Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Was uns John Rance erzählte.

Es war ein Uhr, als wir das Haus in der Brixtonstraße verließen, um uns sofort auf das nächste Telegraphenbureau zu begeben. Holmes schickte eine lange Depesche ab, dann fuhren wir zusammen nach der Wohnung des Schutzmanns.

»Man muß sich die Zeugenaussagen womöglich immer aus erster Hand holen,« bemerkte er. »Wenn mir der Fall auch im allgemeinen ganz klar ist, so halte ich es doch für richtig, mich auch von allem übrigen so viel als thunlich zu unterrichten.«

»Aber Holmes,« rief ich in höchster Verwunderung, »Sie können doch unmöglich über alle jene Einzelheiten zu so unumstößlicher Gewißheit gelangt sein, wie Sie uns glauben machen wollen.«

»Jawohl, jeder Zweifel ist ausgeschlossen,« entgegnete er. »Als wir ankamen, war das Erste, was mir auffiel, die doppelte Räderspur einer Droschke, die bis an das Gitterthor führte. Seit einer Woche hatte es vergangene Nacht zum erstenmal geregnet, und die tiefen Wagengeleise konnten erst entstanden sein, nachdem das Erdreich gehörig aufgeweicht war. Auch die Spuren der Pferdehufe waren erkennbar, drei nur undeutlich, die vierte klar ausgeprägt, folglich war das Eisen neu. War die Droschke erst nach dem Regen am Hause vorgefahren und am Morgen nicht mehr da, wie Gregson versichert, so hatte sie also die beiden Leute während der Nacht dahin befördert.«

»Das klingt sehr einleuchtend,« sagte ich; »wie aber konnten Sie auf das Aeußere des Mannes schließen?«

»Die Größe eines Menschen läßt sich in den allermeisten Fällen nach seinem Schritt bestimmen. Die Berechnung ist schnell gemacht, aber ich will Sie nicht mit Zahlen plagen. Ich fand die Schrittweite des Mannes sowohl draußen im weichen Erdreich als auf der staubigen Stubendiele. Außerdem konnte ich noch die Probe anstellen: Wer auf eine Wand schreibt, thut dies unwillkürlich in der Höhe seiner Augen. Die Schrift aber ist gerade sechs Fuß hoch über dem Boden. Sie sehen, es war kinderleicht.«

»Aber sein Alter?«

»Nun, wenn ein Mann ohne Mühe fünftehalb Fuß weit ausschreiten kann, ist er schwerlich schon sehr altersschwach. So breit war nämlich die Pfütze auf dem Gartenweg, über die er weggeschritten ist. Die feinen Lederstiefel waren am Rande hingegangen, die grobe Fußbekleidung mit den breiten Spitzen aber darüber weggeschritten. Ein Geheimnis ist gar nicht dabei; alles beruht auf den Grundsätzen der Beobachtung und Schlußfolgerung, die ich in meiner Abhandlung auseinandergesetzt habe. – Macht Ihnen sonst noch etwas Kopfzerbrechen?«

»Die Fingernägel und die Trichinopolly-Cigarre.«

»Der Mann hatte den langen Nagel seines Zeigefingers in Blut getaucht und damit an die Wand geschrieben. Die Buchstaben waren wie eingekratzt in den Kalkbewurf. Auf der Diele fand ich etwas verstreute Asche, die dunkel und flockig aussah und nur von einer Trichinopolly-Cigarre herrühren konnte. Ueber Cigarrenasche habe ich ganz besondere Studien gemacht, ja sogar einen Aufsatz geschrieben; ich schmeichle mir, jede Sorte Cigarren- oder Tabaksasche auf den ersten Blick zu erkennen. Gerade in solcher speziellen Kenntnis zeigt sich der Unterschied zwischen dem wahrhaft gebildeten Detektiv und der Sorte, zu welcher die Gregson und Lestrade gehören.«

»Aber die rötliche Gesichtsfarbe?«

»Das war eine etwas kühne Folgerung, über die ich bei dem jetzigen Stand der Dinge noch keinen Aufschluß geben kann, obgleich ich überzeugt bin, daß ich recht habe.«

Ich faßte mir unwillkürlich mit der Hand an die Stirn. »Es schwirrt mir förmlich im Kopfe,« rief ich, »je mehr ich über die Angelegenheit nachdenke, um so rätselhafter erscheint sie mir. Wie kamen die beiden Männer – wenn es ihrer zwei waren – in das leere Haus? Was ist aus dem Kutscher geworden, der sie gefahren hat? Wie konnte der eine den andern zwingen, Gift zu nehmen? Woher stammen die Blutspuren? Was bewog den Mörder zu seiner That, da er keinen Raub beabsichtigte? Welcher Frau hat der Trauring gehört? Warum schrieb der Missetäter das Wort Rache an die Wand, bevor er die Flucht ergriff? – Daß jemand imstande sein sollte, alle die Thatsachen in Einklang zu bringen, geht wahrhaftig weit über mein Verständnis.«

Mein Gefährte lächelte beifällig.

»Sie haben sämtliche Schwierigkeiten unserer Lage kurz und bündig zusammengefaßt,« sagte er. »Ueber die Hauptsache bin ich zwar im reinen, aber manches ist noch unaufgeklärt. Die Schrift, auf deren Entdeckung Lestrade so stolz war, ist meiner Meinung nach nur eine Kriegslist, um die Polizei auf falsche Fährte zu locken, als sei die That im Auftrag einer geheimen Gesellschaft von irgend einem Sozialisten ausgeführt worden. – So – nun wissen Sie aber genug über den Fall, Watson, ich werde mich hüten, Ihnen noch mehr zu verraten. Mit dem Ansehen eines Taschenspielers ist es aus, sobald er sein Kunststück einmal erklärt hat, und wenn ich Ihnen mein Verfahren allzu genau beschreibe, werden Sie mich in kürzester Frist für einen höchst alltäglichen Menschen halten.«

»Bewahre,« rief ich, das wird nie geschehen. Sie haben die polizeiliche Forschung auf die Höhe der Wissenschaft erhoben und bis zu einer Vollkommenheit gebracht, wie sie bisher unerreicht war.«

Mein Gefährte wurde rot vor Freude über mein Urteil, das ich im Tone aufrichtigster Ueberzeugung aussprach. Schon früher hatte ich bemerkt, daß er für jedes Lob, welches man seiner Kunst zollte, empfänglich war, wie eine jugendliche Schönheit, deren Reize man bewundert.

»Etwas will ich Ihnen doch noch sagen,« rief er; »die feinen Lederstiefel kamen mit dem groben Schuhwerk in derselben Droschke angefahren und schritten zusammen höchst freundschaftlich den Gartenweg hinunter, wahrscheinlich sogar Arm in Arm. Im Hause gingen sie im Zimmer hin und her, oder richtiger gesagt: die feinen Lederstiefel standen still und das grobe Schuhwerk ging auf und ab und geriet dabei mehr und mehr in Leidenschaft. Das war in dem Staub, der auf der Diele lag, an den immer länger werdenden Schritten deutlich zu erkennen. Dabei sprach der Mann unaufhörlich, sein Zorn steigerte sich zur Wut und dann beging er die Unthat. Mehr weiß ich jetzt selbst noch nicht; das übrige beruht größtenteils auf bloßer Vermutung; doch ist immerhin ein guter Grund gelegt, auf dem sich sicher weiter bauen läßt – Ich darf mich übrigens jetzt nicht lange aufhalten, denn ich will heute nachmittag noch in Halles Konzert gehen, um die Neruda spielen zu hören.«

Die Droschke war während unseres Gesprächs durch zahllose düstere Gäßchen und enge Straßen gefahren; in der allerschmutzigsten und trübseligsten Stadtgegend hielt der Kutscher plötzlich still. »Da drüben ist Audley Court,« sagte er, auf eine Reihe räucheriger Backsteinhäuser deutend. »Ich will hier warten, bis Sie wieder herauskommen.«

Audley Court bot wenig Anziehendes. Eine schmale Gasse führte auf einen großen, gepflasterten Hof, der rings von ärmlichen Wohnhäusern umgeben war. Nach No. 46 suchend, gingen wir an Scharen schmutziger Kinder vorbei und krochen unter aufgehängter, mißfarbener Wäsche durch, bis wir auf einem kleinen Messingschild den Namen ›Rance‹ bemerkten.

Der Schutzmann hatte sich nach dem Nachtdienst zu Bette gelegt und wir wurden gebeten, in dem kleinen Wohnzimmer ein wenig zu warten. Bald darauf kam Rance zum Vorschein, mißmutig, daß man ihn im Schlaf gestört hatte. »Ich habe doch schon auf dem Bureau Bericht erstattet,« brummte er verdrießlich.

Holmes zog ein Goldstück aus der Tasche und drehte es nachlässig zwischen den Fingern.

»Wir wünschten den Sachverhalt aus Ihrem eigenen Munde zu hören, wenn Sie nichts dagegen haben,« sagte er verbindlich.

Der goldene Talisman verfehlte seine Wirkung nicht. »Ich werde Ihnen mit Vergnügen sagen, was ich weiß,« beeilte sich Rance zu erwidern.

»Gut, dann erzählen Sie mir bitte, wie sich alles zugetragen hat.«

Der Schutzmann nahm auf dem alten Roßhaarsofa Platz und legte die Stirn in bedächtige Falten. »Ich will beim Anfang beginnen,« sagte er. »Meine Dienstzeit ist von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Um elf Uhr war eine Schlägerei im ›Weißen Hirsch‹ aber sonst fiel zuerst nichts Besonderes vor während meiner Runde. Gegen ein Uhr fing es an zu regnen, und etwas nach zwei Uhr kam ich die Brixtonstraße hinunter, um zu sehen, ob dort alles ruhig wäre. Keine Seele traf ich unterwegs, die Gegend war wie ausgestorben, nur ein paar Droschken kamen an mir vorbeigerasselt. Eben dachte ich daran, daß ein Schluck heißer Grog zur Magenstärkung wohl angebracht wäre – da sah ich einen Lichtschimmer in dem gewissen Hause. Nun wußte ich genau, daß da niemand wohnt, denn der Besitzer läßt die Abzugsröhren nicht nachsehen, obgleich der letzte Mieter am Typhus gestorben ist. Na, wie ich das Licht sehe, denke ich gleich, daß etwas nicht geheuer sein muß. Als ich an die Thüre kam – –«

»Sie sind stehen geblieben und nach dem Gartenthor zurückgegangen – aus welchem Grunde?« fragte Holmes.

Rance fuhr zusammen und riß die Augen weit auf.

»Woher wissen Sie denn das?« stammelte er. »Freilich that ich es, denn, sehen Sie, als ich an die Hausthür kam und alles so still und unheimlich war, fiel mir ein, daß wir doch eigentlich unser zwei sein sollten, und so ging ich zurück, um zu sehen, ob nicht vielleicht ein Kamerad mit seiner Laterne des Weges käme. Furcht kenne ich wahrhaftig nicht, aber wenn es etwa der verstorbene Mieter war, der dort umging, so hätte ich gern Gesellschaft gehabt.«

»War denn gar niemand auf der Straße?«

»Kein Mensch, Herr; nicht einmal ein verlaufener Hund. Ich nahm mich zusammen, ging wieder an die Thür und stieß sie auf. Drinnen war alles still; ich trat in das Zimmer, aus dem der Lichtschein gekommen war. Auf dem Kaminsims stand ein rotes Wachslicht – es flammte hell auf und da sah ich – –«

»Ich weiß schon, was Sie gesehen haben. Sie sind mehrmals rings um das Zimmer gegangen, dann bei dem Leichnam hingekniet, haben versucht, die Küchenthür zu öffnen und dann – –«

Rance schnellte wie besessen von seinem Sitz in die Höhe. »Von wo aus haben Sie mich belauscht? Sie müssen doch irgendwo versteckt gewesen sein, sonst könnten Sie das nicht alles wissen.«

Mein Gefährte zog seine Visitenkarte heraus und reichte sie dem Schutzmann. »Denken Sie nur nicht, daß ich der Mörder bin und Sie mich festnehmen müssen,« sagte er lachend. »Ich bin nicht der Wolf, sondern nur einer von den Spürhunden, wie Ihnen die Herren Gregson und Lestrade bestätigen werden. Aber, nur weiter – was thaten Sie zunächst?«

»Ich ging hinunter auf die Straße,« sagte Rance, der wieder Platz genommen hatte, aber noch immer verwundert dreinschaute. »Auf das Alarmzeichen, das ich mit meiner Pfeife gab, kamen drei von den Kameraden herbeigelaufen.«

»War die Straße noch immer leer?«

»Ja oder nein, wie man’s nimmt.«

»Was soll das heißen?«

Der Schutzmann verzog das Gesicht zu einem gutmütigen Grinsen. »Na,« sagte er, »als ich aus dem Gartenthor trat, lehnte ein Mensch am Gitter, der aus vollem Halse etwas von ›Kolumbias neuem Sternenbanner‹ oder dergleichen sang. Ich hab‘ in meinem Leben schon manchen gesehen, der zu schwer geladen hatte, aber ein Betrunkener, wie der Kerl, ist mir noch nicht vorgekommen. Er hatte mir keine Hilfe leisten können, hielt er sich doch kaum selber auf den Füßen.«

»Wie sah denn der Mann aus?« fiel ihm Holmes ins Wort.

Den Schutzmann schien die unnütze Frage zu verdrießen. »Es war eben ein sinnlos betrunkener Mensch,« sagte er, »den wir hätten auf die Polizeiwache bringen müssen, wären wir nicht anderweitig beschäftigt gewesen.«

»Aber Sie werden doch sein Gesicht, seinen Anzug gesehen haben,« rief Holmes ungeduldig.

»Natürlich – Murcher und ich mußten ihm ja unter die Arme greifen, um ihn aufzurichten. Ein langer Kerl mit rotem Gesicht, um das Kinn ein Tuch gewickelt und –«

»Schon gut – was ist denn aus ihm geworden?«

»Was weiß ich! wir hatten ohnehin genug zu thun. Er wird schon den Weg nach Hause gefunden haben, da können Sie ganz ruhig sein.«

»Wie war er denn angezogen?«

»Er trug einen braunen Ueberrock.«

»Hatte er eine Peitsche in der Hand?«

»Eine Peitsche – bewahre!«

»Die muß er zurückgelassen haben,« murmelte Holmes. »Kam nicht gleich darauf eine Droschke gefahren?«

»Nein.«

Mein Gefährte nahm seinen Hut zur Hand. »Hier, das Goldstück ist für Sie, Rance,« sagte er; »aber ein andermal seien Sie nicht ganz so kopflos. Ich fürchte, Sie bringen es sonst Ihr Lebtag zu nichts Rechtem und Sie hätten sich doch letzte Nacht mit Leichtigkeit Ihre Beförderung zum Sergeanten verdienen können. Statt dessen haben Sie den Mann entwischen lassen, nach welchem wir suchen und der den Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis in Händen hält. Wozu noch lange hin und her streiten – es verhält sich so, wie ich Ihnen sage, verlassen Sie sich darauf. Kommen Sie, Watson, wir wollen gehen.«

Der Schutzmann machte zwar ein ungläubiges Gesicht, aber man sah, die Sache war ihm nicht ganz geheuer. Wir ließen ihn verblüfft stehen und gingen unserer Wege.

»Der Hans Narr,« rief Holmes ärgerlich, als wir wieder in der Droschke saßen, um nach Hause zu fahren. »Ein Glück sondergleichen fällt ihm ungesucht in den Schoß und er versteht nicht, es festzuhalten.«

»Sind Sie Ihrer Sache aber auch ganz gewiß?« fragte ich. »Rances Beschreibung des Betrunkenen paßt zwar im allgemeinen zu Ihrer Vorstellung von dem zweiten Menschen, der in das Geheimnis verwickelt ist, aber was sollte ihn wieder nach dem Hause zurückgeführt haben? Das sieht nicht aus, als wäre er der Verbrecher.«

»Der Ring, Freund, der Ring – den wollte er holen. Wenn wir kein anderes Mittel finden, ihn zu fangen, müssen wir den Ring als Köder brauchen. Ich sage Ihnen, Doktor, er geht mir ins Netz, ich habe ihn sicher. Und Ihnen verdanke ich das alles. Hatten Sie mir nicht zugeredet, ich wäre um die schönste Gelegenheit gekommen, meine Kriminalstudien zu vervollständigen. – Jetzt aber, erst zum Lunch und dann ins Konzert. Die Neruda hat einen famosen Ansatz und spielt köstlich. Wie geht doch das kleine Ding von Chopin, das ich von ihr gehört habe? Tra–la–lira–lira–la.«

Er lehnte sich in die Wagenkissen zurück und trillerte wie eine Lerche, während ich über die Vielseitigkeit dieses Menschen nachdachte, der von der Natur zum Detektiv bestimmt schien und seine Forschungen mit dem Eifer eines Kunstliebhabers betrieb.

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Fünftes Kapitel

Fünftes Kapitel

Wir bekommen Besuch

Die Anstrengungen des Morgens waren zu groß gewesen für meine schwache Gesundheit. Ich fühlte mich sehr angegriffen, und sobald Holmes ins Konzert gegangen war, legte ich mich auf das Sofa, um mich durch einige Stunden Schlafs zu stärken. An Ruhe war jedoch nicht zu denken, denn wirre Vorstellungen und Bilder drängten sich unablässig in meinem aufgeregten Gehirn. Sobald ich die Augen schloß, sah ich vor mir die verzerrten, pavianähnlichen Gesichtszüge des Ermordeten. Der Eindruck war so abstoßend, daß ich mich kaum eines Dankgefühls gegen denjenigen erwehren konnte, der den Unhold aus der Welt geschafft hatte. Mir war noch nie ein Mensch vorgekommen, dessen Gesicht ein so deutliches Gepräge von Laster und Bosheit trug. Doch sah ich wohl ein, daß man der Gerechtigkeit ihren Lauf lassen müsse. Mochte dieser Enoch J. Drebber noch so verworfen gewesen sein, das rechtfertigte die Missethat, deren Opfer er war, nicht in den Augen des Gesetzes.

Je mehr ich über die Behauptung meines Freundes nachdachte, daß der Mann vergiftet worden sei, um so sonderbarer erschien sie mir. Holmes mußte auf den Gedanken gekommen sein, als er an den Lippen des Toten roch. Freilich blieb kaum eine andere Annahme übrig – erdrosselt war er nicht, eine Wunde ließ sich auch nicht entdecken. Und doch – wo kam das Blut her, das auf dem Fußboden verspritzt war? Es schien kein Kampf stattgefunden zu haben, wenigstens war keine Waffe da, mit welcher Drebber seinen Angreifer verwundet haben konnte. Holmes hatte sich wohl schon eine bestimmte Theorie über den ganzen Vorgang gebildet, das glaubte ich an seinem ruhigen, zuversichtlichen Benehmen zu erkennen. Auf welche Weise er sich aber die verschiedenen Thatsachen erklärte, die mir so rätselhaft schienen, ahnte ich auch nicht von ferne.

Es war schon spät, als er zurückkam – unmöglich konnte er die ganze Zeit über im Konzert gewesen sein. Das Essen stand bereits auf dem Tisch, und er nahm sogleich Platz.

»Ein herrlicher Genuß!« rief er. »Nichts übt doch solchen Zauber auf den Menschen aus, wie die Tonkunst. – Aber, was ist unterdessen mit Ihnen geschehen, Watson? Sie sehen schrecklich angegriffen aus. Hat die Geschichte in der Brixtonstraße Sie aus dem Gleichgewicht gebracht?«

»Wahrhaftig, ja – mehr als ich für möglich gehalten hätte. Seit meinen Erlebnissen in Afghanistan, wo ich meine Kameraden in Stücke hauen sah, glaubte ich weniger schwach besaitet zu sein.«

»Derartige rätselhafte Vorgänge erhitzen die Einbildungskraft und erzeugen ein leicht erklärliches Grauen,« meinte Holmes. »In der Abendzeitung steht ein ziemlich ausführlicher Bericht über die Begebenheit, doch freut mich, daß der gefundene Trauring nicht erwähnt wird.«

»Wieso?«

»Wegen der Anzeige, die ich heute abend in sämtliche Zeitungen habe einrücken lassen. Hier, lesen Sie.«

Er reichte mir das Blatt und unter der Rubrik ›Gefunden‹ las ich folgendes:

»Ein einfacher, goldener Trauring ist heute früh auf der Brixtonstraße zwischen dem Gasthaus zum ›Weißen Hirsch‹ und dem Holland-Hain gefunden worden. Zu erfragen bei Dr. Watson, Bakerstraße 221 b. zwischen 8 und 9 Uhr abends.«

»Sie entschuldigen wohl, daß ich auf Ihren Namen verwiesen habe! Hätte ich meinen eigenen genannt, ich wäre vor der Einmischung des einen oder andern unserer professionellen Dummköpfe nicht sicher gewesen.«

»Wie aber, wenn der Eigentümer sich meldet? Ich habe keinen Ring, den ich ihm geben könnte.«

»Dafür ist schon gesorgt,« sagte er, mir einen Ring einhändigend. »Er gleicht dem andern auf ein Haar und wird dieselben Dienste thun.«

»Wer wird sich denn auf die Anzeige hin melden – was glauben Sie?«

»Natürlich der Mann mit dem braunen Ueberrock – unser Freund mit dem roten Gesicht und dem groben Schuhwerk. Kommt er nicht selbst, so schickt er einen Spießgesellen.«

»Sollte er nicht Gefahr wittern?«

»Bewahre. Und wenn auch – meiner Ansicht nach würde er jeder Gefahr trotzen, um den Ring wieder zu bekommen. Ich denke mir, er hat ihn verloren, während er sich über Drebbers Leichnam beugte, und es nicht gleich bemerkt. Erst als er draußen war, entdeckte er seinen Verlust, und eilte zurück. Da er aber die Thorheit begangen hatte, das Licht brennen zu lassen, fand er die Polizei bereits an Ort und Stelle. Um keinen Argwohn zu erregen, verfiel er auf den Ausweg, sich betrunken zu stellen. Nun versetzen Sie sich einmal in seine Lage. Er überlegt sich die Sache und hält es nicht für unmöglich, daß er den Ring erst verloren hat, nachdem er wieder auf der Straße angelangt war. Was ist natürlicher, als daß er sich in den Abendblättern nach den gefundenen Sachen umsieht – er liest unsere Anzeige und ist überglücklich. Warum sollte er fürchten, in eine Falle zu geraten? Er hat nicht den geringsten Grund, anzunehmen, daß der Verlust des Rings in Beziehung zu dem Mord gebracht werden könnte, und wird sein Eigentum abholen wollen. Noch vor Ablauf einer Stunde kann er hier sein.«

»Und dann?«

»Dann lassen Sie mich nur mit ihm verhandeln – das ist meine Sache. – Sind Sie mit Waffen versehen?«

»Ich habe noch einen alten Revolver und einige Patronen.«

»Putzen und laden Sie ihn auf alle Fälle; wir haben es mit einem verzweifelten Menschen zu thun. Zwar hoffe ich, ihn zu überrumpeln, aber es ist immer besser, vorbereitet zu sein.«

Ich ging in mein Schlafzimmer und folgte seinem Rat. Als ich mit der Pistole in der Hand wieder eintrat, fand ich Holmes bei seiner Lieblingsbeschäftigung – er kratzte auf der Geige.

»Das Netz zieht sich zusammen,« sagte er; »eben erhalte ich aus Amerika eine Antwort auf mein Telegramm. Meine Ansicht über den Fall war ganz richtig.«

»Ja, was denken Sie denn eigentlich darüber?« fragte ich eifrig.

Er schien es zu überhören. »Ich muß wirklich meine Violine mit neuen Saiten beziehen,« murmelte er vor sich hin. »Wenn der Mensch kommt,« fuhr er gelassen fort, »so sprechen Sie mit ihm in Ihrem ganz gewöhnlichen Ton; sehen Sie ihn auch nicht forschend an, damit er keinen Verdacht schöpft.«

»Es ist schon acht vorbei,« sagte ich, meine Uhr herausziehend.

»In wenigen Minuten wird er wohl hier sein. Oeffnen Sie die Thür ein wenig und stecken Sie den Schlüssel inwendig ins Schlüsselloch. Danke sehr – jetzt kann er kommen. Ich glaube gar, da ist er schon.«

Draußen wurde stark an der Klingel gezogen, Sherlock Holmes stand geräuschlos auf und schob seinen Stuhl näher nach der Thüre hin. Wir hörten die Dienerin durch den Vorsaal gehen und die Hausthür öffnen.

»Wohnt Doktor Watson hier?« fragte eine laute, etwas scharfe Stimme; dann ward die Thür geschlossen, und es kam jemand mit schlürfendem Gang die Treppe herauf. Verwundert horchte mein Gefährte auf den langsamen, unsichern Schritt im Korridor; nun wurde leise angeklopft.

»Herein!« rief ich.

Die Thüre ging auf und statt des gewaltthätigen Menschen, den wir erwarteten, hinkte ein runzliges, altes Mütterchen ins Zimmer, das, wie von dem plötzlichen Lichtschein geblendet, uns mit matten, glanzlosen Augen anblinzelte.

Während die Alte stumm vor uns stand, und mit den zitternden Fingern ängstlich in ihrer Tasche nach etwas zu suchen schien, nahm das Gesicht meines Gefährten einen so trostlosen Ausdruck an, daß ich Mühe hatte, meine Fassung zu bewahren. Jetzt zog sie ein Zeitungsblatt heraus und deutete auf unsere Anzeige.

»Deswegen komme ich, werte Herren,« sagte sie mit einem tiefen Knix, »der goldene Trauring in der Brixtonstraße gehört meiner Tochter Sally; erst seit elf Monaten ist sie verheiratet und wenn ihr Mann nach Hause kommt – er ist nämlich Proviantmeister auf einem Uniondampfer – und sie hat ihren Ring nicht mehr, da giebt’s ein Donnerwetter. Schon an guten Tagen ist er sehr kurz angebunden, besonders wenn er getrunken hat. Das kam nämlich so: gestern abend war sie im Zirkus mit –«

»Ist das der verlorene Ring?« fragte ich.

»Unser Herrgott sei gepriesen,« rief die Alte. »Wie wird sich Sally freuen. Ja, das ist ihr Ring.«

Ich griff nach einem Bleistift: »Wo wohnen Sie?«

»In Houndsditch, Dunkanstraße 13. Ein weiter Weg von hier.«

»Wenn man von Houndsditch in den Zirkus will, kommt man nicht durch die Brixtonstraße,« mischte sich hier Sherlock Holmes in das Gespräch.

Die Alte warf ihm einen scharfen Blick aus ihren kleinen, rotgeränderten Augen zu. »Der Herr hat mich nach meiner Adresse gefragt. Sally wohnt in Peckham auf dem Mayfield-Platz Nummer 3.«

»Und Sie heißen? –«

»Mein Name ist Sawyer, – sie heißt Dennis weil sie Tom Dennis geheiratet hat. Ein wackerer, sauberer Bursche, solange er auf See ist; kein Proviantmeister gilt mehr bei den Herren von der Dampfschiffsgesellschaft. Aber, kommt er ans Land, so thun’s ihm die Weiber an und die Branntweinschenken und –«

»Hier ist Ihr Ring, Frau Sawyer,« unterbrach ich sie auf ein Zeichen meines Freundes; »er gehört ohne Zweifel Ihrer Tochter, und ich freue mich, ihn der rechtmäßigen Eigentümerin zustellen zu können.«

Allerlei Dankesworte und Segenswünsche murmelnd, versenkte die Alte den Ring in ihre Tasche und schlürfte wieder zur Thüre hinaus und die Treppe hinunter. Kaum war sie fort, so sprang Sherlock Holmes vom Stuhle auf und verschwand in sein Schlafzimmer. Eine Minute später erschien er wieder mit Hut und Ueberrock. »Ich gehe ihr nach,« sagte er, »sie muß mit ihm unter einer Decke stecken und wird mir auf meine Spur verhelfen. Bitte, bleiben Sie auf, bis ich wieder da bin.«

Als Holmes die Treppe hinunter ging, hatte sich die Hausthür eben hinter der Alten geschlossen. Vom Fenster aus konnte ich sehen, wie sie sich langsamen, schlürfenden Schrittes entfernte, während ihr Verfolger auf der andern Straßenseite hinterdrein schlich. »Entweder ist seine ganze Theorie falsch,« dachte ich bei mir, »oder es wird ihm jetzt gelingen, das Rätsel zu lösen.«

Es hätte der Aufforderung, daß ich seine Rückkunft abwarten möchte, nicht bedurft, denn von Schlaf konnte bei mir keine Rede sein, bis ich wußte, wie sein Unternehmen abgelaufen wäre. Als er sich auf den Weg machte, war es fast neun Uhr; ich steckte mir eine Pfeife an und blätterte in einem französischen Roman. Es schlug zehn, und ich hörte wie das Dienstmädchen zu Bett ging; um elf Uhr kam die Wirtin durch den Korridor, um sich zurückzuziehen; erst kurz vor Mitternacht knarrte drunten der Schlüssel in der Hausthür.

Als Holmes bei mir eintrat, sah ich es ihm gleich an, daß er kein Glück gehabt hatte. Verdruß und heitere Laune stritten in seinen Gesichtszügen um die Herrschaft, bis schließlich letztere die Oberhand behielt und er in ein herzliches Gelächter ausbrach.

»Um nichts in der Welt möchte ich, daß die Geheimpolizisten von meinem Erlebnis Wind bekämen,« rief er, und sank auf einen Stuhl. »Ich habe sie so oft gehänselt, daß sie froh wären, sich einmal schadlos halten zu können. Da ich aber weiß, daß ich ihnen am Ende aller Enden doch den Rang ablaufe, lache ich trotz alledem.«

»Was ist denn geschehen?« fragte ich.

»Sie sollen die ganze Geschichte hören, wie wenig sie mir auch zum Ruhm gereicht: Die Person war erst eine kleine Strecke weit gegangen, da fing sie an zu hinken und konnte allem Anschein nach nicht mehr vom Fleck. Sie blieb stehen und winkte eine vorüberfahrende Droschke herbei. Um die Adresse zu hören, lief ich näher herzu, doch das hatte ich mir sparen können. ›Nach Houndsditch, Dunkanstraße 13‹, rief sie, daß es weithin schallte. Kaum war sie eingestiegen, so sprang ich hinten auf; das ist eine Kunst, in der jeder Detektiv gründlich bewandert sein sollte. Fort rasselte die Droschke in gleichmäßiger Geschwindigkeit. Schon ehe sie das Ende der Fahrt erreichte, war ich abgesprungen und schlenderte gemächlich die Straße hinunter. Jetzt hielt der Kutscher, er stieg vom Bock, öffnete die Wagenthür und wartete. Aber es kam niemand heraus. Als ich näher trat, sah ich ihn wie wild in der leeren Droschke herumfahren, wobei er die kräftigsten Verwünschungen hören ließ, die mir je zu Ohren gekommen sind. Von der Insassin war keine Spur mehr zu sehen, und ich fürchte, er wird lange auf sein Fahrgeld warten müssen. Das Haus Nummer 13 gehört, wie ich erfuhr, einem ehrsamen Tapezierer Namens Keswig, von einer Frau Sawyer oder Frau Dennis aber wußte kein Mensch dort etwas.«

»Sie wollen doch nicht behaupten,« rief ich starr vor Staunen, »daß das alte, gebrechliche Weib aus dem Wagen gesprungen ist, während er in voller Bewegung war, und daß weder der Kutscher noch Sie etwas davon gemerkt haben?«

»Zum Henker mit dem alten Weibe,« rief Holmes ärgerlich. »Die alten Weiber waren wir, daß wir uns so anführen ließen. Es muß ein junger, noch dazu ein sehr gelenkiger Mensch gewesen sein und ein vollendeter Schauspieler. Die Verkleidung war ganz vorzüglich! Ohne Zweifel hatte er den Verfolger bemerkt und war auf dies Mittel verfallen, mir zu entwischen. Es ist ein Beweis, daß der Mann, den wir suchen, nicht so allein steht, wie ich glaubte, sondern Freunde hat, die sich im Notfall nicht scheuen, um seinetwillen ein Wagnis zu unternehmen. Nun gehen Sie aber schnell zu Bett, Doktor, Sie sehen ganz abgemattet aus.«

Ich war in der That todmüde und folgte seinem Rat. Holmes blieb bei dem glimmenden Feuer sitzen, und noch bis tief in die Nacht hinein hörte ich die schwermütigen Klänge seiner Geige und wußte, daß er fort und fort das seltsame Problem in seinem Haupte wälzte, dessen Lösung er sich nun einmal vorgesetzt hatte.

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Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Tobias Gregson thut große Thaten.

Tags darauf waren alle Zeitungen voll von dem ›Brixton-Geheimnis‹, wie sie es nannten. Viele brachten außer einem langen Bericht noch Leitartikel darüber. Sie erzählten mancherlei, was mir neu war, und ich bewahre in meiner Brieftasche eine ganze Sammlung von Ausschnitten und Auszügen über den Fall. Das Wesentlichste lasse ich hier folgen:

Der ›Daily Telegraph‹ behauptete, daß die Verbrecherchronik nur wenige Tragödien aufzuweisen habe, die von so seltsamen Umständen begleitet seien. Der deutsche Name des Opfers, der Mangel jedes Beweggrunds, die furchtbare Schrift an der Wand, ließen deutlich erkennen, daß die That im Auftrag der Revolutionspartei begangen worden. Die Sozialisten besäßen weitverzweigte Verbindungen in Amerika, wahrscheinlich habe der Ermordete eines ihrer ungeschriebenen Gesetze übertreten und sei dafür zum Tode verurteilt worden. Der Artikel schloß damit, die Regierung zu ermahnen, sie möge ein wachsames Auge auf die Ausländer haben, die nach England kämen.

Geheimpolizisten bald gelingen wird, die rätselhafte Angelegenheit aufzuklären.«

›Daily News‹ versicherte, es läge ohne allen Zweifel ein politisches Verbrechen vor. Dies werde sich bald genug herausstellen, wenn der Aufenthaltsort des Sekretärs Stangerson ermittelt sei und man Genaueres über die Lebensgewohnheiten des Ermordeten erfahren habe. Von wesentlicher Bedeutung sei es, daß man bereits wisse, in welcher Pension er sich aufgehalten, eine Kunde, die man einzig und allein dem Scharfsinn und der Thatkraft des Geheimpolizisten Gregson verdanke.

Diese und ähnliche Artikel, welche ich mit Sherlock Holmes zusammen beim Frühstück las, schienen ihn sehr zu belustigen.

»Sagte ich Ihnen nicht, daß Lestrade und Gregson unter allen Umständen Kapital aus der Sache herausschlagen würden?«

»Das kommt doch noch sehr auf den Ausgang an,« meinte ich.

»Bewahre, der ist dabei höchst gleichgültig. Wird der Mann gefangen, so geschieht es infolge ihrer Bemühungen, gelingt es ihm zu entkommen, so thut er es trotz ihrer Bemühungen. Die Anerkennung fehlt ihnen nie, sie mögen anstellen, was sie wollen.«

»Was geht denn da vor, was soll der Lärm bedeuten? Hören Sie nur,« rief ich, als sich in diesem Augenblick im Hausflur und auf der Treppe das Stampfen vieler Füße vernehmen ließ und dazwischen die unwillige Stimme unserer Wirtin.

»Das ist die kleine Detektivmannschaft aus der Bakerstraße,« sagte mein Gefährte mit lächelnder Miene, und ehe ich mich’s versah, kam ein halbes Dutzend der schmutzigsten und zerlumptesten Gassenjungen hereingepoltert, die ich je im Leben zu Gesicht bekommen habe.

»Achtung!« rief Holmes im Kommandoton, und die sechs schmutzigen Bengel standen in Reih und Glied wie wohldressierte Soldaten. »Künftig schickt ihr Wiggins allein herauf, um Bericht zu erstatten; ihr andern wartet unten auf der Straße! – Habt ihr sie gefunden, Wiggins?«

»Nee,« lautete die Antwort, »gefunden haben wir se nich.«

»Das dachte ich mir wohl. Sucht nur weiter, bis ihr sie findet; hier ist euer Geld.« Er händigte jedem der Buben einen Schilling ein. »Jetzt fort mit euch, und bringt mir das nächstemal bessern Bescheid.«

Auf seinen Wink machten sie rechtsumkehrt, und polterten wieder die Treppe hinunter. Gleich darauf hörte man sie schon unten auf der Straße durcheinander gröhlen und schreien.

»Jeder einzige von den kleinen Halunken bringt mehr vor sich als ein Dutzend Polizisten,« bemerkte Holmes. »Die Leute haben gleich ein Schloß vor dem Mund, sobald sich nur ein Beamter von fern blicken läßt. Diese Schlingel kommen aber überall hin und hören alles. Sie sind glatt wie Aale und schlau wie Füchse, es fehlt ihnen nur die Disziplin.«

»Betrifft denn der Auftrag, den Sie ihnen gegeben haben, den Brixton-Fall?«

»Ja, es handelt sich um einen Punkt, über den ich Gewißheit haben muß. Die werden sie mir verschaffen – es ist nur eine Frage der Zeit. – Aber, holla! jetzt werden wir Neuigkeiten zu hören bekommen. Eben steuert Gregson mit vollen Segeln die Straße herunter. Er strahlt förmlich vor Glückseligkeit. Richtig, er will zu uns – da ist er schon.«

Es ward heftig an der Hausglocke gezogen, und gleich darauf kam der blonde Detektiv die Treppe heraufgesprungen, immer drei Stufen auf einmal, und platzte in unser Wohnzimmer.

»Wünschen Sie mir Glück, werter Freund,« rief er, Holmes eifrig die Hand schüttelnd; »ich habe jetzt Licht in die Sache gebracht – alles liegt klar zu Tage.«

Ein düsterer Schatten glitt über die ausdrucksvollen Züge meines Gefährten. »Glauben Sie die rechte Spur gefunden zu haben?« fragte er.

»Die rechte Spur? Was denken Sie – ich habe den Verbrecher schon hinter Schloß und Riegel.«

»Wer ist es denn?«

Gregson warf sich stolz in die Brust. »Arthur Charpentier, Unterleutnant bei der königlichen Marine,« rief er, sich die fleischigen Hände reibend.

Sherlock Holmes atmete sichtlich erleichtert auf.

»Setzen Sie sich, und hier ist eine Cigarre. Wir sind sehr gespannt zu hören, wie Sie es angefangen haben. Ist Ihnen vielleicht ein Glas Grog gefällig?«

»Habe nichts dagegen,« versetzte der Detektiv; »wer solche Anstrengungen durchgemacht hat, wie ich in den letzten Tagen, bedarf wohl einer Erfrischung. Besonders die geistige Ermüdung war übergroß. Sie werden das verstehen, Herr Holmes, denn auch Sie arbeiten mit dem Kopfe.«

Gregson hatte im Lehnstuhl Platz genommen, und begann mit Wohlgefallen seine Cigarre zu rauchen. Plötzlich schlug er sich mit der Hand auf das Knie und brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Es ist wirklich zu komisch,« rief er, »daß Lestrade, der Narr, der für so ungeheuer klug gilt, sich ganz und gar auf dem Holzweg befindet. Er hat es auf den Sekretär Stangerson abgesehen, der doch so unschuldig an dem Verbrechen ist, wie ein neugeborenes Kind. Sicherlich hat er ihn jetzt schon dingfest gemacht.« Und wieder wollte er sich vor Lachen ausschütten.

»Wie haben Sie denn aber die richtige Spur gefunden?« fragte Holmes.

»Ich will Ihnen alles erzählen. Es bleibt natürlich ganz unter uns, Doktor Watson. Die erste Schwierigkeit, die es zu überwinden galt, war, Kenntnis von Drebbers Vorleben in Amerika zu erlangen. Mancher würde gewartet haben, bis Antwort auf seine Anzeige kam, oder irgend jemand ihm von selbst Mitteilungen machte. Aber das ist nicht Tobias Gregsons Art und Weise. Erinnern Sie sich an den Hut, der neben dem Toten auf dem Boden lag?«

»Gewiß; aus dem Geschäft von John Underwood & Söhne, Camberwell-Straße 129.«

Gregson machte ein höchst verblüfftes Gesicht. »Haben Sie das wirklich auch bemerkt? Sind Sie da gewesen?«

»Nein!«

»Das wundert mich. Mein Grundsatz ist, keine Gelegenheit unbenutzt vorbeigehen zu lassen, wie geringfügig sie auch erscheint.«

»Für einen großen Geist ist selbst das Kleinste von Bedeutung,« bemerkte Holmes salbungsvoll.

»Ich ging also zu Underwood,« fuhr Gregfon fort, »und fragte ihn, ob er kürzlich einen Hut, wie ich ihn beschrieb, verkauft habe Er schlug in seinen Büchern nach und fand sogleich, was ich wollte. Der Hut war an einen Herrn Drebber nach Madame Charpentiers Pension in Torquay Terrace geschickt worden. So bekam ich seine Adresse.«

»Schlau, sehr schlau,« murmelte Sherlock Holmes.

»Nun suchte ich Madame Charpentier auf, die ich sehr blaß und angegriffen fand. Auch ihre Tochter, ein ungewöhnlich hübsches Mädchen, war zugegen; sie hatte rotgeweinte Augen, und als ich sie anredete, bebten ihre Lippen. Das entging mir nicht, und ich witterte gleich Unrat. Sie kennen das Gefühl, Holmes, wenn man plötzlich auf die richtige Spur gerät, es fährt einem durch alle Glieder.

»›Haben Sie schon etwas von dem rätselhaften Tode des Herrn Drebber aus Cleveland gehört, der bei Ihnen gewohnt hat?‹ fragte ich.

»Die Mutter nickte bloß, sie schien außer stande, einen Laut hervorzubringen, die Tochter aber brach in Thränen aus. Kein Zweifel, die beiden wußten Näheres über die Sache.

»›Um welche Zeit verließ Herr Drebber Ihr Haus, um sich auf die Eisenbahn zu begeben?‹ fuhr ich in meinem Verhör fort.

»›Um acht Uhr,‹ erwiderte sie, ihre Aufregung mühsam bezwingend. ›Herr Stangerson, sein Sekretär, sagte, es gäbe zwei Züge, einen um 9,15 und einen um 11 Uhr. Er wollte mit dem ersten abreisen.‹

»›Und haben Sie ihn seitdem nicht mehr gesehen?‹

»Bei dieser Frage wurde die Frau leichenblaß, und es dauerte mehrere Sekunden, bevor sie das einzige Wort: ›Nein!‹ hervorstieß. Ihre Stimme klang leise und unnatürlich.

»›Mutter,‹ sagte die Tochter nach einem Augenblick tiefster Stille, ›laß uns dem Herrn gegenüber aufrichtig sein. Aus einer Unwahrheit kann nie etwas Gutes kommen: Ja, wir haben Herrn Drebber noch einmal wiedergesehen.‹

»›Verzeih dir Gott,‹ rief Frau Charpentier, und sank händeringend auf einen Stuhl. ›Du hast deinen Bruder ums Leben gebracht.‹

»›Arthur würde selbst wollen, daß wir die Wahrheit sagten,‹ entgegnete sie mit Festigkeit.

