Herr Gryn und der Löwe

Zu Köln saß auf dem geistlichen Herrscherstuhle Erzbischof Engelbert; der hatte viel Streitens mit der Bürgerschaft, das bis zum blutigen Kampf gedieh. Der Erzbischof hatte einen Löwen, den hatten ihm zwei Domherren aufgezogen. Gegen den Erzbischof stand in stetem Streite der Bürgermeister der Stadt, Herr Hermann Gryn, und hielt zur Gemeinde und verteidigte deren Rechte; doch war er mit den Domherren gleichwohl persönlich nicht verfeindet.

So luden die zwei, welche des Erzbischofs enge Freunde waren, eines Tages – es soll im Jahre 1266 sich zugetragen haben – den Bürgermeister zu sich ein zu einem Gastmahl. Sie brachten das Gespräch auf den Löwen, den sie heimlich hatten fasten und sehr hungrig werden lassen, und erboten sich, vor dem Essen ihn den Löwen sehen zu lassen. Sie führten Hermann Gryn an die Pforte des Löwenzwingers, öffneten diese und stießen ihn unversehens hinein, worauf sie die Türe zuschlugen und vermeinten, der Löwe werde ihn alsobald zerreißen.

Als der Löwe den Mann sah, riß er den Rachen mit den scharfen Zähnen weit auf, schlug einen Schweifring und legte sich nach Katzenart zum Sprunge. Herr Hermann Gryn aber, wie er sah, was ihm drohte, schlang rasch seinen Mantel um den linken Arm und zog sein Schwert und wartete nicht, bis der Löwe sprang, sondern stürzte sich auf ihn mit gezücktem Schwerte, fuhr ihm mit dem linken Arm in den Rachen hinein und durchstieß ihm das Herz mit dem Schwerte. Dann gewann er einen Ausgang und eilte, ohne gegessen zu haben, seinem Hause zu.

Dieses Mittagessen bekam aber den beiden Domherren gar übel; denn der Bürgermeister sandte seine Häscher unversehens und ließ sie greifen und aufhenken an einen Balken gleich am Tore des Chorherrenhauses neben dem Dom, das nannte man seitdem das Pfaffentor. Darauf wurde zum Andenken solchen Mutes das Bild Gryns mit noch drei andern Löwenbändigern in Gesellschaft in Stein ausgeführt und zur Zier über dem Pfeilerbogengang am Rathaus angebracht. Da sieht man die Mär von Herzog Heinrich dem Löwen, Simsons Löwenkampf und Daniel in der Löwengrube dem Kölner Löwensieger beigesellt. –

Die letzte Saat

Bei Mülheim, nahe dem Rhein, lag vorzeiten ein Kloster, namens Dünnwald. Das war in Streit geraten über hundert Morgen Ackerlandes mit einem nachbarlichen Edeln, Junker Hall von Schleebusch. Das Kloster wie der Junker sprachen das große Grundstück als Eigentum an. Zwar hatte es der Junker im Besitz, aber alle Nutzung verzehrten die Kosten des vor Gericht geführten Rechtsstreites.

Da bot endlich der Junker Hall von Schleebusch den frommen Vätern des Klosters Dünnwald gütlichen Vergleich an und sprach zu ihnen: »Fromme Väter, ich bin des langen Haders müde, der uns beiderseits nicht frommt. Die hundert Morgen sollen fürder und künftig für alle Zeiten des Klosters eigen sein; nur eins bedinge ich: noch einmal eine, und zwar die letzte Aussaat. Ist die zur Ernte reif und eingebracht, so begebe ich mich jedes Anspruchs auf die hundert Morgen.« – »Der Himmel stärke Euch, edler Junker, in solch frommem Entschluß,« sprach der Abt; »doch seiet Ihr wohl so gnädig, uns dieses Versprechen schriftlich zu geben!« Darauf wurde ein Brief auf Pergament doppelt geschrieben und ausgefertigt, und der Junker hing sein Siegel in Wachs daran und der Abt des Klosters das seine, und das große Konventsiegel kam auch noch hinzu und das des Priors und noch zwölf Siegel erbetener ritterlicher Zeugen, und es war ein sehr schöner Brief, diese Schenkungsurkunde auf ewige Zeiten nach der Ernte der letzten Aussaat, die noch des Junkers sein sollte.

