Wagen saßen.

»Ich muß mich fragen, ob dieser Tod seine natürlichen Ursachen hat, oder ob der arme alte Beamte sich selbst das Leben nahm! Wenn das letztere der Fall sein sollte, dürfen wir das dann als ein Zeichen von Selbstvorwurf wegen versäumter oder vernachlässigter Pflicht auffassen? Wir müssen diese Frage der Zukunft überlassen. Jetzt wollen wir die Cadogan Wests aufsuchen.«

Ein kleines, aber gut aussehendes Haus in einem Außenviertel der Stadt beherbergte die niedergebeugte Mutter. Die alte Dame war zu sehr von ihrem Schmerz erfüllt, als daß sie uns irgendwie hätte von Nutzen sein können; aber ihr zur Seite fanden wir eine bleiche junge Dame, die sich selbst als Fräulein Violet Westbury, die Verlobte des Toten, vorstellte. Sie betonte, daß sie in der verhängnisvollen Nacht ihn zuletzt gesehen hätte.

»Ich kann es nicht erklären, Herr Holmes«, sagte sie. »Ich habe seit dem schrecklichen Ereignis kein Auge geschlossen, Tag und Nacht muß ich denken, denken und denken, was das in Wahrheit bedeuten soll. Arthur war der anständigste, ritterlichste, patriotischste Mann auf Erden. Er würde sich lieber die rechte Hand abgehackt haben, ehe er ein Staatsgeheimnis, das seiner Obhut anvertraut war, verkauft hätte. Es ist einfach absurd, unmöglich, es ist verrückt, für jeden, der ihn gekannt hat.«

»Aber die Tatsachen, Fräulein Westbury?«

»Ja, ja, ich gebe zu, sie sprechen gegen ihn, und ich kann sie nicht erklären.«

»War er in Geldverlegenheit?«

»Nein, seine Bedürfnisse waren sehr bescheiden, und sein Gehalt reichlich. Er hatte sich einige hundert Pfund erspart, und wir wollten zu Neujahr heiraten.«

»Keinerlei Anzeichen seelischer Erregung? Bitte, Fräulein Westbury, seien Sie ganz offen mit uns.«

Der rasche Blick meines Freundes hatte sogleich eine Veränderung in ihrer Haltung festgestellt. Sie errötete und zögerte mit der Antwort.

»Ja«, sagte sie schließlich. »Ich hatte das Gefühl, als mache ihm etwas Sorge.«

»Seit langer Zeit?«

»Erst seit der letzten Woche ungefähr. Er erschien mir oft geistesabwesend und bedrückt. Einmal drang ich deswegen in ihn. Er gab zu, es sei da etwas, und das hinge mit seinem Dienst zusammen. ›Es ist viel zu ernst, als daß ich darüber sprechen könnte, sogar dir gegenüber‹, sagte er. Ich konnte nichts weiter aus ihm herausbekommen.«

Holmes machte ein ernstes Gesicht.

»Bitte, fahren Sie fort, Fräulein Westbury. Selbst wenn es ihn bloßzustellen scheint, bitte, verschweigen Sie uns nichts. Wir können noch nicht übersehen, zu was es am Ende führen wird.«

»Ich kann Ihnen wirklich nichts mehr sagen. Ein- oder zweimal schien es mir so, als wolle er mir etwas anvertrauen. Er sprach eines Abends von dem Unterseebootsgeheimnis, und ich erinnere mich, daß er sagte, fremde Spione würden ohne Zweifel große Summen dafür bezahlen.«

Das Gesicht meines Freundes wurde noch ernster.

»Noch etwas?«

»Er sagte, wir wären etwas nachlässig in solchen Dingen, und es würde für einen Verräter leicht sein, sich die Zeichnungen zu verschaffen.«

»War das erst kürzlich, daß er solche Bemerkungen machte?«

»Jawohl, erst ganz in letzter Zeit.«

»Nun erzählen Sie uns, bitte, von dem letzten Abend.«

»Wir waren im Begriff, ins Theater zu gehen. Der Nebel war so dick, daß eine Droschke nutzlos war. Wir gingen daher zu Fuß, und unser Weg führte uns dicht an seinem Büro vorüber. Plötzlich lief er in den Nebel hinein von mir weg.«

»Ohne ein Wort zu sagen?«

»Er tat einen Ausruf, das war alles. Ich wartete, aber er kehrte nicht zurück. Dann ging ich nach Hause. Am andern Morgen, nach Beginn der Bürostunden, kam man zu mir und verhörte mich. Ungefähr um zwölf Uhr erfuhren wir die schreckliche Nachricht. Oh, Herr Holmes, er ist tot, aber wenn Sie wenigstens, wenigstens seine Ehre retten könnten! Seine Ehre ging ihm über alles.«

Holmes schüttelte traurig den Kopf.

»Komm, Watson«, sagte er. »Unsere Aufgabe liegt anderswo. Unsere nächste Station ist jetzt das Büro, aus dem die Zeichnungen entwendet worden sind.«

»Es sah vorher schon schlimm genug aus für den jungen Mann, aber was wir inzwischen gehört haben, macht es noch schlimmer«, bemerkte er, als die Droschke mit uns fortrollte. »Seine beabsichtigte Verheiratung gibt ein Motiv für das Verbrechen. Er brauchte natürlich Geld. Der Gedanke saß ihm im Kopf, seit er davon sprach. Er machte das Mädchen beinahe zu seiner Helfershelferin bei dem schlechten Streich, indem er ihr von seinem Plan sprach. Es sieht alles sehr übel aus.«

»Gewiß, Holmes, aber Charakter zähle ich auch unter die Tatsachen und zwar unter die sichersten. Dann bitte, weshalb sollte er das Mädchen auf der Straße stehen lassen, von ihr weglaufen, um ein solches Verbrechen zu begehen?«

»Ganz richtig! Man kann gewiß allerlei Einwendungen machen, aber sie wiegen leicht gegen die schweren Verdachtsmomente.« –

Herr Sidney Johnson, der Bürovorsteher, empfing uns mit jener Ehrerbietung, die meines Freundes Besuchskarte überall auslöste. Er war ein magerer, kurzangebundener Mann von mittlerem Alter mit einer goldenen Brille und etwas eingefallenen Backen. Seine Hände zuckten vor Erregung; daß der Vorfall gerade seinem Büro passierte, hatte ihn sehr nahe berührt.

»Eine schlimme Geschichte, Herr Holmes, eine ganz schlimme Geschichte! Haben Sie schon den Tod unseres Chefs vernommen?«

»Wir kommen eben von seinem Haus.«

»Das ganze Büro ist aus dem Leim. Der Chef tot, Cadogan West tot, irgendwo sind Nachschlüssel vorhanden, und unsere Zeichnungen sind gestohlen. Als wir unsere Türen am Montag abend schlossen, waren wir noch ein so tadelloses Büro, wie irgendeines im königlichen Dienst. O Gott, es ist so schrecklich, daran zu denken! Und daß von allen Menschen gerade West solch eine Tat begangen haben soll!«

»Sie sind also auch überzeugt von seiner Schuld?«

»Ich kann nicht anders, es spricht ja alles gegen ihn. Und doch würde ich ihm ebenso vertraut haben, wie mir selbst.«

»Wann wurde das Büro am Montag geschlossen?«

»Um fünf Uhr.«

»Haben Sie es geschlossen?«

»Ich gehe immer als letzter fort.«

»Wo waren die Zeichnungen?«

»In diesem Stahlschrank. Ich habe sie selbst dort eingeschlossen.«

»Haben Sie keinen Nachtwächter im Hause?«

»Doch, natürlich, aber er hat das ganze Gebäude und nicht nur unsere Abteilung zu überwachen. Er ist ein alter Soldat und ein absolut zuverlässiger Mann. Er hat nichts Verdächtiges in der bewußten Zeit bemerkt. Aber freilich – der Nebel war sehr dick.«

»Angenommen, Cadogan West wollte nach Büroschluß in das Gebäude eindringen, so würde er also drei Schlüssel benötigt haben, ehe er die Zeichnungen greifen konnte?«

»Jawohl, den Schlüssel zu der äußeren Tür, den Schlüssel zum Büro und den Schlüssel zu dem Stahlschrank.«

»Nur Sir James Walter und Sie besaßen diese drei Schlüssel?«

»Ich hatte keine Schlüssel zu den beiden Türen, ich hatte nur den einen zu dem Stahlschrank.«

»War Sir James ein Mann von Ordnung und Pünktlichkeit?«

»Meines Wissens ja. Ich habe es nie anders gesehen, als daß er die drei Schlüssel an einem Ring beisammen hatte.«

»Und diesen Ring trug er stets bei sich?«

»So sagte er wenigstens.«

»Und Ihr Schlüssel kam nie aus Ihrer Hand?«

»Niemals!«

»Dann muß West, wenn er der Schuldige ist, einen Nachschlüssel gehabt haben. Man hat aber keinen bei ihm gefunden. Noch eine andere Frage: Wenn ein Beamter in diesem Büro die Absicht hatte, die Pläne zu verkaufen, wäre es da nicht einfacher für ihn gewesen, die Zeichnungen heimlich zu kopieren, statt die Originale mitzunehmen, wie das tatsächlich geschah?«

»Man brauchte weitgehende technische Kenntnisse, um die Zeichnungen genau zu kopieren.«

»Aber ich darf wohl annehmen, daß entweder Sir James, oder Sie, oder West über die technischen Kenntnisse verfügten.«

»Allerdings, das ist richtig, aber ich bitte Sie sehr, Herr Holmes, unterlassen Sie es, mich auf diese Weise in die Sache hineinzuziehen. Was soll es für einen Zweck haben, solch theoretische Spekulationen anzustellen, wenn die Originalzeichnungen in Wests Taschen gefunden wurden?«

»Nun, es ist jedenfalls eigentümlich, daß er es gewagt haben sollte, die Originale mitzunehmen, wenn er ebenso gut und viel gefahrloser seinen Zweck mit Kopien erreicht haben würde.«

»Das ist freilich eigentümlich – und doch hat er es so gemacht.«

»Jede neue Feststellung in diesem Fall enthüllt etwas Unerklärliches. Es fehlen drei Zeichnungen; es sind gerade die allerwichtigsten, wie mir gesagt wurde.«

»Jawohl, das stimmt.«

»Kann jemand, wenn er diese drei Zeichnungen besitzt, aber ohne die sieben anderen, nach Ihrer Ansicht ein Bruce-Partington-Unterseeboot bauen?«

»In diesem Sinne habe ich zunächst an die Admiralität berichtet, aber heute habe ich mir die Pläne noch einmal angesehen, und es sind mir da verschiedene Zweifel gekommen. Die doppelte Steuerung mit den automatisch wirkenden Nuten – das ist aus einem der Pläne, die wir wieder haben. Solange einer diese wesentlichen Teile nicht selber erfindet, könnte er auf Grund der übrigen Pläne das Unterseeboot nicht bauen. Aber natürlich, das ist eine Schwierigkeit, die zu überwinden wäre.«

»Aber die drei fehlenden Zeichnungen sind doch die allerwichtigsten?«

»Zweifelsohne!«

»Ich denke, ich werde jetzt einmal mit Ihrer gütigen Erlaubnis mir die Örtlichkeiten hier näher ansehen. Ich habe im Augenblick keine weiteren Fragen an Sie zu stellen.« Holmes prüfte das Schloß des Stahlschrankes, die Tür zum Büro und die eisernen Läden am Fenster. Aber erst draußen auf dem Rasen wurde sein Interesse lebendig. Da stand ein Lorbeerbusch in der Nähe des Fensters, und verschiedene Zweige waren geknickt oder abgebrochen. Er prüfte sie sorgfältig mit seiner Lupe und dann einige kaum wahrnehmbare Spuren auf der Erde. Schließlich bat er Herrn Johnson, die eisernen Läden zu schließen, und Holmes machte mich darauf aufmerksam, daß sie in der Mitte nicht ganz dicht zusammenstießen und es also möglich war, von außen zu beobachten, was in dem Büro vorging.

»Die drei Tage Verzug haben die geringen Spuren fast wertlos gemacht. Sie können etwas bedeuten oder auch nicht. Nun, Watson, ich glaube, Woolwich hat uns nichts mehr zu sagen. Wir haben nur eine dürftige Ernte hereingebracht. Wir wollen es jetzt in London versuchen, dort erreichen wir vielleicht mehr.«

Und doch bereicherten wir unsere Ernte noch um einen Scheffel, ehe wir den Zug bestiegen. Der Angestellte im Schalterraum versicherte uns aufs bestimmteste, er hätte Cadogan West – den er vom Sehen kannte – am Montagabend gesehen, und zwar sei er mit dem Zug acht Uhr fünfzehn nach London Bridge gefahren. Er war allein und löste eine einfache Karte dritter Klasse. Dem Angestellten war damals das aufgeregte und nervöse Wesen Wests aufgefallen. Seine Hand zitterte so, daß er kaum die Münzen fassen konnte, die er herausbekam, und der Angestellte half ihm, sie in seine Geldtasche zu stecken, genau wie einer Dame mit Handschuhen. Mit dem Fahrplan stellten wir fest, daß der Zug um acht Uhr fünfzehn für West die erste Möglichkeit war, nachdem er Fräulein Westbury um sieben Uhr dreißig so plötzlich verlassen hatte.

Nach einer halben Stunde stillen Nachdenkens sagte Holmes: »Wir wollen alles einmal rekonstruieren, Watson. Ich kann mich nicht erinnern, daß wir unter allen unseren gemeinsam erlebten Fällen je einen so schwierigen gehabt hätten. Jeder Schritt nach vorwärts, den wir tun, wirft uns eigentlich einen Schritt wieder zurück. Und doch scheint es mir, wir hätten schon recht Wertvolles erreicht.

Unsere Nachforschungen in Woolwich haben in der Hauptsache Cadogan West bloßgestellt; aber die Spuren bei dem Fenster gestatten eine andere Auffassung. Wir wollen z. B. annehmen, ein Spionageagent hat sich an ihn herangemacht. Das kann ja unter solchen Vorkehrungen geschehen sein, daß es ihm unmöglich wurde, darüber zu sprechen, und konnte doch seine Gedanken in der Richtung beeinflußt haben, wie das seine Bemerkung zu seiner Verlobten andeutet. Schön! Wir wollen weiter annehmen, daß, als er mit der jungen Dame zum Theater ging, er plötzlich, im Nebel, denselben Agenten erblickte, wie er in der Richtung nach dem Büro eilte. West war ein impulsiver Mann, rasch in seinen Entschlüssen. Seiner Pflicht stellte er alles andere nach. Er folgte dem Agenten, kam vor das Fenster, sah, wie die Dokumente entwendet wurden und verfolgte den Dieb. Mit dieser Theorie kommen wir über den Einwand hinweg, daß niemand die Originale nehmen würde, der imstande war, sich Kopien anzufertigen. Der Agent konnte das nicht; er mußte die Originale selbst haben. So weit hält alles zusammen.«

»Was ist nun der nächste Schritt?«

»Da geraten wir in Schwierigkeiten. Die natürliche Annahme wäre, daß unter solchen Umständen der junge Cadogan West den Schurken ergreifen und Alarm schlagen würde. Warum hat er das nicht getan? Könnte einer seiner Vorgesetzten die Papiere entwendet haben? Nur so kann ich mir Wests Verhalten erklären. Oder war ihm der Vorgesetzte im Nebel entschlüpft und West eilte sofort nach London, um ihm in seiner Wohnung zuvorzukommen, vorausgesetzt, daß ihm diese bekannt war? Jedenfalls muß ihn eine innere Stimme sehr dringend angetrieben haben, da er seine Verlobte im Nebel stehen ließ und er keinen Versuch machte, ihr sein Verhalten zu erklären. Hier verliert sich unsere Spur, und eine tiefe Kluft tut sich auf zwischen diesen beiden Annahmen und dem Leichnam Wests mit sieben Zeichnungen in der Tasche, den wir auf dem Dach eines Untergrundbahnzuges liegend, annehmen müssen. Nach meinem Instinkt muß ich die Geschichte jetzt vom anderen Ende her anfassen. Wenn Mycroft uns die verlangten Adressen geschickt hat, werden wir in der Lage sein, unsern Mann ausfindig zu machen und zwei Spuren statt nur einer zu verfolgen.«


In der Bakerstraße wartete ein Bote auf uns mit der Adressenliste. Holmes überflog sie und warf sie mir über den Tisch zu. Ich las:

»Es gibt da zahlreiches kleines Gelichter, aber nur wenige, die eine so große Sache fingern können. Die einzigen, die in Betracht kommen, sind Adolf Meyer, Große Georgstraße Nr. 13, Westminster; Louis La Rothière, Campden Mansions, Notting Hill; und Hugo Oberstein, Caulfield-Anlagen Nr. 13, Kensington. Der letztere war nach unserer Kenntnis am Montag in der Stadt; inzwischen bekamen wir Meldung, daß er London verlassen hat. – Sehr erfreut, daß Du einen Lichtschimmer siehst. Das Kabinett erwartet Deinen abschließenden Bericht in der größten Unruhe. Dringende Vorstellungen sind uns von der höchsten Stelle zugegangen. Alle Sicherheitsbehörden Englands stehen Dir zur Verfügung, wenn Du sie benötigen solltest. – Mycroft.«

»Ich fürchte«, sagte Holmes lächelnd, »daß ›des Königs sämtliche Pferde und des Königs sämtliche Soldaten‹ uns in dieser Sache nichts nützen könnten.« Er hatte seine große Karte von London auf dem Tisch ausgebreitet und beugte sich eifrig darüber. »Aha, gut«, sagte er jetzt mit einem Ausruf der Befriedigung, »endlich zieht sich die Sache ein wenig für uns günstig zusammen. Ja, Watson, ich bin jetzt ehrlich davon überzeugt, daß wir bald ans Ziel kommen werden.«

Er schlug mich in einem plötzlichen Fröhlichkeitsausbruch auf die Schulter. »Ich gehe jetzt aus. Es ist nur eine Erkundung. Ich werde nichts Ernsthaftes unternehmen, ohne meinen alten Kriminalkameraden und Biographen zur Seite zu haben. Bitte warte hier, wahrscheinlich werde ich in ein bis zwei Stunden zurück sein. Wenn dir die Zeit lang wird, dann nimm Tinte, tauche deine berühmte Feder ein und fange an, die Geschichte zu Papier zu bringen, wie Sherlock Holmes und sein Freund Doktor Watson das englische Reich gerettet haben.«

Ich fügte mich, von Holmes‘ guter Laune angesteckt, denn ich wußte gut, daß er nicht ohne die besten Gründe sich so weit von seiner üblichen reservierten und verschlossenen Art entfernen würde. Ich wartete den ganzen langen Novemberabend und konnte meine Ungeduld kaum beherrschen. Endlich, kurz nach neun Uhr, erschien ein Bote mit einem Billett:

»Esse bei Goldino, Gloucester Road, Kensington, zu Nacht. Bitte komme sofort. Es gibt Hummer. Bring ein Stemmeisen mit, eine Blendlaterne, einen Revolver und einen Schraubenzieher. – S. H.«

Das war eine nette Ausrüstung, die ein ehrbarer Bürger durch die düsteren, nebelverhüllten Straßen zu tragen hatte. Ich steckte alles in die Taschen meines Mantels und fuhr direkt nach dem angegebenen Restaurant. Dort saß mein Freund an einem kleinen, runden Tische nahe der Tür dieses beliebten italienischen Hauses. Wir aßen zusammen, und bei Kaffee und Curaçao fragte mich mein Freund:

»Hast du alles mitgebracht?«

»Ich habe alles in meinem Überzieher.«

»Ausgezeichnet. Ich will dir kurz sagen, was ich inzwischen getan habe und uns jetzt zu tun noch übrig bleibt. Vor allem, Watson, der Leichnam des jungen Mannes ist auf das Dach des Wagens gelegt worden. Das war mir schon in dem Augenblick klar geworden, wo ich zu der Überzeugung kam, daß er vom Dach und nicht vom Inneren eines Wagens heraus auf den Bahnkörper gelangt war.«

»Konnte er nicht auch von einem der vielen Brückenstege auf den Zug gefallen sein?«

»Nach meiner Ansicht ist das unmöglich. Wenn du dir solch ein Wagendach ansiehst, wirst du finden, daß es leicht gewölbt ist. Wäre der Leichnam von einem Brückensteg etwa auf das Dach gefallen, so wäre er mit tausend Wahrscheinlichkeiten gegen eine sofort abgerutscht und zu Boden gefallen, deshalb können wir als sicher annehmen, daß irgend jemand Cadogan West tot auf das Dach gelegt hat.«

»Aber wie soll das vor sich gegangen sein?«

»Das ist natürlich die Frage, die ich mir zuerst zu beantworten hatte. Es gibt da nur eine Möglichkeit. Die Untergrundbahn fährt meistens in Tunneln mit Ausnahme von einigen Strecken im Westend. Ich erinnerte mich dunkel, daß ich bei gelegentlichen Fahrten schon beobachtet hatte, daß dort die Fenster der Häuser sich fast in der Höhe der Wagendächer befanden. Nun stelle dir vor, ein Zug hält unter einem solchen Fenster – wäre es da nicht ganz einfach und leicht, einen toten Mann auf ein Wagendach zu schieben?«

»Die Einfachheit leuchtet mir nicht ohne weiteres ein.«

»Wir müssen auf den alten Lehrsatz zurückkommen, daß wenn alle anderen Möglichkeiten erschöpft sind, diejenigen, die bei aller Unwahrscheinlichkeit noch übrig bleiben, die Wahrheit enthalten. Hier sind alle anderen Möglichkeiten erschöpft. Als ich nun herausfand, daß einer der Spione, der eben erst London verlassen hat, in einer Straße wohnte, die hart an der Untergrundbahn liegt, war ich so erfreut darüber, daß du über meine plötzliche Lustigkeit erstauntest.«

»Oh, deshalb warst du so ausgelassen!«

»Ja, mein Lieber! Herr Hugo Oberstein, Caulfield-Anlagen Nummer 13, war mein Mann. Ich begann meine Operationen in der Gloucester-Straße-Station, wo ein sehr hilfsbeflissener Beamter mit mir die Strecke ablief und mir nicht nur die Feststellung gestattete, daß die Rückfenster der Häuser in den Caulfield-Anlagen auf die Bahnlinie hinausgehen, sondern mir auch noch die wichtige Tatsache mitteilte, daß infolge einer Kreuzung mit einer Hauptlinie hier die Untergrundzüge häufig für mehrere Minuten festgehalten werden.«

»Glänzend, Holmes, du hast die Lösung des Rätsels gefunden.«

»Noch nicht ganz, Watson, noch nicht ganz. Wir kommen vorwärts, aber das Ziel ist noch weit. Gut, nachdem ich also die Rückseite der Caulfield-Häuser gesehen, besah ich sie mir auch von der Vorderseite und stellte fest, daß der Vogel in der Tat ausgeflogen war. Nummer 13 ist ein ziemlich großes Haus, die oberen Zimmer unmöbliert, soweit ich beurteilen kann. Oberstein lebte dort nur mit einem alten Diener, der wahrscheinlich ein vertrauter Helfershelfer war. Wir müssen im Auge behalten, daß Oberstein nur deshalb England verlassen hat, um seine Beute in Sicherheit zu bringen, aber keineswegs, um London für immer zu verlassen; zu einer Flucht lag für ihn keinerlei Anlaß vor, und der Gedanke eines Amateureinbruches in sein Haus ist ihm wahrscheinlich nicht gekommen. Und gerade das ist es, was wir jetzt ins Werk setzen werden.«

»Könnten wir nicht einen Haftbefehl erwirken und unser Vorgehen mit dem Gesetz in Einklang bringen?«

»Das dürfte auf meine schwer zu beweisenden Angaben hin kaum möglich sein.«

»Was versprichst du dir denn von dem Einbruch?«

»Wir können gar nicht wissen, was für einen wichtigen, aufschlußreichen Briefwechsel wir dort zum Beispiel finden können.«

»Die Sache gefällt mir nicht recht, Holmes.«

»Mein bester Watson, du sollst ja auch nur Schmiere stehen, das eigentliche kriminelle Handwerk mit Stemmeisen und Schraubenzieher besorge ich. Denke auch, bitte, an Mycrofts Brief, an die Admiralität, an das Kabinett, an die aufgeregte hochstehende Person, die auf Nachrichten von uns wartet. Es ist jetzt wirklich nicht an der Zeit, sich durch legale Zwirnsfäden aufhalten zu lassen. Wir müssen auf unser eigenes Risiko und unsere guten Gewissen hin handeln.«

Statt einer Antwort erhob ich mich.

»Du hast recht, Holmes«, sagte ich, »verzeihe mir meine kleinen Bedenklichkeiten, wo es sich um eine so große Sache handelt.«

»Ich wußte, du würdest nicht kneifen, wenn es darauf ankommt«, sagte er auf der Straße, und in seinen Augen sah ich etwas, das nur ganz selten dort zu sehen war: den Ausdruck eines herzlichen Gefühls. Im nächsten Augenblick aber war er schon wieder ganz der gewohnte, nur aus Intellekt und Energie bestehende Mensch.

»Es ist fast eine halbe Meile, aber wir haben Zeit genug und können zu Fuß gehen. Verliere mir ja nichts aus deinen Taschen! Wenn du als ein verdächtiges Individuum verhaftet würdest, so wäre das in diesem Augenblick geradezu verhängnisvoll – für mich.« –

Die Caulfield-Anlagen waren typisch für die Westend-Entwicklung Londons in den siebziger Jahren. Säulen, Karyatiden, Pfeiler, schwere Sandsteinfriese und dergleichen. Neben Nummer 13 schien eine Kindergesellschaft zu sein; man hörte viele helle Stimmen, Kreischen, Lachen und ein kindliches Geklimper auf einem Klavier. Nacht und Nebel schützten uns freundlich, wie schwere Vorhänge hing es um uns zu allen Seiten. Holmes hatte seine Blendlaterne angesteckt und beleuchtete die schwere Eingangstür.

»Das ist keine leichte Arbeit«, sagte er. »Nicht nur verschlossen, sondern auch von innen verriegelt, nehme ich an. Versuchens wir’s besser von der Hintertür. Hier ist ein ausgezeichneter Schlupf dort in dem Torbogen, für den Fall, daß ein übereifriger Schutzmann Interesse an uns nähme. Laß mich auf deine Hand treten, damit ich das Gitter oben fassen kann; ich ziehe dich dann nach.«

Eine Minute später standen wir beide im Hof. Kaum hatten wir das Gitter überklettert, als der regelmäßige Schritt eines Schutzmannes vernehmbar wurde. Er kam näher, ging vorüber, verhallte. Holmes nahm die Tür in Angriff. Ich sah ihn sich beugen, stemmen, und mit einem scharfen Krach brach sie auf. Holmes trat sofort ein, ich folgte; wir stiegen eine enge Treppe hinauf. Holmes‘ gelber Lichtkegel beleuchtete ein niedriges Fenster.

»Hier, Watson, das muß es sein.«

Er öffnete es, und im selben Augenblick vernahmen wir ein dumpfes, rollendes Geräusch, das näher kam und immer stärker wurde. Ein Zug rasselte vorüber. Holmes beleuchtete das Fenstergesims. Es war dick mit Ruß überzogen von den Lokomotiven, aber an einigen Stellen war der gleichförmige schwarze Belag zerkratzt und abgeschabt.

»Hier kannst du sehen, wo sie den Leichnam hinausgeschoben haben. Holla, Watson! Was ist das? Kein Zweifel, das sind Blutspuren.« Er wies auf dunkle Flecken am unteren Fensterrahmen. »Auch hier auf dem Gesims, Watson. Der Beweis ist erbracht, es stimmt alles. Nun wollen wir hier warten, bis ein Zug hält.«

Lange hatten wir nicht zu warten. Der übernächste Zug schon rasselte noch mit voller Fahrt aus dem Tunnel hervor, verlangsamte die Fahrt aber im Freien, und dann, mit Knirschen und Schleifen, hielt er unmittelbar unter uns. Es waren keine vier Fuß vom Fenstersimsen zum nächsten Wagendach. Leise schloß Holmes das Fenster.

»Soweit bestätigt sich alles. Was meinst du, Watson?«

»Einfach wundervoll! Ein Meisterstück, Holmes, du hast dich selber übertroffen.«

»Darin kann ich dir nicht beipflichten. Von dem Augenblick an, wo ich entschieden hatte, daß die Leiche auf dem Wagendach gelegen, war alles Folgende nur die logische Fortsetzung. Wären nicht so ungeheure Staatsinteressen mit dem Fall verknüpft, so wäre er bis zu seiner jetzigen Entwicklung unbedeutend. Die eigentlichen Schwierigkeiten liegen noch vor uns. Aber vielleicht finden wir hier etwas, das uns hilft.«

Wir waren die Hintertreppe hinaufgestiegen und betraten die Zimmer des ersten Stockes. Eines war ein Eßzimmer mit massiven Renaissancemöbeln; es bot nichts von Interesse. Das nächste war ein Schlafzimmer – ebenfalls eine Niete. Das dritte Zimmer dagegen versprach etwas, und mein Freund machte sich an eine methodische Untersuchung. Überall lagen Bücher und Papiere umher, es schien eine Art Studierzimmer. Rasch und mit System durchging Holmes den Inhalt einer Schublade nach der anderen, und eines Schrankfaches nach dem anderen. Aber kein Aufleuchten seiner Züge verriet, daß er etwas Wichtiges gefunden. Nach einer guten Stunde peinlichst genauer Arbeit war er noch genau so weit wie am Anfang.

»Der schlaue Fuchs hat alle Spuren hinter sich verwischt«, sagte er fast bewundernd. »Er hat nichts hinterlassen, das ihn verdächtigen könnte. Sein gefährlicher Briefwechsel, auf den ich gerechnet, ist entweder entfernt oder vernichtet worden. Das hier ist unsere letzte Hoffnung.«

Er wies auf eine kleine Kassette, die auf dem Schreibtische stand. Holmes zwängte den Deckel auf. Mehrere Rollen Papier, bedeckt mit Ziffern und Berechnungen, lagen darin, ohne jeden Hinweis, was sie zu bedeuten hatten. Nur die Worte »Wasserdruck« und »Druck auf den Quadratzoll« deuteten an, daß es sich um Unterseeboote handeln könne. Holmes warf alles unwillig beiseite. Am Boden fand sich noch ein Umschlag mit kleinen Zeitungsausschnitten. Er breitete sie auf der Tischplatte aus, und sofort sah ich an meines Freundes veränderten Zügen, daß ihn eine neue Hoffnung belebte.

»Was ist das, Watson? He, was ist das? Eine Reihe von Botschaften in Form von Zeitungsanzeigen. Daily Telegraph, Seufzerecke, nach allem zu urteilen. Rechte Ecke oben auf der Seite. Keine Daten, – aber solche Mitteilungen ordnen sich von selbst. Die da wird wohl die erste sein:

»Hoffte früher zu hören. Bedingungen einverstanden. Schreiben Sie an die Adresse auf der überreichten Karte. – Pierrot.«

Holmes griff nach einem zweiten Ausschnitt.

»Zu verwickelt für Beschreibung. Brauche Besseres. Entlohnung Zug um Zug. – Pierrot.«

Ein dritter lautete:

»Es wird dringend. Muß Angebot zurücknehmen, falls Vertrag unerfüllt bleibt. Verabredet Zusammenkunft schriftlich. Werde hier bestätigen. – Pierrot.«

Schließlich noch:

»Montag nacht neun Uhr. Zwei Schläge. Nur Sie selbst. Seien Sie nicht mißtrauisch. Bar Geld für gute Bedienung. – Pierrot.«

»Das ist vollständig genug, Watson. Wenn wir nur den Mann am anderen Ende der Geschichte schon hätten!« Er saß in Gedanken da und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. Endlich sprang er auf.

»Nun, vielleicht ist es doch nicht so schwierig, wie es scheinen könnte. Hier haben wir nichts mehr zu tun, Watson. Ich denke, wir fahren zuerst einmal zur Expedition des Daily Telegraph und bringen so ein gutes Tagewerk zum guten Abschluß.«


Mycroft Holmes und Lestrade waren auf Holmes‘ Ersuchen am anderen Morgen in der Bakerstraße bei uns erschienen, und Sherlock Holmes hatte ihnen Bericht über die Ergebnisse des vergangenen Tages erstattet. Herr Lestrade, der Londoner Sicherheitsbeamte, schüttelte mißbilligend den Kopf, als er von unserem Einbruch hörte.

»Wir von der Polizei können uns so etwas nicht leisten, Herr Holmes«, sagte er. »Es ist daher kein Wunder, daß Sie Erfolge erzielen, die uns schon durch die Umstände verwehrt sind. Aber eines Tages gehen Sie einmal zu weit, und Sie und ihr Freund haben sich etwas Böses eingebrockt und müssen es auslöffeln.«

»Für Vaterland, Ehre, Schönheit – he, Watson, das wäre ein nettes Motto für unser Märtyrertum, was? Aber Scherz beiseite, wie denkst du über die Sache, Mycroft?«

»Ausgezeichnet, Sherlock, ganz wundervoll! Aber wie willst du nun weitergehen?«

Holmes nahm die Nummer des Daily Telegraph auf, die auf dem Tische lag.

»Hast du Pierrots Anzeige heute schon gesehen?«

»Was? Noch eine?«

»Ja, hier steht sie: Heute nacht. Selbe Stunde. Selber Ort. Zwei Schläge. Lebenswichtig für Sie. Ihre Sicherheit gebietet Zusammenkunft. – Pierrot.«

»Bei Gott«, rief Lestrade. »Wenn er daraufhin kommt, dann haben wir ihn!«

»Das war mein Gedanke, als ich die Anzeige aufgab. Ich glaube, wenn Sie es ermöglichen können, mit uns gegen acht Uhr zu Obersteins Wohnung zu kommen, daß Sie dann die Lösung des letzten Rätsels sich vollziehen sehen.«


Eine der bemerkenswertesten Eigenschaften meines Freundes war seine Fähigkeit, seine Gedanken von einer Aufgabe völlig zurückzuziehen, sein Hirn sozusagen umzuschalten und es mit Kleinigkeiten zu beschäftigen, sobald er die Einsicht gewonnen hatte, daß ein längeres Verweilen bei dem Hauptgegenstand nutzlos sei. Ich entsinne mich, daß er den ganzen langen Tag über einer Monographie zubrachte, die er über gewisse Motetten Lassus geschrieben hatte. Ich für meinen Teil besaß nichts von dieser Kunst, Gedanken aus- und umzuschalten, und der Tag erschien mir daher unerträglich lang. Die schwerwiegenden nationalen Interessen, die Ungeduld, den Hochverräter zu erblicken, alles zog und zerrte an meinen Nerven. Es war wie eine Befreiung für mich, als wir nach einem leichten Abendessen uns endlich auf den Weg machten. Da Mycroft Holmes es mit Entrüstung ablehnte, über das Hofgitter zu steigen, so mußte ich voraus, von hinten durch das Haus und die Vordertür öffnen. Um neun Uhr saßen wir alle in dem Studierzimmer und lauerten auf unser Opfer.

Eine Stunde verrann, und nochmals eine. Als es elf Uhr schlug, schien die große Kirchenglocke unsere Hoffnung zu Grabe zu läuten. Lestrade und Mycroft rutschten unruhevoll auf ihren Sitzen hin und her und schauten fast jede Minute nach der Uhr. Holmes saß still und reglos da, die Augen halb geschlossen, aber mit allen Sinnen wach. Mit einer ruckartigen Bewegung hob er plötzlich den Kopf.

»Er kommt«, sagte er leise.

Ein verstohlener Schritt ging an der Haustür vorüber. Nun kam er zurück. Wir hörten zwei laute Schläge mit dem Türklopfer. Holmes stand auf und machte uns ein Zeichen, sitzen zu bleiben. Die Gasflamme im Flur war heruntergedreht und brannte fast nur wie ein Pünktchen. Er öffnete die Haustür, ließ den Fremden eintreten und schloß die Tür hinter ihm wieder ab. »Hier, bitte«, hörten wir ihn sagen, und einen Augenblick später stand der Mann vor uns. Holmes war ihm dicht nachgefolgt, und als der andere mit einem Schrei des Staunens und Schreckens Kehrt machte, faßte Holmes ihn am Kragen und stieß ihn wieder in das Zimmer hinein. Noch ehe unser Gefangener sein Gleichgewicht wieder hatte, hatte Holmes auch diese Tür abgeschlossen. Jetzt stand er mit dem Rücken vor ihr. Der Fremde sah verwirrt um sich, wankte und fiel bewußtlos zu Boden. Sein breitrandiger Hut, den er aufbehalten hatte, fiel ihm bei dem Falle vom Kopf, seine Krawatte rutschte ihm von den Lippen herunter, und da wurden die hübschen Gesichtszüge des Oberst Valentine Walter sichtbar.

Holmes pfiff durch die Zähne vor Erstaunen.

»Watson, diesmal kannst du mich in deiner Geschichte als einen Esel darstellen«, sagte er. »Das ist nicht der Vogel, den ich erwartet hatte.«

»Wer ist es?« fragte Mycroft gespannt.

»Der jüngere Bruder des verstorbenen Sir James Walter, des Vorstehers der Unterseebootabteilung. Ja, ja, nun ist mir alles klar. Da, er kommt zu sich! Am besten beginne ich gleich mit dem Verhör.«

Wir hatten die leblose Gestalt auf das Sofa gelegt. Jetzt setzte unser Gefangener sich müde in eine Ecke, sah sich mit schreckerfüllten Augen um und strich sich mit der Hand über die Stirn, wie jemand, der seinen Augen nicht traut.

»Was ist das?« fragte er. »Ich bin hergekommen, um einen Herrn Oberstein zu besuchen.«

»Wir wissen alles, Herr Oberst Walter«, sagte Holmes. »Wie ein englischer Gentleman solch eine Handlung begehen konnte, ist mir nicht verständlich. Aber Ihre Beziehungen zu Oberstein sind uns bekannt – und auch die Art dieser Beziehungen. Ebenso wissen wir die näheren Umstände, die Cadogan Wests Tod herbeigeführt haben. Ich gebe Ihnen den guten Rat, durch ein offenes Geständnis Ihre Seele zu erleichtern und Ihr großes Unrecht nicht durch das Gegenteil zu vergrößern. Einige Einzelheiten können wir nur aus Ihrem Munde erfahren.«

Der Oberst stöhnte und vergrub sein Gesicht in seine Hände. Wir warteten, aber er blieb stumm.

»Ich kann Sie versichern«, sagte endlich Holmes, »daß alles Wichtige uns bereits bekannt ist. Wir wissen, daß Sie dringend Geld nötig hatten, daß Sie einen Abdruck von den Schlüsseln nahmen, die Ihr Bruder in Verwahrung hatte, und daß Sie in Beziehungen zu Oberstein traten, der Ihre Briefe mit Anzeigen im Daily Telegraph beantwortete. Es ist uns bekannt, daß Sie am Montagabend im Nebel zu dem Büro gingen, und daß Cadogan West Sie sah und er Ihnen nachfolgte, weil er vermutlich schon von früher her Ursache hatte, Ihnen zu mißtrauen. Er sah Sie die Pläne entwenden, konnte aber keinen Alarm schlagen, weil es immerhin möglich schien, daß Sie die Zeichnungen im Auftrag ihres Bruders in London herausnahmen. Unter Hintansetzung aller persönlichen Interessen folgte West Ihnen nach und blieb Ihnen in dem Nebel auf den Fersen, bis zu diesem Hause hier. Da suchte er Ihr Verbrechen noch zu verhindern, aber Sie fügten zu dem des Hochverrats noch das schrecklichere des Mordes.«

»Nein, nein, das habe ich nicht getan! Ich schwöre es vor Gott, das habe ich nicht getan!« schrie der Elende.

»Dann enthüllen Sie uns doch, wie Cadogan West seinen Tod fand, ehe Sie ihn auf das Dach eines Untergrundbahnwagens legten!«

»Das will ich Ihnen sagen. Ich schwöre Ihnen, ich sage Ihnen die lautere Wahrheit. Alles andere habe ich getan, wie Sie es sagten, das gestehe ich. Ich hatte Börsenschulden zu bezahlen; sie waren dringend, ich brauchte das Geld so bitter notwendig. Oberstein bot mir fünftausend Pfund; die konnten mich vor dem Untergang retten. Aber was den Mord betrifft, an dem bin ich genau so unschuldig wie Sie!«

»Das sollen Sie uns beweisen! Bitte, fahren Sie fort.«

»West mißtraute mir und ist mir nachgefolgt, wie Sie es gesagt haben. Ich merkte das nicht früher, als bis ich hier unten vor der Tür stand. Es war ein dicker Nebel, und man konnte kaum einige Schritte weit sehen. Ich hatte zweimal geklopft, und Oberstein kam, die Tür aufzuschließen. Der junge Mann drang mit mir ins Haus und verlangte zu wissen, was wir mit den Plänen beabsichtigten. Oberstein hatte einen kurzen Totschläger; den hatte er stets bei sich. Als West neben mir stand und seine Frage stellte, schlug Oberstein ihn nieder. Es war ein verhängnisvoller Schlag, denn in wenigen Minuten war West tot. Da lag er nun vor uns, und wir wußten nicht, was wir mit ihm tun sollten. Da kam Oberstein auf den Gedanken, ihn auf das Dach eines Wagens zu legen, denn die Untergrundbahnzüge hielten gerade unter dem Fenster auf der Rückseite des Hauses. Zuerst prüfte er die Zeichnungen, die ich mitgebracht hatte. Drei davon hielt er für besonders wichtig, und die wollte er behalten. ›Sie können Sie nicht behalten‹, sagte ich. ›Es wird einen fürchterlichen Aufruhr in Woolwich geben, wenn man sie vermißt‹ – ›Ich muß sie trotzdem behalten‹, sagte er, ›denn sie sind technisch so kompliziert, daß ich sie nicht kopieren kann; jedenfalls nicht bis morgen früh.‹ – ›Dann muß ich alle Pläne heute nacht wieder zurückbringen‹, erwiderte ich. Er dachte eine Weile nach und rief dann auf einmal erfreut, er hätte einen glücklichen Gedanken. ›Die übrigen sieben stecken wir dem Toten in die Taschen‹, rief er. ›Wenn man die Leiche mit den Zeichnungen findet, dann wird man die ganze Geschichte diesem Beamten in die Schuhe schieben.‹ Ich wußte mir keinen anderen Ausweg, und so schritten wir zur Ausführung seines Gedankens. Eine halbe Stunde hatten wir zu warten, bis ein Zug hielt. Es war ein so dichter Nebel, daß wir ohne Gefahr den Leichnam aus dem Fenster auf ein Wagendach legen konnten. Soweit es mich betrifft, war die Sache damit erledigt.«

»Und Ihr Bruder?«

»Er sagte nichts; aber er hatte mich einmal überrascht, wie ich seine Schlüssel in der Hand hielt, und ich glaube, er faßte damals einen Verdacht. Ich konnte es in seinen Augen lesen. Sie wissen, daß er es nicht hat überleben können.«

Eine drückende, peinliche Stille trat ein. Mycroft Holmes unterbrach sie.

»Können Sie den Schaden nicht wieder gutmachen? Das würde Ihr Gewissen erleichtern und Ihre Strafe mildern.«

»Wie könnte ich den Schaden wieder gutmachen?«

»Wo ist Oberstein mit den Plänen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Hat er Ihnen keine Adresse angegeben?«

»Er sagte, Briefe würden ihn wahrscheinlich in Paris, Hotel du Louvre, erreichen.«

»Dann steht es noch in Ihrer Macht, alles wieder gut zu machen«, sagte Sherlock Holmes.

»Ich werde gern alles tun, was ich kann. Ich brauche den Oberstein nicht zu schonen. Er ist die Ursache meiner Erniedrigung und meines Unterganges.«

»Hier sind Feder und Papier. Setzen Sie sich da an den Schreibtisch und schreiben Sie, was ich diktiere. Den Umschlag adressieren Sie an das Hotel du Louvre. So! Und nun den Brief: ›Sehr geehrter Herr! In bezug auf das kürzlich mit Ihnen abgeschlossene Geschäft werden Sie wohl selber schon bemerkt haben, daß eine sehr wichtige Zeichnung fehlt. Ich habe eine Kopie derselben. Ich habe mich müssen in besondere Unkosten deswegen stürzen und muß Sie daher um einen Betrag von fünfhundert Pfund bitten. Der Postweg ist ausgeschlossen, ich nehme nur Gold oder Banknoten von Hand zu Hand. Ich würde zu Ihnen kommen, aber es würde sehr auffallen, wenn ich im gegenwärtigen Augenblick verreiste. Ich schlage Ihnen daher eine Zusammenkunft im Rauchsalon des Hotels Charing Croß für Samstag mittag vor. Beachten Sie bitte, daß nur Gold oder englische Banknoten in Betracht kommen.‹ – Das wird seinen Zweck erfüllen. Es müßte sonderbar zugehen, wenn wir damit unseren Mann nicht fingen.«

Und wir fingen ihn. Es ist eine geschichtliche Tatsache – aus der geheimen Geschichte einer Nation, die oft so viel fesselnder und lehrreicher ist als die offizielle Geschichte – daß Oberstein in seiner Begierde, den größten Coup seines Lebens vollständig zu machen, auf den Köder ging und für fünfzehn Jahre in einem englischen Gefängnis verschwand. In seinem Koffer wurden die unersetzlichen Pläne gefunden, die er, um den höchsten Preis zu erzielen, bei allen Flottengroßmächten zugleich zum Kauf angeboten hatte.

Oberst Walter starb nach zwei Jahren im Gefängnis. Und Sherlock Holmes kehrte erfrischt zu seinen Motetten des Lassus zurück. Seine Monographie ist seitdem als Privatdruck erschienen, und die Fachleute sagen, es sei das abschließende Werk über den behandelten Stoff. Einige Wochen später hörte ich zufällig, daß Holmes einen Tag auf Schloß Windsor verbrachte und von dort mit einer wundervollen Smaragdnadel in seiner Krawatte zurückkehrte. Als ich ihn fragte, ob er sie gekauft hätte, antwortete er mir, es sei ein Geschenk von einer hochstehenden alten Dame, in deren Interesse er einen gewissen Kriminalfall aufgeklärt hätte.

Mehr sagte er nicht.

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Das Abenteuer mit dem Teufelsfuß

Das Abenteuer mit dem Teufelsfuß

Wenn ich von Zeit zu Zeit einige der merkwürdigen Abenteuer und interessanten Begebnisse veröffentlicht habe, die mir aus der langen und engen Freundschaft mit Sherlock Holmes erwuchsen, so hatte ich ständig mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die aus seiner Abneigung gegen eine Veröffentlichung hervorgingen. Für seinen zynischen und mürrischen Geist war jede öffentliche Lobeserhebung stets etwas nahezu Verächtliches, und nichts war belustigender, als wenn er am Ende eines erfolgreichen Falles die Einzelheiten seiner Kombinationen und Nachforschungen den »orthodoxen« Polizeibeamten darlegte und diese in einem Chor von unerwünschten Beglückwünschungen ihn priesen, während er mit sarkastischem Lächeln abwehrte. In der Tat war es nur diese Eigentümlichkeit meines Freundes, und keineswegs Mangel an interessantem Material, was mich veranlaßt hat, in den letzten Jahren so gut wie nichts zu veröffentlichen. Meine Beteiligung an so vielen Abenteuern des Sherlock Holmes war eine Bevorzugung, die mir Rücksichtnahme und Zurückhaltung auferlegte.

Ich war daher aufs höchste erstaunt, als ich vergangenen Dienstag von ihm ein Telegramm erhielt – er schrieb nie einen Brief, wo ein Telegramm ausreichte – mit folgendem Wortlaut: »Warum nicht die Geschichte vom Teufelsfuß schreiben? Sonderbarster Fall, den je behandelt.« Ich habe keine Vorstellung davon, was für eine rücklaufende Welle des Gedächtnisses diesen Fall auf einmal in den Vordergrund seines Bewußtseins gerückt hatte, oder welche Laune ihn wünschen ließ, daß ich gerade dieses Abenteuer veröffentliche. Aber ich beeile mich, meine alten Aufzeichnungen, die die Einzelheiten des Falles enthalten, herauszusuchen und die Geschichte meinen Lesern vorzusetzen, ehe noch ein telegraphischer Widerruf aus der Bakerstraße mich daran hindern könnte.

