15. Kapitel


15. Kapitel

Sei mir gegrüßt, Columbia!

Eine dunkle und traurige Nacht! Die Menschen schmiegten sich in ihre Betten oder sammelten sich um das späte Kaminfeuer. Die Not fröstelte an den Straßenecken, und die Kirchentürme summten noch unter den schwachen Vibrationen ihrer eigenen Zungen, die soeben erst mit gespenstischem Ruf die erste Stunde nach Mitternacht verkündet hatten. Die Erde lag unter einem schwarzen Leichentuch, als sei sie das Grab des gestrigen Tages. Gruppen dunkler Bäume nickten trauervoll mit ihren riesigen Leichenfederbüschen. Alles war still und lautlos oder lag in tiefem Schlummer, ausgenommen die unruhigen Wolken, die über den Mond dahinhuschten, und der unstete Wind, der bald auf dem Boden dahinkroch, wie um zu horchen, und dann rauschend weiterzog, bald wieder haltmachte, um gleich darauf seine Fährte wieder aufzunehmen wie der Wilde auf der Spur eines Feindes. Wie schuldbeladene Gespenster schienen Wind und Wolken nach einem gemeinsamen finsteren Versammlungsort zu ziehen; befreit aus der drückenden Fessel, die da Erde heißt, jagten sie über die endlose Fläche der Gewässer. Dort heulten sie, tobten und brüllten und wüteten die ganze Nacht hindurch. Tönende Stimmen hallten aus den Höhlen an der Küste jener sagenhaften Insel wider, die Tausende von Meilen inmitten zürnender Wellen schläft. Dort begegneten einander die brausenden Stürme, in unbekannten Einöden der Welt erzeugt, und rangen und stritten mit der ganzen Wut ungezügelter Freiheit miteinander, bis die See, bis zur Raserei aufgepeitscht, in ein noch weit gewaltigeres Toben ausbrach und der ganze Schauplatz sich in wirbelnden Wahnsinn verwandelte.

Weiter, weiter und immer weiter, bis ins Unabsehbare rollten die hoch sich aufbäumenden Wogen. Berge und Höhlen entstanden, doch schon im nächsten Augenblick wurde der Berg wieder zum Tal und das Tal zum Berg – und das Meer schien ein einziger kochender Strudel. Verfolgung, wilde Flucht, tolle Rückkehr, Welle auf Welle und ein wütender Kampf ringsum und dann aufsprudelnder Schaum, der als weißer Schein durch die schwarze Nacht leuchtete; ein unablässiger Wechsel von Ort, Gestalt und Farbe; in nichts Beständigkeit als im ewigen Kampfe. Fort, fort und fort rollten die Wogen dahin, dunkler wurde die Nacht und lauter heulten die Winde und ungestümer wurden die Millionen Stimmen des Meeres, wie der Sturm den wilden Ruf weitertrug: »Ein Schiff!«

Vorwärts arbeitet sich ein Schiff, mutvoll mit den Elementen ringend; die hohen Masten zittern, die Spieren knarren unter dem gewaltigen Druck. Dahin geht es, jetzt hoch auf den sich bäumenden Wogen, jetzt tief unten in den dunklen Wasserschluchten, wie um sich zu verbergen, und lauter und lauter scheinen die Stimmen der Stürme zu rufen: »Ein Schiff!«

Doch weiter kämpft sich das wackere Fahrzeug und, über seine Kühnheit und die vorauseilende Kunde seines Nahens erstaunt, erheben sich die zornigen Wellen, wie um sich einander über die weißen Häupter hinweg sehen zu können, drängen sich um seinen Bord und rauschen heran von ferne in schrecklicher Neugier. Hoch über ihm brechen sie sich, rund umher brausend in wildem Getümmel, um dann stöhnend zurückzuweichen, jede die Schwester in grimmigem Zorne zertrümmernd. Furchtlos bahnt sich das Schiff seinen Weg vorwärts, mit düsterbrennenden Lichtern und schlafenden Menschen an Bord. Trotz der unaufhörlich über Deck rauschenden Sturzwellen, deren Treiben auch der Tag noch kein Ende machen zu wollen scheint. Durch jede Spalte und Ritze späht das todbringende Element, voll Haß bemüht, die dünne Planke zu zerbersten, die den Seemann von seinem Grab in der bodenlosen Tiefe trennt.

Unter den schlafenden Reisenden an Bord befanden sich auch Martin und Mark Tapley, beide durch die ungewohnte schlingernde Bewegung des Schiffes in ohnmachtsähnlichen Schlummer versetzt und sich der dumpfigen Luft der Kojen so wenig bewußt wie des Aufruhrs draußen.

Das Tageslicht schien bereits hell durch die Luken, als Mark mit dem unbestimmten Gefühl erwachte, er habe sich in eine Bettstelle niedergelegt, in der im Laufe der Nacht das Unterste zuoberst gekehrt worden sei. Das erste, dessen er ansichtig wurde, und zwar senkrecht über seinem Kopf, waren seine eigenen Fersen.

»Ha«, sagte er, nachdem er es nach langem Kampfe mit dem Auf- und Niederrollen des Schiffes endlich zu einer sitzenden Stellung gebracht, »na, das ist, dächte ich, das erstemal in meinem Leben, daß ich die ganze Nacht über auf dem Kopf gestanden habe.«

»Dann müssen Sie sich eben nicht mit dem Kopf leewärts legen«, brummte ein Mann in einer der Schlafstellen.

»Wohin soll ich mich mit meinem Kopf nicht legen?« fragte Mark.

Der Mann wiederholte seinen guten Rat.

»Na, dann werd ich’s das nächstemal bleiben lassen«, sagte Mark, »wenn ich nur erst mal weiß, in welcher Gegend das Land, das Sie soeben genannt haben, liegt. – Übrigens kann ich Ihnen auch einen Rat geben: gehen Sie lieber auf festem Lande als auf einem Schiff schlafen.«

Der Mann knurrte mißvergnügt etwas durch die Zähne, drehte sich auf die andere Seite und zog sich das Bettuch über die Ohren.

»Denn«, sagte Mark Tapley und verfolgte den Gedanken im Selbstgespräch leise weiter, »die See ist das Unvernünftigste überhaupt. Nie weiß sie, was sie eigentlich will. Sie hat eben keine geistige Beschäftigung; daher ihre Zerfahrenheit. Wie die Polarbären in der Menagerie wackelt sie auch immer mit dem Kopf von einer Seite zur anderen. Nicht einen Augenblick kann sie ruhig sein. Das kommt natürlich von ihrer entsetzlichen Borniertheit.«

»Sind Sie’s, Mark?« fragte eine müde Stimme aus einer Koje nebenan. »Jawohl, Sir. Oder besser gesagt: der schäbige Rest, der noch von mir übrig ist nach dieser vierzehntägigen greulichen Mißhandlung«, versetzte Mark Tapley. »Wenn ich bedenke, was ich seit unserer Ankunft an Bord für ’ne Art Lauseleben geführt habe, kann nicht gut mehr viel von mir übrig sein; darauf möchte ich schwören, Sir. Ganz besonders, wenn ich mich erinnere, was ich an genossenen Leckerbissen wieder von mir gegeben habe. – Wie geht es Ihnen übrigens heut morgen, Sir?«

»Hundsmiserabel«, stöhnte Martin. »Das ist ja furchtbar!«

»Da kann man wenigstens noch Ehre einlegen«, murmelte Mark, drückte die Hand auf seine schmerzende Stirn und blickte mit kläglichem Grinsen umher. »Und das ist ein großer Trost. Man kann sich’s wahrhaftig hoch anrechnen, wenn man hier nicht den Mut verliert. Ja ja, das Gute belohnt sich selbst. Daher auch die Fröhlichkeit.«

Mark hatte insofern recht, als tatsächlich jeder, der als Zwischendeckpassagier des schönen und schnellsegelnden Paketschiffes »Die Schraube« sich seine gute Laune bewahren wollte, auf seine eigenen Hilfsquellen angewiesen war und sich seinen guten Humor ebensogut wie seinen Mundvorrat, da zu beiden der Herr des Schiffes nichts beisteuerte, selbst mitgebracht haben mußte.

Ein dunkler, niedriger, erstickender Kajütenraum, bis zum Platzen mit Männern, Weibern und Kindern in den verschiedensten Stadien der Seekrankheit und des Elends angefüllt, ist niemals ein besonders angenehmer Unterhaltungsort. Wenn er aber so vollgestopft ist wie in diesem Falle, wo Matratzen und Betten auf dem Boden aufgehäuft lagen und auch nicht das kleinste Fleckchen mehr rein und sauber war, – dann wird nicht nur jede heitere Stimmung im Keime erstickt, sondern es entsteht geradezu Mißmut in seiner schlimmsten Form. Mark bemerkte das, sooft er sich umsah, und demgemäß stieg auch seine gute Laune. An Bord befanden sich Engländer, Irländer, Welshmen und Schotten, sämtlich mit ihrem kleinen Vorrat an halbverdorbenen Speisen und in schäbigen Kleidern. Fast alle hatten ihre Familien bei sich; ihre Weiber und Sprößlinge. Kinder jeglichen Alters, vom Säugling angefangen bis zur schlampigen halbwüchsigen Dirne, waren in dem engen Raum zusammengepfercht und litten gemeinsam an all den Qualen, die in Armut, Krankheit, Heimatlosigkeit, Sorgen und langer Seereise bei rauhem Wetter ihren Grund haben, und doch gab es in dieser ungesunden Arche Noah vielleicht weniger Bemänglung oder Zank als anderswo unter sogenannten geordneten Verhältnissen oder Hauswesen.

Mit pfiffiger Miene blickte Mark umher, und seine Mienen heiterten sich auf. Hier beugte sich eine alte Großmutter über ein krankes Kind, wiegte es in ihren Armen, die fast ebenso schwach waren wie die jungen Gliedmaßen des Kleinen; dort flickte ein armes Weib, ein Kind im Schoße, die Kleider eines andern kleinen Geschöpfes und beschwichtigte ein drittes, das von der dürftigen Bettstelle zu ihr hinkroch. Alte Männer verrichteten unbehilflich ihre kleinen Hausarbeiten, und gebräunte Gesellen – Riesen an Gestalt – erwiesen ihrer Umgebung allerlei zarte kleine Liebesdienste, wie man sie nur von den weichherzigsten, sanftesten Zwergen hätte erwarten können. Selbst der Blödsinnige drüben in der Ecke, der sonst den ganzen Tag über brütend dasaß, fühlte sich davon angesteckt und schnappte mit den Fingern, um ein weinendes Kindchen zu trösten.

»Na«, sagte Mark, nickte einer Frau zu, die ihre drei Kinder dicht neben ihm ankleidete, und lachte dabei von einem Ohr bis zum andern, »geben Sie mir mal eins von den Kleinen herüber.«

»Ich dächte, es wäre besser, Sie besorgten das Frühstück, Mark, statt daß Sie sich mit Leuten abgeben, die Sie nichts angehen«, bemerkte Martin ärgerlich. »Ganz recht«, meinte Mark, »das könnte aber vielleicht sie besorgen. Das wäre dann eine famose Arbeitsteilung, Sir. Ich wasche ihr die Buben, und sie macht uns den Tee. – Ich habe mich nie aufs Teekochen verstanden, aber ein Kind kann jeder Mensch waschen.«

Die Frau, die sehr zart und krank war, empfand seine Freundlichkeit um so tiefer, als er ihr überdies Nacht für Nacht seinen Mantel lieh und sich selbst auf den nackten Brettern mit einem Teppich begnügte – nur Martin, der selten aufstand oder für sonst etwas Augen hatte, war bitterböse über Marks Torheit und gab sein Mißvergnügen durch ein unwilliges Gebrumm zu erkennen.

»Ja, ja, es ist wahrhaftig so«, sagte Mark und bürstete das Haar des Kindes so geschickt wie ein ausgelernter Friseurgehilfe.

»Wovon sprechen Sie jetzt schon wieder?« fragte Martin.

»Von dem, was Sie gesagt haben«, versetzte Mark, »oder vielmehr, was Sie sagen wollten, als Sie vorhin Ihren Gefühlen in so trübseliger Weise Luft machten. – Ich bin ganz Ihrer Ansicht; es ist gewiß sehr hart für sie.«

»Was ist hart?«

»Die Reise allein machen zu müssen mit diesen kleinen Bälgern da. Zu dieser Jahreszeit sich einer solchen Reise zu unterziehen, um zu ihrem Gatten zu gelangen. – – – Wenn Sie nicht wollen, daß Ihnen die Seife ins Auge kommt, junger Herr«, sagte er zu dem zweiten Knirps, den er sich eben am Waschbecken vornahm, »werden Sie guttun, Ihre Gucklöcher zuzumachen.«

»Wo hofft sie denn ihren Mann zu treffen?« fragte Martin gähnend.

»Ich fürchte sehr«, meinte Mr. Tapley mit leiser Stimme, »daß sie es selbst nicht recht weiß. Hoffentlich werden sie sich nicht verfehlen. Sie schickte ihm ihren letzten Brief durch irgendeinen Auswanderer; aber auch sonst scheint keine sonderlich klare Verständigung zwischen ihnen stattgefunden zu haben. Wenn er daher nicht am Ufer steht und sein Schnupftuch schwenkt, wie es auf den Bildern im Gesangbuch abgebildet ist, so bin ich der Meinung, daß die Sache verdammt faul ausgehen wird.« »Aber in Teufels Namen, wie kommt das Weib dazu, sich an Bord eines Schiffes zu begeben, wenn das Ganze nur so ein Wagnis aufs Geratewohl ist?« rief Martin.

Mark sah einen Augenblick auf und erwiderte dann sehr ruhig:

»Hm. Das läßt sich leicht fragen. Ich kann mir’s auch nicht recht zusammenreimen. Vor zwei Jahren ist er ausgewandert. Sie war sehr arm und nicht sonderlich angesehen in ihrer Heimat. Natürlich wollte sie da zu ihm. Sehr sonderbar, daß sie hier ist; höchst erstaunlich, und ein bißchen verrückt vielleicht. Anders läßt sich’s nicht erklären.«

Martin fühlte sich zu seekrank, um auf diese Worte irgendeine Antwort zu geben oder auch nur auf sie zu achten. Inzwischen war der Gegenstand ihrer Unterhaltung mit etwas heißem Tee zurückgekommen und unterbrach auf diese Weise wirksam eine Wiederaufnahme des Themas von seiten Mr. Tapleys, der, sobald er sein Frühstück eingenommen und Martins Bett zurechtgemacht hatte, sich aufs Oberdeck verfügte, um das Service, das aus zwei zinnernen Näpfen und einer Rasierbüchse aus demselben Metalle bestand, auszuspülen.

Auch ihn hatte die Seekrankheit bei dem Schlingern des Schiffes sehr mitgenommen. Da er sich jedoch fest vorgenommen, auch unter den widrigsten Verhältnissen »Ehre einzulegen«, wie er es nannte, so bildete er sozusagen die Seele des Zwischendecks. Er machte sich auch nicht viel daraus, sogar mitten in einem launigen Gespräch aus Übligkeit beiseite gehen zu müssen; und jedesmal kehrte er nachher in der allerbesten und heitersten Laune zurück, um es wieder fortzusetzen, als ob ein bißchen Erbrechen die allergewöhnlichste Sache von der Welt wäre.

Auch als bei Besserung seines Befindens sich seine natürliche gute Laune von selbst wieder hob, merkte man das kaum, so fröhlich hatte er schon vorher geschienen. Nur sein Pflichteifer steigerte sich womöglich, und unverdrossen ließ er sich’s gefallen, daß man zu allen Tagesstunden seine Dienste in Anspruch nahm.

Wenn sich ein Sonnenstrahl an dem dunkeln Himmel zeigte, eilte er sofort in die Kajüte hinunter und kam gleich darauf mit irgendeinem Frauenzimmer am Arm, einem halben Dutzend Kindern, einem kranken Mann, einem Bett, einer Pfanne, einem Korb oder sonst irgendeinem Objekt, gleichviel ob belebt oder unbelebt, wieder zum Vorschein. Wenn gegen Mittag für ein paar Stunden schönes Wetter einsetzte und die armen Teufel, die zu andern Zeiten selten oder nie auf Deck kamen, heraufkrochen, sich auf die Deckplanken niederlegten und zu essen versuchten, so konnte man wetten, daß Mr. Tapley mitten unter dem Häuflein stand, Pökelfleisch und Zwieback verteilend, Grog einschenkend, den Kindern mit seinem Taschenmesser Brot abschneidend oder zur allgemeinen Zerstreuung aus einer uralten Zeitung vorlesend. Zuweilen sang er auch irgendein Lied, schrieb für Leute, die es selbst nicht verstanden, Briefe an ihre Freunde in der Heimat, machte Witze mit den Matrosen, wurde auch gelegentlich in die Nässe geschleudert und tauchte dann triefend aus einem Schauer von Sprühe auf, oder ging da und dort hilfreich an die Hand. Kurz, immer zeigte er sich tätig und fleißig. Wenn abends auf dem Verdeck Feuer angezündet wurde und die unter dem Takel- oder Segelwerk umherfliegenden Funken das Schiff mit sicherer Vernichtung durch Brand zu bedrohen schienen, im Falle es den wäßrigen und luftigen Elementen nicht gelingen sollte, die Zerstörung zu bewerkstelligen, so war es wieder Mr. Tapley, der, den Rock abgelegt und die Hemdsärmel bis zu den Ellenbogen aufgekrempelt, bei allen Küchenverrichtungen mithalf, den Koch machte und die seltsamsten Gerichte auf den Tisch trug oder bereiten half, bis ihn schließlich jeder als eine Art Autorität anerkannte; mit einem Wort, niemals gab es wohl eine beliebtere Person an Bord des edeln und schnell segelnden Paketschiffes »Die Schraube« als Mark Tapley; und schließlich erntete er eine so allgemeine Bewunderung, daß er innerlich schon wieder ernstlich zu zweifeln begann, ob es noch eine Kunst genannt werden könne, unter so günstigen Bedingungen fidel zu sein.

