Elftes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Eine Flucht auf Leben und Tod.

Am Morgen nach seiner Unterredung mit dem Propheten begab sich John Ferrier nach der Salzseestadt, suchte dort seinen Bekannten auf, welcher im Begriff stand, ins Gebirge von Nevada zu reisen, und vertraute ihm die Botschaft für Jefferson Hope an. Er hatte dem jungen Manne geschrieben, von welcher furchtbaren Gefahr sie bedroht seien und ihn aufgefordert, unverzüglich zurückzukehren. Nachdem dies geschehen war, ging er erleichterten Herzens heim.

Als er sich seinem Hause näherte, sah er mit Verwunderung, daß an jedem der Thürpfosten ein Pferd angebunden stand. Im Wohnzimmer aber traf er zwei junge Männer, die sich höchst behaglich zu fühlen schienen. Der eine, mit hageren, blassen Zügen, lag im Armstuhl ausgestreckt, die Füße auf dem niedrigen Ofen. Der andere, ein Mensch mit aufgedunsenem, gemeinem Gesicht und einem Stiernacken, stand, die Hände in den Taschen, am Fenster und pfiff eine Melodie. Beide nickten Ferrier vertraulich zu, und der junge Mensch im Armstuhl begann das Gespräch.

»Sie kennen uns vielleicht nicht,« sagte er. »Dies hier ist der Sohn des Aeltesten Drebber und ich bin Josef Stangerson, der mit im Zuge war, als der Herr in der Wüste seine Hand ausstreckte, um Sie mit der Herde der Gläubigen zu vereinen.«

»Wie er alle Völker versammeln wird zu seiner Zeit!« fiel der andere mit schnarrender Stimme ein. »Seine Mühlen mahlen langsam, aber sicher.«

John Ferrier verbeugte sich kühl; er hatte sich schon denken können, wer die Besucher waren.

»Wir kommen auf den Rat unserer Väter,« fuhr Stangerson fort, »und werben um die Hand Ihrer Tochter für denjenigen von uns beiden, welcher Ihnen und ihr am meisten zusagt. Da ich nur vier Frauen habe und Bruder Drebber hier deren sieben besitzt, so scheint mir, daß ich den nächsten Anspruch habe.«

»Bewahre, Bruder Stangerson,« rief der andere; »es handelt sich nicht darum, wie viele Frauen man hat, sondern wie viele man ernähren kann. Mein Vater hat mir jetzt die Fabriken übergeben, und ich bin reicher als du.«

»Aber ich habe bessere Aussichten,« erwiderte jener eifrig. »Wenn der Herr meinen Vater zu sich nimmt, bekomme ich die Lohgerberei und die Lederfabrik. Auch bin ich älter als du und mein Ansehen in der Kirche ist größer.«

»Das Mädchen soll zwischen uns entscheiden,« entgegnete der junge Drebber, sich wohlgefällig im Spiegel betrachtend; »wir wollen es ihr ganz überlassen.«

Während dieses Zwiegesprächs stand John Ferrier schäumend vor Wut an der Thür. Es zuckte ihm in allen Fingern, seine Reitpeitsche auf den Rücken der beiden Bewerber niedersausen zu lassen.

»Hört einmal,« sagte er endlich, auf sie zuschreitend, »wenn meine Tochter euch rufen läßt, mögt ihr kommen; bis dahin bitte ich mir aus, daß ihr mir den Anblick eurer Gesichter erspart!«

Die jungen Mormonen starrten ihn in maßlosem Erstaunen an. In ihren Augen war dieser Wettbewerb um die Hand des Mädchens die höchste Ehre, welche sie Vater und Tochter erweisen konnten.

»Es giebt zwei verschiedene Ausgänge aus diesem Zimmer,« fuhr Ferrier zornglühend fort, »einen durch die Thür, den anderen durch das Fenster. Ihr habt die Wahl.«

Seine Miene war so drohend und seine hagern Hände schienen so eisenstark, daß die beiden unwillkommenen Besucher eilig aufsprangen und den Rückzug antraten. Der alte Mann folgte ihnen bis zur Thür.

»Sobald ihr untereinander ausgemacht habt, wer es sein soll, laßt mich’s wissen,« rief er ihnen höhnisch nach.

»Dafür sollt Ihr büßen,« schrie Stangerson bleich vor Erregung. »Ihr habt dem Propheten getrotzt und dem hohen Rat der Vier – das sollt Ihr bereuen bis an Euer Lebensende.«

»Die Hand des Herrn werdet Ihr fühlen,« stimmte der junge Drebber ein. »Er wird wider Euch aufstehen und Euch schlagen.«

»Mit dem Schlagen kann es gleich seinen Anfang nehmen,« rief Ferrier zornbebend. Er wollte die Flinte von der Wand reißen, aber Lucy war herzugeeilt und fiel ihm in den Arm. Bevor er sich noch von ihr losmachen konnte, tönte schallender Aufschlag und die Flüchtlinge waren außer seinem Bereich.

»Die jungen heuchlerischen Schurken,« murmelte er voll Ingrimm; »weit lieber möchte ich dich im Grabe sehen, mein Herzenskind, als daß dich einer von ihnen als sein Weib heimführte.«

»Ja Vater, – lieber sterben!« erwiderte sie entschlossen. »Doch bald wird Jefferson hier sein.«

»Freilich – und je früher er kommt, desto besser ist es. Wer kann wissen, was jene gegen uns im Schilde führen.«

Es war in der That hohe Zeit, daß ein kluger Ratgeber und Helfer dem wackern alten Ferrier und seiner Tochter in ihrer Not beistand. Seit der Gründung der Niederlassung war ein solches Beispiel von Ungehorsam und Widersetzlichkeit gegen die Befehle der Aeltesten noch niemals vorgekommen. Wenn schon kleine Vergehen mit unnachsichtiger Strenge bestraft wurden, welches Schicksal erwartete dann diesen Erzrebellen? Ferrier wußte, daß weder sein Reichtum noch seine Stellung ihn schützen würde. Leute, die über ebenso große Mittel verfügten und in nicht geringerem Ansehen standen wie er, waren schon spurlos verschwunden und ihre Güter der Kirche anheimgefallen. Der tapfere Mann hätte sich jeder offenen Gefahr kühn entgegengestellt, aber das düstere unheimliche Verhängnis, das über ihm schwebte, erschütterte seine starke Seele und flößte ihm Grauen ein. Zwar verbarg er seine Furcht vor der Tochter und that, als lege er der ganzen Sache nicht viel Wert bei, allein, mit dem scharfen Auge der Liebe erkannte Lucy nur zu deutlich die Unruhe in seinem Gemüt.

Nach dem, was vorgefallen war, mußte er sich darauf gefaßt machen, von Young wegen seines Benehmens eine Rüge oder Warnung zu erhalten. Die Botschaft traf auch wirklich ein, aber sie kam auf eine ihm völlig unerwartete Weise. Als er am nächsten Morgen erwachte, fand er auf der Bettdecke gerade über seiner Brust einen kleinen viereckigen Zettel angesteckt, auf welchem mit großen deutlichen Buchstaben die Worte standen: »Neunundzwanzig Tage sind dir zur Sühne gewährt, und dann – –«

Jede Drohung wäre weniger furchtbar gewesen als der beängstigende Gedankenstrich. John Ferrier zerbrach sich vergebens den Kopf, wie der Zettel in sein Zimmer gekommen sein könne, denn das Gesinde schlief in einem Nebenbau und er hatte mit eigener Hand alle Fenster und Thüren wohl verwahrt und verschlossen. Er vernichtete das Papier und sagte seiner Tochter nichts von dem Vorfall, aber ihn schauderte doch, wenn er daran dachte. Die neunundzwanzig Tage waren offenbar der Rest des Monats, den Brigham Young ihm zugesagt hatte. Was vermochten aller Mut und alle Kraft gegen einen Feind auszurichten, der so geheimnisvolle Hilfsmittel besaß? Die Hand, welche jenen Zettel befestigte, hätte ihn ebenso gut ins Herz treffen können und kein Mensch würde jemals erfahren haben, wer ihn erschlagen.

Am folgenden Morgen wurde er noch heftiger erschüttert. Sie saßen zusammen beim Frühstück, als Lucy plötzlich einen Schrei der Ueberraschung ausstieß und nach oben blickte. Mitten auf der Zimmerdecke stand in schwarzer Schrift die Zahl 28. Seine Tochter wußte nicht, was das zu bedeuten habe und er klärte sie nicht auf. Die folgende Nacht hindurch saß Ferrier mit der geladenen Flinte da und hielt Wache. Alles blieb still, er vernahm keinen Laut, aber am nächsten Morgen fand er die Zahl 27 auf seiner Hausthür angeschrieben.

So verging ein Tag nach dem andern und jeder neue Morgen brachte ihm Kunde, daß seine unsichtbaren Feinde ihre Rechnung weiter führten. An irgend einer Stelle, die ihm ins Auge fallen mußte, hatten sie die Anzahl der Tage verzeichnet, die ihm noch von der Gnadenfrist übrig blieb. Bald tauchten die verhängnisvollen Nummern an den Wänden auf, bald auf dem Fußboden, manchmal standen sie auf kleinen Anschlagzetteln, die an dem Gartenthor oder den Gitterstäben befestigt waren. Trotz aller Wachsamkeit konnte Ferrier nicht entdecken, woher diese täglichen Mahnzeichen kamen und er empfand ein fast abergläubisches Grauen, so oft er eine neue Zahl gewahrte. Er kam sich vor wie ein gehetztes Wild, eine verzehrende Unruhe ergriff ihn und wer in seinem Auge zu lesen verstand, konnte sehen, welche Qualen er litt. Nur der Gedanke, daß der junge Jäger jetzt bald aus Nevada eintreffen müsse, hielt ihn noch aufrecht.

Aus 29 war 15, aus 15 war 10 geworden, aber noch traf keine Nachricht von dem fernen Freunde ein. Immer kleiner ward die Zahl der noch übrigen Tage und Jefferson ließ sich nicht blicken. Vernahm man einen Hufschlag oder kam ein Fuhrmann des Weges gefahren, so eilte der alte Farmer an das Thor, weil er glaubte, daß die ersehnte Hilfe da sei. Erst als auf die 5 die 4 folgte und aus dieser eine 3 wurde, sank ihm der Mut, und er gab jede Hoffnung verloren.

Wenig vertraut mit Weg und Steg in den Gebirgen, welche die Ansiedlung umgaben, konnte er, auf sich allein angewiesen, die Rettung nicht ins Werk setzen; alle bekannten Pfade wurden aufs strengste bewacht, und jeder Wanderer, der sich darauf betreten ließ, mußte einen Passierschein des Hohen Rats vorweisen können. Wohin sich also Ferrier wenden mochte, nirgends bot sich ihm die Möglichkeit, dem Verhängnis zu entfliehen, das ihn bedrohte; dennoch schwankte der alte Mann keinen Augenblick in seinem Entschluß, lieber das Leben zu verlieren, als seine Tochter jener Verbindung preiszugeben.

Er war in schweren Sorgen abends allein aufgeblieben und sann vergebens nach, ob denn kein Entrinnen mehr möglich sei. Am Morgen war die Zahl 2 auf der Hauswand erschienen und mit dem nächsten Tage ging die festgesetzte Frist zu Ende. Was würde dann geschehen? – Seine Einbildungskraft war geschäftig, sich alle erdenklichen Schrecken auszumalen. Und was sollte aus seiner Tochter werden, wenn er ihr nicht mehr zur Seite stand? – Er sah sich rings von einem unsichtbaren Netz umgeben, das sich immer dichter zusammenzog. Von dem Gefühl seiner Ohnmacht überwältigt, brach er in schmerzliches Schluchzen aus und das Haupt sank ihm auf die Brust.

Aber was war das? – Durch die Stille der Nacht kam plötzlich ein leiser, schnarrender Ton deutlich zu ihm herüber. Er schien von der Hausthür zu kommen. Ferrier schlich geräuschlos durch den Gang und horchte scharf hinaus. Einige Augenblicke vergingen, dann ließ sich der seltsame, schwache Laut wieder vernehmen. Es klopfte jemand mit großer Behutsamkeit an der Thür. War es ein nächtlicher Abgesandter des heimlichen Gerichts, der gekommen war, um dessen Mordbefehl auszuführen, oder sollte ihm noch besonders angekündigt werden, daß der letzte Tag herannahe? Die furchtbare Ungewißheit schüttelte ihn wie im Fieber und nahm ihm jede Widerstandskraft. Länger vermochte er die Qual nicht mehr zu ertragen, mit der verglichen der Tod eine Erlösung schien. Rasch entschlossen zog er den Riegel zurück und öffnete die Thür.

Draußen war alles still. Die Sterne flimmerten am klaren Nachthimmel und weder in dem kleinen Vorgarten, den der Zaun umschloß, noch auf der Straße jenseits des Gitterthors, war ein menschliches Wesen zu erblicken. Ferrier sah nach rechts und nach links und atmete erleichtert auf. Als er aber zufällig gerade vor sich auf den Boden schaute, sah er mit Entsetzen zu seinen Füßen einen Mann platt auf der Erde liegen, Arme und Beine weit von sich gestreckt.

Der Anblick erschütterte ihn so sehr, daß er gegen die Wand taumelte und Mühe hatte, den wilden Schrei zu ersticken, der sich ihm auf die Lippen drängte. Sein erster Gedanke war, daß es ein Verwundeter oder Sterbender sein müsse; allein plötzlich kam Leben in die Gestalt, sie wand sich wie eine Schlange behende und geräuschlos am Boden entlang und erreichte die Hausflur. Sobald der Mann über die Schwelle gekommen war, sprang er rasch in die Höhe, schloß die Thür und vor dem überraschten Farmer stand Jefferson Hope mit ingrimmiger, entschlossener Miene.

»Großer Gott – du bist es –,« keuchte John Ferrier; »weshalb kommst du so geschlichen? Du hast mich furchtbar erschreckt.«

»Gieb mir zu essen,« rief jener mit heiserer Stimme, »seit achtundvierzig Stunden habe ich weder Trank noch Speise zu mir genommen.« Er griff gierig nach Brot und Fleisch, das noch von Ferriers Abendmahlzeit auf dem Tische stand. »Hält sich Lucy tapfer?« war seine erste Frage, sobald er seinen Heißhunger gestillt hatte.

»Ja, doch kennt sie die Größe der Gefahr nicht.«

»Das ist gut. Das Haus wird von allen Seiten bewacht; ich konnte mich nur kriechend nähern, um nicht bemerkt zu werden. Sie passen scharf auf, doch sind sie nicht schlau genug, um einen Washoe-Jäger zu fangen.«

John Ferrier war wie umgewandelt, nun er auf den Beistand eines getreuen Verbündeten zählen durfte. »Du bist ein Mann unter Tausenden,« rief er, Jeffersons Hand herzlich schüttelnd; »nicht jeder wäre gekommen, um Gefahr und Not mit uns zu teilen.«

»Wärst du allein in der Bedrängnis, Vater, wahrlich – ich hätte es mir wohl zweimal überlegt, bevor ich mich in dieses Wespennest wagte,« erwiderte der junge Hope freimütig. »Um Lucys willen bin ich hier und ehe ich zugebe, daß ihr ein Leid geschieht, müssen sie mir das Leben nehmen.«

»Was soll denn aber nun werden? Laß uns rasch handeln!«

»Morgen ist euer letzter Tag; wenn wir nicht diese Nacht entfliehen, seid ihr verloren. In der Adlerschlucht stehen zwei Pferde und ein Maultier bereit. Wieviel Geld hast du?«

»Zweitausend Dollars in Gold und fünftausend in Banknoten.«

»Das genügt; ich kann etwa die gleiche Summe hinzulegen. Wir müssen übers Gebirge nach Carson City. Lucy soll sich sogleich fertig machen. Gut, daß die Dienstboten nicht im Hause schlafen.«

Während Ferrier ging, seine Tochter zu wecken, traf Jefferson Hope die nötigen Vorkehrungen zur Flucht. Was sich von Eßwaren vorfand, packte er in ein kleines Bündel und füllte einen Steinkrug mit Wasser, da er wußte, daß sie in den Bergen nur auf wenige Quellen stoßen würden. Jetzt kehrte auch Ferrier mit Lucy zurück; beide waren zum Aufbruch bereit. Die Liebenden begrüßten einander mit wenigen herzlichen Worten, jeder Augenblick war kostbar und es gab noch viel zu überlegen.

»Wir müssen auf der Stelle fort,« sagte Jefferson mit leiser, aber fester Stimme. »Es gilt der Gefahr mutig zu trotzen. Beide Eingänge, der vordere sowohl, als der hintere, werden bewacht, aber bei gehöriger Vorsicht können wir durch das Seitenfenster entfliehen, das auf die Felder geht. Haben wir erst die Straße erreicht, so sind wir nur eine kurze halbe Stunde von der Schlucht entfernt, wo die Pferde warten. Bei Tagesanbruch müssen wir schon tief im Gebirge sein.«

»Aber, wenn wir angehalten werden?« fragte Ferrier.

Hope deutete auf die Mündung des Revolvers, den er in seinem Wamse trug. »Wenn ihrer zu viele sind, müssen zwei oder drei ins Gras beißen,« sagte er mit grimmigem Lächeln.

Alles Licht im Hause war ausgelöscht und Ferrier warf durch das dunkle Fenster noch einen Blick auf seine Wiesen und Felder hinaus, welche er für immer verlassen sollte. Schon längst war er jedoch auf dies Opfer vorbereitet und der Gedanke an seiner Tochter Glück und Ehre verscheuchte allen Kummer über den Verlust seines Eigentums. Die Gegend lag so still und friedlich da, die Bäume rauschten und das Korn wogte im Winde; es war schwer zu glauben, daß da draußen allerwärts der Mord auf sie lauere. Die bleiche, entschlossene Miene des jungen Jägers verriet aber nur allzu deutlich, daß er auf dem Wege nach dem Hause genug gesehen hatte, um darüber keinerlei Zweifel zu hegen.

Ferrier trug einen Sack mit dem Gold und den Banknoten, Jefferson die Vorräte an Eßwaren und den Wasserkrug; Lucy hatte ihre liebsten Besitztümer in ein Bündel geschnürt. Langsam und vorsichtig öffneten sie das Fenster und warteten, bis eine dunkle Wolke, die herangezogen kam, die Gegend in Finsternis hüllte, dann kletterten sie geräuschlos in den Vorgarten hinab. Mit verhaltenem Atem, halb schleichend, halb kriechend, erreichten sie glücklich den Heckenzaun, in dessen Schutze sie vorwärts eilten, bis sie an eine Lücke kamen, durch welche man in die Felder hinaus gelangte. Sie befanden sich gerade an dieser Stelle, als Jefferson sich plötzlich zu Boden warf, und Vater und Tochter mit sich zog. Das geübte Ohr des Steppenjägers hatte ein Geräusch vernommen. Kaum kauerten sie in ihrem Versteck, als wenige Schritte von ihnen der trübselige Ruf einer Bergeule ertönte, dem ein anderer Eulenruf aus einiger Entfernung antwortete. Gleich darauf sahen sie den Schatten eines Mannes an der Zaunlücke vorbeigleiten und eine zweite Gestalt tauchte aus dem Dunkel auf.

»Morgen um Mitternacht, wenn das Käuzchen dreimal ruft,« sagte der erste im Ton des Befehls.

»Wohl,« versetzte der zweite; »soll ich Bruder Drebber benachrichtigen?«

»Sage ihm die Weisung, er soll sie weiter geben. Neun und sieben

»Sieben und fünf!« entgegnete der andere, und die beiden entfernten sich nach verschiedenen Richtungen. Ihre letzten Worte sollten offenbar eine Art Losung sein. Kaum waren ihre Tritte verhallt, als Jefferson aufsprang und mit seinen Gefährten, so rasch sie ihre Füße trugen, quer durch die Felder lief.

»Vorwärts, vorwärts,« keuchte er von Zeit zu Zeit; »wir sind schon an den Wachtposten vorbei, nur die größte Eile kann uns retten.«

Wenn Lucys Kräfte zu versagen drohten, half er ihr und stützte sie mit starkem Arm. Auf der Landstraße angelangt, kamen sie rasch weiter, und kurz vor der Stadt bog ihr Führer in einen schmalen, steilen Pfad ab, der zu den Bergen aufstieg. Zwei dunkle, zerklüftete Felsspitzen ragten vor ihnen empor in der Finsternis; zwischen diesen öffnete sich die Adlerschlucht, wo die Pferde warteten. Von sicherm Instinkt geleitet, fand Jefferson den Weg zwischen Felsblöcken und in dem trockenen Bett eines Waldbachs, bis sie den versteckten Schlupfwinkel erreichten, wo er die treuen Tiere festgebunden hatte. Das Mädchen bestieg das Maultier und Ferrier mit dem Geldsack eines der Pferde, während Jefferson Hope das andere auf dem gefährlichen Pfade am Zügel führte.

Rechter Hand ragte eine wohl tausend Fuß hohe Felswand und zur Linken lagen Steinblöcke und Trümmer wild durcheinander geworfen. Der Fußsteig, der in regelmäßigem Zickzack mitten durch diese Wildnis führt, war an manchen Stellen so schmal, daß sie ihn hintereinander einzeln verfolgen mußten, und so rauh, daß nur die geübtesten Reiter ihn ohne Unfall passieren konnten.

Trotz aller Mühsal und Beschwerde war den Flüchtlingen dennoch fröhlich zu Mut, weil jeder Schritt, den sie vorwärts thaten, sie weiter aus dem Bereich des Tyrannen brachte, dem sie entrinnen wollten.

Bald jedoch erhielten sie den Beweis, daß sie noch immer nicht dem Bann der ›Heiligen‹ entflohen waren. Sie hatten eben die ödeste und wildeste Stelle des Gebirgspasses erreicht, als Lucy mit einem Ausruf des Schreckens nach oben deutete. Auf einem Felsvorsprung, der den Pfad beherrschte und sich klar gegen den Himmel abhob, stand ein einsamer Wachtposten. Er hatte die Reiter gleichfalls bemerkt und seine Frage: »Wer geht da?« klang herausfordernd durch die stille Schlucht.

»Reisende nach Nevada,« rief Jefferson Hope, die Hand an der Flinte, welche am Sattel hing.

»Mit wessen Erlaubnis?« schallte es von oben herunter.

»Der heiligen Vier,« gab Jefferson zur Antwort. Er wußte von seinem Aufenthalt bei den Mormonen, daß dies die höchste Obergewalt sei.

»Neun und sieben!« rief die Schildwache.

»Sieben und fünf!« entgegnete Jefferson rasch, sich der Losung erinnernd, die er im Garten gehört hatte.

»Passiert – der Herr sei mit euch!« ertönte es von der Felsspitze.

Bald darauf war der Weg breiter und die Pferde konnten sich in Trab setzen. Noch einmal sahen sie zurück nach dem einsamen Wächter, der, sein Gewehr im Arm, an dem Felsen lehnte. Sie wußten, daß sie den letzten Posten der Mormonen hinter sich hatten und die Freiheit vor ihnen lag.

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Zwölftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Die Würgengel.

Die ganze Nacht hindurch wanderten die Flüchtlinge über felsiges Gestein und durch die verschlungensten Pfade. Kamen sie auch öfters vom Wege ab, so wußte sich doch Jefferson, bei seiner genauen Kenntnis des Gebirges, immer wieder zurecht zu finden. Beim Morgengrauen enthüllte sich ihnen ein Schauspiel von wilder, aber wunderbarer Schönheit. In der weiten Runde sahen sie sich ringsum von hohen, schneebedeckten Berggipfeln eingeschlossen, die bis zu unabsehbaren Fernen neben und über einander emporragten. Droben im Gestein wurzelten Lärchen- und Fichtenbäume, die der nächste Windstoß von den steilen Felswänden auf ihre Häupter herabschleudern konnte; es lagen Steintrümmer und Baumstämme genug unten im Thal verstreut, zum Zeichen, daß ein solcher Absturz wohl zu fürchten sei. Eben jetzt löste sich wieder ein großes Felsstück und fiel donnernd in die Tiefe; erschreckt fuhren die müden Pferde auf und setzten sich in schärferen Trab.

Nun stieg die Sonne über den östlichen Horizont und entzündete die Berggipfel wie Lampen bei einem Fest, einen nach dem andern, bis sie alle glühten und leuchteten. Es war ein Anblick von solcher Erhabenheit, wie ihn die Flüchtlinge noch nie geschaut; er erfreute ihre Herzen und stärkte sie mit neuer Kraft und Zuversicht. Am Ufer eines Wildbaches, der aus der Schlucht hervorbrauste, machten sie bald darauf Halt, tränkten ihre Pferde und nahmen ein hastiges Mahl ein. Lucy und ihr Vater hätten gern eine Weile gerastet, aber Jefferson gab das nicht zu. »Sie sind uns jetzt gewiß schon auf der Spur,« sagte er; »Eile thut vor allem not. Erst wenn wir sicher in Carson angelangt sind, dürfen wir daran denken, der Ruhe zu pflegen.«

Den ganzen Tag lang ging es weiter durch Hohlwege und Schluchten; am Abend mußten sie nach ihrer Berechnung weit mehr als dreißig Meilen zurückgelegt haben. Erschöpft suchten sie nun unter einer vorspringenden Klippe Schutz vor dem kühlen Nachtwind, schmiegten sich fest aneinander, um sich zu erwärmen und gönnten sich einige Stunden Schlaf. Bis jetzt hatten sie nicht das geringste Anzeichen einer Verfolgung entdeckt und Jefferson Hope glaubte schon, dem grimmigen Feinde glücklich entronnen zu sein. Ach, er ahnte nicht, wie weit dessen gefürchteter Arm reichte, und wie bald er sich ausstrecken würde, um sie erbarmungslos zu zerschmettern.

Um die Mittagszeit des zweiten Tages ihrer Flucht begann ihr geringer Vorrat von Lebensmitteln auf die Neige zu gehen. Dem Jäger machte das wenig Sorge; es mangelte nicht an Wildpret im Gebirge und seine Flinte hatte ihm schon öfters die nötige Nahrung verschafft. An einer geschützten Stelle häufte er trockene Zweige auf und zündete ein mächtiges Feuer an, damit sich Vater und Tochter wärmen könnten, denn sie befanden sich jetzt in einer Höhe von 5000 Fuß über dem Meeresspiegel und die Luft wehte scharf und kalt. Jefferson band die Pferde fest, nahm Abschied von Lucy, warf die Flinte über die Schulter und zog aus, um sein Waidmannsglück zu versuchen. Als er sich noch einmal umwandte, sah er den Alten neben dem jungen Mädchen am Feuer sitzen und im Hintergrunde die drei Reitpferde, bewegungslos, wie aus Stein gehauen. Schon im nächsten Augenblick hatten die Felsen ihm das Bild verdeckt.

Mehrere Meilen wanderte er von Schlucht zu Schlucht, ohne auf eine Beute zu stoßen, wiewohl er aus mancherlei Anzeichen erkannte, daß Bären in der Nähe sein mußten. Schon wollte er nach mehrstündigem fruchtlosem Suchen unverrichteter Sache der ihm bekannt vorkam. Abermals kletterte er zwischen den steilen Felswänden aufwärts mit seiner Last. Der Pfad lag im tiefsten Dunkel, denn der Mond war noch nicht aufgegangen, und Jefferson strauchelte oft auf dem rauhen Wege; doch der Gedanke, daß er mit jedem Schritt seiner geliebten Lucy naher kam, trieb ihn rastlos weiter; auch brachte er ja genug Vorrat mit, um sie während der ganzen Dauer der Flucht vor Mangel zu schützen. Auf der Höhe angekommen, ward er zu seiner Freude gewahr, daß er von der Stelle, wo er seine Schutzbefohlenen verlassen hatte, nicht mehr allzufern sei; schon erkannte er, trotz der Finsternis, die schwachen Umrisse der Felsspitzen am Eingang der Schlucht. Fast fünf Stunden war er fortgeblieben – mit wie banger Sehnsucht mochten sie ihn erwarten. Um seine glückliche Rückkehr zu verkünden, rief er ein lautes Hallo! in die Berge hinein. Dann stand er lauschend da, ob keine Antwort käme, aber nur der Ton seiner eigenen Stimme schallte in vielfachem Wiederhall von den Bergen; sonst blieb alles still. Noch stärker und dringender ertönte jetzt sein Ruf, aber kein Laut aus geliebtem Munde hieß ihn willkommen. Von unbestimmter Angst ergriffen, ließ er die schwer errungene Beute zu Boden fallen und stürmte wie rasend vorwärts.

Jetzt bog er um die Ecke und vor ihm lag der Platz, wo er das Feuer angezündet hatte. Noch glühte der Aschenhaufen, aber man hatte kein Holz zugelegt und die Flamme war erloschen. Ringsumher herrschte Todesschweigen. Seine Furcht ward zur Gewißheit; nirgends ließ sich ein lebendes Wesen erblicken – die Pferde, das Mädchen, der Alte, waren spurlos verschwunden. Das Unheil mußte während seiner Abwesenheit urplötzlich hereingebrochen sein, zu ihrer aller Verderben.

Verwirrt und betäubt von dem schweren Schicksalsschlag, der ihn so unvermutet traf, stützte sich Jefferson auf sein Gewehr, sonst wäre er umgesunken. Doch rasch überwand er diesen Anfall von Schwäche, denn er war seiner ganzen Natur nach ein Mann der That. Mit bebender Hand zog er ein erst halbverkohltes Holzstück aus der Asche, blies die glimmenden Funken zur Flamme an und untersuchte mit Hilfe dieser Leuchte den Lagerplatz. Der Boden war nach allen Seiten hin von Pferdehufen zerstampft, ein Beweis, daß die Flüchtlinge durch eine große Schar Berittener eingeholt worden, welche dann, wie die vorhandenen Spuren vermuten ließen, die Richtung nach der Salzseestadt eingeschlagen hatten. Waren Vater und Tochter in ihre Hände gefallen und beide von ihnen mit fortgeschleppt

»John Ferrier aus der Salzseestadt,
gestorben den 4ten August 1860.«

Der wackere, alte Mann, den er vor wenigen Stunden erst in der Fülle der Kraft verlassen, war also tot und dies seine ganze Grabschrift. Jefferson sah sich mit wilden Blicken nach einem zweiten Hügel um, aber ein solcher war nicht zu entdecken. Die Unmenschen mußten Lucy mit sich geführt haben, um sie dem Sohn des Aeltesten zu übergeben, damit sie das ihr bestimmte Geschick erfülle und ihm als Frau in seinen Harem folge. Als Jefferson erkannte, wie völlig machtlos er sei, dies Schicksal von ihr abzuwenden, da schien ihm im ersten Augenblick der alte Ferrier beneidenswert, der da unten den stillen Schlaf des Todes schlief. Doch nicht lange überließ er sich seiner dumpfen Verzweiflung. War ihm nichts anderes geblieben, so konnte er wenigstens sein Leben der Rache weihen.

Während er starren Auges dastand und in die Asche blickte, fühlte er, daß es für seinen Schmerz keine Linderung gab, bevor er nicht mit eigener Hand blutige Wiedervergeltung an seinen Feinden geübt hätte.

Neben unermüdlicher Geduld und Ausdauer lag in Jeffersons Charakter eine nicht zu bezähmende Rachsucht, die er vielleicht von den Indianern gelernt hatte, unter denen er solange gelebt. Sein starker Wille, seine rastlose Thatkraft sollten jetzt nur noch das eine Ziel verfolgen, das war sein fester Entschluß. Mit bleicher, ingrimmiger Miene kehrte er nach der Stelle zurück, wo seine Jagdbeute noch am Boden lag, darauf blies er das Feuer an und bereitete sich Speise für die nächsten Tage. Dann brach er auf, ohne seiner Ermüdung zu achten, um der Spur der Würgengel durch das Gebirge zu folgen.

Fünf Tage lang pilgerte er mit wunden Füßen durch die Schluchten und Hohlwege zurück, welche er vor kurzem hinaufgeritten war. Bei Einbruch der Nacht warf er sich unter einem Felsvorsprung nieder, um ein paar Stunden zu ruhen, und sobald der Morgen graute, begann er seine Wanderung von neuem. Als er am sechsten Tage erschöpft und abgemattet die Adlerschlucht erreichte, von wo aus ihre unheilvolle Flucht den Anfang genommen, sah er die ›Stadt der Heiligen‹ weit ausgebreitet zu seinen Füßen liegen. In ohnmächtigem Zorn schüttelte er drohend die geballte Faust gegen den Wohnplatz der Uebelthäter. Aber halt – was hatte das zu bedeuten? – In den Hauptstraßen sah er Fahnen von den Dächern wehen und festlichen Schmuck an den Häusern. Während er noch darüber nachsann, schallte der Hufschlag eines Pferdes und ein Reiter kam herangetrabt. Jefferson kannte den Mann, es war der Mormone Cowper, dem er früher manchen Dienst erwiesen hatte; von ihm durfte er hoffen, Nachricht über Lucys Schicksal zu erhalten.

Der Mormone sah Jefferson zuerst mit ungläubigen Blicken an, als ihm dieser in den Weg trat und seinen Namen nannte. Wer hatte auch in dem verwilderten und zerzausten Wanderer mit den unheimlich rollenden Augen und der bleichen Miene den früher so schmucken jungen Jäger erkennen sollen? – Sobald Cowper jedoch wußte, wen er vor sich hatte, erschrak er heftig.

»Seid Ihr rasend, daß Ihr Euch hierher wagt?« rief er. »Wenn man mich hier im Gespräch mit Euch sieht, ist mein eigenes Leben verwirkt. Wißt Ihr nicht, daß die ›heiligen Vier‹ einen Haftbefehl gegen Euch erlassen haben, weil Ihr den Ferriers zur Flucht behilflich gewesen seid?«

»Ich fürchte weder die Schurken noch ihren Haftbefehl,« rief Jefferson entrüstet. »Cowper,« fuhr er dann, seine Erregung bezwingend, fort, »wir sind immer Freunde gewesen – bei allem, was Euch teuer ist, beschwöre ich Euch, mir eine Frage zu beantworten. Um Gottes willen, verweigert mir die Antwort nicht.«

»Was wünscht Ihr zu wissen?« fragte der Mormone, sich ängstlich umblickend; »redet schnell, hier hat alles Augen und Ohren, auch die Felsen und Bäume.«

»Was ist aus Lucy Ferrier geworden?«

»Man hat sie gestern dem jungen Drebber zur Frau gegeben. – Faßt Euch, Mann, faßt Euch – Ihr werdet ja bleich wie der Tod.«

Jefferson war auf den nächsten Felsblock niedergesunken, seine Lippen bebten. »Drebbers Frau, sagt Ihr?« stammelte er mit brechender Stimme.

»Ja, seit gestern – deshalb seht Ihr auch die Stadt noch im Fahnenschmuck. Drebber und Stangerson, die jüngeren, stritten sich um ihren Besitz. Bei der Verfolgung, an der sich beide beteiligt hatten, war ihr Vater von Stangersons Hand gefallen, was diesem ein größeres Vorrecht zu geben schien. Als jedoch die Frage vor die Ratsversammlung gebracht wurde, war Drebbers Anhang stärker und der Prophet entschied zu seinen Gunsten. Es wird sie aber keiner lange sein eigen nennen, sie sieht geisterbleich aus und der Tod stand ihr schon gestern im Gesicht geschrieben. – Wollt Ihr jetzt fort?«

»Ja, ich gehe,« sagte Jefferson, sich mühsam erhebend; sein Antlitz war bleich und starr, wie aus Marmor gemeißelt, nur in seinen Augen glühte ein wildes Feuer.

»Wo wollt Ihr hin?«

»Fragt mich nicht,« erwiderte er und hing sich die Flinte über die Schulter. Dann schritt er die Schlucht hinab und vergrub sich tief in den Bergen, wo nur Bären und Wölfe hausten; aber keines der reißenden Tiere war grimmiger und blutdürstiger als er.

Was der Mormone vorausgesagt hatte, ging nur zu bald in Erfüllung. War es der Schmerz über den plötzlichen Tod ihres Vaters, was der armen Lucy am Lebensmark zehrte, oder der Abscheu vor der verhaßten Ehe, zu der man sie gezwungen – sie siechte von Tag zu Tag dahin und starb noch ehe ein Monat um war. Der rohe Mensch, welcher sie nur geheiratet hatte, um Ferriers reichen Besitz in die Hände zu bekommen, trug wenig Kummer zur Schau über seinen Verlust. Aber seine andern Frauen trauerten um die Tote und hielten in der Nacht vor dem Begräbnis bei ihr die Leichenwache, nach Sitte der Mormonen. Sie saßen noch um die Bahre, als beim ersten Morgengrauen die Thür plötzlich aufging und sie mit Staunen und Entsetzen einen wilddreinschauenden, wettergebräunten Mann in zerfetzter Kleidung eintreten sahen. Ohne auch nur einen Blick auf die geängstigten Frauen zu werfen, schritt er nach dem Totenschrein, in dem Lucys entseelte Hülle ruhte. Er beugte sich über sie und berührte ihre kalte Stirn ehrfurchtsvoll mit den Lippen, dann ergriff er sie bei der Hand und zog ihr den Trauring vom Finger. »Den soll man ihr nicht mit ins Grab geben,« murmelte er dumpf. Bevor noch jemand die rätselhafte Erscheinung anhalten konnte, verschwand sie wieder, wie sie gekommen war. Das alles geschah so rasch, und der Vorgang schien so seltsam, daß man dem Bericht der Wächterinnen schwerlich Glauben geschenkt hätte, ohne die Thatsache, daß der goldene Reif wirklich vom Finger der Toten verschwunden war.

Monatelang hauste Jefferson Hope noch in den Bergen, wo er ein unstätes Jägerleben führte und für seinen Rachedurst täglich neue Nahrung einsog. Man begann sich allerwärts von dem unheimlichen Gesellen zu erzählen, der bald hier, bald da, in der Umgegend der Stadt oder in den rauhen Bergschluchten sein Wesen trieb. Einmal kam eine Kugel durch Stangersons Fenster geflogen und pfiff dicht an seinem Kopf vorbei. Ein andermal, als Drebbers Weg ihn am Bergabhang hinführte, ward aus der Höhe ein Felsstück auf ihn herabgeschleudert. Er konnte nur dadurch einem gräßlichen Tode entgehen, daß er sich platt zu Boden warf. Die beiden jungen Mormonen errieten bald, wer ihnen nach dem Leben trachtete, und unternahmen mehrere bewaffnete Streifzüge ins Gebirge, in der Hoffnung, ihren Todfeind zu fangen oder zu erlegen – aber immer vergebens. Sie gingen nun aus Vorsicht niemals allein oder nach Dunkelwerden ins Freie, und stellten Wachen um ihre Häuser her. Nun verstrich jedoch eine geraume Zeit, ohne weitere Angriffe von seiten ihres Gegners und allmählich schwand ihre Furcht. Sie hofften, sein heißes Blut habe sich abgekühlt und er werde das tollkühne Vorhaben aufgeben.

Daran dachte jedoch Jeffersons Seele nicht. Rache zu nehmen war und blieb sein einziger Zweck und Gedanke. Bei seiner durchaus praktischen Natur hatte er jedoch richtig erkannt, daß selbst die eisernste Gesundheit ein Leben, wie er es führte, auf die Dauer nicht ertragen könne. Mangel an gesunder Nahrung und Beschwerden aller Art mußten bald seine Kräfte verzehren. Was aber sollte aus seiner Rache werden, wenn er in den Bergen eines elenden Todes starb? – Nein, seine Feinde durften nicht triumphieren!

So war er denn nach dem Bergwerk in Nevada zurückgekehrt, mit der Absicht, sich von den Entbehrungen der letzten Zeit zu erholen und Geld genug zu erwerben, um seinen Lebenszweck weiter verfolgen zu können. Ursprünglich gedachte er höchstens ein Jahr lang dort zu bleiben, allein die Umstände fügten es so, daß fünf Jahre vergingen, bevor er zurückkehren konnte. Doch die Erinnerung an das erlittene Unrecht und sein Verlangen nach Rache war noch ebenso lebendig in ihm, wie in jener entsetzlichen Nacht an John Ferriers Grabe. Verkleidet und unter falschem Namen kam er nach der Salzseestadt, um die gerechte Sühne zu fordern, sei es auch mit Gefahr des eigenen Lebens. Dort erwartete ihn jedoch eine schlimme Kunde, die seine Pläne zu vereiteln drohte. Einige Monate zuvor war nämlich unter dem ›auserwählten Volke‹ eine Spaltung entstanden. Die Mißvergnügten lehnten sich gegen die Obergewalt der Aeltesten auf; viele der jüngeren Gemeindeglieder verließen Utah und gesellten sich den Ungläubigen zu. Auch Drebber und Stangerson befanden sich unter dieser Zahl. Es ging ein Gerücht, daß Drebber es verstanden habe, den größten Teil seines Eigentums zu Geld zu machen, so daß er als reicher Mann fortgezogen war, während Stangerson, sein Gefährte, wenig Mittel besaß. Wohin sie sich aber gewandt hatten, darüber war kein Aufschluß zu erlangen.

er wieder in Freiheit war, begab er sich nach Drebbers Hause, allein er fand es verlassen und erfuhr, der Besitzer habe mit seinem Sekretär eine Reise nach Europa angetreten.

Wieder war Jeffersons Rachewerk vereitelt und wieder trieb ihn sein grimmiger Haß, die Verfolgung fortzusetzen. Zuvor mußte er sich jedoch die nötigen Mittel für die Ueberfahrt erwerben. Als er genug zusammengespart hatte, um unterwegs sein Leben fristen zu können, schiffte er über den Ozean und folgte der Spur seiner Feinde von Stadt zu Stadt. Immer wieder mißlang es ihm, die Flüchtlinge einzuholen. Bei seiner Ankunft in Petersburg waren sie eben nach Paris gereist, und als er ihnen dahin folgte, hatten sie sich gerade nach Kopenhagen eingeschifft; auch dorthin kam er um einige Tage zu spät, da sie bereits nach London unterwegs waren. In der englischen Hauptstadt gelang es ihm zuletzt doch noch ihrer habhaft zu werden. Auf welche Weise dies geschah, erfahren wir am besten aus Jefferson Hopes eigenem Bericht, welchen Dr. Watson ausführlich in seinem Tagebuch niedergeschrieben hat.

Wir kehren daher wieder zu den Aufzeichnungen des jungen Militärarztes zurück, denen wir schon im ersten Teil unserer Erzählung bis zu Jeffersons Festnehmung gefolgt sind.

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Fortsetzung von Dr. Watsons Erinnerungen

Fortsetzung von Dr. Watsons Erinnerungen.

Trotz des rasenden Widerstands, den unser Gefangener geleistet hatte, schien er doch nicht feindlich gegen uns gesinnt zu sein. Sobald ihm klar geworden war, daß er bei unserer Uebermacht nichts auszurichten vermöge, ergab er sich in sein Schicksal und sprach mit verbindlichem Lächeln die Hoffnung aus, daß keiner von uns bei dem Handgemenge zu Schaden gekommen sein möchte.

»Vermutlich wollen Sie mich auf die Polizei bringen,« wandte er sich an Sherlock Holmes; »meine Droschke steht noch unten; wenn Sie mir die Füße losbinden, kann ich selbst hinunter gehen; es dürfte Ihnen doch schwer fallen, mich zu tragen.«

Gregson und Lestrade wechselten bedeutsame Blicke, der Vorschlag mochte ihnen wohl allzu gewagt erscheinen, aber Holmes nahm den Gefangenen sogleich beim Wort und befreite ihn von dem Tuch, mit welchem wir ihm die Fußgelenke zusammengeschnürt hatten. Als er aufstand, dehnte und reckte er sich, wie um sich zu überzeugen, daß er wirklich der Bande ledig sei. Selten war mir ein Mann mit so gewaltigem Gliederbau vorgekommen, und dabei lag ein Ausdruck von Willensstärke und Entschlossenheit in seinem sonnverbrannten Gesicht, der mir noch furchtbarer erschien als seine riesige Körperstärke.

»Sie sollten Polizeichef werden,« sagte er, Holmes mit aufrichtiger Bewunderung betrachtend. »Die Art, wie Sie meine Spur verfolgt haben, war meisterhaft.«

Mein Freund lächelte. »Sie kommen mit, nicht wahr?« wandte er sich an die beiden Polizisten.

»Ich kann Sie fahren,« versetzte Lestrade.

»Gut, und Gregson steigt mit ein; Sie auch Doktor – da der Fall Sie interessiert, müssen Sie ihn auch weiter verfolgen.«

Ich willigte gern ein und wir begaben uns alle zusammen hinunter. Der Gefangene machte keine Miene zu entfliehen, sondern stieg ruhig in seine Droschke und wir folgten ihm. Lestrade nahm auf dem Bock Platz; er trieb die Pferde an, und bald befanden wir uns an Ort und Stelle. Man führte uns in ein kleines Zimmer, wo ein Polizeiinspektor die Angaben des Gefangenen nebst den Namen der beiden Männer aufschrieb, als deren Mörder man ihn anklagte. Der Inspektor, ein Mann mit blassem Gesicht und bewegungslosen Zügen, waltete mechanisch seines Amtes.

»Im Laufe der Woche wird der Angeklagte dem Richter vorgeführt werden,« sagte er, »inzwischen thun Sie jedenfalls am besten, Jefferson Hope, wenn Sie keinerlei Aussagen machen und Ihre Worte mit Vorsicht wägen, da dieselben vor Gericht gegen Sie zeugen könnten.«

»Ich habe sehr viel zu sagen,« versetzte der Gefangene eifrig; »es ist mein dringender Wunsch, Ihnen meine Herren, die ganze Geschichte zu erzählen.«

»Besser, Sie schieben es auf, bis zu Ihrem Verhör,« sagte der Beamte.

»Wer weiß, ob es dazu überhaupt kommt,« entgegnete Hope. »Fürchten Sie nichts, ich habe keine Selbstmordgedanken, aber doch könnte ein Hindernis eintreten. – Nicht wahr, Sie sind ein Doktor?« Er sah mich mit seinen dunklen Augen fragend an.

Ich nickte bejahend.

»Dann legen Sie Ihre Hand auf meine Brust.«

Ich that, wie er sagte, und erschrak, als ich ein heftiges Pulsieren fühlte und auffällige Geräusche im Innern vernahm. Sein Brustkasten schien zu erzittern und zu erbeben, wie ein schwacher Bau, in dem eine mächtige Maschine arbeitet.

»Was ist das?« rief ich, »Sie haben ja ein Herzleiden, das bereits im gefährlichsten Stadium der Entwicklung ist.«

»Ganz recht,« erwiderte er gelassen. »Letzte Woche bin ich deswegen bei einem Arzt gewesen, der mir gesagt hat, es könne nur noch wenige Tage dauern, bis der Tod eintritt. Ich habe mir das Uebel durch schlechte Nahrung und Entbehrungen aller Art zugezogen, während ich im Gebirge am Salzsee hauste und es hat sich seitdem von Jahr zu Jahr verschlimmert. Jetzt ist das Werk meines Lebens gethan und mich kümmert’s nicht, wenn es mit mir zu Ende geht; doch möchte ich zuvor berichten, wie sich alles zugetragen hat, damit man mich nicht für einen gewöhnlichen Mordgesellen hält.«

Nach einer kurzen Besprechung mit den beiden Polizisten, ob es ratsam sei, ihm den Willen zu thun, wandte sich der Inspektor an mich:

»Glauben Sie, daß eine unmittelbare Gefahr vorliegt, Doktor?« fragte er.

»Ohne allen Zweifel,« erwiderte ich mit Bestimmtheit.

