Zweiter Akt

Szene: Salon in Lord Windermeres Haus. Tür zu einem Ballsaal, wo ein Orchester spielt. Tür, durch die Gäste hereinkommen. Tür zu einer beleuchteten Terrasse. Palmen, Blumen, strahlendes Licht. Voll von Gästen. Lady Windermere empfängt sie.

Die Herzogin von Berwick: So merkwürdig, dass Lord Windermere nicht hier ist. Auch Mr. Hopper ist sehr verspätet. Du hast fünf Tänze für ihn freigehalten, nicht wahr, Agatha?

Agatha: Ja, Mutti.

Die Herzogin von Berwick: Lass mich mal deine Ballkarte sehen. Es freut mich so, dass Lady Windermere Ballkarten wiederbelebt hat. Sie sind die einzige Sicherheitsmaßnahme einer Mutter. Du bist dir vielleicht ein süßes kleines Ding! (Streicht zwei Namen aus.) Ein anständiges Mädchen soll mit solchen jüngeren Söhnen nie Tanzen! Es scheint so leichtsinnig! Während der letzten zwei Tänze darfst du auf die Terrasse mit Mr. Hopper gehen. (Mr. Dumby und Lady Plymdale treten vom Ballsaal auf.)

Agatha: Ja, Mutti.

Die Herzogin von Berwick: Die Luft ist so angenehm dort.

Parker: Mrs. Cowper–Cowper. Lady Stutfield. Sir James Royston. Mr. Guy Berkeley. (Sie kommen herein.)

Lord Darlington: Guten Abend, Lady Stutfield. Ich vermute, dies ist der letzte Ball der Saison?

Lady Stutfield: Vermutlich, Mr. Dumby. Es ist eine vergnügliche Saison gewesen, nicht wahr?

Lord Darlington: Äußerst vergnüglich! … Guten Abend, Herzogin. Ich vermute, dies ist der letzte Ball der Saison?

Die Herzogin von Berwick: Vermutlich, Mr. Dumby. Es ist eine sehr langweilige Saison gewesen, nicht wahr?

Lord Darlington: Furchtbar langweilig! Furchtbar langweilig!

Mrs. Cowper-Cowper: Guten Abend, Mr. Dumby. Ich vermute, dies ist der letzte Ball der Saison?

Lord Darlington: Oh, das glaube ich nicht. Wahrscheinlich gibt es noch zwei. (Geht zu Lady Plymdale zurück.)

Parker: Mr. Rufford. Lady Jedburgh und Miss Graham. Mr. Hopper. (Sie kommen herein.)

Mr. Hopper: Guten Abend, Lady Windermere, guten Abend, Herzogin. (Verbeugt sich vor Lady Agatha.)

Die Herzogin von Berwick: Lieber Mr. Hopper, wie nett von Ihnen, so früh zu kommen. Wir wissen alle, wie gefragt Sie in London sind.

Mr. Hopper: Großartiger Ort, London! Die Leute sind nicht ganz so versnobt in London wie in Sydney.

Die Herzogin von Berwick: Ah, Mr. Hopper, wir kennen Ihren Wert! Wir wünschten, dass es mehre wie Sie gäbe. Das würde das Leben viel einfacher machen. Wissen Sie, Mr. Hopper, die liebe Agatha und ich sind sehr interessiert in Australien. Es muss so lustig sein, mit den süßen kleinen Känguruhs, die herumfliegen. Agatha hat es auf der Landkarte gefunden. Welch eine merkwürdige Form es hat! Genau wie ein großer Koffer. Es ist aber ein sehr junges Land, nicht wahr?

Mr. Hopper: Wurde es nicht zur selben Zeit wie die anderen geschaffen, Herzogin?

Die Herzogin von Berwick: Wie sind Sie doch scharfsinnig, Mr. Hopper. Sie haben eine ganz eigene Gerissenheit. Aber ich werde Sie nicht halten.

Mr. Hopper: Aber eigentlich möchte ich gern mit Lady Agatha tanzen, Herzogin.

Die Herzogin von Berwick: Dann hoffe ich wirklich, dass sie einen Tanz übrig hat. Hast du einen Tanz übrig, Agatha?

Agatha: Ja, Mutti.

Die Herzogin von Berwick: Den nächsten?

Agatha: Ja, Mutti.

Mr. Hopper: Erlauben Sie? (Lady Agatha verneigt sich.)

Die Herzogin von Berwick: Und passen Sie nun sehr gut auf meine kleine Plaudertasche auf, Mr. Hopper. (Mr. Hopper und Lady Agatha treten ab. Lord Windermere tritt auf.)

Lord Windermere: Margaret, ich möchte mit dir sprechen.

Lady Windermere: In einem Augenblick.

Parker: Lord Augustus Lorton. (Lord Augustus tritt auf.)

Lord Augustus: Guten Abend, Lady Windermere.

Die Herzogin von Berwick: Sir James, führen Sie mich bitte in den Ballsaal hinein. Augustus hat heute Abend mit uns diniert. Momentan habe ich den lieben Augustus ganz satt. (Sir James Royston gibt der Herzogin seinen Arm und begleitet sie in den Ballsaal.)

Parker: Mr. und Mrs. Arthur Bowden. Lord und Lady Paisley. Lord Darlington. (Sie treten auf.)

Lord Augustus: Will mich mit Ihnen unterhalten, alter Junge. Bin völlig kaputt. Ich weiß, ich sehe nicht so aus. Keiner von uns Männern sieht aus, wie wir wirklich sind. Und das ist eine verflixt gute Sache. Was ich wissen will, ist Folgendes. Wer ist sie? Woher kommt sie? Warum hat sie keine verflixten Verwandten? Eine verflixte Plage, Verwandte. Aber sie machen einen so verflixt achtbar.

Lord Windermere: Sie sprechen von Mrs. Erlynne, vermute ich? Ich bin ihr vor nur sechs Monaten begegnet. Vorher wusste ich von ihrer Existenz gar nichts.

Lord Augustus: Aber seitdem haben Sie sie ziemlich oft gesehen.

Lord Windermere: (Kalt.) Ja, seitdem habe ich sie oft gesehen. Ich habe sie gerade heute gesehen.

Lord Augustus: Meine Güte, die Frauen sind hinter ihr her! Ich habe heute Abend mit Arabella gegessen. Allmächtiger Gott! Sie hätten hören sollen, was sie von Mrs. Erlynne sagte. Sie zog sie bis aufs Hemd aus. (Gedämpft.) Berwick und ich sagten ihr, dass es nichts tue, da die erwähnte Frau eine fabelhafte Figur hat. Sie hätten ihr Gesicht sehen sollen! … Aber hör mal zu, mein Junge. Ich weiß gar nicht, was ich mit Mrs. Erlynne tun soll. Herrje! Ich könnte mit ihr verheiratet sein, mit solcher verflixten Gleichgültigkeit behandelt sie mich. Und verdammt schlau ist sie! Sie erklärt alles. Gütiger Himmel! Sie erklärt Sie. Sie hat allerlei Erklärungen für Sie – und sie sind alle verschieden.

Lord Windermere: Keine Erklärungen sind notwendig betreffs meiner Freundschaft mit Mrs. Erlynne.

Lord Augustus: Ahem! … Aber hör mal zu, mein lieber alter Freund. Glauben Sie, dass sie jemals in dieses verflixte sogenannte gesellschaftliche Leben kommen wird? Wollten Sie sie Ihrer Frau vorstellen? Es gibt keinen Grund, Ausflüchte zu machen. Wollten Sie das tun?

Lord Windermere: Mrs. Erlynne wird heute Abend hierher kommen.

Lord Augustus: Ihre Frau hat ihr eine Karte geschickt?

Lord Windermere: Sie hat eine Karte empfangen.

Lord Augustus: Aber dann ist sie völlig annehmbar, alter Junge. Warum haben Sie es mir nicht früher gesagt? Dann hätte ich mir eine Menge Sorgen und verflixte Missverständnisse sparen können! (Lady Agatha und Mr. Hopper gehen vom Ballsaal zur Terrasse.)

Parker: Mr. Cecil Graham. (Mr. Cecil Graham tritt auf.)

Cecil Graham: (Verbeugt sich vor Lady Windermere, geht zu Lord Windermere und gibt ihm die Hand.) Guten Abend, Arthur. Warum fragen Sie mich nicht, wie es mir geht? Es gefällt mir, wenn die Leute mich fragen, wie es mir geht. Es zeigt ein ernstes Interesse an meinem Gesundheitszustand. Heute Abend fühle ich mich jedoch gar nicht wohl. Habe mit der Familie gegessen. Ich möchte wissen, warum die eigene Familie immer so langweilig ist. Nach dem Essen wollte mein Vater Moral diskutieren. Ich sagte ihm, dass er alt genug sei, um es besser zu wissen. Aber meine Erfahrung ist, dass sobald jemand alt genug ist, um es besser zu wissen, dann weiß er überhaupt nichts. Hallo, Tuppy! Ich höre, Sie werden noch ein Mal heiraten. Dachte, Sie wären dieses aussichtslosen Unternehmens müde.

Lord Augustus: Sie sind außerordentlich trivial, mein lieber Junge, außerordentlich trivial!

Cecil Graham: Übrigens, Tuppy, wie ist es? Sind Sie zweimal verheiratet und einmal getrennt, oder zweimal getrennt und einmal verheiratet? Ich sage, Sie sind zweimal getrennt und einmal verheiratet. Das scheint im hohen Grade wahrscheinlicher.

Lord Augustus: Mein Gedächtnis versagt mir. Daran erinnere ich mich wirklich nicht. (Geht weg.)

Lady Plymdale: Lord Windermere, ich muss Sie etwas ganz Besonders fragen.

Lord Windermere: Ich … entschuldigen Sie mich, bitte … ich muss mit meiner Frau sprechen.

Lady Plymdale: Oh, daran dürfen Sie nicht einmal denken. Heutzutage ist es höchstens gefährlich für einen Ehemann, seiner Frau sogar die kleinste Aufmerksamkeit öffentlich zu erweisen. Dann glauben die Leute, dass er sie schlägt, wenn sie allein sind. Die Welt ist so misstrauisch gegen glückliche Ehen gewesen. Aber ich werde Ihnen meine Frage beim Essen stellen. (Geht gegen Ballsaal.)

Lord Windermere: Margaret, ich muss mit dir sprechen.

Lady Windermere: Könnten Sie bitte meinen Fächer halten, Lord Darlington? Danke sehr.

Lord Windermere: Margaret, was du heute Nachmittag sagtest, war natürlich unmöglich?

Lady Windermere: Diese Frau wird heute Abend nicht hierher kommen!

Lord Windermere: Mrs. Erlynne wird kommen, und wenn du sie im Geringsten belästigst oder beleidigst, wirst du Schande und Unglück über uns beide bringen. Merk dir das! Ah, Margaret! Verlass dich auf mich! Eine Frau soll sich auf ihren Mann verlassen!

Lady Windermere: London ist voll von Frauen, die sich auf ihre Männer verlassen. Man kann sie immer erkennen. Sie scheinen vollkommen unglücklich zu sein. Ich will keine von denen werden. (Geht zu Lord Darlington.) Lord Darlington, kann ich bitte meinen Fächer zurück haben? Ich bedanke mich … Ein nützliches Ding, so ein Fächer, oder? … Ich brauche einen Freund heute Abend, Lord Darlington. Ich wusste nicht, dass ich so bald einen brauchen würde.

Lord Darlington: Lady Windermere! Ich wusste, dass es eines Tages geschehen würde. Aber warum heute Abend?

Lord Windermere: Ich werde es ihr sagen. Ich muss. Es wäre schrecklich, wenn eine Szene entstehen würde. Margaret …

Parker: Mrs. Erlynne! (Lord Windermere schrickt zusammen. Mrs. Erlynne kommt herein, sehr schön gekleidet und sehr würdig. Lady Windermere fasst ihren Fächer, lässt ihn aber dann auf den Boden fallen. Sie verbeugt sich kalt vor Mrs. Erlynne, die ihren Gruß charmant erwidert und danach sich der Gesellschaft anschliest.)

Lord Darlington: Sie haben Ihren Fächer fallen lassen, Lady Windermere. (Liest ihn auf und reicht ihn ihr.)

Mrs. Erlynne: Guten Abend, Lord Windermere. Was sieht Ihre süße Frau doch charmant aus! Eine echte Schönheit!

Lord Windermere: (Gedämpft.) Es ist schrecklich unüberlegt von Ihnen, hierher zu kommen!

Mrs. Erlynne: Es ist das Klügste, das ich je getan habe. Übrigens müssen Sie mir viel Aufmerksamkeit heute Abend erweisen. Ich habe Angst vor den Frauen. Sie müssen mich einigen von ihnen vorstellen. Den Männern gegenüber komme ich leicht zurecht. Guten Abend, Lord Augustus. Sie haben mich ganz vernachgelässigt in letzter Zeit. Ich habe Sie seit gestern nicht gesehen. Ich befürchte, Sie sind treulos. Das sagen mir alle.

Lord Augustus: Bei meiner Ehre, Mrs. Erlynne, erlauben Sie mir zu erklären.

Mrs. Erlynne: Nein, lieber Augustus, Sie können gar nichts erklären. Und das ist Ihre größte Liebenswürdigkeit.

Lord Augustus: Ah! Wenn Sie mich liebenswürdig finden …

Lord Darlington: (Zu Lady Windermere.) Sie sehen bleich aus.

Lady Windermere: Feiglinge sind immer bleich!

Lord Darlington: Fühlen Sie sich wohl? Kommen Sie mit auf die Terrasse.

Lady Windermere: Ja. Parker, lassen Sie meinen Mantel bringen.

Mrs. Erlynne: (Geht zu Lady Windermere.) Lady Windermere, was ist Ihre Terrasse doch schön beleuchtet. Es erinnert mich an Fürst Dorias Palast in Rom. (Lady Windermere verbeugt sich kalt und geht mit Lord Darlington weg.) Oh, guten Abend, Mr. Graham. Ist das nicht Ihre Tante, Lady Jedburgh? Ich möchte sie sehr gern treffen.

Cecil Graham: (Verlegen.) Aber natürlich, wenn Sie möchten. Tante Caroline, erlaube mir, Mrs. Erlynne vorzustellen.

Mrs. Erlynne: Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Lady Jedburgh. (Setzt sich neben sie auf das Sofa.) Ihr Neffe und ich sind sehr gute Freunde. Ich habe großes Interesse an seiner politischen Karriere. Er wird ganz bestimmt großen Erfolg ernten. Er denkt wie ein Konservativer und redet wie ein Radikaler, und das ist äußerst wichtig heutzutage. Er ist wirklich ein hervorragender Redner. Und wir wissen alle, von wem er das geerbt hat. Erst gestern sagte mir Lord Allandale im Park, dass Mr. Graham fast so gut wie seine Tante redet.

Lady Jedburgh: Es ist sehr nett von Ihnen, mich zu komplimentieren! (Mrs. Erlynne lächelt und fährt mit dem Gespräch fort.)

Lord Darlington: Haben Sie Lady Jedburgh Mrs. Erlynne vorgestellt?

Cecil Graham: Ich musste, mein lieber Freund. Ich konnte es nicht vermeiden! Diese Frau kann einen bewegen, irgendwas zu tun. Wie weiß ich nicht.

Lord Darlington: Ich hoffe um Gottes Willen, dass sie nicht anfängt, sich mit mir zu unterhalten!

Mrs. Erlynne: (Zu Lady Jedburgh.) Am Donnerstag? Mit großem Vergnügen. (Erhebt sich und geht zu Lord Windermere.) Es ist furchtbar langweilig, höflich gegen diese alten Frauenzimmer sein zu müssen. Aber darauf bestehen sie immer.

Lady Plymdale: Wer ist diese rassige Frau, die mit Windermere redet?

Lord Darlington: Gar keine Ahnung! Sieht aus wie eine édition de luxe von einem unmoralischen französischen Roman, der besonders für den englischen Markt geschrieben ist.

Mrs. Erlynne: So, das ist also der arme Dumby mit Lady Plymdale? Ich höre, dass sie sehr eifersüchtig auf ihn ist. Er scheint nicht eifrig, mit mir zu sprechen. Ich vermute, er hat Angst vor ihr. Diese strohgelben Frauen sind schrecklich temperamentvoll. Wissen Sie was, ich glaube, ich werde zuerst mit Ihnen tanzen, Windermere. (Lord Windermere beißt sich in die Lippe.) Das wird Lord Augustus furchtbar eifersüchtig machen. Lord Augustus! (Lord Augustus kommt.) Lord Windermere besteht darauf, dass ich zuerst mit ihm tanze, und da es sein Haus ist, kann ich mich nicht wohl weigern. Aber Sie wissen, ich möchte lieber mit Ihnen tanzen.

Lord Augustus: (Mit langer Verbeugung.) Ich wünschte, ich könnte das glauben.

Mrs. Erlynne: Das wissen Sie nur zu gut. Ich kann mir vorstellen, dass man durch das Leben mit Ihnen tanzen und es charmant finden kann.

Lord Augustus: Oh, danke sehr, danke sehr. Sie sind die reizendste aller Frauen!

Mrs. Erlynne: Was für ein nettes Redchen! So einfach und so aufrichtig! Genau was mir gefällt. Sie werden meinen Strauß halten. (Nimmt Lord Windermeres Arm und geht mit ihm zum Ballsaal.) Ah, Mr. Dumby, wie geht es Ihnen? Es tut mir wirklich leid, dass ich nicht zu Hause war, die letzten drei Male, als Sie auf Besuch kamen. Aber kommen Sie am Freitag um die Mittagszeit.

Lord Darlington: (Völlig lässig.) Ein Vergnügen! (Lady Plymdale sieht entrüstet Mr. Dumby an. Lord Augustus folgt Mrs. Erlynne und Lord Windermere in Ballsaal, Strauß in Hand.)

Lady Plymdale: (Zu Mr. Dumby.) Du bist doch ein frecher Kerl! Ich werde nie wieder ein Wort glauben, das du sagst! Warum sagtest du, dass du sie nicht kennst? Wie in aller Welt kommst du dazu, sie dreimal zu besuchen? Du wirst am Freitag nicht dahin gehen! Natürlich verstehst du das.

Lord Darlington: Meine liebe Laura, davon könnte ich gar nicht träumen!

Lady Plymdale: Du hast mir ihren Namen noch nicht genannt. Wer ist sie?

Lord Darlington: (Räuspert sich.) Sie ist eine gewisse Mrs. Erlynne.

Lady Plymdale: Diese Frau!

Lord Darlington: Ja, das ist, was alle sie nennen.

Lady Plymdale: Wie interessant! Wie äußerst interessant! Ich muss sie unbedingt angucken. (Geht zur Tür zum Ballsaal und sieht ein.) Ich habe die schockierendsten Sachen über sie gehört. Man sagt, sie ruiniere den armen Windermere. Und Lady Windermere, die immer so korrekt ist, lädt sie ein! Wie urkomisch! Es erfordert eine vollkommen gute Frau, ein vollkommen idiotisches Ding zu tun. Du wirst am Freitag dahin gehen!

Lord Darlington: Aber, warum?

Lady Plymdale: Weil ich will, dass du meinen Mann mitnimmst. Er ist so aufmerksam gegen mich in der letzten Zeit gewesen, dass er eine völlige Plage geworden ist. Diese Frau ist genau das Richtige für ihn. Solange sie ihn lässt, wird er auf jeden Wink von ihr bereit stehen, und wird mich deswegen nicht belästigen. Ich versichere dir, solche Frauen sind äußerst nützlich. Sie bilden die Grundlage der Ehen anderer Leute.

Lord Darlington: Was für ein Mysterium du bist!

Lady Plymdale: Ich wünschte, du wärst es!

Lord Darlington: Ich bin – zu mir selber. Ich bin die einzige Person in der Welt, die ich gründlich kennen möchte. Aber zur Zeit scheint mir das völlig aussichtslos. (Mr. Dumby und Lady Plymdale gehen zum Ballsaal, Lady Windermere und Lord Darlington kommen von der Terrasse herein.)

Lady Windermere: Ja. Es ist ungehört, unverschämt, dass sie hierher kommt. Jetzt verstehe ich, was Sie früher heute gemeint haben. Warum haben Sie es mir nicht geradeaus gesagt? Das hätten Sie tun sollen!

Lord Darlington: Das konnte ich nicht! Ein Mann kann solches von einem anderen Mann nicht erzählen! Hätte ich aber gewusst, dass er Sie bewegen würde, sie einzuladen, würde ich es Ihnen gesagt haben, glaube ich. Dann wäre Ihnen diese Demütigung erspart geblieben.

Lady Windermere: Ich lud sie nicht ein. Er bestand darauf, dass sie kommen würde – gegen meine Bitten – gegen meine Befehle. Oh! Dieses Haus ist beschmutzt für mich! Mir scheint, dass alle Frauen hier über mich spötteln, wenn sie mit meinem Mann vorbei tanzt. Wie habe ich mich darum verdient gemacht? Ich gab ihm mein ganzes Leben. Er nahm es … nützte es aus … zerstörte es! Ich bin herabgewürdigt in meinen eigenen Augen … und der Mut fehlt mir. Ich bin ein Feigling! (Setzt sich auf das Sofa.)

Lord Darlington: Wenn ich Sie überhaupt kenne, weiß ich, dass Sie mit einem Mann, der Sie so behandelt, nicht leben können! Was für ein Leben würden Sie mit ihm haben? Sie würden fühlen, dass er Sie immer belügen würde. Sie würden fühlen, dass der Ausdruck seiner Augen falsch wäre, seine Stimme falsch, seine Liebkosungen falsch, seine Leidenschaft falsch. Er würde zu Ihnen kommen, wenn er anderer müde wäre – Sie würden ihn ermuntern sollen. Er würde zu Ihnen kommen, wenn er anderen ergeben wäre – Sie würden ihn aushalten sollen. Sie würden die Maske seines wirklichen Lebens sein müssen, der Schleier, der sein Geheimnis verbergen würde.

Lady Windermere: Sie haben Recht – es ist schrecklich, aber Sie haben Recht. Aber wohin kann ich gehen? Sie sagten, Sie würden mein Freund sein, Lord Darlington. Sagen Sie mir, was zu tun. Seien Sie jetzt mein Freund.

Lord Darlington: Zwischen Mann und Frau ist keine Freundschaft möglich. Es gibt Leidenschaft, Hass, Liebe, Verehrung, aber keine Freundschaft. Ich liebe dich …

Lady Windermere: Nein, nein!

Lord Darlington: Doch, ich liebe dich. Du bist mehr für mich, als irgendwas anders in aller Welt. Was gibt dir dein Mann? Nichts. Was er auch hat, gibt er dieser nichtswürdigen Frau, die er in dein Heim gezwungen hat, um dich vor allen zu demütigen. Ich biete dir mein Leben an …

Lady Windermere: Lord Darlington!

Lord Darlington: Mein Leben – mein ganzes Leben. Nimm es und tu damit, was dir passt … Ich liebe dich – liebe dich, wie ich irgendein lebendiges Geschöpf nie bevor geliebt habe. Von dem Augenblick ab, als ich dir begegnete, liebte ich dich – blind, vergötternd wahnsinnig! Damals wusstest du es nicht – jetzt weißt du es! Verlass dieses Haus heute Abend. Ich werde nicht sagen, dass die Welt keine Rolle spielt, oder die Stimme der Welt. Sie spielen eine große Rolle, eine allzu große Rolle. Es gibt aber Momente, da muss man wählen, entweder sein eigenes Leben zu leben, voll und ganz, nicht auf halbem Wege stehenbleiben – oder eine falsche, hohle, herabwürdigende Existenz verlängern, die die Welt heuchlerisch verlangt. Diesen Moment hast du jetzt. Wähl! Oh, meine Geliebte, wähl!

Lady Windermere: (Bewegt sich langsam von ihm weg, schaut ihn erschrocken an.) Der Mut fehlt mir.

Lord Darlington: (Folgt ihr.) Nein, du hast den Mut. Vielleicht wird es sechs Monate mit Schmerz geben, Schande sogar, aber wenn du seinen Namen nicht länger trägst, wenn du meinen trägst, wird alles gut. Margaret, meine Liebe, meine zukünftige Frau … ja, meine Frau! Du weißt es! Was bist du jetzt? Diese Frau hat die Stelle, die dir rechtmäßig gehört. Oh! Verlass dieses Haus, stolz lächelnd, mit aufrechtem Kopf, mit Mut in deinen Augen. Ganz London wird wissen, warum du es getan hast. Und wer wird es dir vorwerfen? Keiner. Und wenn sie es trotzdem tun, was wird dann das tun? Ist es falsch? Was ist Falschheit? Es ist falsch, wenn ein Mann seine Gattin zugunsten einer schändlichen Frau vernachlässigt. Es ist falsch, wenn eine Gattin mit einem Mann bleibt, der sie so sehr entehrt. Du hast einmal gesagt, dass du keine Kompromisse machst. Mach jetzt keinen. Sei Mutig! Sei du selbst!

Lady Windermere: Ich habe Angst, ich selbst zu sein. Ich muss mich überlegen, warten. Vielleicht wird mein Mann zu mir zurückkommen. (Setzt sich auf das Sofa.)

Lord Darlington: Und du würdest ihn verziehen! Du bist nicht die Frau, für die ich dich hielt. Du bist genau wie die anderen. Du verträgst alles lieber als den Tadel der Welt. In einer Woche wirst du mit dieser Frau im Park herumfahren. Sie wird dein ständigster Gast sein … deine liebste Freundin. Du hältst alles aus, lieber als dieses ungeheuerliches Band mit einem Hieb zu brechen. Du hast Recht. Du hast keinen Mut … gar keinen!

Lady Windermere: (Nervös.) Ah, ich muss denken. Ich kann nicht jetzt antworten.

Lord Darlington: Es muss jetzt oder gar nie sein.

Lady Windermere: (Erhebt sich vom Sofa.) Dann gar nie!

Lord Darlington: Du brichst mein Herz!

Lady Windermere: Meines ist schon gebrochen. (Eine Pause.)

Lord Darlington: Morgen werde ich England verlassen. Wir werden uns niemals wieder sehen. Unsere Lebensbahnen haben sich gekreuzt – unsere Seelen haben einander einen kurzen Augenblick begegnet. Sie müssen sich nie wieder treffen. Lebe wohl, Margaret. (Tritt ab.)

Lady Windermere: Wie allein ich im Leben bin! Wie furchtbar allein! (Die Musik endet. Die Herzogin von Berwick und Lord Paisley kommen lachend und sprechend herein. Auch andere Gäste kommen vom Ballsaal herein.)

Die Herzogin von Berwick: Liebe Margaret, ich habe gerade sehr gemütlich mit Mrs. Erlynne geplaudert. Es tut mir wirklich leid, was ich Ihnen von ihr heute Nachmittag sagte. Natürlich ist sie ganz großartig, wenn Sie sie einladen. Eine sehr anziehende Frau ist sie, und hat eine höchst vernünftige Ansicht des Lebens. Sie hat mir gesagt, dass sie völlig missbillige, dass die Leute mehrmals heiraten würden, und deshalb fühle ich mich des armen Augustus ziemlich sicher. Ich verstehe nicht, warum die Leute gegen sie sprechen. Es sind diese fürchterlichen Nichten von mir – die Saville–Mädchen – sie klatschen unablässig. Aber wo ist Agatha? Ah, dort! (Lady Agatha und Mr. Hopper kommen von der Terrasse herein.) Mr. Hopper, ich bin sehr, sehr böse auf Sie. Sie sind mit Agatha auf die Terrasse gegangen, und Agatha ist aüßerst zart.

Mr. Hopper: Tut mir leid, Herzogin. Wir sind hinausgegangen, und dann haben wir uns unterhalten.

Die Herzogin von Berwick: Ah, vom lieben Australien, vermute ich?

Mr. Hopper: Ja!

Die Herzogin von Berwick: (Abseits.) Agatha, meine Liebe!

Agatha: Ja, Mutti!

Die Herzogin von Berwick: Hat Mr. Hopper … ?

Agatha: Ja, Mutti!

Die Herzogin von Berwick: Und was hast du ihm geantwortet, mein Kind?

Agatha: Ja, Mutti!

Die Herzogin von Berwick: Mein süßes Mädchen! Du sagst immer das Richtige. Mr. Hopper! James! Agatha hat mir alles erklärt. Wie schlau, dass Sie und Agatha es völlig geheim gehalten haben.

Mr. Hopper: Hoffe, Sie nichts dagegen haben, dass ich dann Agatha mit mir nach Australien nehme, Herzogin?

Die Herzogin von Berwick: Nach Australien? Oh, erwähnen Sie dieses vulgäre Land nicht.

Mr. Hopper: Aber sie sagte, sie möchte mit mir fahren.

Die Herzogin von Berwick: Hast du das gesagt, Agatha?

Agatha: Ja, Mutti.

Die Herzogin von Berwick: Agatha, du sagst die verrücktest denkbaren Dinge. Alles in allem schätze ich, dass Grosvenor Square ein gesunderer Ort zum Wohnen ist. Viele vulgäre Leute wohnen dort, aber mindestens gibt es keine ekelhaften Kängurus, die herumkrabbeln. Das werden wir aber morgen diskutieren. James, Sie dürfen Agatha nach unten begleiten. Und natürlich werden Sie morgen bei uns zu Mittag essen, James. Um halb zwei statt zwei Uhr. Der Herzog wird Ihnen ein paar Worte sagen, dessen bin ich mir sicher.

Mr. Hopper: Ich möchte gern mit dem Herzog plaudern, Herzogin. Er hat mir bis jetzt kein einziges Wort gesagt.

Die Herzogin von Berwick: Ich glaube, Sie werden sehen, dass er morgen eine ganze Menge zu sagen hat. (Lady Agatha und Mr. Hopper treten ab.) Und nun gute Nacht, Lady Windermere. Ja, es ist dieselbe alte, alte Geschichte, meine Süße. Liebe – na ja, nicht auf den ersten Blick, sondern am Ende der Saison, was viel befriedigender ist.

Lady Windermere: Gute Nacht, Herzogin. (Die Herzogin von Berwick tritt mit Lord Paisley ab.)

Lady Plymdale: Meine liebe Lady Windermere, was für eine hübsche Frau, mit wem Ihr Mann getanzt hat! Ich würde ganz eifersüchtig sein, wenn ich Sie wäre! Ist sie eine gute Freundin von Ihnen?

Lady Windermere: Nein!

Lady Plymdale: Wirklich? Gute Nacht, meine Liebe. (Lady Plymdale tritt ab.)

Lord Darlington: Schreckliche Manieren der junge Hopper hat!

Cecil Graham: Ah, Hopper ist ein Gentleman der Natur, die schlimmste Art Gentleman, die ich kenne.

Lord Darlington: Eine pragmatische Frau, Lady Windermere. Viele andere Frauen hätten Mrs. Erlynne hier nicht toleriert. Aber Lady Windermere besitzt dieses ungewöhnliche Ding: gesunde Vernunft.

Cecil Graham: Und Windermere weiß, dass nichts so unschuldig aussieht, wie eine Taktlosigkeit.

Lord Darlington: Ja, lieber Windermere ist fast modern geworden. Das hätte ich nie gedacht. (Verbeugt sich vor Lady Windermere und tritt ab.)

Lady Jedburgh: Gute Nacht, Lady Windermere. Was für eine faszinierende Frau Mrs. Erlynne ist! Sie wird am Donnerstag zum Mittagessen kommen, haben Sie Lust mitzumachen? Ich erwarte den Bischof und liebe Lady Merton.

Lady Windermere: Leider bin ich in Anspruch genommen, Lady Jedburgh.

Lady Jedburgh: Tut mir leid. Komm, meine Liebe. (Lady Jedburgh und Miss Graham treten ab. Mrs. Erlynne und Lord Windermere treten auf.)

Mrs. Erlynne: Ein wunderschöner Ball ist es gewesen! Es erinnert mich an alten Tagen. (Setzt sich auf das Sofa.) Und ich sehe, es gibt genauso viele Narren im gesellschaftlichen Leben wie damals. Freut mich sehr, dass nichts geändert ist. Außer Margaret. Sie ist sich recht schön aufgewachst. Das letzte Mal, als ich sie sah – vor zwanzig Jahren – sah sie entsetzlich aus. Ganz entsetzlich, versichere ich Ihnen. Die liebe Herzogin! Und süße Lady Agatha! Genau die Art Mädchen, die mir gefällt! Also, Windermere, wenn ich die Schwägerin der Herzogin werde …

Lord Windermere: Aber werden Sie … ? (Mr. Graham und der Rest der Gäste treten ab. Lady Windermere betrachtet ihren Mann und Mrs. Erlynne mit einem schmerzvollen Ausdruck. Sie bemerken ihre Gegenwart aber nicht.)

Mrs. Erlynne: Doch! Er wird morgen um zwölf Uhr kommen. Eigentlich wollte er mir heute einen Antrag machen. Ja, tatsächlich hat er es getan. Er fuhr den ganzen Abend mit dem Antrag fort. Der arme Augustus. Sie wissen wie er immer sich selbst wiederholt. Solch eine schlechte Gewohnheit! Aber ich sagte ihm, dass ich ihm keine Antwort vor morgen geben würde. Natürlich werde ich ihn akzeptieren. Und ich kann garantieren, dass ich ihm eine bewunderungswürdige Frau sein werde. Übrigens gibt es ziemlich viel Gutes in Lord Augustus. Zum Glück nur auf der Oberfläche – genau wo gute Eigenschaften sein sollen. Aber natürlich müssen Sie mir in dieser Sache helfen.

Lord Windermere: Sie wollen wohl nicht, dass ich Lord Augustus ermutigen soll?

Mrs. Erlynne: Oh, nein! Ich kümmere mich um die Ermutigung. Aber Sie wollen mir einen netten jährlichen Betrag garantieren, oder, Windermere?

Lord Windermere: Hm … ist das, was Sie heute Abend mit mir diskutieren wollen?

Mrs. Erlynne: Ja!

Lord Windermere: (Ungeduldig.) Ich will es nicht hier erörtern.

Mrs. Erlynne: (Lachend.) Dann werden wir es auf der Terrasse erörtern. Selbst Geschäftsangelegenheiten sollen einen malerischen Hintergrund haben. Nicht wahr, Windermere? Mit dem richtigen Hintergrund kann eine Frau alles tun.

Lord Windermere: Kann es nicht bis morgen warten?

Mrs. Erlynne: Nein. Sehen Sie, morgen werde ich ihn akzeptieren. Und ich finde, es wäre nett, wenn ich ihm sagen könnte, dass ich … ja, wie viel? … 2000 Pfund pro Jahr hätte, mir hintergelassen von einem Großonkel … oder einem zweiten Mann … oder irgendeinem anderen entfernten Verwandten dieser Art. Das würde mich noch anziehender machen, nicht? Jetzt haben Sie eine wunderschöne Gelegenheit, mir ein Kompliment zu geben, Windermere. Aber Sie sind nicht besonders gut, Komplimente zu geben. Margaret muntert Sie dazu nicht auf, fürchte ich, obwohl es eine hervorragende Gewohnheit ist. Das ist ein großer Fehler. Wenn ein Mann aufhört, davon zu sprechen, was charmant ist, dann hört er auf, daran zu denken, was charmant ist. Aber im Ernst, was sagen Sie zu 2000 Pfund? Nein, sagen wir 2500 Pfund. Im modernen Leben ist Spielraum alles. Windermere, finden Sie nicht, dass die Welt ein ungestüm unterhaltsamer Ort ist? Das tue ich! (Mrs. Erlynne und Lord Windermere gehen auf die Terrasse hinaus. Die Musik fängt im Ballsaal an.)

Lady Windermere: Länger in diesem Haus zu bleiben, ist unerträglich. Ein Mann, der mich liebt, hat mir heute Abend sein ganzes Leben angeboten. Ich lehnte es ab. Das war töricht. Jetzt will ich ihm meines anbieten. Ich will ihm meines geben. Ich werde zu ihm gehen! (Zieht einen Mantel an und geht zur Tür, dreht sich dann um. Setzt sich an den Tisch und schreibt einen Brief, steckt ihn in einen Umschlag und lässt ihn auf dem Tisch zurück.) Arthur hat mich nie verstanden. Wenn er dieses liest, wird er. Jetzt darf er mit seinem Leben tun, was er will. Ich habe mit meinem getan, was ich am besten finde, was ich am richtigsten finde. Er ist es, der die Ehebande gebrochen hat – nicht ich. (Tritt ab. Mrs. Erlynne und Parker treten auf.)

Mrs. Erlynne: Ist Lady Windermere im Ballsaal?

Parker: Ihre Ladyschaft ist gerade hinausgegangen.

Mrs. Erlynne: Hinausgegangen? Sie ist nicht auf der Terrasse?

Parker: Nein, ihre Ladyschaft ist gerade aus dem Haus hinausgegangen.

Mrs. Erlynne: (Schaut den Butler mystifiziert an.) Aus dem Haus?

Parker: Jawohl. Ihre Ladyschaft teilte mir mit, dass sie einen Brief an seine Lordschaft auf dem Tisch zurückgelassen habe.

Mrs. Erlynne: Einen Brief an Lord Windermere?

Parker: Jawohl.

Mrs. Erlynne: Danke schön. (Parker tritt ab. Musik im Ballsaal endet.) Aus dem Haus hinausgegangen! Einen Brief an ihren Mann! (Geht zum Schreibtisch und schaut den Brief an. Nimmt ihn und legt ihn dann mit einem Schauder zurück.) Nein, nein! Das wäre unmöglich! Das Leben wiederholt seine Tragödien nicht! Oh, warum erinnere ich mich jetzt an den einen Augenblick meines Lebens, den ich am meisten zu vergessen wünsche? Wiederholt das Leben seine Tragödien? (Reißt den Brief auf und liest ihn, sinkt dann mit einem Ausdruck des Entsetztens in einen Stuhl hinab.) Oh, wie fürchterlich! Eben dieselben Wörter, die ich vor zwanzig Jahren ihrem Vater schrieb! Und wie hart ich dafür bestraft worden bin! Nein, meine Strafe, meine wirkliche Strafe ist heute, ist jetzt! (Lord Windermere tritt auf.)

Lord Windermere: Haben Sie meiner Frau gute Nacht gesagt?

Mrs. Erlynne: (Drückt den Brief in der Hand.) Ja.

Lord Windermere: Wo ist sie?

Mrs. Erlynne: Sie ist sehr müde. Sie ist ins Bett gegangen. Sie sagte, dass sie Kopfschmerzen habe.

Lord Windermere: Ich muss sie finden. Entschuldigen Sie mich bitte.

Mrs. Erlynne: (Erhebt sich hastig.) Oh, nein! Es ist nichts. Sie ist nur sehr müde, das ist alles. Außerdem gibt es noch Gäste. Sie will, dass Sie die Gäste bitten, sie zu entschuldigen. Sie sagte, sie wolle nicht gestört werden. (Lässt den Brief fallen.) Sie bat mich, es Ihnen zu sagen.

Lord Windermere: (Liest den Brief auf.) Sie haben etwas fallen lassen.

Mrs. Erlynne: Oh ja, danke sehr, es ist meiner.

Lord Windermere: Aber es ist die Handschrift meiner Frau, oder?

Mrs. Erlynne: (Nimmt schnell den Brief.) Ja, es ist … eine Adresse. Wollen Sie bitte meinen Wagen bringen lassen?

Lord Windermere: Ja, natürlich. (tritt ab.)

Mrs. Erlynne: Danke sehr! Was kann ich tun? Was kann ich tun? Ich spüre eine Leidenschaft erwachen, die ich nie bevor gekannt habe. Was kann es bedeuten? Die Tochter muss nicht wie die Mutter werden – das wäre schrecklich. Wie kann ich sie retten? Wie kann ich mein Kind retten? Ein Augenblick kann ein Leben zerstören. Wer weiß das besser als ich? Windermere muss aus dem Haus gebracht werden, das ist absolut notwendig. Aber wie schaffe ich es? Es muss irgendwie getan werden. Ah! (Lord Augustus tritt auf, Strauß haltend.)

Lord Augustus: Meine Liebe, ich bin so gespannt! Darf ich bitte eine Antwort auf meinen Antrag haben?

Mrs. Erlynne: Lord Augustus, hören Sie zu. Sie müssen sofort Lord Windermere zu Ihrem Klub bringen, und ihn dort halten solange wie möglich. Verstehen Sie?

Lord Augustus: Aber Sie sagten, Sie wollen, dass ich früh ins Bett gehe!

Mrs. Erlynne: Tun Sie, was ich sage! Tun Sie, was ich sage!

Lord Augustus: Und meine Belohnung?

Mrs. Erlynne: Ihre Belohnung? Ihre Belohnung? Oh! Fragen Sie mich morgen. Aber lassen Sie Windermere nicht aus dem Auge. Wenn Sie es tun, werde ich Ihnen nie verzeihen. Ich werde nie wieder mit Ihnen sprechen. Ich werde nichts mit Ihnen zu tun haben. Merken Sie sich, Sie müssen Windermere zu Ihrem Klub bringen und ihn nicht gehen lassen. (Mrs. Erlynne tritt ab.)

Lord Augustus: Meine Güte, ich könnte schon ihr Mann sein. Das könnte ich wirklich. (Folgt sie verwirrt aus. Der Vorhang fällt.)

Dritter Akt

Szene: Ein Zimmer bei Lord Darlington. Ein Großes Sofa steht vor dem Kamin. Hinten sind Vorhänge vor dem Fenster zugezogen. Ein Tisch mit Schreibsachen. Ein Tisch mit Siphons, Gläsern und Weinkaraffen. Ein Tisch mit Zigaretten und einer Zigarrenkiste. Angezündete Lampen.

Lady Windermere: (Am Kamin stehend.) Warum kommt er nicht? Diese Wartezeit ist unerträglich. Er sollte hier sein. Warum kommt er denn nicht und weckt ein Feuer in mir mit seinen leidenschaftlichen Worten. Oh, wie kalt es ist, nicht geliebt zu werden! Arthur müsste jetzt schon meinen Brief gelesen haben. Wenn er mich liebhätte, wäre er gekommen, um mich zu holen, um mich mit Gewalt nach Hause zu bringen. Aber er liebt mich nicht. Er ist gefesselt von dieser Frau – fasziniert von ihr – beherrscht von ihr. Wenn eine Frau einen Mann festhalten will, sollte sie einfach an das in ihm appellieren, was am schlechtesten ist. Wir verehren Männer wie Götter, und sie verlassen uns. Andere behandeln sie wie Tiere, und sie wedeln mit dem Schwanz und sind treu. Wie ungerecht das Leben ist! Oh, es war wahnsinnig von mir, hierher zu kommen! Jedoch möchte ich wissen, was schlechter ist: einem Mann, der einen liebt, unterworfen zu sein, oder mit einem Mann, der einen im eigenen Haus entehrt, verheiratet zu sein. Weiß es irgendeine Frau in dieser Welt? Aber wird er mich immer lieben, dieser Mann, dem ich mein Leben geben werde? Was kann ich ihm geben? Lippen, die von Kummer stumm geworden sind, Augen, die von Tränen geblendet sind, frierende Hände und ein kaltes Herz. Ich kann ihm nichts geben. Ich muss zurückgehen … nein, ich kann nicht zurückgehen, der Brief hat mich in ihre Gewalt gebracht … Arthur würde mich nicht zurücknehmen. Dieser verhängnisvolle Brief! Nein! Lord Darlington verlässt morgen England. Ich werde mit ihm fahren, ich habe keine andere Wahl. (Setzt sich einen Augenblick. Erhebt sich dann plötzlich und zieht den Mantel an.) Nein, nein! Ich werde zurückgehen, Arthur darf mit mir tun, was er will. Ich kann nicht länger hier warten. Es war Wahnsinn, hierher zu kommen. Ich muss sofort gehen. Was Lord Darlington betrifft … oh, jetzt kommt er! Wird er mich überhaupt gehen lassen? Ich habe gehört, dass Männer gewaltsam, brutal sein können … Oh! (Vergräbt das Gesicht in den Händen. Mrs. Erlynne tritt auf.)

Mrs. Erlynne: Lady Windermere! (Lady Windermere erschrickt und sieht auf. Sie tritt dann mit einem Ausdruck voller Abscheu zurück.) Gott sei Dank komme ich beizeiten. Sie müssen sofort zum Haus Ihres Mannes zurückgehen.

Lady Windermere: Müssen?

Mrs. Erlynne: (Autoritativ.) Ja, Sie müssen! Sie haben keine Sekunde zu verlieren! Lord Darlington kann jeden Augenblick kommen.

Lady Windermere: Kommen Sie mir nicht zu nahe!

Mrs. Erlynne: Oh! Sie stehen am Rand eines furchtbaren Abgrundes, am Rand des Untergangs. Sie müssen sofort dieses Haus verlassen, mein Wagen hält an der Ecke. Sie müssen mit mir gehen und direkt nach Hause fahren. (Lady Windermere zieht den Mantel aus und wirft ihn auf das Sofa.) Was tun Sie denn?

Lady Windermere: Mrs. Erlynne, wenn Sie nicht gekommen wären, wäre ich nach Hause gegangen. Aber jetzt, wenn ich Sie sehe, weiß ich, dass nichts in der ganzen Welt mich dazu bringen könnte, unter demselben Dach wie Lord Windermere zu wohnen. Sie erfüllen mich mit Schrecken. Es gibt etwas an Ihnen, das eine wilde … Wut in mir weckt. Und ich weiß, warum Sie hier sind. Mein Mann hat Sie geschickt, um mich zurück zu locken, so dass ich als Fassade der Beziehungen, welche auch immer zwischen Ihnen und ihm bestehen mögen, dienen kann.

Mrs. Erlynne: Oh! Sie glauben wohl nicht, dass … ?

Lady Windermere: Gehen Sie zu meinem Mann zurück, Mrs. Erlynne. Er gehört Ihnen, nicht mir. Ich nehme an, dass er einen Skandal fürchtet. Männer sind Feiglinge. Sie verletzen jedes Gesetz der Welt, haben aber Angst, was die Welt über sie sagt. Er soll sich aber vorbereiten. Er wird einen Skandal bekommen. Er wird den schlimmsten Skandal bekommen, den London seit Jahren gesehen hat. Er wird seinen Namen in jeder schmutzigen Zeitung sehen, meinen auf jedem obszönen Plakat.

Mrs. Erlynne: Nein, nein …

Lady Windermere: Doch! Wäre er selbst gekommen, dann wäre ich zurück zu dem erniedrigenden Leben gegangen, das Sie und er für mich vorbereitet hatten … ich gebe zu, ich wäre zurückgegangen … dass er aber selbst zu Hause blieb, und Sie als Boten schickte … oh, das war schändlich … schändlich!

Mrs. Erlynne: Lady Windermere, Sie tun mir schweres Unrecht … Sie tun Ihrem Mann schweres Unrecht. Er weiß nicht, dass Sie hier sind … er glaubt, dass Sie zu Hause sind. Er glaubt, dass Sie ruhig in Ihrem Bett schlafen. Den verrückten Brief, den Sie ihm schrieben, hat er nie gelesen!

Lady Windermere: Nie gelesen?

Mrs. Erlynne: Nein … er weiß nichts davon.

Lady Windermere: Sie halten mich für einen Naivling! Sie lügen!

Mrs. Erlynne: Ich lüge nicht. Ich sagen Ihnen die Wahrheit.

Lady Windermere: Wieso sind Sie hier, wenn mein Mann den Brief nicht gelesen hat? Wer hat Ihnen erzählt, dass ich das Haus verlassen hatte, wozu Sie sich schamlos einladen ließen? Wer hat Ihnen erzählt, wohin ich gegangen war? Mein Mann hat es Ihnen erzählt und Sie geschickt, um mich nach Hause zu locken.

Mrs. Erlynne: Ihr Mann hat den Brief nie gesehen. Ich sah ihn, ich öffnete ihn, ich las ihn.

Lady Windermere: Sie öffneten einen Brief von mir an meinen Mann? Das würden Sie nicht wagen!

Mrs. Erlynne: Wagen? Oh, um Sie vor dem Abgrund zu retten, in den Sie im Begriff sind, sich hinabzustürzen, gäbe es nichts, was ich nicht wagen würde, nichts in aller Welt! Hier ist der Brief. Ihr Mann hat ihn nie gelesen. Er wird ihn nie lesen. (Geht zum Kamin.) Er hätte nie geschrieben werden sollen. (Zerreißt den Brief und wirft ihn ins Feuer.)

Lady Windermere: (Mit unendlicher Verachtung.) Wie kann ich wissen, dass das überhaupt mein Brief war? Sie scheinen zu glauben, dass Sie mich mit dieser einfachen List anführen können!

Mrs. Erlynne: Oh! Warum misstrauen Sie allem, was ich Ihnen sage? Was glauben Sie, was der Grund ist, warum ich hierher gekommen bin, außer um Sie vor dem vollkommenen Ruin zu retten, um Sie vor den Folgerungen eines fürchterlichen Irrtums zu retten? Der Brief, der jetzt verbrannt ist, war Ihr Brief. Beim Himmel, ich schwöre es Ihnen!

Lady Windermere: (Langsam.) Sie verbrannten ihn sorgfältig, bevor ich ihn sah. Ich kann Ihnen nicht trauen. Sie, deren ganzes Leben eine Lüge ist, wie sollten Sie die Wahrheit sagen können? (Setzt sich.)

Mrs. Erlynne: Glauben Sie von mir, was Sie wollen – sprechen Sie gegen mich, wie Sie wollen, aber gehen Sie zurück. Gehen Sie zurück zu dem Mann, den Sie lieben.

Lady Windermere: (Verdrießlich.) Ich liebe ihn nicht.

Mrs. Erlynne: Doch, und Sie wissen, dass er Sie liebt.

Lady Windermere: Er weiß gar nicht, was Liebe ist. Er weiß es ebenso wenig wie Sie … aber jetzt verstehe ich, was Sie wollen. Es wäre Ihnen sehr bequem, mich zurück zu bekommen. Ach du meine Güte! Welch ein Leben hätte ich dann? Ich würde in meinem eigenen Haus durch die Gnade einer Frau wohnen, die weder Gnade noch Mitleid besitzt, jeden Tag die Gegenwart einer Frau … einer nichtswürdigen Frau ertragen müssen, die es widerlich zu treffen, schmählich zu kennen ist.

Mrs. Erlynne: (Verzweifelt.) Lady Windermere, Lady Windermere, sagen Sie so etwas Schreckliches nicht. Sie wissen gar nicht, wie schrecklich es ist, wie schrecklich und wie ungerecht. Hören Sie zu! Gehen Sie zu Ihrem Mann zurück, und ich verspreche Ihnen, unter keinerlei Vorwand wieder mit ihm zu kommunizieren, ihn nie wieder zu sehen, und gar nichts weiterhin mit seinem Leben oder Ihrem zu tun zu haben. Das Geld, das er mir gegeben hat, hat er mir nicht aus Liebe, sondern aus Hass gegeben, nicht aus Verehrung, sondern aus Verachtung. Dass ich ihn in meine Gewalt bekommen habe …

Lady Windermere: (Erhebt sich.) Ah! Sie geben zu, dass er in Ihrer Gewalt ist!

Mrs. Erlynne: Ja, und ich werde Ihnen erklären warum: Es ist wegen seiner Liebe zu Ihnen, Lady Windermere.

Lady Windermere: Erwarten Sie, dass ich das glauben soll?

Mrs. Erlynne: Sie müssen es glauben! Es ist wahr. Es ist seine Liebe zu Ihnen, die ihn gezwungen hat, sich meinen – nennen Sie es, wie Sie wollen – Drohungen zu unterwerfen. Es ist seine Liebe zu Ihnen. Sein Wunsch, Sie mit … Schande, ja, Schande und Schmach zu verschonen.

Lady Windermere: Was meinen Sie damit? Sie sind unverschämt! Was habe ich mit Ihnen zu tun?

Mrs. Erlynne: (Demütig.) Nichts. Aber ich sage Ihnen, Ihr Mann liebt Sie … Sie werden vielleicht nie wieder eine solche Liebe erleben, Ihr leben lang … Sie werden eine solche Liebe nie erleben … wenn Sie sie fortwerfen, wird ein Tag kommen, wo Sie nach Liebe dürsten werden, aber sie wird Ihnen nicht gegeben werden, wo Sie nach Liebe betteln werden, aber sie wird Ihnen verweigert werden … oh, Arthur liebt Sie!

Lady Windermere: Arthur? Und Sie sagen mir, dass nichts zwischen Ihnen und meinem Mann ist?

Mrs. Erlynne: Lady Windermere, beim Himmel, Ihr Mann ist an jeder Kränkung gegen Sie unschuldig! Und hätte ich gewusst, dass Sie diesen ungeheuerlichen Verdacht schöpfen würden, dann schwöre ich Ihnen, dass es mir lieber gewesen wäre zu sterben, als an diesem unglücklichen Missverständnis schuld zu sein … oh, viel lieber!

Lady Windermere: Sie sprechen, als ob Sie ein Herz hätten. Frauen wie Sie haben kein Herz. Sie haben es längst verkauft. (Setzt sich.)

Mrs. Erlynne: (Erschrickt mit einem schmerzvollen Ausdruck. Sie beherrscht sich dann und geht zum Sofa, wo Lady Windermere sitzt. Während sie spricht, streckt sie die Hände in Richtung Lady Windermere aus, wagt aber nicht, sie zu berühren.) Sie können von mir denken, wie Sie wollen. Ich bin nicht viele Tränen wert. Aber ruinieren Sie Ihr schönes junges Leben nicht meinetwegen! Sie wissen gar nicht, was Sie zu erwarten haben, wenn Sie dieses Haus nicht sofort verlassen. Sie wissen nicht, wie es ist, in den Abgrund zu fallen – verachtet, verhöhnt, verlassen zu werden – eine Ausgestoßene zu sein – immer die Tür geschlossen zu finden, immer sich durch verdächtige Nebenstraßen schleichen zu müssen, immer Angst davor zu haben, dass einem die Maske abgerissen wird – und die ganze Zeit das Lachen, das schreckliche Lachen der Welt zu hören, was tragischer ist, als alle Tränen, die die Welt je vergossen hat. Sie wissen gar nicht, was das heißt. Man wird für seine Fehler bestraft, dann wird man wieder bestraft, das ganze Leben wird man bestraft. Das dürfen Sie nie erleben. Was mich betrifft habe ich diesen Augenblick alle meinen Sünden abgebüßt, falls Leiden überhaupt Abbüßung ist, denn heute Abend haben Sie ein Herz in einer, die keines hatte, geschaffen – es geschaffen und es zerbrochen. Aber lassen Sie das gehen. Ich habe mein eigenes Leben zum Scheitern gebracht, aber ich werde Sie nicht Ihres zum Scheitern bringen lassen. Sie … Sie sind ja nur ein Mädchen, Sie wären verloren. Die Klugheit, die eine Frau braucht um zurückzukommen, haben Sie nicht. Sie besitzen weder den Scharfsinn noch den Mut. Sie könnten die Schande nicht ertragen. Nein, Lady Windermere! Gehen Sie zu dem Mann, der Sie liebt, den Sie lieben, zurück. Sie haben ein Kind, Lady Windermere. Gehen Sie zu dem Kind zurück, das vielleicht diesen Augenblick nach Ihnen ruft. (Lady Windermere erhebt sich.) Gott gab Ihnen dieses Kind. Er wird von Ihnen verlangen, dass Sie für es sorgen. Welche Antwort werden Sie Gott geben, wenn sein Leben durch Sie ruiniert wird? Zurück zu Ihrem Haus, Lady Windermere! … Ihr Mann liebt Sie! Nie ist er von seiner Liebe zu Ihnen abgewichen! Aber selbst wenn er tausend Geliebte hätte, müssten Sie bei Ihrem Kind bleiben. Wenn er Sie vernachlässigen würde, müssten Sie bei Ihrem Kind bleiben. Wenn er brutal gegen Sie wäre, müssten Sie bei Ihrem Kind bleiben. Wenn er Sie verlassen würde, wäre Ihr Platz bei Ihrem Kind. (Lady Windermere bricht in Tränen aus und vergräbt das Gesicht in den Händen. Mrs. Erlynne tritt zu ihr hin.) Lady Windermere!

Lady Windermere: (Streckt die Hände gegen sie vor, hilfslos wie ein Kind.) Ich will heim. Ich will heim.

Mrs. Erlynne: (Ist im Begriff, sie zu umarmen. Beherrscht sich dann. Ihr Gesicht hat einen Ausdruck der tiefen Freude.) Kommen Sie! Wo ist Ihr Mantel? (Nimmt ihn vom Sofa.) Hier. Ziehen Sie ihn an. Kommen Sie sofort! (Sie gehen zur Tür.)

Lady Windermere: Halt! Hören Sie nicht Stimmen?

Mrs. Erlynne: Nein, nein! Da ist keiner!

Lady Windermere: Doch! Hören Sie hin! Oh, das ist die Stimme meines Mannes! Er kommt herein! Retten Sie mich! Oh, es ist eine Verschwörung! Sie haben ihn gerufen! (Stimmen von außen.)

Mrs. Erlynne: Schweigen Sie! Ich bin hier, um Sie zu retten, wenn ich kann. Aber ich fürchte, es ist zu spät. Da! (Zeigt auf den Vorhang vor dem Fenster.) Wenn Sie das erste Mal die Chance bekommen, schleichen Sie sich weg!

Lady Windermere: Und Sie?

Mrs. Erlynne: Oh, denken Sie nicht an mich! Ich werde ihnen entgegentreten. (Lady Windermere versteckt sich hinter dem Vorhang.)

Lord Augustus: (Von außen.) Unsinn, mein lieber Windermere, Sie dürfen mich nicht verlassen!

Mrs. Erlynne: Lord Augustus! Dann bin ich es, die verloren ist! (Zögert einen Augenblick, sieht sich um und verlasst dann das Zimmer durch eine andere Tür. Lord Darlington, Mr. Dumby, Lord Windermere, Lord Augustus Lorton und Mr. Cecil Graham treten auf.)

Lord Darlington: Was für ein Skandal, dass der Klub schon schließt! Es ist erst zwei Uhr. (Sinkt auf einen Stuhl herab.) Der heitere Teil des Abends hat eben erst angefangen. (Gähnt und schließt die Augen.)

Lord Windermere: Es ist sehr freundlich von Ihnen, Lord Darlington, dass Sie Augustus erlauben, Ihnen unsere Gesellschaft aufzuzwingen, aber leider kann ich nicht lange bleiben.

Lord Darlington: Nein? Das tut mir leid! Sie werden wohl eine Zigarre nehmen?

Lord Windermere: Danke schön! (Setzt sich.)

Lord Augustus: (Zu Lord Windermere.) Mein lieber Junge, Sie dürfen gar nicht davon träumen zu gehen. Ich habe viele Sachen, die ich mit Ihnen diskutieren will, viele verflixt wichtige Sachen. (Setzt sich neben ihn.)

Cecil Graham: Oh! Wir wissen alle, was das ist! Tuppy kann von nichts außer Mrs. Erlynne sprechen!

Lord Windermere: Vielleicht, aber diese Sache geht wohl Sie nichts an, Cecil, oder?

Cecil Graham: Durchaus nicht! Deswegen interessiert sie mich. Die Sachen, die mich angehen, langweilen mich fürchterlich. Ich ziehe die anderer Leute vor.