»Wenn das so weitergeht«, sagte er vor sich hin, »so sehe ich keinen großen Unterschied zwischen der Schraube und dem Drachen. Ich glaube, es ist mir wirklich beschieden, nie und nirgends Ehre einzulegen, und ich fange wahrhaftig an zu fürchten, daß das Schicksal sich verschworen hat, mir die Welt leicht zu machen.« »Was glauben Sie, Mark«, rief Martin aus seiner Koje, in deren Nähe Mr. Tapley diese Worte vor sich hingesprochen hatte; »wann wird das alles endlich einmal ein Ende nehmen?«

»Wie ich höre«, berichtete Mark, »werden wir in einer Woche oder so irgendeinen Hafen anlaufen. Das Schiff beeilt sich jetzt, wie sich ein Schiff überhaupt nur beeilen kann. Aber das ist weiter nichts Anerkennenswertes; es ist seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit.«

»Dieser Meinung bin ich auch«, brummte Martin.

»Sie würden sich, glaube ich, wohler befinden, wenn Sie mal aus ihrer Koje rauskröchen«, bemerkte Mark.

»Ja, natürlich; damit die Damen und Herren vom Hinterdeck sehen«, grollte Martin verdrossen, »wie ich mich unter dem elenden Bettlervolk herumtreiben muß, mit dem dieses elende Loch vollgepfropft ist. Und da sollte ich mich dann besser fühlen!«

»Gott sei Dank, daß ich nicht aus eigener Erfahrung weiß, wie ein Gentleman innerlich fühlt«, sagte Mark. »Aber ich sollte meinen, daß es auch einem Gentleman hier unten viel unbehaglicher zumute sein müßte als oben in der frischen Luft; besonders, wo die Damen und Herren von der Hinterkajüte gerade so wenig von ihm wissen wie er von ihnen.«

»Davon verstehen Sie offenbar nichts«, brummte Martin verdrossen.

»Sehr leicht möglich, Sir; das kommt bei mir öfters vor«, versetzte Mark in seiner unerschütterlichen Heiterkeit.

»Glauben Sie vielleicht, daß es mir Vergnügen macht, hier zu liegen?« fragte Martin, richtete sich auf den Ellbogen auf und warf einen ärgerlichen Blick auf ihn.

»Sämtliche Narrenhäuser der Welt zusammengenommen haben nicht einen einzigen Verrückten aufzuweisen, der so etwas glauben würde.«

»Warum reden Sie mir also dann zu, daß ich aufstehen soll?« fragte Martin. »Ich bleibe hier liegen, um nicht später einmal, wenn ich in bessern Verhältnissen sein werde, von irgendeinem Geldprotzen als der Mensch erkannt zu werden, der zugleich mit ihm als Zwischendeckpassagier nach Amerika gefahren ist. Ich bleibe hier liegen, um mich versteckt zu halten und weil ich nicht in der Neuen Welt mit dem Stempel tiefster Armut gebrandmarkt ankommen will. Hätte ich einen Platz auf dem Hinterdeck bezahlen können, so würde ich mich öffentlich zeigen wie die andern. Da das leider nicht der Fall ist, muß ich mich eben verbergen.«

»Das tut mir sehr leid, Sir«, bedauerte Mark. »Ich habe nicht wissen können, daß Sie sich’s so zu Herzen nehmen.«

»Natürlich, wie können Sie’s denn auch wissen, wenn ich’s Ihnen nicht sage. – – Sie machen sich selbstverständlich nichts daraus, sich unter die Leute hier zu mischen. Sie sind’s wahrscheinlich gewöhnt. Bei mir ist aber das Gegenteil der Fall. Glauben Sie mir, es ist kein Mann an Bord, der so viel leidet wie ich. Wie?« Er richtete sich auf und sah Mark mit einer Mischung von Ernsthaftigkeit und Neugierde an.

Mark schnitt ein Gesicht und schien es offenbar für sehr schwer zu halten, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Schließlich erlöste ihn Martin selbst aus seiner Verlegenheit, indem er sich wieder zurücklehnte, nach seinem Buche griff, in dem er vorhin gelesen, und sagte:

»Aber was stelle ich Ihnen auch solche Fragen, wo Sie doch die wahre Bedeutung meiner Worte gar nicht verstehen können. Machen Sie mir, bitte, ein wenig Branntwein mit Wasser zurecht; kalt und sehr schwach; – und dann geben Sie mir einen Zwieback und sagen Sie Ihrer wertgeschätzten Freundin, sie solle darauf achten, daß ihre Kinder heute nacht sich ein wenig ruhiger verhalten. Vergessen Sie aber nicht, ihr es auszurichten; wir könnten sonst leicht aneinandergeraten.«

Mit großer Bereitwilligkeit kam Mr. Tapley diesem Befehl nach, und dabei schien seine gute Laune wieder aufzuleben; wenigstens brummte er vor sich hin, daß die »Schraube«, was die Möglichkeit beträfe, aus dem Fidelsein eine Kunst zu machen, doch so mancherlei vor dem »Drachen« voraus habe.

Kurze Zeit darauf entstand eine große Aufregung an Bord, und allerhand Prophezeiungen kursierten hinsichtlich des Tages, ja sogar der Stunde, in der man New York bestimmt erreichen werde. So viel Gedränge und Neugierige, die alle nach Land ausspähten, hatte es bis jetzt noch nicht auf dem Verdeck gegeben. Wie eine Krankheit überfiel alle die Sucht, morgens einzupacken, was abends wieder ausgepackt werden mußte, und wer Briefe zu besorgen, Freunde zu treffen oder irgendeinen bestimmten Lebensplan für Amerika hatte, besprach wohl hundertmal am Tag, was ihm am meisten am Herzen lag. Und da die Zahl solcher Passagiere sehr klein, die der andern aber sehr groß war, so gab es wenig Sprecher und sehr viel Zuhörer. Leute, die auf der ganzen Fahrt unwohl gewesen waren, wurden jetzt plötzlich gesund, und den stets Gesunden wurde noch wohler. Ein amerikanischer Gentleman vom Hinterdeck, der auf der ganzen Fahrt im Pelz und Wachsleinwandanzug eingemummt dagesessen, tauchte jetzt mit einem Male mit einem sehr glänzenden, sehr hohen und sehr schwarzen Hute auf und hantierte beständig mit einem kleinen Felleisen aus Naturleder herum, das seine sämtlichen Kleider nebst Wäsche, Bürsten, Rasierzeug, Büchern, Juwelen und andern unentbehrlichen Dingen enthielt. Die Hände tief in die Taschen vergraben, wanderte er auf dem Verdeck auf und ab mit aufgeblasenen Nüstern, als atme er schon die Luft der Freiheit ein, die bekanntlich allen Tyrannen den Tod bringt und niemals – vereinzelte Fälle vielleicht ausgenommen – von Sklavennaturen eingeatmet werden kann. Ein englischer Gentleman, der stark im Verdachte stand, ein flüchtiger Bankkassierer zu sein und mancherlei mitgenommen zu haben, was von Rechts wegen in die Kassen gehörte, wurde sehr beredt hinsichtlich des Themas »Menschenrechte« und summte ohne Unterlaß die Marseillaise. Kurz, überall herrschte die größte Aufregung an Bord. Immer mehr näherte sich das Schiff der Küste, und endlich, in einer sternenhellen Nacht, wurde ein Lotse an Bord genommen, ein paar Stunden später bis zum Morgen beigelegt und die Ankunft des Dampfers erwartet, in dem die Passagiere an Land gebracht werden sollten.

Die Barkasse langte bald nach Tagesgrauen an und blieb eine Stunde oder so Bord an Bord neben der »Schraube« liegen, ein Ereignis, das sogar die stummen Heizer sichtlich mit Interesse erfüllte. Dann wurde die gesamte lebende Fracht auf die Barkasse geschafft, darunter Mark, der noch immer seine arme Freundin und ihre drei Kinder bemutterte, und Martin, der wieder in seinen gewöhnlichen Anzug gekleidet war, darüber aber einen schmutzigen alten Mantel trug, um nicht aufzufallen.

Der Dampfer, der mit seiner Überdeckmaschine wie ein ungeheures Insekt oder antediluvianisches Ungeheuer aussah, schoß rasch eine schöne Bucht hinauf, und gleich darauf wurden einige Anhöhen, Inseln und eine große weitläufig angelegte Stadt sichtbar.

»Also dies«, sagte Mr. Tapley und ließ seinen Blick über das Panorama hinschweifen, »also das ist das Land der Freiheit. Gut. Freut mich. Mir ist jedes Land recht – nach so viel Wasser. Sei mir gegrüßt, Columbia!«

11. Kapitel


11. Kapitel

Worin ein gewisser Herr einer gewissen Dame seine besondere Aufmerksamkeit zollt und mehr als ein zukünftiges Ereignis seine Schatten vorauswirft

In zwei oder drei Tagen sollte die Familie von Todgers‘ abreisen, und die Herren Handelsbeflissenen waren samt und sonders wegen der bevorstehenden Trennung untröstlich. Miss Charitas Pecksniff saß gerade mit ihrer Schwester im Bankettsaale und säumte für Mr. Jinkins sechs neue Taschentücher, als »Old Bailey« eintrat, zuvörderst den frommen Wunsch ausdrückte, er »wolle verdammt sein», und dann in seiner einschmeichelnden Weise der jungen Dame zu verstehen gab, es harre ihrer im Gesellschaftszimmer ein Besuch, der ihr seine Aufwartung zu machen wünsche. Vielleicht bewies diese Mitteilung schlagender als die längsten Reden die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit des jugendlichen Portiers, sintemalen er in der Tat den Besuch zuletzt an der Haustüre gesehen und nach dem Bedeuten, sich nur hinaufzubemühen, seinem eigenen Orts- und Spürsinn überlassen hatte. Ausgeschlossen war es daher keineswegs, daß der Gast in diesem Augenblick nach dem Dache des Hauses hinaufwanderte oder sich vergeblich aus einem Labyrinth von Schlafkammern herauszuwinden suchte, zumal Mrs. Todgers‘ Etablissement ganz das Haus danach war, in dem ein Fremder ohne ortskundigen Lotsen recht hübsch in die Lage kommen konnte, an einen Platz zu gelangen, den er am allermindesten erwartete oder wünschte.

»Ein Herr zu mir?« rief Charitas und hielt in ihrer Arbeit inne. »Was nicht gar, Bailey!«

»Oder vielleicht ja gar», sagte Old Bailey neckisch.

Diese Bemerkung wäre an sich etwas dunkel gewesen, wenn sie der Jüngling nicht mit einer Pantomime begleitet hätte, die ein Arm in Arm zum Altar schreitendes Liebespärchen darstellen und damit die zärtlichen Absichten des Besuches draußen andeuten sollte. Miss Charitas tat, als ob sie diese Kühnheit höchlich übelnehme, konnte sich aber trotzdem eines Lächelns nicht erwehren. Bailey war freilich ein wunderlicher Junge, aber so albern auch sein Benehmen zu sein pflegte, so lag ihm doch meistens irgend etwas Sinngemäßes zugrunde.

»Aber ich kenne hier gar keinen fremden Herrn, Bailey«, sagte Miss Pecksniff. »Du mußt dich wohl geirrt haben.«

Mr. Bailey lächelte bloß über die unerhörte Zumutung und betrachtete die jungen Damen mit unverminderter Heiterkeit.

»Meine liebe Gratia«, wendete sich Charitas an ihre Schwester, »wer kann das nur sein? Seltsam, nicht? Ich möchte mich am liebsten verleugnen lassen. Weißt du, es ist gar so sonderbar!«

Gratia witterte augenblicklich hinter diesen Worten eine versteckte Selbstüberhebung oder die Absicht – da sie selbst soviel Furore bei den Herren Handelsbeflissenen gemacht –, ihre Schwester wolle sich an ihr rächen, und versetzte daher liebreich und feinfühlig, es sei ohne Zweifel »sehr sonderbar« und durchaus unbegreiflich, was der lächerliche Unbekannte mit seinem Besuch wollen könne.

»Unbegreiflich! Natürlich!« schrillte Charitas. »Um so unbegreiflicher, daß du dich darüber so ärgerst, mein Herz!«

»Ich mich ärgern?« spöttelte Gratia und fing an, eine Arie zu trällern.

»Ich fürchte, sie haben dir den Kopf verdreht, du einfältiges Ding«, sagte Charitas.

»Weißt du, liebste Schwester«, gestand Gratia mit entzückender Offenherzigkeit, »daß ich das selbst schon lang gefürchtet habe? Soviel Hofmachen und Schmeichelei, soviel Weihrauch und Vergötterung könnte wahrhaftig einen stärkern Kopf als den meinigen verdrehen. Welch ein Trost muß es für dich sein, meine Liebe, es in dieser Hinsicht so gut zu haben und nicht von diesem abgeschmackten Männervolk gequält zu werden. Wie fängst du es nur an, Cherry?«

Diese arglose Frage würde zweifelsohne zu den stürmischsten Resultaten geführt haben, hätte nicht Mr. Bailey, außer sich vor Entzücken über die Wendung, die das Gespräch zu nehmen drohte, sich angeschickt, einen ekstatischen Freudentanz aufzuführen, um seinem Ergötzen Ausdruck zu verleihen, und die beiden Schwestern dadurch veranlaßt, getreu ihrer guten Erziehung den Schein zu wahren. Sie vertrugen sich daher schnell wieder und bedeuteten Mr. Bailey einmütig, sie würden, wenn er nicht sofort aufhöre, Mrs. Todgers von seinem Betragen in Kenntnis setzen und eine gebührende Züchtigung für ihn beantragen. Der Jüngling drückte daraufhin sofort die Bitterkeit seiner Zerknirschung dadurch aus, daß er tat, als wische er sich den heißen Tränenstrom mit der Schürze ab und winde sie dann angestrengt aus, öffnete aber gleich darauf, um sein Vergehen wiedergutzumachen, Miss Charitas die Türe, so daß sie prunkvoll abziehen und die Treppe hinaufgehen konnte, ihren geheimnisvollen Anbeter zu empfangen.

Infolge eines sonderbaren Zusammenwirkens günstiger Umstände hatte dieser inzwischen das Gesellschaftszimmer glücklich aufgefunden und war jetzt der einzige Insasse desselben.

»Ah, Cousine!« begann er. »Da bin ich, wie Sie sehen. Ich möchte wetten, Sie haben geglaubt, ich sei verlorengegangen. Na, wie ist’s Ihnen denn in der Zwischenzeit ergangen?«

Miss Charitas erwiderte, sie befände sich vollkommen wohl, und reichte Jonas Chuzzlewit die Hand.

»Das ist recht«, sagte Mr. Jonas, »und haben Sie sich von den Reisestrapazen gut erholt? – Na, und was macht denn ›die andere‹?«

»Ich glaube, meine Schwester ist ebenfalls ganz wohl, wenigstens hat sie sich nicht über Unwohlsein beklagt, Sir. Aber vielleicht wollen Sie sie sehen und selbst fragen?«

»Nein, nein, Cousine!« lehnte Mr. Jonas ab und ließ sich neben der jungen Dame am Fenstersitz nieder. »Es eilt gar nicht. Gar kein Grund jetzt. Was Sie doch für ein grausames Mädel sind!«

»Sie wissen auch viel, ob ich’s bin oder nicht«, erwiderte Cherry.

»Hm, wohl möglich«, gab Mr. Jonas zu. »Aber sagen Sie, haben Sie nicht geglaubt, ich sei verlorengegangen? Sie haben mir das noch gar nicht beantwortet.«

»Ich habe überhaupt gar nicht darüber nachgedacht«, antwortete Cherry. »Wirklich nicht? Hm, merkwürdig! Na, vielleicht hat’s die andere getan?«

»Ich kann wahrhaftig nicht sagen, was meine Schwester gedacht oder nicht gedacht hat«, erwiderte Cherry »Sie hat mit mir kein Wort darüber gesprochen.«

»Hat sie auch nicht darüber gelacht?«

»Nein, nicht einmal das.«

»Lachen kann sie fürchterlich – was?« fragte Jonas und dämpfte vertraulich seine Stimme.

»Sie ist sehr lebhaft«, gab Cherry zu.

»Lebhaftigkeit ist ganz hübsch, wenn sie nur nicht zum Geldausgeben führt. – Meinen Sie nicht auch?«

»Allerdings«, entgegnete Cherry mit einer Gesetztheit, die ihrer Antwort einen ungemein uneigennützigen Anstrich verlieh.

»So eine Lebhaftigkeit, meine ich, wie die Ihrige«, bemerkte Mr. Jonas und stieß seine Cousine mit dem Ellenbogen an. »Ich hätte Sie schon früher besucht, wußte aber nicht, wo Sie wohnen. – Wie schnell Sie sich an jenem Morgen auf und davon gemacht haben!«

»Ich befolgte nur die Weisungen meines Papas.«

»Ich wollte, er hätte mir seine Adresse gegeben«, brummte Jonas, »dann hätte ich Sie früher ausfindig gemacht. Es wär‘ mir sogar jetzt unmöglich gewesen, wenn ich ihn nicht diesen Morgen unterwegs getroffen hätte. – Was er für ein aalglatter, schlauer Kunde ist, ganz wie ein Kater – hab ich nicht recht?«

»Möchten Sie nicht gefälligst ein wenig achtungsvoller von meinem Vater sprechen, Mr. Jonas«, erwiderte Charitas. »Ich kann einen solchen Ton nicht dulden – nicht einmal im Scherz.«

»Ah bah! Sie können von meinem Vater ja auch sagen, was Sie wollen; ich gebe Ihnen volle Erlaubnis dazu«, entgegnete Jonas. »Ich glaube, es ist bloß der Wunsch, einem im Wege zu sein, der ihn am Leben erhält, und nicht der Blutkreislauf. – Für wie alt halten Sie übrigens meinen Vater, Cousine?«

»Er ist sicher hochbetagt«, schätzte Miss Charitas; »aber dabei ein schöner alter Gentleman.«

»Ein schöner alter Gentleman!« höhnte Jonas und schlug ärgerlich auf den Deckel seines Hutes. »Hm. Na! Ich dächte, es wäre schon höchste Zeit, daß er – – –. Achtzig Jahre ist er jetzt glücklich!«

»Wirklich?«

»Und Schockschwerenot, hat er’s schon so weit gebracht, ohne abzukratzen, möchte ich wissen, was ihn hindern sollte, neunzig oder gar hundert zu werden. Ein Mensch mit nur ein bißchen Gefühl im Leib sollte sich schämen, achtzig Jahre alt zu werden – von mehr gar nicht zu reden. Möchte gern wissen, wo da die Religion bleibt, wenn einer dermaßen die Bibel zuschanden macht. Siebzig Jahr, wenn’s hoch kommt, sagt die Bibel, dauert das Leben, und kein Mensch, der einigermaßen Gewissen und Gefühl für das besitzt, was von ihm erwartet wird, hat nach dieser Zeit noch etwas auf der Welt zu schaffen –.