Junker Hall von Schleebusch ließ nun seinen Acker bestellen und die hundert Morgen besäen. Das geschah im Herbst, und im Frühjahr ging die Saat auf, wollte aber gar nicht recht in die Höhe schießen wie andere Saat. Da nun das Fest der Hagelfeier kam, wo man mit Prozessionen und Fahnen die Felder umgeht und für sie betet, da sahen die Mönche nach der Saat auf dem künftigen Klostererbe. Aber was sahen sie? – Eine Saat von Eicheln. »Betrug! Betrug!« schrien Abt und Prior und Konvent. Aber es half nichts; denn im Briefe stand: »Vnde bewilligen ihme deme edeln junkherrn Hall vom Sleehenbosche die letzte Vssaat sinder Widerrede vnde sinder alle geferde usw.44

Lange noch freute Junker Hall von Schleebusch sich seines schönen, herrlich gedeihenden jungen Eichenwaldes. Er jagte noch Hasen und Hühner darin. Die Bäume wuchsen, und Abt und Prior und der ganze damalige Konvent gingen einer nach dem andern zur ewigen Ruhe. Und immer noch wuchsen die Eichen, und der schöne Brief wurde grau, und die Siegel wurden voll Staub, und es dachte niemand mehr an ihn. Und immer noch wuchsen die Eichen, und das Kloster versank in Schutt und Trümmer, und das neue Geschlecht, das gekommen war, konnte die Schrift des alten Briefes nicht mehr lesen.

  1. »Und bewilligen ihm, dem edlen Junker Hall von Schleebusch, die letzte Aussaat sonder Widerrede und sonder alle Gefährde.«

Nibelung von Hardenberg und der Zwerg Goldemar

Im Jülicher Lande saß ein Edler, namens Nibelung von Hardenberg, dem gehörten die Schlösser Hardenberg, Hardenstein und Rhauental. Und bei ihm wohnte ein Zwergenkönig oder Elbe, der hieß Goldemar, der war dem Nibelung von Hardenberg und nicht minder dessen schöner Tochter gar sehr zugetan, gab Ratschläge und war hilfreich in allen Sachen. Und obschon der Elb Goldemar sich nicht sehen ließ, vielmehr stets unsichtbar blieb, so ließ er sich doch deutlich wahrnehmen. Er trank Wein mit dem Ritter, spielte mit ihm und seiner Schwester Brett und selbst mit Würfeln und spielte auch die Harfe gar wundersam, daß kein Mensch auf Erden ihr solche Töne entlocken konnte. Wollte Nibelung sich überzeugen, ob der Elbe wirklich bei ihm sei, so fühlte er nach dessen Hand, und die war sehr klein, zart, weich und warm.

Der Elb trieb es also drei Jahre lang auf Hardenbergs Schlössern und beleidigte niemand. Da geschah es, daß er beleidigt wurde; denn die Hausgenossen, denen seine Anwesenheit unverborgen war, wurden von Neugierde geplagt, ihn zu sehen oder doch zu erfahren, wie der Elb aussähe. Da streuten sie heimlich Asche auf den Fußboden und Erbsen. Goldemar, der Zwerg, kam, sich nichts versehend, in den Saal und trat auf die Erbsen und glitt aus und fiel, und seine Gestalt drückte sich in der Asche ab. Sie war aber wie eines jungen Kindes Gestalt, und die Füße waren ungestaltet. Da kam der Elbe Goldemar nimmer wieder auf des Hardenbergs Schlösser.

