12. Kapitel Da mir das Leben auf eigne Faust nicht gefällt, fasse ich einen großen Entschluß


12. Kapitel Da mir das Leben auf eigne Faust nicht gefällt, fasse ich einen großen Entschluß

Mr. Micawbers erste Bittschrift wurde günstig erledigt, und das Gericht ordnete zu meiner großen Freude seine Freilassung an. Seine Gläubiger zeigten sich nicht unversöhnlich, und Mrs. Micawber erzählte mir, daß selbst der rachedürstende Schuster vor Gericht erklärt habe, er hege weiter keinen Groll, wünsche aber bezahlt zu sein, wenn man ihm Geld schulde. Er habe gesagt, er glaube, das sei menschlich.

Mr. Micawber kehrte nach Kings-Bench zurück, als sein Fall erledigt war, denn es mußten noch einige Kosten bezahlt und einige Formalitäten erfüllt werden, ehe er freigelassen wurde. Der Klub empfing ihn mit Begeisterung und veranstaltete an diesem Abend ihm zu Ehren eine musikalische Feier, während Mrs. Micawber und ich uns privatim an einem Lammsbraten erfreuten, umgeben von der schlafenden Familie.

»Bei dieser Gelegenheit will ich mit Ihnen, Master Copperfield«, sagte Mrs. Micawber, »mit einem frischen Glas Flip – wir hatten schon einige getrunken – auf das Wohl von Papa und Mama trinken.«

»Sind sie tot, Madame?« fragte ich, nachdem ich mit meinem Weinglas angestoßen hatte.

»Mama schied aus dem Leben, bevor Mr. Micawbers Drangsale begannen oder wenigstens noch nicht so schlimm waren. Papa lebte noch, um mehrere Male für Mr. Micawber Bürgschaft zu leisten, und hauchte dann seinen Geist aus, beweint von einem zahlreichen Kreis.«

Mrs. Micawber schüttelte den Kopf und ließ eine Träne auf den Zwilling, der gerade bei der Hand war, fallen.

Da ich schwerlich eine günstigere Gelegenheit zu der Frage, die mir sehr am Herzen lag, finden konnte, sagte ich zu Mrs. Micawber:

»Darf ich fragen, Ma’am, was Sie und Mr. Micawber zu tun gedenken, wenn Ihr Herr Gemahl aus seinen Verlegenheiten heraus und wieder in Freiheit ist? Haben Sie schon einen Entschluß gefaßt?«

»Meine Familie«, sagte Mrs. Micawber, die diese Worte immer mit einer großen Geste aussprach, obgleich ich nie herausbekommen konnte, wer eigentlich darunter zu verstehen sei, »meine Familie ist der Meinung, daß Mr. Micawber London den Rücken kehren und seine Talente in der Provinz verwerten solle. Mr. Micawber ist ein Mann von großem Talent, Master Copperfield!«

Ich sagte, daß ich daran nicht zweifle.

»Von großem Talent«, wiederholte Mrs. Micawber. »Meine Familie ist der Meinung, daß mit ein wenig Fürsprache für einen Mann von seinen Fähigkeiten etwas beim Zollamt getan werden könnte. Da der Einfluß meiner Familie nur lokaler Art ist, ist es ihr Wunsch, daß Mr. Micawber nach Plymouth hinunterkommen solle. Sie halten es für unerläßlich, daß er sich an Ort und Stelle begibt.«

»Um bereit zu sein?« fragte ich.

»Ganz richtig«, wiederholte Mrs. Micawber. »Um bereit zu sein, falls eine glückliche Wendung eintritt.«

»Und Sie gehen auch mit, Ma’am?«

Die Ereignisse des Tages, die Mitwirkung der Zwillinge und vielleicht auch der Flip hatten Mrs. Micawber sehr hysterisch gestimmt, und sie vergoß Tränen, als sie antwortete:

»Ich werde Mr. Micawber nie verlassen! Mr. Micawber hat mir vielleicht zu Anfang seine Bedrängnisse verheimlicht, aber sein sanguinisches Temperament mag ihn zu der Ansicht verleitet haben, er werde sie bald überwinden können. Das Perlenhalsband und die Armbänder, die ich von Mama geerbt habe, sind um den halben Wert verschleudert worden. Und der Korallenschmuck, den mir Papa zur Hochzeit schenkte, fast für nichts. Aber ich werde Mr. Micawber nie verlassen! Nein!« rief Mrs. Micawber mit noch größerer Rührung als vorher, »ich werde das nie tun. Ich lasse mich nicht überreden!«

Ich fühlte mich sehr unbehaglich, da Mrs. Micawber zu glauben schien, ich hätte sie zu einem solchen Schritt verleiten wollen, und sah sie sehr beunruhigt an.

»Mr. Micawber hat seine Fehler, ich leugne nicht, daß er unbedacht ist. Auch nicht, daß er mit Geld nicht umzugehen weiß und mich über seine Mittel und seine Schulden in Unkenntnis gelassen hat«, fuhr sie, den Blick an die Wand gerichtet, fort, »aber ich werde niemals Mr. Micawber verlassen!«

Da sich ihre Stimme jetzt zu lautem Kreischen gesteigert hatte, war ich so erschreckt, daß ich ins Klubzimmer davonlief und Mr. Micawber, der an einem langen Tisch präsidierte, in dem Chorgesang:

»Hühü, Dobbin,
Hüho, Dobbin,
Hühü, Dobbin,
Hühü und hüho-o-«

den er eben leitete, mit der Nachricht störte, daß sich Mrs. Micawber in einem sehr beängstigenden Zustand befände, worauf er sofort in Tränen ausbrach und mit mir forteilte, die Westentasche voll Krevetten, mit denen er sich gerade beschäftigt hatte.

»Emma, mein Engel«, rief er, als er ins Zimmer stürzte, »was ist geschehen?«

»Ich werde dich niemals verlassen, Micawber!« rief sie aus.

»Mein Leben«, sagte Mr. Micawber und schloß sie in die Arme. »Davon bin ich vollständig überzeugt.«

»Er ist der Vater meiner Kinder, der Erzeuger meiner Zwillinge, er ist der Gatte meines liebenden Herzens«, rief Mrs. Micawber schluchzend, »ich werde Mr. Micawber nie-mals ver-las-sen.«

Mr. Micawber war so tief gerührt durch diesen Beweis von Anhänglichkeit, – ich zerfloß selbstverständlich in Tränen –, daß er sich leidenschaftlich über seine Gattin beugte und sie anflehte, aufzusehen und sich zu beruhigen. Je mehr er sie aber anflehte, aufzublicken, um so mehr starrten ihre Augen ins Leere, und je mehr er sie anflehte, sich zu fassen, desto weniger tat sie es. Schließlich war Mr. Micawber selbst so erschüttert, daß er seine Tränen mit ihren und meinen mischte und mich bat, mir einen Stuhl auf die Treppe hinauszunehmen, während er sie zu Bett brächte. Ich wollte mich für den Abend verabschieden, aber er mochte davon nichts hören, ehe nicht die Fremdenglocke geläutet habe. So saß ich denn an einem Treppenfenster, bis er mit dem zweiten Stuhl nachkam und mir Gesellschaft leistete.

»Wie befindet sich jetzt Mrs. Micawber, Sir?« fragte ich.

»Sehr geschwächt«, sagte Mr. Micawber und schüttelte den Kopf. »Reaktion! O, was war das für ein schrecklicher Tag! Wir stehen jetzt allein, alles ist von uns gegangen.«

Er drückte mir die Hand, stöhnte und vergoß Tränen. Ich war sehr ergriffen und auch enttäuscht, denn ich hatte erwartet, daß wir bei dieser glücklichen langersehnten Gelegenheit recht heiter sein würden. Mr. und Mrs. Micawber hatten sich an ihre alten Bedrängnisse so gewöhnt, glaube ich, daß sie sich ganz schiffbrüchig vorkamen, als sie jetzt von ihnen erlöst waren. Die ganze Elastizität war von ihnen genommen, und ich hatte sie nie auch nur halb so elend wie an jenem Abend gesehen. Als die Glocke läutete und Mr. Micawber mich bis zum Türschließer begleitete und dort mit einem Segensspruch von mir Abschied nahm, bangte mir fast, ihn allein zu lassen, so unglücklich sah er aus.

Aber trotz all der Verwirrung und Bedrücktheit, die sich unserer Gemüter so unerwartet bemächtigt hatte, fühlte ich deutlich, daß mir ein Abschied von den Micawbers bevorstand. Auf meinem Nachhauseweg in jener Nacht und den schlaflosen Stunden, die darauf folgten, kam mir zuerst der Gedanke, der später zu einem festen Entschluß werden sollte.

Ich hatte mich so an die Micawbers gewöhnt und war mit ihren Bedrängnissen so vertraut geworden und stand so ohne jeden Freund da, wenn sie mir fehlten, daß mir die Aussicht, abermals unter fremde Leute gehen zu müssen, unerträglich schien. Der Gedanke an all die Scham und das Elend, das in meiner Brust lebte, wurde mir bei dem Gedanken daran noch peinigender, und ich sah keine Hoffnung an Entrinnen, wenn ich nicht aus eignem Entschluß einen Versuch wagte.

Ich hatte selten von Miss Murdstone gehört und niemals mehr von ihrem Bruder, außer, daß hie und da ein Paket neuer oder ausgebesserter Kleider für mich an Mr. Quinion gekommen war, immer mit einem Zettel dabei, auf dem J. M. hoffte, daß D. C. in seinem neuen Beruf fleißig und gehorsam sei. Nie die geringste Andeutung, daß ich auf eine Änderung in meinem Schicksal hoffen dürfte und je etwas anderes als ein gewöhnlicher Tagelöhner werden würde, zu welcher Stufe ich immer mehr herabsank.

Schon der nächste Tag zeigte mir, daß Mrs. Micawber nicht ohne guten Grund von ihrem Weggehen gesprochen hatte. Die Familie mietete sich in dem Hause, wo ich wohnte, für eine Woche ein, um sich nach Ablauf dieser Zeit nach Plymouth zu begeben. Mr. Micawber kam nachmittags aufs Kontor, um Mr. Quinion zu sagen, daß er mich vom Tage seiner Abreise an verlassen müsse, und zollte mir ein hohes Lob, das ich gewiß auch verdiente. Mr. Quinion rief Tipp, den Kärrner, der verheiratet war und ein Zimmer zu vermieten hatte, herein und quartierte mich im voraus bei ihm ein. Aber mein Entschluß stand fest.

Ich verlebte meine Abende mit Mr. und Mrs. Micawber, solange wir noch unter einem Dache wohnten, und wir gewannen einander noch lieber, je mehr die Zeit verging.

Am letzten Sonntag luden sie mich zum Mittagessen ein und wir bekamen Schweinsbraten, Apfelmus und Pudding. Ich hatte den Abend vorher ein geschecktes Holzpferd als Abschiedsgeschenk für den kleinen Wilkins Micawber und eine kleine Puppe für die kleine Emma gekauft.

Ich schenkte auch einen Schilling dem Waisling, der jetzt entlassen werden sollte.

Wir verlebten einen recht vergnügten Tag, wenn wir auch wegen unserer nahe bevorstehenden Trennung sehr weich gestimmt waren.

»Ich werde nie an die Zeit von Mr. Micawbers Bedrängnis zurückdenken, Master Copperfield«, sagte Mrs. Micawber, »ohne mich Ihrer zu erinnern. Ihr Benehmen war immer von der zartfühlendsten und verbindlichsten Art. Sie sind uns nie ein Mieter gewesen, sondern immer ein Freund.«

»Meine Liebe«, sagte Mr. Micawber, »Copperfield« – so nannte er mich in der letzten Zeit – »hat ein Herz für die Leiden seiner Mitmenschen, das mitfühlt, wenn die Wolken des Unheils über ihnen hängen, einen Kopf, der fühlt – eine Hand, die – kurz, er versteht es, alles verfügbare Eigentum, wenn es nötig ist, zu Geld zu machen.«

Ich drückte meine Erkenntlichkeit für dieses Lob aus und sagte, wie leid es mir täte, daß wir uns trennen müßten.

»Mein lieber junger Freund, ich bin ein Mann von gewisser Lebenskenntnis und – kurz und gut, ich bin in der Not erfahren. Gegenwärtig und bis die glückliche Wendung eintritt, die ich jetzt stündlich erwarte, kann ich Ihnen leider nichts als einen guten Rat geben. Doch ist er insofern wert, befolgt zu werden, als – kurz, ich habe ihn selbst nie befolgt und bin der elende Wicht, den Sie vor sich sehen.« Mr. Micawber, der bis zu den letzten Worten mit strahlendem Gesicht dagesessen hatte, machte eine Pause und nahm eine sehr düstere Miene an.

»Lieber Micawber«, flehte seine Gattin.

»Ich sage also«, fuhr Mr. Micawber fort, vergaß sich ganz und lächelte wieder, »der elende Wicht, den Sie vor sich sehen. Mein Rat ist: Verschieben Sie nie auf morgen, was Sie heute tun können. Aufschub ist der Dieb der Zeit. Fassen Sie ihn beim Kragen.«

»Meines armen Papas Grundsatz«, bemerkte Mrs. Micawber.

»Mein Herz«, sagte Mr. Micawber, »dein Papa war vortrefflich in seiner Art, und Gott sei vor, daß ich ihn je herabsetzen sollte. Aber nehmen wir ihn alles in allem – kurz, wohl niemand hatte in seinem Alter so stattliche Waden für Gamaschen und konnte ohne Brille die kleinste Schrift lesen wie er. Leider wandte er seinen Grundsatz auch auf unsere Hochzeit an, meine Liebe, und wir schlossen sie demzufolge so vorzeitig und schnell, daß ich mich bis heute noch nicht von den Unkosten erholt habe.«

Er sah seine Gattin von der Seite an und fügte hinzu: »Nicht daß es mich etwa gereute! Ganz im Gegenteil, meine Liebe!«

Hierauf beobachtete er ein paar Minuten tiefstes Stillschweigen.

»Meinen zweiten Rat«, fuhr er fort, »kennen Sie bereits, Copperfield. Jährliches Einkommen: zwanzig Pfund. Jährliche Ausgaben: neunzehn Pfund, neunzehn Schilling sechs Pence. Resultat: Wohlergehen. Jährliches Einkommen: zwanzig Pfund, jährliche Ausgaben: zwanzig Pfund sechs Pence. Resultat: Elend. Die Blüte ist dahin, das Laub verwelkt, der Gott des Tages geht unter über einem traurigen Schauspiel und – kurz, Sie sind im Saft. Wie ich.«

Um das Bild noch eindrucksvoller zu machen, trank Mr. Micawber mit einer Miene großer Befriedigung ein Glas Punsch aus und pfiff den »lustigen Kupferschmied«.

Ich unterließ nicht, ihm mit Worten zu versichern, daß ich mir seine Vorschriften sehr zu Herzen nehmen wollte, – unnötigerweise – denn ich war sichtlich gerührt.

Am nächsten Morgen traf ich die ganze Familie in der Landkutsche und sah sie mit trostlosem Herzen ihre Plätze einnehmen.

»Master Copperfield«, sagte Mrs. Micawber, »Gott segne Sie! Ich kann es nie vergessen, glauben Sie mir, und möchte es nicht, selbst wenn ich könnte.«

»Copperfield«, sagte Mr. Micawber, »leben Sie wohl! Glück und Wohlergehen! Wenn ich mich im Lauf der dahinrollenden Jahre überzeugen könnte, daß mein verlornes Leben eine Warnung für Sie gewesen ist, würde ich fühlen, daß ich nicht vergebens meinen Platz auf Erden ausgefüllt habe. Falls eine glückliche Wendung eintritt, wovon ich fest überzeugt bin, werde ich mich außerordentlich glücklich schätzen, wenn es in meiner Macht steht, Ihre Aussichten zu verbessern.«

Ich glaube, wie Mrs. Micawber mit den Kindern hinten auf dem Wagen saß und ich so klein auf der Straße stand und sehnsüchtig zu ihnen aufsah, da fiel der Schleier von ihren Augen und sie sah, was für ein winziges Geschöpf ich in Wirklichkeit war. Ich glaube es, weil sie mich plötzlich mit einem ganz veränderten Gesicht und mit mütterlichem Ausdruck in den Zügen heraufsteigen hieß und mich umarmte und mich küßte, wie ihr eignes Kind. Ich hatte kaum Zeit, wieder herunterzukommen, da fuhr die Kutsche fort. Ich konnte die Familie vor lauter Taschentücherschwenken kaum mehr sehen. In einer Minute waren sie verschwunden. Der Waisling und ich standen auf der Mitte der Straße und sahen einander mit leeren Blicken an, dann schüttelten wir uns die Hand und nahmen Abschied voneinander; sie ging ins St.-Lukas-Armenhaus zurück, wahrscheinlich, und ich an mein trauriges Tagewerk bei Murdstone & Grinby.

Aber ich hatte die Absicht, nicht mehr lange dort auszuhalten. Nein. Ich hatte mir vorgenommen, wegzulaufen, – so oder so, – um auf irgendeine Weise die einzige Verwandte, die ich noch auf der Welt besaß, meine Tante, Miß Betsey, aufzusuchen und ihr mein Leid zu klagen.

Ich habe schon erzählt, daß ich nicht weiß, wie mir dieser verzweifelte Gedanke eingefallen war. Aber einmal entstanden, blieb er und setzte sich in mir fest, wie kaum jemals im Leben später irgendein anderer. Ich war durchaus nicht überzeugt, daß ich große Hoffnungen hegen durfte. Aber ich war fest entschlossen, meinen Plan auszuführen.

Immer und immer wieder seit jener schlaflosen Nacht, wo mir der Gedanke durch den Kopf gefahren, hielt ich mir die alte Geschichte bei meiner Geburt vor Augen, die ich schon in den schönen, alten Zeiten meine Mutter hatte so gern erzählen hören und fast auswendig wußte. Meine Tante kam in diese Geschichte hineingeschritten und schritt wieder hinaus, wie eine Furcht und Grauen einflößende Gestalt; aber an einen ganz kleinen Zug ihres Benehmens erinnerte ich mich so gern, und er gab mir einen winzigen Schatten von Ermutigung. Ich konnte nicht vergessen, daß meine Mutter geglaubt, sie hätte gefühlt, wie die Tante ihr schönes Haar nicht mit unsanfter Hand berührte. Und wenn es vielleicht eine bloße Einbildung meiner Mutter gewesen sein mochte, so machte ich mir doch daraus ein kleines Bild von meiner schrecklichen Tante, auf dem sie milder gestimmt von dem mädchenhaften Eindruck meiner Mutter, die doch so gut und lieblich gewesen, dreinsah. Wohl möglich, daß mir all das lange im Kopf herumgespukt und dazu beigetragen hatte, nach und nach meinen Entschluß zu befestigen.

Da ich nicht einmal wußte, wo Miss Betsey lebte, schrieb ich einen langen Brief an Peggotty und fragte sie so nebenbei, ob sie sich nicht erinnern könnte. Ich gab vor, ich hätte von einer Dame dieses Namens in einer Stadt, die ich aufs Geratewohl nannte, gehört und möchte gerne wissen, ob es meine Tante wäre. In demselben Brief sagte ich Peggotty, daß ich eine halbe Guinee zu einem Zweck, den ich ihr später mitteilen würde, brauchte und bat sie recht sehr, mir diese Summe zu leihen.

Peggottys Antwort ließ nicht lange auf sich warten und war wie gewöhnlich voll Zärtlichkeit. Sie legte die halbe Guinee bei, ich fürchte, sie mußte unendliche Schwierigkeiten gehabt haben, sie aus Mr. Barkis‘ Koffer herauszubekommen – und teilte mir mit, daß Miss Betsey in der Nähe von Dover wohne, ob aber in Dover selbst, Hythe, Sandgate oder Folkstone könne sie nicht sagen. Einer unserer Leute bei Murdstone & Grinby klärte mich darüber auf, und ich erfuhr, daß alle diese Orte dicht beieinander lägen. Daher beschloß ich, mich gegen Ende der Woche auf den Weg zu machen.

Da ich ein sehr ehrlicher kleiner Kerl war und bei Murdstone & Grinby nicht gern ein schlechtes Andenken zurücklassen wollte, blieb ich bis Samstagabend, da mir der Wochenlohn immer vorausbezahlt worden war. Die halbe Guinee hatte ich mir ausgeborgt, um ein wenig Reisegeld zu haben.

Als der Samstagabend kam, schüttelte ich Mick Walker die Hand und bat ihn, wenn die Reihe an ihn käme bei Auszahlung der Löhnung, Mr. Quinion zu sagen, daß ich fortgegangen sei, um meinen Koffer zu Tipp zu bringen.

Mein Koffer stand in meiner alten Wohnung, und ich hatte auf die Rückseite einer der Adreßkarten, die wir auf die Fässer nagelten, geschrieben: Master David Copperfield, Landpostbureau Dover. Diesen Zettel trug ich in der Tasche, um ihn auf dem Koffer zu befestigen. Dann sah ich mich nach jemand um, der mir das Gepäck ins Einschreibebureau bringen könnte.

Nicht weit von dem Obelisken in Blackfriars Road fiel mein Blick auf einen langbeinigen Burschen vor einem niedrigen, mit einem Esel bespannten Karren. Als wir einander ansahen, nannte er mich »schuftiges Kleingeld« und fragte mich, ob ich mir vielleicht sein Gesicht für einige Jahre einprägen wollte, – wahrscheinlich, weil ich ihn so anstarrte. Ich versicherte ihm, daß ich ihn nicht beleidigen wollte und nur gern gewußt hätte, ob er mir nicht eine kleine Besorgung machen möchte.

»Wat for ne Besorjung?« fragte der langbeinige Bursche.

»Einen Koffer fortzuschaffen«, antwortete ich.

»Wat for nen Koffer?«

Ich sagte ihm: meinen Koffer, der in der nächsten Straße abzuholen sei, und den er mir für sechs Pence nach dem Bureau der Dover Landkutsche bringen möchte.

»Abjemacht, for n Sixpence«, sagte der langbeinige Bursche, sprang auf seinen Karren, der nichts als eine große Holzmulde auf Rädern war, und rasselte dann in solchem Trab davon, daß ich laufen mußte, was ich konnte, um mit dem Esel Schritt zu halten.

Der Bursche hatte etwas Abstoßendes in seinem Wesen, besonders in der Art, wie er an Stroh kaute, während er mit mir sprach, was mir nicht gefiel. Da aber der Handel abgeschlossen war, trugen wir den Koffer zusammen herunter und legten ihn auf den Karren. Um nicht bei meinen Wirtsleuten aufzufallen, wollte ich die Adresse hier nicht befestigen und sagte deshalb dem Burschen, er solle einen Augenblick an der Gefängnismauer von Kings-Bench halten. Kaum waren diese Worte über meine Lippen gekommen, rasselte er davon, als ob er, der Karren, der Esel – alle miteinander – verrückt geworden seien. Ich war ganz außer Atem vom Rufen und Hinterherrennen, als ich ihn an dem bezeichneten Ort einholte.

In meiner Aufregung riß ich die halbe Guinee mit aus der Tasche, als ich die Karte hervorholte. Ich nahm sie der Sicherheit wegen zwischen die Zähne, und obgleich meine Hände sehr zitterten, hatte ich die Karte eben zu meiner Zufriedenheit befestigt, als der langbeinige Bursche mich heftig unter das Kinn stieß und ich meine halbe Guinee in seine Hand fliegen sah.

»Wat«, sagte der junge Mann, mich mit einem entsetzlichen Grinsen am Kragen packend, »dat jehört for de Polizei. Wolltest ausrücken, was? Komm uff de Polizei, du Jewürm. Komm mit nach de Polizei.«

»Bitte, geben Sie mir mein Geld zurück«, sagte ich erschreckt, »und lassen Sie mich los.«

»Komm nach de Polizei«, sagte der Bursche. »Mußt et vor die Polizei beweisen.«

»Geben Sie mir doch meinen Koffer und mein Geld!« rief ich und brach in Tränen aus.

Der Bursche rief immer noch: »Uff de Polizei!« und zerrte mich zu dem Esel hin, als ob das der Polizeirichter wäre, dann besann er sich plötzlich, sprang auf den Karren und raste mit den Worten »Ick fahre nach de Polizei« auf und davon. Ich rannte ihm nach, so schnell ich konnte, hatte aber keinen Atem mehr, ihm nachzurufen, und würde es wohl auch kaum gewagt haben. Wohl zwanzig Mal in einer Viertelstunde entging ich knapp dem Überfahrenwerden. Jetzt verlor ich ihn aus den Augen, dann sah ich ihn wieder, verlor ihn nochmals, dann versetzte mir jemand einen Peitschenhieb, ein anderer schrie mir nach; jetzt lag ich unten in der Gosse, war wieder aufgestanden, stürzte jemand in die Arme und rannte schließlich gegen einen Pfahl. Endlich gab ich, ganz außer mir vor Aufregung und Furcht, halb London könnte schon zu meiner Verfolgung auf den Beinen sein, meinen Koffer und mein Geld auf und machte mich keuchend und weinend, aber nicht einen Augenblick stillstehend, auf den Weg nach Greenwich, der ersten Station nach Dover, wie ich gehört hatte. Ich nahm wenig mehr aus der Welt mit, als ich meine Tante aufsuchen ging, als ich an jenem Abend, wo ihr meine Ankunft so viel Ärger bereitet, in die Welt mitgebracht hatte.

13. Kapitel Die Folgen meines Entschlusses


13. Kapitel Die Folgen meines Entschlusses

Als ich die Verfolgung des Burschen aufgab, mochte ich wohl die Absicht gehabt haben, den ganzen Weg nach Dover zu laufen. Sehr bald aber machte ich Halt in Kent-Road vor einem kleinen Hause mit einem winzigen Tisch davor, in dessen Mitte eine große geschmacklose Bildsäule, die auf einer Muschel blies, stand. Hier setzte ich mich auf eine Türstufe, ganz erschöpft und so atemlos, daß ich nicht einmal über den Verlust meines Koffers und meiner halben Guinee weinen konnte.

Es war bereits dunkel, und ich hörte die Uhren zehn Uhr schlagen. Zum Glück war eine Sommernacht und schönes Wetter. Als ich wieder zu Atem gekommen, das erstickende Gefühl in meiner Kehle heruntergewürgt hatte, ging ich wieder weiter. Ich dachte nicht einen Augenblick daran, umzukehren.

Es beunruhigte mich sehr, daß ich nur dreieinhalb Pence besaß, wunderbar genug, daß ich an einem Samstagabend überhaupt noch so viel in der Tasche hatte. Ich sah mich schon in der Zeitung unter einer Hecke tot aufgefunden und schleppte mich elend, doch so schnell wie möglich fort, bis ich an einem kleinen Laden vorbeikam, wo, aus der Überschrift zu schließen, Damen- und Herrengarderobe gekauft und der höchste Preis für Lumpen, Knochen und Küchenabfall gezahlt wurde. Der Inhaber des Ladens saß in Hemdsärmeln vor der Tür und rauchte. Viele Röcke und Hosen hingen von der niederen Decke herab, und nur zwei trübe Kerzen erhellten das Innere des Ladens. Der Mann sah aus wie ein Rachegeist, der alle seine Feinde aufgehenkt hat und sich nun in Gemütsruhe ihres Anblicks freut.

Die bei Mr. und Mrs. Micawber erworbne Erfahrung sagte mir, daß sich mir hier ein Mittel bieten könnte, um den Hungertod noch ein wenig hinauszuschieben. Ich ging in das nächste Seitengäßchen, zog meine Weste aus, nahm sie sauber zusammengerollt unter den Arm und kehrte wieder zu der Ladentür zurück.

»Sir«, sagte ich, »ich soll dies um einen anständigen Preis verkaufen.«

Mr. Dolloby – diesen Namen führte das Firmaschild – nahm die Weste, lehnte die Pfeife an den Türpfosten, trat vor mir in den Laden, schneuzte die beiden Lichter mit den Fingern, breitete die Weste auf dem Ladentisch aus und betrachtete sie, hielt sie gegen das Licht und sagte endlich:

»Was nennen Sie denn einen Preis für das kleine Westchen?«

»O, das wissen Sie wohl am besten«, erwiderte ich bescheiden.

»Ich kann nicht Käufer und Verkäufer zugleich sein«, sagte Mr. Dolloby. »Nennen Sie einen Preis.«

»Würden achtzehn Pence –?« sagte ich nach einigem Zögern.

Mr. Dolloby rollte die Weste wieder zusammen und gab sie mir zurück. »Ich würde meine Familie berauben«, sagte er, »wenn ich neun Pence dafür böte.«

Das war eine unangenehme Art zu handeln, weil sie mich – einen ganz Fremden – in die unangenehme Lage versetzte, von Mr. Dolloby zu verlangen, daß er meinetwegen seine Familie berauben sollte.

Da meine Not so groß war, sagte ich, ich wollte neun Pence nehmen.

Nicht ohne Gebrumm gab Mr. Dolloby die neun Pence. Ich wünschte ihm gute Nacht und verließ den Laden reicher um diese Summe und ärmer um eine Weste; aber wenn ich die Jacke zuknöpfte, fühlte ich es nicht sehr.

Ich sah mit ziemlicher Bestimmtheit kommen, daß meine Jacke demnächst würde denselben Weg gehen müssen, und daß ich wohl gezwungen sein würde, den größten Teil meines Wegs nach Dover in Hemd und Hosen zurückzulegen, und mich noch glücklich schätzen dürfte, wenn es mir gelänge, noch in solchem Aufzug hinzukommen. Trotzdem machte ich mir nicht allzuviel daraus.

Es war mir ein Plan eingefallen, wie ich die Nacht verbringen konnte, und ich machte mich daran, ihn zur Ausführung zu bringen. Ich wollte mich hinter die Rückmauer meiner alten Schule in eine Ecke, wo früher ein Heuschober stand, legen. Ich bildete mir ein, es wäre eine Art Gesellschaft, wenn ich die Schüler und das Schlafzimmer, in dem ich immer so viel Geschichten erzählt, in der Nähe wüßte, wenn auch niemand drin etwas von meiner Anwesenheit ahnte.

Ich hatte einen langen Marsch hinter mir und war ganz abgehetzt, als ich endlich auf die Ebene von Blackheath hinauskam. Ich fand nach langer Mühe Salemhaus, fand auch den Heuschober in der Ecke und legte mich nieder, nachdem ich vorher um die Mauer herumgegangen, nach den Fenstern gesehen und alles finster und still gefunden hatte. Nie werde ich das Gefühl von Verlassenheit vergessen, das ich empfand, als ich mich das erstemal ohne ein Dach über meinem Haupt, nur den Himmel über mir, niederlegte.

Aber der Schlaf kam zu mir, wie er zu den Verstoßenen kommt, denen die Haustüren verschlossen sind, und die von den Hunden angebellt werden. Ich träumte, ich läge in meinem alten Schulbett und fand mich einmal aufrecht sitzend mit Steerforths Namen auf der Zunge und wild nach den Sternen starrend, die über mir schimmerten. Als mir dann klargeworden, wo ich mich zu dieser ungewöhnlichen Stunde befand, überlief mich ein merkwürdiges Gefühl, das mich bewog, aufzustehen und herumzugehen. Der mattere Schimmer der Sterne und das Dämmern im Osten beruhigten mich. Da ich noch sehr schläfrig war, legte ich mich wieder hin und schlummerte ein und fühlte im Schlaf, wie kalt es war, bis mich die warmen Strahlen der Sonne und die Frühglocke von Salemhaus weckten. Ich wußte, daß Steerforth fort sein mußte, sonst hätte ich vielleicht auf ihn gewartet. Möglicherweise war Traddles noch da, doch ich hatte nicht genug Vertrauen auf seine Verschwiegenheit, um ihm meine Lage anvertrauen zu können, so sehr ich mich auf sein gutes Herz hätte verlassen dürfen. So schlich ich mich fort von der Mauer, als Mr. Creakles Jungen aufstanden, und schlug die staubige Straße nach Dover ein.

Wie verschieden war dieser Sonntagmorgen von jenem damals in Yarmouth. Ich hörte die Kirchenglocken läuten, als ich mich langsam hinschleppte, begegnete den sonntäglich gekleideten Leuten, kam an eine oder zwei Kirchen vorbei, in denen der Gottesdienst abgehalten wurde, während der Büttel im kühlen Schatten des Eingangs saß oder unter dem Eibenbaum stand und mir mißtrauisch nachsah. Friede und Ruhe des Sonntagmorgens überall, nur nicht in mir. Ich kam mir so verkommen vor in meinem Schmutz, so bestaubt und mit wirrem Haar. Ohne das stille Bild meiner Mutter in Jugend und Schönheit, wie sie weinend beim Feuer sitzt und meine Tante weich wird ihr gegenüber, im Herzen, hätte ich kaum den Mut gehabt, noch bis zum nächsten Tag auszuhalten. Aber es schwebte immer vor mir her, und ich ging hinter ihm drein.

Ich legte an diesem Sonntag dreiundzwanzig englische Meilen auf der Landstraße zurück und es fiel mir nicht leicht, denn ich war das Wandern nicht gewöhnt. Ich sehe mich bei hereinbrechendem Abend über die Brücke von Rochester gehen, müde, mit wunden Füßen und das Brot verzehrend, das ich mir zum Abendessen gekauft. Ein oder zwei kleine Häuser mit der Aufschrift »Nachtquartier für Reisende« hatten mich wohl gelockt, doch ich fürchtete, die paar Pence, die ich noch besaß, auszugeben, und empfand noch mehr Angst vor den verdächtigen Blicken der Strolche, denen ich unterwegs begegnet. Ich suchte mir daher kein anderes Dach als den Himmel, und als ich Chatham erreichte, das bei Nacht aussieht wie ein Traum voll Mauern, Zugbrücken und mastlosen Schiffen mit Verdecken, wie Archen, kroch ich auf eine alte grasbewachsene Schanze, vor der eine Schildwache auf und ab ging. Hier legte ich mich neben eine Kanone und schlief gesund bis zum Morgen, glücklich, von weitem die Schritte der Schildwachen zu hören.

Am nächsten Morgen war ich ganz steif, und das Trommelwirbeln und der Schritt der marschierenden Truppen, die mich ringsum einzuschließen schienen, als ich nach der langen schmalen Straße hinabging, betäubten mich förmlich. Ich fühlte, daß ich diesen Tag nur eine kurze Strecke würde zurücklegen können, wenn ich mir noch etwas Kraft für den letzten Teil meiner Reise aufsparen wollte. Ich beschloß daher vor allem den Verkauf meiner Jacke ins Auge zu fassen. Ich zog also meine Jacke aus, um mich daran zu gewöhnen, ohne sie auszukommen, nahm sie unter den Arm und sah mich nach Trödlerläden um.

Es war ein sehr geeigneter Ort für den Verkauf einer Jacke, denn die »Händler in alten Kleidern« waren sehr zahlreich und schauten in ihren Ladentüren nach Kunden aus. Aber da bei den meisten ein oder zwei Offiziersuniformen mit Epauletten im Ladenfenster hingen, schreckte mich der vornehme Charakter dieser Geschäfte ab, und ich lief lange Zeit herum, ohne jemand meine Ware anzubieten.

Meine Aufmerksamkeit lenkte sich vornehmlich auf die Seemannsläden und solche wie Mr. Dollobys, und endlich fand ich einen, der mir vielversprechend aussah, an der Ecke eines schmutzigen Gäßchens, das an einen eingezäunten grünen Fleck voller Brennesseln stieß. An dem Zaune hingen ein paar alte Matrosenanzüge, einige Hängematten, rostige Flinten und Südwester, und vor dem Laden standen mehrere Mulden mit so viel verrosteten Schlüsseln in allen Größen, daß man sämtliche Türen der Welt hätte damit aufsperren können.