Aber genug jetzt von dem Alten. Wozu sich da auch noch giften. – Ich bin gekommen, um Sie zu einem Spaziergang abzuholen, Cousine, damit Sie ein paar der Sehenswürdigkeiten in Augenschein nehmen können. Dann kommen Sie mit mir in unser Haus und nehmen einen kleinen Imbiß ein. Pecksniff wird, wie er sagt, gegen Abend wahrscheinlich auch vorsprechen und Sie nach Hause bringen. Wenn Sie mir übrigens nicht glauben wollen, kann ich’s Ihnen ja schriftlich beweisen; ich ließ mir dies da von ihm geben, weil er mir sagte, er habe noch ein paar Besorgungen zu machen. Gelt, es geht halt nichts über schwarz auf weiß. Ha, ha! – Übrigens, vergessen Sie nicht, auch ›die andere‹ mitzubringen!«

Miss Charitas warf einen Blick auf das Autogramm ihres Vaters, das bloß die Worte enthielt. »Geht mit eurem Vetter, Kinder. Laßt womöglich Einigkeit unter uns walten«, zierte sich noch eine Weile, um ihrer Einwilligung den gebührenden Wert zu verleihen, und entfernte sich dann, um sich mit ihrer Schwester für den Ausflug anzuziehen. Bald darauf kehrte sie wieder zurück, von Miss Gratia begleitet, der es durchaus nicht behagte, den Schauplatz ihrer Triumphe in Todgers‘ Etablissement der Gesellschaft Mr. Jonas‘ und seines achtbaren Vaters wegen zu verlassen.

»Aha!« rief Jonas. »Aha, da sind Sie ja – was?«

»Ja, Sie Ekel« versetzte Gratia, »da bin ich. – Ich kann Ihnen aber versichern, daß ich weit lieber anderswo wäre.« »Das ist doch nicht Ihr Ernst?« rief Mr. Jonas. »Mir werden Sie nicht einreden, daß das wirklich Ihr Ernst ist.«

»Denken Sie sich, was Sie wollen, Sie Ekel«, erwiderte Gratia. »Ich bleibe bei meiner Ansicht, und die ist, daß Sie ein unangenehmer, abscheulicher, widerwärtiger Mensch sind.«

Dabei lachte sie herzlich und schien überhaupt äußerst vergnügt zu sein.

»Na, Sie sind mir die richtige!« sagte Mr. Jonas. »Nicht wahr, sie ist ein Lausmädel – was, Cousine?«

Miss Charitas erwiderte, sie sei wirklich außerstande, zu sagen, worin die Hauptmerkmale eines »Lausmädels« bestünden, und wenn sie auch in dieser Hinsicht informiert wäre, so könne sie doch unmöglich einräumen, daß ein Geschöpf mit so unzeremoniösem Namen in ihrer Familie existiere – am allerwenigsten in der Person einer geliebten Schwester, »welcher Art«, setzte sie mit einem giftigen Blick hinzu, »welcher Art deren wahrer Charakter auch sein möge.«

»Alles recht schön, mein Schatz«, sagte Gratia, »aber ich erkläre, wenn wir nicht bald ausgehen, nehme ich meinen Hut wieder ab und bleibe zu Hause.«

Diese Drohung erreichte den gewünschten Zweck, weitere Sticheleien zu verhindern; der Vorschlag Mr. Jonas‘, die Debatte zu vertagen, wurde angenommen, und alle drei verließen einmütig das Haus. An der Haustüre reichte Mr. Jonas jeder der jungen Damen einen Arm, und »Old Bailey«, der ihnen von dem Dachfenster aus zusah, begrüßte diesen Akt von Galanterie mit einem lauten und heftigen Hustenanfall, der erst ein Ende nahm, als sie um die Ecke bogen.

Mr. Jonas leitete die Unterhaltung mit der Frage ein, ob die Damen auch gute Fußgängerinnen seien, und als sie bejahten, stellte er ihre pedestrischen Fähigkeiten auf die denkbar härteste Probe; das heißt, er zeigte ihnen an einem einzigen Vormittag mehr Sehenswürdigkeiten in Gestalt von Brücken, Straßen, Theaterfronten und anderen wohlfeilen Merkwürdigkeiten, als ein Durchschnittsmensch in zwölf Monaten vertragen hätte. Geradezu auffallend war sein unüberwindlicher Widerwillen gegen das Innere von Gebäuden, deren Besichtigung mit Entree verbunden war und die er offenbar genau kannte; wenigstens erklärte er sie durchwegs für abscheulich und gräßlich langweilig. Seine Überzeugung in dieser Hinsicht wurzelte so tief, daß er sich vor Lachen gar nicht fassen konnte, und als Miss Charitas zufälligerweise erwähnte, sie seien zwei- oder dreimal mit Mr. Jinkins und der Gesellschaft von Todgers – natürlich auf deren Kosten – im Theater gewesen, die Herren für ganz unglaubliche Einfaltspinsel erklärte.

Nachdem sie etliche Stunden umhergeschlendert und völlig erschöpft waren – es begann bereits zu dämmern –, meinte Mr. Jonas, er wolle den Damen jetzt einen der besten Späße vormachen, die ihm bekannt seien. Dieser Witz war ungemein praktischer Art und bestand darin, daß er eine Droschke nach dem »entlegensten Punkte mietete, der sich für einen Schilling erreichen läßt.« Glücklicherweise erreichten sie so den Ort, wo Mr. Jonas wohnte, sonst wäre der Spaß daneben gelungen.

Die alte, seit Jahrzehnten existierende Firma Anthony Chuzzlewit & Sohn, Manchesterwaren und so weiter, hatte ihr Geschäftslokal in einer engen Straße hinter dem Postamt, wo jedes Gebäude selbst an den schönsten Sommermorgen in tiefstem Dunkel liegt, – wo in den Hundstagen die Hausmeister auf das Pflaster vor den Wohnungen ihrer Chefs phantastische Ornamente gießen und man bei warmem Wetter in den Torwegen geschniegelte Gentlemen müßig umherstehen sehen kann, die Hände in den Taschen ihrer symmetrischen Hosenbeine und in den Anblick ihrer Stiefel versunken – augenscheinlich ihr schwerstes Tagewerk –, vielleicht davon abgesehen, daß sie hin und wieder Federn hinter den Ohren tragen.

Es war ein düsteres, schmutziges, verrußtes, baufälliges, altes Haus, aber das hinderte weder Mr. Chuzzlewit noch seinen Sohn, hier nicht nur ihren Geschäften, sondern auch ihren Vergnügungen obzuliegen. Weder der junge noch der alte Herr hatten jemals anderswo gewohnt oder sich um etwas gekümmert, das über ihre engen Grenzen hinausging.

Das Geschäft war, wie man sich leicht denken kann, hier die Hauptsache, und zwar in solchem Maße, daß jeglicher Komfort in den Hintergrund trat und man sogar bei den häuslichen Einrichtungen auf Schritt und Tritt auf Bureaugegenstände stieß. So hingen zum Beispiel in den armseligen Schlafkammern Bündel verstaubter alter Briefe an den Wänden; unbrauchbar gewordene Stoffmuster und Überbleibsel von verdorbenen Waren lagen umher, und die schmalen Bettgestelle, die Waschtische und Teppichfetzen waren als Gegenstände untergeordneter Bedeutung und notwendige Übel des Privatlebens kunterbunt in den Ecken zusammengedrängt. Das einzige Wohnzimmer bildete, dem gleichen Grundsatze gemäß, ein Chaos von Kisten, Truhen und alten Papieren und war weit reichlicher mit Kontorböcken als mit Sesseln ausgestattet – gar nicht zu gedenken eines Ungeheuers von Schreibpult, das bis über die Mitte der Stube hinreichte, und einer über dem Kamin in die Wand eingelassenen eisernen Geldkasse. Der vereinsamte kleine Tisch, der zum Speisen und geselligen Beisammensein bestimmt war, verhielt sich hinsichtlich seines Ausmaßes zu den Pulten und anderen Geschäftsrequisiten ungefähr ebenso wie Anmut und Heiterkeit in der Lebensführung des alten Mannes und seines Sohnes zu dem Ringen und Jagen nach Reichtum, dem sie von jeher obgelegen.

Im gegenwärtigen Augenblick war er notdürftig für ein Dinner gedeckt, und in einem Stuhl vor dem Kaminfeuer saß Anthony selbst, stand aber auf, als der Damenbesuch eintrat, um seinen Sohn und die schönen Schwestern zu bewillkommnen.

»Nun, Gespenst«, begrüßte Mr. Jonas seinen Vater mit dem Kosenamen, den er ihm in solchen Fällen beizulegen pflegte; »ist das Essen bald fertig?«

»Ich dächte, ja«, versetzte der alte Mann.

»Was heißt das: ich dächte? – Wissen möcht ich’s«, knurrte Jonas ärgerlich.

»Na, gewiß weiß ich’s selber auch nicht«, entschuldigte sich der Patriarch.

»Das glaube ich dir aufs Wort«, brummte Jonas. »Du, und einmal etwas genau wissen! – Gib mir lieber die Kerze her; ich brauche sie für die Mädels.«

Anthony reichte ihm einen verbeulten alten Kontorleuchter, und Mr. Jonas geleitete die jungen Damen in die anstoßende Schlafkammer, wo sie ihre Schals und Hüte ablegen konnten. Dann beschäftigte er sich damit, eine Weinflasche zu entkorken und das Tranchiermesser zu wetzen, und machte seinem Vater halblaut Komplimente, bis die Schwestern zurückkamen und das Essen aufgetragen wurde. Das Dinner bestand aus einer gebratenen Hammelkeule mit Gemüse und Kartoffeln und wurde von einem alten Weib in Schlappschuhen serviert oder vielmehr ohne weitere Umstände auf den Tisch gestellt.

»Sie sehen, Cousine – Junggesellenwirtschaft!« bemerkte Mr. Jonas zu Charitas. »Da wird’s wieder was zu lachen geben für ›die andere‹, wenn sie nach Hause kommt – meinen Sie nicht? Da – Sie setzen sich rechts neben mich, und sie kann links neben mir Platz nehmen. Na, ›Andere‹, haben Sie keine Lust?«

»Sie sind eine so widerwärtige Vogelscheuche«, versetzte Gratia, »daß mir der Appetit vergehen wird, wenn ich neben Ihnen sitze. Aber, es wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben.«

»Na, ist die vielleicht nicht lebhaft – was?« flüsterte Mr. Jonas mit seiner beliebten Ellenbogenemphase der älteren Schwester zu.

»Ich bitte, lassen Sie mich doch schon in Ruhe«, versetzte Miss Charitas gereizt. »Ich habe wirklich diese albernen Fragen nachgerade satt.«

»Hallo, was treibt denn mein wertgeschätzter greiser Vater schon wieder?« rief Mr. Jonas, als er bemerkte, daß der alte Herr, statt seinen Platz am Tisch einzunehmen, im Zimmer auf und nieder ging. »Was suchst du denn?«

»Ich habe meine Brille verlegt, Jonas«, antwortete der alte Anthony.

»Na, setz dich halt ohne Brille nieder. Ich glaube, zum Essen und Trinken wirst du sie wohl nicht nötig haben. – Wo bleibt übrigens die Schlafmütze, der alte Chuffey? – Na, Dummkopf! Können Sie sich vielleicht nicht mehr an Ihren Namen erinnern, – was?«

Fast hatte es den Anschein, als ob das wirklich der Fall sei; wenigstens kam Mr. Chuffey erst, als Mr. Chuzzlewit senior ihn wiederholt laut gerufen, aus dem kleinen Kontor, das von dem Speisezimmer durch einen Bretterverschlag getrennt war, hervor. Er war ein altes triefäugiges, schmalwangiges Männchen, altmodisch, in einen abgenutzten schwarzen Anzug, der an Verstaubtheit mit dem Hausgerät wetteiferte, gekleidet. Seine kurzen Kniehosen waren mit zerschlissenen Bänderbüscheln geschmückt und die Schuhe mit Armeleuteriemen zugeschnürt, während der untere Teil seiner Spindelbeine in schmutzigen, schwarzwollenen Strümpfen stak. Er sah aus, als hätte man ihn vor einem halben Jahrhundert in einer Rumpelkammer vergessen und soeben erst wieder aufgefunden.

Er kam jetzt langsam auf den Tisch zugeschlichen und ließ sich endlich unentschlossen auf einen Stuhl nieder. Als ihn seine trüben Sinne die Anwesenheit von Fremden und zumal von fremden Damen erkennen ließen, erhob er sich wieder, augenscheinlich in der Absicht, eine Verbeugung zu machen, setzte sich dann aber, ohne sie gemacht zu haben, hauchte in seine welken Hände und verblieb mit seiner armen blauen Nase unbeweglich über den Teller gebeugt, mit seinen blöden Augen ausdruckslos vor sich hinstarrend.

»Unser Buchhalter«, stellte ihn Mr. Jonas als Wirt und Zeremonienmeister vor, »der alte Chuffey.«

»Ist er taub?« fragte eine der jungen Damen.

»Nicht daß ich wüßte. – Vater, ist er eigentlich taub oder nicht?«

»Er hat mir nie gesagt, daß er’s sei«, versetzte der alte Mann.

»Oder blind?« fragten die Mädchen.

»Hm. Auch nicht. Wüßte nicht, daß er blind wäre. Was meinst du, Vater?«

»Gewiß nicht«, versicherte Anthony.

»Ich will Ihnen sagen, was er ist«, wendete sich Jonas vertraulich zu den jungen Damen, »erstens einmal ist er schauderhaft alt, und das mißfällt mir ganz besonders an ihm, denn ich glaube, mein Vater hat sich an seiner Langlebigkeit angesteckt. – Und zweitens ist er ein kurioser alter Kauz«, setzte er laut hinzu, »der keinen anderen Menschen versteht als ihn!«

Dabei deutete er mit der Tranchiergabel auf seinen ehrenwerten Erzeuger, um keinen Irrtum aufkommen zu lassen, wen er meinte.

»Oh, wie sonderbar!« riefen die Schwestern. »Na ja, wissen Sie«, erklärte Jonas, »er hat sein ganzes Leben lang sein altes Gehirn mit Ziffern und Buchhalterei unfruchtbar gemacht. Vor etlichen zwanzig Jahren bekam er’s Fieber und phantasierte drei Wochen lang. Dabei rechnete und rechnete er bis in die Millionen hinein. Ich glaube, er ist heute noch nicht damit zurechtgekommen. Doch unser Geschäft hat gegenwärtig keinen sonderlichen Umfang, und er ist kein übler Buchhalter.«

»Sogar ein sehr guter«, bemerkte Anthony

»Na, keinesfalls ein teurer. Er verdient sein Salz und Brot, und das genügt schließlich. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß er kaum jemand anderen versteht als meinen Vater; den versteht er aber auch immer, und dann spitzt er die Ohren. Er ist eben schon lange an ihn gewöhnt. Ich habe ihn sogar schon einmal mit meinem Vater Whist spielen und einen ganz guten Rubber machen sehen, obschon er damals so wenig wußte, gegen wen er spielte, wie Sie.«

»Hat er denn keinen Appetit?« fragte Gratia.

»Hm, ja. Wahrscheinlich«, antwortete Jonas und handhabte selbst Messer und Gabel sehr emsig. »Er ißt schon – nur muß man ihm zureden. Solang der Vater da ist, macht er sich nichts draus, eine Minute oder auch eine Stunde zu warten. Wenn ich mal scharf im Zuge bin, wie es heute der Fall ist, stupse ich ihn immer erst, bis ich selbst meinen eigenen Heißhunger ein bißchen gestillt habe. – Na, Chuffey Dussel, – was ist’s mit dem Essen?«

Chuffey blieb unbeweglich.

»Immer der verdrehte alte Spitzbube«, brummte Mr. Jonas und verhalf sich kaltblütig zu einem neuen Stück Braten. »Frag du ihn, Vater!«

»Ob Sie nicht essen wollen? – Sind Sie bereit, Chuffey?« fragte der alte Mann.

»Ja, ja«, antwortete Chuffey, beim ersten Klang dieser Stimme aus seinem Versunkensein erwachend. »Ja, ja. Ganz bereit, Mr. Chuzzlewit. Ganz bereit, Sir, ganz bereit.«

Dann hielt er lächelnd inne und harrte auf eine weitere Ansprache. Als diese nicht erfolgte, nahm sein Gesicht allmählich wieder den früheren nichtssagenden Ausdruck an. »Geben Sie acht, gleich wird er ungemein appetitlich werden«, bemerkte Jonas zu den jungen Damen und reichte die Portion des alten Mannes seinem Vater hinüber. »Er erstickt nämlich immer beinah, wenn’s nicht grad Fleischbrühe ist. Schauen Sie ihn nur an! Haben Sie je einen Droschkengaul mit so gläsernen Augen gesehen, wie ihn? War’s nicht so ein Mordsspaß mit ihm, hätte ich ihn heute nicht zu Tisch kommen lassen; aber ich hab mir gedacht, es wird Sie unterhalten.«

Glücklicherweise vernahm der bedauernswerte Greis von diesen menschenfreundlichen Reden ebensowenig wie überhaupt von all dem, was in seiner Gegenwart gesprochen wurde; da jedoch die Hammelkeule zäh und sein Zahnfleisch weich war, so bewahrheitete sich alsbald die Voraussage hinsichtlich seiner Neigung zum Ersticken, und sein junger Prinzipal hatte vollauf Gelegenheit, zu versichern, das sei das Ergötzlichste, was er in seinem Leben gesehen, und er werde vor Lachen noch platzen. Ja, er ging sogar so weit, den Schwestern zu versichern, Chuffey überböte in dieser Hinsicht sogar noch seinen Vater, was doch, wie er bedeutungsvoll hinzufügte, wirklich ein starkes Stück sei.

Sonderbar genug war es, daß ein so alter Mann wie Anthony Chuzzlewit Wohlgefallen an den Spottreden finden konnte, in denen sich sein vortrefflicher Sohn auf Unkosten des armen Schattens von einem Menschen erging, aber es war nichtsdestoweniger der Fall, wenn auch weniger aus Rücksichtslosigkeit für den greisen Buchhalter als vielmehr aus Freude über die Witzigkeit seines Sprößlings. Nur aus diesem Grunde rieb er sich auch immer entzückt die Hände bei den rohen Anspielungen des jungen Mannes auf ihn selbst und kicherte verstohlen, als wollte er sagen: ich bin doch sein Lehrer! Ich habe ihn herangebildet. Er ist mein Erbe – schlau, listig und habsüchtig. Er wird mein Geld sicherlich nicht verschleudern. Dafür habe ich mich geplagt. Das ist das große Ziel und der Zweck meines Lebens gewesen.