Er wandte sich anderswohin und entführte eine Königstochter, die hieß Hertlin. Die Mutter dieser Königstochter starb vor Leid über der Tochter Verlust. Die Tochter aber ward durch den sieghaften Helden Dietrich von Bern befreit und geehelicht. – Manche sagen, daß das Bern, wovon der Held Dietrich den Namen geführt, nicht das Bern in der Schweiz, auch nicht das welsche Verona gewesen, sondern das rechte Dietrichs-Bern sei Bonn gewesen. Der älteste Teil dieser Stadt habe auch Verona oder Bern geheißen, und da in dieses rheinische Gefilde so viele Taten Dietrichs von Bern fallen, von denen in alten Heldenbüchern zu lesen ist, so dürfte wohl etwas Wahres an der Sage sein. –

Der Zwerg Goldemar aber hatte, nachdem ihm Dietrich die Beute abgedrungen, die Riesen zu Hilfe gerufen und Berge und Wälder ringsum schrecklich verwüstet. Die Stadt Elberfeld soll ihren Namen von nichts anderm tragen als von den Elben, auf deren Felde sie begründet ward.

Der Dom zu Aachen

Da der Dom zu Aachen erbauet ward, hehr und prächtig, drohte es zu gehen wie beim Dombau zu Köln; es gebrach an Geld, der Bau konnte nicht fortgeführt werden, und unvollendet stand das herrliche Münster. Da erschien vor dem hohen Rat ein reicher Fremder, der sagte, er habe wohl Geldes die Fülle und wolle es auch geben zum Dombau, aber der hohe Rat müsse ihm auch etwas dafür versprechen. Als nun der Rat den Fremden fragte, was es denn sei, das er begehre, da antwortete jener: »Nicht viel; nur die Seele des ersten, der nach der Vollendung den Dom betreten wird, verlange ich zu eigen.« Der Rat aber merkte nun, daß der Fremde der Teufel sei, schauderte und zauderte, sagte aber doch zu, unter der Bedingung, daß der Pakt geheim gehalten werde.

So ward nun mit besonderer Kunst und Hilfe das Münster schnell und herrlich ausgebaut. Bald ward aber auch das Geheimnis ruchbar unter den Leuten, und wollte niemand in den Dom gehen, weder Priester noch Laien. Der Teufel lauerte Tag für Tag auf die erste arme Seele, und ward ihm schier Zeit und Weile lang; denn es kam niemand. Da bedräuete er den hohen Rat, daß er einen aus seiner Mitte holen werde, wenn er nicht bald einen ersten Kirchgänger schaffe.

Da ward dem Rat bange, und er sann auf eine List. Er ließ im Gebirge einen Wolf fangen und diesen an das Haupttor des Domes bringen; dann ließ er die Glocken läuten, wie zum hohen Feste, und stieß, nachdem das Portal geöffnet war, den Wolf ins Gotteshaus, wo der Teufel schon solange lauerte, da es noch nicht geweiht war. Alsbald fuhr der Teufel zu und packte mit einem Griff den armen Wolf, daß ihm alsbald die Seele aus dem Halse fuhr.

Wie aber der Teufel sah, daß er nur eine schlechte Wolfsseele erlangt hatte, fuhr er mit Gebrüll aus dem Tempel und schlug die eherne Türpforte so heftiglich zu, daß sie barst und sich spaltete, und ist der Spalt noch heute zu sehen. Der Rat aber war froh, daß er des Teufels ledig war, und ließ den Wolf und dessen arme Seele in Erz gießen und im Dome befestigen.

Kaiser Karl kehrt heim

Im Dome zu Aachen steht ein Stuhl, der ist elfenbeinern, daran ist uraltes Bildwerk zu erschauen, und das ist der Stuhl Kaiser Karls des Großen.

Als zu einer Zeit der starke Held auszog in das Heidenland, die Heiden zum Christentum zu bekehren, schied er sich von seinem Ehegemahl und gab ihr auf, seiner in Züchten zu harren zehn Jahre lang; käme er dann nicht zurück, so wäre sein Tod gewiß. Werde er ihr aber einen Boten mit seinem Ringlein senden, dann solle sie dem vertrauen und tun, was er ihr entbieten ließe.