In diesen Laden, der niedrig und klein und eher verdunkelt als erhellt durch ein mit Kleidern verhangenes Fensterchen war, stieg ich mit klopfendem Herzen einige Stufen hinab. Meine Bangigkeit wuchs noch, als ein grauenhafter alter Mann, dessen untere Gesichtshälfte ganz von einem struppigen grauen Bart bedeckt war, aus einer schmutzigen Höhle im Hintergrund hervorstürzte und mich bei den Haaren packte. Es war ein schrecklich anzusehender Mann in einer schmutzigen Flanellweste. Er roch entsetzlich nach Rum. Seine Bettstelle, mit einer zerknüllten und zerlumpten Flickendecke zugedeckt, stand in der Höhle, aus der er herausgekommen war. Durch ein zweites kleines Fenster konnte man noch ein Brennesselfeld und einen lahmen Esel sehen.

»O was brauchst du?« greinte der alte Mann mit einem wilden eintönigen Gewinsel, »Gott über meine Augen und Glieder, was brauchst du? O über meine Lunge und Leber, was brauchst du? O goru, o goru!«

So sehr brachten mich diese Worte und besonders die Wiederholung des letzten mir ganz unbekannten Lautes, der wie ein tiefes Röcheln in seiner Kehle klang, aus der Fassung, daß ich gar nicht antworten konnte. Immer noch hielt mich der alte Mann bei den Haaren und wiederholte:

»O was brauchst du, Gott über meine Augen und Glieder, was brauchst du? O über meine Lunge und Leber, was brauchst du. O goru!« Er röchelte die Worte mit solcher Energie aus sich heraus, daß ihm die Augen aus den Höhlen traten.

»Ich wollte fragen«, sagte ich zitternd, »ob Sie eine Jacke kaufen möchten?«

»O laß die Jacke sehen«, schrie der alte Mann, »o mei Herz brennt wie Feuer. Laß sehen die Jacke. Gott über meine Augen und Glieder, zeig her die Jacke.«

Damit ließen seine zitternden Hände, die den Klauen eines großen Vogels glichen, meine Haare los, und er setzte eine Brille auf, die seine entzündeten Augen durchaus nicht verschönte.

»O wieviel für die Jacke?« schrie er, nachdem er sie genau betrachtet hatte. »O goru, wieviel für die Jacke?«

»Eine halbe Krone«, sagte ich und faßte wieder langsam Mut.

»O über meine Lunge und Leber«, schrie der alte Mann. »Nix! O über meine Augen. Nix! Gott über meine Glieder Nix! Achtzehn Pence! Goru!« Jedesmal wenn er diesen Ausruf hören ließ, quollen seine Augen aus ihren Höhlen, und jeder Satz, den er sprach, hatte eine Art Melodie, immer dieselbe. Sie glich einer Art Windesgeheul, das leise anfängt, ansteigt und abnimmt. Ich kann es mit nichts anderem auf der Welt vergleichen.

»Gut«, sagte ich, froh, den Handel abgeschlossen zu haben, »ich will achtzehn Pence nehmen.«

»Gott über meine Leber!« schrie der alte Mann und warf die Jacke in ein Fach, »raus aus dem Laden. Ach Gott über meine Lunge. Raus aus dem Laden. Ach meine Augen und Glieder! Goru! Kein Geld. Mach mer en Tausch.«

Nie in meinem Leben bin ich so erschrocken gewesen, aber ich sagte schüchtern, daß ich Geld brauchte, und daß mir nichts anderes nützen könnte. Daß ich jedoch seinem Wunsch gemäß draußen daraufwarten wollte und keine Eile hätte. Ich ging also hinaus und setzte mich in eine Ecke in den Schatten. Und ich saß dort so viele Stunden, daß der Schatten Sonnenschein und der Sonnenschein wieder Schatten wurde, und immer noch auf mein Geld warte.

Ich glaube, so einen betrunkenen Verrückten gibt es in diesem Geschäftszweig nicht wieder. Daß er in der Nachbarschaft wohl bekannt war und in dem Ruf stand, sich dem Teufel verkauft zu haben, erfuhr ich bald durch die Gassenjungen, die fortwährend um den Laden herumsprangen, ihm das zubrüllten und ihn aufforderten, sein Gold zu zeigen.

»Du bist gar nicht arm, Charley, wie du dich stellst! Zeig dein Gold her. Zeig das Gold her, für das du dich dem Teufel verkauft hast. Komm doch, s ist in der Matratze eingenäht, Charley! Schneid sie auf und zeig uns das Gold!« Dies und viele Anerbietungen, ihm ein Messer zu leihen, brachten den Trödler dermaßen auf, daß der ganze Tag eine Reihenfolge von Ausfällen seinerseits war, auf die die Jungen stets die Flucht ergriffen. Manchmal hielt er mich in seiner Wut für einen der Jungen und stürzte schäumend auf mich los, als wollte er mich in Stücke reißen. Rechtzeitig besann er sich aber immer wieder und zog sich schleunigst in den Laden zurück und warf sich auf sein Bett, wie ich aus dem Klang seiner Stimme schloß, wenn er in seiner dem Windesgeheul ähnlichen Melodie wie irrsinnig das Lied von Nelsons Tod brüllte, mit einem »O« vor jeder Strophe und unzähligen Gorus dazwischen.

Als wäre das noch nicht schlimm genug für mich, brachten mich die Jungen wegen meiner Geduld und Ausdauer in irgendeine Verbindung mit dem Etablissement, zumal ich nur halb angezogen war, bewarfen mich mit Steinen und mißhandelten mich den ganzen Tag über.

Der alte Mann machte viele Versuche, mich zu bewegen, in einen Tausch einzuwilligen. Einmal kam er mit einer Angelrute heraus, dann mit einer Fiedel, mit einem Schlapphut und endlich mit einer Flöte. Aber ich widerstand allen seinen Angeboten und blieb in Verzweiflung sitzen. Jedesmal flehte ich ihn mit den Tränen in den Augen um mein Geld oder meine Jacke an. Endlich fing er an, mich halbpennyweise zu bezahlen und brauchte so zwei volle Stunden zu einem Schilling.

»O meine Augen und Glieder!« schrie er dann nach einer langen Pause in grauenhafter Art aus dem Laden herausschielend. »Willst du für zwei Pence mehr gehen?«

»Ich kann nicht«, sagte ich, »ich muß verhungern.«

»O meine Lunge und Leber. Willst du für drei Pence gehen?«

»Ich würde umsonst gehen«, sagte ich, »wenn ich könnte. Aber ich brauche das Geld jämmerlich nötig.«

»O go-ru!« Es war ganz unbeschreiblich, wie er dieses letzte Röcheln hervorstieß, als er jetzt hinter der Türpfoste hervorlugte, daß man nur den alten schlauen Kopf sehen konnte. »Willst du für vier Pence gehen?«

Ich war so hungrig und müde, daß ich einwilligte und das Geld nicht ohne Zittern aus seiner Klaue nahm. Dann ging ich kurz vor Sonnenuntergang hungriger und durstiger als ich je gewesen meines Weges. Für drei Pence stärkte ich mich bald vollkommen und hinkte, jetzt besserer Laune, sieben Meilen weiter.

Mein Bett in dieser Nacht war wieder ein Heuschober, ich wusch mir die Füße in einem Bach und verband sie, so gut es ging, mit ein paar kühlenden Blättern. Den nächsten Morgen führte mich der Weg durch Hopfenfelder und Obstanlagen. Die Jahreszeit war schon so weit vorgerückt, daß überall reife Äpfel hingen, und an einigen Orten standen die Pflücker schon bei der Arbeit. Ich fand alles wunderschön und beschloß, die Nacht in dem Hopfengarten zu schlafen. Die langen Reihen von Stangen mit den anmutig sich windenden Blättern kamen mir wie eine gemütliche Gesellschaft vor.

Die Landstreicher schienen an diesem Tage gefährlicher als je und flößten mir einen Schrecken ein, daß ich heute noch daran denken muß. Einige von ihnen, wild aussehende Raufbolde, die mich beim Vorbeigehen anstarrten, blieben manchmal stehen und riefen mir zu, umzukehren, und warfen mir, wenn ich ausriß, Steine nach. Ich erinnere mich noch an einen jungen Burschen, nach seinem Felleisen und Kohlenbecken zu schließen, ein Kesselflicker, der ein Frauenzimmer bei sich hatte. Er stierte mich an und rief mir dann mit so fürchterlicher Stimme nach, zurückzukommen, daß ich stehenblieb und mich umsah.

»Komm her, wenn man dich ruft«, sagte der Kesselflicker, »oder ich schlitze dir deinen jungen Bauch auf.«

Ich hielt es für das beste, umzukehren. Als ich näher kam und den Kesselflicker durch freundliche Blicke zu besänftigen suchte, bemerkte ich, daß das Weib ein blaugeschlagenes Auge hatte.

»Wo gehst du hin«, fragte der Kesselflicker und packte mich mit seiner geschwärzten Hand an der Brust.

»Ich gehe nach Dover.«

»Wo kommst du her?« fragte er weiter und packte mich noch fester.

»Ich komme von London.«

»Was hast du für ein Handwerk? Bist du ein Dieb?«

»N-ein«, sagte ich.

»Nicht? Bei G-? Wenn du mit Ehrlichkeit bei mir prahlen willst«, sagte der Kesselflicker, »haue ich dir das Dach ein!«

Mit seiner freien Hand machte er eine Bewegung, als wollte er mich niederschlagen, und musterte mich dann vom Kopf bis zu den Füßen.

»Hast du Geld für eine Kanne Bier bei dir? Wenn dus hast, heraus damit, bevor ich mirs hole.«

Ich würde es gewiß herausgeholt haben, hätte ich nicht den Blick der Frau bemerkt, die hinter ihm kaum merklich den Kopf schüttelte und ihre Lippen zu einem »Nein« verzog.

»Ich bin sehr arm«, sagte ich mit einem Versuch zu lächeln, »und habe kein Geld.«

»Was soll das heißen?« sagte der Kesselflicker und sah mich so scharf an, daß ich schon fürchtete, er sähe das Geld in meiner Tasche.

»Herr!« stammelte ich.

»Was soll das heißen«, sagte der Kesselflicker, »daß du meines Bruders Seidenhalstuch trägst! Her damit!« und schon hatte er es mir vom Halse gerissen und es der Frau zugeworfen.

Das Weib brach in ein Gelächter aus, als ob sie das für einen Spaß hielte und warf es mir wieder hin und nickte wieder und verzog ihre Lippen zu dem Worte: »Fort.«

Ehe ich noch gehorchen konnte, riß mir der Kesselflicker das Tuch mit solcher Gewalt aus der Hand, daß ich zur Seite flog wie eine Feder. Dann wandte er sich mit einem Fluch zu der Frau und schlug sie zu Boden. Ich sehe sie jetzt noch vor mir, wie sie rücklings auf die Steine hinstürzt und dort liegt, den Hut vom Kopf gerissen und das Haar ganz weiß vom Staub. Wie ich mich aus der Ferne umschaue, sitzt sie am Straßenrand und wischt mit dem Zipfel ihres Schals das Blut aus dem Gesicht, während der Kesselflicker unbekümmert weitergeht.

Dieses Abenteuer entsetzte mich so, daß ich später mich immer versteckte, wenn ich Leute solchen Schlages kommen sah und oft ein Stück zurücklaufen mußte, was meine Reise sehr verlängerte. Aber in diesen und andern Bedrängnissen auf meiner Wanderung hielt mich das Phantasiebild von meiner Tante und meiner Mutter aufrecht. Nie wich es von mir. Ich sah es zwischen den Hopfenstangen, als ich mich niederlegte; es stand bei mir früh am Morgen und blieb bei mir den ganzen Tag.

Es hat sich seitdem für immer mit der sonnig hellen Straße von Canterbury und seinen alten Häusern und Toren und seiner alten grauen Kathedrale in meiner Seele verbunden.

Als ich endlich auf die öden weiten Dünen bei Dover kam, vergoldete es mir den einsamen Anblick der Gegend mit einem Hoffnungsstrahl, und erst, als ich das große Ziel meiner Reise erreicht und am sechsten Tag nach meiner Flucht wirklich den Fuß in die Stadt setzte, wich es von mir. Dann, – seltsam genug, – als ich mit zerrissenen Schuhen, staubig, sonnverbrannt und nur halb bekleidet in der so langersehnten Stadt stand, schien es wie ein Traumgesicht zu verschwinden und ließ mich hilflos und entmutigt allein.

Ich erkundigte mich nach meiner Tante zuerst bei den Schiffern und erhielt die verschiedensten Auskünfte. Der eine sagte, sie wohne auf dem südlichen Leuchtturm und hätte sich dort den Backenbart verbrannt, ein anderer, sie sei an der großen Boje draußen vor dem Hafen angebunden, und man könne sie nur bei Stauwasser besuchen. Ein dritter, daß sie wegen Kinderdiebstahl im Maidstonekerker eingesperrt sei. Ein vierter, sie sei während des letzten Sturms auf einem Besen nach Calais geritten. Die Droschkenkutscher, bei denen ich mich dann erkundigte, waren ebenso spaßig und wenig respektvoll, und die Ladeninhaber, denen mein Aussehen nicht gefiel, antworteten meistens, ohne überhaupt meine Frage anzuhören, sie hätten nichts für mich.

Ich fühlte mich unglücklicher und entmutigter als jemals, seit ich fortgelaufen. Mein Geld war zu Ende, ich hatte nichts mehr zu verkaufen, war hungrig, durstig und erschöpft und schien meinem Ziel ferner zu sein als in London.

Der Morgen war über meinen Nachfragen vergangen, und ich saß auf den Stufen vor einem leeren Laden an einer Straßenecke und ging mit mir zu Rate, ob ich nach den andern Orten, die mir Peggotty geschrieben hatte, wandern sollte, als ein Droschkenkutscher vorbeifuhr und seine Pferdedecke verlor. Ich reichte sie ihm auf den Bock, und etwas Gutmütiges in dem Gesicht des Mannes ermutigte mich, ihn zu fragen, ob er nicht wisse, wo Miss Trotwood wohne. Ich hatte die Frage schon so oft gestellt, daß sie mir fast auf den Lippen erstarb.

»Trotwood?« sagte er. »Laß mal sehen. Ich kenne doch den Namen! Alte Dame?«

»Ja«, sagte ich, »ziemlich.«

»Ziemlich steif im Rücken«, sagte er und setzte sich sehr gerade.

»Ja«, sagte ich, »ich glaube wohl.«

»Trägt einen Strickbeutel? Strickbeutel mit viel Platz drin. Ist mürrisch und fährt einen scharf an?«

Ich ließ den Mut sinken ob dieser Schilderung, die unzweifelhaft auf meine Tante paßte.

»Also hör mal«, sagte er, »wenn du dort hinaufgehst«, er wies mit seiner Peitsche nach dem Hügel, »und rechts hinaufgehst bis zu ein paar Häusern am Meer, kannst du Genaueres über sie erfahren. Ich glaube nicht, daß sie etwas gibt. Da ist ein Penny für dich.«

Ich nahm die Gabe dankbar an und kaufte mir Brot dafür. Ich aß es unterwegs und ging in der Richtung, bis ich an die Häuser kam. Ich trat in einen kleinen Laden und bat, ob man nicht so gut sein wollte, mir zu sagen, wo Miss Trotwood wohne. Ich wendete mich an einen Mann hinter dem Ladentisch, der eine Tüte Reis für ein Mädchen abwog, da drehte sich dieses um.

»Meine Herrschaft? Was willst du bei ihr?«

»Ich möchte mit ihr sprechen, bitte.«

»Das heißt, du willst sie anbetteln«, entgegnete das Mädchen.

»Nein«, sagte ich, »wahrhaftig nicht.« Dann fiel mir plötzlich ein, daß ich doch eigentlich zu keinem andern Zweck kam, schwieg verwirrt und fühlte, wie ich rot wurde.

Die Zofe meiner Tante, denn das mußte sie wohl sein, legte den Reis in ein kleines Körbchen und verließ den Laden, mit der Weisung, ich solle ihr folgen, wenn ich wissen wolle, wo Miss Trotwood wohne. Ich war so aufgeregt, daß mir die Kniee schlotterten.

Ich folgte dem jungen Mädchen, und wir kamen sehr bald zu einem sehr hübschen Häuschen mit entzückenden Bogenfenstern. Davor lag ein kleiner Garten voll Blumen, sorgfältig gepflegt und herrlich duftend.

»Hier wohnt Miss Trotwood«, sagte das Mädchen. »Jetzt weißt dus. Weiter kann ich dir nichts sagen.«

Mit diesen Worten eilte sie ins Haus, wie um die Verantwortlichkeit für mein Erscheinen abzuschütteln, und ließ mich am Gartentor stehen. Ich sah trostlos auf das Wohnzimmerfenster hin, wo ein halb zurückgezogner Musselinvorhang, ein großer runder grüner Schirm oder Fächer auf dem Fensterbrett, ein kleiner Tisch und ein Armstuhl mich ahnen ließen, daß meine Tante in diesem Augenblick in großer Strenge dort saß.

Meine Schuhe befanden sich in einem kläglichen Zustand. Die Sohlen waren stückweise losgelöst, und das Oberleder, bald hier; bald dort geplatzt, hatte die Form eines Schuhes verloren. Mein Hut; der mir auch als Nachtmütze gedient, war so zerdrückt und verbogen, daß es jede alte stiellose Pfanne auf einem Misthaufen erfolgreich mit ihm aufgenommen hätte. Mein Hemd und meine Hosen, schmutzig und fleckig von Hitze, Tau, Gras und dem kentischen Kalkboden, auf dem ich geschlafen, und außerdem zerrissen, wären imstande gewesen, eine Vogelscheuche in meiner Tante Garten abzugeben.

So stand ich in der Türe. Mein Haar hatte, seit ich London verlassen, weder Kamm noch Bürste gesehen. In Gesicht, an Hals und Händen hatten mich Luft und Sonne dunkelbraun gebrannt. Von Kopf bis zu den Füßen mit Kalk und Staub weiß gepudert, sah ich aus, als ob ich aus einem Kalkofen käme. In diesem Aufzug, und meines Aussehens mir sehr wohl bewußt, sollte ich mich also meiner gestrengen Tante vorstellen.

Die andauernde Ruhe hinter dem Wohnstubenfenster ließ mich schließen, daß sie nicht drinnen sei. Ich wendete meine Augen zu den Fenstern im ersten Stock und sah einen freundlich aussehenden Herrn mit blühendem Gesicht und grauem Haar, der auf komische Weise ein Auge zukniff, mir mehrere Male mit dem Kopf zunickte, mich anlachte und wieder verschwand.

Ich war schon sowieso außer Fassung genug, aber dieses Benehmen raubte mir den letzten Rest von Mut. Ich stand eben im Begriff, mich wieder fortzuschleichen und mir zu überlegen, was am besten zu tun sei, als eine Dame, über ihre Mütze ein Taschentuch gebunden, mit Gartenhandschuhen, einer Gartenschürze und in der Hand ein großes Messer aus dem Hause trat. Ich erkannte in ihr sofort Miss Betsey nach der Art, wie sie aus dem Hause stelzte. Genau so war sie nach der Erzählung meiner Mutter auch in unserm Garten herumstolziert.

»Fort!« sagte Miss Betsey und schüttelte den Kopf und fuhr mit dem Messer durch die Luft, als ob sie ein Kotelett herausschneiden wollte.

»Fort! Keine Jungen hier!«

Ich sah ihr zu, das Herz auf der Zunge, wie sie in eine Ecke des Gartens ging und sich bückte, um etwas auszugraben. Dann, ohne einen Funken Mut in mir, aber mit desto mehr Verzweiflung, trat ich leise ein, stellte mich neben sie und berührte sie mit dem Finger.

»Wenn Sie gestatten würden, Ma’am«, fing ich an.

Sie fuhr zusammen und blickte auf.

»Wenn Sie gestatten würden, Tante!«

»Eh«, rief Miss Betsey mit einem Ton des Erstaunens aus, wie ich nie einen ähnlichen gehört hatte.

»Wenn Sie gestatten würden, Tante, ich bin Ihr Neffe!«

»O Gott!« sagte meine Tante und setzte sich mitten im Gartenweg hin.

»Ich bin David Copperfield aus Blunderstone in Suffolk, wo Sie an dem Abend, als ich geboren wurde, meine liebe Mutter besuchten. Ich bin seit ihrem Tode sehr unglücklich gewesen. Man hat mich vernachlässigt und nichts gelehrt, ich war auf mich selbst angewiesen und wurde zu einer Arbeit verwendet, die gar nicht für mich paßte. Deswegen bin ich fortgelaufen zu Ihnen. Gleich am Anfang wurde ich beraubt und mußte den ganzen Weg zu Fuß gehen und habe in keinem Bett geschlafen, seit ich auf der Reise bin.«

Hier war es mit meiner Fassung zu Ende und mit einer Handbewegung, mit der ich ihre Aufmerksamkeit auf meinen zerlumpten Zustand lenken wollte, als Beweis, was ich gelitten, brach ich in ein bitterliches Weinen aus.

Meine Tante, aus deren Gesicht jeder andere Ausdruck als Verwunderung gewichen war, saß, mich groß anstarrend, auf dem Kiesweg, bis ich zu weinen anfing. Dann stand sie in großer Hast auf, packte mich beim Kragen und schleppte mich in das Wohnzimmer. Ihr erstes war hier, einen hohen Schrank aufzuschließen, verschiedene Flaschen herauszunehmen und mir aus jeder etwas in den Mund zu gießen. Sie muß blind drauflos gegriffen haben, denn ich weiß gewiß, daß ich Aniswasser, Anchovissauce und Salatessig geschmeckt habe. Als ich selbst nach dem Genuß dieser Stärkungsmittel noch immer ganz außer Fassung war und von Schluchzen geschüttelt wurde, legte sie mich auf das Sofa, steckte mir einen Schal unter den Kopf, das Taschentuch von ihrem Kopf unter meine Füße, damit ich nicht den Überzug beschmutzen konnte, und setzte sich hinter den bereits erwähnten grünen Schirm. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, ich hörte nur, wie sie von Zeit zu Zeit einige »Gott sei uns gnädig!« wie Flintenschüsse hervorstieß.

Nach einer Weile klingelte sie.

»Janet«, sagte sie, als das Mädchen hereinkam. »Geh hinauf, empfiehl mich Mr. Dick und sage ihm, ich möchte ihn gerne sprechen.«

Janet machte erstaunte Augen, als sie mich ganz steif auf dem Sofa liegen sah, denn ich getraute mich nicht, eine Bewegung zu machen, um nicht meine Tante zu erzürnen, – und ging dann hinaus, um ihren Auftrag auszuführen. Meine Tante marschierte, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab, bis der Herr, der mich aus dem obern Fenster angezwinkert hatte, lachend hereintrat.

»Mr. Dick«, sagte meine Tante, »seien Sie jetzt kein Narr. Niemand kann gescheiter sein als Sie, wenn Sie wollen. Also bitte, nur so vernünftig wie möglich!«

Der Gentleman machte sogleich ein ernstes Gesicht und sah mich an, als wollte er mich bitten, nur ja nichts von der Szene vorhin am Fenster zu verraten.

»Mr. Dick«, fuhr meine Tante fort, »Sie haben mich einmal David Copperfield erwähnen hören. Tun Sie jetzt nicht, als ob Sie kein Gedächtnis hätten, denn Sie und ich wissen das besser.

»David Copperfield«, sagte Mr. Dick, der sich meiner trotzdem nicht zu erinnern schien, » David Copperfield? Ach ja, richtig. David. Stimmt.«

»Also«, sagte meine Tante, »dies ist sein Sohn. Er wäre seinem Vater so ähnlich wie möglich, wenn er nicht seiner Mutter so gliche.«

»Sein Sohn«, sagte Mr. Dick, »Davids Sohn? Wirklich?«

»Ja«, fuhr meine Tante fort, »er hat hübsche Sachen angestellt. Er ist davongelaufen. Ach, seine Schwester, Betsey Trotwood, wäre nie davongelaufen.«

Meine Tante schüttelte mit Entschiedenheit den Kopf voll Vertrauen auf den Charakter und das Betragen des Mädchens, das nie geboren worden war.

»O Sie glauben, sie wäre nie davongelaufen?« sagte Mr. Dick.

»Ach Gott, der Mann!« rief meine Tante ärgerlich. »Was er wieder redet. Ich weiß doch, daß sie es nie getan haben würde, sie würde mit ihrer Patin beisammen gewesen sein, und wir hätten einander sehr lieb gehabt. Von wo, zum Kuckuck, hätte seine Schwester, Betsey Trotwood, fortlaufen sollen und wohin denn?«

»Nirgends«, sagte Mr. Dick.

»No also«, erwiderte meine Tante, durch die Antwort besänftigt.

»Wie können Sie so zerstreut sein, Dick, wo Ihr Verstand so scharf ist wie die Lanzette eines Chirurgen. Jetzt sehen Sie hier den jungen David Copperfield, und die Frage, die ich Ihnen vorlege, ist, was soll ich mit ihm anfangen?«

»Was Sie mit ihm anfangen sollen«, fragte Mr. Dick verlegen und kratzte sich hinter den Ohren. »Anfangen sollen?«

»Ja«, sagte meine Tante mit einem ernsten Blick und den Zeigefinger in die Höhe haltend. »Ich brauche einen vernünftigen Rat.«

»Hm, wie wäre es«, sagte Mr. Dick nachdenklich und mich mit leerem Blick ansehend, »ich würde –« mein Anblick schien ihm plötzlich einen Gedanken einzuflößen – und er ergänzte rasch: »ich würde ihn waschen.«

»Janet«, sagte meine Tante und drehte sich mit einem stillen Triumph, den ich damals noch nicht verstand, um: »Mr. Dick hat immer recht. Heize das Bad.«

Obgleich ich das größte Interesse an dem Gespräch hatte, konnte ich mich doch nicht enthalten, während desselben meine Tante, Mr. Dick und Janet genau zu beobachten und mich im Zimmer umzusehen.

Meine Tante war eine große Dame mit strengen Zügen, aber durchaus nicht bös aussehend. Es lag eine Unbeugsamkeit in ihrem Gesicht, in ihrer Stimme, ihrem Anzug und in ihrer Haltung, daß ich mir den Eindruck erklären konnte, den sie auf ein so sanftes Geschöpf, wie meine Mutter gewesen, gemacht hatte. Aber ihre Züge schienen eher hübsch als häßlich, wenn auch hart und streng; besonders fiel mir ihr lebhaftes blitzendes Auge auf. Ihr Haar, schon ziemlich ergraut, war unter einer unter dem Kinn zugebundnen Art Nachtmütze in zwei gleiche Teile geteilt. Ihr Kleid, lavendelfarbig und äußerst sauber, war knapp geschnitten, als wünschte sie so wenig wie möglich von ihm behindert zu sein. Es schien mir eigentlich ein Reitkleid zu sein, von dem man die Schleppe abgeschnitten hatte. Sie trug an der Seite eine goldne Herrenuhr, nach Form und Größe zu schließen und der Kette und den Siegeln daran, um den Hals einen Leinenstreifen wie einen Hemdkragen und an den Handgelenken Dinger wie Manschetten.

Mr. Dick hatte graues Haar und ein blühendes Gesicht, wie bereits erwähnt. Den Kopf trug er sonderbar gebeugt, aber nicht wegen des Alters, und seine großen Augen standen weit hervor und hatten einen eigentümlichen wässerigen Glanz, was mich zusammen mit seinem zerstreuten Wesen, seiner Unterwürfigkeit gegen meine Tante und seiner kindischen Freude, wenn sie ihn lobte, auf den Gedanken brachte, er müsse ein wenig verrückt sein, obgleich ich mir dann nicht erklären konnte, wie er hierher kam. Er war wie ein schlichter Gentleman mit weitem grauem Morgenrock, Weste und weißen Hosen bekleidet, trug seine Uhr und sein Geld lose in der Tasche und klimperte damit, als ob er sehr stolz darauf wäre.

Janet, ein hübsches frisches Mädchen, etwa neunzehn oder zwanzig Jahre alt, schien ein wahres Muster von Nettigkeit zu sein. Später erfuhr ich, daß sie eine aus der Reihe der weiblichen Schützlinge war, die meine Tante nach und nach mit der Absicht in Dienst genommen, Männerfeindinnen aus ihnen zu machen, die aber am Schluß gewöhnlich Bäcker geheiratet hatten.

Das Zimmer sah ebenso sauber aus wie Janet und meine Tante. Wenn ich nur einen Augenblick daran denke, rieche ich wieder die Seeluft, vermischt mit dem Dufte der Blumen, sehe die altmodischen und glänzend polierten Möbel meiner Tante, ihren geweihten Tisch und Stuhl, den großen runden Schirm im Bogenfenster stehen, den mit Läufern bedeckten Teppich, die Katze, den Kesselständer, die zwei Kanarienvögel, die Punschbowle, gefüllt mit trocknen Rosenblättern, den hohen Schrank mit seinen Flaschen und Töpfen und wundervoll gegen alles abstechend mein staubiges Ich auf dem Sofa.

Janet war fortgegangen, um das Bad zu heizen, als zu meinem größten Schrecken meine Tante plötzlich ganz starr vor Entrüstung wurde und nach Luft schnappend aufschrie:

»Janet! Esel!«

Sofort kam Janet die Treppe heraufgesprungen, als ob das Haus in Flammen stünde, stürzte auf einen kleinen Rasenfleck vor dem Haus hinaus und verscheuchte zwei von Damen gerittene Esel, die gewagt hatten, ihre Hufe auf den Rasen zu setzen, während meine Tante ihr auf dem Fuß folgte, den Zaum eines dritten Esels, auf dem ein Kind saß, ergriff, das Tier umdrehte, es zur Seite zog und dem unglücklichen Jungen, der den Esel geführt und die heilige Stelle zu entweihen sich unterstanden hatte, eins hinter die Ohren gab. Bis heute weiß ich nicht, ob meine Tante ein Recht auf diesen Rasenflecken besaß, aber jedenfalls hatte sie es sich in den Kopf gesetzt, und das genügte ihr. Es war in ihren Augen eine große Untat, die nach beständiger Ahndung verlangte, wenn ein Esel diesen jungfräulichen Fleck betrat. Mochte sie in welcher Beschäftigung immer begriffen und die Unterhaltung noch so interessant sein, der Anblick eines Esels gab dem Gang ihrer Gedanken sofort eine andere Richtung und unverzüglich stürzte sie auf ihn los. Krüge voll Wasser und Töpfe standen an geheimen Plätzen bereit, um die Führer der Esel zu begießen, Stöcke lauerten hinter den Türen, Ausfälle wurden zu allen Stunden gemacht und ununterbrochen wütete der Krieg. Vielleicht war alles das eine angenehme Unterhaltung für die Jungen, und wahrscheinlich machte es den Klügern unter den Eseln, die die Sache durchschauten, in der ihnen eignen Hartnäckigkeit eine besondere Freude, gerade deshalb diesen Weg zu betreten.

Dreimal, ehe das Bad fertig war, wurde Lärm geschlagen und beim letzten und verzweifeltsten geriet meine Tante in ein Gefecht mit einem fünfzehnjährigen Burschen mit sandgelbem Haar, den sie mit dem Kopf an die Gartentür stoßen mußte, ehe er zu begreifen schien, worum es sich handelte. Diese Unterbrechungen kamen mir um so lächerlicher vor, als sie mir gerade Fleischbrühe einflößte, – sie hatte sich offenbar eingeredet, ich stünde dicht vor dem Hungertode und dürfte anfangs nur in kleinen Quantitäten Nahrung zu mir nehmen. In Erwartung des Löffels hielt ich noch den Mund offen, da legte sie das Besteck auf den Teller, rief: »Janet! Esel!« und eilte hinaus zum Kampfe.

Das Bad war eine wahre Erquickung für mich. Das Schlafen im Freien hatte mir Gliederschmerzen gemacht, und ich fühlte mich so matt, daß ich kaum fünf Minuten hintereinander wach bleiben konnte. Als ich mich gebadet, zog ich, das heißt, sie zogen mir – nämlich meine Tante und Janet – ein Hemd und ein Paar Hosen Mr. Dicks an und wickelten mich in zwei oder drei große Schals. Ich sah wie ein Paket aus und es war mir schrecklich heiß. Da mich überdies ein Gefühl von Mattigkeit und Schläfrigkeit überwältigte, schlummerte ich bald auf dem Sofa ein. Vielleicht träumte ich wieder von dem Bilde; ich erwachte mit der Vorstellung, daß meine Tante sich über mich gebeugt, mir das Haar aus dem Gesicht gestrichen, meinen Kopf bequemer gelegt und mich dann lange betrachtet hätte. Die Worte »hübscher Junge« oder »armer Junge« schienen mir auch noch in den Ohren zu klingen, aber sonst war bei meinem Erwachen nichts da, das mich hätte glauben machen können, meine Tante hätte gesprochen, denn sie saß unbeweglich am Bogenfenster und blickte hinter dem grünen Schirm hervor aufs Meer hinaus. Wir aßen, bald nachdem ich erwacht war, zu Mittag. Ein gebratenes Huhn und ein Pudding kamen auf den Tisch; ich selbst sah auch aus wie ein tranchierter Vogel und konnte meine Arme nur mit großer Schwierigkeit bewegen. Aber da meine Tante mich selbst eingewickelt hatte, durfte ich mich doch nicht beklagen! Die ganze Zeit über lag es mir sehr am Herzen, zu erfahren, was sie mit mir anzufangen gedenke. Aber sie nahm ihre Mahlzeit in tiefstem Schweigen ein, nur manchmal sah sie mich an und rief aus »Gott erbarme sich unser!« Und das war gar nicht geeignet, meine Besorgnisse zu verscheuchen.

Nachdem das Tischtuch entfernt war, kam Sherry, und ich erhielt auch ein Glas. Meine Tante schickte wieder nach Mr. Dick, der uns dann Gesellschaft leistete und so klug dreinsah, wie er nur konnte, als sie ihn aufforderte, meiner Geschichte zuzuhören, die sie durch eine Reihe von Fragen aus mir herauslockte. Während meiner Erzählung wandte sie kein Auge von Mr. Dick, der, wie ich glaube, sonst eingeschlafen wäre. Wenn er sich verleiten ließ, zu lächeln, wies ihn ein Stirnrunzeln meiner Tante in seine Schranken zurück.

»Was nur dem armen unglücklichen Baby eingefallen sein muß, daß sie noch einmal heiratete«, sagte meine Tante, als ich fertig war. »Ich kann es nicht begreifen.«

»Vielleicht hat sie sich in ihren zweiten Mann verliebt«, meinte Mr. Dick.

»Verliebt?« wiederholte meine Tante. »Was reden Sie da? Zu welchem Zweck?«

»Vielleicht«, simpelte Mr. Dick, nachdem er ein wenig nachgedacht, »vielleicht tat sie es zu ihrem Vergnügen.«

»Zu ihrem Vergnügen! Natürlich! Ein Mordsvergnügen für das arme Baby, ihr schlichtes Herz einem Schweinehund zu schenken, der sie in jeder Art enttäuschte. Was hat sie sich eigentlich dabei gedacht, möchte ich gern wissen? Sie hatte doch schon einen Mann gehabt, hatte David Copperfield begraben, der von Kindheit an Wachspuppen nachlief, besaß ein Kind – was brauchte sie mehr?«

Mr. Dick schüttelte geheimnisvoll den Kopf, als könne er sich über diesen Punkt nicht klarwerden.

»Sie brachte es nicht einmal fertig, ein Kind zu kriegen wie andere Leute«, sagte meine Tante. »Wo ist dieses Kindes Schwester Betsey Trotwood geblieben? Kam einfach nicht! Reden Sie nichts!«

Mr. Dick schien ganz erschrocken zu sein.

»Der kleine Doktor mit dem seitwärts geneigten Kopf, Jellips oder wie er sonst hieß, wozu war er denn da? Er konnte nichts, als wie ein Rotkehlchen, das er übrigens ist, sagen: ’s ist ein Knabe. Ein Knabe! Ha, über die Dummheit dieses ganzen Geschlechts!«

Über die Heftigkeit dieses Ausrufs erschrak Mr. Dick außerordentlich und, wenn ich die Wahrheit sagen soll, ich ebenfalls.