Chuffey trödelte so lange beim Essen, daß Mr. Jonas endlich die Geduld verlor, ihm den Teller wegriß und seinen Vater ersuchte, dem verehrungswürdigen Greis zu bedeuten, er möge gefälligst an »seinem Brot weitermümmeln« – was dieser auch unverzüglich ausrichtete. »Ja, ja!« rief der alte Buchhalter, und sein Gesicht hellte sich auf, als die bekannte Stimme sein Ohr traf; »schon recht – schon recht. Er ist Ihr Fleisch und Blut, Mr. Chuzzlewit! – Ein gerissener junger Herr – aber Gottes Segen über ihn, Gottes Segen über ihn!«

Mr. Jonas kam dies – und vielleicht nicht mit Unrecht – so absonderlich kindisch vor, daß er sich vor Lachen nur so schüttelte und zu seiner Cousine sagte, er fürchte, Chuffey werde eines schönen Tages noch sein Tod sein. Dann wurde das Tischtuch entfernt und eine Flasche Wein gebracht. Mr. Jonas füllte den jungen Damen die Gläser und forderte sie auf, sich nur ordentlich dazuzuhalten; sie dürften versichert sein, im Keller befänden sich noch eine ganze Menge Flaschen. Natürlich, fügte er gleich darauf hastig hinzu, mache er nur Spaß.

»Also, auf Pecksniffs Gesundheit!« rief Anthony. »Ihr Vater soll leben, meine Lieben! Ein gescheiter Mann, der Pecksniff. Ein schlauer Mann! – Aber doch ein Heuchler, was? Ein Heuchler – sagt selber, Mädels! – Was? Ha, ha, ha! Ja, das ist er – unter Freunden gesprochen – das ist er. Ich denke deshalb nicht schlechter von ihm. Wenn er’s nur nicht so übertriebe. Man kann alles übertreiben, meine Lieben – sogar die Heuchelei. Fragt nur Jonas!«

»Nur die Sorge ums eigene Wohl kann man nicht übertreiben«, bemerkte der hoffnungsvolle junge Mann mit vollem Munde.

»Hört ihr’s, Kinder?« rief Anthony entzückt. »Das nenne ich Weisheit! Wirklich ein Vorbild, der Jonas! Ganz recht, darin kann man nicht leicht übertreiben.«

»Ausgenommen«, flüsterte Mr. Jonas Miss Charitas zu, »ausgenommen, wenn einer zu lange lebt. – Ha, ha! – Sagen Sie’s auch der ›andern‹!«

»Aber du lieber Himmel«, rief Cherry verdrießlich. »Warum sagen Sie’s ihr denn nicht selbst?«

»Sie macht sich immer so gern lustig über einen«, meinte Mr. Jonas.

»Also, warum kümmern Sie sich dann immer um sie! Sehen Sie denn nicht, daß Sie sich nichts aus Ihnen macht? Muß man Ihnen das wirklich erst sagen?« Mr. Jonas erwiderte weiter kein Wort, blickte aber Gratia mit einer so ausdrucksvollen Miene an, daß man deutlich darin lesen konnte: »Verlaß dich drauf, das Herz wird mir deshalb nicht brechen«; dann liebäugelte er mit Charitas noch zärtlicher als zuvor und bat sie in seiner ritterlichen Weise, doch ein wenig näher zu rücken.

»Es gibt übrigens noch etwas, das sich gleichfalls nicht so leicht übertreiben läßt, Vater«, bemerkte er nach einer kurzen Pause.

»Und das wäre?« fragte Anthony Chuzzlewit, schon im voraus grinsend.

»Das Profitmachen! – Ehrlich währt am längsten,– – bevor man’s zu was bringt. Das ist die erste Regel für den Geschäftsmann – alles andre ist dummes Zeug.«

Entzückt applaudierte der alte Herr, daß es nur so widerhallte, und war derart von der Sentenz seines Sohnes erbaut, daß er sich sogar der Mühe unterzog, sie Chuffey mitzuteilen, der sich darob in all den matten Freudenäußerungen erging, deren er fähig war, das heißt sich die Hände rieb, mit dem Kopfe wackelte, mit seinen wässerigen Augen blinzelte und in pfeifenden Tönen rief: »Gut! Gut! – Ganz Ihr Fleisch und Blut, Mr. Chuzzlewit!« Es lag etwas Versöhnendes in dem Enthusiasmus des armen Greises; eine gewisse Sympathie mit dem einzigen Menschen, an den er durch das Band eines jahrelangen Verkehrs und seine jetzige Hilflosigkeit gefesselt war. Und hätte sich jemand die Mühe genommen, ihn zu beobachten, so würde er vielleicht darin die trübseligen Spuren einer einst gutgearteten Natur in diesem bis auf den Grund ausgelaugten Geschöpfe entdeckt haben.

Hier natürlich schenkte niemand diesem Umstand irgendwelche Aufmerksamkeit, und so zog sich Chuffey in einen dunklen Winkel neben dem Kamin zurück, wo er stets seine Abende zuzubringen pflegte, und ließ weiter nichts mehr von sich sehen oder hören – ein einziges Mal vielleicht ausgenommen, als man ihm eine Tasse Tee reichte, in die er dann mechanisch sein Brot eintunkte. Es war kein Grund zur Annahme vorhanden, daß er zu solchen Zeiten schlief, ebensowenig aber auch, daß er irgend etwas hörte, sah, fühlte oder dachte; er war sozusagen eingefroren – wenn sich überhaupt ein Ausdruck, der einen so ausgeprägt kräftigen Prozeß bezeichnet, auf seinen Zustand anwenden läßt –, bis er wieder für einen Augenblick infolge eines Wortes oder einer Berührung von Seiten Anthonys auftaute.

Miss Charitas bereitete auf Mr. Jonas‘ Bitte den Tee und kam sich dabei so ganz als junge Hausfrau vor, daß sie in die allerlieblichste Verwirrung geriet, um so mehr, als ihr Vetter dicht neben ihr saß und Ihr allerhand berauschende Worte ins Ohr flüsterte. Miss Gratia ihrerseits fühlte so deutlich, der Abend gehöre ausschließlich dem Pärchen an, daß sie über einer gestrigen Zeitung gähnte, in Gedanken ganz bei den Herren Handelsbeflissenen, die in diesem Augenblick ohne Zweifel nach ihrer Rückkehr schmachteten. Da überdies Anthony sich rücksichtslos dem Schlafe hingab, hatten Jonas und Cherry völlig freies Spiel, solange es ihnen beliebte.

Als das Teeservice abgeräumt worden war, brachte der liebenswürdige junge Mann ein schmutziges Kartenspiel zum Vorschein und unterhielt die beiden Schwestern mit allerhand kleinen Kunststücken, die immer darauf hinausliefen, eine von beiden zu einer Wette zu verlocken, daß das oder jenes unmöglich sei, dann mit Sicherheit zu gewinnen und das Geld einzustreichen. Dabei versicherte Mr. Jonas unablässig, diese Kunstfertigkeiten seien jetzt in den gebildetsten Zirkeln äußerst beliebt und große Summen flössen auf solche Art von einer Hand in die andere. Im Grunde seines Herzens glaubte er das auch, denn es gibt bekanntlich ebensogut eine Borniertheit der List wie eine Einfalt der Unschuld, und in allen Fällen, wo Spitzbüberei oder Niedertracht die Grundlage eines Glaubensbekenntnisses bildeten, war Jonas einer der Gläubigsten. Überdies kannte seine wirklich ungeheuerliche Unwissenheit keine Grenzen.

Zum Taugenichts vom reinsten Wasser fehlte ihm eigentlich nur eine Eigenschaft – nämlich die einzig gute: die Freigebigkeit. Aber da standen ihm immer seine Habsucht und sein Geiz im Wege, und wie ein Gift bisweilen das andere neutralisiert, wenn sonstige Gegenmittel nichts nützen, so wurde eine böse Leidenschaft für ihn der Hemmschuh, sich ganz und gar dem Laster hinzugeben, wo die Tugend in eigener Person vergeblich versucht haben würde, ihn zurückzuhalten.

Mittlerweile war es bereits ziemlich spät geworden, und da Mr. Pecksniff immer noch nicht erschien, äußerten die jungen Damen den Wunsch, nach Hause zu gehen. Allein das wollte Mr. Jonas in seiner Galanterie durchaus nicht zugeben, bis sie nicht noch etwas Brot, Käse und Porter genossen hätten, und selbst dann suchte er sie immer noch aufzuhalten, indem er Miss Charitas immer wieder aufforderte, doch »ein bißchen näher zu rücken« oder noch ein Weilchen zu bleiben, und allerhand andere schmeichelhafte Bitten in seiner gastfreundlichen und charmanten Art vorbrachte. Erst als alle seine Bemühungen fruchtlos blieben, nahm er seinen Hut und zog seinen Überrock an, um sie zu Todgers zu begleiten, mit dem Bemerken, er wisse wohl, daß sie lieber gingen als führen, und er sei in diesem Punkte auch ganz ihrer Meinung.

»Gute Nacht«, sagte Anthony. »Gute Nacht! Und meine Empfehlung – ha, ha, ha! – meine Empfehlung an Pecksniff. Nehmt euch vor eurem Vetter in acht, meine Lieben. Er ist ein gefährlicher Junge. Vor allen Dingen, fahrt euch seinetwegen nicht in die Haare!«

»Ach herrje. Wegen dieser Vogelscheuche!« rief Gratia. »Schon der Gedanke, sich seinetwillen zu zanken! Bitte, behalte ihn nur ruhig für dich, liebste Cherry. Ich schenke dir von Herzen gern meinen Anteil an ihm.«

»Aha, ich bin also eine saure Traube – was, Cousine?« entgegnete Jonas.

Miss Charitas war über diesen schlagfertigen Witz mehr ergötzt, als man bei seiner Abgedroschenheit hätte voraussetzen dürfen, aber aus reiner schwesterlicher Liebe nahm sie Mr. Jonas tüchtig dafür ins Gebet und erklärte ihm, er dürfe unter keinen Umständen mehr so grausam gegen die arme Gratia sein, sonst sähe sie sich tatsächlich genötigt, ihm ihr Wohlwollen zu entziehen. Gratia ließ sich jedoch nicht aus der Fassung bringen und lachte nur laut auf, und dann traten alle drei einmütig ihren Weg an. Jonas führte an jedem Arm eine Cousine und drückte von Zeit zu Zeit heimlich Gratia, und zwar so fest, daß sie am liebsten laut aufgeschrien hätte. Da er jedoch stets nur mit Charitas flüsterte und ihr gegenüber die größte Aufmerksamkeit an den Tag legte, war das offenbar nur eine Verwechslung seinerseits. Als sie endlich bei Todgers anlangten und die Türe geöffnet wurde, riß sich Gratia hastig los und eilte die Treppe hinauf. Charitas und Jonas aber blieben noch ein paar Minuten unten stehen und plauderten miteinander; kurz, es war klar, wie die Sachen standen – wie Mrs. Todgers am nächsten Morgen zu einer Freundin bemerkte, und sie freue sich darüber, setzte sie hinzu, denn es sei wahrhaftig höchste Zeit, daß Miss Pecksniff unter die Haube komme.

Und dann kam der Tag, an dem das glänzende Gestirn, das so plötzlich an Todgers‘ Himmel erschienen war und seinen milden Sonnenglanz in Jinkins‘ düster schattige Brust geworfen hatte, wieder verschwinden, nein, verstaut – wie ein Packpapierpaket, ein Fischkorb, ein Austernfäßchen, ein fetter Gentleman oder sonst ein Stück prosaische Wirklichkeit – in einer Postkutsche und aufs Land hinaus entführt werden sollte.

»Nie, meine teuern Misses Pecksniff«, sagte Mrs. Todgers, als die Damen sich in der letzten Nacht ihres Aufenthalts zur Ruhe begaben, »nie habe ich ein Logierhaus so gebrochenen Herzens gesehen wie das meinige in diesem Augenblick. Ich glaube nicht, daß meine Herren so bald wieder dieselben sein werden wie früher. – Auf Wochen hinaus nicht. – Sie haben viel zu verantworten, Sie beide!«

Bescheiden leugneten die jungen Damen, irgendeinen Einfluß auf diesen unseligen Stand der Dinge genommen zu haben, und drückten ihr tiefstes Bedauern aus.

»Und noch obendrein Ihr frommer Papa!« rief Mrs. Todgers. »Ist das ein Verlust! Meine lieben Misses Pecksniff, Ihr Papa ist ein wahrer Engelsbote des Friedens und der Liebe.«

Etwas ungewiß hinsichtlich der Beschaffenheit der »Liebe«, deren Verkünder ihr Vater gewesen sein sollte, nahmen die jungen Damen dieses Kompliment ziemlich kühl auf.

»Wenn ich nicht so hoch und teuer versprochen hätte, zu schweigen«, änderte Mrs. Todgers rasch das Thema, »so möchte ich Ihnen gar zu gern verraten, warum ich Sie bitten muß, heute nacht die kleine Türe zwischen Ihrem und meinem Zimmer offen zu lassen. Ich glaube, es würde Sie riesig interessieren. Aber ich kann leider nicht, denn ich hab‘ Mr. Jinkins feierlich versprechen müssen, so stumm zu sein wie das Grab.«

»Bitte, liebe Mrs. Todgers, bitte, sagen Sie’s doch«, flehten die beiden jungen Damen.

»Nun also gut, meine lieben süßen Misses Pecksniff«, begann Mrs. Todgers nach längerem innerem Kampfe; »meine lieben Kinder – wenn Sie mir erlauben wollen, Sie am Abend vor unserer Trennung so zu nennen –, Mr. Jinkins und die übrigen Herren haben eine kleine musikalische Überraschung für Sie vorbereitet und beabsichtigen, Ihnen in stiller Nacht auf der Treppe vor der Türe ein Ständchen zu bringen. Ich muß zwar gestehen, daß es mir lieber gewesen wäre«, meinte Mrs. Todgers mit ihrem gewohnten Scharfblick, »man hätte eine frühere Stunde dazu gewählt, denn, wenn Herren lang aufbleiben, trinken sie, und wenn sie trinken, sind sie vielleicht weniger musikalisch als sonst. Aber Sie haben’s nun mal nicht anders haben wollen, und ich weiß, meine teuern Misses Pecksniff, daß Sie sich über einen solchen Beweis von Aufmerksamkeit nur freuen werden.«

Die jungen Damen waren über diese Nachricht anfangs so aufgeregt, daß sie beteuerten, sie könnten nicht an ein Zubettgehen denken, ehe nicht die Serenade vorüber sei; eine halbe Stunde Wartens machte sie jedoch in ihrem Entschluß so wankend, daß sie nicht bloß zu Bett gingen, sondern sogar fest einschliefen. Auch waren sie durchaus nicht übertrieben entzückt, als eine Weile später gewisse süße Klänge die Stille der Nacht unterbrachen und sie aus ihrem Schlummer weckten.

Aber erschütternd war es – sogar sehr erschütternd. Selbst der verwöhnteste Geschmack hätte sich nichts Schauerlicheres wünschen können. Der sangesfreudige Gentleman war der Ober-Pompesfunebresmann, Jinkins der Baß, und die übrigen bedienten sich willkürlich der Töne, die ihnen gerade einfielen. Der »jüngste Gentleman der Gesellschaft« machte seiner Schwermut auf der Flöte Luft. Er blies zwar nicht viel, aber das wirkte nur um so vorteilhafter. Wenn die beiden Misses Pecksniff und Mrs. Todgers an Selbstverbrennung zugrunde gegangen wären und die Serenade hätte ihren Exequien gegolten, nichts würde so tief die Verzweiflung haben ausdrücken können, die in dem Chorgesang »Wir winden dir den Jungfernkranz« lag. Es war ein Requiem, eine Totenklage, ein Stöhnen, ein Geheul, ein Wehruf und ein Lamento – kurz, es umfaßte alles, was es an Tönen Jammervolles und Erschütterndes gibt. Die Flöte des »jüngsten Gentleman der Gesellschaft« blies wild und krampfhaft – die Töne kamen und gingen stoßweise wie der Wind. Für eine Weile verstummte er ganz und gar, aber als Mrs. Todgers und die jungen Damen schon darüber einig waren, er müsse, von seinen Gefühlen überwältigt, sich in Tränen zurückgezogen haben, fing er wieder plötzlich in den höchsten Flageolettönen an, daß es einem förmlich den Atem verschlug. Er war ein erbarmungsloser, unberechenbarer Virtuose. Kaum glaubte man ihn erwischt zu haben, brach er ab, und dachte man, er pausiere ganz und gar, tauchte er mit einer Leistung auf, die einen geradezu verblüffte.

Es kamen mehrere Lieder an die Reihe, vielleicht zwei oder drei zuviel, aber das war, wie Mrs. Todgers sagte, nur eine Übertreibung in gutem Sinne. Doch selbst jetzt – selbst in diesem feierlichen Augenblick, bei dem man hätte glauben sollen, die ergreifenden Töne drängten bis in die tiefsten Tiefen der Seele, konnte Mr. Jinkins den »jüngsten Gentleman der Gesellschaft« nicht ungeschoren lassen. Vor der zweiten Piece bat er ihn inständig – man denke nur, der Ruchlose – erbat er sich’s obendrein als eine besondere Gunst: er möge nicht blasen. Ja, so sagte er wörtlich – nicht blasen! Man konnte den erregten Atem des jüngsten Gentlemans durch das Schlüsselloch bis ins Zimmer hören. Aber er blies nicht. Wie hätte auch eine armselige Flöte die Leidenschaften wiedergeben können, die seine Brust durchtobten! Sogar eine Posaune hätte nicht ausgereicht.

