64. Kapitel Ein letzter Rückblick


64. Kapitel Ein letzter Rückblick

Ich wandere mit Agnes auf der Straße des Lebens dahin. Ich sehe unsere Kinder und Freunde um uns her und höre das Rauschen vieler alter vertrauter Stimmen.

Welche Gesichter sind mir die deutlichsten in dem flutenden Gewühl? Alle wenden sich mir zu, wie ich meine Gedanken so frage.

Meine Tante mit einer scharfen Brille, – eine Greisin von achtzig Jahren und mehr, aber noch kerzengerade und aufrecht. Sie kann ihre sechs englischen Meilen bei Wind und Wetter gehen, ohne sich niedersetzen zu müssen.

Unzertrennlich von ihr Peggotty, meine gute alte Kindsfrau. Auch sie trägt eine Brille und näht abends sehr dicht bei der Lampe. Aber nie ohne einen Wachsstumpf, das Ellenmaß in dem kleinen Häuschen und den Arbeitskasten mit dem Bilde der St.-Pauls-Kirche auf dem Deckel neben sich.

Ihre Wangen, so hart und rot gewesen in meinen Kindertagen, daß ich mich wunderte, warum die Vögel nicht lieber an ihnen anstatt an Äpfeln pickten, sind ganz runzlig geworden, und ihre Augen, die ihr ganzes Gesicht weithin dunkel machten, sind jetzt nicht mehr so glänzend; aber ihr grauer Zeigefinger, der mir früher wie ein Muskatnußreibeisen vorkam, ist immer noch der alte, und wie ich mein Kleinstes danach haschen sehe, wenn es zwischen mir und meiner Tante zu ihr hinschwankt, da muß ich an unser kleines Wohnzimmer in Blunderstone denken, damals, als ich selbst kaum laufen konnte.

Meine Tante ist jetzt endlich befriedigt. Sie ist Patin einer wirklichen lebendigen Betsey Trotwood, und Dora, die nächste, meint, sie werde von ihr verzogen.

Peggottys Tasche ist hoch aufgebauscht. Es steckt nichts Geringeres darin als das Krokodilbuch, zurzeit in recht altersschwachem Zustand, einzelne Blätter zerrissen und zusammengenäht; – aber immer zeigt es Peggotty den Kindern als eine kostbare Reliquie. Es ist so seltsam, wenn meine eignen Züge als Kindergesicht von den Krokodilgeschichten zu mir aufblicken und mich an meinen alten Bekannten Brooks von Sheffield erinnern.

Mitten unter meinen Jungen sehe ich in den Sommerferien einen alten Mann, der riesige Papierdrachen macht und in die Luft aufblickt mit einer Wonne, für die es keine Worte gibt. Er begrüßt mich begeistert und flüstert mir mit vielem Nicken und Winken zu: »Trotwood, es wird dich freuen zu hören, daß ich demnächst meine Denkschrift beendigen werde, wenn ich weiter nichts zu tun habe, und daß deine Tante die wunderbarste Frau von der Welt ist.«

Wer ist diese tiefgebeugte Dame, die sich auf einen Stock stützt und mir ein Gesicht zeigt, in dem Spuren alten Stolzes und alter Schönheit schwach ankämpfen gegen ein verdrießliches, schwachsinniges, launisches Irrsein? Sie sitzt in ihrem Garten, und neben ihr steht ein hageres dunkles verwelktes Weib mit einer weißen Narbe auf der Lippe.

 

»Rosa, ich habe den Namen des Herrn vergessen.«

Rosa beugt sich über sie und ruft ihr in die Ohren: »Mr. Copperfield.«

»Es freut mich, Sie zu sehen, Sir. Ich bemerke zu meinem Bedauern, daß Sie Trauer tragen. Ich hoffe, die Zeit wird Ihnen Linderung bringen.«

Ihre ungeduldige Gesellschafterin schilt sie aus und sagt ihr, ich sei doch gar nicht in Trauer, – heißt sie mich wieder ansehen und versucht ihre Aufmerksamkeit zu wecken.

»Sie haben meinen Sohn gesehen, Sir? Sind Sie mit ihm ausgesöhnt?«

Sie sieht mich starr an, legt die Hand an die Stirn und stöhnt. Plötzlich schreit sie mit schrecklicher Stimme auf: »Rosa, komm zu mir. Er ist tot.« Rosa kniet vor ihr nieder, liebkost sie, schilt sie aus und sagt leidenschaftlich zu ihr: »Ich liebte ihn mehr als du.« Dann lullt sie die Alte an ihrer Brust ein wie ein krankes Kind. So verlasse ich sie. So finde ich sie immer, so schleppen sie sich hin Jahr um Jahr.

 

Ein Schiff kommt von Indien her, und wer ist die englische Dame, die Gattin eines wortkargen alten schottischen Krösus mit großen flappigen Ohren? Julia Mills?

Es ist Julia Mills, nervös und vornehm, mit einem schwarzen Diener, der ihr Briefe und Karten auf einem goldnen Teller überreicht, und einer kupferfarbigen Dienerin in Leinenkleid mit einem bunten Tuch auf dem Kopf, die ihr das Tiffin (indisches Frühstück) im Ankleidezimmer serviert. Julia hält kein Tagebuch mehr, singt nicht mehr der »Liebe Sterbelied« und streitet ewig mit dem alten schottischen Krösus, der eine Art gelber Bär mit gegerbter Haut ist. Sie steckt im Geld bis an den Hals und spricht und denkt an weiter nichts. Sie gefiel mir besser in der Wüste Sahara.

Oder ist vielleicht das die Wüste Sahara? Denn, obgleich Julia ein Schloß hat und vornehme Gesellschaft und prächtige Diners Tag für Tag, nichts Grünes sehe ich in ihrer Nähe wachsen. Nichts, das jemals Frucht oder Blüte trägt.

Was Julia Gesellschaft nennt, sehe ich; darunter Mr. Jack Maldon in seiner Sinekure, der die Hand verspottet, die sie ihm verschafft hat, und den Doktor einen liebenswürdigen altmodischen Kauz nennt.

Ich sehe den Doktor, unsern guten treuen Freund immer noch mit dem Wörterbuch beschäftigt. Er hält beim Buchstaben D und ist glücklich in seinem Familienleben und mit seiner Gattin. Der »General« ist nicht mehr so einflußreich wie ehemals.

In seiner Kanzlei arbeitet mein lieber alter Traddles mit geschäftiger Miene, und sein Haar, soweit sein Kopf noch nicht kahl ist, ist womöglich noch rebellischer geworden durch den beständigen Druck der Advokatenperücke. Auf seinem Tisch liegen hohe Stöße von Akten, ich sehe mich um und sage:

»Wenn Sophie jetzt dein Schreiber wäre, Traddles, hätte sie viel zu tun.«

»Das stimmt, lieber Copperfield! Aber es waren doch herrliche Tage in Holborn Court! Nicht wahr?«

»Wo sie zu dir sagte, du würdest Richter werden? Aber damals war es noch nicht Stadtgespräch, Traddles.«

»Jedenfalls, lieber Copperfield, wenn ich es erst einmal bin, werde ich erzählen, daß sie die Akten abschrieb.«

Wir gehen fort, Arm in Arm. Ich bin zu einem Familiendinner bei Traddles eingeladen. Es ist Sophies Geburtstag, und unterwegs erzählt mir Traddles von dem Glück, das ihm zuteil geworden ist.

»Ich bin wirklich imstande gewesen, lieber Copperfield, alles zu tun, was mir am meisten am Herzen lag. Seine Ehrwürden hat jetzt die Pfründe von vierhundertfünfzig Pfund jährlich. Unsere beiden Jungen werden aufs beste erzogen und zeichnen sich durch Fleiß aus; drei der Mädchen sind recht gut verheiratet, drei leben bei uns; die drei übrigen führen seit Mrs. Crewlers Tod dem Vater die Wirtschaft; und alle sind glücklich. – Mit Ausnahme der ›Schönheit‹«, fügt er hinzu. »Ja. Es war ein großes Unglück, daß sie so einen Vagabunden heiratete. Aber er hatte etwas Blendendes an sich, was sie bestach. Wo wir sie jetzt wieder sicher zu Hause haben und ihn los sind, müssen wir sie zu trösten suchen.«

Traddles Haus ist wahrscheinlich eins von denen, die er und Sophie bei ihren Abendspaziergängen im Geiste für sich eingerichtet haben. Es ist ein großes Haus, aber Traddles hebt seine Akten im Ankleidezimmer auf und seine Stiefel dabei, und er und Sophie quetschen sich in die obersten Zimmer, um die besten der »Schönheit« und den Mädchen zu überlassen. Es ist kein Platz im Hause sonst, denn immer sind mehr der Mädchen hier, als ich zählen kann. Tritt man ein, kommt eine ganze Schar an die Türe gerannt und reicht Traddles zum Küssen herum, bis er außer Atem ist. Hier wohnt für Lebenszeit die unglückliche »Schönheit« mit einem Kind; hier sehe ich zu Sophies Geburtstag die drei verheirateten Schwestern mit ihren drei Gatten, einem Schwager, einem Vetter und einer Schwägerin, die mit diesem verlobt zu sein scheint. Traddles, genau derselbe einfache, ungezierte, gute Bursche, der er immer war, sitzt am untern Ende der langen Tafel und blickt über den gedeckten Tisch, auf dem jetzt wirkliches Silber blitzt.

 

Dann verschwimmen diese Gesichter. Nur eins, das auf mich niederscheint wie ein himmlisches Licht, das mir alles erleuchtet, steht über ihnen. Und das bleibt.

Ich wende meinen Kopf und sehe es in seiner schönen, heitern Ruhe neben mir. Meine Lampe brennt herunter, und ich habe tief bis in die Nacht hinein geschrieben, aber das teure Wesen, ohne das ich nichts wäre, leistet mir immer Gesellschaft.

35. Kapitel Niedergeschlagenheit


35. Kapitel Niedergeschlagenheit

Sobald ich meine Geistesgegenwart, die mich beim ersten überwältigenden Eindruck der eben gehörten Nachricht ganz und gar verlassen, wiedergewonnen hatte, schlug ich Mr. Dick vor, mit mir zu dem Wachszieher zu gehen, wegen des durch Mr. Peggottys Abreise freigewordnen Bettes.

Der Laden des Wachsziehers befand sich auf dem Hungerfordmarkt. Der Platz sah damals noch ganz anders aus als jetzt, und vor dem Tor war ein niedriger Säulengang aus Holz angebracht, der Mr. Dick außerordentlich gefiel. Das Haus glich einem der bekannten altmodischen Wettergläser mit den zwei drehbaren Figuren.

Ich glaube, der Glorienschein, in diesem stolzen Bauwerk wohnen zu dürfen, hätte Mr. Dick für vielerlei Ungemach entschädigt, aber da eigentlich mit Ausnahme der sonderbaren Gerüche, die dem Laden entströmten, und des vielleicht ein wenig beschränkten Raumes keines zu ertragen war, versetzte ihn die neue Wohnung in umso größeres Entzücken. Mrs. Crupp hatte ihm zwar verächtlich versichert, daß dort nicht Platz genug wäre, um eine Katze zu schaukeln, aber Mr. Dick bemerkte sehr richtig zu mir, indem er sich aufs Bettende niedersetzte: »Du weißt, Trotwood, ich will gar keine Katze schaukeln. Ich schaukle nie Katzen. Was geht das also mich an?«

Ich versuchte zu erfahren, ob er etwas über die plötzlichen einschneidenden Veränderungen in den Verhältnissen meiner Tante wüßte. Wie vorauszusehen, hatte er keine Ahnung. Er konnte mir nichts sagen, als daß meine Tante vorgestern zu ihm geäußert hatte:

»Jetzt wollen wir einmal sehen, Dick, ob Sie wirklich der Philosoph sind, für den ich Sie halte.« Darauf habe er erwidert: ja, er hoffe es, und dann habe sie gesagt: »Ich bin zugrunde gerichtet«, und er habe darauf geantwortet: »Ach wirklich!« und sei zu seiner Freude sehr gelobt worden. Dann wären sie zu mir gereist und hätten ein paar Flaschen Porter und belegte Brote unterwegs genossen.

Mr. Dick war so ruhig und heiter, wie er mir das mit erstaunt aufgerißnen Augen und einem verwunderten Lächeln erzählte, daß ich mich leider verleiten ließ, ihm zu erklären, daß Zugrundegerichtet ein Not, Mangel und Hunger bedeute. Bald aber sah ich mich bitter bestraft für meine übereilten Worte, denn er wurde ganz blaß, und Tränen liefen ihm über die Wangen, und er warf mir einen Blick so unsäglichen Kummers zu, daß ein härteres Herz als das meinige weich geworden wäre. Ihn wieder aufzuheitern, kostete mir viel mehr Mühe, als ich vorhin gehabt, ihn in Kümmernis zu versetzen, und ich erkannte bald, was ich gleich hätte wissen können, daß er bloß zuversichtlich gewesen war, weil er in die »weiseste und wunderbarste aller Frauen« und auf die unerschöpflichen Hilfsquellen meines Geistes ein schrankenloses Vertrauen setzte. Die letztern hielt er, glaube ich, jedem nicht absolut tödlichen Übel für mindestens gewachsen.

»Was können wir nur tun, Trotwood?« fragte er. »Wir haben die Denkschrift –«

»Ja, allerdings. Gewiß. Aber alles, was wir vorderhand tun können, Mr. Dick, ist, daß wir unsern Kummer meiner Tante nicht merken lassen und ein freundliches Gesicht machen.«

Er stimmte dem auf das eifrigste bei und flehte mich an, ihn, wenn ich ihn nur einen Zollbreit von dem rechten Wege abweichen sehen sollte, durch eine jener überlegenen Methoden, die mir immer zu Gebote stünden, wieder zur Besinnung zu bringen. Aber leider muß ich sagen, daß der Schrecken, den meine unvorsichtige Mitteilung ihm eingejagt, zu stark für ihn war, als daß er ihn hätte verbergen können. Den ganzen Abend schweiften seine Blicke immer wieder zu meiner Tante hin, voll des Ausdrucks allertiefster Besorgnis, als ob er fürchte, sie jede Sekunde vor seinen Augen rapid abmagern zu sehen. Er war sich dessen wohl bewußt und nahm sich nach Kräften zusammen, aber daß er sich ganz steif hielt und nur mit den Augen rollte wie eine Maschinerie, machte die Sache nicht besser.

Ich bemerkte, wie er während des Abendessens das Brot, das zufällig klein war, betrachtete, als ob es unser letzter Rettungsanker sei. Und als die Tante ihn zum Essen nötigte, ertappte ich ihn, wie er heimlich Stücke von seinem Käse in die Tasche steckte, – ganz sicher nur, um uns mit dem Aufgehobenen wieder lebendig zu machen, wenn wir auf dem Pfade des Hungertodes entsprechend weit vorgeschritten sein würden.

Meine Tante hingegen war sehr gefaßt und darin uns allen ein Vorbild – zum mindesten mir. Sie benahm sich außerordentlich freundlich gegen Barkis, außer, wenn ich sie mit dem Namen Peggotty rief, und tat, als ob sie ganz zu Hause sei, obgleich ich recht wohl wußte, daß sie sich in London nie heimisch fühlen konnte.

Sie sollte in meinem Bett schlafen, und ich wollte mich in das Wohnzimmer legen, um sie zu bewachen. Sie legte großes Gewicht darauf, dem Flusse möglichst nah zu sein im Falle einer Feuersbrunst. Und ich glaube wirklich, sie fühlte sich durch meine Anordnung einigermaßen beruhigt.

»Lieber Trot«, sagte sie, als ich Vorbereitungen traf, ihren gewöhnlichen Schlaftrunk zu mischen. »Nein.«

»Nichts, Tante?«

»Keinen Wein, Trot, Ale!«

»Aber es ist Wein hier, Tante, und du hast ihn dir immer aus Wein bereiten lassen.«

»Heb ihn für Krankheitsfälle auf. Wir dürfen nicht verschwenderisch damit umgehen, Trot. Ale genügt. Eine halbe Pinte!«

Ich dachte, Mr. Dick würde in Ohnmacht fallen. Aber meine Tante beharrte auf ihrem Willen, und ich holte das Ale selbst. Da es schon spät wurde, benützten Peggotty und Mr. Dick die Gelegenheit, zusammen nach Hause zu gehen. Ich schied an der Ecke der nächsten Straße von dem Ärmsten. Er trug niedergeschlagen seinen großen Drachen auf dem Rücken, ein wahres Beispiel menschlicher Trübsal.

Als ich zurückkehrte, ging meine Tante im Zimmer auf und ab und kräuselte die Besatzstreifen ihrer Nachtmütze mit den Fingern. Ich wärmte das Ale und bereitete den Toast nach den gewohnten unfehlbaren Rezepten. Als der Schlaftrunk fertig war, hatte sie bereits die Nachtmütze aufgesetzt und ihren Oberrock auf die Knie zurückgeschlagen.

»Lieber Trot«, sagte sie, nachdem sie einen Löffel voll gekostet hatte, »es ist bedeutend besser als Wein, lange nicht so schwer.«

Ich muß wohl eine etwas zweifelhafte Miene gemacht haben, denn sie fügte hinzu: »Still, still, Kind! Wenn uns nichts Schlimmeres widerfährt, als daß wir Ale trinken müssen, sind wir gut dran.«

»Ich ja, Tante.«

»Wieso nur du?«

»Weil wir ganz verschieden sind.«

»Dummes Zeug und Unsinn, Trot.«

Sie fuhr mit gelassener Heiterkeit fort, das warme Ale auszulöffeln und ihre Röstschnitten zu verzehren.

»Trot, im allgemeinen sind mir fremde Gesichter gleichgültig, aber fast möchte ich sagen, daß mir deine Barkis sehr gut gefällt.«

»Das zu hören ist mir lieber als hundert Pfund.«

»Es ist doch eine ganz seltsame Welt«, bemerkte sie und rieb sich die Nase. »Wie diese Frau jemals mit diesem Namen hineingeraten konnte, ist mir unerklärlich. Es wäre doch viel leichter gewesen, als eine Jackson oder dergleichen auf die Welt zu kommen, sollte man meinen.«

»Vielleicht ist das auch ihre Ansicht; gewiß trägt sie keine Schuld daran.«

»Allerdings nicht«, murrte meine Tante widerstrebend, »aber schlimm ist es doch. Na! Wenigstens heißt sie jetzt Barkis. Wenigstens ein Trost. Barkis hat dich ungemein gern, Trot.«

»Es gibt nichts, was sie meinetwegen nicht täte«, sagte ich.

»Ja, das glaube ich auch. Was hat mich das arme Geschöpf gebeten und angefleht, etwas von ihrem Gelde anzunehmen, – ›weil sie zuviel hat.‹ Das arme Schaf.« Dabei rannen meiner Tante Tränen der Rührung in das warme Ale.

»Sie ist das lächerlichste Geschöpf, das je geboren wurde«, fuhr sie fort. »Vom ersten Augenblick an, als ich sie bei deiner Mutter, dem armen, guten Kinde, sah, erschien sie mir schon als die allerlächerlichste Person auf der Welt. Aber die Barkis hat ihre guten Seiten.«

Sie stellte sich, als ob sie lachte, trocknete sich aber heimlich die Tränen. Dann beschäftigte sie sich wieder mit ihren Röstschnitten. »Ach du meine Güte«, seufzte sie dabei, »ich weiß alles, Trot. Barkis und ich hatten eine lange Unterredung, als du mit Dick fort warst. Ich weiß alles. Ich weiß nur nicht, wo diese unglückseligen Mädchen immer hinauswollen. Sie müssen sich mit aller Gewalt den Schädel einrennen an – an Kaminsimsen –« dieser Gedanke fiel ihr wahrscheinlich ein, weil sie gerade das meinige betrachtete.

»Arme Emly!« sagte ich.

»Ach, sprich mir nicht von arm. Sie hätte sichs vorher überlegen müssen, ehe sie so viel Unheil anrichtete. Gib mir einen Kuß, Trot. Es tut mir leid, daß du so frühzeitig so traurige Erfahrungen machen mußtest.«

Als ich mich zu ihr hinüberbeugte, stellte sie ihr Glas auf mein Knie, um mich auf dem Stuhl festzuhalten, und sagte:

»Ach Trot, Trot! du bildest dir also ein, du wärest verliebt. Wie?«

»Einbilden!« rief ich aus mit brennrotem Gesicht. »Ich bete sie aus ganzer Seele an.«

»Dora. Hm, hm«, entgegnete meine Tante. »Du wirst natürlich behaupten, das kleine Ding sei bezaubernd.«

»Liebe Tante, kein Mensch kann sich vorstellen, wie sie wirklich ist.«

»Kein Gänschen?«

»Ein Gänschen, Tante!«

Ich glaube wirklich, ich hatte mich auch nicht einen Augenblick je gefragt, ob Dora das sei oder nicht. Ich wies den Gedanken natürlich zurück, aber seine Neuheit machte einigen Eindruck auf mich.

»Nicht leichtsinnig?« fragte meine Tante.

»Leichtsinnig, Tante!«

»Schon gut, schon gut, ich frage ja nur. Ich will sie nicht herabsetzen. Armes Liebespärchen! Und ihr glaubt also, ihr wäret füreinander geschaffen und wollt ein Leben miteinander führen wie zwei kleine Zuckerpuppen, nicht wahr, Trot?«

Sie sprach so freundlich zu mir und mit so sanfter, halb scherzender, halb bekümmerter Miene, daß ich ganz gerührt war.

»Ich weiß wohl, Tante, wir sind jung und unerfahren und schwatzen viel kindisches Zeug. Aber wir lieben uns wahrhaftig, das weiß ich gewiß. Wenn ich denken könnte, daß Dora je einen andern lieben würde, so weiß ich nicht, was ich tun müßte, – ich glaube, ich würde wahnsinnig.«

»Ach Trot«, sagte meine Tante und schüttelte ernst lächelnd den Kopf, »blind, blind, blind.«

»Jemand, den ich kenne, Trot«, fuhr sie nach einer Pause fort, »hat einen fügsamen Charakter und eine Tiefe des Gemütes, die mich an das arme Kind erinnert. Nach echtem, aufrichtigem Ernst muß sich dieser Jemand umsehen, damit es ihn stütze und vervollkommne, Trot! Nach wirklicher ernster Gemütstiefe!«

»Wenn du nur Dora kenntest«, rief ich aus.

»O Trot«, sagte meine Tante wieder, »blind, blind!« Und ohne zu wissen, warum und wieso, empfand ich ein dunkles Gefühl eines Mangels an etwas, das wie eine Wolke mein Gemüt verdunkelte.

»Ich will nicht etwa zwei junge Geschöpfe auseinanderbringen oder unglücklich machen, und wenn es auch eine Knaben- und Mädchenliebe ist und aus solchen Liebschaften sehr oft – ich sage, nicht immer – nichts wird, so wollen wir doch ernsthaft davon sprechen und hoffen, daß alles einen glücklichen Ausgang nimmt. Wir haben ja Zeit genug zu warten.«

Das klang für einen leidenschaftlich Verliebten nicht sehr tröstlich, aber immerhin freute es mich, daß mich meine Tante ins Vertrauen gezogen hatte, und ich bedachte, wie erschöpft sie sein mußte. So bedankte ich mich denn bei ihr innigst für den Beweis ihrer Liebe und für alles andre Gute, was sie an mir getan, und nach einem zärtlichen Gutenacht ging sie in mein Schlafzimmer.

Wie unglücklich fühlte ich mich, als ich mich niederlegte. Immer und immer wieder mußte ich daran denken, daß Mr. Spenlow in mir nur den armen Menschen sehen würde; daß ich nicht mehr derselbe sei wie damals, als ich mich mit Dora verlobte, und als anständiger Mensch verpflichtet wäre ihr zu sagen, wie sich mit einem Schlag meine Lage verändert habe und sie ihres Wortes entbinden müßte. Dazu kamen noch die Sorgen, wovon ich während meiner Lehrzeit, wo ich noch nichts verdiente, leben sollte. Ich mußte doch etwas für meine Tante tun und konnte nichts entdecken. Ich malte mir aus, ich würde schließlich so herunterkommen, daß ich kein Geld mehr hätte und einen schäbigen Rock tragen müßte, Dora keine kleinen Geschenke mehr bringen und keine feurigen Eisenschimmel mehr würde reiten können. Sosehr ich in all dem meine Selbstsucht erkannte, so liebte ich doch Dora zu sehr, um nicht daran denken zu müssen. Ich wußte, daß es unrecht war, nicht immerwährend meine Tante vor Augen zu haben, aber meine Selbstsucht war so unzertrennlich von Dora, daß ich auf keine andern Gedanken kommen konnte. Wie entsetzlich unglücklich ich mich in jener Nacht fühlte!

Im Halbschlaf träumte ich von Armut in allen möglichen Gestalten. Ich ging zerlumpt einher, verkaufte Dora Zündhölzer, sechs Schachteln für einen halben Penny, saß in der Kanzlei im Nachthemd, und Mr. Spenlow machte mir Vorwürfe, daß ich in so luftiger Kleidung vor den Klienten erscheine; dann las ich wieder gierig die Brösel auf, die der alte Tiffey von seinem Frühstückszwieback, den er regelmäßig Schlag ein Uhr verzehrte, fallen ließ, und machte den hoffnungslosen Versuch, einen Eheschein für Dora und mich zu bekommen, hatte aber dafür nichts anzubieten als einen von Uriah Heeps Handschuhen, den die ganze Richterversammlung der Commons einstimmig zurückwies; und immer wälzte ich mich, mir meines eignen Zimmers mehr oder weniger bewußt, wie ein abgetakeltes Schiff in einem Meer von Bettlaken herum.

Meine Tante konnte auch nicht schlafen, und ich hörte sie mehrere Male im Zimmer auf und ab gehen. Zwei- oder dreimal kam sie in einem langen Flanelltuch, in dem sie sieben Fuß hoch aussah, wie ein Geist in mein Zimmer und trat an mein Sofa. Das erste Mal sprang ich erschrocken auf und vernahm, daß sie aus einem eigentümlich hellen Schein am Himmel schloß, die Westminster-Abtei stehe in Flammen, und wissen wollte, ob bei Umspringen des Windes Gefahr sei, daß das Feuer die Buckingham Straße ergriffe. Die beiden andern Male blieb ich still liegen, und da setzte sie sich auf einen Stuhl in meiner Nähe, murmelte leise vor sich hin: Armer Junge! und ich fühlte mich zwanzigmal unglücklicher noch durch das Bewußtsein, wie uneigennützig sie und wie selbstsüchtig ich dachte.

Ich konnte kaum glauben, daß eine Nacht, die mir so lang erschien, irgend jemand auf der Welt kürzer vorkommen könnte. Diese Betrachtung gaukelte mir eine Gesellschaft vor, wo die Leute sich die Zeit mit Tanz vertrieben, bis alles ein Traum wurde und ich die Musik unaufhörlich eine Melodie spielen hörte und Dora unablässig tanzen sah, ohne daß sie mich im mindesten beachtete. Der Mann, der die ganze Nacht hindurch die Harfe gespielt hatte, wollte dann sein Instrument vergeblich in eine gewöhnliche Nachtmütze einwickeln, als ich aufwachte, oder besser gesagt, als ich aufhörte zu versuchen, einzuschlafen, und endlich die Sonne durch die Fenster scheinen sah.

Damals befand sich am Ende einer der Nebenstraßen, die in den Strand ausmünden, ein römisches Bad, wo ich oft hinzugehen pflegte, um eine kalte Dusche zu nehmen. Ich zog mich so still wie möglich an, überließ Peggotty die Sorge für meine Tante und stürzte mich kopfüber ins Wasser, um sodann einen Spaziergang nach Hamptstead zu machen. Ich hoffte, daß diese Erfrischung mir einen klaren Kopf verschaffen würde, und es schien auch der Fall gewesen zu sein, denn ich faßte sogleich den Entschluß, einen Versuch zu machen, ob nicht mein Lehrkontrakt aufgehoben und das Einschreibegeld wieder zurückbezahlt werden könnte. Ich ließ mir in einem Gasthaus auf der Heide ein Frühstück geben und ging auf den taubenetzten Wegen, umgeben von dem angenehmen Duft der Sommerblumen, die in den Gärten wuchsen oder in die Stadt getragen wurden, in die Kanzlei, um meinen Plan auszuführen.

Ich kam so früh, daß ich noch eine halbe Stunde vor dem Bureau auf und ab gehen mußte, ehe der alte Tiffey, der immer der erste war, mit den Schlüsseln erschien. Dann setzte ich mich in einen dunkeln Winkel, betrachtete das Sonnenlicht an den Schornsteinen gegenüber und dachte an Dora, bis Mr. Spenlow, gelockt und gekräuselt wie immer, hereintrat.

»Wie gehts, Copperfield?« sagte er. »Ein feiner Morgen.«

»Ein schöner Morgen, Sir. Könnte ich ein paar Worte mit Ihnen sprechen, ehe Sie aufs Gericht gehen?«

»Selbstverständlich«, sagte er. »Kommen Sie in mein Zimmer.«

Ich folgte ihm in sein Bureau, wo er seinen Talar anzog und sich in einem kleinen Spiegel an der Innenseite einer Schranktür betrachtete.

»Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, Sir«, begann ich, »daß ich recht unangenehme Nachrichten von meiner Tante erhalten habe.«

»O Gott! Doch hoffentlich kein Schlaganfall?«

»Es hat mit Gesundheit nichts zu tun, Sir. Sie hat große Verluste erlitten. Es bleibt ihr nur mehr sehr wenig übrig.«

»Sie über-raschen mich, Copperfield!« rief Mr. Spenlow.

Ich schüttelte den Kopf. »Ihre Verhältnisse haben sich derart verändert, daß ich Sie fragen möchte, ob es nicht möglich wäre, natürlich mit Aufopferung eines Teils meiner Einschreibegebühr«, – das setzte ich aus freien Stücken hinzu, veranlaßt durch den Ausdruck seines Gesichts – »meinen Kontrakt rückgängig zu machen.«

Niemand kann sich eine Vorstellung machen, was dieser Vorschlag für mich bedeutete. Es war so gut wie eine Bitte, auf Gnadenwege zur Verbannung von Dora verurteilt zu werden.

»Ihren Lehrkontrakt rückgängig zu machen, Copperfield? rückgängig zu machen?«

Ich setzte mit leidlicher Fassung auseinander, daß ich wirklich nicht wüßte, woher ich meine Subsistenzmittel hernehmen sollte, wenn ich sie nicht selbst verdiente.

»Betreffs der Zukunft«, sagte ich, »hege ich keine Besorgnis –« und ich legte darauf großen Nachdruck, wie, um auf eine Möglichkeit, später einmal doch noch sein Schwiegersohn werden zu können, hinzudeuten –, aber für jetzt sei ich auf meine eignen Einkünfte angewiesen.

»Es tut mir außerordentlich leid, Copperfield, das zu hören«, sagte Mr. Spenlow. »Ganz außerordentlich leid. Es ist nicht üblich, aus solchem Anlaß Lehrkontrakte rückgängig zu machen. Es ist in keiner Hinsicht geschäftsmäßig. Es ist kein empfehlenswerter Präzedenzfall. Durchaus nicht. Andererseits –«

»Sie sind sehr gütig, Sir«, murmelte ich in der Annahme, daß er eine Ausnahme machen wolle.

»O, ich bitte sehr«, wehrte Mr. Spenlow ab. »Andererseits, wollte ich sagen, wenn es mir vergönnt wäre, freie Hand zu haben, – wenn ich nicht einen Associe hätte, – Mr. Jorkins –«

Meine Hoffnungen waren mit einem Schlage vernichtet, aber ich machte noch einen Versuch.

»Meinen Sie nicht vielleicht, Sir«, sagte ich, »wenn ich mit Mr. Jorkins spräche –«

Mr. Spenlow schüttelte entmutigend den Kopf. »Gott verhüte, Copperfield, daß ich jemand Unrecht tun sollte, am allerwenigsten Mr. Jorkins. Aber ich kenne meinen Associe, Copperfield! Mr. Jorkins ist nicht der Mann, der auf einen Vorschlag so eigentümlicher Art eingehen würde. Mr. Jorkins läßt sich nur sehr schwer von dem gewohnten Wege abbringen. Sie wissen doch, wie er ist.«

Ich wußte gar nichts von ihm, als daß er ursprünglich allein im Geschäft gewesen war und jetzt in einem kahlen Hause nicht weit vom Montagu Square wohnte, sehr spät kam und sehr früh wegging, eine Treppe höher ein kleines finsteres Bureau innehatte, wo nie Geschäfte abgewickelt wurden, auf einem Pult eine alte Papiermappe lag, ohne jeden Tintenfleck und, wie die Sage ging, zwanzig Jahre alt.

»Würden Sie etwas dagegen haben, wenn ich mit ihm davon spräche, Sir?«

»Durchaus nicht, aber ich kenne Mr. Jorkins einigermaßen. Ich wollte, es wäre anders, und ich würde mich glücklich schätzen, Ihren Wünschen entsprechen zu dürfen. Ich habe nicht das mindeste dagegen, daß Sie mit Mr. Jorkins darüber sprechen, Copperfield, – wenn Sie es der Mühe wert halten.«

Entschlossen, von dieser Erlaubnis Gebrauch zu machen, die Mr. Spenlow mir mit einem warmen Händedruck gab, setzte ich mich wieder hin, dachte an Dora und beobachtete, wie sich die Sonnenstrahlen von den Rauchfängen auf die Mauer des gegenüberliegenden Hauses stahlen, bis Mr. Jorkins kam. Dann stieg ich in sein Zimmer hinauf und überraschte ihn offenbar sehr durch mein Erscheinen.

»Nur herein, Mr. Copperfield«, sagte er. »Nur herein.«

Ich trat ein und setzte mich und brachte mein Anliegen mit denselben Worten vor wie soeben Mr. Spenlow. Mr. Jorkins war keineswegs der schreckliche Mensch, den man hätte erwarten sollen, sondern ein dicker Herr von sechzig Jahren und einem sanften Gesicht. Er verbrauchte so viel Schnupftabak, daß in den Commons die Sage ging, er lebe fast nur von diesem Reizmittel, da für einen andern Nahrungsstoff in seinem System kein Platz mehr sei.

»Sie haben wahrscheinlich darüber schon mit Mr. Spenlow gesprochen«, sagte Mr. Jorkins, als er mir sehr unruhig bis zu Ende zugehört hatte.

Ich bejahte und sagte ihm, Mr. Spenlow habe seinen Namen genannt.

»Er sagte, ich würde Einwendungen erheben?«

Ich mußte zugeben, daß Mr. Spenlow dies für wahrscheinlich gehalten hatte.

»Es tut mir leid, Ihrem Wunsche nicht willfahren zu können, Mr. Copperfield«, sagte Mr. Jorkins nervös. »Tatsache ist – aber ich habe auf der Bank zu tun, und Sie werden gewiß die Güte haben mich zu entschuldigen.«

Damit stand er in größter Eile auf und wollte das Zimmer verlassen, als ich mir noch einmal ein Herz faßte und sagte, daß sich also leider wohl die Sache nicht würde arrangieren lassen.

»Nein.« Mr. Jorkins blieb in der Türe stehen, um den Kopf zu schütteln. »Nein, ich erhebe Einwand dagegen«, sagte er rasch und ging hinaus. »Sie müssen bedenken, Mr. Copperfield«, setzte er hinzu und sah wieder zur Türe herein, »wenn Mr. Spenlow Einwendungen erhebt –«

»Persönlich macht er keine Einwendungen«, warf ich ein.

»Ja, ja, persönlich!« wiederholte Mr. Jorkins ungeduldig. »Ich versichere Ihnen, Mr. Copperfield, es sind eben Einwendungen da, die Sache ist hoffnungslos. Was sie wünschen, kann nicht geschehen. Ich – ich habe wahrhaftig auf der Bank zu tun.« Damit floh er geradezu und zeigte sich, soviel ich weiß, drei Tage lang nicht wieder in den Commons.

Da ich nichts unversucht lassen wollte, wartete ich, bis Mr. Spenlow wieder zurückkam, und erzählte ihm, was geschehen war, wobei ich ihm zu verstehen gab, daß ich nicht ohne Hoffnung sei, ihm werde es gelingen, das steinerne Herz Mr. Jorkins‘ zu erweichen, wenn er es nur versuchen wollte.

»Copperfield«, entgegnete Mr. Spenlow mit einem gewinnenden Lächeln«, Sie kennen meinen Associe, Mr. Jorkins, noch nicht so lange wie ich. Nichts liegt mir ferner, als Mr. Jorkins irgendwelche Unaufrichtigkeiten zuzutrauen, aber er hat eine eigentümliche Art, seinen Einwendungen Ausdruck zu verleihen, wodurch sich die Leute oft täuschen lassen. Nein, Copperfield, Mr. Jorkins läßt sich nicht umstimmen, darauf können Sie sich verlassen.«

Ich wußte gar nicht mehr, wen von beiden, Mr. Spenlow oder Mr. Jorkins, ich eigentlich für den Einwand erhebenden Firmateilhaber halten sollte, aber das eine war mir klar, daß von einer Rückzahlung der tausend Pfund nicht die Rede sein konnte. In großer Niedergeschlagenheit verließ ich die Kanzlei, immer in Gedanken mit Dora beschäftigt, und ging nach Hause.

Ich stellte mir im Geiste bereits das Allerschlimmste vor und malte mir alles im schwärzesten Lichte aus, als ein Fiaker mich einholte, neben mir hielt und mich dadurch aufblicken machte. Eine schöne Hand streckte sich mir aus dem Fenster entgegen und das Gesicht, in das ich nie ohne eine Empfindung von Beruhigung und Glück geblickt, von dem Augenblick an, wo es sich zum ersten Mal auf der eichenen alten Treppe mit dem großen breiten Geländer zurückwandte und ich seine sanfte Schönheit mit einem Kirchenfenster verglichen hatte, lächelte mir zu.

»Agnes!« rief ich entzückt, »liebe Agnes, welche Freude, gerade dich von allen Menschen auf der Welt zu sehen.«

»Wirklich?« sagte sie herzlich.

»Ich möchte so gerne mit dir sprechen. Wie wird mir das Herz so leicht, wenn ich dich nur ansehe. Wenn ich einen Zauberstab besäße, niemand anders als dich würde ich mir herbeigewünscht haben.«

»So?« – Agnes lächelte.

»Nun, vielleicht zuerst Dora«, gab ich errötend zu.

»Gewiß, zuerst Dora. Hoffentlich!« sagte Agnes lachend.

»Dann aber sofort dich! Wohin fährst du?«

Sie stand im Begriffe in meine Wohnung zu fahren, um meine Tante zu besuchen. Da das Wetter sehr schön war, schickten wir den Wagen fort, sie nahm meinen Arm, und wir gingen zusammen weiter. Sie kam mir vor wie die verkörperte Hoffnung. Wie ganz anders fühlte ich mich jetzt, wo sie neben mir ging.

Meine Tante hatte Agnes eins ihrer wunderlichen kurzen Billeten geschrieben – nicht länger als eine Banknote –, auf die sich ihre briefstellerischen Leistungen gewöhnlich beschränkten. Sie hatte darin gesagt, daß sie in Unglück geraten sei und Dover verlassen habe, sich aber sonst wohl befinde, so daß sich ihre Freunde keine Sorge um sie zu machen brauchten.

Agnes war nach London gekommen, um sie zu besuchen, da sie schon seit mehreren Jahren auf sehr gutem Fuße mit ihr stand. Die gegenseitige Zuneigung der beiden datierte von jener Zeit her, als ich in Mr. Wickfields Haus zog.

Agnes sagte, sie sei nicht allein. Ihr Papa hätte sie begleitet und – Uriah Heep.

»Also sind sie jetzt Associes?« fragte ich. »Verwünscht sei dieser Heep!«

»Ja, sie haben verschiedene Geschäfte hier abzuwickeln, und ich benützte die Gelegenheit, um ebenfalls mitzukommen. Du mußt nicht glauben, daß mein Besuch bei deiner Tante ganz allein aus Freundschaft entspringt, Trotwood, aber um es dir nur zu gestehen, ich fürchte mich, Papa mit Uriah allein reisen zu lassen.«

»Übt er immer noch denselben Einfluß auf Mr. Wickfield aus?«

Agnes nickte. »Daheim ist alles so verändert, daß du das alte liebe Haus kaum mehr wiedererkennen würdest. Sie wohnen jetzt bei uns.«

»Sie?« fragte ich.

»Mr. Heep und seine Mutter. Er schläft in deinem alten Zimmer«, sagte Agnes und sah mir ruhig in die Augen.

»Ich wollte, ich könnte seine Träume beeinflussen«, seufzte ich. »Dann würde er nicht mehr lang dort schlafen.«

»Ich habe noch mein kleines Zimmerchen, wo ich früher meine Aufgaben machte. Wie doch die Zeit vergeht! Erinnerst du dich? Das kleine getäfelte Zimmer neben dem Salon.«

»Ob ich mich noch erinnere, Agnes? Wo ich dich zum ersten Mal sah, wie du mit dem hübschen, kleinen Schlüsselkörbchen am Arm zur Türe heraustratest.«

»Ja, ja«, sagte Agnes lächelnd. »Es freut mich, daß du noch mit Liebe daran zurückdenkst. Wir waren damals sehr glücklich.«

»Ja, das waren wir, Agnes.«

»Es ist jetzt noch mein Zimmer, aber ich kann Mrs. Heep nicht immer allein lassen und muß ihr manchmal Gesellschaft leisten, wenn ich lieber allein sein möchte. Aber sonst kann ich mich über sie nicht beklagen. Wenn sie mich manchmal durch ihre ewigen Lobsprüche auf ihren Sohn langweilt, so ist das bei einer Mutter natürlich. Er handelt als guter Sohn an ihr.«

Ich blickte Agnes forschend an, konnte aber in ihren Zügen nicht entdecken, ob sie etwas von Uriahs Plänen erraten hatte. Ihre sanften, ernsten Augen sahen mich mit ihrer gewohnten schönen Offenheit an, und in ihrem Antlitz war keine Veränderung zu bemerken.