»In diesem Fall fordert schon unsere Pflicht im Interesse der Gerechtigkeit, daß wir ein Protokoll aufnehmen. Reden Sie also, Jefferson Hope, wenn Sie es wünschen, aber vergessen Sie nicht, daß Ihre Aussagen zu Ihren Ungunsten gereichen könnten.«

»Wenn Sie nichts dawider haben, will ich mich setzen,« sagte der Gefangene, Platz nehmend. »Seit einiger Zeit werde ich leicht müde; mein Uebel bringt das mit sich. Auch mag der Kampf, den wir vor einer halben Stunde durchgemacht haben, mir nicht sehr zuträglich gewesen sein. Ich stehe am Rande des Grabes, da pflegt man nicht zu lügen; was ich sage, ist die lauterste Wahrheit und mir kann gleichgültig sein, welchen Gebrauch Sie von meinen Worten machen.«

Er legte sich in seinen Stuhl zurück und sprach in so ruhigem, bedächtigem Ton, als handle es sich um die alltäglichsten Vorkommnisse. Für die Genauigkeit des hier folgenden Berichts kann ich mich verbürgen, denn Lestrade hat jedes Wort des Gefangenen nachgeschrieben und mir später sein Notizbuch zur Verfügung gestellt.

»Aus welcher Ursache ich jene beiden Männer so grimmig haßte,« begann Jefferson Hope seine Erzählung, »brauche ich nicht näher zu erörtern. Sie hatten den Tod zweier Menschen, eines Vaters und seiner Tochter, auf dem Gewissen, und ihr eigenes Leben war verwirkt. Doch hätte kein Gerichtshof die Missethäter mehr zur Rechenschaft gezogen, weil schon zu lange Zeit verstrichen war, seitdem sie das Verbrechen begangen hatten. Ich aber wußte um ihre Schuld und fühlte mich berufen, zugleich ihr Richter und der Vollstrecker des Urteils in einer Person zu sein. Ich müßte kein Herz im Leibe haben, hatte ich anders handeln können.

»Das Mädchen, von dem ich sprach, sollte vor zwanzig Jahren meine Gattin werden. Man zwang sie, jenen Drebber zu heiraten und sie starb vor Gram. Ich zog der Toten den Trauring vom Finger und that den Schwur, daß Drebber mit seinem Blut für die Schandthat zahlen solle. Noch in seiner Todesstunde wollte ich die Erinnerung daran in dem Bösewicht wachrufen und ihm den Ring zeigen. Ich folgte ihm und seinem Mitschuldigen durch Länder und Meere, bis ich sie endlich in meine Gewalt bekam; den Ring trug ich stets bei mir. Wenn sie sich vorgespiegelt hatten, ich würde jemals von ihnen ablassen, so täuschten sie sich völlig. Jetzt kann ich mit dem Bewußtsein sterben, daß mein Lebenszweck erfüllt ist: sie sind durch meine Hand gefallen und ich habe nun nichts mehr zu wünschen und zu hoffen auf der Welt.

»Ihre Verfolgung ließ sich nicht leicht ins Werk setzen, denn sie waren reich und ich arm. Mit leeren Taschen kam ich in London an und sah ein, daß ich irgend etwas ergreifen mußte, um meinen Unterhalt zu erwerben. Da ich mit Wagen und Pferden gut umzugehen verstehe, begab ich mich nach einem Droschkenbureau und fand bald Beschäftigung, Wöchentlich mußte ich eine bestimmte Summe abliefern; den Ueberschuß durfte ich behalten, er war zwar nur gering, aber ich hatte gelernt, mich mit wenigem zu begnügen. Um mich in dem Straßenlabyrinth zurechtzufinden, schaffte ich mir eine Karte an, die ich zu Rate zog. Anfänglich machte das große Schwierigkeiten, aber sobald mir einmal die hauptsächlichsten Hotels und Bahnhöfe geläufig waren, half mein guter Ortssinn alle Hindernisse zu überwinden.

»Es währte lange, bevor ich die Spur meiner Feinde entdeckte, doch ließ ich in meinen Erkundigungen nicht nach, bis ich wußte, wo ich sie zu suchen hatte. Sie waren in Camberwell, auf dem jenseitigen Flußufer, in einem Logierhaus abgestiegen. Nun ich ihren Aufenthaltsort kannte, heftete ich mich an ihre Fersen – es gab für sie kein Entrinnen mehr. Daß sie mich wiedererkennen würden, fürchtete ich nicht; ich hatte mir den Bart wachsen lassen, und mein Aussehen war völlig verändert; nur eine günstige Gelegenheit, um mein Vorhaben auszuführen, wollte ich abwarten.

»Ich folgte ihnen auf Schritt und Tritt, manchmal zu Fuß, meistens aber mit meiner Droschke, weil ich dann sicher war, sie einzuholen. Nur am frühen Morgen oder spät am Abend konnte ich noch dem Dienst nachgehen, und kam bald in Rückstand bei meinen Brotherren. Das kümmerte mich jedoch wenig, denn ich trachtete nur danach, mir die Leute nicht entgehen zu lassen.

»Sie mochten wohl ahnen, daß ihnen Gefahr drohe, und waren schlau genug, die äußerste Vorsicht zu beobachten. Nie gingen sie nach Einbruch der Dunkelheit aus, und stets traf man sie zusammen. Zwei Wochen lang fuhr ich täglich hinter ihnen her, aber ich bekam niemals den einen ohne den andern zu sehen. Drebber war fast immer betrunken, aber dafür hielt Stangerson unablässig die Augen offen. Hatte sich auch, trotz meiner Ausdauer und Wachsamkeit, bisher keine Gelegenheit zur Ausführung meines Planes geboten, so verlor ich doch den Mut nicht, denn eine innere Stimme sagte mir, daß die Stunde der Vergeltung nicht mehr fern sei. Was ich am meisten fürchtete, war, daß mich mein Herzleiden an der Vollendung des Werkes hindern könne.

»Eines Abends fuhr ich, wie ich öfters that, in der Straße auf und ab, in der sie wohnten, und sah, daß eine Droschke vor der Thür ihres Hauses hielt. Bald darauf wurden Koffer herausgebracht, Drebber und Stangerson erschienen auf der Schwelle, daß Drebber ihn in Hallidays Privathotel aufsuchen möge, falls er auch noch den letzten Zug versäume. Jener versicherte jedoch, er werde vor elf Uhr wieder da sein, und verließ den Bahnhof.

»Nun endlich war der Augenblick gekommen, auf den ich so lange geharrt hatte: die Bösewichte waren in meine Hand gegeben. Vereint konnten sie einander schützen, getrennt hatte ich Gewalt über sie. Doch wollte ich nichts übereilen und ging mit der größten Besonnenheit zu Werke. Die Rache gewährt nur Befriedigung, wenn unser Feind sich selbst bewußt wird, wessen Hand es ist, die den Streich gegen ihn führt, und weshalb ihn die Vergeltung trifft. Mir lag bei meinem Plan vor allem daran, dem Schändlichen keinen Zweifel zu lassen, daß er die Strafe für seine alte Schuld erleide. Einige Tage zuvor hatte ein Herr, der sich nach der Brixtonstraße fahren ließ, um dort verschiedene Häuser zu besichtigen, den Schlüssel zu einem derselben zufällig in meiner Droschke vergessen. Er forderte ihn mir zwar noch am selben Abend ab und erhielt ihn auch zurück, aber ich hatte doch Zeit gehabt, einen Abdruck davon zu nehmen, nach welchem ich einen Schlüssel zu meinem Gebrauch anfertigen ließ. So verschaffte ich mir den Zugang zu einem Platz in dieser großen Stadt, an dem ich sicher war, ungestört zu bleiben. Es galt jetzt nur noch, die schwierige Aufgabe zu lösen, Drebber nach diesem Hause zu bringen.

»Er ging die Straße hinunter und trat bald in diese bald in jene Schenke; in der letzten, welche er aufsuchte, blieb er wohl eine halbe Stunde. Als er wieder zum Vorschein kam, schwankte er unsicher hin und her und ich sah ihn in eine Droschke steigen. Natürlich fuhr ich dicht hinter ihm drein, über die Waterloo-Brücke und durch endlose Straßen, bis wir uns schließlich zu meiner Verwunderung wieder vor dem Logierhaus befanden, welches er vor kurzem verlassen hatte. Was ihn dorthin zurückführen könne, begriff ich nicht. Während er ausstieg, seine Droschke fortschickte und in das Haus trat, fuhr ich noch etwa hundert Schritt weiter und wartete. Eine Viertelstunde verging, da wurden plötzlich im Innern des Hauses zornige Stimmen laut, die Thür ward aufgestoßen und ich sah einen jungen, mir unbekannten Menschen, der Drebber am Kragen gepackt hatte. Mit einem kräftigen Stoß schleuderte er ihn die Stufen hinunter, bis in die Mitte der Straße. ›Warte, du Hund,‹ rief er und hob drohend den Stock, den er in der Hand hielt, ›ich will dich lehren, ein rechtschaffenes Mädchen zu beschimpfen!‹ – Er war in so heftigem Zorn, daß Drebber es wohl geraten fand, sich davonzumachen, so rasch ihn seine Beine tragen wollten. Er lief geradeswegs auf meine Droschke zu, die an der Straßenecke hielt. ›Nach Hallidays Hotel!‹ rief er und sprang hinein.

»Als ich ihn glücklich im Wagen hatte, pochte mein Herz vor Freude so laut, als wollte es zerspringen. Ich zwang mich, ruhig zu bleiben, fuhr langsam weiter und überlegte, was nun zu thun sei. Einen Augenblick schwankte ich, ob ich ihn nicht zur Stadt hinausfahren und in irgend einer abgelegenen Gegend die letzte Unterredung mit ihm halten solle; fast war ich schon dazu entschlossen, als er selbst die Frage entschied. Wir kamen an einer Schenke vorbei und der Trunkenbold konnte dem Verlangen, einzukehren, nicht widerstehen; er befahl mir zu warten, und kam erst wieder heraus, als die Wirtschaft geschlossen wurde. Sein Zustand war jetzt derart, daß er keinen Widerstand mehr zu leisten vermochte.

»Glauben Sie aber nicht, daß meine Absicht war, ihn mit kaltem Blute umzubringen. Längst hatte ich beschlossen, ihm noch eine Möglichkeit der Rettung zu gönnen, wenn er auf meinen Plan eingehen wollte. Während meines Wanderlebens in Amerika hatte ich auch eine Zeitlang den Aufseherposten in einem Laboratorium bekleidet. Eines Tages zeigte der Professor bei seiner Vorlesung über die Gifte, den Studenten ein Alkaloid, wie er es nannte, welches er aus einem südafrikanischen Pfeilgift bereitet hatte, und von dem, wie er sagte, selbst die kleinste Dosis unmittelbar den Tod nach sich ziehe. Ich merkte mir das Fläschchen und sobald ich allein war, entnahm ich demselben einige Tropfen der Flüssigkeit. Da ich mich auch auf das Apothekerhandwerk verstand, fertigte ich mir eine Anzahl Pillen an, von denen einige vergiftet, die andern ganz unschädlich waren. Eine Pille von jeder Sorte that ich in eine Schachtel, mit der Absicht, am Tage der Rechenschaft meinem Feinde die Wahl zwischen beiden zu lassen und selbst diejenige zu verschlucken, welche er übrig ließ. Es war so gut ein Zweikampf auf Tod und Leben wie jeder andere, nur würde er in der Stille vor sich gehen. Seit jener Zeit trug ich die Pillenschachteln stets bei mir, und jetzt war der Augenblick gekommen, da sie ihren Zweck erfüllen sollten.

»Mitternacht war längst vorüber, ein heftiger Wind hatte sich erhoben und der Regen fiel in Strömen. Obgleich von Nässe und Kälte durchfröstelt, jubelte ich doch innerlich vor Freude. Zwanzig Jahre lang hatte ich vergebens danach getrachtet, Wiedervergeltung zu üben, jetzt endlich sollte mein heißes Verlangen Befriedigung finden. Aus dem Dunkel tauchte vor meinem Geist John Ferriers Gestalt auf und ich sah meine geliebte Lucy mir zulächeln, so deutlich, wie ich jetzt Sie, meine Herren, hier im Zimmer sehe. Auf der ganzen Fahrt schwebten die teuern Schatten neben mir, bis ich endlich vor dem Hause in der Brixtonstraße hielt.

»Kein Mensch war zu sehen, nicht ein Laut ließ sich vernehmen, nur der Regen rauschte hernieder. In der Droschke lag Drebber zusammengekrümmt da in seinem Rausch und schlief. Ich faßte ihn beim Arm. ›Sie müssen aussteigen,‹ rief ich.

»›Schon gut, Kutscher,‹ gab er zur Antwort.

»Ohne Zweifel glaubte er, bei dem Hotel angekommen zu sein, nach welchem er fahren wollte, denn er verließ die Droschke ohne ein weiteres Wort und folgte mir durch den Garten in das Haus. Er schwankte hin und her, so daß ich ihn stützen mußte. Nun schloß ich die Thür auf und brachte ihn in das Vorderzimmer. Den ganzen Weg lang schritten meine Lucy und ihr Vater immer vor uns her – ich versichere Sie.

»›Hier ist’s verteufelt dunkel,‹ murmelte Drebber umhertastend.

»›Wir wollen gleich Licht machen,‹ erwiderte ich, holte Streichhölzer aus der Tasche und zündete die Wachskerze an, welche ich mitgebracht hatte.

»›Und jetzt, Enoch Drebber‹, rief ich, das Licht emporhaltend, ›seht mich an – kennt Ihr mich?‹ –

»Er starrte mich eine Weile mit ausdruckslosen Blicken an, plötzlich aber zuckte es krampfhaft in seinen Zügen und das Entsetzen, welches sich darin spiegelte, sagte deutlicher als Worte, daß er seinen Feind erkannt habe. Sein Gesicht ward erdfahl, der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn und er bebte wie Espenlaub.

»Ich lehnte ihm gegenüber an der Thür und betrachtete ihn mit Wollust; so süß hatte ich mir die Rache kaum vorgestellt.

»›Ihr erbärmlicher Mensch,‹ rief ich, »vom Salzsee her bin ich Eurer Spur gefolgt und stets seid Ihr mir entgangen. Aber jetzt sind wir am Ende unserer Wanderung, denn einer von uns beiden wird die Sonne des morgenden Tages nicht mehr aufgehen sehen.

»Er schreckte noch weiter vor mir zurück; sicherlich glaubte er, daß ich im Wahnsinn spräche. Ich war auch nahe daran, vor maßloser Erregung den Verstand zu verlieren, meine Pulse pochten wild, und wer weiß, was mir zugestoßen wäre, hätte mir nicht ein Blutstrom, der mir aus der Nase quoll, plötzlich Erleichterung gebracht.

»›Denkt an Lucy Ferrier,‹ rief ich und hob drohend den Schlüssel empor, mit dem ich die Thür hinter uns abgeschlossen hatte. ›Die Strafe für Eure Missethat hat sich lange verzögert, aber endlich ereilt sie Euch doch.‹ Mit bebenden Lippen stand der Feigling vor mir; er hätte wohl gern um sein Leben gefleht, doch wußte er nur zu gut, daß ich kein Erbarmen üben würde.

»›Sie wollen mich ermorden?‹ stammelte er.

»›Von Mord ist hier keine Rede. Wer einen tollen Hund tötet, mordet nicht. Habt Ihr etwa Mitleid gefühlt für die Geliebte meines Herzens, als Ihr sie von der Seite ihres erschlagenen Vaters risset, um sie in Euern verruchten Harem zu schleppen?

»›Ihr Vater ist nicht durch meine Hand gefallen.‹

»›Aber, daß ihr das Herz brach, ist Eure Schuld. – So soll denn der große Gott Richter sein zwischen mir und Euch.‹ – Ich hielt ihm die Schachtel mit den Pillen hin. ›Wählet,‹ rief ich, ›in der einen ist Tod, in der andern Leben; die, welche Ihr übrig laßt, nehme ich. Laßt uns sehen, ob es noch Gerechtigkeit auf Erden giebt, oder ob uns der Zufall regiert.‹

»Er wand sich vor Todesangst und flehte um Gnade; statt der Antwort zog ich mein Messer und hielt es ihm an die Kehle, bis er mir den Willen gethan hatte. Dann verschluckte ich die zweite Pille, und wir standen einander eine Minute lang gegenüber in gespannter Erwartung, wer von uns leben und wer sterben solle. – Nie werde ich den grauenvollen Ausdruck seiner Mienen vergessen, als er die ersten Anzeichen des Gifts verspürte und wußte, er habe das Todeslos gezogen. Ich hielt ihm triumphierend Lucys Trauring vor die Augen. Es war nur ein Moment, denn die Wirkung des Alkaloids erfolgte schnell. Seine Züge verzerrten sich, er griff mit den Händen in die Luft, stieß einen wilden Schrei aus und fiel schwer zu Boden. Ich fühlte nach seinem Herzschlag, aber nichts regte sich – er war tot.

»Ich tauchte den Finger in mein Blut, das noch immer herabgetropft war, ohne daß ich es beachtet hatte, und schrieb das Wort ›Rache‹ an die Wand. Ob ich das zu meiner eigenen Befriedigung that, oder um die Polizei auf eine falsche Fährte zu locken, ist mir selbst nicht klar. Ich hatte von geheimen Gesellschaften gehört, die auf solche Weise ihre Opfer zeichnen.

»Nun verließ ich das Haus und bestieg meine Droschke wieder. Draußen heulte noch der wilde Sturm, und die Straße war menschenleer. Ich mochte schon eine ziemliche Strecke gefahren sein, als ich Lucys Trauring vermißte, den ich immer in meiner Brusttasche trug. Es war das einzige Erinnerungszeichen an sie, welches ich besaß, und der Verlust traf mich wie ein Donnerschlag. Wahrscheinlich hatte ich den Ring verloren, als ich mich über Drebbers Leiche beugte; ich mußte ihn wieder haben, um jeden Preis. Rasch entschlossen kehrte ich um, ließ die Droschke in einer Seitenstraße stehen und schritt beherzt auf das Haus zu. Allein, fast wäre ich einem Polizisten in die Arme gelaufen, der eben aus dem Gitterthor trat. Es gelang mir, seinen Argwohn zu beschwichtigen, indem ich mich sinnlos betrunken stellte.

»Enoch Drebber hatte seinen verdienten Lohn gefunden. Nun sollte auch Stangerson für John Ferriers Tod büßen. Ich wartete den ganzen Tag über auf ihn in der Nähe von Hallidays Hotel, aber er ließ sich nicht blicken; Drebbers Ausbleiben mochte wohl Verdacht in ihm erregt haben. Stangerson war schlau und stets auf seiner Hut, doch diesmal nützte ihm alle Vorsicht nicht. Welches sein Stubenfenster sei, brachte ich leicht in Erfahrung, und mit Hilfe einer Leiter, die noch von einem Bau her in einer Nebengasse lag, stieg ich beim Morgengrauen in sein Schlafzimmer ein. Ich weckte ihn und kündigte ihm an, daß die Stunde der Rechenschaft gekommen sei, und er seine alte Schuld bezahlen müsse. Nachdem ich ihm Drebbers Tod geschildert, bot ich ihm dieselbe Wahl an, wie seinem Gefährten. Er aber hörte kaum auf mich; wie rasend sprang er aus dem Bette und mir an die Kehle. Aus Notwehr stieß ich ihm, zu meiner eigenen Rettung, mein Messer in die Brust. Der Tod hätte ihn ja so wie so ereilt, denn sicherlich würde seine schuldige Hand die vergiftete Pille gewählt haben – die Wege der Vorsehung sind gerecht.

»Mir bleibt jetzt nur noch wenig zu berichten – und das ist gut, weil ich fühle, daß es mit meinen Kräften zu Ende geht. Ich wollte das Kutscherhandwerk weitertreiben, bis ich genug Geld beisammen hätte, um nach Amerika zurückzukehren. Als ich heute in unserm Hofe stand, hörte ich einen zerlumpten Jungen nach einem Kutscher Namens Jefferson Hope fragen. Er war von einem Herrn in der Bakerstraße geschickt, um meine Droschke zu holen. Ohne den geringsten Argwohn folgte ich dem Boten; bevor ich aber noch recht wußte, wie mir geschah, hatte mir schon der junge Mann hier die Handschellen angelegt und ich war Ihr Gefangener. Sie kennen jetzt meine ganze Lebensgeschichte. Vielleicht gelte ich in Ihren Augen dennoch für einen Mörder. Ich aber, meine Herren, lebe der festen Ueberzeugung, daß ich gerade so gut ein Diener der Gerechtigkeit bin, wie Sie selber.«

Jefferson Hope hatte seine ergreifende Geschichte mit so tiefinnerlichem Gefühl erzählt, daß wir ihm in atemloser Spannung zuhörten. Sogar die beiden Detektivs, die doch durch ihren Beruf gegen das Verbrechen in jeder Form abgestumpft waren, zeigten ein warmes Interesse. Als er geendet hatte, saßen wir noch eine Weile stumm und nachdenklich da, und man hörte nur Lestrades Bleistift über das Papier fahren, während er seinem stenographischen Bericht die Schlußworte hinzufügte.

»Nur eins möchte ich noch wissen,« unterbrach endlich Sherlock Holmes die Stille: »Wer war Ihr Helfershelfer, der auf meine Anzeige hin den Ring zu holen kam?«

Der Gefangene schüttelte den Kopf. »Anderer Leute Geheimnisse darf ich nicht verraten,« sagte er; »es könnte sie in Ungelegenheiten bringen. Ich war ungewiß, ob man mir nicht eine Falle stelle und mein Freund erbot sich, den Ring statt meiner zu holen. Sie werden zugeben, daß er die Sache geschickt ausgeführt hat.«

»Das will ich meinen,« bestätigte Holmes lächelnd.

»Nun, meine Herren,« nahm der Inspektor das Wort, »dem Gesetz muß Genüge geschehen. Nächsten Donnerstag wird der Gefangene dem Richter vorgeführt werden, wobei Ihre Gegenwart erforderlich ist. Bis dahin übernehme ich die Verantwortlichkeit für ihn.«

Er klingelte, worauf zwei Polizisten erschienen, welche Jefferson Hope in Gewahrsam brachten. Ich aber kehrte in Begleitung meines Freundes Holmes nach unserer Wohnung in der Bakerstraße zurück.


Wir hatten sämtlich eine gerichtliche Vorladung auf Donnerstag erhalten. Als jedoch der festgesetzte Termin herankam, bedurfte man unseres Zeugnisses nicht mehr. Ein höherer Richter hatte die Sache in die Hand genommen und Jefferson Hope zur Rechenschaft vor sein Tribunal gefordert. In der Nacht nach seiner Gefangennahme trat das erwartete Ende ein und man fand ihn am Morgen tot in seiner Zelle. Ein friedliches Lächeln lag in seinen Zügen, als habe die Erinnerung an ein wohl angewendetes Leben und glücklich vollbrachtes Werk ihm noch die letzten Augenblicke versüßt.

Am Abend saß ich mit Holmes in unserem gemeinschaftlichen Wohnzimmer am Kamin und wir besprachen das Ereignis.

»Dieser Todesfall macht Gregson und Lestrade einen rechten Strich durch ihre Rechnung,« sagte mein Freund. »Sie werden sehr unglücklich darüber sein; wo bleibt nun ihr pomphafter Zeitungsbericht und der Lohn für alle ihre Anstrengung?«

»Mir scheint doch, daß sie mit der Gefangennahme wenig zu thun gehabt haben,« versetzte ich.

»O, in dieser Welt kommt es nicht sowohl darauf an, was man wirklich thut,« rief mein Gefährte, nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit, »als darauf, daß man den Leuten einen hohen Begriff von seinen Thaten beizubringen weiß. Aber, einerlei,« fuhr er nach einer Pause in heiterem Tone fort, »ich hätte mir den Fall um keinen Preis entgehen lassen mögen; es ist einer der besten, die mir je vorgekommen sind. Trotz seiner Einfachheit enthielt er mehrere äußerst lehrreiche Punkte.«

»Das nennen Sie einfach?! –«

Holmes lächelte über mein Erstaunen. »Nun ja, wie wollen Sie es anders bezeichnen?« fügte er. »Schon der Umstand, daß ich ganz allein, nur mit Hilfe einiger alltäglicher Schlußfolgerungen, innerhalb drei Tagen des Verbrechers habhaft geworden bin, ist doch der schlagendste Beweis für die Einfachheit des Falles.«

»Wohl wahr,« gab ich zu.

»Ich habe Ihnen schon früher einmal auseinander gesetzt, daß alles Ungewöhnliche eher eine Erleichterung als ein Hindernis ist. Bei der Lösung eines solchen Problems kommt es hauptsächlich darauf an, ob man imstande ist, Rückschlüsse zu machen. Das ist eine sehr nützliche und leicht zu erwerbende Fertigkeit, aber nur wenige Leute haben Uebung darin. Die synthetische Methode erscheint den meisten leichter als die analytische.«

»Was das heißen soll, verstehe ich nicht.«

»Das glaube ich gern und will mich näher erklären: Nach meiner Erfahrung werden die meisten Leute, denen man verschiedene Ereignisse, die stattgefunden haben, der Reihe nach erzählt, zu sagen wissen, welches Resultat sich daraus ergeben wird Dagegen giebt es nur wenige Menschen, die, wenn man ihnen ein Resultat mitteilt, imstande sind, sich zu vergegenwärtigen, auf welche Art es sich entwickelt, welche Schritte stufenweise zu dem Ergebnis hingeleitet haben können. Diese Fähigkeit, Rückschlüsse zu machen, nenne ich die analytische Methode.«

»Das klingt schon weniger dunkel,« sagte ich.

»In unserem Fall lag das Ergebnis klar zu Tage, alles übrige mußten wir aber selber finden. Ich will Ihnen nun einmal Schritt für Schritt zeigen, wie ich meine Schlüsse gezogen habe. Fangen wir beim Anfang an: Ich näherte mich, wie Sie wissen, dem Hause zu Fuß und ohne alle Voreingenommenheit. Natürlich untersuchte ich zunächst die Straße, und fand da, wie ich Ihnen schon sagte, deutliche Anzeichen, daß eine Droschke bei Nacht vorgefahren sein müsse; daß es kein Privatwagen gewesen, erkannte ich an der schmaleren Räderspur. Bei unsern Londoner Fuhrwerken ist der Unterschied ziemlich bedeutend.

»Nachdem ich über diesen Punkt Gewißheit hatte, ging ich langsam den Gartenpfad hinunter; in dem lehmigen Boden waren alle Fußstapfen mit großer Deutlichkeit abgedrückt. Sie haben vielleicht nur Pfützen gesehen und zertretenes Erdreich, aber für mein erfahrenes Auge war jedes Merkmal von Bedeutung. Die Beobachtung der Fußspuren wird im allgemeinen von den Detektivs viel zu sehr vernachlässigt; ich habe stets großen Wert darauf gelegt und sie ist mir durch fleißige Uebung zur zweiten Natur geworden. Ich konnte die schweren Tritte der Schutzleute verfolgen, aber ich sah auch die Spuren der beiden Männer, die zuerst durch den Garten gegangen waren. Daß jene den Weg später gemacht hatten, unterlag keinem Zweifel, denn ihre Fußstapfen verdeckten die andern an manchen Stellen gänzlich. Somit war das zweite Glied in meiner Kette gefunden: ich wußte, daß zwei nächtliche Besucher dagewesen waren, der eine ungewöhnlich groß – was sich aus der Länge seines Schrittes ergab, – der andere fein und modisch gekleidet, wie der Abdruck der schmalen, eleganten Stiefel bekundete.

»Beim Eintritt in das Haus fand ich letztere Vermutung bestätigt: der feingestiefelte Mann lag vor mir. Also mußte der andere, der große, den Mord begangen haben, wenn ein solcher überhaupt verübt worden war. Eine Wunde ließ sich an dem Toten nicht entdecken, doch bewies die leidenschaftliche Erregung in seinen Zügen, daß er sein Schicksal vorausgesehen habe. Ein solcher Ausdruck der Unruhe findet sich nie bei einem Menschen, der an Herzschlag oder aus einer andern natürlichen Ursache eines plötzlichen Todes stirbt. Ich roch an des Mannes Lippen, entdeckte eine verdächtige Säure und schloß daraus, daß er gezwungen worden sei, Gift zu nehmen. Freiwillig hatte er es nicht gethan, denn grimmiger Haß und Todesfurcht standen ihm im Gesicht geschrieben. Ein solcher Giftmord ist übrigens durchaus kein unerhörtes Vorkommnis in der Geschichte des Verbrechens und steht nicht vereinzelt da. Jeder, der sich mit Toxikologie beschäftigt hat, denkt dabei unwillkürlich an die Fälle Dolsky in Odessa und Leturier in Montpellier.

»Nun aber kam die große Frage nach dem Beweggrund. Ein Raub konnte nicht beabsichtigt sein, denn weder des Toten Börse noch seine Uhr waren entwendet worden. Handelte es sich vielleicht um politische Zwecke oder war eine Frau im Spiele? – Ich neigte mich von Anfang an letzterer Meinung zu. Der politische Fanatiker bringt seine Opfer so rasch als möglich um und ergreift die Flucht. Dieser Mord war aber im Gegenteil mit allem Vorbedacht ausgeführt worden und man konnte im ganzen Zimmer die Spur des Thäters verfolgen. Allem Anschein nach handelte es sich um einen Akt der Privatrache. Die Inschrift an der Wand bestärkte mich nur in dieser Ansicht, und als zuletzt der Trauring zum Vorschein kam, hielt ich die Frage für entschieden. Der Mörder hatte ihn vermutlich benützt, um sein Opfer an ein früheres Verhältnis zu irgend einem Mädchen zu erinnern. Um hierüber Aufschluß zu erhalten, fragte ich Gregson, ob er in seinem Telegramm um Nachricht über Drebbers Vorgeschichte gebeten habe, das hatte er jedoch unterlassen.

»Als ich nunmehr das Zimmer zu untersuchen begann, fand ich meine Annahme über den Mörder in allen Einzelheiten bestätigt; es mußte sein eigenes Blut sein, das auf den Fußboden getropft war, denn ein Kampf hatte nicht stattgefunden und überall, wo er umhergegangen war, sah man die Blutspuren. Daß ich glaubte, der Mann sei vollblütig, von kräftigem Wuchs und blühender Gesichtsfarbe, war sehr natürlich – hätte ihm sonst die bloße innere Aufregung ein so heftiges Nasenbluten verursachen können? – Von der Richtigkeit meiner Schlüsse haben wir uns ja später durch den Augenschein überzeugt.

»Nachdem ich das Haus verlassen hatte, telegraphierte ich sofort an den Polizeiinspektor in Cleveland und bat um Auskunft über Enoch Drebbers eheliche Verhältnisse. Die Antwort klärte mich über verschiedene wichtige Punkte auf. Sie lautete dahin, daß Drebber schon einmal den Schutz des Gesetzes gegen einen früheren Nebenbuhler Namens Jefferson Hope angerufen habe, und daß besagter Hope sich jetzt in Europa befinde. Hierdurch bekam ich den Schlüssel des ganzen Geheimnisses in die Hände und es handelte sich jetzt nur noch darum, des Mörders habhaft zu werden.

»Der Mann, welcher mit Drebber in das Haus gegangen war, hatte auch die Droschke gefahren, das stand fest. Sein Pferd war auf der Straße sich selbst überlassen geblieben und hatte den Wagen bald hierhin, bald dorthin gezogen. Wo anders konnte der Kutscher unterdessen gewesen sein, als drinnen im Hause? Es lag ja auch auf der Hand, daß er weit sicherer war, unentdeckt zu bleiben, wenn er sein Verbrechen ohne Zeugen beging. Diese Erwägung veranlaßte mich, Jefferson Hope unter den Droschkenkutschern der Hauptstadt zu suchen. Daß er noch unter ihnen zu finden sein müsse, wurde mir bald zur Gewißheit. Wenn er dies Gewerbe ergriffen hatte, um seinen Racheplan leichter ausführen zu können, so durfte er es nicht gleich nach vollbrachter That aufgeben, das hätte verdächtig aussehen können. Seinen Namen hatte er schwerlich verändert, da er hier völlig unbekannt war.

»Nachdem ich dies alles Wohl erwogen hatte, schickte ich die Bande meiner Getreuen zu jedem Droschkenbesitzer Londons, bis sie den Mann aufgespürt hatten, nach dem ich suchte. Wie gut ihnen das gelang und wie schnell ich die Gelegenheit beim Schopfe nahm, haben Sie selbst gesehen.

»Stangersons Ermordung kam mir ganz unvermutet, hätte sich aber schwerlich verhindern lassen. Sie brachte mich in den Besitz der Pillen, deren Vorhandensein ich bereits ahnte, und dadurch ward auch noch mein letzter Zweifel gehoben. Mein ganzes Verfahren beruhte, wie Sie sehen, auf einer zusammenhängenden Kette logischer Schlüsse, in welcher ein Glied genau an das andere paßt.«

»Sie sind ein merkwürdiger Mensch,« rief ich, »Ihre Verdienste sollten öffentlich anerkannt werden. Sie müssen einen Bericht über den Fall drucken lassen. Thun Sie es nicht, so werde ich es übernehmen.«

»Halten Sie das, wie Sie wollen, Doktor,« entgegnete Holmes, »es kommt doch alles auf eins heraus. – Vielleicht interessiert Sie dieser Artikel,« fuhr er fort, mir eine Zeitung reichend.

Die Stelle im ›Echo‹, welche er mir zu lesen gab, lautete wie folgt:

»Durch den plötzlichen Tod eines gewissen Hope, des mutmaßlichen Mörders von Enoch Drebber und Josef Stangerson, ist dem Publikum eine interessante Gerichtsverhandlung entgangen. Die Einzelheiten des Falls werden jetzt vermutlich für immer in Dunkel gehüllt bleiben. Nur soviel hören wir aus guter Quelle, daß es sich um eine langjährige, romantische Feindschaft handelte, bei der das Mormonentum und eine alte Liebe wichtige Rollen spielten. Die beiden Opfer scheinen in früheren Zeiten zu den ›Heiligen des jüngsten Tages‹ gehört zu haben, und auch der im Gefängnis verstorbene Hope kam aus der Stadt am Salzsee. Obgleich der Fall nicht mehr öffentlich verhandelt werden kann, so liefert er doch einen neuen schlagenden Beweis von der Vortrefflichkeit unserer Londoner Geheimpolizei. Alle Fremden mögen es sich gesagt sein lassen, daß sie wohl daran thun, ihre Streitigkeiten daheim auszufechten, statt sie auf britischen Grund und Boden zu verpflanzen. Es ist ein offenes Geheimnis, daß wir Hopes Gefangennahme nur dem Scharfsinn und der Geschicklichkeit der beiden wohlbekannten Detektivs Lestrade und Gregson zu verdanken haben. Der Mann soll in der Wohnung eines gewissen Sherlock Holmes verhaftet worden sein, welcher selbst Talent und Interesse für polizeiliche Forschung an den Tag legt. Ein Dilettant, der solche Lehrmeister hat, darf hoffen, ihnen mit der Zeit an Gewandtheit ähnlich zu werden. – Daß den beiden ausgezeichneten Beamten eine angemessene Belohnung für ihre wertvollen Dienstleistungen zu teil werden möchte, ist dringend zu wünschen.«

»Sagte ich Ihnen nicht gleich, als wir damals unsere Fahrt antraten, wie alles kommen würde?« rief Sherlock Holmes lachend. »Der ganze Erfolg, der uns aus unsern Forschungen und Bemühungen erwächst, ist, daß sie eine Belohnung erhalten.«

»Seien Sie unbesorgt,« rief ich, »in meinem Tagebuch stehen sämtliche Thatsachen verzeichnet. Das Publikum soll Kenntnis davon erhalten und wird dem wahren Verdienst die gebührende Anerkennung nicht versagen.«

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Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Die Kunst der Schlußfolgerung

Unsere verabredete Besichtigung des Quartiers in der Bakerstraße Nr. 221b fand am nächsten Tage statt. Es gefiel mir außerordentlich; das große, luftige Wohnzimmer, welches sich an zwei behagliche Schlafstuben anschloß, war freundlich möbliert und sehr hell, da es sein Licht durch zwei große Fenster erhielt. Unter uns beide geteilt, erschien auch der Preis der Wohnung so gering, daß wir sie auf der Stelle mieteten und sogleich einzuziehen beschlossen. Noch am selben Abend ließ ich meine Besitztümer vom Hotel hinüberschaffen und Sherlock Holmes folgte bald darauf mit verschiedenen Koffern und Reisetaschen. In den ersten Tagen waren wir eifrig beschäftigt, auszupacken und unsere Sachen auf das vorteilhafteste unterzubringen. Als dann die Einrichtung fertig war, begannen wir uns in Ruhe an unsere neue Umgebung zu gewöhnen.

Holmes war ein Mensch, mit dem sich leicht leben ließ, von stillem Wesen und regelmäßig in seinen Gewohnheiten. Selten blieb er abends nach zehn Uhr auf, und wenn ich morgens zum Vorschein kam, hatte er immer schon gefrühstückt und war ausgegangen. Den Tag über war er meist im chemischen Laboratorium oder im Seziersaal, zuweilen machte er auch weite Ausflüge, welche ihn bis in die verrufensten Gegenden der Stadt zu führen schienen. Seine Thatkraft war unverwüstlich, so lange die Arbeitswut bei ihm dauerte; von Zeit zu Zeit trat jedoch ein Rückschlag ein, dann lag er den ganzen Tag im Wohnzimmer auf dem Sofa, fast ohne ein Glied zu rühren oder ein Wort zu reden. Dabei nahmen seine Augen einen so traumhaften, verschwommenen Ausdruck an, daß sicher der Verdacht in mir aufgestiegen wäre, er müsse irgend ein Betäubungsmittel gebrauchen, hätte nicht seine Mäßigkeit und Nüchternheit im gewöhnlichen Leben diese Annahme völlig ausgeschlossen.

Nach den ersten Wochen unseres Beisammenseins war mein Interesse für ihn und der Wunsch zu ergründen, welche Zwecke er eigentlich verfolgte, in hohem Maße gestiegen. Schon seine äußere Erscheinung fiel ungemein auf. Er war über sechs Fuß groß und sehr hager; sein scharfkantig vorstehendes Kinn drückte Festigkeit des Charakters aus, der Blick seiner Augen war lebhaft und durchdringend, außer in den schon erwähnten Zeiten völliger Erschlaffung, und eine spitze Habichtsnase gab seinem Gesicht etwas Aufgewecktes und Entschlossenes. Die Hände schonte er nicht, sie trugen fortwährend Spuren von Tinten und Chemikalien, auch hatte ich oft Gelegenheit, seine große Geschicklichkeit bei allen Handgriffen zu bewundern, wenn er mit seinen feinen physikalischen Instrumenten experimentierte.

Kein Wunder, daß meine Neugier in hohem Grade rege war und ich immer wieder versuchte, die strenge Zurückhaltung zu durchbrechen, die er in allem beobachtete, was ihn selbst betraf. Das Geheimnis, welches meinen Gefährten umgab, beschäftigte mich um so mehr, als mein eigenes Leben damals völlig zweck- und ziellos war und wenige Zerstreuungen bot. Mein Gesundheitszustand erlaubte mir nur bei besonders günstiger Witterung auszugehen, und Freunde, die mich hätten besuchen können, um etwas Abwechslung in mein einförmiges Dasein zu bringen, besaß ich nicht.

Daß Holmes nicht Medizin studiere, wußte ich aus seinem eigenen Munde. Auch schien er keinen bestimmten Kursus in irgend einer andern Wissenschaft durchgemacht zu haben, der ihm auf herkömmliche Weise die Eingangspforte in die Gelehrtenwelt geöffnet hätte. Trotzdem verfolgte er gewisse Studien mit wahrem Feuereifer und besaß innerhalb ihrer Grenzen ein so ausgedehntes und umfassendes Wissen, daß er mich oft höchlich dadurch überraschte. – War es denkbar, daß ein Mensch so angestrengt arbeitete, sich so genau zu unterrichten suchte, ohne einen bestimmten Zweck vor Augen zu haben? – Ein planloses Studium ist meist auch oberflächlich, und wer sich den Kopf mit hunderterlei Einzelheiten anfüllt, thut dies schwerlich ohne einen triftigen Grund.

Merkwürdigerweise war seine Unwissenheit auf manchen Gebieten ebenso erstaunlich, als seine Kenntnisse in anderen Fächern. Von Astronomie und Philosophie z. B. wußte er so viel wie gar nichts. Mußte es mir schon auffallen, als er sagte, er habe noch nie etwas von Thomas Carlyle gelesen, so erreichte meine Verwunderung doch den Gipfelpunkt, als sich zufällig herausstellte, daß er sich über unser Sonnensystem ganz falsche Vorstellungen machte. Wie in unserem neunzehnten Jahrhundert irgend ein zivilisiertes menschliches Wesen darüber im unklaren sein kann, daß die Erde sich um die Sonne dreht, war mir völlig unbegreiflich.

»Setzt Sie das in Erstaunen?« fragte er lächelnd. »Nun Sie es mir gesagt haben, werde ich suchen, es so schnell wie möglich wieder zu vergessen.«

»Es zu vergessen?!«

»Ja. – Sehen Sie, meiner Ansicht nach gleicht ein Menschenhirn ursprünglich einer leeren Dachkammer, die man nach eigener Wahl mit Möbeln und Geräten ausstatten kann. Nur ein Thor füllt sie mit allerlei Gerümpel an, wie es ihm gerade in den Weg kommt und versperrt sich damit den Raum, welchen er für die Dinge braucht, die ihm nützlich sind. Ein Verständiger giebt wohl acht, was er in seine Hirnkammer einschachtelt. Er beschränkt sich auf die Werkzeuge, deren er bei der Arbeit bedarf, aber von diesen schafft er sich eine große Auswahl an und hält sie in bester Ordnung. Es ist ein Irrtum, wenn man denkt, die kleine Kammer habe dehnbare Wände und könne sich nach Belieben ausweiten. Glauben Sie mir, es kommt eine Zeit, da wir für alles Neuhinzugelernte etwas von dem vergessen, was wir früher gewußt haben. Daher ist es von höchster Wichtigkeit, daß unsere nützlichen Kenntnisse nicht durch unnützen Ballast verdrängt werden.«

»Aber das Sonnensystem –« warf ich ein.

»Was zum Kuckuck kümmert mich das?« unterbrach er mich ungeduldig. »Sie sagen, die Erde dreht sich um die Sonne. Wenn sie sich um den Mond drehte, so würde das für meine Zwecke nicht den geringsten Unterschied machen.«

Mir schwebte schon die Frage auf der Zunge, was denn eigentlich seine Zwecke wären, doch behielt ich sie für mich, um ihn nicht zu verdrießen. Unser Gespräch gab mir indessen viel zu denken, und ich begann meine Schlüsse daraus zu ziehen. Wenn er sich nur Kenntnisse aneignete, die ihm für seine Arbeit Nutzen brachten, so mußte man ja aus den Zweigen des Wissens, mit denen er am vertrautesten war, auf den Beruf schließen können, dem er sich gewidmet hatte. Ich zählte mir nun alles auf, was er mit besonderer Gründlichkeit studierte, ja, ich machte mir ein Verzeichnis von den einzelnen Fächern. Lächelnd überlas ich das Schriftstück noch einmal, es lautete:

Geistiger Horizont und Kenntnisse von Sherlock Holmes.

  1. Litteratur – Mit Unterschied.
  2. Philosophie – Null.
  3. Astronomie – Null.
  4. Politik – Schwach.
  5. Botanik – Mit Unterschied. Wohl bewandert in allen vegetabilischen Giften, Belladona, Opium u. drgl. Eigentliche Pflanzenkunde – Null.
  6. Geologie – Viel praktische Erfahrung, aber nur auf beschränktem Gebiet. Er unterscheidet sämtliche Erdarten auf den ersten Blick. Von Ausgängen zurückgekehrt, weiß er nach Stoff und Farbe der Schmutzflecke auf seinen bespritzten Beinkleidern die Stadtgegend von London anzugeben, aus welcher die Flecken stammen.
  7. Chemie – Sehr gründlich.
  8. Anatomie – Genau, aber unmethodisch.
  9. Kriminalstatistik – Erstaunlich umfassend. Er scheint alle Einzelheiten jeder Greuelthat, die in unserem Jahrhundert verübt worden ist, zu kennen.
  10. Ist ein guter Violinspieler.
  11. Ein gewandter Boxer und Fechter.
  12. Ein gründlicher Kenner der britischen Gesetze.

Weiter las ich nicht; ich zerriß meine Liste und warf sie ärgerlich ins Feuer, »Wie kann der Mensch behaupten, daß es einen Beruf giebt, in dem sich alle diese verschiedenartigen Kenntnisse verwerten und unter einen Hut bringen lassen,« rief ich. »Es ist vergebliche Mühe, dies Rätsel lösen zu wollen.«

Holmes‘ Fertigkeit auf der Violine war groß, aber ganz eigener Art, wie alles bei diesem ungewöhnlichen Menschen. Gelegentlich spielte er mir wohl des Abends von meinen Lieblingsstücken vor, was ich verlangte; war er aber sich selbst überlassen, so ließ er selten eine bekannte Melodie hören. Er lehnte sich dann in den Armstuhl zurück, schloß die Augen und fuhr mechanisch mit dem Bogen über das Instrument, welches auf seinen Knieen lag. Die Töne, die er dann den Saiten entlockte, waren stets der Ausdruck seiner augenblicklichen Empfindung, bald leise und klagend, bald heiter, bald schwärmerisch. Ob er dabei nur den wechselnden Launen seiner Einbildung folgte oder durch die Musik die Gedanken, welche ihn gerade beschäftigten, besser in Fluß bringen wollte, vermochte ich nicht zu sagen. Ich hätte sicherlich gegen seine herzzerreißenden Solovorträge Einspruch erhoben, allein, um mich einigermaßen für die Geduldsprobe zu entschädigen, die er mir auferlegte, endigte er gewöhnlich damit, daß er rasch hintereinander eine ganze Reihe meiner Lieblingsmelodien spielte und das versöhnte mich wieder.

In der ersten Woche bekamen wir keinen Besuch, und ich fing schon an zu glauben, mein Gefährte stehe ebenso allein in der Welt, wie ich selber. Bald stellte sich jedoch heraus, daß er viele Bekannte hatte und zwar in allen Schichten der Gesellschaft. Der kleine Mensch mit dem blaßgelben Gesicht, der einer Ratte ähnelte und mir als Herr Lestrade vorgestellt wurde, kam im Lauf von acht Tagen mindestens drei- oder viermal. Eines Morgens erschien ein elegant gekleidetes junges Mädchen, das über eine halbe Stunde dablieb. Am Nachmittag desselben Tages fand sich ein schäbiger Graubart ein, der wie ein jüdischer Hausierer aussah und hinter dem ein häßliches, altes Weib hereinschlürfte. Bei einer späteren Gelegenheit hatte ein ehrwürdiger Greis eine längere Unterredung mit Holmes und dann wieder ein Eisenbahnbeamter in Uniform. Jedesmal, wenn sich einer dieser merkwürdigen Besucher einstellte, bat mich Holmes, ihm das Wohnzimmer zu überlassen, und ich zog mich in meine Schlafstube zurück. Er entschuldigte sich vielmals, daß er mir diese Unbequemlichkeit auferlege. »Ich muß das Zimmer als Geschäftslokal benützen, die Leute sind meine Klienten.«

Auch diese Gelegenheit, mir Aufschluß über sein Thun zu verschaffen, ließ ich aus Zartgefühl ungenützt vorübergehen. Mir widerstand es, ein Vertrauen zu erzwingen, das er mir nicht von selbst entgegenbrachte, und schließlich bildete ich mir ein, er habe einen bestimmten Grund, mir sein Geschäft zu verheimlichen. Daß ich mich hierin getäuscht hatte, sollte ich indessen bald erfahren.