Neun Jahre und viele Monden darüber stritt und siegte Kaiser Karl im Ungarlande gegen die Heiden, und daheim hielten sie ihn für tot. Und weil das Land keinen Zuchtherrn hatte, erhob sich um Aachen und gegen den Rhein eitel Raub und Mord und Brand. Da traten die Räte zu der Herrin, Karls Gemahlin, und lagen ihr an, einen andern Herrn und König zu erkiesen, damit das Land nicht zugrunde gehe. Lange weigerte sich die Frau, weil ihr noch kein Wahrzeichen gesendet war; aber endlich, da die Herren und Räte allzumal heftig in sie drangen, ließ sie es zu, daß ihre Vermählung mit einem reichen König anberaumt wurde. Und es kam die Zeit heran, daß nur noch drei Tage waren vor der Hochzeit, welche festlich begangen werden sollte.

Da sandte Gott der Herr einen seiner Boten ins Lager nach dem Ungarland, der sagte Kaiser Karl an, was sich daheim begebe, und sprach zu ihm: »Rüste dich und reite heim; binnen dreien Tagen ist Hochzeit.« – »Wie soll ich reiten,« fragte Karolus, »in dreien Tagen hundert Tagereisen weit und darüber?« – »Reite, und Gott wird mit dir sein!« sprach der himmlische Bote. Und da gewann der Kaiser ein gutes Roß, damit ritt er an einem Tag aus Bulgarien bis gen Raab und am andern Tag von Raab bis gen Passau. Dort gewann er ein frisches Roß und kam gen Aachen vor das Burgtor, und Gott war mit ihm.

Ganz Aachen war schon ein Sang und ein Schall von eitel Hochzeitglanz und Klang, denn andern Tages sollte die Hochzeit sein und die Trauung früh im Dom. Da ging Kaiser Karl bei guter Zeit, da es noch Nacht war, in den Dom, setzte sich auf seinen elfenbeinernen Stuhl und legte sein großes Schwert quer über seine Knie, saß allda ganz ruhig wie ein Steinbild und ruhete von seinem weiten Ritt.

Da kam zuerst der Mesner in den Dom, der trug die Bücher vor und beschickte die Altäre und steckte Kerzen auf. Und mit einem Male sah er auf dem Kaiserstuhle einen greisen Mann sitzen in ernster Stille und mit blankem Schwert. Da kam ihn ein Grauen an, und er ging und sagte es den Domherren an. Die wollten solche Mär nicht glauben; denn auf dem Stuhle durfte niemand sitzen, er wäre denn Kaiser. Sie kamen daher mit Licht, und der Kühnste unter ihnen nahte dem Stuhle unerschrocken. Aber als er den Mann darauf sitzen sah, so still und wie steinern, entfiel der Leuchter seiner Hand, und er zitterte und entwich aus der Kirche und sagte dem Bischof von dem Ereignis.

Der Bischof nahm sogleich zwei Kerzenträger der Kirche, ließ sie vorangehen mit brennenden Kerzen und folgte ihnen hin zum Kaiserstuhle. Da sah er den Greis da sitzen, und er hub bänglich an zu sprechen: »Sag an, wer bist du, Mann, und durch wessen Gewalt unterfängst du dich, diesen Stuhl zu behaupten? Weißt du nicht, daß dies der Sessel ist unsers Herrn und Kaisers?« – Darauf erwiderte der Kaiser: »Wie du sagst, so ist es. Da ich noch Kaiser Karl hieß, war ich euch allen wohlbekannt; da durfte keiner diesen Stuhl mir wehren!« Und er erhob sich und stand vor dem Bischof in seiner stattlichen Größe, eines Kopfes höher als der größte Mann, und der Bischof rief frohlockend aus: »Seid Gott willkommen, mein kaiserlicher Herr! Segen sei mit Eurer Wiederkunft!«

Rheinsagen

Da läuteten von selbst alle Glocken. Des erschraken die Hochzeitsgäste und zogen eilend von dannen. Und der Bischof bat für die Kaiserin und sagte, daß sie gedrungen worden sei. Da verzieh ihr Karolus gerne und gab ihr seine Huld zu erkennen; denn er liebte sie unabänderlich und konnte nimmer von ihr lassen.