»Das Hauptübel ihrer Anwesenheit im Hause ist, daß ich nicht mehr so beständig in Papas Nähe sein und ihn bewachen kann, wenn ich mich damit nicht zu kühn ausdrücke. Spinnt Uriah Heep einen verräterischen Plan gegen ihn, so hoffe ich, daß Wahrheit und schlichte Liebe am Ende stärker sein werden. Ich hoffe, daß sie imstande sind, alles Übel und Unglück in der Welt am Ende zu überwinden.«

Ein gewisses freudiges Lächeln, das ich nie auf einem andern Gesicht gesehen, verschwand in ihren Mienen, während ich noch darüber nachdenken mußte, wie schön es sei und wie oft ich es gesehen, und sie fragte mich mit rasch verändertem Ausdruck – wir bogen gerade in die Buckingham Straße ein –, ob ich wüßte, wie es mit dem Vermögensverlust meiner Tante zugegangen sei. Auf meine verneinende Antwort wurde sie nachdenklich, und es kam mir vor, als ob ihr Arm in dem meinen zitterte.

Wir fanden meine Tante allein und in einiger Aufregung. Eine Meinungsverschiedenheit hatte sich zwischen ihr und Mrs. Crupp über eine theoretische Frage (ob es sich für das schönere Geschlecht schicke, in möblierten Mietszimmern zu wohnen) abgespielt, und meine Tante, gegen die »Krämpf« der Mrs. Crupp gänzlich unempfindlich, hatte den Streit damit kurz abgeschnitten, daß sie dieser Dame rundheraus sagte, sie röche nach Schnaps und möchte so gut sein, lieber hinauszugehen. Beide Äußerungen betrachtete Mrs. Crupp als strafbare Beleidigungen und hatte die Absicht ausgesprochen, das »Gricht« anzurufen.

Meine Tante hatte jedoch Zeit und Muße gehabt sich zu beruhigen, denn Peggotty war mit Mr. Dick ausgegangen, um ihm die berittene Leibwache zu zeigen, – und freute sich sehr, Agnes zu sehen. Sie schien auf den erlittenen Schicksalsschlag fast stolz zu sein und empfing uns in bester Laune. Als Agnes ihren Hut ablegte und sich neben meine Tante setzte, konnte ich nicht umhin mir zu denken, daß hier so recht ihr natürlicher Platz sei. Wie fest vertraute ihr meine Tante trotz ihrer Jugend und Unerfahrenheit, und wie stark war Agnes in ihrer schlichten Liebe und Wahrhaftigkeit.

Wir sprachen von dem Vermögensverlust, und ich erzählte, wie mein Versuch heute morgen ausgefallen.

»Das war unüberlegt, Trot«, sagte meine Tante, »wenn auch gut gemeint. Du bist ein hochherziger Junge, – ich muß jetzt wohl schon sagen, junger Mann, und ich bin stolz auf dich. Soweit wäre alles gut. Aber jetzt, Trot und Agnes, wollen wir dem Fall Betsey Trotwood ins Gesicht sehen und uns klarwerden, wie alles steht.«

Ich bemerkte, daß Agnes blaß wurde und meine Tante sehr aufmerksam beobachtete. Meine Tante streichelte ihre Katze und sah Agnes ebenfalls sehr aufmerksam an.

»Betsey Trotwood also, die immer ihre Geldangelegenheiten selbst abwickelte – ich meine nicht deine Schwester, lieber Trot, sondern mich selbst –, besaß einiges Vermögen. Es kommt nicht darauf an, wieviel, aber es war genug, um zu leben. Eigentlich noch mehr; sie hatte etwas gespart und dazugelegt. Betsey deponierte ihr Vermögen für einige Zeit in der Bank und legte es dann auf den Rat ihres Anwalts in Hypotheken an. Das warf recht anständige Zinsen ab, bis Betsey ausbezahlt wurde. Jetzt hatte sich also Betsey nach einer neuen Gelegenheit, ihr Geld anzulegen, umzusehen. Sie glaubte, sie sei klüger als ihr Anwalt, der jetzt kein so guter Geschäftsmann mehr zu sein schien wie früher – ich meine deinen Vater, Agnes –, und sie setzte sich in den Kopf, das Geld auf eigne Faust zu verwalten. Sie trieb sozusagen ihre Schafe auf einen auswärtigen Markt, und zwar in einen schlechten. Zuerst verlor sie in Minenwerten und dann beim Suchen nach Schätzen im Meer und anderm Unsinn, verlor dann wieder bei Minenwerten und zum Schluß den letzten Rest in Bankpapieren. Ich weiß nicht, wieviel die Bankaktien eine Zeitlang wert waren, sie notierten sogar einmal hundert Prozent über pari. Aber die Bank stand am andern Ende der Erde und muß wohl in den Weltraum hinabgerutscht sein. Jedenfalls ging sie in Trümmer, und niemals mehr wird ein Sixpence herausschauen. Und damit ist die Geschichte aus. Je weniger man darüber spricht, desto besser.«

Meine Tante schloß ihren philosophischen Bericht mit einem triumphierenden Blick auf Agnes, deren Farbe allmählich wieder zurückkehrte.

»Ist das die ganze Geschichte, liebe Miss Trotwood?« fragte Agnes.

»Ich denke, es ist genug, mein Kind. Wenn noch mehr Geld zuzusetzen gewesen wäre, würde sie gewiß noch nicht aus sein. Es wäre Betsey schon gelungen, auch den Rest noch dem übrigen nachzuwerfen und ein zweites Kapitel daraus zu machen. Aber das Geld ist alle, und die Geschichte ist aus.«

Agnes hatte zuerst mit angehaltnem Atem zugehört, sie wurde immer noch abwechselnd blaß und rot, atmete aber freier auf. Ich glaubte zu wissen, warum. Sie fürchtete, ihr armer Vater wäre in irgendeiner Weise an dem Geschehenen schuld.

Meine Tante faßte sie bei der Hand und lachte.

»Die Geschichte ist aus, und wenn sie nicht gestorben ist, so lebt sie heute noch glücklich und in Freuden. Vielleicht kann ich das auch noch einmal von Betsey sagen. Du, Agnes, bist ein gescheites Kind und auch du, Trot, wenigstens in manchen Dingen, in allen kann man das noch nicht behaupten«; bei diesen Worten schüttelte meine Tante mit der ihr eigentümlichen Energie den Kopf. »Was ist also zu tun? Vorerst haben wir das Häuschen, das jährlich so ungefähr siebzig Pfund einbringt. Ich glaube, wir können es dafür lassen. Das ist alles«, sagte meine Tante, die die Eigentümlichkeit hatte, wie edle Pferde mit einem Ruck mitten im schärfsten Tempo innezuhalten.

»Dann«, fuhr sie nach einer Pause fort, »haben wir Dick. Er bekommt hundert Pfund jährlich, aber das muß natürlich für ihn allein ausgegeben werden. Ich würde ihn lieber fortschicken, obgleich ich weiß, daß ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der ihn gehörig würdigt, als daß ich ihn bei mir behielte und das Geld anders als für ihn verwendete. Wie können also, Trot und ich, am besten mit unsern Mitteln auskommen. Was meinst du, Agnes?«

»Ich meine, Tante«, fiel ich ein, »daß ich irgend etwas anfangen muß.«

»Soldat werden, meinst du wohl?« rief meine Tante ganz erschrocken, »oder zur See gehen? Ich will nichts hören. Du sollst ein Proktor werden.«

Ich wollte gerade eine neue Auseinandersetzung beginnen, als Agnes fragte, ob meine Zimmer für lange Zeit gemietet seien.

»Du triffst den rechten Punkt, meine Liebe«, sagte meine Tante. »Für die nächsten sechs Monate wenigstens sind sie nicht loszuwerden. Wir müßten sie denn anderweitig anbringen können, und daran glaube ich nicht. Der letzte Mieter starb hier. Fünf Menschen von sechsen würden natürlich an dieser Frau in Nankingkleidern mit dem flanellnen Unterrock zugrunde gehen. Ich besitze noch eine kleine Summe in bar und glaube, es ist das beste, die noch übrigen sechs Monate hierzubleiben und für Dick ganz in der Nähe ein Schlafzimmer zu suchen.«

Ich hielt es für meine Pflicht, meine Tante auf die Unannehmlichkeit eines beständigen Guerillakrieges mit Mrs. Crupp aufmerksam zu machen, aber sie beseitigte den Einwand summarisch durch die Erklärung, daß sie bei dem ersten Ausbruch von Feindseligkeiten Mrs. Crupp für den ganzen Rest ihrer Lebenszeit in höchstes Erstaunen setzen wollte.

»Ich habe mir gedacht, Trotwood«, sagte Agnes schüchtern, »daß, wenn du Zeit hättest –«

»Ich habe sehr viel Zeit, Agnes. Ich bin immer von vier oder fünf Uhr an frei und habe auch in den Morgenstunden Zeit. So und so«, sagte ich und errötete bei dem Gedanken, wie viele, viele Stunden ich in den Straßen der Stadt und auf der Landstraße nach Norwood vertrödelt hatte, »bleibt mir vollauf Zeit übrig.«

»Ich glaube, die Beschäftigung eines Sekretärs würde dir vielleicht nicht schwerfallen«, sagte Agnes, beugte sich zu mir und sprach mit leiser Stimme so lieb und voll Hoffnungsfreudigkeit, daß es mir heute noch in den Ohren klingt.

»Schwerfallen, liebe Agnes?«

»Dr. Strong hat nämlich jetzt wirklich seine Stelle niedergelegt«, fuhr sie fort, »ist nach London gezogen und hat Papa nach einem Sekretär gefragt. Meinst du nicht, er würde lieber als jeden andern seinen ehemaligen Lieblingsschüler um sich haben?«

»Liebe Agnes«, rief ich aus, »was wäre ich ohne dich! Du bist stets mein guter Engel. Ich habe es doch immer gesagt. Du bist es immer und immer wieder.«

Agnes erwiderte mit fröhlichem Lachen, daß vorläufig ein guter Engel – sie spielte auf Dora an – ausreiche, und erzählte mir, daß der Doktor gewöhnlich die frühen Morgenstunden und den Abend zu arbeiten pflegte und meine freie Zeit ihm daher vortrefflich passen würde. Die Aussicht, mir mein Brot selbst zu verdienen, war mir kaum angenehmer als die Hoffnung, bei meinem alten Lehrer angestellt zu sein; kurz, ich schrieb sofort, dem Rate Agnes‘ folgend, einen Brief an ihn, worin ich meinen Wunsch vortrug und meinen Besuch für den nächsten Morgen um zehn Uhr ankündigte. Ich adressierte den Brief nach Highgate – denn in jener für mich so denkwürdigen Gegend wohnte er – und trug ihn augenblicklich selbst auf die Post.

Wo auch Agnes hinkam, immer verriet sogleich irgendein angenehmes Zeichen ihre Gegenwart und geräuschlose Tätigkeit. Als ich zurückkam, hatten die Vogelbauer meiner Tante einen Platz am Fenster gefunden, genau so, wie sie in dem Landhaus in Dover gehangen; mein Lehnstuhl, allerdings nicht so bequem wie der dortige, stand an der entsprechenden Stelle am offenen Fenster, und selbst der runde, grüne Schirm, den meine Tante mitgebracht, war auf das Fensterbrett festgeschraubt. Ich würde im Augenblick erraten haben, wer das alles gemacht und meine lange vernachlässigten Bücher in der aus der Schulzeit gewohnten Ordnung aufgestellt hatte, selbst wenn ich von Agnes‘ Anwesenheit nichts gewußt hätte.

Meine Tante war sehr gnädig hinsichtlich des Anblicks der Themse (der Fluß sah im Sonnenschein ganz hübsch aus, wenn auch nicht so schön wie das Meer vor dem Landhause), aber mit dem Londoner Rauch konnte sie sich nicht abfinden, der, wie sie sich ausdrückte, alles mit Pfeffer bestreue.

Wegen dieses Pfeffers wurde eine vollständige Umwälzung, bei der Peggotty eine hervorragende Rolle spielte, in jedem Winkel meines Zimmers veranstaltet, und ich sah zu und dachte, wie geräuschvoll selbst Peggotty zu hantieren schien, verglichen mit Agnes, – da klopfte es an die Tür.

»Ich glaube«, sagte Agnes und wurde blaß, »es ist Papa. Er versprach mir herzukommen.«

Ich öffnete die Tür, und nicht nur Mr. Wickfield, sondern auch Uriah Heep traten herein. Ich hatte Mr. Wickfield längere Zeit nicht gesehen. Nach Agnes‘ Erzählungen hatte ich mich wohl darauf gefaßt gemacht, ihn sehr verändert zu finden, aber sein Aussehen erschütterte mich geradezu.

Er sah viele Jahre älter aus, sein Gesicht zeigte eine ungesunde Röte, aber er war immer noch mit derselben peinlichen Sorgfalt gekleidet; seine Augen waren entzündet und blutunterlaufen, und seine Hand zitterte – ich wußte warum und hatte es schon vor Jahren kommen sehen. Aber nicht sein verändertes Aussehen – von seiner vornehmen Haltung hatte er nicht das geringste eingebüßt – fiel mir so sehr auf, sondern der Umstand, daß er bei allen noch vorhandenen Zeichen einer angebornen Überlegenheit sich dieser kriecherischen Verkörperung von Gemeinheit – Uriah Heep – unterordnete. Die unnatürliche Stellung dieser beiden Charaktere zueinander, so daß Uriah jetzt der Gebieter und Mr. Wickfield der Abhängige war, machte mir einen peinlicheren und entwürdigenderen Eindruck, als wenn ich einen Affen hätte einem Menschen befehlen sehen.

Mr. Wickfield schien sich alles dessen nur zu sehr bewußt zu sein. Als er hereinkam, blieb er stehen, das Haupt gebeugt, als ob er es fühlte. Das dauerte aber nur einen Augenblick lang, denn Agnes sagte mit sanfter Stimme zu ihm:

»Papa, hier sind Miss Trotwood – und Trotwood, den du so lange nicht gesehen hast!« Und dann trat er näher, gab meiner Tante mit gezwungener Miene die Hand und schüttelte die meine mit größerer Herzlichkeit. Eine Sekunde lang sah ich, daß sich Uriahs Gesicht zu einem bösen Lächeln verzerrte. Ich glaube, auch Agnes sah es, denn sie zog sich schaudernd vor ihm zurück.

Was meine Tante sah oder nicht sah, hätte auch der scharfsinnigste Physiognom nicht aus ihren Mienen lesen können. Ich glaube, es hat nie jemand auf der Welt gegeben, der ein so vollkommen steinernes Gesicht machen konnte. Ihre Mienen hätten in dem vorliegenden Fall ebensogut kahles Mauerwerk sein können, so wenig Licht warfen sie auf ihre Gedanken, bis sie mit ihrer gewohnten Plötzlichkeit das Schweigen brach.

»Na, Wickfield!«

Er sah sie jetzt zum ersten Male an.

»Ich habe Ihrer Tochter erzählt, wie gut ich mein Geld allein angelegt habe, weil ich es Ihnen nicht anvertrauen wollte, da Sie in Geschäftssachen ein wenig schläfrig geworden zu sein schienen. Wir haben die Sache zusammen beraten und sind zu einem guten Schluß gekommen. Agnes wiegt meiner Meinung nach die ganze Firma auf.«

»Wenn ich mir die Freiheit nehmen darf«, sagte Uriah Heep und krümmte sich, »so erlaube ich mir, mit Miss Betsey Trotwood ganz übereinzustimmen, und würde mich glücklich schätzen, wenn Miss Agnes mit zum Geschäft gehörte.«

»Sie gehören ja selbst zum Geschäft«, entgegnete meine Tante, »und das ist gerade genug für Sie, sollte ich meinen. Wie befinden Sie sich?«

Auf diese Frage, die mit ungewöhnlicher Schroffheit gestellt wurde, erwiderte Heep, indem er unruhig die blaue Aktentasche umklammerte, daß er sich recht wohl befinde, meiner Tante danke und hoffe, es gehe ihr ebenso.

»Und Ihnen, Master ? ich wollte sagen, Mister Copperfield?« fuhr er fort, »ich hoffe, Sie sind ebenfalls wohl. Es freut mich außerordentlich, Sie zu sehen, Mister Copperfield, selbst unter den gegenwärtigen Verhältnissen.« Ich glaubte ihm das aufs Wort, denn er strahlte vor Schadenfreude.

»Ihre gegenwärtigen Verhältnisse sind wohl nicht so, wie Ihre Freunde wünschen möchten, Mister Copperfield, aber Geld macht nicht den Mann. Es ist ? meine bescheidenen Kräfte reichen wahrhaftig nicht aus, es in die richtigen Worte zu kleiden ?« sagte Uriah mit einer kriechenden Bewegung, »aber Geld machts nicht.«

Dabei schüttelte er mir die Hand, nicht auf die gewöhnliche Art, sondern indem er in ziemlicher Entfernung von mir stehenblieb und meine Hand wie einen Pumpenschwengel, vor dem er sich ein wenig fürchte, auf und nieder bewegte.

»Und wie finden Sie, sehen wir aus, Master Copperfield ? ich wollte sagen, Mister?« schmeichelte er weiter. »Finden Sie nicht Mr. Wickfield blühend aussehend, Sir? In unserm Geschäft machen Jahre nichts aus, Master Copperfield, außer daß sie die Demütigen, nämlich Mutter und mich, erheben ? und das Schöne, nämlich Miss Agnes, entwickeln.« Er schnellte sich in so widerwärtiger Weise, daß meine Tante, die ihn starr angesehen, alle Geduld verlor.

»Der Kuckuck hole den Menschen«, sagte sie streng. »Was hat er nur? Zappeln Sie nicht so, Sir!«

»Ich bitte um Entschuldigung, Miss Trotwood«, entgegnete Uriah, »ich weiß, Sie sind nervös.«

»Halten Sie den Mund«, sagte meine Tante, durchaus nicht besänftigt. »Was erlauben Sie sich! Ich bin gar nicht nervös. Aber Sie sind ein Aal und benehmen sich so. Wenn Sie ein Mensch sind, behalten Sie Ihre Glieder in der Gewalt, Sir, ? Gott im Himmel!« setzte sie mit großer Entrüstung hinzu. »Ich werde mich nicht aus meinen fünf Sinnen hinausschlängeln und korkziehern lassen.«

Wie leicht begreiflich, war Heep von dieser Explosion ziemlich bestürzt, die noch nachträglich immer stärker auf ihn wirkte, weil meine Tante mit unwilliger Miene auf ihrem Stuhl hin und her rutschte und ihm böse Gesichter schnitt. Er nahm mich beiseite und sagte zu mir in schüchternem Ton:

»Ich weiß recht wohl, Master Copperfield, daß Miss Trotwood bei aller ihrer Vortrefflichkeit ein reizbares Temperament besitzt, habe ich doch schon das Vergnügen ihrer Bekanntschaft vor Ihnen gehabt, Master Copperfield, als ich noch ein niedriger Schreiber war, und es ist nur natürlich, daß sie in den gegenwärtigen Verhältnissen noch gereizter erscheint. Es ist nur ein Wunder, daß es nicht noch schlimmer ist. Ich komme nur her, um zu erklären, daß wir sehr erfreut sein möchten, wenn mir, Mutter und ich oder Wickfield & Heep, bei den gegenwärtigen Verhältnissen etwas tun könnten. – Darf ich mir so viel herausnehmen?« fragte Uriah mit einem verlegnen Lächeln auf seinen Associe.

»Uriah Heep«, sagte Mr. Wickfield monoton und gezwungen, »ist sehr tätig im Geschäft, Trotwood. Was er sagt, hat meine volle Zustimmung, und du weißt, ich fühlte von jeher ein Interesse für dich. Aber abgesehen davon, stimme ich ganz mit Uriah überein.«

»O, was für ein Lohn es ist«, sagte Uriah und zog ein Bein in die Höhe, auf die Gefahr hin, meine Tante abermals zu reizen, »ein solches Vertrauen zu genießen. Aber ich hoffe, ich bin imstande, ihn die Mühseligkeiten des Geschäftes ein wenig abnehmen zu können, Master Copperfield.«

»Uriah Heep ist eine große Stütze für mich«, sagte Mr. Wickfield mit derselben klanglosen Stimme. »Mir ist eine Last von der Seele, Trotwood, seit ich ihn zum Kompagnon habe.«

Ich begriff, der schlaue Rotfuchs ließ ihn das alles sagen, um ihn mir in der Zwangslage vorzustellen, die er mir in jener Nacht, als er meine Ruhe vergiftete, angedeutet hatte. Ich sah wieder dasselbe häßliche Lächeln auf seinem Gesicht und bemerkte, wie er mich lauernd beobachtete.

»Du gehst doch nicht fort, Papa?« fragte Agnes ängstlich. »Willst du nicht warten, bis Trotwood und ich dich heimbegleiten?«

Mr. Wickfield schien einen fragenden Blick auf Uriah werfen zu wollen, doch kam ihm dieser zuvor.

»Ich habe Geschäfte«, sagte Uriah, »sonst würde ich mich glücklich schätzen, hierbleiben zu können. Aber ich lasse meinen Associe als Stellvertreter der Firma da. Miss Agnes, immer der Ihrige! Ich wünsche Ihnen guten Tag, Master Copperfield, und empfehle mich untertänigst bei Miss Betsey Trotwood.«

Mit diesen Worten entfernte er sich, küßte seine große Hand und schielte uns an wie eine Maske.

Wir saßen wohl ein paar Stunden lang zusammen und sprachen von den schönen alten Zeiten in Canterbury. Neben Agnes gewann Mr. Wickfield viel von seinem alten Wesen wieder, obgleich er eine gewisse Gedrücktheit nie loswerden konnte. Dennoch wurde er fröhlicher und hörte uns mit sichtlichem Vergnügen zu, wenn wir uns die vielen kleinen Vorfälle unseres frühern Zusammenlebens zurückriefen. Er sagte, er erinnere sich so gern an die Zeiten, wo er mit Agnes und mir allein gewesen, und wünschte, sie hätten sich nie geändert. In Agnes‘ ruhigem Antlitz und in der bloßen Berührung ihrer Hand lag etwas, das Wunder an ihm tat.

Meine Tante, die sich die ganze Zeit über in dem andern Zimmer zusammen mit Peggotty beschäftigt hatte, wollte nicht mit uns gehen, als wir aufbrachen. So aßen wir zu dritt zusammen in Mr. Wickfields Wohnung. Nach dem Essen setzte sich Agnes neben ihren Vater und schenkte ihm seinen Wein ein.

Er trank nur, was sie ihm reichte und nicht mehr – wie ein gehorsames Kind –, und wir setzten uns, als der Abend anbrach, ans Fenster. Als es fast dunkel geworden war, legte er sich auf ein Sofa, und Agnes rückte ihm die Kissen zurecht und beugte sich eine Weile über ihn, und als sie wieder zum Fenster zurückkehrte, konnte ich Tränen in ihrem Auge glitzern sehen.

Wie sie dann mit mir von Dora sprach, als wir im Dunkeln am Fenster saßen, wie sie meine Lobsprüche anhörte und miteinstimmte! Ach Agnes, Schwester meiner Jugendzeit, wenn ich damals gewußt hätte, was ich lange später erst erfuhr!

Auf der Straße begegnete ich einem Bettler, und als ich nach dem Fenster zurückblickte und an Agnes‘ ruhige Engelsaugen dachte, erschreckte er mich durch sein Gemurmel, das wie ein Echo des Satzes vom verflossenen Morgen klang: »Blind, blind, blind!«

57. Kapitel Die Auswanderer


57. Kapitel Die Auswanderer

Noch eins blieb mir zu tun. Ich mußte das Geschehen den Abreisenden verheimlichen und sie in glücklicher Unwissenheit scheiden lassen. Es galt keine Zeit zu verlieren.

Ich nahm Mr. Micawber noch am selben Abend beiseite und betraute ihn mit dem Auftrag, von Mr. Peggotty jede Nachricht von dem neuen Unglück fernzuhalten. Er übernahm das Amt mit großem Eifer und versprach jede Zeitung zu beseitigen, die unsere Maßnahme hätte vereiteln können.

»Wenn er eine in die Hand bekommt, Sir«, sagte Mr. Micawber und schlug sich auf die Brust, »so muß sie erst durch diesen Leib gehen.«

 

Mr. Micawber hatte sich in seiner Sucht, sich den neuen gesellschaftlichen Zuständen anzupassen, eine Art kühne Seeräubermiene angewöhnt, die, wenn auch nicht gerade aggressiv, so doch bereit aussah, jeden Angriff auf der Stelle zurückzuweisen. Man hätte ihn für einen Sohn der Wildnis halten können, der, seit langem gewohnt, sich jenseits der Grenzen der Zivilisation aufzuhalten, jetzt im Begriffe stand, in die heimatliche Steppe zurückzukehren.

Er hatte sich unter anderm einen vollständigen Ölzeuganzug angeschafft und einen Strohhut mit sehr niedrigem Kopf, der außen mit Pech gedichtet oder kalfatert war. In dieser Tracht, ein Seemannsfernrohr unter dem Arm und mit einer gewissen gewiegten Miene häufig nach Sturm in den Wolken spähend, sah er in seiner Weise viel nautischer aus als Mr. Peggotty. Die ganze Familie stand sozusagen in Schlachtordnung. Mrs. Micawber trug einen unglaublich engen und unbequemen Hut unter dem Kinn zugebunden und einen auf dem Rücken zugeknoteten Schal, der sie wie ein Bündel einhüllte. Miss Micawber hatte sich in ähnlicher Weise gegen stürmisches Wetter wohl verwahrt, und nichts Unzweckmäßiges war an ihr zu sehen. Master Micawber in seinem wollenen Matrosenhemd und den zottigsten Matrosenhosen, die es geben konnte, war kaum erkenntlich, und die Kinder waren wie Konserven in luftdichte Gehäuse eingeschlossen. Sowohl Mr. Micawber wie sein ältester Sohn trugen die Ärmel aufgestreift, zum Zeichen, daß sie bereit seien, überall Hand anzulegen und bei der geringsten Aufforderung aufzuspringen oder zu singen: Hoo, Jüh, Hoo.

So fanden Traddles und ich sie beim Anbruch der Nacht an der hölzernen Treppe, die damals Hungerford Stairs hieß, wo sie der Abfahrt eines Bootes mit einigen ihrer Sachen zusahen. Die Familie wohnte in einem kleinen schmutzigen baufälligen Wirtshaus, das dicht an der Treppe lag und dessen hölzerne Stockwerke über den Fluß hingen. Sie hatten als Auswanderer einiges Interesse in und um Hungerford erregt, und so viel Zuschauer waren herbeigeströmt, daß wir froh waren, uns in ihr Zimmer flüchten zu können. Es lag eine Treppe hoch, und unten strömte die Flut dahin.

Meine Tante und Agnes, emsig beschäftigt für die Kinder noch einige bequeme Kleidungsstücke zu verfertigen, saßen bereits dort. Peggotty half ruhig mit, das alte Arbeitskästchen, das Ellenmaß und den Wachsstumpf neben sich, die schon so viel mitgemacht hatten.

»Wann segelt das Schiff ab, Mr. Micawber?« fragte meine Tante.

Er glaubte wahrscheinlich, meine Tante oder seine Frau nur nach und nach vorbereiten zu dürfen, und antwortete: Früher, als er gestern geglaubt hätte.

»Das Boot hat Ihnen wohl die Nachricht gebracht?«

»Ja, Maam.«

»Nun, und wann geht das Schiff?«

»Maam, ich habe Nachricht erhalten, daß wir morgen früh Punkt sieben Uhr an Bord sein müssen.«

»Der Tausend«, sagte meine Tante. »Das ist früh. Ist es wirklich so, Mr. Peggotty?«

»Freilich, Maam. Es geht mit der Flut den Fluß hinunter. Wenn Masr Davy un mien Swester morgen nachmiddag in Gravesend an Burd kamen, warden Sei uns dat letzte Mal seihn.«

»Und wir kommen natürlich bestimmt.«

 

Es war nicht leicht, Peggotty und ihrem Bruder, ohne etwas von dem Unglücksfall zu verraten, zuzuflüstern, daß ich den Brief abgegeben, und daß alles in Ordnung sei. Aber ich tat beides und machte sie glücklich.

»Bis dahin und bis wir auf offnem Meere sind«, bemerkte Mr. Micawber und warf mir einen Blick des Einverständnisses zu, »werden Mr. Peggotty und ich beständig die schärfste Aufsicht über unsere Sachen führen. Meine liebe Emma«, sagte er und räusperte sich in seiner großartigen Weise, »mein Freund Mr. Thomas Traddles ist so gütig, mir ins Ohr zu flüstern, ob er die zur Anfertigung einer mäßigen Portion des Getränkes, dessen Name in unserm Geiste so unauflösbar mit dem bekannten Roastbeef Altenglands verknüpft ist, notwendigen Ingredenzien verschaffen solle. Ich meine – kurz Punsch. Unter normalen Umständen würde ich nicht wagen, Miss Trotwood und Miss Wickfield einzuladen, aber –«

»Was mich betrifft«, sagte meine Tante, »so werde ich mit dem größten Vergnügen auf Ihr Wohl und zukünftiges Glück trinken.«

»Und ich auch«, sagte Agnes mit einem Lächeln.

Mr. Micawber eilte unverzüglich in die Schenkstube hinunter, wo er ganz zu Hause zu sein schien, und kehrte bald darauf mit einem dampfenden Krug zurück. Ich bemerkte, daß er die Zitronen mit seinem eignen Klappmesser schälte, das wie ein echtes Trappermesser fast einen Fuß lang war und das er ostentativ an seinem Rockärmel abwischte. Mrs. Micawber und die beiden altern Mitglieder der Familie waren, wie ich jetzt entdeckte, im Besitz derselben ansehnlichen Waffen, während jedes Kind an einer starken Schnur seinen eignen hölzernen Löffel um den Leib trug. Als eine ähnliche Vorbereitung auf das Leben zur See und im australischen Busch schenkte Mr. Micawber den Punsch statt in die Weingläser, von denen ein ganzer Tisch voll im Zimmer stand, in abscheuliche kleine Zinntöpfe ein, und niemals habe ich ihn mit so großer Lust trinken sehen als jetzt aus seinem eignen Zinntopf, den er am Schluß des Abends in die Tasche steckte.

»Die Üppigkeiten des alten Landes«, sagte er mit außerordentlichem Genuß in Entsagung schwelgend, »werden jetzt aufgegeben. Die Bewohner des Urwaldes dürfen nicht an den Verfeinerungen des Landes der Freiheit teilnehmen.«

In diesem Augenblick trat ein Bursche herein und meldete, daß jemand Mr. Micawber zu sprechen wünschte.

»Eine Ahnung sagt mir«, rief Mrs. Micawber und setzte ihr Blechkännchen aus der Hand, »daß es ein Mitglied meiner Familie ist.«

»Sollte das der Fall sein, meine Liebe«, bemerkte Mr. Micawber mit seinem gewohnten Aufbrausen, »so kann das Mitglied deiner Familie – wer er, sie oder es auch immer sein mag – so lange warten, bis es mir gefällig ist. Sie haben lange genug nichts von sich hören lassen.«

»Micawber – in einem Augenblick wie diesem –«

»Emma, du hast recht«, lenkte Mr. Micawber ein und stand auf. »Es ist nicht billig, daß jede kleine Schuld sogleich ihren Tadel findet.«

»Der Verlust«, bemerkte Mrs. Micawber, »trifft meine Familie und nicht dich. Wenn sie endlich fühlen, um wieviel sie sich durch ihre eigne Schuld gebracht haben, und jetzt in Freundschaft die Hand ausstrecken, so stoße sie nicht zurück!«

»Liebe Frau, so sei es.«

»Wenn nicht ihretwegen, dann meinetwegen, Micawber!«

»Emma«, entgegnete er, »ich vermag dir nicht zu widerstehen. Kann ich mich auch in diesem Augenblick noch nicht bestimmt verpflichten, deiner Familie um den Hals zu fallen, so soll doch dem jetzt wartenden Mitglied die Wärme des Herzens durch meine Schuld nicht erstarren.«

Er entfernte sich und blieb geraume Zeit aus. Mrs. Micawber konnte sich der Befürchtung nicht erwehren, es möchte zwischen ihm und dem betreffenden Familienmitglied ein Streit entstanden sein. Endlich erschien derselbe Bursche wieder und übergab mir einen mit Bleistift geschriebenen Zettel, auf dem in juridischer Weise »Heep kontra Micawber« stand. Ich las, daß Mr. Micawber, abermals in Haft, sich im letzten Stadium der Verzweiflung befände und mich bäte, ihm durch den Überbringer sein Messer und seine zinnerne Kanne zu schicken, da sie ihm in dem noch übrigen kurzen Rest seiner Tage im Gefängnis vielleicht von Nutzen sein könnten. Er bat mich auch, als einen letzten Freundschaftsbeweis seine Familie in das Armenhaus der Gemeinde zu begleiten und zu vergessen, daß ein solches Geschöpf wie er jemals gelebt habe.

Natürlich beantwortete ich den Zettel damit, daß ich mit dem Burschen hinunterging und das Geld bezahlte. Ich fand hier Mr. Micawber in einer Ecke sitzen und den Sheriffbeamten, der ihn in Haft genommen, mit finsterer Miene betrachten.

Nach seiner Freilassung umarmte er mich mit unbeschreiblicher Innigkeit und trug die Summe in sein Taschenbuch ein, wobei er sehr viel Gewicht auf den halben Penny legte, den ich versehentlich nicht angegeben hatte.

Dieses wichtige Taschenbuch erinnerte ihn gleichzeitig an ein anderes Geschäft. Bei unserer Rückkehr in das obere Zimmer zog er einen großen Bogen Papier heraus, der klein zusammengelegt über und über mit langen Zahlenreihen bedeckt war. Ich warf einen flüchtigen Blick darauf und kann sagen, nie, außer in einem Schulrechenbuch, sind mir solche Summen zu Gesicht gekommen. Es waren offenbar Zinseszinsberechnungen für ein Kapital von 41+£ +10+sh+11½ für verschiedene Perioden. Nach sorgfältiger Prüfung und einer detaillierten Abschätzung seiner Einkünfte hatte er die Summe herausgefunden, die den Betrag mit Zinseszinsen für zwei Jahre fünfzehn Monate und vierzehn Tage a dato repräsentierte. Über diesen Gesamtbetrag stellte er eine sauber geschriebene Schuldverschreibung aus und händigte sie unter vielen Dankesbeteuerungen Traddles als vollständige Tilgung seiner Schuld –, »wie es Männern geziemt«, aus.

»Ich habe immer noch die Ahnung«, sagte Mrs. Micawber und schüttelte gedankenvoll den Kopf, »daß meine Familie vor unserer Abreise an Bord erscheinen wird.«

Offenbar hatte Mr. Micawber über diese Ahnung seine besondere Meinung, aber er verschluckte sie mit einem Mund voll Punsch.

»Wenn Sie unterwegs Gelegenheit haben, Briefe abzuschicken, Mrs. Micawber«, sagte meine Tante, »müssen Sie uns natürlich Nachricht von sich geben.«

»Meine teuere Miss Trotwood, ich werde mich nur zu glücklich zu schätzen wissen, daß jemand von uns Nachricht erwartet. Ich werde gewiß nicht unterlassen zu schreiben. Ich hoffe, auch Mr. Copperfield wird als alter vertrauter Freund nichts dagegen haben, von Zeit zu Zeit Nachricht von jemand zu empfangen, der ihn kannte, als noch der Geist der Zwillinge schlummerte.«

Ich sagte, daß ich von ihr zu hören hoffte, sobald sie zum Schreiben Gelegenheit fände.

»Wenn es dem Himmel gefällt, wird sich oft derartige Gelegenheit ergeben«, mischte sich Mr. Micawber ein. »In dieser Jahreszeit ist der Ozean von einer Flotte von Schiffen bedeckt, und wir werden bei der Überfahrt zweifelsohne viele treffen. Es ist eine kurze Überfahrt«, sagte er und spielte mit seinem Augenglas. »Eine kurze Überfahrt. Entfernung ist etwas rein Imaginäres.« Es war sehr komisch, wie Mr. Micawber, der einstmals von einer Reise von London nach Canterbury gesprochen hatte, als ob er ans fernste Ende der Erde ginge, jetzt am Vorabend einer Fahrt von England nach Australien wie von einem kleinen Ausflug über den Kanal sprach.

»Auf der Fahrt werde ich den Leuten gelegentlich ein Seemannsgarn spinnen, und die melodiöse Stimme meines Sohnes Wilkins wird gewiß am Gallionenfeuer gerne gehört werden. Wenn Mrs. Micawber erst ihre Seebeine hat – ein Ausdruck, in dem, wie ich hoffe, keine konventionelle Ungehörigkeit liegt –, wird sie der Mannschaft voraussichtlich das Lied von ›Little Tafflin‹ vorsingen. Schweinsfische und Delphine werden häufig vor dem Bug unseres Schiffes auftauchen, und beständig wird auf Steuerbord oder Backbord irgendein interessanter Gegenstand zu bemerken sein. Kurz –«, sagte Mr. Micawber mit seiner alten großartigen Miene, »der Wahrscheinlichkeit nach werden wir alles in Luft und Wasser derart fesselnd finden, daß wir, wenn der Auslug vom Großmastkorb herab Land, ho! ruft, höchlichst überrascht sein werden.«

Damit schleuderte er die letzten Tropfen aus seinem Zinntöpfchen mit einem Gesicht fort, als ob er soeben die Reise vollendet und ein Examen ersten Ranges vor den höchsten Marineautoritäten abgelegt hätte.

»Was ich hauptsächlich hoffe, mein lieber Mr. Copperfield, ist, daß wir dereinst in einigen Zweigen unserer Familie wieder in dem alten Lande fortleben werden. Runzle nicht die Stirn, Micawber. Ich spreche nicht von meiner eignen Familie, sondern von unsern Kindeskindern. So kräftig auch der Schößling ist«, sagte Mrs. Micawber, »so kann ich doch den Mutterstamm nicht vergessen, und wenn unser Geschlecht Ehre und Reichtum erlangt, so möchte ich wünschen, daß dieser Reichtum in Britannias Schoß fällt.«

»Meine Liebe«, sagte Mr. Micawber. »Britannia muß sich schon bescheiden. Ich muß gestehen, daß sie niemals viel für mich getan hat und daß ich in dieser Hinsicht keinen besonders brennenden Wunsch hege.«

»Micawber, hierin hast du unrecht. Du ziehst hinaus ins ferne Land, Micawber, um das Band zwischen dir und Albion zu stärken, nicht, um es zu schwächen.«

»Das fragliche Band, meine Liebe, hat mir so oft Lasten persönlicher Verpflichtung auferlegt, daß ich vor der Anknüpfung neuer Verbindungen zurückschrecke.«

»Micawber, auch hierin bist du im Unrecht. Du kennst deine Kraft nicht, Micawber, und diese grade wird die Bande zwischen dir und Albion stets befestigen, selbst bei dem Schritt, den du jetzt vorhast.«

Mr. Micawber saß mit emporgezognen Augenbrauen in seinem Lehnstuhl, den Ansichten seiner Gattin halb anerkennend, halb ablehnend zuhörend.

»Lieber Mr. Copperfield«, fuhr Mrs. Micawber fort, »ich wünschte, daß mein Gatte seine Lage überschaue. Es scheint mir von höchster Wichtigkeit zu sein, daß er es von der Stunde seiner Einschiffung an tue. Ihre alte Bekanntschaft mit mir, lieber Mr. Copperfield, wird Ihnen bestätigen, daß ich nicht den sanguinischen Charakter Micawbers teile. Ich bin sozusagen eminent praktisch veranlagt. Ich weiß, daß eine lange Reise vor uns liegt. Ich weiß, daß sie viele Entbehrungen und Unbequemlichkeiten mit sich bringen wird. Ich kann mich diesen Tatsachen nicht verschließen, aber ich weiß auch, was Mr. Micawber ist. Ich kenne Mr. Micawbers schlummernde Kräfte, und darum halte ich es für unendlich wichtig, daß er seine Lage überschaue.«

»Liebe Frau, vielleicht wirst du mir die Bemerkung gestatten, es könne immerhin möglich sein, daß ich bereits im gegenwärtigen Augenblick meine Lage genau erkenne.«

»Ich glaube nicht, Micawber. Nicht so ganz! Lieber Mr. Copperfield, es liegt kein gewöhnlicher Fall vor. Mr. Micawber geht in ein fernes Land ausdrücklich deshalb, daß er dort zum ersten Mal vollkommen verstanden und gewürdigt werde. Ich wünsche, daß Mr. Micawber sich auf die Gallion des Schiffes stellt und mit fester Stimme sagt: ›Dieses Land will ich erobern, habt ihr Ehren, habt ihr Reichtümer? Habt ihr Ämter mit hoher Besoldung? Bringt sie mir dar, sie sind Mein.‹«

Mr. Micawber sah uns der Reihe nach mit einem Blick an, als ob viel Gutes in diesen Worten läge.

»Ich wünsche, daß Mr. Micawber, wenn ich mich so ausdrücken darf«, fuhr Mrs. Micawber in belehrendem Tone fort, »der Cäsar seines eignen Glückes wird. So, mein lieber Mr. Copperfield, scheinen mir die Dinge zu liegen. Vom ersten Augenblick der Reise an sollte sich Mr. Micawber auf die Gallion des Schiffes stellen und rufen: ›Genug des Harrens, genug der Enttäuschung, genug der ärmlichen Verhältnisse. Das war in dem alten Vaterlande. Hier liegt das neue. Sorgt für Entschädigung. Bringet sie dar!‹«

Mr. Micawber verschränkte mit entschlossenem Gesicht die Arme, als stünde er bereits auf dem Gallionenbilde.

»Und indem er das tut«, fuhr Mrs. Micawber fort, »und seine Stellung erfaßt, – habe ich nicht recht, wenn ich sage, er wird das Band mit Britannien kräftigen und nicht schwächen? Wenn er in jener Hemisphäre als einflußreicher Mann der Öffentlichkeit hervortritt, wird dann sein Einfluß nicht auch hier fühlbar sein? Wenn er den Zauberstab des Talentes und der Macht in Australien schwingt, dann sollte er in England nichts gelten? Das soll ich glauben? Ich bin nur ein Weib, aber ich würde Papas und meiner selbst unwürdig sein, wollte ich etwas Derartiges annehmen.«

Mrs. Micawbers feste Überzeugung, ihre Argumente seien unwiderleglich, verlieh ihrem Ton einen Schwung, wie ich ihn bei ihr noch nie gehört hatte.