Am vierten März – der Tag ist mir im Gedächtnis geblieben – war ich früher als gewöhnlich aufgestanden und fand Sherlock Holmes beim Frühstück. Mein Kaffee war noch nicht fertig, und ärgerlich, daß ich warten mußte, nahm ich ein Journal vom Tisch, um mir die Zeit zu vertreiben, während mein Gefährte schweigend seine gerösteten Brotschnitten verzehrte.

Mein Blick fiel zuerst auf einen Artikel, der mit Blaustift angestrichen und ›Das Buch des Lebens‹ betitelt war. Der Verfasser versuchte darin auseinanderzusetzen, daß es für einen aufmerksamen Beobachter von Menschen und Dingen im alltäglichen Leben unendlich viel zu lernen gäbe, wenn er sich nur gewöhnen wollte, alles, was ihm in den Weg käme, genau und eingehend zu prüfen. Die Beweisführung war kurz und bündig, aber die Schlußfolgerungen schienen mir weit hergeholt und ungereimt, das Ganze eine Mischung von scharfsinnigen und abgeschmackten Behauptungen. Ein Mensch, der zu beobachten und zu analysieren verstand, mußte danach befähigt sein, die innersten Gedanken eines jeden zu lesen und zwar mit solcher Sicherheit, daß es dem Uneingeweihten förmlich wie Zauberei vorkam.

»Das Leben ist eine große, gegliederte Kette von Ursachen und Wirkungen,« hieß es weiter; »an einem einzigen Gliede läßt sich das Wesen des Ganzen erkennen. Wie jede andere Wissenschaft, so fordert auch das Studium der Deduktion und Analyse viel Ausdauer und Geduld; ein kurzes Menschendasein genügt nicht, um es darin zur höchsten Vollkommenheit zu bringen. Der Anfänger wird immer gut thun, ehe er sich an die Lösung hoher geistiger und sittlicher Probleme wagt, welche die größten Schwierigkeiten bieten, sich auf einfachere Aufgaben zu beschränken. Zur Hebung möge er zum Beispiel bei der flüchtigen Begegnung mit einem Unbekannten den Versuch machen, auf den ersten Blick die Lebensgeschichte und Berufsart des Menschen zu bestimmen. Das schärft die Beobachtungsgabe und man lernt dabei richtig sehen und unterscheiden. An den Fingernägeln, dem Rockärmel, den Manschetten, den Stiefeln, den Hosenknieen, der Hornhaut an Daumen und Zeigefinger, dem Gesichtsausdruck und vielem andern, läßt sich die tägliche Beschäftigung eines Menschen deutlich erkennen. Daß ein urteilsfähiger Forscher, der die verschiedenen Anzeichen zu vereinigen weiß, nicht zu einem richtigen Schluß gelangen sollte, ist einfach undenkbar.«

»Was für ein thörichtes Gewäsch,« rief ich, und warf das Journal auf den Tisch; »meiner Lebtag ist mir dergleichen nicht vorgekommen.«

Sherlock Holmes sah mich fragend an.

»Sie haben den Artikel angestrichen,« fuhr ich fort, »und müssen ihn also gelesen haben. Daß er geschickt abgefaßt ist, will ich nicht bestreiten. Mich ärgern aber solche widersinnige Theorien, die daheim im Lehnstuhl aufgestellt werden und dann an der Wirklichkeit elend scheitern. Der Herr Verfasser sollte nur einmal in einem Eisenbahnwagen dritter Klasse fahren und probieren, das Geschäft eines jeden seiner Mitreisenden an den Fingern herzuzählen. Ich wette tausend gegen eins, er wäre dazu nicht imstande.«

»Sie würden Ihr Geld verlieren,« erwiderte Holmes ruhig. »Was übrigens den Artikel betrifft, so ist er von mir.«

»Von Ihnen?«

»Ja; ich habe ein besonderes Talent zur Beobachtung und Schlußfolgerung. Die Theorien, welche ich hier auseinandersetze und die Ihnen so ungereimt erscheinen, finden in der Praxis ihre volle Bestätigung, ja, was noch mehr ist – ich verdiene mir damit mein tägliches Brot.«

»Wie ist das möglich?« fragte ich unwillkürlich.

»Mein Handwerk beruht darauf. Ich bin beratender Geheimpolizist – wenn Sie verstehen, was das heißt – vielleicht bin ich der einzige meiner Art. Es giebt hier in London Detektivs die Menge, welche teils im Dienst der Regierung stehen, teils von Privatpersonen gebraucht werden. Wenn diese Herren nicht mehr aus noch ein wissen, kommen sie zu mir, und ich helfe ihnen auf die richtige Fährte. Sie bringen mir das ganze Beweismaterial, und ich bin meist imstande, ihnen mit Hilfe meiner Kenntnis der Geschichte des Verbrechens den rechten Weg zu weisen. Die Missethaten der Menschen haben im allgemeinen eine starke Familienähnlichkeit unter einander und wenn man alle Einzelheiten von tausend Verbrechen im Kopfe hat, so müßte es wunderbar zugehen, vermöchte man das tausend und erste nicht zu enträtseln. Lestrade ist ein bekannter Detektiv. Er hat sich kürzlich mit einer Falschmünzergeschichte herumgequält und mich deshalb so häufig aufgesucht.«

»Und die andern Leute?«

»Sie kamen meist auf Veranlassung von Privatleuten. Jeder von ihnen hat irgend eine Sorge auf dem Herzen und holt sich Rat bei mir. Sie erzählen mir ihre Geschichte und hören auf meine erklärenden Bemerkungen und dann streiche ich mein Honorar ein.«

»Können Sie wirklich, während Sie ruhig auf Ihrem Zimmer bleiben, die verwickelten Knoten lösen, welche die andern nicht zu entwirren vermögen, selbst, wenn sie mit eigenen Augen gesehen haben, wo sich alles zugetragen hat?«

»Das habe ich oft gethan: es ist bei mir eine Art innerer Eingebung. Liegt ein besonders schwieriger Fall vor, so besehe ich mir den Schauplatz der That wohl auch einmal selbst. Ich habe so mancherlei Kenntnisse, die mir die Arbeit wesentlich erleichtern. Meine große Uebung in der Schlußfolgerung, wie sie jener Artikel darlegt, ist für mich zum Beispiel von hohem praktischem Wert. Mir ist die Beobachtung zur zweiten Natur geworden. Als ich Ihnen bei unserer ersten Begegnung sagte, Sie kämen aus Afghanistan, schienen Sie sich darüber zu verwundern.«

»Irgend jemand muß es Ihnen gesagt haben.«

»Bewahre; ich wußte es ganz von selbst. Da mein Gedankengang meist sehr schnell ist, kommen mir die Schlüsse in ihrer Reihenfolge kaum zum Bewußtsein. Und doch steht alles in logischem Zusammenhang. Ich folgerte etwa so: Der Herr sieht aus wie ein Mediziner und hat dabei eine soldatische Haltung. Er muß Militärarzt sein. Die dunkle Gesichtsfarbe hat er nicht von Natur, denn am Handgelenk ist seine Haut weiß, also kommt er geradeswegs aus den Tropen. Daß er allerlei Beschwerden durchgemacht hat, zeigen seine abgezehrten Wangen; sein linker Arm muß verwundet gewesen sein, er hält ihn unnatürlich steif. In welcher Gegend der Tropen kann ein englischer Militärarzt sich Wunden und Krankheit geholt haben? – Versteht sich in Afghanistan. – In weniger als einer Sekunde war ich zu dem Schluß gelangt, der Sie in Erstaunen setzte.«

»Wie Sie die Sache erklären, scheint sie sehr einfach. In Büchern liest man wohl von solchen Dingen, aber daß sie in Wirklichkeit vorkämen, hätte ich nicht gedacht.«

»Wenn es nur noch Verbrechen gäbe, zu deren Entdeckung man besonderen Scharfsinn braucht,« fuhr Holmes mißmutig fort. »Ich weiß, es fehlt mir nicht an Begabung, um meinen Namen berühmt zu machen. Kein Mensch auf Erden hat jemals so viel natürliche Anlage für mein Fach besessen oder ein so tiefes Studium darauf verwendet. Aber was nützt mir das alles? Die Missethäter sind sämtlich solche Stümper und ihre Zwecke so durchsichtig, daß der gewöhnliche Polizeibeamte sie mit Leichtigkeit zu ergründen vermag.«

Es verdroß mich, ihn mit solcher Selbstüberschätzung reden zu hören. Um der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, trat ich ans Fenster.

»Was mag wohl der Mann da drüben suchen?« fragte ich, auf einen einfach gekleideten, stämmigen Menschen deutend, welcher sämtliche Häusernummern auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu mustern schien. Er hielt einen großen, blauen Umschlag in der Hand und hatte offenbar eine Botschaft auszurichten.

»Sie meinen den verabschiedeten Marinesergeanten?« fragte Sherlock Holmes.

Ich machte große Augen. »Er hat gut mit seiner Weisheit prahlen,« dachte ich bei mir; »wer will ihm denn beweisen, daß er falsch geraten hat?«

In dem Augenblick hatte der Mann, den wir beobachteten, unsere Nummer erblickt, und kam rasch quer über die Straße gegangen. Gleich darauf klopfte es laut an der Haustüre unten, man vernahm eine tiefe Stimme und dann schwere Schritte auf der Treppe.

Der Mann trat ein.

»Für Herrn Sherlock Holmes,« sagte er, meinem Gefährten den Brief einhändigend.

Ich ergriff die günstige Gelegenheit, um Holmes von seiner Einbildung zu heilen. An die Möglichkeit hatte er wohl nicht gedacht, als er den raschen Schuß ins Blaue that. »Darf ich Sie wohl fragen, was Sie für ein Geschäft betreiben?« redete ich den Boten freundlich an.

»Dienstmann,« lautete die kurze Antwort. »Uniform gerade beim Schneider zum Ausbessern.«

»Und früher waren Sie –« fuhr ich mit einem schlauen Blick auf Holmes fort.

»Sergeant bei der leichten Infanterie der königlichen Marine. – Keine Rückantwort? – Sehr wohl. Zu Befehl.«

Er schlug die Fersen aneinander, erhob die Hand zum militärischen Gruß und fort war er.

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Erstes Kapitel

I. Aus Watsons Erinnerungen

Erstes Kapitel

Sherlock Holmes

Im Jahre 1878 hatte ich mein Doktorexamen an der Londoner Universität bestanden und in Nelley den für Militärärzte vorgeschriebenen medizinischen Kursus durchgemacht. Bald darauf ward ich dem fünften Füsilierregiment Northumberland zugeteilt, welches damals in Indien stand. Bevor ich jedoch an den Ort meiner Bestimmung gelangte, brach der zweite afghanische Krieg aus, und bei meiner Landung in Bombay erfuhr ich, mein Regiment sei bereits durch die Gebirgspässe marschiert und weit in Feindesland vorgedrungen. In Gesellschaft mehrerer Offiziere, die sich in gleicher Lage befanden, folgte ich meinem Corps, erreichte dasselbe glücklich in Kandahar und trat in meine neue Stellung ein.

Der Feldzug, in welchem andere Ehre und Auszeichnungen fanden, brachte mir indessen nur Unglück und Mißerfolg. Gleich in der ersten Schlacht zerschmetterte mir eine Kugel das Schulterblatt und ich wäre sicherlich den grausamen Ghazia in die Hände gefallen, hätte mich nicht Murray, mein treuer Bursche, rasch auf ein Packpferd geworfen und mit eigener Lebensgefahr mit sich geführt, bis wir die britische Schlachtlinie erreichten.

Lange lag ich krank, und erst nachdem ich mit einer großen Anzahl verwundeter Offiziere in das Hospital von Peshawur geschafft worden war, erholte ich mich allmählich von den ausgestandenen Leiden; ich war bereits wieder so weit, daß ich in den Krankensälen umhergehen und auf der Veranda frische Luft schöpfen durfte. Da befiel mich unglücklicherweise ein Entzündungsfieber und zwar mit solcher Heftigkeit, daß man monatelang an meinem Wiederaufkommen zweifelte. Als endlich die Macht der Krankheit gebrochen war und mein Bewußtsein zurückkehrte, befand ich mich in solchem Zustand der Kraftlosigkeit, daß die Aerzte beschlossen, mich ohne Zeitverlust wieder nach England zu schicken. Einen Monat später landete ich mit dem Truppenschiff ›Orontes‹ in Portsmouth; meine Gesundheit war völlig zerrüttet, doch erlaubte mir eine fürsorgliche Regierung, während der nächsten neun Monate den Versuch zu machen, sie wiederherzustellen.

Verwandte besaß ich in England nicht; ich beschloß daher, mich in einem Privathotel einzuquartieren. Mein tägliches Einkommen belief sich auf elf und einen halben Schilling und da ich zuerst nicht sehr haushälterisch damit umging, machten mir meine Finanzen bald große Sorge. Ich sah ein, daß ich entweder aufs Land ziehen oder meine Lebensweise in der Hauptstadt völlig ändern müsse.

Da ich letzteres vorzog, sah ich mich genötigt, das Hotel zu verlassen und mir eine anspruchslosere und weniger kostspielige Wohnung zu suchen.

Während ich noch hiermit beschäftigt war, begegnete ich eines Tages auf der Straße einem mir bekannten Gesicht, ein höchst erfreulicher Anblick für einen einsamen Menschen wie mich in der Riesenstadt London. Ich hatte mit dem jungen Stamford während meiner Studienzeit verkehrt, ohne daß wir einander besonders nahe getreten waren, jetzt aber begrüßte ich ihn mit Entzücken, und auch er schien sich über das Wiedersehen zu freuen. Bald saßen wir in einer nahen Restauration zusammen bei einem Glase Wein und tauschten unsere Erlebnisse aus.

»Was in aller Welt ist denn mit dir geschehen, Watson?« fragte Stamford verwundert, »du siehst braun aus wie eine Nuß und bist so dürr wie eine Bohnenstange.«

Ich gab ihm einen kurzen Abriß meiner Abenteuer und er hörte mir teilnehmend zu.

»Armer Kerl,« sagte er mitleidig, »und was gedenkst du jetzt zu thun?«

»Ich bin auf der Wohnungssuche,« versetzte ich; »es gilt die Aufgabe zu lösen, mir um billigen Preis ein behagliches Quartier zu verschaffen.«

»Wie sonderbar,« rief Stamford; »du bist der zweite Mensch, der heute gegen mich diese Aeußerung thut.«

»Und wer war der erste?«

»Ein Bekannter von mir, der in dem chemischen Laboratorium des Hospitals arbeitet. Er klagte mir diesen Morgen sein Leid, daß er niemand finden könne, um mit ihm gemeinsam ein sehr preiswürdiges, hübsches Quartier zu mieten, das für seinen Beutel allein zu kostspielig sei.«

»Meiner Treu,« rief ich, »wenn er Lust hat, die Kosten der Wohnung zu teilen, so bin ich sein Mann. Ich würde weit lieber mit einem Gefährten zusammenziehen, statt ganz allein zu hausen.«

Stamford sah mich über sein Weinglas hinweg mit bedeutsamen Blicken an. »Wer weiß, ob du Sherlock Holmes zum Stubengenossen wählen würdest, wenn du ihn kenntest,« sagte er.

»Ist denn irgend etwas an ihm auszusetzen?«

»Das will ich nicht behaupten. Er hat in mancher Hinsicht eigentümliche Anschauungen und schwärmt für die Wissenschaft. Im übrigen ist er ein höchst anständiger Mensch, soviel ich weiß.«

»Ein Mediziner vermutlich?«

»Nein – ich habe keine Ahnung, was er eigentlich treibt. In der Anatomie ist er gut bewandert und ein vorzüglicher Chemiker. Aber meines Wissens hat er nie regelrecht Medizin studiert. Er ist überhaupt ziemlich überspannt und unmethodisch in seinen Studien, doch besitzt er auf verschiedenen Gebieten eine Menge ungewöhnlicher Kenntnisse, um die ihn mancher Professor beneiden könnte.«

»Hast du ihn nie nach seinem Beruf gefragt?«

»Nein – er ist kein Mensch, der sich leicht ausfragen läßt; doch kann er zuweilen sehr mitteilsam sein, wenn ihm gerade danach zu Mute ist.«

»Ich möchte ihn doch kennen lernen,« sagte ich; »ein Mensch, der sich mit Vorliebe in seine Studien vertieft, wäre für mich der angenehmste Gefährte. Bei meinem schwachen Gesundheitszustand kann ich weder Lärm noch Aufregung vertragen. Ich habe beides in Afghanistan so reichlich genossen, daß ich für meine Lebenszeit genug daran habe. Bitte, sage mir, wo ich deinen Freund treffen kann.«

»Vermutlich ist er jetzt noch im Laboratorium. Manchmal läßt er sich dort wochenlang nicht sehen und zu anderen Zeiten bleibt er wieder von früh bis spät bei der Arbeit. Wenn es dir recht ist, suchen wir ihn zusammen auf.«

Ich willigte mit Freuden ein und wir machten uns sogleich auf den Weg nach dem Hospital.

»Du darfst mir aber keine Vorwürfe machen, wenn ihr nicht miteinander auskommt,« sagte Stamford, als wir in die Droschke stiegen; »ich möchte dir weder zu- noch abraten.«

»Wenn wir nicht zu einander passen, können wir uns ja leicht wieder trennen. Deine Vorsicht scheint mir fast übertrieben, es muß noch etwas anderes dahinter stecken. Heraus mit der Sprache, was hast du gegen den Menschen einzuwenden?«

»Nichts, gar nichts; er ist nur nach meinem Geschmack seiner Wissenschaft allzusehr ergeben. – Das grenzt schon an Gefühllosigkeit. Ich halte es nicht für undenkbar, daß er einem guten Freunde eine Priese des neuesten vegetabilischen Alkaloids eingeben würde – nicht etwa aus Bosheit, nein, aus Forschungstrieb – um die Wirkung genau zu beobachten. Ebenso gern würde er freilich die Probe an sich selber machen, die Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen. Ueberhaupt ist Klarheit und Genauigkeit des Wissens seine größte Leidenschaft; aber zu welchem Zweck er alle seine Studien betreibt, weiß der liebe Himmel.«

Vor dem Hospital angekommen, stiegen wir aus, gingen ein Gäßchen hinunter und traten durch eine Thür in den Nebenflügel des weitläufigen Gebäudes. Hier war mir alles wohl bekannt und ich brauchte keinen Führer mehr. Es ging die kahle Steintreppe hinauf, durch den langen, weißgetünchten Korridor, mit den Thüren auf beiden Seiten, an den sich der niedrige Bogengang anschloß, welcher nach dem chemischen Laboratorium führte.

In dem großen Saal, den wir betraten, waren sämtliche Tische mit Retorten, Reagensgläsern und kleinen Weingeistlampen besetzt, während rings an den Wänden und überhaupt, wohin man blickte, Flaschen von allen Größen und Formen umherstanden. Wir dachten zuerst, der Raum sei leer, bis wir an dem andern Ende einen jungen Mann gewahrten, der, in seine Beobachtungen versunken, über einen Tisch gebeugt dasaß. Beim Schall unserer Fußtritte blickte er von seinem Experiment aus und sprang mit einem Freudenruf in die Höhe. »Viktoria, Viktoria,« jubelte er, und kam uns, mit der Retorte in der Hand, entgegen. »Ich habe das Reagens gefunden, das sich mit Hämoglobin zu einem Niederschlag verbindet und sonst mit keinem Stoff.«

Er sah so glückstrahlend aus, als hätte er eine Goldmine entdeckt.

»Mein Freund, Doktor Watson – Herr Sherlock Holmes,« sagte Stamford uns einander vorstellend.

»Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen,« erwiderte Holmes in herzlichem Ton und mit kräftigem Händedruck. »Sie kommen aus Afghanistan, wie ich sehe.«

Ich blickte ihn verwundert an. »Wieso wissen Sie denn das?«

»O, das thut nichts zur Sache,« rief er, sich vergnügt die Hände reibend; »ich denke jetzt nur an Hämoglobin. Sicherlich werden Sie die Tragweite meiner Erfindung begreifen.«

»Es mag wohl als chemisches Experiment sehr interessant sein, aber für die Praxis –«

»Gerade in der Praxis ist es von größter Wichtigkeit für die Gerichtschemie, weil es dazu dient, das etwaige Vorhandensein von Blutflecken zu beweisen. – Bitte, kommen Sie doch einmal her.« In seinem Eifer ergriff er meinen Rockärmel und zog mich nach dem Tische hin, an welchem er experimentiert hatte. »Wir müssen etwas frisches Blut haben,« sagte er und stach sich mit einer großen Stopfnadel in den Finger, worauf er das herabtropfende Blut in einem Saugröhrchen auffing. »Jetzt mische ich diese kleine Blutmenge mit einem Liter Wasser – das Verhältnis ist etwa wie eins zu einer Million – und die Flüssigkeit sieht ganz aus wie reines Wasser. Trotzdem wird sich, denke ich, die gewünschte Reaktion herstellen lassen.« Er hatte, während er sprach, einige weiße Kristalle in das Gefäß geworfen und goß jetzt noch mehrere Tropfen einer durchsichtigen Flüssigkeit hinzu. Sofort nahm das Wasser eine dunkle Färbung an und ein bräunlicher Niederschlag erschien auf dem Boden des Glases.

»Sehen Sie,« rief er und klatschte in die Hände, wie ein Kind vor Freude über ein neues Spielzeug. »Was sagen Sie dazu?«

»Es scheint mir ein sehr gelungenes Experiment.«

»Wundervoll, wundervoll! Die alte Methode, die Probe mit Guajacum anzustellen, war sehr umständlich und unsicher, die mikroskopische Untersuchung der Blutkügelchen aber ist wertlos, sobald die Flecken ein paar Stunden alt sind. Meine Erfindung wird sich dagegen ebenso gut bei altem wie bei frischem Blut bewähren. Wäre sie schon früher gemacht worden, so hätte man Hunderte von Verbrechern zur Rechenschaft ziehen können, die straflos davongekommen find.«

»Meinen Sie wirklich?«

»Ohne Frage. Bei der Kriminaljustiz dreht sich ja meist alles um diesen einen Punkt. Vielleicht Monate, nachdem die Missethat begangen ist, fällt der Verdacht auf einen Menschen, man untersucht seine Kleider und findet braune Flecke am Rock oder in der Wäsche. Das können Blutspuren sein, aber auch Rostflecke, Obstflecke oder Schmutzflecke. Mancher Sachverständige hat sich darüber schon den Kopf zerbrochen und zwar bloß, weil es an einer zuverlässigen Beweismethode fehlte. Nun man aber das Sherlock Holmessche Mittel besitzt, ist jede Schwierigkeit beseitigt.«

Seine Augen funkelten, während er sprach, er legte die Hand aufs Herz und machte eine feierliche Verbeugung, als sähe er sich im Geist einer Beifall klatschenden Menge gegenüber.

»Da kann man Ihnen ja Glück wünschen,« sagte ich, verwundert über seinen Feuereifer.

»Hätte man die Probe schon letztes Jahr anstellen können,« fuhr er fort, »es wäre dem Mason aus Bradford sicherlich an den Hals gegangen; auch der berüchtigte Müller, sowie Lefevre aus Montpellier und Samson aus New-Orleans wären überführt worden. Ich könnte Ihnen Dutzende von Fällen nennen, bei denen meine Erfindung den Ausschlag gegeben hätte.«

»Sie scheinen ja ein wandelnder Verbrecheralmanach zu sein,« meinte Stamford lachend; »schreiben Sie doch ein Buch über Kriminalstatistik.«

»Das möchte wohl des Lesens wert sein,« erwiderte Holmes, der sich eben ein Pflaster auf den verwundeten Finger klebte. »Ich muß sehr vorsichtig sein,« fügte er erklärend hinzu, »denn ich mache mir viel mit Giften zu schaffen.« Als er die Hand in die Höhe hielt, sah ich, daß sie an vielen Stellen bepflastert war und von scharfen Säuren gefärbt.

»Wir kommen in Geschäften,« sagte Stamford, und schob mir einen dreibeinigen Schemel zum Sitzen hin, während er ebenfalls Platz nahm. »Mein Freund hier sucht eine Wohnung, und da Sie gern mit jemand zusammenziehen möchten, dachte ich, es wäre Ihnen vielleicht beiden geholfen.«

Sherlock Holmes ging mit Freuden auf den Vorschlag ein. »Ich habe ein Auge des Wohlgefallens auf ein Quartier in der Baker-Straße geworfen, das vortrefflich für uns passen würde,« sagte er. »Sie haben doch nicht etwa eine Abneigung gegen Tabaksdampf?«

»O nein, ich bin selbst ein starker Raucher.«

»Das trifft sich gut. Ferner habe ich häufig Chemikalien bei mir herumstehen, die ich zu meinen Experimenten brauche. Würde Sie das belästigen?«

»Durchaus nicht.«

»Warten Sie – was habe ich sonst noch für Fehler? Manchmal bekomme ich Anfälle von Schwermut und thue dann tagelang den Mund nicht auf. Sie müssen mir das nicht übel nehmen. Kümmern Sie sich nur dann gar nicht um mich, und die Anwandlung wird bald vorüber sein. So – nun ist die Reihe an Ihnen, mir Bekenntnisse zu machen. Wenn zwei Menschen zusammen leben wollen, ist es gut, wenn sie im voraus wissen, was sie von einander zu erwarten haben.«

Ich mußte über diese Generalbeichte lachen. »Ich halte mir einen jungen Bullenbeißer,« gestand ich, »und kann keinen Lärm vertragen, weil meine Nerven angegriffen sind; auch schlafe ich oft in den Tag hinein und bin überhaupt sehr träge. In gesunden Zeiten fröhne ich noch Lastern anderer Art, aber für jetzt sind dies die hauptsächlichsten.«

»Würden Sie unter ›Lärm‹ auch das Spielen auf einer Violine verstehen?« fragte er besorgt.

»Das kommt auf den Musiker an. Gutes Violinspiel ist ein Genuß für Götter – aber schlechtes –«

»Freilich, freilich,« rief er vergnügt. »Nun, ich denke, die Sache ist abgemacht – das heißt, wenn Ihnen das Quartier gefällt.«

»Wann können wir es besichtigen?«

»Holen Sie mich morgen mittag hier ab, dann gehen wir zusammen hin und bringen gleich alles ins reine.«

»Sehr wohl, also Punkt zwölf Uhr,« sagte ich, ihm zum Abschied die Hand schüttelnd.

Wir ließen ihn dort bei seinen Chemikalien und gingen nach meinem Hotel zurück. »Erklären Sie mir nur,« wandte ich mich, plötzlich stehend bleibend, an Stamford, »was ihn auf die Idee gebracht haben kann, daß ich aus Afghanistan komme?«

Mein Gefährte lachte geheimnisvoll. »Schon mancher hat gern wissen wollen, wie Sherlock Holmes gewisse Dinge ausfindig macht. Er besitzt eben eine besondere Gabe.«

»Aha, es steckt ein Rätsel dahinter,« rief ich belustigt; »das ist ja höchst interessant. Ich bin dir sehr verbunden für die neue Bekanntschaft. Das beste Studium für den Menschen bleibt ja doch immer der Mensch.«

»Studiere ihn nur,« entgegnete Stamford. »Du wirst dabei manche Nuß zu knacken finden. Ich wette darauf, er kennt dich bald besser als du ihn.«

An der nächsten Straßenecke verabschiedeten wir uns und ich schlenderte allein nach Hause.

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Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

John Ferrier spricht mit dem Propheten.

Drei Wochen waren vergangen, seit Jefferson Hope mit seinen Gefährten die Salzseestadt verlassen hatte. Bei dem Gedanken an seine Rückkunft und den Abschied von der geliebten Pflegetochter wollte John Ferrier das Herz wohl oft schwer werden; aber ein Blick in ihre glückstrahlenden Augen ließ ihn das eigene Leid vergessen. Er hatte von jeher fest bei sich beschlossen, daß ihn nichts in der Welt bewegen sollte, sein Kind einem Mormonen zur Frau zu geben, weil er eine solche Ehe als Schmach und Schande ansah. Was er auch sonst über die Lehren der Mormonen denken mochte, in diesem einen Punkt war er unbeugsam. Doch hütete er sich wohl, etwas von seiner abweichenden Ueberzeugung verlauten zu lassen, denn im Lande der Heiligen galt es damals für ein gefährliches Ding, andere, als die strenggläubigsten Meinungen zu hegen.

Selbst die Frömmsten wagten es nur mit der größten Vorsicht, über religiöse Angelegenheiten zu reden, aus Furcht, eins ihrer Worte möchte falsch ausgelegt werden und ein schnelles Strafgericht über sie heraufbeschwören. Die ehemaligen Opfer der Verfolgung waren jetzt selbst zu Verfolgern geworden und betrieben ihr Handwerk auf entsetzliche Art. Weder die spanischen Inquisitoren, noch die Vehmgerichte des Mittelalters oder die geheimen Gesellschaften Italiens, besaßen je eine so furchtbare Gewalt, wie sie hier in Utah herrschte und die Gemüter mit Angst und Grauen erfüllte.

Daß diese Herrschaft eine so unsichtbare und geheimnisvolle war, machte sie noch gefürchteter. Sie schien allwissend und allmächtig, und doch war nichts von ihr zu sehen und zu hören. Ein Gemeindeglied, das sich dem Willen der Kirche nicht fügte, verschwand spurlos, ohne daß irgend jemand erfuhr, was aus ihm geworden sei. Daheim warteten die Seinigen auf den Vater, aber er kehrte nicht zu Weib und Kind zurück, um zu erzählen, was das heimliche Gericht über ihn verhängt habe. Auf ein rasches Wort, eine vielleicht unbedachte That folgte oft Tod und Vernichtung, aber niemand wußte, wann das Verhängnis über ihm schwebte oder wessen Hand die Strafe vollzog.

Anfangs sahen sich nur die Abtrünnigen bedroht, welche den Glauben der Mormonen bekannt hatten, sich aber später von ihnen loszumachen strebten. Dies ward jedoch bald anders. Um die Vielweiberei aufrecht zu erhalten, bedurfte man einer zahlreichen weiblichen Bevölkerung und der Zuzug von Frauen begann abzunehmen. Es gingen seltsame Gerüchte um, daß Einwanderer auf dem Zuge ermordet worden seien und ihre Lagerplätze ausgeplündert, in Gegenden, wohin keine Indianer je den Fuß gesetzt hatten. Zur selben Zeit sah man in den Harems der Aeltesten fremde Frauen auftauchen, welche trostlos weinten und dahinsiechten, im Antlitz den Ausdruck untilgbaren Entsetzens.

Verspätete Wanderer im Gebirge erzählten von Banden bewaffneter und vermummter Gestalten, die geräuschlos und verstohlen im Dunkel an ihnen vorübergehuscht waren. Die zuerst unbestimmten Gerüchte traten bald in greifbarer Form und mit größerer Gewißheit auf; sie wurden von allen Seiten bestätigt und geglaubt. Bis auf den heutigen Tag spricht man in den abgelegenen Farmhäusern des Westens noch mit Grausen von den Danitischen Banden, die im Volksmunde auch ›Würgengel‹ genannt wurden.

Je mehr man von dem Walten dieser Schrecklichen erfuhr, um so größer ward das Entsetzen vor ihnen in den Gemütern. Man wußte nicht, wer zu der greuelvollen Gesellschaft gehörte; die Namen derer, welche unter dem Deckmantel der Religion ihre blutigen Gewaltthaten verübten, blieben in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Dem besten Freunde selbst durfte man seine etwaigen Zweifel an der Sendung des Propheten nicht anvertrauen, denn leicht konnte er zu der Zahl der Rächer gehören, welche in nächtlichem Graus Vergeltung zu üben kamen. So mißtraute denn ein Nachbar dem andern und keiner wagte von den Dingen zu reden, die ihm vor allem am Herzen lagen. –

 

Eines Morgens wollte sich John Ferrier gerade zu einem Gang durch seine Weizenfelder rüsten, als er die Gitterthür gehen hörte und einen starken, blondhaarigen Mann mittleren Alters den Fußweg heraufkommen sah. Er erschrak heftig, denn es war niemand anderes als der große Brigham Young in eigener Person. Voll böser Ahnungen, denn er wußte wohl, daß ein solcher Besuch nichts Gutes für ihn zu bedeuten habe, eilte Ferrier dem Oberhaupt der Mormonen entgegen. Brigham Young nahm seine ehrerbietige Begrüßung mit Kälte auf und folgte ihm schweigend ins Wohnzimmer.

»Bruder Ferrier,« sagte er, mit strenger Miene Platz nehmend, und warf unter seinen hellfarbenen Augenbrauen hervor einen durchdringenden Blick auf den alten Farmer, »die wahren Gläubigen haben dir treue Freundschaft erwiesen. Als du nahe daran warst, in der Wüste zu verschmachten, nahmen wir dich auf in unsere Mitte, labten dich mit Trank und Speise und führten dich sicher in das Land der Verheißung; dort gaben wir dir ein schönes Ackerland und ließen dich reich werden in unserm Schutz. Ist es nicht, wie ich sage?«

»Ja, so ist es,« bestätigte Ferrier.

»Zum Dank für alle Wohlthaten stellten wir nur die eine Bedingung, daß du den wahren Glauben annehmen und dich unsern Sitten und Gebräuchen unterwerfen solltest. Du gelobtest dies zu thun; aber, wenn wir recht berichtet sind, hast du dein Versprechen nicht gehalten.«

»Worin habe ich denn gefehlt?« rief Ferrier. »Habe ich nicht in die gemeinsame Kasse gesteuert? Habe ich nicht die Versammlungen im Tempel besucht? Habe ich nicht –«

»Wo sind deine Frauen?« fragte Young, sich umblickend. »Rufe sie herbei, daß ich sie begrüßen kann.«

»Es ist wahr,« versetzte der Farmer, »ich habe nicht geheiratet. Aber es war nur eine geringe Anzahl Frauen vorhanden und andere Gemeindeglieder hatten bessere Ansprüche als ich. Auch lebte ich nicht einsam; meine Tochter sorgte für meine Notdurft.«

»Gerade deine Tochter ist es, von der ich mit dir reden möchte,« sagte der Führer der Mormonen. »Sie ist zur Blume von Utah erblüht und Männer, die in hohem Ansehen unter uns stehen, haben ein Auge des Wohlgefallens auf sie geworfen.«

John Ferrier gingen die Worte wie ein schneidendes Schwert durchs Herz.

»Man erzählt von ihr, was ich nur ungern wiederhole – daß sie sich einem Ungläubigen versiegelt hat. Es muß wohl ein Geschwätz müßiger Zungen sein, denn – wie lautet die dreizehnte Regel im Gesetz Josef Smiths, des Heiligen? – ›Eine Tochter, die sich zum wahren Glauben bekennt, darf nur mit einem der Auserwählten in die Ehe treten. Heiratet sie einen Ungläubigen, so macht sie sich einer schweren Sünde schuldig.‹ Es ist nicht möglich, daß du, als Anhänger unserer heiligen Lehre, deiner Tochter gestattet haben solltest, dies Gebot zu übertreten.«

John Ferrier gab keine Antwort, er atmete schwer.

»Im heiligen Rat der Vier ist beschlossen worden, daß dieser eine Punkt zum Prüfstein für deinen Glauben dienen soll,« fuhr der Prophet fort. »Das Mädchen ist jung, wir wollen sie nicht einem Graubart vermählen, und ihr sogar die Wahl lassen. Wir, die Aeltesten, sind bereits wohl versehen, aber wir müssen auch für unsere Kinder sorgen. Stangerson und Drebber haben Söhne und jeder von ihnen würde deine Tochter mit Freuden in seinem Hause willkommen heißen. Sie soll sich für einen von ihnen entscheiden. Beide sind jung, reich und bekennen sich zu dem wahren Glauben. Was hast du darauf zu erwidern?«

Ferrier zog die Stirn in düstere Falten und schwieg eine Weile.

»Ihr werdet uns Zeit lassen,« sagte er endlich. »Meine Tochter ist sehr jung – noch kaum in heiratsfähigem Alter.«

»Sie soll einen Monat Bedenkzeit haben,« sagte Young von seinem Sitz aufstehend. »Ist diese Frist zu Ende, so erwarten wir ihre Antwort.«

In der Thür wandte er sich noch einmal zurück; sein Gesicht war gerötet, seine Augen funkelten. »Wenn jetzt dein und ihr Gebein im Wüstenstaub bei der Sierra Bianca moderte,« rief er mit Donnerstimme, »es wäre weit besser für dich, John Ferrier, und für sie, als wenn ihr in eurer Ohnmacht wagen solltet, dem Befehl des heiligen Rats der Vier zu trotzen.«

Er erhob die Hand mit drohender Gebärde, dann verließ er das Haus und man hörte den Kies auf dem Fußweg unter seinen Tritten knirschen.

Ferrier saß noch in trübem Sinnen, den Kopf in die Hand gestützt, als er sich leise an der Schulter berührt fühlte. Er blickte auf und sah Lucy neben sich stehen. Ihr bleiches, verstörtes Gesicht ließ ihm keinen Zweifel, daß sie wußte, was geschehen war. »Ich konnte nicht anders,« flüsterte sie voll Bangigkeit, »ich habe alles gehört – seine Stimme schallte durch das ganze Haus. O Vater, Vater – was sollen wir thun?«

»Sei ohne Furcht,« sagte er, sie an sich ziehend, und ließ seine breite, rauhe Hand zärtlich über ihr braunes Haar gleiten. »Irgendwie wollen wir’s schon einrichten. Du hängst doch wohl nach wie vor an deinem Verlobten, nicht wahr?«

Sie schluchzte nur leise und drückte ihm die Hand.

»Ich hab‘ mir’s gleich gedacht; so ein hübscher Bursche und ein ordentlicher Christenmensch obendrein; denn das ist hier keiner von allen, trotz ihrer vielen Gebete und Predigten. – Morgen reist eine Gesellschaft nach Nevada ab, da werde ich zusehen, daß ich ihm eine Botschaft schicken kann, um ihn wissen zu lassen, in welcher Not wir stecken. Wenn er dann nicht hier ist, wie der Wind, müßte ich mich sehr in dem jungen Mann getäuscht haben.«

Lucy lächelte unter Thränen. »Wenn er kommt, wird er uns zu raten und zu helfen wissen,« sagte sie zuversichtlich. »Aber ich ängstige mich deinetwegen, Väterchen. Man hört so schreckliche Dinge erzählen, wie es denen ergeht, die sich dem Willen des Propheten widersetzt haben.«

»Aber wir haben das noch gar nicht gethan,« entgegnete der Alte, »und brauchen uns vorläufig nicht zu fürchten. Noch haben wir einen ganzen Monat vor uns und ehe der zu Ende geht, werden wir gut thun, Utah den Rücken zu kehren.«

»Was wird denn aber aus deinem Besitztum?«

»Wir machen zu Geld, was wir können, und lassen das Uebrige zurück. Ich will dir nur offen gestehen, Lucy, daß ich schon längst mit diesem Gedanken umgehe. Ich mag vor keinem Menschen zu Kreuze kriechen, wie die Leute hier vor ihrem verwünschten Propheten. Als freier Mann bin ich geboren und kann mich in diese Art nicht mehr finden – ich bin wohl zu alt dazu. Er soll sich hüten, mir noch einmal ins Gehege zu kommen, sonst hat er eine Ladung Schrot im Leibe, ehe er sich’s versieht.«

»Sie werden uns aber nicht fortlassen wollen,« warf Lucy ängstlich ein.

»Dafür laß mich nur sorgen, wenn Jefferson kommt. Beruhige dich jetzt, mein Herzchen, und weine dir nicht die Augen rot, sonst macht er mir Vorwürfe, wenn er dich sieht. Uns droht keinerlei Gefahr, und du brauchst nichts zu fürchten.«

John Ferrier sprach diese tröstlichen Worte mit großer Zuversicht, doch konnte Lucy nicht umhin, zu bemerken, wie vorsichtig er alle Thüren zur Nacht verschloß und verriegelte, nachdem er zuvor die alte, rostige Jagdflinte, welche für gewöhnlich an der Wand seines Schlafzimmers hing, aufs sorgfältigste gereinigt und geladen hatte.

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Der sterbende Sherlock Holmes

Der sterbende Sherlock Holmes

Frau Hudson, unsere Hauswirtin in der Bakerstraße, war eine geduldige Frau und von großer Langmut. Nicht nur wurde ihr erstes Stockwerk zu allen Stunden des Tages und der Nacht von den zahlreichsten und oft auch zweifelhaftesten Menschen überflutet, sondern ihr Mieter Sherlock Holmes zeigte in seiner Lebensführung eine Unregelmäßigkeit und Absonderlichkeit, die ihre Geduld oft hart auf die Probe gestellt haben muß. Seine unglaubliche Unordentlichkeit, seine Vorliebe, zu den ungewöhnlichsten Stunden »Musik« zu machen, sein gelegentliches Pistolenschießen im Flur, seine qualmigen und oft recht übelriechenden wissenschaftlichen Versuche und schließlich die ganze Atmosphäre von Gefahr und Verbrechen, die ihn umgab, machten ihn sicher zu einem der unbequemsten Mieter in ganz London. Andererseits bezahlte er wie ein Fürst. Ich bezweifle kaum, daß das ganze Haus um den Preis hätte gekauft werden können, den Holmes für seine Zimmer während der Jahre bezahlte, die ich mit ihm zusammen wohnte.

Die Hauswirtin hatte den denkbar größten Respekt vor ihm und wagte nie, Einwendungen zu erheben, mochte das Benehmen meines Freundes auch mehr als nur ungewöhnlich sein. Auf ihre Art liebte sie ihn sogar, denn er war im Verkehr mit Frauen von einer merkwürdigen Höflichkeit und Liebenswürdigkeit. Er verachtete das ganze Geschlecht und mißtraute ihm, aber er war stets ein ritterlicher Gegner.

Da ich wußte, wie sehr mein Freund bei Frau Hudson in Ansehen und Achtung stand, so folgte ich sehr ernsthaft ihrer Erzählung, als sie im zweiten Jahre nach meiner Verheiratung zu mir kam und mir den traurigen Zustand Holmes‘ offenbarte, in dem er sich seit kurzem befand.

»Er stirbt, Doktor Watson«, sagte sie. »Seit drei Tagen sieht man ihn dahinsiechen, und es scheint mir fraglich, ob er den heutigen Tag überleben wird. Er wollte nicht, daß ich einen Doktor hole, aber heute morgen, als ich sah, wie ihm die Knochen aus dem Gesicht stehen, und er mich mit fiebrigen Augen anstierte, konnte ich es nicht länger aushalten. ›Mit Ihrer Einwilligung oder gegen Ihren Willen, Herr Holmes, geh ich jetzt augenblicklich, einen Arzt rufen‹, sagte ich. ›Dann holen Sie mir wenigstens Watson‹, sagte er. An Ihrer Stelle würde ich keinen Augenblick verweilen, Herr Doktor, wenn Sie ihn noch lebend antreffen wollen.«

Ich war entsetzt, denn ich hatte keine Ahnung von seiner Krankheit. Überflüssig, zu bemerken, daß ich sofort nach Überrock und Hut griff und mich auf den Weg machte. Als ich mit ihr zurückfuhr, fragte ich sie nach Einzelheiten.

»Da kann ich Ihnen nur wenig sagen, Herr Doktor; er arbeitete an einem Fall drunten in Rotherhite, in einer Gasse nahe an der Themse, und von dort hat er die Krankheit mitgebracht. Er legte sich am Donnerstagnachmittag zu Bett und hat es seitdem nicht mehr verlassen. Diese ganzen drei Tage hat er weder Nahrung zu sich genommen, noch irgend etwas getrunken.«

»Um Gottes willen! Warum haben Sie nicht früher einen Arzt geholt?«

»Er hat es ja verboten gehabt, Herr Doktor. Sie wissen ja, wie streng er ist. Ich wagte nicht, seinen Befehl zu mißachten, aber er weilt nicht mehr lange unter uns, das werden Sie selber im gleichen Augenblick schon merken, wo Sie ihn erblicken. Es ist schrecklich.«

Er bot in der Tat einen kläglichen Anblick. In dem dämmerigen Licht eines nebeligen Novembertages war das Krankenzimmer ein düsteres Loch, aber was einen Kälteschauer in mein Herz dringen ließ, war dies geisterhafte, verwüstete Antlitz, das mich vom Bett aus anstierte. Seine Augen glitzerten vor Fieber, hektische Röte lag auf beiden Backen, und dunkle Krusten klebten an seinen Lippen; die skeletthaft mageren Hände auf der Decke zuckten unausgesetzt, seine Stimme war heiser und halb erstickt. Er lag gänzlich leblos da, als ich ins Zimmer trat, aber mein Anblick zauberte einen flüchtigen Freudenschimmer in seine Augen.

»Ah, Watson, es scheint, es kommen jetzt die Tage, die uns nicht gefallen«, sagte er mit matter Stimme, aber wie mir schien, mit seiner früheren Sorglosigkeit.

»Mein lieber Holmes!« rief ich und trat zu ihm ans Bett.

»Zurück! Zurück da!« sagte er mit dem scharf befehlenden Klang, den seine Stimme nur in Augenblicken der Gefahr annahm. »Wenn du näher kommst, Watson, dann schicke ich dich wieder nach Hause.«

»Aber warum denn?«

»Weil ich es will. Genügt dir das nicht?«

Ja, Frau Hudson hatte recht, er war herrischer als je. Indes war es herzbrechend, seine Erschöpfung zu sehen.

»Ich kam ja nur, um dir zu helfen«, erklärte ich.

»Gewiß! Du hilfst mir am besten, wenn du das tust, was ich dir sage.«

»Wie es dich gut dünkt, Holmes.«

Er verzichtete auf den befehlenden Ton.

»Du bist doch nicht ärgerlich?« fragte er und rang nach Atem.

Armer Kerl, wie konnte ich ärgerlich sein, wenn ich ihn in diesem Zustand der Auflösung vor mir liegen sah!

»Es ist zu deinem eigenen Besten, Watson«, sprach seine rauhe Stimme.

»Zu meinem Besten?«

»Ich weiß, was mit mir los ist. Es ist eine Kulikrankheit von Sumatra – eine Infektion, von der die Holländer mehr verstehen als wir, obwohl sie bis jetzt medizinisch noch nicht viel darüber gearbeitet haben. Eines nur steht fest: die Krankheit ist absolut tödlich und in erschreckendem Maße ansteckend.«

Er sprach jetzt mit fieberhafter Erregung, seine Hände zuckten und sprangen, als er mich abwehrte.

»Ansteckend durch Berührung, Watson – das ist es: durch Berührung! Bleib mir vom Leibe, und du bist nicht gefährdet.«

»Beim Himmel, Holmes, glaubst du denn, daß eine solche Sicherheitserwägung mich auch nur einen Augenblick zurückhalten könnte? Nicht einmal wenn der Patient ein Fremder wäre. Glaubst du, das könnte mich abhalten, meine ärztliche Pflicht gegen einen so alten Freund zu erfüllen?«

Abermals trat ich an sein Bett, aber er trieb mich mit einem Blick voll wilden Ärgers zurück.

»Wenn du dort stehen bleiben willst, dann werde ich sprechen. Wenn nicht – da ist die Tür!«

Ich habe eine so große Hochachtung vor den außerordentlichen Fähigkeiten meines Freundes, daß ich mich seinen Wünschen stets gefügt habe, auch dann, wenn sie mir völlig unbegreiflich waren. Aber jetzt waren alle meine medizinischen Instinkte wach geworden. Mochte er unter anderen Umständen mir befehlen – ich befand mich jetzt als Arzt in einem Krankenzimmer.