Lord Darlington: Nehmen Sie ein Glas, meine Freunde. Cecil, Sie werden einen Whisky–Soda trinken?

Cecil Graham: Danke schön. (Geht zum Tisch mit Lord Darlington.) Mrs. Erlynne war sehr schön heute Abend, nicht wahr?

Lord Darlington: Ich bin keiner ihrer Bewunderer.

Cecil Graham: Das war ich auch nicht, aber jetzt bin ich es. Tatsächlich bewegte sie mich, sie meiner Tante Caroline vorzustellen. Ich glaube, sie wird bei ihr zu Mittag essen.

Lord Darlington: (Überrascht.) Wirklich?

Cecil Graham: Gewiss.

Lord Darlington: Entschuldigen Sie mich, meine Freunde. Ich werde morgen abreisen. Ich muss ein paar Briefe schreiben (Geht zum Schreibtisch und setzt sich.)

Lord Darlington: Eine schlaue Frau, diese Mrs. Erlynne.

Cecil Graham: Hallo, Dumby! Ich dachte, Sie schliefen.

Lord Darlington: Ja, das tue ich normalerweise!

Lord Augustus: Eine sehr schlaue Frau. Weiß genau, was für ein verflixter Narr ich bin … weiß es ebenso gut wie ich selber. (Cecil Graham lacht über ihn.) Ah! Sie haben gut lachen, mein Junge, es ist aber ein Glücksfall eine Frau zu finden, die einen durch und durch versteht.

Lord Darlington: Das ist furchtbar gefährlich. Am Ende werden sie einen immer heiraten.

Cecil Graham: Aber Tuppy, ich dachte, Sie wollten sie nie wieder sehen. Ja, das haben Sie mir gestern Abend im Klub gesagt! Sie sagten, Sie hatten gehört … (Flüstert ihm etwas zu.)

Lord Augustus: Oh, das hat sie schon erklärt.

Cecil Graham: Und die Wiesbaden–Affäre?

Lord Augustus: Die hat sie auch erklärt.

Lord Darlington: Und ihr Einkommen, Tuppy? Hat sie das erklärt?

Lord Augustus: (Sehr ernst.) Das wird sie morgen erklären. (Cecil Graham geht zum Schreibtisch.)

Lord Darlington: Schrecklich geschäftlich, die Frauen heutzutage. Nicht wie unsere Großmütter. Aber die Enkelinnen, beim Himmel, die Enkelinnen.

Lord Augustus: Sie versuchen, sie zu einer schlechten Frau zu machen. Das ist sie nicht!

Cecil Graham: Oh! Schlechte Frauen belästigen einen. Gute Frauen langweilen einen. Das ist der einzige Unterschied zwischen ihnen.

Lord Augustus: (Seine Zigarre paffend.) Mrs. Erlynne hat eine Zukunft vor sich.

Lord Darlington: Mrs. Erlynne hat eine Vergangenheit hinter sich.

Lord Augustus: Ich ziehe Frauen mit einer Vergangenheit vor. Es ist immer so verflixt amüsant, mit ihnen zu reden.

Cecil Graham: Zweifellos werden Sie viel haben, worüber Sie mit ihr reden können, Tuppy. (Erhebt sich und geht zu ihm.)

Lord Augustus: Sie werden mir lästig, mein Junge, Sie werden mir verflixt lästig.

Cecil Graham: (Liegt seine Hände auf dessen Schultern.) Nun, Tuppy, Sie haben Ihre Figur verloren, und Sie haben Ihren Charakter verloren. Verlieren Sie nicht auch Ihre Besinnung. Sie haben nur die eine.

Lord Augustus: Mein lieber Junge, wäre ich nicht der gutmütigste Mann in London …

Cecil Graham: … Dann würden wir Sie respektvoller behandeln, Tuppy, oder? (Schlendert fort.)

Lord Darlington: Die heutige Jugend ist ganz ungeheuerlich. Sie hat überhaupt keinen Respekt für gefärbtes Haar. (Lord Augustus sieht sich böse um.)

Cecil Graham: Mrs. Erlynne hat großen Respekt für den lieben Tuppy.

Lord Darlington: Dann geht Mrs. Erlynne dem Rest ihres Geschlechtes mit gutem Beispiel voran. Es ist sehr brutal, wie sich Frauen heutzutage gegen Männer, die nicht ihre Ehemänner sind, benehmen.

Lord Windermere: Dumby, Sie sind albern, und Cecil, Sie haben eine lose Zunge. Sie sollten Mrs. Erlynne in Ruhe lassen. Eigentlich wissen Sie gar nichts von ihr, aber Sie verleumden sie immer.

Cecil Graham: Mein lieber Arthur, ich verleumde niemanden. Ich klatsche.

Lord Windermere: Und was ist der Unterschied zwischen Verleumdung und Klatsch?

Cecil Graham: Oh! Klatsch ist sympathisch. Geschichte ist einfach Klatsch. Verleumdung, aber, ist Klatsch, der durch Moral langweilig gemacht worden ist. Nun, ich moralisiere nie. Ein Mann, der moralisiert, ist normalerweise ein Heuchler, und eine Frau, die moralisiert, ist ausnahmslos hässlich. Nichts in aller Welt steht einer Frau so schlecht wie ein überentwickeltes Gewissen. Und glücklicherweise wissen es die meisten Frauen.

Lord Augustus: Genau meine Worte, mein Junge, genau meine Worte.

Cecil Graham: Tut mir leid zu hören, Tuppy. Wenn immer mir jemand Recht gibt, habe ich das Gefühl, dass ich mich geirrt haben muss.

Lord Augustus: Mein lieber Junge, als ich in Ihrem Alter war …

Cecil Graham: Aber das waren Sie nie, Tuppy, und Sie werden es auch nie sein. Darlington, spielen wir eine Partie Karten. Sie werden mitmachen, Arthur, oder?

Lord Windermere: Danke nein, Cecil.

Lord Darlington: (Mit einem Seufzer.) Meine Güte, wie Ehe zerstörerisch für einen Mann ist! Sie ist ebenso demoralisierend wie Zigaretten, und viel teurer.

Cecil Graham: Natürlich werden Sie spielen, Tuppy.

Lord Augustus: (Schenkt sich einen Kognak.) Kann ich nicht, mein Junge. Habe Mrs. Erlynne versprochen, nie wieder zu spielen oder zu trinken.

Cecil Graham: Lassen Sie sich nur nicht auf den Pfad der Tugend irreführen, mein lieber Tuppy. Als Bekehrter würden Sie der vollkommene Langweiler sein. Das ist das Schlechteste an Frauen. Sie wollen immer, dass wir gut sind. Und falls wir gut sind, wenn sie uns begegnen, werden sie uns gar nicht lieben. Sie mögen, uns unverbesserlich schlecht zu finden, und uns uncharmant gut zu verlassen.

Lord Darlington: (Erhebt sich vom Tisch, wo er Briefe geschrieben hat.) Sie finden uns fürwahr immer schlecht!

Lord Darlington: Ich glaube nicht, dass wir schlecht sind. Ich glaube, dass wir alle gut sind, außer Tuppy.

Lord Darlington: Nein, wir liegen alle in derselben Gosse, aber einige von uns schauen zu den Sternen hinauf.

Lord Darlington: Wir liegen alle in derselben Gosse, aber einige von uns schauen zu den Sternen hinauf? Sie sind romantisch heute Abend, Darlington.

Cecil Graham: Zu romantisch! Sie müssen verliebt sein. Wer ist das Mädchen?

Lord Darlington: Die Frau, die ich liebe, ist nicht frei, oder glaubt, dass sie es nicht ist. (Während er spricht, sieht er Lord Windermere schief an.)

Cecil Graham: Also eine verheiratete Frau! Ja, es gibt nichts in der ganzen Welt wie die Leidenschaft einer verheirateten Frau! Es ist eine Sache, von der kein verheirateter Mann weiß.

Lord Darlington: Oh, sie liebt mich nicht! Sie ist eine gute Frau. Sie ist die einzige gute Frau, die ich je getroffen habe.

Cecil Graham: Die einzige gute Frau, die Sie je getroffen haben?

Lord Darlington: Ja!

Cecil Graham: (Zündet eine Zigarette an.) Darlington, Sie sind ein Glückskind. Selber habe ich Hunderte von guten Frauen getroffen. Es scheint mir, dass ich keine außer guten Frauen treffe. Die Welt ist gedrängt voll von guten Frauen. Sie zu kennen, ist eine typische bürgerliche Beschäftigung.

Lord Darlington: Diese Frau besitzt Reinheit und Unschuld. Sie hat alles, was wir Männer verloren haben.

Cecil Graham: Mein lieber Freund, was in aller Welt sollen wir Männer mit Reinheit und Unschuld? Eine sorgfältig ausgewählte Knopflochblume ist in jeder Weise vorzuziehen.

Lord Darlington: Aber sie liebt Sie also nicht?

Lord Darlington: Nein, das tut sie nicht!

Lord Darlington: Ich gratuliere Ihnen, mein lieber Freund. Es gibt in dieser Welt nur zwei Tragödien. Die eine ist, wenn man nicht bekommt, was man sich wünscht. Die andere ist, wenn man es bekommt. Die zweite ist zweifellos die schlechtere, die zweite ist eine wahre Tragödie! Es interessiert mich aber zu hören, dass sie Sie nicht liebt. Wie lange könnten Sie eine Frau lieben, die Sie nicht liebt, Cecil?

Cecil Graham: Eine Frau, die mich nicht liebt? Oh, mein ganzes Leben!

Lord Darlington: Ich auch, aber es ist fast unmöglich, eine zu finden.

Lord Darlington: Wie können Sie denn so eingebildet sein, Dumby?

Lord Darlington: Ich sagte es nicht aus Einbildung, sondern aus Kummer. Ich bin wild, wütend geliebt gewesen. Ich kann es nur bedauern. Eigentlich hätte ich lieber ein bisschen Zeit für mich selbst ab und zu gehabt.

Lord Augustus: (Sieht sich um.) Zeit dazu, sich selbst auszubilden, vermute ich?

Lord Darlington: Nein, Zeit dazu, alles, was ich gelernt habe, zu vergessen. Das ist viel wichtiger, lieber Tuppy. (Lord Augustus bewegt sich unwohl in seinem Stuhl.)

Lord Darlington: Was für Zyniker Sie sind!

Cecil Graham: Was ist ein Zyniker? (Sitzt auf der Rückenlehne des Sofas.)

Lord Darlington: Ein Mann, der den Preis von allem und den Wert von nichts kennt.

Cecil Graham: Und ein Sentimentalist, mein lieber Darlington, ist ein Mann, der einen absurden Wert in allem sieht, und den Marktpreis keines einzigen Dinges kennt.

Lord Darlington: Sie machen mir immer Spaß, Cecil. Sie reden, als ob Sie ein Mann der Erfahrung wären.

Cecil Graham: Das bin ich. (Geht zum Kamin.)

Lord Darlington: Sie sind viel zu jung!

Cecil Graham: Das ist ein großer Irrtum. Erfahrung ist eine Frage davon, Instinkt für das Leben zu haben. Ich habe ihn. Tuppy hat ihn nicht. Erfahrung ist der Name, den Tuppy seinen Fehlern gibt. Das ist alles. (Lord Augustus sieht sich entrüstet um.)

Lord Darlington: Erfahrung ist der Name, den jeder seinen Fehlern gibt.

Cecil Graham: Man sollte gar keine begehen. (Sieht Lady Windermeres Fächer auf dem Sofa.)

Lord Darlington: Das Leben würde ohne sie sehr langweilig sein.

Cecil Graham: Natürlich sind Sie dieser Frau treu, in die Sie verliebt sind, Darlington, dieser guten Frau?

Lord Darlington: Cecil, wenn man eine Frau wirklich liebt, dann werden einem alle anderen Frauen in der Welt vollkommen gleichgültig. Die Liebe verändert einen … ich bin verändert.

Cecil Graham: Ach so! Wie äußerst interessant! Tuppy, ich will mit Ihnen reden. (Lord Augustus bemerkt nichts.)

Lord Darlington: Es nutzt nichts, mit Tuppy reden zu wollen. Sie könnten ebenso gut eine Wand ansprechen.

Cecil Graham: Aber es gefällt mir, Wände anzusprechen – sie sind das Einzige in der Welt, was mir nie widerspricht! Tuppy!

Lord Augustus: Ja, ja, was ist denn? Was ist? (Erhebt sich und geht zu Cecil Graham.)

Cecil Graham: Kommen Sie herüber. Ich möchte mich insbesondere mit Ihnen unterhalten. (Abseits.) Darlington hat den ganzen Abend moralisiert und von der Reinheit der Liebe und so was gesprochen, und die ganze Zeit hat er irgendeine Frau hier im Haus versteckt gehabt.

Lord Augustus: Nein, wirklich! Wirklich!

Cecil Graham: (Mit gedämpfter Stimme.) Ja, da ist ihr Fächer. (Zeigt auf den Fächer.)

Lord Augustus: (Kichernd.) Beim Allmächtigen! Beim Allmächtigen!

Lord Windermere: (An der Tür.) Jetzt muss ich wirklich gehen, Lord Darlington. Es tut mir leid, dass Sie so bald England verlassen werden. Besuchen Sie uns, wenn Sie heimkehren! Es wird meine Frau und mich freuen, Sie wieder zu sehen!

Lord Darlington: (Neben Lord Windermere.) Wahrscheinlich werde ich viele Jahre weg sein. Gute Nacht!

Cecil Graham: Arthur!

Lord Windermere: Was?

Cecil Graham: Ich möchte mich mit Ihnen einen Augenblick unterhalten. Nein, kommen Sie!

Lord Windermere: (Zieht seinen Mantel an.) Es ist zu spät … ich werde gehen!

Cecil Graham: Es ist etwas ganz Spezielles. Es wird Sie überaus interessieren.

Lord Windermere: (Lächelnd.) Ist es etwas von Ihrem üblichen Quatsch, Cecil?

Cecil Graham: Nein, nein! Auf Ehre!

Lord Augustus: (Geht zu ihm.) Mein lieber Freund, Sie dürfen noch nicht gehen. Ich habe viel, über das ich mit Ihnen reden möchte. Und Cecil wird Ihnen etwas zeigen.

Lord Windermere: Schon gut, was ist es dann?

Cecil Graham: Darlington hat eine Frau hier im Haus. Hier ist ihr Fächer. Komisch, nicht? (Eine Pause.)

Lord Windermere: Mein Gott! (Ergreift den Fächer. Dumby erhebt sich.)

Cecil Graham: Was ist denn los?

Lord Windermere: Lord Darlington!

Lord Darlington: (Dreht sich um.) Ja!

Lord Windermere: Warum liegt der Fächer meiner Frau hier in diesem Zimmer? Hände weg, Cecil!

Lord Darlington: Der Fächer Ihrer Frau?

Lord Windermere: Ja, hier ist er.

Lord Darlington: (Geht zu ihm.) Keine Ahnung.

Lord Windermere: Sie müssen es wissen. Ich verlange eine Erklärung. Halten Sie mich nicht zurück, Sie Tor. (Zu Cecil Graham.)

Lord Darlington: (Abseits.) Dann ist sie trotzdem gekommen!

Lord Windermere: Heraus mit der Sprache, mein Herr! Warum ist der Fächer meiner Frau hier? Antworten Sie! Bei Gott! Ich werde das ganze Haus auf den Kopf stellen, und wenn meine Frau hier ist …

Lord Darlington: Bleiben Sie hier. Sie haben kein Recht, mein Haus zu durchsuchen. Das verbiete ich Ihnen!

Lord Windermere: Sie Schurke! Ich werde dieses Zimmer nicht verlassen, bevor ich nicht das Oberste zu unterst gekehrt habe! Was ist das, was sich hinter dem Vorhang bewegt?

Mrs. Erlynne: (Tritt auf.) Lord Windermere!

Lord Windermere: Mrs. Erlynne! (Jeder erschrickt und dreht sich gegen Mrs. Erlynne. Lady Windermere schleicht sich unbemerkt fort.)

Mrs. Erlynne: Ich befürchte, dass ich aus Versehen den Fächer Ihrer Frau statt meines eigenen genommen habe, als ich heute Abend Ihr Haus verließ. Es tut mir wirklich leid. (Nimmt den Fächer von ihm. Lord Windermere sieht sie mit Abscheu an. Lord Darlington ist sowohl erstaunt als böse. Lord Augustus wendet sich ab. Die anderen Männer lächeln einander an. Der Vorhang fällt.)

Vierter Akt

Szene: Dieselbe wie im ersten Akt.

Lady Windermere: (Auf dem Sofa liegend.) Wie kann ich es ihm erzählen? Das kann ich nicht. Es würde mich umbringen. Ich möchte wissen, was passierte, nachdem ich entkam. Vielleicht erzählte sie ihnen den wahren Grund, warum sie da war, warum mein Fächer … dieser fatale Fächer da war. Oh, wenn er Bescheid weiß … wie kann ich ihm in die Augen sehen? Er würde mir nie verzeihen. (Klingelt.) Wie sicher man glaubt, dass man lebt … außerhalb Versuchung, Sünde, Torheit. Und plötzlich … Oh! Das Leben ist unbarmherzig. Wir sind in seiner Gewalt. (Rosalie tritt auf.)

Rosalie: Hat Ihre Ladyschaft geklingelt?

Lady Windermere: Ja. Haben Sie herausgefunden, zu welcher Uhrzeit Lord Windermere gestern nach Hause kam?

Rosalie: Seine Lordschaft kam erst um fünf Uhr.

Lady Windermere: Fünf Uhr? Er klopfte an meine Tür heute Morgen, oder?

Rosalie: Jawohl, my Lady, um halb zehn. Ich sagte ihm, dass Ihre Ladyschaft noch nicht wach war.

Lady Windermere: Sagte er etwas?

Rosalie: Etwas vom Fächer Ihrer Ladyschaft. Ich verstand nicht ganz, was seine Lordschaft meinte. Ist der Fächer weg gewesen, my Lady? Ich kann ihn nicht finden, und Parker sagt, er liegt in keinem der Zimmer. Er hat in allen nachgeschaut, und auch auf der Terrasse.

Lady Windermere: Es spielt keine Rolle länger. Bitten Sie Parker, sich keine Sorgen zu machen. Das reicht. (Rosalie tritt ab.) Sie wird mich ganz sicher verraten. Ich kann mich vorstellen, dass sich eine Person jemandem anderen opfert in einem Augenblick der Spontaneität, der Unbedachtsamkeit, des Edelmuts – um dann später herauszufinden, dass der Preis zu hoch war. Wieso sollte sie zögern, wenn sie zwischen ihrem Untergang und meinem wählen wird? … Wie merkwürdig! Ich wollte sie in meinem eigenen Haus öffentlich skandalisieren, und dann lässt sie sich in einem anderen Haus öffentlich skandalisieren, um mich zu retten … Was für eine bittere Ironie. Wie ironisch die Weise ist, auf die wir von guten und schlechten Frauen sprechen … Oh, was für eine Lektion! Wie schade, dass wir hier im Leben nur solche Lektionen erteilt bekommen, wenn sie von gar keinem Nutzen sind! Denn selbst wenn sie nichts sagt, muss ich. Oh, die Schande, die Schande! Es zu erzählen, ist, es wiederzuerleben. Handlung ist die erste Tragödie des Lebens, Worte sind die zweite. Worte sind vielleicht die schlimmste. Worte sind gnadenlos … Oh! (Erschrickt indem Lord Windermere auftritt.)

Lord Windermere: (Küsst sie.) Margaret … wie bleich du denn aussiehst!

Lady Windermere: Ich habe sehr schlecht geschlafen.

Lord Windermere: (Setzt sich auf das Sofa neben sie.) Es tut mir wirklich leid. Ich kam furchtbar spät nach Hause, und ich wollte dich nicht wecken. Du weinst, meine Liebe.

Lady Windermere: Ja, ich weine, denn ich habe etwas dir zu sagen, Arthur.

Lord Windermere: Mein liebes Kind, dir ist nicht wohl. Du hast zu viel getan. Gehen wir aufs Lande. Du wirst dich in Selby besser fühlen. Die Saison ist fast vorbei. Es gibt keinen Grund, länger zu bleiben. Du Arme! Wir werden heute fahren, wenn du willst. (Erhebt sich.) Wir können leicht den Zug um halb vier erreichen. Ich werde Fannen telegrafieren. (Setzt sich an den Tisch.)

Lady Windermere: Ja, fahren wir heute weg. Nein, heute kann ich nicht, Arthur. Ich muss jemanden sehen, bevor ich die Stadt verlasse … eine, die gut zu mir gewesen ist.

Lord Windermere: Gut zu dir?

Lady Windermere: Viel mehr als das. (Erhebt sich und geht zu ihm.) Ich werde es dir erzählen, Arthur, versprich mir nur, dass du mich lieben wirst, mich lieben, wie du es vorher tast.

Lord Windermere: Vorher? Du denkst wohl nicht an jene elende Frau, die gestern Abend hierher kam? Du glaubst nicht immer noch … nein, das könntest du nicht.

Lady Windermere: Nein. Ich weiß, dass ich mich irrte, das ich töricht war. (Setzt sich.)

Lord Windermere: Es war sehr nett von dir, sie gestern Abend zu empfangen … aber du wirst sie nie wieder sehen.

Lady Windermere: Warum sagst du das? (Eine Pause.)

Lord Windermere: (Setzt sich neben sie und hält ihre Hand.) Margaret, ich dachte, dass Mrs. Erlynne Verleumdung zum Opfer gefallen war. Ich dachte, sie wünschte, gut zu sein, zurück zu dem Platz zu kommen, den sie durch einen Augenblick der Torheit verloren hatte, wieder ein anständiges Leben zu leben. Ich traute ihr … ich irrte mich in ihr. Sie ist schlecht … so schlecht, wie eine Frau sein kann.

Lady Windermere: Arthur, Arthur, sprich nicht so bitter von irgendeiner Frau. Ich glaube nicht länger, dass Menschen in Gute und Schlechte eingeteilt werden können, als ob sie zwei verschiedene Rassen oder Schöpfungen wären. Die, die gute Frauen genannt werden, können etwas Schreckliches in sich haben, tolle Augenblicke der Zügellosigkeit, Rechthaberei, Eifersucht, Sünde. Und schlechte Frauen, wie man sie nennt, können Leid, Reue, Mitgefühl, Aufopferung besitzen. Ich glaube nicht, dass Mrs. Erlynne eine schlechte Frau ist … ich weiß, sie ist es nicht.

Lord Windermere: Mein liebes Kind, die Frau ist unmöglich. Wie sie es auch immer versucht, uns zu schaden, wirst du sie nie wieder sehen. Sie ist überall unzulässig.

Lady Windermere: Aber ich will sie sehen. Ich will, dass sie hierher kommt.

Lord Windermere: Nie!

Lady Windermere: Ein Mal ist sie hierher als dein Gast gekommen. Dann soll sie auch ein Mal als meiner kommen. Das ist nur gerecht.

Lord Windermere: Sie hätte nie hierher kommen sollen.

Lady Windermere: (Erhebt sich.) Es ist zu spät, Arthur, das zu sagen.

Lord Windermere: (Erhebt sich.) Margaret, wenn du wüsstest, wohin Mrs. Erlynne gestern Abend fuhr, als sie dieses Haus verließ, würdest du im selben Zimmer wie sie nicht sitzten wollen. Es war schamlos, die ganze Sache.

Lady Windermere: Arthur, ich kann es nicht mehr aushalten. Ich muss es dir sagen. Gestern Abend … (Parker tritt mit einem Tablett auf, auf dem Lady Windermeres Fächer und eine Karte liegen.)

Parker: Mrs. Erlynne ist gekommen, um den Fächer Ihrer Ladyschaft zurückzuliefern, den sie gestern Abend aus Versehen mitnahm. Mrs. Erlynne hat einen Bescheid auf die Karte geschrieben.

Lady Windermere: Oh, bitten sie Mrs. Erlynne herauf zu kommen, wenn sie es möchte. (Ließt Karte.) Sagen Sie, es wird mich sehr freuen, sie zu sehen. (Parker tritt ab.) Sie wünscht, mich zu sehen, Arthur.

Lord Windermere: (Nimmt die Karte und sieht auf sie.) Margaret, nein, ich flehe dich an Lass wenigstens mich sie zuerst alleine sehen. Sie ist eine äußerst gefährliche Frau. Sie ist die gefährlichste Frau, die ich kenne. Du verstehst gar nicht, was du tust.

Lady Windermere: Es ist gerecht, dass ich sie sehen werde.

Lord Windermere: Mein Kind, du könntest am Rand eines großen Leides stehen. Suche es nicht auf. Es ist durchaus notwendig, dass ich sie zuerst sehe.

Lady Windermere: Warum ist das notwendig? (Parker tritt auf.)

Parker: Mrs. Erlynne. (Mrs. Erlynne tritt auf, Parker tritt ab.)

Mrs. Erlynne: Guten Morgen, Lady Windermere. Guten Morgen (zu Lord Windermere). Wissen Sie was, Lady Windermere, es tut mir wirklich leid, dieser Irrtum mit Ihrem Fächer. Ich begreife nicht, wie ich es tun konnte. Ich habe mich blamiert. Und als ich in der Nachbarschaft war, dachte ich, dass ich die Gelegenheit wahrnehmen wollte, Ihr Eigentum persönlich und mit vielen Entschuldigungen zurückzuliefern, und mich mit Ihnen zu verabschieden.

Lady Windermere: Verabschieden? (Lady Windermere und Mrs. Erlynne gehen zum Sofa und setzen sich nebeneinander.) Heißt das, dass Sie wegfahren werden?

Mrs. Erlynne: Ja, ich werde wieder im Ausland wohnen. Das englische Klima gefällt mir nicht. Mein … Herz wird hier beeinflusst, und das ist mir unangenehm. Ich ziehe vor, im Süden zu leben. London ist voll von Nebel und … und ernsten Menschen, Lord Windermere. Ob der Nebel die ernsten Menschen erzeugt, oder ob die ernsten Menschen den Nebel erzeugen, weiß ich nicht, aber die ganze Sache geht mir auf die Nerven, und deshalb werde ich heute Nachmittag mit dem Club Train fahren.

Lady Windermere: Heute Nachmittag? Aber ich wollte Sie sehr gern besuchen.

Mrs. Erlynne: Wie nett von Ihnen! Leider muss ich aber gehen.

Lady Windermere: Werde ich Sie nie wieder sehen, Mrs. Erlynne?

Mrs. Erlynne: Nein, das glaube ich leider nicht. Unsere Leben sind zu weit entfernt. Ich möchte Sie aber um einen kleinen Gefallen bitten. Ich möchte eine Fotografie von Ihnen haben, Lady Windermere – werden Sie mir eine geben? Sie wissen nicht, wie dankbar ich sein würde.

Lady Windermere: Oh, mit Freuden. Es gibt eine auf jenem Tisch. Ich werde sie Ihnen zeigen. (Geht zum Tisch.)

Lord Windermere: (Geht zu Mrs. Erlynne und spricht mit gedämpfter Stimme.) Es ist ungeheuerlichlich, dass Sie es nach Ihrem Benehmen gestern Abend wagen, sich hier zu zeigen.

Mrs. Erlynne: (Mit einem neckischen Lächeln.) Vergessen Sie Ihre Manieren nicht, Lord Windermere. Manieren sind wichtiger als Moral.

Lady Windermere: (Kommt zurück.) Sie ist sehr schmeichelhaft, fürchte ich … ich bin gar nicht so hübsch. (Zeigt ihr die Fotografie.)

Mrs. Erlynne: Sie sind viel hübscher. Aber haben Sie keine von Ihnen selbst und Ihrem kleinen Jungen?

Lady Windermere: Doch. Möchten Sie lieber eine von denen haben?

Mrs. Erlynne: Ja.

Lady Windermere: Dann werde ich Ihnen eine holen, wenn Sie mich einen Moment entschuldigen werden. Ich habe sie oben.

Mrs. Erlynne: Es tut mir schrecklich leid, Lady Windermere, Ihnen so viel Mühe zu machen.

Lady Windermere: (Geht zur Tür.) Es ist gar keine Mühe, Mrs. Erlynne.

Mrs. Erlynne: Vielen Dank. (Lady Windermere tritt ab.) Sie scheinen ziemlich auffahrend heute Morgen, Windermere. Dazu haben Sie keinen Grund. Margaret und ich kommen glänzend miteinander aus.

Lord Windermere: Ich kann es nicht ertragen, Margaret zusammen mit Ihnen zu sehen. Übrigens haben Sie mir die Wahrheit nicht erzählt, Mrs. Erlynne.

Mrs. Erlynne: Ich habe ihr die Warhheit nicht erzählt, meinen Sie.

Lord Windermere: (Stehend.) Manchmal wünschte ich, dass Sie es hätten. Dann wäre mir der Kummer, die Nervosität, das Elend der letzten sechs Monate erspart geblieben. Aber lieber, als dass meine Frau wissen sollte – dass die Mutter, von der man ihr gesagt hat, das sie tot wäre, die Mutter, die sie für tot geweint hat, lebend ist … eine geschiedene Frau, die, wie ich jetzt weiß, unter falschem Namen auf dem Leben schmarotzt – lieber als das war ich willig, Sie mit Geld zu versehen, Rechnung auf Rechnung zu zahlen, die eine extravaganter als die andere, zu riskieren, was gestern passierte, die erste Zankerei, die ich je mit meiner Frau gehabt habe. Sie verstehen nicht, was das für mich bedeutet. Wie könnten Sie? Aber ich sage Ihnen, dass die einzigen bitteren Worte, die über ihre süßen Lippen kamen, Ihnen galten, und ich hasse es, Sie neben ihr zu sehen. Sie besudeln ihre Unschuld. Und ich, der dachte, dass Sie mit allen Ihren Fehlern ehrlich und aufrichtig waren. Das sind Sie nicht.

Mrs. Erlynne: Warum sagen Sie das?

Lord Windermere: Sie überredeten mich, Sie zum Ball meiner Frau einzuladen.

Mrs. Erlynne: Zum Ball meiner Tochter – Ja.

Lord Windermere: Sie kamen, und eine Stunde nachdem Sie dieses Haus verließen, wurden Sie im Haus eines anderen Mannes entdeckt … Sie wurden vor aller Augen entehrt.

Mrs. Erlynne: Ja.

Lord Windermere: (Dreht sich gegen sie um.) Deswegen habe ich ein Recht, Sie zu betrachten, als was Sie sind: eine böse und wertlose Frau. Ich habe ein Recht, Ihnen zu verbieten, je wieder in dieses Haus zu kommen, je wieder zu versuchen, sich meiner Frau zu nähern.

Mrs. Erlynne: (Kalt.) Meiner Tochter, meinen Sie.

Lord Windermere: Sie haben kein Recht, sie als Ihre Tochter anzusehen. Sie versagten sie, verließen sie, als sie als Kind in ihrer Wiege lag, verließen sie um Ihres Liebhabers Willen, der seinerseits Sie darauf verließ.

Mrs. Erlynne: (Erhebt sich.) Halten Sie ihm das zugute, Lord Windermere, oder mir?

Lord Windermere: Ihnen, jetzt wo ich Sie kenne.

Mrs. Erlynne: Nehmen Sie sich in Acht.

Lord Windermere: Oh, ich werde meine Worte um Ihretwillen nicht beschönigen. Ich kenne Sie durch und durch.

Mrs. Erlynne: (Sieht ihn fest an.) Das bezweifle ich.

Lord Windermere: Doch, ich kenne Sie. Zwanzig Jahre hindurch lebten Sie ohne Ihr Kind, ohne Gedanken an Ihr Kind. Dann laßen Sie eines Tages in der Zeitung, dass sie einen reichen Mann geheiratet hatte. Darin sahen Sie Ihre Chance. Sie wussten, dass ich alles aushalten würde, um sie mit der Schmach zu verschonen, dass eine Frau wie Sie ihre Mutter ist. Sie fingen mit Ihrer Erpressung an.

Mrs. Erlynne: (Die Achseln zuckend.) Verwenden Sie solche hässlichen Worte nicht, Windermere. Sie sind vulgär. Ich sah meine Chance, das ist wahr, und nahm sie.

Lord Windermere: Ja, Sie nahmen sie … und zerstörte alles gestern Abend, indem Sie entlarvt wurden.

Mrs. Erlynne: (Mit einem seltsamen Lächeln.) Ja, Sie haben Recht, ich zerstörte alles gestern Abend.

Lord Windermere: Und Ihr Schnitzer, den Fächer meiner Frau mitzunehmen und ihn in Darlingtons Zimmer zu vergessen, er ist unverzeihlich. Ich kann den Anblick des Fächers nicht länger ertragen. Ich werde nie wieder meine Frau ihn benutzen lassen. Er ist in meinen Augen beschmutzt. Sie hätten ihn behalten, nicht zurückliefern sollen.

Mrs. Erlynne: Tatsächlich werde ich ihn behalten, glaube ich. Er ist außerordentlich nett. Ich werde Margaret bitten, ihn mir zu geben.

Lord Windermere: Ich hoffe, sie wird ihn Ihnen geben.

Mrs. Erlynne: Oh, sicherlich wird sie keine Einwendungen haben.

Lord Windermere: Ich wünschte, dass sie Ihnen gleichzeitig die Miniatur geben würde, die sie jeden Abend küsst, bevor sie betet … Es ist eine Miniatur von einem jungen unschuldig aussehenden Mädchen mit schönen dunklen Haaren.

Mrs. Erlynne: Ah, ja, ich erinnere mich. Es scheint mir eine Ewigkeit her zu sein! (Geht zum Sofa und setzt sich.) Sie wurde gemalt, bevor ich heiratete. Dunkle Haare und ein unschuldiger Ausdruck waren damals in der Mode, Windermere! (Eine Pause.)

Lord Windermere: Warum sind Sie heute gekommen? Was ist Ihre Absicht?

Mrs. Erlynne: (Mit einem ironischen Ton.) Um mich mit meiner Tochter zu verabschieden, natürlich. (Lord Windermere beißt sich aus Zorn in die Lippe. Mrs. Erlynne sieht ihn an, und ihre Stimme und ihr Wesen wird ernst. In ihren Worten spürt man einen Ton der tiefen Tragödie. Einen kurzen Augenblick entlarvt sie sich.) Oh, stellen Sie sich nicht vor, dass ich eine Szene machen werde, mich weinend in ihre Armen werfen werde, und ihr sagen, wer ich bin, und so was. Ich habe keine Lust, die Rolle der Mutter spielen zu sollen. Nur einmal in meinem Leben habe ich die Gefühle einer Mutter gekannt. Das war gestern Abend. Sie waren schrecklich … sie machten mich leiden … sie machten mich zu sehr leiden. Zwanzig Jahre lebte ich kinderlos, wie Sie es sagten … ich will noch kinderlos leben. (Verbirgt ihre Gefühle mit einem trivialen Lachen.) Wie in aller Welt sollte ich übrigens erklären können, dass ich eine erwachsene Tochter habe, mein lieber Windermere? Margaret ist einundzwanzig, und ich habe nie eingeräumt, mehr als neunundzwanzig zu sein, oder höchstens dreizig. neunundzwanzig, wenn es rosa Schatten gibt, dreizig sonst. Sie sehen also, welche Verwicklungen es mitführen würde. Nein, was mich betrifft dürfen Sie Ihre Frau die Erinnerung an diese toten, makellosen Mutter pflegen lassen. Warum sollte ich ihre Illusionen erschüttern? Es fällt mir schwer genug, meine eigenen zu behalten. Eine Illusion verlor ich gestern. Ich dachte, dass ich kein Herz hätte. Ich habe ein Herz, sehe ich jetzt, aber es steht mir nicht gut. Irgendwie passt es schlecht mit modernen Kleidern zusammen. Es macht einen alt aussehen. (Nimmt einen Handspiegel vom Tisch und sieht sich darin.) Und es zerstört einem die Karriere in entscheidenden Momenten.

Lord Windermere: Sie erfüllen mich mit Schrecken … mit alleserschlingendem Schrecken.

Mrs. Erlynne: Ich vermute, Windermere, es würde Ihnen passen, wenn ich ins Kloster ginge, oder Krankenschwester würde, oder etwas Ähnliches, wie die Leute es in albernen modernen Romanen tun. Das ist dumm von Ihnen, Arthur. So was tut man im wirklichen Leben nicht – mindestens nicht, wenn man seinen guten Aussehen noch hat. Nein, was einen heutzutage tröstet, ist nicht Reue, sondern Genuss. Reue ist ganz veraltet. Übrigens muss eine Frau, wenn sie wirklich bereut, einen schlechten Schneider besuchen, sonst wird ihr niemand glauben. Und nichts in der Welt könnte mich dazu bewegen. Nein, ich werde einfach aus Margarets Leben völlig verschwinden. Es war ein Fehler, an erster Stelle darin zu kommen … das entdeckte ich gestern Abend.

Lord Windermere: Ein fataler Fehler.

Mrs. Erlynne: (Lächelnd.) Fast fatal.

Lord Windermere: Jetzt bereue ich, dass ich meiner Frau die ganze Geschichte nicht sofort erzählte.

Mrs. Erlynne: Ich bereue meine schlechten Taten. Sie bereuen Ihre guten … Das ist der Unterschied zwischen uns zwei.

Lord Windermere: Ich traue Ihnen nicht. Ich werde es meiner Frau sagen. Es ist besser für sie, dass sie es von mir erfährt. Es wird ihr unendlichen Schmerz verursachen … es wird sie furchtbar entehren, aber es ist am richtigsten, dass sie es weiß.

Mrs. Erlynne: Sie beabsichtigen, es ihr zu sagen?

Lord Windermere: Ich werde es ihr sagen.

Mrs. Erlynne: (Geht zu ihm.) Falls Sie es tun, werde ich mich in so üblen Ruf bringen, dass es ihr jeden Moment des Lebens martern wird. Es wird sie zerstören und sie schlecht machen. Falls Sie es wagen, es ihr zu sagen, gibt es keine Schande, zu der ich mich nicht herabsinken werde, keine Erniedrigung, die ich nicht aufsuchen werde. Sie dürfen es ihr nicht sagen … ich verbiete es Ihnen.

Lord Windermere: Warum?

Mrs. Erlynne: (Nach einer Pause.) Wenn ich Ihnen sagen würde, dass ich Margaret gern habe, sie vielleicht sogar liebe, dann würden Sie mich verhöhnen, oder?

Lord Windermere: Ich würde denken, dass es nicht wahr wäre. Die Liebe einer Mutter heißt Ergebenheit, Selbstlosigkeit, Aufopferung. Was wissen Sie von solchem?

Mrs. Erlynne: Sie haben Recht. Was weiß ich von solchem? Reden wir nicht mehr davon. Ich erlaube aber nicht, dass Sie meiner Tochter sagen, wer ich bin. Das ist mein Geheimnis, nicht Ihres. Wenn ich entschließe, es ihr zu sagen, und das werde ich vermutlich, dann werde ich es ihr sagen, bevor ich dieses Haus verlasse – sonst werde ich es ihr nie sagen.

Lord Windermere: (Böse.) Dann bitte ich Sie, unser Haus sofort zu verlassen. Ich werde Sie gegenüber Margaret entschuldigen. (Lady Windermere tritt auf. Sie geht zu Mrs. Erlynne, die Fotografie in ihr Hand. Lord Windermere geht hinter das Sofa um und betrachtet nervös Mrs. Erlynne.)

Lady Windermere: Es tut mir sehr leid, Mrs. Erlynne, Sie warten lassen zu haben. Ich konnte die Fotografie nirgendwo finden. Aber zuletzt fand ich sie im Ankleidezimmer meines Mannes – er hatte sie gestohlen.

Mrs. Erlynne: (Nimmt die Fotografie von ihr und sieht sie an.) Ich bin gar nicht überrascht – sie ist sehr charmant. (Geht zum Sofa und setzt sich neben Lady Windermere. Sieht wieder die Fotografie an.) Und das ist also Ihr kleiner Sohn! Wie heißt er?

Lady Windermere: Gerard, nach meinem lieben Vater.

Mrs. Erlynne: (Liegt die Fotografie auf den Tisch.) Echt?

Lady Windermere: Ja. Wäre es ein Mädchen gewesen, hätte ich es nach meiner Mutter benannt. Meine Mutter hatte denselben Namen wie ich selbst – Margaret.

Mrs. Erlynne: Mein Name ist auch Margaret.

Lady Windermere: Wirklich!

Mrs. Erlynne: Ja. (Pause.) Sie sind der Erinnerung Ihrer Mutter ergeben, Lady Windermere, hat mir Ihr Mann erzählt.

Lady Windermere: Wir haben alle Ideale hier im Leben. Das sollten wir wenigstens. Meines ist meine Mutter.

Mrs. Erlynne: Ideale sind gefährlich. Die Wirklichkeit ist besser. Manchmal tut sie weh, aber sie ist besser.

Lady Windermere: (Schüttelt den Kopf.) Wenn ich meine Ideale verlieren würde, würde ich alles verlieren.

Mrs. Erlynne: Alles?

Lady Windermere: Ja. (Pause.)

Mrs. Erlynne: Sprach Ihr Vater oft von Ihrer Mutter?

Lady Windermere: Nein, das war ihm zu schmerzvoll. Er erzählte mir, wie meine Mutter starb einige wenige Monate, nachdem ich geboren wurde. Seine Augen wurden mit Tränen gefüllt, während er sprach. Dann flegte er mich, ihm ihren Namen nie wieder zu erwähnen. Ledigliglich den Namen zu hören, machte ihn leiden. Mein Vater … mein Vater starb aus einem zerbrochenen Herz. Sein Leben war das ruinierteste, das ich kenne.

Mrs. Erlynne: (Erhebt sich.) Leider muss ich jetzt gehen, Lady Windermere.

Lady Windermere: (Erhebt sich.) Oh nein, bleiben Sie, bitte.

Mrs. Erlynne: Ich sollte lieber fahren. Mein Wagen ist wahrscheinlich jetzt zurückgekommen. Ich schickte ihn zu Lady Jedburgh mit einem Billett.

Lady Windermere: Arthur, könntest du mal sehen, ob Mrs. Erlynnes Wagen zurückgekommen ist?

Mrs. Erlynne: Oh, belästigen Sie sich nicht, Lord Windermere.

Lady Windermere: Doch, Arthur. Geh, bitte. (Lord Windermere zögert einen Augenblick und sieht Mrs. Erlynne an. Sie sitzt unbeirrt auf dem Sofa. Er verlässt das Zimmer.) Oh! Was soll ich Ihnen sagen? Sie rettete mich gestern. (Geht zu Mrs. Erlynne.)

Mrs. Erlynne: Sch! … sprechen Sie nicht davon.

Lady Windermere: Ich muss davon sprechen. Ich kann Sie nicht glauben lassen, dass ich dieses Opfer empfangen werde. Das will ich nicht. Es ist zu groß. Ich werde meinem Mann alles erklären. Das ist meine Pflicht.

Mrs. Erlynne: Es ist nicht Ihre Pflicht – mindestens haben Sie auch andere. Sie sagen, Sie stehen in meiner Schuld?

Lady Windermere: Ich schulde Ihnen alles.

Mrs. Erlynne: Bezahlen Sie dann Ihre Schulden durch Schweigen. Das ist die einzige Weise, auf die Sie mir zahlen können. Zerstören Sie nicht das einzige Gute, das ich je getan habe, indem Sie anderen davon erzählen. Versprechen Sie mir, dass was gestern Abend passierte, ein Geheimnis zwischen uns bleibt. Sie dürfen nicht Unglück in das Leben Ihres Mannes bringen. Warum seine Liebe ruinieren? Sie dürfen sie nicht ruinieren. Liebe wird leicht zerstört. Oh, wie leicht Liebe zerstört wird! Geben Sie mir Ihr Wort, Lady Windermere, dass Sie es ihnen nie erzählen werden. Ich bestehe darauf.

Lady Windermere: (Mit gebeugtem Kopf.) Es ist Ihr Wille, nicht meiner.

Mrs. Erlynne: Ja, es ist mein Wille. Und vergessen Sie nie Ihr Kind. Ich mag, mich Sie als eine Mutter vorzustellen. Ich möchte, dass Sie sich selbst als eine vorstellen.

Lady Windermere: Das werde ich immer. Nur einmal in meinem Leben habe ich meine eigene Mutter vergessen – das war gestern. Oh, hätte ich mich an sie erinnert, wäre ich nicht so töricht gewesen, so schlecht.

Mrs. Erlynne: (Mit einem leichten Zittern.) Das ist alles ganz vorbei. (Lord Windermere tritt auf.)

Lord Windermere: Ihr Wagen ist noch nicht zurückgekommen, Mrs. Erlynne.

Mrs. Erlynne: Egal. Ich nehme eine Droschke. Und jetzt, liebe Lady Windermere, fürchte ich, dass wir uns verabschieden müssen. Oh, das hatte ich fast vergessen. Sie werden mich sicher für verrückt halten, aber wissen Sie was, ich bin ganz verliebt in Ihren Fächer gewesen, nachdem ich das dumme Unglück hatte, ihn mitzunehmen. Und jetzt möchte ich wissen, ob Sie ihn mir geben wollten? Lord Windermere sagt, dass Sie es tun mögen. Ich weiß, dass es sein Geschenk ist.

Lady Windermere: Oh, mit Vergnügen, wenn es Sie freuen wird. Aber er hat meinen Namen auf sich. Es steht „Margaret“ auf ihm.

Mrs. Erlynne: Aber wir haben ja denselben Vornamen.

Lady Windermere: Oh, das hatte ich vergessen. Natürlich. Was für ein wunderbarer Zufall, dass unsere Namen gleich sind!

Mrs. Erlynne: Ganz wunderbar. Danke Ihnen … er wird mich immer an Sie erinnern. (Gibt ihr die Hand. Parker tritt auf.)

Parker: Lord Augustus Lorton. Mrs. Erlynnes Wagen ist gekommen. (Lord Augustus tritt auf.)

Lord Augustus: Guten Morgen, lieber Junge. Guten Morgen, Lady Windermere. (Sieht Mrs. Erlynne.) Mrs. Erlynne!

Mrs. Erlynne: Wie geht es Ihnen, Lord Augustus? Fühlen Sie sich wohl heute Morgen?

Lord Augustus: (Kalt.) Ganz wohl, danke schön, Mrs. Erlynne.

Mrs. Erlynne: Sie sehen gar nicht wohl aus, Lord Augustus. Sie stehen viel zu spät auf … es ist sehr schlecht für Ihre Gesundheit. Sie sollten wirklich mehr Acht auf sich selbst geben. Lebe wohl, Lord Windermere. (Verbeugt sich vor Lord Augustus und geht zur Tür. Lächelt dann plötzlich und sieht ihn wieder an.) Lord Augustus! Begleiten Sie mich bitte zu meinem Wagen. Sie dürfen den Fächer tragen.

Lord Windermere: Erlauben Sie mir!

Mrs. Erlynne: Nein. Ich will Lord Augustus haben. Ich habe einen besonderen Bescheid an die liebe Herzogin. Tragen Sie bitte den Fächer, Lord Augustus.

Lord Augustus: Wenn Sie es wirklich wünscht, Mrs. Erlynne.

Mrs. Erlynne: (Lachend.) Natürlich wünsche ich es. Sie werden ihn so anmutig tragen. Sie würden alles anmutig tragen, lieber Lord Augustus. (In der Tür dreht sich Mrs. Erlynne einen Augenblick gegen Lady Windermere um. Ihre Augen treffen sich. Dann tritt sie ab. Lord Augustus folgt ihr.)

Lady Windermere: Du wirst nie wieder gegen Mrs. Erlynne sprechen, Arthur, oder?

Lord Windermere: (Ernst.) Sie ist besser, als was man glauben sollten.

Lady Windermere: Sie ist besser, als ich es bin.

Lord Windermere: (Lächelnd, indem er ihr durch die Haare streicht.) Kind, du und sie gehören zu verschiedenen Welten. In deine Welt ist das Böse nie hereingekommen.

Lady Windermere: Sprich nicht so, Arthur. Wir leben alle in derselben Welt, und das Gute und das Böse, Unschuld und Sünde gehen durch sie Hand in Hand. Die Augen für die Hälfte des Lebens zu schließen, um in Ungestörtheit zu leben, ist, als wenn man sich blenden würde, um sicher durch ein Land voller Klüfte und Fallgruben gehen zu können.

Lord Windermere: Liebling, warum sagst du das?

Lady Windermere: Weil ich selbst die Augen für das Leben geschlossen hatte und bis zum Rand kam. Und eine, die uns voneinander trennte …

Lord Windermere: Wir waren nie voneinander getrennt.

Lady Windermere: Wir wollen es nie wieder sein. Oh Arthur, liebe mich nicht weniger, und ich werde dir mehr trauen. Ich werde dir blind trauen. Fahren wir nach Selby. Im Rosengarten in Selby sind die Rosen rot und weiß. (Lord Augustus tritt auf.)

Lord Augustus: Arthur, sie hat alles erklärt! (Lady Windermere sieht furchtbar erschrocken aus. Lord Windermere erstarrt. Lord Augustus nimmt Lord Windermere am Arm und führt ihn ganz nach vorne auf der Bühne. Er spricht schnell und mit gedämpfter Stimme. Lady Windermere sieht ihnen mit Schrecken zu.) Mein lieber Freund, sie hat alles ins kleinste verflixte Detail erklärt. Wir tan ihr alle schweres Unrecht. Lediglich um meinetwillen kam sie zu Darlingtons Haus. Suchte mich zuerst im Klub … wollte tatsächlich meiner Ungewissheit ein Ende machen … und – als ihr erzählt wurde, dass ich gegangen bin – folgte sie uns … erschrocken, natürlich, als sie uns alle hörte … versteckte sich in einem anderen Zimmer … ich versichere Ihnen, es ist mir sehr erfreulich, diese ganze Sache. Wir benahmen uns alle unverschämt gegen sie. Sie ist die genau richtige Frau für mich. Ihre einzige Bedingung ist, dass wir ausschließlich außer England wohnen. Was mir übrigens hervorragend passt. Verflixte Klubs, verflixte Köche, verflixtes Klima, verflixtes alles. Das ganze ist mir zuwider!

Lady Windermere: (Nervös.) Hat Mrs. Erlynne …?

Lord Augustus: (Geht gegen sie mit einer langen Verbeugung.) Ja, Lady Windermere … Mrs. Erlynne hat mir die Ehre angetan, meine Hand anzunehmen.

Lord Windermere: Fürwahr werden sie eine sehr intelligente Frau heiraten.

Lady Windermere: (Nimmt die Hand ihres Mannes.) Ah, Sie werden eine sehr gute Frau heiraten. (Der Vorhang fällt.)

Anmerkungen


Epistola: in carcere et Vinculus

Vorbemerkung. Seit dem Jahre 1891 war Oscar Wilde (16. Okt. 1854 – 30. Nov. 1900) mit Lord Alfred Douglas (geb. 1870), dem jüngsten Sohne des Marquis of Queensberry, bekannt. Der Verkehr zwischen dem jungen Aristokraten und dem als Ästheten weidlich verspotteten, erst durch seine Gesellschaftskomödien kurz darauf populär gewordenen Dichter nahm bald freundschaftliche Formen an. Da Wilde, unbekümmert um landläufige Moralbegriffe, seinen Ruf aufs Spiel setzte, suchte der Marquis mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln diesem Umgang ein Ende zu bereiten. Hierbei begegnete er auf beiden Seiten hartnäckigem Widerstand, der schließlich zum offnen Bruch zwischen Vater und Sohn führte. Sehr wählerisch ging der Marquis nicht zu Werke: er provozierte einen heftigen Auftritt in Wildes Wohnung und plante bei der ersten Aufführung der Komödie »The Importance of being Earnest« im St. James’s Theatre einen Skandal, der im letzten Augenblick noch verhindert werden konnte. Vierzehn Tage später (am 28. Februar 1895) ließ er durch den Portier des Albemarle-Club in London Oscar Wilde eine Visitenkarte überreichen, auf der ein unflätiges Schimpfwort stand. In den ersten Tagen des März strengte Wilde daraufhin eine Beleidigungsklage gegen den Vater seines Freundes an. Sie kam schon am 3. April zur Verhandlung. Der vom Marquis of Queensberry angebotene Beweis der Wahrheit wurde durch die dreitägige Verhandlung als erbracht angesehn, der Beklagte freigesprochen und der Kläger zur Tragung der Kosten verurteilt. Noch am selben Abend des 5. April wurde Oscar Wilde verhaftet. Die Hauptverhandlung gegen ihn begann am 30. April und wurde am 1. Mai vertagt, weil sich die Geschworenen über die Schuldfrage nicht zu einigen vermochten. Gegen eine Kaution von zweitausendfünfhundert Pfund Sterling wurde der Angeklagte aus der Haft entlassen, worin er einen Wink hätte sehn können, daß den Behörden seine Flucht erwünscht sei. Aber er blieb, weil es sich nicht mit seinem Ideal vom Gentleman vertrug, unter solchen Umständen zu fliehn, und wohl auch, weil er bis zuletzt glaubte, daß ihm nichts geschehn könne – er blieb, ›to face the music‹, wie sich sein Bruder Willy ausdrückte. Das Ergebnis war, daß er am 25. Mai 1895 von dem Central Criminal Court zu zwei Jahren ›hard labour‹ verurteilt wurde.

Auch bei Oscar Wilde kamen die Leiden »wie einzelne Späher nicht, nein, in Geschwadern«. Seine Verhaftung, die einen Ausbruch der Volkswut in ganz England entfachte, war das Signal dazu, daß seine erfolgreichen Theaterstücke schleunigst vom Spielplan abgesetzt, seine Bücher aus dem Handel zurückgezogen wurden. So versiegten alsbald seine Einnahmequellen, und zu allem andern Unglück brach auch noch der Bankrott über ihn herein. Während seiner Gefängniszeit mußte er zweimal vor dem Konkursgericht erscheinen (vgl. S. 11).

 

 

Noch einige Daten aus Oscar Wildes späterem Leben.

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  1. Bald nach seiner Ankunft in Frankreich schrieb er den Brief über den »Fall des Wärters Martin«, der am 28. Mai 1897 in der Londoner Zeitung »The Daily Chronicle« erschien. Im Sommer und Herbst dieses Jahres war er mit der Vollendung der »Ballad of Reading Gaol« beschäftigt, die zu Anfang des folgenden Jahres bei Leonard Smithers in London erschien. Im Oktober 1897 siedelte er dann, weil er die Einsamkeit nicht länger ertragen konnte, zu Lord Alfred Douglas nach Neapel über, wo er bis Ende dieses oder Anfang des nächsten Jahres blieb. In sehr reduzierten Verhältnissen kehrte er nach Paris zurück. Schrieb dort einen zweiten Brief an die »Daily Chronicle« über die Zustände in englischen Gefängnissen, der am 24. März unter dem Titel »Don’t read this if you want to be happy to-day« erschien. Im Frühling 1899 ging er nach Südfrankreich (Nizza) und machte im selben Jahre noch eine Schweizer Reise. Die Pariser Weltausstellung des Jahres 1900 entzückte ihn; besonders Rodins Skulpturen. Er starb am 30. November 1900 im Hôtel d’Alsace zu Paris, 13 Rue des Beaux-Arts, nachdem er kurz vor dem Ende noch zum Katholizismus übergetreten war. Sein Grab ist in Bagneux.

Epistola: in carcere et vinculus

……. und mein Platz wäre zwischen Gilles de Retz und dem Marquis de Sade. 2

So ist es wohl am besten. Ich will mich nicht darüber beklagen. Eine der vielen Lehren, die man dem Gefängnis verdankt, ist die: daß die Dinge sind, was sie sind, und es in alle Zukunft bleiben werden. Ich zweifle auch nicht im geringsten daran, daß der mittelalterliche Wüstling und der Verfasser der »Justine« bessere Gesellschafter sind als Sandford und Merton… 3

 

All das hat sich in der ersten Novemberhälfte des vorletzten Jahres zugetragen. Ein breiter Lebensstrom fließt zwischen mir und einem so entfernten Zeitpunkt. Kaum, wenn überhaupt, kannst Du einen so weiten Zwischenraum überblicken. Mir aber kommt es vor, als wär‘ es mir, ich will nicht sagen: gestern, nein, heute zugestoßen. Leiden ist ein sehr langer Augenblick. Es läßt sich nicht nach Jahreszeiten abteilen. Wir können nur seine Stimmungen aufzeichnen und ihre Wiederkehr buchen. Für uns schreitet die Zeit selbst nicht fort. Sie dreht sich. Sie scheint um einen Mittelpunkt zu kreisen: den Schmerz. Die lähmende Unbeweglichkeit eines Lebens, das in allem und jedem nach einer unverrückbaren Schablone geregelt ist, so daß wir essen und trinken und spazieren gehn und uns hinlegen und beten oder wenigstens zum Gebet niederknien nach den unabänderlichen Satzungen einer eisernen Vorschrift: diese Unbeweglichkeit, die jeden Tag mit seinen Schrecken bis auf die kleinste Einzelheit seinem Bruder gleichen läßt, scheint sich den äußern Gewalten mitzuteilen, deren ureignes Wesen der beständige Wechsel ist. Von Saat und Ernte, von den Schnittern, die sich über das Getreide neigen, von den Winzern, die sich durch die Rebstöcke schlängeln, von dem Gras im Garten, über das sich die weiße Decke der abgefallenen Blüten breitet oder die reifen Früchte ausgestreut sind: davon wissen wir nichts und können nichts wissen.