»›Sprechen Sie frei heraus,‹ ermahnte ich, ›ein halbes Vertrauen ist schlimmer als gar keines. Auch weiß die Polizei vielleicht schon mehr, als Sie ahnen.‹

»›Mein Sohn ist völlig unschuldig,‹ beteuerte sie. ›Wenn ich seinetwegen besorgt bin, so ist das nur, weil ich fürchte, daß er in Ihren Augen und vielleicht in denen anderer Leute, verdächtig erscheinen könnte. Aber das ist ja undenkbar. Sein vortrefflicher Ruf, sein Stand, sein ganzes früheres Leben, bürgen dafür, daß er an dieser gräßlichen That keinen Anteil hat.‹

»›Sagen Sie mir nur alles, was Sie wissen,‹ bedeutete ich sie; ›wenn Ihr Sohn unschuldig ist, hat er nichts zu fürchten.‹

»›Laß uns allein, Mary,‹ gebot Madame Charpentier. Die Tochter verließ das Zimmer und die Mutter berichtete nun in heftiger Erregung: ›Herr Drebber hat drei Wochen lang bei uns im Hause gewohnt. Vorher war er mit seinem Sekretär Stangerson auf Reisen; nach den Zetteln an ihren Koffern zu schließen, kamen sie zuletzt aus Kopenhagen. Stangerson zeigte sich schweigsam und zurückhaltend, Drebber aber benahm sich höchst anstößig. Er war ein gemeiner Mensch von rohen Sitten. Gleich am Abend seiner Ankunft hat er sich sinnlos betrunken und nach zwölf Uhr mittags sah man ihn selten nüchtern. Im Verkehr mit den Zimmermädchen war er widerlich frech und vertraulich, ja sogar meiner Tochter Mary gegenüber erlaubte er sich ein ähnliches Betragen und sprach mehrmals in einer Weise mit ihr, die sie in ihrer Unschuld zum Glück nicht verstand. Einmal war er sogar unverschämt genug, sie in meinem Beisein zu umarmen und zu küssen, so daß sein eigener Sekretär sich ins Mittel legte und ihm seine Frechheit verwies.‹

»›Aber warum ließen Sie sich das alles gefallen? Sie hätten doch den lästigen Menschen los werden können, sobald Sie wollten.‹

»›Ich weiß wohl,‹ sagte Madame Charpentier errötend; ›hätte ich ihn nur gleich am ersten Tage aus dem Hause gewiesen. Allein die Versuchung war groß. Sie bezahlten mir zusammen vierzehn Pfund die Woche, und ich hielt es für meine Pflicht, in diesen schlechten Zeiten mir eine solche Einnahme nicht entgehen zu lassen. Ich bin Witwe und mein Sohn in der Marine hat viel Geld gekostet. Nach dem letzten Auftritt zögerte ich aber nicht länger, ihm zu kündigen, das war der Grund seiner Abreise.‹

»›Nun, und wie wurde es weiter?‹

»›Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich ihn wird uns voraussichtlich nicht mehr belästigen,‹ sagte er; ›ich will mich nur noch überzeugen, was aus ihm geworden ist.‹ Mit diesen Worten eilte er die Treppe hinunter. Am nächsten Morgen brachte man uns die Nachricht von Drebbers geheimnisvollem Tode.‹

»›Um wieviel Uhr ist Ihr Sohn nach Hause gekommen?‹ fragte ich, als Madame Charpentier mit ihrem Bericht zu Ende war. ›Das weiß ich nicht,‹ stammelte sie; ›er hat sich selbst mit dem Hausschlüssel hereingelassen.‹

»›Nachdem Sie zu Bett waren?‹

»›Ja.‹

»›Wann begaben Sie sich zur Ruhe?‹

»›Gegen elf Uhr.‹

»›So blieb Ihr Sohn also wenigstens noch zwei Stunden fort?‹

»›Ja.‹

»›Möglicherweise auch vier oder fünf?‹

»›Ja.‹

»›Wo war er inzwischen?‹

»›Ich weiß nicht,‹ flüsterte sie mit bleichen Lippen.

»Unter diesen Umständen war ich natürlich nicht länger im Zweifel, was zu thun sei. Ich nahm zwei Polizisten mit, suchte Leutnant Charpentier auf und ließ ihn festnehmen. Als ich seine Schulter berührte und ihn ermahnte, uns ohne Widerstand zu folgen, richtete er sich stolz in die Höhe. ›Man hegt vermutlich Verdacht, ich sei an der Ermordung des schurkischen Drebber beteiligt,‹ waren seine ersten Worte. Sie werden mir zugeben, daß das höchst verdächtig aussah.«

»Versteht sich,« pflichtete Holmes bei.

»Er hielt den Stock in der Hand, von dem seine Mutter gesprochen hatte, einen schweren eichenen Knittel.«

»Wie denken Sie sich denn den Verlauf der Sache?«

»Nun, er ist Drebber bis zur Brixtonstraße gefolgt. Dort hat sich ein neuer Streit zwischen ihnen entsponnen, Drebber hat mit dem Stock einen Schlag erhalten, wahrscheinlich in die Magenhöhle, der seinen Tod verursachte, ohne eine Spur zu hinterlassen. In der regnerischen Nacht war kein Mensch unterwegs, Charpentier konnte daher die Leiche ungesehen nach dem leeren Hause schaffen. Was aber das Licht betrifft, das vergossene Blut, die Schrift an der Wand und den Ring, so sind das wahrscheinlich alles nur Finten, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu locken.«

»Vortrefflich,« rief Holmes beifällig. »Sie machen wirklich Fortschritte, Gregson; es kann noch etwas aus Ihnen werden.«

»Ich schmeichle mir, daß ich alles ganz glatt abgewickelt habe,« sagte der Polizist voll Selbstgefühl. »Der junge Mann behauptete zwar steif und fest, er sei Drebber nur eine kurze Strecke weit nachgegangen, dann habe dieser ihn entdeckt und sei in eine Droschke gestiegen, um ihm zu entkommen. Auf dem Heimweg wollte er dann einem früheren Kameraden vom Schiff begegnet sein und einen langen Spaziergang mit ihm gemacht haben. Als ich aber nach der Wohnung dieses Bekannten fragte, wußte er sie nicht anzugeben. Wie gesagt, der Fall ist mir ganz klar; es macht mir nur Spaß, daß Lestrade eine so falsche Spur verfolgt, die zu nichts führen kann. – Aber, wahrhaftig, ich glaube, da ist er selbst.«

Lestrade war wirklich während unseres Gesprächs die Treppe heraufgekommen und trat jetzt ins Zimmer. Sein für gewöhnlich so selbstbewußtes Wesen war kaum wieder zu erkennen; seine Mienen waren verstört, sein sonst so peinlich sauberer Anzug in Unordnung. Er wollte sich offenbar bei Holmes guten Rat holen; seinen Kollegen da zu finden, hatte er nicht erwartet. Unschlüssig blieb er mitten im Zimmer stehen und drehte seinen Hut krampfhaft

in den Händen. »Ein höchst verwickelter, unverständlicher Fall,« sagte er endlich.

»Meinen Sie, Lestrade?« rief Gregson triumphierend, »das habe ich mir wohl gedacht. Ist es Ihnen denn gelungen, den Aufenthalt des Sekretärs Josef Stangerson zu entdecken?«

»Den Sekretär Stangerson,« erwiderte Lestrade mit tiefem Ernst, »hat man in Hallidays Privathotel heute früh gegen acht Uhr in seinem Schlafzimmer ermordet gefunden.«

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Siebentes Kapitel

Siebentes Kapitel

Es kommt Licht in das Dunkel

Lestrades furchtbare Mitteilung kam uns so unerwartet, daß wir einige Zeit brauchten, um uns von dem ersten Schrecken zu erholen. Gregson war von seinem Sitz in die Höhe geschnellt, und ich starrte schweigend auf Sherlock Holmes, der mit düster zusammengezogenen Brauen und fest geschlossenen Lippen dasaß.

»Stangerson gleichfalls,« murmelte er endlich – »der Fall wird verwickelter.«

»Und war schon verwickelt genug,« sagte Lestrade und nahm mißmutig am Tische Platz. »Hier wurde wohl Kriegsrat gehalten?«

»Ist denn – was Sie sagen – aber auch ganz gewiß wahr?« stammelte Gregson.

»Eben komme ich vom Schauplatz der That,« lautete seines Kollegen Antwort. »Ich war der Erste, welcher entdeckte, was sich zugetragen hatte.«

Holmes sah ihn erwartungsvoll an. »Wir haben soeben Gregsons Ansicht über den Fall gehört,« äußerte er, »vielleicht wären Sie geneigt, uns nun auch Ihre Erlebnisse und Thaten zu berichten?«

»Warum nicht?« versetzte Lestrade; »ich gestehe offen, daß ich der Meinung war, Stangerson müsse bei Drebbers Ermordung die Hand im Spiele gehabt haben – ein Irrtum, von dem ich durch das jüngste Ereignis gründlich zurückgekommen bin. Vor allem wollte ich ermitteln, was aus dem Sekretär geworden sei. Man hatte die beiden noch abends um halb neun zusammen auf dem Eustoner Bahnhof gesehen. Um zwei Uhr morgens war Drebbers Leiche in der Brixtonstraße aufgefunden worden. Wo hatte sich Stangerson in der Zeit zwischen 8 Uhr 30 und der Stunde des Verbrechens aufgehalten? – das war die Frage. Ich telegraphierte eine Personalbeschreibung des Mannes nach Liverpool, damit er sich nicht heimlich auf einem amerikanischen Dampfer einschiffen könne. Dann erkundigte ich mich nach ihm in allen Hotels und Privatpensionen in der Nähe des Bahnhofs. Es schien mir wahrscheinlich, daß, wenn die Reisegefährten sich aus irgend einem Grunde getrennt hätten, Stangerson zur Nacht im nächsten Hotel einkehren und am andern Morgen Drebber sicherlich wieder am Bahnhof erwarten würde.«

»Sie werden wohl vorher verabredet haben, an welchem Orte sie sich treffen wollten,« warf Holmes ein.

»Wohl möglich,« meinte Lestrade. »Nun also, den ganzen gestrigen Abend brachte ich mit fruchtlosen Erkundigungen zu. Heute früh setzte ich meine Nachforschungen beizeiten fort und kam gegen acht Uhr nach Hallidays Privathotel in der kleinen Georgstraße. Auf meine Frage, ob ein Herr Stangerson dort abgestiegen sei, erhielt ich sofort eine bejahende Antwort. ›Vermutlich sind Sie der Herr, auf den er schon seit zwei Tagen wartet,‹ meinte der Portier.

»›Wo ist er jetzt?‹ fragte ich.

»›Oben in seinem Schlafzimmer; er wollte um neun Uhr geweckt sein.‹

»›Ich möchte ihn sofort aufsuchen.‹

»Mit der Absicht, ihn ganz unvermutet zu überraschen, ließ ich mir von dem Hausknecht das Zimmer zeigen. Es lag im zweiten Stock am Ende eines engen Korridors. Nun stellen Sie sich aber mein Entsetzen vor, als ich bei der Thür angekommen, bemerkte, daß ein dünner, roter Strom über die Schwelle rieselte und auf der andern Seite des Ganges eine kleine Blutlache gebildet hatte. Der Hausknecht, der schon an der Treppe war, kam auf meinen Schreckensruf zurückgestürzt, er wäre bei dem Anblick fast umgesunken. Die Thür war von innen verschlossen, doch gelang es unsern vereinten Kräften, sie aufzusprengen. Drinnen stand ein Fenster offen, und dicht daneben lag zusammengesunken ein Mann im Nachtgewande. Er mußte schon seit mehreren Stunden tot sein, denn seine Glieder waren steif und kalt. Ein Dolchstich war ihm mitten durchs Herz gedrungen. Nun hören Sie aber noch das Seltsamste von der ganzen Begebenheit: An der Wand neben der Leiche stand geschrieben – was glauben Sie wohl?« –

»Das Wort ›Rache‹ in Blutbuchstaben,« sagte Sherlock Holmes, ohne sich zu besinnen. Mir erstarrte das Blut in den Adern vor Entsetzen.

»Das war es,« flüsterte Lestrade, und seine Stimme bebte. Eine Weile sprach keiner von uns ein Wort. Die methodische, und doch völlig unbegreifliche Weise, auf die der unbekannte Mörder bei seinen Missethaten verfuhr, erhöhte noch ihren schauerlichen Eindruck. Unter den Greueln des Schlachtfeldes war ich kaltblütig geblieben, jetzt zuckte mir jeder Nerv vor Erregung.

»Der Verbrecher ist nicht unbemerkt entkommen,« fuhr Lestrade fort. »Ein Milchjunge, der vom Kuhstall nach der Hotelküche ging, sah, daß an einem offenen Fenster des zweiten Stocks eine Leiter lehnte. Als er sich verwundert noch einmal umblickte, kam gerade ein Mann die Leiter herabgestiegen und zwar so ruhig und ohne jede verdächtige Hast, daß der Junge glaubte, es müsse ein Arbeiter sein, der im Hotel etwas auszubessern habe. Nach seiner Beschreibung war der Mann groß, rot im Gesicht und mit einem langen Rock von bräunlicher Farbe bekleidet. Er hat das Zimmer nicht unmittelbar nach der That verlassen, sondern sich erst noch im Becken das Blut von den Händen gewaschen und sein Dolchmesser sorgfältig an den Betttüchern abgewischt.«

Das Aeußere des Mannes war genau so, wie Holmes es früher beschrieben hatte, doch war keine Spur von Triumph oder Genugthuung in den Zügen meines Gefährten zu entdecken. »Haben Sie in dem Zimmer nichts gefunden, was auf die Spur des Verbrechers leiten könnte?« fragte er begierig.

»Nicht das geringste. Stangerson trug Drebbers Börse in der Tasche, doch war das nicht auffällig, da er die Reiseausgaben zu bezahlen pflegte. Sie enthielt etwa achtzig Pfund, die unberührt geblieben waren. Auf eine Beraubung hatte man es offenbar nicht abgesehen. In den Taschen des Ermordeten fanden sich weder Papiere noch Notizen, nur ein Telegramm, das vor etwa einem Monat in Cleveland aufgegeben worden war und lautete: ›J. H. ist in Europa‹. Der Name des Absenders stand nicht dabei.«

»Und das war alles?«

»Alles Wichtige. Ein Roman, mit dem sich der Mann in den Schlaf gelesen, lag auf dem Bett und seine Tabakspfeife daneben auf dem Stuhl. Auf dem Tisch stand ein Glas Wasser und auf dem Fensterbrett ein hölzernes Salbenschächtelchen, das mehrere Pillen enthielt.«

Mit einem Ausruf des Entzückens sprang Sherlock Holmes in die Höhe.

»Das fehlende Glied,« rief er. »Nun ist der letzte Zweifel gelöst.«

Die beiden Polizisten sahen einander sprachlos vor Erstaunen an.

»Ich halte nunmehr alle scheinbar noch so verwirrten Fäden in meinen Händen,« sagte mein Gefährte zuversichtlich. Einzelheiten sind natürlich noch unerledigt, aber über die Hauptsache bin ich völlig im klaren. Von der Zeit an, als Drebber sich von Stangerson trennte, bis zum Augenblick, da des letzteren Leiche entdeckt wurde, weiß ich alles, als hätte ich es mit eigenen Augen gesehen. Sie sollen sogleich einen Beweis davon haben. Könnten Sie wohl die fraglichen Pillen herbeischaffen?«

»Ich habe sie hier,« versetzte Lestrade, ein Schächtelchen hervorziehend, »ich nahm sie an mich, zugleich mit der Börse und dem Telegramm, um sie der Polizei zu übergeben. Daß ich die Pillen nicht stehen ließ, war der reinste Zufall, denn ich muß sagen, ich legte ihnen keine Wichtigkeit bei.«

»Wissen Sie, Doktor,« wandte sich Holmes zu mir, »ob das gewöhnliche Pillen sind?«

Sie waren von perlgrauer Farbe, klein, rund und fast durchsichtig, wenn man sie gegen das Licht hielt. »Nach ihrer Beschaffenheit sollte ich meinen, daß sie sich in Wasser auflösen würden,« bemerkte ich.

»Das glaube ich auch,« sagte Holmes erfreut. »Bitte,« fuhr er fort, »schaffen Sie doch einmal den kleinen kranken Dachshund herbei, der schon lange in einem so traurigen Zustand ist, daß die Wirtin Sie noch gestern bat, ihn von seinen Qualen zu erlösen.«

Ich brachte das altersschwache Tier in meinen Armen herauf und legte es auf ein Fußkissen nieder, es atmete schwer und schien bereits in den letzten Zügen.

»Jetzt schneide ich eine dieser Pillen entzwei,« sagte Holmes, sein Taschenmesser herausziehend; »eine Hälfte bleibt zu späterer Verwendung in der Schachtel, die andere thue ich mit einem Theelöffel voll Wasser in dieses Weinglas. Sie sehen, der Doktor hat recht, sie löst sich schon auf.«

»Das mag sehr interessant sein,« ließ sich Lestrade in spöttischem Ton vernehmen, »nur begreife ich nicht, was es mit Stangersons Tode zu thun haben soll.«

»Geduld, mein Freund, Geduld; Sie werden es bald erfahren. Jetzt gieße ich noch etwas Milch dazu, um es schmackhaft zu machen.«

Er hatte den Inhalt des Weinglases in einen Napf ausgeleert und der Hund leckte die Flüssigkeit bereitwillig auf. Wir saßen schweigend im Kreise und erwarteten eine überraschende Wirkung, welche, nach Holmes wichtiger Miene zu urteilen, bald eintreten sollte. Aber es geschah nichts dergleichen. Der Hund lag auf dem Kissen ausgestreckt, sein Zustand war unverändert.

Mein Freund hatte die Uhr herausgezogen, und wie eine Minute nach der andern erfolglos verstrich, nahm sein Gesicht einen immer kummervolleren Ausdruck an. Er preßte die Lippen zusammen, trommelte mit den Fingern auf dem Tisch und verriet auf jede Weise die größte Ungeduld. Seine Gemütsbewegung war so unverkennbar, daß er mir aufrichtig leid that, während die beiden Polizisten schadenfroh lächelten und ihm den offenbaren Mißerfolg von Herzen zu gönnen schienen.

»Es kann kein zufälliges Zusammentreffen sein,« rief er endlich, vom Stuhl aufspringend; »das ist unmöglich, völlig unmöglich. Die nämlichen Pillen, deren Anwendung ich in Drebbers Fall vermutete, werden nach Stangersons Tode wirklich gefunden – und doch haben sie keine Wirkung. Wie läßt sich das erklären? – Daß meine ganze Schlußfolgerung falsch gewesen sein soll, ist undenkbar. Aber der elenden Kreatur dort merkt man gar nichts an.«

Er ging aufgeregt im Zimmer hin und her; plötzlich stieß er einen Jubelruf aus: »Ich hab’s, ich hab’s!« Er griff nach der Schachtel, schnitt die andere Pille entzwei, löste sie auf, goß Milch dazu und ließ sie von dem Hunde auflecken. Kaum hatte das arme Geschöpf sie mit der Zunge berührt, als ein krampfhaftes Zucken durch seine Glieder ging, dann lag es starr und leblos da, wie vom Blitz getroffen.

Sherlock Holmes atmete tief auf und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. »Es war unrecht, daß ich mich so leicht irre machen ließ,« sagte er. »Wenn eine Thatsache durchaus nicht zu meinen Folgerungen passen will, hat sich noch regelmäßig herausgestellt, daß es damit eine besondere Bewandtnis hat. Eine der beiden Pillen enthielt das tödliche Gift, die andere war völlig unschädlich. Das hätte ich wissen müssen, bevor mir noch die Schachtel zu Gesicht kam.«

Wie seltsam mir auch seine letzte Behauptung klang, so lag doch der tote Hund als bester Beweis für ihre Richtigkeit vor uns. Ganz allmählich begannen sich die Nebel zu zerstreuen, die mir das Verständnis verhüllten, und es dämmerte in mir eine Ahnung von dem Zusammenhang der Dinge.

»Das alles erscheint Ihnen nur deshalb so sonderbar,« fuhr Holmes fort, »weil Sie gleich zu Anfang die einzig richtige Spur, welche deutlich vorlag, nicht erkannt haben. Ich hatte das Glück, von vornherein darauf zu verfallen und alle späteren Ereignisse haben nur dazu gedient, mich in meiner ursprünglichen Vermutung zu bestärken, sie waren die logische Folge derselben. So kam es, daß alles, was den Fall in Ihren Augen verdunkelte, mir neues Licht brachte und meine Annahmen bestätigte. Außergewöhnliche Umstände bieten keineswegs immer die schwierigsten Rätsel; vielmehr sind die scheinbar alltäglichsten Verbrechen oft am geheimnisvollsten, weil wir ohne besondere Anhaltspunkte zu keinen neuen Schlüssen gelangen können. Die Lösung unseres Falles würde sehr fraglich sein, wenn man den Leichnam einfach auf der Straße gefunden hätte. Die merkwürdigen Nebenumstände erschweren die Nachforschung nicht, im Gegenteil, sie erleichtern dieselbe.«

Gregson hatte der langen Auseinandersetzung mit wachsender Ungeduld zugehört; endlich bezwang er sich nicht länger.

»Wir geben ja gern zu, Herr Holmes,« sagte er, »daß Sie ein ungewöhnlich schlauer Mensch sind und Ihr ganz besonderes Verfahren haben. Aber mit Theorien kommt man hier nicht weit. Es handelt sich darum, den Mörder festzunehmen. Was ich in dieser Sache gethan habe, scheint sich als Mißgriff herauszustellen, denn den zweiten Mord kann der junge Charpentier nicht begangen haben. Lestrade seinerseits glaubte jenem Stangerson nachspüren zu müssen und auch er war augenscheinlich auf falscher Fährte. Nach Ihren Winken und Andeutungen scheinen Sie mehr von der Sache zu wissen als wir. So gehen Sie doch einmal heraus mit der Sprache, und sagen Sie uns, wer das Verbrechen begangen hat.«

»Gregson hat ganz recht,« nahm Lestrade das Wort. »Wir haben uns bis jetzt beide vergeblich bemüht, dahinter zu kommen, und wenn Sie wirklich, wie Sie behaupten, alle Beweise in Händen haben, so hoffe ich, Sie werden nicht länger zögern, uns reinen Wein einzuschenken.«

»Das Wichtigste scheint mir doch, den Mörder unschädlich zu machen,« fiel ich ein, »damit er nicht noch mehr Unthaten begehen kann.«

So von allen Seiten gedrängt, schien Holmes unentschlossen, was er thun solle. Mit gerunzelten Brauen, den Kopf auf die Brust gesenkt, schritt er im Zimmer auf und ab, wie seine Gewohnheit war, wenn es eine große Entscheidung galt. Plötzlich blieb er uns gegenüber stehen.

»Es wird kein Mord mehr verübt werden, darüber können Sie außer Sorge sein,« sagte er mit Bestimmtheit. »Sie fragen mich nach dem Namen des Verbrechers – den kenne ich. Ja, was noch mehr ist, ich hoffe, in kürzester Frist ihn selbst in die Hände zu bekommen. Alle meine Vorkehrungen zu dem Zweck sind getroffen, aber die Ausführung erfordert große Umsicht, denn wir haben es mit einem kühnen Menschen zu thun, der zum Aeußersten entschlossen ist. Auch fehlt es ihm nicht an einem Gehilfen, der ebenso verschlagen ist wie er selbst – davon habe ich Beweise. Solange der Mann nicht ahnt, daß man ihn beobachtet, ist es möglich, seiner habhaft zu werden. Schöpfte er aber auch nur den geringsten Argwohn, so würde er einen andern Namen annehmen und unter den vier Millionen Einwohnern dieser großen Stadt spurlos verschwinden. Ich möchte Sie beide nicht kränken, doch scheint mir, daß die Polizei jenem Manne gegenüber machtlos ist. Ich habe Sie deshalb auch nicht um Ihre Hilfe angegangen, und will lieber Tadel und Verantwortlichkeit allein tragen, wenn die Sache mißlingt. Jedenfalls verspreche ich, Ihnen Weiteres mitzuteilen, sobald ich überzeugt bin, daß meine Pläne nicht mehr gefährdet werden können.«

Die beiden Polizisten schienen durch diese Versicherung nicht sehr befriedigt und überhaupt wenig erbaut von dem abfälligen Urteil meines Gefährten. Gregson wurde rot bis zu den Schläfen und Lestrades Augen funkelten vor Aerger und Neugier. Sie fanden jedoch keine Zeit, ihrem Herzen Luft zu machen, denn in diesem Augenblick klopfte es an der Thür, und der Häuptling der zerlumpten Freiwilligenschar, der junge Wiggins, erschien in höchsteigener, unansehnlicher Person.

»Ich wollte nur melden, Herr,« sagte er, eine stramme Haltung annehmend, »daß ich die Droschke gebracht habe; sie hält unten.«

»Bravo,« rief Holmes beifällig. Er holte ein Paar stählerne Handschellen aus der Kommodenschublade. »Sehen Sie nur, wie die Feder zuschnappt, in einem Augenblick sitzen sie fest. Warum führt man eigentlich diese Sorte nicht bei der Polizei ein?«

»Das alte Muster erfüllt seine Zwecke gut genug,« versetzte Lestrade; »die Hauptsache bleibt immer, den Mann zu haben, dem man sie anlegen soll.«

»Freilich, freilich,« bestätigte Holmes lächelnd. »Höre Wiggins, bitte doch einmal den Droschkenkutscher heraufzukommen, er soll mir bei dem Gepäck behilflich sein.«

Es überraschte mich, daß mein Gefährte im Begriff schien, eine Reise anzutreten, denn er hatte davon nichts gegen mich erwähnt. Im Zimmer stand ein kleiner Handkoffer, den er jetzt hervorzog und zuzuschließen begann. Er war noch damit beschäftigt und kniete am Boden, als der Droschkenkutscher eintrat. »Können Sie mir vielleicht hier den Riemen fester schnallen, Kutscher,« sagte er, ohne den Kopf umzuwenden.

Der Mensch trat verdrossen hinzu und streckte die Hände nach dem Riemen aus. Man vernahm einen scharfen, metallenen Klang und im nächsten Augenblick sprang Sherlock Holmes rasch in die Höhe.

»Meine Herren,« rief er mit blitzenden Augen, »hier stelle ich Ihnen Jefferson Hope vor, den Mörder von Enoch Drebber und Joseph Stangerson.«

Alles war mit solcher Schnelligkeit vor sich gegangen, daß uns kaum Zeit zur Besinnung blieb, doch erinnere ich mich deutlich an den triumphierenden Ausdruck in Holmes‘ Blick und Ton und an des Kutschers verdutzte, ingrimmige Miene, mit der er die Handschellen betrachtete, welche ihn wie durch Zauberkunst gefesselt hielten.

Wir standen starr wie Bildsäulen, aber nur einen Augenblick, denn plötzlich stieß der Gefangene einen Schrei wilder Wut aus, riß sich mit gewaltiger Kraft von Holmes los und rannte nach dem Fenster; Glas und Holzwerk brachen in tausend Splitter bei seinem mächtigen Anprall. Noch ehe er sich jedoch hinausstürzen konnte, sprangen Lestrade, Gregson und Holmes auf ihn, wie Jagdhunde auf ihre Beute; er ward ins Zimmer zurückgezogen und nun entspann sich ein furchtbarer Kampf. Wieder und immer wieder gelang es ihm, uns alle vier abzuschütteln; mit der Riesenstärke eines Wahnsinnigen wehrte er sich gegen seine Angreifer. Die zertrümmerten Fensterscheiben hatten ihm Gesicht und Hände schrecklich verletzt, aber der Blutverlust schwächte seine Widerstandskraft nicht. Erst als es Lestrade gelang, ihm von hinten die Hand in den Halskragen zu stecken und ihn fast zu erwürgen, sah er ein, daß jeder weitere Versuch, uns zu entrinnen, vergeblich sein würde. Der Sicherheit halber banden wir ihn noch an den Füßen und konnten nun erst wieder zu Atem kommen.

»Seine Droschke steht noch unten, wir wollen sie gleich benützen, um ihn auf die Polizei zu bringen,« sagte Sherlock Holmes. »Und nun, meine Herren,« fuhr er fort, »bin ich bereit, alle Ihre Fragen zu beantworten. Mein kleines Geheimnis ist enthüllt, und Sie brauchen nicht zu fürchten, daß ich Ihnen die gewünschte Auskunft verweigere.«

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Erstes Kapitel

I. Aus Watsons Erinnerungen

Erstes Kapitel

Sherlock Holmes

Im Jahre 1878 hatte ich mein Doktorexamen an der Londoner Universität bestanden und in Nelley den für Militärärzte vorgeschriebenen medizinischen Kursus durchgemacht. Bald darauf ward ich dem fünften Füsilierregiment Northumberland zugeteilt, welches damals in Indien stand. Bevor ich jedoch an den Ort meiner Bestimmung gelangte, brach der zweite afghanische Krieg aus, und bei meiner Landung in Bombay erfuhr ich, mein Regiment sei bereits durch die Gebirgspässe marschiert und weit in Feindesland vorgedrungen. In Gesellschaft mehrerer Offiziere, die sich in gleicher Lage befanden, folgte ich meinem Corps, erreichte dasselbe glücklich in Kandahar und trat in meine neue Stellung ein.

Der Feldzug, in welchem andere Ehre und Auszeichnungen fanden, brachte mir indessen nur Unglück und Mißerfolg. Gleich in der ersten Schlacht zerschmetterte mir eine Kugel das Schulterblatt und ich wäre sicherlich den grausamen Ghazia in die Hände gefallen, hätte mich nicht Murray, mein treuer Bursche, rasch auf ein Packpferd geworfen und mit eigener Lebensgefahr mit sich geführt, bis wir die britische Schlachtlinie erreichten.

Lange lag ich krank, und erst nachdem ich mit einer großen Anzahl verwundeter Offiziere in das Hospital von Peshawur geschafft worden war, erholte ich mich allmählich von den ausgestandenen Leiden; ich war bereits wieder so weit, daß ich in den Krankensälen umhergehen und auf der Veranda frische Luft schöpfen durfte. Da befiel mich unglücklicherweise ein Entzündungsfieber und zwar mit solcher Heftigkeit, daß man monatelang an meinem Wiederaufkommen zweifelte. Als endlich die Macht der Krankheit gebrochen war und mein Bewußtsein zurückkehrte, befand ich mich in solchem Zustand der Kraftlosigkeit, daß die Aerzte beschlossen, mich ohne Zeitverlust wieder nach England zu schicken. Einen Monat später landete ich mit dem Truppenschiff ›Orontes‹ in Portsmouth; meine Gesundheit war völlig zerrüttet, doch erlaubte mir eine fürsorgliche Regierung, während der nächsten neun Monate den Versuch zu machen, sie wiederherzustellen.

Verwandte besaß ich in England nicht; ich beschloß daher, mich in einem Privathotel einzuquartieren. Mein tägliches Einkommen belief sich auf elf und einen halben Schilling und da ich zuerst nicht sehr haushälterisch damit umging, machten mir meine Finanzen bald große Sorge. Ich sah ein, daß ich entweder aufs Land ziehen oder meine Lebensweise in der Hauptstadt völlig ändern müsse.

Da ich letzteres vorzog, sah ich mich genötigt, das Hotel zu verlassen und mir eine anspruchslosere und weniger kostspielige Wohnung zu suchen.

Während ich noch hiermit beschäftigt war, begegnete ich eines Tages auf der Straße einem mir bekannten Gesicht, ein höchst erfreulicher Anblick für einen einsamen Menschen wie mich in der Riesenstadt London. Ich hatte mit dem jungen Stamford während meiner Studienzeit verkehrt, ohne daß wir einander besonders nahe getreten waren, jetzt aber begrüßte ich ihn mit Entzücken, und auch er schien sich über das Wiedersehen zu freuen. Bald saßen wir in einer nahen Restauration zusammen bei einem Glase Wein und tauschten unsere Erlebnisse aus.

»Was in aller Welt ist denn mit dir geschehen, Watson?« fragte Stamford verwundert, »du siehst braun aus wie eine Nuß und bist so dürr wie eine Bohnenstange.«

Ich gab ihm einen kurzen Abriß meiner Abenteuer und er hörte mir teilnehmend zu.

»Armer Kerl,« sagte er mitleidig, »und was gedenkst du jetzt zu thun?«

»Ich bin auf der Wohnungssuche,« versetzte ich; »es gilt die Aufgabe zu lösen, mir um billigen Preis ein behagliches Quartier zu verschaffen.«

»Wie sonderbar,« rief Stamford; »du bist der zweite Mensch, der heute gegen mich diese Aeußerung thut.«

»Und wer war der erste?«

»Ein Bekannter von mir, der in dem chemischen Laboratorium des Hospitals arbeitet. Er klagte mir diesen Morgen sein Leid, daß er niemand finden könne, um mit ihm gemeinsam ein sehr preiswürdiges, hübsches Quartier zu mieten, das für seinen Beutel allein zu kostspielig sei.«

»Meiner Treu,« rief ich, »wenn er Lust hat, die Kosten der Wohnung zu teilen, so bin ich sein Mann. Ich würde weit lieber mit einem Gefährten zusammenziehen, statt ganz allein zu hausen.«

Stamford sah mich über sein Weinglas hinweg mit bedeutsamen Blicken an. »Wer weiß, ob du Sherlock Holmes zum Stubengenossen wählen würdest, wenn du ihn kenntest,« sagte er.

»Ist denn irgend etwas an ihm auszusetzen?«

»Das will ich nicht behaupten. Er hat in mancher Hinsicht eigentümliche Anschauungen und schwärmt für die Wissenschaft. Im übrigen ist er ein höchst anständiger Mensch, soviel ich weiß.«

»Ein Mediziner vermutlich?«

»Nein – ich habe keine Ahnung, was er eigentlich treibt. In der Anatomie ist er gut bewandert und ein vorzüglicher Chemiker. Aber meines Wissens hat er nie regelrecht Medizin studiert. Er ist überhaupt ziemlich überspannt und unmethodisch in seinen Studien, doch besitzt er auf verschiedenen Gebieten eine Menge ungewöhnlicher Kenntnisse, um die ihn mancher Professor beneiden könnte.«

»Hast du ihn nie nach seinem Beruf gefragt?«

»Nein – er ist kein Mensch, der sich leicht ausfragen läßt; doch kann er zuweilen sehr mitteilsam sein, wenn ihm gerade danach zu Mute ist.«

»Ich möchte ihn doch kennen lernen,« sagte ich; »ein Mensch, der sich mit Vorliebe in seine Studien vertieft, wäre für mich der angenehmste Gefährte. Bei meinem schwachen Gesundheitszustand kann ich weder Lärm noch Aufregung vertragen. Ich habe beides in Afghanistan so reichlich genossen, daß ich für meine Lebenszeit genug daran habe. Bitte, sage mir, wo ich deinen Freund treffen kann.«

»Vermutlich ist er jetzt noch im Laboratorium. Manchmal läßt er sich dort wochenlang nicht sehen und zu anderen Zeiten bleibt er wieder von früh bis spät bei der Arbeit. Wenn es dir recht ist, suchen wir ihn zusammen auf.«

Ich willigte mit Freuden ein und wir machten uns sogleich auf den Weg nach dem Hospital.

»Du darfst mir aber keine Vorwürfe machen, wenn ihr nicht miteinander auskommt,« sagte Stamford, als wir in die Droschke stiegen; »ich möchte dir weder zu- noch abraten.«

»Wenn wir nicht zu einander passen, können wir uns ja leicht wieder trennen. Deine Vorsicht scheint mir fast übertrieben, es muß noch etwas anderes dahinter stecken. Heraus mit der Sprache, was hast du gegen den Menschen einzuwenden?«

»Nichts, gar nichts; er ist nur nach meinem Geschmack seiner Wissenschaft allzusehr ergeben. – Das grenzt schon an Gefühllosigkeit. Ich halte es nicht für undenkbar, daß er einem guten Freunde eine Priese des neuesten vegetabilischen Alkaloids eingeben würde – nicht etwa aus Bosheit, nein, aus Forschungstrieb – um die Wirkung genau zu beobachten. Ebenso gern würde er freilich die Probe an sich selber machen, die Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen. Ueberhaupt ist Klarheit und Genauigkeit des Wissens seine größte Leidenschaft; aber zu welchem Zweck er alle seine Studien betreibt, weiß der liebe Himmel.«

Vor dem Hospital angekommen, stiegen wir aus, gingen ein Gäßchen hinunter und traten durch eine Thür in den Nebenflügel des weitläufigen Gebäudes. Hier war mir alles wohl bekannt und ich brauchte keinen Führer mehr. Es ging die kahle Steintreppe hinauf, durch den langen, weißgetünchten Korridor, mit den Thüren auf beiden Seiten, an den sich der niedrige Bogengang anschloß, welcher nach dem chemischen Laboratorium führte.

In dem großen Saal, den wir betraten, waren sämtliche Tische mit Retorten, Reagensgläsern und kleinen Weingeistlampen besetzt, während rings an den Wänden und überhaupt, wohin man blickte, Flaschen von allen Größen und Formen umherstanden. Wir dachten zuerst, der Raum sei leer, bis wir an dem andern Ende einen jungen Mann gewahrten, der, in seine Beobachtungen versunken, über einen Tisch gebeugt dasaß. Beim Schall unserer Fußtritte blickte er von seinem Experiment aus und sprang mit einem Freudenruf in die Höhe. »Viktoria, Viktoria,« jubelte er, und kam uns, mit der Retorte in der Hand, entgegen. »Ich habe das Reagens gefunden, das sich mit Hämoglobin zu einem Niederschlag verbindet und sonst mit keinem Stoff.«

Er sah so glückstrahlend aus, als hätte er eine Goldmine entdeckt.

»Mein Freund, Doktor Watson – Herr Sherlock Holmes,« sagte Stamford uns einander vorstellend.

»Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen,« erwiderte Holmes in herzlichem Ton und mit kräftigem Händedruck. »Sie kommen aus Afghanistan, wie ich sehe.«

Ich blickte ihn verwundert an. »Wieso wissen Sie denn das?«

»O, das thut nichts zur Sache,« rief er, sich vergnügt die Hände reibend; »ich denke jetzt nur an Hämoglobin. Sicherlich werden Sie die Tragweite meiner Erfindung begreifen.«

»Es mag wohl als chemisches Experiment sehr interessant sein, aber für die Praxis –«

»Gerade in der Praxis ist es von größter Wichtigkeit für die Gerichtschemie, weil es dazu dient, das etwaige Vorhandensein von Blutflecken zu beweisen. – Bitte, kommen Sie doch einmal her.« In seinem Eifer ergriff er meinen Rockärmel und zog mich nach dem Tische hin, an welchem er experimentiert hatte. »Wir müssen etwas frisches Blut haben,« sagte er und stach sich mit einer großen Stopfnadel in den Finger, worauf er das herabtropfende Blut in einem Saugröhrchen auffing. »Jetzt mische ich diese kleine Blutmenge mit einem Liter Wasser – das Verhältnis ist etwa wie eins zu einer Million – und die Flüssigkeit sieht ganz aus wie reines Wasser. Trotzdem wird sich, denke ich, die gewünschte Reaktion herstellen lassen.« Er hatte, während er sprach, einige weiße Kristalle in das Gefäß geworfen und goß jetzt noch mehrere Tropfen einer durchsichtigen Flüssigkeit hinzu. Sofort nahm das Wasser eine dunkle Färbung an und ein bräunlicher Niederschlag erschien auf dem Boden des Glases.

»Sehen Sie,« rief er und klatschte in die Hände, wie ein Kind vor Freude über ein neues Spielzeug. »Was sagen Sie dazu?«

»Es scheint mir ein sehr gelungenes Experiment.«

»Wundervoll, wundervoll! Die alte Methode, die Probe mit Guajacum anzustellen, war sehr umständlich und unsicher, die mikroskopische Untersuchung der Blutkügelchen aber ist wertlos, sobald die Flecken ein paar Stunden alt sind. Meine Erfindung wird sich dagegen ebenso gut bei altem wie bei frischem Blut bewähren. Wäre sie schon früher gemacht worden, so hätte man Hunderte von Verbrechern zur Rechenschaft ziehen können, die straflos davongekommen find.«

»Meinen Sie wirklich?«

»Ohne Frage. Bei der Kriminaljustiz dreht sich ja meist alles um diesen einen Punkt. Vielleicht Monate, nachdem die Missethat begangen ist, fällt der Verdacht auf einen Menschen, man untersucht seine Kleider und findet braune Flecke am Rock oder in der Wäsche. Das können Blutspuren sein, aber auch Rostflecke, Obstflecke oder Schmutzflecke. Mancher Sachverständige hat sich darüber schon den Kopf zerbrochen und zwar bloß, weil es an einer zuverlässigen Beweismethode fehlte. Nun man aber das Sherlock Holmessche Mittel besitzt, ist jede Schwierigkeit beseitigt.«

Seine Augen funkelten, während er sprach, er legte die Hand aufs Herz und machte eine feierliche Verbeugung, als sähe er sich im Geist einer Beifall klatschenden Menge gegenüber.

»Da kann man Ihnen ja Glück wünschen,« sagte ich, verwundert über seinen Feuereifer.

»Hätte man die Probe schon letztes Jahr anstellen können,« fuhr er fort, »es wäre dem Mason aus Bradford sicherlich an den Hals gegangen; auch der berüchtigte Müller, sowie Lefevre aus Montpellier und Samson aus New-Orleans wären überführt worden. Ich könnte Ihnen Dutzende von Fällen nennen, bei denen meine Erfindung den Ausschlag gegeben hätte.«

»Sie scheinen ja ein wandelnder Verbrecheralmanach zu sein,« meinte Stamford lachend; »schreiben Sie doch ein Buch über Kriminalstatistik.«

»Das möchte wohl des Lesens wert sein,« erwiderte Holmes, der sich eben ein Pflaster auf den verwundeten Finger klebte. »Ich muß sehr vorsichtig sein,« fügte er erklärend hinzu, »denn ich mache mir viel mit Giften zu schaffen.« Als er die Hand in die Höhe hielt, sah ich, daß sie an vielen Stellen bepflastert war und von scharfen Säuren gefärbt.

»Wir kommen in Geschäften,« sagte Stamford, und schob mir einen dreibeinigen Schemel zum Sitzen hin, während er ebenfalls Platz nahm. »Mein Freund hier sucht eine Wohnung, und da Sie gern mit jemand zusammenziehen möchten, dachte ich, es wäre Ihnen vielleicht beiden geholfen.«

Sherlock Holmes ging mit Freuden auf den Vorschlag ein. »Ich habe ein Auge des Wohlgefallens auf ein Quartier in der Baker-Straße geworfen, das vortrefflich für uns passen würde,« sagte er. »Sie haben doch nicht etwa eine Abneigung gegen Tabaksdampf?«

»O nein, ich bin selbst ein starker Raucher.«

»Das trifft sich gut. Ferner habe ich häufig Chemikalien bei mir herumstehen, die ich zu meinen Experimenten brauche. Würde Sie das belästigen?«

»Durchaus nicht.«

»Warten Sie – was habe ich sonst noch für Fehler? Manchmal bekomme ich Anfälle von Schwermut und thue dann tagelang den Mund nicht auf. Sie müssen mir das nicht übel nehmen. Kümmern Sie sich nur dann gar nicht um mich, und die Anwandlung wird bald vorüber sein. So – nun ist die Reihe an Ihnen, mir Bekenntnisse zu machen. Wenn zwei Menschen zusammen leben wollen, ist es gut, wenn sie im voraus wissen, was sie von einander zu erwarten haben.«

Ich mußte über diese Generalbeichte lachen. »Ich halte mir einen jungen Bullenbeißer,« gestand ich, »und kann keinen Lärm vertragen, weil meine Nerven angegriffen sind; auch schlafe ich oft in den Tag hinein und bin überhaupt sehr träge. In gesunden Zeiten fröhne ich noch Lastern anderer Art, aber für jetzt sind dies die hauptsächlichsten.«

»Würden Sie unter ›Lärm‹ auch das Spielen auf einer Violine verstehen?« fragte er besorgt.

»Das kommt auf den Musiker an. Gutes Violinspiel ist ein Genuß für Götter – aber schlechtes –«

»Freilich, freilich,« rief er vergnügt. »Nun, ich denke, die Sache ist abgemacht – das heißt, wenn Ihnen das Quartier gefällt.«

»Wann können wir es besichtigen?«

»Holen Sie mich morgen mittag hier ab, dann gehen wir zusammen hin und bringen gleich alles ins reine.«

»Sehr wohl, also Punkt zwölf Uhr,« sagte ich, ihm zum Abschied die Hand schüttelnd.