Holmes‘ eiserne Gesundheit war infolge allzu angestrengter Arbeit aufregendster Art wackelig geworden, wozu vielleicht einige seiner unhygienischen Gewohnheiten mit beitrugen. Im März ordnete Dr. Moore Agar, von der Harleystraße, dessen dramatische Einführung bei Holmes ich eines Tages wohl auch noch erzählen werde, an, daß der berühmte Privatdetektiv alle seine Fälle liegen lasse und sich gänzlich jeglicher Arbeit enthalte, wenn er einen völligen Zusammenbruch verhüten wolle. Seine Gesundheit war etwas, das ihn am wenigsten auf aller Welt interessierte, denn seine geistige Loslösung von seinem Körper war fast absolut; aber er gab dem Arzte schließlich nach, als dieser drohte, er werde sonst für immer arbeitsuntauglich werden. So entschied er sich für einen durchgreifenden Luft- und Szenenwechsel. Wir befanden uns daher im Frühjahr in einem kleinen Landhäuschen nahe der Poldhubay, an dem äußersten Ende der cornischen Halbinsel.

Es war ein eigenartiger Ort, ganz besonders geeignet für die grimme Laune meines Patienten. Von den Fenstern unseres kleinen, weißgetünchten Hauses, das hoch auf einem grünen Hügel stand, sahen wir hinunter auf den ganzen finsteren felsigen Halbkreis der Mounts Bay, dieser alten Todesfalle der Segelschiffe, mit ihrem Kranz schwarzer Klippen und brandunggepeitschter Riffe, auf denen unzählige wackere Seeleute ihr Ende gefunden haben. Bei einer nördlichen Brise liegt das Meer dort ruhig und geschützt, wie in einem Hafen und verleitet das sturmgeprüfte Schiff, hier Schutz und Ruhe zu suchen. Dann kommt die plötzliche Drehung des Windes, der brausende Sturm von Südwest, der schlippende Anker, die Leeküste und der letzte Kampf in der brüllenden Brandung. Der weise Seefahrer hält sich weit ab von diesem verhängnisvollen Ort.

Auf der Landseite war unsere Umgebung ebenso düster wie nach dem Meere zu. Eine Gegend voll endloser Moore, einsam, schwärzlich gefärbt. Gelegentlich ein Kirchturm, der die Lage eines uralten Dorfes anzeigt. Überall in diesen Mooren fand man Spuren einer verschwundenen Rasse, die nichts zurückließ, als einige sonderbare Steindenkmale, unregelmäßige Hügel, die in ihrem Innern die Asche der Toten enthielten und merkwürdige Tongefäße, Überreste des Kunstbemühens einer vorgeschichtlichen Zeit. Das Geheimnisvolle, der Zauber der Landschaft mit deren Erinnerungen an verschollene Völker, sprach die Phantasie meines Freundes an, und er verbrachte seine Zeit meist auf einsamen Spaziergängen oder Träumereien im Moor. Auch die alte cornische Sprache hatte sein Interesse erregt, und ich entsinne mich, daß er sie für verwandt mit dem Chaldäischen hielt und sie nach seiner Ansicht von den phönikischen Zinnhändlern herstammt. Er hatte eine Kiste Bücher über diese Wissensgebiete kommen lassen und war entschlossen, seine Phönikertheorie in einer Abhandlung zu entwickeln, als zu meiner Betrübnis und zu Holmes‘ unverhohlener Freude wir uns selbst in diesem Land der Träume auf einmal in eine geheimnisvolle Angelegenheit verwickelt sahen, die viel geheimnisvoller, rätselhafter und für Holmes verlockender war als alles, was ihm derartiges früher in London begegnet war. Und diese rätselhafte Geschichte trug sich auch noch sozusagen unter unsern Augen zu. Unser friedliches, gleichförmiges Leben ward auf einmal heftig unterbrochen und damit die meinem Freunde so notwendige Ruhe, und wir sahen uns mitten hineingeworfen in eine Reihe von Ereignissen, die nicht nur in Cornwallis, sondern im ganzen Westen Englands das ungeheuerste Aufsehen machten. Zahlreiche meiner Leser werden sich noch jener Vorfälle erinnern, die damals als »der cornische Schrecken«, wenn auch meist in sehr ungenauer Darstellung durch die Zeitungen gingen. Heute, nach dreizehn Jahren, werde ich der Öffentlichkeit wahrheitsgetreu alle Einzelheiten des mehr als eigenartigen Falles darlegen.

Ich habe schon gesagt, daß da und dort ein Kirchturm ein Dorf verriet. Die Gegend war nur dünn besiedelt. Das nächste Dorf war der Weiler Tredannik Wollas, wo die Häuschen von etwa dreihundert Einwohnern sich um eine uralte, moosbewachsene Kirche gruppierten. Der Pfarrer, Herr Roundhay, war Amateur-Archäologe, und in dieser Eigenschaft war er mit Holmes bekannt geworden. Er war ein stattlicher, leutseliger Mann in mittleren Jahren, der über gründliche Kenntnisse in der örtlichen Geschichte, Naturgeschichte usw. verfügte. Seiner Einladung folgend hatten wir den Tee bei ihm getrunken und hatten dabei auch die Bekanntschaft eines Herrn Mortimer Tregennis gemacht, eines Privatiers, der die geringen Einkünfte des Pfarrers vermehrte, indem er zwei Zimmer bei ihm, in dem großen, weitläufigen Pfarrhause mietete. Der Pfarrer, ein Junggeselle, freute sich daher dieses Mitbewohners, obwohl er wenig mit ihm gemein hatte, denn Tregennis war ein magerer, dunkler Mann, mit einer Brille und von einer so krummen Haltung, daß der Eindruck eines körperlichen Fehlers erweckt wurde. Ich entsinne mich, daß während unseres kurzen Besuches der Pfarrer sehr gesprächig war, sein Mieter aber auffallend zurückhaltend; er schien mir ein etwas melancholischer Herr, der mehr nach innen lebt, und mit abgewandten Augen dasaß und seinen eigenen Gedanken nachhing.

Diese beiden Männer waren es, die am Dienstag, dem sechzehnten März, hastig in unser Zimmer traten. Wir hatten gerade unser Frühstück beendigt und rauchten eine Morgenpfeife vor unserem täglichen Streifzug ins Moor.

»Herr Holmes«, sagte der Pfarrer mit erregter Stimme, »in der Nacht ist ein außerordentliches, trauriges Ereignis ohnegleichen eingetreten. Es ist einfach unfaßlich, und der Verstand steht einem dabei still. Wir müssen es als eine besondere Himmelsschickung ansehen, daß Sie gerade hier sind, denn von allen Männern in England sind Sie gerade der, den wir hier unbedingt brauchen.«

Den Pfarrer sah ich mit Augen an, die gewiß nicht freundlich blickten; aber Holmes nahm die Pfeife aus dem Mund und richtete sich in seinem Stuhle auf wie ein alter Jagdhund, der seinen Herrn im Jagdanzug mit Gewehr eintreten sieht. Er machte eine einladende Bewegung gegen das Sofa, und unsere Besucher nahmen Seite an Seite darauf Platz. Herr Mortimer Tregennis war weniger erregt als der Pfarrer, der seine Aufregung offen zur Schau trug; aber das Zucken seiner mageren Hände und ein Etwas in seinen dunkeln Augen verrieten, daß beide gemeinsam unter einer außerordentlichen Nervenbelastung standen.

»Soll ich’s erzählen, oder Sie?« fragte Tregennis den Pfarrer.

»Da Sie, Herr Tregennis, die Entdeckung gemacht zu haben scheinen, was sie auch immer sein mag, und der Herr Pfarrer alles nur aus zweiter Hand weiß, so erzählen am besten Sie selber, was sich zugetragen hat«, meinte Holmes.

Ich warf einen Blick auf den nachlässig gekleideten Geistliche und den tadellos angezogenen anderen, der neben ihm saß, und amüsierte mich an dem Eindruck, den Holmes Worte in den beiden Gesichtern aufzeigten.

»Vielleicht sage doch ich erst einige Worte«, begann der Pfarrer, »und dann mögen Sie beurteilen, ob Sie zunächst noch von Herrn Tregennis die Einzelheiten hören oder sogleich zum Schauplatz des gräßlichen Ereignisses eilen wollen. Unser Freund hier hat den vergangenen Abend in Gesellschaft seiner zwei Brüder zugebracht, Owen und Georg, und der seiner Schwester Brenda, und zwar in deren Hause Tredannick Wartha, nahe bei dem alten Steinkreuz auf dem Moor, wissen Sie? Er verließ sie kurz nach zehn Uhr, wo sie am runden Eßtisch Karten spielten, in bester Gesundheit und heiterster Laune. Als ein Frühaufsteher ging er heute morgen schon vor dem Frühstück in jener Richtung spazieren, als ein Wagen des Dr. Richards ihn überholte und dieser ihm sagte, er sei soeben dringend nach Tredannick Wartha bestellt worden. Natürlich fuhr Herr Tregennis gleich mit. Im Hause angelangt, fand er dort – also er fand seine zwei Brüder und seine Schwester noch genau so um den runden Tisch sitzen, wie er sie am Abend vorher verlassen hatte, die Karten vor jedem von ihnen auf dem Tische liegend, die Kerzen ganz bis auf die Halter heruntergebrannt. Die Schwester saß in ihrem Sessel hintenübergebeugt, tot. Die beiden Brüder aber saßen da und lachten, schrien und sangen – völlig irrsinnig. Alle drei, die Tote sowohl wie die zwei Irrsinnigen, trugen noch auf ihren Gesichtern die Spuren eines unerhörten Grauens, eine Verzerrung der Mienen, die schrecklich anzusehen war. Im Hause war sonst nur noch die alte Frau Porter, die Köchin und Haushälterin, die aussagte, sie hätte tief und fest geschlafen und in der Nacht nichts gehört. Nichts war gestohlen oder durchsucht, es war alles in Ordnung, und es fehlt jeder Anhalt dafür, was es gewesen sein könnte, das die Schwester zu Tode und die zwei Brüder bis zum Wahnsinn erschreckt hat. Das ist der ganze gräßliche Fall in großen Zügen, Herr Holmes, und wenn Sie uns helfen, ihn aufzuklären, so werden Sie ein großes Werk getan haben.«

Ich hatte gehofft, Holmes wieder in jene Ruhe und Untätigkeit zurücklocken zu können, die der Zweck unseres Hierseins waren, aber ein einziger Blick in seine gespannten Züge mit den zusammengekniffenen Augenbrauen sagte mir, daß meine Hoffnung eitel sei. Für einige Zeit saß er schweigend da, versunken in das fremdartige Drama, das unsere Ruhe plötzlich unterbrochen hatte.

»Ich will die Sache in die Hand nehmen«, sagte er schließlich. »Soweit ich bis jetzt urteilen kann, ist es ein Fall von ganz außergewöhnlicher Art. Sind Sie selbst auch dort gewesen, Herr Pfarrer?«

»Nein, Herr Holmes, Herr Tregennis erzählte mir alles, sowie er ins Pfarrhaus zurückkam, und ich eilte sofort mit ihm hierher, um Sie um Ihren Beistand zu bitten.«

»Wie weit ist es bis zu dem Hause, wo diese unheimlichen Ereignisse sich zutrugen?«

»Ungefähr eine Meile landeinwärts.«

»Dann wollen wir zusammen hinübergehen. Vorher aber muß ich Sie noch um einige Auskünfte bitten, Herr Tregennis.«

Der war all die Zeit stumm dagesessen, aber ich hatte wohl bemerkt, daß seine besser beherrschte Erregung größer war als die offensichtliche des Pfarrers. Er saß mit bleichem Gesicht und zusammengepreßten Lippen da, seine ängstlichen Blicke auf Holmes gerichtet. Seine mageren Hände hielt er krampfhaft zusammengedrückt. Seine bleichen Lippen bebten, als er der kurzen Erzählung lauschte, welches Unheil auf einmal über seine Familie hereingebrochen war, und seine dunkeln Augen schienen etwas von dem Grauen der Szene widerzuspiegeln.

»Fragen Sie nur alles, was Ihnen nötig erscheint, Herr Holmes«, sprach er eifrig. »Es ist fürchterlich, davon sprechen zu müssen, aber ich will Ihnen der Wahrheit gemäß alles beantworten.«

»Dann erzählen Sie mir von der letzten Nacht!«

»Ich habe drüben zu Nacht gegessen, wie der Herr Pfarrer schon sagte, und nachher schlug mein älterer Bruder Georg eine Partie Whist vor. Um neun Uhr etwa setzten wir uns zum Spiel. Um ein Viertel nach zehn ungefähr brach ich auf. Ich verließ sie alle an dem runden Tisch, in denkbar bester Stimmung.«

»Wer begleitete Sie hinaus?«

»Frau Porter war schon zu Bett, ich ging also allein und drückte die Haustür hinter mir ins Schloß. Das Fenster des Zimmers, in dem sie beim Spiel saßen, war geschlossen, aber der Vorhang war nicht vorgezogen. Heute früh war weder am Fenster noch am Vorhang etwas geändert, auch kein Grund zu der Annahme, daß ein Fremder das Haus betreten hätte. Und doch saßen sie da, um ihren Verstand gebracht vor Schrecken, Brenda tot vor Entsetzen, mit dem Kopf hintenüberhängend über die Sessellehne. Solange ich lebe, werde ich das Bild dieses Zimmers nicht mehr vergessen.«

»Die Tatsachen, die Sie mir eben mitgeteilt, sind auf jeden Fall höchst beachtenswert«, sagte Holmes. »Ich nehme an, daß Sie keine Erklärung irgendwelcher Art für dies rätselhafte Vorkommnis gefunden haben?«

»Es ist Teufelswerk, Herr Holmes, Teufelswerk!« schrie Mortimer Tregennis. »Es ist nichts von dieser Welt. Etwas ist in das Zimmer gekommen, das das Licht ihrer Vernunft ausgelöscht hat. Welche irdische oder menschliche Macht könnte das?«

»Ich fürchte«, antwortete Holmes, »daß, wenn es sich hier um Überirdisches handelt, es dann auch über meine Kräfte geht, zu helfen. Aber wir müssen alle natürlichen Möglichkeiten erschöpfen, bevor wir eine übernatürliche annehmen. Was Sie selbst anlangt, Herr Tregennis, so waren Sie wohl irgendwie getrennt von Ihrer Familie, denn Ihre drei Geschwister lebten beisammen, und Sie wohnten für sich im Pfarrhause.«

»Das ist richtig, Herr Holmes; aber das ist eine alte Geschichte, vergessen und erledigt. Wir waren eine Familie von Zinnbergwerksbesitzern in Redruth. Aber wir verkauften unsere Mine an eine Gesellschaft und zogen uns zurück, wir hatten genug, um davon zu leben. Ich will es nicht ableugnen, daß wegen der Verteilung des Geldes eine Spannung eintrat, und sie stand für eine gewisse Zeit zwischen uns. Aber das war längst vergessen und vergeben, und wir verkehrten aufs freundschaftlichste miteinander.«

»Wenn Sie sich den letzten Abend vergegenwärtigen, fällt Ihnen da gar nichts ein, das ein Licht auf die Tragödie werfen könnte? Denken Sie, bitte, sorgfältig nach, Herr Tregennis, es handelt sich darum, einen Faden zu finden, den wir weiter verfolgen können.«

»Mir fällt nichts ein, Herr Holmes.«

»Ihre Geschwister wären in ihrer gewohnten geistigen Verfassung?«

»Jawohl, und sie war niemals besser.«

»Waren es nervöse Menschen? Zeigten sie jemals Besorgnis vor einer kommenden Gefahr?«

»Nichts der Art.«

»Sie haben mir also nichts mehr zu sagen, was mir helfen könnte?«

Mortimer Tregennis überlegte ernsthaft. Nach einiger Zeit sagte er:

»Da fällt mir eine Sache ein! Wie wir um den Tisch saßen, war mein Platz mit dem Rücken zum Fenster, und mein Bruder Georg, mein Spielpartner, saß mit dem Gesicht zu ihm. Einmal bemerkte ich, wie er den Kopf streckte und hinaussah, über meine Schulter hinweg. Ich drehte mich daher ebenso zum Fenster und schaute hinaus. Der Vorhang war nicht vorgezogen, das Fenster geschlossen; ich konnte gerade noch die Büsche auf dem Rasen unterscheiden, und es schien mir so für einen Augenblick, als sähe ich etwas sich zwischen ihnen bewegen. Ich könnte nicht einmal sagen, ob Tier oder Mensch, aber es war so, als ob da etwas gegangen wäre. Als ich ihn fragte, nach was er schaue, sagte er mir dasselbe. Mehr weiß ich nicht.«

»Forschten Sie nicht draußen nach?«

»Nein; die Sache schien nicht wichtig.«

»Sie verließen Ihre Geschwister dann ohne Ahnung von einem kommenden Unheil?«

»Ohne jede Ahnung.«

»Ich sehe nicht ganz klar, wieso Sie heute früh so bald Nachricht von allem bekamen.«

»Ich bin ein Frühaufsteher, und für gewöhnlich mache ich vor dem Frühstück einen Spaziergang. Heute früh war ich kaum unterwegs, als der Wagen des Arztes mich einholte. Er sagte mir, Frau Porter hätte einen Jungen zu ihm geschickt, er solle sofort kommen. Da sprang ich zu ihm in den Wagen, und wir fuhren los. Angekommen gingen wir gleich zuerst in das schreckliche Zimmer. Das Kaminfeuer und die Kerzen müssen vor Stunden schon niedergebrannt gewesen sein, und die Geschwister sind so im Dunkeln gesessen, bis der Tag graute. Der Arzt sagte, Brenda müsse wenigstens seit sechs Stunden tot sein. Man sah an ihr keine Spuren von äußerer Gewalt. Sie lag einfach zurückgelehnt im Sessel, mit jenem entsetzten Ausdruck auf ihrem Gesicht. Georg und Owen sangen Bruchstücke von Liedern und schnatterten wie zwei große Affen. O, es war schrecklich anzusehen! Ich konnte es kaum ertragen, und der Arzt war weiß wie ein Leintuch. Ja, er fiel halb ohnmächtig in einen Sessel, und wir hätten beinahe auch noch für ihn zu sorgen gehabt.«

»Merkwürdig – höchst merkwürdig!« sagte Holmes, indem er sich erhob und nach seinem Hut griff. »Ich denke, wir gehen jetzt ohne Verzug nach Tredannick Wartha. Ich gestehe, daß mir noch selten ein auf den ersten Blick eigenartigerer Fall vorgekommen ist.«

Unsere Nachforschungen an diesem ersten Morgen trugen wenig zur Aufklärung bei. Doch hatten wir unterwegs eine Begegnung, welche den düstersten Eindruck auf unser Gemüt hinterließ. Um zu dem Schauplatz des schrecklichen Ereignisses zu gelangen, mußten wir einen schmalen Feldweg einschlagen. Unterwegs hörten wir das Geräusch eines uns entgegenkommenden Wagens und traten zur Seite, um ihn vorüberfahren zu lassen. Als er nahe bei uns war, sah ich durch das geschlossene Fenster ein gräßlich verzerrtes, grinsendes Gesicht nach uns blicken. Wie eine grauenvolle Vision zogen diese aufgerissenen Augen und knirschenden Zähne an uns vorüber.

»Meine Brüder!« schrie Mortimer Tregennis mit schneeweißen Lippen. »Sie bringen sie fort nach Helston.«

Mit Entsetzen sahen wir dem schwarzen Wagen nach, der sich schwerfällig rumpelnd von uns entfernte. Dann wandten wir unsere Schritte wieder dem Schreckensorte zu, an welchem sie ihr merkwürdiges Schicksal ereilt hatte.

Es war ein großes, heiteres Gebäude, mehr Villa als Landhaus, von weiten Gartenanlagen umgeben, die, selbst in dieser cornischen Luft, bereits im Schmuck der Frühlingsblumen prangten. Auf diesen Garten hinaus ging das Fenster des Eßzimmers, und nach Mortimer Tregennis‘ Darstellung mußte von daher das Gräßliche gekommen sein, das in wenigen Augenblicken ihren Verstand verwirrt hatte. Holmes schritt langsam und nachdenklich zwischen den Blumenbeeten den Gartenweg entlang, ehe er das Haus betrat. So tief war er, wie ich mich erinnere, in seine Gedanken versunken, daß er über eine Gießkanne stolperte, deren Inhalt sich über unsere Füße und den Gartenweg ergoß. Im Hause trafen wir die ältliche Haushälterin, Frau Porter, welche mit Hilfe eines jungen Mädchens für alle Bedürfnisse der Familie gesorgt hatte. Bereitwillig beantwortete sie alle Fragen, die Holmes an sie richtete. Sie hatte nichts gehört in der Nacht. Ihre Herrschaft befand sich sehr wohl in der letzten Zeit, und sie erinnerte sich nicht, sie je heiterer und glücklicher gesehen zu haben. Sie war vor Entsetzen ohnmächtig geworden, als sie morgens den Raum betrat und die grauenvolle Gesellschaft um den Tisch versammelt sah. Als sie wieder zu sich gekommen war, hatte sie das Fenster aufgerissen, um die frische Morgenluft hereinzulassen und war dann zu dem Feldweg hinuntergelaufen, wo sie einen Bauernjungen fand, den sie zum Arzt schickte. Die Dame liege auf ihrem Bett, eine Treppe höher, falls wir sie sehen wollten. Vier starke Männer seien nötig gewesen, um die Brüder in den Krankenwagen zu schaffen. Sie würde keinen Tag länger in diesem Haus bleiben; heute nachmittag fahre sie zu ihren Verwandten nach St. Ives.

Wir stiegen die Treppe hinauf, um die Tote zu sehen. Fräulein Brenda Tregennis war ein sehr schönes, wenngleich nicht mehr ganz junges Mädchen gewesen. Ihr von dunklen Haaren umrahmtes, feingeschnittenes Gesicht war selbst im Tode schön; doch lag immer noch ein Ausdruck des Grauens auf ihm, das ihre letzte bewußte Empfindung gewesen war. Von ihrem Schlafzimmer begaben wir uns wieder hinunter ins Wohnzimmer, wo sich diese merkwürdige Tragödie abgespielt hatte. Verkohltes Holz und Asche lagen vom gestrigen Feuer her im Kamin. Auf dem Tisch lagen noch verstreut die Spielkarten, und dazwischen standen vier vollständig herabgebrannte Kerzen. Die Stühle waren an die Wand gestellt worden, aber sonst war alles wie am Abend zuvor. Holmes ging mit leichten, raschen Schritten durch den Raum; er saß auf den verschiedenen Stühlen, nachdem er sie an den Tisch gezogen und ihre Stellung vom vergangenen Abend wiederhergestellt hatte. Er prüfte, wieviel vom Garten sichtbar war; er untersuchte den Fußboden, die Decke und den Kamin; doch nicht ein einziges Mal sah ich das plötzliche Aufleuchten seiner Augen und Zusammenpressen seiner Lippen, welches mir gesagt hätte, daß ein schwacher Lichtstrahl das undurchdringliche Dunkel erhelle.

»Wozu ein Feuer?« fragte er plötzlich. »Hatten Sie an solch milden Frühlingsabenden in diesem kleinen Zimmer immer ein Feuer?«

Mortimer Tregennis erklärte, der Abend sei kalt and feucht gewesen. So sei nach seiner Ankunft ein Feuer angemacht worden. »Was wollen Sie nun zunächst tun, Herr Holmes?« fragte er.

Mein Freund lachte und legte seine Hand auf meinen Arm. »Ich denke, Watson, ich muß wieder ein wenig an meiner langsamen Nikotinvergiftung arbeiten, die du so oft und so mit Recht verurteilst«, sagte er. »Wenn Sie gestatten, meine Herren, so möchte ich jetzt nach Hause gehen, denn ich glaube kaum, daß wir hier noch irgend etwas Wichtiges erfahren können. Ich will mir alles überlegen, Herr Tregennis, und wenn mir irgend etwas einfallen sollte, so werde ich mich selbstverständlich mit Ihnen und dem Herrn Pfarrer in Verbindung setzen. Inzwischen wünsche ich Ihnen beiden guten Morgen.« –

Erst lange, nachdem wir in unser Landhaus in Poldhu zurückgekehrt waren, brach Holmes sein nachdenkliches, tiefes Schweigen. Er saß tief in seinen Lehnstuhl geschmiegt; sein hageres, scharf geschnittenes Gesicht war kaum sichtbar zwischen den blauen Rauchwolken seiner Pfeife; seine schwarzen Augenbrauen waren zusammengezogen, seine Stirn gerunzelt, sein Blick leer und in die Ferne gerichtet. Endlich legte er die Pfeife weg und sprang auf die Füße.

»Es hilft nichts, Watson!« sagte er lachend. »Wir wollen miteinander einen Spaziergang entlang den Klippen machen und steinerne Pfeilspitzen suchen. Wahrscheinlich finden wir sie leichter als eine Lösung zu diesem Rätsel. Seeluft, Sonnenschein und Geduld, – alles übrige wird von selbst kommen. Ein Hirn angestrengt nachdenken zu lassen ohne genügenden Stoff dazu, das ist etwa so, wie wenn man eine Dampfmaschine mit Volldampf leer laufen läßt; sie läuft sich aus allen Fugen und geht in die Brüche.«

»Wir wollen die Lage genau festhalten, Watson«, fuhr er fort, als wir an den Klippen entlang schlenderten. »Wir wollen das Wenige, das wir positiv wissen, festnageln, so daß, wenn neue Tatsachen uns bekannt werden, wir sie an ihrem gebührenden Platz einschieben können. Vornweg nehme ich an, daß keiner von uns geneigt ist, an teuflische, unirdische Einwirkungen auf die Geschicke von Menschen zu glauben. Das wollen wir gleich ganz und gar ausschalten. Gut! Da bleiben dann drei Personen, die durch bewußte oder unbewußte menschliche Handlungen aufs schwerste beeinträchtigt wurden. Das ist unser fester Grund. Und wann geschah das? Wenn uns genau berichtet wurde, so geschah es unmittelbar, nachdem Tregennis das Haus verlassen hatte. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Meine Annahme ist, daß es innerhalb weniger Minuten nach Tregennis‘ Weggehen geschehen ist. Die Karten lagen noch auf dem Tisch. Es war bereits nach ihrer gewöhnlichen Bettzeit. Dennoch hatten sie ihre Stellung nicht verändert, keines hatte seinen Stuhl zurückgeschoben. Ich wiederhole daher, daß das Ereignis unmittelbar nach seinem Weggehen eintrat, und nicht später als elf Uhr letzte Nacht.

Unsere nächste Aufgabe war es nun, soweit als möglich festzustellen, was Mortimer Tregennis tat, nachdem er das Zimmer verlassen. Das machte keine Schwierigkeiten, und keinerlei Verdacht fällt auf ihn. Da du meine Methoden kennst, so hast du natürlich sofort durchschaut, zu welchem Zweck ich die Gießkanne umgestürzt habe. Ich bekam so einen genauen Fußabdruck; der nasse sandige Gartenweg hielt ihn ausgezeichnet fest. Letzte Nacht war es gleichfalls feucht, wie du dich erinnern wirst, und nachdem ich mir also einen Musterabdruck verschafft hatte, konnte ich Mortimers Spuren zwischen denen anderer Füße genau verfolgen. Er scheint raschen Ganges zum Pfarrhause geeilt zu sein.

Wenn also Mortimer Tregennis von der Szene verschwunden ist und doch ein Mensch die Kartenspieler irgendwie beeinflußt haben muß – wer war dieser Mensch, und mit welchen Mitteln konnte er die Wirkung hervorbringen, die wir gesehen haben? Frau Porter scheidet aus. Sie ist offenbar ganz harmlos und unverdächtig. Liegt irgendein Anzeichen dafür vor, daß jemand an das Gartenfenster geschlichen ist und von dort aus ›etwas‹ tat, das so schrecklich ist, daß alle, die es sahen, vor Entsetzen um den Verstand kamen? Die einzige Andeutung einer solchen Möglichkeit liegt in der Bemerkung Mortimers, wonach sein Bruder etwas zwischen den Rasenbüschen sich bewegen sah. Das ist sicher beachtenswert, da die Nacht bewölkt, regnerisch und dunkel war. Ein jeder, der die Absicht hatte, die Menschen in dem Zimmer zu schrecken, hätte müssen sein Gesicht an die Glasscheibe drücken, um gesehen zu werden. Ein drei Fuß breites Blumenbeet läuft unter dem Fenster hin, aber es zeigt keine Fußspur. Es ist daher schwierig, sich vorzustellen, wie einer von draußen sollte auf die Kartenspieler eine so fürchterliche Wirkung ausgeübt haben. Auch fehlt uns noch jedes Motiv für eine so sonderbare Tat. Du siehst also, Watson, wo die Schwierigkeiten liegen?«

»Sie sind nur zu offenkundig«, antwortete ich mit Überzeugung.

»Und dennoch, wenn wir noch einiges weitere Material entdecken, dürften wir in der Lage sein, ihrer Herr zu werden«, meinte Holmes nachdenklich. »In deinem großen Sherlock-Holmes-Archiv hast du sicher einige Fälle, die zu Beginn genau so hoffnungslos in Dunkel gehüllt waren, wie dieser. Vorläufig aber wollen wir uns die ganze Sache aus dem Kopfe schlagen, bis neue Tatsachen zutage getreten sind, und den Rest unseres Vormittages dem neolithischen Menschen widmen.«

Schon früher habe ich hervorgehoben, wie sehr Holmes‘ Gedankengänge abbrechen, sich geistig loslösen konnte, aber niemals habe ich diese Fähigkeit an ihm mehr bewundert als an jenem Frühlingstage in Cornwallis, wo er zwei Stunden lang so unbefangen und heiter über Kelten, Pfeilspitzen und Gefäßscherben sprach, als ob kein düsteres Geheimnis auf seine Erklärung warte.

Als wir dann am Nachmittage zu unserem Häuschen zurückkehrten, fanden wir dort einen Besucher auf uns warten, der unsere Gedanken sehr schnell auf die vor uns liegende Aufgabe zurückführte. Keinem von uns brauchte gesagt zu werden, wer der Besucher war. Der mächtige Körper, das tief gefurchte wetterharte Gesicht mit den blitzenden Augen und der Adlernase, das graue Haar, das beinahe die Decke unseres Zimmers berührte, der Bart – goldgelb an den Enden und weiß um die Lippen herum, abgesehen von den braunen Tabakflecken des ewigen Zigarrenrauchers – das alles war in London ebenso gut wie in Afrika bekannt als die charakteristischen Äußerlichkeiten des Dr. Leon Sterndale, des großen Löwenjägers und Forschungsreisenden.

Wir hatten von seiner Anwesenheit in unserer Gegend gehört und einige Male schon war uns seine große Gestalt auf den einsamen Moorpfaden zu Gesicht gekommen. Er machte jedoch keinerlei Versuche einer Annäherung, und wir taten es ebensowenig, denn es war allgemein bekannt, daß er aus Hang zur Einsamkeit den größten Teil der Zwischenzeit zwischen seinen einzelnen Expeditionen in einem kleinen Bungalow verbrachte, vergraben in dem einsamen Wald von Beauchamp Arnance. Dort, zwischen seinen Büchern und seinen Karten, führte er ein vollständig einsames Leben; er besorgte alles selbst ohne einen Dienstboten und kümmerte sich nicht um das, was in der Nachbarschaft vorging. Ich war daher sehr überrascht, als er meinen Freund fragte, ob er in der Aufklärung der rätselhaften schrecklichen Vorgänge von Tredannick Wartha schon Fortschritte gemacht hätte. »Die Distriktspolizei ist völlig wertlos«, sagte er, »aber vielleicht haben Sie mit Ihrer größeren Erfahrung bereits eine brauchbare Erklärung gefunden? Mein einziger geringer Anspruch auf Ihr Vertrauen in dieser Angelegenheit gründet sich darauf, daß ich bei meinen wiederholten Ferienaufenthalten in hiesiger Gegend die Familie Tregennis sehr gut kennen gelernt habe – ja, von seiten meiner Cornishen Mutter sind wir vervettert – und ihr grauenhaftes Schicksal hat mich natürlich etwas erschüttert. Ich will Ihnen gestehen, daß ich bereits in Plymouth auf meinem Rückweg nach Afrika war, aber heute früh bekam ich Nachricht von den rätselhaften Ereignissen und ich kam stracks hierher zurück, um wenn möglich zu helfen.«

Holmes zog die Augenbrauen hoch.

»Haben Sie dadurch Ihr Schiff versäumt?«

»Ich werde eben das nächste nehmen.«

»Donnerwetter! Das nenne ich Freundschaft.«

»Ich sage Ihnen ja, wir waren verwandt miteinander – Vettern.«

»Ja, ja, Sie waren Vettern von mütterlicher Seite. War Ihr Gepäck schon an Bord?«

»Der kleinere Teil nur; in der Hauptsache liegt es noch im Hotel.«

»Ich verstehe. Aber sicherlich hat die Tregennis-Tragödie ihren Weg noch nicht in die Morgenblätter von Plymouth gefunden?«

»Nein, Herr Holmes; ich bekam ein Telegramm.«

»Darf ich fragen: von wem?«

Ein Schatten flog über das hagere Gesicht des Forschers.

»Sie fragen ja wie bei einem Verhör, Herr Holmes.«

»Das verlangt mein Geschäft.«

Mit einer gewissen Anstrengung gewann Dr. Sterndale seine frühere Haltung wieder.

»Ich habe keinen Grund, Ihnen die Antwort zu verweigern«, sagte er. »Herr Roundhay, der Pfarrer, hat mir das Telegramm geschickt, das mich zurückrief.«

»Danke sehr«, sagte Holmes. »In Beantwortung Ihrer ersten Frage muß ich Ihnen sagen, daß ich die Zusammenhänge in dem vorliegenden Falle noch nicht recht überschaue, daß ich aber begründete Hoffnung habe, das Rätsel in kurzer Zeit völlig zu lösen. Mehr zu sagen, wäre für den Augenblick voreilig.«

»Vielleicht stehen Sie nicht an, mir zu verraten, ob Ihr Verdacht in irgendeine bestimmte Richtung weist?«

»Nein, darauf kann ich Ihnen leider keine Antwort geben.«

»Dann habe ich meine Zeit unnötig vertan und brauche meinen Besuch nicht länger auszudehnen.« Der berühmte Afrikakenner verließ unser Häuschen in großem Unmut, und innerhalb fünf Minuten verließ auch Holmes das Haus. Ich sah ihn nicht mehr bis zum Abend, wo er schleppenden Ganges und mit einem entmutigten Gesicht zurückkehrte, so daß ich sogleich wußte, er hätte in seinen Nachforschungen keinen weiteren Fortschritt erzielt. Er las ein Telegramm, das inzwischen für ihn angekommen war, und warf es dann ins Kaminfeuer.

»Von seinem Hotel in Plymouth, Watson«, sagte er. »Ich erfuhr den Namen vom Pfarrer und drahtete sofort, um mich zu vergewissern, ob Sterndales Angaben zuträfen. Er hat tatsächlich die letzte Nacht dort zugebracht und ein Teil seines Gepäcks ist mit dem Dampfer nach Afrika abgegangen, während er hierher zu uns zurückgekehrt ist. Das alles ist sonderbar. Was machst du dir für einen Vers darauf?«

»Er nimmt ein außergewöhnliches Interesse an dem Fall.«

»Außergewöhnliches Interesse – allerdings, mein Lieber! Hier liegt irgendwo ein Faden verborgen, der uns bisher entgangen ist und mit dessen Hilfe wir sicher durch das ganze Wirrsal hindurchkämen. Mach‘ ein vergnügtes Gesicht, Watson, denn ich bin ganz sicher, daß wir dicht vor einer wichtigen Entdeckung stehen und bald alle Schwierigkeiten überwunden haben werden.«

Daß diese Worte Holmes‘ sich so rasch bewahrheiten würden, hatte ich nicht gedacht, noch daß die Wendung der Dinge, die uns in eine ganz neue Bahn wies, uns mit solch fremdartigen und düsteren Geschehnissen bekannt machen würde. Ich stand am Morgen am Fenster und rasierte mich, als ich einen raschen Hufschlag vernahm und draußen ein leichtes Wägelchen gewahrte, das im Galopp auf der Straße daherkam. Es hielt an unserer Tür, und unser Freund, der Pfarrer, sprang heraus und eilte über unseren Gartenpfad. Holmes war bereits angezogen; er lief hinunter, um ihn zu begrüßen.

Der Geistliche war so erregt, daß er kaum sprechen konnte, aber schließlich brachte er mit überstürzten Worten und Wiederholungen seinen traurigen Bericht heraus.

»Bei uns geht der Teufel um, Herr Holmes! In meiner armen Gemeinde geht der Teufel um!« rief er wild. »Der leibhaftige Satan ist hier am Werke! Wir sind seinen Händen überantwortet.« Er tanzte vor Aufregung umher – es wäre zum Lachen gewesen, ohne sein entsetztes, aschgraues Gesicht und seine angstvollen Augen. Am Ende fuhr er auch mit der schrecklichen Hauptsache heraus.

»Herr Mortimer Tregennis ist letzte Nacht gestorben, und zwar mit genau denselben Symptomen wie vorgestern seine Geschwister.«

Holmes sprang auf die Füße; in einem Augenblick war er ganz und gar Kraft und Energie.

»Können Sie uns beide noch in Ihr Wägelchen klemmen?«

»Ja, das wird schon gehen.«

»Dann, Watson, wollen wir unser Frühstück verschieben. Herr Pfarrer, wir stehen ganz zu Ihrer Verfügung, aber um Gottes Willen eilen Sie, ehe die Spuren, die ich vermute, verwischt sein könnten.«

Herr Tregennis hatte zwei Zimmer im Pfarrhause inne, die in einer Ecke lagen, das eine über dem anderen. Unten war ein großes Wohnzimmer; oben das Schlafzimmer. Beide lagen sie gegen einen Krokettspielplatz, der sich bis dicht unter die Fenster hinzog. Wir waren angekommen, ehe noch der Arzt und die Polizei eingetroffen waren, so daß wir alles gänzlich unverändert vorfanden. Ich muß hier die Szene beschreiben, genau so, wie wir sie an diesem nebligen Märzmorgen antrafen. Sie hat einen Eindruck bei mir hinterlassen, den ich niemals vergessen kann.

Die Luft in dem Zimmer war von einer schrecklichen und atemraubenden Dumpfheit. Die Pfarrmagd, die das Zimmer zuerst betreten hatte, hatte sogleich das Fenster aufgerissen, sonst wäre es noch unerträglicher gewesen. Zum Teil mochte es daher kommen, daß die Petroleumlampe flackernd und qualmend auf dem Tische stand. Neben ihm saß der tote Mann in seinem Stuhl zurückgelehnt, seine Brille auf die Stirn hinaufgeschoben und sein schmales Gesicht dem Fenster zugewandt mit eben den im Schreck erstarrten Zügen, die wir im Gesicht seiner toten Schwester bemerkt hatten. Seine Glieder waren verkrampft und seine Finger zusammengekrallt, als ob er in einem wahren Paroxysmus von Furcht gestorben wäre. Er war vollständig angezogen, obwohl einige Anzeichen verrieten, daß er sich hastig in die Kleider geworfen hatte. Von der Magd hatten wir schon gehört, daß er in seinem Bett geschlafen, und daß ihn sein tragisches Ende früh am Morgen ereilt hatte.

Man gewahrte unter Holmes‘ phlegmatischem Äußerem die rotglühende Energie, wenn man ein Auge für die plötzliche Veränderung hatte, die mit dem Augenblick über ihn kam, wo er das verhängnisvolle Zimmer betrat. Im Nu war er straff und lebhaft, seine Augen leuchteten, sein Gesicht war voll angespanntester Aufmerksamkeit, der ganze Mann bebte beinahe vor Eifer. Er war draußen auf dem Rasenplatz, kam herein durchs Fenster, lief überall im Zimmer herum, stieg hinauf ins Schlafzimmer – wie ein guter Jagdhund, wenn er eine Fährte aufnimmt. In dem Schlafzimmer sah er sich mit wenigen orientierenden Blicken um, schritt aufs Fenster zu und öffnete es, was ihm seine Fährte erneut bestätigt haben mußte, denn er lehnte sich weit über das Gesims hinaus und ließ Ausrufe der Befriedigung vernehmen. Dann eilte er die Treppe hinunter, stieg zum Fenster hinaus, warf sich mit dem Gesicht auf den Rasenplatz, erhob sich wieder und kam von neuem ins Zimmer, alles mit dem Jagdeifer eines Hundes, der seiner Beute dicht auf den Fersen ist. Die Lampe, eine gewöhnliche Fabrikware, untersuchte er mit besonderer Sorgfalt, wobei er verschiedenes ausmaß. Mit seiner Lupe betrachtete er den Deckel aus Talkschiefer, der oben auf dem Zylinder saß und schabte etwas ab, das sich auf der oberen Fläche befand; das feine Pulver verwahrte er sorgfältig in einem Briefumschlag, den er in sein Taschenbuch legte. Schließlich, gerade als der Arzt und die Polizei erschienen, nickte er dem Pfarrer zu, und wir drei gingen zusammen hinaus auf den Rasen.

»Es freut mich, daß meine Nachforschungen nicht ganz erfolglos gewesen sind«, sagte er dort. »Ich kann mich hier nicht länger aufhalten, um die Sache mit der Polizei zu besprechen, aber ich wäre Ihnen außerordentlich verbunden, Herr Pfarrer, wenn Sie dem Inspektor Grüße von mir bestellen wollten, mit dem Hinzufügen, er möchte seine volle Aufmerksamkeit dem Schlafzimmerfenster und der Lampe im Wohnzimmer widmen. Jedes enthüllt etwas für sich, und beide zusammen gestatten eine abschließende Erklärung. Sollte die Polizei weitere Angaben wünschen, so stehe ich ihr in unserem Häuschen bereitwilligst zur Verfügung. Und nun, Watson, glaube ich, daß wir anderswo auch noch etwas zu tun haben.«

Es ist möglich, daß die Polizei die Einmischung eines Privatdetektivs übel aufnahm, oder daß die ländliche Behörde sich einbildete, in hoffnungsvollster Weise »dem Täter auf der Spur« zu sein; jedenfalls hörten wir in den nächsten zwei Tagen nichts von ihr. Während dieser Zeit verbrachte Holmes einen Teil des Tages zu Hause mit Pfeifenrauchen und verträumtem Nachdenken; den größeren Teil seiner Zeit aber mit allerlei Gängen über Land, die er ohne Begleitung ausführte und von denen er nach Stunden erst zurückkehrte, ohne zu sagen, wo er gewesen war. Ein Experiment, das er anstellte, zeigte mir, nach welcher Richtung hin er seine Nachforschungen betrieb. Er hatte eine Lampe gekauft, genau dieselbe Marke, die wir auf dem Tisch Mortimers Tregennis‘ gefunden hatten. Er füllte sie mit Öl, das er aus dem Pfarrhause sich hatte geben lassen, und stellte genau die Zeit fest, die die Flamme brauchte, um das Öl zu verbrennen. Ein anderer Versuch, den er machte, war entschieden von weniger angenehmer Art und so, daß ich es wohl kaum je vergessen dürfte.

»Du wirst dich erinnern, Watson«, sagte er am zweiten Nachmittag, »daß unter den verschiedenen Angaben, die uns zugeflossen sind, sich zwei befinden, die beide gleich lauten: die Wirkung der Zimmerluft auf denjenigen, der den Raum zuerst betrat. Du entsinnst dich wohl, daß Mortimer Tregennis, als er uns beschrieb, wie er mit dem Arzt das verhängnisvolle Zimmer betrat, nebenbei bemerkte, dieser sei halb ohnmächtig in einen Sessel gesunken. Du hast das vergessen? Nun, ich weiß bestimmt, daß er diese Bemerkung gemacht hat. Vielleicht erinnerst du dich aber, daß auch Frau Porter, die Haushälterin, uns erzählte, sie sei beim Betreten des Zimmers erst ohnmächtig geworden und hätte das Fenster nachher aufgemacht. In dem anderen Fall – bei dem Mortimer selbst seinen Tod fand – kannst du unmöglich die dumpfige, schreckliche Luft vergessen haben, die sich uns auf die Brust legte, sobald wir über die Schwelle traten, obwohl die Pfarrmagd das Fenster bereits geöffnet hatte. Dem Mädchen wurde, wie ich festgestellt habe, so schlecht, daß sie sich zu Bett legen mußte. Diese Gleichartigkeit, mein lieber Watson, wird auch dir in die Augen springen. In beiden Fällen war offenbar die Luft vergiftet. Ebenso fand in beiden Fällen in dem Zimmer eine Verbrennung statt – in dem einen Fall das Kaminfeuer, in dem anderen die Lampe. Das Feuer war wohl notwendig, es war ein kühler Abend; aber wie der geringe Verbrauch des Öls beweist, war die Lampe früh am Morgen, erst nachdem es bereits Tag war, angezündet worden. Warum? Sicher deshalb, weil hier eine Verbindung besteht zwischen den drei Dingen: Der Verbrennung, der giftigen Atmosphäre und schließlich dem Irrsinn oder dem Tod dieser unglücklichen Menschen. Das ist doch klar, nicht wahr?«

»So scheint es.«

»Wenigstens können wir einmal daraufhin weiterbauen. Nehmen wir an, daß in jedem der beiden Fälle etwas verbrannt wurde, was die Vergiftung der Luft verursachte. Gut so! Im ersten Fall – bei den drei Geschwistern Tregennis – wurde dieses ›Etwas‹ im Kamin verbrannt. Zwar war das Fenster geschlossen, aber naturgemäß mußte ein Teil der giftigen Dämpfe durch den Schornstein abziehen. Folglich konnte die Wirkung des Giftes hier nicht so stark sein wie in dem zweiten Fall, wo der Giftdampf keinen Ausweg hatte. Die vorgefundenen Tatsachen scheinen mir zu bestätigen, daß diese Überlegung richtig ist, denn in dem ersten Fall wurde nur die Schwester Brenda getötet, als der schwächere und für das Gift empfänglichere Organismus, während die beiden Männer nur von einem vorübergehenden oder dauernden Wahnsinn befallen wurden, der sich offenbar als erste Wirkung der Giftdämpfe einstellt. In dem zweiten Fall war die Wirkung vollständig; der stärkere, männliche Organismus Mortimers erlag der zerstörenden Giftwirkung. Alles deutet daher darauf hin, daß es sich um ein Gift handelt, das durch Verbrennung zur Anwendung gebracht wurde.