Die Serenade näherte sich ihrem Ende. Um der Huldigung die Krone aufzusetzen, hatte der literarische Gentleman auf die Abreise der Damen ein Gedicht gemacht und es einer alten Melodie angepaßt. Alle wirkten dabei mit, nur der jüngste Gentleman nicht, der aus ebenerwähnten Gründen ein furchtbares Schweigen beobachtete. Das Gedicht rief, klassischen Vorbildern angepaßt, das Orakel des Apollo an, es solle verraten, was wohl aus Todgers werden würde, wenn Charitas und Gratia aus seinen Mauern gewichen seien. Das Orakel gab darauf keine Antwort, die der Rede wert gewesen wäre – ganz nach der Art aller Orakel seit den ältesten Zeiten bis herab auf die unsrige, und die Dichtung ging daher auf den Beweis über, daß England nur deshalb den Beinamen: die glückliche Insel trage, weil die Misses Pecksniff auf ihr wohnten. – Von da bis zur Verhymnung des Meeres war nur ein Schritt, und so schloß das Ganze mit den Versen:

»Heil Pecksniff, dem Edlen! Zu heimischen Zonen
Sanft gleite sein Fahrzeug – die Winde im Bann,
Dieweil ringsum bestaunen voll Stolz die Tritonen
Den Baumeister, Künstler und Mann!«

Nach glücklicher Vorführung dieses herrlichen Phantasiegebildes zogen sich die Herren allmählich in ihre Schlafgemächer zurück, um die Musik noch aus der Entfernung erklingen und endlich ersterben zu lassen. Dann lag wieder tiefe Stille über Todgers‘ Etablissement.

Mr. Bailey behielt sich seine musikalische Huldigung bis zum Morgen vor, und als die jungen Damen vor ihren Koffern knieten und mit Einpacken beschäftigt waren, steckte er den Kopf in die Stube und entzückte sie durch Nachahmung der Stimme eines jungen Hundes in bedrängten Umständen.

»Na, Fräuleins«, sagte er dann, »fahren S‘ jetzt heim? – Schad‘ eigentlich – was?«

»Ja, Bailey, wir fahren nach Hause«, entgegnete Gratia.

»Haben S‘ net Lust, einem von die Herren a Haarlocken zum Andenken dazulassen? – Oder tragen S‘ leicht falsche?«

Die Damen lachten herzlich und versicherten, daß das natürlich nicht der Fall sei.

»Na so ganz natürlich is dös net«, meinte Bailey. »Mrs. Todgers‘ Haar zum Beispiel san falsch – ich hab’s amal am Fensternagel hängen sehen. Und dann geh i auch um d‘ Essenszeit öfter hinter ihr her und zupf dran; aber sie merkt’s net. – Übrigens, Fräuln, i kündig jetzt auf. Ich lasse mir’s net länger mehr gfallen, daß sie mir alle möglichen Schimpfnamen gibt.«

Miss Gratia fragte, welche Pläne er sich denn hinsichtlich seiner Zukunft gemacht habe, und Mr. Bailey erwiderte, er wolle entweder Jockey werden oder in die Armee eintreten.

»In die Armee?« riefen die beiden jungen Damen lachend.

»No, warum denn nöt?« meinte Bailey. »Es gibt Trommler genug im Tower. Dös weiß a jeder. – Is das Vaterland leicht nöt stolz auf sie?«

»Du willst also mit aller Gewalt erschossen werden, wie ich sehe«, bemerkte Gratia.

»No, was wär da weiter?« rief Mr. Bailey. »A feins Leben is ’s halt doch, Fräuln, oder leicht net? Immer noch gscheiter, ’s fliegt oam a Kanonenkugel am Buckl ausi als a Nudelwalker jeden Tag. – Allaweil wirft s‘ mir oan nach, wann die Herren zviel essen. – Als ob i da was dafür kunnt«, setzte Bailey ergrimmt hinzu. »Was kann denn i dafür, wanns alles auffressen!«

»Aber dafür gibt dir gewiß niemand die Schuld«, entgegnete Gratia.

»So, meinen S‘?! – No ja, was verstengan denn Sö davon! Natürli kann mir neamd d‘ Schuld gebn, aber tun teans es doch. – Na; i laß mir dös net länger gfallen, daß i’s immer ausfressen muß, wann die Fleischpreis steigen. – I bleib net mehr länger. – Drum«, fügte Mr. Bailey, von einem Ohr bis zum andern grinsend, hinzu, – »wann S‘ mir leicht was geben wollen, so tun S‘ es lieber gleich jetzt. – Wann S‘ leicht amal wiederkommen, bin i nimmer da. Und, was mein Nachfolger sein wird, so weiß i jetzt schon, daß er’s net verdient.«

Die jungen Damen entsprachen, sowohl für Mr. Pecksniff als auch für sich, diesem weisen Rat und beschenkten aus Rücksicht für ihre Privatfreundschaft Mr. Bailey so freigebig, daß dieser kaum wußte, wie er seine Dankbarkeit zur Genüge an den Tag legen sollte, denn der Umstand, daß er während des Restes des Tages des öftern geheimnisvoll auf seine Tasche klopfte und sonstige geistreiche Anspielungen machte, konnte doch nur als ein unvollkommener Ausdruck dafür angesehen werden. Auch legte er den denkbar größten Diensteifer an den Tag, zerquetschte eine Hutschachtel, beschädigte das Gepäck Mr. Pecksniffs beim Herunterholen aus der Dachkammer so stark wie nur irgend möglich – kurz, bemühte sich nach Kräften, seine Erkenntlichkeit in jeder Hinsicht zu beweisen. Zur Mittagszeit kamen Mr. Pecksniff und Mr. Jinkins Arm in Arm zum Dinner nach Hause, denn letzterer hatte ausdrücklich wegen des feierlichen Anlasses einen halbtägigen Urlaub genommen und damit natürlich einen ungeheuern Vorsprung sowohl über den »jüngsten Gentleman der Gesellschaft« wie nicht minder über die andern Herren gewonnen, deren Zeit – ärgerlich genug – bis abends in Anspruch genommen war.

Mr. Pecksniff ließ eine Flasche Wein springen, und es war eigentlich recht gemütlich, trotz der vielen und langen Lamentationen über die Notwendigkeit der bevorstehenden Trennung. Mitten in ihrer Unterhaltung wurden der alte Anthony und sein Sohn gemeldet – sehr zu Mr. Pecksniffs Überraschung und zum größten Ärger für Mr. Jinkins.

»Komme, Ihnen Adieu zu sagen, wie Sie sehen«, sagte Anthony leise, setzte sich mit Mr. Pecksniff an einen Nebentisch und ließ die andern sich miteinander unterhalten. »Ich sehe nicht ein, weshalb wir Feinde sein sollten. Getrennt sind wir wie die zwei Hälften einer Schere, Pecksniff, aber vereinigt können wir was zuwege bringen. Was meinen Sie?«

»Einmütigkeit, mein werter Herr«, flötete Mr. Pecksniff, »ist immer etwas Herrliches!«

»Na, wie man’s nimmt«, meinte der alte Mann, »es gibt schon gewisse Leute, mit denen ich lieber in Feindschaft als in Eintracht leben würde. Doch Sie wissen ja, wie ich von Ihnen denke.«

Mr. Pecksniff, dem noch immer der »Heuchler« im Magen lag, antwortete nur mit einer krampfhaften Kopfbewegung, die zwischen einer bejahenden Verbeugung und einem verneinenden Schütteln die Mitte hielt.

»Nämlich sehr schmeichelhaft für Sie«, fuhr Anthony fort; »mein Wort, außerordentlich schmeichelhaft. Es war ein unwillkürlicher Tribut – damals –, den ich Ihren Fähigkeiten zollte, wenn auch die Zeit nicht sonderlich günstig für Komplimente war. Übrigens haben wir uns ja inzwischen in der Postkutsche gründlich ausgesprochen und sind jetzt vollkommen miteinander im klaren.«

»O ja, vollkommen!« pflichtete Mr. Pecksniff mit einer Miene bei, die deutlich verriet, wie heroisch er sein Schicksal, so grausam verkannt zu werden, zu tragen wußte. Dann schwiegen beide eine kleine Weile.

Anthony sah nach seinem Sohne hin, der seinen Platz neben Miss Charitas eingenommen hatte, dann auf Mr. Pecksniff, und so mehrere Male hin und her. Zufälligerweise nahmen Mr. Pecksniffs Blicke eine ähnliche Richtung, aber als er es gewahr wurde, schlug er rasch die Augen nieder, um den alten Mann nichts darin lesen zu lassen.

»Jonas ist ein geriebener Junge«, begann Anthony wieder.

»Ja, es scheint so«, gab Mr. Pecksniff offenherzig zu.

»Und vorsichtig.«

»Ich zweifle nicht daran, auch vorsichtig«, versetzte Mr. Pecksniff.

»Schauen Sie ihn nur an«, flüsterte ihm Anthony ins Ohr. »Ich glaube, er macht sich an Ihre Tochter heran.«

»Pst, mein werter Herr«, verwies Mr. Pecksniff, immer noch mit geschlossenen Augen; »junges Volk – junges Volk, ich bitte Sie – und noch obendrein Vetter und Cousine – was ist da weiter dabei!«

»Na, ich glaube, die Verwandtschaft spielt da unserer Erfahrung nach keine besonders große Rolle«, meinte Anthony.

»Glauben Sie nicht, daß da ein bißchen mehr dahinter sein könnte?«

»Kann man unmöglich mit Bestimmtheit sagen«, versetzte Mr. Pecksniff. »Ganz unmöglich! Sie setzen mich übrigens in Erstaunen.«

»Ja, kann ich mir denken«, sagte der alte Mann trocken. »Es kann Bestand haben – ich meine das Zärtlichtun, nicht das Erstaunen; möglich aber auch, daß es bald wieder ein Ende nimmt. Angenommen jedoch, es wäre von Dauer. – Na, Sie haben Ihr Nest hübsch mit Federchen ausgefüttert, und bei mir ist das gleiche der Fall; – die Sache könnte dann für uns beide recht interessant werden.«

Mr. Pecksniff lächelte mild und öffnete den Mund zu einer Antwort, aber Anthony fiel ihm ins Wort.

»Ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Sie haben natürlich noch keinen Augenblick an dergleichen gedacht. In einem Punkte, der das Glück ihres teuern Kindes so nahe angeht, können Sie als zärtlicher Vater keine Meinung abgeben und so weiter. Ja, ja, ganz recht, und sieht Ihnen auch ähnlich! – Mir aber, mein lieber Pecksniff«, setzte Anthony hinzu und legte seine Hand auf den Ärmel des würdigen Architekten, »kommt es vor, es könnte einen von uns benachteiligen, wenn wir so sorglos noch weiter so täten, als ob wir nichts sähen. Dies wäre mir für meinen Teil nun nicht besonders lieb, und Sie werden schon entschuldigen, wenn ich mir die Freiheit nehme, die Sache in Bälde ins reine gebracht sehen zu wollen. Meinen Dank übrigens, daß Sie mir so lange und aufmerksam zugehört haben. Wir wissen jetzt wenigstens beide Bescheid, und das kann nur angenehm sein.«

Mit diesen Worten stand der alte Mann auf, nickte Mr. Pecksniff verständnisinnig zu und ging zu den jungen Leuten. – Der vortreffliche Architekt hingegen blieb, etwas verdutzt über dieses unverblümte Verfahren seiner Verwandten, sitzen und konnte sich des unangenehmen Gefühls nicht erwehren, mit seinen eigenen Waffen geschlagen worden zu sein.

Postkutschen pflegen nicht zu warten, und es wurde langsam Zeit, sich nach dem Bureau zu begeben, das ganz in der Nähe lag. Das Gepäck war bereits besorgt, und so konnte man sich ohne weiteres zum Aufbruch anschicken. Die Misses Pecksniff und Mrs. Todgers setzten ihre Hüte auf, und bald war die ganze Gesellschaft unterwegs. Die Pferde waren bereits eingespannt, und auch der größte Teil der Herren Handelsbeflissenen hatte sich schon eingefunden – der »jüngste Gentleman« mit eingeschlossen, der, sichtlich aufgeregt, in einem Zustande tiefster geistiger Niedergeschlagenheit am Wagenschlag stand.

Nichts ließ sich mit dem Schmerz vergleichen, mit dem Mrs. Todgers von den jungen Damen Abschied nahm, ausgenommen höchstens die gewaltige Erregung, die sie ergriff, als sie Mr. Pecksniff Lebewohl sagte. Wohl noch nie wurde ein Taschentuch so oft aus einer flachen Retikule herausgezogen und wieder hineingesteckt als das Mrs. Todgers‘, als sie, auf beiden Seiten von je einem Herrn Handelsbeflissenen gestützt, neben dem Kutschenschlag auf dem Pflaster stand. Dabei suchte sie bei dem Lichte der Wagenlaternen so viele Blicke auf das Gesicht des vorbildlichen Mannes zu erhaschen, als es das beständige Dazwischentreten Mr. Jinkins‘ nur irgend gestatte. Mr. Jinkins nämlich, bis zum letzten Augenblick ein Stein des Anstoßes im Leben des »jüngsten Gentleman«, stand auf dem Kutschentritte und plauderte mit den Damen.

Den andern Kutschentritt hielt, kraft seines Vorrechts als Vetter, Mr. Jonas besetzt, und so sah sich der »jüngste Gentleman«, trotzdem er sich als erster an Ort und Stelle eingefunden, unter die schwarz und roten Plakate und die Porträts der Eilwagen in dem Einschreibebureau zurückgedrängt – mitten unter die schweren Gepäckstücke, und überdies der schmählichen Rücksichtslosigkeit der Lastträger aufs unwürdigste preisgegeben. Diese ungeschickte Position, verbunden mit großer nervöser Erregtheit, war schuld, daß das Pech des »jüngsten Gentleman« schließlich seinen Höhepunkt erreichte. Als er nämlich im Augenblick des Scheidens mit einer Blume – einer Treibhausblume, die viel Geld gekostet hatte – nach Gratias schöner Hand zielte, traf er damit den Kutscher auf den Bauch, und der Mann steckte sie freundlich lächelnd in sein Knopfloch.

Und dann waren sie fort und »Todgers« wieder allein.

Die beiden jungen Damen lehnten sich jede in eine Ecke zurück und überließen sich schmerzlichen Gedanken, und Mr. Pecksniff konzentrierte, die Erinnerungen an vergängliche, gesellige Vergnügungen aus seinem Herzen ausschaltend, die ganze Kraft seines Geistes auf den einen großen tugendhaften Entschluß, jenen Undankbaren zu verstoßen, der zur Zeit noch immer unter seinem Dache weilte und den Altar seiner Hausgötter durch seine Anwesenheit schändete.

1. Kapitel


1. Kapitel

Einleitung. Der Stammbaum der Familie Chuzzlewit

Da sich begreiflicherweise niemand, weder Herr noch Dame, der einigermaßen auf guten Ruf hält, für die Familie Chuzzlewit interessieren kann, ohne nicht zuvor über deren Alter und Stammbaum Erkundigungen eingezogen zu haben, so sei hier versichert, daß die Chuzzlewits zweifellos in gerader Linie von Adam und Eva abstammten und schon in den frühesten Zeiten zur Klasse der Grundbesitzer gehörten. Sollten daher Neidlinge einwenden, ein oder der andere Chuzzlewit habe jemals gar zu viel Familienstolz an den Tag gelegt, so wird man gewiß eine solche Schwäche nicht nur verzeihlich, sondern sogar löblich finden, wenn man bedenkt, wie hoch dieses Haus in Anbetracht seiner langen Ahnenreihe über allen andern steht.

Es ist höchst bemerkenswert, daß sogar schon die älteste Familie, von der wir wissen, einen Mörder und Landstreicher aufzuweisen hatte; und ebenso stoßen wir auch stets in den Annalen jeder alten Familie auf unzählige Wiederholungsfälle desselben Charakterzuges. Man kann es vielleicht als Grundsatz aufstellen, daß, je länger die Ahnenreihe, um so größer auch die Summe von Gewalttat und unstetem Lebenswandel ist. Waren doch in alten Zeiten diese beiden nobeln Passionen als Mittel zur Wiederherstellung zerrütteter Vermögensverhältnisse sowohl wie als gesunde Leibesübung bei den Vornehmen gleich beliebt.

Welche Quelle inniger Herzensfreude muß es daher sein, wenn man erfährt, daß die Chuzzlewits zu den verschiedensten Zeitepochen bei Verschwörungen, Mord und Totschlag mit beteiligt waren. Man sagt ihnen sogar nach, daß sie des öfteren, vom Scheitel bis zur Zehe in schuß- und hiebfesten Stahl gehüllt, ihre in Lederwämser gekleideten Söldner mit nimmerwankendem Mut in den Tod geführt hätten und sodann wohlbehalten zu den Ihrigen zurückgekehrt seien.

Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß wenigstens ein Chuzzlewit mit Wilhelm dem Eroberer nach England herüberkam und von Britannien Besitz ergriff. Es hat allerdings nicht den Anschein, als ob dieser erlauchte Ahne sich beim Besitzergreifen besonders ausgezeichnet hätte; – wenigstens fiel die Familie zu keiner Zeit besonders durch großen Grundbesitz auf. Und daß der große Normanne bei derartigen Eigentumsverleihungen an seine Günstlinge die Tugend der Freigebigkeit und Dankbarkeit ebenso frei entfaltete, wenn es galt, fremdes Gut zu verschenken, wie andere Große, ist doch allgemein bekannt.

Es unterliegt ferner keinem Zweifel, daß ein Chuzzlewit bei der Pulververschwörung beteiligt war, wenn nicht gar der Erzverräter Fawkes selbst zu diesem merkwürdigen Geschlechte gehörte, was recht wohl möglich wäre, da der Sage nach einst ein gewisser Chuzzlewit nach Hispanien auswanderte und daselbst eine Spanierin ehelichte, mit der er einen olivenfarbigen Sprößling zeugte. Diese Annahme gewinnt noch an Wahrscheinlichkeit, wenn man erfährt, daß in späteren Zeiten viele Chuzzlewits, nachdem sie bei anderen Unternehmungen gescheitert, sich – offenbar erblich belastet – ohne die mindeste vernünftige Hoffnung, dadurch reich zu werden, oder aus sonst einem erdenklichen Grund als Kohlenhändler etabliert und Monat um Monat ohne Unterlaß düster bei einem kleinen Brennvorrat Wache gehalten haben, ohne daß sie auch nur ein einziges Mal mit einem Käufer ein Geschäft gemacht hätten. Die auffallende Ähnlichkeit zwischen diesem Verfahren und dem, das ihr großer Ahnherr in den unterirdischen Gewölben des Parlamentshauses von Westminster beobachtete, ist zu augenscheinlich und interessant, als daß es noch eines Kommentars bedürfte.