Wir ließen ihn dort bei seinen Chemikalien und gingen nach meinem Hotel zurück. »Erklären Sie mir nur,« wandte ich mich, plötzlich stehend bleibend, an Stamford, »was ihn auf die Idee gebracht haben kann, daß ich aus Afghanistan komme?«

Mein Gefährte lachte geheimnisvoll. »Schon mancher hat gern wissen wollen, wie Sherlock Holmes gewisse Dinge ausfindig macht. Er besitzt eben eine besondere Gabe.«

»Aha, es steckt ein Rätsel dahinter,« rief ich belustigt; »das ist ja höchst interessant. Ich bin dir sehr verbunden für die neue Bekanntschaft. Das beste Studium für den Menschen bleibt ja doch immer der Mensch.«

»Studiere ihn nur,« entgegnete Stamford. »Du wirst dabei manche Nuß zu knacken finden. Ich wette darauf, er kennt dich bald besser als du ihn.«

An der nächsten Straßenecke verabschiedeten wir uns und ich schlenderte allein nach Hause.

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Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

John Ferrier spricht mit dem Propheten.

Drei Wochen waren vergangen, seit Jefferson Hope mit seinen Gefährten die Salzseestadt verlassen hatte. Bei dem Gedanken an seine Rückkunft und den Abschied von der geliebten Pflegetochter wollte John Ferrier das Herz wohl oft schwer werden; aber ein Blick in ihre glückstrahlenden Augen ließ ihn das eigene Leid vergessen. Er hatte von jeher fest bei sich beschlossen, daß ihn nichts in der Welt bewegen sollte, sein Kind einem Mormonen zur Frau zu geben, weil er eine solche Ehe als Schmach und Schande ansah. Was er auch sonst über die Lehren der Mormonen denken mochte, in diesem einen Punkt war er unbeugsam. Doch hütete er sich wohl, etwas von seiner abweichenden Ueberzeugung verlauten zu lassen, denn im Lande der Heiligen galt es damals für ein gefährliches Ding, andere, als die strenggläubigsten Meinungen zu hegen.

Selbst die Frömmsten wagten es nur mit der größten Vorsicht, über religiöse Angelegenheiten zu reden, aus Furcht, eins ihrer Worte möchte falsch ausgelegt werden und ein schnelles Strafgericht über sie heraufbeschwören. Die ehemaligen Opfer der Verfolgung waren jetzt selbst zu Verfolgern geworden und betrieben ihr Handwerk auf entsetzliche Art. Weder die spanischen Inquisitoren, noch die Vehmgerichte des Mittelalters oder die geheimen Gesellschaften Italiens, besaßen je eine so furchtbare Gewalt, wie sie hier in Utah herrschte und die Gemüter mit Angst und Grauen erfüllte.

Daß diese Herrschaft eine so unsichtbare und geheimnisvolle war, machte sie noch gefürchteter. Sie schien allwissend und allmächtig, und doch war nichts von ihr zu sehen und zu hören. Ein Gemeindeglied, das sich dem Willen der Kirche nicht fügte, verschwand spurlos, ohne daß irgend jemand erfuhr, was aus ihm geworden sei. Daheim warteten die Seinigen auf den Vater, aber er kehrte nicht zu Weib und Kind zurück, um zu erzählen, was das heimliche Gericht über ihn verhängt habe. Auf ein rasches Wort, eine vielleicht unbedachte That folgte oft Tod und Vernichtung, aber niemand wußte, wann das Verhängnis über ihm schwebte oder wessen Hand die Strafe vollzog.

Anfangs sahen sich nur die Abtrünnigen bedroht, welche den Glauben der Mormonen bekannt hatten, sich aber später von ihnen loszumachen strebten. Dies ward jedoch bald anders. Um die Vielweiberei aufrecht zu erhalten, bedurfte man einer zahlreichen weiblichen Bevölkerung und der Zuzug von Frauen begann abzunehmen. Es gingen seltsame Gerüchte um, daß Einwanderer auf dem Zuge ermordet worden seien und ihre Lagerplätze ausgeplündert, in Gegenden, wohin keine Indianer je den Fuß gesetzt hatten. Zur selben Zeit sah man in den Harems der Aeltesten fremde Frauen auftauchen, welche trostlos weinten und dahinsiechten, im Antlitz den Ausdruck untilgbaren Entsetzens.

Verspätete Wanderer im Gebirge erzählten von Banden bewaffneter und vermummter Gestalten, die geräuschlos und verstohlen im Dunkel an ihnen vorübergehuscht waren. Die zuerst unbestimmten Gerüchte traten bald in greifbarer Form und mit größerer Gewißheit auf; sie wurden von allen Seiten bestätigt und geglaubt. Bis auf den heutigen Tag spricht man in den abgelegenen Farmhäusern des Westens noch mit Grausen von den Danitischen Banden, die im Volksmunde auch ›Würgengel‹ genannt wurden.

Je mehr man von dem Walten dieser Schrecklichen erfuhr, um so größer ward das Entsetzen vor ihnen in den Gemütern. Man wußte nicht, wer zu der greuelvollen Gesellschaft gehörte; die Namen derer, welche unter dem Deckmantel der Religion ihre blutigen Gewaltthaten verübten, blieben in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Dem besten Freunde selbst durfte man seine etwaigen Zweifel an der Sendung des Propheten nicht anvertrauen, denn leicht konnte er zu der Zahl der Rächer gehören, welche in nächtlichem Graus Vergeltung zu üben kamen. So mißtraute denn ein Nachbar dem andern und keiner wagte von den Dingen zu reden, die ihm vor allem am Herzen lagen. –

 

Eines Morgens wollte sich John Ferrier gerade zu einem Gang durch seine Weizenfelder rüsten, als er die Gitterthür gehen hörte und einen starken, blondhaarigen Mann mittleren Alters den Fußweg heraufkommen sah. Er erschrak heftig, denn es war niemand anderes als der große Brigham Young in eigener Person. Voll böser Ahnungen, denn er wußte wohl, daß ein solcher Besuch nichts Gutes für ihn zu bedeuten habe, eilte Ferrier dem Oberhaupt der Mormonen entgegen. Brigham Young nahm seine ehrerbietige Begrüßung mit Kälte auf und folgte ihm schweigend ins Wohnzimmer.

»Bruder Ferrier,« sagte er, mit strenger Miene Platz nehmend, und warf unter seinen hellfarbenen Augenbrauen hervor einen durchdringenden Blick auf den alten Farmer, »die wahren Gläubigen haben dir treue Freundschaft erwiesen. Als du nahe daran warst, in der Wüste zu verschmachten, nahmen wir dich auf in unsere Mitte, labten dich mit Trank und Speise und führten dich sicher in das Land der Verheißung; dort gaben wir dir ein schönes Ackerland und ließen dich reich werden in unserm Schutz. Ist es nicht, wie ich sage?«

»Ja, so ist es,« bestätigte Ferrier.

»Zum Dank für alle Wohlthaten stellten wir nur die eine Bedingung, daß du den wahren Glauben annehmen und dich unsern Sitten und Gebräuchen unterwerfen solltest. Du gelobtest dies zu thun; aber, wenn wir recht berichtet sind, hast du dein Versprechen nicht gehalten.«

»Worin habe ich denn gefehlt?« rief Ferrier. »Habe ich nicht in die gemeinsame Kasse gesteuert? Habe ich nicht die Versammlungen im Tempel besucht? Habe ich nicht –«

»Wo sind deine Frauen?« fragte Young, sich umblickend. »Rufe sie herbei, daß ich sie begrüßen kann.«

»Es ist wahr,« versetzte der Farmer, »ich habe nicht geheiratet. Aber es war nur eine geringe Anzahl Frauen vorhanden und andere Gemeindeglieder hatten bessere Ansprüche als ich. Auch lebte ich nicht einsam; meine Tochter sorgte für meine Notdurft.«

»Gerade deine Tochter ist es, von der ich mit dir reden möchte,« sagte der Führer der Mormonen. »Sie ist zur Blume von Utah erblüht und Männer, die in hohem Ansehen unter uns stehen, haben ein Auge des Wohlgefallens auf sie geworfen.«

John Ferrier gingen die Worte wie ein schneidendes Schwert durchs Herz.

»Man erzählt von ihr, was ich nur ungern wiederhole – daß sie sich einem Ungläubigen versiegelt hat. Es muß wohl ein Geschwätz müßiger Zungen sein, denn – wie lautet die dreizehnte Regel im Gesetz Josef Smiths, des Heiligen? – ›Eine Tochter, die sich zum wahren Glauben bekennt, darf nur mit einem der Auserwählten in die Ehe treten. Heiratet sie einen Ungläubigen, so macht sie sich einer schweren Sünde schuldig.‹ Es ist nicht möglich, daß du, als Anhänger unserer heiligen Lehre, deiner Tochter gestattet haben solltest, dies Gebot zu übertreten.«

John Ferrier gab keine Antwort, er atmete schwer.

»Im heiligen Rat der Vier ist beschlossen worden, daß dieser eine Punkt zum Prüfstein für deinen Glauben dienen soll,« fuhr der Prophet fort. »Das Mädchen ist jung, wir wollen sie nicht einem Graubart vermählen, und ihr sogar die Wahl lassen. Wir, die Aeltesten, sind bereits wohl versehen, aber wir müssen auch für unsere Kinder sorgen. Stangerson und Drebber haben Söhne und jeder von ihnen würde deine Tochter mit Freuden in seinem Hause willkommen heißen. Sie soll sich für einen von ihnen entscheiden. Beide sind jung, reich und bekennen sich zu dem wahren Glauben. Was hast du darauf zu erwidern?«

Ferrier zog die Stirn in düstere Falten und schwieg eine Weile.

»Ihr werdet uns Zeit lassen,« sagte er endlich. »Meine Tochter ist sehr jung – noch kaum in heiratsfähigem Alter.«

»Sie soll einen Monat Bedenkzeit haben,« sagte Young von seinem Sitz aufstehend. »Ist diese Frist zu Ende, so erwarten wir ihre Antwort.«

In der Thür wandte er sich noch einmal zurück; sein Gesicht war gerötet, seine Augen funkelten. »Wenn jetzt dein und ihr Gebein im Wüstenstaub bei der Sierra Bianca moderte,« rief er mit Donnerstimme, »es wäre weit besser für dich, John Ferrier, und für sie, als wenn ihr in eurer Ohnmacht wagen solltet, dem Befehl des heiligen Rats der Vier zu trotzen.«

Er erhob die Hand mit drohender Gebärde, dann verließ er das Haus und man hörte den Kies auf dem Fußweg unter seinen Tritten knirschen.

Ferrier saß noch in trübem Sinnen, den Kopf in die Hand gestützt, als er sich leise an der Schulter berührt fühlte. Er blickte auf und sah Lucy neben sich stehen. Ihr bleiches, verstörtes Gesicht ließ ihm keinen Zweifel, daß sie wußte, was geschehen war. »Ich konnte nicht anders,« flüsterte sie voll Bangigkeit, »ich habe alles gehört – seine Stimme schallte durch das ganze Haus. O Vater, Vater – was sollen wir thun?«

»Sei ohne Furcht,« sagte er, sie an sich ziehend, und ließ seine breite, rauhe Hand zärtlich über ihr braunes Haar gleiten. »Irgendwie wollen wir’s schon einrichten. Du hängst doch wohl nach wie vor an deinem Verlobten, nicht wahr?«

Sie schluchzte nur leise und drückte ihm die Hand.

»Ich hab‘ mir’s gleich gedacht; so ein hübscher Bursche und ein ordentlicher Christenmensch obendrein; denn das ist hier keiner von allen, trotz ihrer vielen Gebete und Predigten. – Morgen reist eine Gesellschaft nach Nevada ab, da werde ich zusehen, daß ich ihm eine Botschaft schicken kann, um ihn wissen zu lassen, in welcher Not wir stecken. Wenn er dann nicht hier ist, wie der Wind, müßte ich mich sehr in dem jungen Mann getäuscht haben.«

Lucy lächelte unter Thränen. »Wenn er kommt, wird er uns zu raten und zu helfen wissen,« sagte sie zuversichtlich. »Aber ich ängstige mich deinetwegen, Väterchen. Man hört so schreckliche Dinge erzählen, wie es denen ergeht, die sich dem Willen des Propheten widersetzt haben.«

»Aber wir haben das noch gar nicht gethan,« entgegnete der Alte, »und brauchen uns vorläufig nicht zu fürchten. Noch haben wir einen ganzen Monat vor uns und ehe der zu Ende geht, werden wir gut thun, Utah den Rücken zu kehren.«

»Was wird denn aber aus deinem Besitztum?«

»Wir machen zu Geld, was wir können, und lassen das Uebrige zurück. Ich will dir nur offen gestehen, Lucy, daß ich schon längst mit diesem Gedanken umgehe. Ich mag vor keinem Menschen zu Kreuze kriechen, wie die Leute hier vor ihrem verwünschten Propheten. Als freier Mann bin ich geboren und kann mich in diese Art nicht mehr finden – ich bin wohl zu alt dazu. Er soll sich hüten, mir noch einmal ins Gehege zu kommen, sonst hat er eine Ladung Schrot im Leibe, ehe er sich’s versieht.«

»Sie werden uns aber nicht fortlassen wollen,« warf Lucy ängstlich ein.

»Dafür laß mich nur sorgen, wenn Jefferson kommt. Beruhige dich jetzt, mein Herzchen, und weine dir nicht die Augen rot, sonst macht er mir Vorwürfe, wenn er dich sieht. Uns droht keinerlei Gefahr, und du brauchst nichts zu fürchten.«

John Ferrier sprach diese tröstlichen Worte mit großer Zuversicht, doch konnte Lucy nicht umhin, zu bemerken, wie vorsichtig er alle Thüren zur Nacht verschloß und verriegelte, nachdem er zuvor die alte, rostige Jagdflinte, welche für gewöhnlich an der Wand seines Schlafzimmers hing, aufs sorgfältigste gereinigt und geladen hatte.

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Die gestohlenen Zeichnungen

Die gestohlenen Zeichnungen

In der dritten Woche des November senkte sich ein dichter gelber Nebel auf London herunter. Vom Montag bis Donnerstag konnten wir nicht die Giebel der gegenüberliegenden Häuser in der Bakerstraße erkennen. Am ersten Tage verbrachte Holmes die Zeit mit Blättern in seinen verschiedenen Notizen. Den zweiten und dritten Tag widmete er seinem neuesten Steckenpferd, der Musik des frühen Mittelalters. Aber als wir dann zum viertenmal beim Frühstück jene schmierige gelbbraune Masse vor dem Fenster sahen, die ölige Tropfen am Fensterglas bildete, konnte die ungeduldige aktive Natur meines Freundes dieses graue Dasein nicht länger mehr ertragen. In einem Fieber unterdrückter Energie lief er in unserm Wohnzimmer hin und her, biß sich in die Fingerknöchel, beklopfte die Möbel und stieß Verwünschungen aus gegen die Untätigkeit, zu der er verdammt sei.

»Nichts Interessantes in der Zeitung, Watson?« fragte er.

Ich wußte, daß mit etwas »Interessantem« Holmes stets etwas kriminalistisch Interessantes meinte. In der Zeitung standen: eine Revolution, ein sehr wahrscheinlicher Krieg auf dem Balkan und ein Ministerwechsel. Aber dergleichen kam für meinen Freund nicht in Betracht. Etwas Kriminelles konnte ich aber in keiner Form entdecken, wenn ich von den üblichen Belanglosigkeiten des Polizeiberichtes absah. Holmes seufzte laut und nahm seine ruhelose Wanderung wieder auf. »Der Londoner Verbrecher ist nachgerade ein stumpfsinniger Bursche«, schalt er mit der verdrießlichen Stimme eines Sportsmannes, der das Spiel verloren hat. »Schau bloß aus dem Fenster, Watson. Wie hier die Gestalten aus dem Trüben auftauchen, vorüberhuschen und wieder untertauchen im Trüben. Der Dieb oder Mörder könnte an solch einem Tage in London herumschweifen wie der Tiger im Dschungel, unsichtbar, bis er springt, und dann nur wie ein Schatten sichtbar für sein Opfer.«

»Da sind zahlreiche kleine Diebstähle verübt worden, wie die Polizei berichtet.«

Holmes machte voller Verachtung »pah«.

»Diese großartig düstere Bühne verlangt nach etwas anderem als solch elendem Besitzwechsel«, sagte er. »Es ist wahrhaftig ein Glück für diese Stadt, daß ich kein Verbrecher bin.«

»Da hast du recht!« rief ich aufrichtig.

»Nimm an, ich wäre Brooks oder Woodhouse, oder irgendeiner von den fünfzig Männern, die guten Grund haben, mir nach dem Leben zu trachten – wie lange könnte ich wohl gegen meine eigene Verfolgung am Leben bleiben? Eine Finte, eine Verabredung unter falschem Namen und Vorwand, und alles wäre zu Ende. Es ist gut, daß sie in den romanischen Ländern keinen solchen Nebel haben, – in den Nordländern. Beim Himmel, hier kommt ja etwas, um endlich diese furchtbare Eintönigkeit zu unterbrechen.«

Es war das Mädchen mit einem Telegramm. Holmes riß es auf und brach in Lachen aus.

»Das ist ja – das ist ja – hahaha, das schlägt alles«, rief er belustigt. »Mein Bruder Mycroft kommt uns besuchen.«

»Warum nicht?« fragt« ich.

»Warum nicht? Das ist gerade so, wie wenn du auf einem Waldpfad einem Straßenbahnwagen begegnetest. Mycroft hat seine Schienen, und in denen läuft er. Seine Wohnung in Pall Mall, der Diogenes-Club, Whitehall, – das ist sein Kreislauf. Einmal, ein einziges Mal, ist er hier bei mir gewesen. Was für ein Erdbeben mag ihn aus dem Gleis geworfen haben?«

»Gibt er keinen Grund an?«

Holmes reichte mir seines Bruders Telegramm.

»Muß dich wegen Cadogan West sprechen. Komme sofort.

Mycroft.«

»Cadogan West? Den Namen habe ich doch schon gehört.«

»Mir sagt er gar nichts. Keine Erinnerung. Aber daß Mycroft auf solch erratische Weise ausbrechen kann! Ein Planet könnte ebenso gut seine Bahn verlassen. Weißt du übrigens, was Mycroft ist?«

Ich hatte eine dürftige Erinnerung, daß Holmes mir aus Anlaß des Abenteuers mit dem griechischen Dolmetscher davon gesprochen hatte.

»Du sagtest mir, er hätte, glaube ich, eine kleine Anstellung bei der englischen Regierung.«

Holmes lachte.

»Damals kannte ich dich noch nicht so gut, mein lieber Watson, und man muß diskret sein, wenn es sich um hohe Staatsangelegenheiten handelt. Du hast recht, er ist bei der englischen Regierung. Du würdest gelegentlich aber auch recht haben, wenn du sagtest: er ist die englische Regierung.«

»Mein bester Holmes!«

»Ich wußte, daß dich das überraschen würde. Mycroft bezieht vierhundertfünfzig Pfund Sterling jährliches Gehalt, bleibt in abhängiger Stellung, hat keinerlei Ehrgeiz, will weder Titel noch Orden, aber er bleibt der unentbehrlichste Mann im Lande.«

»Aber wie das?«

»Nun, seine Stellung ist einzigartig. Er hat sie sich extra geschaffen. Etwas Ähnliches hat es nie vorher gegeben, noch wird es das später je wieder geben. Er hat das bestgeordnete, übersichtlichste Hirn, das heutzutage existiert, mit der denkbar größten Aufnahmefähigkeit für Tatsachen, die es sauber registriert und aufbewahrt. Dieselben besonderen Eigenschaften, die mich zum erfolgreichsten Detektiv machten, haben ihn in seinem Amte zum unentbehrlichsten Mann gemacht. Die Entschließungen usw. jeder Abteilung gehen ihm zu, und er ist die Ausgleichsbörse, das Clearinghouse sozusagen, das den Saldo zieht. Alle anderen hohen Staatsbeamten sind Spezialisten, aber seine Spezialität ist Allwissenheit. Nehmen wir an, ein Minister benötigt eine Information in bezug auf irgend etwas, das zugleich die Marine angeht, sowie Indien, Kanada und die Silberwährung. Er könnte von den einzelnen Abteilungen je einen Sonderbericht erhalten, aber nur Mycroft allein kann diese alle in seinem Hirn zusammenfassen, mit einem Blick überschauen und ohne weiteres sagen, wie ein jeder Faktor den anderen beeinflussen würde. In seinem Hirn muß es aussehen wie in einer großen Kartothek; jede Einzelheit aller Regierungsfragen steht ihm sofort zur Verfügung. Oft und oft hat sein Wort unsere englische Politik entschieden. Er lebt in ihr und für sie. Er denkt nichts anderes, ausgenommen wenn er einmal ausspannt und als eine Art geistiger Gymnastik sich mit meinen Detektivproblemen befaßt, worum ich ihn gelegentlich bitte. Aber Jupiter begibt sich heute zu den Sterblichen hernieder. Was mag da los sein? Wer ist Cadogan West und was bedeutet er meinem Bruder Mycroft?«

»Ich hab’s«, rief ich und warf mich über den Haufen Zeitungen auf dem Sofa. – »Ja, hier steht es; ganz richtig, Cadogan West ist der Name des jungen Mannes, der am Dienstag früh tot auf der Untergrundbahn gefunden wurde.«

Holmes straffte sich wie ein Hühnerhund, der sein Wild wittert, und seine Hand hielt die Pfeife zwischen Tisch und Lippe, in ihrer Bewegung plötzlich erstarrt.

»Das muß etwas äußerst Ernstes sein, Watson. Ein Todesfall, der meinen Bruder veranlaßt, aus seinem Gleis zu springen, muß etwas ganz Besonderes sein. Was in aller Welt kann er damit zu tun haben? Der Fall sah ganz nichtssagend aus, soweit ich mich erinnere. Der junge Mann ist anscheinend aus dem Zug gefallen und dabei ums Leben gekommen. Er ist nicht beraubt worden, und es lag keinerlei Anlaß vor, ein Verbrechen in den Bereich der Erwägungen zu ziehen. So ungefähr war es doch?«

»Eine Untersuchung hat später noch stattgefunden«, sagte ich, »und dabei kam eine Menge neuer Tatsachen ans Licht. Aus der Nähe genauer betrachtet hat der Fall doch ein sehr merkwürdiges Aussehen.«

»Nach der Wirkung auf meinen Bruder zu urteilen, allerdings! Mycroft ist aus dem Gleis gesprungen – das bringt nur ein Erdbeben fertig!« Er machte es sich in seinem Lehnstuhl bequem. »Nun, alter Watson, laß die Tatsachen hören.«

»Der Name des Toten war Arthur Cadogan West. Er war siebenundzwanzig Jahre alt, ledig, Büroangestellter im Arsenal von Woolwich.«

»Regierungsangestellter. Beachte das Bindeglied mit meinem Bruder!«

»Er verließ Woolwich plötzlich Montag abend. Zuletzt ist er von seiner Verlobten gesehen worden, Fräulein Violet Westbury, die er in dem Nebel ganz unvermittelt gegen sieben Uhr dreißig verließ. Sie hatten keinen Streit miteinander gehabt, und das Fräulein kann keinen Grund für sein Verhalten angeben. Das nächste, was von ihm dann bekannt wurde, war die Nachricht, daß ein Schienenleger namens Mason seine Leiche dicht außerhalb der Aldgatestation der Untergrundbahn in London gefunden hatte.«

»Wann?«

»Die Leiche wurde um sechs Uhr früh am Dienstag entdeckt. Sie lag weit ab von den Schienen, auf der linken Seite des Bahnkörpers (wenn man ostwärts schaut), nahe bei der Station, dort, wo die Bahn den Tunnel verläßt. Der Schädel war zerschmettert – eine Verletzung, die sehr wohl durch einen Sturz aus dem Zuge verursacht sein konnte. Nur so konnte überhaupt die Leiche dahin gekommen sein. Wäre sie von einer der angrenzenden Straßen her an den Fundort gebracht worden, so hätte sie die Stationsschranken passieren müssen, wo ständig ein Kontrolleur steht. In dieser Hinsicht scheint völlige Gewißheit zu herrschen.«

»Sehr gut. Die Grundlage ist einfach genug: der Mann ist, entweder tot oder lebend, aus einem Zug entweder hinausgefallen oder hinausgeworfen worden. Soviel ist mir klar. Bitte weiter!«

»Die Züge, die auf den Schienensträngen verkehren, neben denen der Tote gefunden wurde, sind solche, die von Westen nach Osten fahren, teils reine Stadtzüge, teils solche von Willesden und außerhalb liegenden Knotenpunkten. Es kann als erwiesen gelten, daß dieser junge Mann, ehe er seinen Tod fand, in der angegebenen Richtung zu später Nachtzeit fuhr, dagegen ist es nicht möglich, festzustellen, wo er den Zug bestiegen hat.«

»Seine Fahrkarte würde darüber Auskunft geben.«

»Man fand keine Fahrkarte bei ihm.«

»Keine Fahrkarte! Donnerwetter, Watson, das ist aber auffällig. Nach meinen Erfahrungen ist es nicht möglich, einen Untergrundbahnzug zu betreten, ohne eine Karte vorzuweisen. Ist ihm die seinige abgenommen worden, um die Station zu verheimlichen, von der er gekommen ist? Das ist möglich. Oder hat er sie im Zug verloren oder fortgeworfen? Auch das ist möglich. Aber dieser Punkt ist von besonderem Interesse. Nicht wahr, die Leiche war nicht beraubt?«

»Offenbar nicht. Hier ist ein Verzeichnis dessen, was man bei ihm fand. Seine Geldtasche enthielt zwei Pfund Sterling, fünfzehn Schilling. Er hatte auch ein Scheckheft der Woolwicher Zweigstelle der Stadt- und Landbank bei sich. Seine Identität wurde durch dieses Scheckheft festgestellt. Ferner zwei Karten für das Woolwicher Theater, für denselben Abend. Schließlich ein kleines Paket technischer Papiere.«

Holmes tat einen Ausruf der Befriedigung.

»Hier haben wir es endlich, Watson! Englische Regierung – Woolwich – Arsenal – technische Papiere – Bruder Mycroft. Der Ring schließt sich. Aber da kommt er ja wohl.«

Einen Augenblick später wurde die große stattliche Erscheinung Mycroft Holmes‘ unter der Türe sichtbar. Schwer und massiv gebaut, lag eine merkwürdige körperliche Trägheit in der ganzen Figur des Mannes angedeutet. Aber über dem mächtigen Körperbau thronte ein so ausgeprägter Charakterkopf: stahlgraue, tiefliegende, scharfblickende Augen, schmale, gerade Lippen, hohe Stirn und ein äußerst lebhaftes Mienenspiel, so daß man nach dem ersten Blick den massigen Körper ganz vergaß und nur noch den überlegenen Geist sah.

Gleich hinter Mycroft erschien unser alter Freund Lestrade von Scotland Yard – dünn und voll Erhabenheit. Der ernste Gesichtsausdruck beider Männer verriet eine schwerwiegende Angelegenheit. Der Detektiv reichte uns stumm die Hand; Mycroft Holmes schälte sich aus seinem Mantel und ließ sich in einen Sessel fallen.

»Ein sehr unangenehmes Geschäft, Sherlock«, redete er seinen Bruder an. »Es ist mir äußerst unangenehm, meine Gewohnheiten nicht einhalten zu können, aber es handelt sich hier um Dinge, die es gebieterisch verlangen, und so muß ich eben. Leider! Bei der augenblicklichen Lage Siams ist es ganz ungeschickt, daß ich vom Büro fort bin. Aber er ist eine richtige Krisis. Unsern Premier habe ich noch nie so außer Fassung gesehen. Die Admiralität – da summt es wie in einem umgestürzten Bienenkorb. Ist dir der Fall schon bekannt?«

»Wir haben uns eben aus der Zeitung darüber unterrichtet. Was sind das für technische Papiere?«

»Du triffst den Kernpunkt. Zum Glück ist noch nichts in die Öffentlichkeit gedrungen. Die Presse würde toben, sage ich dir. Die technischen Papiere, die man in den Taschen des Toten fand, sind die Zeichnungen zu dem Bruce-Partington-Unterseeboot.«

Mycroft Holmes sprach mit einer Feierlichkeit, die verriet, welche Bedeutung er dem Gegenstande beilegte. Sein Bruder und ich lauschten voller Spannung.

»Sicher hast du von ihm gehört? Ich dachte, jedermann hätte von ihm gehört.«

»Nur der Name ist mir bekannt.«

»Seine Bedeutung kann kaum übertrieben werden. Es ist das am eifersüchtigsten gehütete Geheimnis unserer Regierung. Du kannst es mir glauben, daß innerhalb des Aktionsradius eines Bruce-Partington keine Seekriegsführung mehr denkbar ist. Vor zwei Jahren wurde eine sehr große Summe durch das Budget geschmuggelt und wurde dafür verwendet, uns das Monopol der Erfindung zu sichern. Es geschah alles, um das Geheimnis zu wahren. Die Konstruktionspläne, die äußerst verwickelt sind, enthalten gegen dreißig einzelne Patente, jedes wesentlich für das Ganze, und werden in einen erstklassigen Stahlschrank in einem geheimen Büro neben dem Arsenal, mit einbruchsicheren Türen und Fenstern, aufbewahrt. Unter keinerlei Bedingungen durften die Zeichnungen aus dem Büro entfernt werden. Wenn der Erste Konstruktionsoffizier der Marine sie einsehen wollte, so war selbst er genötigt, zu dem Zweck nach Woolwich zu gehen. Und trotz alledem finden wir die Pläne in den Taschen eines jüngeren Bürobeamten mitten in London. Vom amtlichen Standpunkt aus ist es einfach gräßlich!«

»Aber du hast sie alle wieder?«

»Nein, Sherlock, nein! Da liegt ja der Hund begraben. Wir haben sie nicht. Zehn Pläne sind in Woolwich gestohlen worden. Sieben fand man in den Taschen von Cadogan West. Die wichtigsten drei –« Mycroft Holmes blies sich über die leere Fläche seiner Rechten. »Weg! Sherlock, du mußt alles andere liegen lassen. Vergiß deine üblichen kleinen Häkeleien mit der Polizei. Du hast eine Aufgabe von internationaler Bedeutung zu bewältigen. Warum hat Cadogan West die Papiere gestohlen, wo sind die drei fehlenden, wie ist er gestorben, wie kam seine Leiche an den Fundort, wie kann der Schaden wieder gut gemacht werden? Finde die richtige Antwort auf alle diese Fragen, und du wirst dem Vaterland einen großen Dienst erwiesen haben.«

»Warum lösest du die Aufgabe nicht selbst, Mycroft? Du siehst so weit wie ich.«

»Möglich, Sherlock. Aber es handelt sich hier um die Feststellung von Einzelheiten. Gib mir deine Einzelheiten, und von diesem Sessel aus will ich dir ein ausgezeichnetes fachmännisches Exposé zu dem Fall diktieren. Aber hierhin laufen, dorthin rennen, Eisenbahner ausfragen, auf dem Bauche liegen mit einer Lupe vor dem Auge – das ist nichts für mich. Nein, du bist der einzige Mensch, der den Fall aufklären kann. Wenn du Wert darauf legst, deinen Namen unter den nächsten Ordensverleihungen –«

Mein Freund lächelte und wehrte mit der Hand ab.

»Ich spiele das Spiel lediglich um des Spieles willen«, sagte er. »Aber der Fall scheint einige interessante Schwierigkeiten zu bieten, und es wird mir ein Vergnügen sein, sie anzupacken. Einige weitere Unterlagen, bitte.«

»Ich habe die wichtigsten Daten hier auf diesem Bogen aufgeschrieben, dazu einige Adressen, die dir nützlich sein können. Der gegenwärtige amtliche Hüter der Papiere ist der berühmte Marinefachmann Sir James Walter, dessen Orden und Titel mehrere Zeilen der Rangliste füllen. Er ist im königlichen Dienst ergraut, ist ein Gentleman, ein bevorzugter Gast in den ersten Häusern Englands und vor allem ein Mann, dessen Vaterlandsliebe über jeden Zweifel erhaben ist. Er ist einer von den zweien, die einen Schlüssel zu dem Stahlschrank haben. Ich will noch nachtragen, daß die Pläne am Montag während der Arbeitszeit unzweifelhaft da waren, und daß Sir James ungefähr um 3 Uhr nach London fuhr und den Schlüssel mitnahm. Er war den ganzen Abend im Hause des Admirals Sinclair am Barclay-Platz, während das Unglück geschah.«

»Ist diese Tatsache bestätigt?«

»Ja; sein Bruder, Oberst Valentine Walter, hat seine Abfahrt von Woolwich bezeugt, und Admiral Sinclair seine Ankunft in London; also ist Sir James nicht länger mehr ein unsicherer Faktor in der Sache.«

»Wer ist der andere Mann, mit dem anderen Schlüssel?«

»Der Bürovorsteher und Zeichner Herr Sidney Johnson. Er ist ein Mann von vierzig Jahren, verheiratet, mit fünf Kindern. Das ist ein stiller, übellauniger Mann, aber er genießt in bezug auf Zuverlässigkeit den besten Ruf im öffentlichen Dienst. Er ist unbeliebt bei seinen Kollegen, aber ein tüchtiger Arbeiter. Nach seinen eigenen Angaben, die mir seine Frau bestätigt hat, war er den ganzen Montagabend nach Büroschluß zu Hause, und sein Schlüssel ist nicht von der Uhrkette gekommen, an der er hängt.«

»Erzähle mir noch von Cadogan West!«

»Er ist seit zehn Jahren im Dienst und hat sich bewährt. Er hat den Ruf, ein Heißsporn zu sein, aber ein ehrlicher, gerader Mann. Wir haben nichts gegen ihn. Er war nach Sidney Johnson der zweite im Büro. Seine Obliegenheiten brachten ihn täglich in persönliche Berührung mit den Zeichnungen. Nur er allein nahm sie aus den Fächern und ordnete sie wieder ein.«

»Wer hat in jener Nacht die Pläne eingeschlossen?«

»Herr Sidney Johnson, der Bürovorsteher.«

»Nun, es ist doch vollständig klar, wer sie gestohlen hat. Man hat sie in den Taschen Cadogan Wests gefunden – das ist eine Tatsache, und die macht doch alle weiteren Erwägungen überflüssig, nicht?«

»So scheint es, Sherlock, und doch bleibt da noch so vieles unaufgeklärt. Zu allererst: warum hat er sie gestohlen?«

»Ich nehme an, sie sind von Wert?«

»Er hätte sehr leicht viele Tausende dafür bekommen können.«

»Kannst du mir ein anderes Motiv dafür angeben, daß er die Zeichnungen nach London brachte – außer, um sie zu verkaufen?«

»Nein, das kann ich nicht.«

»Dann müssen wir das zu unserer Grundlage machen. Der junge West hat die Papiere entwendet. Das konnte aber nur geschehen unter Verwendung eines falschen Schlüssels –«

»Verschiedener falscher Schlüssel«, unterbrach Mycroft. »Er mußte außer dem Stahlschrank das Zimmer und das Haus aufschließen.«

»Gut, dann hatte er also verschiedene falsche Schlüssel. Er nahm die Papiere mit nach London, um das Geheimnis zu verkaufen und hatte vermutlich die Absicht, die Zeichnungen bis zum nächsten Morgen wieder in den Schrank zu legen, ehe sie vermißt wurden. Während er in London mit dieser lukrativen Aufgabe beschäftigt war, ereilte ihn der Tod.«

»Wie?«

»Wir wollen annehmen, daß er zurück nach Woolwich fuhr, als er getötet und aus dem Wagenabteil geworfen wurde.«

»Aldgate, wo die Leiche gefunden wurde, ist beträchtlich jenseits London Bridge Station, wo seine Linie nach Woolwich abzweigt«, bemerkte Mycroft.

»Man kann sich viele Umstände ausdenken, die ihn hätten veranlassen können, über London Bridge hinauszufahren. Da saß einer mit ihm im Wagen, mit dem er eine zu wichtige Verhandlung führte, um auf die Stationen zu achten; hm, und diese Verhandlung endigte in einer heftigen Szene, bei der er sein Leben verlor. Möglicherweise wollte er den Wagen verlassen, er fiel auf den Bahnkörper und zerschmetterte sich den Schädel. Der andere schloß die Tür hinter ihm. Es war bekanntlich ein dicker Nebel, und niemand konnte etwas deutlich sehen.«

»Mit unserer augenblicklichen Kenntnis der Tatsachen können wir auf keine bessere Erklärung kommen. Und doch bitte ich dich zu bedenken, wie vieles du dabei außer acht läßt. Bleiben wir z. B. einmal dabei, daß der junge West beschlossen hatte, die Pläne nach London zu bringen. Natürlich hatte er sich da vorher mit dem fremden Spionageagenten verabredet und sich diesen Abend freigehalten. Statt dessen nahm er zwei Karten fürs Theater, brachte seine Verlobte halbwegs dorthin und verschwand dann plötzlich.«

»Eine Finte«, bemerkte Lestrade, der nicht ohne Ungeduld das Zwiegespräch mit angehört hatte.

»Eine sehr merkwürdige Finte«, sagte Sherlock Holmes. »Das ist Einwurf Nummer eins. Einwurf Nummer zwei: Wir wollen annehmen, er fährt nach London und trifft sich mit dem fremden Agenten. Er muß die Pläne bis zum andern Morgen wieder zurückschaffen, oder ihr Fehlen wird entdeckt werden. Er nahm zehn mit sich von Woolwich; nur sieben hat man bei ihm gefunden. Was ist mit den übrigen drei geschehen? Sicher würde er sie nicht freiwillig zurückgelassen haben, denn das bedeutete ja Entdeckung mit allen unheilvollen Folgen. Schließlich, wo ist der Preis für seinen Verrat? Man hätte doch eigentlich eine große Summe bei ihm finden müssen.«

»Mir scheint das völlig klar«, sagte Lestrade. »Ich habe keinen Zweifel, wie die Dinge sich abspielten. Er nahm die Papiere weg, um sie zu verkaufen. Er traf sich mit dem Agenten. Sie konnten sich über den Preis nicht einig werden. West fuhr wieder nach Hause, aber der Agent fuhr mit. Im Zug ermordete ihn der Agent, nahm die drei wichtigsten Pläne an sich, und warf die Leiche aus dem Wagen. Das würde sich mit allen Tatsachen decken, nicht?«

»Warum hatte er keine Fahrkarte?«

»Die Karte würde gezeigt haben, welche Station dem Haus des Agenten am nächsten gelegen ist. Deshalb nahm er sie aus der Tasche des Ermordeten.«

»Gut, Lestrade, sehr gut«, sagte Holmes. »Ihre Theorie hält zusammen. Aber wenn sie richtig ist, dann ist der Fall zu Ende. Auf der einen Seite ist der Hochverräter tot, auf der anderen sind die wichtigsten Zeichnungen im Besitz eines Spions und wahrscheinlich schon längst auf dem Festland. Was bleibt uns da noch zu tun übrig?«

»An die Arbeit, Sherlock!« rief Mycroft und sprang auf die Füße, »an die Arbeit! Alle meine Instinkte sind gegen diese Erklärung. Laß deine Fähigkeiten spielen! Geh an den Ort des Verbrechens, sprich mit den Leuten, die davon berührt wurden, laß keinen Stein ununtersucht. In deinem ganzen Leben hast du noch keine so glänzende Gelegenheit gehabt, deinem Vaterlande zu dienen.«

»Schön, schön«, sagte Holmes und zuckte die Achseln. »Komm, Watson! Und Sie, Lestrade, würden Sie uns gütigst eine Stunde oder zwei schenken? Wir wollen unsere Nachforschungen mit einem Besuch der Aldgate Station beginnen. Leb‘ wohl, Mycroft. Noch vor Abend werde ich dir einen Bericht senden, aber ich mache dich im voraus darauf aufmerksam, daß du nur wenig zu erwarten hast.«


Eine Stunde später standen wir drei auf der Untergrundbahnstrecke dort, wo sie den Tunnel bei der Aldgate Station verläßt. Ein freundlicher alter Herr mit rotem Gesicht vertrat bei uns die Bahngesellschaft.

»Dort ist die Leiche des jungen Mannes gefunden worden«, sagte er und wies auf einen Fleck ungefähr einen Meter von der Beschotterung. »Von oben her konnte sie nicht gefallen sein, denn wie Sie sehen, ist da alles lückenlose Mauer. Also konnte sie nur von einem Zuge kommen, und dieser Zug lief, soweit wir feststellen konnten, am Montag um Mitternacht hier durch.«

»Sind die Wagen auf irgendwelche Anzeichen eines Kampfes untersucht worden?«

»Wir konnten keinerlei Anzeichen dafür finden; ebensowenig die Fahrkarte.«

»Keine Meldung, daß eine Tür offenstehend gefunden wurde?«

»Nein.«

»Wir haben heute morgen neue Tatsachen festgestellt«, sagte Lestrade. »Ein Herr, der Aldgate in einem gewöhnlichen Stadtzuge ungefähr um elf Uhr vierzig Montagnacht passierte, sagt aus, daß er einen starken dumpfen Schlag hörte, als ob ein Körper auf dem Boden aufschlüge, gerade ehe der Zug die Station erreicht hatte. Bei dem dicken Nebel konnte er leider nichts sehen. Er machte damals keine Anzeige. Ha, was ist mit Herrn Holmes?«

Mein Freund stand da mit einem Ausdruck angespanntesten Nachdenkens auf dem Gesicht und starrte auf die Eisenbahnschienen, wo sie im Bogen aus dem Tunnel herauskamen. Aldgate ist ein Knotenpunkt, und da war also ein ganzes Netzwerk von Weichen. Auf diese waren seine starren Augen gerichtet, und ich bemerkte auf seinem belebten, gespannten Gesicht die zusammengekniffenen Lippen, das Beben seiner Nasenflügel und das mir so wohlbekannte Stirnrunzeln.

»Die Weichen«, sagte er halblaut vor sich hin; »die Weichen.«

»Was ist’s mit ihnen? Was meinen Sie?«

»Ich nehme an, daß nur wenige Ihrer Stationen ein solches System von Weichen haben.«

»Nur ganz wenige, Herr Holmes.«

»Und eine Kurve auch noch. Weichen, und eine Kurve. Bei Gott, wenn es nur so wäre!«

»Was überlegen Sie, Herr Holmes? Haben Sie etwas entdeckt?«

»Eine Idee – eine Ahnung, nicht mehr. Aber der Fall wird immer interessanter. Einzigartig, völlig einzigartig, und doch, warum nicht? Ich sehe keinerlei Anzeichen von Blut hier an der Fundstelle.«

»Es werden auch kaum welche vorhanden sein.«

»Aber der Kopf war doch zerschmettert.«

»Die Schädelknochen ja, aber äußerlich waren die Verletzungen nicht schwer.«

»Und doch hätte man etwas Blut finden müssen. Könnten Sie es mir ermöglichen, den Zug zu besichtigen, mit dem der Herr fuhr, der den Fall eines Körpers im Nebel gehört hat?«

»Leider ist das nicht möglich, Herr Holmes. Der Zug ist schon längst aufgelöst, und die Wagen sind neu verteilt.«

»Ich kann Sie versichern, Herr Holmes«, sagte Lestrade, »daß jedes Abteil aufs genaueste untersucht worden ist. Es geschah unter meiner Aufsicht.«

Eine der hervorstechendsten Schwächen meines Freundes war es, daß er oft ungeduldig mit solchen war, die einen weniger scharfen Geist hatten als er.