Mit diesen Schlußfolgerungen im Kopfe habe ich natürlich in Mortimers Zimmer nach irgendwelchen Überbleibseln der giftigen Substanz gesucht. Der gegebene Platz hierfür war der Deckel aus Talkschiefer, der sogenannte Rauchfänger auf dem Zylinder. Und wahrhaftig, ich entdeckte einige Aschenflocken auf der oberen Seite und am Rande herum, wo die Erhitzung weniger stark war, einen feinen Kranz eines bräunlichen Pulvers, das nicht verbrannt worden war. Davon habe ich die Hälfte abgeschabt und, wie du gesehen haben wirst, in einem Briefumschlag verwahrt.«

»Warum die Hälfte?«

»Es ist nicht meine Aufgabe, Watson, der Polizeibehörde im Weg zu stehen. Ich habe ihr alle Beweismittel gelassen, die ich selbst gefunden habe. Auf dem Schieferplättchen kann die Hochwohllöbliche das Giftpulver finden, wenn sie Verstand genug hat, dort danach zu suchen. Aber jetzt wollen wir unsere Lampe anstecken; wir wollen aber vorsichtigerweise das Fenster öffnen, um das vorzeitige Ende zweier so verdienter Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu verhüten, und du wirst dich am offenen Fenster in den Sessel setzen, es sei denn, daß du als vernünftiger Mann beschließt, mich den Versuch allein machen zu lassen. Oh, du möchtest es selber auch probieren, ja? Ich dachte doch, ich kenne meinen Watson! Ich werde mit meinem Stuhl dir gegenüber rücken, so daß wir beide vom Ausgangspunkt der Giftdämpfe gleich weit entfernt sind und uns gegenseitig ins Gesicht sehen können. Die Türe lehnen wir nur an, so kann jeder den anderen beobachten und den Versuch abbrechen, sobald er seine längere Fortdauer für bedenklich hält. Ist alles klar? Gut also, ich nehme unser Pulver aus dem Briefumschlag und schütte es oben auf den Rauchfänger der brennenden Lampe. So! Nun Watson, jeder auf seinen Platz! Ich bin gespannt, was wir erleben werden.«

Das »Erlebnis« ließ nicht lange auf sich warten. Ich hatte mich noch kaum bequem in meinem Sessel zurecht gesetzt, als ich einen schweren, etwas moschusartigen Geruch bemerkte, der mir übel machte. Nach den ersten Atemzügen schon fing es in meinem Kopfe an zu wirbeln. Eine dicke, schwarze Wolke ballte sich vor meinen Augen zusammen, und ich fühlte, daß in dieser Wolke, die mich unheimlich bedrückte, alle Schrecken und unfaßbaren Bosheiten und alles Grauen der ganzen Welt konzentriert verborgen waren. Verschwommene Figuren schwebten und drehten sich in der dunklen Wolke, jede eine Drohung und eine Warnung, daß etwas Fürchterliches sich nahe, um mir die Seele vor Angst erstarren zu machen. Ein eisiges Grauen ergriff mich. Ich fühlte, wie meine Haare sich aufrichteten, daß meine Augen mir aus dem Kopfe drangen; ich atmete mit weit offenem Mund und meine Zunge fühlte ich wie ein Stück Leder. In meinem Kopf wirbelte es derartig wild, daß irgend etwas reißen mußte. Ich versuchte zu schreien und vernahm wie aus weiter Ferne einen heiseren dumpfen Laut – meine eigene Stimme. Im selben Augenblick, durch den Schrei etwas befreit von dem unheimlichen Druck hoffnungsloser Verzweiflung, sah ich für eine Sekunde das Gesicht meines Freundes: fast weiß, erstarrt, verzerrt vor Angst – es war ein Gesicht, wie wir es an den beiden Toten gesehen hatten.

Dieser Anblick befeuerte für einen Augenblick meinen fast geschwundenen Selbsterhaltungstrieb und gab mir Kraft. Ich sprang vom Stuhle hoch, warf meine Arme um meinen Freund, und so wankten wir zusammen zur Türe hinaus. Einen Augenblick später lagen wir draußen Seite an Seite auf dem Rasen und sahen nichts als den wundervollen Sonnenschein, der durch die höllische Wolke des Grauens drang, die uns eingehüllt hatte. Langsam erhob sie sich von unseren Seelen, wie der Nebel von einer Landschaft, bis Ruhe und Vernunft wiederkehrten und wir aufrecht auf dem Gras saßen, uns die benommenen Köpfe rieben und einer das Gesicht des anderen aufmerksam beobachtete, um die letzten Spuren des schrecklichen Versuches schwinden zu sehen, dem wir uns soeben unterzogen hatten.

»Auf mein Wort, Watson!« sagte Holmes schließlich mit unsicherer Stimme. »Ich bin dir Dank schuldig und überdies eine Entschuldigung. Das war ein unverantwortliches Experiment schon für mich selbst, und doppelt so, wenn ich an dich denke. Es tut mir wirklich aufrichtig leid.«

»Du weißt«, antwortete ich mit einiger Bewegung, denn Holmes hatte mir bis zu diesem Tage noch nie so viel von seinem Herzen gezeigt, »daß es meine größte Freude und mein Vorrecht ist, dir helfen zu dürfen.«

Sofort verfiel er wieder in die halb humoristische, halb zynische Art, die ihm seiner Umgebung gegenüber eigentümlich war. »Es wäre ganz überflüssig gewesen, uns mit dem Versuch vollends um den Verstand zu bringen, mein lieber Watson«, sprach er. »Ein scharfer Beobachter würde feststellen, daß wir schon allen Verstand verloren hatten, als wir dieses wilde Experiment anfingen. Ich muß aber gestehen, daß ich sehr überrascht war, sowohl von der Schnelligkeit, wie von der Nachdrücklichkeit, mit der das Gift wirkte.« Er lief hastig in das Haus und kam mit der brennenden Lampe zurück, die er weit von sich hielt und über den rückwärtigen Zaun auf einen Haufen alten Gerümpels warf. »Wir müssen einige Zeit warten, bis das Zeug in dem Zimmer sich verzogen hat. Nicht wahr, Watson, dir ist nun auch der letzte Zweifel geschwunden, wie diese beiden Tragödien inszeniert worden sind?«

»Ich durchschaue jetzt alles.«

»Aber der Beweggrund bleibt noch so unaufgeklärt wie vorher. Komm‘ mit mir in die Laube, um diese Seite des Falles zu besprechen. Ah, das ekelhafte Gift sitzt mir noch immer im Hals! Ich glaube, wir können nicht umhin, zu erkennen, daß alles Bisherige auf Mortimer Tregennis hinweist, und daß er im Falle seiner drei Geschwister der Verbrecher war, obwohl er in dem zweiten Fall als das Opfer eines Dritten erscheint. Wir müssen uns vor allem erinnern, daß da in der Vergangenheit ein Familienzwist bestand, dem später eine Versöhnung nachfolgte. Wie tief eingewurzelt der Zwist gewesen sein mag, oder wie wenig tiefgehend die Versöhnung, können wir nicht wissen. Wenn ich mir aber diesen Mortimer vorstelle, mit seinem Fuchsgesicht und seinen lauernden Augen hinter den Brillengläsern, so kann ich mir nicht vorstellen, daß er ein Mann war, der besonders leicht und gründlich vergessen und verzeihen konnte. Ferner erinnere dich, daß die Behauptung, es hätte sich jemand im Garten zwischen den Büschen bewegt – worauf unsere Aufmerksamkeit eine Zeitlang hin- und von der wahren Ursache der Tragödie abgezogen wurde – von diesem Mortimer herstammt. Er hatte ein Interesse daran, uns irre zu führen. Schließlich, wenn nicht er das Pulver in dem Augenblick, wo er das Zimmer verließ, in den Kamin warf – wer soll es sonst getan haben? Die bekannte Wirkung muß unmittelbar nach seinem Weggang eingetreten sein. Wäre irgend jemand vorher hereingekommen, so würden die Geschwister sicher sich von ihren Plätzen erhoben haben. Außerdem sind wir hier in dem stillen ländlichen Cornwallis, wo man sich nach zehn Uhr abends keine Besuche mehr macht. Ich glaube, der Schluß ist berechtigt, daß Mortimer Tregennis der Schuldige ist.«

»Dann war sein Tod ein Selbstmord!«

»Auf den ersten Blick ist das eine durchaus nicht unwahrscheinliche Annahme; der Mann, der seine Seele mit solcher Schuld beladen hatte, konnte wohl beim Anblick seiner Opfer innerlich zusammengebrochen sein und von Reue gepeinigt dieselbe Todesart wählen. Aber verschiedene Gründe sprechen doch dagegen. Zum Glück lebt der Mann, der darüber genau unterrichtet ist, und ich habe bereits die nötigen Vorkehrungen getroffen, um heute nachmittag von seinen eigenen Lippen alles zu vernehmen, was bei uns noch unklar oder bloße Kombination ist. Ah, er kommt etwas vor der Zeit. Bitte, Herr Doktor Sterndale«, rief Holmes laut, »treten Sie zu uns hier in die Laube. Wir haben drinnen einen chemischen Versuch angestellt, dessen Nachwirkungen uns nicht gestatten, einen so ausgezeichneten Besuch ins Zimmer zu führen.«

Ich hatte die Gartenpforte gehen hören, und nun tauchte die mächtige Gestalt des großen Afrikareisenden auf dem Gartenpfad auf. Etwas erstaunt trat er zu uns in die Laube.

»Sie haben mich hergebeten, Herr Holmes. Ich bekam Ihr Briefchen vor einer Stunde und habe mich beeilt, obwohl ich wirklich nicht weiß, was mich veranlassen könnte, Ihrem Rufe ohne weiteres zu folgen.«

»Vielleicht werden wir uns darüber verständigt haben, ehe Sie wieder von uns scheiden«, sagte Holmes. »Jedenfalls bin ich Ihnen äußerst verbunden für Ihr Erscheinen. Entschuldigen Sie gütigst, daß ich sie so formlos hier im Freien empfange, aber mein Freund Watson und ich haben beinahe ein drittes Kapitel zu dem ›Cornischen Schrecken‹ geliefert, wie es die Zeitungen nennen, und die gesunde, frische Luft ist uns geradezu ein Lebensbedürfnis. Da die Dinge, die wir mit Ihnen besprechen wollen, Sie persönlich sehr nahe berühren, ist es vielleicht überdies ein Vorzug für Sie, daß wir unsere Unterredung an einem Orte stattfinden lassen, wo wir nicht belauscht werden können.«

Der Afrikaforscher nahm die Zigarre aus dem Munde und sah meinen Freund verblüfft an.

»Ich verstehe wahrhaftig nicht, mein Herr«, sagte er, »was für Dinge –, die mich, wie Sie sagen, persönlich sehr nahe berühren –, Sie mit mir zu besprechen hätten.«

»Ich meine den Mord an Mortimer Tregennis«, sagte Holmes kalt.

Im nächsten Augenblick wünschte ich zuerst, wir wären bewaffnet. Sterndales hartes Gesicht wurde dunkelrot, seine Augen funkelten, und die Adern traten dick an seiner Stirn hervor, als er mit geballten Fäusten auf meinen Freund zusprang. Dann hielt er inne, und mit sichtbar äußerster Anstrengung nahm er eine ruhige, eisige Haltung an, die vielleicht mehr Gefahr für uns verhieß als der hitzige Ausbruch, der vorausgegangen war.

»Ich habe so lange unter Wilden und jenseits aller Gesetze gelebt«, sagte er, »daß ich mir selbst Gesetz geworden bin. Sie werden gut tun, Herr Holmes, das nicht zu vergessen, denn ich möchte mich durchaus nicht an Ihnen vergreifen.«

»Ebenso auf meiner Seite, Herr Doktor«, erwiderte Holmes. »Das beweist am besten die Tatsache, daß ich trotz allem, was ich weiß, nach Ihnen geschickt habe, statt nach der Polizei.«

Sterndale setzte sich mit stockendem Atem. Vielleicht zum ersten Male in seinem abenteuerreichen Leben übermannte ihn der Schreck. In Holmes‘ bestimmter, fester Art lag so viel Autorität, daß sich keiner ihr entziehen konnte. Der große, starke Mann stotterte unverständliche Worte und machte vor Erregung mit den Händen abgerissene Bewegungen.

»Was wollen Sie von mir?« brachte er schließlich heraus. »Wenn das ein Bluff ist, Herr Holmes, dann haben Sie sich bei mir verkalkuliert. Klopfen Sie gefälligst nicht länger auf den Busch, sondern sagen Sie mir deutlich, was Sie eigentlich von mir wollen.«

»Das will ich tun«, erwiderte mein Freund, »und der Grund, weshalb ich es Ihnen sagen will, ist der, daß ich hoffe, Sie werden mir Offenheit mit Offenheit danken. Mein nächster Schritt wird ganz davon abhängen, was Sie zu Ihrer Verteidigung vorzubringen haben.«

»Zu meiner Verteidigung?«

»Jawohl, Herr Doktor!«

»Meine Verteidigung gegen was?«

»Gegen die Anklage, Mortimer Tregennis ermordet zu haben.«

Sterndale wischte sich die Stirn mit dem Taschentuch. »Auf mein Wort«, sagte er, »Sie gefallen mir. Verdanken Sie alle Ihre Erfolge dieser wundervollen Kunst des Bluffens?«

»Der Bluff«, sprach Holmes ernst, »ist auf Ihrer Seite, und nicht auf der meinigen. Zum Beweis will ich Ihnen einige von meinen Tatsachen enthüllen, auf denen ich mein logisches Gebäude errichtet habe. Ich will nicht viel aus Ihrer Rückkehr von Plymouth machen, wobei ein Teil Ihres Gepäcks Ihnen nach Afrika davonfuhr; nur soviel sei gesagt, daß erst dieser Reiseaufschub mich veranlaßte, in Ihnen einen der Faktoren zu erblicken, die ich vor allem in Betracht ziehen mußte, wenn ich diese Tragödie aufklären wollte.«

»Ich unterbrach die Reise, weil –«

»Ihre Gründe haben Sie mir schon früher gesagt. Sie sind nicht überzeugend und überdies unzulänglich. Lassen wir das! Sie kamen zu mir, um von mir zu hören, wen ich in Verdacht hätte. Ich verweigerte Ihnen die Antwort, Sie gingen dann zum Pfarrhaus, warteten dort in der Nähe einige Zeit und begaben sich, schließlich in Ihren Bungalow zurück.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich bin Ihnen nachgegangen.«

»Ich habe Sie aber nicht gesehen.«

»Damit müssen Sie rechnen, wenn ich Ihnen nachgehe. Sie verbrachten eine schlaflose Nacht und faßten eine bestimmte Absicht, die Sie am frühen Morgen sich anschickten, in die Tat umzusetzen. Beim Morgengrauen verließen Sie Ihren Bungalow und füllten sich die Taschen mit dem rötlichen Kies, von dem ein Haufen bei Ihrer Gartentür liegt.«

Doktor Sterndale richtete sich heftig auf und starrte Holmes entsetzt an.

»Dann durchmaßen Sie rasch die Meile, die Sie vom Pfarrhause trennte. Sie trugen, beiläufig gesagt, dieselben Tennisschuhe mit gerippter Sohle, die Sie auch jetzt anhaben. Beim Pfarrhaus gingen Sie hinten herum durch den Obstgarten, stiegen über die Hecke und kamen unter die Fenster Mortimer Tregennis‘. Es war schon heller Tag, aber alles im Hause schlief noch. Sie nahmen etwas Kies aus der Tasche und warfen ihn gegen Tregennis‘ Schlafzimmerfenster.«

Doktor Sterndale sprang auf.

»Ich glaube, Sie sind der Teufel selbst!« rief er aus.

Holmes quittierte das Kompliment mit einem Lächeln. »Sie mußten zwei-, oder dreimal eine Handvoll ans Fenster werfen, ehe Tregennis dort erschien. Sie sagten ihm, er solle herunter kommen. Eilig zog er sich an und kam ins Wohnzimmer. Sie stiegen durchs Fenster zu ihm herein. Es folgte eine kurze Unterredung, während welcher Sie im Zimmer auf und ab gingen. Dann stiegen Sie wieder zum Fenster hinaus, machten es von außen zu, steckten sich eine Zigarre an und warteten auf dem Rasen, was nun geschehen werde. Schließlich, als Tregennis tot war, gingen Sie auf demselben Weg nach Hause, den Sie gekommen waren. Und nun, Herr Doktor Sterndale, wie wollen Sie Ihre Tat rechtfertigen und was waren Ihre Beweggründe dafür? Wenn Sie Winkelzüge machen oder mir die Antwort verweigern, dann gebe ich Ihnen die Versicherung, daß der Fall Sterndale-Tregennis mich nicht weiter mehr beschäftigen und für immer mit meinem Material in andere Hände übergehen wird.«

Aschgrau war das Gesicht unseres Besuchers geworden, als er die Anklage vernahm. Jetzt saß er vornübergeneigt da, den Kopf in seine großen Hände gestützt. Wir schwiegen. Auf einmal richtete er sich auf, zog eine Photographie aus seiner Brusttasche und warf sie auf den rohen Holztisch der Laube.

»Wegen der da habe ich es getan«, sagte er.

Das Bild zeigte ein schönes weibliches Gesicht. Holmes beugte sich darüber.

»Brenda Tregennis!« rief er aus.

»Ja, Brenda Tregennis«, wiederholte der andere. »Seit Jahren liebe ich sie; seit Jahren lieben wir uns. Das ist das Geheimnis meiner Verborgenheit in Cornwallis, worüber die Leute schon so viel gestaunt und geredet haben. Auf die Weise konnte ich dem einzigen auf Erden, das ich liebte, nahe sein. Heiraten konnten wir uns nicht, denn ich habe eine Frau, die mich vor Jahren verlassen hat, von der ich mich aber wegen der beklagenswerten englischen Gesetze nicht scheiden lassen konnte. Jahrelang wartete Brenda. Jahrelang wartete ich. Auf ein ungewisses, spätes Glück warteten wir.«

Seine ganze Gestalt bebte unter Schluchzen, und er drückte sich die mächtigen Fäuste vor die Augen. Dann riß er sich zusammen und fuhr fort:

»Der Pfarrer wußte davon; wir hatten ihn ins Vertrauen gezogen. Er kann Ihnen sagen, daß sie auf Erden schon ein Engel war. Sie verstehen nun, weshalb er mir das Telegramm schickte und ich zurückkehrte. Was galt mir mein Gepäck, was war mir Afrika, als ich das Schicksal erfuhr, das über meinen Liebling gekommen war! Hier haben Sie die fehlenden Glieder in der Kette Ihrer Schlußfolgerungen, Herr Holmes.«

»Bitte weiter!« sagte mein Freund.

Doktor Sterndale zog aus seiner Tasche eine kleine Tüte und legte sie auf den Tisch. Radix pedis diaboli stand darauf; darunter war ein roter Totenkopf geklebt. Er reichte mir die Tüte. »Soviel ich weiß, sind Sie Arzt, Herr Doktor. Haben Sie schon von diesem Präparat gehört?«

»Wurzel des Teufelsfußes! Nein, davon habe ich nie gehört.«

»Auch vom besten Arzt kann man das kaum erwarten«, sprach er, »denn ich glaube, außer der einen Probe in einem Laboratorium in Buda ist nichts davon in Europa zu finden. Das Präparat hat seinen Weg sonst noch nicht zu uns herübergefunden, weder in die Pharmakopöe, noch in die Literatur über Toxikologie. Die Pflanzenwurzel ist wie ein Fuß geformt, halb von menschlicher Gestalt, halb wie ein Ziegenfuß; daher der Name, den ihm der erste wissenschaftliche Entdecker, ein Missionar, gegeben hat. In gewissen Gegenden Westafrikas wird der Extrakt aus der Wurzel von den Medizinmännern bei Gottesurteilen gebraucht; sie hüten die Teufelswurzel als ein großes Geheimnis. Die kleine Menge hier in der Tüte erlangte ich unter ganz besonderen Umständen bei den Ubanghi-Negern.« Er faltete die Tüte auf, während er sprach, und zeigte uns ein kleines Häufchen rotbraunen Pulvers, ähnlich wie seiner Schnupftabak.

»Bitte zur Sache, Herr Doktor«, mahnte Holmes etwas ungeduldig.

»Ich werde Ihnen alles sagen, wie es sich tatsächlich zugetragen hat, denn Sie wissen schon so viel, daß es durchaus in meinem Interesse liegt, Sie auch den Rest wissen zu lassen. Ich habe Ihnen schon gesagt, in welchen verwandtschaftlichen Beziehungen ich zu der Familie Tregennis stand. Um der Schwester Brenda willen verkehrte ich auch freundschaftlich mit den Brüdern. Früher hatte einmal ein Familienzwist bestanden, irgendeine Geldgeschichte, und Mortimer wurde dadurch den anderen entfremdet; die Verstimmung wurde aber späterhin beseitigt, und ich traf mit Mortimer ebenso wie mit den anderen zusammen. Er war ein schlauer, pfiffiger, im Geheimen Pläne schmiedender Mann, und ich sah Verschiedenes, was mir ihn verdächtig machte; es war aber nicht genügend, um darauf mit ihm zu brechen.

Eines Tages, es ist erst wenige Wochen her, kam er zu mir in meinen Bungalow, und ich zeigte ihm einige von meinen afrikanischen Kuriositäten, unter anderem auch dieses Giftpulver, und ich erzählte ihm von seinen merkwürdigen Eigenschaften, wie es diejenigen Gehirnzellen in Erregung bringt, in denen das Furchtgefühl seinen Sitz hat, und wie entweder Wahnsinn oder Tod das Schicksal des unglücklichen Negers ist, der von dem Medizinmann seines Stammes gezwungen wird, sich dem Gottesurteil zu unterwerfen. Auch sagte ich ihm, wie unbekannt das Gift in Europa ist, und daß die ganze europäische Wissenschaft es in keinem Falle praktischer Anwendung würde nachweisen können. Wie er mir das Gift wegnahm, weiß ich nicht, denn ich habe das Zimmer nicht verlassen, solange er dort war; er muß es mir aber damals genommen haben, während ich Glasschränke aufschloß und in Koffern herumsuchte und so weiter. Ich erinnere mich, wie er mit Fragen in mich drang in bezug auf die Menge und die Zeitdauer, die erforderlich seien, um die von mir geschilderte Wirkung zu erzielen. Damals ließ ich mir nichts davon träumen, daß er ganz persönliche Gründe und Absichten hatte, um mich derart auszufragen.

Ich dachte nicht mehr an die Sache, bis ich in Plymouth das Telegramm des Pfarrers Roundhay erhielt. Der Schurke Mortimer hatte damit gerechnet, daß ich bereits in See gegangen sei, ehe ich von der Tragödie unterrichtet sein konnte, und daß ich wohl für Jahre in Afrika so gut wie unerreichbar sein würde. Aber auf das Telegramm hin kam ich sofort zurück. Sobald ich die Einzelheiten erfuhr, war ich mir natürlich sofort darüber klar, daß mein Giftpulver angewandt worden war. Ich suchte Sie auf, Herr Holmes, in der Hoffnung, Sie hätten vielleicht irgendeine andere Erklärung gefunden, aber eine andere Ursache als den Teufelsfuß konnte es ja gar nicht geben! Ich war überzeugt, daß Mortimer Tregennis der Mörder sei; daß er aus Geldgier und vielleicht mit dem Gedanken, daß wenn alle seine Geschwister wahnsinnig würden, er der einzige Hüter und Verwalter ihres gemeinsamen Besitzes würde, das Giftpulver gegen sie angewandt hatte. Für mich stand es fest, daß Mortimer zwei seiner Brüder um ihren Verstand und seine Schwester um ihr junges Leben gebracht hatte, sie, die ich geliebt habe und die auch mich geliebt hat. Das war Mortimers Verbrechen; was sollte seine Strafe dafür sein?

Sollte ich die Behörden benachrichtigen und das Gesetz gegen ihn anrufen? Wo hatte ich Beweise? Ich wußte, daß alle Tatsachen wahr waren, aber würde es mir gelingen, eine Geschworenenbank von cornischen Landleuten durch solche ›afrikanischen Zaubergeschichten‹ zu überzeugen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich durfte aber einen Mißerfolg, das heißt einen Freispruch Mortimers nicht riskieren. Meine Seele schrie nach Rache. Ich habe Ihnen schon gesagt, Herr Holmes, daß ich einen großen Teil meines Lebens außerhalb und jenseits der Gesetze gelebt habe, und daß ich mir schließlich selber Gesetz wurde. Ich wurde mir jetzt Gesetz gegen den Mörder. Ich beschloß, daß dasselbe Schicksal, das er gegen seine Geschwister herbeigeführt hatte, zur Strafe von ihm geteilt werden sollte. Entweder das, oder, wenn es mißlang, – dann mußte ich ihn mit eigener Hand richten. In ganz England gibt es sicherlich in diesem Augenblick keinen Mann, der weniger Wert auf sein Leben legt, als ich, wie ich hier vor Ihnen stehe.

Nun habe ich Ihnen alles gesagt. Alles übrige haben Sie ja selbst schon herausgefunden. Es ist richtig, wie Sie sagen, daß ich nach einer schlaflosen Nacht früh morgens von meinem Bungalow aufbrach. Ich sah die Schwierigkeit voraus, ihn allein, ohne die übrigen Hausbewohner, zu wecken, und steckte mir von dem Kieshaufen, den Sie erwähnt haben, die Taschen voll, um damit an sein Fenster zu werfen. Er kam in das Wohnzimmer herunter und ließ mich durchs Fenster einsteigen. Ich schleuderte ihm meine Anklage ins Gesicht. Ich erklärte ihm, daß ich als Richter und Nachrichter vor ihm stehe. Der Wicht fiel ganz in sich zusammen und sank in einen Stuhl beim Anblick meines Revolvers. Ich glaube, er war vor Angst und Schrecken halb ohnmächtig. Ich zündete die Lampe an, schüttelte oben auf den Rauchfänger etwas von dem Pulver und wartete draußen vor dem Fenster, entschlossen, ihn niederzuschießen, falls er den Versuch machen würde, an die frische Luft zu gelangen. In weniger als fünf Minuten aber war er tot. Mein Gott! Wie er starb! Aber mein Herz war hart wie Stahl, denn er litt nichts, was mein unschuldiger Liebling nicht vor ihm gelitten hatte. Nun wissen Sie alles, Herr Holmes. Vielleicht würden Sie selbst in meiner Lage ebenso gehandelt haben. Sie haben mich jetzt in der Hand; Sie mögen tun oder lassen, was Sie für recht halten. Wie ich Ihnen schon gesagt habe, lebt kein Mensch auf Erden, dem der Tod weniger schrecklich sein kann als mir.«

Stillschweigend saß Holmes eine Weile da.

»Was haben Sie für Absichten oder Pläne?« fragte er schließlich.

»Ich wäre nach Zentralafrika gegangen, um mich dort zu vergraben. Meine Forschungsarbeit daselbst ist erst zur Hälfte durchgeführt.«

»Gut, dann gehen Sie und führen Sie auch die andere Hälfte durch«, sagte Holmes. »Ich wenigstens habe nicht die Absicht, Sie daran zu hindern.«

Doktor Sterndale erhob sich zu seiner vollen Größe, verbeugte sich gemessen und schritt wortlos von dannen. Holmes zündete seine Pfeife an und reichte mir seinen Tabaksbeutel.

»Die Verbrennung eines Giftkrautes, das weniger gefährlich ist, wird eine angenehme Abwechslung sein«, sagte er. »Ich glaube, auch du, Watson, bist der Ansicht, daß hier ein Fall vorliegt, den wir besser auf sich beruhen lassen. Unsere Nachforschungen haben wir unabhängig von anderen durchgeführt, und ebenso unabhängig soll jetzt auch unser weiteres Verhalten sein. Oder würdest du den unglücklichen Mann anzeigen?«

»Unter keinen Umständen«, antwortete ich sofort.

»Ich habe nie geliebt, Watson, aber wenn ich geliebt hätte und wenn die Frau, die ich liebte, solch ein Ende gefunden hätte, so würde ich wahrscheinlich ebenso gehandelt haben wie unser gesetzloser Löwenjäger es getan hat. Wer weiß!«

Wieder sah Holmes schweigend da; er hüllte sich in Rauchwolken.

»Ich will deinem Verstand nicht zu nahe treten«, sagte er endlich, »indem ich dir erkläre, was ganz offensichtlich ist. Einige Stückchen Kies auf dem Fenstersims wurden für mich zum Ausgangspunkt. Solcher Kies war sonst nirgends bei dem Pfarrhause oder überhaupt in der Nähe zu finden. Erst nachdem meine Aufmerksamkeit sich auf Doktor Sterndale und seinen Bungalow gerichtet hatte, erfuhr ich, wo der Kies herstammte. Die am hellen Tage brennende Lampe und die Überreste des Pulvers auf dem Rauchfänger bildeten weitere Glieder einer logischen Gedankenreihe. Und nun, mein lieber Watson, wollen wir den ›Cornischen Schrecken‹ ganz aus unserem Bewußtsein austilgen und mit einem reinen Gewissen erneut uns dem Studium der chaldäischen Sprachwurzeln hingeben, die sich gewiß in dem cornischen Zweig des großen keltischen Sprachstammes nachweisen lassen.«

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Ein Fall geschickter Täuschung

Ein Fall geschickter Täuschung

»Lieber Freund«, sagte Sherlock Holmes, als wir behaglich beisammen an seinem Kamin in der Bakerstraße saßen, »das Leben selbst bringt weit Merkwürdigeres hervor, als alles, was der menschliche Geist zu erfinden vermag. Könnten wir jetzt Hand in Hand aus diesem Fenster fliegen und, über der Riesenstadt schwebend, die Dächer abheben, um zu beobachten, was sich in den Häusern zuträgt, wir würden staunen über all die Pläne, die seltsamen Vorfälle, die Verkettung von Umständen, die sich durch Generationen hinzieht und zu den wunderbarsten Ergebnissen führt. Jegliche Dichtung mit ihren althergebrachten Formen, ihrem leicht vorauszusehenden Ausgang müßte uns schal und wertlos erscheinen.«

»Und doch bin ich hiervon nicht ganz überzeugt«, erwiderte ich. »Die Fälle, welche die Zeitungen bringen, sind meist trocken und alltäglich genug. In unseren Polizeiberichten ist der Realismus auf die Spitze getrieben, und doch ist der Eindruck, den sie machen – das läßt sich nicht leugnen – weder spannend noch künstlerisch.«

»Um eine realistische Wirkung zu erzielen«, bemerkte Holmes, »bedarf es einer gewissen Auswahl und Umsicht; hieran gebricht es den polizeilichen Berichten, die vielleicht auf die seichte Darstellung des Beamten mehr Wert legen, als auf die interessantesten Nebenumstände, in denen der ernstere Beobachter die Beweggründe zu erblicken versteht, welche die Tat herbeiführten. Glaube mir, nichts ist so außernatürlich wie das Alltägliche.«

Ich lächelte ungläubig. »Mich wundert nicht, daß du so denkst«, sagte ich, »weil du, als außerordentlicher Helfer und Berater aller Ratlosen in drei Weltteilen, nur mit Ungewöhnlichem und Seltsamem in Berührung kommst. Laß mich«, bat ich, die Zeitung vom Boden aufhebend, »meine Behauptung praktisch beweisen. Ich nehme die erste beste Notiz: ›Grausamkeit eines Gatten gegen seine Frau‹. Die Geschichte füllt eine halbe Druckspalte, und ich kann sie ungelesen erzählen. Unbedingt ist eine andere Frau im Spiel, im übrigen entwickelt sich die Geschichte wie folgt: Trunkenheit, rohe Behandlung, Gewalttat, Verwundung, Erscheinen der hilfreichen Schwester oder Wirtin. Der gewöhnlichste Schriftsteller könnte nichts Gewöhnlicheres erfinden.«

»Fehlgeschossen, dein Beispiel paßt auf deine Behauptung wie die Faust aufs Auge«, meinte Holmes das Blatt überfliegend. »Es handelt sich hier um die Ehescheidung der Dundas, und zufällig hatte ich einige Punkte dabei aufzuklären. Der Mann ist Antialkoholiker, ein Mensch, der geistigen Getränken entsagt, eine andere Frau ist nicht im Spiel; die Anklage lautet: Der Mann habe sich angewöhnt, stets die Mahlzeit damit zu beschließen, daß er sein falsches Gebiß herausnahm und es seiner Frau an den Kopf warf, ein Gebaren, das – du wirst mir das zugeben – nicht so leicht dem ersten besten Schriftsteller einfallen wird. Nimm eine Prise, Doktor, und gib zu, daß dein Beispiel nicht stichhaltig ist.«

Er hielt mir seine Dose hin; sie war aus altem Gold, und ein großer Amethyst schmückte den Deckel. Das Kleinod paßte wenig zu Holmes‘ sonstiger Umgebung und einfacher Lebensweise; ich konnte nicht umhin, eine Bemerkung darüber zu machen.

»Ja so«, sagte er, »ich vergaß, daß ich dich seit einigen Wochen nicht gesehen habe. Das verehrte mir der Fürst von O… als kleines Andenken für meine Bemühungen um die Papiere der Irene Adler.«

»Und dieser Ring?« fragte ich und blickte auf einen auffallend schönen Diamanten, der an seinem Finger glänzte.

»Den erhielt ich von einem Mitglied des holländischen Königshauses; doch die Sache, mit der ich vertraut war, ist so subtiler Art, daß ich sie nicht einmal dir anvertrauen kann, da du so freundlich gewesen bist, einige meiner kleinen Erlebnisse niederzuschreiben.«

»Ist wieder etwas im Werk?« fragte ich begierig.

»Wohl zehn bis zwölf verschiedene Fälle, doch ist keiner besonders interessant, wenn sie auch wichtig genug sind. Geringfügige Angelegenheiten bieten meist ein weites Feld für die Beobachtung und die rasche Ergründung von Ursache und Wirkung, welche einer Untersuchung den Hauptreiz verleiht. Große Verbrechen spielen sich meist einfach ab, denn je größer das Verbrechen, um so klarer ist der Regel nach der Beweggrund dazu. Unter meinen jetzigen Fällen ist, bis auf eine dunkle Geschichte, die mir von Marseille aus vorgelegt wurde, keiner erwähnenswert. Vielleicht aber bringen uns die nächsten Minuten das Gewünschte, denn, irre ich nicht, so kommt da drüben eine Klientin für mich.«

Holmes hatte sich von seinem Stuhl erhoben, er stand am Fenster und blickte auf die düstere, graue Straße hinab. Ich trat hinter ihn und sah auf der andern Seite der Straße eine große Frau mit einem schweren Pelz um den Hals und einer großen Feder auf der Krempe ihres Hutes, der ihr kokett auf einem Ohre saß. Sie blickte unruhig und unschlüssig zu unsern Fenstern herauf; sie schien zu schwanken, ob sie vor- oder rückwärts gehen sollte, und ihre Finger zupften nervös an den Handschuhknöpfen. Plötzlich eilte sie rasch über die Straße, und laut ertönte der schrille Klang der Hausglocke.

»Diese Symptome kenne ich«, sagte Holmes und warf seine Zigarre ins Feuer. »Unentschlossenheit an der Tür – weist stets auf eine Liebesgeschichte hin. Sie möchte sich Rat holen, doch schwankt sie noch, ob nicht die Angelegenheit zu zart für einen dritten ist. Aber selbst dabei läßt sich manches unterscheiden. Ist einer Frau von einem Manne schweres Unrecht geschehen, dann ist sie entschlossen, sie stürzt sich auf die Klingel, ja sie zerstört sie. Hier haben wir es mit einer Herzensangelegenheit zu tun, und die Dame ist sichtlich weniger aufgebracht, als ratlos und bekümmert. Ah, da kommt sie ja schon und kann unsere Zweifel lösen.«

Als Holmes noch sprach, klopfte es an der Tür; der kleine Diener trat ein, um Fräulein Mary Sutherland anzumelden, welche hinter seiner dünnen schwarzen Gestalt auftauchte. Sherlock Holmes begrüßte die Fremde mit der ihm eignen Gewandtheit, schloß die Tür, bot ihr einen Lehnsessel an und musterte sie auf seine gewohnte, durchdringende und scheinbar zerstreute Art.

»Finden Sie nicht, mein Fräulein«, fragte er, »daß das viele Maschinenschreiben Sie bei Ihrer Kurzsichtigkeit ein wenig angreift?«

»Allerdings war das im Anfang der Fall«, erwiderte sie, »jetzt aber weiß ich, wo die Buchstaben sind, ohne hinzusehen.« Plötzlich wurde ihr die ganze Tragweite seiner Worte klar, sie erschrak heftig, und Angst und Staunen malten sich auf ihrem breiten, gutmütigen Gesicht. »Sie haben schon von mir gehört, Herr Holmes«, rief sie aus, »wie könnten Sie das sonst wissen?«

»Lassen Sie es gut sein«, rief Holmes lachend, »das gehört zu meinem Geschäft. Ich lege es darauf an, manches zu sehen, was andern entgeht. Wäre dem nicht so, weshalb kämen Sie zu mir, um sich Rat zu holen?«

»Ich kam zu Ihnen, Herr Holmes, weil Frau Etherege mir von Ihnen erzählte; Sie fanden ihren Mann so leicht auf, während die Polizei und alle Welt ihn schon für tot hielten. Ach, Herr Holmes, könnten Sie doch auch für mich ein Gleiches tun! Ich bin nicht reich, habe jedoch ein Jahreseinkommen von hundert Pfund außer dem, was ich durch meine Arbeit verdiene. – Alles gäbe ich gern hin, um zu erfahren, was aus Herrn Hosmer Angel geworden ist.«

»Warum hatten Sie es plötzlich so furchtbar eilig, zu mir zu kommen?« fragte Sherlock Holmes, legte die Fingerspitzen aneinander und blickte nach der Decke hinauf.

Wieder zeigte sich Staunen und Befremdung auf dem sonst ziemlich nichtssagenden Gesicht der jungen Dame.

»Ja, ich stürzte von Hause fort«, sagte sie, »denn ich ärgerte mich über die Gleichgültigkeit, mit welcher Herr Windibank – mein Vater – die ganze Sache aufnahm. Er wollte nicht auf die Polizei, wollte nicht zu Ihnen, und da er gar nichts tat und dabei blieb, die Sache habe wenig auf sich, wurde ich schließlich böse, nahm Hut und Mantel und kam geradeswegs zu Ihnen.«

»Ihr Vater?« fragte Holmes, »gewiß Ihr Stiefvater – da Sie nicht seinen Namen tragen.«

»Ja, mein Stiefvater. Ich nenne ihn Vater, und doch klingt das komisch, denn er ist nur fünf Jahre und zwei Monate älter als ich.«

»Lebt Ihre Mutter?«

»Die Mutter lebt und ist wohlauf. Sehr entzückt war ich nicht, Herr Holmes, als sie so bald nach Vaters Tode wieder heiratete, und zwar einen Mann, der fast fünfzehn Jahre jünger ist als sie selbst. Mein Vater war Flaschner in Tottenham Court Road und hinterließ ein hübsches Geschäft, das die Mutter mit Herrn Hardy, dem ersten Gehilfen, fortführte. Als aber Herr Windibank kam, mußte sie das Geschäft verkaufen, denn als Weinreisender stand er auf einer höheren Gesellschaftsstufe. Sie bekamen viertausend siebenhundert Pfund Sterling für die Firma; mein Vater hätte bei Lebzeiten weit mehr bekommen.«

Statt daß Sherlock Holmes, wie ich erwartete, bei dieser breiten, abschweifenden Erzählung ungeduldig wurde, hörte er mit der größten Aufmerksamkeit zu.

»Stammt Ihr kleines Einkommen aus dem Geschäft?« fragte er.

»O nein, ich erbte es von meinem Onkel Ned in Auckland. Es sind Neuseeländer Aktien, die 4½ Prozent tragen. Die Hinterlassenschaft betrug zweitausend fünfhundert Pfund, aber ich habe nur die Zinsen davon.«

»Bitte, erzählen Sie weiter«, meinte Holmes. »Da Sie die hübsche Summe von hundert Pfund einnehmen und noch etwas dazu verdienen, reisen Sie gewiß manchmal zum Vergnügen und genießen Ihr Leben. Mir scheint, eine Dame kann mit einem Einkommen von sechzig Pfund ganz gut leben.«

»Ich käme mit weit weniger aus, Herr Holmes, doch begreifen Sie wohl, daß ich, solange ich zu Hause bin, den Eltern nicht zur Last fallen möchte, und so haben sie die Verfügung über mein Geld, bis ich einmal von ihnen fortkomme. Selbstverständlich nur bis dahin. Herr Windibank zieht meine Zinsen vierteljährlich ein und gibt der Mutter das Geld, denn ich komme mit dem, was ich an der Schreibmaschine verdiene, ganz bequem aus. Ich erhalte zwei Pence für die Seite und bringe meist dreißig bis vierzig Seiten am Tage fertig.«

»Sie haben mir Ihre Lage sehr klar dargelegt«, sagte Holmes. »Dieser Herr ist mein Freund, Dr. Watson, vor dem Sie offen reden können, wie vor mir selbst. Bitte, erzählen Sie uns von Ihrer Bekanntschaft mit Herrn Hosmer Angel.«

Fräulein Sutherland errötete und zupfte erregt an ihrer Jacke. »Ich sah ihn zuerst auf dem Ball der Kaufmannschaft«, sagte sie. »Bei Lebzeiten des Vaters schickten sie uns Karten dazu, und auch nach seinem Tode luden sie uns ein. Herr Windibank wollte uns nicht auf den Ball gehen lassen; er läßt uns nie gern in Gesellschaft gehen. Ganz wütend kann er sich ärgern, wenn ich auch nur einen Ausflug von unserm Kränzchen mitmachen möchte. Diesmal aber setzte ich mir in den Kopf, auf den Ball zu gehen; was hatte er denn für ein Recht, mir das zu verbieten? Er erklärte, die Gesellschaft passe nicht für uns, obgleich wir nur Freunde meines Vaters dort trafen. Weiter behauptete er, ich habe nichts anzuziehen, und doch ist mein lila Abendkleid noch kaum aus dem Schrank gekommen. Aus der Sache wäre nichts geworden, wenn mein Stiefvater nicht plötzlich eine Geschäftsreise nach Frankreich hätte machen müssen. Nun gingen wir, Mutter und ich, mit Herrn Hardy, unserm früheren Buchhalter, auf den Ball, und dort war es, wo ich Herrn Hosmer Angel traf.«

»Vermutlich zeigte sich Herr Windibank bei seiner Rückkehr aus Frankreich sehr ungehalten?«

»Durchaus nicht, er war gar nicht böse. Er lachte, zuckte die Achseln und meinte, es sei ganz unnütz, Frauen etwas abzuschlagen, denn – sie täten doch, was sie wollten.«

»So, so. Sie trafen also auf dem Ball der Kaufmannschaft einen Herrn, Namens Hosmer Angel, wenn ich recht verstehe.«

»So ist’s. Ich lernte ihn an jenem Abend kennen, und er besuchte uns am folgenden Tag, um sich nach unserm Befinden zu erkundigen, und hernach trafen wir ihn – das heißt, Herr Holmes, ich traf ihn zweimal – um mit ihm spazieren zu gehen; dann aber kam der Vater zurück, und Herr Angel konnte nicht mehr zu uns ins Haus kommen.«

»Nicht?«

»Ja, wissen Sie, Vater liebt dergleichen nicht. Ginge es nach ihm, so würde er nie Gäste empfangen; er behauptet, eine Frau müsse mit ihrer engsten Familie zufrieden sein.«

»Was wurde nun mit Herrn Hosmer Angel? Versuchte er es nicht, Sie wiederzusehen?«

»Der Vater sollte acht Tage später abermals nach Frankreich reisen, und so schrieb Hosmer, es sei wohl am besten, wenn wir bis dahin einander fern blieben. Das Schreiben stand uns ja inzwischen frei, und er schrieb täglich. Ich nahm die Briefe am Morgen in Empfang, so daß der Vater nichts davon erfuhr.«

»Waren Sie zu der Zeit mit dem Herrn verlobt?«

»Jawohl, Herr Holmes, wir verlobten uns auf unserm ersten Spaziergang. Hosmer – Herr Angel war Kassierer einer Firma in Leadenhallstreet – und…«

»In welchem Geschäft?«

»Leider weiß ich das nicht.«

»Wo wohnte er denn?«

»Er schlief im Geschäftshaus.«

»Und Sie haben seine Adresse nicht?«

»Nein – ich weiß nur, daß er in Leadenhallstreet wohnte.«

»Wohin adressierten Sie Ihre Briefe?«

»Postlagernd Leadenhallstreet-Post. Ins Geschäft sollte ich nicht adressieren, weil er behauptete, die andern Angestellten würden ihn hänseln, daß er Briefe von einer Dame erhalte. Ich wollte ihm mit der Maschine schreiben, wie er es selbst tat, doch mochte er nichts davon wissen und erklärte, geschriebene Briefe seien ihm lieber, sie kämen ihm viel natürlicher vor, während er bei den andern das Gefühl habe, als träte eine Maschine zwischen uns. Sie sehen daraus, wie sehr er mich liebte, und wie feinfühlig er selbst in Kleinigkeiten war.«

»Ja, es läßt tief blicken«, meinte Holmes. »Ich lege von jeher besonderen Wert auf solche kleinen Umstände. Erinnern Sie sich vielleicht anderer geringfügiger Merkmale bei Herrn Hosmer Angel?«

»Er war sehr schüchtern und ging lieber abends als am Tage mit mir aus, weil er es nicht leiden konnte, beobachtet zu werden. Er benahm sich sehr wohlerzogen und zurückhaltend; seine Stimme war schwach, und er erzählte mir, er habe als Kind an geschwollenen Mandeln gelitten, wovon ihm eine Schwäche in den Stimmbändern zurückgeblieben sei. Auf seine Kleidung hielt er viel und sah stets nett und sauber aus; er hatte, wie ich, schwache Augen und trug dunkle Gläser zum Schutz.«

»Und was geschah, als Ihr Stiefvater, Herr Windibank, abermals nach Frankreich reiste?«

»Da kam Hosmer wieder ins Haus und schlug mir vor, noch vor Vaters Rückkehr zu heiraten. Er nahm die Sache sehr ernst, legte meine Hände auf eine Bibel und ließ mich schwören, ihm treu zu sein, komme, was da wolle. Meine Mutter meinte, er könne diesen Schwur mit Recht verlangen, es sei nur ein Beweis seiner Liebe. Der Mutter hat er es gleich bei der ersten Begegnung angetan, sie mochte ihn fast noch lieber als ich. Als die beiden von der nahe bevorstehenden Hochzeit zu sprechen anfingen, meinte ich, wir sollten damit auf den Vater warten. Doch sie erklärten, wir brauchten uns nicht um ihn zu kümmern, er werde alles noch früh genug erfahren, und die Mutter versprach, die Angelegenheit mit ihm ins reine zu bringen. Mir gefiel das nicht sonderlich, Herr Holmes. Es kam mir freilich komisch vor, um die Einwilligung meines Stiefvaters bitten zu müssen, da er ja nur wenige Jahre älter ist als ich; aber da ich keine Heimlichkeiten leiden mag, so schrieb ich an ihn nach Bordeaux und adressierte den Brief an die französische Firma – doch erhielt ich dieses Schreiben am Hochzeitsmorgen zurück.«

»Demnach kam es nicht in seine Hände?«

»Nein, denn er war schon wieder nach England abgereist.«

»Das traf sich allerdings höchst ungeschickt! Wurden Sie in der Kirche getraut?«

»Ja, in aller Stille. Die Trauung sollte in der St.-Saviours-Kirche stattfinden und das Frühstück danach im St.-Pancras-Hotel. Hosmer holte uns im Wagen ab und ließ Mutter und mich einsteigen; er selbst setzte sich in eine Droschke, die einzige, die gerade zur Hand war. Wir langten zuerst an der Kirche an und warteten auf Hosmers Droschke, die bald vorfuhr. Doch – niemand stieg aus, und als man den Schlag öffnete, saß niemand im Wagen! Das alles geschah vorigen Freitag, Herr Holmes, und seitdem habe ich keine Ahnung, was aus meinem Bräutigam geworden ist.«

»Mir scheint, mein Fräulein, Ihnen wurde übel mitgespielt.«

»Ach nein! Hosmer meinte es viel zu gut mit mir, um mich so verlassen zu können. Noch am Hochzeitsmorgen bat er mich, ihm immer treu zu bleiben, und sollte uns auch ein ganz unerwartetes Schicksal trennen, so dürfe ich nicht vergessen, daß ich ihm mein Wort gegeben habe; früher oder später würde er seine Rechte geltend machen. Das klang recht sonderbar am Hochzeitstage, aber durch das Vorgefallene erhalten Hosmers Worte eine ganz besondere Bedeutung.«

»Allerdings. Ihrer Meinung nach muß ihn irgendein Unfall betroffen haben?«

»Ja, Herr Holmes. Er muß wohl irgendeine Gefahr geahnt haben, sonst hätte er nicht so gesprochen. Seine Ahnung ist wirklich eingetroffen.«

»Sie haben wohl keine Vorstellung, was er befürchtete?«

»Gar keine.«

»Noch eine Frage. Wie nahm Ihre Mutter die Sache auf?«

»Sie war ärgerlich und meinte, ich solle von der ganzen Geschichte schweigen.«

»Sprachen Sie mit Ihrem Vater davon?«

»Ja, und er schien meiner Ansicht zu sein, daß Hosmer etwas zugestoßen sein müsse und ich wieder von ihm hören würde. Was könnte ein Mann für ein Interesse daran haben, meinte er, mich bis an die Kirchtür zur Trauung zu locken, um mich dann zu verlassen? Hätte er mir Geld abgeborgt, oder beim Ehekontrakt mein Vermögen auf sich übertragen lassen, dann wäre vielleicht darin ein Grund zu suchen gewesen; Hosmer aber zeigte sich gar nicht interessiert, nicht einen Heller wollte er von mir haben. Was mag nur geschehen sein? Warum schrieb er nicht ein einziges Wort?« Sie zog ein kleines Taschentuch aus der Tasche und schluchzte heftig.