»Und deshalb wünsche ich vor allem, daß wir in einer spätern Zukunft wieder den Boden des Vaterlandes betreten. Mr. Micawber kann gar leicht eine neue Seite im Buch der Geschichte bedeuten, und in dem Lande, das ihn geboren und ihn übersehen hat, muß er repräsentieren.«

»Liebe Frau«, fiel Mr. Micawber ein, »ich kann nicht anders, ich muß von deiner Liebe gerührt sein. Ich bin stets bereit, mich deiner größern Einsicht zu fügen. Was geschehen soll, wird geschehen. Der Himmel verhüte, daß ich meinem Vaterlande einen Teil der Schätze mißgönnen sollte, die vielleicht unsere Nachkommen anhäufen.«

»So ists recht«, bestätigte meine Tante und nickte Mr. Peggotty zu. »Und ich trinke euch allen meine Liebe zu, und mögen Segen und Erfolg euch begleiten.«

Mr. Peggotty setzte die beiden Kinder, die er auf den Knien geschaukelt hatte, nieder, um mit den Micawbers auf unser aller Wohl zu trinken; und als beim allgemeinen Händeschütteln ein Lächeln sein gebräuntes Gesicht erhellte, da wußte ich, er werde sich durchschlagen, einen guten Namen erringen und geliebt werden, mochte er hingehen, wohin er wollte. Selbst die Kinder mußten die hölzernen Löffel in Mr. Micawbers Blechtopf tauchen und uns damit zutrinken.

Dann standen meine Tante und Agnes auf und nahmen Abschied von den Auswanderern. Es war ein schmerzliches Lebewohl. Alle weinten; die Kinder hängten sich bis zum letzten Augenblick an Agnes, und wir verließen die arme Mrs. Micawber in sehr betrübter Gemütsverfassung, schluchzend und weinend bei dem trüben Licht, bei dem die Stube vom Flusse aus wie ein jämmerlicher kleiner Leuchtturm ausgesehen haben muß.

Ich ging am nächsten Morgen wieder nach dem Wirtshaus, um zu fragen, ob sie schon fort seien. Sie wären mit einem Boote schon früh um fünf Uhr abgefahren, hieß es. Es war für mich ein wunderbares Beispiel, welche Lücken ein Abschied reißen kann, als mir das baufällige Wirtshaus und die hölzerne Treppe zum Fluß, die ich doch erst seit gestern abend kannte, jetzt so öde und verlassen vorkamen.

 

Am nächsten Nachmittag fuhr ich mit meiner alten Kindsfrau hinaus nach Gravesend. Das Schiff lag im Flußhafen, umgeben von einer Flottille von Booten; ein günstiger Wind wehte, und das Signal zur Abfahrt flatterte an der Mastspitze. Ich mietete sogleich eine Jolle und fuhr nach dem Schiff, und wir stiegen an Bord.

Mr. Peggotty erwartete uns auf Deck. Er sagte mir, Mr. Micawber sei soeben wieder verhaftet worden, auf Betreiben Heeps, und er habe meiner Weisung gemäß das Geld ausgelegt. Dann nahm er uns hinunter ins Zwischendeck, und meine letzte Angst, daß er etwas von dem Unglück in Yarmouth gehört haben könnte, wurde von Mr. Micawber zerstreut, der aus dem Dunkel hervortrat, seinen Arm mit freundschaftlicher Gönnermiene nahm und mir erzählte, daß sie seit vorgestern abend kaum einen Augenblick voneinander getrennt gewesen wären. Alles war so fremdartig und in Dunkelheit gehüllt, daß ich anfangs kaum etwas erkennen konnte; erst allmählich gewöhnten sich meine Augen an die Finsternis, und mir war, als ob ich mitten in einem Gemälde von Ostade stünde. Zwischen den großen Balken, Ladungsstücken, Kisten, Fässern und bunten Haufen von Gepäck, hie und da von schwankenden Laternen an der Decke erleuchtet, während das gelbe Tageslicht sich da und dort durch die Luken hereinverirrte, standen dicht gedrängt Gruppen von Menschen, schlossen neue Freundschaften, nahmen Abschied voneinander, sprachen, lachten, weinten, aßen und tranken. Einige hatten sich bereits in dem ihnen zugewiesenen paar Fuß Raum häuslich eingerichtet, und kleine Kinder saßen auf Stühlchen oder Fußbänken; andere irrten trostlos umher, nach einem Zufluchtsort suchend. Vom Säugling an bis zu gebeugten Greisen und Greisinnen, die kaum mehr ein paar Wochen Leben vor sich hatten, von Ackerknechten, die buchstäblich Erde des alten England an ihren Stiefeln mit fortnahmen, bis zu den Schmieden, die Proben seines Rußes und Rauchs auf der Haut trugen, schienen jedes Alter und jeder Beruf in dem engen Raum des Zwischendecks eingepfercht zu sein.

Als ich umherblickte, glaubte ich an einer offenen Luke neben den kleinen Kindern eine Gestalt wie die Emlys sitzen gesehen zu haben. Sie zog zuerst meine Aufmerksamkeit durch eine andere Gestalt auf sich, die mit einem Kusse von ihr schied und, wie sie ruhig durch das Gewühl glitt, mich an – Agnes erinnerte. Aber in dem Getümmel verlor ich sie wieder, und ich wußte nur bei der Verwirrung meiner eignen Gedanken, daß die Zeit gekommen war, wo alle Besucher das Schiff verlassen sollten, daß meine Kindsfrau auf einer Kiste neben mir weinte und Mrs. Gummidge mit Hilfe einer jüngern Frauensperson in schwarzen Kleidern sich, über ihr Gepäck gebeugt, viel damit zu schaffen machte.

»Noch ein letztes Wort, Masr Davy. Haben wir noch etwas vergessen? Ehe wir Abschied nehmen.«

»Noch eins, Mr. Peggotty!« sagte ich, »nämlich Marta!«

Er legte die Hand auf die Schulter des schwarzgekleideten Mädchens neben Mrs. Gummidge, und Marta stand vor mir.

»Der Himmel segne Sie, Sie gutes Herz!« rief ich. »Sie nehmen Sie mit sich!«

Marta antwortete für ihn mit einem Tränenstrom. Ich konnte nicht reden, drückte ihm aber kräftig die Hand, und wenn ich jemals einen Menschen geliebt und hochgeschätzt habe aus tiefster Seele, so war es dieser.

 

Das Schiff wurde schnell von den Fremden geräumt. Noch blieb mir die größte Prüfung übrig. Ich richtete aus, was der Edle, der dahingegangen, mir zum Abschied aufgetragen hatte. Es rührte Mr. Peggotty tief. Und als er mir viele Worte der Liebe und Teilnahme für die Ohren, die jetzt tot und taub waren, auftrug, zerriß es mir das Herz.

Die Zeit des Abschieds war gekommen. Ich umarmte ihn, nahm die Hand meiner weinenden Kindsfrau und eilte fort. Auf dem Deck nahm ich Abschied von der armen Mrs. Micawber. Selbst jetzt noch wartete sie höchst beunruhigt auf ihre Familienmitglieder, und ihre letzten Worte waren, daß sie Mr. Micawber niemals verlassen werde.

Wir stiegen in unser Boot hinab und lagen in kleiner Entfernung still, um das Schiff abfahren zu sehen. Es lag zwischen uns und dem schönen stillen Abendrot, und jedes Tau und jede Spiere zeichneten sich scharf ab von der purpurnen Glut. Einen zugleich so schönen, so traurigen und hoffnungsreichen Anblick wie dieses herrliche Schiff, das ruhig auf dem bewegten Wasser lag, mit all seinem Leben an Bord, den Menschen, die sich hier an die Schanzverkleidungen drängten und dort zusammenstanden, schweigend und mit entblößtem Haupt, habe ich nie mehr gesehen. Wie die Brise die Segel schwellte und das Schiff sich zu regen begann, da erschollen aus all den Booten drei donnernde Hurras, die vom Schiffe her erwidert wurden. Mein Herz wollte zerspringen, als ich es hörte und die Hüte und Taschentücher schwenken sah. – Und dann erblickte ich – sie.

Dann sah ich sie an ihres Onkels Seite auf ihn gestützt. Er wies eifrig auf uns, und sie erblickte uns und winkte mir ein letztes Lebewohl zu.

Umgeben von dem rosigen Licht und hoch auf dem Verdecke stehend, sie an ihn gelehnt, er sie festhaltend, schwanden sie mir aus den Augen, ein feierliches Bild.

 

Die Nacht war auf die kentischen Hügel gesunken, als wir ans Ufer ruderten, und umfing mich dunkel und düster.

58. Kapitel Unterwegs


58. Kapitel Unterwegs

Eine lange finstere Nacht hüllte mich ein, von den Gespenstern teuerer Erinnerungen, vieler Irrtümer, mancher Sorge und Reue belebt.

Ich verließ England und erfaßte selbst da noch nicht, wie groß der Verlust war, den ich zu tragen hatte. Ich verließ alle, die mir lieb waren, und ging fort und glaubte, daß ich es überstanden hätte. Wie ein Soldat auf dem Schlachtfelde die Todeswunde empfängt und kaum weiß, daß er getroffen ist, so hatte ich, mit meinem ungeschulten Herzen jetzt allein gelassen, keinen Begriff von dem Schmerz, den es zu bekämpfen galt.

Die Erkenntnis kam über mich nicht schnell, sondern ganz langsam und allmählich. Das Gefühl der Öde, mit dem ich ins Ausland ging, wurde von Stunde zu Stunde weiter und tiefer. Zuerst war es der unbestimmte Druck von Gram und erlittenem Verlust, dann wurde es unmerklich ein hoffnungsloses Bewußtsein alles dessen, was ich verloren – Liebe, Freundschaft, Lust am Leben –, alles dessen, was zertrümmert war, – meines ersten Vertrauens, meiner ersten Liebe, des ganzen Luftschlosses meines Lebens, alles dessen, was mir blieb: – ein ödes, leeres Dasein, das mich umfing wie eine Wüste, soweit der dunkle Horizont reichte.

Wenn mein Gram egoistisch war, so wußte ich es wenigstens nicht. Ich trauerte um mein kindisches Frauchen, das so jung die blühende Welt hatte verlassen müssen. Ich trauerte um den, der sich die Liebe und Bewunderung von Tausenden hätte erwerben können, wie er sich die meine gewonnen vor langer Zeit. Ich trauerte auf meiner Wanderung um das gebrochene Herz, das Ruhe gefunden im stürmischen Meer, und die zertrümmerte Familie, in deren Mitte ich als Kind den Nachtwind hatte klagen hören.

Ich hatte keine Hoffnung mehr, mich aus diesem Trübsinn je wieder herausreißen zu können. Ich schweifte von Ort zu Ort und trug meinen Schmerz wie eine Bürde mit mir überall hin. Ich fühlte seine ganze Last und härmte mich ab unter ihr und sagte mir in meinem Herzen, daß sie nie leichter werden könnte.

Als meine Schwermut ihren Höhepunkt erreicht hatte, glaubte ich, ich würde sterben, und kehrte zuweilen um auf meinem Wege, um in meine Heimat zu reisen. Dann wieder fuhr ich weiter von Stadt zu Stadt und suchte, ich weiß nicht was.

Meine Träume lassen sich nur unvollkommen und unbestimmt beschreiben. Ich sehe mich gleich einem Träumer dahinwandeln durch die Sehenswürdigkeiten fremder Städte, – Paläste, Kirchen, Tempel, Gemälde, Schlösser, Gräber, phantastische Straßen, – alte Wohnstätten der Geschichte und der Sage –, die Last meines Grams überall mit mir herumtragend und kaum wissend, wie die Dinge vor mir kamen und gingen. Gleichgültigkeit gegen alles außer jenen brütenden Schmerz war die Nacht, die sich auf mein ungeschultes Herz senkte.

Monatelang reiste ich mit dieser immer dunkler werdenden Wolke über meiner Seele. Irgendwelche Gründe, nicht nach Hause zurückzukehren, die ich mir vergeblich klarzumachen suchte, ließen mich meine Pilgerfahrt fortsetzen. Ruhelos von Ort zu Ort wandernd, verweilte ich nie lange an ein und derselben Stelle. Nirgends hatte ich ein Ziel oder einen Gedanken, der mich aufrechthielt.

 

Ich war in der Schweiz. Ich kam aus Italien über einen der großen Alpenpässe und wanderte mit einem Führer in den Seitentälern der Gebirge umher. Was diese furchtbare Einsamkeit zu meinem Herzen gesprochen hat, weiß ich nicht. Ich habe Wunder und Erhabenheit gesehen in den schauerlichen Höhen und Abgründen, in den tosenden Wasserfällen, Eis– und Schneewüsten, aber weiter lehrten sie mich nichts.

Ich kam eines Abends vor Sonnenuntergang in ein Tal, wo ich die Nacht über bleiben wollte. Während ich auf dem vielgewundnen Pfad hinabstieg, überkam mich langentwöhntes Gefühl für Schönheit und Ruhe, und ein durch den Frieden der Umgebung erweckter, Milderung bringender Einfluß regte sich leise in meiner Brust. Ich weiß noch, daß ich einmal stehenblieb, erfüllt von einer Art Schmerz, die gar nicht erdrückend und nicht verzweifelt war. Fast hoffte ich, es könnte sich noch mit mir zum Bessern wenden.

Ich erreichte das Tal, als die Abendsonne auf die fernen, schneebedeckten Gipfel schien. Der Fuß der Berge war üppig grün, und hoch darüber wuchsen Wälder schwarzer Tannen, wie Keile in die winterliche Schneefläche eindringend und den Lawinen entgegengestemmt. Steile Wände, grauer Fels, schimmerndes Eis und samtene Rasenflächen erhoben sich Reihe um Reihe darüber, bis sie allmählich in den die Gipfel krönenden Schnee übergingen. Hie und da an den Berglehnen zerstreut, jeder winzige Fleck ein Heim, lagen vereinzelte hölzerne Hütten, durch den Anblick der ragenden Gipfel so zwerghaft verkleinert, daß sie zu winzig für ein Spielzeug erschienen. So auch das Dörfchen im Tal mit der Holzbrücke, unter der der Gebirgsbach über Felsentrümmer sprang und tosend weiter unter den Bäumen dahineilte. Durch die stille Luft ertönte ferner Gesang – Hirtenstimmen –, und mitten an der Berglehne hin schwebte eine einzelne lichte Abendwolke, daß ich fast hätte glauben können, das Singen käme von dort und sei keine irdische Musik … Ganz plötzlich aus diesem Frieden sprach die Natur zu mir, mein müdes Haupt auf den Rasen zu legen und zu weinen, wie ich seit Doras Tod noch nicht geweint hatte.

Ich fand ein Paket Briefe für mich vor und ging außerhalb des Dorfs spazieren, um sie zu lesen, während man das Abendessen fertig machte. Andere Briefsendungen hatten mich verfehlt, und lange hatte ich keine Nachricht aus der Heimat bekommen.

Ich hielt das Paket in der Hand; ich öffnete es und erblickte Agnes‘ Handschrift.

Sie fühlte sich glücklich, war vollauf beschäftigt und hatte den Erfolg, auf den sie gehofft. Das war alles, was sie von sich schrieb. Das Übrige bezog sich auf mich.

Sie gab mir keinen Rat, stellte mir keine Pflicht vor Augen, sie sagte mir nur in der ihr eignen innigen Weise, welche Hoffnungen sie auf mich setzte. Sie wüßte, sagte sie, Prüfungen und Kummer würden meinen Charakter nur stärken, – sie sei sicher, daß der Schmerz, den ich hatte ertragen müssen, meinem ganzen Streben nur eine festere und höhere Richtung geben würde. Sie sei so stolz auf meinen Ruhm und so überzeugt, daß er noch wachsen würde, und wisse bestimmt, ich werde weiter arbeiten.

Wie die schweren Tage meiner Kinderjahre mich zu dem gemacht, was ich war, so müßten mich die größern Leiden jetzt befähigen noch emporzusteigen. Sie wies mich an Gott, der meinen Liebling in sein Reich genommen, gedachte in schwesterlicher Liebe immer meiner, stolz auf das, was ich bereits vollbracht, aber noch unendlich stolzer darauf, was mir zu tun noch vorbehalten wäre.

Ich steckte den Brief in meine Brusttasche und dachte: was warst du vor einer Stunde noch! Als ich die Stimmen verklingen hörte, die goldne Abendwolke grau werden und alle Farben im Tal verbleichen und den schimmernden Schnee auf dem Gipfel zu einem Teil des Nachthimmels werden sah, da fühlte ich die Nacht von meiner Seele weichen und alle Schatten sich klären und fand keinen Namen für die Liebe, die mir von da an teuerer war als je zuvor.

Ich las ihren Brief viele Male. Ich schrieb an sie noch vor dem Schlafengehen. Ich sagte ihr, wie nötig ich ihren Beistand gehabt und ohne sie nie das geworden wäre, für das sie mich halte. Und daß ich versuchen wollte, mich aufzuraffen.

Und ich versuchte es. In drei Monaten jährte sich der Tag meines Leides. Ich beschloß vor Ablauf dieser Zeit keinen festen Entschluß zu fassen, aber den Versuch zu machen. Ich blieb die ganze Zeit über in diesem Tal und seiner Nachbarschaft.

Als die drei Monate um waren, beschloß ich noch einige Zeit von Hause wegzubleiben und mich vorderhand in der Schweiz, die mir durch die Erinnerung an jenen Abend wert geworden war, niederzulassen, um die Feder zur Hand zu nehmen und zu arbeiten.

Ich suchte die Natur auf und suchte nie vergebens; ich ließ in meine Brust die menschlichen Interessen, die ich in letzter Zeit zurückgedrängt hatte, wieder einziehen. Es dauerte nicht lange, so hatte ich fast so viele Freunde im Tal wie in Yarmouth, und als ich es vor Anbruch des Winters verließ, um nach Genf zu ziehen, und im Frühling zurückkehrte, hatten ihre herzlichen Begrüßungen einen heimischen Klang für mich.

Ich arbeitete früh und spät, geduldig und angestrengt. Ich schrieb einen Roman, dessen Inhalt nahezu meinen eignen Erlebnissen entsprang, und schickte ihn an Traddles, der seine Veröffentlichung unter sehr vorteilhaften Bedingungen für mich besorgte; und Nachrichten vom Wachsen meines Rufs begannen mich durch Reisende, die ich zufällig traf, zu erreichen. Nach einiger Rast und Zerstreuung machte ich mich wieder in meiner alten eifrigen Weise an ein neues Werk, das mich auf das lebhafteste beschäftigte. Je weiter ich damit vorrückte, desto mehr wuchs mein Interesse daran, und ich strengte meinen Geist aufs äußerste an, um es so gut wie möglich zu vollenden. Das war mein dritter Roman, und in einer Ruhepause dachte ich ans Nachhausereisen.

Seit langer Zeit hatte ich mich trotz eifrigen Studierens und Arbeitens an kräftige Leibesübung gewöhnt. Meine bei der Abreise aus England ernstlich angegriffene Gesundheit war wieder ganz hergestellt. Ich war in vielen Ländern gewesen, hatte viel gesehen und meine Kenntnisse vervollkommnet.

Ich habe von dieser Reisezeit alles, was ich für notwendig hielt, erzählt – mit einem Vorbehalt. Ich habe es nicht mit der Absicht getan, irgend etwas von meinen Gedanken zu verheimlichen, denn wie ich bereits sagte, ist diese Erzählung meine niedergeschriebene Erinnerung. Ich wünschte nur die geheime Seite meines Innern bis zuletzt aufzusparen. Ich gehe nun darauf ein.

Ich kann das Geheimnis meines Herzens nicht so vollständig durchdringen, als daß ich wissen könnte, wann ich zu denken begann, ich hätte meine frühesten und herrlichsten Hoffnungen auf Agnes stützen können. Ich weiß nicht, in welchem Zeitabschnitt meines Schmerzes mir zuerst der Gedanke kam, daß ich in jugendlicher Gedankenlosigkeit das Kleinod ihrer Liebe achtlos weggeworfen.

Ich glaube, eine Ahnung davon dämmerte in mir auf vor Jahren, als ich so etwas wie einen schmerzlichen Mangel oder eine Leere in meinem Innern fühlte. Aber der Gedanke trat wie ein neuer Vorwurf und ein neues Bedauern in meine Seele, als ich so bekümmert und einsam in der Welt dastand.

Wenn ich zu jener Zeit viel mit ihr beisammen gewesen wäre, würde ich es ihr in meiner Haltlosigkeit verraten haben. Eine solche Befürchtung veranlaßte mich im Anfange, von England fortzubleiben. Ich hätte es nicht ertragen können, auch nur den geringsten Teil ihrer schwesterlichen Liebe zu verlieren, und doch würde ich, wenn ich mich verraten hätte, eine Schranke zwischen uns aufgerichtet haben. Ich begriff, daß das Gefühl, das sie jetzt für mich empfand, durch meine eigne freie Wahl und Handlungsweise entstanden war. Wenn sie mich jemals mit einer andern Liebe geliebt, so hatte ich mir das selbst verscherzt. Die Glut meines Herzens hatte ich einer andern geschenkt, – was ich hätte tun können, hatte ich unterlassen, und zu dem, was Agnes jetzt für mich war, hatte ich sie selbst gemacht. Im Anfang der Veränderung, die allmählich in mir Platz griff, dachte ich daran, nach einer unbestimmten Prüfungsdauer sie um ihre Hand zu bitten. Aber im Verlauf der Zeit verblich diese schattenhafte Absicht und verließ mich zuletzt ganz. Ich sagte mir, wenn sie mich jemals geliebt, müßte ich sie jetzt um so heiliger halten, um des Sieges willen, den sie über sich selbst errungen. Und wenn sie mich früher nicht geliebt hätte, wie könnte ich dann glauben, daß sie mich jetzt lieben werde.

Ich wurde mir meines Fehlers immer mehr und mehr bewußt. Was wir einander hätten sein können, war jetzt vorüber. Ich hatte die Zeit verstreichen lassen und Agnes verloren.

Ich machte mir kein Hehl daraus, daß ich sie auf das innigste liebte, aber ich fühlte, daß es zu spät war, und daß ich unser so lange bestehendes Freundschaftsverhältnis nicht verrücken dürfte. So kam ich zu der Überzeugung, daß nie werden konnte, was ich wünschte.

Diese Gedanken mit ihren Wandlungen und Widersprüchen waren der wehende Triebsand meines Innern von der Zeit meiner Abreise bis zu der meiner Rückkehr, drei Jahre später.

Drei Jahre! Eine lange Zeit, wenn auch kurz und schnell vergangen. Und die Heimat war mir teuer, und Agnes, wenn sie auch nicht mein war und nie werden sollte. –

Das war vorbei.

48. Kapitel Häusliches


48. Kapitel Häusliches

Ich arbeitete angestrengt an meinem Buche, ohne mich dadurch in der pünktlichen Verrichtung meiner Zeitungspflichten stören zu lassen; und es erschien und brachte mir viel Erfolg. Das Lob, das in meine Ohren tönte, betäubte mich nicht, obgleich ich es wohltuend empfand und gewiß besser von meinem Werke dachte als vielleicht irgendein anderer Mensch. Meine Beobachtungsgabe hat mir gezeigt, daß jemand, der mit gutem Grund an sich glaubt, sich niemals vor andern rühmt, um sie an sich glauben zu machen. Je mehr Lob ich erntete, desto mehr suchte ich es mir zu verdienen. Ich beabsichtige hier nicht, wenn ich auch in allen wesentlichen Punkten meine Lebensgeschichte niederschreibe, auf meine Werke zu sprechen zu kommen. Sie sprechen für sich selbst, und ich überlasse sie sich selbst. Wenn ich ihrer beiläufig erwähne, so tue ich es nur, weil sie Stufen in meinem Leben bedeuten.

Ich hatte in den Zeitungen und auch anderweitig so fleißig geschrieben, daß ich mich für berechtigt hielt, das langweilige Berichterstatten aufzugeben, als mein neues Werk fertig war. Daher schrieb ich an einem fröhlichen Abend die Musik des parlamentarischen Dudelsacks zum letzten Male auf und habe sie seitdem nie wieder gehört, obgleich ich immer noch in den Zeitungen die alte ewige gleiche Melodie die ganze lange Session hindurch wiedererkenne.

Ich erzähle jetzt von der Zeit, wo ich etwa anderthalb Jahre verheiratet war. Nach mehreren Versuchen verschiedener Art hatten wir das Haushalten als ein schlechtes Geschäft aufgegeben. Wir hatten so etwas wie einen Pagen angeschafft. Das Hauptamt dieses dienstbaren Geistes war, sich mit der Köchin herumzuzanken, in welcher Hinsicht er ein vollkommener Whittington war, nur ohne Katze und ohne die entfernteste Aussicht, Lordmayor zu werden.

Er lebte unter einem beständigen Hagel von Topfdeckeln. Sein ganzes Dasein war ein Kampf. Er schrie bei den allerunpassendsten Gelegenheiten um Hilfe – zum Beispiel, wenn wir eine kleine Tischgesellschaft oder ein paar Freunde zum Abendessen hatten – und kam aus der Küche gestürzt, von eisernen Wurfgeschossen verfolgt.

Wir wären ihn gerne losgewesen, aber er hing so sehr an uns und ging nicht. Er weinte immer gleich und brach in so schreckliche Klagen aus, wenn wir ihm kündigen wollten, daß wir ihn behalten mußten. Er hatte keine Mutter ? überhaupt keine Verwandte als eine Schwester, die sofort nach Amerika entfloh, als sie ihn losgeworden war, – und er blieb an uns haften wie ein abscheulicher Wechselbalg. Er empfand seine unglückliche Lage sehr tief und rieb sich immer mit dem Ärmel seiner Jacke die Augen und bückte sich, um sich die Nase in dem äußersten Zipfel eines kleinen Taschentuchs zu schneuzen, das er niemals ganz aus der Tasche zog, sondern stets sparte und geheimhielt.

Dieser unglückselige Page, in einer unheilvollen Stunde für 6 £ 10 sh. jährlich gedungen, war für mich eine Quelle ständiger Unruhe. Ich sah ihn aufwachsen – und er wuchs in die Höhe wie Stangenbohnen – mit banger Furcht vor der Zeit, wo er anfangen würde, sich zu rasieren, ja, selbst vor den Tagen, wo er kahl oder grau werden würde. Ich sah keine Hoffnung, ihn je loszuwerden, und dachte manchmal, wenn ich über die Zukunft nachgrübelte, daran, welche Last er für uns erst sein müßte, wenn er ein Greis geworden.

Nichts erwartete ich weniger, als daß er selbst uns aus unserer Verlegenheit befreien würde. Er stahl Doras Uhr, die wie alles, was uns gehörte, keinen besondern Platz hatte, machte sie zu Geld und verbrauchte den Erlös damit, daß er ununterbrochen mit der Landkutsche zwischen London und Uxbridge hin und her fuhr. Bei Vollendung seiner fünfzehnten Fahrt verhafteten sie ihn und brachten ihn nach Bowstreet, wo man vier Schillinge und sechs Pence und eine alte Querpfeife, die er nicht spielen konnte, bei ihm fand.

Die Entdeckung und ihre Folgen würden mich viel weniger unangenehm berührt haben, wenn er sich nicht so reuig gezeigt hätte. Aber er war sehr bußfertig, und zwar auf ganz eigentümliche Weise – nicht auf einmal, sondern sozusagen auf Raten. Zum Beispiel: Am Tag nach meinem ersten Verhör wegen seines Vergehens machte er Enthüllungen über einen Korb in der Küche, den wir voll Weinflaschen wähnten, in dem aber nichts als leere Krüge und Korke waren. Wir glaubten, er hätte jetzt sein Gewissen erleichtert und das Schlimmste, was er von der Köchin wußte, gesagt. Aber einen oder zwei Tage später fühlte er neue Gewissensbisse und verriet, daß sie ein kleines Mädchen habe, die sich jeden Morgen ganz früh im Hause Brot hole, und daß er selbst bestochen worden war, den Milchmann mit Kohlen freizuhalten. Zwei oder drei Tage später benachrichtigte mich die Behörde, daß er Enthüllungen betreffs unter Küchenabfällen versteckter Rindslenden und im Lumpenkasten verborgner Bettücher gemacht hätte. Einige Zeit später bewegten sich seine Geständnisse in anderer Richtung, und er bekannte sich als Mitwisser eines Plans, bei uns einzubrechen. Ich schämte mich derart, in so ausgedehnter Weise als Opferlamm dazustehen, daß ich ihm gerne Geld gegeben haben würde, wenn er geschwiegen hätte oder ausgebrochen wäre. Aber offenbar schien er der Meinung zu sein, er erwerbe sich Verdienste mit jedem neuen Geständnis oder häufe sogar Verpflichtungen auf mein Haupt.

Schließlich riß ich aus, sobald ich einen Polizeibeamten kommen sah, und führte ein Leben in der Verborgenheit, bis ihm der Prozeß gemacht und er zur Deportation verurteilt worden war. Selbst da konnte er sich nicht beruhigen, sondern schrieb uns immer Briefe und bat so dringend, Dora noch vor seiner Abführung sehen zu dürfen, daß sie ihn besuchte und in Ohnmacht fiel, als sie sich selbst hinter den eisernen Gittern sah. Kurz, ich hatte keine ruhige Stunde, bis er über das Meer geschafft und ein Schäfer »dort oben« im Gebirge geworden war. Wo das eigentlich war, weiß ich heute noch nicht.

Das alles veranlaßte mich zu ernsthaftem Nachdenken, zeigte mir unsere Fehlgriffe in einem neuen Licht, und ich konnte mich nicht enthalten, es eines Abends Dora, trotz meiner zärtlichen Liebe zu ihr, mitzuteilen.

»Mein Liebling«, sagte ich, »es ist wirklich recht schlimm, daß der Mangel an System in unserer Wirtschaft nicht nur uns schadet, sondern auch andern.«

»Du bist lange still gewesen und jetzt fängst du wieder an zu schimpfen«, klagte Dora.

»Gewiß nicht, Schatz. Laß mich dir nur erklären, was ich meine!«

»Ich glaube nicht, daß ichs zu wissen brauche«, meinte Dora.

»Aber du sollst es wissen, Liebling! Tue doch Jip herunter.«

Dora legte seine Nase an meine und sagte: »Buh«, um meine Ernsthaftigkeit zu vertreiben; da das aber keinen Erfolg hatte, befahl sie ihm, sich in seine Pagode zu verfügen, und sah mich mit gefalteten Händen und höchst resignierter Miene an.

»Die Sache ist die, Liebling«, begann ich. »Wir haben etwas Ansteckendes an uns. Wir stecken jeden an, der in unsere Nähe kommt.«

Ich wäre wohl in dieser bildlichen Weise fortgefahren, wenn mir Doras Gesicht nicht gesagt hätte, daß sie vermutete, ich gedächte vielleicht eine neue Art Impfung oder eine Arznei gegen diesen ungesunden Zustand vorzuschlagen. Deshalb versuchte ich mich deutlicher auszudrücken.

»Wir büßen nicht allein«, fing ich von neuem an, »Geld, Wohlbehagen und manchmal sogar unsere gute Laune ein, sondern laden auch die ernste Verantwortung, jeden Menschen, der in unsern Dienst tritt oder geschäftlich mit uns zu tun hat, zu verderben, auf uns. Ich fürchte, daß der Fehler nicht ganz auf einer Seite liegt, sondern daß diese Leute alle schlecht werden, weil wir uns selbst nicht richtig benehmen.«

»Was für eine Beschuldigung!« rief Dora aus und sah ganz entsetzt drein; »zu sagen, daß ich jemals goldene Uhren gestohlen hätte. O!«

»Aber Liebling«, unterbrach ich sie, »sprich doch nicht so entsetzlichen Unsinn. Wer hat nur im mindesten auf goldene Uhren angespielt?«

»Du. Du weißt es. Du sagtest, ich hätte mich nicht richtig benommen, und vergleichst mich mit ihm.«

»Mit wem?«

»Mit dem Pagen«, schluchzte Dora. »O du grausamer Mensch! Deine liebevolle Gattin mit einem deportierten Pagen zu vergleichen. Warum sagtest du nicht, was du von mir hältst, ehe wir uns heirateten? Warum sagtest du nicht, du hartherziges Geschöpf, daß du mich für schlimmer als einen deportierten Pagen hältst? O, so eine abscheuliche Meinung von mir zu haben! O Gott!«

»Aber liebe Dora«, wendete ich ein und versuchte sanft das Taschentuch, das sie sich vor die Augen hielt, wegzuziehen, »das ist nicht nur lächerlich von dir, sondern auch sehr unrecht. Vor allen Dingen ist es nicht wahr!«

»Du sagtest von jeher, er flunkere beständig«, schluchzte Dora, »und jetzt sagst du dasselbe von mir. Ach, was soll ich tun! Was soll ich nur tun!«

»Liebes Kind, ich muß dich wirklich bitten, vernünftig zu sein und auf das zu hören, was ich dir jetzt sage. Liebste Dora, wenn wir nicht lernen, unsere Pflicht gegen unsere Angestellten zu tun, werden sie nie lernen, ihre Pflicht uns gegenüber zu erfüllen. Ich fürchte, wir geben den Leuten Gelegenheit, Unrecht zu tun, die wir nie geben sollten. Selbst wenn wir mit Vorsatz so nachlässig wären in allen Dingen, wie wir es sind, so hätten wir nicht das Recht dazu, in dieser Weise fortzufahren. Wir verderben geradezu die Leute. Wir sind verpflichtet, das zu bedenken! Es ist ein Gedanke, der nicht von mir weichen will und mich manchmal sehr verstimmt. Schau, Liebling, das ist alles. Aber nun komm und sei nicht närrisch.«

Lange Zeit wollte mir Dora nicht erlauben, ihr das Taschentuch von den Augen wegzuziehen. Schluchzend und hinter dem Tuch murmelnd saß sie da und fragte, warum ich sie denn geheiratet hätte, wenn ich verstimmt sein wollte, – warum ich es nicht noch den Tag vor der Hochzeit gesagt hätte, daß ich würde verstimmt sein wollen, – wenn ich sie nicht ausstehen könnte, warum ich sie denn nicht zu ihren Tanten nach Putney oder zu Julia Mills nach Indien schickte; Julia würde sich freuen, sie wiederzusehen, und sie nicht einen deportierten Pagen nennen; Julia hätte ihr nie einen solchen Namen gegeben. Kurz, Dora war so über die Maßen betrübt, und ihr Leid schmerzte mich so sehr, daß ich die Nutzlosigkeit jeder Wiederholung eines solchen Versuchs vollkommen einsah und zur Überzeugung gelangte, daß ich einen andern Weg einschlagen müßte.

Welcher andere Weg blieb mir noch übrig? »Ihren Geist zu bilden?« Das war so eine Phrase, die hübsch und vielversprechend klang, und ich beschloß, Doras Geist zu bilden.

Ich begann sofort. Wenn Dora sehr kindisch war und ich am liebsten mit ihr gescherzt hätte, versuchte ich ernst zu sein – und verstimmte sie und mich dazu. Ich unterhielt mich mit ihr über die Themen, die meine Gedanken beschäftigten; und ich las ihr Shakespeare vor und langweilte sie im höchsten Grade. Ich machte es mir zur Gewohnheit, ihr wie zufällig bruchstückweise in diesem oder jenem Rat Unterricht zu erteilen; – und sie schreckte davor zurück wie vor Knallerbsen. So geschickt und natürlich ich es auch immer anfing, den Geist meiner kleinen Dora zu bilden, immer ahnte sie instinktiv, was ich vorhatte, und wurde eine Beute der ärgsten Befürchtungen. Besonders deutlich merkte ich, daß sie Shakespeare für einen ganz entsetzlichen Menschen hielt. Mit der Bildung ging es also sehr langsam.

Ich verwickelte Traddles, ohne daß er es merkte, in meine Pläne, und wenn er uns besuchte, bombardierte ich ihn mit allen möglichen Behauptungen, in der Absicht, Dora so nebenbei dadurch zu erziehen. Die Masse von Lebensweisheit, die ich in dieser Weise auf Traddles Haupt häufte, war ungeheuer und von bester Qualität. Aber auf Dora brachte es weiter keine Wirkung hervor, als daß sie, dadurch verstimmt, in steter Besorgnis erhalten wurde, die Reihe würde sogleich an sie kommen.

Ich sah mich in einen Schulmeister, in eine Schlinge, eine Falle verwandelt; es kam mir vor, als ob ich mit Dora wie eine Spinne mit einer Fliege spielte und beständig aus einem Versteck auf sie losstürzen wollte, aber ich hielt doch monatelang aus, – für die Unannehmlichkeiten dieser Übergangszeit durch die Aussicht, daß dereinst zwischen uns vollständige Übereinstimmung herrschen würde, entschädigt. Aber schließlich sah ich ein, daß ich doch nichts ausgerichtet hatte, obgleich ich die ganze Zeit über vor Entschlossenheit gestarrt hatte und stachlig gewesen war wie ein Igel. Es fing mir an einzuleuchten, daß Doras Geist schon gebildet sein könnte.

Bei reiferem Nachdenken kam mir das so wahrscheinlich vor, daß ich meinen Plan, der mir im Entwurf viel besser als in der Ausführung gefallen hatte, aufgab und mich in Zukunft entschloß, mit meinem kindischen Frauchen zufrieden zu sein und nicht mehr zu versuchen, sie zu erziehen. Ich hatte es satt, selber so entsetzlich klug und weise zu sein, und so kaufte ich denn Dora ein Paar hübsche Ohrringe und Jip ein Halsband und begab mich eines Tages nach Hause mit der Absicht, mich angenehm zu machen.

Dora freute sich außerordentlich über die kleinen Geschenke und küßte mich dankbar, aber es lag noch ein Schatten zwischen uns, wenn er auch nicht groß war, und ich nahm mir fest vor, ihn zu beseitigen. Wenn schon einmal ein solcher Schatten da sein mußte, so sollte er in Zukunft in meine eigne Brust fallen.

Ich setzte mich neben sie aufs Sofa, hängte ihr die Ohrringe ein und sagte ihr, ich fürchtete, wir wären in der letzten Zeit nicht so gute Kameraden gewesen wie sonst, und daß die Schuld an mir gelegen habe. »Das Wahre an der Sache ist, liebe Dora, ich habe versucht, recht klug zu sein.«

»Und mich auch recht klug zu machen«, fragte Dora furchtsam. »Nicht wahr, Doady?«

Ich nickte beistimmend auf ihre mit emporgezogenen Augenbrauen allerliebst gestellte Frage und küßte sie.

»Es hat nicht den geringsten Zweck«, sagte Dora und schüttelte den Kopf, bis die Ohrringe klingelten. »Du weißt, was ich für ein albernes Ding bin, und daß du mich von Anfang an als solches hast nehmen sollen. Wenn du das nicht tun kannst, so fürchte ich, du wirst mich nie liebgewinnen. Meinst du nicht manchmal, es wäre besser gewesen …«

»Was denn, Liebling?« Denn sie stockte, ohne fortfahren zu wollen.

»Nichts.«

»Nichts?«

Sie schlang ihren Arm um meinen Hals und lachte und nannte sich bei ihrem Lieblingsnamen ein Gänschen und versteckte auf meiner Schulter ihr Gesicht in einer solchen Fülle von Locken, daß es eine ordentliche Arbeit war, sie wegzustreichen und ihr in die Augen zu sehen.

»Meinst du nicht auch, es wäre besser gewesen, ich hätte lieber nichts getan als versucht, meines lieben Frauchens Geist zu bilden?« fragte ich, über mich selbst lachend. »Willst du das damit sagen?«

»Also das hast du versucht!« rief Dora. »O, was für ein schändlicher Junge!«

»Aber ich werde es nie wieder versuchen«, beteuerte ich. »Ich habe dich am liebsten so, wie du bist.«

»Wirklich – im Ernst?« fragte Dora und schmiegte sich dichter an mich.

»Warum sollte ich das zu verändern suchen, was mir so lange schon so kostbar gewesen ist? Du meine süße Dora; wir wollen keine Experimente mehr machen, sondern leben wie früher und glücklich sein.«

»Glücklich sein«, stimmte Dora ein. »Ja! Den ganzen Tag! Und du wirst nicht bös sein, wenn es manchmal ein ganz klein wenig schiefgeht?«

»Nein, nein. Wir müssen eben unser Bestes tun.«

»Und du wirst mir nicht wieder sagen, daß wir andere Leute verderben«, schmeichelte Dora, »nicht wahr? Es ist so schrecklich widerwärtig, weißt du!«

»Nein, nein.«

»Es ist besser für mich, ich bin einfältig als unglücklich, nicht wahr?«

»Besser natürlich sein, Dora, als alles andere in der Welt!«

»In der Welt! Ach Doady, die Welt ist groß.« Sie schüttelte den Kopf, sah mich mit ihren frohen glänzenden Augen an, küßte mich, brach in heiteres Lachen aus und sprang fort, um Jip sein neues Halsband umzulegen.

So endete mein letzter Versuch, Dora zu erziehen. Ich war so unglücklich dabei gewesen; ich konnte meine einsame Weltklugheit selbst nicht aushalten und sie mit der Bitte Doras, sie als mein kindisches Frauchen zu betrachten, nicht in Einklang bringen. Ich nahm mir im Stillen vor, mein möglichstes zu tun, aber ich sah voraus, daß das nur sehr wenig sein konnte, wollte ich nicht wieder wie eine Spinne auf der Lauer liegen.

Und der Schatten, der nicht mehr zwischen uns sein sollte, wohin fiel der jetzt?

Das alte Gefühl, daß mir etwas fehle, durchdrang mein ganzes Leben. Wenn es sich überhaupt verändert hatte, so war es nur stärker geworden; aber es sprach mich an, so unbestimmt wie eine schwermütige Weise, die in der Nacht leise in der Ferne erklingt. Ich liebte mein Weib innig und war glücklich, aber das Glück, das ich mir einst ausgemalt, das war nicht das, was ich jetzt genoß; und immer fehlte mir etwas. Was mir fehlte, konnte ich mir nicht ergänzen. Das fühlte ich mit einem natürlichen Schmerz, den wohl alle Menschen kennen. Daß es besser für mich gewesen wäre, meine Gattin hätte mir mehr helfen und die vielen Gedanken, die ich für mich behalten mußte, mit mir teilen können, das wußte ich genau.

Wenn ich an die Luftschlösser meiner Jugend dachte, da standen auch die zufriedeneren Tage meines Jünglingalters mit Agnes in dem lieben alten Haus wie die Schemen der Toten vor mir, die ich vielleicht in einer andern Welt wiedersehen könnte, die aber hier nie mehr lebendig werden würden. Manchmal grübelte ich darüber nach, was wohl geworden wäre, wenn Dora und ich einander nie kennengelernt hätten, aber sie war so mit meinem Dasein verwebt, daß dieser Gedanke jedesmal so schnell entschwebte wie Sommerfäden, die durch die Luft treiben.