»Ach ja«, seufzte er laut und wandte sich ab. »Natürlich wollte ich nicht die Abteile untersuchen. Watson, komm‘, wir haben alles getan, was hier zu tun ist. Herr Lestrade, wir brauchen Sie nicht mehr zu bemühen. Unsere Nachforschungen müssen wir jetzt in Woolwich fortsetzen.«

Auf dem Londoner Bridge-Bahnhof schrieb Holmes ein Telegramm an seinen Bruder, das er mir zu lesen gab, ehe er es abschickte. Es lautete:

»Sehe etwas Licht in dem Dunkel, aber es kann wieder verlöschen. Schicket mit Boten Bakerstraße wartend vollständige Liste aller fremden Spione, Agenten usw., die gewöhnlich in England arbeiten, mit genauer Adresse. Sherlock.«

»Solch eine Liste wäre uns von Vorteil, Watson«, sagte Holmes, als wir in den Zug nach Woolwich stiegen. »Meinem Bruder sind wir Dank schuldig, daß er uns mit einer Staatsangelegenheit bekannt gemacht hat, die ein ganz hervorragend interessanter Kriminalfall zu sein scheint.«

Sein eifriges Gesicht zeigte noch immer die angespannte lebhafte Energie, die mir offenbarte, daß irgendein neuer und bedeutungsvoller Umstand eine Kette anregender Gedanken in ihm ausgelöst hatte. Schau einen Fuchshund an, wie er mit gesenktem Schweif und hängenden Ohren im Rinnstein herumlungert und vergleiche ihn mit demselben Hund, wenn er mit glitzernden Augen und straffesten Muskeln hinter dem Fuchs her ist – so war die Veränderung in Holmes seit dem Morgen. Er war völlig verschieden von dem schlappen, indolenten Mann im mausgrauen Schlafrock, der noch wenige Stunden vorher so verdrossen in dem von Nebel umhüllten Zimmer herumgelaufen war.

»Hier ist Material. Hier sind Aussichten«, sagte er. »Mir saß noch der Nebel im Kopfe, daß ich diese Möglichkeiten nicht früher erblickte.«

»Mir sind sie auch jetzt noch dunkel.«

»Das Ende ist mir ebenfalls dunkel, aber ich habe da einen Gedanken, der uns weit bis ans Ende führen kann. Cadogan West hat seinen Tod ganz wo anders gefunden, und seine Leiche war auf dem Dach eines Wagens.«

»Auf dem Dache?«

»Sonderbar, was? Aber laß die Tatsachen sprechen: ist es ein Zufall, daß die Leiche gerade da gefunden wurde, wo der Zug in der Kurve schleudert und in den Weichen hin- und hergeworfen wird? Ist nicht das der Ort, wo ein Gegenstand vom Dache eines Wagens herunterfallen muß? Entweder der Leichnam ist vom Dach gefallen, oder es ist eine ganz merkwürdige Zufälligkeit. Aber nun betrachte die Frage der Blutspuren, die nicht vorhanden sind. Sie können natürlich nicht da sein, wenn der Tote sich schon vorher anderswo ausgeblutet hat. Jede Tatsache ist für sich bedeutungsvoll. Zusammen haben sie eine durchschlagende Beweiskraft.«

»Und die Fahrkarte, Holmes!« rief ich.

»Ja, das ist auch wichtig. Wir konnten uns das Fehlen der Karte nicht erklären. Aber meine Annahme erklärt sie ganz zwanglos: Der Tote war gar kein Passagier, hatte also auch keine Karte. Es paßt alles zusammen, Watson.«

»Aber angenommen, es wäre alles so, so sind wir doch noch ebenso weit wie früher von der Lösung des Rätsels entfernt: Wie hat West seinen Tod gefunden? Das Rätsel wird in der Tat nicht leichter, sondern immer schwieriger.«

»Vielleicht«, sagte Holmes gedankenvoll; »vielleicht«. Er verfiel in eine stille Träumerei, die ihn gefangen hielt, bis der langsame Zug endlich in die Woolwich-Station einfuhr. Hier rief er eine Droschke heran und zog Mycrofts Notizen aus der Tasche.

»Wir haben eine ganz nette Runde von Nachmittagsbesuchen zu machen«, sagte er. »Ich denke, Sir James Walter gebührt an erster Stelle die Ehre.«

Das Haus des berühmten Beamten war eine schöne Villa, umgeben von Rasen und Park, die sich auf einer Seite bis an die Themse-Ufer hinuntererstreckten. Als wir ankamen, begann der Nebel sich zu verziehen, und ein dünner wässeriger Sonnenschein brach hervor. Ein Diener empfing uns.

»Sir James«, sagte er mit feierlicher Miene. »Ich bitte sehr, Sir James ist heute früh gestorben.«

»Ums Himmels willen!« rief Holmes in entsetztem Staunen. »An was ist er gestorben?«

»Vielleicht darf ich die Herrschaften bitten, einzutreten? Der Bruder Sir James‘, Herr Oberst Valentine ist zugegen.«

»Jawohl, ich möchte den Herrn Oberst sprechen.«

Wir wurden in ein dämmeriges Zimmer geführt, wo uns gleich darauf ein sehr großer, schön gewachsener Mann von etwa fünfzig Jahren, der jüngere Bruder des Marinefachmannes, begrüßte. Seine wilden Augen, die fleckigen Backen und das verwirrte Haar verrieten uns deutlich, wie schwer der plötzliche Schlag die Familie betroffen hatte. Er mußte mit den Worten ringen, als er uns davon berichtete.

»Es war dieser gräßliche Skandal«, sagte er. »Mein Bruder, Sir James, war ein Mann von höchstem Ehrgefühl, und er konnte solch eine Geschichte einfach nicht überleben. Sie hat ihm das Herz gebrochen. Er war stets so stolz auf die tadellose Leistungsfähigkeit seiner Abteilung, und dieser Hochverrat hat ihn zu schwer betroffen.«

»Wir hatten gehofft, er würde uns einige Angaben machen können, die es uns ermöglicht hätten, die geheimnisvolle Angelegenheit aufzuklären.«

»Ich versichere Sie, die ganze Sache war für ihn ein vollständiges Rätsel, wie für Sie und uns alle. Alles, was er zur Aufklärung beitragen konnte, hat er bereits der Polizei gegenüber getan. Natürlich, auch er zweifelte nicht daran, daß Cadogan West der Schuldige war. Aber alles übrige war ihm unfaßbar und unbegreiflich.«

»Auch Sie selbst können kein neues Licht auf den Fall werfen?«

»Ich selbst weiß nichts außer dem, was ich gelesen oder gehört habe. Ich möchte nicht für unhöflich gehalten werden, aber Sie werden es mir glauben, Herr Holmes, daß wir augenblicklich sehr der Ruhe bedürfen, und ich muß Sie daher bitten, diese Unterredung bald zu einem Ende zu bringen.« –

»Das ist wahrhaftig eine sehr unerwartete Entwicklung«, sagte mein Freund, als wir wieder im Wagen saßen.

»Ich muß mich fragen, ob dieser Tod seine natürlichen Ursachen hat, oder ob der arme alte Beamte sich selbst das Leben nahm! Wenn das letztere der Fall sein sollte, dürfen wir das dann als ein Zeichen von Selbstvorwurf wegen versäumter oder vernachlässigter Pflicht auffassen? Wir müssen diese Frage der Zukunft überlassen. Jetzt wollen wir die Cadogan Wests aufsuchen.«

Ein kleines, aber gut aussehendes Haus in einem Außenviertel der Stadt beherbergte die niedergebeugte Mutter. Die alte Dame war zu sehr von ihrem Schmerz erfüllt, als daß sie uns irgendwie hätte von Nutzen sein können; aber ihr zur Seite fanden wir eine bleiche junge Dame, die sich selbst als Fräulein Violet Westbury, die Verlobte des Toten, vorstellte. Sie betonte, daß sie in der verhängnisvollen Nacht ihn zuletzt gesehen hätte.

»Ich kann es nicht erklären, Herr Holmes«, sagte sie. »Ich habe seit dem schrecklichen Ereignis kein Auge geschlossen, Tag und Nacht muß ich denken, denken und denken, was das in Wahrheit bedeuten soll. Arthur war der anständigste, ritterlichste, patriotischste Mann auf Erden. Er würde sich lieber die rechte Hand abgehackt haben, ehe er ein Staatsgeheimnis, das seiner Obhut anvertraut war, verkauft hätte. Es ist einfach absurd, unmöglich, es ist verrückt, für jeden, der ihn gekannt hat.«

»Aber die Tatsachen, Fräulein Westbury?«

»Ja, ja, ich gebe zu, sie sprechen gegen ihn, und ich kann sie nicht erklären.«

»War er in Geldverlegenheit?«

»Nein, seine Bedürfnisse waren sehr bescheiden, und sein Gehalt reichlich. Er hatte sich einige hundert Pfund erspart, und wir wollten zu Neujahr heiraten.«

»Keinerlei Anzeichen seelischer Erregung? Bitte, Fräulein Westbury, seien Sie ganz offen mit uns.«

Der rasche Blick meines Freundes hatte sogleich eine Veränderung in ihrer Haltung festgestellt. Sie errötete und zögerte mit der Antwort.

»Ja«, sagte sie schließlich. »Ich hatte das Gefühl, als mache ihm etwas Sorge.«

»Seit langer Zeit?«

»Erst seit der letzten Woche ungefähr. Er erschien mir oft geistesabwesend und bedrückt. Einmal drang ich deswegen in ihn. Er gab zu, es sei da etwas, und das hinge mit seinem Dienst zusammen. ›Es ist viel zu ernst, als daß ich darüber sprechen könnte, sogar dir gegenüber‹, sagte er. Ich konnte nichts weiter aus ihm herausbekommen.«

Holmes machte ein ernstes Gesicht.

»Bitte, fahren Sie fort, Fräulein Westbury. Selbst wenn es ihn bloßzustellen scheint, bitte, verschweigen Sie uns nichts. Wir können noch nicht übersehen, zu was es am Ende führen wird.«

»Ich kann Ihnen wirklich nichts mehr sagen. Ein- oder zweimal schien es mir so, als wolle er mir etwas anvertrauen. Er sprach eines Abends von dem Unterseebootsgeheimnis, und ich erinnere mich, daß er sagte, fremde Spione würden ohne Zweifel große Summen dafür bezahlen.«

Das Gesicht meines Freundes wurde noch ernster.

»Noch etwas?«

»Er sagte, wir wären etwas nachlässig in solchen Dingen, und es würde für einen Verräter leicht sein, sich die Zeichnungen zu verschaffen.«

»War das erst kürzlich, daß er solche Bemerkungen machte?«

»Jawohl, erst ganz in letzter Zeit.«

»Nun erzählen Sie uns, bitte, von dem letzten Abend.«

»Wir waren im Begriff, ins Theater zu gehen. Der Nebel war so dick, daß eine Droschke nutzlos war. Wir gingen daher zu Fuß, und unser Weg führte uns dicht an seinem Büro vorüber. Plötzlich lief er in den Nebel hinein von mir weg.«

»Ohne ein Wort zu sagen?«

»Er tat einen Ausruf, das war alles. Ich wartete, aber er kehrte nicht zurück. Dann ging ich nach Hause. Am andern Morgen, nach Beginn der Bürostunden, kam man zu mir und verhörte mich. Ungefähr um zwölf Uhr erfuhren wir die schreckliche Nachricht. Oh, Herr Holmes, er ist tot, aber wenn Sie wenigstens, wenigstens seine Ehre retten könnten! Seine Ehre ging ihm über alles.«

Holmes schüttelte traurig den Kopf.

»Komm, Watson«, sagte er. »Unsere Aufgabe liegt anderswo. Unsere nächste Station ist jetzt das Büro, aus dem die Zeichnungen entwendet worden sind.«

»Es sah vorher schon schlimm genug aus für den jungen Mann, aber was wir inzwischen gehört haben, macht es noch schlimmer«, bemerkte er, als die Droschke mit uns fortrollte. »Seine beabsichtigte Verheiratung gibt ein Motiv für das Verbrechen. Er brauchte natürlich Geld. Der Gedanke saß ihm im Kopf, seit er davon sprach. Er machte das Mädchen beinahe zu seiner Helfershelferin bei dem schlechten Streich, indem er ihr von seinem Plan sprach. Es sieht alles sehr übel aus.«

»Gewiß, Holmes, aber Charakter zähle ich auch unter die Tatsachen und zwar unter die sichersten. Dann bitte, weshalb sollte er das Mädchen auf der Straße stehen lassen, von ihr weglaufen, um ein solches Verbrechen zu begehen?«

»Ganz richtig! Man kann gewiß allerlei Einwendungen machen, aber sie wiegen leicht gegen die schweren Verdachtsmomente.« –

Herr Sidney Johnson, der Bürovorsteher, empfing uns mit jener Ehrerbietung, die meines Freundes Besuchskarte überall auslöste. Er war ein magerer, kurzangebundener Mann von mittlerem Alter mit einer goldenen Brille und etwas eingefallenen Backen. Seine Hände zuckten vor Erregung; daß der Vorfall gerade seinem Büro passierte, hatte ihn sehr nahe berührt.

»Eine schlimme Geschichte, Herr Holmes, eine ganz schlimme Geschichte! Haben Sie schon den Tod unseres Chefs vernommen?«

»Wir kommen eben von seinem Haus.«

»Das ganze Büro ist aus dem Leim. Der Chef tot, Cadogan West tot, irgendwo sind Nachschlüssel vorhanden, und unsere Zeichnungen sind gestohlen. Als wir unsere Türen am Montag abend schlossen, waren wir noch ein so tadelloses Büro, wie irgendeines im königlichen Dienst. O Gott, es ist so schrecklich, daran zu denken! Und daß von allen Menschen gerade West solch eine Tat begangen haben soll!«

»Sie sind also auch überzeugt von seiner Schuld?«

»Ich kann nicht anders, es spricht ja alles gegen ihn. Und doch würde ich ihm ebenso vertraut haben, wie mir selbst.«

»Wann wurde das Büro am Montag geschlossen?«

»Um fünf Uhr.«

»Haben Sie es geschlossen?«

»Ich gehe immer als letzter fort.«

»Wo waren die Zeichnungen?«

»In diesem Stahlschrank. Ich habe sie selbst dort eingeschlossen.«

»Haben Sie keinen Nachtwächter im Hause?«

»Doch, natürlich, aber er hat das ganze Gebäude und nicht nur unsere Abteilung zu überwachen. Er ist ein alter Soldat und ein absolut zuverlässiger Mann. Er hat nichts Verdächtiges in der bewußten Zeit bemerkt. Aber freilich – der Nebel war sehr dick.«

»Angenommen, Cadogan West wollte nach Büroschluß in das Gebäude eindringen, so würde er also drei Schlüssel benötigt haben, ehe er die Zeichnungen greifen konnte?«

»Jawohl, den Schlüssel zu der äußeren Tür, den Schlüssel zum Büro und den Schlüssel zu dem Stahlschrank.«

»Nur Sir James Walter und Sie besaßen diese drei Schlüssel?«

»Ich hatte keine Schlüssel zu den beiden Türen, ich hatte nur den einen zu dem Stahlschrank.«

»War Sir James ein Mann von Ordnung und Pünktlichkeit?«

»Meines Wissens ja. Ich habe es nie anders gesehen, als daß er die drei Schlüssel an einem Ring beisammen hatte.«

»Und diesen Ring trug er stets bei sich?«

»So sagte er wenigstens.«

»Und Ihr Schlüssel kam nie aus Ihrer Hand?«

»Niemals!«

»Dann muß West, wenn er der Schuldige ist, einen Nachschlüssel gehabt haben. Man hat aber keinen bei ihm gefunden. Noch eine andere Frage: Wenn ein Beamter in diesem Büro die Absicht hatte, die Pläne zu verkaufen, wäre es da nicht einfacher für ihn gewesen, die Zeichnungen heimlich zu kopieren, statt die Originale mitzunehmen, wie das tatsächlich geschah?«

»Man brauchte weitgehende technische Kenntnisse, um die Zeichnungen genau zu kopieren.«

»Aber ich darf wohl annehmen, daß entweder Sir James, oder Sie, oder West über die technischen Kenntnisse verfügten.«

»Allerdings, das ist richtig, aber ich bitte Sie sehr, Herr Holmes, unterlassen Sie es, mich auf diese Weise in die Sache hineinzuziehen. Was soll es für einen Zweck haben, solch theoretische Spekulationen anzustellen, wenn die Originalzeichnungen in Wests Taschen gefunden wurden?«

»Nun, es ist jedenfalls eigentümlich, daß er es gewagt haben sollte, die Originale mitzunehmen, wenn er ebenso gut und viel gefahrloser seinen Zweck mit Kopien erreicht haben würde.«

»Das ist freilich eigentümlich – und doch hat er es so gemacht.«

»Jede neue Feststellung in diesem Fall enthüllt etwas Unerklärliches. Es fehlen drei Zeichnungen; es sind gerade die allerwichtigsten, wie mir gesagt wurde.«

»Jawohl, das stimmt.«

»Kann jemand, wenn er diese drei Zeichnungen besitzt, aber ohne die sieben anderen, nach Ihrer Ansicht ein Bruce-Partington-Unterseeboot bauen?«

»In diesem Sinne habe ich zunächst an die Admiralität berichtet, aber heute habe ich mir die Pläne noch einmal angesehen, und es sind mir da verschiedene Zweifel gekommen. Die doppelte Steuerung mit den automatisch wirkenden Nuten – das ist aus einem der Pläne, die wir wieder haben. Solange einer diese wesentlichen Teile nicht selber erfindet, könnte er auf Grund der übrigen Pläne das Unterseeboot nicht bauen. Aber natürlich, das ist eine Schwierigkeit, die zu überwinden wäre.«

»Aber die drei fehlenden Zeichnungen sind doch die allerwichtigsten?«

»Zweifelsohne!«

»Ich denke, ich werde jetzt einmal mit Ihrer gütigen Erlaubnis mir die Örtlichkeiten hier näher ansehen. Ich habe im Augenblick keine weiteren Fragen an Sie zu stellen.« Holmes prüfte das Schloß des Stahlschrankes, die Tür zum Büro und die eisernen Läden am Fenster. Aber erst draußen auf dem Rasen wurde sein Interesse lebendig. Da stand ein Lorbeerbusch in der Nähe des Fensters, und verschiedene Zweige waren geknickt oder abgebrochen. Er prüfte sie sorgfältig mit seiner Lupe und dann einige kaum wahrnehmbare Spuren auf der Erde. Schließlich bat er Herrn Johnson, die eisernen Läden zu schließen, und Holmes machte mich darauf aufmerksam, daß sie in der Mitte nicht ganz dicht zusammenstießen und es also möglich war, von außen zu beobachten, was in dem Büro vorging.

»Die drei Tage Verzug haben die geringen Spuren fast wertlos gemacht. Sie können etwas bedeuten oder auch nicht. Nun, Watson, ich glaube, Woolwich hat uns nichts mehr zu sagen. Wir haben nur eine dürftige Ernte hereingebracht. Wir wollen es jetzt in London versuchen, dort erreichen wir vielleicht mehr.«

Und doch bereicherten wir unsere Ernte noch um einen Scheffel, ehe wir den Zug bestiegen. Der Angestellte im Schalterraum versicherte uns aufs bestimmteste, er hätte Cadogan West – den er vom Sehen kannte – am Montagabend gesehen, und zwar sei er mit dem Zug acht Uhr fünfzehn nach London Bridge gefahren. Er war allein und löste eine einfache Karte dritter Klasse. Dem Angestellten war damals das aufgeregte und nervöse Wesen Wests aufgefallen. Seine Hand zitterte so, daß er kaum die Münzen fassen konnte, die er herausbekam, und der Angestellte half ihm, sie in seine Geldtasche zu stecken, genau wie einer Dame mit Handschuhen. Mit dem Fahrplan stellten wir fest, daß der Zug um acht Uhr fünfzehn für West die erste Möglichkeit war, nachdem er Fräulein Westbury um sieben Uhr dreißig so plötzlich verlassen hatte.

Nach einer halben Stunde stillen Nachdenkens sagte Holmes: »Wir wollen alles einmal rekonstruieren, Watson. Ich kann mich nicht erinnern, daß wir unter allen unseren gemeinsam erlebten Fällen je einen so schwierigen gehabt hätten. Jeder Schritt nach vorwärts, den wir tun, wirft uns eigentlich einen Schritt wieder zurück. Und doch scheint es mir, wir hätten schon recht Wertvolles erreicht.

Unsere Nachforschungen in Woolwich haben in der Hauptsache Cadogan West bloßgestellt; aber die Spuren bei dem Fenster gestatten eine andere Auffassung. Wir wollen z. B. annehmen, ein Spionageagent hat sich an ihn herangemacht. Das kann ja unter solchen Vorkehrungen geschehen sein, daß es ihm unmöglich wurde, darüber zu sprechen, und konnte doch seine Gedanken in der Richtung beeinflußt haben, wie das seine Bemerkung zu seiner Verlobten andeutet. Schön! Wir wollen weiter annehmen, daß, als er mit der jungen Dame zum Theater ging, er plötzlich, im Nebel, denselben Agenten erblickte, wie er in der Richtung nach dem Büro eilte. West war ein impulsiver Mann, rasch in seinen Entschlüssen. Seiner Pflicht stellte er alles andere nach. Er folgte dem Agenten, kam vor das Fenster, sah, wie die Dokumente entwendet wurden und verfolgte den Dieb. Mit dieser Theorie kommen wir über den Einwand hinweg, daß niemand die Originale nehmen würde, der imstande war, sich Kopien anzufertigen. Der Agent konnte das nicht; er mußte die Originale selbst haben. So weit hält alles zusammen.«

»Was ist nun der nächste Schritt?«

»Da geraten wir in Schwierigkeiten. Die natürliche Annahme wäre, daß unter solchen Umständen der junge Cadogan West den Schurken ergreifen und Alarm schlagen würde. Warum hat er das nicht getan? Könnte einer seiner Vorgesetzten die Papiere entwendet haben? Nur so kann ich mir Wests Verhalten erklären. Oder war ihm der Vorgesetzte im Nebel entschlüpft und West eilte sofort nach London, um ihm in seiner Wohnung zuvorzukommen, vorausgesetzt, daß ihm diese bekannt war? Jedenfalls muß ihn eine innere Stimme sehr dringend angetrieben haben, da er seine Verlobte im Nebel stehen ließ und er keinen Versuch machte, ihr sein Verhalten zu erklären. Hier verliert sich unsere Spur, und eine tiefe Kluft tut sich auf zwischen diesen beiden Annahmen und dem Leichnam Wests mit sieben Zeichnungen in der Tasche, den wir auf dem Dach eines Untergrundbahnzuges liegend, annehmen müssen. Nach meinem Instinkt muß ich die Geschichte jetzt vom anderen Ende her anfassen. Wenn Mycroft uns die verlangten Adressen geschickt hat, werden wir in der Lage sein, unsern Mann ausfindig zu machen und zwei Spuren statt nur einer zu verfolgen.«


In der Bakerstraße wartete ein Bote auf uns mit der Adressenliste. Holmes überflog sie und warf sie mir über den Tisch zu. Ich las:

»Es gibt da zahlreiches kleines Gelichter, aber nur wenige, die eine so große Sache fingern können. Die einzigen, die in Betracht kommen, sind Adolf Meyer, Große Georgstraße Nr. 13, Westminster; Louis La Rothière, Campden Mansions, Notting Hill; und Hugo Oberstein, Caulfield-Anlagen Nr. 13, Kensington. Der letztere war nach unserer Kenntnis am Montag in der Stadt; inzwischen bekamen wir Meldung, daß er London verlassen hat. – Sehr erfreut, daß Du einen Lichtschimmer siehst. Das Kabinett erwartet Deinen abschließenden Bericht in der größten Unruhe. Dringende Vorstellungen sind uns von der höchsten Stelle zugegangen. Alle Sicherheitsbehörden Englands stehen Dir zur Verfügung, wenn Du sie benötigen solltest. – Mycroft.«

»Ich fürchte«, sagte Holmes lächelnd, »daß ›des Königs sämtliche Pferde und des Königs sämtliche Soldaten‹ uns in dieser Sache nichts nützen könnten.« Er hatte seine große Karte von London auf dem Tisch ausgebreitet und beugte sich eifrig darüber. »Aha, gut«, sagte er jetzt mit einem Ausruf der Befriedigung, »endlich zieht sich die Sache ein wenig für uns günstig zusammen. Ja, Watson, ich bin jetzt ehrlich davon überzeugt, daß wir bald ans Ziel kommen werden.«

Er schlug mich in einem plötzlichen Fröhlichkeitsausbruch auf die Schulter. »Ich gehe jetzt aus. Es ist nur eine Erkundung. Ich werde nichts Ernsthaftes unternehmen, ohne meinen alten Kriminalkameraden und Biographen zur Seite zu haben. Bitte warte hier, wahrscheinlich werde ich in ein bis zwei Stunden zurück sein. Wenn dir die Zeit lang wird, dann nimm Tinte, tauche deine berühmte Feder ein und fange an, die Geschichte zu Papier zu bringen, wie Sherlock Holmes und sein Freund Doktor Watson das englische Reich gerettet haben.«

Ich fügte mich, von Holmes‘ guter Laune angesteckt, denn ich wußte gut, daß er nicht ohne die besten Gründe sich so weit von seiner üblichen reservierten und verschlossenen Art entfernen würde. Ich wartete den ganzen langen Novemberabend und konnte meine Ungeduld kaum beherrschen. Endlich, kurz nach neun Uhr, erschien ein Bote mit einem Billett:

»Esse bei Goldino, Gloucester Road, Kensington, zu Nacht. Bitte komme sofort. Es gibt Hummer. Bring ein Stemmeisen mit, eine Blendlaterne, einen Revolver und einen Schraubenzieher. – S. H.«

Das war eine nette Ausrüstung, die ein ehrbarer Bürger durch die düsteren, nebelverhüllten Straßen zu tragen hatte. Ich steckte alles in die Taschen meines Mantels und fuhr direkt nach dem angegebenen Restaurant. Dort saß mein Freund an einem kleinen, runden Tische nahe der Tür dieses beliebten italienischen Hauses. Wir aßen zusammen, und bei Kaffee und Curaçao fragte mich mein Freund:

»Hast du alles mitgebracht?«

»Ich habe alles in meinem Überzieher.«

»Ausgezeichnet. Ich will dir kurz sagen, was ich inzwischen getan habe und uns jetzt zu tun noch übrig bleibt. Vor allem, Watson, der Leichnam des jungen Mannes ist auf das Dach des Wagens gelegt worden. Das war mir schon in dem Augenblick klar geworden, wo ich zu der Überzeugung kam, daß er vom Dach und nicht vom Inneren eines Wagens heraus auf den Bahnkörper gelangt war.«

»Konnte er nicht auch von einem der vielen Brückenstege auf den Zug gefallen sein?«

»Nach meiner Ansicht ist das unmöglich. Wenn du dir solch ein Wagendach ansiehst, wirst du finden, daß es leicht gewölbt ist. Wäre der Leichnam von einem Brückensteg etwa auf das Dach gefallen, so wäre er mit tausend Wahrscheinlichkeiten gegen eine sofort abgerutscht und zu Boden gefallen, deshalb können wir als sicher annehmen, daß irgend jemand Cadogan West tot auf das Dach gelegt hat.«

»Aber wie soll das vor sich gegangen sein?«

»Das ist natürlich die Frage, die ich mir zuerst zu beantworten hatte. Es gibt da nur eine Möglichkeit. Die Untergrundbahn fährt meistens in Tunneln mit Ausnahme von einigen Strecken im Westend. Ich erinnerte mich dunkel, daß ich bei gelegentlichen Fahrten schon beobachtet hatte, daß dort die Fenster der Häuser sich fast in der Höhe der Wagendächer befanden. Nun stelle dir vor, ein Zug hält unter einem solchen Fenster – wäre es da nicht ganz einfach und leicht, einen toten Mann auf ein Wagendach zu schieben?«

»Die Einfachheit leuchtet mir nicht ohne weiteres ein.«

»Wir müssen auf den alten Lehrsatz zurückkommen, daß wenn alle anderen Möglichkeiten erschöpft sind, diejenigen, die bei aller Unwahrscheinlichkeit noch übrig bleiben, die Wahrheit enthalten. Hier sind alle anderen Möglichkeiten erschöpft. Als ich nun herausfand, daß einer der Spione, der eben erst London verlassen hat, in einer Straße wohnte, die hart an der Untergrundbahn liegt, war ich so erfreut darüber, daß du über meine plötzliche Lustigkeit erstauntest.«

»Oh, deshalb warst du so ausgelassen!«

»Ja, mein Lieber! Herr Hugo Oberstein, Caulfield-Anlagen Nummer 13, war mein Mann. Ich begann meine Operationen in der Gloucester-Straße-Station, wo ein sehr hilfsbeflissener Beamter mit mir die Strecke ablief und mir nicht nur die Feststellung gestattete, daß die Rückfenster der Häuser in den Caulfield-Anlagen auf die Bahnlinie hinausgehen, sondern mir auch noch die wichtige Tatsache mitteilte, daß infolge einer Kreuzung mit einer Hauptlinie hier die Untergrundzüge häufig für mehrere Minuten festgehalten werden.«

»Glänzend, Holmes, du hast die Lösung des Rätsels gefunden.«

»Noch nicht ganz, Watson, noch nicht ganz. Wir kommen vorwärts, aber das Ziel ist noch weit. Gut, nachdem ich also die Rückseite der Caulfield-Häuser gesehen, besah ich sie mir auch von der Vorderseite und stellte fest, daß der Vogel in der Tat ausgeflogen war. Nummer 13 ist ein ziemlich großes Haus, die oberen Zimmer unmöbliert, soweit ich beurteilen kann. Oberstein lebte dort nur mit einem alten Diener, der wahrscheinlich ein vertrauter Helfershelfer war. Wir müssen im Auge behalten, daß Oberstein nur deshalb England verlassen hat, um seine Beute in Sicherheit zu bringen, aber keineswegs, um London für immer zu verlassen; zu einer Flucht lag für ihn keinerlei Anlaß vor, und der Gedanke eines Amateureinbruches in sein Haus ist ihm wahrscheinlich nicht gekommen. Und gerade das ist es, was wir jetzt ins Werk setzen werden.«

»Könnten wir nicht einen Haftbefehl erwirken und unser Vorgehen mit dem Gesetz in Einklang bringen?«

»Das dürfte auf meine schwer zu beweisenden Angaben hin kaum möglich sein.«

»Was versprichst du dir denn von dem Einbruch?«

»Wir können gar nicht wissen, was für einen wichtigen, aufschlußreichen Briefwechsel wir dort zum Beispiel finden können.«

»Die Sache gefällt mir nicht recht, Holmes.«

»Mein bester Watson, du sollst ja auch nur Schmiere stehen, das eigentliche kriminelle Handwerk mit Stemmeisen und Schraubenzieher besorge ich. Denke auch, bitte, an Mycrofts Brief, an die Admiralität, an das Kabinett, an die aufgeregte hochstehende Person, die auf Nachrichten von uns wartet. Es ist jetzt wirklich nicht an der Zeit, sich durch legale Zwirnsfäden aufhalten zu lassen. Wir müssen auf unser eigenes Risiko und unsere guten Gewissen hin handeln.«

Statt einer Antwort erhob ich mich.

»Du hast recht, Holmes«, sagte ich, »verzeihe mir meine kleinen Bedenklichkeiten, wo es sich um eine so große Sache handelt.«

»Ich wußte, du würdest nicht kneifen, wenn es darauf ankommt«, sagte er auf der Straße, und in seinen Augen sah ich etwas, das nur ganz selten dort zu sehen war: den Ausdruck eines herzlichen Gefühls. Im nächsten Augenblick aber war er schon wieder ganz der gewohnte, nur aus Intellekt und Energie bestehende Mensch.

»Es ist fast eine halbe Meile, aber wir haben Zeit genug und können zu Fuß gehen. Verliere mir ja nichts aus deinen Taschen! Wenn du als ein verdächtiges Individuum verhaftet würdest, so wäre das in diesem Augenblick geradezu verhängnisvoll – für mich.« –

Die Caulfield-Anlagen waren typisch für die Westend-Entwicklung Londons in den siebziger Jahren. Säulen, Karyatiden, Pfeiler, schwere Sandsteinfriese und dergleichen. Neben Nummer 13 schien eine Kindergesellschaft zu sein; man hörte viele helle Stimmen, Kreischen, Lachen und ein kindliches Geklimper auf einem Klavier. Nacht und Nebel schützten uns freundlich, wie schwere Vorhänge hing es um uns zu allen Seiten. Holmes hatte seine Blendlaterne angesteckt und beleuchtete die schwere Eingangstür.

»Das ist keine leichte Arbeit«, sagte er. »Nicht nur verschlossen, sondern auch von innen verriegelt, nehme ich an. Versuchens wir’s besser von der Hintertür. Hier ist ein ausgezeichneter Schlupf dort in dem Torbogen, für den Fall, daß ein übereifriger Schutzmann Interesse an uns nähme. Laß mich auf deine Hand treten, damit ich das Gitter oben fassen kann; ich ziehe dich dann nach.«

Eine Minute später standen wir beide im Hof. Kaum hatten wir das Gitter überklettert, als der regelmäßige Schritt eines Schutzmannes vernehmbar wurde. Er kam näher, ging vorüber, verhallte. Holmes nahm die Tür in Angriff. Ich sah ihn sich beugen, stemmen, und mit einem scharfen Krach brach sie auf. Holmes trat sofort ein, ich folgte; wir stiegen eine enge Treppe hinauf. Holmes‘ gelber Lichtkegel beleuchtete ein niedriges Fenster.

»Hier, Watson, das muß es sein.«

Er öffnete es, und im selben Augenblick vernahmen wir ein dumpfes, rollendes Geräusch, das näher kam und immer stärker wurde. Ein Zug rasselte vorüber. Holmes beleuchtete das Fenstergesims. Es war dick mit Ruß überzogen von den Lokomotiven, aber an einigen Stellen war der gleichförmige schwarze Belag zerkratzt und abgeschabt.

»Hier kannst du sehen, wo sie den Leichnam hinausgeschoben haben. Holla, Watson! Was ist das? Kein Zweifel, das sind Blutspuren.« Er wies auf dunkle Flecken am unteren Fensterrahmen. »Auch hier auf dem Gesims, Watson. Der Beweis ist erbracht, es stimmt alles. Nun wollen wir hier warten, bis ein Zug hält.«

Lange hatten wir nicht zu warten. Der übernächste Zug schon rasselte noch mit voller Fahrt aus dem Tunnel hervor, verlangsamte die Fahrt aber im Freien, und dann, mit Knirschen und Schleifen, hielt er unmittelbar unter uns. Es waren keine vier Fuß vom Fenstersimsen zum nächsten Wagendach. Leise schloß Holmes das Fenster.

»Soweit bestätigt sich alles. Was meinst du, Watson?«

»Einfach wundervoll! Ein Meisterstück, Holmes, du hast dich selber übertroffen.«

»Darin kann ich dir nicht beipflichten. Von dem Augenblick an, wo ich entschieden hatte, daß die Leiche auf dem Wagendach gelegen, war alles Folgende nur die logische Fortsetzung. Wären nicht so ungeheure Staatsinteressen mit dem Fall verknüpft, so wäre er bis zu seiner jetzigen Entwicklung unbedeutend. Die eigentlichen Schwierigkeiten liegen noch vor uns. Aber vielleicht finden wir hier etwas, das uns hilft.«

Wir waren die Hintertreppe hinaufgestiegen und betraten die Zimmer des ersten Stockes. Eines war ein Eßzimmer mit massiven Renaissancemöbeln; es bot nichts von Interesse. Das nächste war ein Schlafzimmer – ebenfalls eine Niete. Das dritte Zimmer dagegen versprach etwas, und mein Freund machte sich an eine methodische Untersuchung. Überall lagen Bücher und Papiere umher, es schien eine Art Studierzimmer. Rasch und mit System durchging Holmes den Inhalt einer Schublade nach der anderen, und eines Schrankfaches nach dem anderen. Aber kein Aufleuchten seiner Züge verriet, daß er etwas Wichtiges gefunden. Nach einer guten Stunde peinlichst genauer Arbeit war er noch genau so weit wie am Anfang.

»Der schlaue Fuchs hat alle Spuren hinter sich verwischt«, sagte er fast bewundernd. »Er hat nichts hinterlassen, das ihn verdächtigen könnte. Sein gefährlicher Briefwechsel, auf den ich gerechnet, ist entweder entfernt oder vernichtet worden. Das hier ist unsere letzte Hoffnung.«

Er wies auf eine kleine Kassette, die auf dem Schreibtische stand. Holmes zwängte den Deckel auf. Mehrere Rollen Papier, bedeckt mit Ziffern und Berechnungen, lagen darin, ohne jeden Hinweis, was sie zu bedeuten hatten. Nur die Worte »Wasserdruck« und »Druck auf den Quadratzoll« deuteten an, daß es sich um Unterseeboote handeln könne. Holmes warf alles unwillig beiseite. Am Boden fand sich noch ein Umschlag mit kleinen Zeitungsausschnitten. Er breitete sie auf der Tischplatte aus, und sofort sah ich an meines Freundes veränderten Zügen, daß ihn eine neue Hoffnung belebte.

»Was ist das, Watson? He, was ist das? Eine Reihe von Botschaften in Form von Zeitungsanzeigen. Daily Telegraph, Seufzerecke, nach allem zu urteilen. Rechte Ecke oben auf der Seite. Keine Daten, – aber solche Mitteilungen ordnen sich von selbst. Die da wird wohl die erste sein:

»Hoffte früher zu hören. Bedingungen einverstanden. Schreiben Sie an die Adresse auf der überreichten Karte. – Pierrot.«

Holmes griff nach einem zweiten Ausschnitt.

»Zu verwickelt für Beschreibung. Brauche Besseres. Entlohnung Zug um Zug. – Pierrot.«

Ein dritter lautete:

»Es wird dringend. Muß Angebot zurücknehmen, falls Vertrag unerfüllt bleibt. Verabredet Zusammenkunft schriftlich. Werde hier bestätigen. – Pierrot.«

Schließlich noch:

»Montag nacht neun Uhr. Zwei Schläge. Nur Sie selbst. Seien Sie nicht mißtrauisch. Bar Geld für gute Bedienung. – Pierrot.«

»Das ist vollständig genug, Watson. Wenn wir nur den Mann am anderen Ende der Geschichte schon hätten!« Er saß in Gedanken da und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. Endlich sprang er auf.

»Nun, vielleicht ist es doch nicht so schwierig, wie es scheinen könnte. Hier haben wir nichts mehr zu tun, Watson. Ich denke, wir fahren zuerst einmal zur Expedition des Daily Telegraph und bringen so ein gutes Tagewerk zum guten Abschluß.«


Mycroft Holmes und Lestrade waren auf Holmes‘ Ersuchen am anderen Morgen in der Bakerstraße bei uns erschienen, und Sherlock Holmes hatte ihnen Bericht über die Ergebnisse des vergangenen Tages erstattet. Herr Lestrade, der Londoner Sicherheitsbeamte, schüttelte mißbilligend den Kopf, als er von unserem Einbruch hörte.

»Wir von der Polizei können uns so etwas nicht leisten, Herr Holmes«, sagte er. »Es ist daher kein Wunder, daß Sie Erfolge erzielen, die uns schon durch die Umstände verwehrt sind. Aber eines Tages gehen Sie einmal zu weit, und Sie und ihr Freund haben sich etwas Böses eingebrockt und müssen es auslöffeln.«

»Für Vaterland, Ehre, Schönheit – he, Watson, das wäre ein nettes Motto für unser Märtyrertum, was? Aber Scherz beiseite, wie denkst du über die Sache, Mycroft?«

»Ausgezeichnet, Sherlock, ganz wundervoll! Aber wie willst du nun weitergehen?«

Holmes nahm die Nummer des Daily Telegraph auf, die auf dem Tische lag.

»Hast du Pierrots Anzeige heute schon gesehen?«

»Was? Noch eine?«

»Ja, hier steht sie: Heute nacht. Selbe Stunde. Selber Ort. Zwei Schläge. Lebenswichtig für Sie. Ihre Sicherheit gebietet Zusammenkunft. – Pierrot.«

»Bei Gott«, rief Lestrade. »Wenn er daraufhin kommt, dann haben wir ihn!«

»Das war mein Gedanke, als ich die Anzeige aufgab. Ich glaube, wenn Sie es ermöglichen können, mit uns gegen acht Uhr zu Obersteins Wohnung zu kommen, daß Sie dann die Lösung des letzten Rätsels sich vollziehen sehen.«


Eine der bemerkenswertesten Eigenschaften meines Freundes war seine Fähigkeit, seine Gedanken von einer Aufgabe völlig zurückzuziehen, sein Hirn sozusagen umzuschalten und es mit Kleinigkeiten zu beschäftigen, sobald er die Einsicht gewonnen hatte, daß ein längeres Verweilen bei dem Hauptgegenstand nutzlos sei. Ich entsinne mich, daß er den ganzen langen Tag über einer Monographie zubrachte, die er über gewisse Motetten Lassus geschrieben hatte. Ich für meinen Teil besaß nichts von dieser Kunst, Gedanken aus- und umzuschalten, und der Tag erschien mir daher unerträglich lang. Die schwerwiegenden nationalen Interessen, die Ungeduld, den Hochverräter zu erblicken, alles zog und zerrte an meinen Nerven. Es war wie eine Befreiung für mich, als wir nach einem leichten Abendessen uns endlich auf den Weg machten. Da Mycroft Holmes es mit Entrüstung ablehnte, über das Hofgitter zu steigen, so mußte ich voraus, von hinten durch das Haus und die Vordertür öffnen. Um neun Uhr saßen wir alle in dem Studierzimmer und lauerten auf unser Opfer.

Eine Stunde verrann, und nochmals eine. Als es elf Uhr schlug, schien die große Kirchenglocke unsere Hoffnung zu Grabe zu läuten. Lestrade und Mycroft rutschten unruhevoll auf ihren Sitzen hin und her und schauten fast jede Minute nach der Uhr. Holmes saß still und reglos da, die Augen halb geschlossen, aber mit allen Sinnen wach. Mit einer ruckartigen Bewegung hob er plötzlich den Kopf.

»Er kommt«, sagte er leise.

Ein verstohlener Schritt ging an der Haustür vorüber. Nun kam er zurück. Wir hörten zwei laute Schläge mit dem Türklopfer. Holmes stand auf und machte uns ein Zeichen, sitzen zu bleiben. Die Gasflamme im Flur war heruntergedreht und brannte fast nur wie ein Pünktchen. Er öffnete die Haustür, ließ den Fremden eintreten und schloß die Tür hinter ihm wieder ab. »Hier, bitte«, hörten wir ihn sagen, und einen Augenblick später stand der Mann vor uns. Holmes war ihm dicht nachgefolgt, und als der andere mit einem Schrei des Staunens und Schreckens Kehrt machte, faßte Holmes ihn am Kragen und stieß ihn wieder in das Zimmer hinein. Noch ehe unser Gefangener sein Gleichgewicht wieder hatte, hatte Holmes auch diese Tür abgeschlossen. Jetzt stand er mit dem Rücken vor ihr. Der Fremde sah verwirrt um sich, wankte und fiel bewußtlos zu Boden. Sein breitrandiger Hut, den er aufbehalten hatte, fiel ihm bei dem Falle vom Kopf, seine Krawatte rutschte ihm von den Lippen herunter, und da wurden die hübschen Gesichtszüge des Oberst Valentine Walter sichtbar.

Holmes pfiff durch die Zähne vor Erstaunen.

»Watson, diesmal kannst du mich in deiner Geschichte als einen Esel darstellen«, sagte er. »Das ist nicht der Vogel, den ich erwartet hatte.«

»Wer ist es?« fragte Mycroft gespannt.