»Ich werde die Sache näher ins Auge fassen«, sagte Holmes sich erhebend, »und bezweifle nicht, daß wir sie ergründen. Verlassen Sie sich auf mich, mein Fräulein, und grübeln Sie nicht weiter. Versuchen Sie vor allem, Herrn Hosmer Angel zu vergessen, wie er scheinbar auch Sie vergessen hat.«

»Demnach glauben Sie nicht, daß ich ihn wiedersehen werde?«

»Ich bezweifle es.«

»Was mag ihm denn zugestoßen sein?«

»Erlassen Sie mir die Antwort. Am liebsten hätte ich eine genaue Personalbeschreibung von ihm und alle Briefe, die Sie mir anvertrauen können.«

»Ich habe bereits am vorigen Sonnabend eine Anzeige im ›Chronicle‹ eingerückt«, erwiderte sie. »Hier ist das Blatt, und hier sind vier Briefe von ihm.«

»Danke. Und nun, bitte, Ihre Adresse.«

»Lyon-Place 31, Camberwell.«

»Wenn mir recht ist, sagten Sie, daß Sie Herrn Angels Adresse nie besessen haben. Wo ist das Geschäft Ihres Vaters?«

»Er reist für ›Westhouse & Marbank‹, das große Wein-Importgeschäft in Fenchurch-Street.«

»Ich danke Ihnen. Sie haben mir die Sache sehr klar auseinandergesetzt. Lassen Sie die Papiere hier und beherzigen Sie meinen Rat.«

»Sie meinen es gut mit mir, Herr Holmes. Hosmer bleibe ich treu, und er soll mich bereit finden, wenn er zurückkehrt.«

Sie legte ihr Päckchen Papiere auf den Tisch und entfernte sich mit dem Versprechen, wiederzukommen, sobald sie gewünscht würde.

Still in sich gekehrt saß Sherlock Holmes eine Weile da, streckte die Beine aus, legte die Fingerspitzen aneinander und blickte hinauf an die Decke. Dann nahm er die alte Tonpfeife, seine treue Ratgeberin, wie er sie nannte, vom Gesimse, stopfte sie und lag bald, von dichten Rauchwolken umgeben, mit dem Ausdruck unendlicher Müdigkeit und Schlaffheit in seinem Stuhl.

»Interessante Studie – das Mädchen«, bemerkte er. »Sie selbst ist interessanter als ihr Erlebnis, das, nebenbei gesagt, ein ziemlich abgedroschenes ist. Du findest ähnliche Fälle in meinen Verzeichnissen von Anno Tobak in Andover, und etwas Gleichartiges trug sich im vorigen Jahr im Haag zu. Ist auch der Grundgedanke nicht neu, so waren es doch ein paar Nebenumstände. Aber das Mädchen selbst ist eine Studie. Sag‘ mir einmal, was hast du an der äußeren Erscheinung dieses Mädchens wahrgenommen?«

»Nun, sie trug einen schiefergrauen großen Hut mit einer ziegelroten Feder. Ihre schwarze Jacke war gesteppt und hatte einen schmalen Pelzbesatz. Das Kleid war von dunkler Kaffeefarbe, und purpurroter Sammet umsäumte Hals und Ärmel. Ihre grauen Handschuhe waren am rechten Zeigefinger zerrissen. Die Schuhe habe ich nicht angesehen. Sie trug kleine, runde und herabhängende Ohrringe und machte im allgemeinen den Eindruck einer anständigen und wohlhabenden Person des gewöhnlichen Mittelstandes.«

Sherlock Holmes klatschte leise in die Hände und schüttelte sich vor Lachen.

»Auf Ehre, Watson, du machst gewaltige Fortschritte! Gut – sehr gut. Das Wichtigste hast du freilich übersehen, hast aber Methode bewiesen und einen scharfen Blick für Farben gezeigt. Traue nur nie allgemeinen Eindrücken, mein Junge, auf die Einzelheiten muß man achten. Mein erster Blick gilt stets dem Ärmel einer Frau. Bei dem Manne kommt es vielleicht noch mehr auf die Knie der Hose an. Wie du bemerktest, hatte das Mädchen Sammet an den Ärmeln, in bezug auf Eindrücke und Spuren ein höchst nützliches Material. Die doppelte Linie über dem Handgelenk, wo die Maschinenschreiberin gegen den Tisch drückt, trat prächtig hervor. Gewiß, die Nähmaschine hinterläßt ähnliche Streifen, aber nur am unteren Arm und auf der Seite, während sich diese gerade über den breitesten Teil hinzogen. Dann blickte ich in ihr Gesicht, und da ich den Druck eines Klemmers zu beiden Seiten ihrer Nase wahrnahm, wagte ich eine Bemerkung über Kurzsichtigkeit in Verbindung mit Maschinenschreiben, welche sie sichtlich überraschte.«

»Mich nicht minder.«

»Die Sache lag doch klar auf der Hand. Sodann fiel mir auf, daß sie zwei verschiedene Schuhe trug; der eine hatte eine verzierte Kappe, der andere nicht. An dem einen hatte sie von drei Knöpfen nur die zwei untersten zugeknöpft, beim andern nur den ersten und gleich den dritten. Verläßt eine sonst sorgsam gekleidete, junge Dame das Haus mit zweierlei nur halbzugeknöpften Schuhen, so gehört nicht viel dazu, um den Schluß zu ziehen, daß sie eilig fortgegangen ist.«

»Und was noch?« fragte ich so gespannt, wie immer, wenn mein Freund seine scharfen Beobachtungen aussprach.

»Ferner bemerkte ich, daß sie, bereits fertig angezogen, noch geschrieben hatte, ehe sie das Haus verließ. Du hast zwar bemerkt, daß ihr rechter Handschuh am Mittelfinger zerrissen war, hast aber offenbar einen lila Tintenfleck an Handschuh und Finger übersehen. Sie hatte in der Eile geschrieben und die Feder zu tief eingetaucht – und zwar heute morgen, sonst wäre der Fleck am Finger nicht so deutlich gewesen. Ja, ja, das alles ist spaßig, wenn auch einfach genug. Jetzt aber muß ich an die Arbeit, Watson. Tu mir den Gefallen und lies mir die Personalbeschreibung des gesuchten Hosmer Angel vor.«

»Ich hielt den Zeitungsausschnitt an das Licht: »Vermißt seit dem 14. morgens ein Herr, namens Hosmer Angel. Derselbe ist groß, kräftig gebaut, blaß, hat schwarzes Haar, eine kahle Stelle auf dem Kopf, starken, dunklen Backen- und Schnurrbart; er trägt eine dunkle Brille und hat einen kleinen Sprachfehler. Seine Kleidung bestand, als er zuletzt gesehen wurde, aus einem schwarzen eingefaßten Rock, schwarzer Weste mit goldener Kette, grauem Beinkleid und braunen Gamaschen über den Stiefeln. Der Vermißte arbeitete in einem Geschäft in Leadenhall-Street; wer über ihn irgendwelche Angaben usw.«

»Das genügt«, sagte Holmes, und nachdem er die Briefe überflogen, meinte er: »Höchst alltäglich; Herr Angel zitiert Balzac, das ist das einzig Bemerkenswerte. Und doch wird auch dir ein Umstand auffallen.«

»Daß die Briefe mit der Maschine geschrieben sind«, erwiderte ich.

»Nicht allein das, sondern auch die Unterschrift ist Typenschrift. Sieh, wie sauber hier unten das ›Hosmer Angel‹ steht. Hier ist ein Datum, aber keine genaue Ortsangabe, denn Leadenhall-Street allein kann nicht genügen. Diese Unterschrift läßt auf vieles schließen – ja, sie ist maßgebend.«

»Wofür?«

»Siehst du wirklich nicht ein, wie schwer das ins Gewicht fällt, alter Junge?«

»Ehrlich gesagt, nein, es sei denn, der Schreiber hoffte auf diese Weise seine Unterschrift abschwören zu können, falls er wegen Bruchs des Eheversprechens zur Rechenschaft gezogen würde.«

»Nein, das hatte er schwerlich im Auge. Indessen will ich zur Aufklärung des Sachverhalte zwei Briefe schreiben, den einen an eine Firma in der City, den andern an Herrn Windibank, den Stiefvater der jungen Dame; letzteren will ich bitten, morgen abend um sechs Uhr bei mir vorzusprechen. Es ist geratener, die Sache mit dem männlichen Teil der Familie zu verhandeln. Bis die Antworten auf diese Briefe da sind, ist weiter nichts zu tun, Doktor, und so wollen wir die Sache bis dahin auf sich beruhen lassen.«

Ein schwerkranker Patient nahm mich zur Zeit völlig in Anspruch, und ich konnte am nächsten Abend erst gegen sechs Uhr nach der Bakerstraße fahren; schon fürchtete ich zu spät zu kommen, um der Aufklärung des Rätsels noch beizuwohnen. Ich fand aber Sherlock Holmes allein; er lag halb schlafend im Lehnstuhl. Ein ganzes Regiment von Flaschen, Röhren und Tiegeln und der scharfe Geruch von allerhand Säuren wiesen darauf hin, daß er sich eifrig mit chemischen Untersuchungen abgegeben hatte, was eine Liebhaberei von ihm war.

»Hast du die Lösung gefunden?« fragte ich eintretend.

»Ja. Es war schwefelsaurer Baryt.«

»Nein, nein – ich meine das Rätsel!«

»Ach so! das! Ich dachte nur an das analysierte Salz. Rätselhaft ist in der Sache gar nichts, wenn ich auch gestern einige Einzelheiten interessant nannte. Es ist nur bedauerlich, daß wohl kein Gericht dem Spitzbuben etwas anhaben kann.«

»Wer ist es denn und was bezweckte er, indem er Fräulein Sutherland sitzen ließ?«

Ich hatte kaum ausgesprochen und Holmes noch nicht geantwortet, als sich auf dem Flur ein schwerer Tritt vernehmen ließ und an der Tür geklopft wurde.

»Das ist Windibank, der Stiefvater«, sagte Holmes. »Er schrieb mir, er würde sich um sechs Uhr bei mir einfinden. Herein!«

Der Eintretende, ein handfester, mittelgroßer Mann von etwa dreißig Jahren, war glatt rasiert, hatte eine gelbliche Gesichtsfarbe und ein paar auffallend lebendige, durchbohrende graue Augen; sein Wesen war verbindlich, fast untertänig. Er warf einen fragenden Blick auf uns, stellte seinen glänzenden Zylinderhut auf den Nebentisch und nahm mit einer leichten Verbeugung auf dem nächsten Stuhle Platz.

»Guten Abend, Herr Windibank«, empfing ihn Holmes. »Ich setze voraus, daß dieser mit der Maschine geschriebene Brief, wodurch Sie sich auf sechs Uhr anmelden, von Ihnen stammt.«

»Ganz recht. Fast fürchte ich, mich etwas verspätet zu haben, doch bin ich nicht ganz Herr meiner Zeit. Ich bedaure, daß Fräulein Sutherland Sie mit dieser Kleinigkeit belästigt hat – schmutzige Wäsche wäscht man am besten zu Hause. Sie kam gegen meinen Wunsch und Willen; Sie haben wohl bemerkt, daß das junge Mädchen etwas aufgeregter, leidenschaftlicher Natur ist und durchsetzt, was sie einmal will. Da Sie keine amtliche Gerichtsperson sind, so hat es weniger auf sich, daß Sie eingeweiht wurden, – aber jedenfalls ist es höchst unangenehm, wenn ein derartiges unglückliches Familienereignis weiter verbreitet wird; nebenbei macht es nur unnötige Kosten, denn wie sollten Sie diesen Hosmer Angel auftreiben können?«

»Im Gegenteil«, versetzte Holmes gelassen, »ich habe die beste Aussicht, den Herrn entdecken zu können.«

Windibank erschrak sichtlich und ließ seine Handschuhe fallen. »Wirklich! das freut mich sehr«, sagte er.

»Es ist doch merkwürdig«, warf Holmes ein, daß die Maschinenschrift so gut ihre Eigenart hat, wie die Handschrift eines Menschen. Sobald die Maschinen nicht mehr ganz neu sind, schreiben nicht zwei vollkommen gleich. Manche Buchstaben wetzen sich schneller ab als andere, einzelne auch nur auf einer Seite. Sehen Sie selbst, Herr Windibank, hier in Ihrem Briefchen ist das ›e‹ nie ganz rein, und auch am ›r‹ fehlt etwas. Noch vierzehn andere Merkmale sind vorhanden, doch treten diese beiden am deutlichsten hervor.«

»Wir bedienen uns dieser Maschine für unsere ganze Korrespondenz im Geschäft, und so ist sie selbstverständlich etwas abgenutzt«, erwiderte Windibank und richtete seine lebhaften, kleinen Augen forschend auf Holmes.

»Und nun will ich Ihnen eine recht interessante Wahrnehmung mitteilen«, fuhr mein Freund fort. »Ich gedenke dieser Tage eine kleine Arbeit über die Maschinenschrift in ihren Beziehungen zum Verbrechen herauszugeben, nachdem ich mich mit diesem Gegenstand in letzter Zeit etwas beschäftigt habe. Hier sind vier Briefe, die von dem Vermißten stammen sollen. Alle vier sind mit der Schreibmaschine geschrieben. In jedem dieser Briefe ist nicht allein das ›e‹ defekt und das ohne Abschluß, sondern Sie werden, wenn Sie meine Lupe gefälligst zu Hilfe nehmen wollen, auch sehen, daß sich darin die andern vierzehn Merkmale wiederfinden, von denen ich sprach.«

Hastig sprang Windibank auf und griff nach seinem Hut. »An derartige Beobachtungen und Unterhaltungen kann ich meine Zeit unmöglich verschwenden, Herr Holmes. Können Sie den Mann fangen, so tun Sie es und benachrichtigen Sie mich davon, wenn es geschehen ist.«

»Gewiß«, versetzte Holmes, ging zur Tür und schloß sie ab. »So teile ich Ihnen denn mit, daß ich ihn habe.«

»Was! wo?« stieß Windibank hervor.

»Lassen Sie es nur gut sein, es hilft alles nichts«, meinte Holmes freundlich und gelassen. »Sie kommen nicht durch, Herr Windibank. Die Sache liegt gar zu klar, und Sie machen mir ein schlechtes Kompliment mit der Behauptung, daß ich unmöglich ein so einfaches Rätsel lösen könne. Setzen Sie sich nur gefälligst und lassen Sie uns das Weitere besprechen.«

Wie gebrochen sank unser Besucher in seinen Sessel zurück, der Angstschweiß perlte ihm auf der Stirn. »Man kann mir nichts anhaben!« stieß er mühsam hervor.

»Leider nicht. Aber, Herr Windibank, unter uns gesagt, ein solch herzloser, grausamer, selbstsüchtiger Streich hat mir kaum jemals vorgelegen. Lassen Sie mich kurz den Tatbestand erörtern, und belehren Sie mich, wenn ich fehlgehe.«

Völlig geknickt saß der Mann da und senkte den Kopf tief herab auf die Brust. Holmes streckte die Beine weit von sich, lehnte sich zurück, versenkte seine Hände in die Rocktaschen und fing an, mehr mit sich selbst als mit uns zu sprechen.

»Der Mann heiratet eine Frau um des Geldes willen«, sagte er, »und vom Gelde der Tochter hat er die Nutznießung, solange sie im elterlichen Hause bleibt. Für Leute in ihrer Lage war die Summe bedeutend, und ihr Ausfall hätte sich sehr fühlbar gemacht. Die Tochter, ein gutes, freundliches Wesen, bedurfte mit ihrem warmen Herzen der Liebe, und so stand zu erwarten, daß sie bei ihren persönlichen Reizen und ihrem Einkommen nicht lange unbegehrt bleiben würde. Da nun ihre Heirat für den Stiefvater den Verlust einer jährlichen Einnahme von hundert Pfund bedeutete, entschloß sich dieser, eine solche zu verhindern. Wodurch? Vorerst will er sie ans Haus fesseln und verbietet ihr, die Gesellschaft von jungen Leuten aufzusuchen. Bald aber sieht er ein, daß sich das unmöglich durchführen läßt. Das Mädchen widersetzt sich, beharrt auf ihren Rechten und erklärt kurz und bündig, einen bestimmten Ball besuchen zu wollen. Was tut da der geschickte Stiefvater? Es fällt ihm ein Aushilfsmittel ein, das seinem Kopf mehr zur Ehre gereicht als seinem Herzen: Im Einverständnis mit seiner Frau und mit deren Hilfe verkleidet er sich, verbirgt seine zu lebhaften Augen hinter dunklen Gläsern, legt einen falschen Schnurr- und Backenbart an, dämpft seine klare Stimme und flüstert nur leise; er baut getrost auf die Kurzsichtigkeit des Mädchens, erscheint als Herr Hosmer Angel und verscheucht die Kurmacher, indem er selbst die Kur schneidet.«

»Erst war es nur ein Spaß«, seufzte unser Besucher. »Wir ahnten nicht, daß sie gleich Feuer fangen würde.«

»Das mag wohl sein. Nichtsdestoweniger fiel das junge Mädchen gründlich hinein, und da sie fest glaubte, ihr Stiefvater sei in Frankreich, dachte sie nicht daran, Argwohn zu schöpfen. Die Artigkeiten des jungen Mannes schmeichelten ihr, und die Lobeserhebungen der Mutter machten sie noch eindrucksvoller. Dann machte Herr Angel seinen Besuch, denn die Kurmacherei mußte bis zu einem gewissen Punkt getrieben werden, sollte sie einen wirklichen Erfolg haben. Es folgten Zusammenkünfte und eine Verlobung, die schließlich die Neigung der jungen Dame von jeder anderen Persönlichkeit ablenken sollte. Auf die Dauer ließ sich die Täuschung nicht aufrechterhalten. Die vorgespiegelten Reisen nach Frankreich wurden unbequem. Der einzige Ausweg war, eine tragische Lösung herbeizuführen, die auf das junge Mädchen einen so tiefen, bleibenden Eindruck machen mußte, daß ihr auf längere Zeit hinaus alle Heiratsgedanken vergingen. Darum jener Schwur der Treue auf die Bibel, darum die Andeutungen auf ein mögliches Hindernis noch am Hochzeitsmorgen. James Windibank wünschte Fräulein Sutherland so fest an Hosmer Angel zu binden und sie über dessen Los so in Unsicherheit zu lassen, daß sie unbedingt in den nächsten zehn Jahren keinen andern Mann erhören sollte. Bis an die Kirchentür hat er sie gebracht, und da er nicht weiter gehen durfte, verduftete er im richtigen Augenblick; er bediente sich des alten Kniffes, zu einer Wagentür hinein-, zur anderen herauszuspringen. In dieser Weise, glaube ich, daß die Ereignisse etwa aufeinander gefolgt sind.«

Windibank hatte, während Holmes sprach, etwas von seiner Sicherheit wieder erlangt; jetzt stand er auf, es lag kalter Hohn auf seinen blassen Zügen.

»Das alles mag sein, mag aber auch nicht sein, Herr Holmes«, sagte er, »wenn Sie aber gar so klug sind, so sollten Sie auch wissen, daß Sie jetzt wider das Gesetz handeln – ich aber nicht. Ich habe vom ersten Anfang an nichts Gesetzwidriges getan, solange Sie aber diese Tür verschlossen halten, machen Sie sich der Vergewaltigung und der Freiheitsberaubung gegen mich schuldig.«

»Das Gesetz kann Sie nicht fassen, Sie haben recht«, erwiderte Holmes, schloß die Tür auf und öffnete sie weit »und doch hat nie ein Mann die Strafe mehr verdient als Sie. Besitzt die junge Dame einen Bruder oder einen Freund, so sollte der die Reitgerte auf Ihren Schultern tanzen lassen. Wahrhaftig!« fügte er rot vor Zorn hinzu, als er das höhnische Lachen des andern wahrnahm, »zu meinen Pflichten gegen meine Klienten gehört das nicht – hier aber hängt eine Hetzpeitsche, und ich muß mir selbst …« Er wollte die Peitsche holen, doch ehe er sie gefaßt hatte, stürmten Männerschritte die Treppe hinab, laut schlug die Haustür zu, und vom Fenster aus sahen wir Herrn James Windibank, so schnell ihn die Füße nur tragen konnten, die Straße entlang eilen.

»Ein kaltblütiger Schuft!« meinte Holmes, als er sich lachend wieder in seinen Lehnstuhl warf.

»Ich begreife die ganze Entwicklung deiner Folgerungen immer noch nicht«, bemerkte ich.

»Vom ersten Augenblick an stand außer Frage, daß dieser Herr Hosmer Angel einen wichtigen Grund für sein sonderbares Benehmen haben mußte, und es lag ebenso klar auf der Hand, daß der einzige Mensch, der einen Vorteil aus der Sache zog, der Stiefvater war. Dann gab der Umstand, daß die beiden Männer nie zusammentrafen, sondern stets einer in Abwesenheit des andern erschien, Anlaß zu Vermutungen. Mit den dunkeln Augengläsern, der sonderbaren Stimme und dem starken Bart ging es ebenso. Mein Verdacht wurde dadurch vollends bestätigt, daß er sich mit der Schreibmaschine unterzeichnete, denn das ließ vermuten, daß ihr seine Schrift ganz genau bekannt war. Nun siehst du wohl, wie alle diese Einzelheiten mit noch anderen geringfügigeren auf ein und dasselbe Ziel deuten.«

»Und wie gelang es dir, die Belege dafür zu finden?«

»Einmal dem Manne auf der Spur, hatte ich gewonnenes Spiel. Ich wußte, wo er arbeitet. Nachdem ich die gedruckte Personalbeschreibung gelesen, strich ich alles, was von einer Verkleidung herrühren konnte – den Schnurrbart, die Brille, die Stimme – schickte in das Geschäft und bat, mich wissen zu lassen, ob die Angaben auf einen der Geschäftsreisenden passen. Da ich einige besondere Merkmale der Schreibmaschine, mit welcher die Briefe an Fräulein Sutherland geschrieben waren, wahrgenommen hatte, bat ich den Stiefvater brieflich, zu mir zu kommen, und adressierte den Brief in das Geschäft. Wie ich erwartet hatte, antwortete er mit der Maschine, und die Schrift zeigte genau dieselben kleinen Fehler, wie die Hosmer Angels. Mit derselben Post zeigten mir Westhouse & Marbank aus Fenchurch-Street an, die Personalbeschreibung passe genau auf ihren Angestellten – James Windibank. Siehst du, so kam’s heraus!«

»Und Fräulein Sutherland?«

»Sage ich ihr die Wahrheit, so wird sie mir nicht glauben.«

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Ein für allemal

Ein für allemal

Wer ist eigentlich Doktor Watson, der dies alles berichtet? Sherlock Holmes‘ getreuer Schatten – und weiter nichts? Nein – vielmehr sein lebendiger Spiegel, sein erster Zuschauer – und damit zugleich schon sein erster Teilnehmer und Bewunderer, sein getreuer Chronist, Stellvertreter des Autors und Sprecher seines Leserchors … Und Holmes selbst – was ist mit ihm?

Zunächst einmal, was er nicht ist: Er ist kein kriminalistischer Geheimzauberer, der niemand einen Einblick in die Werkstatt seines Geistes gibt, kein selbstgefälliger Meisterdetektiv, der von der Höhe seiner Kunst verächtlich und verschlossen auf die unwissenden Laien herabsieht – nein, er ist – wenigstens im allgemeinen – eine durchaus gesellige Natur, offenherzig und gern geneigt, von seinem Wissen abzugeben, Lehrer und Vorbild wahrer Beobachtungskunst, Vorkämpfer des gesunden Menschenverstandes. So betrachtet ist Sherlock Holmes geradezu ein Erzieher zur Wachsamkeit, und Doktor Watson sein erster Schüler.

Ein Zufall hat die beiden zur Wohn- und Lebensgemeinschaft zusammengeführt. Doktor Watsons eigene Gesundheit ist durch seine Tätigkeit als Militärarzt im afghanischen Feldzug angegriffen. Er bekommt einen dauernden Heimaturlaub und sucht eine Wohnung, die er auf Empfehlung eines Freundes hin mit Sherlock Holmes gemeinsam bezieht. Damit wird ein Freundschaftsbund geschlossen, der nach Watsons Verheiratung auch die frühere Hausgemeinschaft überdauert. Der wissenschaftliche und ethische Ernst, mit dem Sherlock Holmes, der Geheimdetektiv aus echter Neigung, das freiwillig erkorene Handwerk im Dienste der menschlichen Gesellschaft betreibt, sein fester Wille, das Verbrechen rückhaltlos zu bekämpfen, und sein gleichwohl unvermindertes Verständnis für alle menschlichen Fehler und Gebrechen – das alles bindet Watson immer stärker an den Freund. Er gewöhnt sich rasch an die Eigentümlichkeiten des andern, freut sich über seine Musikliebe, die ihn schöpferisch anregt, das Spiel seiner eigenen Gedanken auslöst, ihn zugleich von aller Schwere und allem Ernst seines Handwerks ablenkt. Sherlock Holmes erweist sich als ein stiller Gefährte, mit dem es sich leicht und gut hausen läßt. Er lebt regelmäßig, arbeitet in seinem chemischen Laboratorium oder macht Ausflüge in die Welt der Menschen – und des Verbrechens. Zuweilen scheint seine Tatkraft zu erlöschen, seine sonstige Arbeit weicht einem Hang der Träumerei, der ihn völlig abwesend erscheinen läßt, unfähig, sich aus seiner wohligen Trägheit aufzuraffen. Aber sobald der Ruf des Lebens, die freiwillig übernommene Pflicht an ihn herantritt, ist er wieder ebenso entschlossen und aufgeweckt, wie er vorher träge und verschlafen schien.

So ist auch sein Wissen begrenzt; es gibt viele Dinge, von denen er keine Ahnung zu besitzen scheint, obgleich sie zur Allgemeinbildung gehören. Aber innerhalb seiner Grenzen ist er gut bewandert und weiß von allen seinen Erkenntnissen einen erstaunlich praktischen Gebrauch zu machen, die richtigen Schlüsse aus scheinbar zufälligen Beobachtungen zu ziehen. Er verbindet mit seinem natürlichen Scharfsinn ein systematisches Studium aller Hilfswissenschaften der Kriminalistik.

Nach seiner Ansicht gleicht das menschliche Gehirn von Haus aus einer leeren Dachkammer, die man nach eigener Wahl mit Möbeln und Gerät ausstatten sollte, nicht mit allerlei Gerümpel, das nur den Weg versperrt und zu nichts nützt: »Ein Verständiger gibt wohl acht, was er in seine Hirnkammer einschachtelt. Er beschränkt sich auf die Werkzeuge, deren er bei der Arbeit bedarf, aber von diesen schafft er sich eine große Auswahl an und hält sie in bester Ordnung. Es ist ein Irrtum, wenn man denkt, die kleine Kammer habe dehnbare Wände und könne sich nach Belieben ausweiten. Glauben Sie mir, es kommt eine Zeit, da wir für alles Neuhinzugelernte etwas von dem vergessen, was wir früher gewußt haben. Daher ist es von höchster Wichtigkeit, daß unsere nützlichen Kenntnisse nicht durch unnützen Ballast verdrängt werden.«

So machte sich Doktor Watson denn eines Tages ein Verzeichnis, in dem er die widersprechenden Eigenschaften des rätselhaften Freundes aufführt, um sie zum psychologischen Gesamtbilde zusammenzufügen: Er nennt es:

Geistiger Horizont und Kenntnisse von Sherlock Holmes

  1. Literatur – Mit Unterschied.
  2. Philosophie – Null.
  3. Astronomie – Null.
  4. Politik – Schwach.
  5. Botanik – Mit Unterschied. Wohl bewandert in allen vegetabilischen Giften, Belladonna, Opium und dgl. Eigentliche Pflanzenkunde – Null.
  6. Geologie – Viel praktische Erfahrung, aber nur auf beschränktem Gebiet. Er unterscheidet sämtliche Erdarten auf den ersten Blick. Von Ausgängen zurückgekehrt, weiß er nach Stoff und Farbe der Schmutzflecke auf seinen bespritzten Beinkleidern die Stadtgegend von London anzugeben, aus welcher die Flecke stammen.
  7. Chemie – Sehr gründlich.
  8. Anatomie – Genau, aber unmethodisch.
  9. Kriminalistik – Erstaunlich umfassend. Er scheint alle Einzelheiten jeder Greueltat, die in unserem Jahrhundert verübt worden ist, zu kennen.
  10. Ein guter Violinspieler.
  11. Ein gewandter Boxer und Fechter.
  12. Ein gründlicher Kenner der britischen Gesetze.

Das also ist es, was in einem Lande, das die Bekämpfung des Verbrechens zur Vollendung ausgebildet hat, mit dazu gehört, wenn man es bis zur Meisterschaft bringen will, – auf einem Gebiete, das gewiß ein so guter Sport ist, wie ein anderer – und mehr als ein guter Sport, nämlich eine rechte Lebensaufgabe, die auch der Allgemeinheit nützt.

Und im übrigen – was schreiben Sie da, Herr Doktor Watson: Philosophie – Null? Da sind Sie doch wohl etwas zu streng gegen Ihren Freund und Meister! Gibt es das überhaupt: Ein guter Lehrer, der nicht zugleich ein wahrer Meister ist? Und Sherlock Holmes ist sogar ein rechter Philosoph, ein wahrer Weltweiser. Gewiß – er ist keiner von den Philosophen, die durch die Kraft ihres Geistes ins Übersinnliche emporsteigen, er verliert sich aber auch nicht in Abstraktionen und Spekulationen, sondern findet von seinen allgemeinen Erkenntnissen aus immer rasch zu den Tatsachen und Zusammenhängen des Lebens zurück. Denn er ist ja in Wahrheit ein Mann der praktischen Wissenschaft, der seine Erkenntnis in den Dienst der Erfahrung stellt:

»Das Leben ist eine große, gegliederte Kette von Ursachen und Wirkungen, an einem einzigen Gliede läßt sich das Wesen des Ganzen erkennen. Wie jede andere Wissenschaft, so fordert auch das Studium der richtigen Ableitung und Ausdeutung von Tatorten viel Ausdauer und Geduld; ein kurzes Menschendasein genügt nicht, um es darin zur höchsten Vollkommenheit zu bringen. Der Anfänger wird immer gut tun, ehe er sich an die Lösung hoher geistiger und sittlicher Probleme wagt, welche die größten Schwierigkeiten bieten, sich auf einfachere Aufgaben zu beschränken. Zur Übung möge er zum Beispiel bei der flüchtigen Begegnung mit einem Unbekannten den Versuch machen, auf den ersten Blick die Lebensgeschichte und Berufsart des Menschen zu bestimmen. Das schärft die Beobachtungsgabe, und man lernt dabei richtig sehen und unterscheiden. An den Fingernägeln, dem Rockärmel, den Manschetten, den Stiefeln, den Hosenknien, der Hornhaut an Daumen und Zeigefinger, dem Gesichtsausdruck und vielem andern, läßt sich die tägliche Beschäftigung eines Menschen deutlich erkennen. Daß ein urteilsfähiger Forscher, der die verschiedenen Anzeichen zu vereinigen weiß, nicht zu einem richtigen Schluß gelangen sollte, ist einfach undenkbar.«

Das ist sein Geheimnis – das ganze Geheimnis, das seine Meisterschaft begründet. So wird er zum Lehrmeister, nicht nur für den Freund – nein, auch für uns, die wir seine dankbaren Freunde werden und bleiben. Wir lieben ihn heute noch, wie wir ihn einst geliebt haben – er ist noch immer unverbraucht, noch immer gleich fähig, uns zu sich zu ziehen und festzuhalten. Und das ist der beste Beweis dafür, daß es gut und richtig mit ihm ist, daß er kein Scharlatan ist, wie die vielen, die es ihm gleichtun wollen, er ist ein ehrlicher Bursche, ein anständiger Kerl, mit dem es sich gut hausen läßt und der alle Spiegelfechtereien verabscheut.

Ist es eigentlich ein Wunder, wenn es sehr gescheite und recht gebildete Leute gibt, die freimütig bekennen, daß ihnen die Lektüre eines guten Kriminalromans eine rechte Entspannung und Anregung bedeutet? Und daß ihnen Sherlock Holmes lieber ist als mancher schmachtende Romanheld, den die Mitwelt verhimmelt und die Nachwelt verlacht?

So bleibt auch sein Schöpfer der Meister unter den Kriminalromanschreibern – weil er wirklich ein Dichter ist, weil er mit den einfachsten Mitteln die größten Wirkungen erreicht – ohne allen faulen Zauber, ohne ein Massenaufgebot von Schauerlichkeiten und ohne falsche Verherrlichung des Verbrechens. Sie haben alle von ihm gelernt, seine fingerfertigen Nachahmer und Nachfolger – aber keiner hat ihn erreicht.

Und darum: Zurück zu Sherlock Holmes!

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1. Kapitel. Der Fremde.

II. Teil.
Die Rächer

1. Kapitel. Der Fremde.

Es war der 4. Februar des Jahres 18.., der Ausläufer eines außerordentlich harten Winters. Tiefer Schnee lag in den Klüften der Gilmerton-Berge. Die Geleise der Eisenbahn hatte man mit Schneepflügen freihalten müssen.

Der Abendzug der Eisenbahnlinie, die eine Reihe von Kohlenbergwerken und Eisenwerken verbindet, keuchte langsam die Steigung von Stagville, das unten in der Ebene liegt, nach Vermissa hinauf, dem am Kopfe des Vermissa-Tales gelegenen Hauptort des Industriebezirkes. Von dort senkt sich die Spur hinunter nach Bartons Crossing, Helmdale und der hauptsächlich ackerbautreibenden Grafschaft Merton. Lange Reihen von Güterwagen, hoch beladen mit Kohle und Eisenerz, die an jeder Ausweichstelle der eingeleisigen Bahn angehäuft waren, sprachen von dem im Schoße der Erde verborgenen Reichtum, der nach diesem abgeschiedenen Winkel der Vereinigten Staaten eine rauhe Bevölkerung und überschäumendes Leben gebracht hatte.

Es war ohne Zweifel ein öder und abgeschiedener Winkel. Derjenige, der zuerst seines Fuß dorthin setzte und das Tal durchwanderte, ahnte sicherlich nicht, daß die prächtigsten Steppen und saftigsten Weideländer im Vergleich zu diesem düsteren Land felsiger Klüfte und unwegsamer Wälder geradezu wertlos waren, über die dunklen, fast undurchdringlichen Wälder auf beiden Seiten blickten drohend die kahlen Gipfel der Berge, bedeckt mit Schnee und gekrönt von schartigen Felsspitzen. In der Mitte lag das lange, gewundene Tal. Talaufwärts nahm der kleine Zug stöhnend seinen Weg.

Man hatte soeben die Öllampen im vordersten Personenwagen angezündet, in dessen langem kahlen Innenraum sich etwa 20 bis 30 Leute befanden. Die Mehrzahl dieser Leute bestand aus Arbeitern auf der Heimreise von der Tagesarbeit in den tieferen Strichen des Tales. Wenigstens ein Dutzend bekundete sich durch die geschwärzten Gesichter und die Grubenlampen, die sie mit sich trugen, als Bergleute. Sie saßen rauchend in einer Gruppe vereint und sprachen mit gedämpften Stimmen, indem sie gelegentlich zu zwei Männern am entgegengesetzten Ende des Wagens hinüberblickten, deren Uniformen und Abzeichen sie als der Polizei zugehörig erkennen ließen. Der Rest der Wageninsassen bestand aus einigen Frauen der arbeitenden Klasse und ein oder zwei Reisenden, die sehr wohl kleine Kaufleute aus der Umgebung sein mochten, sowie einem jungen Mann, der in einer Ecke für sich allein saß. Wir wollen uns diesen genauer betrachten, denn er spielt in unserer Erzählung eine wichtige Rolle.

Er hatte eine frische Gesichtsfarbe und eine untersetzte Gestalt. Nach seinem Aussehen würde man ihn für nahe an die Dreißig halten. Große intelligente, humorvolle Augen hinter Augengläsern überflogen von Zeit zu Zeit die Reisegesellschaft. Wie man leicht sehen konnte, war er von anspruchslosem, freundlichen Wesen, anscheinend bestrebt, jedermanns Freund zu sein. Man brauchte kein Menschenkenner zu sein, um in ihm eine mitteilsame, gesellige Natur von heiterer Veranlagung zu erkennen. Wer ihn indessen eingehender betrachtete, konnte nicht verfehlen, eine ungewöhnliche Festigkeit der Kinnbildung und des Mundes zu bemerken, die auf größere Tiefen deutete und wohl den Gedanken aufkommen lassen konnte, daß dieser sympathische, braunhaarige junge Ire den Stempel seiner Persönlichkeit, ob im guten oder bösen Sinne bleibe dahingestellt, jeder Gesellschaft, in der er sich befand, aufdrücken würde.

Nachdem er an dem ihm zunächstsitzenden Bergmann einige einladende Bemerkungen gerichtet, jedoch darauf nur kurze, unfreundliche Antworten empfangen hatte, bewahrte er ein entsagenden Stillschweigen und starrte mißmutig aus dem Fenster in die dämmernde Landschaft hinaus. Es war kein erfreulicher Ausblick. Durch die sinkende Dunkelheit zuckte die rote Glut der Hochöfen beiderseits des Talhanges. Berge von Schlacke und anderem Abfall waren auf den Halden zu beiden Seiten der Bahn angehäuft, und darüber erhoben sich die turmartigen Aufbauten der Kohlenschächte. Längs der Bahnstrecke waren Gruppen schäbiger Holzhäuser verstreut, deren Fenster sich allmählich in dem Lichtschein von innen abzuzeichnen begannen. Die vielen Haltestellen waren von schmierigen, rußiges Einwohnern bevölkert. Die Eisen- und Kohlentäler des Vermissa-Gebietes waren kein Aufenthalt für die Müßigen und Kultivierten. Überall sah man finstere Spuren des rauhesten Existenzkampfes, der schweren Arbeit und der ungeschlachten Männer, die sie ausführten.

Als der junge Reisende das düstere Bild der Landschaft in sich aufnahm, konnte man in seinem Gesicht eine Mischung von Widerwillen und Interesse erkennen, die daraufhin deutete, daß es ihm neu war. Öfters zog er aus seiner Tasche einen umfangreichen Brief, in dem er nachlas, und auf dessen Rand er Anmerkungen kritzelte. Einmal holte er aus seiner Weste etwas hervor, das man kaum im Besitz eines anscheinend so gutmütigen Menschen vermutet hätte. Es war ein Armeerevolver größten Kalibers. Als er diesen schräg dem Lichte zukehrte, gewahrte man Messinghülsen in der Trommel, die zeigten, daß jeder Lauf geladen war. Schnell barg er ihn wieder in seiner geheimen Tasche, aber nicht ohne daß ein Arbeiter, der auf der benachbarten Bank saß, es bemerkte.

»Hallo, Kamerad,« sagte er, »Sie sind gut gerüstet.«

Der junge Mann lächelte mit allen Anzeichen der Verlegenheit.

»Jawohl,« antwortete er, »wir gebrauchen dergleichen manchmal in dem Ort, wo ich herkomme.«

»Und wo ist das?«

»Ich war zuletzt in Chicago.«

»Fremd hier?«

»Jawohl.«

»Sie werden ihn vielleicht auch hier gebrauchen«, sagte der Arbeiter.

»So, so«, antwortete der junge Mann anscheinend interessiert.

»Haben Sie denn nichts gehört, von dem, was sich hier begibt?«

»Nichts Besonderes.«

»So? Ich habe geglaubt, daß man überall davon redet. Sie werden es schnell genug erfahren. Was führt Sie hierher?«

»Ich habe gehört, daß es hier Arbeit für willige Leute geben soll.«

»Gehören Sie zu einer Gewerkschaft?«

»Selbstverständlich.«

»Dann werden Sie auch Arbeit kriegen. Haben Sie Freunde hier?«

»Noch nicht, aber ich hoffe mir welche zu machen.«

»Wieso das?«

»Ich bin bei der Loge der freien Männer. Wir haben Niederlassungen in jeder Stadt, und in jeder Niederlassung werde ich Freunde finden.«

Diese Bemerkung hatte auf den anderen eine eigenartige Wirkung. Er sah sich verstohlen nach seinen Mitreisenden um. Die Bergleute bildeten noch immer eine abgesonderte, flüsternde Gruppe. Die zwei Polizisten am entgegengesetzten Ende des Wagens dösten. Er kam herüber und setzte sich neben den jungen Mann, ihm die Hand entgegenstreckend.

»Schlagen Sie ein«, sagte er.

Der junge Fremde tat es mit einer eigenartigen Bewegung.

»Ich sehe, Sie sprechen die Wahrheit. Aber man muß heutzutage sicher gehen.«

Er hob seine rechte Hand an die rechte Augenbraue, der Fremdling die linke an das linke Auge.

»Dunkle Nächte sind bedrückend«, sagte der Arbeiter.

»Jawohl, für einsame Wanderer«, sagte der andere.

»Die Sache hat ihre Richtigkeit; ich bin Bruder Scanlan, Loge 341, Vermissa-Valley. Ich heiße Sie hier willkommen.«

»Danke. Ich bin Bruder John McMurdo, Loge 29, Chicago, Logenmeister J. H. Scott. Ich freue mich, so schnell einen Bruder zu finden.«

»Na, es sind genügend von uns da. Sie werden kaum irgendwo anders in den Staaten die Loge so zahlreich vertreten finden, wie gerade hier im Vermissa-Tal. Solche jungen Leute wie Sie können wir hier gut gebrauchen. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, daß ein gesunder, kräftiger Mensch und Gewerkschaftler in Chicago keine Arbeit finden kann.«

»Ich hätte genug finden können«, sagte McMurdo.

»Warum sind Sie dann fortgezogen?«

McMurdo nickte in der Richtung nach den beiden Polizeileuten und lächelte.

»Die zwei Leute würden sich freuen, das zu hören«, sagte er.

Scanlan seufzte mitfühlend.

»In Schwierigkeiten?« fragte er flüsternd.

»Brunnentief.«

»Eine Strafsache?«

»Und sonstiges.«

»Jemand dabei umgekommen?«

»Es ist noch etwas verfrüht, über solche Sachen zu sprechen«, sagte McMurdo in der Haltung eines Mannes, der sich verleiten ließ, mehr zu sagen, als er wollte. »Ich hatte meine guten Gründe, Chicago zu verlassen und das muß Ihnen für den Augenblick genügen. Wer sind Sie denn überhaupt, daß Sie mich über solche Dinge ausfragen wollen?«

Zorn und Ärger blitzten bei diesen Worten aus seinen grauen Augen hinter den Gläsern hervor.

»Na, na, Kamerad, nichts für ungut. Unsere Jungen werden nicht schlechter von Ihnen denken, wenn Sie etwas angestellt haben. Wo wollen Sie hin?«

»Nach Vermissa.«

»Das ist die dritte Station von hier. Wo werden Sie dort wohnen?«

McMurdo nahm ein Kuvert aus seiner Tasche und hielt es dicht an die trübe Öllampe.

»Hier habe ich die Adresse – Jakob Shaster, Sheridan Street. Das ist eine Pension, die mir von einem Bekannten in Chicago empfohlen wurde.«

»Mir unbekannt, aber in Vermissa bin ich nicht zu Hause. Ich wohne in Hobsons Patch, wo wir eben einfahren. Vor dem Aussteigen möchte ich Ihnen noch einen guten Rat geben. Wenn Sie in Vermissa in Schwierigkeiten geraten sollten, gehen Sie geradeswegs zum Union-Haus und suchen Meister McGinty auf. Er ist Logenmeister der Loge in Vermissa, und in dieser Gegend hier geschieht nichts, was dem schwarzen Jack McGinty nicht paßt. Auf Wiedersehen, Kamerad. Vielleicht treffen wir uns einmal abends bei einer Logensitzung. Denken Sie an das, was ich Ihnen gesagt habe; wenn Sie in Schwierigkeiten sind, gehen Sie zu Meister McGinty.«

Nachdem Scanlan ausgestiegen war, blieb McMurdo wieder allein mit seinen Gedanken zurück. Die Nacht hatte sich inzwischen herniedergesenkt. Die Flammen der vielen Öfen an beiden Seiten der Bahnstrecke loderten brausend zum Himmel empor. Sie bildeten den grellen Hintergrund dunkler Gestalten, die man in allen möglichen Stellungen sah, gebeugt, hochaufgerichtet, knieend, liegend, ziehend und schlagend. Dazu das Knirschen und Dröhnen der Krane und der Rhythmus dröhnender Hämmer und Maschinen.

»So ähnlich muß es in der Hölle aussehen, glaube ich«, hörte er eine Stimme neben sich.

Als sich McMurdo umwandte, sah er einen der beiden Polizisten, der seinen Platz gewechselt hatte und nun in die flammende Öde hinausstarrte.

»Ich glaube allerdings auch,« sagte der andere Polizist, »daß es in der Hölle nicht viel schlimmer sein kann. Wenn es dort noch größere Bösewichte gibt, als einige hier oben sind, die ich mit Namen nennen könnte, dann will ich mich hängen lassen. Sie sind wohl fremd in dieser Gegend hier, junger Mann?«

»Und wenn schon«, antwortete McMurdo barsch.

»Ich frage darum, mein Lieber, weil ich Ihnen raten möchte, vorsichtig in der Wahl Ihrer Freunde zu sein. Ich würde an Ihrer Stelle nicht mit Michel Scanlan oder einem seiner Bande den Anfang machen.«

»Zum Teufel, was geht denn das Sie an, wer meine Freunde sind?« brauste McMurdo auf, mit einer Stimme, die man im ganzen Wagen von einem bis zum anderen Ende hören konnte. »Habe ich Sie um Rat gebeten und halten Sie mich für so blöd, daß Sie annehmen, ich könne nicht ohne Ihre Ermahnungen fertig werden? Reden Sie, wenn Sie gefragt werden, und, weiß Gott, soweit es auf mich ankommt, können Sie darauf lange warten.«

Mit vorgestrecktem Kopf und gefletschten Zähnen, wie ein knurrender Hund, stierte er die beiden Polizisten an. Diese schwerfälligen, gutmütigen Menschen waren ganz verblüfft über den Ausbruch des Zornes, den ihre freundschaftlichen Bemerkungen hervorgerufen hatten.

»Nichts für ungut, Fremder«, sagte der eine. »Unser Rat war nur zu Ihrem Besten gemeint, da Sie doch hier unbekannt sind, wie Sie sagten.«

»Ich bin zwar hier unbekannt, kenne aber euch und euresgleichen«, schrie McMurdo in voller Wut. »Ihr seid überall die gleichen and drängt einem fortwährend Ratschläge auf, die niemand haben will.«

»Ich glaube, wir werden von Ihnen in nicht allzuferner Zeit noch hören«, sagte einer der beiden Polizeileute grinsend. »Sie scheinen ja ein ganz Ausgekochter zu sein, wenn ich mich nicht täusche.«

»Das kommt auch mir so vor«, bemerkte der andere. »Ich glaube, wir werden bald mit ihm zu tun bekommen.«

»Ich habe keine Angst vor euch, bildet euch das nicht ein«, rief McMurdo. »Ich heiße Jack McMurdo und wenn Ihr etwas von mir wollt, so könnt Ihr mich bei Jakob Shafter in Vermissa, Sheridan-Street, finden. Wie Ihr seht, brauche ich mich vor euch nicht zu verstecken. Ob Tag oder Nacht, ich habe keine Angst, euch in die Augen zu sehen. Das merkt euch.«

Ein beifälliges Murmeln und Äußerungen der Bewunderung über das furchtlose Auftreten des Fremden drangen von den Bergleuten herüber, während die beiden Polizisten sich achselzuckend beschieden, ihr Gespräch miteinander wieder aufzunehmen. Einige Minuten später fuhr der Zug in den trübbeleuchteten Bahnhof ein, und der Aufbruch wurde allgemein, da Vermissa weitaus die größte Station auf der Strecke war. McMurdo ergriff seine lederne Handtasche und war eben im Begriff, in die Dunkelheit hinauszuschreiten, als ihn einer der Bergleute ansprach.