»Holmes«, sagte ich, »ich darf dich nicht ernst nehmen. Ein kranker Mann ist bloß ein Kind, und so muß ich dich behandeln. Ob es dir gefällt oder nicht, ich werde dich untersuchen und dem Befund gemäß ärztlich behandeln.«

Er sah mich mit geradezu giftigen Augen an.

»Wenn ich einen Doktor haben soll, einerlei ob ich mag oder nicht, dann möchte ich wenigstens einen haben, der mein Vertrauen verdient«, sagte er.

»Also ich verdiene dein Vertrauen nicht?«

»Als Freund restlos. Aber Tatsachen sind Tatsachen, Watson, und alles in allem bist du nur ein durchschnittlicher praktischer Arzt von mittelmäßiger Begabung und mit sehr begrenzter Erfahrung. Es ist schmerzlich, dir so etwas sagen zu müssen, aber du läßt mir ja keine andere Wahl.«

Das war bitter.

»Solche Worte sind deiner unwürdig, Holmes. Sie zeigen mir aber mit aller Deutlichkeit deinen wahren Nervenzustand. Jedoch, wenn du kein Vertrauen zu mir hast, so werde ich dir meine Dienste nicht aufdrängen. Ich will gehen und Sir Jasper Meek oder Penrose Fisher oder einen der ersten Ärzte Londons holen. Du mußt ärztliche Hilfe haben, und dabei bleibe ich. Wenn du glaubst, ich würde hier stehen bleiben und zuschauen, wie du stirbst, ohne daß ich dir helfe oder fremde ärztliche Hilfe bringe, dann hast du meine Freundschaft unterschätzt!«

»Du meinst es ja gut, Watson«, sagte der kranke Mann mit einem Seufzer. »Soll ich dir deine Unwissenheit nachweisen? Was weißt du denn vom Tapanuli-Fieber? Was weißt du denn von der schwarzen Formosa-Eiterung?«

»Ich habe weder vom einen noch vom anderen gehört.«

»Es gibt noch so manche unerforschte Krankheiten, so viele seltsame, pathologische Möglichkeiten, im fernen Osten, Watson.«

Er setzte nach beinahe jedem Worte aus, um Atem zu holen. »Ich habe so viel gelernt bei meinen kürzlichen Untersuchungen auf medizinisch-kriminellem Gebiet. Bei diesen Forschungen habe ich mir die Krankheit zugezogen. Du bist machtlos dagegen.«

»Du magst recht haben. Zufällig aber weiß ich, daß Doktor Airstree, die größte lebende Autorität für tropische Krankheiten, augenblicklich in London weilt. Alle deine Einwände nützen dich nichts, Holmes, ich gehe jetzt, den berühmten Arzt zu holen.« Entschlossen wandte ich mich zur Tür.

Nie erlitt ich solch einen Schock! In einem Augenblick, mit einem wahren Tigersprung, war mir der sterbende Mann zuvorgekommen. Ich hörte das scharfe Schnappen eines Schlosses. Im nächsten Augenblick war er zu seinem Bett zurückgetaumelt; dort lag er erschöpft und schwer atmend nach diesem einen fürchterlichen Energieausbruch.

»Du wirst mir den Schlüssel nicht mit Gewalt abnehmen, Watson. Nun habe ich dich, Freundchen. Du hast zu mir kommen wollen und nun sollst du hier bleiben, so lange es mir gefällt, aber ich werde dich unterhalten. (Das alles in abgerissenen Worten mit schrecklichen Atemkämpfen in den Pausen.) Du meinst es von Herzen gut mit mir. Das weiß ich natürlich sehr wohl. Du sollst auch deinen Willen haben, nur laß mir erst Zeit, wieder zu Kräften zu kommen. Nicht jetzt, Watson, nicht jetzt. Es ist vier Uhr. Um sechs Uhr darfst du gehen.«

»Das ist ja Wahnsinn, Holmes.«

»Nur noch zwei Stunden, Watson, ich verspreche dir, um sechs Uhr darfst du gehen. Willigst du ein, so lange zu warten?«

»Ich habe ja keine andere Wahl.«

»Gut, daß du es einsiehst, Watson. Danke, danke, ich kann mir das Bettzeug allein zurecht richten. Bleib mir, bitte, ja vom Leibe! So, Watson, nun habe ich noch eine weitere Bedingung zu stellen. Du wirst nicht den Arzt heranziehen, den du genannt hast, sondern den Mann, den ich mir wähle.«

»Ganz wie du willst.«

»Die ersten vier vernünftigen Worte, die du heute hier gesprochen hast. Dort drüben findest du einige Bücher, ah, ich bin etwas matt; ich frage mich, wie eine Batterie fühlen mag, wenn sie ihre Elektrizität in einen Nichtleiter ausströmt? Um sechs Uhr, Watson, nehmen wir unsere Unterhaltung wieder auf.«

Aber es war bestimmt, daß wir sie lange vor dieser Zeit wieder aufnehmen sollten und unter Umständen, die mir einen zweiten Schock gaben, der an Heftigkeit dem ersten, als er mir vor die Tür sprang, kaum nachstand. Ich war einige Minuten dagestanden, die Augen auf die stumme Gestalt in dem Bett gerichtet. Das Gesicht war beinahe ganz verhüllt von der Bettdecke, und er schien zu schlafen. Ich fühlte mich unfähig, etwas zu lesen, und ging daher langsam im Zimmer auf und ab und besah mir die Bilder der berühmten Verbrecher, mit denen die Wände vollgehängt waren. Schließlich trat ich in meiner Unrast an den Kaminsims. Tabaksbeutel, Pfeifen, Injektionsspritzen, Federmesser, Revolverpatronen und dergleichen lagen dort umher. In der Mitte stand eine kleine schwarz und weiße Elfenbeindose mit Schraubdeckel. Es war ein nettes kleines Ding, und ich hatte meine Hand ausgestreckt, um es näher zu betrachten, als – –

Es war der fürchterlichste Schrei, den ich je gehört – so durchdringend, daß man ihn gewiß am Ende der Straße hören konnte. Es lief mir kalt über die Haut, und das Haar stand mir zu Berge. Als ich mich umwandte, sah ich ein verzerrtes Gesicht und wahnsinnige Augen. Ich stand völlig gelähmt da mit der kleinen Dose in meiner Hand.

»Stell sie weg! Augenblicklich weg damit, Watson – augenblicklich, sage ich!« Sein Kopf sank auf das Kissen zurück, und er stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus, als ich die Dose wieder auf den Kaminsims stellte.

»Es macht mich wild, wenn man meine Sachen anfaßt, Watson. Du weißt doch, daß ich das hasse. Du quälst mich hier mehr als erträglich ist. Du, ein Arzt, – du hast das Zeug, um einen Patienten ins Irrenhaus zu treiben. Setz‘ dich irgendwo, Mensch, und laß mir meine Ruhe!«

Der Zwischenfall machte einen höchst unangenehmen Eindruck auf mich. Die heftige, unbegründete Erregung, gefolgt von diesen brutalen Worten, so ganz abseits von seiner üblichen Freundlichkeit, zeigte mir, wie schwer sein Geist bereits zerrüttet war. Von allen Zerstörungen ist die eines vormals stolzen Geistes die ergreifendste. Ich saß in stummer Ergebenheit auf einem Stuhl und wartete, bis es sechs Uhr schlug. Auch Holmes schien die Zeit genau verfolgt zu haben, denn kaum war es sechs Uhr, als er mit derselben fieberhaften Lebhaftigkeit wie zuvor begann:

»Nun, Watson«, sagte er, »hast du Kleingeld in der Tasche?«

»Ja.«

»Silber darunter?«

»Ein paar Stücke.«

»Wie viele halbe Kronen?«

»Ich habe fünf.«

»Ah, das ist zu wenig! Zu wenig! Das trifft sich sehr unglücklich, Watson! Immerhin, du kannst sie ja einmal in deine Uhrentasche stecken. Und den ganzen Rest deines Geldes in die linke Hosentasche. Ich danke dir. Das wird dir das richtige Gleichgewicht geben.«

Das war vollendeter Wahnsinn. Er schauderte und stieß einen Laut aus, halb Husten, halb Seufzer.

»Zünde jetzt, bitte, das Gas an, Watson, aber ich mache dich dafür verantwortlich, daß die Flamme höchstens halb angedreht brennt. Ich habe meine Gründe und flehe dich an, genau aufzupassen. Danke schön, so, so ist es gut, ausgezeichnet. Nein, nicht nötig, die Vorhänge herunter zu lassen. Nun, bitte, lege mir einige Briefe und Papiere auf diesen Tisch, so daß ich sie zur Hand habe. Danke schön. Nun einiges von dem Zeugs da auf dem Kaminsims. Ausgezeichnet, Watson! Dort muß eine Zuckerzange liegen. Bitte ergreife mit der Zange die Elfenbeindose. Stelle sie hier zwischen die Papiere auf den Tisch. Gut! Jetzt kannst du gehen und Herrn Culverton Smith, Lower Burk-Straße Nummer 13 holen.«

Die Wahrheit zu sagen, war mein Wunsch, einen Arzt zu holen, nicht mehr so lebhaft, denn mein armer Freund delirierte offenbar so stark, daß es gefährlich schien, ihn allein zu lassen. Indessen war er jetzt ebenso darauf versessen, den genannten Smith zu konsultieren, als er vorhin hartnäckig alle ärztliche Hilfe abgelehnt hatte.

»Den Namen habe ich nie gehört«, sagte ich.

»Wahrscheinlich nicht, mein guter Watson. Es wird dich überraschen, daß der Mann, der auf der ganzen Welt am meisten von dieser Krankheit versteht, nicht ein Mediziner ist, sondern ein Pflanzer. Herr Culverton Smith ist ein bekannter Pflanzer von Sumatra und zur Zeit in London. Eine Epidemie dieser Krankheit auf seiner Pflanzung, die weitab von jeder ärztlichen Hilfe gelegen ist, gab ihm Anlaß, sie selbst zu studieren, und dabei kam er auf einige sehr weitreichende Entdeckungen. Er ist ein sehr methodischer Mann, und ich wollte nicht, daß du vor sechs Uhr zu ihm gingest, da ich wußte, daß du ihn zu Hause nicht anträfest. Wenn du ihn überreden könntest, hierher zu kommen, und mir die Vorteile seiner einzigartigen Erfahrungen mit dieser Krankheit, deren Erforschung sein liebstes Steckenpferd ist, zukommen zu lassen, so zweifle ich nicht daran, daß ich noch zu retten wäre.«

Ich gebe hier als ein zusammenhängendes Ganzes wieder, was Holmes mir sagte, und unterlasse den Versuch, zu schildern, wie seine Worte durch Atemnot, Husten und das wilde Zucken seiner Hände unterbrochen wurden, die seinen schmerzhaften Zustand verrieten. Sein Aussehen war noch schlechter geworden, während der wenigen Stunden, die ich mit ihm zusammen war. Die hektische Röte war ausgesprochener, die Augen lagen noch tiefer in ihren Höhlungen und funkelten noch fiebriger, und kalter Schweiß stand in dicken Tropfen auf seiner blassen Stirn. Er hatte sich jedoch die ruhige Sicherheit seiner Sprache bewahrt. Ich wußte, bis zum letzten Atemzuge würde er der Herr und Meister bleiben.

»Du wirst ihm genau schildern, in welchem Zustand du mich verlassen hast«, sagte er. »Du wirst ihm deinen Eindruck von mir wiedergeben – ein sterbender Mann – ein sterbender Mann in Delirien. In der Tat, ich kann mir nicht denken, weshalb der ganze Boden des Ozeans nicht eine einzige kompakte Masse von Austern ist, so rasch vermehren sich diese Schaltiere. Ah, ich rede irre! Sonderbar, wie das Gehirn das Gehirn kontrolliert! – Von was wollte ich eben sprechen, Watson?«

»Meine Anweisungen für Culverton Smith.«

»Ach ja, ich entsinne mich. Mein Leben hängt davon ab. Du mußt ihm zureden, Watson. Wir haben keine Liebe zueinander, im Gegenteil. Sein Neffe, Watson, – ich hatte Smith im Verdacht eines Verbrechens, und ich ließ es ihn merken. Der Junge ist scheußlich gestorben. Er hat einen Haß auf mich. Aber du wirst ihn besänftigen, Watson. Bitte ihn, flehe ihn an, schaffe ihn mir mit allen Mitteln her. Er kann mich retten – nur er allein!«

»Ich werde ihn in einem Wagen herfahren, und wenn ich ihn mit Gewalt entführen müßte.«

»Nein, bitte, nichts dergleichen. Du wirst ihn überreden, herzukommen, und dann wirst du ihm vorauseilen zu mir. Erfinde irgendeine Ausrede, um nicht mit ihm zusammen herzukommen. Vergiß das nicht, Watson! Du darfst hier nicht versagen. Du hast dich doch immer bewährt als Freund. Ohne Zweifel gibt es natürliche Gegner, die das Überhandnehmen der Schaltiere verhindern. Du und ich, Watson, wir haben unsere Pflicht getan. Soll trotzdem die Welt von Austern überflutet werden? Nein, nein; gräßlich! Nun geh‘ und berichte Herrn Smith getreulich, wie es hier steht.«

Ich verließ ihn, erfüllt von dem Eindruck dieses großartigen Intellektes, der jetzt kindisch dahinbabbelte. Er hatte mir den Schlüssel gegeben, und ich kam auf den guten Gedanken, ihn einzustecken, damit er sich nicht etwa einschlösse. Draußen fand ich Frau Hudson zitternd und weinend. Als ich die Treppe hinunter ging, hörte ich Holmes‘ hohe dünne Stimme unmelodisch singen. Unten auf der Straße, als ich eine Droschke herbeipfiff, kam ein Mann zu mir durch den Nebel.

»Wie geht es Herrn Holmes?« fragte er.

Es war ein alter Bekannter, Inspektor Morton von Scotland Yard, in Zivilkleidung.

»Es geht ihm sehr schlecht,« antwortete ich.

Er sah mich auf eine sehr eigentümliche Art an. Es schien mir fast, als leuchte das Gesicht vor Schadenfreude auf.

»Ich hatte etwas davon gehört,« sagte er.

Die Droschke fuhr heran, und ich verließ ihn.

Die Lower Burk-Straße erwies sich als eine Zeile feiner Häuser in der ansprechenden Gegend zwischen Notting Hill und Kensington. Das gesuchte Haus, vor dem der Kutscher mich absetzte, war von ernstem, aber nicht unschönem Aussehen, mit altmodischem eisernem Gitterwerk, einer schweren Doppeltür und blankgeputztem Messing. Auf mein Klingeln erschien ein feierlich aussehender Diener.

»Jawohl, Herr Smith ist zu Hause.« Er las meine Karte »Herr Doktor Watson! Ich bitte, sich einen Augenblick zu gedulden, ich werde Sie anmelden.«

Mein bescheidener Name und Titel schienen auf Herrn Culverton Smith keinen Eindruck zu machen. Durch die halboffene Tür vernahm ich eine hohe, ärgerliche, durchdringende Stimme.

»Wer ist das? Was will er? Mein Gott, Staples, wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich zu meinen Studierzeiten nicht gestört sein will!«

Ich hörte den Diener ein paar besänftigende Entschuldigungen sprechen.

»Schon gut, aber ich empfange jetzt niemand. Ich kann meine Arbeit nicht einfach im Stich lassen. Ich bin nicht zu Hause. Sagen Sie ihm das! Er soll morgen früh wieder kommen, wenn er mich wirklich so dringend sprechen muß.«

Wieder hörte ich die leise Stimme des Dieners.

»Alles schön und gut, aber ich lasse mich nicht in meiner Arbeit stören. Sagen Sie ihm das! Er kann ja morgen früh kommen, oder meinetwegen lieber wegbleiben.«

Ich dachte an Holmes, wie er in seinem Bett nach Atem rang und wahrscheinlich die Minuten zählte, bis die erhoffte Hilfe erscheine. Hier mußte alle zeremonielle Höflichkeit weichen. Sein Leben hing von meinem Erfolge ab. Ehe mir noch der Diener den ablehnenden Bescheid seines Herrn überbracht hatte, war ich an ihm vorbei in das Zimmer getreten.

Mit einem ärgerlichen Ausruf erhob sich ein Mann von einem Stuhl neben dem Kaminfeuer. Ich sah ein großes gelbes Gesicht, grobgeschnitten, mit starkem Doppelkinn und zwei drohend blickenden grauen Augen, die unter buschigen gelben Brauen hervor Blitze nach mir schossen. Auf dem kahlen Schädel saß, beinahe kokett zur Seite geschoben, eine kleine Sammetmütze. Dieser Schädel mußte ein ungewöhnlich großes Hirn bergen und doch, als ich die ganze Gestalt ins Auge faßte, erschien mir der Körper des Mannes klein und schwächlich, mit vorgebeugten Schultern, wie bei jemand, der als Kind an Rachitis gelitten hat.

»Was soll das?« schrie er mit hoher Stimme. »Was erlauben Sie sich, hier einzudringen? Habe ich Ihnen nicht sagen lassen, ich sei morgen früh für Sie zu sprechen?«

»Es tut mir leid,« sagte ich, »aber die Sache duldet keinen Aufschub. Mein Freund Sherlock Holmes –«

Die Erwähnung dieses Namens war von außerordentlicher Wirkung auf den kleinen Mann. Der Ärger verschwand sogleich aus seinem Blick. Sein Gesicht verriet gespannte Neugier.

»Sie kommen von Sherlock Holmes?« fragte er.

»Ich habe ihn soeben erst verlassen.«

»Was macht Herr Holmes, wie geht es ihm?«

»Es geht verzweifelt schlecht. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen.«

Der Mann bot mir einen Stuhl, und wir setzten uns. Bei dieser Gelegenheit sah ich einen Augenblick lang sein Gesicht in dem Spiegel über dem Kaminsims. Ein boshaftes, gemeines Lächeln schien sich darüber zu breiten. Aber ich überredete mich, es müsse ein nervöses Zucken gewesen sein, das ich zufällig gewahrte, denn im nächsten Augenblicke wandte er sich mir zu mit vollendeter Liebenswürdigkeit in seiner Miene.

»Es tut mir sehr leid, das zu hören,« sagte er. »Ich kenne Herrn Holmes lediglich durch einige geschäftliche Beziehungen, die wir miteinander hatten, aber ich schätze seine Talente und seinen Charakter überaus hoch. Er ist ein Amateur auf dem Gebiet der Verbrechen, wie ich auf dem der Infektionen. Was für ihn der schwere Junge, ist für mich der Bazillus. Das da sind meine Zuchthäuser,« fuhr er fort, indem er auf eine Reihe von Gläsern und Röhrchen wies, die auf einem kleinen Tische standen.

»Unter diesen Gelatinekulturen sind einige mit den schlimmsten Übeltätern der Welt, die jetzt hier ihre Zeit absitzen.«

»Eben wegen Ihrer besonderen Kenntnisse wünschte Herr Holmes, Sie zu sehen. Er hat eine hohe Meinung von Ihnen und glaubt, daß Sie der einzige Mensch in London sind, der ihm helfen kann.«

Der kleine Mann sprang auf, so heftig, daß das Samtkäppchen ihm übers Ohr rutschte und zu Boden fiel.

»Wieso?« fragte er, »wieso kommt Herr Holmes auf den Gedanken, daß ich ihm helfen könnte?«

»Wegen Ihrer Erfahrung mit tropischen Krankheiten, besonders denen des fernen Ostens.«

»Aber was berechtigt ihn zu der Annahme, daß die Krankheit, die er sich zugezogen hat, in mein Spezialfach schlägt?«

»Weil er beruflich in letzter Zeit mit chinesischen Seeleuten in den Docks zu tun hatte.«

Herr Culverton Smith lächelte wohlgefällig und hob sein Samtkäppchen wieder auf.

»O, ich verstehe, ich verstehe,« sagte er. »Ich glaube aber, seine Krankheit ist nicht so schlimm, wie Sie annehmen. Wie lange ist Ihr Freund schon krank?«

»Seit drei Tagen.«

»Hat er Fieberdelirien?«

»Ja, zwischendurch.«

»Tja, tja, das klingt doch bedenklich. Es wäre unmenschlich, wenn ich nicht zu ihm eilte. Ich kann Störungen bei meiner Arbeit nicht vertragen, Herr Doktor, aber hier mache ich selbstverständlich gern eine Ausnahme. Ich komme sogleich mit.«

Ich erinnerte mich an Holmes‘ strenge Weisung.

»Ich habe noch eine andere Verabredung,« erwiderte ich.

»Schön, dann gehe ich eben allein. Die Adresse des Herrn Holmes ist mir bekannt. Sie können sich bestimmt darauf verlassen, daß ich in längstens einer halben Stunde an seinem Krankenlager stehen werde.«

Mit einem bedrückten Herzen trat ich wieder bei meinem Freunde ein. So, wie ich ihn verlassen hatte, konnte das Schlimmste während meiner Abwesenheit eingetreten sein. Zu meiner ungeheuren Erleichterung fand ich aber, daß sein Zustand sich in der Zwischenzeit sehr gebessert hatte. Sein Aussehen freilich war so geisterhaft wie vorher, aber er war völlig klar im Kopfe und sprach mit zwar schwacher Stimme, aber mit größerer Bestimmtheit und Lebhaftigkeit als selbst in seinen gesunden Tagen.

»Nun, Watson, hast du mit ihm gesprochen?«

»Ja, er kommt.«

»Ausgezeichnet, Watson! Ausgezeichnet! Du bist doch der beste Freund.«

»Er wollte mit mir herkommen.«

»Das würde alles vereitelt haben. Das durfte unter keinen Umständen geschehen. Hat er dich gefragt, was mir fehlt?«

»Ich sprach ihm von der Krankheit und von den Chinesen in den Docks.«

»Gut! Watson, du hast alles für mich getan, was ein guter Freund für mich tun konnte. Du kannst jetzt von der Bühne abtreten.«

»Ich muß doch warten, bis er kommt und seine Ansicht hören, Holmes.«

»Natürlich mußt du, aber ich habe Grund zu der Annahme, daß er seine Meinung viel offener aussprechen wird, und daß sie für dich wesentlich aufschlußreicher sein wird, wenn er glaubt, mit mir allein zu sein. Da hinter dem Kopfende meines Bettes wird gerade Platz genug für dich sein, Watson.«

»Aber Holmes!«

»Ich fürchte nur, dir bleibt keine andere Wahl. Das Zimmer bietet sonst keine Gelegenheit, sich zu verstecken, und das ist auch sehr gut so, denn er wird dann um so weniger Verdacht schöpfen. Hier hinter dem Bett, das wird gerade noch gehen.« Plötzlich richtete er sich auf mit vorgebeugtem Kopfe. »Ich höre schon den Wagen. Schnell, Watson, wenn du meines ewigen Dankes sicher sein willst! Und rühre dich nicht, was auch geschehen mag – rühre dich unter gar keinen Umständen! Verstanden? Aber merke dir genau jedes Wort, das gesprochen wird.« Dann sank er wieder todmatt in seine Kissen zurück, und seinen im Befehlston gesprochenen Worten folgte das sinnlose Gemurmel eines im Fieber liegenden Sterbenden.

Von meinem Versteck aus, wohin mich zu verbergen ich so plötzlich genötigt worden war, hörte ich Schritte auf der Treppe, dann das Öffnen und Schließen der Zimmertür. Zu meiner Überraschung folgte eine langedauernde Stille, die nur von den schweren, röchelnden, unregelmäßigen Atemzügen des Kranken unterbrochen wurde. Ich stellte mir vor, daß Herr Smith neben dem Bette stand und den kranken Dulder betrachtete. Endlich wurde diese unheimliche Stille unterbrochen.

»Holmes!« rief er. »Holmes!«

Der Kranke rührte sich offenbar nicht.

»Hallo, können Sie mich hören, Holmes?« rief er von neuem, in dem scharfen Tone jemandes, der einen Schlafenden aufwecken will. Zugleich vernahm ich ein Geräusch, als schüttelte er den Kranken heftig an der Schulter.

»Sind Sie das, Herr Smith?« flüsterte Holmes. »Ich durfte ja kaum hoffen, daß Sie zu mir kämen.«

Der andere lachte.

»Allerdings,« sagte er. »Und dennoch, wie Sie sehen, bin ich sofort gekommen. Feurige Kohlen, Holmes – feurige Kohlen!«

»Es ist sehr gütig von Ihnen – das ist edel gehandelt. Ich schätze Ihre besonderen Kenntnisse von gewissen Krankheiten.«

Herr Smith lachte wieder.

»Ja, das tun Sie. Zum Glück sind Sie der einzige in London, der das tut. Wissen Sie, was Ihnen fehlt?«

»Dasselbe,« antwortete Holmes.

»Aha, Sie erkennen die Symptome wieder?«

»Nur zu gut!«

»Tja, Holmes, es überraschte mich nicht, wenn es wirklich ›dasselbe‹ wäre. Es steht schlimm mit Ihnen, wenn es so ist. Der arme Viktor war binnen vier Tagen tot – ein kräftiger, gesunder junger Mensch. Wie Sie ganz richtig damals sagten, war es auffallend, daß er eine so entlegene ostasiatische Krankheit im Herzen Londons sich zuzog. Ausgerechnet die Krankheit, deren Erforschung mich schon so lange beschäftigte. Das ist ein merkwürdiger – Zufall, Holmes. Es war in der Tat meisterhaft von Ihnen, daß Sie darauf kamen, aber sehr unfreundlich, daß Sie da von Ursache und Wirkung sprachen.«

»Ich weiß, daß Sie es getan haben!«

»O, Sie wissen es, so! Aber beweisen konnten Sie es eben doch nicht. Was halten Sie eigentlich von sich selbst, wenn Sie erst solche Gerüchte über mich ausstreuen und dann bei mir um Hilfe winseln, sobald Sie in Not sind? Was ist das für ein Spiel, he?«

Ich hörte das stoßweise Röcheln und Luftholen des Kranken. »Das Wasser,« bat er.

»Sie sind Ihrem Ende schon recht nahe, Holmes, aber ich möchte nicht, daß Sie sterben, ehe ich nicht noch ein Wort mit Ihnen gesprochen habe. Deshalb gebe ich Ihnen das Wasser. Da, verschütten Sie es nicht. So ist’s recht! Können Sie verstehen, was ich sage?«

Holmes stöhnte.

»Tun Sie, was Sie können für mich. Lassen Sie Vergangenes vergangen sein,« flüsterte er fast tonlos. »Ich will mich an nichts mehr erinnern – ich schwöre es. Machen Sie mich gesund, und ich will’s vergessen.«

»Was vergessen?«

»Viktor Savages Tod meine ich. Sie haben soeben so gut wie eingestanden, daß Sie es getan haben. Ich will’s vergessen.«

»Sie mögen es vergessen oder nicht, ganz wie es Ihnen beliebt. Sie sehe ich nicht mehr auf der Zeugenbank! Kein Gericht, außer dem Nachlaßgericht, wird sich mehr mit Ihnen befassen, das versichere ich Ihnen. Es ist mir ganz gleichgültig, ob Sie es wissen, wie mein Neffe starb. Auch bin ich nicht hergekommen, um über ihn hier zu reden, sondern über Sie.«

»Ja, ja.«

»Der Mensch, den Sie zu mir um Hilfe schickten – wie heißt er doch? – sagte, Sie hätten sich die Infektion in den Docks bei den chinesischen Seeleuten geholt.«

»Ich wüßte keine andere Möglichkeit.«

»Sie sind so stolz auf Ihren überlegenen Verstand, Holmes. Sie halten sich für so klug, nicht wahr? Aber diesmal sind Sie an einen Klügeren geraten. Jetzt denken Sie einmal nach, Holmes. Können Sie sich keine andere Möglichkeit denken, wie Sie zu der Krankheit kommen konnten?«

»Ich kann nicht nachdenken. Mein Kopf ist so müde. Ums Himmels willen, helfen Sie mir!«

»Ja, ich will Ihnen helfen. Nämlich zu verstehen, weshalb Sie krank sind. Das sollen Sie noch erfahren, ehe Sie sterben.«

»Geben Sie mir etwas, um diese Schmerzen zu mildern!«

»Schmerzen haben Sie? Stimmt! Die Kulis fingen auch allemal an zu wimmern, wenn es gegen das Ende ging. Es ist wie so ein Krampf da drinnen in der Brust, nicht?«

»Ja, ja, wie ein Krampf. Oh!«

»Also passen Sie auf! Können Sie sich nicht ein ungewöhnliches Vorkommnis denken, vor drei Tagen etwa, kurz bevor Sie krank wurden?«

»Nein, nein; nichts!«

»Denken Sie gut nach!«

»Ich bin zu krank zum Denken.«

»Nun, so will ich Ihnen helfen. Kam da nicht etwas mit der Post?«

»Mit der Post?«

»Ja, eine Dose zum Beispiel.«

»O ich kann nicht mehr –«

Holmes murmelte noch wenige zusammenhanglose Worte, dann war es still. Er schien in Ohnmacht gesunken. Nach einer kleinen Weile rief Herr Smith: »Holmes, Holmes!« und es hörte sich wieder so an, als schüttele er den Sterbenden. Ich mußte mit aller Macht an mich halten, um nicht aus meinem Versteck hervor und dem Rohling an den Hals zu springen.

»Sie müssen mich hören!« schrie er. »Erinnern Sie sich an die Dose? Eine Elfenbeindose? Sie kam am Donnerstag, Sie haben Sie aufgemacht, entsinnen Sie sich?«

»Ja, ja – aufgemacht. Da war eine Sprungfeder drin. Ein Scherz –«

»Alles andere als ein Scherz! Verlassen Sie sich darauf. Sie Narr, Sie wollten es ja nicht anders haben. Nun haben Sie es. Wer hat Ihnen befohlen, meine Wege zu kreuzen? Hätten Sie mich in Ruhe gelassen, dann hätte ich Ihnen nichts getan.«

»Ich erinnere mich«, stöhnte Holmes. »Die Feder! Sie hat mich in den Finger gestochen. Die Dose – da steht sie auf dem Tisch.«

»Da ist sie ja! Wahrhaftig meine Dose. Ich werde sie mitnehmen, sie wäre Ihr einziges Beweisstück. Aber Sie kennen jetzt die Wahrheit, Holmes, und Sie sterben mit dem Wissen, daß ich Sie töte. Sie wußten zu viel vom Schicksal Viktor Savages, also müssen Sie es jetzt mit ihm teilen. Sie sind Ihrem Ende sehr nahe, Holmes. Ich will hier Platz nehmen und vollends zusehen, wie Sie sterben.«

Ich hörte einen Stuhl rücken. Dann nach einer Weile ein leises Flüstern von Holmes.

»Was soll ich tun?« fragte Smith. »Das Gas aufdrehen? Aha, Sie sehen schon die Schatten sich herniedersenken. Ja, ich will hell machen, damit ich Sie besser sehen kann.« Er schritt durchs Zimmer, und plötzlich wurde es hell. »Kann ich Ihnen irgend sonst noch einen kleinen Dienst erweisen, Holmes?«

»Eine Zigarette und ein Streichholz.«

Ich hätte hinter dem Bett beinahe aufgeschrien vor Freude und Staunen: Holmes sprach mit seiner gewöhnlichen Stimme. Vielleicht etwas leiser als sonst, aber es war die alte, mir so gut bekannte Stimme wieder. Eine lange Pause trat ein, und ich fühlte, daß Culverton Smith in stummem Staunen dastand und auf meinen Freund hernieder sah.

»Was soll das bedeuten?« hörte ich ihn endlich fragen, mit trockener, harter Stimme.

»Die beste Methode, eine Rolle zu spielen,« sagte Holmes, »ist die, die Rolle zu leben. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich seit drei Tagen weder Speise noch Trank angerührt habe, bis Sie mir vorhin das Glas Wasser reichten. Das war gütig von Ihnen. Aber den Tabak vermißte ich am meisten. Ah, da sind ja wahrhaftig Zigaretten!« Ich hörte, wie ein Zündholz angestrichen wurde. »Jetzt ist mir schon viel besser. Hallo – hallo! Höre ich nicht den Schritt eines Freundes?«

Draußen wurden in der Tat Schritte vernehmbar, die Tür ging auf, und herein trat Inspektor Morton.

»Es hat alles geklappt, und das hier ist Ihr Mann,« sprach Holmes.

Der Beamte erfüllte die vom Gesetz verlangte Förmlichkeit. »Ich verhafte Sie, Culverton Smith,« sagte er, »unter Anklage des Mordes an einem gewissen Viktor Savage.«

»Und Sie können hinzufügen: ›des versuchten Mordes an einem gewissen Sherlock Holmes‹,« setzte mein Freund hinzu. »Um mir krankem Mann die Mühe zu ersparen, hatte Herr Smith die Liebenswürdigkeit, selbst das verabredete Zeichen zu geben und das Gas voll aufzudrehen. Ihr Gefangener hat übrigens in der rechten Tasche seines Überziehers eine kleine Dose, die Sie ihm besser abnehmen. Danke Ihnen. Seien Sie vorsichtig mit dem Ding, da sitzt der Teufel drin. Stellen Sie’s dort auf den Tisch. Das ist ein wichtiges Beweisstück, Inspektor.«

Ich hörte plötzlich Lärm und Durcheinander, dann das scharfe Klicken von Stahl und einen Schmerzensschrei.

»Sie tun sich nur unnötig weh,« sagte der Inspektor. »Am besten für Sie, wenn Sie ganz ruhig bleiben und hier keine Zicken machen.«

»Das ist eine nette Falle,« schrie Smith voll Wut. »Das wird Sie vors Gericht bringen, Holmes, und nicht mich! Er hat mich bitten lassen, hierher zu kommen, um ihn zu heilen. Er tat mir leid, und ich kam sofort. Jetzt wird er wahrscheinlich behaupten, ich hätte hier Dinge gesagt, die seinen irrsinnigen Verdacht bestätigen. Sie mögen lügen, so viel Sie wollen, Holmes – mein Wort wiegt genau so schwer wie das Ihrige!«

»Donnerwetter!« rief Holmes, »den armen Teufel habe ich ja ganz vergessen. Watson, komm‘ hervor, ich bitte tausendmal um Entschuldigung. Daß ich dich so ganz vergessen konnte! Herrn Smith brauche ich dich nicht erst vorzustellen, da du ihn ja vor kurzem erst selber kennen lerntest. Haben Sie einen Wagen unten, Inspektor? Sobald ich mich angezogen, möchte ich Ihnen folgen, denn ich kann Ihnen noch einiges Wichtige sagen, wenn wir auf Ihrer Station sind.«

Während Holmes sich ankleidete, reichte ich ihm Biskuits mit Rotwein. »Nie im Leben habe ich so etwas nötiger gehabt,« sagte er und aß gierig. »Aber du weißt ja, ich bin keine Regelmäßigkeit gewohnt, und so eine Hungerkur bedeutet für mich weniger als für die meisten anderen. Es war besonders wichtig, daß ich Frau Hudson meinen kranken Zustand überzeugend vortäuschte, denn die sollte dir davon erzählen, und du wiederum ihm. Du darfst nicht verletzt sein, Watson. Unter deinen vielen Fähigkeiten fehlt die Kunst der Verstellung völlig, und wenn du an meine Krankheit nicht geglaubt hättest, dann wäre es dir nie gelungen, Herrn Smith hierherzulocken. Davon aber hing alles ab. Mir war sein rachsüchtiger Charakter bekannt, und daß es ihm eine Befriedigung sein würde, zu beobachten, wie ich an seiner Bazilleninfektion sterbe.«

»Aber dein geisterhaftes Aussehen, Holmes! Man kann Delirium vortäuschen, aber doch nicht –«

»Weißt du, drei Tage fasten, das heißt also nahezu verschmachten, verschönert niemanden. Im übrigen habe ich einiges ja auch schon mit dem Schwamm abgewaschen. Mit Vaseline, auf die Stirn geschmiert, Belladonna, in die Augen geträufelt, Schminke auf den Backen und Wachs an den Lippenrändern kann man einen ganz netten Eindruck erzielen. Mit der Kunst der Simulation habe ich mich viel beschäftigt und schreibe vielleicht noch einmal eine Monographie darüber. Ein paar unsinnige gelegentliche Worte über halbe Kronen, Austern oder sonst etwas Verrücktes täuschen selbst dem Arzt Delirium vor.«

»Aber weshalb wolltest du nicht, daß ich dir nahe käme, wo doch keine Ansteckung zu befürchten war?«

»Kannst du das fragen, Watson? Glaubst du, ich hätte so wenig Achtung vor deinen medizinischen Kenntnissen? Dir wäre es doch sofort aufgefallen, da ein Sterbender keine normale Temperatur und keinen normalen Puls haben kann. So schwach ich auch war, du wolltest mich ja untersuchen, und beides hättest du zu deiner Überraschung festgestellt. Auf vier Schritt Entfernung konnte ich dich täuschen. Auf die Nähe aber nicht. Und wer hätte mir denn meinen Smith herbeigeholt? – Nein, Watson, ich würde die Dose lieber stehen lassen. Unter dem Deckel an der Seite siehst du ein kleines Loch. Wenn du den Deckel abschraubst, fährt da eine Nadelspitze heraus. Auf solch eine Art muß er seinen Neffen umgebracht haben, der zwischen ihm und einer Erbschaft stand. Ich bin aber berufsmäßig mißtrauisch, und als die Dose mit der Post ankam, roch ich Lunte. Der Trick ist nicht neu genug. Aber nun kam mir sofort der Gedanke, daß, wenn ich mich so stellte, als sei sein Anschlag gelungen, ich ihn fangen könne und er ein Geständnis von sich gebe. Es hat wunderbar geklappt, Watson. Aber bitte, gib mir noch einmal die Biskuits her! Ich habe ja drei Tage Essen gut!«

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Das Geheimnis der Villa Wisteria

Das Geheimnis der Villa Wisteria

Erster Teil: Die Erlebnisse des Herrn John Scott Eccles

Unter meinen Notizen finde ich die Aufzeichnung, daß es ein frostiger, windiger Tag gegen Ende März war. Holmes hatte ein Telegramm erhalten, während wir beim Frühstück saßen, und hatte schnell einige Worte auf das Rückantwortformular geworfen. Er sprach nicht darüber, aber die Angelegenheit lag ihm im Sinn, denn er stand nach dem Frühstück gedankenverloren vor dem wärmenden Feuer, paffte stark mit seiner Pfeife und warf ab und zu einen Blick auf das Telegramm. Plötzlich wandte er sich mir zu mit einem schelmischen Augenzwinkern.

»Ich glaube, Watson, das schlägt in dein Fach als Schreibersmann und Schriftgelehrter,« sagte er. »Welche Bedeutung gibst du dem Wort ›grotesk‹?«

»Seltsam, – merkwürdig, – auffallend in der Form,« versuchte ich, den Begriff zu umschreiben.

Aber er schüttelte den Kopf dazu.

»In dem Wort liegt noch etwas mehr, als nur das«, sagte er; »da ist noch so eine Andeutung von ›tragisch‹ und ›schrecklich‹. Wenn du deine Gedanken zurücklenkst auf einige deiner Erzählungen, mit denen du ein langmütiges Publikum angeblich unterhalten hast, so wirst du entdecken, daß häufig das Groteske sich zum Kriminellen vertieft hat. Denke nur an die sonderbaren Erlebnisse mit dem Bund der Rothaarigen. Das war grotesk genug im Anfang und endete schließlich mit einem verzweifelten Raubversuch. Oder denke an die mehr als groteske Geschichte von den fünf Apfelsinenkernen, die uns geradenwegs in eine Mordverschwörung führte. Das Wort beunruhigt mich.«

»Steht es da?« fragte ich, auf das Telegramm deutend.

Er las es laut: »Hatte soeben ganz unglaublich groteskes Erlebnis. Darf ich Euren Rat einholen? – Scott Eccles, postlagernd Charing Croß.«

»Mann oder Frau?« fragte ich.

»Oh, ein Mann natürlich. Keine Frau würde ein Telegramm mit bezahlter Antwort geschickt haben, sie wäre selber gekommen.«

»Willst du den Fall annehmen?«

»Mein lieber Watson, du weißt, wie ich mich gelangweilt habe, seit wir den Oberst Carruthers festnahmen. Mein Geist ist wie eine sausende Maschine, die sich in Stücke reißt, wenn sie nicht mit Arbeitsleistung verkoppelt ist. Das Leben ist einförmig; die Zeitungen langweilig; Kühnheit und Romantik scheinen für immer aus der Welt der Verbrechen geschwunden. Magst du da noch fragen, ob ich Lust habe, mich mit dem Fall des Herrn Eccles zu befassen, wie unbedeutend er auch am Ende sein mag? Aber, hier kommt unser neuer Klient.«

Ein gemessener Schritt wurde auf der Treppe vernehmbar, und kurz darauf wurde ein großer, breiter Mann, mit grauen Bartkoteletten, ein sehr würdiger Herr von einer gewissen feierlichen Ehrwürdigkeit, in unser Zimmer gewiesen. Seine Lebensgeschichte stand deutlich in seinen charakteristischen Gesichtszügen geschrieben und sprach aus seiner ganzen etwas pomphaften Art, sich zu geben. Von seinen Stiefeln bis hinauf zu seiner goldenen Brille war er der Kirchenmann, konservativ, orthodox, ein guter Bürger, konventionell und ehrbar bis zum äußersten. Aber ein unerhörtes Erlebnis hatte seine gemessene Haltung, die ihn sonst nie verließ, erschüttert und seine Spuren zurückgelassen in seinem wirren Haar, seinen geröteten, ärgerlichen Backen und in seinem hastigen, aufgeregten Wesen. Er sprang gleich mit beiden Beinen in seinen »Fall«.

»Ich habe ein höchst eigenartiges und peinliches Erlebnis gehabt, Herr Holmes«, begann er. »All mein Lebtag bin ich noch nicht in einer derartig unerfreulichen Lage gewesen. Es ist höchst verletzend für mich, – einfach ungeheuerlich, und ich muß auf einer Erklärung bestehen.« Er schnaufte und kollerte vor Ärger.

»Bitte, Herr Scott Eccles, setzen Sie sich«, sagte Holmes mit sanfter Stimme. »Darf ich Sie zunächst fragen, was Sie zu mir führt?«

»Ja, Herr Holmes, es schien mir kein Anlaß zu sein, die Geschichte bei der Polizei anzuzeigen, und doch, wenn Sie alle Tatsachen kennen, so werden Sie zugeben, daß ich die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen konnte. Privatdetektivs sind eine Klasse von Menschen, die sich meiner Sympathie in keiner Weise erfreuen, aber trotzdem, nachdem ich Ihren Namen gehört habe –«

»Ganz richtig. Aber sagen Sie mir, bitte, warum sind Sie dann nicht sofort gekommen?«

»Wie soll ich das verstehen?«

Sherlock Holmes sah auf seine Uhr.

»Es ist jetzt ein Viertel nach zwei«, sagte er. »Ihr Telegramm wurde um ein Uhr aufgegeben. Aber niemand kann Sie, Ihren Anzug und Ihre ganze ›Aufmachung‹, wenn ich so sagen darf, überfliegen, ohne zu bemerken, daß Sie schon seit dem Aufwachen sich in jener Lage befanden, die Sie jetzt zu mir trieb.«

Unser Klient fuhr sich mit der Hand über sein ungebürstetes Haar und fühlte nach seinem unrasierten Kinn.

»Sie haben recht, Herr Holmes. Ich hatte keinen Gedanken mehr für meine Toilette. Ich war nur zu froh, ein solches Haus verlassen zu können. Aber ich bin herumgelaufen, um einige Tatsachen aufzuklären, bevor ich zu Ihnen kam. Ich ging zu der Mietsagentur, wissen Sie, und da sagten sie mir, daß Herrn Garcias Miete richtig bezahlt und mit der Villa Wisteria alles ganz in Ordnung sei.«

»Sachte, sachte, mein Herr«, sagte Holmes lachend. »Sie sind ja wie mein Freund Doktor Watson, der die schlechte Gewohnheit hat, seine Geschichten vom verkehrten Ende zu erzählen. Bitte, ordnen Sie Ihre Gedanken und lassen Sie mich genau wissen, in der richtigen Aufeinanderfolge, was für Ereignisse es sind, die Sie ungekämmt, unrasiert, mit falsch zugeknöpfter Weste und in ungeputzten Schuhen zu mir als Hilfesuchenden geführt haben.«

Unser Kunde sah mit einem betrübten Blick an sich hinunter und knöpfte seine Weste richtig.

»Ich zweifle nicht, – ich sehe recht übel aus, Herr Holmes, und ich darf Ihnen die Versicherung geben, daß mir in meinem ganzen Leben so etwas noch nicht passiert ist. Aber ich werde Ihnen die ganze tolle Geschichte erzählen, und wenn ich damit zu Ende bin, so werden Sie mir gewiß zugeben, daß es mehr als genügend ist, um mich zu entschuldigen.«

Sein Bericht wurde jedoch schon im Keime erstickt. Es wurden draußen Stimmen laut, und Frau Hudson öffnete die Tür, um zwei robuste und beamtenmäßig aussehende Männer hereinzuführen. Der eine war uns gut bekannt als Inspektor Gregson von Scotland Yard, ein energischer, kühner und, innerhalb seiner Grenzen, fähiger Offizier. Er gab Holmes die Hand und stellte seinen Kollegen vor, den Inspektor Baynes von der Konstablerschaft in Surrey.

»Wir sind gemeinsam auf der Fährte, Herr Holmes, und die hat uns hierher zu Ihnen geführt.« Dabei richtete er seine Bulldoggenaugen auf unsern Klienten. »Sind Sie Herr John Scott Eccles, wohnhaft zu Popham House, Lee?«

»Der bin ich.«

»Wir haben Sie den ganzen Morgen schon gesucht.«

»Sein Telegramm hat Sie vermutlich hierher gewiesen, nicht wahr?« fragte Holmes.

»Sie haben es erraten«, erwiderte Inspektor Gregson. »Wir haben die Fährte am Postamt von Charing Croß aufgenommen und sind direkt hierhergekommen.«

»Aber warum verfolgen Sie mich denn, was wollen Sie von mir?«

»Wir wünschen von Ihnen Aufklärung über die Ereignisse, Herr Scott Eccles, die vergangene Nacht den Tod des Herrn Aloysius Garcia, wohnhaft in Villa Wisteria, bei Esher, herbeigeführt haben.«

Unser Klient hatte sich bei diesen Worten steif aufgerichtet, mit starren Augen, und jede Spur von Farbe war aus seinem verblüfften Gesichte gewichen.

»Herr Garcia ist tot, sagen Sie? Tot?«

»Jawohl, er ist tot.«

»Ein Unglücksfall, oder was?«

»Ein Unglücksfall, jawohl, wenn Sie so wollen. Wir nennen es einfach in unserer Polizeisprache einen Mord.«

»Allmächtiger Gott, das ist fürchterlich! Sie haben doch nicht – haben Sie denn etwa auf mich einen Verdacht?«

»Ein Brief von Ihnen ist in der Tasche des Ermordeten gefunden worden. Aus dem Brief erfuhren wir, daß Sie die Absicht hatten, die vergangene Nacht in seiner Villa zuzubringen.«

»Das tat ich auch.«

»Oh, Sie geben das also zu? Aha!«

Gregson zog sein Notizbuch hervor, ganz eifriger Kriminalbeamter.