»Der jüngere Bruder des verstorbenen Sir James Walter, des Vorstehers der Unterseebootabteilung. Ja, ja, nun ist mir alles klar. Da, er kommt zu sich! Am besten beginne ich gleich mit dem Verhör.«

Wir hatten die leblose Gestalt auf das Sofa gelegt. Jetzt setzte unser Gefangener sich müde in eine Ecke, sah sich mit schreckerfüllten Augen um und strich sich mit der Hand über die Stirn, wie jemand, der seinen Augen nicht traut.

»Was ist das?« fragte er. »Ich bin hergekommen, um einen Herrn Oberstein zu besuchen.«

»Wir wissen alles, Herr Oberst Walter«, sagte Holmes. »Wie ein englischer Gentleman solch eine Handlung begehen konnte, ist mir nicht verständlich. Aber Ihre Beziehungen zu Oberstein sind uns bekannt – und auch die Art dieser Beziehungen. Ebenso wissen wir die näheren Umstände, die Cadogan Wests Tod herbeigeführt haben. Ich gebe Ihnen den guten Rat, durch ein offenes Geständnis Ihre Seele zu erleichtern und Ihr großes Unrecht nicht durch das Gegenteil zu vergrößern. Einige Einzelheiten können wir nur aus Ihrem Munde erfahren.«

Der Oberst stöhnte und vergrub sein Gesicht in seine Hände. Wir warteten, aber er blieb stumm.

»Ich kann Sie versichern«, sagte endlich Holmes, »daß alles Wichtige uns bereits bekannt ist. Wir wissen, daß Sie dringend Geld nötig hatten, daß Sie einen Abdruck von den Schlüsseln nahmen, die Ihr Bruder in Verwahrung hatte, und daß Sie in Beziehungen zu Oberstein traten, der Ihre Briefe mit Anzeigen im Daily Telegraph beantwortete. Es ist uns bekannt, daß Sie am Montagabend im Nebel zu dem Büro gingen, und daß Cadogan West Sie sah und er Ihnen nachfolgte, weil er vermutlich schon von früher her Ursache hatte, Ihnen zu mißtrauen. Er sah Sie die Pläne entwenden, konnte aber keinen Alarm schlagen, weil es immerhin möglich schien, daß Sie die Zeichnungen im Auftrag ihres Bruders in London herausnahmen. Unter Hintansetzung aller persönlichen Interessen folgte West Ihnen nach und blieb Ihnen in dem Nebel auf den Fersen, bis zu diesem Hause hier. Da suchte er Ihr Verbrechen noch zu verhindern, aber Sie fügten zu dem des Hochverrats noch das schrecklichere des Mordes.«

»Nein, nein, das habe ich nicht getan! Ich schwöre es vor Gott, das habe ich nicht getan!« schrie der Elende.

»Dann enthüllen Sie uns doch, wie Cadogan West seinen Tod fand, ehe Sie ihn auf das Dach eines Untergrundbahnwagens legten!«

»Das will ich Ihnen sagen. Ich schwöre Ihnen, ich sage Ihnen die lautere Wahrheit. Alles andere habe ich getan, wie Sie es sagten, das gestehe ich. Ich hatte Börsenschulden zu bezahlen; sie waren dringend, ich brauchte das Geld so bitter notwendig. Oberstein bot mir fünftausend Pfund; die konnten mich vor dem Untergang retten. Aber was den Mord betrifft, an dem bin ich genau so unschuldig wie Sie!«

»Das sollen Sie uns beweisen! Bitte, fahren Sie fort.«

»West mißtraute mir und ist mir nachgefolgt, wie Sie es gesagt haben. Ich merkte das nicht früher, als bis ich hier unten vor der Tür stand. Es war ein dicker Nebel, und man konnte kaum einige Schritte weit sehen. Ich hatte zweimal geklopft, und Oberstein kam, die Tür aufzuschließen. Der junge Mann drang mit mir ins Haus und verlangte zu wissen, was wir mit den Plänen beabsichtigten. Oberstein hatte einen kurzen Totschläger; den hatte er stets bei sich. Als West neben mir stand und seine Frage stellte, schlug Oberstein ihn nieder. Es war ein verhängnisvoller Schlag, denn in wenigen Minuten war West tot. Da lag er nun vor uns, und wir wußten nicht, was wir mit ihm tun sollten. Da kam Oberstein auf den Gedanken, ihn auf das Dach eines Wagens zu legen, denn die Untergrundbahnzüge hielten gerade unter dem Fenster auf der Rückseite des Hauses. Zuerst prüfte er die Zeichnungen, die ich mitgebracht hatte. Drei davon hielt er für besonders wichtig, und die wollte er behalten. ›Sie können Sie nicht behalten‹, sagte ich. ›Es wird einen fürchterlichen Aufruhr in Woolwich geben, wenn man sie vermißt‹ – ›Ich muß sie trotzdem behalten‹, sagte er, ›denn sie sind technisch so kompliziert, daß ich sie nicht kopieren kann; jedenfalls nicht bis morgen früh.‹ – ›Dann muß ich alle Pläne heute nacht wieder zurückbringen‹, erwiderte ich. Er dachte eine Weile nach und rief dann auf einmal erfreut, er hätte einen glücklichen Gedanken. ›Die übrigen sieben stecken wir dem Toten in die Taschen‹, rief er. ›Wenn man die Leiche mit den Zeichnungen findet, dann wird man die ganze Geschichte diesem Beamten in die Schuhe schieben.‹ Ich wußte mir keinen anderen Ausweg, und so schritten wir zur Ausführung seines Gedankens. Eine halbe Stunde hatten wir zu warten, bis ein Zug hielt. Es war ein so dichter Nebel, daß wir ohne Gefahr den Leichnam aus dem Fenster auf ein Wagendach legen konnten. Soweit es mich betrifft, war die Sache damit erledigt.«

»Und Ihr Bruder?«

»Er sagte nichts; aber er hatte mich einmal überrascht, wie ich seine Schlüssel in der Hand hielt, und ich glaube, er faßte damals einen Verdacht. Ich konnte es in seinen Augen lesen. Sie wissen, daß er es nicht hat überleben können.«

Eine drückende, peinliche Stille trat ein. Mycroft Holmes unterbrach sie.

»Können Sie den Schaden nicht wieder gutmachen? Das würde Ihr Gewissen erleichtern und Ihre Strafe mildern.«

»Wie könnte ich den Schaden wieder gutmachen?«

»Wo ist Oberstein mit den Plänen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Hat er Ihnen keine Adresse angegeben?«

»Er sagte, Briefe würden ihn wahrscheinlich in Paris, Hotel du Louvre, erreichen.«

»Dann steht es noch in Ihrer Macht, alles wieder gut zu machen«, sagte Sherlock Holmes.

»Ich werde gern alles tun, was ich kann. Ich brauche den Oberstein nicht zu schonen. Er ist die Ursache meiner Erniedrigung und meines Unterganges.«

»Hier sind Feder und Papier. Setzen Sie sich da an den Schreibtisch und schreiben Sie, was ich diktiere. Den Umschlag adressieren Sie an das Hotel du Louvre. So! Und nun den Brief: ›Sehr geehrter Herr! In bezug auf das kürzlich mit Ihnen abgeschlossene Geschäft werden Sie wohl selber schon bemerkt haben, daß eine sehr wichtige Zeichnung fehlt. Ich habe eine Kopie derselben. Ich habe mich müssen in besondere Unkosten deswegen stürzen und muß Sie daher um einen Betrag von fünfhundert Pfund bitten. Der Postweg ist ausgeschlossen, ich nehme nur Gold oder Banknoten von Hand zu Hand. Ich würde zu Ihnen kommen, aber es würde sehr auffallen, wenn ich im gegenwärtigen Augenblick verreiste. Ich schlage Ihnen daher eine Zusammenkunft im Rauchsalon des Hotels Charing Croß für Samstag mittag vor. Beachten Sie bitte, daß nur Gold oder englische Banknoten in Betracht kommen.‹ – Das wird seinen Zweck erfüllen. Es müßte sonderbar zugehen, wenn wir damit unseren Mann nicht fingen.«

Und wir fingen ihn. Es ist eine geschichtliche Tatsache – aus der geheimen Geschichte einer Nation, die oft so viel fesselnder und lehrreicher ist als die offizielle Geschichte – daß Oberstein in seiner Begierde, den größten Coup seines Lebens vollständig zu machen, auf den Köder ging und für fünfzehn Jahre in einem englischen Gefängnis verschwand. In seinem Koffer wurden die unersetzlichen Pläne gefunden, die er, um den höchsten Preis zu erzielen, bei allen Flottengroßmächten zugleich zum Kauf angeboten hatte.

Oberst Walter starb nach zwei Jahren im Gefängnis. Und Sherlock Holmes kehrte erfrischt zu seinen Motetten des Lassus zurück. Seine Monographie ist seitdem als Privatdruck erschienen, und die Fachleute sagen, es sei das abschließende Werk über den behandelten Stoff. Einige Wochen später hörte ich zufällig, daß Holmes einen Tag auf Schloß Windsor verbrachte und von dort mit einer wundervollen Smaragdnadel in seiner Krawatte zurückkehrte. Als ich ihn fragte, ob er sie gekauft hätte, antwortete er mir, es sei ein Geschenk von einer hochstehenden alten Dame, in deren Interesse er einen gewissen Kriminalfall aufgeklärt hätte.

Mehr sagte er nicht.

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Das Abenteuer mit dem Teufelsfuß

Das Abenteuer mit dem Teufelsfuß

Wenn ich von Zeit zu Zeit einige der merkwürdigen Abenteuer und interessanten Begebnisse veröffentlicht habe, die mir aus der langen und engen Freundschaft mit Sherlock Holmes erwuchsen, so hatte ich ständig mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die aus seiner Abneigung gegen eine Veröffentlichung hervorgingen. Für seinen zynischen und mürrischen Geist war jede öffentliche Lobeserhebung stets etwas nahezu Verächtliches, und nichts war belustigender, als wenn er am Ende eines erfolgreichen Falles die Einzelheiten seiner Kombinationen und Nachforschungen den »orthodoxen« Polizeibeamten darlegte und diese in einem Chor von unerwünschten Beglückwünschungen ihn priesen, während er mit sarkastischem Lächeln abwehrte. In der Tat war es nur diese Eigentümlichkeit meines Freundes, und keineswegs Mangel an interessantem Material, was mich veranlaßt hat, in den letzten Jahren so gut wie nichts zu veröffentlichen. Meine Beteiligung an so vielen Abenteuern des Sherlock Holmes war eine Bevorzugung, die mir Rücksichtnahme und Zurückhaltung auferlegte.

Ich war daher aufs höchste erstaunt, als ich vergangenen Dienstag von ihm ein Telegramm erhielt – er schrieb nie einen Brief, wo ein Telegramm ausreichte – mit folgendem Wortlaut: »Warum nicht die Geschichte vom Teufelsfuß schreiben? Sonderbarster Fall, den je behandelt.« Ich habe keine Vorstellung davon, was für eine rücklaufende Welle des Gedächtnisses diesen Fall auf einmal in den Vordergrund seines Bewußtseins gerückt hatte, oder welche Laune ihn wünschen ließ, daß ich gerade dieses Abenteuer veröffentliche. Aber ich beeile mich, meine alten Aufzeichnungen, die die Einzelheiten des Falles enthalten, herauszusuchen und die Geschichte meinen Lesern vorzusetzen, ehe noch ein telegraphischer Widerruf aus der Bakerstraße mich daran hindern könnte.

Holmes‘ eiserne Gesundheit war infolge allzu angestrengter Arbeit aufregendster Art wackelig geworden, wozu vielleicht einige seiner unhygienischen Gewohnheiten mit beitrugen. Im März ordnete Dr. Moore Agar, von der Harleystraße, dessen dramatische Einführung bei Holmes ich eines Tages wohl auch noch erzählen werde, an, daß der berühmte Privatdetektiv alle seine Fälle liegen lasse und sich gänzlich jeglicher Arbeit enthalte, wenn er einen völligen Zusammenbruch verhüten wolle. Seine Gesundheit war etwas, das ihn am wenigsten auf aller Welt interessierte, denn seine geistige Loslösung von seinem Körper war fast absolut; aber er gab dem Arzte schließlich nach, als dieser drohte, er werde sonst für immer arbeitsuntauglich werden. So entschied er sich für einen durchgreifenden Luft- und Szenenwechsel. Wir befanden uns daher im Frühjahr in einem kleinen Landhäuschen nahe der Poldhubay, an dem äußersten Ende der cornischen Halbinsel.

Es war ein eigenartiger Ort, ganz besonders geeignet für die grimme Laune meines Patienten. Von den Fenstern unseres kleinen, weißgetünchten Hauses, das hoch auf einem grünen Hügel stand, sahen wir hinunter auf den ganzen finsteren felsigen Halbkreis der Mounts Bay, dieser alten Todesfalle der Segelschiffe, mit ihrem Kranz schwarzer Klippen und brandunggepeitschter Riffe, auf denen unzählige wackere Seeleute ihr Ende gefunden haben. Bei einer nördlichen Brise liegt das Meer dort ruhig und geschützt, wie in einem Hafen und verleitet das sturmgeprüfte Schiff, hier Schutz und Ruhe zu suchen. Dann kommt die plötzliche Drehung des Windes, der brausende Sturm von Südwest, der schlippende Anker, die Leeküste und der letzte Kampf in der brüllenden Brandung. Der weise Seefahrer hält sich weit ab von diesem verhängnisvollen Ort.

Auf der Landseite war unsere Umgebung ebenso düster wie nach dem Meere zu. Eine Gegend voll endloser Moore, einsam, schwärzlich gefärbt. Gelegentlich ein Kirchturm, der die Lage eines uralten Dorfes anzeigt. Überall in diesen Mooren fand man Spuren einer verschwundenen Rasse, die nichts zurückließ, als einige sonderbare Steindenkmale, unregelmäßige Hügel, die in ihrem Innern die Asche der Toten enthielten und merkwürdige Tongefäße, Überreste des Kunstbemühens einer vorgeschichtlichen Zeit. Das Geheimnisvolle, der Zauber der Landschaft mit deren Erinnerungen an verschollene Völker, sprach die Phantasie meines Freundes an, und er verbrachte seine Zeit meist auf einsamen Spaziergängen oder Träumereien im Moor. Auch die alte cornische Sprache hatte sein Interesse erregt, und ich entsinne mich, daß er sie für verwandt mit dem Chaldäischen hielt und sie nach seiner Ansicht von den phönikischen Zinnhändlern herstammt. Er hatte eine Kiste Bücher über diese Wissensgebiete kommen lassen und war entschlossen, seine Phönikertheorie in einer Abhandlung zu entwickeln, als zu meiner Betrübnis und zu Holmes‘ unverhohlener Freude wir uns selbst in diesem Land der Träume auf einmal in eine geheimnisvolle Angelegenheit verwickelt sahen, die viel geheimnisvoller, rätselhafter und für Holmes verlockender war als alles, was ihm derartiges früher in London begegnet war. Und diese rätselhafte Geschichte trug sich auch noch sozusagen unter unsern Augen zu. Unser friedliches, gleichförmiges Leben ward auf einmal heftig unterbrochen und damit die meinem Freunde so notwendige Ruhe, und wir sahen uns mitten hineingeworfen in eine Reihe von Ereignissen, die nicht nur in Cornwallis, sondern im ganzen Westen Englands das ungeheuerste Aufsehen machten. Zahlreiche meiner Leser werden sich noch jener Vorfälle erinnern, die damals als »der cornische Schrecken«, wenn auch meist in sehr ungenauer Darstellung durch die Zeitungen gingen. Heute, nach dreizehn Jahren, werde ich der Öffentlichkeit wahrheitsgetreu alle Einzelheiten des mehr als eigenartigen Falles darlegen.

Ich habe schon gesagt, daß da und dort ein Kirchturm ein Dorf verriet. Die Gegend war nur dünn besiedelt. Das nächste Dorf war der Weiler Tredannik Wollas, wo die Häuschen von etwa dreihundert Einwohnern sich um eine uralte, moosbewachsene Kirche gruppierten. Der Pfarrer, Herr Roundhay, war Amateur-Archäologe, und in dieser Eigenschaft war er mit Holmes bekannt geworden. Er war ein stattlicher, leutseliger Mann in mittleren Jahren, der über gründliche Kenntnisse in der örtlichen Geschichte, Naturgeschichte usw. verfügte. Seiner Einladung folgend hatten wir den Tee bei ihm getrunken und hatten dabei auch die Bekanntschaft eines Herrn Mortimer Tregennis gemacht, eines Privatiers, der die geringen Einkünfte des Pfarrers vermehrte, indem er zwei Zimmer bei ihm, in dem großen, weitläufigen Pfarrhause mietete. Der Pfarrer, ein Junggeselle, freute sich daher dieses Mitbewohners, obwohl er wenig mit ihm gemein hatte, denn Tregennis war ein magerer, dunkler Mann, mit einer Brille und von einer so krummen Haltung, daß der Eindruck eines körperlichen Fehlers erweckt wurde. Ich entsinne mich, daß während unseres kurzen Besuches der Pfarrer sehr gesprächig war, sein Mieter aber auffallend zurückhaltend; er schien mir ein etwas melancholischer Herr, der mehr nach innen lebt, und mit abgewandten Augen dasaß und seinen eigenen Gedanken nachhing.

Diese beiden Männer waren es, die am Dienstag, dem sechzehnten März, hastig in unser Zimmer traten. Wir hatten gerade unser Frühstück beendigt und rauchten eine Morgenpfeife vor unserem täglichen Streifzug ins Moor.

»Herr Holmes«, sagte der Pfarrer mit erregter Stimme, »in der Nacht ist ein außerordentliches, trauriges Ereignis ohnegleichen eingetreten. Es ist einfach unfaßlich, und der Verstand steht einem dabei still. Wir müssen es als eine besondere Himmelsschickung ansehen, daß Sie gerade hier sind, denn von allen Männern in England sind Sie gerade der, den wir hier unbedingt brauchen.«

Den Pfarrer sah ich mit Augen an, die gewiß nicht freundlich blickten; aber Holmes nahm die Pfeife aus dem Mund und richtete sich in seinem Stuhle auf wie ein alter Jagdhund, der seinen Herrn im Jagdanzug mit Gewehr eintreten sieht. Er machte eine einladende Bewegung gegen das Sofa, und unsere Besucher nahmen Seite an Seite darauf Platz. Herr Mortimer Tregennis war weniger erregt als der Pfarrer, der seine Aufregung offen zur Schau trug; aber das Zucken seiner mageren Hände und ein Etwas in seinen dunkeln Augen verrieten, daß beide gemeinsam unter einer außerordentlichen Nervenbelastung standen.

»Soll ich’s erzählen, oder Sie?« fragte Tregennis den Pfarrer.

»Da Sie, Herr Tregennis, die Entdeckung gemacht zu haben scheinen, was sie auch immer sein mag, und der Herr Pfarrer alles nur aus zweiter Hand weiß, so erzählen am besten Sie selber, was sich zugetragen hat«, meinte Holmes.

Ich warf einen Blick auf den nachlässig gekleideten Geistliche und den tadellos angezogenen anderen, der neben ihm saß, und amüsierte mich an dem Eindruck, den Holmes Worte in den beiden Gesichtern aufzeigten.

»Vielleicht sage doch ich erst einige Worte«, begann der Pfarrer, »und dann mögen Sie beurteilen, ob Sie zunächst noch von Herrn Tregennis die Einzelheiten hören oder sogleich zum Schauplatz des gräßlichen Ereignisses eilen wollen. Unser Freund hier hat den vergangenen Abend in Gesellschaft seiner zwei Brüder zugebracht, Owen und Georg, und der seiner Schwester Brenda, und zwar in deren Hause Tredannick Wartha, nahe bei dem alten Steinkreuz auf dem Moor, wissen Sie? Er verließ sie kurz nach zehn Uhr, wo sie am runden Eßtisch Karten spielten, in bester Gesundheit und heiterster Laune. Als ein Frühaufsteher ging er heute morgen schon vor dem Frühstück in jener Richtung spazieren, als ein Wagen des Dr. Richards ihn überholte und dieser ihm sagte, er sei soeben dringend nach Tredannick Wartha bestellt worden. Natürlich fuhr Herr Tregennis gleich mit. Im Hause angelangt, fand er dort – also er fand seine zwei Brüder und seine Schwester noch genau so um den runden Tisch sitzen, wie er sie am Abend vorher verlassen hatte, die Karten vor jedem von ihnen auf dem Tische liegend, die Kerzen ganz bis auf die Halter heruntergebrannt. Die Schwester saß in ihrem Sessel hintenübergebeugt, tot. Die beiden Brüder aber saßen da und lachten, schrien und sangen – völlig irrsinnig. Alle drei, die Tote sowohl wie die zwei Irrsinnigen, trugen noch auf ihren Gesichtern die Spuren eines unerhörten Grauens, eine Verzerrung der Mienen, die schrecklich anzusehen war. Im Hause war sonst nur noch die alte Frau Porter, die Köchin und Haushälterin, die aussagte, sie hätte tief und fest geschlafen und in der Nacht nichts gehört. Nichts war gestohlen oder durchsucht, es war alles in Ordnung, und es fehlt jeder Anhalt dafür, was es gewesen sein könnte, das die Schwester zu Tode und die zwei Brüder bis zum Wahnsinn erschreckt hat. Das ist der ganze gräßliche Fall in großen Zügen, Herr Holmes, und wenn Sie uns helfen, ihn aufzuklären, so werden Sie ein großes Werk getan haben.«

Ich hatte gehofft, Holmes wieder in jene Ruhe und Untätigkeit zurücklocken zu können, die der Zweck unseres Hierseins waren, aber ein einziger Blick in seine gespannten Züge mit den zusammengekniffenen Augenbrauen sagte mir, daß meine Hoffnung eitel sei. Für einige Zeit saß er schweigend da, versunken in das fremdartige Drama, das unsere Ruhe plötzlich unterbrochen hatte.

»Ich will die Sache in die Hand nehmen«, sagte er schließlich. »Soweit ich bis jetzt urteilen kann, ist es ein Fall von ganz außergewöhnlicher Art. Sind Sie selbst auch dort gewesen, Herr Pfarrer?«

»Nein, Herr Holmes, Herr Tregennis erzählte mir alles, sowie er ins Pfarrhaus zurückkam, und ich eilte sofort mit ihm hierher, um Sie um Ihren Beistand zu bitten.«

»Wie weit ist es bis zu dem Hause, wo diese unheimlichen Ereignisse sich zutrugen?«

»Ungefähr eine Meile landeinwärts.«

»Dann wollen wir zusammen hinübergehen. Vorher aber muß ich Sie noch um einige Auskünfte bitten, Herr Tregennis.«

Der war all die Zeit stumm dagesessen, aber ich hatte wohl bemerkt, daß seine besser beherrschte Erregung größer war als die offensichtliche des Pfarrers. Er saß mit bleichem Gesicht und zusammengepreßten Lippen da, seine ängstlichen Blicke auf Holmes gerichtet. Seine mageren Hände hielt er krampfhaft zusammengedrückt. Seine bleichen Lippen bebten, als er der kurzen Erzählung lauschte, welches Unheil auf einmal über seine Familie hereingebrochen war, und seine dunkeln Augen schienen etwas von dem Grauen der Szene widerzuspiegeln.

»Fragen Sie nur alles, was Ihnen nötig erscheint, Herr Holmes«, sprach er eifrig. »Es ist fürchterlich, davon sprechen zu müssen, aber ich will Ihnen der Wahrheit gemäß alles beantworten.«

»Dann erzählen Sie mir von der letzten Nacht!«

»Ich habe drüben zu Nacht gegessen, wie der Herr Pfarrer schon sagte, und nachher schlug mein älterer Bruder Georg eine Partie Whist vor. Um neun Uhr etwa setzten wir uns zum Spiel. Um ein Viertel nach zehn ungefähr brach ich auf. Ich verließ sie alle an dem runden Tisch, in denkbar bester Stimmung.«

»Wer begleitete Sie hinaus?«

»Frau Porter war schon zu Bett, ich ging also allein und drückte die Haustür hinter mir ins Schloß. Das Fenster des Zimmers, in dem sie beim Spiel saßen, war geschlossen, aber der Vorhang war nicht vorgezogen. Heute früh war weder am Fenster noch am Vorhang etwas geändert, auch kein Grund zu der Annahme, daß ein Fremder das Haus betreten hätte. Und doch saßen sie da, um ihren Verstand gebracht vor Schrecken, Brenda tot vor Entsetzen, mit dem Kopf hintenüberhängend über die Sessellehne. Solange ich lebe, werde ich das Bild dieses Zimmers nicht mehr vergessen.«

»Die Tatsachen, die Sie mir eben mitgeteilt, sind auf jeden Fall höchst beachtenswert«, sagte Holmes. »Ich nehme an, daß Sie keine Erklärung irgendwelcher Art für dies rätselhafte Vorkommnis gefunden haben?«

»Es ist Teufelswerk, Herr Holmes, Teufelswerk!« schrie Mortimer Tregennis. »Es ist nichts von dieser Welt. Etwas ist in das Zimmer gekommen, das das Licht ihrer Vernunft ausgelöscht hat. Welche irdische oder menschliche Macht könnte das?«

»Ich fürchte«, antwortete Holmes, »daß, wenn es sich hier um Überirdisches handelt, es dann auch über meine Kräfte geht, zu helfen. Aber wir müssen alle natürlichen Möglichkeiten erschöpfen, bevor wir eine übernatürliche annehmen. Was Sie selbst anlangt, Herr Tregennis, so waren Sie wohl irgendwie getrennt von Ihrer Familie, denn Ihre drei Geschwister lebten beisammen, und Sie wohnten für sich im Pfarrhause.«

»Das ist richtig, Herr Holmes; aber das ist eine alte Geschichte, vergessen und erledigt. Wir waren eine Familie von Zinnbergwerksbesitzern in Redruth. Aber wir verkauften unsere Mine an eine Gesellschaft und zogen uns zurück, wir hatten genug, um davon zu leben. Ich will es nicht ableugnen, daß wegen der Verteilung des Geldes eine Spannung eintrat, und sie stand für eine gewisse Zeit zwischen uns. Aber das war längst vergessen und vergeben, und wir verkehrten aufs freundschaftlichste miteinander.«

»Wenn Sie sich den letzten Abend vergegenwärtigen, fällt Ihnen da gar nichts ein, das ein Licht auf die Tragödie werfen könnte? Denken Sie, bitte, sorgfältig nach, Herr Tregennis, es handelt sich darum, einen Faden zu finden, den wir weiter verfolgen können.«

»Mir fällt nichts ein, Herr Holmes.«

»Ihre Geschwister wären in ihrer gewohnten geistigen Verfassung?«

»Jawohl, und sie war niemals besser.«

»Waren es nervöse Menschen? Zeigten sie jemals Besorgnis vor einer kommenden Gefahr?«

»Nichts der Art.«

»Sie haben mir also nichts mehr zu sagen, was mir helfen könnte?«

Mortimer Tregennis überlegte ernsthaft. Nach einiger Zeit sagte er:

»Da fällt mir eine Sache ein! Wie wir um den Tisch saßen, war mein Platz mit dem Rücken zum Fenster, und mein Bruder Georg, mein Spielpartner, saß mit dem Gesicht zu ihm. Einmal bemerkte ich, wie er den Kopf streckte und hinaussah, über meine Schulter hinweg. Ich drehte mich daher ebenso zum Fenster und schaute hinaus. Der Vorhang war nicht vorgezogen, das Fenster geschlossen; ich konnte gerade noch die Büsche auf dem Rasen unterscheiden, und es schien mir so für einen Augenblick, als sähe ich etwas sich zwischen ihnen bewegen. Ich könnte nicht einmal sagen, ob Tier oder Mensch, aber es war so, als ob da etwas gegangen wäre. Als ich ihn fragte, nach was er schaue, sagte er mir dasselbe. Mehr weiß ich nicht.«

»Forschten Sie nicht draußen nach?«

»Nein; die Sache schien nicht wichtig.«

»Sie verließen Ihre Geschwister dann ohne Ahnung von einem kommenden Unheil?«

»Ohne jede Ahnung.«

»Ich sehe nicht ganz klar, wieso Sie heute früh so bald Nachricht von allem bekamen.«

»Ich bin ein Frühaufsteher, und für gewöhnlich mache ich vor dem Frühstück einen Spaziergang. Heute früh war ich kaum unterwegs, als der Wagen des Arztes mich einholte. Er sagte mir, Frau Porter hätte einen Jungen zu ihm geschickt, er solle sofort kommen. Da sprang ich zu ihm in den Wagen, und wir fuhren los. Angekommen gingen wir gleich zuerst in das schreckliche Zimmer. Das Kaminfeuer und die Kerzen müssen vor Stunden schon niedergebrannt gewesen sein, und die Geschwister sind so im Dunkeln gesessen, bis der Tag graute. Der Arzt sagte, Brenda müsse wenigstens seit sechs Stunden tot sein. Man sah an ihr keine Spuren von äußerer Gewalt. Sie lag einfach zurückgelehnt im Sessel, mit jenem entsetzten Ausdruck auf ihrem Gesicht. Georg und Owen sangen Bruchstücke von Liedern und schnatterten wie zwei große Affen. O, es war schrecklich anzusehen! Ich konnte es kaum ertragen, und der Arzt war weiß wie ein Leintuch. Ja, er fiel halb ohnmächtig in einen Sessel, und wir hätten beinahe auch noch für ihn zu sorgen gehabt.«

»Merkwürdig – höchst merkwürdig!« sagte Holmes, indem er sich erhob und nach seinem Hut griff. »Ich denke, wir gehen jetzt ohne Verzug nach Tredannick Wartha. Ich gestehe, daß mir noch selten ein auf den ersten Blick eigenartigerer Fall vorgekommen ist.«

Unsere Nachforschungen an diesem ersten Morgen trugen wenig zur Aufklärung bei. Doch hatten wir unterwegs eine Begegnung, welche den düstersten Eindruck auf unser Gemüt hinterließ. Um zu dem Schauplatz des schrecklichen Ereignisses zu gelangen, mußten wir einen schmalen Feldweg einschlagen. Unterwegs hörten wir das Geräusch eines uns entgegenkommenden Wagens und traten zur Seite, um ihn vorüberfahren zu lassen. Als er nahe bei uns war, sah ich durch das geschlossene Fenster ein gräßlich verzerrtes, grinsendes Gesicht nach uns blicken. Wie eine grauenvolle Vision zogen diese aufgerissenen Augen und knirschenden Zähne an uns vorüber.

»Meine Brüder!« schrie Mortimer Tregennis mit schneeweißen Lippen. »Sie bringen sie fort nach Helston.«

Mit Entsetzen sahen wir dem schwarzen Wagen nach, der sich schwerfällig rumpelnd von uns entfernte. Dann wandten wir unsere Schritte wieder dem Schreckensorte zu, an welchem sie ihr merkwürdiges Schicksal ereilt hatte.

Es war ein großes, heiteres Gebäude, mehr Villa als Landhaus, von weiten Gartenanlagen umgeben, die, selbst in dieser cornischen Luft, bereits im Schmuck der Frühlingsblumen prangten. Auf diesen Garten hinaus ging das Fenster des Eßzimmers, und nach Mortimer Tregennis‘ Darstellung mußte von daher das Gräßliche gekommen sein, das in wenigen Augenblicken ihren Verstand verwirrt hatte. Holmes schritt langsam und nachdenklich zwischen den Blumenbeeten den Gartenweg entlang, ehe er das Haus betrat. So tief war er, wie ich mich erinnere, in seine Gedanken versunken, daß er über eine Gießkanne stolperte, deren Inhalt sich über unsere Füße und den Gartenweg ergoß. Im Hause trafen wir die ältliche Haushälterin, Frau Porter, welche mit Hilfe eines jungen Mädchens für alle Bedürfnisse der Familie gesorgt hatte. Bereitwillig beantwortete sie alle Fragen, die Holmes an sie richtete. Sie hatte nichts gehört in der Nacht. Ihre Herrschaft befand sich sehr wohl in der letzten Zeit, und sie erinnerte sich nicht, sie je heiterer und glücklicher gesehen zu haben. Sie war vor Entsetzen ohnmächtig geworden, als sie morgens den Raum betrat und die grauenvolle Gesellschaft um den Tisch versammelt sah. Als sie wieder zu sich gekommen war, hatte sie das Fenster aufgerissen, um die frische Morgenluft hereinzulassen und war dann zu dem Feldweg hinuntergelaufen, wo sie einen Bauernjungen fand, den sie zum Arzt schickte. Die Dame liege auf ihrem Bett, eine Treppe höher, falls wir sie sehen wollten. Vier starke Männer seien nötig gewesen, um die Brüder in den Krankenwagen zu schaffen. Sie würde keinen Tag länger in diesem Haus bleiben; heute nachmittag fahre sie zu ihren Verwandten nach St. Ives.

Wir stiegen die Treppe hinauf, um die Tote zu sehen. Fräulein Brenda Tregennis war ein sehr schönes, wenngleich nicht mehr ganz junges Mädchen gewesen. Ihr von dunklen Haaren umrahmtes, feingeschnittenes Gesicht war selbst im Tode schön; doch lag immer noch ein Ausdruck des Grauens auf ihm, das ihre letzte bewußte Empfindung gewesen war. Von ihrem Schlafzimmer begaben wir uns wieder hinunter ins Wohnzimmer, wo sich diese merkwürdige Tragödie abgespielt hatte. Verkohltes Holz und Asche lagen vom gestrigen Feuer her im Kamin. Auf dem Tisch lagen noch verstreut die Spielkarten, und dazwischen standen vier vollständig herabgebrannte Kerzen. Die Stühle waren an die Wand gestellt worden, aber sonst war alles wie am Abend zuvor. Holmes ging mit leichten, raschen Schritten durch den Raum; er saß auf den verschiedenen Stühlen, nachdem er sie an den Tisch gezogen und ihre Stellung vom vergangenen Abend wiederhergestellt hatte. Er prüfte, wieviel vom Garten sichtbar war; er untersuchte den Fußboden, die Decke und den Kamin; doch nicht ein einziges Mal sah ich das plötzliche Aufleuchten seiner Augen und Zusammenpressen seiner Lippen, welches mir gesagt hätte, daß ein schwacher Lichtstrahl das undurchdringliche Dunkel erhelle.

»Wozu ein Feuer?« fragte er plötzlich. »Hatten Sie an solch milden Frühlingsabenden in diesem kleinen Zimmer immer ein Feuer?«

Mortimer Tregennis erklärte, der Abend sei kalt and feucht gewesen. So sei nach seiner Ankunft ein Feuer angemacht worden. »Was wollen Sie nun zunächst tun, Herr Holmes?« fragte er.

Mein Freund lachte und legte seine Hand auf meinen Arm. »Ich denke, Watson, ich muß wieder ein wenig an meiner langsamen Nikotinvergiftung arbeiten, die du so oft und so mit Recht verurteilst«, sagte er. »Wenn Sie gestatten, meine Herren, so möchte ich jetzt nach Hause gehen, denn ich glaube kaum, daß wir hier noch irgend etwas Wichtiges erfahren können. Ich will mir alles überlegen, Herr Tregennis, und wenn mir irgend etwas einfallen sollte, so werde ich mich selbstverständlich mit Ihnen und dem Herrn Pfarrer in Verbindung setzen. Inzwischen wünsche ich Ihnen beiden guten Morgen.« –

Erst lange, nachdem wir in unser Landhaus in Poldhu zurückgekehrt waren, brach Holmes sein nachdenkliches, tiefes Schweigen. Er saß tief in seinen Lehnstuhl geschmiegt; sein hageres, scharf geschnittenes Gesicht war kaum sichtbar zwischen den blauen Rauchwolken seiner Pfeife; seine schwarzen Augenbrauen waren zusammengezogen, seine Stirn gerunzelt, sein Blick leer und in die Ferne gerichtet. Endlich legte er die Pfeife weg und sprang auf die Füße.

»Es hilft nichts, Watson!« sagte er lachend. »Wir wollen miteinander einen Spaziergang entlang den Klippen machen und steinerne Pfeilspitzen suchen. Wahrscheinlich finden wir sie leichter als eine Lösung zu diesem Rätsel. Seeluft, Sonnenschein und Geduld, – alles übrige wird von selbst kommen. Ein Hirn angestrengt nachdenken zu lassen ohne genügenden Stoff dazu, das ist etwa so, wie wenn man eine Dampfmaschine mit Volldampf leer laufen läßt; sie läuft sich aus allen Fugen und geht in die Brüche.«

»Wir wollen die Lage genau festhalten, Watson«, fuhr er fort, als wir an den Klippen entlang schlenderten. »Wir wollen das Wenige, das wir positiv wissen, festnageln, so daß, wenn neue Tatsachen uns bekannt werden, wir sie an ihrem gebührenden Platz einschieben können. Vornweg nehme ich an, daß keiner von uns geneigt ist, an teuflische, unirdische Einwirkungen auf die Geschicke von Menschen zu glauben. Das wollen wir gleich ganz und gar ausschalten. Gut! Da bleiben dann drei Personen, die durch bewußte oder unbewußte menschliche Handlungen aufs schwerste beeinträchtigt wurden. Das ist unser fester Grund. Und wann geschah das? Wenn uns genau berichtet wurde, so geschah es unmittelbar, nachdem Tregennis das Haus verlassen hatte. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Meine Annahme ist, daß es innerhalb weniger Minuten nach Tregennis‘ Weggehen geschehen ist. Die Karten lagen noch auf dem Tisch. Es war bereits nach ihrer gewöhnlichen Bettzeit. Dennoch hatten sie ihre Stellung nicht verändert, keines hatte seinen Stuhl zurückgeschoben. Ich wiederhole daher, daß das Ereignis unmittelbar nach seinem Weggehen eintrat, und nicht später als elf Uhr letzte Nacht.

Unsere nächste Aufgabe war es nun, soweit als möglich festzustellen, was Mortimer Tregennis tat, nachdem er das Zimmer verlassen. Das machte keine Schwierigkeiten, und keinerlei Verdacht fällt auf ihn. Da du meine Methoden kennst, so hast du natürlich sofort durchschaut, zu welchem Zweck ich die Gießkanne umgestürzt habe. Ich bekam so einen genauen Fußabdruck; der nasse sandige Gartenweg hielt ihn ausgezeichnet fest. Letzte Nacht war es gleichfalls feucht, wie du dich erinnern wirst, und nachdem ich mir also einen Musterabdruck verschafft hatte, konnte ich Mortimers Spuren zwischen denen anderer Füße genau verfolgen. Er scheint raschen Ganges zum Pfarrhause geeilt zu sein.

Wenn also Mortimer Tregennis von der Szene verschwunden ist und doch ein Mensch die Kartenspieler irgendwie beeinflußt haben muß – wer war dieser Mensch, und mit welchen Mitteln konnte er die Wirkung hervorbringen, die wir gesehen haben? Frau Porter scheidet aus. Sie ist offenbar ganz harmlos und unverdächtig. Liegt irgendein Anzeichen dafür vor, daß jemand an das Gartenfenster geschlichen ist und von dort aus ›etwas‹ tat, das so schrecklich ist, daß alle, die es sahen, vor Entsetzen um den Verstand kamen? Die einzige Andeutung einer solchen Möglichkeit liegt in der Bemerkung Mortimers, wonach sein Bruder etwas zwischen den Rasenbüschen sich bewegen sah. Das ist sicher beachtenswert, da die Nacht bewölkt, regnerisch und dunkel war. Ein jeder, der die Absicht hatte, die Menschen in dem Zimmer zu schrecken, hätte müssen sein Gesicht an die Glasscheibe drücken, um gesehen zu werden. Ein drei Fuß breites Blumenbeet läuft unter dem Fenster hin, aber es zeigt keine Fußspur. Es ist daher schwierig, sich vorzustellen, wie einer von draußen sollte auf die Kartenspieler eine so fürchterliche Wirkung ausgeübt haben. Auch fehlt uns noch jedes Motiv für eine so sonderbare Tat. Du siehst also, Watson, wo die Schwierigkeiten liegen?«

»Sie sind nur zu offenkundig«, antwortete ich mit Überzeugung.

»Und dennoch, wenn wir noch einiges weitere Material entdecken, dürften wir in der Lage sein, ihrer Herr zu werden«, meinte Holmes nachdenklich. »In deinem großen Sherlock-Holmes-Archiv hast du sicher einige Fälle, die zu Beginn genau so hoffnungslos in Dunkel gehüllt waren, wie dieser. Vorläufig aber wollen wir uns die ganze Sache aus dem Kopfe schlagen, bis neue Tatsachen zutage getreten sind, und den Rest unseres Vormittages dem neolithischen Menschen widmen.«

Schon früher habe ich hervorgehoben, wie sehr Holmes‘ Gedankengänge abbrechen, sich geistig loslösen konnte, aber niemals habe ich diese Fähigkeit an ihm mehr bewundert als an jenem Frühlingstage in Cornwallis, wo er zwei Stunden lang so unbefangen und heiter über Kelten, Pfeilspitzen und Gefäßscherben sprach, als ob kein düsteres Geheimnis auf seine Erklärung warte.

Als wir dann am Nachmittage zu unserem Häuschen zurückkehrten, fanden wir dort einen Besucher auf uns warten, der unsere Gedanken sehr schnell auf die vor uns liegende Aufgabe zurückführte. Keinem von uns brauchte gesagt zu werden, wer der Besucher war. Der mächtige Körper, das tief gefurchte wetterharte Gesicht mit den blitzenden Augen und der Adlernase, das graue Haar, das beinahe die Decke unseres Zimmers berührte, der Bart – goldgelb an den Enden und weiß um die Lippen herum, abgesehen von den braunen Tabakflecken des ewigen Zigarrenrauchers – das alles war in London ebenso gut wie in Afrika bekannt als die charakteristischen Äußerlichkeiten des Dr. Leon Sterndale, des großen Löwenjägers und Forschungsreisenden.

Wir hatten von seiner Anwesenheit in unserer Gegend gehört und einige Male schon war uns seine große Gestalt auf den einsamen Moorpfaden zu Gesicht gekommen. Er machte jedoch keinerlei Versuche einer Annäherung, und wir taten es ebensowenig, denn es war allgemein bekannt, daß er aus Hang zur Einsamkeit den größten Teil der Zwischenzeit zwischen seinen einzelnen Expeditionen in einem kleinen Bungalow verbrachte, vergraben in dem einsamen Wald von Beauchamp Arnance. Dort, zwischen seinen Büchern und seinen Karten, führte er ein vollständig einsames Leben; er besorgte alles selbst ohne einen Dienstboten und kümmerte sich nicht um das, was in der Nachbarschaft vorging. Ich war daher sehr überrascht, als er meinen Freund fragte, ob er in der Aufklärung der rätselhaften schrecklichen Vorgänge von Tredannick Wartha schon Fortschritte gemacht hätte. »Die Distriktspolizei ist völlig wertlos«, sagte er, »aber vielleicht haben Sie mit Ihrer größeren Erfahrung bereits eine brauchbare Erklärung gefunden? Mein einziger geringer Anspruch auf Ihr Vertrauen in dieser Angelegenheit gründet sich darauf, daß ich bei meinen wiederholten Ferienaufenthalten in hiesiger Gegend die Familie Tregennis sehr gut kennen gelernt habe – ja, von seiten meiner Cornishen Mutter sind wir vervettert – und ihr grauenhaftes Schicksal hat mich natürlich etwas erschüttert. Ich will Ihnen gestehen, daß ich bereits in Plymouth auf meinem Rückweg nach Afrika war, aber heute früh bekam ich Nachricht von den rätselhaften Ereignissen und ich kam stracks hierher zurück, um wenn möglich zu helfen.«

Holmes zog die Augenbrauen hoch.

»Haben Sie dadurch Ihr Schiff versäumt?«

»Ich werde eben das nächste nehmen.«

»Donnerwetter! Das nenne ich Freundschaft.«

»Ich sage Ihnen ja, wir waren verwandt miteinander – Vettern.«

»Ja, ja, Sie waren Vettern von mütterlicher Seite. War Ihr Gepäck schon an Bord?«

»Der kleinere Teil nur; in der Hauptsache liegt es noch im Hotel.«

»Ich verstehe. Aber sicherlich hat die Tregennis-Tragödie ihren Weg noch nicht in die Morgenblätter von Plymouth gefunden?«

»Nein, Herr Holmes; ich bekam ein Telegramm.«

»Darf ich fragen: von wem?«

Ein Schatten flog über das hagere Gesicht des Forschers.