Ich liebte Dora stets. Was ich jetzt schreibe, schlummerte und wachte halb auf und schlummerte wieder ein in den innersten Tiefen meines Herzens. An mir verriet sich nichts davon. Es hatte keinen Einfluß auf das, was ich sagte oder tat. Ich trug die ganze Last unserer kleinen Sorgen und aller meiner Projekte; Dora hielt die Federn, und wir fühlten beide, daß die Lasten den Verhältnissen richtig angepaßt und verteilt waren. Sie liebte mich innig und war stolz auf mich, und als Agnes ein paar herzliche Worte an Dora schrieb von dem Stolz und der Teilnahme, mit dem meine alten Freunde von meinem wachsenden Ruhm hörten und mein Buch lasen und mich dabei sprechen zu hören glaubten, las sie mir Dora mit Freudentränen in ihren schönen Augen vor und sagte, ich sei ihr lieber, alter, gescheiter und berühmter Junge.

»Die erste mißverstandene Regung eines unerfahrnen Herzens!« Diese Worte Mrs. Strong klangen mir damals beständig in der Seele nach; oft erwachte ich mit ihnen mitten in der Nacht und habe sie im Traume auf den Mauern des Hauses gelesen.

Ich wußte jetzt, daß mein Herz unerfahren gewesen, als ich mich in Dora verliebt hatte, und daß ich niemals nach unserer Verheiratung hätte fühlen können, was ich jetzt insgeheim fühlte, wenn es wissend gewesen wäre.

»Es kann kein größeres Unglück in der Ehe geben als Ungleichheit in den Gefühlen und Bestrebungen!« Auch an diese Worte erinnerte ich mich. Ich hatte mich bestrebt, Dora mir anzupassen, und fand es unausführbar. Jetzt hatte ich mich Dora anzupassen, mit ihr zu teilen, wie ich konnte, und glücklich zu sein, hatte auf meinen Schultern zu tragen, was ich tragen mußte, und dabei immer noch glücklich zu sein. Das war die Schule, der ich mein Herz zu unterwerfen versuchte, als ich anfing zu denken.

Mein zweites Jahr in der Ehe wurde dadurch viel glücklicher als mein erstes, und was noch besser war, es machte das Leben Doras zu lauter Sonnenschein. Aber wie das Jahr verrann, nahmen Doras Kräfte ab. Ich hatte gehofft, daß zartere Hände als die meinigen mir helfen würden, ihren Charakter zu bilden, und daß das Lächeln eines Kindes an ihrer Brust sie aus einem kindischen Frauchen zu einem Weibe machen würde. Es sollte nicht sein. Eine kleine Seele schwebte zögernd einen Augenblick über der Schwelle des irdischen Kerkers und schwang sich dann, nichts ahnend von der drohenden Gefangenschaft, von dannen.

 

»Wenn ich wieder herumspringen kann wie früher, Tante«, sagte Dora, »werde ich mit Jip ein Wettlaufen veranstalten. Er ist recht faul geworden.«

»Ich fürchte, liebe Dora«, sagte meine Tante, die ruhevoll an ihrer Seite arbeitete, »er krankt an etwas Schlimmerem. Am Alter, Dora.«

»Meinst du, er wird alt?« fragte Dora ganz erstaunt. »Wie seltsam ist der Gedanke, Jip könnte alt werden!«

»Es ist eine Krankheit, der wir alle unterworfen sind, Kleines«, sagte meine Tante heiter. »Ich fühle mich nicht freier davon als früher, das versichere ich dir.«

»Aber Jip«, sagte Dora und sah mitleidig das Hündchen an. »Sogar der kleine Jip! Armer Bursche!«

»Nun, er wird schon noch eine gute Weile aushalten, Blümchen«, tröstete meine Tante, Dora auf die Wange klopfend, während sie sich von ihrem Lager herabbeugte, um Jip anzusehen, der sich auf die Hinterbeine stellte und verschiedene fruchtlose asthmatische Versuche machte, heraufzuklettern. »Wir müssen ihm ein Stück Flanell diesen Winter in sein Häuschen legen, und dann kommt er gewiß im Frühling so frisch wie die jungen Blumen wieder heraus. Der gute, kleine Hund! Wenn er ein so zähes Leben hätte wie eine Katze und müßte es hingeben, bloß um mich mit seinem letzten Atemzug noch anbellen zu dürfen, so glaube ich, täte ers.«

Dora hatte Jip auf das Sofa heraufgeholfen, wo er wirklich meine Tante wieder so wütend ankläffte, daß er sich gar nicht geradehalten konnte, sondern sich ganz schief bellte. Je mehr ihn meine Tante ansah, desto wütender wurde er, denn sie trug seit einiger Zeit eine Brille, und aus einem unerforschlichen Grunde faßte er das als eine persönliche Beleidigung auf.

Mit vieler Überredung gelang es Dora ihn zur Ruhe zu bringen, dann zog sie spielend eines seiner langen Ohren durch ihre Hand und wiederholte gedankenvoll:

»Sogar der kleine Jip! Armer Bursche!«

»Seine Lungen sind noch recht gut«, lächelte meine Tante heiter, »und seine Abneigungen sind auch ungeschwächt. Er hat gewiß noch viele, viele Jahre vor sich. Aber wenn du einen Hund zum Wettlaufen haben willst, Blümchen, so hat er dazu zu gut gelebt, und ich will dir einen andern schenken.«

»Ich danke dir, Tante«, sagte Dora leise, »aber bitte, tue es nicht!«

»Nicht?« fragte meine Tante und nahm die Brille ab.

»Ich könnte keinen andern Hund haben als Jip. Es wäre so lieblos gegen ihn. Und dann könnte ich auch keinem andern Hund so gut sein als Jip, denn er hätte mich nicht vor meiner Heirat gekannt und Doady nicht angebellt, als er zuerst zu uns kam. Ich könnte keinem andern Hund gut sein als Jip, fürchte ich, Tante.«

»Gewiß, gewiß«, nickte meine Tante und tätschelte wieder Doras Wange.

»Aber du bist doch nicht bös?«

»Gott, was für ein empfindliches Herzblatt!« rief meine Tante und beugte sich liebevoll über sie. »Warum sollte ich denn bös darüber sein?«

»Nein, nein, es ist ja auch nicht mein Ernst, aber ich bin ein klein wenig müde; ich war einen Augenblick kindisch – ich bin es immer, du weißt ja, –, aber es macht mich noch kindischer, wenn ich von Jip spreche. Er hat mich in allem, was ich erlebte, gekannt, nicht wahr, Jip, und ich könnte es nicht ertragen ihn zurückgesetzt zu sehen, weil er ein bißchen anders geworden ist – nicht wahr, Jip!«

Jip drängte sich dichter an seine Herrin und leckte ihr schläfrig die Hand.

»Du bist noch nicht so alt, Jip, daß du mich verlassen mußt. Wir können uns noch ein klein wenig Gesellschaft leisten.«

Meine hübsche Dora! Als sie am nächsten Sonntag herunter zu Tische kam und sich so sehr freute, unsern alten Traddles, der sonntags immer bei uns aß, zu sehen, glaubten wir, sie würde in wenigen Tagen wieder herumspringen wie früher. Aber es hieß immer: wir müssen noch ein paar Tage warten, und dann immer noch ein paar Tage; und immer noch sprang sie nicht herum. Sie sah ganz allerliebst aus und war sehr fröhlich, aber die kleinen Füßchen, die früher so rasch um Jip herumtanzen konnten, waren jetzt schwer und matt.

Ich mußte sie bald jeden Morgen die Treppe herab und jeden Abend wieder hinauf tragen. Sie faßte mich um den Hals und lachte dabei, als geschähe es zum Spaß. Jip bellte und sprang um uns herum, lief voraus und wartete keuchend, ob wir nachkämen. Meine Tante, diese beste aller Pflegerinnen, kam hinter uns her, ein lebender Berg von Schals und Kissen, und Mr. Dick hätte keinem Menschen auf Erden sein Amt als Leuchterträger abgetreten. Traddles stand oft unten an der Treppe und sah zu und ließ sich Neckereien und scherzhafte Botschaften an das »liebste Mädchen auf der Welt« gefallen. Wir machten ein heiteres Spiel daraus, und mein kindisches Frauchen war die fröhlichste von uns allen.

Aber manchmal, wenn ich sie aufhob und sie mir in den Armen leichter vorkam, da beschlich mich ein dunkles Gefühl, als ob ich mich einer noch unsichtbaren Eisregion näherte, die mein Leben zu erstarren drohte. Ich scheute mich, für dieses Gefühl einen Namen zu suchen oder zu jemand davon zu sprechen, bis ich eines Abends, als es stärker als je über mich kam und meine Tante Dora mit dem Abschiedsgruß: »Gute Nacht, liebes Blümchen« verlassen hatte, mich allein an meinen Schreibtisch setzte und weinte bei dem Gedanken an den verhängnisvollen Namen »Blümchen«, das jetzt wirklich in seiner schönsten Blüte dahinwelkte.

49. Kapitel Ein Geheimnis hält mich in Atem


49. Kapitel Ein Geheimnis hält mich in Atem

Eines Morgens brachte mir die Post einen von Canterbury an mich in Doctors‘ Commons adressierten Brief. Ich las zu meiner Überraschung:

Werter Herr! Verhältnisse, die außerhalb des Bereichs meiner persönlichen Kontrolle liegen, haben seit geraumer Zeit ein Aufhören der Vertrautheit bewirkt, die bei der durch Geschäftsverhältnisse sehr beschränkten Gelegenheit, Ereignisse und Vorfälle der Vergangenheit im Lichte der prismatischen Farben der Erinnerung zu betrachten, in mir immer freudige Gefühle ungewöhnlicher Art erregt hat. Dieser Umstand, werter Herr, zusammengehalten mit der hohen Auszeichnung, die Ihre Talente Ihnen errungen haben, hält mich ab, mir die Freiheit zu nehmen, den Gefährten meiner Jugendzeit mit der altgewohnten Benennung Copperfield anzureden. Es genüge Ihnen, zu wissen, daß der Name, den zu nennen ich mir hier die Ehre nehme, stets unter den Aufzeichnungen unserer Familie und in der Urkundensammlung, die sich auf unsere früheren Mieter beziehen und von Mrs. Micawber aufgehoben werden, mit Gefühlen persönlicher Hochachtung, die sich bis zur Liebe steigern, aufbewahrt ist. Einem, der wie ich durch frühere Fehler und ein verhängnisvolles Zusammentreffen unglücklicher Zufälle einem gestrandeten Schiffe gleicht und der jetzt die Feder ergreift, um an Sie zu schreiben, – jemand, wiederhole ich, der sich in solchen Verhältnissen befindet, geziemt es nicht, die Sprache des Komplimentes oder der Beglückwünschung zu reden. Das sei geschickteren und reineren Händen vorbehalten.

Wenn Ihre soviel wichtigeren Beschäftigungen Ihnen gestatten, diese unvollkommenen Schriftzüge bis hierher zu lesen, so werden Sie natürlich fragen, was mich zu gegenwärtigem Schreiben veranlaßt. Erlauben Sie mir zu betonen, daß ich die Berechtigung dieser Frage vollkommen zugebe, und gestatten Sie mir, mich weiter auszulassen. Ich möchte jedoch vorausschicken, daß der Zweck dieses Briefes keine Geldangelegenheit betrifft.

Ohne deutlicher auf eine in mir schlummernde Fähigkeit, den Donnerkeil zu schleudern oder die rächende Flamme zu entsenden, anspielen zu können, darf ich mir vielleicht die beiläufige Bemerkung gestatten, daß meine strahlendsten Träume für immer zerronnen sind, daß mein Friede gestört ist und die Möglichkeit, mich zu freuen, vernichtet scheint, – daß mein Herz nicht länger mehr auf dem rechten Flecke schlägt und daß ich nicht mehr aufrecht einherschreiten kann vor meinem Nebenmenschen. Der Reif sitzt in der Blüte. Der Kelch ist bitter bis zum Rand. Der Wurm ist tätig und wird bald sein Opfer haben. Je eher, desto besser! Aber ich will nicht abschweifen. In eine geistige Lage von besonderer Peinlichkeit versetzt, die selbst dem besänftigenden Einfluß Mrs. Micawbers trotzt, trotzdem diese ihn in einer dreifachen Eigenschaft, nämlich als Weib, als Gattin und als Mutter, ausübt, beabsichtige ich, auf eine kurze Zeit vor mir selbst zu fliehen und eine Frist von achtundvierzig Stunden dem Besuche einiger großstädtischer Schauplätze entschwundenen Glücks zu widmen. Außer nach andern Häfen innerer Ruhe und Seelenfriedens werden sich meine Füße natürlich dem Kingsbench-Gefängnis zuwenden. Indem ich Ihnen melde, daß ich mich an der Außenseite der südlichen Mauer jenes für die Haft im Zivilprozeß errichteten Gebäudes übermorgen abends um sieben einfinden werde, ist der Zweck dieser brieflichen Mitteilung erreicht.

Ich fühle mich nicht berechtigt, meinen frühern Freund, Mr. Copperfield oder meinen frühern Freund, Mr. Thomas Traddles vom innern Juristenkollegium, wenn dieser Herr noch am Leben ist, zu bitten, mir die große Gefälligkeit zu tun, mit mir zusammenzutreffen und, soweit es die Umstände erlauben, unsere früheren guten Beziehungen zu erneuern. Ich möchte mich nur auf die Bemerkung beschränken, daß zu der angegebenen Stunde und am bezeichneten Orte aufzufinden sein wird, was noch übrig ist von den Trümmern des gefallenen Turmes

Wilkins Micawber

P.S. Es ist vielleicht ratsam, obigem noch hinzuzufügen, daß ich Mrs. Micawber hinsichtlich meines Vorhabens nicht ins Vertrauen gezogen habe.

Ich las den Brief mehrere Male durch. Wenn ich auch Mr. Micawbers phrasenreichen Stil in Abzug brachte, so fühlte ich doch heraus, daß diesem seltsamen Schreiben etwas sehr Ernsthaftes zugrunde liegen mußte. Ich grübelte gerade darüber nach und geriet in immer größere Verwirrung, als Traddles eintrat.

»Alter Freund«, sagte ich, »du kommst mir wie gerufen. Möchtest du mir nicht mit deinem Urteile beistehen? Ich habe einen sehr merkwürdigen Brief von Mr. Micawber bekommen.«

»Nicht möglich!« rief Traddles. »Du auch? Und ich habe einen von Mrs. Micawber.«

Traddles, ganz erhitzt vom Gehen, das Haar vor Aufregung gesträubt, zog einen Brief aus der Tasche und ließ sich den meinigen geben.

Ich beobachtete ihn beim Lesen und sah, wie er bei den Worten »Donnerkeil schleudern, die rächende Flamme entsenden«, erstaunt die Augenbrauen in die Höhe zog. »Gott bewahre, Copperfield«, sagte er und gab mir dann Mrs. Micawbers Brief. Er lautete:

»Mr. Thomas Traddles meine besten Empfehlungen, und für den Fall, als er sich noch an eine Person erinnert, die früher das Glück hatte, gut mit ihm bekannt zu sein, so bitte ich ihn um Erlaubnis, einige Augenblicke seiner freien Zeit in Anspruch nehmen zu dürfen. Ich versichere Mr. T. T., daß ich seine Freundlichkeit nicht in Anspruch nehmen würde, wäre ich nicht an den letzten Grenzen des Wahnsinns angelangt.

Obgleich sich die Feder sträubt, so muß ich es doch erwähnen: Die Entfremdung Mr. Micawbers von seiner Gattin und seiner Familie ist der Grund dieser meiner Bitte an Mr. Traddles, derentwegen ich ihn um Nachsicht ersuchen muß. Mr. T. kann sich nicht annähernd einen Begriff von der Änderung in Mr. Micawbers Benehmen, von seiner Zerfahrenheit und seiner Heftigkeit machen. Sie hat allmählich so zugenommen, daß sie jetzt einer Geistesstörung ähnlich sieht. Kaum ein Tag vergeht, ich versichere Mr. Traddles, an dem nicht irgendein Paroxismus ausbricht. Mr. T. wird nicht verlangen, daß ich meine Gefühle schildere, wo ich täglich zu hören gewohnt bin, daß Mr. Micawber behauptet, er habe sich dem Teufel verkauft. Geheimniskrämerei bildet seit langem schon seinen vornehmsten Charakterzug und ist längst an Stelle altgewohnten Vertrauens getreten. Der geringste Anlaß, auch wenn er nur gefragt wird, ob er etwas Besonderes zu Mittag wünsche, gibt ihm Gelegenheit, Worte über Scheidungen usw. fallenzulassen. Gestern abend, als er in kindlicher Weise von den Zwillingen um zwei Pence für Zitronenbiskuits gebeten wurde, drohte er ihnen mit einem Austernmesser.

Ich bitte Mr. Traddles zu entschuldigen, daß ich auf diese Einzelheiten eingehe, aber ohne dieselben dürfte es Mr. T. sicherlich schwer werden, sich eine Vorstellung von meiner herzzerreißenden Lage zu machen.

Darf ich also wagen, Mr. T. den Zweck meines Briefs anzuvertrauen, – wird er gestatten, daß ich mich ganz auf seine freundschaftliche Nachsicht verlasse? O ja, denn ich kenne sein Herz.

Der Liebe Scharfblick ist nicht leicht zu täuschen, wenn er weiblichen Geschlechtes ist. Mr. Micawber reist nach London! Obgleich er auf das sorgfältigste heute morgen vor dem Frühstück, als er die Adresse auf den kleinen braunen Mantelsack seiner glücklicheren Tage schrieb, seine Hand verdeckte, so erspähte doch der Adlerblick ehelicher Besorgnis auf das deutlichste: »…don.« Das Westendziel der Landkutsche ist das »Goldne Kreuz«. Darf ich wagen, Mr. T. auf das flehentlichste zu bitten, meinen irregeleiteten Gatten dort zu treffen und mit ihm zu sprechen? Darf ich Mr. T. bitten, die Vermittlerrolle zwischen Mr. Micawber und seiner zu Tode geängstigten Familie zu übernehmen? O nein, denn das wäre zuviel.

Wenn Mr. Copperfield sich noch an eine Person erinnern sollte, die nicht wie er berühmt ist, wird es dann Mr. T. übernehmen, meine unveränderte Achtung und eine gleiche Bitte auszusprechen? Jedenfalls wird er die große Güte haben, diese Mitteilung als streng vertraulich zu betrachten und unter keiner Bedingung eine wenn auch noch so entfernte Anspielung darauf in Mr. Micawbers Gegenwart zu machen.

Wenn Mr. T. jemals – was ich nicht erwarten darf – antworten sollte, so würde ein Brief unter der Adresse ›M. E., postlagernd Canterbury‹ von weniger schmerzlichen Folgen begleitet sein, als wenn er direkt adressiert wäre an eine, die sich im tiefsten Schmerz unterzeichnet als Mr. Thomas Traddles hochachtungsvoll ergebene Freundin und Bittstellerin

         Emma Micawber

»Nun, was sagst du dazu?« fragte Traddles, als ich den Brief zweimal gelesen hatte.

»Und was sagst du zu dem andern?«

»Ich glaube, beide zusammen, Copperfield, enthalten mehr, als Mr. und Mrs. Micawber meistens in ihren Briefen zu sagen pflegen, aber ich weiß nicht, was. Beide haben in vollem Ernst geschrieben, darüber ist kein Zweifel, und ohne voneinander zu wissen. Armes Ding!«

Wir verglichen beide Briefe.

»Es ist ein Werk christlicher Liebe, an sie zu schreiben, und ich will nicht unterlassen, Mr. Micawber aufzusuchen.«

Ich stimmte um so bereitwilliger bei, als ich mir Vorwürfe machte, auf Mrs. Micawbers früheren Brief so wenig Gewicht gelegt zu haben. Stark von meinen eignen Angelegenheiten in Anspruch genommen, hatte ich allmählich die Sache vergessen, zumal kein zweiter Brief eingelaufen war. Ich hatte oft an die Micawbers gedacht und hätte manchmal gern gewußt, welche »pekuniären Verpflichtungen« sie wohl in Canterbury eingehen würden, oder hatte mir ins Gedächtnis gerufen, wie zurückhaltend Mr. Micawber gegen mich in seiner Eigenschaft als Schreiber bei Uriah Heep gewesen war.

Jetzt aber schrieb ich einen Trostbrief an Mrs. Micawber, und wir beide unterzeichneten ihn. Als wir in die Stadt gingen, um ihn aufzugeben, beriet ich mit Traddles lange hin und her, und als wir nachmittags auch meine Tante zu Rate zogen, war der einzige Entschluß, zu dem wir kamen, der, daß wir das Stelldichein mit Mr. Micawber pünktlich einhalten wollten.

 

Obgleich wir eine Viertelstunde vor der Zeit auf dem bestimmten Platze ankamen, fanden wir doch Mr. Micawber schon dort. Er stand mit verschränkten Armen vor der Mauer und betrachtete mit sentimentaler Miene die eisernen Spitzen.

Als wir ihn anredeten, war er verlegener und weniger vornehmtuend als früher. Er hatte den schwarzen Juristenrock auf der Reise abgelegt und trug wieder seinen Überzieher und die engen Hosen. Aber nicht mehr mit der frühern großartigen Miene. Allmählich taute er mehr und mehr auf, als wir mit ihm plauderten, aber seine Lorgnette hing nicht mehr so nonchalant herab, und sein Hemdkragen, wenn auch noch von der alten Größe, sah recht welk aus.

 

»Meine Herren«, sagte Mr. Micawber nach den ersten Begrüßungen, »Sie sind Freunde in Wort und Tat. Erlauben Sie mir, mich nach dem physischen Wohlbefinden der gegenwärtigen Mrs. Copperfield und der zukünftigen Mrs. Traddles zu erkundigen, das heißt, wenn mein Freund Mr. Traddles noch nicht mit dem Gegenstand seiner Neigung fürs Leben vereint ist.«

Wir dankten der höflichen Nachfrage; dann lenkte er unsere Aufmerksamkeit auf die Mauer und fing an:

»Ich versichere ihnen, meine Herren –«

Ich erhob Einwand gegen diese zeremonielle Form der Anrede und bat ihn, doch ganz in seiner alten Weise zu sprechen.

»Mein lieber Copperfield«, erwiderte er und drückte mir die Hand, »Ihre Herzlichkeit überwältigt mich. Diese freundliche Aufnahme eines zerschmetterten Bruchstücks des Tempels, den man voreinst Mensch nannte – wenn ich mir diesen Ausdruck erlauben darf –, verrät ein Herz, das dem ganzen Menschengeschlecht zur Ehre gereicht. Ich wollte eben bemerken, daß ich den fröhlichen Ort wieder vor Augen sehe, wo die glücklichsten Stunden meines Daseins verrannen.«

»Verschönt durch Mrs. Micawber«, ergänzte ich. »Ich hoffe, sie befindet sich doch wohl?«

»Ich danke«, entgegnete Mr. Micawber, dessen Antlitz sich bei dieser Frage trübte. »Sie befindet sich nur soso –. Das also«, fuhr er fort und nickte kummervoll, »ist das Schuldgefängnis! Das Haus, in dem das erste Mal nach so vielen entschwundnen Jahren der überwältigende Druck pekuniärer Verbindlichkeiten sich nicht Tag für Tag durch zudringliche Stimmen, die den Hausflur nicht räumen wollten, laut machte, – wo kein Klopfer an der Tür für die andrängenden Gläubiger hing und alle Mahner auf den Portier angewiesen waren. Meine Herren, wenn der Schatten der eisernen Spitzen auf jener Ziegelmauer auf dem Sand des Exerzierplatzes lag, habe ich gesehen, wie meine Kinder dem Wirrwarr des labyrinthischen Musters nachgingen, die dunkeln Stellen vermeidend. Ich kenne jeden Stein an diesem Ort. Wenn ich Schwäche zeige, werden Sie es mir gewiß verzeihen!«

»Wir sind seitdem alle im Leben vorwärtsgekommen, Mr. Micawber.«

»Mr. Copperfield«, entgegnete Mr. Micawber mit Bitterkeit, »als ich ein Bewohner dieses Zufluchtsorts war, konnte ich meinem werten Mitmenschen noch ins Gesicht sehen und ihm – eine herunterhauen, wenn er mich beleidigte. Mein Mitmensch und ich stehen nicht mehr auf so glorreichem Fuß miteinander.« Mr. Micawber wendete sich niedergeschlagen von dem Gebäude weg, nahm meinen dargebotnen Arm auf der einen und Traddles Arm auf der andern Seite an und entfernte sich, von uns geleitet.

»Es gibt Stationen auf dem Wege zum Grabe«, bemerkte er und sah sich ergriffen um, »die der Mensch – wäre der Wunsch nicht gottlos die der Mensch niemals hinter sich haben möchte. Eine solche Station bedeutet in meinem wechselreichen Leben das Schuldgefängnis.«

»Sind Sie aber trübe gestimmt, Mr. Micawber«, sagte Traddles.

»Ja, das bin ich, Sir.«

»Ich will doch nicht hoffen, daß Sie keinen Gefallen mehr an der Jurisprudenz finden! – Ich bin, wie Sie wissen, selbst Jurist«, sagte Traddles.

Mr. Micawber erwiderte kein Wort.

»Was macht unser Freund Heep, Mr. Micawber?« fragte ich nach einer Pause.

»Mr. Copperfield«, Mr. Micawber wurde plötzlich ganz aufgeregt und blaß, »wenn Sie meinen Brotherrn Ihren Freund nennen, so tut es mir leid; halten Sie ihn für den meinen, so muß ich sardonisch lächeln. In welchem Sinne immer Sie nach ihm fragen, muß ich Sie bitten, meine Antwort, ohne Sie beleidigen zu wollen, darauf beschränken zu dürfen, daß, ob er jetzt gesund ist oder nicht, sein Aussehen fuchshaft, um nicht zu sagen teuflisch ist. Als Privatmann werden Sie mir erlauben, einen Gegenstand fallenzulassen, der mich in meiner Eigenschaft als Jurist bis an den äußersten Rand der Verzweiflung gebracht hat.«

Ich sprach mein Bedauern darüber aus, daß ich unbewußt ein Thema berührt hatte, das ihn so aufregte. »Darf ich aber fragen«, sagte ich, »wie sich meine alten Freunde, Mr. und Miss Wickfield, befinden?«

»Miss Wickfield«, Micawber wurde rot, »ist wie immer ein Muster und ein glänzendes Vorbild. Mein lieber Copperfield, sie ist der einzige Stern in meiner elenden Lebensnacht. Meine Hochachtung vor dieser jungen Dame, meine Bewunderung vor ihrem Charakter, die Ergriffenheit, mit der mich ihre Liebe und Treue und Wahrhaftigkeit erfüllt, ihre Güte … Bitte, führen Sie mich in eine Seitengasse«, sagte Mr. Micawber, »denn auf Ehre, in meinem gegenwärtigen Gemütszustand kann ich das kaum ertragen.«

Wir führten ihn in eine enge Gasse, wo er sein Taschentuch herauszog und sich mit dem Rücken an eine Mauer lehnte. Wenn ich ihn ebenso ernst ansah wie Traddles, so muß unser Anblick nicht sehr aufheiternd auf ihn gewirkt haben.

»Es ist mein Verhängnis«, fuhr Mr. Micawber fort und schluchzte laut, obgleich er auch dabei eine gewisse Pose nicht lassen konnte, »es ist leider mein Verhängnis, meine Herren, daß die edlern Gefühle des Menschenherzens wie ein Vorwurf auf mich fallen. Die Verehrung, die ich für Miss Wickfield hege, zerreißt mein Herz in tausend Teile. Besser wäre, Sie ließen mich gehen, damit ich als Vagabund die Welt durchstreifte. Der Wurm wird doppelt so rasch sein Werk vollenden.«

Ohne uns dieser Aufforderung zu fügen, blieben wir neben ihm stehen, bis er das Taschentuch einsteckte und, um etwaige unberufene Zuschauer zu täuschen, ein Liedchen vor sich hinsummte und den Hut unternehmend schief aufsetzte.

Ich sagte ihm dann, ich wäre ihm sehr verbunden, wenn er mir das große Vergnügen bereitete, ihn meiner Tante vorstellen zu dürfen, und daß wir zusammen nach Highgate, wo ein Bett zu seiner Verfügung stünde, fahren wollten.

»Sie müssen uns ein Glas von Ihrem Punsche brauen, Mr. Micawber, und Ihre Sorgen in angenehmen Erinnerungen ertränken.«

»Meine Herren, tun Sie mit mir, was Sie wollen«; entgegnete Mr. Micawber. »Ich bin ein Strohhalm über der Tiefe und werde hin und her geworfen von den Elefanten – pardon, ich wollte sagen – von den Elementen.«

Wir setzten unsern Weg Arm in Arm fort, erreichten die Kutsche noch rechtzeitig und langten in Highgate ohne weitere Abenteuer an. Ich war einigermaßen im Zweifel, was zunächst geschehen müßte, und Traddles schien es ebenso zu gehen.

Mr. Micawber war fast die ganze Fahrt in düsteres Nachsinnen versunken. Zuweilen gab er sich Mühe, fröhlich zu erscheinen, und trällerte den Anfang eines Liedchens. Aber seine Rückfälle in den alten Trübsinn wurden durch den schiefgesetzten Hut und den bis an die Augen emporgezogenen Hemdkragen nur noch auffälliger.

Wir gingen wegen Doras Unpäßlichkeit in das Haus meiner Tante. Wir schickten um sie, und sie bewillkommte Mr. Micawber mit großer Herzlichkeit. Mr. Micawber küßte ihr die Hand, zog sich in das Fenster zurück, zog sein Taschentuch heraus und focht offenbar einen schweren innern Kampf durch.

Mr. Dick war zu Hause. Schon von Natur aus außerordentlich mitfühlend, wenn jemand litt, entdeckte er schnell, wo es fehlte, und schüttelte Mr. Micawber alle fünf Minuten mindestens ein dutzendmal die Hand. Mr. Micawber war in seinem Kummer durch diese Wärme von Seiten eines ihm ganz Fremden so außerordentlich ergriffen, daß er bei jedem neuen Händeschütteln nur sagen konnte: »Mein lieber Herr, ich bin ganz überwältigt.« Und das freute Mr. Dick so sehr, daß er seine Hände fast gar nicht mehr losließ.

»Die Freundlichkeit dieses Herrn«, sagte Mr. Micawber zu meiner Tante, »streckt mich – wenn Sie mir gestatten wollen, Maam, eine Redewendung aus dem Wortschatz unseres rauhen Nationalsportes zu entlehnen – geradezu zu Boden. Auf das Haupt eines Mannes, der unter einer so komplizierten Last von Sorgen und Unruhe seufzt, häuft ein derartiger Empfang glühende Kohlen, das versichere ich Ihnen.«

»Mein Freund Mr. Dick«, entgegnete meine Tante mit Stolz, »ist kein gewöhnlicher Mensch.«

»Davon bin ich überzeugt«, rief Mr. Micawber. »Mein werter Herr, ich empfinde auf das tiefste die Herzlichkeit Ihres Empfangs.«

»Wie befinden Sie sich?« fragte Mr. Dick mit besorgtem Blick.

»Leider nur mäßig, verehrter Herr.«

»Sie dürfen den Mut nicht sinken lassen«, ermutigte Mr. Dick, »und müssen es sich hier so behaglich wie möglich machen.«

Mr. Micawber war wieder ganz überwältigt von diesen freundlichen Worten und von Mr. Dicks abermaligem Händedruck. »Es ist mein Schicksal gewesen«, sagte er, »in dem vielgestaltigen Panorama des menschlichen Daseins zuweilen auf eine Oase zu stoßen. Aber noch nie fand ich eine so grüne, so erquickende wie diese.«

Zu jeder andern Zeit hätte mich all dies höchlichst amüsiert, aber ich fühlte, daß wir alle in Unruhe waren, und beobachtete Mr. Micawbers Hin- und Herschwanken zwischen dem Wunsche, etwas zu enthüllen, und dem gegenteiligen Bedürfnis, es zu verschweigen, so gespannt, daß mich förmlich ein Fieber ergriff. Traddles saß auf der Kante seines Stuhls, die Augen aufgerissen und das Haar mehr zu Berg stehend als je, sah bald den Fußboden, bald Mr. Micawber an und sprach kein Wort. Meine Tante war geistesgegenwärtiger als wir alle und betrachtete unsern Gast mit der gespanntesten Aufmerksamkeit. Sie munterte ihn immerwährend zum Reden auf, mochte er wollen oder nicht.

»Sie sind ein langjähriger Freund meines Neffen, Mr. Micawber«, sagte sie, »und ich wollte, ich hätte das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft schon früher gehabt.«

»Maam«, antwortete Mr. Micawber, »auch ich wünschte, mir wäre die Ehre, Sie zu einer früheren Zeit kennenzulernen, eher zuteil geworden. Ich war nicht immer das Wrack, das Sie jetzt vor sich sehen.«

»Ich hoffe, Mrs. Micawber und Ihre Familie befinden sich wohl, Sir?«

Mr. Micawber nickte bejahend. »Sie befinden sich so wohl, Maam«, bemerkte er verzweifelt nach einer Pause, »wie Fremdlinge und Ausgestoßene sich nur befinden können.«

»Mein Gott!« rief meine Tante in ihrer kurzen Art aus. »Was soll das heißen?«

»Der Lebensunterhalt meiner Familie, Maam, hängt in der Luft. Mein Brotgeber – «

Hier unterbrach er sich plötzlich und begann die Zitronen zu schälen, die ich ihm nebst andern Erfordernissen zur Punschbereitung hatte vorsetzen lassen.

»Ihr Brotgeber –« erinnerte Mr. Dick und schüttelte ihm aufmunternd seinen Arm.

»Mein bester Herr«, nahm Mr. Micawber seinen Faden wieder auf, »ich danke Ihnen, daß Sie mich wieder daraufbringen«. Sie schüttelten sich abermals die Hände. »Mein Brotgeber, Maam, – Mr. Heep – war einmal so liebenswürdig, mir anzudeuten, daß ich ohne seine Honorare für meine Dienste ein herumziehender Taschenspieler werden müßte, der Degenklingen verschluckt oder Feuer frißt. Wenn ich alles erwäge, so scheint es mir keineswegs unwahrscheinlich, daß meine Kinder dereinst ihr Brot durch Verrenkung ihrer Glieder suchen müssen, wobei Mrs. Micawber wohl diese widernatürlichen Kunststücke mit der Drehorgel unterstützen wird.«

Mit einer ausdrucksvollen Bewegung des Messers deutete Mr. Micawber an, daß diesem Beruf seiner Familie sein eigner Tod vorangehen würde; dann nahm er mit verzweiflungsvoller Miene die Zitronen wieder in Angriff.

Meine Tante lehnte sich mit den Ellbogen auf das runde Tischchen neben ihr und beobachtete ihn aufmerksam. Trotz der Abneigung, die mir der Gedanke einflößte, ihn gegen seinen Willen zu einer Enthüllung zu verlocken, wäre ich doch wahrscheinlich in ihn gedrungen, wenn er sich nicht gar so wunderlich benommen hätte. So warf er z. B. die Zitronenschalen in den Kessel, den Zucker in den Aschbecher und den Spiritus in den leeren Krug und wollte vertrauensvoll heißes Wasser aus einem Leuchter einschenken. Ich sah, daß die Krise herannahte.

Er schob plötzlich alle Punschrequisiten zusammen, stand vom Stuhle auf, zog das Taschentuch heraus und fing an zu weinen.

»Mein lieber Copperfield«, schluchzte er hinter dem Tuch hervor, »Punsch bereiten ist eine Verrichtung, die, mehr als jede andere, Seelenruhe und Selbstachtung erfordert. Ich kann es nicht. Darüber ist kein Zweifel mehr.«

»Mr. Micawber«, beruhigte ich ihn, »was haben Sie denn nur? Bitte, sprechen Sie sich aus! Sie sind doch unter Freunden.«

»Unter Freunden!« wiederholte Mr. Micawber, und alles, was er so lange niedergekämpft hatte, brach jetzt los. »Gott im Himmel, eben weil ich unter Freunden bin, befinde ich mich in diesem Gemütszustand. – Was eigentlich los ist, meine Herren? Schurkerei, Niederträchtigkeit, Heuchelei, Betrug, Verrat, Verschwörung ist los; und der Name der ganzen Niederträchtigkeit ist – Heep!«

Meine Tante schlug die Hände zusammen, und wir alle sprangen überrascht auf.

»Der Kampf ist vorbei«, sagte Mr. Micawber, heftig mit dem Taschentuch gestikulierend. Von Zeit zu Zeit streckte er die Hände aus, als müßte er gegen übermenschliche Hemmnisse anschwimmen. »Ich vermag dieses Leben nicht länger mehr zu tragen. Ich bin ein Elender, abgeschnitten von allem, was das Leben erträglich macht. Ich stehe unter einem bösen Zauber und bin diesem teuflischen Schurken verfallen. Gebt mir meine Frau zurück, meine Familie, setzt den Micawber wieder ein, wo der elende Kerl jetzt in den Schuhen, die ich anhabe, steht! Verlangen Sie von mir, daß ich morgen eine Degenklinge verschlucke, und ich will es tun. Mit Heißhunger!«

Ich sah noch nie im Leben einen Menschen so aufgeregt. Ich versuchte ihn zu beruhigen, aber er wurde immer hitziger und wollte nichts hören.

»Ich gebe niemand meine Hand mehr«, schrie er, nach Luft schnappend wie ein Ertrinkender, »bis ich – in Splitter – gesprengt habe die – ha – scheußliche – Schlange – Heep! Ich will niemandes Gastfreundschaft mehr annehmen, bis ich – den Berg Vesuv – zu einem Ausbruch – beschworen habe –, den gotteslästerlichen Schurken – Heep zu verschütten! Einen Bissen anzunehmen – unter diesem Dach oder gar Punsch – würde mich ersticken, – ehe ich nicht – diesem grenzenlosen Heuchler und Lügner – die Augen aus dem Kopf gequetscht habe. Ich will niemand – kennen – und – kein Wort mehr reden – und nirgendwo – mein Haupt niederlegen –, bis ich in unsichtbare Atome – zerschmettert habe – diesen unerhörten – meineidigen Schuft, – diesen Heep!«

Ich fürchtete fast, Mr. Micawber könnte auf der Stelle tot niederfallen. Die Art, mit der er sich durch seine unartikulierten Sätze hindurcharbeitete und mit einer Vehemenz, die ans Wunderbare grenzte, jedes Mal den Namen Heep hervorstieß, war schreckenerregend, und es sah wirklich aus, als läge er in den letzten Zügen. Ich wollte ihm beispringen, aber er wehrte mich ab und wollte nichts hören.

»Nein, Copperfield! – kein Wort – ah – Miss Wickfield – Genugtuung – für das Unheil, das dieser unerhörte Schuft – Heep – auf ihr Haupt geladen hat –, unverletzliches Geheimnis – vor der ganzen Welt – keine Ausnahme heute über acht Tage zur Frühstücksstunde –, alle müssen dabeisein – auch Ihre Tante – und der liebenswürdige freundliche Gentleman – im Gasthof in Canterbury –, wo – Mrs. Micawber und ich –, o die schönen alten Zeiten und der Chor ›Auld lang Syne‹ –, dort werde ich ihn entlarven, diesen schauderhaften Schurken – Heep! Nichts mehr jetzt – ich lasse mich nicht überreden! – Ich kann die Gesellschaft nicht mehr vertragen, – solange ich auf der Spur dieses verdammten Verräters bin – dieses – dieses – dieses – Heep!«

Mit diesem letzten Zauberwort, das ihm wieder neue Kraft gab, stürzte Mr. Micawber aus dem Haus und ließ uns in einem Zustand von Aufregung, Hoffnung und Verwunderung zurück, die sich nicht viel von seinem unterschied. Aber selbst dann ließ ihm seine Vorliebe für das Briefeschreiben keine Ruhe. Noch während wir im höchsten Grade aufgeregt beisammen saßen, kam folgender elegischer Brief aus einem nahen Wirtshaus, von seiner Hand geschrieben, an uns:

Höchst vertraulich und geheim!
Sehr verehrter Herr!

Ich nehme mir die Freiheit, Sie zu ersuchen, mich bei Ihrer vortrefflichen Tante wegen meiner soeben an den Tag gelegten Aufregung zu entschuldigen. Der Ausbruch eines lange unterdrückten glimmenden Vulkans war die Folge eines innern Kampfes, der jeder Beschreibung spottet.

Ich hoffe, ich habe die Bitte um eine Zusammenkunft auf heute über acht Tage frühmorgens in dem Gasthof in Canterbury, wo Mrs. Micawber und ich einst die Ehre hatten, in dem wohlbekannten Liede des unsterblichen Dichters und Steuerbeamten, der jenseits des Tweed aufwuchs, unsere Stimmen mit der Ihrigen zu vereinen, leidlich verständig gemacht.

Wenn die Pflicht erfüllt und die Sühne vollbracht ist, die mich allein in den Stand setzen kann, meinen Mitmenschen wieder ins Antlitz zu schauen, wird man mich nie mehr wiedersehen. Mein einziger Wunsch wird sein, zur Ruhe zu kommen an jenem Ort, wo

»Reih an Reih des Dorfes Ahnen
in ewgem Schlummer ruhn in engen Zellen«
unter der einfachen Grabschrift:


Wilkins Micawber

50. Kapitel Mr. Peggottys Traum geht in Erfüllung


50. Kapitel Mr. Peggottys Traum geht in Erfüllung

Mehrere Monate waren seit unserer Begegnung am Ufer des Flusses verstrichen. Ich hatte Marta seitdem nicht mehr wiedergesehen, aber Mr. Peggotty war verschiedene Male mit ihr zusammengetroffen. Trotz ihres eifrigsten Bemühens hatte sie bisher nichts erreicht. Aus dem, was ich erfuhr, ging nichts über Emlys Schicksal hervor. Ich fing bereits an zu zweifeln, ob es jemals gelingen würde, sie wieder aufzufinden, und machte mich allmählich mit dem Gedanken, sie sei tot, vertraut.

Mr. Peggottys Glaube hingegen blieb unerschütterlich. Soviel ich weiß – und ich glaube, sein ehrliches Herz verbarg mir keinen seiner Gedanken –, wankte er niemals in seiner felsenfesten Überzeugung, daß er sie auffinden werde. Er wurde nie müde auszuharren, und es lag etwas so Religiöses, etwas so Rührendes in seiner Zuversicht, daß ich ihn von Tag zu Tag mehr achten und hochschätzen mußte.