Nicht minder klar ist durch mündliche Tradition erwiesen, daß zu irgendeiner nicht bestimmt angegebenen Epoche eine würdige Matrone lebte, die so vertraut mit dem Anschüren von Feuer aller Art – besonders von Liebesflammen – war, daß man sie nur die »Amorsfackel« nannte, unter welchem Spitznamen sie bis auf den heutigen Tag in der Familienchronik weiterlebt. Wer könnte da noch zweifeln, daß sie die Spanierin war – die Mutter von Chuzzlewit Fawkes!

Es gibt indes auch noch einen anderen Beleg für die unmittelbare Beziehung dieser Familie zu jenem denkwürdigen Ereignis – der Pulververschwörung –, der jeden Zweifler, wenn es überhaupt nach den vorausgeschickten schlagenden Beweisen einen solchen noch geben kann, vollständig überzeugen muß.

Noch vor wenigen Jahren befand sich nämlich im Besitz eines wohlhabenden und dabei höchst achtbaren und in jeder Hinsicht glaubwürdigen und makellosen Mitgliedes der Chuzzlewits eine Blendlaterne von unzweifelhaftem Alter. Und, was noch interessanter ist, sie sah genau so aus wie die, die noch heutzutage allgemein in Gebrauch sind. Der genannte Gentleman ist zwar jetzt tot, war aber jeden Augenblick bereit, einen Eid darauf abzulegen, und beteuerte wiederholt aufs feierlichste, er habe zu verschiedenen Malen seine Großmutter, wenn diese die ehrwürdige Reliquie betrachtet, sagen hören: »Ei ja! Diese Laterne hat mein vierter Sohn am fünften November als Guy Fawkes getragen.« Diese merkwürdigen Worte mußten natürlich einen tiefen Eindruck auf ihn machen, weshalb er es auch liebte, den Ausspruch häufig zum besten zu geben. Die richtige Auslegung liegt auf der Hand. Die alte Dame, zwar von Natur aus sehr stark an Geist, war immerhin gebrechlich und hinfällig und litt auch bekanntermaßen an jener Verwirrung der Ideen oder doch wenigstens der Sprache, die so oft eine Folge des Greisentums und der Geschwätzigkeit ist. Offenbar wollte sie sagen: »Ei ja! Diese Laterne wurde getragen von meinem Ahnherrn« – nicht vierten Sohn, was ein Anachronismus wäre – »am fünften November. Und dieser war Guy Fawkes.« Hier haben wir mit einem Mal eine bestimmte, klare und natürliche Erklärung, die im vollkommensten Einklange mit dem Charakter der Sprecherin steht. So offenkundig läßt die Anekdote nur diese und keine andere Deutung zu, daß es kaum verlohnt hätte, sie in ihrer ursprünglichen Fassung vorzutragen, wenn sie nicht einen Beweis abgäbe, was sich alles nicht nur in historischer Prosa, sondern auch in Versen bei nur ein bißchen Aufwand von Fleiß von seiten eines Kommentators bewerkstelligen läßt.

Wohl verlautet, daß in neuerer Zeit kein Chuzzlewit auf vertrautem Fuß mit der feinen Gesellschaft gestanden hätte, aber auch hier müssen die schmähsüchtigen Verleumder, deren boshaftes Gehirn solche armseligen Erdichtungen schmiedete, vor den Tatsachen verstummen. Mehrere Mitglieder der Familie sind im Besitz von Dokumenten, aus denen aufs bestimmteste und in klaren Worten hervorgeht, daß ein gewisser Diggory Chuzzlewit sehr häufig beim Herzog Schmalhans zu Gaste war. Er war ein so stereotyper Gast an der Tafel dieses allgemein bekannten Edelmannes, und die Gastfreundschaft und Gesellschaft Seiner Gnaden wurde ihm so unablässig gewissermaßen aufgezwungen, daß er dieser Ehre nur mit Widerstreben entsprach und gelegentlich an seine Freunde schrieb: wenn sie sich nicht soundso dem Überbringer gegenüber verhielten, so bliebe ihm keine andere Wahl, als wieder bei dem Herzog Schmalhans zu Mittag zu essen.

Das nur als Beispiel!

Es wäre nutzlos, die hohe und stolze Stellung wie auch die ungemeine Bedeutsamkeit der Chuzzlewits zu verschiedenen Zeitepochen weiterhin zu erörtern. Sollte es in den Bereich vernünftiger Wahrscheinlichkeitsberechnung fallen, daß weitere Belege gefordert würden, so könnten sie zu wahren Bergen aufgeschichtet werden, deren Gewicht auch den verwegensten Skeptizismus zermalmen müßte. Wir haben über der Familiengruft bereits einen stattlichen Tumulus angehäuft und wollen es für dies Kapitel damit bewenden lassen. Nur als letzten Spaten Erde wollen wir hinzufügen, daß viele Chuzzlewits, sowohl männliche wie weibliche, nach dem höchst glaubwürdigen brieflichen Zeugnis ihrer Mütter fein geschnittene Nasen, ausgeprägte Kinne, Formen, die einem Bildhauer als Modell hätten dienen können, wunderschöne Gliedmaßen und so transparente glatte Stirnen hatten, daß die blauen verzweigten Adern darauf wie die Wege auf einer Himmelskarte durchschimmerten. Schon diese Tatsache allein würde jede Streitfrage hinsichtlich Herkunft mit einem Male erledigen, da bekanntlich alle diese Kennzeichen charakteristische Merkmale vornehmer Persönlichkeiten sind.

Da nun ausreichend bewiesen ist, daß es den Chuzzlewits durchaus nicht an Herkunft fehlt und sie zu der einen oder andern Zeit sich einer Bedeutsamkeit erfreuten, die nicht ermangeln kann, sie für alle Wohlgesinnten zu einer sehr schätzenswerten Bekanntschaft zu machen, so mag ihre Geschichte jetzt ihren Verlauf nehmen. Da ferner aus dem Alter der Familie zu folgern ist, daß sie zur Begründung und Vermehrung des Menschengeschlechts einen hübschen Beitrag geliefert hat, so wird es eines Tages Zeit sein, darzulegen, daß diejenigen Familienglieder, die in diesem Buche aufgeführt werden, noch viele Ur- und Gegenbilder in der uns umgebenden großen Welt haben. Vorderhand mag es genügen, im allgemeinen zu bemerken, erstens: daß man recht wohl behaupten darf – ohne gerade die Theorie zu Hilfe zu nehmen, die den wahrscheinlichen Ursprung unseres Geschlechts auf die Affen zurückleitet –, daß so manche Menschen recht kuriose Stücklein spielen; und zweitens: daß es – unbeschadet der Blumenbachschen Lehre, die den Adamsabkömmlingen weit mehr charakteristische Ähnlichkeiten mit den Schweinen als irgend andern lebenden Wesen in der Schöpfung zumutet – wieder andere gibt, die auf eine ganz merkwürdig geschickte Weise für ihre eigne Haut zu sorgen wissen.

10. Kapitel


10. Kapitel

Seltsame Dinge, von deren gutem oder schlimmem Einfluß viele Ereignisse dieser Geschichte abhängen

Aber Mr. Pecksniff kam ja geschäftehalber nach London! Hatte er denn das ganz vergessen? Konnte er auf die Dauer an Todgers‘ frischfröhlicher Gesellschaft Vergnügen finden, ohne der ernsten Obliegenheiten zu gedenken, die seine ruhige Überlegung in Anspruch nahmen? Keineswegs.

Zeit und Flut warten auf niemanden, sagt das Sprichwort. Der Mensch hat auf Zeit und Flut zu warten. Die Flut, die Mr. Pecksniff zum Glück führen sollte, stand in den Sternen geschrieben und hatte bereits eingesetzt. Pecksniff war kein Müßiggänger, der untätig auf trockenem Lande dem Wechsel der Strömung zusah; – nein, er stand bis über die Schuhe im Wasser, bereit, im tiefsten Schlamme fortzuwaten, wenn dieser Weg ihn seinem erhofften Ziele zuzuführen versprechen sollte. Das Vertrauen, das ihm seine beiden Töchter in jeder Hinsicht entgegenbrachten, hatte etwas Erhebendes. Sie hegten jene feste Zuversicht auf den Charakter ihres Erzeugers, die ihnen die Überzeugung verlieh, daß er in allem, was er tue, sein Ziel voll und unverrückbar im Auge behalten werde und daß das edle Ziel seines Strebens nichts anderes sein könne als seine eigene Wohlfahrt und demnach auch – die ihrige.

Ihr kindliches Vertrauen mußte um so rührender erscheinen, als sie im gegenwärtigen Falle durchaus keine Kenntnis von den wirklichen Absichten ihres Vaters hatten. Sie wußten von seinem Tun nicht mehr, als daß er jeden Morgen nach dem zeitig eingenommenen Frühstück auf das Postbureau eilte und nach eingelaufenen Briefen fragte. Nach Beendigung dieses Geschäftes war sein Tagewerk vorüber, und er konnte sich der Ruhe hingeben, bis die aufgehende Sonne des nächsten Morgens abermals die Ankunft einer neuen Post verkündete.

So entschwanden vier oder fünf Tage. Endlich kehrte eines Morgens Mr. Pecksniff atemlos und in einer Hast zurück, die von seiner gewohnten Ruhe seltsam genug abstach, und schloß sich unverzüglich auf ein paar Stunden mit seinen Töchtern zu geheimer Beratung ein. Von allem, was dabei vorging, sind uns nur folgende Äußerungen Mr. Pecksniffs zu Ohren gekommen:

»Wir brauchen uns nicht mit Grübeleien darüber aufzuhalten, wieso es kam, daß eine so gewaltige Wandlung mit ihm vorging, vorausgesetzt, daß eine solche, wie ich hoffe, wirklich stattgefunden hat, meine Lieben. Ich habe zwar so meine besondern Gedanken darüber, meine Kinder, will sie aber vorderhand noch für mich behalten. Uns genügt das Bewußtsein, daß wir weder stolz noch nachtragend oder unversöhnlich sind. Bedarf er unserer Freundschaft, so sei sie ihm gewährt. Wir kennen unsere Pflicht.«

Noch am selben Nachmittag stieg ein alter Herr aus einer Droschke vor der Post ab und fragte, nachdem er seinen Namen genannt, nach für ihn etwa eingelaufenen »Restante«-Briefen. Tatsächlich fand sich auch ein solcher, das Kuvert von Mr. Pecksniffs Hand geschrieben und mit seinem Petschaft gesiegelt.

Der Inhalt war sehr kurz und enthielt nichts weiter als eine Adresse »mit Mr. Pecksniffs respektvoller und – trotz allem Vorgefallenen – aufrichtiger Hochachtungsbezeugung.« Der alte Herr riß die Angabe von Stadtteil und Hausnummer ab und händigte sie, nachdem er das übrige in Fetzen dem Winde preisgegeben, dem Kutscher mit der Weisung ein, auf dem kürzesten Wege nach dem auf dem Streifen verzeichneten Orte zu fahren. Diesem Auftrag gemäß machte der Wagen bald darauf bei dem Monumente halt, der alte Herr stieg aus, entließ die Droschke und ging auf Todgers‘ Etablissement zu.

Obgleich dem Gesicht, der Gestalt und dem Gang nach ein Greis, verriet doch die Art, wie er den starken Stock, auf den er sich stützte, umfaßte, eine nicht leicht zu erschütternde Entschlossenheit und Festigkeit. Trotzdem schien der alte Herr noch zu zaudern; – wenigstens vermied er das Haus, das er suchte, noch eine Weile und benutzte einen kurzen Sonnenblick, der auf den kleinen Kirchhof in der Nähe herniederglänzte, um ein wenig auf und ab zu schlendern. In dem Anblick der alten Gräber mitten im geschäftigsten Gewühle des Lebens mochte für ihn etwas liegen, das seine Unschlüssigkeit eher steigerte, denn er wandelte, mit jedem Schritt das Echo weckend, auf und nieder, bis der Glockenton der Kirchturmuhr, die seit seiner Anwesenheit bereits zweimal je eine Viertelstunde geschlagen, ihn aus seinen Grübeleien aufrüttelte. – Da wich mit einem Male seine Unentschlossenheit, und hastig ging er auf das Haus zu und klopfte an die Türe.

Mr. Pecksniff saß in dem kleinen Stübchen der Mrs. Todgers und wurde von dem Besuche – rein zufällig natürlich – in der Lektüre eines vortrefflichen theologischen Werkes überrascht. Auf einem kleinen Tischchen neben ihm stand Kuchen und Wein – gleichfalls nur ganz zufällig, wie er ausdrücklich zu bemerken für nötig erachtete –, da er die Hoffnung, seinen erwarteten Gast bei sich zu sehen, bereits gänzlich aufgegeben und deshalb diese einfache Erfrischung für sich und seine Kinder bestellt hätte.

»Sind Ihre Töchter wohl?« fragte der alte Martin und legte Hut und Stock ab.

Mr. Pecksniff bejahte schlicht und bemühte sich nach Kräften, die Innigkeit seiner väterlichen Gefühle zu verbergen. Sie seien gute Mädchen, sagte er – sehr, sehr gute Mädchen. Er wage nicht, Mr. Chuzzlewit zu bitten, sich im Lehnstuhl niederzulassen, um der Zugluft der Türe auszuweichen, aus Furcht, seine Bitte als berechnende Höflichkeit mißdeutet zu sehen; – er wolle sich daher nur mit dem Hinweis begnügen, daß ein bequemer Stuhl im Zimmer stehe und die Türe nichts weniger als luftdicht sei – letzteres eine Unvollkommenheit, die, wie er vielleicht beizufügen so frei sein dürfe, in alten Häusern keineswegs selten vorkomme.

Der alte Mann setzte sich in den Lehnstuhl und begann nach einer kurzen Pause:

»Zuvörderst muß ich Ihnen danken, daß Sie auf meine fast gar nicht motivierte Bitte so bereitwillig nach London kamen – ich brauche wohl kaum zu bemerken: natürlich auf meine Kosten.«

»Auf Ihre Kosten, mein werter Herr?!« rief Mr. Pecksniff im Tone größter Überraschung.

»Ich bin nicht gewohnt,« versetzte Martin, ungeduldig mit der Hand abwinkend, »meine – nun ja, meine Verwandten – in Unkosten zu stürzen, wenn es sich um Befriedigung meiner Grillen handelt.«

»Grillen, mein werter Herr?!« rief Mr. Pecksniff.

»Im gegenwärtigen Falle habe ich allerdings kaum das passende Wort gewählt«, gab der alte Herr zu. »Nein, Sie haben recht.«

Mr. Pecksniff fühlte sich durch diese Worte, ohne eigentlich zu wissen, warum, innerlich sehr beruhigt.

»Sie haben recht«, wiederholte Martin. »Es ist keine Grille. Ich habe mir vorher alles reichlich und kaltblütig überlegt, und daher kann man es nicht ›Grille‹ nennen. Und außerdem neige ich überhaupt ganz und gar nicht zu Grillen.«

»Gewiß nicht«, versicherte Mr. Pecksniff.

»Wie können Sie das wissen?!« fuhr der alte Herr auf. »Sie werden es erst in Zukunft erfahren und mir künftighin bezeugen können. Sie und die Ihrigen sollen erst sehen, daß ich beharrlich sein kann und mir mein Ziel nicht verrücken lasse. – Verstehen Sie?«

»Vollkommen«, antwortete Mr. Pecksniff.

»Ich bedaure lebhaft«, nahm Martin in langsamem und gemessenem Tone seine Rede wieder auf und faßte dabei Mr. Pecksniff fest ins Auge, »ich bedaure lebhaft, daß bei unserm letzten Beisammensein eine so wenig erfreuliche Besprechung zwischen uns stattfand, das heißt, daß ich Ihnen so unverhohlen enthüllte, was ich damals von Ihnen dachte. Meine jetzige Gesinnung ist wesentlich anders, und ich nehme zu Ihnen meine Zuflucht, nachdem ich von allen, denen ich jemals über den Weg getraut, verlassen, und von denen, die mir Hilfe und Beistand leisten sollten, getäuscht und ausgebeutet wurde. Ich zähle auf Sie als auf einen Verbündeten, den ich durch die Bande seines eigenen Vorteils an mich zu knüpfen wünsche.« – Er legte einen großen Nachdruck auf diese Worte, obgleich ihn Mr. Pecksniff aufs angelegentlichste bat, dessen doch ja nicht zu erwähnen. – »Sie sollen mir helfen, die verdienten Strafen für Gemeinheit, Verstellung und Spitzbüberei, die man in schlimmster Weise an mir übte, über die Schuldigen zu verhängen.«

»Sie edler, hochherziger Mensch!« rief Mr. Pecksniff und ergriff voll Wärme die dargebotene Hand Mr. Chuzzlewits. »Und Sie bedauern, ungerechte Gedanken gegen mich gehegt zu haben – Sie mit Ihren grauen Haaren!?«

»Reue ist das natürliche Los grauer Haare«, entgegnete Martin, »und, wie wohl allen Menschen, ist der gebührende Anteil an dieser Erbschaft auch mir beschieden. – Doch genug davon. Es tut mir leid, so lange von Ihnen getrennt gewesen zu sein. Hätte ich Sie früher gekannt und so behandelt, wie Sie es verdienen, so wäre ich vielleicht ein glücklicher Mensch.«

Mr. Pecksniff sah zur Decke empor und faltete in stummer Begeisterung die Hände.

»Ich kenne Ihre Töchter noch nicht«, fing Martin nach einem kurzen Schweigen wieder an. »Gleichen sie Ihnen?«

»Die älteste hinsichtlich der Nase und die jüngere, was das Kinn betrifft, Mr. Chuzzlewit«, entgegnete der Witwer. »Ihre selige Mutter lebt in ihnen wieder auf.«

»Ich meine nicht äußerlich«, sagte der alte Mann, »moralisch – moralisch!«

»Darüber darf ich mir wohl kein Urteil anmaßen«, säuselte Mr. Pecksniff mit bescheidenem Lächeln, »ich kann nur sagen, ich habe mein Bestes getan, Sir.« »Ich möchte sie gerne sehen«, sagte Martin. »Sind sie in der Nähe?«

Allerdings waren sie in der Nähe, und zwar sehr in der Nähe; nämlich hinter dem Schlüsselloch! Nachdem Mr. Pecksniff sich die Zeichen seiner Ergriffenheit aus den Wimpern gewischt und den jungen Damen soviel Zeit gelassen hatte, um die Treppe hinauf zu huschen, öffnete er die Türe und rief mit sanfter Stimme in den Flur hinaus:

»Meine Herzblättchen, wo steckt ihr?«

»Hier, lieber Papa!« ließ sich aus der Ferne die Stimme von Miss Charitas vernehmen. »Komm doch mal ins Hinterzimmer herunter, meine Liebe«, flötete Mr. Pecksniff, »und bring auch deine Schwester mit!«

»Ja, lieber Papa«, antwortete Gratia und kam gleich darauf gehorsam und trällernd mit Charitas heruntergehüpft.