»Sie fragen ja wie bei einem Verhör, Herr Holmes.«

»Das verlangt mein Geschäft.«

Mit einer gewissen Anstrengung gewann Dr. Sterndale seine frühere Haltung wieder.

»Ich habe keinen Grund, Ihnen die Antwort zu verweigern«, sagte er. »Herr Roundhay, der Pfarrer, hat mir das Telegramm geschickt, das mich zurückrief.«

»Danke sehr«, sagte Holmes. »In Beantwortung Ihrer ersten Frage muß ich Ihnen sagen, daß ich die Zusammenhänge in dem vorliegenden Falle noch nicht recht überschaue, daß ich aber begründete Hoffnung habe, das Rätsel in kurzer Zeit völlig zu lösen. Mehr zu sagen, wäre für den Augenblick voreilig.«

»Vielleicht stehen Sie nicht an, mir zu verraten, ob Ihr Verdacht in irgendeine bestimmte Richtung weist?«

»Nein, darauf kann ich Ihnen leider keine Antwort geben.«

»Dann habe ich meine Zeit unnötig vertan und brauche meinen Besuch nicht länger auszudehnen.« Der berühmte Afrikakenner verließ unser Häuschen in großem Unmut, und innerhalb fünf Minuten verließ auch Holmes das Haus. Ich sah ihn nicht mehr bis zum Abend, wo er schleppenden Ganges und mit einem entmutigten Gesicht zurückkehrte, so daß ich sogleich wußte, er hätte in seinen Nachforschungen keinen weiteren Fortschritt erzielt. Er las ein Telegramm, das inzwischen für ihn angekommen war, und warf es dann ins Kaminfeuer.

»Von seinem Hotel in Plymouth, Watson«, sagte er. »Ich erfuhr den Namen vom Pfarrer und drahtete sofort, um mich zu vergewissern, ob Sterndales Angaben zuträfen. Er hat tatsächlich die letzte Nacht dort zugebracht und ein Teil seines Gepäcks ist mit dem Dampfer nach Afrika abgegangen, während er hierher zu uns zurückgekehrt ist. Das alles ist sonderbar. Was machst du dir für einen Vers darauf?«

»Er nimmt ein außergewöhnliches Interesse an dem Fall.«

»Außergewöhnliches Interesse – allerdings, mein Lieber! Hier liegt irgendwo ein Faden verborgen, der uns bisher entgangen ist und mit dessen Hilfe wir sicher durch das ganze Wirrsal hindurchkämen. Mach‘ ein vergnügtes Gesicht, Watson, denn ich bin ganz sicher, daß wir dicht vor einer wichtigen Entdeckung stehen und bald alle Schwierigkeiten überwunden haben werden.«

Daß diese Worte Holmes‘ sich so rasch bewahrheiten würden, hatte ich nicht gedacht, noch daß die Wendung der Dinge, die uns in eine ganz neue Bahn wies, uns mit solch fremdartigen und düsteren Geschehnissen bekannt machen würde. Ich stand am Morgen am Fenster und rasierte mich, als ich einen raschen Hufschlag vernahm und draußen ein leichtes Wägelchen gewahrte, das im Galopp auf der Straße daherkam. Es hielt an unserer Tür, und unser Freund, der Pfarrer, sprang heraus und eilte über unseren Gartenpfad. Holmes war bereits angezogen; er lief hinunter, um ihn zu begrüßen.

Der Geistliche war so erregt, daß er kaum sprechen konnte, aber schließlich brachte er mit überstürzten Worten und Wiederholungen seinen traurigen Bericht heraus.

»Bei uns geht der Teufel um, Herr Holmes! In meiner armen Gemeinde geht der Teufel um!« rief er wild. »Der leibhaftige Satan ist hier am Werke! Wir sind seinen Händen überantwortet.« Er tanzte vor Aufregung umher – es wäre zum Lachen gewesen, ohne sein entsetztes, aschgraues Gesicht und seine angstvollen Augen. Am Ende fuhr er auch mit der schrecklichen Hauptsache heraus.

»Herr Mortimer Tregennis ist letzte Nacht gestorben, und zwar mit genau denselben Symptomen wie vorgestern seine Geschwister.«

Holmes sprang auf die Füße; in einem Augenblick war er ganz und gar Kraft und Energie.

»Können Sie uns beide noch in Ihr Wägelchen klemmen?«

»Ja, das wird schon gehen.«

»Dann, Watson, wollen wir unser Frühstück verschieben. Herr Pfarrer, wir stehen ganz zu Ihrer Verfügung, aber um Gottes Willen eilen Sie, ehe die Spuren, die ich vermute, verwischt sein könnten.«

Herr Tregennis hatte zwei Zimmer im Pfarrhause inne, die in einer Ecke lagen, das eine über dem anderen. Unten war ein großes Wohnzimmer; oben das Schlafzimmer. Beide lagen sie gegen einen Krokettspielplatz, der sich bis dicht unter die Fenster hinzog. Wir waren angekommen, ehe noch der Arzt und die Polizei eingetroffen waren, so daß wir alles gänzlich unverändert vorfanden. Ich muß hier die Szene beschreiben, genau so, wie wir sie an diesem nebligen Märzmorgen antrafen. Sie hat einen Eindruck bei mir hinterlassen, den ich niemals vergessen kann.

Die Luft in dem Zimmer war von einer schrecklichen und atemraubenden Dumpfheit. Die Pfarrmagd, die das Zimmer zuerst betreten hatte, hatte sogleich das Fenster aufgerissen, sonst wäre es noch unerträglicher gewesen. Zum Teil mochte es daher kommen, daß die Petroleumlampe flackernd und qualmend auf dem Tische stand. Neben ihm saß der tote Mann in seinem Stuhl zurückgelehnt, seine Brille auf die Stirn hinaufgeschoben und sein schmales Gesicht dem Fenster zugewandt mit eben den im Schreck erstarrten Zügen, die wir im Gesicht seiner toten Schwester bemerkt hatten. Seine Glieder waren verkrampft und seine Finger zusammengekrallt, als ob er in einem wahren Paroxysmus von Furcht gestorben wäre. Er war vollständig angezogen, obwohl einige Anzeichen verrieten, daß er sich hastig in die Kleider geworfen hatte. Von der Magd hatten wir schon gehört, daß er in seinem Bett geschlafen, und daß ihn sein tragisches Ende früh am Morgen ereilt hatte.

Man gewahrte unter Holmes‘ phlegmatischem Äußerem die rotglühende Energie, wenn man ein Auge für die plötzliche Veränderung hatte, die mit dem Augenblick über ihn kam, wo er das verhängnisvolle Zimmer betrat. Im Nu war er straff und lebhaft, seine Augen leuchteten, sein Gesicht war voll angespanntester Aufmerksamkeit, der ganze Mann bebte beinahe vor Eifer. Er war draußen auf dem Rasenplatz, kam herein durchs Fenster, lief überall im Zimmer herum, stieg hinauf ins Schlafzimmer – wie ein guter Jagdhund, wenn er eine Fährte aufnimmt. In dem Schlafzimmer sah er sich mit wenigen orientierenden Blicken um, schritt aufs Fenster zu und öffnete es, was ihm seine Fährte erneut bestätigt haben mußte, denn er lehnte sich weit über das Gesims hinaus und ließ Ausrufe der Befriedigung vernehmen. Dann eilte er die Treppe hinunter, stieg zum Fenster hinaus, warf sich mit dem Gesicht auf den Rasenplatz, erhob sich wieder und kam von neuem ins Zimmer, alles mit dem Jagdeifer eines Hundes, der seiner Beute dicht auf den Fersen ist. Die Lampe, eine gewöhnliche Fabrikware, untersuchte er mit besonderer Sorgfalt, wobei er verschiedenes ausmaß. Mit seiner Lupe betrachtete er den Deckel aus Talkschiefer, der oben auf dem Zylinder saß und schabte etwas ab, das sich auf der oberen Fläche befand; das feine Pulver verwahrte er sorgfältig in einem Briefumschlag, den er in sein Taschenbuch legte. Schließlich, gerade als der Arzt und die Polizei erschienen, nickte er dem Pfarrer zu, und wir drei gingen zusammen hinaus auf den Rasen.

»Es freut mich, daß meine Nachforschungen nicht ganz erfolglos gewesen sind«, sagte er dort. »Ich kann mich hier nicht länger aufhalten, um die Sache mit der Polizei zu besprechen, aber ich wäre Ihnen außerordentlich verbunden, Herr Pfarrer, wenn Sie dem Inspektor Grüße von mir bestellen wollten, mit dem Hinzufügen, er möchte seine volle Aufmerksamkeit dem Schlafzimmerfenster und der Lampe im Wohnzimmer widmen. Jedes enthüllt etwas für sich, und beide zusammen gestatten eine abschließende Erklärung. Sollte die Polizei weitere Angaben wünschen, so stehe ich ihr in unserem Häuschen bereitwilligst zur Verfügung. Und nun, Watson, glaube ich, daß wir anderswo auch noch etwas zu tun haben.«

Es ist möglich, daß die Polizei die Einmischung eines Privatdetektivs übel aufnahm, oder daß die ländliche Behörde sich einbildete, in hoffnungsvollster Weise »dem Täter auf der Spur« zu sein; jedenfalls hörten wir in den nächsten zwei Tagen nichts von ihr. Während dieser Zeit verbrachte Holmes einen Teil des Tages zu Hause mit Pfeifenrauchen und verträumtem Nachdenken; den größeren Teil seiner Zeit aber mit allerlei Gängen über Land, die er ohne Begleitung ausführte und von denen er nach Stunden erst zurückkehrte, ohne zu sagen, wo er gewesen war. Ein Experiment, das er anstellte, zeigte mir, nach welcher Richtung hin er seine Nachforschungen betrieb. Er hatte eine Lampe gekauft, genau dieselbe Marke, die wir auf dem Tisch Mortimers Tregennis‘ gefunden hatten. Er füllte sie mit Öl, das er aus dem Pfarrhause sich hatte geben lassen, und stellte genau die Zeit fest, die die Flamme brauchte, um das Öl zu verbrennen. Ein anderer Versuch, den er machte, war entschieden von weniger angenehmer Art und so, daß ich es wohl kaum je vergessen dürfte.

»Du wirst dich erinnern, Watson«, sagte er am zweiten Nachmittag, »daß unter den verschiedenen Angaben, die uns zugeflossen sind, sich zwei befinden, die beide gleich lauten: die Wirkung der Zimmerluft auf denjenigen, der den Raum zuerst betrat. Du entsinnst dich wohl, daß Mortimer Tregennis, als er uns beschrieb, wie er mit dem Arzt das verhängnisvolle Zimmer betrat, nebenbei bemerkte, dieser sei halb ohnmächtig in einen Sessel gesunken. Du hast das vergessen? Nun, ich weiß bestimmt, daß er diese Bemerkung gemacht hat. Vielleicht erinnerst du dich aber, daß auch Frau Porter, die Haushälterin, uns erzählte, sie sei beim Betreten des Zimmers erst ohnmächtig geworden und hätte das Fenster nachher aufgemacht. In dem anderen Fall – bei dem Mortimer selbst seinen Tod fand – kannst du unmöglich die dumpfige, schreckliche Luft vergessen haben, die sich uns auf die Brust legte, sobald wir über die Schwelle traten, obwohl die Pfarrmagd das Fenster bereits geöffnet hatte. Dem Mädchen wurde, wie ich festgestellt habe, so schlecht, daß sie sich zu Bett legen mußte. Diese Gleichartigkeit, mein lieber Watson, wird auch dir in die Augen springen. In beiden Fällen war offenbar die Luft vergiftet. Ebenso fand in beiden Fällen in dem Zimmer eine Verbrennung statt – in dem einen Fall das Kaminfeuer, in dem anderen die Lampe. Das Feuer war wohl notwendig, es war ein kühler Abend; aber wie der geringe Verbrauch des Öls beweist, war die Lampe früh am Morgen, erst nachdem es bereits Tag war, angezündet worden. Warum? Sicher deshalb, weil hier eine Verbindung besteht zwischen den drei Dingen: Der Verbrennung, der giftigen Atmosphäre und schließlich dem Irrsinn oder dem Tod dieser unglücklichen Menschen. Das ist doch klar, nicht wahr?«

»So scheint es.«

»Wenigstens können wir einmal daraufhin weiterbauen. Nehmen wir an, daß in jedem der beiden Fälle etwas verbrannt wurde, was die Vergiftung der Luft verursachte. Gut so! Im ersten Fall – bei den drei Geschwistern Tregennis – wurde dieses ›Etwas‹ im Kamin verbrannt. Zwar war das Fenster geschlossen, aber naturgemäß mußte ein Teil der giftigen Dämpfe durch den Schornstein abziehen. Folglich konnte die Wirkung des Giftes hier nicht so stark sein wie in dem zweiten Fall, wo der Giftdampf keinen Ausweg hatte. Die vorgefundenen Tatsachen scheinen mir zu bestätigen, daß diese Überlegung richtig ist, denn in dem ersten Fall wurde nur die Schwester Brenda getötet, als der schwächere und für das Gift empfänglichere Organismus, während die beiden Männer nur von einem vorübergehenden oder dauernden Wahnsinn befallen wurden, der sich offenbar als erste Wirkung der Giftdämpfe einstellt. In dem zweiten Fall war die Wirkung vollständig; der stärkere, männliche Organismus Mortimers erlag der zerstörenden Giftwirkung. Alles deutet daher darauf hin, daß es sich um ein Gift handelt, das durch Verbrennung zur Anwendung gebracht wurde.

Mit diesen Schlußfolgerungen im Kopfe habe ich natürlich in Mortimers Zimmer nach irgendwelchen Überbleibseln der giftigen Substanz gesucht. Der gegebene Platz hierfür war der Deckel aus Talkschiefer, der sogenannte Rauchfänger auf dem Zylinder. Und wahrhaftig, ich entdeckte einige Aschenflocken auf der oberen Seite und am Rande herum, wo die Erhitzung weniger stark war, einen feinen Kranz eines bräunlichen Pulvers, das nicht verbrannt worden war. Davon habe ich die Hälfte abgeschabt und, wie du gesehen haben wirst, in einem Briefumschlag verwahrt.«

»Warum die Hälfte?«

»Es ist nicht meine Aufgabe, Watson, der Polizeibehörde im Weg zu stehen. Ich habe ihr alle Beweismittel gelassen, die ich selbst gefunden habe. Auf dem Schieferplättchen kann die Hochwohllöbliche das Giftpulver finden, wenn sie Verstand genug hat, dort danach zu suchen. Aber jetzt wollen wir unsere Lampe anstecken; wir wollen aber vorsichtigerweise das Fenster öffnen, um das vorzeitige Ende zweier so verdienter Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu verhüten, und du wirst dich am offenen Fenster in den Sessel setzen, es sei denn, daß du als vernünftiger Mann beschließt, mich den Versuch allein machen zu lassen. Oh, du möchtest es selber auch probieren, ja? Ich dachte doch, ich kenne meinen Watson! Ich werde mit meinem Stuhl dir gegenüber rücken, so daß wir beide vom Ausgangspunkt der Giftdämpfe gleich weit entfernt sind und uns gegenseitig ins Gesicht sehen können. Die Türe lehnen wir nur an, so kann jeder den anderen beobachten und den Versuch abbrechen, sobald er seine längere Fortdauer für bedenklich hält. Ist alles klar? Gut also, ich nehme unser Pulver aus dem Briefumschlag und schütte es oben auf den Rauchfänger der brennenden Lampe. So! Nun Watson, jeder auf seinen Platz! Ich bin gespannt, was wir erleben werden.«

Das »Erlebnis« ließ nicht lange auf sich warten. Ich hatte mich noch kaum bequem in meinem Sessel zurecht gesetzt, als ich einen schweren, etwas moschusartigen Geruch bemerkte, der mir übel machte. Nach den ersten Atemzügen schon fing es in meinem Kopfe an zu wirbeln. Eine dicke, schwarze Wolke ballte sich vor meinen Augen zusammen, und ich fühlte, daß in dieser Wolke, die mich unheimlich bedrückte, alle Schrecken und unfaßbaren Bosheiten und alles Grauen der ganzen Welt konzentriert verborgen waren. Verschwommene Figuren schwebten und drehten sich in der dunklen Wolke, jede eine Drohung und eine Warnung, daß etwas Fürchterliches sich nahe, um mir die Seele vor Angst erstarren zu machen. Ein eisiges Grauen ergriff mich. Ich fühlte, wie meine Haare sich aufrichteten, daß meine Augen mir aus dem Kopfe drangen; ich atmete mit weit offenem Mund und meine Zunge fühlte ich wie ein Stück Leder. In meinem Kopf wirbelte es derartig wild, daß irgend etwas reißen mußte. Ich versuchte zu schreien und vernahm wie aus weiter Ferne einen heiseren dumpfen Laut – meine eigene Stimme. Im selben Augenblick, durch den Schrei etwas befreit von dem unheimlichen Druck hoffnungsloser Verzweiflung, sah ich für eine Sekunde das Gesicht meines Freundes: fast weiß, erstarrt, verzerrt vor Angst – es war ein Gesicht, wie wir es an den beiden Toten gesehen hatten.

Dieser Anblick befeuerte für einen Augenblick meinen fast geschwundenen Selbsterhaltungstrieb und gab mir Kraft. Ich sprang vom Stuhle hoch, warf meine Arme um meinen Freund, und so wankten wir zusammen zur Türe hinaus. Einen Augenblick später lagen wir draußen Seite an Seite auf dem Rasen und sahen nichts als den wundervollen Sonnenschein, der durch die höllische Wolke des Grauens drang, die uns eingehüllt hatte. Langsam erhob sie sich von unseren Seelen, wie der Nebel von einer Landschaft, bis Ruhe und Vernunft wiederkehrten und wir aufrecht auf dem Gras saßen, uns die benommenen Köpfe rieben und einer das Gesicht des anderen aufmerksam beobachtete, um die letzten Spuren des schrecklichen Versuches schwinden zu sehen, dem wir uns soeben unterzogen hatten.

»Auf mein Wort, Watson!« sagte Holmes schließlich mit unsicherer Stimme. »Ich bin dir Dank schuldig und überdies eine Entschuldigung. Das war ein unverantwortliches Experiment schon für mich selbst, und doppelt so, wenn ich an dich denke. Es tut mir wirklich aufrichtig leid.«

»Du weißt«, antwortete ich mit einiger Bewegung, denn Holmes hatte mir bis zu diesem Tage noch nie so viel von seinem Herzen gezeigt, »daß es meine größte Freude und mein Vorrecht ist, dir helfen zu dürfen.«

Sofort verfiel er wieder in die halb humoristische, halb zynische Art, die ihm seiner Umgebung gegenüber eigentümlich war. »Es wäre ganz überflüssig gewesen, uns mit dem Versuch vollends um den Verstand zu bringen, mein lieber Watson«, sprach er. »Ein scharfer Beobachter würde feststellen, daß wir schon allen Verstand verloren hatten, als wir dieses wilde Experiment anfingen. Ich muß aber gestehen, daß ich sehr überrascht war, sowohl von der Schnelligkeit, wie von der Nachdrücklichkeit, mit der das Gift wirkte.« Er lief hastig in das Haus und kam mit der brennenden Lampe zurück, die er weit von sich hielt und über den rückwärtigen Zaun auf einen Haufen alten Gerümpels warf. »Wir müssen einige Zeit warten, bis das Zeug in dem Zimmer sich verzogen hat. Nicht wahr, Watson, dir ist nun auch der letzte Zweifel geschwunden, wie diese beiden Tragödien inszeniert worden sind?«

»Ich durchschaue jetzt alles.«

»Aber der Beweggrund bleibt noch so unaufgeklärt wie vorher. Komm‘ mit mir in die Laube, um diese Seite des Falles zu besprechen. Ah, das ekelhafte Gift sitzt mir noch immer im Hals! Ich glaube, wir können nicht umhin, zu erkennen, daß alles Bisherige auf Mortimer Tregennis hinweist, und daß er im Falle seiner drei Geschwister der Verbrecher war, obwohl er in dem zweiten Fall als das Opfer eines Dritten erscheint. Wir müssen uns vor allem erinnern, daß da in der Vergangenheit ein Familienzwist bestand, dem später eine Versöhnung nachfolgte. Wie tief eingewurzelt der Zwist gewesen sein mag, oder wie wenig tiefgehend die Versöhnung, können wir nicht wissen. Wenn ich mir aber diesen Mortimer vorstelle, mit seinem Fuchsgesicht und seinen lauernden Augen hinter den Brillengläsern, so kann ich mir nicht vorstellen, daß er ein Mann war, der besonders leicht und gründlich vergessen und verzeihen konnte. Ferner erinnere dich, daß die Behauptung, es hätte sich jemand im Garten zwischen den Büschen bewegt – worauf unsere Aufmerksamkeit eine Zeitlang hin- und von der wahren Ursache der Tragödie abgezogen wurde – von diesem Mortimer herstammt. Er hatte ein Interesse daran, uns irre zu führen. Schließlich, wenn nicht er das Pulver in dem Augenblick, wo er das Zimmer verließ, in den Kamin warf – wer soll es sonst getan haben? Die bekannte Wirkung muß unmittelbar nach seinem Weggang eingetreten sein. Wäre irgend jemand vorher hereingekommen, so würden die Geschwister sicher sich von ihren Plätzen erhoben haben. Außerdem sind wir hier in dem stillen ländlichen Cornwallis, wo man sich nach zehn Uhr abends keine Besuche mehr macht. Ich glaube, der Schluß ist berechtigt, daß Mortimer Tregennis der Schuldige ist.«

»Dann war sein Tod ein Selbstmord!«

»Auf den ersten Blick ist das eine durchaus nicht unwahrscheinliche Annahme; der Mann, der seine Seele mit solcher Schuld beladen hatte, konnte wohl beim Anblick seiner Opfer innerlich zusammengebrochen sein und von Reue gepeinigt dieselbe Todesart wählen. Aber verschiedene Gründe sprechen doch dagegen. Zum Glück lebt der Mann, der darüber genau unterrichtet ist, und ich habe bereits die nötigen Vorkehrungen getroffen, um heute nachmittag von seinen eigenen Lippen alles zu vernehmen, was bei uns noch unklar oder bloße Kombination ist. Ah, er kommt etwas vor der Zeit. Bitte, Herr Doktor Sterndale«, rief Holmes laut, »treten Sie zu uns hier in die Laube. Wir haben drinnen einen chemischen Versuch angestellt, dessen Nachwirkungen uns nicht gestatten, einen so ausgezeichneten Besuch ins Zimmer zu führen.«

Ich hatte die Gartenpforte gehen hören, und nun tauchte die mächtige Gestalt des großen Afrikareisenden auf dem Gartenpfad auf. Etwas erstaunt trat er zu uns in die Laube.

»Sie haben mich hergebeten, Herr Holmes. Ich bekam Ihr Briefchen vor einer Stunde und habe mich beeilt, obwohl ich wirklich nicht weiß, was mich veranlassen könnte, Ihrem Rufe ohne weiteres zu folgen.«

»Vielleicht werden wir uns darüber verständigt haben, ehe Sie wieder von uns scheiden«, sagte Holmes. »Jedenfalls bin ich Ihnen äußerst verbunden für Ihr Erscheinen. Entschuldigen Sie gütigst, daß ich sie so formlos hier im Freien empfange, aber mein Freund Watson und ich haben beinahe ein drittes Kapitel zu dem ›Cornischen Schrecken‹ geliefert, wie es die Zeitungen nennen, und die gesunde, frische Luft ist uns geradezu ein Lebensbedürfnis. Da die Dinge, die wir mit Ihnen besprechen wollen, Sie persönlich sehr nahe berühren, ist es vielleicht überdies ein Vorzug für Sie, daß wir unsere Unterredung an einem Orte stattfinden lassen, wo wir nicht belauscht werden können.«

Der Afrikaforscher nahm die Zigarre aus dem Munde und sah meinen Freund verblüfft an.

»Ich verstehe wahrhaftig nicht, mein Herr«, sagte er, »was für Dinge –, die mich, wie Sie sagen, persönlich sehr nahe berühren –, Sie mit mir zu besprechen hätten.«

»Ich meine den Mord an Mortimer Tregennis«, sagte Holmes kalt.

Im nächsten Augenblick wünschte ich zuerst, wir wären bewaffnet. Sterndales hartes Gesicht wurde dunkelrot, seine Augen funkelten, und die Adern traten dick an seiner Stirn hervor, als er mit geballten Fäusten auf meinen Freund zusprang. Dann hielt er inne, und mit sichtbar äußerster Anstrengung nahm er eine ruhige, eisige Haltung an, die vielleicht mehr Gefahr für uns verhieß als der hitzige Ausbruch, der vorausgegangen war.

»Ich habe so lange unter Wilden und jenseits aller Gesetze gelebt«, sagte er, »daß ich mir selbst Gesetz geworden bin. Sie werden gut tun, Herr Holmes, das nicht zu vergessen, denn ich möchte mich durchaus nicht an Ihnen vergreifen.«

»Ebenso auf meiner Seite, Herr Doktor«, erwiderte Holmes. »Das beweist am besten die Tatsache, daß ich trotz allem, was ich weiß, nach Ihnen geschickt habe, statt nach der Polizei.«

Sterndale setzte sich mit stockendem Atem. Vielleicht zum ersten Male in seinem abenteuerreichen Leben übermannte ihn der Schreck. In Holmes‘ bestimmter, fester Art lag so viel Autorität, daß sich keiner ihr entziehen konnte. Der große, starke Mann stotterte unverständliche Worte und machte vor Erregung mit den Händen abgerissene Bewegungen.

»Was wollen Sie von mir?« brachte er schließlich heraus. »Wenn das ein Bluff ist, Herr Holmes, dann haben Sie sich bei mir verkalkuliert. Klopfen Sie gefälligst nicht länger auf den Busch, sondern sagen Sie mir deutlich, was Sie eigentlich von mir wollen.«

»Das will ich tun«, erwiderte mein Freund, »und der Grund, weshalb ich es Ihnen sagen will, ist der, daß ich hoffe, Sie werden mir Offenheit mit Offenheit danken. Mein nächster Schritt wird ganz davon abhängen, was Sie zu Ihrer Verteidigung vorzubringen haben.«

»Zu meiner Verteidigung?«

»Jawohl, Herr Doktor!«

»Meine Verteidigung gegen was?«

»Gegen die Anklage, Mortimer Tregennis ermordet zu haben.«

Sterndale wischte sich die Stirn mit dem Taschentuch. »Auf mein Wort«, sagte er, »Sie gefallen mir. Verdanken Sie alle Ihre Erfolge dieser wundervollen Kunst des Bluffens?«

»Der Bluff«, sprach Holmes ernst, »ist auf Ihrer Seite, und nicht auf der meinigen. Zum Beweis will ich Ihnen einige von meinen Tatsachen enthüllen, auf denen ich mein logisches Gebäude errichtet habe. Ich will nicht viel aus Ihrer Rückkehr von Plymouth machen, wobei ein Teil Ihres Gepäcks Ihnen nach Afrika davonfuhr; nur soviel sei gesagt, daß erst dieser Reiseaufschub mich veranlaßte, in Ihnen einen der Faktoren zu erblicken, die ich vor allem in Betracht ziehen mußte, wenn ich diese Tragödie aufklären wollte.«

»Ich unterbrach die Reise, weil –«

»Ihre Gründe haben Sie mir schon früher gesagt. Sie sind nicht überzeugend und überdies unzulänglich. Lassen wir das! Sie kamen zu mir, um von mir zu hören, wen ich in Verdacht hätte. Ich verweigerte Ihnen die Antwort, Sie gingen dann zum Pfarrhaus, warteten dort in der Nähe einige Zeit und begaben sich, schließlich in Ihren Bungalow zurück.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich bin Ihnen nachgegangen.«

»Ich habe Sie aber nicht gesehen.«

»Damit müssen Sie rechnen, wenn ich Ihnen nachgehe. Sie verbrachten eine schlaflose Nacht und faßten eine bestimmte Absicht, die Sie am frühen Morgen sich anschickten, in die Tat umzusetzen. Beim Morgengrauen verließen Sie Ihren Bungalow und füllten sich die Taschen mit dem rötlichen Kies, von dem ein Haufen bei Ihrer Gartentür liegt.«

Doktor Sterndale richtete sich heftig auf und starrte Holmes entsetzt an.

»Dann durchmaßen Sie rasch die Meile, die Sie vom Pfarrhause trennte. Sie trugen, beiläufig gesagt, dieselben Tennisschuhe mit gerippter Sohle, die Sie auch jetzt anhaben. Beim Pfarrhaus gingen Sie hinten herum durch den Obstgarten, stiegen über die Hecke und kamen unter die Fenster Mortimer Tregennis‘. Es war schon heller Tag, aber alles im Hause schlief noch. Sie nahmen etwas Kies aus der Tasche und warfen ihn gegen Tregennis‘ Schlafzimmerfenster.«

Doktor Sterndale sprang auf.

»Ich glaube, Sie sind der Teufel selbst!« rief er aus.

Holmes quittierte das Kompliment mit einem Lächeln. »Sie mußten zwei-, oder dreimal eine Handvoll ans Fenster werfen, ehe Tregennis dort erschien. Sie sagten ihm, er solle herunter kommen. Eilig zog er sich an und kam ins Wohnzimmer. Sie stiegen durchs Fenster zu ihm herein. Es folgte eine kurze Unterredung, während welcher Sie im Zimmer auf und ab gingen. Dann stiegen Sie wieder zum Fenster hinaus, machten es von außen zu, steckten sich eine Zigarre an und warteten auf dem Rasen, was nun geschehen werde. Schließlich, als Tregennis tot war, gingen Sie auf demselben Weg nach Hause, den Sie gekommen waren. Und nun, Herr Doktor Sterndale, wie wollen Sie Ihre Tat rechtfertigen und was waren Ihre Beweggründe dafür? Wenn Sie Winkelzüge machen oder mir die Antwort verweigern, dann gebe ich Ihnen die Versicherung, daß der Fall Sterndale-Tregennis mich nicht weiter mehr beschäftigen und für immer mit meinem Material in andere Hände übergehen wird.«

Aschgrau war das Gesicht unseres Besuchers geworden, als er die Anklage vernahm. Jetzt saß er vornübergeneigt da, den Kopf in seine großen Hände gestützt. Wir schwiegen. Auf einmal richtete er sich auf, zog eine Photographie aus seiner Brusttasche und warf sie auf den rohen Holztisch der Laube.

»Wegen der da habe ich es getan«, sagte er.

Das Bild zeigte ein schönes weibliches Gesicht. Holmes beugte sich darüber.

»Brenda Tregennis!« rief er aus.

»Ja, Brenda Tregennis«, wiederholte der andere. »Seit Jahren liebe ich sie; seit Jahren lieben wir uns. Das ist das Geheimnis meiner Verborgenheit in Cornwallis, worüber die Leute schon so viel gestaunt und geredet haben. Auf die Weise konnte ich dem einzigen auf Erden, das ich liebte, nahe sein. Heiraten konnten wir uns nicht, denn ich habe eine Frau, die mich vor Jahren verlassen hat, von der ich mich aber wegen der beklagenswerten englischen Gesetze nicht scheiden lassen konnte. Jahrelang wartete Brenda. Jahrelang wartete ich. Auf ein ungewisses, spätes Glück warteten wir.«

Seine ganze Gestalt bebte unter Schluchzen, und er drückte sich die mächtigen Fäuste vor die Augen. Dann riß er sich zusammen und fuhr fort:

»Der Pfarrer wußte davon; wir hatten ihn ins Vertrauen gezogen. Er kann Ihnen sagen, daß sie auf Erden schon ein Engel war. Sie verstehen nun, weshalb er mir das Telegramm schickte und ich zurückkehrte. Was galt mir mein Gepäck, was war mir Afrika, als ich das Schicksal erfuhr, das über meinen Liebling gekommen war! Hier haben Sie die fehlenden Glieder in der Kette Ihrer Schlußfolgerungen, Herr Holmes.«

»Bitte weiter!« sagte mein Freund.

Doktor Sterndale zog aus seiner Tasche eine kleine Tüte und legte sie auf den Tisch. Radix pedis diaboli stand darauf; darunter war ein roter Totenkopf geklebt. Er reichte mir die Tüte. »Soviel ich weiß, sind Sie Arzt, Herr Doktor. Haben Sie schon von diesem Präparat gehört?«

»Wurzel des Teufelsfußes! Nein, davon habe ich nie gehört.«

»Auch vom besten Arzt kann man das kaum erwarten«, sprach er, »denn ich glaube, außer der einen Probe in einem Laboratorium in Buda ist nichts davon in Europa zu finden. Das Präparat hat seinen Weg sonst noch nicht zu uns herübergefunden, weder in die Pharmakopöe, noch in die Literatur über Toxikologie. Die Pflanzenwurzel ist wie ein Fuß geformt, halb von menschlicher Gestalt, halb wie ein Ziegenfuß; daher der Name, den ihm der erste wissenschaftliche Entdecker, ein Missionar, gegeben hat. In gewissen Gegenden Westafrikas wird der Extrakt aus der Wurzel von den Medizinmännern bei Gottesurteilen gebraucht; sie hüten die Teufelswurzel als ein großes Geheimnis. Die kleine Menge hier in der Tüte erlangte ich unter ganz besonderen Umständen bei den Ubanghi-Negern.« Er faltete die Tüte auf, während er sprach, und zeigte uns ein kleines Häufchen rotbraunen Pulvers, ähnlich wie seiner Schnupftabak.

»Bitte zur Sache, Herr Doktor«, mahnte Holmes etwas ungeduldig.

»Ich werde Ihnen alles sagen, wie es sich tatsächlich zugetragen hat, denn Sie wissen schon so viel, daß es durchaus in meinem Interesse liegt, Sie auch den Rest wissen zu lassen. Ich habe Ihnen schon gesagt, in welchen verwandtschaftlichen Beziehungen ich zu der Familie Tregennis stand. Um der Schwester Brenda willen verkehrte ich auch freundschaftlich mit den Brüdern. Früher hatte einmal ein Familienzwist bestanden, irgendeine Geldgeschichte, und Mortimer wurde dadurch den anderen entfremdet; die Verstimmung wurde aber späterhin beseitigt, und ich traf mit Mortimer ebenso wie mit den anderen zusammen. Er war ein schlauer, pfiffiger, im Geheimen Pläne schmiedender Mann, und ich sah Verschiedenes, was mir ihn verdächtig machte; es war aber nicht genügend, um darauf mit ihm zu brechen.

Eines Tages, es ist erst wenige Wochen her, kam er zu mir in meinen Bungalow, und ich zeigte ihm einige von meinen afrikanischen Kuriositäten, unter anderem auch dieses Giftpulver, und ich erzählte ihm von seinen merkwürdigen Eigenschaften, wie es diejenigen Gehirnzellen in Erregung bringt, in denen das Furchtgefühl seinen Sitz hat, und wie entweder Wahnsinn oder Tod das Schicksal des unglücklichen Negers ist, der von dem Medizinmann seines Stammes gezwungen wird, sich dem Gottesurteil zu unterwerfen. Auch sagte ich ihm, wie unbekannt das Gift in Europa ist, und daß die ganze europäische Wissenschaft es in keinem Falle praktischer Anwendung würde nachweisen können. Wie er mir das Gift wegnahm, weiß ich nicht, denn ich habe das Zimmer nicht verlassen, solange er dort war; er muß es mir aber damals genommen haben, während ich Glasschränke aufschloß und in Koffern herumsuchte und so weiter. Ich erinnere mich, wie er mit Fragen in mich drang in bezug auf die Menge und die Zeitdauer, die erforderlich seien, um die von mir geschilderte Wirkung zu erzielen. Damals ließ ich mir nichts davon träumen, daß er ganz persönliche Gründe und Absichten hatte, um mich derart auszufragen.

Ich dachte nicht mehr an die Sache, bis ich in Plymouth das Telegramm des Pfarrers Roundhay erhielt. Der Schurke Mortimer hatte damit gerechnet, daß ich bereits in See gegangen sei, ehe ich von der Tragödie unterrichtet sein konnte, und daß ich wohl für Jahre in Afrika so gut wie unerreichbar sein würde. Aber auf das Telegramm hin kam ich sofort zurück. Sobald ich die Einzelheiten erfuhr, war ich mir natürlich sofort darüber klar, daß mein Giftpulver angewandt worden war. Ich suchte Sie auf, Herr Holmes, in der Hoffnung, Sie hätten vielleicht irgendeine andere Erklärung gefunden, aber eine andere Ursache als den Teufelsfuß konnte es ja gar nicht geben! Ich war überzeugt, daß Mortimer Tregennis der Mörder sei; daß er aus Geldgier und vielleicht mit dem Gedanken, daß wenn alle seine Geschwister wahnsinnig würden, er der einzige Hüter und Verwalter ihres gemeinsamen Besitzes würde, das Giftpulver gegen sie angewandt hatte. Für mich stand es fest, daß Mortimer zwei seiner Brüder um ihren Verstand und seine Schwester um ihr junges Leben gebracht hatte, sie, die ich geliebt habe und die auch mich geliebt hat. Das war Mortimers Verbrechen; was sollte seine Strafe dafür sein?

Sollte ich die Behörden benachrichtigen und das Gesetz gegen ihn anrufen? Wo hatte ich Beweise? Ich wußte, daß alle Tatsachen wahr waren, aber würde es mir gelingen, eine Geschworenenbank von cornischen Landleuten durch solche ›afrikanischen Zaubergeschichten‹ zu überzeugen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich durfte aber einen Mißerfolg, das heißt einen Freispruch Mortimers nicht riskieren. Meine Seele schrie nach Rache. Ich habe Ihnen schon gesagt, Herr Holmes, daß ich einen großen Teil meines Lebens außerhalb und jenseits der Gesetze gelebt habe, und daß ich mir schließlich selber Gesetz wurde. Ich wurde mir jetzt Gesetz gegen den Mörder. Ich beschloß, daß dasselbe Schicksal, das er gegen seine Geschwister herbeigeführt hatte, zur Strafe von ihm geteilt werden sollte. Entweder das, oder, wenn es mißlang, – dann mußte ich ihn mit eigener Hand richten. In ganz England gibt es sicherlich in diesem Augenblick keinen Mann, der weniger Wert auf sein Leben legt, als ich, wie ich hier vor Ihnen stehe.

Nun habe ich Ihnen alles gesagt. Alles übrige haben Sie ja selbst schon herausgefunden. Es ist richtig, wie Sie sagen, daß ich nach einer schlaflosen Nacht früh morgens von meinem Bungalow aufbrach. Ich sah die Schwierigkeit voraus, ihn allein, ohne die übrigen Hausbewohner, zu wecken, und steckte mir von dem Kieshaufen, den Sie erwähnt haben, die Taschen voll, um damit an sein Fenster zu werfen. Er kam in das Wohnzimmer herunter und ließ mich durchs Fenster einsteigen. Ich schleuderte ihm meine Anklage ins Gesicht. Ich erklärte ihm, daß ich als Richter und Nachrichter vor ihm stehe. Der Wicht fiel ganz in sich zusammen und sank in einen Stuhl beim Anblick meines Revolvers. Ich glaube, er war vor Angst und Schrecken halb ohnmächtig. Ich zündete die Lampe an, schüttelte oben auf den Rauchfänger etwas von dem Pulver und wartete draußen vor dem Fenster, entschlossen, ihn niederzuschießen, falls er den Versuch machen würde, an die frische Luft zu gelangen. In weniger als fünf Minuten aber war er tot. Mein Gott! Wie er starb! Aber mein Herz war hart wie Stahl, denn er litt nichts, was mein unschuldiger Liebling nicht vor ihm gelitten hatte. Nun wissen Sie alles, Herr Holmes. Vielleicht würden Sie selbst in meiner Lage ebenso gehandelt haben. Sie haben mich jetzt in der Hand; Sie mögen tun oder lassen, was Sie für recht halten. Wie ich Ihnen schon gesagt habe, lebt kein Mensch auf Erden, dem der Tod weniger schrecklich sein kann als mir.«

Stillschweigend saß Holmes eine Weile da.

»Was haben Sie für Absichten oder Pläne?« fragte er schließlich.

»Ich wäre nach Zentralafrika gegangen, um mich dort zu vergraben. Meine Forschungsarbeit daselbst ist erst zur Hälfte durchgeführt.«

»Gut, dann gehen Sie und führen Sie auch die andere Hälfte durch«, sagte Holmes. »Ich wenigstens habe nicht die Absicht, Sie daran zu hindern.«

Doktor Sterndale erhob sich zu seiner vollen Größe, verbeugte sich gemessen und schritt wortlos von dannen. Holmes zündete seine Pfeife an und reichte mir seinen Tabaksbeutel.

»Die Verbrennung eines Giftkrautes, das weniger gefährlich ist, wird eine angenehme Abwechslung sein«, sagte er. »Ich glaube, auch du, Watson, bist der Ansicht, daß hier ein Fall vorliegt, den wir besser auf sich beruhen lassen. Unsere Nachforschungen haben wir unabhängig von anderen durchgeführt, und ebenso unabhängig soll jetzt auch unser weiteres Verhalten sein. Oder würdest du den unglücklichen Mann anzeigen?«

»Unter keinen Umständen«, antwortete ich sofort.

»Ich habe nie geliebt, Watson, aber wenn ich geliebt hätte und wenn die Frau, die ich liebte, solch ein Ende gefunden hätte, so würde ich wahrscheinlich ebenso gehandelt haben wie unser gesetzloser Löwenjäger es getan hat. Wer weiß!«

Wieder sah Holmes schweigend da; er hüllte sich in Rauchwolken.