Sein Glaube war kein träges Vertrauen, das nur hofft und nichts tut. Er war sein ganzes Leben lang ein Mann der Arbeit gewesen und wußte, daß er in allem, wo er Hilfe brauchte, selbst Hand anlegen und sich selbst helfen mußte. Ich kann mich erinnern, daß er einmal mitten in der Nacht aufstand, um nach Yarmouth zu wandern, von der Ahnung gequält, das Licht könnte durch einen Zufall nicht im Fenster des alten Bootes stehen. Ein andermal nahm er seinen Wanderstab, als er etwas in den Zeitungen gelesen hatte, was sich auf Emly beziehen konnte, und machte eine Reise von einigen Dutzend Meilen. Er fuhr zur See nach Neapel und zurück, nachdem er meinen Bericht, zu dem mir Miss Dartle verholfen, angehört hatte. Auf allen diesen Reisen gönnte er sich nicht die geringste Bequemlichkeit, denn er wollte Geld sparen um Emlys willen, wenn sie gefunden würde. In dieser ganzen langen Zeit hörte ich ihn niemals unwillig werden, hörte ihn niemals über Ermüdung oder Mutlosigkeit klagen.

Dora hatte ihn oft während unserer Ehe gesehen und recht lieb gewonnen. Ich sehe ihn noch vor mir neben ihrem Sofa stehen, die grobe Mütze in der Hand, während ihre blauen Augen mit schüchterner Verwunderung auf seinem Gesicht ruhten.

Manchmal abends in der Dämmerstunde, wenn er mich besuchte, bewog ich ihn, während wir langsam im Garten auf und ab gingen, seine Pfeife zu rauchen, und dann trat das Bild seines verlassenen Herdes und der trauliche Eindruck, den es auf meine Kinderaugen gemacht hatte, wenn das Feuer brannte und der Wind um die Hütte stöhnte, lebhaft vor meine Seele.

Um eine solche Stunde sagte er mir eines Tages, Marta habe am Abend vorher vor seiner Wohnung gewartet, bis er nach Hause kam, und ihn gebeten, er möge jetzt um keinen Preis London verlassen, ehe sie ihn nicht abermals gesprochen hätte.

»Sagte sie Ihnen, warum?« fragte ich.

»Ich fragte sie, Masr Davy, aber sie sprach nur wenige Worte, ließ sich bloß mein Versprechen geben und ging wieder.«

»Sagte sie nicht, wann sie wiederkommen wollte?«

»Nein, Masr Davy«, entgegnete er und strich sich mit der Hand gedankenvoll über die Stirn. »Ich fragte sie auch das, aber sie antwortete, sie wüßte es nicht.«

Da ich mir längst abgewöhnt hatte, Hoffnungen zu bestärken, die an Spinnfäden hingen, sagte ich weiter nichts, als daß ich hoffte, es werde bald geschehen. Die Vermutungen, die mir durch den Kopf schossen, behielt ich für mich.

 

Etwa vierzehn Tage später ging ich allein eines Abends in meinem Garten auf und ab. Ich kann mich noch recht auf den Tag besinnen. Es war der zweite in der von Mr. Micawber festgesetzten Woche. Es hatte von früh an geregnet, und die Luft war feucht. Die Blätter auf den Bäumen waren schwer von Tropfen, und der Regen hatte aufgehört, obgleich der Himmel noch voll Wolken hing, und die Vögel zwitscherten fröhlich. Ich ging im Garten auf und ab, die Dämmerung umschloß mich dichter und dichter, und allmählich verstummte das Zwitschern; die eigentümliche Stille, die an solchen Abenden auf dem Lande herrscht, wo kein Geräusch außer dem Fallen der Regentropfen von den Zweigen in der Luft zu hören ist, fing an einzutreten.

An unserm Landhaus entlang führte ein kleiner Laubengang von Efeu, durch den ich aus dem Garten auf die Straße draußen blicken konnte. In Gedanken verloren wandte ich zufällig meine Blicke dorthin und sah eine Gestalt in einem einfachen Mantel draußen stehen. Sie beugte sich zu mir herüber und winkte.

»Marta!« rief ich und eilte auf sie zu.

»Können Sie mitkommen?« fragte sie mit erregtem Flüstern. »Ich war bei ihm, und er ist nicht zu Hause. Ich habe das Haus, wohin er kommen soll, aufgeschrieben und die Adresse selbst auf seinen Tisch gelegt. Es hieß, er könne nicht lang ausbleiben. Ich habe Nachrichten für ihn. Können Sie gleich mitkommen?«

Ich trat augenblicklich durch das Gartentor hinaus. Sie winkte mir hastig mit der Hand, als wollte sie mich um Geduld und Schweigen bitten, und wendete sich London zu, von wo sie, wie ihr Kleid verriet, zu Fuß gekommen sein mußte.

Ich fragte, ob das unser Ziel sei, und da sie mit derselben hastigen Gebärde wie vorhin bejahte, ließ ich einen vorbeifahrenden Fiaker anhalten, und wir stiegen ein. Als ich sie fragte, wohin uns der Kutscher fahren sollte, gab sie zur Antwort: »In die Nähe von Golden Square, und so rasch wie möglich! – « Dann lehnte sie sich in die Ecke, winkte mir ab, als ob sie keine Menschenstimme ertragen könnte, und bedeckte sich mit zitternder Hand das Gesicht.

In größter Spannung, voll Furcht und Hoffnung, sah ich sie fragend an. Aber als ich begriff, wie viel ihr daran lag zu schweigen, gab ich meinen Versuch auf. Wir fuhren weiter, ohne ein Wort zu sprechen. Zuweilen sah sie zum Fenster hinaus, wie in Ungeduld, obgleich wir sehr rasch fuhren.

Wir stiegen endlich in der Nähe des von ihr bezeichneten Platzes aus, und ich ließ den Wagen warten, da ich nicht wußte, ob wir ihn nicht vielleicht später wieder brauchen würden. Sie hatte die Hand auf meinen Arm gelegt und riß mich rasch fort nach einer der dunkeln Straßen, wo damals die Häuser seit langem zu Armenwohnungen herabgesunken waren. Als wir zu der offenen Tür eines dieser Gebäude kamen, ließ sie meinen Arm los und winkte mir, ihr die Treppe hinauf zu folgen.

Das Haus war überfüllt von Bewohnern. Frauen und Kinder, deren Neugierde wir erregt zu haben schienen, spähten in den Fenstern über Blumentöpfen herab, und als wir die Treppe hinaufgingen, kamen uns Leute entgegen; es öffneten sich Zimmertüren, und Gesichter guckten heraus. Die Treppen waren breit – an der einen Seite mit dunkelm Getäfel versehen, an der andern mit massiven Ballustraden aus dunkelm Holz, über den Türen reich mit Früchten und Blumen verzierte Friese und in den Fenstern breite Sitze. Aber alle diese Zeichen entschwundener Pracht sahen jetzt greulich verfallen und schmutzig aus; Schwamm, Fäulnis und Alter hatten den an vielen Stellen baufälligen und eingebrochnen Flur angegriffen. Wie ich bemerkte, waren Versuche gemacht worden, neues Blut in den verfallenden Körper zu bringen, indem man die kostbare alte Holzarbeit hie und da mit ordinärem Fichtenholz ausgebessert hatte; es sah aus wie die Verbindung eines herabgekommenen alten Adligen mit einem armen Weib aus dem Volke, und jeder Teil dieser Mesalliance zog sich scheu vor dem andern zurück. Mehrere Treppenfenster waren verdunkelt oder ganz zugemauert, und in den vorhandenen saßen nur noch wenige Scheiben in morschen Rahmen. Sie boten die Aussicht auf andre scheibenlose Fenster in Häusern ähnlicher Beschaffenheit gegenüber, und schwindelnd sah ich hinab in den schmutzigen Hof, der den gemeinsamen Kehrichtplatz des ganzen Gebäudes bildete.

Wir stiegen bis ins oberste Stockwerk. Zwei- oder dreimal glaubte ich unterwegs in dem ungewissen Licht die Schleppe eines Frauenkleides vor uns hinaufsteigen gesehen zu haben. Als nur mehr eine Treppe zwischen uns und dem Dach war, bemerkten wir, daß die Gestalt einen Augenblick vor einer Tür stehenblieb und dann eintrat.

»Wer ist das?« flüsterte Marta mir zu. »Sie ist in mein Zimmer gegangen! Ich kenne sie nicht!«

Ich hatte sie sehr wohl erkannt. Es war zu meinem Erstaunen Miss Dartle.

Ich erklärte meiner Führerin mit wenigen Worten, daß es eine mir bekannte Dame sei, und hatte kaum ausgesprochen, als wir die Stimme Miss Dartles im Zimmer drin hörten, wenn wir auch nicht verstehen konnten, was sie sagte. Mit verwundertem Gesichte bedeutete mir Marta zu schweigen und führte mich leise die Treppe hinauf und durch eine kleine Seitentür ohne Schloß, die sie mit der Hand aufstieß, in eine kleine leere Dachkammer.

Aus diesem Raum führte in ihr Zimmer eine kleine Tür, die jetzt halb offenstand. Hier blieben wir stehen, noch außer Atem vom Treppensteigen, und sie legte ihre Hand leise auf meine Lippen. Von dem andern Zimmer konnte ich nur sehen, daß es ziemlich geräumig war, daß ein Bett darin stand und an den Wänden einige kunstlose Abbildungen von Schiffen hingen. Weder ich noch meine Gefährtin konnten Miss Dartle oder die Person, die sie angeredet hatte, sehen.

Marta hielt mir immer noch die Hand auf meine Lippen und horchte.

»Es ist mir gleichgültig, ob sie zu Hause ist«, sagte Rosa Dartle hochmütig. »Ich kenne sie gar nicht. Ich komme zu Ihnen!«

»Zu mir?« fragte eine sanfte Stimme.

Bei ihrem Klange durchzuckte es mich. Es war Emlys Stimme.

»Ja«, gab Miss Dartle zur Antwort, »ich komme, um Sie zu sehen. Schämen Sie sich nicht des Gesichtes, das so viel Unheil angestiftet hat?«

Bei dem Tone entschlossen und unbarmherzigen Hasses und der mit Gewalt niedergehaltnen Wut sah ich Miss Dartle so deutlich vor mir, als ob sie leibhaftig vor mir stünde. Ich sah die flackernden schwarzen Augen, die von Leidenschaft verzehrte Gestalt, sah die Narbe mit dem weißen Streif quer über die Lippen zittern und zucken, wie sie sprach:

»Ich wollte James Steerforths Liebste sehen. Die Dirne, die mit ihm davonlief und das Stadtgespräch der gemeinsten Leute ihres Geburtsortes ist, – die freche abgefeimte Gefährtin eines Menschen wie James Steerforth. Ich wollte wissen, wie so ein Geschöpf aussieht!«

Ich hörte ein Geräusch, als ob die Unglückliche nach der Tür eilte und Miss Dartle rasch dazwischenträte. Dann folgte eine kurze Pause.

Als Miss Dartle wieder anfing zu reden, sprach sie durch die Zähne und stampfte auf den Fußboden:

»Hierbleiben!« sagte sie, »oder ich will dem ganzen Haus und der ganzen Straße sagen, wer Sie sind! Wenn Sie versuchen, mir davonzulaufen, werde ich Sie festhalten und wenns an den Haaren sein müßte!«

Ein eingeschüchtertes Murmeln war die einzige Antwort, die an mein Ohr drang. Wieder folgte ein Schweigen. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. So sehr ich wünschte, dem Gespräch ein Ende zu machen, so fühlte ich doch, daß ich kein Recht hätte, mich hineinzumischen und daß nur Mr. Peggotty dies tun dürfte. Kommt er immer noch nicht? dachte ich voll Ungeduld.

»So!« sagte Rosa Dartle mit einem verächtlichen Lachen. »Sehe ich Sie endlich! Wie erbärmlich er sein muß, daß er sich von einem solchen duckmäuserischen scheinheiligen Geschöpf fangen ließ.«

»Um Gottes willen, seien Sie barmherzig!« rief Emly. »Wer Sie auch sein mögen, Sie kennen meine jammervolle Geschichte. Um Gottes willen, seien Sie barmherzig, wenn Gott gegen Sie dereinst barmherzig sein soll.«

»Wenn Gott gegen mich barmherzig sein soll!« entgegnete die andere heftig. »Was glauben Sie eigentlich, daß wir miteinander gemein haben!«

»Nichts als unser Geschlecht!« sagte Emly und brach in Tränen aus.

»Und das ist ein derartig starker Anspruch, wenn er von so einer infamen Person erhoben wird«, sagte Miss Dartle, »daß ich Ihnen den Mund verbieten würde, wenn ich ein anderes Gefühl als Verachtung und Abscheu vor Ihnen hätte. Unser Geschlecht! Sie sind mir eine Ehre für unser Geschlecht!«

»Ich habe das verdient«, rief Emly, »aber es ist entsetzlich! O, bedenken Sie, was ich gelitten habe und wie tief ich gefallen bin! Marta, Marta, um Gottes willen, komm, komm zurück!«

Miss Dartle setzte sich auf einen Stuhl der Türe gegenüber und blickte zu Boden, als ob Emly vor ihr läge. Da sie jetzt zwischen mir und dem Lichte saß, konnte ich ihre von Hohn verzognen Lippen und ihre grausamen Augen sehen, die sich in gierigem Triumph auf eine Stelle außer meinem Sehbereich hefteten.

»Hören Sie jetzt, was ich Ihnen sage, und sparen Sie Ihre heuchlerischen Künste für Ihre Dummköpfe auf. Sie werden doch nicht glauben, daß Sie mich durch Ihre Tränen rühren können? Sowenig Sie mich durch Ihr Lächeln täuschen könnten, Sie feige Sklavin!«

»Haben Sie Erbarmen!«, jammerte Emly. »Haben Sie Erbarmen oder ich werde wahnsinnig!«

»Das wäre keine genügende Strafe für Ihr Verbrechen. Wissen Sie, was Sie getan haben? Denken Sie jemals an das Haus, das Sie verwüstet haben?«

»O, es gibt keinen Tag und keine Nacht, wo ich nicht daran dächte«, rief Emly; und jetzt konnte ich sie sehen, wie sie auf den Knieen lag, den Kopf zurückgeworfen, verzweiflungsvoll die Hände ringend, während ihr das Haar in Unordnung auf die Schultern fiel. »Ist jemals im Wachen oder im Träumen eine einzige Minute vergangen, wo ich das alte Haus nicht vor mir sah, so deutlich wie an jenem unglücklichen Tage, wo ich ihm auf ewig den Rücken kehrte! Mein Heim! Mein Heim!«

Sie sank mit dem Kopf nieder auf den Boden vor der hochmütigen Gestalt auf dem Stuhl und machte einen Versuch, flehend deren Kleid zu fassen.

Rosa Dartle blieb sitzen und sah auf sie herab, so unbeweglich wie eine Erzfigur. Sie preßte ihre Lippen fest zusammen, als müßte sie sich Zwang antun, die Ärmste nicht mit dem Fuß von sich zu stoßen.

Ich sah sie deutlich, und alles in ihr schien sich in diesem Ausdruck zusammenzudrängen.

»Kommt er denn noch immer nicht!?«

»Die jämmerliche Eitelkeit dieses Ungeziefers«, sagte sie, als sie ihre Wut so weit bezwungen hatte, daß sie wieder sprechen konnte. »Ihre Familie! Bilden Sie sich ein, daß ich nur einen Moment daran denke, oder glauben Sie wirklich, Sie könnten denen einen Schaden tun, den Geld nicht reichlich ersetzen könnte? Ihre Familie! Sie gehörten mit zum Geschäft Ihrer Familie und wurden gehandelt wie jede andere Ware. Nichts weiter!«

»Sagen Sie das nicht!« rief Emly. »Sagen Sie von mir, was Sie wollen, aber lassen Sie meine Schmach und Schande nicht Leuten entgelten, die so ehrenhaft sind wie Sie. Haben sie Achtung vor ihnen, wenn Sie eine Dame sind, wenn Sie schon kein Erbarmen mit mir fühlen.«

»Ich spreche«, entgegnete Rosa Dartle, ohne das geringste Mitgefühl mit der vor ihr knienden Emly und ihr Kleid mit Ekel zurückziehend, »ich spreche von seiner Familie, – in der ich lebe!«

»Hier«, sagte sie und deutete mit der Hand auf die Kniende herab, »hier sehe ich die wertvolle Veranlassung des Zerwürfnisses zwischen einer vornehmen Dame und ihrem Sohn, – des Jammers in einem Hause, wo man Sie nicht als Dienstmagd angenommen hätte. Dieses Stück Schmutz aufgelesen am Meeresufer, um eine Stunde lang hochgehalten und dann wieder an seinen ursprünglichen Platz geworfen zu werden!«

»Nein, nein!« rief Emly und rang verzweiflungsvoll die Hände. »Als ich ihn das erste Mal sah, war ich so tugendhaft aufgewachsen wie Sie oder jede andere Dame und sollte das Weib eines so vortrefflichen Mannes werden, wie Sie oder irgendeine andere Dame auf der Welt nur heiraten können. Wenn Sie in seiner Familie leben und ihn kennen, so werden Sie vielleicht wissen, welche Gewalt er auf ein eitles schwaches Mädchen auszuüben vermag. Ich will mich nicht verteidigen, aber ich weiß so genau, wie er es weiß oder wissen wird, wenn seine Sterbestunde kommt und sein Gewissen ihm keine Ruhe mehr läßt, daß er alle seine Gewalt über mich dazu mißbrauchte, mich zu täuschen, und daß ich ihm glaubte, ihm vertraute und ihn liebte.«

Rosa Dartle sprang von ihrem Stuhle auf, taumelte zurück und schlug beim Taumeln nach Emly mit einem Gesicht voll solcher Bosheit, so verzerrt und entstellt von Leidenschaft, daß ich mich schon zwischen die beiden werfen wollte. Doch der blind geführte Schlag traf nur die Luft. Wie sie jetzt keuchend dastand und Emly mit dem äußersten Abscheu, dessen sie fähig war, ansah vom Kopf bis zu den Füßen, vor Wut und Verachtung am ganzen Leibe zitternd, da glaubte ich nie etwas Ähnliches gesehen zu haben. »Sie ihn lieben! Sie!« rief sie und ballte die Faust, als fehle ihr nur die Waffe, um die Ärmste niederzustoßen.

Emily war zurückgewichen, so daß ich sie nicht mehr sehen konnte. Ich hörte keine Antwort.

»Und mir das zu sagen, mit diesen schmachbedeckten Lippen! Warum peitscht man solche Geschöpfe nicht aus? Wenn ich zu befehlen hätte, würde ich diese Dirne zu Tode peitschen lassen.«

Und sie hätte es getan, das bezweifle ich keinen Augenblick. Ich hätte sie nicht zur Aufseherin über die Folterbank machen mögen, solange sie diesen wütenden Blick behielt.

Langsam, ganz langsam brach sie in ein Gelächter aus und deutete auf Emly wie auf ein Bild der Schmach für Gott und die Menschen.

»Sie lieben«, sagte sie, »dieses Aas! Und er sollte jemals etwas auf sie gegeben haben, möchte sie mir einreden! Haha! Wie diese feilen Dirnen lügen können.« Ihr Hohn war schlimmer gewesen als jetzt ihre schrankenlose Wut. Nur einen Augenblick war sie losgebrochen, dann hatte sie sie wieder festgekettet; und wie sehr es sie innerlich auch zerreißen mochte, sie gestattete ihr keinen neuen Ausbruch.

»Ich kam hierher, Sie reiner Liebesborn, um zu sehen, wie Geschöpfe Ihrer Art aussehen. Ich war neugierig und bin jetzt befriedigt. Ich wollte Ihnen auch sagen, daß Sie am besten tun, Ihre Familie sobald wie möglich aufzusuchen und Ihr Haupt unter den vortrefflichen Leuten zu verbergen, die Sie erwarten und die Ihr Geld trösten wird. Wenn es alle ist, können Sie ja wieder glauben und vertrauen und lieben. Ich hielt Sie für ein zerbrochenes ausgedientes Spielzeug, für einen wertlosen Flitter, der den Glanz verloren hat und weggeworfen wird, aber da Sie treues Gold sind, eine echte Dame und eine verführte Unschuld mit einem Herzen voll Liebe und Vertrauen – Sie sehen ganz danach aus, und es stimmt mit Ihrer Geschichte so gut überein –, so habe ich Ihnen noch etwas zu sagen. Merken Sie wohl auf, denn was ich Ihnen sage, werde ich auch ausführen. Hören Sie, Sie zarte Fee, was ich sage! Ich werde es auch ausführen!«

Ihre Wut gewann wieder einen Augenblick die Oberhand, aber sie ging über ihr Gesicht wie ein Krampf und ließ nur ein Lächeln zurück.

»Verbergen Sie sich irgendwo! Wenn nicht zu Hause, so irgendwo, wo man Sie nicht erreichen kann, in einem obskuren Leben – oder noch besser – im obskuren Tod. Ich möchte überhaupt gern wissen, warum Sie keinen Weg gefunden haben, Ihrem liebenden Herzen Stille zu gebieten, wenn es schon nicht brechen wollte. Ich habe von solchen Mitteln gehört. Ich glaube, sie müßten leicht zu finden sein!«

Ein leises Weinen Emlys unterbrach sie hier. Sie schwieg und horchte darauf, als ob es ihr Musik wäre.

»Ich bin vielleicht seltsam geartet«, fuhr Rosa Dartle fort, »aber ich kann nicht frei atmen in der Luft, die Sie atmen. Sie macht mich krank. Deshalb will ich sie rein haben. Sie soll nicht länger von Ihnen verpestet werden. Wenn Sie morgen noch hier sind, so soll das ganze Haus Ihre Geschichte erfahren und was Sie sind. Ich höre, es wohnen anständige Frauen im Hause, und es wäre jammerschade, wenn solch ein Geschöpf wie Sie unter ihnen leben dürfte. Wenn Sie hier wegziehen und sich in dieser Stadt unter einer andern Beschäftigung als Ihrer wahren verbergen wollen, so werde ich dasselbe tun, sowie ich Ihren Zufluchtsort erfahre. Da ich von einem Gentleman unterstützt werde, der vor nicht langer Zeit um die Ehre Ihrer Hand warb, werde ich schon dahinterkommen.«

 

Kommt er denn immer und immer noch nicht?!

 

»O Gott, o Gott!« rief die Unglückliche in einem Ton aus, der das härteste Herz hätte erweichen müssen; aber in Rosa Dartles Lächeln zeigte sich keine Veränderung.

»Was soll ich tun! Was soll ich tun!«

»Tun? In dem Glück Ihrer Erinnerung leben! Ihr Dasein der Erinnerung an James Steerforths Zärtlichkeit widmen; er wollte Sie doch seinem Bedienten zur Frau geben, nicht wahr –? Oder den trefflichen Menschen, der Sie von ihm übernehmen wollte, heiraten und in seiner Herablassung in Glück schwelgen. Und, wenn Sie keines von beiden tun wollen, so sterben Sie doch! Für solche Todesarten gibt es Hausflure und Kehrichthaufen genug … Suchen Sie einen und schweben Sie hinauf zum Himmel!«

Ich hörte Tritte auf der Treppe. Ich erkannte sie sogleich. Er war es! Gott sei Dank!

Miss Dartle war bei ihren letzten Worten von der Türe weggegangen, und ich sah sie nicht mehr.

»Also vergessen Sie nicht«, hörte ich sie noch sagen, als sie die Ausgangstüre öffnete. »Ich bin entschlossen, bewogen von gewissen Gründen und von Haßgefühl, Sie bis aufs äußerste zu verfolgen, wenn Sie nicht aus meinem Bereiche fliehen oder Ihre Maske fallen lassen. Das wollte ich Ihnen sagen, und was ich sage, führe ich auch aus.«

 

Die Tritte auf der Treppe kamen näher und näher, schritten an Rosa Dartle vorüber, als sie hinunterging, – traten ins Zimmer.

»Onkel!«

Ein schrecklicher Schrei folgte. Ich wartete einen Augenblick, blickte dann ins Zimmer und sah, wie er sie in seinen Armen hielt. Er sah ihr ein paar Sekunden ins Gesicht, dann küßte er es zärtlich und deckte ein Tuch darüber.

»Masr Davy«, sagte er darauf mit leiser bebender Stimme, »ich danke meinem himmlischen Vater, daß er meinen Traum wahr werden ließ! Ich danke ihm aus vollem Herzen, daß er mich auf seinen eignen Wegen zu meinem Liebling geführt hat.«

Mit diesen Worten hob er Emly in die Höhe und trug die Regungs- und Bewußtlose, das verhüllte Gesicht an seiner Brust geborgen, die Treppe hinunter.

33. Kapitel Wonne


33. Kapitel Wonne

Die ganze Zeit über trug ich Dora glühender im Herzen als je. Der Gedanke an sie war mir Zuflucht in Leid und Kummer und tröstete mich sogar einigermaßen für den Verlust meines Freundes. Je mehr Mitleid ich mit mir selbst oder anderen empfand, desto mehr suchte ich Trost in Doras Bild.

Ich war sozusagen ganz in Dora aufgegangen, sozusagen ganz und gar von ihr durchtränkt.

Das erste, was ich nach meiner Rückkehr tat, war ein Nachtspaziergang nach Norwood, um dort zwei Stunden lang das Haus und den Garten wie einen Feenpalast aus Kinderträumen zu umkreisen und an Dora zu denken. Ich ging wie ein Mondsüchtiger um das Haus herum, guckte durch die Spalten in dem Gartenzaun oder hob mit größter Anstrengung mein Kinn über die verrosteten Nägel auf der obersten Planke, um den Lichtern in den Fenstern Küsse zuzuwerfen und die Nacht anzurufen, meine Dora zu beschirmen, – ich weiß nicht mehr recht, wovor, wahrscheinlich vor Feuer. Vielleicht auch vor Mäusen, die sie fürchterlich verabscheute.

Meine Liebe erfüllte mich derart, daß ich sie natürlich Peggotty anvertraute, als sie eines Abends, eifrig mit der Ausbesserung meiner Garderobe beschäftigt, neben mir saß. Selbstverständlich teilte ich ihr das große Geheimnis nur in Bruchstücken mit. Peggotty interessierte sich lebhaftest für meinen Fall, aber zu meiner Auffassung der Sache konnte sie sich nicht bekehren. Sie war außerordentlich zu meinen Gunsten eingenommen und wollte durchaus nicht begreifen, warum ich meine Zweifel hatte oder niedergeschlagen sein konnte.

»Die junge Dame kann sich zu einem solchen Verehrer gratulieren«, bemerkte sie, »und was den Alten betrifft, um Gotteswillen, was will er denn eigentlich?«

Ich bemerkte jedoch, daß der Proktortalar und die steife Halsbinde Peggotty ein wenig einschüchterten und ihr Furcht vor Mr. Spenlow einflößten, der in meinen Augen von Tag zu Tag immer ätherischer wurde, bis er in seinem Strahlenglanze mir wie ein kleiner Leuchtturm in einem Meer von Pergament und Papier vorkam, wenn er unter seinen Akten im Gerichtssaal saß.

Wenn ich bei einer Verhandlung die schläfrigen alten Richter und Doktoren ansah und bedachte, daß sie sich um Dora nicht kümmern würden, auch wenn sie sie kannten, daß keiner vor Entzücken den Verstand verloren hätte bei der bloßen Aussicht auf eine Heirat mit Dora und daß ihre bezaubernde Gitarre und ihr Gesang auch nicht einen von diesen schläfrigen Philistern einen Zoll vom Wege gelockt hätte, verachtete ich sie alle ohne Ausnahme.

Nicht ohne Stolz übernahm ich die Ordnung von Peggottys Angelegenheit. Ich ließ das Testament bestätigen, erlegte die Erbschaftssteuer, brachte Peggotty persönlich in die Bank und hatte bald alles erledigt. Dem allzu trocknen juristischen Charakter dieser Beschäftigung gaben wir dadurch eine Abwechslung, daß wir uns ein schwitzendes Wachsfigurenkabinett in Fleetstreet, das inzwischen hoffentlich geschmolzen ist, und Miss Linwoods Ausstellung ansahen, die eine Art Mausoleum für Häkelei war; dann besuchten wir noch den Tower und stiegen in die Kuppel der St.-Pauls-Kirche. Alle diese Wunderwerke machten so viel Eindruck, wie es die gegebenen Verhältnisse nur erlaubten, auf Peggotty. Bloß die St.-Pauls-Kirche wurde ihrer Ansicht nach von dem Bilde auf dem Deckel des Arbeitskästchens in verschiedenen Einzelheiten übertroffen …

Nachdem die Angelegenheiten in den Commons abgemacht war, führte ich Peggotty hinunter in die Kanzlei, um ihre Rechnung zu bezahlen. Mr. Spenlow war fortgegangen, wie mir der alte Tiffey sagte, um einen Herrn wegen eines Ehescheins zu vereidigen. Da er aber bald wiederkommen mußte, warteten wir.

Wir machten es uns in den Commons zur Regel, immer mehr oder weniger betrübt dreinzusehen, wenn wir mit Klienten in Trauer zu tun hatten. Von demselben Zartgefühl bewegt, schnitten wir immer heitere und freundliche Gesichter, wenn jemand wegen eines Trauscheins kam. Ich bereitete deshalb Peggotty darauf vor, daß sie Mr. Spenlow fast ganz von der Erschütterung über Mr. Barkis‘ Tod hergestellt sehen würde; und wirklich trat er auch lustig wie ein Bräutigam ein.

Aber weder Peggotty noch ich hatten Augen für ihn, als wir in seinem Begleiter – Mr. Murdstone erkannten.

Mr. Murdstone hatte sich sehr wenig verändert. Sein Haar war so voll und schwarz wie je, sein Blick so wenig vertrauenerweckend wie früher.

»Ah, Copperfield!« sagte Mr. Spenlow. »Sie kennen diesen Herrn, glaube ich.«

Ich machte Mr. Murdstone eine kalte Verbeugung. Peggotty tat, als ob sie ihn kaum kannte. Anfangs war er sehr betroffen, uns beide zusammenzusehen, faßte sich aber sogleich und kam auf mich zu.

»Ich hoffe, Sie befinden sich wohl«, sagte er.

»Das kann Sie schwerlich interessieren. Ja, wenn Sies schon wissen wollen.«

Wir sahen einander in die Augen, dann wendete er sich an Peggotty.

»Und wie geht es Ihnen? Ich habe zu meinem Leidwesen erfahren, daß Ihr Gatte gestorben ist.«

»Es ist nicht der erste Verlust in meinem Leben, Mr. Murdstone«, gab ihm Peggotty, am ganzen Leibe zitternd, zur Antwort. »Ich bin nur froh, daß niemand an diesem Verlust schuldig ist.«

»O«, sagte er, »das ist ein großer Trost. Sie haben Ihre Pflicht erfüllt.«

»Ich habe keines Menschen Leben vergiftet. Gott sei Dank, nein, Mr. Murdstone! Ich habe kein liebes Geschöpf gepeinigt und gequält und in ein frühes Grab gebracht.«

Er sah sie düster – reuevoll –, wie mir vorkam, einen Augenblick an und sagte dann zu mir, ohne mir ins Gesicht zu sehen:

»Wir werden uns wahrscheinlich nicht so bald wieder treffen, wahrscheinlich zu unser beider Befriedigung, denn derartige Begegnungen können niemals angenehm sein. Ich erwarte nicht, daß Sie mich jetzt mit freundlicheren Augen ansehen werden, wo Sie sich schon damals immer gegen meine berechtigte Autorität, die nur zu Ihrem Guten und zu Ihrer Besserung angewandt wurde, auflehnten. Eine Antipathie herrscht zwischen uns –«

»Eine alte, glaube ich. –«

Er lächelte und sah mich voll Haß mit seinen dunkeln Augen an. »Sie keimte schon in Ihrer Brust, als Sie noch ein Kind waren, und verbitterte das Leben Ihrer armen Mutter. Sie haben recht! Ich hoffe, Sie werden sich noch bessern.«

Damit endete das Zwiegespräch, das leise in einer Ecke der Kanzlei außerhalb von Mr. Spenlows Zimmer geführt worden war.

Mr. Murdstone sagte jetzt mit seiner sanftesten Stimme:

»Gentlemen von Mr. Spenlows Beruf sind an Familienzwistigkeiten gewöhnt und wissen, wie verwickelt und schwer sie zu schlichten sind.«

Mit diesen Worten bezahlte er seinen Trauschein und verließ, von einem höflichen Glückwunsch Mr. Spenlows für sich und seine künftige Gattin begleitet, die Kanzlei.

Es wäre mir vielleicht schwerer geworden, mich Mr. Murdstone gegenüber zu bezähmen, wenn ich weniger auf Peggotty hätte achtgeben müssen.

Mr. Spenlow schien nicht zu wissen, wie ich mit Mr. Murdstone stand. Wenn er überhaupt eine Ansicht in der Sache hatte, war es die, daß meine Tante die Führerin der Regierungspartei in unserer Familie repräsentierte, während irgend jemand anders an der Spitze einer aufrührerischen Partei stehe, – so schloß ich wenigstens aus seinen Äußerungen, während Mr. Tiffey Peggottys Rechnung zusammenstellte.

»Miss Trotwood«, bemerkte er, »ist von sehr entschiedenem Charakter und gibt der Opposition nicht so leicht nach. Ich kann Ihnen nur gratulieren, Copperfield, daß Sie auf der richtigen Seite stehen. Zwistigkeiten unter Verwandten sind sehr beklagenswert aber außerordentlich häufig, und die Hauptsache ist, daß man immer auf der rechten Seite steht.«

Damit meinte er nach meinem Dafürhalten die reiche Seite.

»Ich glaube, Mr. Murdstone macht eine gute Partie«, fuhr er fort.

Ich sagte, daß ich gar nichts von der Sache wisse.

»Nach den wenigen Worten, die Mr. Murdstone fallenließ, und nach dem, was ich von seiner Schwester erfuhr, muß es eine ganz gute Partie sein.«

»Ist sie reich?« fragte ich.

»Ja, sie soll Geld haben. Sie ist auch schön, wie ich höre.«

»So, so. Ist sie noch jung?«

»Soeben mündig geworden. Vor so kurzer Zeit, daß ich fast glaube, sie hat darauf gewartet.«

»Der Herr erbarme sich ihrer!« rief Peggotty aus, so feierlich und unerwartet, daß wir alle drei ganz aus der Fassung gerieten; dann kam Tiffey mit der Rechnung.

Das Kinn in die Halsbinde gesteckt reibend, ging Mr. Spenlow die einzelnen Posten mit betrübtem Gesicht durch, als ob an allem Jorkins allein schuld wäre, und gab das Papier Tiffey mit einem Seufzer zurück.

»Ja«, sagte er, »es ist in Ordnung, ganz in Ordnung. Ich würde mich außerordentlich glücklich schätzen, Copperfield, wenn ich die Rechnung auf die Barauslagen hätte beschränken können. Aber es ist eine unangenehme Seite meines Geschäftslebens, daß ich meinen Wünschen nie freien Lauf lassen darf. Ich habe einen Associe, Mr. Jorkins!«

Da er das mit sanfter Melancholie aussprach, – mehr konnte man von ihm doch nicht erwarten – so dankte ich ihm in Peggottys Namen und bezahlte Tiffey in Banknoten. Peggotty kehrte in ihre Wohnung zurück, und Mr. Spenlow und ich gingen aufs Gericht, wo eine Scheidungsklage verhandelt wurde, die sich auf einen sehr scharfsinnigen Paragraphen stützte, der jetzt, glaube ich, abgeschafft ist, kraft dessen aber damals manche Ehe in Brüche ging. Der Gatte, dessen Vorname Thomas Benjamin war, hatte sich einen Trauschein nur auf den Namen Thomas ausstellen lassen, falls es ihm in der Ehe nicht so gefallen sollte, wie er erwartete. Und da er jetzt sich oder seine Frau satt hatte, erschien er nach einer Ehe von ein oder zwei Jahren und erklärte Thomas Benjamin zu heißen und überhaupt nicht verheiratet zu sein. Und das bestätigte das Gericht zu seiner großen Zufriedenheit.

Ich muß gestehen, daß ich so meine Zweifel über die Gerechtigkeit dieses Richterspruchs hegte und mich nicht einmal durch Betrachtung des Gleichnisses vom hohen Weizenpreis aussöhnen ließ.

Mr. Spenlow sprach die Sache mit mir durch. Er sagte: »Sehen Sie die Welt an; sie hat ihre guten und schlechten Seiten. Sehen Sie das Kirchenrecht an; es hat seine guten und seine schlechten Seiten. Alles gehört zu einem System und ist untrennbar voneinander. Sehr gut. Da haben wirs.«

Ich war nicht kühn genug, Doras Vater zu entgegnen, daß man vielleicht die Welt ein wenig bessern könnte, wenn man früh aufstünde und sich mit Eifer an die Arbeit machte; aber ich äußerte wenigstens die Meinung, daß man die Commons bessern könnte.

Mr. Spenlow riet mir angelegentlichst, solchen Gedanken, als eines Gentleman unwürdig, fallenzulassen, daß es ihm aber angenehm sein würde zu hören, in welcher Hinsicht die Commons denn verbessert werden könnten.

Wir vertieften uns in ein langes diesbezügliches Gespräch, gingen dann auf allgemeinere Themen über, und so erfuhr ich, daß in acht Tagen Doras Geburtstag sei. Mr. Spenlow sagte, er würde sich freuen, mich an diesem Tag zu einem kleinen Picknick bei sich zu sehen. Ich verlor sofort den Verstand und wurde am nächsten Tag vollständig irrsinnig, als ich ein feines, durchbrochen gerändertes Billett des Inhalts empfing: »Auf Papas Wunsch. Bitte nicht zu vergessen.«

Ich glaube, ich machte mich bei der Vorbereitung auf das herrliche Fest jeder nur denkbaren Überspanntheit schuldig. Ich werde noch heute rot, wenn ich an die Krawatte denke, die ich mir kaufte. Meine Stiefel würden in jede Sammlung von Folterwerkzeugen gepaßt haben. Ich erstand einen delikaten kleinen Speisekorb, der an sich fast schon eine Liebeserklärung bedeutete. Er enthielt unter anderm Knallbonbons mit den zärtlichsten Sprüchen, die sich für Geld auftreiben ließen. Um sechs Uhr früh war ich schon auf dem Covent-Garden-Markt und kaufte ein Sträußchen für Dora. Um zehn Uhr saß ich im Sattel – ich hatte mir einen feurigen Eisenschimmel gemietet –, die Blumen unter dem Hut, um sie frisch zu erhalten, und trabte nach Norwood.

Als ich Dora im Garten erblickte und tat, als könne ich das Haus nicht finden, um noch einmal vorbeireiten zu können, mag ich damit wohl die übliche Dummheit begangen haben, deren sich Jünglinge in meiner Verfassung befleißen. Als ich dann glücklich das Haus entdeckte und an der Gartentür abstieg und mich in meinen grausamen Stiefeln über den Rasenplatz hinschleppte, ach, wie herrlich sah sie da auf der Gartenbank unter dem Holunderbaum aus an dem schönen Morgen, mit ihrem weißen Strohhut und dem himmelblauen Kleid, von Schmetterlingen umflattert.

In ihrer Gesellschaft befand sich eine junge Dame, – verhältnismäßig ältlich, nämlich – zwanzig Jahre. Sie hieß Miss Mills, und Dora nannte sie Julie. Sie war ihre Busenfreundin. Glückliche Miss Mills! Jip war auch da und mußte mich wieder anbellen. Als ich meinen Strauß überreichte, fletschte er aus Eifersucht die Zähne. Er hatte allen Grund dazu.

Wenn er die leiseste Ahnung gehabt hätte, wie sehr ich seine Herrin anbetete, hätte er es erst recht tun müssen.

»O, ich danke Ihnen, Mr. Copperfield. Was für hübsche Blumen!« sagte Dora. Ich wollte erwidern – ich hatte mir einen herrlichen Satz während der drei letzten Meilen einstudiert –, daß auch ich sie für schön gehalten, solange ich sie nicht neben ihr gesehen, aber ich konnte es nicht herausbringen. Ihr Anblick verwirrte mich zu sehr. Sie die Blumen an ihr hübsches Kinn mit den kleinen Grübchen legen zu sehen, hieß alle Geistesgegenwart und Sprachgewandtheit einbüßen. Es wundert mich nur, daß ich nicht sagte, »wenn Sie ein Herz haben, Miss Mills, töten Sie mich, lassen Sie mich hier sterben.«

Dann gab Dora meine Blumen Jip zu riechen. Aber Jip knurrte und wollte nicht. Und Dora lachte und hielt sie ihm noch näher an die Nase. Jip faßte mit seinen Zähnen eine Geraniumblüte und zauste sie hin und her wie eine Katze. Und Dora schlug ihn und schmollte und sagte: »Meine armen schönen Blumen«, so mitleidig, wie mir vorkam, als ob er mich zerzaust hätte. O, wäre es doch so gewesen!

»Sie werden gewiß gern hören, Mr. Copperfield«, sagte Dora, »daß die abscheuliche Miss Murdstone verreist ist. Sie ist auf ihres Bruders Hochzeit und wird wenigstens drei Wochen wegbleiben. Ist das nicht herrlich?«

Ich erwiderte, es müsse gewiß für sie herrlich sein, und versicherte ihr, alles, was für sie herrlich sei, sei es auch für mich. Miss Mills lächelte dazu mit wohlwollend überlegner Weisheit.

»Sie ist das unangenehmste Ding, das mir jemals vorgekommen ist«, sagte Dora. »Du kannst dir gar nicht denken, wie grämlich und abscheulich sie ist, Julie.«

»Ich kanns mir schon denken«, sagte Julie.

»Ja, du kannst es«, entgegnete Dora und legte die Hand auf den Arm ihrer Freundin. »Verzeih, daß ich dich nicht gleich ausnahm.«

Ich entnahm daraus, daß Miss Mills im Lauf eines langen wechselvollen Lebens viele Prüfungen erduldet haben mußte. Vermutlich stammte daher das Wohlwollen in ihrem Benehmen. Im Lauf des Tages fand ich heraus, daß es sich tatsächlich so verhielt. Miss Mill war unglücklich verliebt gewesen und hatte sich nach schrecklichen Erfahrungen von dem Getriebe der Welt zurückgezogen.

Mr. Spenlow kam heraus, und Dora ging auf ihn zu und sagte: »Schau nur, Papa, was für wunderschöne Blumen!« und Miss Mills lächelte gedankenvoll, als wollte sie sagen: Ihr jungen Schmetterlinge erfreut euch nur eures Daseins am hellen Morgen des Lebens. Dann gingen wir zu dem Wagen, der zur Abfahrt bereit stand.