»Warten Sie noch einen Augenblick, Gregson«, bat Sherlock Holmes. »Alles, was Sie von dem Herrn verlangen, ist eine genaue Mitteilung dessen, was sich gestern nacht in der Villa zutrug, nicht wahr?«

»Und es ist meine Pflicht, Herrn Scott Eccles darauf hinzuweisen, daß alles, was er aussagt, bei Gericht gegen ihn verwendet werden kann.«

»Herr Eccles war gerade im Begriff, uns alles zu erzählen, als Sie eintraten. He Watson, ein Whisky-Soda könnte unserm Klienten nichts schaden. So, mein Herr, nun gebe ich Ihnen den Rat, übersehen Sie einfach diese zwei Herren und fahren Sie fort, mir Ihren Fall vorzutragen, genau so, als ob wir nicht unterbrochen worden wären.«

Herr Eccles hatte das Glas, das ich ihm gereicht, ausgetrunken, und sein Gesicht zeigte wieder etwas Farbe. Mit einem unsicheren Blick auf das Notizbuch des Inspektors begann er von neuem:

»Ich bin Junggeselle, und da ich viel Verkehr liebe, so unterhalte ich zahlreiche Bekanntschaften. Unter diesen ist auch die Familie eines ehemaligen Bierbrauers namens Melville, in Albemarle Mansion, Kensington. In seinem Hause lernte ich vor einigen Wochen einen jungen Mann namens Garcia kennen. Er war, wie ich hörte, von spanischer Herkunft und irgendwie angestellt bei der Gesandtschaft. Er sprach fließend Englisch, war von angenehmen Umgangsformen und machte auf mich einen so guten Eindruck wie nur je ein Mann in meinem Leben.

Zwischen diesem sympathischen jungen Mann und mir entwickelte sich alsbald eine Art Freundschaft. Von Anfang an schien er besonderen Gefallen an mir gefunden zu haben, und schon zwei Tage nach unserer ersten Begegnung besuchte er mich in Lee. Eins ergab sich aus dem andern, und zuletzt lud er mich ein, einige Tage bei ihm in seiner Villa Wisteria zu verweilen. Die Villa liegt zwischen Esher und Orshott. Gestern abend ging ich nach Esher, um seiner Einladung zu folgen.

Er hatte mir sein Hauswesen früher schon beschrieben. Er lebte mit einem treuen Diener, einem Landsmann, der das ganze Haus in Ordnung hielt. Der Diener konnte genügend Englisch. Dann war da noch ein wundervoller Koch, so hatte er mir erzählt, ein Halbeuropäer, den er auf einer seiner Reisen aufgegriffen hatte. Der konnte ganz köstliche Mahlzeiten zubereiten. Ich entsinne mich noch, daß er bemerkte, was das doch für ein sonderbarer Haushalt sei mitten im Herzen von Surrey, und daß ich ihm lachend beipflichtete. Ich fand alles aber noch viel sonderbarer, als ich es mir vorgestellt hatte.

Ich fuhr nach der Villa, ungefähr zwei Meilen südlich von Esher. Das Haus, abseits von der Straße stehend, war ziemlich groß; von der Straße führte eine halbmondförmige Anfahrt zwischen Buchsbaumhecken heran. Es war ein altes, verwahrlostes Gebäude; das Ganze machte einen verkommenen Eindruck. Als mein Wägelchen auf dem mit Gras bewachsenen Kiesweg vor der Haustür hielt, an der die Farbe abgeblättert war, kamen mir Zweifel, ob es richtig von mir war, einem Mann auf seine Einladung zu folgen, von dem ich im Grunde so wenig wußte und der zudem ein Ausländer war. Er öffnete mir selbst die Tür und begrüßte mich mit einer stark zur Schau getragenen Herzlichkeit. Er übergab mich sodann dem Diener, einem melancholischen, dunkelhäutigen Menschen, der meinen Koffer ergriff und mich zu meinem Zimmer geleitete. Alles machte einen niederdrückenden Eindruck auf mich. Unsere Mahlzeit nahmen wir zu zweit ein, und obwohl Herr Garcia sein Möglichstes tat, um mich zu unterhalten, so schienen mir seine Gedanken doch weit weg zu wandern, in mir unbekannte Fernen, und er sprach oft so unklar und wild, daß ich ihn kaum verstehen konnte. Er trommelte fortgesetzt mit den Nägeln auf der Tischplatte, biß sich in den gebogenen Zeigefinger und verriet auch sonst eine hochgespannte Unruhe. Das Essen wurde weder gut serviert, noch war es gut gekocht, und die Anwesenheit des finstern Dieners machte die Mahlzeit nicht heiterer. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß ich wiederholt während des Abends den Wunsch hatte, es möchte mir irgendeine passende Ausrede einfallen, um nach Lee zurückzukehren.

Eine Sache fällt mir da ein –« zu den beiden Kriminalbeamten gewendet –, »die vielleicht von Bedeutung für Sie sein könnte. Ich hatte sie zunächst nicht weiter beachtet. Gegen das Ende unserer Mahlzeit brachte der Diener einen Zettel herein. Nachdem Herr Garcia ihn gelesen, schien er mir noch zerstreuter und sonderbarer in seinem Benehmen als zuvor. Er gab sich gar keine Mühe mehr, die Unterhaltung im Gang zu halten, sondern saß, in seine eigenen Gedanken verloren da, rauchte eine Zigarette auf die andere, machte aber keinerlei Bemerkung über den Inhalt der soeben erhaltenen Botschaft. Um elf Uhr war ich froh, zu Bett gehen zu können. Einige Zeit danach sah Garcia bei mir herein, – es war kein Licht im Zimmer – und fragte mich, ob ich geläutet hätte. Ich erwiderte nein. Er entschuldigte sich wegen der Störung zu so später Nachtzeit und bemerkte, es sei nahe an ein Uhr. Ich schlief dann wieder ein und schlief ungestört die ganze Nacht.

Und nun komme ich zu dem erstaunlichsten Teil meiner Erzählung. Als ich aufwachte, war es heller Tag. Ich schaute auf meine Uhr, es war fast neun. Ich hatte ausdrücklich gebeten, man möchte mich um acht Uhr wecken, und war daher erstaunt über solche Vergeßlichkeit. Ich sprang aus dem Bett und klingelte dem Diener. Aber kein Mensch kam. Ich klingelte wieder und wieder, mit demselben Mißerfolg. Dann schloß ich, daß die Klingel kaput sein müsse; ich warf mich ärgerlich in meine Kleider und lief die Treppe hinunter, um mir heißes Wasser zu bestellen. Nun denken Sie sich mein Erstaunen, als ich im ganzen Hause niemand fand. Ich rief unten auf der Diele. Keine Antwort. Ich lief von Zimmer zu Zimmer – kein Mensch zu sehen! Herr Garcia hatte mir am Abend gezeigt, wo er schlafe; ich klopfte an, und als ich keine Antwort erhielt, öffnete ich die Tür. Das Zimmer war leer, in dem Bett war nicht geschlafen worden. Er war einfach weg, mit den übrigen. Der Hausherr fort, der Diener fort, der Koch fort – die ganze landfremde Sippschaft war über Nacht verschwunden! Das war das Ende meines Besuches in der Villa Wisteria.«

Sherlock Holmes rieb vergnügt die Handflächen gegeneinander und schmunzelte über diese Bereicherung seiner Sammlung von merkwürdigen Begebenheiten.

»Meines Wissens ist Ihr Erlebnis ganz einzigartig«, sagte er. »Darf ich Sie fragen, was Sie dann taten, als Sie entdeckt hatten, daß Sie allein im Hause waren?«

»Ich war wütend, Herr Holmes. Mein erster Gedanke war, ich sei das Opfer eines sehr schlechten Scherzes. Ich packte meine Sachen zusammen, schlug die Tür hinter mir zu und ging mit dem Koffer in der Hand nach Esher. Unterwegs kam mir ein Gedanke. Ich ging in Esher zu den Gebrüdern Allan, dem Grundstücksbüro am Ort, und erfuhr dort, daß Allans die Villa vermietet hatten. Es schien mir undenkbar, daß Garcia sollte ein Landhaus extra gemietet haben, um mich zum Narren zu machen, und ich kam auf den Gedanken, es handelte sich bei ihm darum, sich um die Miete zu drücken. Wir haben Ende März, also ist die Vierteljahrsmiete demnächst fällig. Aber diese Theorie fiel gleich zusammen. Herr Allan dankte mir für meine Warnung, aber sie war überflüssig, versicherte er, denn die Miete war für das kommende Vierteljahr bereits vorausbezahlt. Dann fuhr ich nach London, zur spanischen Gesandtschaft. Ein Aloysius Garcia war dort nicht bekannt. Das wunderte mich nicht mehr. Darauf ging ich zu Melville, in dessen Haus ich Garcias Bekanntschaft gemacht hatte. Ich erfuhr von ihm nur, daß er noch weniger über ihn wußte, als ich selber. Schließlich, als ich in Charing Croß Ihre Antwort auf mein Telegramm erhielt, kam ich zu Ihnen heraus, denn ich habe gehört, daß Sie in solchen mysteriösen Angelegenheiten manchem schon geholfen haben. Und nun, Herr Inspektor, scheint es mir, daß Sie nach dem, was Sie vorhin gesagt haben, meinen Bericht fortsetzen können und daß ein Verbrechen begangen wurde. Ich versichere Sie, daß jedes Wort, das ich gesagt, die reine Wahrheit ist, und daß ich sonst nichts zu sagen weiß, schlechterdings gar nichts, am wenigsten darüber, was aus Garcia geworden ist, nachdem er die Villa verlassen hat. Mein einziger Wunsch ist jetzt, der Gerechtigkeit und dem Gesetz nach bestem Können, auf jede nur mögliche Weise, bei der Aufklärung des Verbrechens zu dienen.«

»Ich zweifele nicht daran, Herr Scott Eccles, ich zweifele nicht daran«, erwiderte Inspektor Gregson in sehr verbindlichem Tone. »Ich muß Ihnen sagen, daß alles, was Sie gesagt haben, sehr genau zu den Tatsachen paßt, die zu unserer Kenntnis gelangt sind. Zum Beispiel der Zettel, der während des Essens gebracht wurde – haben Sie zufällig beobachtet, wo er hinkam, nachdem Garcia ihn gelesen?«

»Jawohl, Garcia knüllte ihn zusammen und warf ihn ins Kaminfeuer.«

»Was sagen Sie dazu, Herr Kollege Baynes?«

Der Provinzkonstabler war ein korpulenter, etwas aufgeschwemmter rotbackiger Herr, dessen grobes Gesicht jedoch durch zwei auffallend klare Augen, die von Fett und Brauen fast verdeckt waren, etwas Geistiges erhielt. Mit einem breiten Lächeln zog er einen Zettel Papier, beschmutzt und voller Falten, aus seiner Brusttasche.

»Es war ein sehr tiefer Kamin, Herr Holmes, und ein nicht ebenso tiefer Feuerrost. Garcia hat das Papier über das Feuer hinweggeworfen, es ist zwischen der Rückwand und dem Rost niedergefallen, und da habe ich es unversehrt gefunden.«

Holmes lächelte dem Konstabler zu. Ein Lächeln der Anerkennung.

»Sie müssen das Haus sehr sorgfältig durchsucht haben, um solch ein Bällchen Papier zu finden.«

»Sorgfältigkeit ist meine Art, Herr Holmes. – Soll ich es vorlesen, Herr Gregson?«

Der Londoner nickte.

»Der Zettel besteht aus gewöhnlichem Schreibpapier, ohne Wasserzeichen. Es ist ein Quartblatt. Das Papier ist mit zwei Schnitten einer kurzen Schere abgeschnitten. Es wurde dreimal gefaltet und mit rotem Siegellack gesiegelt, ohne Sorgfalt gesiegelt und mit Verwendung eines ovalen flachen Gegenstandes an Stelle eines Petschaftes. Überschrieben ist es an Herrn Garcia, Villa Wisteria. Der Text lautet: ›Unsere eigenen Farben, grün und weiß. Grün offen, weiß geschlossen. Haupttreppe, erster Korridor, siebentes zur Rechten. Grüner Fries. Gott behüte Sie D.« Es ist die Handschrift einer Frau, geschrieben mit einer harten, spitzen Feder; aber die Überschrift ist mit einer anderen Feder geschrieben oder von einer anderen Hand. Die Schriftzüge sind dicker, fester, wie Sie sehen.«

»Eine sehr merkwürdige Mitteilung«, sagte Holmes und betrachtete das Papier und die Schrift. »Ich muß Ihnen mein Kompliment machen, Herr Baynes, zu der so sicher ins einzelne gehenden Untersuchung, die Sie mit diesem Blatt angestellt haben. Einige geringfügige Kleinigkeiten wären vielleicht noch nachzutragen. Der ovale Siegelabdruck: das ist offenbar ein Manschettenknopf – was hätte sonst noch so eine Form? Die Schere hatte, wie Sie richtig bemerkten, nur kurze Klingen; überdies waren sie gebogen – es war eine Nagelschere. Die Krümmung können Sie genau hier an den zwei Schnitten sehen.«

Der Provinzkonstabler ließ ein unterdrücktes Lachen hören.

»Ich glaubte, ich hätte allen Saft herausgepreßt, aber ich sehe jetzt, daß immer noch etwas übrig blieb«, sagte er. »Ich muß Ihnen übrigens noch gestehen, daß mir die Worte nichts verraten, ich kann sie mir nicht deuten, außer natürlich, daß da irgend ‚was geplant war, und daß, wie gewöhnlich, eine Frau dahinter steckt.«

Herr Scott Eccles hatte während dieser Unterhaltung sich unruhig auf seinem Stuhl hin- und hergeschoben.

»Es erleichtert mich außerordentlich, daß Sie den Zettel gefunden haben«, sagt er, »denn er bestätigt Ihnen in diesem Punkt die Richtigkeit meiner Angaben. Aber darf ich Sie daran erinnern, daß ich noch nichts weiter davon gehört habe, was Herrn Garcia zugestoßen ist und was aus seinen Leuten wurde?«

»Was Garcia anlangt«, erwiderte Gregson, »so ist die Frage leicht beantwortet. Man hat ihn heute morgen tot aufgefunden, etwa eine Meile von Villa Wisteria. Der ganze Kopf ist ihm zu Brei geschlagen, mit irgendeinem stumpfen Gegenstand, der außen vielleicht weich sein dürfte, denn offene Wunden sind kaum vorhanden. Nasser Sandsack vielleicht. Es ist eine einsame Gegend dort, Orshotter Gebiet, kein Haus in der Nähe auf eine Viertelmeile. Allem Anschein nach ist er von hinten niedergeschlagen worden, aber sein Angreifer hat dann fortgefahren, auf den Kopf loszuhämmern, lange nachdem Garcia schon tot war. Es ist eine fürchterliche Untat, grausig! Von dem Mörder fehlt jede Spur. Kein Fußabdruck, nichts.«

»Beraubt?«

»Nein, soweit wir feststellen konnten.«

»Das ist alles so schrecklich, so schrecklich und furchtbar«, sprach Herr Scott Eccles mit klagender Stimme; »und für mich ist es ganz ungewöhnlich hart. Ich habe nicht das mindeste damit zu tun, daß Herr Garcia in der Nacht irgend etwas unternahm und er ein so schreckliches Ende dabei fand. Wieso werde ich denn mit diesem Mord in Verbindung gebracht?«

»Sehr einfach«, erwiderte Inspektor Baynes. »Das einzige Schriftstück, das man bei dem Toten fand, ist ein Brief von Ihnen, der besagt, daß Sie in derselben Nacht bei ihm sein wollten, in der er ermordet wurde. Nur aus dem Umschlag Ihres Briefes haben wir Namen und Wohnort des Toten erfahren. Nach zehn Uhr heute früh kamen wir zu der Villa und fanden sie leer. Ich telegraphierte an Herrn Gregson, er solle Sie in London festnehmen, während ich die Villa zunächst untersuchte. Dann fuhr auch ich nach London, traf mich mit Herrn Gregson, und so sind wir hier vor Ihnen erschienen.«

Gregson erhob sich.

»Ich denke, wir geben der ganzen Sache jetzt die richtige amtliche Form. Kommen Sie, bitte, mit uns auf die Kriminalabteilung, Herr Scott Eccles, und geben Sie Ihre Aussagen dort zu Protokoll.«

»Gewiß, ich gehe sofort mit«, stimmte unser Kunde bei. »Aber ich halte mich Ihrer Dienste versichert, Herr Holmes. Ich wünsche, daß Sie keine Kosten sparen und keine Mühe scheuen, um der Sache auf den Grund zu kommen.«

Mein Freund wandte sich an Herrn Baynes.

»Ich darf wohl annehmen, daß Sie nichts dagegen haben, wenn ich mit Ihnen zusammen arbeite, wie Herr Scott Eccles es wünscht.«

»Ist mir eine große Ehre, Herr Holmes.« Und der Inspektor verbeugte sich etwas ungelenk.

»Sie sind in allem, wie mir scheint, sehr zielbewußt und sachgemäß vorgegangen. Ist irgendein Anhalt da für den Zeitpunkt, zu dem der Ermordete seinen Tod fand?«

»Er muß seit ein Uhr morgens dagelegen haben. Um diese Zeit fing es an zu regnen, und sein Tod hat ihn sicher vor Eintritt des Regens ereilt.«

»Aber das ist ja ganz unmöglich, Herr Baynes«, rief unser Klient. »Garcias Stimme ist nicht zu verkennen, ich kann es beschwören, daß es seine Stimme war, die eben um ein Uhr in meinem Schlafzimmer zu mir sprach.«

»Merkwürdig – aber nicht unmöglich«, sagte Holmes lächelnd.

»Haben Sie schon eine Erklärung?« fragte Gregson.

»Obenhin betrachtet ist der Fall nicht sehr schwierig, obwohl er einige neue und interessante Züge aufweist. Eine weitere Kenntnis der Tatsachen ist jedoch notwendig, ehe ich eine bestimmte, abschließende Meinung äußern kann. Haben Sie übrigens, Herr Baynes, außer dem Zettel irgend etwas Bemerkenswertes in dem Hause entdeckt?«

Der Konstabler sah meinen Freund mit einem sehr sonderbaren Blick an.

»Ich habe da allerdings ein paar ganz kuriose Dinge gefunden, Herr Holmes. Wenn wir auf der Kriminalabteilung fertig sind, und Sie sich für die Sachen interessieren, dann fahren Sie vielleicht mit mir zur Villa hinaus und lassen mich Ihre Ansicht darüber wissen.«

»Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung«, antwortete Holmes freundlich und klingelte. »Frau Hudson, führen Sie, bitte, die Herren hinaus und schicken Sie einen Jungen mit diesem Telegramm weg; ja? Rückantwort mit fünf Schilling zu bezahlen!« –

Wir saßen, nachdem die anderen uns verlassen, eine Zeitlang schweigend da. Holmes rauchte stark, die Brauen über seinen Augen zusammengezogen, und den Kopf vorgestreckt, in der eigentümlichen Art, die er an sich hatte: wie ein Geier.

»Nun, Watson«, wandte er sich plötzlich an mich, »was machst du aus der Sache?«

»Ich kann mir keinen Vers auf diese Mystifikation des Herrn Scott Eccles machen.«

»Aber der Mord?«

»Wenn ich berücksichtige, daß seine beiden Hausgenossen verschwunden sind, so muß ich annehmen, daß sie auf irgendeine Art mit dem Mord in Verbindung stehen und sich durch die Flucht der Gerechtigkeit entziehen.«

»Das ist sicherlich eine der möglichen Erklärungen. Aber schon die eine Überlegung wird dir die Unwahrscheinlichkeit deiner Annahme zeigen, nämlich die: wie sonderbar es von den beiden Hausgenossen Garcias sein müßte, daß sie ihm nach dem Leben trachten und ihn dann ausgerechnet in der Nacht überfallen, wo er einen Gast im Hause hat. Jede andere Nacht der ganzen Woche waren sie allein mit ihm in der Villa und hatten freiere Hand.«

»Warum sind sie dann geflohen?«

»Ganz richtig, warum sind sie geflohen? Hier haben wir die schwerwiegende Tatsache ihrer Flucht. Eine ebenso schwerwiegende Tatsache ist das, was unser Scott Eccles berichtet hat. Und nun, mein lieber Watson: ist es zu viel für menschliche Geisteskräfte, eine Erklärung zu finden, die diesen beiden schwerwiegenden Tatsachen gerecht wird? Wenn diese Erklärung auch noch Raum ließe für die geheimnisvolle Zettelbotschaft mit ihrem merkwürdig versteckten Inhalt, ja, dann könnten wir sie als eine vorläufige Annahme gelten lassen. Wenn dann die neuen Tatsachen, die noch zu unserer Kenntnis gelangen werden, alle in den Rahmen unserer Annahme passen, dann kann diese nach und nach zu einer Lösung des Rätsels führen.«

»Und was hast du für eine Annahme?«

Holmes lehnte sich mit halbgeschlossenen Augen in seinen Sessel zurück.

»Du mußt zunächst zugeben, mein alter Watson, daß der Gedanke eines schlechten Scherzes einfach unmöglich ist. Wie sich später herausstellte, ging es hier um Leben und Tod, und daß Scott Eccles in die Villa gelockt wurde, das hängt damit zusammen.«

»Aber wie hängt das zusammen?«

»Gehen wir Schritt für Schritt vor! Da ist zunächst nicht ganz natürlich, sondern im Gegenteil auffallend, wie der junge Spanier und unser Klient sich so rasch befreundeten. Der Spanier gab dabei das Tempo an. Er machte gleich zwei Tage, nachdem er Scott Eccles kennengelernt, diesem einen Besuch am andern Ende von London, und er blieb in enger Verbindung mit ihm, bis er ihn nach Esher brachte. Frage: Was hatte er mit Eccles vor? Was konnte Eccles ihm bieten? Ich habe keinerlei Reize an dem Mann entdecken können. Er ist nicht besonders intelligent – kein Mann, der einem temperamentvollen, lebhaften Romanen irgendwie verwandt wäre. Warum also hat Garcia gerade ihn als für seine Zwecke besonders geeignet unter all den Leuten gewählt, mit denen er bekannt war? Hat er irgendwelche hervorstechende Eigenschaften? Ich sage ja! Er ist der typische Vertreter der konventionellen englischen Ehrbarkeit und der richtige Mann, um als Zeuge vor Gericht jedem andern Engländer einen Eindruck zu machen. Du hast es ja soeben selbst gesehen, wie keiner von den beiden Polizeileuten auch nur im geringsten seine Aussagen in Frage stellte, so ungewöhnlich, ja fast unwahrscheinlich alles klang.«

»Aber was soll er als Zeuge bestätigen?«

»Nichts, so wie die Dinge verlaufen sind. Aber alles hing von ihm ab, wenn die Ereignisse programmäßig sich entwickelten. So sehe ich die Sache an.«

»Er hätte ein Alibi nachweisen können und –«

»Eben darum dreht es sich, Watson! Er hätte ein Alibi nachweisen können. Wir wollen einmal unterstellen, daß die drei Hausbewohner der Wisteria Verbündete sind. Das Unternehmen, was immer es sein mochte, sollte vor ein Uhr in der Nacht vor sich gehen, so wollen wir ferner annehmen. Es ist möglich, daß Scott Eccles mit falsch gestellten Hausuhren schon früher zu Bett geschickt wurde, als er selbst glaubte; auf jeden Fall aber ist es wahrscheinlich, daß, als Garcia zu ihm ins Zimmer trat, um ihm zu sagen, es sei ein Uhr, es in Wirklichkeit vielleicht spätestens Mitternacht war. Wenn also Garcia das, was er zu tun beabsichtigte, zwischen zwölf und ein Uhr ausführen und bis ein Uhr zurück sein konnte, so hatte er offenbar eine wirksame Erwiderung auf jede Anklage. Denn hier war dieser ehrbare, einwandfreie Engländer bereit, seinen Eid darauf zu schwören, daß er mit dem Angeklagten zu der fraglichen Zeit unter einem Dache weilte. Gegen das Schlimmste hatte Garcia sich damit gesichert.«

»Ja, ja, das sehe ich ein. Aber was hat es mit dem Verschwinden der anderen auf sich?«

»Ich habe noch nicht alle Tatsachen beisammen, aber ich glaube nicht, daß es da noch unüberwindliche Schwierigkeiten gibt. Immerhin wäre es verkehrt, jetzt auf Grund der bisherigen Tatsachen weitergehende Folgerungen zu ziehen. Man biegt zu leicht alles ganz unmerklich so zurecht, daß es zu der vorgefaßten Meinung paßt.«

»Und die mysteriöse Botschaft?«

»Wie lauten die Worte? ›Unsere eigenen Farben, grün und weiß.‹ Erinnert an Pferderennen. ›Grün offen, weiß geschlossen.‹ Das bedeutet offenbar ein Signal. ›Haupttreppe, erster Korridor, siebentes zur Rechten. Grüner Fries.‹ Das ist Wegweisung. Hinter der ganzen Sache könnte man einen eifersüchtigen Gatten vermuten. Sicher verlangte die Botschaft etwas Gefährliches. Die Schreiberin würde sonst nicht geschlossen haben mit ›Gott behüte Sie.‹ Mit dem ›D.‹ ist vorläufig nichts anzufangen.«

»Der Mann war Spanier. Wir könnten annehmen, daß ›D.‹ für Dolores steht, ein sehr gebräuchlicher Name in Spanien.«

»Brav, Watson, sehr brav! Aber völlig auf dem Holzweg. Eine Spanierin würde einem Spanier spanisch geschrieben haben. Die Schreiberin ist aber offenbar Engländerin. Schau‘ doch nur die Handschrift an! Nein, wir müssen uns in Geduld fassen, bis der Inspektor zurückkommt. Inzwischen können wir unserm gütigen Geschick danken, daß es uns für einige Stunden von dieser unerträglichen Qual des Nichtstuns befreit.« –

Noch ehe unser Surreykonstabler zurückkam, war eine Antwort auf Holmes‘ Telegramm eingelaufen. Mein Freund las sie und war eben im Begriff, das Blatt in seine Brieftasche zu stecken, als er meinen gespannt neugierigen Blick auffing. Er schob mir das Telegramm lachend zu.

»Wir bewegen uns in den besten Kreisen«, sagte er.

Das Telegramm enthielt folgende Namen und Adressen: »Lord Harringby auf Dingle. Sir George Ffolliott, Oxshott Towers. Hynes Hynes, J. P. Purdey Place. James Baker, Williams Forton Old Hall. Henderson, High Gable. Rev. Joshua Stone, Nether Walsling.«

»Das ist die gegebene Methode, unser Operationsgebiet abzugrenzen«, sagte Holmes. »Ohne Zweifel hat Baynes, bei seiner methodischen Art, bereits einen ähnlichen Plan angenommen.«

»Ich werde nicht recht klug daraus.«

»Mein lieber Watson, wir sind doch schon zu der Überzeugung gelangt, daß die Botschaft, die Garcia während des Essens erhielt, eine Zusammenkunft bedeutet, ein Rendez-vous vielleicht. Wenn also der Sinn der Worte richtig von uns erfaßt ist, so sollte Garcia eine Haupttreppe hinaufsteigen – also gab es noch eine zweite mindestens – und er sollte das siebente Zimmer auf der rechten Seite des Korridors aufsuchen – da ist es doch vollkommen klar, daß es sich nur um ein sehr großes Haus handeln kann. Ebenso klar ist es, daß dieses Haus höchstens eine Meile oder zwei von Oxshott entfernt liegen muß, denn Garcia war in der Richtung auf Oxshott zu gegangen, und nach meiner Auffassung der Dinge wollte er auf der Villa Wisteria so zeitig wieder eintreffen, um sein Alibi nachweisen zu können. Also bis spätestens ein Uhr. Da die Zahl der ganz großen Häuser um Oxshott begrenzt sein muß, so telegraphierte ich an die Immobilien-Agentur der Gebrüder Allan, wo Scott Eccles sich schon erkundigt hatte, und erhielt von diesen die Liste. In diesem Telegramm hier stehen alle die Orte verzeichnet, an deren einem das andere Ende unseres verwirrten Knäuels zu finden sein muß.« –

Es war fast sechs Uhr, eh wir in dem hübschen Surreydorf Esher ankamen, in Begleitung des Inspektors Baynes, der uns in der Bakerstraße abgeholt hatte. Holmes und ich hatten Sachen für die Nacht mitgenommen, und wir fanden gute Unterkunft im »Admiral Nelson«. Schließlich machten wir uns mit Baynes auf den Weg zur Villa Wisteria. Es war ein kalter, dunkler Märzabend, Regen und Wind fuhren uns ins Gesicht, und gespenstisch sahen die kahlen Bäume am Wege aus, wenn der Wind sie schüttelte.

 

Zweiter Teil: Der Tiger von San Pedro

Ein unangenehmer Marsch von einigen Meilen brachte uns zu einem hohen hölzernen Tor, das sich gegen eine Kastanienallee öffnete; die Anfahrt zwischen Buchsbaumhecken führte uns zu dem Haus, das sich tintenschwarz von dem schiefergrauen Himmel abhob. Links von der Eingangstür war ein Fenster schwach beleuchtet.

»Einer von meinen Leuten hält hier Wache«, sagte Baynes. »Ich will ans Fenster klopfen.« Er schritt über den Rasen und pochte an den Fensterrahmen. Durch das trübe Glas sah ich einen Mann von einem Stuhl neben dem Kaminfeuer hochspringen und hörte gleichzeitig einen scharfen Schrei in dem Zimmer. Kurze Zeit darauf öffnete ein schwer atmender Konstabler, schreckensbleich und so zittrig, daß die Kerze, die er in der Hand hielt, flackerte, die Eingangstür. »Was ist los mit Ihnen?« fragte Baynes streng.

Der Mann wischte sich die Stirn mit dem Taschentuch und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

»Ich bin so froh, daß Sie gekommen sind, Herr Inspektor. Die Wache ist mir sehr lang geworden, und meine Nerven sind nicht mehr das, was sie einmal waren.«

»Ihre Nerven, Walters? Ich hätte nicht gedacht, daß Sie in Ihrem Leib einen einzigen Nerv haben.«

»Ja, Herr Inspektor, das kommt von dem einsamen verlassenen Haus und dem sonderbaren Ding in der Küche. Wie Sie ans Fenster klopften, glaubte ich, er sei wiedergekommen.«

»Wer sei wiedergekommen?«

»Der Teufel, Herr Inspektor! Etwas anderes kann es kaum gewesen sein. Es war am Fenster.«

»Was war da am Fenster, und wann?«

»Ungefähr vor zwei Stunden. Es war schon dämmerig. Ich saß da auf dem Stuhl und las. Ich weiß nicht, was mich veranlaßte, aufzuschauen, aber da war ein Gesicht unten am Fenster, das mich ansah. Mein Gott, war das ein Gesicht! Ich werde davon träumen.«

»Na, na, Walters, so spricht doch kein Konstabler!«

»Ich weiß, Herr Inspektor, ich weiß; aber es hat mich richtig geschüttelt, und es hätte keinen Sinn, das zu leugnen. Es war nicht schwarz, noch war es weiß – überhaupt keine Farbe, die ich kenne. Es war wie ein Schatten, ganz sonderbar, wie – wie Tonerde mit einem Klecks Milch darauf. Und dann der Umfang, Herr Inspektor! Zweimal so groß wie Ihr Gesicht. Und der Blick, den es hatte, so große, starre Glotzaugen, und eine Reihe weiße Zähne wie ein hungriges Raubtier. Ich versichere Sie, Herr Inspektor, ich konnte keinen Finger rühren, noch Atem holen, bis es weghuschte und verschwunden war. Dann lief ich hinaus und durch das Buschwerk, aber dem Himmel sei Dank, es war niemand da.«

»Wenn ich Sie nicht als einen tüchtigen Beamten kennte, Walters, würde ich Ihnen dafür eine schlechte Note geben. Und wenn es der leibhaftige Teufel wäre, ein Konstabler auf Wache und im Dienst sollte niemals dem Himmel danken, daß er ihn nicht festnehmen konnte. Das Ganze ist doch nicht etwa nur eine Sinnestäuschung? Haben Ihnen Ihre Nerven keinen Streich gespielt?«

»Das wenigstens ist sehr leicht festzustellen«, sagte Holmes, indem er seine Taschenlaterne ansteckte. »Ja«, rief er, nach einer kurzen Besichtigung der Grasnarbe; »Schuhnummer zwölf schätze ich. Wenn der ganze Mann im Verhältnis zu seinen Füßen gewachsen ist, dann muß er wahrhaftig ein Riese sein.«

»Was ist aus ihm geworden?«

»Er scheint durch das Buschwerk gedrungen zu sein, um die Straße zu gewinnen.«

»Gut«, sagte Baynes mit ernstem, gedankenvollem Gesicht, »wer es auch gewesen sein mag und was seine Absichten hier gewesen sein mögen, er ist fort, und wir haben vorläufig dringendere Aufgaben zu erfüllen. Herr Holmes, wenn Sie einverstanden sind, so führe ich Sie jetzt durch das Haus.«

Die verschiedenen Wohn- und Schlafzimmer waren schnell untersucht. Die letzten Bewohner hatten offenbar fast nichts Eigenes mitgebracht, und die ganze Einrichtung, bis zum kleinsten Stück, war mit dem Haus gemietet worden. Jedoch fanden wir eine Anzahl Kleider mit der Marke von Marx und Comp. High Holborn, die offenbar Garcia zurückgelassen hatte. Telegraphisch hatte Baynes bei der Firma bereits angefragt; man wußte dort nichts Näheres über den Kunden, außer daß er ein pünktlicher Zahler sei. Allerlei Kleinigkeiten, ein paar Tabakspfeifen, ein paar Romane, davon zwei spanische, ein altmodischer Revolver mit Pistolfeuerung und eine Gitarre waren unter dem persönlichen Besitz.

»Alles ohne Bedeutung«, sagte Baynes und schritt, die Kerze in der Hand, von Zimmer zu Zimmer. »Aber jetzt, Herr Holmes, schenken Sie, bitte, Ihre ganze Aufmerksamkeit der Küche.«

Es war ein düsterer hoher Raum auf der Rückseite des Hauses, mit einer Strohmatte in einer Ecke, die offenbar dem Koch als Bett diente. Der Tisch stand voll halb abgegessener Platten und schmutzigen Geschirrs, den Überresten der gestrigen Mahlzeit.

»Sehen Sie das da?« sagte Baynes. »Für was halten Sie das?«

Er beleuchtete einen ungewöhnlichen Gegenstand, der hinter der Anrichte stand. Er war so voller Falten, zusammengesunken und welk, daß es nicht leicht war, seine ursprüngliche Form zu erkennen. Man konnte nur feststellen, daß er schwarz war, anscheinend von Leder, und daß er einige Ähnlichkeit mit einem zwerghaften Menschen hatte. Bei der näheren Untersuchung glaubte ich zuerst, es sei die Mumie eines Negerkindes, dann aber schien es mir ein sehr entstellter Affe zu sein. Schließlich blieb ich im Zweifel, ob ich etwas Tierisches oder Menschliches vor mir hatte. Um die Mitte war ihm eine doppelte Schnur weißer Perlen geschlungen.

»Sehr interessant – wirklich höchst interessant!« rief Holmes und betrachtete dieses unheimliche Überbleibsel des Garciahaushaltes. »Sonst noch etwas?«

Stillschweigend führte Baynes uns an den Ausguß. Körper und Glieder eines großen weißen Vogels, der mitsamt den Federn auf eine wüste Art in Stücke zerrissen war, lagen hier herum. Holmes wies auf die roten Lappen an dem abgetrennten Kopf.

»Ein weißer Hahn«, sagte er. »Sehr interessant, – das ist wirklich ein sehr merkwürdiger Fall.«

Aber Herr Baynes hatte sein merkwürdigstes Schaustück bis zuletzt aufbehalten. Unter dem Ausguß hervor langte er einen Zinknapf, der mit Blut gefüllt war. Dann holte er vom Tisch herüber eine Schüssel, gehäuft voll kleiner Stückchen verkohlter Knochen.

»Hier ist etwas getötet worden. Wir haben die Knochen da alle aus dem Feuer herausgestochert. Heute früh hatten wir einen Arzt mit dabei, und der sagte, das seien keine Menschenknochen.«

Holmes lächelte und rieb sich die Hände.

»Ich muß Sie beglückwünschen, Herr Baynes, zu der umfassenden, gründlichen Art, mit der Sie solch einen Fall behandeln. Ihre Fähigkeiten, wenn ich mir erlauben darf, das zu sagen, scheinen mir im Mißverhältnis zu stehen zu Ihren Möglichkeiten, sie zur Anwendung zu bringen.«

Des Inspektors kleine Augen funkelten vor Behagen.

»Sie haben recht, Herr Holmes, wir verkümmern hier draußen in der Provinz. Aber ein Fall wie dieser gibt unsereinem einmal eine Gelegenheit, und ich habe sie ergriffen. Was halten Sie von den Knochen?«

»Ein Lamm, meine ich, oder ein Kitzchen.«

»Und der weiße Hahn?«

»Merkwürdig, Herr Baynes, sehr merkwürdig. Ja, beinahe einzigartig, könnte man sagen.«

»Jawohl, Herr Holmes, in diesem Haus müssen sonderbare Leute mit ganz sonderbaren Gewohnheiten gelebt haben. Einer von ihnen ist tot. Sind seine zwei Diener ihm nachgegangen und haben sie ihn getötet? Wenn sie es waren, dann werden wir sie nicht entwischen lassen, denn jeder Hafen wird überwacht. Aber meine eigene Ansicht bewegt sich in ganz anderer Richtung. Ja, Herr Holmes, in ganz anderer Richtung!«

»Sie haben also eine bestimmte Ansicht über den Mordfall?«

»Und ich werde den Mordfall allein weiter verfolgen, Herr Holmes. Das bin ich mir einfach schuldig. Ihr Name ist gemacht, aber meinen muß ich mir erst noch machen. Es wäre mir eine besondere Genugtuung, mir später sagen zu können, daß ich den Fall ganz allein bewältigt habe, und ohne Ihre Hilfe.«

Holmes lachte vergnügt.

»Schön, schön, Herr Inspektor«, sagte er. »Sie gehen also Ihren eigenen Weg, und ich gehe den meinigen. Meine Ergebnisse stelle ich Ihnen jederzeit gern zur Verfügung, falls Sie trotzdem einmal Wert darauf legen sollten, sie kennen zu lernen. Ich glaube, ich habe hier alles gesehen, was für mich von Belang sein könnte, und ich kann meine Zeit jetzt anderswo besser anwenden. Auf Wiedersehen, Herr Baynes, und Hals- und Beinbruch!«

Aus verschiedenen kleinen Anzeichen, die ein anderer als ich kaum hätte beachtet haben können, merkte ich, daß Holmes eine Spur gefunden hatte. So äußerlich ruhig er auch jedem erscheinen mußte, der ihn weniger genau kannte, – der Glanz seiner Augen und seine straffere Haltung, kurz seine ganze Art verrieten mir die starke innere Spannung, von der er erfüllt war, und daß der Kampf begonnen hatte. Nach seiner Gewohnheit sagte er nichts, und ich, nach meiner Gewohnheit, stellte keine Fragen. Mir genügte es, mit dabei zu sein und meine geringe Hilfe betätigen zu können, ohne die Arbeit dieses ungewöhnlichen Gehirns mit überflüssigen Unterbrechungen zu stören. Am Ende würde ich schon alles erfahren, das wußte ich ja.

Ich wartete daher, und zu meinem wachsenden Erstaunen wartete ich umsonst. Tag um Tag verging, und mein Freund tat keinen Schritt weiter. Es blieb alles beim Alten. Einen Vormittag verbrachte er in London, und aus einer beiläufigen Bemerkung erfuhr ich, daß er im Britischen Museum gewesen war. Aber von dieser einen Ausnahme abgesehen verbrachte er seine Tage mit langen und oft einsamen Spaziergängen oder in Plaudereien mit einigen gesprächigen Ortseinwohnern, deren Bekanntschaft er pflegte.

»Eine Woche Landaufenthalt wird für dich von unermeßlichem Wert sein, Watson«, sagte er mir einmal. »Es ist entzückend, die ersten grünen Triebe an den Hecken kommen zu sehen und zu beobachten, wie auf der Sommerseite wieder einmal die Haselsträucher sich mit Kätzchen behängen. Mit einem Pflanzenstecher, einer Botanisiertrommel und einem kleinen Botanisierbuch kann man jetzt lehrreiche Tage verbringen.« Er strich auch wirklich mit solchen Dingen in der Gegend umher, was er aber dann des Abends mit heimbrachte, dünkte mich eine recht bescheidene botanische Beute.

Einmal stießen wir bei einem gemeinsamen Spaziergang auf Inspektor Baynes. Sein dickes rotes Gesicht verzog sich zu einem Lächeln, und seine Äuglein glitzerten, als er Holmes begrüßte. Er sprach nur wenig von der Mordsache, aber aus dem Wenigen schlossen wir, daß er mit der Entwickelung der Dinge zufrieden war. Ich muß jedoch gestehen, daß ich überrascht war, als ich fünf Tage nach dem Verbrechen die Morgenzeitung auffaltete und mein Blick auf die fettgedruckte Überschrift fiel: »Der Mord bei Oxshott aufgeklärt. Verhaftung des mutmaßlichen Täters.«

Holmes fuhr von seinem Sitz auf, als sei er gestochen worden, wie ich ihm diese Überschrift vorlas.

»Donnerwetter!« rief er. »Du glaubst doch nicht, daß Baynes ihn gefaßt hat?«

»Offenbar ist es so«, erwiderte ich, und las ihm den folgenden Bericht vor:

»In Esher und Umgegend rief es große Erregung hervor, als spät in vergangener Nacht bekannt wurde, daß in Verbindung mit dem Oxshott-Mord eine Verhaftung erfolgt sei. Wie erinnerlich, wurde Herr Garcia, wohnhaft in der Villa Wisteria, auf der Oxshotter Markung tot aufgefunden, und seine Leiche wies sehr schwere Verletzungen am Kopfe auf. Gleichzeitig hatte man entdeckt, daß seine einzigen Hausgenossen, ein Diener und ein Koch, geflohen waren, woraus man auf ihre Täterschaft oder Mittäterschaft schloß. Man hatte behauptet, was aber nie nachgewiesen wurde, daß der Verstorbene Wertsachen in der Villa hatte, und daß die Mordtat ihretwegen geschah. Inspektor Baynes, in dessen Händen die Untersuchung liegt, hat keine Mühe gescheut, den Aufenthaltsort der Flüchtigen ausfindig zu machen, und er hatte hinreichenden Grund zu der Annahme, daß die Gesuchten nicht weit fort sein könnten, sondern sich in einem vorher schon bereiteten Versteck in der Nähe aufhielten. Von allem Anfang an war es übrigens so gut wie sicher, daß der Koch über kurz oder lang entdeckt werden würde, denn er ist eine sehr auffällige Erscheinung, ein riesengroßer, häßlicher Mulatte mit gelbem Gesicht und ausgesprochenen Negerzügen. Nach der Mordtat ist dieser Koch noch einmal gesehen worden, und zwar von Konstabler Walters, der ihn am Abend nach dem Mord im Garten der Villa Wisteria erblickte, freilich ohne daß er ihn festzunehmen vermocht hätte. Inspektor Baynes schloß zutreffend, daß der Mulatte zu einem bestimmten Zweck zur Villa zurückgekehrt sei und – da der Koch von Konstabler Walters vertrieben worden war – daß er nochmals dahin zurückkommen werde. Er entfernte daher den Wachposten aus dem Haus und legte dafür im Gebüsch des Gartens einen Hinterhalt. Der Mulatte ging in die Falle und wurde vergangene Nacht gefangen, wobei ein heftiger Kampf sich entspann, in dessen Verlauf Konstabler Downing von dem Halbwilden eine erhebliche Bißwunde davontrug.«

»Da muß ich aber sofort zu Baynes«, rief Holmes und griff nach seinem Hut. »Wir werden ihn gerade noch treffen, ehe er nach London fährt.« Wir liefen die Straße hinunter und fanden ihn, wie Holmes erwartete, gerade unter seiner Haustür.

»Haben Sie es gelesen, Herr Holmes?« fragte er und zog eine Zeitung aus der Tasche.

»Deshalb komme ich ja her. Bitte, fassen Sie es nicht als unerwünschte Einmischung auf, wenn ich Ihnen einen freundschaftlichen Rat gebe, das heißt, es ist eine Warnung.«

»Eine Warnung wollen Sie mir geben?«

»Ich habe mich in diesen Fall sehr sorgfältig eingearbeitet, Herr Baynes, und ich bin nicht ganz überzeugt davon, daß Sie auf dem richtigen Wege sind. Es täte mir leid, wenn Sie in Ihrer eingeschlagenen Richtung noch weiter gingen – es sei denn natürlich, daß Sie Ihrer Sache ganz sicher sind.«

»Sie sind sehr gütig, Herr Holmes.«

»Ich versichere Sie, ich meine es nur gut mit Ihnen.«

Es schien mir so, als ob Herr Baynes mit einem Auge etwas zwinkerte.

»Wir sind übereingekommen, daß jeder seine eigenen Wege gehe, Herr Holmes. Das tue ich für meinen Teil.«

»Ganz wie Sie es wünschen«, sagte Holmes. »Nehmen Sie mir, bitte, meine guten Absichten nicht übel.«

»Durchaus nicht! Ich bin überzeugt, daß Sie es gut mit mir meinen. Aber wir befolgen jeder ein eigenes System, Herr Holmes. Sie haben das Ihrige, und ich wahrscheinlich ein anderes.«

»Reden wir nicht mehr davon!«

»Was ich Neues in Erfahrung bringe, steht Ihnen jederzeit zur Verfügung. Dieser Koch ist ein richtiger Wilder, stark wie ein Lastpferd und unbändig wie der Teufel. Er hat Downings Daumen fast abgebissen, bevor wir seiner Herr werden konnten. Er kann kaum ein Wort Englisch, und was wir bis jetzt aus ihm herausbrachten, ist nichts als ein Grunzen.«

»Und Sie glauben, den Beweis dafür zu haben, daß er seinen Herrn ermordet hat?«

»Das habe ich nicht gesagt, Herr Holmes; kein Wort davon. Wir haben jeder so seine kleinen Listen. Sie versuchen es so, ich anders. Das ist so zwischen uns abgemacht, nicht wahr?«

Holmes zuckte mit den Schultern, als wir fortgingen. »Ich kann aus dem Mann nicht klug werden. Mir scheint er auf einen Abgrund zuzureiten. Nun, es muß jeder seinen eigenen Weg gehen und sehen, wie weit er damit kommt. Aber da ist etwas an dem Inspektor Baynes, das ich nicht recht verstehen kann.«

Als wir wieder in Esher im »Admiral Nelson« auf unserm Zimmer waren, drückte Holmes mich in einen Sessel. »Setz‘ dich einmal, Watson«, sagte er. »Ich muß dir die Situation erklären, da ich heute nacht vielleicht deine Hilfe nötig habe. Soweit ich den Fall aufgeklärt habe, möchte ich dir darlegen, wie er sich für mich entwickelt hat. So einfach er in seinen Hauptzügen ist, so haben sich der Festnahme des Schuldigen doch ganz überraschende Schwierigkeiten entgegengesetzt. In dieser Richtung klaffen noch einige Risse, die erst noch zu überbrücken sind.