»Und dann, noch nicht genug damit, und als ob sie dieses Kindes Schwester Betsey Trotwood noch nicht genügend im Licht gestanden hätte«, sagte meine Tante, »heiratet sie zum zweiten Mal, geht hin und heiratet einen Mörder – oder so etwas dergleichen – und steht diesem Kind auch noch im Licht. Die natürliche Folge ist, was jeder, bloß ein Baby nicht, hätte voraussehen können, daß der Junge herumvagabundiert. Er ist, noch bevor er aufwächst, einem Kain so ähnlich wie möglich.«

Mr. Dick sah mich hart an.

»Und dann ist das Frauenzimmer mit dem heidnischen Namen da«, sagte meine Tante, »die muß natürlich auch heiraten. Weil sie noch nicht genug von dem Unglück gesehen hat, das bei so etwas herauskommen muß. Sie heiratet auch, wie das Kind erzählt. Ich hoffe bloß, meine Tante schüttelte den Kopf, – daß ihr Gatte einer von der Prügelsorte ist, von denen man immer in der Zeitung liest, und sie ordentlich verhaut.«

Das konnte ich von meiner alten Kindsfrau nicht mit anhören und versicherte meiner Tante, daß sie sich bestimmt irre, Peggotty sei die beste, treueste, hingehendste und aufopferndste Freundin und Dienerin von der Welt. Ich sagte, daß sie immer mich und meine Mutter von Herzen geliebt, – meiner Mutter sterbendes Haupt gestützt habe, und daß meine Mutter ihren letzten dankbaren Kuß auf ihr Gesicht drückte. Und da mich die Erinnerung an die beiden so sehr erschütterte, konnte ich nicht ausreden und erzählen, wie Peggottys Haus auch mein Haus sei, daß alles, was sie besäße, mein sei, und daß ich nur mit Rücksicht auf ihre bescheidene Stellung und aus Furcht, ihr Ungelegenheiten zu machen, nicht bei ihr Schutz gesucht habe. Tränen erstickten meine Stimme, und ich legte mein Gesicht auf den Tisch.

»Schon gut, schon gut«, sagte meine Tante, »das Kind hat ganz recht, wenn es zu denen hält, die ihm beigestanden haben. – Janet! Esel!«

Ich bin überzeugt, ohne das Dazwischentreten dieser unglückseligen Esel wären wir jetzt zu einer Aussprache gekommen, denn meine Tante hatte mir die Hand auf die Schultern gelegt, und ich war eben im Begriffe, dadurch ermutigt, sie zu umarmen und ihren Schutz anzuflehen. Aber die Unterbrechung und die Aufregung, in die sie durch den Kampf draußen geriet, machten vorderhand allen sanfteren Gefühlen ein Ende und veranlaßten meine Tante, sich in höchster Entrüstung gegen Mr. Dick über ihren Entschluß auszulassen, bei den Landesgesetzen Hilfe zu suchen und sämtliche Eselseigentümer von Dover zu verklagen.

Nach dem Tee setzten wir uns ans Fenster, – wie ich aus dem gespannten Gesicht meiner Tante schloß – um auf neue Eindringlinge zu lauern. Dann als es dämmrig wurde, brachte Janet Lichter und ein Pochbrett und ließ die Vorhänge herunter.

»Jetzt, Mr. Dick«, sagte meine Tante mit ernstem Blick und emporgehobenem Zeigefinger, »will ich Ihnen eine andere Frage vorlegen. Sehen Sie das Kind an.«

»Davids Sohn?« fragte Mr. Dick mit aufmerksamem und bestürztem Gesicht.

»Ganz richtig«, entgegnete meine Tante, »Davids Sohn. Was würden Sie jetzt mit ihm machen?«

»Mit Davids Sohn machen?« fragte Mr. Dick.

»Ja«, erwiderte meine Tante, »mit Davids Sohn.«

»O«, sagte Mr. Dick. »Ja. Mit ihm machen – ich würde ihn zu Bett bringen.«

»Janet!« rief meine Tante mit derselben triumphierenden Miene, die ich schon einmal an ihr entdeckt hatte. »Mr. Dick rät uns immer das beste. Wenn das Bett fertig ist, wollen wir David hinaufbringen.« Auf Janets Äußerung, daß alles bereit sei, wurde ich hinaufgeführt, freundlich, aber wie eine Art Gefangener. Meine Tante ging voraus, und Janet beschloß den Zug.

Der einzige Umstand, der mir Hoffnung einflößte, war, daß Janet auf die Frage meiner Tante, woher plötzlich so ein brandiger Geruch komme, antwortete, sie habe unten in der Küche aus meinem Hemd Zunder gebrannt. Überdies lagen in meinem Zimmer sonst keine Kleider außer den verrückten Sachen, in die man mich eingewickelt hatte. Als man mich mit einer kleinen Kerze, die, wie mir meine Tante sagte, genau fünf Minuten brennen würde und nicht länger, allein gelassen, hörte ich, wie sie draußen die Türe zuschlossen. Ich dachte darüber nach und kam zu dem Schluß, daß meine Tante mich wahrscheinlich im Verdacht hatte, es sei eine üble Gewohnheit von mir, davonzulaufen, und dagegen Vorkehrungen traf.

Das Zimmer, außerordentlich freundlich, lag oben im Hause mit der Aussicht auf das Meer hinaus, auf das der Mond jetzt glänzend schien. Ich sagte mein Nachtgebet her und blieb, als die Kerze ausgebrannt war, noch sitzen und blickte auf das mondbeschienene Wasser hin, als könnte ich darin mein Schicksal lesen oder meine Mutter mit ihrem Kind auf den Lichtstrahlen vom Himmel herabsteigen und mich mit ihrem lieblichen Antlitz, wie einst, anblicken sehen.

Das feierliche Gefühl wich allmählich einer Empfindung der Dankbarkeit und der Ruhe, die mir der Anblick des weißverhangenen Bettes und vielmehr noch die Rast in dem weißen Pfühl mit den schneeweißen Leinen einflößte. Ich erinnere mich, daß ich an alle die einsamen Orte dachte, wo ich unter dem Nachthimmel geschlafen, und betete, Gott möge mich nie wieder obdachlos werden und nie der Obdachlosen vergessen lassen. Ich erinnere mich, wie ich dann auf dem silbernen Dämmerschimmer des Mondlichtes in die Welt der Träume hinüberglitt.

1. Kapitel Ich komme zur Welt


1. Kapitel Ich komme zur Welt

Ob ich mich in diesem Buche zum Helden meiner eignen Leidensgeschichte entwickeln werde oder ob jemand anders diese Stelle ausfüllen soll, wird sich zeigen.

Um mit dem Beginn meines Lebens anzufangen, bemerke ich, daß ich, wie man mir mitgeteilt hat und wie ich auch glaube, an einem Freitag um Mitternacht zur Welt kam. Es heißt, daß die Uhr zu schlagen begann, gerade als ich zu schreien anfing.

Was den Tag und die Stunde meiner Geburt betrifft, so behaupteten die Kindsfrau und einige weise Frauen in der Nachbarschaft, die schon Monate zuvor, ehe wir noch einander persönlich vorgestellt werden konnten, eine lebhafte Teilnahme für mich gezeigt hatten,

erstens: Daß es mir vorausbestimmt sei, nie im Leben Glück zu haben, und

zweitens: Daß ich die Gabe besitzen würde, Geister und Gespenster sehen zu können. Wie sie glaubten, hingen diese beiden Eigenschaften unvermeidlich all den unglücklichen Kindern beiderlei Geschlechts an, die in der Mitternachtsstunde eines Freitags geboren sind.

Über den ersten Punkt brauche ich nichts weiter zu sagen, weil ja meine Geschichte am besten zeigen wird, ob er eingetroffen ist oder nicht.

Was den zweiten anbelangt, will ich nur feststellen, daß ich bisher noch nichts bemerkt habe. – Vielleicht habe ich schon als ganz kleines Kind diesen Teil meiner Erbschaft angetreten und aufgebraucht. Ich beklage mich auch durchaus nicht, falls mir diese schöne Gabe vorenthalten bleiben sollte. Und wenn sich irgend jemand anders ihrer vielleicht bemächtigt hat, mag er sie in Gottesnamen behalten.

Ich kam in einem Hautnetz zur Welt, das später um den niedrigen Preis von fünfzehn Guineen in den Zeitungen zum Verkauf ausgeschrieben wurde. Ob damals die Seereisenden gerade knapp bei Kasse waren oder schwach im Glauben und daher Korkjacken vorzogen, weiß ich nicht; ich weiß bloß so viel, daß nur ein einziges Angebot einlief, und zwar von einem Anwalt, der zugleich Wechselagent war und zwei Pfund bar und den Rest in Sherry geben wollte und es entschieden ablehnte, um einen höhern Preis diese Garantie gegen das Ertrinken zu erwerben. Die Annonce wurde zurückgezogen – denn was Sherry anbelangte, so wurde meiner armen lieben Mutter eigner Sherry gerade damals versteigert.

Das Hautnetz wurde zehn Jahre später in unserer Gegend in einer Lotterie unter fünfzig Personen ausgeknobelt; je fünfzig Bewerber zahlten eine halbe Krone per Kopf, und der Gewinner hatte noch fünf Schillinge daraufzulegen. Ich selbst war gegenwärtig und erinnere mich, wie unbehaglich und verlegen mir zu Mute war, als ein Teil meines eignen Selbsts auf diese Weise veräußert wurde. Ich weiß noch, daß eine alte Dame mit einem Handkorb das Netz gewann und die ausgemachten fünf Schillinge in lauter Halfpennystücken zögernd herausholte.

Es fehlten damals noch zwei und ein halber Penny, was man ihr nur mit einem großen Aufwand an Zeit und Arithmetik begreiflich machen konnte. Tatsache ist, daß die alte Dame wirklich nie ertrank, sondern triumphierend im Bette starb; zweiundneunzig Jahre alt.

Ich ließ mir erzählen, daß sie sich bis an ihr Ende außerordentlich damit brüstete, in ihrem ganzen Leben niemals auf dem Wasser gewesen zu sein, höchstens auf einer Brücke, und daß sie bei ihrem Tee, dem sie sehr zugetan war, stets ihre Entrüstung über die Gottlosigkeit der Seeleute aussprach, die sich auf dem Meere »herumtrieben«.

Es war vergebens, ihr vorzustellen, wie viele Annehmlichkeiten wir, den Tee zum Beispiel mit inbegriffen, dieser Unsitte verdanken. Stets erwiderte sie mit noch größerm Nachdruck und mit instinktivem Bewußtsein von der Gewalt ihres Einwandes: »Man hat sich trotzdem nicht herumzutreiben.«

Um mich aber nicht selbst herumzutreiben und abzuschweifen, will ich wieder zu meiner Geburt zurückkehren.

Ich erblickte in Blunderstone in Suffolk oder daherum, wie man in Schottland sagt, das Licht der Welt. Ich bin ein nachgebornes Kind. Meines Vaters Augen schlossen sich sechs Monate früher, als die meinigen sich öffneten.

Es liegt etwas Seltsames für mich in dem Gedanken, daß mein Vater mich niemals gesehen hat, und noch Seltsameres in der schattenhaften Erinnerung aus meiner ersten Kinderzeit an den weißen Grabstein auf dem Kirchhof. Ich empfand unsäglichen Kummer, daß er dort draußen allein liegen mußte in der dunklen Nacht, während unser kleines Wohnzimmer warm und hell war von Feuer und Licht und das Tor unseres Hauses – fast grausam kam es mir manchmal vor – für ihn verriegelt und verschlossen.

Eine Tante meines Vaters, folglich eine Großtante von mir, von der ich bald mehr zu erzählen haben werde, galt als die angesehenste Person in unserer Familie. Miss Trotwood oder Miss Betsey, wie meine arme Mutter sie immer nannte, wenn sie ihre Angst vor dieser schrecklichen Persönlichkeit so weit überwand, sie überhaupt zu erwähnen, war verheiratet gewesen mit einem Manne, der jünger als sie selbst und sehr hübsch war. Allerdings nicht in dem Sinn des Sprichworts, »hübsch ist, wer sich hübsch beträgt«, – denn er stand stark in dem Verdacht, daß er Miss Betsey durchzuprügeln pflegte und einmal sogar wegen einer strittigen Unterstützungsfrage schnelle, aber entschlossene Vorbereitungen getroffen hätte, sie aus einem Fenster im zweiten Stock hinauszuwerfen.

Diese offenkundigen Beweise unverträglicher Gemütsart bewogen schließlich Miss Betsey, ihn mit Geld abzufertigen und eine Scheidung auf gegenseitige Übereinkunft durchzusetzen.

Er ging mit dem Kapital nach Indien und wurde dort nach einer wilden Legende in unserer Familie einmal auf einem Elefanten reiten gesehen in Gesellschaft eines Babu. Es wird wohl ein Pavian gewesen sein – oder eine Begum! Wie dem auch sei, ehe zehn Jahre um waren, kam aus Indien die Kunde von seinem Tod.

Wie meine Tante es aufgenommen hat, weiß niemand. Gleich nach der Scheidung nahm sie ihren Mädchennamen wieder an, kaufte sich ein Häuschen in einem Weiler weit draußen an der Seeküste und lebte dort mit einer einzigen Dienerin in unerbittlicher Zurückgezogenheit.

Mein Vater mußte einst ihr Liebling gewesen sein, aber seine Heirat hatte sie tödlich beleidigt, da meine Mutter nach ihrer Ansicht nur eine »Wachspuppe« war. Sie hatte meine Mutter wohl nie gesehen, wußte aber, daß sie sehr jung war – noch nicht zwanzig.

Mein Vater und Miss Betsey sahen einander nie wieder. Er war doppelt so alt als meine Mutter, als er sie heiratete, und von zarter Gesundheit. Ein Jahr darauf starb er; wie ich schon gesagt habe, sechs Monate, ehe ich zur Welt kam.

So lagen die Dinge an jenem, wie ich wohl sagen darf, ereignisvollen und wichtigen Freitag. Ich weiß natürlich über sie nichts aus eigner Anschauung und stütze meine Erinnerungen auch nicht auf eigne Sinneswahrnehmung.

Meine Mutter saß am Feuer, körperlich schwach und geistig sehr niedergedrückt, schaute, die Augen voll Tränen, in das Feuer und sann trübe nach über das Schicksal des vor der Geburt verwaisten Kindes, dessen Ankunft binnen kurzem erwartet wurde, und über ihre eigene Zukunft.

Es war ein heller, windiger Herbstnachmittag, und sie saß betrübt und niedergeschlagen da und von bangen Zweifeln erfüllt, ob sie wohl glücklich die zu erwartende schwere Stunde überstehen werde, als sie, ihre Augen trocknend, aufblickte und durch das gegenüberliegende Fenster eine fremde Dame in den Garten hereinkommen sah.

Beim zweiten Blick hatte meine Mutter schon die sichere Ahnung, daß es Miss Betsey wäre. Die untergehende Sonne schien über den Gartenzaun auf die fremde Dame, und diese schritt auf die Türe zu mit einer so unbeugsamen Strenge in Gesicht und Haltung, daß es niemand anders sein konnte.

Als sie das Haus erreichte, lieferte sie noch einen andern Beweis ihrer Identität. Mein Vater hatte oft erwähnt, daß sie sich selten wie ein gewöhnlicher Christenmensch benehme; und nun trat sie wirklich, anstatt die Glocke zu ziehen, an das nächste Fenster und drückte ihre Nase mit solcher Energie gegen das Glas, daß diese im Augenblick ganz platt und weiß wurde, wie meine Mutter oft erzählte.

Sie bekam darüber einen solchen Schrecken, daß ich es meiner Überzeugung nach nur Miss Betsey zu danken habe, wenn ich an einem Freitag zur Welt kam.

Meine Mutter war in ihrer Aufregung aufgestanden und hinter den Stuhl in eine Ecke getreten. Miss Betsey sah sich durch die Scheiben langsam und forschend im Zimmer um, wobei sie am andern Ende der Stube anfing, und wendete automatenhaft wie ein Türkenkopf auf einer Schwarzwälderwanduhr das Gesicht, bis ihre Blicke auf meiner Mutter haften blieben. Dann zog sie die Brauen zusammen und winkte wie jemand, der zu befehlen gewohnt ist, daß man ihr die Türe aufmachen solle. Meine Mutter gehorchte.

»Mrs. David Copperfield vermutlich«, sagte Miss Betsey mit einer Emphase, die sich wahrscheinlich auf die Trauerkleider meiner Mutter und auf ihren Zustand bezog.

»Ja«, antwortete meine Mutter schüchtern.

»Haben Sie schon von Miss Trotwood gehört?« fragte die Dame.

Meine Mutter entgegnete, sie habe das Vergnügen gehabt, hatte aber dabei das unangenehme Gefühl, nicht darnach auszusehen, als ob es ein überwältigendes Vergnügen gewesen wäre.

»Jetzt steht sie vor Ihnen«, sagte Miss Betsey. Meine Mutter verbeugte sich und bat die Dame, einzutreten.

Sie gingen in das Wohnzimmer, aus dem meine Mutter gekommen, denn das Besuchzimmer auf der andern Seite des Ganges war nicht geheizt und nicht geheizt gewesen seit meines Vaters Leichenbegängnis. Als sie beide Platz genommen hatten, Miss Betsey aber nichts sprach, fing meine Mutter, nach einem vergeblichen Bemühen sich zu fassen, zu weinen an.

»O still, still, still!« sagte Miss Betsey hastig. »Nur das nicht. Laß das, laß das!«

Meine Mutter aber konnte sich nicht helfen, und ihre Tränen flossen, bis sie sich ausgeweint hatte.

»Nimm deine Haube ab, Kind«, sagte Miss Betsey, »damit ich dich sehen kann.«

Meine Mutter war viel zu sehr eingeschüchtert, um dieses seltsame Verlangen abzuschlagen, selbst wenn sie gewollt hätte. Daher entsprach sie dem Wunsche und tat es mit so zitternden Händen, daß ihr Haar, das sehr reich und schön war, sich löste und auf ihre Schultern herabfiel.

»Gott bewahre!« rief Miss Betsey, »du bist ja noch ein wahres Wickelkind.«

Allerdings sah meine Mutter selbst für ihre Jahre noch sehr jugendlich aus. Sie ließ den Kopf hängen, als ob es ihre Schuld wäre, und sagte schluchzend, daß sie auch fürchte, sie sei ein wahres Kind von einer Witwe und werde auch ein Kind von einer Mutter sein, wenn sie am Leben bliebe.

In der kurzen Pause, die darauf folgte, kam es ihr fast vor, als ob Miss Betsey ihr Haar berührte, und zwar nicht mit unsanfter Hand; aber wie sie schüchtern hoffend aufblickte, hatte sich die Dame mit aufgeschürztem Kleid bereits hingesetzt, die Hände über ein Knie gefaltet, die Füße auf das Kamingitter gestützt, und starrte grimmig ins Feuer.

»Um Gotteswillen?« fragte Miss Betsey plötzlich. »Warum eigentlich Krähenhorst?«

»Sie meinen das Haus, Madame?«

»Warum Krähenhorst?« fragte Miss Betsey. »Hühnerhof wäre passender gewesen, wenn ihr beide einen Begriff vom praktischen Leben gehabt hättet.«

»Mr. Copperfield hat ihm den Namen gegeben«, erwiderte meine Mutter. »Als er das Haus kaufte, meinte er, es müßte hübsch sein, wenn Krähen darin nisten würden.«

Der Abendwind fegte in diesem Augenblick so gewaltig durch die alten hohen Ulmen im Garten, daß sowohl meine Mutter wie Miss Betsey unwillkürlich hinaussahen. Als sich die Bäume zueinander neigten wie Riesen, die sich Geheimnisse zuflüsterten, und gleich darauf in heftige Bewegung gerieten und mit ihren zackigen Armen wild in der Luft herumfuhren, als ob diese Geheimnisse zu gräßlich für ihre Seelenruhe wären, wurden ein paar alte, vom Sturm zerzauste Krähennester auf den höchsten Zweigen wie Wracks auf stürmischer See hin und hergeworfen.

»Wo sind die Vögel?« verhörte Miss Betsey.

»Was?« Meine Mutter hatte an etwas anderes gedacht.

»Die Krähen – wo sie hingekommen sind?«

»Es waren überhaupt nie welche da, seit wir hier gelebt haben«, sagte meine Mutter. »Wir dachten – Mr. Copperfield dachte, es sei ein großer Krähenhorst, aber die Nester waren alt und von den Vögeln längst verlassen.«

»Echt David Copperfield«, rief Miss Betsey. »David Copperfield, wie er leibt und lebt! Nennt das Haus Krähenhorst, wo gar keine Krähe da ist, und nimmt die Vögel auf guten Glauben, weil er die Nester sieht.«

»Mr. Copperfield ist tot«, gab meine Mutter zur Antwort, »und wenn Sie sich unterstehen, unfreundlich über ihn zu sprechen –«

Ich glaube, meine arme, liebe Mutter hatte einen Augenblick die Absicht, sich an der Tante tätlich zu vergreifen. Diese hätte sie wohl leicht mit einer Hand bezwungen, selbst wenn meine Mutter in einer bessern Verfassung für einen solchen Kampf gewesen wäre als an diesem Abend. Aber es blieb bei einem schüchternen Aufstehen. Dann setzte sich meine Mutter wieder schwach nieder und fiel in Ohnmacht.

Als sie wieder zu sich kam, sah sie Miss Betsey am Fenster stehen. Es war mittlerweile ganz dunkel geworden, und so undeutlich sie einander unterschieden, hätten sie doch auch das nicht ohne den Schein des Feuers können.

»Nun?« fragte Miss Betsey und trat wieder zu dem Stuhl, als hätte sie bloß einen Blick aus dem Fenster geworfen, »und wann erwartest du –?«

»Ich zittere am ganzen Leibe«, stammelte meine Mutter. »Ich weiß nicht, was es ist, ich sterbe sicherlich.«

»Nein, nein, nein«, sagte Miss Betsey; »trink eine Tasse Tee!«

»Ach Gott, ach Gott, meinen Sie, daß mir das guttun wird?« rief meine Mutter in hilflosem Tone.

»Selbstverständlich!« sagte Miss Betsey. »Es ist alles bloß Einbildung. Wie heißt denn das Mädchen?«

»Ich weiß doch nicht, ob es ein Mädchen sein wird, Madame«, sagte meine Mutter unschuldsvoll.

»Gott segne dieses Kind!« rief Miss Betsey aus, unbewußt den Sinnspruch auf dem Nadelkissen in der Schublade des obern Stocks anführend, aber nicht mit Anwendung auf mich, sondern auf meine Mutter. »Das meine ich doch nicht. Ich meine doch das Dienstmädchen.«

»Peggotty«, sagte meine Mutter.

»Peggotty!« wiederholte Miss Betsey entrüstet. »Willst du damit sagen, Kind, daß ein menschliches Geschöpf in eine christliche Kirche gegangen ist und sich hat Peggotty taufen lassen?«

»Es ist ihr Familienname«, sagte meine Mutter schüchtern. »Mr. Copperfield nannte sie so, weil ihr Taufname derselbe ist wie meiner.«

»Heda, Peggotty!« rief Miss Betsey und öffnete die Zimmertür. »Tee! Deine Herrschaft ist ein bißchen unwohl, aber rasch!«

Nachdem sie diesen Befehl so gebieterisch ausgesprochen, als wäre sie von jeher Herrin dieses Hauses, und aus dem Zimmer hinausgespäht hatte, um nach der erstaunten Peggotty zu sehen, die bei dem Klang einer fremden Stimme mit einem Licht den Gang entlangkam, schloß sie die Tür wieder und setzte sich nieder wie zuvor, die Füße am Kamingitter, das Kleid aufgeschürzt und die Hände über ein Knie gefaltet.

»Du meintest, es werde ein Mädchen werden«, sagte Miss Betsey. »Ich zweifle keinen Augenblick daran. Ich habe ein Vorgefühl, daß es ein Mädchen wird. Nun, Kind! Von dem Moment der Geburt dieses Mädchens an –«

»Vielleicht ists ein Knabe«, erlaubte sich meine Mutter, sie zu unterbrechen.

»Ich sagte dir bereits, ich habe das Vorgefühl, daß es ein Mädchen ist«, entgegnete Miss Betsey. »Widersprich mir nicht immer. Also von dem Augenblick der Geburt dieses Mädchens an werde ich seine Freundin sein, Kind. Ich will seine Patin sein, und sie hat Betsey Trotwood-Copperfield zu heißen. Mit dieser Betsey Trotwood-Copperfield soll es im Leben glattgehen. Mit ihren Gefühlen darf nicht gespielt werden. Armes Kleines. Sie muß gut erzogen und in acht genommen werden, daß sie ihr Vertrauen nicht auf törichte Weise jemand schenkt, der es nicht verdient. Das laß meine Sorge sein.«

Bei jedem dieser Sätze zuckte Miss Betsey mit dem Kopf, als ob das erlittene Unrecht vergangener Zeiten in ihr wieder lebendig würde und sie einen deutlicheren Hinweis darauf nur mit Überwindung unterdrückte. So vermutete wenigstens meine Mutter, als sie sie beim schwachen Schimmer des Feuers beobachtete, aber zu sehr von ihrem Wesen erschreckt war und innerlich viel zu unruhig und zu verwirrt, um überhaupt irgend etwas klar beobachten zu können.

»Und war David gut gegen dich, Kind?« fragte Miss Betsey, nachdem sie eine Weile geschwiegen und die Bewegung ihres Kopfs allmählich aufgehört hatte. »Habt ihr euch gut vertragen?«

»Wir waren sehr glücklich«, sagte meine Mutter. »Mr. Copperfield war viel zu gut zu mir.«

»Er hat dich also verzogen?«

»Allein und verlassen zu sein und ohne Stütze in dieser rauhen Welt dazustehen«, schluchzte meine Mutter, »dazu hat er mich wohl nicht erzogen.«

»Gut. Weine nicht«, sagte Miss Betsey. »Ihr paßtet eben nicht zusammen, Kind, – zwei Menschen können überhaupt nicht zusammenpassen – deshalb fragte ich. Du warst eine Waise, nicht wahr?«

»Ja.«

»Und Gouvernante?«

»Ich war Bonne in einer Familie, die Mr. Copperfield häufig besuchte. Mr. Copperfield war sehr freundlich und aufmerksam gegen mich und machte mir zuletzt einen Heiratsantrag. Und ich sagte ja. Und so wurden wir Mann und Frau«, sagte meine Mutter einfach.

»Ha! Armes Kind!« murmelte Miss Betsey und sah immer noch grimmig ins Feuer. »Verstehst du etwas?«

»Ich bitte um Verzeihung, Madame?« stammelte meine Mutter.

»Von der Wirtschaft zum Beispiel«, sagte Miss Betsey.

»Ich fürchte, nicht viel. Nicht so viel, wie ich möchte. Aber Mr. Copperfield unterrichtete mich –«

»Weil er selber so viel davon verstand«, warf Miss Betsey hin.

»– und ich glaube, ich hätte bald Fortschritte gemacht, denn ich war eifrig im Lernen und er ein sehr geduldiger Lehrer, wenn nicht das große Unglück –«, meine Mutter verlor wieder die Fassung und konnte nicht weitersprechen.

»Schon gut, schon gut«, sagte Miss Betsey.

»Ich führte mein Wirtschaftsbuch regelmäßig und schloß es mit Mr. Copperfield pünktlich jeden Abend ab«, rief meine Mutter mit einem neuen Ausbruch des Schmerzes.

»Schon gut, schon gut«, rief Miss Betsey. »Hör endlich auf zu weinen.«

»Und es war nie ein Wort des Streites dabei oder der Uneinigkeit, außer wenn Mr. Copperfield tadelte, daß meine Dreier und Fünfer einander zu ähnlich sähen, oder daß ich meinen Siebnern und Neunern krause Schwänze gäbe«, begann meine Mutter von neuem und wieder von einer Tränenflut unterbrochen.

»Du wirst dich krank machen«, sagte Miss Betsey. »Du weißt doch, daß das weder für dich noch für mein Patenkind gut ist. Komm, du mußt das bleiben lassen.«

Dieses Argument trug einigermaßen dazu bei, meine Mutter zum Schweigen zu bringen, obgleich ihr zunehmendes Übelbefinden die Hauptursache sein mochte. Eine längere Stille trat ein, die nur unterbrochen wurde von einem gelegentlichen »Ha!« Miss Betseys, die immer noch mit den Füßen auf dem Kamin dasaß.

»David hat sich mit seinem Geld eine Leibrente gekauft«, sagte sie endlich, »und wie hat er für dich gesorgt?«

»Mr. Copperfield«, sagte meine Mutter mit Anstrengung, »war so vorsichtig und gut, mir die Anwartschaft auf einen Teil davon zu sichern.«

»Wieviel?« fragte Miss Betsey.

»Hundertundfünf Pfund jährlich.«

»Er hätte es noch schlimmer machen können«, sagte meine Tante.

Das Wort paßte gut für den Augenblick. Meiner Mutter ging es soviel schlimmer, daß Peggotty, die eben mit dem Teebrett und Lichtern hereinkam und auf den ersten Blick sah, wie krank sie war, – Miss Betsey hätte es schon eher sehen können, wenn es hell genug gewesen wäre, – sie so rasch wie möglich in die obere Stube hinaufbrachte und sofort Ham Peggotty, ihren Neffen, der seit einigen Tagen ohne Wissen meiner Mutter als Bote für unvorhergesehene Fälle im Hause verborgen gehalten wurde, nach der Hebamme und dem Doktor schickte.

Diese verbündeten Mächte, die sich im Verlauf weniger Minuten zusammenfanden, waren sehr erstaunt, eine fremde Dame von strengem Aussehen vor dem Feuer sitzen zu sehen, den Hut am linken Arm hängend, und sich die Ohren mit Juwelierbaumwolle zustopfend.

Da Peggotty nichts über sie wußte und meine Mutter nichts über sie hatte fallenlassen, blieb sie ein ungelöstes Rätsel in der Wohnstube, und der Umstand, daß sie ein Baumwollenmagazin in der Tasche trug und sich die Watte auf besagte Weise in die Ohren stopfte, raubte ihr nichts von ihrem Ansehen.

Nachdem der Doktor oben gewesen und wieder heruntergekommen war und offenbar vermutete, daß er mit der unbekannten Dame einige Stunden würde zusammenbleiben müssen, bemühte er sich, höflich und gesellig zu erscheinen. Er war der sanfteste seines Geschlechts, der mildeste aller kleinen Männer. Er drückte sich beim Ein- und Ausgehen seitwärts durch die Türen, um möglichst wenig Raum einzunehmen. Er ging so leise wie der Geist des Hamlet, aber noch viel langsamer. Ertrug den Kopf auf eine Seite geneigt, teils aus Bescheidenheit, teils aus Entgegenkommen. Es wäre zu wenig gesagt, daß er nicht einmal für einen Hund ein böses Wort gehabt hätte. Er hätte nicht einmal einem tollen Hund ein böses Wort sagen können. Höchstens ein sanftes oder ein halbes oder ein Bruchstück davon, – denn er sprach so langsam, wie er ging, – aber er würde nicht grob gegen ihn gewesen sein. Nicht einmal ein rasches, nicht um alles in der Welt.

Mr. Chillip sah also meine Tante, den Kopf auf die Seite geneigt, sanft an, machte eine kleine Verbeugung und sagte, auf die Watte anspielend, indem er sein linkes Ohr berührte:

»Lokale Reizung, Madame?«

»Was?« fragte meine Tante und zog die Baumwolle wie einen Kork aus einem Ohr.

Mr. Chillip erschrak so sehr über ihr barsches Wesen, wie er später meiner Mutter erzählte, daß es noch ein Glück war, daß er die Fassung nicht verlor. Er wiederholte sanft:

»Lokale Reizung, Madame?«

»Unsinn!« antwortete meine Tante und verstopfte sofort das Ohr wieder.

Mr. Chillip konnte nun weiter nichts tun, als Platz nehmen und sie schüchtern ansehen, wie sie so dasaß und ins Feuer starrte, bis er wieder hinaufgerufen wurde.

Nach viertelstündiger Abwesenheit kehrte er wieder zurück.

»Nun?« fragte meine Tante und nahm die Watte aus dem ihm am nächsten liegenden Ohre.

»Nun, Madame«, antwortete Mr. Chillip, »wir – wir machen langsam Fortschritte.«

»Ba-a-ah«, sagte meine Tante, den verächtlichen Ausruf förmlich hervorstoßend, und verstopfte sich wieder wie vorhin.

In der Tat – in der Tat, Mr. Chillip war geradezu bestürzt, – wie er später meiner Mutter gestand; – natürlich bloß vom ärztlichen Gesichtspunkt aus. Aber trotzdem starrte er Miss Betsey fast zwei Stunden lang an, bis er von neuem gerufen wurde. Nach längerer Abwesenheit kehrte er wiederum zurück.

»Nun?« fragte meine Tante und nahm abermals die Watte aus dem gleichen Ohr.

»Nun, Madame«, antwortete Mr. Chillip, »wir – wir machen langsam Fortschritte, Madame.«

»Ja-a-a«, knurrte meine Tante Mr. Chillip derart an, daß er es fürwahr nicht länger mehr aushalten konnte. Es war fast darnach angetan, ihm allen Mut zu nehmen, äußerte er später.

Darum ging er lieber hinaus und setzte sich draußen im Dunkeln auf die zugige Treppe, bis man wieder nach ihm schickte.

Ham Peggotty, der in die Volksschule ging und wie ein Drache über seinem Katechismus zu sitzen pflegte und deshalb sicher als glaubwürdiger Zeuge gelten kann, erzählte am nächsten Tag, er hätte eine Stunde später zur Stubentür hereingeguckt und wäre sogleich von Miss Betsey, die in großer Erregung auf und ab gegangen, erspäht und gepackt worden, ehe er die Flucht habe ergreifen können. Er berichtete ferner, daß man zuweilen das Geräusch von Fußtritten und Stimmen in den obern Zimmern gehört hätte, das wahrscheinlich die Watte nicht ganz abhielt, wie er aus dem Umstände schloß, daß ihn die Dame wie ein Opfer festhielt und an ihm ihre überströmende Aufregung ausließ, wenn die Geräusche am lautesten waren. Sie hätte ihn am Kragen gepackt gehalten und in der Stube auf- und abgeführt (als ob er zuviel Laudanum genossen), hätte ihn geschüttelt, ihm die Wäsche zerzaust und die Ohren verstopft, als ob es ihre eignen gewesen wären, und ihn auf andere Weise mißhandelt. Sein Bericht wurde zum Teil von Peggotty bestätigt, die ihn um halb ein Uhr, kurz nach seiner Befreiung, noch ganz rot gesehen hatte.

Der sanfte Mr. Chillip konnte niemand böse sein und wenn überhaupt je, so am allerwenigsten in solcher Stunde. Er drückte sich deshalb in das Wohnzimmer, sobald er abkommen konnte, und sagte zu meiner Tante in seinen mildesten Tönen:

»Madame, es freut mich, Sie beglückwünschen zu können.«

»Wozu?« fragte Miss Betsey mit Schärfe.

Mr. Chillip, wiederum verwirrt durch die außerordentliche Schroffheit meiner Tante, machte ihr eine kleine Verbeugung und lächelte sie an, um sie zu besänftigen.

»O dieser Mensch, was er nur macht«, rief meine Tante ungeduldig, »kann er denn nicht sprechen!«

»Beruhigen Sie sich, meine teuere Madame«, sagte Mr. Chillip mit seinen weichsten Lauten. »Es ist nicht länger Ursache zur Besorgnis mehr vorhanden, Madame. Beruhigen Sie sich.«

Man hat es später für ein Wunder angesehen, daß meine Tante ihn nicht schüttelte, um das, was er zu sagen hatte, aus ihm herauszuschütteln. Was sie schüttelte, war nur der Kopf, den aber so drohend, daß es den Doktor erzittern machte.