»Zum Teufel, Kamerad, Sie wissen mit diesen Kerls umzugehen«, sagte er mit ehrfürchtiger Scheu in der Stimme. »Es war großartig, Ihnen zuzuhören. Lassen Sie mich Ihnen die Tasche tragen und den Weg zeigen. Ich muß an Shafter vorbei, meine Hütte liegt auf demselben Weg.«

Als sie an den anderen Bergleuten vorbeigingen, wurde ihnen allseitig ein freundliches »Gute Nacht« zugerufen. Bevor noch der ungestüme McMurdo seinen Fuß in Vermissa niedergesetzt hatte, war er schon ein Mann von Ruf geworden.

Wenn schon die Umgegend ein Ort des Grausens war, überbot die Stadt selbst noch das niederdrückende Gefühl, das man von jener empfing. Das Tal draußen entbehrte wenigstens nicht einer gewissen düsteren Größe, durch die mächtigen Feuergarben und Rauchwolken, die vielfachen Anzeichen von Betriebsamkeit und Kraft, denen der Mensch in den gehäuften Bergen von Schlacke passende Denkmäler errichtet hatte. Die Stadt selbst stellte indessen den Höhepunkt schäbiger Häßlichkeit, von Schmutz und Unflat dar. Der Wagenverkehr hatte die breite Straße zu einem bräunlichen, gefurchten Brei von Schmutz und Schnee aufgerührt; die zahlreichen Gaslampen ließen lediglich eine lange Reihe von Holzhäusern, jedes mit einer Veranda davor, alle verlottert und von Schmutz starrend, erkennen. Gegen den Mittelpunkt der Stadt zu wurde der Anblick freundlicher, durch eine Reihe wohlbeleuchteter Läden und eine Gruppe von Likörstuben und Spielklubs, in denen die Bergleute ihre sauer verdienten, aber reichlichen Löhne vergeudeten.

»Das hier ist das Union-Haus«, sagte der Führer, indem er auf ein Gasthaus, das sich fast bis zu der Würde eines Hotels erhob, wies. »Es gehört Jack McGinty.«

»Was für ein Mensch ist das?« fragte McMurdo.

»Was? Haben Sie niemals von ihm gehört?«

»Wie konnte ich. Es ist Ihnen doch bekannt, daß ich hier völlig fremd bin.«

»Nun, ich habe geglaubt, daß sein Name in den ganzen Staaten einen Klang hat. Oft genug war er in den Zeitungen.«

»Weswegen?«

»Nun,« antwortete der Bergmann mit gesenkter Stimme, »wegen dieser Sache.«

»Welcher Sache?«

»Du lieber Gott! Nehmen Sie es mir nicht übel, aber Sie sind ein komischer Kauz, wie man so sagt. Es gibt nur eine einzige Sache in dieser Gegend, von der man spricht, und das sind die Rächer.«

»Ich glaube, ich habe davon schon in Chicago gehört. Eine Mörderbande, nicht wahr?«

»Ruhig, um des Himmels willen,« rief der Bergmann, der vor Schreck stehen blieb und seinen Begleiter entsetzt anstarrte. »Mensch, Sie werden sich hier nicht lange des Lebens erfreuen, wenn Sie auf offener Straße derartige Redensarten gebrauchen. Gar mancher hat schon wegen weniger daran glauben müssen.«

»Nun, ich weiß von gar nichts und rede nur so, wie ich es gedruckt gesehen habe.«

»Und ich möchte sagen, daß Sie noch lange nicht alles gelesen haben.« Der Mann blickte sich verstohlen um, als er sprach, wie einer, der die Dunkelheit nach lauernden Gefahren durchdringen will. »Wenn jemanden umbringen, Mord ist, dann gibt es hier, weiß Gott, Morde genug. Aber sprechen Sie, um des Himmels willen, den Namen Jack McGinty niemals in Verbindung damit aus, denn, Fremder, so wahr ich hier stehe, jeder Atemzug wird ihm hinterbracht, und er ist nicht der Mann, der jemals ein Auge über etwas zudrückt. Das dort ist das Haus, wohin Sie wollen, jenes, das ein bißchen von der Straße abliegt. In dem alten Jakob Shafter, dem es gehört, werden Sie einen der anständigsten Menschen kennenlernen, die es hier in der Stadt gibt.«

»Besten Dank«, sagte McMurdo.

Nachdem McMurdo die Hand seines neuen Bekannten geschüttelt hatte, stapfte er, die Reisetasche in der Hand, den Pfad entlang, der zu dem Hause führte. Die Tür öffnete sich sofort auf sein kräftiges Pochen, und eine Erscheinung trat in die Türöffnung, die grundverschieden von dem war, was er erwartet hatte.

Es war ein weibliches Wesen, jung, auffallend schön, von skandinavischem Typ, heller Gesichtsfarbe und blondem Haar, zu dem ein Paar schöner dunkler Augen, mit denen sie den Fremden überrascht betrachtete, einen eigenartigen Gegensatz bildete. Eine Blutwelle der Verlegenheit übergoß ihr blasses Gesicht. Wie sie so im Rahmen der Tür stand, glaubte McMurdo, niemals ein reizenderes Bild gesehen zu haben. Die düstere, niederdrückende Umgebung machte es noch anziehender, als es schon an sich war. Ein liebliches Veilchen, auf den schwarzen Schlackenhalden gewachsen, konnte nicht überraschender wirken. Das Bild hielt ihn so im Banne, daß er sie wortlos anstarrte, bis sie endlich das Schweigen brach.

»Ich habe geglaubt, es wäre Vater«, sagte sie mit einem angenehmen, leichten Anflug von schwedischem Akzent. »Wollen Sie ihn sprechen? Er ist unten in der Stadt, aber er muß jede Minute zurück sein.«

McMurdo staunte sie noch immer in offener Bewunderung an, bis sie ihre Augen verwirrt vor dem gebieterisch aussehenden Fremden niederschlug.

»Nein, Fräulein«, sagte er endlich. »Ich habe es nicht eilig damit. Ihr Haus wurde mir empfohlen. Ich dachte mir schon, daß es mir gefallen würde, aber jetzt weiß ich es.«

»Sie wissen es etwas schnell«, sagte sie schelmisch.

»Das muß man, wenn man nicht blind ist«, gab er zurück.

Sie lächelte geschmeichelt über das Kompliment.

»Treten Sie, bitte, näher«, sagte sie. »Ich bin Ettie Shafter, Mr. Shafters Tochter. Meine Mutter ist tot, und ich führe hier die Wirtschaft. Sie können beim Ofen sitzen, hier im Vorderzimmer, bis Vater zurückkommt. Da ist er schon, nun können Sie gleich alles mit ihm besprechen.«

Ein schwerfälliger, älterer Mann kam langsam den Pfad herauf. Einige Augenblicke genügten McMurdo, sich einzuführen. Er habe die Adresse von einem Freund in Chicago, Namens Murphy, erhalten, der sie wieder von jemandem anderen hatte. Shafter hatte keine Einwendungen. Der Fremde war mit dem Preis einverstanden, stimmte allen Bedingungen zu und schien über genügend Geldmittel zu verfügen. Für zwölf Dollar wöchentlich, vorauszahlbar, konnte er Zimmer und Verpflegung haben. Auf diese Weise geschah es, daß McMurdo, der sich als einen Flüchtling vor dem Gesetz bezeichnet hatte, sein Heim unter dem Dach von Shafter aufschlug und damit den ersten Schritt zu einer langen Folge düsterer Ereignisse machte, die viel später in einem fernen Lande enden sollten.

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2. Kapitel. Der Logenmeister.

2. Kapitel. Der Logenmeister.

McMurdo war eine jener Naturen, die sich schnell durchzusetzen verstehen. Man konnte ihn nicht übersehen, wo immer er auch sein mochte. In einer Woche hatte er sich bei Shafters bereits zu einer Persönlichkeit emporgeschwungen. Die zehn oder zwölf anderen Pensionäre, ehrenwerte Werkmeister oder kleine Angestellte aus den Kaufmannsgeschäften, waren Leute durchaus anderen Kalibers, als der junge Ire. Abends, wenn alle beisammen saßen, unterhielt er sie mit seinen Scherzen, mit seinen witzigen, lustigen Erzählungen und seinem fröhlichen Gesang. Er war der geborene Liebling der Gesellschaft. Die Macht seiner Persönlichkeit färbte stets auf seine Umgebung ab. Immer wieder zeigte er jedoch, ebenso wie im Eisenbahnwagen, eine Neigung zu plötzlichem, blinden Jähzorn, die allen, mit denen er zusammenkam, Scheu, vielleicht sogar Furcht einflößte. Vor dem Gesetz und allem, was damit zusammenhängt, zeigte er bittere Verachtung, die einige seiner Mitpensionäre zu erfreuen schien, andere dagegen beunruhigte. Er machte von Anfang an aus seiner Bewunderung der Tochter des Hauses kein Hehl und ließ erkennen, daß er an sie sein Herz verloren hatte. Als Verehrer war er keineswegs scheu und zögernd. Schon am zweiten Tag gestand er ihr seine Liebe und wiederholte dieses Geständnis tagtäglich, gleichgültig gegen alles, was sie dagegen einzuwenden hatte.

»Jemand anders!« pflegte er zu rufen. »Nun, dann sei der Himmel dem anderen gnädig. Er soll sich nur in acht nehmen. Soll ich mein Lebensglück und die Sehnsucht meines Herzens jemandem anderen zum Opfer bringen? Sie können nein sagen, so oft Sie wollen, Ettie, der Tag wird kommen, an dem Sie ja sagen, und ich bin noch jung genug, darauf zu warten.«

Er war ein gefährlicher Bewerber, dieser Ire, mit seiner glatten Zunge und seinem sympathischen, einschmeichelnden Wesen. Auch umgab ihn der Schimmer von Welterfahrung und des Geheimnisses, der niemals verfehlt, in einem weiblichen Wesen im Anfang Interesse und dann Liebe zu erwecken. Er konnte über die lieblichen Täler seiner irischen Heimat auf der fernen Insel, von den sanften Hügeln und saftigen Wiesen sprechen mit einer Beredsamkeit, die sie im Vergleich zu diesem Ort düsterer, schmutziger Häßlichkeit noch schöner erscheinen ließ. Außerdem erwies er sich vertraut mit dem Leben in den großen Städten des Nordens, Detroit, den großen Holzplätzen Michigans, Buffalo und Chicago, wo er in einer Sägemühle gearbeitet hatte. Danach kam die Romantik, die Andeutung von ungewöhnlichen Erlebnissen, die er in der einen jener großen Städte hatte, so ungewöhnlich und so geheimnisvoll, daß er darüber nicht sprechen konnte. Er ließ nur gelegentlich Bemerkungen über einen plötzlichen Abschied, den Bruch alter Bande und die Flucht in eine neue Welt fallen, die in diesem trübseligen Tal endigte. Ettie hörte ihm zu mit dem Schimmer von Mitleid und Mitgefühl in den dunklen Augen, zwei Gefühlsmomenten, die meistens so rasch und naturgemäß zu Liebe führen.

Es war McMurdo, als einem Menschen von guter Bildung, gelungen, zeitweise Beschäftigung als Buchhalter zu finden. Da ihn die Arbeit tagsüber gefesselt hielt, hatte er noch keine Gelegenheit gefunden, sich bei der Loge des Ordens der freien Männer zu melden. Er sollte jedoch bald daran erinnert werden, als ihm eines Abends Michel Scanlan, der Logenbruder, den er in der Bahn getroffen hatte, einen Besuch abstattete. Scanlan, ein kleiner, nervöser, dunkeläugiger Mann mit scharfen Gesichtszügen, schien sich über das Wiedersehen aufrichtig zu freuen. Nach einem oder zwei Glas Whisky kam er mit der Sprache über den Zweck seines Besuches heraus.

»Hören Sie, McMurdo,« sagte er, »ich erinnerte mich Ihrer Adresse und so habe ich mir erlaubt, Sie aufzusuchen. Ich bin erstaunt, daß Sie sich noch nicht dem Logenmeister vorgestellt haben. Warum haben Sie McGinty noch nicht aufgesucht?«

»Nun, ich mußte mich doch nach Arbeit umsehen. Ich hatte genug damit zu tun.«

»Sie müssen für ihn Zeit finden, und wenn Sie für nichts anderes welche haben. Großer Gott! Mensch, Sie sind ja geradezu verrückt, daß Sie nicht am ersten Morgen nach Ihrer Ankunft zur Union-Bar hinuntergegangen sind und Ihren Namen in die Liste eingetragen haben. Wenn Sie sich mit ihm überwerfen, – nun das darf eben nicht sein. Lassen Sie sich das gesagt sein.«

McMurdo zeigte sich gelinde überrascht.

»Ich bin jetzt über zwei Jahre in der Loge und habe noch niemals gehört, daß man es mit seinen Pflichten so genau nehmen muß.«

»Mag sein, vielleicht in Chicago.«

»Nun, es ist doch dieselbe Loge.«

»Wirklich?« Scanlan sah ihn lange und bedächtig an. In seinem Blick lag etwas wie eine Drohung.

»Oder nicht?«

»Darüber werden wir in einem Monat weiterreden. Ich habe gehört, daß Sie Zank mit den Polizisten hatten, nachdem ich ausgestiegen war.«

»Woher wissen Sie denn das?«

»Oh, es hat sich herumgesprochen – solche Dinge sprechen sich hier leicht herum, gute und böse.«

»Jawohl, ich hatte Zank. Ich habe den Hunden ordentlich meine Meinung gesagt.«

»Sie scheinen ein Mann nach McGinty’s Geschmack zu sein.«

»Warum? Haßt auch er die Polizei?«

Scanlan brach in ein lautes Gelächter aus.

»Suchen Sie ihn sobald wie möglich auf, lieber Junge,« sagte er, als er sich empfahl. »Wenn Sie es nicht tun, wird er Sie bald noch mehr hassen als die Polizei. Folgen Sie einem freundschaftlichen Rat und tun Sie es sogleich.«

Am selben Abend sollte McMurdo ein weiteres Erlebnis haben, das diesen Rat noch eindringlicher machte. Vielleicht waren seine Aufmerksamkeiten für Ettie allmählich zu deutlich geworden; jedenfalls begannen sie sich sogar schon dem schwerfälligen Gehirn seines schwedischen Hausherrn aufzudrängen. Dieser winkte dem jungen Mann, ihm in sein Privatzimmer zu folgen, wo er ohne Umschweife auf den Gegenstand der Unterredung zu sprechen kam.

»Mir scheint, Herr,« sagte er, »daß Sie Ihre Augen auf Ettie geworfen haben. Stimmt das, oder irre ich mich?«

»Es stimmt,« antwortete der junge Mann.

»Nun gut, dann möchte ich Ihnen ohne Zeitverlust sagen, daß es zwecklos ist. Es ist Ihnen schon jemand zuvorgekommen.«

»Das hat sie mir schon gesagt.«

»Na also, wenn sie es Ihnen gesagt hat, können Sie Gift darauf nehmen, daß es wahr ist. Hat sie Ihnen aber auch gesagt, wer der Betreffende ist?«

»Nein. Ich fragte sie, aber sie wollte nicht recht mit der Sprache heraus.«

»Sieht ihr ähnlich, dem kleinen Racker. Vielleicht wollte sie Sie damit nicht erschrecken –«

»Erschrecken?« In McMurdo flammte es heiß auf.

»Jawohl, mein Freund, erschrecken. Sie brauchen sich nicht zu schämen, vor ihm Furcht zu haben. Es ist Teddy Baldwin.«

»Und wer, zum Henker, ist das?«

»Er ist ein Führer der Rächer.«

»Rächer! Von denen habe ich schon gehört. Jeder Mensch spricht von ihnen, aber nur im Flüsterton. Warum das? Wer sind diese Rächer?«

Der Pensionsinhaber dämpfte unwillkürlich seine Stimme, wie jeder Mensch, der über diesen fürchterlichen Geheimbund sprach.

»Die Rächer,« sagte er, »sind der Orden der freien Männer.«

Der junge Mann fuhr auf.

»Was? Ich gehöre selbst zu diesem Orden.«

»Sie? Ich würde Sie nicht in mein Haus aufgenommen haben, wenn ich das gewußt hätte, – nicht einmal, wenn Sie mir hundert Dollar wöchentlich zahlten.«

»Was ist denn los mit diesem Orden? Er bezweckt doch nur Wohltätigkeit und Kameradschaft. So steht es in den Statuten.«

»Vielleicht anderswo, aber nicht hier.«

»Und wie ist er denn hier?«

»Eine Mörderbande, das ist er hier.«

McMurdo lachte ungläubig –.

»Wie wollen Sie das beweisen?« fragte er.

»Beweisen! Haben wir hier nicht fünfzig Morde gehabt, die das beweisen? Man braucht nur an Milman und van Shorst und die Nicholson-Familie, an den alten Hyam, den kleinen Billy James und alle die anderen zu denken. Beweisen! Gibt es etwa in diesem Tal einen Mann oder eine Frau, denen all dies unbekannt ist?«

»Lieber Freund,« sagte McMurdo ernst, »entweder nehmen Sie zurück, was Sie da gesagt haben, oder Sie beweisen es. Eines oder das andere müssen Sie tun, bevor ich dieses Zimmer verlasse. Versetzen Sie sich doch in meine Lage. Ich bin hier ein Fremder und gehöre einer Verbindung an, die nach meinem besten Wissen vollkommen harmlos ist. Sie ist über die ganzen Staaten verbreitet. Überall gilt sie als ehrenwert und harmlos. Ich bin gerade im Begriff, mich hier eintragen zu lassen, und nun kommen Sie und erzählen mir, daß es eine Mörderbande ist, die sich die Rächer nennt. Nach meinem Dafürhalten müssen Sie sich entweder entschuldigen, oder mir eine Aufklärung über das geben, was Sie gesagt haben.«

»Ich kann Ihnen nur sagen, was die ganze Welt weiß, Herr. Die Leute hängen zusammen wie ein Clan. Wer einen von ihnen beleidigt, hat es mit der ganzen Bande zu tun. Das weiß jedes Kind hier.«

»Es handelt sich wahrscheinlich um ganz gewöhnlichen Tratsch. Was ich haben möchte, sind Beweise,« sagte McMurdo.

»Wenn Sie lange genug hier gewohnt haben, werden Sie sich um Beweise nicht zu sorgen brauchen. Aber Sie sind doch selbst einer von der Bande. Es wird nicht lange dauern, bis Sie genau so schlecht sind, wie die anderen. Sie müssen sich nach einem anderen Quartier umsehen, Herr, hier können Sie nicht bleiben. Es ist schon schlimm genug, daß einer von euch meiner Ettie nachstellt und ich es nicht wagen kann, ihm das zu verbieten. Muß ich da noch einen Zweiten unter meinem eigenen Dach dulden? Nein, heute nacht können Sie noch hier schlafen, aber morgen müssen Sie hinaus.«

So wurde McMurdo nicht allein aus seinem gemütlichen Heim, sondern auch von dem Gegenstand seiner Liebe verbannt. Er fand sie am selben Abend allein Wohnzimmer sitzen und schüttete ihr sein Herz aus.

»Ihr Vater hat mir gekündigt,« sagte er. »Ich würde mir nichts daraus machen, wenn es sich nur um mein Zimmer handelte. Aber, Ettie, obwohl wir uns erst eine Woche kennen, sind Sie bereits mein Alles geworben, und ich kann nicht mehr ohne Sie leben.«

»Seien Sie doch still, Mr. McMurdo, Sie dürfen so nicht sprechen,« sagte das Mädchen. »Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß es für Sie zu spät ist. Es ist bereits ein anderer da, und wenn ich ihm mein Jawort auch noch nicht gegeben habe, so kann ich es doch keinem anderen geben!«

»Wenn ich der Erste gewesen wäre, hätte ich dann Aussicht gehabt, Ettie?«

Das Mädchen schlug die Hände vors Gesicht.

»Wollte Gott, daß Sie der Erste gewesen wären,« schluchzte sie.

McMurdo fiel vor ihr auf die Knie.

»Ettie! Ich beschwöre dich, daran festzuhalten,« rief er. »Wärest du imstande, diesem Manne dein und mein Lebensglück zu opfern? Folge der Stimme deines Herzens, Liebste. Sie ist ein besserer Wegweiser als all das, was man dir vorerzählt.«

Er hatte eine von Etties weißen Händen ergriffen, die er in seinen eigenen starken, braunen gefangenhielt.

»Sage, daß du die Meine sein willst, und wir werden der ganzen Welt trotzen.«

»Nicht jetzt.«

»Doch! Sogleich.«

»Nein, nein, Jack.«

Er schlang seine Arme um sie.

»Ich kann es hier nicht sagen. Kannst du mich nicht mit dir fortnehmen?«

Ein innerer Kampf zuckte einen Augenblick lang über McMurdos Gesicht, wich jedoch in wenigen Sekunden einem Ausdruck starrer Entschlossenheit.

»Warum nicht hier?« fragte er, »Du bist mein, und ich laße dich nicht, was auch immer kommen möge.«

»Warum können wir nicht zusammen fortgehen?«

»Nein, Ettie, ich kann nicht fort.«

»Aber warum?«

»Ich könnte niemals wieder der Welt in die Augen schauen, wenn ich mich von hier vertreiben ließe. Außerdem, was haben wir denn zu fürchten. Sind wir nicht in einem freien Land und Mitglieder eines freien Volkes? Was können uns denn die Leute anhaben, wenn ich dich liebe und du meine Liebe erwiderst?«

»Das verstehst du nicht, Jack. Du bist noch nicht lange genug hier. Du kennst diesen Baldwin nicht. Du kennst noch nicht McGinty und die Rächer.«

»Nein, ich kenne sie noch nicht, aber ich fürchte sie auch nicht und halte nichts von den Leuten,« sagte McMurdo. »Ich habe oft genug unter rauhem Volk gelebt, Liebling, und anstatt mich vor den Leuten zu fürchten, ist es gewöhnlich dazu gekommen, daß sie mich zu fürchten lernten. Jawohl, Ettie, die ganze Sache ist ein aufgelegter Wahnsinn. Wenn dein Vater recht hat und diese Leute hier im Tal tatsächlich Verbrechen über Verbrechen begangen haben, warum, frage ich dich, ist noch keiner zur Rechenschaft gezogen worden? Kannst du mir das sagen, Ettie?«

»Weil kein Mensch wagt, gegen sie als Zeuge aufzutreten, er würde es nicht vier Wochen überleben. Dagegen haben die Leute immer Zeugen in Bereitschaft, die beschwören, daß die Täter zur Zeit der Tat meilenweit von der Stätte des Verbrechens entfernt waren. Das alles mußt du doch gelesen haben, Jack. Man sagt doch, daß die Zeitungen in den ganzen Staaten voll davon sind.«

»Nun, ich habe einiges darüber gelesen, aber ich muß gestehen, daß ich es für müßiges Gerede hielt. Vielleicht auch haben die Leute Grund zu dem, was sie tun. Vielleicht werden sie unterdrückt und können sich nicht anders helfen.«

»Oh, Jack, ich kann dir nicht zuhören, wenn du so redest. Es ist genau dasselbe, was er immer sagt, – er, der andere.«

»Du meinst Baldwin? Er sagt dasselbe?«

»Jawohl, und deswegen hasse ich ihn aus ganzem Herzen. Aber ich fürchte ihn auch. Ich fürchte ihn wegen meiner selbst, aber noch mehr wegen Vater. Ich weiß ganz genau, was uns zustoßen würde, wenn ich verlauten ließ, wie es mir ums Herz ist. Darum habe ich ihn immer mit halben Versprechungen hinzuhalten gesucht. Darin liegt unsere einzige Rettung. Wenn du aber mit mir fliehen willst, Jack, könnten wir Vater mitnehmen und weit, weit fortgehen, wo uns die Leute nichts mehr anhaben können.«

Wieder spiegelte sich in McMurdos Gesicht ein innerer Kampf, und wieder erschien nach kurzem die steinerne Maske.

»Es wird dir nichts geschehen, Ettie, – weder dir noch deinem Vater. Und was diese Bösewichte anbelangt, so fürchte ich, daß du in mir, bevor noch viele Wochen vergangen sind, einen ebenso schlimmen erkennen wirst.«

»Nein, nein, Jack, das kann ich nicht glauben.«

McMurdo lachte bei diesen Worten bitter auf.

»Du lieber Gott! Wie wenig du mich kennst, Liebling. Du könntest dir in deiner Unschuld nicht einmal vorstellen, was in mir vorgeht. Aber wen haben wir denn da?«

Die Tür wurde in diesem Moment aufgerissen, und herein schlenderte ein junger Mann, in der Haltung eines Menschen, der sich ganz zu Hause fühlt. Es war eis hübscher, verwegen aussehender Bursche, ungefähr im selben Alter und von demselben Wuchs wie McMurdo. Sein anziehendes Gesicht, mit geschwungener Nase, war halb von einem breiten Filzhut beschattet, den abzuziehen er sich nicht die Mühe nahm. Ein Paar wilder, herrschsüchtiger Augen stierten zornig auf das Paar am Ofen. Ettie war erschrocken und in voller Verwirrung aufgesprungen.

»Ach, Sie sind es, Mr. Baldwin,« sagte sie. »Sie kommen früher, als ich dachte. Bitte nehmen Sie Platz.«

Baldwin stand da, die Hände auf die Hüften gestützt und glotzte McMurdo an.

»Wer ist das?« fragte er brüsk.

»Ein Freund von uns, Mr. Baldwin, – ein neuer Pensionär. Mr. McMurdo, darf ich Sie mit Mr. Baldwin bekannt machen?«

Die jungen Leute nickten sich mit saurer Miene zu.

»Miß Ettie hat Ihnen wohl schon erzählt, wie es zwischen uns beiden steht?« sagte Baldwin.

»Wenn Sie bestimmte Beziehungen meinen, von denen ich gehört haben soll, befinden Sie sich im Irrtum.«

»So, so, nun dann hören Sie eben jetzt davon. Diese junge Dame gehört mir, lassen Sie sich das gesagt sein. Und ein Spaziergang draußen wird Ihnen sehr gut tun.«

»Danke verbindlichst, aber ich habe keine Lust dazu.«

»Nein?« Grimmiger Zorn flammte dabei in den frechen Augen des Mannes auf. »Vielleicht haben Sie Lust, mit meinen Fäusten Bekanntschaft zu machen, Herr Pensionär.«

»Das habe ich,« rief McMurdo aufspringend. »Sie könnten mir nichts Angenehmeres vorschlagen.«

»Um Gottes willen, Jack, um Gottes willen,« rief Ettie entsetzt. »Er wird dich umbringen.«

»Also so weit sind wir schon?« sagte Baldwin mit einem Fluch. »Bis zu ›lieber Jack‹ seid ihr schon gekommen?«

»Ted, seien Sie doch vernünftig, – seien Sie doch lieb, um meinetwillen, Ted; wenn Sie mich wirklich liebhaben, zeigen Sie sich großmütig und nachsichtig.«

»Ich glaube, Ettie, wenn du uns allein lassen würdest, könnten wie unseren Streit besser und schneller schlichten,« warf McMurdo schnell ein. »Oder vielleicht kommen Sie mit mir ein bißchen auf die Straße hinunter, Baldwin. Wir haben einen schönen Abend, und sicherlich gibt es irgendwo einen freien Platz in der Nähe.«

»Mit Ihnen werde ich schon fertig werden, ohne mir die Hände beschmutzen zu müssen,« sagte der andere. »Sie werden sehr bald wünschen, niemals einen Fuß in dieses Haus gesetzt zu haben.«

»Warum nicht gleich jetzt?« rief McMurdo.

»Ich tue, was mir beliebt, Mister, und suche mir den Zeitpunkt, der mir paßt, selber aus. Sehen Sie her!« Er rollte seinen Ärmel auf, unter dem am Unterarm ein eigenartiges Mal, ein Dreieck innerhalb eines Kreises, anscheinend eingebrannt war. »Wissen Sie, was das bedeutet?«

»Ich weiß es nicht und habe nicht den Wunsch, es zu wissen.«

»Nun, Sie werden es erfahren, – darauf können Sie Gift nehmen, – und zwar bevor Sie einige Tage älter geworden sind. Miß Ettie kann Ihnen etwas davon erzählen. Und du, Ettie, du wirst noch auf den Knien vor mir herumrutschen. Hörst du, Mädel? Auf den Knien! Und dann werde ich dir sagen, was deine Strafe sein wird. Du hast gesät, und, so wahr ich hier stehe, du wirst ernten.« Mit einem wütenden Blick auf beide schwang er sich herum, und einen Augenblick später hörte man die Eingangstür mit Getöse zuschlagen.

McMurdo und das Mädchen verharrten eine Zeitlang in völligem Schweigen. Dann schlang sie ihre Arme um ihn.

»Oh, Jack, wie tapfer du bist! Aber es hat keinen Zweck. Du mußt fliehen noch heute nacht, Jack, heute nacht. Es ist deine einzige Hoffnung. Er wird dir ans Leben gehen. Ich las es in seinen entsetzlichen Augen. Was hast du für eine Aussicht gegen diese Bande mit Meister McGinty und der Macht der Loge hinter sich?«

McMurdo löste sich zärtlich aus der Umarmung, küßte sie und schob sie sanft auf ihren Stuhl zurück.

»Nein, nein, du kannst über mich ganz beruhigt sein. Ich bin selbst einer von den Freimännern, wie ich deinem Vater bereits gesagt habe, und bin wahrscheinlich nicht einmal besser als die anderen. Darum darfst du keinen Heiligen aus mir machen. Vielleicht wirst du auch mich hassen, nachdem ich dir das gesagt habe.«

»Dich hassen. Jack? Das kann ich nicht und wenn ich hundert Jahre alt würde. Ich habe gehört, daß es anderswo nichts Schlimmes ist, ein Freimann zu sein, und warum sollte ich daher etwas Schlechtes von dir denken? Wenn du aber einer bist, Jack, weshalb gehst du dann nicht hinunter und machst dich mit McGinty bekannt? Geh doch, Jack, geh schnell! Sieh zu, daß du der Erste am Platz bist, bevor er die Hunde auf deine Fährte hetzen kann.«

»Daran habe ich schon gedacht,« sagte McMurdo. »Ich werde sofort gehen und die Geschichte ins reine bringen. Du kannst deinem Vater sagen, daß ich heute nacht noch hier schlafe, mir aber morgen ein anderes Quartier besorgen werde.«

Die Bar von McGintys Gasthaus war wie gewöhnlich überfüllt, denn sie war das Rendezvous der ziemlich zahlreichen gewalttätigen Elemente der Stadt. McGinty war unter diesen Leuten ziemlich beliebt. Seine gerade, aber herzliche Manier, mit ihnen umzugehen, war indessen nur eine Maske, hinter der sich gar manches verbarg. Abgesehen von seiner Beliebtheit war schon die Furcht, die er der ganzen Stadt, vielleicht sogar der ganzen Gegend einflößte, Veranlassung genug, um seine Bar zu füllen, denn jedermann wollte sich mit ihm gut stellen.

Außer der geheimen Macht, über die er verfügte, und die er, wie man sagte, in einer rücksichtslosen Weise gebrauchte, besaß er noch eine öffentliche Machtstellung als Stadtrat und Referent des Verkehrswesens, die er sich mit den Stimmen seiner zahlreichen Anhänger aus den untersten Schichten der Bevölkerung ergattert hatte, denen er seinerseits mancherlei Dienste zu erweisen verstand. Obgleich die Steuern drückend waren, wurden alle öffentlichen Einrichtungen völlig vernachlässigt. Die Prüfung der städtischen Ausgaben lag in den Händen bestochener Revisoren. Der anständige Bürger war derartig verschüchtert, daß er sich ohne Widerstreben und ohne mit der Wimper zu zucken, den Erpressungen der herrschenden Gilde unterwarf, aus Furcht, ihm könne sonst noch Schlimmeres widerfahren. So geschah es, daß von Jahr zu Jahr McGintys Brillantnadeln aufdringlicher und die goldenen Ketten, die sich über seine prächtigen Westen spannten, schwerer wurden; sein Gasthaus erweiterte sich ständig, so daß man den Eindruck gewann, es würde einmal eine ganze Seite des Marktplatzes verschlingen.

McMurdo stieß die Drehtür zu der Bar auf und bahnte sich einen Weg durch die Menge, die in dem von Tabakrauch und den Dünsten geistiger Getränke geschwängerten Raum lärmend herumsaß. Der Raum war prächtig erleuchtet. Das Licht der zahllosen Lampen wurde von den schwervergoldeten Spiegeln, mit denen die Wände bedeckt waren, allseitig zurückgeworfen. Einige Mixer hatten alle Hände voll zu tun, um den Wünschen der Männer, die den schwer mit Messing beschlagenen Bartisch umlagerten, gerecht zu werden. An einem Ende der Bar stand, an den Bartisch gelehnt, ein großer, stattlicher Mann mit einer Zigarre im Mundwinkel, der niemand anderen als der vielgenannte McGinty sein konnte. Er war ein Mensch von riesenhaften Ausmaßen mit einer schwarzen Mähne, die vorn bis tief in die Stirn und hinten bis auf den Kragen fiel. Seine Gesichtsfarbe war so dunkel wie die eines Italieners. Seine kohlschwarzen Augen, die im Zorn leicht schielten, verliehen ihm ein eigenartig drohendes Aussehen. Aber trotz allem paßte das rustikale Äußere dieses Mannes sehr gut zu dem offenen Wesen und zu der fast herzlichen Manier, die er seinen Mitmenschen gegenüber zur Schau zu tragen pflegte. Hier, würde man sich denken, haben wir einen offenen, ehrlichen Menschen vor uns, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, wie brüsk und rauh auch seine Ausdrucksweise sein mag. Erst wenn man einen Blick in seine glanzlosen, schwarzen Augen getan hatte, die tief und drohend in ihren Höhlen lagen, fühlte man jenen geheimen Schauder, den wir empfinden, wenn wir einem Menschen gegenüberstehen, in dem wir ungeahnte Möglichkeiten zum Bösen, gepaart mit Kraft, Mut und List erkennen. Nachdem McMurdo seinen Mann einer eingehenden Musterung unterzogen hatte, schlenderte er mit der ihm eigenen sorglosen Keckheit auf ihn zu und schob sich durch die kleine Gruppe von Männern, die ihn umgab, Speichellecker, die sich in die Gunst des mächtigen Mannes einzuschmeicheln suchten, und über jedes geringste seiner Scherzworte in brüllendes Gelächter ausbrachen. Die grauen Augen des jungen Fremden blickten furchtlos durch die Gläser in die scharf auf ihn gerichteten schwarzen Augen vor ihm.

»Nun, junger Mann, Ihr Gesicht ist mir noch neu.«

»Ich bin hier noch ein Fremder, Mr. McGinty.«

»Aber nicht so fremd, daß Sie nicht einen Herrn mit seinem richtigen Titel ansprechen könnten.«

»Es ist Rat McGinty, junger Mann,« sagte eine Stimme aus der Gruppe.

»Tut mir leid, Herr Rat, ich bin noch gänzlich unvertraut mit den hiesigen Gebräuchen. Man hat mir empfohlen, Sie aufzusuchen.«

»Nun gut, das haben Sie nun getan. Hier stehe ich in Lebensgröße. Und was halten Sie von mir, wenn ich fragen darf?«

»Ich weiß es noch nicht, aber ich möchte sagen, daß, wenn Ihr Herz so groß ist, wie Ihr Leib, und Ihre Seele so schön wie Ihr Gesicht, ich mir nichts Besseres wünschen könnte,« sagte McMurdo.

»Bei Gott, der Mann hat eine glatte Zunge,« rief der Gastwirt, der sich noch nicht darüber einig war, ob er auf die familiäre Eröffnung der Bekanntschaft eingehen oder seine Würde herauskehren sollte. »Sie sind also so freundlich, mit meiner Erscheinung zufrieden zu sein?«

»Jawohl,« sagte McMurdo.

»Und man hat Ihnen empfohlen, mich aufzusuchen?«

»Sehr richtig.«

»Und wer war dieser ›man‹?«

»Bruder Scalan von der Loge 341, Vermissa. Herr Rat, ich trinke auf Ihre Gesundheit und auf unsere bessere Bekanntschaft.«

Er erhob hierbei das Glas, das man vor ihn hingestellt hatte, an seine Lippen, indem er den kleinen Finger in einer eigenartigen Weise emporstreckte.

McGinty, der ihn scharf im Auge behalten hatte, zog bei diesen Worten die Stirn kraus.

»Aha, das ist es also,« sagte er. »Das muß ich mir etwas genauer besehen, Herr – –«

»McMurdo.«

»Und lassen Sie sich gesagt sein, Herr McMurdo, daß wir die Leute nicht ohne weiteres als das nehmen, als was sie erscheinen wollen; wir glauben ihnen nicht alles, was sie sagen. Treten Sie näher; hier hinter die Bar.«

Es war ein kleiner Raum, auf allen Seiten von Fässern eingerahmt. McGinty setzte sich, nachdem er die Tür vorsichtig geschlossen hatte, auf eines von ihnen, biß nachdenklich in seine Zigarre und überflog McMurdo mit seinen unbehaglichen Augen. Ein paar Minuten lang herrschte völlige Stille.

McMurdo hatte die Musterung, der er unterzogen worden war, mit unbefangen heiterer Miene ertragen. Die eine Hand hielt er in seiner Rocktasche, mit der anderen zwirbelte er seinen braunen Schnurrbart. Plötzlich bückte sich McGinty und zog einen gefährlich aussehenden Revolver hervor.

»Passen Sie auf, junger Mann. Wenn Sie glauben, mit uns Ihr Spiel treiben zu können, würde es Ihnen schlecht gehen.«

»Das ist ein sonderbarer Empfang eines fremden Bruders seitens des Meisters einer verbündeten Loge,« erwiderte McMurdo mit Würde.

»Daß Sie ein Bruder sind, müssen Sie uns erst beweisen,« sagte McGinty, »und Gott sei Ihnen gnädig, wenn Sie es nicht können. Wo sind Sie eingetreten?«

»Loge 29, Chicago.«

»Wann?«

»Am 24. Juni 18…«

»Wie hieß der Logenmeister?«

»James H. Scott.«

»Und wie der Distriktsmeister?«

»Bartolomäus Wilson.«

»Hm! Ihre Antworten klingen ja recht sicher. Was machen Sie hier?«

»Ich arbeite, genau so wie Sie; verdiene aber wahrscheinlich weniger.«

»Sie sind wohl einer von denen, die stets das letzte Wort haben müssen?«

»Jawohl, das ist eine Eigenart von mir.«

»Und Sie sind im Handeln ebenso flink wie mit der Zunge?«

»Das haben Leute von mir behauptet, die mich gut kennen.«

»Das werden wir vielleicht schneller, als Sie glauben, auf die Probe stellen können. Haben Sie etwas über die hiesige Loge gehört?«

»Ich habe gehört, daß man ein Mann sein muß, um hier aufgenommen zu werden.«

»Stimmt auffallend, Herr McMurdo. Und warum sind Sie aus Chicago fortgezogen?«

»Ich will eher verdammt sein, als daß ich Ihnen das erzähle.«

McGinty riß die Augen auf. Er war nicht gewohnt, daß man in diesem Ton mit ihm sprach und war offenkundig darüber belustigt.

»Und warum nicht, wenn ich fragen darf?«

»Weil kein Bruder den anderen belügen darf.«

»Ist denn die Wahrheit so schlimm?«

»Das können Sie halten, wie Sie wollen.«

»Nun gut, Mister, Sie können doch nicht erwarten, daß ich als Logenmeister jemanden in die Loge aufnehme, für dessen Vergangenheit ich nicht einstehen kann.«

McMurdo war etwas verblüfft. Dann zog er aus einer inneren Tasche einen Zeitungsausschnitt.

»Sie werden doch einen Kameraden nicht verraten?« sagte er.

»Ich werde Ihnen mit der Faust über das Gesicht wischen, wenn Sie so etwas noch einmal sagen,« rief McGinty zornig.

»Sie haben recht, Herr Rat,« warf McMurdo verschüchtert ein. »Ich muß um Entschuldigung bitten. Es war gedankenlos von mir. Ich weiß mich nun in sicheren Händen. Werfen Sie bitte einen Blick auf diesen Ausschnitt.«

McGinty überflog ihn und entnahm daraus einen Bericht über die Ermordung eines gewissen Jonas Pinto in der Lake-Bar, Marktstraße, Chicago.

»Ihr Werk?« fragte er, indem er das Papier zurückreichte.

McMurdo nickte mit dem Kopf.

»Und warum haben Sie ihn niedergeschossen?«

»Ich half Onkel Sam Dollar erzeugen. Die meinen waren vielleicht nicht so gut wie die seinen, aber sie sahen ebensogut aus und waren billiger in der Herstellung. Pinto half mir, sie zu verschieben.«

»Was zu tun?«

»Ich meine, er half mir, sie unter die Leute zu bringen. Dann drohte er mir, mich zu verraten, aber das hat er nicht getan. Ich habe nämlich nicht darauf gewartet, sondern habe ihn niedergeschossen und bin hierher gekommen, so schnell ich konnte.«

»Warum gerade hierher?«

»Weil ich in den Zeitungen las, daß man hier bei Einstellungen nicht besonders eigen ist.«

McGinty lachte.

»Also Sie waren zuerst ein Falschmünzer, sind dann ein Mörder geworden und darauf zu uns gekommen, weil Sie glaubten, hier mit offenen Armen aufgenommen zu werden.«

»Stimmt ungefähr,« rief McMurdo.

»Sie scheinen ein ganz geriebener Junge zu sein. Sagen Sie mal, können Sie diese Dollar noch immer machen?«

McMurdo zog etwa ein halbes Dutzend dieser Geldscheine aus der Tasche.

»Diese haben die Banknotendruckerei in Washington niemals gesehen,« sagte er.

»Was Sie nicht sagen!« McGinty hielt sie in seiner riesigen Hand, die behaart war wie die eines Gorilla, gegen das Licht. »Ich kann keinen Unterschied entdecken. Bei Gott, Sie werden einen brauchbaren Bruder abgeben, wenn mich nicht alles täuscht. Wir können einen oder zwei der gefährlicheren Sorte unter uns noch recht gut gebrauchen, Freund McMurdo, denn wir leben in Zeiten, wo wir uns gehörig umzusehen haben. Wir würden sehr bald an die Wand gedrückt werden, wenn wir diejenigen, die uns drücken, nicht wieder zurückstoßen würden.«

»Nun, ich bin gern bereit mein Teil an dieser Arbeit zu übernehmen.«

»Sie sind ein kaltblütiger Bursche, das muß ich sagen. Haben nicht mit der Wimper gezuckt, als ich die Pistole auf Sie richtete.«

»Nicht ich war dabei in Gefahr.«

»Wer denn?«

»Sie selbst, mein lieber Herr Rat,« sagte McMurdo, indem er einen gespannten Revolver aus der Seitentasche seiner Jacke zog. »Ich hatte Sie die ganze Zeit über auf dem Korn, und mein Revolver wäre wohl ebenso schnell losgegangen, wie der Ihrige, wenn nicht schneller.«

Eine Zornesröte ergoß sich bei diesen Worten über McGintys Gesicht. Dann brach er in ein schallendes Gelächter aus.

»Bei Gott!« sagte er. »Es sieht so aus, als ob Sie der Stolz unserer Loge werden würden. Wir haben seit Jahren keinen so frechen Burschen mehr bei uns gehabt. – Was in des Teufels Namen wollen Sie hier? Kann man sich denn nicht fünf Minuten mit einem Herrn allein unterhalten, ohne gestört zu werden?«

Ein Mixer stand vor ihm, ganz betroffen.

»Ich bitte um Entschuldigung, Herr Rat, aber Mr. Baldwin ist da und sagt, er müsse Sie dringend sprechen.«

Diese Anmeldung war überflüssig, denn das harte, grausame Gesicht des Angemeldeten blickte bereits über die Schulter des Barmannes. Baldwin schob den Eingeschüchterten hinaus und schloß die Tür hinter ihm.

»Aha!« sagte er mit einem wütenden Blick auf McMurdo. »Sie sind mir zuvorgekommen. Ich möchte mit Ihnen über diesen Mann reden, Herr Rat.«

»Dann sagen Sie, was Sie zu sagen haben, sofort und mir ins Gesicht,« rief McMurdo.

»Ich werde es sagen, wie und wann ich will.«

»Zur Ruhe, meine Herren,« sagte McGinty, indem er sich von dem Faß erhob. »Das kann ich nicht zulassen. Dies hier ist ein neuer Bruder, Baldwin, und es geht nicht an, ihn in dieser Weise zu begrüßen. Geben Sie ihm die Hand, Mann, und machen Sie Frieden.«

»Niemals,« rief Baldwin wütend.

»Ich habe ihm angetragen, mit ihm zu kämpfen, da er glaubt, mir grollen zu müssen,« sagte McMurdo. »Ich bin bereit, mit ihm zu kämpfen, mit meinen Fäusten, oder, wenn ihm das nicht paßt, auf jede andere Weise, die er vorschlägt. Das ist die ganze Sache, und ich bitte um Ihr Urteil, Herr Rat, als das eines Logenmeisters über zwei streitende Brüder.«

»Um was handelt es sich denn?«

»Eine junge Dame. Ich meine, sie kann wählen, wen sie will.«

»So, glauben Sie?« rief Baldwin.

»Jawohl, das ist auch meine Ansicht,« sagte McGinty. »Als Brüder derselben Loge seid ihr gleich.«

»Das ist also Ihre Entscheidung?«

»Sehr richtig, Ted Baldwin,« sagte McGinty, ihn bösartig anstierend. »Wollen Sie vielleicht dagegen Widerspruch erheben?«

»Sie entscheiden also zugunsten eines Mannes, den Sie heute das erstemal sehen, gegen einen, der seit fünf Jahren mit Ihnen durch dick und dünn geht? Sie sind nicht auf Lebenszeit gewählt, Jack McGinty, und bei Gott, wenn es wieder zur Wahl kommt, –«

McGinty sprang wie ein Tiger auf ihn zu. Seine Faust schloß sich um des Anderen Gurgel. Mit der Riesenkraft, deren er fähig war, stieß er Baldwin zu Boden, so daß er über die Fässer fiel. Er hätte ihn zweifellos erwürgt, wenn nicht McMurdo dazwischen getreten wäre.

»Ruhe, Herr McGinty, um des Himmels Willen, bewahren Sie doch Ruhe,« rief er, indem er den Logenmeister von seinem Opfer trennte.

Baldwin hatte sich auf eines der Fässer gesetzt, tödlich erschrocken und verschüchtert. Er rang nach Atem und zitterte an allen Gliedern, wie einer, der dem Tod ins Auge gesehen hat.

»Sie haben das schon lange haben wollen, Ted Baldwin, und jetzt haben Sie es,« rief McGinty, dessen riesenhafte Brust heftig wogte. »Sie glauben wohl, wenn ich bei der nächsten Wahl zum Logenmeister durchfalle, daß Sie dann in meine Schuhe treten würden? Darüber hat die Loge zu entscheiden. Aber das sage ich Ihnen, solange ich der Loge vorstehe, wird kein Mann seine Stimme gegen mich oder meine Entscheidungen erheben.«

»Ich habe nichts gegen Sie,« murmelte Baldwin, seine Kehle betastend.

»Nun gut,« rief der andere, indem er in seine gewohnte Manier brüsker Herzlichkeit zurückfiel, »dann sind wir also alle wieder gute Freunde und damit Schluß.«

Er nahm von einem der Regale eine Flasche Sekt und entkorkte sie.

»Kommt her,« fuhr er fort, indem er drei hohe Gläser füllte, »wir wollen den Versöhnungstoast der Loge trinken. Der löscht, wie ihr wißt, jede Feindschaft aus. Also, mit der linken Hand an der Kehle frage ich euch, Ted Baldwin, um was war der Streit?«

»Die Wolken sind schwer,« antwortete Baldwin.

»Aber sie werden sich auf ewig aufhellen.«

»Und das beschwöre ich.«

Die beiden tranken ihren Sekt, worauf dieselbe Zeremonie zwischen Baldwin und McMurdo wiederholt wurde.