Für uns gibt es nur eine Jahreszeit: die Jahreszeit des Grams. Die Sonne selbst und der Mond scheinen uns genommen. Draußen mag der Tag in blauen und goldnen Farben leuchten – das Licht, das zu uns hereinkriecht durch das dicht beschlagene Glas des kleinen, mit Eisenstäben vergitterten Fensters, unter dem wir sitzen, ist grau und karg. In unsrer Zelle herrscht stets Zwielicht, in unserm Herzen Mitternacht. Und im Bereich des Denkens stockt, ebenso wie im Kreislauf der Zeit, alle Bewegung. Was Du persönlich längst vergessen hast oder leicht vergessen kannst, trifft mich heut und wird mich morgen wiederum treffen. Das bedenke, und Du vermagst ein wenig zu verstehn, warum ich schreibe und so schreibe…

Eine Woche später schafft man mich hierher. Drei Monate verstreichen, da stirbt meine Mutter. 4 Du weißt, niemand weiß es besser, wie sehr ich sie geliebt und verehrt habe. Ihr Tod war mir furchtbar; aber ich, einst der Sprache Meister, finde nicht Worte, meinen Kummer und meine Beschämung auszudrücken. Niemals, nicht einmal in den glücklichsten Tagen meiner künstlerischen Entwicklung, wär‘ ich imstande gewesen, Worte zu finden, die eine so erhabene Last hätten tragen oder wohllautend und hoheitsvoll genug im purpurnen Zuge meines unaussprechlichen Wehs hätten einherschreiten können. Von ihr und meinem Vater hatte ich einen Namen geerbt, dem sie Ruhm und Ehre verschafft, nicht nur in der Literatur, Kunst, Archäologie und Naturwissenschaft, sondern auch in der politischen Geschichte meines Vaterlands, in seiner nationalen Entwicklung. Ich hatte diesen Namen für ewig geschändet. Zu einem gemeinen Schimpfworte bei gemeinen Menschen gemacht. In den Schlamm gezerrt. Rohen Gesellen ausgeliefert, daß sie ihn verrohen lassen durften, Verrückten, daß er ihnen gleichbedeutend mit Verrücktheit werden durfte. Was ich damals gelitten habe und noch leide, kann keine Feder schreiben, kein Buch künden. Meine Frau, 5 die in jenen Tagen sehr gütig und liebenswert gegen mich war, wollte es mir ersparen, daß ich die Nachricht von gleichgültigen Menschen, von fremden Lippen hörte, und kam trotz ihrem Kranksein den ganzen Weg von Genua nach England gereist, um mir die Botschaft eines so unersetzlichen, so unermeßlichen Verlustes selbst zu überbringen. Von allen, die mir noch zugetan waren, erreichten mich Beileidskundgebungen. Sogar Leute, die mich nicht persönlich gekannt hatten, ließen mir, als sie hörten, daß ein neuer Schmerz in mein Leben getreten sei, den Ausdruck ihrer Teilnahme übermitteln…

Drei Monate verstreichen. Der tägliche Ausweis über meine Führung und Arbeit, der draußen an der Tür meiner Zelle hängt, – auch mein Name und mein Urteil stehn darauf – sagt mir, es ist Mai…

Glück, Wohlleben und Erfolg mögen von rauher Oberfläche und aus gemeinem Stoffe sein: das Leid ist das Zarteste in aller Schöpfung. Es gibt nichts in der ganzen geistigen Welt, an das der Schmerz mit seinem schrecklichen, überaus feinen Pulsschlag nicht heranreicht. Das dünne, ausgehämmerte Zittergold-Blättchen, das die Richtung der dem Auge nicht wahrnehmbaren Kräfte anzeigt, ist im Vergleich damit grob. Das Leid ist eine Wunde, die zu bluten anfängt, wenn eine andre Hand als die der Liebe daran rührt, und selbst dann von neuem bluten muß, wenn auch nicht vor Schmerz.

Wo Leid ist, da ist geweihte Erde. Eines Tages wird die Menschheit begreifen, was das heißt. Vorher weiß sie nichts vom Leben. Robbie 6 und Wesen seiner Art können es ermessen. Als ich zwischen zwei Polizisten aus dem Zuchthaus vor den Konkursgerichtshof geführt wurde, da wartete Robbie in dem langen, düstern Korridor, um zum Erstaunen der ganzen Menge, die ob einer so lieben, schlichten Handlung verstummte, ernst den Hut vor mir abzuziehn, während ich in Handschellen gesenkten Hauptes an ihm vorüberging. Um kleinerer Dienste willen sind Menschen in den Himmel gekommen. Von diesem Geiste beseelt, von solcher Liebe erfüllt, knieten die Heiligen nieder, um den Armen die Füße zu waschen, neigten sie sich, um den Aussätzigen auf die Wange zu küssen. Ich habe nie ein Wort darüber zu ihm gesagt. Bis zur Stunde weiß ich nicht einmal, ob er eine Ahnung hat, daß ich seine Handlungsweise überhaupt bemerkte. Dafür kann man nicht in förmlichen Worten förmlichen Dank aussprechen. In der Schatzkammer meines Herzens lasse ich es lagern. Dort bewahr‘ ich es als eine geheime Schuld, die ich zu meiner Freude wahrscheinlich nie zurückzahlen kann. Dort ist es einbalsamiert und behält sein liebliches Aussehn durch die Myrrhen und Narden vieler Tränen. Wenn alle Klugheit mir wertlos, die Philosophie unfruchtbar und die Redensarten und Sprüche derer, die mich zu trösten suchten, wie Staub und Asche im Munde erschienen, dann hat mir die Erinnerung an diesen kleinen, holden, stummen Akt der Liebe alle Brunnen des Mitleidens rauschen, die Wüste wie eine Rose aufblühn lassen, mich aus der Bitternis der einsamen Verbannung herausgehoben und in Einklang gebracht mit dem verwundeten, gebrochnen, großen Weltenherz. Wer fähig ist zu begreifen, nicht allein, wie schön Robbies Handlungsweise war, sondern warum sie mir so viel bedeutete und immer so viel bedeuten wird, der kann vielleicht einsehn, wie und mit welcher Gesinnung er mir nahen sollte …

Der erste Gedichtband, den ein junger Mensch im Lenze seines Mannesalters in die Welt hinausschickt, soll wie eine Frühlingsblüte oder -blume sein, wie der Hagedorn auf den Wiesen Oxfords oder wie die Primeln auf den Feldern Cumnors. 7 Das Werk soll nicht mit dem Gewicht einer schrecklichen, empörenden Tragödie, eines schrecklichen, empörenden Skandals belastet sein. 8 Hätte ich einem solchen Buche meinen Namen als Herold dienen lassen, es wäre ein schwerer künstlerischer Irrtum gewesen; es hätte das ganze Werk in ein falsches Milieu gestellt, und in der modernen Kunst hat das Milieu so großen Wert. Das moderne Leben ist kompliziert und relativ; dies sind seine beiden unterscheidenden Merkmale. Um das erste wiederzugeben, bedürfen wir des Milieus mit seinen zarten Nuancen und Andeutungen, seinen seltsamen Perspektiven; das zweite verlangt Hintergrund. Deswegen ist die Plastik für uns keine repräsentierende Kunst mehr, ist es die Musik, ist, war und wird die Literatur stets die höchste repräsentierende Kunst bleiben.

Jedes Vierteljahr schickt mir Robbie ein kleines Bündel literarischer Neuigkeiten. Es kann nichts Entzückenderes geben als seine Briefe, die so witzig, so geschickt zusammengefaßt, so leicht hingeworfen sind. Es sind wirkliche Briefe: Plaudereien unter vier Augen. Sie haben die Vorzüge einer französischen ›causerie intime‹; und in seiner feinen Art, mir zu huldigen, die sich bald an meine Urteilsgabe, bald an meinen Humor, dann wieder an meine angeborene Neigung zur Schönheit oder an meine Bildung wendet und mich auf hunderterlei Weise zart daran erinnert, daß ich einst vielen als Autorität in künstlerischen Stilfragen, einigen als die höchste Autorität galt, zeigt er, daß er den Takt der Liebe ebenso wie literarischen Takt besitzt. Seine Briefe sind die Boten gewesen zwischen mir und der herrlichen, unwirklichen Kunstwelt, in der ich ehedem König war und König geblieben wäre, hätte ich mich nicht in die unzulängliche Welt rauher, unvollkommner Leidenschaften, eines wahllosen Geschmackes, eines Verlangens ohne Grenzen und einer formlosen Gier locken lassen. Doch wenn alles gesagt ist, wirst Du gewiß verstehn oder Dir vorstellen können, daß zum mindesten rein als psychologische Kuriosität es mich mehr interessiert hätte, etwas Näheres von Dir zu hören, als zu erfahren, daß Alfred Austin 9 einen Band Gedichte zu veröffentlichen plane, daß George Street 10 jetzt Theaterkritiken für die Daily Chronicle schreibe, oder daß Mrs. Meynell 11 von einem, der kein begeistertes Loblied singen kann, ohne zu stottern, als die neue Sybille des Stils ausgerufen worden sei…

 

Andre beklagenswerte Geschöpfe, die ins Gefängnis geworfen werden, sind, wenn ihnen die Schönheit der Welt geraubt ist, wenigstens bis zu einem gewissen Grade vor den tückischsten Schlingen, den bittersten Pfeilen der Welt sicher. Sie können sich im Dunkel ihrer Zelle verbergen und aus ihrer Schande noch eine Art unverletzliches Heiligtum machen. Der Welt ist Genüge geschehn, die Welt geht ihren Weg weiter; man läßt sie ungestört leiden. Nicht so bei mir. Ein Leid nach dem andern hat auf der Suche nach mir an die Gefängnistüren geklopft; man hat ihm die Tore weit geöffnet und es hereingelassen. Meinen Freunden ist kaum oder gar nicht gestattet worden, mich zu besuchen. Aber meine Feinde haben jederzeit in vollem Maße Zutritt zu mir gehabt: zweimal, als ich vor dem Konkursgerichtshof öffentlich erscheinen mußte, und dann noch zweimal, als ich von einem Kerker zum andern öffentlich transportiert wurde, war ich unter unsagbar erniedrigenden Umständen 12 den Blicken und dem Gespött der Menge preisgegeben. Der Bote des Todes hat mir seine Zeitung gebracht und ist davongegangen; völlig vereinsamt, ausgeschlossen von allem, was mich hätte trösten oder meinen Schmerz lindern können, habe ich die unerträgliche Pein des Elends und der Gewissensbisse erdulden müssen, die das Andenken an meine Mutter in mir hervorrief und noch immer hervorruft. Kaum hat die Zeit diese Wunde verharscht, nicht geheilt, da läßt mir meine Frau durch ihren Anwalt barsche, bittere, schroffe Briefe schreiben. Man droht mir mit Armut und macht sie mir gleichzeitig zum Vorwurf. Das kann ich ertragen. Ich kann mich an noch Schlimmeres gewöhnen. Aber meine beiden Kinder nimmt man mir auf gesetzlichem Wege. Das verursacht und wird mir stets unendlichen Schmerz, unendlichen Kummer, grenzenlosen Gram verursachen. Daß das Gesetz bestimmen kann und sich die Bestimmung anmaßt, mir stehe es nicht zu, bei meinen eignen Kindern zu sein, ist mir etwas ganz Fürchterliches. Die Schande, im Kerker zu sitzen, ist im Vergleich damit ein Nichts. Ich beneide die andern Männer, die mit mir im Gefängnishof auf- und abschreiten. Ihre Kinder warten gewiß auf sie, freun sich auf ihr Kommen, werden lieb und gut gegen sie sein.

Die Armen sind klüger, barmherziger, freundlicher, empfindungstiefer als wir. 13 In ihren Augen ist das Gefängnis eine Tragödie im Leben eines Menschen, ein Mißgeschick, eine Fügung des Zufalls, etwas, das bei andern Teilnahme weckt. Sie sprechen von einem, der im Gefängnis sitzt, als von einem, der einfach ›im Unglück‹ ist. Das ist die Redensart, die sie immer gebrauchen, und der Ausdruck enthält die höchste Weisheit der Liebe. Bei Leuten unsers Standes ist es anders. Bei uns macht das Gefängnis einen zum Paria. Ich und meinesgleichen haben kaum noch ein Anrecht auf die Luft und die Sonne. Unsre Gegenwart besudelt die Freuden der andern. Wir sind ungebetene Gäste, wenn wir wieder zum Vorschein kommen. Aufs neu des Mondes Dämmerschein 14 zu besuchen, steht uns nicht zu. Unsre Kinder werden uns genommen. Diese holden Bande, die uns an die Menschheit knüpfen, werden zerrissen. Wir sind dazu verurteilt, einsam zu sein, während unsre Söhne noch am Leben sind. Uns verwehrt man das eine, das uns heilen und erhalten, das dem zerschlagenen Herzen Balsam und der Seele in ihrem Schmerz Frieden bringen könnte …

Ich muß mir sagen, daß weder Du noch Dein Vater, und wenn man Euch mit tausend multiplizierte, einen Menschen wie mich hätten zugrunde richten können; daß ich mich selbst zugrunde gerichtet habe; daß niemand, ob hoch oder niedrig, zugrunde gerichtet werden kann außer von seiner eignen Hand. Ich bin gern bereit, das zu sagen. Ich versuche, es zu sagen, mag man es mir auch gegenwärtig nicht zutraun. Habe ich eine unbarmherzige Klage erhoben, so bedenke: dies ist eine Klage, die ich ohn‘ Erbarmen gegen mich selbst erhebe. So Schreckliches mir auch die Welt angetan hat: ich habe weit Schrecklicheres an mir selbst getan. Ich war ein Repräsentant der Kunst und Kultur meines Zeitalters. Ich hatte dies selbst schon an der Schwelle meines Mannesalters erkannt und meine Zeitgenossen später zur Anerkennung gezwungen. Wenige Menschen nehmen eine solche Stellung bei Lebzeiten ein, und wenigen wird sie so bestätigt. Gewöhnlich, wenn überhaupt, wird sie erst vom Historiker oder Kritiker bestimmt, lange nachdem der Mann wie sein Zeitalter dahingegangen sind. Bei mir war es anders. Ich habe sie selbst empfunden und andre empfinden lassen. Auch Byron war ein Repräsentant, aber er spiegelte die Leidenschaft seiner Zeit und ihren Leidenschaftsüberdruß. Ich vertrat etwas Edleres, Bleibenderes, etwas von vitalerer Bedeutung, von weiterem Umkreis.

Die Götter hatten mir fast alles verliehn. Ich besaß Genie, einen erlauchten Namen, eine hohe soziale Stellung, Ruhm, Glanz, intellektuellen Wagemut; ich habe die Kunst zu einer Philosophie, die Philosophie zu einer Kunst gemacht; ich habe die Menschen anders denken gelehrt und den Dingen andre Farben gegeben; alles, was ich sagte oder tat, setzte die Leute in Erstaunen. Ich nahm das Drama, die objektivste Form, die die Kunst kennt, und machte es zu einem so persönlichen Ausdrucksmittel, wie das lyrische Gedicht oder das Sonett; zugleich erweiterte ich seinen Bezirk und bereicherte es in der Charakteristik. Drama, Roman, Gedicht in Prosa, Versgedicht, den geistreichen oder den phantastischen Dialog – alles, was ich berührte, hüllte ich in ein neues Gewand der Schönheit; der Wahrheit selbst gab ich das Falsche ebenso wie das Wahre als ihr rechtmäßiges Reich und zeigte, daß das Falsche und das Wahre lediglich intellektuelle Daseinsformen sind. Die Kunst behandelte ich als die oberste Wirklichkeit, das Leben nur als einen Zweig der Dichtung. Ich erweckte die Phantasie meines Jahrhunderts, so daß es rings um mich Mythen und Legenden erschuf. Alle philosophischen Systeme faßte ich in einen Satz, das ganze Dasein in ein Epigramm zusammen. Daneben hatte ich noch andres. Aber ich ließ mich in lange Perioden eines sinnlosen, sinnlichen Wohlbehagens locken. Ich belustigte mich damit, ein Flaneur, ein Dandy, ein Modeheld zu sein. Ich umgab mich mit den kleineren Naturen und den geringeren Geistern. Ich ward zum Verschwender meines eignen Genies und fand absonderliches Wohlgefallen daran, eine ewige Jugend zu vergeuden. Müde, auf den Höhen zu wandeln, stieg ich aus freien Stücken in die Tiefen und fahndete nach neuen Reizen. Was mir das Paradoxe in der Sphäre des Denkens war, wurde mir das Perverse im Bereich der Leidenschaft. Die Begierde war schließlich eine Krankheit oder Wahnsinn oder beides. Ich kümmerte mich nicht mehr um das Leben andrer. Ich vergnügte mich, wo es mir beliebte, und schritt Weiter. Ich vergaß, daß jede kleine Handlung des Alitags den Charakter prägt oder zerstört, und daß man deshalb das, was man im geheimen Zimmer getan hat, eines Tages mit lauter Stimme vom Dach herunter rufen muß. Ich verlor die Herrschaft: über mich. Ich war nicht mehr der Steuermann meiner Seele und wußte es nicht. Ich ließ mich vom Vergnügen knechten. Ich endete in greulicher Schande. Jetzt bleibt mir nur eins: völlige Demut.

Ich habe fast zwei Jahre im Kerker gelegen. Wilde Verzweiflung ist bei mir zum Ausbruch gekommen; ein Wühlen im Jammer, dessen Anblick schon Mitleid erregte; schreckliche, ohnmächtige Wut; Bitterkeit und Verachtung; Seelenpein, die laut weinte; Elend, das keine Stimme finden konnte; Schmerz, der stumm blieb. Alle erdenklichen Leidensmöglichkeiten habe ich durchgemacht. Besser als Wordsworth selbst weiß ich, was er mit den Versen sagen wollte:

»Das Leiden ist beständig, trüb und finster
Und hat das Wesen der Unendlichkeit.«

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Aber während ich zuzeiten in der Vorstellung selig war, daß meine Leiden endlos sein sollten, konnte ich es nicht ertragen, daß sie keine Bedeutung hatten. Jetzt finde ich an einem fernen Punkt in meinem Wesen etwas verborgen, das mir sagt, nichts in der Welt sei ohne Bedeutung, am allerwenigsten das Leiden. Dieses Etwas, das tief in mir vergraben liegt, wie ein Schatz auf einem Felde, ist die Demut.

Sie ist das letzte, das noch in mir, und das beste; das äußerste Ziel, an dem ich angelangt bin; der Ausgangspunkt einer neuen Entwicklung. Ganz aus mir selbst heraus ist sie gekommen; ich weiß darum, daß sie zur rechten Zeit gekommen. Sie hätte nicht eher, aber auch nicht später kommen können. Hätte mir einer davon gesprochen, ich hätte sie von mir gewiesen. Hätte man sie mir gebracht, ich hätte sie abgelehnt. Ich habe sie gefunden und will sie deshalb bewahren. Ich kann nicht anders. Sie ist das einzige, was Lebenskeime in sich birgt, Keime eines neuen Lebens, einer Vita 16 für mich Von allen Dingen ist sie das Wunderbarste; man kann sie nicht verschenken und sich nicht von einem andern schenken lassen. Man kann sie nicht erwerben, es sei denn, daß man allem entsage, was man sein eigen nennt. Erst wenn man alles verloren hat, weiß man, daß man sie besitzt.

Jetzt, da ich überzeugt bin, daß sie in mir liegt, seh‘ ich klar und deutlich, was ich tun soll, unbedingt tun muß. Und wenn ich mich eines solchen Ausdrucks bediene, brauche ich nicht zu versichern, daß damit keine Anspielung auf irgend ein äußeres Gesetz oder Gebot gemeint ist. Für mich gibt es keine. Ich bin weit mehr Individualist, als ich es je war. Alles scheint mir ganz wertlos, was man nicht aus sich selbst hat. Meine Natur ist auf der Suche nach einer neuen Art der Selbstverwirklichung. Das ist das einzige, was mich beschäftigt. Und das erste, was ich zu tun habe, ist. mich von einer etwa vorhandenen Verbitterung gegen die Welt zu befrein.

Ich bin völlig mittellos, gänzlich obdachlos. Allein es gibt Härteres auf der Welt als das. Es ist mein heiliger Ernst, wenn ich sage: eh‘ ich dies Gefängnis mit Groll gegen die Welt verlasse, will ich lieber herzlich gern von Tür zu Tür gehn und um Brot betteln. Wenn ich in den Häusern der Reichen nichts bekäme, würden mir die Armen etwas schenken. Wer viel besitzt, ist oft geizig; wer wenig hat, ist immer zum Teilen bereit. Mir wär‘ es ganz gleich, müßte ich im Sommer im kühlen Gras schlafen und, wenn der Winter käme, in einem warmen, dichten Heuschober oder unter dem Wetterdach einer großen Scheune Zuflucht suchen – vorausgesetzt daß ich Liebe im Herzen hätte. Die äußern Dinge des Lebens scheinen mir jetzt von gar keiner Bedeutung mehr. Daraus magst Du ersehn, wie weit ich es schon im Individualismus gebracht habe – oder vielmehr allmählich bringen werde, denn der Weg ist lang, und ›wo ich gehe, sind Dornen‹. 17

Ich weiß freilich, auf der Landstraße um Almosen betteln wird nicht mein Los sein, und wenn ich je bei Nacht im kühlen Gras liege, werde ich Sonette an den Mond schreiben. Verlasse ich das Gefängnis, dann wird Robbie draußen vor dem großen Tore mit den Eisenpfosten auf mich warten, und er deutet nicht nur seine eigne Zuneigung sinnbildlich an, sondern auch die Zuneigung vieler andrer außer ihm. Ich soll, glaube ich, so viel bekommen, daß ich auf jeden Fall ungefähr anderthalb Jahre davon leben kann; 18 wenn ich dann keine schönen Bücher schreibe, bin ich wenigstens in der Lage, schöne Bücher zu lesen. Gibt es eine größere Freude? Danach werde ich hoffentlich meine Schaffenskraft: neu schaffen können.

Aber wäre es anders: hätte ich keinen Freund mehr auf der Welt; stünde mir nicht ein Haus mitleidig offen; müßte ich das Felleisen und den zerlumpten Mantel der baren Armut nehmen: solang ich von aller Rachbegierde, Grausamkeit und Verachtung frei bin, könnte ich dem Leben mit viel größerer Ruhe und Zuversicht ins Auge schaun, als wenn mein Leib in Purpur und feines Linnen gekleidet und meine Seele krank vor Haß wäre.

Und ich werde wirklich keine Schwierigkeit haben. Wer wahrhaft Liebe begehrt, wird sie für sich bereit finden.

Ich brauche nicht zu sagen, daß meine Aufgabe hier noch nicht endet. Sonst wäre sie verhältnismäßig leicht. Viel mehr steht mir bevor. Ich habe weit steilere Höhen zu ersteigen, viel dunklere Täler zu durchwandern. Und ich muß alles aus mir selbst haben. Nicht die Religion, nicht die Moral, nicht die Vernunft können mir irgendwie dabei helfen.

Die Moral hilft mir nicht. Ich bin ein geborener Antinomist. Ich gehöre zu denen, die für Ausnahmen, nicht für Gesetze geschaffen sind. Aber so gut ich einsehe, daß kein Unrecht in dem liegt, was man tut, sehe ich auch ein, daß ein gewisses Unrecht in dem liegt, was man wird. Diese Erkenntnis kommt einem zustatten.

Die Religion hilft mir nicht. Glauben andre an das Unsichtbare, 19 so glaube ich an das, was man berühren und erblicken kann. Meine Götter bewohnen von Menschenhand erbaute Tempel; und innerhalb des Bereichs der wirklichen Erfahrung vervollständigt und vervollkommnet sich mein Evangelium – vielleicht allzusehr: denn wie die meisten oder alle von denen, die ihren Himmel auf dieser Erde suchen, habe ich auf ihr sowohl die Schönheit des Himmels wie die Greuel der Hölle gefunden. Wenn ich überhaupt an Religion denke, ist es mir, als ob ich gern einen Orden für die gründen möchte, die nicht glauben können: Brüderschaft der Ungläubigen 20 möchte man ihn nennen. Hier würde an einem Altar, auf dem keine Kerze brennte, ein Priester, in dessen Herzen der Friede keine Ruhestatt hätte, mit ungeweihtem Brot und einem Kelche, in dem kein Wein wäre, die Messe lesen. Um wahr zu sein, muß alles zur Religion werden. Und die Lehre der Agnostiker sollte ebenso ihr Ritual haben wie der Glaube. Sie hat ihre Märtyrer gesät, sie sollte ihre Heiligen ernten und Gott täglich dafür danken, daß er sich den Blicken der Menschen verborgen hat. Doch ob Glaube ob Agnostizismus: es darf nichts Äußerliches für mich sein. Ich muß seine Symbole selbst geschaffen haben. Transzendent ist nur, was sich seine eigne Form gestaltet. Finde ich sein Geheimnis nicht in mir, dann werde ich es nie finden; besitze ich es nicht schon, so wird es mir nie zuteil werden.

Die Vernunft hilft mir nicht. Sie sagt mir, daß die Gesetze, deren Opfer ich geworden bin, verkehrt und ungerecht sind, daß das System, unter dem ich gelitten habe, verkehrt und ungerecht ist. Aber irgendwie habe ich diese beiden Dinge für mich gerecht und richtig zu machen. Und ganz so, wie man sich in der Kunst nur damit abgibt, was einem ein besondrer Gegenstand in einem besondern Moment ist, verhält es sich mit der ethischen Entwicklung des Charakters. Es ist meine Aufgabe, alles, was mich betroffen hat, zum Guten für mich zu wenden. Die Lattenpritsche, die ekelerregende Nahrung, die rauhen Stricke, die man zu Werg zerzupft, bis einem vor Schmerz die Fingerspitzen empfindungslos werden, die Gesindeverrichtungen, mit denen jeder Tag beginnt und endet, die schroffen Befehle, die das Herkommen zu erfordern scheint, die abscheuliche Kleidung, die den Kummer grotesk erscheinen läßt, das Schweigen, die Einsamkeit, die Schande – alle diese Erfahrungen habe ich ins Geistige umzusetzen. Es gibt keine einzige körperliche Erniedrigung, die ich nicht zu einer geistigen Erhebung zu machen versuchen muß.

Ich wünsche dahin zu gelangen, ganz schlicht und ohne Heuchelei sagen zu können, daß mein Leben zwei große Wendepunkte hatte: als mich mein Vater nach Oxford 21 und als mich die Gesellschaft ins Gefängnis schickte. Ich will nicht sagen: das Gefängnis war das beste, was mich hätte treffen können; denn das würde zu sehr nach Verbitterung gegen mich schmecken. Ich möchte lieber sagen oder von mir gesagt wissen, ich sei ein so typisches Kind meiner Zeit gewesen, daß ich in meiner Perversität und um dieser Perversität willen das Gute meines Lebens in Schlechtes und das Schlechte meines Lebens in Gutes verkehrte.

Indes, was ich oder andre sagen, darauf kommt es wenig an. Das Wichtige, das, was vor mir liegt, was ich zu tun habe, wenn der kurze Rest meiner Tage 22 nicht verstümmelt, vernichtet und unvollständig werden soll, ist: alles, was an mir getan worden ist, in mich aufzusaugen, zu einem Teil von mir zu machen, ohne Murren, Bangen und Sträuben hinzunehmen. Das höchste Laster ist Oberflächlichkeit. Was sich verwirklicht hat, ist recht.

Als meine Gefängniszeit eben begonnen hatte, gaben mir einige Leute den Rat, ich möge zu vergessen suchen, wer ich sei. Es war ein verderblicher Rat. Nur darin, daß mir zum Bewußtsein kommt, was ich bin, habe ich irgendwelchen Trost gefunden. Jetzt raten mir andre, ich solle, wenn ich freigelassen werde, zu vergessen suchen, daß ich je im Gefängnis war. Ich weiß, das wäre ebenso verhängnisvoll. Es hieße, daß ich zeitlebens von einem unerträglichen Gefühl der Schande verfolgt würde, daß das, was für mich ebensogut bestimmt ist wie für jeden andern – die Schönheit der Sonne und des Mondes, der Festzug der Jahreszeiten, die Musik bei Tagesanbruch und das Schweigen langer Nächte, der Regen, der durch die Blätter rieselt, der Tau, der über das Gras schleicht und es versilbert – daß all das für mich befleckt und seine Heilkraft und seine Fähigkeit, Freude zu spenden, verloren sein sollte. Seine eignen Erfahrungen bedauern heißt seine eigne Entwicklung hemmen. Seine eignen Erfahrungen verleugnen heißt seinem eignen Leben eine Lüge auf die Lippen legen. Es ist nicht weniger, als wollte man seine Seele verleugnen.

Denn ebenso wie der Körper alles Mögliche in sich aufnimmt, Gewöhnliches und Unreines nicht minder als das, was der Priester oder die Ekstase geweiht hat, und es in Rüstigkeit oder Kraft umwandelt, in das Spiel schöner Muskeln und die Formen des leuchtenden Fleisches, in die Rundungen und Farben des Haares, der Lippen, des Auges: so hat die Seele ihrerseits ihre nährende Tätigkeit und kann das, was an und für sich gemein, grausam und erniedrigend ist, in edle Regungen und Leidenschaften voll tiefer Bedeutung umsetzen – ja, noch mehr: gerade darin ihren erhabensten Stoff zur Betätigung finden und sich oft am vollkommensten durch das offenbaren, was ursprünglich eine entweihende oder zerstörende Absicht hatte.

Die Tatsache, daß ich in einem gemeinen Zuchthaus ein gemeiner Gefangner war, muß ich bedingungslos hinnehmen, und so merkwürdig es auch scheinen mag, eine von den Lehren, die ich mir beizubringen habe, ist, mich dessen nicht zu schämen. Ich muß es als Strafe hinnehmen, und wenn man sich einer Strafe schämt, dann ist es ebensogut, als hätte man sie nie empfangen. Allerdings, ich bin für viel verurteilt worden, was ich nicht getan habe, aber auch für viel, was ich getan habe, und es gibt noch mehr in meinem Leben, für das ich niemals zur Rechenschaft gezogen wurde. Und wie ich schon in diesem Briefe gesagt habe: da die Götter wunderlich sind und uns für das, was gut und menschenfreundlich in uns ist, ebenso strafen wie für das, was schlecht und pervers ist, so muß ich die Tatsache hinnehmen, daß man gleichermaßen für das Gute wie für das Schlechte, das man tut, bestraft wird. Ich zweifle nicht daran, daß es durchaus mit Recht geschieht. Es hilft einem oder sollte einem helfen, beides zu durchschaun und sich auf keins von beiden zu viel einzubilden. Wenn ich mich demnach meiner Strafe nicht schäme – und ich hoffe das –, dann werde ich frei denken, frei herumgehn und leben können.

Viele nehmen bei ihrer Entlassung das Gefängnis mit sich hinaus und verbergen es als geheimen Schimpf in ihrem Herzen und kriechen schließlich wie arme vergiftete Wesen in ein Loch und sterben. Es ist abscheulich, daß ihnen nichts andres übrig bleibt, und es ist unrecht, schrecklich unrecht von der Gesellschaft, sie dahin zu treiben. Die Gesellschaft maßt sich das Recht an, dem Individuum entsetzliche Strafen aufzuerlegen; aber sie besitzt auch das höchste Laster der Oberflächlichkeit, und es gelingt ihr nicht, sich über das, was sie getan hat, klar zu werden. Hat der Betreffende seine Strafe abgebüßt, dann überläßt sie ihn sich selbst, will sagen: sie läßt ihn just in dem Augenblicke fallen, wo ihre vornehmlichste Pflicht gegen ihn anfängt. Sie schämt sich tatsächlich ihrer eignen Handlungen und meidet die Bestraften, wie Leute einem Gläubiger ausweichen, dem sie ihre Schulden nicht bezahlen können, oder einem, dem sie unersetzlichen, unwiderruflichen Schaden zugefügt haben. Ich kann meinerseits den Anspruch erheben, wenn ich mir vergegenwärtige, was ich gelitten habe, daß die Gesellschaft sich vergegenwärtige, was sie mir angetan hat, und daß auf beiden Seiten keine Verbitterung, kein Haß herrsche.

Selbstverständlich weiß ich, daß von einem Gesichtspunkt aus die Dinge sich für mich schwieriger gestalten werden als für andre, durch die Natur der Sache es sein müssen. Die armen Diebe und Vagabunden, die hier mit mir eingesperrt sind, sind in vieler Hinsicht glücklicher als ich. Der kurze Weg in grauer Stadt oder auf grünem Felde, der ihre Sünde sah, ist eng; sie brauchen, wollen sie Menschen finden, die von ihrem Verschulden nichts wissen, nicht weiter zu gehn, als ein Vogel zwischen Zwielicht und Morgendämmerung fliegt. Für mich dagegen ist die Welt zu einer Handbreite 23 zusammengeschrumpft, und überall, wo ich mich hinwende, ist mein Name in ehernen Lettern an die Felsen geschrieben. Denn ich bin nicht aus dem Dunkel in das grelle Licht momentaner Verbrecherberühmtheit getreten, sondern von unsterblichem Ruhm zu ewiger Ehrlosigkeit gelangt, und manchmal scheint es mir, als hätte ich dargetan, wenn es dieses Beweises überhaupt bedurfte, daß vom Berühmten zum Berüchtigten nur ein Schritt ist oder noch weniger als ein Schritt.

Immerhin, gerade in dem Umstand, daß die Menschen mich erkennen werden, wo ich mich auch zeige, und alles aus meinem Leben wissen, so weit seine Torheiten in Betracht kommen, kann ich noch Gutes für mich entdecken. Daraus erwächst mir die Notwendigkeit, mich wieder als Künstler durchzusetzen – und zwar so bald wie irgend möglich. Kann ich auch nur ein schönes Kunstwerk hervorbringen, 24 dann werde ich imstande sein, der Bosheit ihr Gift, der Feigheit ihr Hohnlächeln zu rauben und der Schmähsucht die Zunge an der Wurzel auszureißen.

Und sollte das Leben, wie es gewiß der Fall ist, für mich ein Problem sein, so bin ich für das Leben nicht minder ein Problem. Die Leute müssen mir gegenüber einen Modus finden, wie sie sich zu verhalten haben, und dadurch sich wie mir das Urteil sprechen. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich nicht auf bestimmte Individuen anspiele. Die einzigen Menschen, die ich jetzt um mich wünsche, sind Künstler und solche, die gelitten haben: solche, die wissen, was Schönheit, und solche, die wissen, was Schmerz ist. Sonst interessiert mich niemand. Ich stelle auch keine Ansprüche an das Leben. Alles, was ich hier geäußert habe, zielt einfach auf meine eigne geistige Stellung gegenüber dem Leben in seiner Gesamtheit; und ich fühle, daß mich meiner Strafe nicht zu schämen einer der ersten Punkte ist, die ich erreichen muß, um meiner eignen Vollendung willen und weil ich so unvollkommen bin.

Dann muß ich glücklich sein lernen. Einst wußte ich es oder glaubte es zu wissen, instinktmäßig. Ehedem war immer Frühling in meinem Herzen. Mein Temperament war der Lebensfreude verwandt. Bis hoch zum Rande füllte ich mein Leben mit Vergnügen, wie man einen Becher bis zum Rande mit Wein füllt. Jetzt trete ich von einem völlig neuen Standpunkt an das Leben heran, und mir auch nur eine Vorstellung vom Glück zu machen wird mir oft überaus schwer. Ich erinnre mich aus meinem ersten Semester in Oxford 25 der Lektüre von Paters Renaissance 26 – des Buches, das einen so seltsamen Einfluß auf mein Leben gewonnen hat –, wie Dante in den Tiefen des Inferno die ansiedelt, die eigenwillig in Traurigkeit leben; ich ging in die College-Bibliothek und schlug die Stelle in der Göttlichen Komödie nach, wo unter dem Höllenmoor diejenigen hausen, die »in der süßen Luft grämlich« waren und nun ewig in ihren Seufzern stöhnen:

     Tristi fummo
Neil‘ aer dolce che dal sol s’allegra. 27

Ich wußte, die Kirche verurteilte accidia, aber die ganze Idee schien mir ziemlich phantastisch, so recht die Art Sünde, dachte ich mir, die ein lebensunkundiger Priester erfinden würde. Ebenso wenig begriff ich, wie Dante, der doch sagt: »Der Schmerz vereint uns wiederum mit Gott«, 28 so schroff gegen die sein konnte, die in der Wonne der Wehmut schwelgten, wenn es wirklich solche gab. Ich ahnte nicht, daß dies eines Tages eine der größten Versuchungen meines Lebens werden sollte.

Während ich im Gefängnis in Wandsworth saß, sehnte ich den Tod herbei. Sterben war mein einziger Wunsch. Als ich nach einem Aufenthalt von zwei Monaten in der Krankenabteilung hierher gebracht wurde und meine physische Gesundheit sich allmählich besserte, schäumte ich vor Wut. Ich beschloß, an dem Tage meiner Entlassung Selbstmord zu begehn. Nach einiger Zeit legte sich diese Verstimmung, und ich setzte es mir in den Kopf zu leben, aber Trübsal anzutun, wie ein König seinen Purpur; nie wieder zu lächeln; jedes Haus, das ich betrat, zu einem Hause der Trauer zu machen; meine Freunde langsamen Schrittes in Schwermut neben mir gehn zu lassen; sie zu lehren, daß die Melancholie das wahre Geheimnis des Lebens ist; ihre Freude durch fremdes Leid zu vergällen; sie mit meinem eignen Schmerze zu peinigen. Jetzt denke ich ganz anders. Ich sehe ein, es wäre undankbar und unliebenswürdig von mir, ein so langes Gesicht zu machen, daß meine Freunde, wenn sie mich besuchten, noch längere Gesichter machen müßten, um mir ihr Mitgefühl auszudrücken, oder, wenn ich sie bewirten wollte, sie einzuladen, sich schweigend zu bittern Kräutern und einem Leichenschmause niederzusetzen. Ich muß lernen, guter Dinge werden und glücklich sein.

Die beiden letzten Male, als ich meine Freunde hier empfangen durfte, gab ich mir Mühe, so heiter wie möglich zu sein und ihnen meine Frohlaune zu zeigen, um sie doch ein klein wenig dafür zu entschädigen, daß sie den ganzen Weg von London zu mir hergekommen waren. Ich weiß, es ist nur ein spärlicher Dank, aber keiner – davon bin ich durchdrungen – wäre ihnen lieber. Ich habe mich Sonnabend vor acht Tagen eine Stunde mit Robbie unterhalten und ließ es mir angelegen sein, ihn die herzliche Freude, die ich über unser Zusammensein empfand, so deutlich wie möglich merken zu lassen. Daß ich mit den Ansichten und Auffassungen, die ich mir hier im stillen bilde, auf der rechten Fährte bin, das beweist mir die Tatsache, daß ich jetzt zum ersten Male seit meiner Verurteilung wahres Verlangen nach dem Leben habe.

Vor mir liegt so viel, daß ich es als eine schreckliche Tragödie betrachten würde, wenn ich sterben müßte, eh‘ es mir verstattet wäre, wenigstens einen kleinen Teil davon durchzuführen. Ich sehe neue Entwicklungen in der Kunst und im Leben, von denen jede eine ungebrauchte Form der Vollkommenheit ist. Ich sehne mich nach dem Leben, damit ich erforschen kann, was jetzt so gut wie eine neue Welt für mich ist. Willst Du wissen, was diese neue Welt ist? Du kannst es wohl erraten. Es ist die Welt, in der ich zuletzt gelebt habe. Das Leid also und alles, was man von ihm lernt, ist meine neue Welt.

Ich habe früher ausschließlich dem Vergnügen gelebt. Ich ging Schmerzen und Leiden jeder Art aus dem Wege. Sie waren mir beide zuwider. Ich hatte mir vorgenommen, sie so weit wie möglich nicht zu beachten, sie gewissermaßen als Formen der Unvollkommenheit zu behandeln. Sie gehörten nicht zu meinem Lebensgebäude. Für sie war in meiner Philosophie kein Platz. Meine Mutter, die das Leben durch und durch kannte, pflegte mir oft die Goetheschen Verse zu zitieren, die ihr vor langen Jahren Carlyle in ein Buch geschrieben hatte und die – wenn ich mich recht erinnre – in seiner Übersetzung folgendermaßen lauteten:

Who never ate his bread in sorrow,
     Who never spent the midnight hours
Weeping and waiting for the morrow, –
     He knows you not, ye heavenly powers.

29

Diese Verse pflegte die edle Königin von Preußen, die Napoleon so brutal behandelt hat, in ihrer Erniedrigung und Verbannung zu zitieren; diese Verse hat meine Mutter im Ungemach ihres späteren Lebens oft angeführt. Ich lehnte es rundweg ab, die ungeheure Wahrheit, die darin verborgen liegt, mir zu eigen zu machen oder einzuräumen. Ich konnte sie nicht verstehn. Ich erinnre mich noch sehr wohl, wie ich damals meiner Mutter sagte, ich hätte keine Lust, mein Brot in Tränen zu essen, die Nächte zu durchweinen und einem noch traurigeren Morgen entgegenzuwachen.

Ich ahnte nicht, daß es zu den besondern Dingen gehörte, die mir das Schicksal vorbehalten hatte: daß ich ein ganzes Jahr meines Lebens kaum etwas andres tun sollte. Aber so ist mir mein Teil zugemessen worden; und während der letzten Monate ist es mir nach fürchterlichen Überwindungen und Kämpfen gelungen, einige Lehren zu begreifen, die im Herzen des Grams verborgen sind. Geistliche und Leute, die Redensarten ohne Sinn und Verstand anwenden, sprechen manchmal vom Leiden als einem Geheimnis. In Wahrheit ist es eine Offenbarung. Man erkennt Dinge, die einem nie aufgefallen sind. Man tritt unter einem andern Gesichtswinkel an die Geschichte heran. Was man schwach, instinktiv von der Kunst geahnt hat, gewahrt man im Bereich des Denkens und Fühlens mit vollendeter Klarheit des Sehvermögens und mit absoluter Stärke der Vorstellungskraft.

Jetzt erkenne ich, daß der Schmerz als die edelste Regung, deren der Mensch fähig ist, gleichermaßen Urform und Prüfstein aller großen Kunst ist. Wonach der Künstler immer sucht, das ist die Daseinsart, in der Leib und Seele eins und unzertrennlich sind; in der das Äußere der Ausdruck des Innern ist; in der sich die Form enthüllt. Solcher Daseinsarten gibt es etliche: der junge Menschenleib und die Künste, die mit seiner Darstellung beschäftigt sind, können uns gelegentlich als Modell dienen; dann wieder mag uns der Gedanke erfreun, daß in der Zartheit und Feinheit ihrer Eindrücke, in der Weise, wie sie einen Geist andeutet, der im Äußerlichen wohnt und sich aus Erde und Luft, aus Nebel und Städtebild sein Gewand schafft, die moderne Landschaftsmalerei in ihrer krankhaft reizbaren Harmonie von Stimmungen, Tönen und Farben das für uns koloristisch verwirklicht, was die Griechen zu so plastischer Vollendung gebracht. Die Musik, in der alles Stoffliche im Ausdruck aufgeht und nicht von ihm getrennt werden kann, 30 ist ein kompliziertes Beispiel und eine Blume oder ein Kind ein einfaches Beispiel für das, was ich meine; aber der Schmerz ist der höchste Typ, im Leben sowohl wie in der Kunst.

Hinter Lust und Lachen mag ein Temperament stecken, rauh, hart und knorrig: hinter dem Schmerz ist stets nur Schmerz. Das Leid trägt keine Maske wie die Freude. Die Wahrheit in der Kunst ist keine Verbindung zwischen der wesenhaften Idee und der zufälligen Existenz; ist nicht die Ähnlichkeit von Gestalt und Schatten oder von dem Spiegelbild der Form und der Form selbst; ist kein Echo, das aus einem hohlen Hügel tönt, so wenig wie ein silberner Quell im Tale, dessen Wasser den Mond dem Monde und Narkissos dem Narkissos zeigt. Die Wahrheit in der Kunst ist die Übereinstimmung eines Dinges mit sich selbst; das Äußere Ausdruck des Innern geworden; die Seele Fleisch; der Leib vom Geiste belebt. Darum läßt sich keine Wahrheit dem Leiden vergleichen. Zu Zeiten scheint mir das Leiden die einzige Wahrheit. Andre Dinge mögen Wahngebilde des Auges oder des Hungers sein, jenes zu blenden, diesen zu sättigen; aber aus dem Leiden sind die Welten erbaut, und bei der Geburt eines Kindes oder eines Sternes geht es nicht ohne Schmerz ab. Ja, noch mehr: das Leiden hat eine ungewöhnlich starke Wirklichkeit an sich. Ich habe von mir gesagt, ich sei ein Repräsentant der Kunst und Kultur meines Zeitalters gewesen. Es gibt keinen Elenden in diesem Hause des Elends, keinen meiner Mitgefangnen, der nicht ein Repräsentant des Lebensgeheimnisses wäre. Denn das Geheimnis des Lebens heißt Leiden. Hinter allem ist es verborgen. Kaum fangen wir zu leben an, so schmeckt uns das Süße so süß, das Bittere so bitter, daß wir unvermeidlich unser ganzes Verlangen auf Freuden richten und nicht nur »einen Monat oder zwei von Honig zehren« 31 wollen, sondern unser ganzes Leben lang keine andre Nahrung kosten möchten, und wissen doch die ganze Zeit nicht, daß wir die Seele in Wirklichkeit verhungern lassen.

Ich erinnre mich, ich sprach einmal hierüber mit einem der herrlichsten Wesen, 32 die ich je gekannt habe, einer Frau, deren reges Mitgefühl und edle Güte, sowohl vor wie seit der Tragödie meiner Kerkerhaft, sich unmöglich beschreiben lassen; die mir, wenn sie es auch nicht weiß, wirklich mehr als irgend jemand auf der ganzen Welt beigestanden hat, die Last meiner Sorgen zu tragen, und zwar bloß durch die Tatsache, daß sie lebt, daß sie ist, was sie ist – teils ein Ideal, teils eine einflußreiche Macht: eine Andeutung dessen, was man werden könnte, wie eine wirkliche Stütze des Vorsatzes, dahin zu gelangen; eine Seele, die der Alltagsluft Süßigkeit leiht und Geistiges einfach und natürlich erscheinen läßt wie das Licht der Sonne oder das Meer; für die Schönheit und Leid Hand in Hand gehn und dieselbe Botschaft haben. Ich besinne mich genau, wie ich ihr bei der Gelegenheit, die mir vorschwebt, sagte: es gäbe in einer engen Gasse in London schon genug Kummer, zu beweisen, daß Gott die Menschen nicht liebe, und überall, wo jemand leide, sei es auch nur ein Kind, das in einem Gärtchen weine über ein Vergehn, dessen es sich schuldig oder nicht schuldig gemacht, da sei das ganze Antlitz der Schöpfung entstellt. Ich hatte völlig Unrecht. Sie sagte mir das auch, doch ich konnte es nicht glauben. Ich lebte nicht in dem Vorstellungskreis, der einen zu solchem Glauben gelangen läßt. Jetzt dünkt mich, daß Liebe irgend einer Art die einzig mögliche Erklärung ist für das ungeheure Maß von Weh, das es auf der Welt gibt. Eine andre Erklärung kann ich mir nicht denken. Ich bin überzeugt, es gibt keine andre; und wenn die Welt wirklich, wie ich vorhin sagte, aus Leid gebaut ist, so ist sie von der Hand der Liebe gebaut, weil auf keine Weise sonst die Seele des Menschen, für den die Welt erschaffen ist, zu dem ganzen Wuchs ihrer Vollendung gelangen könnte. Freude für den schönen Körper, Schmerz für die schöne Seele.

Wenn ich sage, ich sei hiervon überzeugt, so liegt allzuviel Stolz in meinen Worten. Weit in der Ferne kann man, wie eine Perle sonder Fehl, die Stadt Gottes sehn. Sie ist so wundervoll, daß man meinen möchte, ein Kind könne sie an einem Sommertag erreichen. Und ein Kind kann es. Aber mit mir und meinesgleichen verhält es sich anders. In einem einzigen Augenblick kann man etwas in seiner ganzen Stärke fühlen, aber es geht einem wieder verloren in den langen Stunden, die bleiernen Fußes folgen. Es ist so schwer, »Höhen zu behaupten, darauf mit Fug die Seele wandeln darf«. Unsre Gedanken gehören der Ewigkeit, doch wir bewegen uns langsam durch die Zeit. Wie langsam die Zeit für uns vergeht, die wir im Gefängnis sitzen – davon brauche ich nicht mehr zu reden, nicht von der Müdigkeit und Verzweiflung, die in unsre Zelle und die Zelle unsers Herzens mit so seltsamer Beharrlichkeit zurückschleichen, daß man gewissermaßen sein Haus für sie fegen und schmücken muß, wie für einen unerwünschten Gast, einen gestrengen Herrn oder Sklaven, dessen Sklave man durch Zufall oder eigne Wahl ist.

Vielleicht, finden es meine Freunde jetzt schwer, es zu glauben, es ist aber trotzdem so: sie, deren Leben Freiheit, Müßiggang und Wohlbehagen, haben es leichter, die Lehren der Demut zu erlernen als ich, der ich den Tag damit beginne, auf den Knien den Boden meiner Zelle aufzuwaschen. Denn das Leben im Gefängnis mit seinen zahllosen Entbehrungen und Einschränkungen macht einen zum Rebellen. Das Schrecklichste daran ist nicht, daß es einem das Herz bricht – Herzen sind dazu da, zu brechen 33 –, sondern daß es einem das Herz in Stein verwandelt. Manchmal hat man das Gefühl, man könne den Tag überhaupt nur mit einer Stirn von Eisen und mit Hohn auf den Lippen überleben. Und wer sich im Zustande der Empörung befindet, kann nicht der Gnade teilhaftig werden, um den Ausdruck zu gebrauchen, dessen sich die Kirche mit Vorliebe bedient – und zwar mit Recht, möchte ich behaupten –, denn im Leben wie in der Kunst verschließt die aufrührerische Stimmung die Kanäle der Seele und sperrt die Luft des Himmels aus. Doch, soll ich diese Lehren irgendwo erlernen, so muß es hier geschehn, und ich muß voller Freude sein, wenn meine Füße auf der rechten Straße sind und mein Angesicht »dem Tore zugekehrt, das schön genannt wird«, 34 mag ich auch vielmals im Schmutz fallen und oft im Nebel irre gehn.

Dieses Neue Leben, wie ich es bisweilen aus Liebe zu Dante gern nenne, ist natürlich überhaupt kein neues Leben, sondern einfach, vermittelst Entwicklung und Evolution, die Fortsetzung meines früheren Lebens. Ich erinnre mich, daß ich in Oxford zu einem meiner Freunde sagte, als wir eines Morgens in dem Jahr, eh‘ ich promovierte, 35 auf den engen, von Vögeln umschwärmten Wegen um Magdalen College wandelten, es gelüste mich, von der Frucht aller Bäume im Garten der Welt zu essen, und mit dieser Leidenschaft im Herzen träte ich in die Welt hinaus. Und so, auf mein Wort, trat ich hinaus, und so lebte ich. Mein einziger Fehler war, daß ich mich so ausschließlich auf die Bäume beschränkte, welche, wie mir schien, auf der Sonnenseite des Gartens standen, während ich den andern Teil mit seinem Schatten und seiner Düsterheit mied. Mißerfolg, Schande, Armut, Kummer, Verzweiflung, Leid, selbst Tränen, die Worte, die Lippen im Schmerze stammeln, die Reue, die Dornen auf unsern Pfad streut, das Gewissen, das verdammt, die Selbsterniedrigung, die straft, das Elend, das Asche auf seih Haupt gießt, die Seelenpein, die sich in Sackleinwand kleidet und Galle in ihr eignes Getränk mischt: – all dem wich ich ängstlich aus. Und da ich beschlossen hatte, nichts davon wissen zu wollen, so wurde ich gezwungen, sie alle der Reihe nach zu kosten, mich von ihnen zu nähren, eine Zeitlang auf jede andre Speise zu verzichten.

Keinen Augenblick bedaure ich, dem Vergnügen gelebt zu haben. Ich tat es bis zum Rande, wie man alles tun soll, was man tut Es gab kein Vergnügen, das ich nicht genoß. Ich warf die Perle meiner Seele in einen Becher Weins. Ich schritt zum Klange der Flöten den Blumenpfad 36 hinab. Ich lebte von Honig. Aber es wäre falsch gewesen, dieses Leben fortzusetzen, weil es einseitig gewesen wäre. Ich mußte weiter. Die andre Hälfte des Gartens hatte auch ihre Geheimnisse für mich. Natürlich ist all das in meiner Kunst vorgebildet und wirft: seine Schatten voraus. Spuren davon sind im »Glücklichen Prinzen«; 37 auch in dem Märchen »Der junge König«, 38 besonders an der Stelle, wo der Bischof zu dem knienden Jüngling spricht: »Ist Er, der das Elend schuf, nicht weiser als du?« 39 – Worte, die mir, als ich sie schrieb, kaum mehr schienen als Worte; ein gut Teil davon ist hineingeheimnißt in die mahnende Stimme, die sich wie ein Purpurfaden durch den Goldbrokat des »Dorian Gray« 40 zieht; in vielen Farben schimmert es in der »Kritik als Kunst«; 41 in allzu leicht lesbaren Lettern steht es in der »Seele des Menschen«; 42 es ist einer der Refrains, deren wiederkehrendes Motiv »Salome« 43 so sehr einem Musikstück gleichen läßt und wie eine Ballade zusammenschließt; in dem Prosagedicht 44 von dem Manne, der aus dem Erz des Bildes der »Freude, die einen Augenblick lebt«, das Bild der »Sorge, die ewig währet«, zu schaffen hat, ist es Fleisch und Blut geworden. Anders hätte es auch gar nicht sein können. In jedem einzelnen Moment seines Lebens ist man das, was man sein wird, nicht minder als das, was man gewesen ist. Die Kunst ist ein Symbol, weil der Mensch ein Symbol ist.

Kann ich ganz dahin gelangen, so ist es die letzte Verwirklichung des Künstlerlebens. Denn das Künstlerleben ist einfach Selbstentwicklung. Die Demut beim Künstler liegt darin, daß er alle Erfahrungen bedingungslos hinnimmt, genau so wie die Liebe beim Künstler einfach der Sinn für Schönheit ist, der der Welt ihren Körper und ihre Seele offenbart. In »Marius dem Epikuräer« sucht Pater das Künstlerleben mit dem religiösen Leben in der tiefen, holden und herben Bedeutung des Wortes in Einklang zu bringen. Aber Marius 45 ist wenig mehr als ein Zuschauer – ein idealer Zuschauer allerdings, einer, dem es gegeben ist, »das Schauspiel des Lebens mit eignen Empfindungen zu betrachten«, was Wordsworth 46 als die wahre Bestimmung des Dichters bezeichnet; doch ein Zuschauer nur und vielleicht ein wenig zu sehr mit der Anmut der Bänke im Tempel beschäftigt, um zu gewahren, daß es der Leidenstempel ist, auf dem sein Blick ruht.

Ich sehe eine weit innigere, unmittelbarere Verbindung zwischen dem wahren Leben Christi und dem wahren Leben des Künstlers, und der Gedanke erfüllt mich mit großer Freude, daß ich, lange bevor sich das Leid meiner Tage bemächtigt und mich an sein Rad gebunden hatte, in der »Seele des Menschen« 47 geschrieben habe: wer ein Christus ähnliches Leben fuhren wolle, müsse ganz und gar er selbst sein, und als Beispiele nicht nur den Schäfer auf der Heide und den Gefangnen in seiner Zelle angeführt habe, sondern auch den Maler, dem die Welt ein Mummenschanz, und den Dichter, dem die Welt ein Lied ist. Ich erinnre mich, ich sagte einmal zu André Gide, 48 als wir in einem Pariser Café zusammensaßen, die Metaphysik besitze für mich nur geringes wirkliches Interesse und die Moral nicht das mindeste; indessen ließe sich alles, was Plato und Christus gesagt hätten, ohne weiteres auf das Gebiet der Kunst übertragen und fände hier seine vollkommne Erfüllung. In dieser Verallgemeinerung war das ebenso tief wie neu.

Die enge Verbindung von Persönlichkeit und Vollkommenheit, die wir in Christus entdecken können, ist es nicht allein, die den wirklichen Unterschied zwischen klassischer und romantischer Kunst bildet und Christus als den wahren Vorläufer der romantischen Bewegung im Leben erscheinen läßt, sondern die Grundlage seines Wesens war dieselbe, die das Wesen des Künstlers ausmacht: eine starke, lodernde Phantasie. Er empfand in dem ganzen Bereich menschlicher Beziehungen jene Anteilnahme der Phantasie, die in der Kunst das einzige Geheimnis des Schaffens ist. Er begriff die Krankheit des Aussätzigen, das Dunkel des Blinden, das grimme Elend derer, die dem Vergnügen leben, die wundersame Armut der Reichen. Mir hat einer in meinem Unglück geschrieben: »Wenn Sie nicht auf Ihrem Piedestal stehn, sind Sie uninteressant«. Wie weit war der Briefschreiber von dem entfernt, was Matthew Arnold das »Geheimnis Jesu« 49 nennt! Sie beide hätten ihn belehrt, daß alles, was einen andern trifft, einen selbst trifft; und wenn Du eine Inschrift haben willst, die Du in der Frühe und am Abend lesen kannst, im Schmerz und in der Freude, dann schreib‘ an die Wände Deines Hauses, daß es die Sonne vergolde und der Mond versilbere: »Alles, was einen andern trifft, trifft einen selbst«.

Christus gehört fürwahr unter die Dichter. Seine ganze Auffassung von der Menschheit entsprang geradeswegs der Phantasie und kann nur von ihr begriffen werden. Was Gott dem Pantheisten war, das war ihm der Mensch. Er hat zuerst die unterschiedlichen Rassen als eine Einheit erfaßt. Vor ihm hatte es Götter und Menschen gegeben; und da er durch eine geheimnisvolle Sympathie fühlte, daß beide in ihm Fleisch geworden waren, nennt er sich den Sohn des einen oder den Sohn des andern, wie es ihm eben beifiel. Mehr als irgend jemand in der Geschichte erweckt er in uns jene Stimmung für das Wunder, an die sich die Romantik allemal wendet. Die Idee hat für mich noch immer fast etwas Unglaubliches an sich, daß ein junger galiläischer Landmann sich vorstellt, er könne auf seinen Schultern die Last der ganzen Welt tragen: alles, was bereits getan und erduldet worden war, und alles, was dereinst noch getan und erduldet werden sollte: die Sünden Neros, Cesare Borgias, Alexanders VI. und dessen, der Kaiser von Rom und Sonnenpriester 50 war; die Leiden derer, deren Zahl Legion ist und die zwischen Gräbern hausen, der unterdrückten Völker, der Kinder in Fabriken, der Diebe, der Sträflinge, der Enterbten, derer, die in ihrer Knechtschaft stumm sind und deren Schweigen nur von Gott vernommen wird; und sich nicht bloß vorstellt, sondern es auch tatsächlich durchsetzt, so daß noch im gegenwärtigen Augenblick alle, die mit seiner Person in Berührung kommen, selbst wenn sie weder vor seinem Altar sich neigen noch vor seinem Priester knien, doch irgendwie die Empfindung haben, daß die Häßlichkeit ihrer Sünde von ihnen genommen und die Schönheit ihres Leidens ihnen offenbart werde.