Nie wieder werde ich einen solchen Ausflug mehr mitmachen. Dora, Miss Mills und Mr. Spenlow saßen in dem offnen Phaethon. Ich ritt hinterher, Dora, das Gesicht mir zugewendet, saß auf dem Rückplatz. Sie legte das Bukett neben sich auf das Kissen und wollte Jip nicht erlauben, sich auf diese Seite zu setzen, damit er es nicht zerdrücke. Sie nahm es oft in die Hand und erquickte sich an dem Duft der Blumen. Unsere Blicke begegneten sich viele Male, und es war ein Wunder, daß ich nicht über den Kopf meines feurigen Eisenschimmels hinweg in den Wagen flog.

Ich glaube, es war staubig. Ich glaube, es war sogar sehr staubig. Ich habe so eine dunkle Erinnerung, als ob Mr. Spenlow mir Vorstellungen machte, warum ich denn so im Staube ritte, aber ich achtete nicht darauf. Ich war mir nur eines Nebels von Liebe und Schönheit um Dora herum bewußt. Mr. Spenlow stand manchmal auf und fragte mich, wie mir die Aussicht gefiele. Ich sagte, der Wahrheit gemäß, sie sei wunderschön, blickte ich doch nur auf Dora! Die Sonnenstrahlen waren: Dora, und die Vögel sangen: Dora. Der Südwind wehte: Dora; und die wilden Blüten in den Hecken waren bis auf jede Knospe lauter Doras. Mein Trost war, daß Miss Mills mich verstand. Nur Miss Mills allein begriff vollständig meine Gefühle.

Ich weiß nicht, wie lang die Fahrt dauerte, und bis heute weiß ich nicht, wo wir eigentlich hinfuhren. Vielleicht war es in die Nähe von Guildford. Vielleicht ließ ein arabischer Zauberer diesen Ort nur für uns emporsteigen und wieder versinken, als wir fort waren. Ein grüner Fleck auf einem Hügel mit weichem Rasen bedeckt. Schattige Bäume ringsumher und Heide, soweit das Auge reichte.

Wie ärgerlich, daß hier Leute auf uns warteten; meine Eifersucht, selbst gegen die Damen, kannte keine Grenzen. Alle Herren – besonders ein Kerl, drei oder vier Jahre älter als ich, mit einem roten Backenbart, auf den er sich unerträglich viel einbildete, – waren meine Todfeinde.

Wir packten unsere Körbe aus und fingen an, ein Frühstück zu bereiten. Der Rotbart behauptete, er könnte Salat anmachen – ich bin anderer Meinung –, und drängte sich der allgemeinen Beachtung auf. Einige von den jungen Damen wuschen die grünen Stauden und zerschnitten sie nach seiner Anleitung. Dora unter ihnen. Ich fühlte, daß das Verhängnis mich diesem Manne feindlich gegenübergestellt hatte und daß einer von uns fallen müßte.

Der Rotbart bereitete seinen Salat; ich begriff nicht, wie man ihn essen konnte, – mich hätte nichts vermocht, ihn anzurühren. Dann widmete er sich der Herstellung eines Weinkellers – diese erfinderische Bestie – aus einem hohlen Baumstamm. Schließlich sah ich ihn auf seinem Teller den Riesenanteil eines Hummers zu Doras Füßen essen.

Ich habe nur einen dunkeln Begriff, was dann noch alles geschah. Ich tat sehr heiter, das weiß ich noch, aber es war Heuchelei. Ich gesellte mich zu einem jungen Mädchen in Rosa mit kleinen Augen und flirtete entsetzlich. Sie nahm meine Aufmerksamkeit günstig auf, ob aber meinetwegen, oder weil sie Absichten auf den Rotbart hatte, weiß ich nicht. Man brachte Doras Gesundheit aus. Als ich mittrank, tat ich, als bräche ich mein Gespräch bloß deshalb ab, und nahm es sogleich wieder auf. Ich begegnete dem Blick Doras, als ich mich vor ihr verbeugte, und er kam mir flehentlich vor. Aber sie sah mich über den Kopf des Rotbarts hinweg an, und ich blieb hart wie Stein.

Das junge Mädchen in Rosa hatte eine Mutter in Grün; und ich glaube, letztere trennte uns aus Gründen der Politik. Endlich stand die Gesellschaft auf, während die Reste des Essens weggeräumt wurden, und ich verlor mich, von Wut und Zerknirschung erfüllt, einsam unter den Baum. Ich ging eben mit mir zu Rate, ob ich Unwohlsein vorschützen und auf meinem Rosse entfliehen sollte, als ich Dora und Miss Mills begegnete.

»Mr. Copperfield«, sagte Miss Mills, »Sie sind verstimmt.«

Ich entschuldigte mich: »O, durchaus nicht!«

»Und du, Dora«, sagte Miss Mills, »bist auch verstimmt.«

»Ach Gott, nein«, sagte Dora, »nicht im geringsten.«

»Mr. Copperfield und du, Dora«, sprach Miss Mills fast feierlich, »genug jetzt! Laßt nicht durch ein kleinliches Mißverständnis die Blumen des Lenzes verwelken, die, einmal verblüht, nie mehr wiederkehren. Ich spreche aus alter Erfahrung in einer Vergangenheit – einer fernen unwiederbringlichen Vergangenheit. Die sprudelnden Quellen, die im Sonnenlicht funkeln, soll man nicht aus bloßer Laune versiegen lassen. Die Oase in der Wüste Sahara darf man nicht eitel zertreten.«

Ich weiß nicht, was ich tat, ich war blutrot über und über, aber ich nahm Doras kleine Hand und küßte sie, – und sie entzog sie mir nicht! Ich küßte Miss Mills die Hand, und wir alle stiegen nach meiner Empfindung geradenwegs in den siebenten Himmel auf.

Wir kamen nicht wieder herunter und blieben dort oben den ganzen Abend. Anfangs gingen wir unter den Bäumen auf und ab. Doras Arm lag schüchtern in meinem und, der Himmel weiß, vielleicht ists kindisch, aber wäre es nicht wirklich ein Glück gewesen, inmitten solch törichter Gefühle mit einem Schlag in das Reich der Unsterblichen versetzt zu werden, um für immer unter diesen Bäumen zu wandeln?!

Viel zu bald hörten wir die andern lachen und plaudern und rufen: »Wo ist Dora?« Wir kehrten um, und Dora sollte singen. Der Rotbart wollte die Gitarre aus dem Wagen holen. Aber Dora sagte, bloß ich wisse, wo sie liege. Der Rotbart war also für den Augenblick beseitigt, und ich holte das Futteral, schloß es auf, holte die Gitarre hervor und setzte mich neben Dora. Ich hielt ihr Taschentuch und ihre Handschuhe und trank jede Note ihrer lieben Stimme, und sie sang für mich, der sie liebte; die andern konnten applaudieren, soviel sie wollten, es ging sie ja doch nichts an.

Ich war förmlich trunken vor Freude. Ich fürchtete jeden Augenblick, in der Buckingham Straße aufzuwachen und Mrs. Crupp mit den Teetassen klappern zu hören. Aber Dora sang wirklich, und andere sangen, und Miss Mills sang – »von den Echos, die, hundert Jahre alt, schlummern in den Höhlen der Erinnerung« –, und der Abend kam, und wir kochten Tee in einem Kessel im Freien wie die Zigeuner, und ich war immer noch so glücklich wie vordem.

Glücklicher als je, als die Gesellschaft endlich aufbrach, und die andern, unter ihnen der besiegte Rotbart, ihrer Wege gingen, und auch wir den unsern einschlugen durch den stillen Abend des sterbenden Tages, während süße Düfte rings um uns emporstiegen.

Da Mr. Spenlow von dem Champagner ein wenig schläfrig geworden, – Heil dem Boden, auf dem die Rebe wuchs, der Sonne, die den Wein gereift, dem Kaufmann, der ihn verfälscht hatte, – in einer Ecke des Wagens nickte, ritt ich neben dem Schlag und plauderte mit Dora. Sie bewunderte mein Pferd und tätschelte es – o, wie niedlich ihre kleine Hand sich auf dem Hals des Pferdes ausnahm –, und ihr Schal wollte nicht auf der Schulter bleiben, und dann und wann durfte ich ihn zurechtlegen. Es kam mir sogar vor, als ob Jip einzusehen anfinge, wie die Sache stünde, und mit mir Freundschaft schließen wollte.

Und die scharfblickende Miss Mills, diese liebenswürdige, so weltmüde Nonne, dieser kleine Patriarch von noch nicht ganz zwanzig Jahren, die mit der Welt abgeschlossen hatte und um keinen Preis die in den Höhlen der Erinnerung schlummernden Echos wecken durfte, – wie sie gütig zu mir war!

»Mr. Copperfield«, sagte Miss Mills, »kommen Sie einen Augenblick auf die Seite des Wagens – wenn Sie einen Moment Zeit haben – ich möchte mit Ihnen sprechen.«

Und ich beugte mich von meinem Rosse auf Miss Mills herab, die Hand auf die Wagentür gestützt. Ein Bild!

»Dora kommt morgen zu Besuch zu mir auf ein paar Tage. Wenn ich Sie einladen darf, wird sich Papa glücklich schätzen, Sie kennenzulernen.«

Was konnte ich anderes tun, als einen stummen Segen auf Miss Mills Haupt herabrufen und ihre Adresse im sichersten Winkel meines Gedächtnisses aufbewahren. Mit dankbarem Blick und feurigen Worten beteuerte ich, wie sehr ich ihre Liebenswürdigkeit zu schätzen wüßte, und welch unendlichen Wert ihre Freundschaft für mich habe.

Dann entließ mich Miss Mills wohlwollend mit den Worten: »Gehen Sie jetzt wieder zu Dora.« Und das tat ich, und Dora beugte sich aus dem Wagen heraus, um mit mir zu sprechen, und wir plauderten die ganze übrige Fahrt. Ich drängte mein wackeres Roß so dicht an das Rad, daß es sich am Vorderfuß die Haut abschürfte, wofür ich dem Besitzer 3 £ 7 sh. zahlen mußte, eine Summe, die mir angesichts so hohen Genusses lächerlich gering schien. Die ganze Zeit über sah Miss Mills den Mond an, murmelte halblaut Verse und erinnerte sich wahrscheinlich an die uralten Zeiten, wo sie und die Erde noch etwas miteinander gemein hatten.

Norwood lag viele Meilen zu nahe, und wir langten viel zu früh an. Kurz vor unserer Ankunft wachte Mr. Spenlow auf und sagte: »Sie müssen hereinkommen, Copperfield, und ein wenig ausruhen.« Ich nahm an, und wir genossen einige Sandwiches mit Wein. In dem hellen Zimmer sah Dora so bezaubernd aus, daß ich mich gar nicht losreißen konnte und sie wie im Traum anstarrte, bis Mr. Spenlows Schnarchen mich so weit zur Besinnung brachte, daß ich mich verabschiedete. Während des ganzen Rittes nach London fühlte ich noch die letzte Berührung von Doras Hand in meiner, rief mir jeden Vorfall und jedes Wort zehntausendmal zurück und ging endlich schlafen, verliebt bis zum Wahnsinn wie nur je ein junger Fant.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, faßte ich den festen Entschluß, Dora meine Liebe zu erklären, um mir über mein Schicksal Gewißheit zu verschaffen.

Seligkeit oder Verdammnis, das war jetzt die Frage.

Für mich gab es keine andere auf der Welt, und nur Dora konnte sie beantworten. Drei Tage brachte ich zu in grenzenloser Qual, die ich noch dadurch steigerte, daß ich mir alles, was zwischen Dora und mir vorgefallen, auf das Allerentmutigendste auslegte. Endlich begab ich mich zu Miss Mills, mit großen Kosten zu dem Zwecke angetan und den Kopf voll Liebeserklärungen. Wievielmals ich die Straße auf und ab ging und um den Platz herum, ehe ich mich entschließen konnte, die Treppen hinaufzusteigen und anzuklopfen, ist jetzt nicht mehr von Belang. Selbst, als ich endlich geklopft hatte und an der Türe wartete, kam mir in der Aufregung der Gedanke zu fragen, ob hier Mr. Blackboy wohne – eine Erinnerung an den seligen Barkis –, um Entschuldigung zu bitten und wieder wegzugehen. Aber ich überwand mich.

Mr. Mills war nicht zu Hause. Ich erwartete es auch gar nicht. Nach ihm verlangte niemand. Miss Mills war zu Hause; Miss Mills genügte.

Man wies mich in ein Zimmer, eine Treppe hoch, wo ich sie und Dora fand. Jip war auch da. Miss Mills schrieb Noten ab – es war ein neues Lied: »Der Liebe Grabgesang« –, und Dora malte Blumen. O Gott, was ich fühlte, als ich meine eignen Blumen erkannte, den wirklichen und echten Strauß vom Covent-Garden-Markt. Man konnte zwar nicht behaupten, daß sie sehr ähnlich aussahen oder daß sie überhaupt irgendwelchen mir bekannten Blumen glichen, aber ich erkannte sie an der Papiermanschette, die ganz genau kopiert war.

Miss Mills freute sich sehr mich zu sehen. Sie bedauerte, daß ihr Papa nicht zu Hause war, aber wir schienen es alle mit großer Fassung zu tragen. Sie leitete die Konversation ein paar Minuten, legte dann ihre Feder auf »Der Liebe Grabgesang«, stand auf und verließ das Zimmer.

Ich beschäftigte mich schon mit dem Gedanken, alles auf morgen aufzuschieben.

»Ich hoffe, Ihr armes Pferd war nicht müde, als es gestern nachts nach Hause kam?« sagte Dora und schlug ihre schönen Augen auf. »Es hat einen weiten Weg gemacht.«

Ich fing an zu denken, ich wollte doch lieber heute alles sagen.

»Es war ein weiter Weg für mein Pferd«, erwiderte ich, »denn es hatte auf der Reise nichts, an dem es sich erquicken konnte.«

»Hat es denn kein Futter bekommen, das Ärmste?«

Ich dachte wieder, ich sollte alles doch lieber bis morgen aufschieben.

»O doch, es hat ihm an nichts gefehlt. Ich meine nur, es fühlte nicht das unaussprechliche Glück, das ich in Ihrer Nähe genoß.«

Dora beugte sich auf ihre Malerei herab und sagte nach einer kleinen Pause, während der ich wie in Fieber glühte, – nur die Beine waren mir eiskalt –: »Zu einer gewissen Stunde damals schienen Sie selbst dieses Glück nicht allzu sehr zu empfinden.«

Ich erkannte, daß keine Umkehr mehr möglich war.

»Sie schienen es sogar nicht im mindesten zu fühlen«, Dora zog die Augenbrauen in die Höhe und schüttelte den Kopf, »als Sie neben Miss Kitt saßen.«

Kitt hieß nämlich das Mädchen in Rosa mit den kleinen Augen.

»Ich wüßte auch gar nicht, warum Sie es hätten empfinden sollen oder warum Sie es überhaupt ein Glück nennen. Aber natürlich meinen Sie es ja auch nicht im Ernst. Selbstverständlich können Sie ja auch tun, was Sie wollen. Jip, du Nichtsnutz, komm her!«

Ich weiß nicht, wie ich es anfing. Aber es war im Nu geschehen. Ich kam Jip zuvor. Ich hielt Dora in den Armen. Ich war voll Beredsamkeit. Ich war nie um ein Wort verlegen. Ich sagte ihr, wie sehr ich sie liebte, und daß ich ohne sie sterben müßte. Ich sagte ihr, ich betete sie an. Jip bellte die ganze Zeit über wie toll. Als Dora das Köpfchen sinken ließ und weinte und zitterte, da stieg meine Beredsamkeit noch, und je verzückter ich wurde, desto mehr bellte Jip. Jeder von uns wurde nach seiner Weise von Minute zu Minute toller. Endlich saßen Dora und ich, leidlich beruhigt, nebeneinander auf dem Sofa, und Jip lag auf ihrem Schoß und zwinkerte mich friedlich an. Die Last war von meinem Herzen genommen. Seligkeit! Dora und ich waren verlobt.

Ich glaube, wir hatten so eine dunkle Ahnung, daß zuletzt eine Hochzeit draus werden sollte. Es muß wohl so gewesen sein, denn Dora bestand darauf, daß wir ohne die Einwilligung ihres Papas nie heiraten dürften. Aber ich glaube nicht, daß wir uns in unserer jugendlichen Ekstase eigentlich um die Zukunft oder die Vergangenheit irgendwie bekümmerten oder an etwas anderes dachten als an die blinde Gegenwart. Wir beschlossen, die Sache vor Mr. Spenlow geheimzuhalten, und ich glaube nicht, daß ich das auch nur einen Augenblick für unehrenhaft hielt.

Miss Mills sah noch gedankenvoller drein als gewöhnlich, als sie mit Dora, die sie suchen gegangen war, zurückkam, – ich fürchte, weil das Vorgefallene ganz danach angetan war, die »in den Höhlen der Erinnerung schlummernden Echos« zu wecken. Sie gab uns ihren Segen und die Versicherung ihrer unwandelbaren Freundschaft und sprach zu uns in Gemeinplätzen, wie es sich für eine Stimme aus der Abgeschiedenheit schickte.

Was für eine traumhaft glückliche, törichte Zeit das war, – die Zeit, als ich an Doras Finger Maß nahm für einen Ring aus Vergißmeinnicht, und der Juwelier, dem ich es gab, mich durchschaute und über dem Bestellbuch lachte und mir so seinen eignen Preis abverlangte für den hübschen kleinen Ring mit den blauen Steinen!

So unzertrennlich verbunden ist dieser Ring mit meiner Erinnerung an Doras Hand, daß gestern, als ich zufällig einen ähnlichen am Finger meiner eignen Tochter bemerkte, etwas wie Schmerz mein Herz durchzuckte.

Geadelt von meinem Geheimnis und der Würde, Dora zu lieben und von ihr geliebt zu werden, so hoch gehoben von meinem Gefühl, daß die Menschen mir wie wimmelndes Gewürm erschienen, ging ich einher. Wir saßen beisammen in dem Garten auf dem Platz in dem alten Sommerpavillon so glücklich, daß mir heute noch alles lieb ist, was mit jener Zeit zusammenhängt; und aus keinem andern Grund als diesem habe ich die Londoner Sperlinge so gern und sehe in ihrem berußten Gefieder die glänzenden Farben tropischer Vögel.

Ach, und die Zeit, als wir uns das erste Mal zankten, acht Tage nach unserer Verlobung, und Dora mir den Ring in einem verzweiflungsvollen Brief zurückschickte, in dem sie die schrecklichen Worte gebrauchte, daß »unsere Liebe in Torheit begonnen und in Wahnsinn geendet habe«, und ich mir die Haare raufte und schrie, daß alles vorüber sei! Im Dunkel der Nacht noch eilte ich zu Miss Mills, sprach sie dann in einer Waschküche auf dem Hof, in der eine Mangel stand, und flehte sie an, zwischen uns zu vermitteln und mich vor dem Wahnsinn zu retten. Und freundlich übernahm Miss Mills die Vermittlung, brachte mir Dora zurück, um uns von der Kanzel ihrer eignen verbitterten Jugenderinnerung herab zu gegenseitiger Nachgiebigkeit und zur äußersten Vorsicht gegenüber den Oasen in der Wüste Sahara zu ermahnen. Und wir weinten und versöhnten uns wieder und waren so glücklich, daß die Waschküche mit der Mangel und all dem Zubehör zu einem Tempel der Liebe wurde, in dem wir einen Plan zu täglichem Briefwechsel in Miss Mills‘ Hände legte.

Was für eine traumhaft glückliche, törichte Zeit! Von allen, die ich durchlebt, ist keine, an die ich so zärtlich und voll Lächeln zurückdenken kann.

51. Kapitel Der Anfang einer langen Reise


51. Kapitel Der Anfang einer langen Reise

Es war noch früh am Morgen des folgenden Tages, und ich ging mit meiner Tante im Garten auf und ab, als man mir Mr. Peggotty meldete. Ich ging ihm entgegen; er trat in den Garten und nahm den Hut ab, wie stets, wenn er meine Tante sah, die er in hoher Achtung hielt.

Ich hatte ihr alles erzählt, was gestern vorgefallen war.

Ohne ein Wort zu sprechen trat sie mit herzlicher Miene auf ihn zu, schüttelte ihm die Hand und klopfte ihn auf den Arm. Das geschah in so ausdrucksvoller Weise, daß sie kein Wort zu sagen brauchte.

»Ich will jetzt hineingehen, Trot, und nach unserm lieben Blümchen sehen, denn es wird gleich aufstehen.«

»Doch nicht, weil ich gekommen bin?« sagte Mr. Peggotty. »Ich fürchte, Sie wollen meinetwegen gehen.«

»Sie haben etwas zu erzählen, mein guter Freund«, entgegnete meine Tante, »und es wird ohne mich besser gehen.«

»Wenn Sie erlauben, Maam, so sähe ich es lieber, wenn Sie hierblieben.«

»Wirklich?« sagte meine Tante gutmütig. »Nun, dann will ich bleiben.«

Damit hängte sie sich in Mr. Peggotty ein und ging mit ihm in die kleine Laube, wo ich neben ihr Platz nahm. Mr. Peggotty wollte lieber stehenbleiben und stützte die Hand auf den Gartentisch. Wie er dastand und seine Mütze ansah, bevor er zu sprechen anfing, konnte mir nicht entgehen, wie viel Willenskraft und Charakterstärke sich in seiner sehnigen Hand ausdrückte, und wie gut sie zu seiner ehrlichen Stirn und dem halbergrauten Haar paßte.

»Ich nahm mein geliebtes Kind gestern abends mit in meine Wohnung«, fing er an und erhob seine Blicke wieder zu uns, »wo ich sie seit langer Zeit erwartet und alles für sie vorbereitet hatte. Stunden vergingen, ehe sie mich ordentlich erkannte; dann kniete sie vor mir nieder und erzählte mir in einem Tone, als ob sie betete, wie alles gekommen war. Sie können mir glauben, als ich ihre liebe Stimme hörte und sah, wie sie sich in den Staub beugte, auf den unser Heiland mit seiner gesegneten Hand geschrieben, da fühlte ich, wie ein Riß durch mein Herz ging inmitten seligster Dankbarkeit.«

Er fuhr sich mit dem Rockärmel über die Augen und räusperte sich.

»Das Gefühl blieb nicht lange, hatte ich sie doch wiedergefunden! ? Aber ich weiß wahrhaftig nicht, warum ich jetzt von mir spreche.«

»Sie sind ein Herz voll Selbstverleugnung«, sagte meine Tante, »und werden Ihren Lohn bekommen.«

Mr. Peggotty war einen Augenblick so überrascht über den Lobspruch, daß er sich verwirrt verbeugte. Dann fuhr er in seiner Erzählung fort.

»Als meine Emly«, sagte er, einen Augenblick voll Zorn, »aus dem Hause flüchtete, wo sie die gefleckte Viper, die Masr Davy gesprochen hat, gefangenhielt, da war es Nacht. Es war eine dunkle Nacht, und viele Sterne schienen. Sie war wie wahnsinnig. Sie lief am Ufer hin und her und glaubte, das alte Boot sei dort, und rief uns zu, wir sollten das Gesicht abwenden, denn sie käme. Sie hörte sich selbst rufen wie eine Fremde, verwundete sich an den scharfen Steinen und Klippen und fühlte es nicht. Sie lief immer weiter und weiter, und Feuer stand ihr vor den Augen, und es brauste ihr in den Ohren. Auf einmal, so erinnert sie sich, brach der Tag regnerisch und windig an, und sie lag neben einem Stein am Strande, und eine Frau redete sie an und fragte sie in der Sprache jenes Landes, was ihr fehlte.«

Er schien die Szenen wie eine Vision vor sich zu sehen.

»Als Emly, deren Augen schwer waren vom Weinen, die Frau besser sah, da erkannte sie in ihr eine, mit der sie oft am Strande gesprochen hatte. Die Frau selbst besaß keine Kinder und war noch sehr jung, aber sie erwartete eins. Und wenn Gott meine Bitte erhört, so wird dieses Kind ihr ganzes Leben lang ein Glück und ein Trost und eine Ehre für sie sein.«

»Amen!« sagte meine Tante.

»Die Frau war anfangs sehr schüchtern gewesen und hatte abseits beim Spinnen gesessen, wenn Emly mit den übrigen sprach, aber Emly hatte sie oft angeredet, und da beide Kinder gern hatten, wurden sie bald gute Freunde. Und wenn die Frau Emly begegnete, schenkte sie ihr jedesmal Blumen. Das war die Frau, die sie jetzt fragte, was ihr geschehen sei. Emly erzählte ihr alles, und die Frau nahm sie mit nach Hause. Sie nahm sie mit nach Hause«, wiederholte Mr. Peggotty und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

Er war von dieser menschenfreundlichen Handlung mehr ergriffen, als ich ihn seit dem Abend, als Emly entflohen, gesehen hatte. Weder meine Tante noch ich störten ihn.

»Es war ein kleines Häuschen, das können Sie sich wohl denken«, fuhr er gleich darauf fort, »aber sie räumte Emly einen Platz darin ein, denn ihr Mann war auf der See, – hielt sie versteckt und schärfte auch den Nachbarn ein, sie nicht zu verraten. Emly verfiel in ein langes Fieber und, was mir sehr wunderbar vorkommt – vielleicht scheint es gelehrten Leuten nicht wunderbar –, sie vergaß die Sprache jenes Landes und konnte nur ihre Muttersprache reden, die niemand verstand. Sie erinnert sich wie an einen Traum, daß sie dalag und immer in ihrer Muttersprache redete und immer glaubte, das alte Boot stehe in der Bucht, und bat und flehte hinzuschicken und sagen zu lassen, sie läge im Sterben und man möge ihr verzeihen, und wenn es nur mit einem einzigen Worte sei. Fast die ganze Zeit über glaubte sie, daß er, den ich eben genannt habe, unter ihrem Fenster horche, und der andere, der sie so weit gebracht, im Zimmer sei, – und bat die gute junge Frau, sie nicht auszuliefern, und wußte doch auch zu gleicher Zeit, daß sie sich nicht verständlich machen könne, und fürchtete, man wolle sie wieder fortbringen. Feuer stand vor ihren Augen, und es brauste ihr in den Ohren; und es gab für sie kein Heute und kein Gestern und kein Morgen, und alles in ihrem Leben, was jemals vorgefallen war oder vorfallen konnte, und alles, was nie gewesen war und nie kommen konnte, stürmten auf einmal auf sie ein; nichts war ihr klar oder tat ihr wohl, und doch mußte sie singen und dann wieder lachen! Wie lange dies dauerte, weiß ich nicht. Und dann verfiel sie in Schlaf und wurde so schwach wie ein kleines Kind.«

Hier hielt er inne, als wollte er sich von den Schrecken seiner eignen Schilderung erholen. Nach einigen Augenblicken Schweigens fuhr er wieder fort:

»Als sie erwachte an einem wunderschönen Nachmittag, war alles so still, daß man nichts hörte als das leise Rauschen des blauen Meeres am Strande. Anfangs glaubte sie, sie sei zu Hause und es sei Sonntagmorgen. Aber an den Weinreben vor dem Fenster und den Bergen im Hintergrunde erkannte sie, daß es nicht ihre Heimat war. Dann kam ihre Freundin, um an ihrem Bette zu wachen; da wußte sie, daß das alte Boot nicht mehr in der Bucht stehe, sondern weit, weit in der Ferne, und begriff, warum sie hier war. Und sie fing an zu weinen an der Brust der guten jungen Frau, an der, wie ich hoffe, jetzt ein Säugling liegt und seine Mutter mit hübschen Äugelchen anlächelt.«

Er konnte die Freundin Emlys nicht ohne eine Flut von Tränen erwähnen. Immer wieder fing er an zu schluchzen, wenn er sie zu segnen versuchte. Auch meine Tante weinte aus vollem Herzen.

»Das tat meiner Emly gut«, fing er wieder an, »und es ging besser mit ihr. Aber sie hatte die Sprache jenes Landes vergessen und mußte in Zeichen reden. So ging es fort, und sie wurde gesünder von Tag zu Tag, langsam aber sicher, und versuchte die Namen der häufigsten Gegenstände wieder zu lernen. Es kam ihr vor, als ob sie sie nie in ihrem Leben gehört hätte, bis sie eines Abends am Fenster saß und einem kleinen Mädchen zusah, das am Strande spielte. Und plötzlich hielt ihr das Kind die Hände entgegen und fragte, wie auf englisch hieße: ›Fischerstochter, hier ist eine Muschel.‹ Sie müssen wissen, daß die Leute sie anfangs ›schöne Dame‹ genannt hatten, wie das dort Sitte ist, und daß sie ihnen gelehrt hatte, sie statt dessen Fischerstochter zu nennen. Das Kind sagte plötzlich: ›Fischerstochter, hier ist eine Muschel. Und das verstand Emly und antwortete und brach in Tränen aus, und die Erinnerung kehrte zurück.«

»Als sie wieder genesen war«, sagte Mr. Peggotty abermals nach einer kurzen Pause, »sann sie auf Mittel, in ihr Vaterland zu gelangen. Der Mann der jungen Frau war wieder heimgekehrt, und beide brachten sie auf einen kleinen Kauffahrteifahrer, der nach Livorno fuhr und von da nach Frankreich. Sie besaß ein wenig Geld, aber es war weniger als nichts, was die armen Leute annehmen wollten für ihre vielen guten Taten. Ich bin fast froh darüber, denn was sie getan haben, ist dort aufbewahrt, wo weder Motten noch Rost hinkommen und wo kein Dieb einbrechen und stehlen kann. Masr Davy, es währet länger als alle Schätze der Welt.

Emly erreichte Frankreich und nahm eine Stelle an, in der sie in einem Gasthaus die reisenden Damen bediente. Dorthin kam eines Tages jene Viper. Möge er mir niemals vor Augen kommen! Ich weiß nicht, was ich ihm antäte! Ehe er sie noch sah, entfloh sie schon voll Furcht und Entsetzen. Sie gelangte nach England und stieg in Dover ans Land.

Ich weiß nicht, wann ihr der Mut sank, aber auf der ganzen Reise hatte sie beabsichtigt, ihr Vaterhaus aufzusuchen.

Kaum hatte sie England betreten, wandte sie sich dorthin. Aber die Furcht, daß wir ihr nicht verzeihen würden, daß man auf sie mit Fingern deuten würde, die Angst, daß von uns einige ihretwegen gestorben sein könnten, die Furcht vor vielen andern Umständen noch machten sie unterwegs fast mit Gewalt andern Sinnes. ›Onkel, Onkel‹, sagte sie zu mir, ›die Furcht, nicht würdig zu sein, das auszuführen, wonach sich mein zerrissenes und blutendes Herz so sehr sehnte, war die Furcht, die mich am meisten bewegte. Ich kehrte um, als mein Herz voll war von Gebeten, ich möchte nachts nach der alten Schwelle schleichen, sie küssen, mein sündiges Gesicht auf sie legen und dort sterben können.‹

Sie kam«, sagte Mr. Peggotty und dämpfte seine Stimme zu einem bangen Flüstern, »nach London. Sie, – die es nie in ihrem Leben gesehen, – allein – ohne einen Penny, – jung – und so hübsch – kam nach London. Fast in dem Augenblick, wo sie so gänzlich verlassen hier ankam, fand sie eine, wie sie glaubte, freundlich gesinnte, anständige Frau, die ihr eine Näherarbeit zu verschaffen versprach, ihr eine Unterkunft für die Nacht suchen und geheime Nachforschungen nach mir und uns allen anstellen wollte. Als mein Kind«, sagte er laut und mit einer Dankbarkeit, die ihn vom Kopf bis zum Fuß durchbebte, »vor einem tiefern Abgrund stand, als ich sagen oder mir ausdenken kann, da rettete Marta sie getreu ihrem Versprechen.«

Ich konnte einen Ausruf der Freude nicht unterdrücken.

»Masr Davy«, sagte er und packte meinen Arm mit seiner starken Hand. »Sie waren es, der mich zuerst auf Marta aufmerksam machte. Ich danke Ihnen, Sir! Sie meinte es ernst! Sie hatte aus eigner bittrer Erfahrung gelernt, wo sie zu wachen und was sie zu tun hatte. Sie hat es getan. Der Herr wacht über allen! Leichenblaß und hastig kam sie zu Emly, als diese schlief. Sie sagte zu ihr: Steh auf, fliehe von etwas Schlimmerem, als der Tod ist, und komm mit mir. Die in dem Hause wollten Marta daran hindern, aber sie hätten ebensowenig das Meer aufhalten können.

Sie erzählte Emly, sie habe mich gesehen, und wisse, daß ich sie liebe und ihr verziehen habe. Sie hüllte sie hastig in ihre Kleider und nahm sie, die zitternd halb in Ohnmacht lag, auf ihren Arm. Sie achtete nicht auf das, was man ihr sagte, als ob sie keine Ohren hätte. Sie schritt durch sie hindurch mit einem Kind und brachte sie in tiefer Nacht sicher aus dieser schwarzen Höhle des Verderbens.«

Mr. Peggotty ließ meinen Arm los und legte seine Hand auf seine keuchende Brust. »Sie wachte bei meiner Emly, die abgemattet und zuweilen phantasierend bis zum nächsten Tage dalag. Dann suchte sie mich auf und dann Sie, Masr Davy. Sie verriet Emly nicht, weshalb sie ausging, damit sie nicht wieder den Mut sinken lassen und sich verstecken könnte. Wieso die grausame Dame erfuhr, daß sie dort war, weiß ich nicht. Ob vielleicht der, von dem ich schon zu viel gesprochen habe, sie zufällig dorthin gehen sah oder, was wahrscheinlicher ist, es von der Frau gehört hat, das kümmert mich wenig. Ich habe meine Nichte wiedergefunden.

Die ganze Nacht sind Emly und ich beisammen gewesen. Sie hat in der langen Zeit weniger mit Worten gesagt als mit herzzerreißenden Tränen. Noch weniger habe ich von ihrem Gesicht gesehen, das unter meinem Dache so schön geworden war. Aber die ganze Nacht lang hielt sie ihre Arme um meinen Nacken geschlungen, und ihr Kopf lag hier; und wir wissen beide genau, daß wir uns auf ewig aufeinander verlassen können.«

Er schwieg, und seine Hand lag ruhevoll auf dem Tische mit einer Entschlossenheit, die Löwen hätte bezwingen können.

»Es war ein Lichtstrahl für mich, Trot«, sagte meine Tante und trocknete sich die Augen, »als ich den Entschluß faßte, bei deiner Schwester Betsey Trotwood, die mich so täuschte, Pate zu stehen; aber nächst diesem würde mir kaum etwas größere Freude machen, als Pate bei einem Kind dieses guten jungen Geschöpfs zu stehen.«

Mr. Peggotty nickte zum Zeichen, daß er die Gefühle meiner Tante verstünde, aber äußerte kein Wort über das, worauf sie anspielte. Wir schwiegen alle drei und hingen unsern Gedanken nach. Meine Tante wischte sich die Augen und schluchzte bald krampfhaft, bald lachte sie wieder und nannte sich albern und töricht, bis ich anfing:

»Haben Sie sich schon, Mr. Peggotty, hinsichtlich der Zukunft einen Plan gemacht? Ich brauche wohl kaum zu fragen?«

»Ich bin mir ganz einig, Masr Davy, und habe es Emly gesagt. Dor sün grote Länner, wiet wech von hier. Üns Zukunft leit üwer dem Meer drüwen.«

»Sie wollen zusammen auswandern, Tante«, erklärte ich.

»Ja«, sagte Mr. Peggotty und lächelte voll froher Hoffnung. »Keiner kann meinem Liebling in Australien etwas vorwerfen. Wi wölt een neues Lewen beginn drüwen.«

Ich fragte ihn, ob er schon eine Zeit für seine Abreise bestimmt habe.

»Ich war heute morgen ganz früh in den Docks, Sir, um mich wegen der Schiffe zu erkundigen. In sechs oder acht Wochen sticht eins in See – ich habe es mir heute früh besehen –, und wir werden mit ihm die Überfahrt machen.«

»Ganz allein?«

»Ja, Masr Davy. Sehen Sie, meine Schwester hängt so sehr an Ihnen und ist so gewohnt an ihr Vaterland, daß ich sie nicht gut mitnehmen kann. Und dann, Masr Davy, muß sie um einen sein, der nicht vergessen werden darf.«

»Sie meinen den armen Ham?«

»Meine Schwester besorgt seine Wirtschaft, Maam, und er hat sie so gern und spricht mit ihr ganz ruhig, während er nie einem andern sein Herz ausschütten würde«, erklärte Mr. Peggotty meiner Tante. »Der Arme hat so viel verloren, daß er das Wenige nicht entbehren kann, was ihm noch bleibt.«

»Und Mrs. Gummidge?« fragte ich.

»Die hat mir viel Sorge gemacht, muß ich Ihnen sagen«, entgegnete Mr. Peggotty mit einem verlegnen Blick, der sich aber allmählich aufhellte. »Sehen Sie, wenn Mrs. Gummidge an den Alten zu denken anfängt, ist sie gerade keine gute Gesellschaft. Unter uns gesagt, Masr Davy, wenn Mrs. Gummidge zu flennen anfängt, so kann sie für die, die den ›Alten‹ nicht gekannt haben, ein wenig unangenehm werden. Ja, ich, ich habe den Alten gekannt und verstehe sie daher, aber mit Fremden, sehen Sie, ist es eben etwas anderes.«

Meine Tante und ich gaben ihm vollkommen recht.

»Meiner Schwester könnte Mrs. Gummidge vielleicht auch manchmal ein wenig beschwerlich fallen. Deshalb will ich sie nicht bei ihr lassen, sondern für sie ein Unterkommen suchen, wo sie für sich selbst sorgen kann. Ich werde ihr daher vor meiner Abreise etwas aussetzen, damit sie ein sicheres Auskommen hat. Sie ist das treueste Geschöpf von der Welt, man kann aber in ihrem Alter nicht von ihr verlangen, daß sie das beschwerliche Leben auf dem Meere und im wilden Busch des neuen und fernen Landes mitmacht. Also muß ich sie anderweitig versorgen.«

Er vergaß niemand. Er dachte an jedermann, außer an sich selbst.

»Emly«, fuhr er fort, »bleibt hier bei mir, bis wir unsere Reise antreten. Das arme Kind hat Frieden und Ruhe sehr nötig. Sie näht uns die nötigen Kleider, und ich hoffe, ihr Mißgeschick wird schneller in die Vergangenheit rücken, wenn sie um ihren rauhen Onkel ist, der sie so lieb hat.«

Mr. Peggotty war sehr befriedigt, als ihm meine Tante beistimmend zunickte.

»Noch etwas hab ich zu sagen, Masr Davy –«, er steckte die Hand in die Brusttasche und nahm mit ernster Miene das kleine Paket heraus, das ich schon kannte, und öffnete es auf dem Tisch.

»Hier sind die Banknoten – fünfzig Pfund und zehn –, dazu soll noch das Geld kommen, das sie damals bei sich hatte. Ich habe es zusammenaddiert. Ich bin kein Gelehrter. Möchten Sie nicht so gut sein und nachsehen, ob es richtig ist?«

Er übergab mir einen Zettel und sah mir zu, wie ich nachrechnete. Alles stimmte. »Ich danke, Sir«, sagte er. »Das Geld, Masr Davy, werde ich vor meiner Abreise mit einem Brief an seine Mutter schicken. Ich werde ihr in so wenig Worten, wie ich gegen Sie brauche, sagen, was das Geld gekostet hat, und daß ich fort bin und niemand mehr es mir wieder zustellen kann.

Ich sagte, es bliebe nur noch eins zu tun«, fuhr er mit ernstem Lächeln fort, als er das Päckchen wieder in die Tasche gesteckt hatte, »aber ich habe noch etwas vergessen. Als ich diesen Morgen ausging, war ich mir noch nicht einig, ob ich das glückliche Ereignis Ham persönlich sagen sollte. So schrieb ich ihm denn einen Brief und erzählte ihm alles, was geschehen ist und daß ich morgen dort sein würde, um mein Herz auszuschütten und ein letztes Lebewohl von Yarmouth zu nehmen.«

»Und Sie möchten gern, daß ich Sie begleite?« fragte ich, da ich bemerkte, daß er noch etwas auf dem Herzen hatte.

»Wenn Sie mir die große Gunst erweisen wollten, Masr Davy! Ich weiß, daß Ihr Anblick Ham ein bißchen aufheitern würde.«

Da meine kleine Dora sich leidlich wohl fühlte und selbst wünschte, daß ich ginge, so versprach ich gern, ihn zu begleiten. Und so saßen wir schon am nächsten Morgen in der Postkutsche und reisten wieder den alten Weg.

Als wir abends durch die wohlbekannten Straßen gingen, wobei Mr. Peggotty trotz meines Sträubens meinen Reisesack trug, – warf ich einen Blick in Omer & Jorams Laden und sah meinen alten Freund Mr. Omer drin seine Pfeife rauchen. Ich wollte nicht gern dabeisein, wenn Mr. Peggotty seine Schwester und Ham zum ersten Mal wiedersah, und blieb zurück.

»Wie befindet sich Mr. Omer nach so langer Zeit?« fragte ich, als ich in den Laden trat. Der Alte wehte den Rauch von seiner Pfeife weg, um mich besser sehen zu können, und erkannte mich zu meiner großen Freude auf der Stelle.

»Ich würde zur Ehre Ihres Besuchs aufstehen, Sir, aber meine Beine sind nicht mehr recht in Ordnung, und ich sitze im Rollstuhl. Mit Ausnahme der Beine und des Atems bin ich aber Gott sei Dank so munter und wohlauf, wie man nur verlangen kann.«

Ich gratulierte ihm zu seinem zufriednen Aussehen und seiner guten Laune und warf einen Blick auf die Räder seines Rollstuhls.

»Eine großartige Erfindung, nicht wahr?« fragte er, als er meinen Blicken folgte, und polierte mit dem Ärmel die Seitenlehne.

»Er geht so leicht wie eine Feder und so verläßlich wie eine Postkutsche. Ich versichere Ihnen, wenn meine kleine Minnie, meine Enkelin, sich nur mit ihren geringen Kräften an die Rücklehne stemmt und ihr einen Schub gibt, so gehts so frisch und lustig fort, wie Sie so etwas noch nie gesehen haben. Und ich sage Ihnen, es gibt keinen bessern Sessel, um darin eine Pfeife zu rauchen.«

Mr. Omer war so heiter, als ob sein Stuhl, sein Asthma und seine lahmen Beine nur zur Erhöhung seines Genusses dienten.