Gehen wir zurück bis zu der Botschaft, die Garcia am Abend seines Todes erhielt. Wir können die Auffassung Baynes‘, als seien die zwei Bediensteten Garcias in die Mordsache verstrickt, gleich von vornherein ausschalten. Der Richtigkeitsbeweis dafür liegt darin, daß Garcia es war, der seines ›Freundes‹ Scott Eccles Anwesenheit in der Villa herbeiführte, was nur zum Zwecke eines Alibis geschehen sein kann. Also war es Garcia, der etwas im Schilde führte, und zwar allem Anschein nach etwas Verbrecherisches, das er für eben die Nacht plante, wo er dann seinen Tod fand. Ich sage, er hatte etwas Verbrecherisches im Sinn, denn nur ein Mann mit einem verbrecherischen Vorhaben wünscht ein Alibi aufzustellen. Wer hat nun aller Wahrscheinlichkeit nach den Todesstreich gegen Garcia geführt? Sicher die Person, gegen die Garcias verbrecherischer Anschlag sich richtete. So weit scheinen wir auf festem Grund zu stehen.

Wir können nun die Ursache dafür erkennen, daß Garcias ganzer Haushalt verschwunden ist. Sie waren alle Verbündete zu demselben uns unbekannten verbrecherischen Zweck. Sobald die Tat ruchbar wurde, würde die Zeugenschaft Scott Eccles jeden Verdacht von Garcia abgelenkt haben – wenn Garcia zurückkehrte. Aber es handelte sich hier um ein gefahrvolles Unternehmen, und wenn Garcia innerhalb einer gewissen Zeit nicht wiederkam, wurde es wahrscheinlich, daß er sein eigenes Leben hatte opfern müssen. Für diesen Fall war daher verabredet worden, daß seine zwei Leute sich an einen im voraus hierzu eingerichteten Ort begaben, wo sie vor der Verfolgung sicher waren und von wo aus sie später ihre Sache erneut versuchen konnten. Das dürfte alle Tatsachen erklären, denke ich.«

Das ganze verworrene Gewebe schien sich auf einmal vor meinen Augen klar auszubreiten. Wie immer wunderte ich mich, daß ich die Zusammenhänge nicht früher, von selber, erkannt hatte.

»Aber der Koch ist doch zur Villa zurückgekommen!«

»Wir können uns das vorläufig so erklären, daß bei der hastigen Flucht etwas im Hause zurückblieb, etwas Wertvolles, etwas, das zurückzulassen der Koch einfach nicht ertragen konnte. Das ist kein zwingender Schluß, aber er hat eine große Wahrscheinlichkeit für sich, nicht wahr?«

»Und was ist nun der nächste Punkt?«

»Der nächste Punkt ist die Meldung, die Garcia abends erhielt. Sie beweist einen weiteren Verbündeten, einen auf der anderen Seite. Wo ist aber diese andere Seite? Ich habe dir bereits gesagt, daß es sich um ein sehr großes Haus handeln muß und daß die Zahl solch großer Häuser begrenzt ist. Meine erste Zeit hier draußen brachte ich damit zu, auf meinen botanischen Ausflügen diese Häuser ein wenig zu rekognoszieren und die Familiengeschichte ihrer Bewohner etwas zu erkunden. Ein einziges Haus nur fesselte mein Interesse. Es ist das alte Herrenhaus High Gable, ein spätgotischer Bau, eine Meile jenseits Oxshott, und weniger als eine halbe Meile von der Stelle, wo Garcia gefunden wurde. Alle die andern Häuser gehören prosaischen biederen Leuten, die weit abseits jeder Romantik leben. Aber Herr Henderson auf High Gable ist in jeder Hinsicht eine merkwürdige Persönlichkeit, die merkwürdige Abenteuer wohl erleben könnte. Ich konzentrierte daher meine Beobachtungen auf ihn und sein Hauswesen.

Sehr ungewöhnliche Leute, Watson – der Hausherr selbst der sonderbarste von allen. Ich brachte es fertig, ihn unter einem guten Vorwand zu besuchen, aber seine tiefliegenden dunkeln, mißtrauischen Augen verrieten mir, daß er sich über den wahren Zweck meines Besuches nicht im unklaren war. Henderson ist ein Mann von fünfzig Jahren, lebhaft, kräftig, mit grauem Haar, großen buschigen, schwarzen Brauen, mit dem Schritt eines Hirschs und der Miene eines Kaisers. Ein herrischer, stolzer Mann mit einem glühenden Temperament hinter einer pergamentenen Maske. Er ist entweder Ausländer, oder er hat lange in den Tropen gelebt, denn er ist gelb und wie vertrocknet, aber zäh wie Kupferdraht. Sein Freund und Sekretär, ein Herr Lucas, ist zweifelsohne Ausländer, braun wie Schokolade, verschlagen, glatt und katzenartig, mit einer giftigen Sanftheit der Sprache. Du siehst, Watson, wir sind schon auf zwei Gruppen von Ausländern gestoßen, eine in Villa Wisteria und eine auf High Gable – so rundet sich alles schon ein wenig ab.

Die beiden Männer, enge vertraute Freunde, bilden den Mittelpunkt der Haushaltung. Aber da ist noch eine Person, die für unsere augenblicklichen Zwecke vielleicht noch wichtiger ist. Henderson hat zwei Kinder, Mädchen von zwölf und dreizehn. Ihre Gouvernante ist ein Fräulein Burnett, eine Engländerin von ungefähr vierzig Jahren. Dann ist da noch ein vertrauenerweckender Diener. Diese kleine Gruppe bildet die eigentliche Familie, denn sie reisen zusammen, und Henderson reist viel, ist immer unterwegs. Erst in den letzten Wochen ist er zurückgekommen, nachdem er länger als ein Jahr von High Gable abwesend war. Ich kann noch hinzufügen, daß er ungeheuer reich ist, und jede Laune kann er sich befriedigen. Im übrigen ist sein Haus voll Dienerschaft, die übliche überfütterte, unterbeschäftigte Gesellschaft von Hauspersonal, das zu einem großen englischen Landsitz gehört.

Das erfuhr ich teils von meinen neuen Bekannten hier, teils aus eigener Beobachtung. Es gibt keine besseren und zugänglicheren Helfershelfer, als entlassene Bedienstete, die einen Groll gegen ihre frühere Herrschaft haben, und ich hatte das Glück, einen zu finden. Ich nenne es Glück, aber es ist mir nicht einfach in den Schoß gefallen, sondern ich habe es gesucht. Wie Baynes sagte, jeder von uns befolgt sein eigenes System. Mein System hat mich zu John Warner geführt, ehemals Gärtner auf High Gable und in einem Augenblick schlechter Laune von seinem kaiserhaften Herrn entlassen. Er wiederum hat seine Freunde unter dem Hauspersonal, die ihren Herrn ebenso fürchten und die gleiche Abneigung gegen ihn haben. So habe ich meinen Draht ins Innere des Hauses.

Sonderbare Leute, Watson. Ich behaupte ja nicht, daß ich alles schon richtig erfaßt und durchschaut habe, aber ganz sonderbare Leute habe ich festgestellt. Es ist ein Bau mit zwei Flügeln, die Dienerschaft wohnt im einen, die Familie im anderen. Es besteht kein Verkehr zwischen beiden, außer für Hendersons persönlichen Diener, der bei den Familienmahlzeiten serviert. Alles wird an eine bestimmte Tür gebracht, die die Verbindung herstellt. Die Gouvernante und die Kinder gehen kaum einmal aus, es sei denn in den Garten. Henderson geht unter keinen Umständen allein aus. Sein schwarzer Sekretär ist wie sein Schatten. Die Dienerschaft redet davon, daß ihr Herr vor irgend etwas eine furchtbare Angst habe. ›Er hat dem Teufel seine Seele um Geld verkauft‹, sagt Warner, ›und erwartet jetzt, daß der Gläubiger komme, um sich das Seine zu holen.‹ Woher sie gekommen, wer und was sie sind – kein Mensch weiß es. Sie sind von heftiger, gewalttätiger Art. Zweimal hat Henderson mit der Hundepeitsche auf die Leute eingeschlagen, und nur mit großen Geldzahlungen konnte er seine gerichtliche Verfolgung abwenden.

Soweit die Hendersons. Und nun, Watson, wollen wir die alte Lage mit diesen neuen Kenntnissen in Verbindung bringen. Wir können annehmen, daß der Zettel aus diesem sonderbaren Hause kam und der Inhalt Garcia aufforderte, etwas auszuführen, das bereits fest geplant war. Wer hat den Zettel geschrieben? Irgend jemand innerhalb der Festung, und zwar eine Frau. Wer also kann das gewesen sein außer der Gouvernante, Fräulein Burnett? Alle Überlegungen führen zu diesem Schluß; auf jeden Fall können wir es einmal als Behauptung aufstellen und wollen sehen, welche Folgerungen sich daraus ergeben. Bemerken will ich noch, daß Fräulein Burnetts Alter und Charakter meine ursprüngliche Vermutung, es handle sich um eine Liebesangelegenheit, ausschließen.

Wenn sie den Zettel geschrieben hat, dann war sie allem nach befreundet mit Garcia und seine Verbündete. Was können wir nun erwarten, daß sie auf die Nachricht von Garcias Tod tun würde? Wenn er den Tod bei einem verbrecherischen Unternehmen fand, dann würde sie natürlich schweigen. Aber im Herzen mußte sie einen großen Haß und heftige Bitterkeit empfinden gegen die, die ihn getötet hatten. Sie würde wahrscheinlich mit allen Mitteln helfen, seinen Tod zu rächen. Also überlegte ich, wie ich mit ihr in Verbindung treten könnte, um sie mir nutzbar zu machen. Das war mein erster Gedanke. Nun aber stieß ich auf eine besorgniserregende Tatsache. Seit der Mordnacht hat kein menschliches Auge mehr etwas gesehen von ihr. Seit jenem Abend ist sie völlig verschwunden. Lebt sie noch? Hat sie in derselben Nacht ihr Ende gefunden, wie ihr Verbündeter Garcia, den sie zu einer dunkeln Tat aufgefordert hatte? Oder ist sie nur eine Gefangene? Hierüber müssen wir uns erst noch Gewißheit verschaffen.

Die Schwierigkeit der Lage kannst du nun ermessen, Watson. Wir haben nirgends etwas so Greifbares, Festes, daß wir daraufhin einen Haftbefehl erwirken könnten. Alles ist scheinbar zu phantastisch, um von einer Behörde ernst genommen zu werden. Das Verschwinden der Gouvernante wiegt nicht schwer genug, da in diesem ungewöhnlichen Hauswesen sehr wohl ein Mitglied einmal acht Tage lang unsichtbar sein könnte. Und doch kann Fräulein Burnett in eben diesem Augenblick sich in Lebensgefahr befinden. Alles was ich, ohne die Gesetze zu verletzen, tun kann, ist: das Haus bewachen und meinen Agenten, Warner, als Wächter an den Eingang zu dem Anwesen stellen. Wir können die Dinge aber nicht einfach laufen lassen. Wenn das Gesetz nicht ein Eingreifen erlaubt, so müssen wir selber das Risiko tragen.«

»Was meinst du damit?«

»Ich kenne die Lage ihres Zimmers. Es ist von außen erreichbar vom Dach eines Vorbaues aus. Ich meine also, daß wir beide heute Nacht losziehen und versuchen, ob wir nicht in den Kern des ganzen Geheimnisses eindringen können.«

Das war, wie ich gestehen muß, nicht gerade ein verlockender Vorschlag. Der alte gotische Bau mit seiner Atmosphäre von Mord und Totschlag, die eigenartigen und teilweise unheimlichen Bewohner, die unübersehbaren Gefahren unseres Unternehmens und die Tatsache, daß wir uns formal ins Unrecht setzten und strafbar machten, das alles zusammen dämpfte meinen Eifer. Aber in meines Freundes eiskalter Überlegung war etwas, das es unmöglich machte, vor irgendeinem Abenteuer zurückzuschrecken, das er in Anregung brachte. Ich wußte, daß so, aber auch nur so eine Lösung gefunden werden konnte. Ich drückte ihm stumm die Hand.

Indes war es nicht vorausbestimmt, daß unsere Nachforschungen auf so abenteuerliche Weise zu Ende gebracht werden sollten. Es war gegen fünf Uhr, und die Schatten des Märzabends begannen sich auszubreiten, als ein aufgeregter Mann zu uns ins Zimmer trat.

»Sie sind fort, Herr Holmes. Mit dem letzten Zug sind sie abgefahren. Die Dame ist ausgerückt, und ich habe sie unten in einem Wagen.«

»Ausgezeichnet, Warner!« rief Holmes und sprang auf die Füße. »Watson, die Sache zieht sich unheimlich schnell zusammen.«

In dem Wagen saß eine Frau, vor nervöser Erschöpfung einem Zusammenbruch nahe. Ihr abgezehrtes knochiges Gesicht verriet eine Tragödie. Ihr Kopf hing ihr wie leblos auf die Brust, aber als sie ihn ein wenig hob und uns mit ihren ausdruckslosen Augen ansah, bemerkte ich, daß ihre Pupillen dunkle Pünktchen waren inmitten der großen grauen Regenbogenhaut. Sie war mit Opium vergiftet.

»Ich stand am Eingang auf Posten, wie Sie es angeordnet hatten, Herr Holmes«, sagte Warner, der entlassen Gärtner. »Als der Wagen herauskam, folgte ich ihm zur Bahn. Sie war wie eine, die im Schlaf wandelt. Aber als sie versuchten, sie in einen Wagen zu schieben, wurde sie lebendig und setzte sich zur Wehr. Sie schoben sie trotzdem in ein Abteil. Aber sie kämpfte sich wieder hinaus. Ich ergriff sie, führte sie zu dem Wagen, und hier sind wir. Meiner Lebtag werde ich das Gesicht nicht vergessen, das durch das Wagenfenster hereinsah, als wir davonfuhren. Ich hätte nicht mehr lange zu leben, wenn es nach ihm ginge, dem schwarzäugigen, finsterblickenden gelben Teufel.«

Wir führten Fräulein Burnett hinauf, betteten sie auf das Sofa, und einige Tassen stärksten Kaffees vertrieben ihr bald die Opiumnebel aus dem Kopf. Baynes war von Holmes benachrichtigt worden, und als er kam, wurde ihm rasch das Wichtigste mitgeteilt.

»Herr Holmes,« sagte er, »Sie haben mir hier den Zeugen verschafft, den ich gesucht habe.« Seine Äuglein glitzerten, und er drückte meinem Freunde warm die Hand. »Von Anfang an verfolgte ich nämlich dieselbe Fährte wie Sie.«

»Was? Sie waren hinter Henderson her?«

»Natürlich. Während Sie im Garten von High Gable unten im Gebüsch versteckt saßen, war ich oben in einem der Bäume. Ich sah Sie nahe unter mir. Die Frage war nur, wer von uns beiden zuerst zum Ziel käme.«

»Aber wozu haben Sie denn dann den Mulatten verhaftet?«

Baynes lachte laut.

»Ich nahm als sicher an, daß Henderson, wie er sich hier nennt, bereits gemerkt hatte, daß er im Verdacht stand, und daß er sich also so lange ganz still verhalten würde, als er sich in Gefahr glaubte. Ich verhaftete daher einen Falschen, um Henderson glauben zu machen, unser Verdacht hätte sich von ihm weg auf den Mulatten gelenkt. Ich rechnete, daß er dann alsbald einen Schritt täte, der uns die Möglichkeit gab, Fräulein Burnetts habhaft zu werden.«

Holmes legte die Hand auf des Inspektors Schulter.

»Sie werden es noch weit in Ihrem Beruf bringen. Sie haben Instinkt und Ahnungsvermögen,« sagte er.

Baynes‘ Gesicht färbte sich noch röter, und er verbeugte sich.

»Ich hatte die ganze Woche einen Konstabler in Zivil auf der Station. Er ist beauftragt, die High Gable Leute nicht aus dem Auge zu verlieren. Es muß für ihn ein harter Schlag gewesen sein, als Fräulein Burnett entführt wurde. Nun, es hat sie ja nur ein anderer, statt ihm, weggeschnappt, und ganz zum selben Zweck. Wir können niemand festnehmen ohne ihr Zeugnis, das ist klar, und je früher wir eine Aussage bekommen, desto besser.«

»Sie kommt mit jeder Minute mehr zu Kräften,« sagte Holmes, mit einem Blick auf die Gouvernante. »Aber sagen Sie mir, Baynes, wer ist dieser Henderson?«

»Henderson,« antwortete der Inspektor, »ist Don Murillo, einst bekannt als der Tiger von San Pedro.«

Der Tiger von San Pedro! Die ganze Geschichte des Mannes kam mir blitzartig in Erinnerung. Er hatte sich seinen Namen gemacht als der ausschweifendste und blutdürstigste Tyrann, der je ein Land beherrschte, das einigen Anspruch erhob, zu den zivilisierten zu zählen. Stark, furchtlos, energisch – diese Eigenschaften gestatteten es ihm, zehn oder zwölf Jahre lang seine Laster an einer unterdrückten Bevölkerung zu üben. Sein Name wurde mit Schrecken in ganz Mittelamerika genannt. Am Ende dieser Zeit fand eine allgemeine Erhebung gegen ihn statt. Aber er war ebenso schlau wie grausam. Auf die ersten Anzeichen von Unruhen hin hatte er heimlich seine Schätze auf ein Schiff bringen lassen, das mit seinen ergebensten Anhängern bemannt war. Als die Insurgenten seinen Palast stürmten, war er leer. Der Diktator, seine beiden Kinder, sein Sekretär und seine Reichtümer, alles war ihnen entgangen. Von da an war er von der Welt verschwunden, und in der europäischen Presse war seitdem wiederholt sein möglicher Aufenthaltsort erörtert worden.

»Jawohl, Herr Holmes, Don Murillo, der Tiger von San Pedro,« sagte Baynes. »Wenn Sie es nachschlagen, so werden Sie finden, daß die Farben von San Pedro grün und weiß sind, wie die Farben in der Botschaft, Herr Holmes. Er nannte sich Henderson, aber ich habe ihn zurückverfolgt, – Paris, Rom, Madrid und Barcelona. In Barcelona ist sein Schiff damals gelandet. Sie haben ihn die ganze Zeit gesucht, um Rache zu nehmen, aber erst jetzt vor kurzem haben sie ihn ausfindig gemacht.«

»Vor einem Jahr haben sie ihn entdeckt,« sagte unerwartet Fräulein Burnett, die sich aufgerichtet hatte und nun mit angestrengtester Aufmerksamkeit der Unterhaltung folgte. »Einmal schon wurde ein Anschlag auf sein Leben gemacht; aber ein böser Geist nahm ihn in Schutz. Nun, beim zweiten Versuch, ist der edle ritterliche Garcia gefallen, während das Ungeheuer lebt. Aber andere werden kommen, einer nach dem andern, bis eines Tages der Gerechtigkeit genügt ist. Das ist so gewiß wie, daß morgen die Sonne aufgeht.« Ihre dünnen Finger krampften sich zusammen und ihr abgehärmtes Gesicht wurde noch blasser vor leidenschaftlichem Haß.

»Aber wie sind Sie in diese Geschichten hineingekommen, Fräulein Burnett?« fragte Holmes. »Wie kann eine englische Dame sich einer solchen Mordverschwörung anschließen?«

»Weil es keinen anderen Weg auf der Welt gibt, um der Gerechtigkeit zu dienen. Was kümmert sich das englische Gesetz um die Ströme von Blut, die vor Jahren in San Pedro vergossen wurden? Oder um die Schiffsladung voll Schätze, die der Mann zusammengestohlen hat? Für euch sind das Verbrechen, die auf einem anderen Planeten verübt sind. Aber für uns nicht! Wir haben unter Qualen und Ängsten die Wahrheit erfahren. Für uns gibt es keinen Dämon der Hölle, der Juan Murillo gliche, und keinen Frieden in unserem Leben, solange seine Opfer nach Rache schreien.«

»Kein Zweifel,« sagte Holmes, »er war ein Tyrann, wie Sie ihn schildern. Ich hörte früher, er sei einfach fürchterlich. Aber wieso berührt Sie das so nahe?«

»Ich will Ihnen alles sagen. Die Politik dieses Schurken bestand darin, zu morden, unter diesem oder jenem Vorwand jeden zu beseitigen, der einmal ein gefährlicher Nebenbuhler hätte werden können. Mein Mann – ja, mein richtiger Name ist Signora Viktor Durando – war Vertreter San Pedros in London. Er lernte mich in London kennen und heiratete mich hier. Ein besserer Mann hat nie auf Erden gelebt. Unglücklicherweise hörte Murillo, daß er sich in England hervortue, rief ihn unter einem Vorwand zurück und ließ ihn erschießen. Als ob er eine Ahnung gehabt, welches Schicksal ihm drohte, hatte mein Mann mich hier zurückgelassen. Sein Grundbesitz wurde eingezogen, und ich blieb hier zurück, mit kaum genug zum Leben und mit einem gebrochenen Herzen.

Dann kam das Ende seiner Tyrannenmacht. Er entfloh, wie Sie es soeben erzählt haben, aber die vielen, deren Leben er vernichtet hatte, deren liebste und nächste Angehörige Marter und Qual und Tod durch ihn erlitten haben, die gaben sich mit seiner Flucht nicht zufrieden. Sie verbanden sich zu einer geheimen Gesellschaft, die nicht eher aufgelöst werden sollte, bevor ihr Zweck erreicht war. Nachdem wir in Henderson den einstigen Despoten entdeckt hatten, fiel mir die Aufgabe zu, mich seinem Haushalt anzuschließen und die anderen über alle seine Bewegungen auf dem laufenden zu erhalten. Zu diesem Behufe nahm ich bei seinen Töchtern die Stelle einer Gouvernante an. Er hatte keine Ahnung davon, daß die Frau, die ihm täglich bei Tisch gegenüber saß, die Gattin seines Londoner Residenten war, den er hatte töten lassen. Ich lächelte ihn an, tat getreulich meine Pflicht gegen seine Kinder und wartete meine Zeit ab. In Paris wurde ein Attentat versucht, das mißlang. Wir zickzackten in ganz Europa herum, um die Verfolger abzuschütteln, und kehrten schließlich in dies altenglische Haus zurück, das er schon bei seinem ersten Aufenthalt in England gekauft hatte.

Aber eben hier warteten auch schon die Vertreter der rächenden Gerechtigkeit auf ihn. In der sicheren Überzeugung, daß er hierher einmal wiederkäme, wartete Garcia, der Sohn eines der höchsten Würdenträger San Pedros, mit zwei vertrauten Gesellen geringerer Herkunft – alle drei angefeuert durch das gleiche Verlangen nach Rache. Am hellen Tage konnte Garcia nichts unternehmen, denn Murillo beobachtete jede erdenkliche Vorsicht und ging nie aus ohne seinen Satelliten Lucas, oder Lopez, wie er in den Tagen seiner Größe hieß. Nachts jedoch schlief er allein, da konnte der Rächer ihn überraschen. An einem bestimmten Abend, auf den alles vorbereitet war, sandte ich an Garcia die letzten Anweisungen, denn Murillo schlief fast jede Nacht in einem anderen Zimmer. Ich hatte dafür zu sorgen, daß die Türen offen waren, und ein Signal mit grünem oder weißem Licht in einem Fenster, das auf die Straße ging, sollte Garcia unterrichten, daß alles in Ordnung war, oder daß sein Vorhaben besser verschoben würde.

Aber alles war gegen uns. Ich hatte irgendwie Lopez‘, des Sekretärs, Verdacht erregt. Er war mir nachgeschlichen und sprang mich an, nachdem ich eben die Botschaft abgefaßt hatte. Er und sein Herr schleppten mich auf mein Zimmer, wo sie über mich zu Gericht saßen als einer überführten Verräterin. Hätten sie nur eine Möglichkeit gesehen, die Folgen ihrer Tat zu verbergen, so würden sie mich hier mit ihren Messern erstochen haben. Schließlich, nach langem Hin- und Herreden, kamen sie zu dem Schluß, daß meine Ermordung zu gefährlich sei. Aber sie entschlossen sich, Garcia ein für allemal unschädlich zu machen. Sie hatten mich geknebelt, und Murillo drehte meinen Arm, bis ich ihm die Adresse gestand. Ich schwöre aber, daß ich mir den Arm hätte ausdrehen lassen, ohne ein Wort zu gestehen, wenn ich geahnt hätte, was sie mit Garcia beabsichtigten. Lopez überschrieb den Zettel, siegelte ihn mit seinem Manschettenknopf, und schickte José damit weg. Wie sie ihn dann ermordeten, ist mir unbekannt, nur weiß ich, daß Murillo ihn niederschlug, denn Lopez war als Wache bei mir zurückgeblieben. Zuerst hatten sie beabsichtigt, ihn das Haus betreten zu lassen und dann als ›Einbrecher‹ auf frischer Tat zu überraschen und totzuschlagen. Aber sie kamen zu der Überlegung, daß wenn sie in die unvermeidliche Untersuchung hineingezogen wurden, ihre Identität offenbar werden mußte, und sie also leicht noch weiteren Attentaten ausgesetzt sein könnten. Mit Garcias Tod, so rechneten sie, fänden vielleicht die Verfolgungen ein Ende, da seine Ermordung andere wohl etwas abschrecken mußte.

Die Sache wäre nach Garcias Tode gut für sie gestanden, hätte ich nicht Kenntnis von ihrer Tat gehabt. Ich bin mir nicht im Zweifel darüber, daß mein Leben mehrmals an einem Faden hing. Ich wurde in meinem Zimmer eingesperrt, mit den schrecklichsten Drohungen geängstigt und aufs grausamste mißhandelt, um meinen Geist zu zermürben – sehen Sie hier, den Stich in meiner Schulter, und die blutigen Striemen überall auf meinen Armen – und ein Knebel wurde mir noch in den Mund geklemmt, als ich einmal den Versuch machte, aus dem Fenster zu rufen. Fünf Tage lang hielten sie mich so gefangen und gaben mir kaum genügende Nahrung, um Leib und Seele zusammenzuhalten. Heute nachmittag brachten sie mir ein gutes reichliches Essen, aber kaum hatte ich es zu mir genommen, so fühlte ich, daß ich vergiftet war. Ich erinnere mich wie an einen Traum, daß ich halb getragen, halb geführt zum Wagen gebracht wurde und wir zur Station fuhren. Erst hier, als der Zug sich schon beinahe in Bewegung setzte, wurde es mir klar, daß meine Freiheit in meinen eigenen Händen lag. Ich sprang hinaus, sie versuchten, mich wieder in das Abteil zu schieben, und wäre mir nicht dieser brave Mann zu Hilfe gekommen, der mich zu einer Kutsche führte und hierher brachte, so wäre ich nicht freigekommen. Gott sei Dank, jetzt bin ich für immer ihrer Macht entzogen.«

Wir hatten alle aufmerksam diesen Enthüllungen gelauscht. Holmes brach zuerst das eingetretene Schweigen.

»Unsere Schwierigkeiten sind noch nicht zu Ende«, bemerkte er und schüttelte den Kopf. »Unsere Polizeiarbeit ist erledigt, aber nun beginnt unsere gerichtliche Arbeit.«

»Henderson hat noch allerlei Chancen«, sagte ich. »Ein gewiegter Verteidiger kann seinen Fall als einen Akt der Notwehr den Geschworenen glaubhaft machen. Henderson mag noch hundert Verbrechen begangen haben, aber nur dies eine an Garcia erlaubt eine gerichtliche Verfolgung.«

»Ei, so schlimm ist es nicht«, rief Baynes zuversichtlich. »Da denke ich doch besser von unserem englischen Recht. Notwehr ist doch eine ganz andere Sache, als wenn einer mit kaltem Blut mittels eines Zettels einen andern herauslockt, um ihn dann totzuschlagen, mag er auch für den Betreffenden ein gefährlicher Mensch gewesen sein. Nein, nein, wir dürfen sicher sein, daß die beiden Henker von High Gable verurteilt werden, wenn sie erst einmal vor den Geschworenen stehen.«


Es ist jedoch eine Tatsache, daß noch eine geraume Zeit verstrich, ehe der Tiger von San Pedro seinen verdienten Lohn erhielt. Kühn und verschlagen verwischten Murillo und Lopez ihre Spuren, indem sie in London in eine Fremdenpension in der Edmontonstraße eintraten und sie über den Hinterhof nach der Curzonstraße verließen. Von diesem Tage an wurden sie nicht mehr in London gesehen, überhaupt nicht in England. Ungefähr sechs Monate später wurden der Marchese von Montalva und Signor Rulli, sein Sekretär, zusammen in ihrem Zimmer im Hotel Escorial in Madrid ermordet. Das Verbrechen wurde mit der nihilistischen Propaganda in Verbindung gebracht, die Mörder nie entdeckt. Inspektor Baynes besuchte uns in der Bakerstraße mit einer gedruckten Beschreibung des dunkeln Gesichtes des Sekretärs und des herrischen Gesichtes, der magnetischen schwarzen Augen und der buschigen Brauen seines Herrn. Wir konnten kaum bezweifeln, daß es sich um Murillo und Lopez handelte, die von ihrer gerechten Strafe endlich ereilt waren.

»Ein chaotischer Fall, mein lieber Watson«, sagte Holmes bei einer abendlichen Pfeife. »Es wird dir diesmal nicht möglich sein, ihn in der zusammengefaßten Form, die dir so am Herzen liegt, der Öffentlichkeit zu unterbreiten. Der Fall Murillo-Garcia umfaßt zwei Erdteile, zwei Gruppen geheimnisvoller Persönlichkeiten und ist weiterhin kompliziert infolge der hochehrenwerten Anwesenheit unseres Freundes Scott Eccles, dessen Hereinspielen in den Fall mir zeigt, daß Garcia einen gut entwickelten Selbsterhaltungstrieb hatte und einen scharfen Geist, verbunden mit Menschenkenntnis. Der Fall ist für mich deshalb bemerkenswert, weil wir inmitten eines wahren Dschungels von Möglichkeiten zusammen mit unserm Freund Baynes doch das Wesentliche richtig erkannten und so durch alle Wirrnisse hindurch auf den gewundensten Pfaden an unser Ziel geführt wurden. Ist irgendein Punkt dir noch nicht ganz klar?«

»Ja, der Grund, weswegen der Koch zweimal zur Villa Wisteria zurückkam.«

»Ich denke mir, daß der Homunkulus in der Küche die Erklärung bietet. Der Koch war ein primitiver Wilder aus dem Innern von Mittelamerika, und das fremdartige menschenähnliche Ding war sein Fetisch. Nachdem er und sein Genosse in ein vorbereitetes Versteck – das ein weiterer Verbündeter sicher schon bewohnte – entflohen waren, vermißte der Koch seinen Fetisch, den er in der Überstürzung der Flucht zurückgelassen, so sehr, daß es ihn am andern Tag zu der Villa zurücktrieb. Hier fand er das Haus von dem Konstabler Walters bewacht. Er wartete drei Tage länger, dann trieb es ihn abermals zu seinem Idol. Inspektor Baynes, der mit seiner gewöhnlichen Verschmitztheit den Vorfall mir gegenüber als unwesentlich hingestellt hatte, war sich in Wirklichkeit über seine Bedeutung im klaren, und er stellte dem Fetischanbeter eine Falle, in die er denn auch prompt hineinging. Noch etwas unklar?«

»Der zerrissene Hahn, der Napf mit Blut, die verkohlten Knochen, der ganze Hexenzauber in der Küche.«

Holmes lächelte, als er in seinem Taschenbuch eine Notiz suchte.

»Ich verbrachte deswegen einen Vormittag im Britischen Museum und blätterte die einschlägige Literatur durch. Da finde ich ein Zitat aus Eckermann, Voduismus und verwandte Neger-Religionen: ›Der echte Voduanbeter unternimmt nichts von Bedeutung ohne gewisse Opfer, die den Zweck haben, seine unreinen Götter zu reinigen. In extremen Fällen nehmen diese Opfer die Form von Menschenopfern an, oft mit nachfolgendem Kannibalismus. Häufig sind die Opfertiere ein weißer Hahn, der lebend in Stücke gerissen wird, oder eine junge schwarze Ziege, der der Hals durchschnitten wird; der Körper wird dann verbrannt.‹ Du siehst also, der Koch war sehr orthodox. Es ist – grotesk, Watson.« Holmes fügte hinzu, als er langsam sein Taschenbuch mit einem roten Gummiband verschloß: »Wie ich schon früher Gelegenheit hatte zu bemerken, ist es vom Grotesken zum Entsetzlichen nur ein Schritt.«

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Der rote Kreis

Der rote Kreis

»Nun, Frau Warren, ich kann wirklich keinen Grund zu irgendwelcher Beunruhigung für Sie sehen, noch verstehe ich, weshalb ich, dessen Zeit wertvoll ist, mich in diese Angelegenheit mischen soll.« So sprach Sherlock Holmes und wandte sich wieder dem Briefordner zu, in welchen er die Aufzeichnungen über seine letzte Tätigkeit einreihte und registrierte.

Aber Frau Warren besaß die Beharrlichkeit und Schlauheit ihres Geschlechts. Sie ließ sich nicht beirren.

»Voriges Jahr halfen Sie einem meiner Mieter in einer schwierigen Frage«, sagte sie – »Herrn Fairdale Hobbs.«

»Ach ja – eine einfache Sache.«

»Und doch wird er nie aufhören, davon zu sprechen, – von Ihrer Güte, Herr Holmes, und wie Sie Licht in die dunkle Angelegenheit brachten. Ich erinnerte mich seiner Worte, als ich selbst jetzt auf einmal voll Zweifel und Sorge war. Ich weiß, Sie könnten, wenn Sie nur wollten.«

Holmes war der Schmeichelei zugänglich und auch – um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen – der Liebenswürdigkeit. Mit einem Seufzer der Ergebenheit legte er seine Feder auf den Tisch und schob den Stuhl zurück.

»Gut, Frau Warren, lassen Sie also Ihre Geschichte hören, Sie gestatten doch, daß ich rauche? Danke sehr! Watson – Zündhölzer! Sie fühlen sich unbehaglich, soviel ich verstanden habe, weil Ihr neuer Mieter in seinen Zimmern bleibt und Sie ihn nie sehen. Aber ich bitte Sie, Frau Warren, wenn ich Ihr Mieter wäre, würden Sie oft wochenlang nichts von mir sehen.«

»Zweifellos, Herr Holmes; aber hier liegen die Dinge anders. Es beängstigt mich. Ich kann aus Furcht nicht schlafen. Immer seinen raschen Schritt über mir hin- und hergehen zu hören, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht, und niemals auch nur einen Schimmer von ihm zu sehen, – das ist mehr, als ich ertragen kann. Mein Mann ist so erregt darüber wie ich; aber er ist den ganzen Tag fort bei seiner Arbeit, während ich nie davon los komme. Was hat er zu verbergen? Was hat er getan? Außer dem Dienstmädchen bin ich ganz allein mit ihm im Hause, und das halten meine Nerven nicht mehr lange aus.«

Holmes beugte sich vor und legte seine langen, mageren Finger auf die Schulter der Frau. Wenn er wollte, konnte er eine beinahe hypnotische Kraft der Beruhigung ausüben. Der gequälte Ausdruck wich aus ihren Augen, und ihr aufgeregtes Gesicht zeigte allmählich wieder mehr Fassung. Sie setzte sich auf den Stuhl, welchen er ihr anbot.

»Wenn ich mich damit beschäftigen soll, muß ich jede Einzelheit wissen«, sagte er. »Überlegen Sie in Ruhe. Der kleinste Punkt ist vielleicht der wichtigste. Sie sagten, der Mann sei vor zehn Tagen gekommen und hätte Ihnen Wohnung und Verpflegung für vierzehn Tage vorausbezahlt?«

»Er fragte mich nach meinen Bedingungen. Ich sagte fünfzig Schilling die Woche. Es ist ein kleines Wohn- und Schlafzimmer im Giebel des Hauses, und volle Verpflegung.«

»Nun?«

»Er sagte: ›Ich zahle Ihnen fünf Pfund in der Woche, wenn Sie auf gewisse Bedingungen eingehen.‹ Ich bin eine arme Frau, Herr Holmes, und mein Mann verdient wenig; dies Geld bedeutet eine große Summe für uns. Er zog eine Zehnpfundnote heraus und hielt sie mir unter die Augen. ›Dasselbe können Sie für lange Zeit alle vierzehn Tage haben, wenn Sie die Bedingungen erfüllen‹, sagte er. ›Wenn nicht, so will ich nichts mehr mit Ihnen zu tun haben.‹«

»Worin bestanden diese Bedingungen?«

»Erstens wollte er einen Hausschlüssel haben. Das ist ganz in der Ordnung; viele Mieter haben Hausschlüssel. Ferner will er vollständig sich selbst überlassen bleiben und darf niemals und aus gar keinem Grund gestört werden.«

»Das ist doch wirklich nichts Merkwürdiges?«

»An und für sich nicht, Herr Holmes. Und doch ist seine Lebensweise ohne Sinn und Verstand. Er wohnt nun zehn Tage bei uns, und weder ich noch mein Mann oder das Mädchen haben je das Geringste von ihm erblickt. Wir können diesen schnellen Schritt ruhelos über uns hören, hin und her, hin und her. Nachts, morgens und abends; aber den ersten Abend ausgenommen, ist er nicht ein einziges Mal ausgegangen.«

»Oh, in der ersten Nacht ging er also aus?«

»Ja, Herr Holmes, und kam sehr spät zurück, als wir schon alle zu Bett waren. Als er die Zimmer mietete, hatte er mir schon gesagt, daß er das tun würde und mich gebeten, die Haustüre nicht zu verriegeln. Ich hörte ihn nach Mitternacht heimkommen.«

»Aber seine Mahlzeiten?«

»Auf seine besondere Anweisung hin müssen wir immer, wenn er läutet, die Mahlzeiten auf einen Stuhl vor seiner Türe setzen. Dann läutet er wieder, wenn er fertig ist, und wir nehmen die Sachen vom selben Stuhl wieder weg. Wenn er irgend etwas braucht, so schreibt er es in Druckbuchstaben auf einen Fetzen Papier und legt ihn zu dem Eßgeschirr.«

»In Druckbuchstaben?«

»Ja, Herr Holmes; in Druckbuchstaben, mit Bleistift. Nur das betreffende Wort, nicht mehr. Hier ist einer, den ich mitbrachte, um ihn Ihnen zu zeigen – SEIFE. Hier ein anderer – ZUENDHOLZ – Da ist der, den er am ersten Morgen herauslegte – DAILY-GAZETTE. Ich lege ihm die Zeitung jeden Morgen auf sein Frühstücksbrett.«

»Wahrhaftig, Watson«, sagte Holmes, mit großem Interesse die Papierfetzen betrachtend, die die Hauswirtin ihm gegeben hatte, »das ist sicherlich ungewöhnlich. Zurückgezogenheit kann ich verstehen; aber warum Druckbuchstaben? Das geht so langsam. Warum schreibt er nicht in Kurrentschrift? Was bezweckt er damit?«

»Er wünscht seine Handschrift zu verbergen.«

»Aber warum? Was kann es ihm schaden, wenn seine Wirtin ein Wort in seiner Schrift liest? Doch mag es sein, wie du sagst. Aber warum nur immer diese einzelnen Wörter?«

»Ich kann es mir nicht erklären.«

»Hier öffnet sich ein weites Feld für vernünftige Überlegung. Die Worte sind mit einem gewöhnlichen, stumpfen, violettgefärbten Bleistift geschrieben. Du kannst sehen, daß das Papier hier an der Seite abgerissen wurde, nachdem das Wort schon geschrieben war; das S von SEIFE ist teilweise mit abgerissen worden. Schlau, Watson, nicht?«

»Aus Vorsicht?«

»Natürlich. Es war irgendein Zeichen auf dem Papier, ein Fingerabdruck, irgend etwas, das Aufklärung über die Persönlichkeit des Mieters hätte geben können. – Sie sagten, Frau Warren, daß der Mann von mittlerer Größe war, dunkelhaarig und einen Bart trug. Wie alt ist er wohl?«

»Ziemlich jung, – nicht über dreißig.«

»Gut. Können Sie mir sonst noch Mitteilungen über ihn machen?«

»Er sprach ein gutes Englisch, Herr Holmes, und doch hielt ich ihn seiner Aussprache nach für einen Ausländer.«

»Und er war gut gekleidet?«

»Sehr elegant gekleidet, Herr Holmes, – ganz Gentleman. Dunkler Anzug, nichts Auffälliges.«

»Er gab keinen Namen an?«

»Nein, Herr Holmes.«

»Und erhielt nie Briefe oder Besuche?«

»Keine.«

»Aber Sie oder das Dienstmädchen betreten doch morgens seine Zimmer?«

»Nein, Herr Holmes, er bedient sich ganz selbst.«

»Wahrhaftig! Das ist wirklich merkwürdig. Wie verhält sich’s mit seinem Gepäck?«

»Er hatte einen großen, brauen Koffer bei sich, sonst nichts.«

»Von großem Nutzen kann uns das alles nicht sein. Ist wirklich nichts aus dem Zimmer herausgekommen, – absolut nichts?«

Die Hauswirtin zog einen Briefumschlag aus ihrer Tasche; aus ihm schüttelte sie zwei angebrannte Zündhölzer und einen Zigarettenstummel auf den Tisch.

»Sie lagen auf seinem Servierbrett heute morgen. Ich brachte sie mit, weil mir erzählt worden war, daß Sie große Sachen aus kleinen Dingen herauslesen können.«

Holmes zuckte mit den Schultern.

»In diesem Fall wohl kaum«, sagte er. »Die Zündhölzer haben natürlich dazu gedient, die Zigarette anzuzünden. Das läßt sich aus der Kürze des verbrannten Teils erkennen. Um eine Pfeife oder Zigarre anzuzünden, braucht man ein halbes Streichholz. Aber hier, – der Zigarettenstummel ist wirklich merkwürdig. Der Herr trug Voll- und Schnurrbart, sagten Sie?«

»Jawohl, Herr Holmes.«

»Das verstehe ich nicht. Dies hier kann nur ein glattrasierter Mann geraucht haben. Was meinst du, Watson, selbst dein bescheidener Schnurrbart wäre versengt worden.«

»Ein Röhrchen?« vermutete ich.

»Nein, nein; das Ende ist verkaut. Halten sich nicht vielleicht zwei Personen in Ihren Zimmern auf, Frau Warren?«

»Nein, Herr Holmes. Er ißt so wenig, daß ich mich oft wundere, wie jemand dabei bestehen kann.«

»Nun, wir müssen abwarten, bis wir mehr Material beieinander haben. Allem nach haben Sie keinen Grund zur Klage. Sie haben Ihre Miete erhalten, und er ist kein lästiger, wenn auch ein ungewöhnlicher Mieter. Er bezahlt Sie gut, und wenn er in Verborgenheit leben will, so geht Sie das ja nichts weiter an. Wir haben keine Veranlassung, uns in sein Privatleben einzumischen, solange wir nicht Ursache haben anzunehmen, daß ein verbrecherischer Grund für sein Verhalten vorliegt. Ich habe mich der Sache angenommen und ich werde sie nicht aus dem Gesicht verlieren. Berichten Sie mir, wenn sich irgend etwas Neues ereignet, und verlassen Sie sich auf meinen Beistand, wenn er nötig werden sollte.« –

»In dieser Sache sind einige interessante Punkte, Watson«, bemerkte er, als die Hauswirtin uns verlassen hatte. »Es kann ganz gewöhnliche Überspanntheit sein; es kann aber auch etwas sehr viel Ernsteres sein, als es an der Oberfläche erscheint. Das erste, was einem auffällt, ist die offensichtliche Möglichkeit, daß die Person, welche jetzt die Zimmer inne hat, eine ganz andere ist als diejenige, welche sie mietete.«

»Woraus schließt du das?«

»Nun, abgesehen von dem Zigarettenstummel, – ist es nicht auffallend, daß der einzige Ausgang des Mieters stattfand unmittelbar nachdem er die Zimmer gemietet hatte? Er kam zurück, – oder jemand kam zurück, – als keine Zeugen mehr um den Weg waren. Was beweist uns, daß diejenige Person, welche zurückkam, die gleiche war, welche fortging? Dann weiter: der Mann, der die Zimmer mietete, sprach gut Englisch. Der andere dagegen schreibt mit Druckbuchstaben ›Zündholz‹ anstatt ›Zündhölzer‹. Ich kann mir vorstellen, daß das Wort einem Wörterbuch entnommen wurde, das nur die Einzahl, aber nicht die Mehrzahl angibt. Der kurze Stil sollte den Mangel an Kenntnis der englischen Sprache verbergen. Ja, Watson, genug Gründe zu dem Verdacht, daß hier eine Vertauschung der Mieter stattgefunden hat.«

»Aber zu welchem Zweck denn?«

»Ja! Hier liegt eben unsere Aufgabe. Es gibt ein Feld für unsere Nachforschungen, das sich schon oft als ertragreich erwiesen hat.« Damit holte er das große Buch herunter, in welches er täglich die »Seufzerecken« der zahlreichen Londoner Zeitungen einreihte. »Himmel!« sagte er, indem er die Blätter umwandte, »welcher Chor von Seufzern, Notschreien und Bitten! Welche Ansammlung sonderbarer Geschehnisse! Aber sicherlich der wertvollste Jagdgrund für denjenigen, welcher sich für das Ungewöhnliche interessiert! Dieser Mann ist allein und kann durch Briefe nicht erreicht werden, ohne daß das strenge Geheimnis, an dem ihm so viel liegt, durchbrochen werden müßte. Wie kann ihn irgendeine Nachricht oder Botschaft von außerhalb erreichen? Ohne Zweifel durch eine Anzeige in einer Zeitung. Ich wüßte keinen anderen Weg, und glücklicherweise haben wir es hier nur mit einer einzigen Zeitung zu tun. Hier sind die Ausschnitte aus der Daily Gazette der letzten vierzehn Tage. ›Dame mit schwarzer Boa in Fürst’s Schlittschuhklub –‹ das können wir überspringen. ›Jimmy, du wirst das Herz deiner Mutter brechen‹ – das gehört auch nicht hierher. ›Wenn die Dame, welche im Omnibus nach Brixton ohnmächtig wurde‹ – sie interessiert mich nicht. ›Täglich sehnt sich mein Herz‹ – Hoffnungsloses Gestöhne! Ah, dies hier scheint besser zu passen. Höre einmal: ›Sei geduldig. Werde Mittel und Wege finden, dich zu benachrichtigen. Inzwischen diese Zeitung. – G.‹ Dies erschien zwei Tage, nachdem Frau Warrens Mieter eingezogen war. Es klingt wahrscheinlich, nicht wahr? Der Unbekannte versteht Englisch, wenn er es auch nicht schreiben kann. Wir wollen sehen, ob wir die Spur noch weiterhin verfolgen können. Ja, hier ist etwas – drei Tage später. ›Treffe erfolgreiche Abkommen. Geduld und Vorsicht. Die Wolken werden vorüberziehen. – G.‹ Danach nichts mehr eine ganze Woche lang. Dann kommt eine viel bestimmtere Nachricht. ›Der Weg klärt sich. Wenn ich Gelegenheit habe, dann Signalbotschaft; erinnere an verabredete Zeichen eins A, zwei B usw. Du wirst bald von mir hören – G.‹ Das war in der gestrigen Zeitung und heute steht nichts drin. Es paßt alles recht gut auf Frau Warrens Mieter. Wenn wir noch ein wenig warten, Watson, so zweifle ich nicht, daß die Sache verständlicher wird.«

So war es auch; als ich am nächsten Morgen das Wohnzimmer betrat, stand mein Freund vor dem Kamin, den Rücken gegen das Feuer und auf den Zügen ein Lächeln vollständiger Befriedigung.