Rolandseck

Es saß auf hoher Burg am Rhein hoch über dem Stromtal ein junger Rittersmann, Roland geheißen – manche sagen Roland von Angers, Neffe Karls des Großen –, der liebte ein Burgfräulein, Hildegunde, die Tochter des Burggrafen Heribert, der auf dem nahen Schloß Drachenfels saß, und wurde wiederum auch von ihr geliebt. Da auch der alte Burggraf nichts gegen die Verbindung seiner Tochter mit Ritter Roland einzuwenden hatte, so verlobte er ihm seine geliebte Tochter herzlich gern.

Da erscholl bevor noch die Vermählung des Brautpaares erfolgen konnte, ein Aufgebot der Ritterschaft gegen Hunnen und Heidenscharen, die im Osten das Reich bedrohten, und dem Ritter Roland geboten Pflicht und Ehre, diesem Aufgebot zu folgen. Große Taten der Tapferkeit tat Roland gegen die Heidenschwärme, und seine Hand entschied den Kampf zugunsten des Christenheeres. Davon kam die erfreuliche Kunde bald an den Rhein und auf den Drachenfels und weckte dort große Freude. Dann aber ward wieder eine Zeitlang keine Kunde vom Ritter Roland vernommen.

Endlich kam ein heimkehrender Ritter am Siebengebirge vorüber und sprach ein Nachtlager auf dem gastlichen Drachenfels an. Der verkündete, ohne daß er wußte, wie schmerzlich für seine Wirte seine Kunde sei, daß Ritter Roland in einem der letzten Kämpfe an seiner Seite den Heldentod gefunden habe. Da entstand großes Leid und Wehklagen, und Hildegunde war so trauervoll, daß sie sogleich den Entschluß faßte, im Kloster Nonnenwerth den Schleier zu nehmen. Und da der Bischof, der über dieses Kloster gebot, ihr Verwandter war, so willigte er in Hildegundens dringendes Verlangen, ihr das Probejahr zu erlassen, und ließ sie schon nach eines Monats Frist als Nonne einkleiden.

Am folgenden Tage stieg ein Gast zum Drachenfels empor. Er ward eingelassen und sah auf allen Mienen nur Trauer. Mit Schreck und Freude erkannte Ritter Heribert in dem Fremden den geliebten Ritter Roland. Wohl war dieser für tot vom Schlachtfeld getragen worden, doch war er wieder genesen; wohl hatte er Botschaft gesandt, aber der Bote war nicht angelangt. Und nun fragte er nach seiner Hildegunde und vernahm das Donnerwort: »Sie ist eine Nonne!«

Rheinsagen

Schrecklich war, was Roland empfand. Stumm vor Schmerz geht er vom Drachenfels herab, besteigt sein Roß, reitet nach Rolandseck hinauf –, entläßt seine Diener, wählt sich droben einen Felsensitz, wo er herabschauen kann nach Nonnenwerth. Und er schaut herab nach der Geliebten, jeden Tag, und Mond um Mond, und Jahr um Jahr, lebt als Einsiedler und murmelt Gebete, wenn drunten im Tale die Klosterglocke klingt. Bisweilen erblickt er die Nonne Hildegunde, die aus Trauer um ihn das ewig unlösbare Gelübde tat –, bis er einst sie lange nicht mehr sieht, bis ein Leichenzug ihm sagt, daß sie geschieden aus dem irdischen Leben und eingegangen zum ewigen Frieden. Und bald danach ist Roland auch erblichen gefunden und ihr dahin nachgegangen, wo alle liebenden Seelen im Schoße der ewigen Liebe sich wieder vereinigen.