War das eine Bestürzung, als sie bei ihrem teuern Papa einen Fremden sitzen fanden! Und erst die stumme Überraschung, als er ihnen Mr. Chuzzlewit vorstellte und erklärte, er und Mr. Chuzzlewit seien jetzt Freunde und Mr. Chuzzlewit habe ihm soviel Liebes und Freundliches gesagt, daß es ihn im innersten Herzen ergriffen hätte. »Dem Himmel sei Dank dafür!« riefen sie wie aus einem Munde und fielen dem alten Herrn um den Hals. Mit unbeschreiblicher Glut und Zärtlichkeit hingen sie an seinem Nacken, gruppierten sich dann um seinen Stuhl und beugten sich über ihn, als gebe es fürderhin keine größere Erdenfreude mehr für sie, als ihm alle seine Wünsche an den Augen abzulesen und für den Rest seines Daseins alle die Liebe auf sein Haupt zu häufen, die er so lange – der liebe Trotzkopf! – von sich gewiesen.

Der alte Mann sah einigemal von der einen zur andern.

»Wie heißen sie?« fragte er, als Mr. Pecksniffs Auge – der bisher fromm zum Himmel aufgesehen wie ein verendender Schwan – dem seinen begegnete, »wie heißen sie?«

Mr. Pecksniff vertraute es ihm an und setzte – seine Verleumder würden natürlich wieder behauptet haben: mit Rücksicht auf testamentarische Gedanken, die dem alten Martin durch den Kopf gehen mochten – etwas hastig hinzu:

»Vielleicht, meine Kinder, würdet ihr gut tun, eure Namen auf ein Blatt Papier aufzuschreiben. Eure bescheidenen Autogramme sind zwar an sich bedeutungslos, aber die Liebe sieht nicht auf äußern Wert.«

»Die Liebe«, fiel der alte Mann ein, »wird sich an die lebenden Originale halten. Bemüht euch nicht, meine Kinder. Ich werde euch nicht so leicht vergessen, Charitas und Gratia, als daß es solcher Erinnerungszeichen bei mir bedürfte, Vetter!«

»Sir?« rief Mr. Pecksniff dienstfertig.

»Setzen Sie sich denn nie?«

»O ja – hin und wieder wohl, Sir«, antwortete Mr. Pecksniff, der die ganze Zeit über gestanden hatte.

»Haben Sie jetzt keine Lust dazu?«

»Wie mögen Sie nur fragen?« antwortete Mr. Pecksniff und ließ sich rasch auf einen Stuhl nieder. »Wo ich doch sehe, daß Sie es wünschen.«

»So sprechen Sie jetzt und meinen es auch gut«, sagte Martin; »aber ich fürchte, Sie wissen nicht, was es bedeutet, den Launen eines alten Mannes Rechnung zu tragen, seinen Liebhabereien oder Abneigungen Verständnis entgegenzubringen, sich seinen Vorurteilen zu fügen, allen seinen Wünschen zu willfahren, an seinem Argwohn und seiner Eifersucht Nachsicht zu üben und doch in seinem Dienste nicht zu erlahmen! Wenn ich bedenke, welche zahllosen Fehler ich besitze und wie hart ich noch vor kurzem über Sie geurteilt habe, so wage ich es kaum, auf Ihre Freundschaft Anspruch zu machen.«

»Mein lieber, wertgeschätzter Herr«, rief Mr. Pecksniff, »wie können Sie sich nur in einer für uns so schmerzlichen Weise äußern? – Was ist natürlicher, als daß Sie einen so verzeihlichen kleinen Mißgriff begehen mußten, wo Sie in jeder Hinsicht leider so triftigen Grund hatten, von Ihrer ganzen Umgebung stets das Schlechteste zu denken!?«

»Wahr«, seufzte Martin. »Sie verfahren sehr gelinde mit mir.«

»Wir haben immer gesagt – nämlich meine Mädchen und ich«, beteuerte Mr. Pecksniff mit steigender Zutraulichkeit, »daß wir uns nicht wundern dürften, mit feilen Seelen in einen Topf geworfen zu werden, wie beklagenswert es auch sei. Ihr erinnert euch doch, meine Lieben?« Oh, versteht sich, und wie genau! Wohl tausendmal war davon die Rede gewesen.

»Jedoch kein Wort der Klage kam über unsere Lippen. Nur hin und wieder sagten wir uns, daß am Ende doch die Wahrheit ans Licht kommt und die Tugend den Sieg davonträgt – wenn auch nicht immer. Ihr entsinnt euch doch noch, meine Kinder?«

Entsinnen? Wie konnte er nur zweifeln? »Liebster Papa, welch seltsame, unnötige Frage!«

»Und als ich«, hob Mr. Pecksniff mit noch größerer Anschmiegsamkeit wieder an, »als ich Sie in dem kleinen, anspruchslosen Dörfchen sah, wo wir so frei sind zu wohnen, sagte ich Ihnen bloß, mein teurer Herr, Sie seien hinsichtlich meiner Person im Irrtum; das war, glaube ich, alles.«

»Nein – nicht alles«, versetzte Martin, der eine lange Zeit dagesessen, die Stirn auf die Hand gestützt, und erst jetzt wieder aufsah. »Sie sagten noch viel mehr. Und das hat mir nebst andern Umständen, die mir zu Ohren kamen, die Augen geöffnet. Sie sprachen in sehr uneigennütziger Weise über – doch wozu seinen Namen nennen; Sie wissen schon, wen ich meine.«

Unruhe malte sich in Mr. Pecksniffs Zügen, während er seine fiebernden Hände zusammenpreßte und voll Unterwürfigkeit beteuerte:

»Ganz ohne selbstsüchtiges Motiv, Sir, ich kann Ihnen versichern.«

»Ich weiß es«, fiel ihm der alte Martin in seiner ruhigen Weise ins Wort, »ich bin überzeugt davon. Und ebenso uneigennützig war es von Ihnen, jene Schar von Harpyien von mir abzulenken und sich ihnen selbst zum Opfer hinzuwerfen. Die meisten anderen Menschen hätten ihnen sogar Vorschub geleistet, um sie sich in ihrer ganzen Raubgier entfalten zu lassen und mir den Kontrast mit dem eigenen Benehmen so recht vor Augen zu führen. Aber Sie fühlten für mich und zogen die Rotte von mir ab. Ich danke Ihnen dafür. Sie sehen, obgleich ich den Ort verlassen habe, so weiß ich doch, was hinter meinem Rücken vorging.«

»Sie setzen mich in Erstaunen, Sir!« rief Mr. Pecksniff – diesmal echt verblüfft. »Das, was mir von Ihrem Tun und Lassen zu Ohren kam, beschränkt sich jedoch nicht auf diese Punkte allein. Sie haben einen neuen Gast in Ihrem Hause –«

»Allerdings, Sir«, gab der Architekt zu; »es ist so.«

»Er muß es verlassen.«

»Um – um wieder zu Ihnen zu ziehen?« fragte Mr. Pecksniff mild mit tremolierendem Ton.

»Er soll sich ein Obdach suchen, wo er mag«, entgegnete der alte Mann. »Er hat Sie hintergangen.«

»Ich will nicht hoffen«, sagte Mr. Pecksniff hastig. »Nein, nein, ich kann das nicht glauben. Ich bin dem jungen Manne außerordentlich zugetan gewesen, und unmöglich kann sich’s jetzt herausstellen, daß er allen Anspruch auf meinen Schutz verwirkt hat. Hintergangen?! – Freilich, wenn er mich hintergangen hätte, mein teurer Mr. Chuzzlewit, so – so würde das allerdings entscheidend sein. Ich müßte es dann für meine Pflicht halten, mich auf der Stelle von ihm loszusagen.«

Der alte Mann blickte auf seine beiden schönen Karyatiden, namentlich aber auf Miss Gratia, der er sogar voll ins Gesicht sah, und mit weit größerem Interesse, als sich bisher in seinen Zügen ausgedrückt hatte. Dann begegnete er wieder Mr. Pecksniffs Auge und bemerkte ruhig:

»Sie wissen natürlich, daß er sich bereits seine künftige Gattin gewählt hat?«

»Gott im Himmel!« rief Mr. Pecksniff und strich sich mit einem entsetzten Blick auf seine Töchter das Haar möglichst steif in die Höhe.

»Das fängt ja furchtbar an!«

»Sie wissen also gar nichts davon?« forschte Martin.

»Aber er tat es doch hoffentlich nicht ohne Zustimmung seines Großvaters, mein teurer Herr? Ich beschwöre Sie bei der Ehre der menschlichen Natur, sagen Sie nein!«

»Dachte ich’s doch, daß er’s verschwiegen hat!« murmelte der alte Mann.

Der edle Unwille, der Mr. Pecksniff bei dieser schrecklichen Enthüllung ergriff, war nur mit dem auflodernden Zorne seiner Töchter zu vergleichen. Wie! So hatten sie also eine verkappte Schlange am heimischen Herde geborgen – ein Krokodil, das hinterlistigerweise bereits über seine Hand verfügt – einen Betrüger der menschlichen Gesellschaft – einen bankerotten Junggesellen, der unter falschen Vorspiegelungen mit der jungfräulichen Welt sein Spiel trieb? Und ach! Denken zu müssen, daß er in störrischem Ungehorsam den lieben, den ehrwürdigen alten Herrn gekränkt hatte, dessen Namen er trug – diesen freundlichen und zärtlichen Vormund, der ihm – von Mutter gar nicht zu sprechen – mehr als ein Vater gewesen war! Schrecklich, schrecklich! – Ihn mit Schmach und Schande aus dem Hause zu jagen, wäre noch eine viel zu sanfte Behandlung für ihn! Ließ sich ihm denn nicht noch etwas anderes antun? Hatte er nicht noch etwas verbrochen, das irgend Anlaß geben könnte, ihn den Gerichten zu überliefern? Wär‘ es denn möglich, daß die Gesetze des Landes an so wesentlichen Mängeln litten, um nicht einmal für solche Vergehungen eine Strafe bereit zu haben? Das Ungeheuer! Wie schändlich hatte es sie getäuscht!

»Es freut mich zu sehen, daß Sie so warm mit mir fühlen«, sagte der alte Mann und hob die Hand empor, um dem Strom ihres Grimmes Einhalt zu gebieten. »Ich will zwar nicht in Abrede stellen, daß mir Ihr Eifer Freude macht, aber betrachten wir die Sache jetzt für abgetan.«

»Nein, mein teurer Herr«, rief Mr. Pecksniff, »nicht für abgetan, bis ich nicht mein Haus von diesem Schandfleck gesäubert habe.«

»Das wird schon von selbst kommen«, beruhigte ihn der alte Mann. »Ich nehme an, es sei bereits geschehen.«

»Sie sind sehr gütig, Sir«, bedankte sich Mr. Pecksniff und schüttelte seinem Vetter die Hand. »Ihr Vertrauen ehrt mich. Wirklich, ich versichere Ihnen, Sie können die Sache als erledigt ansehen.«

»Ich muß jetzt noch einen anderen Punkt zur Sprache bringen«, nahm Martin seinen Faden wieder auf, »in dem Sie mir hoffentlich auch Ihre Unterstützung nicht versagen werden. Erinnern Sie sich an Mary, Vetter?«

»Die junge Dame, meine Kinder, von der ich euch sagte, sie interessiere mich so außerordentlich«, erklärte Mr. Pecksniff. »Entschuldigen Sie, daß ich unterbrochen habe, Sir.« »Ich habe Ihnen, wie Sie sich erinnern werden, ihre Geschichte erzählt.«

»Ihr entsinnt euch, meine Lieben, daß ich zu euch gleichfalls davon gesprochen habe«, rief Mr. Pecksniff. »Törichte Mädchen, Mr. Chuzzlewit, ganz gerührt waren sie davon.«

»Ei, da sehe einer«, sagte Martin, augenscheinlich sehr vergnügt. »Und ich fürchtete schon, mit ihr lästig zu fallen und Sie bitten zu müssen, ihr um meinetwillen gewogen zu sein. Nun finde ich, daß Sie durchaus nichts gegen sie haben! Gut! Ihr braucht auch nicht eifersüchtig auf sie zu sein. Sie weiß, meine Lieben, daß sie von mir nichts zu erwarten hat.«

Die beiden Misses Pecksniff bezeugten murmelnd ihren Beifall über diese weise Maßregel und gaben ihrer herzlichen Teilnahme für den interessanten Gegenstand derselben Ausdruck.

»Wenn ich hätte voraussehen können, wie wir vier noch einmal miteinander stehen würden –« klagte der alte Mann gedankenvoll. »Doch das ist zu spät jetzt. Ihr würdet sie also liebreich aufnehmen und freundlich behandeln, ihr lieben Mädchen?«

Wo war die Waise, die die beiden Misses Pecksniff nicht zärtlich an ihren schwesterlichen Busen gedrückt hätten? Wenn aber nun gar diese Waise von einem Manne ihrer Obhut empfohlen wurde, über den sich jetzt ihre seit vielen Jahren aufgespeicherte Zärtlichkeit in Strömen ergoß, welch unerschöpflichen Vorrat reiner Zuneigung hatte sie da nicht von solchen freundschaftschmachtenden Herzen zu erwarten.

Es folgte eine längere Pause, während der Mr. Chuzzlewit stumm und in seltsamer Geistesabwesenheit den Boden anstarrte. Da er augenscheinlich in seinen Betrachtungen nicht unterbrochen zu werden wünschte, so verhielten sich Mr. Pecksniff und seine Töchter gleichfalls mäuschenstill. Im Laufe des ganzen vorhergegangenen Dialogs hatte er mit kalter, leidenschaftsloser Geläufigkeit gesprochen, als sage er eine schon hundertmal und sorgfältig einstudierte Rolle herunter; selbst wenn er die wärmsten Worte gebraucht hatte. Jetzt aber leuchtete sein Auge heller auf, und seine Stimme wurde ausdrucksvoller, als er, aus seinem gedankenvollen Brüten erwachend, fortfuhr: »Sie wissen aber doch, was man davon halten wird? Haben Sie sich das auch überlegt?«

»Von was halten wird, mein teurer Herr?« fragte Mr. Pecksniff.

»Von diesem plötzlichen Einvernehmen zwischen uns.«

Mr. Pecksniff nahm eine wohlwollend scharfsinnige Miene an, in der sich zu gleicher Zeit die Erhabenheit über alle irdische Mißdeutung aussprach, und gab nickend zu, daß ohne Zweifel unsäglich viel darüber gesprochen werden würde.

»Allerdings unsäglich viel«, wiederholte der alte Mann. »Man wird sagen, daß ich in meinem hohen Alter zu faseln anfange, daß mich meine Krankheit mürbe gemacht habe, daß alle Kraft des Geistes von mir gewichen und ich kindisch geworden sei. Werden Sie das ertragen können?«

Mr. Pecksniff gestand, es sei freilich eine schrecklich schwere Aufgabe, aber doch glaube er dazu fähig zu sein, wenn er seine ganze Kraft zusammennähme.

»Wieder andere werden sagen – ich spreche natürlich nur von dem Heer der Enttäuschten –, Sie hätten durch Lügen, Schmeicheleien und sonstige nichtswürdige Mittel sich meine Gunst erschlichen, hätten die heillosesten Zugeständnisse gemacht und ließen sich eine so herabwürdigende und entehrende Behandlung gefallen, daß nicht einmal die Schätze unseres halben Erdballes eine genügende Entschädigung dafür bieten könnten. Fällt Ihnen auch das nicht zu schwer?«

Mr. Pecksniff erwiderte, daß solche Nachreden freilich gleichfalls sehr hart zu ertragen wären, da sie gewissermaßen Mr. Chuzzlewits gesundes Urteil in Abrede stellten; er habe jedoch die bescheidene Selbstzuversicht, sich angesichts seines guten Gewissens und der Freundschaft des alten Herrn sogar über derartige Schmähungen hinwegsetzen zu können.