Ich hatte gesagt: Christus zählt zu den Dichtern. Das ist so. Shelley und Sophokles sind seine Brüder. Doch auch sein ganzes Leben ist das wundervollste Gedicht. Wenn man nach »Furcht und Mitleid« sucht, gibt es nichts im ganzen Sagenkreise der griechischen Tragödie, 51 was sich damit messen könnte. Die makellose Reinheit des Protagonisten erhebt das ganze Gebäude zu einer Höhe romantischer Kunst, von der die Leiden des thebanischen Hauses und der Pelopiden schon durch ihre Greuel ausgeschlossen sind, und zeigt, wie falsch der Ausspruch des Aristoteles in seiner Abhandlung über das Drama ist, der Anblick eines schuldlos Leidenden sei unausstehlich. Weder bei Äschylus noch bei Dante, den strengen Meistern der Zartheit, weder bei Shakespeare, dem am reinsten Menschlichen von allen großen Künstlern, noch in sämtlichen keltischen Mythen und Legenden, darinnen die Lieblichkeit der Welt durch einen Tränennebel blinkt und das Leben eines Menschen nicht mehr gilt als das Leben einer Blume, gibt es irgend etwas, das an ergreifender Einfachheit, die sich der Erhabenheit tragischer Wirkung paart und in ihr aufgeht, dem letzten Akt der Leidensgeschichte Christi gleich oder auch nur nahe käme. Das schlichte Mahl mit seinen Jüngern, von denen ihn einer schon des Gewinnstes willen verkauft hat; die Seelenangst in dem ruhigen, mondbeglänzten Garten – der falsche Freund tritt dicht an ihn heran, um ihn mit einem Kusse zu verraten; der Freund, der noch an ihn glaubte und auf dem er wie auf einem Felsen eine Zufluchtsstätte für die Menschheit zu gründen gehofft hatte, verleugnet ihn, als der Hahn dem dämmernden Tag entgegenkräht – seine völlige Vereinsamung, seine Unterwürfigkeit und wie er sich allem fügt; daneben wiederum solche Szenen, da der Hohepriester der Orthodoxie im Zorne sein Gewand zerreißt und der Beamte des bürgerlichen Gerichtshofs Wasser holen läßt in der eitlen Hoffnung, sich von dem Fleck unschuldigen Blutes zu reinigen, der ihn zur Scharlachfigur der Geschichte macht; der Krönungsakt mit dem Dornenkranz – eine der wunderbarsten Begebenheiten in den Büchern aller Zeiten – die Kreuzigung des Unschuldigen vor den Augen seiner Mutter und des Jüngers, den er lieb hatte – die Soldaten spielen und würfeln um seine Kleider – der schreckliche Tod, durch den er der Welt ihr ewigstes Symbol gab; und schließlich sein Begräbnis in der Gruft des reichen Mannes – sein Leichnam wird mit kostbaren Spezerein und Wohlgerüchen gesalbt und in ägyptische Leinwand gewickelt, als wär‘ er eines Königs Sohn gewesen –: wenn man all das einzig und allein von künstlerischem Standpunkt aus betrachtet, muß man dafür dankbar sein, daß der feierlichste Gottesdienst der Kirche die Darstellung der Tragödie ohne das Blutvergießen ist: die mystische Vorführung der Leidensgeschichte des Herrn mit Hilfe von Dialog, Kostüm und Gesten sogar; und der Gedanke ist für mich stets eine Quelle ehrfürchtiger Erhebung, daß der letzte Überrest des griechischen Chors, der der Kunst sonst verloren gegangen ist, sich in dem Ministranten findet, der dem Messe lesenden Priester antwortet.

Doch in seiner Gesamtheit ist das Leben Christi – so völlig können Leid und Schönheit in ihrer Bedeutung und ihrer Darstellung verschmelzen – wirklich ein Idyll» mag es auch damit enden, daß der Vorhang im Tempel zerreißt, Finsternis das Antlitz der Erde bedeckt und der Stein vor des Grabes Tür gewälzt wird. Man stellt sich ihn immer als einen jungen Bräutigam im Kreise seiner Jünger vor, wie er sich ja an einer Stelle beschreibt; als einen Hirten, der mit seinen Schafen durch ein Tal streift auf der Suche nach grünen Auen oder einem kühlenden Strom; als einen Sänger, der die Mauern der Stadt Gottes durch Musik aufbaun möchte; als einen Liebenden, für dessen Liebe die ganze Welt zu klein war. Seine Wunder dünken mich köstlich wie das Nahen des Lenzes und ebenso natürlich. Ich sehe durchaus keine Schwierigkeit darin, an einen solchen Zauber seiner Persönlichkeit zu glauben, daß seine bloße Gegenwart gequälten Seelen Frieden bringen konnte und daß die, welche sein Gewand oder seine Hände berührten, ihres Schmerzes vergaßen; oder daß, wenn er auf der Heerstraße des Lebens vorüberschritt, Leute, denen bisher des Lebens Geheimnis verborgen geblieben war, es deutlich sahen, und daß andre, die jedem Laut ihr Ohr verschlossen hatten außer dem der Lust, zum erstenmal die Stimme der Liebe vernahmen und sie »musikalisch wie Phöbus‘ Leier« 52 fanden; oder daß üble Leidenschaften bei seiner Ankunft flohen und Menschen, deren stumpfes, phantasieloses Leben nur eine Form des Todes gewesen war, gleichsam aus dem Grabe auferstanden, da er sie rief; oder daß die Menge, als er am Hang des Hügels predigte, ihres Hungers und Durstes und der Sorgen dieser Welt vergaß und daß seinen Freunden, die ihm lauschten, als er beim Mahle saß, die grobe Nahrung wohlschmeckte, das Wasser wie trefflicher Wein mundete und das ganze Haus von dem süßen Duft der Narden erfüllt war.

Renan sagt irgendwo in seinem »Leben Jesu« 53 – dem anmutigen fünften Evangelium, dem Evangelium, das man nach dem heiligen Thomas nennen möchte –: Christi großes Werk sei es gewesen, daß er sich die Liebe, die er bei Lebzeiten besessen, nach seinem Tode zu erhalten gewußt habe. Sicherlich, wenn sein Platz unter den Dichtern ist, so führt er den Reigen der Liebenden. Er erkannte, daß die Liebe an erster Stelle das Geheimnis der Welt sei, nach dem die Weisen ausgeschaut hatten, und daß man sich nur durch Liebe dem Herzen des Aussätzigen und den Füßen Gottes nähern könne.

Vor allem aber: Christus ist der höchste Individualist. Die Demut ist, wie die Künstler alle Erfahrungen hinnehmen, bloß eine Offenbarungsform. Nach der Seele des Menschen fahndet Christus immer. Er nennt sie »das Reich Gottes« τήν βασιλείαν τούδ εού – 54 und findet sie bei jedem. Er vergleicht sie mit Kleinigkeiten: einem winzigen Saatkorn, 55 einer Handvoll Sauerteig, 56 einer Perle. Aus dem Grunde: weil man seine Seele nur dadurch ausbildet, daß man alle fremden Leidenschaften, alle erworbne Kultur und allen äußerlichen Besitz – ob gut oder schlecht – abstreift.

Mit der Hartnäckigkeit meines Willens und mehr noch mit dem Widerspruchsgeist meines Wesens bäumte ich mich gegen alles auf, bis ich nichts, gar nichts mehr auf der Welt hatte, als Cyril. 57 Ich hatte meinen Namen, meine Stellung, mein Glück, meine Freiheit, mein Vermögen eingebüßt. Ich war ein Sträfling und bettelarm. Aber noch war mir ein holder Besitz geblieben: meine Söhne. Plötzlich wurden sie mir vom Gesetz genommen. Es war ein so betäubender Schlag, daß ich nicht aus noch ein wußte; ich warf mich auf die Knie, neigte das Haupt, weinte und sprach: »Der Leib eines Kindes ist wie der Leib des Herrn; ich verdiene sie beide nicht«. Dieser Augenblick hat mich, scheint’s, gerettet. Damals erkannte ich, daß es nichts andres für mich gäbe, als alles hinzunehmen. Seitdem – so merkwürdig es unzweifelhaft klingen wird – bin ich glücklicher gewesen. Ich hatte nämlich meine Seele in ihrem letzten Wesensgehalt gefunden. In vieler Hinsicht war ich ihr Feind gewesen, aber ich fand, daß sie wie ein Freund auf mich wartete. Wenn man mit der Seele in Berührung kommt, läßt sie einen einfältig werden wie ein Kind, was man nach Christi Worten sein soll.

Es ist tragisch, wie wenige Menschen vor ihrem Tode im Besitze ihrer Seele sind. 58 Emerson sagt: »Nichts ist bei einem Menschen so selten, wie eine eigne Willenshandlung«. Das trifft ganz zu. Die meisten Leute sind andre Leute. Ihre Gedanken sind die Meinungen andrer, ihr Leben Mimikry, ihre Leidenschaften ein Zitat. Christus war nicht nur der größte Individualist, sondern auch der erste in der Geschichte. Man hat versucht, aus ihm einen gewöhnlichen Philanthropen zu machen, vom Schlage der schauderhaften Philanthropen des neunzehnten Jahrhunderts, oder hat ihn als Altruisten unter die Ungebildeten und Gefühlsschwärmer eingereiht. In Wirklichkeit war er weder das eine noch das andre. Gewiß, er hat Mitleid mit den Armen, den Eingekerkerten, den Niedrigen und Elenden; aber er hat viel mehr Mitleid mit den Reichen, den eingefleischten Hedonisten, mit denen, die ihre Freiheit verschwenden, indem sie Sklaven der Dinge werden, mit denen, die weiche Gewänder tragen und in königlichen Schlössern wohnen. Reichtum und Wohlleben schienen ihm größere Tragödien als Armut und Gram. Und was den Altruismus betrifft – wer wußte besser als er, daß es Anlage und nicht Willenskraft ist, was bei uns den Ausschlag gibt, und daß man nicht Trauben von Dornen oder Feigen von Disteln lesen kann? 59

Für andre leben als bestimmter, einem selbst bewußter Zweck: das war nicht seine Lehre. Nicht die Grandlage seiner Lehre. Wenn er sagt: »Vergebet euren Feinden«, 60 so sagt er es nicht dem Feind zuliebe, sondern um unser selbst willen, und weil Liebe schöner ist als Haß. Wenn er den reichen Jüngling auffordert: »Verkaufe, was du hast, und gib es den Armen«, 61 so denkt er dabei nicht an die Lage der Armen, sondern an die Seele des Jünglings, die liebliche Seele, die der Reichtum ins Verderben zog. In seiner Lebensauffassung ist er eins mit dem Künstler, der weiß, daß infolge des unvermeidlichen Gesetzes der Selbstvollendung der Dichter singen, der Bildhauer in Bronze denken, 62 der Maler die Welt zum Spiegel seiner Stimmungen machen muß, so unbedingt sicher, wie der Hagedorn im Frühling blühn, das Getreide im Herbst zur goldnen Fracht reifen und der Mond auf seiner vorgezeichneten Bahn von der Scheibe zur Sichel, von der Sichel zur Scheibe werden muß.

Hat Christus also nicht zu den Menschen gesprochen: »Lebet für andere«, so hat er vielmehr dargetan, daß gar kein Unterschied zwischen dem Leben der andern und unserm eignen Leben besteht. Hierdurch gab er dem Menschen eine ausgedehnte, titanische Persönlichkeit. Seitdem er erschienen, ist die Geschichte jedes einzelnen Individuums die Weltgeschichte oder kann dazu werden. Freilich, die Kultur hat die Persönlichkeit des Menschen gesteigert. Die Kunst hat unsern Myriadengeist 63 geschaffen. Wer das Künstlernaturell besitzt, der geht mit Dante ins Exil und lernt, wie salzig das Brot der andern ist 64 und wie steil ihre Stufen sind; der erlangt einen Augenblick die heitere Ruhe Goethes und weiß dennoch nur zu gut, daß Baudelaire zu Gott aufschrie:

»O Seigneur, donnez-moi la force et le courage
De contempler mon corps et mon coeur sans dégoût«.
65

Aus Shakespeares Sonetten holt er – sich selbst vielleicht zum Schaden – das Geheimnis seiner Liebe heraus 66 und macht es sich zu eigen; er sieht mit andern Augen das moderne Leben, weil er einem von Chopins Nocturnen gelauscht oder sich mit griechischen Künsten abgegeben oder die Geschichte der Leidenschaft eines toten Mannes gelesen hat zu einer toten Frau, deren Haar feinen Goldfäden, deren Mund einem Granatapfel glich. Aber das Mitfühlen des künstlerischen Temperaments richtet sich notwendigerweise auf das, was zum Ausdruck gelangt ist. In Worten oder Farben, in Tönen oder Marmor, hinter den gemalten Masken eines Äschyleischen Dramas oder durch die durchbohrten und aneinander gefügten Schilfrohre eines sizilischen Hirten 67 muß der Mensch und seine Sendung offenbart worden sein.

Dem Künstler ist Ausdruck die einzige Form, unter der er das Leben überhaupt begreifen kann. Für ihn ist tot, was stumm ist. Anders bei Christus. Mit einer wunderbar umfangreichen Phantasie, die einen geradezu mit heiliger Scheu erfüllt, erkor er die ganze Welt des Unausgesprochnen, die Welt des Schmerzes, die keine Stimme hat, zu seinem Königreich und machte sich zu ihrem ewigen Sprachrohr. Die, von denen ich schon gesprochen habe, die unter einem Druck stumm sind und »deren Schweigen nur von Gott vernommen wird«, wählte er sich zu Brüdern. Er suchte, das Auge des Blinden, das Ohr des Tauben und ein Notschrei auf den Lippen derer zu werden, denen die Zunge gebunden war. Sein Wunsch war es, den Myriaden, die keine Sprache gefunden hatten, eine Drommete zu sein, durch die sie zum Himmel rufen könnten. Und da er mit der Künstlernatur eines, dem Leiden und Kummer Formen waren, durch die er seinen Schönheitsbegriff verwirklichen konnte, empfand, daß eine Idee wertlos sei, bis sie Fleisch wird und zum Bilde, so machte er aus sich das Bild des Leidenden, und als solches hat er die Kunst angeregt und beherrscht, wie es niemals einem griechischen Gotte gelang.

Denn die griechischen Götter waren trotz dem Weiß und Rot ihrer schönen, geschmeidigen Glieder in Wirklichkeit nicht das, was sie zu sein Schienen. Die geschwungne Stirn Apolls glich der Sonnenscheibe, die in der Dämmerung über einem Hügel steht, und seine Füße den Fittichen des Morgens; aber er selbst war grausam gegen Marsyas gewesen und hatte Niobe ihrer Kinder beraubt. In den Stahlschilden der Augen Athenes blitzte kein Erbarmen mit Arachne; 68 die prunkvolle Hoheit und die Pfauen Heras waren alles, was wirklich vornehm an ihr war; und der Vater der Götter selbst hatte die Menschentöchter zu gern gehabt. Die beiden bedeutungsvollsten Gestalten der griechischen Mythologie waren in der Religion Demeter, 69 eine irdische Gottheit, keine der Olympischen, und in der Kunst Dionys, der Sohn einer Sterblichen, 70 für die der Augenblick seiner Geburt auch zum Augenblick ihres Todes geworden.

Aber das Leben selbst brachte aus seiner untersten, bescheidensten Schicht eine weit herrlichere Gestalt hervor, als die Mutter Proserpinas oder den Sohn der Semele. Aus der Zimmermannswerkstatt in Nazareth war eine unendlich größere Persönlichkeit hervorgegangen, als je eine in Mythe und Sage erstandene, eine Persönlichkeit, die seltsamerweise dazu bestimmt war, der Welt die geheimnisvolle Bedeutung des Weins und die wahre Schönheit der Lilien des Feldes zu enthüllen, wie es keiner je auf dem Kithäron oder in Enna getan hatte.

Die Worte Jesaias: 71 »Er war der allerverachtetste und unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg«, hatten ihm wie eine Vorankündigung seiner selbst geklungen, und die Prophezeiung ward an ihm erfüllt. Wir brauchen einen solchen Ausdruck nicht zu scheun. Jedes Kunstwerk ist die Erfüllung einer Prophezeiung; denn jedes Kunstwerk ist die Umwandlung einer Idee in ein Bild. Jedes menschliche Wesen sollte die Erfüllung einer Prophezeiung sein; denn jedes menschliche Wesen sollte die Verwirklichung eines Ideals sein, entweder in den Augen Gottes oder der Menschen. Christus fand den Typus und legte ihn fest, und der Traum eines Virgilischen Dichters 72 in Jerusalem oder Babylon verkörperte sich im langen Lauf der Jahrhunderte in ihm, auf dessen Ankunft die Welt harrte. »Seine Gestalt war häßlicher denn anderer Leute und sein Ansehen denn der Menschen Kinder«: 73 das hatte Jesaia unter den Erkennungsmerkmalen des neuen Ideals aufgezeichnet; und sobald die Kunst verstand, was damit gemeint war, brach sie auf wie ein Blumenkelch in Gegenwart dessen, an dem die Wahrheit in der Kunst zutage trat wie nie zuvor. Denn ist nicht Wahrheit in der Kunst, wie ich schon sagte, 74 das, worin »das Äußere Ausdruck des Innern, worin die Seele Fleisch und der Leib vom Geiste belebt« ist, worin die Form sich offenbart?

Für mich gehört es mit zum Bedauerlichsten in der Geschichte, daß die richtige christliche Renaissance, die den Dom in Chartres, 75 den Legendenzyklus von König Arthur, 76 das Leben des Heiligen Franz von Assisi, 77 die Kunst Giottos und Dantes Göttliche Komödie hervorgebracht hat, in ihrer eignen Bahn sich nicht weiter entwickeln durfte, sondern gehemmt und verdorben wurde von der traurigen klassischen Renaissance, die uns Petrarca schenkte und Raphaels Fresken und Palladios Architektur und die formenstarre französische Tragödie und die St. Paulskirche und Popes Dichtung 78 und alles, was von außen und nach toten Regeln gemacht ist, statt von innen zu kommen aus einem belebenden Geiste. Allein überall, wo es eine romantische Bewegung in der Kunst gibt, ist irgendwie und unter irgendeiner Gestalt Christus oder Christi Seele. Er ist in »Romeo und Julia«, im »Wintermärchen«, in der provençalischen Poesie, im »Alten Matrosen«, 79 in der »Belle Dame sans merci« 80 und in Chattertons »Ballade von der Barmherzigkeit«. 81

Wir verdanken ihm die unterschiedlichsten Dinge und Menschen. »Les Misérables« 82 von Hugo, Baudelaires »Fleurs du Mal«, 83 die Mitleidsnote in russischen Romanen, 84 Verlaine und seine Gedichte, 85 das bunte Glas, die Tapeten und die Quattrocento-Arbeiten von Burne-Jones 86 und Morris gehören ebenso zu ihm wie der Glockenturm Giottos, Lancelot und Guinevere, Tannhäuser, die qualvollen romantischen Marmorwerke Michelangelos und der Spitzbogenstil. Auch die Liebe zu Kindern und Blumen. Für beide war in der klassischen Kunst nur wenig Raum übrig, kaum so viel, daß sie darin wachsen und spielen konnten; doch vom zwölften Jahrhundert an bis herab zu unsern Tagen sind sie immerwährend unter verschiedenen Formen und zu verschiedenen Zeiten erschienen – launenhaft und eigenwillig, wozu Kinder, wozu Blumen neigen. Der Lenz machte einem stets den Eindruck, als ob sich die Blumen versteckt hielten und nur ans Licht der Sonne träten, aus Furcht, Erwachsene möchten es müde werden, nach ihnen auszuschaun, und nicht weiter suchen. Und das Leben eines Kindes war nicht mehr als ein Apriltag, an dem die Narzisse bald Regen, bald Sonnenschein hat.

Das Phantasiereiche in Christi eignem Wesen macht ihn zum Puls und Mittelpunkt der Romantik. Die seltsamen Gestalten des poetischen Dramas und der Ballade werden von der Phantasie andrer erdacht, aber völlig aus seiner eignen Phantasie erschuf sich Jesus von Nazareth. Der Prophetenruf Jesaias hatte wirklich mit seinem Erscheinen nicht mehr zu tun, als das Lied der Nachtigall mit dem Aufgang des Mondes – nicht mehr, doch vielleicht auch nicht weniger. Er war sowohl die Verneinung wie die Bestätigung des Prophetenwortes. Auf jede Erwartung, die er erfüllte, kam eine andre, die er vernichtete. »In aller Schönheit«, sagt Bacon, »liegt eine absonderliche Proportion«, 87 und von denen, die vom Geiste geboren, will sagen: die wie er dynamische Kräfte sind, sagt Christus, daß sie dem Winde gleichen, der »blaset, wo er will, aber du weißt nicht, von Wannen er kommt und wohin er fährt«. 88 Darum bezaubert er Künstler so. Ihm eignen alle farbigen Lebenselemente: Rätsel, Neuheit, Pathos, Anregung, Verzückung, Liebe. Er spricht das für Wunder empfängliche Naturell an und erzeugt jene Stimmung, aus der heraus er einzig verstanden werden kann.

Und mit Freuden denke ich daran, daß, wenn er ganz und gar ›aus Einbildung besteht‹, 89 die Welt aus demselben Stoffe ist. Im »Dorian Gray« habe ich gesagt, die großen Sünden der Welt vollzögen sich im Hirn. 90 Im Hirn vollzieht sich aber alles. Wir wissen jetzt, daß wir nicht mit dem Auge sehn und nicht mit dem Ohre hören. Auge und Ohr sind in Wirklichkeit zweckdienliche oder unzulängliche Leitungskanäle der Sinneseindrücke. Im Hirn ist der Mohn rot, duftet der Apfel, singt die Feldlerche.

Seit einiger Zeit studiere ich mit heißem Bemühn die vier Prosagedichte, die von Christus handeln. Zu Weihnachten gelang es mir, ein griechisches Testament aufzutreiben, und jeden Morgen, wenn ich meine Zelle gereinigt und mein Zinngeschirr geputzt hatte, las ich ein wenig in den Evangelien, ein Dutzend Verse, aufs Geratewohl herausgegriffen. Es ist eine entzückende Art, damit den Tag zu beginnen. Jeder, selbst wenn er ein stürmisches, schlecht geregeltes Leben fuhrt, sollte es tun. Endlose Wiederholung – zur rechten Zeit und unzeitgemäß – hat uns die Frische, die Naivetät, den schlichten, romantischen Zauber der Evangelien verdorben. Wir hören sie viel zu oft und viel zu schlecht lesen, und alle Wiederholung ist geisttötend. Kehrt man aber zum Griechischen zurück, so ist es, als träte man aus enger, dunkler Stube in einen Liliengarten.

Und mir wird die Freude verdoppelt durch die Erwägung, daß wir höchst wahrscheinlich die tatsächlichen Ausdrücke, ipsissima verba Christi vor uns haben. Früher herrschte allgemein die Ansicht, Christus habe aramäisch gesprochen. Sogar Renan dachte es noch. 91 Jetzt aber wissen wir, daß die Bauern in Galiläa zwei Sprachen redeten, wie heutzutage die irischen Bauern, und daß Griechisch in ganz Palästina, ja im ganzen Orient die übliche Verkehrssprache war. Ich konnte mich nie mit dem Gedanken befreunden, daß wir die eignen Worte Christi nur durch die Übersetzung einer Übersetzung kennen sollten. Mit Entzücken denke ich jetzt daran, daß Charmides seiner Unterhaltung zugehört, 92 Sokrates mit ihm philosophiert, Plato ihn verstanden haben könnte; daß er wirklich sagte: Εγω ειμι ο ποιμην ο χαλοσ; 93 daß, als er der Lilien auf dem Felde gedachte, die nicht arbeiten und nicht spinnen, sein Ausdruck unbedingt lautete: »Καταμαθετε τα χρινα του αγρου πωσ αυξανει ου χοπια, ουδε νηθει«; 94 und daß sein letztes Wort, als er ausrief: »Mein Leben ist zu Ende, hat seine Erfüllung gefunden, ist vollendet«, genau hieß, wie Johannes uns mitteilt: »Τετελεσται« 95 – nichts weiter.

Beim Lesen der Evangelien – zumal dessen, das Johannes selbst verfaßt hat oder sonst ein Gnostiker 96 der Frühzeit, der seinen Namen als Deckmantel benutzte – erblicke ich darin, wie sich die Phantasie beständig geltend macht, die Grundlage alles geistigen und materiellen Lebens, sehe ich ferner, daß für Christus die Phantasie einfach eine Form der Liebe und die Liebe im vollsten Sinne des Wortes Herr war.

Ungefähr vor sechs Wochen erlaubte mir der Arzt, Weißbrot zu essen statt des groben schwarzen oder braunen Brotes, der üblichen Gefängniskost. Es ist ein Leckerbissen. Es wird seltsam klingen, daß einem trocknes Brot ein Leckerbissen sein kann. Mir ist es das so sehr, daß ich nach jeder Mahlzeit sorgsam alle Krumen esse, die auf meinem Zinnteller übrig geblieben oder auf das rauhe Handtuch gefallen sind, das man über seinen Tisch deckt, um ihn nicht zu beschmutzen; ich tue es nicht aus Hunger – jetzt bekomme ich völlig ausreichend zu essen – sondern einfach, damit nichts von dem, was man mir gibt, verschwendet werde. So soll man es mit der Liebe halten.

Christus besaß, wie alle bestrickenden Persönlichkeiten, die Gabe, nicht nur selbst Schönes zu sagen, sondern sich auch von andern Schönes sagen zu lassen. Ich liebe die Geschichte, die uns Markus von dem griechischen Weib erzählt, 97 das, als Jesus, um ihren Glauben zu prüfen, zu ihr sprach, er könne ihr nicht das Brot der Kinder Israels geben, ihm antwortete: »Die Hündlein – χυναρια – unter dem Tische essen von den Brosamen der Kinder«. Die meisten Menschen leben für Liebe und Bewunderung. 98 Von Liebe und Bewunderung sollten wir leben. Erweist man uns Liebe, so sollten wir erkennen, daß wir ihrer ganz unwert sind. Niemand verdient geliebt zu werden. Die Tatsache, daß Gott die Menschen liebt, zeigt uns, daß in der göttlichen Anordnung der ideellen Güter geschrieben steht, ewige Liebe solle dem ewig Unwürdigen geschenkt werden. Oder, wenn der Satz zu bitter klingt, sagen wir so: jeder verdient Liebe, nur der nicht, der glaubt, daß er sie verdiene. Die Liebe ist ein Sakrament, das man kniend empfangen soll, und »Domine, non sum dignus« müßte auf den Lippen und im Herzen derer sein, die es erhalten.

Wenn ich je wieder schreibe, ich meine: ein Kunstwerk schaffe, möchte ich mich just über und durch zwei Themen äußern: das eine heißt »Christus als Vorläufer der romantischen Bewegung im Leben«; das andre »Künstlerleben und Lebenskunst«. Das erste ist natürlich außerordentlich verlockend; denn ich erblicke in Christus nicht nur die wesentlichen Merkmale des höchsten romantischen Typus, sondern auch alles Zufällige, sogar die Eigenwilligkeiten des romantischen Temperaments. Er hat als erster die Menschen aufgefordert, ein ›blumengleiches Leben‹ 99 zu führen. Er hat den Ausdruck geprägt. Er sah in Kindern das Vorbild dessen, was man streben soll zu werden. Er stellte sie älteren Leuten als Muster hin; das habe auch ich stets für den Hauptzweck der Kinder gehalten, sofern das Vollkommne einen Zweck haben soll. Dante beschreibt die Seele eines Menschen, wie sie aus der Hand des Schöpfers hervorgeht, »weinend und lachend wie ein kleines Kind«, und auch Christus erkannte, daß die Seele eines jeden »a guisa di fanciulla che piangendo e ridendo pargoleggia« 100 sein soll. Er fühlte, daß das Leben wechselvoll, flüssig, handlungsreich und daß es der Tod sei, es in irgend eine starre Form zwängen zu lassen. Er sah ein, daß die Menschen die materiellen Interessen des Tages nicht zu ernst nehmen dürften; daß es etwas Großes sei, unpraktisch zu sein; daß man sich nicht zu viel Gedanken über den Lauf der Welt machen dürfe. Die Vögel kümmerten sich ja auch nicht darum, warum also die Menschen? Es ist köstlich, wenn er sagt: »Sorget nicht für den anderen Morgen! 101 Ist nicht das Leben mehr denn die Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung?« 102 Ein Grieche hätte das letzte sagen können, so sehr spricht sich darin griechisches Fühlen aus. Aber Christus allein konnte beides sagen und damit für uns die Summe des Lebens zusammenfassen.

Seine Moral ist durchaus Liebe, eben was Moral sein soll. Hätte er nichts weiter gesagt als: »Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebet«, 103 es hätte sich verlohnt, für ein solches Wort zu sterben. Seine Gerechtigkeit ist durchaus poetische Gerechtigkeit, genau das, was Gerechtigkeit sein soll. Der Bettler kommt in den Himmel, weil er unglücklich gewesen ist. Ich kann mir keinen besseren Grund dafür denken. Die Leute, die eine Stunde am kühlen Abend im Weinberg arbeiten, erhalten ebensoviel Belohnung wie die, welche sich den ganzen Tag über in der heißen Sonne abgemüht haben. Warum auch nicht? Wahrscheinlich hat keiner etwas verdient. Oder es waren vielleicht Menschen von verschiedener Art. Christus konnte die stumpfen, leblosen, mechanischen Systeme nicht ausstehn, die Menschen wie Dinge und folglich alle gleich behandeln. Gesetze gab es für ihn nicht, nur Ausnahmen, als ob jeder und jedes seinesgleichen nicht noch einmal auf der Welt hätte.

Das, was der Grundton der romantischen Kunst ist, war für ihn die eigentliche Basis des natürlichen Lebens. Eine andre sah er nicht. Und als man ein Weib zu ihm brachte, das auf frischer Tat im Ehebruch ergriffen war, und ihm ihr Urteil, wie es im Gesetz geschrieben stand, vorwies und ihn fragte, was geschehn solle, da schrieb er mit dem Finger auf die Erde, wie wenn er sie nicht höre, und als sie von neuem in ihn drangen, da blickte er schließlich auf und sprach: »Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie«. 104 Es verlohnte sich, für ein solches Wort zu leben.

Wie alle Dichternaturen, liebte er Ungebildete. Er wußte, daß in der Seele eines Ungebildeten stets Raum für eine große Idee ist. Aber Dumme waren ihm unerträglich, besonders die, welche die Erziehung verdummt hat: Leute, die voll Ansichten sind, davon sie keine einzige wirklich verstehn – ein vornehmlich moderner Typus, den Christus zusammenfassend als den Typus dessen beschreibt, der den Schlüssel zum Wissen hat, ihn selbst nicht gebrauchen kann und andern den Gebrauch nicht gestattet, wenn der Schlüssel auch dazu da ist, das Tor zum Reiche Gottes zu öffnen.

Sein Hauptkrieg war gegen die Philister gerichtet. Diesen Krieg hat jedes Kind des Lichts zu führen. Das Philistertum war das Kennzeichen des Zeitalters und des Staates, darin er lebte. In ihrer schwerfälligen Unzugänglichkeit, ihrer stumpfen Ehrbarkeit, ihrer langweiligen Orthodoxie, ihrer Anbetung der Tagesgötzen, ihrer völligen Befangenheit in grob materialistischen Lebensfragen, ihrem lächerlichen Selbstdünkel und ihrer Wichtigtuerei waren die Juden in Jerusalem zur Zeit Christi genau das Seitenstück zum britischen Philister unsrer Tage. Christus verspottete die »übertünchten Gräber« der Ehrbarkeit und hat diesen Ausdruck für alle Zeiten geprägt. Er behandelte den weltlichen Erfolg als etwas durchaus Verächtliches. Er sah gar nichts darin. Er betrachtete den Reichtum als eine Beschwer für den Menschen. Er wollte von einem Leben nichts wissen, das irgendeinem philosophischen oder ethischen System geopfert wird. Er setzte auseinander, daß Formen und Bräuche für den Menschen da seien, aber nicht der Mensch für Formen und Bräuche. Er hielt die Sabbatheiligung für etwas Nichtiges. Die kalte Philanthropie, das Schaugepränge der öffentlichen Wohltätigkeitsanstalten, der lästige Formalismus, den der Spießbürgerverstand so liebt, wurden von ihm mit äußerstem, unerbittlichem Hohn gegeißelt. Uns ist, was Orthodoxie heißt, bloß ein bequemes, geistloses Ja- und Amen-Sagen; ihnen aber und in ihrer Hand war es eine furchtbare, lähmende Tyrannei. Christus räumte damit auf. Er zeigte, daß der Geist allein von Wert sei. Es bereitete ihm hohe Lust, ihnen klar zu machen, daß sie zwar beständig das Gesetz und die Propheten läsen, in Wirklichkeit aber nicht die geringste Ahnung hätten, was beide bedeuteten. Im Gegensatz zu ihnen, die jeden einzelnen Tag mit seiner starren Schablone vorgeschriebener Pflichten verzehnteten, ebenso wie sie Minze und Raute verzehnten, 105 predigte er, wie es über alle Maßen wichtig sei, durchaus dem Augenblick zu leben.

Die er von ihren Sünden erlöste, die werden einfach um schöner Momente willen in ihrem Leben erlöst. Als Maria Magdalena Christus erblickt, zerbricht sie die kostbare Alabastervase, die einer ihrer sieben Liebhaber ihr geschenkt hat, und gießt die wohlriechenden Salben über seine ermüdeten, staubigen Füße aus; dieses einen Moments wegen sitzt sie für alle Zeiten mit Ruth und Beatrice unter den Gewinden aus schneeweißen Rosen im Paradiese. Alles, was Christus in leise mahnendem Tone zu uns spricht, ist, daß jeder Augenblick schön, daß die Seele stets zur Ankunft des Bräutigams gerüstet sein und immer auf die Stimme des Liebenden warten soll, wobei das Philistertum einfach der Teil des menschlichen Wesens ist, der nicht von der Phantasie erhellt wird. Christus betrachtet alle lieblichen Einflüsse des Lebens als Lichtgattungen: die Phantasie selbst ist das Weltlicht, το φωσ του χοσμου. Die Welt ist von ihr erschaffen, und sie kann es doch nicht fassen; das kommt daher, daß die Phantasie nur eine Offenbarung der Liebe ist, und die Liebe und die Fähigkeit zu lieben unterscheiden ein Geschöpf vom andern.

Aber wenn er es mit einem Sünder zu tun hat, ist Christus am romantischsten im Sinne von am wirklichsten. Die Welt hatte von jeher den Heiligen als die nächstmögliche Stufe zur Vollendung Gottes geliebt. Christus scheint vermöge eines göttlichen Instinkts den Sünder von jeher als die nächstmögliche Stufe zur Vollendung des Menschen geliebt zu haben. Sein vornehmlichster Zweck war nicht, die Leute zu bessern, so wenig wie es sein vornehmlichster Zweck war, Leiden zu lindern. Ihm kam es nicht darauf an, einen interessanten Dieb in einen langweiligen Ehrenmann zu verwandeln. Er hätte von der Gesellschaft zur Unterstützung haftentlassener Sträflinge und ähnlichen modernen Bestrebungen wenig gehalten. Die Bekehrung eines Zöllners zu einem Pharisäer wäre ihm nicht als Heldentat erschienen. Doch in einer von der Welt noch nicht begriffenen Weise erachtete er Sünde und Leiden als etwas an sich Schönes und Heiliges, als Grade der Vollendung.

Das klingt sehr gefährlich. Ist es auch –¦ alle großen Ideen sind gefährlich. Daß dies Christi Glaube war, daran ist kein Zweifel möglich. Daß es der wahre Glaube ist, bezweifle ich selbst nicht.

Der Sünder muß natürlich bereun. Aber warum? Einfach aus dem Grunde, weil er sonst nicht imstande wäre, das, was er getan hat, zu begreifen. Der Moment der Reue ist der Moment der Weihe. Ja, noch mehr: ist das Mittel, durch das man seine Vergangenheit ändert. Die Griechen hielten das für unmöglich. In ihren Sinnsprüchen heißt es oft: »Nicht einmal die Götter können die Vergangenheit ändern«. 106 Christus zeigte, daß der gemeinste Sünder dazu in der Lage sei; daß es das einzige sei, was er tun könne. Hätte man Christus gefragt, er würde – ich bin dessen ganz sicher – gesagt haben, daß der verlorene Sohn, nachdem er sein Gut mit Dirnen verpraßt und dann die Schweine gehütet und Hunger gelitten und nach den Trebern begehrt hatte, die sie aßen, in dem Augenblick, da er auf die Knie fiel und weinte, all das zu schönen und heiligen Momenten seines Lebens machte. Den meisten Menschen wird es schwer, den Gedanken zu fassen. Vielleicht muß man im Gefängnis gewesen sein, um ihn zu verstehn. Dann verlohnte es sich der Mühe, im Gefängnis zu sitzen.

Christi Gestalt hat etwas so Einziges. Gewiß, gerade so wie es trügerische Lichtschimmer vor der Dämmerung gibt und Wintertage, an denen die Sonne plötzlich so hell scheint, daß sie den vorsichtigen Krokus verlocken, sein Gold vor der Zeit zu verschwenden, und ein törichter Vogel seinem Weibchen zuruft, das Nest auf kahlen Zweigen zu baun: so gab es Christen vor Christus. Dafür müßten wir dankbar sein. Leider hat es nur seitdem keine mehr gegeben. Mit einer Ausnahme: Franz von Assisi. 107 Aber ihm hatte Gott bei seiner Geburt die Seele eines Dichters verliehn, so wie er selbst, da er noch ganz jung war, in mystischer Ehe die Armut zu seiner Braut erkoren hatte; und mit der Seele eines Dichters und dem Leib eines Bettlers fand er den Weg zur Vollendung nicht schwer. Er verstand Christus und ward ihm dadurch ähnlich. Wir wollen nicht vom Liber Conformitatum 108 belehrt sein, daß das Leben des Heiligen Franz die wahre Imitatio Christi 109 gewesen sei – ein Gedicht, im Vergleich mit dem das Buch jenes Namens bare Prosa ist.

In der Tat, das ist in letztem Betracht der Reiz, der von Christus ausgeht: er gleicht völlig einem Kunstwerk. Er lehrt uns wirklich nichts, aber dadurch, daß wir mit ihm in Berührung kommen, werden wir etwas. Und jeder ist dazu prädestiniert. Einmal mindestens im Leben geht jeder Mensch mit Christus nach Emmaus.

Was das andre Thema betrifft, »Künstlerleben und Lebenskunst«, so wirst Du es zweifellos merkwürdig finden, daß ich es mir wähle. Die Menschen deuten auf das Zuchthaus in Reading und sagen: »Dahin fuhrt einen das Künstlerleben«. Nun, es könnte zu noch schlimmeren Stätten führen. Banausen, denen das Leben eine scharfsinnige Spekulation ist, die sich aus einer sorgfältigen Berechnung der Mittel und Wege ergibt, wissen immer, wohin sie gehn, und gehn dahin. Sie treten mit dem idealen Lebenszweck auf den Plan, Kirchendiener zu werden, und einerlei, auf welchen Posten man sie stellt, es gelingt ihnen. Mehr nicht. Wer danach trachtet, etwas zu werden, das nicht in ihm liegt: Parlamentsmitglied, ein erfolgreicher Gewürzkrämer, ein hervorragender Anwalt, Richter oder sonst etwas gleich Langweiliges, sieht allemal sein Streben von Erfolg gekrönt. Das ist seine Strafe. Wer eine Larve will, muß sie tragen.

Doch mit den treibenden Kräften des Lebens und denen, die diese Kräfte verkörpern, verhält es sich anders. Menschen, die nur auf die Entfaltung ihres eignen Ichs aus sind, wissen niemals, wohin ihr Weg sie führt. Sie können es nicht wissen. In einer Bedeutung des Wortes ist es natürlich nötig, wie es das griechische Orakel verlangte, sich selbst zu kennen; 110 das ist der erste Schritt zu allem Wissen. Aber die Erkenntnis, daß die Menschenseele unergründlich sei, ist der Weisheit letzter Schluß. Wir selbst sind das Endgeheimnis. Hat man die Sonne auf die Wagschale gelegt, den Lauf des Mondes gemessen und die sieben Himmel Stern für Stern auf der Karte verfolgt, so bleibt noch eins übrig: wir selbst. Wer kann die Bahn seiner eignen Seele berechnen? Als der Sohn ausging, seines Vaters Eselinnen zu suchen, 111 wußte er nicht, daß ein Mann Gottes mit dem Krönungssalböl auf ihn wartete und daß seine Seele bereits die Seele eines Königs war.

Ich hoffe, so lange am Leben zu bleiben und solche Werke zu schaffen, daß ich am Ende meiner Tage sprechen darf: »Da seht ihr es nun, wohin das Künstlerleben einen Menschen fuhrt!« Zu dem Vollkommensten, das mir im Bereich meiner Erfahrung begegnet ist, gehört das Leben Verlaines 112 und das des Fürsten Kropotkin. 113 Beides Männer, die jahrelang im Gefängnis gesessen haben: Verlaine der einzige christliche Dichter seit Dante; der andre ein Mann mit der Seele jenes schönen, weißen Christus, der aus Rußland hervorzugehn scheint. Und während der letzten sieben oder acht Monate habe ich, trotz einer Reihe großer Unannehmlichkeiten, die ohne Unterbrechung von der Außenwelt an mich herangetreten sind, enge Fühlung unterhalten mit einem neuen Geist, der in diesem Gefängnis Menschen und Dinge beseelt und mir mehr, als ich es in Worten auszudrücken vermöchte, zugute gekommen ist. Habe ich im ersten Jahre meiner Haft nichts andres getan und kann ich mich an nichts andres erinnern, als daß ich in ohnmächtiger Verzweiflung die Hände rang und ausrief: »Was für ein Ende, was für ein entsetzliches Ende!« so versuche ich jetzt mir zu sagen und sage auch manchmal, wenn ich mich nicht selbst quäle, wirklich und aufrichtig: »Was für ein Anfang, was für ein wunderbarer Anfang!« Das mag es wahrhaft werden. Und wenn es dazu kommt, so verdanke ich viel der neuen Persönlichkeit, 114 die das Leben aller an diesem Orte geändert hat. Die Dinge an sich sind von geringer Bedeutung – laßt uns wenigstens einmal der Philosophie für etwas danken, das sie uns gelehrt hat – ich meine nicht die Vorschriften, denn die sind nach eisernen Regeln bestimmt, sondern den Geist, der in ihnen waltet.

Du kannst das ermessen, wenn ich sage: war‘ ich letzten Mai auf freien Fuß gesetzt worden, wie ich es versuchte, ich hätte diesen Ort voll Abscheu verlassen und alle Beamten hier mit so bittrem Hasse, daß er mein Leben vergiftet hätte. Ich mußte noch ein Jahr im Kerker bleiben, aber Menschlichkeit war für uns alle ins Gefängnis eingezogen; und wenn ich jetzt loskomme, werde ich mich stets der großen Freundlichkeit erinnern, die ich hier fast von allen erfahren habe, und am Tage meiner Entlassung werde ich vielen vielmals danken und sie bitten, sich meiner mitunter zu erinnern.

Die Gefängniseinrichtungen sind durch und durch verkehrt. Ich gäbe alles darum, wenn ich hierin später Wandel schaffen könnte. Ich habe auch vor, es zu versuchen. 115 Aber nichts in der Welt ist so verkehrt, daß der Geist der Humanität, der der Geist der Liebe ist, der Geist Christi, den man nicht in Kirchen antrifft, es wenn auch nicht ins rechte Geleise bringen, so doch ohne allzu große Verbitterung erträglich machen könnte.

Ich weiß ferner, daß draußen vieles meiner harrt, was entzückend ist: von dem angefangen, was der Heilige Franz von Assisi »meinen Bruder den Wind und meine Schwester das Wasser« nennt 116 – beides eine Wonne –, bis zu den Schaufenstern und den Sonnenuntergängen der Großstädte. Wenn ich eine Liste machen wollte von alledem, was mir hoch bleibt, ich wüßte nicht, wo ich aufhören sollte: denn wahrlich, Gott hat die Welt ebenso gut für mich wie für irgend jemand erschaffen. Vielleicht trete ich hinaus im Besitze von etwas, das ich zuvor nicht hatte. Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß für mich Moralreformen ebenso bedeutungslos und abgeschmackt sind wie theologische Reformen. Aber während es unwissenschaftliche Heuchelei wäre, wollte man sich vornehmen, ein besserer Mensch zu werden, ist es das Vorrecht dessen, der gelitten, ein tieferer Mensch geworden zu sein. Und das bin ich, glaube ich, geworden.

Gäbe nach meiner Entlassung einer meiner Freunde ein Fest und lüde mich nicht dazu ein, so wäre mir gar nichts daran gelegen. Ich kann mit mir selbst ganz glücklich sein. Mit Freiheit, Blumen, Büchern und dem Monde – wer könnte nicht ganz glücklich sein? Außerdem passen Feste nicht mehr zu mir. Ich habe zu viele gegeben, um ihnen noch einen Reiz abzugewinnen. Dieser Teil des Lebens ist für mich vorüber, sehr zu meinem Glück, möchte ich sagen. Aber wenn nach meiner Entlassung einer meiner Freunde einen Kummer hätte und mir nicht gestatten wollte, ihn zu teilen, das würde ich schmerzlich empfinden. Wenn er mir die Tore des Trauerhauses verschlösse, würde ich immer wieder kommen und um Einlaß bitten, damit ich an dem Anteil hätte, wozu ich befugt wäre. Wenn er mich für unwürdig hielte, für ungeeignet, mit ihm zu Weinen, würde ich es als die grausamste Erniedrigung betrachten, als die schrecklichste Art, auf die mir ein Schimpf zugefügt werden könnte. Aber das wäre ja gar nicht möglich. Ich habe ein Recht, den Gram zu teilen; wer die Lieblichkeit der Welt schaun, ihren Gram teilen und etwas von dem Wunderbaren, das in beiden liegt, ermessen kann, der steht in unmittelbarer Berührung mit göttlichen Dingen und ist Gottes Geheimnis so nahe gekommen, wie es irgend jemand vermag.

Vielleicht dringt auch in meine Kunst, nicht minder als in mein Leben, eine noch tiefere Note, eine Note von größerer Einheitlichkeit der Leidenschaft und stärkerer Unmittelbarkeit. Intensität, nicht Extensität ist das wahre Ziel der modernen Kunst. Wir haben es in der Kunst nicht mehr mit dem Typus zu tun, sondern mit der Ausnahme. Ich kann meine Leiden nicht in eine Form bringen, die sie gehabt haben – das brauche ich kaum zu sagen. Die Kunst fängt erst da an, wo die Nachahmung aufhört; aber etwas muß in mein Werk kommen: ein vollerer Wortklang vielleicht, reichere Melodie, seltsamere Wirkungen, ein schlichteres architektonisches Gefüge – auf jeden Fall ästhetische Werte.

Als Marsyas ›aus der Scheide seiner Glieder gezogen wurde‹ – della vagina delle membra sue, 117 um eins von Dantes furchtbarsten, taciteischen Bildern zu gebrauchen – da war es mit seinem Lied zu Ende, sagten die Griechen. Apollo war Sieger geblieben. Die Hirtenflöte war der Leier unterlegen. Aber vielleicht befanden sich die Griechen im Irrtum. Ich höre in der modernen Kunst vielfach den Schrei des Marsyas: 118 bitter bei Baudelaire, süß und klagend bei Lamartine, 119 geheimnisvoll bei Verlaine. In den hingehaltenen Auflösungen der Chopinschen Musik. In dem Mißvergnügen, das die immer wiederkehrenden Frauengesichter bei Burne-Jones 120 umwittert. Sogar Matthew Arnold, dessen Lied des Callicles 121 von dem »Triumph der süßen, eindrucksvollen Leier« und dem »berühmten schließlichen Siege« in so hellen Tönen von lyrischer Schönheit erzählt – sogar er hat in der angstvollen Unterstimme seiner Verse, aus denen Zweifel und Pein klingen, ein gut Teil davon; Weder Goethe noch Wordsworth 122 konnten ihm helfen, obwohl er sich abwechselnd beiden anschloß. Und wenn er »Thyrsis« 123 zu beklagen oder von dem »Zigeuner-Studenten« 124 zu singen versucht, muß er zur Hirtenflöte greifen, um seine Stimmung wiederzugeben. Ob nun der phrygische Faun verstummt ist oder nicht: ich kann nicht schweigen. Mir ist Darstellen eine Notwendigkeit, wie Treiben und Blühn den schwarzen Asten der Bäume, 125 die über die Gefängnismauern ragen und so ruhelos im Winde schwanken. Zwischen meiner Kunst und der Welt klafft jetzt eine weite Kluft, aber nicht zwischen der Kunst und mir. Ich hoffe es wenigstens nicht.

Einem jeden von uns ist ein andres Los beschieden. Dir: Freiheit, Freuden, Vergnügungen, Wohlbehagen; mir sind öffentliche Schande, lange Kerkerhaft, Elend, Bankrott, Entehrung zugefallen, doch ich bin es nicht wert – noch nicht zum mindesten. Ich erinnre mich, davon gesprochen zu haben, ich dächte, eine wirkliche Tragödie ertragen zu können, wenn sie mir im Purpurmantel und in der Maske eines edlen Schmerzes nahe; 126 das Schreckliche der Moderne sei dagegen, daß sie die Tragödie ins Gewand der Komödie stecke, wodurch die großen Wirklichkeiten alltäglich, grotesk oder stillos erschienen. Das mit der Moderne hat seine Richtigkeit. Auf das gegenwärtige Leben ist es vermutlich immer zugetroffen. Man hat behauptet, alle Martyrien 127 kämen dem Zuschauer gemein vor. Das neunzehnte Jahrhundert macht keine Ausnahme von der Regel.

Alles an meiner Tragödie ist scheußlich, gemein, abstoßend, stillos gewesen; schon unsre Kleidung läßt uns grotesk erscheinen.

Wir sind die Hanswürste des Leids. Wir sind Clowns mit gebrochnem Herzen. Wir haben die besondre Bestimmung, auf die Lachmuskeln zu wirken. Am 13. November 1895 hat man mich von London hierher geschafft. Von zwei bis halb drei Uhr nachmittags mußte ich an diesem Tag in Sträflingskleidung und Handschellen auf dem mittleren Bahnsteig der Station Clapham Junction 128 stehn, den Blicken der Welt ausgesetzt. Ich war aus der Krankenabteilung geholt worden, ohne auch nur eine Minute vorher darauf vorbereitet zu werden. Unter allen möglichen Verworfenen war ich der groteskeste. Als mich die Leute sahen, lachten sie. Mit jedem neuen Zug, der ankam, vermehrten sich die Zuschauer. Ihr Spaß kannte keine Grenzen. Das war natürlich so, ehe sie wußten, wer ich war. Sobald sie es erfahren hatten, lachten sie noch mehr. Eine halbe Stunde lang stand ich im grauen Novemberregen da, vom johlenden Pöbel umringt.

Noch ein Jahr, nachdem mir das widerfahren, habe ich jeden Tag zur selben Stunde gleich lange geweint. Das ist nicht so tragisch, wie es Dir wahrscheinlich klingt. Denen, die im Gefängnis sitzen, sind Tränen ein Teil ihrer täglichen Erfahrung. Ein Tag im Gefängnis, an dem man nicht weint, ist ein Tag, an dem unser Herz verhärtet, kein Tag, an dem unser Herz glücklich ist.

Nun denn, ich bedaure allmählich die Leute, die lachten, wirklich mehr als mich. Als sie mich sahen, stand ich natürlich nicht auf meinem Piedestal, ich stand am Pranger. Aber ein ganz phantasieloses Wesen kümmert sich nur um Leute auf dem Piedestal. Ein Piedestal kann etwas sehr Unwirkliches sein; der Pranger ist eine fürchterliche Wirklichkeit. Sie hätten auch den Schmerz besser auslegen sollen. Ich sagte schon: hinter dem Schmerze birgt sich stets Schmerz. Es wäre noch richtiger zu sagen: hinter dem Schmerze birgt sich stets eine Seele. Und eine Seele in ihrer Qual verspotten ist etwas Grausiges. Wer das tut, dessen Leben ist unschön. In dem merkwürdig einfachen Haushalt der Welt bekommt man nur, was man fortgibt; kann man denen, die nicht genug Phantasie haben, die bloße Außenseite der Dinge zu durchschaun und Mitleid zu empfinden, ein andres Mitleid zollen als das der Verachtung?

Ich schreibe diesen Bericht über meine Überführung in dieses Gefängnis nur nieder, damit es einleuchte, wie schwer es mir wurde, meiner Strafe irgend etwas andres als Verbitterung und Verzweiflung abzugewinnen. Immerhin muß ich es tun, und ab und zu habe ich Momente der Ergebung und Unterwürfigkeit. In der einzelnen Knospe mag sich der ganze Frühling verstecken, und das Nest der Lerche in den Ackerfurchen kann alle Wonne umspannen, die dereinst dem Fuße mancher rosigen Morgenröte vorauseilt. So ist vielleicht auch alle Schönheit, die mir das Leben noch aufspart, in einem Augenblick der Hingabe, der Erniedrigung und Demütigung enthalten. Wie dem auch sei, ich kann lediglich in den Geleisen meiner eignen Entwicklung weiter schreiten und dadurch, daß ich alles hinnehme, was mir widerfahren ist, mich dessen würdig erzeigen.

Man pflegte mir nachzusagen, ich sei zu individuell. Ich muß ein noch viel größerer Individualist werden, als ich je war. Ich muß weit mehr aus mir herausholen, als ich je tat, und weniger von der Welt heischen. Im Grunde war mein Verderben nicht die Folge eines zu großen, sondern eines zu geringen Individualismus. Der einzige schändliche, unverzeihliche und für alle Zeiten verächtliche Schritt meines Lebens bestand darin, daß ich mir erlaubte, die Gesellschaft um Hilfe und Schutz anzugehn. Vom individualistischen Standpunkt aus wäre es schon schlimm genug gewesen, derart bei ihr Zuflucht zu suchen; aber welche Entschuldigung läßt sich je zu meinen Gunsten vorbringen? Sobald ich einmal die Kräfte der Gesellschaft in Gang gebracht hatte, wandte sie sich selbstverständlich gegen mich und sagte: ›Du hast die ganze Zeit meinen Gesetzen zum Trotz gelebt und rufst nun diese Gesetze zum Schutz an? Man wird dich diese Gesetze in vollem Maße spüren lassen. Du sollst die Folgen davon tragen‹. Das Ergebnis ist, daß ich im Kerker sitze. Und ich hab‘ im Laufe meiner drei Prozesse die schmachvolle Ironie meiner Stellung bitter empfunden.

Sicher ist nie ein Mensch so schändlich und durch so schändliche Werkzeuge gefallen wie ich. An einer Stelle des »Dorian Gray« heißt es: »Man kann in der Wahl seiner Feinde nicht vorsichtig genug sein«. 129 Ich ließ es mir nicht träumen, daß ich durch Parias selbst zum Paria werden sollte. Deshalb verachte ich mich so.

Das Philisterhafte im Leben besteht nicht in dem Unvermögen, die Kunst zu begreifen. Reizende Menschen, wie Fischer, Hirten, Pflüger, Bauern und dergleichen, wissen nichts von der Kunst und sind doch das Salz der Erde. 130 Der ist der wahre Philister, der den schwerfälligen, lästigen, blinden, mechanischen Kräften der Gesellschaft Vorschub leistet und sie unterstützt, ohne die dynamische Kraft, wenn er sie in einem Menschen oder in einer Bewegung trifft, zu erkennen.

Man hat es mir entsetzlich verdacht, daß ich die Schädlinge des Lebens zu Tische lud und an ihrer Gesellschaft Vergnügen fand. Jedoch von dem Standpunkt aus, von dem ich ihnen als Künstler im Leben nahe trete, waren sie herrlich anregende Reizmittel. Es war, wie wenn man mit Panthern schwelgte; die Gefahr war der halbe Rausch. Ich kam mir vor wie ein Schlangenbeschwörer, wenn er die Kobra durch seinen Lockruf dahin bringt, sich von dem bunten Tuch oder aus dem Rohrkorb zu erheben, und sie auf seinen Befehl ihr Schild breiten und in der Luft hin und her schwingen läßt, wie eine Pflanze geruhig im Strome schwingt. Sie waren für mich die leuchtendsten vergoldeten Schlangen, ihr Gift ein Teil ihrer Vollkommenheit. Ich wußte nicht, daß sie ihren Angriff auf mich nach der Pfeife eines andern 131 und gegen Bezahlung unternehmen sollten. Ich schäme mich keineswegs, sie gekannt zu haben, sie waren höchst interessant; wessen ich mich aber schäme, das ist der greulich philiströse Dunstkreis, in den ich geschleppt wurde. Meine Beschäftigung als Künstler rief mich zu Ariel. 132 Ich machte mich daran, mit Caliban zu ringen. Statt prachtvoll farbige, musikalische Werke zu schreiben, wie »Salome«, 133 die »Florentinische Tragödie« 134 und »La Sainte Courtisane«, 135 zwang ich mir lange Advokatenbriefe ab und sah mich genötigt, mich unter den Schutz eben der Dinge zu begeben, gegen die ich mich von jeher verwahrt hatte. Clibborn und Atkins 136 waren wundervoll in ihrem niederträchtigen Kriege gegen das Leben. Sie zu bewirten war ein erstaunliches Wagestück; der ältere Dumas, Cellini, 137 Goya, Edgar Allan Poe, 138 Baudelaire würden genau dasselbe getan haben. Abscheulich ist mir die Erinnerung an endlose Besuche, die ich dem Rechtsanwalt Humphreys 139 machte: in dem gräßlich blendenden Licht eines kahlen Zimmers saß ich da mit ernsthaftem Gesicht und redete einem glatzköpfigen Herrn ernsthafte Lügen vor, bis ich wirklich vor Langweile ächzte und gähnte. Da befand ich mich so recht im Mittelpunkt von Philistäa, von allem entfernt, was schön, glänzend, wunderbar, kühn ist. Ich war als Vorkämpfer der Ehrbarkeit, der Sittenstrenge im Leben und der Moral in der Kunst aufgetreten. Voilà où menent les mauvais chemins … aber ich kann derer dankbar gedenken, die durch maßlose Güte, grenzenlose Ergebenheit, heitere Freude am Schenken mir meine schwarze Last erleichtert, mich immer wieder besucht, mir schöne, teilnehmende Briefe geschrieben, meine Angelegenheiten für mich besorgt, für mein künftiges Leben Vorkehrungen getroffen und zu mir gehalten haben, der Verleumdung, Stichelei, dem offnen Hohn, ja selbst Beleidigungen zum Trotz. Ich verdanke ihnen alles. Sogar die Bücher in meiner Zelle hat Robbie von seinem Taschengelde bezahlt; aus derselben Quelle sollen mir, wenn ich entlassen werde, Kleider zukommen. Ich schäme mich nicht, zu nehmen, was in herzlicher Liebe geschenkt wird; ich bin stolz darauf. Ja wahrhaftig, ich denke an meine Freunde, an More Adey, 140 Robbie, Robert Sherard, 141 Frank Harris, 142 Arthur Clifton, 143 und daran, was sie mir durch ihre Hilfe, Liebe und Teilnahme gewesen sind. Ich denke an jeden einzelnen Menschen, der gut zu mir war in meinem Gefängnisleben, bis herab zu dem Wärter, der mir ›Guten Morgen‹ und ›Gute Nacht‹ wünscht (keine seiner vorgeschriebenen Pflichten), bis herab zu den gemeinen Schutzmännern, die in ihrer vertraulichen, rauhen Art mich zu trösten suchten, als ich zum Konkursgerichtshof und zurück im Zustand schrecklicher Seelennot fuhr – bis herab zu dem armen Dieb, der mich erkannte, als wir im Gefängnishof zu Wandsworth die Runde machten, und mir mit der heiseren Kerker stimme, die man von langem, unfreiwilligem Schweigen bekommt, die Worte zuflüsterte: »Sie tun mir leid; es trifft einen Ihresgleichen härter als unsereinen.« 144

Ein guter Freund von mir, 145 der sich in zehn Jahren bewährt hat, besuchte mich unlängst und sagte mir, er glaube von all dem, was gegen mich vorgebracht werde, kein einziges Wort; er gab mir zu verstehn, daß er von meiner Unschuld überzeugt sei und mich für das Opfer eines abscheulichen Komplotts halte. Ich brach in Tränen aus, als er so zu mir sprach, und sagte ihm, viele Punkte der Anklage, 146 die mir schließlich zur Last gelegt wurden, seien völlig unwahr und mit empörender Tücke auf mich übertragen worden, mein Leben jedoch sei voll perverser Freuden und absonderlicher Leidenschaften gewesen, und wenn er sich nicht mit dieser Tatsache abfinde und sie sich deutlich vergegenwärtige, dann könne ich unmöglich länger sein Freund sein oder je wieder in seiner Gesellschaft weilen. Es war ein fürchterlicher Schlag für ihn; aber wir sind noch befreundet, und ich habe seine Freundschaft: nicht unter falschen Vorspiegelungen erschlichen. Ich habe Dir gesagt: die Wahrheit sprechen ist etwas Peinliches; Lügen sagen müssen ist viel schlimmer.