»Nun also,« rief McGinty, sich befriedigt die Hände reibend, »jetzt kein böses Blut mehr, sonst kommt die Sache vor die Entscheidung der Loge, und solche Entscheidungen sind streng hier bei uns, wie Bruder Baldwin bereits weiß und auch Sie, Bruder McMurdo, würden es bald erfahren, wenn Sie Streit suchen.«

»Fällt mir nicht ein,« sagte McMurdo und streckte Baldwin die Hand entgegen. »Ich bin rasch dabei, einen Streit zu beginnen, aber ebenso rasch im Vergeben; wahrscheinlich eine Schuld meines irischen Blutes. Für mich ist die Sache erledigt, und ich hege keinen Groll mehr.«

Es blieb Baldwin nichts anderes übrig, als die gereichte Hand zu ergreifen, denn die drohenden Augen des schrecklichen Meisters ruhten auf ihm. In seinem finsteren Gesicht deutete indessen nichts darauf hin, daß ihn die freundschaftlichen Worte des anderen berührt hatten.

McGinty klopfte beiden auf die Schulter.

»Diese Weibsbilder, diese Weibsbilder,« rief er, »man sollte nicht glauben, was sie für Unfrieden unter meinen Jungen stiften können. Der Teufel soll sie holen. Die letzte Entscheidung in dieser Sache liegt aber bei der Frauensperson. Wir in der Loge befassen uns mit solchen Entscheidungen nicht, und der Herr sei bedankt dafür. Wir haben schon genug mit uns selbst zu tun. Sie müssen in unsere Loge 341 eingeweiht werden, Bruder McMurdo. Wir haben hier unsere eigenen Arten und Methoden, die von denen in Chicago verschieden sind. Sonnabend abend ist unser Sitzungstag, und wenn Sie am nächsten Sonnabend zu uns kommen, werden wir Sie zu einem der Unsrigen machen.«

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5. Kapitel. Die Hauptpersonen des Dramas.

5. Kapitel. Die Hauptpersonen des Dramas.

»Haben Sie in der Bibliothek alles gesehen, was Sie sehen wollten?« fragte White Mason, als wir zum Haus zurückkehrten.

»Vorläufig«, sagte der Inspektor und Holmes nickte zustimmend.

»Dann wollen wir uns vielleicht jetzt anhören, was die Leute vom Hause zu sagen haben. Wir können in das Speisezimmer gehen, Ames. Am besten fangen wir gleich mit Ihnen an. Also kommen Sie und sagen Sie uns, was Sie wissen.«

zusammen nach vorne geeilt. Als er den Treppenaufgang erreicht habe, sei Mrs. Douglas eben die Treppen heruntergekommen. Nein, sie war keineswegs in Eile und schien nicht im geringsten erregt zu sein. Gerade als sie am Fuße der Treppe angelangt war, sei Mr. Barker aus der Bibliothek herausgestürzt. Dieser habe Mrs. Douglas angehalten und sie gebeten, wieder hinaufzugehen.

»Um Himmelswillen, gehen Sie auf Ihr Zimmer«, habe er gerufen. »Der arme Jack ist tot. Wir können nicht das geringste für ihn tun. Um Himmelswillen gehen Sie fort.«

Dies habe Mrs. Douglas auch nach einiger Überredung getan. Sie habe keinen Schrei ausgestoßen. Frau Allen, die Haushälterin, sei mit ihr hinaufgegangen und bei ihr im Zimmer geblieben. Er, Ames, und Mr. Barker seien dann in die Bibliothek gegangen, wo alles ganz genau so gelassen wurde, wie es die Polizei vorfand. Die Kerze brannte zu der Zeit nicht, wohl aber die Lampe. Sie beide hätten aus dem Fenster gesehen, aber die Nacht wäre so dunkel gewesen, daß man nichts wahrnehmen konnte. Danach seien sie wieder zurück zur Halle geeilt, und er habe die Zugbrücke heruntergelassen, worauf sich Mr. Barker daran gemacht habe, die Polizei zu verständigen.

Dies war im wesentlichen die Aussage des Dieners.

Die von Frau Allen, der Haushälterin, deckte sich im allgemeinen mit der ihres Kollegen. Ihr Zimmer liege etwas näher nach vorne als die Anrichte, in der Ames beschäftigt war. Sie sei eben daran gewesen, zu Bett zu gehen, als sie durch lautes Klingeln aufgeschreckt wurde. Sie sei etwas schwerhörig, und dies sei vielleicht der Grund, weshalb sie keinen Schuß gehört habe. Immerhin liege ihr Zimmer ziemlich weit abseits. Sie glaube sich jedoch an einen Knall erinnern zu können, dachte indessen nur an das Zuschlagen einer Tür. Dies sei auch eine ganze Weile früher gewesen, wenigstens eine halbe Stunde vor dem Glockenzeichen. Als Mr. Ames nach vorne lief, habe sie sich ihm angeschlossen. Sie habe gesehen, wie Mr. Barker, leichenblaß und in höchster Aufregung, aus der Bibliothek trat und Mrs. Douglas, die eben die Treppe herunterkam, anhielt. Er habe sie gebeten, zurückzugehen; die Antwort, die sie ihm gab, habe sie indessen nicht verstehen können.

»Führen Sie sie hinauf und bleiben Sie bei ihr!« habe er zu Frau Allen gesagt.

Sie sei daher mit ihrer Herrin in deren Schlafzimmer gegangen und habe versucht, sie zu beruhigen. Mrs. Douglas sei sehr erregt gewesen und habe am ganzen Körper gezittert, jedoch nicht wieder die Absicht geäußert, hinuntergehen zu wollen. Sie habe die ganze Zeit in ihrem Schlafrock am Kamin gesessen, den Kopf in die Hände gestützt. Frau Allen sei fast die ganze Nacht bei ihr gewesen. Die anderen Dienstboten seien alle zu Bett gewesen und hätten von dem schrecklichen Vorfall nichts gehört, bis die Polizei anlangte. Sie schliefen in einem Hinterflügel, wo sie selbst der stärkste Lärm, der vom Vorderhause ausging, nicht erreichen könne.

Dies war alles, was wir aus der Haushälterin herausbringen konnten. Ein eingehendes Kreuzverhör förderte nichts weiter zutage, als Klagen und Ausbrüche des Entsetzens.

Auf Frau Allen folgte Mr. Cecil Barker. Er hatte dem, was er der Polizei bereits gesagt hatte, wenig hinzuzufügen. Für seine Person war er überzeugt, daß der Mörder durch das Fenster entkommen sei. Die Blutspuren ließen nach seiner Ansicht über diesen Punkt keinen Zweifel zu. Außerdem habe der Mörder, da die Zugbrücke aufgezogen war, keinen anderen Rückzugsweg gehabt. Er habe keine Ahnung, was aus dem Mann geworden sei, und warum er sein Zweirad zurückgelassen habe, wenn es wirklich ihm gehörte. Ein Ertrinken im Festungsgraben sei ausgeschlossen, da er höchstens drei Fuß tief sei.

Er habe sich eine bestimmte Ansicht von dem Verbrechen gebildet. Douglas sei ein ziemlich verschlossener Mensch gewesen, und es habe Kapitel in seinem Leben gegeben, über die er niemals sprach. Douglas sei als junger Mensch von Irland nach Amerika ausgewandert, wo es ihm recht gut gegangen sei. Sie hätten sich in Kalifornien kennengelernt und seien Partner in einer ergiebigen Goldschürfung, die bei einem Ort namens Benito Canyon lag, geworden. Sie hätten beide sehr viel Geld verdient. Trotzdem habe Douglas seinen Anteil plötzlich verkauft und sei nach England abgereist. Douglas sei damals Witwer gewesen. Als später auch Barker seinen Besitz liquidierte, um sich in London niederzulassen, hätten sie beide ihre engen Beziehungen zueinander wieder aufgenommen. Er habe von Douglas den Eindruck empfangen, daß sich dieser bewußt war, in einer Gefahr zu schweben, und habe stets angenommen, daß dessen plötzliche Abreise aus Kalifornien, sowie der Umstand, daß er sich in einer derart abgeschiedenen Gegend niederließ, mit dieser Gefahr in Zusammenhang stehe. Er, Barker, vermute, daß irgend ein Geheimbund gefährlicher Art Douglas nachspürte, und ihn nicht zur Ruhe kommen ließ. Diese Vermutung gründe sich auf einige Bemerkungen, die Douglas gelegentlich fallen ließ, obwohl er sich niemals offen darüber ausgesprochen oder den Namen des Bundes und den Grund, warum er verfolgt werde, erwähnt habe. Er, Barker, könne nur annehmen, daß dies Zeichen auf der Karte Bezug auf den Geheimbund habe.

»Wie lange waren Sie mit Douglas zusammen in Kalifornien?« fragte Inspektor McDonald.

»Im ganzen fünf Jahre.«

»Er war damals Junggeselle, sagten Sie?«

»Nein, Witwer.«

»Haben Sie jemals gehört, woher seine erste Frau stammte?«

»Nein, ich erinnere mich nur, daß er sagte, sie sei schwedischer Herkunft. Auch habe ich ihr Bild gesehen. Sie war ungewöhnlich schön. Sie starb an Typhus, ein Jahr bevor ich ihn kennenlernte.«

»Können Sie seine Vergangenheit mit irgend einem bestimmten Teil Amerikas in Verbindung bringen?«

»Ich hörte ihn manchmal von Chikago sprechen, einer Stadt, die er sehr gut kannte, und wo er, wie er sagte, gearbeitet hatte. Dann erwähnte er öfter die Eisen- und Kohlengebiete. Er ist seinerzeit weit herumgekommen.«

»Beschäftigte er sich mit Politik, und war der Geheimbund vielleicht politischer Natur?«

»Nein, er hatte nicht das geringste Interesse für Politik.«

»Halten Sie dafür, daß es vielleicht eine Verbrecherbande war?«

»Das kann ich nicht glauben, denn einen ehrlicheren Menschen als ihn habe ich niemals kennengelernt.«

»Gab es irgend etwas in seiner Lebensweise in Kalifornien, das Sie zu Ihren Vermutungen anregte?«

»Er hielt sich meistens ganz für sich und blieb stets bei der Arbeit im Bergwerk. Die Gesellschaft anderer Leute mied er nach Möglichkeit. Das hat mich dazu geführt anzunehmen, daß er sich verfolgt wußte. Seine plötzliche Abreise nach Europa faßte ich als eine klare Bestätigung dieser Ansicht auf. Ich vermute, daß er von irgendeiner Seite gewarnt worden war. Er war noch keine Woche fort, als etwa ein halbes Dutzend Männer Nachforschungen nach ihm anstellte.«

»Welcher Art waren diese Leute?«

»Nun, ich möchte sagen, eine recht gefährlich aussehende Bande. Sie kamen zu unserer Schürfung und wollten wissen, wo er sei. Ich sagte ihnen, daß er nach Europa abgereist sei, und daß ich nichts Näheres über seinen Aufenthalt wisse. Sie wollten nichts Gutes von ihm, darüber kann kein Zweifel bestehen.«

»Waren diese Leute Amerikaner – Kalifornier?«

»Amerikaner waren sie sicher, ob Kalifornier, das weiß ich nicht. Jedenfalls waren es keine Goldgräber. Ich konnte mir kein Bild aus den Leuten machen und war froh, als sie mir den Rücken kehrten.«

»Das war vor sechs Jahren?«

»Eher schon sieben.«

»Da Sie also fünf Jahre mit ihm in Kalifornien waren, so müßte die Geschichte, um die es sich handelt, mindestens elf Jahre zurückliegen.«

»So ist es.«

»Das muß eine ernste Fehde sein, die so lange aufrecht erhalten wird. Um eine Kleinigkeit kann es sich hierbei nicht gehandelt haben.«

»Nach meiner Vermutung hat sie sein ganzes Leben verdüstert. Er war niemals völlig unbefangen.«

»Aber wenn ein Mensch weiß, daß er sich in Gefahr befindet und diese Gefahr kennt, würden Sie da nicht denken, daß er den Schutz der Behörden in Anspruch nehmen würde?«

»Vielleicht war es eine Art Gefahr, gegen die ihn auch die Behörden nicht schützen konnten. Etwas möchte ich Ihnen noch sagen: er war stets bewaffnet. Der Revolver verließ niemals seine Tasche. Das Unglück wollte es, daß er gerade im Schlafanzug war, als der Mord geschah. Offenbar hielt er sich für sicher, während die Zugbrücke aufgezogen war.«

»Ich möchte die Daten, die Sie uns gegeben haben, etwas genauer präzisiert wissen«, sagte McDonald. »Es ist nun mehr als sechs Jahre her, seit Douglas Kalifornien verließ. Sie folgten ihm das Jahr darauf, nicht wahr?«

»So war es.«

Holmes beteiligte sich nicht weiter an der Fragestellung, worauf Barker, der jeden von uns ostentativ mit einem Ausdruck ansah, in dem ich etwas wie Trotz zu lesen glaubte, sich umwandte und das Zimmer verließ.

Inspektor McDonald hatte Mrs. Douglas ein paar Zeilen geschickt, daß er sich erlauben würde, sie in ihrem Zimmer aufzusuchen, aber sie hatte geantwortet, daß sie zu uns in das Speisezimmer herunterkommen werde. Als sie eintrat, gewahrte ich eine hochgewachsene, schöne Frau, von ungefähr dreißig Jahren, zurückhaltend und ungewöhnlich beherrscht, ganz etwas anderes als die tragische und niedergebrochene Erscheinung, die ich erwartet hatte. Ihr Gesicht war wohl blaß und trug den müden Ausdruck eines Menschen, der einen großen Schreck ausgestanden hat, aber sie gab sich gefaßt und ihre schön geformte Hand, die sie auf dem Rand des Tisches ruhen ließ, während sie mit uns sprach, war so ruhig wie meine eigene. Ihre traurigen, flehenden Augen wanderten von einem zum anderen mit einer stummen Frage, die ganz unvermittelt in Worte ausbrach.

»Haben Sie irgend etwas herausgefunden?« fragte sie.

War es nur Einbildung, daß ich aus dieser Frage eher einen Unterton von Furcht als von Hoffnung herauszuhören glaubte?

»Wir haben alles getan, was uns geboten schien, Mrs. Douglas,« sagte der Inspektor, »und Sie können überzeugt sein, daß nichts verabsäumt wird.«

»Sparen Sie nicht mit Geld,« sprach sie mit monotoner, dumpfer Stimme, »es ist mein Wunsch, daß jeder mögliche Versuch gemacht wird.«

»Vielleicht können Sie uns einiges erzählen, das etwas Licht auf die Sache wirft.«

»Ich fürchte, nein; aber was ich weiß, steht zu Ihrer Verfügung.«

»Wir hörten von Mr. Barker, daß Sie nicht gesehen haben, – daß Sie nicht in dem Zimmer waren, wo sich das Verbrechen ereignete.«

»Nein, er veranlaßte mich, auf der Treppe wieder umzukehren und in mein Zimmer zurückzugehen.«

»Das wissen wir. Sie haben also den Schuß gehört und sind darauf sogleich hinuntergegangen.«

»Jawohl, ich warf nur einen Schlafrock über und kam dann herunter.«

»Wie lange hat es gedauert, bis Sie Mr. Barker nach dem Schuß unten an der Treppe trafen?«

»Höchstens ein paar Minuten. Es ist schwer, in solchen Augenblicken eine Zeitspanne zu fixieren. Er bat mich, nicht weiter zu gehen und versicherte mir, daß ich nichts tun könne. Dann kam Frau Allen, die Haushälterin, und führte mich hinauf. All dies erschien mir wie ein entsetzlicher Traum.«

»Können Sie uns sagen, wie lange wohl Ihr Gatte unten war, bevor sie den Schuß hörten?«

»Nein, das kann ich nicht. Er war in seinem Ankleidezimmer, und ich hörte ihn nicht, als er dieses verließ. Er machte jede Nacht vor dem Schlafengehen eine Runde durch das Haus, denn er war wegen der Feuersgefahr besorgt. Das ist das Einzige, worüber ich ihn je besorgt gesehen habe.«

»Über diesen Punkt möchten wir gerade mit Ihnen sprechen. Sie haben Ihren Gatten in England kennen gelernt, nicht wahr?«

»Jawohl. Wir sind nun fünf Jahre verheiratet.«

»Haben Sie ihn jemals über etwas reden hören, das in Amerika geschehen ist und für ihn eine Gefahr bedeuten konnte?«

Mrs. Douglas dachte eine Weile lang angestrengt nach, bevor sie antwortete.

»Ja«, sagte sie endlich. »Ich habe immer vermutet, daß er sich in Gefahr befinde. Aber er wollte niemals mit mir darüber sprechen, nicht etwa aus Mangel an Vertrauen, denn zwischen uns bestanden die innigsten und vertrauensvollsten Beziehungen, aber offenbar, weil er mir Sorge ersparen wollte. Er wußte, daß ich darüber nachgrübeln würde und darum sagte er lieber gar nichts.«

»Was haben Sie denn für Anhaltspunkte dafür?«

Ihr Gesicht erhellte sich in einem blitzartigen Lächeln.

»Können Sie sich vorstellen, daß ein Ehemann, der ein Geheimnis mit sich herumträgt, dieses vor der Frau, die ihn liebt, gänzlich verbergen könne? Ich wußte davon aus vielen Dingen. So z. B. weil er sich stets weigerte, über bestimmte Episoden seines Lebens in Amerika zu sprechen. Ich wußte es aus verschiedenen Vorsichtsmaßregeln, die er ergriff, aus Bemerkungen, die er gelegentlich fallen ließ. Ich wußte es aus der Art und Weise, wie er unerwartete Fremde ansah. Ich war mir stets vollkommen klar darüber, daß er mächtige Feinde hatte, daß er sich vor deren Nachstellungen nicht sicher fühlte und vor ihnen stets auf der Hut war. Ich war dessen so sicher, daß ich mich während der ganzen Jahre immer in höchster Aufregung befand, wenn er einmal länger als gewöhnlich ausblieb.«

»Darf ich fragen, welche Worte es waren, die besonders Ihre Aufmerksamkeit erregten?«

»Das Tal des Grauens«, antwortete sie. »Das war der Ausdruck, den er gebrauchte, als ich ihn auszufragen begann. ›Ich war im Tal des Grauens und bin noch immer nicht heraus.‹ Werden wir jemals dem Tal des Grauens entrinnen können? fragte ich ihn manchmal, als ich ihn ernster als gewöhnlich sah. ›Ich glaube manchmal, daß es uns niemals gelingen wird‹, antwortete er.«

»Sie haben ihn doch sicher gefragt, was er mit dem Tal des Grauens meine?«

»Das habe ich, aber sein Gesicht wurde dabei düster, und er schüttelte nur den Kopf. ›Es ist schlimm genug, wenn einer von uns beiden in dessen Schatten leben muß‹, sagte er. ›Wolle Gott, daß er niemals auf dich fallen möge.‹ Es war ein wirkliches Tal, in dem er damals lebte und in dem sich irgend etwas Schreckliches zugetragen hatte, – das weiß ich, aber mehr kann ich Ihnen darüber nicht sagen.«

»Namen hat er wohl niemals genannt?«

»Doch. Nach seinem Sturz bei der Fuchsjagd, vor etwa drei Jahren, lag er einige Tage mit Fieber zu Bett. Ich erinnere mich noch deutlich, daß er in seinem Fieberwahn einen Namen ständig auf den Lippen führte, den er mit Zorn und in einer Art von Schrecken aussprach. McGinty war dieser Name, Logenmeister McGinty. Ich fragte ihn, nachdem er sich wieder erholt hatte, wer dieser Logenmeister McGinty sei, und von welcher Loge er Meister sei. ›Sei froh, daß er nicht mein Meister ist‹, antwortete er mit einem Lachen. Das war alles, was ich aus ihm herauszubringen vermochte. Zweifellos besteht ein Zusammenhang zwischen dem Logenmeister McGinty und dem Tal des Grauens.«

»Und noch eins«, sagte Inspektor McDonald. »Sie machten die Bekanntschaft von Mr. Douglas in einer Londoner Pension und haben sich auch dort mit ihm verlobt, nicht wahr? Lag in dieser Verbindung Romantik, etwas Geheimnisvolles und Ungewöhnliches?«

»Romantik wohl, Romantik liegt immer in einer Liebesheirat. Aber es gab nichts Geheimnisvolles und Ungewöhnliches.«

»Er hatte keine Nebenbuhler?«

»Nein, ich war vollkommen frei.«

»Sie haben ohne Zweifel gehört, daß man ihm den Ehering abgenommen hat. Gibt Ihnen dies irgendwie zu denken? Angenommen, daß ein alter Feind ihn aufgespürt und getötet hat, welchen Grund konnte der haben, ihm den Trauring wegzunehmen?«

Ich hätte schwören können, daß bei dieser Frage die kaum merkliche Spur eines Lächelns um ihre Lippen spielte.

»Das kann ich nicht sagen«, antwortete sie. »Sicherlich ist es eine höchst merkwürdige Sache.«

»Nun also, wir wollen Sie nicht länger bemühen. Es tut uns außerordentlich leid, daß wir Sie in Ihrer gegenwärtigen Lage belästigen mußten«, sagte der Inspektor. »Es mögen vielleicht noch verschiedene Fragen auftauchen, auf die wir zu geeigneter Zeit zurückkommen werden.«

Als sie sich erhob, glaubte ich aufs neue jenen blitzartig fragenden Blick zu sehen, den sie uns bei ihrem Eintritt ins Zimmer zugeworfen hatte, etwa wie: »Welchen Eindruck hat meine Aussage auf euch gemacht?« So deutlich war das, daß sie diese Frage ebenso gut hätte aussprechen können. Mit einer Neigung ihres Kopfes schwebte sie aus dem Zimmer.

»Eine schöne Frau – eine auffallend schöne Frau«, – sagte McDonald nachdenklich, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. »Dieser Barker ist zweifellos sehr oft hier gewesen. Er ist ein Mensch, den viele Frauen sicherlich anziehend finden. Er gibt zu, daß der Tote auf ihn eifersüchtig war, und weiß wohl selbst am besten, warum. Dann diese Geschichte mit dem Ehering. Darüber kommen wir nicht hinweg. Der Mann, der einen Trauring von der Hand eines Toten reißt, – was sagen Sie dazu, Mr. Holmes?«

Mein Freund hatte, den Kopf in die Hände gestützt, tief in Gedanken versunken, dagesessen. Nun erhob er sich und drückte auf die Klingel.

»Ames,« sagte er, als der Diener erschien, »wo befindet sich jetzt Mr. Barker?«

»Ich werde nachsehen, Herr.«

In einigen Minuten war er wieder zurück und gab an, daß Mr. Barker im Garten sei.

»Können Sie sich erinnern, Ames, was Mr. Barker an den Füßen trug, als Sie ihn gestern abend in der Bibliothek trafen?«

»Jawohl, Mr. Holmes, ein Paar Pantoffeln. Ich brachte ihm seine Schuhe, bevor er zur Polizei ging.«

»Wo sind diese Pantoffel jetzt?«

»Unter einem Stuhl in der Halle.«

»Sehr schön, Ames. Wir müssen natürlich wissen, welche Fußspuren von Mr. Barker herrühren und welche von dem Fremden.«

»Jawohl, Herr. Ich möchte aber bemerken, daß alle Pantoffeln Blutspuren haben, auch die meinen.«

»Das ist erklärlich in Anbetracht des Zustandes im Zimmer. Also gut, Ames, wir werden nach Ihnen klingeln, wenn wir Sie brauchen.«

Einige Minuten später waren wir alle wieder in der Bibliothek. Holmes hatte die Pantoffeln aus der Halle mit hereingebracht. Wie Ames bemerkt hatte, war die Sohle an beiden blutgetränkt.

»Sonderbar«, murmelte Holmes, als er sie, beim Fenster stehend, eingehend betrachtete. »Sehr sonderbar!«

Indem er sich mit einer seiner charakteristischen, schnellen, fast katzenartigen Bewegungen bückte, legte er die Pantoffeln auf die Blutspur auf dem Fensterbrett. Die beiden deckten sich genau. Lächelnd blickte er seine Kollegen an.

Der Inspektor war vor Aufregung wie umgewandelt.

»Mensch,« rief er, »kein Zweifel, Barker hat die Blutspuren am Fenster selber gemacht. Sie sind viel breiter als die von den Schuhen. Sie sagten früher, daß es ein Plattfuß gewesen sein müsse, hier haben wir die Erklärung. Was steckt dahinter, Mr. Holmes, was steckt dahinter?«

»Jawohl, was steckt dahinter?« antwortete mein Freund nachdenklich.

White Mason gluckste fröhlich und rieb sich die fetten Hände in höchster beruflicher Befriedigung.

»Ich habe es ja immer gesagt, es ist eine Sensation,« rief er, »eine wirkliche und wahrhaftige Sensation.«

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6. Kapitel. Die ersten Lichtstrahlen.

6. Kapitel. Die ersten Lichtstrahlen.

Die drei Detektive hatten noch verschiedene Einzelheiten zu erledigen, was mich veranlaßte, nach unserem bescheidenen Quartier im Dorfgasthaus zurückzukehren. Auf dem Wege dorthin schlenderte ich durch den altmodischen Garten, der das Herrenhaus umgab. Lange Reihen uralter Eibenbäume, zu wunderlichen Formen beschnitten, umgürteten ihn. Innerhalb des Gartens lag eine herrliche Rasenfläche, in deren Mitte sich eine alte Sonnenuhr befand. Der Gesamteindruck war der von Stille und Ruhe, ein Balsam für meine etwas aufgepeitschten Nerven. In dieser Umgebung des tiefsten Friedens konnte man die blutüberströmte Gestalt, die noch immer in der Bibliothek auf dem Boden ausgestreckt lag, vergessen oder an sie nur wie an ein grausiges Traumbild denken. Als ich indessen im Garten umherwandelte, um das Bild des Friedens in meine Seele aufzunehmen, ereignete sich etwas Sonderbares, das mir den traurigen Vorfall wieder lebhaft in Erinnerung brachte und einen äußerst peinlichen Eindruck in mir zurückließ.

Ich habe bereits erwähnt, daß der Gartenrand mit Eibenbäumen geschmückt war. An der am weitesten vom Haus entfernt liegenden Stelle verdichteten sich diese Bäume zu einer lebenden Mauer, auf deren abgekehrter Seite, dem Auge des vom Hause Kommenden verborgen, eine steinerne Bank stand. Als ich mich der Stelle näherte, hörte ich Stimmen; eine Bemerkung in der tiefen Stimme eines Mannes, gefolgt von einem girrenden Frauenlachen. Einige Minuten später bog ich um die Hecke und gewahrte Mrs. Douglas und Barker, bevor sie meiner ansichtig wurden. Ich war von der Szene, die sich meinen Blicken darbot, auf das Peinlichste überrascht. Im Speisezimmer war sie still und zurückhaltend gewesen. Diesen Anschein des Kummers hatte sie nun abgelegt. In ihren Augen funkelte Lebenslust, und in ihrem Gesicht zeigten sich noch die Spuren des heiteren Lachens, das eine Bemerkung ihres Gefährten hervorgerufen hatte. Er saß da, den Körper vorgeneigt, die Hände über dem einen Knie verschlungen, mit einem ermunternden Lächeln in seinem markanten, hübschen Gesicht. In demselben Augenblick, – aber den Bruchteil einer Sekunde zu spät, – bemerkten sie mich und nahmen die früher zur Schau getragene Haltung wieder an. Sie tauschten einige hastige Worte aus, dann erhob sich Barker und kam auf mich zu.

»Entschuldigen Sie, bitte,« sagte er, »habe ich das Vergnügen mit Dr. Watson zu sprechen?«

Ich machte eine zustimmende Verbeugung, in deren kalter Förmlichkeit sich der peinliche Eindruck, den ich empfangen hatte, deutlich widergespiegelt haben mußte.

»Wir dachten uns, daß Sie es wären, da uns Ihre Freundschaft mit Mr. Sherlock Holmes wohl bekannt ist. Würden Sie die Freundlichkeit haben, auf einige Minuten zu Mrs. Douglas herüberzukommen? Sie möchte mit Ihnen sprechen.«

Ich folgte ihm mit saurer Miene. Vor mein geistiges Auge trat das Bild des entstellten Körpers auf dem Fußboden der Bibliothek; und dann das seiner Frau und seines besten Freundes in seinem Garten, nur wenige Stunden nach dem Todesfall, hinter Büschen lachend und schäkernd. Ich begrüßte die Dame mit einer leichten Verbeugung. Ihr Kummer, den ich im Speisezimmer wahrzunehmen glaubte, hatte mir tiefes Mitleid eingeflößt. Jetzt erwiderte ich ihre bittenden Blicke mit kalter Reserve.

»Ich fürchte, Sie halten mich für gefühllos und hartherzig«, sagte sie.

»Es steht mir nicht zu, darüber eine Meinung zu haben«, sagte ich achselzuckend.

»Eines Tages werden Sie vielleicht sehen, daß Sie mir Unrecht tun. Wenn Sie erkennen werden, –«

»Dazu ist für Dr. Watson keinerlei Veranlassung«, warf Barker schnell ein. »Wie er selbst sagte, geht ihn die ganze Sache nichts an.«

»Sehr richtig,« sagte ich, »und darum möchte ich um die Erlaubnis bitten, meinen Spaziergang fortsetzen zu dürfen».«

»Einen Augenblick noch, Dr. Watson«, rief sie mit flehender Stimme. »Ich möchte eine Frage an Sie richten, die Sie mir besser beantworten können, als irgend jemand anderer in der Welt, und die für mich von größter Wichtigkeit ist. Sie kennen Mr. Holmes und seine Beziehungen zu der Polizei sicherlich auf das genaueste. Angenommen, daß man ihm eine vertrauliche Mitteilung machen würde, halten Sie es für unabwendbar, daß er diese an die Detektive weitergibt?«

»Jawohl, das ist’s, was wir wissen wollen«, rief Barker eifrig. »Arbeitet er für sich allein oder in engster Verbindung mit den Anderen?«

»Ich weiß wirklich nicht, ob ich ein Recht habe, darüber zu sprechen.«

»Ich bitte Sie, – ich flehe Sie an, Dr. Watson, – ich versichere Ihnen, daß es für uns, für mich eine Lebensfrage ist, daß Sie mir einen Fingerzeig geben.« In ihrer Stimme lag der Klang eines derart heftigen Angstgefühls, daß ich im Augenblick ihre Frivolität vergaß und geneigt war, ihren Wunsch zu erfüllen.

»Mr. Holmes ist ein völlig unabhängiger Forscher. Er ist sein eigener Herr und handelt stets nach seinem ureigensten Ermessen. Immerhin würde er in einem Falle, wo er mit der Polizei zusammenarbeitet, dieser gegenüber sich zu größter Loyalität verpflichtet fühlen und es ist kaum wahrscheinlich, daß er ihr etwas vorenthalten würde, was geeignet ist, einen Verbrecher vor den Richter zu bringen. Darüber hinaus möchte ich nichts sagen und würde Ihnen empfehlen, sofern Sie Genaueres wissen wollen, sich an Mr. Holmes selbst zu wenden.«

Damit zog ich meinen Hut und ging meines Weges, die beiden auf der Bank hinter der Hecke zurücklassend. Ich blickte über meine Schulter, als ich um das Ende dieser Hecke bog, und sah sie noch immer in ernstem Gespräch beisammen. Einige Blicke, die sie mir nachschickten, gaben mir zu erkennen, daß das eben geschilderte Zusammentreffen den Gegenstand ihrer Unterhaltung bildete.

»Ich wünsche keinerlei vertrauliche Mitteilungen von den Leuten,« sagte Holmes, nachdem ich ihm den Vorfall berichtet hatte. Er hatte den Nachmittag im Herrenhaus in engster Beratung mit seinen beiden Kollegen verbracht und war etwa um fünf Uhr mit einem gierigen Appetit zu dem ausgiebigen Tee zurückgekehrt, den ich für ihn bestellt hatte. »Keinerlei Vertraulichkeiten, lieber Watson, die sich als höchst unbequem erweisen könnten, wenn es zu einer Festnahme wegen Mord und Beihilfe kommen sollte.«

»Sie glauben also, daß es dazu kommen wird?«

Er war in heiterster und liebenswürdigster Laune.

»Mein lieber Watson, wenn ich dieses vierte Ei verschlungen haben werde, bin ich bereit, Sie mit der ganzen Sachlage vertraut zu machen. Ich will nicht sagen, daß wir der Sache auf den Grund gekommen sind, – wir sind noch weit davon entfernt, – aber wenn wir einmal die fehlende Hantel, –«

»Die was?«

»Du liebe Zeit, Watson, ist es möglich, daß Sie noch immer nicht herausgefunden haben, daß die ganze Sache an der einen fehlenden Hantel hängt? Aber, nehmen Sie sich dies nicht zu Herzen, denn, unter uns, ich bin überzeugt, daß weder unser Freund Mac, noch der famose provinzielle Meisterdetektiv die geradezu überwältigende Bedeutung dieses Punktes erkannt haben. Eine Hantel, Watson! Stellen Sie sich Leibesübungen mit einer Hantel vor, die einseitige Anstrengung des Körpers, – mit der Gefahr der Verkrümmung des Rückgrates. Nicht auszudenken, Watson, nicht auszudenken.«

Er saß da, den Mund vollgestopft mit Röstbrot, während seine spöttisch blinzelnden Augen sich an meiner Verlegenheit weideten. Schon der Umstand, daß er so glänzenden Appetit hatte, deutete darauf hin, daß er glaubte, den Erfolg bereits in der Tasche zu haben. Das war mir klar, als ich all der Tage und Nächte gedachte, die er, ohne auch nur einen Bissen zu sich zu nehmen, zubrachte, wenn er mit der Lösung irgendeines schweren Rätsels rang, den Ausdruck völliger geistiger Insichgekehrtheit in seinem hageren, beweglichen Gesicht. Nachdem er sich schließlich seine Pfeife angezündet und sich damit in der behaglichen Sofaecke des Gastzimmers niedergelassen hatte, begann er langsam und zusammenhangslos über den Fall zu plaudern, mehr wie einer, der zu sich selbst spricht, als jemand, der einen Bericht darüber erstatten will.

»Eine Lüge, Watson, – eine grobe, faustdicke, knallige Lüge war es, mit der man uns an der Schwelle empfing. Hiervon müssen wir ausgehen. Die ganze Geschichte, die uns Barker erzählte, ist eine Lüge. Mrs. Douglas hat diese Geschichte bestätigt, und das heißt, daß auch sie gelogen hat. Sie lügen beide, gemeinschaftlich und auf Verabredung. Nun entsteht die große Frage, warum sie lügen und was sie damit verbergen wollen. Wir wollen einmal versuchen, Watson, Sie und ich, ob wir nicht dahinterkommen und die Wahrheit herausschälen können.

Woher ich weiß, daß sie lügen? Ganz einfach, weil das, was sie sagen, ein plumpes Machwerk ist und gar nicht wahr sein könnte. Bedenken Sie einmal! Nach der Darstellung, die man uns gab, hatte der Mörder nicht einmal eine Minute Zeit, nach vollbrachter Tat den Ring, der hinter einem anderen Ring steckte, dem Toten vom Finger zu ziehen, den ersten Ring wieder aufzustecken – etwas, das er sicherlich in seiner Eile nicht getan haben würde, – und diese eigenartige Karte neben die Leiche zu legen. Dies ist offenbar und augenscheinlich ganz unmöglich. Sie mögen es vielleicht bestreiten, lieber Watson, – aber ich habe zuviel Achtung vor Ihrer Urteilskraft, als daß ich dies annehmen könnte, – der Ring wurde schon abgezogen, bevor der Mann tot war. Der Umstand, daß die Kerze nur kurze Zeit brannte, deutet darauf hin, daß der ganze Vorfall nicht lange dauerte. War Douglas, von dessen furchtlosem Charakter wir so viel gehört haben, ein Mensch, der nur weil jemand es verlangt, seinen Ehering hergibt? War er ein Mann, der ihn überhaupt hergeben würde? Nein, nein, Watson, der Mörder war mit ihm eine ganze Weile beisammen, und die Lampe war dabei angezündet. Daran zweifle ich nicht einen Augenblick. Augenscheinlich war die Flinte das Mordwerkzeug. Sie muß also schon erheblich früher, als man uns angab, abgefeuert worden sein; über diesen Punkt ist ein Irrtum ausgeschlossen. Wir stehen daher einer klaren Verabredung zwischen zwei Leuten, die den Schuß gehört haben, gegenüber, nämlich Barker and Frau Douglas. Wenn ich dazu noch beweisen könnte, daß die Blutspur auf dem Fensterbrett absichtlich von Barker erzeugt wurde, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu lenken, werden Sie zugeben, daß die Sache für ihn sehr bedenklich aussieht.

Nun müssen wir uns fragen, zu welcher Zeit der Mord wirklich ausgeführt wurde. Bis halb elf Uhr waren die Bediensteten noch auf und im Hause verteilt. Daher kann es nicht vor dieser Zeit gewesen sein. Um dreiviertel elf waren sie bereits alle in ihren Zimmern, außer Ames, der noch in der Anrichte war. Am Nachmittag, nachdem Sie uns verlassen hatten, habe ich einige praktische Versuche gemacht und dabei herausgefunden, daß, wenn alle Zwischentüren geschlossen sind, selbst von dem mächtigen Lärm, den McDonald in der Bibliothek auf meinen Wunsch hervorrief, nicht eine Spur zu mir in die Anrichte drang. Anders ist es jedoch, was das Zimmer der Haushälterin betrifft. Dieses ist nicht so weit von der vorderen Halle entfernt, und dort kann man laute Stimmen von unten, allerdings ziemlich undeutlich, hören. Der Schuß eines Gewehres, das aus nächster Nähe abgefeuert wird, wie zweifellos in dem vorliegenden Fall geschehen ist, klingt immer etwas gedämpft. Er braucht nicht sehr laut gewesen zu sein, und doch hätte ihn Frau Allen in der Stille der Nacht hören müssen. Sie ist jedoch, wie sie uns sagte, etwas schwerhörig. Nun hat sie in ihrer Aussage erwähnt, daß sie tatsächlich etwas gehört hat, was wie das Zuschlagen einer Tür klang, etwa eine halbe Stunde, bevor sie heruntergerufen wurde. Ich zweifle nicht daran, daß das, was sie gehört hat, nichts anderes als der Schuß war, und es daher den wirklichen Zeitpunkt des Mordes bezeichnet. Wenn dem so ist, müssen wir herausfinden, was Mr. Barker und Frau Douglas, sofern sie nicht selbst die Mörder sind, zwischen dreiviertel elf, dem Zeitpunkt also, wo sie der Schuß aufgestört hat, und ein Viertel nach elf, als sie die Bediensteten durch das Klingelzeichen herbeiriefen, getan haben. Was war es, und warum haben sie nicht augenblicklich die Dienerschaft alarmiert? Das ist die Frage, der wir gegenüberstehen. Wenn es uns gelingt, sie zu beantworten, so werden wir nicht mehr sehr weit von der Lösung des Problems sein.«

»Darüber, daß zwischen den beiden ein Einvernehmen besteht, bin auch ich mir vollkommen klar«, sagte ich. »Sie muß eine herzlose Natur sein, wenn sie einige Stunden nach dem Morde ihres Mannes lachen und scherzen kann.«

»So ist es. Sie macht keine gute Figur als Ehegattin, selbst nicht nach ihrer eigenen Aussage. Sie wissen, lieber Watson, daß ich kein sonderlich eifriger Anbeter des weiblichen Geschlechts bin, aber in meinem ganzen Leben ist es mir doch nicht vorgekommen, daß sich eine Frau, die für ihren Mann irgend etwas übrig hat, durch einige Worte eines Dritten davon abhalten läßt, zu der Leiche ihres toten Gatten zu gehen. Wenn ich einmal heiraten sollte, Watson, so möchte ich wünschen, meiner Frau derartige Gefühle einflößen zu können, daß sie sich nicht von der Haushälterin fortführen läßt, wenn ich ein paar Schritte von ihr entfernt auf der Totenbahre liege. Die Sache war schlecht inszeniert, denn selbst dem unerfahrensten Detektiv würde das Fehlen jedweder weiblicher Gefühlsmomente aufgefallen sein. Von allem anderen abgesehen, würde dieser Umstand allein mich schon dazu geführt haben, an einen verabredeten Plan zu glauben.»

»Sie sind also der bestimmten Meinung, daß Barker und Mrs. Douglas sich des Mordes schuldig gemacht haben?«

»Ihre Fragen, lieber Watson, sind unangenehm gradlinig«, sagte Holmes, mit seiner Pfeife vor meinem Gesicht hin- und herwippend. »Wie aus der Pistole geschossen. Wenn Sie mich fragen würden, ob Mrs. Douglas und Barker die Wahrheit über den Mord wissen und sie auf Verabredung geheim halten wollen, dann könnte ich Ihnen eine vorbehaltlose Antwort geben. Dessen bin ich nämlich sicher. Aber von Ihrer blutrünstigen Auffassung bin ich nicht so fest überzeugt. Wir wollen uns die Schwierigkeiten, die uns hier begegnen, etwas näher besehen.

Angenommen, daß sich die beiden, die durch das Band einer schuldigen Liebe geeint sind, entschlossen haben, den Mann, der ihnen im Wege steht, beiseite zu schaffen. Diese Liebe ist eine etwas kühne Vermutung, denn eingehende und diskrete Nachforschungen bei den Bediensteten haben nichts ergeben, was darauf hindeutet. Im Gegenteil, es hat sich herausgestellt, daß die beiden Eheleute sehr aneinander hingen –«

»Das möchte ich aus das lebhafteste bezweifeln«, sagte ich, indem ich an ihr lachendes Gesicht im Garten dachte.

»Nun gut, jedenfalls haben sie aber diesen Eindruck erweckt. Wir müssen also annehmen, daß die beiden, Barker und Mrs. Douglas, ganz besonders verschlagene Menschen sind, die es verstanden haben, alle Leute über diesen Punkt zu täuschen, bevor sie planten, den Ehegatten gemeinsam zu ermorden. Es traf sich gut, daß der letztere in Gefahr schwebte.«

»Dafür haben wir keinen anderen Beweis als das, was uns die beiden selbst sagten.«

Holmes sah mich nachdenklich an.

»Ich sehe schon, Watson, Sie machen sich da eine Ansicht zurecht, nach der alles, was die beiden gesagt haben, von Anfang bis zu Ende erlogen ist. Nach Ihrer Ansicht gab es niemals eine geheime Bedrohung durch einen Geheimbund, ein Tal des Grauens, einen Logenmeister McGinty, oder sonst etwas. Schön, das ist eine gute und umfassende Verallgemeinerung. Wir wollen einmal sehen, wohin sie uns führt. Die beiden machen sich also einen Plan zurecht, um das Verbrechen zu maskieren. Wie von ungefähr lassen sie das Zweirad im Park als Beweis der Existenz einer Außenperson auffinden. Zu demselben Zweck erzeugen sie Fußspuren auf dem Fensterbrett. Die Karte, die sie neben der Leiche niederlegen, und die ebensogut jemand im Hause selbst geschrieben haben könnte, soll den Eindruck noch verstärken. Das alles paßt sehr gut in Ihre Hypothese, lieber Watson. Nun aber kommen wir zu einigen unangenehmen, scharfkantigen, unbeugsamen Widersprüchen, die absolut nicht hineinpassen. Warum diese ausgefallene, abgesägte Schrotflinte, und noch dazu eine amerikanischer Herkunft? Woher konnten die beiden wissen, daß der Schuß nicht die Leute im Hause aufstören und herbeiholen würde? Es ist schon ein reiner Zufall, daß Frau Allen, als sie das Zuschlagen einer Tür zu hören glaubte, nicht nachgesehen hat, was es war. Wenn die beiden das Verbrechen begangen haben, warum haben sie sich nicht besser vorgesehen, Watson?«

»Ich muß gestehen, ich habe keine Erklärung dafür.«

»Und dann noch etwas: wenn eine Frau und ihr Liebhaber gemeinsam den Ehegatten ermorden, warum sollten sie sich die Mühe nehmen, dies an die große Glocke zu hängen, indem sie ihm nach seinem Tode ostentativ den Ehering abziehen? Kommt Ihnen das wahrscheinlich vor, Watson?«

»Keineswegs.«

»Und schließlich, was hätte es für einen Zweck, draußen ein Zweirad zu verbergen, da doch selbst der dümmste aller Detektive dies unfehlbar für eine Finte halten dürfte, da ein Verbrecher, der sich davonmachen will, sein Zweirad unter keinen Umständen zurücklassen würde.«

»Auch das ist mir völlig unerklärlich.«

»Und doch gibt es kein Zusammentreffen von Umständen, für die der Geist des Menschen nicht eine Erklärung finden kann. Lediglich als eine Gedankenübung und ohne behaupten zu wollen, daß sich die Sache wirklich so verhalten hat, wollen wir uns eine mögliche Theorie bilden; sie beruht, wie ich zugeben muß, lediglich auf Eingebung, aber wie oft ist nicht Eingebung der Schlüssel zur Wahrheit.

Wir wollen annehmen, daß es wirklich einen dunklen Punkt im Leben von Douglas gab, ein schändliches Geheimnis, das er allen Anlaß hatte, für sich zu behalten. Dies führt zu einem Mord durch jemanden, den wir als einen Rächer ansehen wollen – jemanden von außen. Dieser Rächer bemächtigte sich aus irgend einem Grund, der mir völlig unerklärlich ist, des Eheringes. Möglicherweise datiert die Fehde aus der ersten Ehe des Mannes und vielleicht ist darin der Grund für den Raub des Ringes zu suchen. Nehmen wir ferner an, daß Barker und Frau Douglas das Zimmer betraten, bevor der Rächer entfliehen konnte.

Dieser hat nun den beiden zu verstehen gegeben, daß seine Verhaftung unweigerlich die Veröffentlichung eines scheußlichen Skandals aus dem Leben des Toten zur Folge haben würde. Die beiden haben dies eingesehen und darum den Mörder entfliehen lassen. Wahrscheinlich haben sie zu diesem Zweck die Zugbrücke herabgelassen und dann wieder aufgezogen, was sehr leicht und geräuschlos geschehen kann. Der Mörder machte sich davon und zwar zu Fuß, weil er aus irgend einem Grund glaubte, daß dies sicherer sei als auf dem Zweirad. Er ließ daher sein Rad zurück, derartig gut versteckt, daß er glauben konnte, es werde nicht gefunden werden, bevor er in Sicherheit war. So weit sind wir noch im Bereich der Möglichkeit, nicht wahr?«

»Das scheint mir auch so«, sagte ich mit einiger Zurückhaltung.

»Wir müssen uns bewußt bleiben, daß das, was immer auch geschehen ist, offenbar höchst ungewöhnlich war. Also, um auf unseren angenommenen Fall zurückzukommen, die beiden Leute, die nicht unbedingt schuldig zu sein brauchen, erkennen, nachdem der Mörder entflohen ist, daß sie sich in eine Lage gebracht haben, die es für sie äußerst schwierig macht, zu beweisen, daß sie nicht entweder selbst den Mord verübt, oder dazu Beihilfe geleistet haben. Sie entschließen sich, der Polizei eine Falle zu stellen, und tun dies rasch, aber in einer plumpen Weise. Mit seinem Pantoffel hat Barker die Fußspur auf dem Fenster erzeugt, um das Entrinnen des Flüchtigen auf diesem Wege anzudeuten. Da sie die beiden einzigen waren, die den Schuß gehört hatten, mußten sie natürlich die Dienerschaft alarmieren, aber sie taten dies erst, als sie mit ihren Vorbereitungen zu Ende waren, ungefähr eine halbe Stunde nach dem Ereignis.«

»Und wie wollen Sie all dies beweisen?«

»Vielleicht dadurch, daß, wenn es eine Außenperson gab, diese aufgespürt und festgenommen wird. Dies wäre wohl der wirksamste aller Beweise. Wenn nicht, – nun dann möchte ich sagen, daß wir noch keineswegs am Ende unserer Weisheit sind. Ich glaube, daß mir eine kurze Nachtwache in der Bibliothek eine ganze Menge enthüllen würde.«

»Eine Nachtwache, dort, allein?«

»Jawohl, ich werde mich sogleich dorthin begeben. Ich habe die Sache bereits mit dem ehrenwerten Ames besprochen, der sich hinsichtlich Barkers recht unbehaglich fühlt. Ich werde in jenem Raum sitzen und verlasse mich darauf, daß mir die Umgebung eine Inspiration bringt. Ich glaube an den Genius loci. Sie lachen darüber, Watson, aber wir werden sehen. Übrigens, Sie haben doch noch Ihren großen Regenschirm, nicht wahr?«

»Jawohl, er ist hier.«

»Kann ich ihn mir von Ihnen leihen?«

»Sicher, aber was wollen Sie damit? Wollen Sie ihn als Waffe benutzen? Wenn Sie in Gefahr sind, –«

»Nichts von Bedeutung, mein lieber Watson, sonst würde ich Sie schon um Ihren Beistand angegangen haben. Aber geben Sie mir wenigstens den Schirm. Ich warte nur noch auf die Rückkehr unserer Kollegen aus Tunbridge Wells. Die beiden sind hinübergefahren, um zu sehen, ob sie nicht den Besitzer des Zweirades ermitteln können.«

Die Dämmerung hatte sich bereits herniedergesenkt, als Inspektor McDonald und White Mason von ihrem Ausflug zurückkehrten, jubelnd und überfließend von der Wichtigkeit einer Entdeckung, die sie gemacht hatten.