»Nun, Madame«, begann Mr. Chillip von neuem, sobald er wieder Mut gefaßt, »es freut mich, Sie beglückwünschen zu können. Alles ist nun vorbei, Madame, und glücklich vorbei.«

Während der fünf Minuten, die Mr. Chillip zu dieser Rede brauchte, sah ihn meine Tante lauernd und scharf an.

»Wie befindet sie sich?« fragte meine Tante und verschränkte ihre Arme, an deren einem immer noch der Hut hing.

»Nun, Madame, sie wird bald wieder ganz wohl sein, hoffe ich«, antwortete Mr. Chillip, »so wohl, wie wir es von einer jungen Mutter unter so getrübten häuslichen Verhältnissen nur erwarten können. Wenn Sie sie sogleich sehen wollen, steht dem nichts im Wege, Madame. Vielleicht tut es ihr sogar gut.«

»Und sie? Wie geht es ihr?«

Mr. Chillip neigte seinen Kopf noch ein bißchen mehr auf die Seite und sah meine Tante an wie ein liebenswürdiger Vogel.

»Das Baby?« sagte meine Tante, »wie geht es ihr?«

»Madame«, erwiderte Mr. Chillip. »Ich nahm an, Sie wüßten es schon. Es ist ein Knabe.«

Meine Tante sprach kein Wort, nahm ihren Hut an den Bändern wie eine Schleuder, führte einen Streich damit gegen Mr. Chillips Kopf, stülpte ihn aufs Haupt, schritt hinaus und kam niemals wieder.

Sie verschwand, wie eine unzufriedene Fee oder wie eins jener übernatürlichen Wesen, die ich nach dem Volksglauben berechtigt war, sehen zu können; ging hin und ward nicht mehr gesehen.

Ich lag in meiner Wiege und meine Mutter im Bett. Betsey Trotwood-Copperfield aber blieb für immer im Lande der Träume und Schatten, in jener grauenvollen Region, die ich jüngst durchwandert. Und das Licht unseres Zimmers schien hinaus auf das irdische Ziel aller Wanderer aus dieser Region: auf den Hügel über der Asche und dem Staube dessen, der einst hienieden geweilt, und ohne den ich nie geworden wäre.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.


Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Neuer Schmerz infolge des schlimmen Lebenswandels seines Sohnes. – Der Lohn wird von der Liste des Covent-Garden-Theaters gestrichen. – Neue Spekulation in Sadlers-Wells. – Ein anderes Direktionssystem und dessen Erfolg. – Sir James Scarlett und ein Zeuge, dem die Schamröte auf die Wangen tritt.

Von dieser Zeit ab bis zu seinem Lebensende hatte Grimaldi Leiden und Widerwärtigkeiten in ununterbrochener Folge zu ertragen, die ihn tiefer und tiefer beugten. Gleich nach seiner Rückkehr nach Cheltenham verfiel er in eine schwere Nervenkrankheit, die ihn vier Wochen ans Bett fesselte, und als er endlich wieder aufstehen konnte, war er ein Krüppel und sollte ein Krüppel bleiben bis an sein Lebensende.

Er liebte seinen Sohn, sein einziges Kind, auf das zärtlichste, hatte ihm die beste Erziehung zuteil werden lassen und einen großen Teil seines oft sehr sauren Verdienstes auf ihn verwandt. Bis zu dieser Zeit hatte sich der Sohn der Liebe seiner Eltern in jeder Hinsicht würdig gezeigt und war beim Publikum allmählich in immer höhere Gunst getreten. Mit einem Male – gleichsam über Nacht – ergab er sich einem so zügellosen Lebenswandel, daß die Direktion des Covent-Garden-Theaters sich gezwungen sah, ihn aus der Mitgliederliste zu streichen.

Schon in Cheltenham erhielt Grimaldi die erste Nachricht von der mit seinem Sohne vorgegangenen Wandlung. Erst ein paar Tage hatte er sein Krankenlager verlassen, als ein Mitglied der Stadtbehörde sich bei ihm melden ließ und ihm eröffnete, daß sein Sohn wegen verschiedener toller Streiche, die er in der Trunkenheit begangen, in Arrest abgeführt worden sei.

Grimaldi bezahlte ohne weiteres, was als Bürgschaft gefordert wurde, um seinem Sohne die Untersuchungshaft zu ersparen. Im Kampfe mit den Polizisten hatte derselbe aber einen Schlag über den Kopf bekommen und eine schwere Verletzung davongetragen. Es wurde allgemein geglaubt, sein Verstand habe dadurch gelitten, weil er von Stund an ein völlig anderer Mensch wurde, unter epileptischen Anfallen litt und allerhand Tollheiten ausführte, die nur Folge eines zerrütteten Gehirns sein konnten. Zuletzt stellte sich totaler Wahnsinn bei ihm ein, so daß er in die Zwangsjacke gesteckt werden mußte.

Grimaldi nahm ihn mit sich nach London zurück, wo er wegen seines eigenen Zustandes die berühmtesten Ärzte konsultierte. Aber alle Bemühungen derselben erwiesen sich als vergeblich; eine Weile lang trug er sich noch mit der Hoffnung auf Besserung, mußte sie aber im Oktober völlig aufgeben.

Schier wäre er fast verzweifelt, als ihm die schreckliche Offenbarung wurde, daß er auf Lebenszeit gelähmt bleiben und das Krankenbett wohl nie wieder verlassen würde, daß er nicht mehr daran denken dürfe, je wieder die Bühne zu betreten, auf der er sozusagen von der Wiege an zu Hause gewesen, und die ihm ein jährliches Einkommen von 1500 Pfund verschafft hatte. Und umso schrecklicher war diese Offenbarung, als er kein anderes Einkommen mehr hatte, als seinen Gewinnanteil am Sadlers-Wells-Theater, der ihm bisher keinen Heller eingetragen, wohl aber Verlust über Verlust gebracht hatte!

Von diesem schweren Schlage, der ihn völlig betäubt hatte, erholte er sich erst nach langer Zeit wieder einigermaßen.

Sobald er seine Besinnung wiedergewonnen hatte, ließ es ihm keine Ruhe, bis er der Direktion des Covent-Garden-Theaters Mitteilung über seinen Gesundheitszustand gemacht hatte, zumal es hoch an der Zeit war, die Vorbereitungen zu der Weihnachtspantomime zu treffen.

Diese Nachricht wurde mit dem lebhaftesten Bedauern aufgenommen; die Direktion gab der Hoffnung Ausdruck, daß er doch bald wieder genesen werde, und nach längerem Bedenken faßte sie den Entschluß, die erste Clownrolle in der Pantomime Grimaldis Sohne zu übertragen, der sich seit einiger Zeit einer bessern Aufführung befleißigt hatte.

Es wurde ihm eine Gage von acht Pfund wöchentlich bewilligt; auch gegen Grimaldi selbst zeigte man sich sehr nobel, indem man ihm, wenn auch nicht die volle Gage, so doch eine Pension von fünf Pfund wöchentlich für die Dauer der Saison aussetzte. Das war weit mehr, als er erwartet hatte.

Nach Ablauf der drei Jahre, die Egertons Pachtkontrakt dauerte, wurde zwischen den Eigentümern des Theaters darüber verhandelt, ob man es behalten oder weiterzuverkaufen suchen solle. Es wollte sich kein Käufer dafür finden zu den Bedingungen, an denen man festhalten zu müssen meinte, und so einigte man sich dahin, es an Mr. Williams vom Surrey-Theater weiter zu verpachten.

Kurz darauf besuchte Williams Grimaldi, um sich mit ihm über einige Dinge zu besprechen, unter anderm darüber, was er zu einem Versuche, beide Theater durch einunddasselbe Personal zu bedienen, meine, so zwar, daß die eine Hälfte zuerst in Sadlers Wells, dann im Surrey-Theater, die andere umgekehrt zuerst im Surrey-, dann im Sadlers-Wells-Theater spiele.

Grimaldi wußte nicht recht, was er dazu sagen sollte, aber Williams erklärte, er sei der Ausführung des Planes schon nähergetreten, indem er Wagen für die Beförderung des Personals vom einen zum andern Theater bauen lasse.

Am Ostermontage 1824 wurden die Theater in Sadlers-Wells und in Surrey eröffnet, das Experiment, mit nur einem Personal auszukommen, wurde gemacht, aber – wie Grimaldi bei sich gedacht hatte – mit vollständigem Mißerfolge. Williams als Pächter erlitt einen beträchtlichen Verlust, konnte seinen Pachtschilling nicht bezahlen, so daß die Besitzer das Theater noch vor Ablauf der Saison wieder selbst in Betrieb nehmen mußten, dabei aber wiederum beträchtliche Verluste erlitten, weil sie den Fall in keiner Weise vorausgesehen und gar keine Vorbereitungen für eine Aufführung getroffen hatten.

In diesem Jahre kam Grimaldi aus den Sorgen gar nicht heraus: die Geldverlegenheiten häuften sich, und sein Sohn gab ihm neuerdings wieder Ursache zu dem empfindlichsten Verdrusse.

Grimaldi mußte, um die Mittel zum Lebensunterhalte zu schaffen, ein Wertpapier nach dem andern verkaufen, so daß er von Monat zu Monat ärmer wurde. Sein Sohn, der jetzt eine gute Gage bekam und auch eines guten Renommees als Pantomimiker zu genießen anfing, entwich plötzlich aus dem elterlichen Hause, um sich wieder in die tollsten Extravaganzen zu stürzen.

Grimaldi schrieb ihm, bat ihn, wieder zu ihm zurückzukehren, und erbot sich zu allem, was irgend möglich war, ihm das Leben angenehm zu machen; aber der Sohn hielt es nicht der Mühe für wert, dem Vater auch nur zu antworten, sondern fügte seinen Tollheiten und Schlechtigkeiten immer neue hinzu, so daß Grimaldi sich so schwer betroffen fühlte, daß er sich täglich den Tod wünschte.

Vier Jahre lang sah er den Sohn nur von Zeit zu Zeit, einmal in Sadlers-Wells-Theater, wo er mit einer Gage von fünf Pfund wöchentlich engagiert war, ein anderes Mal auf der Straße, wo er ihm aber jedesmal auswich. Auch erhielt er in dieser ganzen Zeit nur ein einziges Mal ein paar Zeilen von ihm. Er hatte ihm nämlich mitgeteilt, daß er sich in einer ziemlich schlimmen, fast hilflosen Lage befände, und ihn um Unterstützung gebeten, die er ihm, dem alten Vater, doch recht gut leisten könne, da er doch von beiden Theatern zusammen eine Gage von dreizehn Pfund wöchentlich bezöge. Der Sohn ließ den Vater lange auf Antwort warten, und schrieb erst, als ihm auch andere Leute hart zugesetzt hatten:

»Lieber Vater! Momentan bin ich selbst in Verlegenheit; aber solange ich noch einen Schilling besitze, sollen Sie unbedingt die Hälfte haben.«

Er schickte aber seinem Vater keinen einzigen Heller und besuchte ihn auch erst nach etwa drei Jahren, und in einem Zustande, daß sich Grimaldi förmlich entsetzte, völlig abgerissen, um Obdach und Speise bettelnd.

Inzwischen hatten die Besitzer des Theaters sich dahin geeinigt, das Theater auf gemeinschaftliche Rechnung zu eröffnen, und Mr. Dibdin als Direktor zu engagieren. Ein Direktionsmitglied sollte im Theater selbst seine Wohnung nehmen, zur Unterstützung Dibdins und um die Ausgaben zu vereinfachen.

Da Grimaldi beschäftigungslos war, wurde ihm der Vorschlag gemacht, sich für eine Entschädigung von vier Pfund wöchentlich hierzu zu verstehen. Daß Grimaldi mit Freuden hierauf einging, braucht nicht erst gesagt zu werden.

Die Saison wurde mit großem Eifer begonnen, es wurde weder Geld gespart, noch Mühe und Anstrengung geschont, auch wurde mit neuen Eintrittspreisen, auf die Hälfte reduziert, ein Versuch gemacht, mehr Publikum anzulocken, statt wie sonst nur ein halbes, wurde das ganze Jahr hindurch gespielt, und zwar mit Rücksicht darauf, daß der Stadtteil, wo in Grimaldis Glanzzeit nur einzelne Häuser oder wenigstens keine geschlossenen Straßen existiert hatten, jetzt ein dichtbevölkerter Stadtteil entstanden war – und doch schloß das erste Spieljahr trotz all dieser Einrichtungen mit einem Fehlbetrage von 1400 Pfund.

Im nächsten Jahre wurde ein umgekehrter Plan verfolgt, indem die Ausgaben in allen Hinsichten eingeschränkt wurden. Grimaldi wurde die gesamte Leitung übertragen. Er begann die Reduktion der Ausgaben mit seiner eigenen Gage, die er von jetzt ab auf die Hälfte festsetzte. Dann versuchte er es mit der Einrichtung von Wettrennen, und zwar zunächst mit Ponys, und machte allein zwischen Ostern und dem sogenannten »weißen Sonntage« den ganzen Fehlbetrag des verflossenen Spieljahres gut. Auch die zweite Saison lieferte ein ziemlich günstiges Ergebnis, so daß Grimaldi auf eine Besserung seiner Einnahmen aus dem Geschäftsanteil an dem Theater wieder zu hoffen anfing. In diese Zeit fiel eine Zeugenvernehmung in einem Prozesse zwischen zwei Parteien, die ein ungeheueres Gelächter im Gerichtssaale hervorrief. Der Anwalt, der ihn hatte vorladen lassen, führte den englischen Namen Scarlet, was soviel wie Scharlach im Deutschen bedeutet.

Natürlich machte Grimaldis Eintritt in den Gerichtssaal eine gewisse Sensation. Sein Name war in aller Munde, trotzdem er schon lange nicht mehr aufgetreten war, und man war umsomehr gespannt darauf, wie er seine Aussage abgeben würde. Der Anwalt betrachtete ihn mit großem Interesse, mochte dasselbe nun tatsächlich vorhanden oder nur künstlich gemacht sein, und fragte ihn, ob er tatsächlich der berühmte Grimaldi vom Covent-Garden-Theater sei.

Grimaldi wurde verlegen, da sich aller Blicke in verstärktem Maße auf ihn zu richten anfingen, und versetzte, errötend bis zu den Haarwurzeln:

»Ich habe als Pantomimiker im Covent-Garden-Theater gewirkt, Sir.«

»O, ich besinne mich recht wohl, Sie zuweilen gesehen zu haben,« antwortete der Anwalt des Namens Scharlach; »Sie gebieten über ein sehr hübsches Talent, Sir! Aber – Sie sind doch auch wirklich Grimaldi?«

Grimaldis Verlegenheit wuchs. Unruhig wendete er sich von der einen auf die andere Seite und wurde schließlich puterrot.

»Aber, lieber Mr. Grimaldi, Sie brauchen doch wahrlich nicht rot zu werden!« sagte der Anwalt, »dazu haben Sie doch gar keine Ursache.«

»Ich erröte auch gar nicht, Sir,« versetzte Grimaldi.

»Wenigstens brauchen Sie es ganz gewiß nicht, lieber Grimaldi.«

»Ich bin doch gar nicht rot, Sir,« sagte Grimaldi, unwillig werdend, mit einem so puterroten Gesicht, daß alle Leute im Saale zu kichern anfingen. »Aber, lieber Mr. Grimaldi, Sie glühen ja wie eine Pumpelrose,« meinte der Anwalt wieder.

»Sie müssen sich irren,« antwortete Grimaldi ärgerlich, »wirklich, Sir! Es müßte denn gerade sein, daß ich von Ihnen angesteckt wäre; mein Arzt hat aber kein Wort davon gesagt, daß ich am Scharlach erkrankt wäre, so krank ich auch sonst sein mag.«

Der Saal hallte von Gelächter wieder. Auch der Anwalt lachte herzlich und begann gleich darauf mit dem Zeugenverhör.

Vierundzwanzigstes Kapitel.


Vierundzwanzigstes Kapitel.

Miß Kelly und ihre Liebenswürdigkeit gegen Grimaldi. – Grimaldis Abschieds-Benefiz und Anrede in Sadlers-Wells. – Vorbereitungen zu einem letzten Auftreten in Covent-Garden. – Der Plan wird vereitelt. – Lord Seegrave vermittelt ein Benefiz im Drury-Lane-Theater für Grimaldi. – Seine letzte Zusammenkunft mit Kemble und dessen Familie.

Im Februar 1828 fand sich eine sehr angesehene Dame, Miß Kelly, eine ebenso liebenswürdige, als geniale Schauspielerin, bei Grimaldi ein, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen und ob sich annehmen lasse, daß er noch einmal werde auftreten können. Tief ergriffen erwiderte er, daß er sich mit einer derartigen Hoffnung wohl nicht mehr tragen könne.

»Warum geben Sie dann aber kein Abschieds-Benefiz?« fragte Miß Kelly, oder sind Sie so reich, um auf den Gewinn, der Ihnen daraus winkt, verzichten zu können?«

Grimaldi antwortete kopfschüttelnd, daß er schlechter dastünde, als sich jemand denken könne, und machte sie mit seiner ganzen Situation bekannt, vergaß auch nicht zu bemerken, daß er um seine letzten Mittel kommen müsse, sobald sich die Eigentümer entschließen sollten, Sadlers-Wells-Theater abermals zu verpachten. Betreffs eines Benefizes aber fühle er sich einesteils körperlich zu schwach, andernteils besäße er zu wenig Geld, um sich der Gefahr eines Verlustes auszusetzen.

»Überlassen Sie das nur mir,« erwiderte Miß Kelly, »ich werde alles versuchen, in Ihrem Interesse, was möglich ist, und wir wollen keinen Augenblick säumen. Sie müssen unbedingt ein Benefiz bekommen, sowohl im Sadlers-Wells-, als im Covent-Garden-Theater. Nehmen Sie also recht bald Rücksprache mit Ihren Miteigentümern. Für das Covent-Carden-Theater sorge ich.«

Die Energie der Dame wirkte belebend auf ihn. Trotzdem er schwer an Krämpfen litt, die ihn fast des Gebrauchs der Zunge beraubten, begab er sich doch gleich nach Sadlers-Wells. Die Direktion ging bereitwillig auf seinen Antrag ein und erklärte ohne weiteres, dafür einzutreten, daß ihm das Theater völlig unentgeltlich zur Verfügung stehen solle. Der 17. März wurde für das Benefiz festgesetzt. Dibdin trug den Mitgliedern des Theaters wie auch des Orchesters den Fall vor und einstimmig wurde erklärt, sich »dem alten lieben Joe« mit vollen Kräften zur Verfügung zu halten.

Die Vorstellung wurde angekündigt, in dem ersten Stück, einer Zauberposse: »Wirren, oder der böse Geist« spielte Grimaldi die ziemlich unbedeutende Rolle eines betrunkenen Gefangenen, aber mit unermeßlichem Beifall; dann führte er zusammen mit Mr. Ellar seinen berühmten Clowntanz zum letzten Male aus. Dann hielt er dem Publikum die folgende Ansprache:

»Meine Damen und Herren! Sie sehen mich heute zum letzten Wale auf diesen Brettern. Ohne Zweifel sind viele unter Ihnen, die mich für einen sehr bejahrten Mann halten. Ich erkläre indessen an dieser Stelle, daß dem nicht so ist. Ich habe das Licht der Welt am 18. Dezember 1779 erblickt, mithin am letzten 18. Dezember erst das achtundvierzigste Jahr vollendet. Schon in meinem vierten Lebensjahre brachte mich mein Vater auf diesem Theater ein. Seitdem bin ich ununterbrochen hier engagiert gewesen. Ja, meine Damen und Herren, ich spiele auf diesem Theater nunmehr dreiundvierzig Jahre.

Was ich in meinem Fache gewesen, verdanke ich meinem Fleiße, meiner Beharrlichkeit, aber auch Ihrem Wohlwollen, Ihrem Beifall und Ihrer Unterstützung. Seit drei Jahren bin ich von schwerer Krankheit geplagt. Noch immer habe ich die Hoffnung gehegt, wieder zu gesunden und wieder auftreten zu können, wieder mit meinen Kollegen und Kolleginnen um Ihre Gunst buhlen zu können; aber ich muß mir zu meinem Schmerze gestehen, daß an eine Besserung meines Zustandes nicht mehr zu denken ist, und daß es Torheit sein würde, wenn ich mich an den Gedanken klammern wollte, meine Laufbahn von neuem zu betreten.

Ich fühlte mich aber außerstande, meine Beziehungen zu diesem Theater anders zu lösen, als daß ich meinen Freunden und Gönnern, wie dem gesamten Publikum von dieser Stelle aus noch einmal meinen innigsten Dank für alles mir bewiesene Wohlwollen ausspreche, nicht minder aber auch den Eigentümern und Mitgliedern dieses Theaters für die mir heute wie immer sonst erwiesene Hilfe und Unterstützung.

Und nun, meine Damen und Herren, bleibt mir nur noch übrig, das letzte, für mich so schreckliche Wort auszusprechen: Adieu! Adieu für immer! Möge Gott Ihnen Glück und Gesundheit spenden! Adieu, adieu!« Rauschender Beifall wurde ihm noch einmal zuteil, und er fühlte sich von diesen Vorgängen so angegriffen, daß er sich nach vielen Tagen erst wieder vollständig erholte. Hätte ihm nicht Miß Kelly so wacker beigestanden und immer und immer wieder zugesprochen, so hätte er die zweite Feuerprobe im Covent-Garden-Theater ganz sicher nicht bestanden, es wahrscheinlich überhaupt nicht zu einer solchen kommen lassen.

Seine Einnahme aus diesem Benefiz-Abende belief sich auf 250 Pfund; außerdem gingen ihm in anonymen Sendungen noch annähernd 100 Pfund zu, so daß er alle Ursache hatte, mit dem Erträgnisse zufrieden zu sein.

Am 25. März begab er sich nach Covent-Garden, wo ihn die Kollegenschaft auf das wärmste willkommen hieß, Kemble nicht ausgeschlossen.

»Mein lieber Joe,« redete dieser ihn an, »Sie kommen hoffentlich, um uns anzuzeigen, daß Sie sich nun wieder kräftig genug fühlen, um sich in unserm Bühnenverbande wirksam zu betätigen.«

»Ich muß leider das Gegenteil erklären,« antwortete Grimaldi, »denn ich werde nie wieder imstande sein, einen Engagementsvertrag einzugehen.«

»Das schmerzt mich, Joe. Ich hatte bessere Hoffnung.«

»Nun, Sir,« sagte Grimaldi, »gekannt haben wir uns ja eine stattliche Reihe von Jahren.«

»Allerdings, allerdings.« »Und ich glaube bestimmt, daß Sie mich Ihrer Unterstützung gern teilhaftig machen werden, soweit es in Ihrer Macht liegt.«

»Geben Sie mir Ihre Wünsche bekannt!« antwortete Kemble.

Grimaldi sagte ihm, daß es sein Wunsch sei, ein Abschieds-Benefiz im Covent-Garden-Theater zu veranstalten, und bat Kemble um Fürsprache, daß er das Haus zu einem geringeren Preise zur Verfügung gestellt erhalte.

Kemble antwortete ihm, nachdem er ihn freundlich angehört:

»Mein lieber Joe, ich verstehe vollkommen und würde, wäre das Theater mein alleiniges Eigentum, ohne weiteres sagen: Nehmen Sie es, verfügen Sie darüber, Sie sollen uns nicht einen Heller Entschädigung zu zahlen haben – leider schwebt aber ein Prozeß über unsere Eigentumsverhältnisse beim Kanzleigerichtshofe; es kann also keiner der Eigentümer ohne Zustimmung der andern irgendwelche Entscheidung finanzieller Art treffen. Wir kommen aber an jedem Dienstage zusammen. Ich werde Ihre Angelegenheit zum Vortrage bringen, und Sie sollen recht bald näheres von mir hören.«

Grimaldi ging, nachdem er sich bedankt hatte. Bis zum 13. April ließ Kemble nichts von sich hören. Grimaldi erfuhr aus den Zeitungen, daß Kemble nach Edinburg reisen wolle. Er schrieb ihm deshalb und bekam nun den Bescheid, daß die Direktion des Covent-Garden-Theaters nicht in der Lage sei, auf seinen Wunsch einzugehen, da die Eigentümer zufolge der verwickelten Lage, in der sich das Theater zurzeit befände, zu einer Einigung über sein Anliegen nicht hätten gelangen können.

Grimaldi beklagte dies Schreiben lebhaft. Nachdem er soviel Jahre in dem Theater mitgewirkt und soviel gewinnreiche Abende hatte schaffen helfen, erschien ihm das Verhalten der Direktion im höchsten Maße unkulant und rücksichtslos. Ein paarmal dachte er daran, sich an Mr. Price, den damaligen Pächter des Drury-Lane-Theaters, zu wenden, meinte aber, es möchte doch vergeblich sein, und ließ den Gedanken immer wieder fallen. In diesem Zustande der Ungewißheit waren ein paar Wochen vergangen. Da bekam er eines Tages eine Mitteilung von dem Kassierer dieses Theaters, Mr. Dunn, worin er aufgefordert wurde, sich am nächsten Tage Punkt 12 Uhr bei Mr. Price im Drury-Lane-Theater einzufinden.

Er traf aber Mr. Price nicht an, als er am folgenden Tage sich dorthin begab, aber Mr. Dunn sagte ihm an seiner statt, es sei verlautet, daß er ein Benefiz zu erhalten wünsche, und da ihm das Covent-Garden-Theater den Wunsch nicht erfüllt habe, halte sich das Drury-Lane-Theater verpflichtet, solch altem Bühnenveteran das Theater auf einen Abend zur freien Verfügung zu stellen; leider sei kein anderer als der vorletzte Abend der Saison hierfür noch frei; wäre es der Direktion früher zu Ohren gekommen, was Mr. Grimaldi bedrücke, so hätte es sich einrichten lassen, daß ihm die Wahl gelassen worden wäre. Zum allgemeinen Bedauern sei dies nun aber ausgeschlossen.

Grimaldi ging mit Freuden auf das Anerbieten ein, er sann hin und her, wem er dieses Entgegenkommen des Drury-Lane-Theaters zu verdanken habe, bis er endlich durch seine Gönnerin, Miß Kelly, erfuhr, daß sich Lord Seegrave – der schon wiederholt erwähnte Oberst Berkeley – für ihn verwandt und seiner Entrüstung über das Verhalten des Covent-Garden-Theaters lauten Ausdruck gegeben habe.

Auch dieses Benefiz übertraf seine kühnsten Erwartungen. Er verabschiedete sich beim Publikum dieses hervorragendsten Theaters von ganz England, auf dem er ebenfalls viele Jahre hindurch mitgewirkt, in der Titelrolle des »Harlekin als Possenspieler«. Das Haus war überfüllt. Er mußte aber, da ihn infolge der Aufregung eine sehr große Schwäche befiel, die letzten Szenen sitzend spielen. Demungeachtet besaß er noch immer soviel urwüchsigen Humor, daß er wiederholte Ausbrüche der unbändigsten Heiterkeit verursachte. Am Schlusse der Pantomime erschien er in gewöhnlicher bürgerlicher Kleidung und unter donnerndem Beifallrufen. Sobald er sich Gehör verschaffen konnte, trat er vor die Rampe und sprach mit einer vor Rührung fast erstickten Stimme:

»Meine Damen und Herren! Ich habe das Clownskostüm abgelegt, erlauben Sie mir auch die Schweigsamkeit des Clowns abzulegen und ein paar Abschiedsworte zu sprechen. Ich begann meine Theaterlaufbahn und entsage ihr vor der Zeit. Ich habe nur achtundvierzig Sommer erlebt, und schon geht es schneller mit mir bergunter, als mit meinem Namensvetter im Burnsschen Liede, dem älteren Joe Anderson.

Wie es dem allzu leidenschaftlichen Ehrgeize gern zu ergehen pflegt, habe ich mein eignes Ziel übersprungen und zahle die Strafe durch ein vorzeitiges Alter. Wenn ich noch Anlage besitze, einen Purzelbaum zu schießen, so beruht sie doch nur auf meiner Körperschwäche, denn ich stehe zurzeit schlechter auf den Füßen, als ehedem auf dem Kopfe.

Es sind vier Jahre verstrichen, seit ich meinen letzten Sprung getan, meine letzte Auster stiebitzt, mein letztes Würstchen gebraten habe und vom Schauplatze abtreten mußte. Ich muß nun bekennen, daß ich in meiner Zurückgezogenheit weit minder gut versorgt bin, als in meinen Clownstagen, da ich, wie sich noch manche von Ihnen erinnern werden, in der einen Tasche ein gebratenes Huhn und in der andern die Sauce dazu trug.

Ich habe heut abend noch einmal das buntscheckige Gewand angelegt. Es hing sich fest an meinen Leib, als ich es wieder ablegen wollte, und die alten Schellen meiner Kappe erklangen gar traurig, als ich sie für immer von mir warf.

Ich stehe hier vor Ihnen mit denselben Gefühlen der Hochachtung wie immer – vor Ihnen als meinem letzten Auditorium, das das Sprichwort, nach welchem Günstlinge keine Freunde haben, so augenfällig Lügen straft. Nehmen Sie für die Gesinnungen, die Sie hierherführten, meinen wärmsten und innigsten Dank, und glauben Sie Joseph Grimaldi, daß er auf doppelte Weise von Ihnen Abschied nimmt, mit einem Lebewohl auf den Lippen und einer Träne in den Augen.

Leben Sie wohl! Das ist der aufrichtigste Wunsch Ihres getreuen und ergebenen Dieners … Möge Ihnen das höchste irdische Gut – die Gesundheit – immer erhalten bleiben!«

Grimaldi konnte nur mit der größten Anstrengung bis zum letzten Worte gelangen, und eine ganze Weile, nachdem er es gesprochen, stand er regungslos da. Er war so erschüttert, daß ihn der letzte Rest seiner Kräfte verließ. Er mußte von der Bühne geführt werden. Durch ein paar Gläser Madeira gestärkt, gelangte er bis auf die Straße, die dicht voll Menschen stand, die ihn noch einmal sehen wollten. Unter lauten Hurras stieg er in den Wagen, der seiner wartete. Hunderte von Menschen folgten ihm bis zu seiner Wohnung und entfernten sich erst, als er vor die Haustür getreten und seine letzte Abschiedsverbeugung gemacht hatte.

Das Benefiz hatte ihm nach Abzug aller Unkosten 280 Pfund gebracht. Größer aber war noch die Summe, die ihm in anonymen Briefen zugestellt wurde und sich auf 360 Pfund belief. Der höchste Gewinn aber bestand in der Begeisterung, die ihm an beiden Benefiz-Abenden von seiten seines dankbaren Vaterlandes entgegengebracht worden war.

Grimaldi konnte sich aber nicht verhehlen, daß er, falls das wöchentliche Einkommen, das ihm nebst einer Wohnung von den Eigentümern des Sadlers-Wells-Theaters zugebilligt worden war, wegfiele, mit schweren Sorgen zu kämpfen haben würde, und so wandte er sich an die Versorgungskasse, die für hilfsbedürftige Künstler vom Covent-Garden-Theater unterhalten wurde. Er hatte dreißig Jahre in diese Kasse gesteuert, auch sonst sich vielfach in ihrem Nutzen verwandt. Er erhielt ohne weiteres eine jährliche Pension von einhundert Pfund von ihr zugebilligt.

Die größten Sorgen bereitete ihm noch immer sein Sohn, der von Stufe zu Stufe gesunken war, bis er zuletzt in richtigen Wahnsinn stürzte. Wegen Liederlichkeit und Trunkenheit war er zuerst vom Sadlers-Wells, dann auch vom Drury-Lane-Theater schimpflich entlassen worden.

Zuletzt kam er in gänzlich verwahrlostem Zustande wieder zu den Eltern. Dann lief er wieder weg, und der alte Vater mußte ihn aus dem Schuldgefängnis erlösen. Dabei benahm er sich roh und abscheulich gegen die Eltern. Die Mutter wollte ihm das Haus verbieten, der Vater aber nahm sich seiner immer und immer wieder an.

Als im Jahre 1832 das Sadlers-Wells-Theater wiederum verpachtet wurde, und Grimaldi dadurch um seine Zubuße von fünf Pfund wöchentlich kam, zog er nach Woolwich in eine bescheidene kleine Wohnung. Seine Frau kränkelte schon eine Weile, und von der Luftveränderung hoffte Grimaldi für sie und sich Besserung. Aber die Frau ging ihm im Tode voraus, und kurz darauf bekam er auch die Nachricht von dem Hinscheiden seines einzigen Sohnes, das unter besonders traurigen, um nicht zu sagen gräßlichen Umständen erfolgt war. Nun stand er ganz allein da in der Welt. Immer gewohnt, sein Glück in seiner Häuslichkeit zu finden, fiel es ihm recht, recht schwer, so mutterseelenallein dazustehen. Sein körperliches Leiden erheischte fürsorgliche Pflege und sein seelischer Zustand aufheiternde Gesellschaft. Deshalb hielt er es für das beste, zu einem Freunde, dessen Frau eine weitläufige Verwandte von ihm war, nach Pentonville zu ziehen, wo er in früheren Jahren lange gewohnt und manch frohen Tag verlebt hatte. Dort besuchten ihn manche von den alten Freunden, in der Nachbarschaft fand er die aufmerksamste Pflege, und Mr. Richard Hughes hielt bis zu Joes letzten Augenblicken das Gelübde getreulich, das er einst seiner Schwester, Joes erster Frau, in ihrer letzten Stunde gegeben hatte.

Am 31. Mai 1837 starb er. Noch am Abend vorher hatte er sich in das nur wenige Schritte von seiner Wohnung befindliche Gasthaus tragen lassen, um einer von ein paar guten Freunden veranstalteten kleinen Unterhaltung beizuwohnen. In der besten Stimmung hatte er sich, kurz nach elf Uhr, verabschiedet und wieder nach Hause tragen lassen. Am Tage darauf war er eine Leiche. Am 6. Juni wurde er in Pentonville auf dem Friedhofe der St. James-Kapelle beerdigt. Auf dem Denksteine, der ihm dort gesetzt wurde, steht ein Vierzeiler, der von ihm selbst herrührt:

Das Leben ist ein Spiel, dem einen recht, dem andern schlecht –
Dem Klugen ist’s Genuß, dem Toren Überdruß –
Dem einen bringt’s Verlust, dem anderen Gewinn –
So liegt’s nun mal im Spiele drin.

Ende.

Viertes Kapitel.


Viertes Kapitel.

Die Diebesbande kehrt zurück. – Grimaldi sucht Beistand in Haton-Garden. – Unterredung mit Mr. Trott. – Kriegslist und ihr Erfolg beim dritten Diebesbesuche. – Was Pantomimen und Schaustücke bewirken. – Fahrt nach Gravesend und Chatam. – Unangenehmes Zusammentreffen mit einem übelgesinnten Freunde, und angenehme Weise zu reisen, wie sie auch anderen empfohlen sein soll.

Zwei Abende waren ohne alle Störung verlaufen. Am dritten meinte die in der Küche beschäftigte Magd ein Geräusch zu hören, wie wenn ein Versuch gemacht würde, die in den Garten führende Tür zu erbrechen. Leise ging sie nach dem Hausflur hinauf und sah nun, wie der Türgriff auf und nieder bewegt wurde, auch, daß jemand mit Gewalt gegen die Tür drückte.

Bestürzt fing sie gleich zu schreien an, was jedoch die Diebe durchaus nicht verscheuchte. Sie schienen vielmehr ihre Anstrengungen zu verdoppeln, so daß die Tür halb aus den Angeln gehoben wurde, wie man sie auch nachher fand. Hätte sie keinen Widerstand geleistet, wäre die Magd zweifellos ermordet worden; sie hatte jedoch ihre Geistesgegenwart wieder gewonnen, lief nach der Vordertür, riß sie auf und machte nun von ihrer Klapper Gebrauch und zwar so energisch, daß sehr bald nachher Nachtwächter und die ganze Nachbarschaft zur Stelle waren. Man ließ es an Nachforschungen nicht mangeln, allein der Diebe konnte man nicht habhaft werden.