»Ich will deinem Verstand nicht zu nahe treten«, sagte er endlich, »indem ich dir erkläre, was ganz offensichtlich ist. Einige Stückchen Kies auf dem Fenstersims wurden für mich zum Ausgangspunkt. Solcher Kies war sonst nirgends bei dem Pfarrhause oder überhaupt in der Nähe zu finden. Erst nachdem meine Aufmerksamkeit sich auf Doktor Sterndale und seinen Bungalow gerichtet hatte, erfuhr ich, wo der Kies herstammte. Die am hellen Tage brennende Lampe und die Überreste des Pulvers auf dem Rauchfänger bildeten weitere Glieder einer logischen Gedankenreihe. Und nun, mein lieber Watson, wollen wir den ›Cornischen Schrecken‹ ganz aus unserem Bewußtsein austilgen und mit einem reinen Gewissen erneut uns dem Studium der chaldäischen Sprachwurzeln hingeben, die sich gewiß in dem cornischen Zweig des großen keltischen Sprachstammes nachweisen lassen.«

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Ein Fall geschickter Täuschung

Ein Fall geschickter Täuschung

»Lieber Freund«, sagte Sherlock Holmes, als wir behaglich beisammen an seinem Kamin in der Bakerstraße saßen, »das Leben selbst bringt weit Merkwürdigeres hervor, als alles, was der menschliche Geist zu erfinden vermag. Könnten wir jetzt Hand in Hand aus diesem Fenster fliegen und, über der Riesenstadt schwebend, die Dächer abheben, um zu beobachten, was sich in den Häusern zuträgt, wir würden staunen über all die Pläne, die seltsamen Vorfälle, die Verkettung von Umständen, die sich durch Generationen hinzieht und zu den wunderbarsten Ergebnissen führt. Jegliche Dichtung mit ihren althergebrachten Formen, ihrem leicht vorauszusehenden Ausgang müßte uns schal und wertlos erscheinen.«

»Und doch bin ich hiervon nicht ganz überzeugt«, erwiderte ich. »Die Fälle, welche die Zeitungen bringen, sind meist trocken und alltäglich genug. In unseren Polizeiberichten ist der Realismus auf die Spitze getrieben, und doch ist der Eindruck, den sie machen – das läßt sich nicht leugnen – weder spannend noch künstlerisch.«

»Um eine realistische Wirkung zu erzielen«, bemerkte Holmes, »bedarf es einer gewissen Auswahl und Umsicht; hieran gebricht es den polizeilichen Berichten, die vielleicht auf die seichte Darstellung des Beamten mehr Wert legen, als auf die interessantesten Nebenumstände, in denen der ernstere Beobachter die Beweggründe zu erblicken versteht, welche die Tat herbeiführten. Glaube mir, nichts ist so außernatürlich wie das Alltägliche.«

Ich lächelte ungläubig. »Mich wundert nicht, daß du so denkst«, sagte ich, »weil du, als außerordentlicher Helfer und Berater aller Ratlosen in drei Weltteilen, nur mit Ungewöhnlichem und Seltsamem in Berührung kommst. Laß mich«, bat ich, die Zeitung vom Boden aufhebend, »meine Behauptung praktisch beweisen. Ich nehme die erste beste Notiz: ›Grausamkeit eines Gatten gegen seine Frau‹. Die Geschichte füllt eine halbe Druckspalte, und ich kann sie ungelesen erzählen. Unbedingt ist eine andere Frau im Spiel, im übrigen entwickelt sich die Geschichte wie folgt: Trunkenheit, rohe Behandlung, Gewalttat, Verwundung, Erscheinen der hilfreichen Schwester oder Wirtin. Der gewöhnlichste Schriftsteller könnte nichts Gewöhnlicheres erfinden.«

»Fehlgeschossen, dein Beispiel paßt auf deine Behauptung wie die Faust aufs Auge«, meinte Holmes das Blatt überfliegend. »Es handelt sich hier um die Ehescheidung der Dundas, und zufällig hatte ich einige Punkte dabei aufzuklären. Der Mann ist Antialkoholiker, ein Mensch, der geistigen Getränken entsagt, eine andere Frau ist nicht im Spiel; die Anklage lautet: Der Mann habe sich angewöhnt, stets die Mahlzeit damit zu beschließen, daß er sein falsches Gebiß herausnahm und es seiner Frau an den Kopf warf, ein Gebaren, das – du wirst mir das zugeben – nicht so leicht dem ersten besten Schriftsteller einfallen wird. Nimm eine Prise, Doktor, und gib zu, daß dein Beispiel nicht stichhaltig ist.«

Er hielt mir seine Dose hin; sie war aus altem Gold, und ein großer Amethyst schmückte den Deckel. Das Kleinod paßte wenig zu Holmes‘ sonstiger Umgebung und einfacher Lebensweise; ich konnte nicht umhin, eine Bemerkung darüber zu machen.

»Ja so«, sagte er, »ich vergaß, daß ich dich seit einigen Wochen nicht gesehen habe. Das verehrte mir der Fürst von O… als kleines Andenken für meine Bemühungen um die Papiere der Irene Adler.«

»Und dieser Ring?« fragte ich und blickte auf einen auffallend schönen Diamanten, der an seinem Finger glänzte.

»Den erhielt ich von einem Mitglied des holländischen Königshauses; doch die Sache, mit der ich vertraut war, ist so subtiler Art, daß ich sie nicht einmal dir anvertrauen kann, da du so freundlich gewesen bist, einige meiner kleinen Erlebnisse niederzuschreiben.«

»Ist wieder etwas im Werk?« fragte ich begierig.

»Wohl zehn bis zwölf verschiedene Fälle, doch ist keiner besonders interessant, wenn sie auch wichtig genug sind. Geringfügige Angelegenheiten bieten meist ein weites Feld für die Beobachtung und die rasche Ergründung von Ursache und Wirkung, welche einer Untersuchung den Hauptreiz verleiht. Große Verbrechen spielen sich meist einfach ab, denn je größer das Verbrechen, um so klarer ist der Regel nach der Beweggrund dazu. Unter meinen jetzigen Fällen ist, bis auf eine dunkle Geschichte, die mir von Marseille aus vorgelegt wurde, keiner erwähnenswert. Vielleicht aber bringen uns die nächsten Minuten das Gewünschte, denn, irre ich nicht, so kommt da drüben eine Klientin für mich.«

Holmes hatte sich von seinem Stuhl erhoben, er stand am Fenster und blickte auf die düstere, graue Straße hinab. Ich trat hinter ihn und sah auf der andern Seite der Straße eine große Frau mit einem schweren Pelz um den Hals und einer großen Feder auf der Krempe ihres Hutes, der ihr kokett auf einem Ohre saß. Sie blickte unruhig und unschlüssig zu unsern Fenstern herauf; sie schien zu schwanken, ob sie vor- oder rückwärts gehen sollte, und ihre Finger zupften nervös an den Handschuhknöpfen. Plötzlich eilte sie rasch über die Straße, und laut ertönte der schrille Klang der Hausglocke.

»Diese Symptome kenne ich«, sagte Holmes und warf seine Zigarre ins Feuer. »Unentschlossenheit an der Tür – weist stets auf eine Liebesgeschichte hin. Sie möchte sich Rat holen, doch schwankt sie noch, ob nicht die Angelegenheit zu zart für einen dritten ist. Aber selbst dabei läßt sich manches unterscheiden. Ist einer Frau von einem Manne schweres Unrecht geschehen, dann ist sie entschlossen, sie stürzt sich auf die Klingel, ja sie zerstört sie. Hier haben wir es mit einer Herzensangelegenheit zu tun, und die Dame ist sichtlich weniger aufgebracht, als ratlos und bekümmert. Ah, da kommt sie ja schon und kann unsere Zweifel lösen.«

Als Holmes noch sprach, klopfte es an der Tür; der kleine Diener trat ein, um Fräulein Mary Sutherland anzumelden, welche hinter seiner dünnen schwarzen Gestalt auftauchte. Sherlock Holmes begrüßte die Fremde mit der ihm eignen Gewandtheit, schloß die Tür, bot ihr einen Lehnsessel an und musterte sie auf seine gewohnte, durchdringende und scheinbar zerstreute Art.

»Finden Sie nicht, mein Fräulein«, fragte er, »daß das viele Maschinenschreiben Sie bei Ihrer Kurzsichtigkeit ein wenig angreift?«

»Allerdings war das im Anfang der Fall«, erwiderte sie, »jetzt aber weiß ich, wo die Buchstaben sind, ohne hinzusehen.« Plötzlich wurde ihr die ganze Tragweite seiner Worte klar, sie erschrak heftig, und Angst und Staunen malten sich auf ihrem breiten, gutmütigen Gesicht. »Sie haben schon von mir gehört, Herr Holmes«, rief sie aus, »wie könnten Sie das sonst wissen?«

»Lassen Sie es gut sein«, rief Holmes lachend, »das gehört zu meinem Geschäft. Ich lege es darauf an, manches zu sehen, was andern entgeht. Wäre dem nicht so, weshalb kämen Sie zu mir, um sich Rat zu holen?«

»Ich kam zu Ihnen, Herr Holmes, weil Frau Etherege mir von Ihnen erzählte; Sie fanden ihren Mann so leicht auf, während die Polizei und alle Welt ihn schon für tot hielten. Ach, Herr Holmes, könnten Sie doch auch für mich ein Gleiches tun! Ich bin nicht reich, habe jedoch ein Jahreseinkommen von hundert Pfund außer dem, was ich durch meine Arbeit verdiene. – Alles gäbe ich gern hin, um zu erfahren, was aus Herrn Hosmer Angel geworden ist.«

»Warum hatten Sie es plötzlich so furchtbar eilig, zu mir zu kommen?« fragte Sherlock Holmes, legte die Fingerspitzen aneinander und blickte nach der Decke hinauf.

Wieder zeigte sich Staunen und Befremdung auf dem sonst ziemlich nichtssagenden Gesicht der jungen Dame.

»Ja, ich stürzte von Hause fort«, sagte sie, »denn ich ärgerte mich über die Gleichgültigkeit, mit welcher Herr Windibank – mein Vater – die ganze Sache aufnahm. Er wollte nicht auf die Polizei, wollte nicht zu Ihnen, und da er gar nichts tat und dabei blieb, die Sache habe wenig auf sich, wurde ich schließlich böse, nahm Hut und Mantel und kam geradeswegs zu Ihnen.«

»Ihr Vater?« fragte Holmes, »gewiß Ihr Stiefvater – da Sie nicht seinen Namen tragen.«

»Ja, mein Stiefvater. Ich nenne ihn Vater, und doch klingt das komisch, denn er ist nur fünf Jahre und zwei Monate älter als ich.«

»Lebt Ihre Mutter?«

»Die Mutter lebt und ist wohlauf. Sehr entzückt war ich nicht, Herr Holmes, als sie so bald nach Vaters Tode wieder heiratete, und zwar einen Mann, der fast fünfzehn Jahre jünger ist als sie selbst. Mein Vater war Flaschner in Tottenham Court Road und hinterließ ein hübsches Geschäft, das die Mutter mit Herrn Hardy, dem ersten Gehilfen, fortführte. Als aber Herr Windibank kam, mußte sie das Geschäft verkaufen, denn als Weinreisender stand er auf einer höheren Gesellschaftsstufe. Sie bekamen viertausend siebenhundert Pfund Sterling für die Firma; mein Vater hätte bei Lebzeiten weit mehr bekommen.«

Statt daß Sherlock Holmes, wie ich erwartete, bei dieser breiten, abschweifenden Erzählung ungeduldig wurde, hörte er mit der größten Aufmerksamkeit zu.

»Stammt Ihr kleines Einkommen aus dem Geschäft?« fragte er.

»O nein, ich erbte es von meinem Onkel Ned in Auckland. Es sind Neuseeländer Aktien, die 4½ Prozent tragen. Die Hinterlassenschaft betrug zweitausend fünfhundert Pfund, aber ich habe nur die Zinsen davon.«

»Bitte, erzählen Sie weiter«, meinte Holmes. »Da Sie die hübsche Summe von hundert Pfund einnehmen und noch etwas dazu verdienen, reisen Sie gewiß manchmal zum Vergnügen und genießen Ihr Leben. Mir scheint, eine Dame kann mit einem Einkommen von sechzig Pfund ganz gut leben.«

»Ich käme mit weit weniger aus, Herr Holmes, doch begreifen Sie wohl, daß ich, solange ich zu Hause bin, den Eltern nicht zur Last fallen möchte, und so haben sie die Verfügung über mein Geld, bis ich einmal von ihnen fortkomme. Selbstverständlich nur bis dahin. Herr Windibank zieht meine Zinsen vierteljährlich ein und gibt der Mutter das Geld, denn ich komme mit dem, was ich an der Schreibmaschine verdiene, ganz bequem aus. Ich erhalte zwei Pence für die Seite und bringe meist dreißig bis vierzig Seiten am Tage fertig.«

»Sie haben mir Ihre Lage sehr klar dargelegt«, sagte Holmes. »Dieser Herr ist mein Freund, Dr. Watson, vor dem Sie offen reden können, wie vor mir selbst. Bitte, erzählen Sie uns von Ihrer Bekanntschaft mit Herrn Hosmer Angel.«

Fräulein Sutherland errötete und zupfte erregt an ihrer Jacke. »Ich sah ihn zuerst auf dem Ball der Kaufmannschaft«, sagte sie. »Bei Lebzeiten des Vaters schickten sie uns Karten dazu, und auch nach seinem Tode luden sie uns ein. Herr Windibank wollte uns nicht auf den Ball gehen lassen; er läßt uns nie gern in Gesellschaft gehen. Ganz wütend kann er sich ärgern, wenn ich auch nur einen Ausflug von unserm Kränzchen mitmachen möchte. Diesmal aber setzte ich mir in den Kopf, auf den Ball zu gehen; was hatte er denn für ein Recht, mir das zu verbieten? Er erklärte, die Gesellschaft passe nicht für uns, obgleich wir nur Freunde meines Vaters dort trafen. Weiter behauptete er, ich habe nichts anzuziehen, und doch ist mein lila Abendkleid noch kaum aus dem Schrank gekommen. Aus der Sache wäre nichts geworden, wenn mein Stiefvater nicht plötzlich eine Geschäftsreise nach Frankreich hätte machen müssen. Nun gingen wir, Mutter und ich, mit Herrn Hardy, unserm früheren Buchhalter, auf den Ball, und dort war es, wo ich Herrn Hosmer Angel traf.«

»Vermutlich zeigte sich Herr Windibank bei seiner Rückkehr aus Frankreich sehr ungehalten?«

»Durchaus nicht, er war gar nicht böse. Er lachte, zuckte die Achseln und meinte, es sei ganz unnütz, Frauen etwas abzuschlagen, denn – sie täten doch, was sie wollten.«

»So, so. Sie trafen also auf dem Ball der Kaufmannschaft einen Herrn, Namens Hosmer Angel, wenn ich recht verstehe.«

»So ist’s. Ich lernte ihn an jenem Abend kennen, und er besuchte uns am folgenden Tag, um sich nach unserm Befinden zu erkundigen, und hernach trafen wir ihn – das heißt, Herr Holmes, ich traf ihn zweimal – um mit ihm spazieren zu gehen; dann aber kam der Vater zurück, und Herr Angel konnte nicht mehr zu uns ins Haus kommen.«

»Nicht?«

»Ja, wissen Sie, Vater liebt dergleichen nicht. Ginge es nach ihm, so würde er nie Gäste empfangen; er behauptet, eine Frau müsse mit ihrer engsten Familie zufrieden sein.«

»Was wurde nun mit Herrn Hosmer Angel? Versuchte er es nicht, Sie wiederzusehen?«

»Der Vater sollte acht Tage später abermals nach Frankreich reisen, und so schrieb Hosmer, es sei wohl am besten, wenn wir bis dahin einander fern blieben. Das Schreiben stand uns ja inzwischen frei, und er schrieb täglich. Ich nahm die Briefe am Morgen in Empfang, so daß der Vater nichts davon erfuhr.«

»Waren Sie zu der Zeit mit dem Herrn verlobt?«

»Jawohl, Herr Holmes, wir verlobten uns auf unserm ersten Spaziergang. Hosmer – Herr Angel war Kassierer einer Firma in Leadenhallstreet – und…«

»In welchem Geschäft?«

»Leider weiß ich das nicht.«

»Wo wohnte er denn?«

»Er schlief im Geschäftshaus.«

»Und Sie haben seine Adresse nicht?«

»Nein – ich weiß nur, daß er in Leadenhallstreet wohnte.«

»Wohin adressierten Sie Ihre Briefe?«

»Postlagernd Leadenhallstreet-Post. Ins Geschäft sollte ich nicht adressieren, weil er behauptete, die andern Angestellten würden ihn hänseln, daß er Briefe von einer Dame erhalte. Ich wollte ihm mit der Maschine schreiben, wie er es selbst tat, doch mochte er nichts davon wissen und erklärte, geschriebene Briefe seien ihm lieber, sie kämen ihm viel natürlicher vor, während er bei den andern das Gefühl habe, als träte eine Maschine zwischen uns. Sie sehen daraus, wie sehr er mich liebte, und wie feinfühlig er selbst in Kleinigkeiten war.«

»Ja, es läßt tief blicken«, meinte Holmes. »Ich lege von jeher besonderen Wert auf solche kleinen Umstände. Erinnern Sie sich vielleicht anderer geringfügiger Merkmale bei Herrn Hosmer Angel?«

»Er war sehr schüchtern und ging lieber abends als am Tage mit mir aus, weil er es nicht leiden konnte, beobachtet zu werden. Er benahm sich sehr wohlerzogen und zurückhaltend; seine Stimme war schwach, und er erzählte mir, er habe als Kind an geschwollenen Mandeln gelitten, wovon ihm eine Schwäche in den Stimmbändern zurückgeblieben sei. Auf seine Kleidung hielt er viel und sah stets nett und sauber aus; er hatte, wie ich, schwache Augen und trug dunkle Gläser zum Schutz.«

»Und was geschah, als Ihr Stiefvater, Herr Windibank, abermals nach Frankreich reiste?«

»Da kam Hosmer wieder ins Haus und schlug mir vor, noch vor Vaters Rückkehr zu heiraten. Er nahm die Sache sehr ernst, legte meine Hände auf eine Bibel und ließ mich schwören, ihm treu zu sein, komme, was da wolle. Meine Mutter meinte, er könne diesen Schwur mit Recht verlangen, es sei nur ein Beweis seiner Liebe. Der Mutter hat er es gleich bei der ersten Begegnung angetan, sie mochte ihn fast noch lieber als ich. Als die beiden von der nahe bevorstehenden Hochzeit zu sprechen anfingen, meinte ich, wir sollten damit auf den Vater warten. Doch sie erklärten, wir brauchten uns nicht um ihn zu kümmern, er werde alles noch früh genug erfahren, und die Mutter versprach, die Angelegenheit mit ihm ins reine zu bringen. Mir gefiel das nicht sonderlich, Herr Holmes. Es kam mir freilich komisch vor, um die Einwilligung meines Stiefvaters bitten zu müssen, da er ja nur wenige Jahre älter ist als ich; aber da ich keine Heimlichkeiten leiden mag, so schrieb ich an ihn nach Bordeaux und adressierte den Brief an die französische Firma – doch erhielt ich dieses Schreiben am Hochzeitsmorgen zurück.«

»Demnach kam es nicht in seine Hände?«

»Nein, denn er war schon wieder nach England abgereist.«

»Das traf sich allerdings höchst ungeschickt! Wurden Sie in der Kirche getraut?«

»Ja, in aller Stille. Die Trauung sollte in der St.-Saviours-Kirche stattfinden und das Frühstück danach im St.-Pancras-Hotel. Hosmer holte uns im Wagen ab und ließ Mutter und mich einsteigen; er selbst setzte sich in eine Droschke, die einzige, die gerade zur Hand war. Wir langten zuerst an der Kirche an und warteten auf Hosmers Droschke, die bald vorfuhr. Doch – niemand stieg aus, und als man den Schlag öffnete, saß niemand im Wagen! Das alles geschah vorigen Freitag, Herr Holmes, und seitdem habe ich keine Ahnung, was aus meinem Bräutigam geworden ist.«

»Mir scheint, mein Fräulein, Ihnen wurde übel mitgespielt.«

»Ach nein! Hosmer meinte es viel zu gut mit mir, um mich so verlassen zu können. Noch am Hochzeitsmorgen bat er mich, ihm immer treu zu bleiben, und sollte uns auch ein ganz unerwartetes Schicksal trennen, so dürfe ich nicht vergessen, daß ich ihm mein Wort gegeben habe; früher oder später würde er seine Rechte geltend machen. Das klang recht sonderbar am Hochzeitstage, aber durch das Vorgefallene erhalten Hosmers Worte eine ganz besondere Bedeutung.«

»Allerdings. Ihrer Meinung nach muß ihn irgendein Unfall betroffen haben?«

»Ja, Herr Holmes. Er muß wohl irgendeine Gefahr geahnt haben, sonst hätte er nicht so gesprochen. Seine Ahnung ist wirklich eingetroffen.«

»Sie haben wohl keine Vorstellung, was er befürchtete?«

»Gar keine.«

»Noch eine Frage. Wie nahm Ihre Mutter die Sache auf?«

»Sie war ärgerlich und meinte, ich solle von der ganzen Geschichte schweigen.«

»Sprachen Sie mit Ihrem Vater davon?«

»Ja, und er schien meiner Ansicht zu sein, daß Hosmer etwas zugestoßen sein müsse und ich wieder von ihm hören würde. Was könnte ein Mann für ein Interesse daran haben, meinte er, mich bis an die Kirchtür zur Trauung zu locken, um mich dann zu verlassen? Hätte er mir Geld abgeborgt, oder beim Ehekontrakt mein Vermögen auf sich übertragen lassen, dann wäre vielleicht darin ein Grund zu suchen gewesen; Hosmer aber zeigte sich gar nicht interessiert, nicht einen Heller wollte er von mir haben. Was mag nur geschehen sein? Warum schrieb er nicht ein einziges Wort?« Sie zog ein kleines Taschentuch aus der Tasche und schluchzte heftig.

»Ich werde die Sache näher ins Auge fassen«, sagte Holmes sich erhebend, »und bezweifle nicht, daß wir sie ergründen. Verlassen Sie sich auf mich, mein Fräulein, und grübeln Sie nicht weiter. Versuchen Sie vor allem, Herrn Hosmer Angel zu vergessen, wie er scheinbar auch Sie vergessen hat.«

»Demnach glauben Sie nicht, daß ich ihn wiedersehen werde?«

»Ich bezweifle es.«

»Was mag ihm denn zugestoßen sein?«

»Erlassen Sie mir die Antwort. Am liebsten hätte ich eine genaue Personalbeschreibung von ihm und alle Briefe, die Sie mir anvertrauen können.«

»Ich habe bereits am vorigen Sonnabend eine Anzeige im ›Chronicle‹ eingerückt«, erwiderte sie. »Hier ist das Blatt, und hier sind vier Briefe von ihm.«

»Danke. Und nun, bitte, Ihre Adresse.«

»Lyon-Place 31, Camberwell.«

»Wenn mir recht ist, sagten Sie, daß Sie Herrn Angels Adresse nie besessen haben. Wo ist das Geschäft Ihres Vaters?«

»Er reist für ›Westhouse & Marbank‹, das große Wein-Importgeschäft in Fenchurch-Street.«

»Ich danke Ihnen. Sie haben mir die Sache sehr klar auseinandergesetzt. Lassen Sie die Papiere hier und beherzigen Sie meinen Rat.«

»Sie meinen es gut mit mir, Herr Holmes. Hosmer bleibe ich treu, und er soll mich bereit finden, wenn er zurückkehrt.«

Sie legte ihr Päckchen Papiere auf den Tisch und entfernte sich mit dem Versprechen, wiederzukommen, sobald sie gewünscht würde.

Still in sich gekehrt saß Sherlock Holmes eine Weile da, streckte die Beine aus, legte die Fingerspitzen aneinander und blickte hinauf an die Decke. Dann nahm er die alte Tonpfeife, seine treue Ratgeberin, wie er sie nannte, vom Gesimse, stopfte sie und lag bald, von dichten Rauchwolken umgeben, mit dem Ausdruck unendlicher Müdigkeit und Schlaffheit in seinem Stuhl.

»Interessante Studie – das Mädchen«, bemerkte er. »Sie selbst ist interessanter als ihr Erlebnis, das, nebenbei gesagt, ein ziemlich abgedroschenes ist. Du findest ähnliche Fälle in meinen Verzeichnissen von Anno Tobak in Andover, und etwas Gleichartiges trug sich im vorigen Jahr im Haag zu. Ist auch der Grundgedanke nicht neu, so waren es doch ein paar Nebenumstände. Aber das Mädchen selbst ist eine Studie. Sag‘ mir einmal, was hast du an der äußeren Erscheinung dieses Mädchens wahrgenommen?«

»Nun, sie trug einen schiefergrauen großen Hut mit einer ziegelroten Feder. Ihre schwarze Jacke war gesteppt und hatte einen schmalen Pelzbesatz. Das Kleid war von dunkler Kaffeefarbe, und purpurroter Sammet umsäumte Hals und Ärmel. Ihre grauen Handschuhe waren am rechten Zeigefinger zerrissen. Die Schuhe habe ich nicht angesehen. Sie trug kleine, runde und herabhängende Ohrringe und machte im allgemeinen den Eindruck einer anständigen und wohlhabenden Person des gewöhnlichen Mittelstandes.«

Sherlock Holmes klatschte leise in die Hände und schüttelte sich vor Lachen.

»Auf Ehre, Watson, du machst gewaltige Fortschritte! Gut – sehr gut. Das Wichtigste hast du freilich übersehen, hast aber Methode bewiesen und einen scharfen Blick für Farben gezeigt. Traue nur nie allgemeinen Eindrücken, mein Junge, auf die Einzelheiten muß man achten. Mein erster Blick gilt stets dem Ärmel einer Frau. Bei dem Manne kommt es vielleicht noch mehr auf die Knie der Hose an. Wie du bemerktest, hatte das Mädchen Sammet an den Ärmeln, in bezug auf Eindrücke und Spuren ein höchst nützliches Material. Die doppelte Linie über dem Handgelenk, wo die Maschinenschreiberin gegen den Tisch drückt, trat prächtig hervor. Gewiß, die Nähmaschine hinterläßt ähnliche Streifen, aber nur am unteren Arm und auf der Seite, während sich diese gerade über den breitesten Teil hinzogen. Dann blickte ich in ihr Gesicht, und da ich den Druck eines Klemmers zu beiden Seiten ihrer Nase wahrnahm, wagte ich eine Bemerkung über Kurzsichtigkeit in Verbindung mit Maschinenschreiben, welche sie sichtlich überraschte.«

»Mich nicht minder.«

»Die Sache lag doch klar auf der Hand. Sodann fiel mir auf, daß sie zwei verschiedene Schuhe trug; der eine hatte eine verzierte Kappe, der andere nicht. An dem einen hatte sie von drei Knöpfen nur die zwei untersten zugeknöpft, beim andern nur den ersten und gleich den dritten. Verläßt eine sonst sorgsam gekleidete, junge Dame das Haus mit zweierlei nur halbzugeknöpften Schuhen, so gehört nicht viel dazu, um den Schluß zu ziehen, daß sie eilig fortgegangen ist.«

»Und was noch?« fragte ich so gespannt, wie immer, wenn mein Freund seine scharfen Beobachtungen aussprach.

»Ferner bemerkte ich, daß sie, bereits fertig angezogen, noch geschrieben hatte, ehe sie das Haus verließ. Du hast zwar bemerkt, daß ihr rechter Handschuh am Mittelfinger zerrissen war, hast aber offenbar einen lila Tintenfleck an Handschuh und Finger übersehen. Sie hatte in der Eile geschrieben und die Feder zu tief eingetaucht – und zwar heute morgen, sonst wäre der Fleck am Finger nicht so deutlich gewesen. Ja, ja, das alles ist spaßig, wenn auch einfach genug. Jetzt aber muß ich an die Arbeit, Watson. Tu mir den Gefallen und lies mir die Personalbeschreibung des gesuchten Hosmer Angel vor.«

»Ich hielt den Zeitungsausschnitt an das Licht: »Vermißt seit dem 14. morgens ein Herr, namens Hosmer Angel. Derselbe ist groß, kräftig gebaut, blaß, hat schwarzes Haar, eine kahle Stelle auf dem Kopf, starken, dunklen Backen- und Schnurrbart; er trägt eine dunkle Brille und hat einen kleinen Sprachfehler. Seine Kleidung bestand, als er zuletzt gesehen wurde, aus einem schwarzen eingefaßten Rock, schwarzer Weste mit goldener Kette, grauem Beinkleid und braunen Gamaschen über den Stiefeln. Der Vermißte arbeitete in einem Geschäft in Leadenhall-Street; wer über ihn irgendwelche Angaben usw.«

»Das genügt«, sagte Holmes, und nachdem er die Briefe überflogen, meinte er: »Höchst alltäglich; Herr Angel zitiert Balzac, das ist das einzig Bemerkenswerte. Und doch wird auch dir ein Umstand auffallen.«

»Daß die Briefe mit der Maschine geschrieben sind«, erwiderte ich.

»Nicht allein das, sondern auch die Unterschrift ist Typenschrift. Sieh, wie sauber hier unten das ›Hosmer Angel‹ steht. Hier ist ein Datum, aber keine genaue Ortsangabe, denn Leadenhall-Street allein kann nicht genügen. Diese Unterschrift läßt auf vieles schließen – ja, sie ist maßgebend.«

»Wofür?«

»Siehst du wirklich nicht ein, wie schwer das ins Gewicht fällt, alter Junge?«

»Ehrlich gesagt, nein, es sei denn, der Schreiber hoffte auf diese Weise seine Unterschrift abschwören zu können, falls er wegen Bruchs des Eheversprechens zur Rechenschaft gezogen würde.«

»Nein, das hatte er schwerlich im Auge. Indessen will ich zur Aufklärung des Sachverhalte zwei Briefe schreiben, den einen an eine Firma in der City, den andern an Herrn Windibank, den Stiefvater der jungen Dame; letzteren will ich bitten, morgen abend um sechs Uhr bei mir vorzusprechen. Es ist geratener, die Sache mit dem männlichen Teil der Familie zu verhandeln. Bis die Antworten auf diese Briefe da sind, ist weiter nichts zu tun, Doktor, und so wollen wir die Sache bis dahin auf sich beruhen lassen.«

Ein schwerkranker Patient nahm mich zur Zeit völlig in Anspruch, und ich konnte am nächsten Abend erst gegen sechs Uhr nach der Bakerstraße fahren; schon fürchtete ich zu spät zu kommen, um der Aufklärung des Rätsels noch beizuwohnen. Ich fand aber Sherlock Holmes allein; er lag halb schlafend im Lehnstuhl. Ein ganzes Regiment von Flaschen, Röhren und Tiegeln und der scharfe Geruch von allerhand Säuren wiesen darauf hin, daß er sich eifrig mit chemischen Untersuchungen abgegeben hatte, was eine Liebhaberei von ihm war.

»Hast du die Lösung gefunden?« fragte ich eintretend.

»Ja. Es war schwefelsaurer Baryt.«

»Nein, nein – ich meine das Rätsel!«

»Ach so! das! Ich dachte nur an das analysierte Salz. Rätselhaft ist in der Sache gar nichts, wenn ich auch gestern einige Einzelheiten interessant nannte. Es ist nur bedauerlich, daß wohl kein Gericht dem Spitzbuben etwas anhaben kann.«

»Wer ist es denn und was bezweckte er, indem er Fräulein Sutherland sitzen ließ?«

Ich hatte kaum ausgesprochen und Holmes noch nicht geantwortet, als sich auf dem Flur ein schwerer Tritt vernehmen ließ und an der Tür geklopft wurde.

»Das ist Windibank, der Stiefvater«, sagte Holmes. »Er schrieb mir, er würde sich um sechs Uhr bei mir einfinden. Herein!«

Der Eintretende, ein handfester, mittelgroßer Mann von etwa dreißig Jahren, war glatt rasiert, hatte eine gelbliche Gesichtsfarbe und ein paar auffallend lebendige, durchbohrende graue Augen; sein Wesen war verbindlich, fast untertänig. Er warf einen fragenden Blick auf uns, stellte seinen glänzenden Zylinderhut auf den Nebentisch und nahm mit einer leichten Verbeugung auf dem nächsten Stuhle Platz.

»Guten Abend, Herr Windibank«, empfing ihn Holmes. »Ich setze voraus, daß dieser mit der Maschine geschriebene Brief, wodurch Sie sich auf sechs Uhr anmelden, von Ihnen stammt.«

»Ganz recht. Fast fürchte ich, mich etwas verspätet zu haben, doch bin ich nicht ganz Herr meiner Zeit. Ich bedaure, daß Fräulein Sutherland Sie mit dieser Kleinigkeit belästigt hat – schmutzige Wäsche wäscht man am besten zu Hause. Sie kam gegen meinen Wunsch und Willen; Sie haben wohl bemerkt, daß das junge Mädchen etwas aufgeregter, leidenschaftlicher Natur ist und durchsetzt, was sie einmal will. Da Sie keine amtliche Gerichtsperson sind, so hat es weniger auf sich, daß Sie eingeweiht wurden, – aber jedenfalls ist es höchst unangenehm, wenn ein derartiges unglückliches Familienereignis weiter verbreitet wird; nebenbei macht es nur unnötige Kosten, denn wie sollten Sie diesen Hosmer Angel auftreiben können?«

»Im Gegenteil«, versetzte Holmes gelassen, »ich habe die beste Aussicht, den Herrn entdecken zu können.«

Windibank erschrak sichtlich und ließ seine Handschuhe fallen. »Wirklich! das freut mich sehr«, sagte er.

»Es ist doch merkwürdig«, warf Holmes ein, daß die Maschinenschrift so gut ihre Eigenart hat, wie die Handschrift eines Menschen. Sobald die Maschinen nicht mehr ganz neu sind, schreiben nicht zwei vollkommen gleich. Manche Buchstaben wetzen sich schneller ab als andere, einzelne auch nur auf einer Seite. Sehen Sie selbst, Herr Windibank, hier in Ihrem Briefchen ist das ›e‹ nie ganz rein, und auch am ›r‹ fehlt etwas. Noch vierzehn andere Merkmale sind vorhanden, doch treten diese beiden am deutlichsten hervor.«

»Wir bedienen uns dieser Maschine für unsere ganze Korrespondenz im Geschäft, und so ist sie selbstverständlich etwas abgenutzt«, erwiderte Windibank und richtete seine lebhaften, kleinen Augen forschend auf Holmes.

»Und nun will ich Ihnen eine recht interessante Wahrnehmung mitteilen«, fuhr mein Freund fort. »Ich gedenke dieser Tage eine kleine Arbeit über die Maschinenschrift in ihren Beziehungen zum Verbrechen herauszugeben, nachdem ich mich mit diesem Gegenstand in letzter Zeit etwas beschäftigt habe. Hier sind vier Briefe, die von dem Vermißten stammen sollen. Alle vier sind mit der Schreibmaschine geschrieben. In jedem dieser Briefe ist nicht allein das ›e‹ defekt und das ohne Abschluß, sondern Sie werden, wenn Sie meine Lupe gefälligst zu Hilfe nehmen wollen, auch sehen, daß sich darin die andern vierzehn Merkmale wiederfinden, von denen ich sprach.«

Hastig sprang Windibank auf und griff nach seinem Hut. »An derartige Beobachtungen und Unterhaltungen kann ich meine Zeit unmöglich verschwenden, Herr Holmes. Können Sie den Mann fangen, so tun Sie es und benachrichtigen Sie mich davon, wenn es geschehen ist.«

»Gewiß«, versetzte Holmes, ging zur Tür und schloß sie ab. »So teile ich Ihnen denn mit, daß ich ihn habe.«

»Was! wo?« stieß Windibank hervor.

»Lassen Sie es nur gut sein, es hilft alles nichts«, meinte Holmes freundlich und gelassen. »Sie kommen nicht durch, Herr Windibank. Die Sache liegt gar zu klar, und Sie machen mir ein schlechtes Kompliment mit der Behauptung, daß ich unmöglich ein so einfaches Rätsel lösen könne. Setzen Sie sich nur gefälligst und lassen Sie uns das Weitere besprechen.«

Wie gebrochen sank unser Besucher in seinen Sessel zurück, der Angstschweiß perlte ihm auf der Stirn. »Man kann mir nichts anhaben!« stieß er mühsam hervor.

»Leider nicht. Aber, Herr Windibank, unter uns gesagt, ein solch herzloser, grausamer, selbstsüchtiger Streich hat mir kaum jemals vorgelegen. Lassen Sie mich kurz den Tatbestand erörtern, und belehren Sie mich, wenn ich fehlgehe.«

Völlig geknickt saß der Mann da und senkte den Kopf tief herab auf die Brust. Holmes streckte die Beine weit von sich, lehnte sich zurück, versenkte seine Hände in die Rocktaschen und fing an, mehr mit sich selbst als mit uns zu sprechen.

»Der Mann heiratet eine Frau um des Geldes willen«, sagte er, »und vom Gelde der Tochter hat er die Nutznießung, solange sie im elterlichen Hause bleibt. Für Leute in ihrer Lage war die Summe bedeutend, und ihr Ausfall hätte sich sehr fühlbar gemacht. Die Tochter, ein gutes, freundliches Wesen, bedurfte mit ihrem warmen Herzen der Liebe, und so stand zu erwarten, daß sie bei ihren persönlichen Reizen und ihrem Einkommen nicht lange unbegehrt bleiben würde. Da nun ihre Heirat für den Stiefvater den Verlust einer jährlichen Einnahme von hundert Pfund bedeutete, entschloß sich dieser, eine solche zu verhindern. Wodurch? Vorerst will er sie ans Haus fesseln und verbietet ihr, die Gesellschaft von jungen Leuten aufzusuchen. Bald aber sieht er ein, daß sich das unmöglich durchführen läßt. Das Mädchen widersetzt sich, beharrt auf ihren Rechten und erklärt kurz und bündig, einen bestimmten Ball besuchen zu wollen. Was tut da der geschickte Stiefvater? Es fällt ihm ein Aushilfsmittel ein, das seinem Kopf mehr zur Ehre gereicht als seinem Herzen: Im Einverständnis mit seiner Frau und mit deren Hilfe verkleidet er sich, verbirgt seine zu lebhaften Augen hinter dunklen Gläsern, legt einen falschen Schnurr- und Backenbart an, dämpft seine klare Stimme und flüstert nur leise; er baut getrost auf die Kurzsichtigkeit des Mädchens, erscheint als Herr Hosmer Angel und verscheucht die Kurmacher, indem er selbst die Kur schneidet.«

»Erst war es nur ein Spaß«, seufzte unser Besucher. »Wir ahnten nicht, daß sie gleich Feuer fangen würde.«

»Das mag wohl sein. Nichtsdestoweniger fiel das junge Mädchen gründlich hinein, und da sie fest glaubte, ihr Stiefvater sei in Frankreich, dachte sie nicht daran, Argwohn zu schöpfen. Die Artigkeiten des jungen Mannes schmeichelten ihr, und die Lobeserhebungen der Mutter machten sie noch eindrucksvoller. Dann machte Herr Angel seinen Besuch, denn die Kurmacherei mußte bis zu einem gewissen Punkt getrieben werden, sollte sie einen wirklichen Erfolg haben. Es folgten Zusammenkünfte und eine Verlobung, die schließlich die Neigung der jungen Dame von jeder anderen Persönlichkeit ablenken sollte. Auf die Dauer ließ sich die Täuschung nicht aufrechterhalten. Die vorgespiegelten Reisen nach Frankreich wurden unbequem. Der einzige Ausweg war, eine tragische Lösung herbeizuführen, die auf das junge Mädchen einen so tiefen, bleibenden Eindruck machen mußte, daß ihr auf längere Zeit hinaus alle Heiratsgedanken vergingen. Darum jener Schwur der Treue auf die Bibel, darum die Andeutungen auf ein mögliches Hindernis noch am Hochzeitsmorgen. James Windibank wünschte Fräulein Sutherland so fest an Hosmer Angel zu binden und sie über dessen Los so in Unsicherheit zu lassen, daß sie unbedingt in den nächsten zehn Jahren keinen andern Mann erhören sollte. Bis an die Kirchentür hat er sie gebracht, und da er nicht weiter gehen durfte, verduftete er im richtigen Augenblick; er bediente sich des alten Kniffes, zu einer Wagentür hinein-, zur anderen herauszuspringen. In dieser Weise, glaube ich, daß die Ereignisse etwa aufeinander gefolgt sind.«

Windibank hatte, während Holmes sprach, etwas von seiner Sicherheit wieder erlangt; jetzt stand er auf, es lag kalter Hohn auf seinen blassen Zügen.

»Das alles mag sein, mag aber auch nicht sein, Herr Holmes«, sagte er, »wenn Sie aber gar so klug sind, so sollten Sie auch wissen, daß Sie jetzt wider das Gesetz handeln – ich aber nicht. Ich habe vom ersten Anfang an nichts Gesetzwidriges getan, solange Sie aber diese Tür verschlossen halten, machen Sie sich der Vergewaltigung und der Freiheitsberaubung gegen mich schuldig.«

»Das Gesetz kann Sie nicht fassen, Sie haben recht«, erwiderte Holmes, schloß die Tür auf und öffnete sie weit »und doch hat nie ein Mann die Strafe mehr verdient als Sie. Besitzt die junge Dame einen Bruder oder einen Freund, so sollte der die Reitgerte auf Ihren Schultern tanzen lassen. Wahrhaftig!« fügte er rot vor Zorn hinzu, als er das höhnische Lachen des andern wahrnahm, »zu meinen Pflichten gegen meine Klienten gehört das nicht – hier aber hängt eine Hetzpeitsche, und ich muß mir selbst …« Er wollte die Peitsche holen, doch ehe er sie gefaßt hatte, stürmten Männerschritte die Treppe hinab, laut schlug die Haustür zu, und vom Fenster aus sahen wir Herrn James Windibank, so schnell ihn die Füße nur tragen konnten, die Straße entlang eilen.

»Ein kaltblütiger Schuft!« meinte Holmes, als er sich lachend wieder in seinen Lehnstuhl warf.

»Ich begreife die ganze Entwicklung deiner Folgerungen immer noch nicht«, bemerkte ich.

»Vom ersten Augenblick an stand außer Frage, daß dieser Herr Hosmer Angel einen wichtigen Grund für sein sonderbares Benehmen haben mußte, und es lag ebenso klar auf der Hand, daß der einzige Mensch, der einen Vorteil aus der Sache zog, der Stiefvater war. Dann gab der Umstand, daß die beiden Männer nie zusammentrafen, sondern stets einer in Abwesenheit des andern erschien, Anlaß zu Vermutungen. Mit den dunkeln Augengläsern, der sonderbaren Stimme und dem starken Bart ging es ebenso. Mein Verdacht wurde dadurch vollends bestätigt, daß er sich mit der Schreibmaschine unterzeichnete, denn das ließ vermuten, daß ihr seine Schrift ganz genau bekannt war. Nun siehst du wohl, wie alle diese Einzelheiten mit noch anderen geringfügigeren auf ein und dasselbe Ziel deuten.«

»Und wie gelang es dir, die Belege dafür zu finden?«

»Einmal dem Manne auf der Spur, hatte ich gewonnenes Spiel. Ich wußte, wo er arbeitet. Nachdem ich die gedruckte Personalbeschreibung gelesen, strich ich alles, was von einer Verkleidung herrühren konnte – den Schnurrbart, die Brille, die Stimme – schickte in das Geschäft und bat, mich wissen zu lassen, ob die Angaben auf einen der Geschäftsreisenden passen. Da ich einige besondere Merkmale der Schreibmaschine, mit welcher die Briefe an Fräulein Sutherland geschrieben waren, wahrgenommen hatte, bat ich den Stiefvater brieflich, zu mir zu kommen, und adressierte den Brief in das Geschäft. Wie ich erwartet hatte, antwortete er mit der Maschine, und die Schrift zeigte genau dieselben kleinen Fehler, wie die Hosmer Angels. Mit derselben Post zeigten mir Westhouse & Marbank aus Fenchurch-Street an, die Personalbeschreibung passe genau auf ihren Angestellten – James Windibank. Siehst du, so kam’s heraus!«

»Und Fräulein Sutherland?«

»Sage ich ihr die Wahrheit, so wird sie mir nicht glauben.«

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Der sterbende Sherlock Holmes

Der sterbende Sherlock Holmes

Frau Hudson, unsere Hauswirtin in der Bakerstraße, war eine geduldige Frau und von großer Langmut. Nicht nur wurde ihr erstes Stockwerk zu allen Stunden des Tages und der Nacht von den zahlreichsten und oft auch zweifelhaftesten Menschen überflutet, sondern ihr Mieter Sherlock Holmes zeigte in seiner Lebensführung eine Unregelmäßigkeit und Absonderlichkeit, die ihre Geduld oft hart auf die Probe gestellt haben muß. Seine unglaubliche Unordentlichkeit, seine Vorliebe, zu den ungewöhnlichsten Stunden »Musik« zu machen, sein gelegentliches Pistolenschießen im Flur, seine qualmigen und oft recht übelriechenden wissenschaftlichen Versuche und schließlich die ganze Atmosphäre von Gefahr und Verbrechen, die ihn umgab, machten ihn sicher zu einem der unbequemsten Mieter in ganz London. Andererseits bezahlte er wie ein Fürst. Ich bezweifle kaum, daß das ganze Haus um den Preis hätte gekauft werden können, den Holmes für seine Zimmer während der Jahre bezahlte, die ich mit ihm zusammen wohnte.