Es war während meines letzten Prozesses, ich saß auf der Sünderbank und lauschte Lockwoods 147 niederschmetternder Anklage; sie hörte sich an wie eine Stelle aus Tacitus, ein Vers aus Dante, eine von Savonarolas 148 Brandreden wider die römischen Päpste. Auch packte der Ekel bei dem, was mein Ohr vernahm. Da plötzlich fuhr’s mir durch den Kopf: ›Wie großartig wär‘ es, wenn ich all das selbst über mich aussagte!‹ Sofort leuchtete mir ein: das, was von einem Menschen gesagt wird, ist nichts; es kommt darauf an, wer es sagt. Der höchste Augenblick eines Menschen – daran hege ich nicht den mindesten Zweifel – ist der, wenn er im Staube niederkniet, sich an die Brust schlägt und alle Sünden seines Lebens bekennt.

Gefühlskräfte 149 sind, wie ich an einer Stelle der »Intentions« sage, in ihrer Ausdehnung und Dauer ebenso begrenzt wie die Kräfte körperlicher Energie. Der kleine Becher, der ein gewisses Quantum fassen soll, kann so viel aufnehmen und nicht mehr, wenn auch alle Purpurfässer Burgunds bis zum Rande mit Wein gefüllt sind und die Kelterer bis an die Knie in der Traubenlese der gerölligen Weinberge Spaniens stehn. Kein Irrtum ist weiter verbreitet als der, daß Menschen, welche große Tragödien verursachen oder veranlassen, die der tragischen Stimmung entsprechenden Gefühle teilen; kein Irrtum verhängnisvoller, als das von ihnen zu erwarten. Der Märtyrer in seinem »Flammenhemd« 150 erschaut vielleicht das Antlitz Gottes, aber dem, der die Reisigbündel aufschichtet oder das Holz lockert, damit der Wind hindurchblasen kann, bedeutet die ganze Szene nicht mehr als dem Metzger, wenn er einen Ochsen schlachtet, dem Köhler im Walde, wenn er einen Baum fällt, oder einem, der das Gras mit der Sense mäht, wenn eine Blume umsinkt. Große Leidenschaften sind für große Seelen, und große Ereignisse können nur von denen erkannt werden, die auf gleicher Höhe mit ihnen stehn. Wir glauben, wir könnten unsre Gefühle umsonst haben. Wir können es nicht. Auch die edelsten, opferfreudigsten Gefühle müssen bezahlt werden. Seltsamerweise macht sie gerade das edel. Das Verstandes- und Gemütsleben gewöhnlicher Menschen ist etwas sehr Verächtliches. Ebenso wie sie ihre Ideen aus einer Art Gedankenleihbibliothek beziehn – dem Zeitgeist, 151 der keine Seele hat – und sie am Ende jeder Woche beschmutzt zurückschicken, versuchen sie immer, ihre Gefühle auf Kredit zu bekommen, oder weigern sich, die Rechnung zu bezahlen, wenn sie ihnen ins Haus geschickt wird. Wir müssen aus dieser Lebensauffassung herauskommen; sobald wir für ein Gefühl zu zahlen haben, kennen wir seinen Wert und sind durch solche Kenntnis besser daran. Bedenke, daß der sentimentale Mensch immer ein Zyniker im Herzen ist. Ja, Sentimentalität ist nur der Sonn- und Feiertagszynismus. Und so entzückend der Zynismus von seiner intellektuellen Seite ist, jetzt, wo er das Faß mit dem Klub vertauscht hat, 152 kann er niemals mehr sein als die vollendete Philosophie für einen Menschen, der keine Seele besitzt. Der Zynismus hat seinen sozialen Wert; und für den Künstler sind alle Ausdrucksformen interessant, aber an und für sich ist er ein armseliges Ding, denn dem echten Zyniker wird nie etwas offenbart.

 

Von künstlerischem Gesichtspunkt aus kenne ich in der gesamten dramatischen Literatur nichts Unvergleichlicheres, in der Feinheit der Beobachtung Anregenderes als die Art, wie Shakespeare Rosenkranz und Güldenstern 153 zeichnet. Sie sind Hamlets Universitätsfreunde; sind seine Gefährten gewesen. Sie bringen Erinnerungen an gemeinsam verlebte frohe Tage mit. In dem Augenblick, da sie Hamlet im Stücke begegnen, taumelt er unter der Last einer Bürde, die für einen Menschen seiner Gemütsart unerträglich ist. Der Tote ist gewaffnet aus dem Grabe auferstanden, um ihm eine Mission aufzuerlegen, die zu groß und gleichzeitig zu niedrig für ihn ist. Er ist ein Träumer und soll handeln. Er hat die Veranlagung eines Dichters, und man verlangt von ihm, er solle mit der gewöhnlichen Verknüpfung von Ursache und Wirkung ringen, mit dem Leben in seiner praktischen Gestalt, von dem er nichts weiß, nicht mit dem Leben in seinem idealen Wesen, von dem er so viel weiß. Er hat keine Ahnung, was er tun soll, und sein Wahnsinn besteht darin, Wahnsinn zu heucheln. Brutus 154 benutzte die Schwermut als Mantel, das Schwert seiner Absicht, den Dolch seines Wissens darunter zu verbergen; aber Hamlets Tollheit ist lediglich eine Maske für seine Schwäche. Im Grimassenschneiden und Witzereißen erblickt er eine Gelegenheit zum Aufschub. Er spielt beständig mit der Tat, wie ein Künstler mit einer Theorie spielt. Er macht sich zum Späher seiner eignen Handlungen, und wenn er seinen eignen Worten lauscht, weiß er, es sind nur »Worte, Worte, Worte«. 155 Statt einen Versuch zu wagen, der Held seiner eignen Geschichte zu werden, bemüht er sich, der Zuschauer seiner eignen Tragödie zu sein. Er glaubt an nichts, sich selbst mitgerechnet, und doch nützt ihm sein Zweifeln nicht, da es nicht dem Skeptizismus, sondern einem zwiespältigen Willen entspringt.

Von alledem begreifen Güldenstern und Rosenkranz nichts. Sie verbeugen sich und schmunzeln und lächeln, und was der eine sagt, echot der andre mit widerlichem Tonfall. Als schließlich, mit Hilfe des Spiels im Spiele und der Marionetten in ihrem Getändel, Hamlet den König in der »Schlinge seines Gewissens« 156 fängt und den Unhold in seiner Angst vom Throne jagt, da sehn Güldenstern und Rosenkranz in seinem Betragen höchstens eine ziemlich peinliche Verletzung der Hofetikette. So weit ist es ihnen nur gegeben, »das Schauspiel des Lebens mit eignen Empfindungen zu betrachten«. Sie sind in der Nähe seines Geheimnisses und wissen nichts davon. Und es hätte auch keinen Zweck, sie einzuweihn. Sie sind die kleinen Becher, die so viel fassen und nicht mehr. Gegen Ende wird angedeutet, daß sie bei einem hinterlistigen Anschlag, den sie gegeneinander planen, abgefaßt werden und einen gewaltsamen, plötzlichen Tod gefunden haben oder finden werden. 157 Aber ein tragisches Ende solcher Art, wenn Hamlets Humor ihm auch einen Anstrich von komödienhafter Überraschung und Gerechtigkeit gibt, kommt Burschen ihres Schlags wirklich nicht zu. Sie sterben nie. 158 Horatio, der, um »Hamlet und seine Sache den Unbefriedigten zu erklären«,

»sich noch verbannet von der Seligkeit
und in der herben Welt mit Mühe atmet« 159

– Horatio stirbt, wenn auch nicht vor den Zuhörern, und hinterläßt keinen Bruder. Güldenstern und Rosenkranz jedoch sind unsterblich wie Angelo 160 und Tartüff und sollten mit ihnen in einer Reihe stehn. Sie sind der Beitrag des modernen Lebens zum antiken Freundschaftsideal. Wer künftig ein neues Buch »De amicitia« 161 schreibt, muß ihnen eine Nische anweisen und sie in ciceronianischer Prosa preisen. Sie sind stehende Typen für alle Zeiten. Sie schelten, hieße es an der richtigen Würdigung fehlen lassen. Sie sind einfach nicht an ihrem Platze: das ist das Ganze. Seelengröße ist nicht ansteckend. Erhabne Gedanken und erhabne Gefühle stehn eben von Haus aus allein da.

Ich werde, wenn alles mit mir gut geht, gegen Ende Mai frei kommen 162 und hoffe dann, mit Robbie und More Adey sogleich nach einem kleinen Platz an der See ins Ausland zu fahren.

Das Meer, sagt Euripides in einer seiner Iphigenien, spült die Flecken und Wunden der Welt hinweg. 163

Ich hoffe, mindestens einen Monat mit meinen Freunden zu verbringen und in ihrer gesunden, liebevollen Gesellschaft Frieden und Gleichgewicht, ein weniger geängstigtes Herz und eine sanftere Stimmung zu gewinnen; und dann, wenn ich dazu imstande bin, will ich durch Robbie Anstalten treffen lassen zu einem Aufenthalt in einer ruhigen Stadt des Auslands, wie Brügge, dessen graue Häuser, grüne Kanäle, kühle, stille Wege vor Jahren einen Zauber für mich hatten. Ich habe ein eigentümliches Verlangen nach den großen, einfachen Urdingen, wie dem Meer, das mir ebenso wie die Erde eine Mutter ist. Mir will es scheinen, als sähen wir alle die Natur zu viel an und lebten zu wenig mit ihr. Ich erblicke viel gesunden Verstand in der Haltung der Griechen gegenüber der Natur. Sie schwatzten nie von Sonnenuntergängen, erörterten nie die Frage, ob die Schatten auf dem Grase wirklich violett seien oder nicht. Aber sie erkannten, daß das Meer für den Schwimmer und der Sand für die Füße des Wettläufers da sei. Sie liebten die Bäume um der Schatten willen, die sie werfen, und den Wald um seines Schweigens willen zur Mittagszeit. Der Winzer im Weinberg kränzte sein Haar mit Efeu, um die Sonnenstrahlen abzuwehren, wenn er sich über die jungen Schößlinge neigte, und für den Künstler und den Athleten – die beiden Typen, die uns Hellas geschenkt hat – flochten sie die Blätter des bittern Lorbeers und der wilden Petersilie, die sonst dem Menschen nichts getaugt hätten, zum Kranze.

Wir nennen uns ein Utilitätszeitalter und wissen kein einziges Ding zu nützen. Wir haben vergessen, daß Wasser reinigen, Feuer läutern kann und daß die Erde unsre Allmutter ist. Infolgedessen ist unsre Kunst vom Monde und spielt mit Schatten, während die griechische Kunst von der Sonne ist und sich unmittelbar mit den Dingen befaßt. Ich bin überzeugt, die Elemente haben läuternde Kraft, und ich will zu ihnen zurückkehren und in ihrer Gesellschaft leben.

 

Nicht umsonst und nicht vergeblich bin ich in meinem lebenslänglichen Kult der Literatur zu einem geworden, der

»Mit Laut und Silbe geizt, nicht minder als
Mit seinem Golde Midas«. 164

Ich darf mich vor der Vergangenheit nicht furchten; wenn mir die Menschen sagen, sie sei unabänderlich, glaube ich ihnen nicht: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind ein Augenblick vor Gott, vor dem wir zu leben bemüht sein sollten. Zeit und Raum, Aufeinanderfolge und Ausdehnung sind bloß zufällige Gedankenverbindungen; die Phantasie kann sie überschreiten und sich in einer freien Sphäre idealer Existenzen bewegen. Auch die Dinge sind ihrem Wesen nach das, was uns daraus zu machen beliebt; ein Ding ist, entsprechend der Art, wie wir es anschaun. »Wo andre«, sagt Blake, »nur die Dämmerung über den Berg kommen sehn, da sehe ich die Söhne Gottes vor Freude jauchzen.« 165 Was die Welt und ich selbst als meine Zukunft auffaßte, das habe ich verloren, als ich mich in den Prozeß gegen Queensberry hetzen ließ; ich habe sie wohl schon lange vorher verloren, Vor mir liegt meine Vergangenheit. Ich habe mich dahin zu bringen, daß ich sie mit andern Augen ansehe, habe Gott dahin zu bringen. Das kann ich nicht, wenn ich sie unbeachtet lasse, geringschätzig behandle, lobe oder verleugne; es läßt sich nur erreichen, wenn ich sie als einen unvermeidlichen Teil der Entwicklung meines Lebens und Charakters hinnehme: indem ich vor allem, was ich erduldet, den Kopf neige. Wie weit ich von dem wahren Seelengleichmut entfernt bin, zeigt ganz deutlich dieser Brief mit seinen wechselvollen, unsicheren Stimmungen, seiner Verachtung und seiner Bitterkeit, seinem Streben und dem Unvermögen, dieses Streben in die Tat umzusetzen; vergiß aber nicht, in einer wie schrecklichen Schule ich an meiner Aufgabe sitze, und so unvollständig, so unvollkommen ich bin, meine Freunde haben noch viel zu gewinnen. Sie wollten bei mir die Lebensfreude und die Kunstfreude lernen. Vielleicht bin ich dazu berufen, sie etwas Wundervolleres zu lehren: die Bedeutung des Schmerzes und seine Schönheit.

Für einen, der so modern ist wie ich, so sehr »enfant de mon siècle«, 166 wird es natürlich stets eine Lust sein, die Welt auch nur zu sehn. Ich zittre vor Freude, wenn ich daran denke, daß an dem Tag, an dem ich das Gefängnis verlasse, Goldregen und Flieder in den Gärten blühn, und daß ich sehn werde, wie der Wind das hangende Gold des einen ohne Rast und Ruh rütteln und das blaß-purpurne Gefieder des andern zausen wird, so daß die ganze Luft Arabien für mich sein soll. Linné 167 sank auf die Knie und weinte vor Seligkeit, als er zum erstenmal die lange Heide eines englischen Hochlands sah, das die würzigen Ginsterblüten gelb gefärbt hatten; und ich, dem Blumen ein Teil der Sehnsucht sind, ich weiß, daß Tränen meiner in den Blättern einer Rose harren. Von Jugend auf war es so mit mir. Es gibt nicht eine Farbe, die sich in dem Kelch einer Blume oder in der Rundung einer Muschel versteckt, auf die ich vermöge einer zarten Sympathie mit der Seele aller Kreatur nicht einginge. Wie Gautier bin ich stets einer von denen gewesen, »pour qui le monde visible existe«. 168

Immerhin weiß ich jetzt, daß hinter all dieser Schönheit, so überzeugend sie auch sein mag, ein Geist verborgen ist, von dem die bunten Formen und Gestalten nur Erscheinungsspielarten sind, und mit diesem Geist wünsche ich mich in Einklang zu bringen. Des deutlich vernehmbaren Ausdrucks der Menschen und Dinge bin ich überdrüssig geworden. Das Mystische in der Kunst, das Mystische im Leben, das Mystische in der Natur – das ist es, wonach ich suche, und in den großen Musiksymphonien, dem weihevollen Schmerz und den Tiefen des Meeres werde ich es vielleicht finden. Ja, es ist unbedingt nötig, daß ich es irgendwo finde.

Alle Prozesse sind Prozesse, bei denen es ums Leben geht, genau so wie alle Urteile Todesurteile sind; und dreimal ist mir der Prozeß gemacht worden. Das erstemal verließ ich den Gerichtssaal, um verhaftet zu werden, das zweitemal, um in das Haftlokal zurückgeführt, das drittemal, um auf zwei Jahre in eine Gefängniszelle zu gehn. Die Gesellschaft, wie wir sie eingerichtet, wird keinen Platz für mich haben, hat mir keinen zu bieten; aber die Natur, deren süßer Regen auf Gerechte und Ungerechte gleichermaßen fällt, wird Felsschluchten im Gebirge für mich haben, wo ich mich verstecken kann, und geheime Täler, in deren Schweigen ich ungestört weinen darf. Sie wird die Nacht mit Sternen behängen, daß ich, ohne zu straucheln, im Finstern außer Landes gehn kann, und den Wind meine Fußstapfen verwehn lassen, daß niemand mich zu meinem Schaden verfolgen kann. Sie wird mich in großen Wässern entsühnen und mit bittern Kräutern heilen.

  1. »My place would be between Gilles de Retz and the Marquis de Sade«. So lautet jetzt der erste Satz in der neuen englischen Ausgabe. Daß er unvollständig ist, zeigt schon grammatikalisch das ›would be‹. Tatsächlich hat Wilde an Alfred Douglas geschrieben: »In a letter to Robbie I said that you were the infant Samuel, and that my place would be between Gilles de Retz and the Marquis de Sade«. Er zitiert also eine Stelle aus dem zweiten – von mir ›November 1896‹ – datierten Brief an Robert Ross (S. 134). Schon daraus ginge deutlich hervor, daß der uns bekannt gegebene Teil der »Epistola: in Carcere et Vinculis« nicht vor November 1896 geschrieben sein könnte. Wann Wilde mit ihr begonnen hat, läßt sich auf Grund innerer Kriterien erst durch Einsichtnahme des ganzen Werkes feststellen. Ob er nun, wie Ross angibt (S. XI), sechs Monate oder, wie Ingleby in seiner Biographie (p. 75) schreibt, drei Monate dazu gebraucht hat, der uns vorliegende Teil der »Epistola« kann nicht vor 1897 abgefaßt sein, Wilde spricht S. 1 von Dingen, die sich ›in der ersten November-Hälfte des vorletzten Jahres‹ zugetragen haben, d. h. November 1895, und fährt (S. 3) fort: »Eine Woche später schafft man mich hierher«. Wie er S. 101 erzählt, hat die Überführung von Wandsworth – einem südwestlichen Vororte Londons – nach Reading – einem lieblichen Themsestädtchen auf halbem Wege zwischen London und Oxford – am 13. November 1895 stattgefunden. Abermals drei Monate später wird dann der Tod der Mutter (S. 3 ) verzeichnet: Lady Wilde ist am 3. Februar 1896 gestorben. Die chronologischen Angaben stimmen also durchaus, so schwer es anfänglich infolge der Lücken scheint, sich in ihnen zurecht zu finden.

    Gilles de Retz (eigentlich: Gilles de Laval, Baron de Retz, c. 1396-1440) focht an der Seite der Jungfrau von Orleans gegen die Engländer und erhielt für seine Tapferkeit den Marschallstab. Überverschuldet zog er sich auf sein Schloß bei Nantes zurück, wo er mehrere hundert Kinder geschändet haben soll. Er wurde zum Flammentod verurteilt, jedoch vorher erwürgt. (Vgl. die Romane »Vathek« von William Beckford und »Là-Bas« von Huysmans, wo der Schriftsteller Durtal mit einer Studie über den perversen Marschall beschäftigt ist.)

    Marquis de Sade (Donatien Alphonse Francois, Marquis de Sade, 1740-1814) wurde 1772 wegen Sodomie zum Tode verurteilt, entkam jedoch in die Schweiz; 1777 wegen neuer Ausschweifungen angeklagt, ward er erst 1790 wieder in Freiheit gesetzt. Seine beiden berüchtigtsten Romane sind »Justine ou les malheurs de la vertu« (4 Bde., Paris 1791) und »Juliette ou les bonheurs du vice« (6 Bde., 1798).

  2. »The History of Sandford and Merton« von Thomas Day (1748-1789), ein höchst moralisches englisches Kinderbuch, an Popularität vielleicht nur von »Robinson Crusoe« übertroffen.
  3. Lady Wilde (Jane Francesca Elgee, 1826-1896) war seit 1851 mit dem Dubliner Augen- und Ohrenarzt William Wilde vermählt, der im Jahre 1864 in den Ritterstand erhoben wurde. Schon als Mädchen nahm sie regen Anteil an der politischen Bewegung in Irland und schrieb unter dem Pseudonym Speranza ein Pamphlet, das sie mit der englischen Regierung in Konflikt brachte. Als Schriftstellerin hat sich die exzentrische, aber hochgebildete und vielseitig begabte Frau auf verschiedenen Gebieten betätigt; von ihren Büchern wären zu nennen: »Driftwood from Scandinavia« (1884), »Legends of Ireland« (1886), »Social Studies« (1893). Ihre Gedichte (»Poems by Speranza«) sind vor einigen Jahren in Dublin neugedruckt worden. Auch als Übersetzerin aus dem Deutschen wirkte sie und übertrug u. a. Wilhelm Meinholds Roman »Sidonia von Bork, die Klosterhexe« (vgl. S. 146). Zuletzt lebte sie in London bei ihrem ältesten Sohne William, 146 Oakley Street in Chelsea; dort ist sie auch, in recht kümmerlichen Verhältnissen, gestorben.
  4. Constance Mary Lloyd (1857 – 1898) war seit dem 29. Mai 1884 mit Oscar Wilde vermählt. Der Ehe sind zwei Söhne entsprossen: Cyril (geb. 1885) und Vyvyan (geb. 1886). Constance Wilde hat ihren Mann zum erstenmal am 21. September 1895 im Gefängnis in Wandsworth besucht und ihm später, in Reading, die Nachricht vom Tode seiner Mutter überbracht. Dies war ihre letzte Begegnung. Nachdem Wilde das Zuchthaus verlassen, haben sie sich nicht mehr gesehn. Sie wohnte damals schon in Genua und ist dort auch, am 7. April 1898, gestorben.
  5. Robbie, d. i. Robert Ross (geb. 1869), Kunsthändler und Kunstschriftsteller, Mitinhaber der Carfax Gallery in London, auch literarisch vielfach tätig, besonders in satirischen und parodistischen Skizzen ausgezeichnet. Er war einer der wenigen Freunde, die Wilde auch im Unglück nicht verlassen haben, wurde von ihm zum literarischen Testamentsvollstrecker ernannt (vgl. S. 136) und hat als solcher die bei Methuen & Co. in London erschienene dreizehnbändige Gesamtausgabe der Werke Oscar Wildes besorgt, nach der im folgenden alle Zitate angeführt sind.
  6. Cumnor, ein anmutiges Dorf in der Nähe Oxfords, viel besungen in der englischen Literatur, so von Matthew Arnold in »The Scholar Gipsy« und in »Thyrsis«, wo es Strophe 10 heißt: »Her foot the Cumner cowslips never stirr’d«. Wilde, dem diese Stelle in den »Intentions« (p. 145) und den »Reviews« (p. 22) vorschwebt, schreibt Cumnor. Walter Scotts Roman »Kenilworth« sollte ursprünglich Cumnor Hall heißen.
  7. Lord Alfred Douglas hatte Wilde geschrieben, er beabsichtige – wohl ›pour épater le bourgeois‹ – ihm seinen ersten Gedichtband zu widmen. Davor warnt Wilde hier, um den Skandal nicht aufs neue zu entfachen. Die Gedichte sind, unter dem Titel »The City of the Soul«, 1899 ohne die Widmung erschienen.
  8. Alfred Austin (geb. 1835), seit 1896 poeta laureatus, ein politisches Temperament, ein literarischer Epigone. Im Jahre 1897 brachte er »The Conversion of Winckelmann« heraus; vermutlich spielt Wilde darauf an. Über Austin hat er sich einmal (Reviews, p. 130) so geäußert: »Austin ist weder ein Olympier noch ein Titan, und alle Verlegerreklame kann ihn nicht auf den Parnaß setzen«.
  9. George Slythe Street (geb. 1867), Journalist und Schriftsteller. Hauptwerk: »The Autobiography of a Boy« (1894); schrieb 1907 das viel beachtete Buch »The Ghosts of Piccadilly«.
  10. Alice Meynell, geb. Thompson, Lyrikerin und Essayistin. In einem Aufsatz über »Englische Dichterinnen« (neugedruckt Miscellanies, p. 110 ff.) zählt Wilde Mrs. Meynell unter den Frauen auf, die ›wirklich Gutes in der Dichtkunst‹ geleistet haben. George Meredith hatte im August-Heft der »National Review« vom Jahre 1896 über »Mrs. Meynell’s two Books of Essays« – gemeint sind »The Rhythm of Life« (1893) und »The Colour of Life« (1896) – begeistert geschrieben; sein überschwengliches Lob gipfelt in dem Schlußsatze: »A woman who thinks and who can write.«

    Über George Meredith, den verehrten Doyen der englischen Romanschriftsteller, hat sich Wilde ähnlich, wenn auch weniger schroff als hier, in den »Intentions« (p. 17) und ebenso in den »Reviews« (p. 261) ausgesprochen: »… as an artist he is everything, except articulate«.

  11. Worin die »unsagbar erniedrigenden Umstände« bei der Überführung von Wandsworth nach Reading bestanden, ist S. [auf] 101 erzählt.
  12. Wilde hatte nicht immer so von den Armen gedacht; in »The Soul of Man« (p. 289) heißt es: »Wealthy people are, as a class, better than impoverished people; more moral, more intellectual, more well-behaved«.
  13. Anspielung auf »Hamlet« (I, 4), wo Hamlet den Geist seines Vaters fragt: »Was bedeutet’s, daß, toter Leichnam, du in vollem Stahl aufs neu des Mondes Dämmerschein besuchst?«
  14. »Suffering is permanent, obscure, and dark
    And shares the nature of infinity«, steht im dritten Akte von William Wordsworths Drama »The Borderers« (1795-96). – Die Zitate, die Wilde anführt, stimmen häufig aufs Wort, obwohl er einzig und allein auf sein Gedächtnis angewiesen war.
  15. Dante hat in der »Vita Nuova« seiner Liebe zu Beatrice Portinari ein Denkmal gesetzt. Das Werk wurde von Dante Gabriel Rossetti ins Englische übertragen und seinem Sammelband »The Early Italian Poets« (1861) einverleibt.
  16. »… and where I walk there are thorns«, sagt Mrs. Arbuthnot in »A Woman of no Importance« (p. 170).
  17. Wildes Freunde hatten eine Summe von achthundert Pfund Sterling für ihn gesammelt, die er nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis erhalten sollte; es ist bezeichnend, daß er nur anderthalb Jahre davon leben zu können glaubte.
  18. vgl. »Dorian Gray«, Kap. 1: »The true mystery of the world is the visible, not the invisible«.
  19. Die neue Ausgabe liest hier »Confraternity of the Fatherless« statt, wie früher, »Faithless« (d. h. die Brüderschaft derer, die keinen Vater oder keinen Vater im Himmel haben). Wilde soll tatsächlich »Fatherless« geschrieben haben, offenbar durch das vorausgehende »Confraternity« beeinflußt; natürlich ist »Faithless« dem Sinn nach besser.
  20. Wilde wurde am 17. Oktober 1874, am Tage nach seinem zwanzigsten Geburtstag, in Oxford (Magdalen College) immatrikuliert.
  21. Wenn Wilde hier schon von dem »kurzen Rest« seiner Tage spricht, so hat sich dieser Glaube oder Aberglaube später in ihm noch befestigt; denn er gab seiner Überzeugung wiederholt Ausdruck, daß er das neue Jahrhundert nicht erleben werde, und er hat auch schließlich damit Recht behalten.
  22. »For me the world is shrivelled to a palm’s breadth«, sagt Mrs., Arbuthnot in »A Woman of no Importance« (p. 170).
  23. Wilde hat tatsächlich nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis nur noch »ein schönes Kunstwerk« hervorgebracht: »The Ballad of Reading Gaol« (Zuchthausballade), geschrieben während des Sommers und Herbstes 1897 im Chalet Bourgeat in Berneval bei Dieppe.
  24. Wildes erstes Semester in Oxford, vgl. Anm. zu S. 26, Z. 11.
  25. »Studies in the History of the Renaissance« by Walter Pater (1873); die zweite Auflage des Buches erschien vier Jahre später unter dem veränderten Titel »The Renaissance: Studies in Art and Poetry« (deutsche Ausgabe von Wilhelm Schölermann, Leipzig 1902). Pater sagt in dem Aufsatz über die »Dichtung des Michelangelo«: »Indem wir sein Leben verfolgen …, kommt uns wieder und wieder der Gedanke, daß er einer von denen war, welche, nach Dantes Strafurteil, zu leiden hatten, ›weil sie in eigenwilliger Traurigkeit gelebt‹«.
  26. Inferno VII, 121 ff.
  27. »Del buon dolor ch’a Dio ne rimarita«, Purgatorio XXIII, 81.
  28. In »Wilhelm Meisters Lehrjahren« (2, 13) singt der Harfner: »Wer nie sein Brot mit Tränen aß« usw. Dazu bemerkt Goethe in den »Sprüchen in Prosa« (No. 153): »Diese tiefschmerzlichen Zeilen wiederholte sich eine höchst vollkommene, angebetete Königin in der grausamsten Verbannung, zu grenzenlosem Elend verwiesen«.
  29. Über die Musik findet sich eine ganz ähnliche Stelle in der Vorlesung »The English Renaissance of Art« (Miscellanies, p. 262).
  30. »A month or twain to live on honeycomb
    Is pleasant; but one tires of scented time« Algernon Charles Swinburne, »Before Parting« (Poems and Ballads I, 184; vgl. Otto Hauser »Aus fremden Gärten«, S 31:

    »Von Honig leben einen Monat lang
    Ist schön; doch wird man satt des süßen Seims«.

  31. Gemeint ist Miss Adela Schuster, die als die »Dame in Wimbledon« noch öfter genannt wird. Sie hatte Wilde, als sein Bankrott erklärt wurde, eine Summe von tausend Pfund Sterling geschenkt.
  32. »Hearts live by being wounded«, heißt es in »A Woman of no Importance« (p. 172).
  33. »… the gate of the temple which is called Beautiful«, Apostelgeschichte 3, 2.
  34. Wilde promovierte in Oxford am 28. November 1878, nachdem er im vorhergehenden Semester mit seinem Gedicht »Ravenna« den Newdigate-Preis errungen hatte.
  35. Anspielung auf Hamlet I, 3, 50 (»den Blumenpfad der Lust«).
  36. »Der Glückliche: Prinz« ist das erste Märchen der Sammlung »The Happy Prince and other Tales« (London 1888, David Nutt).
  37. »Der Junge König« eröffnet den Märchenband »A House of Pomegranates« (London 1891, Osgood, Mc Ilvaine & Co.).
  38. »Is not He who made misery wiser than thou art?« (Gesamtausgabe, p. 25).
  39. »The Picture of Dorian Gray« wurde zuerst in Lippincott’s Monthly Magazine vom Juli 1890 veröffentlicht; als Buch erschien der Roman, um sieben Kapitel erweitert, im folgenden Jahre bei Ward, Lock & Co. in London.
  40. »Kritik als Kunst« (»The Critic as Artist«, zuerst unter dem Titel »The True Function and Value of Criticism« im Nineteenth Century vom Juli und September 1890 veröffentlicht) steht in dem Essayband »Intentions« (London 1891, Osgood, Mc Ilvaine & Co.).
  41. »The Soul of Man under Socialism« (später kürzer »Die Seele des Menschen« genannt) erschien als Aufsatz in der Fortnightly Review vom Februar 1901.
  42. »Salome«. Drame en un acte: Paris 1893, Librairie de l’Art Independant; englische Ausgabe (translated by Lord Alfred Douglas): London 1893, Elkin Mathews & John Lane.
  43. Sechs »Poems in Prose« erschienen in der Fortnightly Review vom Juli 1894; das erste, »The Artist«, ist hier gemeint.
  44. »Marius the Epicurean«, ein philosophischer Roman von Walter Pater (1839-1894), erschien 1885; eine deutsche Ausgabe hat der Insel-Verlag 1908 veranstaltet.
  45. Wordsworth schreibt in dem Essay Supplementary to the Preface to the Edition of the Poems, 1815: »The appropriate business of poetry …, her appropriate employment, her privilege and her duty, is to treat of things not as they are, but as they appear…« Diese Stelle kommt dem von Wilde angeführten Ausdruck »to contemplate the spectacle of life with appropriate emotions« am nächsten; wahrscheinlich schwebte ihm aber eine Stelle aus der Abhandlung Walter Paters über Wordsworth vor (in dessen Buche »Appreciations, with an Essay on Style«, 1889), wo Pater sagt: »To witness this spectacle (sc. of life) is the aim of all culture«.
  46. »And so he who would lead a Christlike life is he who is perfectly and absolutely himself«: »The Soul of Man«, p. 292 ; den Gefangnen hat Wilde allerdings hier nicht besonders namhaft gemacht.
  47. André Gide, als Stilkünstler geschätzter Schriftsteller. Von seinen Werken (»Les Cahiers d’André Walter«, »Nourritures terrestes« u. a.) sind in Deutschland sein Roman »L’Immoraliste« und sein Drama »Le roi Candaule« am bekanntesten geworden. Er hat mit Wilde in seiner letzten Pariser Zeit verkehrt und ihm einen an persönlichen Erinnerungen reichen Aufsatz in der Zeitschrift »L’Ermitage« (Juni 1902) gewidmet.
  48. Matthew Arnold (1822-1888) spricht in seinem Werke »Literature and Dogma« (1873) in dem Kapitel »The Testimony of Jesus to Himself« vom ›Geheimnis Jesu‹.
  49. Heliogabal; vgl. Dorian Gray, Kap. 11: »… und wie er als Heliogabal … den Mond aus Karthago geholt und ihn in mystischer Ehe der Sonne vermählt habe«.
  50. Aristoteles hat in seiner Poetik die Tragödie als Nachahmung einer Handlung definiert, »welche durch Mitleid und Furcht die Reinigung dieser Affekte vollzieht«.
  51. Shakespeare »Verlorene Liebesmüh« IV, 3 : »… as sweet and musical as bright Apollo’s lute« (Schlegel: »so süß und musikalisch wie Phöbus‘ Lei’r«).
  52. Ernest Renan »Vie de Jésus«, chap. XXVIII: Caractère essentiel de l’oeuvre de Jésus: »S’être fait aimer, ›à ce point qu’après sa mort on ne cessa pas de l’aimer‹, voilà le chef-d’oeuvre de Jésus et ce qui frappa le plus ses contemporains«.
  53. »Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes«, Matth. 6, 33.
  54. »Das Himmelreich ist gleich einem Senfkorn«, Matth. 13, 31.
  55. »Das Himmelreich ist einem Sauerteige gleich«, Matth. 13, 33.

    »Abermal ist gleich das Himmelreich
    einem Kaufmann, der gute Perlen suchte«, Matth. 13, 45.

  56. Cyril, vgl. Anm., S. 157.
  57. Der englische Ausdruck »possess their souls« spielt auf Luk. 21, 19 an (»In your patience possess ye your souls«); Luthers Übersetzung: »Fasset eure Seelen mit Geduld« verschiebt den Sinn, so daß die Stelle hier nicht als Zitat wiedergegeben werden konnte.
  58. »Kann man auch Trauben lesen von den Dornen, oder Feigen von den Disteln?« Matth. 7, 16.
  59. ›Vergebet euren Feinden‹ steht nicht in den Evangelien; Christus sagt: »Liebet eure Feinde«., Matth. 5, 44.
  60. »Verkaufe, was du hast, und gib es den Armen«, Matth. 19, 21 (vgl. »The Soul of Man«, p. 1890.
  61. Der Ausdruck ›in Bronze denken‹ stammt aus dem Prosagedicht »The Artist« (p. 203)»
  62. Samuel Taylor Coleridge(1772-1834) hat den Ausdruck »our myriad-minded Shakespeare« in seiner »Biographia Literaria« (1817) geprägt.
  63. Anspielung auf Paradiso XVII, 58ff.:

    »Tu proverai sì com‘ sa di sale
    Lo pane altrui, e com‘ è duro calle
    Lo scendere e il salir per l’altrui scale«.

    Schon in seinem Oxforder Preisgedicht »Ravenna« (1878) schwebten Wilde diese Verse vor (S. 95):

    »Alas! my Dante! thou hast known …
    How steep the stairs within kings‘ houses are«

    (die allzu steilen Stufen fremder Stiegen).

  64. »Ah! Seigneur! donnez-moi la force et le courage
    De contempler mon coeur et mon corps sans degoût«,

    Schluß des Gedichtes »Un Voyage à Cythère« aus den »Fleurs du Mal« von Charles Baudelaire (1821 – 1867).

  65. Das ›Geheimnis der Liebe‹ liegt in Shakespeares Sonetten darin, daß sie zugleich von dem Seelenbund mit einem jungen, blonden Aristokraten und von der Liebe zu einer koketten, schwarzen Dame handeln.
  66. Mit den ›Schilfrohren eines sizilischen Hirten‹ wird, neben der tragischen Dichtung eines Aischylos, die bukolische Poesie Theokrits bezeichnet.
  67. Arachne wurde von Athene, weil sie die Göttin zum Wettstreit in der Webekunst herausgefordert hatte, in eine Spinne verwandelt (Ovids Metamorphosen).
  68. Demeter, die Mutter Proserpinas, wird von Homer nicht unter den Göttern des Olympos genannt. In Enna auf Sizilien, wo Pluton die Proserpina geraubt haben soll, stand das Heiligtum der Demeter.
  69. Semele, des Kadmos Tochter, gebar sterbend den Dionys, als Zeus auf ihre Bitten hin mit Blitz und Donner vor ihr erschien. In Böotien, dem Geburtslande des Dionys, war sein Kult zu Hause, besonders auf dem Kithäron, dem Grenzgebirge, nach Attika zu.
  70. Jesaia 53, 3.
  71. Mit dem ›Traum eines Virgilischen Dichters‹ meint Wilde Virgils vierte Ekloge, deren sechste Zeile: »Jam redit et virgo, redeunt Saturnia regna« als Vorankündigung des Christentums gedeutet wurde.
  72. Jesaia 51, 14.
  73. Wiederholung der auf S. 42 gegebenen Definition von der ›Wahrheit in der Kunst‹.
  74. Die Kathedrale in Chartres, ein frühes Bauwerk der Gotik (aus dem Anfang des dreizehnten Jahrhunderts), die größte und eine der schönsten Kirchen Frankreichs.
  75. Die Arthur- oder Artussage, ursprünglich walisisch-bretonisch, hat sich im frühen Mittelalter über die romanischen und germanischen Länder verbreitet. Arthur, ein mythischer König der Briten, der das alte Keltentum gegen die angelsächsische Invasion verteidigte, wurde auch zum Mittelpunkt der Gralsage. In Deutschland gewann der Legendenzyklus Popularität durch Richard Wagners Opern, in England hauptsächlich durch Alfred Tennysons »Idylls of the King«. Darin wird auch von der verräterischen Liebe Lancelots (vgl. S. 73, Z. 2), eines Ritters der Tafelrunde, zu Arthurs Gemahlin Guinevere erzählt.
  76. Franz von Assisi (Giovanni Bernardone, 1182-1226), Stifter des Franziskanerordens, wegen seines frommen Lebenswandels verehrt. Er hat vornehmlich die Künstler angeregt und keinen mehr als Giotto (c. 1276-1337), dessen Darstellungen aus dem Leben dieses Heiligen die Wände der berühmten Kirche in Assisi schmücken.
  77. Alexander Pope (1688-1744) der Hauptvertreter der klassizistischen Dichtung in England, dessen lehrhafte Gedichte noch das Entzücken Byrons bildeten.
  78. »The Rime of the Ancient Mariner« von Coleridge erschien 1797, im Geburtsjahr der englischen Romantik. Ferdinand Freiligrath hat die Ballade vom »Alten Matrosen« ins Deutsche übertragen.
  79. »La Belle Dame sans Merci« von John Keats (1795-1821).
  80. »An excelente Balade of Charitie«, angeblich 1464 von dem guten Priester Thomas Rowley verfaßt, ist eines der letzten Gedichte des Wunderknaben Thomas Chatterton (1752-1770). Helene Richter hat die »Ballade von der Barmherzigkeit« verdeutscht.
  81. Victor Hugos Roman »Les Misérables« erschien 1862.
  82. Charles Baudelaires berühmteste Gedichtsammlung »Fleurs du Mal« ist zuerst 1857 erschienen, dann in wesentlich veränderter Form 1861.
  83. Über seine Bewunderung russischer Schriftsteller hat sich Wilde zu André Gide (L’Ermitage, p. 421) ausgesprochen: »Les écrivains de la Russie sont extraordinaires. Ce qui rend leurs livres si grands, c’est la pitié qu’ils y ont mise«(vgl. »The Soul of Man«, p. 333).
  84. Paul Verlaine (1844-1896), der Dichter der »Poèmes Saturniens«, der »Romances sans paroles« u.a., war mit Wilde persönlich bekannt. Über ihre erste und einzige Begegnung im Café François Premier in Paris hat Robert Sherard (»The Story of an Unhappy Friendship«, p. 56) Bericht erstattet.
  85. Edward Burne-Jones(1833-1898), das größte Maltalent der Präraphaeliten, hat einer Reihe von Städten Großbritanniens und Irlands Glasfenster geliefert. Schon seit seiner Oxforder Zeit war er befreundet mit dem Dichter William Morris (1834-1896), der, durch Begründung seines Geschäfts für dekorative Kunst in London, der Reformator des englischen Kunstgewerbes wurde.
  86. »There is no Excellent Beauty, that hath not some Strangenesse in the Proportion«, heißt es in dem Essay »Of Beauty of Person« von Francis Bacon Lord Verulam (1561-1626).
  87. »Der Wind blaset, wo er will…«, Joh. 3, 8.
  88. »Aus Einbildung (of Imagination all compact) bestehn Wahnwitzige, Poeten und Verliebte«, Sommernachtstraum V, 1. Die Prägnanz des im Englischen als Zitat gebrauchten Ausdrucks ist in Schlegels Übersetzung verloren gegangen.
  89. »It has been said that the great events of the world take place in the brain. It is in the brain, and the brain only, that the great sins of the world take place also«, Dorian Gray, Kap. 2.
  90. »Ce qui est indubitable, en tout cas, c’est que de très-bonne heure on mit par ecrit les discours de Jesus en langue arameenne, que de bonne heure aussi on ecrivit ses actions remarquables«, Renan, Vie de Jésus, Introduction.
  91. Charmides, vornehmer Athener, Anhänger der oligarchischen Partei, fiel mit seinem Vetter Kritias am Kephisos. Plato hat einen seiner Dialoge nach ihm benannt, Wilde den Namen für eines seiner schönsten Gedichte entlehnt (vgl. Intentions, p. 112 und Miscellanies, p. 12).
  92. »Ich bin der gute Hirte«, Joh. 10, 11.
  93. »Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht«, Matth. 6, 28.
  94. »Es ist vollbracht«, Joh. 19, 30.
  95. Gnostiker nennt man die (vom zweiten bis fünften Jahrhundert tätigen) Theosophen, die ›das Christentum durch Umdeutung seines dogmatischen Inhalts als absolutes Weltprinzip zu erweisen suchten‹.
  96. Mark. 7, 25 ff. Wilde bemängelt, daß das griechische κυνάρια im englischen Bibeltext mit ›dogs‹ übersetzt ist, während es mit ›little dogs‹ wiedergegeben sein sollte.
  97. vgl. Wordsworth, Excursion IV, 763: »We live by admiration, hope, and love«.
  98. Christus hat den Ausdruck ›blumengleiches Leben‹ nicht geprägt; er ließe sich ableiten aus Matth. 6, 28 (s. o.).
  99. Purgatorio XVI, 86 f.
  100. »Sorget nicht für den anderen Morgen«, Matth. 6, 34.
  101. »Ist nicht das Leben mehr denn die Speise …«, Matth. 6, 25.
  102. Luk. 7, 47 (vgl. »The Soul of Man«, p. 291).
  103. Matth. 23, 27.
  104. »Wehe euch Pharisäern, daß ihr verzehntet die Minze und Raute«, Luk. 11, 42.
  105. vgl. Aristoteles »Eth. Nic.« VI, 2: Pindar »Olympia« II, 17; ähnlich sagt Milton im »Par. Lost« IX, 926:

    »But past who can recall, or done undo?
    Not God omnipotent, nor Fate!«

  106. Franz von Assisi, s. Anm., S. 168. Die bis zur Schwärmerei gesteigerte Verehrung für diesen Heiligen blieb Wilde auch später treu. So sagte er zu Andre Gide (L’Ermitage, p. 422): »Nous ne pouvons pas suivre la même route… La sienne (sc. Alfred Douglas), c’est celle d’Alcibiade; la mienne est maintenant celle de saint François d’Assise… Connaissez-vous saint François d’Assise? aoh! admirable! admirable!«
  107. Der Verherrlichung des zwei Jahre nach seinem Tode heilig gesprochenen Franz von Assisi widmete Bartholomäus von Pisa seinen »Liber Conformitatum« (1399); darin werden vierzig Ähnlichkeiten zwischen Christus und Franziskus aufgezählt und diesem häufig der Preis der Heiligkeit verliehn.
  108. Thomas à Kempis (1380-1471) ist der Verfasser der »Invitatio Christi«.
  109. Γνώδι σεαυτόν (erkenne dich selbst) stand über dem Eingang des Apollo-Tempels in Delphi.
  110. Anspielung auf 1. Sam. 9, 3.
  111. Paul Verlaine, s. Anm., S. 169. Er wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, weil er seinen Freund, den Dichter Arthur Rimbaud, mit einem Dolche verwundet hatte.
  112. Fürst Peter Kropotkin (geb. 1842), aus uraltem Adelsgeschlecht, zuerst Militär, wirkte seit 1872 im geheimen unter den russischen Arbeitern für den Umsturz, wurde als Agitator 1874 verhaftet, entfloh 1876 nach England, wandte sich von da nach Genf, wo er seit 1879 das Anarchistenblatt »La Révolte« herausgab; 1881 aus der Schweiz ausgewiesen, wurde er 1883 in Lyon verhaftet, wegen Zugehörigkeit zur Internationalen Arbeiter-Assoziation zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, 1886 aber begnadigt. Seitdem lebt er in England.
  113. Die neue Persönlichkeit, die den segensreichen Wandel hervorgebracht, ist Major Nelson. Er trat im Juli 1896 an die Stelle des grausamen, ›phantasielosen‹ Gefängnisdirektors Isacson und führte alsbald ein milderes System ein. Dieses kam auch Wilde zugute: unter dem neuen Herrn wurden ihm allerlei Vergünstigungen eingeräumt, nicht als geringste die, daß er nach Belieben schreiben durfte.
  114. Wilde hat sein Vorhaben später ausgeführt, und der Aufsatz über die Behandlung der Kinder im Gefängnis (s. Anm., S. 190) brachte sofort einen Wandel zum Bessern herbei.
  115. »Laudato si, misigniore, per frate vento« und »Laudato si, misignore, per sor acqua« heißt es in den »Laudes Creaturum«, dem einzigen uns erhaltenen Liede des Heiligen Franz von Assisi.
  116. Paradiso I, 21.
  117. vgl. Intentions, p. 45: » … the singer of life is not Apollo but Marsyas« (vgl. auch Reviews, p. 348).
  118. Alphonse de Lamartine (1790-1869) wurde durch seine schwärmerischen Naturschilderungen, aus denen eine unbefriedigte Sehnsucht sprach (»Meditations«, »Harmonies poetiques et religieuses«, »Jocelyn« u. a.), der Lieblingsdichter der vornehmen Welt während der Restauration.
  119. Edward Burne-Jones, vgl. Anm. S. 169.
  120. Callicles ist der junge Harfenspieler in Matthew Arnolds dramatischem Gedicht »Empedocles on Etna« (1852). In dem Schlußgesang des Callicles, der von dem Wettstreit Apolls mit dem phrygischen Faun Marsyas handelt, finden sich die Verse:

    »Oh, that Fate had let me see
    That triumph of the sweet persuasive lyre,
    That famous, final victory
    When jealous Pan with Marsyas did conspire«.

  121. Daß Goethe und Wordsworth die beiden großen Vorbilder Matthew Arnolds waren, hat er selbst in den »Stanzas in Memory of the Author of ›Obermann‹ (Etienne Pivert de Senancour)« bezeugt, in denen er »Wardsworth’s sweet calm« und »Goethe’s wide and luminous view« feiert.
  122. »Thyrsis« ist eine Monodie zur Erinnerung an Arnolds 1861 in Florenz verstorbenen Freund Arthur Hugh Clough (vgl. Reviews, p. 432).
  123. »The Scholar Gipsy« ist eine Elegie auf einen Oxforder Studenten, der aus Armut die Universität verlassen mußte und sich einer Zigeunergesellschaft anschloß.
  124. Der Vergleich des darstellenden Dichters mit dem Knospen treibenden Baume begegnet wieder im dritten Briefe an Robert Ross (S. 143).
  125. vgl. Intentions, p. 165. »We come across some noble grief that we think will lend the purple dignity of tragedy to our days«.
  126. »It is said, all martyrdoms looked mean when they were suffered«, Emerson, »Essay on Experience« (Essays, second series, Boston 1844).
  127. Clapham Junction ist eine der belebtesten Londoner Vorortstationen.
  128. »A man cannot be too careful in the choice of his enemies«, Dorian Gray, Kap. 1.
  129. »das Salz der Erde«, Matth. 5, 13.
  130. Der andre, nach dessen Pfeife die ›vergoldeten Schlangen‹ tanzten, ist natürlich Lord Queensberry.
  131. Ariel ist der freundliche Geist der Lüfte, Caliban das auf der Erde kriechende Scheusal in Shakespeares »Sturm«.
  132. »Salome«, vgl. Anm., S. 163.
  133. »Eine Florentinische Tragödie« ist eine der letzten dramatischen Arbeiten Wildes. Das Manuskript wurde ihm im April 1895 aus seiner Wohnung gestohlen. Ross hat eine frühere fragmentarische Niederschrift gefunden. (Näheres im Vorwort der deutschen Buchausgabe, Berlin 1907.)
  134. »La Sainte Courtisane or the Woman covered with Jewels« ist gleichfalls ein verschollenes Drama, von dem bis heute nur spärliche Bruchstücke aufgetaucht sind (Miscellanies, p. 229-239). Sie lassen inhaltlich eine gewisse Ähnlichkeit mit Anatole France‘ Roman »Thaïs«, formell mit »Salome« erkennen. Eine ausführlichere Darstellung der Fabel findet sich in Leonard Cresswell Inglebys Wilde-Biographie, p. 220 ff.
  135. Clibborn und Atkins waren Belastungszeugen im Wilde-Prozeß.
  136. Benvenuto Cellini (1500-1571) wird von Wilde in den »Intentions« (p. 100) »der größte Spitzbube der Renaissance« genannt. (Vgl. »The Soul of Man«, p. 323 f. und »Impressions of America« by Oscar Wilde, Keystone Press, 1906).
    Francisco Goya (1746-1828), neben Velasquez und Murillo der größte Maler Spaniens und vielleicht die problematischste Gestalt der gesamten Kunstgeschichte, an bizarrer Phantasie unerreicht.
  137. Edgar Allan Poe (1809-1849), von Wilde als der bedeutendste amerikanische Dichter verehrt (vgl. »Impressions of America« p. 13).
  138. Rechtsanwalt Humphreys vertrat Wilde in seinem Beleidigungsprozeß gegen Lord Queensberry.
  139. More Adey (geb. 1858), der erste englische Übersetzer von Ibsens »Brand«; früher unter dem Pseudonym William Wilson schriftstellerisch tätig, jetzt Mitinhaber der Carfax Gallery in London.
  140. Robert Harborough Sherard (geb. 1861), ein Urenkel William Wordsworths, bekannter englischer Journalist und Schriftsteller, einer der ältesten Freunde Wildes, dessen Biograph er geworden ist. Seinen beiden Büchern – »Oscar Wilde: The Story of an Unhappy Friendship« (London 1902) und »The Life of Oscar Wilde« (London 1906) – verdanken wir die wichtigsten Aufschlüsse über den Dichter. Sherard, der ›vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat‹, der mit Zola und Daudet befreundet war – vgl. seine interessanten Lebenserinnerungen »Twenty Years in Paris« (London 1903) – ist auch mit eignen Romanen, wie »Jacob Niemand« »After the Fault« u. a., erfolgreich gewesen.
  141. Frank Harris (geb. 1856), damals Herausgeber der »Saturday Review«, jetzt von »Vanity Fair«, Verfasser von »The Man William Shakespeare« (1898) und eines Dramas »Mr. and Mrs. Daventry« (1900), zu dem ihm Wilde den Stoff geliefert haben soll. Ihm ist »An Ideal Husband« in schmeichelhaften Ausdrücken gewidmet.
  142. Arthur Clifton (geb. 1863), Familienfreund, Mitinhaber der Carfax Gallery in London.
  143. Diese Episode hat Wilde auch André Gide erzählt (L’Ermitage, p. 423; Hugo von Hofmannsthal, »Sebastian Melmoth«, Prosaschriften II, 88); in etwas andrer Form bei Sherard (»Story of an Unhappy Friendship«, p. 236).
  144. Wer der gute Freund war, ist nicht sicher zu ermitteln; wahrscheinlich Robert Sherard.
  145. Daß Wilde die Sünden andrer auf sich genommen, hat er auch später noch versichert: »Fünf der Anklagepunkte bezogen sich auf Dinge, mit denen ich ganz und gar nichts zu tun hatte. Eine gewisse Grundlage war für einen Punkt da« (Sherard, »Life«, p. 368).
  146. Sir Frank Lockwood war der Vertreter der Anklagebehörde in dem letzten Prozeß gegen Wilde (22.-25. Mai 1895); er sprach mit besondrer Erbitterung.
  147. Girolamo Savonarola (1452-98), Dominikanermönch, wetterte gegen die Sittenlosigkeit der Medici und die Verderbtheit des römischen Hofes. Nachdem ihn das Volk zuerst vergöttert, wurde er als Ketzer gefangen genommen und erdrosselt.
  148. »Emotional forces, like the forces of the physical sphere, are limited in extent and energy«, Intentions, p. 174.
  149. »Like a pale martyr in his shirt of flame«: Alexander Smith (1830-67), »A Life Drama«.
  150. Wilde führt das Wort ›Zeitgeist‹ in deutscher Sprache an. Es kommt schon in der Vorrede zu Matthew Arnolds »Literature and Dogma« (1873) vor.
  151. Der Zynismus »has left the tub for the club«, will sagen: ist vom Fasse des Diogenes, der den Alten als radikalster Vertreter der zynischen Philosophie galt, in die Klubs gelangt. Der Reim läßt sich im Deutschen nicht ohne Beeinträchtigung des Sinnes wiedergeben.
  152. Über Rosenkranz und Güldenstern hat Wilde (Reviews, p. 19) gesagt, er habe nie einen Unterschied zwischen beiden zu machen vermocht, und es seien die einzigen Charaktere, die Shakespeare nicht individualisieren wollte (vgl. auch Reviews, p.148).
  153. Brutus in Shakespeares »Julius Caesar«.
  154. Hamlet II, 2.
  155. » … Das Schauspiel sei die Schlinge,
    In die den König sein Gewissen bringe«,

    Hamlet, Schluß des zweiten Aufzugs.

  156. Von Rosenkranz‘ und Güldensterns Ende erzählt Hamlet dem Freunde Horatio.
  157. Hamlet V, 2.
  158. ebenda.
  159. Angelo ist der schurkische Statthalter in Shakespeares »Maß für Maß«.
  160. Cicero schrieb ein Werk »Laelius« oder »De amicitia«, worin er das freundschaftliche Verhältnis zwischen Scipio und Laelius feiert.
  161. Wilde hat das Gefängnis in Reading Mittwoch, 19. Mai 1897 verlassen. Er fuhr mit seinen Freunden nach Erledigung der Formalitäten sofort nach Frankreich, blieb einige Zeit in Dieppe und mietete dann in dem kleinen Küstenplatz Le petit Berneval nordöstlich von Dieppe ein Häuschen. Fortan hieß er Sebastian Melmoth.
  162. »δάλασσα χλύζει πάντα τάνδρώπων χαχά«, Iphigenie in Tauris, v. 1193.
  163. »Misers of sound and syllable, no less
    Than Midas of his coinage«,

    John Keats, »Sonnet on the Sonnet«.

  164. William Michael Rossetti erzählt in der Einleitung zu seiner Ausgabe der poetischen Werke William Blakes (1757-1827): »›What!‹ it will be questioned, ›when the sun rises, do you not see a disc of fire, somewhat like a guinea?‹ ›Oh no, no! I see an innumerable company of the heavenly host, crying ›Holy, holy, holy is the Lord God almighty!‹« – »The Sons of God shouting for joy« (Hiob 3 8, 7) ist ein Bild Blakes. (Vgl. Miscellanies, p. 249).
  165. Alfred de Musset schrieb 1836 einen autobiographischen Prosaroman »La Confession d’un Enfant du Siècle«.
  166. Karl von Linné (ursprünglich Linnaeus, 1707-78), der berühmte schwedische Naturforscher, der die Systematik der Pflanzen feststellte. Er war 1736 in England.
  167. Auch von Dorian Gray wird gesagt (Kap. 11), er sei gleich Gautier einer, »pour qui le monde visible existe«.

Vier Briefe aus dem Zuchthaus Reading an Robert Ross


I.

10. März 1896.

Mein lieber Robbie!

Laß an den Rechtsanwalt Holman sofort einen Brief schreiben des Inhalts: da meine Frau versprochen habe, mir ein Drittel auszusetzen, falls sie vor mir sterben sollte, wünsche ich, daß man ihrem Vorhaben, mir eine Lebensrente zu kaufen, keinerlei Widerstand leiste. Ich bin mir bewußt, solches Unglück über sie und solches Verderben über meine Kinder gebracht zu haben, daß ich kein Recht habe, ihren Wünschen irgendwie zuwider zu handeln. Sie war hier freundlich und gut gegen mich, als sie mich besuchte. Ich habe volles Vertraun zu ihr. Bitte erledige das sofort und danke meinen Freunden für ihre Gefälligkeit. Ich fühle, daß ich recht handle, indem ich dies meiner Frau überlasse.