Der zweite Versuch der Bande war so dreist und verwegen gewesen, daß den Herrschaften ihre Besorgnisse doppelt und dreifach wiederkehrten. Die ganze Nacht wurde durchwacht, und alles war Verwirrung und Schrecken im Hause.

Am andern Morgen wurde beschlossen, neue Sicherungsmaßregeln zu treffen, und der Anfang damit sogleich gemacht. Man verwahrte die Türen gleich Festungstoren, und Grimaldi begab sich auf das Bezirkspolizeiamt nach Hatton-Garden, um auch den Beistand und Schutz der Behörden in Anspruch zu nehmen.

Bei jenem Polizeiamte war damals ein sehr erfahrener und listiger Unterbeamter, namens Trott, angestellt, der bisweilen, wenn ein sehr volles Haus erwartet wurde, den regulären Konstablern im Theater beigegeben wurde.

Als Grimaldi anlangte, kam Trott ihm entgegen und kündigte ihm an, daß er eben hätte zu ihm kommen wollen.

»Sie haben also schon gehört?«

»Freilich, und wohl ein gut Teil mehr, als Sie wissen.«

»Haben Sie die Diebe festgenommen?«

»Das eben nicht, es waren mir ihrer noch immer zuviel. Da sie das Geschäft anfingen, waren ihrer nicht weniger als zwanzig in der Bande. Sechzehn oder siebzehn sind gehangen oder verschifft, und die anderen haben bei Ihnen den Einbruch versucht. Irgendwo in Pentonville haben sie ihren Schlupfwinkel, es sind die schlimmsten von allen, die alles wagen und vor nichts zurückschrecken.«

Das war keine erfreuliche Mitteilung. Trott gewahrte Grimaldis Unruhe und setzte hinzu:

»Seien Sie nur ohne Sorgen! Die Halunken wollen sich bloß dafür rächen, daß sie beim ersten Male so schlecht weggekommen sind.«

»Meine Situation ist höchst unangenehm,« meinte Grimaldi.

»Hm – ja – wenn man bedenkt, daß solche Leute niemals drohen, ohne ihre Drohung auch auszuführen. Aber, wie gesagt, seien Sie nur ganz ruhig, Grimaldi.«

»Gestern Abend sind sie wieder dagewesen.«

»Ich weiß es wohl. Will Ihnen auch noch etwas im geheimen mitteilen: Heut Abend kommen sie wieder.«

»Heute Abend?«

»So sicher wie der Tod, und wenn Sie nicht Leute genug im Hause haben, wenn Sie nicht stark genug sein sollten.«

»Es sind nur drei Frauen und eine Mannsperson außer mir im Hause.«

»Nicht genug, lange nicht genug!«

»Und meine Mutter kann den Tod davon haben!«

»Gar nicht unmöglich! Ist doch meine Mutter auf eine ähnliche Art umgekommen!«

In dem allen lag wenig tröstliches, und Grimaldi sah Trott mit ängstlichen Mienen an. Trott sann ein Weilchen. Dann erklärte er, einen Gedanken zu haben.

»Und was denken Sie zu tun?« fragte Grimaldi. »Sprechen Sie! Ich werde Ihnen gern erkenntlich sein.« »Davon reden Sie lieber kein Wort! Sie geben sich in meine Hände, und ich will Ihr Hab und Gut schützen und die Spitzbuben fangen.«

Grimaldi drückte ihm vor Freude die Hand, dankte für sein Versprechen und fügte hinzu:

»Befreien Sie uns von den schrecklichen Gästen, und Sie sollen so gut belohnt werden, wie es nur in unsern Kräften steht.«

Trott erwiderte durch mancherlei moralische Bemerkungen über Pflichten von Polizeibeamten, über unbestechliche Redlichkeit und gewissenhafte, eifrige Erfüllung von Obliegenheiten; auch erklärte er, er begehre ja weiter nichts, als daß Herr Grimaldi, seiner Bürgerpflicht nachkäme und die Anklage einleite.11 Grimaldi der keine genaue Vorstellung davon hatte, was solche Anzeige für Kosten im Gefolge hatte, versprach das, wofür ihm Trott in dem Bewußtsein, seine Schuldigkeit getan zu haben, reichlichen Lohn verhieß, ohne es aber für nötig zu erachten, an den Umstand zu erinnern, daß auf die Ergreifung der Pentonviller Diebsbande eine Prämie, fällig bei ihrer Überführung, ausgesetzt worden sei.

Trott begab sich mit Grimaldi in dessen Wohnung, nahm dieselbe mit geübtem Blick in Augenschein und erklärte, daß seine Maßnahmen, sofern seine Anordnungen genau befolgt würden, gelingen müßten.

Mit großer Verve erklärte er den um ihn versammelten Hausbewohnern: »Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wird aus der Hinterküche, Hinterstube und Kammer entfernt werden müssen. Mir wird für die Dauer einer Nacht das ganze Haus überantwortet werden müssen, oder zum wenigsten auf die Zeit, bis es mir gelungen ist, die Musjes zu fassen.«

All seine Anordnungen wurden streng ausgeführt, die Schlüssel wurden ihm ausgeliefert, und zwar, als er in der fünften Nachmittagsstunde wiederkam. Wie gewöhnlich begaben sich die Herrschaften nach Sadlers Wells und ließen Mr. Trott allein im Hause zurück. Auch die Magd war auf die Nachbarschaft geschickt worden, wie Mr. Trott ausdrücklich verlangt hatte, sei es aus Zartgefühl – denn er war verheiratet – oder weil er Bange hatte, sie möchte bei seinen Maßnahmen hinderlich sein.

Tagsüber hielt er sich von den Fenstern fern und ließ nach Einbruch der Dunkelheit so leise wie möglich zwei Kollegen zur Gartentür herein. Einer von ihnen verschloß und verriegelte die Vorderküche. Der andere schloß und riegelte sich in das Wohnzimmer im ersten Stock ein. Trott selbst schlug sein Hauptquartier in der Wohnstube unten im Erdgeschoß auf, nachdem er die Hintertür regelrecht verbarrikadiert, die Vordertür aber nur verschlossen hatte.

Lange Zeit blieb alles ruhig, und da sie kein Licht hatten, mochte ihnen die Zeit wohl recht langsam hinschleichen. Endlich wurde leise an die nach der Straße hinführende Tür gepocht. Da sich niemand im Hause rührte, wurde das Klopfen verstärkt, und nicht lange, so wurde die Tür mit Dietrichen erbrochen. Dann schallten Männertritte von dem Hausflur herauf, die Tür wurde verriegelt, Diebslaternen wurden ans Licht gezogen, dann schlichen zwei Männer die Treppe hinauf.

Als sie die Stubentür im obern Stock verriegelt fanden, schlichen sie wieder hinunter und suchten Eingang in die Stube zu gewinnen, in der sich, Trott versteckt hielt, der an der Tür horchte und die Menschen von Herzen auslachte, doch nur innerlich.

Nun schlichen sie wieder hinunter ins Erdgeschoß, wo sie zu ihrer nicht geringen Überraschung die eine Küche verschlossen, die andere offen fanden. Sie guckten nun in die offene hinein und kehrten dann auf den Hausflur zurück.

»Heut abend ist uns niemand im Wege,« sagte der eine im Hinaufgehen, »verlieren wir also keine Zeit! Doch sieh mal her!«

»Was gibt’s?« sagte der andere.

»Sieh doch mal die Tür da! Sind da Riegel und Bäume und Patentschlösser! Die sind doch erst angebracht, seit wir voriges mal hier waren. Wir hätten uns wohl müde gearbeitet und doch nichts ausgerichtet.«

»Ich denke, wir öffnen sie. Wir können dann, falls wir von vorn angegriffen werden sollten, auskneifen wie voriges mal.«

»Leichter gesagt als getan! Was wird das für Zeit kosten, und welchen Teufelslärm wird das setzen! Wir müssen uns tummeln. Heute gibt’s keine Nachtprobe.«

Beide lachten und beschlossen, erst das Zimmer aufzubrechen, wo Mr. Trott steckte. Mittels Dietrichs wurde das Schloß gesprengt. Dann drängten sie gegen die Tür. Aber die Riegel widerstanden.

»Dumme Geschichte!« brummte der eine, gegen die Tür gestemmt, »sie geht nicht auf!«

»Fangen wir bei der offenen Hinterküche an!« sagte der andere, »wir haben ja schon was drin gefunden.«

»Wüßtest wohl gern, Tom, wer Dir den Säbelhieb versetzte?«

»Das kannst Du wohl denken! Und wüßte ich es, möcht’s wohl nicht lange dauern, dann säße ihm mein Messer im Leibe!« »Komm, komm!« riefen sie beide.

Sie schlichen hinunter. Trott ihnen hinterher bis auf den Hausflur, verschloß die Haustür, steckte den Schlüssel in die Tasche und postierte sich darauf oben an die Küchentreppe. Mit Behagen lauschte er hier den Ausrufen der Verwunderung, mit denen die Diebe nicht geizten, als sie einen Schrank nach dem andern öffneten und einen Kasten nach dem andern aufzogen, ohne das geringste zu finden.

»Es ist ja alles ausgeräumt,« sagte der eine – »was hat das wohl zu bedeuten?«

Trott schoß ein Pistol ab, das aber nur mit Pulver geladen war. Dann retirierte er schleunig in seine Stube. Auf dies Signal hin riegelten die andern beiden Polizeidiener ohne Säumen die Türen der Stuben auf, in denen sie sich versteckt hatten. Die Diebe eilten hinauf, wollten zur Haustür entweichen, wurden jedoch ohne sonderliche Mühe festgenommen und im Triumphe hinweg geführt.

Bald nachher kehrten die Bewohner wieder zurück und nahmen von dem zurückgebliebenen Polizeidiener das Haus wieder in Besitz. Am andern Morgen ging Grimaldi wieder nach Hatton-Garden, wo er die Diebe zum erstenmal zu Gesicht bekam. Er, wie auch die Polizisten legten Zeugnis wider sie ab. Die Identität ihrer Personen war bewiesen, und der Friedensrichter ordnete ihre Verhaftung an bis zum nächsten Schwurgerichtstage, an welchem ihnen das Urteil gesprochen werden sollte. Grimaldi mußte für die Erhebung der Anklage Bürgschaft leisten. Sie wurden für schuldig befunden und zu lebenslänglicher Deportation verurteilt.

Diese Anekdote wirft ein seltsames Licht auf Londons gesellschaftlichen Zustand am Schlusse des verwichenen Jahrhunderts. Der kühne Straßenräuber war wohl verschwunden, nichtsdestoweniger trieben nicht bloß in der nächsten Umgegend, sondern in der Stadt selbst Räuberbanden ihr Wesen, die kaum weniger gefährlich waren und mit einer Dreistigkeit zu Werke gingen, von der wir uns heute kaum noch eine Vorstellung machen können.

Ein Vorfall, wie der eben geschilderte, möchte heute den Zeitungen Stoff zu Auseinandersetzungen und Beschwerden auf ganze vier Wochen geben und ganz London mit Umgebung, das ganze Land auf dreißig Meilen in der Runde in Staunen und Entrüstung setzen, sollte es ein und dieselbe Bande wagen, in ein und demselben Hause dreimal hintereinander Einbruch zu wagen!

Beim Verhör der beiden Einbrecher stellte sich heraus, daß sie die einzigen noch übrigen Mitglieder ihrer Bande waren, was allen, die bisher in Angst und Schrecken gelebt hatten, zur großen Beruhigung gereichte; brauchten sie nun doch nicht mehr zu fürchten, daß noch andere das Schicksal ihrer Spießgesellen zu rächen versuchen möchten.

Unter ganz anderen Umständen erschien Grimaldi zum zweitenmal vor einem Polizeigerichte. Davon indessen später.

Mittlerweile war ihm aber das Haus in Pentonplace äußerst verleidet und seiner Mutter zu einem Gegenstande des Schreckens geworden. Zudem neigte er der Meinung zu, daß er wohl gut tun möchte, an seine Verheiratung zu denken. Da er die Mutter auf seiner Seite hatte, glaubte er, daß ihm die Einwilligung des Vaters wohl auch nicht fehlen möchte. So kam er auf den Gedanken, sich eine größere Wohnung zu mieten und nach Maßgabe seiner augenblicklichen Verhältnisse und Mittel zu möblieren. Wenn er Mr. Hughes in eine freundliche und nette, wenn auch nicht eben elegante Wohnung führen und ihm zeigen könne, daß er seiner jungen Gattin ein behagliches Heim, das den Verhältnissen ihrer Eltern nicht allzu viel nachstände, zu bieten vermöchte, meinte er, schon viel gewonnen zu haben.

Er kündigte also seinem Wirte auf den nächstfolgenden März die Wohnung und machte sich in Fräulein Hughes‘ Gesellschaft auf die Suche nach einem Heim, wie es ihren beiderseitigen Wünschen entsprechen möchte. Daß »sie« dabei das große Wort führen durfte – und auch führte – möge nur nebenher bemerkt sein.

Damals war die Penton-Straße die Saint-James-Straße von Pentonville, der Regent’s-Park der City-Road, und er pries sich als der glücklichste Erdensohn, dort das Haus Nr. 37 zu finden, das er vollständig so einrichtete, wie Miß Hughes es anzuordnen geruhte.

Da Sadlers-Wells-Theater zurzeit geschlossen war, blieb ihm reichlich Zeit, sich dem Vorgenusse des ersehnten Glückes hinzugeben. Ja, er durfte rechnen, daß ihm bis zum Weihnachtsfeste Zeit dazu bleiben werde, denn die Saison ging mit dem Oktober zu Ende, und im Drury-Lane-Theater gab’s für ihn erst wieder um Weihnachten herum Arbeit, und auch dann noch nicht viel, sofern nicht eine Pantomime zur Aufführung gebracht wurde.

Die Besitzer des Drury-Lane-Theaters gaben aber, wie in früheren, so auch in diesem Jahre statt einer Pantomime ein brillantes Schau- und Spektakelstück – was nach Grimaldis Meinung nun freilich keine Wandlung zum Bessern war, wenn er auch nicht gerade eine solche zum Schlechtern darin erblicken mochte. Das Publikum war seit Jahren zum Weihnachtsfeste an Pantomimen gewöhnt und rechnete auf eine solche. Stücke, wie Blaubart, Lodoiska und dergleichen machten ja Kasse, aber ob die Pantomimen im Covent-Garden nicht doch noch bessere Kasse machten, darüber hätte Grimaldi doch noch streiten mögen. Darnach zu schließen, daß auch Drury-Lane schließlich sich der Pantomime wieder zuwandte, war Grimaldi mit seiner Auffassung freilich im Rechte.

In all diesen Stücken, wie Blaubart, Lodoiska usw., trat Grimaldi auf, doch immer nur in Rollen, die ihn wenig beschäftigten. Ihm konnte das nur recht sein, da ihm die Gesellschaft seiner jungen Miß weit lieber war als aller Theaterkram.

Gegen Ende Februar war die neue Wohnung eingerichtet, und da von der Aufführung einer Pantomime nichts verlautete, schien die Zeit für die Hochzeitsfeier außerordentlich günstig.

Grimaldi teilte der Dame seines Herzens seine Gedanken mit, und sie erklärte, den Hochzeitstag festsetzen zu wollen, sobald er mit ihrem Papa im reinen sei.

Davor graute es aber Grimaldi, und zwar einesteils, weil es ihm an sich zuwider war, dergleichen Auseinandersetzungen zu führen, andernteils weil ihm schwante, daß auf diese Weise das ersehnte Glück durch Hinausschiebung des Termins nur verkürzt werden möchte. Er erklärte also, daß er Mr. Hughes um seine Einwilligung nicht angehen könnte, da derselbe ja nicht in London sei.

»Es geht Dir eben alles nach Willen,« bemerkte darauf die junge Dame, »denn ich weiß ja doch, Du fändest im ganzen Leben nicht die Kurage, über die Angelegenheit mit ihm zu reden. Also schreibe ihm, was ich an sich auch für weit besser halte. Unfehlbar wird er Dir mit wendender Post Antwort geben.«

Mr. Hughes war in Exeter. Grimaldi setzte nun eine entsprechende Epistel auf, der momentanen Sachlage streng angemessen, Miß Hughes las sie durch, hieß sie gut, natürlich unter Vorbehalt einiger Änderungen im Stil und im Gedankengange. Dann wurde sie ins reine geschrieben, mit Briefumschlag versehen und der Post übergeben. Am andern Tage fand sich die Notwendigkeit, daß Mariechen auf ein Weilchen der Stadt Valet sagen mußte, da sie ein paar guten Freunden draußen in Gravesend ihren Besuch versprochen hatte. Trotzdem es Grimaldi gar nicht recht war, gerade jetzt ihre Gegenwart und ihren Trost zu missen, blieb ihm doch weiter nichts übrig, als sich in diese Trübsal zu finden. Fünf volle Tage vergingen, ohne daß von Mr. Hughes eine Antwort kam, Grimaldi war der Verzweiflung um so näher, als er nichts vorhatte, sich also trübseligen Gedanken recht ungehindert überlassen, von seinen schlimmen Ahnungen so recht beherrschen lassen konnte.

Um so größer war begreiflicherweise seine Freude, einen Brief von Mariechen zu erhalten, der ihm eine Aufforderung zur Teilnahme einer Fahrt auf der Themse nach Gravesend brachte.

Dazu ließ er sich nicht nötigen, ließ auch nicht auf sich warten, sondern war pünktlich zur festgesetzten Zeit am Trefforte. Das konnte er sich nicht hoch genug anrechnen, denn zur damaligen Zeit gab es bloß Segelboote, man war also abhängig von Ebbe und Flut und von Wind und Wetter, so daß man zufrieden sein mußte, wann und wie man sein Ziel erreichte, wenn man es überhaupt nur erreichte.

Mariechen erwartete ihn am Landungskai. Mit ihr zusammen fuhr er nach Chatham. Sie hatte, wie sie ihm erzählte, ihren Bruder in das Geheimnis eingeweiht, und bei ihm sollten sie den Tag verleben.

»Sepperl,« sagte sie, nachdem er seinem freuderfüllten Herzen Luft gemacht, »nun sage mir aber auch, wie sich alles bis jetzt gemacht hat. Was hat der Vater geschrieben?«

»Bis jetzt noch gar nichts.«

»Das ist wunderlich. Er ist doch sonst so pünktlich.« »Ich habe aber noch keine Zeile von ihm gesehen.«

»So mußt Du eben noch einmal schreiben, Sepp, und ohne allen Aufschub. Heute wird’s ja kaum gehen, aber morgen tue es auf jeden Fall! Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, weshalb er sich in Schweigen hüllt.«

»Ich auch nicht.«

»Er muß sehr viel zu tun haben, daß er Deinen Brief so ganz hat vergessen können.«

Wie so oft, war auch hier der Wunsch des Gedankens Vater, und so befaßten sie sich nicht weiter mit dem Papa und dessen Saumseligkeit, sondern verlebten einen recht frohen Tag in Gemeinschaft mit Mariechens Bruder. Abends fuhren sie nach Gravesend zurück, und kurz nach elf saß Grimaldi wieder an Bord seines Segelboots. Mariechen hatte ihm versprochen, am Sonnabend nachzukommen.

In der Kajüte traf Grimaldi Mr. Cleave, den Kassierer vom Sadlers Wells-Theater. An Intrigen und Eifersüchteleien fehlt beim Theater so wenig, wie bei Hofe, in Pensionaten und Ballsälen. Kein Wunder also, daß auch Mr. Cleave seine »Tort« wider Grimaldi hatte, nicht aber, weil er ihm selbst im Wege gestanden hätte, sondern weil durch ihn ein gewisser Hartland, den er für höchst talentvoll und auch für einen netten Kerl hielt, ins Hintertreffen geraten war. Besagter Hartland war nämlich gleichfalls in Sadlers-Wells für Pantomimen und Melodramen engagiert. Um dieses guten Freundes willen war ihm also Grimaldi ein gewisser Dorn im Auge, und lieber wäre er ihm aus dem Wege gegangen, als hier mit ihm zusammenzutreffen. Wäre nun gar Miß Hughes mit dabei gewesen, so hätte man sich mancherlei Unheils mit apodiktischer Gewißheit versehen dürfen. »Um alles in der Welt, Grimaldi, was haben Sie hier zu schaffen?«

»Ich bin auf der Fahrt nach London, wohin wohl die meisten Kollegen unterwegs sein dürften.«

»Das meine ich. Was Sie nach Gravesend hinaus geführt, wollte ich wissen.«

»In Gravesend habe ich gar nichts zu tun gehabt, bin vielmehr gleich nach Chatham weiter gefahren.«

»Hm!«

»Es ist aber ganz, wie ich Ihnen sage.«

Der Kassierer schnitt ein wunderliches Gesicht. Man hätte fast meinen können, er habe den ganzen Tag weiter nichts vorgehabt, als Grimaldi nachzuspüren. Eine Weile lang verhielt er sich still; dann sagte er:

»Ich habe bloß gefragt, weil ich dachte, Sie hätten vielleicht in Gravesend – mit einer jungen Dame zu Mittag speisen sollen?«

Hieraus folgerte Grimaldi, daß Mr. Cleave in Erfahrung gebracht haben müsse, daß Miß Hughes in Gravesend sei, und in der freundlichen Absicht, ihn auszuspionieren, die Spritzfahrt dorthin gemacht habe. Er lachte sich nun ins Fäustchen, daß der Kassierer ihn mit Mariechen nicht zusammen gesehen, überließ ihn schadenfroh seinen Gedanken und verfügte sich auf Deck, weil ihm die kalte Nachtluft lieber war als das fischblütige Temperament des Kassierers.

Auf der Bank oben auf Deck saß ein Mann mit seiner Frau, einer Schwester von ihr und einer Freundin der Schwester, einem recht niedlichen Mädchen. Platz war gerade noch für eine Person, und zwar neben letzterem, und Grimaldi ließ sich nicht weiter nötigen, den Platz in Beschlag zu nehmen.

Das hübsche Ding war in einen weiten Seemannskittel gehüllt, und der Mann der Frau, wohl ein rechter Schalk, rief dem Mädchen zu, ob sie denn nicht sähe, wie sehr es ihrem Nachbar friere; sie möchte doch barmherzig sein und ihm einen Zipfel von dem weiten Kittel abtreten. Natürlich gab’s erst wiederholte Wangenröte und wiederholtes Gekicher, schließlich kam aber ein freundliches Übereinkommen zu stände, dahingehend, daß die niedliche Freundin den linken Arm durch das linke, Grimaldi den rechten Arm durch das rechte Armloch des Kittels steckte, natürlich unter großem Halloh der übrigen, denn das Paar erinnerte in diesem Doppelkostüm an die Ungetüme von Marktweiberröcken bei Regenwetter.

So saßen sie während der ganzen Heimfahrt, und Grimaldi hat immer, wenn er darauf zu sprechen kam, gesagt, über solche Art zu reisen gehe nichts, und das mag auch der Fall sein.

»Lachen Sie nur,« hatte er auch unterwegs gesagt, »wir lachten schließlich auch in einem fort, wenn wir was hätten, das uns innen so nett wärmt, wie der Seemannskittel außen.«

»Und was wäre Ihnen da wohl am liebsten?«

»Hm, ein guter Stonsdorfer oder Steinhäger.«

»Ei, wären Sie Bosco statt Clown,« erwiderte der Nachbar, der sich als ein gar jovialer Herr entpuppte, »so hätten Sie ihn nicht schneller herbeieskamotieren können, als Sie ihn hier sehen!«, und dabei langte er eine große, schwere Steingutflasche unter der Bank vor und hob sie mit beiden Händen hoch…

Das war das letzte noch, was zu dem allgemeinen Gaudium fehlte.

Es war eine kühle Nacht, aber der Mond schien hell, und mit solcher Stärkung verging die Nacht ebenso schnell wie angenehm. Bevor sie am Landungskai anlegten, war es Tag geworden, war die Flasche leer geworden, war der Nachbar sanft entschlummert, aber Grimaldis rechter Arm steckte noch immer im rechten, und der jungen Dame linker noch immer im linken Armloche des Seemannskittels, und des Nachbars Frau und Töchterlein hätten fideler sein können.

Am Landungskai trennten sie sich. Mann und Frau nebst Schwester und Freundin kutschierten nach Hause, während Grimaldi sich nach der Gracechurch-Straße begab, wo er sich zum Postamt verfügte, um einige Geschäfte zu erledigen.

Das Postamt war aber noch nicht offen. Müde war er noch nicht, zu Hause so früh zu stören, paßte ihm nicht, und so kam er auf den Gedanken, ein paar Stunden in der inneren Stadt, die ihm noch nicht so recht bekannt war, umherzubummeln und erst dann seine Penaten aufzusuchen.

  1. was in England geschehen muß, wenn ein Strafverfahren gegen Privatpersonen eingeleitet werden soll, bei der damals über alles Maß blutigen strenge der englischen Gesetze indes häufig unterblieb, besonders auch, weil viele, die geschädigt worden, nicht schuld daran sein mochten, daß einer ihrer Menschen schließlich wegen eines geringfügigen Vergehens hingerichtet wurde.

Fünftes Kapitel.


Fünftes Kapitel.

Ein wunderliches Vorkommnis. – Ein lakonisches Schreiben. – Zwei wichtige Auftritte mit Mr. Hughesund, ein spaßhafter Auftritt mit einem neidischen Freunde. – Zurüstungen zu Grimaldis Verheiratung. – Erschöpfung nach den Strapazen mit einer neuen Rolle.

Es war heller Tag geworden. Die Sonne ergoß ein mildes Licht über die stillen Straßen, in denen man nur Leute erblickte, die zu Wasser oder zu Lande gekommen waren. Obwohl Grimaldi von Kindesbeinen an in London gelebt hatte, war ihm doch weit weniger davon bekannt als vielen Nichtlondonern, die die Hauptstadt nur einige Male besucht haben. So hatte er den Stadtteil, wo er sich jetzt befand, samt dem Tower, noch nie gesehen.

Seine Aufmerksamkeit wurde, da ihm alles neu war, durch tausenderlei Dinge fortwährend und aufs angenehmste beschäftigt.

Da fiel sein Auge plötzlich auf einen am Boden liegenden Gegenstand. Er stieß mit dem Fuße daran, und es klimperte. Da bückte er sich und erkannte nun in dem von Schmutz bedeckten Gegenstande eine große, mit Goldstücken gespickt volle Netzbörse.

Wie gelähmt von dem Anblick, sah er fortwährend vor sich, hin, ohne daß er sich getraute, die Börse anzurühren. Endlich konnte er sich aber nicht mehr beherrschen, guckte sich nach allen Seiten um, und nahm, als er sich unbemerkt und allein sah, die Börse in die Tasche.

Kaum aber bückte er sich, so fiel ihm ein zweiter Gegenstand in die Augen: ein dünnes Päckchen Papier. Auch das hob er mechanisch auf, und wer vermöchte sein Erstaunen zu schildern, als er, es untersuchend, wahrnahm, daß es einzig aus Banknoten bestand?

Noch immer war niemand zu sehen. Nicht einmal kommen hörte man jemand. Grimaldi ging in der Straße eine ganze Stunde hin und her, faßte jeden, der an ihm vorbeiging, scharf ins Auge, so scharf, daß jeder hätte meinen müssen, er wolle um etwas fragen, wolle fragen, ob jemand etwas verloren habe…

Aber nein! Niemand suchte oder fragte, oder gab durch irgend ein Anzeichen Unruhe oder Ärgernis zu erkennen.

So kehrte er, ohne jemand zu fragen, von dem sich hätte annehmen lassen, daß er die Grimaldis Meinung nach unermeßliche Summe verloren haben könne, schließlich langsam nach dem Postamte zurück.

Die ganze Zeit über und noch stundenlang nachher befand er sich in einer fast unbeschreiblichen Unruhe, war es ihm doch nicht anders zu Mute, als ob er einen schrecklichen Diebstahl begangen hätte, der alle Augenblicke entdeckt und schimpflich bestraft werden würde. Er zitterte dermaßen, daß er kaum gehen konnte. Das Herz hämmerte ihm förmlich, und Angstschweiß trat ihm aufs Gesicht. Je länger er über seine Lage sann, desto größer wurde seine Unruhe und seine Besorgnis. Wer würde, wenn man soviel Geld bei ihm fände, glauben wollen, daß er es gefunden hätte? Mußte es nicht all und jedem viel wahrscheinlicher vorkommen, daß er es entwendet habe? Und wenn er des Diebstahls angeklagt würde, durch welches Zeugnis könnte er sich rechtfertigen?

Mehr denn einmal fühlte er sich versucht, seinen Fund wegzuwerfen und auf und davon zu rennen, und nur durch die Besorgnis, daß er gesehen werden, daß er verhehlt werden könne, daß er so verwirrte Antworten geben könnte, daß man erst daraufhin die Anklage wegen Diebstahls gegen ihn erheben möchte, bestimmte ihn, diesen Einfall nicht zu verwirklichen. Nun sollte man aber meinen, es sei doch ein großes Glück, eine stattliche Summe Geldes zu finden; bei Grimaldi war dies aber keineswegs der Fall, er fühlte sich im Gegenteil kreuzunglücklich darüber und konnte all die quälenden Gedanken keine Minute los werden.

Nun kam er in die Gracechurch-Kirche, fand aber das Postamt noch immer geschlossen und machte sich deshalb durch die City-Road auf den Heimweg, die damals zwischen zwei, nur beim »Engel von Islington« durch ein paar Häuser unterbrochene von Obst- und Handelsgärten hindurch führte.

Diese Örtlichkeit erlaubte ihm seinen Schutz genauer zu beaugenscheinigen. Die Goldstücke, die die Börse enthielt, waren lauter Guineen; die Banknoten, die das Päckchen bildeten, schwankten zwischen fünf und fünfzig Pfund. Aber nach irgend einem Ausweis über Namen, Wohnort oder Persönlichkeit des Eigentümers suchte er vergebens.

Ein richtiger Schwindel befiel ihn. Die Hände zitterten ihm. Auf der Straße zu zählen, wäre ihm nicht möglich gewesen. Zu Hause aber zählte er seinen Fund: die Guinen beliefen sich auf 380 Stück, die Summe der Banknoten ergab 200 Pfund. In Summa hatte er also annähernd 600 Pfund gefunden.

Zwischen 7 und 8 Uhr kam er nach Hause, legte sich sogleich zu Bett und schlief mehrere Stunden. Als er erwachte, hatte sich über den Eigentümer der von ihm gefundenen Geldsumme noch nicht das mindeste herausgestellt. Er hätte es gar gern sein eigen genannt: aber es sich ungerechterweise zuzueignen, widerstrebte ihm, und darum nahm er sich vor, kein Mittel, das zur Entdeckung des Eigentümers führen könnte, unversucht zu lassen.

Trotz aller Erregtheit unterließ er aber nicht, den Rat zu befolgen, den ihm Mariechen gegeben, und noch einmal an den Papa zu schreiben.

Darauf überlegte er sorgsam, wie er sich am besten betreffs seines Fundes verhalte, und ging abends zu einem alten guten Freunde seines Vaters, der immer auf ihn viel gehalten hatte, und von dem er wußte, daß er ihm nur zum guten und rechten raten würde. Mit diesem Manne hatte er eine lange Unterredung, er machte geltend, daß ihm viel daran gelegen sei, das Geld im eigenen Nutzen zu verwenden, der alte Herr untersagte es ihm jedoch rundweg und mit so schlagenden Gründen, daß er sich seinem Urteil unterwarf und demgemäß handelte.

Acht Tage lang vigilierten nun beide in allen Londoner Blättern unter den Verlustanzeigen, ob sich eine Person nach dem Funde erkundige, aber sie fanden nirgendswo etwas. Nun erließen sie selbst eine diesbezügliche Anzeige unter der Gruppe Gefundene Gegenstände, mit genauer Angabe der Einzelheiten wo und wann die Geldsumme gefunden worden, wo und wie dieselbe abzuholen sei, u. s. w., aber es meldete sich niemand, und Grimaldi hat bis zu seiner letzten Lebensstunde nicht die geringste Spur von der Person entdecken können, die das auf so eigentümliche Weise in seinen Besitz gelangte Geld verloren hatte. Sein Großvater mütterlicherseits hatte übrigens einen halbwegs ähnlichen Fall erlebt. Es war seine Gewohnheit, am Donnerstag früh den Leadenhall-Markt zu besuchen, und zwar in der Regel mit ziemlich viel Geld im Beutel, da er dort alles einzukaufen pflegte, was er im Laufe der Woche brauchte.

So hatte er einmal 400 Pfund meist in Gold und Silber bei sich. Unweit von der königlichen Börse bemerkte er, daß ihm eine seiner Schuhschnallen aufgegangen war. Da ihm der schwere Geldbeutel beim Bücken hinderlich war, – er war nämlich ein gar wohlbeleibter Herr – zog er ihn aus der Tasche, setzte ihn auf einen Balken, zog die Schnalle fest, ging weiter, dachte aber mit keinem Atem mehr an seinen Beutel. Erst als er die Einkäufe bezahlen wollte, die er auf dem Markte gemacht, fiel ihm ein, wo er ihn hatte stehen lassen. Wie ein Sturmwind sauste er wieder an die Stelle zurück, wo er sich die Schuhschnalle festgemacht hatte, fand auch richtig den Balken wieder – und richtig auch noch den Beutel! Auf offner Straße! – Seitdem hat er aber nichts mehr stehen lassen, so alt er geworden ist.

Vier angstvolle Tage folgten nun, und vier angstvollere Wochen waren bereits vergangen, denn sechshundert Pfund und eine junge Frau standen auf dem Spiele. Da endlich – am fünften Tage – kam ein Brief von Mr. Hughes, die langersehnte Antwort!… Aber was stand in dem Briefe? Einen kürzeren mochte der Postbote wohl seit langem, oder überhaupt noch nicht ausgetragen haben, denn weiter nichts stand drin als die Worte:

»Lieber Grimaldi, Sie werden mich in einigen Tagen sehen.

Ihr ergebener

R. Hughes.

Also weder günstig, noch ungünstig! Man konnte aus der einzigen Zeile lesen, was man wollte. Aber es war wenigstens kein direkter Korb! Und als eine Beleidigung persönlicher Natur hatte Mr. Hughes Grimaldis Ansuchen nicht aufgefaßt. Das war immerhin ein Vorteil, wenn auch noch kein großer… Mr. Hughes schien also mit sich reden lassen zu wollen. Zu diesem Schlüsse gelangte Joe nach vielem Überlegen, und durch Mariechens Wiederkunft wurde er auch nicht trübseliger gestimmt.

Aber auf ihres Papas Schreiben schien sie nicht viel geben zu wollen, denn sie las es kaum durch, als Joe es ihr zeigte, sagte vielmehr, als er sich darüber wunderte:

»Ja, Sepp, wenn ich dir die Wahrheit sagen soll, so ist Papa schon wieder zu Hause. Gestern habe ich ihn zum ersten Male wiedergesehen und er sagte mir bei der Gelegenheit, ich solle dir sagen, daß er dich am Montag früh in seiner Stube erwarte.«

Grimaldi schnitt ein Gesicht, wie ein Gerber, dem alle Felle weggeschwommen sind.

»Aber sei doch nicht töricht,« tröstete ihn Mariechen »ich sollte meinen, du könntest eher recht vergnügt dreinschauen.«

Aber Grimaldi wußte nicht, ob er hoffen oder fürchten müsse, und so brauchte es Zeit und Weile, bis es Mariechen gelang, ihn heiter zu stimmen. Sie selbst hatte Hoffnung, kannte sie doch ihres Papas gutes Herz… Schließlich sah also der verliebte Sepp der Stunde, die über sein Schicksal entscheiden sollte, mit Ruhe entgegen.

Endlich kam der bedeutungsvolle Montag. Seine Unruhe nach besten Kräften zu verbergen suchend, begab Grimaldi sich nach Sadlers-Well und traf dort den Vater seiner Herzallerliebsten im Kassenzimmer.