Das heilige Köln

Köln ist eine der ältesten, größten und berühmtesten Städte am Rhein. Es soll, nachdem seine Stätte schon von Urvölkern bewohnt worden, 16 Jahre vor Christi Geburt begründet sein, und zwar von Marcus Agrippa, dem Schwiegersohn des Kaisers Augustus, daher sein lateinischer Name Colonia Agrippina. –

Es hatte die Stadt Köln so viel Kirchen und Kapellen, als das Jahr Tage zählt, und es birgt so viele Heiligen- und Märtyrerleiber, daß der Stadt schon in früher Zeit der Beiname das heilige Köln wurde. Auch ward es häufig das deutsche Rom genannt. Die drei Weisen des Morgenlandes, die das Christkind begabten, ruhen allda, St. Gereon mit seinen Kriegern, St. Ursula mit ihren 11 000 Jungfrauen, St. Georg der Drachentöter und viele andere Heilige. Und nun die langen Reihen heiliger und frommer Bischöfe und Erzbischöfe aus den edelsten und berühmtesten rheinischen Geschlechtern, mit großer Macht begabt; unter ihnen St. Severin, St. Cunibert, St. Anno u. a.

Gar große Rechte und Freiheiten hatte die Stadt und hat sie zum Teil noch immer, und sie stammen aus uralten Zeiten her.

Die Weingötter am Rhein

Zu Bacharach am Rhein, wo nach altem deutschen Reimspruch der besten Weine einer wächst, soll vor Zeiten ein Altar des Bacchus, des Weingottes, gestanden haben, und des Ortes Name soll von diesem Altar: Bacchi ara39 herrühren. Diesen Altarstein nannten die Winzer auch den Elterstein. Dort ist ein Fels im Rhein, der wird nur bei großem Wassermangel und heißem, dürrem Sommerwetter sichtbar. Er gilt stets für eine dem Weinjahr günstige Prophezeiung; denn es geht ein Sprüchlein, das lautet: »Kleiner Rhein gibt guten Wein.« Viele meinen, daß dieser Fels der Altar des Bacchus sei. Und wenn der Elterstein sich zeigt, so putzen die Schiffsleute eine Strohpuppe als Bacchus auf und befestigen sie auf dem Stein.

Zu Kaub, nahe der alten Burg Pfalzgrafenstein, mitten im Rheinstrom, lebt noch eine Sage von einem wunderlichen Heiligen, Theonest, dessen Name wie eine Verstümmelung des griechischen Wortes Dionysos (Bacchus) klingt. Dieser Theonest soll aber nicht ein heidnischer Weingott gewesen sein, sondern ein christlicher Märtyrer, der in Mainz bis auf den Tod gequält wurde und dem es gelang, in einer Weinkufe statt Nachens auf dem Rheinstrom zu entkommen und sich abwärts tragen zu lassen. Je weiter Theonest fuhr, um so wohler wurde ihm zumute, und bei Kaub landete er in seiner Kufe an, predigte das Christentum und pflanzte Weinreben, und zwar solche mit süßen Trauben, die kelterte er zuerst in seiner Kufe. Davon erhielt der Ort, den er hier am Strome gründete, den Namen Kaub, und in das Stadtsiegel nahmen hernach dankbar die Kauber das Bild des heiligen Theonest, in seiner Kufe sitzend, als ihr Stadtwappen auf. Auch ist Kaub hernachmals ein wichtiger Ort geworden durch Rheinzoll und Stromreederei40 .