Schreibe bitte an Stuart Merrill 169 in Paris oder an Robert Sherard, 170 welche freudige Genugtuung mir die Aufführung meines Stückes bereitet habe, und laß Lugné-Poë meinen Dank überbringen: es ist etwas, daß ich trotz Schimpf und Schande noch als Künstler gelte. Ich wünschte, ich könnte mich mehr freun, aber ich bin offenbar für alle Empfindungen abgestorben, außer für Gram und Verzweiflung. Einerlei, teile bitte Lugné-Poë 171 mit, daß ich die Ehre zu schätzen wisse, die er mir angetan. Er ist selbst ein Dichter. Ich fürchte, Du wirst dies nur schwer lesen können, aber da man mir nicht den Gebrauch von Schreibzeug erlaubt, scheint es, als hätte ich das Schreiben verlernt – Du mußt mich entschuldigen. Danke More, 172 daß er sich um Bücher bemüht hat; unglücklicherweise leide ich an Kopfschmerz, sobald ich meine griechischen und römischen Dichter lese – sie haben mir daher noch nicht viel geholfen –, aber es war sehr freundlich von ihm, mir die Auswahl zu besorgen. Laß ihn der Dame, die in Wimbledon wohnt, 173 meinen Dank ausdrücken. Antworte mir bitte hierauf schriftlich und erzähle mir von literarischen Dingen, was für neue Bücher usw. – auch von Jones‘ Stück 174 und Forbes-Robertsons 175 Theaterleitung – von irgendwelchen neuen Tendenzen im Pariser oder Londoner Bühnenleben. Versuche auch zu Gesicht zu bekommen, was Lemaître, Bauer und Sarcey 176 über »Salome« gesagt haben, und gib mir ein kurzes Resumé. Bitte schreibe Henri Bauer, ich sei gerührt über seinen freundlichen Aufsatz; Robert Sherard kennt ihn. Es war lieb von Dir, daß Du mich besucht hast. Du mußt das nächste Mal wieder kommen. Hier umgibt mich das Graun des Todes, samt dem noch größeren, zu leben, und schweigend und elend . . . . . . . . . . . . 177

Ich denke stets mit tiefer Zuneigung an Dich.

Ich wünschte, Ernest 178 würde meinen Handkoffer, meinen Pelz, meine Kleider und die von mir verfaßten Bücher, die ich meiner lieben Mutter geschenkt habe, in Oakley Street abholen – frage Leverson, auf wessen Namen die Grabstätte meiner Mutter genommen worden ist.

Immer Dein Freund
              Oscar Wilde.

II.

Undatiert; November 1896. 179

… Auf diese rein geschäftlichen Angelegenheiten wird vielleicht More Adey die Güte haben zu erwidern. Wenn sein Brief nur von Geschälten handelt, darf ich ihn empfangen. Ich meine, er wird Deinem literarischen Bericht nicht ins Gehege kommen; was diesen anlangt, so hat mir der Direktor eben Deine freundliche Meldung vorgelesen.

Persönlich, mein lieber Robbie, hab ich wenig zu sagen, was Dich erfreun kann. Die Ablehnung meines Begnadigungsgesuches war wie ein Streich von einem bleiernen Schwerte. Ein dumpfes Schmerzgefühl betäubt mich. Ich hatte mich von Hoffnung genährt, und jetzt nährt sich die Qual in ihrem Heißhunger von mir, 180 als wäre sie an ihrer eignen Gier verschmachtet. Gütigere Elemente 181 jedoch sind in dieser schlimmen Gefängnisluft als früher: man hat es nicht an Sympathie für mich fehlen lassen, und ich fühle mich nicht mehr völlig von menschenfreundlichen Einflüssen ausgeschlossen, was mir bisher Schrecken und Ungemach verursacht hat. Und ich lese Dante 182 und mache Exzerpte und Anmerkungen aus Freude, daß ich Feder und Tinte gebrauchen darf. Es scheint, als ginge es mir in vieler Beziehung besser, und ich will auch wieder das Studium des Deutschen aufnehmen. 183 Wahrhaftig, dafür scheint das Gefängnis der geeignete Platz. Allein noch schneidet mir ein Pfahl ins Fleisch – so spitzig wie der des Apostels Paulus, 184 wenn er auch ganz andrer Art ist – den ich in diesem Briefe herausziehn muß. Seine Ursache ist die Nachricht, die Du mir auf ein Stück Papier geschrieben hast. Würde ich sie geheim halten, dann würde sie in meinem Kopf anwachsen (wie Giftiges im Dunkeln wächst) und sich andern schrecklichen Gedanken gesellen, die an mir nagen… Das Denken ist für die, die allein, stumm und in Fesseln dasitzen, kein ›geflügeltes lebendiges Wesen‹, wie Plato es sich vorstellte, sondern ein totes, das Grauenvolles ausbrütet, wie ein Morast, der dem Mond Ungetüme zeigt.

Ich meine natürlich Deine Bemerkung darüber, daß mir das Mitgefühl andrer entfremdet werde, oder daß Gefahr dazu vorhanden sei durch die tiefe Bitterkeit meiner Empfindungen; und ich glaube, mein Brief wurde andern geliehn und gezeigt… Ich wünsche aber nicht, daß man meine Briefe als Kuriositäten herumzeige; es ist mir höchst zuwider. Ich schreibe an Dich offen wie an einen der liebsten Freunde, die ich habe oder je gehabt habe; mit ein paar Ausnahmen berührt mich das Mitgefühl andrer, wenn es mir verloren geht, sehr wenig. Ein Mensch meines Ranges kann nicht in den Kot des Lebens fallen, ohne daß ihm von Leuten, die unter ihm stehn, in reichem Maße Mitleid gezollt würde; und ich weiß, daß die Zuschauer, wenn Stücke zu lange dauern, müde werden. Meine Tragödie hat viel zu lange gedauert; ihr Höhepunkt ist vorüber; ihr Ende gemein. Und ich bin mir der Tatsache wohl bewußt, daß ich, wenn das Ende wirklich kommt, als ungebetner Gast zurückkehren werde in eine Welt, die mich nicht haben will; als Revenant, wie die Franzosen sagen, als einer, dessen Gesicht durch die lange Haft grau und schmerzverzerrt geworden ist. So entsetzlich die Toten sind, wenn sie aus ihren Gräbern auferstehn: die Lebenden, die aus dem Grabe kommen, sind noch entsetzlicher. All das weiß ich nur zu gut. Ist man erst achtzehn schreckliche Monate in einer Gefängniszelle gewesen, dann sieht man Dinge und Menschen, wie sie wirklich sind. Der Anblick versteinert einen. Glaube nicht, daß ich irgendwem an meinen Lastern Schuld gebe. Meine Freunde hatten damit ebensowenig zu tun, wie ich mit ihren Lastern. Die Natur war uns allen hierin eine Stiefmutter. Ich mache ihnen daraus einen Vorwurf, daß sie den Mann, den sie zugrunde gerichtet haben, nicht zu würdigen wußten. Solange meine Tafel rot war von Wein und Rosen, was kam es ihnen darauf an? Mein Genie, mein Leben als Künstler, meine Arbeiten und die Ruhe, deren ich dazu bedurfte, galten ihnen nichts. Ich gebe zu, ich verlor den Kopf. Ich war verwirrt, hatte keine Urteilskraft mehr. Ich tat den einen verhängnisvollen Schritt. Und jetzt sitze ich hier auf einer Bank in einer Zuchthauszelle. In allen Tragödien liegt ein groteskes Element. Du kennst das Groteske in meiner Tragödie. 185 Denke nicht, daß ich mir keine Vorwürfe mache. Ich verfluche mich bei Nacht und am Tage, weil ich so töricht war, einem Etwas die Herrschaft über mein Leben einzuräumen. Gäb‘ es ein Echo in diesen Mauern, unaufhörlich würde es ›Narr!‹ rufen. Ich schäme mich meiner Freundschaften aufs äußerste… Denn nach ihren Freundschaften lassen sich die Menschen beurteilen. Es ist für jeden ein Prüfstein. Und ich empfinde stechende Erniedrigung aus Scham über meine Freundschaften …, von denen Du eine ausführliche Darstellung in meinem Prozeßbericht lesen kannst.

Täglich ist das für mich eine Quelle geistiger Demütigung. An einige von ihnen denke ich nie. Sie behelligen mich nicht, Sie sind belanglos … In der Tat, meine ganze Tragödie scheint mir grotesk – sonst nichts. Denn infolge davon, daß ich mich … in eine Falle locken ließ, sitze ich im tiefsten Schlamm von Malebolge 186 zwischen Gilles de Retz und dem Marquis de Sade. An gewissen Plätzen ist es niemand, mit Ausnahme der wirklich Verrückten, gestattet, zu lachen; und selbst in ihrem Fall verstößt es gegen das Reglement: sonst würde ich wohl darüber lachen … Im übrigen braucht keiner zu denken, daß ich andern unwürdige Beweggründe auf ihr Konto schreibe. Sie hatten wahrhaftig überhaupt keine Motive im Leben. Motive sind etwas Intellektuelles. Sie hatten lediglich Leidenschaften, und solche Leidenschaften sind falsche Götter, die um jeden Preis Opfer haben wollen und im vorliegenden Fall ein mit dem Lorbeerkranz geschmücktes fanden. Nun habe ich den Pfahl herausgerissen – die kurze, von Deiner Hand hingekritzelte Zeile eiterte fürchterlich. Jetzt denke ich nur noch daran, daß Du wieder ganz gesund wirst und endlich die wundervolle Geschichte niederschreibst von …

Bitte empfiehl mich mit dem Ausdruck meines Dankes Deiner lieben Mutter und auch Aleck. 187 Die »Vergoldete Sphinx« 188 ist wahrscheinlich noch immer prachtvoll. Und sende alles, was in meinen Gedanken und Gefühlen gut ist, und so viele Grüße und Huldigungen sie von mir annehmen will, der Dame in Wimbledon, deren Seele ein Heiligtum ist für die Verwundeten und eine Zufluchtsstätte für die Leidenden. Zeige diesen Brief andern nicht – komme auch in Deiner Antwort nicht darauf zurück. Erzähle mir von der Welt der Schatten, die ich so geliebt habe. Auch vom Leben und der Seele. Ich wüßte gar zu gern etwas von den Dingern, die mich gestochen haben; und mein Schmerz kennt noch Erbarmen.

Dein
Oscar.

III.

1. April 1897.

Mein lieber Robbie!

Ich schicke Dir getrennt hiervon ein Manuskript, das hoffentlich sicher ankommt. Sobald Du es gelesen hast und natürlich auch More Adey, den ich immer mit einbegreife, laß mir eine sorgfältige Abschrift herstellen. Aus verschiedenen Gründen wünsche ich es. Einer genügt. Ich möchte Dich für den Fall meines Todes zu meinem literarischen Testamentsvollstrecker ernennen; Du sollst vollständiges Verfügungsrecht über meine Dramen, Bücher und Aufsätze haben. Sobald ich finde, daß ich ein gesetzliches Recht habe, ein Testament zu machen, will ich es tun. Meine Frau versteht meine Kunst nicht, auch kann man von ihr nicht erwarten, daß sie sich dafür interessiere, und Cyril 189 ist noch ein Kind. Ich wende mich daher natürlich an Dich, wie ich es ja mit allem tue, und möchte Dir gern meine sämtlichen Werke schenken. Das Defizit aus dem Erlös mag Cyril und Vivian 190 gutgeschrieben werden. Bist Du also mein literarischer Testamentsvollstrecker, so mußt Du im Besitze des einzigen Dokuments sein, das über mein außergewöhnliches Verhalten Aufschluß gibt … Wenn Du den Brief gelesen hast, wirst Du die psychologische Erklärung für ein Betragen finden, das dem Außenstehenden eine Verbindung von absolutem Blödsinn und vulgärer Renommisterei scheint. Eines Tages muß die Wahrheit bekannt werden – es braucht ja nicht bei meinen Lebzeiten zu sein… Aber ich habe keine Lust, für alle Zeit an dem lächerlichen Pranger zu stehn, an den man mich gestellt hat; aus dem einfachen Grunde, weil ich von meinem Vater und meiner Mutter einen in der Literatur und der Kunst hochgeehrten Namen geerbt habe, 191 und ich kann nicht in alle Ewigkeit dulden, daß dieser Name geschändet sein soll. Ich verteidige meine Handlungsweise nicht. Ich erkläre sie. In meinem Briefe finden sich auch etliche Stellen, die von meiner geistigen Entwicklung im Zuchthaus handeln und der unausbleiblichen Wandlung meines Charakters und meiner intellektuellen Stellung zum Leben, die sich vollzogen hat. Du und andre, die noch fest zu mir stehn und mich gern haben, sollen genau erfahren, in welcher Stimmung und Haltung ich der Welt entgegenzutreten hoffe. Freilich, von einem Gesichtspunkt aus weiß ich, daß ich am Tage meiner Entlassung lediglich von einem Gefängnis ins andre gehe, und zu Zeiten scheint mir die ganze Welt nicht größer als meine Zelle und ebenso voller Schrecken für mich. Immerhin glaube ich, daß im Anfang Gott für jeden Menschen gesondert eine Welt erschaffen hat, und in dieser Welt, die in uns liegt, sollen wir zu leben suchen. Auf alle Fälle wirst Du diese Teile meines Briefs mit weniger Schmerz lesen als die andern. Ich brauche Dich sicher nicht daran zu erinnern, was für ein flüssiger Körper das Denken bei mir ist – bei uns allen –, und aus wie flüchtigem Stoffe unsre Empfindungen bestehn. Gleichwohl sehe ich ein mögliches Ziel vor Augen, dem ich durch die Kunst vielleicht nahe kommen kann. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Du mir hierbei helfen wirst.

Was nun die Art der Abschrift betrifft, so ist das Manuskript für einen Sekretär natürlich zu lang; und Deine eigne Handschrift, lieber Robbie, in Deinem letzten Brief sollte mich offenbar besonders daran mahnen, daß ich Dich nicht mit der Aufgabe betraun darf. Meiner Ansicht nach können wir nichts andres tun, als ganz modern sein und die Schreibmaschine nehmen. Selbstverständlich darfst Du das Manuskript nicht aus der Hand geben, aber könntest Du nicht Mrs. Marshall 192 veranlassen, eine von ihren jungen Damen – Frauen sind am verläßlichsten, weil sie kein Gedächtnis für das Wichtige haben – nach Hornton Street oder Phillimore Gardens 193 kommen zu lassen, damit sie es unter Deiner Aufsicht mache? Die Schreibmaschine ist, wenn sie mit Ausdruck gespielt wird, auf mein Wort nicht unangenehmer, als wenn eine Schwester oder eine nahe Anverwandte Klavier spielt. Ja, viele, die für ein inniges Familienleben schwärmen, ziehn sie sogar vor. Die Kopie soll nicht auf Seidenpapier angefertigt werden, sondern auf gutem Papier, wie man es für Theaterstücke verwendet, mit einem breiten, rot abgeteilten Rand für Verbesserungen … Wenn eine Abschrift hergestellt und nach dem Manuskript durchgeprüft ist, soll das Original an … abgeschickt und dann eine zweite Kopie von der Maschinistin angefertigt werden, 194 damit Du ein Exemplar erhältst, ebenso wie ich. Zwei Abschriften sollen ferner von Seite 4 des neunten Bogens bis zur letzten Seite des vierzehnten Bogens gemacht werden: von »und das Ende von alledem« bis »aber nicht zwischen der Kunst und mir« (ich zitiere aus dem Gedächtnis); desgleichen von Seite 3 des achtzehnten Bogens von »ich werde, wenn alles gut geht, frei kommen« bis »zu bittern Kräutern …« auf Seite 4. Schweiße das mit andern Stellen zusammen, die Du nach Belieben auswählen kannst, sofern es gut und die Absicht edel ist, wie z. B. der ersten Seite des fünfzehnten Bogens, und schicke das eine Exemplar der Dame in Wimbledon, von der ich gesprochen habe, ohne ihren Namen zu erwähnen, das andre an Miss Frances Forbes-Robertson. 195 Ich weiß, diese beiden liebreizenden Damen werden mit Interesse hören, wie es meiner Seele geht – nicht im theologischen Sinne, sondern einzig und allein im Sinne jenes geistigen Bewußtseins, das von den wirklichen Beschäftigungen des Leibes getrennt ist. Es ist eine Art Botschaft oder Brief, was sie von mir erhalten – das einzige, was ich ihnen zu schicken wage. Wenn es Miss Forbes-Robertson ihrem Bruder zeigen will, den ich immer gern hatte, so mag sie es tun; aber vor der Welt soll es natürlich strenges Geheimnis bleiben. Das gebe man auch der Dame in Wimbledon zu verstehn.

Wird die Abschrift in Hornton Street hergestellt, so läßt man die Schreibdame vielleicht durch einen Schieber in der Tür füttern, wie die Kardinäle, wenn sie zur Papstwahl schreiten, bis sie auf den Balkon hinaustritt und der Welt verkünden kann: »Habet Mundus Epistolam«; denn tatsächlich ist es eine Enzyklika, und wie die Bullen des Heiligen Vaters nach den einleitenden Worten heißen, mag man von ihr als der »Epistola: in Carcere et Vinculis« sprechen … braucht nicht zu erfahren, daß eine Kopie angefertigt worden ist.

Wahrhaftig, Robbie, das Leben im Gefängnis läßt einen Dinge und Menschen sehn, wie sie wirklich sind. Deshalb verwandelt es einen in Stein. Die Menschen draußen in der Welt, die lassen sich von den Trugbildern eines Lebens täuschen, das ständig in Bewegung ist. Sie drehn sich mit dem Leben um und tragen zu seiner Unwirklichkeit bei. Wir, die wir regungslos sind, sehn und wissen. Ob der Brief engherzigen Naturen und hektischen Hirnen zuträglich sein wird oder nicht: bei mir hat er Gutes gewirkt. Ich habe »die volle Brust des argen Stoffs entladen«, um bei dem Dichter eine Anleihe zu machen, den Du und ich einmal den Philistern zu entreißen gedachten. 196 Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß Darstellen für den Künstler die höchste und einzige Lebensform ist. Wir leben, indem wir uns offenbaren. Für viel, für sehr viel habe ich dem Direktor zu danken, doch für nichts mehr als dafür, daß er mir erlaubt hat, so ausführlich zu schreiben, wie ich nur wünsche.

Nahezu zwei Jahre habe ich die immer schwerer werdende Bürde der Verbitterung in mir getragen; viel davon habe ich jetzt abgeschüttelt. Auf der andern Seite der Gefängnismauer stehn einige armselige, schwarze, rußbeschmierte Bäume, die gerade jetzt Knospen treiben von einem fast schrillen Grün. Ich weiß recht wohl, was sich bei ihnen vollzieht: sie bringen sich zum Ausdruck.

Stets Dein
            Oscar.

IV.

6. April 1897.

… Überlege Dir jetzt, lieber Robbie, meinen Vorschlag. Meine Frau, die in Geldsachen sehr vornehm und hochherzig ist, wird wohl die für meinen Teil gezahlten 75 Pfund zurückerstatten. Daran zweifle ich nicht. Aber ich meine, das Anerbieten müßte von mir ausgehn, und ich sollte von ihr nichts als Einkommen annehmen; ich kann annehmen, was man mir aus Liebe und herzlicher Zuneigung gibt, aber nicht, was man widerwillig oder unter Bedingungen herausrückt. Sonst gäbe ich lieber meine Frau ganz frei. 197 Dann mag sie sich wieder verheiraten. Auf alle Fälle glaube ich, daß sie mir, wäre sie frei, gestatten würde, meine Kinder von Zeit zu Zeit zu sehn. Das will ich ja gerade. Doch erst muß ich sie freigeben, und es wäre besser, ich täte es, wie es einem Ehrenmann ansteht, indem ich den Kopf senke und mich allem füge. Du mußt die ganze Sache reiflich überlegen, da sie Dir und Deiner unbesonnenen Handlungsweise zuzuschreiben ist. Teile mir dann mit, was Du und andre davon denken. Selbstverständlich hast Du nur das Beste gewollt; aber Deine Auffassung war falsch. Ich darf offen und ehrlich sagen: allmählich gelange ich in einen geistigen Zustand, daß ich glaube, alles, was geschieht, ist zu unserm Besten. Vielleicht ist das Philosophie oder ein gebrochnes Herz oder Religion oder die stumpfe Gleichgültigkeit der Verzweiflung. Einerlei, welchen Ursprung das Gefühl hat: es ist stark in mir. Meine Frau gegen ihren Willen an mich fesseln wäre verkehrt. Sie hat ein volles Recht auf ihre Freiheit. Und es wäre mir eine Freude, wenn ich nicht von ihr unterstützt würde. Es ist eine schimpfliche Lage, von ihr unterhalten zu werden. Besprich das mit More Adey. Laß Dir von ihm den Brief zeigen, den ich ihm geschrieben habe. Bitte auch Deinen Bruder Aleck, mir seinen Rat zu erteilen. Er hat glänzenden Geschäftsverstand.

Nun zu andern Dingen.

Ich habe noch keine Gelegenheit gehabt, Dir für die Bücher zu danken. Sie waren mir sehr willkommen. Daß mir die Zeitschriften verboten wurden, war ein schwerer Schlag; aber der Roman von Meredith 198 hat mich entzückt. Was für ein gesundes Künstlernaturell! Er hat durchaus recht, wenn er das Gesunde als die Hauptsache im Roman verficht. Immerhin, bis jetzt hat nur das Abnorme im Leben und in der Literatur Ausdruck gefunden. Rossettis 199 Briefe sind schrecklich; offenbar Fälschungen seines Bruders. Trotzdem habe ich mit Interesse daraus ersehn, daß meines Großonkels 200 »Melmoth« und meiner Mutter »Sidonia« 201 unter den Büchern gewesen sind, die ihn in der Jugend bezaubert haben. 202 Was die Verschwörung gegen ihn in spätem Jahren betrifft, so glaube ich, daß sie wirklich bestanden hat und daß die Mittel dazu aus Hakes Bank kamen. 203 Das Verhalten einer Drossel in Cheyne Walk 204 scheint höchst verdächtig, wenn William Rossetti auch sagt: »Ich konnte in dem Singen der Drossel gar nichts Ungewöhnliches entdecken«. Stevensons Briefe 205 sind ebenfalls eine herbe Enttäuschung – ich sehe, daß für einen Romanschriftsteller ein romantisches Milieu das denkbar schlechteste ist. In Gower Street 206 hätte Stevenson ein neues Buch à la »Drei Musketiere« schreiben können. Auf Samoa schrieb er Briefe über die Deutschen an die Times. Ich sehe auch Spuren davon, welchen furchtbaren Kampf es kostet, ein natürliches Leben zu führen. Wer zu eignem Vorteil oder zum Nutzen andrer Holz hackt, sollte nicht imstande sein, den Vorgang zu beschreiben. Tatsächlich ist das natürliche Leben ein unbewußtes. Stevenson erweiterte lediglich den Bezirk des Künstlichen, indem er sich aufs Graben verlegte. Ich habe etwas aus dem unerquicklichen Buche gelernt: wenn ich mein künftiges Leben damit verbringe, Baudelaire in einem Cafe zu lesen, so werde ich ein natürlicheres Leben führen, als wenn ich die Arbeit eines Heckenausbesserers verrichte oder in schlammigem Moor Kakao pflanze. »En Route« wird sehr überschätzt. 207 Es ist bloßer Journalismus. Man hört nie eine Note von der Musik, die im Buch beschrieben wird. Das Thema ist entzückend, aber der Stil ganz gewiß wertlos, ausgetreten, schlaff. Es ist noch schlechteres Französisch als bei Ohnet. 208 Ohnet versucht, abgedroschen zu sein, und es gelingt ihm; Huysmans versucht, es nicht zu sein, und ist es. Hardys Roman 209 ist erfreulich, der Stil vollendet; und der von Harold Frederic 210 stofflich sehr interessant. Später gedenke ich, da in der Gefängnisbibliothek so gut wie keine Romane für meine armen Mitgefangnen sind, der Bibliothek etwa ein Dutzend guter Romane zum Geschenk zu machen: Stevenson (nichts vorhanden außer »The Black Arrow«), 211 einige von Thackeray (nichts vorhanden), von Jane Austen 212 (nichts vorhanden) und ein paar gute Bücher vom Schlage des älteren Dumas, von Stanley Weyman 213 z. B. und modernen jungen Leuten. Du sprachst von einem Protegé Henleys? 214 215 Auch von einem Anthony Hope-Jünger. 216 Nach Ostern könntest Du eine Liste von etwa vierzehn aufstellen und darum nachsuchen, daß ich sie bekomme. Den wenigen, die sich aus Goncourts Tagebuch 217 nichts machen, würden sie gefallen. Vergiß nicht, daß ich selbst dafür zahlen möchte. Ich habe ein Grauen davor, in die Welt hinauszutreten, ohne ein einziges Buch mein eigen zu nennen. Ob mir wohl einige meiner Freunde, wie Cosmo Lennox, 218 Reggie Turner, 219 Gilbert Burgess, 220 Max; 221 und andre, ein paar Bücher schenken würden? Du weißt, welche Art Bücher ich haben möchte: Flaubert, Stevenson, Baudelaire, Maeterlinck, Dumas père, Keats, Marlowe, Chatterton, Coleridge, Anatole France, Gautier, Dante und die ganze Literatur über Dante, Goethe und Goethe-Literatur usw. Ich würde es als eine große Artigkeit betrachten, wenn Bücher für mich bereit wären – und vielleicht habe ich noch Freunde, die mir gern gefällig sein möchten. Man ist wahrhaftig sehr dankbar, wenn es auch leider oft den Anschein hat, als wäre ich’s nicht. Aber Du mußt mir zugute halten, daß ich außer dem Leben im Gefängnis noch beständig Scherereien gehabt habe.

Als Antwort hierauf kannst Du mir einen langen Brief senden nur über Theaterstücke und Bücher. Deine Schrift im letzten Brief war so gräßlich, daß es den Eindruck machte, als schriebest Du einen dreibändigen Roman über die beängstigende Verbreitung kommunistischer Ideen unter den Reichen oder richtetest auf irgendeine andre Art Deine Jugend zugrunde, die immer verheißungsvoll gewesen ist und es stets bleiben wird. Tu‘ ich Dir damit unrecht, daß ich einen solchen Grund anführe, so mußt Du es der krankhaften Reizbarkeit zuschreiben, die eine Folge der langen Kerkerhaft ist. Aber schreibe bitte deutlich. Sonst sieht es aus, als ob Du etwas zu verheimlichen hättest.

In diesem Brief steht wohl manches Abscheuliche, Aber ich mußte Dich vor Dir selbst tadeln, nicht vor andern. Gib meinen Brief More zu lesen. Harris 222 wird mich hoffentlich Sonnabend besuchen. Grüße mir Arthur Clifton und Frau – ich finde, sie hat so viel Ähnlichkeit mit Rossettis Frau: das gleiche herrliche Haar, aber natürlich ein süßeres Wesen, obwohl Miß Siddal 223 bezaubernd ist und ihr Gedicht Ia.

Stets Dein
Oscar.

  1. Stuart Merrill, amerikanischer Journalist, der damals schon in Paris lebte, jetzt völlig zur französischen Literatur zählend. Seine Gedichtsammlungen – »Les Quatre Saisons«, »Poèmes« u. a. – bezeugen seine Zugehörigkeit zur Gruppe der Parnassiens.
  2. Robert Sherard, s. Anm., S. 176.
  3. Lugné-Poë (eigentlich: Aurélien-Marie Lugné, geb. 1869), Begründer der Theatergesellschaft »L’Oeuvre«, führte als erster im Jahre 1896 »Salome« am Théâtre Libre auf; er selbst spielte den Herodes, Lina Muntz die Titelrolle. Wilde hat André Gide (L’Ermitage, p. 424) erzählt, wie ihm diese Aufführung zustatten gekommen ist.
  4. More Adey, s. Anm., S. 176.
  5. Die Dame in Wimbledon ist Miss Adela Schuster; s. Anm., S. 162.
  6. Das Stück von Henry Arthur Jones (geb. 1851), auf das hier angespielt wird, ist »Michael and his Lost Angel«, dessen erste Aufführung im Lyceum am 15. Januar 1896 stattfand.
  7. Johnston Forbes-Robertson (geb. 1853), hervorragender englischer Schauspieler, bis dahin bei Bancroft und John Hare engagiert, wurde im Jahre 1896 Theaterdirektor. Da Wilde mit ihm befreundet war (vgl. S. 141), interessierte er sich natürlich ganz besonders für seinen Erfolg als Manager.
  8. Jules Lemaître, Henri Bauer, Francisque Sarcey: einflußreiche Pariser Theaterkritiker. Ross hatte Wilde in seinem letzten Briefe mitgeteilt, er habe gehört, daß sich Henri Bauer freundlich über »Salome« geäußert hätte, ohne indes seine Rezension schon gelesen zu haben.
  9. »Schweigend und elend« . . . danach größere Lücke. Wilde hatte vermutlich von Grausamkeiten und schlechter Behandlung im Gefängnis berichtet, was den Direktor, Major Isacson, veranlaßte, diesen Teil des Briefes einfach wegzuschneiden. Auch sonst hatten die Gefangnen sehr unter diesem Streber zu leiden.
  10. Ernest Leverson, der Mann Ada Leversons, s. S. 183.
  11. Die Datierung der Briefe lag früher im Argen (vgl. Widmungsepistel, p. IX). Ross setzt diesen Brief jetzt »später als September 1896« an, ohne sich an Wildes eigne Angabe (S. 132) zu halten, daß er schon »achtzehn schreckliche Monate« in einer Gefängniszelle gewesen, und begründet es damit, sein Freund habe zeitlebens nicht rechnen können. Ich glaube, wir dürfen ihm hier getrost folgen: da Wilde am 25. Mai 1895 verurteilt wurde, ist dieser Brief im November 1896 geschrieben. Jedenfalls sprechen die Zeitangaben der »Epistola: in Carcere et Vinculis« nicht dagegen.
  12. Anspielung auf Hamlets Worte im Monolog I, 2:

    »Why, she would hang on him
    As if increase of appetite had grown
    By what it fed on«.

  13. Die ›gütigeren Elemente‹, die in Reading Einzug gehalten, sind Major Nelson zu danken (s. Anm. S. 172).
  14. Über seine Lektüre Dantes hat Wilde André Gide erzählt (L’Ermitage, p. 425): »Et tout d’un coup j’ai pense à Dante … oh! Dante! … J’ai lu le Dante tous les jours; en italien; je l’ai lu tout entier; mais ni le Purgatoire, ni le Paradis ne me semblaient écrits pour moi. C’est son Inferno surtout que j’ai lu; comment ne l’aurais-je pas aimé? Comprenezvous? L’Enfer, nous y étions. L’Enfer, c’était la prison …« (vgl. S. 149).
  15. Über Wildes deutsche Sprachstudien erzählt Sherard (Life, p. 31): »Während der Eisenbahnfahrten, die er auf seiner Vortragstournee im Winter 1883/84 in England unternahm, hatte er ein kleines Taschenwörterbuch und einen Band Heine bei sich, in jeder Tasche seines Pelzrockes ein Buch, und brachte sich das Deutsche so gründlich bei, daß ihm späterhin die ganze deutsche Literatur zugänglich war«. An seinem letzten Sonntag im Gefängnis hat Wilde übrigens Goethes »Faust« gelesen.
  16. Anspielung auf 2. Kor. 12, 7.
  17. Über das Groteske in der Tragödie, s, S. 100.
  18. »Malebolge«, ein Ort des Grauens in Dantes Inferno (XVIII, 1): »Luogo è in Inferno, detto Malebolge«.
  19. Aleck Ross (geb. 1860), Robert Ross‘ älterer Bruder, früher Mitarbeiter der »Saturday Review«.
  20. Die »Vergoldete Sphinx« ist ein Scherzname für Mrs. Ada Leverson, die Wildes Gedicht »The Sphinx« im »Punch« (vom 21. Juli 1894) sarkastisch glossiert hat: »The Minx. A Poem in Prose«. Seitdem nannte er sie, auf ihr »golden hair« anspielend, »The Gilded Sphinx«. Sie nahm den Dichter in ihrem Hause auf, als er gegen Bürgschaft aus der Haft entlassen wurde. Neuerdings ist sie mit zwei Romanen hervorgetreten: »The Twelfth Hour« und »Love’s Shadow«.
  21. Cyril (s. Anm., S. 157) war damals zwölf Jahre alt.
  22. Wenn Wilde hier scherzend seinen Kindern »das Defizit aus dem Erlös« seiner Bücher vermacht, so zeigt er damit, ein wie schlechter Rechenmeister er war; damals konnte er freilich nicht ahnen, daß seine Werke einmal eine reiche Einnahmequelle für seine Kinder (und viele andre) werden würden.
  23. Was Wilde seinen Eltern verdankt, hat er S. 4 näher ausgeführt.
  24. Mrs. Marshall ist die Leiterin eines bekannten Schreibmaschinenbureaus am Strand in London.
  25. Robert Ross wohnte damals 24 Hornton Street in Kensington, seine Mutter: 11 Phillimore Gardens.
  26. Das Original des Briefes sollte wohl für den Adressaten bestimmt sein.
  27. Miss Frances Forbes-Robertson, die Schwester des Schauspielers (s. Anm., S. 180).
  28. » … den Du und ich einmal den Philistern zu entreißen gedachten« bezieht sich auf die von Ross scherzhaft angeregte Gründung einer »Anti-Shakespearian Society«, die der übertriebenen Wertschätzung des ›Barden‹ entgegentreten sollte. Lord Alfred Douglas schleuderte wutentbrannt gegen die Bilderstürmer ein geharnischtes Sonett »To Shakespeare« (The City of the Soul, p. 61).
  29. Zu einer Scheidung ist es nicht gekommen, aber auch nicht zu einer Wiedervereinigung. Constance Wilde, schon damals kränklich, lebte bis zu ihrem baldigen Ende in Genua. Es ist merkwürdig, wie schnell die nächsten Angehörigen Oscar Wildes nach der Katastrophe hinweggestorben sind: seine Mutter im Februar 1896, seine Frau im April 1898, sein einziger Bruder William im März 1899.
  30. Gemeint ist »The Amazing Marriage« (1895) von George Meredith (geb. 1828). Seiner Bewunderung für den »Prosa-Browning« hat Wilde in den Intentions (p. 16) Ausdruck gegeben.
  31. Dante Gabriel Rossetti: His Family Letters. With a Memoir by William Michael Rossetti. 2 vols. London, 1895. (Ellis & Elvey).
  32. Charles Robert Maturin (1782-1814), Lady Wildes Großonkel – also eigentlich Oscar Wildes Urgroßonkel –, Pfarrer an der St. Peterskirche in Dublin, ein letzter Vertreter der Schauerromantik, die sich an den Namen des Monk-Lewis heftet (»Familie Montorio«). Sein von Walter Scott warm empfohlenes Drama »Bertram« wurde auf Lord Byrons Veranlassung hin 1816 in Drury Lane aufgeführt. Sein bedeutendstes Werk ist der genialische Roman »Melmoth the Wanderer«, der von Balzac, Thackeray, Baudelaire überschwenglich gelobt wurde. »Célèbre voyageur Melmoth, la grande création satanique du révérend Maturin. Quoi de plus grand, quoi de plus puissant relativement à la pauvre humanité que ce pâle et ennuyé Melmoth?« urteilte der entzückte Baudelaire. Nach dem unstäten Helden des Romans hat sich Oscar Wilde für die kurze Spanne seines Lebens, die ihm nach Reading noch verblieb, Sebastian Melmoth genannt – Sebastian in Erinnerung an das Bild des Heiligen von Guido Reni, das er in Genua gesehn hatte (vgl. Miscellanies, p.3).
  33. »Sidonia« ist der Roman »Sidonia von Bork, die Klosterhexe« (1847) des in England sehr hoch geschätzten Wilhelm Meinhold (1797-18 51), den Lady Wilde im Jahre 1849 übersetzt hat. »Die Bernsteinhexe war neben Lady Wildes Übersetzung von »Sidonia, die Klosterhexe« meine romantische Lieblingslektüre in der Knabenzeit«, erzählt Wilde (Reviews, p. 388).
  34. Über »Melmoth« und »Sidonia« schreibt William Rossetti (I, p. 101): »Earlier than most of these – beginning, I suppose, in 1844 – was the Irish romancist Maturin, who held Dante Rossetti spellbound with the gloomy and thrilling horrors of Melmoth the Wanderer. He and I used often to sit far into the night reading the pages one over the other’s Shoulder«. – – Und ebenda: »He had a positive passion for Meinhold’s wondrous Sidonia the Sorceress (translated), which he much preferred to the Amber Witch of the same phenomenal author«.
  35. In seinem geistig gestörten Zustand hielt sich Rossetti für das Opfer einer Verschwörung. Sein Bruder William berichtet darüber (I, p. 307): »On 2 June 1872 I was with my brother all day at No. 16 Cheyne Walk. It was one of the most miserable days of my life, not to speak of his. From his wild way of talking – about conspiracies and what not – I was astounded to perceive that he was, past question, not entirely sane«. Die angebliche Verschwörung benutzt Wilde dazu, über Egmont Hake einen Witz zu machen. Dieser, ein Sohn des mit Rossetti befreundeten Dr. Thomas Gordon Hake, war der Verfasser eines Buches »Free Trade in Capital« und schrieb Pamphlete über ein Banksystem seiner Erfindung, die Wilde höchlichst amüsierten. »Hakes Bank« ist natürlich nur Chimäre.
  36. Cheyne Walk in Chelsea wohnte Rossetti. Auch die Drossel gehörte zu den Halluzinationen des unglücklichen Dichters.
  37. Die Briefe Robert Louis Stevensons (1850-1894) sind die sog. »Vailima Letters being Correspondence addressed by R. L. St. to Sidney Colvin Nov. 1890 – Oct. 1894« (London 1895, Methuen & Co.).
  38. In Gower Street soll heißen: wäre Stevenson in London geblieben, so hätte er in der Art des Alexandre Dumas weiter Erfolge erringen können. Aber er mußte seines Lungenleidens wegen England verlassen und ging nach Samoa, dessen deutsche Beamten er heftig angriff in Briefen an die Times (»Samoa« in den Times vom 17. Nov. 1891; »The Latest Difficulty in Samoa«, Times vom 4. Juni 1892; »Deadlock in Samoa«, Times vom 23. April 1894 usw.). Er versuchte dort ein natürliches Leben zu führen und berichtet etwa (p. 72 der Vailima Letters): »Days and days of unprofitable stubbing and digging, and the result still poor as literature«. Auf solche und ähnliche Stellen beziehn sich Wildes Auslassungen.
  39. »En Route« (1895) von Joris Karl Huysmans (1848-1907). Daß Wilde, trotzdem er sich hier so schroff absprechend äußert, im Grunde ein Bewunderer des Dichters von »A Rebours« war, lehrt »Das Bildnis Dorian Grays«, dessen berühmtes elftes Kapitel durch den Herzog Des Esseintes inspiriert ist. Das Thema von »En Route« ist die Flucht einer sündigen Seele hinter Klostermauern.
  40. Georges Ohnet (geb. 1848), Verfasser einer langen Reihe von Unterhaltungsromanen, deren populärster »Le Maître de Forges«. Kaum ein zweiter Schriftsteller ist so oft vernichtet worden und sitzt nach wie vor so fest in der Gunst des Publikums.
  41. Thomas Hardy (geb. 1840), neben George Meredith der angesehenste englische Romanschriftsteller der Gegenwart, hatte 1895 den kraß realistischen Roman »Jude the Obscure« veröffentlicht (»Juda, der Unberühmte«, deutsch von A. Berger, Stuttgart und Leipzig 1901). Falls Wilde dieses Buch meint, frappiert das Beiwort ›erfreulich‹, wenn es sich nicht durchaus auf den Stil beschränkt.
  42. Gemeint ist »Illumination« (1896) von Harold Frederic (1856-1898), einem in Amerika geborenen Journalisten und Romanschriftsteller, der 1884 nach England übersiedelte und auch ein Buch über Kaiser Wilhelm II. verfaßt hat.
  43. »The Black Arrow« von Robert Louis Stevenson (s. o.), eine Erzählung aus den Kriegen der weißen und roten Rose, ist 1888 erschienen.
  44. Jane Austen (1775-1817), eine der Standard-Autorinnen des englischen home; ihre wichtigsten Romane: »Sense and Sensibility« (1811) und »Pride and Prejudice« (1816).
  45. Stanley John Weyman (geb. 1855), besserer Unterhaltungsschriftsteller, von Dumas stark beeinflußt. Spannende Handlung mit historischem Hintergrund: das erschöpft seine meisten Romane (»A Gentleman of France« 1893, »Under the Red Robe« 1894 u. v. a.)
  46. William Ernest Henley (1849 – 1903), als Lyriker mit patriotischem Einschlag wie als Kritiker ausgezeichnet, vielleicht am bedeutendsten als Entdecker junger Talente, die er in dem von ihm geleiteten »National Observer« zu Worte kommen ließ; auch als Literarhistoriker verdient (gab mit Henderson den sog. Centenary Burns heraus). Seit dem Juli 1907 steht seine von Rodin geschaffene Bronzebüste in der Londoner St. Paulskirche. (Vgl. Reviews, p. 347 ff.)
  47. Ross hatte H. G. Wells (geb. 1866), dessen erste Bücher 1895 erschienen sind und der seitdem einen Platz in der vordersten Reihe der englischen Belletristik erobert hat, als einen Protégé Henleys bezeichnet.
  48. Anthony Hope (eigentlich Hawkins, geb. 1863), amüsanter Belletrist, voll Witz und Anmut, aber ohne tiefere Bedeutung. Seine romantischen Anfänge (»The Prisoner of Zenda« usw.) gewannen ihm sogleich die Gunst der englischen Lesewelt. Zum Charakterroman hat er sich in »Quisante« (1900) erhoben. Mit dem Anthony Hope-Jünger ist Henry Seton Merriman (eigentlich Hugh Scott, 1863-1903) gemeint. Jedes Land, jede Zeit war ihm vertraut. Seinen größten Erfolg hatte er mit »The Sowers« (1896), einem Lieblingsroman der Königin Victoria.
  49. »Le Journal des Goncourts«, im ganzen neun Bände, ist in den Jahren 1887-96 herausgekommen; der letzte Band, der zwei oder drei Stellen über Wilde enthält, war ihm nach Reading geschickt worden.
  50. Cosmo Gordon Lennox, Übersetzer und Bearbeiter französischer Stücke, Verfasser der Burleske »The Marriage of Kitty«; dramatisierte Thackerays »Vanity Fair« für seine Gattin, die Schauspielerin Marie Tempest.
  51. Reginald Turner (geb. 1870), Romanschriftsteller: »The Steeple«, »The Comedy of Progress«, »Peace on Earth« u. a.
  52. Gilbert Burgess (geb. 1868), Journalist und Opernlibrettist, das Urbild des Gilbert der »Intentions« (vgl. »Decorative Art in America«, p. 163).
  53. Max, d. i. Max Beerbohm (geb. 1872), Stiefbruder des Schauspielers Herbert Beerbohm Tree, vorzüglicher Theaterkritiker der »Saturday Review« und glänzender Karikaturist: »The Poets‘ Corner«, »Caricatures of 25 Gentlemen« usw.
  54. Frank Harris, s. Anm., S. 176.
  55. Elizabeth Eleanor Siddal, im Kreise der Präraphaeliten als Lizzie bekannt, Rossettis Modell und spätere Frau. Das Gedicht, auf das Wilde hier anspielt, heißt »A Year and a Day« (Family Letters I,176). Gleich die Anfangszeilen:

    »Slow days have passed that make a year,
    Slow hours that make a day«

    mögen dem Gefangnen starken Eindruck gemacht haben; und auch die Schlußstrophe entspricht seiner Stimmung.

Widmung an den deutschen Herausgeber

My dear Dr. Meyerfeld, – It is a great pleasure to dedicate this new edition of De Profundis to yourself. But for you I do not think the book would have ever been published. When first you asked me about the manuscript which you heard Wilde wrote in prison, I explained to you vaguely that some day I hoped to issue portions of it, in accordance with the writer’s wishes; though I thought it would be premature to do so at that moment. You begged however that Germany (which already held Wilde’s plays in the highest esteem) should have the opportunity of seeing a new work by one of her favourite authors. I rather reluctantly consented to your proposal; and promised, at a leisured opportunity, to extract such portions of the work as might be considered of general public interest. I fear that I postponed what was to me a rather painful task; it was only your visits and more importunate correspondence (of which I frankly began to hate the sight) that brought about the fulfilment of your object. There was no idea of issuing the work in England; but after despatching to you a copy for translation in Die neue Rundschau, it occurred to me that a simultaneous publication of the original might gratify Wilde’s English friends and admirers who had expressed curiosity on the subject. The decision was not reached without some misgiving, for reasons which need only be touched upon here. Wilde’s name unfortunately did not bring very agreeable memories to English ears: his literary position, hardly recognised even in the zenith of his successful dramatic career, had come to be ignored by Mr. Ruskin’s countrymen, unable to separate the man and the artist; how rightly or wrongly it is not for me to say. In Germany and France, where tolerance and literary enthusiasm are more widely distributed, Wilde’s works were judged independently of the author’s career, Salomé, prohibited by the English censor in the author’s lifetime, had become part of the repertoire of the European stage, long before the finest of all his dramas inspired the great opera of Dr. Strauss; whilst the others, performed occasionally in the English provinces without his name, were still banned in the London theatres. His great intellectual endowments were either denied or forgotten. Wilde (who in De Profundis exaggerates his lost contemporary position in England and shows no idea of his future European reputation) gauges fairly accurately the nadir he had reached when he says that his name was become a synonym for folly.

 

In sending copy to Messrs. Methuen (to whom alone I submitted it) I anticipated refusal, as though the work were my own. A very distinguished man of letters who acted as their reader advised, however, its acceptance, and urged, in view of the uncertainty of its reception, the excision of certain passages, to which I readily assented. Since there has been a demand to see these passages already issued in German, they are here replaced along with others of minor importance. I have added besides some of those letters written to me from Reading, which though they were brought out by you in Germany, I did not, at first, contemplate publishing in this country. They show Wilde’s varying moods in prison. Owing to a foolish error in transcription, I sent you these letters with wrong dates – dates of other unpublished letters. The error is here rectified. By the courtesy of the editor and the proprietors of the Daily Chronicle I have included the two remarkable contributions to their paper on the subject of prison life: these and The Ballad of Reading Gaol being all that Wilde wrote after his release other than private correspondence. The generous reception accorded to De Profundis has justified the preparation of a new and fuller edition. The most sanguine hopes have been realised; English critics have shown themselves ready to estimate the writer, whether favourably or unfavourably, without emphasising their natural prejudice against his later career, even in reference to this book where the two things occasion synchronous comment. The work has met of course with some severe criticisms, chiefly from ›narrow natures and hectic-brains‹.

But in justice to the author and myself there are two points which I ought to make clear: the title De Profundis, against which some have cavilled, is, as you will remember from our correspondence, my own; for this I do not make any apology. Then, certain people (among others a well-known French writer) have paid me the compliment of suggesting that the text was an entire forgery by myself or a cento of Wilde’s letters to myself. Were I capable either of the requisite art, or the requisite fraud, I should have made a name in literature ere now. I need only say here that De Profundis is a manuscript of eighty close-written pages on twenty folio sheets; that it is cast in the form of a letter to a friend not myself; that it was written at intervals during the last six months of the author’s imprisonment on blue stamped prison foolscap paper. Reference to it and directions in regard to it occur in the letters addressed to myself and printed in this volume. Wilde handed me the document on the day of his release; he was not allowed to send it to me from prison. With the exception of Major Nelson, then Governor of Reading, myself and a confidential typewriter, no one has read the whole of it. Contrary to a general impression, it contains nothing scandalous. There is no definite scheme or plan in the work; as he proceeded the writer’s intention obviously and constantly changed; it is desultory; a large portion of it is taken up with business and private matters of no interest whatever. The manuscript has, however, been seen and authenticated by yourself by Mr. Methuen, and Mr. Hamilton Fyfe, when editor of The Daily Mirror, where a leaf of it was facsimiled.

Editorial egoism has led me to make this introduction longer than was intended, but I must answer one question: both you and other friends have asked why I do not write any life of Wilde. I can give you two reasons: I am not capable of doing so; and Mr. Robert Sherard has ably supplied the deficiency. Mr. Sherard’s book contains all the important facts of his career; the errors are of minor importance, except in regard to certain gallant exaggerations about myself. His view of Wilde, however, is not my view, especially in reference to the author’s unhappiness after his release. That Wilde suffered at times from extreme poverty and intensely from social ostracism I know very well; but his temperament was essentially a happy one, and I think his good spirits and enjoyment of life far outweighed any bitter recollections or realisation of an equivocal and tragic position. No doubt he felt the latter keenly, but he concealed his feeling as a general rule, and his manifestations of it only lasted a very few days. He was, however, a man with many facets to his character; and left in regard to that character, and to his attainments, both before and after his downfall, curiously different impressions on professing judges of their fellowmen. To give the whole man would require the art of Boswell, Purcell or Robert Browning. My friend Mr. Sherard will only, I think, claim the biographical genius of Dr. Johnson; and I, scarcely the talent of Theophrastus. – Believe me, dear Dr. Meyerfeld, yours very truly,

Robert Ross
Reform Club, August 31st, 1907.

Einleitung

Seit langem war es mein Wunsch, »De Profundis« in neuer deutscher Fassung darzubieten; ich wollte nur die englische Gesamtausgabe der Werke Oscar Wildes abwarten, weil ich von ihr beträchtliche Vermehrungen und, vor allem, den endgültigen Text erhoffte.

Meine (zuerst im Februar 1905 erschienene) Übersetzung, der eine mit der Schreibmaschine hergestellte Kopie zugrunde lag, wich von der (ursprünglich nicht geplanten, dann aber bald darauf veröffentlichten) englischen Ausgabe, besonders in der Gliederung und gelegentlich auch im Wortlaut, recht erheblich ab. Zwei unbestreitbare Vorzüge hatte sie vor dem Text des englischen Buches: sie gab vielfach – darüber konnte kein Zweifel sein – das Original getreuer wieder, und sie war vollständiger.

Robert Ross, der literarische Testamentsvollstrecker des Dichters, mußte im Jahre 1905 auf die in England herrschende Stimmung Rücksicht nehmen. Noch immer war Oscar Wildes Name verpönt, und es ließ sich schwer voraussagen, welchen Empfang ein britisches Publikum diesem persönlichsten Werke des Verfemten bereiten werde. Daher empfahl es sich, heikle Stellen zu streichen oder im Ausdruck zu mildern. Nur wer die Empfindlichkeit der angelsächsischen Lesewelt nicht kennt, wird Ross daraus einen Vorwurf machen. Und der die kühnsten Erwartungen übertreffende Erfolg hat seinem Verfahren Recht gegeben: »De Profundis« wurde so einmütig in England begrüßt, wie kein Werk des Autors bei seinen Lebzeiten, und ist seitdem wohl in alle europäischen Kultursprachen übersetzt worden.

Daraufhin konnte Ross es wagen, dem unter seiner Leitung herausgegebenen Oeuvre Oscar Wildes (im Verlage von Methuen & Co. in London) ein vermehrtes »De Profundis« einzuverleiben. Nicht nur die früher für Mrs. Grundy unterdrückten, in Deutschland publizierten Abschnitte sind hinzugekommen, sondern auch einige bis dahin unbekannte, so daß der nun vorliegende Text als letzte Fassung seiner Hand zu betrachten ist. Da Ross das alleinige Verfügungsrecht über die Werke seines Freundes besitzt, muß er als oberste Instanz gelten.

Vollständiger ist also »De Profundis« geworden, aber noch weit, weit entfernt von Vollständigkeit. Wir dürften jetzt etwas mehr als ein Drittel des Ganzen haben. Die erste Hälfte fehlt nach wie vor, weil sie sich auf »geschäftliche und Privatangelegenheiten von gar keinem Interesse« beschränken soll; das andre Sechstel verteilt sich auf die veröffentlichten Partien: wo jetzt drei Punkte stehn, ist eine Lücke angedeutet.

Wie die Dinge in England liegen, konnten wir das Ganze nicht erhalten, werden es auch in absehbarer Zeit nicht erhalten. Kein Brite braucht seinen Namen in einem für ihn unerfreulichen Zusammenhang drucken zu lassen; er kann, wenn er über die nötigen Mittel verfügt, eine Beleidigungsklage gegen den Urheber des Dokuments oder seinen Bevollmächtigten anstrengen. Es wäre pekuniärer Selbstmord gewesen, hätte sich Ross solcher Gefahr ausgesetzt. Er war einfach gezwungen, eine Auswahl zu treffen, bei der sein Taktgefühl das entscheidende Wort zu sprechen hatte. So bedauerlich eine derartige Kürzung vom psychologischen Standpunkt aus sein mag, so begreiflich, ja notwendig ist sie vom praktischen. Noch leben die meisten dramatis personae. Es lebt Lord Alfred Douglas; es leben die beiden Söhne Wildes; es leben die Freunde; es leben die mit Namen angeführten englischen Schriftsteller. Da war Vorsicht geboten, hieß es Rücksichten nehmen, nach den verschiedensten Seiten hin. Mag Ross dem Ideal eines philologischen Herausgebers nicht entsprechen, die Beteiligten werden ihn als das Ideal eines taktvollen Menschen rühmen.

In Deutschland denkt man zum Glück über solche Fragen etwas freier. Ich konnte mich ungehemmter bewegen und habe deshalb keine Bedenken getragen, überall da, wo ich Striche aufmachen und Anfangsbuchstaben erraten konnte, den vollen Namen hinzusetzen. Die Engländer werden es mir schwerlich danken; trotzdem hielt ich es für meine Pflicht, nichts zu verschweigen.

Auch dem Text der englischen Gesamtausgabe vermochte ich nicht durchgehends zu folgen, so sehr ich im allgemeinen bemüht war, mich ihm anzuschließen. Bei genauer Vergleichung des Buches und meiner Vorlage kam ich häufig zu dem Schluß, daß in ihr das steht, was Wilde wirklich geschrieben hat, während Robert Ross, sicher von den besten Absichten geleitet, im Buche mitunter kleine Retuschen vornehmen zu müssen glaubte. Es sind nicht allzuviele Stellen, und die Stellen sind nicht allzuwichtig; immerhin scheint es mir wichtig genug, im Interesse eines phantasielosen englischen Dramatikers und seines phantasieloseren deutschen Verhunzers darauf hinzuweisen.

Erst jetzt rückt das Werk in die rechte Beleuchtung, wo es als Brief kenntlich wird. »De Profundis« oder das, was wir »De Profundis« zu nennen pflegen, ist ein Brief, so gut wie die hier mitgeteilten Briefe an Robert Ross: ein Brief Oscar Wildes aus dem Zuchthaus in Reading an seinen Freund Lord Alfred Douglas; ein sehr langer Brief allerdings von achtzig eng beschriebenen Seiten, aber doch seinem ganzen Charakter nach ein Brief. Und daß sein Verfasser ihn als solchen empfunden, zeigt der von ihm vorgeschlagene Titel »Epistola: in Carcere et Vinculis«. Da ihn Wilde selbst gewählt hat (vgl. S. 142), entschloß ich mich, ihn beizubehalten, obwohl sich »De Profundis« schon eingebürgert hat. Für den ganzen Band habe ich den Rossschen Titel akzeptiert, während ich für das sogenannte »De Profundis« zu dem rechtmäßigen, Wildeschen Titel »Epistola« zurückgekehrt bin.

Als Oscar Wilde den Brief zu schreiben begann, dachte er nicht an eine Veröffentlichung. Es war ein Privatbrief mit »wechselvollen, unsicheren Stimmungen«. Erst allmählich, da er wieder Freude am Darstellen gewann, kam ein Plan hinein, während der Anfang noch ganz unzusammenhängend ist. Und indem die alte Kunst des Gestaltens wieder erwachte, tauchte auch wohl der Gedanke auf, den Brief nicht nur als intime Aussprache mit dem Adressaten gelten zu lassen, sondern wenige erlesene Freunde in einen Teil seines Inhalts einzuweihn. So viel aber steht fest: von vornherein vorgesehn war eine Publikation nicht.

Dies sollte man bei der Beurteilung des Werkes nie außer acht lassen. Etliche Kritiker haben innere Widersprüche festgestellt und den Schreiber, im Hinblick auf sein späteres Leben, der Unaufrichtigkeit geziehn. Wilde hat einen solchen Standpunkt im »Dorian Gray« als typisch englisch bezeichnet (was deutsche Rezensenten nicht hinderte, in das gleiche Horn zu blasen); dort sagt er durch den Mund seines Lord Henry: »Der Wert einer Idee hat nicht das Geringste mit der Aufrichtigkeit dessen zu tun, der sie äußert«. Und was von einer Idee gilt, läßt sich auch von einem Buche behaupten. Gleichwohl braucht man sich diesen Satz nicht anzueignen, um den, der ihn ausgesprochen, gegen den Vorwurf der Unaufrichtigkeit zu schützen. Es versteht sich von selbst, daß die Stimmung des Gefangnen heftigen Schwankungen unterworfen war. Hoffnung und Verzweiflung lösten sich beständig bei ihm ab. Heute schien er zu wissen, wie er sein künftiges Leben gestalten solle, morgen erfaßte ihn wieder Mutlosigkeit. Der Brief ist eben im Gefängnis geschrieben, wo – außer Sokrates – nicht allzuviele Philosophen den Gleichmut der Seele bewahren dürften, ist vor allem in größeren Zwischenräumen geschrieben. Wilde hatte zu Empörendes durchgemacht und litt noch zu sehr, um das stoische Gut der αταραξια zu besitzen; und fortwährend stürmten neue Unannehmlichkeiten von der Außenwelt auf ihn ein. Er hätte mit Shakespeares Leonato den Einwänden seiner Kritiker entgegenhalten können:

»Nein! Nein! Stets war’s der Brauch, Geduld zu rühmen
Dem Armen, den die Last des Kummers beugt:
Doch keines Menschen Kraft noch Willensstärke
Genügte solcher Weisheit, wenn er selbst
Das gleiche duldete ….
Denn noch bis jetzt gab’s keinen Philosophen,
Der mit Geduld das Zahnweh könnt‘ ertragen.«

Im Gefängnis hörte der Selbstbetrug auf.

Da starrte den Elenden meist nur das Elend an. Wenn Wilde einmal das, was er schrieb, glaubte, so war es hier. Eine andre Frage ist freilich, ob er es noch glaubte, als ihm die Freiheit wiedergeschenkt wurde, als ihn das Leben wieder in seinen Strudel gezogen hatte. »Das Denken ist für die, die allein, stumm und in Fesseln dasitzen, kein ›geflügeltes, lebendiges Wesen‹, wie Plato es sich vorstellte«, 1 schrieb er, als er noch ein halbes Jahr Kerkerhaft vor sich hatte. Ganz anders schon klingt es, wenn er zwei Monate vor seiner Entlassung nicht mehr daran erinnern zu müssen glaubte, »was für ein flüssiger Körper das Denken bei mir – bei uns allen – ist«. Wär‘ es anders gewesen, er hätte vielleicht Talent zum »Kirchendiener«, aber nicht zum Dichter gehabt.

Gewiß, sein beklagenswertes Leben nach Reading scheint die »Epistola: in Carcere et Vinculis« Lügen zu strafen; scheint es, denn was ist uns eigentlich bis jetzt von diesem späteren Leben bekannt, abgesehn von ein paar kahlen Tatsachen? Und diese beweisen nicht die Unaufrichtigkeit der Epistel, sondern zeigen nur, daß das Leben eine irrationale Zahl ist, die noch kein Mensch zu berechnen vermochte, daß es mit seiner furchtbaren Wirklichkeit alles, was ein armes Menschenhirn ersinnt, im Nu hinwegbläst. So hat es auch in einem Augenblick all das zertrümmert, was Oscar Wilde in langen Monaten aufgebaut hatte. Gerade darin besteht aber der Reiz des Werkes. Wäre es Wilde vergönnt gewesen, seine guten Vorsätze zu verwirklichen, nach Reading Kunstwerke zu schaffen und zur alten Höhe hinanzusteigen: »In Carcere et Vinculis« wäre nur eine traurige, aber keine tragische Schrift.