»Ich lebe jetzt mehr in der Welt, das kann ich Ihnen versichern«, sagte er, »seit ich in diesem Stuhle sitze, als jemals früher. Sie würden sich wundern, wieviel Leute den Tag über hereingucken, um mit mir ein bißchen zu plaudern. Es steht noch zweimal soviel in der Zeitung, seitdem ich mich an den Stuhl gewöhnt habe, und wieviel erst in den Büchern! Sie können sich gar nicht denken, wieviel ich lese. Deshalb werde ich so munter und kräftig, sehen Sie. Was hätte ich tun sollen, wenn es die Augen getroffen hätte oder die Ohren! Da es aber nur meine Beine sind, was schadet das! Als ich sie noch gebrauchen konnte, machten sie mir nur den Atem kürzer. Jetzt, wenn ich auf die Straße oder auf die Dünen will, so brauche ich nur Jorams Lehrburschen zu rufen und fahre in meiner eignen Kutsche wie der Lordmayor von London.«

Hier lachte er fast bis zum Ersticken.

»Mein Gott«, sagte er und tat einen Zug aus der Pfeife. »Man muß das Fette mit dem Magern nehmen. Darauf muß man sich in diesem Leben gefaßt machen. Joram hat ein gutes Geschäft. Ein ganz vortreffliches Geschäft.«

»O, das freut mich«, sagte ich.

»Das wußte ich. Und Joram und Minnie sind wie Brautleute. Was will man mehr? Was sind dagegen die Beine!«

Die gründliche Verachtung, die er seinen Beinen gegenüber an den Tag legte, wie er rauchend dasaß, war eine der liebenswürdigsten Wunderlichkeiten, die mir jemals vorgekommen sind.

»Und seitdem ich mich auf das Bücherlesen geworfen habe, haben Sie sich auf das Bücherschreiben verlegt, nicht wahr, Sir?« sagte er und sah mich bewundernd an. »Was Sie da für ein reizendes Buch geschrieben haben! Was für Ausdrücke drin sind. Ich lese es Wort für Wort und wurde noch niemals schläfrig dabei.«

Ich drückte lächelnd meine Zufriedenheit aus und mußte mir gestehen, daß sein Lob eigentlich recht treffend ausgedrückt war.

»Ich versichere Ihnen auf Ehrenwort, wenn ich das Buch auf den Tisch lege und es so vor mir sehe in seinen drei Bänden, da bin ich so stolz wie ein Kaiser bei dem Gedanken, daß ich einmal die Ehre hatte, mit Ihrer Familie zu tun gehabt zu haben. O Gott, wie lange das schon her ist! Drüben in Blunderstone, nicht wahr? Und ein kleines Persönchen wurde neben die andern Personen gelegt. Und Sie waren damals selbst ein kleines Persönchen. Gott, Gott!«

Ich brachte die Rede auf Emly. Ich versicherte ihm, daß ich nie vergessen habe, wie sehr er immer an ihrem Schicksal teilgenommen und wie freundlich er sie immer behandelt hatte, und erzählte ihm in großen Umrissen von ihrer Wiederauffindung durch Martas Hilfe, denn ich wußte, daß er sich darüber freuen würde. Er hörte mit der größten Aufmerksamkeit zu und sagte, als ich fertig war, mit tiefem Mitgefühl:

»Das freut mich sehr, Sir! Es ist die beste Nachricht, die ich seit langer Zeit gehört habe. Gott, Gott! Und was soll mit dem unglücklichen Mädchen, der Marta, geschehen?«

»Sie berühren da einen Punkt, über den ich schon gestern den ganzen Tag nachgedacht habe, Mr. Omer«, sagte ich, »aber ich weiß selbst noch nichts, denn Mr. Peggotty hat nichts davon erwähnt, und ich möchte nicht gern mit ihm darüber sprechen. Ich bin überzeugt, er hat es nicht vergessen. Er vergißt nichts, was uneigennützig und gut ist.«

»Sehen Sie«, nahm Mr. Omer seine Rede wieder auf, »wenn etwas für sie getan wird, so möchte ich auch dabeisein. Zeichnen Sie für mich den Betrag, den Sie für gut finden, und lassen Sie es mich wissen. Ich habe nie das Mädchen für ganz verdorben gehalten, und es freut mich, daß ich recht hatte. Und meine Tochter Minnie wird sich ebenfalls freuen. Junge Frauen widersprechen nur manchmal gern – ihre Mutter war ebenso –, aber innerlich sind sie sanft und gut. Was Minnie über Marta sagt, ist alles Schein. Warum sie es für notwendig erachtet, den Schein aufrechtzuerhalten, weiß ich nicht. Aber es ist alles Schein, darauf können Sie sich verlassen! Insgeheim würde sie ihr alles mögliche Gute erweisen. Also seien Sie so gut und zeichnen Sie für mich, was Sie für angemessen finden, und schreiben Sie mir die Adresse, wohin es zu schicken ist. Mein Gott! Wenn der Mensch ein Alter erreicht hat, wo die beiden Enden des Lebens sich begegnen und er, so munter er auch sein mag, zum zweiten Male in einer Art Kinderstuhl herumgefahren wird, sollte er überfroh sein, irgend jemand eine Freundlichkeit erweisen zu können, denn er selbst hat deren nur allzuviel nötig. Ich spreche nicht von mir im besondern, Sir. Ich sehe es auch sowieso ein. Wir alle gehen bergab ins Tal hinab, in welchem Alter wir auch stehen, denn die Zeit hält keinen Augenblick still. Darum sollen wir immer Wohltaten erweisen, wo wir können, und überfroh darüber sein. Gewiß, Gewiß!« Er klopfte seine Pfeife aus und legte sie auf ein Brettchen an der Lehne des Stuhls, das eigens zu diesem Zwecke angebracht war.

»Sehen Sie Emlys Vetter an«, sagte er und rieb sich nachdenklich die Hände, »ein so prächtiger Kerl, wie nur einer in Yarmouth zu finden ist. Er besucht mich abends und plaudert mit mir oder liest mir vor, manchmal eine Stunde lang. Das ist freundlich von ihm. Sein ganzes Leben ist Freundlichkeit.«

»Ich will ihn gerade besuchen gehen«, sagte ich.

»Wirklich? Dann richten Sie ihm aus, ich lasse ihn herzlich grüßen. Minnie und Joram sind auf dem Ball. Sie würden so stolz sein wie ich, Sie zu sehen, wenn sie zu Hause wären. Minnie möchte am liebsten immer daheim sein, von wegen des Vaters, wie sie sagt. So schwor ich ihr denn heute abend zu, wenn sie nicht ginge, würde ich mich um sechs ins Bett legen. Und deswegen« – Mr. Omer schüttelte sich in seinem Stuhl vor Lachen über den Erfolg seiner List – »sind sie und Joram auf den Ball gegangen.«

Ich schüttelte ihm die Hand und wünschte ihm gute Nacht.

»Noch eine halbe Minute, Sir! Wenn Sie gingen, ohne meinen kleinen Elefanten gesehen zu haben, so würden Sie das Beste versäumen. So etwas sehen Sie in Ihrem Leben nicht wieder! – Minnie, Minnie!«

Eine helle Kinderstimme antwortete von oben: »Ich komme schon, Großvater!« und ein hübsches kleines Mädchen mit langem lockigen Flachshaar kam gleich darauf in den Laden gesprungen.

»Das ist mein kleiner Elefant«, erklärte Mr. Omer und liebkoste das Kind. »Siamesische Rasse, kleiner Elefant!«

Der kleine Elefant öffnete die Tür des Hinterstübchens, so daß ich hineinsehen konnte – es war in ein Schlafzimmer für Mr. Omer verwandelt worden, denn er konnte nicht ohne Beschwerde die Treppe hinaufsteigen –, und drückte dann sein hübsches Köpfchen, von dem lockigen Haar umflossen, gegen die Rücklehne von Mr. Omers Stuhl.

»Sie wissen ja, Sir, der Elefant stößt«, sagte Mr. Omer mit Augenzwinkern, »wenn er auf etwas losgeht. Eins! Elefant. Zwei! drei!« Auf dieses Zeichen drehte der kleine Elefant mit einer Schnelligkeit, die bei dem winzigen Geschöpf wunderbar war, den Stuhl um und rollte ihn im Galopp in das Hinterstübchen, ohne an die Türpfosten anzustoßen, ein Kunststück, das Mr. Omer ganz unbeschreiblich ergötzte, und währenddessen er mich mit rückwärts gewandtem Kopf anlachte, als wäre es der Triumph einer ganzen Lebensmühe.

 

Nach einem Rundgang in der Stadt ging ich zu Ham. Peggotty war jetzt zu ihm gezogen und hatte ihr Haus dem Nachfolger von Mr. Barkis‘ Fuhrmannsgeschäft vermietet, der ihr die Kundschaft, den Wagen und den Gaul sehr gut bezahlt hatte. Ich glaube, dasselbe faule Pferd, das Mr. Barkis einst fuhr, stand immer noch in Diensten.

Ich fand sie in der saubern Küche und bei ihnen Mrs. Gummidge, die Mr. Peggotty selbst aus dem alten Boot abgeholt hatte. Jemand anders hätte sie wohl schwerlich bewegen können, ihren Posten zu verlassen. Er hatte ihnen offenbar bereits alles erzählt. Denn Peggotty und Mrs. Gummidge trockneten sich mit ihren Schürzen die Augen und Ham war eben hinausgegangen, – »um sich ein bißchen auf dem Strande umzusehen«. Er kehrte in Bälde zurück und freute sich sehr, mich zu sehen, und ich hoffe, mein Dortsein tat ihnen allen wohl. In einem Ton, den man fast hätte heiter nennen können, sprachen wir davon, wie Mr. Peggotty in dem neuen Lande reich werden und von was für Wundern er in seinen Briefen schreiben würde. Emly nannten wir nicht, aber spielten mehr als einmal auf sie an. Ham war der ruhigste von uns allen.

Aber als Peggotty mir nach der kleinen Kammer hinaufleuchtete, wo das Krokodilbuch noch immer auf dem Tische lag, sagte sie mir, daß er stets so sei. Sie glaube, sagte sie unter Tränen, daß sein Herz gebrochen sei, obgleich er soviel Mut wie Freundlichkeit zeige und angestrengter und besser arbeite als irgendein anderer Schiffszimmermann im Ort. Manchmal des Abends spräche er mit ihr von dem alten Leben und dann erwähne er Emly als Kind. Aber als erwachsenes Mädchen erwähne er sie nie.

Ich glaubte in seinem Gesicht gelesen zu haben, daß er mich allein zu sprechen wünschte. Ich beschloß daher, es am nächsten Abend so einzurichten, daß er mir auf dem Heimweg von seiner Arbeit begegnete. Als ich mir darüber einig geworden war, schlief ich ein. Zum ersten Mal seit so langer Zeit wurde diesmal das Licht aus dem Fenster genommen, Mr. Peggotty legte sich in seine alte Hängematte in dem Boot, und der Wind stöhnte wieder wie in früheren Zeiten über die Dünen.

Den ganzen Vormittag beschäftigte sich Mr. Peggotty damit, sein Fischerboot und was dazu gehörte zu verkaufen, alles, was er von seinem Hausgerät mitnehmen und mit dem Wagen nach London schicken wollte, wegzuschaffen und das Übrige loszuschlagen oder Mrs. Gummidge zu schenken. Da mich ein schmerzlicher Wunsch erfüllte, das alte Haus noch ein letztes Mal zu sehen, wollte ich abends hinkommen, aber ich richtete es so ein, daß ich Ham zuerst sprechen konnte.

Ihm zu begegnen, war nicht schwer, denn ich wußte, wo er arbeitete. Ich traf ihn an einer einsamen Stelle auf den Dünen und kehrte mit ihm um, damit er mit mir in aller Ruhe sprechen könnte, falls er es wirklich wünschen sollte.

Ich hatte den Ausdruck seines Gesichtes nicht mißverstanden. Wir gingen eine Zeitlang nebeneinander her, ohne daß er mich anblickte, und dann sagte er:

»Masr Davy, haben Sie sie gesehen?«

»Nur einen Augenblick, denn sie lag in Ohnmacht«, sagte ich leise. Wir gingen wieder schweigend ein Stück weiter.

»Masr Davy, glauben Sie wohl, daß Sie sie noch einmal sehen werden?«

»Es wäre ihr vielleicht zu schmerzlich«, sagte ich.

»Ich habe auch daran gedacht. Es müßte ihr gewiß sehr schmerzlich sein.«

»Aber Ham, wenn Sie etwas haben, was ich ihr schreiben könnte, falls ich nicht Gelegenheit hätte, es ihr persönlich zu sagen, oder wenn Sie ihr durch mich etwas wissen lassen wollten, so würde ich es als einen geheiligten Auftrag betrachten.«

»Ich danke Ihnen von Herzen dafür, Sir. Ich möchte ihr wohl etwas wissen lassen.«

»Was ist es?«

Wir gingen wieder stillschweigend nebeneinander her, und dann fing er an.

»Nicht, daß ich ihr nicht verziehen hätte! Dat will ick nich seggen. Eher sollte ich sie um Verzeihung bitten, daß ich ihr meine Liebe aufgedrängt habe. Manchmal heww ick drüwer nachdacht; wenn sie mir nicht versprochen haben würde, mich zu heiraten, so hätte sie mir gewiß als Freund anvertraut, was ihr auf dem Herzen lag, und ich hätte sie vielleicht retten können.«

Ich drückte ihm die Hand: »Ist das alles?«

»Noch etwas, Masr Davy, wenn es mir gelingt, es auszudrücken!« Wir gingen ein langes, langes Stück, ehe er wieder zu sprechen begann. Er redete in Absätzen und versank in den Zwischenpausen in Nachdenken, um sich so deutlich wie möglich verständlich zu machen.

»Ich liebte sie zu tief – und liebe die Erinnerung an sie –, als daß ich imstande sein sollte, ihr glauben zu machen, – ich sei glücklich. Ich könnte nur glücklich sein, – wenn ich sie vergäße, – und ich glaube, – ich könnte es nicht ertragen, wenn man – ihr sagte, es sei – mir gelungen. Aber wenn Sie, Masr Davy, der Sie so ein gelehrter Mann sind, einmal etwas – erfinden könnten, was sie glauben machen würde, ich sei des Lebens nicht müde – und hoffe darauf, sie dereinst untadelig zu sehen, wo der Böse nicht mehr schadet und die Müden zur Ruhe gehen, etwas, was ihr das Herz erleichtern könnte – und sie dabei doch nicht glauben machen würde, – ich könnte – jemals – heiraten oder in einer andern das finden, was sie mir war, – so möchte ich Sie bitten, ihr das zu sagen.«

Ich drückte ihm kräftig die Hand und versprach, ich wollte es ausrichten, so gut ich könnte.

»Ich danke Ihnen, Sir. Es war freundlich von Ihnen, daß Sie den Onkel nach Yarmouth begleiteten; es war freundlich von Ihnen, hier mit mir zu sprechen. Masr Davy, ich weiß genau, daß ich ihn nicht wiedersehen werde, obgleich meine Tante erst nach London kommt, ehe das Schiff in See geht. Ich bin davon überzeugt! Es wird so sein, und es ist besser so. Im letzten Augenblick – im allerletzten –, wo Sie ihn sehen, wollen Sie ihm sagen, daß ich, dem er immer mehr als ein Vater war, ihm noch einmal meinen tiefsten Dank ausspreche?«

Auch das versprach ich treulich auszurichten.

»Ich danke Ihnen nochmals, Sir«, er schüttelte mir herzlich die Hand. »Ich weiß, wohin Sie gehen. Leben Sie wohl!«

Mit einer leichten Handbewegung, wie um mir anzudeuten, daß er das alte Haus nicht betreten könnte, ging er fort; ich blickte ihm nach, wie er im Mondschein über die öden Dünen schritt, und sah, daß er sein Gesicht auf einen Streifen silbernen Lichts in der Ferne über dem Meer gewendet hielt. Dann verschwand er in der Dunkelheit.

 

Die Tür des Bootshauses stand offen, als ich es erreichte, und beim Eintreten bemerkte ich, daß alles Hausgerät fortgeschafft war mit Ausnahme einer alten Schiffskiste, auf der Mrs. Gummidge mit einem Korbe auf dem Knie saß und Mr. Peggotty ansah. Er hatte den Ellbogen auf das Kaminsims gestützt und blickte auf die glimmende Asche im Rost, aber er erhob hoffnungsvoll das Haupt, als ich eintrat, und sprach in heiterm Tone:

»Na, Sie halten Wort und kommen, um Abschied von dem alten Hause zu nehmen, Masr Davy?« Er hielt das Licht in die Höhe. »Kahl genug jetzt, nicht wahr?«

»Sie haben wirklich die Zeit gut genützt«, sagte ich.

»Nun ja, wir sind nicht faul gewesen, Sir. Mrs. Gummidge hat gearbeitet wie – ich weiß nicht, wie Mrs. Gummidge gearbeitet hat.« Und er sah sie an, da er ein genügend lobendes Beispiel nicht finden konnte.

Mrs. Gummidge, auf ihren Korb gestützt, antwortete nichts.

»Da ist noch dieselbe Kiste, auf der Sie immer mit Emly saßen«, flüsterte Mr. Peggotty. »Ich will sie als letztes Stück mit mir fortnehmen. Und da ist Ihr ehemaliges kleines Schlafzimmer, Masr Davy, so kahl und öde, wie sich das Herz nur wünschen kann.«

Der Wind wehte wie mit einer leisen traurigen Klage um das verlassene Haus. Alles war fort, selbst der kleine Spiegel mit dem Rahmen von Austernschalen. Ich mußte daran denken, wie ich an jenem Abend hier geruht. Ich dachte an das Kind mit den blauen Augen, das mich einst bezaubert hatte. Ich dachte an Steerforth, und eine törichte schreckliche Einbildung kam über mich, daß er nicht weit von uns sei und uns jeden Augenblick begegnen könnte.

»Es wird lange dauern, ehe das Boot neue Mieter findet«, sagte Mr. Peggotty leise. »Die Leute halten es jetzt für ein unglückliches Haus.«

»Gehört es jemand in der Nachbarschaft?«

»Einem Mastenmacher in der Stadt drin. Ich will ihm heute die Schlüssel übergeben.«

Mr. Peggotty warf einen Blick in das anstoßende kleine Zimmer und kam zu Mrs. Gummidge zurück, die noch immer auf der Schiffskiste saß. Er stellte das Licht auf den Ofen und bat sie aufzustehen, damit er die Kiste, bevor er das Licht auslöschte, hinaustragen könnte.

»Danl«, sagte Mrs. Gummidge, setzte ihren Korb hin und hängte sich an seinen Arm, »lieber Daniel, die letzten Worte, die ich in diesem Hause spreche, sind: Du darfst mich hier nicht zurücklassen! Denk nicht an so etwas, Danl! Tue mir das nicht an.«

Ganz überrascht sah Mr. Peggotty Mrs. Gummidge und mich an, als ob er aus einem Traum erwache.

»Tu es nicht, liebster Daniel, tu es nicht«, flehte Mrs. Gummidge. »Nehmt mich mit, Danl, du und Emly! Ich will euch fleißig und treu dienen. Wenn es in dem Lande, wo ihr hingeht, Sklaven gibt, so will ich euer Sklave sein und gern, aber laßt mich nicht hier. Daniel! mein lieber Daniel!«

»Gute Seele«, sagte Mr. Peggotty und schüttelte den Kopf. »Du weißt nicht, was eine lange Seereise und ein hartes Farmerleben sind.«

»O ja, Danl, ich kann es mir vorstellen. Aber meine letzten Worte unter diesem Dache sind: Ich gehe in das Haus zurück und sterbe, wenn du mich nicht mitnimmst. Ich kann graben, ich kann arbeiten, Danl. Ich kann unter Entbehrungen leben. Ich kann jetzt gut und geduldig sein, mehr, als du vielleicht denkst, Danl, und mir zutraust. Das Geld, das du mir hierlassen willst, würde ich nicht anrühren und sollte ich Hungers sterben, Daniel Peggotty; aber mit dir und Emly ginge ich bis ans Ende der Welt, wenn du mich ließest. Ich weiß, was du denkst; ich weiß, du glaubst, ich fühle mich einsam und untröstlich; aber lieber guter Daniel, das ist nicht mehr so. Ich habe zu lange hier gesessen und deine Prüfungen mit angesehen und darüber nachgedacht, als daß es mich nicht besser gemacht hätte. Masr Davy, legen Sie ein Wort ein für mich! Ich kenne seine Art und Emlys Art und kenne ihre Sorgen und Schmerzen und kann sie manchmal beide trösten und für sie arbeiten. Danl, lieber guter Danl, nimm mich mit.«

Und Mrs. Gummidge ergriff Mr. Peggottys Hand und küßte sie mit einer schlichten Rührung, einer Hingebung und Dankbarkeit, die er wohl verdiente.

 

Wir trugen die Kiste hinaus, löschten das Licht aus, verschlossen die Tür und ließen das alte Boot hinter uns, einen dunkeln Fleck in der wolkigen Nacht. Am nächsten Morgen, als wir mit der Landkutsche nach London zurückkehrten, saß Mrs. Gummidge mit ihrem Korb auf dem Rücksitz.

Und Mrs. Gummidge war glücklich.

52. Kapitel Ich wohne einer Explosion bei


52. Kapitel Ich wohne einer Explosion bei

Als zu der von Mr. Micawber so geheimnisvoll bestimmten Zeit noch vierundzwanzig Stunden fehlten, berieten meine Tante und ich, was wir zunächst zu tun hätten, denn sie wollte nur ungern Dora allein lassen.

 

Ach wie leicht ich jetzt Dora die Treppe hinauf und hinunter tragen konnte!

Mr. Micawber hatte zwar die Anwesenheit meiner Tante zur Bedingung gemacht, doch wollten wir es so einrichten, daß Mr. Dick und ich an ihrer Statt gingen. Das war bereits beschlossene Sache, als Dora alles wieder umstürzte, indem sie erklärte, daß sie es sich und ebensowenig ihrem bösen Mann verzeihen würde, wenn die Tante unter irgendeinem Vorwand bei ihr bliebe.

»Ich spreche nicht mehr mit dir«, sagte sie und schüttelte energisch ihre Locken. »Ich werde sehr böse sein. Jip muß dich den ganzen Tag anbellen. Und ich werde im Ernst glauben, du bist eine mürrische alte Frau, wenn du nicht gehst!«

»Aber Blümchen«, lachte meine Tante, »du weißt doch, du kannst mich nicht entbehren.«

»O doch«, sagte Dora, »du bist mir zu gar nichts nütze. Du läufst nicht den ganzen Tag für mich herum, treppauf, treppab. Du sitzest niemals an meinem Bett und erzählst mir Geschichten von Doady, als seine Schuhe durchgelaufen und er mit Staub bedeckt war – der arme kleine Junge –, du tust mir überhaupt nie etwas zu Gefallen, nicht wahr, Tante!« Sie beeilte sich, meine Tante zu küssen und zu sagen: »Ich scherze ja nur.«

»Aber Tante«, fuhr sie schmeichelnd fort, »hör mich an. Du mußt gehen! Ich will dich quälen, bis ich meinen Willen habe. Ich will dem nichtsnutzigen Jungen das Leben so schwer machen, wie ich nur kann, wenn er dir nicht auch zuredet. Ich würde sehr böse sein und auch Jip. Übrigens«, sagte sie, strich sich das Haar zurück und sah meine Tante und mich verwundert an, »warum wollt ihr denn eigentlich nicht beide gehen? Ich bin doch wirklich nicht sehr krank. Oder doch?«

»Mein Gott, was für eine Frage!« rief meine Tante.

»Was für ein Einfall!« sagte ich.

»Ja, ja, ich weiß wohl, ich bin ein albernes Ding«, sagte Dora, blickte von einem zum andern und spitzte ihre Lippen, um uns zu küssen, während sie in ihren Kissen liegenblieb. »Also ihr müßt beide gehen, oder ich glaube euch nicht und müßte dann weinen.«

An dem Gesicht meiner Tante merkte ich, daß sie anfing nachzugeben, und Dora wurde wieder heiter, da sie es ebenfalls sah.

»Ihr werdet mir bei eurer Rückkehr so viel zu erzählen haben, daß ihr wenigstens eine Woche brauchen werdet, um es mir verständlich zu machen, denn ich weiß, es wird lange dauern, ehe ich es begreife, wenn es Geschäftsangelegenheiten sind. Und es sind sicher Geschäftsangelegenheiten. Aber jetzt geht ihr, nicht wahr? Ihr bleibt ja bloß eine Nacht weg, und Jip nimmt mich unterdessen unter seinen Schutz. Doady trägt mich jetzt hinauf, und ich komme erst nach eurer Rückkehr wieder herunter, und du nimmst Agnes einen Brief mit, in dem ich sie fürchterlich ausschelte, weil sie uns noch nicht besucht hat.«

So beschlossen wir beide zu gehen und erklärten, daß Dora eine kleine Heuchlerin sei, die sich nur krank stelle, um sich verhätscheln zu lassen; sie freute sich sehr darüber und war sehr lustig, und wir vier, nämlich meine Tante, Mr. Dick, Traddles und ich, fuhren abends mit der Post nach Canterbury.

 

In dem Gasthause, wohin uns Mr. Micawber bestellt hatte und bei dem wir um Mitternacht ankamen, fand ich einen Brief des Inhalts vor, daß Mr. Micawber sich pünktlich um zehn Uhr früh hier einstellen werde. Hierauf begaben wir uns in dieser vorgerückten Stunde fröstelnd nach unseren Betten durch verschiedene Gänge, die rochen, als ob sie seit Jahrhunderten in eine Lösung von Suppe und Stalljauche getaucht worden wären.

Früh am nächsten Morgen schlenderte ich durch die alten lieben stillen Straßen und betrachtete die schattigen Winkel der ehrwürdigen Torwege und Kirchen. Die Krähen segelten um die Spitzen des Doms, und die Türme, die auf das fruchtbare Land und die schönen Ströme hinaussahen, ragten in die helle Morgenluft empor, als ob es kein Heute und Morgen auf Erden gäbe. Die Glocken fingen an zu läuten und erzählten mir sorgenvoll von der Wandelbarkeit der irdischen Dinge, von ihrem eignen hohen Alter und von meiner hübschen Dora Jugend und von den vielen, die nie alt gewesen, gelebt und geliebt hatten und gestorben waren, während der Hall der Glocken Tag für Tag den rostigen Harnisch des schwarzen Prinzen, der drinnen in der Kirche hing, durchsummte und die Sonnenstäubchen über dem Abgrund der Zeit sich in der Luft verloren wie Kreise im Wasser.

Ich betrachtete von weitem das alte Haus an der Ecke der Straße, ging aber nicht näher, um nicht gesehen zu werden und vielleicht unwissentlich dem Plane zu schaden, den zu unterstützen ich hierher gekommen war. Die Morgensonne schien mit ihren schrägen Strahlen auf die Giebel und Gitterfenster und faßte sie mit Gold ein, und Strahlen alten Friedens schienen in mein Herz zu fallen.

Ich machte einen Spaziergang ins Freie und kehrte nach ungefähr einer Stunde durch die Hauptstraße zurück, die unterdessen den Schlaf der vergangenen Nacht abgeschüttelt hatte. Unter den Leuten, die in den Läden tätig waren, sah ich meinen alten Feind, den Fleischer, der es jetzt zu Stulpenstiefeln, einem kleinen Kind und einem eignen Geschäft gebracht hatte. Er wiegte das Kleine auf den Knien und schien ein wohlwollendes Mitglied der menschlichen Gesellschaft geworden zu sein.

 

Wir waren alle sehr unruhig und ungeduldig, als wir uns zum Frühstück setzten. Je näher die Stunde rückte, desto mehr steigerte sich unsere Aufregung. Endlich gaben wir uns nicht mehr den Anschein, als äßen wir, denn für uns alle, mit Mr. Dicks Ausnahme, war das Frühstück von Anfang an eine bloße Form gewesen. Meine Tante ging im Zimmer auf und ab, Traddles setzte sich aufs Sofa und tat, die Augen auf die Decke gerichtet, als ob er die Zeitung läse, und ich sah von Zeit zu Zeit zum Fenster hinaus, um als erster Mr. Micawbers Ankunft melden zu können. Ich brauchte nicht lange zu warten, denn mit dem Glockenschlag erschien er auf der Straße.

»Jetzt kommt er«, rief ich, »und zwar nicht in Amtskleidung.«

Meine Tante band sich die Hutbänder zu; den Hut hatte sie schon vor dem Frühstück aufgesetzt und nahm ihren Schal mit einer Miene um, als sei sie jetzt bereit, nicht in einem einzigen Punkte nachzugeben. Traddles knöpfte sich den Rock mit entschlossenem Gesichte zu. Beunruhigt durch solche unheilverkündende Anzeichen, aber erfüllt von der Überzeugung, daß er sie nachahmen müsse, zog Mr. Dick mit beiden Händen den Hut so fest über die Ohren wie nur möglich, nahm ihn aber sofort wieder ab, um Mr. Micawber zu bewillkommnen.

»Gentlemen und Maam, guten Morgen! Mein verehrter Herr, Sie sind außerordentlich gütig!« – Mr. Micawber und Mr. Dick schüttelten sich heftig die Hände.

»Haben Sie schon gefrühstückt?« fragte Mr. Dick. »Essen Sie ein Kotelett!«

»Nicht um alles in der Welt, mein bester Herr«, rief Mr. Micawber und hielt Mr. Dick ab, der eben klingeln wollte. »Appetit und ich, Mr. Dixon, sind einander seit langem fremd.«

Mr. Dixon fand so viel Gefallen an seinem neuen Namen und schien die Erfindung desselben Mr. Micawber so hoch anzurechnen, daß er ihm wieder die Hand schüttelte und recht kindisch lachte.

»Dick«, mahnte meine Tante, »achtgeben!«

Mr. Dick sammelte sich errötend.

»Also, mein Herr«, sagte meine Tante zu Mr. Micawber und zog sich ihre Handschuhe an, »wir sind fertig für den Berg Vesuv und das, was dazu gehört, wenn es Ihnen gefällig ist.«

»Maam«, entgegnete Mr. Micawber, »ich hoffe, Sie werden in Kürze Zeuge seines Ausbruchs sein. Sie werden mir erlauben, Mr. Traddles, jetzt zu sagen, daß wir bereits alle Vorkehrungen getroffen haben.«

»Ja, das ist der Fall, Copperfield«, bestätigte Traddles, als ich ihn überrascht anblickte. »Mr. Micawber hat mich hinsichtlich dessen, was er beabsichtigt, eingeweiht, und ich habe ihm nach meinem besten Wissen Ratschläge erteilt.«

»Wenn ich mich nicht täusche, Mr. Traddles«, fuhr Mr. Micawber fort, »so handelt es sich um eine Enthüllung wichtigster Art.«

»Allerdings, höchst wichtiger Art«, stimmte Traddles bei.

»Unter diesen Umständen, meine Herrschaften«, fuhr Mr. Micawber fort, »werden Sie mir vielleicht die Gunst erweisen, sich für den Augenblick der Anordnung einer Person zu unterwerfen, die, wenn auch unwürdig, in anderm Lichte als ein gestrandetes Wrack an der Küste der Menschheit betrachtet zu werden, dennoch immerhin Ihr Nebenmensch ist, wenn auch individuelle Irrtümer und das Zusammenwirken von Umständen sie ihres ursprünglichen Ansehens beraubt haben.«

»Wir setzen volles Vertrauen in Sie, Mr. Micawber«, versicherte ich, »und werden uns ganz nach Ihnen richten.«

»Mr. Copperfield, unter den gegebenen Umständen schenken Sie Ihr Vertrauen keinem Unwürdigen. Ich wollte Sie bitten, mir zu erlauben, fünf Minuten vor Ihnen weggehen zu dürfen, um Sie dann alle mit Einschluß Miss Wickfields in der Kanzlei von Wickfield & Heep, deren Söldling ich zur Zeit bin, zu empfangen.«

Meine Tante und ich blickten fragend auf Traddles, der mit einem Nicken seine Zustimmung gab.

»Vorderhand habe ich weiter nichts zu sagen«, bemerkte Mr. Micawber.

Damit machte er uns eine allgemeine Verbeugung und verschwand; sein Benehmen war außerordentlich gemessen und sein Gesicht totenblaß. Ich wußte mir vor Staunen gar nicht zu helfen.

Traddles lachte und schüttelte den Kopf, und jedes Haar stand ihm einzeln zu Berge, als ich ihn fragend ansah; so nahm ich denn die Uhr heraus und zählte als letzte Zuflucht die fünf Minuten ab. Meine Tante folgte genau meinem Beispiel. Als die Zeit verstrichen war, reichte ihr Traddles den Arm, und wir begaben uns alle miteinander in das alte Haus, ohne ein Wort unterwegs zu wechseln.

Wir fanden Mr. Micawber an seinem Pult in dem Parterrezimmer, anscheinend eifrigst arbeitend. Das große Lineal steckte in seinem Busen und guckte ein Stück hervor wie eine neue Art Jabot.

Da es mir vorkam, als lüde er mich ein, zu reden anzufangen, sagte ich laut:

»Wie geht es Ihnen, Mr. Micawber?«

»Mr. Copperfield«, antwortete er mit großem Ernst, »ich hoffe, Sie befinden sich wohl.«

»Ist Miss Wickfield zu Hause?«

»Mr. Wickfield liegt an einem rheumatischen Fieber zu Bett, aber Miss Wickfield wird sich jedenfalls glücklich schätzen, alte Freunde zu empfangen. Wollen Sie eintreten, Sir!«

Er führte uns in das Speisezimmer, öffnete die Tür von Mr. Wickfields früherer Kanzlei und meldete mit sonorer Stimme:

»Miss Trotwood! Mr. David Copperfield! Mr. Thomas Traddles! und Mr. Dixon!«

Ich hatte Uriah Heep seit der Ohrfeige nicht gesehen. Unser Besuch überraschte ihn sichtlich. Die Augenbrauen konnte er nicht zusammenziehen, denn er hatte keine, aber er runzelte die Stirn so sehr, daß die kleinen Augen fast verschwanden, während das schnelle Emporfahren seiner Knochenhand an das Kinn Bangen oder Überraschung verriet. Das war nur eine Sekunde; einen Augenblick später zeigte er sich so kriecherisch und demütig wie immer.

»Wahrhaftig«, sagte er, »das ist in der Tat ein unerwartetes Vergnügen. Alle seine Freunde aus London auf einmal bei sich zu sehen, ist wirklich eine ungeahnte Freude. Mr. Copperfield, ich hoffe, Sie befinden sich wohl und sind, wenn ich meine bescheidnen Hoffnungen in Worte fassen darf, freundlich gesinnt gegen die, mögen Sie es wollen oder nicht, die immer Ihre Freunde geblieben sind. Mrs. Copperfield ist hoffentlich auf dem Wege der Besserung begriffen? Was wir in letzter Zeit über ihr Befinden hörten, hat uns sehr besorgt gemacht, das kann ich Ihnen versichern.«

Ich schämte mich, daß ich ihm meine Hand lassen mußte, aber ich wußte nicht, wie ich mich benehmen sollte.

»Die Dinge haben sich hier sehr verändert seit der Zeit, Miss Trotwood, als ich noch ein niedriger Schreiber war und Ihnen das Pony hielt, nicht wahr?« sagte Uriah mit seinem tückischsten Lächeln, »aber ich habe mich nicht verändert, Miss Trotwood.«

»Nun, um Ihnen nur die Wahrheit zu sagen«, gab meine Tante zur Antwort, »ich glaube, Sie haben gehalten, was Sie in Ihrer Jugend versprochen haben, wenn Ihnen das vielleicht Freude macht.«

»Ich danke Ihnen, Miss Trotwood«, sagte Uriah und krümmte sich in seiner widerwärtigen Weise, »für Ihre gute Meinung! – Micawber, melden Sie Miss Agnes den Besuch – und Mutter! Mutter wird ganz außer sich sein, wenn sie die Herrschaften sieht«, fügte er hinzu und stellte die Stühle zurecht.

»Haben Sie nichts zu tun, Mr. Heep?« fragte Traddles, den listigen roten Augen Uriahs, die uns forschend ansahen, wie zufällig begegnend.

»Nein, Mr. Traddles!« gab Uriah Heep zur Antwort und setzte sich wieder auf seinen Schreibstuhl, seine magern Hände zwischen den knochigen Knien quetschend. »Nicht so viel, wie ich wünschen möchte. Sie wissen doch, Advokaten, Haifische und Blutegel sind nicht so leicht zu befriedigen. Nicht etwa, daß ich und Micawber nicht alle Hände voll zu tun hätten, denn Mr. Wickfield ist kaum noch zu irgend etwas fähig, aber es ist ein Vergnügen und eine Pflicht, für ihn zu arbeiten. Sie haben Mr. Wickfield nicht genauer gekannt, Mr. Traddles, glaube ich. Wenn ich nicht irre, hatte ich nur einmal die Ehre, Sie hier zu sehen?«

»Nein, ich bin nicht mit Mr. Wickfield intim«, entgegnete Traddles, »sonst hätte ich Sie wohl schon längst einmal aufgesucht, Mr. Heep.«

Es lag etwas in dem Ton dieser Antwort, was Uriah veranlaßte, mit finsterm und argwöhnischem Ausdruck aufzusehen. Aber da er Traddles mit seinem gutmütigen Gesicht, dem schlichten Benehmen und dem zu Berge stehenden Haar gelassen dastehen sah, fuhr er beruhigt und mit einem Schnellen seines Körpers fort:

»Das ist schade, Mr. Traddles! Sie hätten ihn so sehr bewundert wie wir alle. Seine kleinen Fehler hätten ihn Ihnen nur noch teurer gemacht. Aber wenn Sie beredt über meinen Kompagnon sprechen hören wollen, so muß ich Sie an Copperfield weisen. In dem Thema ›Familie‹ ist er groß, wenn Sie ihn noch nicht davon haben sprechen hören.«

In diesem Augenblick trat Agnes ein. Mir kam sie nicht ganz so ruhig wie gewöhnlich vor, und offenbar hatte sie viel Leid und Sorgen ausgestanden. Aber ihre ernste Herzlichkeit und ihre stille Schönheit traten nur in um so sanfterem Glanz hervor.

Ich sah, wie Uriah sie beobachtete, während sie uns begrüßte, und er kam mir wie ein scheußlicher rebellischer Dämon aus Tausendundeiner Nacht vor, der einen Schatz bewacht. Mittlerweile wechselten Mr. Micawber und Traddles heimlich ein Zeichen, und Traddles ging, ohne daß es jemand außer mir merkte, hinaus.

»Sie brauchen nicht zu warten, Micawber«, sagte Uriah. Mr. Micawber, die Hand an das große Lineal in seinem Busen gelegt, stand aufgerichtet vor der Tür und musterte ungeniert seinen Prinzipal.

»Worauf warten Sie?« fragte Uriah. »Micawber! Hören Sie nicht, daß Sie nicht warten sollen?«

»Ja«, entgegnete Mr. Micawber unbeweglich.

»Also, warum warten Sie dann?«

»Weil – kurz, weil es mir beliebt«, platzte Mr. Micawber heraus.

Aus Uriahs Wangen wich die Farbe, und eine ungesunde Blässe, aus der rote Flecken schwach hervorschimmerten, verbreitete sich über sein Gesicht. Er sah Mr. Micawber lauernd an, und sein ganzes Gesicht arbeitete in jeder Fiber.

»Sie sind ein liederlicher Mensch, das weiß alle Welt«, sagte er mit einem krampfhaften Lächeln, »und ich fürchte, ich werde Sie entlassen müssen. Gehen Sie! Ich will gleich nachher mit Ihnen sprechen.«

»Wenn es einen Schurken auf dieser Erde gibt«, donnerte Mr. Micawber plötzlich mit größter Heftigkeit los, »mit dem ich schon viel zu viel gesprochen habe, so heißt dieser Schurke – Heep!«

Uriah sank zurück, als ob ihn ein Schlag oder Stich getroffen hätte. Dann sah er uns alle langsam der Reihe nach mit dem tückischsten Ausdruck, den sein Gesicht nur annehmen konnte, an und sagte mit gepreßter Stimme:

»Oho! Eine Verschwörung! Sie haben sich hier bestellt! Sie stecken mit meinem Schreiber unter einer Decke, Copperfield? Hüten Sie sich! Das wird zu nichts führen. Wir verstehen einander, Sie und ich! Es herrscht Haß zwischen uns. Sie waren von jeher ein hochfahrender Geck und neiden mir mein Emporkommen, was? Gegen mich werden Sie keine Komplotte schmieden. Ich bin Ihnen über. Und Sie, Micawber, schauen Sie, daß Sie hinauskommen! … Ich werde gleich mit Ihnen draußen sprechen.«

»Mr. Micawber«, sagte ich, »schon die Veränderung in diesem Kerl, und daß er plötzlich die Wahrheit spricht, verrät, daß wir ihn gefaßt haben. Behandeln Sie ihn, wie er es verdient!«

»Das sind mir ja nette Leute«, sagte Uriah mit derselben gepreßten Stimme, während der kalte Schweiß ihm auf die Stirne trat, die er mit seiner Skeletthand abwischte, »nette Leute! Meinen Schreiber, der zum Abschaum der Gesellschaft zählt, zu dem Sie selbst einmal gehörten, Copperfield, ehe sich Ihrer jemand erbarmte, zu bestechen, damit er Lügen gegen mich erfinde! – Miss Trotwood, für Sie wäre es auch besser, Sie machten der Sache ein Ende, wenn Sie nicht wollen, daß ich Ihrem Gatten zu einem schnellern Ende verhelfe, als Ihnen angenehm sein wird. Ich habe Ihre Geschichte nicht umsonst in unsern Akten genau studiert! Und Sie, Miss Wickfield, wenn Sie Ihren Vater lieben, täten auch besser, Ihre Finger davon zu lassen. Wenn Sies nicht tun, richte ich ihn zugrunde. Nur heran! Ich habe einige von euch unter dem Daumen. Überlegen Sie sichs zweimal, ehe Sie mit mir anbinden! Und Sie, Micawber, überlegen Sie sichs auch zweimal, sonst vernichte ich Sie. Verstehen Sie? Ich rate Ihnen, gehen Sie hinaus, Sie Narr, und lassen Sie mit sich reden, solange es noch Zeit ist. – Wo ist Mutter?« fuhr er plötzlich auf, die Abwesenheit Traddles mit einem Mal mit Schrecken gewahr werdend; und heftig riß er an der Klingel. »Schöne Freiheiten nimmt man sich in meinem Haus heraus!«

»Mrs. Heep ist hier, Sir«, antwortete Traddles, mit der würdigen Dame zurückkehrend. »Ich habe mir nur die Freiheit genommen, mich ihr vorzustellen.«

»Was soll das bedeuten«, herrschte ihn Uriah an, »und was wollen Sie überhaupt hier?«

»Ich bin der Vertreter und Freund von Mr. Wickfield, Sir«, sagte Traddles in kühlem, geschäftsmäßigem Ton. »Ich habe eine von ihm ausgestellte Vollmacht in der Tasche, an seiner Statt in allen Angelegenheiten zu verhandeln.«

»Der alte Esel hat sich blödsinnig getrunken«, fauchte Uriah und verzerrte sein scheußliches Gesicht, »und sich etwas abschwindeln lassen.«

»Mr. Wickfield hat sich allerdings etwas abschwindeln lassen, das weiß ich«, entgegnete Traddles gelassen, »und Sie wissens auch, Mr. Heep. Wir wollen uns diesbezüglich an Mr. Micawber wenden, wenn es Ihnen angenehm ist.«

»Ury –!« begann Mrs. Heep mit flehender Gebärde.