Die Hauswirtin hatte den denkbar größten Respekt vor ihm und wagte nie, Einwendungen zu erheben, mochte das Benehmen meines Freundes auch mehr als nur ungewöhnlich sein. Auf ihre Art liebte sie ihn sogar, denn er war im Verkehr mit Frauen von einer merkwürdigen Höflichkeit und Liebenswürdigkeit. Er verachtete das ganze Geschlecht und mißtraute ihm, aber er war stets ein ritterlicher Gegner.

Da ich wußte, wie sehr mein Freund bei Frau Hudson in Ansehen und Achtung stand, so folgte ich sehr ernsthaft ihrer Erzählung, als sie im zweiten Jahre nach meiner Verheiratung zu mir kam und mir den traurigen Zustand Holmes‘ offenbarte, in dem er sich seit kurzem befand.

»Er stirbt, Doktor Watson«, sagte sie. »Seit drei Tagen sieht man ihn dahinsiechen, und es scheint mir fraglich, ob er den heutigen Tag überleben wird. Er wollte nicht, daß ich einen Doktor hole, aber heute morgen, als ich sah, wie ihm die Knochen aus dem Gesicht stehen, und er mich mit fiebrigen Augen anstierte, konnte ich es nicht länger aushalten. ›Mit Ihrer Einwilligung oder gegen Ihren Willen, Herr Holmes, geh ich jetzt augenblicklich, einen Arzt rufen‹, sagte ich. ›Dann holen Sie mir wenigstens Watson‹, sagte er. An Ihrer Stelle würde ich keinen Augenblick verweilen, Herr Doktor, wenn Sie ihn noch lebend antreffen wollen.«

Ich war entsetzt, denn ich hatte keine Ahnung von seiner Krankheit. Überflüssig, zu bemerken, daß ich sofort nach Überrock und Hut griff und mich auf den Weg machte. Als ich mit ihr zurückfuhr, fragte ich sie nach Einzelheiten.

»Da kann ich Ihnen nur wenig sagen, Herr Doktor; er arbeitete an einem Fall drunten in Rotherhite, in einer Gasse nahe an der Themse, und von dort hat er die Krankheit mitgebracht. Er legte sich am Donnerstagnachmittag zu Bett und hat es seitdem nicht mehr verlassen. Diese ganzen drei Tage hat er weder Nahrung zu sich genommen, noch irgend etwas getrunken.«

»Um Gottes willen! Warum haben Sie nicht früher einen Arzt geholt?«

»Er hat es ja verboten gehabt, Herr Doktor. Sie wissen ja, wie streng er ist. Ich wagte nicht, seinen Befehl zu mißachten, aber er weilt nicht mehr lange unter uns, das werden Sie selber im gleichen Augenblick schon merken, wo Sie ihn erblicken. Es ist schrecklich.«

Er bot in der Tat einen kläglichen Anblick. In dem dämmerigen Licht eines nebeligen Novembertages war das Krankenzimmer ein düsteres Loch, aber was einen Kälteschauer in mein Herz dringen ließ, war dies geisterhafte, verwüstete Antlitz, das mich vom Bett aus anstierte. Seine Augen glitzerten vor Fieber, hektische Röte lag auf beiden Backen, und dunkle Krusten klebten an seinen Lippen; die skeletthaft mageren Hände auf der Decke zuckten unausgesetzt, seine Stimme war heiser und halb erstickt. Er lag gänzlich leblos da, als ich ins Zimmer trat, aber mein Anblick zauberte einen flüchtigen Freudenschimmer in seine Augen.

»Ah, Watson, es scheint, es kommen jetzt die Tage, die uns nicht gefallen«, sagte er mit matter Stimme, aber wie mir schien, mit seiner früheren Sorglosigkeit.

»Mein lieber Holmes!« rief ich und trat zu ihm ans Bett.

»Zurück! Zurück da!« sagte er mit dem scharf befehlenden Klang, den seine Stimme nur in Augenblicken der Gefahr annahm. »Wenn du näher kommst, Watson, dann schicke ich dich wieder nach Hause.«

»Aber warum denn?«

»Weil ich es will. Genügt dir das nicht?«

Ja, Frau Hudson hatte recht, er war herrischer als je. Indes war es herzbrechend, seine Erschöpfung zu sehen.

»Ich kam ja nur, um dir zu helfen«, erklärte ich.

»Gewiß! Du hilfst mir am besten, wenn du das tust, was ich dir sage.«

»Wie es dich gut dünkt, Holmes.«

Er verzichtete auf den befehlenden Ton.

»Du bist doch nicht ärgerlich?« fragte er und rang nach Atem.

Armer Kerl, wie konnte ich ärgerlich sein, wenn ich ihn in diesem Zustand der Auflösung vor mir liegen sah!

»Es ist zu deinem eigenen Besten, Watson«, sprach seine rauhe Stimme.

»Zu meinem Besten?«

»Ich weiß, was mit mir los ist. Es ist eine Kulikrankheit von Sumatra – eine Infektion, von der die Holländer mehr verstehen als wir, obwohl sie bis jetzt medizinisch noch nicht viel darüber gearbeitet haben. Eines nur steht fest: die Krankheit ist absolut tödlich und in erschreckendem Maße ansteckend.«

Er sprach jetzt mit fieberhafter Erregung, seine Hände zuckten und sprangen, als er mich abwehrte.

»Ansteckend durch Berührung, Watson – das ist es: durch Berührung! Bleib mir vom Leibe, und du bist nicht gefährdet.«

»Beim Himmel, Holmes, glaubst du denn, daß eine solche Sicherheitserwägung mich auch nur einen Augenblick zurückhalten könnte? Nicht einmal wenn der Patient ein Fremder wäre. Glaubst du, das könnte mich abhalten, meine ärztliche Pflicht gegen einen so alten Freund zu erfüllen?«

Abermals trat ich an sein Bett, aber er trieb mich mit einem Blick voll wilden Ärgers zurück.

»Wenn du dort stehen bleiben willst, dann werde ich sprechen. Wenn nicht – da ist die Tür!«

Ich habe eine so große Hochachtung vor den außerordentlichen Fähigkeiten meines Freundes, daß ich mich seinen Wünschen stets gefügt habe, auch dann, wenn sie mir völlig unbegreiflich waren. Aber jetzt waren alle meine medizinischen Instinkte wach geworden. Mochte er unter anderen Umständen mir befehlen – ich befand mich jetzt als Arzt in einem Krankenzimmer.

»Holmes«, sagte ich, »ich darf dich nicht ernst nehmen. Ein kranker Mann ist bloß ein Kind, und so muß ich dich behandeln. Ob es dir gefällt oder nicht, ich werde dich untersuchen und dem Befund gemäß ärztlich behandeln.«

Er sah mich mit geradezu giftigen Augen an.

»Wenn ich einen Doktor haben soll, einerlei ob ich mag oder nicht, dann möchte ich wenigstens einen haben, der mein Vertrauen verdient«, sagte er.

»Also ich verdiene dein Vertrauen nicht?«

»Als Freund restlos. Aber Tatsachen sind Tatsachen, Watson, und alles in allem bist du nur ein durchschnittlicher praktischer Arzt von mittelmäßiger Begabung und mit sehr begrenzter Erfahrung. Es ist schmerzlich, dir so etwas sagen zu müssen, aber du läßt mir ja keine andere Wahl.«

Das war bitter.

»Solche Worte sind deiner unwürdig, Holmes. Sie zeigen mir aber mit aller Deutlichkeit deinen wahren Nervenzustand. Jedoch, wenn du kein Vertrauen zu mir hast, so werde ich dir meine Dienste nicht aufdrängen. Ich will gehen und Sir Jasper Meek oder Penrose Fisher oder einen der ersten Ärzte Londons holen. Du mußt ärztliche Hilfe haben, und dabei bleibe ich. Wenn du glaubst, ich würde hier stehen bleiben und zuschauen, wie du stirbst, ohne daß ich dir helfe oder fremde ärztliche Hilfe bringe, dann hast du meine Freundschaft unterschätzt!«

»Du meinst es ja gut, Watson«, sagte der kranke Mann mit einem Seufzer. »Soll ich dir deine Unwissenheit nachweisen? Was weißt du denn vom Tapanuli-Fieber? Was weißt du denn von der schwarzen Formosa-Eiterung?«

»Ich habe weder vom einen noch vom anderen gehört.«

»Es gibt noch so manche unerforschte Krankheiten, so viele seltsame, pathologische Möglichkeiten, im fernen Osten, Watson.«

Er setzte nach beinahe jedem Worte aus, um Atem zu holen. »Ich habe so viel gelernt bei meinen kürzlichen Untersuchungen auf medizinisch-kriminellem Gebiet. Bei diesen Forschungen habe ich mir die Krankheit zugezogen. Du bist machtlos dagegen.«

»Du magst recht haben. Zufällig aber weiß ich, daß Doktor Airstree, die größte lebende Autorität für tropische Krankheiten, augenblicklich in London weilt. Alle deine Einwände nützen dich nichts, Holmes, ich gehe jetzt, den berühmten Arzt zu holen.« Entschlossen wandte ich mich zur Tür.

Nie erlitt ich solch einen Schock! In einem Augenblick, mit einem wahren Tigersprung, war mir der sterbende Mann zuvorgekommen. Ich hörte das scharfe Schnappen eines Schlosses. Im nächsten Augenblick war er zu seinem Bett zurückgetaumelt; dort lag er erschöpft und schwer atmend nach diesem einen fürchterlichen Energieausbruch.

»Du wirst mir den Schlüssel nicht mit Gewalt abnehmen, Watson. Nun habe ich dich, Freundchen. Du hast zu mir kommen wollen und nun sollst du hier bleiben, so lange es mir gefällt, aber ich werde dich unterhalten. (Das alles in abgerissenen Worten mit schrecklichen Atemkämpfen in den Pausen.) Du meinst es von Herzen gut mit mir. Das weiß ich natürlich sehr wohl. Du sollst auch deinen Willen haben, nur laß mir erst Zeit, wieder zu Kräften zu kommen. Nicht jetzt, Watson, nicht jetzt. Es ist vier Uhr. Um sechs Uhr darfst du gehen.«

»Das ist ja Wahnsinn, Holmes.«

»Nur noch zwei Stunden, Watson, ich verspreche dir, um sechs Uhr darfst du gehen. Willigst du ein, so lange zu warten?«

»Ich habe ja keine andere Wahl.«

»Gut, daß du es einsiehst, Watson. Danke, danke, ich kann mir das Bettzeug allein zurecht richten. Bleib mir, bitte, ja vom Leibe! So, Watson, nun habe ich noch eine weitere Bedingung zu stellen. Du wirst nicht den Arzt heranziehen, den du genannt hast, sondern den Mann, den ich mir wähle.«

»Ganz wie du willst.«

»Die ersten vier vernünftigen Worte, die du heute hier gesprochen hast. Dort drüben findest du einige Bücher, ah, ich bin etwas matt; ich frage mich, wie eine Batterie fühlen mag, wenn sie ihre Elektrizität in einen Nichtleiter ausströmt? Um sechs Uhr, Watson, nehmen wir unsere Unterhaltung wieder auf.«

Aber es war bestimmt, daß wir sie lange vor dieser Zeit wieder aufnehmen sollten und unter Umständen, die mir einen zweiten Schock gaben, der an Heftigkeit dem ersten, als er mir vor die Tür sprang, kaum nachstand. Ich war einige Minuten dagestanden, die Augen auf die stumme Gestalt in dem Bett gerichtet. Das Gesicht war beinahe ganz verhüllt von der Bettdecke, und er schien zu schlafen. Ich fühlte mich unfähig, etwas zu lesen, und ging daher langsam im Zimmer auf und ab und besah mir die Bilder der berühmten Verbrecher, mit denen die Wände vollgehängt waren. Schließlich trat ich in meiner Unrast an den Kaminsims. Tabaksbeutel, Pfeifen, Injektionsspritzen, Federmesser, Revolverpatronen und dergleichen lagen dort umher. In der Mitte stand eine kleine schwarz und weiße Elfenbeindose mit Schraubdeckel. Es war ein nettes kleines Ding, und ich hatte meine Hand ausgestreckt, um es näher zu betrachten, als – –

Es war der fürchterlichste Schrei, den ich je gehört – so durchdringend, daß man ihn gewiß am Ende der Straße hören konnte. Es lief mir kalt über die Haut, und das Haar stand mir zu Berge. Als ich mich umwandte, sah ich ein verzerrtes Gesicht und wahnsinnige Augen. Ich stand völlig gelähmt da mit der kleinen Dose in meiner Hand.

»Stell sie weg! Augenblicklich weg damit, Watson – augenblicklich, sage ich!« Sein Kopf sank auf das Kissen zurück, und er stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus, als ich die Dose wieder auf den Kaminsims stellte.

»Es macht mich wild, wenn man meine Sachen anfaßt, Watson. Du weißt doch, daß ich das hasse. Du quälst mich hier mehr als erträglich ist. Du, ein Arzt, – du hast das Zeug, um einen Patienten ins Irrenhaus zu treiben. Setz‘ dich irgendwo, Mensch, und laß mir meine Ruhe!«

Der Zwischenfall machte einen höchst unangenehmen Eindruck auf mich. Die heftige, unbegründete Erregung, gefolgt von diesen brutalen Worten, so ganz abseits von seiner üblichen Freundlichkeit, zeigte mir, wie schwer sein Geist bereits zerrüttet war. Von allen Zerstörungen ist die eines vormals stolzen Geistes die ergreifendste. Ich saß in stummer Ergebenheit auf einem Stuhl und wartete, bis es sechs Uhr schlug. Auch Holmes schien die Zeit genau verfolgt zu haben, denn kaum war es sechs Uhr, als er mit derselben fieberhaften Lebhaftigkeit wie zuvor begann:

»Nun, Watson«, sagte er, »hast du Kleingeld in der Tasche?«

»Ja.«

»Silber darunter?«

»Ein paar Stücke.«

»Wie viele halbe Kronen?«

»Ich habe fünf.«

»Ah, das ist zu wenig! Zu wenig! Das trifft sich sehr unglücklich, Watson! Immerhin, du kannst sie ja einmal in deine Uhrentasche stecken. Und den ganzen Rest deines Geldes in die linke Hosentasche. Ich danke dir. Das wird dir das richtige Gleichgewicht geben.«

Das war vollendeter Wahnsinn. Er schauderte und stieß einen Laut aus, halb Husten, halb Seufzer.

»Zünde jetzt, bitte, das Gas an, Watson, aber ich mache dich dafür verantwortlich, daß die Flamme höchstens halb angedreht brennt. Ich habe meine Gründe und flehe dich an, genau aufzupassen. Danke schön, so, so ist es gut, ausgezeichnet. Nein, nicht nötig, die Vorhänge herunter zu lassen. Nun, bitte, lege mir einige Briefe und Papiere auf diesen Tisch, so daß ich sie zur Hand habe. Danke schön. Nun einiges von dem Zeugs da auf dem Kaminsims. Ausgezeichnet, Watson! Dort muß eine Zuckerzange liegen. Bitte ergreife mit der Zange die Elfenbeindose. Stelle sie hier zwischen die Papiere auf den Tisch. Gut! Jetzt kannst du gehen und Herrn Culverton Smith, Lower Burk-Straße Nummer 13 holen.«

Die Wahrheit zu sagen, war mein Wunsch, einen Arzt zu holen, nicht mehr so lebhaft, denn mein armer Freund delirierte offenbar so stark, daß es gefährlich schien, ihn allein zu lassen. Indessen war er jetzt ebenso darauf versessen, den genannten Smith zu konsultieren, als er vorhin hartnäckig alle ärztliche Hilfe abgelehnt hatte.

»Den Namen habe ich nie gehört«, sagte ich.

»Wahrscheinlich nicht, mein guter Watson. Es wird dich überraschen, daß der Mann, der auf der ganzen Welt am meisten von dieser Krankheit versteht, nicht ein Mediziner ist, sondern ein Pflanzer. Herr Culverton Smith ist ein bekannter Pflanzer von Sumatra und zur Zeit in London. Eine Epidemie dieser Krankheit auf seiner Pflanzung, die weitab von jeder ärztlichen Hilfe gelegen ist, gab ihm Anlaß, sie selbst zu studieren, und dabei kam er auf einige sehr weitreichende Entdeckungen. Er ist ein sehr methodischer Mann, und ich wollte nicht, daß du vor sechs Uhr zu ihm gingest, da ich wußte, daß du ihn zu Hause nicht anträfest. Wenn du ihn überreden könntest, hierher zu kommen, und mir die Vorteile seiner einzigartigen Erfahrungen mit dieser Krankheit, deren Erforschung sein liebstes Steckenpferd ist, zukommen zu lassen, so zweifle ich nicht daran, daß ich noch zu retten wäre.«

Ich gebe hier als ein zusammenhängendes Ganzes wieder, was Holmes mir sagte, und unterlasse den Versuch, zu schildern, wie seine Worte durch Atemnot, Husten und das wilde Zucken seiner Hände unterbrochen wurden, die seinen schmerzhaften Zustand verrieten. Sein Aussehen war noch schlechter geworden, während der wenigen Stunden, die ich mit ihm zusammen war. Die hektische Röte war ausgesprochener, die Augen lagen noch tiefer in ihren Höhlungen und funkelten noch fiebriger, und kalter Schweiß stand in dicken Tropfen auf seiner blassen Stirn. Er hatte sich jedoch die ruhige Sicherheit seiner Sprache bewahrt. Ich wußte, bis zum letzten Atemzuge würde er der Herr und Meister bleiben.

»Du wirst ihm genau schildern, in welchem Zustand du mich verlassen hast«, sagte er. »Du wirst ihm deinen Eindruck von mir wiedergeben – ein sterbender Mann – ein sterbender Mann in Delirien. In der Tat, ich kann mir nicht denken, weshalb der ganze Boden des Ozeans nicht eine einzige kompakte Masse von Austern ist, so rasch vermehren sich diese Schaltiere. Ah, ich rede irre! Sonderbar, wie das Gehirn das Gehirn kontrolliert! – Von was wollte ich eben sprechen, Watson?«

»Meine Anweisungen für Culverton Smith.«

»Ach ja, ich entsinne mich. Mein Leben hängt davon ab. Du mußt ihm zureden, Watson. Wir haben keine Liebe zueinander, im Gegenteil. Sein Neffe, Watson, – ich hatte Smith im Verdacht eines Verbrechens, und ich ließ es ihn merken. Der Junge ist scheußlich gestorben. Er hat einen Haß auf mich. Aber du wirst ihn besänftigen, Watson. Bitte ihn, flehe ihn an, schaffe ihn mir mit allen Mitteln her. Er kann mich retten – nur er allein!«

»Ich werde ihn in einem Wagen herfahren, und wenn ich ihn mit Gewalt entführen müßte.«

»Nein, bitte, nichts dergleichen. Du wirst ihn überreden, herzukommen, und dann wirst du ihm vorauseilen zu mir. Erfinde irgendeine Ausrede, um nicht mit ihm zusammen herzukommen. Vergiß das nicht, Watson! Du darfst hier nicht versagen. Du hast dich doch immer bewährt als Freund. Ohne Zweifel gibt es natürliche Gegner, die das Überhandnehmen der Schaltiere verhindern. Du und ich, Watson, wir haben unsere Pflicht getan. Soll trotzdem die Welt von Austern überflutet werden? Nein, nein; gräßlich! Nun geh‘ und berichte Herrn Smith getreulich, wie es hier steht.«

Ich verließ ihn, erfüllt von dem Eindruck dieses großartigen Intellektes, der jetzt kindisch dahinbabbelte. Er hatte mir den Schlüssel gegeben, und ich kam auf den guten Gedanken, ihn einzustecken, damit er sich nicht etwa einschlösse. Draußen fand ich Frau Hudson zitternd und weinend. Als ich die Treppe hinunter ging, hörte ich Holmes‘ hohe dünne Stimme unmelodisch singen. Unten auf der Straße, als ich eine Droschke herbeipfiff, kam ein Mann zu mir durch den Nebel.

»Wie geht es Herrn Holmes?« fragte er.

Es war ein alter Bekannter, Inspektor Morton von Scotland Yard, in Zivilkleidung.

»Es geht ihm sehr schlecht,« antwortete ich.

Er sah mich auf eine sehr eigentümliche Art an. Es schien mir fast, als leuchte das Gesicht vor Schadenfreude auf.

»Ich hatte etwas davon gehört,« sagte er.

Die Droschke fuhr heran, und ich verließ ihn.

Die Lower Burk-Straße erwies sich als eine Zeile feiner Häuser in der ansprechenden Gegend zwischen Notting Hill und Kensington. Das gesuchte Haus, vor dem der Kutscher mich absetzte, war von ernstem, aber nicht unschönem Aussehen, mit altmodischem eisernem Gitterwerk, einer schweren Doppeltür und blankgeputztem Messing. Auf mein Klingeln erschien ein feierlich aussehender Diener.

»Jawohl, Herr Smith ist zu Hause.« Er las meine Karte »Herr Doktor Watson! Ich bitte, sich einen Augenblick zu gedulden, ich werde Sie anmelden.«

Mein bescheidener Name und Titel schienen auf Herrn Culverton Smith keinen Eindruck zu machen. Durch die halboffene Tür vernahm ich eine hohe, ärgerliche, durchdringende Stimme.

»Wer ist das? Was will er? Mein Gott, Staples, wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich zu meinen Studierzeiten nicht gestört sein will!«

Ich hörte den Diener ein paar besänftigende Entschuldigungen sprechen.

»Schon gut, aber ich empfange jetzt niemand. Ich kann meine Arbeit nicht einfach im Stich lassen. Ich bin nicht zu Hause. Sagen Sie ihm das! Er soll morgen früh wieder kommen, wenn er mich wirklich so dringend sprechen muß.«

Wieder hörte ich die leise Stimme des Dieners.

»Alles schön und gut, aber ich lasse mich nicht in meiner Arbeit stören. Sagen Sie ihm das! Er kann ja morgen früh kommen, oder meinetwegen lieber wegbleiben.«

Ich dachte an Holmes, wie er in seinem Bett nach Atem rang und wahrscheinlich die Minuten zählte, bis die erhoffte Hilfe erscheine. Hier mußte alle zeremonielle Höflichkeit weichen. Sein Leben hing von meinem Erfolge ab. Ehe mir noch der Diener den ablehnenden Bescheid seines Herrn überbracht hatte, war ich an ihm vorbei in das Zimmer getreten.

Mit einem ärgerlichen Ausruf erhob sich ein Mann von einem Stuhl neben dem Kaminfeuer. Ich sah ein großes gelbes Gesicht, grobgeschnitten, mit starkem Doppelkinn und zwei drohend blickenden grauen Augen, die unter buschigen gelben Brauen hervor Blitze nach mir schossen. Auf dem kahlen Schädel saß, beinahe kokett zur Seite geschoben, eine kleine Sammetmütze. Dieser Schädel mußte ein ungewöhnlich großes Hirn bergen und doch, als ich die ganze Gestalt ins Auge faßte, erschien mir der Körper des Mannes klein und schwächlich, mit vorgebeugten Schultern, wie bei jemand, der als Kind an Rachitis gelitten hat.

»Was soll das?« schrie er mit hoher Stimme. »Was erlauben Sie sich, hier einzudringen? Habe ich Ihnen nicht sagen lassen, ich sei morgen früh für Sie zu sprechen?«

»Es tut mir leid,« sagte ich, »aber die Sache duldet keinen Aufschub. Mein Freund Sherlock Holmes –«

Die Erwähnung dieses Namens war von außerordentlicher Wirkung auf den kleinen Mann. Der Ärger verschwand sogleich aus seinem Blick. Sein Gesicht verriet gespannte Neugier.

»Sie kommen von Sherlock Holmes?« fragte er.

»Ich habe ihn soeben erst verlassen.«

»Was macht Herr Holmes, wie geht es ihm?«

»Es geht verzweifelt schlecht. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen.«

Der Mann bot mir einen Stuhl, und wir setzten uns. Bei dieser Gelegenheit sah ich einen Augenblick lang sein Gesicht in dem Spiegel über dem Kaminsims. Ein boshaftes, gemeines Lächeln schien sich darüber zu breiten. Aber ich überredete mich, es müsse ein nervöses Zucken gewesen sein, das ich zufällig gewahrte, denn im nächsten Augenblicke wandte er sich mir zu mit vollendeter Liebenswürdigkeit in seiner Miene.

»Es tut mir sehr leid, das zu hören,« sagte er. »Ich kenne Herrn Holmes lediglich durch einige geschäftliche Beziehungen, die wir miteinander hatten, aber ich schätze seine Talente und seinen Charakter überaus hoch. Er ist ein Amateur auf dem Gebiet der Verbrechen, wie ich auf dem der Infektionen. Was für ihn der schwere Junge, ist für mich der Bazillus. Das da sind meine Zuchthäuser,« fuhr er fort, indem er auf eine Reihe von Gläsern und Röhrchen wies, die auf einem kleinen Tische standen.

»Unter diesen Gelatinekulturen sind einige mit den schlimmsten Übeltätern der Welt, die jetzt hier ihre Zeit absitzen.«

»Eben wegen Ihrer besonderen Kenntnisse wünschte Herr Holmes, Sie zu sehen. Er hat eine hohe Meinung von Ihnen und glaubt, daß Sie der einzige Mensch in London sind, der ihm helfen kann.«

Der kleine Mann sprang auf, so heftig, daß das Samtkäppchen ihm übers Ohr rutschte und zu Boden fiel.

»Wieso?« fragte er, »wieso kommt Herr Holmes auf den Gedanken, daß ich ihm helfen könnte?«

»Wegen Ihrer Erfahrung mit tropischen Krankheiten, besonders denen des fernen Ostens.«

»Aber was berechtigt ihn zu der Annahme, daß die Krankheit, die er sich zugezogen hat, in mein Spezialfach schlägt?«

»Weil er beruflich in letzter Zeit mit chinesischen Seeleuten in den Docks zu tun hatte.«

Herr Culverton Smith lächelte wohlgefällig und hob sein Samtkäppchen wieder auf.

»O, ich verstehe, ich verstehe,« sagte er. »Ich glaube aber, seine Krankheit ist nicht so schlimm, wie Sie annehmen. Wie lange ist Ihr Freund schon krank?«

»Seit drei Tagen.«

»Hat er Fieberdelirien?«

»Ja, zwischendurch.«

»Tja, tja, das klingt doch bedenklich. Es wäre unmenschlich, wenn ich nicht zu ihm eilte. Ich kann Störungen bei meiner Arbeit nicht vertragen, Herr Doktor, aber hier mache ich selbstverständlich gern eine Ausnahme. Ich komme sogleich mit.«

Ich erinnerte mich an Holmes‘ strenge Weisung.

»Ich habe noch eine andere Verabredung,« erwiderte ich.

»Schön, dann gehe ich eben allein. Die Adresse des Herrn Holmes ist mir bekannt. Sie können sich bestimmt darauf verlassen, daß ich in längstens einer halben Stunde an seinem Krankenlager stehen werde.«

Mit einem bedrückten Herzen trat ich wieder bei meinem Freunde ein. So, wie ich ihn verlassen hatte, konnte das Schlimmste während meiner Abwesenheit eingetreten sein. Zu meiner ungeheuren Erleichterung fand ich aber, daß sein Zustand sich in der Zwischenzeit sehr gebessert hatte. Sein Aussehen freilich war so geisterhaft wie vorher, aber er war völlig klar im Kopfe und sprach mit zwar schwacher Stimme, aber mit größerer Bestimmtheit und Lebhaftigkeit als selbst in seinen gesunden Tagen.

»Nun, Watson, hast du mit ihm gesprochen?«

»Ja, er kommt.«

»Ausgezeichnet, Watson! Ausgezeichnet! Du bist doch der beste Freund.«

»Er wollte mit mir herkommen.«

»Das würde alles vereitelt haben. Das durfte unter keinen Umständen geschehen. Hat er dich gefragt, was mir fehlt?«

»Ich sprach ihm von der Krankheit und von den Chinesen in den Docks.«

»Gut! Watson, du hast alles für mich getan, was ein guter Freund für mich tun konnte. Du kannst jetzt von der Bühne abtreten.«

»Ich muß doch warten, bis er kommt und seine Ansicht hören, Holmes.«

»Natürlich mußt du, aber ich habe Grund zu der Annahme, daß er seine Meinung viel offener aussprechen wird, und daß sie für dich wesentlich aufschlußreicher sein wird, wenn er glaubt, mit mir allein zu sein. Da hinter dem Kopfende meines Bettes wird gerade Platz genug für dich sein, Watson.«

»Aber Holmes!«

»Ich fürchte nur, dir bleibt keine andere Wahl. Das Zimmer bietet sonst keine Gelegenheit, sich zu verstecken, und das ist auch sehr gut so, denn er wird dann um so weniger Verdacht schöpfen. Hier hinter dem Bett, das wird gerade noch gehen.« Plötzlich richtete er sich auf mit vorgebeugtem Kopfe. »Ich höre schon den Wagen. Schnell, Watson, wenn du meines ewigen Dankes sicher sein willst! Und rühre dich nicht, was auch geschehen mag – rühre dich unter gar keinen Umständen! Verstanden? Aber merke dir genau jedes Wort, das gesprochen wird.« Dann sank er wieder todmatt in seine Kissen zurück, und seinen im Befehlston gesprochenen Worten folgte das sinnlose Gemurmel eines im Fieber liegenden Sterbenden.

Von meinem Versteck aus, wohin mich zu verbergen ich so plötzlich genötigt worden war, hörte ich Schritte auf der Treppe, dann das Öffnen und Schließen der Zimmertür. Zu meiner Überraschung folgte eine langedauernde Stille, die nur von den schweren, röchelnden, unregelmäßigen Atemzügen des Kranken unterbrochen wurde. Ich stellte mir vor, daß Herr Smith neben dem Bette stand und den kranken Dulder betrachtete. Endlich wurde diese unheimliche Stille unterbrochen.

»Holmes!« rief er. »Holmes!«

Der Kranke rührte sich offenbar nicht.

»Hallo, können Sie mich hören, Holmes?« rief er von neuem, in dem scharfen Tone jemandes, der einen Schlafenden aufwecken will. Zugleich vernahm ich ein Geräusch, als schüttelte er den Kranken heftig an der Schulter.

»Sind Sie das, Herr Smith?« flüsterte Holmes. »Ich durfte ja kaum hoffen, daß Sie zu mir kämen.«

Der andere lachte.

»Allerdings,« sagte er. »Und dennoch, wie Sie sehen, bin ich sofort gekommen. Feurige Kohlen, Holmes – feurige Kohlen!«

»Es ist sehr gütig von Ihnen – das ist edel gehandelt. Ich schätze Ihre besonderen Kenntnisse von gewissen Krankheiten.«

Herr Smith lachte wieder.

»Ja, das tun Sie. Zum Glück sind Sie der einzige in London, der das tut. Wissen Sie, was Ihnen fehlt?«

»Dasselbe,« antwortete Holmes.

»Aha, Sie erkennen die Symptome wieder?«

»Nur zu gut!«

»Tja, Holmes, es überraschte mich nicht, wenn es wirklich ›dasselbe‹ wäre. Es steht schlimm mit Ihnen, wenn es so ist. Der arme Viktor war binnen vier Tagen tot – ein kräftiger, gesunder junger Mensch. Wie Sie ganz richtig damals sagten, war es auffallend, daß er eine so entlegene ostasiatische Krankheit im Herzen Londons sich zuzog. Ausgerechnet die Krankheit, deren Erforschung mich schon so lange beschäftigte. Das ist ein merkwürdiger – Zufall, Holmes. Es war in der Tat meisterhaft von Ihnen, daß Sie darauf kamen, aber sehr unfreundlich, daß Sie da von Ursache und Wirkung sprachen.«

»Ich weiß, daß Sie es getan haben!«

»O, Sie wissen es, so! Aber beweisen konnten Sie es eben doch nicht. Was halten Sie eigentlich von sich selbst, wenn Sie erst solche Gerüchte über mich ausstreuen und dann bei mir um Hilfe winseln, sobald Sie in Not sind? Was ist das für ein Spiel, he?«

Ich hörte das stoßweise Röcheln und Luftholen des Kranken. »Das Wasser,« bat er.

»Sie sind Ihrem Ende schon recht nahe, Holmes, aber ich möchte nicht, daß Sie sterben, ehe ich nicht noch ein Wort mit Ihnen gesprochen habe. Deshalb gebe ich Ihnen das Wasser. Da, verschütten Sie es nicht. So ist’s recht! Können Sie verstehen, was ich sage?«

Holmes stöhnte.

»Tun Sie, was Sie können für mich. Lassen Sie Vergangenes vergangen sein,« flüsterte er fast tonlos. »Ich will mich an nichts mehr erinnern – ich schwöre es. Machen Sie mich gesund, und ich will’s vergessen.«

»Was vergessen?«

»Viktor Savages Tod meine ich. Sie haben soeben so gut wie eingestanden, daß Sie es getan haben. Ich will’s vergessen.«

»Sie mögen es vergessen oder nicht, ganz wie es Ihnen beliebt. Sie sehe ich nicht mehr auf der Zeugenbank! Kein Gericht, außer dem Nachlaßgericht, wird sich mehr mit Ihnen befassen, das versichere ich Ihnen. Es ist mir ganz gleichgültig, ob Sie es wissen, wie mein Neffe starb. Auch bin ich nicht hergekommen, um über ihn hier zu reden, sondern über Sie.«

»Ja, ja.«

»Der Mensch, den Sie zu mir um Hilfe schickten – wie heißt er doch? – sagte, Sie hätten sich die Infektion in den Docks bei den chinesischen Seeleuten geholt.«

»Ich wüßte keine andere Möglichkeit.«

»Sie sind so stolz auf Ihren überlegenen Verstand, Holmes. Sie halten sich für so klug, nicht wahr? Aber diesmal sind Sie an einen Klügeren geraten. Jetzt denken Sie einmal nach, Holmes. Können Sie sich keine andere Möglichkeit denken, wie Sie zu der Krankheit kommen konnten?«

»Ich kann nicht nachdenken. Mein Kopf ist so müde. Ums Himmels willen, helfen Sie mir!«

»Ja, ich will Ihnen helfen. Nämlich zu verstehen, weshalb Sie krank sind. Das sollen Sie noch erfahren, ehe Sie sterben.«

»Geben Sie mir etwas, um diese Schmerzen zu mildern!«

»Schmerzen haben Sie? Stimmt! Die Kulis fingen auch allemal an zu wimmern, wenn es gegen das Ende ging. Es ist wie so ein Krampf da drinnen in der Brust, nicht?«

»Ja, ja, wie ein Krampf. Oh!«

»Also passen Sie auf! Können Sie sich nicht ein ungewöhnliches Vorkommnis denken, vor drei Tagen etwa, kurz bevor Sie krank wurden?«

»Nein, nein; nichts!«

»Denken Sie gut nach!«

»Ich bin zu krank zum Denken.«

»Nun, so will ich Ihnen helfen. Kam da nicht etwas mit der Post?«

»Mit der Post?«

»Ja, eine Dose zum Beispiel.«

»O ich kann nicht mehr –«

Holmes murmelte noch wenige zusammenhanglose Worte, dann war es still. Er schien in Ohnmacht gesunken. Nach einer kleinen Weile rief Herr Smith: »Holmes, Holmes!« und es hörte sich wieder so an, als schüttele er den Sterbenden. Ich mußte mit aller Macht an mich halten, um nicht aus meinem Versteck hervor und dem Rohling an den Hals zu springen.

»Sie müssen mich hören!« schrie er. »Erinnern Sie sich an die Dose? Eine Elfenbeindose? Sie kam am Donnerstag, Sie haben Sie aufgemacht, entsinnen Sie sich?«

»Ja, ja – aufgemacht. Da war eine Sprungfeder drin. Ein Scherz –«

»Alles andere als ein Scherz! Verlassen Sie sich darauf. Sie Narr, Sie wollten es ja nicht anders haben. Nun haben Sie es. Wer hat Ihnen befohlen, meine Wege zu kreuzen? Hätten Sie mich in Ruhe gelassen, dann hätte ich Ihnen nichts getan.«

»Ich erinnere mich«, stöhnte Holmes. »Die Feder! Sie hat mich in den Finger gestochen. Die Dose – da steht sie auf dem Tisch.«

»Da ist sie ja! Wahrhaftig meine Dose. Ich werde sie mitnehmen, sie wäre Ihr einziges Beweisstück. Aber Sie kennen jetzt die Wahrheit, Holmes, und Sie sterben mit dem Wissen, daß ich Sie töte. Sie wußten zu viel vom Schicksal Viktor Savages, also müssen Sie es jetzt mit ihm teilen. Sie sind Ihrem Ende sehr nahe, Holmes. Ich will hier Platz nehmen und vollends zusehen, wie Sie sterben.«

Ich hörte einen Stuhl rücken. Dann nach einer Weile ein leises Flüstern von Holmes.

»Was soll ich tun?« fragte Smith. »Das Gas aufdrehen? Aha, Sie sehen schon die Schatten sich herniedersenken. Ja, ich will hell machen, damit ich Sie besser sehen kann.« Er schritt durchs Zimmer, und plötzlich wurde es hell. »Kann ich Ihnen irgend sonst noch einen kleinen Dienst erweisen, Holmes?«

»Eine Zigarette und ein Streichholz.«

Ich hätte hinter dem Bett beinahe aufgeschrien vor Freude und Staunen: Holmes sprach mit seiner gewöhnlichen Stimme. Vielleicht etwas leiser als sonst, aber es war die alte, mir so gut bekannte Stimme wieder. Eine lange Pause trat ein, und ich fühlte, daß Culverton Smith in stummem Staunen dastand und auf meinen Freund hernieder sah.

»Was soll das bedeuten?« hörte ich ihn endlich fragen, mit trockener, harter Stimme.

»Die beste Methode, eine Rolle zu spielen,« sagte Holmes, »ist die, die Rolle zu leben. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich seit drei Tagen weder Speise noch Trank angerührt habe, bis Sie mir vorhin das Glas Wasser reichten. Das war gütig von Ihnen. Aber den Tabak vermißte ich am meisten. Ah, da sind ja wahrhaftig Zigaretten!« Ich hörte, wie ein Zündholz angestrichen wurde. »Jetzt ist mir schon viel besser. Hallo – hallo! Höre ich nicht den Schritt eines Freundes?«

Draußen wurden in der Tat Schritte vernehmbar, die Tür ging auf, und herein trat Inspektor Morton.

»Es hat alles geklappt, und das hier ist Ihr Mann,« sprach Holmes.

Der Beamte erfüllte die vom Gesetz verlangte Förmlichkeit. »Ich verhafte Sie, Culverton Smith,« sagte er, »unter Anklage des Mordes an einem gewissen Viktor Savage.«

»Und Sie können hinzufügen: ›des versuchten Mordes an einem gewissen Sherlock Holmes‹,« setzte mein Freund hinzu. »Um mir krankem Mann die Mühe zu ersparen, hatte Herr Smith die Liebenswürdigkeit, selbst das verabredete Zeichen zu geben und das Gas voll aufzudrehen. Ihr Gefangener hat übrigens in der rechten Tasche seines Überziehers eine kleine Dose, die Sie ihm besser abnehmen. Danke Ihnen. Seien Sie vorsichtig mit dem Ding, da sitzt der Teufel drin. Stellen Sie’s dort auf den Tisch. Das ist ein wichtiges Beweisstück, Inspektor.«

Ich hörte plötzlich Lärm und Durcheinander, dann das scharfe Klicken von Stahl und einen Schmerzensschrei.

»Sie tun sich nur unnötig weh,« sagte der Inspektor. »Am besten für Sie, wenn Sie ganz ruhig bleiben und hier keine Zicken machen.«

»Das ist eine nette Falle,« schrie Smith voll Wut. »Das wird Sie vors Gericht bringen, Holmes, und nicht mich! Er hat mich bitten lassen, hierher zu kommen, um ihn zu heilen. Er tat mir leid, und ich kam sofort. Jetzt wird er wahrscheinlich behaupten, ich hätte hier Dinge gesagt, die seinen irrsinnigen Verdacht bestätigen. Sie mögen lügen, so viel Sie wollen, Holmes – mein Wort wiegt genau so schwer wie das Ihrige!«

»Donnerwetter!« rief Holmes, »den armen Teufel habe ich ja ganz vergessen. Watson, komm‘ hervor, ich bitte tausendmal um Entschuldigung. Daß ich dich so ganz vergessen konnte! Herrn Smith brauche ich dich nicht erst vorzustellen, da du ihn ja vor kurzem erst selber kennen lerntest. Haben Sie einen Wagen unten, Inspektor? Sobald ich mich angezogen, möchte ich Ihnen folgen, denn ich kann Ihnen noch einiges Wichtige sagen, wenn wir auf Ihrer Station sind.«

Während Holmes sich ankleidete, reichte ich ihm Biskuits mit Rotwein. »Nie im Leben habe ich so etwas nötiger gehabt,« sagte er und aß gierig. »Aber du weißt ja, ich bin keine Regelmäßigkeit gewohnt, und so eine Hungerkur bedeutet für mich weniger als für die meisten anderen. Es war besonders wichtig, daß ich Frau Hudson meinen kranken Zustand überzeugend vortäuschte, denn die sollte dir davon erzählen, und du wiederum ihm. Du darfst nicht verletzt sein, Watson. Unter deinen vielen Fähigkeiten fehlt die Kunst der Verstellung völlig, und wenn du an meine Krankheit nicht geglaubt hättest, dann wäre es dir nie gelungen, Herrn Smith hierherzulocken. Davon aber hing alles ab. Mir war sein rachsüchtiger Charakter bekannt, und daß es ihm eine Befriedigung sein würde, zu beobachten, wie ich an seiner Bazilleninfektion sterbe.«

»Aber dein geisterhaftes Aussehen, Holmes! Man kann Delirium vortäuschen, aber doch nicht –«

»Weißt du, drei Tage fasten, das heißt also nahezu verschmachten, verschönert niemanden. Im übrigen habe ich einiges ja auch schon mit dem Schwamm abgewaschen. Mit Vaseline, auf die Stirn geschmiert, Belladonna, in die Augen geträufelt, Schminke auf den Backen und Wachs an den Lippenrändern kann man einen ganz netten Eindruck erzielen. Mit der Kunst der Simulation habe ich mich viel beschäftigt und schreibe vielleicht noch einmal eine Monographie darüber. Ein paar unsinnige gelegentliche Worte über halbe Kronen, Austern oder sonst etwas Verrücktes täuschen selbst dem Arzt Delirium vor.«

»Aber weshalb wolltest du nicht, daß ich dir nahe käme, wo doch keine Ansteckung zu befürchten war?«

»Kannst du das fragen, Watson? Glaubst du, ich hätte so wenig Achtung vor deinen medizinischen Kenntnissen? Dir wäre es doch sofort aufgefallen, da ein Sterbender keine normale Temperatur und keinen normalen Puls haben kann. So schwach ich auch war, du wolltest mich ja untersuchen, und beides hättest du zu deiner Überraschung festgestellt. Auf vier Schritt Entfernung konnte ich dich täuschen. Auf die Nähe aber nicht. Und wer hätte mir denn meinen Smith herbeigeholt? – Nein, Watson, ich würde die Dose lieber stehen lassen. Unter dem Deckel an der Seite siehst du ein kleines Loch. Wenn du den Deckel abschraubst, fährt da eine Nadelspitze heraus. Auf solch eine Art muß er seinen Neffen umgebracht haben, der zwischen ihm und einer Erbschaft stand. Ich bin aber berufsmäßig mißtrauisch, und als die Dose mit der Post ankam, roch ich Lunte. Der Trick ist nicht neu genug. Aber nun kam mir sofort der Gedanke, daß, wenn ich mich so stellte, als sei sein Anschlag gelungen, ich ihn fangen könne und er ein Geständnis von sich gebe. Es hat wunderbar geklappt, Watson. Aber bitte, gib mir noch einmal die Biskuits her! Ich habe ja drei Tage Essen gut!«

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