»Der große Haufe der Lästerzungen und Verleumder«, fuhr der alte Martin fort und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, »wird, wie ich klar voraussehe, die Sache so auffassen: ich hätte, um dem erbärmlichen Gesindel meine Verachtung recht augenfällig kund zu tun, aus seiner Mitte den Allerelendesten ausersehen, ihn zu meinem willfährigen Sklaven gemacht und ihn auf Kosten aller übrigen Verwandten bereichert. Nachdem ich mich lange nach Züchtigungsmitteln umgesehen, die die Herzen dieser Aasgeier am tiefsten verwundeten, hätte ich diesen Plan in einem Zeitpunkt entworfen, als das letzte Kettenglied, das mich noch an mein Geschlecht gefesselt, mit roher Hand zerrissen wurde, mit roher Hand, sage ich – denn ich hing an Martin –, mit roher Hand, denn ich hatte immer auf seine Anhänglichkeit gebaut, mit roher Hand, da er das Band zerriß, als ich – so wahr mir Gott helfe – am zärtlichsten für ihn sorgen wollte, und mich gefühllos von sich stieß, während ich noch mit ganzer Seele an ihm hing! Nun«, setzte der alte Mann hinzu, den leidenschaftlichen Ausbruch seiner Gefühle ebenso schnell unterdrückend, als er sich ihm hingegeben, »sind Sie entschlossen, auch dies über sich ergehen zu lassen? Machen Sie sich darauf gefaßt, daß Sie es zu ertragen haben werden, und bauen Sie nicht darauf, daß ich mich Ihrer annehme.«

»Mein lieber Mr. Chuzzlewit«, rief Mr. Pecksniff, von Begeisterung überwältigt, »für einen Mann, wie Sie sich heute gezeigt haben – für einen Mann, der so tief gekränkt und doch so voll Menschenliebe ist – für einen, ich weiß nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll – für einen zu gleicher Zeit so außerordentlichen Mann – ja, ich hoffe, es ist keine Anmaßung, wenn ich sage – und ich bin überzeugt, meine Kinder sind ganz meiner Ansicht (nicht wahr, meine Lieben, wir stimmen hierin vollkommen überein?) – für – für einen Mann, wie er mir immer als Ideal vorgeschwebt, könnte ich alles ertragen!«

»Gut«, sagte Martin. »Mir dürfen Sie also wegen der Folgen keine Vorwürfe machen! – – Wann kehren Sie nach Hause zurück?«

»Sobald es Ihnen beliebt, mein wertgeschätzter Herr. Heute abend noch, wenn Sie es verlangen.«

»Ich verlange nichts«, erwiderte der Alte. »Eine solche Forderung wäre unbillig. Paßt es Ihnen Ende dieser Woche?«

– Zu dieser Zeit gerade am allerbesten, würde Mr. Pecksniff versichert haben, wenn ihm nicht seine Töchter mit dem Ausruf zuvorgekommen wären: »Wir wollen also Samstag aufbrechen, liebster Papa.« – »Und Ihre Auslagen, Vetter«, sagte Martin und zog einen zusammengelegten Papierstreifen aus seiner Brieftasche, »übersteigen vielleicht diese Summe. Wenn dem so ist, so lassen Sie mich, was ich Ihnen noch schulde, bei unserer nächsten Zusammenkunft wissen. Es wäre zwecklos, wenn ich Ihnen meinen gegenwärtigen Aufenthalt angeben wollte, da ich mich nirgends lange aufhalte. Sollte es doch nächstens einmal der Fall sein, so werde ich es Sie wissen lassen. Sie und Ihre Töchter werden mich in Bälde zu sehen bekommen; auch brauche ich Ihnen wohl kaum zu sagen, daß hinsichtlich des Vorgefallenen strengste Verschwiegenheit herrschen muß. Was Sie zu tun haben, wenn Sie nach Hause kommen, ist bereits zwischen uns abgemacht. Sie brauchen mir darüber nicht zu berichten, auch später die Sache unter keinen Umständen weiter zu erwähnen. Ich muß mir diese Gunst von Ihnen erbitten. Ich bin kein Freund von vielen Worten, Vetter, und alles Nötige ist, glaube ich, bereits besprochen.«

»Nehmen Sie doch ein Glas Wein – einen Bissen von diesem hausgebackenen Kuchen!« rief Mr. Pecksniff, bemüht, den alten Herrn nach Kräften zurückzuhalten. »Meine Lieben – –«

– Die Schwestern flogen nur so, um ihn zu bedienen. –

»Die armen Mädchen!« klagte Mr. Pecksniff. »Sie müssen ihre Aufregung entschuldigen, mein werter Herr, denn sie sind durch und durch Empfindung. Eine schlimme Mitgift, um damit durch die Welt zu kommen, Mr. Chuzzlewit! Meine jüngste Tochter ist fast schon so sehr Weib wie die ältere – finden Sie nicht auch, Sir?«

»Welche ist die jüngere?« fragte der alte Mann.

»Gratia – um fünf Jahre. Wir wagen bisweilen, sie ziemlich hübsch gewachsen zu finden, Sir. Als Künstler zu sprechen, ist mir vielleicht zu bemerken erlaubt, daß ihre Umrisse anmutig und korrekt sind. Natürlich«, setzte Mr. Pecksniff hinzu, trocknete sich den Angstschweiß mit seinem Taschentuch von den Händen und sah fast bei jedem Worte seinem Vetter aufmerksam besorgt ins Gesicht – »natürlich bin ich stolz darauf – wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf –, eine Tochter zu besitzen, die nach den besten Modellen konstruiert ist.«

»Sie scheint ein lebhaftes Temperament zu haben«, warf Martin hin. »Bei Gott!« rief Mr. Pecksniff, »Wie außerordentlich merkwürdig! Sie haben ihren Charakter getroffen, mein werter Herr, als ob Sie sie von ihrer Geburt an gekannt hätten. – Freilich hat sie ein lebhaftes Temperament. Ich versichere Ihnen, mein werter Herr, in unserer anspruchslosen Heimat ist ihr Frohsinn fast sprichwörtlich.«

»Ich zweifle nicht im mindesten daran«, entgegnete der alte Mann.

»Andererseits zeichnet sich Charitas durch hellen Verstand und Gemütstiefe aus, wenn eine solche Beurteilung aus dem Munde eines Vaters nicht parteiisch klingt. Es herrscht eine wunderbare Harmonie unter ihnen, mein teurer Herr! Erlauben Sie mir, auf Ihre Gesundheit zu trinken. Gottes Segen über Sie!«

»Ich hätte mir’s vor einem Monat nicht träumen lassen«, murmelte Martin, »daß ich noch einmal mit Ihnen Brot und Wein genießen würde. – Auf Ihr Wohl!«

Nicht weiter durch die ungewöhnliche Schroffheit, mit der die letzten Worte gesprochen wurden, betroffen, drückte Mr. Pecksniff Martin seinen tiefstgefühlten Dank aus.

»Jetzt lassen Sie mich aber gehen«, sagte der Alte und stellte das Weinglas wieder nieder, das er kaum mit den Lippen berührt hatte. »Meine Lieben, guten Morgen!«

Dieses kühle Lebewohl war nicht zärtlich genug für die sehnsuchtsvollen Herzen der jungen Damen, und immer wieder und wieder umarmten sie den alten Herrn mit großer Innigkeit. Weit gutmütiger, als man von ihm hätte erwarten können, fügte dieser sich in ihre Liebkosungen, trotzdem er kaum einen Augenblick früher ihren Vater so wenig gefühlvoll abgefertigt hatte.

Nach glücklicher Beendigung der Zeremonie nahm Mr. Chuzzlewit hastig Abschied und entfernte sich, während ihn Vater und Töchter zur Haustüre begleiteten, dort stehen blieben und ihm, von Liebe überströmend, Kußhändchen nachwarfen, bis er außer Sicht war, trotzdem er sich befremdlicherweise kein einziges Mal umdrehte.

Als sie alle wieder in Mrs. Todgers‘ Zimmer versammelt waren, entwickelten die beiden jungen Damen eine ungewöhnliche Heiterkeit, klatschten in die Hände und lachten mit schelmischen Mienen und neckischen Gebärden ihren teuern Papa an. Dieses Benehmen war so unerklärlich, daß Mr. Pecksniff, der stets sehr ernster Natur war, nicht umhin konnte, ihnen wegen ihres leichtfertigen Sichgehenlassens in seiner milden Weise die entsprechenden Vorwürfe zu machen.

»Wenn ich mir nur den entferntesten Grund für solche Lustigkeit denken könnte«, sagte er, »so würde ich euch nicht tadeln. So aber, wo nicht der geringste Anlaß dazu ist – – nein, wahrhaftig – wahrhaftig – –!«

Diese Ermahnung machte leider so wenig Eindruck auf Gratia, daß sie sich in ihrem Sessel zurückwerfen und das Taschentuch vor ihre rosigen Lippen halten mußte, um nicht vor Lachen loszubrechen. Ein solcher Mangel an kindlicher Achtung mußte Mr. Pecksniff naturgemäß kränken, und eben wollte er eine angemessene Standrede halten und den väterlichen Rat hinzufügen, sie möge sich durch Selbstbetrachtung in der Einsamkeit zu bessern suchen, als ihn der Lärm streitender Stimmen aus dem Nebenzimmer unterbrach.

»Mir ganz wurst, Mrs. Todgers«, hörte man den jungen Herrn sagen, der am Tage des Banketts der jüngste unter den Gentlemen gewesen war. »Kümmert mich auch nicht so viel« – er schnappte dabei mit den Fingern – »der – der Jinkins, Madam! Glauben Sie mir das!«

»Ich bin vollkommen davon überzeugt, Sir«, versetzte Mrs. Todgers. »Ich weiß, Sie haben einen zu unabhängigen Charakter, um irgend jemandem nachzugeben. Und zwar mit Recht. Es ist kein Grund vorhanden, warum Sie irgendeinem Gentleman nachstehen sollten – das muß jedermann einsehen.«

»Ich würde mir so wenig daraus machen, das Tageslicht dem Kerl durch den Leib scheinen zu lassen«, rief der »jüngste Gentleman« außer sich vor Empörung, »wie einem Bullenbeißer.«

Mrs. Todgers hielt sich nicht lange mit der Erörterung der Frage auf, warum gerade ein Bullenbeißer den Gipfel der Wurstigkeit bei einem solchen Prozeß darstelle, sondern rang nur stöhnend die Hände.

»Er soll sich in acht nehmen«, zischte der jüngste Gentleman. »Ich warne ihn. Niemand soll es wagen, sich zwischen mich und den Strom meiner Rache zu werfen! Ich kenne einen – ›Kerl‹ –« versprach er sich in seiner Aufregung, verbesserte sich aber rasch, »einen vermögenden Gentleman, will ich sagen, der ein paar Pistolen besitzt. Wenn man mich so weit treibt, mir sie von ihm auszuborgen und Jinkins einen ›unangenehmen Herrn‹ zu schicken, so kriegen die Zeitungen ein Trauerspiel zu berichten. Weiter sage ich nichts.«

Mrs. Todgers stöhnte abermals.

»Ich hab‘ lange genug zugesehen«, fuhr der jüngste Gentleman fort, »aber jetzt empört sich alles in mir dagegen, und ich halte es nicht länger aus. Ich habe meinem Vaterhaus den Rücken gekehrt, weil sich etwas in mir dagegen auflehnte, mich von meiner Schwester herumkommandieren zu lassen, und glauben Sie vielleicht, ich werde mir hier von diesem Kerl auf den Kopf spucken lassen? O nein.«

»Es ist sehr unrecht von Mr. Jinkins – ich gebe zu, es ist geradezu unentschuldbar von Mr. Jinkins, wenn er wirklich so etwas beabsichtigt – –« wollte Mrs. Todgers zu besänftigen anfangen.

»Wenn er so etwas beabsichtigt?« rief der jüngste Gentleman. »Unterbricht er mich und widerspricht er mir vielleicht nicht bei jeder Gelegenheit? Versäumt er je, zwischen mich und die Gegenstände oder Personen zu treten, von denen er sieht, daß ich mein Auge auf sie geworfen habe? Tut er nicht immer, als habe er mich nur vergessen, wenn er das Bier verteilt? Renommiert er vielleicht nicht immer mit seinem Rasiermesser und läßt er nicht kränkende Bemerkungen über Leute fallen, bei denen es angeblich ein Radiergummi täte? Er soll nur zusehen, daß er sich nicht eines schönen Tages glatter rasiert findet, als ihm lieb ist. Das sage ich ihm ins Gesicht!«

Hinsichtlich des Schlußsatzes war nun allerdings der junge Gentleman ein wenig im Irrtum, sintemalen er nie etwas zu Mr. Jinkins persönlich sagte, sondern es immer nur hintenherum durch Mrs. Todgers sagen ließ.

»Indes«, fuhr er fort, »sind das keine geeigneten Themen für Frauenohren. Ich habe Ihnen jetzt weiter nichts mehr zu sagen, Mrs. Todgers, als daß ich für Samstag über acht Tage Kost und Quartier gekündigt sehen will. Ich kann nicht länger dieselbe Luft mit diesem Elenden atmen. Wenn’s in der Zwischenzeit ohne Blutvergießen abläuft, so können Sie sich glücklich schätzen; ich glaube es aber kaum.«

»Ach Gott, ach Gott«, jammerte Mrs. Todgers, »was gäb ich drum, wenn ich’s hätte verhindern können! In Ihnen verliert das Haus seine rechte Hand. Sie sind so beliebt bei den Herren! Alles hat Sie gern und richtet sich nach Ihnen! Ich hoffe, Sie besinnen sich noch eines Besseren, und wenn’s schon nicht der andern wegen ist, so tun Sie’s doch um meinetwillen!«

»Sie haben ja den Jinkins«, schmollte der jüngste Gentleman. »Ihren Liebling. Er wird Sie und die Herren für den Verlust von zwanzig solchen Kostgängern, wie ich bin, zu trösten wissen. – Man versteht mich in diesem Hause nicht – hat mich nie verstanden.«

»Scheiden Sie nicht in dieser Meinung von mir, Sir«, rief Mrs. Todgers mit edlem Unwillen. »Sie dürfen meiner Anstalt so etwas nicht nachsagen! So schlimm ist’s noch nicht, Sir. Gegen die Herren oder mich können Sie äußern, was Sie wollen, nur sagen Sie nicht, daß man Sie in diesem Hause nicht verstanden hat!«

»Wenigstens hat man mich nicht danach behandelt«, lenkte der jüngste Gentleman ein.

»Da sind Sie gewaltig im Irrtum«, protestierte Mrs. Todgers eifrig. »Ich und viele von den Herren haben oft gesagt, Sie sind zu sensüdiv; da sitzt der Haken. Sie haben eine zu empfindsame Natur, sind zu seelenvoll.«

Der »jüngste Gentleman« hustete.

»Und was – was Mr. Jinkins betrifft, wenn es denn wirklich bei der Aufkündigung bleiben soll, so mögen Sie wissen, daß ich ihm durchaus keine Brücke nicht trete. Keine Spur von einer Idee! Es wär mir sogar recht lieb, wenn Mr. Jinkins in diesem Edablissemang einen weniger hohen Ton annehmen möchte und nicht immer Anlaß zu Mißhelligkeiten zwischen mir und den Herren geben, die ich weit lieber an meinem Tisch hab als ihn. – Mr. Jinkins ist kein Kostgänger nicht danach, Sir«, fügte sie hinzu, »daß man alle Rücksichten des Gefühls und der Achtung seinetwegen beiseite lassen könnt – ganz im Gegenteil, das sag ich Ihnen.«

Der junge Gentleman wurde durch diese und ähnliche Vorstellungen schließlich so butterweich, daß am Ende Mrs. Todgers die Gekränkte war und er der Schuldige; – letzteres allerdings nicht im bösen Sinne, denn die wackere Frau hielt seine Grausamkeit seinem exaltierten Naturell zugute. Er nahm daher zuletzt seine Aufkündigung wieder zurück, versicherte Mrs. Todgers seiner unwandelbaren Hochachtung und ging wieder an seine Geschäfte.

»Ach, du mein Gott, Misses Pecksniff!« sagte Mrs. Todgers, als sie in das Hinterstübchen trat, sich erschöpft niedersetzte und dabei ihren Korb auf die Knie stellte und die Hände darüber faltete, »was für eine Geduld dazu gehört, solch ein Haus zu halten! Sie müssen doch gehört haben, was sich da wieder getan hat. – Ist so was schon dagewesen?!«

»Nie!« versicherten die beiden Misses Pecksniff.

»Von all den lächerlichen jungen Leuten, mit denen ich schon zu tun gehabt hab, ist das der allerlächerlichste und unvernünftigste. Mr. Jinkins ist manchmal ein bißchen von oben herunter mit ihm, aber noch lang nicht so von oben herunter, wie er es verdient. Einen Gentleman wie Mr. Jinkins nur in einem Atem mit ihm zu nennen – wissen Sie, das ist zuviel! Und doch ist er immer so eifersüchtig auf ihn, als ob er seinesgleichen wär – Gott im Himmel!«

Die jungen Damen waren von Mrs. Todgers‘ Bericht höchlichst ergötzt und nicht minder von gewissen Anekdoten, mit denen sie den Charakter des »jüngsten Gentlemans« näher zu beleuchten fortfuhr. Nur Mr. Pecksniff machte eine sehr ernste und indignierte Miene, und als sie fertig war, sagte er mit feierlicher Stimme:

»Bitte, Mrs. Todgers, wenn ich fragen darf – wieviel steuert dieser junge Gentleman zur Unterhaltung der Anstalt bei?«

»Je nun, Sir, für das, was er braucht, zahlt er ungefähr achtzehn Schilling wöchentlich.«

»Achtzehn Schillinge wöchentlich?« wiederholte Mr. Pecksniff. – »Eins zum andern gerechnet, wird’s so ziemlich auf das hinauslaufen«, meinte Mrs. Todgers.

Mr. Pecksniff stand von seinem Stuhle auf, verschränkte die Arme, sah die Pensionsinhaberin vorwurfsvoll an und schüttelte das Haupt.

»Und ist das wirklich Ihr Ernst, Madam – ist’s möglich, Mrs. Todgers, daß eine Frau von ihrem Verstand sich wegen der erbärmlichen Rücksicht auf wöchentlich achtzehn Schillinge auch nur einen Augenblick so weit erniedrigen kann, sich der Achselträgerei hinzugeben?«

»Ich muß halt mein Zeug nach Kräften in Ordnung halten, Sir«, stotterte Mrs. Todgers. »Ich muß für den Frieden Sorge tragen und es mir womöglich mit meinen Konnexionen nicht verschütten, Mr. Pecksniff. Der Profit ist sehr gering.«

»Der Profit?« rief der Treffliche, einen großen Nachdruck auf dieses Wort legend. »Der Profit, Mrs. Todgers? Sie setzen mich in Erstaunen!« Er machte dabei ein so strenges Gesicht, daß Mrs. Todgers die Tränen in die Augen traten.

»Der Profit!« wiederholte Mr. Pecksniff. »Ein Profit durch Heuchelei erkauft! Das goldene Kalb des Baal anzubeten um achtzehn Schillinge wöchentlich!«

»Beurteilen Sie mich im Bewußtsein Ihrer eignen Tugendhaftigkeit nicht zu hart, Mr. Pecksniff«, rief Mrs. Todgers und zog ihr Taschentuch heraus.

»O Kalb, Kalb!« seufzte Mr. Pecksniff wehmütig. »O Baal, Baal! O meine Freundin Todgers! Die Selbstachtung, dieses köstliche Juwel, wegzuwerfen und vor einem sterblichen Wesen im Staube zu kriechen für achtzehn Schillinge wöchentlich!«

Diese Reflexion wirkte so niederschmetternd auf ihn, daß er unverzüglich im Flur draußen seinen Hut vom Haken herunternahm und einen Spaziergang machte, um sein Gemüt zu beruhigen. Und wer ihm auf der Straße begegnete, mußte auf den ersten Blick den Gerechten in ihm erkennen, so sehr hob sich seine Brust im Bewußtsein der Sittenpredigt, die er soeben Mrs. Todgers gehalten.

Achtzehn Schillinge wöchentlich! Gerecht, höchst gerecht, edler Pecksniff, war dein Tadel! Hätte es sich allenfalls um einen Orden gehandelt, um das anerkennende Lächeln eines großen Mannes, um einen Sitz im Parlament, um den Schlag eines adelnden Schwertes auf die Schulter, um eine hohe Stelle, eine gute Partie, allenfalls um achtzehntausend oder auch nur um achtzehnhundert Pfund; – ja dann! – Aber das goldene Kalb für achtzehn Schillinge wöchentlich anzubeten! O Jammer, Jammer!