Mr. Hughes sagte ihm freundlich guten Tag, sagte ein paar gleichgültige Worte, setzte dann aber ernster hinzu:

»Sie wollen uns also verlassen, lieber Grimaldi, Sadlers-Wells und all Ihre alten guten Freunde? Und allein aus dem Grunde, weil Ihnen anderswo ein paar Pfund mehr geboten werden?«

Grimaldi war so verdutzt, daß er im ersten Augenblick kein Wort über die Lippen bringen konnte. Er sammelte sich aber rasch und erwiderte:

»Aber, Mr. Hughes, mein Ehrenwort, daß ich mit keinem Gedanken an so etwas gedacht habe… Es ginge doch schon deshalb nicht, weil ich mich Ihnen kontraktlich verpflichtet habe.«

»Sie denken wohl nicht daran, mein Lieber,« antwortete Mr. Hughes in strengem Tone, »daß Ihr Kontrakt abgelaufen ist?«

Das stimmte. Daran hatte Grimaldi nicht gedacht. Das also mußte er zugestehen.

»Es ist recht auffällig, mein lieber Grimaldi,« fuhr Mr. Hughes fort, »daß Ihnen ein so wichtiger Umstand aus dem Gedächtnis kommen konnte… Aber eins: Kennen Sie Mr. Croß?«

Mr. Croß war der Direktor des Zirkusses, aus dem später das Surrey-Theater wurde, und hatte Grimaldi wiederholt unter sehr günstigen Bedingungen für sich gewinnen wollen, zum letzten Male erst vor wenigen Tagen. Grimaldi hatte sich aber immer ablehnend verhalten, denn er hatte nicht die geringste Lust, Sadlers-Wells zu verlassen, wo er seit seiner Kindheit beschäftigt gewesen und sein Brot gehabt hatte.

Er merkte im Nu, daß ihn jemand bei Mr. Hughes anzuschwärzen versucht hatte. Zufällig hatte er die letzte Zuschrift, die er von Mr. Croß erhalten, bei sich, auch die Abschrift der Antwort, die er darauf gegeben, und überreichte sie Mr. Hughes zum Beweise seiner Rechtfertigung.

»Ich bin mit Mr. Croß nicht bekannt, Mr. Hughes,« sagte er dabei, »bin aber sehr froh, die zuletzt mit ihm gewechselten Briefe bei der Hand zu haben und Ihnen vorlegen zu können.«

»Sehr schön, sehr schön,« antwortete Mr. Hughes lächelnd, »und da Sie auf dem Standpunkte stehen, keinen Quartierwechsel zu lieben, wollen wir doch gleich über das neue Engagement sprechen. Ich zahle Ihnen jetzt vier Pfund in der Woche. Sie sollen hinfort drei weitere Saisons verpflichtet sein, in der ersten sechs, in der zweiten sieben, in der dritten acht Pfund wöchentlich bekommen. Ist’s Ihnen recht?«

Das war mehr als Grimaldi gerechnet hatte, und er sagte mit freudigem Herzen Ja. Mr. Hughes schien an der sofortigen Regelung gelegen zu sein, denn er ließ zwei Zeugen holen, und der Vertrag wurde ohne weiteres ausgefertigt und unterschrieben.

Hierauf wechselten sie noch einige Worte. Dann stand Mr. Hughes auf und sagte:

»Wir sehen uns wohl heute abend noch einmal. Ich will mir nämlich den Blaubart im Drury-Lane ansehen.« An der Tür drehte er sich aber noch einmal um und fragte: »Sonst haben Sie nichts auf dem Herzen?«

Jetzt war der Moment gekommen. Jetzt galt es, oder nie! Grimaldi spornte seinen Mut, gab seinen Wünschen und Bitten Ausdruck, erst in stockender, dann in immer geschwinderer Rede, bis er es endlich heraus hatte, daß von Mr. Hughes‘ Ja oder Nein sein und Mariechens Lebensglück abhinge…

Mr. Hughes antwortete, er habe sich die Sache nach allen Seiten hin reiflich überlegt, meine nur, daß wir beide noch ein bißchen jung zu solchem Entschlüsse seien, gab aber zuletzt seine Einwilligung und rückte Joe dadurch in den siebenten Himmel hinauf. Aber er schien noch ein weiteres tun zu wollen, denn er öffnete jetzt die Tür des anstoßenden Zimmers und rief hinein:

»Mariechen, hier ist Joe … vielleicht willst du ihm guten Morgen sagen?«

Mariechen, die natürlich ganz zufällig in dem Zimmer war, widersprach nicht als gehorsames Töchterlein, sondern sagte dem Freunde einen herzlichen Guten Morgen, und verdient hatte solchen auch Joseph für seine wahrhafte und treue Liebe!

In der schwärmerischen Verzücktheit beider Gemüter bemerkte weder Joe noch Mariechen, daß die Tür offen stand, und daß eine dritte Person Zeugin der holden Szene sein konnte…

Diesen Tag strich Grimaldi natürlich rot in seinem Kalender an. Ein Glück für ihn war es, daß er an diesem Abend im Drury-Lane-Theater erst im letzten Aufzuge auftrat und nur ein paar Worte zu reden hatte.

Als er dorthin kam, war Mr. Hughes schon anwesend und damit beschäftigt, die im letzten Aufzuge wirkenden Verwandlungsapparate zu besichtigen. Er hatte nämlich die Absicht, den Blaubart auch auf dem Exeter-Theater zu spielen, und gab Grimaldi zu verstehen, daß seiner Meinung nach der Apparat viel zu kompliziert sei. Grimaldi gab ihm hierin recht und setzte hinzu, daß der Apparat obendrein noch nicht einmal gut wirke. Grimaldi stand darüber insofern ein Urteil zu, als er sich in seinen Mußestunden viel mit der Erfindung von Modellen zu Verwandlungs- und Pantomimen-Coups befaßte. Das tat er bis zu seinem Tode und in seinem Nachlasse fanden sich auch recht viel solcher Modelle, darunter manches ganz ausgezeichnete. Im Dezember 1836 verkaufte er verschiedene davon aus Drury-Lane-Theater, die zum ersten Male in der Pantomime »Harlekin und Hexe Gurton« Verwendung fanden. Fast alle Maschinerien, die er sah, modellierte er und brachte nicht selten Verbesserungen an, was zufällig auch gerade bei der Maschinerie in dieser letzten Blaubart-Szene der Fall war.

Das kam ihm nun zu statten. Ihm lag natürlich viel daran, Mr. Hughes zu Diensten zu sein. Er kramte alles aus, was er von Modellen in Bereitschaft hatte. Mr. Hughes war darüber sehr erfreut, er bat ihn auf den kommenden Morgen zum Frühstück, forderte ihn auf, seine Modelle zu dem Verwandlungsapparat im Blaubart mitzubringen, was Grimaldi begreiflicherweise mit größtem Vergnügen tat. Hierbei sollte sich nun ein recht spaßhafter Auftritt abspielen.

Beim Sadlers-Wells-Theater waren damals ein paar Leutchen angestellt, die Grimaldi nicht sonderlich gewogen waren und aus Künstlerneid ihm mancherlei Tort antaten. Einer von ihnen hatte von einem Dienstmädchen, mit dem er zufällig bekannt geworden, gehört, es habe gesehen, wie Grimaldi Miß Hughes geküßt habe. Daraufhin ersuchte er Mr. Hughes um ein paar Minuten Gehör, als dieser vom Drury-Lane-Theater nach Hause kam und machte ihm von diesem Gerücht, natürlich nebst allerlei Ausschmückung und Erweiterung, ausführliche Mitteilung, streute allerhand Glossen ein über Grimaldis Undank, daß es nicht gerade nett von demselben sei, sich hinter dem Rücken der Eltern die Zuneigung der Tochter zu erschleichen, und ließ es schließlich an allerhand weisen und rührenden Kommentaren, wie sie bei solchen Anlässen Brauch zu sein pflegen, nicht fehlen…

Mr. Hughes hörte sich dies alles mit Seelenruhe an, worüber sich der Zuträger nicht wenig wunderte, bis ihm zuletzt der Einfall kam, daß sich hinter dieser gemütlichen Auffassung nur Grimm verhalte.

Mr. Hughes ließ ihn aber ruhig ausreden und fragte ihn dann, ob er ihm die Ehre geben wolle, ihn am andern Morgen in der neunten Stunde noch einmal zu besuchen?

»Ganz zu Befehl, werter Herr,« antwortete der Zuträger.

»Dawider werden Sie wohl nichts haben, daß ich Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeit schon jetzt meinen Dank ausspreche? Es ist mir natürlich sehr lieb, von Dingen unterrichtet zu werden, die zu meinem häuslichen Glücke in so enger Beziehung stehen. Ein Gläschen Madera gefällig, Herr?«

»Sehr verbunden!«

Der »gute Freund« entfernte sich, nachdem er das Glas geleert hatte, und gratulierte sich, beim Weggehen, »Joe endlich etwas eingerührt zu haben.« – Das war nun allerdings so, nur nicht in seinem Sinne und seiner Absicht gemäß.

Grimaldi war am andern Morgen mit der Lerche auf und legte die letzte Hand an seine Maschinerie. Zufrieden mit seiner Arbeit, schob er die versprochenen Modelle in die Tasche und ging zum Frühstück.

In der Wohnung seines zukünftigen Schwiegervaters angelangt, hörte er von dem Dienstmädchen, das die Geschichte von dem heimlich gestohlenen Kusse herumgebracht hatte, daß Mr. Hughes ihn im Kassenzimmer erwarte. Der Ton, in welchem das Mädchen ihm die Mitteilung machte, weckte eine unbestimmte Furcht in ihm, als wenn sich etwas zugetragen hätte, das ihm sein ganzes Glück zu vernichten drohte.

»Ist Mr. Hughes allein?« fragte er.

»Nein, Herr! Es ist schon ein Herr bei ihm,« antwortete das Mädchen und nannte einen Namen, bei dessen Klange seine Besorgnisse noch höher stiegen.

Nichtsdestoweniger raffte er all seinen Mut zusammen und trat in das Kassenzimmer. Mr. Hughes erwiderte seinen Gruß mit seltsamer Kälte. Der »gute Freund,« der die Zwischenträgerei besorgt hatte, wandte sich ab, ohne ihn eines Blickes oder gar Wortes zu würdigen. Grimaldi kam sich vor, als ob er wie ein Verbrecher dastände…

Mr. Hughes nahm mit großer Förmlichkeit und Feierlichkeit das Wort… »Mr. Grimaldi,« sagte er, »ich habe Ihnen eine höchst wichtige Mitteilung zu machen. Wider Sie ist eine Anklage höchst ernsthafter Natur erhoben worden.«

»Sie sehen wohl, daß mich das aufs höchste überrascht, Herr,« erwiderte Grimaldi.

»Glaub’s Ihnen gern, Herr,« sagte der gute Freund, und über sein Gesicht huschte eine siegesbewußte Miene.

»Es scheint, als wenn die Anschuldigung wohlbegründet sei,« fuhr Hughes fort, »nur fürchte ich, daß Sie sich von ihr nicht werden reinigen können. Aber Ihr Recht soll Ihnen werden! Die Anklage soll in Ihrer Gegenwart erhoben werden. Wiederholen Sie, Sir, was Sie mir gestern abend erzählt haben.«

Der Zuträger ließ sich nicht nötigen, sondern tat es mit Worten, die von Bosheit überflossen, die von der Falschheit sprachen, sich in eine gastliche, in trautem Frieden lebende Familie zu schleichen, um einen Vater und einer Mutter eine geliebte Tochter zu rauben und ein junges, unerfahrenes Mädchen in der Achtung herabzusetzen. Dann erging er sich noch in der Schilderung all der Sorgen und Mühen, die einem Mädchen bevorständen, das sich einen wandernden Schauspieler an den Hals würfe.

Grimaldi war vor Verwunderung schier außer sich, und ganz außer sich wäre er fast geraten, als er sah, daß Mr. Hughes mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörte, wie wenn er der Anschuldigung völligen Glauben schenkte, ja zuweilen sogar den guten Freund durch einen Blick oder ein Nicken ermutigte, was natürlich nicht dazu beitragen konnte, Grimaldis Zuversicht zu erhöhen.

»Sie befinden sich im vollen Rechte, mein Lieber,« sagte Mr. Hughes, »und dergleichen Aufführung ist absolut nicht zu entschuldigen, einen Umstand ausgenommen, nämlich…«

»Mr. Hughes,« nahm der Zuträger wieder mit Emphase das Wort, »Ihre Herzensgüte ist mir bekannt, so wohlbekannt, daß ich nicht zweifeln möchte, daß Sie, ungeachtet der Ihnen widerfahrenen schweren Kränkung, auch jetzt noch nach mildernden Umständen suchen. Sie erlauben mir wohl aber, als unparteiischem Beobachter, Ihnen zu sagen, daß es für einen Menschen gar keinen Entschuldigungsgrund gibt, der sich in die Neigung einer jungen, unendlich hoch über ihm stehenden Dame einschleicht, die obendrein eines Mannes Tochter ist, dem er zum größten Danke verpflichtet ist.«

»Bitte, nur eine halbe Minute Gehör, lieber Mann,« erwiderte Mr. Hughes in auffallend ruhigem Tone.

»Von Herzen gern, mein werter Sir!« »Sie haben mich gerade in dem Augenblick – wie ich wohl beifügen darf, in einer etwas wenig manierlichen Weise – unterbrochen, als ich Ihnen wiederholen wollte, daß auch ich für ein solches Verhalten eines jungen Menschen keinen Entschuldigungsgrund finden möchte, sofern ein solcher Mensch sich nicht der Einwilligung seitens der Eltern des Mädchens versichert hat. Im letztern Falle steht es ihm allerdings frei, sich um die Gunst des Mädchens zu bemühen, wenn sie geneigt ist, sie ihm zu gewähren.«

»Zweifellos, zweifellos,« versetzte der Ankläger, »aber in dem Falle, über den wir diskutieren…«

»In dem Falle, über den wir diskutieren,« wiederholte Mr. Hughes, »verhält es sich so, wie ich meine. Meine Tochter ist im Besitze der elterlichen Erlaubnis, Mr. Grimaldi zum Manne zu nehmen, und da sie, meines Wissens, mit Mr. Grimaldi einig ist, wird sie von dieser Erlaubnis wohl recht bald Gebrauch machen.«

Der gute Freund saß da, wie vom Donner gerührt, Grimaldi aber war vor Vergnügen schier außer sich. Endlich ging ihm ein Licht auf, endlich verstand er, daß Mr. Hughes den Zuträger auf eine feine, vorwurfsfreie Weise hatte ablaufen lassen wollen, vielleicht sogar nicht frei von Schadenfreude war und sich auf Kosten des Unheilstifters ein Späßchen machen wollte. Mit ernster Miene, doch sichtlich nur unter Aufwand von Anstrengung imstande, ein Lächeln zurückzuhalten, sagte er zu seinem künftigen Schwiegersohne:

»Immerhin war es nicht ganz in der Ordnung, mein lieber Joe, meiner Tochter vor allen Leuten einen Kuß zu geben, und falls es Ihnen oder meiner Tochter neuerdings beikommen sollte, sich solchen Genuß nicht versagen zu wollen, so möchte ich doch recht sehr gebeten haben, das nur unter vier Augen abzutun. Ein wenig Rücksicht auf die zurzeit herrschende Sitte ist doch notwendig, und ich meine, sie dürfte auch dem Zartsinne der in Frage stehenden jungen Dame genehmer liegen.«

Hierauf schnitt Mr. Hughes dem diensteifrigen guten Freund einen tiefen Bückling, machte die Tür auf und befahl dem zunächst stehenden Diener, »den Herrn bis zur Tür zu geleiten.«

Er selbst begab sich mit Grimaldi zum Frühstück, an dem auch sein Töchterchen teilnahm.

Von diesem Augenblicke an war endlich treuer Liebe die Bahn geebnet, und alles weitere Verhalten des Mr. Hughes gegen Grimaldi legte sattsam Beweis für die Wertschätzung ab, die dieser ihm durch seine oft unter widrigen Verhältnissen aufrecht erhaltene Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit abgewonnen hatte.

Am Sonnabend nach dem erzählten Auftritte wurde mit der Einrichtung der gemieteten Wohnung begonnen, und am Ostersonntage folgte das erstmalige Aufgebot des jungen Paares.

Wie immer nahmen die Vorstellungen im Sadlers-Wells-Theater am Ostermontage ihren Anfang, und Grimaldi trat in einer neuen Rolle auf, die noch bedeutender war als all seine bisherigen, und durch deren brillante Durchführung ihm neuer Ruhm erstehen sollte.

Vier bis fünf Monate hatte er verhältnismäßige Ruhe gehabt. In seiner neuen Rolle, die ihn recht angriff, begann er indessen zu fühlen, daß auch ihn das Los seines Standes ereilen sollte, Abnahme und Erschlaffung der Kräfte infolge von allerhand körperlichen Gebrechen, die anderen Menschen vorenthalten zu bleiben pflegen.

Es wurde ihm unaufhörlich Beifall gespendet, der ihn aber zu immer neuen Anstrengungen spornte, und die Folge davon war, daß er am Schlusse der Vorstellung immer so erschöpft war, daß er sich kaum auf den Beinen halten konnte, den kurzen Weg bis zu seiner Wohnung nur mit großer Mühe zurücklegen konnte und sich sogleich zu Bett legen mußte.

In seinen späteren Jahren war seine Rede oft, daß ihm die glänzenden Einnahmen, die er machte, die schwere Mühe, die ihm die Durchführung seiner Rollen verursacht, auch nur eben wett gemacht hätten, und daß er um kein Pfund dabei besser gefahren sei als Leute, denen es beschert sei, in Ruhe und mit Gemächlichkeit einen regelmäßigen Verdienst zu haben und dabei alt zu werden, statt sich in einer verhältnismäßig kurzen Zeit völlig abzuwirtschaften.

Grimaldis Worte sind nur zu wahr; sie beruhen auf der Erfahrung eines lange, und nicht immer freudigen Lebens. In der Tat kann nur sehr gute Einnahme solchen Künstlern – besonders dann, wenn sie leicht erregbar und empfindsam sind wie eben Grimaldi – das Los eines frühen Alters mit all seiner Pein und Trübsal einigermaßen vergüten helfen.

Am Morgen nach, dem erstmaligen Auftreten in seiner neuen Rolle erwachte Grimaldi gestärkt und erquickt in der elften Stunde. Er erschrak beinahe, als er den Blick auf die Uhr richtete, denn sonst pflegte er schon um sieben Uhr angekleidet zu sein, sich mit der Fütterung seiner Tauben zu befassen, oder die Geige zu spielen, oder seine Modelle zu fertigen. Müßiggang war ihm unausstehlich; er verbitterte ihm das Leben, und für die Wonne »süßen Nichtstuns« konnte er niemals Verständnis gewinnen.

Bei neuen Stücken pflegt der Vormittag nach den ersten Vorstellungen der Repetition zu gehören: es gilt, Längen auszumerzen und Verbesserungen vorzunehmen, wie sie durch das Spiel als wünschenswert sich herausstellen. Selbstverständlich müssen dann alle, die in dem Stücke auftreten, erscheinen, weil sich ja in allen Rollen Änderungen ergeben können. In dem neuen Stücke hatte Grimaldi nun eine Hauptrolle. Es war ihm deshalb höchst unangenehm, solange geschlafen zu haben. Ohne die geringste Säumnis kleidete er sich an und eilte ins Theater.

Sechstes Kapitel.


Sechstes Kapitel.

Verdrießliche und vergnügliche Auftritte mit »dem alten Lukas« und in Gegenwart des Friedensrichters Blamire. – Mysteriöse Erscheinung eines Silberstabes. – Eine Wette mit einem gespaßigen Freunde auf der Dartforder Chaussee. – Der Prinz von Wales, Sheridan und das Töpfermädchen.

Der ganze Bezirk, den jetzt Claremont, Myddleton, Lloyd und Wilmington bilden nebst den zahllosen, nach allen Richtungen hin auslaufenden Straßen und Gassen, war damals Wiesen-, Weide- und Gartenland und hieß »die Sadlers-Wells-Felder.« Auf seinem Wege zwischen dem Schauspielhause hin und zurück mußte Grimaldi dieses freie Land passieren.

Nun waren gerade an diesem Morgen wohl an tausend Personen hier zusammengelaufen, hergelockt durch das Vergnügen einer Stierhetze – damals beim niederen Volk ein höchst beliebter Sport, trotzdem mit ihm schwere Gefahren verbunden waren. Zum Heil für alle friedliebenden, ruhigen Menschen sind diese rohen Hetzen schon von der Tagesordnung geschwunden; sie lassen sich schon aus dem Grunde nicht mehr ausführen, weil es an dem dazu erforderlichen Raume fehlt, was vor einem Vierteljahrhundert noch nicht der Fall war.

Grimaldi blieb stehen und überlegte, ob es nicht klüger sein möchte, wieder umzukehren und einen wenn auch weiteren, doch ungefährlicheren Weg zu wählen. Da faßte ihn ein junger Mensch, den er noch niemals gesehen, scharf ins Auge, trat auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht Grimaldi heiße.

»Allerdings, Herr!« antwortete Grimaldi; »darf ich aber um Auskunft darüber bitten, was Sie zu dieser Frage veranlaßt?«

»Ach,« sagte der junge Mensch, auf einen nicht weit abstehenden Menschen zeigend, »ich hörte vor einigen Augenblicken von dem alten Herrn dort Ihren Namen.«

Dieser »alte Herr« war damals in ganz Clerkenwell und Umgebung allgemein bekannt, aber ebenso allgemein unbeliebt. Er war nämlich der Kirchenspielpolizist, und derlei Amtspersonen sind in der Regel keine gern gesehenen Persönlichkeiten, »der alte Lukas« war aber der bestgehaßte seiner Art, und zwar, sofern man den Geschichten glauben darf, die über ihn im Umlaufe sind, auch mit Fug und Recht, war er doch, mit einem Worte, ein so recht hartgesottener Sünder, von dem es allgemein hieß, daß er nicht davor zurückschreckte, Anklagen zu ersinnen, wenn es eine Weile zu ruhig im Bezirke zugegangen war, so daß es ihm an Material dazu aus der Praxis fehlte. Geld brauchte er immer und war im wesentlichen auf die kleinen Prämien angewiesen, die er für Denunziationen bekam, wenn in dem daraufhin angehängten Prozesse ein Strafurteil gefällt werden konnte.

Da Grimaldi nur allzu gut wußte, was die Leute vom »alten Lukas« hielten, setzte ihn die Mitteilung des jungen Menschen in Verwunderung, und zwar in durchaus nicht angenehme. Nicht frei von Unruhe fragte er deshalb den jungen Menschen, ob er sich auch nicht geirrt habe, daß der Polizist gerade seinen, nämlich Grimaldis Namen genannt habe.

»Ich weiß es ganz bestimmt, Herr,« antwortete der junge Mensch, »und kann mich umso weniger irren, als er Ihren Namen in sein Buch schrieb und zu einem bei ihm stehenden Manne sagte, wenn er wollte, könnte er Sie alle Tage festnehmen lassen.«

»Der Geier soll ihn holen!« rief Grimaldi, »was kann er mir am Zeuge flicken wollen? Auf alle Fälle danke ich Ihnen für Ihre Mitteilung, so unerfreulich sie mir auch sein muß.«

Sie gingen auseinander. Der junge Herr mischte sich unter den großen Haufen, Grimaldi drehte um und begab sich auf dem weitesten Umwege, den er machen konnte, nach dem Theater, um einesteils dem alten Lukas, andernteils dem rasenden Stiere aus dem Wege zu gehen.

Er bekam aber, sobald er den Fuß ins Theater gesetzt, alle Hände voll zu tun, daß er den ganzen Vorfall schnell vergaß. Erst als er gegen Abend sich wieder ins Theater verfügte, wurde er durch einen Zufall daran erinnert und erzählte ihn einigen intimeren Bekannten, wie zum Beispiel dem trefflichen Komiker Dubois, dem Schauspieler Davis und dem gefeierten Seiltänzer Richer.

Er wurde gründlich ausgelacht und eine ganze Zeitlang mit dem alten Lukas und dessen Anschlägen wider ihn derb gehänselt.

»Dieser Spitzel,« rief Dubois, während sich sein Gesicht in sehr ernste Falten legte, »ist ein ausgefeimter Bösewicht, der sich vor keiner Lüge scheut und unsern Joe an den Galgen brächte, wenn er damit ein paar Pfund oder Schillinge verdienen könnte. Sie können sich drauf verlassen, Grimaldi, daß er Ihren Namen ohne allen Grund aufgeschrieben hat.«

»Dieser Meinung bin ich auch,« sagte Davis, »sicher will er sich mit Joe ein gutes Stück Geld holen, aber seien Sie deshalb nicht bange, Joe, die Sache wird schon schief gehen.«

Grimaldi wurde es sehr ernst zumute, aber nun fingen die Freunde erst recht an zu kohlen, ließen allerhand Andeutungen über die Missetat fallen, die ihm der böse Polizist aufs Kerbholz geschrieben hätte, und während der auf ein sittliches Vorgehen, der andere auf Fälschung, ein dritter gar auf Mord und Totschlag plädierte, meinte ein vierter, der den Versuch karikierte, den armen Sünder mit den letzten Tröstungen zu versehen, mit heiterem Lachen, so schlimm dürfte die Geschichte schließlich doch wohl nicht werden, trotzdem diesem Bösewicht von Polizist ein ziemlich starker Einfluß nicht abgesprochen werden könne, und in der Regel keiner, der von ihm in die Schere genommen würde, straffrei ausginge. Darauf ließe sich zwei gegen eins wetten.

Grimaldi entging es nicht, daß sich hinter allem Scherz und Spott seiner Freunde ein gewisser Ernst versteckte; er konnte sich deshalb einer gewissen Beklommenheit nicht erwehren und suchte sich klar zu werden, was der alte Lukas eigentlich gegen ihn vorbringen könnte. Da trat ein Diener vom Theater raschen Schrittes zu ihm herein und meldete, daß ihn jemand auf der Stelle zu sprechen verlange.

»Wer denn, mein Lieber?« fragte Grimaldi, nicht wenig erschrocken.

»Ein Mann mit einer Brille – ich glaube, es ist kein anderer als der alte Lukas,« sagte der Diener.

Alle Anwesenden brachen zuerst in ein schallendes Gelächter aus, versicherten sodann aber Grimaldi ihres eifrigsten Beistandes. Grimaldi selbst stand wie versteinert da. Komiker Dubois meinte:

»Na, Joe, Scherz muß sein, und Sie wissen ja zu spaßen und zu scherzen. Sollte sich aber Scherz in Ernst wandeln wollen, dann seien Sie versichert, daß wir dem Sackermenter von Polizisten die Zähne zeigen werden.«

Die andern guten Freunde sprachen sich in demselben Sinne aus. Grimaldi dankte ihnen auf das wärmste, denn jetzt machte er sich schon die schwärzesten Gedanken. Es wurde beschlossen, mit Grimaldi vors Haus hinunterzugehen, den alten Lukas aber, falls er es sich herausnehmen sollte, ungezogen oder gar frech zu werden, in den Kanal zu stoßen, damit er sich dort ein wenig abkühle. Grimaldi wurde nun von seinen Freunden in die Mitte genommen und zu dem vorm Hause wartenden Polizisten geführt.

Alle fragten durcheinander, was von dem Freunde begehrt würde.

Lukas würdigte sie keiner Antwort, sondern herrschte Grimaldi zu, er müsse auf der Stelle mit ihm nach Hatton Garden hinüber. »Aber,« setzte er hinzu, »beeilen Sie sich! Ich habe keine Zeit zu warten.«

Es erhob sich ein verworrenes Geschrei. Alles wünschte den Wicht dorthin, wo der Pfeffer wächst, und fragte nach dem Haftbefehle. Lukas würdigte auch jetzt keinen der Schreier einer Antwort, sondern stellte an Grimaldi die kurze und bündige Frage, ob er der Aufforderung gutwillig folgen wolle oder nicht. Ein einstimmiges Nein donnerte ihm entgegen.

»Hören Sie, Lukas,« sagte Komiker Dubois, »Sie sind ein alter Halunke, was niemand besser weiß, als Sie selber. Wir meinen, es kanns auch niemand leichter beweisen als Sie selber. Ehe wir aber zugeben, daß Mr. Grimaldi Sie begleitet, verlangen wir Vorweis des Haftbefehls, der Ihnen das Recht gibt, hier so aufzutreten. Haben Sie aber keinen Haftbefehl, dann rate ich Ihnen, sich schleunigst auf die Strümpfe zu machen, wenn Sie nicht getaucht werden wollen.«

Diese Ansprache wurde durch ein allgemeines Beifallsgeschrei beantwortet, in das noch andere, die inzwischen sich angefunden hatten, einstimmten.

»Mr. Dubois,« sagte Lukas, sobald er sich Gehör verschaffen konnte, »mit Ihnen habe ich gar nichts zu schaffen. Und an Sie, Mr. Grimaldi, richte ich neuerdings die Frage, ob Sie meiner Aufforderung zu folgen bereit sind, oder nicht.«

»Nur, wenn Sie den Haftbefehl vorzeigen,« rief der Seiltänzer, »sonst lassen wir ihn nicht aus unsrer Mitte.«

»Nein – ohne Haftbefehl darf er nicht weg,« rief auch Schauspieler Davis.

»Unter keiner Bedingung anders,« sagte nun auch Dubois. »Ich sage Ihnen, rühren Sie ohne Haftbefehl bloß den Finger, so liegen Sie.«

»Was meinen Sie?« fragte Lukas, »wo soll ich dann liegen?«

»Unten im Kanale,« antwortete Dubois, »und zwar dort, wo er am tiefsten ist.«

»Jawohl, tief unten im Kanale,« riefen auch alle anderen.

Dem Polizisten wurde es doch ein wenig bange, und während aus aller Kehlen ein wieherndes Gelächter erscholl, sagte er in einem weit sanfteren Tone:

»Nun, einen Haftbefehl habe ich ja freilich nicht, weil nur selten danach gefragt wird, weiß doch jeder, daß ich Amtsgewalt zu üben beauftragt bin. Genügt das aber Mr. Grimaldi und seinen Bekannten nicht, dann will ich nicht darauf bestehen, daß er auf der Stelle mitkommt, sondern mich mit seinem und der anderen Herren Versprechen begnügen, daß er morgen vormittag um elf Uhr in Hatton Garden vor Mr. Blamire erscheinen wird.«

Dieses Versprechen wurde dem Polizisten gegeben, worauf er sich zum Gehen anschickte. Der Leute waren es aber immer mehr geworden, die die von Grimaldis Freunden gebildete Gruppe umringten, und gleich darauf erklang eine Stimme aus dem Haufen:

»Hallo, Joe, was gibt’s denn hier?«

Dubois trat auf die oberste Treppenstufe und rief in heftiger Erregung:

»Weiter nichts, Kinder, als daß der Sackermenter von Ortspolizist unsern Joe Grimaldi ins Gefängnis abführen will!«

»Und weshalb? weshalb?« fragten alle.

»Ein Grund liegt gar nicht vor,« rief Dubois.

Da der Haufe immer ärger schrie, beschleunigte Lukas seine Schritte, konnte aber erst das Weite gewinnen, nachdem er einen förmlichen Regenschauer von Erdklößen, faulen Äpfeln und dergleichen Dingen über sich hatte ergehen lassen müssen.

Die Vorstellungen nahmen ihren Fortgang wie gewöhnlich, und Grimaldi begab sich heim, nachdem ihm all seine Freunde bestimmt versprochen hatten, ihn am anderen Morgen auf das Polizeiamt zu begleiten. Es wurde auch alles mögliche getan, den jungen Menschen wieder aufzufinden, der Grimaldi auf die Absichten, mit denen sich Lukas wider ihn trug, aufmerksam zu machen.

Zur festgesetzten Zeit erschien Grimaldi in Begleitung seiner Freunde auf dem Polizeiamte. Der Friedensrichter Blamire begrüßte sie sehr verbindlich und stellte an Lukas die Aufforderung, sich darüber auszusprechen, was ihn veranlaßt habe, Mr. Grimaldi laden zu lassen.

Der Polizist erzählte mit großer Zungenfertigkeit, Mr. Grimaldi habe sich dadurch vergangen, daß er sich an einer Stierhetze beteiligt habe, auch andere Personen zur Teilnahme daran angestiftet und aufgereizt habe. Der Stier sei wild geworden, wodurch viele Menschen in Lebensgefahr gebracht worden waren. Er habe dies alles mit eigenen Augen mit angesehen und berufe sich zur Erhärtung seiner Angaben auf das Zeugnis verschiedener Personen. Darauf rief er die Leute herein, mit denen ihn tags vorher Grimaldi hatte zusammenstehen sehen, und sie bestätigten alle Aussagen des Polizisten.

Nun wurde der also Beschuldigte aufgefordert, vorzubringen, was zu seiner Entlastung dienen konnte. Er berichtete, was ihm passiert war, der junge Mensch, der auf der Wiese zu ihm getreten war und ihm gesagt hatte, daß der Polizist sich mit anderen Leuten über ihn unterhalten habe, bestätigte Grimaldis Aussagen und bezeugte unter seinem Eide, daß Grimaldi nur ein paar Augenblicke auf der Wiese gestanden habe, mit der Stierhetze nicht bloß nichts zu tun gehabt habe, sondern ihr vielmehr aus dem Wege gegangen sei.

Mr. Blamire, der Friedensrichter, nahm alles zu Protokoll mit Ausnahme verschiedener unverblümter Äußerungen aus Dubois‘ und anderer Munde über das schlechte Renommee, in welchem der Polizist Lukas bei der Bevölkerung stände. Dann hielt er Grimaldi folgende kleine Standrede:

»Mein lieber Mr. Grimaldi, ich glaube ja gern, daß Ihre Darstellung der Vorgänge in jeder Hinsicht der Wahrheit entspricht. Es bleibt mir aber nichts anderes übrig als auf Grund der Aussagen des Polizisten Lukas und der von ihm beigebrachten Zeugen gegen Sie auf eine Ordnungsstrafe zu erkennen, die indessen für Sie nicht von erheblicher Belastung, dem Ankläger in keiner Weise zu persönlichem Vorteil sein soll. Hätten Sie sich ohne weiteres von der Wiese entfernt, ohne sich mit dem jungen Herrn hier in ein Gespräch einzulassen, so hätte der Ankläger nicht das geringste Moment zur Stützung seiner Aussage für sich gehabt. So kann man ihm den guten Glauben seiner Auffassung der Sachlage nicht wohl absprechen. Ich nehme Sie also nur deshalb in eine Ordnungsstrafe von fünf Schilling und erkläre, daß Sie sofort in Freiheit gesetzt werden sollen, sobald Sie diese Strafe erlegt haben. Ihnen aber, Polizist Lukas, rate ich in aller Freundschaft, sich künftighin, besonders inbetreff Ihres Zeugnisses, größerer Gewissenhaftigkeit zu befleißigen.«

Grimaldi erblickte in dieser Entscheidung eine vollständige Genugtuung, und seine Freunde ebenfalls. Die fünf Schillinge wurden gezahlt, Grimaldi entrichtete sogar noch einen Extra-Schilling für den Büttel, der ihn von Amtswegen bis zur Tür geleiten mußte. Dann begaben sich alle guten Freunde Grimaldis in die dem Sadlers-Wells-Theater nächstgelegene Schänke, den errungenen Sieg zu feiern. Bei einem guten Frühstück machten sie sich über das essigsaure Gesicht lustig, das Lukas gezogen hatte, als der Friedensrichter seinen Spruch fällte, ließen es auch an mancherlei Glossen über die wunderliche Landesgesetzgebung nicht fehlen, die einen Friedensrichter in die Zwangslage setzte, einen Menschen, der als eidbrüchig bekannt war, zum Schwure zuzulassen, weil er Polizist ist, und daraufhin eine von solchem Menschen angezeigte Person in Strafe zu nehmen, trotzdem er von ihrer Unschuld überzeugt ist.