Und man darf ferner nicht vergessen, daß die Epistel an einen feingebildeten Menschen, selbst einen Dichter von außerordentlicher Begabung, gerichtet ist. Das erklärt ihren »artistischen« Ton. Oscar Wilde, der Schüler und Verehrer Walter Paters, kann sich nicht einmal im Gefängnis so weit verleugnen, daß er die Welt der Schatten, will sagen: die Kunst, die er so geliebt, verleugnet. Er ist bemüht, »auch dieser Existenz in Elend und Schande einen Stil zu geben, sie aus der blöden Zufälligkeit der Schicksalstücke durch vertiefende Deutung herauszuheben, daß selbst sie sinnvoll werde und eine Vollendung für das Gesamtkunstwerk seines Seins«. Darum langweilt er den Freund nicht mit seinen schaurigen Erlebnissen im Zuchthaus, sondern er sucht sie

  1. Plato sagt im »Phaidros« (p. 246) vom der Seele, sie sei ein lebendiges, geflügeltes Wesen.

Das Gespenst von Canterville

Als Mr. Hiram B. Otis, der amerikanische Gesandte, Schloß Canterville kaufte, sagte ihm ein jeder, daß er sehr töricht daran täte, da dieses Schloß ohne Zweifel verwünscht sei.

Sogar Lord Canterville selbst, ein Mann von peinlichster Ehrlichkeit, hatte es als seine Pflicht betrachtet, diese Tatsache Mr. Otis mitzuteilen, bevor sie den Verkauf abschlossen.

»Wir haben selbst nicht in dem Schloß gewohnt,« sagte Lord Canterville, »seit meine Großtante, die Herzogin-Mutter von Bolton, einst vor Schreck in Krämpfe verfiel, von denen sie sich nie wieder erholte, weil ein Skelett seine beiden Hände ihr auf die Schultern legte, als sie gerade beim Ankleiden war. Ich fühle mich verpflichtet, es Ihnen zu sagen, Mr. Otis, daß der Geist noch jetzt von verschiedenen Mitgliedern der Familie Canterville gesehen worden ist, sowie auch vom Geistlichen unserer Gemeinde, Hochwürden Augustus Dampier, der in King’s College, Cambridge, den Doktor gemacht hat. Nach dem Malheur mit der Herzogin wollte keiner unserer Dienstboten mehr bei uns bleiben, und Lady Canterville konnte seitdem des Nachts häufig nicht mehr schlafen vor lauter unheimlichen Geräuschen, die vom Korridor und von der Bibliothek herkamen.«

»Mylord,« antwortete der Gesandte, »ich will die ganze Einrichtung und den Geist dazu kaufen. Ich komme aus einem modernen Lande, wo wir alles haben, was mit Geld zu bezahlen ist; und ich meine, mit all unsern smarten jungen Leuten, die Ihnen Ihre besten Tenöre und Primadonnen abspenstig machen, daß, gäbe es wirklich noch so etwas wie ein Gespenst in Europa, wir dieses in allerkürzester Zeit drüben haben würden, in einem unserer öffentlichen Museen oder auf dem Jahrmarkt.«

»Ich fürchte, das Gespenst existiert wirklich,« sagte Lord Canterville lächelnd, »wenn es auch bis jetzt Ihren Impresarios gegenüber sich ablehnend verhalten hat. Seit drei Jahrhunderten ist es wohlbekannt, genau gesprochen seit 1584, und es erscheint regelmäßig, kurz bevor ein Glied unserer Familie stirbt.«

»Nun, was das anbetrifft, das macht der Hausarzt gerade so, Lord Canterville. Aber es gibt ja doch gar keine Gespenster, und ich meine, daß die Gesetze der Natur sich nicht der britischen Aristokratie zuliebe aufheben lassen.«

»Sie sind jedenfalls sehr aufgeklärt in Amerika,« antwortete Lord Canterville, der Mr. Otis‘ letzte Bemerkung nicht ganz verstanden hatte, »und wenn das Gespenst im Hause Sie nicht weiter stört, so ist ja alles in Ordnung. Sie dürfen nur nicht vergessen, daß ich Sie gewarnt habe.«

Wenige Wochen später war der Kauf abgeschlossen, und gegen Ende der Saison bezog der Gesandte mit seiner Familie Schloß Canterville. Mrs. Otis, die als Miß Lucretia R. Tappan, W. 53 ste Straße, New York, für eine große Schönheit gegolten hatte, war jetzt eine sehr hübsche Frau in mittleren Jahren, mit schönen Augen und einem tadellosen Profil. Viele Amerikanerinnen, die ihre Heimat verlassen, nehmen mit der Zeit das Gebaren einer chronischen Kränklichkeit an, da sie dies für ein Zeichen europäischer Kultur ansehen; aber Mrs. Otis war nie in diesen Irrtum verfallen. Sie besaß eine vortreffliche Konstitution und einen hervorragenden Unternehmungsgeist. So war sie wirklich in vieler Hinsicht völlig englisch und ein vorzügliches Beispiel für die Tatsache, daß wir heutzutage alles mit Amerika gemein haben, ausgenommen natürlich die Sprache. Ihr ältester Sohn, den die Eltern in einem heftigen Anfall von Patriotismus Washington genannt hatten, was er zeit seines Lebens beklagte, war ein blonder, hübscher junger Mann, der sich dadurch für den diplomatischen Dienst geeignet gezeigt hatte, daß er im Newport Casino während dreier Winter die Françaisen kommandierte und sogar in London als vorzüglicher Tänzer galt. Gardenien und der Adelskalender waren seine einzigen Schwächen. Im übrigen war er außerordentlich vernünftig. Miß Virginia E. Otis war ein kleines Fräulein von fünfzehn Jahren, graziös und lieblich wie ein junges Reh und mit schönen, klaren blauen Augen. Sie saß brillant zu Pferde und hatte einmal auf ihrem Pony mit dem alten Lord Bilton ein Wettrennen um den Park veranstaltet, wobei sie mit anderthalb Pferdelängen Siegerin geblieben war, gerade vor der Achillesstatue, zum ganz besonderen Entzücken des jungen Herzogs von Cheshire, der sofort um ihre Hand anhielt und noch denselben Abend unter Strömen von Tränen nach Eton in seine Schule zurückgeschickt wurde. Nach Virginia kamen die Zwillinge, entzückende Buben, die in der Familie, mit Ausnahme des Herrn vom Hause natürlich, die einzigen wirklichen Republikaner waren.

Da Schloß Canterville acht Meilen von der nächsten Eisenbahnstation Ascot entfernt liegt, hatte Mr. Otis den Wagen bestellt, sie da abzuholen, und die Familie befand sich in der heitersten Stimmung. Es war ein herrlicher Juliabend, und die Luft war voll vom frischen Duft der nahen Tannenwälder. Ab und zu ließ sich die süße Stimme der Holztaube in der Ferne hören, und ein buntglänzender Fasan raschelte durch die hohen Farnkräuter am Wege. Eichhörnchen blickten den Amerikanern von den hohen Buchen neugierig nach, als sie vorbeifuhren, und die wilden Kaninchen ergriffen die Flucht und schossen durch das Unterholz und die moosigen Hügelchen dahin, die weißen Schwänzchen hoch in der Luft. Als man in den Park von Schloß Canterville einbog, bedeckte sich der Himmel plötzlich mit dunklen Wolken; die Luft schien gleichsam stillzustehen; ein großer Schwarm Krähen flog lautlos über ihren Häuptern dahin, und ehe man noch das Haus erreichte, fiel der Regen in dicken, schweren Tropfen.

Auf der Freitreppe empfing sie eine alte Frau in schwarzer Seide mit weißer Haube und Schürze: das war Mrs. Umney, die Wirtschafterin, die Mrs. Otis auf Lady Cantervilles inständiges Bitten in ihrer bisherigen Stellung behalten wollte. Sie machte jedem einen tiefen Knicks, als sie nacheinander ausstiegen, und sagte in einer eigentümlich altmodischen Art: »Ich heiße Sie auf Schloß Canterville willkommen.« Man folgte ihr ins Haus, durch die schöne alte Tudorhalle in die Bibliothek, ein langes, niedriges Zimmer mit Täfelung von schwarzem Eichenholz und einem großen bunten Glasfenster. Hier war der Tee für die Herrschaften gerichtet; und nachdem sie sich ihrer Mäntel entledigt, setzten sie sich und sahen sich um, während Mrs. Umney sie bediente.

Da bemerkte Mrs. Otis plötzlich einen großen roten Fleck auf dem Fußboden, gerade vor dem Kamin, und in völliger Unkenntnis von dessen Bedeutung sagte sie zu Mrs. Umney: »Ich fürchte, da hat man aus Unvorsichtigkeit etwas verschüttet.«

»Ja, gnädige Frau,« erwiderte die alte Haushälterin leise, »auf jenem Fleck ist Blut geflossen.«

»Wie gräßlich!« rief Mrs. Otis. »Ich liebe durchaus nicht Blutflecke in einem Wohnzimmer. Er muß sofort entfernt werden.« Die alte Frau lächelte und erwiderte mit derselben leisen, geheimnisvollen Stimme: »Es ist das Blut von Lady Eleanore de Canterville, welche hier auf dieser Stelle von ihrem eigenen Gemahl, Sir Simon de Canterville, im Jahre 1575 ermordet wurde. Sir Simon überlebte sie um neun Jahre und verschwand dann plötzlich unter ganz geheimnisvollen Umständen. Sein Leichnam ist nie gefunden worden, aber sein schuldbeladener Geist geht noch jetzt hier im Schlosse um. Der Blutfleck wurde schon oft von Reisenden bewundert und kann durch nichts entfernt werden.«

»Das ist alles Humbug,« rief Washington Otis, »Pinkertons Universal-Fleckenreiniger wird ihn im Nu beseitigen«; und ehe noch die erschrockene Haushälterin ihn davon zurückhalten konnte, lag er schon auf den Knieen und scheuerte die Stelle am Boden mit einem kleinen Stumpf von etwas, das schwarzer Bartwichse ähnlich sah. In wenigen Augenblicken war keine Spur mehr von dem Blutfleck zu sehen.

»Na, ich wußte ja, daß Pinkerton das machen würde«, rief er triumphierend, während er sich zu seiner bewundernden Familie wandte; aber kaum hatte er diese Worte gesagt, da erleuchtete ein greller Blitz das düstere Zimmer, und ein tosender Donnerschlag ließ sie alle in die Höhe fahren, während Mrs. Umney in Ohnmacht fiel. »Was für ein schauderhaftes Klima!« sagte der amerikanische Gesandte ruhig, während er sich eine neue Zigarette ansteckte. »Wahrscheinlich ist dieses alte Land so übervölkert, daß sie nicht mehr genug anständiges Wetter für jeden haben. Meiner Ansicht nach ist Auswanderung das einzig Richtige für England.«

»Mein lieber Hiram,« sprach Mrs. Otis, »was sollen wir bloß mit einer Frau anfangen, die ohnmächtig wird?«

»Rechne es ihr an, als ob sie etwas zerschlagen hätte, dann wird es nicht wieder vorkommen«, sagte der Gesandte; und in der Tat, schon nach wenigen Augenblicken kam Mrs. Umney wieder zu sich. Aber es war kein Zweifel, daß sie sehr aufgeregt war, und sie warnte Mr. Otis, es stände seinem Hause ein Unglück bevor. »Ich habe mit meinen eigenen Augen Dinge gesehen, Herr,« sagte sie, »daß jedem Christenmenschen die Haare davon zu Berge stehen würden, und manche Nacht habe ich kein Auge zugetan aus Furcht vor dem Schrecklichen, das hier geschehen ist.« Jedoch Herr und Frau Otis beruhigten die ehrliche Seele, erklärten, daß sie sich nicht vor Gespenstern fürchteten, und nachdem die alte Haushälterin noch den Segen der Vorsehung auf ihre neue Herrschaft herabgefleht und um Erhöhung ihres Gehaltes gebeten hatte, schlich sie zitternd auf ihre Stube.

Der Sturm wütete die ganze Nacht hindurch, aber sonst ereignete sich nichts von besonderer Bedeutung. Am nächsten Morgen jedoch, als die Familie zum Frühstück herunterkam, fanden sie den fürchterlichen Blutfleck wieder unverändert auf dem Fußboden. »Ich glaube nicht, daß die Schuld hiervon an Pinkertons Fleckenreiniger liegt,« erklärte Washington, »denn den habe ich immer mit Erfolg angewendet – es muß also das Gespenst sein.« Er rieb nun zum zweitenmal den Fleck weg, aber am nächsten Morgen war er gleichwohl wieder da. Ebenso am dritten Morgen, trotzdem Mr. Otis selbst die Bibliothek am Abend vorher zugeschlossen und den Schlüssel in die Tasche gesteckt hatte. Jetzt interessierte sich die ganze Familie für die Sache. Mr. Otis fing an zu glauben, daß es doch allzu skeptisch von ihm gewesen sei, die Existenz aller Gespenster zu leugnen. Mrs. Otis sprach die Absicht aus, der Psychologischen Gesellschaft beizutreten, und Washington schrieb einen langen Brief an die Herren Myers & Podmore über die Unvertilgbarkeit blutiger Flecken im Zusammenhang mit Verbrechen. In der darauffolgenden Nacht nun wurde jeder Zweifel an der Existenz von Gespenstern für immer endgültig beseitigt. Den Tag über war es heiß und sonnig gewesen, und in der Kühle des Abends fuhr die Familie spazieren. Man kehrte erst gegen neun Uhr zurück, worauf das Abendessen eingenommen wurde. Die Unterhaltung berührte in keiner Weise Gespenster; es war also nicht einmal die Grundbedingung jener erwartungsvollen Aufnahmefähigkeit gegeben, welche so oft dem Erscheinen solcher Phänomene vorangeht. Die Gesprächsthemata waren, wie mir Mrs. Otis seitdem mitgeteilt hat, lediglich solche, wie sie unter gebildeten Amerikanern der besseren Klasse üblich sind, wie z. B. die ungeheure Überlegenheit von Miß Fanny Davenport über Sarah Bernhard als Schauspielerin; die Schwierigkeit, Grünkern- und Buchweizenkuchen selbst in den besten englischen Häusern zu bekommen; die hohe Bedeutung von Boston in Hinsicht auf die Entwicklung der Weltseele; die Vorzüge des Freigepäcksystems beim Eisenbahnfahren; und die angenehme Weichheit des New Yorker Akzents im Gegensatz zum schleppenden Londoner Dialekt. In keiner Weise wurde weder das Übernatürliche berührt noch von Sir Simon de Canterville gesprochen. Um elf Uhr trennte man sich, und eine halbe Stunde darauf war bereits alles dunkel. Da plötzlich wachte Mr. Otis von einem Geräusch auf dem Korridor vor seiner Türe auf. Es klang wie Rasseln von Metall und schien mit jedem Augenblick näher zu kommen. Der Gesandte stand sofort auf, zündete Licht an und sah nach der Uhr. Es war Punkt eins. Er war ganz ruhig und fühlte sich den Puls, der nicht im geringsten fieberhaft war. Das sonderbare Geräusch dauerte an, und er hörte deutlich Schritte. Er zog die Pantoffel an, nahm eine längliche Phiole von seinem Toilettentisch und öffnete die Türe. Da sah er, sich direkt gegenüber, im blassen Schein des Mondes, einen alten Mann von ganz greulichem Aussehen stehen. Des Alten Augen waren rot wie brennende Kohlen; langes graues Haar fiel in wirren Locken über seine Schultern; seine Kleidung von altmodischem Schnitt war beschmutzt und zerrissen, und schwere rostige Fesseln hingen ihm an Füßen und Händen. »Mein lieber Herr,« sagte Mr. Otis, »ich muß Sie schon bitten, Ihre Ketten etwas zu schmieren, und ich habe Ihnen zu dem Zweck hier eine kleine Flasche von Tammanys Rising Sun Lubricator mitgebracht. Man sagt, daß schon ein einmaliger Gebrauch genügt, und auf der Enveloppe finden Sie die glänzendsten Atteste hierüber von unsern hervorragendsten einheimischen Geistlichen. Ich werde es Ihnen hier neben das Licht stellen und bin mit Vergnügen bereit, Ihnen auf Wunsch mehr davon zu besorgen.« Mit diesen Worten stellte der Gesandte der Unionstaaten das Fläschchen auf einen Marmortisch, schloß die Tür und legte sich wieder zu Bett.

Für einen Augenblick war das Gespenst von Canterville ganz starr vor Entrüstung; dann schleuderte es die Flasche wütend auf den Boden und floh den Korridor hinab, indem es ein dumpfes Stöhnen ausstieß und ein gespenstisch grünes Licht um sich verbreitete. Als es gerade die große eichene Treppe erreichte, öffnete sich eine Tür, zwei kleine weißgekleidete Gestalten erschienen, und ein großes Kissen sauste an seinem Kopf vorbei. Da war augenscheinlich keine Zeit zu verlieren; und indem es hastig die vierte Dimension als Mittel zur Flucht benutzte, verschwand es durch die Täfelung, worauf das Haus ruhig wurde.

Als das Gespenst ein kleines geheimes Zimmer im linken Schloßflügel erreicht hatte, lehnte es sich erschöpft gegen einen Mondstrahl, um erst wieder zu Atem zu kommen, und versuchte sich seine Lage klarzumachen. Niemals war es in seiner glänzenden und ununterbrochenen Laufbahn von dreihundert Jahren so gröblich beleidigt worden. Es dachte an die Herzogin-Mutter, die bei seinem Anblick Krämpfe bekommen hatte, als sie in ihren Spitzen und Diamanten vor dem Spiegel stand; an die vier Hausmädchen, die hysterisch wurden, als es sie bloß durch die Vorhänge eines der unbewohnten Schlafzimmer hindurch anlächelte; an den Pfarrer der Gemeinde, dessen Licht es eines Nachts ausgeblasen, als derselbe einmal spät aus der Bibliothek kam, und der seitdem beständig bei Sir William Gull, geplagt von Nervenstörungen, in Behandlung war; an die alte Madame du Tremouillac, die, als sie eines Morgens früh aufwachte und in ihrem Lehnstuhl am Kamine ein Skelett sitzen sah, das ihr Tagebuch las, darauf sechs Wochen fest im Bett lag an der Gehirnentzündung und nach ihrer Genesung eine treue Anhängerin der Kirche wurde und jede Verbindung mit dem bekannten Freigeist Monsieur de Voltaire abbrach.

Es erinnerte sich der entsetzlichen Nacht, als der böse Lord Canterville in seinem Ankleidezimmer halb erstickt gefunden wurde mit dem Karo-Buben im Halse, und gerade noch, ehe er starb, beichtete, daß er Charles James Fox vermittels dieser Karte bei Crockfords um 50+000 Pfund Sterling betrogen hatte und daß ihm nun das Gespenst die Karte in den Hals gesteckt habe.

Alle seine großen Taten kamen ihm ins Gedächtnis zurück, von dem Kammerdiener an, der sich in der Kirche erschoß, weil er eine grüne Hand hatte an die Scheiben klopfen sehen, bis zu der schönen Lady Stutfield, die immer ein schwarzes Samtband um den Hals tragen mußte, damit die Spur von fünf in ihre weiße Haut eingebrannten Fingern verdeckt wurde, und die sich schließlich in dem Karpfenteich am Ende der Königspromenade ertränkte. Mit dem begeisterten Egoismus des echten Künstlers versetzte es sich im Geiste wieder in seine hervorragendsten Rollen und lächelte bitter, als es an sein letztes Auftreten als ›Roter Ruben oder das erwürgte Kind‹ dachte, oder sein Debüt als ›Riese Gibeon, der Blutsauger von Bexley Moor‹, und das Furore, das es eines schönen Juliabends gemacht hatte, als es ganz einfach auf dem Tennisplatz mit seinen eigenen Knochen Kegel spielte. Und nach alledem kommen solche elenden modernen Amerikaner, bieten ihm Rising-Sun-Öl an und werfen ihm Kissen an den Kopf! Es war nicht auszuhalten. So war noch niemals in der Weltgeschichte ein Gespenst behandelt worden. Es schwur demgemäß Rache und blieb bis Tagesanbruch in tiefe Gedanken versunken.

Als am nächsten Morgen die Familie Otis zum Frühstück zusammenkam, wurde das Gespenst natürlich des längeren besprochen. Der Gesandte der Unionstaaten war selbstverständlich etwas ungehalten, daß sein Geschenk so mißachtet worden war. »Ich habe durchaus nicht die Absicht,« erklärte er, »dem Geist irgendeine persönliche Beleidigung zuzufügen, und ich muß sagen, daß es aus Rücksicht auf die lange Zeit, die er nun schon hier im Hause wohnt, nicht höflich ist, ihn mit Kissen zu bewerfen« – eine sehr wohlangebrachte Bemerkung, bei welcher, wie ich leider gestehen muß, die Zwillinge in ein lautes Gelächter ausbrachen. »Andererseits,« fuhr Mr. Otis fort, »wenn er wirklich und durchaus den Rising Sun Lubricator nicht benutzen will, so werden wir ihm seine Ketten wegnehmen müssen; bei dem Lärm auf dem Korridor kann man ganz unmöglich schlafen.«

Die Schloßbewohner blieben jedoch die ganze Woche hindurch ungestört, und das einzige, was ihre Aufmerksamkeit erregte, war die beständige Erneuerung des Blutflecks auf dem Boden der Bibliothek. Das war jedenfalls sehr sonderbar, da die Türe und das Fenster des Nachts immer fest verschlossen und verriegelt waren. Auch die wechselnde Farbe des Fleckes rief die verschiedensten Vermutungen hervor. Denn zuweilen war er ganz mattrot, dann wieder leuchtend, oder auch tiefpurpurn, und als einmal die Familie zur Vesper herunterkam, fand sie ihn hell smaragdgrün! Diese koloristischen Metamorphosen amüsierten natürlich die Gesellschaft sehr, und jeden Abend wurden schon Wetten darüber geschlossen. Die einzige, welche nicht auf diesen und keinen andern Scherz einging, war die kleine Virginia, die aus irgendeinem unaufgeklärten Grunde immer sehr betrübt beim Anblick des Blutflecks war und an dem Morgen, an dem er smaragdgrün leuchtete, bitterlich zu weinen anfing.

Das zweite Auftreten des Gespenstes war am Sonntagabend. Kurz nachdem auch die männlichen Erwachsenen zu Bett gegangen waren, wurden sie plötzlich durch ein furchtbares Getöse in der Eingangshalle aufgeschreckt. Alle stürzten hinunter und fanden dort, daß eine alte Rüstung von ihrem Ständer auf den Steinboden gefallen war, während das Gespenst von Canterville in einem hochlehnigen Armstuhl saß und sich seine Knie mit einer Gebärde verzweifelten Schmerzes rieb. Die Zwillinge hatten ihre Flitzbogen mitgebracht und schossen zweimal nach ihm mit einer Treffsicherheit, die sie sich durch lange sorgfältige Übungen nach ihrem Schreiblehrer erworben hatten. Der Gesandte der Unionstaaten richtete unterdessen seinen Revolver auf den Geist und rief ihm nach kalifornischer Etikette zu: »Hände hoch!« Der Geist fuhr mit einem wilden Wutgeheul in die Höhe und mitten durch die Familie hin wie ein Rauch, indem er noch Washingtons Kerzenlicht ausblies und sie alle in völliger Dunkelheit zurückließ. Oben an der Treppe erholte sich das Gespenst wieder und beschloß, in sein berühmtes diabolisches Gelächter auszubrechen; das hatte sich ihm bei mehr als einer Gelegenheit schon nützlich erwiesen. Es soll Lord Rakers Perücke in einer einzigen Nacht gebleicht haben und hat jedenfalls drei der französischen Gouvernanten von Lady Canterville so entsetzt, daß sie vor der Zeit und ohne Kündigung ihre Stellungen aufgaben. So lachte es denn also jetzt dieses sein fürchterlichstes Lachen, bis das alte hochgewölbte Dach davon gellte; aber kaum war das letzte grausige Echo verhallt, da öffnete sich eine Tür, und Mrs. Otis kam heraus in einem hellblauen Morgenrock. »Ich fürchte, Ihnen ist nicht ganz wohl,« sagte sie, »und deshalb bringe ich Ihnen hier eine Flasche von Dr. Dobells Tropfen. Wenn es Verdauungsbeschwerden sind, so werden Sie finden, daß sie ein ganz vorzügliches Mittel sind.« Der Geist betrachtete sie zornrot und wollte sich auf der Stelle in einen großen schwarzen Hund verwandeln – ein Kunststück, wodurch er mit Recht berühmt war und dem der Hausarzt die Geistesgestörtheit von Lord Cantervilles Onkel, Herrn Thomas Horton, zuschrieb. Da hörte er aber Schritte, und das ließ ihn von seinem grausen Vorhaben abstehen; er begnügte sich damit, phosphoreszierend zu werden, und verschwand mit einem dumpfen Kirchhofswimmern gerade in dem Moment, als die Zwillinge auf ihn zukamen.

Als der Geist sein Zimmer erreicht hatte, brach er völlig zusammen und verfiel in einen Zustand heftiger Gemütsbewegung. Die Roheit der Zwillinge und der krasse Materialismus von Mrs. Otis waren natürlich außerordentlich verstimmend; aber was ihn am meisten betrübte, war doch daß er die alte Rüstung nicht mehr hatte tragen können. Er hatte gehofft, daß sogar moderne Amerikaner erschüttert sein würden beim Anblick eines Gespenstes in Waffenrüstung, wenn auch aus keinem andern vernünftigen Grunde, so doch aus Achtung vor ihrem Nationalpoeten Longfellow, bei dessen graziöser und anziehender Poesie er selbst so manche Stunde hingebracht hatte, während die Cantervilles in London waren. Und dabei war es noch seine eigene Rüstung! Er hatte sie mit großem Erfolg auf dem Turnier in Kenilworth getragen und darüber von niemand Geringerem als der jungfräulichen Königin selber viel Schmeichelhaftes gesagt bekommen. Und als er die Rüstung heute anlegen wollte, hatte ihn das Gewicht des alten Panzers und Stahlhelmes so erdrückt, daß er darunter zu Boden gestürzt war, sich beide Knie heftig zerschlagen und die rechte Hand verstaucht hatte.

Mehrere Tage lang fühlte er sich nach diesem Vorfall ernstlich krank und verließ sein Zimmer nur, um den Blutfleck in Ordnung zu halten. Da er sich sonst jedoch sehr schonte, erholte er sich bald wieder und beschloß, noch einen dritten Versuch zu machen, den Gesandten und seine Familie in Schrecken zu jagen. Er wählte zu diesem seinem Auftreten Freitag, den 13. August, und beschäftigte sich den ganzen Tag damit, seine Kleidervorräte zu prüfen, bis er schließlich einen großen weichen Hut mit roter Feder, ein Laken mit Rüschen an Hals und Armen und einen rostigen Dolch wählte. Gegen Abend kam ein heftiger Regenschauer, und der Sturm rüttelte gewaltig an allen Türen und Fenstern des alten Hauses. Das war gerade das Wetter, wie er es liebte. Sein Plan war folgender: er wollte sich ganz leise nach Washingtons Zimmer schleichen, ihm vom Fußende des Bettes aus wirres Zeug vorschwatzen und sich dann beim Klange leiser geisterhafter Musik dreimal den Dolch ins Herz stoßen. Er war auf Washington ganz besonders böse, weil er wußte, daß dieser es war, der immer wieder den Blutfleck mit Pinkertons Fleckenreiniger entfernte. Wenn er dann den frivolen und tollkühnen Jüngling in den namenlosen Schrecken versetzt hatte, so wollte er sich nach dem Schlafzimmer von Herrn und Frau Otis begeben und dort eine eiskalte Hand Mrs. Otis auf die Stirn legen, während er ihrem zitternden Mann die entsetzlichen Geheimnisse des Beinhauses ins Ohr zischelte. Was die kleine Virginia anbetraf, so war er über sie noch nicht ganz im reinen. Sie hatte ihn nie in irgendeiner Weise beleidigt und war hübsch und sanft. Einige tiefe Seufzer aus dem Kleiderschrank würden mehr als genug für sie sein, dachte er, und wenn sie davon noch nicht aufwachte, so könnte er ja mit zitternden Fingern an ihrem Bettuch zerren. In bezug auf die Zwillinge war er aber fest entschlossen, ihnen eine ordentliche Lektion zu erteilen. Das erste war natürlich, daß er sich ihnen auf die Brust setzte, um das erstickende Gefühl eines Alpdrückens hervorzurufen. Dann würde er, da ihre Betten dicht nebeneinander standen, in der Gestalt eines grünen, eiskalten Leichnams zwischen ihnen stehen, bis sie vor Schrecken gelähmt wären; und zum Schluß wollte er mit weißgebleichten Knochen und einem rollenden Augapfel ums Zimmer herumkriechen als ›Stummer Daniel oder das Skelett des Selbstmörders‹. Diese Rolle hatte bei mehr als einer Gelegenheit den allergrößten Effekt gemacht und schien ihm ebenso gut zu sein wie seine berühmte Darstellung des ›Martin, des Verrückten, oder das verhüllte Geheimnis‹.

Um halb elf Uhr hörte er die Familie zu Bette gehen. Er wurde noch einige Zeit durch das Lachgebrüll der Zwillinge gestört, die mit der leichtfertigen Heiterkeit von Schuljungen sich augenscheinlich herrlich amüsierten, ehe sie zu Bett gingen; aber um ein Viertel zwölf Uhr war alles still und als es Mitternacht schlug, machte er sich auf den Weg. Die Eule schlug mit den Flügeln gegen die Fensterscheiben, der Rabe krächzte von dem alten Eichbaum, und der Wind ächzte durch das Haus wie eine verlorene Seele; aber die Familie Otis schlief, unbekümmert um das nahende Verhängnis, und durch und trotz Regen und Sturm hörte man das regelmäßige Schnarchen des Gesandten der Union. Da trat der Geist leise aus der Vertäfelung hervor, mit einem bösen Lächeln um den grausamen, faltigen Mund, so daß sogar der Mond sein Gesicht verbarg, als er an dem hohen Fenster vorüberglitt, auf dem das Wappen des Gespenstes und das seiner ermordeten Frau in Gold und Hellblau gemalt waren. Leise schlürfte er weiter, wie ein böser Schatten; die Dunkelheit selber schien sich vor ihm zu grausen, wie er vorbeihuschte. Einmal kam es ihm vor, als hörte er jemand rufen; er stand still; aber es war nur das Bellen eines Hundes auf dem nahen Bauernhof, und so schlich er weiter, während er wunderliche Flüche aus dem sechzehnten Jahrhundert vor sich hin murmelte und dann und wann mit dem rostigen Dolch in der Luft herumstach. Nun hatte er die Ecke des Korridors erreicht, der zu des unglücklichen Washington Zimmer führte. Einen Augenblick blieb er da stehen, und der Wind blies ihm seine langen grauen Locken um den Kopf und spielte ein phantastisches und groteskes Spiel mit den unheimlichen Falten des Leichentuchs. Da schlug die Uhr ein Viertel, und er fühlte, jetzt sei die Zeit gekommen. Er lächelte zufrieden vor sich hin und machte einen Schritt um die Ecke; aber kaum tat er das, da fuhr er mit einem jammervollen Schreckenslaut zurück und verbarg sein erblaßtes Gesicht in den langen knochigen Händen: gerade vor ihm stand ein entsetzliches Gespenst bewegungslos wie eine gemeißelte Statue und fürchterlich wie der Traum eines Wahnsinnigen! Der Kopf war kahl und glänzend, das Gesicht rund und fett und weiß, und gräßliches Lachen schien seine Züge in ein ewiges Grinsen verzerrt zu haben. Aus den Augen kamen rote Lichtstrahlen, der Mund war eine weite Feuerhöhle, und ein scheußliches Gewand, seinem eigenen ähnlich, verhüllte mit seinem schneeigen Weiß die Gestalt des Riesen. Auf seiner Brust war ein Plakat befestigt, mit einer sonderbaren Schrift in alten ungewöhnlichen Buchstaben – wohl irgendein Bericht wilder Missetaten, ein schmähliches Verzeichnis schauerlicher Verbrechen –, und in seiner rechten Hand hielt das Ungeheuer eine Keule von blitzendem Stahl.

Da der Geist noch nie in seinem Leben ein Gespenst gesehen hatte, so war er natürlich furchtbar erschrocken; und nachdem er noch einen zweiten hastigen Blick auf die entsetzliche Erscheinung geworfen hatte, floh er nach seinem Zimmer zurück, stolperte über sein langes Laken, als er den Korridor hinunterraste, und ließ schließlich noch seinen Dolch in die hohen Jagdstiefel des Gesandten fallen, wo ihn der Kammerdiener am nächsten Morgen fand. In seinem Zimmer angekommen, warf er sich auf das schmale Feldbett und verbarg sein Gesicht unter der Decke. Nach einer Weile jedoch rührte sich der tapfere alte Cantervillecharakter doch wieder, und der Geist beschloß, sobald der Tag graute, zu dem andern Geist zu gehen und ihn anzureden. Kaum begann es zu dämmern, da machte er sich auf und ging zur Stelle, wo seine Augen zuerst das gräßliche Phantom erblickt hatten; denn er fühlte, es sei doch schließlich angenehmer, zwei Gespenster zusammen zu sein als eines allein, und daß er mit Hilfe dieses neuen Freundes erfolgreich gegen die Zwillinge zu Felde ziehen könne. Als er jedoch an die Stelle kam, bot sich ihm ein fürchterlicher Anblick. Dem Gespenst war jedenfalls ein Unglück passiert, denn in seinen hohlen Augen war das Licht erloschen, die glänzende Keule war seiner Hand entfallen, und es selber lehnte in einer höchst unbequemen gezwungenen Stellung an der Wand. Er stürzte vorwärts und zog es am Arme, da fiel zu seinem Entsetzen der Kopf ab, rollte auf den Boden, der Körper fiel in sich zusammen, und er hielt in seinen Händen eine weiße Bettgardine mit einem Besenstiel und einem Küchenbeil, während zu seinen Füßen ein hohler Kürbis lag! Unfähig, diese wunderbare Veränderung zu begreifen, packte er mit wilder Hast das Plakat, und da las er im grauen Licht des Morgens die fürchterlichen Worte:

Das Otis-Gespenst.
Der einzig wahre und originale Spuk.
Vor Nachahmung wird gewarnt.
Alle anderen sind unecht.

Jetzt war ihm alles klar. Man hatte ihn zum besten gehabt, und er war hineingefallen. Der alte wilde Cantervilleblick kam in seine Augen; er kniff den zahnlosen Mund zusammen, und indem er seine knochigen Hände hoch in die Höhe warf, schwur er in der pittoresken Phraseologie des alten Stiles: wenn Chanticleer zum zweitenmal in sein lustiges Horn stieße, würden entsetzliche Bluttaten geschehen, und Mord würde auf leisen Sohlen durchs Haus schleichen.

Kaum hatte er diesen furchtbaren Schwur zu Ende geschworen, als vom roten Ziegeldach eines Bauernhofes der Hahn krähte. Das Gespenst lachte ein langes, dumpfes, bitteres Lachen und wartete. Stunde auf Stunde verrann, aber der Hahn krähte aus irgendeinem Grunde nicht wieder. Endlich ließ ihn um halb acht das Kommen der Hausmädchen seine grausige Nachtwache aufgeben, und er ging nach seinem Zimmer, in tiefen Gedanken über seinen vergeblichen Schwur und sein vereiteltes Vorhaben. Er schlug in verschiedenen alten Ritterbüchern nach, was er außerordentlich liebte, und fand, daß noch jedesmal, wo dieser Schwur getan, Chanticleer ein zweites Mal gekräht hatte. »Zum Teufel mit dem faulen Hahn!« brummte er; »hätte ich doch den Tag erlebt, wo ich mit meinem sicheren Speer ihm durch die Gurgel gefahren wäre, und da würde er, wenn auch schon im Sterben, für mich zweimal haben krähen müssen!« Hierauf legte er sich in einem bequemen bleiernen Sarg zur Ruhe und blieb da bis zum späten Abend.

Am folgenden Tage war der Geist sehr schwach und müde. Die furchtbaren Aufregungen der letzten vier Wochen fingen an ihn anzugreifen, seine Nerven waren völlig kaputt, und beim geringsten Geräusch fuhr er erschreckt in die Höhe. Fünf Tage lang blieb er still auf seinem Zimmer und fand sich darein, die ewige Sorge um den Blutfleck in der Bibliothek aufzugeben. Wenn die Familie Otis den Fleck nicht zu haben wünschte, so war sie ihn auch nicht wert. Das waren überhaupt augenscheinlich Leute von ganz niederer Bildung und völlig unfähig, den symbolischen Wert eines Hausgespenstes zu würdigen. Die Frage nach überirdischen Erscheinungen und der Entwicklung der Himmelskörper war natürlich eine ganz andere Sache, aber die ging ihn nichts an. Seine heilige Pflicht war es, einmal in der Woche auf dem Korridor zu spuken und jeden ersten und dritten Mittwoch im Monat von dem großen bunten Glasfenster aus in die Halle hinab wirres Zeug zu schwatzen: von diesen beiden Verpflichtungen konnte er sich ehrenhalber nicht freimachen. Gewiß war ja sein Leben ein äußerst böses gewesen, aber anderseits mußte man zugeben, daß er in allen Dingen, die mit dem Übernatürlichen zusammenhingen, außerordentlich gewissenhaft war. Mit dieser Gewissenhaftigkeit wanderte er also an den folgenden drei Freitagen wie gewöhnlich zwischen zwölf und drei Uhr die Korridore auf und ab, gab aber schrecklich darauf acht, daß er weder gehört noch gesehen wurde. Er zog die Stiefel aus und trat so leise wie möglich auf die alten wurmstichigen Böden; er trug einen weiten schwarzen Samtmantel und gebrauchte den Rising Sun Lubricator gewissenhaft, um seine Ketten damit zu schmieren. Dies letzte Vorsichtsmittel benutzte er, wie ich zugeben muß, erst nach vielen Schwierigkeiten. Eines Abends jedoch, während die Familie gerade beim Essen saß, schlich er sich in Mr. Otis‘ Schlafzimmer und holte sich die Flasche. Zuerst fühlte er sich wohl ein wenig gedemütigt, aber schließlich war er doch vernünftig genug, einzusehen, daß diese Erfindung etwas für sich hatte, und jedenfalls diente sie bis zu einem gewissen Grade seinen Zwecken. Aber trotz alledem ließ man ihn noch immer nicht ganz unbelästigt. Beständig waren Stricke über den Korridor gespannt, über die er im Dunkeln natürlich fiel; und eines Abends, als er gerade als ›Schwarzer Isaak oder der Jäger vom Hogleywald‹ angezogen war, stürzte er plötzlich heftig zu Boden, weil er auf einer Schleifbahn von Butter, welche die Zwillinge vom Tapetenzimmer bis zur Eichentreppe hergerichtet hatten, ausgeglitten war. Diese letzte Beleidigung brachte ihn so in Wut, daß er beschloß, nur noch eine letzte Anstrengung zu machen, um seine Würde und seine gesellschaftliche Stellung zu sichern, und dies sollte damit geschehen, daß er den frechen jungen Etonschülern die nächste Nacht in seiner berühmten Rolle als ›Kühner Ruprecht oder der Graf ohne Kopf‹ erscheinen wollte.

Seit mehr als siebenzig Jahren war er nicht in dieser Rolle aufgetreten, seit er damals die hübsche Lady Barbara Modish so damit erschreckt hatte, daß sie plötzlich ihre Verlobung mit dem Großvater des jetzigen Lord Canterville auflöste und statt dessen mit dem schönen Jack Castletown nach Gretna Green floh, indem sie erklärte, um keinen Preis der Welt in eine Familie hineinheiraten zu wollen, die einem abscheulichen Gespenst erlaube, in der Dämmerung auf der Terrasse spazieren zu gehen. Der arme Jack wurde später vom Lord Canterville im Duell am Wandsworthgehölz erschossen, und Lady Barbara starb, noch ehe das Jahr vergangen war, in Tunbridge Wells an gebrochenem Herzen; so war also damals sein Erscheinen von größtem Erfolge gewesen. Aber es war mit dieser Rolle sehr viel Mühe verbunden, wenn ich so sagen darf in Hinsicht auf eines der größten Geheimnisse des Übernatürlichen, und er brauchte volle drei Stunden zu den Vorbereitungen. Endlich war alles fertig, und er war sehr zufrieden mit seinem Aussehen. Die großen ledernen Reitstiefel, die zum Kostüme gehörten, waren ihm zwar ein bißchen zu weit, und er konnte nur eine der beiden großen Pistolen finden; aber im ganzen genommen war er doch befriedigt von sich, und um ein Viertel nach ein Uhr glitt er aus der Wandtäfelung hervor und schlich den Korridor hinab. Als er das Zimmer der Zwillinge erreicht hatte, das, wie ich erwähnen muß, wegen seiner Vorhänge auch das blaue Schlafzimmer genannt wurde, fand er die Tür nur angelehnt. Da er nun einen effektvollen Eintritt wünschte, so stieß er sie weit auf – schwupp! da fiel ein schwerer Wasserkrug gerade auf ihn herunter und durchnäßte ihn bis auf die Haut. Im gleichen Augenblick hörte er unterdrücktes Gelächter vom Bett her kommen. Der Chok, den sein Nervensystem erlitt, war so stark, daß er, so schnell er nur konnte, nach seinem Zimmer lief; den nächsten Tag lag er an einer heftigen Erkältung fest im Bett. Sein einziger Trost bei der Sache war, daß er seinen Kopf nicht bei sich gehabt hatte, denn wäre dies der Fall gewesen, so hätten die Folgen doch sehr ernste sein können. Jetzt gab er alle Hoffnung auf, diese ordinären Amerikaner überhaupt noch zu erschrecken, und begnügte sich in der Regel damit, in Pantoffeln über den Korridor zu schleichen, mit einem dicken rotwollenen Tuche um den Hals, aus Angst vor Zugluft, und einer kleinen Armbrust, im Fall ihn die Zwillinge angreifen sollten. Aber der Hauptschlag, der gegen ihn geführt wurde, geschah am 19. September. Er war in die große Eingangshalle hingegangen, da er sich dort noch am unbehelligtsten wußte, und unterhielt sich damit, spöttische Bemerkungen über die lebensgroßen Platinphotographieen des Gesandten und seiner Frau zu machen, welche jetzt an der Stelle der Canterville-Ahnenbilder hingen. Er war einfach, aber ordentlich gekleidet, und zwar in ein langes Laken, das da und dort bräunliche Flecken von Kirchhofserde aufwies, hatte seine untere Kinnlade mit einem Stück gelber Leinwand hochgebunden und trug eine kleine Laterne und den Spaten eines Totengräbers. Eigentlich war es das Kostüm von ›Jonas dem Grablosen oder der Leichenräuber von Chertsey Barn‹, eine seiner hervorragendsten Rollen, welche die Cantervilles allen Grund hatten zu kennen, weil durch sie der ewige Streit mit ihrem Nachbarn Lord Rufford verursacht worden war. Es ging so gegen ein Viertel auf drei Uhr morgens, und allem Anschein nach rührte sich nichts. Als er jedoch langsam nach der Bibliothek schlenderte, um doch mal wieder nach den etwaigen Spuren des Blutflecks zu sehen, da sprangen aus einer dunklen Ecke plötzlich zwei Gestalten hervor, welche ihre Arme wild emporwarfen und ihm »Buh!« in die Ohren brüllten.

Von panischem Schrecken ergriffen, der unter solchen Umständen nur selbstverständlich erscheinen muß, raste er nach der Treppe, wo aber schon Washington mit der großen Gartenspritze auf ihn wartete; da er sich nun von seinen Feinden so umzingelt und fast zur Verzweiflung getrieben sah, verschwand er schleunigst in den großen eisernen Ofen, der zu seinem Glück nicht geheizt war, und mußte nun auf einem höchst beschwerlichen Weg durch Ofenrohre und Kamine nach seinem Zimmer zurück, wo er völlig erschöpft, beschmutzt und verzweifelt ankam. Nach diesem Erlebnis wurde er nie mehr auf einer solchen nächtlichen Expedition betroffen. Die Zwillinge warteten bei den verschiedensten Gelegenheiten auf sein Erscheinen und streuten jede Nacht den Korridor ganz voll Nußschalen, zum großen Ärger ihrer Eltern und der Dienerschaft, aber es war alles vergebens. Augenscheinlich waren die Gefühle des armen Gespenstes derart verletzt, daß es sich nicht wieder zeigen wollte. In der Folge nahm dann Mr. Otis sein großes Werk über die Geschichte der demokratischen Partei wieder auf, das ihn schon seit Jahren beschäftigte; Mrs. Otis organisierte ein wunderbares Preiskuchenbacken, das die ganze Grafschaft aufregte; die Jungen gaben sich dem Vergnügen von Lacrosse, Euchre, Poker und andern amerikanischen Nationalspielen hin, und Virginia ritt auf ihrem hübschen Pony im Park spazieren, begleitet von dem jungen Herzog von Cheshire, der die letzten Wochen der großen Ferien auf Schloß Canterville verleben durfte. Man nahm allgemein an, daß der Geist das Schloß verlassen habe, ja Mr. Otis schrieb sogar einen Brief in diesem Sinn an Lord Canterville, der in Erwiderung desselben seine große Freude über diese Nachricht aussprach und sich der werten Frau Gemahlin auf das angelegentlichste empfehlen ließ.

Die Familie Otis hatte sich aber getäuscht, denn der Geist war noch im Hause, und obgleich fast ein Schwerkranker, so war er doch keinesfalls entschlossen, die Sache ruhen zu lassen, besonders als er hörte, daß unter den Gästen auch der junge Herzog von Cheshire sich befinde, dessen Großonkel Lord Francis Stilton einst um tausend Guineen mit Oberst Carbury gewettet hatte, daß er mit dem Geist Würfel spielen wollte, und der am nächsten Morgen im Spielzimmer, auf dem Boden liegend, in einem Zustand hilfloser Lähmung gefunden wurde. Obgleich er noch ein hohes Alter erreichte, so war er niemals wieder imstande gewesen, etwas anderes als ›Zwei Atout‹ zu sagen. Die Geschichte war seinerzeit allgemein bekannt, obgleich natürlich aus Rücksicht auf die beiden vornehmen Familien die größten Anstrengungen gemacht wurden, sie zu vertuschen; aber der ausführliche Bericht mit allen näheren Umständen ist in dem dritten Band von Lord Tattles ›Erinnerungen an den Prinz-Regenten und seine Freunde‹ zu finden. Der Geist war natürlich sehr besorgt, zu zeigen, daß er seine Macht über die Stiltons noch nicht verloren hätte, mit denen er ja noch dazu entfernt verwandt war, da seine rechte Cousine in zweiter Ehe mit dem Sieur de Bulkeley vermählt war, von dem, wie allgemein bekannt, die Herzöge von Cheshire abstammen. Demgemäß traf er Vorkehrungen, Virginias kleinem Liebhaber in seiner berühmten Rolle als ›Vampirmönch oder der blutlose Benediktiner‹ zu erscheinen. Dies war eine so fürchterliche Pantomime, daß Lady Startup an jenem verhängnisvollen Neujahrsabend 1764 vor Schreck von einem Gehirnschlag getroffen wurde, an dem sie nach drei Tagen starb, nachdem sie noch schnell die Cantervilles, ihre nächsten Verwandten, enterbt und ihren ganzen Besitz ihrem Londoner Apotheker vermacht hatte. Im letzten Moment aber verhinderte den Geist die Angst vor den Zwillingen, sein Zimmer zu verlassen, und der kleine Herzog schlief friedlich in seinem hohen Himmelbett im königlichen Schlafzimmer und träumte von Virginia.

Wenige Tage später ritten Virginia und ihr goldlockiger junger Ritter über die Brockleywiesen spazieren, wo sie beim Springen über eine Hecke ihr Reitkleid derart zerriß, daß sie, zu Hause angekommen, vorzog, die Hintertreppe hinaufzugehen, um nicht gesehen zu werden. Als sie an dem alten Gobelinzimmer vorüberkam, dessen Tür zufällig halb offen stand, meinte sie jemanden drinnen zu sehen, und da sie ihrer Mama Kammermädchen darin vermutete, das dort zuweilen arbeitete, so ging sie hinein, um gleich ihr Kleid ausbessern zu lassen. Zu ihrer ungeheuren Überraschung war es jedoch das Gespenst von Canterville selber! Es saß am Fenster und beobachtete, wie das matte Gold des vergilbten Laubes durch die Luft flog und die roten Blätter einen wilden Reigen in der langen Allee tanzten. Es hatte den Kopf in die Hand gestützt, und seine ganze Haltung drückte tiefe Niedergeschlagenheit aus. Ja, so verlassen und verfallen sah es aus, daß die kleine Virginia, deren erster Gedanke gewesen war, zu fliehen und sich in ihr Zimmer einzuschließen, von Mitleid erfüllt sich entschloß zu bleiben, um das arme Gespenst zu trösten. Ihr Schritt war so leicht und seine Melancholie so tief, daß es ihre Gegenwart erst bemerkte, als sie zu ihm sprach. »Sie tun mir so leid,« sagte sie, »aber morgen müssen meine Brüder nach Eton zurück, und wenn Sie sich dann wie ein gebildeter Mensch betragen wollen, so wird Sie niemand mehr ärgern.«

»Das ist ein einfältiges und ganz unsinniges Verlangen einem Geist gegenüber«, antwortete er, indem er erstaunt das hübsche kleine Mädchen ansah, das ihn anzureden wagte. »Ich muß mit meinen Ketten rasseln und durch Schlüssellöcher stöhnen und des Nachts herumwandeln, wenn es das ist, was Sie meinen. Das ist ja mein einziger Lebenszweck.«

»Das ist überhaupt kein Lebenszweck, und Sie wissen sehr gut, daß Sie ein böser, schlechter Mensch gewesen sind. Mrs. Umney hat uns am ersten Tag unseres Hierseins gesagt, daß Sie Ihre Frau getötet haben.« – »Nun ja, das gebe ich zu,« sagte das Gespenst geärgert, »aber das war doch eine reine Familienangelegenheit und ging niemand anderen etwas an.«

»Es ist sehr unrecht, jemand umzubringen«, sagte Virginia, die zeitweise einen ungemein lieblichen puritanischen Ernst besaß, mit dem sie von irgendeinem Vorfahren aus Neu- England belastet war.

»O, wie ich die billige Strenge abstrakter Moral hasse! Meine Frau war sehr häßlich, hat mir niemals die Manschetten ordentlich stärken lassen und verstand nichts vom Kochen. Denken Sie nur, einst hatte ich einen Kapitalbock im Hogleywald geschossen, und wissen Sie, wie sie ihn auf den Tisch brachte? Aber das ist ja jetzt ganz gleichgültig, denn es ist lange her, und ich kann nicht finden, daß es nett von ihren Brüdern war, mich zu Tode hungern zu lassen, bloß weil ich sie getötet hatte.«

»Sie zu Tode hungern? O, lieber Herr Geist, ich meine Sir Simon, sind Sie hungrig? Ich habe ein Butterbrot bei mir, möchten Sie das haben ?« – »Nein, ich danke Ihnen sehr, ich nehme jetzt nie mehr etwas zu mir; aber trotzdem ist es sehr freundlich von Ihnen, und Sie sind überhaupt viel netter als alle anderen Ihrer abscheulich groben, gewöhnlichen, unehrlichen Familie.«

»Schweigen Sie!« rief Virginia und stampfte mit dem Fuß; »Sie sind es, der grob, abscheulich und gewöhnlich ist, und was die Unehrlichkeit betrifft, so wissen Sie sehr wohl, daß Sie mir alle Farben aus meinem Malkasten gestohlen haben, um den lächerlichen Blutfleck in der Bibliothek stets frisch zu machen! Erst nahmen Sie alle die roten, sogar Vermillon, und ich konnte gar keine Sonnenuntergänge mehr malen, dann nahmen Sie Smaragdgrün und Chromgelb, und schließlich blieb mir nichts mehr als Indigo und Chinesisch Weiß, da konnte ich nur noch Mondscheinlandschaften malen, die immer solchen melancholischen Eindruck machen und gar nicht leicht zu malen sind. Ich habe Sie nie verraten, obgleich ich sehr ärgerlich war, und die ganze Sache war ja überhaupt lächerlich; denn wer hat je im Leben von grünen Blutflecken gehört?«

»Ja, aber was sollte ich tun?« sagte der Geist kleinlaut; »heutzutage ist es schwer, wirkliches Blut zu bekommen, und als Ihr Bruder nun mit seinem Fleckenreiniger anfing, da sah ich wirklich nicht ein, warum ich nicht Ihre Farben nehmen sollte. Was nun die besondere Färbung betrifft, so ist das lediglich Geschmackssache; die Cantervilles zum Beispiel haben blaues Blut, das allerblaueste in England: aber ich weiß, Ihr Amerikaner macht Euch aus dergleichen nichts.«

»Darüber wissen Sie gar nichts, und das beste wäre, Sie wanderten aus und vervollkommneten drüben Ihre Bildung. Mein Vater wird nur zu glücklich sein, Ihnen freie Überfahrt zu verschaffen, und wenn auch ein hoher Zoll auf Geistiges jeder Art liegt, so wird es doch auf dem Zollamt keine Schwierigkeiten geben, denn die Beamten sind alle Demokraten. Wenn Sie erst mal in New York sind, so garantiere ich Ihnen einen großen Erfolg. Ich kenne eine Menge Leute, die tausend Dollars dafür geben würden, einen Großvater zu haben, und noch unendlich viel mehr für ein Familiengespenst.«

»Ich glaube, mir würde Amerika nicht gefallen.«

»Wahrscheinlich weil wir keine Ruinen und Altertümer haben«, sagte Virginia spöttisch.

»Keine Ruinen? Keine Altertümer?« erwiderte der Geist, »Sie haben doch Ihre Marine und Ihre Umgangsformen!«

»Guten Abend; ich gehe jetzt und will Papa bitten, den Zwillingen noch extra acht Tage länger Ferien zu geben.«

»Bitte, gehen Sie nicht, Miß Virginia«, rief das Gespenst; »ich bin so einsam und unglücklich und weiß nicht mehr, was ich tun soll. Ich möchte nur schlafen und kann es doch nicht.«

»Das ist töricht! Sie brauchen doch nur zu Bett zu gehen und das Licht auszublasen. Manchmal ist es so schwer, wach zu bleiben, besonders in der Kirche; aber beim Einschlafen gibt es doch gar keine Schwierigkeiten. Sogar die kleinen Kinder können das und sind doch gar nicht klug.«

»Seit dreihundert Jahren habe ich nicht mehr geschlafen,« sagte das Gespenst traurig, und Virginias schöne blaue Augen öffneten sich weit in grenzenlosem Erstaunen, »seit dreihundert Jahren habe ich nicht mehr geschlafen, und ich bin so müde.«

Virginia wurde auf einmal ganz ernst, und ihre kleinen Lippen zitterten wie Rosenblätter. Sie trat näher zu ihm, kniete sich an seine Seite und sah zu seinem alten gefurchten Gesicht auf.

»Armer, armer Geist,« sprach sie leise, »haben Sie denn kein Fleckchen, wo Sie mal schlafen können?«

»Weit hinter jenen Wäldern liegt ein kleiner Garten«, sagte der Geist mit verträumter ferner Stimme. »Da wächst langes Gras, da blühen die großen weißen Sterne des Schierlings, und die Nachtigallen singen die ganze Nacht hindurch. Die ganze lange Nacht singen sie, und der kalte, kristallne Mond schaut nieder, und die Trauerweide breitet ihre Riesenarme über die Schläfer aus.«

Virginias Augen füllten sich mit Tränen, und sie verbarg das Gesicht in den Händen.

»Sie meinen den Garten des Todes«, flüsterte sie.

»Ja, Tod. Der Tod muß so schön sein. In der weichen braunen Erde zu liegen, während das lange Gras über einem hin und her schwankt, und der Stille zu lauschen. Kein Gestern, kein Morgen haben. Die Zeit und das Leben vergessen, im Frieden sein. Sie können mir helfen. Sie können mir die Tore des Todes öffnen, denn auf Ihrer Seite ist stets die Liebe, und die Liebe ist stärker als der Tod.«

Virginia zitterte, und ein kalter Schauer durchlief sie, und einige Minuten lang war es still. Es schien ihr wie ein angstvoller Traum.

Dann sprach der Geist wieder, und seine Stimme klang wie das Seufzen des Windes.

»Haben Sie je die alte Prophezeiung an dem Fenster in der Bibliothek gelesen?«

»O, wie oft,« rief das junge Mädchen aufblickend, »ich kenne sie sehr gut. Sie ist mit verschnörkelten schwarzen Buchstaben geschrieben und schwer zu lesen; es sind nur sechs Zeilen:

Wenn ein goldenes Mädchen es dahin bringt,
daß es sündige Lippen zum Beten zwingt,
Wenn die dürre Mandel unter Blüten sich senkt,
ein unschuldiges Kind seine Tränen verschenkt,
Dann wird dies Haus wieder ruhig und still,
und Friede kehrt ein auf Schloß Canterville.