»Wie findest du das, Watson?« rief er, indem er die Zeitung vom Tisch aufnahm. ›Hohes, rotes Haus mit weißer Steinfassade. Dritter Stock. Zweites Fenster rechts. Nach Einbruch der Dämmerung. – G.‹ Das ist deutlich genug. Ich denke, wir machen nach dem Frühstück einen kleinen Forschungsgang durch Frau Warrens Wohnviertel. – Ah, Frau Warren! Welche Neuigkeiten bringen Sie uns heute morgen?«

Unsere Kundin war plötzlich in heftiger Bewegung ins Zimmer gestürzt, was auf eine neue und wichtige Entwicklung der Dinge schließen ließ.

»Es ist ein Fall für die Polizei, Herr Holmes!« schrie sie. »Ich will nichts mehr damit zu tun haben! Er soll machen, daß er aus meinem Haus kommt. Ich wäre direkt zu ihm hinaufgegangen, um ihm das zu sagen; doch dachte ich, es wäre höflicher, erst Ihre Meinung zu hören. Aber ich bin am Ende meiner Geduld, wenn es bis zur Mißhandlung meines alten Mannes kommt.«

»Herr Warren mißhandelt?«

»Wenigstens recht roh behandelt!«

»Aber wer behandelte ihn roh?«

»Das möchten wir ja gerade wissen! Es war heute morgen, Herr Holmes. Herr Warren ist Aufseher in der Fabrik von Morton und Waylight in Tottenham. Er muß vor sieben Uhr aus dem Haus gehen. Nun, heute früh war er noch keine zehn Schritte die Straße heruntergegangen, als ihn zwei Männer von hinten überfielen, ihm einen Rock über den Kopf warfen und ihn in eine Kutsche schoben, die am Straßenrand hielt. Sie fuhren eine Stunde mit ihm herum, dann öffneten sie den Schlag und stießen ihn hinaus. Er lag auf der Straße, so betäubt und verwirrt, daß er nicht sah, was aus der Kutsche wurde. Als er sich aufrappelte, bemerkte er, daß er sich auf der Hampsteader Heide befand; so nahm er einen Omnibus und liegt nun zu Hause auf dem Bett, während ich direkt zu Ihnen gelaufen bin, um Ihnen alles zu berichten.«

»Sehr interessant«, sagte Holmes. »Konnte er das Äußere dieser Männer erkennen? Hörte er sie sprechen?«

»Nein; er ist ganz verwirrt. Er weiß nur, daß er wie durch Zauber in den Wagen gehoben und wie durch Zauber wieder auf die Straße gesetzt wurde. Zwei Leute waren sicher bei ihm, vielleicht auch drei.«

»Und Sie bringen diesen Angriff in Verbindung mit Ihrem Mieter?«

»Wir leben jetzt fünfzehn Jahre in diesem Haus, und nie ist etwas derartiges passiert. Ich habe genug von dem Menschen. Geld allein tut’s auch nicht. Ehe der Tag herum ist, muß er mir aus dem Haus.«

»Warten Sie noch ein wenig, Frau Warren; überstürzen Sie nichts. Ich habe allmählich den Eindruck, als sei diese Angelegenheit sehr viel wichtiger, als es zuerst den Anschein hatte. Es ist mir jetzt ganz klar, daß Ihrem Mieter irgendeine Gefahr droht. Es ist mir auch klar, daß seine Feinde, die in der Nähe Ihrer Haustüre auf ihn lauerten, Ihren Mann in dem dunstigen Morgenlicht für ihn hielten. Als sie ihren Fehlgriff entdeckten, ließen sie ihn frei. Was sie getan haben würden, wenn es kein Fehlgriff gewesen wäre, das können wir nur vermuten.«

»Was soll ich denn tun, Herr Holmes?«

»Ich habe große Lust, Ihren Mieter zu sehen, Frau Warren.«

»Ich weiß nicht, wie sich das machen ließe, es sei denn, Sie brechen die Türe ein. Ich höre ihn immer auf- und zuschließen, wenn er seine Mahlzeiten von dem Stuhl hereinholt.«

»Er muß das Servierbrett von dem Stuhl wegnehmen. Gewiß könnten wir uns irgendwo verbergen und ihn dabei beobachten.«

Die Hauswirtin überlegte einen Augenblick.

»Ja, Herr Holmes, es ist eine Kofferkammer gegenüber. Ich könnte vielleicht einen Spiegel aufhängen, und wenn Sie hinter der Türe stehen –«

»Großartig!« sagte Holmes. »Wann ißt er zu Mittag?«

»Um ein Uhr, Herr Holmes.«

»Doktor Watson und ich werden zur rechten Zeit dort sein. Für jetzt, Frau Warren, auf Wiedersehen!« –

Um ½1 Uhr befanden wir uns vor Frau Warrens Haus, einem hohen, schmalen, gelben Backsteinhaus in der Großen Ormestraße, einem schmalen Durchgang auf der Nordostseite des Britischen Museums. Da es nahe einer Straßenkreuzung steht, so sieht man von ihm aus die Howestraße hinunter, mit ihren anspruchsvolleren Gebäuden. Holmes deutete mit einer Schulterbewegung nach einem derselben, einem großen, eleganten Mietshaus.

»Sieh‘ dorthin, Watson!« sagte er. »›Hohes, rotes Haus mit weißer Steinfassade.‹ Das ist sicher die Signalstation. Wir kennen den Ort, und wir kennen den Code; so wird unsere Aufgabe einfach sein. Im Fenster hängt ein Schild ›Zu vermieten‹; das Stockwerk scheint leer zu sein, und der Verbündete hat Zutritt dazu. – Nun, Frau Warren, wie steht’s?«

»Ich habe alles bereit für Sie. Wollen Sie, bitte, Ihre Stiefel unten im Vorplatz lassen und mit mir heraufkommen; ich will Ihnen den Ort zeigen.«

Es war ein vortreffliches Versteck, welches sie vorbereitet hatte. Der Spiegel war so angebracht, daß wir aus unserer dunkeln Ecke die gegenüberliegende Türe doch sehr deutlich sehen konnten. Kaum hatte uns Frau Warren verlassen, als ein fernes Klingelzeichen ankündigte, daß unser geheimnisvoller Nachbar geläutet hatte. Alsbald erschien die Hausfrau mit dem Brett, setzte es auf den Stuhl neben der verschlossenen Türe und verschwand dann wieder, schwer auftretend. In dem Türwinkel zusammengedrückt, ließen wir kein Auge von dem Spiegel. Plötzlich, als die Schritte der Frau nur noch von ferne zu hören waren, drehte sich der Schlüssel im Schloß, die Türklinke bewegte sich, und zwei schmale Hände fuhren eilig heraus und nahmen das Brett vom Stuhl weg. Aber sofort wurde es wieder abgestellt, und ich konnte einen kurzen Augenblick lang ein schönes, dunkles Köpfchen sehen, welches mit entsetzten Augen nach der halboffenen Kammertüre blickte. Dann wurde die Zimmertüre zugeworfen, der Schlüssel drehte sich wieder, und alles war still. Holmes zupfte mich am Ärmel, und wir stahlen uns wieder die Treppe hinunter.

»Ich will heute abend noch einmal vorbeikommen«, sagte er zu der erwartungsvollen Hauswirtin. »Ich meine, Watson, wir sprechen über diese Dinge besser in unserer eigenen Wohnung.«

»Wie du gesehen hast, hat meine Vermutung gestimmt«, sagte er aus der Tiefe seines Klubsessels heraus. »Es hat ein Austausch der Mieter stattgefunden. Was ich aber nicht voraussah, war, daß wir eine Frau vorfinden würden – und keine gewöhnliche Frau, Watson!«

»Sie sah uns.«

»Sie sah etwas, was sie beunruhigte. Das stimmt. – Die Zusammenhänge sind mir ganz klar: Ein Paar sucht in London Schutz vor einer sehr drohenden, großen Gefahr. Der Maßstab für die Gefahr ist die Strenge der Vorsichtsmaßregeln. Der Mann, der irgendwelche Geschäfte zu erledigen hat, wünscht die Frau inzwischen in absoluter Sicherheit zu wissen. Das ist keine leichte Aufgabe, und doch hat er sie in so origineller Weise gelöst, daß selbst die Hausfrau, welche die Frau mit Nahrung versorgte, nichts von ihrer Anwesenheit wußte. Es ist klar, daß die Benützung von Druckbuchstaben den Zweck hatte, die Entdeckung des Geschlechts des Bewohners der Zimmer aus der Handschrift zu verhindern. Der Mann kann die Frau nicht besuchen, ohne den Feinden den Weg zu ihr zu weisen. Da er keine direkte Verbindung mit ihr hat, so nimmt er seine Zuflucht zu der ›Seufzerecke‹ einer Zeitung. Soweit ist alles klar.«

»Aber was liegt dem allem zugrunde?«

»Ach ja, Watson – praktisch, wie gewöhnlich! Was liegt dem allen zugrunde? Frau Warrens wunderliche Befürchtungen rechtfertigen sich immer mehr und geben, je länger wir uns damit beschäftigen, das Bild eines ernsten Falls. So viel ist sicher: daß es keine gewöhnliche Liebesgeschichte ist. Wir haben das angstvolle Gesicht der Frau gesehen. Wir haben von dem Überfall auf Herrn Warren gehört, der unzweifelhaft dem Mieter gegolten hat. Alles beweist, daß es sich um eine Sache auf Leben oder Tod handelt. Der Angriff auf Herrn Warren beweist ferner, daß die Feinde, wer sie auch immer sein mögen, nichts von dem Austausch des männlichen Mieters gegen den weiblichen wissen. Es ist eine sonderbare und komplizierte Geschichte, Watson.«

»Willst du dich noch länger damit befassen? Was kannst du dabei gewinnen?«

»Gewiß nicht viel. Aber der Fall interessiert mich. Als du noch deinen Beruf als Arzt ausübtest, hast du dich auch mit gewissen Fällen beschäftigt ohne einen Gedanken an Entlohnung.«

»Zu meiner Weiterbildung, Holmes.«

»Weiterbildung hört nie auf, Watson. Auch dies hier ist ein lehrreicher Fall. Es ist dabei weder Geld noch Ruhm zu ernten, und doch kann ich nicht ruhen, ehe ich eine Lösung gefunden habe. Bei Einbruch der Dunkelheit werden wir eine Stufe weiter in unseren Nachforschungen sein.«

Als wir zu Frau Warren zurückkehrten, hing der düstere Winterabend wie ein dichter grauer Vorhang in den Londoner Straßen, durchbrochen einzig von den gelben Vierecken der beleuchteten Fenster und den verschwommenen Lichtkreisen der Gaslaternen. Als wir aus Frau Warrens verdunkeltem Wohnzimmer auf die Straße spähten, fiel uns ein schwacher Lichtschein auf, welcher aus der Richtung des bewußten Hauses in der Howestraße zu kommen schien.

»Dort bewegt sich etwas«, flüsterte Holmes, mit angespannter Aufmerksamkeit durch die Fensterscheibe spähend. »Ja, ich kann einen Schatten sehen. Jetzt wieder! Er hat eine Kerze in der Hand. Jetzt beugt er sich zum Fenster hinaus; er will sich überzeugen, ob sie auf dem Posten ist. Jetzt gibt er Zeichen. Zähle, Watson, damit wir uns nachher gegenseitig kontrollieren können. Ein einziges Zeichen, – das ist gewiß A. Weiter! Wieviel hast du? Neunzehn. Ich auch. Das heißt T. ›At‹ also! Noch einmal T.«

Und nun folgten E-N-T-A. Wir waren verblüfft. Benützten sie eine Chiffre?

»Das kann doch nicht alles sein, Watson? ›Attenta‹ gibt keinen Sinn. Es gibt auch keinen Sinn, wenn man es in zwei oder drei Worte teilt. – Jetzt geht es wieder los. Was soll das heißen? ›Atte‹ –, wie? Dieselbe Botschaft noch einmal? Sonderbar, Watson, sehr sonderbar! Jetzt ist es wieder aus. ›At‹ nun wiederholt er sie zum drittenmal. ›Attenta‹ dreimal! Wie oft will er das Wort wiederholen? Aber jetzt scheint wirklich Schluß zu sein. Er hat sich vom Fenster zurückgezogen. Wofür hältst du das alles, Watson?«

»Für eine Signalbotschaft, Holmes.«

Mein Freund fing plötzlich an zu kichern. »Und nicht einmal schwierig zu entziffern«, sagte er. »Das ist natürlich Italienisch! Das ›A‹ am Schluß bedeutet, daß die Botschaft an eine Frau gerichtet ist. ›Hüte dich! Hüte dich! Hüte dich!‹ Was hältst du davon, Watson?«

»Ich glaube, du hast das Rechte getroffen.«

»Kein Zweifel daran! Es ist eine recht dringende Botschaft, – dreimal wiederholt, um sie noch eindringlicher zu machen. Aber wovor soll sie sich hüten? Einen Augenblick – er kommt wieder ans Fenster.«

Wieder sahen wir die schwachen Umrisse eines vorgebeugten Mannes und das Flackern der kleinen Flamme. Diesmal kamen die Zeichen schneller, so schnell, daß es schwer war, nachzuzählen.

»›Pericolo‹ – ›Pericolo‹ –; was heißt das? Gefahr, nicht, Watson? Ja, Himmel, es ist ein Warnungssignal! Jetzt kommt es wieder: ›Peri‹ – Hallo was mag das –«

Das Licht war plötzlich erloschen, das schwach erleuchtete Fensterviereck war verschwunden, und das dritte Stockwerk des Mietshauses bildete ein dunkles Band um das hohe Gebäude, zwischen den Reihen erleuchteter Fenster. Der letzte Warnungsruf war unterbrochen worden. Wie und durch wen? Diese Frage entstand gleichzeitig in uns beiden. Holmes wandte sich mir lebhaft zu.

»Es wird ernst, Watson«, rief er. »Irgendeine Teufelei geht dort vor sich! Wie könnte eine solche Botschaft sonst auf diese Weise endigen? Ich sollte die Polizei darauf aufmerksam machen – jedoch, wir dürfen unsere Beobachtungen jetzt nicht unterbrechen.«

»Soll ich zur Polizei laufen?«

»Wir müssen erst selbst etwas klarer in der Sache sehen. Vielleicht findet alles eine ganz harmlose Erklärung. Komm‘, Watson, wir wollen hinübergehen und sehen, was zu tun ist.«

Als wir eilig der Howestraße zuschritten, blickte ich zurück nach dem Haus, welches wir soeben verlassen hatten. Da, am Giebelfenster, konnte ich die schwachen Umrisse einer Gestalt, einer weiblichen Gestalt erkennen, welche unverwandt, starr in die Nacht hinausblickte und mit atemloser Angst auf die Wiederholung der unterbrochenen Botschaft wartete.

Am Eingang zu dem großen Mietshaus lehnte ein Mann, in Schal und Mantel gehüllt. Als das Licht der Vorhalle auf unsere Gesichter fiel, richtete er sich auf.

»Holmes«, rief er.

»Wahrhaftig, Gregson!« sagte mein Gefährte, als er dem Detektiv von Scotland Yard die Hand schüttelte. »Was tun Sie hier?«

»Wahrscheinlich dasselbe wie Sie«, sagte Gregson. »Doch kann ich mir nicht denken, woher Sie etwas davon wissen.«

»Verschiedene Fäden, die zum selben Knoten führen. Ich habe soeben die Signale aufgefangen.«

»Signale?«

»Ja, vom Fenster aus. Sie brachen plötzlich ab. Wir kamen herüber, um die Ursache kennenzulernen; doch da die Sache sicher in Ihren Händen ruht, sehe ich keinen Grund, mich einzumischen.«

»Warten Sie ein wenig!« rief Gregson eifrig. »Ich muß Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen! Ich habe mich stets stärker gefühlt, wenn ich Sie an meiner Seite wußte. Dies hier ist der einzige Ausgang des Gebäudes. So haben wir ihn ganz sicher.«

»Wen – ihn?«

»Nun, diesmal sind wir Ihnen über, Herr Holmes, das müssen Sie zugeben.« Er stieß mit seinem Stock scharf gegen den Boden, worauf ein Mann aus einer Taxe stieg, welche auf der gegenüberliegenden Seite der Straße hielt, und auf uns zu kam. »Darf ich Sie Herrn Sherlock Holmes vorstellen?« sagte Gregson. »Dies ist Herr Leverton von Pinkertons Detektivinstitut in Amerika.«

»Der Held der geheimnisvollen Kellergeschichte auf Long Island?« sagte Holmes. »Herr Leverton, ich freue mich sehr, Sie kennen zu lernen.«

Der Amerikaner, ein stiller, junger Mann mit glattrasiertem, scharfgeschnittenem Gesicht errötete bei diesen lobenden Worten. »Ich bin auf der größten Fährte meines Lebens, Herr Holmes«, sagte er. »Wenn ich Georgiano fangen könnte –«

»Wie, Georgiano, vom ›Roten Kreis‹?«

»Oh, hat er auch europäischen Ruf? In Amerika wissen wir viel von ihm. Wir wissen, daß er an der Spitze von fünfzig Mördern steht, und doch wissen wir nichts Bestimmtes, um ihn fassen zu können. Ich folgte seiner Spur von Neuyork herüber und bin nun seit einer Woche in London hinter ihm her, auf irgendeinen Grund lauernd, um ihn fassen zu können. Herr Gregson und ich folgten ihm bis hier in dieses große Haus. Und da es nur diesen einen Ausgang hat, so kann er uns nicht entwischen. Drei Leute haben inzwischen das Haus verlassen, doch ich kann schwören, daß er nicht darunter war.«

»Herr Holmes erzählt von Signalen«, sagte Gregson.

»Ich nehme wie gewöhnlich an, daß er ein gut Teil mehr weiß wie wir.«

In wenigen kurzen Worten erzählte Holmes, was wir beobachtet hatten. Der Amerikaner schlug die Hände zusammen vor Verdruß.

»Er hat Wind von uns bekommen!« rief er.

»Wieso meinen Sie?«

»Nun, anders läßt es sich nicht erklären. Hier ist er und gibt seinen Verbündeten Zeichen, – es sind verschiedene von seiner Bande in London. Dann, gerade als er im Begriff ist, ihnen mitzuteilen, daß Gefahr droht, bricht er plötzlich ab. Was kann das anderes bedeuten, als daß er uns vom Fenster aus entdeckt hat, oder sonstwie erfahren, wie drohend die Gefahr ist und sich eiligst davon gemacht hat, um ihr zu entgehen. Wozu raten Sie, Herr Holmes?«

»Daß wir sofort hinaufgehen und selbst nachsehen.«

»Aber wir haben keine Vollmacht zu seiner Verhaftung.«

»Er hält sich unter verdächtigen Umständen in unbewohnten Räumen auf«, sagte Gregson. »Das genügt für den Augenblick. Wenn wir ihn erst am Kragen haben, so wird Neuyork uns schon helfen, ihn festzuhalten. Ich nehme die Verantwortung seiner Verhaftung auf mich.«

Unsere amtlichen Detektivs sind häufig Stümper in Sachen des Verstands, doch nie, wenn es sich um persönlichen Mut handelt.

Ruhig und geschäftsmäßig stieg Gregson die Treppe hinauf, um diesen gefährlichen Mörder festzunehmen, als handelte es sich um eine Treppe im Gerichtsgebäude. Der Mann von Pinkertons Detektivinstitut hatte versucht, sich vorzudrängen, aber Gregson hielt ihn mit dem Ellbogen zurück.

Die Glastüre zum dritten Stockwerk stand halb offen. Gregson stieß sie auf. Drinnen war alles still und dunkel. Als das Licht heller wurde, hielten wir alle vor Überraschung den Atem an. Auf dem Fußboden waren frische Blutspuren, welche bis zu einer geschlossenen Türe führten. Gregson riß sie auf und ließ den vollen Schein seiner Lampe vor sich herfallen, während wir gespannt über seine Schultern blickten.

Mitten auf dem Fußboden des leeren Raumes lag in einem breiten Kreis von Blut der Körper eines riesigen Mannes. Das glattrasierte, gebräunte Gesicht war schauerlich verzerrt, das Haupt von einem unheimlichen feuchten roten Band umgeben. Die Knie waren hinaufgezogen und die Hände in Todesangst gespreizt; aus seinem starken, braunen Hals ragte das Heft eines tief in den Körper gestoßenen Messers. Der Riese mußte bei diesem schrecklichen Stoß wie ein gefällter Ochse zusammengebrochen sein. Neben seiner rechten Hand lag ein furchtbarer, zweischneidiger Dolch mit Horngriff auf dem Boden und daneben ein schwarzer Lederhandschuh.

»Bei Gott! Es ist der schwarze Georgiano selbst«, schrie der Amerikaner. »Irgend jemand ist uns zuvorgekommen.«

»Hier liegt die Kerze auf dem Fenstersims, Herr Holmes«, sagte Gregson. »Aber was haben Sie im Sinn?«

Holmes war ans Fenster getreten. Er hatte die Kerze angezündet und bewegte sie durch das offene Fenster vor und zurück. Dann blies er sie aus und warf sie auf den Boden.

»Ich denke, das wird uns helfen«, sagte er. Er trat in tiefe Gedanken versunken zu den andern, während diese die Leiche untersuchten.

»Sie sagten, drei Leute hätten das Haus verlassen, während Sie unten warteten«, sprach er endlich. »Sahen Sie sie genau?«

»Jawohl.«

»War ein Mann dabei, etwa dreißig Jahre alt, mit schwarzem Bart und von mittlerer Größe?«

»Ja; er war der letzte, der an mir vorbeiging.«

»Das ist der Mann, den Sie suchen, vermute ich. Ich kann Ihnen seine genaue Beschreibung beschaffen, und außerdem hat er musterhafte Fußspuren hinterlassen. Das genügt zunächst.«

»Nicht ganz, Herr Holmes, unter den vielen Millionen in London.«

»Vielleicht nicht. Deshalb hielt ich es für das Beste, die Dame zu Ihrer Hilfe herbeizurufen.«

Wir alle wandten uns bei diesen Worten um. Da, in der Türöffnung stand eine große schöne Frau, – die geheimnisvolle Bewohnerin von Frau Warrens Giebelzimmern. Langsam schritt sie vorwärts, das Gesicht bleich und von Angst und Furcht entstellt, die Augen mit entsetztem Blick auf den dunklen Körper am Boden geheftet.

»Sie haben ihn getötet!« flüstert« sie. »Oh, Dio mio, sie haben ihn getötet!« Dann holte sie tief Atem und sprang mit einem Freudenschrei in die Luft. In die Hände klatschend tanzte sie im Zimmer umher; ihre Augen funkelten vor Entzücken und tausend wohlklingende italienische Ausrufe entströmten ihren Lippen. Es war merkwürdig und schrecklich zu sehen, wie die Frau bei einem solchen Anblick halb verrückt vor Freude war. Plötzlich hielt sie inne und sah uns fragend an.

»Aber Sie? Sie gehören zur Polizei, nicht wahr? Sie haben Giuseppe Georgiano getötet, nicht wahr?«

»Wir gehören zur Polizei, Madame.«

Sie blickte suchend in die dunkeln Winkel des Zimmers.

»Aber, wo ist Gennaro?« fragte sie. »Mein Mann, Gennaro Lucca? Ich bin Emilia Lucca, und wir sind von Neuyork. Wo ist Gennaro? Er rief mich doch soeben von diesem Fenster aus, und ich eilte herüber, so schnell ich konnte.«

»Nicht er, sondern ich rief Sie«, sagte Holmes.

»Sie! Wie konnten Sie das?«

»Ihr Signalkode war nicht schwierig, Madame. Ihre Anwesenheit hier war wünschenswert. Ich wußte, daß ich nur die Zeichen für Vieni zu geben brauchte und Sie würden sogleich kommen.«

Die schöne Italienerin blickte scheu auf meinen Gefährten.

»Ich weiß nicht, woher Sie das alles wissen«, sagte sie. »Wie konnte Giuseppe Georgiano –«; sie hielt inne, und dann plötzlich erstrahlte ihr Gesicht in Stolz und Entzücken. »Jetzt verstehe ich! Mein Gennaro! Mein herrlicher, prächtiger Gennaro, der mich sicher vor Schaden und Gefahr bewahrt hat, – er tat es mit seiner eigenen starken Hand, er tötete das Ungeheuer! O Gennaro, wie herrlich bist du! Kann eine Frau je eines solchen Mannes wert sein?«

»Nun, Frau Lucca«, sagte der prosaische Gregson, indem er seine Hand so wenig zart auf den Arm der Frau legte, als ob sie ein betrunkener Matrose wäre. »Es ist mir noch nicht ganz klar, wer oder was Sie sind; aber so viel weiß ich, daß wir Sie vor Gericht brauchen.«

»Einen Augenblick, Gregson«, sagte Holmes. »Ich glaube, daß dieser Dame ebensoviel daran gelegen ist, uns aufzuklären, als uns, etwas Näheres zu erfahren. Sie können sich denken, Frau Lucca, daß Ihr Mann wegen des Todes des Mannes, der hier liegt, zur Rechenschaft gezogen werden wird. Ihre Aussage wird als Zeugnis dienen. Wenn Sie aber glauben, daß er aus andern als verbrecherischen Gründen gehandelt hat, dann können Sie ihm vielleicht nicht besser dienen, als indem Sie uns die ganze Geschichte erzählen.«

»Jetzt, wo Georgiano tot ist, fürchten wir nichts mehr«, sagte die Dame. »Er war ein Teufel und ein Ungeheuer, und kein Richter in der ganzen Welt wird meinen Mann dafür bestrafen, daß er ihn getötet hat.«

»In diesem Fall«, sagte Holmes, »schlage ich vor, daß wir hier alles liegen lassen, wie wir es gefunden haben, die Türe abschließen und mit der Dame in ihr Zimmer gehen. Eine Meinung können wir uns erst bilden, wenn wir gehört haben, was sie uns zu erzählen hat.«

Eine halbe Stunde später saßen wir alle vier in dem kleinen Wohnzimmer der Signora Lucca und lauschten der Erzählung der erschütternden Ereignisse, von deren Abschluß wir Zeugen geworden waren. Sie sprach fließend, aber fehlerhaft. Um der Deutlichkeit willen will ich ihren Bericht in gute Form bringen.

»Ich bin geboren in Posilippo bei Neapel«, sagte sie. »Mein Vater war Augusto Barelli, ein Advokat und früher Abgeordneter der Gegend. Gennaro war bei meinem Vater angestellt, und ich verliebte mich in ihn, wie es nicht anders möglich war. Er hatte weder Geld noch Stellung – nur seine Schönheit, Stärke und Tatkraft, – so verbot mir mein Vater den Verkehr mit ihm. Wir flohen miteinander, heirateten in Bari, verkauften meine Schmucksachen, um die Überfahrt nach Amerika bezahlen zu können. Das war vor vier Jahren und seither lebten wir in Neuyork.

Das Glück war uns anfangs hold. Es gelang Gennaro, einem italienischen Herrn einen Dienst zu erweisen. Er stand ihm gegen einige Straßenräuber bei an einem Ort, genannt Bowery, – und erwarb sich dadurch einen mächtigen Freund. Sein Name war Tito Castalotte, und er war der Hauptteilhaber der großen Firma Castalotte und Zamba, des größten Früchteimportgeschäfts in Neuyork. Signor Zamba ist leidend, und unser neuer Freund herrschte unumschränkt in dem Geschäft, welches mehr als 300 Leute beschäftigt. Er gab meinem Mann eine Anstellung, machte ihn zum Vorstand einer Abteilung und bewies ihm auf jede Weise sein Wohlwollen. Signor Castalotte war Junggeselle; er sorgte für Gennaro wie für einen Sohn, und auch wir liebten ihn, als wäre er unser Vater. Wir hatten ein kleines Haus in Brooklyn gemietet, und unsere Zukunft schien gesichert, als die düstere Wolke an unserem Himmel erschien.

Eines Abends, als Gennaro von der Arbeit zurückkam, brachte er einen Landsmann mit. Sein Name war Georgiano, und er kam auch von Posilippo. Er war ein sehr großer Mann, wie Sie ja gesehen haben, denn Sie sind vor seiner Leiche gestanden. Aber nicht nur sein Körper war der eines Riesen, alles an ihm war riesenhaft, absonderlich und furchterregend. Seine Stimme dröhnte wie Donnergroll in unserem kleinen Haus; es war kaum genug Platz für die lebhaften Bewegungen seiner langen Arme, wenn er sprach. Seine Gedanken, seine Gemütsbewegungen, seine Leidenschaften, alles war übertrieben und ungeheuerlich. Er sprach oder vielmehr brüllte mit solcher Gewalt, daß wir andern nur still sitzen und den Schwall seiner Worte über uns strömen lassen konnten. Seine Augen funkelten und hielten jedermann im Bann. Er war ein wunderbarer und schrecklicher Mann. Ich danke Gott, daß er tot ist!

Er kam wieder und wieder. Doch merkte ich deutlich, daß Gennaro so wenig Freude an seiner Gegenwart hatte wie ich. Mein armer Mann saß bleich und still dabei, wenn unser Besuch seine endlosen Reden über Politik und soziale Fragen hielt. Gennaro sagte nichts; doch konnte ich in seinem Gesicht lesen, was ich nie zuvor darin gesehen hatte. Anfangs hielt ich es für Abneigung; dann allmählich merkte ich, daß es mehr als Abneigung war. Es war Furcht, tiefe, geheime, zitternde Furcht. In der Nacht, da ich mir darüber klar wurde, legte ich meine Arme um seinen Hals und flehte ihn an, bei seiner Liebe zu mir und bei allem, was ihm teuer war, mir nichts zu verheimlichen und mir zu sagen, weshalb dieser große Mann sein Gemüt so sehr verdüstere.

Er erzählte mir, und mein Herz gefror beim Zuhören vor Entsetzen zu Eis. Mein armer Gennaro war in seinen jungen und hitzigen Tagen, als die ganze Welt sich gegen ihn verbündet zu haben schien und er halb verrückt war über die Ungerechtigkeiten des Lebens, einer Gesellschaft in Neapel beigetreten, genannt ›Der rote Kreis‹, welche mit den alten Carbonari verbündet waren. Die Schwüre und Geheimnisse dieser Bruderschaft waren fürchterlich. Wer einmal aufgenommen war, konnte nie wieder davon loskommen. Als wir nach Amerika geflohen waren, dachte Gennaro, auch dieser Gesellschaft für immer entflohen zu sein. Wer beschreibt sein Entsetzen, als er eines Tages auf der Straße demselben Mann begegnete, der ihn in den Bund eingeführt hatte, dem Riesen Georgiano, dem Mann, welcher in Süditalien den Namen ›der Tod‹ führte, denn seine Hände trieften von Blut. Auf der Flucht vor der italienischen Polizei war er nach Neuyork gekommen und hatte auch in seiner neuen Heimat bereits eine Filiale der schrecklichen Gesellschaft gegründet. All dies erzählte mir Gennaro und zeigte mir eine Aufforderung, welche er am selben Tage erhalten hatte. Sie enthielt die Nachricht, daß an einem gewissen Tag eine Loge abgehalten würde, und den strengen Befehl, daran teilzunehmen. Über dem Ganzen war ein roter Kreis gezeichnet.

Das war eine schlimme Sache, aber es sollte noch schlimmer kommen. Schon seit längerer Zeit hatte ich beobachtet, daß Georgiano, wenn er, was jetzt regelmäßig geschah, des Abends zu uns kam, viel mit mir sprach; und selbst wenn er seine Worte an meinen Mann richtete, so verfolgte er mich mit seinen durchbohrenden Raubtierblicken. Ich hatte in ihm erweckt, was er Liebe nannte, – die Liebe eines Wilden, einer Bestie. Eines Abends war Gennaro noch nicht zu Hause, als er kam. Er stürzte herein, preßte mich in seine mächtigen Arme, bedeckte mich mit Küssen und flehte mich an, mit ihm zu gehen. Ich sträubte mich und schrie, als Gennaro eintrat und mir zu Hilfe eilte. Georgiano mißhandelte meinen Mann furchtbar und floh aus dem Haus, um es nie wieder zu betreten. In dieser Nacht hatten wir uns einen Todfeind gemacht.

Wenige Tage später war die Zusammenkunft. Gennaro kehrte davon zurück mit einem Gesicht, welches mir sagte, daß sich etwas Gräßliches ereignet haben mußte. Es war schlimmer als alles, was wir uns hätten vorstellen können. Die Gesellschaft bezog ihr Vermögen aus Erpressungen an reichen Italienern. Wenn diese das Geld verweigerten, so wurden sie mit Gewalttaten bedroht. Auch an unseren lieben Freund und Wohltäter Castalotte schienen sie in dieser Weise herangetreten zu sein; er hatte sich geweigert und die Sache der Polizei übergeben. Es wurde nun beschlossen, ein solches Beispiel an ihm zu statuieren, daß jedem künftigen Opfer die Lust zu ähnlichem Handeln vergehen sollte. Bei der Zusammenkunft wurde nun beschlossen, ihn mit seinem ganzen Haus mit Dynamit in die Luft zu sprengen. Durch das Los sollte bestimmt werden, wer die Tat auszuführen hatte. Gennaro sah unseres Feindes Gesicht mit grausamem Lächeln auf sich gerichtet, als er seine Hand in den Beutel steckte. Ohne Zweifel war die Sache irgendwie vorher zurecht gemacht worden, denn als mein Mann die Hand zurückzog, lag darin der verhängnisvolle Befehl zum Mord. Er mußte seinen besten Freund töten, oder er setzte sich selbst der Rache seiner Gefährten aus. Es gehörte zu ihren grausamen Satzungen, diejenigen, welche sie fürchteten oder haßten, nicht nur selbst, sondern alle, die sie liebten, mit dem Tode zu bedrohen. Gennaro wußte das und war halb wahnsinnig vor Furcht.

Diese ganze Nacht saßen wir beisammen, die Arme umeinander geschlungen und uns gegenseitig tröstend und Mut zusprechend. Am nächsten Abend sollte das Verbrechen ausgeführt werden. Am Nachmittag waren mein Mann und ich auf dem Wege nach London, aber nicht ohne unseren Wohltäter vorher gewarnt und die Polizei von allem in Kenntnis gesetzt zu haben, um sein Leben für die Zukunft gesichert zu wissen. Das übrige wissen Sie selbst, meine Herren. Wir wußten, daß die Bande wie unser Schatten hinter uns her sein würde. Georgiano hatte auch noch seine Privatgründe zur Rache, und wir wußten, wie unbarmherzig, schlau und unermüdlich er sein konnte. Die wenigen ruhigen Tage, welche wir hier hatten, benützte mein Geliebter, um mir einen Zufluchtsort auszusuchen, an dem mich keinerlei Gefahr erreichen konnte. Er selbst mußte frei sein, um ungehindert mit der amerikanischen und italienischen Polizei in Verbindung bleiben zu können. Ich weiß selber nicht, wo und wie er lebte. Durch eine Zeitung ließ er mir ab und zu kurze Nachrichten zukommen. Aber einmal, als ich durch das Fenster blickte, sah ich zwei Italiener, welche das Haus bewachten; es war mir sofort klar, daß Georgiano irgendwie unseren Versteck ausfindig gemacht hatte. Endlich teilte mir Gennaro durch die Zeitung mit, daß er mir von einem gewissen Fenster aus Zeichen geben würde. Als die Zeichen endlich kamen, waren es nur Warnungen, welche plötzlich abbrachen. Jetzt ist es mir ganz klar, daß er Georgiano ganz in seiner Nähe wußte und daß er, Gott sei Dank!, bereit war, ihm den gebührenden Empfang zuteil werden zu lassen.

Und nun, Signori, frage ich Sie, ob wir irgend etwas von den Gerichten zu fürchten haben, oder ob irgendein Richter auf Erden meinen Gennaro für das verurteilen könnte, was er getan hat?«

»Herr Gregson«, sagte der Amerikaner zu dem englischen Detektiv, »ich kenne Ihre britischen Ansichten nicht, aber ich vermute, daß die amerikanischen Gerichte dem Gemahl dieser Dame außerordentlich dankbar sein werden.«

»Sie muß mich jetzt zum Chef begleiten«, antwortete Gregson. »Wenn sich bestätigt, was sie gesagt hat, so glaube ich kaum, daß sie oder ihr Mann viel zu fürchten haben werden. – Aber was mir noch ganz unverständlich ist, Herr Holmes! Wie zum Kuckuck kamen Sie dazu, sich mit dieser Sache zu befassen?«

»Schlußfolgerung, Gregson, Schlußfolgerung! Immer nach der alten Schule! Für dich, Watson, ist diese Geschichte ein neuer Beitrag zu deiner Sammlung. Übrigens ist es noch nicht acht Uhr und im Covent Garden Theater wird eine Wagneroper gespielt! Wenn wir uns beeilen, kommen wir noch recht zum zweiten Akt.«

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Das Verschwinden der Lady Frances Carfax

Das Verschwinden der Lady Frances Carfax

»Aber weshalb türkisch?« fragte Sherlock Holmes und betrachtete dabei aufmerksam meine Schuhe. Ich saß in einem bequemen Sessel zurückgelehnt, und meine langgestreckten Beine hatten seine jederzeit lebendige Aufmerksamkeit erregt.

»Englisch«, antwortete ich, etwas erstaunt. »Ich, habe sie bei Latimer in der Oxfordstraße gekauft.«

Holmes lächelte mit einem Ausdruck müder Geduld.

»Das Bad«, sagt« er, »das Bad! Warum das teure und erschlaffende türkische statt des selbstgemachten zu Hause?«

»Weil ich in den letzten Tagen mich matt fühlte und rheumatische Schmerzen hatte. Ein türkisches Bad ist das, was wir in der Medizin ein Alterativ nennen – ein neuer Anfangspunkt. Der ganze Organismus wird mit einem türkischen Bad aufgebügelt« –

»Du kannst mir übrigens einen Gefallen tun, Holmes«, fügte ich hinzu. »Zweifelsohne ist einem scharfen logischen Verstand die Verbindung meiner Schuhe mit einem türkischen Bad ohne weiteres ersichtlich. Würdest du mir nicht den Zusammenhang zeigen?«

»Der ist doch eigentlich auf den ersten Blick sichtbar«, antwortete Holmes etwas spöttisch. »Ebenso sichtbar, wie die Tatsache, daß du heute morgen nicht allein in der Droschke gesessen hast.«

»Du erklärst mir Unklares mit Unklarem!«

»Bravo, Watson! Du verstehst die Kunst, dich scharf auszudrücken. Also die Droschke. Du wirst bemerken, daß du an der linken Schulter und am linken Ärmel Schmutzspritzer hast. Wärest du allein in der Droschke gesessen, so würdest du die Mitte eingenommen haben und auf deinem Anzug wären entweder gar keine Spritzer, oder sie wären sowohl rechts wie links. Deshalb ist es klar, daß du hart links gesessen. Also hattest du noch jemand bei dir, der rechts saß.«

»Das ist absolut überzeugend.«

»Klar wie dicke Tinte, nicht wahr?«

»Aber die Schuhe und das türkische Bad?«

»Ebenso klar, mein Lieber! Du schnürst deine Schuhe in der gewöhnlichen Weise zu. Aber jetzt sehe ich, daß sie an den obersten zwei Haken doppelt geschnürt sind und das Band ist zu einer kunstvollen Schleife geknotet, – doppelt, – wie das deine Gepflogenheit nicht ist. Wäre das nur bei einem Schuh, so könnte man annehmen, du hättest dir ein Paar neue gekauft, und das Fräulein im Laden hätte dir den einen, den du auszogest, um den neuen anzuprobieren, zugeschnürt. Es sind aber beide Schuhe auf eine dir ungewohnte Art geschnürt, also hast du beide ausgezogen gehabt. Nun, der weitere Schluß ist einfach genug. Der Badediener muß dir die Schuhe zugeschnürt haben. Aber nun hat das türkische Bad doch einen Zweck gehabt.«

»Wieso?«

»Sagtest du nicht soeben, du hättest es genommen, um deinem Körper einen Wechsel, ein Alterativ angedeihen zu lassen? Ich empfehle dir zur Ergänzung einen Luftwechsel. Wie würde dir Lausanne gefallen, Reise erster Klasse und alle Unkosten fürstlich bezahlt?«

»Ausgezeichnet! Aber wozu?«

Holmes lehnte sich in seinen Armstuhl zurück und zog das Notizbuch aus der Tasche.

»Eine der gefährlichsten Frauen in der Welt«, sagte er, »ist die unstet reisende, alleinstehende Frau. Sie ist die harmloseste und oft sogar nützlichste Person, aber auch für andere der unvermeidliche Anstifter zu Verbrechen. Sie ist hilflos. Sie ist nomadenhaft. Sie hat genügende Mittel, um von Land zu Land, von Hotel zu Hotel zu ziehen. Man findet sie verloren in der Unzahl von Fremdenpensionen und Kurorten. Sie ist ein verlaufenes Huhn in einer Welt von Füchsen. Wenn sie verschlungen ist, so wird sie selten vermißt. Ich fürchte sehr, daß der Lady Frances Carfax etwas zugestoßen ist.«

Ich war froh, als Holmes so plötzlich vom Allgemeinen zum Besonderen überging. Er blätterte in seinen Notizen.

»Lady Frances«, fuhr er fort, »ist die einzige Überlebende der ehemals großen Familie des Grafen von Rufton. Sie blieb mit beschränkten Mitteln zurück, erbte aber sehr wertvolle alte spanische Juwelen aus Silber mit ungewöhnlich geschliffenen Diamanten, an denen sie sehr hing. – Zu sehr, Watson, denn sie ließ diesen Schatz nicht etwa bei ihrer Bank in einem Stahlfach, sondern führte ihn stets auf ihren Reisen mit sich. Sie ist eine auffallende Erscheinung, diese Lady Frances, eine noch hübsche Frau, im besten mittleren Alter und doch, infolge sonderbaren Zufalles, das letzte Schiff einer vor zwanzig Jahren noch stolzen Flotte.«

»Und was fürchtest du, daß ihr zugestoßen sein könne?«

»Was ihr zugestoßen sein könne? Ob sie lebt oder tot ist, das ist die schwerwiegende Frage. Sie ist eine Dame von pünktlichen Gewohnheiten, und seit vier Jahren war es ihre nie durchbrochene Gepflogenheit, alle vierzehn Tage an Fräulein Dobney zu schreiben, ihre alte Erzieherin, die jetzt zurückgezogen als kleine Rentnerin in Camberwell lebt. Dies Fräulein Dobney hat mich um meinen Rat angegangen. Nahezu fünf Wochen sind verstrichen, ohne daß Lady Frances geschrieben hätte. Der letzte Brief war vom Hotel National in Lausanne. Lady Frances scheint ohne Angabe einer Adresse das Hotel verlassen zu haben. Die Familie der Seitenlinie der Ruftons ist in Sorgen, und da sie sehr vermöglich ist, so spielt Geld gar keine Rolle, wenn wir nur den Verbleib der Dame ausfindig machen.«

»Ist Fräulein Dobney die einzige Informationsquelle? Sicher schrieb Lady Frances auch noch an andere.«

»Da ist noch eine Quelle und die ist zuverlässig, nämlich die Bank. Einzelnstehende Damen müssen leben, und ihre Bankkonten sind komprimierte Tagebücher. Sie hat ihr Konto bei Silvester. Der vorletzte Scheck diente zur Bezahlung der Rechnung in Lausanne, der Betrag war reichlich hoch, und wahrscheinlich behielt sie noch ziemlich viel Geld davon übrig. Seitdem ist nur ein einziger Scheck von ihr vorgekommen.«

»Wo, an wen zahlbar?«

»An Fräulein Marie Devine. Wo der Scheck ausgestellt wurde, ist nicht zu ersehen. Eingelöst wurde er beim Credit Lyonnais in Montpellier vor weniger als drei Wochen. Der Betrag war fünfzig Pfund.«

»Und wer ist Fräulein Devine?«

»Auch das ist mir schon gelungen, festzustellen. Fräulein Marie Devine war die Zofe der Lady Frances Carfax. Warum diese ihr das Geld bezahlt hat, ist noch unklar. Aber ich zweifle nicht daran, daß deine Nachforschungen die Sache bald aufklären werden.«

»Meine Nachforschungen?«

»Deshalb der vorgeschlagene Luftwechsel in Lausanne. Du wirst begreifen, daß ich London nicht verlassen kann, solange der alte Abrahams in solch tödlicher Angst um sein Leben schwebt. Außerdem ist es aus allgemeinen Gründen am besten, wenn ich nicht außer Landes gehe. Scotland Yard fühlt sich so verwaist, wenn ich nicht da bin, und in Verbrecherkreisen würde meine Abwesenheit eine ungesunde Erregung hervorbringen. So gehe denn, Watson, und wenn dir mein Rat die Telegrammgebühren wert erscheint, so steht er bei Tag und Nacht zu deiner Verfügung.« –

Zwei Tage später war ich in Lausanne im Hotel National, wo der Geschäftsführer, Herr Moser, mir jede Unterstützung zuteil werden ließ. Er stellte fest, daß Lady Frances mehrere Wochen hier gewohnt hatte. Alle, mit denen sie in Berührung kam, mochten sie gern. Sie war sicher nicht über vierzig. Sie war noch immer hübsch und in ihrer Jugend mußte sie eine Schönheit gewesen sein. Von wertvollen alten Juwelen wußte Herr Moser nichts. Ihm war nichts zur Aufbewahrung übergeben worden. Aber die Zimmermädchen hatten bemerkt, daß der große Koffer im Schlafzimmer der Dame stets von ihr sorgfältig verschlossen wurde. Marie Devine, die Zofe, war ebenso beliebt wie ihre Herrin. Sie sei verlobt mit einem Oberkellner des Hotels, und es sei daher leicht, ihre Adresse zu erfahren. Herr Moser stellte diese alsbald fest: Montpellier, rue de Trajan Nr. 11. Das alles schrieb ich mir auf, und ich fand, daß Sherlock Holmes selber die Feststellungen nicht besser hätte machen können.

Ein Winkel nur lag noch immer im Dunkeln: kein Licht hellte die unerklärte Plötzlichkeit auf, mit der Lady Frances abgereist war. Sie fühlte sich in Lausanne sehr glücklich. Man war zu der Annahme berechtigt gewesen, sie würde die ganze Saison hier bleiben. Und plötzlich hatte sie von heute auf morgen ihre Zimmer aufgesagt, was sie ganz unnötig mit den Ausgaben für eine Wochenmiete belastete. Nur Jules Vibart, der Verlobte der Zofe, konnte eine Erklärung finden. Er brachte die überraschende Abreise in Verbindung mit dem Besuch eines großen, dunkeln, bärtigen Mannes. »Un sauvage – un véritable sauvage!« rief Jules Vibart. Der Mann wohnte irgendwo oben in der Stadt. Man hatte ihn lebhaft mit Madame auf der Seepromenade sprechen sehen. Dann hatte er sie im Hotel aufgesucht, sie empfing ihn aber nicht. Er war ein Engländer, seinen Namen aber wußte niemand. Jules Vibart und, was schwerer wog, die Zofe hielten dessen Besuch für den Grund der Abreise. Nur über einen Punkt sagte Jules Vibart nichts aus, natürlich den Grund, weswegen Marie ihre Herrin verlassen hatte. Darüber konnte oder wollte er keine Angaben machen. Wenn ich das wissen wolle, so müsse ich eben nach Montpellier fahren und sie fragen.