Sie waren eben in der lebhaftesten Diskussion über dieses Thema, als die Tür aufgerissen und von dem Aufwärter hereingerufen wurde:

»Meine Herren, Polizist Lukas!«

Ein allgemeines Gelächter wurde laut, denn alles hielt die Sache für einen üblen Scherz. Auch Grimaldi stimmte in das Gelächter ein. Aber er sowohl als seine Freunde sollten ihren Irrtum schnell gewahr werden, denn nach wenigen Sekunden erschien Lukas auf der Schwelle.

Zornig schrie Dubois ihm entgegen:

»Wie können Sie sich erdreisten, Mann, unberufen hier einzudringen?«

»Ich habe meines Amtes zu walten,« antwortete Lukas tückisch, »Mr. Grimaldi ist in eine Strafe von fünf Schillingen genommen worden, hat aber weder Streifgeld, noch den üblichen Freilassungsschilling an den Büttel entrichtet. Er ist also nach wie vor in Haft.«

Grimaldi erwiderte, daß Lukas sich im Irrtum befände, da er beim Friedensrichter bare sechs Schilling entrichtet habe. Seine Freunde bestätigten diese Aussage.

Lukas aber erwiderte tückisch:

»Das kann sein, kann auch nicht sein. Sie bezahlen jetzt entweder – vorbehaltlich amtlicher Feststellung Ihrer Aussage – oder Sie folgen mir aufs Amt zurück.«

Darauf erklärte Grimaldi, daß es ihm gar nicht einfiele, der Aufforderung des Mannes zu folgen.

»Ei, das wollen wir sehen,« versetzte Lukas und trat auf Grimaldi zu.

»Keinen Schritt weiter,« rief Grimaldi, außer sich, »oder ich schlage Sie nieder wie einen Hund!«

Lukas ließ sich aber nicht einschüchtern, sondern fiel über Grimaldi her, riß ihn vom Stuhle, suchte ihn zur Tür hin zu zerren, zerriß ihm dabei Kragen und Weste. Nun aber machte Grimaldi seine Drohung wahr und streckte den Polizisten mit einem Hieb auf die Nase, der einen kräftigen Bluterguß zur Folge hatte, zu Boden.

Lukas war aber ebenso schnell wieder auf den Beinen, zog seinen Amtsstab aus der Tasche und schickte sich zum Wiederbeginne des Kampfes an, als sich ein bislang unbeteiligter fremder Herr von seinem Stuhle erhob, einen silbernen Stab aus seinem Rocke nahm und ihn drohend dem Ortspolizisten vor die blutige Nase hielt…

»Ich dulde hier keine Gewalttätigkeit mehr. Wer an dem Falle beteiligt ist, verfüge sich zum Polizeiamt. Ist Mr. Grimaldi – wie ich – nach allem, was ich mitangehört, nicht bezweifle – in seinem Rechte, dann werde ich Sorge tragen, daß auch Ihnen, Polizist Lukas, zuteil werde, was Ihnen von Rechtswegen zusteht.«

Brummend fügte sich Lukas dem Spruche. Mr. Blamire war nicht wenig verwundert über ihr Wiedererscheinen, erschrak aber nicht wenig, als er des Polizisten blutige Nase erblickte, schien aber den Herrn mit dem silbernen Stabe sehr genau zu kennen, denn er begrüßte ihn mit außerordentlicher Höflichkeit.

Mr. Blamire forderte zuerst Lukas auf, seine neuerliche Beschwerde vorzubringen. Lukas behauptete, Mr. Grimaldi sei mit dem Strafgelde noch im Rückstande. Mr. Blamire ließ den Schreiber hereinkommen, der aber sogleich, mit einem bedeutsamen Seitenblick auf den Polizisten – erklärte, sowohl der Strafbetrag, als auch der Freilassungsschilling seien pünktlich entrichtet worden.

»Und Sie haben Hand an Mr. Grimaldi gelegt?« fragte Mr. Blamire.

»Auf Grund meiner Annahme, das Strafgeld sei noch nicht entrichtet,« erklärte Lukas.

»Und Mr. Grimaldi hat Ihnen die Nase blutig geschlagen?« fragte Mr. Blamire.

»Ja, Sir,« antwortete Lukas.

»Nun, die blutige Nase haben Sie mit sich selbst abzumachen,« erklärte Mr. Blamire, während Grimaldis Freunde ein wieherndes Gelächter anstimmten. »Und nun, Mr. Grimaldi, Ihre Äußerungen zur Sachlage?«

Grimaldi erzählte mit kurzen Worten, wie sich der Vorfall abgespielt hatte. Der Herr mit dem silbernen Stabe bestätigte die Wahrheit von Grimaldis Darstellung und setzte noch allerhand abfällige Bemerkungen über das gewalttätige Auftreten und Verhalten des Polizisten hinzu.

»Wer der Herr mit dem silbernen Stabe war,« sagte Grimaldi, als er über den ärgerlichen Vorfall zuhause sprach, »weiß ich nicht und habe es auch nicht in Erfahrung bringen können. Es muß aber, nach der großen Ehrfurcht, die ihm auf dem Polizeiamte entgegengebracht wurde, ein sehr vornehmer Herr sein. Später sagte man mir, es müsse der Londoner Friedensmarschall gewesen sein, der die Gewalt besäße, überall in England seines Amtes zu walten. Ich kann es aber nicht sagen, ob es sich so verhält oder nicht.«

Mr. Blamire diktierte Lukas eine Buße von fünf Pfund, die der Armenkasse zufallen sollte, verurteilte ihn auch, Grimaldi Abbitte und Entschädigung zu leisten.

Lukas schäumte vor Wut, wie der wilde Stier, die eigentliche Ursache des Mißgeschicks, das sich hinfort an seine Fersen heftete, und vermaß sich in allerhand respektwidrigen Reden, daß es ihm im ganzen Leben nicht einfallen würde, auch nur einen Heller, geschweige fünf Pfund, zu bezahlen. Darauf befahl Mr. Blamire, ihn abzuführen und in Haft zu nehmen – zur großen Befriedigung Grimaldis sowohl als seiner Freunde – nicht minder auch der Polizisten, Schreiber und Frone, die über das unlautere Wesen ihres Kollegen recht gut unterrichtet waren, es aber auch für ihre besondere Pflicht ansahen, alles was Mr. Blamire, ihr unmittelbarer Vorgesetzter, anordnete, voll untertänigster Bewunderung zu registrieren. Grimaldi begab sich nun mit seinen Bekannten wieder nach Hause. Am andern Tage verlautete, daß Lukas, nach sechsstündiger Haft, seine Strafe, wenn auch unter Geheul und Verwünschungen, bezahlt habe. Ein paar Stunden nach seiner Entlassung aus der Haft bekam Grimaldi einen gar demütigen Brief von ihm mit dem Ersuchen, ihm mitzuteilen, was er für die zerrissenen Kleidungsstücke von ihm fordere.

Grimaldi hielt es für das beste, die Sache auf sich beruhen zu lassen, da Lukas für den Schaden, der gestiftet, durch seine zerschlagene Nase gestraft genug sei.

Lukas behelligte Grimaldi nicht weiter. Er kam auch bald drauf um Amt und Würden.

Nun verflossen verschiedene Monate so recht in dulce jubilo bis am elften Mai die Glocke der Kirche zum heiligen Georg das Brautpaar an den Altar rief, zur unsäglichen Freude der wackern Mutter des Bräutigams, die dessen Braut von frühester Kindheit geliebt hatte wie eine eigene Tochter.

Fünf Tage nach der Hochzeit machte das junge Ehepaar den ersten Besuch bei den Eltern und Schwiegereltern. Dann verfügte Grimaldi sich ins Sadlers-Wells-Theater, wo eine Probe anberaumt worden war.

Kaum war er in den Hof getreten, als ein Bühnenmitglied, Richer der Seiltänzer, auf ihn zu trat und sich nach dem Namen der Dame erkundigte, die man an seinem Arme gesehen habe.

»Das kann ich Ihnen sagen,« erklärte Komiker Dubois, »es ist Miß Mary Hughes gewesen.«

»Bitte recht sehr um Verzeihung, mein Herr,« antwortete Grimaldi, »so heißt die Dame im ganzen Leben nicht.«

»Ich möchte aber einen Eid darauf leisten,« rief Dubois, »daß es Miß Hughes gewesen.« »Dann würden Sie sich mit Ihrem Gewissen in Konflikt setzen,« antwortete Grimaldi, »die Dame hat wohl ehedem Miß Hughes geheißen, führt aber seit Montag den Namen Grimaldi,«

Das war für alle eine Überraschung sondergleichen, und die Kunde davon verbreitete sich im ganzen Theater wie ein Lauffeuer. Man überbot sich in Gratulationen, die Aufregung nahm derart überhand, daß dem Direktor nichts weiter übrig blieb als die Probe aufzuschieben und die Gesellschaft gehen zu lassen. Abends gab es ein großes Festessen zur Feier von Grimaldis Hochzeit, und am darauf folgenden Sonntage einen Mittagsfreitisch für das Unterpersonal. Kurz, das ganze Personal vom höchsten bis zum niedrigsten, nahm an dem lang erwarteten und nun endlich wahr gewordenen Glücke des braven jungen Ehemannes den herzlichsten Anteil.

Im Sommer desselben Jahres ging Grimaldi unter so drolligen Umständen eine Wette ein, daß wir wohl auf gütige Nachsicht des Lesers hoffen dürfen, wenn wir sie an dieser Stelle mitteilen.

Grimaldi hatte damals mit einem recht beliebten und auch talentvollen Schriftsteller Bekanntschaft geschlossen, der gerade, als Grimaldi dort etwas zu verrichten hatte, eine Reise nach Gravesend machen mußte. Sie besprachen sich infolgedessen, auf gemeinschaftliche Kosten eine Postchaise zu nehmen, und fuhren, da Grimaldi abends im Sadlers-Wells auftreten mußte, in aller Frühe ab.

Es war eine sehr angenehme Reise, und die Zeit verging sehr schnell. Grimaldis Freund war ein höchst humoristischer Herr, dabei lebhaft und beweglich, immer auf der Suche nach lustigem Unterhaltungsstoff, immer mit witzigen Bemerkungen über Land und Leute bei der Hand. Etwa drei Meilen vor Dartford kam plötzlich ein Reiter in Sicht, der so kräftig hinter der Post her trabte, daß es ganz den Anschein hatte, als ob er es drauf abgesehen habe, sie einzuholen.

»Sehen Sie doch, Joe,« rief er, als der Reiter nur ein paar Büchsenschüsse noch entfernt war, »der alte Knabe scheint einen ganz brillanten Gaul unter den Schenkeln zu haben.«

Grimaldi folgte der Aufforderung. Der Reiter kam rasch heran, war ein großer, kräftiger Mann, augenscheinlich ein Pächter oder Gutsherr, denn er ritt ein strammes Ackerpferd.

»Freilich sehe ich ihn,« antwortete Grimaldi, »könnte aber nicht sagen, daß mir etwas besonderes an ihm auffällt.«

»Mir ja auch nicht«, erwiderte der Freund, »weder an ihm noch an seinem Tiere; aber meinen Sie nicht auch, daß er mit solchem Gaul und in solchem Tempo bald an uns vorbei sein muß?«

»Ganz entschieden,« antwortete Grimaldi, »das kann sogar nur wenige Augenblicke dauern.«

»Nun, Joe, halten Sie die Wette auf eine Guinee, daß er uns nicht überholt?« –

»Ach, wozu solche Possen?«

»Halten Sie die Wette?«

»Auf keinen Fall! Es hieße ja, daß ich Sie um Ihr Geld prellen möchte.«

»Das ist meine Sache,« sagte lachend der Freund; »ich betrachte die Sache aus anderm Lichte und will die Wette sogar noch günstiger für Sie stellen. Ich behaupte, der Mann überholt uns sogar zwischen hier und Dartford nicht.«

»Topp!« rief da Grimaldi, weil er deutlich sah, daß keine halbe Minute mehr verstreichen konnte, bis der Reiter die Chaise überholt hatte, wenn er nicht durch irgend einen unvermuteten Zwischenfall aufgehalten würde.«

»Und nun noch eins,« sagte der Freund, »Lachen oder lächeln Sie nur, so, daß ers zwischen hier und Dartford sehen kann, so haben Sie verloren. Gilts?«

»Es gilt,« antwortete Grimaldi, höchst gespannt, wodurch seine Reisegefährte die Wette zu gewinnen dächte.

Er blieb nicht lange in Ungewißheit, der Reiter kam näher und näher. Die Aufschläge erklangen schon dicht hinter der Postchaise, als der Freund ein Pistol aus der Tasche riß, sich zum Schlage hinaus beugte und unter bedrohlichen Gebärden auf den Pächter zielte, der bis dahin von irgendwelcher Gefahr nicht die geringste Ahnung gehabt hatte.

Grimaldi guckte durch das Fensterchen im Rücksitze und hätte sich vor Lachen, ausschütten mögen, als er sah, welche Wirkung die jähe Bewegung seines Freundes machte. Der ehrliche Landmann riß seinen Gaul fast auf die Erde nieder, um ihn auf der Stelle zum Stehen zu bringen. Die ruhige Geschäftsmiene, die er bisher zur Schau getragen, verwandelte sich in wüstes Entsetzen. Sein bisher tiefgerötetes Gesicht wurde mit Leichenblässe überzogen. Er klopfte seinem Tiere auf den Hals und suchte es auf alle mögliche Art zu beruhigen, während er der Postchaise mit stieren Blicken nachgaffte.

Eine Minute mochte etwa verstrichen sein, da gewann er die Fassung wieder, gab seinem Gaule die Sporen und sprengte wieder, offenbar in der Absicht, auf der andern Wegseite an der Chaise vorbeizukommen, hinter ihr her.

Grimaldis loser Freund hatte jedoch diese List vermutet und hielt dem Reiter mit den gleichen bedrohlichen Gebärden das Pistol aus dem andern Schlage entgegen, so daß der biedere Landmann, fast noch erschrockener als das erste Mal, sein Pferd abermals anhielt.

Nach einiger Zeit setzte er jedoch, in etwa dem gleichen Tempo wie die Chaise, seinen Gaul wieder in Trab. Augenscheinlich ging er mit sich zu rate, wie er sich benehmen sollte.

Grimaldi hielt sich in seiner Wagenecke noch immer den Bauch vor Lachen. Er merkte, daß er um seine Guinee war, und wollte nun den Spaß noch ärger treiben, guckte zu dem Zwecke zum andern Wagenschlage hinaus, setzte eine wichtige Amtsmiene auf, nickte dem biederen Landmanne vertraulich zu, hob sogar, wie um ihn zu warnen, den Finger in die Höhe.

Der Landmann nahm die Warnung ernst, nickte und winkte, ja suchte durch allerhand Pantomimik begreiflich zu machen, daß er sich den Zusammenhang recht wohl erklären könne, daß der Mann mit dem Pistol ein Irrsinniger sei, der sich durch einen unglücklichen Zufall die gefährliche Waffe habe aneignen können.

Grimaldi tat nichts, ihn aus diesem Wahne zu reißen, sondern suchte ihn vielmehr darin zu stärken, indem er seinerseits ihm verständlich zu machen suchte, daß er der Wärter dieses Narren sei, mußte aber, um dem Pächter nicht hell ins Auge zu lachen, von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe in die Kutsche zurückfahren.

Grimaldis Freund hielt dem Landmanne unverwandt das Pistol entgegen, spielte, um den Eindruck zu verschärfen, hin und wieder mit dem Hahne und zog alle möglichen Fratzen, um sich so recht als Narren aufzuspielen.

Der Landmann hielt sein mäßiges Tempo inne, blieb auf der andern Wegseite, hätte es in der Gebärdensprache schier mit dem hervorragendsten pantomimischen Darsteller aufnehmen können und überbot sich, in der Absicht, es Grimaldi gleichzutun, in Achselzucken, Winken und Nicken, sowie allerhand anderen Zeichen, durch die ihm dieser von der Echtheit seiner Teilnahme zu überzeugen suchte.

Auf diese Weise gelangten sie nach Dartford. Kaum aber hatten sie die Stadt erreicht, so setzte sich Grimaldis Freund wieder in seine Ecke, während Grimaldi seine Guinee aus der Börse langte. Als das Pistol im Wageninnern verschwunden war, drückte der biedere Landmann seinem Gaule die Sporen in die Weichen, versetzte ihm einen derben Schlag mit der Peitsche, und raste zum nicht geringen Entsetzen der gesamten Dartforder Spießbürgerschaft in vollem Galopp durch die Stadt.

Durch seinen Gewinn kam Grimaldis Freund auf eine andere Wette zu sprechen, die einst der berühmte Sheridan mit dem Prinzen von Wales eingegangen war und die damals in aller Leute Munde war.

Georg der Vierte war als Prinz von Wales bekanntlich ein sehr loser Herr, der manche Tagesstunde zur Erholung brauchte. Darum war es mit eine Lieblingsbeschäftigung von ihm, im Verein mit Zechkameraden zu den Fenstern ihres Klubhauses auf die Saint-James-Straße hinunter zu gaffen. Sheridan, damals Pächter des Drury-Lane-Theaters, spielte beim Prinzen Georg eine bevorzugte Rolle.

Beiden war nun wiederholt ein Mädchen in die Augen gefallen, das immer zu einer bestimmten Tageszeit mit einer schweren Traglast Töpferware durch die Straße kam. Der Prinz hatte sich schon wiederholt über das Mädchen geäußert, daß sie nicht bloß über eine bedeutende Leibeskraft, sondern auch über eine nicht minder bedeutende Gewandtheit gebieten müsse, um solche Lasten mit solcher Leichtigkeit zu schleppen, ohne in dem großen Menschengedränge nur ein einziges Mal zu straucheln oder nur fehl zu treten.

Eines Morgens kam sie wieder auf die Straße, diesmal in der Richtung von Piccadilly, entlang. Sheridan machte den Prinzen sogleich auf sie aufmerksam…

»Königliche Hoheit,« sagte er, »heut hat das Mädchen sogar noch mehr aufgepackt als sonst.«

»Das kann ich nicht glauben,« erwiderte der Prinz.

»Und doch meine ich, Recht zu haben,« sagte Sheridan, »der Korb ist heute doch fast noch einmal so groß wie sonst.«

»Sie scheinen Recht zu haben, Sheridan,« meinte der Prinz.

»Freilich habe ich Recht, Königliche Hoheit,« sagte Sheridan, »sehen Sie denn nicht, wie sie unter der Bürde wankt? Da, jetzt fällt sie … nein! sie behält das Gleichgewicht und geht weiter. Das arme Ding!«

Der Prinz hatte keinen Blick von dem Mädchen gewandt, aber nichts von den Vorgängen an ihr wahrnehmen können, die Sheridan bemerkt haben wollte.

Aber Sheridan fuhr unbeirrt fort, wie wenn er zerstreut mit sich selber spräche:

»Ganz sicher kommt sie zu Falle, noch ehe sie bis zu dem nächsten Hause gekommen.«

»Ei was, die fällt nicht,« rief der Prinz, »die ist an die Last, die sie trägt, doch viel zu sehr gewöhnt!«

»Und doch wird sie fallen,« rief Sheridan.

»Hundert Pfund wette ich, daß sie nicht fällt,« rief der Prinz.

»Topp,« rief Sheridan.

»Topp,« wiederholte der Prinz.

Knapp vor dem Klubhause kam das Mädchen zu Falle. Sicher zufällig, denn absichtlich fallen die Leute wohl kaum, besonders aber nicht dann, wenn sie schwere Topflast tragen; und doch hat es nicht an boshaften Menschen gefehlt, die den Unfall des Mädchens auf andere Ursachen als ihre überschwere Last zurückführen wollten.

Mag dem nun sein wie ihm wolle: in Abrede stellen läßt sich nicht, daß Sheridans Zuversicht in einem merkwürdigen Konnex mit der Tatsache stand, und daß dieser Konnex einen weiteren Beweis für seine Urteilsschärfe in solchen Dingen ablegt.

Dergleichen Spaße lagen nun einmal in Sheridans Charakter. Da auch der Freund Grimaldis auf dem Standpunkte stand, daß Sheridan zu dem Anfalle direkt oder indirekt die Veranlassung geschaffen, erzählte er eine weitere Anekdote. Als Richardson mit ihm zusammen das Drury-Lane-Theater besah, fuhren sie einmal in einer Mietskutsche mit ihm spazieren, und merkte erst unterwegs, daß er kein Geld bei sich habe. Da brach er mit Richardson einen Streit vom Zaune über irgend eine Bagatelle. Es kam, da sie beide Hitzköpfe waren, bald zu heftigen Reden, und als sie in eine Straße einbogen, von der es nicht mehr weit war bis zu Sheridans Wohnung, sprang Sheridan mit den Worten: er verschmähe es, auch nur eine Sekunde noch in Gesellschaft solches Streithahnes wie Richardsohn zu verweilen, aus dem Wagen und ging zu Fuß nach Hause, Richardson aber mußte die Fahrt bezahlen.

Unterdessen hatte man neuen Vorspann genommen. Durch viel Lachen war die Lust zu weiteren Spaßen geweckt worden. Als die Postchaise halten mußte, weil ein paar Frachtwagen den Weg sperrten, was gerade vorm ersten Gasthause der Fall war – guckte ein großer, kräftiger Mann in Uniform, mit mächtigem Knebelbart, höchst martialisch und fürnehm zu einem Fenster auf die Leute hinunter. Grimaldis lustiger Reisegefährte bemühte sich, die Aufmerksamkeit des militärisch angehauchten Herrn durch Husten und andere Manöverchen zu wecken. Nach einer Weile gelang es ihm auch, und gewaltig von oben herab maß ihn der Herr mit seinen Blicken. Grimaldis lustiger Kamerad verzerrte sein Gesicht zu einer grimmigen Fratze, machte wieder alle möglichen Gebärden eines in Irrsinn verfallenen Menschen, riß wieder sein Pistol aus der Tasche und zielte dem martialisch aussehenden Herrn mitten zwischen die Augen…

Wie von einer Tarantel gestochen, fuhr der Mann in die Höhe, fuhr sich mit beiden Händen nach der Stirn, fuhr mit dem Kopfe ins Fenster zurück und war im andern Augenblick aus dem Fenster verschwunden, ob nun zusammengebrochen aus Angst und Schreck, oder hingestürzt aus eigner Willenskraft, war unmöglich festzustellen… Grimaldis Freund aber schob kaltblütig sein Pistol wieder in die Tasche, und Grimaldi wollte sich wieder ausschütten vor Lachen.

In Gravesend schieden sie voneinander. Der fidele Kamerad begab sich nach Dover. Grimaldi besorgte, was er sich vorgenommen hatte, und kehrte dann nach London zurück, in schmerzlichen Gedanken an seine »Dartford-Bläulinge«, die ihm von so barbarischer Hand vernichtet worden waren.

Siebentes Kapitel.


Siebentes Kapitel.

Georgs des Dritten Vorliebe für das Theater. – Sheridans Gefälligkeit gegen Grimaldi. – Grimaldis häusliches Leid. – Harlekin Amulet, eine neue Äera in der Pantomime. – Taubenliebhaber und Wetten. – Erste Kunstreise mit Mrs. Baker. – John Kemble und Jude Davis. – Große Erfolge in Maidstone und Canterbury. – Eine Unterhaltung mit John Kemble.

Der Sommer verging sehr angenehm. Grimaldi widmete seine ganze Mußezeit seiner Frau und deren Eltern, bis die letzteren nach Weymouth abreisten, denn Mr. Hughes war Besitzer des dortigen Theaters. Wenn sich der Hof in Weymouth aufhielt, besuchte Georg der Dritte mit großem Gefolge das Schauspiel wenigstens viermal wöchentlich und bestimmte auch, was gegeben werden sollte.

Die Vorstellungen im Drury-Lane-Theater nahmen für die diesjährige Saison am 20. September ihren. Anfang. In Sadlers Wells wurden sie zehn Tage später geschlossen. Grimaldi hatte nun um so mehr Ruhe, da in Drury-Lane auch in diesem Jahre Schaustücke statt Pantomimen gegeben wurden. Er traf zu Anfang der Saison mit Sheridan zusammen, und es entspann sich die nachstehende Unterredung: »Nun, Joe, leben Sie noch?«

»Wie Sie sehen, Sir, und was noch mehr wert ist, ich lebe sehr glücklich! im heiligen Ehestande.«

»Eine hübsche junge Frau, Joe?«

»0, sehr hübsch, Sir.«

»Schön, schön! Sie müssen echt häuslich sein, Joe, Nur im Daheim ist das wahre Glück zu finden. Ich lebe selbst sehr häuslich,« setzte Sheridan hinzu, und zwar mit jenem Blinzeln, dessen lustigen Ausdruck niemand vergessen konnte, der es gesehen.«

»Ich denke doch, daß ich es ebenso mache, wie Sie, Sir,« antwortete Grimaldi.

»Recht so, recht so, mein Lieber! Aber was fängt Ihre arme kleine Frau an, wenn Sie auf der Bühne arbeiten? Eine hübsche junge Frau ganze Abende lang allein zu Hause lassen, taugt gar nichts, lieber Joe. Na, ich will Ihnen zu Hilfe kommen, Joe… will ihr Freibillets geben, für sich und eine Freundin – wohlgemerkt, Freundin! nicht Freund, möchte sonst leicht gefährlich werden, mein Lieber – wie? Oder meinen Sie nicht?«

Darauf entfernte er sich so schnell, daß ihm Grimaldi für seine rücksichtsvolle Güte nicht einmal Dank sagen konnte. Aber er vergaß sein freundliches Versprechen nicht, und Frau Grimaldi besuchte nun fast jeden Abend das Theater, und ging nach Schluß der Vorstellung mit ihrem Manne nach Hause.

Still, angenehm und rasch verging auch der Herbst und Winter. Im folgenden Jahre, 1799, erhöhte die Hoffnung, Vater zu werden, Joe’s Glück. Für die kleinen Sorgen des Alltagslebens hatte er nun kaum noch ein Auge.

Aber seinem jungen Glücke drohte im selben Jahre der schwerste Schlag: am 18. Oktober 1799 starb seine Frau – das Kleinod, das er von Kind auf so lieb und wert gehalten hatte. – die Frau, deren Vorzüge und Tugenden bis an seinen Tod in seinem Munde waren. Lange Wochen waren zwischen Furcht und Hoffnung verstrichen, bis das schreckliche Ereignis eintrat, bis ihre sterbliche Hülle am 21. Oktober in der Familiengruft in der Saint-James-Kirche beigesetzt wurde.

Grimaldi war in der ersten Zeit wie von Sinnen. Seine Freunde ließen ihn keinen Augenblick allein, und nur ihrer ununterbrochenen Wachsamkeit gelang es, zu verhindern, daß er nicht Hand an sich legte. Trost konnten sie ihm aber wenig spenden, denn ihr Schmerz war kaum minder groß als der seine, hatten sie die Verstorbene doch sämtlich in ihr Herz geschlossen, betrauerten doch auch sie einen schweren, schweren Verlust.

Der Bruder der Verstorbenen, Richard, hat seiner Schwester die Worte: »O, Bruder, verlasse meinen armen Joe nicht, sondern bleib ihm immer in Liebe treu!« nie vergessen, sondern hat sich in allen Lebenslagen als Grimaldis bester und getreuester Freund erwiesen. Volle acht Wochen kam der arme Joe nicht zur Besinnung. Tags über zehrte er an seinem Grame, sinnierte über zu Grabe getragene Hoffnungen und über entschwundenes Glück, und abends wurde er auf die Bühne gerufen, um dem Theaterpublikum schallendes Gelächter zu entlocken. Schminke verdeckte die Gramfalten, die sein tiefes Herzeleid in seinem Geiste gezogen, und wenn er in der Weihnachts-Pantomime auftrat, begrüßte stürmischer Jubel sein Erscheinen.

Das Drury-Lane-Theater brachte die neue Pantomime, in der Joe Grimaldi sich selbst übertraf. Sie hieß: »Harlekin Amulet, oder Der Zauberer von Mona« – unter welchem Namen die jetzt Anglesea benannte Insel, der älteste Druidensitz, zu verstehen ist. Ihr Verfasser war ein gewisser Powell. Die Inszenierung hatte Balettmeister Byrne übernommen. Sie fand außerordentlichen Beifall und wurde ohne Unterbrechung bis zu Ostern 1800 aufgeführt. Sie zeichnete sich durch mancherlei hervorstechende Eigentümlichkeiten aus, namentlich durch ein neues Kostüm und eine völlig neue Auffassung des Harlekin-Charakters. Bislang hatte das Kostüm in weiten Pumphosen und Jacke bestanden. Auch war als unerläßlich angesehen worden, daß Harlekin zwischen fünf bestimmten Stellungen ständig wechselte.

Byrne, der in diesem Jahre zum ersten Male als Harlekin auftrat, stieß sozusagen dieses alte Herkommen über den Haufen und machte aus Harlekin einen völlig neuen Charakter. All seine Stellungen und Sprünge waren neu, und in seinem Kostüm hatte er wesentliche Verbesserungen vorgenommen. Es war durchweg aus weißer Seide, die bunten Flicken waren hineingewebt und es saß so prall, daß es nicht eine einzige Falte schlug, aber so reich mit Flittern besetzt, daß es einen wirklich glänzenden Anblick bot.

»Die Neuerung«, sagte Grimaldi, »war durchgreifend und wurde mit enthusiastischem Applaus begrüßt. Sie war auch nicht unverdient und meiner Meinung nach war Byrne der beste Harlekin seiner Zeit, ist auch seitdem kaum übertroffen worden, und nur wenige dürften es ihm gleich getan haben.«

Die von Byrne eingeführten Änderungen wurden in kurzer Zeit allgemein angenommen und sind bis auf die Gegenwart beibehalten worden.

Grimaldis Rolle in dieser Pantomime war sehr schwierig und sehr abspannend. Zuerst trat er als Punch oder Polictinell auf und wandelte sich erst im Verlaufe des Stückes zum Clown um. Als Punch fand er so außerordentlichen Beifall, daß Sheridan ihm den Wunsch nahe legte, diesen Charakter überhaupt zu übernehmen, was Grimaldi jedoch bestimmt ablehnte. Was ihn vor allem dazu bestimmte, war die Notwendigkeit, als Punch, der Eigentümlichkeit der Maske entsprechend, mit zwei mächtigen Höckern auf Brust und Rücken, mit hohem Zuckerhute auf dem Kopfe und mit langnäsiger Maske und schweren Holzschuhen aufzutreten. Auch mußte er sich in diesem Kostüm außerordentlich anstrengen, so daß er nach jedem Aktschlusse erschöpft auf den ersten besten Sessel sank, den er finden konnte, und kaum noch die nötige Kraft fand, sich am Schlusse der sechsten Szene in den Clown zu verwandeln… »Miß Menage,« sagte er, »spielt die Rolle der Kolombine, und zwar so mustergiltig, daß ich bis heutigen Tages meine, nie wieder ein so treffliches Ensemble wie zwischen ihr und Byrne angetroffen zu haben.«

Da, wie gesagt, Harlekin Amulet allabendlich bis Ostern gegeben wurde, war Grimaldi ununterbrochen beschäftigt, und das war für ihn insofern eine Wohltat, als er seine Gedanken von dem schweren Verluste, der ihn betroffen hatte, ablenkte. Er hatte sich, gleich nach dem Tode seiner Frau in Baynes Row eingemietet, aber es währte sehr, sehr lange, bis er seine Gemütsruhe und seinen alten Frohsinn wiederfand.

In seiner neuen Behausung legte er sich einen Taubenschlag an und saß stundenlang am Fenster, dem kreisenden Fluge seiner sechzig prächtigen Tauben – durchweg von edelster Rasse – zuschauend. Mit Stolz pflegte er besonders von einer Taube zu sprechen, die einmal der Gegenstand einer interessanten Wette mit einem Mr. Lambert gewesen war.

Mr. Lambert, war, wie Grimaldi erzählt, gleich ihm ein Taubenliebhaber, aber, – und das unterschied ihn unvorteilhaft von Grimaldi – einer, der gern den Mund ein wenig voll nahm und von seinen Tauben nie anders sprach als von den besten und schönsten aus dem ganzen Erdenrunde. Natürlich brachte diese Prahlerei alle Taubenzüchter gegen ihn auf, und es wurde allgemein mit Freude vernommen, als Grimaldi mit ihm eine Wette um zwanzig Pfund einging, in seinem Stalle keine Taube zu haben, die zehn Stunden in zwanzig Minuten durchfliegen könne: eine Strecke vom zwanzigsten Meilensteine der großen nördlichen Heerstraße bis nach Grimaldis Hause. Die dazu ausersehene Taube wurde an dem für den Probeflug festgesetzten Tage um sechs Uhr morgens einem in die Wette eingeweihten Bekannten mit dem Auftrage übergeben, sie Punkt zwölf Uhr bei dem zwanzigsten Meilensteine unweit von Saint Albans fliegen zu lassen. Die Uhren wurden nach der Kirchenglocke in Clerkenwall gestellt, und der Freund brach mit der Taube und einem Herrn von der gegnerischen Seite auf.

Das Wetter war recht ungünstig. Es hatte stark geschneit, und noch immer fiel ein dichter Schnee mit Regen. Gutes Wetter war bei der Wette von Grimaldi nicht ausbedungen worden, und Grimaldi begab sich daher nebst mehreren guten Bekannten der beiden Parteien Punkt zwölf Uhr hinauf in den Taubenschlag.

Genau neunzehn Minuten nach zwölf ließ sich die Taube auf das Dach von Grimaldis Haus nieder. Auf der Stelle wurden für die Taube zwanzig Pfund geboten; doch wurde das Gebot von Grimaldi abgelehnt.

Immer waren seine Tauben freilich nicht so schnell und pünktlich, ja sie blieben zuweilen so lange aus, daß er schon alle Hoffnung aufgab, sie je wiederzusehen. Einmal zum Beispiel waren sie vier Stunden vom Schlage abwesend. Während er nun in höchst niedergeschlagener Stimmung vor dem Flugloche saß, erregten auf einmal drei von ihnen, die zurückgeblieben waren, seine Aufmerksamkeit, indem sie mit langgestreckten Hälsen unverwandt nach einem Punkte am Himmel emporsahen. Endlich meinte er in bedeutender Höhe etwas wie einen schwarzen Fleck zu entdecken, der allmählich deutlicher wurde. Zu seiner unaussprechlichen Freude waren es seine Tauben, die von einem vielleicht ein paar hundert Stunden weiten Fluge heimkehrten.

Grimaldi hatte in Drury-Lane, nachdem die Vorstellungen der Pantomime aufgehört hatten, nur noch wenig zu verrichten. Seine Mitwirkung beschränkte sich auf eine unbedeutende Rolle in Lodoiska, einem Ritterschauspiel, und hierzu kam er noch immer zeitig genug, wenn die Vorstellungen in Sadlers Wells vorüber waren. Im Juni wurde das Drury-Lane-Theater geschlossen und erst im September wieder eröffnet, zehn Tage nach dem Schlusse der Saison in Sadlers Wells. Er sollte jedoch erst im Dezember wieder auftreten, und so spielte er im November zum ersten Male in seinem Leben außerhalb der Hauptstadt.

Unter der Truppe von Sadlers Wells befand sich damals ein talentvoller Schauspieler namens Lund, der sich zur Zeit der Ferien der Bakerschen Gesellschaft anzuschließen pflegte. Er sollte am 15. November in Rochester sein Benefiz haben und begab sich nach London, um Grimaldi um seine Mitwirkung dabei anzugehen. Grimaldi wies dergleichen Anerbieten nie zurück, sofern ihm die Umstände seine Mitwirkung gestatteten, und erklärte sich auch dieses Mal bereit dazu.