»Halte den Mund, Mutter! Je weniger Worte, desto weniger Schaden!«

»Aber mein Ury –!«

»Willst du nicht den Mund halten, Mutter, und die Sache mir überlassen!«

 

Obgleich ich längst wußte, daß sein demütiges Wesen und all sein Tun und Lassen falsch und heuchlerisch war, so hatte ich doch keinen Begriff von dem Übermaß seiner Heuchelei, bis er jetzt die Maske abwarf. Die Plötzlichkeit, wie er jetzt sein wahres Gesicht zeigte, einsehend, daß Verstellung nichts mehr half, – die Bosheit und Unverschämtheit und der Haß, den er an den Tag legte, der Hohn, mit dem er sich selbst jetzt noch des Übels freute, das er angerichtet, während er zu gleicher Zeit in wilder Verzweiflung nach Mitteln suchte, unsern Sieg zu vereiteln, – waren zwar ganz so, wie ich sie von ihm erwarten konnte, überraschten mich aber anfangs nichtsdestoweniger.

Von dem Blick, den er auf mich warf, will ich nichts sagen, denn ich wußte, daß er mich von jeher haßte; und mußte an die Ohrfeige denken, die ich ihm versetzt; aber als sein Blick auf Agnes fiel und ich die Wut sah, mit der er fühlte; daß ihm seine Macht über sie entschlüpfte, und als sich in seinen Mienen die häßlichen Leidenschaften verrieten, die ihn nach dem Besitz eines Wesens hatten streben lassen, dessen Wert er weder würdigen noch erkennen konnte, empörte mich schon der bloße Gedanke, daß Agnes auch nur eine Stunde lang im Augenbereich eines solchen Menschen hatte leben müssen.

Nachdem Uriah sich das Kinn gerieben und uns über seine Totenfinger hinweg tückisch und unsicher angesehen hatte, wendete er sich noch einmal halb kriecherisch, halb keifend an mich.

»Daß Sie sich nicht scheuen, Copperfield, wo Sie soviel auf Ihre Ehre und alles das halten, in meinem Haus zu spionieren, und mit meinem Schreiber gemeinschaftliche Sache machen! Wenn ich das getan hätte, wäre es kein Wunder, denn ich nenne mich keinen Gentleman, wenn ich auch nie ein Vagabund gewesen bin wie Sie, nach dem, was mir Micawber erzählt hat. Aber daß Sie das tun konnten! Und haben Sie gar keine Furcht vor den Folgen? Bedenken Sie nicht, wie ich mich rächen kann? Oder daß Sie in Ungelegenheiten kommen werden wegen Aufreizungen und Anzettlungen? Wir werden ja sehen, Mr. Dingsda, was dabei herauskommt, wenn Sie sich auf Micawber verlassen! Soll er doch reden! Er hat seine Lektion auswendig gelernt, wie ich sehe.«

Als er merkte, daß seine Worte auf keinen von uns auch nur den geringsten Eindruck machten, setzte er sich auf den Rand des Tisches, die Hände in die Taschen gesteckt und einen seiner Plattfüße um das andere Bein geschlungen, und wartete verbissen auf das, was da kommen sollte.

Mr. Micawber, dessen Ungestüm ich bis dahin mit der größten Schwierigkeit im Zaume gehalten hatte und der wiederholt die erste Silbe von Schur-ke dazwischengerufen hatte, ohne bis zur zweiten zu gelangen, brach jetzt los. Er zog das Lineal aus dem Busen, offenbar um es als Verteidigungswaffe zu benützen, und aus der Tasche ein Dokument auf Aktenpapier, das wie ein großer Brief zusammengelegt war. Er entfaltete das Schreiben mit seiner gewohnten Wichtigkeit, überflog es mit Künstlerstolz und fing dann an zu lesen wie folgt:

»Verehrte Miss Trotwood und meine Herren!«

»Gott erbarme sich des Mannes!« flüsterte mir meine Tante zu. »Ich glaube, er schriebe schockweise Briefe und wenn es gesetzlich verboten wäre.«

Mr. Micawber, ohne sie zu hören, fuhr fort:

 

»Indem ich vor Ihnen erscheine, um den vollendetsten Schurken, der jemals gelebt hat«, – er deutete, ohne von dem Brief aufzusehen, wie mit einem Feldherrnstabe auf Uriah Heep – »anzuklagen, so verlange ich keinen Lohn für mich. Von der Wiege an das Opfer pekuniärer Verpflichtungen, denen ich niemals habe nachkommen können, war ich stets der Spielball erniedrigender Verhältnisse. Schmach, Not, Verzweiflung und Wahnsinn sind zusammen oder einzeln die Begleiter meiner Laufbahn gewesen.«

 

Der Genuß, mit dem Mr. Micawber sich als Beute schrecklichster Unglücksfälle hinstellte, kam nur der Emphase gleich, mit der er den Brief vorlas, und der Befriedigung, mit der er den Kopf wiegte, wenn er einen ganz besonders verschnörkelten Satz herausgebracht hatte.

 

»Schmach, Not, Verzweiflung und Wahnsinn stürmten mit vereinten Kräften auf mich ein, als ich in die Kanzlei oder wie es unsere lebhaften Nachbarn, das Volk der Gallier, nennen würden, »Bureau« der Rechtsfirma eintrat, die unter der Bezeichnung Wickfield & Heep bekannt ist, in Wirklichkeit jedoch nur von – Heep allein geleitet wird. Heep allein ist die Triebfeder dieser Maschine. Heep, und nur Heep allein, ist der Fälscher und Schwindler.«

 

Uriah, mehr blau als weiß bei diesen Worten, fuhr mit der Hand nach dem Brief, als wollte er ihn zerreißen. Mit beispielloser Geschicklichkeit oder vielleicht aus Zufall traf Mr. Micawber die Hand mit dem schweren Lineal, daß sie wie gelähmt herabfiel. Es klang, als ob er auf Holz geschlagen hätte.

»Der Teufel soll Sie holen!« schrie Uriah und krümmte sich vor Schmerz. »Das will ich Ihnen heimzahlen!«

»Kommen Sie mir nur noch einmal zu nahe, – Sie – Sie – Heep – Sie! Und wenn Ihr Schädel wirklich aus Fleisch und Knochen ist, so will ich ihn Ihnen blutig schlagen. Nur heran, nur heran!«

Es konnte nichts Lächerlicheres geben als den Anblick, wie Mr. Micawber sich mit dem Lineal wie mit einem Schläger auslegte und rief: »Nur heran!« während Traddles und ich ihn in die Ecke zurückdrängten, wo er immer wieder hervor wollte, kaum daß es uns gelungen war.

Vor sich hinmurmelnd rieb sich Uriah die verletzte Hand und verband sie langsam mit seinem Halstuch. Dann setzte er sich wieder auf den Tisch und blickte verbissen vor sich hin.

Als Mr. Micawber sich ein wenig beruhigt hatte, fuhr er fort:

 

»Das Honorar, gegen das ich in die Dienste – Heeps trat, war nicht genau bemessen mit Ausnahme einer Kleinigkeit von zweiundzwanzig Schilling sechs Pence die Woche. Das übrige sollte von dem Wert meiner geschäftlichen Tätigkeit abhängen. Mit andern und deutlicheren Worten ausgedrückt, von der Niedrigkeit meines Charakters, meiner Habsucht, den gedrückten Verhältnissen meiner Familie, der sittlichen oder vielmehr unsittlichen Ähnlichkeit zwischen mir und – dem Heep da. Brauche ich erst zu erzählen, daß ich mich genötigt sah, von – diesem Heep da pekuniäre Vorschüsse zur Unterstützung Mrs. Micawbers und unserer unglücklichen, aber immer größer werdenden Familie zu verlangen? Brauche ich erst zu sagen, daß diese Umstände von diesem – Heep da vorausgesehen worden waren und daß diese Vorschüsse durch Schuldverschreibungen und ähnliche Dokumente, die den gesetzlichen Institutionen des Landes entsprechen, sichergestellt werden mußten, auf daß ich in das Netz, das er für mich vorbereitet hielt, verstrickt würde?«

 

Mr. Micawbers Freude über seinen Briefstil schien jeden Schmerz oder jede Besorgnis, die die Wirklichkeit ihm hätte verursachen können, aufzuwiegen. Er las weiter:

 

»Jetzt fing dieser – Heep da – an, mich soweit ins Vertrauen zu ziehen, als er es für nötig hielt, um seine teuflischen Geschäftsgebarungen auf mich abzuladen. Jetzt fing ich an, um in der Sprache Shakespeares zu reden, zu ›schwinden, zu kranken und zu siechen‹. Ich fand heraus, daß meine Unterstützung stets zur Täuschung und Hintergehung einer Person, die ich kurz als Mr. W. bezeichnen will, herangezogen wurde. Mr. W. wurde in jeder Weise betrogen, hintergangen und getäuscht, während der Schurke – Heep – immerwährend unbegrenzte Dankbarkeit und Freundschaft gegen diesen Gentleman heuchelte. Das war schlimm genug, aber wie der philosophische Däne, der die berühmte Zier des Elisabethschen Zeitalters bildet, sagt: Schlimmeres kommt noch!«

 

Der schöne Satzschluß mit einem Zitat gefiel Mr. Micawber derart, daß er sich den Genuß nicht versagen konnte, unter dem Vorwand, aus dem Zusammenhang gekommen zu sein, den ganzen Satz noch einmal vorzulesen.

 

»Es liegt nicht in meiner Absicht, hier in diesem Brief in die Einzelheiten, zumal sie anderweitig schriftlich niedergelegt sind, der verschiednen Niederträchtigkeiten nebensächlicherer Art einzugehen, die die von mir Mr. W. benannte Person benachteiligen sollten und denen ich stillschweigend zugesehen habe. Als der Kampf in mir zwischen Gehalt und keinem Gehalt, zwischen Bäcker und keinem Bäcker, zwischen Existenz und Nichtexistenz zum Stillstande kam, beschloß ich, die sich mir bietenden Gelegenheiten zu benützen und die hauptsächlichsten Niederträchtigkeiten, die dieser – Heep da zum größten Schaden und Nachteil des genannten Gentleman begangen, aufzudecken.

Angestachelt von dem stummen Mahner in der Brust und von dem Anblick einer nicht weniger rührenden und eindringlichen Mahnerin in der Außenwelt – die ich kurz als Miss W. bezeichnen will –, begann ich eine nicht mühelose Arbeit heimlicher Nachforschung, die ich nach bestem Wissen und Gewissen auf die Dauer von zwölf Kalendermonaten veranschlage.«

 

Er las diese Stelle, als ob sie aus einem Parlamentsakte stammte, und schien sich am Klang der Worte förmlich zu laben.

 

»Meine Anklagen gegen diesen – Heep da«, las er weiter und zog das Lineal mit einem Blick auf Uriah ein wenig unter dem linken Arm hervor, um es nötigenfalls gleich bei der Hand zu haben, »sind folgende:«

 

Ich glaube, wir hielten alle den Atem an. Uriah wenigstens tat es bestimmt.

 

»Erstens verwirrte – dieser Heep da absichtlich alle Geschäfte, als Mr. W.s Fähigkeiten und Gedächtnis durch Ursachen, die hier nebensächlich sind, nachließen. Immer zu der Zeit, wenn Mr. W. am wenigsten imstande war, sich mit Geschäften abzugeben, da war dieser – Heep da immer bei der Hand, ihn zu Entschlüssen zu nötigen. Er überredete Mr. W. in solchen Zeitpunkten zur Unterschrift wichtiger Dokumente, wenn er ihn durch Unterschiebung einer Reihe nebensächlicher Geschäfte entsprechend verwirrt hatte. Er verleitete Mr. W. auf diese Weise, ein gewisses Depositum von zwölftausend sechshundertvierzehn Pfund zwei Schilling neun Pence anzugreifen und es zur Bezahlung angeblicher Geschäftskosten und Mankos zu verwenden, die entweder schon bezahlt oder niemals vorhanden gewesen waren. Er unterschob diesem Verfahren den Anschein, als habe es in einer unehrlichen Absicht Mr. W.s seinen Ursprung, und hat seitdem diese Angelegenheit unausgesetzt dazu mißbraucht, Mr. W. zu peinigen und in seiner Gewalt zu behalten.«

»Das sollen Sie mir beweisen, Copperfield«, rief Uriah und schüttelte drohend den Kopf. »Aber alles zu seiner Zeit!«

»Fragen Sie diesen – Heep da, Mr. Traddles, wer in seinem Haus nach ihm gewohnt hat«, sagte Mr. Micawber, von seinem Schreiben aufblickend; »wollen Sie so gut sein?«

»Niemand als der Narr selber, der jetzt noch dort wohnt«, fiel Uriah verächtlich ein.

»Fragen Sie diesen – Heep da, ob er in dieser Wohnung Privatnotizen geführt hat; wollen Sie so gut sein?«

Ich sah, wie Uriahs Knochenhand plötzlich aufhörte, das Kinn zu reiben.

»Oder fragen Sie ihn, Mr. Traddles, ob er sein Buch dort einmal verbrannt hat. Und wenn er Ja sagt und fragt, wie die Asche aussieht, so kann er sich an Wilkins Micawber wenden, wenn er etwas, was nicht zu seinem Vorteil gereicht, zu hören bekommen will.«

Der triumphierende Ton, in dem Mr. Micawber in diesen Worten schwelgte, versetzte die Mutter Heeps in größte Unruhe, und sie rief in größter Erregung:

»Ury, Ury, demütige dich und gib nach!«

»Mutter, willst du ruhig sein!« schrie Uriah. »Du weißt nicht, was du sagst. Demütigen!« wiederholte er und sah mich giftig an. »Ich habe mich Ihresgleichen lange genug demütigen müssen.«

Mr. Micawber schob mit vornehmer Miene sein Kinn in seine Halsbinde und fuhr fort:

 

»Zweitens. Heep hat bei verschiednen Gelegenheiten, soviel ich weiß und glaube –«

 

»Damit kommt er nicht durch«, murmelte Uriah erleichtert. »Mutter, sprich kein Wort!«

»Wir werden uns schon bemühen, dafür zu sorgen, daß wir mit Ihnen sehr bald fertig sein werden, werter Herr«, antwortete Mr. Micawber.

 

»Zweitens. – Heep hat bei verschiednen Gelegenheiten, soviel ich weiß und glaube, zu verschiednen Eintragungen, Buchauszügen und Dokumenten systematisch die Unterschrift Mr. W.s gefälscht und hat dies ganz bestimmt bei einer Gelegenheit getan, wie ich nachweisen kann. Nämlich in folgender Weise: Da Mr. W. kränklich war und es im Bereich der Wahrscheinlichkeit lag, daß sein Tod zu gewissen Entdeckungen und zum Sturze der Macht Heeps über die Familie W. führen konnte, wenn es nicht gelingen sollte, die Kindesliebe der Tochter Mr. W.s dahin auszunützen, daß von einer Prüfung der mit Associeangelegenheiten in Verbindung stehenden Papiere abgesehen werden sollte, so hielt es dieser – Heep da für angezeigt, sich eine scheinbar von Mr. W. ausgestellte Schuldverschreibung über 12614 £ 2 sh und 9 d nebst Zinsen zu verschaffen, welche Summe angeblich dieser Heep da Mr. W., um diesen vor Schande zu retten, vorgeschossen haben wollte, obgleich eigentlich gerade umgekehrt diese Summe Heep vorgeschossen worden und längst ersetzt war. Die Unterschriften zu diesem Dokument, angeblich geschrieben von Mr. W. und bezeugt von Wilkins Micawber, sind Fälschungen – Heeps. In meinem Besitze befinden sich verschiedne ähnliche Nachahmungsproben von Mr. W.s Unterschrift von Heeps Hand in dessen Notizbuch. Teilweise verkohlt, aber deutlich für jedermann lesbar. Ich habe nie ein solches Dokument als Zeuge unterschrieben, und das Dokument selbst befindet sich in meinem Besitz.«

 

Uriah Heep sprang auf, nahm einen Bund Schlüssel aus der Tasche und zog eine Schublade auf; besann sich aber plötzlich eines Bessern und wendete sich wieder gegen uns, ohne hineinzusehen.

»Und das Dokument ist in meinem Besitz«, las Mr. Micawber wieder und sah sich um wie ein Prediger; »oder richtiger gesagt, es war noch heute morgen in meinem Besitz, denn ich habe es inzwischen Mr. Traddles ausgehändigt.«

»Sehr richtig«, bestätigte Traddles.

»Ury, Ury!« rief die Mutter. »Demütige dich und gib nach! Ich weiß gewiß, mein Sohn wird sich demütigen, wenn Sie ihm Zeit zum Nachdenken lassen, meine Herrschaften! Mr. Copperfield, Sie wissen doch, wie demütig er immer war.«

Es war ein merkwürdiger Anblick, wie die Mutter immer noch an dem alten Trick festhielt, während der Sohn die Nutzlosigkeit längst eingesehen hatte.

»Mutter«, sagte er und biß ungeduldig in das Tuch, mit dem er seine Hand verbunden hatte, »eher kannst du eine geladene Flinte auf mich abfeuern.«

»Aber ich liebe dich, Ury!« rief Mrs. Heep. Ich zweifle gar nicht, daß sie ihn wirklich liebte, so seltsam das auch war. Sie glichen einander eben vollständig.

»Ich kann es nicht mit anhören, Ury, wenn du den Herrn reizest und deine Sache nur noch schlimmer machst. Als der Herr mir oben sagte, es sei alles an den Tag gekommen, da beteuerte ich ihm, du würdest dich demütigen und alles wiedergutmachen. Ach, sehen Sie doch, meine Herren, wie demütig ich bin, und hören Sie nicht auf meinen Sohn!«

»Sieh dort Copperfield, Mutter!« rief Uriah wütend und wies haßerfüllt mit dem Finger auf mich. »Copperfield dort hätte dir 100 £ gegeben für weniger, als du ausgeplaudert hast.«

»Ich kann nichts dafür, Ury«, jammerte die Mutter. »Ich kann es nicht mitansehen, daß du ins Verderben rennst, indem du den Kopf so hoch trägst! Sei demütig, wie du es immer warst!«

Uriah schwieg eine Weile, nagte an dem Taschentuch und sagte dann zu mir mit finsterem Gesicht:

»Was haben Sie sonst noch gegen mich vorzubringen? Nur weiter. Was glotzen Sie mich so an?«

Mr. Micawber, überglücklich, wieder fortfahren zu dürfen, las weiter.

 

»Drittens und letztens. Ich bin nun in der Lage, zu beweisen, und zwar durch Heeps wirkliche, das heißt natürlich gefälschte Bücher, die mit dem zum Teil verbrannten Notizbuch anfingen, – das ich früher zur Zeit seiner zufälligen Entdeckung durch Mrs. Micawber anläßlich unseres Einzugs in unsere gegenwärtige Wohnung in dem zur Aufnahme der auf unserm häuslichen Herde verbrannten Asche bestimmten Kasten nicht verstehen konnte –, ich bin also in der Lage, zu beweisen, daß die Schwächen, die Fehler, ja sogar die väterliche Liebe des unglücklichen Mr. W. jahrelang zu den Infamien dieses Heep mißbraucht worden sind. Jahrelang wurde Mr. W. in jeder nur möglichen Weise von dem heuchlerischen und habsüchtigen – Heep da hintergangen und ausgeplündert. Das Hauptziel dieses – Heep war, Mr. und Miss W. – von seinen letzten Absichten in bezug auf diese Dame ganz zu schweigen – völlig in seine Gewalt zu bekommen. Seine letzte erst vor wenigen Monaten vollbrachte Tat bestand darin, daß er Mr. W. zur Ausstellung einer Verzichtleistung auf seinen Anteil im Geschäft und sogar eines Verkaufskontraktes des Meublements des ganzen Hauses gegen ein gewisses Jahresgeld bewog, das – Heep – an den gesetzlichen Pauschaltagen richtig und getreulich auszuzahlen versprach. Dieses Netz, – das mit verfälschten Alarmnachrichten anfing über einen Landbesitz, den Mr. W. zu verwalten hatte, zu einer Zeit, wo Mr. W. sich in unvorsichtige und schlecht überlegte Spekulationen eingelassen und vielleicht wirklich das Geld, für das er moralisch und juristisch verantwortlich war, nicht mehr in der Kasse hatte, – wurde weiter gestrickt, indem angeblich Geld gegen ungeheure Zinsen aufgenommen wurde, während in Wirklichkeit die Summen von Heep kamen und von ihm Mr. W. betrügerischerweise entlockt oder vorenthalten worden waren. Das Netz wurde immer dichter und dichter, bis der unglückliche Mr. W. vollständig umstrickt war. Seinem Glauben nach bankrott an Vermögen und an Ehre, setzte er seine einzige Hoffnung auf dieses Ungeheuer da in der Gestalt eines Menschen. Alles dies verpflichte ich mich zu beweisen. Und voraussichtlich noch mehr.«

 

Ich flüsterte Agnes, die halb vor Freude, halb vor Kummer weinte, ein paar Worte zu, und die ganze Gruppe kam in Bewegung, annehmend, daß Mr. Micawber fertig sei. Er aber sagte mit tiefstem Ernst: »Verzeihen Sie« und fuhr mit einem Gemisch von Niedergeschlagenheit und Triumphgefühl über seinen Brief fort:

 

»Ich komme jetzt zum Schluß. Es bleibt mir nur noch übrig, meine Anklagen zu beweisen und dann mit meiner vom Verhängnis verfolgten Familie im Dunkel zu verschwinden. Das wird bald geschehen sein. Es dürfte kein Trugschluß sein, wenn ich sage, daß unser Säugling als erster seine Seele aushauchen wird, da er das schwächste Mitglied unseres Familienkreises ist, und daß die Zwillinge ihm zunächst folgen werden. Sei es an dem! An mir hat diese Pilgerfahrt nach Canterbury bereits genagt. Schuldgefängnis und die Not werden alles bald vollenden, und ich hoffe, daß die aufreibende Mühe und Gefahr einer Untersuchung – deren kleinstes Ergebnis langsam zusammengestellt wurde unter dem Druck angestrengtester Tätigkeit und der Geldverlegenheiten am frühen Morgen, am tauigen Abend, im Schatten der Nacht, unter dem wachsamen Auge eines Geschöpfs, das man nicht erst Dämon zu nennen braucht, – in Verbindung mit den Bemühungen, sie nach ihrer Beendigung in richtiger Weise anzuwenden, wie das Besprengen des zur Aufnahme eines Leichnams bestimmten Holzstoßes mit einigen Tropfen wohlriechenden Wassers sein wird. Mehr verlange ich nicht. Möge man von mir sagen wie von dem tapfern Seehelden, mit dem ich mich zu vergleichen mir nicht anmaßen darf, daß ich das, was ich getan habe, allen selbstischen und geldsüchtigen Motiven zum Trotz nur tat für ›Schönheit, Reich und Vaterland‹.

Ich verbleibe immer usw. usw.

Wilkins icawber«

Tief ergriffen, aber immer noch in seinem Triumphe schwelgend, faltete Mr. Micawber seinen Brief zusammen und überreichte ihn mit einer Verbeugung meiner Tante.

Wie ich schon bei meinem ersten Besuch als Kind bemerkt hatte, stand ein eiserner Geldschrank im Zimmer. Der Schlüssel stak im Schlosse.

Ein plötzlicher Verdacht durchzuckte Uriah, und mit einem raschen Blick auf Micawber riß er die Schranktür so heftig auf, daß sie klirrte. Die Kassa war leer.

»Wo sind die Bücher?« rief er mit entsetzter Miene. »Jemand hat die Bücher gestohlen!«

Mr. Micawber spielte mit dem Lineal:

»Ich war so frei! Als ich von Ihnen wie gewöhnlich die Schlüssel holte – nur ein wenig früher – und den Schrank heute morgen aufmachte, habe ich sie herausgenommen.«

»Seien Sie unbesorgt, Mr. Heep«, sagte Traddles. »Ich habe sie in Besitz genommen. Ich werde sie kraft der erwähnten Vollmacht aufbewahren.«

»Sie sind also ein Hehler gestohlenen Gutes?« schrie Uriah.

»Unter solchen Umständen ja«, gab ihm Traddles zur Antwort.

Wie groß war mein Erstaunen, als auf einmal meine Tante, die bis jetzt ganz ruhig und aufmerksam dagesessen hatte, auf Uriah Heep losstürzte und ihn mit beiden Händen am Kragen packte.

»Sie wissen, was ich will«, rief sie.

»Eine Zwangsjacke«, gurgelte Heep.

»Nein, mein Vermögen! Liebe Agnes, solang ich glaubte, dein Vater wäre an dem Verlust schuld, wollte ich auch nicht eine Silbe davon sagen, daß ich es hier deponiert hatte; nicht einmal Trot wußte davon. Aber jetzt, wo ich weiß, daß dieser Kerl dafür verantwortlich ist, will ich es wiederhaben! Trot, komm und nimm es ihm ab!«

Ob meine Tante in diesem Augenblick glaubte, daß er ihr Vermögen an seinem Leibe verborgen trüge, weiß ich nicht, aber jedenfalls zerrte sie ihn so derb am Kragen, daß es so aussah.

Ich beeilte mich die beiden zu trennen und ihr zu versichern, wir würden schon Sorge tragen, daß alles wieder rechtmäßig zurückerstattet werden sollte. Diese Versicherung und ein paar Minuten Nachdenken beruhigten sie, obschon sie ihren Angriff auf Uriah nicht im geringsten zu bereuen schien.

 

Die letzten paar Minuten hatte Mrs. Heep ununterbrochen ihren Sohn angefleht, sich zu demütigen, war vor uns allen der Reihe nach auf die Knie gefallen und hatte die ausschweifendsten Versprechungen gemacht. Uriah drückte sie in ihren Stuhl zurück und stand mit verbissenem Gesicht neben ihr und hielt sie am Arme fest. Mit einem haßerfüllten Blick sagte er zu mir:

»Was soll also geschehen?«

»Ich will Ihnen sagen, was geschehen muß«, mischte sich Traddles ein.

»Hat dieser Copperfield keine Zunge?« knirschte Uriah. »Ich würde viel darum geben, wenn mir einer sagen könnte, er hätte sie ihm ausgerissen.«

»Mein Ury wird sich demütigen!« beteuerte die Mutter. »Bitte, bitte, achten Sie nicht auf seine Worte, meine Herren!«

»Was zu geschehen hat«, fuhr Traddles fort, »ist folgendes. Erstens muß die eben erwähnte Verzichtleistungsurkunde mir augenblicklich übergeben werden.«

»Gesetzt den Fall, ich hätte keine bekommen«, unterbrach Uriah.

»Da Sie aber eine bekommen haben«, sagte Traddles, »brauchen wir nicht erst das Gegenteil anzunehmen.«

Ich ließ innerlich, vielleicht zum ersten Mal, dem klaren, gesunden Menschenverstande meines alten Schulkameraden wirklich Gerechtigkeit widerfahren.

»Ferner haben Sie alles herauszugeben, was Sie sich in Ihrer Habsucht bisher angeeignet haben, und zwar bis zum letzten Heller. Alle Bücher und Belege der Firma, sowie auch Ihre Privatbücher und Papiere, Rechnungen, Sicherstellungen, kurz alles, was hier ist, bleibt in unserm Gewahrsam.«

»So, muß ich das? Das weiß ich noch nicht«, sagte Uriah. »Ich muß erst Zeit haben, mir das zu überlegen.«

»Gewiß«, erwiderte Traddles, »aber unterdessen und bis alles zu unserer Zufriedenheit geordnet ist, bleiben wir im Besitz, und Sie – kurz und gut, Sie haben in Ihrem Zimmer zu bleiben und mit keinem Menschen zu verkehren.«

»Das will ich nicht!« schrie Uriah mit einem Fluch.

»Das Maidstone-Gefängnis ist allerdings sicherer«, bemerkte Traddles, »und wenn auch das gerichtliche Verfahren länger dauern und uns nicht so vollständig zu unserm Recht verhelfen kann, wie es wünschenswert wäre, so steht es doch außer Zweifel, daß Sie Zuchthaus bekommen. Mein Gott, Sie wissen das so gut wie ich! Copperfield, möchtest du nicht nach der Guildhall gehen und ein paar Polizeidiener holen?«

Mrs. Heep riß sich wieder von ihrem Sohne los, warf sich weinend vor Agnes auf die Knie und flehte sie an, sich für sie zu verwenden, beteuerte, daß ihr Sohn sich demütigen werde und daß alles wahr sei, und wenn er nicht täte, was wir wollten, so wollte sie es tun und noch viel mehr; kurz, sie war halb wahnsinnig vor Besorgnis um ihren Liebling.

Die Frage, was er hätte tun können, wenn er Mut besessen haben würde, ist überflüssig. Ebensogut hätte man fragen können, was wohl ein elender Köter getan hätte, wenn er die Seele eines Tigers gehabt haben würde.

Uriah war eine Memme von Kopf bis Fuß und verriet seine feige Natur durch Ingrimm und Verbissenheit wie nur je in seinem erbärmlichen Leben.

»Halt!« knurrte er mir zu und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Und du, Mutter, schweig still. Also gut! Sie sollen das Dokument haben. Hol es herunter!«

»Bitte, helfen Sie ihr, Mr. Dick«, sagte Traddles, »wenn Sie so freundlich sein wollen.«

Stolz auf seinen Antrag, den er vollkommen begriff, ging Mr. Dick neben Mrs. Heep her wie ein Schäferhund neben einem Schaf. Sie gab ihm übrigens nicht die geringste Gelegenheit, sich einmengen zu müssen, und kehrte nicht nur mit dem Dokument, sondern auch mit dem Koffer zurück, in dem es gelegen, und worin wir außerdem noch ein Bankbuch und andere Papiere, die uns später gute Dienste leisteten, fanden.

»Gut«, sagte Traddles, als die Sachen in unserm Besitz waren. »Jetzt, Mr. Heep, können Sie in Ihr Zimmer gehen, um sich alles zu überlegen. Ich mache Sie aber darauf aufmerksam, daß es nur einen Weg für Sie gibt, und zwar den, den ich Ihnen vorgezeichnet habe, und der muß ohne Verzug eingeschlagen werden.«

Ohne die Augen zu erheben, schlich Uriah, die Hand am Kinn, nach der Tür, blieb dort einen Augenblick stehen und sagte:

»Copperfield, ich habe Sie immer gehaßt. Sie waren von jeher ein Glückspilz und immer mein Feind.«

»Ich glaube, ich habe Ihnen schon einmal gesagt«, gab ich zur Antwort, »daß Sie in Ihrer Gier und Verschlagenheit aller Welt entgegen gewesen sind. Vielleicht ist es gut für Sie, wenn Sie in Zukunft einsehen lernen, daß Gier und niedrige List in der Welt noch nicht mehr zuwege gebracht haben, als übers Ziel hinauszuschießen und sich selbst ein Bein zu stellen. Das ist sicher wie der Tod.«

»Oder so sicher, wie man uns in der Schule von neun bis elf lehrte, die Arbeit sei ein Fluch, und von elf bis eins, daß sie ein Segen, eine Freude und eine Ehre sei, und ich weiß nicht, was sonst noch, was?« sagte er mit einem höhnischen Grinsen. »Ihre Predigten sind gerade so konsequent wie diese. Mit Unterwürfigkeit kommt man nicht durch, sagen Sie? Anders hätte ich bei meinem Associe gewiß nichts durchgesetzt! Micawber, Sie alter Renommist, Ihnen werd ichs noch heimzahlen.«

Mr. Micawber sah ihn mit größter Verachtung an und blähte sich gewaltig auf, während Uriah zur Tür hinausschlich. Dann wendete er sich an mich, mit der Bitte, Zeuge seiner Aussöhnung mit Mrs. Micawber zu sein, und lud auch die übrige Gesellschaft ein, diesem rührenden Schauspiel beizuwohnen.

»Der Schleier, der lange zwischen mir und Mrs. Micawber gehangen hat, ist nun weggezogen«, sagte er, »und meine Kinder und der Urheber ihres Daseins können wieder auf gleicher Stufe miteinander verkehren.«

Da wir ihm alle sehr dankbar waren und es ihm zu zeigen wünschten, so gut unsere aufgeregte Stimmung dies erlauben wollte, wären wir gewiß alle gegangen, wenn nicht Agnes zu ihrem Vater hätte zurückkehren müssen, dessen Gesundheit zu zerrüttet war, als daß er mehr als das Aufdämmern neuer Hoffnung hätte ertragen können; außerdem mußte noch jemand zurückbleiben, um Uriah in sicherm Gewahrsam zu halten. So blieb denn Traddles ebenfalls, um später durch Mr. Dick abgelöst zu werden. Inzwischen gingen meine Tante, Mr. Dick und ich mit Mr. Micawber nach dessen Hause.

 

Als ich einen eiligen Abschied von Agnes nahm und an den Abgrund dachte, aus dem sie diesen Morgen gerettet worden, so mußte ich Gott preisen für die Not meiner Jugendjahre, die mich mit Mr. Micawber bekannt gemacht hatte.

Die Wohnung war nicht weit entfernt, und da die Haupttür unmittelbar in das Wohnzimmer führte und er mit der ihm eigentümlichen Hast hineinstürzte, befanden wir uns im Augenblick mitten im Kreis der Familie.

Mr. Micawber stürzte mit dem Ausruf: »Emma, mein Leben!« in die Arme seiner Gattin. Mrs. Micawber schrie auf und drückte ihn an ihre Brust. Miss Micawber, die den in Mrs. Micawbers letztem Brief erwähnten »bewußtlosen Neuling« auf den Armen wiegte, war sichtlich gerührt. Der Neuling begann zu strampeln. Die Zwillinge legten ihre Freude durch verschiedne unpassende, aber gutgemeinte Demonstrationen an den Tag. Master Micawber, durch frühzeitige Enttäuschungen offenbar verbittert und sehr mürrisch dreinsehend, gab seinen besseren Gefühlen nach und heulte.

»Emma!« sagte Mr. Micawber. »Die Wolke ist von meiner Seele genommen! Das alte Vertrauen zwischen uns ist wiederhergestellt und soll nie wieder aufhören. Jetzt willkommen, Armut!« rief er unter Tränen. »Willkommen, Not! Willkommen, Obdachlosigkeit! Willkommen, Lumpen, Hunger, Sturm und Betteln! Gegenseitiges Vertrauen wird uns bis zu Ende aufrechterhalten.«

Mit diesen Worten drückte er seine Frau in einen Stuhl und umarmte seine Sprößlinge der Reihe nach, wobei er eine Unzahl trostloser Zukunftsbilder willkommen hieß, die – meinem Urteil nach – ihnen nichts weniger als erwünscht zu sein schienen, und forderte sie auf, auf den Hauptplatz von Canterbury zu gehen und einen Chor anzustimmen, da dies von jetzt an ihre einzige Erwerbsquelle sein werde.

Aber da Mrs. Micawber, von ihren Gefühlen überwältigt, in Ohnmacht gefallen war, galt es, ehe der Chor als vollzählig betrachtet werden konnte, sie wieder zum Bewußtsein zu bringen. Dies bewerkstelligten meine Tante und Mr. Micawber, und dann ließ sich meine Tante ihr vorstellen, und Mrs. Micawber erkannte mich.

»Entschuldigen Sie, lieber Mr. Copperfield«, sagte die arme Frau und reichte mir die Hand, »aber ich bin nicht stark, und die Beseitigung des Mißverständnisses zwischen Micawber und mir war im ersten Augenblick zu viel für mich.«

»Ist das Ihre ganze Familie, Maam?« fragte meine Tante.

»Vorderhand habe ich nicht mehr«, entschuldigte sich Mrs. Micawber.

»Gütiger Himmel, das meinte ich nicht«, sagte meine Tante. »Ich wollte fragen, ob das alles Ihre Kinder sind?«

»Maam«, nahm Mr. Micawber das Wort, »so ist es.«

»Und der älteste junge Gentleman da«, fragte meine Tante nachdrücklich, »was will er werden?«

»Ich trug mich bei meiner Hierherkunft mit der Hoffnung«, antwortete Mr. Micawber, »Wilkins in der Kirche unterzubringen, oder besser ausgedrückt, im Chor. Aber es war keine Stelle für einen Tenor in dem ehrwürdigen Baudenkmal, dessentwegen diese Stadt mit Recht so berühmt ist, vakant, und er hat – kurz, er singt lieber in Wirtshäusern als in Kirchen.«

»Aber er meint es gut!« sagte Mrs. Micawber zärtlich.

»Allerdings meint er es im allgemeinen gut«, entgegnete Mr. Micawber, »aber ich habe noch nicht gefunden, daß er seine gute Meinung in irgendeiner bestimmten Richtung betätigt hätte.«

Master Micawbers mürrische Miene kehrte sofort zurück, und er fragte temperamentvoll, was er denn eigentlich tun sollte. Ob er vielleicht als Zimmermann oder Rosselenker auf die Welt gekommen sei, ob er etwa in die nächste Straße gehen und eine Apotheke eröffnen könnte oder zum nächsten Gerichtshof laufen und sich als Advokat vorstellen? Ob er vielleicht durch einen Gewaltstreich zur Oper kommen und sich dort einen Erfolg sichern könnte? Ob er denn überhaupt irgend etwas tun könnte, ohne für das Geringste erzogen zu sein?

Meine Tante sann eine Weile nach und sagte dann:

»Mr. Micawber, es wundert mich, daß Sie nie ans Auswandern gedacht haben.«

»Maam«, gab Mr. Micawber zur Antwort, »es war der Traum meiner Jugend und der gescheiterte Plan meiner reifern Jahre.« (Nebenbei gesagt, ich meinesteils bin fest überzeugt, daß er niemals im Leben daran gedacht hatte.)

»So?« sagte meine Tante und warf mir einen Blick zu. »Nun, wie wäre es, wenn Sie, Mr. und Mrs. Micawber, samt Familie jetzt auswanderten?«

»Kapital, Kapital!« seufzte Mr. Micawber düster.

»Das ist die hauptsächlichste, ich möchte wohl sagen, einzige Schwierigkeit, mein lieber Mr. Copperfield«, stimmte seine Gattin bei.

»Kapital?« fragte meine Tante. »Sie haben uns doch einen so großen Dienst geleistet, denn zweifellos wird vieles wieder zum Vorschein kommen. Und was könnten wir Besseres für Sie tun, als Ihnen das Kapital verschaffen?«

»Ich würde es nicht als Geschenk annehmen«, rief Mr. Micawber, ganz Feuer und Flamme, »aber wenn ich eine genügende Summe, sagen wir zu fünf Prozent jährlich, geliehen bekommen könnte gegen persönliche Sicherheit, etwa meine Unterschrift, auf zwölf, achtzehn oder vierundzwanzig Monate, damit ich Zeit habe zu warten, bis sich etwas findet «

»Bekommen könnte? Sie sollen und werden sie bekommen«, entgegnete meine Tante. »Sie brauchen nur ein Wort zu sagen. Überlegen Sie sich jetzt beide die Sache. Ein paar Leute, die David kennt, schiffen sich in wenigen Tagen nach Australien ein. Wenn Sie sich zum Auswandern entschließen wollten, könnten Sie ja mit demselben Schiff fahren und einander beistehen. Überlegen Sie sich das jetzt, Mr. und Mrs. Micawber! Lassen Sie sich Zeit und erwägen Sie es reiflich.«

»Nur eine einzige Frage, meine liebe Maam, gestatten Sie mir«, fiel Mrs. Micawber ein. »Ist das Klima gesund?«

»Das beste Klima der Welt.«

»Sehr gut. Also meine Frage ist, sind die Zustände des Landes derart, daß ein Mann von Mr. Micawbers Fähigkeiten Aussicht hat, auf der Leiter der Gesellschaft eine höhere Stufe einzunehmen? Ich meine zurzeit damit nicht, daß er nach einer Gouverneurstelle oder nach etwas Ähnlichem streben würde, ? aber ist seinen Talenten Gelegenheit geboten, sich zu entwickeln?«

»Nirgends bieten sich bessere Gelegenheiten für einen Mann, der sich gut aufführt und fleißig ist«, versicherte ihr meine Tante.

»Für einen Mann, der sich gut aufführt und fleißig ist«, wiederholte Mrs. Micawber mit ihrer überlegensten Geschäftsmiene. »Ausgezeichnet! Es liegt auf der Hand, daß Australien der richtige Boden für Mr. Micawbers Tätigkeit ist.«

»Ich bin der Überzeugung, verehrteste Maam«, sagte Mr. Micawber, »daß es unter den gegebenen Verhältnissen das Land, ja, das einzige Land für mich und meine Familie ist, und daß sich an jenen fernen Küsten etwas ganz Außerordentliches finden wird. Es gibt keine Entfernung, abstrakt gesprochen, und obgleich wir Ihrem Vorschlage, uns die Sache zu überlegen, Rücksicht schulden, versichere ich Ihnen, daß wir das bloß als Formalität betrachten.«

 

Nie werde ich vergessen, wie er im Handumdrehen wieder der alte Sanguiniker war und voll Selbstvertrauen in die Zukunft blickte, und wie Mrs. Micawber sofort von den Gewohnheiten des Känguruhs zu erzählen begann! Nie wieder kann ich mir vorstellen, wie die Straße von Canterbury an einem Markttage aussieht, ohne daß mir Mr. Micawber nicht vor das Auge tritt, wie er uns begleitet und mit der Fremdlingsmiene eines nur für kurze Zeit nach England zurückgekehrten australischen Farmers die vorüberziehenden Ochsen mit Kennerblick mißt!