Aber ich weiß nicht, was das heißen soll.«

»Das heißt: daß Sie für mich über meine Sünden weinen müssen, da ich keine Tränen habe, und für mich, für meine Seele beten müssen, da ich keinen Glauben habe, und dann, wenn Sie immer gut und sanft gewesen sind, dann wird der Engel des Todes Erbarmen mit mir haben. Sie werden entsetzliche Gestalten im Dunkeln sehen, Schauriges wird Ihr Ohr vernehmen, aber es wird Ihnen kein Leid geschehen, denn gegen die Reinheit eines Kindes sind die Gewalten der Hölle ohne Macht.«

Virginia antwortete nicht, und der Geist rang verzweifelt die Hände, während er auf ihr gesenktes Köpfchen herab sah. Plötzlich erhob sie sich, ganz blaß, aber ihre Augen leuchteten. »Ich fürchte mich nicht,« sagte sie bestimmt, »ich will den Engel bitten, Erbarmen mit Ihnen zu haben.«

Mit einem leisen Freudenausruf stand der Geist auf, ergriff mit altmodischer Galanterie ihre Hand und küßte sie. Seine Finger waren kalt wie Eis, und seine Lippen brannten wie Feuer, aber Virginia zauderte nicht, als er sie durch das dämmerdunkle Zimmer führte. In den verblaßten grünen Gobelin waren kleine Jäger gewirkt, die bliesen auf ihren Hörnern und winkten ihr mit den winzigen Händen, umzukehren. ›Kehre um, kleine Virginia,‹ riefen sie, ›kehre um!‹ Aber der Geist faßte ihre Hand fester, und sie schloß die Augen. Greuliche Tiere mit Eidechsenschwänzen und feurigen Augen sahen sie vom Kaminsims an und grinsten: ›Nimm dich in acht, Virginia, nimm dich in acht! Vielleicht sieht man dich nie wieder!‹ Aber der Geist ging noch schneller voran, und Virginia hörte nicht auf die Stimmen. Am Ende des Zimmers hielt das Gespenst an und murmelte einige Worte, die sie nicht verstand. Sie schlug die Augen auf und sah die Wand vor sich verschwinden wie im Nebel, und eine große schwarze Höhle tat sich auf. Es wurde ihr eisig kalt, und sie fühlte etwas an ihrem Kleide zerren. »Schnell, schnell,« rief der Geist, »sonst ist es zu spät!« und schon hatte sich die Wand hinter ihnen wieder geschlossen, und das Gobelinzimmer war leer. –

Ungefähr zehn Minuten später tönte der Gong zum Tee, und da Virginia nicht herunterkam, schickte Mrs. Otis einen Diener hinauf, sie zu rufen. Nach kurzer Zeit kam er wieder und sagte, daß er Miß Virginia nirgends habe finden können. Da sie um diese Zeit gewöhnlich in den Garten ging, um Blumen für den Mittagstisch zu pflücken, so war Mrs. Otis zuerst gar nicht weiter besorgt; aber als es sechs Uhr schlug und Virginia immer noch nicht da war, wurde sie doch unruhig und schickte die Jungen aus, sie zu suchen, während sie und Mr. Otis das ganze Haus abgingen. Um halb sieben kamen die Jungen wieder und berichteten, sie hätten nirgends auch nur eine Spur von ihrer Schwester entdecken können. Jetzt waren alle auf das äußerste beunruhigt und wußten nicht mehr, was sie tun sollten, als Mr. Otis sich plötzlich darauf besann, daß er vor einigen Tagen einer Zigeunerbande erlaubt habe, im Park zu übernachten. So machte er sich denn sofort auf nach Blackfell Hollow, wo sich die Bande, wie er wußte, jetzt aufhielt, und sein ältester Sohn und zwei Bauernburschen begleiteten ihn. Der kleine Herzog von Cheshire, der vor Angst ganz außer sich war, bat inständigst, sich anschließen zu dürfen; aber Mr. Otis wollte es ihm nicht erlauben, da er fürchtete, der junge Herr würde in seiner Aufregung nur stören. Als sie jedoch an die gesuchte Stelle kamen, waren die Zigeuner fort, und zwar war ihr Abschied augenscheinlich ein sehr rascher gewesen, wie das noch brennende Feuer und einige auf dem Grase liegende Teller anzeigten. Nachdem er Washington weiter auf die Suche geschickt hatte, eilte Mr. Otis heim und sandte Depeschen an alle Polizeiposten der Grafschaft, in denen er sie ersuchte, nach einem kleinen Mädchen zu forschen, das von Landstreichern oder Zigeunern entführt worden sei. Dann ließ er sein Pferd satteln, und nachdem er darauf bestanden hatte, daß seine Frau und die beiden Jungen sich zu Tisch setzten, ritt er mit einem Knecht nach Ascot. Aber kaum hatte er ein paar Meilen zurückgelegt, als er jemand hinter sich her galoppieren hörte; es war der junge Herzog, der auf seinem Pony mit erhitztem Gesichte und ohne Hut hinter ihm herkam. »Ich bitte um Verzeihung, Mr. Otis,« sagte er atemlos, »aber ich kann nicht zu Abend essen, solange Virginia nicht gefunden ist. Bitte, seien Sie mir nicht böse; wenn Sie voriges Jahr Ihre Einwilligung zu unserer Verlobung gegeben hätten, so würde all diese Sorge uns erspart geblieben sein. Sie schicken mich nicht zurück, nicht wahr? Ich gehe auf jeden Fall mit Ihnen!«

Der Gesandte mußte lächeln über den hübschen Jungen und war wirklich gerührt über seine Liebe zu Virginia; so lehnte er sich denn zu ihm hinüber, klopfte ihm freundlich auf die Schulter und sagte: »Nun gut, Cecil, wenn Sie nicht umkehren wollen, so müssen Sie mit mir kommen, aber dann muß ich Ihnen in Ascot erst einen Hut kaufen.«

»Ach, zum Teufel mit meinem Hut! Ich will Virginia wiederhaben!« rief der kleine Herzog lachend, und sie ritten weiter nach der Bahnstation. Dort erkundigte sich Mr. Otis bei dem Stationsvorstand, ob nicht eine junge Dame auf dem Bahnsteig gesehen worden sei, auf welche die Beschreibung von Virginia passe; aber er konnte nichts über sie erfahren. Der Stationsvorstand telegraphierte auf der Strecke hinauf und hinunter und versicherte Mr. Otis, daß man auf das gewissenhafteste recherchieren werde; und nachdem Mr. Otis noch bei einem Schnittwarenhändler, der eben seinen Laden schließen wollte, dem jungen Herzog einen Hut gekauft hatte, ritten sie nach Bexley weiter, einem Dorf, das ungefähr vier Meilen entfernt lag und bei dem die Zigeuner besonders gern ihr Lager aufschlugen, weil es bei einer großen Wiese lag. Hier weckten sie den Gendarmen, konnten aber nichts von ihm in Erfahrung bringen; und nachdem sie die ganze Gegend abgesucht hatten, mußten sie sich schließlich unverrichteter Dinge auf den Heimweg machen und erreichten todmüde und gebrochenen Herzens um elf Uhr wieder das Schloß. Sie fanden Washington und die Zwillinge am Tor, wo sie mit Laternen gewartet hatten, weil die Allee so dunkel war. Nicht die geringste Spur von Virginia hatte man bisher entdecken können. Man hatte die Zigeuner auf den Wiesen von Brockley eingeholt, aber sie war nicht bei ihnen, und die Zigeuner hatten ihre plötzliche Abreise damit erklärt, daß sie eiligst auf den Jahrmarkt von Chorton hätten müssen, um dort nicht zu spät anzukommen. Es hatte ihnen wirklich herzlich leid getan, von Virginias Verschwinden zu hören, und da sie Mr. Otis dankbar waren, weil er ihnen den Aufenthalt in seinem Park gestattet hatte, so waren vier von der Bande mit zurückgekommen, um sich an der Suche zu beteiligen. Man ließ den Karpfenteich ab und durchsuchte jeden Winkel im Schloß – alles ohne Erfolg. Es war kein Zweifel, Virginia war, wenigstens für diese Nacht, verloren.

In tiefster Niedergeschlagenheit kehrten Mr. Otis und die Jungen in das Haus zurück, während der Knecht mit den beiden Pferden und dem Pony folgte. In der Halle standen alle Dienstboten aufgeregt beieinander, und auf einem Sofa in der Bibliothek lag die arme Mrs. Otis, die vor Schrecken und Angst fast den Verstand verloren hatte und der die gute alte Haushälterin die Stirn mit Eau de Cologne wusch. Mr. Otis bestand darauf, daß sie etwas esse, und bestellte das Diner für die ganze Familie. Es war eine trübselige Mahlzeit, wo kaum einer ein Wort sprach; sogar die Zwillinge waren vor Schrecken stumm, denn sie liebten ihre Schwester sehr. Als man fertig war, schickte Mr. Otis trotz der dringenden Bitten des jungen Herzogs alle zu Bett, indem er erklärte, daß man jetzt in der Nacht ja doch nichts mehr tun könne, und am nächsten Morgen wolle er sofort nach Scotland Yard telegraphieren, daß man ihnen mehrere Detektive schicken solle. Gerade als man den Speisesaal verließ, schlug die große Turmuhr Mitternacht, und als der letzte Schlag verklungen war, hörte man plötzlich ein furchtbares Gepolter und einen durchdringenden Schrei; ein wilder Donner erschütterte das Haus in seinem Grunde, ein Strom von überirdischer Musik durchzog die Luft, die Wandtäfelung oben an der Treppe flog mit tosendem Lärm zur Seite, und in der Öffnung stand, blaß und weiß, mit einer kleinen Schatulle in der Hand – Virginia! Im Nu waren alle zu ihr hinaufgestürmt. Mrs. Otis preßte sie leidenschaftlich in ihre Arme, der Herzog erstickte sie fast mit seinen Küssen, und die Zwillinge vollführten einen wilden Indianertanz um die Gruppe herum.

»Mein Gott! Kind, wo bist du nur gewesen?« rief Mr. Otis fast etwas ärgerlich, da er glaubte, sie habe sich einen törichten Scherz mit ihnen erlaubt. »Cecil und ich sind meilenweit über Land geritten, dich zu suchen, und deine Mutter hat sich zu Tode geängstigt. Du mußt nie wieder solche dummen Streiche machen.«

»Nur das Gespenst darfst du foppen, nur das Gespenst!« schrieen die Zwillinge und sprangen umher wie verrückt.

»Mein Liebling, Gott sei Dank, daß wir dich wiederhaben, du darfst nie wieder von meiner Seite«, sagte Mrs. Otis zärtlich, während sie die zitternde Virginia küßte und ihr die langen zerzausten Locken glatt strich.

»Papa,« sagte Virginia ruhig, »ich war bei dem Gespenst. Es ist tot, und du mußt kommen, es zu sehen. Es ist in seinem Leben ein schlechter Mensch gewesen, aber es hat alle seine Sünden bereut, und ehe es starb, gab es mir diese Schatulle mit sehr kostbaren Juwelen.«

Die ganze Familie starrte sie lautlos verwundert an, aber sie sprach in vollem Ernst, wandte sich um und führte sie durch die Öffnung in der Wandtäfelung einen engen geheimen Korridor entlang; Washington folgte mit einem Licht, das er vom Tisch genommen hatte. Endlich gelangten sie zu einer schweren eichenen Tür, die ganz mit rostigen Nägeln beschlagen war. Als Virginia sie berührte, flog sie in ihren schweren Angeln zurück, und man befand sich in einem kleinen niedrigen Zimmer mit gewölbter Decke und einem vergitterten Fenster; ein schwerer eiserner Ring war in die Wand eingelassen, und daran angekettet lag ein riesiges Skelett, das der Länge nach auf dem steinernen Boden ausgestreckt war und mit seinen langen fleischlosen Fingern nach einem altmodischen Krug und Teller zu greifen versuchte, die man aber gerade so weit gestellt hatte, daß die Hand sie nicht erreichen konnte. Der Krug war wohl einmal mit Wasser gefüllt gewesen, denn innen war er ganz mit grünem Schimmel überzogen. Auf dem Zinnteller lag nur ein Häufchen Staub. Virginia kniete neben dem Skelett nieder, faltete ihre kleinen Hände und betete still, während die übrigen mit Staunen die grausige Tragödie betrachteten, deren Geheimnis ihnen nun enthüllt war.

»Schaut doch!« rief plötzlich einer der Zwillinge, der aus dem Fenster gesehen hatte, um sich über die Lage des Zimmers zu orientieren. »Schaut doch! Der alte verdorrte Mandelbaum blüht ja! Ich kann die Blüten ganz deutlich im Mondlicht sehn.«

»Gott hat ihm vergeben!« sagte Virginia ernst, als sie sich erhob, und ihr Gesicht strahlte in unschuldiger Freude.

»Du bist ein Engel!« rief der junge Herzog, schloß sie in seine Arme und küßte sie.

Vier Tage nach diesen höchst wunderbaren Ereignissen verließ ein Trauerzug nachts um elf Uhr Schloß Canterville. Den Leichenwagen zogen acht schwarze Pferde, von denen jedes einen großen Panaché von nickenden Straußenfedern auf dem Kopfe trug, und der bleierne Sarg war mit einer kostbaren purpurnen Decke verhangen, auf welcher das Wappen derer von Canterville in Gold gestickt war. Neben dem Wagen her schritten die Diener mit brennenden Fackeln, und der ganze Zug machte einen äußerst feierlichen Eindruck. Lord Canterville als der Hauptleidtragende war zu diesem Begräbnis extra von Wales gekommen und saß im ersten Wagen neben der kleinen Virginia. Dann kamen der Gesandte der Vereinigten Staaten und seine Gemahlin, danach Washington und die zwei Jungen, und im letzten Wagen saß Mrs. Umney, die alte Wirtschafterin, ganz allein. Man hatte die Empfindung gehabt, daß sie, nachdem sie mehr als fünfzig Jahre ihres Lebens durch das Gespenst erschreckt worden war, nun auch ein Recht hätte, seiner Beerdigung beizuwohnen. In der Ecke des Friedhofes war ein tiefes Grab gegraben gerade unter der Trauerweide, und Hochwürden Augustus Dampier hielt eine höchst eindrucksvolle Grabrede. Als die Zeremonie vorüber war, löschten die Diener, einer alten Familiensitte der Canterville gemäß, ihre Fackeln aus, und während der Sarg in das Grab hinuntergelassen wurde, trat Virginia vor und legte ein großes Kreuz aus weißen und rosafarbnen Mandelblüten darauf nieder. Inzwischen kam der Mond hinter einer Wolke hervor und übersilberte den kleinen Friedhof, und im Gebüsch flötete eine Nachtigall. Virginia dachte an des Gespenstes Beschreibung vom Garten des Todes, ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie sprach auf der Rückfahrt nicht ein Wort.

Am nächsten Morgen hatte Mr. Otis mit Lord Canterville vor dessen Rückkehr nach London eine Unterredung wegen der Juwelen, welche das Gespenst Virginia gegeben hatte. Sie waren von ganz hervorragender Schönheit, besonders ein Halsschmuck von Rubinen in altvenezianischer Fassung, ein Meisterwerk der Kunst des sechzehnten Jahrhunderts, und so wertvoll, daß Mr. Otis zögerte, seiner Tochter zu erlauben, sie anzunehmen. »Mylord,« sagte er, »ich weiß sehr wohl, daß sich in diesem Lande die Erbfolge ebensowohl auf den Familienschmuck wie auf den Grundbesitz erstreckt, und ich bin dessen ganz sicher, daß diese Juwelen ein Erbstück Ihrer Familie sind oder doch sein sollten. Ich muß Sie demgemäß bitten, die Pretiosen mit nach London zu nehmen und sie lediglich als einen Teil Ihres Eigentums zu betrachten, der unter allerdings höchst wunderbaren Umständen wieder in Ihren Besitz zurückgelangt ist. Was meine Tochter betrifft, so ist diese ja noch ein Kind und hat, wie ich mich freue sagen zu können, nur wenig Interesse an solchen Luxusgegenständen. Mrs. Otis, die, wie man wohl sagen kann, eine Autorität in Kunstsachen ist – da sie den großen Vorzug genossen hat, als junges Mädchen mehrere Winter in Boston zu verleben –, Mrs. Otis sagte mir, daß diese Juwelen einen sehr bedeutenden Wert repräsentieren und sich ganz vorzüglich verkaufen würden. Unter diesen Umständen bin ich überzeugt, Lord Canterville, daß Sie einsehen werden, wie unmöglich es für mich ist, einem Mitglied meiner Familie zu erlauben, in dem Besitz der Juwelen zu bleiben, und endlich ist dieser eitle Putz und Tand und dieses glänzende Spielzeug, so passend und notwendig es auch zur Würde der britischen Aristokratie zu gehören scheint, doch unter jenen niemals recht am Platze, die in den strengen und, wie ich bestimmt glaube, unsterblichen Grundsätzen republikanischer Einfachheit erzogen sind. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, daß Virginia sehr gern die Schatulle selbst behalten möchte, als Erinnerung an Ihren unglücklichen, irregeleiteten Vorfahren. Da dieselbe sehr alt und in einem Zustande großer Reparaturbedürftigkeit zu sein scheint, so werden Sie es vielleicht angemessen finden, der Bitte meiner Kleinen zu willfahren. Ich für mein Teil muß allerdings gestehen, daß ich außerordentlich erstaunt bin, eins von meinen Kindern Sympathie mit dem Mittelalter in irgendeiner Gestalt empfinden zu sehen, und ich kann mir das nicht anders als dadurch erklären, daß Virginia in einer Ihrer Londoner Vorstädte geboren wurde, kurz nachdem Mrs. Otis von einer Reise nach Athen zurückgekehrt war.«

Lord Canterville hörte der langen Rede des würdigen Gesandten aufmerksam zu, während er sich ab und zu den langen grauen Schnurrbart strich, um ein unwillkürliches Lächeln zu verbergen; und als Mr. Otis schwieg, schüttelte er ihm herzlich die Hand und sagte: »Mein lieber Mr. Otis, Ihre entzückende kleine Tochter hat meinem unglücklichen Vorfahren, Sir Simon, einen höchst wichtigen Dienst geleistet, und meine Familie und ich sind ihr für den bewiesenen erstaunlichen Mut zu sehr großem Dank verpflichtet. Ganz zweifellos sind die Juwelen Miß Virginias Eigentum; und wahrhaftig, ich glaube: wäre ich herzlos genug, sie ihr wegzunehmen, der böse alte Bursche würde noch diese Woche wieder aus seinem Grabe aufstehen und mir das Leben hier zur Hölle machen. Und was den Begriff Erbstück anbelangt, so ist nichts ein Erbstück, was nicht mit diesem Ausdruck in einem Testament oder sonst einem rechtskräftigen Schriftstück also bezeichnet ist, und von der Existenz dieser Juwelen ist nichts bekannt gewesen. Ich versichere Sie, daß ich nicht mehr Anspruch auf sie habe als Ihr Kammerdiener, und wenn Miß Virginia erwachsen ist, so wird sie, meine ich, doch ganz gern solche hübschen Sachen tragen. Außerdem vergessen Sie ganz, Mr. Otis, daß Sie ja damals die ganze Einrichtung und das Gespenst mit dazu übernommen haben, und alles, was zu dem Besitztum des Gespenstes gehörte, wurde damit Ihr Eigentum, und was auch Sir Simon für eine merkwürdige Tätigkeit nachts auf dem Korridor entfaltet haben mag, vom Standpunkt des Gesetzes aus war er absolut tot, und somit erwarben Sie durch Kauf sein Eigentum.«

Mr. Otis war anfangs wirklich verstimmt, daß Lord Canterville auf sein Verlangen nicht eingehen wollte, und bat ihn, seine Entscheidung nochmals zu überlegen; aber der gutmütige Lord war fest entschlossen und überredete schließlich den Gesandten, seiner Tochter doch zu erlauben, das Geschenk des Gespenstes zu behalten; und als im Frühjahr 1890 die junge Herzogin von Cheshire bei Gelegenheit ihrer Hochzeit bei Hofe vorgestellt wurde, erregten ihre Juwelen die allgemeine Bewunderung. Denn Virginia bekam wirklich und tatsächlich eine Krone in ihr Wappen, was die Belohnung für alle braven kleinen Amerikanerinnen ist, und heiratete ihren jugendlichen Bewerber, sobald sie mündig geworden war. Sie waren ein so entzückendes Paar und liebten einander so sehr, daß jeder sich über die Heirat freute, jeder außer der Herzogin von Dumbleton – die den jungen Herzog gern für eine ihrer sieben unverheirateten Töchter gekapert hätte und nicht weniger als drei sehr teure Diners zu dem Zweck gegeben hatte – und wunderbarerweise auch außer Mr. Otis selber. Mr. Otis hatte den jungen Herzog persönlich sehr gern, aber in der Theorie waren ihm alle Titel zuwider, und ›er war‹, um seine eigenen Worte zu gebrauchen, ›nicht ohne Besorgnis, daß inmitten der entnervenden Einflüsse der vergnügungssüchtigen englischen Aristokratie die einzig wahren Grundsätze republikanischer Einfachheit vergessen werden würden‹. Sein Widerstand wurde jedoch völlig besiegt, und ich glaube, daß es, als er in St. Georges Hanover Square mit seiner Tochter am Arm durch die Kirche schritt, keinen stolzeren Mann in ganz England gab als ihn.

Der Herzog und seine junge Frau kamen nach den Flitterwochen auf Schloß Canterville, und am Tage nach ihrer Ankunft gingen sie des Nachmittags zu dem kleinen einsamen Friedhof unter den Tannen. Man hatte erst über die Inschrift auf Sir Simons Grabstein nicht schlüssig werden können, und nach vielen Schwierigkeiten war dann entschieden worden, nur die Initialen seines Namens und den Vers vom Fenster der Bibliothek eingravieren zu lassen. Die Herzogin hatte wundervolle Rosen mitgebracht, die sie auf das Grab streute, und nachdem sie eine Zeitlang stillgestanden hatten, schlenderten sie weiter zu der halbverfallenen Kanzel in der alten Abtei. Dort setzte sich Virginia auf eine der umgestürzten Säulen; ihr Mann legte sich ihr zu Füßen in das Gras, rauchte eine Zigarette und blickte ihr verliebt und glücklich in die schönen Augen. Plötzlich warf er seine Zigarette weg, ergriff ihre Hand und sagte: »Virginia, eine Frau sollte keine Geheimnisse vor ihrem Mann haben!«

»Aber lieber Cecil! ich habe doch keine Geheimnisse vor dir.«

»Doch, das hast du,« antwortete er lächelnd, »du hast mir nie gesagt, was dir begegnet ist, als du mit dem Gespenst verschwunden warst.«

»Das habe ich niemandem gesagt«, erwiderte Virginia ernst.

»Das weiß ich, aber du könntest es mir jetzt doch sagen.«

»Bitte, verlange das nicht von mir, Cecil, denn ich kann es dir nicht sagen … Der arme Sir Simon! Ich bin ihm zu so großem Danke verpflichtet. Ja, da brauchst du nicht zu lachen, Cecil, es ist wirklich wahr. Er hat mich einsehen gelehrt, was das Leben ist und was der Tod bedeutet und warum die Liebe stärker ist als beide zusammen.«

Der Herzog stand auf und küßte seine junge Frau sehr zärtlich. »Du kannst dein Geheimnis behalten, solange mir nur dein Herz gehört«, sagte er leise.

»Das Herz hat dir schon immer gehört, Cecil.«

»Aber unsern Kindern wirst du einst dein Geheimnis sagen, nicht wahr?«

Virginia errötete …

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Achtes Kapitel

Spät am Mittag erwachte er erst. Sein Bedienter war ein paarmal auf den Fußspitzen ins Zimmer geschlichen, um zu sehn, ob er auf wäre, und hatte sich gewundert, weshalb sein junger Herr so lange schlief. Schließlich läutete es, und Viktor ging sacht mit einer Tasse Tee und einem Stoß Briefschaften, die auf einem kleinen Tablett aus altem Sévresporzellan lagen, hinein. Er zog die Vorhänge aus olivfarbenem Atlas mit ihrem flimmernden blauen Futter, die an den drei großen Fenstern hingen, zurück.

»Monsieur hat diesen Morgen gut geschlafen,« sagte er lächelnd.

»Wieviel Uhr ist es, Viktor?« fragte Dorian Gray schlaftrunken.

»Viertel zwei Uhr, Monsieur.«

Wie spät es war! Er richtete sich auf, nahm ein paar Schlucke Tee und sah seine Briefe durch. Einer davon war von Lord Henry und war diesen Morgen von einem Boten gebracht worden. Er schwankte einen Augenblick und legte ihn dann beiseite. Die andern öffnete er mit lässiger Hand. Sie enthielten die üblichen Karten, Einladungen zum Essen, Ausstellungsbillette, Programme für Wohltätigkeitskonzerte und dergleichen, wie sie jungen Herren der Gesellschaft während der Saison jeden Morgen ins Haus schneien. Dann war eine recht hohe Rechnung da für eine in Silber getriebene Waschgarnitur im Stil Louis‘ XV.; er hatte noch nicht den Mut gehabt, die Rechnung seinen Vormündern zu schicken, die äußerst altmodische Leute waren und nicht einsahen, daß wir in einer Zeit leben, wo unnötige Dinge unsere einzigen Bedürfnisse sind. Und endlich waren einige überaus höflich abgefaßte Zuschriften aus Jermyn Street da, die sich anheischig machten, auf eine Meldung hin sofort jede Summe zu sehr mäßigem Zinsfuß vorzustrecken.

Nach etwa zehn Minuten stand er auf, zog einen fein gearbeiteten Schlafrock aus Kaschmirwollstoff, der mit Seidenstickereien geziert war, an und ging in das Badezimmer, dessen Boden mit Onyx belegt war. Das kalte Wasser erfrischte ihn nach dem langen Schlaf. Er schien alles vergessen zu haben, was er erlebt hatte. Ein undeutliches Gefühl, in eine seltsame Tragödie verwickelt gewesen zu sein, kam ihm ein- oder zweimal, aber die Unwirklichkeit eines Traumes lag darüber.

Sowie er angezogen war, ging er in das Bücherzimmer und setzte sich zu einem leichten französischen Frühstück, das ihm auf einem runden Tischchen in der Nähe des offenen Fensters serviert worden war. Es war ein herrlicher Tag. Die warme Luft schien mit Wohlgerüchen geladen. Eine Biene flog herein und summte um die Schale aus blauem Drachenporzellan, die mit schwefelgelben Rosen gefüllt vor ihm stand. Er fühlte sich sehr glücklich.

Plötzlich fiel sein Auge auf den Schirm, den er vor das Bild gestellt hatte, und er fuhr zusammen.

»Friert Monsieur?« fragte der Bediente, der eben eine Omelette auf den Tisch gestellt hatte. »Ich werde das Fenster schließen.«

Dorian schüttelte den Kopf. »Mich friert nicht,« antwortete er.

War es denn wahr? Hatte sich das Bild in Wahrheit verändert? Oder war es lediglich seine eigene Phantasie gewesen, die ihm ein böses Aussehen vorgespiegelt hatte, wo nur ein frohes Aussehen war? Eine gemalte Leinwand konnte sich doch wohl nicht verändern? Das war doch Unsinn! Es war eine Geschichte, die er eines Tages Basil erzählen konnte. Er würde darüber lächeln.

Und doch, wie lebhaft war seine Erinnerung an alles! Zuerst im schwachen Zwielicht und dann in der strahlenden Morgensonne hatte er den Zug der Grausamkeit um die leicht verzerrten Lippen gesehn. Er fürchtete fast den Augenblick, wo sein Bedienter hinausging. Er wußte, wenn er allein war, mußte er das Bild betrachten. Er hatte Angst vor der Gewißheit. Als der Kaffee und die Zigaretten gebracht worden waren und der Mann sich zum Gehen wandte, spürte er ein wildes Verlangen, ihn zurückzuhalten. Als die Tür sich eben hinter ihm schließen wollte, rief er ihn zurück. Der Mann stand da und wartete auf seine Befehle. Dorian sah ihn einen Augenblick an. »Ich bin für niemand zu Hause, Viktor,« sagte er mit einem Seufzer. Der Mann verbeugte sich und ging.

Dann stand er vom Tisch auf, steckte sich eine Zigarette an und warf sich auf ein Ruhebett mit üppig weichen Kissen, das dem Schirm gegenüberstand. Es war ein alter Wandschirm aus vergoldetem spanischen Leder, in das ein reiches Louis XIV.-Muster gepreßt war. Er sah ihn forschend an und sann, ob dieser Schirm je vorher wohl das Geheimnis eines Menschenlebens verdeckt habe.

Sollte er ihn überhaupt zur Seite schieben? Warum ihn nicht stehen lassen? Was nützte das Wissen? War die Sache wahr, so war es schrecklich. War sie nicht wahr, warum sich dann beunruhigen? Aber wie, wenn durch irgendein Geschick oder unglücklichen Zufall andere Augen als seine dahinter blickten und die gräßliche Veränderung sahen? Was sollte er tun, wenn Basil Hallward käme und sein eignes Bild sehn wollte? Basil würde sicher den Wunsch äußern. Nein, die Sache mußte untersucht werden, und sofort. Alles war besser als diese entsetzliche Ungewißheit.

Er stand auf und verschloß beide Türen. Wenigstens wollte er allein sein, wenn er auf die Maske seiner Schande blickte. Dann schob er den Schirm beiseite und sah sich von Angesicht zu Angesicht. Es war völlige Wahrheit. Das Bildnis hatte sich verändert.

Er erinnerte sich später oft, und immer mit nicht geringem Staunen, daß er zuerst das Bild mit einer Art fast wissenschaftlichen Interesses in Augenschein nahm. Daß eine solche Veränderung vor sich gegangen sein sollte, schien ihm unglaublich. Und doch war es eine Tatsache. Gab es eine geheime Verwandtschaft zwischen den chemischen Atomen, die sich zu Form und Farbe auf der Leinwand zusammensetzten, und der Seele, die in ihm war? Konnte es sein, daß sie verwirklichten, was diese Seele dachte? – daß sie wahr machten, was sie träumte? Oder gab es einen andern, schrecklicheren Zusammenhang? Er schauerte und wurde von Angst gepackt. Dann ging er zum Sofa zurück, legte sich hin und starrte das Bild in krankhaftem Entsetzen an.

Eins jedoch, fühlte er, hatte das Bild für ihn getan. Es hatte ihm zum Bewußtsein gebracht, wie ungerecht, wie grausam er gegen Sibyl Vane gewesen war. Es war nicht zu spät, das wieder gutzumachen. Sie konnte noch sein Weib werden. Seine unwahre und selbstische Liebe konnte einem höheren Einfluß weichen, in eine edlere Glut umgewandelt werden, und das Porträt, das Basil Hallward gemacht hatte, sollte ihm ein Führer durchs Leben sein, sollte ihm sein, was einigen die Heiligkeit, andern das Gewissen und uns allen die Gottesfurcht ist. Es gab Schlafmittel für Gewissensbisse, Arzneien, die das moralische Empfinden in Schlaf lullen konnten. Aber hier war ein sichtbares Symbol der Erniedrigung durch die Sünde. Hier war ein ewig gegenwärtiges Abbild des Verderbens, das die Menschen über ihre Seele bringen.

Es schlug drei Uhr, und vier, und noch eine halbe Stunde verkündete das Glockenspiel, aber Dorian Gray rührte sich nicht. Er versuchte, die Scharlachfäden des Lebens aufzuspulen und sie zu einem Muster zu weben; seinen Weg durch das blutrote Labyrinth der Leidenschaft zu finden, durch das wir wandern. Er wußte nicht, was er tun sollte, was er denken sollte. Schließlich ging er zum Tisch und schrieb an das Mädchen, das er geliebt hatte, einen glühenden Brief, in dem er sie anflehte, ihm zu vergeben, und gestand, wahnsinnig gewesen zu sein. Er bedeckte Seite um Seite mit wilden Worten des Kummers und wilderen Worten der Qual. Es gibt eine Schwelgerei der Selbstanklage. Wenn wir uns tadeln, haben wir die Empfindung, daß niemand sonst das Recht hat, uns zu tadeln. Die Beichte, nicht der Priester erteilt uns die Absolution. Als Dorian mit dem Brief fertig war, fühlte er, daß ihm vergeben war.

Plötzlich klopfte es an die Tür, und er hörte die Stimme Lord Henrys draußen. »Lieber Junge, ich muß dich sehn. Laß mich sofort ein. Ich kann nicht dulden, daß du dich so einschließt.«

Er gab zuerst keine Antwort, sondern blieb ganz still. Das Klopfen hörte nicht auf und wurde lauter. Ja, es war besser, Lord Henry einzulassen und ihm zu erklären, wie er ein neues Leben führen wolle; mit ihm zu streiten, wenn es nötig wäre zu streiten, und sich von ihm zu trennen, wenn die Trennung unvermeidlich wäre. Er sprang auf, schob den Schirm hastig vor das Bild und schloß die Tür auf.

»Das tut mir alles so furchtbar leid,« sagte Lord Henry, als er eintrat. »Aber du darfst nicht zuviel daran denken.«

»Meinst du das mit Sibyl Vane?«

»Natürlich, ja,« antwortete Lord Henry, ließ sich in einen Stuhl sinken und zog langsam seine gelben Handschuhe aus. »Es ist, von einer Seite betrachtet, schrecklich, aber es war nicht deine Schuld. Sag mir, gingst du hinter die Kulissen und sahst sie, als das Stück vorbei war?«

»Ja.«

»Ich wußte, daß es so war. Machtest du ihr eine Szene?«

»Ich war brutal, Harry, ganz und gar brutal. Aber es ist jetzt alles gut. Ich bedaure nichts von allem, was geschehen ist. Es hat mich gelehrt, mich besser kennen zu lernen.«

»Ah, Dorian, ich bin so froh, daß du es so nimmst! Ich fürchtete, du wärest in Gewissensbisse vergraben und zerrauftest dein schönes lockiges Haar.«

»Ich bin durch all das hindurchgegangen,« sagte Dorian kopfschüttelnd und lächelnd. »Ich bin jetzt vollkommen glücklich. Zuvörderst weiß ich jetzt, was das Gewissen ist. Es ist nicht das, was du mir gesagt hast. Es ist das Göttlichste, was wir haben. Höhne nicht darüber, Harry, nie mehr – zum wenigsten nicht vor mir. Ich will gut sein. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, eine häßliche Seele zu haben.«

»Reizend, diese ästhetische Grundlage der Moral, Dorian! Ich gratuliere dir dazu! Aber wie willst du damit anfangen?«

»Ich werde Sibyl Vane heiraten.«

»Sibyl Vane heiraten!« schrie Lord Henry auf. Er erhob sich und blickte ihn in maßlosem Staunen an. »Aber, lieber Dorian…«

»Jawohl, Harry, ich weiß, was du sagen willst. Irgend etwas Häßliches gegen die Ehe. Sag es nicht. Sag nie wieder Dinge dieser Art zu mir. Vor zwei Tagen bat ich Sibyl, mich zum Manne zu nehmen. Ich will mein Wort nicht brechen. Sie soll meine Frau werden.«

»Deine Frau! Dorian! . . . Erhieltest du meinen Brief nicht? Ich schrieb dir heute morgen und sandte dir den Brief durch einen Boten.«

»Deinen Brief? Ach ja, ich erinnere mich. Ich habe ihn noch nicht gelesen, Harry. Ich hatte Angst, es könnte etwas darin stehn, was mir nicht gefiele. Du schneidest das Leben mit deinen Epigrammen in Stücke.«

»Du weißt also nichts?« »Was meinst du?«

Lord Henry machte einen Gang durchs Zimmer, setzte sich dann neben Dorian Gray, faßte seine beiden Hände und hielt sie fest. »Dorian,« sagte er, »mein Brief – erschrick nicht – sollte dir sagen, daß Sibyl Vane tot ist.«

Ein Schmerzensschrei kam von den Lippen des Jünglings. Er riß seine Hände aus Lord Henrys Umklammerung los und sprang auf. »Tot! Sibyl tot! Es ist nicht wahr! Es ist eine schreckliche Lüge! Wie wagst du’s, das zu sagen?«

»Es ist völlige Wahrheit, Dorian,« sagte Lord Henry ernst. »Es steht in allen Morgenzeitungen. Ich schrieb es dir gleich und bat dich, niemanden zu sehn, bis ich käme. Es muß natürlich eine Untersuchung stattfinden, und du darfst nicht in sie verwickelt werden. Dinge dieser Art machen einen Mann in Paris zum Helden des Tages. Aber in London sind die Menschen so voller Vorurteile. Hier sollte man nie mit einem Skandal debütieren. Man sollte sich ihn aufsparen, um sein Alter interessant zu machen. Ich vermute, sie wissen im Theater deinen Namen nicht? Wenn dem so ist, ist alles gut. Hat jemand gesehn, daß du zu ihr nach hinten in ihr Zimmer gingst? Das ist ein wichtiger Punkt.«

Dorian gab ein paar Augenblicke keine Antwort. Er war vor Entsetzen betäubt. Endlich stammelte er mit erstickter Stimme: »Harry, sagtest du Untersuchung? Was meintest du damit? Hat Sibyl…? Oh, Harry, ich trage es nicht! Aber sprich schnell, sag mir alles auf einmal!«

»Ich habe keinen Zweifel, daß es kein Versehen war, Dorian, obwohl man es dem Publikum so darstellen muß. Es scheint, sie sagte zu ihrer Mutter, mit der sie um halb ein Uhr ungefähr das Theater verließ, daß sie oben etwas vergessen habe. Die Mutter wartete eine Weile auf sie, aber sie kam nicht wieder herunter. Schließlich fanden sie sie tot auf dem Fußboden ihres Ankleidezimmers. Sie hatte aus Versehen etwas zu sich genommen, irgend etwas Schreckliches, das sie im Theater brauchen. Ich weiß nicht, was es war, aber es enthielt entweder Blausäure oder Bleiweiß. Ich sollte meinen, es war Blausäure, denn sie scheint sofort tot gewesen zu sein.«

»Harry, Harry, es ist furchtbar!« rief der Jüngling.

»Ja; es ist natürlich sehr tragisch, aber du mußt dafür sorgen, daß du nicht hinein verwickelt wirst. Ich las im Standard, daß sie siebzehn Jahre alt war. Ich hätte gedacht, sie wäre fast noch jünger. Sie sah so ganz wie ein Kind aus und schien so wenig vom Theaterspielen zu verstehen. Dorian, du darfst dir die Sache nicht so auf die Nerven gehn lassen. Du mußt mitkommen und mit mir essen, und nachher gehn wir noch ein bißchen in die Oper. Die Patti singt, und alle Welt wird da sein. Du hast Platz in der Loge meiner Schwester. Sie hat ein paar patente Weiber bei sich.« »So habe ich also Sibyl Vane ermordet,« sagte Dorian Gray halb zu sich selbst – »sie so sicher ermordet, als hätte ich ihre kleine Kehle mit einem Messer durchschnitten. Aber die Rosen sind trotz alledem nicht weniger lieblich. Die Vögel in meinem Garten singen gerade so fröhlich. Und heute werde ich mit dir essen und dann in die Oper gehn und vermutlich nachher irgendwo soupieren. Wie überaus dramatisch das Leben ist! Wenn ich das alles in einem Buche gelesen hätte, ich glaube, ich hätte darüber geweint. So aber, nun es tatsächlich geschehn ist, nun es mir geschehn ist, scheint es viel zu wundervoll für Tränen. Hier liegt der erste glühende Liebesbrief, den ich im Leben geschrieben habe. Seltsam, daß mein erster glühender Liebesbrief an eine Tote gerichtet ist. Ob sie wohl noch etwas empfinden, diese weißen schweigenden Leute, die wir die Toten nennen? Das möchte ich wissen. Sibyl! Kann sie empfinden, oder wissen, oder lauschen? O Harry, wie habe ich sie einmal geliebt! Es scheinen mir Jahre verflossen seitdem. Sie ist mir alles gewesen. Dann kam dieser furchtbare Abend – war es wirklich erst gestern? – wo sie so schlecht spielte und mir fast das Herz zerriß. Sie hat mir alles erklärt. Es war furchtbar pathetisch. Aber ich war nicht ein bißchen gerührt. Ich dachte, sie sei ein oberflächliches Geschöpf. Dann geschah plötzlich etwas, das mich in Angst und Schrecken jagte. Ich kann dir nicht sagen, was es war, aber es war furchtbar. Ich beschloß, zu ihr zurückzukehren. Ich fühlte, daß ich unrecht getan hatte. Und nun ist sie tot. Mein Gott! Mein Gott! Harry, was soll ich tun? Du weißt nicht, in welcher Gefahr ich bin, und es gibt nichts, was mir Halt geben kann. Sie hätte das für mich getan? Sie hatte kein Recht, sich zu töten. Es war selbstsüchtig von ihr.«

»Mein lieber Dorian,« antwortete Lord Henry, nahm eine Zigarette aus seinem Etui und zog eine goldene Streichholzbüchse heraus – »der einzige Weg, auf dem je eine Frau einen Mann bessern kann, besteht darin, daß sie ihn so gründlich langweilt, daß er alles Interesse am Leben verliert. Wenn du dieses Mädchen geheiratet hättest, wärst du ein Schuft geworden. Natürlich hättest du sie freundlich behandelt. Man kann zu Menschen, aus denen man sich nichts macht, immer freundlich sein. Aber sie hätte bald herausgefunden, daß du völlig gleichgültig gegen sie bist. Und wenn eine Frau das an ihrem Manne merkt, fängt sie an, sich entweder schrecklich nachlässig zu kleiden, oder sie trägt höchst elegante Hüte, die der Mann irgendeiner andern Frau bezahlen muß. Von dem sozialen Mißverhältnis, das sehr stark gewesen wäre, will ich nichts sagen; ich hätte die Sache nicht zugegeben und versichere dich, daß es in jedem Fall eine ganz und gar verfehlte Geschichte gewesen wäre.«

»Vermutlich,« sagte der Jüngling halblaut, der im Zimmer auf und ab ging und furchtbar blaß aussah. »Aber ich hielt es für meine Pflicht. Es ist nicht meine Schuld, daß diese furchtbare Tragödie mich verhindert hat, zu tun, was recht war. Ich erinnere mich, du hast einmal gesagt, es sei etwas Verhängnisvolles um gute Vorsätze – sie kämen immer zu spät. Bei meinen war es jedenfalls so.«

»Gute Vorsätze sind nutzlose Versuche, Naturgesetze beeinflussen zu wollen. Ihr Ursprung ist pure Eitelkeit. Ihr Resultat: vacar. Sie geben uns hie und da so eine Art unfruchtbare wollüstige Aufregung, die auf die Geschwächten einen gewissen Reiz ausübt. Das ist alles, was zu ihren Gunsten gesagt werden kann. Sie sind einfach Schecks, die die Menschen auf eine Bank ausstellen, bei der sie kein Konto haben.«

»Harry,« rief Dorian Gray, der herantrat und sich neben ihn setzte, »warum kann ich diese Tragik nicht so sehr empfinden, wie ich sollte? Ich denke nicht, daß ich herzlos bin. Oder hältst du mich dafür?«

»Du hast in den letzten vierzehn Tagen zuviel Torheiten begangen, als daß du auf diese Bezeichnung ein Anrecht hättest, Dorian,« antwortete Lord Henry mit seinem sanften, melancholischen Lächeln.

Der Jüngling runzelte die Stirn. »Diese Erklärung gefällt mir nicht, Harry,« erwiderte er, »aber ich freue mich, daß du mich nicht für herzlos hältst. Ich bin es durchaus nicht. Ich weiß, daß ich es nicht bin. Und doch muß ich zugeben, was geschehen ist, ergreift mich nicht so, wie es sollte. Es scheint mir wie ein wundervoller Abschluß eines wundervollen Stückes zu sein. Es hat all die schreckensvolle Schönheit einer griechischen Tragödie, einer Tragödie, in der ich selbst eine große Rolle spielte, aber in der ich nicht verwundet wurde.«

»Es ist eine interessante Frage,« sagte Lord Henry, dem es köstlichen Genuß gewährte, mit dem unbewußten Egoismus des Jünglings zu spielen – »eine überaus interessante Frage. Ich denke mir, die wahre Erklärung lautet so: Es kommt oft vor, daß die Wirklichkeitstragödien des Lebens auf so unkünstlerische Art geschehen, daß sie uns durch ihre lächerliche Sinnlosigkeit, ihre völlige Stillosigkeit kränken. Sie greifen so an, wie es alles Gewöhnliche tut. Sie wirken auf uns mit nackter, brutaler Gewalt, und wir lehnen uns dagegen auf. Manchmal jedoch greift eine Tragödie in unser Leben ein, die die künstlerischen Elemente der Schönheit in sich birgt. Wenn diese Elemente der Schönheit wahrhaft sind, wendet sich die ganze Sache lediglich an unsern Sinn für dramatische Wirkung. Mit einem Male merken wir, daß wir nicht länger die Spieler, sondern die Zuschauer des Stückes sind. Oder besser gesagt, wir sind beides. Wir sehn uns selbst zu und werden von der Schönheit des Schauspiels bezaubert. Was ist im vorliegenden Fall in Wirklichkeit geschehen? Jemand hat sich aus Liebe zu dir getötet. Ich wollte, ich hätte je so ein Erlebnis gehabt. Es hätte mir für den Rest meines Lebens Liebe zur Liebe gegeben. Die Menschen, die mich angebetet haben – es hat deren nicht sehr viele gegeben – wollten alle hartnäckig weiterleben, lange, nachdem ich aufgehört hatte, mich um sie zu kümmern, oder sie, sich um mich zu kümmern. Sie sind häßlich und fett geworden, und wenn ich sie treffe, fangen sie sofort mit Reminiszenzen an. Das schreckliche Gedächtnis der Weiber! Was für eine furchtbare Sache ist das! Und was für ein völliges Stehenbleiben des Geistes offenbart es! Man sollte die Farbe des Lebens schlürfen, aber sich niemals an seine Einzelheiten erinnern. Einzelheiten sind immer gemein.«

»Ich muß Mohn in meinen Garten säen,« seufzte Dorian.

»Das tut nicht not,« erwiderte sein Gefährte. »Das Leben hat immer Mohn für uns in Bereitschaft. Natürlich; manchmal schleppen sich die Dinge hin. Einmal trug ich eine ganze Saison hindurch nichts als Veilchen, als eine Form künstlerischer Trauer um einen Roman, der nicht sterben wollte. Schließlich jedoch ist er gestorben. Ich weiß nicht mehr, was ihn getötet hat. Ich glaube, es war ihr Vorsatz, mir die ganze Welt zum Opfer zu bringen. Das ist immer ein schrecklicher Augenblick. Er führt einem die Schrecknisse der Ewigkeit zu Gemüte. Schön. Würdest du es nun glauben? – vorige Woche bei Lady Hampshire sitze ich beim Essen neben der fraglichen Dame, und sie tat es nicht anders, sie mußte die ganze Sache noch einmal durchsprechen, die Vergangenheit ausgraben und die Zukunft aufrühren. Ich hatte die ganze Geschichte unter einem Narzissenbeet beerdigt. Sie scharrte sie wieder heraus und versicherte mich, ich hätte ihr Leben vernichtet. Ich bin verpflichtet, festzustellen, daß sie mit kolossalem Appetit dem Essen zusprach, so wurde ich nicht im mindesten ängstlich. Aber was für eine Geschmacklosigkeit! Der einzige Reiz der Vergangenheit ist, daß sie vergangen ist. Aber die Weiber wissen nie, wann der Vorhang gefallen ist. Sie möchten immer noch einen sechsten Akt, und sowie das Stück gar kein Interesse mehr bietet, nehmen sie sich vor, es fortzusetzen. Wenn man sie ihren Weg gehn ließe, hätte jedes Lustspiel einen tragischen Ausgang, und jede Tragödie gipfelte in einer Farce. Sie sind entzückend künstlich, aber sie haben keinen Sinn für Kunst. Du bist glücklicher als ich. Ich versichere dich, Dorian, keine einzige der Frauen, die ich gekannt habe, hätte für mich getan, was Sibyl Vane für dich tat. Gewöhnliche Frauen trösten sich immer. Einige tun es, indem sie sich auf sentimentale Farben verlegen. Traue nie einer Frau, die Mauve trägt, gleichviel, in welchem Alter sie ist, oder einer Frau über fünfunddreißig, die blaßrote Bänder liebt! Das bedeutet immer, daß sie eine Geschichte haben. Andre finden großen Trost darin, plötzlich die Vorzüge ihrer Gatten zu entdecken. Sie halten dir ihr eheliches Glück so stolz unter die Nase, als ob es die entzückendste Sünde wäre. Andre wieder tröstet die Religion. Ihre Mysterien haben ganz den Reiz einer Liebelei, sagte mir einmal eine Frau, und ich kann es gut verstehen. Überdies macht einen nichts so eitel, als wenn einem gesagt wird, man sei ein Sünder. Das Gewissen macht Egoisten aus uns allen. Ja, die Tröstungsarten, die die Weiber im modernen Leben finden, nehmen wirklich kein Ende. Ich habe von der wichtigsten gar nicht gesprochen!«

»Und die ist?« fragte der Jüngling zerstreut.

»Oh, der Trost, der auf der Hand liegt. Man nimmt den Anbeter einer andern, wenn man den eigenen verloren hat. In der guten Gesellschaft wird eine Frau auf diese Weise immer wieder flott. Aber wahrhaftig, Dorian, wie anders muß Sibyl Vane gewesen sein, als all die Frauen, denen man begegnet! Es liegt für mich etwas Schönes in ihrem Sterben. Ich freue mich, in einem Jahrhundert zu leben, wo solche Wunder geschehen. Sie lassen einen an die Wirklichkeit der Dinge glauben, mit denen wir alle spielen, wie Romantik, Leidenschaft und Liebe.«

»Ich war furchtbar grausam zu ihr. Du vergißt das.«

»Ich fürchte, die Frauen schätzen die Grausamkeit, handgreifliche Grausamkeit, mehr als irgend sonst etwas. Sie haben wundervoll primitive Triebe. Wir haben sie emanzipiert, aber sie bleiben Sklavinnen, die auf die Augen des Herrn blicken, trotz alledem. Sie wollen beherrscht sein. Ich zweifle nicht, daß du glänzend warst. Ich habe dich nie wirklich und ganz und gar im Zorn gesehn; aber ich kann mir vorstellen, wie entzückend du aussahst, und schließlich, vorgestern sagtest du etwas zu mir, das mir damals nur phantastisch vorkam, aber jetzt sehe ich, daß es völlig wahr gewesen ist. Es ist der Schlüssel zu der ganzen Sache.«

»Was war das, Harry?«

»Du sagtest zu mir, Sibyl Vane vergegenwärtige dir all die Frauengestalten der Romantik – sie sei an einem Abend Desdemona und am andern Ophelia; sie sterbe als Julia, um als Imogen wieder zum Leben zu erwachen.«

»Sie wird nie wieder zum Leben erwachen,« stöhnte der Jüngling und begrub sein Gesicht in den Händen.

»Nein, sie wird nie wieder zum Leben erwachen. Sie hat ihre letzte Rolle gespielt. Aber du mußt an dieses einsame Sterben inmitten des grellen Flitterstaats des Ankleidezimmers nicht anders denken, als wenn es ein seltsames, unheimliches Fragment aus einer Tragödie unserer romantischen Dramatiker wäre, eine wundervolle Szene von Webster oder Ford oder Cyril Tourneur. Das Mädchen lebte nie wirklich, und so ist sie nicht wirklich gestorben. Für sich zum mindesten ist sie immer ein Traum gewesen, ein Geist, der durch Shakespeares Stücke huschte und sie durch ihr Dasein strahlender machte, ein Flötenton, durch den Shakespeares Musik inniger und freudenreicher wurde. Im Augenblick, wo sie das wirkliche Leben berührte, verdarb sie es, und es verdarb sie, und so schwand sie dahin. Traure um Ophelia, wenn es dir Genüge tut! Streue Asche auf dein Haupt, weil Cordelia zugrunde ging! Schrei zum Himmel, weil Brabantios Tochter sterben mußte! Aber verschwende deine Tränen nicht um Sibyl Vane. Sie war weniger wirklich als sie alle.«

Es trat Stille ein. Der Abend hüllte das Zimmer in Dämmerung. Geräuschlos, auf silbernen Füßen, krochen die Schatten aus dem Garten herein. Die Farben schwanden müde aus den verbleichenden Geräten.

Nach einer Weile blickte Dorian Gray auf. »Du hast mich mir selbst erklärt, Harry,« sagte er wie mit einem Seufzer der Erleichterung. »Ich empfand alles, was du gesagt hast, aber ich fürchtete mich etwas davor, und ich konnte es mir selbst nicht zum Ausdruck bringen. Wie gut du mich kennst! Aber wir wollen nicht wieder von dem sprechen, was geschehen ist. Es war ein wundersames Erlebnis – das ist alles. Ich möchte wissen, ob das Leben mir noch mehr so wundersame Dinge vorbehalten hat.«

»Das Leben hat dir alles und jedes vorbehalten, Dorian. Es gibt nichts, was du mit deiner außergewöhnlichen Schönheit nicht tun könntest.«

»Aber denke dir, Harry, ich würde hager und alt und verrunzelt. Was dann?«

»Ach dann,« sagte Lord Henry und erhob sich zum Gehen, »dann, mein lieber Dorian, müßtest du um deine Siege kämpfen. Wie es jetzt ist, werden sie dir entgegengetragen. Nein, du mußt schön bleiben, wie du bist. Wir leben in einer Zeit, die zuviel liest, um weise zu sein, und die zuviel denkt, um schön zu sein. Wir können dich nicht entbehren. Und jetzt tätest du besser, dich umzuziehen und in den Klub zu fahren. Wir sind sowieso recht spät daran.«

»Ich denke, ich treffe dich lieber in der Oper, Harry. Ich bin zu abgespannt, um etwas zu essen. Welche Nummer hat die Loge deiner Schwester?«

»Siebenundzwanzig, glaub ich. Ihr Name steht an der Tür. Aber es tut mir leid, daß du nicht mit essen kommst.«

»Ich bin nicht aufgelegt dazu,« sagte Dorian zerstreut; »aber ich bin dir schrecklich dankbar für alles, was du zu mir gesagt hast. Du bist sicher mein bester Freund. Niemand hat mich je so verstanden wie du.«

»Wir sind erst im Anfang unsrer Freundschaft, Dorian,« antwortete Lord Henry und schüttelte ihm die Hand. »Adieu! Hoffentlich sehe ich dich vor neun Uhr dreißig. Vergiß nicht: die Patti singt!«

Als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, klingelte Dorian Gray, und nach ein paar Minuten erschien Viktor mit den Lampen und ließ die Rouleaus herunter. Er wartete ungeduldig, bis der Diener wieder ging. Der Mann schien unendlich lange zu allem zu brauchen.

Sowie er das Zimmer verlassen, stürzte Dorian Gray zu dem Schirm und schob ihn zurück. Nein, das Bild hatte sich nicht weiter verändert. Es hatte die Nachricht vom Tode Sibyl Vanes gehabt, ehe er darum gewußt hatte. Es wurde die Ereignisse des Lebens inne, sowie sie vorfielen. Die böse Grausamkeit, die die feinen Linien des Mundes verzerrte, war ohne Zweifel in dem Augenblick dagewesen, als das Mädchen das Gift getrunken hatte. Oder kümmerte es sich nicht um Resultate? Nahm es nur zur Kenntnis, was in der Seele vor sich ging? Das hätte er gern gewußt und hoffte, daß er eines Tages die Veränderung vor seinen Augen eintreten sähe, und ihn schauderte, als er es hoffte.

Arme Sibyl! Wie romantisch alles gewesen war! Sie hatte den Tod oft auf der Bühne gespielt. Jetzt hatte der Tod selbst nach ihr gegriffen und sie mit sich geführt. Wie hatte sie diese furchtbare letzte Szene gespielt? Hatte sie ihn verflucht, als sie starb? Nein; sie war aus Liebe zu ihm gestorben, und die Liebe sollte ihm fortan ein Sakrament sein. Sie hatte durch das Opfer ihres Lebens, das sie gebracht hatte, alles gesühnt. Er wollte nicht mehr an das denken, was er an diesem schrecklichen Abend im Theater durchgemacht hatte. Wenn er an sie dachte, sollte es als an eine wundervolle tragische Gestalt sein, die auf die Bühne der Welt gesandt worden war, um die erhabene Wirklichkeit der Liebe zu künden. Eine wundervolle tragische Gestalt? Tränen traten ihm in die Augen, als er an ihre kindliche Erscheinung, ihre heitere phantastische Art, ihre schüchterne, bebende Grazie dachte. Er wischte sie schnell fort und betrachtete wieder das Bild.

Er fühlte, der Zeitpunkt war da, wo er wählen mußte. Oder hatte er bereits gewählt? Ja, das Leben hatte für ihn entschieden – das Leben und seine eigene unsägliche Neugier auf das Leben. Ewige Jugend, unendliche Gluten, feine und geheime Genüsse, wilde Freuden und wildere Sünden all das sollte er haben. Das Bild sollte die Last seiner Schande tragen: das war alles.

Ein qualvolles Gefühl beschlich ihn, als er an die Entweihung dachte, die des schönen Antlitzes auf der Leinwand wartete. Einmal hatte er in knabenhaft-übermütiger Nachahmung des Narzissus die gemalten Lippen, die jetzt so grausam auf ihn herablächelten, geküßt oder getan, als ob er sie küsse. Morgen für Morgen hatte er vor dem Bilde gesessen und hatte seine Schönheit bewundert; es schien ihm zuzeiten, als ob er fest in das Bild verliebt sei. Sollte es sich jetzt mit jeder Laune, der er nachgab, verändern? Sollte es ein ungeheuerliches, widerwärtiges Ding werden, das man in verschlossenem Raum verstecken, vor dem Sonnenlicht, das so oft das wallende Wunder seines Haares noch glänzender vergoldet hatte, verschließen mußte? Oh, über den Jammer! Über den Jammer!

Einen Augenblick dachte er daran, zu beten und zu erflehen, die entsetzliche Sympathie, die zwischen ihm und dem Bilde bestand, sollte aufhören. Es hatte sich gewandelt, weil er es wie in einem Gebet erfleht hatte; vielleicht könnte es ein Gebet erreichen, daß es sich nicht mehr verwandelte. Aber doch: wer, der etwas vom Leben wußte, sollte die Möglichkeit, ewig jung zu bleiben, aufgeben, so phantastisch auch der Gedanke an diese Möglichkeit war und mit wie verhängnisvollen Folgen sie auch belastet war? Überdies, stand es wirklich in seiner Macht? War es in der Tat das Gebet gewesen, das die Veränderung bewirkt hatte? Konnte es nicht irgendeinen seltsamen wissenschaftlichen Grund für das alles geben? Wenn das Denken auf einen lebenden Organismus Einfluß ausüben konnte, konnte nicht das Denken auch auf tote und unorganische Dinge Einfluß üben? Ja, abgesehen vom Denken und bewußten Wunsch, konnten nicht Dinge, die außerhalb unseres Körpers waren, im Einklang mit unsern Stimmungen und Leidenschaftswallungen vibrieren, konnte nicht das Atom das Atom rufen in geheimer Liebe oder seltsamer Verwandtschaft? Aber der ursächliche Zusammenhang kümmerte ihn nicht. Nie wieder wollte er eine furchtbare Macht durch ein Gebet versuchen. Wenn das Bild sich ändern sollte, sollte es sich ändern. Das war nun so. Warum zu sehr nach Geheimnisvollem forschen?

Denn wahrlich, es könnte Genuß schaffen, das Bild zu beobachten. Er war nun imstande, seinem Geist an geheime Orte zu folgen. Dieses Bildnis sollte ihm der magischste Spiegel sein. Wie es ihm seinen Körper offenbart hatte, so sollte es ihm seine eigene Seele offenbaren. Und wenn der Winter über das Bild käme, stünde er immer noch da, wo der Frühling schwankt, ob er die Schwelle des Sommers überschreiten soll. Wenn das Blut aus dem Antlitz des Bildnisses entwiche und eine weiße, kalkige Maske mit toten Augen hinterließe, hätte er noch immer den Zauber des Jünglings. Keine Blüte seiner Anmut sollte je welken. Kein Puls seines Lebens sollte je schwächer werden. Wie die Griechengötter sollte er stark und schnell und fröhlich sein dürfen. Was kam es darauf an, was dem gemalten Abbild auf der Leinwand geschah? Er sollte unversehrt bleiben, daran lag alles.

Er schob den Schirm wieder auf seinen Platz vor dem Bild und lächelte, als er es tat. Dann ging er in sein Schlafzimmer, wo sein Diener schon auf ihn wartete. Eine Stunde später war er in der Oper, und Lord Henry beugte sich über seinen Stuhl.