  1. d. h. des Bacchus Altar
  2. Schiffsbau

Lurlei

Rheinsagen

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Wo das Stromtal des Rheins unterhalb Kaub am engsten sich zusammendrängt, starren schroff und steil zu beiden Seiten echoreiche Felsenwände von Schiefergestein schwarz und unheimlich hoch empor. Schneller fließt dort die Stromflut, lauter brausen die Wogen, prallen ab am Fels und bilden schäumende Wirbel. Nicht geheuer ist es in dieser Schlucht; die schöne Nixe des Rheins, die gefährliche Lurlei oder Lorelei, ist in den Felsen gebannt. Doch erscheint sie oft den Schiffern, strählt mit goldenem Kamme ihr langes, flachsenes Haar und singt dazu ein süß betörendes Lied. Mancher, der davon sich locken ließ und den Fels erklimmen wollte, fand seinen Tod in den Wellenwirbeln. Rheinab, rheinauf ist keine Sage so in aller Mund, als die von der Lurlei; aber sie gleicht dem Echo der Uferfelsen, das sich mannigfach rollend bricht und wiederholt. Viele Dichter haben sie ausgeschmückt – fast bis zur Unkenntlichkeit.

Lurlei ist die Rhein-Undine42 . Wer sie sieht oder wer ihr Lied hört, dem wird das Herz aus dem Busen gezogen. Hoch oben auf ihres Felsens höchster Spitze steht sie, im weißen Kleide, mit fliegendem Schleier, mit wehendem Haar, mit winkenden Armen. Keiner aber kommt ihr nahe, wenn auch einer den Felsgipfel erstiege. Sie weicht vor ihm, sie schwebt zurück, sie lockt ihn durch ihre zaubervolle Schönheit bis an des Abgrunds jähen Rand. Er sieht nur sie, er glaubt sie vor sich auf festem Boden, schreitet vor und stürzt zerschmettert in die Tiefe.

  1. Eine ausführlichere Fassung dieser bekannten Sage findet sich in Bl. 13.
  2. Nixe

Die Brüder

Rheinsagen

Auf den nachbarlichen Burgen Sterrenberg und Liebenstein am Rhein wohnten zwei Brüder, die waren sehr reich und hatten die Burgen stattlich von ihres Vaters Erbe erbaut. Als ihre Mutter starb, wurden sie noch reicher. Beide hatten aber eine Schwester, die war blind, mit der sollten nun die Brüder der Mutter Erbe teilen. Sie teilten aber, da man das Geld in Scheffeln maß, daß jedes ein volles Maß nach dem andern nahm, und die blinde Schwester fühlte bei jedem, daß eins so voll war wie das andere. Die arglistigen Brüder drehten aber jedesmal, wenn es ans Maß der Schwester ging, das Maß um und deckten nur den von schmalem Rand umgebenen Boden mit Geld zu; die Blinde fühlte oben darauf und war zufrieden, daß sie ein volles Maß empfing, wie sie nicht anders glaubte. Sie war aber gottlos betrogen. Dennoch war mit ihrem Gelde Gottes Segen, und sie konnte reiche Andachten stiften in drei Klöstern, zu Bornhofen, zu Kiedrich und zur Not Gottes.

Aber mit dem Gelde der Brüder war der Unsegen für und für. Ihre Habe verringerte sich, ihre Herden starben, ihre Felder verwüstete der Hagel, ihre Burgen begannen zu verfallen, und sie wurden aus Freunden Feinde und bauten zwischen ihren nahe gelegenen Burgen eine dicke Mauer als Scheidewand, deren Reste noch heute zu sehen sind. Als all ihr Erbe zu Ende gegangen war, versöhnten sich die feindlichen Brüder und wurden wieder Freunde, aber auch ohne Glück und Segen. Beide bestellten einander zu einem gemeinschaftlichen Jagdritt; wer zuerst munter sei, solle den andern Bruder frühmorgens durch einen Pfeilschuß an den Fensterladen wecken. Der Zufall wollte, daß beide gleichzeitig erwachten und im gleichen Augenblick die Laden aufstießen und schossen, und daß der Pfeil jedes von ihnen dem andern ins Herz fuhr. Das war der Lohn ihrer untreuen Tat an ihrer blinden Schwester.