An dem für das Benefiz bestimmten Tage traf er mittags in Rochester ein, probte in einem halben Dutzend Szenen mit, stärkte sich dann durch ein gutes Diner und verfügte sich nach dem Schauspielhause, das schon vor sechs Uhr von unten bis zum Olymp hinauf gefüllt war.

Sein Auftreten wurde mit donnerndem Applaus begrüßt. Er mußte seine beiden komischen Lieder dreimal wiederholen, und sein ganzes Spiel rief die lebhafteste Sensation wach. Die Leitung der in Rochester spielenden Truppe lag in den Händen einer Mrs. Baker, die ihm auf der Stelle ein Engagement für die beiden folgenden Abende anbot unter der Bedingung auf Teilung der erzielten Einnahme. Grimaldi nahm das Anerbieten an, und die alte Direktrice war so hocherfreut darüber, daß sie stracks mit Schal und Hut, wie sie gerade an der Kasse saß, auf die Bühne rannte und dem Publikum verkündigte, was an den beiden nächsten Abenden von Grimaldi gespielt werden würde. Ein beispielloser Applaus dröhnte durch den Saal, und wenig fehlte, so hätte man Grimaldi bis zur Post, mit der er nach London zurückfuhr, auf den Händen getragen.

Diese Mrs. Baker war eine äußerst drollige Person. Sie besorgte alle Direktionsgeschäfte selbst, ging auch mit ihrem Gelde nach einem ganz bestimmten Grundsatze um: so verlieh sie nie Geld auf Zinsen, legte es nie nutzbringend an, spekulierte auch nie damit, sondern verwahrte es in etwa einem halben Dutzend Punschbowlen, die ihren Platz immer auf dem obersten Simse eines Schrankes hatten. Hin und wieder nahm sie sie herunter, um sich an dem Anblicke der blinkenden Geldstücke zu weiden. Sie nahm aber niemals aus diesen Bowlen auch nur ein Stück heraus, sondern ließ die Leute, wenn sie nicht bezahlen konnte, lieber warten, ja, es ging die Rede, daß sie eher hungern würde, als sich an dem in ihren Bowlen befindlichen Schatze vergreifen. Sie hatte eine »Person für alles« oder Faktotum in einem langen dürren Menschen, der auf den bürgerlichen Namen Long hörte, aber gemeinhin seiner Dürre wegen »das Gerippe« genannt wurde. Bei dem nach der Aufführung von der Direktrice gegebenen Abendessen nahmen die beiden Söhne des damals hochgefeierten Schauspielers Dawton, Henry und William, teil, auch der Schauspieler Lund und Mrs. Bakers Faktotum Long. Dabei wurde abgemacht, daß Grimaldi am nächsten Abend als Scaramuz im Don Juan auftreten sollte. Der Scaramuz ist bekanntlich ein stehender Typ des italienischen Theaters, alter Herr in schwarzer Spaniertracht, wie sie in Neapel von den Herrschaften bei Hofe und obrigkeitlichen Personen getragen wurde, und Prahlhans, der am Schlusse von Harlekin durchgewamst wird.

Leider hatte Grimaldi nur sein Clown-Kostüm mitgebracht, so daß man auf die Ausführung des Planes hätte verzichten müssen, wenn nicht Mrs. Baker beim Schneider und Tuchhändler Palmer schnellen Ersatz beschafft hätte. Hierdurch wurde übrigens besagter Palmer auf eine Erwerbsbahn hingelenkt, auf der er es zu großen Erfolgen bringen sollte als allein gültiger Modeschneider für die englischen Bühnen.

Am zweiten Abend war ein solcher Andrang zum Theater, daß viele keinen Einlaß mehr finden konnten, und am dritten Abend, als Grimaldi zum letzten Male als Scaramuz und nachher als Clown auftrat, mußte das Orchester zu Logen umgewandelt werden, um für das feinste Publikum Sitze zu schaffen, daß sich unter keinen Umständen abweisen lassen wollte, und für die Plätze für damalige Begriffe ganz exorbitante Preise bezahlte. Ja, man mußte sogar zu einem weiteren Auskunftsmittel greifen, nämlich allen Raum hinter der Bühne in Sitze umwandeln, so daß an diesem Abend die Schaubühne gleichsam in der Mitte des Publikums lag und ein Teil des Publikums die Handlung nur von der Kehrseite aus betrachten konnte. Eine so hohe Einnahme hatte Mrs. Baker noch nie gehabt, seit sie das Direktionsszepter schwang, und das war nun schon eine geraume Reihe von Jahren her.

Grimaldi mußte ihr auch das Versprechen geben, sich im März des folgenden Jahres abermals zu einem Cyklus von Vorstellungen bereit zu halten, und er ging die Verpflichtung mit dem Vorbehalte ein, daß sein Londoner Verhältnis dadurch in keiner Weise beeinträchtigt werde.

Am andern Morgen überbrachte ihm »das Gerippe«, Mr. Long, die Abrechnung und seinen Anteil, der sogleich in Banknoten umgesetzt wurde, betrug er doch nicht weniger als bare einhundertundsechzig Pfund Sterling.

Sehr zufrieden mit diesem Erfolg seiner ersten »Kunstreise«, kehrte er nach London wieder heim.

Zu Weihnachten wurde im Drury-Lane Harlekin Amulet statt einer neuen Pantomime abermals auf das Repertoir gebracht und ohne Unterbrechung bei ebenso gefüllten Häusern bis gegen Ende Januar gegeben. Um diese Zeit herum trat Grimaldis alter Freund Davis – meist immer »Jude Davis« genannt, nebenbei einer der besten »Theaterjuden« der damaligen Zeit – zum ersten Male im Drury-Lane-Theater auf. Davis war es, dessen Wunderlichkeit den in verschiedenen Versionen bekannten spaßhaften Vorfall mit John Kemble veranlaßte. Damit verhält es sich, wie folgt:

Kemble gab einst im nördlichen England Gastrollen und spielte auch auf einem Provinztheater, bei welchem Davis engagiert war. Er sollte als Hamlet auftreten. Natürlich wurde die Mitwirkung aller Mitglieder der Gesellschaft hierzu in Anspruch genommen, und Davis wurde die Rolle des Totengräbers zugeteilt.

Alles ging gut bis zur ersten Szene des fünften Aktes, in welcher Davis auftrat. Da aber war es um Kembles Ernst und Gleichmut geschehen. Davis hatte sich nämlich Grimassen angewöhnt, die, in Possen und Farcen wohl gut am Platze, in Trauerspielen, und gar solchen wie Hamlet, keineswegs zulässig sein konnten, zumal sich, das Publikum daran gewöhnt hatte, – und das war das schlimmere – alle Grimassen, die Davis schnitt, mit lautem Gejohle zu begrüßen. Als nun der große Tragöde seine moralisierenden Betrachtungen über Yoriks Schädel anstellte, geriet er ganz außer sich über die Lachsalven, die Davis durch seine Grimassen hervorrief.

Beim Schlusse des Schauspiels überschüttete er Davis mit Vorwürfen und gab dem dringenden Wunsche Ausdruck, daß dergleichen »blöde Späße«, wenn Davis wieder mit ihm zusammen aufträte, unterbleiben möchte. Aber es nutzte Kemble nichts. Davis war ein so schnurriger Kauz, daß er Tadel niemals vertrug, und erklärte kurz und bündig, in seinem Fache könne ihm auch ein Kemble nichts neues sagen.

Kemble war eine vornehme Natur und meinte, über den Vorfall Gras wachsen zu lassen. Sein Spiel brachte einen so erheblichen Kassengewinn, daß er auf weitere Abende verpflichtet wurde. Den letzten Abend sollte er wieder als Hamlet auftreten.

Bis zur Totengräber-Szene ging alles vortrefflich. Kemble wartete auf sein Stichwort, und böse Ahnungen beschlichen ihn, als er das schallende Gelächter vernahm, das die Unterhaltung der Totengräber begleitete. Gerade als er die Bühne betrat, hatte Davis durch ein höchst närrisches Mienenspiel die Lachmuskeln des Publikums wieder in Bewegung gesetzt. Kemble geriet in Zorn. Seine ersten Worte machten infolgedessen gar keine Wirkung beim Publikum. Er drehte sich um, sah Davis im Grabe stehen und allerhand komische, aber zu dem Auftritte in keiner Weise passende Grimassen schneiden.

Im Nu war es mit Kembles Ruhe vorbei. Er stampfte wütend mit dem Fuße und machte seiner Entrüstung Luft durch einen Ausruf, der mit einem Fluche sehr große Ähnlichkeit hatte. Dadurch wurde eine Wirkung hervorgerufen, wie Kemble sie gewiß am allerwenigsten erwartet hatte. Davis hatte nämlich Kembles Zorn kaum wahrgenommen, als er sich auf den Tod erschrocken stellte, beide Hände ineinander schlug, wie wenn ihn irgend ein gräßlicher Anblick ganz überwältigte, eine richtige Leichenbittermiene aufsetzte und ein solches Geschrei ausstieß, daß dem Publikum himmelangst zu werden anfing. Hierauf warf er sich platt im Grabe nieder, daß er vom Publikum nicht mehr gesehen wurde, und ließ sich schlechterdings nicht bewegen, wieder hervorzukommen oder noch ein einziges Wort zu sprechen. Die Szene wurde, so gut es gehen wollte, ohne Totengräber zu Ende gespielt, und von Zeit zu Zeit wurden von seiten des Publikums der Besorgnis, Mr. Davis möchte ein Unglück passiert sein, laut Ausdruck gegeben.

Ein halbes Jahr später sah Sheridan zufällig Davis auf einer Provinzbühne und fand so großen Beifall an seinem Talent, daß er ihn sogleich für das Drury-Lane-Theater engagierte. Am ersten Tage der Saison stellte er ihn dem damaligen Regisseur vor, der kein anderer war als John Kemble, und der ihn nicht sogleich wiedererkannte, sich aber recht gut besann, ihn schon einmal im Leben gesehen zu haben. Nach einiger Zeit aber sagte er einmal zu ihm:

»0 – ah! ah! Jetzt weiß ich es. Sie sind doch der Herr, der damals in Rochester so plötzlich im Grabe verschwand, auf Nimmerwiedersehen?«

Davis beeilte sich, wegen dieses etwas unzeitgemäßen Spaßes sich bei Kemble zu entschuldigen. Als Kemble nachher Sheridan davon erzählte, wollte sich dieser scheckig darüber lachen. Es wurde nicht weiter darauf zurückgekommen, Kemble trug Davis nichts nach, sie haben sich vielmehr seitdem recht gut zusammen vertragen.

Als Harlekin Amulet nicht mehr zur Aufführung gebracht wurde, hatte Grimaldi in der laufenden Saison keine große Arbeit mehr. Seinem Versprechen gemäß fand er sich nun wieder bei Mrs. Baker ein, die ihren Thespiskarren nach dem kleinen Maidstone gelenkt hatte, wo durch Grimaldis Erscheinen eine beispiellose Aufregung hervorgerufen wurde. Schon um halb fünf Uhr nachmittags konnte niemand mehr die nach dem Schauspielhause führende Straße passieren. So etwas hatte die liebe Mrs. Baker noch nie erlebt und war vor Wonne schier außer sich. Gleich darauf aber kam die Kehrseite: sie geriet in Bestürzung wegen der bei solchem Andränge unzulänglichen Vorsichtsmaßregeln, machte ein Gesuch beim Magistrate um Gestellung von besonderem Aufsichtspersonal und ließ, als dieselben eingetroffen waren, sogleich sämtliche Türen sperrangelweit aufreißen. Nun stellte sich aber heraus, daß sie auch eine gewisse Sorge um ihre Kasse trug, denn sie faßte sogleich dort Posten und rief nun in einem fort: Meine Damen und Herren! Parterre oder Loge? Loge oder Galerie? Parterre oder Loge?«

»Parterre, Parterre!« riefen die meisten, um nur in das Theater hinein zu gelangen, ohne Aussicht auf den Preis. »Dann bitte um zwei Schillinge! Zwei Schillinge der Parterre-Sitz! Zwei Schillinge!«

Und diesen Ruf hatte die alte Dame sich seitdem angewöhnt, so daß sie ihn nicht bloß an diesem Abende, sondern so oft an der Kasse Gedränge stattfand, im Munde zu führen pflegte, ohne im mindesten Rücksicht auf Person oder Stand zu nehmen.

An diesem Abend wurden die Türen schon um fünf Uhr geöffnet. Alles war erpicht, Grimaldi als Scaramuz zu sehen. Mrs. Baker brachte, sobald das Haus voll war, ihre Kasse in Sicherheit, rannte auf die Bühne und ließ ohne Verzug beginnen, indem sie meinte – und hierin hatte sie freilich recht – »mehr als voll könne das Haus nicht werden, und je schneller angefangen würde, desto schneller wäre alles überstanden«.

Dem Publikum war es nur recht, daß ihre Schaulust so schnell befriedigt wurde, und da schon kurz nach sechs mit der Vorstellung begonnen worden war, ging der letzte Akt schon kurz nach neun Uhr zu Ende.

Grimaldi wurde von den Bürgern der Stadt aufs höchste gefeiert und erhielt am folgenden Tage von angesehenen Leuten der Umgegend verschiedene Einladungen zum Mittagessen, die er indessen durchweg ablehnte, weil er sich schon bei seiner wunderlichen Direktrice versagt hatte.

Als er im Laufe des Vormittags durch die Stadt ging, liefen ihm alle Buben hinterher, ganz wie in London, und begrüßten ihn mit Jubelgeschrei. Bei seinem zweiten Auftreten war das Haus noch stärker ausverkauft als beim ersten. Am ersten Abend wies die Kasse eine Einnahme von 154, am zweiten von 157 Pfund auf, und nach dem Abendessen bekam Grimaldi bare 158 Pfund als seinen Anteil von Mrs. Baker ausbezahlt. Mrs. Baker bat ihn nun, auch in Canterbury bei ihr aufzutreten, und zwar unter den gleichen Bedingungen wie bisher, an zwei aufeinander folgenden Abenden. Grimaldi schlug ein, und nun wurden sofort Ankündigungen erlassen, Zettel gedruckt und nach Canterbury vorausgesandt. Schon um neun Uhr früh wußte schon ganz Canterbury, daß der berühmte Clown Grimaldi als Scaramuz dort auftreten werde.

Mrs. Baker spielte regelmäßig in Rochester, Maidstone, Canterbury und zahlreichen anderen Plätzen der Provinz. Die Bühnenverhältnisse waren überall die gleichen, und so konnten auch die gleichen Utensilien überall Verwendung finden. In aller Frühe brach die Truppe nach Canterbury auf. Grimaldi folgte in einer Postchaise hinterher, traf um etwa ein Uhr mittags dort ein und fand alles dort in der besten Ordnung, so daß von einer Probe Abstand genommen werden konnte, zumal ja Schauspieler, Musiker, Maschinenmeister und Gehilfen durchweg dieselben waren.

Alle Logen waren schon ausverkauft. Diniert wurde bei Mrs. Baker, und zwar ausgezeichnet. Gespielt wurde, wie in Maidstone, an beiden Abenden vor ausverkauftem Hause. Was von der Einnahme auf ihn entfiel, bezifferte sich wiederum auf annähernd 160 Pfund, und so kehrte er nach viertägiger Abwesenheit mit etwas über 312 Pfund nach London zurück.

Kurz nach seiner Rückkehr und etwa acht Tage vor Ostern las er zu seinem großen Erstaunen auf den Anschlagzetteln der Drury-Lane-Theaters, daß zu Ostern der »Harlekin Amulet« wieder aufgeführt werden sollte, und daß Mr. Grimaldi darin in seiner alten Rolle wieder aufträte. Durch diese Bekanntmachung wurden die Bedingungen verletzt, die er mit dem Drury-Lane-Theater eingegangen war, und so hielt er es für das beste, sich auf der Stelle dagegen zu verwahren.

Er traf den Regisseur, John Kemble, im Theater, und wurde mit all der Vornehmheit und Würde empfangen, die Kemble zu zeigen pflegte, wenn er Widerstand gegen eine von ihm getroffene Anordnung witterte. Grimaldi erwiderte auf die in hohem, steifem Tone an ihn gerichtete Frage, was ihn herführe, sein Kontrakt verpflichte ihn nicht, weder zu, noch nach Ostern, in Pantomimen zu spielen, was übrigens auch durch sein Engagement in Sadlers Wells schon unmöglich gemacht wurde. Bisher hatten beide Direktionen durch ihre Anordnungen nie gegen die festgesetzten Bedingungen verstoßen, infolgedessen nie kollidiert, und so leid es ihm tue, wenn sich aus seiner Weigerung Störungen ergeben sollten, so sehe er sich doch außerstande, die Rolle zu übernehmen, in der sein Auftreten im Drury-Lane-Theater ohne sein Vorwissen angekündigt worden sei.

Kemble hörte sich Grimaldis Einwendungen ernst und ruhig an, schwieg ein paar Augenblicke, stand dann auf und sagte im feierlichsten Tone:

»Joe, ein Wort ist in dieser Sache so gut wie tausend – und dies eine Wort heißt: Sie müssen spielen!«

Joe geriet hierüber geradezu außer sich, nicht bloß weil er der Ansicht war, daß kein Mensch müssen müsse, sondern auch, weil Kemble das Wort in höchst unangenehmem Tone zu ihm gesagt hatte. Er ließ sich von dem Groll, der ihn erfüllte, hinreißen und versetzte in ebenso garstigem Tone:

»Nun denn, Sir, wenn Sie sagen, ich müsse, so sage ich Ihnen darauf weiter nichts als: ich will nicht!«

»Was, Joe, Sie weigern sich?« »Ganz entschieden, Sir!«

»Aber!« rief Kemble, »Mr. Grimaldi, das kann doch Ihr Ernst nicht sein.« –

»Und doch ist es mein Ernst, Sir!«

»So!«

»Ja, so!« versetzte Grimaldi und drehte Kemble ärgerlich den Rücken.

»Nun, dann guten Morgen!« sagte Kemble, nahm den Hut ab und verließ käseweis vor Zorn das Theater.

Grimaldi nahm nun auch den Hut ab, wenn auch erst hinterher, schnitt einen tiefen Bückling und wünschte Mr. Kemble ebenfalls einen recht guten Morgen.

Tags darauf wurden neue Zettel angeschlagen, Grimaldi durch einen auf der Londoner Bühne völlig unbekannten Künstler ersetzt, der ohne allen Erfolg spielte und ebenso schnell wieder abtreten mußte, wie er aufgetreten war, so daß die Pantomime nur einmal zur Aufführung gebracht werden konnte.

Grimaldi war bis zu den Osterfeiertagen mit dem Studium einer neuen, höchst effektvollen Rolle befaßt in einem Stücke, das den auf die große Menge berechneten Titel führte: Die Komödien des Teufels – natürlich wiederum für das Sadlers Wells-Theater, und ging mit großem Eifer an die Arbeit, da er die feste Hoffnung hatte, daß das Stück seinen Weg machen und ihn zu neuen Triumphen führen werde.

Achtes Kapitel.


Achtes Kapitel.

Kein Preis ohne Fleiß. – Entlassung aus dem Verbande des Drury-Lane und Wiederaufnahme in denselben. – Mönch Lewis. – Lewis und Sheridan. – Sheridan und der Prinz von Wales. – Grimaldi bekommt einen Sohn und kommt um sein Geld.

Die Komödien des Teufels erlebten am Ostermontage ihre erste Aufführung, und ihr Erfolg basierte nicht zum geringsten auf Grimaldis Spiele. Er hatte zwei Rollen darin und mußte, abgesehen davon, daß er fechten, reiten, schießen mußte, nicht weniger als neunzehnmal sein Kostüm wechseln.

Das Stück machte einen sehr großen Erfolg und blieb die ganze Saison hindurch auf dem Spielplane.

Wir erzählten im vorigen Kapitel einiges von Grimaldis finanziellen Erfolgen, jetzt wollen wir uns einmal darnach umsehen, welche Mühe und Anstrengungen es ihm kostete, zu diesen Erfolgen zu gelangen.

In Sadlers Wells nahm die Abendarbeit ihren Anfang. Dort trat er in der großen und sehr anstrengenden Rolle des Teufels auf. Dann mußte er in einer kleinen Burleske, die gleich hinterher gegeben wurde, mitwirken. Dann gab er den Clown beim Seiltänzer, zuletzt den Clown in der Pantomime. Hier sang er zwei humoristische Lieder, die regelmäßig dacapo verlangt worden; und hatte er dieses Programm hinter sich, dann mußte er sich rasch umkleiden und nach Drury-Lane laufen, zumeist rennen, weil er dort im letzten Stücke auftrat.

Das war die Arbeit Grimaldis eine Woche um die andere; aber am siebenten Tage war er in der Regel so erschöpft, daß er kein Glied rühren konnte. Ganz sicher hat er seinen Kräften zuviel zugemutet und auf diese Weise zweifellos den Keim zu der völligen Entkräftung gelegt, die sich in späteren Jahren seiner bemächtigte, so daß er, im Alter wohl mit Recht sagen durfte, die bedeutenden Einnahmen, die er gehabt habe, hätten in keinem richtigen Verhältnisse zu der Arbeit gestanden, die er dafür habe leisten müssen, zudem gemeinhin unter sehr erschwerenden Umständen.

In Sadlers Wells war das Theater meist erst zu Ende, wenn es in Drury-Lane eben begonnen hatte. Oft mußte Grimaldi dann von dem einen zu dem andern Theater im Galopp laufen, ohne nur eine Minute inne zu halten. Was er damals im Rennen zu leisten vermochte, läßt sich daraus ersehen, daß er diese Strecke, zu der ein gewöhnlicher Fußgänger eine gute halbe Stunde brauchte, zuweilen in acht Minuten zurücklegte, einmal zum Beispiel mit dem um vieles jüngeren Sohne des damaligen Theaterzetteldruckers Fairbrother von Sadlers Wells nach Drury-Lane, einmal von Drury-Lane nach Sadlers Wells. Eine dritte solche Parforce-Tour machte er, wiederum in Gesellschaft des jungen Fairbrother, als die Drury-Lane-Truppe im italienischen Opernhause spielte, in vierzehn Minuten zwischen dort und Sadlers Wells, spielte die Rolle, die er im Kimon in dem großen Aufzug hatte, und rannte in dreizehn Minuten nach Sadlers Wells zurück, um dort seine Clown-Rolle abzutun. Mit seinen Pflichten nahm er es stets äußerst genau und seine Gewissenhaftigkeit war so groß, daß er das Publikum in seiner langen und mühevollen Laufbahn kein einziges Mal irre geführt hat und kein einziges Mal eine Rolle versäumt hat, in der er angekündigt worden.

Ein Vierteljahr wirkte er im Drury-Lane-Theater mit, ohne daß es infolge seiner Differenz mit John Kemble zu ärgerlichen Auseinandersetzungen gekommen wäre. Aber steif und förmlich verkehrten sie hinfort nur, und ein kaltes Kompliment war, wenn sie einander sahen, der einzige Beweis von Höflichkeit. Grimaldi fürchtete jedoch, daß es zu einem Bruche zwischen Kemble und ihm kommen werde, und diese Befürchtung ging auch in Erfüllung.

Am 26. Juni bekam er die Mitteilung, daß die Inhaber des Theaters auf seine Mithilfe in der nächstfolgenden Saison verzichteten. Unterzeichnet war die Mitteilung von Souffleur Powell. Grimaldi ärgerte sich heftig darüber, da ihm das Verhalten der Theaterdirektion nicht anders als hart und ungerecht vorkommen konnte. Zuerst wollte er gegen Sheridan eine Klage anstrengen, hätte wohl auch auf Grund des Vertrags den Prozeß gewinnen müssen, kam jedoch davon ab und zog es vor, sich an seinen treuen und redlichen Freund und Berater Mr. Hughes zu wenden, der ihm, nachdem er das Billet Powells gelesen, erklärte:

»Verbrennen Sie den Wisch und schlagen Sie sich die Geschichte ganz aus dem Sinne! Kommen Sie, wenn die Saison in Sadlers Wells zu Ende ist, zu mir nach Exeter und bleiben Sie so lange bei mir, bis in Sadlers Wells wieder gespielt wird. Sie sollen fünf Pfund wöchentlich und ein ganzes Benefiz haben. Es müßte doch merkwürdig zugehen, wenn Sie sich auf diese Weise nicht besser stehen sollten als in Ihrem damaligen Verhältnisse zum Drury-Lane-Theater.«

Grimaldi nahm dieses Angebot an und schlug sich die ganze Sache tatsächlich aus dem Kopfe.

Die Sommersaison in Sadlers Wells verging ihm sehr rasch. Im August sollte sich ein verdrießlicher Fall ereignen, dessen Folgen Grimaldi sehr schwer hätten treffen können. Er gab in der genannten Teufelskomödie den Unterhauptmann einer Räuberbande. In der einen Szene hielt er im Stiefel ein Pistol versteckt, das er plötzlich, – um einen Bühneneffekt zu bewirken – hervorziehen und abfeuern mußte. Bei der Vorstellung am 14. August entlud sich das Pistol beim Herausziehen und zerriß den Stiefel, wodurch Grimaldi einen recht possierlichen Räuberhauptmann abgab. Um aber den Auftritt nicht zu gefährden, verbiß er sich die Schmerzen, die er litt, und als er abtreten konnte, stellte sich heraus, daß der Strumpf in Brand geschossen war und die ganze Zeit über gebrannt hatte, die Grimaldi auf der Bühne weilte. Ja sogar der Pfropfen brannte noch unter dem Fuße.

Volle vier Wochen mußte Grimaldi das Zimmer hüten als Strafe für seine Standhaftigkeit.

In dieser Zeit nahm sich eine Schauspielerin vom Drury-Lane, Miß Bristow, seiner hingebungsvoll an, half ihm alle Morgen beim Verband der schmerzhaften Wunde und verkürzte ihm durch ihre Gesellschaft die Stunden, die ihm sonst gar eintönig verflossen wären. Aus Dankbarkeit nahm er sie am nächstfolgenden Weihnachtsabend zu seiner Frau und lebte mit ihr über dreißig Jahre im glücklichsten Einvernehmen, bis zu ihrem Ableben.

Im Drury-Lane nahmen die Vorstellungen am 30. September mit »Wie es euch gefällt« und »Blaubart« wieder ihren Anfang. Im letzten Stücke trat Grimaldi erst im vorletzten Akte auf, in einem Schwertkampfe, der nur zu dem Zwecke eingeschoben war, um zu den Vorbereitungen für den letzten Akt Zeit zu gewinnen. Das hatte Kemble außer acht gelassen und, statt für einen Ersatzmann zu sorgen, angeordnet, daß die Kampfszene wegfallen solle, wodurch für ihn wie für die Zuschauer recht unangenehme Folgen entstehen sollten.

Das Haus war dicht gefüllt. Alles ging gut bis zur letzten Szene. Sie gleich an die vorletzte anzuschließen, war unmöglich, und das Publikum, statt durch den Zweikampf abgelenkt zu werden, mußte die leere Bühne angaffen. Erst wurde gezischt, dann wurde die Schwertszene laut gefordert, und da keine Anstalt dazu getroffen wurde, schrien die einen, Kemble solle sie, wenn er keinen Darsteller dafür hätte, selbst spielen, während von anderer Seite gefordert wurde, er möge sich wenigstens sehen lassen und sich durch, ein paar schickliche Worte entschuldigen.

Schließlich war die nötige Zeit gewonnen worden, so daß die letzte Szene gespielt werden konnte; aber der Lärm nahm nicht ab, sondern zu, so daß der Vorhang unter Zischen und Pfeifen fallen mußte.

Sheridan hatte während der Vorstellung mit einigen guten Freunden in seiner Loge gesessen und sich wiederholt zu dem vollen Hause gratuliert, auch seiner Freude, daß alles so gut klappe, Kemble gegenüber Ausdruck gegeben und war nun nicht wenig alteriert über die Wandlung, die in der Stimmung des Publikums vor sich ging, und geriet in heftigen Zorn, als er die Ursache davon erfuhr.

Kaum fiel der Vorhang, so stürzte er auf die Bühne, wo die Schauspieler standen, und rief, es möchte sich niemand entfernen. Dann postierte er sich mit dem Rücken gegen den Vorhang und bat um Auskunft über die Ursache des Lärms, den das Publikum zwischen dem vorletzten und letzten Auftritt gemacht. Keiner traute sich zuerst mit der Sprache heraus, endlich faßte sich Barrymore, der den Blaubart spielte, ein Herz und sagte, es läge wohl nur daran, daß Roffey und Joe früher die Pause zwischen dem vorletzten und letzten Akte durch einen Schwertkampf ausgefüllt hätten, der aber jetzt hätte ausfallen sollen.

»Und weshalb ist er ausgefallen?« fragte Sheridan strengen Tones. »Mr. Kemble, warum fällt der Schwertkampf aus?«

Aber Kemble war, was Sheridan in seinem Zorne gar nicht bemerkt hatte, nicht auf der Bühne, statt seiner nahm wieder Barrymore das Wort.

»Weshalb die Szene ausfallen sollte, weiß ich nicht, Sir. Ich kann nur soviel sagen, daß meines Wissens die Direktion Mr. Grimaldi gekündigt und gleich entlassen hat.«

Da geriet Sheridan in hellen Zorn und rief, in seinem Hause wolle er selbst Herr sein, er lasse nicht über seinen Kopf hinweg disponieren, und was dergleichen Redensarten mehr waren. Auf der Stelle schickte er den Theaterdirektor zu Joe und Grimaldi und ließ ihn für den nächsten Tag Punkt zwölf Uhr um seinen Besuch bitten. Dann verließ er das Theater ohne sich auf weitere Auseinandersetzungen mit Kemble einzulassen, der inzwischen auf die Bühne gekommen war.

Am andern Tage hieß er Grimaldi auf das freundschaftlichste willkommen und erneuerte seinen Vertrag mit ihm unter der Bedingung, daß seine Gage um ein Pfund wöchentlich erhöht und ihm allmonatlich ein ganzes Benefiz zugestanden werden solle. Tags darauf kündigten die Zettel wieder Harlekin Amulett mit Joe Grimaldi als Darsteller der Hauptrolle an. Während der ersten Probe trat Kemble zu Grimaldi, gab seiner Freude, ihn wiederzusehen, wie auch der Hoffnung eines recht langen Zusammenwirkens Ausdruck. Grimaldi antwortete im gleichen Sinne. Seine Differenz mit Kemble hatte also nur die eine Folge für ihn, daß seine Gage erhöht würde, er gab infolgedessen den Plan, nach Exeter zu gehen, auf, hatte doch sein Schwiegervater mit seinem Anerbieten keinen andern Zweck verfolgt, als Joe entgegenzukommen, soweit es ihm seine Kräfte ermöglichten.

Damals verkehrte Grimaldi auch mit dem Verfasser eines vielgelesenen Romans »Der Mönch«, der wohl an zwanzig Auflagen erlebte, aber als ziemlich unsittliches Produkt in sehr geringem Renommee stand. Der Mann hieß Lewis, wurde aber in der Regel nicht anders als nach seinem Romane genannt. Er war von weibischem Aussehen, verkehrte viel in der Garderobe des Drury-Lane-Theaters und führte mit dem Theaterpersonal Unterhaltungen, die recht oft gegen den guten Ton verstießen, und die ihm von manchen gar übel angerechnet wurden.

Sheridan schien sich im stillen viel über ihn lustig zu machen, und nicht selten diente er ihm zur Zielscheibe seines Spottes. Aber ein Stück, das damals von ihm aufgeführt wurde, »Das Burggespenst«, und das dem damaligen Geschmacke die gebührliche Rechnung trug, machte ihn zu einer gewissen Respektsperson, mit der eine Theaterdirektion immerhin rechnen mußte. Sheridan hatte freilich von dem Stücke nur eine geringe Meinung, was wohl am besten die nachstehende Anekdote erweisen dürfte.

Er saß einmal mit Lewis in einer Weinstube, es war zu einem Disput zwischen ihnen gekommen – Lewis geriet in Hitze und bot Sheridan eine Wette an. »Um was soll die Wette gehen?« fragte Sheridan. – »Ich setze meine heutige Einnahme aus dem Burggespenst!« rief Lewis. – »Das wäre zuviel für solche Bagatelle von Streitobjekt. Wie aber, wenn ich den ganzen Wert des Stückes als literarisches Objekt dagegen setzte?«

Lewis nahm aber dergleichen satirische Ausfälle seines munteren Zechkameraden immer mit vollkommenem Gleichmute hin.

Hier möge eine andere kleine Anekdote folgen, die Grimaldi gern zum besten gab und die wir mit seinen eigenen Worten folgen lassen:

Im Winter des Jahres 1802 hatte ich häufig die Ehre, Seine Majestät Georg IV. bei mir zu sehen. Der König, damals noch Prinz von Wales, kam oft hinter die Kulissen des Drury-Lane-Theaters und erfreute jedermann durch seine Leutseligkeit und seine witzigen Bemerkungen. Am Abend des Dreikönigstages saßen wir, wie gewöhnlich, in der Garderobe, um den Dreikönigskuchen zu verspeisen, für den ein Mr. Baddeley testamentarisch drei Guineen gestiftet hatte. Als wir so recht fidel beisammen saßen, trat Sheridan mit dem Prinzen herein und sagte scherzend, mit einem Blick auf die große Krone, die den Kuchen zierte:

»Daß ein Kuchen solche Krone trägt, ist doch nicht in Ordnung. Was meinen Sie, Georg?«

Der Prinz begnügte sich, damit, zu lächeln.

Sheridan hob die Krone von dem Kuchen, präsentierte sie dem Prinzen und bat ihn um die Gnade, die Kleinigkeit anzunehmen. »Mit Nichten«, antwortete der Prinz, »wenn es mir auch nicht jeder glauben wird, so bleibt es doch nichtsdestoweniger wahr, daß mir der Kuchen lieber ist als die Krone.«

Mit diesen Worten lehnte er es ab, die Krone in Empfang zu, nehmen, und nahm an unserm fidelen Abend den fidelsten Anteil, behielt sich aber von dem Kuchen die besten Stücke.

In den Jahren 1801 und 1802 wurden im Drury-Lane-Theater Pantomimen nicht gegeben; auch in Sadlers Wells gab es 1802 wenig neues. Dafür wurde Grimaldi am 21. November ein Söhnchen geboren: ein Ereignis, das ihn unaussprechlich glücklich machte.

Sonst war dies Jahr für Grimaldi keineswegs glücklich. Ob es nun persönliches Pech bei ihm war, oder Mangel an gebotener Vorsicht, oder Unerfahrenheit in weltlichen Dingen, genug, er verlor das bißchen Geld in diesem Jahre, das er sich gespart hatte, und zwar auf eine Weise, wie er es sicher am allerwenigsten gerechnet hatte. Er hatte die Bekanntschaft eines damals für sehr reich gehaltenen Kaufmanns gemacht, namens Newland. Eines Morgens im Februar bekam er dessen Besuch, und nach einer kurzen Unterhaltung wurde er von ihm gebeten, ihm mit der Kleinigkeit von ein paar hundert Pfund auszuhelfen. Dieses Ansinnen wurde in einem Tone gestellt, als wenn Grimaldi noch eine besondere Ehre dadurch angetan würde.

»Ich habe momentan Mangel an barem Gelde«, schloß der Herr, »habe alles in mein Geschäft gesteckt und kann meine Werte nicht so schnell realisieren. Wenn Ihnen solches Darlehn – ich brauche es nur auf kurze Zeit und stelle Ihnen einen Sichtwechsel aus – keine Bedenken machte.«

Kurz, Grimaldi ließ sich bereit finden, gegen einen Sichtwechsel dem Manne seine Ersparnisse – bare 600 Pfund – auszuhändigen, erklärte, er habe nicht im geringsten Bedenken gegen die Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit des Mannes, gäbe ihm sogar gern das dreifache, wenn er selbst soviel besäße – und legte statt seiner Guineen den Sichtwechsel in seine Schatulle. Newland dankte und ging, war in drei Wochen pleite, riß aus nach Amerika, starb unterwegs, und Grimaldi war seine Ersparnisse auf Heller und Pfennig los.