»Mann, ich gebe zu, daß ich meine Zweifel wegen der Außenperson hatte,« sagte McDonald, »aber das ist jetzt anders geworden. Wir haben den Besitzer des Zweirades ermittelt und haben eine Personenbeschreibung unseres Mannes. Sie müssen zugeben, daß dies einen Schritt vorwärts bedeutet.«

»Es sieht wie der Anfang vom Ende aus«, sagte Holmes. »Ich beglückwünsche Sie beide aus vollem Herzen.«

»Nun, ich ging von der Tatsache aus, daß Mr. Douglas am Vortage seines Todes, nämlich nachdem er aus Tunbridge Wells zurückgekehrt war, äußerst beunruhigt schien. Es muß also in Tunbridge Wells gewesen sein, wo er Kenntnis von der Gefahr erhielt. Danach ist es klar, daß, wenn ein Mensch mit einem Zweirad hergekommen ist, dies nur von Tunbridge Wells aus geschehen sein konnte. Wir haben das Rad mit uns hinübergenommen und in den Hotels herumgezeigt. Der Geschäftsführer des Eagle Commercial Hotels hat es sofort als das eines gewissen Bargreave erkannt, der zwei Tage früher dort ein Zimmer genommen hatte. Das Rad und eine kleine Handtasche waren seine einzigen Effekten. Er hat sich als von London kommend eingetragen, aber keine Adresse angegeben. Die Handtasche und ihr Inhalt waren unzweifelhaft englischer Herkunft, aber der Mann selbst war ebenso unzweifelhaft Amerikaner.«

»So, so«, meinte Holmes, anscheinend belustigt. »Sie haben also praktische Arbeit geleistet, während ich hier mit meinem Freund saß und über alles Mögliche spintisierte. Es soll mir eine Lehre sein, Mr. Mac.«

»Gut, daß Sie es einsehen, Mr. Holmes«, erwiderte der Inspektor triumphierend.

»Aber das paßt doch ganz genau zu Ihren eigenen Ansichten«, bemerkte ich.

»Kann sein, aber vielleicht auch nicht. Nun wollen wir aber hören, was uns Mr. Mac noch zu erzählen hat. Haben Sie etwas gefunden, um Ihren Mann feststellen zu können?«

»So wenig, daß es klar ist, daß er sich die größte Mühe gegeben hat, seine Identität zu verbergen. Keine Papiere, keine Briefe und keine Adresse in seinen Effekten. Auf dem Tisch seines Schlafzimmers fanden wir lediglich eine ausgebreitete Landkarte dieser Gegend. Er hat das Hotel gestern Morgen nach dem Frühstück auf seinem Rad verlassen. Seit der Zeit hat man von ihm nichts mehr gehört.«

»Das ist etwas, das mir nicht gefällt, Mr. Holmes«, warf White Mason ein. »Logischerweise müßte man annehmen, daß der Mann in sein Hotel zurückkehren und dort die Rolle des harmlosen Touristen weiterspielen würde, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er mußte doch wissen, daß ihn die Leute vom Hotel bei der Polizei als vermißt anzeigen würden, und er dadurch mit dem Mord in Verbindung gebracht werden könnte.«

»Das ist anzunehmen. Immerhin hat er bisher Recht behalten, wenigstens soweit, als man ihn noch nicht gefaßt hat. Aber wie steht es mit seiner Personalbeschreibung?«

McDonald zog ein Notizbuch hervor.

»Hier haben wir sie, soweit man sie uns geben konnte. Keiner dort scheint auf ihn besonders geachtet zu haben, aber in den folgenden Punkten sind sich der Portier, der Empfangschef und das Stubenmädchen einig. Er war ungefähr fünf Fuß neun Zoll groß, etwa fünfzig Jahre alt, mit leicht melierten Haaren, grauem Schnurrbart, hatte eine geschwungene Nase und ein Gesicht, das alle als finster und nichts Gutes verheißend bezeichneten.«

»Nun, mit Ausnahme des Gesichtsausdruckes könnte man dies fast für eine Beschreibung von Douglas selbst halten«, sagte Holmes. »Auch er ist etwa fünfzig Jahre alt gewesen, hatte meliertes Haar, grauen Schnurrbart und war ungefähr von derselben Größe. Sonst noch etwas?«

»Bekleidet war er mit einem dicken, grauen Anzug, zu dem er eine blaue Seglerjacke und einen kurzen, gelben Überrock trug. Als Kopfdeckung hatte er eine weiche Mütze.«

»Und das Gewehr?«

»Das war nur etwa 60 cm lang und konnte sehr gut in seiner Reisetasche verborgen gewesen sein. Auch hatte es unter seinem Rock bequem Platz.«

»Und wie stellt sich nun die Gesamtlage nach Ihrer Ansicht dar?«

»Nun, Mr. Holmes, wenn wir unseren Mann haben, was nicht allzu schwierig sein wird, – denn Sie können sicher sein, daß fünf Minuten, nachdem ich die Beschreibung hatte, alle Telegraphendrähte sie weitergaben, – dann werden wir darüber sprechen. Immerhin haben wir einen großen Schritt vorwärts gemacht. Wir wissen, daß ein Amerikaner, der sich Bargreave nannte, zwei Tage vor dem Mord mit Zweirad und Handtasche nach Tunbridge Wells kam. In der Tasche befand sich die abgesägte Schrotflinte, und er trug sich augenscheinlich mit der Absicht, das Verbrechen zu begehen. Gestern Morgen hat er sich auf seinem Rad nach hier auf den Weg gemacht, die Flinte war offenbar unter seinem Rock versteckt. Niemand sah ihn kommen, soweit wir gehört haben, aber um in den Park zu gelangen, ist es keineswegs notwendig, das Dorf zu durchqueren. Außerdem gibt es auf den Straßen immer eine ganze Menge Radfahrer. Wahrscheinlich hat er sofort sein Rad, und sicherlich auch sich selbst, in den Büschen verborgen, wo das Rad gefunden wurde. Von dort aus hat er das Haus beobachtet und gewartet, bis Mr. Douglas herauskommen würde. Diese Flinte war wohl kaum für das Innere des Hauses gedacht. Sie hat ihre bestimmten Vorzüge, man kann damit z. B. schwerlich sein Ziel verfehlen, – und in England auf dem Lande sind Schüsse so häufig, daß man sie gar nicht beachtet.«

»Das leuchtet mir ein«, sagte Holmes.

»Nun also, Mr. Douglas ist nicht herausgekommen. Was war nun für den Mörder zu tun? Er verließ sein Rad und näherte sich in der Dämmerung dem Hause. Er fand die Zugbrücke heruntergelassen, niemand war in Sicht. So ist er dann offenbar geradenwegs auf das Tor zugeschritten, mit der Absicht, falls er jemanden traf, eine Ausrede zu gebrauchen. Es hat ihn aber niemand gesehen. Er schlüpfte in das erstbeste Zimmer, das er finden konnte, und verbarg sich hinter dem Vorhang. Von seinem Schlupfwinkel aus konnte er sehen, wie die Zugbrücke geschlossen wurde und wurde sich bewußt, daß sein einziger Rückzugsweg durch den Festungsgraben führte. Er wartete dann bis ein Viertel nach elf Uhr, als Mr. Douglas auf seiner gewöhnlichen Runde durch das Haus in das Zimmer kam. Er schoß ihn nieder und entfloh in der Weise, wie er sich das vorher zurechtgelegt hatte. Das Zweirad würde, wie er sich wohl denken konnte, von den Hotelleuten beschrieben werden und daher als Anhaltspunkt gegen ihn dienen; deshalb ließ er es zurück, um auf andere Art nach London oder einem vorbereiteten Versteck zu gelangen. Wie wäre das als Erklärung, Mr. Holmes?«

»Nun, Mr. Mac, es klingt sehr gut und ist auch ganz klar und logisch bis auf Verschiedenes. Das ist also Ihre Ansicht von der Sache? Die meine ist, daß das Verbrechen eine halbe Stunde früher verübt wurde, als Barker und Mrs. Douglas behaupten; daß diese beiden auf Verabredung etwas zu verbergen suchen; daß sie dem Mörder bei der Flucht halfen, oder wenigstens, daß sie in das Zimmer gelangten, bevor er geflohen war, und daß sie den Anschein erwecken wollten, er sei durch das Fenster geflüchtet, während sie ihm wahrscheinlich das Entkommen dadurch erleichterten, daß sie die Zugbrücke herabließen. Das ist meine Ansicht über den ersten Teil der Geschichte.«

Die beiden Detektive schüttelten den Kopf.

»Wenn das wahr ist, Mr. Holmes, so stürzen wir aus einem Rätsel in das andere«, sagte der Londoner Inspektor.

»Und anscheinend in ein noch viel schwereres«, fügte White Mason hinzu. »Die Frau ist niemals in ihrem Leben in Amerika gewesen. Welcher mögliche Zusammenhang könnte zwischen ihr und einem amerikanischen Mordgesellen bestehen, so daß sie Anlaß hätte, ihn zu decken?«

»Ich gebe zu, die Sache ist noch recht schwierig«, sagte Holmes. »Ich habe vor, noch heute Nacht eine kleine Untersuchung anzustellen, und es kann immerhin sein, daß sie einige aufklärende Ergebnisse bringt.«

»Können wir Ihnen helfen, Mr. Holmes?«

»Nein, nein, alles, was ich brauche, ist Dunkelheit und Dr. Watsons Regenschirm. Wie Sie sehen, sind meine Bedürfnisse äußerst bescheiden. Und Ames – der getreue Ames – wird mir wahrscheinlich Vorschub leisten. Alle meine Gedanken führen mich immer wieder zu der einen grundlegenden Frage zurück: Warum soll ein sportlich gesinnter Mensch mit einem so untauglichen Werkzeug, wie es eine einzelne Hantel ist, Leibesübungen vornehmen wollen?«

Es war spät nachts geworden, als Holmes von seinem einsamen Ausflug zurückkehrte. Wir teilten uns in ein Doppelbett, die beste Unterkunft, die uns das Landgasthaus bieten konnte. Ich schlummerte bereits, wurde jedoch durch sein Eintreten halb aus dem Schlaf geweckt.

»Nun, Holmes«, murmelte ich, »haben Sie etwas ermittelt?«

Schweigend stand er am Bett mit der Kerze in der Hand. Dann beugte sich seine hohe schlanke Gestalt zu mir herunter.

»Sagen Sie, Watson,« flüsterte er, »fürchten Sie sich, mit einem Irrsinnigen in ein und demselben Zimmer zu schlafen? Mit einem Mann, der an Gehirnerweichung leidet? Einem Idioten, der nicht einmal mehr einen klaren Gedanken erfassen kann?«

»Nicht im mindesten«, antwortete ich erstaunt.

»Das ist Ihr Glück«, sagte er und das war alles, was ich in jener Nacht aus ihm herausbringen konnte.

7. Kapitel. Die Lösung.

7. Kapitel. Die Lösung.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück fanden wir Inspektor McDonald und Mr. White Mason in dem kleinen Sprechzimmer des örtlichen Polizeilokals in engster Beratung. Auf dem Tisch vor ihnen lag ein Stoß Briefe und Telegramme aufgestapelt, die sie sorgfältig ordneten und registrierten. Drei davon lagen gesondert auf der anderen Seite.

»Noch immer auf der Spur des unfaßbaren Radfahrers?« fragte Holmes in heiterster Laune. »Was hört man von diesem Wüstling?«

McDonald wies wehmütig auf den Haufen Briefe.

»Nach den Berichten hier ist er in Leicester, Nottingham, Southampton, Derby, im östlichen London, Richmond und in vierzehn anderen Orten des Südens, Nordens, Ostens und Westens im Verlauf der letzten Stunden gesehen worden. In dreien dieser Orte, nämlich London, Leicester und Liverpool, hat man ihn tatsächlich agnosziert und festgenommen. Das ganze Land scheint voll von ihm zu sein.«

»Was Sie nicht sagen!« rief Holmes mitfühlend. »Nun, Mr. Mac, und auch Sie, lieber White Mason, ich möchte Ihnen einen ernsten, gutgemeinten Rat geben. Als ich mich zur Mitwirkung an der Sache entschloß, habe ich mir, wie Sie wissen, ausbedungen, daß ich Ihnen keine halbbewiesenen Tatsachen, unfertige Ergebnisse vorzulegen brauche; mit einem Wort, daß ich, was ich herausfinde, für mich behalten kann und Ihnen meine Ansichten erst dann mitzuteilen brauche, wenn ich die Überzeugung gewonnen habe, daß sie richtig sind. Dies ist der Grund, daß ich Ihnen im Augenblick noch nicht alles erzähle, was ich im Sinne habe. Andererseits versprach ich, offen und ehrlich zu Ihnen zu sein. Nach meinem Dafürhalten wäre es unvereinbar mit diesem Versprechen, wenn ich es zuließe, daß Sie auch nur einen Augenblick länger Ihre Zeit und Mühe an eine vollkommen zwecklose Aufgabe verschwenden. Deshalb kam ich hierher. Der Rat, den ich Ihnen geben möchte, läßt sich in die wenigen Worte zusammenfassen: lassen Sie die ganze Sache fallen.«

McDonald und White Mason starrten ihren gefeierten Kollegen verblüfft an.

»Sie halten sie also für hoffnungslos«, rief der Inspektor.

»Ich halte Ihre Sache für hoffnungslos. Ich halte es indessen nicht für hoffnungslos, der Wahrheit auf den Grund zu kommen.«

»Aber dieser Radfahrer? Er ist doch kein Geisterspuk? Wir haben seine Beschreibung, seine Reisetasche, sein Zweirad. Der Kerl muß doch irgendwo stecken? Warum sollten wir ihn denn nicht fassen können?«

»Natürlich, warum sollten Sie nicht? Er ist irgendwo, und wir werden ihn sicherlich fassen, aber ich möchte nicht, daß Sie ihre Zeit damit vergeuden, ihn im Osten Londons oder in Liverpool zu suchen. Ich bin sicher, daß wir auf einem kürzeren Wege zum Ziele kommen werden.«

»Sie enthalten uns irgend etwas vor. Das ist nicht nett von Ihnen, Mr. Holmes«, sagte der Inspektor verärgert.

»Sie kennen meine Arbeitsmethoden, Mr. Mac. Wenn ich Ihnen etwas vorenthalte, so ist es nur auf so lange, als dies dringend erforderlich ist. Ich möchte nur noch auf eine bestimmte Weise mein Material nachprüfen. Das wird sehr einfach sein, und wenn es geschehen ist, werde ich mich empfehlen, nach London zurückkehren, und es zu Ihrer Verfügung zurücklassen. Ich fühle mich Ihnen zu sehr verpflichtet, um anders handeln zu wollen, denn in meiner ganzen Praxis bin ich noch auf keinen eigenartigeren, interessanteren Fall gestoßen.«

»Das geht mir über die Hutschnur, Mr. Holmes. Als wir gestern von Tunbridge Wells zurückkehrten, schienen Sie im allgemeinen mit unseren Ansichten übereinzustimmen. Was ist seither vorgefallen, daß Sie anderen Sinnes geworden sind?«

»Nun, da Sie mich fragen: ich habe gestern Nacht einige Stunden im Herrenhaus verbracht.«

»Und was ist dort geschehen?«

»Darüber kann ich Ihnen augenblicklich nur eine sehr allgemein gehaltene Auskunft geben. Nebenbei bemerkt habe ich mir angelegen sein lassen, eine kurze, aber klare und interessante Beschreibung des alten Gebäudes zu lesen, die ich zu dem bescheidenen Preis von einem Penny in dem Tabakgeschäft des Dorfes erstanden habe.«

Bei diesen Worten zog Holmes eine kleine Broschüre, die vorne mit einem rohen Bild des altertümlichen Herrenhauses geschmückt war, aus seiner Westentasche.

»Man geht ganz anders an eine Untersuchung heran, mein lieber Mr. Mac, wenn man sich in einem bewußten geistigen Kontakt mit der geschichtlichen Atmosphäre seiner Umgebung befindet. Nicht so ungeduldig sein, meine Herren, denn ich kann Ihnen versichern, daß selbst eine so spärliche Beschreibung in einem das Bild der alten Zeit hervorzuzaubern vermag. Ich möchte Ihnen einiges daraus zitieren: Das im fünften Jahre der Regierung von James I. an der Stelle eines viel älteren Gebäudes errichtete Herrenhaus von Birlstone gilt als einer der schönsten der noch vorhandenen jakobinischen Herrensitze.«

»Sie wollen uns zum besten halten, Mr. Holmes.«

»Nichts für ungut, Mr. Mac, aber das ist das erste Zeichen eines launischen Wesens, das ich an Ihnen bemerke. Nun also, da Sie die Sache so auffassen, werde ich lieber nicht weiter zitieren, aber wenn ich Ihnen sage, daß wir den bestimmten Nachweis dafür haben, daß das Haus im Jahre sechzehnhundertvierundvierzig von einem Obersten des Parlamentsheeres in Besitz genommen wurde, daß sich König Karl darin einige Tage während des Bürgerkrieges verborgen hielt, und daß ihm auch Georg II. später einen Besuch abstattete, so werden Sie zugeben, daß dieses altertümliche Haus einige höchst interessante Ideenverbindungen wachruft.«

»Kein Zweifel, Mr. Holmes, aber das hat mit unserem Beruf nichts zu tun.«

»So, so. Ein weiter Gesichtskreis, mein lieber Mr. Mac, ist eines der wichtigsten Erfordernisse unseres Berufes. Das Hineinspielen solcher Gedanken in den Kreis der vorliegenden Tatsachen ist oftmals von ganz außerordentlicher Bedeutung. Sie werden diese Bemerkung einem nicht verübeln, der, obgleich nur ein Theoretiker Ihres Berufes, immerhin erheblich älter ist als Sie und mehr Erfahrungen besitzt.«

»Das gestehe ich Ihnen ohne weiteres zu«, erwiderte der Detektiv herzlich. »Sie erreichen gewöhnlich Ihr Ziel, das muß ich Ihnen lassen, aber Sie verfolgen dabei so verflixt krumme Wege.«

»Nun gut, so wollen wir das Gebiet der Geschichte verlassen und uns auf den Boden der gegebenen Tatsachen stellen. Wie ich Ihnen schon sagte, war ich gestern Nacht im Herrenhaus. Ich habe dort weder Mr. Barker noch Mrs. Douglas gesehen. Ich hatte keine Ursache, sie zu stören, war jedoch erfreut zu hören, daß die Dame sich nicht sonderlich grämt und beim Abendessen einen ausgezeichneten Appetit entwickelt hat. Mein Besuch galt hauptsächlich dem famosen Mr. Ames, mit dem ich eine höchst freundschaftliche Unterredung hatte, die damit abschloß, daß er mir gestattete, einige Zeit in der Bibliothek zu verbringen, ohne daß jemand etwas davon wußte.«

»Was? Mit dem –« rief ich aus.

»Nein, nein, es war schon wieder alles in Ordnung. Sie haben doch die Erlaubnis dazu gegeben, Mr. Mac, wie man mir sagte. Das Zimmer war wieder in seinem gewöhnlichen Zustand. Ich habe darin eine höchst lehrreiche Viertelstunde zugebracht.«

»Was haben Sie dort getan?«

»Nun, um nicht aus einer höchst einfachen Sache ein dunkles Geheimnis zu machen, will ich Ihnen sagen, daß ich nach der fehlenden Hantel gesucht habe. Dies endigte damit, daß ich sie fand!«

»Wo?«

»Aha! Hier kommen wir an die Grenze des Unbewiesenen. Geben Sie mir noch etwas Zeit, nur ein ganz klein wenig Zeit, und ich verspreche Ihnen, daß Sie bald alles wissen werden, was ich weiß.«

»Nun gut, wir müssen Sie wohl so nehmen, wie Sie sind«, sagte der Inspektor. »Aber was das betrifft mit dem ›Die-Sache-fallen-lassen‹, warum im Namen aller Helligen sollten wir die Sache fallen lassen«?

»Aus dem einfachen Grund, mein lieber Mr. Mac, weil Sie noch gar keine Ahnung von dem haben, was Sie suchen und untersuchen wollen.«

»Wir haben die Ermordung von Mr. John Douglas vom Birlstone Herrenhaus zu untersuchen.«

»Sehr richtig, das haben Sie. Aber geben Sie sich keine Mühe, den geheimnisvollen Fremden mit dem Zweirad aufzuspüren. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß es zu nichts führt.«

»Also, was schlagen Sie uns dann vor?«

»Ich will Ihnen ganz genau sagen, was Sie tun sollen, vorausgesetzt, daß Sie es tun werden.«

»Nun gut, ich will Ihnen zugestehen, daß Sie gewöhnlich ernste Gründe für Ihre sonderbaren Handlungen haben. Darum werde ich Ihren Rat gern entgegennehmen.«

»Und Sie, Mr. White Mason?«

Der Provinzdetektiv blickte ratlos von einem zum andern. Er war mit Holmes‘ Eigenarten noch nicht vertraut.

»Ich meine, was dem Inspektor recht ist, kann auch mir recht sein«, antwortete er endlich.

»Famos«, rief Holmes. »Also dann rate ich Ihnen, einen hübschen kleinen, fröhlichen Spaziergang über Land zu machen. Ich hörte, daß man von dem Hügelkamm hinter dem Dorf eine wundervolle Fernsicht über den Forst haben soll. Für das Mittagessen wird sich sicherlich ein nettes Landwirtshaus finden. Meine Unkenntnis der hiesigen Gegend macht es mir indessen unmöglich, Ihnen einen bestimmten Vorschlag zu machen. Dann am Abend, wenn Sie müde, aber zufrieden heimgekehrt sind, –«

»Mann, das geht über den Spaß«, rief McDonald, indem er sich ärgerlich vom Stuhl erhob.

»Also gut, verbringt den Tag, wie Ihr wollt«, sagte Holmes, ihm fröhlich auf die Schulter klopfend. »Tut, wonach euch der Sinn steht, geht, wohin es euch gelüstet, und dann wollen wir uns, wenn es dämmert, hier wieder treffen; aber zuverlässig, Mr. Mac, – unbedingt zuverlässig.«

»Das klingt schon etwas mehr nach Vernunft.«

»Und trotzdem, mein Rat war vortrefflich, aber ich bestehe nicht darauf, wenn wir uns darüber einig sind, uns erst dann wieder zu treffen, wenn ich Sie brauche. Und nun möchte ich noch, bevor wir uns trennen, einen kurzen Brief an Mr. Barker schreiben.»

»Was?«

»Ich werde ihn Ihnen diktieren, wenn es Ihnen recht ist. Sind Sie bereit?« –

»Sehr geehrter Herr!

Wir halten es für unsere Pflicht, das Wasser aus dem Festungsgraben abzulassen, in der Annahme, daß wir darin –«

»Das ist unmöglich,« sagte der Inspektor. »Das habe ich bereits festgestellt.«

»Nur Ruhe, mein lieber Herr, schreiben Sie, bitte, was ich Ihnen sage.«

»Also gut, vorwärts.«

»vielleicht etwas finden, das für unsere Untersuchung von Wert ist. Ich habe bereits alle Vorkehrungen dazu getroffen und benachrichtige Sie hiermit, daß die Arbeiten morgen früh damit beginnen werden, das Bett des Grabens –«

»Unmöglich«, wiederholte McDonald.

» – zu verlegen. Ich hielt es für notwendig, Sie hiervon in Kenntnis zu setzen.« –

»Haben Sie das? Also gut, dann setzen Sie Ihre Unterschrift darunter und schicken Sie den Brief ungefähr um vier Uhr durch Boten. Zu dieser Zeit wollen wir uns in diesem Zimmer wieder zusammenfinden. Bis dahin wollen wir uns mit anderen Dingen beschäftigen, denn ich versichere Ihnen, daß in der Untersuchung eine Pause eintreten muß.«

– Der Abend senkte sich hernieder, als wir uns wieder versammelten. Holmes war in sehr ernster Stimmung. Ich war neugierig, während sich die beiden Detektive offensichtlich in einer kritischen, ärgerlichen Laune befanden.

»Meine Herren,« sagte mein Freund, »ich werde Sie nun bitten, einer abschließenden Nachprüfung meiner Beobachtungen beizuwohnen und Sie können sich dann selbst eine Meinung darüber bilden, ob die Schlußfolgerungen, zu denen ich gelangte, gerechtfertigt sind oder nicht. Es ist ein kühler Abend und da wir nicht wissen, wie lange unsere Expedition dauern wird, würde ich Ihnen raten, sich einen warmen Überrock mitzunehmen. Es ist von höchster Wichtigkeit, daß wir an Ort und Stelle sind, bevor es dunkel wird, und darum wollen wir, wenn Sie gestatten, sogleich aufbrechen.«

Wir hielten uns entlang der äußeren Umrandung des Parkes, bis wir an einen Platz kamen, wo in der Umzäunung eine Öffnung war. Wir schlüpften durch diese und folgten dann Holmes in der hereinbrechenden Dämmerung bis zu einem Buschwerk, das nahezu gegenüber dem Haupteingangstor und der Zugbrücke lag. Die letztere war noch herabgelassen. Holmes kauerte sich hinter der dichten Wand von Lorbeerbüschen nieder und wir alle folgten seinem Beispiel.

»Was gibts nun für uns zu tun?« fragte der Inspektor in ziemlich ungehaltenem Tone.

»Unsere Seelen in Geduld zu fassen und so wenig Geräusch wie möglich zu machen«, antwortete Holmes.

»Wozu sind wir überhaupt hier? Ich glaube wirklich, Sie sollten etwas offener zu uns sein.«

Holmes lachte.

»Watson behauptet immer, daß ich Anlage zum Dramatiker habe«, sagte er. »Der Künstler in mir rührt sich und verlangt eindringlichst eine gut inszenierte Vorstellung. Sie müssen zugeben, Mr. Mac, daß unser Beruf eintönig und trübselig wäre, wenn wir nicht gelegentlich einmal einen Schlußeffekt zur Verherrlichung unserer Bemühungen aufbauen könnten. Die ungeschminkte Beschuldigung und das brutale Auf-die-Schulter-klopfen – was kann man schon daraus machen? Aber die blitzartige Kombination, die listige Falle, die kluge Voraussicht kommender Ereignisse, die triumphierende Rechtfertigung kühner Theorien, ist dies nicht der Stolz und die Bejahung einer Lebensaufgabe? Wir genießen jetzt die Spannung einer Situation, ähnlich der des Jägers vor der Falle. Wo wäre diese Spannung geblieben, wenn meine Worte so knapp und präzise wären, wie die Ausdrucksweise eines Kursbuches. Alles was ich von Ihnen verlange, Mr. Mac, ist etwas Geduld; bald wird Ihnen alles klar sein.«

»Ich will nur hoffen, daß der Stolz, die Bejahung und alles übrige sich einstellen wird, bevor wir einen Schnupfen weghaben«, sagte der Londoner Detektiv in komischer Ergebung.

Wir hatten alle Ursache, uns diesem Wunsche anzuschließen, denn unsere Wacht war lang und höchst ungemütlich. Langsam senkten sich die Schatten auf die ausgedehnte, düstere Fassade des alten Hauses. Unsere Körper waren erfroren bis auf die Knochen und die Zähne klapperten uns, in dem kalten, feuchten Dunst, der aus dem Festungsgraben emporstieg. Im Eingangstor sahen wir eine einzige Lampe brennen, die Bibliothek war hell erleuchtet. Alles andere war still und dunkel.

»Wie lange soll das noch dauern?« fragte der Inspektor plötzlich. »Und auf was warten wir überhaupt?«

»Wie lange das noch dauern wird, weiß ich ebensowenig wie Sie«, antwortete Holmes mit einer kleinen Schärfe im Ton. »Es wäre für uns sicherlich bequemer, wenn die Verbrecher sich ihre Handlungen ebenso programmäßig einrichten würden, wie die Eisenbahn ihre Züge. Und was wir erwarten? – Aha, seht, das ist es, was wir erwarten!«

Während er sprach, wurde der Lichtschein in der Bibliothek zeitweise durch eine Gestalt, die vor dem Licht auf- und abging, verdunkelt. Die Lorbeerbüsche, in denen wir lagen, befanden sich fast dem Fenster gegenüber und keine fünfzig Schritte davon entfernt. Unmittelbar darauf hörten wir das Knarren der Scharniere, als das Fenster geöffnet wurde, und sahen die dunklen Umrisse eines männlichen Oberkörpers im Fensterrahmen erscheinen. Der Mann blickte in die dunkle Nacht hinaus und hielt verstohlen und heimlich Umschau, um sich zu vergewissern, ob er unbeobachtet sei. Dann beugte er sich vor und wir hörten in der tiefsten Stille das sanfte Plätschern bewegten Wassers. Er schien im Festungsgraben mit einem Gegenstand, den er in der Hand hielt, herumzurühren; dann zog er plötzlich etwas empor, wie ein Fischer seine Beute, – ein großes rundes Paket, das den Lichtschein fast gänzlich verdeckte, als es durch das Fenster gezogen wurde.

»Jetzt,« rief Holmes, »kommen Sie.«

Wir sprangen alle auf und stolperten mit steifgefrorenen Beinen ihm nach, während er in einer jener flackernden Anwandlungen nervöser Energie, die ihn zuzeiten nicht allein zu einem der beweglichsten, sondern auch der stärksten Menschen machen konnte, die ich je kennen gelernt habe, blitzschnell über die Brücke rannte und heftig an der Klingel zog. Alsbald hörten wir von innen heraus das Knarren von Riegeln und der verblüffte Ames stand im Torweg. Holmes schob ihn wortlos beiseite und stürmte, von uns allen gefolgt, in das Zimmer, in dem sich noch der Mann befand, den wir beobachtet hatten.

Das Licht, das wir von außen sahen, rührte von einer Petroleumlampe her, die auf dem Tisch gestanden hatte. In diesem Moment war sie in der Hand Cecil Barkers, der sie uns entgegenhielt. Das Licht schien auf sein markantes, entschlossenes, glattrasiertes Gesicht und seine drohenden Augen.

»Was, zum Teufel, soll das heißen?« rief er. »Was wollt Ihr hier?«

Holmes‘ Augen überflogen blitzartig das Zimmer. Dann stürzte er sich auf das triefende Bündel, das, von einer Schnur zusammengehalten, unter dem Schreibtisch lag, wohin es geworfen worden war.

»Das wollen wir, Mr. Barker. Dieses Paket, beschwert mit einer Hantel, das Sie eben aus dem Festungsgraben gezogen haben.«

Barker starrte Holmes in höchster Verblüffung an.

»Und woher, in des Teufels Namen, wissen Sie etwas davon?«

»Ganz einfach, weil ich es selbst hineingelegt habe.«

»Sie haben es hineingelegt? Sie?«

»Ich sollte eigentlich sagen, wieder hineingelegt«, sagte Holmes. »Sie erinnern sich doch, Inspektor McDonald, daß mir das Fehlen einer Hantel aufgefallen war. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, aber Sie waren damals durch andere Gedanken so in Anspruch genommen, daß Sie kaum Zeit hatten, sich die Sache zu überlegen und Ihre Schlußfolgerungen daraus zu ziehen. Da der Wassergraben so nahe ist, ist es kaum eine bei den Haaren herbeigezogene Vermutung, daß irgend etwas mit der fehlenden Hantel in das Wasser versenkt worden war. Dieser Gedanke erschien mir einer Nachprüfung wert, deren Schlußergebnis war, daß ich gestern mit der Unterstützung von Ames, der mich ins Zimmer ließ, und der Krücke von Dr. Watsons Regenschirm das Paket herausfischen und untersuchen konnte. Danach war es für uns von größter Wichtigkeit, einwandfrei festzustellen, wer es hineingelegt hat. Dies erreichten wir durch das naheliegende Mittel, anzukündigen, daß der Festungsgraben morgen trockengelegt werden würde, wobei wir annehmen konnten, daß derjenige, der das Paket dort verborgen hat, es herausziehen werde, sobald ihm die Dunkelheit dies unbemerkt gestattete. Wir haben nicht weniger als vier Zeugen dafür, wer es war, der sich dieser Möglichkeit bediente, und daher, Mr. Barker, möchte ich Sie bitten, mir hierüber eine Erklärung zu geben.«

Sherlock Holmes legte das Paket auf den Tisch neben die Lampe und knüpfte die Schnur, mit der es zugebunden war, auf. Daraus zog er eine Hantel, die er zu der anderen in der Ecke stieß, ein Paar Stiefel – »amerikanisches Fabrikat, wie Sie sehen,« bemerkte er, indem er auf die Form der Kappe zeigte, – dann ein langes, gefährlich aussehendes, in einer Scheide steckendes Messer. Schließlich entnahm er dem Paket ein Bündel Kleider, bestehend aus Unterwäsche, Socken, einem grauen Tweedanzug und einem kurzen, gelben Überrock.

»Die Kleider sind ganz gewöhnlicher Art,« bemerkte Holmes, »außer dem Überrock, der verschiedene interessante Eigenarten hat.«

Zärtlich hielt er ihn gegen das Licht, während er ihn mit seinen langen, dünnen Fingern abtastete.

»Hier sehen Sie z. B. die innere Brusttasche, die innerhalb des Futters soweit vertieft ist, daß sie die abgeschnittene Schrotflinte aufnehmen konnte. Die Firma des Schneiders ist hier am Kragen angenäht – Neadel, Herrenausstattungen, Vermissa, USA. Ich habe den Vormittag in der Pfarrbibliothek nutzbringend verwendet, und meinem Wissen die Tatsache zugefügt, daß Vermissa eine aufstrebende kleine Stadt am Kopfe eines Tales ist, in dem sich eines der bekanntesten Eisen- und Kohlengebiete der Vereinigten Staaten befindet. Ich erinnere mich noch, Mr. Barker, daß Sie die erste Gattin von Mr. Douglas mit den Kohlengegenden in Verbindung gebracht haben, und es scheint mir daher keine allzu kühne Kombination zu sein, das V V auf der Karte bei der Leiche für die Abkürzung von Vermissa Valley zu halten; weiter, daß dieses Tal, das Mordgesellen ausschickt, kein anderes ist, als das Tal des Grauens, von dem wir schon gehört haben. Soweit scheint dies alles klar zu sein. Und nun, Mr. Barker, möchte ich Ihrer Erklärung nicht länger im Wege stehen.«

Das ausdrucksvolle Gesicht Cecil Barkers trug während der Ausführungen des großen Detektivs einen Ausdruck, den zu beobachten sich der Mühe lohnte.

Ärger, Verblüffung, Verlegenheit und Unentschlossenheit rangen darin um die Vorherrschaft. Schließlich suchte er sich hinter einer schneidenden Ironie zu verschanzen.

»Wenn Sie soviel wissen, Mr. Holmes, wird es vielleicht am besten sein, wenn Sie uns auch noch das übrige erzählen«, sagte er höhnisch.

»Zweifellos könnte ich Ihnen noch gar manches erzählen, Mr. Barker, aber es scheint mir passender, das weitere aus Ihrem Munde zu hören.«

»Glauben Sie? Dann möchte ich sagen, wenn hier irgendein Geheimnis vorliegt, so ist es nicht das meine, und ich bin nicht der Mann, es preiszugeben.«

»Nun, Mr. Barker, wenn Sie sich darauf versteifen,« sagte der Inspektor ruhig, »bleibt uns nichts weiter übrig, als Sie im Auge zu behalten, bis wir einen Haftbefehl gegen Sie haben.«

»Sie können tun, was Sie wollen«, antwortete Barker trotzig.

Soweit er in Betracht kam, waren wir zweifellos an einem toten Punkt angelangt, denn man brauchte nur einen Blick auf das wie aus Stein gemeißelte Gesicht zu werfen, um zu erkennen, daß keine Tortur dieser Welt ihn veranlassen könnte, einem einmal gefaßten Beschluß entgegenzuhandeln. Alsbald kam jedoch wieder Bewegung in die Lage durch das Hineinklingen einer Frauenstimme. Mrs. Douglas, die offenbar schon an der halbgeöffneten Tür gehorcht hatte, trat ins Zimmer.

»Sie haben schon genug für uns getan, Cecil«, sagte sie. »Was immer auch daraus werden mag, Sie haben genug getan.«

»Genug und mehr als das«, bemerkte Sherlock Holmes ernst. »Sie haben mein volles Mitgefühl, gnädige Frau, und ich würde Ihnen dringendst raten, etwas Vertrauen zu der Rechtspflege zu haben und sich der Polizei ruhig anzuvertrauen. Es mag sein, daß es ein schwerer Fehler von mir war, den Wink nicht zu beachten, den Sie mir durch meinen Freund Dr. Watson zukommen ließen, aber zu jener Zeit hatte ich allen Grund zu glauben, daß Sie unmittelbar an dem Verbrechen beteiligt seien. Jetzt bin ich vom Gegenteil überzeugt. Immerhin gibt es noch vieles, das der Erklärung bedarf, und ich würde Ihnen ernstlich raten, zu veranlassen, daß nun Mr. Douglas selbst das Wort ergreift

Ein Aufschrei des Erstaunens aus Mrs. Douglas‘ Mund folgte den Worten Holmes. Wir, die Detektive und ich, müssen wohl ein Echo dazu geliefert haben, als wir einen Mann gewahrten, der in jenem Moment direkt aus der Wand herauszukommen schien und der dann aus dem Dunkel der Ecke, in der er Einlaß ins Zimmer gefunden hatte, hervortrat. Mrs. Douglas wandte sich um und hielt ihn einen Augenblick später mit ihren Armen umschlungen. Barker hatte seine ausgestreckte Hand ergriffen.

»Es ist am besten so, Jack«, sagte seine Frau. »Ich bin überzeugt, es ist das beste.«

»Jawohl, Mr. Douglas,« sagte Sherlock Holmes, »auch ich bin davon überzeugt.«

Der Mann stand vor uns mit den blinzelnden Augen eines, der unvermittelt aus dem Dunkel in einen hellen Raum tritt. Es war ein Mann von bemerkenswertem Äußern; er hatte kühne graue Augen, einen dichten, kurzgeschnittenen, melierten Schnurrbart, ein eckiges, vorstehendes Kinn und einen humorvollen Mund. Er musterte uns alle eingehend und schritt dann zu meiner größten Überraschung auf mich zu und übergab mir ein Bündel Papiere.

»Ich habe von Ihnen gehört«, sagte er mit einem Akzent, der nicht ganz englisch und auch nicht ganz amerikanisch war, aber melodisch und angenehm klang. »Sie sind der Historiker in dieser Gesellschaft. Nun, Dr. Watson, ich glaube nicht, daß Sie jemals eine ähnliche Geschichte in Ihren Händen hatten. Darauf möchte ich meinen letzten Dollar wetten. Machen Sie daraus, was Sie wollen. Hier haben Sie nur die nackten Tatsachen, aber Sie können nicht fehlgehen, solange Sie sich an diese halten. Ich bin zwei Tage eingeschlossen gewesen und habe die Tagesstunden, soweit es das schwache Licht in dieser Mausefalle zuließ, dazu benutzt, die Geschichte niederzuschreiben. Sie können sie haben – Sie und ihre Leser. Es ist die Geschichte vom Tal des Grauens.«

»Das ist die Vergangenheit, Mr. Douglas,« sagte Sherlock Holmes ruhig. »Was wir jetzt haben wollen, ist die Geschichte der Gegenwart.«

»Sie sollen sie hören«, sagte Douglas. »Darf ich rauchen, während ich spreche? Schön, danke Ihnen, Mr. Holmes. Sie sind selbst Raucher, wenn ich mich nicht irre, und werden sich vorstellen können, was es heißt, zwei Tage mit Tabak in der Tasche dazusitzen und nicht rauchen zu dürfen, aus Furcht, durch den Geruch verraten zu werden.«

Er lehnte sich an den Kaminsims und saugte an der Zigarre, die ihm Holmes überreicht hatte.

»Ich habe von Ihnen schon gehört, Mr. Holmes, aber nicht gedacht, daß ich Ihnen jemals begegnen würde. Wenn Sie das gelesen haben,« sagte er, auf die Papiere deutend, »werden Sie erkennen, daß ich Ihnen etwas Neues gebracht habe.«

Inspektor McDonald, der bisher die neue Erscheinung in höchster Verblüffung angestarrt hatte, fand endlich Worte.

»Da hört sich aber alles auf«, rief er. »Wenn Sie Mr. John Douglas, Besitzer von Birlstone, sind, wessen Ermordung haben wir dann die letzten zwei Tage untersucht, und wo, um alles in der Welt, sind Sie eigentlich hergekommen? Sie kommen mir vor wie der Teufel aus der Kiste.«

»Ja, mein lieber Mr. Mac,« sagte Holmes mit vorwurfsvoll erhobenem Zeigefinger, »Sie wollten ja die ausgezeichnete Beschreibung des Versteckes von König Karl in der Broschüre nicht nachlesen. Zu den damaligen Zeiten haben sich die Leute nicht verborgen, ohne zuverlässige Verstecke zu haben, und es war immerhin möglich, daß ein solches später noch einmal benutzt werden konnte. Ich war überzeugt, daß wir Mr. Douglas unter diesem Dach finden würden.«

»Und wie lange haben Sie in dieser Weise mit uns bereits Katze und Maus gespielt, Mr. Holmes?« sagte der Inspektor ärgerlich. »Wie lange haben Sie zugelassen, daß wir unsere Zeit mit Nachforschungen vergeudeten, von denen Sie wußten, daß sie lächerlich waren?«

»Nicht sehr lange, mein lieber Mr. Mac. Erst gestern Abend habe ich mir meine endgültigen Ansichten über den Fall gebildet. Da ich sie erst heute erproben konnte, riet ich Ihnen und Ihrem Kollegen, sich den Tag über Erholung zu gönnen. Was hätte ich sonst tun können? Als ich die Kleider im Festungsgraben fand, war es mir klar, daß die Leiche, die wir gesehen haben, nicht die von Mr. Douglas sein konnte, sondern die des Radfahrers aus Tunbridge Wells. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Daher hatte ich festzustellen, wo Mr. John Douglas war. Die Wahrscheinlichkeit sprach dafür, daß er sich mit Wissen seiner Frau und seines Freundes verborgen hielt, und zwar hier im Hause, das für Flüchtlinge mancherlei geeignete Schlupfwinkel aufweist, und daß er nur wartete, bis sich die erste Aufregung gelegt hatte, um dann das Weite zu suchen.«

»Sie haben ganz recht damit gehabt«, sagte Douglas zustimmend. »Ich habe es für das beste gehalten, eurem britischen Gesetz aus dem Wege zu gehen, da ich mich darin nicht auskenne, und zu gleicher Zeit diese Hunde endgültig von meiner Fährte abzuschütteln. Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich niemals etwas tat, worüber ich mich zu schämen brauche, und nichts, das ich nicht wieder tun würde, wenn es die Umstände erfordern sollten. Darüber können Sie jedoch selbst urteilen, wenn Sie meine Geschichte gelesen haben. Sie brauchen mir nicht die übliche Verwarnung zu geben, Inspektor, ich bin bereit, die volle Wahrheit zu sagen.«

»Ich will nicht mit dem Anfang beginnen, der ist hier,« er wies bei diesen Worten auf die Papiere in meinen Händen, »und ein merkwürdiger Anfang ist es, wie Sie finden werden. Die Sache ist die: es gibt Leute, die guten Grund haben, mich zu hassen, die ihren letzten Pfennig dafür ausgeben würden, zu hören, daß ich nicht mehr unter den Lebenden weile. Solange ich lebe und diese Leute leben, gibt es für mich in dieser Welt keine Sicherheit. Sie haben mir von Chicago nach Kalifornien nachgespürt; dann haben sie mich aus Amerika verjagt. Aber als ich schliesslich heiratete und mich in dieser stillen Gegend niederließ, habe ich gehofft, meine letzten Lebensjahre in Frieden beschließen zu können. Meiner Frau habe ich niemals erzählt, wie die Sachen stehen. Warum auch sollte ich sie hineinziehen? Sie hätte nie wieder einen ruhigen Augenblick gehabt und wäre in steter Sorge gewesen. Etwas wird sie schon geahnt haben, denn hie und da habe ich wohl ein Wort fallen lassen, aber gestern, nachdem sie von den Herren hier verhört worden ist, hat sie Einblick in die Sache gewonnen. Sie hat Ihnen alles gesagt, was sie wußte, genau so wie Barker, denn als die Sache hier passierte, war keine Zeit zu Erklärungen. Jetzt weiß sie alles. Es wäre vielleicht weiser gewesen, wenn ich sie schon früher ins Vertrauen gezogen hätte, aber es war eine schwere Wahl, Liebste,« – er ergriff ihre Hand, – »und ich glaubte zu deinem Besten zu handeln.«

»Nun, meine Herren, am Tage bevor diese Sache sich zutrug, war ich drüben in Tunbridge Wells, wo ich einen Mann auf der Straße erblickte. Ich sah ihn nur einen Moment, aber ich habe ein flinkes Auge und erkannte ihn sofort. Er war von allen meinen Feinden der Schlimmste. Die ganzen Jahre hindurch war er hinter mir her, wie der hungrige Wolf hinter dem Karibu. Ich wußte, was mir bevorstand, und zögerte nicht, nach Hause zurückgekehrt, mich darauf vorzubereiten. Es war meine Absicht, den Kampf allein aufzunehmen. Es gab eine Zeit, wo mein Glück in den ganzen Vereinigten Staaten sprichwörtlich war, ich verließ mich darauf, daß es mich auch diesmal nicht in Stich lassen würde. Den ganzen nächsten Tag über war ich ständig auf meiner Hut und ging nicht einmal in den Park hinaus. Das war zweifellos klug gehandelt, denn er würde mich jedenfalls vor seine Schrotflinte gekriegt haben, bevor ich Zeit hatte, meine eigene Waffe zu ziehen. Nachdem die Brücke aufgezogen war, habe ich getrachtet, die ganze Sache zu vergessen. Ich war immer etwas ruhiger, wenn die Zugbrücke abends geschlossen war. Daran, daß er sich in das Haus schleichen und hier auf mich lauern würde, habe ich nicht gedacht. Als ich meine gewöhnliche Runde durch das Haus machte und die Bibliothek betrat, fühlte ich eine nahe Gefahr. Wenn ein Mensch wie ich sich in vielerlei Gefahren befunden hat, – und ich habe in dieser Hinsicht mehr erlebt, als die meisten Leute, – so entwickelt er eine Art sechsten Sinn, der Warnungssignale gibt, ohne daß tatsächliche Anhaltspunkte für eine Gefahr vorhanden sind. Ich fühlte diese Warnungszeichen ganz deutlich, wußte jedoch nicht, warum. Im nächsten Augenblick hatte ich indessen einen Stiefel bemerkt, der unter dem Fenstervorhang hervorsah, und dann war mir alles klar.