So endete das erste Kapitel meiner Nachforschungen. Das zweite war dem Ort gewidmet, den Lady Carfax aufgesucht hatte, nachdem sie Lausanne verlassen. Zunächst schien auch dieser Ort ein Geheimnis zu sein, das den Gedanken bestätigte, sie sei abgereist in der Absicht, ihre Spuren zu verwischen. Ihr Gepäck aber war nach Baden-Baden bezettelt worden. Die Lady und die Koffer hatten den Schwarzwaldort auf einem Umwege erreicht. So viel konnte ich durch den Leiter des Cook-Büros ermitteln. Nachdem ich Holmes telegraphisch von meinen Nachforschungen unterrichtet und von ihm eine halb humoristische Dankdepesche erhalten, fuhr ich also nach Baden-Baden.

Hier war die Spur leicht gefunden. Lady Frances hatte zwei Wochen im Englischen Hof gewohnt. Dort hatte sie die Bekanntschaft eines Dr. Schlessinger und dessen Gemahlin gemacht; der Herr war Missionar in Südamerika. Wie die meisten alleinstehenden Damen befaßte sich Lady Frances viel und gern mit religiösen und kirchlichen Angelegenheiten. Dr. Schlessingers merkwürdige Persönlichkeit, seine tiefe Frömmigkeit und der Umstand, daß er Erholung von einer Krankheit suchte, die er sich bei Ausübung seiner apostolischen Pflichten zugezogen, das alles machte einen starken Eindruck auf sie. Sie half der Frau des Missionars bei der Pflege des genesenden Heiligen. Er verbrachte den Tag, wie mir der Geschäftsführer sagte, auf der Veranda auf einem Liegestuhl mit je einer aufwartenden Dame zur Rechten und Linken. Er arbeitete an einer Karte des Heiliges Landes mit besonderer Berücksichtigung des Reiches der Midianiten, über die er eine Monographie schrieb. Schließlich, in seinem Zustande wesentlich gebessert, war er mit der Gattin nach London zurückgekehrt, und Lady Frances hatte sich ihm angeschlossen. Das war gerade vor drei Wochen gewesen, und der Geschäftsführer hatte seitdem nichts mehr von den Leuten gehört. Von der Zofe Marie wußte er, daß sie einige Tage früher unter Strömen von Tränen fortgegangen sei, nachdem sie einigen Zimmermädchen, mit denen sie bekannt geworden, gesagt hatte, daß sie den Dienst für immer verlasse. Vor der Abreise hatte Dr. Schlessinger die Rechnung auch für Lady Frances bezahlt.

»Übrigens sind Sie, Herr Doktor, nicht der einzige Bekannte der Lady Frances Carfax«, sagte der Hotelleiter zum Schlusse, »der Erkundigungen nach der Dame einzieht. Erst vor acht Tagen war ein Herr zum gleichen Zwecke hier.«

»Nannte er seinen Namen?«

»Nein. Aber es war ein Engländer, allerdings von ungewöhnlicher Erscheinung.«

»Ein – Wilder?« fuhr es mir heraus; ich hatte halb unbewußt eine Gedankenverbindung hergestellt.

»Ganz richtig, der Ausdruck bezeichnet ihn am besten. Es war ein mächtiger, bärtiger, sonngebräunter Mann, der aussah, als sei er in einer Wildwestkneipe besser zu Hause als in einem eleganten Hotel. Ein harter, selbstbewußter Mann, dem ich nicht zu nahe treten möchte.«

Schon begann das Geheimnis sich zu entschleiern, so wie man alles deutlicher sieht, wenn der Nebel sich aufteilt. Da war die gute, fromme Lady, der von Ort zu Ort ein finsterer unerbittlicher Verfolger nachreiste. Sie fürchtete ihn, sonst wäre sie nicht vor ihm aus Lausanne geflohen. Er war ihr schon wieder auf der Spur; über kurz oder lang mußte er sie einholen. Oder hatte er sie inzwischen schon eingeholt? War das der Grund, weshalb keine Briefe mehr von ihr ankamen? Konnte das Missionsehepaar sie nicht schützen vor seiner Erpressung oder offener Gewalt? Was für ein fürchterlicher Zweck, welch tiefe Absichten lagen hinter dieser langen Verfolgung? Hier war das Rätsel, das ich zu lösen hatte.

An Holmes schrieb ich, wie ungeheuer schnell und sicher ich den Kern der ganzen Angelegenheit bloßgelegt hätte. Als Antwort kam das telegraphische Ersuchen um eine Beschreibung des linken Ohres des Doktor Schlessinger. Holmes hat manchmal ganz absonderliche Begriffe davon, was ein Witz sei, und so ließ ich den mir sehr wenig angebrachten Scherz unbeachtet, obwohl er mich zuerst geärgert hatte. Übrigens war ich bereits in Montpellier, als mich das Telegramm erreichte.

Es machte keine besondere Mühe, das Fräulein Devine zu finden und alles Wissenswerte von ihr zu erfahren, was sie wußte. Sie war ein anhänglicher Mensch und sie hatte ihre Herrin nur verlassen, da sie sie in guten Händen wußte und ihre bevorstehende Verheiratung eine Trennung sowieso in absehbarer Zeit notwendig machte. Ihre Herrin hatte, wie sie mit Betrübnis gestand, ihr gegenüber in Baden-Baden einige Male eine nicht gerechtfertigte Unfreundlichkeit und gereizte Stimmung gezeigt; ja, sie hatte sie einmal ausgefragt, wie wenn sie ihre Ehrlichkeit in Zweifel zöge, und die Trennung war ihr dadurch leichter geworden, als es sonst der Fall gewesen wäre. Lady Frances hatte ihr fünfzig Pfund als Hochzeitsgeschenk gegeben. Ebenso wie ich, war Marie voll des tiefsten Mißtrauens gegen den Fremden, der ihre Herrin aus Lausanne vertrieben hatte. Mit ihren eigenen Augen hatte sie gesehen, wie er auf der Promenade am See mit großer Heftigkeit die Lady am Arme ergriffen hatte. Er war ein schrecklicher, wilder Mann. Sie glaubte, aus Angst vor ihm hätte sie sich den Schlessingers nach London angeschlossen. Mit ihr, Marie, hatte sie nie darüber gesprochen, aber viele Kleinigkeiten hatten es ihr gezeigt, daß die Lady in einem Zustande unausgesetzter nervöser Spannung lebte.

So weit war sie mit ihrer Erzählung gekommen, als sie plötzlich mit einem Satze vom Stuhl hochsprang, mit allen Anzeichen der Überraschung und der Angst. »Sehen Sie!« schrie sie. »Der Unmensch folgt auch mir! Da – der Mann, das ist der Fremde von Lausanne.«

Durch das offene Fenster erblickte ich einen großen, gebräunten Mann mit struppigem, schwarzem Bart, der langsam die Mitte der Straße entlang ging und die Hausnummern betrachtete. Es war klar, daß er, wie ich selber vor kurzem, die Zofe Marie Devine suchte. Ohne weitere Überlegung lief ich hinaus und sprach ihn an.

»Sie sind Engländer?« fragte ich.

»Und wenn ich einer bin?« gab er finsteren Blickes zurück.

»Darf man Ihren Namen wissen?«

»Nein, Sie dürfen nicht«, sagte er mit Bestimmtheit.

Die Lage wurde für mich kritisch, aber der direkteste Weg ist oftmals der beste.

»Wo ist Lady Frances Carfax?« fragte ich.

Er starrte mich betroffen an, gab aber keine Antwort.

»Was haben Sie mit ihr gemacht, warum haben Sie sie verfolgt? Ich verlange eine bestimmte Antwort!« herrschte ich ihn an.

Der Schwarzbärtige stieß einen ärgerlichen Laut aus und sprang mich an wie ein Tiger. Ich habe schon manchen Kampf Mann gegen Mann bestanden, aber der Fremde hatte einen eisernen Griff und war wild wie ein Satan. Seine Hand war an meiner Kehle, und die Sinne waren mir bereits geschwunden, als ein unrasierter französischer Ouvrier in blauer Bluse, mit einem Knüppel in der Hand aus einem gegenüberliegenden Kabarett herzueilte und meinem Angreifer einen heftigen Hieb über den Arm zog. Da spürte ich den Griff sich lockern. Der Fremde stand für einen Augenblick wutschnaubend da, unsicher, ob er einen zweiten Angriff auf mich machen solle oder nicht. Dann verließ er mich mit einem raubtierartigen Knurren und betrat das Haus, das ich soeben verlassen. Ich aber wandte mich zu meinem Retter, der zur Seite in der Gosse stand, um ihm meinen Dank abzustatten.

»Ja, Watson, du hast ein nettes Ragout aus allem gemacht! Am besten fährst du jetzt mit dem Nachtschnellzug mit mir zurück nach London.«

Eine Stunde später saß Sherlock Holmes in seiner gewöhnlichen Kleidung in meinem Zimmer im Hotel. Seine Erklärung für sein unerwartetes Erscheinen im rechten Augenblick war einfach genug. Er hatte gefunden, daß er London nunmehr verlassen könne und hatte beschlossen, mich am nächsten ihm bekannten Ort meiner Reise zu überraschen. In der Verkleidung eines Arbeiters hatte er in dem Kabarett gesessen und mich erwartet.

»Und merkwürdig vollständig hast du die Nachforschungen gemacht, Watson«, sagte er. »Im Augenblick fällt mir kein möglicher Mißgriff ein, den du unterlassen hättest. Die Gesamtleistung deiner Tätigkeit ist die, daß du eigentlich alles verraten und nichts entdeckt hast.«

»Vielleicht hättest du auch nicht mehr erreicht«, antwortete ich gekränkt.

»Da gibt es kein ›Vielleicht‹. Ich habe mehr erreicht. Hier im selben Hotel wie du wohnt Herr Philipp Green, und er ist vermutlich für uns der Ausgangspunkt einer Reihe erfolgreicher Nachforschungen.«

Es klopfte, das Zimmermädchen brachte eine Besuchskarte auf einem silbernen Tablett, und ihr nach folgte derselbe schwarzbärtige Mann, der mich auf der Straße angefallen hatte. Er stutzte, als er mich sah.

»Was ist das, Herr Holmes?« fragte er. »Ich bekam Ihre Karte und daraufhin bin ich gekommen. Aber was hat der Herr da mit der Angelegenheit zu schaffen?«

»Das ist mein alter Freund und Mitarbeiter Doktor Watson, der auch in dem gegenwärtigen Fall mitwirkt.«

Der Fremde reichte mir eine große, sonnegebräunte Hand und murmelte einige Worte der Entschuldigung.

»Ich hoffe, ich habe Ihnen nicht zu weh getan. Als Sie mich beschuldigten, mit ihr nicht rücksichtsvoll umgegangen zu sein, konnte ich mich nicht beherrschen. Ich bin in der Tat in diesen Tagen nicht ganz Herr meiner selbst. Meine Nerven sind hochgradig überreizt. Aber diese Lage verstehe ich nicht. An erster Stelle, Herr Holmes, bitte ich Sie, mir zu sagen, wieso in aller Welt Sie von meiner Existenz überhaupt erfuhren.«

»Ich stehe mit Fräulein Dobney in Verbindung, der einstigen Lehrerin der Lady Frances.«

»Die alte Susanne Dobney mit der Spitzenhaube! Ich erinnere mich ihrer sehr gut.«

»Und sie entsinnt sich Ihrer. Es war in den Tagen ehe – ehe Sie es für besser fanden, nach Südafrika zu gehen.«

»Ich sehe, Sie kennen meine ganze Geschichte. Vor Ihnen brauche ich also nichts zu verheimlichen. Ich schwöre Ihnen, Herr Holmes, daß auf dieser Welt nie ein Mann gelebt hat, der eine Frau inniger geliebt hat als ich Frances Carfax. Ich war ein wilder junger Mann, ich weiß – aber nicht schlimmer als andere meines Standes. Aber ihre Seele war rein wie Schnee. Sie konnte auch nicht den Schatten einer Schlechtigkeit vertragen. Als sie daher von Dingen vernahm, die ich getan hatte, da brach sie die Beziehungen zu mir ab. Und doch liebte sie mich – das ist das Wunderbare dabei! – liebte mich trotz allem so sehr, daß sie unverheiratet blieb und ihre Tage gleich einer Heiligen lebte, alles nur um meinetwillen. Als die Jahre dahingegangen waren, und ich in Barberton mir Reichtümer erworben hatte, dachte ich, ich könne sie vielleicht suchen und besänftigen. Ich hatte gehört, daß sie immer noch unverheiratet war. Ich fand sie in Lausanne und ich beschwor und bestürmte sie, so gut ich konnte. Ich glaube auch, sie wurde wankend, aber sie hat einen starken Willen, und als ich sie ein zweitesmal aufsuchte, hatte sie Lausanne verlassen. Ich verfolgte sie nach Baden-Baden, und dann nach einiger Zeit hörte ich, ihre Zofe sei hier in Montpellier. Ich bin ein rauher Kolonist, komme frisch aus einem rauhen Leben in Afrika, und als Doktor Watson so zu mir sprach, wie er es getan hat, verlor ich für einen Augenblick die Selbstbeherrschung. Aber um Gottes willen, sagen Sie mir, was aus der Lady Frances geworden ist.«

»Das herauszufinden ist unsere Aufgabe«, sagte Sherlock Holmes mit auffallendem Ernst. »Wo wohnen Sie in London, Herr Green?«

»Zuschriften an das Langham-Hotel werden mich erreichen.«

»Dann darf ich Ihnen empfehlen, daß Sie dorthin zurückkehren und zur Verfügung stehen für den Fall, daß wir Ihrer benötigen. Ich möchte keine falschen Hoffnungen erwecken, aber Sie mögen überzeugt sein, daß alles, was für die Sicherheit der Lady Frances geschehen kann, von mir getan werden wird. Für den Augenblick kann ich nicht mehr sagen. Ich übergebe Ihnen hier diese Karte, so daß Sie in der Lage sind, in Verbindung mit uns zu bleiben. – Nun, Watson, wenn du jetzt deinen Koffer packen willst, so will ich an Frau Hudson telegraphieren, sie möchte sich für sieben Uhr dreißig morgen früh auf zwei hungrige Reisende bestens vorbereiten.« –

Ein Telegramm lag schon für uns da, als wir unsere Wohnung in der Bakerstraße erreichten. Holmes las es mit einem Ausruf der Befriedigung und reichte es mir über den Tisch. »Ausgezackt oder zerrissen«, lautete der Inhalt; das Telegramm war in Baden-Baden aufgegeben.

»Was ist’s damit?« fragte ich.

»Hier haben wir alles«, antwortete Holmes. »Du erinnerst dich wohl meiner scheinbar unangebrachten Frage nach dem linken Ohr des kirchlichen Herrn. Du hast mir keine Antwort darauf gegeben.«

»Ich hatte Baden-Baden schon verlassen und konnte also nichts mehr feststellen.«

»Ganz richtig. Deshalb sandte ich ein zweites Telegramm an den Geschäftsführer des Englischen Hofes, und seine Antwort liegt hier vor uns.«

»Was geht daraus hervor?«

»Es geht daraus hervor, mein lieber Watson, daß wir es mit einem hervorragend verschlagenen und gefährlichen Mann zu tun haben. Der südamerikanische Missionar, der ehrwürdige Doktor Schlessinger ist kein anderer als Holy Peters, einer der gewissenlosesten Schurken, den Australien je hervorgebracht hat – und für ein so junges Land hat es bereits einige ganz vollendete Typen dieser Art aufzuweisen. Seine Spezialität besteht darin, alleinstehende Damen zu betrügen, indem er ihre religiösen Gefühle beeindruckt; seine sogenannte Frau, eine Engländerin namens Fraser, ist seine würdige Helfershelferin. Die Art seines Vorgehens brachte mich auf den Gedanken, daß Holy Peters und Doktor Schlessinger identisch sein könnten, und diese körperliche Eigentümlichkeit – er wurde in Adelaide bei einem Krawall in einem Spielsalon ins Ohr gebissen – bestätigte meinen Verdacht. Die arme Lady ist in den Händen eines ganz teuflischen Paares, das vor nichts zurückschrecken wird. Wir müssen damit rechnen, daß sie bereits tot ist. Bestenfalls befindet sie sich in einer Art Haft, außerstande, an Fräulein Dobney oder andere Bekannte zu schreiben. Dabei bleibt es immer möglich, daß sie nie nach London zurückgekehrt ist oder daß sie nur durchgefahren ist, aber das erstere ist unwahrscheinlich, da bei der überall herrschenden Meldepflicht auf dem Kontinent es Fremden nicht so leicht gemacht ist, der Polizei einen blauen Dunst vorzumachen; und das andere ist auch nicht wahrscheinlich, da diese Verbrecher kaum hoffen konnten, eine andere englische Stadt zu finden, wo es ebenso leicht möglich wäre, einen Menschen mit Gewalt zu verbergen. Alle meine Instinkte sagen mir, daß sie in London ist. Aber da wir augenblicklich ganz außerstande sind, anzugeben, wo sie ist, können wir vorläufig nichts tun, als uns mit Geduld zu wappnen und nachher unser Mittagessen zu verzehren. Gegen Abend werde ich Freund Lestrade in Scotland Yard aufsuchen und einiges mit ihm besprechen.«

Aber weder die hauptstädtische Polizei noch Holmes‘ kleine, aber sehr wirksame Organisation reichten hin, um das Geheimnis aufzuklären. Unter den zusammengeballten Millionen Londons waren die drei Personen, die wir suchten, so vollständig verschwunden, als ob sie nie gelebt hätten. Es wurde mit Zeitungsanzeigen versucht, aber ohne Erfolg. Verschiedene Spuren wurden aufgenommen und führten zu nichts. Jede Verbrecherkneipe, wo Schlessinger möglicherweise hätte auftauchen können, wurde bewacht, aber immer vergebens.

Seine alten Spießgesellen standen unter geheimer Aufsicht, aber keiner schien in Verbindung mit den Gesuchten zu stehen. Und dann plötzlich, nach einer Woche ängstlicher Spannung, zuckte ein Lichtstrahl unvermutet auf. Ein alter spanischer Schmuck, ein einzelnes silbernes Ohrgehänge mit Brillanten war bei Bevington in der Westminster Straße versetzt worden. Und zwar von einem großen, glattrasierten Mann von kirchlichem Aussehen. Name und Adresse, die er angegeben, waren erwiesenermaßen falsch. Das verstümmelte Ohr war dem Pfandleiher nicht aufgefallen, aber die übrige Beschreibung paßte genau auf Schlessinger.

Dreimal hatte unser schwarzbärtiger Freund vom Langham-Hotel sich nach dem Stand der Dinge bei uns erkundigt – das drittemal eine Stunde vor dieser neuen Entwicklung der Dinge. Die Kleider fingen an, ihm etwas weit um den Leib zu hängen. Er schien vor Kummer und Sorge dahinzuschwinden. »Wenn Sie mir nur irgendeine Aufgabe dabei zuweisen könnten!« war seine ständige Bitte und Klage. Endlich konnte Holmes ihm willfahren.

»Er hat angefangen, die Juwelen zu versetzen. Jetzt sollten wir ihn eigentlich kriegen.«

»Folgt daraus nicht schon, daß der Lady Frances Gewalt angetan worden ist?«

Holmes wiegte den Kopf mit sehr ernster Miene. »Angenommen, daß sie sie bis jetzt gefangen gehalten haben, so ist es klar, daß sie sie nicht loslassen können, ohne ihre eigene Vernichtung herbeizuführen. Wir müssen uns auf das Schlimmste gefaßt machen.«

»Was kann ich tun?«

»Die beiden kennen Sie nicht?«

»Nein.«

»Es ist möglich, daß er künftig zu einem anderen Pfandleiher geht. In diesem Fall müssen wir noch einmal von vorn anfangen. Andererseits aber hat er einen guten Preis erzielt, und Bevington hat keine unbequemen Fragen gestellt – sobald er wieder flüssiges Geld braucht, wird er also wahrscheinlich abermals zu Bevington gehen. Ich werde Ihnen ein paar Worte an ihn mitgeben, und Sie können dort in dem Laden warten. Wenn Schlessinger auftaucht, folgen Sie ihm bis zu seiner Wohnung nach. Aber bitte, alles sehr vorsichtig und« – Holmes lächelte ein wenig zu mir herüber – »keine Gewalttätigkeiten! Ferner verpflichten Sie sich bei Ihrer Ehre, daß Sie keinen sonstigen Schritt ohne meine Kenntnis und Einwilligung unternehmen.«

In den nächsten zwei Tagen brachte uns Herr Philipp Green (er war beiläufig gesagt der Sohn des berühmten Admirals, der im Krimkrieg die Flotte im Asowschen Meer befehligte) keine Neuigkeiten. Am Abend des dritten Tages stürzte er in unser Zimmer, bleich, zitternd, jeder Muskel seiner mächtigen Gestalt schien zu beben vor Erregung.

»Wir haben ihn! Wir haben ihn!« rief er.

In seiner Erregung sprach er unzusammenhängend. Holmes setzte ihn in einen bequemen Stuhl – was stets beruhigt, und zwang ihn mit wenigen Worten zu einer größeren Sammlung.

»Immer sachte, Herr Green, erzählen Sie uns alles ganz der Reihe nach«, bat er.

»Sie kam vor knapp einer Stunde. Es war seine sogenannte Frau diesmal, aber das Ohrgehänge, das sie brachte, war genau das Gegenstück zu dem früheren. Sie ist eine schlanke, blasse Frau mit rötlichen Augen.«

»Das ist sie«, sagte Holmes.

»Als sie den Laden verließ, folgte ich ihr nach. Sie ging die Kenningtonstraße hinauf, und ich blieb dicht hinter ihr. Dann ging sie in ein Geschäft. Herr Holmes, es war ein Begräbnisinstitut.«

Mein Freund fuhr auf. »Was?« fragte er mit jenem vibrierenden Ton, der mir verriet, daß hinter dem kalten grauen Gesicht die Gedanken stürmten.

»Sie sprach mit der Frau in dem Geschäft. Ich trat ebenfalls ein. Ich hörte, wie sie ungefähr sagte: ›Sie halten nicht Wort.‹ Die Frau sagte etwas zur Entschuldigung. ›Er hätte sollen schon längst da sein‹, entgegnete sie. ›Die Arbeit hat länger gebraucht, weil er von dem üblichen Muster abweicht.‹ Beide hielten dann inne und sahen mich an, weshalb ich eine belanglose Frage tat und das Geschäft verließ.«

»Das haben Sie ausgezeichnet gemacht. Was geschah dann?«

»Die Frau kam heraus, aber ich hatte mich in einem Torbogen versteckt. Ihr Verdacht war rege geworden, glaube ich, denn sie sah sich nach allen Seiten um. Darauf rief sie eine Taxe und stieg ein. Ich hatte das Glück, in der Nähe eine zweite zu finden und ihr darin zu folgen. Schließlich hielt sie vor dem Haus Nr. 36 Poultney-Platz, Brixton. Ich fuhr an die nächste Ecke weiter und beobachtete das Haus.«

»Haben Sie irgend jemand gesehen?«

»Die Fenster waren alle dunkel, außer einem im Erdgeschoß. Der Rolladen war heruntergelassen, ich konnte also nicht hineinsehen. Ich überlegte mir, was ich tun könne, als ein gedeckter Lastwagen mit zwei Männern auf dem Bock vorfuhr. Sie stiegen herunter, zogen etwas vom Wagen und trugen es die Treppe hinauf vor die Tür. Herr Holmes, es war ein Sarg.«

»Ah!«

»Trotz meiner Verpflichtung auf meine Ehre war ich in Versuchung, in das Haus einzudringen. Die Tür war geöffnet worden, um die Männer mit ihrer Last einzulassen. Es war wiederum die Frau, die die Türe geöffnet hatte, aber sie sah mich stehen, und ich glaube, sie hat mich wiedererkannt. Ich bemerkte, daß sie stutzte, und sie warf hastig die Tür zu. Ich erinnerte mich meines Versprechens, das ich Ihnen gegeben, und eilte hierher zu Ihnen.«

»Sie haben Ihre Sache hervorragend gemacht«, sagte Holmes, indem er einige Worte auf ein Blatt Papier warf. »Wir können nichts Gesetzliches unternehmen ohne einen Haftbefehl, und Sie können uns am besten dienen, wenn Sie mit diesem Schreiben sofort nach Scotland Yard fahren und sich einen solchen geben lassen. Es mag sein, daß man Schwierigkeiten macht, aber ich denke doch, daß die Verpfändung der Juwelen auch für die Polizei hinreichend ist. Lestrade wird die Einzelheiten regeln.«

»Aber in der Zwischenzeit können sie sie umbringen. Was hat der Sarg zu bedeuten, und für wen soll er bestimmt sein, außer für Lady Frances?«

»Wir werden alles tun, was irgend möglich ist, Herr Green. Wir werden keinen Augenblick verlieren. Verlassen Sie sich auf uns! Jetzt, Watson«, fügte er hinzu, als unser Klient die Treppe hinuntereilte, »wird er die regulären Truppen in Marsch setzen. Wir sind wie gewöhnlich die Vorhut und müssen nach unserem eigenen Plan vorgehen. Die Lage scheint mir so verzweifelt, daß die äußersten Mittel gerechtfertig sind. In meinen Augen wäre es ein Verbrechen, wenn wir nicht unverzüglich nach dem Poultney-Platz aufbrächen.« –

»Wir wollen uns die ganze Lage noch einmal klar machen«, sagte er, als wir an dem Parlamentsgebäude vorbei und über die Westminsterbrücke fuhren. »Diese Bande hat die unglückliche Lady nach London geschleppt, nachdem sie sie vorher von ihrer ergebenen Zofe getrennt haben. Wenn sie überhaupt seitdem Briefe geschrieben hat, dann sind sie abgefaßt oder unterschlagen worden. Durch einen Helfershelfer haben sie ein möbliertes Haus gemietet. Dort haben sie sie gefangen gehalten und haben den wertvollen spanischen Schmuck, auf den sie es von Anfang an abgesehen hatten, in ihren Besitz gebracht. Schon haben sie angefangen, Teile davon zu Geld zu machen; sie glauben, das ohne Gefahr tun zu können, in der naheliegenden Annahme, daß sich niemand weiter um das Geschick der alleinstehenden Dame kümmere. Wenn sie sie freilassen, so wird sie natürlich eine Anzeige erstatten. Also darf sie nicht freigelassen werden. Sie können sie aber auch nicht für ewig hinter Schloß und Riegel halten. Also ist ihr Tod die einzige Lösung.«

»Das scheint mir vollständig logisch.«

»Jetzt wollen wir eine andere Reihe von Überlegungen anstellen. Wenn du zwei verschiedenen Gedankengängen folgst, Watson, so kannst du einen Durchschnitt finden, der der Wahrheit am nächsten kommt. Gehen wir einmal nicht von der Lady Frances, sondern von dem Sarg aus, und zwar rückwärts! Der Vorfall beweist, fürchte ich, zweifelsfrei, daß die Lady tot ist. Er weist auch auf ein richtiges Begräbnis hin, zu dem ein ärztlicher Totenschein und die Genehmigung der Behörde erforderlich sind. Wäre die Lady offensichtlich ermordet worden, so würden sie sie zum Beispiel im Keller vergraben haben. Aber hier ist alles einwandfrei und in Ordnung. Was soll das bedeuten? Sicher, daß sie sie umgebracht haben, aber auf eine solche Art, daß der Arzt getäuscht wurde; der Anschein eines natürlichen Todes muß erweckt worden sein – also Gift zum Beispiel. Und doch ist es kaum zu glauben, daß sie einem Arzt gestattet hätten, die Leiche zu untersuchen, es sei denn, der Arzt wäre mit ihnen unter einer Decke, und das ist doch eigentlich ausgeschlossen.«

»Könnten sie nicht einen Totenschein gefälscht haben?«

»Gefährlich, Watson, sehr gefährlich. Nein, das traue ich ihnen nicht zu. He, Kutscher! halt! Das scheint mir das Begräbnisinstitut zu sein. Würdest du, bitte, hineingehen, Watson? Dein Äußeres erweckt Vertrauen. Frage, bitte, um welche Stunde das Begräbnis vom Poultneyplatz stattfindet.«

Die Frau in dem Institut gab mir ohne Zögern zur Antwort, es sei morgen früh um acht Uhr.

»Du siehst, Watson, das ist alles in Ordnung. Auf irgendeine Art haben sie alle gesetzlichen Vorschriften und Formen erfüllt und sie glauben, sie hätten so gut wie nichts bei diesem durchaus regelmäßigen Begräbnis zu fürchten. Da bleibt uns jetzt gar nichts anderes übrig, als ein Frontalangriff. Bist du bewaffnet?«

»Mein Stock.«

»Nun ja, ich denke, wir sind stark genug. Dreifach ist der gewappnet, der für eine gerechte Sache ficht. Die Geschichte hat sich zu sehr zugespitzt, als daß wir auf die Polizei warten oder innerhalb der Grenzen des Gesetzes bleiben könnten. Jetzt Poultneyplatz Nr. 36. Watson, wir müssen eben unser Herz in beide Hände nehmen und uns auf unser Glück verlassen, wie wir das früher auch schon getan haben.« –

Er hatte stark an der Tür eines großen dunklen Hauses etwa in der Mitte der Häuserzeile des Poultneyplatzes geklingelt. Sogleich erschien eine große schlanke Frau in dem schwach beleuchteten Flur und öffnete uns.

»Was wünschen Sie?« fragte sie unfreundlich und musterte uns in der Dämmerung.

»Ich wünsche, Herrn Doktor Schlessinger zu sprechen«, sagte Holmes.

»Hier wohnt niemand dieses Namens«, erwiderte sie und versuchte, die Tür vor uns zu schließen. Aber Holmes hatte bereits seinen Fuß über die Schwelle geschoben.

»Dann will ich eben den Mann sprechen, der hier wohnt, ganz gleichgültig, wie er sich nennt«, sagte Holmes bestimmt.

Sie zögerte. Dann trat sie zur Seite. »Gut, treten Sie ein!« sagte sie. »Mein Mann braucht keinen Besuch zu scheuen.« Sie schloß hinter uns die Tür und wies uns in ein Zimmer rechts vom Flur, wobei sie das Licht anzündete. »Herr Peters wird sogleich herunterkommen«, sagte sie.

Was sie sagte, traf wörtlich zu, denn wir hatten kaum Zeit gehabt, uns in dem staubigen unsauberen Gemach umzusehen, als die Tür aufging und ein großer, glattrasierter Mann rasch hereintrat. Er hatte ein breites rotes Gesicht mit Hängebacken und die bekannte oberflächlich wohlwollende Miene, dazu aber im Gegensatz einen grausamen, lasterhaften Mund.

»Ohne Zweifel liegt hier ein Irrtum vor, meine Herren«, sagte er mit einer öligen, mir widerlichen Stimme. »Ich vermute, Sie sind falsch hierher gewiesen worden. Vielleicht, daß weiter unten in der Straße –«

»Lassen Sie nur, wir haben keine Zeit zu verlieren«, sagte mein Begleiter herrisch. »Sie sind ein gewisser Peters von Adelaide und nennen sich jetzt Doktor Schlessinger und Sie kommen aus Baden-Baden und im übrigen aus Südamerika. Das weiß ich so genau, als ich Sherlock Holmes bin.«

Peters, wie ich ihn von jetzt ab nennen will, stutzte und sah seinen furchtbaren Verfolger entgeistert an. »Ich denke, Ihr Name braucht mich nicht zu schrecken, Herr Holmes«, sagte er mit Beherrschung. »Wenn man ein reines Gewissen hat wie ich – Was führt Sie zu mir?«

»Ich wünsche zu wissen, was Sie mit der Lady Frances Carfax gemacht haben, die Sie von Baden-Baden hierher entführten.«

»Es wäre mir selbst interessant, zu erfahren, wo die Dame jetzt sein mag«, antwortete Peters nunmehr ganz kalt. »Ich habe nahezu hundert Pfund für sie ausgelegt, ohne anderen Gegenwert dafür als ein Paar nachgemachter alter Ohrgehänge, die nichts wert sind. Sie hat sich in Baden-Baden an uns angeschlossen (wobei ich zugebe, daß ich damals einen anderen Namen führte), und sie hielt sich zu uns, bis wir nach London kamen. Ich habe ihre Hotelrechnung bezahlt und die Fahrt hierher. Aber in London angekommen, verabschiedete sie sich französisch, und ich habe nichts von ihr in Händen, wie gesagt, als diese wertlosen Ohrgehänge. Bitte, finden Sie mir die Lady, Herr Holmes, und ich werde Ihnen sehr verpflichtet sein.«

»Ich werde sie finden«, sagte Sherlock Holmes. »Dies ganze Haus hier werde ich so lange durchsuchen, bis ich sie gefunden habe.«

»Wo ist Ihr gesetzlicher Ausweis?«

Holmes zog einen Revolver zur Hälfte aus der Tasche. »Das ist mein ungesetzlicher Ausweis; der gesetzliche ist unterwegs.«

»Sie sind einfach ein gemeiner Einbrecher!«

»Als das können Sie mich bezeichnen«, sagte Holmes vergnügt. »Mein Begleiter ist ebenfalls ein ganz schwerer Junge, und wir beide werden jetzt Ihr Haus durchstöbern.«

Peters öffnete die Tür.

»Hol einen Schutzmann, Annie!« rief er. Wir hörten das Rauschen von Frauenkleidern auf dem Flur, und wie die Haustür geöffnet und wieder geschlossen wurde.

»Unsere Zeit ist begrenzt, Watson«, sagte Holmes. »Wenn Sie uns in den Weg treten, Peters«, – mit einem Griff nach der Tasche – »dann kommen Sie bedenklich zu Schaden. Wo steht der Sarg, der Ihnen ins Haus gebracht wurde?«

»Was wollen Sie mit dem Sarg? Er ist nicht mehr leer. Es liegt ein Leichnam drin.«

»Diese Leiche muß ich sehen.«

»Mit meiner Erlaubnis niemals.«

»Dann ohne Ihre Erlaubnis.« Mit einer raschen Bewegung hatte Holmes den Mann zur Seite gestoßen und schritt in den Flur hinaus. Uns gerade gegenüber stand eine Tür halb offen. Wir traten ein. Es war das Eßzimmer. Auf dem Tisch zwischen einigen brennenden Kerzen stand der Sarg. Holmes zündete das Licht an und hob den Deckel ab. Tief unten in dem auffallend hohen Sarg lag eine fast fleischlose Gestalt. Wir erblickten ein von Alter und Krankheit verfallenes Gesicht. Durch keinerlei Grausamkeiten, Hunger oder Krankheit entstellt, konnte dies Häuflein Elend die schöne Lady Frances kaum sein. Auf Holmes‘ Gesicht malte sich sein Erstaunen und ebenso seine Erleichterung.

»Gott sei Dank!« murmelte er. »Es ist jemand anders.«

»Für diesmal, Herr Holmes«, sagte Peters, der uns nachgefolgt war, »haben Sie sich vertan. Das werden Sie zu büßen haben.«

»Wer ist die Tote?«

»Nun, wenn Sie es wirklich wissen müssen, sie ist die alte Kinderfrau meiner Frau, Rosa Spender, die wir im Brixton-Altenheim entdeckt haben. Wir haben sie hierher genommen, haben den Doktor Horsom, von Nr. 13 Firbank Niclas – schreiben Sie sich die Adresse auf, Herr Holmes –, zu Rate gezogen und haben sie sorgfältig gepflegt, wie es Christen zukommt. Aber am dritten Tage schon nahm der Herr sie zu sich – der Totenschein gibt als Ursache Altersschwäche an – aber das ist natürlich nur die Ansicht des Arztes; Sie, Herr Holmes, wissen das natürlich besser. Wir beauftragten das Begräbnisinstitut Stimson in der Kenningtonstraße mit der Bestattung, die morgen vormittag um acht Uhr stattfinden wird. Daran können Sie sich den Kopf einstoßen, Herr Holmes, Sie haben einen ganz schlimmen Mißgriff getan und haben jetzt die Folgen zu tragen. Ich würde eine Masse Geld für eine Photographie bezahlen, die Ihr verblüfftes Gesicht zeigt, wie Sie den Deckel aufhoben in der Annahme, die Lady Frances Carfax zu erblicken und nur ein altes totes Weib von neunzig Jahren fanden.«

Holmes‘ Miene war so marmorkalt wie immer unter dem schneidenden Ton seines Gegners, aber seine geballten Fäuste verrieten mir, was in seinem Inneren vorging.

»Ich durchsuche Ihr Haus weiter«, sagte er.

»Die Folgen werden für Sie nur noch schlimmer werden!« rief Peters, als im Flur die Stimme einer Frau und schwere Schritte vernehmbar wurden. »Sind die Schutzleute gekommen? Hierher bitte! Diese zwei Männer sind fast mit Gewalt in mein Haus eingedrungen und erlauben sich hier trotz meines Widerspruches Freiheiten; der eine hat mich mit dem Revolver bedroht, ich bitte Sie um Ihre Hilfe.«

Ein Polizeisergeant und ein Konstabler standen unter der Tür. Holmes zog seine Karte aus der Tasche.

»Hier mein Name mit Adresse. Das da ist mein Freund, Doktor Watson.«

»Sie sind uns beide wohlbekannt«, sagte der Sergeant, »aber Sie dürfen ohne gesetzlichen Grund oder Ausweis in keinem fremden Hause verweilen.«

»Natürlich nicht, das weiß ich.«

»Verhaften Sie ihn!« schrie Peters.

»Wir von der Polizei kennen den Herrn genügend, um ihn festzunehmen, wenn das von der Behörde angeordnet wird«, sagte der Sergeant mit Würde. »Aber Herr Holmes, Sie müssen das Haus verlassen.«

»Ja, Watson, gehen wir!«

Gleich daraus befanden wir uns wieder auf der Straße. Holmes war so kühl wie immer, aber ich kochte vor Ärger und Demütigung. Der Sergeant war uns nachgefolgt.

»Tut mir leid, Herr Holmes, aber das Gesetz ist gegen Sie.«

»Das weiß ich, Sergeant; Sie durften nicht anders handeln.«

»Ich nehme an, Sie waren nicht ohne guten Grund da drinnen. Wenn ich irgend etwas tun kann –«

»Es handelt sich um eine spurlos verschwundene Dame, und ich nehme an, daß sie hier in dem Hause ist. Ich erwarte jeden Augenblick einen Haftbefehl.«

»Dann will ich die Leute im Auge behalten, Herr Holmes. Falls irgend etwas passiert, gebe ich Ihnen sofort Nachricht.«

Es war erst neun Uhr, und wir waren gleich wieder bei der Arbeit, auf der neuesten Spur. Zuerst fuhren wir zum Brixton-Altenheim, wo wir erfuhren, daß in der Tat ein mildtätiges Ehepaar vor einigen Tagen dagewesen war, das ein gänzlich altersschwaches Weiblein als ehemalige Kinderfrau der Familie zu sich zu nehmen wünschte, und daß es die Erlaubnis dazu von der Anstalt bekommen hatte. Daß die Alte inzwischen schon gestorben war, überrasche niemand.

Der Doktor Horsom war unser nächstes Ziel. Er war gerufen worden, hatte die Frau sterbend angetroffen – völliger Alterszerfall der Kräfte – hatte sie später selbst sterben sehen und daraufhin den Totenschein ausgestellt. »Ich versichere Sie, es war alles durchaus normal; der Fall bot gar keine Möglichkeit für irgend etwas Unlauteres«, sagte er. In dem Haus war ihm nichts Verdächtiges aufgefallen, außer vielleicht, daß sie keinen Dienstboten hatten. Mehr konnte der Arzt nicht aussagen.

Schließlich fuhren wir nach Scotland Yard. Wie vorausgesehen, hatte man Schwierigkeiten formeller Art wegen des Haftbefehles gemacht. Eine Verzögerung war unvermeidlich. Die Unterschrift konnte nicht vor dem anderen Morgen erlangt werden. Herr Holmes möchte um neun Uhr bei Herrn Lestrade vorsprechen. So endete dieser Tag. Aber um Mitternacht meldete unser Freund, der Sergeant, er hätte durch die Fenster des großen dunklen Hauses Lichter hin und her sich bewegen sehen, doch sei niemand herausgekommen oder hineingegangen. Uns blieb nichts anderes übrig, als Geduld zu haben und den nächsten Tag zu erwarten.

Sherlock Holmes war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um sich einer Unterhaltung hinzugeben und zu ruhelos, um schlafen zu können. Ich verließ ihn, wie er heftig an seiner Pfeife zog, die Brauen ganz eng zusammengezogen und mit seinen langen Fingern auf die Armlehne trommelnd. Mehrmals im Laufe der Nacht hörte ich ihn im Hause herumgeistern. Endlich, als ich eben geweckt worden war, kam er in mein Zimmer geeilt. Er hatte einen Schlafrock an, aber sein bleiches, hohläugiges Gesicht sagte mir, daß er eine schlaflose Nacht verbracht hatte.

»Wann sollte das Begräbnis sein? Um acht, nicht wahr?« fragte er. »Und jetzt haben wir zwanzig Minuten nach sieben. Herrgott, Watson, was ist aus all meinem berühmten Hirn geworden, das die Natur mir geschenkt hat! Schnell, Watson, schnell! Es geht um Leben und Tod; hundert Chancen auf Tod gegen eine auf Leben. Ich werde es mir nie verzeihen, wenn wir zu spät kommen!«

Kaum fünf Minuten später fuhren wir in einer Droschke die Bakerstraße hinunter, mit einer Geschwindigkeit, die strafbar war. Trotzdem war es schon sieben Uhr fünfunddreißig, als wir an der Paulskathedrale vorüberkamen und es schlug acht, als wir in die Brixtonstraße einbogen. Aber die anderen waren auch zu spät aufgestanden. Zehn Minuten nach acht stand die Bahre noch vor der Tür, und gerade als unser Wagen hielt, erschien der Sarg auf der Schwelle. Holmes sprang vor und versperrte den Trägern den Weg.

»Tragen Sie ihn zurück!« rief er, indem er dem vordersten Träger die Hand auf die Brust legte. »Der Sarg muß zurück ins Haus.«

»Was zum Henker machen Sie hier? Ich frage Sie noch einmal, wo ist Ihr gesetzlicher Ausweis?« schrie der wütende Peters, dessen breites rotes Gesicht hinter dem Sarg auftauchte.

»Der Ausweis ist unterwegs. Der Sarg bleibt hier im Hause, bis der Ausweis da ist.«

Die Autorität in Holmes‘ Stimme tat ihre Wirkung auf die Träger. Peters war plötzlich ins Haus verschwunden, und die Leute folgten ihm nach. »Schnell, Watson, schnell! Hier ist ein Schraubenzieher«, rief er, als der Sarg wieder aus dem Tische stand. »Hier, Sie« – zu einem der Träger gewendet – »nehmen Sie den da, Sie bekommen einen Sovereign, wenn der Deckel in einer Minute offen ist. Fragen Sie nichts; los, Mann, arbeiten Sie! So ist’s recht! Noch eine! Und noch eine! Jetzt hebet alle zusammen. Er gibt nach, bravo, er gibt nach. Ah, jetzt haben wir’s!«

Als der Deckel sich löste, bemerkte ich sofort einen deutlichen Geruch von Chloroform, der sich stark vermehrte, als wir den Deckel ganz abnahmen. Ein Leichnam lag darunter, dessen Kopf ganz vergraben war unter Watte, die mit Chloroform getränkt war. Holmes nahm sie fort und enthüllte das marmorbleiche Antlitz einer hübschen Frau von mittlerem Alter. Im Nu hatte er ihr einen Arm unter den Rücken geschoben und richtete sie auf.

»Ist sie tot, Watson? Oder ist da noch ein Fünkchen Leben? Hoffentlich sind wir nicht zu spät gekommen!«

Eine halbe Stunde lang schien es allerdings so. Die Erstickung durch die feuchte Watte und der Luftmangel in dem Sarg, dazu noch das Chloroform, das war mehr als genügend, um ein Lebenslicht auszulöschen. Und doch gelang es, mit künstlicher Atmung, mit Äthereinspritzungen und allen modernen ärztlichen Hilfsmitteln, das scheinbar erloschene Flämmchen wieder heller brennen zu lassen. Die schwache Spur eines Hauches auf einem Spiegel, das Zucken eines Lides verrieten das langsam wiederkehrende Leben. Ein Wagen fuhr vor. »Da kommt endlich Lestrade«, rief Holmes. »Er wird das Nest leer finden. Und hier«, fügte er hinzu, als ein kräftiger Schritt im Flur draußen erklang, »kommt einer, der das erste Anrecht darauf hat, die Dame zu pflegen und, wenn sie zum Bewußtsein erwacht, zu begrüßen. Guten Morgen, Herr Green. Ich denke, je eher wir die Lady Frances fortschaffen können, desto besser. Inzwischen mag das Begräbnis der armen Alten stattfinden, die noch unten im Sarg liegt und mit ihrem armen ausgezehrten Körper ein Verbrechen verbergen sollte.« –

»Solltest du die Absicht haben«, sagte Holmes am Abend zu mir, »diesen Fall zu veröffentlichen, dann wird er als Beispiel dafür dienen, wie auch der bestgeschulte Geist manchmal vorübergehend versagen kann. Solchem Versagen sind alle Sterblichen ausgesetzt. Groß ist derjenige, der sein Minus rechtzeitig erkennt und es auszugleichen vermag. Das darf ich vielleicht für mich in Anspruch nehmen. Die letzte Nacht verfolgte mich der Gedanke, daß eine Spur, eine merkwürdige Beobachtung, ein auffälliges Wort vielleicht zu meiner Kenntnis gelangt sei und von mir nicht genügend gewertet worden sei. Dann kamen mir plötzlich im Morgengrauen die Worte in die Erinnerung zurück. Es waren die Worte, die Philipp Green in dem Begräbnisinstitut von der Frau gehört hatte: ›Er hätte sollen schon längst da sein; die Arbeit hat länger gebraucht, weil er von dem üblichen Muster abweicht.‹ Sie sprach von dem Sarg. Er wich von dem üblichen Muster ab. Das konnte nur heißen, daß seine Maße ungewöhnlich waren. Aber warum? Wozu? Dann auf einmal erinnerte ich mich der ungewöhnlichen Tiefe des Sarges und der fast körperlosen, abgezehrten Gestalt, die auf seinem Grunde lag. Wozu solch ein tiefer Sarg für eine so schmächtige Leiche? Um noch Platz zu haben für eine andere Leiche. Beide würden dann auf den einen Totenschein begraben. Es war alles so klar, nur mein Hirn versagte und sah den Zusammenhang nicht. Um acht Uhr sollte die Lady Frances bestattet werden. Unsere einzige Hoffnung war noch die, den Sarg anzuhalten, ehe er das Haus verließ.

Wir hatten nur eine ganz geringe Aussicht, sie noch lebend anzutreffen, aber immerhin, die Aussicht war vorhanden, und das Ergebnis hat uns recht gegeben. Diese Leute hatten meines Wissens noch keinen Mord begangen; sie würden auch diesmal vor einer blutigen Tat zurückschrecken. Sie konnten sie begraben, ohne irgendeinen Verdacht auf sich zu lenken, und selbst wenn die Leiche ausgegraben wurde, war kaum etwas Verdächtiges zu entdecken. Ich hoffte, daß solche Überlegungen den Ausschlag bei ihnen gäben. Du kannst dir die Szene gut rekonstruieren. Du hast das Loch oben bei der Treppe gesehen, wo sie die arme Lady gefangen hielten. Sie stürzten herein, überwältigten sie mit Chloroform, trugen sie hinunter in den Sarg, taten die chloroformgetränkte Watte über ihr Gesicht, damit sie nicht wieder erwache und schraubten den Deckel zu. Ein kluger Plan, Watson. Er ist für mich etwas ganz Neues. Wenn der Missionar mit Gattin den Fängen Lestrades entwischt, so werden wir gelegentlich noch Hervorragendes von diesem Paare hören.«

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