Es brannte nur die Kerze, die ich in der Hand hielt, aber das Zimmer war von dem Lichtschein erhellt, der aus der Lampe in der Halle hereinfiel. Ich setzte die Kerze nieder und sprang nach dem Hammer, den ich auf dem Kaminsims gelassen hatte. In dem Moment stürzte er sich auf mich zu. Ich sah nur das Glitzern eines Messers, als ich mit dem Hammer auf ihn einschlug. Irgendwo muß ich ihn getroffen haben, denn das Messer fiel klirrend zu Boden. Dann schlüpfte er gewandt wie ein Aal um den Tisch herum und zog mit blitzartiger Geschwindigkeit sein Gewehr aus dem Rock hervor. Ich hörte noch, wie er den Hahn spannte, hatte ihn aber schon umklammert, bevor er abdrücken konnte. Ich hielt das Gewehr beim Lauf, als wir einige Minuten auf Leben und Tod rangen. Wer das Gewehr freigeben mußte, war ein toter Mann. Er ließ es zwar nicht los, aber einen Augenblick lang war die Mündung auf ihn gerichtet. Vielleicht war ich es, der den Drücker zog, vielleicht ist die Flinte in unserem Kampf von selbst losgegangen. Das Ergebnis war jedenfalls, daß er alle zwei Schüsse in das Gesicht bekam, und alsbald konnte ich auf das hinunterblicken, was von Ted Baldwin übriggeblieben war. Ich hatte ihn schon in der Stadt erkannt und gleich wieder, als er auf mich zusprang. Obwohl mir schwere Verwundungen nichts Neues sind, muß ich gestehen, daß mir bei seinem Anblick geradezu übel wurde. Ich lehnte noch gegen die Tischkante, als Barker eiligst hereintrat. Auch meine Frau hörte ich kommen, lief jedoch zur Tür, um sie anzuhalten. Es war kein Schauspiel für eine Frau. Ich versprach ihr, möglichst bald zu ihr zu kommen. Barker gab ich bloß einige erklärende Worte, die er rasch begriff, und dann warteten wir, bis die anderen kommen würden. Aber niemand kam, was uns klar machte, daß keiner der Leute etwas gehört hatte, und wir allein wußten, was geschehen war.

In diesem Augenblick kam mir eine Eingebung, deren Glanz mich geradezu verwirrte. Der Ärmel des Mannes war hinaufgerutscht und das Brandmal der Loge auf seinem Unterarm deutlich sichtbar. Sehen Sie her.«

Douglas zog Rockärmel und Manschette hoch, und wir sahen auf seinem Unterarm genau dasselbe Dreieck innerhalb eines Kreises, das wir an der Leiche bemerkt hatten.

»Meine Eingebung rührte von diesem Brandmal her. Sie durchzuckte mich wie ein Blitz. Wir waren von derselben Größe, hatten dieselbe Gestalt und dasselbe Haar. Sein Gesicht war völlig unkenntlich. Ich zog ihm die Kleider aus und in einer Viertelstunde hatten Barker und ich ihm meinen Schlafanzug und Schlafrock angezogen, genau so, wie Sie ihn hier fanden. Dann knüpften wir alle seine Sachen in ein Bündel, das wir mit dem einzigen Gewicht, das ich in der Eile finden konnte, beschwerten und so aus dem Fenster warfen. Die Karte, die er neben meiner Leiche niederlegen wollte, lag nun neben der seinen. Wir steckten ihm meine Ringe an die Finger, aber als wir an den Ehering kamen, –« er hielt seine muskulöse Hand hoch, – »da ging er nicht herunter, wie Sie selbst sehen. Er war nicht von meinem Finger gekommen, seit ich heiratete und wir hätten eine Feile nehmen müssen, um ihn abzukriegen. Ich glaube indessen nicht, daß ich ihn abgenommen hätte, selbst wenn es möglich gewesen wäre. Dann brachte ich ein Stück Pflaster herunter und klebte es ihm an dieselbe Stelle, wo ich selbst eines trug. Hierbei haben Sie etwas übersehen, Mr. Holmes, so klug Sie sonst sind, denn wenn Sie ihm das Pflaster abgezogen hätten, würden Sie bemerkt haben, daß keine Verletzung darunter war.«

»Das war also die Lage. Wenn es mir gelingen würde, eine Zeitlang versteckt zu bleiben und nachher irgendwohin zu fliehen, wo mich meine Frau wieder treffen konnte, hätten wir die Möglichkeit gehabt, unser Leben in Ruhe zu beschließen. Diese Teufel hätten mir niemals Ruhe gegeben, solange sie mich über dem Erdboden wußten, aber wenn sie zu dem Glauben gekommen wären, daß Baldwin sein Opfer gefunden hatte, wäre die Geschichte für sie erledigt gewesen. Es blieb mir nicht viel Zeit, all dies Barker und meiner Frau klarzumachen, aber sie verstanden genug, um mir zu helfen. Ich wußte von diesem Versteck, ebenso wie Ames, dem indessen niemals eingefallen war, es mit dieser Sache in Verbindung zu bringen. Ich zog mich dahin zurück und überließ Barker den Rest.

Über diesen Rest werden Sie wohl selbst schon genügend Bescheid wissen. Barker öffnete das Fenster und erzeugte die Fußspuren auf dem Fensterbrett, um damit den Weg des Mörders anzudeuten. Dies war wohl eine kühne Idee, aber da die Brücke aufgezogen war, gab es keinen anderen Rückzugsweg. Nachdem alles vorbereitet war, läutete er aus Leibeskräften. Was nachher geschah, wissen Sie bereits. Und nun, meine Herren, tun sie mit mir, was Sie für gut befinden. Ich habe die Wahrheit gesagt, die volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe! Was ich jetzt wissen möchte: wie stehe ich nach dem englischen Gesetz da?«

Auf diese Frage folgte Schweigen, das nach einer Weile von Sherlock Holmes unterbrochen wurde.

»Das englische Gesetz ist im großen und ganzen ein gerechtes. Es wird Sie genau so behandeln, wie Ihnen gebührt. Eines möchte ich Sie noch fragen: woher wußte der Mann, daß Sie hier wohnen, wie er in das Haus kommen, und wo er sich darin verstecken konnte?«

»Davon habe ich keine Ahnung.«

Holmes‘ Gesicht war blaß und todernst.

»Ich fürchte, die Sache ist für mich noch nicht zu Ende. Vielleicht drohen Ihnen größere Gefahren, als die der englischen Rechtsprechung oder selbst die seitens Ihrer Feinde in Amerika. Ich sehe Schlimmes für Sie voraus, Mr. Douglas, und wenn Sie meinem Rat folgen wollen, seien Sie auf Ihrer Hut.«

Und nun, meine allzu geduldigen Leser, möchte ich euch bitten, mir auf kurze Zeit an eine andere Stätte zu folgen, weit weg vom Herrenhaus in Birlstone, Sussex, und auch weit abliegend von dem Jahre des Herrn, in dem wir unsere ereignisreiche Fahrt dorthin antraten, die mit der ungewöhnlichen Geschichte des Mannes, der als John Douglas bekannt war, endigen sollte. Wir begeben uns in der Zeitrechnung um etwa zwanzig Jahre zurück, und müssen einen Raum von einigen tausend Meilen durchqueren, damit ich euch die ungeheuerliche und schreckliche Erzählung vortragen kann, die nun folgen wird. So ungeheuerlich und schrecklich ist sie, daß ihr sie kaum für möglich halten werdet. Glaubt nicht, daß ich eine neue Geschichte beginnen will, bevor die vorherige zu Ende ist. Während ihr im Lesen vorwärtsschreitet, werdet ihr euch davon überzeugen, daß dem nicht so ist. Und dann, nachdem ich euch mit den Ereignissen, die sich in der Ferne und in der Vergangenheit abgespielt haben, vertraut gemacht und euch das in sie verwobene Geheimnis enthüllt habe, wollen wir uns in unseren Räumen in Bakerstreet wiedertreffen, wo unsere Geschichte ihren Abschluß finden soll.

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3. Kapitel. Loge Nr. 341 Vermissa.

3. Kapitel. Loge Nr. 341 Vermissa.

Am Morgen, der diesem ereignisreichen Tage folgte, verließ McMurdo seine Wohnung bei Jakob Shafter und bezog Quartier bei der Witwe McNamara am Rande der Stadt. Scanlan, seine erste Bekanntschaft, hatte Veranlassung, nach Vermissa zu übersiedeln und zog zu ihm. Die beiden waren die einzigen Mieter, und die Vermieterin, eine leichtherzige, alte Irin überließ sie ganz sich selbst, so daß sie jede Freiheit der Rede und des Handelns genossen, die Leute solcher Art, vereint durch ein gemeinsames Geheimnis, nur wünschen konnten. Shafter hatte so weit nachgegeben, daß er McMurdo gestattete, bei ihm die Mahlzeiten einzunehmen, wenn er wollte, so daß der Verkehr des jungen Mannes mit Ettie keine Unterbrechung erlitt. Im Gegenteil, er wurde im Verlaufe der folgenden Wochen immer enger und McMurdo fühlte sich in seinem neuen Heim so sicher, daß er in seinem Schlafzimmer die Banknotenpresse auspackte und einer Anzahl Logenbrüder unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit gestattete sie zu besichtigen und einige Muster mitzunehmen, die so geschickt nachgeahmt waren, daß sie ohne Gefahr und Schwierigkeit ausgegeben werden konnten. Warum McMurdo, im Besitze einer derartigen Kunst, sich herabließ zu arbeiten, war seinen Gefährten rätselhaft. Er machte ihnen jedoch klar, daß mangels offenkundiger Erwerbsquellen die Polizei bald hinter ihm her sein würde.

Ein Polizeibeamter hatte ihm tatsächlich bereits nachgespürt, aber das Glück wollte es, daß ihm der Vorfall eher nützte als schadete. Nach seiner Einführung in McGintys Gasthaus vergingen wenige Abende, die er nicht dort verbrachte. Es war seine Absicht, sich mit den »Jungens«, mit welchem freundschaftlichen Titel die gefährliche Bande, die diesen Ort bevölkerte, gewöhnlich belegt wurde, näher zu befreunden. Sein schneidiges Auftreten, die Kühnheit seiner Sprache machten ihn bald allseitig beliebt. Die Schnelligkeit und kunstvolle Geschicklichkeit, mit der er einmal einen Gegner in einem Raufhandel abfertigte, verschafften ihm die Achtung dieser gewalttätigen Gesellschaft. Der erwähnte Vorfall führte dazu, diese Achtung noch zu erhöhen. Eines Abends, zur Zeit des stärksten Besuches, öffnete sich die Tür und ein Mann trat ein, gekleidet in die blaue Uniform und Schirmmütze der Kohlen- und Eisenpolizei. Diese war eine von den Eisenbahnen und Bergwerksbesitzern organisierte Hilfstruppe, dazu bestimmt, die Arbeit der Zivilpolizei, die gegenüber dem organisierten Terror und Rowdywesen der Gegend vollkommen hilflos war, zu unterstützen. Schweigen senkte sich auf die versammelten Gäste, als der Mann eintrat, und gar mancher verstohlene Blick fiel auf ihn. Die Beziehungen zwischen Verbrechern und der Polizei sind indessen in den Vereinigten Staaten eigenartig. McGinty, der hinter dem Bartisch stand, zeigte keine Überraschung, als der Polizeiinspektor eintrat und sich unter seine Kunden mischte.

»Ein Glas puren Whisky, es ist bitter kalt draußen,« sagte der Polizeioffizier. »Ich glaube, wir haben uns noch nicht gesehen, Rat McGinty.«

»Sie sind wohl der neue Polizeikapitän?« fragte McGinty.

»Stimmt. Wir verlassen uns auf Sie und die anderen tonangebenden Bürger, uns zu helfen, Gesetz und Ordnung in dieser Stadt aufrechtzuerhalten. Kapitän Marvin ist mein Name – von der Kohlen- und Eisenpolizei.«

»Wir würden besser ohne Sie auskommen, Kapitän Marvin,« erwiderte McGinty kalt, »denn wir haben unsere eigene Polizei und haben keinen Bedarf für Importware. Was sind Sie anderes, als das bezahlte Werkzeug der Kapitalisten, von diesen gedungen, die ärmeren Mitbürger niederzuschlagen oder niederzuschießen.«

»Na, na, wir wollen uns darüber nicht streiten«, sagte der Polizeioffizier gutgelaunt. »Sie tun wahrscheinlich Ihre Pflicht oder was Sie dafür halten, worüber Sie und ich vielleicht verschiedener Meinung sind.« Er hatte sein Glas geleert und war eben im Begriff zu gehen, als sein Blick auf Jack McMurdo fiel, der finsterblickend an seiner Seite gestanden hatte.

»Hallo, hallo!« rief er, indem er ihn von oben bis unten musterte, »ein alter Freund, wenn ich mich nicht irre.«

McMurdo zog sich vor ihm zurück.

»Ich war niemals ein Freund von Ihnen oder der irgendeines anderen verdammten Polizisten,« sagte er.

»Nun gut, dann also ein Bekannter,« sagte der Polizeikapitän. »Sie sind Jack McMurdo aus Chicago, ich irre mich nicht. Es hat keinen Zweck, zu leugnen.«

»Ich leugne es nicht,« antwortete McMurdo achselzuckend, »glauben Sie, ich schäme mich meines eigenen Namens?«

»Sie hätten aber alle Ursache dazu.«

»Was, in des Teufels Namen, wollen Sie damit sagen?« brüllte McMurdo mit geballten Fäusten.

»Ruhe, Ruhe, Jack. Dieses Poltern macht auf mich keinen Eindruck. Bevor ich in diesen gottverdammten Kohlenspeicher kam, war ich Polizeioffizier in Chicago und erkenne jeden unserer Galgenvögel, wenn ich ihn sehe.«

»Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie Marvin von der Zentrale in Chicago sind?« rief McMurdo bestürzt.

»Jawohl, noch immer derselbe alte Teddy Marvin, zu dienen. Wir haben dort die Erschießung von Jonas Pinto noch nicht vergessen.«

»Ich war es nicht.«

»So, Sie waren es nicht. Das ist eine beweiskräftige, unparteiische Zeugenschaft, nicht wahr? Immerhin ist Ihnen sein Tod sehr gelegen gekommen, sonst hätte man Sie gefaßt, wegen Ihrer schönen Banknoten. Wir wollen das jedoch dahingestellt sein lassen, denn, unter uns gesagt – vielleicht sage ich damit mehr, als meine Pflicht zuläßt – wir haben gegen Sie keinen einwandfreien Beweis gehabt, und Sie können jederzeit nach Chicago zurück, schon morgen, wenn Sie wollen.«

»Ich bin hier ganz zufrieden.«

»Mir recht. Ich habe Ihnen einen nützlichen Wink gegeben, und Sie sind ein eigensinniger Tropf, wenn Sie ihn zurückweisen.«

»Nun gut, Sie haben es wahrscheinlich gut gemeint und ich muß Ihnen wohl danken,« sagte McMurdo keineswegs freundlicher.

»Mir soll es recht sein, solange Sie sich auf der richtigen Seite des Gesetzes halten« sagte der Kapitän. »Aber so wahr ich hier stehe, wenn Sie mir in die Quere kommen, dann gibt es etwas. Also gute Nacht – und auch Ihnen eine gute Nacht, Rat McGinty.«

Dieser Vorfall hatte McMurdo den Nimbus eines Helden eingetragen. Man hatte sich schon vorher über seine Taten in Chicago Verschiedenes zugeraunt. Er hatte aber alle Fragen nach dieser Richtung mit bescheidenem Lächeln abgewehrt, wie einer, der eine Huldigung für unverdiente Größe ablehnt. Jetzt aber war die Sache amtlich festgestellt. Die Besucher der Bar umringten ihn und schüttelten ihm erfreut die Hand. Er war einer der Ihren geworden. Obzwar er viel ertragen konnte, würde der gefeierte Held an jenem Abend die Nacht unter dem Bartisch beschlossen haben, wenn ihn nicht Scanlan beizeiten nach Hause geführt hätte.

Am Abend des folgenden Sonnabends wurde McMurdo in die Loge eingeführt. Da er bereits Mitglied einer Loge in Chicago war, glaubte er, daß dies ohne weitere Förmlichkeiten vor sich gehen würde. Die Loge in Vermissa hatte indessen ihren eigenen Ritus, auf den sie stolz war und dem jeder Bewerber sich unterwerfen mußte. Sie versammelte sich in dem großen Raum, der eigens für diesen Zweck im Unionhaus reserviert war. Etwa sechzig Mitglieder waren versammelt, die indessen nicht die ganze Macht der Loge darstellten, da es in den anderen Niederlassungen des Tales und jenseits der Berge auf beiden Seiten des Tales mehrere Schwesterlogen gab, die untereinander ihre Mitglieder austauschten, wenn es Ernstliches zu tun gab, so daß Verbrechen meistens von ortsfremden Mitgliedern ausgeführt wurden. Insgesamt zählte die Loge in dem gesamten Kohlenbecken nicht weniger als fünfhundert Mitglieder.

Die Versammlung saß in dem kahlen Raum an einem langen Tisch. Ein zweiter an der Seite war mit Gläsern und Flaschen beladen, auf die einige Mitglieder schon verlangend ihre Blicke richteten. McGinty saß am Kopfende des Tisches mit einer flachen, schwarzen Sammetmütze auf seinen strähnigen, dunklen Haaren und einer purpurfarbenen Stola um den Hals, die ihm das Aussehen eines Priesters in der Ausübung eines teuflischen Rituals verliehen. Zu seiner Rechten und Linken befanden sich die höheren Würdenträger der Loge, unter ihnen das grausame, interessante Gesicht Ted Baldwins. Jeder von ihnen trug eine Schärpe oder eine Medaille als Abzeichen seiner Würde. Der Großteil bestand aus Männern im reifen Alter. Die übrigen indessen waren junge Burschen zwischen achtzehn und fünfundzwanzig, die stets willfährigen und fähigen Werkzeuge zur Ausführung der Befehle der älteren. Unter den letzteren bemerkte man Gesichter, in denen sich eine raubtierartige, verbrecherische Veranlagung deutlich abspiegelte, aber der Durchschnitt war derartig, daß man in diesen Reihen aufgeweckter, offenblickender junger Leute schwerlich eine gefährliche Mörderbande vermutet hätte: Verbrecher, die schon längst bis zu einem Grade sittlicher Verderbtheit heruntergesunken waren, daß sie mit grauenerregendem Stolz über die Kunstfertigkeit der Ausführung ihrer schrecklichen Taten prahlen konnten, und den Mann, der sich durch besondere Rohheit hervortat, mit auszeichnender Verehrung behandelten. Es erschien ihrer verzerrten Lebensanschauung als eine mutige und ritterliche Tat, sich freiwillig zur Ermordung eines Mannes anzubieten, der ihnen niemals etwas zuleide getan hatte, und den sie in den meisten Fällen nicht einmal von Angesicht kannten. Es konnte geschehen, daß sie nach vollbrachter Tat um die Ehre stritten, wer den tödlichen Streich geführt habe, und daß sie sich und die anderen damit vergnügten, zu schildern, wie sich ihre Opfer im Todeskampf wanden und ihr Wehklagen nachzuahmen. Zuerst wurden diese Taten mit dem strengsten Geheimnis umgeben, aber zur Zeit dieser Erzählung sprach man darüber ganz freimütig, denn wiederholte Fehlschläge der Gerichte, die Verbrecher zur Rechenschaft zu ziehen, hatten sie in Sicherheit darüber gewiegt, daß kein Zeuge es wagen würde, gegen sie aufzutreten, zumal ihnen stets eine beliebige Anzahl von Entlastungszeugen zur Verfügung stand. Außerdem gestattete es ihr wohlgefüllter Bundesschatz, sich die besten Rechtsanwälte des Landes zu sichern. In den zehn langen Jahren dieses schandbaren Zustandes war es noch zu keiner einzigen Verurteilung gekommen, und die alleinige Gefahr, die den Rächern drohte, kam von den Opfern selbst, von denen gelegentlich eines, obwohl überraschend und von einer großen Überzahl angefallen, seinen Angreifern einen ernstlichen Denkzettel zu versetzen vermochte.

Man hatte McMurdo darauf vorbereitet, daß er eine Art Feuerprobe zu gewärtigen habe. Aber niemand wollte ihm sagen, worin sie bestehe. Er wurde von zwei feierlich aussehenden Brüdern in den Außenraum geführt. Durch die hölzerne Zwischenwand konnte er das Murmeln vieler Stimmen im Versammlungssaal hören. Ein- oder zweimal fing er seinen eigenen Namen auf und schloß daraus, daß seine Bewerbung zur Verhandlung stand. Danach trat ein Funktionär ein, der eine grün-goldene Schärpe über der Brust trug.

»Der Logenmeister befiehlt, ihn zu fesseln, ihm die Augen zu verbinden und ihn dann hereinzuführen.«

Die drei entfernten seinen Rock, rollten ihm den rechten Hemdärmel auf und schlangen dann ein Seil um seinen Körper, mit dem sie seine Arme über den Ellbogen am Körper festbanden. Dann zogen sie ihm eine dicke schwarze Kappe über den Kopf und den oberen Teil des Gesichts. Derartig blind gemacht, wurde er in den Versammlungsraum geführt. Kein Lichtstrahl drang durch seine Vermummung, die Mütze verursachte ihm eine drückende Schwüle. Er hörte das Geräusch und Gemurmel der Leute um ihn. Dann drang die Stimme McGintys, dumpf und entfernt klingend, durch die Umhüllung an sein Ohr.

»John McMurdo, Ihr seid bereits ein Mitglied des ehrwürdigen Ordens der freien Männer.«

McMurdo verbeugte sich zustimmend.

»Eure Loge ist Nr. 29, Chicago.«

Er wiederholte seine Verbeugung.

»Dunkle Nächte sind bedrückend,« sagte die Stimme.

»Jawohl für einsame Wanderer,« antwortete er.

»Die Wolken hängen schwer.«

»Jawohl, ein Sturm ist im Anzug.«

»Sind die Brüder befriedigt?« fragte der Logenmeister.

Ein allseitiges, zustimmendes Murmeln folgte.

»Durch unsere Zeichen und Gegenzeichen wissen wir, Bruder, daß Ihr einer der Unseren seid,« sagte McGinty.

»Ihr müßt jedoch auch wissen, daß in unserem und einigen benachbarten Sitzen unserer Loge bestimmte Gebräuche bestehen und auch bestimmte Pflichten auf unsere Mitglieder fallen, die eine besondere Eignung erfordern. Seid Ihr zur der Prüfung bereit?«

»Ich bin es.«

»Habt Ihr starke Nerven?«

»Jawohl.«

»Dann macht einen Schritt vorwärts, um es zu beweisen.«

Bei diesen Worten fühlte er zwei scharfe Spitzen, die auf seine Augen drückten, so daß es ihm kaum möglich schien, vorwärts zu schreiten, ohne sie in seine Augen zu bohren. Er nahm jedoch seinen ganzen Mut zusammen und schritt entschlossen aus. Als er dies tat, wich der Druck von seinen Augen. Ein leises beifälliges Murmeln war seine Belohnung.

»Er hat gute Nerven,« sagte die Stimme. »Könnt Ihr Schmerz ertragen?«

»So gut wie jeder andere,« antwortete er.

»Prüft ihn.«

Er hatte die größte Mühe, einen Aufschrei zu unterdrücken, als ein entsetzlicher Schmerz durch seinen Unterarm schoß. Fast wäre er durch den plötzlichen Schreck ohnmächtig niedergesunken, aber er biß die Zähne zusammen und krampfte die Hände ineinander, um seine Qual zu verbergen.

»Ich kann noch mehr vertragen als das,« sagte er.

Diesmal grüßte ihn lauter, rückhaltsloser Beifall. Kaum jemals zuvor hatte ein Mitglied der Loge die Prüfung so gut bestanden. Er fühlte einige Hände, die ihm beifällig auf den Rücken klopften, die Mütze wurde ihm vom Kopf gezogen. Blinzelnd und lächelnd stand er da, am die Glückwünsche seiner Brüder entgegenzunehmen.

»Noch ein Wort, Bruder McMurdo,« sagte McGinty. »Ihr habt bereits den Eid der Verschwiegenheit und Treue abgelegt, haltet euch gegenwärtig, daß die Strafe für einen Bruch dieses Eidschwures der sofortige und unabwendbare Tod ist.«

»Ich bin mir dessen bewußt,« sagte McMurdo.

»Und Ihr seid bereit, die Anordnungen des jeweiligen Logenmeisters unter allen Umständen zu befolgen?«

»Ich bin es.«

»Dann begrüße ich euch als Mitglied der Loge 341, Vermissa. Ihr seid von nun an aller Rechte und Pflichten dieser Loge teilhaftig. Stellt die Getränke auf den Tisch, Bruder Scanlan, wir wollen auf unseren würdigen neuen Bruder trinken.«

Man hatte McMurdo wieder seinen Rock gebracht. Bevor er ihn anzog, untersuchte er seinen rechten Unterarm, der ihn noch heftig schmerzte. Er fand in das Fleisch eingebrannt einen klar gezeichneten Kreis mit einem Dreieck im Innern, tief und rot, wie ihn das Brandeisen hervorgebracht hatte. Einige seiner Nachbarn zogen ihre Ärmel hoch und zeigten ihm dasselbe Mal.

»Wir haben es alle,« sagte einer, »aber nicht alle haben es so tapfer empfangen.«

»Schon gut,« meinte McMurdo, »es will nicht viel besagen. Aber es schmerzt und brennt höllisch.«

Nachdem die Trinksprüche, die der Einweihungsfeierlichkeit folgten, erledigt waren, wurde zur Tagesordnung der Loge geschritten. McMurdo, der nur an die harmlosen Veranstaltungen in Chicago gewöhnt war, horchte dem, was folgte, mit gespitzten Ohren und größerer Überraschung zu, als er sich zu zeigen gestattete.

»Der erste Punkt der Tagesordnung,« sagte McGinty, »ist die Verlesung eines Briefes des Distriktmeisters der Grafschaft Merton, Loge 249. Der Brief lautet:

Geehrter Herr!

Wir haben eine Arbeit an Andrew Rae, Teilhaber der Firma Rae & Sturmash, Kohlenbergwerksbesitzer in unserer Nähe, auszuführen. Sie werden sich wohl erinnern, daß Ihre Loge uns einen Dienst zu erwidern hat, in Anbetracht der Arbeit, die zwei unserer Brüder im letzten Herbst an einem Polizeimann geleistet haben. Belieben Sie zwei gute Leute zu uns zu senden, die von unserem Schatzmeister Higgens, dessen Adresse Ihnen bekannt ist, in Empfang genommen werden. Er wird ihnen mitteilen, wo und wann sie zu handeln haben.

Im Namen der Freiheit!

J. W. Windle D. M. E. O. F.

 

Windle hat uns noch nie eine Absage erteilt, wenn wir Anlaß hatten, einen oder zwei Leute von ihm auszuborgen, und wir dürfen ihn daher nicht im Stich lassen.«

Mr. Ginty hielt inne und ließ seine dunklen, bösartigen Augen über die Versammlung schweifen.

»Wer meldet sich freiwillig?«

Einige der jungen Leute hielten ihre Hände hoch. Der Logenmeister blickte sie beifällig lächelnd an.

»Gut, Tiger Cormac, Sie sind der Richtige. Wenn Sie die Sache ebenso gut machen wie das letztemal, kann es nicht fehlgehen. Sie auch, Wilson.«

»Ich habe keine Pistole,« antwortete der Freiwillige, ein junger Mensch, fast noch im Knabenalter.

»Es ist Ihr erster Fall, nicht wahr? Sie müssen auch einmal die Feuertaufe empfangen. Es ist eine große Sache für Sie. Und was die Pistole anbetrifft, darüber brauchen Sie sich kein Kopfzerbrechen zu machen, die wird man Ihnen geben. Wenn Sie sich am Montagmorgen melden, ist es früh genug. Wir werden euch bei eurer Rückkehr festlich empfangen.«

»Gibt es eine Belohnung diesmal?« fragte Cormac, ein untersetzter, brünetter, brutal aussehender junger Mann, dessen Wildheit ihm den Beinamen Tiger eingetragen hatte.

»Ihr dürft nicht an Belohnung denken. Es ist eine Ehrensache der Loge. Möglicherweise werden sich am Boden unserer Schatztruhe einige Dollar finden, wenn ihr eure Sache gut macht.«

»Was hat der Mann getan?« fragte der junge Wilson.

»Das geht einen so jungen Menschen wie Sie nicht das geringste an. Das Urteil haben unsere Brüder drüben gefällt. Wir haben nicht mitzureden. Alles, was wir zu tun haben, ist, es auszuführen, genau so wie es die anderen für uns tun würden. Da wir schon einmal dabei sind, möchte ich erwähnen, daß zwei Brüder von der Mertonloge nächste Woche zu uns herüberkommen, um bei uns ein Geschäft zu erledigen.«

»Wer wird es sein?« fragte einer.

»Sie tun gut daran, nicht zu fragen. Wenn Sie nichts wissen, können Sie nichts aussagen und Sie laufen keine Gefahr. Es sind Leute, die ihre Sache richtig machen werden, darauf könnt ihr euch verlassen.«

»Es ist die höchste Zeit,« rief Ted Baldwin. »Die Leute werden hier schon wieder übermütig. Erst vorige Woche sind drei unserer Leute von Werkmeister Blaker entlassen worden. Der Mann hat schon längst einiges verdient, und wir müssen sehen, daß er es bekommt.«

»Was bekommt?« flüsterte McMurdo seinem Nachbar zu.

»Die Ladung einer Rehpostenpatrone«, rief der Mann, laut auflachend. »Was hatten Sie denn sonst erwartet, Bender?«

McMurdos verbrecherische Seele schien bereits den Geist seiner schändlichen Umgebung in sich aufgenommen zu haben.

»Es gefällt mir gut hier,« sagte er. »Die richtige Gesellschaft für einen ganzen Mann.«

Einige in seiner Umgebung hatten diese Bemerkung gehört und kargten nicht mit Beifall.

»Was ist los dort unten?« rief der schwarzhaarige Logenmeister vom Ende des Tisches herüber.

»Unser neuer Bruder hat eben gesagt, daß es ihm bei uns gefalle.«

McMurdo erhob sich augenblicklich von seinem Stuhl.

»Und ich möchte noch hinzufügen, verehrungswürdiger Meister, daß ich es mir zur Ehre anrechnen würde, wenn ein Mann gebraucht wird, ausgewählt zu werden.«

Diese Bemerkung wurde mit Applaus begrüßt. Einigen der älteren Mitglieder erschien sie jedoch etwas voreilig.

»Ich würde vorschlagen,« sagte der Sekretär Harraway, ein geierartig aussehender alter Graubart, der neben dem Vorsitzenden saß, »daß Bruder McMurdo wartet, bis es der Loge beliebt, ihn zu bestimmen.«

»Ich wollte nichts anderes. Es liegt ganz in Ihren Händen«, sagte McMurdo.

»Auch Ihre Zeit wird kommen, Bruder,« bemerkte der Vorsitzende. »Ich habe Sie bereits als geeignete Kraft vorgemerkt und bin der Ansicht, daß unsere Loge mit Ihnen Ehre einlegen wird. Wir haben heute eine kleine Sache zu erledigen, bei der Sie mitwirken können, wenn Sie wollen.«

»Ich möchte lieber warten, bis etwas vorkommt, das sich der Mühe lohnt.«

»Trotzdem können Sie heute mittun, damit Sie den Boden kennen lernen, auf dem wir hier stehen. Ich komme später noch darauf zurück. Inzwischen habe ich –« dies mit einem Blick auf seine Tagesordnung – »noch einige Punkte vorzubringen. Zunächst möchte ich unseren Schatzmeister fragen, wie wir in bezug auf unsere Geldmittel stehen. Wir haben Jim Carnaways Witwe eine Pension zu zahlen. Er wurde im Dienste der Loge getötet, und es ist unsere Pflicht, danach zu sehen, daß sie keine Not leidet.«

»Jim wurde im vorigen Monat erschossen, als versucht wurde, Chester Wilcox in Marley Creek zu töten,« wurde McMurdo von seinem Nachbar belehrt.

»Gegenwärtig stehen wir uns recht gut,« sagte der Schatzmeister mit dem Kontobuch vor sich. »Die Firmen haben sich in der letzten Zeit freigebig gezeigt. Gebrüder Walker schickten uns hundert, die ich aber zurückgeschickt habe, wobei ich fünfhundert verlangte. Wenn der Betrag am nächsten Mittwoch nicht eingegangen ist, wird dem Aufzug in ihrem Werk etwas zustoßen. Im vorigen Jahr mußte erst die Erzbrecheranlage in Brand geraten, bevor die Leute vernünftig wurden. Dann hat uns die Westsektion Kohlengesellschaft ihren Jahresbeitrag gezahlt. Wir haben genug in der Hand, um unsere Verbindlichkeiten zu decken.«

»Und wie ist es mit Archie Swindon?« fragte einer der Brüder.

»Er hat alles verkauft und ist fortgezogen. Der alte Halunke hat uns einen Brief hinterlassen, worin er sagt, daß er lieber ein freier Straßenkehrer in New York, als ein großer Bergwerksbesitzer in den Händen einer Erpresserbande sein wolle. Er kann froh sein, daß er weg war, bevor uns der Brief erreichte. Jedenfalls darf er sich hier nicht mehr blicken lassen.«

Ein ältlicher, glattrasierter Mann mit gutmütigem Gesicht und klarer Stirn erhob sich von dem Ende des Tisches, das dem Vorsitzenden gegenüberlag.

»Herr Schatzmeister,« sagte er, »darf ich fragen, wer den Besitz des Mannes gekauft hat, den wir aus unserer Gegend vertrieben haben?«

»Jawohl, Bruder Morris, es war die State & Merton County Eisenbahngesellschaft.«

»Und wer kaufte das Bergwerk von Todman und das von Lee, die im vorigen Jahr aus ähnlichen Gründen auf den Markt kamen?«

»Dieselbe Gesellschaft, Bruder Morris.«

»Und wer kaufte die Eisenwerke von Manson und von Shuman und die von van Dehor und von Atwood, die alle in der letzten Zeit veräußert wurden?«

»Der Käufer war die West Gilmerton Allgemeine Bergwerksgesellschaft.«

»Nach meiner Ansicht kann es uns völlig gleichgültig sein, Bruder Morris, wer sie kauft, da der Betreffende sie doch nicht aufpacken und davontragen kann.«

»In aller Ehrerbietung möchte ich dem erwidern, daß es für uns nicht gleichgültig sein kann. Dieser Eigentumswechsel dauert nun schon an die zehn Jahre. Wir haben allmählich fast alle kleinen Besitzer vertrieben mit dem Ergebnis, daß wir an ihrer Stelle heute die großen Gesellschaften, wie die Eisenbahngesellschaft, die Allgemeine Bergwerksgesellschaft usw., finden, die ihren Sitz in New York oder Philadelphia haben und sich aus unseren Drohungen nicht das geringste machen. Wir können uns zwar an die ortsansässigen Betriebsleiter halten, aber was dann geschieht, ist, daß man einfach andere senden wird. Wir beschwören dadurch für uns eine sehr gefährliche Lage herauf. Die kleinen Leute konnten uns nichts anhaben. Sie hatten weder das Geld noch die Macht dazu. Solange wir sie nicht bis auf den letzten Blutstropfen ausgepreßt hatten, blieben sie hier unter unserer Macht. Aber wenn diese großen Gesellschaften einmal entdecken, daß wir zwischen ihnen und ihren Dividenden stehen, werden sie keine Mühe und keine Ausgaben scheuen, uns nachzuspüren und vor die Gerichte zu bringen.«

Ein vielsagendes Schweigen senkte sich bei diesen Worten auf die Versammlung, und die Gesichter verdüsterten sich im Austausch finsterer Blicke. So allmächtig und sicher hatten sie sich gefühlt, daß ihnen niemals auch nur der Gedanke einer möglichen Vergeltung zu Bewußtsein gekommen war. Selbst die Verwegensten unter ihnen durchfuhr bei den Worten ein eisiger Schreck.

»Ich möchte raten,« fuhr der Sprecher fort, »daß wir die kleinen Leute nicht allzu derb anfassen. Wenn sie eines Tages samt und sonders vertrieben sind, wird die Macht unseres Bundes gebrochen sein.«

Unangenehme Wahrheiten sind nicht beliebt. Ärgerliche Ausrufe wurden hörbar, als der Sprecher wieder seinen Sitz einnahm.

McGinty erhob sich mit finster gekräuselter Stirn.

»Bruder Morris,« sagte er, »Sie waren immer ein Flaumacher. Solange die Mitglieder dieser Loge zusammenstehen, gibt es keine Macht in den Vereinigten Staaten, die uns etwas anhaben kann. Haben wir nicht schon oft genug vor Gericht gestanden? Nach meiner Ansicht werden es die großen Gesellschaften bequemer finden zu zahlen, als zu kämpfen, genau so wie es die Kleinen getan haben. Und nun« – McGinty nahm bei diesen Worten seine schwarze Sammetkappe und seine Stola ab – »komme ich zum Schluß der Tagesordnung, auf der nur noch eine kleine Sache steht, die ich vorhin schon erwähnt habe, und die wir, bevor wir auseinandergehen, erledigen können. Wir wollen jetzt zu brüderlichen Erfrischungen und geselliger Unterhaltung schreiten.«

Wahrlich, sonderbar ist das Wesen des Menschen. Hier waren Männer, denen Mord wohl vertraut war, die oftmals den Vater einer Familie niederschlagen, einen Mann, gegen den sie persönlich nicht das geringste hatten, – ohne auch nur einen Funken Reue oder Mitleid, selbst angesichts seiner jammernden Frau und hilflosen Kinder, zu fühlen; und doch konnte sie das Zarte und Traurige in der Musik zu Tränen rühren. McMurdo hatte eine schöne Tenorstimme, und wenn er sich noch nicht die Gunst der Loge errungen hätte, so würde er dies jetzt durch den Vortrag einiger volkstümlicher, sentimentaler Gesänge getan haben. Schon am ersten Abend machte sich der junge Rekrut zu einem der beliebtesten Mitglieder, zu baldiger Beförderung und höheren Würden vorbestimmt. Es bedurfte indessen noch anderer Eigenschaften, als die des guten Gesellschafters, um einen würdigen Freimann abzugeben, und darüber wurde er belehrt, bevor die Nacht zu Ende war. Die Whisky-Flaschen hatten bereits die Runde gemacht. Das Blut war erhitzt und der Geist bereit zu Untaten, als sich der Logenmeister nochmals zu einer Ansprache erhob.

»Jungens,« sagte er, »wir haben hier in der Stadt einen Mann, dem wir ein wenig die Flügel beschneiden müssen, und es liegt an euch, dies zu tun. Ich spreche von James Stanger, Redakteur des ›Herald‹. Ihr wißt doch alle, wie er über uns schon wieder das Maul aufgerissen hat?«

Ein zustimmendes Murmeln folgte, vermengt mit einigen kräftigen Flüchen. McGinty zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche.

»Gesetz und Ordnung! Das ist die Überschrift. ›Der Terror regiert im Kohlen- und Eisengebiet. Zwölf Jahre sind nunmehr seit den ersten Verbrechen vergangen, die das Bestehen einer Mörderbande in unserer Mitte bekundeten. Seit dieser Zeit gab es keine Pause in der Kette der Freveltaten, und wir haben nun einen Zustand erreicht, der uns zum Schandfleck der ganzen zivilisierten Welt macht. Ist dies der Lohn dafür, daß unser großes Land alle, die dem Zwang Europas entrinnen wollen, an seinen Busen nimmt? Können wir es zulassen, daß diese Leute sich zu Herrschern über uns, die ihnen Schutz und Zuflucht gewährten, aufwerfen? Daß eine Schreckensherrschaft und Gesetzlosigkeit in dem Schatten der geheiligten Falten unseres sternengeschmückten Freiheitsbanners errichtet wird, die uns mit Entrüstung erfüllen würde, wenn wir zu lesen bekämen, daß dergleichen unter einer despotischen Monarchie der alten Welt vorgekommen sei. Wir alle kennen diese Leute. Die Organisation ist offenkundig und greifbar. Wie lange werden wir sie noch dulden?‹ –

»Genug von diesem schmierigen Geschreibsel,« rief der Vorsitzende, indem er die Zeitung mit einer Hand vom Tisch fegte. »So drückt sich der Mann über uns aus. Ich frage euch, was sollen wir darauf antworten?«

»Umbringen!« riefen einige Dutzend erhitzter Stimmen.

»Ich protestiere dagegen,« rief Bruder Morris, der Mann zaghaften Gemüts. »Ich sage euch, Brüder, unsere Hand ist in diesem Tal bereits zu schwer geworden, und der Zeitpunkt ist vielleicht nicht mehr fern, wo sich die Leute im Selbstschutz zusammenfinden werden, um uns zu zermalmen. James Stanger ist ein alter Mann. Er ist in der ganzen Stadt und in der Umgebung hoch geachtet. Seine Zeitung steht immer für das Volkswohl ein. Wenn ihr den Mann umbringt, wird eine Bewegung durch unseren Staat ziehen, die nur mit unserer Vernichtung enden kann.«

»Und wie stellen Sie sich diese Vernichtung vor, Sie Hasenfuß?« rief McGinty. »Durch die Polizei? Die eine Hälfte steht in unserem Sold und die andere hat Angst vor uns. Oder durch die Gerichte? Ist das nicht schon vorher versucht worden und mit welchem Ergebnis?«

»Es gibt aber einen gewissen Richter Lynch, der vielleicht angerufen werden wird,« sagte Bruder Morris.

Ein allgemeiner Ausbruch des Zornes folgte dieser Bemerkung.

»Ich brauche nur meinen Finger zu heben,« rief McGinty, »um zweihundert Leute auf die Beine zu bringen, die diese Stadt von einem bis zum anderen Ende ausräuchern.«

Plötzlich erhob er seine Stimme, und sein dunkles Gesicht verzog sich zu einer schrecklichen Grimasse des Zornes:

»Bruder Morris, nehmen Sie sich in acht. Ich habe bereits seit längerem ein Auge auf Sie. Sie sind ein Feigling und wollen auch die anderen zu Feiglingen machen. Es wird für Sie ein böser Tag sein, Bruder Morris, wenn Ihr Name auf der Geschäftsordnung erscheint, und ich glaube, er gehört schon jetzt darauf.«

Morris war bei diesen Worten totenbleich geworden, und seine Knie schienen zu schlottern, als er sich in seinen Stuhl zurückfallen ließ. Mit zitternder Hand erhob er sein Glas und trank, bevor er Worte der Antwort fand.

»Ich bitte um Vergebung, verehrungswürdiger Meister, – Vergebung von Ihnen und jedem Bruder der Loge, – wenn ich mehr gesagt habe, als ich durfte. Ich bin ein treues Mitglied – ihr alle wißt es – es ist nur die Furcht, daß unserer Loge etwas zustoßen könnte, die mir diese Besorgnisse eingegeben hat. Aber ich habe mehr Vertrauen zu Ihrer Urteilskraft, verehrungswürdiger Meister, als zu meiner eigenen, und ich verspreche, künftighin den Mund zu halten und Sie nicht mehr zu erzürnen.«

Das düstere Gesicht des Logenmeisters erhellte sich etwas bei diesen unterwürfigen Worten.

»Nun gut, Bruder Morris, es würde mir sehr leid tun, wenn es sich als notwendig erweisen sollte, Ihnen eine Lehre zu erteilen. Solange ich in der Loge den Vorsitz führe, soll es eine einige Loge sein, einig in Wort und Tat. Und nun, Jungens,« fuhr er fort, indem er seine Blicke über den Tisch schweifen ließ, »nun möchte ich das Folgende sagen. Wenn wir Stanger so behandeln würden, wie er es verdient, würden wir vielleicht mehr Unannehmlichkeiten haben, als sich lohnt. Diese Zeitungsschreiber halten alle zusammen, und jeder verdammte Wisch im ganzen Land würde nach Polizei und Truppen schreien; aber ihr könnt ihm eine eindringliche Warnung geben. Wollen Sie die Sache übernehmen, Bruder Baldwin?«

»Selbstverständlich,« rief der junge Mann eifrig.

»Wieviel Leute wollen Sie haben?«

»Etwa ein halbes Dutzend und zwei Aufpasser. Sie kommen mit, Gower, und Sie, Mandsel, und Sie, Scanlan, und die zwei Willabys.«

»Ich habe dem neuen Bruder versprochen, daß er mittun darf.«

Ted Baldwin warf auf McMurdo einen Blick, der zeigte, daß er weder vergeben noch vergessen hatte.

»Er kann mitkommen, wenn er will,« sagte er schroff. »Mehr brauchen wir nicht. Vorwärts, je eher wir an die Arbeit gehen, desto besser.«

Die Gesellschaft zerstreute sich mit Schreien, Kreischen und Bruchstücken trunkenen Gesanges. Die Bar war noch immer von nächtlichen Zechern umlagert, und viele der Brüder schlossen sich ihnen an. Die kleine Bande, die für den Auftrag ausgewählt worden war, gelangte unbemerkt auf die Straße, wo sie sich in Gruppen zu zweien und dreien teilte, um kein Aufsehen zu erregen. Die Nacht war bitter kalt, der Halbmond warf sein helles Licht aus einem frostigen, sternbesäten Himmel. Sie versammelten sich wieder in einem Hof neben einem großen Gebäude. Zwischen den hellerleuchteten Fenstern prangte in großen Goldbuchstaben die Aufschrift »Vermissa-Herald«. Von innen heraus drang das Getöse und Rollen der Druckpressen.

»Sie bleiben hier bei der Tür stehen und passen auf, daß die Straße für uns freibleibt,« sagte Baldwin zu McMurdo. »Arthur Willaby bleibt bei Ihnen, die anderen kommen mit mir. Ihr braucht keine Angst zu haben, Jungens, denn wir haben ein Dutzend Zeugen, die, wenn nötig, beschwören werden, daß wir jetzt in der Union-Bar sind.«

Es war fast Mitternacht geworden, und die Straßen lagen verlassen da. Bis auf einige Zecher auf dem Nachhauseweg war niemand zu sehen. Der kleine Trupp überschritt die Straße und stieß die Tür zu dem Zeitungsgebäude auf, worauf Baldwin und seine Leute die Treppen hinaufsprangen. McMurdo und sein Begleiter blieben unten. Von oben ertönte plötzlich ein gellendes Hilfegeschrei, gefolgt von dem Lärm stampfender Füße und fallender Stühle. Einen Augenblick später stürzte ein grauhaariger Mann auf den Treppenpodest, wo er indessen ergriffen wurde, bevor er weitergelangen konnte. Seine Augengläser fielen klirrend die Treppe hinunter, bis vor McMurdos Füße. Dann folgte ein dumpfer Fall und lautes Stöhnen. Der Alte lag mit dem Gesicht zur Erde, während ein halbes Dutzend Stöcke auf ihn niedersausten. Er wand und krümmte sich; seine langen, dünnen Glieder zuckten unter den Schlägen. Nach einer Weile hielten sie inne; nur Baldwin schlug mit einem teuflischen Lächeln in seinem grausamen Gesicht weiter, auf den Kopf des Mannes los, den dieser vergeblich mit seinen Armen zu schützen suchte. Sein weißes Haar war bereits von breiten Blutstreifen durchzogen. Baldwin war noch immer über sein Opfer gebeugt und ließ kurze, scharfe Schläge niedersausen, wenn ein Teil des Kopfes sichtbar wurde, als McMurdo die Treppe hinaufstürzte und ihn zurückstieß.

»Sie werden den Mann umbringen,« sagte er, »hören Sie auf.«

Baldwin sah ihn verblüfft an.

»Der Teufel soll Sie holen,« rief er. »Was haben Sie sich einzumischen, das jüngste Mitglied unserer Loge? Zurück!« Er erhob seinen Stock, aber McMurdo zog mit Blitzesschnelle seine Pistole aus der Hüftentasche.

»Jawohl, zurück! Aber Sie! Ich schieße Ihnen Ihr Gesicht entzwei, wenn Sie Hand an mich legen. Und was die Loge betrifft, war es nicht der Befehl des Logenmeisters, daß der Mann nicht umgebracht werden soll? Und was wollten Sie eben anderes tun, als ihn töten?«

»Recht hat er,« sagte einer der Leute.

»Schnell, schnell, macht daß ihr fortkommt,« kam die Stimme des Mannes, der unten Wache hielt. »Alle Fenster sind schon erleuchtet, und wir werden in fünf Minuten die ganze Stadt auf unseren Fersen haben.«

In der Straße hörte man bereits Rufe, während unten in der Halle sich eine kleine Gruppe von Setzern bildete, die allmählich eine drohende Haltung einnahm. Die Bande ließ den leblosen Körper des Redakteurs am Kopfe der Treppe liegen, stürmte hinunter und ins Freie, worauf sie sich zerteilte. Wieder beim Union-Haus angelangt, mischten sich einige davon unter die Menge in der Bar und gaben dem Meister flüsternd zu wissen, daß die Arbeit gründlich besorgt sei. Andere wieder nahmen ihren Weg durch Seitenstraßen und erreichten auf Umwegen ihr Heim.

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